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SCHLESISCHE BERG WACHT
Nr.38/7
Reichspräsident Ebert
in Schmiedeberg
Von Gerhard Kaufmann
Es muß im Frühsommer 1922 gewesen
sein. Ich war damals 10 Jahre alt und ge­
hörte dem Schulchor der evangelischen
Volksschule unter Leitung von Kantor
Zenske an. Am besagten schönen Sommer­
tag wurden wir Sänger frühzeitig aus dem
Schulunterricht entlassen mit dem Auftrag,
uns sonntäglich gekleidet um 14.00 Uhr an
der Bornhöhe - uns Kindern allen bekannt
vom Schlittenfahren - einzufinden. Der
Reichspräsident käme von einer Kur zurück
und mache mit seinem Sonderzug dort
Halt. Wir waren pünktlich an der Bornhö­
he und staunten: Fleißige Arbeiter hatten
mit Balken und Bohlen einen Behelfsbahn­
steig an den Bahndamm gebaut, Fahnen­
masten aus rohgeschälten Fichtenstangen
bis zum Eisenbahner-Erholungsheim hin
aufgestellt, girlanden umwunden, von de­
nen die Reichs- und Landesfarben wehten
und natürlich auch unsere Stadtflagge
Grün-Weiß. Viel Zeit zum Umschauen
blieb uns nicht, denn das Pfeifen einer Lo­
komotive kündigte das Herannahen des
Zuges aus Richtung Wagnerberg an. Wir
wurden hurtig in das Eisenbahner-Erhol­
ungsheim geführt und dort in den Umgang
zum großen Speisesaal, wo wir Aufstellung
nahmen.
Durch die Innenfenster konnten wir in
den Saal sehen mit der festlich geschmück­
ten Tafel. Mich interessierten besonders die
kostbaren seidengepolsterten Stühle (wohl
aus Schloß Neuhof entliehen). Bald waren
die Plätze von den Honoratioren einge­
nommen, die vor uns liegenden Innenfen­
ster geöffnet und wir schmetterten das Be­
grüßungslied "Wem Gott will rechte Gunst
erweisen" in den Saal. Dann hielt Bürger­
meister Kleinert seine Begrüßungsanspra­
ehe. Darauf sangen wir "Oh du Heimat
lieb und traut". Vom I nhalt der gehaltenen
Reden haben wir nichts mitbekommen, da
die Innenfenster nur für unsere Gesangs-
darbietungen geöffnet wurden. Wir hatten
wohl insgesamt drei Lieder gesungen, als
Reichspräsident Ebert, ein jovialer Mann
mit Kinnbart und (wegen eigenen Haarwir­
bels) mir sympathischer Stehhaarfrisur , vor
uns trat und sich mit Händedruck bei Kan­
tor Zenske und freundlichen Worten an
uns für den schönen Gesang bedankte.
Nach einem weiteren Lied erschien auch
Frau Ebert, eine sehr freundliche etwas
vollschlanke Dame, und bedankte sich in
gleicher Weise wie ihr Mann.
Doch dann hatte sie ein Anliegen: Sie ha­
be vor ein paar Tagen ein wunderschönes
Lied gehört: "Blaue Berge, grüne Täler";
der Titel laute "Riesengebirglers Heimat­
lied ". Bitte, Herr Kantor, lassen Sie dieses
schöne Lied für mich singen, ich möchte es
so gerne noch mal hören". So verlegen ha­
be ich Kantor Zenske nie wieder gesehen.
Er habe wohl von dem neuen Lied ge­
sprächsweise erfahren, es aber noch nie ge­
hört, auch noch keine Noten gesehen.
Nein, leider beherrschten wir dieses Lied
nicht. Allseitiges Bedauern. Wir sangen
statt dessen wohl noch das Volkslied "Es
klappert die Mühle am rauschenden
Bach". Alsdann wurden wir nach draußen
entlassen.
Auch hier war es wieder interessant. Der
Sonderzug, bestehend aus einer Dampflok,
einem D-Zugwagen und einem Salonwa­
gen, kam von Bahnhof Mittel-Schmiede­
berg zurück, wo die Lok umgesetzt worden
war. Diese gewaltige Schleppteader-Lok
mit den riesengroßen Rädern faszinierte
mich. Solche Typen fuhren auf unseren
Strecken nie. Inzwischen war das Präsiden­
ten-Ehepaar eingestiegen, ein kurzer Pfiff
der Lok und der Zug setzte sich langsam in
Bewegung. Als letztes hatte man noch den
weißbemützten Koch aus dem Heckfenster
winken sehen.
Auf meinem Heimweg durch den Park
traf ich auf meine Vater. Aufgrund einer
erst mittags telefonisch weitergegebenen
Anordnung des Regierungspräsidenten in
Liegnitz war den Beamten dienstfrei ge­
währt worden, um am Empfang des Reich­
spräsidenten teilzunehmen. Mein Vater er­
läuterte mir auch die Honoratioren. Es wa­
ren: die Landräte von Hirschberg, Schönau
und Landeshut, der Bürgermeister und die
Stadträte von Schmiedeberg und einige
Bürgermeister der umliegenden Gemeinden
(Krummhübel usw.). Es schien alles impro­
visiert zu sein.
Das also war der Kurzbesuch des ersten
deutschen Reichspräsidenten in unserer
Heimatstadt, erlebt von einem Zehnjähri­
gen.
Nachsatz: Mitte der dreißiger Jahre wur­
de für das Eisenbahner-Erholungsheim an
der Bornhöhe eine ständige Haltestelle der
Bahn eingerichtet, mit Bahnsteig und einem
malerischen schindelgedeckten Wartehäus­
chen. Dieses war vor einigen Jahren im
Winterkleid als Titelbild der "Bergwacht"
zu sehen.
Freiwillig In der Rentenversicherung
und Fristen versäumt?
Freiwillige Beitragszahler müssen, so die
bisherige Rechtslage, zur Wahrung der An­
wartschaft auf Berufs- oder Erwerbsunfä­
higkeitsrenten regelmäßig Beiträge einzah­
len, und zwar kann dieser Personenkreis
Beiträge nur in dem Jahr einzahlen, in dem
sie auch gelten sollen. So ist z. B. nach gän­
giger Auffassung im Jahre 1988 im allge­
meinen die rückwirkende Belegung von
Monaten für das Jahr 1987 ausgeschlossen.
Da die gesetzliche Regelung hierfür ein­
deutig ist, läßt ein jüngeres Urteil des Lan­
dessozialgerichtes Nordrhein- Westfalen
umso mehr aufhorchen. Die Richter haben
hier in einem Streitfall dem Kläger die
nachträgliche Anerkennung von freiwilli­
gen Beiträgen für ein Jahr zugesichert, die
dieser erst im Folgejahr entrichtet hat. Die
Richter lehnen sich hier an das Gesetz an,
daß es Pflichtversicherten ohne weiteres er­
möglicht, auch noch für das Vorjahr Bei­
träge zu überweisen. Es dürfen also diejeni­
gen freiwillig Versicherten nicht benachtei­
ligt werden, die schon erworbene Anwart­
schaften auf Rente wegen Berufs- oder Er­
werbsunfähigkeit weiterhin sichern wollen.
Der zuständige Senat des Landessozial­
gerichtes beanstandet in seinem Urteil die
auf freiwilligem bzw. Pt1ichtbeitragssektor
differierende Regelung, Beiträge in gewis­
sen Fristen entrichten zu müssen.
Freiwillig Versicherte, die eventuell be­
reits durch diese Regelung betroffen sind,
aber auch in Zukunft durch Unachtsamkeit
betroffen werden könnten, sollten dieses
Urteil im Auge halben und eventuell bereits
abgeschlossene Verfahren wieder aufrollen
unter dem Hinweis auf das oben Ausge­
führte.
Der Haken bei diesem Urteil: Gegen die
Entscheidung werden die Versicherungsträ­
ger mit Sicherheit Revision beim Bundesso­
zialgericht erheben, um eine Abänderung
zu erreichen.
Georg M. Mandok, Düsseldorf