ISBN: 978-3-442-15764-8

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Still
Die Kraft der
Introvertierten

Bestseller

GOLDMANN


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SUSAN CAIN Still (G) GOLDMANN Lesen erleben
Buch »Ein leerer Topf klappert am lautesten.« Aber wer der Welt etwas Bedeutendes schenken will, benötigt Zeit und Sorgfalt, um es in Stille reifen zu lassen. Mehr als ein Drittel aller Menschen sind introvertiert. Ihre Eigenschaften wie Ernsthaftigkeit, Sensibilität und Scheu gelten heute eher als Krankheitssymptome denn als Qualitäten. Zu Unrecht, sagt Susan Cain, und argumentiert gegen den Trend vieler Ratgeber, die »selbstbewusstes Auftreten« verherrlichen. Susan Cain arbeitet als Trainerin für Verhandlungstechniken. Sie weiß um die Probleme der Introvertierten, hat aber auch erfahren, welches Potenzial in ihnen steckt. Denn gerade sie können mit ihren Stärken punkten, zu denen Sorgfalt, Rücksicht und die Fähigkeit zuzuhören zählen. Still ist ein Werk der Ermutigung für Menschen, die bisher noch mit ihrem ruhigen Wesen hadern - und wirbt zugleich bei den Extravertierten um mehr Toleranz. Autorin Susan Cain studierte an der Harvard Law School und der Princeton University und arbeitete danach als Anwältin für Körperschaftsrecht in einem Wall-StreetUnternehmen, wo sie u.a. Goldman Sachs und GE Capital vertrat und die Verhandlungen für Milliarden-Dollar-Geschäfte führte. Seit über zehn Jahren ist sie als Trainerin für Verhandlungsführung tätig und hat eine eigene Beratungsfirma, The Negotiation Company. Zu ihren Kunden gehören Microsoft und Google. Humanistisch-ethische Prinzipien sind ihr wichtig in ihrer Arbeit, und sie geht davon aus, dass das Gelingen von Verhandlungen Selbsterkenntnis voraussetzt. Mit Still’ hat sie auf Anhieb die amerikanischen Bestsellerlisten erobert. Weitere Informationen zur Autorin finden Sie aufihrer Webseite www.thepowerofintroverts.com (in Englisch).
Susan Cain Still Die Kraft der Introvertierten Aus dem Amerikanischen von Franchita Mirella Cattani und Margarethe Randow-Tesch Aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe GOLDMANN
Die deutschsprachige Ausgabe ist zuerst im Riemann Verlag unter dem Titel »Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt« erschienen. ff. Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich. Für die Familie meiner Kindheit MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen nn FSC® 0014496 Verlagsgruppe Random House FSC® N001967 Das FSc®-zertifizierte Papier Pamo House für dieses Buch liefert Arctic Paper Mochenwangen GmbH. 5. Auflage Aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe August 2013 Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Copyright © der Originalausgabe 2011 by Susan Cain Originaltitel: »Quiet. The Power of Introverts in a World that can't stop talking« Originalverlag: The Crown Publishing Group, New York Lektorat: Gerhard Juckoff Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München, in Anlehnung an die Gestaltung der HC-Ausgabe (Büro Jorge Schmidt) Umschlagabbildung: © plainpicture/Maskot DF : Herstellung: Str. Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN: 978-3-442-15764-8 www.goldmann-verlag.de Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz OLIII"
Eine Gattung, in der jeder ein General Patton wäre, wäre ebenso wenig erfolgreich wie ein Volk, das nur aus van Goghs bestünde. Ich denke eher, dass die Erde Sportler, Philosophen, Sexsymbole, Maler und Wissenschaftler braucht; sie braucht die Warmherzigen, die Kaltherzigen und die Kleinherzigen. Sie braucht Menschen, die ihr Leben der Fragestellung widmen, wie viele Wassertröpfchen die Speicheldrüsen von Hunden unter bestimmten Umständen absondern, und sie braucht Menschen, die die flüchtige Impression von Kirschblüten in einem 17-silbigen Gedicht einfangen oder eine 25-seitige Analyse über die Gefühle eines kleinen Jungen verfassen können, der im Dunkeln im Bett liegt und darauf wartet, dass seine Mutter ihm einen Gutenachtkuss gibt... Wenn jemand aufergewöhnliche Talente besitzt, setzt das voraus, dass die für andere Gebiete benötigte Energie von diesen abgezogen wurde. Allen Shawn

Inhalt VORWIORTE Eee er EINLEITUNG Der Norden und der Süden des Temperaments ..................- 9 11 TEıL I: Das Ideal der Extraversion m Der Aufstieg des »wirklich netten Kerls« Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde ......... 36 2 Der Mythos der charismatischen Führung MierBersönlichkeitskultuneuie ee 3 Eine Überdosis an kreativer Zusammenarbeit Die Entstehung des neuen Gruppendenkens und die Kraft des Alleinarbeitens ............4-4eeseeeseeeeneeen 59 116 Teır II: Unsere Biologie, unser Selbst 4 Ist Temperament Schicksal? Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese ..............-- 152 5 Jenseits des Temperaments Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede für Introvertierte ..........eeeessseeneeeeenenenene 179 6 Franklin und Eleanor Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen ...........-- 203 7 Warum die Wall Street zusammenbricht, während Warren Buffett immer reicher wird. Und warum Introvertierte anders denken als Extravertierte ...........-rre..0: 241 8 Die Macht der Sanftmut Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften ..............- DT
TEıL III: Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte vo Introvertiert in einer extravertierten Welt Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht ............:.- 10 Die Kommunikationslücke Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet.................- 3 342 11 Über Schuster und Generäle Wie man stille Kinder in einer Welt erzieht, AlELSIEIIICHE NORA 368 TeıL IV: Ergänzung zur Taschenbuchausgabe 12 Die Bedeutung der Introvertierten in einer lauten Welt ........ 406 13 Tipps für introvertierte Leser: Wenn Sie eine Rede halten müssen ..............uceseeseseneno 409 14 Tipps für Eltern eines introvertierten Kindes................... 412 15 Tıpps [ur Padagogens 415 A nsterre 16 Ein kurzes Interview mit Susan Cain über ihre Leidenschaft für stille Menschen es .................... 417 17 Introvertierte Charaktere in der Literatur ..........cccccscncc. 421 SCHLUSS Wenderlande 423 a... er Me RE ANHANG ZUr INIORUNE nen en ZUR LEINE MOSE ee ee 430 nr. ur u ee Anmerkungen und Quellenasigaben „nn Danksagung ns BEgister: main Seat. se ea EAU ARE 434 nern 438 ROH ELEL RE 457 EEE 460
VORWORT Ich habe an der Niederschrift dieses Buches seit 2005 gearbeitet und an seinem Inhalt, seitdem ich erwachsen bin. Ich habe mit Hunderten, wenn nicht Tausenden von Menschen über die im Buch behandelten Themen gesprochen oder korrespondiert und ebenso viele Bücher, wissenschaftliche Aufsätze, Zeitschriftenartikel, Diskussionen in Internetforen und Blogbeiträge gelesen. Einige dieser Menschen und Schriften werden im Buch explizit erwähnt, andere sind geistig an fast jedem Satz beteiligt, den ich geschrieben habe. Das Buch verdankt seine Einsichten all diesen Menschen, besonders den Wissenschaftlern und Forschern, die mich so viel gelehrt haben. In einer perfekten Welt hätte ich jeden und alle namentlich erwähnt. Doch aus Gründen der Lesbarkeit erscheinen einige Namen nur in den Anmerkungen und in der Danksagung. Aus denselben Gründen habe ich in einigen Zitaten auf Auslassungspunkte oder eckige Klammern verzichtet, aber darauf geachtet, dass die Einfügungen oder Auslassungen nicht den Sinn der Aussagen verfälschen. Wenn Sie eine der schriftlichen Quellen im Original zitieren möchten, finden Sie die Anmerkun- gen mit den Stellenangaben im Anhang, Beieinem Teil der Personen, deren Geschichte ich erzähle, habe ich die Namen und andere Erkennungsmerkmale geändert. Das gilt vor allem für die Geschichten aus meiner eigenen Arbeit als Rechtsanwältin und Beraterin. Um die Privatsphäre der Teilnehmer in Charles di Cagnos Rhetorikseminar (Kapitel 5) zu 9
Vorwort wahren, die bei der Anmeldung für das Seminar nicht vorhatten, Gegenstand eines Buches zu werden, ist die Darstellung meiner ersten Seminarsitzung eine aus mehreren Abenden zusammen- gesetzte Schilderung. Dasselbe gilt für die Geschichte von Greg und Emily; sie basiert auf vielen Gesprächen mit ähnlichen Paaren. Unter Vorbehalt meines beschränkten Gedächtnisses werden alle anderen Geschichten so wiedergegeben, wie sie sich ereignet haben oder mir erzählt wurden. Ich habe die Geschichten, die meine Gesprächspartner von sich erzählt haben, nicht nachgeprüft, aber nur solche aufgenommen, die ich für wahr hielt.
EINLEITUNG Der Norden und der Süden des Temperaments Montgomery, Alabama, 1. Dezember 1955 am frühen Abend. Fin Linienbus hält an einer Haltestelle, und eine schlicht gekleidete Frau in den Vierzigern steigt ein. Ihre Haltung ist aufrecht, obwohl sie sich den ganzen Tag lang über ein Bügelbrett im schäbigen Schneideratelier im Souterrain des Fair-Kaufhauses in Montgomery gebeugt hat. Ihre Füße sind geschwollen, ihre Schultern schmerzen. Sie setzt sich in die erste Reihe des für Farbige vorgesehenen Teils und schaut still zu, wie sich der Bus mit Fahrgästen füllt - bis der Fahrer sie auffordert, ihren Platz für einen weißen Fahrgast zu räumen. Die Frau sagt ein einziges Wort, das eine der wichtigsten Bürgerrechtsbewegungen des 20. Jahrhunderts ins Rollen bringt, ein Wort, das Amerika hilft, sein besseres Selbst zu entdecken. Das Wort lautet: »Nein.« Der Fahrer droht ihr an, sie verhaften zu lassen. »Das können Sie ruhig tun«, sagt Rosa Parks. Ein Polizist erscheint. Er fragt Parks, warum sie nicht aufsteht. „Warum werden wirimmer von euch allen herumgeschubst?«, erwidert sie schlicht. »Keine Ahnung«, sagt er. »Aber das Gesetz ist das Gesetz. Sie sind verhaftet.« Am Nachmittag der Gerichtsverhandlung, in der Rosa Parks wegen zivilen Ungehorsams verurteilt wird, hält die »Montgomery Improvement Association« eine Kundgebung für Parks in der baptistischen Kirche im ärmsten Viertel der Stadt ab. 11
Einleitung 5000 Leute versammeln sich, um Parks einsamen Akt der Courage zu unterstützen. Sie drängen sich in der Kirche zusammen, bis in den Bänken kein Platz mehr ist. Die anderen warten geduldig draußen und verfolgen die Vorgänge über Lautsprecher. Der Reverend Martin Luther King Jr. wendet sich mit seinem mitreißenden Bariton an die Zuhörer: »Es kommt eine Zeit, in der die Menschen es satthaben, von den bleiernen Stiefeln der Unterdrückung niedergetrampelt zu werden«, sagt er. »Es kommt eine Zeit, in der die Menschen es satthaben, aus dem strahlenden Julilicht des Lebens in die schneidende Kälte eines Hoch- gebirgsnovembers verbannt zu werden.« Er lobt Parks Tapferkeit und umarmt sie am Ende seiner Rede. Sie steht schweigend da, und ihre bloße Gegenwart reicht aus, um die Zuhörer zu elektrisieren. Die Assoziation ruft zu einem stadtweiten Busboykott auf, der 381 Tage anhält. Die Menschen gehen kilometerweit zu Fuß zur Arbeit. Sie teilen sich mit Fremden ein Auto. Sie ändern den Lauf der amerikanischen Geschichte.! Ich hatte mir Rosa Parks immer als kräftige Person mit einer dröhnenden Stimme und einem kämpferischen Temperament vorgestellt, als Frau, die einer Busladung von finster dreinblickenden Fahrgästen leicht standhalten konnte. Aber als sie 2005 im Alter von 92 Jahren starb, wurde sie in den zahllosen Nachru- fen als sanft, freundlich und von kleiner Statur beschrieben. Es hiefS, sie sei»schüchtern und scheu« gewesen, aber habe »einen Löwenmut« gehabt. Die Nachrufe steckten voller Formulierungen, wie »radikale Demut« und »stille Tapferkeit«. Was heißt es, still und tapfer zu sein, steckte alsiimplizite Frage hinter diesen Schilderungen. Parks selbst schien sich dieses Paradoxes bewusst gewesen zu 12
Der Norden und der Süden des Temperaments sein, denn sie nannte ihre Autobiografie Quiet Strength (»Stille Stärke«)-ein Titel, der uns herausfordert, unsere Vorstellungen infrage zu stellen.” Warum sollte ein Mensch nicht gleichzeitig still und stark sein? Und was sonst können die Stillen bewirken, das wir ihnen im Allgemeinen nicht zutrauen? Unser Leben wird von unserer Persönlichkeit ebenso tief beeinflusst wie von unserer ethnischen Herkunft und Geschlechtszu- gehörigkeit. Der wichtigste Aspekt der Persönlichkeit - der »Norden und der Süden des Temperaments«,° wie ein Wissenschaftler es nennt - hängt davon ab, wo wir unseren Platz auf dem Spektrum der Extra- und Introversion finden. Dieser Platz beeinflusst, welche Freunde und Partner wir wählen, wie wir miteinander reden, Konflikte lösen und Liebe ausdrücken. Er wirkt sich auf unsere Berufswahl und unsere Karriere aus. Er bestimmt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir Sport treiben, Ehebruch begehen‘, ohne Schlaf auskommen, aus unseren Fehlern lernen, riskante Börsenspekulationen rare Be Führungsqualitäten besitzen und fragen: »Was, wenn ...?«.“ Er spiegelt sich in den Nervenbahnen und Neurotransmittern unseres Gehirns bis in die hintersten Winkel unseres Nervensystems wider. Heutzutage sind die Introversion und Extraversion zwei der am gründlichsten erforschten Gebiete der Persönlichkeitspsychologie,’ zu denen Hunderte von Wissenschaftlern einen Beitrag geleistet haben. * Beliebte Einordnungen im Spektrum der Extra- und Introversion: Sport: Extravertierte; Ehebruch: Extravertierte; ohne Schlaf auskommen: Introvertierte; aus Fehlern lernen: Introvertierte; Risiken an der Börse: Extravertierte; FührungsArt | qualitäten: in einigen Fällen Introvertierte, in anderen Extravertierte, jenach e. Introvertiert rage: Was-wenn-F gabe; Führungsauf verlangten der 13
Einleitung Die Forscher haben mithilfe der neuesten Technologien aufregende Entdeckungen gemacht, doch diese reihen sich in eine lange und berühmte Tradition ein. Dichter und Philosophen haben über Introvertierte und Extravertierte seit den Anfängen der Zeitrechnung nachgedacht. Man findet beide Persönlichkeitstypen in der Bibel wie auch in den Schriften griechischer und römischer Ärzte,° und einige Evolutionspsychologen sagen, die Geschichte dieser Persönlichkeitstypen reiche noch weiter zurück. Wie wir sehen werden, gibt es introvertierte und extravertierte Exemplare in allen Gattungen des Tierreichs, angefangen von den Fruchtfliegen über den Gemeinen Sonnenbarsch bis hin zu den Rhesusaffen.” Wie es auch für andere Komplementärpaare gilt - männlich und weiblich, Ost und West, liberal und konservativ -, wäre die Menschheit ohne beide Persönlichkeitstypen nicht dieselbe und erheblich verarmt. Nehmen Sie das Gespann von Rosa Parks und Martin Luther King: Ein glänzender Redner, der es abgelehnt hätte, seinen Sitzplatz in einem Bus mit Rassentrennung aufzugeben, hätte nicht dieselbe Wirkung erzielt wie eine bescheidene Frau, die lieber im Hintergrund geblieben wäre, hätte die Situation sie nicht zum Handeln gezwungen. Rosa Parks hätte nicht das Zeug gehabt, die Massen zu aktivieren, wenn sie aufgestanden wäre, um zu verkünden, sie habe einen Traum gehabt. Aber durch Kings Hilfe brauchte sie es auch nicht zu tun. Doch heutzutage geben wir nur einem bemerkenswert kleinen Spektrum von Persönlichkeitstypen Raum. Uns wird eingeredet, dass Menschen von Bedeutung eine forsche Art haben und dass Glück mit Kontaktfreudigkeit einhergeht. Wir Amerikaner betrachten uns als eine Nation von Extravertierten und haben damit aus den Augen verloren, wer wir wirklich sind. Je 14
Der Norden und der Süden des Temperaments nachdem, welche Studie Sie zu Rate ziehen, sind ein Drittel bis die Hälfte aller Amerikaner introvertiert® - das heißt, jeder Zweite oder Dritte in unserem Bekanntenkreis. (Da die USA nachgewiesenermaßen zu den extravertiertesten Ländern überhaupt gehören, ist der Anteil der Introvertierten weltweit mindestens ebenso hoch.) Wenn diese Zahlen Sie überraschen, dann liegt es wahrscheinlich daran, dass sehr viele Menschen vorgeben, extravertiert zu sein. Verkappte Introvertierte tummeln sich unbemerkt auf Spielplätzen, in den Umkleideräumen von Turnvereinen und auf den Fluren großer Unternehmen. Manche machen sich sogar selbst etwas vor, bis sie von irgendeinem Ereignis im Leben - dem Verlust des Arbeitsplatzes, dem Auszug der Kinder, einer Erbschaft, die ihnen freie Verfügung über ihre Zeit schenkt aufgerüttelt werden, eine Bestandsaufnahme ihres wahren Wesens zu machen. Sie müssen nur das Thema dieses Buches in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis erwähnen, um festzustellen, dass Menschen, von denen Sie es nie gedacht hätten, sich auf einmal für introvertiert halten. Es ist nachvollziehbar, dass viele Introvertierte sich vor sich selbst verstecken. Wir leben in einem Wertesystem, das vom »Ideal der Extraversion« geprägt ist, wie ich es nenne - dem allgegenwärtigen Glauben, der Idealmensch sei gesellig, ein Alphatier und fühle sich im Rampenlicht wohl. Der archetypische Extravertierte handelt lieber, als nachzudenken, ist eher risikofreudig als fürsorglich und zieht Gewissheit dem Zweifel vor. Er bevorzugt rasche Entscheidungen, selbst auf die Gefahr hin, sich zu irren. Er arbeitet gut im Team, ist gern unter Leuten und misst Erfolg an der Anzahl der Facebook-Freunde, LinkedInKontakte und Twitter-Aufrufe. Wir möchten gern glauben, dass 15
Einleitung wir Individualität wertschätzen, aber vor allem bewundern wir einen Typus - denjenigen, dem es nichts ausmacht, »sich in den Vordergrund zu stellen«. Selbstverständlich gestehen wir technisch begabten Individualisten, die in Garagen Firmen gründen, eine Persönlichkeit nach ihrem Geschmack zu, aber sie bilden die Ausnahme, nicht die Regel, und unsere Toleranz in diesen Dingen ist hauptsächlich denen vorbehalten, die sagenhaft reich werden oder gute Chancen haben, es zu werden. Die Introversion - zusammen mit ihren Attributen der Empfindsamkeit, Ernsthaftigkeit und Schüchternheit - gilt heute als Persönlichkeitsmerkmal zweiter Klasse, das irgendwo zwischen enttäuschenden und pathologischen Merkmalen angesiedelt ist. Introvertierte, die unter dem Ideal der Extraversion leben, sind wie Frauen in einer »Männerwelt«: Sie werden wegen eines Merkmals geringgeschätzt, das sie im Innersten definiert. Die Extraversion ist ein enorm attraktiver Persönlichkeitsstil, aber wir haben sie in eine repressive Norm verwandelt, der die meisten Menschen glauben, entsprechen zu müssen. Das Ideal der Extraversion wurde in vielen Studien behandelt, obwohl diese Untersuchungen nie unter einem einheitlichen Begriff firmierten. Gesprächige Menschen werden beispielsweise als klüger, besser aussehend, interessanter und als wünschenswertere Freunde beurteilt. Die Sprechgeschwindigkeit zählt dabei ebenso wie die Lautstärke.’ Wir glauben, dass schnelle Sprecher kompetenter und sympathischer als langsame sind. Dieselbe Charakteristik trifft auf Gruppen zu; Untersuchungen zeigen, dass die Redegewandten für klüger gehalten werden als die Zurückhaltenden!’ - obwohl zwischen Redegewandtheit und guten Ideen kein Zusammenhang besteht. Selbst der Begriff »introvertiert« ist stigmatisiert - eine informelle Untersuchung 16
Der Norden und der Süden des Temperaments ergab, dass Introvertierte ihre eigene physische Erscheinung mit lebendigen Worten beschreiben (»grünblaue Augen«, »exotisch«, »hohe Wangenknochen«), aber wenn sie ganz allgemein Introvertierte beschreiben sollen, zeichnen sie ein unattraktives, ödes Bild (»unbeholfen«, »farblos«, »Hautprobleme«).' Doch wir begehen einen großen Fehler, wenn wir das Ideal der Extraversion so unbesehen übernehmen. Einige unserer gröfßsten Ideen, Kunstwerke und Erfindungen - von der Evolutionstheorie, über van Goghs Sonnenblumen bis hin zum PC - stammen von stillen und feinsinnigen Menschen, die es verstanden, in sich hineinzuhören und die Schätze, die in ihrem Innern lagen, zu heben. Ohne Introvertierte wäre die Welt ärmer um die Gravitationstheorie, die Relativitätstheorie, W.B. Yeats’ Gedicht Die Wiederkunft Christi, Chopins Nocturnes, Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Peter Pan, Orwells 1984 und Farm der Tiere, Charlie Brown, Schindlers Liste, E.T. und Unheimliche Begegnung der dritten Art, Google und Harry Potter, also um: Sir Isaac Newton, Albert Einstein, W.B. Yeats, Frederic Chopin, Marcel Proust,J. M. Barrie, George Orwell, Charles Schulz, Steven Spielberg, Larry Page und J.K. Rowling.” Wie die Wissenschaftsjournalistin Winifred Gallagher schreibt: »Das Großartige an einer Veranlagung, mit der man über Sin7
Einleitung nesreize nachdenkt, statt sich überstürzt auf sie einzulassen, ist ihre häufige Verknüpfung mit intellektueller und künstlerischer Leistung. Weder E= mc? noch Das verlorene Paradies wurden von einem Partylöwen ersonnen.«'? Selbst bei Tätigkeiten, die weniger introvertiert erscheinen, wie Finanzen, Politik und Bürgerbewegungen, verdanken wir einige der gröfsten Fortschritte den Introvertierten. In diesem Buch werden wir sehen, dass Menschen wie Eleanor Roosevelt, Al Gore, Warren Buffett, Gandhi und Rosa Parks nicht trotz, sondern wegen ihrer Introvertiertheit das erreichten, was sie erreichten. Doch wie noch zu zeigen sein wird, sind viele der wichtigsten Institutionen des modernen Lebens auf Menschen zugeschnitten, die Spaß an Gruppenprojekten und einem hohen Maß an Stimulation haben. In den Schulen werden die Tische zu Vierecken zusammengeschoben, um bei Kindern das Lernen in der Gruppe zu fördern, und wie Untersuchungen belegen, glaubt die große Mehrzahl der Lehrer, der Idealschüler sei extravertiert. In den heutigen Fernsehserien sind die jungen Stars nicht Kinder von nebenan, sondern Teenage-Rockstars und -Moderatoren von Internetshows mit einer künstlich überhöhten Persönlichkeit wie Hannah Montana, die Jonas Brothers und Carly Shay von »iCarly«. Als Erwachsene arbeiten viele Menschen in Firmen, die sich Teamarbeit auf die Fahne geschrieben haben; sie haben einen Arbeitsplatz ohne Wände, und ihre Vorgesetzten schätzen vor allem soziale Kompetenzen. Um Karriere zu machen, wird von uns erwartet, dass wir uns selbst ungeniert anpreisen. Die Wissenschaftler, die Forschungsgelder an Land ziehen, haben meist ein selbstsicheres, vielleicht zu selbstsicheres Auftreten. Die Künstler, deren Werke die Wände der modernen Museen zieren, 18
Der Norden und der Süden des Temperaments haben gewöhnlich beeindruckende Auftritte bei Vernissagen. Autoren - früher als öffentlichkeitsscheue Spezies akzeptiert werden inzwischen von den Presseagenten ihrer Verlage gedrillt, wenn ihr Buch veröffentlicht wird, damit sie bei Talkshows eine gute Figur machen. (Sie würden dieses Buch nicht in der Hand halten, wenn ich meinen Verlag nicht davon überzeugt hätte, dass ich genug pseudoextravertierte Anteile in mir habe, um das Buch bekannt zu machen.) Sind Sie introvertiert, wissen Sie auch, dass die Voreingenom- menheit gegen alles Stille einen tiefen psychischen Schmerz hervorrufen kann. Als Kind haben Sie vielleicht zufällig mit angehört, wie Ihre Eltern sich für Ihre Schüchternheit entschuldigt haben. (»Weshalb kannst du nicht ein bisschen mehr wie die Kennedy-Jungs sein?«, bekam ein Mann, den ich interviewte, immer wieder von seinen in den Kennedy-Mythos vernarrten Eltern zu hören.) Oder vielleicht wurden Sie in der Schule aufgefordert, aus »Ihrem Schneckenhaus« zu kommen - eine boshafte Formulierung, die nicht gelten lässt, dass gewisse Menschen so wie auch bestimmte Tiere von Natur aus immer einen Schutz mit sich herumtragen. »Sämtliche Bemerkungen in meiner Kindheit, denen zufolge ich faul, dumm, langsam und langweilig war, hallen noch immer in mir nach«, schreibt der Teilnehmer eines Internetforums, das sich Introvert Retreat nennt. »Als ich endlich alt genug war, um zu begreifen, dass ich einfach nur zu den Introvertierten gehöre, war die Annahme, etwas stimme grundsätzlich nicht mit mir, schon zu einem Teil von mir geworden. Ich wünschte, ich könnte die Reste dieses Selbstzweifels auffinden und beseitigen.« Auch als Erwachsener haben Sie vielleichtnoch immer Schuldgefühle, wenn Sie eine Einladung zum Abendessen zugunsten 19
Einleitung eines guten Buches ausschlagen. Oder Sie gehen vielleicht gern allein essen und könnten gut auf die mitleidigen Blicke der anderen Gäste im Restaurant verzichten. Oder man sagt Ihnen, Sie seien zu »kopflastig«, was stillen, intellektuellen Menschen immer wieder vorgeworfen wird. Natürlich gibt es ein anderes Wort für diese Menschen: Denker. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es für Introvertierte ist, sich über ihre eigenen Talente klarzuwerden - und wie sehr es sie stärkt, wenn sie es schließlich tun. Über zehn Jahre habe ich meinen Klienten jeder Art - Anwälten in Firmen und Studenten, Hedgefonds-Managern und Ehepaaren, Führungskräften im Medienbereich und Sozialarbeitern - die Kunst der Verhandlungsführung beigebracht. Natürlich haben wir die Grundlagen besprochen: wie man sich auf eine Verhandlung vorbereitet, wann man das erste Angebot macht und wie man vorgeht, wenn der Gesprächspartner unnachgiebig ist. Aber ich habe den Klienten auch geholfen, sich über ihre natürliche Persönlichkeit klarzuwerden und das Beste daraus zu machen. Meine allererste Klientin war eine junge Frau namens Laura. Sie war Rechtsanwältin an der Wall Street, dabei aber eine schüchterne Tagträumerin, die das Rampenlicht scheute und eine Abneigung gegen Aggression hatte. Sie hatte es irgendwie geschafft, die Feuerprobe an der Harvard Law School heil zu überstehen, an der die Seminare in riesigen arenaartigen Hörsälen stattfanden. Einmal war sie dermafgen nervös, dass sie sich auf dem Weg zu einem Seminar übergeben musste. Jetzt in der Praxis war sie sich nicht sicher, ob sie ihre Klienten so energisch vertreten konnte, wie diese es erwarteten. 20
Der Norden und der Süden des Temperaments In den ersten drei Jahren ihrer Anstellung hatte Laura so untergeordnete Aufgaben, dass sie sich mit dieser Frage nie eingehender zu beschäftigen brauchte. Doch eines Tages fuhr ihr Vorgesetzter in Urlaub und übertrug ihr die Verantwortung für eine wichtige Verhandlung. Bei dem Klienten handelte es sich um einen südamerikanischen Industriebetrieb, der mit einem grofen Bankdarlehen in Zahlungsverzug geraten war und hoffte, neue Konditionen aushandeln zu können. Auf der anderen Seite des Verhandlungstischs saßen die Vertreter des Bankenkonsortiums, das den gefährdeten Kredit vergeben hatte. Laura hätte sich am liebsten unter dem besagten Tisch verkrochen, aber sie hatte gelernt, solchen Anwandlungen zu widerstehen. So nahm sie folgsam, aber nervös ihren Platz als Verhandlungsführerin ein, flankiert von ihren Klienten, dem Chefsyndikus auf der einen und der Leiterin der Finanzabteilung auf der anderen Seite. Es waren zufällig Lauras Lieblingsklienten: liebenswürdige Menschen der leisen Töne, die sich völlig von den Weltbeherrschertypen unterschieden, die ihre Firma gewöhnlich vertrat. Laura hatte den Chefsyndikus einmal zu einem Baseballspiel der Yankees und die Leiterin der Finanzabteilung beim Kauf einer Handtasche für ihre Schwester begleitet. Doch jetzt schienen diese netten Ausflüge, die genau die Art von Begegnungen waren, an denen Laura Freude hatte, Lichtjahre entfernt. Den Südamerikanern saßen neun verdrossene Investmentbanker in maßgeschneiderten Anzügen und teuren Schuhen gegenüber, begleitet von ihrer Anwältin, einer selbstbewussten Frau mit rotem Gesicht, kantigem Kinn und energischen Manieren. Die Anwältin der Banker - die eindeutig nicht zu den Schüchternen gehörte - setzte gleich zu einer beeindruckenden Rede an, in der sie erklärte, wie glücklich Lauras Klienal
Einleitung ten sich schätzen könnten, die Konditionen der Bank anzunehmen, es sei ein sehr großzügiges Angebot. Alle warteten darauf, dass Laura antwortete, aber ihr fiel keine Entgegnung ein. Sie saß einfach da und blinzelte. Alle Blicke ruhten auf ihr. Ihre Klienten rutschten betreten auf ihren Stühlen hin und her. Lauras Gedanken drehten sich im Kreis, ein Phänomen, das sie schon kannte. Ich bin für so etwas zu still, sagte die Stimme in ihrem Innern, zu bescheiden, zu nachdenklich. Sie stellte sich jemanden vor, der besser dazu geeignet wäre, die Lage zu retten: jemanden Forsches, Glattes, der auf den Tisch hauen konnte. In der Schule hätte man von so jemandem - anders als von Laura - gesagt, er oder sie sei kontaktfreudig. Das war das höchste Lob, das ihre Mitschüler in der siebten Klasse zu vergeben hatten, höher sogar als hübsch für Mädchen oder sportlich für Jungen. Laura gelobte sich, nur diesen Tag noch irgendwie zu überstehen. Morgen würde sie sich nach einer anderen Arbeit umsehen. Dann fiel ihr ein, was ich ihr immer wieder gesagt hatte: Sie war eine Introvertierte, und als solche besaß sie einzigartige Verhandlungsfähigkeiten - die vielleicht weniger sichtbar, aber nicht minder wichtig waren. Vermutlich hatte sie sich besser vorbereitetals alle anderen. Sie pflegte sich ruhig, aber bestimmt auszudrücken und sagte selten etwas, ohne es sich vorher genau überlegt zu haben. Aufgrund ihres sanften Umgangstons konnte sie einen festen, sogar offensiven Standpunkt beziehen und dabei auf andere vollkommen vernünftig wirken. Und sie konnte Fragen stellen, viele Fragen, und zuhören, wenn man ihr antwortete, was das A und Ö einer guten Verhandlungsführung ist, ganz gleich, welche Art von Persönlichkeit man hat. Also begann Laura schließlich das zu tun, was ihr lag. 22
Der Norden und der Süden des Temperaments »Lassen Sie uns noch einmal einen Schritt zurückgehen. Worauf basieren Ihre Zahlen?«, fragte sie. »Könnten Sie sich vorstellen, das Darlehen auf diese Art zu strukturieren? Könnte das Ihrer Meinung nach gehen?« »Oder auf diese Art?« »Oder aufirgendeine andere Art?« Am Anfang fragte sie zögernd. Doch dann kam sie in Fahrt, wurde energischer und ließ durchblicken, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht hatte und bei den Fakten keine Zugeständnisse machen würde. Sie blieb aber auch ihrem eigenen Stil treu und hob weder die Stimme, noch verlor sie die Beherrschung, Jedes Mal, wenn die Banker ihr gegenüber einen scheinbar unverrückbaren Standpunkt vorbrachten, versuchte Laura, konstruktiv vorzugehen: »Wollen Sie damit sagen, dass das der einzige Weg ist? Wie wäre es, wenn wir es anders angehen würden?« Schließlich veränderte sich dank ihrer einfachen Nachfragen die Stimmung im Raum, ganz wie es in den Lehrbüchern über Verhandlungstechnik steht. Die Banker stellten ihren Redeschwall und ihr Dominanzgehabe ein, ein Verhalten, dem Laura sich denkbar schlecht gewappnet gefühlt hatte. Stattdessen kam ein wirkliches Gespräch in Gang. Es gab weitere Diskussionen und noch immer keine Einigung. Einer der Banker drehte wieder auf, warf seine Akten auf den Tisch und stürmte aus dem Raum. Laura ignorierte dieses Manöver, einfach deshalb, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte. Später sagte ihr jemand, dass sie genau in diesem entJitsu« bescheidenden Augenblick ein gutes »Verhandlungs-Jiu wiesen habe, doch sie wusste, dass sie sich nur so verhalten hatte, wie man es als stiller Mensch in einer Welt der Sprücheklop- fer ganz von selbst zu tun lernt. 23
Einleitung Am Ende kam eine für beide Seiten akzeptable Einigung zustande. Die Banker gingen, und Lauras Lieblingsklienten flogen nach Hause, nachdem die finanzielle Katastrophe abgewendet worden war. Dafür war Laura dankbar: Die anderen konnten ihr normales Leben wieder aufnehmen, und sie konnte es sich mit einem Buch gemütlich machen und versuchen, die Spannungen des Tages zu vergessen. Doch am nächsten Morgen bot ihr die Chefanwältin der Banker, die einschüchternde Frau mit dem kantigen Kinn, einen Job an: »Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so freundlich und gleichzeitig so bestimmt ist«, sagte sie. Am Tag danach rief auch der Chefbanker bei Laura an und fragte sie, ob ihre Anwaltskanzlei künftig seine Firma vertreten wolle. »Wir brauchen jemanden, der uns hilft, Verhandlungen zu führen, ohne dem Ego Raum zu geben«, sagte er. Laura hatte dadurch, dass sie ihrer eigenen sanften Art treu geblieben war, einen neuen Kunden für ihre Kanzlei gewonnen und ein Jobangebot für sich selbst an Land gezogen. Laut zu werden und auf den Tisch zu hauen hatte sich als unnötig erwiesen. Heute weiß Laura, dass ihre Introvertiertheit ein essenzieller Bestandteil ihrer selbst ist, und sie akzeptiert ihr nachdenkliches Wesen. Das Endlosband in ihrem Kopf - der Vorwurf, zu stillund zu bescheiden zu sein - läuft nicht mehr so oft. Laura weiß, dass sie sich behaupten kann, wenn es darauf ankommt, aber sie arbeitet nicht mehr als Anwältin an der Wall Street, weil sie den Konfrontationsexzessen der Finanzwelt aus dem Weg gehen will. Stattdessen setzt sie die Kraft ihres stillen Wesens lieber als Autorin, Beraterin und Inhaberin einer eigenen kleinen Firma im Bereich neue Medien ein. Laura liebt diese Arbeit, nicht zuletzt, weil sie ihrer Persönlichkeit voll und ganz entspricht. 24
Der Norden und der Süden des Temperaments Was genau meine ich, wenn ich sage, dass Laura introvertiert ist? Als ich begann, dieses Buch zu schreiben, wollte ich als Erstes herausfinden, wie Wissenschaftler Introversion und Extraversion (oft auch als Extroversion bezeichnet) definieren. Ich wusste, dass der einflussreiche Psychologe C.G. Jung 1921 ein wegweisendes Buch mit dem Titel Psychologische Typen herausgebracht hatte,' in dem er die Begriffe introvertiert und extravertiert als zentrale Bausteine der Persönlichkeit bekannt machte. Introvertierte fühlen sich zur inneren Welt des Denkens und Fühlens hingezogen, sagte Jung, Extravertierte zur äußeren Welt der Menschen und Aktivitäten. Introvertierte beschäftigen sich mit der Deutung, die sie den Ereignissen in ihrer Umwelt geben; Extravertierte tauchen direkt in die Ereignisse ein. Introvertierte regenerieren sich, wenn sie allein sind, Extravertierte müssen sich regenerieren, wenn sie nicht genug Kontakt haben. Wer je den Myers-Briggs-Persönlichkeitstest gemacht hat, der aufJungs Denken fußt und von der Mehrzahl der Universitäten und den hundert umsatzstärksten Unternehmen in den USA eingesetzt wird, dem sind diese Gedanken vielleicht bereits vertraut. Aber was sagt die moderne Wissenschaft dazu? Ich habe bald entdeckt, dass es so etwas wie eine Universaldefinition von Introversion und Extraversion nicht gibt; das sind keine einheitlichen Kategorien wie »gelocktes Haar« oder »16-jährig«, bei denen eine allgemeine Übereinkunft darüber besteht, wer darunvon ter fällt und wer nicht. Es gibt fast ebenso viele Definitionen „introvertiert« und »extravertiert«, wie es Persönlichkeitspsychologen gibt. Letztere streiten einen Großteil der Zeit darüber, halten welche Definition am genauesten ist. Einige Psychologen Einzige Jung für überholt, andere schwören darauf, dass er der ist, der Bescheid weiß. 25
Einleitung Dennoch herrscht auch viel Übereinstimmung. Die beiden Persönlichkeitstypen unterscheiden sich im Grad der äußeren Stimulation, die sie brauchen, um optimal zu funktionieren. Introvertierte fühlen sich mit weniger Stimulation »in ihrem Element«, beispielsweise, wenn sie ein Glas Wein mit einem guten Freund trinken, ein Kreuzworträtsel lösen oder ein Buch lesen. Extravertierte geniefSen den zusätzlichen Kick, wenn sie andere Menschen kennenlernen, auf Skiern gefährliche Pisten hinunterfahren oder die Stereoanlage weit aufdrehen. Introvertierte und Extravertierte haben auch ein unterschiedliches Arbeitsverhalten. Extravertierte nehmen Aufgaben rasch in Angriff. Sie treffen schnelle (manchmal übereilte) Entscheidungen und fühlen sich wohl, wenn sie mehrere Aufgaben gieichzeitig bewältigen und Risiken eingehen können. Sie geniefsen das »Fieber« der Jagd nach Belohnungen wie Geld und Status. Introvertierte arbeiten langsamer und gezielter. Sie konzentrieren sich gern eingehend auf eine Aufgabe nach der anderen. Oft haben sie ein sehr starkes Konzentrationsvermögen. Sie sind relativ immun gegenüber den Verlockungen von Reichtum und Ruhm. Unsere Persönlichkeit beeinflusst auch unser Kontaktverhalten. Extravertierte sind Menschen, die bei einem Abendessen mit Gästen für lebhafte Unterhaltung sorgen und laut über alle Witze lachen. Sie sind meist selbstbewusst, dominant und haben ein grofses Bedürfnis nach Gesellschaft. Extravertierte denken laut und spontan; sie reden lieber, als dass sie zuhören, sie sind selten um Worte verlegen und platzen manchmal mit etwas heraus, was sie eigentlich nicht sagen wollten. Sie können Konflikte gut ertragen, aber keine Einsamkeit. Introvertierte hingegen geniefsen Partys und Konferenzen nur bis zu einem bestimmten Punkt, nach einer Weile wünschen sie 26
Der Norden und der Süden des Temperaments sich, dass sie zu Hause im Pyjama wären. Sie widmen ihre sozialen Energien lieber engen Freunden, Kollegen und ihrer Familie. Sie hören mehr zu, als dass sie reden, denken nach, bevor sie sprechen, und drücken sich oft besser schriftlich als mündlich aus. Sie mögen keine Konflikte. Viele von ihnen verabscheuen Small Talk, aber lieben tiefe Gespräche. »Introvertiert« ist jedoch kein Synonym für einsiedlerisch oder menschenfeindlich.' Introvertierte können auch das sein, sind es aber meistens nicht. Einer der menschenfreundlichsten Sätze in der englischen Sprache - »Verbindung ist alles!« stammt von dem deutlich introvertierten Schriftsteller E.M. Forster und steht in einem Roman, der der Frage nachgeht, wie man »menschliche Liebe in ihrer Vollendung« erreichen kann." Introvertierte sind überdies nicht unbedingt schüchtern. Hinter Schüchternheit steckt die Angst, von anderen abgelehnt oder gedemütigt zu werden, während Introversion nach innen gerichtete Aufmerksamkeit ist. Schüchternheit tut grundsätzlich weh, Introvertiertheit nicht. Die beiden Begriffe werden oft miteinander verwechselt, weil sie sich teilweise überschneiden (obwohl Psychologen darüber diskutieren, in welchem Maße). Sie können eine schüchterne Extravertierte wie Barbra Streisand mit einer übergroßen Persönlichkeit und lähmendem Lampenfieber sein oder ein gar nicht schüchterner Introvertierter wie Bill Gates, der nach allem, was man hört, lieber für sich bleibt und von der Meinung anderer völlig unbeeindruckt ist. Sie können natürlich auch beides sein: T.S. Eliot war ein berühmter Einzelgänger, der in seinem Langgedicht Das wüste Staub« Land schrieb, er könne uns »die Angst in einer Handvoll innach sich aufzeigen.’ Viele schüchterne Menschen wenden der ihnen, zum Teil als Flucht vor dem Kontakt mit anderen, 27
Einleitung nen Angst macht. Und viele Introvertierte sind schüchtern, teilweise weil sie immer wieder zu hören bekommen, etwas stimme nicht mit ihrer Vorliebe für die Reflexion, und teilweise weil ihre Physiologie, wie wir noch sehen werden, sie zwingt, sich aus hochstimulierenden Umgebungen zurückzuziehen. Wenn Sie nicht sicher sind, wo Sie auf dem Spektrum der Intro- und Extraversion Ihren Platz haben, können Sie sich nachfol- gend selbst einschätzen. Kreuzen Sie die Aussagen an, die auf Sie zutreffen. Wenn Sie bei einer Aussage unsicher sind, kreuzen Sie sie an, wenn sie eher zutrifft als nicht zutrifft. mise . Ich ziehe Einzelgespräche Gruppenaktivitäten vor. (a . Ich drücke mich meistens lieber schriftlich aus. wi: . Ich bin gern allein. DIRT . Ich interessiere mich allem Anschein nach weniger für Reichtum, Ruhm und Status als meine Altersgenossen. 5 . Ichmag Small Talk nicht, unterhalte mich aber gerne eingehend über Themen, die mir wichtig sind. U 6. Die Leute sagen, ich könne gut zuhören. U 7. Ich bin nicht risikofreudig, U 8. Ich mag eine Arbeit, in die ich mich mit wenigen Unterbrechungen richtig vertiefen kann. er) . Ich feiere Geburtstage gerne im kleinen Rahmen mit nur einem oder zwei guten Freunden oder Angehörigen. BIO . Man beschreibt mich als »leise« oder »sanft«. ll . Ich zeige oder diskutiere meine Arbeit am liebsten erst, wenn sie fertig ist. EIS? . Ich mag keine Konflikte. Eh . Ich arbeite am besten allein.
Der Norden und der Süden des Temperaments D 14. Ich denke erst nach, bevor ich rede. DO 15. Ich bin erschöpft, wenn ich unter Leuten war, selbst wenn ich es genossen habe. OD 16. Ich lasse Anrufer häufig auf den Anrufbeantworter sprechen. DO 17. Wenn ich wählen müsste, würde ich ein Wochenende, an dem ich überhaupt nichts vorhabe, einem Wochenende mit einem zu vollen Programm vorziehen. I 18. Ich arbeite nicht gern an verschiedenen Dingen gleichzeitig. D 19. Ich kann mich gut konzentrieren. DO) 20. In Unterrichtssituationen sind mir Vorlesungen lieber als Seminare. Je öfter Sie ein Kreuz gemacht haben, desto introvertierter sind Sie vermutlich.* Ist die Anzahl der Aussagen, die Sie angekreuzt und die Sie nicht angekreuzt haben, in etwa gleich, sind Sie wahrscheinlich »ambivertiert« - das heißt zu gleichen Anteilen extra- und introvertiert. Doch selbst wenn das Ergebnis eindeutig für die eine oder andere Seite ausfällt, heißt das nicht, dass Ihr Verhalten in jeder Situation vorhersehbar ist. Man kann ebenso wenig sagen, dass jeder Introvertierte ein Bücherwurm oder jeder Extravertierte ein Partylöwe ist, wie man auch nicht sagen kann, dass jede Frau von Haus aus Harmoniebestrebungen hat und jeder Mann Kontaktsportarten liebt. Wie C.G. Jung est. Die Fragen ba* Dies ist kein wissenschaftlich untermauerter Persönlichkeitst n im AllgemeiForscher n moderne sieren auf Persönlichkeitsmerkmalen, die von ist es, Sie Tests des eck Hauptzw Der werden. en nen als introvertiert angeseh en und Sie damit auf anzureg chkeit Persönli eigene Ihre über ken Nachden zum die folgenden Kapitel vorzubereiten. 29
Einleitung so treffend bemerkte, gibt es nichts Derartiges wie einen reinen Extravertierten oder einen reinen Introvertierten. Ein solcher Mensch würde im Irrenhaus landen. Wir sind nämlich nicht nur alle wunderbar komplexe Individuen, sondern es gibt auch viele verschiedene Arten von Introvertierten und Extravertierten. Introversion und Extraversion mischen sich mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen und biografischen Einflüssen, sodass daraus ein gewaltiges Spektrum verschiedenartiger Menschen resultiert. Ein künstlerisch begabter amerikanischer Junge, dessen Vater es gerne gesehen hätte, dass er sich ebenso wie seine raubeinigen Brüder für die Football-Mannschaft der Schule meldet, ist eine ganz andere Art Introvertierter als beispielsweise eine finnische Geschäftsfrau, deren Eltern Leuchtturmwärter waren. (Die Finnen sind bekannt- lich eine introvertierte Nation. Hier ein finnischer Witz: Woran erkennen Sie, ob ein Finne Sie mag? Er starrt /hre Schuhe statt seine eigenen an.) Sehr viele Introvertierte sind zudem hochsensibel, was poetisch klingt, aber in Wirklichkeit ein psychologischer Fachbegriff ist. Sind Sie hochsensibel, dann neigen Sie mehr als der Durchschnitt der Menschen dazu, von der Mondscheinsonate, einem schön formulierten Satz oder einem Akt außerordentlicher Güte ergriffen zu sein. Gewalt und Hässlichkeit stoßen Sie rascher ab als andere, und Sie haben wahrscheinlich ein stark ausgeprägtes Gewissen. Als Kind hat man Sie vermutlich »schüchtern« genannt, und bis auf den heutigen Tag machen Situationen, in denen Sie kritisch betrachtet werden, Sie nervös, zum Beispiel wenn Sie einen Vortrag halten sollen oder zu Ihrer ersten Verabredung gehen. Später werden wir untersuchen, warum diese scheinbar unzusammenhängende Ansammlung von Ei30
Der Norden und der Süden des Temperaments genschaften meistens zur selben Person gehört und weshalb diese häufig introvertiert ist. (Niemand weiß exakt, wie viele Introvertierte hochsensibel sind, aber wir wissen, dass 70 Prozent der Hochsensiblen Introvertierte sind und die anderen 30 Prozent meist angeben, dass sie viel »Zeit für sich« brauchen.) Eine genaue Definition dieser Begriffe ist für Wissenschaftler unerlässlich, denn ihre Untersuchungen basieren darauf, dass sie genau festlegen, wo die Introversion aufhört und andere Merkmale, wie die Schüchternheit, beginnen. Doch im vorliegenden Buch wollen wir uns mehr mit den Ergebnissen dieser Forschung beschäftigen. Die heutigen Psychologen haben, flankiert von den Neurowissenschaftlern mit ihren Gehirn-Scans, brillante Entdeckungen gemacht, die unsere Sicht von uns und der Welt verändern. Sie beantworten Fragen wie: Warum reden einige Menschen gern, während andere ihre Worte abwägen? Warum vergraben sich einige in ihrer Arbeit, während andere gern ans Mikrofon treten? Warum üben einige gern Autorität aus, während andere es vorziehen, weder zu führen noch geführt zu werden? Haben Introvertierte überhaupt Führungskompetenz? Stimmt die Vorliebe für Extraversion in unserer Kultur mit der natürlichen Ordnung der Dinge überein oder ist sie gesellschaftlich determiniert? Aus evolutionärer Sicht hat die Introvertiertheit offensichtlich aus irgendeinem Grund als Persönlichkeitsmerkmal überdauert - aber worin könnte dieser Ihre Grund bestehen? Sollten Sie, wenn Sie introvertiert sind, sollten Energien für Tätigkeiten einsetzen, die Ihnen liegen, oder Tag jenem an es Laura Sie über sich selbst hinauswachsen, wie am Verhandlungstisch tat? Die Antworten könnten Sie überraschen. 31
Einleitung Ein paar Worte darüber, was Sie in diesem Buch erwartet: Im ersten Teil unternehmen wir einen raschen Rundgang durch unsere extravertierte Gesellschaft und machen einen Ausflug in die Geschichte, um herauszufinden, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Ich werde Ihnen die erstaunliche Geschichte von Dale Carnegies Kindheit erzählen und den historischen Kräften nachgehen, die an der Wende zum 20.Jahrhundert Amerika von einer Charakterkultur in eine Persönlichkeitskultur verwandelt haben. Wir werden herausfinden, weshalb dieser Wandel bei normalen Menschen - Introvertierten wie Extravertierten - ein nagendes Gefühl persönlicher Minderwertigkeit hervorgerufen hat, das sich bis heute hält. Anschließend werden wir drei typischen Zentren des Extravertiertenideals einen Besuch abstatten: Wir werden bei einem Selbsthilfeseminar des Trainers Tony Robbins mittanzen, an Seminaren an der Harvard Business School teilnehmen und einen Sonntagsgottesdienst in einer der einflussreichsten Kirchen des Landes besuchen. Wir werden auch der Frage nachgehen, weshalb in den Reihen hochkreativer Menschen Introvertierte überproportional vertreten sind, weshalb Menschen, die gerne alleine arbeiten, häufig zu führenden Experten aufihrem Gebiet werden und wie das Phänomen, das ich »neues Gruppendenken« nenne, die Kreativität erstickt und vernünftige Entscheidungen gefährdet. Wir werden klären, weshalb ein Brainstorming, an dem alle Mitarbeiter einer Abteilung teilnehmen müssen, nicht funktioniert (es sei denn, es findet online statt), was die moderne Neurowissenschaft über die Gefahren altehrwürdiger Institutionen - wie Geschworenengerichte und demokratische Wahlen - offenbart und wie wir alle lernen können, produktiver zu sein. In Teil II wollen wir den biologischen Unterschieden zwi32
Der Norden und der Süden des Temperaments schen Introvertierten und Extravertierten aufden Grund gehen. Ausgehend vom Besuch eines Labors, in dem Wissenschaftler Aufnahmen von Gehirnen Introvertierter und Extravertierter machen, werden wir die physiologischen Grundlagen für das Klischee kennenlernen, dass Introvertierte in Bibliotheken und Extravertierte in Sportkneipen aufblühen, werden erfahren, warum manche Menschen von Natur aus locker und andere gewissenhaft sind, weshalb nur ein schmaler Grat zwischen Helden und Verbrechern liegt und weswegen die wichtigste Frage, die Sie einem potenziellen Partner bei einem Speed Date oder einem ersten Kennenlerntermin stellen sollten, lautet, was sein oder ihr letztes peinliches Erlebnis war. Wir werden sehen, wie die Physiologie der Extraversion den Kennedy-Mythos hervorbrachte, aber auch zur großen Rezession von 2008 beitrug. Wir werden erfahren, weshalb die Katastrophe vielleicht hätte vermieden werden können, wenn man mehr Introvertierte in die Entscheidungen miteinbezogen hätte (oder mehr Introvertierte sich selbst treu geblieben wären, statt sich anzupassen und Extravertierte zu imitieren). Wir werden auch der Frage nachgehen, ob alle Kulturen die Extraversion bevorzugen, und einen Ausflug nach Cupertino in Kalifornien machen, einer Stadt mit einer aufstrebenden Bevölkerung asiatischer Einwanderer der ersten und zweiten Generation. Dort werden wir Highschool-Schüler, Hausfrauen und Geschäftsführer kennenlernen, die das »Ideal der Extraversion« aus ihrer Sicht schildern. Wir werden sehen, wie die Menschen hadort oft die »Macht der Sanftmut« einsetzen, um Erfolg zu ben. die Schließlich gebe ich in Teil III praktische Empfehlungen, sind: sowohl für Introvertierte wie für Extravertierte nützlich 33
Einleitung wie man sich vernetzt, wenn man keinen Small Talk mag; wie man mit Vertretern des anderen Persönlichkeitstyps kommuniziert; wie man die eigene Persönlichkeit an die Umstände anpasst und wie man introvertierten Kindern am meisten nützt. Auch Strategien, wie man Arbeit findet, die man mag, Eheprobleme löst und Geschäftsverhandlungen führt, werden hier behandelt. Wenn Sie nur eine Botschaft aus diesem Buch mitnehmen, dann, wie ich hoffe, die, welchen Wert es hat, sich selbst treu zu bleiben. Ich habe persönlich die lebensverändernden Wirkungen dieser Lektion erfahren. Erinnern Sie sich an meine erste Klientin, die ich Laura nannte, um ihre Anonymität zu schützen? Das war meine Geschichte. Ich war meine eigene erste Klientin.
AST Das Ideal der Extraversion
KAPITELIJ Der Aufstieg des »wirklich netten Kerls« Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde Fremde Blicke sind scharf und kritisch. Können Sie ihnen stolz, selbstbewusst und ohne Angst begegnen? Aus einer Anzeige für Woodbury-Seife, 1922 Das Jahr: 1902. Der Ort: eine Kleinstadt in einer Flussniederung in Missouri, ein winziger Punkt auf der Landkarte etwa 150 Kilometer von Kansas City entfernt. Unser junger Protagonist: ein gutmütiger, aber unsicherer Highschool-Schüler namens Dale.' Dale, dünn, unsportlich und nervös, ist der Sohn eines anständigen, aber chronisch bankrotten Schweinebauern, dessen Land im Winter gefroren und zur Erntezeit überschwemmt ist. Er achtet seine Eltern, aber ihm graut davor, ebenso wie sie in der Armutsfalle zulanden. Dale fürchtet sich noch vor anderen Dingen: vor Donner und Blitz, vor dem Gedanken, in die Hölle zu kommen, und davor, im entscheidenden Augenblick kein Wort herauszubringen. Er hat sogar Angst vor dem Tag seiner Hochzeit: Was, wenn ihm nichts einfällt, was er seiner Braut sagen kann? Eines Tages kommt ein Redner der Chautauqua-Bewegung in die Stadt. Diese Bewegung, gegründet 1873 mit Sitz in Upstate New York, schickt talentierte Redner durchs ganze Land, um Vorträge über Literatur, Wissenschaft und Religion zu halten. Die amerikanische Landbevölkerung schätzt sie, weil sie den 36
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde Duft der großen weiten Welt mitbringen und es schaffen, das Publikum mizureißen. Dieser Redner fesselt den jungen Dale mit einem Bericht über seinen Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär: Ehemals ein armer Farmjunge mit einer trostlosen Zukunft, hat er es mithilfe seines Rednertalents in die Chautauqua-Bewegung geschafft. Dale hängt an seinen Lippen. Einige Jahre später ist Dale wieder einmal beeindruckt vom Nutzen, den es hat, reden zu können. Seine Familie zieht aufeine Farm in der Nähe von Warrensburg in Missouri, wo er das College besuchen kann, ohne Kost und Logis bezahlen zu müssen. Dale beobachtet, dass die Studenten, die Rhetorik-Wettbewerbe auf dem Campus gewinnen, als Führungspersönlichkeiten gelten, und beschließt, einer von ihnen zu werden. Er schreibt sich für jeden Rhetorik-Wettbewerb ein und eilt abends nach Hause, um zu üben. Immer wieder verliert er - Dale ist hartnäckig, aber kein großer Redner -, doch nach und nach machen sich seine Bemühungen bezahlt. Er verwandelt sich in einen Meisterredner und Held auf dem Campus. Andere Studenten suchen ihn auf, um bei ihm Rhetorikunterricht zu nehmen. Er gibt ihnen Stun- den, und auch sie haben Erfolg bei den Wettbewerben. Als Dale 1908 das College abschließt, sind seine Eltern noch immer arm, doch die amerikanischen Unternehmen florieren. Henry Ford verkauft sein Modell T wie warme Semmeln mit dem Slogan »FÜRS GESCHÄFT UND FÜRS VERGNÜGEN«. ].C. Penney, Woolworth, Sears and Roebuck, A & P und Remington sind inzwischen in aller Munde. In die Häuser der Mittelschicht hat das elektrische Licht Einzug gehalten, und Toiletten im Haus ersparen den mitternächtlichen Gang aufs Plumpsklo. Art Der Wirtschaftsaufschwung ruft nach einer neuen gewineinem Mensch - einem kontaktfreudigen Vertreter mit SU
Das Ideal der Extraversion nenden Lächeln und festen Händedruck, der gut mit seinen Kollegen auskommt und sie gleichzeitig in den Schatten stellt. Dale schließt sich dem wachsenden Heer der Vertreter und Verkäufer an mit nicht vielmehr im Gepäck als seiner Sprachgewandtheit. Dales Nachname lautet Carnegie (eigentlich Carnagey; in Anklang an den großen Industriellen Andrew Carnegie lässt er ihn später in Carnegie umändern). Nach mehreren zermürbenden Jahren als Vertreter eines Rindfleischproduzenten macht er sich als Rhetoriklehrer selbstständig. Er gibt seine erste Stunde in der Abendschule des Christlichen Vereins Junger Männer in New York. Er fordert die damals für Abendschullehrer übliche Entlohnung von zwei Dollar pro Unterrichtsstunde, doch der Direktor des CVJM bezweifelt, dass sein Rhetorikunterricht auf grofßes Interesse stoßen wird, und weigert sich, so viel zu zahlen. Aber der Unterricht wird über Nacht zur Sensation, und Dale gründet als Nächstes das Dale-Carnegie-Institut, das Geschäftsleuten helfen will, genau die Unsicherheiten zu überwinden, die ihn als jungen Mann gebremst haben. Im Jahre 1913 veröffentlicht er sein erstes Buch Besser miteinander reden. »In der Zeit, als Klaviere und Badezimmer noch Luxus waren«, schreibt er, »hielten die Leute das Redetalent für eine besondere Gabe, die nur Anwälte, Priester oder Politiker brauchten. Heutzutage ist uns klar geworden, dass es die unentbehrliche Waffe all jener ist, die im unerbittlichen Wettbewerb der Geschäftswelt vorankommen wollen.«? Carnegies Metamorphose vom Farmjungen zum Verkäufer und schließlich zur Rhetorik-Ikone ist auch ein Symbol für den Aufstieg des »Ideals der Extraversion«. Carnegies Werdegang reflektiert eine kulturelle Entwicklung, die mit Beginn des 20. Jahr38
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde hunderts eine Trendwende eingeläutet und eine dauerhafte Veränderung darin bewirkt hat, wer wir sind und wen wir bewundern, wie wir uns bei Vorstellungsgesprächen verhalten und was wir von Angestellten erwarten, wie wir Partner umwerben und Kinder erziehen. Amerika verwandelte sich von einer »Charakterkultur«, wie der einflussreiche Kulturhistoriker Warren Susman es nannte, in eine »Persönlichkeitskultur«.” Damit öffnete sich eine Büchse der Pandora mit persönlichen Ängsten, von denen wir uns nie ganz erholt haben. In der Charakterkultur war der Idealmensch ernsthaft, diszipliniert und ehrbar. Was zählte, war nicht so sehr der Eindruck, den man in der Öffentlichkeit hinterließ, sondern wie man sich verhielt, wenn niemand zugegen war. Das Wort personality (Persönlichkeit) hält erst mit dem 18. Jahrhundert Einzug in die englische Sprache,‘ und die Vorstellung von »einer guten Persönlichkeit« war vor dem 20. Jahrhundert nicht verbreitet. Doch mit dem Wechsel zur Persönlichkeitskultur fingen die Amerikaner an, vor allem darauf zu schauen, wie andere sie wahrnahmen. Sie waren fasziniert von Menschen, die forsch und unterhaltsam waren. Susman schrieb den berühmten Satz: »Die gesellschaftliche Rolle, die jedem in der neuen Persönlichkeitskultur abverlangt wurde, war die eines Darstellers. Jeder Amerikaner sollte sich selber darstellen können.« Die zunehmende Industrialisierung war eine wichtige Triebfeder hinter dieser kulturellen Entwicklung, Das Land entwickelte sich rasch von einer Agrargesellschaft mit ländlicher Besiedlung zu einer urbanen Wirtschaftsmacht, deren Devise hieß: t THE BUSINESS OF AMERICA IS BUSINESS (»Amerikas Geschäf aner ist das Geschäft«). Anfänglich lebten die meisten Amerik Städten kleinen in wie die Carnegies noch auf einer Farm oder 39
Das Ideal der Extraversion und pflegten Umgang mit Leuten, die sie von Kindheit an kannten. Doch mit Beginn des 20. Jahrhunderts brach ein regelrechter Sturm los - es kam zur Gründung von Großunternehmen, zur Urbanisierung und Masseneinwanderung -, und die Bevölkerung strömte in die Städte. 1790 lebten 3 Prozent und 1840 erst 8Prozent der amerikanischen Bevölkerung in der Stadt, doch schon 1920 waren mehr als ein Drittel der Menschen Städter. »Wir können nicht alle in der Stadt wohnen«, schrieb der Redakteur Horace Greeley 1867, »aber fast alle scheinen es unbedingt zu wollen.«® Nun waren die Amerikaner bei der Arbeit nicht mehr mit Nachbarn, sondern mit Fremden konfrontiert. »Staatsbürger« wurden zu »Angestellten«, die sich Mühe geben mussten, einen guten Eindruck auf Menschen zu machen, mit denen sie weder staatsbürgerliche noch familiäre Bande hatten. »Warum ein Mann befördert oder eine Frau gesellschaftlich geschnitten wurde«, erläutert der Historiker Roland Marchand, »ließ sich nun weniger durch jahrelange familiäre Bande oder alte Familienfehden erklären. Bei den zunehmend anonymen geschäftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen der Zeit konnte alles Mögliche einschließlich des ersten Eindrucks - die entscheidende Rolle spielen.«’ Die Amerikaner reagierten auf diesen Druck, indem sie sich bemühten, Verkäufer zu werden, die nicht nur das neueste Produkt ihrer Firma, sondern auch sich selbst gut vermarkteten. An der Selbsthilfe-Bewegung, in der Dale Carnegie eine so herausragende Rolle spielte, lässt sich besonders gut ablesen, wie sich der Wandel von der Charakter- zur Persönlichkeitskultur vollzog. Selbsthilferatgeber haben für die amerikanische Psyche schon immer eine große Rolle gespielt. Die ersten Ratgeber dieser Art waren meist religiöse Parabeln, wie die 1678 veröffent40
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde lichte Pilgerreise zur ewigen Seligkeit von John Bunyan, in der die Leser ermahnt wurden, sich zu zügeln, wenn sie in den Himmel kommen wollten. Die Ratgeber des 19. Jahrhunderts waren bereits weniger religiös, predigten jedoch immer noch den Wert eines edlen Charakters. Sie kreisten um geschichtliche Helden, wie Abraham Lincoln, der nicht nur als begabter Redner, sondern auch als bescheidener Mensch verehrt wurde, jemand, der nicht »durch Überlegenheit beleidigte«, wie Ralph Waldo Emerson sagte. Es wurden auch normale Leute gepriesen, die ein sehr moralisches Leben führten. In einem beliebten Ratgeber von 1899, Charakter - eine Macht, wurde eine schüchterne Verkäuferin beschrieben, die ihren ärmlichen Lohn einem frierenden Bettler schenkte und davoneilte, bevor jemand ihr gutes Werk beobachten konnte. Ihre Tugend, so begriff der Leser, zeigte sich nicht nur in ihrer Großzügigkeit, sondern auch inihrem Wunsch, anonym zu bleiben. Doch schon 1920 befassten sich die beliebten Selbsthilfebücher nicht mehr mit innerer Tugend, sondern mit dem äußeren Eindruck, mit dem Wissen, »was man sagt und wie man es sagt«, wie es in einem dieser Bücher hieß. In einem anderen stand: »Die Entwicklung der Persönlichkeit macht souverän.« Und ein drittes riet: »Versuchen Sie unbedingt, sich Manieren »ein zuzulegen, die anderen den Eindruck vermitteln, dass Sie Ruf, den für wirklich netter Kerl« sind. Damit legen Sie den Keim die Saeine Persönlichkeit zu sein.«° Die Zeitschrift Success und turday Evening Post richteten Ressorts ein, die sich damit befassOrison ten, Leser in die Kunst der Konversation einzuführen. Macht Swett Marden, derselbe Autor, der 1899 Charakter - eine s beliebte geschrieben hatte, veröffentlichte 1922 ein weiteres Buch: Masterful Personality. 41
Das Ideal der Extraversion Viele dieser Ratgeber waren für Geschäftsleute gedacht, doch auch den Frauen wurde dringend empfohlen, an einer geheimnisvollen Eigenschaft namens »Faszination« zu arbeiten. In den 1920er Jahren aufzuwachsen war für Frauen, wie es in einem Schönheitsratgeber warnend hieß, mit einem solchen Konkurrenzkampf verbunden im Vergleich zu dem, was ihre Grofmütter gekannt hatten, dass sie eine sichtbare Ausstrahlung haben mussten. »Die Menschen, die auf der Straße an uns vorübergehen, können nicht wissen, dass wir intelligent und charmant sind, wenn wir nicht danach aussehen.« Solche Ratschläge, die angeblich dazu dienen sollten, das Leben der Menschen zu verbessern, mussten sogar verhältnismäfig selbstbewussten Menschen ein Gefühl der Unsicherheit vermitteln. Warren Susman zählte die Wörter, die in den vom Persönlichkeitskult motivierten Ratgebern zu Beginn des 20. Jahrhunderts am häufigsten vorkamen, und verglich sie mit den Charakter-Ratgebern des 19. Jahrhunderts. Letztere hatten Tugenden hervorgehoben, an deren Verbesserung jeder arbeiten konnte, zum Beispiel: bürgerliches Engagement Pflichtbewusstsein Fleiß Hilfsbereitschaft Ehre Ruf Moral Manieren Integrität 42
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde In den neuen Ratgebern hingegen wurden Eigenschaften angepriesen, die man sich ungeachtet der Behauptungen Dale Carnegies nur schwer aneignen konnte. Entweder besafßß man sie oder nicht. Man war wünschenswerterweise: unwiderstehlich faszinierend atemberaubend attraktiv strahlend dominant kraftvoll energiegeladen Es war kein Zufall, dass die Amerikaner in den 1920er und 1930er Jahren anfingen, sich für Kinostars zu begeistern.'” Wer konnte besser als ein Leinwandheld oder eine Leinwandheldin persönliche Unwiderstehlichkeit verkörpern? Auch von der Werbebranche erhielten die Amerikaner Ratschläge zur Selbstdarstellung, ob esihnen passte oder nicht. Während die ersten Anzeigen in Zeitschriften ein Produkt einfach nur ankündigten - »EATON’S HIGHLAND LEINENPAPIER: DAS NEUESTE UND FEINSTE SCHREIBPAPIER«!! -, gab die neue Werbung im Rahmen der Persönlichkeitskultur den Konsumenten die Rolle das Provon Schauspielern mit Lampenfieber, von dem sie nur dukt des Anbieters befreien konnte. Diese Werbung konzent Umgerierte sich zwanghaft auf die abschätzigen Blicke der SIE ILEN BEURTE bung, »DIE MENSCHEN IN IHRER UMGEBUNG 43
Das Ideal der Extraversion STUMM«, warnte 1922 eine Werbung für Woodbury-Seife.'” »SIE WERDEN GERADE VON KRITISCHEN BLICKEN DURCHBOHRTK«, lautete der Werbeslogan für Williams-Rasiercreme.'” Man sprach direkt die Ängste von Verkäufern, Vertretern und Angestellten an. In einer Werbung für Zahnbürsten von Dr. West fragte ein erfolgreich aussehender Mann hinter einem Schreibtisch, den Arm selbstbewusst in die Taille gestemmt: »HABEN SIE SCHON MAL PROBIERT, SICH AN SICH SELBST ZU VERKAUFEN? EIN GUTER ERSTER EINDRUCK IST FÜR DEN ERFOLG IM GESCHÄFTSLEBEN ODER BEI ANDEREN MENSCHEN DAS ALLERWICHTIGSTE.«!* Auf einer weiteren Werbung für Williams-Rasiercreme war ein Mann mit glattem Haar und Schnurrbart zu sehen, der den Lesern eindringlich empfahl: »SCHAUEN SIE SELBSTBEWUSST IN DIE WELT, NICHT SORGENVOLL! AM HÄUFIGSTEN WERDEN SIE NACH IHRER MIENE BEURTEILT.«" Andere Werbekampagnen erinnerten Frauen daran, dass ihr Erfolg bei der Partnersuche nicht nur vom Aussehen, sondern auch von der Persönlichkeit abhing. 1924 zeigte eine Anzeige für Woodbury-Seife eine niedergeschlagene junge Frau, die nach einem enttäuschenden Rendezvous allein nach Hause kam. Sie hatte »davon geträumt, erfolgreich, fröhlich und hinreißend« zu sein, lautete der mitfühlende Text.'‘ Doch ohne die richtige Seife war die Frau beim anderen Geschlecht zum Scheitern verurteilt. Von der Firma Lux gab es eine Waschmittelwerbung, in der eine Frau einen verzweifelten Brief an Dorothy Dix, die damalige Zeitungs-Ratgebertante, richtete, in dem es hieß: »Liebe Miss Dix, was kann ich tun, um beliebter zu werden? Ich bin hübsch und nicht dumm, aber so schüchtern und befangen im Umgang mit anderen ... ich glaube immer, dass niemand mich mag. Joan G.«" 44
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde Miss Dix’ Antwort war eindeutig; Mit dem richtigen Waschmittel für ihre Wäsche, Vorhänge und Sofakissen würde Joan G. schon bald »tief und fest von ihrer Anziehungskraft überzeugt sein«. In der Darstellung der Partnersuche als risikoreichem Spiel spiegelten sich die kühnen neuen Sitten der Persönlichkeitskultur. Unter den restriktivren (manchmal repressiven) sozialen Vorschriften der Charakterkultur hatten beide Geschlechter ein gewisses Maß an Reserviertheit an den Tag gelegt, wenn es um das Paarungsverhalten ging. Frauen, die zu laut waren oder ungebührlichen Augenkontakt mit Fremden aufnahmen, wurden für schamlos gehalten. In den gehobeneren Schichten war es Frauen eher gestattet zu sprechen als in den unteren Schichten, und teilweise galt ihr Talent für geistreiche Erwiderungen sogar als Beurteilungsmaßstab, aber selbst ihnen wurde geraten, öfter mal zu erröten und die Augen niederzuschlagen. In Benimmbüchern hieß es: »Die kühlste Zurückhaltung an einer Frau, die ein Mann ehelichen will, ist bewundernswerter als der geringste Anflug ungehöriger Vertraulichkeit.« Auch Männer konnten im Allgemeinen ein ruhiges Auftreten haben, das Selbstbeherrschung und eine Souveränität demonstrierte, die sich nicht zur Schau zu stellen brauchte. Schüchternheit an sich war zwar inakzeptabel, aber Zurückhaltung ein Zeichen guter Erziehung. Doch mit dem Aufkommen der Persönlichkeitskultur bröMänckelte der Wert guter Sitten sowohl für Frauen als auch für ner. Statt förmlicher Besuche und ernsthafter Absichtserklärunng ingen mussten die Männer nun eine wortgewandte Werbu en«. War szenieren, in der sie die Frau »um den Finger wickelt g, lief er ein Mann in der Gesellschaft von Frauen allzu wortkar teter verbrei Ein Gefahr, für homosexuell gehalten zu werden. 45
Das Ideal der Extraversion Sexualratgeber aus dem Jahre 1926 bescheinigte Homosexuellen, »ausnahmslos schüchtern, ängstlich und zurückgezogen« zu sein. Auch von Frauen erwartete man eine Gratwanderung zwischen Schicklichkeit und Kühnheit. Waren sie zu schüchtern, besonders in puncto Sexualität, so nannte man sie manchmal »frigide«. Auch auf dem Gebiet der Psychologie begann man, sich mit dem Druck, Selbstvertrauen ausstrahlen zu müssen, auseinanderzusetzen. In den 1920er Jahren entwickelte der einflussreiche Psychologe Gordon Allport einen diagnostischen Test zum Thema »Vormachtstellung und Unterordnung«, um soziale Dominanz zu messen. »In der heutigen Zivilisation«, sagte Allport, der selbst schüchtern und zurückhaltend war, »scheint der aggressive Tatmensch hoch im Kurs zu stehen«.'® 1921 beschrieb C.G. Jung die mittlerweile prekäre »Introversion«. Jung selbst betrachtete die Introvertierten als »Kulturförderer und Erzieher«, die den »Reichtum der inneren Anschauung« vor Augen führten, »die unsere Kultur schmerzlicherweise vermissen lässt«. Aber er gab auch zu, dass ihre »Zurückhaltung und anscheinend unbegründete Verlegenheit ... natürlich ein Vorurteil der Umgebung gegen diesen Typ« wecken.” Nirgendwo zeigte sich die Notwendigkeit, selbstsicher zu erscheinen, deutlicher als in einem neuen psychologischen Konzept, das als »Minderwertigkeitskomplex« bezeichnet wurde. Der Begriff wurde in den 1920er Jahren vom Wiener PsychoanaIytiker Alfred Adler geprägt, um Unzulänglichkeitsgefühle und ihre Folgen zu beschreiben. »Fühlen Sie sich unsicher? Sind Sie kleinmütig? Sind Sie unterwürfig?«, stand auf dem Einband der amerikanischen Ausgabe von Adlers Bestseller Menschenkenntnis.’ Adler zufolge haben alle Säuglinge und Kleinkinder Gefüh46
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde le der Unzulänglichkeit, leben sie doch in einer Welt der Erwach- | senen und älteren Geschwister. Im Prozess des Aufwachsens lernen sie normalerweise, diese Gefühle für ihre Ziele nutzbar zu machen. Doch wenn es in der Kindheit falsch läuft, kann ihnen der gefürchtete Minderwertigkeitskomplex drohen, und das ist ein gravierender Nachteil in einer Gesellschaft zunehmender Konkurrenz. Die Vorstellung, ihre sozialen Ängste ordentlich in einen psychologischen Komplex verpacken zu können, sprach viele Amerikaner an. Der Minderwertigkeitskomplex wurde zur AllzweckErklärung für Probleme in vielen Lebensbereichen, von der Liebe über die Kindererziehung bis hin zur Karriere. 1924 stand in der Zeitschrift Collier’ ein Artikel über eine Frau, die Angst hatte, den Mann zu heiraten, den sie liebte, weil sie glaubte, er habe einen Minderwertigkeitskomplex und würde es nicht sehr weit bringen. In einer anderen beliebten Zeitschrift erklärte ein Artikel unter dem Titel »Ihr Kind und dieser moderne Komplex« Müttern, was bei Kindern einen Minderwertigkeitskomplex auslösen konnte und wie man dies verhinderte oder kurierte. Jeder hatte anscheinend einen Minderwertigkeitskomplex, und paradoxerweise war er für einige eine Auszeichnung. Abraham Lincoln, Napoleon, Teddy Roosevelt, Edison und Shakespeare - sie alle litten laut einem Artikel in Colliers von 1939 under ter Minderwertigkeitskomplexen. »Wenn Sie also«, schloss ertigMinderw Artikel »einen dicken, fetten, ausgewachsenen vorkeitskomplex haben, können Sie sich glücklich schätzen, ausgesetzt, Sie haben das dafür nötige Rückgrat.«” nen ErTrotz des optimistischen Tenors dieses Artikels began ringen, ziehungsberater in den 1920er Jahren Kindern beizub dahin Bis kelt. wie man eine gewinnende Persönlichkeit entwic 47
Das Ideal der Extraversion hatten sich die Experten hauptsächlich über frühreife Mädchen und straffällige Jungen Sorgen gemacht, doch nun konzentrierten sich Psychologen, Sozialarbeiter und Ärzte auf das durchschnittliche Kind mit der »fehlangepassten Persönlichkeit«, insbesondere das schüchterne Kind. Schüchternheit könne schwerwiegende Folgen haben, mahnten sie, von Trunksucht bis hin zu Selbstmord, während: eine kontaktfreudige Persönlichkeit Vorbedingung für gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg sei. Den Eltern rieten sie, ihre Kinder gut zu sozialisieren, und den Schulen, ihr Hauptaugenmerk von Bücherwissen auf »die Unterstützung und Lenkung der heranreifenden Persönlichkeit« zu richten. Die Erzieher übernahmen diese Rolle mit Begeisterung. 1950 lautete das Motto der im Zuge der Jahrhundertmitte abgehaltenen Konferenz über Kinder und Jugendliche im Weißen Haus: »Eine gesunde Persönlichkeit für jedes Kind.«” Wohlmeinende Eltern begannen sich der Meinung anzuschließen, Zurückgezogenheit sei inakzeptabel und Gruppenzugehörigkeit sowohl für Mädchen als auch für Jungen das erstrebenswerte Ideal. Sie rieten ihren Kindern von einsamen und ernsthaften Hobbys wie klassischer Musik ab, die sie unbeliebt machen könnten. Kinder wurden immer früher zur Schule geschickt, hauptsächlich, damit sie den Umgang mit anderen lernten. Introvertierte Kinder galten als Problemfälle (was heutigen Eltern von introvertierten Kindern nicht unbekannt sein dürfte). William Whytes Buch Herr und Opfer der Organisation, das 1956 ein Bestseller in den USA war, stellt dar, wie Eltern und Lehrer sich zusammentaten, um die Persönlichkeit von introvertierten Kindern umzugestalten. »Johnny kam in der Schule nicht gut klar«, erzählte eine Mutter Whyte. »Der Lehrer er- 48
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde klärte mir, dass er im Unterricht gut mitkam, aber sein Sozialverhalten zu wünschen übrig ließ. Er spielte nur mit ein oder zwei Freunden, und manchmal blieb er auch ganz für sich.« Die Eltern waren mit entsprechenden Maßnahmen einverstanden, schrieb Whyte. »Mit Ausnahme von ein paar Einzelfällen sind die meisten Eltern dankbar, dass die Schulen sich solche Mühe geben, der Neigung zur Introversion und anderen lebensfernen Abnormalitäten entgegenzuwirken.«” Die Eltern, die unter dem Einfluss dieses Wertesystems standen, waren weder unfreundlich noch unsensibel. Sie bereiteten ihre Kinder nur auf »das Leben« vor. Als diese Kinder groß waren und sich um einen Platz im College und später um ihre erste Stelle bewarben, waren sie mit denselben Normen der Grup- penzugehörigkeit konfrontiert. Die Aufnahmegremien an den Universitäten suchten nicht nach den außergewöhnlichsten, sondern nach den extravertiertesten Bewerbern. Der damalige Rektor von Harvard Paul Buck erklärte Ende der 1940er Jahre, dass Harvard »sensible, neurotische« und »intellektuell überstimulierte« Kandidaten zugunsten von »gesunden, extravertierten jungen Männern« ablehnen sollte. 1950 ließ der Präsident von Yale Alfred W. Griswold verlauten, der ideale Yale-Student sei kein »düster blickender, hoch ” spezialisierter Intellektueller, sondern ein vielseitiger Mensch«. Bewerder Ein anderer Dekan sagte zu Whyte, bei der Sichtung Menbungen von Schulabgängern riete einem der gesunde schenverstand, nicht nur in Betracht zu ziehen, was das College büros wollte, sondern auch, was vier Jahre später die Personal gesellider Unternehmen wollten. »Sie mögen einen ziemlich besder ist nach gen, aktiven Typ«, sagte er. »Unserer Meinung abgeschnitten te Kandidat jemand, der in der Schule relativ gut 49
Das Ideal der Extraversion hat und viele außerschulische Aktivitäten vorweisen kann. Mit »brillanten« Introvertierten können wir wenig anfangen.«” Dieser Dekan begriff sehr gut, dass der ideale Angestellte Mitte des 20. Jahrhunderts - selbst wenn er beruflich wenig mit Menschen zu tun hatte, wie etwa ein Wissenschaftler im Labor eines Unternehmens - kein tiefer Denker, sondern ein lebhafter Extravertierter mit einer Vertretermentalität zu sein hatte. »Sobald das Wort »brillant« fällt«, schrieb Whyte, »folgt danach gewöhnlich ein »Aber« (z.B. »Wir sind alle für brillante Leistungen, aber ...<), oder es wird mit Begriffen wie sprunghaft, exzentrisch, introvertiert oder schrullig gekoppelt.« »Diese Leute werden Kontakt mit anderen Leuten in der Firma haben«, äußerte sich ein Manager 1950 über die bedauernswerten Wissenschaftler, die für ihn arbeiteten, »und es ist von Vorteil, wenn sie einen guten Eindruck machen.«® Die Arbeit der Wissenschaftler bestand nicht nur darin zu forschen, sondern auch bei der Vermarktung zu helfen, und dazu war ein kumpelhaftes Auftreten notwendig. Bei IBM, einem Unternehmen, das das Ideal des Angestellten, der mit Haut und Haar der Firma gehörte, zur vollen Entfaltung brachte, versammelten sich die Vertriebsmitarbeiter jeden Morgen, um die Firmenhymne »Immer voran« zu schmettern und sich beim Song »Selling IBM« nach der Melodie von »Singin’ in the Rain« aufeinander einzuschwören: »Wir verkaufen IBM«, so begann der Text. »Das ist so grandios, und die Welt ist unser Freund.« Und es lief auf ein großartiges Finale hinaus: »Wir sind immer gut in Form, und wir arbeiten mit Schwung. Wir verkaufen, ja verkaufen IBM.«?” Dann widmeten sie sich ihren Verkaufsgesprächen und bewiesen, dass die Aufnahmegremien von Harvard und Yale wahr50
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde scheinlich recht hatten: Nur eine bestimmte Sorte Mensch konnte überhaupt daran interessiert sein, auf diese Weise in den Tag zu starten. Die anderen, die in den Mühlen der Firmen steckten, mussten sehen, wie sie zurechtkamen. Und wenn die Geschichte des Medikamentenkonsums aussagekräftig ist, dann knickten viele unter dem Druck ein. 1955 brachte das Pharma-Unternehmen Carter-Wallace den Tranquilizer Miltown auf den Markt und gab eine neue Definition von Angst als natürlichem Produkt einer Gesellschaft, die sowohl auf dem Prinzip erbarmungsloser Konkurrenz als auch auf einem unerbittlichen Gruppenzwang beruhte. Miltown wurde an Männer verkauft und entwickelte sich nach Aussagen der Sozialhistorikerin Andrea Tone sofort zum „Medikament mit den höchsten Absatzzahlen in der amerikanischen Geschichte«. Bis 1956 hatte es bereits jeder zwanzigste Amerikaner ausprobiert; 1960 bestand schon ein Drittel aller Verschreibungen, die amerikanische Ärzte ausstellten, aus Mil- town oder Equanil, einem ähnlichen Medikament. »ÄNGSTE UND SPANNUNGEN SIND IN DER HEUTIGEN ZEIT NORMAL«, laudas tete eine Werbung für Equanil.’® In den 1960er Jahren folgte die den Beruhigungsmittel Serentil mit einer Werbekampagne, noch n, Anspruch, die soziale Leistungsfähigkeit zu verbesser unverblümter herausstellte. »GEGEN DIE ANGST, NICHT DAZUZUPASSEN«, lautete der Slogan.” ette ErfinNatürlich ist das Ideal der Extraversion keine kompl mmten besti dung der Moderne. Die Extraversion ist, wenn man kanischen Psychologen glauben darf, buchstäblich in der ameri PersönlichDNA festgeschrieben.” In Asien und Afrika ist dieses a und speziell in keitsmerkmal weniger dominant als in Europ 5l
Das Ideal der Extraversion Amerika - ein Kontinent, dessen Bewohner weitestgehend . Nachkommen von Migranten sind. Es ist nachvollziehbar, sagen diese Forscher, dass Menschen, die in die Welt hinauszogen, extravertierter waren als Sesshafte - und dass sie ihre Persönlichkeitsmerkmale an ihre Kinder und Enkel weitervererbten. »Da Persönlichkeitsmerkmale mit den Erbanlagen weitergegeben werden«, schreibt der Psychologe Kenneth Olson, »ließ jede neue Auswanderungswelle auf einem neuen Kontinent mit der Zeit eine Bevölkerung von engagierteren Individuen entstehen, als es im Ursprungsland der Emigranten gab.« Wir können unsere Bewunderung für Extravertierte sogar bis zu den Griechen und Römern zurückverfolgen. Bei den Griechen war Rhetorik eine hoch angesehene Fähigkeit; und für die Römer galt die Verbannung aus der Stadt mit ihrem lebhaften gesellschaftlichen Treiben als schlimmste Strafe überhaupt. Wir verehren unsererseits die amerikanischen Gründerväter dafür, dass sie mit der Parole »Gebt mir die Freiheit oder gebt mir den Tod!« lautstark für die Freiheit eintraten. Selbst das Christentum der religiösen Erweckungsbewegungen in Amerika, die bis auf das erste »Große Erwachen« im 18. Jahrhundert zurückgehen, hing vom Schauspieltalent der Prediger ab.’ Sie galten als erfolgreich, wenn sie ein Publikum von normalerweise reservierten Menschen dazu brachten, zu schluchzen, zu schreien und die Fassung zu verlieren. »Nichts erscheint uns qualvoller und peinigender als ein Prediger, der fast bewegungslos dasteht und sich so gefühllos abmüht, als würde ein Mathematiker die Entfernung vom Mond zur Erde berechnen«, beklagte sich eine religiöse Zeitung 1837. Wie diese Einschätzung zeigt, verehrten die ersten amerikanischen Siedler Tatkraft in einem solchen Maße, dass sie den In-
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde tellekt verachteten und geistiges Leben mit der trägen und uneffektiven europäischen Aristokratie assoziierten, die sie hinter sich gelassen hatten. Beim Wahlkampf um das Präsidentenamt 1828 standen sich der ehemalige Harvardprofessor John Quincy Adams und Andrew Jackson, ein großer militärischer Held, gegenüber. Ein Wahlslogan für Jackson trifft folgende bezeichnende Unterscheidung zwischen den beiden: JOHN QUINCY ADAMS, DER SCHREIBEN KANN, UND ANDREW JACKSON, DER KÄMPFEN KANN. Und wer siegte? Der Kämpfer schlug den Schreiberling, wie der Kulturhistoriker Neal Gabler es ausdrückte.” (Quincy Adams wird von Psychologen übrigens für einen der wenigen Introvertierten in der Geschichte der amerikanischen Präsidentschafts- kandidaten gehalten.) Die Ausbreitung der Persönlichkeitskultur verstärkte diese Vorurteile noch, sodass sie nicht nur auf politische und religiöse Wortführer, sondern auch auf normale Menschen Anwendung fanden. Und auch wenn die Seifenhersteller vielleicht aus der neuen Betonung von Anziehungskraft und Ausstrahlung Nutzen zogen, waren doch nicht alle über diese Entwicklung erfreut. »Die Achtung vor der individuellen Persönlichkeit des Menschen hat mit uns den Tiefpunkt erreicht«, bemerkte ein Intellektueller 1921, »und es ist ein amüsantes Paradox, dass keine Nation so unablässig von der Persönlichkeit spricht wie wir. Wir haben Schulen für »Selbstdarstellung« und »Selbstentfaltung«, obwohl wir damit gewöhnlich die Selbstdarstellung und Persönlichkeitsentfaltung eines erfolgreichen Immobilienmaklers zu meinen scheinen.«” 53
Das Ideal der Extraversion Ein anderer Kritiker klagte darüber, wie sklavisch die Ameri- . kaner Unterhaltungskünstler zu hofieren begannen. »Es ist bemerkenswert, wie viel Aufmerksamkeit die Zeitschriften heutzutage der Bühne und allem, was damit zusammenhängt, schenken«, monierte er.‘ Nur zwanzig Jahre davor - während der Charakterkultur nämlich - wären solche Themen für unschicklich gehalten worden. Jetzt »nehmen sie einen so breiten Raum im gesellschaftlichen Leben ein, dass sie zum Gesprächsthema quer durch alle Schichten geworden sind.« Selbst das berühmte Gedicht von T. S. Eliot aus dem Jahre 1915). Alfred Prufrocks Liebesgesang - in dem dieser die Notwendigkeit beklagt, sich »zu wappnen gegen jedes Antlitz, das dich streift« - erscheint wie ein Schrei der Entrüstung über den neuen Zwang zur Selbstdarstellung.” Während die Dichter noch ein Jahrhundert vorher »einsam wie eine Wolke« durch die Natur gestreift waren (Wordsworth 1802) oder sich in die Einsamkeit von Walden Pond zurückzogen (Thoreau 1854), sorgt sich Eliots Prufrock vor allem darüber, angeschaut zu werden von »Augen, die im Gespräch mich abschätzig begucken ..., bis aufgespießt ich zapple an der Wand«. Heute, hundert Jahre nach Eliots Gedicht, wird Prufrocks Pro- test sorgsam in Highschool-Lehrplänen bewahrt, wo er von Teenagern, die zunehmend geschickt ihre eigene On- und Offline-Präsenz gestalten, pflichtbewusst auswendig gelernt und rasch vergessen wird. Diese Schüler leben in einer Welt, in der Status, Einkommen und Selbstwert mehr denn je von der Fähigkeit abhängen, den Ansprüchen der Persönlichkeitskultur gerecht zu werden. Der Druck, unterhaltsam zu sein, sich gut zu verkaufen und nie Angst zu zeigen, verschärft sich immer wei54
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde ter. Die Anzahl der Amerikaner, die sich für schüchtern halten, ist von 40 Prozent in den 1970er Jahren auf 50 Prozent in den 1990ern angestiegen, was wahrscheinlich daran liegt, dass wir die Messlatte furchtloser Selbstdarstellung immer höher hängen. Unter »sozialer Angststörung« - was schlicht krankhafte Schüchternheit bedeutet - leidet inzwischen etwa jeder Fünfte. Im neuesten Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-IV), der Bibel der Psychiater für psychische Krankheiten, wird die Angst, vor anderen zu sprechen, als pathologisch erachtet - nicht als Beeinträchtigung oder Nachteil, sondern als Krankheit -, wenn sie die beruflichen Leistungen des Betroffenen schmälert.* »Es reicht nicht aus«, sagte ein leitender Manager von Eastman Kodak dem Autor Daniel Goleman, »am Computer eine großartige statistische Regressionsanalyse durchführen zu können, wenn man zu zaghaft ist, die Ergebnisse vor einem Team von Führungskräften zu präsentieren.«” (Augenscheinlich ist es in Ordnung, sich bei einer Regressionsanalyse zaghaft anzustellen, solange man grofsartige Re- den schwingt.) Doch der vielleicht beste Ansatz, um die Persönlichkeitskultur des 21. Jahrhunderts auf den Prüfstand zu stellen, bietet sich bei einer Rückkehr in die Selbsthilfe-Arena. Heute, ein ganzes Jahrhundert, nachdem Dale Carnegie seinen ersten öffentlichen Rhetorikkurs im CVJM abhielt, steht sein auflagenstarkes Buch How to Win Friends and Influence People* noch immer in jedem Flughafenregal und aufden Bestsellerlisten von Literatur für Geschäftsleute. Das Dale-Carnegie-Institut bietet nach wie vor aktualisierte Fassungen der Kurse Carnegies an, und die Fähigkeit, flüssig und gewandt zu kommunizieren, gehört noch immer gezum Grundbestandteil des Lehrplans. Die 1924 gegründete 55
Das Ideal der Extraversion meinnützige Organisation »Toastmasters«, deren Mitglieder sich _ allwöchentlich treffen, um das Reden vor anderen zu üben und deren Gründer erklärte, dass »alles Reden Verkaufen ist und alles Verkaufen Reden beinhaltet«” -, blüht und gedeiht nach wie vor mit über 12 500 Ortsverbänden in 113 Ländern. Im Werbevideo auf der Webseite von Toastmasters” ist eine Parodie zu sehen: Zwei Kollegen, Eduardo und Sheila, sind Teilnehmer an der »sechsten jährlichen Global-Business-Konferenz« und sitzen im Publikum, während ein nervöser Redner sich durch einen jämmerlichen Vortrag hangelt. »Ich bin so froh, dass ich nicht er bin«, flüstert Eduardo. »Machst du Witze?«, erwidert Sheila mit einem befriedigten Lächeln. »Du erinnerst dich wohl nicht mehr an die Verkaufspräsentation letzten Monat für die neuen Kunden. Ich dachte, du würdest in Ohnmacht fallen.« »Ganz so schlecht war ich doch nicht, oder?« »Und ob. Wirklich schlecht. Sogar noch schlechter.« Eduardo sieht wie ein begossener Pudel aus (während die ziemlich unsensible Sheila nichts zu merken scheint). »Aber«, sagt Sheila, »das lässt sich ändern. Du kannst es besser machen... Hast du schon mal was von Toastmasters gehört?« Sheila, eine junge und attraktive Brünette, schleppt Eduardo zu einem Toastmasters-Treffen. Dort meldet sie sich freiwillig für eine Übung, die »Wahrheit oder Lüge« heißt. Sie soll den etwa 15 Anwesenden eine Begebenheit aus ihrem Leben erzählen, und diese müssen anschlief3end entscheiden, ob sie ihr glauben oder nicht. »Wetten, dass ich sie alle hereinlegen kann«, flüstert sie Eduardo diskret zu und steigt aufs Podium. Höchst eloquent trägt 56
Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde sie eine Geschichte über ihre Zeit als Opernsängerin vor, die mit dem ergreifenden Entschluss endet, ihre Karriere aufzugeben, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Am Ende fragt der »Toastmaster« - oder Moderator - des Abends die anderen, ob sie Sheila Glauben schenken. Alle heben zustimmend die Hand. Der Moderator wendet sich an Sheila und fragt sie, ob die Geschichte echt war. »Ich kann nicht einmal einen Ton richtig treffen!«, strahlt Sheila triumphierend. Sheila wirkt etwas verschlagen, aber auch seltsam sympathisch. Wie die ängstlichen Leser der Persönlichkeits-Ratgeber von 1920 versucht sie bloß, in der Firma voranzukommen. »An meinem Arbeitsplatz herrscht so viel Konkurrenz«, gesteht sie vor der Kamera, »dass es wichtiger denn je ist, meine Fähigkeiten immer aufzupolieren.« Aber was sind das für Fähigkeiten? Sollen wir so geschickt bei der Selbstdarstellung werden, dass wir uns verstellen können, ohne dass esjemand merkt? Müssen wir lernen, die eigene Stimme, Gestik und Körpersprache so bühnenreif zu inszenieren, dass wir jede Geschichte erzählen (und verkaufen) können, die wir wollen? Das scheinen skrupellose Bestrebungen zu sein, ein Hinweis darauf, wohin wir - aufungute Weise - seit Dale Carne- gies Kindheit gekommen sind. Dales Eltern hatten hohe moralische Maßstäbe. Sie wollten, dass ihr Sohn einen Beruf in Religion oder Erziehung und nicht im Verkauf ergreifen sollte. Kartenspiele hielten sie für Teufelswerk. Es ist unwahrscheinlich, dass sie an einer Selbstverbesserungstechnik namens »Wahrheit oder Lüge« Gefallen gefunden hätten, ebenso wenig wie an Carnegies Bestseller-Ratgeber, wie man es schafft, von Menschen bewundert zu werden und sie für 57
Das Ideal der Extraversion seine Zwecke einzuspannen. In seinem Buch wimmelt es von Kapitelüberschriften in der Art von »Wie Sie vorgehen, damit Menschen gern tun, was Sie wollen« und »Wie Sie vorgehen, damit Menschen Sie auf der Stelle mögen«. Das alles wirft die Frage auf: Wie konnten wir von der Charakter- zur Persönlichkeitskultur übergehen, ohne das Gefühl zu haben, dabei etwas Bedeutsames zu opfern? |
KONpITTSERE 2 Der Mythos der charismatischen Führung Die Persönlichkeitskultur heute Die Gesellschaft selbst ist ein Paradebeispiel für extravertierte Werte, und es hat kaum je eine Gesellschaft gegeben, die sie so stark gepredigt hat. »Kein Mensch ist eine Insel« - John Donne würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie oft und aus welchen Gründen dieser Satz gebetsmühlenartig wiederholt wird. William Whyte Wie die Verkaufsmentalität zur Tugend wurde: In einem Tony-Robbins-Seminar »Sind Sie aufgeregt?«, trällert eine junge Blondine namens Stacy, als ich ihr mein Anmeldeformular reiche. Ihre honigsüße Stimme steigert sich zu einem großen Fragezeichen. Ich nicke und lächle so fröhlich, wie ich kann. Quer durch die Empfangshalle des Atlanta Convention Center hindurch dringt das Gekreisch von Leuten an mein Ohr. »Was ist das für ein Lärm?«, frage ich. »Vor dem Hineingehen werden alle auf Hochtouren gebracht!«, erläutert Stacy begeistert. »Das gehört zur UPW-Erfahrung.« Sie reicht mir eine violette Mappe mit Spiralbindung und ein laminiertes Namensschild, das ich um den Hals tragen soll. »UNLEASH THE POWER WITHIN - BEFREIE DIE INNERE KRAFT«, 59
Das Ideal der Extraversion steht auf der Mappe in riesigen Großbuchstaben. Willkommen . zum Einstiegsseminar bei Tony Robbins. Ich habe 895 Dollar bezahlt, und dem Werbematerial zufolge werde ich lernen, mehr Energie zu haben, mehr Schwung in mein Leben zu bringen und meine Ängste zu bezwingen. Aber in Wirklichkeit bin ich nicht hier, um meine innere Kraft zu befreien (auch wenn ich für den einen oder anderen Tipp immer dankbar bin). Ich bin hier, weil das Seminar die erste Station auf meinem Weg ist, das Ideal der Extraversion zu erforschen. Ich habe Tony Robbins in seinem Werbevideo gesehen - er behauptet, es werde in jedem Augenblick irgendwo ausgestrahlt -, und er scheint mir zu den eher extravertierten Menschen auf der Welt zu gehören. Aber er ist nicht einfach nur irgendein Extravertierter. Er ist der Selbsthilfe-Guru mit einer Klientenliste, auf der schon Präsident Clinton, Tiger Woods, Nelson Mandela, Margaret Thatcher, Prinzessin Diana, Michael Gorbatschow, Mutter Teresa, Serena Williams vertreten waren - und fünfzig weitere Millionen Menschen stehen. Die Selbsthilfeindustrie, in die Hunderttausende von Amerikanern jedes Jahr ihr Herz, ihre Seele und etwa elf Milliarden Dollar stecken, offenbart sehr viel über unsere Vorstellung vom Ideal-Ich, das wir zu erreichen hoffen, wenn wir nur diese sieben Grundsätze hier und jene drei Gesetze dort beherzigen. Ich will wissen, wie dieses Ideal-Ich aussieht. Stacy erkundigt sich, ob ich mein Essen mitgebracht habe. Was für eine seltsame Frage. Wer schleppt sein Abendessen den ganzen Weg von New York bis nach Atlanta mit? Sie empfiehlt mir, mich vor dem Seminar unbedingt zu stärken: Wir würden die nächsten vier Tage von Freitag bis Montag 15 Stunden täglich arbeiten, jeweils von acht Uhr morgens bis elf Uhr abends, 60
Die Persönlichkeitskultur heute mit nur einer kurzen Pause am Nachmittag. Tony sei die ganze Zeit auf der Bühne, und ich solle keinen Augenblick verpassen. Ich schaue mich in der Empfangshalle um. Andere wissen offenbar schon Bescheid - sie schlendern mit Einkaufstüten voller Kraftriegel, Bananen und Snacks durch die Halle. Ich hole mir von der Snackbar ein paar Äpfel, die schon leichte Druckstellen haben, und gehe in Richtung Saal. Platzanweiser mit UPWShirts und ekstatischem Lächeln stehen am Eingang, hüpfen auf und ab und wedeln mit den Armen. Man kommt nicht an ihnen vorbei, ohne sie abzuklatschen - ich weiß es, denn ich habe es ausprobiert. Im riesigen Saal wärmt eine Phalanx von Tänzern, die auf riesigen Leinwänden zu beiden Seiten der Bühne in Großaufnahme erscheinen, das Publikum mit dem Billy-Idol-Song Mony Mony auf, der durch eine hochkarätige Musikanlage ertönt. Sie bewegen sich synchron wie Hintergrundtänzer in einem BritneySpears-Video, sind aber wie leitende Angestellte gekleidet. Der erste Tänzer, ein Mittvierziger mit schon leicht schütterem Haar, trägt ein durchgeknöpftes weißes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln und Krawatte. Die Botschaft lautet offenbar, wir könnten alle lernen, so überschwänglich zu sein, wenn wir morgens an die Arbeit gehen. Die Tanzschritte sind in der Tat so einfach, dass wir sie an unserem Platz leicht nachmachen können: einmal hüpfen und zweimal klatschen, einmal links, einmal rechts. Als Gimme Some Lovin’folgt, klettern viele Leute im Publikum aufihre metallenen Klappstühle und toben und klatschen weiter. Ich stehe leicht gereizt mit verschränkten Armen da, bis ich zum Schluss komme, dass mir nichts übrig bleibt, als mitzumachen, und beginne, wie die anderen Teilnehmer auf und ab zu hüpfen. 61
Das Ideal der Extraversion Schließlich kommt der Augenblick, auf den alle gewartet ha-. ben: Tony Robbins springt auf die Bühne. Er ist bereits gigantische 1,96 Meter groß, aber auf der Megatron-Leinwand wirkt er wie mindestens 30 Meter. Mit seinem dichten braunen Haar, dem Zahnpasta-Lächeln und seinen unglaublich markanten Wangenknochen sieht er aus wie ein Filmstar. ERLEBEN SIE TONY ROBBINS LIVE!, versprach die Werbung, und jetzt ist er da und tanzt begeistert mit der euphorischen Menge. Obwohl im Saal eine gefühlte Temperatur von höchstens zehn Grad herrscht, trägt Tony ein kurzärmliges Polohemd und Shorts. Viele Teilnehmer haben Decken mitgebracht - sie wussten wohl, dass es im Saal eisig kalt ist, wahrscheinlich als Entgegenkommen an Tonys hochtourigen Stoffwechsel. Um diesen Mann abzukühlen, wäre eine neue Eiszeit nötig. Er springt, strahlt und schafft es irgendwie, Augenkontakt mit allen 3800 Teilnehmern aufzunehmen. Die Ordner tänzeln in den Seitengängen verzückt auf und ab. Tony öffnet die Arme und umarmt uns alle. Wenn Jesus auf die Erde zurückkehrte und als Erstes im Atlanta Convention Center haltmachte, könnte der Jubel bei sei- nem Empfang kaum größer sein. Das gilt sogar für die hinteren Reihen, wo ich mit den Teilnehmern sitze, die nur 895 Dollar pro Person für den »generellen Eintritt« ausgegeben haben statt 2500 Dollar für eine »diamantene Premium-Mitgliedschaft«, dank welcher man einen Platz ganz vorne bekommt, um Tony möglichst nahe zu sein. Bei der Bestellung meiner Eintrittskarte belehrte mich die Kartenverkäuferin am Telefon, dass die Leute in den ersterı Reihen - wo »Sie Tony garantiert aus nächster Nähe sehen« statt nur auf der Leinwand - in der Regel »mehr Erfolg im Leben« hätten. »Das sind die Leute, die mehr Energie haben«, erklärte sie. »Das sind 62
. Die Persönlichkeitskultur heute die Leute, die laut schreien.« Ich kann unmöglich beurteilen, wie »erfolgreich« die Leute neben mir sind, aber auch sie scheinen zweifellos mit Begeisterung dabei zu sein. Beim Anblick von Tony, der so geschickt beleuchtet wird, dass sein ausdrucksstarkes Gesicht voll zur Geltung kommt, stoßen sie Schreie aus und verfallen in das Rockkonzert-Gehopse zwischen den Sitzreihen. Schon bald mache ich mit. Ich habe schon immer liebend gerne getanzt und muss zugeben, dass in einer Menge von Leuten zu den Top 40 Classics zu rocken ein ausgezeichneter Zeitvertreib ist. Befreite Kraft kommt Tony zufolge von hoher Energie, und ich kann dieser Argumentation folgen. Kein Wunder, dass die Leute von weither anreisen, um ihn persönlich zu erleben (neben mir sitzt - nein, hüpft - eine hübsche junge Frau aus der Ukraine mit einem verzückten Lächeln). Ich muss wirklich an- fangen, wieder Aerobic zu machen, wenn ich zurück in New York bin, beschliefße ich. Als die Musik schließlich aufhört, beginnt Tony mit einer Reibeisenstimme - halb Muppet-Show, halb Schlafzimmer-Tonfall seine Theorie der »praktischen Psychologie« vorzustellen. Der Kern lautet, dass Wissen nutzlos ist, wenn daraus keine Taten folgen. Er hat eine verführerische, schnelle Art des Redens, um die ihn Willy Loman, der Protagonist in Arthur Millers Drama Tod eines Handlungsreisenden, beneidet hätte. Um die praktische Psychologie gleich an Ort und Stelle zu demonstrieren, fordert uns Tony auf, uns einen Partner zu suchen und ihn so zu begrüßen, als fühlten wir uns minderwertig und fürchteten eine Abfuhr. Ich tue mich mit einem Bauarbeiter aus Atlanta zusamvermen, und wir geben uns zögerlich die Hand und blicken 63
Das Ideal der Extraversion schämt zu Boden, während als Hintergrundmusik »I want you. to want me« läuft. Dann stellt Tony eine Reihe von geschickt formulierten Fragen: »Habt ihr tief oder flach geatmet?« »Flach«, rufen die Teilnehmer einstimmig. »Habt ihr gezögert, oder seid ihr direkt auf euren Partner zugegangen?« | »Gezögert!« »War euer Körper angespannt oder entspannt?« »Angespannt!« Tony bittet uns, die Übung zu wiederholen, diesmal aber unseren Partner so zu begrüßen, als wenn der Eindruck, den wir in den ersten drei bis fünf Sekunden machen, darüber entscheidet, ob er mit uns zukünftig Geschäfte macht. Wenn wir das nicht schaffen, »werden alle, die euch lieb sind, wie Schweine in der Hölle schmoren«. Ich bin verwundert, dass Tony den geschäftlichen Erfolg betont - das ist ein Persönlichkeitsseminar, kein Verkaufstraining. Doch dann fällt mir ein, dass Tony nicht nur Persönlichkeitscoach, sondern auch ein Geschäftsmann ersten Ranges ist - er hat seine Karriere im Vertrieb begonnen und ist heute Vorstandsvorsitzender von sieben großen Firmen. Business Week hat sein Einkommen einmal aufachtzig Millionen Dollar im Jahr geschätzt. Jetzt versucht er offenbar mit der ganzen Kraft seiner starken Persönlichkeit, seine Verkaufsmethode an uns weiterzugeben. Er will, dass wir uns nicht nur gut fühlen, sondern Energiewellen ausstrahlen, dass Menschen uns nicht nur mögen, sondern sehr mögen. Wir sollen lernen, uns gut zu verkaufen. 64
P Die Persönlichkeitskultur heute In einem 45-seitigen persönlichen Gutachten nach einem Online-Persönlichkeitstest, an dem ich als Vorbereitung auf das Wochenende teilgenommen habe, wurde mir von den »Anthony Robbins Companies« bereits geraten, »Susan« solle an ihrer Neigung arbeiten, ihre Ideen nur vorzubringen, statt sie zu verkaufen. (Das Gutachten war in der dritten Person abgefasst, als wäre es an einen imaginären Vorgesetzten gerichtet, der meine soziale Kompetenz einschätzen will.) Die Teilnehmer bilden wieder Paare, die sich diesmal begeistert miteinander bekannt machen und herzlich die Hand ihres Gegenübers schütteln. Nachdem wir einander genügend begrüßt haben, kommt wieder ein Fragenkatalog: »Habt ihr euch besser gefühlt, ja oder nein?« »Jal« »Habt ihr euren Körper anders bewegt, ja oder nein?« »Ja!« »Habt ihr mehr Gesichtsmuskeln bewegt, ja oder nein?« »Jal« »Seid ihr direkt auf euren Partner zugegangen, ja oder nein?« »Jal« Die Übung soll uns offenbar zeigen, dass unser physiologischer Zustand unser Verhalten beeinflusst, aber sie will uns auch einreden, dass selbst die neutralste Interaktion eine Verkaufsstrategie beinhaltet. Wir sollen merken, dass jede Begegnung ein Spiel mit hohem Einsatz ist, bei dem wir die Sympathie eines anderen gewinnen oder verlieren. Sie legt uns eindringlich nahe, sozialen Ängsten so extravertiert wie möglich zu begegnen. Wir müssen dynamisch und voller Selbstvertrauen sein, statt zögerlich zu erscheinen, wir müssen lächeln, damit unsere Gesprächspartner zurücklächeln. Wenn wir so vorgehen, wer- 65
Das Ideal der Extraversion den wir uns gut fühlen, und je besser wir uns fühlen, desto bes-. ser können wir uns verkaufen. Tony ist allem Anschein nach die perfekte Person, um solche Fähigkeiten zu demonstrieren. Er wirkt auf mich wie jemand mit einem sogenannten »hyperthymen« Temperament - eine Art Extraversion auf Speed, die mit den Worten eines Psychiaters durch eine »überschwängliche, überaktive, euphorische und extrem selbstbewusste Wesensart« gekennzeichnet ist.' Das soll sich angeblich im Geschäftsleben, besonders im Verkauf, als Vorteil erweisen. Menschen mit einem solchen Wesen sind oft wunderbare Gesellschafter, wie es Tony auf der Bühne ist. Doch was, wenn man zwar die Hyperthymen bewundert, aber auch sein eigenes ruhiges, besonnenes Ich mag? Was, wenn man wünschte, es gäbe mehr, nicht weniger nachdenkliche Menschen auf der Welt? Tony scheint solche Fragen vorausgeahnt zu haben. »Aber ich bin nicht extravertiert, sagen Sie!«, verkündet er am Anfang des Seminars. »Na und? Sie brauchen nicht extravertiert zu sein, um sich lebendig zu fühlen!« Zweifellos nicht. Doch Tony zufolge sollten Sie sich besser wie ein Extravertierter verhalten, wenn Sie die Verkaufsverhandlung nicht vermasseln und mit ansehen wollen, wie ihre Angehörigen wie Schweine in der Hölle schmoren. Den Höhepunkt des Abends bildet der Feuerlauf, eine der Attraktionen des Seminars. Wir werden aufgefordert, über ein drei Meter langes Bett mit glühenden Kohlen zu laufen, ohne uns die Füße zu verbrennen. Viele nehmen an diesem Seminar teil, weil sie vom Feuerlauf gehört haben und ihn selbst ausprobieren wollen. Die Idee dabei ist, dass man sich in einen so furchtlosen 66
. Die Persönlichkeitskultur heute Gemütszustand versetzt, dass man sogar 500 Grad Hitze unbe- schadet übersteht. Bis dahin trainieren wir stundenlang Tonys Techniken - mit Übungen, Tanz, Visualisierungen. Ich stelle fest, dass die Leute im Saal anfangen, jede Bewegung und jede Mimik von Tony nachzuahmen, einschließlich seiner charakteristischen Geste, seinen Arm nach oben zu schwingen, als werfe er einen Baseball. Der Abend geht seinem Höhepunkt entgegen, als schließlich kurz vor Mitternacht fast 4000 Menschen, die zum Rhythmus von Stammestrommeln Ja! Ja! Ja! intonieren, in einem Fackelzug zum Parkplatz marschieren. Das scheint die Seminarteilnehmer zu elektrisieren, aber für mich klingt dieser von Trommeln begleitete Sprechgesang - Ja! Ba-da-da-Da, Ja! Dumdum-dum-Dum, Ja! Ba-da-da-Da - so, als würde ein römischer General nach seiner letzten militärischen Eroberung einen Siegeszug inszenieren. Die Ordner, die noch am Vormittag mit erhobener Hand und strahlendem Lächeln als Türhüter fungierten, haben sich in Wächter des Feuerlaufs verwandelt und locken uns mit ausgebreiteten Armen an, über das Feuerbett zu laufen. Soweit ich es beurteilen kann, hängt ein erfolgreicher Feuerlauf weniger vom eigenen Geisteszustand als von der Dicke der Fußsohlen ab, und deshalb schaue ich lieber aus sicherer Entfernung zu. Aber ich scheine die Einzige zu sein, die sich zurückhält. Die meisten Teilnehmer schaffen es hinüberzukommen und jauchzen dabei vor Begeisterung. »Ich hab's geschafft!«, rufen sie, wenn sie am anderen Ende ankommen, »ich habs geschafft!«. Sie haben einen Tony-Robbins-Geisteszustand erreicht. Doch woraus besteht der genau? 67
Das Ideal der Extraversion Er besteht vor allen Dingen aus Überlegenheit - dem Gegenmittel für Adlers Minderwertigkeitskomplex. Tony verwendet das Wort Kraft statt Überlegenheit (heutzutage sind wir zu klug, um unser Streben nach Selbstvervollkommnung ungeschminkt in sozialdarwinistische Begriffe zu kleiden), aber alles an ihm ist eine Übung in Überlegenheit, von seiner Art, die Teilnehmer manchmal als »Mädels und Jungs« anzusprechen, über die Geschichten, die er von seinen großen Häusern und mächtigen Freunden erzählt, bis hin zu der Art, wie er die Menge - buchstäblich - überragt. Seine beachtliche Körpergröße ist ein wichtiger Bestandteil seines Auftritts; der Titel seines Bestsellers Awaken the Giant Within (»Weck den Riesen in dir«) spricht Bände. Auch sein Intellekt ist beeindruckend. Obwohl er eine akademische Ausbildung geringschätzt (weil man dabei nach seinen Worten nichts über die eigenen Gefühle und den eigenen Körper lernt) und er sich mit seinem neuen Buch Zeit lässt (weil sowie- so niemand mehr liest, wie er meint), hat er es geschafft, sich die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Psychologen anzueignen und sie in eine Supershow mit echten Einsichten zu verpacken, die das Publikum sich zu eigen machen kann. Zum Teil liegt Tonys Genialität darin, dass er seinem Publikum indirekt verspricht, sie an seinem eigenen Weg aus der Minderwertigkeit zur Überlegenheit teilhaben zu lassen. Er war nicht immer so großartig, erzählt er uns, als Kind war er schwächlich. Dann hatte er Übergewicht, bevor er in Form kam. Und bevor er in einem Schloss im kalifornischen Del Mar wohnte, hatte er eine so winzige Mietwohnung, dass er sein Geschirr in der Badewanne aufbewahren musste. Implizit heißt das, dass wir alle das überwinden können, was uns unten hält, dass sogar 68
v Die Persönlichkeitskultur heute Introvertierte über glühende Kohlen laufen und eine freudiges Ja! schmettern können. Der zweite Aspekt des Tony-Robbins-Geisteszustandes ist Gutherzigkeit. Er würde nicht so viele Menschen inspirieren, wenn er ihnen nicht den Eindruck vermittelte, dass es ihm wirklich darum geht, die innere Kraft in jedem von uns zu befreien. Wenn Tony auf der Bühne steht, hat man das Gefühl, dass er mit jeder Faser seines Herzens und seiner Energie singt, tanzt und seine Gefühle ausdrückt. Es gibt Augenblicke, in denen alle Leute gemeinsam singen und tanzen und man nicht anders kann als ihn lieben, auf dieselbe Weise, wie so viele Menschen mit einer Art erschrockener Freude Barack Obama geliebt haben, als sie ihn das erste Mal davon reden hörten, dass man den Parteienstreit überwinden müsse. Irgendwann spricht Tony über die verschiedenen Bedürfnisse, die Menschen haben - nach Liebe, Sicherheit, Abwechslung und so weiter. Ihn motiviere die Liebe, sagt er, und wir glauben ihm. Wäre da nicht noch die andere Seite: Die ganze Zeit versucht er ständig, den Verkauf anzukurbeln. Er und sein Verkaufsteam nutzen das Seminar, für das die Teilnehmer schon eine erkleckliche Summe hingelegt haben, um mehrtägige Seminare mit noch verlockenderen Titeln an den Mann und die Frau zu bringen: »Begegnung mit dem Schicksal«, Kostenpunkt um 5000 Dollar, »Universität der Meisterschaft«, etwa 10 000 Dollar, und die »Platin-Partnerschaft«, mit der man sich für eben mal 45 000 Dollar pro Jahr zusammen mit elf anderen Teilnehmern das Recht erkauft, exotische Ferien mit Tony zu verbringen. In der Pause am Nachmittag bleibt Tony mit seiner sehr hübschen, blonden Frau Sage auf der Bühne, schaut ihr tief in die Augen, streichelt ihr Haar und murmelt ihr etwas ins Ohr. Ich 69
Das Ideal der Extraversion bin glücklich verheiratet, nur ist mein Mann jetzt gerade in New. York und ich bin hier in Atlanta, und sogar ich fühle mich bei diesem Anblick einsam. Wie wäre es erst, wenn ich alleinstehend oder unglücklich liiert wäre? Die Inszenierung würde »ein starkes Bedürfnis« in mir wecken, genau wie es Dale Carnegie vor so vielen Jahren Verkäufern im Hinblick auf ihre möglichen Kunden ans Herz legte. Und tatsächlich flimmert nach der Pause ein ausführliches Video über die riesige Leinwand, in dem Tonys Beziehungsseminar (»Begegnung mit dem Schicksal«) angepriesen wird. In einem weiteren brillant eingefädelten Teil erläutert Tony ausführlich, welchen finanziellen und emotionalen Nutzen es mit sich bringt, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben - und danach empfiehlt ein Mitarbeiter sein 45 000 Dollar teures Platin-Programm. Wer einen der zwölf Plätze erwirbt, tritt, so sagt man uns, der »ultimativen Gruppe Gleichgesinnter« bei, der »Creme de la creme«, der »Elite der Elite der Elite«. Ich wundere mich, dass sich anscheinend keiner der anderen Teilnehmer an diesen Methoden der Verkaufsförderung stößt oder sie auch nur bemerkt. Inzwischen haben viele Leute Einkaufstüten vor sich stehen mit Sachen, die sie in der Eingangshalle gekauft haben - DVDs, Bücher, sogar Hochglanzfotos von Tony, die nur noch gerahmt werden müssen. Wie jeder gute Verkäufer glaubt Tony an das, was er anpreist und das verlockt die Menschen dazu, seine Produkte zu kaufen. Er sieht anscheinend keinen Widerspruch darin, das Beste für die Menschen zu wollen und gleichzeitig selbst aufeinem feudalen Anwesen zu wohnen. Er überzeugt uns davon, dass er sein Verkaufstalent nicht nur für seinen persönlichen Vorteil nutzt, sondern auch, um uns allen zu helfen - so vielen, wie er er70
Die Persönlichkeitskultur heute reichen kann. Tatsächlich schwört einer meiner Bekannten, ein sehr nachdenklicher Introvertierter und erfolgreicher Geschäftsmann, der selber Verkaufstrainings anbietet, darauf, dass ihm Tony Robbins nicht nur zu mehr Erfolg im Geschäft verholfen, sondern ihn auch zu einem besseren Menschen gemacht habe. Als er begann, Seminare wie dieses zu besuchen, so berichtet er, konzentrierte er sich darauf, wer er werden wollte, und wenn er jetzt selber Seminare gibt, ist er diese Person. »Tony gibt mir Energie«, sagt er. »Jetzt kann ich anderen Menschen diese Energie vermitteln, wenn ich vor ihnen stehe.« Am Anfang der Persönlichkeitskultur wurde uns aus rein egoistischen Gründen empfohlen, eine extravertierte Persönlichkeit zu entwickeln: um die anderen in der neuen anonymen Konkurrenzgesellschaft in den Schatten zu stellen. Heutzutage aber glauben wir, extravertierter zu werden mache uns nicht nur erfolgreicher - es mache uns auch zu besseren Menschen. Die Kunst des Verkaufens wird als Methode betrachtet, die Welt mit den eigenen Talenten zu beglücken. Deswegen wird Tonys Eifer, seine Seminare zu verkaufen und zugleich von Tausenden von Menschen angebetet zu werden, nicht als Narzissmus oder Profitmacherei bewertet, sondern als Führungsqualität höchster Ordnung. Wenn Abraham Lincoln die Verkörperung der Tugend in der Charakterkultur darstellte, dann ist Tony Robbins sein Pendant in der Persönlichkeitskultur. Als Tony erwähnt, dass er einmal darüber nachgedacht habe, für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu kandidie- ren, bekommt er lauten Applaus. Aber kann man denn Führungstalent immer mit Hyper-Extraversion gleichsetzen? Um das herauszufinden, besuchte ich zu!
Das Ideal der Extraversion die Harvard Business School (HBS), eine Institution, die stolz auf ihre Leistung ist, einige der herausragendsten Köpfe der wirtschaftlichen und politischen Führungsriege unserer Zeit entdeckt und ausgebildet zu haben. Der Mythos der charismatischen Führung: Von der Harvard Business School bis zu den Internetgurus Das Erste, was mir aufdem Campus der Harvard Business School auffällt, ist, wie die Leute gehen. Niemand bummelt, schlendert oder trödelt. Alle schreiten zielgerichtet aus. In der Woche, in der ich hinfahre, ist es herbstlich frisch, und die Studenten, die über den Campus eilen, wirken wie von der Septemberenergie elektrisch aufgeladen. Begegnen sie einander, nicken sie sich nicht nur zu, sondern begrüßen sich lebhaft und fragen nach, wie das Sommer-Praktikum bei Goldman Sachs oder das Himalaja-Trekking gelaufen ist. Genauso geht es auch im Spangler Center zu, dem prunkvoll eingerichteten Studienzentrum und allgemeinen studentischen Treffpunkt. Raumhohe Seidenvorhänge in Meergrün hängen an den Fenstern, üppige Ledersofas laden zum Sitzen ein, über riesige hochauflösende Bildschirme flimmern stumm die neuesten Neuigkeiten vom Campus, und von den hohen Decken hängen strahlende Kronleuchter. Die Sofas und Tische sind vorwiegend die Wände entlang angeordnet, sodass in der Mitte ein hell erleuchteter Laufsteg entsteht, über den die Studenten forsch schreiten, scheinbar ohne zu bemerken, dass alle Blicke auf sie gerichtet sind. Ich bewundere ihre Nonchalance. Die Studenten übertreffen ihre Umgebung noch, falls das 12,
. Die Persönlichkeitskultur heute überhaupt möglich ist. Niemand hat mehr als zweieinhalb Kilo Übergewicht, eine schlechte Haut oder unpassende Accessoires. Die Studentinnen wirken wie eine Kreuzung aus Cheerleader und Erfolgsfrau. Sie tragen enge Jeans, zarte Blusen und hochhackige, vorne offene Schuhe, die auf den polierten Holzböden des Spangler-Gebäudes ein angenehmes Klick-Klack erzeugen. Manche haben den Gang eines Mannequins, nur strahlen sie und sind kontaktfreudig, statt unnahbar und teilnahmslos. Die Männer sind adrett und sportlich. Sie sehen wie Menschen aus, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, die Führung zu übernehmen, aber auf freundliche Art, wie Pfadfinderführer. Würden Sie einen von ihnen nach dem Weg fragen, so würde er sich, wie ich glaube, mit beflissenem Lächeln der Aufgabe widmen, Sie an Ihr Ziel zu lotsen - egal ob er weiß, wie man hin- kommt oder nicht. Ich setze mich neben ein paar Studenten, die gerade dabei sind, einen Ausflug zu planen. Die Studenten der Harvard Business School sind ständig damit beschäftigt, Kneipenbummel und Partys zu besprechen oder von einer Extremreise zu erzählen, von der sie gerade zurückgekehrt sind. Als sie wissen wollen, weswegen ich auf dem Campus bin, sage ich, dass ich Interviews für ein Buch über Intro- und Extraversion mache. Dabei erwähne ich nicht, dass einer meiner Freunde, selber HBS-Absolvent, die Hochschule einmal als »Kaderschmiede der Extraversion« bezeichnet hat. Aber das brauche ich ihnen auch gar nicht zu sagen. „Viel Glück, wenn Sie hier einen Introvertierten suchen wollen«, sagt der eine. „Diese Hochschule basiert auf Extraversion«, fügt der andere Das hinzu. »Davon hängen die Noten und der soziale Status ab. 73
Das Ideal der Extraversion ist hier einfach die Norm. Hier macht jeder den Mund auf, ist. kontaktfreudig und aufgeschlossen.« »Gibt es denn niemanden, der zu den Stillen im Lande gehört?«, erkundige ich mich. Sie werfen mir einen eigenartigen Blick zu. »Keine Ahnung«, sagt der erste Student wegwerfend. Die HBS ist auf jeden Fall keine gewöhnliche Hochschule. Gegründet 1908, als Dale Carnegie noch als Vertreter durch die Lande fuhr, und nur drei Jahre, bevor er sein erstes Rhetorik- seminar gab, versteht sie sich als Ort, »an dem Führungskräfte herangebildet werden, die etwas in der Welt bewegen«. Der ehemalige Präsident George W. Bush ist ebenso einer ihrer Absolventen wie eine beeindruckende Reihe von Weltbankpräsidenten, amerikanischen Finanzministern, New Yorker Bürgermeistern sowie Vorstandschefs von Firmen wie General Electric, Goldman Sachs, Procter and Gamble, und nicht zuletzt der berüchtigte Jeffrey Skilling, der Bösewicht im Enron-Skandal.? Zwischen 2004 und 2006 waren 20 Prozent aller Spitzenmanager in den obersten drei Stellungen der 500 umsatzstärksten Firmen der Welt HBS-Absolventen. HBS-Absolventen haben höchstwahrscheinlich unser Leben beeinflusst, ohne dass wir es ahnen. Sie haben beschlossen, wer wann in den Krieg ziehen soll; sie haben über das Schicksal der Detroiter Autoindustrie entschieden; sie spielen führende Rollen in praktisch jeder Krise, die die Wall Street, Main Street und Pennsylvania Avenue erschüttert. Wenn Sie in einem amerikanischen Unternehmen arbeiten, prägen Absolventen der Harvard Business School höchstwahrscheinlich auch Ihren Alltag: Diese Leute wägen ab, wie viel Privatsphäre Sie am Arbeitsplatz brau74
Die Persönlichkeitskultur heute chen, wie viele Teamarbeitskurse Sie jährlich besuchen sollten und ob Kreativität eher durch Brainstorming oder durch Einzelarbeit gefördert wird. Wenn man bedenkt, wie weitreichend ihr Einfluss ist, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wer sich dort einschreibt - und welche Werte sie verkörpern, wenn sie Examen machen. Der Student, der mir bei meiner Suche nach Introvertierten an der HBS Glück gewünscht hat, ist zweifellos der Ansicht, dass es dort keine gibt. Er hat offenbar Don Chen, einen Kommilitonen aus dem ersten Studienjahr, nie kennengelernt. Ich begegne Don zum ersten Mal im Spangler Center, wo er nur ein paar Sofas weiter als die Studenten sitzt, die ihre Ausflüge planen. Auch er wirkt wie ein typischer HBS-Student. Er ist groß, hat markante Wangenknochen, ein gewinnendes Lächeln, einen modisch kurzen Surfer-Haarschnitt und gute Manieren. Nach dem Examen möchte er sich einen Job in einer Firma für außerbörsliche Unternehmensbeteiligungen suchen. Wenn man aber eine Weile mit Don redet, merkt man, dass seine Stimme weicher klingt als die seiner Kommilitonen, dass sein Kopf etwas schief geneigt und sein Lächeln ein wenig zögernd ist. Don bezeichnet sich selbst ungeniert als »verbitterten Introvertierten«, verbittert, weil er, je länger er an der HBS ist, desto mehr zu der Überzeugung kommt, dass er sich besser ändern sollte. Don hat gern viel Zeit für sich, doch das ist an der HBS nicht vorgesehen. Sein Tag beginnt frühmorgens, wenn er sich eineinhalb Stunden lang mit seinem »Lernteam« trifft - einer ihm zugteilten Studiengruppe, an der die Teilnahme obligatorisch ist (Studenten der HBS gehen praktisch im Team aufs Klo). Den übrigen Vormittag verbringt er in einem der Seminare. Neunzig Studenten sitzen in einem holzgetäfelten, hufeisenförmigen 19
Das Ideal der Extraversion Hörsaal mit stufenweise angeordneten Sitzreihen. Zu Anfang, bittet der Professor gewöhnlich eine Studentin oder einen Studenten, die Fallstudie des Tages vorzustellen, die aus dem realen Geschäftsalltag gegriffen ist - eine Firmenchefin erwägt beispielsweise eine Änderung der Gehaltsstruktur ihres Unternehmens. Die Hauptfigur in der Studie, in diesem Fall die Firmenchefin, wird als »Protagonist« oder »Protagonistin« bezeichnet. Wenn Sie der Protagonist oder die Protagonistin wären, fragt der Professor - und bald werden Sie es sein, schwingt in seinen Worten mit -, was würden Sie tun? Die Ausbildung an der HBS läuft im Kern darauf hinaus, Studenten zu Führungspersönlichkeiten heranzubilden, die selbstsicher handeln und Entscheidungen angesichts unvollständiger Informationen treffen können. Die Lehrmethode spielt mit einer uralten Frage: Wenn man nicht alle Fakten kennt - und das ist häufig der Fall -, sollte man dann erst handeln, wenn man möglichst viele Informationen gesammelt hat? Oder läuft man beim Zögern Gefahr, das Vertrauen anderer und den eigenen Elan zu verspielen? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Wenn Sie auf der Grundlage ungenügender Informationen Sicherheit vorgeben, können Sie Ihre Mitarbeiter ins Unglück stürzen. Wenn Sie aber Unsicherheit ausstrahlen, leidet die Zuversicht darunter, die Geldgeber investieren nicht mehr, und Ihrer Firma kann erst recht der Bankrott drohen. Die Lehrmethode der HBS bekennt sich implizit zur Seite der Selbstsicherheit und Führungsstärke. Selbst wenn der Chef oder die Chefin die beste Vorgehensweise nicht kennt, muss er oder sie handeln. Auch die HBS-Studenten müssen einen Standpunkt beziehen. Im optimalen Fall hat die Studentin, die gerade per Zufall aufgerufen wurde, das Fallbeispiel bereits mit ihrem Lern76
Die Persönlichkeitskultur heute team durchgesprochen und kann sich über die beste Vorgehensweise der Protagonistin auslassen. Wenn sie fertig ist, bittet der Professor andere Studenten, ihre Meinung zu äufsern. 50 Prozent der Noten der Studenten und ein noch größerer Prozentsatz ihres sozialen Status hängen davon ab, ob sie sich an der hitzigen Debatte beteiligen. Wenn sie sich oft und energisch äußern, gehören sie dazu; wenn nicht, bleiben sie aufgen vor. Viele Studenten passen sich rasch an dieses System an, Don jedoch nicht. Ihm fällt es schwer, sich kraftvoll in die Diskussion einzumischen, und in manchen Seminaren meldet er sich kaum zu Wort. Er zieht es vor, nur dann einen Beitrag zu leisten, wenn er glaubt, er könne einen aufschlussreichen Aspekt beisteuern, oder wenn er einem anderen Studenten ganz und gar nicht zustimmt. Das klingt vernünftig, doch Don hat das Gefühl, dass es besser wäre, wenn ihm das Reden leichter fiele, damit er die ihm zur Verfügung stehende Redezeit voll ausschöpfen könnte. Dons Freunde an der HBS, nachdenkliche, besonnene Studenten wie er, verbringen viel Zeit damit, über die Beteiligung am Seminar zu sprechen. Wie viel Beteiligung ist zu viel? Wie viel ist zu wenig? Wann handelt es sich bei einer offenen Meinungsverschiedenheit mit einem Kommilitonen um eine sinnvolle Debatte, wann sieht sie nach Konkurrenz und Kritik aus? Eine von Dons Freundinnen zeigt sich besorgt, weil ihr Professor eine E-Mail herumgeschickt hat, in der er alle Studenten mit Praxiserfahrung zur aktuellen Fallstudie auffordert, ihm dies vorher mitzuteilen. Sie ist sich sicher, dass der Professor mit dieser Ankündigung dumme Bemerkungen verhindern will, wie jene, die sie in der vergangenen Woche im Seminar gemacht hat. Ein anderer macht sich Sorgen, weil er nicht laut genug spricht. »Ich habe einfach von Natur aus eine leise Stimme«, sagt er, 77
Das Ideal der Extraversion »und wenn ich für andere normal klinge, kommt es mir vor, als würde ich schreien. Daran muss ich arbeiten.« An der Harvard Business School gibt man sich alle Mühe, aus stillen Studenten Redner zu machen. Die Professoren haben ihre eigenen »Lernteams«, in denen sie sich gegenseitig aufstacheln, zurückhaltende Studenten aus der Reserve zu locken. Wenn sich Studenten im Seminar nicht zu Wort melden, wird dies nicht nur als deren Defizit, sondern auch als das ihres Professors gewertet. »Wenn jemand am Ende des Semesters immer noch nichts gesagt hat«, erklärte mir Professor Michel Anteby, »dann ist das problematisch. Es bedeutet, dass ich keine gute Arbeit geleistet habe.« Die Hochschule bietet sogar Informationsveranstaltungen und Internetseiten darüber an, wie man sich im Seminar richtig beteiligt. Dons Freunde rasseln mit ernster Miene die Tipps herunter, an die sie sich am besten erinnern können: + Sprich mit Überzeugung, Auch wenn du etwas nur zu 55 Prozent glaubst, sprich, als glaubtest du hundertprozentig daran. + Wenndudich aufdas Seminar allein vorbereitest, dann machst du es falsch. Nichts an der HBS sollte allein gemacht werden. + Denk nicht über die perfekte Antwort nach. Es ist besser, aufzustehn und etwas zu sagen, als dich nie zu äußern. Auch die Hochschulzeitung The Harbus gibt gute Ratschläge in Artikeln mit Titeln wie »Wie man ohne Zögern nachdenkt und gut spricht!«, »Podiumspräsenz entwickeln« und »Arrogant oder bloß selbstsicher?«. Diese Gebote gelten nicht nur für das Studium. Nach den Seminaren essen die meisten Studenten in der Mensa des Spang78
Die Persönlichkeitskultur heute ler-Gebäudes, in der es, wie ein Absolvent sagt, »mehr zugeht wie an einer Highschool als an der Hochschule«. Jeden Tag ringt Don mit sich. Soll er in sein Apartment gehen und sich bei einem ruhigen Mittagessen wieder regenerieren, wie er es am liebsten täte, oder soll er sich zu seinen Kommilitonen setzen? Auch wenn er sich dazu zwingt, in die Spangler-Mensa zu gehen, heißt das nicht, dass der soziale Druck damit schon aufhört. Im Laufe des Tages muss er weitere Entscheidungen dieser Art fällen. Am späten Nachmittag zur Happy Hour gehen? Anschließend losziehen, um einen langen und lauten Abend zu verleben? Wie Don berichtet, gehen die HBS-Studenten an mehreren Abenden in der Woche in großen Cliquen aus. Die Teilnahme ist nicht obligatorisch, aber für diejenigen, die nicht auf Gruppen- aktivitäten stehen, fühlt es sich so an. »Geselligkeit ist hier ein Extremsport«, sagt einer von Dons Freunden. »Die Leute gehen ständig aus. Wenn man an einem Abend nicht mitgeht, wird man am nächsten Tag gefragt: Wo warst du? Ich gehe abends aus, als wäre es mein Job.« Don hat festgestellt, dass die Leute, die Gemeinschaftsveranstaltungen organisieren - Happy Hours, Abendessen, Trinkgelage -, an der Spitze der sozialen Hierarchie stehen. »Die Professoren erzählen uns, unsere Kommilitonen seien die Leute, die zu unserer Hochzeit kommen werden«, sagt Don. »Wenn man die HBS verlässt, ohne sich ein großes soziales Netzwerk geschaffen zu haben, ist es so, als habe man seine Zeit hier verplempert.« Wenn Don abends ins Bett fällt, ist er völlig erschöpft. Manch- mal fragt er sich, weshalb er sich eigentlich so anstrengen soll, Abaus sich herauszugehen. Don ist Amerikaner chinesischer in stammung und hat vor Kurzem während der Sommerferien China gearbeitet. Er war verblüfft, wie anders die gesellschaftli9
Das Ideal der Extraversion chen Normen dort sind - und wie viel wohler er sich damit gefühlt hat. In China legt man mehr Wert darauf, zuzuhören und Fragen zu stellen, statt zu dozieren; man setzt die Bedürfnisse anderer an die erste Stelle. In Amerika, so findet er, geht es im Gespräch darum, wie gut man die eigenen Erfahrungen in Geschichten verwandeln kann, während ein Chinese sich Sorgen machen würde, dass er seinem Gesprächspartner mit belanglosem Gerede nur die Zeit raubt. »Damals im Sommer habe ich mir gesagt: Jetzt weijs ich, weshalb ich mich ihnen verwandt fühle«, erklärt Don. Aber das war China, und hier sind wir in Cambridge, Massachusetts. Dies hier ist die Harvard Business School, und Don akzeptiert, dass er sich hier so gut wie möglich wie ein Extravertierter verhalten muss. Und wenn man die HBS daran misst, wie gut sie ihre Studenten auf die Praxis vorbereitet, scheint sie exzellente Arbeit zu leisten. Schließlich wird Don Chen sich nach seinem Abschluss in einer Unternehmenskultur wiederfinden, in der Redegewandtheit und soziale Kompetenz die wichtigsten Erfolgsindikatoren sind, wenn man einer Studie der Stanford Business School glauben darf.” Es ist eine Welt, die mir ein leitender Angestellter bei General Electrics einmal so schilderte: »Die Leute hier wollen sich gar nicht mit Ihnen treffen, wenn Sie ohne Powerpoint und eine fertige Präsentation ankommen. Selbst wenn Sie Ihrem Kollegen nur etwas empfehlen wollen, können Sie nicht einfach zu jemandem ins Büro gehen und ihm sagen, was Sie denken. Sie müssen mit einer Darstellung der Pros und Kontras und einem gebrauchsfertigen Konzept kommen.« Nach dem Studium müssen viele Menschen - wenn sie nicht selbstständig sind oder Telearbeit machen - in großen Büros ar80
Die Persönlichkeitskultur heute beiten und darauf achten, dass sie ihre Kollegen auf den Fluren verbindlich und selbstbewusst grüßen. Über die Arbeitsplätze in den Unternehmen sagt ein Firmencoach aus der Gegend von Atlanta: »Hier weiß jeder, dass es wichtig ist, extravertiert zu sein, und dass es problematisch ist, introvertiert zu sein. Also geben sich die Leute viel Mühe, extravertiert zu erscheinen, ganz gleich, ob es ihnen entspricht oder nicht. Das heißt, man muss sichergehen, dass man den gleichen Single Malt Scotch trinkt wie der Geschäftsführer und im richtigen Fitness-Studio trainiert.«' Selbst Firmen, die viele Künstler, Designer und andere Kreative beschäftigen, zeigen oft eine Vorliebe für Extraversion. »Wir wollen kreative Menschen anlocken«, sagte mir die Leiterin der Personalabteilung in einem größeren Medienunternehmen einmal. Als ich sie fragte, was sie mit »kreativ« meinte, antwortete sie, ohne zu zögern: »Man muss umgänglich, witzig und gut drauf sein, wenn man hier arbeiten will.« Die heutige Werbung, die auf Leuteim Geschäftsleben abzielt, hat die Anzeigen für Williams-Rasiercreme von damals weit hinter sich gelassen. Ein Werbespot auf CNBC, dem BusinessKabelkanal, zeigte einmal einen Angestellten, der bei der Verteilung einer Traumaufgabe zu kurz kam: Boss zu Ted und Alice: »Ted, ich schicke Alice zur Vertriebskon ferenz, weil sie reaktionsschneller ist als du.« Ted (sprachlos): »...« Boss: » Also, Alice, du gehst Donnerstag zur -« Ted: »Nein, ist sie doch gar nicht!« VerspreAndere Werbespots verkaufen ihre Produkte mit dem 2000 empfahl chen, dass sie die Extraversion stärken: Im Jahre sl
Das Ideal der Extraversion die Eisenbahngesellschaft Amtrak den Reisenden: »FAHREN SIE IHREN HEMMUNGEN DAVON!« Nike hat sich nicht zuletzt wegen des geschickten Werbeslogans »JUST DO IT« einen hohen Marktanteil erobert. Und im Jahr 2000 wurde das Antidepressivum Paxil in einer Kampagne, die mit Persönlichkeitsveränderungen nach Aschenbrödel-Manier warb, als Heilmittel für extreme Schüchternheit - die sogenannte »soziale Angststörung« - angepriesen.’ Auf einer Paxil-Werbung war ein gut gekleideter leitender Angestellter zu sehen, der einen Geschäftsabschluss mit Handschlag besiegelte. Der Werbetext dazu lautete: »Ich kann Erfolg schmecken«. Daneben war gezeigt, was ohne das Medikament geschehen würde: Ein Geschäftsmann, der allein im Büro saß, die Stirn verzweifelt auf die geballte Faust gestützt. Darunter stand: »Hätte ich doch öfter mitgemacht!« Doch selbst an der Harvard Business School mehren sich die Anzeichen, dass an einem Führungsstil, der auf schnelle und selbstbewusste Antworten statt auf ruhige und durchdachte Entscheidungen setzt, etwas falsch sein könnte. Jeden Herbst nehmen die Erstsemester an einem ausgefeilten Rollenspiel unter dem Motto »Überleben in der Subpolarregion« teil. Die Vorgabe lautet: »Es ist der 5. Oktober gegen 14.30 Uhr, und Sie sind soeben mit dem Wasserflugzeug am Ufer des Laura Lake unterhalb des Polarkreises an der Grenze zwischen Quebec und Neufundland notgelandet.« Anschließend werden die Studenten in Kleingruppen aufgeteilt. Sie sollen sich vorstellen, dass sie 15 Gegenstände aus dem Flugzeug gerettet haben einen Kompass, einen Schlafsack, eine Axt und so weiter. Diese sollen sie nun in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit für das Überleben der Gruppe einordnen. Zuerst stellt jeder Student für sich 82
Die Persönlichkeitskultur heute allein eine Liste auf, und anschliefßend geht das ganze Team gemeinsam an die Aufgabe. Als Nächstes vergleichen sie ihre Ergebnisse mit dem eines Experten, um zu sehen, wie gut sie abgeschnitten haben. Und schließlich schauen sie sich ein Video von ihrer Gruppendiskussion an, um beurteilen zu können, was gut gelaufen ist - und was falsch. Der Zweck der Übung besteht darin, Gruppensynergie zu lehren. Erfolgreiche Synergie bedeutet, dass das Team besser abschneidet als die einzelnen Teilnehmer. Die Gruppe ist hingegen gescheitert, wenn einer der Teilnehmer besser abschneidet als das Gesamtteam. Zum Scheitern kann es genau dann kommen, wenn die Studenten Selbstbehauptung zu hoch bewerten. Ein Kommilitone von Don hatte das Glück, in einer Gruppe zu sein, in der ein junger Mann über ausgiebige Erfahrungen mit den abgelegenen Regionen des Nordens verfügte. Er hatte viele gute Ideen, wie man die 15 geretteten Gegenstände nach ihrer Wichtigkeit einordnen sollte. Nur hörte die Gruppe nicht auf ihn, weil er seine Ansichten nicht mit genug Nachdruck vertrat. »Unser Aktionsplan basierte auf den Vorschlägen der redefreudigsten Leute«, erinnert sich ein Student. »Wenn weniger lautstarke Teilnehmer eine Idee vortrugen, wurde diese abgeschmettert. Diese so rasch verworfenen Ideen hätten uns am Leben erhalten und vor Schwierigkeiten bewahrt, aber sie wurden abgelehnt, weil die lautstärkeren Studenten ihre Meinung das Vimit so viel Überzeugung vortrugen. Später sahen wir uns deo an, und es war höchst peinlich.« AnDieses Rollenspiel klingt vielleicht nach einer harmlosen -, hat gelegenheit, die man sich im Elfenbeinturm ausgedacht nomaber wenn Sie an Konferenzen denken, an denen Sie teilge viele men haben, können Sie sich vermutlich an eine oder sogar 83
Das Ideal der Extraversion Gelegenheiten erinnern, bei denen sich die Ansicht der dynamischsten oder redefreudigsten Person durchsetzte, und das zum allgemeinen Schaden. Vielleicht ging es nicht um viel, vielleicht sollte bei einem Elternabend nur beschlossen werden, ob man sich an einem Montag- oder einem Dienstagabend treffen wollte. Vielleicht ging es aber auch um etwas Wichtiges: um eine Krisensitzung der obersten Enron-Etage zum Beispiel, bei der die Frage verhandelt wurde, ob bestimmte fragwürdige Bilanzierungspraktiken aufgedeckt werden sollten oder nicht (siehe dazu Kapitel 7), oder um eine Jury, die darüber entscheiden musste, ob eine alleinerziehende Mutter ins Gefängnis gesteckt werden sollte. Ich sprach über dieses Rollenspiel mit Professor Quinn Mills von der HBS, einem Experten, was Führungsmethoden angeht. Mills ist ein höflicher Mann, der am Tag unseres Treffens einen Nadelstreifenanzug und eine gelb gepunktete Krawatte trägt. Er hat eine klangvolle Stimme, die er vorteilhaft einsetzt. An der HBS »geht man davon aus, dass Führungspersönlichkeiten imstande sein sollten, sich Gehör zu verschaffen«, sagt er mir rundheraus, »und meiner Ansicht nach entspricht das der Realität«. Mills weist aber auch auf ein weit verbreitetes Phänomen hin, das man als winners curse oder »Pyrrhussieg« bezeichnet: Zwei Unternehmen geben ein konkurrierendes Kaufangebot für eine dritte Firma ab, bis der Preis so hoch klettert, dass es bei dem Kauf weniger um wirtschaftliche Interessen als um einen Egokrieg geht. Der Bieter, der vorn liegt, will um keinen Preis zulassen, dass der Gegner zum Zuge kommt, also kauft er die Firma zu einem überhöhten Preis. »In solchen Fällen setzen sich eher die Leute mit Ellenbogen durch«, meint Mills. »Man kann es ständig beobachten. Hinterher wird gefragt: ‚Wie konnte das 84
Die Persönlichkeitskultur heute nur passieren? Wieso haben wir so viel bezahlt?« Oft heißt es dann, dass sie sich von der Situation haben mitreißen lassen, aber das stimmt nicht. Gewöhnlich lassen sie sich von Leuten mitreißen, die bestimmt und dominant auftreten. Die Gefahr für unsere Studenten besteht darin, dass es ihnen immer besser gelingt, ihre Ansicht durchzusetzen, egal, ob sie richtig ist oder falsch.« Wenn wir davon ausgehen, dass stille Menschen und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten (oder schlechten) Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen. Das würde bedeuten, dass ein ganzer Haufen schlechter Ideen siegt, während die guten untergehen. Studien in Gruppendynamik belegen, dass genau das passiert. Redefreudige Menschen erscheinen uns klüger als stille - auch wenn der Notendurchschnitt sowie Hochschulzugangs- und Intelligenztests zeigen, dass dieser Schein trügt. Ein Experiment, bei dem die Testpersonen zuhörten, während zwei Fremde miteinander telefonierten, ergab, dass diejenigen, die mehr redeten, als intelligenter, besser aussehend und sympathischer eingeschätzt wurden. Wir halten Menschen, die gern reden, auch für Führungspersönlichkeiten. Je mehr jemand redet, desto häufiger schenken ihm die anderen Gruppenmitglieder Gehör, was bedeutet, dass er im Lauf einer Konferenz immer mehr Macht bekommt. Ebenso hilfreich ist es, schnell zu reden. Wir glauben, dass Leute, die schnell reden, kompetenter und attraktiver sind als Menschen, die langsam reden. er Gegen all das wäre nichts einzuwenden, wenn ein gröfser haRedefluss tatsächlich mit mehr Klugheit einherginge, doch ben Studien ergeben, dass zwischen beidem keinerlei Zusam85
Das Ideal der Extraversion menhang besteht. In einer Studie wurden Gruppen von CollegeStudenten gebeten, gemeinsam Mathematikaufgaben zu lösen und dann gegenseitig die Intelligenz und das Urteilsvermögen der Gruppenteilnehmer zu bewerten.‘ Die Studenten, die als Erste und am häufigsten redeten, bekamen durchgängig die höchsten Punkte, auch wenn ihre Vorschläge (und ihre mathematischen Fähigkeiten im Hochschulzulassungstest) nicht besser waren als die der weniger redefreudigen Studenten. Bei einer weiteren Übung, bei der eine Geschäftsstrategie für eine Firma entwickelt werden sollte, die neu an den Markt gehen wollte, bekamen dieselben redefreudigen Studenten ähnlich hohe Punktzahlen für ihre Kreativität und ihr analytisches Denkvermögen In einer anderen bekannten Untersuchung, die der Professor für Organisationsverhalten Philip Tetlock von der Universität Berkeley durchführte, stellte sich heraus, dass Fernsehgrößen Menschen, die ihr Geld damit verdienen, sich auf der Grundlage begrenzter Informationen selbstsicher über ein Thema auszulassen - politische und wirtschaftliche Trends schlechter vorhersagen, als würde man die Prognose würfeln. Die allerschlechtesten Prognostiker sind überdies meistens auch noch die bekanntesten und selbstsichersten, genau die, die man in einem HBS-Seminar als natürliche Führungspersönlichkeiten betrachtet, Das amerikanische Militär bezeichnet ein ähnlich geartetes Phänomen als »Bus nach Abilene«. »Jeder Offizier weiß, was das heifst«, sagte Colonel a. D. Stephen ]J. Gerras, Professor für Verhaltenswissenschaft am U.S. Army War College, dem Yale Alumni Magazine 2008. »Eine Familie sitzt an einem heißen Sommertag in Texas auf der Veranda und jemand sagt: »Ich langweile mich. Warum fahren wir nicht nach Abilene% Als sie in Abilene 86
Die Persönlichkeitskultur heute ankommen, sagt jemand anders: »Eigentlich wollte ich gar nicht hierher. Daraufein Dritter: »Ich auch nicht - aber ich dachte, du wolltest fahren«, und so geht es weiter. Wenn Sie unter Soldaten sind und jemand sagt: »Ich glaube, wir steigen gerade alle in den Bus nach Abilene«, dann gehen alle roten Lampen an. Damit können Sie jedes Gespräch stoppen. Es ist eine wirksame Warnung in unseren Kreisen.« Die Anekdote vom Bus nach Abilene offenbart unsere Tendenz, denjenigen zu folgen, die eine Handlung initiieren - ganz gleich welche. Auf ähnliche Weise neigen wir dazu, dynamischen Sprechern Macht zu geben. Ein außerordentlich erfolgreicher Risikokapitalgeber, an den sich junge Firmen regelmäßig wenden, erzählte mir, wie frustriert er sei, dass seine Kollegen nicht zwischen guten Präsentationstalenten und echten Führungsqualitäten unterscheiden könnten. »Ich finde es besorgniserregend, dass es Leute gibt, die Verantwortung übertragen bekommen, weil sie gut reden können, nicht weil sie gute Ideen haben«, sagte er. »Es ist so leicht, die Fähigkeit zu schwatzen, mit Talent zu verwechseln. Jemand scheint etwas gut darstellen zu können und ist angenehm im Umgang, und diese Eigenschaften werden belohnt. Weshalb nur? Das sind wertvolle Eigenschaften, aber wir prämieren das Darstellungsvermögen zu sehr und Substanz und kritisches Denkvermögen zu wenig.« In seinem Buch Iconoclast untersucht der Neuroökonom Gregory Berns, was geschieht, wenn Firmen sich zu sehr auf Präsentazu tionsfähigkeiten verlassen, um gute Ideen von Totgeburten Riteunterscheiden. Er beschreibt eine Software-Firma namens 87
Das Ideal der Extraversion Solutions, die ihre Angestellten erfolgreich bittet, Vorschläge auf einem »Online-Ideenmarkt« einzubringen, damit die Substanz und nicht der Stil zum Zuge kommt. Joe Marino, Präsident von Rite-Solutions, und Jim Lavoie, Geschäftsführer der Firma, ent- wickelten dieses System als Reaktion auf Probleme, die sie anderswo erlebt hatten. »In meiner alten Firma«, erfuhr Berns von Lavoie, »sagte man jemandem, der eine gute Idee hatte: »Wir machen für Sie einen Termin beim Mordgremium« - das waren die Mitarbeiter, die neue Ideen auf Herz und Nieren prüfen sollten.« Marino schilderte, was dann passierte: Ein Techniker kommt mit einer guten Idee. Es werden ihm Fragen gestellt, die er natürlich nicht beantworten kann. Beispielsweise: »Wie groß ist der Markt dafür? Worin besteht Ihr Marketingansatz? Wie sieht Ihr Geschäftsplan aus? Was wird das Produkt kosten?« Es ist peinlich. Die meisten Leute können solche Fragen nicht beantworten. Die Leute, die es in diese Gremien geschafft hatten, waren nicht die Leute mit den besten Einfällen. Es waren die, die am besten Präsentationen halten konnten. Anders als es das an der Harvard Business School favorisierte Modell der wortgewandten Führung vermuten lassen würde, gibt es unter den effektiven Firmenchefs eine ganze Reihe Introvertierter, darunter Charles Schwab, Bill Gates, Brenda Barnes (Geschäftsführerin von Sara Lee) und James Copeland (ehemaliger Geschäftsführer von Deloitte Touch Tohmatsu). »Einige der effizientesten Führungspersönlichkeiten, mit denen ich im Laufe der letzten fünfzig Jahre zu tun hatte«, schreibt der Management-Guru Peter Drucker, »haben sich in ihrem Büro vergraben, 88
Die Persönlichkeitskultur heute während andere ultragesellig waren. Manche waren rasch und impulsiv, andere hingegen haben die Situation studiert und ewig gebraucht, um eine Entscheidung zu fällen ... Das einzige Persönlichkeitsmerkmal, das die effizienten Leute, die ich kennengelernt habe, miteinander gemein hatten, war etwas, was ihnen ‚fehlte: Sie hatten wenig oder kein »Charisma« und konnten weder mit dem Begriff noch mit dem, was dahintersteckt, viel anfangen.«’ Druckers Feststellung wird von einer neueren Untersuchung gestützt, die der Professor für Management Bradley Agle bei den Geschäftsführern von 128 größeren Firmen durchführte. Danach bezogen die Firmenchefs, die von ihren leitenden Angestellten für charismatisch gehalten wurden, zwar größere Gehälter, erwirtschafteten aber keine besseren Ergebnissen Wir neigen dazu, dramatisch zu überschätzen, wie extravertiert Führungspersönlichkeiten sein müssen. »Führung findet in Unternehmen meistens in kleinen Konferenzen oder auf Distanz statt - schriftlich und über Videokommunikation«, sagte mir Professor Mills. »Führung findet nicht in großen Gruppen statt. Ein wenigmuss man auch das beherrschen. Man kann kein Unternehmen führen, wenn man beim Betreten eines Raums voller Analysten und Experten bleich vor Angst wird und das Weite sucht. Aber das sind eher Ausnahmesituationen. Ich kenne viele Unternehmenschefs, die hochgradig introspektiv sind und sich zusammenreißen müssen, um öffentlich aufzutreten.« Als Beispiel erwähnt Mills Lou Gerstner, den legendären Vorweiß standschef von IBM. »Er hat hier studiert«, sagt er. »Ich große nicht, wie er sich selbst charakterisieren würde. Er muss alReden halten, und das tut er und wirkt dabei ruhig, Ich habe weitaus lerdings das Gefühl, dass er sich in kleinen Gruppen 89
Das Ideal der Extraversion wohler fühlt. Das trifft übrigens auf viele dieser Leute zu. Nicht auf alle, aber auf ziemlich viele.« Tatsächlich wurden laut einer berühmten, von dem einflussreichen Managementtheoretiker Jim Collins durchgeführten Untersuchung viele der erfolgreichsten Unternehmen am Ende des 20. Jahrhunderts von Menschen geführt, die er »Führungskräfte der fünften Ebene« nennt. Diese außergewöhnlichen Firmenchefs waren nicht für ihr blendendes oder charismatisches Auftreten bekannt, sondern für ihre ausnehmende Bescheidenheit, gepaart mit großer beruflicher Willenskraft. In seinem einflussreichen Buch Good to Great erzählt Collins die Geschichte von Darwin Smith, der in seinen zwanzig Jahren als Boss von Kimberly-Clark die Firma zum weltweit führenden Papierunternehmen machte und Kursgewinne erwirtschaftete, die viermal höher waren als der Marktdurchschnitt.!' Smith war ein schüchterner, freundlicher Mann, der Anzüge von der Stange und schwarze Metallbrillen nach Art eines Strebers trug und in den Ferien allein auf seiner Farm in Wisconsin herumwerkelte. Als ihn ein Journalist bat, seinen Managementstil zu beschreiben, starrte ihn Smith unangenehm lange an und antwortete dann mit nur einem Wort: »Exzentrisch.« Aber hinter seinem sanften Auftreten verbarg sich eine unerschütterliche Entschlossenheit. Kurz nachdem ihm die Geschicke der Firma anvertraut worden waren, traf er die drastische Entscheidung, die Papiermühlen zu verkaufen, in denen das gestrichene Papier hergestellt wurde, das das Kerngeschäft der Firma bildete, und stattdessen in andere Geschäftsfelder zu investieren, die er für gewinn- und zukunftsträchtiger hielt. Alle sagten, das sei ein Riesenfehler, und Wall Street stufte die Kimberly-Clark-Aktien herab. Smith ließ sich jedoch nicht beirren und tat, was in sei90
Die Persönlichkeitskultur heute nen Augen richtig war. Das Unternehmen wuchs und überholte schon bald seine Konkurrenten. Als man ihn später zu seiner Strategie befragte, antwortete Smith, er habe nie mit dem Bemühen aufgehört, sich für den Job zu qualifizieren. Collins hatte eigentlich nicht vorgehabt, introvertierte Führungsqualitäten hervorzuheben. Als er anfing zu forschen, wollte er nur wissen, wo die Gründe dafür lagen, dass ein Unternehmen seine Konkurrenten überflügelte. Er wählte elf herausragende Firmen aus, die er gründlich untersuchte. Anfangs ignorierte er die Frage nach der Führung vollkommen, weil er grob vereinfachende Antworten vermeiden wollte. Doch als er analysierte, was die erfolgreichsten Unternehmen miteinander gemein hatten, sprang ihm das Wesen der Firmenchefs ins Auge: Jedes wurde von einem bescheidenen Mann wie Darwin Smith geleitet. Wer mit diesen Führungskräften zu tun hatte, beschrieb sie meistens mit Adjektiven wie: »still«, »einfach«, »bescheiden«, »reserviert«, »scheu«, »liebenswürdig«, »freundlich«, »zu- rückhaltend« und »unaufdringlich«. Das Fazit ist klar, sagt Collins. Wir brauchen keine grofßspurigen Persönlichkeiten, um eine Firma zum Erfolg zu führen. Wir brauchen Führungskräfte, die nicht ihr Ego entfalten, sondern die Firma, die sie leiten. Was machen introvertierte Führungskräfte anders - und manchliefern mal besser - als extravertierte? Eine erhellende Antwort von der die Arbeiten des Management-Professors Adam Grant ZeitWharton Business School, der über einen beträchtlichen der Firmen ten raum die Manager einiger der 500 umsatzstärks bis hin zu Welt sowie Offiziere coachte und beriet - von Google Bei unseden amerikanischen Streitkräften, darunter der Navy. 91
Das Ideal der Extraversion rer ersten Unterhaltung lehrte Grant an der Ross School of Business, einem Teil der Universität von Michigan, wo er zur Überzeugung kam, dass die bisherige Forschung, die von einem Zusammenhang zwischen Extraversion und Führungsqualitäten ausging, nicht das ganze Bild erfasste. Grant erzählte mir von einem Staffelkommandanten der amerikanischen Luftwaffe - im Rang direkt unter einem General stehend, Befehlshaber über Tausende von Soldaten und damit betraut, eine Hochsicherheitsraketenbasis zu schützen -, der ein klassischer Fall von Introversion und zugleich einer der besten Führungsoffiziere war, die Grant je begegnet waren. Dieser Mann wurde nervös, wenn er zu viel mit anderen Menschen zu tun hatte. Deshalb nahm er sich Zeit zum Überlegen und Regenerieren. Er sprach ruhig, ohne allzu grofße Veränderungen in der Stimme oder der Mimik. Er war interessierter daran, zuzuhören und Informationen zu sammeln, als seine Meinung durchzusetzen oder ein Gespräch zu dominieren. Und doch wurde er weithin bewundert. Wenn er redete, hörten alle zu. Das war an sich nichts Besonderes. Wenn man an der Spitze der militärischen Hierarchie steht, haben die Leute zuzuhören. Aber im Falle dieses Befehlshabers, so Grant, achteten die Menschen nicht nur seine formelle Autorität, sondern auch seinen Führungsstil: Er unterstützte die Eigeninitiative seiner Leute. Er ließ Untergebene an Schlüsselentscheidungen teilhaben und setzte die Vorschläge um, die sinnvoll waren, während er zugleich deutlich machte, dass die letzte Entscheidung bei ihm lag. Er interessierte sich nicht dafür, Anerkennung einzuheimsen oder das Sagen zu haben; er gab die Arbeit einfach denen, die am geeignetsten dafür waren. Das bedeutete für ihn, einige seiner interessantesten, bedeutsamsten und wichtigsten Aufga92
Die Persönlichkeitskultur heute ben zu delegieren - Aufgaben, die andere Führungskräfte sich selbst vorbehalten hätten. Warum schlagen sich in der Forschung Talente von Menschen wie diesem Staffelkommandanten selten nieder? Grant glaubte, das Problem zu kennen. Als er die bereits bestehenden Untersuchungen über Persönlichkeit und Führungsstil unter die Lupe nahm, entdeckte er zum einen, dass die Korrelation zwischen Extraversion und effizientem Führungsstil gering war. Zweitens beruhten diese Studien oft auf der Vorstellung von Menschen darüber, wer gute Führungsqualitäten besaß, statt auf den eigentlichen Fakten. Und persönliche Meinungen spie- geln oft einfach den gesellschaftlichen Trend. Aber was Grant am meisten verblüffte, war, dass die bestehende Forschung nicht zwischen den unterschiedlichen Situationen differenzierte, mit denen es eine Führungskraft zu tun haben kann. Möglicherweise eigneten sich bestimmte Unternehmen oder Zusammenhänge besser für einen introvertierten und andere für einen extravertierten Führungsstil, so seine Überlegung, aber in den Untersuchungen wurden solche Differenzierungen nicht vorgenommen. Grant hatte eine Theorie darüber, wann ein introvertierter Führungsstil angebrachter war. Seine Hypothese lautete, dass extravertierte Führungskräfte die Gruppenleistung verbessern, wenn die Angestellten zur Passivität neigen, während introver Eidie llten, tierte Führungskräfte effizienter sind bei Angeste er geninitiative zeigen. Um seine Theorie zu überprüfen, führte der von zusammen mit zwei Kollegen, Professor Francesca Gino Harvard Business School und David Hofman von der Kenan, Flagler Business School der Universität von North Carolina zwei Untersuchungen durch. 93
Das Ideal der Extraversion Bei der ersten Untersuchung analysierten Grant und seine Kollegen die Daten einer der fünf größten Pizzeria-Ketten in den USA. Sie entdeckten, dass die Lokale, die von Extravertierten geführt wurden, 16 Prozent höhere Gewinne in der Woche erwirtschafteten als die von Introvertierten geführten — aber nur, wenn die Mitarbeiter passive Typen waren, die ihre Arbeit erledigten, ohne Eigeninitiative zu zeigen." Introvertierte Führungskräfte hatten die genau entgegengesetzten Ergebnisse. Wenn sie Mitarbeiter beschäftigten, die aktiv versuchten, die Arbeitsabläufe zu verbessern, fuhren sie über 14 Prozent höhere Gewinne ein als die Extravertierten. In der zweiten Studie teilten Grant und seine Kollegen 163 College-Studenten in konkurrierende Teams zu je fünf Personen mit jeweils einem Teamleiter auf, die den Auftrag bekamen, in zehn Minuten so viele T-Shirts wie möglich zu falten. Die Teilnehmer wussten nicht, dass jedes Team mit zwei Schauspielern besetzt war. In einigen Teams verhielten sich die beiden Schauspieler passiv und befolgten die Anweisungen des Teamleiters. In anderen Teams sagte einer der Schauspieler: »Ich frage mich, ob es keine effektivere Methode gibt.« Der andere Schauspieler erzählte dann, er habe einen japanischen Freund, der T-Shirts schneller falten könnte. »Es dauert ein oder zwei Minuten, es euch beizubringen«, sagte der Schauspieler zum Teamleiter. »Wollen wir es nicht ausprobieren?« Die Ergebnisse waren beeindruckend. Die introvertierten Teamleiter folgten dem Vorschlag mit einer 20 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit - und die Ergebnisse ihrer Teams waren um 24 Prozent besser als jene der Teams der extravertierten Führungskräfte. Wenn die Gruppenmitglieder allerdings einfach nur die Vorgaben des Teamleiters umsetzten, ohne eigene Me94
Die Persönlichkeitskultur heute thoden vorzuschlagen, schnitten die von Extravertierten geleiteten Teams um 22 Prozent besser ab als die von Introvertierten geleiteten Teams. Warum hing die Effizienz der Teamleiter davon ab, ob ihre Mitarbeiter passiv waren oder die Initiative ergriffen? Grant zufolge ist es nachvollziehbar, dass Introvertierte besonders gut darin sind, Menschen zu führen, die die Initiative ergreifen. Aufgrund ihrer Neigung zum Zuhören und ihres fehlenden Interesses an sozialer Dominanz hören sich Introvertierte eher die Vorschläge ihrer Mitarbeiter an und setzen sie um. Wenn sie von den Talenten dieser Mitarbeiter profitieren, motivieren sie sie, noch mehr Initiative zu ergreifen. Introvertierte Führungskräfte setzen also einen positiven Kreislauf der Eigeninitiative in Gang. Im T-Shirt-Experiment gaben die Teammitglieder an, dass sie die introvertierten Führungskräfte als offener und empfänglicher für ihre Ideen wahrnahmen - was sie motivierte, mehr zu arbeiten und mehr T-Shirts zu falten. Extravertierte können sich hingegen dermaßen darauf versteifen, den Abläufen ihren Stempel aufzudrücken, dass sie Gefahr laufen, die guten Ideen anderer nicht zur Kenntnis zu nehmen und die Mitarbeiter in die Passivität zu treiben. »Oft reden die Führungskräfte letztlich sehr viel und hören nicht auf die Vorschläge ihrer Mitarbeiter«, sagt Professor Gino." Mit ihrer bei natürlichen Fähigkeit, andere mitzureißen, holen sie jedoch passiveren Mitarbeitern bessere Ergebnisse heraus. Dieser Forschungszweig steckt noch in den Kinderschuhen. ve Aber unter der Leitung von Grant - der selbst gern die Initiati (Einer ergreift - wird er sich möglicherweise rasch entwickeln. der seiner Kollegen hat Grant als die Art Mensch beschrieben, en beginn Plan »Dinge zuwege bringt 28 Minuten, bevor sie laut 95
Das Ideal der Extraversion sollen«.) Grant freut sich über die Implikationen dieser Ergebnisse besonders, weil selbstständige Mitarbeiter, die in einer schnelllebigen Geschäftswelt rund um die Uhr Chancen wahrnehmen, ohne auf die Vorgaben einer Führungskraft zu warten, für den Unternehmenserfolg immer wichtiger werden. Das Wissen, wie man den Einsatz dieser Mitarbeiter maximieren kann, ist ein wichtiges Instrument für Führungskräfte. Und das gilt auch für Firmen generell: Sie sollten in Betracht ziehen, Leute, die zuhören können, ebenso auf Führungsrollen vorzubereiten wie Leute, die gern reden. Die Massenpresse wartet laut Grant mit Ratschlägen auf, die besagen, dass introvertierte Führungskräfte ihre rhetorischen Fähigkeiten stärken und mehr lächeln sollten. Aber Grants Untersuchungen belegen, dass zumindest in einer wichtigen Hinsicht - der Ermunterung der Mitarbeiter, die Initiative zu ergreifen - die introvertierten Führungskräfte so weitermachen sollten, wie es ihrem Wesen entspricht. Extravertierte Führungskräfte könnten sich dagegen »einen zurückhaltenderen, ruhigeren Stil angewöhnen«, schreibt Grant. Sie sollten lernen, sich zu setzen, damit andere aufstehen können. Die Frage, wann man sitzen bleiben und wann man aufstehen soll, bringt uns zurück zu der Frau, die wir im ersten Kapitel kennengelernt haben. Schon jahrelang vor jenem Tag im Dezember 1955, als Rosa Parks sich in Montgomery weigerte, ihren Sitzplatz in einem Bus aufzugeben, arbeitete sie hinter den Kulissen für die NAACP, den nationalen Verband zur Förderung der Farbigen, und erhielt sogar eine Schulung in gewaltlosem Widerstand. Viele Dinge hatten zu ihrem politischen Engagement geführt: die Zeit ihrer 96
Die Persönlichkeitskultur heute Kindheit, in der der Ku-Klux-Klan vor ihrem Elternhaus vorbeimarschierte; die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als ihr Bruder, der als Gefreiter in der amerikanischen Armee das Leben weißer Soldaten gerettet hatte, aus dem Krieg zurückkehrte und nur angespuckt wurde; die Zeit, als man einem schwarzen 18-jährigen Botenjungen eine Vergewaltigung anhängte und ihn aufden elektrischen Stuhl schickte. Parks verwaltete die NAACPProtokolle, fungierte als Kassenführerin und las kleinen Kindern in ihrem Viertel vor. Sie war fleißig und ehrbar, aber niemand hielt sie für eine Anführerin. Sie gehörte eher zum Fußsvolk - zumindest sah es danach aus. Nicht viele Menschen wissen, dass sie zwölf Jahre vor der Machtprobe mit dem Busfahrer in Montgomery schon einmal einen Zusammenstoß mit demselben Mann gehabt hatte, vermutlich im gleichen Bus. Es war ein Novembernachmittag im Jahre 1943, und Parks war durch die Vordertür des Busses eingestiegen, weil hinten zu viel Andrang herrschte. Der Fahrer, ein bekannter Fanatiker namens James Blake, forderte sie auf, hin- ten einzusteigen, und begann, sie aus dem Bus zu schubsen. Parks verbat sich, angefasst zu werden. Sie würde von selbst aussteigen, sagte sieruhig. »Raus aus meinem Bus«, stieß er als Antwort hervor. Parks fügte sich, aber nicht ohne vorher absichtlich ihr Portezu monnaie fallen zu lassen und sich auf einen »weißen« Platz sie eisetzen, während sie das Geld aufsammelte. »Intuitiv hatte nen Akt passiven Widerstands geleistet, eine Verhaltensmaxi a Mahatm von me, die ihren Namen von Leo Tolstoi bekam und s Gandhi übernommen wurde«, schreibt der Historiker Dougla geDas Brinkley in seiner wunderbaren Biografie über Parks. osigGewaltl der Idee schah über ein Jahrzehnt, bevor King die 97
Das Ideal der Extraversion keit populär machte und lange vor ihrer Schulung in zivilem Ungehorsam. Doch, wie Brinkley schreibt, »passten solche Prinzipien perfekt zu ihrer Persönlichkeit«. Parks war so angewidert von Blake, dass sie es in den folgenden zwölf Jahren ablehnte, in seinen Bus zu steigen. Eines Tages tat sie es schließlich doch, an dem Tag, der sie zur »Mutter der Bürgerrechtsbewegung« machte. Es geschah Brinkley zufolge aus schierer Zerstreutheit. Parks Verhalten an diesem Tag war tapfer und einzigartig, aber erst danach kam ihre stille Kraft wirklich zum Tragen. Lokale Anführer der Bürgerrechtsbewegung suchten sie aufund bedrängten sie, als Testperson gegen das Rassentrennungsgesetz in den städtischen Bussen zu klagen und einen Musterprozess zu führen. Das war keine einfache Entscheidung. Parks hatte eine kränkliche Mutter, die von ihr abhängig war. Vor Gericht zu ziehen hieß, dass sie und ihr Mann ihre Arbeit verlieren würden. Es hieß, das ganz handfeste Risiko einzugehen, »vom höchsten Telefonmast in der Stadt« zu baumeln, wie es ihr Mann und ihre Mutter ausdrückten. »Rosa, die Weißen werden dich umbringen«, wandte ihr Mann flehentlich ein. »Es war eine Sache, wegen eines einzelnen Vorkommnisses im Bus verhaftet zu werden«, schreibt Brinkley. »Es war etwas ganz anderes ..., die verbotene Zone noch einmal bewusst zu betreten.« Aber aufgrund ihres Wesens war Parks die perfekte Klägerin. Sie war nicht nur eine hingebungsvolle Christin und eine aufrechte Staatsbürgerin, sie war auch sanft. »Diesmal haben sie sich mit der Falschen angelegt!«, erklärten die Bus-Boykotteure, während sie kilometerweit zu Fuß zur Arbeit und zur Schule gingen. Dieser Satz wurde zur Parole, deren Macht in ihrer Wi98
Die Persönlichkeitskultur heute dersprüchlichkeit lag. Gewöhnlich drückt ein solcher Satz aus, dass man den Kampf mit einer lokalen Größe, einem übermächtigen Gegner, aufgenommen hat. Aber es war Parks stille Kraft, die sie unanfechtbar machte. »Der Slogan diente als Erinnerung daran, dass die Frau, die den Boykott inspiriert hatte, eine Art leise Märtyrerin war, die von Gott nicht im Stich gelassen werden würde«, schreibt Brinkley. Parks nahm sich Zeit für ihre Entscheidung, aber schließlich stimmte sie einer Klage zu. Sie kam auch zu einer Versammlung, die am Abend ihrer Verurteilung abgehalten wurde, als der junge Martin Luther King, Oberhaupt der neu gegründeten »Montgomery Improvement Association«, die ganze schwarze Gemeinde von Montgomery aufrief, die Busse zu boykottieren. »Da es passieren musste«, sagte King den versammelten Zuhörern, »bin ich froh, dass es einer Person wie Rosa Parks passierte, denn niemand kann ihre grenzenlose Integrität in Zweifel ziehen, niemand kann ihre Unbescholtenheit anzweifeln. Mrs. Parks ist bescheiden, und doch ist sie ein Vorbild an aufrechter Gesinnung und Charakterfestigkeit.« Später im selben Jahr erklärte sich Parks bereit, Martin Luther King und andere führende Köpfe der Bürgerrechtsbewegung auf einer Vortragsreise zur Spendenbeschaffung zu begleiten. Sie litt die ganze Zeit an Schlaflosigkeit, Magengeschwüren und Heimdie Beweh. Sie lernte ihr Idol, Eleanor Roosevelt, kennen, die sehr ein ist gegnung in einer Zeitungskolumne beschrieb: »Sie elstiller, freundlicher Mensch, und es fällt schwer, sich vorzust len, wie es ihr gelang, solch einen klaren und unabhängigen später Standpunkt einzunehmen.« Als der Boykott über ein Jahr Bussen schließlich zu Ende ging und die Rassentrennung in den worden ben auf Anordnung des Obersten Gerichtshofes aufgeho 99
Das Ideal der Extraversion war, wurde Parks von der Presse übersehen. Die New York Times brachte einen zweiseitigen Aufmacher über den gefeierten Martin Luther King, Rosa Parks dagegen wurde nicht einmal erwähnt. Andere Zeitungen fotografierten die Anführer des Boykotts vor den Bussen sitzend, doch Parks wurde nicht eingeladen, auf den Fotos zu posieren. Ihr war es gleichgültig. Am Tag, als die Rassentrennung in den Bussen aufgehoben wurde, zog sie es vor, zu Hause zu bleiben und sich um ihre Mutter zu kümmern. Parks Geschichte ist eine lebhafte Erinnerung daran, dass wir im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder mit Führungspersönlichkeiten beschenkt worden sind, die das Rampenlicht vermieden haben. Moses beispielsweise war, soweit wir wissen, nicht der forsche, redefreudige Typ,'* der in Harvard Ausflüge organisieren und in einem Seminar Reden schwingen würde. Nach heutigen Maßstäben war er im Gegenteil furchtbar schüchtern. Er stotterte und schätzte sich selbst als nicht redegewandt ein. Dem 4. Buch Mose zufolge war er »ein sehr demütiger Mensch, mehr als alle Menschen auf dem Angesicht der Erde«. Als Gott sich ihm zum ersten Mal in Form eines brennenden Dornbusches zeigte, stand Moses als Hirte im Dienste seines Schwiegervaters; er war nicht einmal ehrgeizig genug, um eine eigene Herde zu besitzen. Und als Gott ihm im Dornenbusch seine Rolle als Befreier der Juden verkündete, war Moses da Feu- er und Flamme? »Schick jemand anderen«, bat er. »Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen sollte? Ich kann nicht gut reden. Ich bin schwerfällig mit der Sprache und der Zunge.« Erst als Gott ihm seinen extravertierten Bruder Aaron zur Seite stellte, erklärte Moses sich bereit, die Aufgabe zu überneh100
Die Persönlichkeitskultur heute men. Er sollte auf Geheiß Gottes der Redenschreiber sein, die graue Eminenz hinter den Kulissen, und Aaron das öffentliche Gesicht des Unternehmens. »Er soll für dich wie dein Mund sein«, hieß es aus dem Dornenbusch, »und du sollst für ihn wie Gott sein.« | Moses die Juden aus Ägypten, nahm führte Aaron Mithilfe von sich ihrer in der Wüste in den folgenden vierzig Jahren an und brachte ihnen die Zehn Gebote vom Berge Sinai. Das alles geschah, indem er sich der Stärken bediente, dieman klassisch mit Introversion assoziiert: Er erklomm einen Berg auf der Suche nach Weisheit und schrieb sorgfältig auf zwei Steintafeln nieder, was er dort erfuhr. Wir neigen dazu, Moses’ wahre Persönlichkeit der ExodusGeschichte zu entnehmen. (In Cecil B. DeMilles klassischem Film Die zehn Gebote wird Moses als verwegener Bursche dargestellt, der ganz ohne Aarons Hilfe das Reden übernimmt.) Wir fragen nicht, warum Gott einen Stotterer, der Angst hat, öffentlich zu reden, als Propheten auserwählte. Aber wir sollten diese Frage stellen. Das Buch Exodus (2. Buch Mose) gibt keine wirkliche Erklärung, doch der Hergang der Geschichte legt nahe, dass die Introversion die Seite des Yin und die Extraversion die Seite des Yang darstellt, dass das Medium nicht immer identisch mit der Botschaft ist und dass die Menschen Moses folgten, weil seine Worte Tiefgang hatten, nicht weil er gut formulieren konnte. und Während Parks durch Taten und nicht durch Worte sprach tage Moses sich seines Bruders Aaron bediente, spricht heutzu e des ein weiterer Typus des introvertierten Anführers mithilf Internets. 101
Das Ideal der Extraversion In seinem Buch Der Tipping Point: Wie kleine Dinge Grofses bewirken können untersucht Malcolm Gladwell den Einfluss von »Vermittlern« - Menschen, die eine »besondere Begabung haben, andere zusammenzuführen« und »eine instinktive und natürliche Gabe, soziale Verbindungen herzustellen«. Er beschreibt einen »klassischen Vermittler« namens Roger Horchow, einen charmanten und erfolgreichen Geschäftsmann und Sponsor von Broadway-Hits wie Les Miserables, der »Menschen sammelt wie andere Briefmarken«.'’ »Wenn Sie auf einem Flug über den Atlantik neben Roger Horchow sitzen würden«, schreibt Gladwell, »würde er anfangen zu reden, wenn das Flugzeug aufs Rollfeld fährt, Sie würden schon miteinander lachen, wenn das Anschnallzeichen erlischt, und bei der Landung auf der anderen Seite des Atlantiks würden Sie sich fragen, wo die Zeit geblieben ist.« Wir denken von »Vemittlern« im Allgemeinen genauso, wie Gladwell Horchow sie beschreibt: gesprächig, umgänglich und sogar faszinierend. Aber lassen Sie uns einen Augenblick lang von einem bescheidenen Intellektuellen namens Craig Newmark sprechen. Newmark, klein, mit Brille und angehender Glatze, war 17 Jahre lang Systemanalytiker bei IBM. Davor nahmen seine Hobbys - Dinosaurier, Schach und Physik - seine Zeit in Anspruch. Wenn Sie neben ihm im Flugzeug sitzen, würde er vermutlich seine Nase in ein Buch stecken. Doch Newmark ist zufällig auch der Gründer und Hauptanteilseigner von Craigslist, der gleichnamigen Internetseite, die Menschen - man höre und staune! - miteinander in Verbindung bringt. Im Oktober 2010 war Craigslist die achtgrößte englischsprachige Internetseite der Welt. Ihre Nutzer in 567 Städten und über fünfzig Ländern finden Jobs, Sexpartner und sogar Nieren102
Die Persönlichkeitskultur heute spender auf Newmarks Seite. Sie tun sich zum Singen zusammen, sie lesen gegenseitig ihre Haikus, sie beichten ihre Affären. Newmark beschreibt die Seite nicht als Geschäftsunternehmen, sondern als Marktplatz. »Menschen zusammenzuführen, um die Welt im Laufe der Zeit zu verbessern, ist das höchste spirituelle Ziel, das man haben kann«, hat Newmark gesagt. Nach dem Wirbelsturm Katrina konnten dank Craigslist gestrandete Familien eine neue Bleibe finden. Während des Bus- und Bahnstreiks in New York 2005 war Craigslist die richtige Adresse, um Mitfahrgelegenheiten zu finden. »Noch eine Krise, und Craigslist übernimmt das Kommando in der Stadt«, schrieb ein Blogger über die Rolle von Craigslist im Streik. »Wie kommt es, dass Craig das Leben so vieler Menschen auf so vielen persönlichen Ebenen berühren kann - und dass Nutzer seiner Seite ihr Leben gegenseitig auf so vielen Ebenen berühren können?« Eine der Antworten lautet: Die sozialen Netzwerke im Internet haben zahlreichen Menschen, die nicht in das Schema der Harvard Business School passen, neue Formen von Führung eröffnet. Am 10. August 2008 stellte Guy Kawasaki, Bestseller-Autor, Redner, Serienunternehmer und Silicon-Valley-Legende, bei Twitter folgenden Satz ins Netz: »Vielleicht fällt es euch schwer, zu es zu glauben. Aber ich bin introvertiert. Ich habe eine »Rolle« spielen, aber ich bin im tiefsten Innern ein Einzelgänger.« Kawasakis Beitrag auf Twitter brachte die Welt der sozialen Internet »hatNetzwerke in Wallung. »Zu der Zeit«, schrieb ein Blogger, Pink auf te Guy ein Benutzerbild, das ihn mit einer Federboa in Guy Ka... gab einer großen Party zeigte, die er in seinem Haus wasaki, ein Introvertierter? Dass ich nicht lache.« 103
Das Ideal der Extraversion Am 15. August 2008 mischte sich Pete Cashmore ein, der Gründer von Mashable, einem Internetverzeichnis sozialer Netzwerke. »Wäre es nicht eine großartige Ironie«, fragte er, »wenn die führenden Verfechter des »Es geht um Menschen«Mantras gar nicht so sehr darauf erpicht wären, im wirklichen Leben einem Haufen von Menschen zu begegnen? Vielleicht geben uns die sozialen Netzwerke die Kontrolle, über die wir im wirklichen Leben mit anderen nicht verfügen: den Bildschirm zwischen uns und der Welt als Schranke.« Dann outete sich Cashmore selbst. »Sortiert mich ins Lager der Introvertierten ein zusammen mit Guy«, schrieb er. Untersuchungen zeigen, dass Introvertierte tatsächlich eher als Extravertierte intime Details über sich ins Netz stellen, die ihre Familie und ihre Freunde mit Verwunderung lesen würden, dass sie eher sagen, sie könnten ihr »wahres Ich« online ausdrücken, und mehr Zeit mit Online-Diskussionen verbringen. Sie genießen die Chance, digital zu kommunizieren. Jemand, der sich in einem Saal mit 200 Zuhörern niemals zu Wort melden würde, stellt womöglich ohne Bedenken einen Blog ins Netz, den 2000 oder zwei Millionen Menschen lesen. Jemand, dem es schwerfällt, sich mit Fremden bekannt zu machen, stellt vielleicht eine Internetpräsenz her und dehnt dann diese Beziehungen auf das echte Leben aus. Was wäre geschehen, wenn das Survival-Rollenspiel an der Harvard Business School online stattgefunden hätte und alle Stimmen zu Wort gekommen wären - die von Leuten wie Rosa Parks, Craig Newmark und Darwin Smith? Was, wenn es sich um eine Gruppe tatenfreudiger Schiffbrüchiger unter der Leitung eines Introvertierten gehandelt hätte mit der Gabe, sie in aller Ruhe zu 104
Die Persönlichkeitskultur heute einem Beitrag zu ermuntern? Was, wenn sich ein Introvertierter und ein Extravertierter die Führung geteilt hätten wie Rosa Parks und Martin Luther King? Hätten sie das optimale Ergeb- nis erreicht? Das lässt sich unmöglich beantworten. Noch nie hat jemand eine Studie durchgeführt, um diese Fragen zu untersuchen und das ist bedauerlich. Es ist nachvollziehbar, dass an der HBS so viel Wert auf Selbstvertrauen und rasche Entscheidungsfähigkeit gelegt wird. Wenn durchsetzungsfähige Menschen gewöhnlich ihren Willen bekommen, dann sind solche Fähigkeiten nützlich für Führungskräfte, deren Arbeit darauf beruht, andere zu beeinflussen. Entschiedenheit flößt Vertrauen ein, während Schwanken (oder auch nur der Anschein des Schwan- kens) die Moral untergraben kann. Doch man kann den Bogen auch überspannen; unter bestimmten Umständen sind ruhigere, bescheidenere Führungsstile vielleicht genauso effektiv oder noch effektiver. Alsich den Campus der HBS verließ, hielt ich an, um mir eine Ausstellung mit sehenswerten Cartoons des Wall Street Journals in der Ein- hagangshalle der Bibliothek anzuschauen. Auf einem war ein gerer Manager abgebildet, der sich eine steil abfallende Gewinnzu kurve anschaute. »Daran hat nur Fradkin Schuld«, sagte er aber seinen Kollegen. »Er hat keine Ahnung von Geschäften, dem großartige Führungsqualitäten, und alle folgen ihm auf Weg in den Ruin.« 105
Das Ideal der Extraversion Liebt Gott Introvertierte? Das Dilemma eines Evangelikalen Wenn die Harvard Business School eine Enklave der Weltelite an der amerikanischen Ostküste ist, dann ist meine nächste Station eine Institution, die ziemlich exakt ihr Gegenteil darstellt. Sie hat ihren Sitz auf einem weitläufigen Gelände von 50 Hektar in der ehemaligen Wüste und den heutigen Außenbezirken von Lake Forest, Kalifornien. Anders als in Harvard ist hier jeder zugelassen, der dabei sein möchte. Familien schlendern über die palmengesäumten Plätze und Gehwege in freundlichen Pulks. Kinder tollen in künstlich angelegten Bächen und Wasserfällen. Mitarbeiter winken liebenswürdig, wenn sie in kleinen Elektroautos vorbeisummen. Man kann herumlaufen, wie man will: Turnschuhe und Flipflops sind völlig in Ordnung. Über diesen Campus herrscht nicht eine Riege geschniegelter Professoren, die mit Begriffen wie Protagonist und Fallmethode um sich werfen, sondern eine gütige nikolausähnliche Gestalt im HawaiiHemd mit sandfarbenem Spitzbart. Mit einer durchschnittlichen wöchentlichen Besucherzahl von 22.000, Tendenz steigend, ist die Saddleback Church eine der größten und einflussreichsten evangelikalen Kirchen in ganz Amerika. An ihrer Spitze steht Rick Warren, Autor von Leben mit Vision: Wozu um alles in der Welt lebe ich," einem der auflagenstärksten Bücher aller Zeiten - jener Geistliche, der das Bittgebet bei Präsident Obamas Amtseinführung sprach. Saddleback ist nicht wie die Harvard Business School für weltberühmte Führungskräfte gedacht, aber dennoch übt diese Kirche einen mächtigen gesellschaftlichen Einfluss aus. Evangelikale Spitzenkleriker haben das Ohr von Präsidenten, dominieren 106
Die Persönlichkeitskultur heute Tausende Stunden Fernsehsendezeit und betreiben Multimillionen-Dollar-Geschäfte; die bekanntesten unter ihnen besitzen eigene Produktionsfirmen, Aufnahmestudios und Vertriebsverträge mit Medienriesen wie Time Warner. Aber Saddleback hat noch etwas anderes mit der Harvard Business School gemein: Sie ist der Persönlichkeitskultur ver- pflichtet - und propagiert sie auch. An einem Sonntagmorgen im August 2006 stehe ich an einem Knotenpunkt, an dem viele Wege auf dem Gelände von Saddleback zusammenlaufen. Ich konsultiere ein Schild, eines in der Art, wie man es in Disneyworld sieht, mit fröhlichen Pfeilen, die in alle Richtungen weisen: Andachtszentrum, Rondell-Raum, Terrassencafe, Strandcafe. Auf einem Plakat in der Nähe ist ein strahlender junger Mann in einem hellroten Polohemd und Turnschuhen zu sehen: »Auf der Suche nach einer neuen Ausrichtung? Probieren Sie's mal mit geistlicher Lenkung!« Ich suche den Buchladen unter freiem Himmel, wo ich mich mit Adam McHusgh treffen will, einem hier ansässigen evangelikalen Pastor, mit dem ich korrespondiert habe. McHugh ist ein erklärter Introvertierter, und wir haben uns quer durch Amerika darüber unterhalten, wie es sich anfühlt, ein stiller Intellektueller in der evangelikalen Bewegung zu sein - besonders in einer Spitzenposition. So wie die Harvard Business School machen auch evangelikale Kirchen Extraversion oft zur Voraussetzung Geistfür eine Führungsposition, manchmal ganz explizit. »Der hat und liche muss ... extravertiert sein, jemand der Teamgeist einMitglieder und Neuankömmlinge enthusiastisch für sich den nehmen kann«, heißt es in einer Stellenausschreibung für e mit stellvertretenden Rektor einer evangelikalen Gemeind gibt Kirche 1400 Mitgliedern. Ein Hauptpastor an einer anderen 107
Das Ideal der Extraversion online zu, dass er Gemeinden, die einen neuen Geistlichen suchen, rät, den Anwärter oder die Anwärterin zu fragen, wie sie auf der Myers-Briggs-Skala abschneiden. »Wenn der erste Buchstabe des Ergebnisses kein »E« für extravertiert ist«, so sein Rat, »überlegen Sie es sich noch einmal ... Ich bin sicher, unser Herr war ein Extravertierter.« Priester müssen heutzutage ebenso sehr Geschäftsleute wie Seelenhirten sein. McHugh passt nicht zu dieser Beschreibung. Er entdeckte seinen introvertierten Charakter in den ersten Semestern am Claremont McKenna College, als ihm klarwurde, dass er frühmorgens aufstand, um bei einer Tasse dampfenden Kaffees Zeit für sich allein zu haben. Er ging gern auf Partys, aber verliefß3 sie frühzeitig. »Die anderen wurden immer lauter und ich immer stiller«, hatte er mir erklärt. Bei einem Myers-Briggs-Persönlichkeitstest fand er heraus, dass es den Begriff introvertiert gibt, der die Art Menschen beschreibt, die ihre Zeit gern so verbringen wie er. Zuerst genoss McHugh es, mehr Zeit für sich freizuschaufeln. Doch dann wurde er in der evangelikalen Bewegung aktiv und fing an, Schuldgefühle zu haben, wenn er allein sein wollte. Er glaubte sogar, dass Gott seine Entscheidung fürs Alleinsein und damit auch ihn selbst - missbilligte. »Die evangelikale Bewegung verknüpft Hingabe mit Extraversion«, sagte McHugh. »Die Betonung liegt auf der Gemeinschaft; man soll an immer mehr Programmen und Veranstaltungen teilnehmen und immer mehr Menschen kennenlernen. Es schafft für viele Introvertierte einen konstanten Druck, wenn sie dieser Vorgabe nicht entsprechen. Und in einer religiösen Welt steht mehr auf dem Spiel, wenn Sie diesen Druck spüren. Es fühlt sich nicht an wie Ich mache es nicht so gut, wie ich es gern täte. Es fühlt sich an wie Gott ist nicht zufrieden mit mir.« 108
Die Persönlichkeitskultur heute Außerhalb der evangelikalen Gemeinschaft klingt das erstaunlich. Seit wann gehört Alleinsein zu einer der sieben Todsünden? Aber einem evangelikalen Mitstreiter würde McHughs Gefühl des spirituellen Scheiterns vollkommen einleuchten. Der zeitgenössischen evangelikalen Bewegung zufolge ist jeder Mensch, dem man nicht begegnet und den man infolgedessen nicht bekehren kann, eine Seele, die man hätte retten können." Sie betont auch den Aufbau des Gemeinschaftslebens unter den bekennenden Mitgliedern, wobei viele Kirchen ihre Schäfchen anhalten (und einige sogar verpflichten), an zusätzlichen Gruppen teilzunehmen, die sich während der Woche treffen und jedem erdenklichen Thema widmen - Kochen, Immobilieninvestition, Skateboardfahren. Jede Veranstaltung, die McHugh früh verließ, jeder Morgen, den er allein verbrachte, jede Gruppe, an der er nicht teilnahm, waren eine vertane Chance, sich mit an- deren zu verbinden. Doch wenn es paradoxerweise etwas gab, was McHugh wusste, dann, dass er nicht allein war. Ihm fiel auf, dass es eine grofse Anzahl von Menschen in der evangelikalen Bewegung gab, die mit demselben Konflikt zu kämpfen hatten. Er wurde zum presbyterianischen Priester geweiht und arbeitete mit einem Team von Studentenführern am Claremont College, von denen viele Introvertierte waren. Das Team wurde zu einer Art Werkstatt, en um mit introvertierten Formen der Leitung und des geistlich auf Amts zu experimentieren. Sie legten ihren Schwerpunkt große Partnerarbeit und Kleingruppen-Interaktionen statt auf s in Gruppen, und McHugh half den Studenten einen Rhythmu n ihrem Leben zu finden, der es ihnen erlaubte, sich das Alleinsei übrig zu nehmen, das sie brauchten und genossen, und Energie mutig sich zu haben, um andere anzuleiten. Er hielt sie dazu an, 109
Das Ideal der Extraversion vor anderen zu äußern und beim Kennenlernen anderer Menschen etwas zu riskieren. Als die sozialen Netzwerke im Internet ein paar Jahre später explosionsartig zunahmen und evangelikale Blogger anfingen, ihre Erfahrungsberichte ins Netz zu stellen, gab es endlich einen schriftlichen Beweis für die Spaltung von Introvertierten und Extravertierten innerhalb der evangelikalen Kirchen. Ein Blogger schrieb von seinem »seelischen Notschrei« und fragte sich, »wie er als Introvertierter in eine Kirche passen sollte, die sich selbst der extravertierten Evangelisation rühmt. Es gibt bestimmt einige von euch, die sich schuldig fühlen, wenn ihr einen persönlichen Evangelisierungsanstoß in der Kirche bekommt. Es gibt einen Platz im Reich Gottes für sensible, nachdenkliche Typen. Er ist nicht leicht zu finden, aber er ist da.« Ein anderer schrieb über seinen schlichten Wunsch, »dem Herrn zu dienen, aber nicht in einem Kirchengremium mitzumachen. In einer universalen Kirche sollte auch Platz für die Ungeselligen sein.« McHugh stimmte in diesen Chor mit ein, zunächst mit einem Blog, in dem er eine gröfßsere Betonung religiöser Praktiken, wie Alleinsein und Kontemplation, forderte, und später mit seinem Buch /ntroverts in the Church: Finding Our Place in an Extroverted Culture.‘ Er argumentiert, dass für die evangelikale Bewegung Zuhören ebenso wichtig ist wie Reden, dass evangelikale Kirchen das Schweigen und das Geheimnis in die religiöse Andacht mit aufnehmen sollten und dass sie Platz für introvertierte Führungskräfte schaffen sollten, die einen stilleren Weg zu Gott aufzeigen können. Ging es beim Beten nicht schon immer ebenso um Kontemplation wie um Gemeinschaft? Religiöse Wortführer von Jesus bis Buddha wie auch die weniger bekannten Heiligen, Mönche, 110
Die Persönlichkeitskultur heute Schamanen und Propheten haben sich immer in die Einsamkeit zurückgezogen, in denen sie die Offenbarungen erhielten, die sie den anderen dann später mitteilten. Als ich schließlich den Buchladen finde, erwartet mich McHugh mit heiterer Miene. Er ist Anfang dreißig, groß und breitschultrig, trägt Jeans, ein schwarzes Polohemd und schwarze Flipflops. Mit seinem kurzen braunen Haar, dem rötlichen Kinnbart und Koteletten sieht er wie ein typischer Vertreter der in den 80er Jahren Geborenen aus, aber er hat den besänftigenden und bedachten Tonfall eines College-Professors. McHugh predigt weder in Saddleback, noch hält er hier Gottesdienste, aber wir haben beschlossen, uns hier zu treffen, weil Saddleback ein so wichtiges Symbol der evangelikalen Kultur ist. Da die Gottesdienste gleich beginnen, bleibt nur wenig Zeit, um zu plaudern. Saddleback bietet sechs verschiedene Arten von Gottesdiensten an, die alle in einem eigenen Gebäude oder Zelt untergebracht sind und eine individuelle Note haben: allgemein, traditionell, Soft-Rock, Gospel, ein Familiengottesdienst und einer im sogenannten Ohana-Island-Stil. Wir steuern auf das Gebäude für die allgemeine Andacht zu, wo gleich Pastor Warren predigen wird. Mit seiner schwindelerregend hohen, mit um Bühnenscheinwerfern bestückten Decke sieht der Innenra e wie der Austragungsort eines Rockkonzerts aus, mit Ausnahm Raums des unauffälligen Holzkreuzes, das an der Seite des hängt. Ein Mann namens Skip wärmt die Gemeinde mit einem Song unterbroauf. Der Text wird auf fünf Großleinwände projiziert, Sonnenbei chen von Fotos mit glitzernden Seen und Stränden thronuntergang. Techniker mit Mikrofonen sitzen auf einem 111
Das Ideal der Extraversion artigen Podium in der Mitte des Saales und richten ihre Videokameras aufs Publikum. Die Kameras verweilen bei einem jungen Mädchen - langes, silberblondes Haar, elektrisierendes Lächeln und leuchtend blaue Augen -, das aus vollem Halse singt. Mir kommen Erinnerungen an das Tony-Robbins-Seminar »Befreie die innere Kraft«. Hat sich Tony mit seinem Programm an Mega-Kirchen wie Saddleback orientiert, frage ich mich, oder ist es eher umgekehrt? »Guten Morgen, allerseits!«, ruft Skip strahlend und bittet uns dann, unsere Sitznachbarn per Handschlag zu begrüßen. Die meisten Menschen kommen der Aufforderung lächelnd und eifrig nach, auch McHush, aber hinter seinem Lächeln steckt ein Anflug von Stress. Pastor Warren tritt auf das Podium. Er trägt ein kurzärmeliges Polohemd und seinen berühmten Spitzbart. Die heutige Predigt bezieht sich auf das Buch Jeremiah, sagt er. »Es wäre töricht, eine Firma ohne Geschäftsplan zu gründen. Die meisten Menschen haben jedoch keinen Lebensplan. Wenn Sie eine führende Stellung in einer Firma haben, sollten Sie immer wieder das Buch Jeremiah lesen, denn er war ein genialer Generaldirektor.« Es liegen keine Bibeln aufunseren Plätzen aus, nur Bleistifte und Karteikarten, auf denen die wichtigsten Punkte der Predigt schon abgedruckt sind mit freiem Platz dazwischen, um sich Notizen zu machen, während Warren fortfährt. Wie Tony Robbins scheint es Pastor Warren wirklich gut zu meinen; er hat das riesige Ökosystem von Saddleback aus dem Boden gestampft, und er hat auf der ganzen Welt gute Werke getan. Aber ich kann auch verstehen, wie schwer es Saddlebacks Introvertierten in dieser Welt von emotionsgeladenen Gottesdiensten und Gebeten auf Großleinwand fällt, sich gut zu fühlen. 112
Die Persönlichkeitskultur heute Im Laufe des Gottesdienstes habe ich dasselbe Empfinden von Entfremdung, das McHugh beschrieben hat. Veranstaltungen wie diese vermitteln mir nicht das Gefühl von Einssein, das andere zu genießen scheinen; für mich sind es immer private Augenblicke, die mich mit den Freuden und Leiden der Welt verbinden, oft in Form einer Zwiesprache mit Schriftstellern und Musikern, denen ich nie persönlich begegnen werde. Proust nannte diese Augenblicke der Einheit von Schriftsteller und Leser »das fruchtbare Wunder der Kommunikation inmitten der Einsamkeit«. Prousts Gebrauch von religiöser Sprache war zwei- fellos kein Zufall. Als würde er meine Gedanken lesen, wendet sich McHugh mir am Ende des Gottesdienstes zu. »In diesem Gottesdienst ging es dauernd um Kommunikation«, sagt er etwas verbittert. »Menschen die Hand geben, die langatmige Predigt, das Singen. Dinge, die Raum lassen zur Kontemplation, wie Stille, Liturgie, Rituale, hatten hier kein Gewicht.« McHughs Unbehagen ist umso ergreifender, als er Saddleback und allem, wofür es steht, aufrichtige Bewunderung zollt. »Saddleback bringt Erstaunliches auf der ganzen Welt und in seiner eigenen Gemeinschaft zuwege«, sagt er. »Es ist ein liebenswürdiger, gastfreundlicher Ort, wo man aufrichtig versucht, Neuan, kömmlinge einzubinden. Das ist eine beeindruckende Aufgabe und wie wenn man bedenkt, wie kolossal groß die Kirche ist t abzuleicht es für Menschen wäre, sich von anderen komplet die inforschotten. Menschen, die einen in Empfang nehmen, hereinen um en melle Atmosphäre, die Begegnung mit Mensch um - das alles ist von guten Bestrebungen motiviert.« torische Doch McHugh empfindet Praktiken wie das obliga sdienstes als Lächeln und Händeschütteln am Anfang des Gotte 113
Das Ideal der Extraversion Qual. Auch wenn er persönlich bereit ist, es über sich ergehen zu lassen, und sogar deren Wert sieht, fragt er sich besorgt, wie vielen Introvertierten es anders ergeht. »Es schafft eine extravertierte Atmosphäre, die für Introvertierte wie mich schwierig sein kann«, erklärt er. »Manchmal habe ich das Gefühl, es nur abzuspulen. Die äußerliche Begeisterung und Leidenschaft, die einen wesentlichen Bestandteil von Saddlebacks Kultur zu bilden scheinen, fühlen sich nicht natürlich an. Nicht dass Introvertierte nicht andächtig und enthusiastisch sein können, aber wir stellen es nicht so offen zur Schau wie Extravertierte. An einem Ort wie Saddleback kann man anfangen, seine eigene Gotteserfahrung zu hinterfragen. Ist sie wirklich so stark wie die anderer Menschen, die in die Rolle des hingebungsvollen Gläubigen passen?« Die evangelikale Bewegung hat das Ideal der Extraversion auf die Spitze getrieben, sagt McHugh damit. Wenn man seine Liebe zu Jesus nicht lautstark verkündet, kann es keine wirkliche Liebe sein. Es reicht nicht, eine eigene spirituelle Verbindung zum Göttlichen zu finden; sie muss in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden. Ist es da ein Wunder, dass Introvertierte wie Pastor McHugh anfangen, ihr eigenes Wesen infrage zu stellen? Es ist mutig von McHusgh, dessen spirituelle und professionelle Berufung von seiner Verbindung zu Gott abhängt, seinen Selbstzweifel zu bekennen. Er tut es, weil er anderen den inneren Konflikt ersparen will, mit dem er selber gerungen hat, und weil er die evangelikale Bewegung liebt und will, dass sie wächst, indem sie von den Introvertierten in ihrer Mitte lernt. Aber er weiß, dass sich bedeutsame Veränderungen nur langsam in einer religiösen Kultur vollziehen werden, die Extra114
Die Persönlichkeitskultur heute version nicht nur als Persönlichkeits-, sondern auch als Tugendmerkmal betrachtet. Für sie besteht rechtschaffenes Verhalten nicht so sehr im Guten, das wir hinter verschlossenen Türen tun, wo uns niemand lobt; es besteht in dem, was »wir in die Welt bringen«. So wie sich Tony Robbins Anhänger nicht an seinen Verkaufsoffensiven stören, weil die Verbreitung hilfreicher Ideen ein Teil davon ist, ein guter Mensch zu sein, und so wie man an der Harvard Business School von den Studenten Redegewandtheit erwartet, weil dies als Voraussetzung für eine Führungsqualifikation gilt, so setzen auch viele Evangelikale Kon- taktfreudigkeit mit Frömmigkeit gleich.
KUNPIL TIERES Eine Überdosis an kreativer Zusammenarbeit Die Entstehung des neuen Gruppendenkens und die Kraft des Alleinarbeitens Ich bin ein Einspänner und tauge nicht für ein Tandem oder Teamarbeit ... um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ist es von größter Wichtigkeit, dass ein einzelner Mensch das Denken und das Kommando übernimmt.! Albert Einstein Der 5. März 1975 ist ein kalter und regnerischer Abend in Menlo Park, Kalifornien. Dreißig wenig auffällige Ingenieure haben sich in der Garage ihres arbeitslosen Kollegen Gordon French versammelt. Sienennen sich Homebrew Computerclub, und es ist ihr erstes Treffen. Ihr Anliegen: Computer für Normalverbraucher erschwinglich zu machen - kein kleines Unterfangen zu einer Zeit, als Computer aufwändige Maschinen von der Größe eines Geländewagens sind, die sich nur Universitäten und riesige Unternehmen leisten können. Die Garage ist zugig, aber trotz der klammen Abendluft lassen die Ingenieure die Türen offen stehen, damit jeder hereinkommen kann. Ein unsicherer junger Mann von 24Jahren, Konstrukteur von Rechenmaschinen bei Hewlett Packard, tritt ein. Er trägt eine Brille, hat schulterlanges Haar und einen braunen Bart und wirkt ernst. Er nimmt sich einen Stuhl und hört still zu, während die anderen einen neuen Selbstbau-Computer bestau116
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens nen, der Altair 8800 heifst und gerade auf dem Titelbild von Po‚pular Electronics stand. Der Altair ist kein echter Personal Computer; er ist schwer zu benutzen und reizt nur die Art von Menschen, die an einem regnerischen Mittwochabend in einer Garage auftauchen, um sich über Mikrochips zu unterhalten. Aber es ist ein wichtiger erster Schritt. Der junge Mann, der Stephen Wozniak heitst, ist begeistert, etwas über den Altair zu hören. Seit seinem dritten Lebensjahr ist er besessen von Elektronik; mit elfist er in einem Zeitschriftenartikel auf den ersten richtigen Computer gestoßen, den EINAC oder »Elektronischen numerischen Integrator und Computer«. Seither ist es sein Traum, einen Rechner zu bauen, der so klein und leicht zu benutzen ist, dass man ihn bei sich zu Hause stehen haben kann. Und jetzt in dieser Garage hört er, dass sein Lebenstraum eines Tages in greifbare Nähe rücken könnte. Wie er später in seinen Memoiren iWoz: Wie ich den Personal Computer erfand und Apple mitbegründete’ schreibt, ist er auch begeistert, Gleichgesinnte kennenzulernen. Die Homebrew-Leute betrachten Computer als Instrument der sozialen Gerechtigkeit, und Wozniak denkt ebenso. Nicht dass er beim ersten Treffen mit jemandem reden würde - er ist viel zu schüchtern dazu. Aber an diesem Abend geht Wozniak nach Hause und skizziert seinen ersten Entwurf für einen echten PC, mit einer Tastatur späund einem Bildschirm, wie es heute üblich ist. Drei Monate dater baut er einen Prototyp dieses Rechners. Und zehn Monate r. nach gründen er und Steve Jobs zusammen Apple Compute Silicon in Figur Heute ist Steve Wozniak eine hoch geachtete »Wozs Valley - es gibt eine Strafe in San Jose, die nach ihm Er Apple. von Way« benannt ist - und die hochintelligente Seele n zu sprehat mit der Zeit gelernt, sich zu öffnen und vor andere 7
Das Ideal der Extraversion chen; er ist sogar als Kandidat in einer Fernsehshow aufgetreten, wo er eine liebenswerte Mischung aus Optimismus und Steifheit zur Schau stellte. Ich erlebte Wozniak einmal bei einem Vortrag in einer Buchhandlung in New York. Im Raum standen dicht gedrängt Leute mit ihrer Apple-Betriebsanleitung aus den 1970er Jahren zu Ehren all dessen, was er für sie getan hatte. Aber die Ehre gebührt nicht Wozniak allein, sondern auch dem Homebrew Computerclub. Wozniak nennt das erste Homebrew-Treffen den Beginn der Computer-Revolution und einen der wichtigsten Abende in seinem Leben. Wenn man die Bedingungen wiederholen wollte, die Wozniak so produktiv machten, könnte man auf Homebrew verweisen mit seiner Ansammlung Gleichgesinnter. Man könnte die Schlussfolgerung ziehen, dass Wozniaks Leistung ein leuchtendes Beispiel für die kreative Leistung von Zusammenarbeit war. Man könnte zum Ergebnis gelangen, dass Menschen, die innovativ sein wollen, Arbeitsplätze mit viel Austausch brauchen. Und das könnte sich als Irrtum erweisen. Schauen wir uns an, wie sich Wozniak direkt nach dem Treffen in Menlo Park verhielt. Tat er sich mit anderen Clubmitgliedern zusammen, um am Entwurf für einen Computer zu arbeiten? Nein. (Obwohl er weiter zu den Treffen an jedem zweiten Mittwoch ging.) Suchte er sich ein von fröhlichem Tumult erfülltes Grofsraumbüro, in dem sich Ideen kreuz und quer befruchten? Nein. Das Auffälligste an seinem Bericht über die Entwicklung dieses ersten PCs ist, dass er immer für sich allein gearbeitet hat. Wozniak erledigte den größten Teil der Arbeit in seiner kleinen abgetrennten Arbeitsnische bei Hewlett Packard. Er kam morgens um halb sieben, las in der frühmorgendlichen Stille technische Magazine, studierte Elektronikhandbücher und be118
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens reitete in seinem Kopf Entwürfe vor. Abends ging er nach Hause, aß schnell ein paar Spaghetti oder eine andere Mahlzeit vor dem Fernseher und fuhr ins Büro zurück, wo er bis spät in die Nacht hinein arbeitete. Er beschreibt diese Zeit stiller Mitternächte und einsamer Sonnenaufgänge als »das größte Hochgefühl, das ich je hatte«. Seine Bemühungen machten sich am Abend des 29. Juni 1975 um 22 Uhr bezahlt, als er den Prototyp seines Rechners fertiggestellt hatte. Er tippte auf die Tastatur und Buchstaben flimmerten über den vor ihm stehenden Bildschirm. Es war der Augenblick eines Durchbruchs, von dem die meisten von uns nur träumen können. Er war in diesem Augenblick allein, absichtlich ganz allein. In seinen Memoiren rät er Jugendlichen, die grofe Kreativität an- streben: Die meisten Erfinder und Ingenieure, die ich kennengelernt habe, sind wie ich - scheue Kopfmenschen. Sie ähneln fast Künstlern. Tatsächlich sind die Allerbesten unter ihnen Künstler. Und Künstler arbeiten am besten allein, sodass sie die Konstruktion einer Erfindung bestimmen können, ohne dass ihnen viele andere Leute, die die Vermarktung im Sinn haben, iroder andere Gremien hineinreden. Ich glaube nicht, dass ergendetwas wirklich Revolutionäres von einem Gremium gehörst, funden wurde. Wenn du zu den seltenen Ingenieuren gudie Erfinder und zugleich Künstler sind, gebe ich dir einen ten Rat, den du vielleicht schwer annehmen kannst. Er lautet: onäre Arbeite allein. Du wirst am besten imstande sein, revoluti nProdukte und Anwendungen zu entwerfen, wenn du selbststä Team. dig arbeitest. Nicht in einem Gremium. Nicht in einem 119
Das Ideal der Extraversion In den Jahren zwischen 1956 und 1962, einer Ära, die berüchtigt war für ihren lähmenden Konformitätszwang, wurde am »Institute of Personality Assessment and Research (IPAR)« an der kalifornischen Universität Berkeley eine Reihe von Studien über das Wesen der Kreativität durchgeführt. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, was Menschen mit außergewöhnlicher Kreativität von allen anderen unterscheidet. Sie stellten eine Liste mit Architekten, Mathematikern, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Dichtern und Schriftstellern zusammen, die bedeutende Beiträge aufihrem Gebiet geleistet hatten, und luden sie nach Berkeley ein. Ein Wochenende lang unterzogen sich diese Menschen Persönlichkeitstests und Problemlösungsexperimenten und beantworteten Fragen. Dann verfuhren die Forscher in gleicher Weise mit Angehörigen derselben Berufe, deren Leistungen sehr viel weniger bahnbrechend waren. Eines der interessantesten Resultate (das von späteren Studien bestätigt wurde) war, dass die kreativeren Menschen Introvertierte waren, die den Umgang mit anderen souverän beherrschten.’ Sie waren im zwischenmenschlichen Bereich versiert, aber »nicht von einem besonders geselligen oder kontaktfreudigen Temperament«. Sie beschrieben sich als unabhängig und individualistisch. Als Jugendliche waren viele von ihnen scheu und ein- sam gewesen. Diese Ergebnisse bedeuten nicht, dass Introvertierte immer kreativer als Extravertierte sind, aber sie belegen, dass man unter Menschen, die im Laufe ihres Lebens sehr kreativ waren, viele Introvertierte findet. Warum ist das so? Haben stille Persönlichkeiten irgendeine magische Eigenschaft, die die Kreativität beflügelt? Das könnte der Fall sein, wie wir in Kapitel 5 sehen werden. 120
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens Es gibt vielleicht auch eine weniger offensichtliche, aber doch erstaunlich wirksame Erklärung dafür, dass Introvertierte kreativer sind - sie ziehen es vor, allein zu arbeiten, und Alleinsein ist für Kreativität und Produktivität oft entscheidend. Wie der einflussreiche Psychologe Hans Eysenck einmal sagte, konzentriert die Introversion »den Geist auf die vorliegenden Aufgaben und verhindert die Zerstreuung der Energie für soziale und sexuelle Angelegenheiten, die mit der Arbeit nichts zu tun haben« Wenn Sie also allein im Garten unter einem Baum sitzen, während alle anderen sich auf der Veranda zuprosten, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Ihnen der berühmte Apfel auf den Kopf fällt wie Newton. (Newton war einer der größten Introvertierten der Welt. William Wordsworth schilderte ihn als »Geist für immer allein durch fremde Gedankenmeere reisend«). Wenn dies stimmt - wenn Alleinsein ein wichtiger Schlüssel für die Kreativität ist -, dann sollten wir alle einen Geschmack daran entwickeln. Wir sollten unsere Kinder lehren, unabhängig zu arbeiten. Wir sollten unseren Angestellten viel Privatsphäre und Autonomie geben. Doch zunehmend geschieht genau das Gegenteil. Wir möchten glauben, dass wir in einem großartigen Zeitalter von kreativem Individualismus leben. Wir schauen zurück Wissenauf die Ära Mitte des letzten Jahrhunderts, in der die , und schaftler in Berkeley ihre Kreativitätsstudien durchführten der fühlen uns ihnen überlegen. Anders als die Konformisten Wand, 1950er Jahre hängen wir uns Poster von Einstein an die ieren der protestierend die Zunge herausstreckt. Wir konsum unseMusik und Filme kleiner unabhängiger Labels und stellen der wenn (selbst « re eigene Seite ins Netz. Wir „denken anders Satz von Apples berühmtem Werbeslogan stammt). 121
Das Ideal der Extraversion Aber die Art und Weise, wie wir viele unserer wichtigsten Institutionen - unsere Schulen und Arbeitsplätze - organisieren, spricht eine ganz andere Sprache. Es ist die Geschichte eines gesellschaftlichen Phänomens, das ich »das neue Gruppendenken« nennen möchte - ein Phänomen, das die Gefahr in sich birgt, Kreativität am Arbeitsplatz zu ersticken und Schulkindern die Fähigkeiten vorzuenthalten, die sie brauchen, um in einer Welt zunehmender Konkurrenz Spitzenleistungen zu erzielen. Das neue Gruppendenken stellt die Teamarbeit über alles. Es beharrt darauf, dass Kreativität und intellektuelle Leistung eine Gemeinschaftsangelegenheit sind. Und es hat viele mächtige Fürsprecher. »Innovation - das Herz der Wissensökonomie - ist fundamental ein Gruppenprozess«, schreibt der einflussreiche Journalist Malcolm Gladwell.° »Keiner von uns ist so klug wie wir alle zusammen«, erklärt der Organisationsberater Warren Bennis in seinem Buch Geniale Teams, dessen erstes Kapitel den Aufstieg der »großen Gruppe« und »das Ende des großen Mannes« verkündet.’ »Viele Jobs, die wir als Domäne von einzelnen Denkern betrachten, sind in Wirklichkeit auf viele Menschen angewiesen«, sinniert Clay Shirky in seinem einflussreichen Buch Here Comes Everybody. Selbst »Michelangelo ließ einen Teil der Decke der Sixtinischen Kapelle von Gehilfen ausmalen«.® (Unerwähnt bleibt, dass die Gehilfen leicht austauschbar waren, Michelangelo aber nicht.) Das neue Gruppendenken wird von vielen Firmen begrüßt, die ihre Arbeitskräfte zunehmend in Teams organisieren, ein Verfahren, das Anfang der 1990er Jahre populär wurde. Im Jahre 2000 hatten bereits in etwa der Hälfte der amerikanischen Firmen Teams Einzug gehalten, und heutzutage sind sie so gut wie überall vertreten. Eine in jüngster Zeit durchgeführte Erhebung 122
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens zeigte, dass 91 Prozent der hochrangigen Manager glauben, dass Teams der Schlüssel zum Erfolg sind.’ Der Berater Stephen Harvill sagte mir, es gebe unter den dreißig größeren Unternehmen, mit denen er 2010 gearbeitet hat, darunter JC Penney, Wells Fargo, Dell und Prudential, keines, das nicht mit Teams ar- beitete. Einige dieser Teams sind virtueller Natur und arbeiten von entfernten Standorten aus zusammen. Andere hingegen verlangen ein hohes Maß an persönlicher Interaktion in Form von Teambildungsübungen und Klausurtagungen, von Online-Kalendern, die allen die Verfügbarkeit der Mitarbeiter für Konferenzen anzeigen, und Arbeitsplätzen, die wenig Privatsphäre er- lauben. Der Standard in den heutigen Firmen sind oft Großraumbüros, in denen niemand über einen eigenen Raum verfügt. Die einzigen Wände sind die Gebäudehülle, und leitende Angestellte sitzen zusammen mit allen anderen inmitten der nach allen Seiten hin offenen Bürofläche. Die erste Firma, die Großraumbüros in Wolkenkratzern einführte, war 1969 Owens Corning. Heutzutage arbeiten über 70 Prozent der Arbeitnehmer in Großraumbüros; sie sind nach den Worten des Professors für Management James McElroy in grofsen amerikanischen und eu& ropäischen Unternehmen die Norm, darunter bei Procter Gamble, Ernst & Young, GlaxoSmithkline, Alcoa und H.]. Heinz. „Es hat eine Veränderung von der »Ich«- zur »Wir«-Arbeit stattgefunden«, sagte der Vorstandschef des Büromöbelherstellers im Juni Steelcase James Hackett dem Fast Company Magazin a2005. » Angestellte arbeiteten früher in »Ich«-Settings. Heutzut entwerfen ge schätzt man Arbeit in Teams und Gruppen. Wir Produkte, um das zu erleichtern.« Das Konkurrenzunterneh eingeführt, men Herman Miller Inc. hat nicht nur neue Möbel 123
Das Ideal der Extraversion um dem »Schritt zur Zusammenarbeit und Teambildung am Arbeitsplatz« Rechnung zu tragen, sondern auch seine eigenen Spitzenmanager von privaten in Großraumbüros umziehen lassen, wie es 2003 in einer Mitteilung der Firma heifst. Die Business School an der Universität Michigan riss kürzlich ein vollkommen intaktes Gebäude mit Seminarräumen ab, weil es sich nicht für eine maximale Gruppeninteraktion eignete. Das neue Gruppendenken hat auch unsere Schulen erobert mithilfe einer zunehmend populären Unterrichtsmethode, die »kooperatives Lernen« oder »Lernen in Kleingruppen« heißt. In den Grundschulen wurden die traditionellen Bankreihen, die nach vorne zum Lehrer ausgerichtet sind, schon vor Jahren durch vier oder mehr zusammengeschobene Tische ersetzt, um zahllose Lernaktivitäten in der Gruppe zu erleichtern. Selbst Fächer wie Mathematik und kreatives Schreiben, von denen man annehmen sollte, dass sie vom individuellen geistigen Höhenflug abhängen, werden oft in Form von Gruppenprojekten unterrichtet. Im Klassenraum einer vierten Klasse, die ich besuchte, verkündete ein großes Schild die »Regeln für Gruppenarbeit«. Eine dieser Regeln lautete: »Du kannst einen Lehrer nur um Hilfe bitten, wenn jeder in der Gruppe dieselbe Frage hat.« Nach einer 2002 in den USA durchgeführten landesweiten Befragung von 1200 Lehrern der vierten und achten Jahrgangsstufe ziehen 55 Prozent der Lehrer in den vierten Klassen den Gruppenunterricht vor, im Vergleich zu lediglich 26 Prozent, die den lehrerzentrierten Unterricht bevorzugen.' Nur 35 Prozent der Lehrer in den vierten Klassen und 29 Prozent der Lehrer in den achten Klassen unterrichten über die Hälfte der Zeit frontal, während 42 Prozent der Lehrer in den vierten und 41 Prozent 124
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens der Lehrer in den achten Klassen mindestens ein Viertel der Zeit in Gruppenarbeit unterrichten. Unter jungen Lehrern ist die Arbeit in Kleingruppen noch beliebter, was nahelegt, dass der Trend anhalten wird. Der kooperative Lernansatz hat politisch progressive Wurzeln - die Theorie dahinter lautet, dass Schüler das Lernen ei- genverantwortlich in die Hand nehmen, wenn sie miteinander arbeiten -, aber den Grundschullehrern an privaten und öffentlichen Schulen zufolge, die ich interviewt habe, bereitet er Kinder auch auf die Teamkultur der amerikanischen Unternehmen vor. »In dieser Art Unterricht spiegelt sich die Geschäftswelt wider«, sagte mir ein Lehrer des fünften Jahrgangs an einer öffentlichen Schule in Manhattan. »Die Achtung vor anderen wird von verbalen Fähigkeiten abhängig gemacht, statt von Originalität oder Klugheit. Sie müssen gut reden und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Es ist ein Elitedenken, das nicht auf Verdienst beruht.« Und die Lehrerin einer dritten Klasse in Decatur, Georgia, erklärte mir: »Heutzutage arbeitet man in Firmen in Gruppen, deshalb tun es jetzt auch die Kinder in der Schule.« »Kooperatives Lernen vermittelt Teamfähigkeit - eine Fähigkeit, die am Arbeitsplatz dringend erwünscht ist«, schreibt der auch Erziehungsberater Bruce Williams." Williams bezeichnet Nutzen das Trainieren von Führungsrollen als hauptsächlichen die Lehrer, die n des kooperativen Lernens. Tatsächlich schiene ihich kennenlernte, großen Wert auf die Führungsfähigkeiten Innender rer Schüler zu legen. In einer staatlichen Schule in Lehrerin stadt von Atlanta, die ich besuchte, machte mich eine der es der dritten Klasse auf einen stillen Schüler aufmerksam, ihm eivorzog, »sein eigenes Ding zu machen«. »Aber wir haben uille nes Morgens die Verantwortung für die Sicherheitspatro 125
Das Ideal der Extraversion übertragen, sodass auch er die Chance bekam, eine Führungsrolle zu übernehmen«, versicherte sie mir. Diese Lehrerin war freundlich und meinte es gut, doch ich frage mich, ob Schülern wie dem jungen Sicherheitsbeauftragten nicht besser damit gedient wäre, wenn wir anerkennen würden, dass nicht jeder das Bestreben hat, eine Führungsrolle im konventionellen Sinne des Wortes zu übernehmen. Manche Menschen haben den Wunsch, sich harmonisch in eine Gruppe einzufügen, und andere wollen lieber unabhängig bleiben. Oft gehören gerade die hochkreativen Menschen zur letzten Kategorie. Wie Janet Farrall und Leonie Kronborg in Leadership Development for the Gifted and Talented schreiben: Während Extravertierte oft eine soziale Führungsrolle erreichen, erlangen Introvertierte eher eine Führungsrolle auftheoretischem und ästhetischem Gebiet. Herausragende introvertierte Führungspersönlichkeiten wie Charles Darwin, Marie Curie, Patrick White und Arthur Boyd, die entweder neue Felder des Denkens eröffneten oder bestehendes Wissen neu ordneten, haben lange Phasen ihres Lebens in der Einsamkeit verbracht. Offenbar gibt es Führungsrollen nicht nur in sozialen Situationen, sondern auch auf einsameren Gebieten, wie der Entwicklung neuer Techniken in der Kunst, dem Schaffen neuer Philosophien, dem Verfassen tiefschürfender Bücher und der Arbeit an wissenschaftlichen Durchbrüchen.«'? Das neue Gruppendenken entwickelte sich nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, den man präzise benennen könnte. Kooperatives Lernen und Teamarbeit in Firmen und Großraumbüros entstanden zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen 126
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens Gründen. Aber ein Hauptfaktor, der für die Bündelung dieser Trends sorgte, war das Aufkommen des Internets, das der Idee der Zusammenarbeit Nachdruck verlieh. Im Internet kamen durch gemeinsame Intelligenz erstaunliche Schöpfungen zustande: die Open-Source-Software Linux; die Online-Enzyklopädie Wikipedia oder die politische Graswurzel-Bewegung Avaaz. Org. Diese kollektiven Schöpfungen, die die Summe ihrer Teile um ein Vielfaches überstiegen, waren so ehrfurchtgebietend, dass wir anfingen, den Bienenstockgeist - die Weisheit der vielen und das Wunder des Engagements der vielen - zu verehren. Zusammenarbeit wurde bald zur heiligen Kuh, zum Schlüsselmultiplikator für Erfolg. Wir lernten, Transparenz wertzuschätzen und Wände niederzureißen - nicht nur online, sondern auch persönlich. Wenn Menschen deshalb über Aspekte des neuen Gruppendenkens sprechen, wie etwa Großraumbüros, berufen sie sich meistens auf das Internet. »Fine Bürowand ist exakt das, wonach sie klingt - eine Barriere«, sagte mir ein Management- berater. »Je neuartiger Ihre Denkmethoden, desto weniger können Sie Barrieren gebrauchen. Die Firmen, die Großraumbüros im Jubenutzen, sind neue Firmen, so wie das Internet, das noch gendstadium ist.« ZuDie Rolle des Internets bei der Förderung persönlicher lich anfäng war sammenarbeit istjedoch paradox, denn das Netz Individuaein Medium, das es Gruppen von oft introvertierten und Farrall listen - Menschen wie den einsamen Denkern, die finden, Kronborg beschreiben - ermöglichte, sich zusammenzu aufen und zu um die übliche Weise, Probleme zu lösen, zu unterl Computerüberwinden. Eine signifikante Mehrheit der ersten uchung von enthusiasten waren Introvertierte, wie eine Unters 127
Das Ideal der Extraversion 1229 Computerspezialisten, die zwischen 1982 und 1984 in Amerika, England und Australien arbeiteten, belegt.'” »Es ist eine Binsenweisheit in Technologiekreisen, dass Open-SourceSoftware Introvertierte anzieht«, schrieb mir Dave W. Smith, Berater und Software-Entwickler in Silicon Valley, und er meint damit das Verfahren, Software zu produzieren, indem man den Quellcode veröffentlicht und allen erlaubt, ihn zu kopieren, weiterzuentwickeln und zu verteilen. Die ersten Schöpfer von Open-Source-Software haben keinen Büroraum miteinander geteilt - oft lebten sie nicht einmal im selben Land. Ihre Zusammenarbeit fand weitestgehend per Computer statt. Das ist kein unbedeutendes Detail. Hätte man die Leute, die Linux erfunden haben, ein Jahr lang in einen riesigen Konferenzraum gesperrt und von ihnen verlangt, ein neues Betriebssystem zu entwickeln, ist es zweifelhaft, dass etwas so Revolutionäres dabei herausgekommen wäre. Als der Forschungspsychologe Anders Ericsson 15 war, begann er mit dem Schachspielen. Er hielt sich für ziemlich gut, da er alle seine Klassenkameraden bei Partien in der Mittagspause haushoch schlug. Bis eines Tages ein Junge, der einer der schlechtesten Spieler in der Klasse gewesen war, anfing, jede Partie gegen ihn zu gewinnen. Ericsson fragte sich, was passiert war. »Ich dachte sehr viel darüber nach«, erinnert er sich in einem Interview mit Daniel Coyle, dem Autor von Die Talentlüge. »Warum konnte dieser Junge, den ich so mühelos geschlagen hatte, mich nun seinerseits so mühelos schlagen? Ich wusste, dass er sich mit dem Spiel beschäftigte und einen Schachclub besuchte, aber was hatte sich eigentlich im Hintergrund ereignet?«' 128
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens Das ist die Frage, der Ericsson beruflich nachgeht. Wie werden Menschen, die Außergewöhnliches leisten, so gut bei dem, was sie tun? Ericsson hat auf so unterschiedlichen Gebieten wie Schach, Tennis und klassischem Klavier nach Antworten gesucht. In einer inzwischen berühmten Untersuchung verglichen er und seine Kollegen drei Gruppen von Studenten, die an der elitären Hochschule für Musik in Berlin zu Violinisten ausgebildet wurden.‘ Die Wissenschaftler baten die Professoren, die Studenten in drei Gruppen einzuteilen: die »besten Geiger«, die das Potenzial für eine Karriere als internationale Solisten hatten, die »guten Geiger« und eine dritte Gruppe, die Geigenlehrer werden wollten. Dann interviewten sie die Musiker und baten sie, detailliert Buch darüber zu führen, wie sie ihre Zeit verwendeten. Dabei stellten sie einen auffälligen Unterschied fest. Alle drei Gruppen verbrachten genauso viel Zeit - über fünfzig Stunden in der Woche - mit Aktivitäten, die sich auf Musik bezogen. Alle drei Gruppen hatten ähnliche Studienanforderungen zu erfüllen, die Zeit kosteten. Aber die beiden besten Gruppen brachten den größten Teil der Zeit, die sie der Musik widmeten, damit zu, allein zu üben - nämlich 24,3 Stunden pro Woche oder 3,5 Stunden am Tag -, während die schlechteste Gruppe nur 9,3 Stunden in der Woche oder 1,3 Stunden pro Tag allein übte. Die besten musiGeiger beurteilten das »Allein-Üben« als wichtigste ihrer einem kalischen Aktivitäten. Elite-Musiker, selbst solche, die in uKammerm Ensemble spielen, beschreiben das Üben mit ihrer stillen sikgruppe als »Vergnügen«, verglichen mit dem Üben im Kämmerlein, wo die wirkliche Arbeit stattfindet. Fffekt des Ericsson und seine Kollegen stellten einen ähnlichen beobachteAllein-Übens fest, als sie Profis auf anderen Gebieten 129
Das Ideal der Extraversion ten. Ernsthaftes Allein-Lernen sagt am besten das Können von Turnier-Schachspielern vorher; Großmeister beispielsweise wenden in den ersten zehn Jahren, in denen sie das Schachspielen lernen, gewöhnlich gigantische 5000 Stunden auf - fast fünfmal so viel Stunden wie Spieler auf mittlerem Niveau -, um das Spiel für sich allein zu studieren. Sogar Elite-Athleten in Teamsportarten verbringen oft ungewöhnlich viel Zeit damit, allein zu üben." Was ist so magisch am Alleinsein? Auf vielen Gebieten, sagte mir Ericsson, kann man sich nur, wenn man allein ist, dem »gezielten Üben« widmen, das er als den Schlüssel zu außergewöhnlichen Leistungen erkannt hat. Gezieltes Üben besteht aus einer Feedbackschleife: Man identifiziert die Aufgaben oder das Wissen, die noch außerhalb der eigenen Reichweite liegen, arbeitet daran, das eigene Können zu verbessern, beobachtet den Fortschritt und korrigiert sich entsprechend. Üben, das nicht nach diesem Muster erfolgt, ist nicht nur weniger nützlich - es ist sogar kontraproduktiv. Es verstärkt bereits bestehende kognitive Mechanismen, statt sie zu verbessern. Am besten übt man gezielt allein, und zwar aus mehreren Gründen: Gezieltes Üben erfordert hohe Konzentration, und andere Menschen können ablenken. Es bedarf einer hohen Motivation, die man oft aus sich selbst schöpfen muss. Aber das Wichtigste ist: Es bedeutet, an der Aufgabe zu arbeiten, die für den Übenden ganz persönlich am schwierigsten ist. »Nur wenn Sie allein arbeiten«, sagte mir Ericsson, »können Sie direkt den für Sie herausfordernden Teil angehen. Wenn Sie das, was Sie tun, verbessern wollen, müssen Sie derjenige sein, der den Schritt vollzieht. Stellen Sie sich eine Lerngruppe vor - Sie vollziehen den Schritt nur während eines Bruchteils der Zeit.« 130
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens Um mehr über gezieltes Üben in der Praxis zu erfahren, brauchen wir uns nur die Geschichte von Stephen Wozniak noch einmal anzuschauen. Das Treffen von Homebrew war der Katalysator, der ihn inspirierte, den ersten PC zu bauen, aber die Wissensgrundlagen und die Arbeitsgewohnheiten, die das ermöglichten, kamen ganz woandersher. Wozniak hatte sich von Kindesbeinen an mit Technik beschäftigt. (Ericsson sagt, dass man ungefähr 10000 Stunden gezielten Übens braucht, um wirkliche Fachkompetenz zu erwerben. Deshalb ist es hilfreich, jung zu beginnen.) In iWoz beschreibt Wozniak seine Leidenschaft für Elektronik in der Kindheit und nennt alle Elemente des gezielten Übens, die auch Ericsson hervorhebt. Erstens war er motiviert: Sein Vater, Ingenieur bei Lockheed, hatte ihn gelehrt, dass Ingenieure das Leben von anderen beeinflussen können und »zu den Menschen mit einer Schlüsselfunktion auf der Welt« zählen. Zweitens arbeitete er mit einer Feedbackschleife und baute sich seine Fachkompetenz mühsam Schritt für Schritt auf. Über seine Teilnahme an zahllosen Schülerwettbewerben sagt er: Ich erwarb eine zentrale Fähigkeit, die mir meine ganze Karriere hindurch helfen sollte: Geduld. Ich meine es ernst. Geduld wird gewöhnlich völlig unterschätzt. Bei allen Projekten von der dritten bis zur achten Klasse lernte ich die Dinge nach und nach und überlegte mir, wie man Elektronikteile zusamIch lernmenbaut, ohne dass ich jemals ein Buch aufschlug ... vielmehr te, nicht so sehr auf das Ergebnis zu schielen, als trieren mich auf den gerade anliegenden Schritt zu konzen und ihn so perfekt wie möglich zu machen. 131
Das Ideal der Extraversion Und drittens arbeitete Wozniak oft allein. Das war nicht unbedingt seine freie Entscheidung. Wie viele technisch begabte Kinder verlor Wozniak auf schmerzhafte Weise den sozialen Anschluss an seine Altersgenossen, als er in die Mittelstufe kam. Als er ein kleiner Junge war, hatten die anderen seine naturwissenschaftlichen Leistungen bewundert, doch jetzt schien das niemanden mehr zu interessieren. Er hasste oberflächliches Gerede, und seine Interessen entsprachen nicht denen seiner Altersgenossen. Ein Schwarzweifsfoto aus dieser Zeit zeigt Wozniak mit kurzgeschorenem Haar und stolzer Miene, während er auf seine Rechenmaschine zeigt, mit der er den Schülerwettbewerb gewonnen hatte - ein kistenartiges Ungetüm aus Drähten, Knöpfen und elektronischen Teilen. Aber die Anpassungsprobleme jener Jahre hielten ihn nicht davon ab, seinen Traum zu verfolgen; sie nährten ihn vermutlich. Er hätte nie so viel über Computer gelernt, meint Wozniak heute, wenn er nicht zu schüchtern gewesen wäre, um aus dem Haus zu gehen. Niemand würde sich eine so schmerzhafte Jugend aussuchen, aber Tatsache ist, dass Wozniaks Einsamkeit in jungen Jahren und die uneingeschränkte Konzentration auf das, was sich als lebenslange Leidenschaft herausstellen sollte, typisch für hochkreative Menschen ist. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi, der zwischen 1990 und 1995 das Leben von 91 außergewöhnlich kreativen Menschen auf künstlerischem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet unter die Lupe nahm, fand heraus, dass viele der von ihm untersuchten Personen in der Jugend Außenseiter gewesen waren, zum Teil weil »intensive Neugier und konzentriertes Interesse ihren Altersgenossen fremd erschienen«.' Teenager, die zu kontaktfreudig sind, um Zeit allein zu verbringen, kultivieren oft nicht ihre Talente, »weil 132
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens man für ein Musikinstrument und Mathematik eine Einsamkeit braucht, vor der sie sich fürchten«.' Madeleine L’Engle, Autorin des Jugendbuchklassikers Die Zeitfalte und über sechzig weiterer Bücher, sagt, dass sie sich nie zu einer solch mutigen Denkerin entwickelt hätte, hätte sie nicht einen Großteil ihrer Kindheit allein mit ihren Büchern und Ideen verbracht.'” Als Junge freundete sich Charles Darwin leicht mit Altersgenossen an, zog es aber vor, lange einsame Spaziergänge in der Natur zu unternehmen. Auch als Erwachsener verhielt er sich noch so. »Mein lieber Mr. Babbage«, schrieb er einem Mathematiker, der ihn zum Abendessen einlud, »ich bin Ihnen für Ihre Einladungen sehr verbunden, aber ich fürchte mich, sie anzunehmen, denn ich würde dort einige Menschen treffen, denen ich bei allen Heiligen im Himmel geschworen habe, dass ich niemals ausgehe.«” Außergewöhnliche Leistungen hängen nicht nur von dem Fundament ab, das wir durch gezieltes Üben legen. Auch die richtigen Arbeitsbedingungen sind notwendig. Und die fehlen überraschend häufig an den Arbeitsplätzen der heutigen Zeit. Einer der positiven Nebeneffekte der Tätigkeit von Unternehmensberatern ist, dass sie tiefe Einblicke in verschiedenste Arbeitsumgebungen gewinnen. Tom DeMarco, einer der Partner der Unternehmensberatungsfirma Atlantic Systems Guild, inspizierte zu seiner Zeit eine ganze Reihe von Firmen, und ihm fiel auf, dass einige Büroflächen enger besetzt waren als andere. Er fragte sich, welche Auswirkung so viel soziale Interaktion auf die Leistung hatte. Zu diesem Zweck überlegten sich DeMarco und sein Kollege Timothy Lister eine Studie, die unter dem Namen »The Coding 133
Das Ideal der Extraversion War Games«! bekannt wurde. Sinn der Studie war herauszufinden, was die besten und schlechtesten Computerprogrammierer ausmachte. Über 600 Programmierer aus 92 verschiedenen Firmen nahmen teil. Jeder entwarf, programmierte und testete ein Computerprogramm, und zwar an seinem normalen Ar- beitsplatz während der Bürozeiten. Jedem Teilnehmer wurde außerdem ein Partner aus derselben Firma zugeordnet. Doch die Partner arbeiteten separat und ohne miteinander zu kommunizieren, etwas, das sich als entscheidendes Kriterium der Untersuchung erweisen sollte. Die Resultate enthüllten enorme Leistungsunterschiede. Die besten Programmierer waren zehnmal besser als die schlechtesten und immer noch zweieinhalbmal besser als diejenigen, die im Mittelfeld lagen. Als DeMarco und Lister herauszufinden versuchten, wodurch diese erstaunliche Bandbreite bedingt war, stellten sie fest, dass die Faktoren, die man für wesentlich halten würde - jahrelange Erfahrung, das Gehalt oder die benötigte Zeit -, nur wenig mit dem Ergebnis zu tun hatten. Programmierer mit zehn Jahren Erfahrung schnitten nicht besser ab als solche mit zweijähriger Erfahrung. Diejenigen, die zu der Hälfte der Programmierer gehörten, die eine überdurchschnittliche Leistung erbracht hatten, verdienten nicht einmal zehn Prozent mehr als die andere Hälfte mit der unterdurchschnittlichen Leistung - obwohl sie fast doppelt so gut waren. Und die Programmierer, die eine fehlerfreie Arbeit ablieferten, brauchten nicht mehr, sondern sogar etwas weniger Zeit für die Bewältigung der Aufgabe als diejenigen, die Fehler machten. Es war ein Rätsel, in dem es jedoch einen faszinierenden Anhaltspunkt gab: Programmierer derselben Firma schnitten mehr oder weniger gleich ab, obwohl sie nicht zusammengearbeitet 134
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens hatten. Die besten Programmierer arbeiteten in Firmen, die ihren Mitarbeitern ein Maximum an Privatsphäre, persönlichem Raum und Kontrolle über ihre physische Umgebung zugestanden und sie von Störungen möglichst frei hielten. 62 Prozent derjenigen, die am besten abgeschnitten hatten, bezeichneten ihren Arbeitsplatz als einigermaßen privat im Vergleich zu nur 19 Prozent von denen, die am unteren Ende lagen. 67 Prozent der schlechtesten Programmierer, aber nur 38 Prozent der besten Programmierer gaben an, dass sie oft unnötig bei der Arbeit unterbrochen wurden. Die Studie ist in Fachkreisen gut bekannt, doch DeMarcos und Listers Ergebnisse gehen weit über die Welt des Computerprogrammierens hinaus. Eine Fülle neuerer Daten über Großraumbüros aus vielen verschiedenen Industriezweigen erhärten die Resultate dieser Untersuchung, Danach mindern Großraumbüros die Produktivität und beeinträchtigen das Gedächtnis. Sie sind mit hoher Mitarbeiterfluktuation verbunden. Sie machen Menschen krank, feindselig, unmotiviert und unsicher. Angestellte in Großraumbüros leiden eher unter hohem Blutdruck, erhöhtem Stress und sind anfällig für Grippe; sie streiten mehr mit ihren Kollegen und befürchten, dass andere Mitarbeiter ihre Telefongespräche belauschen oder auf ihrem Computerbildschirm herumspionieren. Sie führen weniger persönliche und vertrauliche Gespräche mit Kollegen. Sie sind oft lautem und unkontrollierbarem Lärm ausgesetzt, der die Herzfrequenz erhöht, zur Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führt, das Kampf- oder Fluchtreaktionen auslöst, und Menschen im Kontakt zu anderen distanziert, gereizt, aggressiv und weniger hilfsbereit macht. Tatsächlich scheint übermäßige äußere Stimulation auch das Lernen zu behindern: Nach einer neueren Studie lernen Menschen besser 135
Das Ideal der Extraversion nach einem ruhigen Waldspaziergang als nach dem Gang durch eine laute Stadt.” Eine andere Untersuchung von 38000 Angestellten quer durch verschiedene Bereiche, die wissenschaftlich arbeiteten, ergab, dass der schlichte Umstand, unterbrochen zu werden, eines der größten Hindernisse für die Produktivität darstellt.” Selbst Multitasking, das hochgeschätzte Bravourstück der modernen Bürokrieger, hat sich als Mythos erwiesen. Wissenschaftler haben inzwischen herausgefunden, dass das Gehirn unfähig ist, zwei Dingen gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken. Was wie die gleichzeitige Ausführung mehrerer Aufgaben aussieht, ist in Wirklichkeit ein Hin- und Herschalten zwischen ihnen, was die Produktivität senkt und die Fehlergquote um bis | zu 50 Prozent erhöht. Viele Introvertierte scheinen das instinktiv zu wissen und wehren sich dagegen, zusammengepfercht zu werden. Bei Backbone Entertainment, einer Firma in Oakland, Kalifornien, die Videospiele produziert, arbeitete man anfangs auch im Großraumbüro, stellte aber fest, dass die Designer, zu denen viele Introvertierte zählten, damit unglücklich waren. »Wir hatten früher eine einzige große Fläche in der Art eines Kaufhauses nur mit Tischen und ohne Wände, und jeder konnte jeden sehen«, erzählte mir Mike Mika, der ehemalige Kreativdirektor. »Wir sind zu Waben übergegangen, obwohl wir uns Sorgen gemacht haben, dass Menschen in einer kreativen Umgebung so etwas nicht mögen. Aber wie sich herausstellt, ziehen sie Winkel und Nischen vor, in denen sie sich zurückziehen und für sich sein können.« Etwas Ähnliches ereignete sich bei Reebok International, als die Firma im Jahre 2000 1250 Angestellte in ihrem neuen Fir136
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens mensitz in Canton, Massachusetts, zusammenlegte. Die Manager gingen davon aus, dass sich die Schuhdesigner offene Büroflächen wünschten, um Brainstormings durchführen zu können (eine Idee, die sie vermutlich mitnahmen, als sie ihren Abschluss als Betriebwirte machten). Glücklicherweise Designer und erfuhren, dass diese Ruhe und um sich konzentrieren zu können. Für Jason Fried, Mitbegründer einer Firma nen, sind das keine Neuigkeiten. Ab dem fragten sie erst die Frieden brauchten, für WebapplikatioJahr 2000 befragte Fried zehn Jahre lang Hunderte von Menschen (hauptsächlich Designer, Programmierer und Autoren), wo sie am liebsten arbeiteten, wenn sie etwas zügig erledigen wollten.” Er stellte fest, dass sie vor allem nicht in ihr Büro gingen, weil es zu laut war und sie zu oft gestört wurden. Deshalb wohnen von Frieds 16 Angestellten nur acht in Chicago, dem Standort seiner Firma, und selbst sie sind nicht verpflichtet, zur Arbeit zu erscheinen, insbesondere nicht zu Konferenzen, die Fried als »Gift« einstuft. Fried ist nicht gegen Zusammenarbeit - die Homepage seiner Firma rühmt die Fähigkeit seiner Produkte, »Zusammenarbeit produktiv und erfreulich zu machen«. Aber Fried zieht passive Formen der Zusammenarbeit vor, wie E-Mails, SMS und OnlineChat-Tools. Was er anderen Arbeitgebern rät? »Blasen Sie Ihre nächste Konferenz ab«, sagt er. »Setzen Sie keinen neuen Termin an. Löschen Sie ihn aus dem Gedächtnis.« Er empfiehlt auch »Schweige-Donnerstage« - einen Tag in der Woche, an dem die Mitarbeiter nicht miteinander reden dürfen. Die Menschen, die Fried interviewte, sprachen nur laut aus, sweiwas kreative Menschen seit Langem wissen. Kafka beispiel Verse konnte nicht einmal die Nähe der von ihm angebeteten lobten ertragen, wenn er arbeitete: 137
Das Ideal der Extraversion Einmal schriebst Du, Du wolltest bei mir sitzen, während ich schreibe; denke nur, da könnte ich nicht schreiben ... Schreiben heißt ja, sich öffnen bis zum Übermaß; die äußerste Offenherzigkeit und Hingabe, in der sich ein Mensch im menschlichen Verkehr schon zu verlieren glaubt und vor der er also, solange er bei Sinnen ist, immer zurückscheuen wird ...Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt, deshalb kann es nicht genug still um einen sein, wenn man schreibt, die Nacht ist noch zu wenig Nacht.” Selbst der weitaus fröhlichere Kinderbuchautor Dr. Seuss, der Erfinder des Grinch, verbrachte seine Arbeitstage zurückgezogen in seinem privaten Arbeitszimmer, dessen Wände mit Entwürfen und Zeichnungen übersät waren, in einem Glockenturm außerhalb seines Hauses in La Jolla, Kalifornien. Seuss war ein viel ruhigerer Mann, als es seine heiteren Reime vermuten lassen würden. Er nahm selten Gelegenheiten wahr, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und seine junge Leserschaft kennenzulernen, weil er befürchtete, dass die Kinder mit einer Art fröhlichem und jovialem Nikolaus rechneten und von seinem viel reservierteren Wesen enttäuscht sein würden. »In Massen machen mir Kinder Angst«, bekannte er. Wenn persönlicher Freiraum eine unabdingbare Voraussetzung für Kreativität ist, so gilt dasselbe auch für die Freiheit von »Gruppendruck«. Es sei an die Geschichte des legendären Werbefachmanns Alex Osborn erinnert.” Heutzutage löst der Name Osborn bei den meisten Menschen nichts mehr aus, aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war er die Art überlebens- großer Renaissance-Gestalt, die die Zeitgenossen faszinierte. 138
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens Osborn war einer der Begründer der Werbeagentur BBDO (Batten, Barton, Durstine and Osborn). Aber vor allem machte er sich einen Namen als Autor. Es begann alles an einem Tag im Jahre 1938, als der Redakteur einer Zeitschrift ihn zum Lunch einlud und nach seinem Hobby fragte. »Imagination«, antwortete Osborn. »Mr. Osborn«, sagte der Redakteur, »darüber müssen Sie ein Buch schreiben. Schon lange wartet diese Aufgabe darauf, dass jemand sie übernimmt. Es gibt kein wichtigeres Thema. Sie müssen ihm die Zeit, Energie und Gründlichkeit widmen, die es verdient.« Das tat Mr. Osborn. Er verfasste zwischen 1940 und 1950 tatsächlich mehrere Bücher, in denen er ein Problem in Angriff nahm, das ihn in seiner Eigenschaft als Chef von BBDO irritiert hatte: Seine Angestellten waren nicht kreativ genug. Wie er glaubte, hatten sie gute Ideen, aber stellten sie nur ungern vor, aus Angst vor dem Urteil ihrer Kollegen. Für Osborn bestand die Lösung nicht darin, seine Angestellten allein arbeiten zu lassen, sondern die Kritik, die bei der Gruppenarbeit lauerte, zu beseitigen. Er erfand die Idee des „Brainstormings«, eines Prozesses, bei dem Gruppenmitglieder Ideen in einer nicht urteilenden und kreativen Atmosphäre hervorbringen. Er nannte vier Regeln für das Brainstorming: 1. Kritisiere oder beurteile Ideen nicht. 2. Erleg dir keine Beschränkungen auf. Je verrückter die Idee, desto besser. des3, Produziere möglichst viele Ideen. Je mehr Ideen du hast, to besser. 4. Greif die Ideen anderer Gruppenmitglieder auf. 139
Das Ideal der Extraversion Osborn war ein leidenschaftlicher Verfechter des Gedankens, dass Gruppen - einmal vom Gespenst des gegenseitigen Urteilens befreit - mehr und bessere Ideen produzieren als ein Einzelner allein, und er untermauerte seine Lieblingsidee mit grofßsartigen Behauptungen. »Die quantitativen Resultate eines Brainstormings in der Gruppe stehen außer Frage«, schrieb er. »Eine Gruppe produzierte 45 Vorschläge für eine HaushaltsgeräteWerbung, 56 Ideen für eine Geldbeschaffungskampagne, 124 Ideen, um mehr Bettdecken zu verkaufen. In einem anderen Fall führten 15 Gruppen ein Brainstorming zu ein und demselben Problem durch und produzierten über 800 Ideen.« Osborns Theorie entfaltete eine große Wirkung, und die Unternehmenschefs nahmen das Brainstorming begeistert auf. Bis auf den heutigen Tag ist es an der Tagesordnung, dass jemand, der eine Zeitlang in einer amerikanischen Firma tätig ist, sich gelegentlich in einem Raum mit weißen Wandtafeln und Filzstiften und einem außerordentlich schwungvollen Moderator wiederfindet, der alle Mitarbeiter zur freien Assoziation ermuntert. Osborns bahnbrechende Idee hat nur einen Haken: Brainstormingin der Gruppe funktioniert in Wahrheit gar nicht. Eine der ersten Untersuchungen, die dies demonstrierte, stammt aus dem Jahr 1963. Marvin Dunnette, Psychologieprofessor an der Universität von Minnesota, lief$ 48 Wissenschaftler aus der Forschungs- und 48 Fachleute aus der Werbeabteilung des Unternehmens »3M« (Erfinder des Post-it) sowohl ein individuelles als auch ein Brainstorming in der Gruppe durchführen.” Dunnette ging davon aus, dass die Werbeleute, die überwiegend sehr kontaktfreudig waren, von dem Brainstorming in der Gruppe profitieren würden. Bei den Wissenschaftlern war er sich weniger sicher, weil er sie für introvertierter hielt. 140
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens Dunnette teilte die beiden aus 48 Männern bestehenden Gruppen in je zwölf Untergruppen mit vier Teilnehmern auf. Allen Vierergruppen wurde eine Aufgabe für das Brainstorming gestellt, beispielsweise welcher Nutzen oder welche Schwierigkeiten sich daraus ergeben würden, wenn man mit einem zweiten Daumen geboren würde. Jeder Teilnehmer erhielt zusätzlich ein anderes (ähnliches) Problem, über das er mithilfe von Brain- storming allein nachdenken sollte. Dann zählten Dunnette und sein Team die Ideen und verglichen die Einfälle, die von den Gruppen produziert worden waren, mit denjenigen, die die Teilnehmer in Einzelarbeit entwickelt hatten. Um Gleiches neben Gleiches zu stellen, warf Dunnette die Ideen, die jeder einzelne Teilnehmer allein entwickelt hatte, mit denen der drei anderen Teilnehmer zusammen, so als ob sie »nominell« in einer Vierergruppe gearbeitet hätten. Die Psychologen bewerteten auch die Qualität der Einfälle, indem sie sie auf einer »Wahrscheinlich- keitsskala« mit 0 bis 4 Punkten einstuften. Die Resultate waren eindeutig. In 23 der 24 Gruppen produzierten die Teilnehmer mehr Ideen in Einzelarbeit, als sie in der Gruppe produziert hatten. In Alleinarbeit produzierten die Männer auch Einfälle von gleicher oder höherer Qualität als das, was in den Gruppen produziert worden war. Und die extravertierten Werbeleute schnitten bei der Gruppenarbeit nicht bes- ser ab als die vermutlich introvertierteren Wissenschaftler. Seither ist die Forschung in über vierzig Jahren immer wieder zu dem gleichen verblüffenden Resultat gekommen. Studien abzeigen, dass die Leistung mit steigender Gruppengröße und weniger nimmt: Gruppen von neun Teilnehmern bringen mern, schlechtere Ideen hervor als Gruppen von sechs Teilneh Die die ihrerseits schlechter abschneiden als Vierergruppen. 141
Das Ideal der Extraversion »wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, dass Firmen verrückt sein müssen, wenn sie Brainstorming in Gruppen machen lassen«, schreibt der Organisationspsychologe Adrian Furnham. »Falls Sie über talentierte und motivierte Mitarbeiter verfügen, sollten diese ermuntert werden, allein zu arbeiten, wenn Kreativität und Effizienz an erster Stelle stehen.«”* Die einzige Ausnahme ist Online-Brainstorming. Wie die Forschung zeigt, schneiden Gruppen, die elektronisches Brainstorming unter richtiger Anleitung machen, nicht nur besser ab als Individuen; ihre Leistung steigt sogar mit der Gruppengröße an, was das genaue Gegenteil von dem ist, was beim Brainstorming in realen Echtzeit-Gruppen passiert. Das gilt im Übrigen auch für die wissenschaftliche Forschung - Professoren, die von verschiedenen Arbeitsplätzen aus auf elektronischem Wege zusammenarbeiten, produzieren bedeutendere Forschungsergebnisse als solche, die entweder allein oder in realen Gruppen zusammenarbeiten. Das sollte uns nicht überraschen. Wie wir am Anfang dieses Kapitels gesehen haben, war es die seltsame Macht der elektronischen Zusammenarbeit, die überhaupt zum neuen Gruppendenken beitrug. Wie sind Linux oder Wikipedia entstanden, wenn nicht durch elektronisches Brainstorming riesigen Ausmaßes? Aber wir sind so beeindruckt von der Macht der OnlineZusammenarbeit, dass wir nun sämtliche Gruppenarbeit auf Kosten des Denkens Einzelner überbewerten. Und wir gehen davon aus, dass der Erfolg der Online-Zusammenarbeit sich auf persönliche Interaktion übertragen lässt. Nach all diesen Jahren, die belegen, dass konventionelles Brainstorming in Gruppen nicht funktioniert, ist es dennoch so populär wie eh und je. Teilnehmer von Brainstorming-Sitzungen 142
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens glauben gewöhnlich, dass ihre Gruppe viel produktiver war, als es tatsächlich der Fall ist, was einen guten Grund für ihre anhaltende Beliebtheit liefert - Menschen fühlen sich durch Brainstorming sozial eingebunden. Ein wertvolles Ziel - solange uns klar ist, dass sozialer Zusammenhalt und nicht Kreativität der Hauptnutzen ist. Psychologen haben gewöhnlich drei Erklärungen für das Versagen von Brainstorming in der Gruppe: erstens die soziale Faulenzerei: In einer Gruppe lehnen sich die Einzelnen eher zurück und lassen andere die Arbeit machen. Zweitens die Produktionsblockade: Nur jeweils eine Person kann sprechen oder eine Idee produzieren, während die anderen Gruppenmitglieder so lange gezwungen sind, passiv herumzusitzen. Drittens die Bewertungsangst, also die Angst, vor Gleichrangigen dumm dazustehen. Osborns Brainstorming-Regeln sollten dieser Angst entgegenwirken, aber Studien zeigen, dass die Angst, sich vor anderen zu blamieren, uns alle verfolgt, auch wenn sie bei Introvertierten deutlicher ausgeprägt ist als bei Extravertierten. Während der Basketball-Saison 1988-89 beispielsweise trugen zwei studentische Basketballmannschaften elf Spiele ohne Zuschauer aus, nachdem der Ausbruch einer Masernepidemie dafür gesorgt hatte, dass die Colleges alle Studenten unter Quarantäne stellten. Beide Teams spielten viel besser ohne die entnervenden Fans und sogar ohne die Unterstützer des eigenen Teams. Der Verhaltensökonom Dan Ariely entdeckte ein ähnliches Phänomen, als er bei einem Experiment 39 Versuchspersonen bat, ein Anagramm zu lösen, entweder allein an ihrem Arbeitsvoraus, platz oder während andere zuschauten.” Ariely sagte 143
Das Ideal der Extraversion dass die Versuchspersonen mit Zuschauern besser abschneiden würden, weil sie motivierter wären. Tatsächlich aber zeigten sie schlechtere Leistungen; Zuschauer können zwar motivierend sein, aber sie sind auch ein Stressfaktor. Das Problem bei der Bewertungsangst ist, dass man nicht viel dagegen tun kann. Man könnte glauben, dass sie sich mit Willenskraft, Training oder einer Reihe von Regeln für Gruppenprozesse, wie denen von Alex Osborn, überwinden liefse. Doch neueste neurowissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Gruppendruck viel tiefere und weitreichendere Implikationen hat, als wir bisher dachten. Zwischen 1951 und 1956, als Osborn die Macht des Brainstormings in der Gruppe propagierte, führte der Psychologe Solomon Asch eine Reihe von inzwischen berühmten Experimenten über die Gefahren des Gruppeneinflusses durch.” Asch lud freiwillige studentische Teilnehmer als Versuchspersonen zu einem Wahrnehmungstest ein. Er zeigte ihnen ein Bild mit drei Linien verschiedener Länge und fragte, wie die Linien sich im Verhältnis zueinander verhielten: welche länger war, welche der Linien einer vierten Linie entsprach und so weiter. Seine Fragen waren so einfach, dass 95 Prozent der Studenten jede Frage korrekt beantworteten. Aber als Asch heimlich Schauspieler in die Gruppen einschleuste und alle Schauspieler wie abgesprochen dieselbe falsche Antwort gaben, sank die Anzahl der Studenten, die alle Fragen korrekt beantworteten, auf 25 Prozent. Überwältigende 75 Prozent der Versuchspersonen schlossen sich einer falschen Antwort der Gruppe bei mindestens einer Frage an. Die Asch-Experimente zeigten die Macht des Konformismus genau zu der Zeit auf, als Osborn versuchte, Menschen von des144
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens sen Ketten zu befreien. Aber was sie nicht erklärten, war, warum Menschen so empfänglich für Konformität sind. Was ging in den Köpfen derjenigen vor, die sich der Gruppenmeinung beugten? Hatte sich ihre Wahrnehmung von der Länge der Linien durch den Gruppendruck geändert, oder gaben sie wissentlich falsche Antworten aus Angst, als Außenseiter zu gelten? Jahrzehntelang rätselten Psychologen über diese Frage. Heute kommen wir der Antwort mithilfe der neuesten Technik möglicherweise näher. Im Jahre 2005 beschloss der Neurowissenschaftler Gregory Berns, den wir im vorigen Kapitel kennengelernt haben, eine modernisierte Version von Aschs Experimenten durchzuführen.” Berns und sein Team rekrutierten 32 freiwillige Versuchspersonen, Männer und Frauen zwischen 19 und 41 Jahren. Dieses Mal spielten die Versuchspersonen ein Spiel. Den Teilnehmern wurden aufeinem Computerbildschirm zwei verschiedene dreidimensionale Objekte gezeigt. Sie sollten entscheiden, ob das erste Objekt, wenn man es entsprechend drehte, mit dem zweiten Objekt übereinstimmte. Bei den Experimenten wurden MRT-Scans vom Gehirn der Versuchspersonen gemacht, als sie entweder mit der Gruppenmeinung kon- form gingen oder ihr widersprachen. Die Resultate waren erschreckend und erhellend zugleich. Zum einen stützten sie Aschs Untersuchungsergebnisse. Als die Versuchspersonen allein spielten, gaben sie nur in 13,8 Prozent der Fälle eine falsche Antwort. Aber als sie mit einer Gruppe spielten, deren Mitglieder einhellig falsche Antworten gaben, stimmten sie der Gruppe in 41 Prozent der Fälle zu. Aber Berns Studie warf zum anderen auch ein Licht darauf, onen warum wir solche Konformisten sind. Als die Versuchspers einem allein spielten, zeigten die Gehirn-Scans Aktivitäten in 145
Das Ideal der Extraversion Netzwerk von Hirnarealen, die mit visueller und räumlicher Wahrnehmung in Verbindung stehen, unter anderem im Hinterhauptkortex und im Parietalkortex sowie im Frontalkortex, der mit bewussten Entscheidungen verknüpft ist. Aber als sich die Versuchspersonen der falschen Antwort der Gruppe anschlossen, zeigte ihre Hirnaktivität ein ganz anderes Bild. Wie schon erwähnt, wollte Asch wissen, ob Menschen sich anpassten, auch wenn sie wussten, dass die Gruppe unrecht hatte, oder ob ihre Wahrnehmung durch die Gruppe tatsächlich verändert worden war. Sollte Ersteres stimmen, so überlegten Berns und sein Team, dann müssten sie eine stärkere Hirnaktivität in dem mit Entscheidungen in Verbindung stehenden präfrontalen Kortex aufweisen. Das heißt, die Aufnahmen vom Gehirn würden zeigen, dass die Versuchspersonen sich bewusst entschieden, ihre eigenen Überzeugungen aufzugeben, um sich der Gruppe anzupassen. Doch sollten die Hirnaufnahmen erhöhte Aktivität in Arealen zeigen, die mit visueller und räumlicher Wahrnehmung zu tun haben, war das ein Hinweis darauf, dass es der Gruppe irgendwie gelungen war, die Wahrnehmungen des Individuums zu verändern. Und genau das stellte sich heraus. Die Konformisten zeigten weniger Hirnaktivität in den Frontalregionen, in denen Entscheidungen fallen, und mehr Aktivität in den Hirnarealen, die mit Wahrnehmung in Verbindung stehen. Gruppendruck ist mit anderen Worten nicht nur unangenehm, er kann sogar unsere Wahrnehmung von einer Situation verändern. Diese Ergebnisse (die noch durch weitere Untersuchungen bestätigt werden müssen) lassen vermuten, dass Gruppen wie bewusstseinsverändernde Substanzen wirken. Wenn die Gruppe glaubt, dass die richtige Antwort »A« lautet, werden auch Sie 146
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens eher glauben, dass A richtig ist. Es ist nicht so, dass Sie sich bewusst sagen: »Ich bin mir nicht sicher, aber da alle glauben, dass die Antwort A lautet, schließe ich mich an.« Sie sagen sich auch nicht: »Ich will, dass die anderen mich mögen, deshalb werde ich einfach so tun, als sei die Antwort A.« Nein, Sie tun etwas viel Unerwarteteres - und Gefährlicheres. Die meisten von Berns Versuchspersonen berichteten, sie hätten sich der Meinung der Gruppe angeschlossen, weil »sie glaubten, sie seien zufällig zur selben korrekten Antwort gekommen«. Sie waren völlig blind dafür, wie sehr die anderen sie beeinflusst hatten. Was hat das mit sozialer Angst zu tun? Wie schon erwähnt, gingen die Versuchspersonen in Aschs und Berns’ Studien nicht immer mit der Gruppe konform. Manchmal entschieden sie sich auch für die richtige Antwort trotz des Einflusses der Gruppe. Berns und sein Team fanden etwas sehr Beunruhigendes in Bezug auf diese Entscheidungen heraus. Sie gingen mit einer erhöhten Aktivität des Mandelkerns einher, der, wie wir wissen, mit aufregenden Emotionen - wie der Angst vor Ablehnung - in Verbindung steht. Berns nennt dies »den Schmerz der Unabhängigkeit«, der ernste Implikationen hat. Viele unserer wichtigsten staatsbürgerlichen Institutionen, von Wahlen über Schwurgerichtsverfahren bis hin zur Idee der demokratischen Mehrheitsherrschaft an sich, sind davon abhängig, dass es Andersdenkende gibt. n Aber wenn die Gruppe buchstäblich unsere Wahrnehmunge verändern kann und allein dazustehen heißt, primitive, mächtiubege und unbewusste Gefühle des Abgelehntwerdens heraufz Instidieser schwören, dann scheint das gesunde Funktionieren tutionen viel prekärer zu sein, als wir je gedacht haben. 147
Das Ideal der Extraversion Natürlich habe ich die Argumente gegen Zusammenarbeit vereinfacht. Direkte Zusammenarbeit, wie etwa die der Gebrüder Wright, der Nobelpreisträger Watson und Crick oder der Beatles Lennon und McCartney, hat großen Wert und große Schönheit. Jede Paarbindung zwischen Mutter und Vater, Eltern und Kind oder zwischen Liebenden ist ein Akt der schöpferischen Zusammenarbeit. Studien zeigen, dass Beziehungen von Mensch zu Mensch auf eine Weise Vertrauen herstellen, wie elektronische Interaktionen es nicht können. Die Forschung belegt auch, dass die Bevölkerungsdichte mit Innovation zusammenhängt. Trotz der Vorteile eines ruhigen Waldspaziergangs profitieren Menschen in Großstädten vom Netz der Interaktionen, das das städtische Leben anbietet. Ich habe dieses Phänomen am eigenen Leibe erlebt. Als ich begann, dieses Buch zu schreiben, richtete ich mir zu Hause ein wunderbares Arbeitszimmer mit einem aufgeräumten Schreibtisch, Aktenschränken, freien Ablageplätzen und viel natürlichem Licht ein - und dann fühlte ich mich zu abgeschnitten von der Welt, um auch nur eine einzige Zeile zu schreiben. Stattdessen verfasste ich einen Großteil dieses Buches aufeinem Laptop im überfüllten Lieblingscafe meines Stadtviertels. Ich tat das exakt aus den Gründen, die Verfechter des neuen Gruppendenkens anführen würden: Die bloße Nähe anderer Menschen verhalf mir zu Einfällen. Im Cafe saßen lauter Leute über ihre Computer gebeugt, und wenn man den Ausdruck andächtiger Konzentration auf den Gesichtern als Hinweis werten will, war ich nicht die Einzige, die fleißig arbeitete. Das Cafe eignete sich als mein Büro, weil es sehr spezielle Eigenschaften aufwies, die den meisten modernen Schulen und Arbeitsplätzen fehlen. Es bot Kontakt, aber er war so unverbind148
Die Entstehung des neuen Gruppendenkens lich, dass ich von unerwünschten Ablenkungen verschont blieb und so mein Schreiben »gezielt üben« konnte. Ich konnte hinund herschalten zwischen einer Beobachterrolle und Kontakt, so wie es mir gerade passte. Ich konnte auch meine Umgebung frei bestimmen. Jeden Tag wählte ich den Platz aus, an dem ich sitzen wollte - in der Mitte des Raums oder am Rande -, je nachdem, ob ich gesehen werden und sehen wollte. Und ich hatte die Möglichkeit, jederzeit zu gehen, wenn ich das, was ich am Tag geschrieben hatte, ungestört überarbeiten wollte. Gewöhnlich war mir schon nach wenigen Stunden danach zumute - nicht erst nach acht, zehn oder 14 Stunden, die viele Menschen im Büro verbringen. Die Lösung, die ich vorschlage, lautet, unsere persönliche Kommunikation radikal zu verfeinern. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen es Menschen freisteht, sich in einer wechselnden Auswahl von Interaktionen zu bewegen und sich in ihren persönlichen Arbeitsbereich zurückzuziehen, wenn sie sich konzentrieren oder einfach allein sein wollen. Wir müssen Kindern in der Schule die Zeit und den Raum geben, die sie brauchen, um gezielt für sich allein Fertigkeiten zu üben, bis ihr Talent zur Fachkompetenz heranreift. Wir müssen auch erkennen, dass viele Menschen - besonders Introvertierte wie Steve Wozniak - zusätzliche Ruhe und Privatsphäre brauchen, um Spitzenleistungen zu vollbringen. Einige Firmen beginnen, den Wert der Stille und der Alleinarbeit zu verstehen, und schaffen »flexible« Arbeitsräume, die loeine Mischung aus privaten Arbeitsbereichen, ruhigen Zonen, und ckeren Treffpunkten, Cafes, Leseräumen, Computerzentren mitsogar »Straßen« bieten, auf denen Menschen sich locker zu anderer einander unterhalten können, ohne den Arbeitsfluss 149
Das Ideal der Extraversion stören. Bei Microsoft bekommen die meisten Angestellten beispielsweise ein privates Büro, aber es hat Schiebetüren, mobile Wände und andere Eigenschaften, die den dort Arbeitenden erlauben zu entscheiden, wann sie zusammenarbeiten wollen und wann sie Zeit für sich zum Nachdenken brauchen. Von solchen unterschiedlichen Arbeitsräumen profitieren sowohl Introvertierte als auch Extravertierte, sagte mir der Systemdesignforscher Matthew Davis, denn sie bieten mehr Rückzugsmöglichkeiten als traditionelle Großraumbüros. Ich vermute, dass auch Wozniak diese Entwicklungen gutheifen würde. Bevor er den Apple-PC entwickelte, konstruierte er Rechenmaschinen für Hewlett Packard - eine Aufgabe, die er teilweise auch deswegen liebte, weil HP es den Mitarbeitern leicht machte, sich mit anderen zu unterhalten. Jeden Tag um zehn Uhr morgens und zwei Uhr mittags ließ das Management Donuts und Kaffee hereinrollen, und die Leute setzten sich zu einem lockeren Gedankenaustausch zusammen. Das Besondere an diesen Begegnungen war, dass sie in einer informellen und entspannten Atmosphäre stattfanden. In iWoz schreibt Wozniak, dass es bei HP nur um Leistung ging; es war nicht von Belang, wie jemand aussah, es gab keinen Bonus für Kontaktfreudigkeit, und niemand schubste ihn von seiner geliebten Konstruktionstätigkeit ins Management. Das ist es, was Zusammenarbeit für Wozniak bedeutete: die Möglichkeit, ein Donut und ein paar Ideen mit seinen zurückhaltenden, nicht urteilenden, lässig angezogenen Kollegen zu teilen - denen es völlig egal war, wenn er in seiner Wabe verschwand, um seine Arbeit zu erledigen.
FR rt Unsere Biologie, unser Selbst
KAPITEL 4 Ist Temperament Schicksal? Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese Manche Menschen sind sich aller Dinge sicherer als ich mir einer einzigen Sache. Robert Rubin, In an Uncertain World Es ist zwei Uhr nachts, ich kann nicht schlafen und möchte sterben. Normalerweise gehöre ich nicht zu den Selbstmordkandidaten, aber dies hier ist die Nacht vor einem grofsen Vortrag, und mein Kopf schwirrt vor entsetzlichen Was-wenn-Sätzen. Was, wenn ich einen trockenen Mund bekomme? Was, wenn ich die Zuhörer langweile? Was, wenn ich mich auf dem Podium übergebe? Mein Freund (und jetziger Ehemann) Ken merkt, wie ich mich hin- und herwälze. Meine Qualen bestürzen ihn. Als UN-Blau- helmsoldat geriet er einmal in Somalia in einen Hinterhalt. Ich glaube nicht, dass er damals so viel Angst hatte wie ich jetzt. »Versuch, an etwas Schönes zu denken«, sagt er und streicht mir über die Stirn. Ich starre an die Decke, während mir die Tränen kommen. Etwas Schönes? Was könnte an einer Welt der Mikrofone und Rednerpulte schön sein? »In China gibt es eine Milliarde Menschen, die dein Vortrag nicht einen Deut interessiert«, legt er mitfühlend nach. 152
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese Das hilft - für ungefähr fünf Sekunden. Ich drehe mich um und schaue auf den Wecker. Endlich ist es halb sieben. Der schlimmste Teil - die Nacht davor - ist zumindest vorbei. Morgen um diese Zeit bin ich frei. Aber erst muss ich noch den heutigen Tag überstehen. Ich ziehe mich grimmig an und schnappe mir meinen Mantel. Ken überreicht mir eine Trinkflasche, gefüllt mit Irish Cream von Bailey’s. Ich mache mir nicht viel aus Alkohol, aber Bailey's mag ich, weil er wie ein SchokoladenMilchshake schmeckt. »Trink das 15 Minuten vorher«, rät er mir und gibt mir zum Abschied einen Kuss. Ich nehme den Fahrstuhl nach unten und setze mich in das Auto, das draußen schon wartet, um mich zu meinem Ziel zu chauffieren, einem großen Firmensitz in einer Vorstadtgegend von New Jersey. Während der Fahrt habe ich reichlich Zeit, mich zu fragen, wie ich mich in eine solche Lage bringen konnte. Ich habe vor Kurzem meine Arbeit als Anwältin an der Wall Street aufgegeben, um eine eigene Beratungsfirma zu gründen. Bisher hatte ich nur mit Einzelklienten oder Kleingruppen zu tun, was ich angenehm fand. Aber als mich ein Bekannter, Leiter der Rechtsabteilung in einem großen Medienunternehmen, gebeten hat, ein Seminar für sein ganzes Führungsteam zu halten, habe ich - sogar enthusiastisch! - zugestimmt, aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann. Ich bete um eine Katastrophe - vielleicht eine Überschwemmung oder ein kleines Erdbeben -, irgendetwas, damit ich das Seminar nicht halten ganze muss. Dann bekomme ich Schuldgefühle, dass ich die Stadt in mein Drama hineinziehen will. , und Schließlich hält das Auto vor dem Bürohaus des Kunden heit sicher ich steige aus und versuche, den Pepp und die Selbst ühen. Der einer erfolgreichen Unternehmensberaterin zu verspr 155
Unsere Biologie, unser Selbst für die Organisation des Seminars Verantwortliche eskortiert mich zum Vortragsraum. Ich frage nach der Toilette und nehme in der Abgeschiedenheit der Kabine einen Schluck aus der Flasche. Ein paar Minuten lang stehe ich da und warte darauf, dass der Alkohol seine Wirkung entfaltet. Doch ich habe immer noch eine Heidenangst. Vielleicht sollte ich noch einen Schluck nehmen. Besser nicht, es ist erst neun Uhr morgens - was, wenn ich nach Alkohol rieche? Ich ziehe meinen Lippenstift nach und gehe in den Vortragsraum, wo ich meine Unterlagen auf dem Pult ordne, während sich der Raum mit wichtig aussehenden Geschäftsleuten füllt. Mach, was du willst, aber übergib dich nicht, sage ich zu mir selbst. Einige der Führungskräfte schauen zu mir hin, aber die meisten starren gebannt auf ihre Blackberrys. Ganz eindeutig hole ich sie von einer dringenden Arbeit weg. Wie soll ich ihre Aufmerksamkeit lange genug fesseln, damit sie aufhören, wichtige Mitteilungen auf ihre winzigen Handytastaturen zu hämmern? Ich gelobe, gleich hier und jetzt, dass ich nie wieder einen Vortrag halten werde. Das war vor zehn Jahren. Seither habe ich viele Vorträge gehalten. Ich habe meine Angst nicht komplett überwunden, aber mit den Jahren habe ich Strategien entdeckt, die allen Introvertierten in ähnlichen Situationen helfen können (mehr darüber in Kapitel 5). Im Übrigen habe ich Ihnen die Geschichte meiner panischen Angst deswegen erzählt, weil sie den Kern einiger meiner dringendsten Fragen zum Thema Introversion berührt. Irgendwo tief im Innern scheint meine Angst vor Vorträgen mit anderen Aspekten meiner Persönlichkeit verknüpft zu sein, die ich schät154
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese ze, besonders meiner Vorliebe für alles Sanfte und Intellektuelle. Diese Konstellation von Wesenszügen scheint mir nicht unüblich zu sein. Aber sind sie wirklich miteinander verknüpft, und wenn ja, wie? Sind sie das Resultat meiner »Sozialisation« - der Art, wie ich aufgezogen wurde? Meine Eltern sind beide leise, nachdenkliche Menschen, und wie ich spricht auch meine Mutter nicht gern vor mehreren Menschen. Oder sind sie meine »Anlage« - etwas tief in meiner Erbsubstanz Liegendes? Ich habe über diese Fragen nachgedacht, seit ich erwachsen bin. Glücklicherweise haben sich auch Forscher in Harvard darüber Gedanken gemacht. Die Wissenschaftler dort untersuchten die Gehirne Introvertierter und Extravertierter, um den biologischen Ursprüngen des menschlichen Temperaments auf die Spur zu kommen. Einer dieser Wissenschaftler ist der 82-jährige Jerry Kagan, einer der großen Entwicklungspsychologen des 20. Jahrhunderts. Kagan widmete seine Forschung der emotionalen und kognitiven Entwicklung von Kindern. In einer Reihe bahnbrechender Langzeitstudien untersuchte er Kinder vom Säuglingsalter bis hin zur Jugend und dokumentierte dabei Merkmale ihrer Physiologie und Persönlichkeit. Solche Langzeitstudien sind zeitraubend, teuer und deswegen selten - aber wenn sie sich auszahlen, wie es für Kagans Studien gilt, dann auch gleich im gro- ßen Maßstab. Für eine dieser Studien, die 1989 begann und immer noch läuft,' untersuchten Professor Kagan und sein Team 500 Säuglinge im Alter von vier Monaten im »Laboratory for Child Development« in Harvard und erklärten, dass sie nach einer 45-minütigen Einschätzung vorhersagen könnten, welche Säuglinge sich eher zu introvertierten und welche zu extravertierten Men155
Unsere Biologie, unser Selbst schen entwickeln würden. Bei einem Baby von vier Monaten könnte das als gewagte Behauptung erscheinen. Aber Kagan hatte sich schon lange mit der Frage des Temperaments befasst, und er hatte eine Theorie darüber entwickelt. Kagan und sein Team setzten die Säuglinge einer sorgfältig durchdachten Reihe neuer Eindrücke aus. Man spielte ihnen Stimmen und das Geräusch platzender Luftballons vom Tonband vor, ließ bunte Mobiles vor ihren Augen tanzen und hielt ihnen alkoholgetränkte Wattestäbchen unter die Nase. Die Säuglinge zeigten stark variierende Reaktionen auf die unbekannten Reize. Etwa 20 Prozent schrien laut und strampelten heftig mit Armen und Beinen. Kagan nannte diese Gruppe »hoch reaktiv«. Ungefähr 40 Prozent blieben ruhig und gelassen und bewegten ihre Arme und Beine nur ab und zu, aber nicht allzu heftig. Diese Gruppe nannte Kagan »gering reaktiv«. Die übrigen 40 Prozent lagen in einem Mittelfeld zwischen diesen beiden Extremen. In einer überraschenden Hypothese, die der Logik zuwiderzulaufen scheint, sagte Kagan vorher, dass die Säuglinge in der hoch reaktiven Gruppe - jene, die heftig gestrampelt hatten - sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu stillen Teenagern entwickeln würden. Viele dieser Kinder nahmen im Alter von zwei, vier, sieben und elf Jahren an Folgeuntersuchungen teil, bei denen ihre Reaktionen auf unbekannte Menschen und Ereignisse getestet wurden. Im Alter von zwei Jahren wurden den Kindern eine Frau in Gasmaske und Laborkittel, ein Mann im Clownskostüm und ein ferngesteuerter Roboter vorgeführt. Mit sieben wurden sie gebeten, mit Kindern zu spielen, die sie nicht kannten. Mit elf stellte ein unbekannter Erwachsener ihnen Fragen zu ihrem Leben. Kagans Team beobachtete, wie die Kinder auf diese neuen 156
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese Situationen reagierten, wie oft und spontan sie lachten, sprachen und lächelten. Sie fragten die Kinder und Eltern auch, wie die Kinder sich außerhalb des Labors verhielten. Zogen sie einen oder zwei Freunde oder eine fröhliche Gruppe vor? Lernten sie gern neue Orte kennen? Waren sie risikofreudig oder eher vorsichtig? Hielten sie sich selbst für schüchtern oder wagemutig? Viele Kinder entwickelten sich genauso, wie Kagan es erwartet hatte. Die hoch reaktiven Säuglinge, jene 20 Prozent, die beim Anblick der tanzenden Mobiles heftig gebrüllt und gestrampelt hatten, entwickelten eher eine ernste, vorsichtige Persönlichkeit. Die gering reaktiven Säuglinge, die sich ruhig verhalten hatten, wurden eher lockere und zuversichtliche Typen. Hohe und geringe Reaktivität entsprachen mit anderen Worten tendenziell der Introversion und Extraversion. Wie Professor Kagan sagte: »C.G. Jungs Beschreibungen von Introvertierten und Extravertierten, die vor über 75 Jahren entstanden, treffen mit unheimlicher Genauigkeit auf einen Teil unserer hoch und gering reaktiven Jugendlichen zu.«° In seinem Buch Galens Prophecy beschreibt Kagan zwei dieser Jugendlichen: den introvertierten Tom und den extravertierten Ralph.® Die Unterschiede zwischen den beiden sind auffällig. Tom, der als Kind ungewöhnlich scheu war, ist gut in der Schule, vorsichtig und reserviert, seiner Freundin und seinen Eltern treu ergeben, neigt zu Sorgen und liebt es, für sich allein zu lernen und über intellektuelle Probleme nachzudenken. Er möchte Wissenschaftler werden. »Wie ... andere berühmte Introvertierte, die scheue Kinder waren«, schreibt Kagan und vergleicht Tom mit T. $. Eliot und dem Mathematiker und Philosophen Alfred North Whitehead, »hat Tom ein Leben des Geistes gewählt.« 157
Unsere Biologie, unser Selbst Im Gegensatz dazu ist Ralph entspannt und selbstsicher. Er behandelt den Interviewer aus Kagans Team wie einen Gleichaltrigen, nicht wie eine 25 Jahre ältere Autorität. Obwohl Ralph sehr intelligent ist, hat er in Englisch und den Naturwissenschaften schlecht abgeschnitten, weil er nicht aufgepasst hat. Aber Ralph lässt sich von nichts übermäßig beeindrucken. Er gibt seine Schwächen fröhlich zu. Psychologen diskutieren oft den Unterschied zwischen »Temperament« und »Persönlichkeit«. Temperament meint angeborene, biologisch begründete Verhaltensweisen und emotionale Muster, die sich schon im Säuglingsalter und der frühen Kindheit beobachten lassen. Die Persönlichkeit ist ein komplexes Gebilde, das sich erst herausbildet, nachdem der gesellschaftliche Einfluss und persönliche Erfahrungen hinzugekommen sind. Man könnte sagen, das Temperament ist das Fundament und die Persönlichkeit das darauf gebaute Haus. Kagans Arbeit half, bestimmte Temperamente im Säuglingsalter mit der Persönlichkeit des Erwachsenen - wie im Beispiel von Tom und Ralph - zu verknüpfen. Aber Kagan ging noch einen Schritt weiter. Wie konnte er wissen, dass die Säuglinge, die heftig strampelten, sich in vorsichtige, nachdenkliche Teenager verwandeln würden wie Tom oder dass die stillen Babys lockere, durch schulische Erfahrungen nicht zu erschütternde Elfjährige wie Ralph werden würden? Die Antwort liegt in ihrer Physiologie. Kagan und sein Team beobachteten nicht nur das Verhalten der Säuglinge in ungewohnten Situationen, sondern mafßen auch ihren Puls und Blutdruck, die Fingertemperatur und weitere für das Nervensystem ausschlaggebende Indikatoren. Kagan 158
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese entschied sich für diese Parameter, weil man davon ausgeht, dass sie vom Mandelkern, einem kleinen, aber entscheidenden Organ im Gehirn, gesteuert werden. Der Mandelkern sitzt tief im limbischen System, einem alten Netzwerk im Gehirn, das sich selbst bei primitiven Säugetieren, wie Mäusen und Ratten, finden lässt. Dieses Netzwerk - manchmal auch »emotionales Gehirn« genannt - steckt hinter vielen unserer Grundinstinkte, die wir mit den Tieren teilen, wie dem Appetit, dem Sexualtrieb und der Angst. Der Mandelkern dient als emotionale Schalttafel des Gehirns. Er empfängt Informationen von den Sinnesorganen und signalisiert dem übrigen Gehirn und dem Nervensystem, wie sie zu reagieren haben. Eine seiner Funktionen ist, ungewohnte, uneraufwartete oder bedrohliche Veränderungen in der Umgebung e -Scheib Frisbee zuspüren - von einer durch die Luft fliegenden gnale bis hin zu einer zischenden Schlange - und dann Alarmsi akdurch den Körper zu schicken, die eine Kampf- oder Fluchtre tion auslösen. Wenn es danach aussieht, dass die Frisbee-ScheiMandelkern be direkt auf unser Gesicht zufliegt, gibt uns der zubeißen den Befehl, uns zu ducken. Wenn die Klapperschlange will, sorgt der Mandelkern dafür, dass wir flüchten. einem beKagan stellte die Hypothese auf, dass Säuglinge mit annter Gesonders erregbaren Mandelkern beim Anblick unbek Säuglinge sich genstände schreien und zucken - und dass diese nung mit Fremzu Kindern entwickeln würden, die bei der Begeg Die vier Monate den zu Vorsicht neigen. Und genau das trafein. en, taten es alten Babys, die wie wild mit den Armen wedelt sondern weil ihr nicht, weil sie angehende Extravertierte waren, sche und Gerükleiner Körper heftig auf neue Anblicke, Geräu Die ruhigen Kinder che reagierte - sie waren »hoch reaktiv«. 159
Unsere Biologie, unser Selbst blieben nicht stumm, weil es sich um zukünftige Introvertierte handelte - ganz im Gegenteil -, sondern weil ihr Nervensystem von Neuem unberührt blieb. Je stärker der Mandelkern eines Kindes reagiert, desto weiter sind seine Augen aufgerissen, desto höher ist der Puls, desto verkrampfter sind die Stimmbänder, desto mehr Cortisol (ein Stresshormon) ist im Speichel nachweisbar - und desto schlechter wird es ihm gehen, wenn es etwas Neuem begegnet, das Reize auslöst. Wenn sie groß werden, sind hoch reaktive Kinder fortwährend mit Unbekanntem in vielen verschiedenen Zusammenhängen konfrontiert, vom ersten Besuch in einem Vergnügungspark bis hin zur Begegnung mit anderen Kindern beim ersten Tag im Kindergarten. Wir neigen dazu, das Temperament eines Kindes danach zu beurteilen, wie es auf unbekannte Menschen reagiert: Wie verhält es sich am ersten Schultag? Fühlt es sich unsicher auf einer Geburtstagsfeier mit vielen Kindern, die es nicht kennt? Aber was wir dabei in Wirklichkeit beurteilen, ist die Sensibilität eines Kindes gegenüber etwas Neuem im Allgemeinen, nicht nur gegenüber Menschen. Die Entdeckungen, die Kagan über viele Jahrzehnte gemacht hat, stellen einen Durchbruch in unserem Verständnis von Introversion und Extraversion dar - und das gilt auch für die von uns getroffenen Werturteile. Extravertierten bescheinigt man manchmal, »sozial eingestellt«, sprich am Wohle anderer interessiert zu sein, und Introvertierten wird zuweilen nachgesagt, dass sie keine Menschen mögen. Aber die Reaktionen der Säuglinge bei Kagans Versuchen hatten nichts mit Menschen zu tun. Die Babys schrien (oder schrien nicht) beim Geruch von Wattestäbchen. Sie strampelten heftig (oder blieben ruhig) als Reaktion auf platzende Luftballons. Die hoch reaktiven Babys waren 160
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese keine angehenden Misanthropen, sie reagierten einfach sensibel auf ihre Umwelt. Die Sensibilität des Nervensystems dieser Kinder scheint sich nicht nur aufdie Wahrnehmung beängstigender Dinge zu beziehen, sondern auf Wahrnehmung im Allgemeinen. Hoch reaktive Kinder schenken Menschen und Dingen »hellwache Aufmerksamkeit«, wie Psychologen es nennen. Wenn sie Wahlmöglichkeiten vergleichen, zeigen sie mehr Augenbewegungen als andere, bevor sie sich entscheiden. Es ist, als ob sie die Informationen, die sie von der Außenwelt empfangen, gründlicher verarbeiten würden - manchmal bewusst, manchmal nicht. In einer frühen Untersuchunggreihe liefß Kagan eine Gruppe von Erstklässlern ein Zuordnungsspiel spielen. Dabei wurde jedem Kind ein Bild mit einem Teddybären vorgelegt, der auf einem Stuhl saß, sowie sechs weitere Bilder, von denen nur eins mit dem ersten exakt übereinstimmte. Die hoch reaktiven Kinder nahmen sich mehr Zeit als die anderen, um sich die Alternativen anzuschauen, und trafen eher die richtige Entscheidung, Als Kagan mit denselben Kindern Spiele mit Wörtern durchführte, stellte er fest, dass sie auch genauer lasen als impulsive Kinder. Diese Kinder zeigen auch tiefere Gedanken und Gefühle im Hinblick auf ihre Wahrnehmungen und bringen mehr Zwischentöne in alltägliche Erfahrungen.’ Das kann sich ganz verschieden äußern. Wenn das Kind kontaktorientiert ist, denkt es hat: vielleicht viel darüber nach, was es bei anderen beobachtet warum Jason heute nicht sein Spielzeug mit einem anderen Kind teilen wollte oder warum Mary so böse auf Nicholas wure de, als er sie versehentlich angerempelt hat. Wenn es speziell -, bauen Neigungen hat - Rätsel lösen, malen oder Sandburgen rieren. wird es sich oft ungewöhnlich stark konzent 161
Unsere Biologie, unser Selbst Untersuchungen zeigen, dass ein hoch reaktives Kind, das versehentlich das Spielzeug eines anderen Kindes zerbricht, eine intensivere Mischung aus Schuldgefühlen und Kummer als ein gering reaktives Kind erlebt. Natürlich nehmen alle Kinder ihre Umwelt wahr und erleben Gefühle, aber hoch reaktive Kinder scheinen mehr aufzunehmen und stärker zu fühlen. Wenn Sie ein hoch reaktives siebenjähriges Kind fragen, wie eine Gruppe von Kindern ein begehrtes Spielzeug gerecht untereinander teilen sollte, dann, so schreibt die Wissenschaftsjournalistin Winifred Gallagher, schlägt das Kind oft anspruchsvolle Strategien vor, wie zum Beispiel: »Wir könnten alphabetisch vorgehen. Das Kind, dessen Nachname am dichtesten beim A liegt, darf anfangen.«® »Die Umsetzung von Theorie in Praxis ist schwierig für diese Kinder«, schreibt Gallagher, »weil ihr sensibles Wesen und ihre durchdachten Pläne sich nicht für die verschiedenartigen Schwierigkeiten auf dem Schulhof eignen.« Doch wie in den folgenden Kapiteln deutlich wird, erweisen sich diese Merkmale - Wachheit, Sensibilität gegenüber Zwischentönen, komplexe Emotionalität - als einige der wichtigsten Stärken von Introvertierten. Kagan hat uns akribisch aufgezeichnete Beweise geliefert, dass hohe Reaktivität eine biologische Basis der Introversion darstellt, aber seine Ergebnisse sind teilweise auch deswegen so beeindruckend, weil sie bestätigen, was wir bereits geahnt haben. Einige von Kagans Untersuchungen wagen sich sogar in den Bereich unserer kulturellen Gemeinplätze vor. Beispielsweise glaubt Kagan, basierend auf seinen Daten, dass hohe Reaktivität mit physischen Merkmalen wie blauen Augen, Allergien und Heuschnupfen einhergeht und dass hoch reaktive Männer eher 162
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese als andere dünn sind und ein schmales Gesicht haben.’ Solche Schlussfolgerungen sind spekulativ und erinnern an das im 19. Jahrhundert praktizierte Verfahren, die Seele eines Menschen anhand seiner Schädelform zu beurteilen. Aber ganz gleich, ob sie sich als richtig erweisen sollten oder nicht, sind dies interessanterweise genau die Merkmale, mit denen wir fiktionale Charaktere ausstatten, wenn wir andeuten wollen, dass sie still, introvertiert und intellektuell ausgerichtet sind. Es ist, als wären diese physiologischen Tendenzen tief in unserem kulturellen Unbewussten vergraben. Nehmen wir zum Beispiel Disneyfilme. Kagan und seine Kollegen vermuten, dass die Disney-Trickfilmzeichner unbewusst ein Verständnis von hoher Reaktivität hatten, als sie sensiblen Figuren wie Aschenbrödel, Pinocchio und Seppel blaue Augen und dreisteren Charakteren wie Aschenbrödels Stiefschwestern, Brummbär und Peter Pan dunklere Augen gaben. Auch in vielen Hollywoodfilmen und Fernsehserien ist der Standardcharakter des dünnen, ständig verschnupften jungen Mannes die Chiffre für einen unglücklichen, aber nachdenklichen Jungen, der gute Noten hat, vom Treiben in der Gemeinschaft ein wenig überfordert ist und ein Talent für introspektive Aktivitäten wie Poesie oder Astrophysik hat. (Denken wir an Ethan Hawke im Club der toten Dichter.) Kagan nimmt sogar an, dass manche Männer Frauen mit heller Haut und blauen Augen vorziehen, weil sie sie unbewusst als besonders sensibel einstufen. n Auch andere Untersuchungen über die Persönlichkeit stütze h, die These, dass Extraversion und Introversion physiologisc wenn nicht gar genetisch begründet sind. Anlage Eine der gebräuchlichsten Methoden, um zwischen Wesensund Sozialisation zu unterscheiden, besteht darin, die 163
Unsere Biologie, unser Selbst merkmale eineiiger und zweieiiger Zwillinge zu vergleichen. Eineiige Zwillinge entwickeln sich aus einer einzigen befruchteten Eizelle und besitzen daher exakt dieselbe genetische Ausstattung, während zweieiige Zwillinge sich aus getrennten Eizellen entwickeln und daher nur zur Hälfte genetisch übereinstimmen. Wenn man also den Grad der Introversion oder Extraversion bei Zwillingspaaren misst und eine größere Korrelation bei eineiigen als bei zweieiigen Zwillingen feststellt - und das ist in der Tat bei sämtlichen Untersuchungen der Fall, selbst wenn die Zwillinge getrennt aufwachsen -, kann man mit hoher Sicherheit daraus schließen, dass dieses Wesensmerkmal eine gewisse genetische Grundlage hat. Natürlich ist es denkbar, dass eineiige Zwillinge nicht nur genetisch gleich sind, sondern auch eher gleich behandelt werden als zweieiige Zwillinge, was eine Trübung der Ergebnisse durch Sozialisation und Umwelteinflüsse bedeuten würde. Einige Wissenschaftler versuchen das Problem zu umgehen, indem sie zweieiige und eineiige Zwillinge vergleichen, die getrennt aufgezogen wurden. Andere wiederum haben noch einen anderen Ansatz gefunden: Sie vergleichen Adoptivkinder mit ihren Adoptiveltern und deren natürlichen Kindern - ein Szenarium, in dem eine gemeinsame Umwelt ohne eine gemeinsame DNA gegeben ist. Solche Adoptionsstudien zeigen meistens, dass die Persönlichkeitsmerkmale der Kinder wenig Ähnlichkeit mit denen ihrer Adoptivfamilie aufweisen. Keine dieser Studien ist perfekt, aber die Resultate legen übereinstimmend nahe, dass Introversion und Extraversion wie andere wichtige Wesenszüge - Freundlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Pflichtbewusstsein beispielsweise - zu 40 bis 50 Prozent erblich sind. 164
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese Aber ist die biologische Erklärung der Introversion völlig befriedigend? Als ich zum ersten Mal Kagans Buch Galens Prophecy las, war ich so aufgeregt, dass ich nicht schlafen konnte. Hier auf diesen Seiten waren meine Freunde, meine Familie und ich - tatsächlich die gesamte Menschheit! - fein säuberlich eingeteilt mithilfe des Kriteriums eines ruhigen versus eines hoch reaktiven Nervensystems. Es schien also doch eine einfache Antwort auf die Frage nach Vererbung oder Erfahrung, Anlage oder Sozialisation zu geben: Wir alle kommen mit einem vorbestimmten Temperament zur Welt. Aber es konnte doch nicht so einfach sein - oder doch? Können wir eine introvertierte oder extravertierte Persönlichkeit wirklich auf das Nervensystem reduzieren, mit dem ein Mensch geboren wird? Ich halte mich für eine hoch reaktive Introvertierte, aber meine Mutter behauptet, dass ich ein unproblematisches Baby war, kein Kind, das beim Platzen eines Luftballons gestrampelt und geschrien hätte. Ich neige zu massiven Anfällen des von Selbstzweifel, aber ich finde auch einen tiefen Quell Tag Muts in meinen Überzeugungen. Ich fühle mich am ersten ich in einer fremden Stadt furchtbar unwohl, und dennoch reise nd gern. Ich war als Kind schüchtern, habe das aber weitgehe üWiderspr diese überwunden. Überdies glaube ich nicht, dass ihrer Perche so ungewöhnlich sind. Viele Menschen haben in Auch sönlichkeit Seiten, die nicht miteinander harmonieren. Und wie ändern Menschen sich tiefgreifend im Laufe der Zeit. wer wir steht es mit dem freien Willen: Können wir bestimmen, sind und wer wir werden? n, um ihm Ich entschloss mich, Professor Kagan aufzusuche ihm hingezu diese Fragen persönlich zu stellen. Ich fühlte mich Forschungserzogen, nicht nur aufgrund seiner überzeugenden 165
Unsere Biologie, unser Selbst gebnisse, sondern auch aufgrund dessen, wofür er in der großen »Sozialisation-oder-Anlage«-Debatte stand. Kagan begann seine Laufbahn 1954 als standhafter Verfechter der Sozialisation, eine Ansicht, die mit dem damaligen wissenschaftlichen Establishment übereinstimmte. Damals war der Gedanke eines angeborenen Temperaments politischer Sprengstoff, weil er das Gespenst der Nazi-Eugenik und der Überlegenheit der Weißen heraufbeschwor. An der Vorstellung hingegen, Kinder seien ein unbeschriebenes Blatt und hätten unbegrenzte Möglichkeiten, fand eine Nation, die auf dem Glauben an Demokratie basierte, Gefallen. Doch im Laufe der Zeit änderte Kagan seine Meinung. »Ich wurde«, sagt er heute, »wider Willen von meinen Daten dazu gezwungen anzuerkennen, dass das angeborene Temperament stärker ist, als ich glaubte und gerne glauben würde.«® Die Veröffentlichung seiner frühen Forschungsergebnisse über hoch reaktive Kinder in der Zeitschrift Science im Jahre 1988 half, die Idee des angeborenen Temperaments salonfähig zu machen teils auch gerade wegen seines Rufs als »Sozialisations«-Verfechter. Wenn jemand in der »Anlage-oder-Sozialisation«-Debatte für Klarheit sorgen konnte, dann, so hoffte ich, war es Jerry Kagan. Kagan bittet mich in sein Büro in der William James Hall von Harvard und begutachtet mich ungerührt, während ich mich setze - nicht unfreundlich, aber definitiv kritisch.’ Ich hatte ihn mir als freundlichen, weißbekittelten Wissenschaftler wie aus dem Bilderbuch vorgestellt, der Chemikalien von einem Reagenzglas ins nächste schüttet, bis - Puff! Komm schon, Susan, du weifst genau, wer du bist. Aber dies hier ist nicht der gütige alte 166
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese Professor, den ich mir vorgestellt habe. Paradoxerweise wirkt Kagan für einen Wissenschaftler, dessen Bücher voller Humanität stecken und der von sich selbst sagt, er sei ein ängstlicher, leicht zu erschreckender Junge gewesen,” regelrecht einschüchternd auf mich. Ich beginne unser Interview, indem ich eine Grundsatzfrage stelle, mit deren Prämisse er nicht einverstanden ist. »Nein, nein, nein!«, donnert Kagan los, als würde ich ihm nicht direkt gegenübersitzen. Die hoch reaktive Seite meiner Persönlichkeit läuft sofort Amok. Ich spreche immer leise, doch jetzt muss ich mich dazu zwingen, nicht nur zu flüstern (auf der Tonbandaufnahme unseres Gesprächs klingt Kagans Stimme dröhnend und pathetisch, meine viel leiser). Mir fällt auf, dass sich mein Oberkörper verspannt, eines der verräterischen Zeichen der Hochreaktiven. Der Gedanke, dass es auch Kagan auffallen muss, fühlt sich seltsam an. Er bestätigt es mir nickend und merkt an, dass viele Hochreaktive Schriftsteller werden oder sich andere intellektuelle Berufe aussuchen, in denen »sie das Sagen haben: Sie machen die Tür zu, ziehen die Jalousien herunter und arbeiten. Sie sind vor Unerwartetem geschützt.« (Weniger gebildete Menschen werden aus denselben Gründen Sekretärinnen, Buchhalter oder Lkw-Fahrer, fügt er hinzu.) Ich erwähne ein kleines Mädchen aus meinem Bekanntenkreis, das nur ganz langsam auftaut. Sie studiert fremde Menschen, statt auf sie zuzugehen; ihre Familie fährt jedes Wochenende ans Meer, doch sie braucht eine Ewigkeit, um ihren Zeh in die Brandung zu tauchen. »Eine klassische Hochreaktive«, be- merke ich. »Nein!«, ruft Kagan aus. »Jedes Verhalten hat mehr als nur eilangne Ursache. Vergessen Sie das nie! Unter Kindern, die nur 167
Unsere Biologie, unser Selbst sam auftauen, gibt es, statistisch gesehen, mehr Hochreaktive, aber es kann sein, dass sie langsam auftauen, weil sie in ihren ersten dreieinhalb Lebensjahren bestimmte Erfahrungen gemacht haben! Autoren und Journalisten reden immer so, als würde es nur monokausale Beziehungen geben: ein Verhalten, eine Ursache. Aber es ist wichtig zu begreifen, dass viele Auslöser zu einem Verhalten wie langsamem Auftauen, Schüchternheit, Impulsivität oder was auch immer führen können.« Er spult Beispiele dafür ab, welche Faktoren unabhängig von einem reaktiven Nervensystem oder im Zusammenspiel damit eine introvertierte Persönlichkeit produzieren könnten: Ein Kind hat vielleicht Spaß daran, sich etwas auszudenken, also verbringt es viel Zeit im Kopf. Auch gesundheitliche Probleme könnten ein Kind auf sein Inneres lenken, auf das, was sich in seinem Körper abspielt. Meine Angst, vor einer größeren Gruppe zu sprechen, könnte ebenso komplexe Ursachen haben. Fürchte ich mich, weil ich eine hoch reaktive Introvertierte bin? Möglicherweise nicht. Manche Introvertierte halten gern Reden, und viele Extravertierte haben Lampenfieber. Reden halten ist die Angst Nummer eins in Amerika und weitaus verbreiteter als die Angst vor dem Tod. Diese Phobie hat viele Ursachen, darunter auch negative Erfahrungen in der frühen Kindheit, die mit unserer persönlichen Geschichte und nicht mit unserem angeborenen Temperament zusammenhängen. Tatsächlich ist die Angst, vor einer Gruppe aufzutreten, vielleicht eine zutiefst menschliche Urangst - die nicht auf Menschen mit einem hoch reaktiven Nervensystem begrenzt ist. Einer der Theorien zufolge, die auf den Forschungen des Soziobiologen E. O. Wilson basiert, bedeutete intensives Beobachtet168
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese werden zu der Zeit, als unsere Vorfahren noch in der Steppe lebten, nur eines: dass uns ein wildes Tier umschlich. Und wenn wir glauben, dass wir gleich gefressen werden, bleiben wir dann aufrecht stehen und beginnen zuversichtlich zu reden? Eher nicht. Wir machen uns aus dem Staub. Mit anderen Worten: Hunderttausende Jahre der Evolution drängen uns, das Podium zu verlassen, auf dem uns die Blicke der Zuschauer wie das Glitzern im Auge eines Raubtiers erscheinen, und fluchtartig das Weite zu suchen. Doch das Publikum erwartet nicht nur, dass wir an Ort und Stelle verharren, sondern auch, dass wir entspannt und voller Selbstvertrauen auftreten. Dieser Konflikt zwischen Biologie und Etikette ist einer der Gründe dafür, dass es so nervenaufreibend sein kann, eine Rede zu halten. Deshalb hilft nervösen Rednern auch nicht der Ratschlag, sich das Publikum nackt vorzustellen. Nackte Löwen sind genauso gefährlich wie elegant gekleidete. Aber auch wenn alle Menschen vielleicht dafür anfällig sind, die Leute im Publikum für Raubtiere zu halten, hat jeder von uns eine andere Schwelle, bei der die Kampf-oder-Flucht-Reaktion ausgelöst wird. Wie schmal müssen die Augen der Zuschauer werden, bevor wir das Gefühl haben, gleich angegriffen zu werden? Ist dieses Gefühl schon da, bevor wir überhaupt ans Redig, nerpult treten? Oder sind erst einige Zwischenrufe notwend dass um den Adrenalinstoß auszulösen? Es ist nachvollziehbar, Stirnrun ein hochsensibler Mandelkern Sie empfänglicher für nur zeln, gelangweiltes Gähnen und Menschen macht, die sich Satz im für ihre Blackberrys interessieren, während Sie mitten sigtierte Introver dass stecken. Und tatsächlich zeigen Studien, Reden zu nifikant mehr dazu neigen, Angst vor dem öffentlichen haben. 169
Unsere Biologie, unser Selbst Kagan erzählt mir, wie er einmal einen anderen Wissenschaftler beobachtete, der auf einer Konferenz einen hervorragenden Vortrag hielt. Nachher fragte der Redner ihn, ob sie zusammen Mittag essen gehen wollten. Kagan war einverstanden, und der Wissenschaftler gestand ihm, dass erjeden Monat einen Vortrag hielt und, obwohl er sich eine funktionierende soziale Maske zugelegt hatte, dabei jedes Mal vor Angst verging, Die Lektüre von Kagans Buch hatte ihm jedoch sehr geholfen. »Sie haben mein Leben verändert«, vertraute er Kagan an. »Bis heute habe ich immer meiner Mutter die Schuld gegeben, aber nun glaube ich, dass ich ein Hochreaktiver bin.« Bin ich also introvertiert, weil ich die Gene meiner Eltern geerbt oder weil ich ihre Gewohnheiten übernommen habe, oder beides? Wie schon erwähnt, zeigen die Erblichkeitsstatistiken aus den Zwillings- und Adoptionsstudien, dass Introversion und Extraversion nur zu 40 bis 50 Prozent auf Vererbung beruhen. Das bedeutet, dass die Streuung von Introversion und Extraversion bei einer beliebigen Gruppe von Menschen durchschnittlich zur Hälfte durch genetische Faktoren bedingt ist. Aber es sind vermutlich viele Gene am Werk, und Kagans Konzept der Hochreaktivität ist vielleicht nur einer der vielen physiologischen Erklärungsversuche der Introversion. (Wir werden einen anderen in Kapitel 7 untersuchen.) Außerdem sind Durchschnittsangaben mit Vorsicht zu bewerten. Eine Erblichkeitsquote von 50 Prozent besagt nicht unbedingt, dass ich meine Introversion zur Hälfte von meinen Eltern geerbt habe oder dass der Unterschied zwischen meiner besten Freundin und mir in puncto Extraversion zur Hälfte auf Gene zurückzuführen ist. Meine Introversion kann zu 100 Prozent auf Vererbung beruhen 170
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese oder auch gar nicht - oder mit höherer Wahrscheinlichkeit auf einer unergründlichen Kombination aus Vererbung und Erfahrung. Die Frage, ob Introversion auf Anlage oder Sozialisation beruht, ist nach Kagan, als würde man fragen, ob ein Schneesturm durch Temperatur oder durch Feuchtigkeit ausgelöst wird. Es ist die komplizierte Interaktion zwischen beidem, die uns zu dem macht, was wir sind. Vielleicht habe ich also die falsche Frage gestellt. Vielleicht ist das Rätsel, wie viel Prozent der Persönlichkeit auf Anlage und wie viel auf Sozialisation beruhen, weniger wichtig als die Frage, wie unser angeborenes Temperament mit der Umgebung und unserem eigenen freien Willen interagiert. Wie weit fällt der Apfel unseres Lebens vom Stamm unseres Temperaments? Wie viel Einfluss haben wir darauf, wohin der Apfel fällt? Mit anderen Worten: In welchem Maße ist Temperament Schicksal? Nach der Theorie der Gen-Umwelt-Interaktion neigen Menschen, die bestimmte Wesensmerkmale geerbt haben, einerseits dazu, sich Erfahrungen im Leben zu suchen, die diese Eigenbeischaften verstärken. Die meisten gering reaktiven Kinder sospielsweise liebäugeln schon als Kleinkinder mit der Gefahr, Risiken dass sie, wenn sie erwachsen sind, angesichts hoher paar ZäAunicht mit der Wimper zucken. Sie »klettern über ein der ne, werden desensibilisiert und klettern aufs Dach«, erklärte Zeitschrift Psychologe David Lykken einmal in einem Artikel der aus, was andeAtlantic Monthly.. »Sie probieren alles Mögliche erste Pilot, der re Kinder nicht ausprobieren. Chuck Yeager (der des Bombers die Schallmauer durchbrach) konnte vom Bauch anismus auf den Bombenträger steigen und den Ausklinkmech weil sein betätigen, nicht weil ihm dies angeboren war, sondern dazu motiviert Temperament ihn vorher dreißig Jahren lang zii
Unsere Biologie, unser Selbst hatte, erst auf Bäume zu klettern und sich dann immer größeren Gefahren und Aufregungen auszusetzen.« Im Gegensatz dazu entwickeln sich hoch reaktive Kinder eher zu Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und Denkern, weil ihre Aversion gegen Neues zur Folge hat, dass sie ihre Zeit in dem ihnen vertrauten - und intellektuell fruchtbaren - Universum ihres eigenen Denkens verbringen. »Die Universität ist voll von Introvertierten«, sagte mir der Psychologe Jerry Miller, der das »Center for the Child and the Family« an der Universität von Michigan leitet. »Das Stereotyp des Professors trifft auf viele Leute an der Universität zu: Sie lesen gern; für sie gibt es nichts Aufregenderes als die Welt der Ideen. Und das hat zum Teil damit zu tun, wie sie ihre Zeit als Kinder und Jugendliche zugebracht haben. Wenn jemand ständig unterwegs ist, bleibt ihm weniger Zeit fürs Lesen und Lernen. Die Zeit im Leben ist begrenzt.« Andererseits ist die Bandbreite möglicher Entwicklungen für jedes Temperament groß. Gering reaktive Kinder können sich, wenn sie in einer fürsorglichen Familie und heilen Umgebung aufwachsen, als Erwachsene zu energiegeladenen Erfolgsmenschen mit einer großen Persönlichkeit entwickeln - den Bill Clintons, Jack Welches und Madonnas dieser Welt. Aber werden dieselben Kinder vernachlässigt oder wachsen in einer ungünstigen Umgebung auf, so meinen einige Wissenschaftler, können sie sich auch zu Raufbolden, jugendlichen Delinquenten oder Kriminellen entwickeln. Nach Lykkens umstrittener Aussage sind Psychopathen und Helden »Zweige desselben genetischen Asts«.'? Betrachten wir die Mechanismen, mit deren Hilfe Kinder ein Gefühl für richtig und falsch erwerben. Viele Psychologen glauben, dass sich das Gewissen von Kindern entwickelt, wenn sie 172
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese etwas Unangemessenes tun und von ihren Erziehern gescholten werden. Die Missbilligung flößt ihnen Angst ein, und da Angst unangenehm ist, lernen sie, ein bestimmtes Verhalten zu unterlassen. Diesen Vorgang nennt man »Internalisierung« der Ver- haltensnormen der Eltern, und ihm liegt Angst zugrunde. Aber was geschieht, wenn bestimmte Kinder weniger angstanfällig sind als andere, wie es bei extrem gering reaktiven Kindern der Fall ist? Oft besteht die beste Art und Weise, diesen Kindern Werte beizubringen, darin, ihnen positive Rollenmodelle zu geben und ihre Furchtlosigkeit produktiv zu kanalisieren. Ein gering reaktives Kind in einem Eishockeyteam erfährt die Achtung der Gleichaltrigen, wenn es seine Gegner mit gesenkter Schulter attackiert, was ein »legaler« Spielzug ist. Aber wenn das Kind zu weit geht und einem anderen Mitspieler eine Gehirnerschütterung verpasst, landet es auf der Strafbank. Mit der Zeit lernt es, seine Risikobereitschaft und Durchsetzungs- lust vernünftig zu gebrauchen. Angenommen, dasselbe Kind würde in einem gefährlichen ktiViertel mit wenig organisiertem Sport oder anderen konstru nachven Ventilen für seine Furchtlosigkeit aufwachsen. Es ist cht Viellei wird. vollziehbar, dass es möglicherweise kriminell von Argeraten einige benachteiligte Kinder nicht nur aufgrund Wisdie mut und Vernachlässigung auf die schiefe Bahn, sagen aufgrund senschaftler, die diese Ansicht vertreten, sondern auch Temder Tragödie eines wagemutigen und überschwänglichen peraments, dem ein gesundes Ventil fehlt. ven Kinder wird von Auch das Schicksal der meisten hoch reakti mehr als das des ihrer Umwelt beeinflusst - vielleicht noch rechende neue TheoDurchschnittskinds, so lautet eine bahnb 173
Unsere Biologie, unser Selbst rie, die von David Dobbs in einem Artikel in der Zeitschrift The Atlantic »Orchideenhypothese« getauft wurde." Dieser Theorie zufolge sind viele Kinder so wie der Löwenzahn imstande, in fast jeder Umgebung zu gedeihen. Andere jedoch, unter anderem auch die hoch reaktiven Typen, die Kagan untersucht hat, gleichen eher Orchideen: Sie welken leicht, aber unter den richtigen Bedingungen können'sie sich stark und prachtvoll entwickeln. Ein führender Vertreter dieser Ansicht, Jay Belsky, Psychologieprofessor und Experte für Kindererziehung an der Universität London, glaubt, dass die Reaktivität des Nervensystems dieser Kinder zur Folge hat, dass sie einerseits von Widrigkeiten in der Kindheit rasch überwältigt werden, aber andererseits von einer fördernden Umgebung stärker profitieren können als weniger reaktive Kinder. Mit anderen Worten: Orchideenkinder werden von allen Erfahrungen stärker berührt, sowohl den positiven als auch den negativen. Wissenschaftlern ist seit geraumer Zeit klar, dass ein hoch reaktives Temperament Risikofaktoren birgt. Solche Kinder reagieren besonders verletzlich auf Herausforderungen, wie Spannungen zwischen den Eltern, den Tod eines Elternteils oder Misshandlung. Mit höherer Wahrscheinlichkeit als ihre Altersgenossen reagieren sie auf solche Ereignisse mit Depression, Angst und Schüchternheit. Tatsächlich leidet ein Viertel von Kagans hoch reaktiven Kindern an einem gewissen Grad dessen, was man »soziale Angststörung« nennt, einer chronischen und das Leben einschränkenden Form der Schüchternheit. Was Wissenschaftler bis vor Kurzem tatsächlich nicht erkannt hatten, ist, dass diese Risikofaktoren eine positive Kehrseite haben: Sensibilität und Stärken sind miteinander gekoppelt. Hoch reaktive Kinder, die eine gute Erziehung und ein 174
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese stabiles Zuhause genießen, haben Untersuchungen zufolge tendenziell weniger emotionale Probleme und mehr soziale Fähigkeiten als gering reaktive Gleichaltrige. Sie sind ungewöhnlich mitfühlend, fürsorglich und kooperativ. Sie arbeiten gut mit anderen zusammen. Sie sind freundlich, gewissenhaft und durch Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Unverantwortlichkeit leicht zu verstören. Sie sind erfolgreich bei Dingen, die ihnen wichtig sind. Sie werden nicht unbedingt zu Klassensprechern oder Stars bei den Schulaufführungen, sagte mir Professor Belsky, obwohl auch das vorkommen kann: »Einige werden Wortführer in ihrer Klasse, bei anderen nimmt es die Form an, dass sie gut in der Schule sind. Andere wiederum sind beliebt.« Die positiven Kehrseiten des hoch reaktiven Temperaments wurden in interessanten Untersuchungen belegt, die Wissenschaftler erst allmählich zu einem Bild zusammenfügen. Eines der interessantesten Resultate, das auch in dem Artikel von Dobbs dargestellt wurde, stammt aus der Welt der Rhesusaffen, einer Gattung, deren DNA zu etwa 95 Prozent mit der menschli chen DNA übereinstimmt und die ausgeklügelte soziale Strukauch turen besitzt, die den unseren ähneln. Bei diesen Affen wie (SERT) ortgen bei Menschen hilft ein Gen, das Serotonin-Transp einem oder 5-HT-Gen heißt, bei der Verarbeitung von Serotonin, bestimm Neurotransmitter, der die Stimmung beeinflusst. Eine das »kurte Variante oder ein »Allel« dieses Gens, manchmal als sion ze Allel« bezeichnet, soll mit hoher Reaktivität und Introver einn Mensche bei sowie mit einem erhöhten Depressionsrisiko hergehen, die ein schwieriges Leben haben." ausgesetzt Wenn neugeborene Affen mit diesem Allel Stress Müttern wegwurden - bei einem Experiment wurden sie ihren n sie Serogenommen und als Waisen aufgezogen -, verarbeitete 175
Unsere Biologie, unser Selbst tonin weniger effektiv (was ein Risikofaktor für Depression und Angst ist) als Affen mit dem langen Allel, die ähnliche Entbehrungen erdulden mussten. Aber kleine Affen mit demselben genetischen Risikoprofil, die von fürsorglichen Müttern aufgezogen wurden, erzielten bei sozialen Schlüsselaufgaben - dem Finden von Spielkameraden, dem Schmieden von Bündnissen und dem Umgang mit Konflikten - bessere Ergebnisse als ihre Genossen mit dem langen Allel, selbst als jene, die in einer ähnlich stabilen Umgebung aufgewachsen waren. Sie landeten oft auf den obersten Rängen in der sozialen Hierarchie. Auch ihre Serotoninverarbeitung war besser. Stephen Suomi, der Wissenschaftler, der diese Studien leitete, vermutet, dass der Erfolg der hoch reaktiven Affen auf das hohe Maß an Zeit zurückzuführen ist, die sie damit zubrachten, die Gruppe zu beobachten, statt sich am Geschehen zu beteiligen, sodass sie die Gesetze der sozialen Dynamik tief verinnerlichen konnten. (Das ist eine Hypothese, die Eltern plausibel erscheinen könnte, deren hoch reaktive Kinder sich manchmal wochen- und monatelang beobachtend am Rand der Spielgruppe aufhalten, bevor sie sich erfolgreich hineinbegeben.) Studien bei Menschen haben ergeben, dass pubertierende Mädchen mit dem kurzen Allel des SERT-Gens mit einer 20 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit depressiv werden als Mädchen mit dem langen Allel, wenn sie Stress in der Familie ausgesetzt sind, aber mit einer 25 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit, wenn sie in einem stabilen Elternhaus aufwachsen. Ebenso haben Erwachsene mit dem kurzen Allel nach einem stressigen Tag abends erwiesenermaßen mehr Angst als andere, aber weniger Angst an ruhigen Tagen.’ Hoch reaktive Vierjährige reagieren altruistischer als andere Kinder, wenn man sie moralisch in 176
Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese die Zwickmühle bringt - aber dieser Unterschied ist im Alter von fünf Jahren nur dann noch vorhanden, wenn ihre Mütter sie sanft und nicht gewaltsam bändigen. Hoch reaktive Kinder, die in einer unterstützenden Umgebung aufwachsen, sind sogar noch widerstandsfähiger als andere Kinder gegen die üblichen Erkältungen und Atemwegserkrankungen (aber werden leichter krank, wenn sie unter stressigen Bedingungen aufwachsen). Diese Ergebnisse sind sehr beeindruckend, und es ist erstaunlich, dass sie noch bis vor Kurzem unbekannt waren. Erstaunlich, aber vielleicht nicht überraschend. Psychologen werden für die Therapie ausgebildet, und deshalb konzentriert sich die psychologische Forschung naturgemäß auf Probleme und pathologisches Verhalten. »Es ist, bildlich gesprochen, fast so, als würden sich Seeleute vor lauter Klugheit nur damit beschäftigen, nach den Unterwasser-Ausläufern von Eisbergen Ausschau zu halten, die ihr Schiff gefährden könnten«, schreibt Belsky, »und dabei vergessen, dass sie oben aufeinen Eisberg klettern können, um einen freien Weg durch das eisübersäte Meer zu finden.«!” Die Eltern von hoch reaktiven Kindern haben das große Los invesgezogen, erklärte mir Belsky. »Die Zeit und Mühe, die sie dieser tieren, sind in der Tat entscheidend. Statt die Anfälligkeit stelKinder gegenüber Schwierigkeiten in den Vordergrund zu teSchlech zum len, sollten Eltern sie als formbar betrachten wortreich die ren, aber auch zum Besseren hin.« Er beschreibt der »ihre SigIdealeltern eines hoch reaktiven Kindes: jemand, kann, der das nale lesen und ihre Individualität respektieren hart und Kind warmherzig und mit Festigkeit fordert, ohne gen, aufgefeindselig zu sein, der Neugier, schulische Leistun e fördert schobene Bedürfnisbefriedigung und Selbstkontroll ist«. und nicht barsch, desinteressiert oder inkonsequent 17
Unsere Biologie, unser Selbst Das ist selbstverständlich für alle Eltern ein hervorragender Rat, aber bei der Erziehung eines hoch reaktiven Kind ist er von ausschlaggebender Bedeutung. Wenn Sie glauben, dass Ihr Kind hoch reaktiv sein könnte, fragen Sie sich vermutlich schon selbst, was Sie sonst noch tun können, um Ihren Sohn oder Ihre Tochter zu fördern (in Kapitel 11 finden Sie einige Antworten). Doch selbst Orchideenkinder können Belsky zufolge Widrigkeiten durchaus standhalten. Nehmen wir eine Scheidung. Orchideenkinder werden mehr aus der Bahn geworfen als andere: »Wenn die Eltern viel streiten und das Kind zum Zankapfel machen, dann Vorsicht - dieses Kind wird das nicht heil überstehen.« Aber wenn die geschiedenen Eltern miteinander auskommen, wenn sie das Kind mit der psychologischen Nahrung versorgen, die es braucht, dann wird auch ein Orchideenkind klarkommen. Die meisten Menschen werden, wie ich glaube, diese flexible Botschaft zu schätzen wissen, denn wenige hatten selbst eine problemfreie Kindheit. Doch es gibt noch eine andere Art von Flexibilität, die, wie wir alle hoffen, für die Frage gilt, wer wir sind und was aus uns wird. Wir wünschen uns die Freiheit, unser eigenes Schicksal zu gestalten. Wir möchten die vorteilhaften Aspekte unseres Temperaments behalten und jene korrigieren oder sogar ausmerzen, die uns unsympathisch sind - wie etwa die Redeangst. Zusätzlich zu unserem angeborenen Temperament und über das Los unserer Kindheitserfahrungen hinaus möchten wir glauben, dass wir als Erwachsene unser Selbst formen und unser Leben nach unserem Willen gestalten können. Aber können wir das wirklich?
KAPITELS Jenseits des Temperaments Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede für Introvertierte Genuss tritt an der Grenze zwischen Langeweile und Angst auf, wenn die Herausforderungen sich mit der Fähigkeit eines Menschen, sie zu meistern, die Waage halten.' Mihaly Csikszentmihalyi Tief im Innern des »Athinoula A. Martinos Center für biomedizinische bildgebende Verfahren« an der Harvard Medical School sind die Flure erstaunlich nüchtern, wenn nicht gar schäbig. Ich Neustehe mit Dr. Carl Schwartz, dem Leiter des »Instituts für verroimaging und Psychopathologie der Entwicklung«, vor der kluge hat z Schwart schlossenen Tür eines fensterlosen Raums. und forschende Augen, braunes Haar, das zu ergrauen beginnt, Umund eine verhalten enthusiastische Art. Der unscheinbaren hkeit gebung zum Trotz macht er sich mit einer gewissen Feierlic bereit, die Tür aufzuschließen. funktioIm Raum steht ein mehrere Millionen Dollar teurer das einen neller Magnetresonanztomograf (fMRT), ein Gerät, nschaft wisse der größten Durchbrüche in der modernen Neuro af kann ermöglicht hat. Ein solcher Magnetresonanztomogr wenn eine Vermessen, welche Teile des Gehirns aktiv sind, oder eine besuchsperson einen bestimmten Gedanken denkt 179
Unsere Biologie, unser Selbst stimmte Aufgabe ausführt, was Wissenschaftlern erlaubt, eine Landkarte von den Funktionen des menschlichen Gehirns anzulegen - etwas, was früher unvorstellbar gewesen wäre. Einer der hauptsächlichen Erfinder der fMRT-Technik ist, wie Dr. Schwartz erläutert, ein brillanter, aber bescheidener Wissenschaftler namens Kenneth Kwong, der in diesem Institut arbeitet. Hier wimmelt es von stillen und bescheidenen Menschen, die Aufßsergewöhnliches leisten, fügt Schwarz hinzu, während er mit der Hand anerkennend den Flur entlangweist. Bevor Schwartz die Tür öffnet, bittet er mich, meine goldenen Kreolen abzulegen und den metallenen Kassettenrecorder beiseitezustellen, mit dem ich unser Gespräch aufgenommen habe. Das Magnetfeld des Magnetresonanztomografen ist hunderttausendmal stärker als die Anziehungskraft der Erde - so stark, erläutert Schwartz, dass mir meine Ohrringe, sollten sie magnetische Bestandteile enthalten, aus den Ohren gerissen und quer durch den Raum fliegen würden. Ich mache mir Sorgen um den Metallverschluss meines BHs, aber es ist mir peinlich zu fragen. Stattdessen zeige ich auf meine Schuhschnallen, die nach meiner Einschätzung genauso viel Metall enthalten wie der BH-Verschluss. Dr. Schwartz gibt Entwarnung und wir betreten den Raum. Ehrfürchtig betrachten wir das Gerät, das wie ein schimmerndes, auf der Seite liegendes Raumschiff aussieht. Schwartz erläutert, dass seine Probanden - junge Menschen zwischen achtzehn und zwanzig - mit dem Kopfim Magnetresonanztomografen liegen und sich Fotos von Gesichtern anschauen, während das Gerät aufzeichnet, wie ihr Gehirn reagiert. Schwartz interessiert sich besonders für die Aktivität des Mandelkerns, des einflussreichen Organs im Gehirn, das, wie schon Kagan heraus180
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede fand, eine wichtige Rolle bei der Herausbildung der introvertierten und extravertierten Persönlichkeit spielt. Carl Schwartz ist Kagans Kollege und Schützling. Seine Arbeit beginnt dort, wo Kagans Langzeitstudien zum Thema Persönlichkeit aufgehört haben. Die Säuglinge, die Kagan vor Jahren in die Kategorien hoch und gering reaktiv - schüchtern oder forsch - eingeteilt hatte, sind mittlerweile erwachsen, und Schwartz gewinnt mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie einen Einblick in ihr Gehirn. Kagan begleitete seine Probanden vom Kleinkindalter bis in die Jugend; Schwartz wollte herausfinden, wie es danach mit ihnen weiterging. Würden die Spuren des angeborenen Temperaments viele Jahre später in den erwachsenen Gehirnen von Kagans hoch oder gering reaktiven Säuglingen noch nachweisbar sein oder hatte sie irgendeine Kombination aus Umwelteinflüssen und bewusster Anstrengung ausgelöscht? | Interessanterweise riet Kagan Schwartz von einer solchen Studie ab. Aufdem hart umkämpften Feld der Wissenschaft darf man keine Zeit für Forschung verschwenden, die keine signifidie kanten Resultate verspricht. Und Kagan befürchtete, dass en zwisch Band Resultate negativ ausfallen würden - dass das Temperament und Schicksal mit Erreichen des Erwachsenenalters zerrissen sein würde. »Er meinte es gut mit mir«, sagt Schwartz. »Es war ein intern an essantes Paradox, denn Jerry hatte die ersten Beobachtunge nur ihr SozialKleinkindern gemacht und festgestellt, dass nicht waren in jeder verhalten extrem verschieden war - diese Kinder t, wenn Hinsicht verschieden: Ihre Augen waren weiter geöffne wenn sie sie Probleme lösten, ihre Stimmbänder verspannter, spezielles Muster sprachen, selbst ihre Herzfrequenz wies ein 181
Unsere Biologie, unser Selbst auf. Diese Indikatoren ließen vermuten, dass es bei diesen Kindern physiologische Unterschiede gab. Dennoch glaubte er wohl aufgrund seiner wissenschaftlichen Ausbildung, dass die Umweltfaktoren so komplex seien, dass es äußerst schwierig sein würde, die Spuren des Temperaments im späteren Leben zu verfolgen.« Aber Schwartz, der’sich selbst als hoch reaktiv einschätzt und sich teilweise auf seine eigene Erfahrung stützte, hatte den Verdacht, dass er diese Spuren auch noch später im Leben von Menschen finden würde, als es Kagan gelungen war. Er demonstriert mir seine Forschung, indem er mich wie eine Versuchsperson behandelt - allerdings ohne Magnetresonanztomografie. Ich sitze an einem Schreibtisch, während auf einem Computermonitor nacheinander Fotos erscheinen. Jedes zeigt ein unbekanntes Gesicht: einen Kopfin Schwarzweifs, der vor einem schwarzen Hintergrund schwebt. Ich habe das Gefühl, dass sich mein Puls beschleunigt, während die Fotos immer schneller vor mir auftauchen. Ich bemerke auch, dass Schwartz bei einigen Durchgängen Fehler unterlaufen und ich mich entspannter fühle, als die Gesichter anfangen, mir bekannt vorzukommen. Als ich Schwartz meine Reaktionen schildere, nickt er. Die Fotoschau, sagt er, soll das Erleben hoch reaktiver Menschen simulieren, wenn sie einen Raum voller fremder Menschen betreten und denken: »Lieber Himmel, wer sind bloß3 all diese Leute?« Ich frage mich, ob ich mir meine Reaktionen nur einbilde oder sie übertreibe, doch Schwartz erklärt mir, dass er gerade die ersten Datensätze von einer Gruppe hoch reaktiver Probanden zurückerhalten hat, die Kagan vom zweiten Lebensjahr an untersucht hat, und tatsächlich hatte der Mandelkern bei diesen inzwischen erwachsenen Versuchspersonen sensibler auf die 182
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede unbekannten Gesichter reagiert als bei der Vergleichsgruppe mit den damals forschen Kleinkindern. Beide Gruppen reagierten auf die Bilder, aber die ehemals scheuen Kinder reagierten stärker. Mit anderen Worten: Die Spur des hoch oder gering reaktiven Temperaments verschwand im Erwachsenenalter nicht. Einige hoch reaktive Kinder entwickelten sich zwar zu kontaktfreudigen Teenagern, die sich äußerlich durch Neues nicht aus der Fassung bringen ließen, aber sie schüttelten ihr genetisches Er- be nie ab. Schwartz’ Forschung zeigt etwas Wichtiges auf: Unsere Persönlichkeit ist dehnbar, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Unser angeborenes Temperament beeinflusst uns, unabhängig vom Leben, das wir führen. Ein beträchtlicher Teil unserer Identität ist durch unsere Gene, unser Gehirn und unser NervensyStem festgeschrieben. Und doch belegt die Elastizität, die Schwartz bei einigen der hoch reaktiven Teenager feststellte, auch das Gegenteil: Wir haben einen freien Willen und können ihn zur Gestaltung unserer eiPersönlichkeit einsetzen. Tatsächlich ist die Vorstellung von t, nem freien Willen fest in unserem kulturellen Erbe veranker angefangen von den Schriften der griechischen Philosophen (»Den Dieb deines freien Willens gibt es nicht«, schrieb Epiktet) hält bis hin zu den Werbeslogans unserer Selbsthilfegurus (»Was Tony fragt Sie davon ab, das Leben zu führen, das Sie wollen?«, Robbins auf seiner Internetseite). he aufNur aufden ersten Blick scheinen sich hier Widersprüc Schwartz’ zutun. Der freie Wille kann uns weit bringen, wie Dr. weit über Forschung belegt, aber er kann uns nicht unendlich wird Gates Bill unsere genetischen Grenzen hinaustragen. Ein er seine soniemals ein Bill Clinton sein, ganz gleich, wie sehr 183
Unsere Biologie, unser Selbst zialen Fähigkeiten aufpoliert, und ein Bill Clinton kann niemals ein Bill Gates sein, ganz gleich, wie viel Zeit er allein am Computer verbringt. Wir könnten das die »Gummibandtheorie« der Persönlichkeit nennen. Wir ähneln einem Gummiband von einer bestimmten Länge. Wir sind elastisch und können uns dehnen, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Um zu verstehen, in welcher Weise das auf Hochreaktive zutrifft, wollen wir uns anschauen, was sich in unserem Gehirn abspielt, wenn wir uns mit einem Fremden auf einer Cocktailparty bekannt machen. Wie schon erwähnt, sind der Mandelkern und das limbische System, in dem der Mandelkern eine Schlüsselstellung einnimmt, ein alter Teil des Gehirns - so alt, dass die meisten primitiven Säugetiere eine eigene Version dieses Systems besitzen. Doch als die Säugetiere komplexer wurden, entwickelte sich um das limbische System herum ein Hirnareal, das man den Neokortex nennt. Der Neokortex, und bei Menschen besonders der Frontalkortex, ist für eine erstaunliche Bandbreite von Funktionen zuständig, von der Entscheidung, welche Zahnpastamarke wir kaufen, über die Planung einer Konferenz bis hin zum Nachdenken über das Wesen der Wirklichkeit. Eine seiner Funktionen besteht darin, unbegründete Ängste zu beschwichtigen. Wenn Sie ein hoch reaktives Baby waren, spielt Ihr Mandelkern vielleicht Ihr ganzes Leben lang ein bisschen verrückt, sobald Sie sich einem Fremden auf einer Cocktailparty vorstellen. Doch wenn Sie sich in der Gesellschaft anderer relativ wohlfühlen, liegt es teilweise daran, dass Ihr Frontalkortex Ihnen die Botschaft gibt, sich zu beruhigen, dem anderen die Hand zu 184
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede schütteln und zu lächeln. In der Tat zeigt eine neuere, mit der funktionellen Magnetresonanztomografie durchgeführte Studie, dass bei Menschen, die sich selbst in aufregenden Situationen beschwichtigend zureden, die Aktivität im Mandelkern im gleichen Maße abnimmt, wie die Aktivität des präfrontalen Kortex zunimmt.’ Aber der Frontalkortex ist nicht allmächtig; er kann den Mandelkern nicht komplett abschalten. Bei einem Experiment konditionierten Wissenschaftler Ratten so, dass sie einen bestimmten Ton mit einem Elektroschock in Verbindung brachten. Danach spielten die Wissenschaftler den Ton so lange ab, ohne ihnen den Schock zu verpassen, bis die Ratten ihre Angst ver- loren. Aber wie sich herausstellte, war das »Verlernen« nicht so komplett, wie die Wissenschaftler zuerst dachten. Als sie die neuralen Verbindungen zwischen dem Kortex und dem Mandelkern der Ratten trennten, bekamen die Ratten wieder Angst des vor dem Ton. Der Grund dafür war, dass durch die Aktivität war, Kortex die Angstkonditionierung zwar unterdrückt worden mit aber im Mandelkern noch weiterbestand.' Bei Menschen ngst), (Höhena unbegründeten Ängsten, wie der Akrophobie auf die spielt sich etwas Ähnliches ab. Wiederholte Ausflüge ar scheinb Spitze des Empire State Building können die Angst in denen zum Verschwinden bringen, aber in Zeiten von Stress, den empfindder Kortex noch etwas anderes zu tun hat, als nur wieder in volsamen Mandelkern zu beruhigen, kann die Angst ler Stärke auftreten. Kinder beDas hilft uns zu verstehen, warum hoch reaktive bis hin ins Erstimmte ängstliche Aspekte ihres Temperaments viel Erfahrung im wachsenendasein behalten, ganz gleich, wie 185
Unsere Biologie, unser Selbst Umgang mit anderen sie erwerben oder wie viel freien Willen sie einsetzen. Meine Kollegin Sally ist ein gutes Beispiel für dieses Phänomen. Sally, eine nachdenkliche und talentierte Lektorin, beschreibt sich selbst als scheue Introvertierte und ist eine der charmantesten und wortgewandtesten Frauen, die ich kenne. Wenn man sie zu einer Party einlädt und später die anderen Gäste fragt, wen sie am nettesten fanden, nennen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Sally. Sie ist so brillant, heißt es dann, so geistreich, so bezaubernd! Sally weiß, wie gut sie ankommt - man kann nicht so anziehend sein wie sie, ohne es zu merken. Aber das bedeutet nicht, dass ihr Mandelkern es weiß. Wenn sie auf einer Party eintrifft, möchte sich Sally oft am liebsten hinter der nächsten Couch verkriechen - bis ihr präfrontaler Kortex die Führung übernimmt und sie sich daran erinnert, wie gut sie Konversation machen kann. Und dennoch siegt zuweilen ihr Mandelkern mit seinen ein Leben lang angesammelten Assoziationen, die fremde Menschen mit Angst verknüpfen. Sally gibt zu, dass sie manchmal eine Stunde mit dem Auto zu einer Party fährt, um fünf Minuten nach der Ankunft wieder zu gehen. Wenn ich an meine eigenen Erfahrungen im Lichte von Schwartz’ Forschungsergebnissen denke, wird mir klar, dass die Annahme, ich sei nicht mehr schüchtern, nicht wahr ist. Ich habe einfach gelernt, mich selber zu beschwichtigen (danke, Frontalkortex!). Aber inzwischen läuft dieses Beschwichtigen so automatisch, dass es mir kaum auffällt. Wenn ich mich mit einem Fremden oder einer Gruppe von Menschen unterhalte, lächle ich freundlich und bin offen, aber für den Bruchteil einer Sekunde habe ich das Gefühl, als würde ich ein Hochseil betreten. Inzwischen habe ich Tausende von zwischenmenschlichen Erfah186
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede rungen gemacht und dadurch gelernt, dass das Hochseil nur in meiner Einbildung existiert oder dass ich nicht sterben werde, falls ich abstürze. Ich beruhige mich so schnell, dass esmir kaum noch auffällt. Dennoch findet der Beschwichtigungsprozess immer noch statt - und gelegentlich funktioniert er nicht. Der Begriff, den Kagan anfänglich benutzte, um hoch reaktive Menschen zu beschreiben, lautete gehemmt, und genauso fühle ich mich bei manchen Einladungen zu Dinnerpartys. Diese Fähigkeit, sich innerhalb bestimmter Grenzen über die eigene Persönlichkeit hinaus zu dehnen, gilt auch für Extravertierte. Eine meiner Klientinnen, Alison, ist Unternehmensberaterin, Mutter und Ehefrau und hat die Art von extravertierter Persönlichkeit - freundlich, offen und ständig aktiv -, die Menschen dazu veranlasst, sie als »Naturgewalt« zu beschreiben. Alison führt eine glückliche Ehe, hat zwei heiß geliebte Töchter und eine eigene Unternehmensberatungsfirma, die sie aus eigener Kraft aufgebaut hat. Sie ist mit Recht stolz auf das, was sie im Leben erreicht hat. Aber sie ist nicht immer so zufrieden gewesen. Als sie ihren h unHighschool-Abschluss machte, nahm sie sich selbst kritisc Alison . ter die Lupe und war von dem, was sie sah, nicht angetan te das ist extrem intelligent, aber ihr Abschlusszeugnis spiegel einer der nicht wider. Es war ihr Herzenswunsch gewesen, an diese doch en, Rlite-Universitäten an der Ostküste zu studier Möglichkeit hatte sie vertan. ihrer HighUnd sie wusste auch, warum. Sie war während gut wie keine school-Zeit ständig unterwegs - Alison ließ so so blieb ihr Freizeitaktivität aus, die ihre Schule anbot -, und ihren Eltern die nicht viel Zeit zum Lernen. Zum Teil gab sie Tochter waren Schuld, die stolz auf die Kontaktfähigkeit ihrer 187
Unsere Biologie, unser Selbst und nicht darauf bestanden, dass sie mehr für die Schule tat. Aber am meisten gab sie sich selbst die Schuld. Als Erwachsene ist Alison fest entschlossen, ähnliche Fehler nicht zu wiederholen. Sie weiß, wie leicht es wäre, sich im Trubel von schulischer Elternarbeit und beruflichen Netzwerken zu verzetteln. Deshalb besteht Alisons Lösung darin, bei ihrer Familie nach funktionierenden Strategien zu suchen. Sie ist zufällig das einzige Kind zweier introvertierter Eltern, mit einem introvertierten Mann verheiratet und hat eine jüngere Tochter, die ebenfalls stark introvertiert ist. Alison hat Mittel und Wege gefunden, sich auf die Wellenlänge der stillen Menschen in ihrer Umgebung zu begeben. Wenn sie ihre Eltern besucht, meditiert sie und schreibt Tagebuch, wie ihre Mutter es tut. Zu Hause geniefßst sie friedliche Abende mit ihrem Ehemann, der ein Stubenhocker ist. Und ihre jüngere Tochter, die gern mit ihrer Mutter vertraulich im Garten plaudert, sorgt dafür, dass Alison ihre Nachmittage mit tiefen Gesprächen verbringt. Alison hat sich sogar ein Netzwerk von stillen, nachdenklichen Freunden geschaffen. Obwohl ihre allerbeste Freundin Amy ebenso wie sie hochgradig extravertiert ist, sind die meisten ihrer anderen Freunde introvertiert. »Ich schätze Menschen, die gut zuhören können«, sagt Alison. »Das sind die Freunde, mit denen ich Kaffee trinken gehe. Von ihnen erhalte ich die treffendsten Kommentare. Manchmal merke ich nicht einmal, dass ich gerade etwas Kontraproduktives getan habe, bis mir meine introvertierten Freunde sagen: »Schau mal, was du gerade tust, und hier sind 15 weitere Beispiele für dasselbe Verhalten von dir.« Meiner Freundin Amy hingegen würde das nicht einmal auffallen. Aber meine introvertierten Freunde lehnen sich zurück und 188
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede beobachten, und das schafft eine wirkliche Verbindung zwischen uns.« Alison bleibt ihr ungestümes Selbst, aber sie hat entdeckt, wie sie still sein und von der Stille profitieren kann. Auch wenn wir gelegentlich imstande sind, bis an die äußersten Grenzen unserer Persönlichkeit zu gehen, kann es oft besser sein, uns ganz innerhalb unserer Wohlfühlzone aufzuhalten. Nehmen wir das Beispiel meiner Klientin Esther, Steueranwältin in einem großen Anwaltsbüro. Esther, eine zierliche Brünette mit federndem Schritt und strahlend blauen Augen, war nicht schüchtern und ist es auch nie gewesen. Aber sie war entschieden introvertiert. Am meisten liebte sie die stillen zehn Minuten, die sie brauchte, um auf der friedlichen, von Bäumen gesäumten Straße ihres Viertels zum Bus zu gehen. Am zweitliebsten war ihr der Augenblick, in dem sie ihre Bürotür hinter sich zumachen und sich in die Arbeit vergraben konnte. Esther hatte ihren Beruf gut gewählt. Als Tochter eines Mathematikers liebte sie es, sich in hochkomplexe Steuerprobleme hineinzudenken, und sie konnte sie mühelos mit anderen besprechen. (In Kapitel7 werden wir untersuchen, warum Introvertierte so gut beim gezielten Lösen komplexer Probleme sind.) Sie war die Jüngste in einem eng vernetzten Team, das in einer sehr viel größeren Kanzlei zusammenarbeitete. Die Gruppe setzte sich aus fünf Steueranwälten zusammen, die sich gegendaseitig in ihrer Karriere unterstützten. Esthers Arbeit bestand rin, sich gründlich in Fragen zu vertiefen, die sie faszinierten, und gut mit ihren zuverlässigen Kollegen zu kooperieren. n Doch Esthers kleine Arbeitsgruppe musste in regelmäßsige DieAbständen vor der übrigen Kanzlei Präsentationen halten. weil nicht se Präsentationen machten Esther sehr zu schaffen, weil es sie Angst davor hatte, einen Vortrag zu halten, sondern 189
Unsere Biologie, unser Selbst ihr schwerfiel, aus dem Stegreif zu sprechen. Esthers Kollegen hingegen - zufällig alles Extravertierte - waren spontane Redner, die sich auf dem Weg zur Präsentation überlegten, was sie sagen würden, und ihre Gedanken verständlich und anschaulich mitteilten, sobald sie den Konferenzraum betraten. Wenn Esther die Chance hatte, sich vorzubereiten, war alles gut, aber manchmal vergafßen ihre Kollegen, sie darüber zu informieren, dass ein Vortrag anstand, bis sie morgens im Büro erschien. Sie vermutete, dass die Fähigkeit ihrer Kollegen, aus dem Stegreif zu sprechen, ein Ausdruck ihres überlegenen Wissens auf dem Gebiet der Steuergesetzgebung war und sie mit zunehmender Erfahrung ebenfalls improvisieren könnte. Aber selbst als Esther länger im Beruf war und mehr Routine hatte, war das nicht der Fall. Um Esthers Problem zu lösen, wollen wir einen Blick auf einen weiteren Unterschied zwischen Introvertierten und Extravertierten werfen: ihren unterschiedlichen Bedarf an äußerer Stimulation. Seit den späten 1960er Jahren vertrat der einflussreiche Psychologe Hans Eysenck mehrere Jahrzehnte lang die Hypothese, dass Menschen sich »genau das richtige« Maß an Stimulation suchen - nicht zu viel und nicht zu wenig,’ Stimulation ist das Ausmaß an Input, das wir von der Außenwelt nach innen lassen. Sie kann alle möglichen Formen annehmen, von Lärm über zwischenmenschlichen Kontakt bis hin zu aufblitzenden Lichtern. Wie Eysenck glaubte, bevorzugen Extravertierte mehr Stimulation als Introvertierte, was seiner Meinung nach viele Unterschiede zwischen ihnen erklärt: Introvertierte genießen es in der Regel, die Bürotür hinter sich zuzumachen und sich ganz ihrer 190
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede Arbeit zu widmen, weil diese Art von ruhiger intellektueller Tätigkeit für sie optimal stimulierend ist, während Extravertierte am besten bei Tätigkeiten mit höherer Stimulation funktionieren, wie etwa der Organisation von Workshops zur Teambildung oder dem Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Eysenck glaubte auch, dass die Grundlage für diese Unterschiede in einem bestimmten Teil des Gehirns zu suchen sei: dem sogenannten aufsteigenden retikulären Aktivierungssystem (ARAS). Das ARAS ist Teil des Hirnstamms und hat Verbin- dungen zur Großhirnrinde und anderen Hirnteilen. Das Gehirn besitzt Erregungsmechanismen, die dafür sorgen, dass wir uns wach, aufmerksam und energiegeladen fühlen - »erregt« im Jargon der Psychologen. Es verfügt auch über Beruhigungsmechanismen, die das Gegenteil bewirken. Eysenck vermutete, dass das ARAS die Balance zwischen Über- und Untererregung steuert, indem es das Maß an sensorischer Stimulation kontrolliert, die an das Gehirn weitergeleitet wird. Manchmal sind die Kanäle weit geöffnet, sodass viel Stimulation hereinfließt, und manchmal sind sie verengt, sodass das Gehirn weniger stimuliert wird. Eysenck nahm an, dass das ARAS bei Introvertierten und Extravertierten unterschiedlich funktionierte: Introvertierte hatten seiner Vermutung nach weit geöffnete Informationskanäle, was bei ihnen zu Reizüberflutung und Übererregung führte, während Extravertierte aufgrund ihrer engeren Kanäle eher für nicht Untererregung anfällig waren. Reizüberflutung produziert könAngst, sondern vielmehr das Gefühl, nicht klar denken zu hat regung nen - man hat genug und möchte gehen. Bei Unterer fallen. man ein Gefühl, als würde einem die Decke auf den Kopf lustlos Es ist nicht genug los; man fühlt sich irritiert, unruhig, und möchte dringend einen Tapetenwechsel. 192
Unsere Biologie, unser Selbst Heute wissen wir, dass die Realität weitaus komplexer ist. Zum einen stellt das ARAS die Stimulation nicht an oder aus und überflutet nicht beim Anstellen das gesamte Gehirn so, als würde man den Wasserschlauch eines Feuerwehrautos aufdrehen. Vielmehr werden einige Hirnteile zu verschiedenen Zeiten stärker erregt als andere. Außerdem stehen hohe Erregungsgrade im Gehirn nicht immer im Zusammenhang damit, wie erregt wir uns fühlen. Und es gibt viele verschiedene Arten der Erregung. Erregung durch laute Musik ist nicht dasselbe wie Erregung infolge explodierender Granaten oder bei der Leitungeiner Konferenz. Man kann auf eine Form der Erregung sensibler als auf eine andere reagieren. Es ist auch zu simpel zu sagen, dass wir immer einen moderaten Erregungsgrad anstreben: Begeisterte Fans wünschen sich bei einem Fußballspiel eine möglichst hohe Stimulation, während Menschen, die eine Erholungskur machen, möglichst wenig Reize wollen. Eysencks Theorie, dass das kortikale Erregungsniveau einen wichtigen Schlüssel zum Wesen der Introversion und Extraversion liefert, wurde dennoch weltweit in über tausend Experimenten überprüft, und sie scheint in vielen wichtigen Punkten »halb richtig« zu sein, wie es der Persönlichkeitspsychologe David Funder formuliert. Was auch immer die zugrunde liegende Ursache sein mag, es gibt eine Reihe von Belegen, dass Introvertierte sensibler als Extravertierte auf verschiedene Arten von Reizen reagieren, von Kaffee über einen lauten Knall bis hin zum Stimmengewirr bei einer Veranstaltung mit vielen Menschen und dass Introvertierte und Extravertierte oft sehr verschiedene Grade der Stimulation brauchen, um in Höchstform zu kommen. In einem bekannten Experiment aus dem Jahre 1967, das im192)
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede mer noch gern in Psychologiekursen vorgeführt wird, träufelte Eysenck Zitronensaft auf die Zunge von erwachsenen Introvertierten und Extravertierten, um herauszufinden, bei welcher Gruppe mehr Speichelfluss entstand. Tatsächlich hatten die Introvertierten, die durch Sinnesreize stärker stimuliert werden, den wässrigeren Mund.‘ In einem anderen berühmten Experiment gab man Introvertierten und Extravertierten eine schwierige Abfolge von Wörtern und bat sie, durch Ausprobieren das zugrunde liegende Prinzip herauszufinden. Während des Experiments trugen die Versuchspersonen Kopfhörer, aus denen zufällige Geräusche kamen. Sie wurden gebeten, die Lautstärke so einzustellen, dass sie »genau richtig« war. Die Extravertierten wählten durchschnittlich einen Geräuschpegel von 72 Dezibel, während die Introvertierten sich für nur 55 Dezibel entschieden. Bei der von ihnen gewählten Lautstärke - laut bei den Extravertierten und leise bei den Introvertierten - waren beide Persönlichkeitstypen ungefähr gleich erregt (wie man an der Herzfrequenz und anderen Indikatoren feststellte). Sie schnitten auch gleich gut bei der Lö- sung der Aufgabe ab. Als man die Introvertierten jedoch die Aufgabe beim Geräuschpegel lösen ließ, den die Extravertierten bevorzugt hatten, und umgekehrt, änderte sich das Bild.” Der hohe Lärmpegel hatte bei den Introvertierten nicht nur eine Übererregung, sondern auch eine Leistungssenkung zur Folge, und sie brauchten im Schnitt 9,1 statt wie vorher 5,8 Versuche, um die Lösung zu finden. Für die Extravertierten galt das Umgekehrte: Sie waren aufgrund der geringeren Lautstärke untererregt (und möglicherweise gelangweilt) und brauchten im Schnitt 7,3 statt der 5,4 Versuche, die sie bei der höheren Lautstärke gebraucht hatten. 193
Unsere Biologie, unser Selbst Kombiniert mit Kagans Entdeckungen über hohe Reaktivität, bekommen wir damit eine sehr wirksame Hilfe an die Hand, um unsere eigene Persönlichkeit zu betrachten. Wenn wir Introversion und Extraversion als Vorliebe für einen bestimmten Grad an Stimulation auffassen, können wir bewusst beginnen, für Bedingungen zu sorgen, die für die eigene Persönlichkeit günstig sind - weder über- noch unterstimulierend, weder langweilig noch angsterregend. Wir können unser Leben nach dem ausrichten, was Persönlichkeitspsychologen als »optimales Erregungsniveau« bezeichnen und ich im Folgenden »Optimalzustand« nenne, und dadurch werden wir uns energiegeladener und lebendiger fühlen als je zuvor. Der Optimalzustand ist der Zustand, in dem wir optimal stimuliert sind. Vermutlich streben wir ihn immer schon an, ohne uns dessen bewusst zu sein. Stellen Sie sich vor, dass Sie zufrieden in einer Hängematte liegen und einen wunderbaren Roman lesen. Das ist ein Optimalzustand. Aber nach einer halben Stunde stellen Sie fest, dass Sie denselben Satz fünfmal gelesen haben; jetzt sind Sie unterstimuliert. Also rufen Sie eine Freundin an und gehen brunchen - Sie erhöhen mit anderen Worten den Grad der Stimulation, und während Sie lachen und bei Blaubeerpfannkuchen plaudern, befinden Sie sich endlich wieder in Ihrem Optimalzustand. Aber dieser angenehme Zustand dauert nur an, bis Ihre Freundin - eine Extravertierte, die sehr viel mehr Stimulation braucht als Sie - Sie dazu überredet, zu einem StrafSenfest in ihrer Nachbarschaft mitzukommen, wo laute Musik und ein Haufen fremder Menschen Sie erwarten. Die Nachbarn Ihrer Freundin scheinen sehr nett zu sein, doch Sie fühlen sich gedrängt, über den Lärm der Musik hinweg Small Talk zu machen. Jetzt sind Sie auf einmal aus Ihrem Optimalzu194
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede stand herausgefallen, nur leiden Sie dieses Mal unter Reizüberflutung, Und das wird vermutlich so bleiben, bis Sie sich mit jemandem irgendwo am Rande des Fests zu einem intensiven Gespräch zusammentun oder sich diskret verdrücken und zu Ihrer Hängematte zurückkehren. Stellen Sie sich vor, um wie viel besser Sie bei diesem Spiel mit dem Optimalzustand werden können, sobald Ihnen bewusst ist, dass Sie es spielen. Sie können sich Ihren Beruf, Ihre Hobbys, Ihr gesellschaftliches Leben so einrichten, dass Sie so viel Zeit wie möglich in Ihrem Optimalzustand zubringen. Menschen, die ihren Optimalzustand kennen, haben die Kraft, Jobs zu verlassen, die sie erschöpfen, und etwas Neues zu beginnen, das ihnen Spaß macht. Sie können sich ein Haus suchen, basierend auf dem Temperament ihrer Familienmitglieder - mit gemütlichen Erkern und Winkeln für die Introvertierten und großzügigen offenen Wohn- und Essbereichen für die Extravertierten. Das Wissen um unseren Optimalzustand kann die Befriedigung in jedem Bereich unseres Lebens erhöhen, aber es geht sogar noch darüber hinaus. Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Kenntnis des Optimalzustands Folgen haben kann, die über Leben und Tod entscheiden. Eine neuere Untersuchung an Soldaten, die am »Walter Reed Army Institute of Research« durchgeführt wurde, zeigt, dass Introvertierte unter Schlafmangel funktionstüchtiger als Extravertierte sind, weil dies ein Zustand ist, der die kortikale Erregung senkt (zu wenig Schlaf macht uns weniger wachsam, aktiv und energiegeladen). Schläfrige Extravertierte hinter dem Steuer sollten dagegen besonders vorsichtig sein - zumindest bis sie ihren Stimulationsgrad erhöhen, indem sie Kaffee trinken oder das Radio aufdrehen. Im Gegensatz dazu sollten Introvertierte, die bei lautem Verkehrslärm Auto 195
Unsere Biologie, unser Selbst fahren, darauf achten, konzentriert zu bleiben, weil die Reizüberflutung ihr Denkvermögen einschränken kann. Jetzt, da wir von optimalen Stimulationsgraden wissen, verstehen wir auch Esthers Problem, am Rednerpult zu improvisieren, besser. Überreizung beeinträchtigt die Aufmerksamkeit und das Kurzzeitgedächtnis - Schlüsselkomponenten für die Fähigkeit, aus dem Stegreifzu sprechen. Und da ein Vortrag vor Zuhörern per se eine stimulierende Tätigkeit ist, werden Introvertierte wahrscheinlich feststellen, dass ihre Aufmerksamkeit dann beeinträchtigt ist, wenn sie sie am meisten brauchen. Esther könnte also ewig als Anwältin arbeiten oder die routinierteste Praktikerin auf ihrem Gebiet werden, ohne entspannt aus dem Stegreif sprechen zu können. Vielleicht wird sie dauerhaft nicht imstande sein, während des Vortrags aufihren reichen Schatz an Informationen im Langzeitgedächtnis zurückzugreifen. Sobald Esther ihr Problem kennt, kann sie jedoch darauf bestehen, dass ihre Kollegen ihr vorher mitteilen, wann sie einen Vortrag halten muss. Sie kann ihre Rede gut vorbereiten und einüben, um in ihrem Optimalzustand zu sein, wenn sie schließlich ans Rednerpult tritt. Auf dieselbe Weise kann sie sich auch auf Termine mit Klienten, auf berufliche Tagungen und informelle Begegnungen mit ihren Kollegen vorbereiten - auf jede intensivere Situation, in der ihr Kurzzeitgedächtnis und ihre Fähigkeit, aus der Situation heraus zu denken, möglicherweise etwas eingeschränkter sind als gewöhnlich. Esther ist es gelungen, ihr Problem innerhalb ihrer Wohlfühlzone oder ihres Optimalzustands zu lösen. Doch manchmal bleibt uns nur die Wahl, an die Grenzen unserer Persönlichkeit zu gehen. Vor einigen Jahren beschloss ich, meine Angst, vor einer 196
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede Gruppe zu sprechen, in den Griff zu bekommen. Nach einigem Hin und Her meldete ich mich zu einem Workshop am »Public Speaking and Social Anxiety Center« in New York an. Ich hatte meine Zweifel. Ich fühlte mich wie ein durchschnittlich schüchterner Mensch, und mir gefiel der pathologische Beiklang des Begriffs social anxiety (soziale Angst) nicht. Aber dem Seminar lag ein Desensibilisierungstraining zugrunde, ein Ansatz, der mir sinnvoll erschien. Oft als Methode zur Überwindung von Phobien eingesetzt, beinhaltet Desensibilisierung, dass man sich (und seinen Mandelkern) immer wieder einer erträglichen Dosis der Sache aussetzt, vor der man sich fürchtet. Das unterscheidet sich gewaltig von dem gut gemeinten, aber wenig hilfreichen Rat, einfach ins kalte Wasser zu springen und zu schwimmen, eine Methode, die funktionieren kann, aber wahrscheinlich eher Panik auslöst und den Teufelskreis von Schrecken, Angst und Scham noch tiefer im Gehirn eingräbt. Ich stellte fest, dass ich in guter Gesellschaft war. Ungefähr 15 Leute nahmen an dem Seminar teil, das von Charles di Cagno geleitet wurde, einem drahtigen, untersetzten Mann mit freundlichen braunen Augen und einem feinen Sinn für Humor. Charles ist ein Veteran der Konfrontationstherapie. Der Gedanke, vor anderen zu sprechen, raubt ihm zwar nachts nicht mehr den Schlaf, erklärt er, aber die Angst ist ein verschlagener Feind, und er arbeitet immer wieder daran, ihn zu besiegen. Der Kurs lief schon seit ein paar Wochen, als ich dazustieß, doch Charles versicherte mir, dass Neue immer willkommen seien. Die Gruppenteilnehmer waren unterschiedlicher, als ich erwartet hätte. Da war eine Modedesignerin mit einem wachen und freundlichen Gesichtsausdruck, langem lockigem Haar, einem leuchtenden Lippenstift und spitzen Schlangenlederstie197
Unsere Biologie, unser Selbst feln; eine Sekretärin mit dicken Brillengläsern und knappem, sachlichem Verhalten, die viel über ihre Mitgliedschaft in einem Hochbegabtenclub sprach; zwei befreundete Investmentbanker, groß und sportlich; ein Schauspieler mit schwarzem Haar und lebhaften blauen Augen, der in seinen Puma-Turnschuhen durch den Raum sprang, aber behauptete, die ganze Zeit Angst zu haben, und ein liebenswürdig lächelnder chinesischer Software-Designer mit einem nervösen Lachen. Ein normaler Querschnitt von New Yorkern, in der Tat. Es hätte sich auch um einen Kurs über Digitalfotografie oder italienische Küche handeln können. Nur dass er das nicht war. Charles erklärte, dass jeder mit Sprechen an die Reihe käme, aber auf einem Angstniveau, mit dem wir umgehen könnten. Lateesha, eine Trainerin in asiatischer Kampfkunst, war an diesem Abend als Erste dran. Sie sollte den Teilnehmern ein Gedicht von Robert Frost vorlesen. Mit ihren Rastalocken und ihrem gewinnenden Lächeln sah Lateesha aus, als hätte sie vor gar nichts Angst. Als sie beginnen wollte und ihr Buch offen aufgeschlagen auf dem Pult lag, bat Charles sie jedoch einzuschätzen, wie hoch ihre Angst auf einer Skala von 1 bis 10 war. »Mindestens 7«, sagte Lateesha. »Lass dir Zeit«, sagte er. »Es gibt nur wenige Leute, die ihre Ängste komplett überwinden können, und die leben alle in Tibet.« Lateesha las das Gedicht klar und ruhig vor mit einem nur unmerklichen Zittern in der Stimme. Als sie fertig war, strahlte Charles vor Stolz. »Bitte steh auf, Lisa«, sagte er und wandte sich an eine attraktive junge Marketingleiterin, die glänzendes schwarzes Haar 198
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede hatte und einen funkelnden Verlobungsring trug. »Du bist mit dem Feedback dran. Sah Lateesha nervös aus?« »Nein«, antwortete Lisa. »Ich hatte aber wirklich Angst«, sagte Lateesha. »Keine Sorge, man hat es dir nicht angemerkt«, erwiderte Lisa. Die anderen nickten mit Nachdruck. »Man hat es dir überhaupt nicht angemerkt«, echoten sie. Lateesha setzte sich und sah erfreut aus. Als Nächstes war ich an der Reihe. Ich stand an einem provisorischen Rednerpult - eigentlich einem Notenpult - und schaute die Gruppe an. Die einzigen Geräusche im Raum waren das Surren des Deckenventilators und der Verkehrslärm, der von draußen hereindrang. Charles bat mich, mich vorzustellen. Ich holte tief Luft. »Hallooo!!'«, riefich und hoffte, ich würde dynamisch klingen. Charles sah alarmiert aus. »Sei einfach du selbst«, sagte er. Meine erste Übung war leicht: Ich musste nur ein paar Fragen beantworten, die andere mir zuriefen. Wo wohnst du? Was bist du von Beruf? Wo hast du Jura studiert? Ich beantwortete die Fragen auf meine normale, leise Art. Die Gruppe hörte aufmerksam zu. »Hat jemand noch weitere Fragen an Susan?«, fragte Charles. Die Teilnehmer schüttelten den Kopf. »Nun, Dan«, sagte Charles und nickte einem strammen, rothaarigen Burschen zu, der wie einer der CNBC-Journalisten aussah, die direkt von der New Yorker Börse berichten. »Du bist Investmentbanker und hast hohe Ansprüche. Was meinst du, sah Susan nervös aus?« »Überhaupt nicht«, antwortete Dan. 199
Unsere Biologie, unser Selbst Die übrigen Gruppenteilnehmer nickten. »Überhaupt nicht nervös«, sagten sie alle - so wie sie es auch bei Lateesha gemacht hatten. »Du wirkst so offen«, fügten sie hinzu. »Du bist als total selbstbewusst herübergekommen!« »Du hast Glück, dir fällt immer was ein.« Ich setzte mich und fand mich ziemlich gut. Aber ich stellte bald fest, dass Lateesha und ich nicht die Einzigen waren, die diese Art Rückmeldung bekamen. Einige andere erhielten sie auch. »Du hast so ruhig ausgesehen!«, bekamen sie zu ihrer sichtlichen Erleichterung zu hören. »Wer es nicht weiß, würde es nie merken! Was willst du bloß in diesem Kurs?« Zunächst begann ich mich zu fragen, warum ich diese Bestätigung so sehr schätzte. Dann begriff ich, dass ich am Seminar teilnahm, weil ich die Grenzen meiner Persönlichkeit bis zum Äußersten dehnen wollte. Ich wollte gut vor einer Gruppe sprechen, ohne schrecklich nervös zu sein oder so zu wirken. Die Bestätigungen dienten mir als Beweis, dass ich auf dem Weg war, dieses Ziel zu erreichen. Ich hatte den Verdacht, dass die Rückmeldungen, die ich bekam, übermäßig wohlwollend waren, aber das spielte keine Rolle. Letztlich zählte nur, dass ich ein Publikum angesprochen hatte, das mir wohlgesinnt war, und diese Erfahrung tat mir gut. Ich hatte begonnen, mich gegen die Schrecken eines Vortrags zu desensibilisieren. Ich hatte mich wie ein Gummiband gedehnt - aber nicht so weit, dass es riss. Seither habe ich viele Vorträge vor anderen gehalten - vor Gruppen mit zehn und einem Saal mit Hunderten von Leuten. Ich habe versucht, am Rednerpult in meiner Wohlfühlzone zu bleiben. Das beinhaltet für mich ganz bestimmte Schritte - dazu gehört, dass ich jede Rede als kreatives Projekt behandle, so200
Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede dass ich, wenn der große Tag kommt, das Empfinden des tiefen Eintauchens erlebe, das ich so sehr liebe. Ich versuche auch, Themen auszuwählen, die mich tief bewegen. Es ist erstaunlich, um wie viel zentrierter ich mich fühle, wenn mir ein Thema wirklich wichtig ist. Das ist natürlich nicht immer möglich. Manchmal müssen Redner besonders im Beruf über Themen sprechen, die ihnen nicht sonderlich am Herzen liegen. Ich glaube, dass dies für Introvertierte schwieriger ist, weil sie ein Problem damit haben, künstliche Begeisterung auszustrahlen. Aber diese Unflexibilität hat einen verborgenen Vorteil: Sie kann die Motivation dafür liefern, einen harten, aber lohnenswerten Neuanfang im Beruf zu machen, wenn wir zu oft über Themen sprechen müssen, die uns kaltlassen. Einen Vortrag zu halten fällt mir heutzutage nicht mehr so schwer: mein Frontalkortex scheint seine Aufgabe, den Mandelkern zu zähmen, ziemlich gut zu erfüllen. Aber ich lerne immer noch weiter, meine Angst zu bewältigen. Und ich weiß, dass ich am anfälligsten in Stresszeiten bin, wenn mein Kortex noch anderes zu tun hat, als nur meinen Mandelkern zu beruhigen. Ich werde vermutlich lebenslang mit der Angst kämpfen, vor anderen zu sprechen, und ich habe das akzeptiert. Tatsächlich glaube ich, dass Akzeptanz eines der Geheimnisse für Introvertierte ist, wenn sie vor Menschen sprechen wollen - wir müssen die Angst akzeptieren, die uns nie wirklich verlässt, aber lernen, Frieden mit ihr zu schließen. Wir müssen das eigene zurückhaltende Selbst akzeptieren und dennoch lernen, mutig zu sprechen. Und wir müssen akzeptieren, dass die Niveau einzige Art und Weise, die Angst auf einem erträglichen zu zu halten, paradoxerweise darin besteht, so oft vor anderen sprechen, wie wir es verkraften können. 201
Unsere Biologie, unser Selbst Was die anderen Kursteilnehmer angeht, so standen sie alle an verschiedenen Punkten auf ihrem Weg, die Angst vor dem Sprechen zu überwinden. Ich hoffe, dass es ihnen inzwischen gelungen ist, nicht nur um ihrer selbst willen. Vor anderen zu sprechen ist eines der mächtigsten Instrumente, das uns zur Verfügung steht, wenn wir unsere Ideen mitteilen wollen - speziell in einer Kultur, die die Selbstdarstellung so hoch schätzt wie die unsere -, und Introvertierte haben höchst wichtige Ideen mitzuteilen, ob ihnen dabei die Knie schlottern oder nicht.
KeAPILTETEG6 Franklin und Eleanor Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen Ein scheuer Mensch fürchtet sich, von Fremden wahrgenommen zu werden, aber das heißt nicht, dass er Angst vor ihnen hat. Er kann so mutig wie ein Held im Kampf sein und doch kein Selbstvertrauen haben, wenn es um Lappalien in der Gegenwart Fremder geht.! Charles Darwin Ostersonntag 1939 am Lincoln Memorial in Washington. Marian Anderson, eine der außergewöhnlichsten Sängerinnen ihrer Generation, betritt die Bühne, hinter ihr die Statue des 16. amerikanischen Präsidenten. Sie ist eine klassische Schönheit mit schokoladenbrauner Haut und lässt ihre Blicke über ihr Publikum von 75000 Zuhörern schweifen: Männer in steifen Hüten, Frauen im Sonntagsstaat, ein Meer aus schwarzen und weißen Gesichtern. »My country 'tis of thee«, intoniert Anderson mit gefühlvoller Stimme, während sie jedes Wort betont, »sweet land of liberty.« Das Publikum ist ergriffen und zu Tränen gerührt. Niemand hat geglaubt, dass dieser Tag je kommen würde. Und ohne Eleanor Roosevelt wäre er auch nicht gekommen. Zu Anfang desselben Jahres hatte Anderson geplant, in der Constitution Hall in Washington zu singen, aber die Frauenorganisation »Daughters ofthe American Revolution« (DAR), der der Saal gehört, hatte ihr wegen ihrer Hautfarbe abgesagt. Eleanor 203
Unsere Biologie, unser Selbst Roosevelt, deren Familie in der Revolution mitgekämpft hatte, trat daraufhin aus der DAR aus. Sie sorgte dafür, dass Anderson am Lincoln-Denkmal singen konnte, und entfachte damit einen nationalen Sturm der Entrüstung. Sie war nicht die Einzige, die protestiert hatte, aber es war Eleanor Roosevelt, die der Angelegenheit politische Durchschlagskraft bescherte, und dabei setzte sie ihren eigenen Ruf aufs Spiel. Für Eleanor Roosevelt, der es von ihrem Wesen her unmöglich war, bei Problemen anderer Menschen wegzuschauen, waren solche Akte sozialen Gewissens nichts Bemerkenswertes. Aber andere sahen das Bemerkenswerte daran und zollten ihr dafür große Anerkennung. »Das war etwas Einzigartiges«, erinnerte sich der afroamerikanische Bürgerrechtler James Farmer. »Franklin D. Roosevelt war Politiker. Er wog die politischen Folgen bei jedem seiner Schritte ab. Außerdem war er ein guter Politiker. Aber aus Eleonor sprach das Gewissen, und sie handelte wie ein Mensch, den das Gewissen treibt. Das war etwas anderes.«° Das war eine Rolle, die sie während ihres ganzen gemeinsamen Lebens mit ihrem Mann übernahm: Sie fungierte als seine Ratgeberin, sein Gewissen. Vielleicht hat er sie aus diesem Grunde geheiratet; denn in vielerlei Hinsicht waren sie ein sehr ungleiches Paar. Sie lernten sich kennen, als er zwanzig war. Franklin, ein entfernter Cousin und gut situierter Harvard-Student, stammte aus einer großSbürgerlichen Familie. Eleanor war 19 und kam ebenfalls aus einer begüterten Familie, aber trotz der Missbilligung ihrer Familie engagierte sie sich für das Leiden der Armen. Als freiwillige Helferin in einem sogenannten »Settlement House«, einer Einrichtung für Hilfsbedürftige, auf der verarmten Lower 204
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen East Side von Manhattan hatte sie Kinder kennengelernt, die gezwungen wurden, in Fabriken ohne Tageslicht Seidenblumen zu nähen, bis sie vor Erschöpfung umfielen. Eines Tages nahm sie Franklin mit. Er konnte nicht glauben, dass Menschen unter solch elenden Bedingungen dahinvegetierten - und dass eine junge Frau aus seiner eigenen Schicht diejenige war, die ihm die Augen für diese Seite von Amerika öffnete. Er verliebte sich auf der Stelle in sie. Aber Eleanor war nicht die unbeschwerte, humorvolle Frau, die zu heiraten man von Franklin erwartet hatte. Ganz im Gegenteil: Sie lachte nur selten, langweilte sich bei oberflächlichen Unterhaltungen und war ernsthaft und schüchtern. Ihre Mutter, eine feinsinnige, lebhafte Aristokratin, hatte ihr den Spitznamen »Oma« gegeben. Ihr Vater, der charmante und populäre jüngere Bruder von Theodore Roosevelt, war in sie vernarrt - wenn er sie zu Gesicht bekam. Die meiste Zeit war er betrunken und starb, als Eleanor neun war. Als Eleanor Franklin kennenlernte, konnte sie nicht glauben, dass jemand wie er sich ausgerechnet für sie interessierte. Franklin war alles, was sie nicht war: forsch und beschwingt mit einem unbezähmbaren Grinsen und so locker im Umgang mit Menschen, wie sie vorsichtig war. »Er war jung, fröhlich und gut aussehend«, erinnerte sich Eleanor, »und ich war schüchtern, linkisch und aufgeregt, als er mich zum Tan- zen aufforderte.« Gleichzeitigbekam Eleanor von vielen Seiten zu hören, Franklin sei nicht gut genug für sie. Einige hielten ihn für einen Luftikus, einen mittelmäßigen Studenten und einen frivolen Herumtreiber. Und auch wenn Eleanor kein gutes Selbstbild hatte, so fehlte es ihr doch nicht an Bewunderern, die ihre Gesetztheit zu schätzen wussten. Einige ihrer Verehrer schrieben widerwillig 205
Unsere Biologie, unser Selbst Glückwunschbriefe an Franklin, nachdem er erfolgreich um ihre Hand angehalten hatte. »Ich hege mehr Achtung und Bewunderung für Eleanor als für irgendein Mädchen, das mir je begegnet ist«, hieß es in einem dieser Briefe. »Sie können sich sehr glücklich schätzen. Ihre zukünftige Frau ist von einer Art, wie nur wenige Männer sich rühmen dürfen, sie an ihrer Seite zu haben«, schrieb ein anderer. Aber die öffentliche Meinung war für Franklin und Eleanor nicht ausschlaggebend. Alle beide hatten Stärken, nach denen der andere sich sehnte - ihr Mitgefühl und sein Draufgängertum. »E. ist ein Engel«, schrieb Franklin in sein Tagebuch. Als sie seinen Antrag 1903 annahm, nannte er sich selbst den glücklichsten Mann der Welt. Sie reagierte mit einer Flut von Liebesbriefen. Sie heirateten 1905 und bekamen sechs Kinder. Es schien eine grandiose Fehlverbindung zu sein. Eleanor sehnte sich nach Nähe und ernsthaften Gesprächen; er liebte Partys, Flirts und Klatsch. Der Mann, der erklärte, er habe nichts zu fürchten als die Furcht selbst, konnte nicht verstehen, dass seine Frau mit der Schüchternheit kämpfte. Als Franklin 1913 zum Staatssekretär im Marineministerium ernannte wurde, wurde das Tempo ihres gesellschaftlichen Lebens noch hektischer und der Rahmen noch exklusiver: elitäre Privatclubs und die Herrenhäuser seiner Freunde aus Harvard. Immer öfter feierte Franklin bis spät in die Nacht, während Eleanor immer früher nach Hause ging. Inzwischen füllte sich Eleanors Terminkalender mit gesellschaftlichen Pflichten. Man erwartete von ihr, den Ehefrauen anderer wichtiger Leute in Washington Besuche abzustatten, überall ihre Visitenkarte zu hinterlassen und selbst ein offenes Haus zu führen. Das war keine Rolle, die ihr auf den Leib ge206
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen schrieben war, und deshalb stellte sie eine Sekretärin namens Lucy Mercer ein, um sie zu unterstützen. Was eine gute Idee zu sein schien - bis Eleanor 1917 den Sommer mit den Kindern in Maine verbrachte und Franklin zusammen mit Lucy Mercer in Washington zurückliefß. Die beiden begannen eine Affäre, die ein Leben lang anhielt. Lucy war genau die Art von lebhafter Schönheit, die zu heiraten man von Franklin erwartet hatte. Eleanor entdeckte Franklins Betrug, als ihr zufällig ein Päckchen mit Liebesbriefen in die Hände fiel, das in seinem Koffer lag. Sie war am Boden zerstört, hielt ihre Ehe jedoch aufrecht. Und auch wenn die beiden die romantische Seite ihrer Beziehung nie mehr aufleben ließen, ersetzten sie sie doch durch etwas Eindrucksvolleres: die Vereinigung seines Selbstbewusstseins mit ihrem Gewissen." Wenn wir einen Zeitsprung in die Gegenwart unternehmen, begegnen wir einer Frau von ähnlichem Temperament, die ebenfalls aus ihrem eigenen Gefühl von Gewissen heraus handelt. Dr. Elaine Aron ist experimentelle Psychologin und hat seit ihrer ersten wissenschaftlichen Publikation 1997 im Alleingang etwas neu definiert, was Kagan und andere Wissenschaftler hohe Reaktivität (und manchmal »Negativität« und »Hemmung«) nennen. Sie nennt es »hohe Sensibilität«, und zusammen mit dem neuen Namen für dieses Persönlichkeitsmerkmal hat sie auch unser Verständnis davon verwandelt und vertieft. Als ich höre, dass Aron die Hauptrednerin auf einer Tagung _ von »hochsensiblen Menschen« ist, die jährlich an einem Wochenende auf der Walker Creek Ranch in Marin County, Kalifornien, stattfindet, buche ich rasch einen Flug, Jacquelyn Strickland, Psychotherapeutin sowie Begründerin und Organisatorin 207
Unsere Biologie, unser Selbst der Veranstaltung, sagt, dass sie diese Wochenenden ins Leben gerufen hat, damit hochsensible Menschen davon profitieren können, in der Gesellschaft Gleichgesinnter zu sein. Sie schickt mir ein Informationsblatt zu, in dem es heißt, dass wir in Zimmern untergebracht sind, die für den »Mittagschlaf, zum Tagebuchführen, Spielen, Meditieren, Organisieren, Schreiben und Reflektieren« gedacht sind. »Wenn Sie sich mit anderen austauschen wollen, tun Sie es bitte ganz leise auf Ihrem Zimmer (mit Zustimmung Ihrer Mitbewohnerin oder Ihres Mitbewohners) oder vorzugsweise in den Aufenthaltsräumen, auf Spaziergängen und bei Mahlzeiten«, heißt es weiter in dem Informationsblatt. Die Tagung ist für Menschen gedacht, die Gespräche mit Tiefgang lieben und manchmal »ein Gespräch aufeine tiefere Ebene bringen, nur um herauszufinden, dass sie die Einzigen dort sind«. Es wird an diesem Wochenende genug Zeit für ernsthafte Gespräche geben, wird uns versichert. Aber es steht uns auch frei, ganz nach Belieben zu kommen und zu gehen. Strickland weiß, dass die meisten Introvertierten ein Leben voller Gruppenzwang hinter sich haben, und sie will uns an diesem Wochenende ein anderes Modell vorführen, wenn auch nur für ein paar Tage. Die Walker Creek Ranch liegt auf einem Areal von 700 Hektar unverdorbener nordkalifornischer Wildnis. Sie bietet Wanderwege, Tiere in freier Wildbahn unter einem weiten klaren Himmel und im Zentrum ein gemütliches, scheunenähnliches Tagungszentrum, wo sich ungefähr dreißig Teilnehmer an einem Donnerstagnachmittag Mitte Juni versammeln. Die Buckeye Lodge ist mit großen grauen Industrieteppichen, riesigen weißen Wandtafeln und Panoramafenstern mit Blick auf sonnige Redwood-Wälder ausgestattet. Neben den üblichen Stapeln mit 208
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen Anmeldeformularen und Namensschildern steht ein Flipchart, auf dem wir unseren Namen und unseren Persönlichkeitstyp nach der Myers-Briggs-Skala eintragen sollen. Ich überfliege die Liste. Jeder ist introvertiert, bis auf Strickland selbst, eine blon- de, warmherzige, freundliche und gesprächige Frau. (Dr. Arons Forschung zufolge sind hochsensible Menschen in der Mehrzahl introvertiert.) Die Tische und Stühle im Raum sind in einem großen Viereck angeordnet, sodass jeder den anderen anschauen kann. Strickland bittet uns, uns freiwillig zu melden und zu sagen, was uns hierhergeführt hat. Ein Software-Ingenieur namens Tom macht den Anfang und schildert in leidenschaftlichen Worten, wie erleichtert er war, als er erfuhr, dass das Persönlichkeitsmerkmal der hohen Sensibilität eine physiologische Grundlage hat. »Das sagt also die Forschung! So bin ich! Ich muss nicht mehr den Erwartungen anderer entsprechen. Ich brauche weder das Gefühl zu haben, mich entschuldigen noch verteidigen zu müssen.« Mit seinem langen, schmalen Gesicht und den mandelförmigen Augen erinnert er mich an Abraham Lincoln, nur dass ihm seine braune Mähne und ein dazu passender Bart zusätzlich die Aura eines Mystikers verleihen. Er stellt seine Frau vor, die erzählt, dass sie und Tom gut zusammenpassen und gemeinsam auf Arons Arbeit gestoßen sind. Alsich an der Reihe bin, mache ich mich auf das gewöhnliche Herzklopfen gefasst, das ich erlebe, wenn ich mich einer unbekannten Gruppe vorstelle, aber dann fällt mir ein, dass ich mich nicht äußern muss, wenn ich nicht will. Das hat eine befreiende Wirkung auf mich. Ich sage, dass ich noch nie in einer Gruppe gewesen bin, in der ich mich nicht verpflichtet gefühlt habe, ein unnatürliches und geschöntes Bild von mir zu präsentieren. Ich 209
Unsere Biologie, unser Selbst füge hinzu, dass ich an dem Zusammenhang zwischen Introversion und Sensibilität interessiert bin. Viele Teilnehmer nicken. Am Samstagmorgen erscheint Elaine Aron in der Buckeye Lodge. Sie wartet spielerisch hinter einem Ständer, an dem ein Flipchart hängt, während Jacquelyn Strickland sie uns vorstellt. Dann kommt sie lächelnd - ta da! - hinter dem Ständer hervor, nüchtern gekleidet in einen Blazer, Rollkragenpullover und Cordrock. Sie hat kurzes, dünnes braunes Haar und warme, von Falten umgebene blaue Augen, die aussehen, als würde ihnen nichts entgehen. Man erkennt in Aron sofort die gestandene Wissenschaftlerin, die sie inzwischen ist, wie auch das linkische Schulmädchen, das sie einmal gewesen sein muss. Man sieht auch ihren Respekt für ihre Zuhörer. Sie kommt gleich zur Sache und teilt uns mit, dass sie fünf Unterthemen zur Auswahl hat. Dann bittet sie uns, per Handheben darüber abzustimmen, welches das erste, zweite und dritte Thema sein soll. Anschließend nimmt sie blitzartig eine komplizierte Berechnung vor, mit deren Hilfe sie die drei Themen ermittelt, für die wir kollektiv gestimmt haben. Die Gruppe nimmt freundlich Platz. Es spielt nicht wirklich eine Rolle, welche Themen wir gewählt haben. Wir wissen, dass Aron so oder so hier ist, um über hohe Sensibilität zu sprechen, und dass sie unsere Vorlieben berücksichtigen wird. Einige Psychologen machen sich einen Namen mit ungewöhnlichen wissenschaftlichen Experimenten. Arons Beitrag besteht darin, dass sie Untersuchungen, die andere durchgeführt haben, neu interpretiert, und zwar radikal neu. Als Mädchen bekam Aron oft zu hören, dass sie »zu sensibel« sei. Sie hatte zwei robuste ältere Geschwister und war das einzige Kind in der Fami210
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen lie, das sich gern in Tagträume flüchtete, drinnen spielte und gefühlsmäßig leicht verletzbar war. Als sie älter wurde und sich aus dem Kreis ihrer Familie hinausbewegte, stellte sie weiterhin Verhaltensweisen an sich fest, die von der Norm abzuweichen schienen. Sie konnte stundenlang allein Auto fahren, ohne das Radio anzumachen. Sie hatte eindrucksvolle, manchmal verstörende Nachtträume. Sie war »seltsam angespannt« und wurde oft von starken Emotionen heimgesucht, sowohl positiven als auch negativen. Sie hatte Schwierigkeiten, das Erhabene im Alltag zu finden. Es schien nur vorhanden zu sein, wenn sie sich von der Welt zurückzog. Als sie erwachsen war, studierte sie Psychologie und heiratete einen bodenständigen Mann, der ihre Eigenschaften liebte. Für ihren Mann Art war Aron kreativ, intuitiv und eine tiefe Denkerin. Auch sie selbst schätzte diese Eigenschaften an sich, aber betrachtete sie als »die akzeptable Oberfläche eines schrecklichen verborgenen Makels, der mir mein ganzes Leben lang bewusst gewesen war«. Für sie war es ein Wunder, dass ihr Mann sie trotz dieses Makels liebte.° Als eine ihrer Kolleginnen sie einmal ganz nebenbei als »hochsensibel« bezeichnete, ging ihr ein Licht auf. Es war, als würde dieses Wort ihr geheimnisvolles Scheitern beschreiben, nur dass die Kollegin das Wort gar nicht als Makel gemeint hatte. Es war eine neutrale Beschreibung gewesen. Aron dachte über diese neue Einsicht nach und begann dann, über dieses Persönlichkeitsmerkmal, das »hohe Sensibilität« hieß, zu forschen. Als sie so gut wie nichts fand, ging sie die riesige Literatur über die Introversion durch, die damit eng verbunden zu sein schien: Kagans Arbeit über hoch reaktive Kinder und die lange Liste mit Experimenten über die Tendenz von In21
Unsere Biologie, unser Selbst trovertierten, sensibler auf soziale und sensorische Reize zu reagieren. Diese Untersuchungen ließen sie einen flüchtigen Blick auf das erhaschen, was sie suchte. Dennoch hatte Aron den Eindruck, dass in dem Porträt von introvertierten Menschen, das sich herausschälte, eine Lücke klaffte. »Das Problem von Wissenschaftlern ist, dass sie versuchen, Verhalten zu beobachten, und dies sind Dinge, die man nicht beobachten kann«, erläuterte sie. Wissenschaftler können leicht das Verhalten von Extravertierten studieren, weil diese oft lachen, reden und gestikulieren. Aber »wenn ein Mensch in einer Zimmerecke steht, kann man ihm ungefähr 15 Motivationen zuschreiben. Doch man weiß nicht wirklich, was in ihm vorgeht.« Dennoch war auch äußerlich nicht sichtbares Verhalten immer noch Verhalten, dachte Aron, selbst wenn es sich schwer katalogisieren ließ. Was also war das äußerlich nicht sichtbare Verhalten von Menschen, deren sichtbarstes Merkmal darin bestand, dass sie nicht sonderlich erfreut reagierten, wenn man sie zu einer Party einlud? Sie beschloss, es herauszufinden. Zunächst befragte sie 39 Menschen, die sich selbst als introvertiert bezeichneten oder angaben, rasch unter Reizüberflutung zu leiden. Sie fragte sie nach ihren Lieblingsfilmen, ihren ersten Erinnerungen, den Beziehungen zu ihren Eltern, ihren Freundschaften, ihrem Liebesleben, ihren kreativen Aktivitäten und philosophischen sowie religiösen Ansichten. Aufder Grundlage dieser Interviews entwickelte sie einen umfangreichen Fragebogen, den sie an verschiedene Gruppen mit vielen Menschen verteilte. Schließlich filterte sie aus den Antworten eine Konstellation von 27 Eigenschaften heraus. Sie nannte die Menschen, die diese Eigenschaften in sich vereinigten, »hochsensibel«. Einige dieser 27 Eigenschaften waren aus Kagans Arbeiten und 212
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen denen anderer Forscher bereits bekannt. Hochsensible Menschen sind beispielsweise meist gute Beobachter, die erst schauen, bevor sie springen. Sie organisieren ihr Leben so, dass sie Überraschungen möglichst ausschalten. Sie reagieren oft sensibel auf Anblicke, Geräusche, Gerüche, Schmerz und Kaffee. Sie haben Probleme, wenn sie beobachtet werden (etwa bei der Ar- beit oder wenn sie ein Musikstück vortragen) oder ganz allgemein auf ihren Wert hin begutachtet werden (beim Kennenlernen oder einem Einstellungsgespräch). Aber es gab auch neue Erkenntnisse. Hochsensible sind im Allgemeinen philosophisch oder religiös statt materialistisch oder hedonistisch orientiert. Sie mögen keine oberflächlichen Gespräche. Sie beschreiben sich oft als kreativ oder intuitiv (so wie Aron von ihrem Ehemann beschrieben wurde). Sie haben lebhafte Träume und können sich am nächsten Tag häufig an ihre Träume erinnern. Sie lieben Musik, Natur, Kunst und physische Schönheit. Sie haben außergewöhnlich starke Emotionen manchmal Freude, aber auch Anfälle von Kummer, Melancholie und Angst. Hochsensible Menschen verarbeiten auch Informationen über ihre physische und emotionale Umgebung ungewöhnlich gründlich. Sie bemerken öfter Feinheiten, die anderen entgehen - wie etwa einen Stimmungswechsel bei anderen Menschen oder die Helligkeitsschwankungen einer Glühbirne. Kürzlich hat eine Gruppe von Wissenschaftlern an der Stony Brook University diese Resultate überprüft, indem sie 18 Menschen, die im Magnetresonanztomografen lagen, zwei Fotopaare von einem Zaun und von Heuballen zeigten. Die ersten zwei Fotos wiesen deutliche Unterschiede auf, bei den anderen zwei bestanden kaum merkliche Unterschiede. 213
Unsere Biologie, unser Selbst Dann fragten die Wissenschaftler die Versuchspersonen, ob die zwei Fotos jeweils identisch seien oder nicht. Sie fanden heraus, dass die sensiblen Probanden sich beim Betrachten der Fotos mit den kaum merklichen Unterschieden mehr Zeit liefen als die anderen Versuchspersonen. Ihr Gehirn wies auch eine höhere Aktivität in Arealen auf, die dabei helfen, Verbindungen zwischen diesen Bildern und anderen gespeicherten Informationen herzustellen. Mit anderen Worten: Die Sensiblen verarbeiteten die Fotos komplexer als die anderen Probanden; sie setzten sich stärker mit ihnen auseinander.’ Das Experiment ist ganz neu, und die Schlussfolgerungen müssen noch durch weitere Experimente verifiziert und in anderen Zusammenhängen untersucht werden. Aber es bestätigt die Ergebnisse von Jerome Kagans Studien, bei denen sich ergeben hatte, dass sich hoch reaktive Erstklässler mehr Zeit als andere Kinder ließen, wenn sie vermeintlich identische Bildpaare miteinander verglichen und unbekannte Wörter lasen. Und es legt nach den Worten der leitenden Wissenschaftlerin von Stony Brook nahe, dass hochsensible Typen auf ungewöhnlich komplexe Weise denken. Das hilft auch zu erklären, warum sie sich bei oberflächlichen Gesprächen langweilen. »Wenn man komplexer denkt«, so sagte sie mir, »dann sind Gespräche über das Wetter oder darüber, wo Sie Ihren Urlaub verbracht haben, nicht ganz so interessant wie Gespräche über Werte oder Moral.« Das andere, was Aron über Hochsensible herausfand, ist, dass sie oft hochgradig mitfühlend sind. Es ist, als ob die Haut, die sie vor den Emotionen anderer Menschen und den Tragödien und Grausamkeiten dieser Welt schützt, dünner wäre. Sie neigen zu einem ungewöhnlich strengen Gewissen, vermeiden Gewaltfil214
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen me im Kino und Fernsehen und sind sich der Folgen des eigenen Fehlverhaltens ungewöhnlich stark bewusst. In Gesellschaft anderer legen sie den Schwerpunkt oft auf Themen, wie etwa persönliche Probleme, die andere als »zu schwer« empfinden. Aron merkte, dass sie etwas Großem auf der Spur war. Viele der Merkmale von sensiblen Menschen, die sie identifiziert hatte - Einfühlungsvermögen und Empfänglichkeit für Schönheit etwa - wurden von Psychologen anderen Persönlichkeitsmerkmalen wie »Freundlichkeit« und »Offenheit« zugeordnet. Aron erkannte jedoch, dass sie auch ein fundamentaler Bestandteil der hohen Sensibilität waren. Ihre Ergebnisse stellten implizit akzeptierte Lehren der Persönlichkeitspsychologie infrage. Sie begann, ihre Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern zu veröffentlichen und über ihre Arbeit Vorträge zu halten. Zuerst war das nicht einfach. Von Zuhörern aus dem Publikum bekam sie zu hören, dass das, was sie zu sagen hatte, faszinierend sei, aber dass ihre rhetorische Unsicherheit sich ablenkend auswirkte. Doch Aron hatte ein grofßses Bedürfnis, ihre Botschaft publik zu machen. Sie hielt durch und lernte, wie die wissenschaftliche Autorität zu sprechen, die sie war. Als ich ihr auf der Walker Creek Ranch begegnete, wirkte sie erfahren, klar und sicher. Der einzige Unterschied zwischen ihr und einem durchschnittlichen Redner bestand darin, dass sie auf jede Frage aus dem Publikum gewissenhaft einging. Sie stellte sich der Gruppe auch nach ihrem Vortrag noch für Gespräche zur Verfügung, obwohl sie sich als extreme Introvertierte danach gesehnt haben muss, nach Hause zu fahren. Arons Beschreibung der Hochsensiblen klingt, als würde sie über Eleanor Roosevelt höchstpersönlich sprechen. Tatsächlich haben Wissenschaftler im Laufe der Jahre, seit Aron ihre For215
Unsere Biologie, unser Selbst schungsergebnisse veröffentlicht hat, diese bestätigen können. Wenn man Menschen, deren genetisches Profil hypothetisch mit hoher Sensibilität und Introversion in Verbindung gebracht wird (Menschen, die die gleichen 5-HT-Gen-Varianten wie die in Kapitel 3 erwähnten Rhesusaffen besitzen), in einen Magnetresonanztomografen legt und ihnen dabei Bilder von angstverzerrten Gesichtern, Unfallopfern, verstümmelten Körpern und Umweltverschmutzung vorführt, wird ihr Mandelkern - der Teil des Gehirns, der eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung der Emotionen spielt - stark aktiviert.‘ Aron und ein Team von Wissenschaftlern haben auch herausgefunden, dass bei sensiblen Menschen, denen man Gesichter von Menschen zeigt, die starke Emotionen erleben, stärker als bei anderen Menschen eine Aktivierung von Hirnarealen stattfindet, die mit Einfühlungsvermögen und der Verarbeitung starker Emotionen zu tun haben. Anscheinend können sie wie Eleanor Roosevelt nicht anders als fühlen, was andere fühlen. 1921 erkrankte Franklin D. Roosevelt an Kinderlähmung. Es war ein schrecklicher Schlag, und er erwog, sich aufs Land zurückzuziehen, um sein Leben als invalider Landedelmann zu beenden. Doch Eleanor erhielt in der Zeit seiner Genesung die Kontakte zur demokratischen Partei aufrecht und erklärte sich sogar bereit, eine Rede auf einer Spendengala zu halten. Sie hatte panische Angst davor, Reden zu halten, und war nicht sehr gut darin. Sie hatte eine hohe Stimme und lachte an den falschen Stellen. Doch sie übte für ihren Auftritt und brachte ihn hinter sich. Danach hatte Eleanor ihre Unsicherheit immer noch nicht überwunden. Dennoch begann sie sich für die Beseitigung der sozialen Probleme einzusetzen, die sie um sich herum wahr216
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen nahm. Sie wurde eine Vorkämpferin für Frauenbelange und schmiedete Bündnisse mit Menschen von ähnlicher Ernsthaftigkeit. Als Roosevelt 1928 zum Gouverneur von New York gewählt wurde, leitete sie das Büro für Frauenangelegenheiten der Demokratischen Partei und war schon zu einer der mächtigsten Frauen in der nationalen Politik aufgestiegen. Sie und Roosevelt hatten jetzt eine voll funktionsfähige Partnerschaft erreicht, die aus seinem Savoir faire und ihrem sozialen Gewissen bestand. »Ich kannte mich mit sozialen Missständen vielleicht besser aus als er«, erinnerte sich Eleanor mit der ihr eigenen Bescheidenheit. »Aber er kannte sich mit dem Regierungsgeschäft aus und wie man vorgehen muss, um Dinge zu verbessern. Ich glaube, wir entwickelten mit der Zeit eine Art Teamarbeit.« Im Jahre 1932 wurde Roosevelt zum Präsidenten gewählt, zu einem Zeitpunkt, als die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreicht hatte. Eleanor bereiste das Land - in drei Monaten legte sie einmal 64 000 Kilometer zurück - und lieh ihr Ohr den einfachen Menschen, die über ihr Unglück klagten. Die Menschen öffneten ihr das Herz auf eine Weise, wie sie es bei anderen Mächtigen nicht taten. Sie wurde für Franklin zur Stimme der Entrechteten. Wenn sie von ihren Reisen zurückkehrte, teilte sie ihm oft mit, was sie gesehen hatte, und forderte ihn zum Handeln auf. Mit Eleanors Hilfe wurden Regierungsprogramme für halbverhungerte Bergleute in den Appalachen entwickelt. Sie drängte Roosevelt, Frauen und Afroamerikaner in seine Arbeitsbeschaffungsprogramme mit einzubeziehen. Und sie sorgte dafür, dass Marian Anderson am Lincoln-Denkmal singen durfte. »Sie lag ihm mit Angelegenheiten in den Ohren, die er in der Eile der Dinge vielleicht gern übersehen hätte«, sagt der Historiker Geoff Ward. »Sie hielt die Messlatte hoch. Jeder, der je mit ansah, 217
Unsere Biologie, unser Selbst wie sie ihm fest in die Augen blickte und sagte »Nun, Franklin, du solltest ....«, vergaß das nie.« Die einst schüchterne junge Frau, die große Angst vor Öffentlichen Auftritten gehabt hatte, fing an, das Leben in der Öffentlichkeit zu lieben. Eleanor Roosevelt wurde die erste First Lady, die eine Pressekonferenz abhielt, vor einem nationalen Parteikonvent sprach, eine Zeitungskolumne schrieb und im Radio zu Gast war. Später wurde sie amerikanische Delegierte bei den Vereinten Nationen, wo sie ihr ungewöhnliches Markenzeichen von politischer Kompetenz und hart erworbener Zähigkeit nutzte, um dazu beizutragen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durchzusetzen. Sie überwand ihre Verletzlichkeit nie - ihr ganzes Leben lang litt sie an dunklen »Griselda-Stimmungen«, wie sie es nannte (benannt nach einer Prinzessin in einer mittelalterlichen Legende, die sich in Schweigen hüllte), und rang darum, »sich eine Haut so dick wie ein Rhinozeros zuzulegen«. »Ich bin der Auffassung, dass Menschen, die schüchtern sind, immer schüchtern bleiben werden, aber sie lernen damit umzugehen«, sagte sie. Es war vielleicht ebendiese Sensibilität, die es ihr erleichterte, mit den Armen und Entrechteten in Kontakt zu treten, und die ihr Gewissen so schärfte, dass sie sich für sie einsetzte. Roosevelt, der während der großen Wirtschaftskrise Regierungschef war, wird von der Nachwelt für sein Mitgefühl verehrt. Doch es war Eleanor, die dafür sorgte, dass er erfuhr, wie schlecht es den Amerikanern ging. Der Zusammenhang zwischen Sensibilität und Gewissen ist schon lange bekannt. Die Entwicklungspsychologin Grazyna Kochanska führte folgendes Experiment durch: Eine freundli218
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen che Frau reicht einem Kleinkind ein Spielzeug mit der Ermahnung, es solle sehr vorsichtig damit umgehen, weil dies eines ihrer Lieblingsspielzeuge sei. Das Kind nickt zum Einverständnis feierlich und beginnt zu spielen. Kurz danach bricht das vorher präparierte Spielzeug entzwei. Die Frau schaut entsetzt und ruft: »O je!« Dann wartet sie ab, was das Kind als Nächstes macht. Wie sich herausgestellt hat, fühlen sich einige Kinder sehr viel schuldiger für ihren (vermeintlichen) Fehler als andere. Sie schauen weg, legen die Arme schützend um sich, stammeln Entschuldigungen und schlagen die Hände vor das Gesicht. Es sind die sensibelsten, hoch reaktiven Kinder, jene, die sich vermutlich zu Introvertierten entwickeln, die sich am schuldigsten fühlen. Da sie ungewöhnlich sensibel auf jede Erfahrung reagieren, sowohl positiver als auch negativer Art, scheinen sie den Kummer der Frau zu empfinden, deren Spielzeug zerbrochen ist, wie auch die Angst, etwas Schlimmes getan zu haben. (Falls Sie das Experiment fragwürdig finden, sei angemerkt, dass die Frau im Experiment rasch mit dem »reparierten« Spielzeug in den Raum zurückkam und das Kind beruhigte, dass es nichts falsch gemacht habe.) In unserer Kultur ist Schuld ein negativ besetztes Wort, doch es scheint einer der Bausteine des Gewissens zu sein. Die Angst, die diese hochsensiblen Kinder empfinden, wenn sie vermeintlich das Spielzeug entzweibrechen, motiviert sie, beim nächsten Mal besser aufzupassen. Im Alter von vier Jahren mogeln diese Kinder Kochanska zufolge nicht so häufig und übertreten weniger Gebote als ihre Altersgenossen, selbst wenn sie glauben, dass sie nicht erwischt werden können. Mit sechs oder sieben, sagen etihre Eltern, haben sie starke moralische Empfindungen, wie 219
Unsere Biologie, unser Selbst wa Empathie. Sie haben auch allgemein weniger Verhaltensprobleme. »Funktionale, moderate Schuldgefühle«, schreibt Kochanska, »können zukünftigen Altruismus, persönliche Verantwortung, angepasstes Verhalten in der Schule sowie harmonische, kompetente und uneigennützige Beziehungen zu Eltern, Lehrern und Freunden fördern.«!’ Das sind besonders wichtige Eigenschaften in der heutigen Zeit, in der eine 2010 an der Universität von Michigan durchgeführte Studie zeigt, dass die College-Studenten um 40 Prozent weniger einfühlend sind als vor dreißig Jahren, wobei der größte Rückgang seit dem Jahre 2000 zu verzeichnen ist. (Die Autoren der Studie vermuten, dass der Rück- gang des Mitgefühls auf die Verbreitung der sozialen Netzwerke im Internet, des Reality-TVs und der »Hyper-Konkurrenz« zurückzuführen ist.'! Was auch immer die Ursache sein mag, es ist interessant festzustellen, dass die Empathie bei College-Studenten rückläufig ist, während die Extraversion zunimmt.) Dass hochsensible Kinder diese Persönlichkeitsmerkmale haben, heißt nicht, dass sie Engel sind. Sie haben egoistische Züge wie alle anderen auch. Manchmal benehmen sie sich unnahbar und unfreundlich. Und wenn sie von negativen Emotionen, wie Scham oder Angst, überwältigt sind, sagt Aron, können sie die Bedürfnisse anderer Menschen regelrecht vergessen. Aber dieselbe Empfänglichkeit für Erfahrungen, die das Leben für Hochsensible schwierig machen kann, ist auch der Baustein für ihr Gewissen. Aron berichtet von einem pubertierenden Teenager, der seine Mutter überredete, einen Obdachlosen aufzunehmen, den er im Park kennengelernt hatte, und von einer Achtjährigen, die nicht nur weinte, wenn sie selbst sich bedrängt fühlte, sondern auch, wenn ein anderes Kind gehänselt wurde.' 220
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen Wir kennen diese Art Mensch gut aus der Literatur - vermutlich, weil so viele Schriftsteller selbst hochsensible Introvertierte sind. Er »war durchs Leben gegangen mit einer dünneren Haut als die meisten Menschen«, schrieb Eric Malpass über seinen stillen und nachdenklichen Protagonisten, ebenfalls Autor, indem Roman The Long Long Dances." »Die Sorgen anderer berührten ihn stark, und das galt auch für die pulsierende Schönheit des Lebens: Sie rührte ihn, zwang ihn, zum Stift zu greifen und über sie zu schreiben.« Es berührte ihn tief, in den Hügeln spazieren zu gehen, einem Impromptu von Schubert zu lauschen und abends in seinem Sessel die Kriegsgräuel zu sehen, die einen Großteil der 21-Uhr-Nachrichten einnahmen. Solche Charaktere als dünnhäutig zu beschreiben ist bildlich gemeint, aber tatsächlich kann man es ganz wörtlich nehmen. Zu den Tests, mit denen Wissenschaftler Persönlichkeitsmerkmale messen, gehört der Hautwiderstandstest, der aufzeichnet, wie sehr Menschen als Reaktion auf Geräusche, starke Emotionen und anderweitige Reize ins Schwitzen geraten. Hoch reaktive Introvertierte schwitzen mehr, gering reaktive Extravertierte hingegen weniger. Ihre Haut ist buchstäblich »dicker«, undurchlässiger für Reize, kühler beim Anfassen. Wie einige Wissenschaftler meinen, mit denen ich sprach, stammt daher der Ausdruck »ein kühler Mensch«. Je geringer reaktiv jemand ist, desto kühler ist seine Haut und desto mehr bewahrt er einen kühlen Kopf. (Übrigens liegen Soziopathen, bei denen die Erregbarkeit, der Hautwiderstand und die Angst extrem niedrige Werte aufweisen, am untersten Ende des Barometers der Kühle. Es gibt einige Belege dafür, dass Soziopathen einen gestörten Mandelkern haben.) Lügendetektoren beruhen weitestgehend auf der Messung 22
Unsere Biologie, unser Selbst des Hautwiderstands. Ihnen liegt die Theorie zugrunde, dass Lügen Angst erzeugt, was die Haut zum Schwitzen bringt. Als ich noch auf dem College war, bewarb ich mich einmal um einen Sommerjob als Sekretärin in einer großen Juwelierfirma. Als Teil der Bewerbung musste ich einen Lügendetektortest über mich ergehen lassen. Der Test wurde von einem schmächtigen Mann, einem Raucher mit pockennarbiger gelber Haut, in einem kleinen, trübe erleuchteten Raum mit Linoleumfußboden durchgeführt. Der Mann stellte mir anfangs eine Reihe unverfänglicher Fragen nach meinem Namen, meiner Adresse und Ähnlichem, um das Grundniveau meines Hautwiderstands festzustellen. Dann wurden die Fragen bohrender und die Manieren des Prüfers schonungsloser. War ich schon einmal in Polizeigewahrsam? Hatte ich je geklaut? Hatte ich Kokain genommen? Bei der letzten Frage fixierte mich mein Befrager scharf. Tatsächlich hatte ich nie Kokain probiert. Aber ich spürte, dass er mir das nicht glaubte. Sein anklagender Blick ähnelte dem alten Polizeitrick, bei dem man dem Verdächtigen sagt, es habe keinen Sinn zu leugnen, denn man habe die Beweise, um ihn zu überführen. Obwohl ich wusste, dass der Mann sich irrte, wurde ich rot. Und natürlich ergab der Test, dass ich bei der Kokain-Frage gelogen hatte. Meine Haut ist offensichtlich so dünn, dass sie sogar als Reaktion auf Fantasievergehen schwitzt! Wir stellen uns kühle Lässigkeit als Pose vor, die wir mit einer Sonnenbrille, einer lockeren Körperhaltung und einem Drink in der Hand demonstrieren. Aber diese sozialen Accessoires beruhen nicht auf Zufall. Wir haben dunkle Brillengläser, entspannte Körpersprache und Alkohol genau deshalb als signifikante Symbole gewählt, weil sie die Anzeichen eines überlasteten Nerven222
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen kostüms kaschieren. Eine Sonnenbrille verhindert, dass andere sehen können, wann sich unsere Augen vor Überraschung oder Angst weiten; aus Kagans Arbeit wissen wir, dass eine entspann- te Körperhaltung geringe Reaktivität signalisiert; und Alkohol beseitigt unsere Hemmungen - und senkt unser Erregungsniveau. »Wenn Sie zu einem Football-Spiel gehen und jemand bietet Ihnen eine Dose Bier an«, erläutert der Persönlichkeitspsychologe Brian Little, »sagt er in Wirklichkeit: »Hallo, trinken Sie eine Dose Extraversion.«« Teenager verstehen instinktiv die Physiologie der Lässigkeit. In Curtis Sittenfelds Roman Eine Klasse für sich, in dem die Autorin mit ungeheurer Präzision die sozialen Rituale Heranwach- sender im Internat darstellt, wird die Protagonistin Lee unerwartet in das Zimmer von Aspeth eingeladen, des lässigsten Mädchens auf der ganzen Schule.!* Das Erste, was ihr auffällt, ist die Reizüberflutung, die in Aspeths Welt herrscht. »Von draußen hörte ich hämmernde Musik«, stellt sie fest. »Weifge Lichterketten, die pausenlos leuchteten, liefen oben an den Wänden entlang, und die Stirnwand zierte eine monströse orangegrüne Tapete.... Ich fühlte mich überreizt und vage irritiert. Das Zimmer, das ich mir mit meiner Nachbarin teilte, erschien mir dagegen so still und nüchtern und unser Leben auch. War Aspeth schon lässig auf die Welt gekommen, fragte ich mich, oder hatte ihr das jemand beigebracht, vielleicht eine ältere Schwester oder eine Cousine?« In der Machokultur wird eine gering reaktive Physiologie ebenfalls als Zeichen der Lässigkeit wahrgenommen. Bei den ersten amerikanischen Astronauten galt ein niedriger Puls - der mit geringer Reaktivität in Verbindung steht - als Statussymbol. aner die Lieutenant Colonel John Glenn, der als erster Amerik 223
Unsere Biologie, unser Selbst Erde umrundete und sich später um das Präsidentenamt bewarb, wurde von seinen Kameraden für seinen superlässigen Puls beim Abheben bewundert. Aber ein physisches Defizit an Lässigkeit kann sozial wertvoller sein, als wir denken. Das tiefe Erröten, wenn sich ein gestrenger Prüfer Ihrem Gesicht ’bis auf ein paar Zentimeter nähert und Sie fragt, ob Sie je Kokain genommen haben, kann auch als eine Art sozialer Klebstoff interpretiert werden. In einem Experiment neueren Datums gab ein Team von Psychologen unter der Leitung von Corine Dijk sechzig Versuchspersonen Geschichten über Menschen zu lesen, die sich entweder moralisch falsch verhalten hatten, wie Fahrerflucht zu begehen, oder denen ein Missgeschick passiert war, wie jemandem Kaffee über die Kleidung zu schütten.'’ Den Versuchspersonen wurden Fotos vorgelegt, auf denen die Missetäter einen von vier möglichen Gesichtsausdrücken zeigten: Scham oder Verlegenheit (Kopf und Augen gesenkt), Scham/Verlegenheit plus Erröten, einen neutralen Gesichtsausdruck oder einen neutralen Ausdruck mit Erröten. Anschließend sollten sie auf einer Skala bewerten, wie sympathisch oder vertrauenswürdig die Personen auf den Fotos waren. Es stellte sich heraus, dass die Missetäter, die errötet waren, sehr viel positiver beurteilt wurden, als diejenigen, die nicht erröteten. Das liegt daran, dass das Erröten Interesse am Urteil anderer signalisiert. Wie der Psychologe Dacher Keltner von der Universität Berkeley, der sich auf positive Emotionen spezialisiert hat, gegenüber der New York Times sagte: »Ein Erröten tritt in zwei oder drei Sekunden auf und besagt: »Es macht mir etwas aus; ich weiß, dass ich den sozialen Kontrakt gebrochen habe.«« 224
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen Tatsächlich ist ebendas, was viele Hochreaktive am Erröten vor allem hassen - nämlich seine Unkontrollierbarkeit -, genau das, was es sozial so nützlich macht. »Gerade weil man Erröten nicht willentlich beherrschen kann«, so Dijk, »ist es ein aufrichtiges Zeichen von Verlegenheit.« Und Verlegenheit ist Keltner zufolge eine moralische Emotion. Sie zeigt Demut, Bescheidenheit und den Wunsch, Aggression zu vermeiden und Frieden zu schließen. Sie isoliert den Menschen nicht, der sich beschämt fühlt (wie Menschen, die leicht erröten, manchmal glauben), sondern stiftet Zusammenhalt. Keltner ist den Wurzeln der Verlegenheit auf den Grund gegangen und hat herausgefunden, dass auch viele Primaten nach einem Streit Wiedergutmachungsversuche unternehmen. Das tun sie teilweise mithilfe von Gesten der Verlegenheit von einer Art, wie man sie auch bei Menschen beobachten kann: Sie schauen weg, was eine Anerkennung des Fehlverhaltens und die Absicht darstellt, es einzustellen; sie senken den Kopf, wodurch sie kleiner erscheinen, und sie pressen als Zeichen der Hemmung die Lippen zusammen. Diese Gesten werden bei Menschen »Demutsgesten« genannt, schreibt Keltner. Tatsächlich hat Keltner, der darin geschult ist, die Mimik zu lesen, Fotos von moralischen Größen, wie Gandhi und dem Dalai Lama, untersucht und festgestellt, dass sie exakt dieses kontrollierte Lächeln und die abgewandten Augen der Verlegenheit aufweisen. In seinem Buch Born to be Good" sagt Keltner sogar, dass er, wenn er bei einem Speed Date eine Partnerin wählen sollte und nur eine einzige Frage stellen dürfte, sie fragen würde: »Was war ig dein letztes peinliches Erlebnis?« Dann würde er sehr sorgfält abdie auf das Zusammenpressen der Lippen, das Erröten und 228
Unsere Biologie, unser Selbst gewandten Augen achten. »Die Anzeichen von Verlegenheit sind kurze Hinweise darauf, dass eine Person das Urteil anderer achtet«, schreibt er. »Verlegenheit enthüllt, wie viel jemand auf die Regeln gibt, die uns aneinander binden.« Mit anderen Worten: Sie sollten darauf achten, dass Ihr zukünftiger Ehepartner sich dafür interessiert, was andere Menschen denken. Es ist besser, sich zu viel, als zu wenig Gedanken darüber zu machen. Unabhängig davon, wie groß der Nutzen des Errötens ist, wirft das Phänomen der hohen Sensibilität eine naheliegende Frage auf. Wie ist es den Hochsensiblen gelungen, den harten Ausleseprozess der Evolution zu überstehen? Wenn sich im Allgemeinen die Forschen und Aggressiven behaupten, wieso wurden die Sensiblen dann nicht vor Tausenden von Jahren aus der menschlichen Population eliminiert wie orangefarbene Baumfrösche? Denn vielleicht ist jemand wie der Held von The Long Long Dances tiefer als andere von den ersten Akkorden eines Schubert'schen Impromptus ergriffen, zuckt beim Anblick von Kriegsgräueln vielleicht stärker zusammen, war die Art Kind, das sich bei dem Gedanken, jemandes Spielzeug kaputt gemacht zu haben, innerlich schrecklich quälte, oder gehört zu den Erwachsenen, die leicht erröten, aber die Evolution belohnt so etwas nicht. Oder etwa doch? Elaine Aron hat dazu eine Vermutung. Sie glaubt, dass nicht das Merkmal der Hochsensibilität an sich im Laufe der Evolution aufrechterhalten wurde, sondern vielmehr die achtsame, reflektierte Mentalität, die sie meistens begleitet. »Der »sensible< oder »reaktive< Typus verfolgt die Strategie, vor dem Handeln erst einmal gründlich zu schauen und auf die226
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen se Weise Gefahren, Misserfolge und Energieverschwendung zu vermeiden«, schreibt sie, »was ein Nervensystem erfordert, das speziell auf Beobachtung und die Entdeckung subtiler Unter- schiede ausgelegt ist. Die Strategie besteht darin, auf Nummer sicher zu gehen« oder »zu schauen, bevor man springt«. Im Gegensatz dazu besteht die Handlungsstrategie des anderen Typs darin, Erster zu sein - ohne vollständige Informationen und mit den damit verbundenen Risiken »den großen Wurf zu wagen«, denn »wer zuerst kommt, mahlt zuerst« und »das Glück klopft nur einmal an die Tür«.«” Tatsächlich haben viele Menschen, die Aron für hochsensibel hält, einige, aber nicht alle der 27 Eigenschaften, die mit diesem Merkmal in Verbindung gebracht werden. Vielleicht reagieren sie sensibel auf Licht und Lärm, aber nicht auf Kaffee und Schmerz; vielleicht sind sie nicht empfänglich für Sinneseindrücke, aber tiefe Denker mit einem reichen Innenleben. Möglicherweise sind sie nicht einmal introvertiert - das sind Aron zufolge nur 70 Prozent der Hochsensiblen, während die anderen 30 Prozent zu den Extravertierten zählen (obwohl diese Gruppe häufiger als die typischen Extravertierten berichtet, sich nach einer Auszeit und Einsamkeit zu sehnen). Das, so vermutet Aron, liegt daran, dass hohe Sensibilität als Nebenprodukt der Überlebensstrategie entstand, und man braucht nur einige, nicht alle Merkmale, damit die Strategie effektiv funktionierte. Es gibt viele Belege für Arons Ansicht. Nach der gewöhnlichen Auffassung von Evolutionsbiologen passt sich eine Tierart den Rahmenbedingungen einer bestimmten ökologischen Nische an, wobei es ein Idealverhalten für jede Nische gibt und jene Mitglieder der Gattung, die vom Idealverhalten abweichen, nicht den überleben. Aber erwiesenermaßen gibt es nicht nur unter DDR
Unsere Biologie, unser Selbst Menschen solche, die »etwas nur einmal, aber dafür richtig tun«, und andere, die »erst handeln, dann denken«. Auch über hundert Arten im Tierreich sind grob nach diesem Schema organisiert. Von Fruchtfliegen über Hauskatzen bis hin zu Bergziegen, von Mondfischen über Buschbabys (eine Primatenart) bis hin zu Meisen gehören, wie Wissenschaftler herausgefunden haben, jeweils ungefähr 20 Prozent der Mitglieder der Art »zum bedächtigen Typus«, während die anderen 80 Prozent »impulsive« Typen sind, die sich forsch nach vorn wagen, ohne allzu sehr darauf zu achten, was in ihrer Umgebung vor sich geht. (Interessanterweise lag der Prozentsatz der Säuglinge in Kagans Labor, die hoch reaktiv veranlagt waren, ebenfalls bei etwa 20 Prozent.) Wenn »impulsive« und »bedächtige« Tiere sich auf einer Party treffen würden, schreibt der Evolutionsbiologe David S. Wilson, »würden einige der impulsiven Exemplare jeden mit ihrer lauten Konversation langweilen, während andere Tiere sich in den Bart murmeln würden, dass man ihnen überhaupt keinen Respekt zollt. Bedächtige Tiere kann man am besten als schüchterne, sensible Typen beschreiben. Sie setzen sich nicht durch, aber sie beobachten und bekommen Dinge mit, die den Draufgängern verborgen bleiben. Sie sind die Schriftsteller und Künstler auf der Party, die außerhalb der Hörweite der Draufgänger interessante Gespräche führen. Sie sind die Erfinder, die sich neue Verhaltensweisen ausdenken, während die Draufgänger ihnen ihre Patente klauen, indem sie ihr Verhalten kopieren.«'® Ab und zu stöfst man in der Zeitung oder im Fernsehen auf Berichte über den Charakter von Tieren, in denen schüchternes Verhalten als unpassend und forsches Verhalten als attraktiv und bewundernswürdig hingestellt wird. Doch Wilson glaubt 228
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen ebenso wie Aron, dass beide Tiertypen existieren, weil sie radikal unterschiedliche Überlebensstrategien repräsentieren - und jede zahlt sich anders und zu verschiedenen Zeiten aus. Nach der sogenannten Ausgleichstheorie der Evolution’ ist ein bestimmtes Wesensmerkmal weder nur gut oder nur schlecht, sondern eine Mischung aus Vor- und Nachteilen, dessen Überlebenswert je nach Umstand variiert. »Schüchterne« Tiere suchen weniger oft und ausgedehnt nach Futter, wodurch sie Energie sparen, sich mehr am Rand aufhalten und auf diese Weise überleben, wenn ihre natürlichen Feinde auftauchen. Forschere Tiere gehen munter drauflos und werden regelmäßig von denen verspeist, die auf der Nahrungskette weiter oben stehen, überleben jedoch, wenn die Nahrung knapp wird und es notwendig ist, mehr Risiken einzugehen. Als Wilson in einen Teich mit Sonnenbarschen metallene Fallen ohne Köder setzte, ein Ereignis, das für die Fische genauso ungewöhnlich gewesen sein muss wie für uns die Landung einer fliegenden Untertasse, konnten die forschen Exemplare sich nicht bezähmen, die Sache zu untersuchen - und landeten direkt in Wilsons Fallen. Die scheuen Fische hielten sich hingegen argwöhnisch am Rand des Teiches auf und machten es Wilson unmöglich, sie zu fangen.” Als es Wilson mit einem ausgeklügelten System gelungen war, beide Fischtypen zu fangen und in sein Labor zu bringen, akklimatisierten sich die forschen Exemplare schnell in ihrer neuen Umgebung und begannen ganze fünf Tage eher als ihre scheuen Artgenossen wieder zu fressen. »Es gibt nicht den optimalen [Tier]-Charakter«, schreibt Wilson, »sondern vielmehr eine Streuung von Charaktertypen, die von der natürlichen Auslese aufrechterhalten wird.« 229
Unsere Biologie, unser Selbst Ein weiteres Beispiel für die Ausgleichstheorie bietet der in Trinidad beheimatete Guppy oder Millionenfisch.’' Die Millionenfische entwickeln mit - aus evolutionärer Sicht - erstaunlicher Geschwindigkeit einen Charakter, um sich an das Mikromilieu anzupassen, in dem sie leben. Ihre natürlichen Feinde sind Hechte. Aber in einigen Siedlungsgebieten von Millionenfischen, zum Beispiel oberhalb eines Wasserfalls, gibt es glücklicherweise keine Hechte. Wenn ein Millionenfisch in solch einem begünstigten Milieu aufwächst, hat er, angepasst an sein Dolce Vita, einen eher forschen und sorglosen Charakter. Lebt die Millionenfisch-Familie dagegen in einer ungünstigen Umgebung unterhalb des Wasserfalls, wo es vor Hechten wimmelt, sind die Fische sehr viel umsichtiger, ein Verhalten, das genau richtig ist, um den Feinden zu entgehen. Interessanterweise sind diese Unterschiede erblich bedingt und nicht erlernt, sodass die Nachkommen von forschen Millionenfischen, die in ein ungünstiges Milieu ziehen, das forsche Verhalten ihrer Eltern haben - selbst wenn ihnen das im Vergleich zu ihren wachsamen Artgenossen große Nachteile verschafft. Es dauert allerdings nicht lange, bis ihre Gene mutieren, sodass ihre Nachkommen, denen es gelingt zu überleben, zu den vorsichtigen Typen zählen. Eine ähnliche Entwicklung ist umgekehrt auch bei den wachsamen Millionenfischen zu verzeichnen, wenn die Hechte plötzlich verschwinden - es dauert nur etwa zwanzig Jahre, bis ihre Nachkommen sich völlig sorglos verhalten. Die Ausgleichstheorie scheint auch für Menschen zu gelten. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Nomaden, die eine bestimmte Variante eines mit Extraversion (speziell mit der Suche nach Neuem) verknüpften Gens geerbt haben, besser ge230
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen nährt sind als jene ohne diese Genvariante. In sesshaften Populationen jedoch sind Menschen mit derselben Genvariante schlechter genährt. Ebendie Tendenzen, die einem Nomaden genug Kampfgeist einflößen, um zu jagen und das Vieh gegen Räuber zu schützen, erweisen sich möglicherweise als Hindernis bei sesshafteren Tätigkeiten, wie dem Ackerbau, dem Verkauf von Gütern auf dem Markt oder der Konzentrationsfähigkeit in der Schule. Ein weiteres Beispiel: Extravertierte Menschen haben mehr Sexualpartner als Introvertierte - ein Vorteil für jede Art, die sich vermehren will -, doch sie begehen öfter Ehebruch und las- sen sich häufiger scheiden. Extravertierte treiben mehr Sport, Introvertierte haben hingegen weniger Unfälle und traumatische Verletzungen. Extravertierte verfügen über ein größeres Netzwerk an sozialer Unterstützung, begehen aber mehr Verbrechen. Wie C.G. Jung vor fast hundert Jahren über die beiden psychologischen Typen schrieb: »Der eine Weg [Extraversion] ist die gesteigerte Fruchtbarkeit bei relativ geringer Verteidigungsstärke und Lebensdauer des einzelnen Individuums; der andere Weg ist: Ausrüstung des Individuums mit vielerlei Mitteln der Selbsterhaltung bei relativ geringer Fruchtbarkeit.«” Die Ausgleichstheorie kann sogar für ganze Arten gelten. Unter Evolutionsbiologen, die eher an die Theorie glauben, dass das einzelne Individuum unbedingt sein eigenes Erbgut weitergeben will, ist die Auffassung, dass Arten Individuen einschließen, die mit ihren Eigenschaften das Überleben der Gruppe fördern, heiß umstritten. Vor noch nicht allzu langer Zeit katapultierte man sich damit praktisch aus der Zunft. Doch allmählich erlangt diese Auffassung eine immer größere Akzeptanz. Einige Wissenschaftler vermuten, dass die evolutionäre Basis für Wesensmerk231
Unsere Biologie, unser Selbst male wie hohe Sensibilität erhöhtes Mitgefühl für das Leiden anderer Artgenossen, besonders der eigenen Familie, ist. Aber man braucht noch nicht einmal so weit zu gehen. Wie Aron erläutert, ist die Annahme, dass das Überleben einer Tiergruppe von ihren sensiblen Mitgliedern abhängt, durchaus plausibel. »Angenommen eine Antilopenherde... hat ein paar Mitglieder, die beim Grasen ständig innehalten, um mit ihren scharfen Sinnen nach Feinden Ausschau zu halten«, schreibt sie. »Herden mit so sensiblen, wachsamen Tieren würden besser überleben, sich entsprechend fortpflanzen, und auf diese Weise würden weiter einige sensible Tiere in die Gruppe hineingeboren werden.«” Warum sollte es bei Menschen anders sein? Wir brauchen unsere Eleanor Roosevelts so eindeutig wie grasende Herden ihre hochsensiblen Antilopen. Aufßser dass Biologen zwischen »scheuen« und »forschen« oder »impulsiven« und »bedächtigen« Tieren in einer bestimmten Gattung unterscheiden, sprechen sie auch von den »Falken« und »Tauben«. Kohlmeisen beispielsweise, bei denen einige Exemplare sehr viel aggressiver als andere sind, verhalten sich oft wie die Akteure von Fallstudien in einem Seminar über internationale Beziehungen. Meisen ernähren sich von Bucheckern, und in Jahren, in denen ein Mangel an Bucheckern herrscht, sind die »Falken« unter den Kohlmeisenweibchen erwartungsgemäß erfolgreicher, weil sie die Konkurrenten zum Kampf um die Bucheckern herausfordern. In Jahren mit einem Bucheckern- überfluss sind jedoch die »Tauben« unter den Kohlmeisenweibchen - die im Übrigen auch die aufmerksameren Mütter sind erfolgreicher, weil die »Falken« ihre Zeit und Gesundheit sinnlos damit vergeuden, sich in Streitigkeiten zu verstricken. Männliche Kohlmeisen haben hingegen das entgegengesetzte 292
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen Muster. Das liegt daran, dass ihre Hauptrolle darin besteht, das Territorium zu verteidigen. In Jahren, in denen Futtermangel herrscht, verhungern so viele Kohlmeisen, dass genug Platz für alle da ist. Die »Falken« unter den Männchen machen dann denselben Fehler wie ihre weiblichen Artgenossen in den Jahren mit genügend Bucheckern - sie zanken sich und verschwenden mit jedem Kampf wertvolle Ressourcen. Aber wenn in guten Jahren die Nistplätze rar werden, zahlt sich die Aggression für die »Falken« unter den Männchen aus.” In Kriegszeiten - dem Äquivalent für ein schlechtes Bucheckernjahr bei Menschen - könnte es den Anschein haben, dass wir vor allem aggressive, heldenhafte Typen brauchen. Doch wenn unsere gesamte Bevölkerung aus kriegerischen Menschen bestehen würde, wer würde dann die potenziell tödliche, aber viel schleichendere Bedrohung, die von einem Virus oder dem Klimawandel ausgeht, bemerken oder gar etwas dagegen tun? Vielleicht die hochsensiblen Introvertierten. Der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore führt seit Jahren einen Kreuzzug, um eine gleichgültige Welt auf die globale Erwärmung aufmerksam zu machen, obwohl er vielen Berichten zufolge ein Introvertierter ist. »Wenn Sie einen Introvertierten auf einen Empfang oder eine Veranstaltung mit hundert Leuten schicken, kommt er mit weniger Energie heraus, als er beim Hineingehen hatte«, sagt ein früherer Mitarbeiter seines Stabs. »Gore braucht nach einer Veranstaltung Ruhe.« Gore gibt zu, dass er sich nicht gut dazu eignet, eine zündende Rede zu halten. »Den meisten Politikern gibt es Energie, wenn man ihnen seiauf den Rücken klopft und die Hand schüttelt«, lautet einer ner Aussprüche. »Mir gibt es Energie, Ideen zu diskutieren.« 238
Unsere Biologie, unser Selbst Diese Kombination aus leidenschaftlichem Denken und der Sensibilität für Bedrohungen - beides gängige Charakteristika Introvertierter -, ergibt jedoch eine sehr schlagkräftige Mischung. Als Harvard-Student nahm Al Gore 1968 am Seminar eines einflussreichen Ozeanografen teil, der schon früh Beweise für den Zusammenhang zwischen dem Verbrennen fossiler Energien und dem Treibhauseffekt gesammelt hatte. Gore spitzte die Ohren. Man kann kaum umhin, an Elaine Arons hochsensible Antilopen zu denken, die aufhören zu grasen, um nach Feinden Ausschau zu halten. Er versuchte, anderen sein Wissen mitzuteilen. Aber er stellte fest, dass die Menschen nicht zuhörten. Es war, als könnten sie die Alarmglocken nicht hören, die so laut in seinen Ohren dröhnten. »Als ich Mitte der 70er Jahre in den Kongress ging, halfich, die ersten Anhörungen über die globale Erwärmung zu organisieren«, erinnert er sich in dem mit einem Oscar ausgezeichneten Film Eine unbequeme Wahrheit - ein Film, dessen aufwühlendste Actionszenen darin bestehen, dass ein einsamer Al Gore seinen Koffer über einen mitternächtlichen Flughafen rollt. Man sieht Gore sein aufrichtiges Erstaunen darüber an, dass niemand Interesse zeigte: »Ich dachte tatsächlich, die Sache sei fesselnd genug, um im Kongress ein Umdenken auszulösen. Ich dachte, auch sie würden hochschrecken. Aber dem war nicht Ss0.« Wenn Gore damals gewusst hätte, was wir heutzutage aufgrund von Kagans und Arons Forschung wissen, wäre er über die Reaktionen seiner Kollegen vielleicht weniger erstaunt gewesen. Er hätte sich möglicherweise sogar der Einsichten der Persönlichkeitspsychologie bedient, um die Aufmerksamkeit 234
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen der Abgeordneten zu erregen. Er hätte mit relativ hoher Sicherheit davon ausgehen können, dass der Kongress aus einigen der am wenigsten sensiblen Menschen im ganzen Land besteht Menschen, die, wären sie Kinder in Kagans Experimenten gewesen, sich ohne Angst in unbekannte Räume gewagt hätten und auf merkwürdig gekleidete Clowns und seltsame Frauen in Gasmasken zugegangen wären, ohne sich auch nur einmal nach ihren Müttern umzuschauen. Erinnern Sie sich an Kagans Beispiel von dem introvertierten Tom und dem extravertierten Ralph? Nun, der Kongress steckt voller Ralphs - er ist Menschen wie Ralph auf den Leib geschneidert. Die meisten Toms dieser Welt würden krank werden, wenn sie ihre Tage damit zubringen müssten, Parteikampagnen zu planen und sich mit Lobbyisten abzugeben. Die Ralph-ähnlichen Kongressmänner können wunderbare Menschen sein - überschwänglich, angstlos und überzeugend -, aber das Foto eines kleinen Risses in einem entfernten Gletscher wird sie kaum alarmieren. Sie brauchen stärkere Reize, um zuzuhören. Deshalb brachte Gore seine Botschaft schließlich an die Öffentlichkeit, indem er sich mit genialen Filmemachern aus Hollywood zusammentat, die seine Warnung in einen Doku- mentarfilm mit Spezialeffekten verpackten. Gore bediente sich auch seiner eigenen Stärken und setzte sein natürliches Engagement und seinen Fleiß ein, um für den Film unermüdlich Werbung zu machen. Er besuchte Dutzende von Kinos im ganzen Land, um mit den Zuschauern zu diskutieren, und gab unzählige Interviews im Fernsehen und Radio. Beim Thema der globalen Erwärmung hat Gore eine Durchist er schlagskraft, die ihm als Politiker fehlte. Aufdiesem Terrain ches in seinem Element. Sich in ein kompliziertes wissenschaftli 235
Unsere Biologie, unser Selbst Puzzle hineinzudenken, liegt ihm ebenso im Blut, wie sich leidenschaftlich auf ein einziges Thema zu konzentrieren, statt von einer Sache zur nächsten zu hüpfen. Selbst vor einem großen Publikum zu sprechen fällt ihm leicht, wenn das Thema der Klimawandel ist. Beim Thema der globalen Erwärmung entwickelt Gore ein Charisma und einen Kontakt zu den Zuhörern, die ihm als Politiker fehlten. Das liegt daran, dass es für ihn bei dieser Mission nicht um Politik oder seine Persönlichkeit geht. Es geht um den Ruf des Gewissens. »Es geht um das Überleben des Planeten«, sagt er. »Es wird niemanden mehr interessieren, wer eine Wahl gewonnen oder verloren hat, wenn die Erde unbewohnbar geworden ist.« Wenn Sie zu den hochsensiblen Menschen gehören, treten Sie vielleicht nach außen hin mehr wie ein Politiker auf, statt die Umsicht oder den kompromisslosen Einsatz für eine Sache zu zeigen, die Sie in Wirklichkeit besitzen. Aber in diesem Kapitel bitte ich Sie darum, diese Ansicht zu überdenken. Ohne Menschen wie Sie werden wir ganz buchstäblich untergehen. Zurück auf die Walker Creek Ranch. Hier bei der Zusammenkunft hochsensibler Menschen wird das Ideal der Extravertiertheit mit seinem Primat der Lässigkeit auf den Kopf gestellt. Wenn »Lässigkeit« geringe Reaktivität bedeutet, was eine Person dazu prädisponiert, forsch oder nonchalant zu sein, dann sind die Menschen, die sich versammelt haben, um Elaine Aron kennenzulernen, das völlige Gegenteil davon. Die Atmosphäre ist verblüffend, einfach weil sie so ungewöhnlich ist. So würde es vielleicht in einem Yoga-Seminar oder einem buddhistischen Kloster zugehen, nur dass es hier keine gemeinsame Religion oder Weltanschauung gibt, sondern nur 236
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen ein gemeinsames Temperament. Das wird deutlich, als Aron ih- re Rede hält. Wie sie seit Langem festgestellt hat, herrscht im Raum eine gedämpftere und respektvollere Atmosphäre, wenn sie vor hochsensiblen Menschen spricht, als normalerweise in öffentlichen Versammlungen, und das bewahrheitet sich während ihres gesamten Vortrags. Aber es zieht sich auch durch das ganze Wochenende. Ich habe nie zuvor so oft »bitte nach Ihnen« und »danke« gehört wie hier. Während der Mahlzeiten, die an langen Gemeinschaftstischen in einer Freiluft-Cafeteria im Stil eines Sommercamps stattfinden, vertiefen sich die Teilnehmer eifrig in ernste Gespräche. Es gibt viele Zweiergespräche über intime Themen, wie Kindheitserinnerungen oder das Liebesleben, und über gesellschaftliche Fragen, wie das Gesundheitswesen und den Klimawandel. Plaudereien, die nur der Unterhaltung dienen, sind weniger an der Tagesordnung. Die Menschen hören sich gegenseitig aufmerksam zu und reagieren freundlich. Aron hat festgestellt, dass hochsensible Menschen eher leise sprechen, weil auch sie es lieber haben, wenn andere auf diese Weise mitihnen kommunizieren. »Gewöhnlich«, bemerkt Michelle, eine Webdesignerin, die sich nach vorn lehnt, als würde sie sich gegen einen imaginären Windstoß stemmen, »sagt man etwas, und andere gehen darauf ein oder auch nicht. Wenn man hier etwas sagt, hakt jemand nach: »Was heißt das? Und wenn man jemand anderem diese Frage stellt, bekommt man auch eine Antwort.« Natürlich gibt es auch Small Talk, wie Strickland, die Leiterin des Treffens bemerkt. Aber er steht nicht am Anfang des Gesprächs, sondern am Ende. Meistens benutzen Menschen Small Talk, um mit einem Fremden warm zu werden, und erst wenn DON
Unsere Biologie, unser Selbst sie sich wohlfühlen, lassen sie sich ernsthafter auf den anderen ein. Hochsensible scheinen umgekehrt vorzugehen. Sie »genießen oberflächliche Gespräche erst, nachdem sie eine Unterhaltung mit Tiefgang hatten«, sagt Strickland. »Wenn sensible Menschen Rahmenbedingungen haben, in denen ihre Authentizität genährt wird, lachen und scherzen sie genauso viel wie alle anderen auch.« Am ersten Abend strömen wir in unsere Schlafräume, die in einem Gebäude untergebracht sind, das einem Studentenwohnheim ähnelt. Ich wappne mich instinktiv. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der ich lesen oder schlafen will, und stattdessen werde ich gleich gezwungen sein, eine Kissenschlacht zu machen (Sommercamp) oder an einem lauten und langweiligen Trinkgelage teilzunehmen (College). Doch auf der Walker Creek Ranch verbringen meine Zimmergenossin, eine 27-jährige Sekretärin mit großen Rehaugen und der Ambition, Schriftstellerin zu werden, und ich unseren Abend ganz genügsam damit, jede für sich Tagebuch zu schreiben. Natürlich verläuft das Wochenende nicht völlig ohne Spannungen. Einige Menschen sind so reserviert, dass sie schlicht mürrisch wirken. Manchmal droht der »Jeder-macht-sein Ding«-Grundsatz zu kollektiver Einsamkeit zu entarten, weil alle ihrer Wege gehen. Es herrscht ein solches Defizit an lockerlässigem Sozialverhalten, dass mir der Gedanke kommt, dass jemand unbedingt ein paar Witze reißen, für ein bisschen Unruhe sorgen und Cola mit Rum austeilen sollte. Die Wahrheit ist: Sosehr ich mich nach Luft zum Atmen für hochsensible Typen sehne, so sehr schätze ich auch die übrige Menschheit. Es ist zu einfach zu behaupten, dass die Kumpeltypen die Elefanten im Porzellanladen sind. Ich bin dankbar dafür, 238
Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen dass es die locker-lässigen Menschen gibt, und ich vermisse sie an diesem Wochenende. An der Stelle, an der sie gewöhnlich sind, klafft ein Loch im sozialen Gefüge. Ich fange an, so leise zu sprechen, dass ich von mir selbst den Eindruck habe, gleich einzuschlafen. Ich frage mich, ob es den anderen tief im Innern auch so ergeht. Tom, der Software-Ingenieur, der wie Abraham Lincoln aussieht, erzählt mir von einer früheren Freundin, deren Tür immer für Freunde und Fremde offen stand. Sie war in jeder Hinsicht abenteuerlustig: Sie liebte unbekannte Gerichte, neue sexuelle Erfahrungen, andere Menschen. Die Beziehung ging in die Brüche. Tom sehnte sich schließlich nach einer Partnerin, die sich mehr aufihre Beziehung zu ihm und weniger auf die Außenwelt konzentrierte, und mit einer solchen Frau ist er jetzt glücklich verheiratet - aber er ist dankbar für die Zeit mit seiner Exfreun- din. Während Tom redet, kommt mir der Gedanke, wie sehr ich meinen Mann Ken vermisse, der zu Hause in New York geblieben ist und auch nicht zu den hochsensiblen Typen gehört, ganz im Gegenteil. Manchmal ist das frustrierend: Wenn mich etwas zu Tränen rührt, sei es aus Mitgefühl oder Angst, ist er bewegt, aber er wird ungeduldig, wenn ich zu lange in dieser Stimmung bleibe. Doch ich weiß auch, dass seine robustere Einstellung gut für mich ist, und meist bin ich dankbar für seine Gesellschaft, en die die beste ist, die ich je hatte. Ich liebe seinen mühelos Charme. Ich liebe es, dass ihm immer interessante Geschichten hieinfallen. Ich liebe es, wie er sein Herz und seine Seele in alles unsere neingibt, was er tut, und in jeden, den er liebt, besonders Familie. rücken. Aber am meisten liebe ich seine Art, Mitgefühl auszud 239
Unsere Biologie, unser Selbst Ken kann aggressiv sein, aggressiver in einer Woche, als ich ein Leben lang sein werde, aber er setzt die Aggression im Interesse anderer ein. Bevor wir uns kennenlernten, arbeitete er weltweit für die UN in Kriegsgebieten, unter anderem als Unterhändler zur Freilassung von Kriegsgefangenen und Zivilisten. Er marschierte in übelriechende Gefängnisse und trat Lagerkommandanten mit umgeschnallten Maschinengewehren entgegen, bis sie sich einverstanden erklärten, junge Mädchen freizulassen, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als Frauen und Vergewaltigungsopfer zu sein. Nach vielen Jahren, die er mit dieser Tätigkeit zugebracht hatte, kehrte er nach Hause zurück und verarbeitete seine Erlebnisse in Büchern und Artikeln, die vor Wut strotzten. Er schrieb nicht im Stil eines hochsensiblen Menschen, und er machte viele Leute wütend. Aber er schrieb wie ein Mensch, der mit Leib und Seele Anteil nimmt. Ich dachte, nach dem Wochenende auf der Walker Creek Ranch würde ich mich nach einer Welt der Hochsensiblen sehnen, einer Welt, in der jeder leise spricht und keiner den Knüppel schwingt. Aber stattdessen verstärkte es meine tiefere Sehn- sucht nach einer Balance. Diese Ausgewogenheit ist, wie ich glaube, das, was Elaine Aron als unseren natürlichen Zustand bezeichnen würde, zumindest in den indoeuropäischen Kulturen wie der unseren, die sich ihrer Beobachtung zufolge seit Langem in die »aggressiven Draufgänger« und die »bedächtigen Ratgeber«,® in die Exekutive und die Judikative, in die forschen und leichtlebigen Franklin D. Roosevelts und die hochsensiblen und verantwortungsbewussten Eleanor Roosevelts aufgespalten haben.
KAPTTELNT Warum die Wall Street zusammenbricht, während Warren Buffett immer reicher wird. Und warum Introvertierte anders denken als Extravertierte Tocqueville sah, dass der Lebenswandel unermüdlichen Tuns und Entscheidens, den der demokratische und geschäftsmäßige Charakter des amerikanischen Lebens mit sich brachte, ein raues und entschlussfreudiges Wesen, rasche Entscheidungen und das sofortige Ergreifen von Chancen begünstigte - und dass diese ganze Aktivität nicht förderlich für Bedächtigkeit, genaues Ausgestalten oder präzises Denken war. Richard Hofstadter, Anti-Intellectualism in America’ Kurz nach halb acht Uhr morgens am 11. Dezember 2008 klingelte das Telefon bei Dr. Janice Dorn. Der Aktienmarkt war im Laufe des Jahres zusammengebrochen. An diesem Morgen hatten die Börsen an der Ostküste gerade geöffnet und einen neuen Tag des finanziellen Blutbads eingeläutet. Die Immobilienpreise waren in den Keller gefallen, die Kreditmärkte eingefroren und General Motors taumelte am Rande des Bankrotts. Dorn nahm den Anruf wie so oft in ihrem Schlafzimmer entgegen, während sie mit Kopfhörer und Mikrofon auf ihrer großen grünen Bettdecke hockte. In dem sparsam eingerichteten pasRaum standen ein Kleiderschrank aus Ahorn und sieben um en, sende Bücherregale. Die Jalousien waren heruntergelass 241
Unsere Biologie, unser Selbst die heiße Arizona-Sonne draußenzuhalten. Den stärksten Farbtupfer im ganzen Zimmer bildete Dr. Dorn selbst, die mit ihrem wallenden roten Haar, ihrer Elfenbeinhaut und ihrem schlanken Körper einer modernen Lady Godiva ähnelte, an Farbigkeit gefolgt von ihrer Büchersammlung, die von Titeln wie Neuroscience: Exploring the Brain über Ayn Rands Bestseller Atlas wirft die Welt ab bis hin zu The Woman's Gourmet Sex Book reichte. Dorn ist promovierte Neurowissenschaftlerin mit Spezialisierung auf Gehirnanatomie. Sie ist auch Ärztin mit psychiatrischer Zusatzausbildung, betätigt sich als Händlerin auf dem Goldterminmarkt und ist eine »Finanzpsychiaterin«, die geschätzte 600 Händler beraten hat. »Hallo Janice!«, sagte der Anrufer an diesem Morgen, ein selbstbewusst klingender Mann namens Alan. »Haben Sie Zeit für ein Gespräch?« Dr.Dorn hatte keine Zeit. Als sogenannte Daytraderin, die stolz daraufist, innerhalb von einer halben Stunde einen Posten zu kaufen und zu verkaufen, wollte sie dringend an ihren Arbeitsplatz. Aber Dorn hörte einen verzweifelten Unterton in Alans Stimme. Sie erklärte sich bereit, mit ihm zu sprechen. Alan war ein hart arbeitender, gestandener Sechzigjähriger aus dem Mittleren Westen. Er hatte die jovialen und selbstbewussten Manieren des typischen Extravertierten und behielt den Kopf oben trotz der katastrophalen Geschichte, die er vor Dorn auszubreiten begann. Alan und seine Frau hatten ihr ganzes Leben gearbeitet und es geschafft, eine Million Dollar für ihre Rente zurückzulegen. Doch obwohl Alan keine Börsenerfahrung hatte, war er vor vier Monaten auf den Gedanken gekommen, für 100000 Dollar Aktien von General Motors zu kaufen, nachdem er gehört hatte, dass die amerikanische Regierung vor242
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte hatte, der schwächelnden Autoindustrie mit einer Bürgschaft unter die Arme zu greifen. Er hielt das für eine bombensichere Investition. Nachdem er die Aktien gekauft hatte, liefßen die Medien verlauten, dass das Rettungspaket vielleicht doch nicht kommen würde. GM-Aktien wurden reihenweise abgestofßsen, und der Aktienpreis fiel. Aber Alan witterte jetzt das ganz große Geschäft. Es fühlte sich für ihn so überzeugend an, dass er meinte, es geradezu mit den Händen greifen zu können. Er hielt die Aktien. Der Kurs brach wieder ein, und dann noch ein weiteres Mal. Er fiel immer weiter, bis Alan sich schließlich entschied, mit großem Verlust zu verkaufen. Es sollte noch schlimmer kommen. Als in den nächsten Nachrichten zu hören war, dass die Bürgschaft doch noch bewilligt würde, war Alan wieder Feuer und Flamme und investierte weitere 100.000 Dollar, für die er mehr Anteile zu einem geringeren Preis erwarb. Aber wieder passierte dasselbe: Die Bürgschaft entpuppte sich als ungewiss. Alan »dachte« - das Wort steht in Anführungsstrichen, weil nach Dorn bewusstes logisches Denken mit Alans Verhalten wenig zu tun hatte -, dass der Aktienpreis nun nicht viel tiefer sinken könne. Wieder hielt er die Aktien und wärmte sich an dem Gedanken, wie viel Spaß er und seine Frau daran haben würden, all das Geld auszugeben, das er verdienen würde. Und wieder lag, sank der Kurs. Als er schließlich bei sieben Dollar pro Anteil einmal verkaufte Alan - und kaufte in einer Art Rausch noch kommen Aktien, als er hörte, dass die Bürgschaft doch noch könnte ... AkAls der Aktienkurs von GM schließlich bei zwei Dollar pro Altersseiner t tie lag, hatte Alan 700.000 Dollar oder 70 Prozen 243
Unsere Biologie, unser Selbst rücklagen verloren. Er war am Boden zerstört. Er fragte Dorn, ob sie ihm helfen könne, seine Verluste wieder wettzumachen. Sie konnte es nicht. »Das Geld ist weg«, sagte sie. »Sie werden den Verlust nie mehr aufholen können.« Er fragte, was er falsch gemacht habe. Dorn konnte eine Menge dazu sagen. Als Laie hätte Alan überhaupt nicht spekulieren dürfen. Überdies hatte er viel zu viel Geld riskiert: Er hätte seine Spekulation auf 5 Prozent seines Eigenkapitals, also 50 000 Dollar, begrenzen sollen. Aber das größste Problem entzog sich vielleicht Alans Kontrolle: Wie Dorn glaubte, litt er an einem Übermaß dessen, was Wissenschaftler Belohnungssensitivitätnennen. Ein belohnungssensitiver Mensch ist hoch motiviert von der Aussicht auf eine Belohnung - von einer Beförderung über einen Lotto-Jackpot bis zu einem angenehmen Abend mit Freunden. Belohnungssensitivität motiviert uns, Ziele wie Sex und Geld, sozialen Status und Einfluss zu verfolgen. Sie veranlasst uns, aufeine Leiter zu steigen und nach den am weitesten entfernten Ästen zu greifen, um die köstlichsten Früchte des Lebens zu ergattern. Aber manchmal sind wir zu belohnungssensitiv. Ein Übermaß an Belohnungssensitivität beschert Menschen alle möglichen Schwierigkeiten. Die Aussicht aufeine große Belohnung, etwa einen fetten Gewinn am Aktienmarkt, kann uns so in Begeisterung versetzen, dass wir alle blinkenden Warnzeichen ignorieren. Alan erhielt viele solcher Zeichen, aber er war von der Aussicht, den ganz großen Gewinn zu machen, so geblendet, dass er sie nicht sehen konnte. »Das Verhalten von jemandem, der auf diese Weise spekuliert«, sagt Dorn, »ist ein Verhalten des Nichtdenkens.« Alan verfiel in das klassische Muster des Amoklaufs der Belohnungssensitivität: Genau dann, wenn die Warnsignale 244
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte darauf hindeuteten, dass er das Tempo drosseln sollte, gab er Gas - und pumpte Geld, das er gar nicht hätte ausgeben dürfen, in spekulative Geschäfte. Die Geschichte der Finanzwelt strotzt von solchen Beispielen - von Akteuren, die Gas geben, wenn sie bremsen sollten. Verhaltensökonomen beobachten seit Langem, dass sich Manager beim Kauf von Firmen so darin verbeifßen können, ihre Mitbieter zu schlagen, dass sie die Signale übersehen, die ihnen deutlich zeigen, dass sie zu viel bezahlen. Das passiert so häufig, dass es einen Namen hat: »Deal-Fieber«, gefolgt vom »Fluch des Gewinners«. Die Firmenfusion von AOL und Time Warner, die über Nacht 200 Milliarden US-Dollar des Unternehmenswerts von Time Warner ausradierte, ist ein klassisches Beispiel dafür. Es gab reihenweise Warnungen, dass die Aktien von AOL, die als Zahlungsmittel für die Fusion dienten, weit überbewertet wa“ren, doch der Vorstand von Time Warner billigte das Geschäft einstimmig. „Ich war mit derselben oder sogar noch größerer Aufregung und Begeisterung bei der Sache als bei meinem ersten Sex vor 42 Jahren«, rief Ted Turner aus, einer der Vorstandsmitglieder und größter Einzelaktionär des Konzerns. »TED TURNER: ES IST BESSER ALS SEX«, titelte die New York Post einen Tag, nachdem der Abschluss zustande gekommen war - eine Schlagzeile, auf die wir noch einmal zurückkommen werden, weil sie so gut erklärt, warum kluge Leute manchmal zu belohnungssensitiv sein können. ExtSie fragen sich vielleicht, was das alles mit Introversion und onnen? raversion zu tun hat. Sind wir nicht alle manchmal unbes damehr neigen Die Antwort lautet:Ja,doch einige Menschen 245
Unsere Biologie, unser Selbst zu als andere. Janice Dorn hat beobachtet, dass ihre extraver- tierten Kunden zu hoher Belohnungssensitivität neigen, während die Introvertierten eher auf Warnsignale achten. Sie haben ihre Wünsche oder ihre Begeisterung erfolgreicher unter Kontrolle als Extravertierte und schützen sich damit besser vor Abwärtstrends. »Meine introvertierten Spekulanten sind sehr viel besser in der Lage zu sagen: »Okay, Janice, ich merke, wie es mich packt, aber ich weiß, dass ich nicht danach handeln darf. Den Introvertierten gelingt es viel eher, einen Plan zu machen und sich daran zu halten, weil sie sehr diszipliniert sind.« Um zu verstehen, warum Introvertierte und Extravertierte verschieden auf die Aussicht einer Belohnung reagieren können, muss man Dorn zufolge ein bisschen über den Aufbau des Gehirns wissen. Wie in Kapitel4 deutlich wurde, ist unser limbisches System,” das wir mit den primitivsten Säugetieren teilen und das von Dorn das »alte Gehirn« genannt wird, emotional und instinktiv. Es umfasst verschiedene Elemente, darunter den Mandelkern, und ist eng mit dem Nucleus accumbens gekoppelt, der manchmal auch das »Lustzentrum« des Gehirns genannt wird. Wir haben uns mit der ängstlichen Seite des alten Gehirns beschäftigt, als wir die Rolle untersuchten, die der Mandelkern bei hoher Reaktivität und Introversion spielt. Jetzt werden wir uns seine gierige Seite anschauen. Dorn zufolge gibt uns das alte Gehirn ständig die Botschaft: »Ja, ja, ja! Iss mehr, trink mehr, hab mehr Sex, geh viele Risiken ein, hol dir alle Lust, die du bekommen kannst, und vor allem, denk nicht nach!« Jener Teil des alten Gehirns, der nach Beloh- nung strebt und Lust liebt, ist es, der nach Dorns Überzeugung Alan dazu brachte, seine Ersparnisse wie Chips im Casino zu verspielen. 246
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte Wir haben auch ein »neues Gehirn«, den sogenannten Neokortex, der sich viele tausend Jahre nach dem limbischen System entwickelt hat. Das neue Gehirn ist verantwortlich für Denken, Planen, Sprache und Entscheidungsfindung - einige ebenjener Fähigkeiten, die uns als Menschen ausweisen. Das neue Gehirn ist der Sitz der Rationalität, obwohl es auch eine wichtige Rolle in unserem emotionalen Leben spielt. Seine Aufgabe beinhaltet nach Dorn, uns die Botschaft zu geben: »Nein, nein, nein! Mach das nicht, denn das ist gefährlich, unsinnig und nicht zu deinem Besten, dem deiner Familie oder der Gesellschaft.« Wo also war Alans Neokortex, als er unsicheren Gewinnen an der Börse hinterherjagte? Das alte und neue Gehirn arbeiten zusammen, aber nicht immer effektiv. Manchmal geraten sie auch in Konflikt miteinander, und dann sind unsere Entscheidungen ein Resultat desjenigen Teils, der gerade die stärkeren Signale aussendet. Als Alans altes Gehirn seinem neuen Gehirn atemlos seine Botschaften übermittelte, reagierte dies vermutlich so, wie der Neokortex reagieren sollte: Er empfahl dem alten Gehirn, sein Tempo zu drosseln. Er sagte: Pass auf! Und er verlor das anschließende Tauziehen. Selbstverständlich haben wir alle ein altes Gehirn. Aber so wie der Mandelkern eines hoch reaktiven Menschen sensibler als jener des Durchschnittsmenschen auf Neues reagiert, so scheinen Extravertierte empfänglicher als Introvertierte für die Belohnungswünsche des alten Gehirns zu sein. Tatsächlich befassen sich einige Wissenschaftler heute mit dem Gedanken, dass Belohnungssensitivität nicht nur ein interessantes Merkmal der Extraversion ist, sondern dass sie möglicherweise der Faktor schlechthin ist, der Extravertierte zu Extravertierten macht.” Ex247
Unsere Biologie, unser Selbst travertierte wären demnach durch ihre Tendenz charakterisiert, nach Belohnung zu streben, angefangen vom Chefstatus über sexuelle Höhepunkte bis hin zu Geld. Sie haben nachweisbar größere ökonomische, politische und hedonistische Ambitionen als Introvertierte. Selbst ihre Geselligkeit steht dieser Ansicht nach im Dienste der Belohnungssensitivität. Extravertierte suchen die Begegnung mit anderen, weil menschliche Kontakte per se erfüllend sind. Was liegt dieser Belohnungssuche zugrunde? Der Schlüssel scheint die positive Emotion zu sein. Extravertierte empfinden tendenziell mehr Freude und Aufregung als Introvertierte Emotionen, die, wie der Psychologe Daniel Nettle in seinem erhellenden Buch zum Thema Persönlichkeit erläutert, »als Reaktion auf das Verfolgen oder Erreichen einer Sache freigesetzt werden, die man wertschätzt. Die Vorstellung, diese Sache zu erobern, löst Aufregung aus. Nach der Eroberung folgt die Freude.«* Extravertierte befinden sich mit anderen Worten oft in einem emotionalen Zustand, den wir »Überschwang« nennen könnten - ein Aufflammen von energiegeladenen, enthusiastischen Gefühlen. Es ist eine Empfindung, die wir alle kennen und mögen, aber nicht unbedingt im selben Ausmaß oder derselben Häufigkeit. Das Verfolgen und Erreichen ihrer Ziele scheint Extravertierten zusätzliche Gefühle des Überschwangs zu bescheren. Die Grundlage dieses überschwänglichen Zustands scheint eine hohe Aktivität in einem Netzwerk von Hirnstrukturen zu sein, das oft als Belohnungssystem bezeichnet wird und zu dem der orbitofrontale Kortex, der Nucleus accumbens und der Mandelkern gehören.° Die Aufgabe des Belohnungssystems besteht darin, uns für potenzielle Leckerbissen zu begeistern. Experi248
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte mente im Magnetresonanztomografen haben gezeigt, dass das Belohnungssystem von allen möglichen Freuden aktiviert wird, von der Erwartung eines angenehmen Geschmacks auf der Zunge über Geld bis hin zu Fotos von attraktiven Menschen. Die Neuronen, die die Informationen in das Belohnungssystem übertragen, bedienen sich teilweise eines Neurotransmitters - eines Botenstoffs, der Informationen zwischen Hirnzellen hin und her befördert - namens Dopamin. Dopamin ist der »Belohnungsstoff«, der als Reaktion auf antizipierte Freuden ausgeschüttet wird.Jestärker unser Gehirn auf Dopamin reagiert oder je mehr Dopamin uns zur Ausschüttung zur Verfügung steht, desto mehr sind wir nach Auffassung einiger Wissenschaftler auf Belohnungen wie Sex, Schokolade, Geld und Status aus. Wenn man die Dopamin-Aktivität im Mittelhirn von Mäusen stimuliert, fangen sie an, aufgeregt in einem leeren Käfig umherzulaufen, bis sie verhungern und tot umfallen. Kokain und Heroin, die Dopamin ausschüttende Neuronen bei Menschen stimu- lieren, machen Menschen euphorisch. Die Dopaminpfade der Extravertierten scheinen aktiver zu sein als die der Introvertierten. Auch wenn die genaue Beziehung zwischen Extraversion, Dopamin und dem Belohnungssystem des Gehirns noch nicht abschließend geklärt ist, sind die ersten Forschungsergebnisse faszinierend. In einem Experiment gab Richard Depue, Neurobiologe an der Cornell University, einer Gruppe von Introvertierten und Extravertierten ein Amphedass tamin, das das Dopaminsystem aktiviert, und stellte fest, andeeinem In ’ die Extravertierten stärkere Reaktionen zeigten. die bei ren Experiment fand man heraus, dass Extravertierte, Glücksspielen gewinnen, mehr Aktivität in den belohnungssenUnd sitiven Regionen ihres Gehirns aufweisen als Introvertierte. 249
Unsere Biologie, unser Selbst noch andere Untersuchungen haben gezeigt, dass der mediale orbitofrontale Kortex, eine Schlüsselkomponente im dopamingesteuerten Belohnungssystem des Hirns, bei Extravertierten größer als bei Introvertierten ist. »Introvertierte hingegen«, schreibt Nettle, »weisen eine geringere Reaktion im Belohnungssystem auf und bemühen sich daher weniger, Anzeichen von Belohnung nachzugehen.« Sie sind »wie wir alle von Zeit zu Zeit von Sex, Partys und Status angezogen, aber der Kick, den sie bekommen, ist relativ gering, und deshalb reißen sie sich kein Bein aus, um diese Dinge zu erreichen«.’ Kurz gesagt, geraten Introvertierte nicht so leicht in Euphorie. In gewisser Weise können sich Extravertierte glücklich schätzen; Euphorie hat die wunderbare Qualität des Champagnerprickelns. Sie feuert uns an, uns beim Arbeiten und Spielen Mühe zu geben. Sie gibt uns den Mut, Chancen zu ergreifen. Die Aussicht auf überschwängliche Gefühle sorgt auch dafür, dass wir Dinge tun, die wir sonst zu schwierig oder zu lästig fänden, wie etwa eine Rede zu halten. Angenommen, jemand gibt sich viel Mühe, um eine Rede über ein Thema zu verfassen, das ihm am Herzen liegt. Die Botschaft kommt an, und am Ende der Rede erhebt sich das Publikum und applaudiert ihm lange und aufrichtig. Der eine Redner könnte aus dem Saal gehen und denken: »Ich bin froh, dass die Botschaft angekommen ist, aber ich bin auch froh, dass es vorbei ist. Jetzt kann ich wieder zum Alltag übergehen.« Jemand anders, der empfänglicher für Euphorie ist, könnte am Schluss denken: »Was für ein Triumph! Und dieser Applaus! Und der Ausdruck auf den Gesichtern, als ich diese Aussage gebracht habe, die alles in ein neues Licht stellt! Das war grofse Klasse!« 250
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte Aber die Euphorie hat auch beträchtliche Nachteile. »Jeder geht davon aus, dass es gut ist, positive Emotionen zu betonen. Doch das ist nicht wahr«, sagte mir der Psychologieprofessor Richard Howard und führte als Beispiel Fußballspiele an, in deren Folge es manchmal zu Gewalt gegen Personen und Sachen kommt. »Vielfach resultiert antisoziales und selbstsabotierendes Verhalten daraus, dass Menschen positive Emotionen hoch- schaukeln.« Ein weiterer Nachteil der Euphorie kann ihre Verbindung mit dem Risiko sein - einem manchmal übergroßen Risiko. Im Überschwang übersehen wir manchmal Warnsignale, die wir beachten sollten. Als Ted Turner (der allem Anschein nach ein extremer Extravertierter ist) den Deal zwischen AOL und Time Warner mit seiner ersten sexuellen Erfahrung verglich, setzte er sie mit der rauschhaften Verfassung eines Heranwachsenden gleich, der so begeistert von der Aussicht ist, die Nacht mit seiner ersten Freundin zu verbringen, dass er nicht grof über die Folgen nachdenkt. Die Blindheit gegenüber Gefahren erklärt vielleicht, warum Extravertierte häufiger als Introvertierte beim Autofahren ums Leben kommen, aufgrund von Unfällen oder Verletzungen im Krankenhaus landen, Zigaretten rauchen, riskanten Sex oder Affären haben, Extremsportarten betreiben und mehrmals heiraten. Sie trägt auch zur Erklärung bei, warum Extravertierte eher als Introvertierte zur Selbstüberschätzung neigen - also Selbstvertrauen entwickeln, das nicht mit den entsprechenden Fähigkeiten einhergeht. Der Überschwang Kenneist John F. Kennedys Hochburg, aber auch der Fluch der tragidys: So können Familiendynastien entstehen, aber auch sche Unfälle passieren. Diese Theorie der Extraversion ist noch neu, und sie ist nicht Dal
Unsere Biologie, unser Selbst absolut zu setzen. Belohnungssensitivität geht nicht immer hundertprozentig mit Extraversion einher und das Vermeiden von Gefahren nicht hundertprozentig mit Introversion. Man kann nicht sagen, dass alle Extravertierten ständig nach Belohnung streben oder dass alle Introvertierten bei Schwierigkeiten immer bremsen. Doch die Theorie deutet daraufhin, dass wir die Rollen, die Introvertierte und Extravertierte in ihrem Privatleben und in Institutionen spielen, neu überdenken sollten. Sie legt nahe, dass Extravertierte gut beraten wären, bei Gruppenentscheidungen auf Introvertierte zu hören - besonders wenn sie Schwierigkeiten kommen sehen. Nach dem grofsen Crash von 2008, einer Finanzkrise, die teilweise durch das unüberlegte Eingehen von Risiken und die Blindheit gegenüber Gefahren verursacht war, wurde es Mode, Vermutungen darüber anzustellen, ob wir mit mehr Frauen und weniger Männern (oder weniger Testosteron) an der Wall Street besser gefahren wären. Aber vielleicht sollten wir auch fragen, was passiert wäre, wenn ein paar mehr Introvertierte - und damit sehr viel weniger Dopamin - am Steuer gewesen wären. Mehrere Studien geben implizit eine Antwort auf diese Frage. Professor Camelia Kuhnen von der »Kellogg School of Management« hat herausgefunden, dass die Variante eines Dopamin regulierenden Gens (DRD4) in Verbindung mit einer speziell auf Nervenkitzel gepolten Version von Fxtraversion mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Indikator für finanzielle Risikobereitschaft ist.® Menschen mit einer Genvariante, die mit Introversion und hoher Sensibilität verknüpft ist, gehen hingegen 28 Prozent weniger finanzielle Risiken als andere ein. Sie schneiden auch besser als ihre Altersgenossen bei Glücksspielen ab, bei denen es auf gut überlegte Entscheidungen ankommt. (Wenn sie 2802,
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte geringe Gewinnchancen haben, entscheiden sich Menschen mit dieser Genvariante eher gegen das Risiko; mit hohen Gewinnchancen sind sie relativ risikofreudig.) Eine andere Untersuchung von 64 Händlern einer Investmentbank ergab, dass die erfolgreichsten Händler eher emotional stabile Introvertierte wa- ren. In einem weiteren Experiment ließ man Probanden wählen, ob sie lieber sofort eine kleine Belohnung (einen Geschenkgutschein von Amazon) oder einen größeren Geschenkgutschein in zwei bis vier Wochen erhalten wollten.’ Objektiv betrachtet, war die größere Belohnung in naher Zukunft die attraktivere Wahlmöglichkeit. Dennoch entschieden sich viele Versuchspersonen für die »Ich will es jetzt«-Option, und Aufnahmen von ihrem Gehirn offenbarten, dass dabei das Belohnungssystem aktiviert wurde. Diejenigen, die sich für die größere Belohnung zwei Wo- chen später entschieden, zeigten mehr Aktivität im präfrontalen Kortex - dem Teil des neuen Gehirns, der uns davon abhält, unbedachte E-Mails zu verschicken und zu viel Schokoladenkuchen zu essen. Als ich in den 1990er Jahren Juniorpartnerin in einer Anwaltskanzlei an der Wall Street war, sollte ich zusammen mit ein paar Anwaltskollegen eine Bank vertreten, die vorhatte, ein von anderen Kreditgebern geschnürtes Portfolio mit minderwertigen Hypotheken zu kaufen. Meine Arbeit bestand darin, die juristische Sorgfaltspflicht zu erfüllen und die Unterlagen daraufhin durchzugehen, ob die Kreditverträge den gesetzlichen Vorgaben entsprachen. War den Darlehensnehmern der Zinssatz mitgeteilt worden, den sie zahlen sollten? Wussten sie, dass der Zinssatz mit der Zeit steigen würde? 258
Unsere Biologie, unser Selbst Die Verträge steckten voller Gesetzesverstöße. Wenn ich an der Stelle der Banker gewesen wäre, hätte mich das nervös gemacht, sehr nervös. Aber als unser Anwaltsteam die Lage in einer Telefonkonferenz vorsichtig umriss, schien das Risiko die Banker völlig kaltzulassen. Sie sahen die potenziellen Profite, wenn man diese Hypotheken zu einem Schleuderpreis kaufte, und sie wollten das Geschäft machen. Doch das war genau die Art von Fehleinschätzung von Risiko und Belohnung, die zum Scheitern vieler Banken in der Rezession 2008 beitrug. Ungefähr zur selben Zeit, als ich das Hypothekenportfolio begutachtete, machte eine Geschichte an der Wall Street die Runde, dass verschiedene Investmentbanken miteinander um einen prestigeträchtigen Auftrag konkurrierten. Jede der größeren Banken schickte eine Abordnung ihrer Top-Angestellten zum Auftraggeber, um den Zuschlag zu bekommen. Sie setzten die üblichen Instrumente ein: Tabellenkalkulationen, Verkaufsbroschüren und Power-Point-Präsentationen. Aber das Team, das das Rennen machte, hatte noch einen weiteren - theatralischen Einfall: Es betrat den Verhandlungsraum mit Baseball-Mützen und T-Shirts, auf denen die Buchstaben »FUD« standen. Diese Buchstaben, die für Furcht, Unsicherheitund Bedenken (»Doubt«) standen, waren von einem dicken roten X durchgestrichen. FUD war eine unheilige Dreieinigkeit. Das Team, die Besieger von FUD, machte das Rennen. Verachtung für Furcht, Unsicherheit und Bedenken und für die Art Menschen, die dazu neigen - ist es, was den Crash mit verursachte, sagt Boykin Curry, leitender Direktor der Investmentfirma »Eagle Capital«, der bei der Kernschmelze 2008 in der vordersten Reihe saf3. Zu viel Macht war in den Händen aggressiver Risikogänger konzentriert, erklärte er mir im Interview. »Men254
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte schen eines bestimmten Persönlichkeitstyps bekamen Kontrolle über Kapital, Institutionen und Macht. Und Menschen, die von der Veranlagung her vorsichtiger, introvertierter und mathematischer denken, wurden diskreditiert und beiseitegescho- ben.« Curry ist Absolvent der Harvard Business School und gehört zusammen mit seiner Frau Celerie Kemble, einer in Palm Beach geborenen Innenarchitektin, zum festen Inventar der New Yorker High Society. Man würde denken, dass er damit auch ein Mitglied dessen ist, was er die »go-go-aggressive Schicht« nennt, und kaum ein Fürsprecher für die Wichtigkeit von Introvertierten. Aber er vertritt ganz offen die These, dass es hemdsärmelige Extravertierte waren, die die globale Finanzkrise verursachten. »Seit zwanzig Jahren hat sich die DNA fast jeder Finanzinstitution auf gefährliche Weise verändert«, sagte er dem Magazin Newsweek auf der Höhe des Crashs. »Jedes Mal, wenn jemand am Tisch auf noch mehr Verschuldung und höheres Risiko drang, bestätigte sich in den folgenden Jahren, dass er »richtiglag«. Solche Menschen wurden ermutigt, sie wurden gefördert und sie bekamen Kontrolle über immer mehr Kapital. Jeder in einer Machtposition, der zögerte und für Vorsicht warb, wurde währenddessen »widerlegt«. Die vorsichtigen Typen wurden zusehends eingeschüchtert und bei Beförderungen übergangen. Sie verloren ihre Macht über das Kapital. Das geschah jeden Tag in fast jeder Finanzinstitution, bis wir am Schluss eine sehr spezielle Art von Menschen hatten, die die Dinge lenkten.« Vincent Kaminski, Professor an der Business School der Rice University in Houston, Texas, und ehemaliger leitender Forschungsdirektor bei Enron, dem Unternehmen, das 2001 als Re255
Unsere Biologie, unser Selbst sultat unverantwortlicher Geschäftspraktiken Konkurs anmelden musste, erzählte der Washington Post eine ähnliche Geschichte von einer Unternehmenskultur, in der aggressive Hasardeure, verglichen mit den vorsichtigen Introvertierten, zu viel Ansehen genossen.'' Kaminski, ein leiser und besonnener Mann, war eine der Lichtgestalten im Enron-Skandal. Er versuchte wiederholt und eindringlich, das Top-Management darauf aufmerksam zu machen, dass das Unternehmen riskante Geschäfte tätigte, die sein Überleben gefährden könnten. Als man nicht auf ihn hörte, weigerte er sich, diese gefährlichen Transaktionen zu genehmigen, und ordnete an, dass sein Team nicht an ihnen mitarbeitete. Die Firma entzog ihm daraufhin die Befugnis, die Geschäfte des Unternehmens zu überprüfen. »Es gab Beschwerden, dass Sie die Leute nicht bei den Transaktionen unterstützen, Vince«, soll ihm der Präsident von Enron gesagt haben. »Stattdessen spielen Sie die ganze Zeit den Polizisten.« Dann nach einer Pause: »Wir brauchen keine Polizisten, Vince.«'? Als die Kreditkrise 2007 das Überleben einiger der größten Banken an der Wall Street gefährdete, sah Kaminski dasselbe noch einmal geschehen. »Es ist wohl so, dass die Dämonen von Enron nicht allesamt ausgetrieben wurden«, erklärte er der Washington Post damals im November. Seiner Auffassung nach bestand das Problem nicht nur darin, dass viele Menschen nicht die Risiken durchschauten, die die Banken eingingen. Diejenigen, die sie durchschauten, wurden auch noch konsequent ignoriert - teilweise weil sie die falsche Mentalität hatten. »Wie oft hat mir ein Energiemarkthändler gegenübergesessen, und wenn ich gesagt habe: »Ihr Portfolio wird implodieren, falls eine bestimmte Situation eintritt, brüllte er mich an, bezeichnete mich 256
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte als Idioten und behauptete, eine solche Situation werde nie eintreten. Das Problem ist, dass Sie auf der einen Seite einen sehr erfolgreichen Geschäftsmann sitzen haben, der der Firma viel Geld einbringt und wie ein Superstar behandelt wird, und auf der anderen Seite haben Sie einen introvertierten Intellektuellen. Wer wird Ihrer Meinung nach wohl gewinnen?« Aber was geht im Kopf von jemandem vor, der sich angesichts überwältigender Risiken immer weiter vorwagt? Wie konnte Janice Dorns Klient Alan die lauten Warnsignale übersehen, die ihn darauf hinwiesen, dass er 70 Prozent seiner Ersparnisse verlieren könnte? Was veranlasst einige Extravertierte so zu handeln, als ob es Furcht, Unsicherheit und Bedenken nicht gäbe? Eine der Antworten darauf liefert eine faszinierende Reihe von Untersuchungen, die von dem Psychologen Joseph Newman von der Universität Wisconsin geleitet werden." Stellen Sie sich vor, Sie wären eine der Versuchspersonen in einem von Newmans Experimenten, in dessen Mittelpunkt ein Spiel steht. Je mehr Punkte Sie dabei erreichen, desto mehr Geld gewinnen Sie. Zwölf verschiedene Zahlen tauchen jeweils nacheinander in zufälliger Reihenfolge auf einem Computerbildschirm auf. Sie bekommen wie ein Teilnehmer an einer Spielshow einen Knopf in die Hand gedrückt, den Sie nach Belieben drücken können, sobald eine Zahl erscheint. Wenn Sie bei einer »guten« Zahl auf den Knopf drücken, machen Sie Punkte, wenn Sie bei einer »schlechten« Zahl drücken, verlieren Sie Punkte, und wenn Sie gar nicht drücken, passiert nichts. Der Punktestand wird immer finden sofort nach dem Drücken angezeigt. Durch Ausprobieren alSie heraus, dass vier eine gute Zahl ist und neun nicht. Wenn 25
Unsere Biologie, unser Selbst so das nächste Mal die Zahl Neun auf dem Bildschirm erscheint, drücken Sie den Knopf nicht. Manchmal drücken Menschen dennoch bei »schlechten« Zahlen den Knopf, auch wenn sie es besser wissen sollten. Extravertierte, besonders hochimpulsive Extravertierte, neigen zu diesem Fehler stärker als Introvertierte. Warum? Nach den Wor- ten der experimentellen Psychologen John Brebner und Chris Cooper, die nachgewiesen haben, dass Extravertierte bei solchen Aufgaben weniger denken und schneller handeln, sind Introvertierte auf »Überprüfen« und Extravertierte auf »Reagieren« gepolt.' Aber der noch interessantere Aspekt dieses rätselhaften Verhaltens ist nicht, was die Extravertierten tun, bevor sie bei der falschen Zahl auf den Knopf drücken, sondern was sie danach tun. Wenn Introvertierte den Knopf bei der Zahl Neun drücken und feststellen, dass sie einen Punkt verloren haben, drosseln sie das Tempo, bevor sie zur nächsten Zahl übergehen, als würden sie darüber nachdenken, was schiefgelaufen ist. Aber Extravertierte vergessen nicht nur, das Tempo zu drosseln - sie werden sogar noch schneller. Das erscheint seltsam. Warum sollte sich jemand so verhalten? Newman erklärt, dass es einen Sinn ergibt. Wenn jemand auf das Erreichen eines Ziels konzentriert ist, wie belohnungssensitive Extravertierte es sind, will er nicht, dass sich ihm etwas in den Weg stellt - weder Schwarzseher noch die Zahl Neun. Aber schneller zu werden ist eine eklatante Fehlentscheidung, denn je länger wir innehalten, um eine überraschende oder negative Rückmeldung zu verarbeiten, mit desto größerer Wahrscheinlichkeit werden wir daraus lernen. Wenn man Extravertierte zwingt zu pausieren, sagt Newman, schneiden sie beim 258
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte Zahlenspiel genauso gut wie Introvertierte ab. Wenn man sie jedoch sich selbst überlässt, halten sie nicht inne. Und so lernen sie nicht zu vermeiden, sich Schwierigkeiten einzuhandeln. Newman meint, dass es genau dieser Mechanismus sein kann, dem ein Extravertierter wie Ted Turner zum Opfer fällt, wenn er ein überhöhtes Kaufangebot für eine Firma abgibt. »Wenn jemand zu hoch bietet«, sagte er mir im Interview, »dann weil er eine Reaktion, die er hätte stoppen sollen, nicht gestoppt hat. Er hat Informationen, die er bei der Entscheidung hätten abwägen sollen, nicht berücksichtigt.« Introvertierte sind dagegen von ihrer Anlage her darauf programmiert, weniger Wert auf Belohnungen zu legen - die Euphorie abzuwürgen, könnte man sagen - und etwas auf Nachteile hin zu überprüfen. »Sobald sie in Begeisterung geraten«, sagt Newman, »treten sie auf die Bremse und denken über die Randprobleme nach, die vielleicht wichtiger sind. Introvertierte scheinen eine spezielle Verdrahtung, ein spezielles Training zu haben; ihre Wachsamkeit nimmt zu, sobald sie sich dabei erwischen, wie sie in Begeisterung geraten und sich in ein Ziel verbohren.« Introvertierte tendieren auch dazu, neue Informationen mit ihren Erwartungen abzugleichen, sagt er. Sie fragen sich: »Habe ich damit gerechnet? Ist es so, wie es sein sollte?« Und wenn die neue Situation den Erwartungen nicht entspricht, stellen sie einen Zusammenhang zwischen dem Augenblick der Enttäuschung (Punkte verlieren) und dem her, was in ihrem Umfeld im Augenblick der Enttäuschung passiert ist (auf die Zahl Neun drücken). Dieser Zusammenhang ermöglicht es ihnen, akkurate Vorhersagen darüber zu machen, wie sie sich zukünftig bei Warnsignalen verhalten sollten. 259
Unsere Biologie, unser Selbst Die Abneigung Introvertierter gegen die Tendenz, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, grenzt nicht nur Risiken ein, sie zahlt sich auch bei intellektuellen Aufgaben aus. Hier folgen einige Erkenntnisse, die man über das jeweilige Abschneiden von Introvertierten und Extravertierten bei komplexen Problemlösungen gewonnen hat: Extravertierte bekommen in der Grundschule bessere Noten als Introvertierte, doch in der Highschool und im College sind die Introvertierten den Extravertierten leistungsmäßig überlegen. Im universitären Bereich ist Introversion ein besserer Indikator für die zukünftige akademische Leistung als kognitive Fähigkeiten. Eine Untersuchung, in der das Wissen von 141 College-Studenten auf zwanzig verschiedenen Gebieten getestet wurde, von Kunst über Astronomie bis hin zu Statistik, ergab, dass die Introvertierten über jedes Gebiet mehr wussten als die Extravertierten." Introvertierte erreichen nicht nur überproportional oft akademische Abschlüsse, sondern sind auch überdurchschnittlich häufig in der letzten Auswahlrunde für staatliche Stipendien vertreten und unter den Hochbegabten anzutreffen. Sie übertreffen Extravertierte beim »Watson Glaser Critical Thinking Appraisal Test«, einer Beurteilung der Fähigkeit zu kritischem Denken, die von Firmen bei der Einstellung und Beförderung verbreitet eingesetzt wird. Sie brillieren bei dem, was Psychologen »intelligentes Problemlösen« nennen. Die Frage lautet: Warum? Introvertierte sind nicht intelligenter als Extravertierte. IQTests zufolge sind beide Typen gleich intelligent. Und bei vielen Arten von Aufgaben, besonders solchen, die unter Zeitdruck oder sozialem Druck gelöst werden müssen oder das gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben erfordern, sind Extravertier260
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte te überlegen." Extravertierte sind auch besser als Introvertierte imstande, mit einem Übermaß an Informationen umzugehen. Die Nachdenklichkeit der Introvertierten nimmt Joseph Newman zufolge viel kognitive Kapazität in Anspruch. Fr erläutert: »Wenn wir bei einer Aufgabe 100 Prozent kognitive Kapazität haben, stehen einem Introvertierten vielleicht 75 Prozent für die Aufgabe und 25 Prozent für alles Übrige zur Verfügung, während ein Extravertierter 90 Prozent für die Aufgabe zur Verfügung hat.« Das liegt daran, dass die meisten Aufgaben zielorientiert sind. Allem Anschein nach verwenden Extravertierte den gröfßsten Teil ihrer kognitiven Kapazität darauf, das vor ihnen liegende Ziel zu erreichen, während Introvertierte Kapazität darauf verwenden, den Fortgang zu beobachten. Introvertierte scheinen hingegen sorgfältiger nachzudenken als Extravertierte. Extravertierte neigen eher zu einem kurzen und schmerzlosen Problemlösungsansatz und verzichten auf Genauigkeit zugunsten von Tempo, was dazu führt, dass sich mit der Zeit Fehler einschleichen und sie ganz die Segel streichen, wenn das Problem zu schwierig oder frustrierend erscheint. Introvertierte dagegen denken, bevor sie handeln, verarbeiten die Informationen gründlich, bleiben länger bei der Sache, geben weniger leicht auf und arbeiten gewissenhafter. Introvertierte und Extravertierte lenken auch ihre Aufmerksamkeit anders: Wenn man sie sich selbst überlässt, sitzen die Introvertierten eher herum, grübeln oder imaginieren Dinge, denken über Ereignisse aus der Vergangenheit nach oder schmieden Zukunftspläne. Die Extravertierten konzentrieren sich dagegen mehr auf das, was um sie herum geschieht. Man könnte sagen, Extravertierte sehen »das, was ist«, während ihre introvertierten Mitmenschen fragen: »Was ist, wenn?« 261
Unsere Biologie, unser Selbst Die gegensätzlichen Problemlösungsansätze von Intro- und Extravertierten wurden in unterschiedlichsten Zusammenhängen untersucht. Bei einem Experiment ließen Psychologen fünfzig Probanden ein kompliziertes Puzzle lösen und fanden heraus, dass die Extravertierten eher dazu neigten, mittendrin aufzugeben, als die Introvertierten. In einer anderen Studie gab Professor Richard Höward Introvertierten und Extravertierten eine Serie mit Abbildungen von komplizierten Labyrinthen und stellte nicht nur fest, dass die Introvertierten mehr Labyrinthe korrekt durchliefen, sondern auch, dass sie einen größeren Prozentsatz der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit darauf verwendeten, sich das Labyrinth genau anzuschauen, bevor sie es durchliefen. Eine ähnliche Beobachtung machte man, als man Gruppen von Introvertierten und Extravertierten die »Raven Standard Progressive Matrices« vorlegte, einen Intelligenztest, der aus fünf Teilen mit Aufgaben von zunehmendem Schwierigkeitsgrad besteht. Die Extravertierten schnitten bei den ersten beiden Teilen besser ab, vermutlich aufgrund ihrer Fähigkeit, sich rasch auf ihr Ziel hin zu orientieren. Aber bei den drei schwierigeren Teilen, in denen sich Beharrlichkeit auszahlt, waren die Introvertierten signifikant besser. Beim letzten und kompliziertesten Teil neigten die Extravertierten sehr viel eher als die Introvertierten dazu, ihren Lösungsversuch aufzugeben. Manchmal sind die Introvertierten den Extravertierten sogar bei Aufgaben im zwischenmenschlichen Bereich überlegen, die Beharrlichkeit erfordern. Der Professor für Management Adam Grant von der Wharton Business School (der die Studien über Führungspersönlichkeiten durchführte, die in Kapitel2 vorgestellt wurden) untersuchte einmal die Persönlichkeitsmerkmale 262
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte von effizienten Mitarbeitern in Callcentern. Grant sagte voraus, dass die Extravertierten bessere Telefonverkäufer sein würden, aber es stellte sich heraus, dass überhaupt kein Zusammenhang zwischen dem Grad der Extraversion und der Begabung für das Telemarketing bestand. »Die Extravertierten waren ausgezeichnete Anrufer«, erläuterte mir Grant im Interview, »aber dann kam irgendetwas daher, was sie faszinierte, und sie waren nicht mehr bei der Sache.« Die Introvertierten dagegen »sprachen sehr ruhig, aber sie zogen die Anrufe konsequent durch. Sie waren auf die Sache konzentriert und blieben dabei.« Die einzigen Extravertierten, die ihnen überlegen waren, waren diejenigen, die zufällig ebenfalls ungewöhnlich hohe Punktzahlen bei einem weiteren Persönlichkeitsmerkmal erreichten, das die Gewissenhaftigkeit misst. Im Allgemeinen glich die Beharrlichkeit der Introvertierten die Euphorie der Extravertierten mehr als aus - selbst bei einer Aufgabe, bei der Fähigkeiten im Umgang mit Menschen als großes Plus betrachtet werden könnten. Beharrlichkeit ist nicht sehr glamourös. Wenn man, um ein Genie zu werden, ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Schweiß braucht, dann tendieren wir als Kultur dazu, dies eine Prozent zu vergöttern. Wir lieben sein Funkeln und Glitzern. Aber die eigentliche Stärke liegt in den 99 Prozent. »Ich bin gar nicht so klug«, sagte Einstein, der ein ausgeprägter Introvertierter war. »Ich setze mich einfach länger mit den Problemen auseinander.« Meine Ausführungen sollen diejenigen, die sich gerne weit vorwagen, weder verunglimpfen noch die Nachdenklichen und Vorsichtigen blind glorifizieren. Es geht darum, dass wir Eupho263
Unsere Biologie, unser Selbst rie überbewerten und die Risiken der Belohnungssensitivität ignorieren. Wir müssen wieder eine Balance zwischen Aktion und Reflexion herstellen. Wenn Sie beispielsweise Stellen in einer Investmentbank zu besetzen hätten, sagte mir Professor Camelia Kuhnen, sollten Sie nicht nur belohnungssensitive Typen einstellen, die vermutlich von Bullenmärkten profitieren werden, sondern auch Leute, die Verluste vermeiden wollen und die Bärenmärkte im Blick haben. Kuhnen und ihr Kollege, der Neurowissenschaftler Brian Knutson von der Stanford University, haben herausgefunden, dass Menschen mit einem hochsensiblen Belohnungssystem oft relativ reich sind, während jene mit einem aktiven Verlustvermeidungssystem - eine Art spiegelbildliches Belohnungssystem, dessen Aufgabe es ist, unsere Aufmerksamkeit auf das Risiko zu lenken - eher schuldenfrei sind. Wir sollten sicherstellen, dass beide Herangehensweisen Eingang in wichtige Firmenbeschlüsse finden, nicht nur eine. Und die Menschen auf beiden Seiten des Spektrums sollten sich ihrer eigenen emotionalen Vorlieben bewusst sein und sie zügeln können, um sie den Marktgegebenheiten sinnvoll anzupassen. Aber nicht nur Arbeitgeber profitieren davon, sich ihre Arbeitnehmer genauer anzuschauen. Wir müssen auch auf uns selbst einen genauen Blick werfen. Das Verständnis, wo wir auf dem Spektrum der Belohnungssensitivität stehen, eröffnet uns die Chance, unser Leben gut zu leben. Wenn Sie extravertiert sind und überschwängliche Gefühle lieben, sind Sie in der glücklichen Lage, viele anregende Emotionen zu geniefSen. Machen Sie das Beste daraus: Bauen Sie Dinge, inspirieren Sie andere, denken Sie grof$. Eröffnen Sie eine Firma, stellen Sie eine Webseite ins Netz, bauen Sie ein aufwändi264
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte ges Baumhaus für Ihre Kinder. Aber denken Sie auch daran, dass Sie eine Achillesferse haben und dass Sie lernen müssen, diese zu schützen. Üben Sie sich darin, Energie auf das zu verwenden, was wirklich Bedeutung hat, statt auf Aktivitäten, die aussehen, als würden sie Ihnen das schnelle Geld, Status oder Nervenkitzel bringen. Üben Sie, innezuhalten und nachzudenken, wenn Warnsignale auftauchen, die besagen, dass die Dinge sich nicht so entwickeln, wie Sie gehofft haben. Lernen Sie aus Ihren Fehlern. Suchen Sie sich ein Gegenüber (Ehepartner, Freunde oder Geschäftspartner), das ihnen hilft, sich zu zügeln, und Ihre blinden Flecken kompensiert. Und wenn Sie eine Investition tätigen oder etwas tun, beidem es um ein weises Ausbalancieren von Risiko und Belohnung geht, halten Sie sich selbst in Schach. Dazu sollten Sie beispielsweise darauf achten, dass Sie sich im wichtigen Augenblick der Entscheidung nicht mit Bildern von Belohnung umgeben. Kuhnen und Knutson haben herausgefunden, dass Männer, denen man erotische Bilder zeigt, bevor sie Glücksspiele machen, mehr Risiken eingehen als diejenigen, denen man neutrale Bilder etwa von Schreibtischen und Stühlen zeigt.’ Das liegt daran, dass die Aussicht auf eine Belohnung - jegliche Art von Belohnung, ob sie mit der vorliegenden Sache zu tun hat oder nicht unsere dopamingesteuerten Belohnungssysteme anregt und uns vorschnell handeln lässt. (Das ist vielleicht das beste Argu- ment, um Pornografie vom Arbeitsplatz zu verbannen.) Und wenn Sie introvertiert und relativ immun gegen Exzesse von Belohnungssensitivität sind? Auf den ersten Blick scheint die Forschung über Dopamin und Euphorie zu implizieren, dass Extravertierte und nur Extravertierte aufgrund der Aufregung, die sie aus dem Verfolgen ihrer Ziele beziehen, hoch motiviert 265
Unsere Biologie, unser Selbst sind, hart zu arbeiten. Als Introvertierte verblüffte mich dieser Gedanke, als er mir das erste Mal begegnete. Er spiegelte nicht meine eigene Erfahrung wider. Ich liebe meine Arbeit, und das war schon immer so. Ich wache morgens auf und freue mich darauf, an die Arbeit zu gehen. Was treibt also Menschen wie mich an? Dazu fiel mir folgende Antwort ein: Selbst wenn die Theorie, dass Extravertierte belohnungssensitiv sind, sich als korrekt erweist, kann man nicht behaupten, dass alle Extravertierten immer empfänglich für Belohnungen und gleichgültig gegenüber dem Risiko oder alle Introvertierten immer gleichgültig für Anreize und wachsam gegenüber Gefahren sind. Seit den Zeiten von Aristoteles haben Philosophen beobachtet, dass diese beiden Verhaltensweisen - sich Dingen zuzuwenden, die Lust versprechen, und jene zu vermeiden, die Schmerz verursachen - der gesamten menschlichen Aktivität zugrunde liegen. Vom Typ her tendieren Extravertierte dazu, nach Belohnung Ausschau zu halten, und Introvertierte, bedrohungssensitiv zu sein, aber jeder Mensch hat seine ihm eigene Mischung aus Hinwendungsund Vermeidungsverhalten, und manchmal ist die Kombination je nach Situation verschieden. Allem Anschein nach arbeiten das Belohnungs- und das Bedrohungssystem des Körpers überdies unabhängig voneinander, sodass dieselbe Person generell empfänglich für Belohnung und Bedrohung sein kann. Wenn Sie prüfen wollen, ob Sie belohnungs- oder bedrohungsorientiert sind oder beides, kreuzen Sie im folgenden kleinen Test die Aussagen an, die auf Sie zutreffen. 266
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte Eli . Wenn ich etwas bekomme, was ich will, bin ich begeistert und voller Energie. Er 2. Wenn ich etwas will, tue ich gewöhnlich alles, um es zu bekommen. ni: . Wenn ich die Chance sehe, etwas zu bekommen, was mir gefällt, gerate ich sofort in Aufregung. D 4. Wenn mir etwas Gutes widerfährt, hat es eine starke Wirkung auf mich. D5 . Ich habe sehr wenig Ängste, verglichen mit meinen Freunden. = 6. Kritik und Schelte verletzen mich. 7. Ich bin besorgt oder aufgewühlt, wenn ich glaube oder weiß, dass jemand wütend auf mich ist. 28 . Wenn ich glaube, dass etwas Unerfreuliches passieren wird, werde ich gewöhnlich sehr aufgeregt. U E49 . Ich bin besorgt, wenn ich glaube, dass ich etwas Wichtiges nicht gut gemacht habe. U 10 . Der Gedanke, dass ich Fehler machen könnte, macht mir zu schaffen.'® Wenn Sie die Fragen 1-5 als zutreffend angekreuzt haben, sind Sie belohnungsorientiert. Wenn Sie hingegen die Fragen 6-10 als zutreffend angekreuzt haben, sind Sie bedrohungsorientiert. Wenn Sie mehr Fragen aus der einen oder anderen Gruppe angekreuzt haben, tendieren Sie mehr zu der einen oder anderen Verhaltensweise. Haben Sie gleich viele Fragen aus beiden Gruppen angekreuzt, sind vermutlich beide Persönlichkeitsmerkma- le bei Ihnen gleichwertig vertreten. 267
Unsere Biologie, unser Selbst Meiner Ansicht nach liefert möglicherweise eine ganz andere Forschungsrichtung eine wichtige Antwort auf die Frage, warum auch introvertierte Menschen ihre Arbeit lieben: die Untersuchungen des einflussreichen Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi über einen Zustand, den er »Flow« nennt. Flow ist ein optimaler Zustand, in dem man mit seinem Tun eins wird ganz gleich, ob es sich um Langstreckenschwimmen oder Gedichteschreiben, Sumo oder Sex handelt. In einem Zustand des Flows sind wir weder gelangweilt noch ängstlich, noch stellen wir unsere Eignung infrage. Stunden vergehen, ohne dass wir es merken. Der Schlüssel zum Flow ist, etwas um seiner selbst und nicht um der Belohnung willen zu tun, die es bringt. Obwohl der Flow nicht von Introversion oder Extraversion abhängt, haben viele der Flow-Erfahrungen, von denen Czikszentmihalyi schreibt, mit einsamen Tätigkeiten zu tun, in denen es nicht um die Suche nach Belohnung geht: lesen, einen Obstgarten pflegen, allein übers Meer zu segeln. Wie er schreibt, tritt der Flow oft unter Bedingungen ein, in denen Menschen »sich in einem MaSe unabhängig von ihrer sozialen Umwelt machen, dass sie nicht mehr ausschließlich darauf reagieren, ob sie von ihr belohnt oder bestraft werden. Um eine solche Autonomie zu erreichen, muss ein Mensch lernen, sich selbst Belohnungen zu geben.«" In gewisser Hinsicht geht Czikszentmihalyi über Aristoteles hinaus, wenn er behauptet, dass es ein bestimmtes Tun gibt, bei dem es nicht um Lustgewinn oder Schmerzvermeidung, sondern um etwas Tieferes geht: um die Erfüllung, die eintritt, wenn man sich völlig in eine Tätigkeit versenkt. »Die psychologischen Theorien gehen gewöhnlich davon aus, dass wir entweder von 268
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte dem Bedürfnis motiviert sind, einen Unlustzustand wie Hunger oder Angst zu beseitigen«, schreibt Czikszentmihalyi, »oder von der Erwartung einer zukünftigen Belohnung, wie Geld, Status oder Prestige.« Aber beim Flow »könnte ein Mensch tagelang rund um die Uhr arbeiten, aus keinem besseren Grund als weiterarbeiten zu wollen«. Finden Sie als introvertierte Persönlichkeit Ihren Flow, indem Sie Ihre Talente einsetzen. Sie haben die Stärke der Beharrlichkeit, die Hartnäckigkeit, komplexe Probleme zu lösen, und die Klarsichtigkeit, Fallen zu vermeiden, in die andere hineingehen. Sie sind relativ immun gegen die Versuchung, die von oberflächlichen Belohnungen wie Geld und Status ausgeht. In der Tat besteht Ihre größte Herausforderung vielleicht darin, sich Ihre positiven Eigenschaften voll zunutze zu machen. Sie sind vielleicht so sehr darum bemüht, wie ein eifriger belohnungssensitiver Extravertierter zu wirken, dass Sie Ihre eigenen Talente unterschätzen - oder sich von den Menschen in Ihrer Umgebung unterschätzt fühlen. Aber wenn Sie sich aufein Projekt konzentrieren, das Ihnen am Herzen liegt, stellen Sie vermutlich fest, dass Ihre Energie grenzenlos ist.” Bleiben Sie also Ihrem wahren Wesen treu. Wenn Sie Dinge gern langsam und stetig angehen, dann lassen Sie sich von anderen nicht unter Druck setzen. Wenn Sie Tiefe mögen, zwingen Sie sich nicht zur Breite. Wenn Sie sich lieber aufeine Sache konzentrieren, als viele Dinge parallel zu tun, bleiben Sie bei der einen Sache. Da Sie relativ unabhängig von Belohnungen wie Geld und Status sind, gibt Ihnen das die unermessliche Kraft, Ihren eigenen Weg zu gehen. Es liegt an Ihnen, diese Unabhängigkeit konstruktiv einzusetzen. Natürlich ist das nicht immer leicht. Als ich dieses Kapitel 269
Unsere Biologie, unser Selbst schrieb, korrespondierte ich mit Jack Welch, dem ehemaligen Vorstandschef von General Electric. Er hatte gerade eine OnlineKolumne in der Business Week veröffentlicht mit dem Titel »Release Your Inner Extrovert« (»Befreien Sie den Extravertiertenin Ihrem Innern«), in der er Introvertierte aufrief, im Beruf extra- vertierter zu agieren. Ich warf ein, dass manchmal auch Extravertierte introvertierter agieren müssten, und teilte ihm einige von den hier dargestellten Überlegungen mit, dass die Wall Street vielleicht davon profitiert hätte, wenn mehr Introvertierte am Steuer gewesen wären. Welch war fasziniert. »Aber die Extravertierten würden argumentieren«, erwiderte er, »dass sich die Introvertierten nie zu Wort melden.« Das lässt sich kaum bestreiten. Introvertierte müssen lernen, ihrem Bauchgefühl zu trauen und ihre Gedanken nachdrücklich zu äußern, so wie Eleanor Roosevelt es tat, als sie für die sozialen Fragen eintrat, und Gore in seinem Film Eine unbequeme Wahrheit. Das heifst nicht, Extravertierte nachzuäffen; Gedanken kann man auch leise äufsern, sie können schriftlich kommuniziert werden, sie können in interessante Vorträge verpackt werden, sie können durch Mitstreiter lanciert werden. Introvertierte müssen lernen, sich selbst treu zu bleiben, statt sich von den geltenden Normen wegfegen zu lassen. Die Vorgeschichte der Rezession von 2008 ist leider gespickt mit vorsichtigen Menschen, die trotzdem unangemessene Risiken eingingen, wie etwa dem ehemaligen Vorstandschef der Citigroup, Chuck Prince, einem Exanwalt, der in einem fallenden Markt weiter riskante Anleihen platzierte und sein Verhalten mit dem Satz begründete: »Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen.« »Menschen, die anfangs vorsichtig sind, werden offensiver«, 270
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte kommentiert Boykin Curry dieses Phänomen. »Sie sagen: »Die offensiven Leute werden befördert und ich nicht, also werde ich auch offensiver.«« Aber in finanziellen Krisen gibt es auch solche Menschen, die dafür bekannt werden, dass sie die Krise haben kommen sehen - und das zu ihrem Vorteil. Die Protagonisten dieser Geschichten sind meistens die Art Menschen, die Furcht, Unsicherheit und Bedenken akzeptieren, gern die Jalousien in ihren Büros herunterlassen, sich gegen die Meinung der Masse und den Druck ihrer Mitstreiter abschotten und sich allein auf die Sache konzentrieren. Einer der wenigen Investoren, die im Crash von 2008 Gewinne machten, war Seth Klarman, Präsident eines Hedgefonds namens »Baupost Group«. Klarman ist bekannt dafür, dass er permanent bessere Ergebnisse als der Markt einfährt, während er standhaft Risiken vermeidet und einen bedeutenden Prozentsatz seines Kapitals in liquiden Mitteln hält. In den zwei Jahren seit dem Crash, in denen die meisten Inves- toren scharenweise aus den Hedgefonds flüchteten, verdoppelte Klarman das Fondsvolumen von Baupost auf fast 22 Milliarden. Das erreichte er mit einer Investitionsstrategie, die ganz explizit auf Furcht, Unsicherheit und Bedenken basiert. »Bei Baupost sind wir große Anhänger der Furcht, und beim Investieren ist Angst eindeutig besser als Reue«, schrieb er einmal in einem Brief an seine Investoren. Klarman ist ein »Bedenkenträger der Weltklasse«, schrieb die New York Times in einem Artikel mit dem Titel »Manager ist über den Markt beunruhigt, aber macht dennoch Gewinne«. Er besitzt ein Rennpferd mit dem Namen »Lesen Sie das Kleingedruckte«. In den Jahren vor dem Crash N
Unsere Biologie, unser Selbst von 2008 »war Klarman einer der wenigen, die vorsichtig blieben und dem Markt nicht trauten«, sagt Boykin Curry. »So ist er. Er hortet vermutlich Thunfischbüchsen im Keller für den Fall, dass es zum Zusammenbruch der Zivilisation kommt. Er ist ein Musterschüler und linkisch im Umgang. Er wäre nie ein guter Vorstandschef gewesen, als Bankmanager hätte man ihn gefeuert. Aber er war imstande, einige sehr außergewöhnliche und interessante Chancen zu ergreifen, die andere nicht sahen.« In seinem Buch über die Vorgeschichte des Crashs von 2008 The Big Short - Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte stellt Michael Lewis drei der wenigen Leute vor, die scharfsinnig genug waren, das kommende Desaster vorauszusagen.”” Einer von ihnen war Michael Burry, ein einsamer Hedgefonds-Manager, der von sich sagt, er »fühle sich am wohlsten in seinem eigenen Kopf«, und der die Jahre vor dem Crash allein an seinem Schreibtisch in San Jose, Kalifornien, zubrachte, um den Finanzmarkt zu durchkämmen und seine eigene gegensätzliche Sicht von den Marktrisiken zu entwickeln. Bei den anderen handelte es sich um Charlie Ledley und Jamie Mai, zwei scheue Investoren, deren gesamte Investmentstrate- gie auf FUD basierte; sie gingen Wetten mit begrenztem Verlustrisiko ein, die aber einen satten Gewinn abwarfen, wenn auf dem Markt dramatische Veränderungen eintraten. Dem lag weniger eine Investmentstrategie als eine Lebensphilosophie zugrunde - der Gedanke, dass die meisten Situationen nicht so stabil sind, wie sie aussehen. Das »passte zu der Persönlichkeit der beiden Männer«, schreibt Lewis. »Sie versuchten nie, sich einer Sache zu sicher zu sein. Beide waren der Meinung, dass Menschen und im weiteren Sinne auch Märkte sich zu sicher über im Grunde unsichere Dinge sind.« Selbst als sich herausDD;
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte stellte, dass sie mit ihren Wetten 2006 und 2007 gegen den Subprime-Hypothekenmarkt* recht behielten und dabei hundert Millionen Dollar gewannen, »fragten sie sich die ganze Zeit, wie Menschen, die auf so sensationelle Weise recht gehabt hatten (also sie selbst) sich die Fähigkeit der Zurückhaltung, des Zweifels und der Ungewissheit bewahren könnten, mit deren Hilfe sie recht gehabt hatten.« Ein anderes Beispiel, diesmal vom Crash im Jahre 2000, als die Blase des Neuen Marktes platzte, handelt von einem - nach eigener Beschreibung - Introvertierten mit Sitz in Omaha, Nebraska, der dafür bekannt ist, sich stundenlang in seinem Büro einzuschliefßsen. Warren Buffett, der legendäre Investor und einer der reichsten Männer der Welt, hat exakt mit den in diesem Kapitel beschriebenen Eigenschaften - intellektueller Beharrlichkeit, vorsichtigem Denken und der Fähigkeit, Warnzeichen zu sehen und danach zu handeln - mehrere Milliarden Dollar für sich und die Aktionäre seines Unternehmens Berkshire Hathaway gemacht. Buffett ist einer, der sorgfältig nachdenkt, wenn alle um ihn herum den Kopf verlieren. »Erfolg beim Investieren hat nichts mit dem IQ zu tun«, sagt er. »Sobald Sie über durchschnittliche Intelligenz verfügen, brauchen Sie nur die Charakterstärke, um nicht dem Drang nachzugeben, der andere Menschen beim In- vestieren in Bedrängnis bringt«. Jeden Sommer seit 1983 richtet die auf die Unterhaltungsund Medienbranche spezialisierte Investmentbank Allen & Co. eine einwöchige Konferenz in Sun Valley, Idaho, aus. Es ist nicht einfach irgendeine Konferenz. Es ist eine extravagante Veran(A. d. Ü). * Hypotheken, die an Kunden mit schlechter Bonität vergeben werden DS
Unsere Biologie, unser Selbst staltung mit verschwenderischen Partys, Wildwasser-Rafting, Eislaufen, Bergwandern, Fliegenfischen, Reiten und einer ganzen Armada von Babysittern, die sich um die Kinder der Gäste kümmern. Da die Gastgeber die Medienindustrie bedienen, gehörten zu den geladenen Gästen in der Vergangenheit Zeitungsmogule, Hollywood-Berühmtheiten und Silicon-Valley-Stars, darunter zugkräftige Namen wie Tom Hanks, Candice Bergen, Rupert Murdoch, Steve Jobs und viele andere. Wie die Biografie von Alice Schroeder Warren Buffett - Das Leben ist wie ein Schneeball* enthüllt, war im Juli 1999 auch Buffett unter den Gästen. Er war Jahr für Jahr immer mit seiner gesam- ten Familie im Schlepptau gekommen, flog mit dem GulfstreamJet ein und residierte mit den anderen anwesenden VIPs in aus- gewählten Wohnungen mit Blick über den Golfplatz. Buffett liebte seine jährlichen Ferien in Sun Valley und betrachtete sie als großartige Gelegenheit, um seine Familie um sich zu versammeln und alte Freunde wiederzusehen. Doch in diesem Jahr war die Stimmung anders als sonst. Es war der Höhepunkt des Technologie-Booms, und neue Gesichter saßen am Tisch - die Chefs der Technologiefirmen, die beinahe über Nacht reich und mächtig geworden waren, und die Risikokapital-Anleger, die sie mit Geld versorgten. Diese Leute safsen auf dem hohen Ross. Als die Starfotografin Annie Leibowitz erschien, um das »Medien-Starteam Amerikas« für Vanity Fair zu fotografieren, setzten einige alles daran, um auf das Foto zu kommen. Sie glaubten, ihnen gehöre die Zukunft. Buffett zählte ganz entschieden nicht zu dieser Gruppe. Er war ein Investor alten Schlages, der sich vom spekulativen Run auf Firmen mit unklaren zukünftigen Gewinnaussichten nicht anstecken lief$. Viele taten ihn als Relikt der Vergangenheit ab. 274
Warum Introvertierte anders denken als Extravertierte Aber Buffett war immer noch mächtig genug, um die Grundsatzrede am letzten Tag der Konferenz zu halten. Er grübelte lange über dieser Rede und bereitete sie wochenlang vor. Nachdem er das Eis mit einer charmanten, selbstironischen Geschichte gebrochen hatte - Buffett fürchtete sich davor, Reden zu halten, bis er einen Dale-Carnegie-Kurs gemacht hatte -, erläuterte er seinem Publikum bis ins kleinste, brillant analysierte Detail hinein, warum der von den Firmen des Neuen Marktes angeheizte Bullenmarkt nicht anhalten würde. Buffett hatte die Daten studiert, die Gefahrensignale erkannt und sich dann die Zeit genommen, über ihre Bedeutung nachzudenken. Es war seine erste öffentliche Vorhersage im Laufe von dreißig Jahren. Die Zuhörer waren nicht begeistert. Buffett fuhr ihnen in die Parade. Er erhielt zwar stehende Ovationen, doch unter vier Augen taten viele seine Überlegungen ab. »Guter alter Warren«, sagten sie, »ein kluger Mann, aber diesmal hat er den Zug verpasst.« Später am selben Abend ging die Konferenz mit einem großartigen Feuerwerk zu Ende. Wie immer war sie ein strahlender Erfolg gewesen. Aber der wichtigste Aspekt der Zusammenkunft - dass Warren Buffett die Teilnehmer auf die Warnzeichen des Marktes aufmerksam gemacht hatte - enthüllte sich erst im folgenden Jahr, als die Neue-Markt-Blase platzte, genauso wie er es vorhergesagt hatte. Buffett ist nicht nur auf seine Erfolgsgeschichte stolz, sondern auch darauf, seiner eigenen »inneren Scorecard« treu zu bleiben. Er teilt die Welt in Menschen ein, die sich auf ihre eigenen Instinkte verlassen - und jene, die der Herde folgen. »Ich fühle mich, als würde ich auf dem Rücken liegend die Six275
Unsere Biologie, unser Selbst tinische Kapelle ausmalen«, sagt Buffett über sein Leben als Investor. »Ich freue mich, wenn Menschen sagen: »Das Bild ist wirklich gelungen.« Aber es ist mein Gemälde, und wenn jemand fragt: »Warum nimmst du nicht mehr Rot statt Blau%«, sage ich tschüs. Es ist mein Gemälde. Es ist mir egal, zu welchem Preis es verkauft wird. Das Gemälde wird nie fertig werden. Das ist eines von den grofsartigen Dingen daran.«
KAPITTER TS Die Macht der Sanftmut Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Auf sanfte Weise kann man die Welt erschüttern. Mahatma Gandhi Es ist ein sonniger Frühlingstag im Jahre 2006. Der 17-jährige chinesischstämmige Mike Wei, der das letzte Schuljahr der Lynbrook Highschool in der Nähe von Cupertino, Kalifornien, besucht, berichtet mir über seine Erfahrungen als amerikanischer Schüler mit asiatischen Wurzeln. Mike ist sportlich und trägt nach typisch amerikanischer Art eine Khakihose, Windjacke und Baseball-Mütze, aber sein liebenswürdiges, ernstes Gesicht und sein flaumiger Schnurrbart verleihen ihm die Aura eines angehenden Philosophen. Er spricht so leise, dass ich mich nach vorn beugen muss, um ihn zu verstehen. »In der Schule«, erklärt Mike, »bin ich mehr daran interessiert, aufzupassen und ein guter Schüler zu sein, als den Klassenclown zu spielen oder mich mit meinen Mitschülern abzugeben. Wenn Wichtigtuerei, Stören oder Herumalbern im Unterricht sich negativ auf meinen Bildungsstand auswirken, entscheide ich mich lieber für die Bildung.« Auch wenn Mike diese Ansicht sachlich vorträgt, scheint er zu wissen, wie ungewöhnlich sie für amerikanische Verhältnisse ist. Seine Einstellung habe er von seinen Eltern übernommen, sagt er. »Wenn ich vor der Wahl stehe, etwas zu meinem Ver277
Unsere Biologie, unser Selbst gnügen zu tun, beispielsweise mit meinen Freunden auszugehen, oder zu Hause zu bleiben und zu lernen, denke ich an meine Eltern. Das gibt mir die Kraft weiterzulernen. Mein Vater sagt, sein Job sei es, Computer zu programmieren, und meiner zu lernen.« Seine Mutter war ihm durch ihr Verhalten ein Vorbild. Die ehemalige Mathematiklehrerin, die sich nach der Einwanderung der Familie in Amerika als Dienstmädchen verdingte, übte beim Abwaschen englische Vokabeln. Sie ist nach Mikes Worten sehr still und doch sehr resolut. »Es ist typisch chinesisch, sich auf diese Weise selbst um die eigene Bildung zu kümmern. Meine Mutter hat eine Art von Stärke, die nicht jeder sehen kann.« Offensichtlich ist Mike nicht nur der Stolz seiner Eltern, sondern auch der seiner Lehrer. Sein E-Mail-Name lautet »EinserSchüler«. Mike hat gerade einen der begehrten Studienplätze an der Stanford University bekommen. Er ist die Art von nachdenklichem, fleißigem Schüler, auf den jede Kommune stolz sein könnte. Doch nur ein halbes Jahr zuvor war im Wall Street Journal ein Artikel mit dem Titel »The New White Flight« (Die neue Flucht der Weißen) erschienen, in dem es hieß, weiße Familien würden wegen Schülern wie Mike scharenweise Cupertino verlassen.' Sie würden vor den unerreichbaren Zensuren und dem unersättlichen Lerneifer vieler asiatisch-amerikanischer Schüler fliehen. Weiße Eltern befürchteten, dass ihre Kinder beim Lernen nicht Schritt halten könnten. Ein weißer Schüler aus einer Highschool am Ort wurde mit folgenden Worten zitiert: » Als Asiat muss man nur bestätigen, dass man klug ist. Als Weißer muss man es beweisen.« Doch der Artikel ging nicht darauf ein, was hinter diesem herausragenden Lerneifer steckte. Ich war neugierig, ob sich in den 278
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften schulischen Verhältnissen der Stadt eine Kultur spiegelte, die gegen die schlimmsten Exzesse des Extravertiertenideals gefeit war - und wenn ja, wie sie aussehen würde. Ich beschloss, es vor Ort herauszufinden. Auf den ersten Blick wirkt Cupertino wie die Verkörperung des amerikanischen Traums. Viele asiatische Einwanderer der ersten und zweiten Generation leben und arbeiten in den Hightech-Unternehmen vor Ort. Hier liegt der Hauptsitz von Apple am Infinite Loop Nr. 1, und nicht weit davon hat Google seine Mountain-View-Niederlassung. Sorgfältig gepflegte Autos gleiten über die Boulevards; die wenigen Fußgänger sind adrett in leuchtenden Farben und fröhlichem Weiß gekleidet. Selbst einfache einstöckige Häuser hier sind teuer, aber die Käufer glauben, dass sie das Geld wert sind, wenn sie ihre Kinder auf die berühmten öffentlichen Schulen der Stadt schicken können mit ihren vielen Absolventen, die den Sprung auf die Eliteuniversitäten an der Ostküste schaffen. Von den 615 Schülern des Abschlussjahrgangs 2010 der Monta Vista Highschool in Cupertino, von denen laut der (auch auf Chinesisch übersetzten) Web- site der Schule 77 Prozent asiatischer Herkunft sind, haben es 53 in die vorletzte Auswahlrunde für das nationale Begabtenstipendium geschafft. Und die durchschnittliche kombinierte Punktzahl jener Schüler, die 2009 den Zulassungstest für amerikanische Hochschulen machten, lag mit 1916 von 2400 Punkten 27 Prozent über dem Landesdurchschnitt. Schüler, die an der Monta Vista Highschool hohes Ansehen genießen, sind nicht unbedingt sportlich oder lebhaft, sagen mir die Jugendlichen, die ich hier kennenlerne. Vielmehr sind sie fleißig und manchmal still. »Intelligenz wird bewundert, selbst 279
Unsere Biologie, unser Selbst wenn jemand ein Sonderling ist«, meint Chris, der im zweiten Jahr auf die Highschool geht und koreanischer Herkunft ist. Einer seiner Freunde, so erzählt Chris, hat mit seiner Familie zwei Jahre lang vorübergehend in einer Stadt in Tennessee gewohnt, wo es wenige Asiaten gibt. Der Freund genoss die Zeit, aber erlebte doch eine Art Kulturschock. In Tennessee »gab es wahnsinnig intelligente Jugendliche, aber sie blieben immer für sich. Hier haben die wirklich intelligenten Typen viele Freunde, denn sie können den anderen beim Lernen unter die Arme greifen.« Für Cupertino ist die Bibliothek das, was für andere Städte das Einkaufszentrum oder Fußballstadion ist: ein inoffizielles Zentrum des Stadtlebens. Wer in der Schule gut ist, wird anerkennend als »Nerd« (hier: Schlaukopf) bezeichnet. Football und Cheerleader-Aktivitäten genießen kein besonders hohes Ansehen. »Unser Football-Team ist die volle Katastrophe«, sagt Chris gutmütig. Auch wenn die Erfolge des Teams Chris Einschätzung widerlegen, scheint ein schlechtes Football-Team für ihn positiven Symbolcharakter zu haben. »Man sieht ihnen nicht mal an, dass sie Football-Spieler sind«, sagt er. »Sie tragen ihre Jacken nicht und sind auch nicht in Horden unterwegs. Als einer meiner Freunde seinen Abschluss machte, wurde ein Video gezeigt, auf das mein Freund entgeistert reagierte: »Ich fasse es nicht, dass in diesem Video Football-Spieler und ihre Fans zu sehen sind.« Das ist doch überhaupt nicht typisch für diese Stadt.« Ted Shinta, Lehrer und Berater des Robotics Teams an der Monta Vista Highschool stimmt Chris Einschätzung zu. »Zu meiner Zeit wurde einem abgeraten, bei Schülerwahlen mitzumachen, wenn man nicht zum Sportteam der Schule gehörte«, sagte er mir. »Auf den meisten Highschools gibt es eine populäre Gruppe, die die anderen tyrannisiert. Aber hier haben diese 280
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Jugendlichen gar keine Macht über die anderen. Die Schülerschaft ist dafür zu leistungsorientiert.« Purvi Modi, eine ortsansässige Collegeberaterin, bestätigt das. »Introversion gilt hier nicht als Makel«, sagt sie mir. »Sie wird akzeptiert. Manchmal wird sie sogar hoch geachtet und bewundert. Es gilt als cool, Schachmeister zu sein und im Schulorchester zu spielen.« Es gibt hier ein Introvertierten-Extravertierten-Spektrum wie überall, aber es scheint, als würde die Bevölkerung ein paar Punkte mehr hin zum introvertierten Ende der Skala tendieren. Auch einer jungen Frau chinesischer Herkunft, die gerade einen Studienplatz an einem East Coast College bekommen hat, ist dies aufgefallen, nachdem sie einige ihrer zukünftigen Kommilitonen online kennengelernt hat. Sie hat Sorge, was ihr die Zukunft nach Cupertino bringen könnte. »Ich habe zu einigen meiner neuen Kommilitonen auf Facebook Kontakt aufgenommen«, sagt sie, »und sie sind einfach sooo anders. Ich bin ein stilles Wasser. Ich bin keine große Partygängerin und gehe nicht wer weiß wie aus mir heraus. Bei denen scheint jeder kontaktfreudig zu sein. Mit meinen Freunden ist es völlig anders. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich dort überhaupt Freunde finden werde.« Einer ihrer Facebook-Kontakte wohnt im nahegelegenen Palo Alto, und ich frage sie, wie sie auf eine Einladung während des Sommers reagieren würde. „Ich würde sie vermutlich nicht annehmen«, antwortet sie. „Es wäre interessant, die anderen kennenzulernen, aber meine muss.« Mutter will nicht, dass ich so viel ausgehe, weil ich lernen Eltern ihren Es erstaunt mich, wie stark sich diese junge Frau damit verpflichtet fühlt und wie sehr das im Zusammenhang t. steht, dass sie das Lernen den Kontakten mit anderen vorzieh 281
Unsere Biologie, unser Selbst Aber das ist in Cupertino nicht ungewöhnlich. Viele Schüler mit asiatischen Wurzeln erzählen mir hier, dass sie auf Wunsch ihrer Eltern den ganzen Sommer über lernen und sogar Einladungen zu Geburtstagspartys im Juli ausschlagen würden, damit sie die Differenzial- und Integralrechnung, die ab Oktober auf dem Lehrplan steht, schon beherrschen. »Ich denke, es ist unsere Kultur«, erklärt Tiffany Liao, eine selbstsichere Schülerin im letzten Schuljahr, die am angesehenen Swarthmore College studieren wird und deren Eltern aus Taiwan stammen. »Lernen, Leistungen bringen, kein Aufhebens machen. Es steckt tief in uns drin, stiller zu sein. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern bei deren Freunden zu Besuch war und nichts sagen wollte, nahm ich mir einfach ein Buch mit. Es war wie ein Schutzschild, und es hieß dann: Sie ist so fleifsig! Das war ein großes Lob.« Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass durchschnittliche amerikanische Mütter und Väter ihr Kind anlächeln würden, wenn es bei einer Party liest, während sich alle anderen um den Grill versammeln. Aber vielen Eltern, die in asiatischen Ländern zur Schule gegangen sind, wurde dieses stillere Verhalten in der Kindheit beigebracht. In vielen ostasiatischen Klassenzimmern stehen nach dem traditionellen Lehrplan Zuhören, Schreiben, Lesen und Auswendiglernen im Vordergrund. Reden gehört nicht zu den Schwerpunkten und ist sogar verpönt. »Der Unterricht bei uns zu Hause läuft ganz anders ab als hier«, sagt Hung Wei Chien, eine in Cupertino lebende Mutter, die 1979 aus Taiwan nach Amerika gekommen ist, um an der Universität von Kalifornien ihren Master zu machen. »Bei uns lernt man den Stoff, und dann wird man geprüft. Wenigstens war es in meiner Jugend so. Es wurde nicht groß vom Thema abgewichen, und die Schüler hatten nicht die Möglichkeit zu 282
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften schwafeln. Wenn man aufstand und dummes Zeug redete, bekam man eine Rüge.« Hung ist einer der ausgelassensten und extravertiertesten Menschen, die ich je getroffen habe, eine Frau mit großen, weit ausholenden Gesten, die gerne laut lacht. In Laufshorts, Turnschuhen und mit bernsteinfarbenem Schmuck behängt, begrüßt sie mich mit einer ungestümen Umarmung und fährt mich zu einer Bäckerei, wo wir frühstücken. Wir mampfen un- ser Gebäck und schwatzen fröhlich. Es spricht Bände, wenn selbst Hung sich an den Kulturschock erinnert, den sie erlebte, als sie ihr erstes Seminar nach amerikanischem Stil besuchte. Sie hielt es für einen Ausdruck schlechter Manieren, sich im Seminar zu beteiligen, weil sie ihren Kommilitonen nicht die Zeit stehlen wollte. Und natürlich sagt sie lachend: »Ich war dort die stille Studentin. An der Uni eröffnete der Professor das Seminar mit den Worten: Lassen Sie uns diskutieren! Ich schaute mir meine Kommilitonen an, die Unsinn schwafelten, und die Professoren waren so geduldig und hörten einfach allen zu.« Neckisch ahmt sie das Nicken der übermäßig respektvollen Professoren nach. „Ich war erstaunt. Ich saß in einem Linguistikseminar, und die Studenten redeten nicht einmal über Linguistik! Ich dachte: ‚Aha, sobald du in Amerika den Mund aufmachst, ist alles gut.«« Während Hung vom amerikanischen Stil der Seminarbeteiligung verwirrt war, waren ihre Lehrer vermutlich ebenso verwirrt, dass sie sich nicht äußern wollte. Volle zwanzig Jahre, nachdem Hung;in die USA gezogen war, veröffentlichten die San Jose Mercury News einen Artikel mit dem T itel »East West Teaching Traditions Collide« (Die östlichen und westlichen Lehrtraditionen kollidieren) Darin ging es um das Erstaunen 283
Unsere Biologie, unser Selbst der Professoren über die Abneigung der in Asien geborenen Studenten wie Hung, sich in kalifornischen Universitätsseminaren zu Wort zu melden. Ein Professor sprach von einer »Barriere der Achtung«, die durch die Verehrung asiatischer Studenten für ihre Lehrer geschaffen werde. Ein anderer schwor, die mündliche Beteiligung in die Note einfließen zu lassen, um asiatische Studenten dazu zu bringen, das Wort zu ergreifen. »Im chinesischen Schulsystem verlangt man von Schülern, sich selbst klein zu machen, weil andere Denker so viel größer sind als man selbst«, sagte ein Dritter. »Das ist ein Dauerproblem in Seminaren mit vorwiegend asiatisch-amerikanischen Studenten.« Der Artikel sorgte für leidenschaftliche Reaktionen in der asiatisch-amerikanischen Gemeinde. Einige sagten, die Universitäten forderten von asiatischen Studenten zu Recht, sich an die Bildungsnormen des Westens anzupassen. »Amerikaner mit asiatischer Herkunft lassen durch ihr Schweigen zu, dass andere ihnen auf der Nase herumtanzen«, schrieb ein Leser auf der Internetseite ModelMinority.com. Andere fanden, dass man asiatische Studenten nicht drängen sollte, sich zu Wort zu melden und sich der westlichen Art anzupassen. »Statt zu versuchen, sie zu ändern, können Colleges lernen, auf ihr Schweigen zu hören«, schrieb der interkulturelle Psychologe Heejung Kim von der Stanford University in einem Aufsatz, in dem er argumentierte, dass Reden nicht immer etwas Positives sei.’ Aber wie kann es sein, dass asiatische und westliche Studenten dieselben Vorgänge in einem Seminar erleben und die einen sie für »Unterrichtsbeteiligung« halten, während die anderen sie als »Unsinn schwafeln« abqualifizieren? Woher kommen so radikal unterschiedliche Ansichten? 284
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Das Journal of Research in Personality hat eine Antwort auf diese Fragen in Form einer Karte publiziert, die von dem experimentellen Psychologen Robert McRae gezeichnet wurde.’ Sie sieht wie eine Landkarte in einem Erdkundebuch aus, aber laut McRae stellt sie »nicht die Regenfälle oder die Bevölkerungsdichte, sondern die unterschiedliche Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen« dar. Die Schattierungen von Dunkelgrau (für Extraversion) bis hin zu Hellgrau (für Introversion) enthüllen ein Bild, das »ziemlich eindeutig ist: Asien ... ist introvertiert, Europa extravertiert.« Wären auf der Landkarte auch die USA verzeichnet, wäre das Gebiet dunkelgrau eingefärbt; Amerikaner gehören zu den extravertiertesten Menschen auf der Welt. McRaes Karte könnte man für einen groß angelegten Versuch zum Untermauern kultureller Stereotype halten. Ganze Kontinente nach der Mentalität einzuordnen ist ein Akt grober Verallgemeinerung: Man kann laute Menschen ebenso leicht in China wie in Atlanta, Georgia, finden. Ebenso wenig trägt die Landkarte den Feinheiten kultureller Unterschiede innerhalb eines Landes oder einer Region Rechnung. Menschen in Peking haben andere Verhaltensmuster als jene in Schanghai, und beide unterscheiden sich wiederum von Bürgern in Seoul oder Tokio. Ebenso begrenzend und herabsetzend ist es, Asiaten als »Modellminorität«, wie auf der genannten Webseite, zu bezeichnen auch wenn der Begriff als Kompliment gedacht ist -, weil es wie jede Charakterisierung Individuen auf eine Reihe angeblicher Gruppeneigenschaften reduziert. Vielleicht ist es auch problematisch, Cupertino als Nährboden für schulische Spitzenleistungen zu charakterisieren, wie schmeichelhaft diese Beschreibung auch in den Ohren einiger Menschen klingen mag. Aber auch wenn ich eine rigide Einteilung von Nationen oder 285
Unsere Biologie, unser Selbst Ethnien in Charaktertypen nicht unterstützen möchte, wäre es schade, das Thema der kulturellen Unterschiede und der Introversion völlig außer Acht zu lassen. Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten der asiatischen Kultur und Mentalität, von denen die übrige Welt lernen könnte und sollte. Wir müssen nur auf die Worte der Einwohner von Cupertino hören, um das zu sehen. Und der Einfall, die Welt nach Graden der Introversion und Extraversion zu kartieren, ist nicht so seltsam, wie er zunächst klingen könnte. Wissenschaftler erforschen seit Jahrzehnten die kulturellen Mentalitätsunterschiede besonders zwischen Ost und West, und dabei berücksichtigen sie vor allem die Intro- und Extraversion, das eine Paar von Merkmalen, das Psychologen, die sich sonst auf so gut wie nichts einigen können, wenn es um Kategorien der menschlichen Persönlichkeit geht, für deutlich sicht- und messbar auf der ganzen Welt halten. Ein Großteil dieser Forschung kommt zu denselben Ergebnissen wie McRaes Landkarte. Eine Studie, bei der Kinder zwischen acht und zehn in Schanghai und Südontario in Kanada verglichen wurden, erbrachte beispielsweise, dass scheue und sensible Kinder in Kanada von Gleichaltrigen gemieden werden, in China hingegen beliebte Spielkameraden sind.’ Dort werden sie auch eher als andere Kinder für Führungsrollen herangezogen. Chinesische Kinder, die sensibel und zurückhaltend sind, gelten als »dongshi« (verständnisvoll), ein beliebtes Lob. Chinesische Highschool-Schüler geben bei wissenschatftlichen Untersuchungen an, dass sie Freunde vorziehen, die »bescheiden« und »altruistisch«, »ehrlich« und »fleißig« sind, während amerikanische Higschool-Schüler sich die »fröhlichen«, »begeisterungsfähigen« und »kontaktfreudigen« aussuchen. »Der Kontrast ist auffällig«, schreibt der interkulturelle Psycho286
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften loge Michael Harris Bond, der sich auf China spezialisiert hat. »Die Amerikaner betonen Kontaktfreudigkeit und schätzen diejenigen Eigenschaften, die einen leichten, fröhlichen Umgang garantieren. Die Chinesen betonen tiefere Eigenschaften und legen den Schwerpunkt auf Tugend und Leistung.« Bei einer anderen Untersuchung wurden Amerikaner asiatischer und europäischer Herkunft gebeten, laut zu denken, während sie Aufgaben, die logisches Denken erforderten, lösten.‘ Dabei stellte sich heraus, dass die Asiaten viel besser abschnitten, wenn man ihnen erlaubte, still zu denken, im Gegensatz zu den Europäern, die gute Leistungen erzielten, wenn sie laut dachten. Diese Resultate würden niemanden überraschen, der mit der traditionellen asiatischen Einstellung zum gesprochenen Wort vertraut ist: Reden dient dazu, notwendige Informationen zu vermitteln; Stille und Innenschau sind Zeichen tiefen Denkens und höherer Wahrheit. Worte sind potenziell gefährliche Waffen, die Dinge offenbaren, die man besser ungesagt gelassen hätte, Sie verletzen andere Menschen und können den Sprecher in Schwierigkeiten bringen.’ Betrachten wir zum Beispiel die folgenden Sprüche aus dem Osten: Der Wind braust, aber der Berg steht still. Japanisches Sprichwort Wer weifs, der redet nicht. Wer redet, der weißs nicht. Laotse, Tao Te King 287
Unsere Biologie, unser Selbst Auch wenn ich mich nicht sonderlich bemühe, die Disziplin des Schweigens einzuhalten, führt das Alleinleben ganz von selbst dazu, dass ich mich der Sünde des Redens enthalte. Kamo no Chomei, japanischer Einsiedler, 12. Jahrhundert Und hier zum Vergleich westliche Aphorismen: Sei ein Meister der Rede, auf dass du stark sein mögest, denn die eigene Stärke liegt in der Zunge, und die Rede ist mächtiger als jeder Kampf. Maximen des Ptahhotep, Ägypten, 3400 v. Chr. Die Sprache ist die Gesittung selbst. Das Wort, selbst das widersprechendste Wort, ist so verbindend. Aber die Wortlosigkeit vereinsamt. Thomas Mann, Der Zauberberg An der Rede erkennt man den Mann. Sprichwort Was steht hinter diesen gegensätzlichen Haltungen? Eine mögliche Erklärung ist die weit verbreitete Verehrung für Bildung bei den Asiaten, besonders jenen aus Ländern des »Konfuzius-Gürtels«, wie China, Japan, Korea und Vietnam. Bis aufden heutigen Tag stehen in einigen chinesischen Dörfern Statuen von Studenten, die das äufßserst strenge Jinshi-Examen der Ming-Dynastie vor Hunderten von Jahren bestanden. Diese Art Auszeichnung lässt sich leichter erreichen, wenn man wie einige Jugendliche in Cupertino den Sommer mit Lernen verbringt. Eine weitere Erklärung bietet die Gruppenidentität. Viele asi288
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften atische Kulturen sind teamorientiert, aber nicht auf die Art, wie Menschen im Westen sich Teams vorstellen. Individuen in Asien betrachten sich als Teil eines größeren Ganzen - ob einer Familie, Firma oder Gemeinde - und legen sehr viel Wert auf Harmonie innerhalb ihrer Gruppe. Sie ordnen ihre eigenen Wünsche oft den Interessen der Gruppe unter und akzeptieren ihren Platz in der Hierarchie. Die westliche Kultur ist hingegen um das Individuum herum organisiert. Wir betrachten uns als eigenständige Wesen; unsere Bestimmung besteht darin, uns zu verwirklichen, unser Glück zu suchen, frei von unangemessener Zurückhaltung zu sein und das zu tun, wofür wir und nur wir allein auf die Welt gekommen sind. Wir sind vielleicht gesellig, aber wir unterwerfen uns nicht dem Diktat der Gruppe, oder zumindest ist uns der Gedanke, es zu tun, zuwider. Wir lieben und respektieren unsere Eltern, aber wehren uns bei Vorstellungen wie Folgsamkeit gegenüber den Eltern mit ihren Implikationen von Unterwerfung und Zwang, Wenn wir uns mit anderen treffen, tun wir das als eigenständige Wesen, die mit anderen eigenständigen Wesen Spaß haben, konkurrieren, sich von ihnen abheben, um Positionen kämpfen und sie selbstverständlich auch lieben. Sogar der westliche Gott ist selbstbewusst, lautstark und dominant; sein Sohn Jesus ist freundlich und zärtlich, aber gleichzeitig auch eine charismatische Gestalt, die Einfluss auf die Massen nimmt (Jesus Christ Su- ‚perstar!). Es ist also nachvollziehbar, dass Menschen im Westen Forschheit und verbale Fähigkeiten schätzen, Wesenszüge, die Individualität begünstigen, während Asiaten Stille, Bescheidenheit und Sensibilität hochschätzen, weil diese den Gruppenzusam zumenhalt fördern. Wenn man in einem Kollektiv lebt, sorgt 289
Unsere Biologie, unser Selbst rückhaltendes Benehmen oder sogar Unterwerfung für einen reibungsloseren Ablauf. Diese unterschiedlichen Einstellungen wurden sehr anschaulich in einer MRT-Studie aus jüngster Zeit demonstriert, in der Wissenschaftler 17 Amerikanern und 17 Japanern Bilder von Männern in Dominanzposen (verschränkte Arme, deutlich sichtbare Muskeln, die Beine breit aufden Boden gestemmt) und Unterwerfungsposen (hängende Schultern, die Hände schützend vor der Leistengegend, die Beine eng zusammen) zeigten. Sie stellten fest, dass die Dominanzbilder im Gehirn der Amerikaner Lustzentren aktivierten, während bei den Japanern die Unterwerfungsbilder diesen Effekt auslösten.® Aus westlicher Sicht kann es schwierig sein zu verstehen, was so attraktiv daran ist, sich dem Willen anderer zu beugen. Aber was für Menschen aus dem Westen wie Unterwerfung aussieht, kann vielen Asiaten als grundlegende Höflichkeit erscheinen. Don Chen, der amerikanische Student chinesischer Herkunft an der Harvard Business School, von dem schon in Kapitel 2 die Rede war, berichtete mir, dass er sich eine Zeitlang eine Wohnung mit einigen asiatischen Freunden und einem engen Freund aus Europa geteilt hatte, einem netten und lockeren jungen Mann, von dem Don dachte, er würde gut dazupassen. Es kam zu Konflikten, als sein Freund aus Europa feststellte, dass sich das Geschirr in der Spüle stapelte, und die Asiaten bat, ihren gerechten Anteil am Abwasch zu übernehmen. Es war keine unsinnige Beschwerde, sagt Don, und sein Freund dachte, er habe sein Bitte höflich und achtungsvoll vorgetragen. Aber seine asiatischen Mitbewohner sahen das anders. Für sie hörte er sich barsch und ärgerlich an. Ein Asiat in dieser Situation, so Don, würde sorgfältiger auf den Ton seiner Stimme achten. Er 290
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften würde sein Missfallen in Form einer Frage und nicht als Bitte oder Befehl vorbringen. Vielleicht würde er auch gar nichts sagen. Ihm wäre es nicht wert, wegen ein paar schmutziger Teller Unruhe in der Gruppe zu stiften. Was für Menschen aus dem Westen wie asiatische Fügsamkeit aussieht, ist also in Wirklichkeit eine tiefempfundene Besorgnis um die Gefühle anderer. Wie der Psychologe Harris Bond sagt: »Nur Menschen aus einer Tradition der Direktheit würden die asiatische Art des Diskurses als »Zurückhaltung« bezeichnen. Innerhalb der Tradition der Indirektheit hingegen könnte man sie als »Respekt vor der Beziehung« bezeichnen.« Und der Respekt vor der Beziehung hat soziale Mechanismen zur Folge, die westlichen Betrachtern bemerkenswert erscheinen. Aufgrund des Respekts vor der Beziehung drückt sich die soziale Angststörung, in Japan taijin kyofusho genannt, nicht wiein Amerika üblich als Furcht aus, sich selbst zu blamieren, sondern als Furcht, andere zu blamieren. Aufgrund desselben Respekts erleben tibetische Mönche inneren Frieden (und aufsergewöhnliche Glückszustände, wie Aufnahmen ihres Gehirns belegen), indem sie still über das Mitgefühl meditieren. Und aufgrund dieses Respekts entschuldigten sich Hiroshima-Opfer gegenseitig beieinander, dass sie überlebt hatten. »Ihre Zuvorkommenheit ist gut dokumentiert, aber sie ist herzzerreißend«, schreibt die Essayistin Lydia Millet.’ »Es tut mir leid«, sagte ein Opfer und verbeugte sich, während sich seine Haut in Streifen von den Armen schälte. »Es tut mir leid, dass ich noch am Leben bin und Ihr LipBaby nicht«. »Es tut mir leid«, sagte ein anderer ernst, dessen ein an waren, pen auf die Größe von Orangen aufgeschwollen »Es Mädchen gewandt, das neben seiner toten Mutter weinte. bin.«« tut mir so leid, dass nicht ich stattdessen gestorben 291
Unsere Biologie, unser Selbst Der östliche Respekt vor der Beziehung ist zwar bewundernswert und schön, doch dasselbe gilt auch für den westlichen Respekt vor der individuellen Freiheit, dem Selbstausdruck und der persönlichen Bestimmung. Es geht nicht darum, dass eines dem anderen überlegen ist, sondern dass ein tiefgreifender Unterschied hinsichtlich der kulturellen Werte eine große Auswirkung auf die Mentalität hat, die von der jeweiligen Kultur favorisiert wird. Im Westen haben wir uns dem Ideal der Extraversion verschrieben, während in einem Großteil Asiens (zumindest vor der Verwestlichung in den letzten Jahrzehnten) Schweigen immer noch Gold ist. Diese kontrastierenden Auffassungen beeinflussen, was wir sagen, wenn die Teller unserer Mitbewohner sich in der Spüle stapeln, und was wir nicht sagen, wenn wir in einem Universitätsseminar sitzen. Sie machen auch deutlich, dass das Extravertiertenideal nicht so sakrosankt ist, wie wir vielleicht glauben könnten. Sollten Sie also tief im Innern geglaubt haben, dass es dem natürlichen Lauf der Dinge entspricht, wenn die Forschen und Kontaktfreudigen die Zurückhaltenden und Sensiblen dominieren, oder dass das Ideal der Extraversion der Menschheit angeboren ist, deutet die Landkarte der Mentalitäten auf eine andere Wahrheit hin: Jede Seinsweise — still oder gesprächig, vorsichtig oder kühn, gehemmt oder ungehemmt - ist jeweils ein charakteristischer Ausdruck der eigenen mächtigen Zivilisation, zu der sie gehört. Paradoxerweise sind es unter anderem gerade die asiatischstämmigen amerikanischen Jugendlichen von Cupertino, dieam meisten Probleme damit haben, sich an diese Wahrheit zu halten. Sobald sie erwachsen sind und den Bannktreis ihrer Heimatstadt verlassen, finden sie eine Welt vor, in der lautes Reden die 292
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Eintrittskarte für Popularität und finanziellen Erfolg ist. Sie leben am Schluss mit einem Doppelbewusstsein - halb asiatisch, halb amerikanisch -, wobei jede Seite die andere infrage stellt. Mike Wei, der junge Mann, der mir sagte, er lerne lieber, als sich mit anderen zu treffen, ist ein hervorragendes Beispiel für diese Ambivalenz. Als wir uns kennenlernten, ging er noch in die letzte Klasse der Highschool und lebte im schützenden Kokon von Cupertino. »Da wir einen so großen Wert auf Bildung legen«, sagte mir Mike damals und meinte damit die Asiaten im Allgemeinen, »ist mit anderen ausgehen kein wichtiger Teil unseres Lebens.« Aber alsich Mike im folgenden Herbst wiederbegegnete, wirkte er verunsichert. Er absolvierte sein erstes Studienjahr in Stanford, das mit dem Auto nur zwanzig Minuten von Cupertino entfernt ist, aber demografisch gesehen einer anderen Welt angehört. Wir trafen uns in einem Straßencafe, wo wir neben einer aus jungen Männern und Frauen bestehenden Gruppe von Sportlern saßen, die regelmäßig in Gelächter ausbrachen. Mit einem Nicken in Richtung Sportler, die alle Weifse waren, sagte er: »Weiße scheinen weniger Angst davor zu haben, dass andere das, was sie sagen, zu laut oder zu dumm finden könn- ten.« Mike war frustriert von der Oberflächlichkeit der Gespräche in der Mensa und von dem »dummen Gelaber«, aus dem die Beteiligung in den Erstsemester-Seminaren oft bestand. Er verbrachte seine Freizeit hauptsächlich mit anderen Asiaten, teilweise, weil sie »denselben Mangel an Lockerheit« hatten wie er. Die Nicht-Asiaten gaben ihm das Gefühl, er müsse »unter Strom stehen und begeistert sein, selbst wenn das gar nicht zu meinem wahren Selbst passt«. In meinem Studentenwohnheim gibt es unter fünfzig Stu293
Unsere Biologie, unser Selbst denten insgesamt vier Asiaten«, sagte er mir. »Ich fühle mich mit ihnen wohler. Es gibt einen Studenten, der Brian heißt und ziemlich still ist. Er hat eine asiatische Einstellung, eine Art Schüchternheit, und aus diesem Grunde fühle ich mich in seiner Nähe wohl. Ich habe das Gefühl, dass ich in seiner Gegenwart ich selbst sein kann. Ich muss nichts tun, um lässig zu wirken, während ich in einer’großen Gruppe von Leuten, die keine Asiaten oder die richtig laut sind, den Eindruck habe, ich müsste eine Rolle spielen.« Mike schien westliche Kommunikationsformen abschätzig zu beurteilen, aber er gab zu, sich manchmal zu wünschen, auch laut und ungehemmt zu sein. »Sie fühlen sich mit ihrer eigenen Mentalität wohler«, sagte er von seinen weißen Kommilitonen. Asiaten fühlen »sich nicht unwohl mit ihrer Identität, aber sie fühlen sich unwohl, wenn sie ihrer Identität Ausdruck verleihen sollen. In einer Gruppe herrscht immer der Druck, aus sich herauszugehen. Wenn sie dem nicht entsprechen, sieht man es ihnen an.« Mike erzählte mir, dass er an einer Veranstaltung für Erstsemester teilgenommen hatte: einer Schnitzeljagd in San Francisco, bei der die Studenten sich näher kennenlernen und über ihre gewöhnlichen Grenzen hinausgehen sollten. Mike landete als einziger Asiat in einer Gruppe von Übermütigen, von denen einige nackt über die Strafen San Franciscos liefen und sich während der Schnitzeljagd in einem Kaufhaus als Transvestiten ver- kleideten. Ein Mädchen zog sich in der Abteilung für Damenwäsche bis auf die Unterwäsche aus. Während Mike mir die Einzelheiten schilderte, dachte ich, er wolle damit zum Ausdruck bringen, dass seine Gruppe komplett überzogen habe. Aber er kritisierte nicht die anderen, sondern sich selbst. 294
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften »Wenn andere sich so verhalten, gibt es einen Augenblick, in dem es mir peinlich ist. Es zeigt mir meine eigenen Grenzen. Manchmal denke ich, dass sie besser sind als ich.« Von seinen Professoren erhielt Mike ähnliche Signale. Ein paar Wochen später lud seine Erstsemester-Tutorin - eine Professorin an der Medical School von Stanford - eine Gruppe von Studenten zu sich nach Hause ein. Mike hoffte, einen guten Eindruck zu machen, aber ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können. Die anderen Studenten schienen keine Probleme damit zu haben, herumzuscherzen und intelligente Fragen zu stellen. »Mike, du warst heute so mitteilsam«, neckte ihn die Professorin, als er sich schließlich verabschiedete. »Ich war ganz hingerissen.« Er ging mit einem schlechten Gefühl nach Hause. »Menschen, die nicht reden, werden für schwach oder mangelhaft gehalten«, schlussfolgerte er voller Reue. Selbstverständlich waren Mike solche Gefühle nicht völlig neu. Er hatte Andeutungen davon schon in der Highschool erlebt. Cupertino hat vielleicht seine eigene konfuzianische Ethik des Stillsein, Lernens und des Respekts vor Beziehungen, aber trotzdem ist die Stadt auch den Gepflogenheiten des Extravertiertenideals unterworfen. Im örtlichen Einkaufszentrum wechseln dreiste asiatisch-amerikanische Jugendliche mit Haarbüscheln, die spitz vom Kopf abstehen, witzige Bemerkungen mit Mädchen in Tanktops mit Spaghettiträgern, die die Augen verdrehen. An einem Samstagmorgen sitzen in der Bibliothek einige Teenager in den Ecken und lernen aufmerksam, während sich andere lautstark um einen Tisch gruppieren. Nur wenige der Ju- gendlichen mit asiatischen Wurzeln, mit denen ich in Cupertino gesprochen habe, wollten sich mit dem Begriff »introvertiert« identifizieren, obwohl sie sich effektiv so beschrieben. Während 295
Unsere Biologie, unser Selbst sie sich den Werten ihrer Eltern tief verpflichtet fühlten, schienen sie die Welt in »asiatische Traditionalisten« und »asiatische Superstars« aufzuteilen. Die Traditionalisten senken ihren Kopf und machen ihre Hausaufgaben. Die Superstars sind gut in der Schule, aber scherzen in der Klasse auch herum, fordern ihre Lehrer heraus und machen auf sich aufmerksam. Viele dieser Jugendlichen versuchen bewusst, mehr aus sich herauszugehen als ihre Eltern. Mike sagte mir: »Sie halten ihre Eltern für zu still und versuchen es zu überkompensieren, indem sie sich demonstrativ nach außen wenden.« Auch einige EItern haben begonnen, ihre Werte zu ändern: »Asiatische Eltern beginnen einzusehen, dass es sich nicht auszahlt, still zu sein, und deshalb ermuntern sie ihre Kinder, Kurse in Rhetorik und Debattierkunst zu belegen«, erklärt Mike. »Unser Rhetorik- und Debattierprogramm war das zweitgrößte in Kalifornien und sollte Jugendlichen die Gelegenheit bieten, laut und überzeugend zu sprechen.« Dennoch waren Mikes Selbstgefühl und Werte noch ziemlich intakt, als ich ihn zum ersten Mal in Cupertino traf. Er wusste, dass er nicht einer der asiatischen Superstars war - er schätzte sich auf einer Beliebtheitsskala von eins bis zehn bei vier ein -, aber er schien sich in seiner Haut wohlzufühlen. »Ich würde lieber mit Menschen zusammen sein, deren Persönlichkeit authentisch ist«, sagte er mir damals, »und das bringt mich eher mit stillen Menschen zusammen. Es ist schwierig, fröhlich zu sein, wenn ich gleichzeitig weise sein möchte.« Tatsächlich hatte Mike wahrscheinlich Glück, dass er den geschützten Raum von Cupertino so lange genießen durfte. Asiatisch-amerikanische Jugendliche, die in eher typisch amerikanischen Gemeinden aufwachsen, sind oft viel früher im Leben mit 296
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften den Problemen konfrontiert, denen Mike als Erstsemester in Stanford begegnete. Bei einer über fünf Jahre laufenden Vergleichsstudie von amerikanischen Jugendlichen europäischer Abstammung und solchen chinesischer Abstammung der zweiten Generation zeigte sich, dass die chinesischstämmigen Amerikaner in der Jugend signifikant introvertierter waren als ihre amerikanischen Gleichaltrigen - und den Preis mit ihrem Selbstwertgefühl zahlten.' Während sich introvertierte chinesischstämmige Zwölfjährige wohl in ihrer Haut fühlten, weil sie sich vermutlich immer noch am traditionellen Wertesystem ihrer Eltern mafßen, war ihre Selbstachtung im Alter von 17 Jahren - also in einer Phase, in der sie mehr dem amerikanischen Extravertiertenideal ausgesetzt waren, deutlich abgesunken. Jugendliche mit asiatischen Wurzeln zahlen den Preis des Andersseins mit Unbehagen in der Gesellschaft Gleichaltriger. Aber als Erwachsene zahlen sie den Preis unter Umständen in Form niedrigerer Gehälter. Der Journalist Nicholas Lemann interviewte einmal eine Gruppe von asiatischstämmigen Ameri- kanern für ein Buch über Leistungsdenken. »Ein Eindruck, der sich ständig aufdrängt«, schrieb er, »ist, dass die Belohnung für Leistung mit dem Tag des Schulabschlusses endet und dass die Asiaten danach anfangen zurückzufallen, weil sie nicht ganz die richtige kulturelle Einstellung haben, um vorwärtszukommen: Sie sind zu passiv und nicht kumpelhaft genug.«" Ich begegnete in Cupertino vielen Menschen in gehobenen Berufen, die mit diesem Problem zu kämpfen hatten. Eine gut situierte Hausfrau vertraute mir an, dass alle Ehemänner in ihrem Bekanntenkreis in letzter Zeit Jobs in China angenommen 29m
Unsere Biologie, unser Selbst hatten und jetzt zwischen Cupertino und Schanghai pendelten, nicht zuletzt weil ihr stilles Auftreten sie daran hinderte, an ihrem Wohnsitz Karriere zu machen. Die amerikanischen Firmen »glauben, dass diese Männer aufgrund ihrer Art, sich selbst zu präsentieren, nicht geschäftstüchtig sind«, sagte sie. »In der Geschäftswelt muss man viel unsinniges Zeug zusammenfügen und vortragen. Mein-Mann sagt immer nur das, was er zu sagen hat, und das war's. In großen Firmen ist fast keiner der Topmanager Asiat. Sie stellen jemanden ein, der fachlich keine Ahnung hat, aber möglicherweise gut reden kann.« Ein Software-Ingenieur berichtete mir, wie sehr er sich am Arbeitsplatz im Vergleich zu anderen Kollegen, »besonders Leuten europäischen Ursprungs, die sprechen, ohne zu denken«, zurückgesetzt fühlte. »In China«, sagte er, »gilt man als klug, wenn man ein stiller Mensch ist. Hier ist es komplett umgekehrt. Hier lieben es Leute daraufloszureden. Selbst wenn sie einen Gedanken haben, der noch nicht ausgereift ist, reden sie darauflos. Wenn ich bessere Kommunikationsfähigkeiten hätte, würde meine Arbeit stärker anerkannt. Mein Vorgesetzter schätzt mich zwar, aber er weifs nicht wirklich, was für gute Arbeit ich leiste.« Dann vertraute er mir an, dass er ein Training in Extraversion amerikanischen Stils bei Preston Ni, einem aus Taiwan stammenden Professor für Kommunikation, mitgemacht hatte. Im Foothill College vor den Toren von Cupertino hält Ni eintägige Seminare über »Kommunikationserfolg für im Ausland geborene Fachkräfte« ab. Das Seminar wird im Internet von der »Silicon Valley SpeakUp Association« angekündigt, einer örtlichen Gruppe, die es sich zum Ziel gesetzt hat, »im Ausland geborenen Fachkräften zu helfen, durch eine Verbesserung ihrer sozialer 298
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Kompetenz erfolgreich zu sein.« (»SAGEN SIE, WAS SIE DENKEN«, steht über der Homepage der Organisation. »ZUSAMMEN SIND WIR STARK BEI SILICONVALLEY SPEAKUP.«) Da ich neugierig war, was es aus asiatischer Sicht heißt, zu sagen, was man denkt, meldete ich mich für das Seminar an, und an einem Samstagmorgen ein paar Wochen später saß ich an einem Tisch in einem sehr modernen Seminarraum, während von draußen das Sonnenlicht der nordkalifornischen Berge durch die Fenster flutete. Es waren etwa 15 Teilnehmer da, viele aus - asiatischen Ländern, aber auch einige aus Osteuropa und Südamerika. Professor Ni, ein freundlich aussehender, etwas verlegen lächelnder Mann in einem Anzug westlichen Stils mit goldener Krawatte, auf der die chinesische Zeichnung eines Wasserfalls abgebildet war, begann das Seminar mit einem Überblick über die amerikanische Unternehmenskultur. In den USA, so lautete seine Ermahnung, brauche man Stil ebenso wie Substanz, um vorwärtszukommen. Es sei vielleicht unfair und nicht das beste Kriterium, um zu beurteilen, ob ein Mensch einen entscheidenden Beitrag leiste, »aber wenn Sie kein Charisma haben, können Sie die brillanteste Person auf der ganzen Welt sein, und Sie wer- den dennoch geringschätzig behandelt.« ein Das sei anders als in vielen anderen Kulturen, so Ni. Wenn sie ab, kommunistischer Führer in China eine Rede halte, lese er er der nicht etwa vom Teleprompter, sondern vom Blatt. »Wenn Führer ist, hat jeder zuzuhören.« SoftwareNi bat um Freiwillige und ließ Raj, einen indischen umsatzg fünfzi Ingenieur in den Zwanzigern, der bei einer der n. Raj trug stärksten Firmen angestellt war, nach vorne komme nhemd und das übliche Silicon-Valley-Outfit, ein lässiges Herre 299
Unsere Biologie, unser Selbst Chinos, aber seine Körpersprache war defensiv. Er verschränkte seine Arme schützend vor der Brust und schlurfte mit seinen Wanderschuhen über den Boden. Als wir am Anfang des Seminars im Raum umhergegangen waren und uns einander vorgestellt hatten, hatte er von seinem Platz in der letzten Reihe aus mit bebender Stimme gesagt, dass er lernen wollte, » mehr Konversation zu machen« und »offener zu sein«. Professor Ni bat Raj, der Gruppe mitzuteilen, was er mit dem restlichen Wochenende anfangen wolle. »Heute Abend bin ich mit einem Freund zum Essen verabredet«, antwortete Raj mit kaum hörbarer Stimme und fixierte den Professor, »und morgen gehe ich vielleicht wandern.« Professor Ni bat ihn, es noch einmal zu versuchen. »Heute Abend bin ich mit einem Freund zum Essen verabredet«, wiederholte Raj, »und murmel, murmel, murmel wandern.« »Mein Eindruck von Ihnen ist«, sagte Professor Ni freundlich zu Raj, »dass ich Ihnen viel Arbeit aufhalsen kann und Ihnen dabei nicht sonderlich viel Beachtung schenken muss. Denken Sie daran: In Silicon Valley können Sie der intelligenteste und fähigste Mensch sein, aber wenn Sie sich abgesehen von Ihrer Arbeit nicht ausdrücken können, wird man Sie unterschätzen. Viele im Ausland geborene Fachkräfte erleben das. Dann sind Sie ein besserer Hilfsarbeiter statt eine Führungspersönlichkeit.« Die Teilnehmer nickten mitfühlend. » Aber es gibt für Sie eine Möglichkeit, Sie selbst zu sein«, fuhr Ni fort, »und durch Ihre Stimme mehr von sich zu zeigen. Viele Asiaten verwenden nur eine begrenzte Anzahl von Muskeln beim Sprechen. Also beginnen wir mit dem Atmen.« Damit bat er Raj, sich auf den Fußboden zu legen und die fünf Grundvokale im Englischen auszusprechen. »A...E...U...O...1...«, 300
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften intonierte Raj, während seine Stimme von unten zu uns drang. ANEAUNOSTFANESUKORT3% Schließlich ließ Professor Ni den jungen Inder wieder aufstehen. »Nun, was für interessante Sachen haben Sie nach dem Seminar vor?«, fragte er und klatschte ermunternd in die Hände. »Heute Abend bin ich bei einem Freund zum Abendessen eingeladen, und morgen gehe ich mit einem anderen Freund wandern!« Rajs Stimme klang nur unwesentlich lauter als vorher, doch das Seminar applaudierte herzlich. Der Professor selbst ist ein typisches Beispiel für das, was passieren kann, wenn man an sich arbeitet. Nach dem Seminar besuchte ich ihn in seinem Büro, und er erzählte mir, wie schüchtern er in seiner ersten Zeitin Amerika gewesen war - und dass er sich Situationen wie einem Sommercamp und der Business School aussetzte, in denen er üben konnte, sich extravertiert zu verhalten, bis es ihm leichter fiel. Heutzutage hat er eine erfolgreiche Beratungspraxis mit Kunden, zu denen Yahoo!, Chevron und Microsoft zählen, und lehrt genau die Fertigkeiten, die er sich selber mit viel Mühe erworben hat. Aber dann begannen wir über die asiatische Vorstellung von »sanfter Macht« zu sprechen - was Ni »Führen mittels Wasser statt Feuer« nennt -, und ich lernte eine andere Seite von ihm kennen, die weniger beeindruckt vom westlichen Kommunikationsstil war. »In asiatischen Kulturen«, sagte Ni, »gibt es oft eine subtile Weise, sich das zu holen, was man will. Sie ist nicht immer aggressiv, aber sie kann sehr entschlossen und sehr geschickt sein. Am Ende wird dadurch viel erreicht. Mit aggressi ver Macht teilt man Schläge aus, mit sanfter Macht gewinnt man andere für sich.« 301
Unsere Biologie, unser Selbst Ich bat den Professor um praktische Beispiele für die Macht der Sanftmut, und seine Augen leuchteten, als er mir von Klienten berichtete, deren Stärke in ihren Ideen und ihrer Überzeugung lag. Viele dieser Menschen organisierten Mitarbeitergruppen - Frauengruppen, Gruppen zu bestimmten Themen - und hatten es geschafft, Menschen durch Überzeugung statt durch dynamisches Auftreten für ihre Sache zu gewinnen. Er sprach auch über Gruppen wie »Mütter gegen Fahren unter Alkoholeinfluss« - Menschen, die nicht durch die Macht ihres Charismas, sondern kraft ihrer Fürsorge das Leben anderer ändern. Ihre Kommunikationsfähigkeit reicht aus, um ihre Botschaft zu vermitteln, ihre wirkliche Kraft jedoch kommt aus ihrer Substanz. »Auf lange Sicht«, meinte Ni, »ändern sich die Menschen, wenn die Idee gut ist. Wenn die Sache gerecht ist und Sie Ihr Herz hineinlegen, ist es fast ein universales Gesetz, dass Sie Mitstreiter für Ihre Sache gewinnen werden. Die Macht der Sanftmut liegt in der stillen Beharrlichkeit. Die Menschen, an die ich denke, sind sehr beharrlich in ihren persönlichen Interaktionen im Alltag. Irgendwann haben sie ein Team beieinander.« Die Macht der Sanftmut haben Ni zufolge Menschen in der Geschichte praktiziert, die wir bewundern und verehren, Menschen wie Mutter Teresa, Buddha oder Gandhi. Ich war erstaunt, als Ni Gandhi erwähnte. Ich hatte fast alle Highschool-Schüler, die ich in Cupertino kennengelernt hatte, gebeten, mir eine grofSe Persönlichkeit zu nennen, die sie bewunderten, und viele hatten Gandhi genannt. Was inspirierte sie so an ihm? Gandhi war, wenn man seiner Autobiografie folgt, ein von Natur aus scheuer und stiller Mensch." Als Kind hatte er vor allem und jedem Angst: vor Dieben, Geistern, Schlangen, der Dunkelheit 302
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften und insbesondere vor anderen Menschen. Er vergrub sich in seine Bücher und lief nach Schulschluss sofort nach Hause, weil er mit niemandem reden wollte. Selbst nachdem man ihn als jungen Mann in den Vorstand der Vegetarischen Gesellschaft gewählt hatte - seine erste Führungsposition -, ging er zu jeder Versammlung, war aber zu schüchtern, sich zu äußern. »Mit mir sprechen Sie ganz normal«, sagte eines der Mitglieder zu ihm verwirrt. »Wie kommt es, dass Sie bei den Vorstandssitzungen nie den Mund aufmachen? Sie sind ein Drückeberger.« Als es im Vorstand eine politische Auseinandersetzung gab, hatte Gandhi zwar einen festen Standpunkt dazu, traute sich aber nicht, ihn zu äußern. Er schrieb seine Gedanken nieder und hatte vor, sie bei der Versammlung laut vorzulesen. Aber am Ende war er sogar dazu zu feige. Gandhi lernte mit der Zeit, seine Schüchternheit in den Griff zu bekommen, aber er überwand sie nie wirklich. Er konnte nicht aus dem Stegreif sprechen. Wenn es sich einrichten ließ, vermied er es, Reden zu halten. Selbst in seinen späteren Jahren schrieb er: »Ich glaube nicht, dass ich je dazu neigen könnte oder würde, an einem Treffen von Freunden teilzunehmen, die sich nur unterhalten.« Aber mit seiner Schüchternheit ging eine ihm ganz eigene Stärke einher - eine Art Selbstbeherrschung, die man am besten anhand von kaum bekannten Episoden in Gandhis Biografie il- lustrieren kann. Als junger Mann beschloss er, nach England zu gehen, um gegen den Willen der führenden Männer in seiner Unterkaste der Modhi Bania Jura zu studieren. Kastenangehörigen war es verboten, Fleisch zu essen, und die Anführer glaubten, es sei unmöglich, in England Vegetarier zu sein. Doch Gandhi hatte sei303
Unsere Biologie, unser Selbst ner geliebten Mutter bereits gelobt, sich des Fleischgenusses zu enthalten, sodass er keine Gefahr in der Reise sah. Das teilte er dem Sheth, dem Anführer der Gemeinschaft, mit. »Willst du dich über die Anordnungen der Kaste hinwegsetzen?«, fragte der Sheth. »Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll«, antwortete Gandhi. »Ich denke, die Kaste sollte sich nicht in die Sache einmischen.« Er wurde auf der Stelle aus der Kaste ausgeschlossen - ein Urteil, das bestehen blieb, selbst als er mehrere Jahre später aus England zurückkehrte mit der Verheißung auf Erfolg, die einen jungen, Englisch sprechenden Anwalt umgab. Die Gemeinschaft war in der Frage, wie man ihn behandeln sollte, gespalten. Das eine Lager hieß ihn willkommen, das andere lehnte ihn ab. Das bedeutete, dass Gandhi nicht einmal im Hause anderer Kastenangehörigen essen oder trinken durfte - auch nicht bei seiner eigenen Schwester, seiner Mutter und seinem Schwiegervater. Ein anderer Mann, so wusste Gandhi, hätte Einspruch eingelegt und die Wiederaufnahme in die Kaste gefordert. Aber Gandhi erschien das nicht sinnvoll. Er wusste, dass Streit nur Vergeltung nach sich ziehen würde. Stattdessen befolgte er die Wünsche des Sheths und hielt sich sogar von seiner eigenen Familie fern. Seine Schwester und seine Schwiegereltern waren bereit, ihn insgeheim bei sich zu Hause zu empfangen, doch er lehnte es ab. Und was war das Ergebnis dieser bereitwilligen Kooperation? Die Unterkaste hörte nicht nur auf, ihm Scherereien zu machen, sondern ihre Mitglieder - auch die, die ihn hinausgeworfen hatten - unterstützten ihn später bei seiner politischen Arbeit, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Sie behandelten ihn 304
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften freundlich und großzügig, »Es ist meine Überzeugung«, schrieb Gandhi später, »dass all diese guten Entwicklungen auf meine Widerstandslosigkeit zurückzuführen sind. Hätte ich agitiert, um wieder in die Kaste aufgenommen zu werden, hätte ich versucht, sie in noch weitere Lager zu spalten oder die Männer in der Kaste zu provozieren, dann hätten sie sich mit Sicherheit gerächt, und statt dem Sturm zu entgehen, wäre ich bei meiner Rückkehr aus England in einen Strudel der Unruhe geraten.« Dieses Muster - zu akzeptieren, was ein anderer von ihm forderte - wiederholte sich in Gandhis Leben immer wieder. Als junger Anwalt in Südafrika bat er um Aufnahme in die örtliche Anwaltsvereinigung. Die Juristische Gesellschaft wollte keine indischen Mitglieder und versuchte, seine Zulassung zu verhindern, indem sie die Originalausfertigung eines Zeugnisses verlangte, das am Obersten Gerichtshof in Bombay lag und daher für ihn unzugänglich war. Gandhi war aufgebracht. Er wusste sehr wohl, dass das wahre Motiv der Gesellschaft Diskriminierung war. Aber er zeigte seine Gefühle nicht nach außen. Vielmehr verhandelte er geduldig, bis die Juristische Gesellschaft sich darauf einließ, eine eidesstattliche Erklärung von einem örtlichen Würdenträger anstelle des Originals zu akzeptieren. An dem Tag, als er den Amtseid ablegen wollte, ordnete der Präsident des Obersten Gerichtshofs an, dass er seinen Turban abnehmen müsse. Gandhi kam an seine Grenzen. Ihm war klar, dass Widerstand berechtigt war, aber er wollte sich seine Kräfte für andere Kämpfe aufsparen, also nahm er seinen Turban ab. Seine Freunde waren außer sich. Sie sagten, er seischwach und hätte für seine Überzeugungen eintreten sollen. Aber Gandhi wusste, dass er gelernt hatte, »die Schönheit des Kompromisses anzuerkennen«. 305
Unsere Biologie, unser Selbst Würden wir diese Geschichten hören, ohne dass Gandhis Name und seine späteren Errungenschaften erwähnt würden, würden wir ihn möglicherweise für einen zutiefst passiven Menschen halten. Im Westen gilt Passivität als Vergehen. »Passiv« bedeutet nach einer Definition des Merriam-Webster-Wörterbuchs, »dass eine äußere Kraft auf jemanden einwirkt«. Es bedeutet auch, »unterwürfig« zu sein. Gandhi selbst lehnte den Begriff»passiver Widerstand«. letztlich ab, weil er ihn mit Schwäche in Verbindung brachte, und zog Satyagraha vor, einen von ihm geprägten Begriff, der »Festigkeit im Verfolgen der Wahr- heit« bedeutet. Wie das Wort Satyagraha impliziert, war Gandhis Passivität keine Schwäche, sondern die Konzentration aufein höheres Ziel und die Weigerung, Energie auf unnötige Scharmützel auf dem Weg zu verschwenden. Selbstbeherrschung, glaubte Gandhi, sei einer seiner größten Vorzüge, und sie hatte sich aus seiner Schüchternheit entwickelt. Er schrieb: Ich habe mir ganz von selbst angewöhnt, meine Gedanken zu beherrschen. Es ist kaum vorgekommen, dass meinem Mund oder meinem Stift je ein unbedachtes Wort entschlüpft ist. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Schweigen Teil der spirituellen Disziplin eines Anhängers der Wahrheit ist. Es gibt so viele Menschen, die darauf brennen zu sprechen. All dieses Gerede ist der Welt kaum von Nutzen. Es ist reine Zeitverschwendung. Meine Schüchternheit war in Wirklichkeit mein Schutz und Schild. Sie hat mir erlaubt zu wachsen. Sie hat mir geholfen, die Wahrheit zu erkennen. 306
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Die Macht der Sanftmut ist nicht auf moralische Belange wie bei Mahatma Gandhi beschränkt. Bedenken Sie beispielsweise das großse Aufsehen, das die Stärke von Asiaten in Bereichen wie Mathematik und Naturwissenschaften erregt. Professor Ni definiert sanfte Macht als »stille Beharrlichkeit«, und dieses Wesensmerkmal liegt akademischen Spitzenleistungen genauso eindeutig zugrunde wie Gandhis politischen Triumphen. Stille Beharrlichkeit erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit - die Beherrschung der eigenen Reaktionen auf äußere Reize. Der TIMMS-Test ist ein standardisierter Test in Mathematik und Naturwissenschaften, der seit 1995 alle vier Jahre an Kinder in der ganzen Welt verteilt wird.'” Nach jedem Test nehmen Wissenschaftler eine multidimensionale Analyse der Daten vor und vergleichen das Abschneiden der Schüler aus verschiedenen Ländern. Schüler aus asiatischen Ländern wie Korea, Singapur, Japan und Taiwan stehen ständig an der Spitze. 1995 beispielsweise, dem ersten Jahr, in dem der TIMMS-Test durchgeführt wurde, erzielten Korea, Singapur und Japan im Durchschnitt die höchsten Mathematikpunkte in der Mittelstufe weltweit und waren in den Naturwissenschaften unter den ersten vier. Als die Wissenschaftler 2007 mafßen, wie viele Schüler in einem bestimmten Land den » Advanced International Benchmark« - eine Art Hochleistungsstatus für Matheschüler erreichten -, stellten sie fest, dass die meisten Spitzenschüler sich auf nur wenige asiatische Länder konzentrierten. Etwa 40 Prozent der Viertklässler in Singapur und Hongkong erreichten oder übertrafen den Richtwert, und etwa 40 bis 45 Prozent der Achtklässler in Taiwan, Korea und Singapur schafften ihn. Weltweit lag der mittlere Prozentsatz von Schülern, die diesen Richtwert erreichten, nur bei 5 Prozent in der vierten und 2 Prozent in der achten Klasse. 307
Unsere Biologie, unser Selbst Wie lässt sich diese sensationelle Leistungsdifferenz zwischen Asien und der übrigen Welt erklären? Beim TIMMS-Test gibt es eine interessante Begleiterscheinung. Wenn man den Schülern den Test aushändigt, werden sie auch gebeten, einen lästigen Fragenkatalog auszufüllen, angefangen damit, wie sehr sie Naturwissenschaften mögen, bis hin dazu, ob es bei ihnen zu Hause genügend Bücher gibt, um drei oder mehr Bücherregale zu füllen. Das Beantworten des Fragebogens nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, und da er für die Endnote nicht zählt, lassen viele Schüler eine Reihe von Fragen aus. Man muss sehr beharrlich sein, um jede zu beantworten. Aber wie eine von dem Pädagogikprofessor Erling Boe durchgeführte Untersuchung ergeben hat, sind die Länder, in denen die Schüler den Fragebogen sorgfältiger ausfüllen, meist auch die Länder, die bei dem Mathematikteil des TIMMS-Tests gut abschneiden. Ausgezeichnete Schüler scheinen mit anderen Worten nicht nur die kognitive Fähigkeit zu besitzen, mathematische und naturwissenschaftliche Aufgaben zu lösen, sondern haben auch ein nützliches Persönlichkeitsmerkmal: stille Beharrlichkeit. Andere Studien haben einen ungewöhnlich hohen Grad an Beharrlichkeit selbst bei sehr jungen asiatischen Kindern gemessen. Die interkulturelle Psychologin Priscilla Blinco beispielsweise gab japanischen und amerikanischen Erstklässlern ein kompliziertes und letztlich unlösbares Puzzle, das sie ganz allein ohne die Hilfe anderer Kinder oder eines Lehrers lösen sollten, und verglich, wie lange sie herumprobierten, bevor sie aufgaben.'' Die japanischen Kinder verbrachten durchschnittlich 13,93 Minuten mit dem Puzzle, bevor sie die Segel strichen, während die amerikanischen Kinder schon nach 9,47 Minuten aufgaben. Weniger als 27 Prozent der amerikanischen Schüler 308
Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften hielten so lange durch wie das durchschnittliche japanische Kind - und nur zehn Prozent der japanischen Kinder gaben so rasch auf wie das durchschnittliche amerikanische Kind. Blinco führt diese Ergebnisse auf die japanische Eigenschaft der Beharrlichkeit zurück. Die stille Beharrlichkeit, wie sie viele Asiaten und asiatischstämmige Amerikaner besitzen, ist nicht auf das Gebiet der Mathematik und Naturwissenschaften beschränkt. Mehrere Jahre nach meiner ersten Reise nach Cupertino nahm ich noch einmal mit Tiffany Liao Kontakt auf, der Highschool-Schülerin, die von ihren Eltern als Kind gelobt wurde, weil sie - selbst in Gesellschaft - gern las. Bei unserer ersten Begegnung war Tiffany eine 17-Jährige mit einem Babygesicht, die im Begriff stand, das College-Studium anzutreten. Sie freute sich darauf, an die Ostküste zu gehen und andere Menschen kennenzulernen, aber hatte auch Angst davor, an einem Ort zu leben, wo niemand sonst Perlentee - ein beliebtes Getränk aus Taiwan - trinken würde. Mittlerweile stand Tiffany vor ihrem Collegeabschluss und wirkte erfahren und mondän. Sie hatte ein Jahr an einer spanischen Hochschule studiert. Die Grußformel am Ende ihrer Mitteilungen hatte einen europäischen Touch: »Abrazos, Tiffany.« Auf ihrem Foto bei Facebook war das kindliche Aussehen verschwunden und durch ein Lächeln ersetzt, das immer noch sanft und freundlich, aber auch lebensklug war. Tiffany war auf dem besten Weg, sich ihren Traum, Journalistin zu werden, zu erfüllen, nachdem sie gerade zur Chefredakteurin der Hochschulzeitung gewählt worden war. Sie beschrieb sich immer noch als schüchtern - sie berichtete, dass sie rot wurde, wenn sie zum ersten Mal vor anderen sprach oder den 309
Unsere Biologie, unser Selbst Telefonhörer abhob, um einen Fremden anzurufen -, aber es fiel ihr inzwischen sehr viel leichter, sich zu äußern. Sie glaubte auch, dass ihre »stillen Wesenszüge«, wie sie sie nannte, ihr geholfen hatten, Chefredakteurin zu werden. Für sie bedeutete sanfte Macht, aufmerksam zuzuhören, sich gründliche Notizen zu machen und sich umfassend über ihre Interviewpartner zu informieren, bevor sie mit ihnen persönlich zusammentraf. »Dieser Prozess hat zu meinem Erfolg als Journalistin beigetragen«, schrieb sie mir. Tiffany hatte gelernt, die Macht der Stille zu akzeptieren. Als ich Mike Wei, dem Studenten an der Standford University, der sich wünschte, so ungehemmt wie seine Kommilitonen zu sein, zum ersten Mal begegnete, sagte er mir, es gäbe keine stillen Menschen in Führungspositionen. »Wie kann man Menschen vermitteln, dass man von etwas überzeugt ist, wenn man sich nicht äußert?«, fragte er. Ich versicherte ihm, dass das ein Irrtum sei, aber paradoxerweise war Mike so fest von der Unfähigkeit stiller Menschen überzeugt, anderen ihre Überzeugung zu vermitteln, dass ich mich fragte, ob er vielleicht doch ein wenig recht hatte. Das war, bevor ich Professor Ni über die asiatische Macht der Sanftmut sprechen hörte, bevor ich bei Gandhi über Satyagraha las und bevor ich mir Tiffanys strahlende Zukunft als Journalis- tin vorstellte. Überzeugung ist Überzeugung, haben mich die Jugendlichen aus Cupertino gelehrt, ganz gleich mit welcher Lautstärke sie zum Ausdruck gebracht wird.
EA LT Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte
RADIAL, $ Introvertiert in einer extravertierten Welt Wann man sich anpassen sollte und wann nicht Ein Mensch hat so viele gesellschaftliche Selbste, wie es verschiedene Personengruppen gibt, deren Meinung ihm wichtigist. Gewöhnlich zeigt er jeder dieser verschiedenen Gruppen eine andere Seite von sich. William James Professor Brian Little, ehemaliger Psychologiedozent in Harvard und Preisträger der 3M Teaching Fellowship - manchmal auch als Nobelpreis der Hochschullehre bezeichnet -, ist Brillenträger, von kleiner und stämmiger Statur und liebenswürdigem Wesen. Er hat einen dröhnenden Bariton und die Gewohnheit, am Rednerpult herumzuwirbeln und in einen Singsang zu verfallen, während er nach Art eines Schauspielers alter Schule die Konsonanten betont und die Vokale dehnt. Man hat ihn als »Kreuzung aus Robin Williams und Albert Einstein« beschrieben, und wenn er einen Witz macht, der seinen Zuhörern gefällt, was oft der Fall ist, dann sieht er noch erfreuter aus als sie. Seine Seminare in Harvard waren immer überbelegt und endeten häufig mit stehenden Ovationen. Im Gegensatz dazu scheint der Mann, den ich jetzt beschreiben werde, aus ganz anderem Holz geschnitzt zu sein: Er lebt mit seiner Frau in einem versteckt gelegenen Haus auf einem Grundstück von fast einem Hektar in den abgelegenen kana312
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht dischen Wäldern. Er bekommt gelegentlich Besuch von seinen Kindern und Enkelkindern, aber bleibt ansonsten für sich. Er komponiert in seiner Freizeit Musik, liest und verfasst Artikel und Bücher und schreibt Freunden lange E-Mails, die er »E-pistel« nennt. Wenn er geselligen Umgang pflegt, zieht er Zweierbegegnungen vor. Bei Partys tut er sich, so schnell er kann, mit jemandem zu einem ruhigen Gespräch zusammen oder entschuldigt sich damit, dass er »frische Luft schnappen« muss. Wenn er gezwungen ist, zu viel Zeit unterwegs oder in konfliktträchtigen Situationen zu verbringen, kann er krank werden. Wären Sie überrascht zu erfahren, dass der Professor mit dem komödiantischen Talent und dieser Eremit, der ein Leben des Geistes führt, ein und dieselbe Person sind? Vielleicht nicht, wenn Sie bedenken, dass wir uns alle je nach Situation verschieden verhalten. Aber wenn wir zu solcher Flexibilität in unserem Verhalten imstande sind, ist es dann überhaupt sinnvoll, die Unterschiede zwischen Introvertierten und Extravertierten herauszuarbeiten? Ist die Vorstellung von Intro- und Extraversion selbst vielleicht eine zu platte Dichotomie: der Introvertierte ein weiser Philosoph, der Extravertierte ein furchtloser Anführer, der Introvertierte ein Poet oder Spitzenwissenschaftler, der Extravertierte ein Enthusiast oder Anführer einer Clique? Haben wir nicht alle ein bisschen von beidem? Psychologen nennen das die »Person-Situation-Kontroverse«: Gibt es tatsächlich feste Persönlichkeitsmerkmale oder verändern sie sich je nach der Situation, in der ein Mensch sich befindet? Wenn Sie mit Professor Little sprechen, wird er Ihnen sagen, dass er trotz seiner öffentlichen Persona und seiner Auszeichnung als Hochschullehrer in Wirklichkeit ein waschechter, total melancholischer Introvertierter ist, nicht nur vom Verhal313
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte ten, sondern auch von seiner Neurophysiologie her (bei dem in Kapitel 5 beschriebenen Zitronensafttest hatte er sofort Speichelfluss). Allem Anschein nach stellt er sich damit voll und ganz auf die »Person«-Seite der Kontroverse: Little glaubt, dass es feste Persönlichkeitsmerkmale gibt, die unser Leben tief beeinflussen, auf physiologischen Abläufen basieren und das ganze Leben über relativ stabil bleiben. Menschen mit dieser Ansicht haben große Fürsprecher: Dasselbe glaubten schon Hippokrates, Milton, Schopenhauer, Jung und in jüngster Zeit auch die Vertreter der funktionellen Magnetresonanztomografie und der Hautwiderstandstests. Auf der anderen Seite der Kontroverse steht eine Gruppe von Psychologen, die als Situationisten bezeichnet werden. Der Situationismus besagt, dass verallgemeinernde Aussagen über Menschen, darunter auch die Adjektive, mit denen wir uns gegenseitig charakterisieren - schüchtern, aggressiv, gewissenhaft, angenehm -, irreführend sind. Ihnen zufolge gibt es kein festes Selbst, sondern nur die verschiedenen Selbste in Situation X, Y und Z. Die Ansicht der Situationisten erlangte 1968 Bedeutung, als der Psychologe Walter Mischel das Buch Personality and Assessment publizierte, in dem er den Gedanken von feststehenden Persönlichkeitsmerkmalen infrage stellte." Mischel argumentierte, dass Situationsfaktoren das Verhalten von Menschen wie Brian Little sehr viel besser vorhersagen würden als angebliche Persönlichkeitsmerkmale. In den folgenden Jahrzehnten setzte sich der Situationismus durch. Die postmoderne Sicht des Selbst, die sich damals, beeinflusst von Theoretikern wie Erving Goffman, Autor von Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag, herausschälte, ging von dem Gedanken aus, dass das soziale Leben eine Thea314
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht teraufführung ist und die sozialen Masken unser wahres Selbst sind.” Viele Wissenschaftler zogen in Zweifel, ob es überhaupt bestimmte Persönlichkeitsmerkmale in einem bedeutsamen Sinn gibt. Persönlichkeitspsychologen mussten um eine Anstellung bangen. Aber so wie die Veranlagung-oder-Sozialisation-Debatte durch den Interaktionismus abgelöst wurde - die Einsicht, dass beide Faktoren zu unserer Identität beitragen und sich gegenseitig beeinflussen -, so haben auch viele Psychologen in jüngster Zeit die Person-Situation-Kontroverse durch ein differenzierteres Verständnis ersetzt. Sie erkennen an, dass uns um sechs Uhr abends nach Geselligkeit zumute sein kann und abends um zehn Uhr nach Einsamkeit und dass solche Fluktuationen plausibel und situationsbedingt sind. Aber sie betonen auch, dass eine Vielzahl von Belegen aufgetaucht sind, die die Prämisse stützen, dass es trotz dieser Schwankungen tatsächlich so etwas wie eine feste Persönlichkeit gibt. Heutzutage gibt selbst Mischel zu, dass Persönlichkeitsmerkmale existieren, auch wenn er glaubt, dass sie meist in bestimmten Mustern auftreten: Einige Menschen sind beispielsweise aggressiv gegenüber Gleichrangigen oder Untergebenen und gefügig gegenüber Autoritäten, andere haben das genau gegenteilige Verhalten. »Ablehnungssensible« Menschen sind warm und liebevoll, wenn sie sich sicher fühlen, aber feindselig und kontrollierend, sobald sie sich zurückgewiesen fühlen. Doch dieser komfortable Kompromiss lässt eine wichtige Frage in der Persönlichkeitstheorie offen: die Rolle des freien Willens. Wenn unser Verhalten tatsächlich Schwankungen unterworfen ist, können wir dann kontrollieren, welches Gesicht wir der Welt in einem bestimmten Augenblick zeigen? Wir wissen 315
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte aus Carl Schwartz’ Arbeit (dargestellt in Kapitel 5), dass es physiologische Grenzen für unsere Identität und unser Verhalten gibt. Sollten wir versuchen, unser Verhalten innerhalb des uns zur Verfügung stehenden Rahmens zu manipulieren, oder sollten wir einfach uns selbst treu sein? Sollten Sie sich beispielsweise als Introvertierter in der Geschäftswelt Ihr wahres Selbst für ruhige Wochenenden aufheben und während der Woche möglichst versuchen, »nach außen zu gehen, sich unter Menschen zu mischen, öfter zu sprechen, mit Ihrem Team und anderen in Kontakt zu treten und Ihre ganze Energie und Persönlichkeit dafür einzusetzen«, wie der Manager Jack Welch in einer Internet-Kolumne der Business Week empfahl? Sollten Sie sich als extravertierter Student Ihr wahres Selbst für ausgelassene Wochenenden aufsparen und während der Woche konzentriert studieren? Können Menschen ihre Persönlichkeit so genau einstellen? Die einzige gute Antwort auf diese Fragen, die ich kenne, stammt von Professor Brian Little. Am Morgen des 12. Oktober 1979 besuchte Little das Royal Military College Saint Jean am Richelieu River vierzig Kilometer südlich von Montreal, um vor einer Gruppe von leitenden Offizieren zu sprechen. Wie man es von einem Introvertierten erwarten würde, bereitete er sich gründlich auf die Rede vor und probte nicht nur seine Ausführungen, sondern achtete auch darauf, dass er die neueste Forschung zitieren konnte. Während er seinen Vortrag hielt, war er, wie er es nennt, im klassischen Introvertierten-Modus und achtete ständig auf Missfallenssignale vom Publikum, um notwendige Korrekturen vornehmen zu können - einen statistischen Beleg hier, eine kleine humorvolle Einlage dort. 316
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht Der Vortrag war ein Erfolg - so'sehr, dass er eingeladen wurde, jedes Jahr wieder einen zu halten. Aber die nächste Einladung, die das College aussprach, entsetzte ihn: Er sollte anschließend mit der obersten Garde zu Mittag essen. Little musste am Nachmittag noch einen weiteren Vortrag halten, und er wusste, dass anderthalb Stunden Small Talk ihn fertigmachen würden. Rasch nach einer Ausrede suchend, erklärte er, dass er eine Leidenschaft für Schiffsbau habe, und bat seine Gastgeber, ob er stattdessen die Gelegenheit seines College-Besuchs nutzen dürfe, um die vorbeifahrenden Schiffe auf dem Richelieu River zu bewundern. Dann brachte er seine Mittagspause damit zu, mit anerkennender Miene am Flussufer spazieren zu gehen - und sich für seine Rede am Nachmittag zu regenerieren. Jahrelang hielt Little Vorträge am College, und jahrelang ging er in der Mittagspause am Ufer des Richelieu River spazieren und pflegte sein angebliches Hobby - bis zu dem Tag, als das College auf ein neues Gelände fern vom Fluss umzog. Seines Vorwandes beraubt, griff Professor Little zu dem einzigen Rettungsanker, der ihm einfiel - der Herrentoilette. Nach jeder Vorlesung lief er in Windeseile auf die Toilette und verschwand in einer der Kabinen. Einmal erkannte ein Offizier Littles Schuhe unter der Tür und begann ein freundliches Gespräch. Also gewöhnte sich Little an, seine Füße an der Wand abzustützen, damit sie von außen nicht zu sehen waren. Zuflucht zu Toiletten zu nehmen ist ein überraschend verbreitetes Phänomen, wie Sie vermutlich wissen, wenn Sie zu den Introvertierten gehören. »Nach einem Vortrag bin ich in Toilettenkabine Nr. 9«, sagte Little einmal zu einem von Kanadas bekanntesten TalkshowModeratoren. »Und ich bin nach einer Talkshow in Kabine Nr. 8«, erwiderte der Moderator, wie aus der Pistole geschossen. 317
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Sie fragen sich vielleicht, wie ein stark introvertierter Mensch wie Professor Little es schafft, so effizient Reden zu halten. Wie er sagt, ist die Antwort einfach und in einer neuen psychologischen Theorie zu finden, die er fast im Alleingang entwickelt hat, der sogenannten Free-Trait-Theorie. Little glaubt, dass feste und freie Persönlichkeitsmerkmale koexistieren. Nach der FreeTrait-Theorie werden wir mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen - der Introversion beispielsweise - geboren und kulturell ausgestattet, aber wir können im Dienste von »wichtigen persönlichen Anliegen« wider unsere Natur handeln und tun es auch. Introvertierte sind mit anderen Worten imstande, sich im Dienste einer für sie wichtigen Sache, für Menschen, die sie lieben, oder für irgendetwas, was sie hoch schätzen, wie Extravertierte zu verhalten. Die Free-Trait-Theorie erklärt, warum ein Introvertierter für seine extravertierte Frau eine Überraschungs- party organisiert oder sich an der Schule seiner Tochter in der Elternarbeit engagiert. Sie erklärt, wie es möglich ist, dass ein extravertierter Wissenschaftler sich in seinem Labor reserviert verhält, ein liebenswürdiger Mensch bei Geschäftsverhandlungen die Ellenbogen gebraucht und ein streitsüchtiger Onkel seine Nichte rücksichtsvoll behandelt, wenn er sie zum Eisessen einlädt. Wie diese Beispiele zeigen, ist die Free-Trait-Theorie auf viele verschiedene Umstände anwendbar, aber sie ist besonders relevant für Introvertierte, die unter dem Extravertiertenideal leben. Nach Little steigt unsere Lebensqualität gewaltig an, wenn wir ein uns wichtiges persönliches Anliegen verfolgen, das wir für sinnvoll, umsetzbar und nicht übermäßig belastend halten und das von anderen unterstützt wird. Wenn jemand uns fragt: 318
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht »Wie geht's?«, geben wir vielleicht eine nichtssagende Auskunft, aber unsere wahre Reaktion hängt davon ab, wie gut es um unsere zentralen Anliegen steht. Deshalb hält Professor Little, dieser vollendete Introvertierte, mit solcher Leidenschaft Vorlesungen. Wie ein moderner Sokrates liebt er seine Studenten zutiefst. Ihren Horizont zu erweitern und sich um ihr Wohlbefinden zu kümmern sind zwei seiner zentralen Anliegen. Als Little Sprechstunden in Harvard hielt, standen die Studenten im Flur Schlange, als hätte er Freikarten für ein Rockkonzert zu vergeben. Seit mehr als zwanzig Jahren bitten ihn seine Studenten, mehrere hundert Empfehlungsschreiben pro Jahr zu verfassen. »Brian Little ist der einnehmendste, unterhaltsamste und fürsorglichste Professor, der mir je begegnet ist«, schrieb ein Student über ihn. »Ich kann nicht einmal ansatzweise schildern, auf wie unendlich viele Weisen er mein Leben positiv beeinflusst hat.« Für Brian Little ist also die zusätzliche Anstrengung, die es ihn kostet, über seine natürlichen Grenzen hinauszugehen, dadurch gerechtfertigt, dass er sieht, wie sein zentrales persönliches Anliegen - den Funken des Interesses im Geist seiner Studenten zu entzünden - Früchte trägt. Auf den ersten Blick scheint die Free-Trait-Theorie einem Grundgedanken unseres kulturellen Erbes zuwiderzulaufen, der uns heilig ist. Shakespeares oft zitierter Rat: »Dies vor allem: Sei dir selber treu« steckt tiefin unserer philosophischen DNA. Viele Menschen fühlen sich unwohl bei der Vorstellung, sich eine »falsche« Persona zuzulegen, und sei es auch nur für kurze Zeit. Und wenn wir unserem Naturell zuwiderhandeln, indem wir uns einreden, dass unser Pseudoselbst wirklich ist, fühlen wir uns am Ende vielleicht ausgebrannt, ohne überhaupt zu wissen, 319
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte warum. Das Geniale an Littles Theorie ist, wie elegant sie dieses Unbehagen löst: Ja, wir tun nur so, als seien wir Extravertierte, und ja, ein solch unechtes Verhalten kann moralisch zweischneidig (wenn nicht gar aufreibend) sein. Aber wenn es im Dienste der Liebe oder einer Berufung steht, dann tun wir genau das, was Shakespeare uns riet. Wenn Menschen gut darin sind, mit freien Persönlichkeitsmerkmalen zu jonglieren, kann man manchmal kaum glauben, dass sie gegen ihr Naturell handeln. Professor Littles Studenten sind gewöhnlich völlig verblüfft, wenn er behauptet, er sei introvertiert. Aber Little ist weit davon entfernt, einzig in seiner Art zu sein; viele Menschen, besonders solche in Führungspositionen, bewegen sich auf einem bestimmten Level vorgespielter Extraversion. Mein Freund Alex, ein im Umgang mit Menschen gewandter Chef eines Finanzdienstleistungsunternehmens, erklärte sich einverstanden, mir ein ehrliches Interview zu geben, unter der Voraussetzung, dass seine Anonymität hundertprozentig gewahrt bliebe. Alex erzählte mir, dass er sich seine vorgespielte Extravertiertheit schon in der siebten Klasse angeeignet hatte, als er merkte, dass andere ihn ausnutzten. »Ich war der netteste Junge, den man sich vorstellen kann«, erinnert sich Alex. »Aber die Welt war nicht dafür gemacht. Wenn man nur nett war, wurde man untergebuttert. Das wollte ich mir nicht antun. Ich fragte mich: Wie lauten hier die Spielregeln? Und es gab nur eine. Ich musste jeden in die Tasche stecken. Wenn ich ein netter Kerl sein wollte, musste ich das Sagen in der Schule haben.« Aber wie sollte das gehen? »Also lernte ich alles über Gruppendynamik, garantiert mehr als jeder andere«, sagte mir Alex. 320
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht Er beobachtete, wie Menschen sprachen, wie sie sich bewegten, und studierte besonders die männlichen Dominanzposen, die sie einnahmen. Er passte seine Persona an, und dadurch konnte er im Innersten ein schüchterner, lieber Junge bleiben, ohne dabei ausgenutzt zu werden. »Ich dachte, ich muss mir alle Gemeinheiten aneignen, mit denen man jemanden fertigmachen kann«, sagt er. »Inzwischen bin ich fit für den Krieg, denn dann wird man nicht untergebuttert.« Alex nutzte auch seine natürlichen Stärken. »Ich lernte, dass Jungen im Grunde nur eins im Kopf haben: Sie sind hinter Mädchen her. Sie kriegen sie, sie verlieren sie wieder, sie reden über sie. Ich hielt das für komplette Zeitverschwendung. Ich fand Mädchen wirklich sympathisch, und nur so kommt Nähe zustande. Statt also herumzusitzen und über Mädchen zu reden, lernte ich sie kennen. Ich hatte Beziehungen zu Mädchen und war außerdem gut im Sport, um die Jungs im Griff zu haben. Und ab und zu mal muss man jemandem eins draufgeben. Auch das habe ich gemacht.« Heute hat Alex ein umgängliches und leutseliges Auftreten und pfeift fröhlich bei der Arbeit. Ich habe ihn nie mit schlechter Laune erlebt. Aber wenn man versucht, ihm bei einer Verhandlung in die Quere zu kommen, lernt man seine kriegerische Seite kennen, die er sich antrainiert hat. Und sein introvertiertes Selbst tritt zutage, wenn man sich mit ihm zum Essen verabre- den will. »Ich könnte es buchstäblich jahrelang ohne Freunde aushalten, abgesehen von meiner Frau und meinen Kindern«, sagt er. »Nimm uns beide. Du bist eine meiner besten Freundinnen, und wie oft reden wir letztlich miteinander? Wenn du mich anrufst! Ich sitze nicht gern in einer geselligen Runde. Mein Traum ist, 321
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte mit meiner Familie auf 500 Hektar irgendwo auf dem Land zu ieben. In diesem Traum kommen keine Freunde vor. Wie auch immer also meine öffentliche Persona aussehen mag, ich bin ein Introvertierter. Ich glaube, dass ich im Grunde dieselbe Person bin, die ich immer war: hochgradig schüchtern, aber ich kompensiere es.« Die Frage ist: Wie viele von uns sind wirklich imstande, in einem solchen Ausmaß wider unser Naturell zu handeln (ganz abgesehen von der Frage, ob wir das wollen)? Professor Little ist zufällig ein großartiger Schauspieler, und das gilt vermutlich auch für viele Unternehmenslenker. Wie sieht es mit den anderen aus? Vor einigen Jahren wollte der experimentelle Psychologe Richard Lippa diese Frage ergründen.‘ In einem Experiment bat er Introvertierte, sich wie Extravertierte zu verhalten, während sie eine fiktive Mathematikklasse unterrichteten. Dann bestimmten er und sein Team mithilfe von Handvideokameras die Länge ihrer Schritte, das Ausmaf3 an Augenkontakt mit den »Schülern«, den Prozentsatz der Zeit, in der sie redeten, sowie das Tempo und die Lautstärke ihres Vortrags und die Gesamtlänge der Lehreinheit. Sie vergaben auch Punkte dafür, wie allgemein extravertiert die Probanden wirkten, gegründet auf den Aufnahmen von ihrer Stimme und ihrer Körpersprache. Anschließend führte Lippa dasselbe Experiment mit echten Fxtravertierten durch und verglich die Ergebnisse. Letztere wirkten zwar extravertierter, aber wie Lippa feststellte, waren einige der Pseudoextravertierten erstaunlich überzeugend. Allem Anschein nach wissen die meisten Introvertierten, wie man Extravertierheit in einem gewissen Maße vortäuscht. Auch wenn uns vielleicht nicht bewusst ist, dass unsere Schrittlänge und 22
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht das Ausmaß an Zeit, das wir mit Sprechen und Lächeln zubringen, uns als Introvertierte oder Extravertierte ausweisen, so wis- sen wir es doch unbewusst. Dennoch können wir unsere Selbstdarstellung nur begrenzt kontrollieren. Das ist teilweise auf das sogenannte »Verhaltensleck« zurückzuführen, ein Phänomen, bei dem sich unser wahres Selbst durch die unbewusste Körpersprache verrät: ein subtiles Wegschauen, wo ein Extravertierter Augenkontakt hergestellt hätte, eine geschickte Wendung in einem Gespräch, mit der ein Dozent die Studenten in die Pflicht nimmt zu reden, während ein extravertierter Sprecher selbst ein wenig länger gesprochen hätte. Wie war es zu erklären, dass einige von Lippas Pseudoextravertierten so nahe an die Ergebnisse der wahren Extravertierten herankamen? Wie sich herausstellte, erreichten die Introvertierten, die besonders gut darin waren, sich wie Extravertierte zu verhalten, eine hohe Punktzahl bei einem Merkmal, das die Psychologen »Selbstbeobachtung« (self-monitoring) nennen. Menschen, die sich selbst beobachten, sind hochgradig erfahren darin, ihr Verhalten den sozialen Erfordernissen einer Situation anzupassen. Sie halten nach Signalen Ausschau, wie sie sich verhalten sollen - und handeln danach. Wenn sie in Rom sind, verhalten sie sich wie Römer, sagt der Psychologe Mark Snyder, Autor von Public Appearances, Private Realities und Erfinder der Selbstbeobachtungsskala. Einer der effektivsten Selbstbeobachter, die ich kenne, ist ein Mann namens Edgar. Der bekannte und allseits beliebte Edgar gehört zum festen Inventar der New Yorker Gesellschaft. Er und seine Frau nehmen fast an jedem Abend in der Woche an einer 323
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Benefizgala und anderen gesellschaftlichen Veranstaltungen teil oder sind ihre Gastgeber. Er ist die Art von Enfant terrible, dessen neueste Possen ein beliebtes Gesprächsthema sind. Aber Edgar ist ein bekennender Introvertierter. »Ich lese lieber und denke nach, als mich mit Menschen zu unterhalten«, sagt er. Und dennoch unterhält er sich mit Menschen. Edgar ist in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem viele Menschen ein und aus gingen. Dabei wurde von ihm erwartet, sich selbst zu beobachten, und seitdem ist er auch dazu motiviert. »Ich liebe Politik«, sagt er. »Ich liebe Höflichkeit, ich liebe es, Dinge in Bewegung zu setzen. Ich habe ein Ego, ich will die Welt auf meine Weise verändern. Also verhalte ich mich künstlich. Ich gehe nicht wirklich gern auf die Partys anderer Leute, denn dann muss ich unterhaltsam sein. Aber ich gebe viele Partys, weil ich dann nichts tun muss. Ich stehe automatisch im Mittelpunkt, ohne im Grunde ein geselliger Mensch zu sein.« Wenn er auf Partys geht, spielt Edgar seine Rolle bravourös. »In den Jahren am College und sogar noch vor einiger Zeit hatte ich, wenn ich zu einem Abendessen oder einer Cocktailparty ging, immer eine Karteikarte mit drei bis fünf passenden amüsanten Anekdoten dabei. Ich überlegte sie mir tagsüber - und sobald mir etwas einfiel, schrieb ich es auf. Wenn ich mich dann abends zu Tisch setzte, wartete ich auf die geeignete Lücke und platzierte sie. Es gab buchstäblich Zeiten, in denen ich auf die Toilette ging, um meine Karten herauszuholen und mir ins Gedächtnis zu rufen, wie meine kleinen Geschichten gingen.« Mit der Zeit hörte Edgar jedoch auf, mit Karteikarten auf Dinnerpartys zu gehen. Er hält sich immer noch für einen Introvertierten, aber er ist so sehr in seine extravertierte Rolle hineingewachsen, dass es ihm allmählich leichtfällt, Anekdoten zu er324
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht zählen. Tatsächlich sind die Menschen mit der ausgeprägtesten Selbstbeobachtung nicht nur gut darin, die erwünschte Wirkung und Emotion in einer bestimmten sozialen Situation zu erzielen - sie empfinden auch weniger Stress dabei. Im Gegensatz zu den Edgars dieser Welt gründen Menschen mit geringer Selbstbeobachtung ihr Verhalten nur auf ihren eigenen inneren Kompass. Ihnen steht ein kleineres Repertoire an sozialem Verhalten und Masken zur Verfügung. Sie sind weniger empfänglich für situative Signale, etwa wie viel Anekdoten von einem Gast bei einer Dinnerparty erwartet werden, und auch weniger interessiert daran, eine Rolle zu spielen, selbst wenn sie die Signale erkennen. Es ist, als würden Menschen mit geringer Selbstbeobachtung und solche mit hoher Selbstbeobachtung vor verschiedenem Publikum auftreten, sagt Snyder, die einen vor einem inneren, die anderen vor einem äufseren. Wenn Sie herausfinden wollen, wie gut Ihre Selbstbeobachtung ist, folgen hier einige Fragen aus Snyders Selbstbeobachtungsskala: OD) Wenn Sie unsicher sind, wie Sie sich in einer gesellschaftlichen Situation verhalten sollen, schauen Sie dann beim Verhalten anderer nach Anhaltspunkten? D Holen Sie oft den Rat Ihrer Freunde ein, wenn Sie Filme, Bücher oder Musik aussuchen? D Verhalten Sie sich in verschiedenen Situationen und mit verschiedenen Menschen oft wie ein völlig anderer Mensch? DT Fällt es Ihnen leicht, andere Menschen nachzuahmen? OD Können Sie jemandem in die Augen schauen und, ohne die Miene zu verziehen, eine Lüge erzählen, wenn es einem guten Zweck dient? 325
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte OD Täuschen Sie manchmal bei Menschen Freundlichkeit vor, wenn Sie sie in Wirklichkeit nicht mögen? ID Ziehen Sie eine Show ab, um Menschen zu beeindrucken oder zu unterhalten? D) Tun Sie manchmal vor anderen so, als hätten Sie tiefere Gefühle, als es in Wirklichkeit der Fall ist? Je mehr von diesen Fragen Sie mit ja beantwortet haben, desto ausgeprägter ist Ihre Selbstbeobachtung. Stellen Sie sich nun die folgenden Fragen: OD Ist Ihr Verhalten gewöhnlich ein Ausdruck Ihrer wahren inneren Gefühle, Einstellungen und Überzeugungen? DO Stellen Sie fest, dass Sie nur für Ideen plädieren können, an die Sie bereits glauben? D Würden Sie sich weigern, Ihre Meinung oder Ihre Art, Dinge zu tun, zu ändern, um anderen zu gefallen oder ihr Wohlwollen zu gewinnen? U Sind Ihnen Spiele wie Charaden und improvisierte Schauspielerei unsympathisch? U) Haben Sie Schwierigkeiten, Ihr Verhalten zu ändern, um es an verschiedene Menschen und Situationen anzupassen? . Je mehr von diesen Fragen Sie mit ja beantwortet haben, desto weniger ausgeprägt ist Ihre Selbstbeobachtung. Als Professor Little in seinen Seminaren über Persönlichkeitspsychologie das Konzept der Selbstbeobachtung einführte, fragten einige seiner Studenten aufgebracht, ob hohe Selbstbeobachtung ethisch vertretbar sei. Ein paar »gemischte« Paare - hohe 326
. Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht und geringe Selbstbeobachter, die miteinander liiert waren trennten sich deswegen sogar, wie man ihm berichtete. Einem Menschen mit hoher Selbstbeobachtung kommen Menschen mit geringer Selbstbeobachtung möglicherweise rigide und linkisch im Umgang mit anderen vor. Ein Mensch mit geringer Selbstbeobachtung hingegen kann Menschen mit hoher Selbstbeobachtung als konformistisch und verlogen empfinden - als »eher pragmatisch statt idealistisch orientiert«, um mit Mark Snyder zu sprechen. Tatsächlich hat man festgestellt, dass Menschen mit hoher Selbstbeobachtung bessere Lügner als Menschen mit geringer Selbstbeobachtung sind, was den moralistischen Standpunkt von Menschen mit geringer Selbstbeobachtung unterstützen würde. Aber Little, ein moralisch denkender und mitfühlender Mensch, der zufällig auch über eine außerordentlich hohe Selbstbeobachtung verfügt, sieht das anders. Er betrachtet Selbstbeobachtung als Akt der Bescheidenheit. Sie dient der Anpassung des eigenen Selbst an Normen, die in der Situation gelten, statt dass man alles »auf die eigenen Bedürfnisse und Sorgen herunterbuchstabiert«. Nicht alle Selbstbeobachtung basiert auf Schauspielerei, sagt er, oder darauf, vor anderen gut dastehen zu wollen. Bei einer introvertierteren Version geht es vielleicht weniger darum, im Rampenlicht zu stehen, als um das Vermeiden gesellschaftlicher Fauxpas und das Ertasten des angemessenen Verhaltens. Wenn Professor Little großartige Reden hält, dann teilweise deswegen, weil er sich in jedem Augenblick selbst beobachtet, seine Zuhörerschaft ständig auf subtile Anzeichen des Vergnügens oder der Langeweile absucht und seinen Vortrag so korrigiert, dass er ihren Bedürfnissen entspricht. Wenn Sie es also vortäuschen können, wenn Sie das Schau327
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte spieltalent, die Beobachtungsgabe für Nuancen im Miteinander und die Bereitwilligkeit haben, sich an soziale Normen anzupassen, die man für die Selbstbeobachtung braucht - sollten Sie es dann tun? Die Free-Trait-Strategie kann effektiv sein, wenn sie vernünftig angewendet wird, aber ein Desaster, wenn man sie übertreibt. Vor Kurzem wurde ich zu einer Podiumsdiskussion an der Harvard Law School eingeladen. Der Anlass war der 55. Jahrestag der Zulassung von Frauen zum Jurastudium. Ehemalige aus dem ganzen Land versammelten sich auf dem Campus, um zu feiern. Das Thema der Podiumsdiskussion lautete: »Mit einer anderen Stimme: Strategien für eine wirksame Selbstdarstellung«. Es gab vier Diskussionsteilnehmerinnen: eine Strafverteidigerin, eine Richterin, eine Rhetoriktrainerin und mich. Ich hatte meinen Beitrag sorgfältig vorbereitet. Ich wusste, welche Rolle ich spielen wollte. Zuerst kam die Rhetoriktrainerin an die Reihe. Sie erläuterte, wie man eine Rede hält, die die Zuhörer mitreißt. Die Richterin, eine Amerikanerin koreanischer Herkunft, sprach davon, wie frustrierend das Vorurteil für sie sei, nach dem alle Asiaten von vornherein als still und reserviert gelten, wo sie doch in Wirklichkeit ein zugänglicher und durchsetzungsfähiger Mensch sei. Die Strafverteidigerin, eine zierliche und über die Maßen angriffslustige Blondine, berichtete, wie ein Richter sie einmal bei einem Kreuzverhör ermahnt hatte: »Ziehen Sie die Krallen ein, Tigerfrau.« Alsich an die Reihe kam, zielte ich mit meinem Beitrag auf die Frauen im Publikum ab, die sich weder für Tigerinnen oder Vorurteilsbekämpfer noch für Frauen hielten, die andere mitreißen. 328
> Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht Ich sprach darüber, dass Menschen glaubten, Verhandlungsfähigkeiten seien angeboren wie blondes Haar oder schöne Zähne, und dass sie oft davon ausgingen, dass den Sprücheklopfern die Welt gehörte. Jeder könne eine gute Verhandlung führen, sagte ich, und oft zahle es sich in der Tat aus, ruhig und kultiviert zu sein, mehr zuzuhören als zu sprechen und einen Harmonieanstelle eines Konfliktinstinkts zu haben. Auf diese Weise könne man offensive Positionen vertreten, ohne das Ego des Verhandlungspartners gegen sich aufzubringen. Nur durch Zuhören könne man lernen, was den Verhandlungspartner wirklich motiviert, und die kreativen Lösungen finden, die beide Seiten glücklich machen. Ich teilte auch einige psychologische Tricks mit, um sich in einschüchternden Situationen ruhig und sicher zu fühlen. Man könne beispielsweise die eigene Mimik und Körpersprache in Augenblicken wirklichen Selbstvertrauens studieren und genau diese Haltung einnehmen, wenn man Selbstvertrauen vortäuschen müsse. Untersuchungen zeigten, dass einfache physische Maßnahmen wie ein Lächeln uns das Gefühl gäben, stärker und glücklicher zu sein, während Stirnrunzeln sich negativ auf unser Befinden auswirke. Als die Zuhörerinnen und Zuhörer nach dem Ende der Podiumsdiskussion nach vorn kamen, um sich noch mit den Frauen aus der Diskussionsrunde zu unterhalten, waren es selbstverständlich die Introvertierten und Pseudoextravertierten, die sich an mich wandten. Zwei dieser Frauen sind mir im Gedächt- nis geblieben. Die erste hieß Alison und war Anwältin. Alison war schlank und sorgfältig gekleidet, aber ihr blasses und abgezehrtes Gesicht hatte einen unglücklichen Ausdruck. Sie arbeitete seit über 329
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte zehn Jahren in derselben Kanzlei. Jetzt bewarb sie sich bei ver- schiedenen Firmen um den Posten einer Leiterin der Rechtsabteilung, was wie der nächste logische Schritt aussah, aber nicht wirklich ihr Herzenswunsch war. Und tatsächlich hatte sie kein einziges Stellenangebot erhalten. Aufgrund ihrer guten Arbeitszeugnisse kam sie bei Bewerbungen immer in die engere Wahl, nur um in der letzten Minute eine Absage zu erhalten. Und sie wusste auch, warum, denn der Headhunter, der ihre Vorstellungsgespräche koordiniert hatte, gab ihr jedes Mal dasselbe Feedback: Sie hatte nicht die richtige Persönlichkeit für den Job. Alison, die sich selbst als Introvertierte einstufte, verzog ihr Gesicht schmerzvoll, als sie von diesem niederschmetternden Urteil berichtete. Die zweite Harvard-Absolventin, Jillian, hatte inzwischen ei- nen Chefposten in einer Organisation für Umweltrecht und liebte ihre Arbeit. Jillian wirkte freundlich, fröhlich und bodenstän- dig. Sie hatte das Glück, dass ein Großteil ihrer Arbeit der Recherche und dem Verfassen von Strategiepapieren, die ihr wichtig waren, galt. Manchmal musste sie jedoch Konferenzen leiten und Vorträge halten. Auch wenn sie nach diesen Konferenzen eine tiefe Befriedigung empfand, machte ihr das Rampenlicht keine Freude - und sie wollte einen Rat von mir, wie sie locker bleiben könne, wenn sie Angst hatte. Worin bestand der Unterschied zwischen Alison und Jillian? Beide waren Pseudoextravertierte, doch während Alison es mit der Extravertiertheit probiert hatte und gescheitert war, hatte Jillian Erfolg gehabt. Aber Alisons Problem bestand darin, dass sie im Dienste eines Projekts, das ihr nicht am Herzen lag, wider ihr Naturell lebte. Sie liebte dieJuristerei nicht. Sie hatte sich ent- schieden, Anwältin an der Wall Street zu werden, weil sie glaub330
Pr Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht te, dass mächtige und erfolgreiche Juristen das tun. Ihre Pseudoextraversion war nicht von tieferen Werten getragen. Sie sagte sich nicht: Das tue ich, um eine Arbeit zu machen, die mir am Herzen liegt, und sobald die Arbeit erledigt ist, kehre ich zu meinem wahren Selbst zurück. Stattdessen lautete ihr inneres Credo: Der Weg zum Erfolg ist, die Art von Person zu sein, die ich nicht bin. Das ist nicht Selbstbeobachtung; es ist Selbstnegation. Wo Jillian wider ihr Naturell handelte um wertvoller Aufgaben willen, die vorübergehend eine andere Orientierung forderten, hatte sich Alison in den Gedanken versteift, dass etwas fundamental falsch an ihrer Art war. Wie sich herausstellt, ist es nicht immer leicht, die uns wichtigen persönlichen Anliegen zu identifizieren. Und Introvertierten kann es besonders schwerfallen, weil sie einen so großen Teil ihres Lebens damit verbracht haben, sich an extravertierte Normen anzupassen, dass es ihnen, wenn sie alt genug sind, um einen Beruf zu ergreifen oder sich zu etwas berufen zu fühlen, vollkommen normal erscheint, über ihre eigenen Wünsche hinwegzugehen. Vielleicht fühlen sie sich unwohl mit dem Jurastudium, der Krankenschwesternausbildung oder den Marketingaufgaben, aber nicht mehr als bei der Anpassung an die Highschool- oder Zeltlager-Zeiten. Auch ich war einmal in dieser Lage. Mir machte es Spaß, Firmenrecht zu praktizieren, und eine Zeitlang redete ich mir ein, dass ich im tiefsten Herzen eine Anwältin sei. Ich wollte es unbedingt glauben, weil ich bereits das jahrelange Jurastudium und die ganze praktische Berufserfahrung investiert hatte, und es gab auch viele verlockende Seiten als Juristin an der Wall Street. Meine Kollegen waren überwiegend intellektuelle, freundliche 331
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte und rücksichtsvolle Menschen. Ich verdiente gut. Ich hatte ein Büro auf der 42. Etage eines Wolkenkratzers mit Blick auf die Freiheitsstatue. Ich war von dem Gedanken angetan, dass ich imstande war, mich in einer so hochkarätigen Umgebung erfolgreich zu behaupten. Und ich war ganz gut darin, die »Aber«- und »Was, wenn«-Fragen zu stellen, die für den Denkprozess der meisten Anwälte zentral sind. Aber ich brauchte beinahe ein Jahrzehnt, um zu verstehen, dass die Juristerei nie meine Herzensangelegenheit war, nicht einmal annähernd. Heute kann ich, ohne zu zögern, sagen, was dies ist: das Leben mit meinem Mann und meinen Söhnen, das Schreiben und das Eintreten für die in diesem Buch geschilderten Werte. Sobald ich das begriff, musste ich etwas ändern. Heutzutage blicke ich auf meine Zeit als Anwältin an der Wall Street zurück wie auf eine Zeit in einem fremden Land. Sie war herausfordernd, sie war aufregend, und ich lernte sehr viele interessante Leute kennen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Aber ich blieb immer eine Fremde. Nach so vielen Jahren, die ich damit zugebracht habe, meinen eigenen beruflichen Weg zu gehen und anderen bei dem ihren zu beraten, habe ich festgestellt, dass es drei wesentliche Schritte gibt, um die eigenen Herzensanliegen zu erkennen. Erstens: Versuchen Sie sich daran zu erinnern, was Sie als Kind gern gemacht haben. Wie haben Sie die Frage beantwortet, was Sie mal werden wollten, wenn Sie groß sind? Die konkrete Antwort, die Sie gegeben haben, mag zwar danebengelegen haben, aber der zugrunde liegende Impuls nicht. Wenn Sie Feuerwehrmann werden wollten, was bedeutete Feuerwehrmann für Sie? Ein guter Mensch, der Leute in Not rettet? Ein Draufgänger? Oder blof3 die Freude, ein richtig großes Auto zu fahren? Wenn 332
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht Sie Tänzerin werden wollten, war es, weil Sie ein Ballettkleid tragen oder Beifall haben wollten, oder war es die pure Freude, sich in atemberaubender Geschwindigkeit zu drehen? Sie haben vielleicht damals mehr über sich gewusst als heutzutage. Zweitens: Schauen Sie sich an, zu welcher Arbeit es Sie hinzieht. In meiner Anwaltskanzlei meldete ich mich nie freiwillig, um zusätzliche juristische Aufgaben zu übernehmen, aber ich engagierte mich in ehrenamtlicher Arbeit für eine gemeinnützige Organisation von Frauen in Führungspositionen. Ich saß auch in mehreren Gremien der Anwaltskanzlei, bei denen es darum ging, die Mentorenschaft für junge Anwälte in der Firma zu übernehmen, sie zu schulen und in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Wie Sie bereits aus dem Buch entnehmen konnten, bin ich kein Gremienmensch, aber das Ziel dieser Gre- mien gefiel mir, also machte ich mit. Und zuletzt: Schauen Sie, wen und was Sie beneiden. Neid ist eine hässliche Emotion, aber sie sagt die Wahrheit. Sie beneiden bloß jene, die das haben, was Sie sich wünschen. Ich lernte meinen eigenen Neid kennen, als einige meiner früheren Kommilitonen an der Law School sich trafen und verglichen, was aus den Einzelnen geworden war. Sie sprachen mit Bewunderung und auch mit Neid von einem ehemaligen Kommilitonen, der regelmäßig Klienten vor dem Obersten Gerichtshof vertrat. Zuerst kritisierte ich ihren Neid. »Möge er noch mächtiger werden!«, dachte ich, während ich mir zu meiner Großherzigkeit gratulierte. Aber dann merkte ich, dass meine Großmut billig war, denn ich hatte keinerlei Interesse an Plädoyers vor dem Obersten Gerichtshof oder an irgendwelchen anderen Auszeichnungen der Juristerei. Als ich mich fragte, wen ich beneidete, wusste ich die Antwort sofort: die Kommilitonen vom College, die Autoren 338
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte oder Psychologen geworden waren. Heute lebe ich meine eigene Version dieser beiden Rollen. Aber selbst wenn Sie Ihr persönliches Herzensanliegen gefunden haben und sich mit aller Kraft dafür einsetzen, sollten Sie nicht zu sehr oder zu lange gegen Ihre Natur handeln. Erinnern Sie sich daran, wie sich Professor Little zwischen den Vorträgen auf die Toilette flüchtete? Diese Versteckspiele zeigen, dass die beste Weise, wider die eigene Natur zu handeln, paradoxerweise darin besteht, sich selbst so treu wie möglich zu bleiben - indem Sie beginnen, sich im Alltag so viele »Nischen zum Regenerieren« zu schaffen wie möglich. Eine Regenerationsnische ist Professor Littles Bezeichnung für den Raum, in den Sie sich begeben, wenn Sie zu Ihrem wahren Selbst zurückkehren wollen. Es kann ein physischer Ort sein, wie der Uferweg am Richelieu River, oder ein Zeitraum, etwa wenn Sie Ruhepausen zwischen Ihren Verkaufsgesprächen einplanen. Es kann bedeuten, dass Sie Ihre gesellschaftlichen Pläne am Wochenende vor einer großen Arbeitskonferenz absagen, dass Sie Yoga oder Meditation praktizieren oder sich für E-Mails statt für persönliche Begegnungen entscheiden. (Selbst viktorianische Damen, deren Aufgabe im Grunde darin bestand, für Freunde oder die Familie verfügbar zu sein, durften sich jeden Nachmittag zurückziehen, um zu ruhen.) Sie entscheiden sich für eine Regenerationsnische, wenn Sie die Tür zu Ihrem privaten Büro zwischen zwei Konferenzen schließen (falls Sie in der glücklichen Lage sind, eines zu besitzen). Sie können sogar für eine Regenerationsnische während einer Konferenz sorgen, indem Sie sorgfältig darauf achten, wo Sie sich hinsetzen und wann und wie Sie sich beteiligen. In seinen 334
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht Memoiren mit dem Titel /n einer unsicheren Welt beschreibt Robert Rubin, Finanzminister unter Präsident Clinton, dass esihm »immer lieb war, mich fernab vom Mittelpunkt aufzuhalten, sei es im Büro des Präsidenten oder dem Büro des Stabschefs, wo mein angestammter Platz am unteren Ende des Tisches war. Dieses Minimum an physischer Distanz war mir angenehmer, es ermöglichte mir zu studieren, was im Raum vor sich ging, und es aus einer leicht distanzierten Perspektive zu kommentieren. Ich machte mir keine Sorgen, dass man mich übersehen könnte. Ganz gleich, wie weit weg ich saß oder stand, ich konnte immer einwerfen: »Mr. President, ich glaube dies, das oder jenes.««’ Wir wären alle gut beraten, wenn wir uns vor Antritt einer neuen Stelle das Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Regenerationsnischen genauso sorgfältig anschauen würden wie die Regelungen beim Erziehungsurlaub oder der Krankenversicherung. Introvertierte sollten sich fragen: Kann ich in diesem Job Zeit mit Tätigkeiten verbringen, die meinem Naturell entsprechen, wie Lesen, Strategien entwerfen, Schreiben und Recherchieren? Werde ich einen privaten Arbeitsplatz haben oder den konstanten Anforderungen eines Großraumbüros unter- worfen sein? Wenn die Stelle mir nicht genug Regenerationsmöglichkeiten bietet, werde ich dann abends und am Wochenende genug Freizeit haben, um sie mir selbst zu verschaffen? Auch Extravertierte sollten nach Regenerationsnischen Ausschau halten. Beinhaltet die Arbeit Reden, Reisen und die Begegnung mit anderen Menschen? Ist der Arbeitsplatz stimulierend Argenug? Falls der Job nicht vollkommen stimmig ist, sind die abbeitszeiten dann so flexibel, dass Sie nach der Arbeit Dampf sorglassen können? Schauen Sie sich die Stellenausschreibung habe, fältig an. Eine hoch extravertierte Frau, die ich interviewt 335
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte war begeistert von einem Stellenangebot als »Community-Organisatorin« für eine Erziehungswebseite, bis sie begriff, dass sie jeden Tag von neun bis fünf ganz allein vor einem Computer sitzen würde. Manchmal finden Menschen Regenerationsnischen in Berufen, in denen man sie am wenigsten erwarten würde. Eine meiner Exkolleginnen ist Strafverteidigerin und verbringt den Großteil ihrer Zeit in erhabener Einsamkeit mit Recherchen und dem Verfassen juristischer Schriftsätze. Da die meisten ihrer Fälle geschlichtet werden, muss sie so selten vor Gericht gehen, dass es ihr nichts ausmacht, ihre pseudoextravertierten Fähigkeiten einzusetzen, wenn es sich nicht umgehen lässt. Eine introvertierte Sekretärin, die ich interviewt habe, setzte ihre Berufserfahrung ein, um von zu Hause aus ein Internetbüro aufzuziehen, das als Abrechnungsstelle und als Coaching-Service für »virtuelle Sekretariate« fungiert. Und im nächsten Kapitel werden wir einen höchst erfolgreichen Geschäftsmann kennenlernen, der die Verkaufsrekorde seiner Firma Jahr für Jahr dadurch brach, dass er seinem introvertierten Selbst beharrlich treu blieb. Diese drei Menschen haben entschieden extravertierte Tätigkeitsfelder so nach ihren eigenen Vorstellungen umgestaltet, dass sie die meiste Zeit in Einklang mit ihrem Naturell handeln und ihre Arbeitstage geschickt in eine einzige riesige Regenerationsnische verwandeln konnten. Es ist nicht immer leicht, Regenerationsnischen zu finden. Vielleicht möchten Sie gern Ihren Samstagabend lesend am Kamin verbringen, aber wenn Ihre Ehepartnerin sich wünscht, diese Abende mit ihrem großen Freundeskreis zu verbringen, was dann? Sie möchten sich vielleicht zwischen Verkaufsgesprächen in die Oase Ihres Privatbüros zurückziehen, aber was, wenn Ih336
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht re Firma gerade zu Großraumbüros übergegangen ist? Wenn Sie nach dem Free-Trait-Prinzip leben wollen, werden Sie die Hilfe von Freunden, Familie und Kollegen brauchen. Deshalb ruft Professor Little uns alle leidenschaftlich auf, beim Free-Trait-Abkommen mitzumachen. Das ist der Schlussstein in der Free-Trait-Theorie. Mit dem Free-Trait-Abkommen erkennen wir unsere Bereitschaft an, zeitweise gegen unser Naturell zu handeln im Austausch dafür, dass wir die übrige Zeit wir selbst sein dürfen. Es ist ein FreeTrait-Abkommen, wenn eine Ehefrau, die samstagabends ausgehen will, und ein Ehemann, der sich am Kamin entspannen will, einen Zeitplan ausarbeiten: In der Hälfte der Zeit gehen wir aus, in der anderen Hälfte bleiben wir zu Hause. Es ist ein FreeTrait-Abkommen, wenn Sie vor der Hochzeit Ihrer extravertierten besten Freundin an ihrer Verlobungsfeier, ihrem Polterabend und ihrem Junggesellinnen-Abschied teilnehmen, aber dafür weitere Gruppenaktivitäten an den letzten drei Tagen vor der Hochzeit auslassen dürfen. Es ist relativ einfach, Free-Trait-Abkommen mit Freunden und Liebespartnern auszuhandeln, denen Sie eine Freude machen wollen und die Ihr wahres, Ihrem eigentlichen Charakter entsprechendes Ich lieben. Im Arbeitsleben gestaltet es sich ein bisschen schwieriger, weil die meisten Unternehmen noch nicht in diesen Begriffen denken. Deshalb müssen Sie im Augenblick noch indirekter vorgehen. Die Karriereberaterin Shoya Zichy erzählte mir von einer ihrer Klientinnen, einer introvertierten Finanzanalystin, die in einer Umgebung arbeitete, in der sie entweder Besprechungen mit Klienten hatte oder mit Kollegen reden musste, die kontinuierlich in ihrem Büro ein und aus gingen. Sie fühlte sich so ausgebrannt, dass sie beschloss zu kündigen 337
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte bis Zichy vorschlug, sie solle mit ihrem Chef um eine Auszeit verhandeln. Diese Frau arbeitete allerdings in einer Bank an der Wall Street, und diese Umgebung bietet sich nicht für ein freimütiges Gespräch über die Bedürfnisse hochgradig Introvertierter an. Also überlegte sie sorgfältig, wie sie ihre Bitte formulieren sollte. Sie sagte ihrem Chef; die Art ihrer Arbeit - strategische Analyse - verlange Ruhe, damit sie sich konzentrieren könne. Sobald sie sachliche Argumente gefunden hatte, war es leichter, um das zu bitten, was sie psychologisch brauchte: zwei Tage in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Ihr Chef war einverstanden. Aber die Person, mit der Sie am besten ein Free-Trait-Abkommen schlieffen können - nachdem Sie deren beachtlichen Widerstand überwunden haben -, sind Sie selbst. Nehmen wir an, Sie leben allein. Sie mögen die Single-Szene nicht, sondern sehnen sich nach Nähe und wünschen sich einen langfristigen Beziehungspartner, mit dem sie gemütliche Abende und lange Gespräche in einem kleinen Freundeskreis teilen können. Um dieses Ziel zu erreichen, schließen Sie ein Abkommen mit sich selbst und treiben sich an auszugehen, denn nur so können Sie hoffen, einen Partner kennenzulernen und die Anzahl der Partys auf die Dauer zu reduzieren. Aber während Sie dieses Ziel verfolgen, gehen Sie nur so viel aus, wie Sie es problemlos ertragen können. Sie entscheiden im Voraus wie oft - einmal pro Woche, einmal pro Monat, einmal pro Vierteljahr. Und sobald Sie Ihre Quote erfüllt haben, haben Sie sich das Recht verdient, zu Hau- se zu bleiben, ohne sich schuldig zu fühlen. Oder vielleicht haben Sie immer davon geträumt, Ihre eigene kleine Firma zu gründen und von zu Hause aus zu arbeiten, damit Sie mehr Zeit mit Ihrem Mann und Ihren Kindern verbrin338
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht gen können. Sie wissen, dass Sie einen bestimmten Grad an Vernetzung brauchen, und so schließen Sie das folgende Free-TraitAbkommen mit sich selbst: Sie werden zu einem Plauderabend pro Woche gehen. Jedes Mal werden Sie mindestens ein fundiertes Gespräch führen (weil Ihnen das leichter fällt, als sich vor anderen ins Rampenlicht zu stellen) und ein Folgegespräch mit dieser Person am nächsten Tag. Danach können Sie nach Hause gehen und müssen sich nicht schlecht fühlen, wenn Sie andere Möglichkeiten der Vernetzung, die Ihnen angeboten werden, ausschlagen. Professor Little weiß nur zu gut, was geschieht, wenn Sie kein Free-Trait-Abkommen mit sich selbst schließen. Abgesehen von gelegentlichen Ausflügen an den Richelieu River oder auf die Toilette befolgte er gewöhnlich einen Zeitplan, der aus einer Kombination der energieraubendsten Elemente der Intro- und Extraversion bestand. Auf der extravertierten Seite bestanden seine Tage in einer Nonstop-Folge von Vorlesungen, Treffen mit Studenten, Anleitung studentischer Diskussionsgruppen und dem Verfassen aller möglichen Empfehlungsschreiben. Auf der introvertierten Seite nahm er all diese Pflichten außerordentlich ernst. »Einerseits könnte man sagen«, meint er mittlerweile, »dass ich stark in Verhaltensmuster verstrickt war, die Extravertierten entsprechen, doch wäre ich wirklich ein Extravertierter gewesen, hätte ich die Empfehlungsschreiben schneller und weniger nuanciert abgefasst. Ich hätte auch nicht so viel Zeit in die Vor- bereitung der Vorlesungen gesteckt, und die Veranstaltungen mit anderen Menschen hätten mich nicht ausgelaugt.« Er litt auch in einem gewissen Maf3 an dem, was er »Image-Verwechs339
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte lung« nennt: Man wird dafür bekannt, über die Mafsen temperamentvoll zu sein, und dieser Rufverselbstständigt sich dann. Da das die Persona ist, die andere kennen, ist es die Persona, die wir meinen, bedienen zu müssen. Natürlich steuerte Professor Little auf einen Burn-out zu, nicht nur mental, sondern auch körperlich. Aber er liebte seine Studenten, er liebte seine Tätigkeit - bis er eines Tages mit einer doppelseitigen Lungenentzündung im Sprechzimmer eines Arztes landete. Er hatte sie vor lauter Arbeit nicht zur Kenntnis genommen, aber seine Frau hatte ihn gegen seinen Willen zum Arzt geschleppt, und das war sein Glück. Hätte sie noch länger gewartet, hätte er nach Aussage der Ärzte nicht überlebt. Eine doppelseitige Lungenentzündung und ein Leben mit zu vielen Terminen kann natürlich jedem passieren, aber für Little war es die Folge davon, dass er zu lange gegen seine Natur und ohne genug Regenerationsnischen gelebt hatte. Wenn unsere Gewissenhaftigkeit dazu führt, dass wir uns mehr aufladen, als wir verkraften können, beginnen wir, die Motivation zu verlieren, selbst bei Aufgaben, die uns normalerweise Spaß machen. Wir riskieren auch unsere Gesundheit. Ein »emotionaler Kraftakt« - die Mühe, die wir uns geben, um unsere eigenen Emotionen zu kontrollieren und zu ändern - kann zu Stress, Burn-out und sogar körperlichen Symptomen wie einer Zunahme an Herzkreislauferkrankungen führen.’ Professor Little glaubt, dass ein länger anhaltendes Handeln gegen die eigene Natur sich auch auf das vegetative Nervensystem auswirkt, was seinerseits das Funktionieren des Immunsystems beeinträchtigen kann. Eine beachtenswerte Untersuchung legt nahe, dass Menschen, die negative Emotionen unterdrücken, diese Emotionen später oft auf unerwartete Weisen zum Ausdruck bringen.! Die 340
Wann man sich anpassen sollte - und wann nicht Psychologin Judith Grob bat eine Gruppe von Versuchspersonen, ihre Emotionen zu verbergen, während sie ihnen abstoßen- de Bilder zeigte. Sie ließ$ sie sogar Stifte im Mund halten, um ein Verziehen der Miene zu verhindern. Sie stellte fest, dass diese Gruppe sich eigenen Angaben zufolge weniger von den Bildern abgestoßen fühlte als die Kontrollgruppe, der man erlaubt hatte, ganz natürlich zu reagieren. Doch später stellten sich bei den Menschen, die ihre Emotionen verborgen hatten, Nebeneffekte ein: Sie litten unter Gedächtnisstörungen, und die negativen Emotionen, die sie unterdrückt hatten, schienen ihre Weltsicht zu trüben. Als Grob sie bat, den fehlenden Buchstaben im englischen Wort »gr_ss« einzusetzen, setzten sie mit höherer Wahr- scheinlichkeit ein »o« ein für »gross« (widerlich) statt ein »a« für »grass« (Gras). »Menschen, die ihre negativen Emotionen regelmäßig unterdrücken«, schlussfolgerte Grob, »könnten die Welt mit der Zeit in einem negativeren Licht sehen.« Deshalb hat sich Professor Little heutzutage weitgehend in den Regenerationsmodus zurückgezogen, er ist emeritiert und genießt das Zusammensein mit seiner Frau in ihrem Haus in Kanada. Little sagt, seine Frau Sue Phillips, Leiterin der »School of Public Policy and Administration« an der Carleton University, gleiche ihm so sehr, dass sie kein Free-Trait-Abkommen in ihrer Beziehung bräuchten. Sein Free-Trait-Abkommen mit sich selbst sieht jedoch vor, dass er seine verbleibenden »akademischen und beruflichen Pflichten bereitwillig erfüllt«, aber »nicht länger als notwendig damit zubringt«. Dann geht er nach Hause und macht es sich mit Sue am Kamin gemütlich.
KApIEnE Te) Die Kommunikationslücke Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet Die Begegnung von zwei Persönlichkeiten ist wie der Kontakt zweier chemischer Substanzen; wenn eine Reaktion stattfindet, werden beide verwandelt. C. G. Jung Wenn Introvertierte und Extravertierte den Norden und Süden des Temperaments - die entgegengesetzten Pole auf einem Spektrum - bilden, können sie dann überhaupt miteinander zurechtkommen? Tatsächlich fühlen sich die beiden Typen oft zueinander hingezogen und gehen Freundschaften, Geschäftsbeziehungen und insbesondere auch Liebesbeziehungen ein. In einer solchen Konstellation kann es viel Spaf$ und gegenseitige Bewunderung geben, das Gefühl, dass jeder den anderen ergänzt. Der eine neigt zum Zuhören, der andere zum Reden; der eine reagiert empfindsam auf Schönheit, aber auch auf Widrigkeiten, der andere wirbelt fröhlich durch den Tag; der eine bezahlt die Rechnungen, der andere kümmert sich um die Verabredungen der Kinder zum Spielen. Doch wenn die beiden Partner in solchen Verbindungen in gegenteilige Richtungen streben, können sich auch Schwierigkeiten einstellen. Greg und Emily sind ein Beispiel für ein Introvertierten-Extravertierten-Paar, das sich ebenso liebt, wie es sich zur Verzweiflung bringt. Greg, der gerade dreißig geworden ist, hat einen 342
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet stürmischen Schritt, volles dunkles Haar, das ihm ständig in die Augen fällt, und lacht gern. Die meisten Menschen würden ihn als gesellig beschreiben. Emily, eine sehr reif wirkende 27-Jährige, ist so zurückhaltend, wie Greg jovial ist. Von höflichem und leisem Wesen, trägt sie ihr dickes, rotbraunes Haar zu einem Knoten frisiert und wirft Menschen oft Blicke unter gesenkten Wimpern zu. Greg und Emily ergänzen einander wunderbar. Ohne Greg würde Emily vielleicht vergessen, aus dem Haus zu gehen, aufser um zu arbeiten. Ohne Emily hingegen würde sich Greg trotz seiner Kontaktfreudigkeit paradoxerweise einsam fühlen. Bevor sie sich kennenlernten, waren Gregs Freundinnen meistens Extravertierte. Wie er sagt, hat er diese Beziehungen genossen, aber seine Freundinnen nie wirklich gut kennengelernt, weil sie immer »darauf aus waren, sich mit vielen Leuten zu umgeben«. Er spricht von Emily mit einer Art Ehrfurcht, als wenn sie Zugang zu einer tieferen Schicht hätte, die Menschen wie ihm entgeht. Er beschreibt sie auch als »Anker«, um den sich seine Welt dreht. Emily ihrerseits schätzt Gregs überschwängliches Wesen; er gibt ihr das Gefühl, sich glücklich und lebendig zu fühlen. Sie fühlt sich von jeher zu Extravertierten hingezogen, die, wie sie sagt, »die ganze Arbeit der Unterhaltung übernehmen. Für sie ist es keine Mühe.« Gregs und Emilys Problem ist, dass sie in den fünfJahren ihres Zusammenlebens auf immer wieder neue Art in der gleichen Sache aneinandergeraten sind. Greg, ein Musikpromoter mit einem großen Freundeskreis, möchte jeden Freitagabend Freunde zum Essen einladen, zu zwanglosen, fröhlichen Zusammenkünften mit einer Unmenge an Nudeln und Wein, wie er das seit seinem letzten Collegejahr gemacht hat. Diese Treffen sind für 343
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte ihn ein Höhepunkt der Woche und ein liebevoll gehüteter Bestandteil seiner Identität. Emily graust es inzwischen vor diesen allwöchentlichen Partys. Als hart arbeitende Anwältin in einem Kunstmuseum und sehr zurückgezogener Mensch sind Gäste das Letzte, wonach ihr der Sinn steht, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt. Ihre Vorstellung von einem perfekten Start ins Wochenende ist ein ruhiger Kinoabend zu zweit. Es scheint ein unüberbrückbarer Gegensatz zu sein: Greg wünscht sich 52 Dinnerpartys im Jahr, Emily keine einzige. Greg sagt, Emily solle sich mehr bemühen. Er beschuldigt sie, ungesellig zu sein. »Ich bin doch gesellig«, entgegnet sie. »Ich liebe dich, ich liebe meine Familie, ich liebe meine engen Freunde. Ich mag einfach keine Zusammenkünfte mit vielen Leuten. Menschen treten bei solchen Partys nicht wirklich in einen persönlichen Kontakt - sie hocken nur zusammen. Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich all meine Energie nur dir widme. Du verteilst deine an jeden.« Aber Emily macht bald einen Rückzieher, teilweise weil sie Streit hasst und teilweise, weil sie an sich selbst zweifelt. Vielleicht bin ich tatsächlich ungesellig, denkt sie. Vielleicht stimmt mit mir etwas nicht. Immer wenn Greg und sie sich streiten, kommen ihr viele Kindheitserinnerungen in den Sinn: Die Schule war für sie aufreibender als für ihre emotional robustere jüngere Schwester; sie schien sich mehr als andere Menschen Gedanken um das Miteinander zu machen, beispielsweise wie sie nein sagen sollte, wenn jemand sich mit ihr treffen wollte. Emily hatte viele Freunde - sie hatte immer ein Talent für Freundschaften -, aber sie war nie in großen Cliquen unterwegs. Emily schlägt einen Kompromiss vor: Könnte Greg nicht sei344
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet ne Freunde zum Essen einladen, wenn sie wegfährt und ihre Schwester besucht? Aber Greg will nichts davon hören. Er liebt Emily und möchte, dass sie dabei ist - und allen, die Emily kennengelernt haben, geht es ebenso. Warum zieht sich Emily also zurück? Hinter dieser Frage steckt bei Greg mehr als reine Gereiztheit. Alleinsein ist für ihn eine Art Achillesferse, es gibt ihm das Gefühl, schwach zu sein. Er hatte sich auf eine Ehe mit gemeinsamen Abenteuern gefreut. Er hatte sich Emily und sich selbst als ein Paar vorgestellt, das im Mittelpunkt steht. Und auch wenn er es nie vor sich selbst zugeben würde, heißt verheiratet sein für ihn, nie allein sein zu müssen. Nun sagt Emily, er solle ohne sie auskommen. Er hat den Eindruck, damit würde sie aus einem fundamentalen Bestandteil ihres Ehevertrags ausbrechen, und er glaubt, dass irgendetwas tatsächlich nicht in Ordnung ist mit seiner Frau. Stimmt etwas nicht mit mir? Es ist nicht überraschend, dass Emily sich diese Frage stellt oder dass Greg ihr diesen Vorwurf macht. Das vermutlich häufigste - und unheilvollste - Missverständnis, was die beiden Persönlichkeitstypen angeht, lautet, dass Introvertierte ungesellige und Extravertierte gesellige Menschen sind. Aber wie wir gesehen haben, ist beides nicht richtig. Introvertierte sind anders gesellig als Extravertierte. Das »Bedürfnis nach Nähe«, wie Psychologen es nennen, ist sowohl bei Introvertierten als auch bei Extravertierten anzutreffen. Tatsächlich gehören Menschen mit einem hohen Nähebedürfnis eher nicht zum Typus »des lauten, zugänglichen Extravertierten, der Leben in die Bude bringt«, wie der bekannte Psychologe David 345
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Buss es ausdrückt. Extravertierte suchen im geselligen Beisammensein gar nicht unbedingt Nähe. »Extravertierte scheinen Leute als Forum zu brauchen, um ihr Darstellungsbedürfnis zu befriedigen, so wie ein General Soldaten braucht, um sein Kommandobedürfnis zu befriedigen«, sagte mir der Psychologe William Graziano. »Wenn Extravertierte aufeiner Party erscheinen, weiß jeder, dass sie da sind.« Mit anderen Worten: Unser Extravertiertheitsgrad beeinflusst die Anzahl von Freunden, die wir haben werden, aber nicht, ob wir ein guter Freund sind. In einer mit 132 Studenten an der Humboldt-Universität in Berlin durchgeführten Studie untersuchten die Psychologen Jens Asendorpf und Susanne Wilpers die Auswirkung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale auf die Beziehung der Studenten zur ihren Altersgenossen und ihrer Familie.' Sie konzentrierten sich auf die Eigenschaften des sogenannten »Fünf-Faktoren-Persönlichkeitsmodells«: Introversion/Extraversion, Freundlichkeit, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität.’ (Viele Persönlichkeitspsychologen glauben, dass die menschliche Persönlichkeit sich auf diese fünf Merkmale reduzieren lässt.) Asendorpf und Wilpers sagten voraus, dass es den extravertierten Studenten leichter als den introvertierten fallen würde, neue Freundschaften zu schließen, und das bestätigte sich tatsächlich. Aber wenn Introvertierte wirklich ungesellig und Extravertierte gesellig wären, dann hätten die Studenten mit den harmonischsten Beziehungen auch die mit dem höchsten Grad an Extraversion sein müssen. Und das war durchaus nicht der Fall. Vielmehr erreichten die Studenten, deren Beziehungen am konfliktfreiesten waren, hohe Punktzahlen beim Merkmal »Freundlichkeit«. Freundliche Menschen sind warm, unterstüt346
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet zend und liebevoll. Persönlichkeitspsychologen haben herausgefunden, dass diese Menschen, wenn man ihnen auf einem Computerbildschirm verschiedene Wörter präsentiert, ihre Aufmerksamkeit länger als andere auf Ausdrücke wie »fürsorglich sein«, »trösten« und »helfen« richten und weniger auf Wörter wie »überfallen«, »entführen«, »drangsalieren«. Introvertierte und Extravertierte sind mit gleich hoher Wahrscheinlichkeit freundlich; es gibt keine Korrelation zwischen Extraversion und Freundlichkeit.’ Das erklärt, warum einige Extravertierte die Stimulation in einer geselligen Runde lieben, aber nicht besonders gut mit denen zurechtkommen, die ihnen am nächsten stehen. Es hilft auch zu erklären, warum einige Introvertierte - wie Emily, deren Talent für Freundschaft nahelegt, dass sie selbst ein hochgradig freundlicher Typ ist - ihrer Familie und ihren engen Freunden reichlich Aufmerksamkeit schenken, aber keine oberflächlichen Unterhaltungen mögen. Wenn Greg Emily also »ungesellig« nennt, irrt er sich. Emily hegt und pflegt ihre Ehe so, wie man es von einer freundlichen Introvertierten erwarten würde: indem sie Greg zum Mittelpunkt ihres sozialen Universums macht. Aber das ist einfach nicht immer möglich. Emily hat einen anspruchsvollen Job, und wenn sie abends nach Hause kommt, bleibt ihr bisweilen nicht mehr viel Energie. Sie freut sich immer auf Greg, aber manchmal würde sie lieber in seiner Nähe sitzen und lesen, statt essen zu gehen oder sich angeregt zu unterhalten. Einfach in seiner Gesellschaft zu sein genügt ihr. Für Emily ist dies das Natürlichste der Welt. Aber Greg fühlt sich verletzt, weil sie sich bei ihren Kollegen Mühe gibt und bei ihm nicht. Dieses Verhältnis war bei den von mir interviewten Paaren von Introvertierten und Extravertierten leider häufig anzutref347
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte fen: Die Introvertierten sehnten sich dringend nach Ruhe und Verständnis vonseiten ihres Partners, die Extravertierten sehnten sich nach Gesellschaft und ärgerten sich darüber, dass die »Schokoladenseite« ihres Partners scheinbar anderen Menschen zugutekam. Extravertierten kann es schwerfallen nachzuvollziehen, wie dringend Introvertierte am Ende eines anstrengenden Arbeitstags wieder auftanken müssen. Wir alle haben Mitgefühl mit einem erschöpften Partner, der von der Arbeit kommt und zu kaputt ist, um zu reden, aber es ist schwieriger nachzuvollziehen, dass soziale Überstimulation ebenso erschöpfend sein kann. Introvertierten wiederum fällt es manchmal schwer zu verstehen, wie kränkend ihr Schweigen sein kann. Ich interviewte Sarah, eine vor Energie übersprudelnde, dynamische Englischlehrerin an einer Highschool, die mit Bob verheiratet ist, dem introvertierten Rektor einer juristischen Fakultät, der seine Tage damit zubringt, Sponsorengelder zu beschaffen, und in sich zusammensackt, wenn er abends nach Hause kommt. Sarah weinte vor Frustration und Einsamkeit, als sie mir ihre Ehe schilderte. »Im Beruf hat er ein erstaunlich gewinnendes Auftreten«, sagte sie. »Ich höre von allen Seiten, wie witzig er ist und dass ich mich glücklich schätzen kann, mit ihm verheiratet zu sein. Und ich möchte ihn erwürgen. Jeden Abend springt er sofort nach dem Essen auf und bringt die Küche in Ordnung, Dann will er Zeitung lesen und allein an seinen Fotos arbeiten. Gegen neun kommt er ins Schlafzimmer, will fernsehen und mit mir zusammen sein. Aber selbst dann ist er nicht wirklich bei mir. Er will, dass ich meinen Kopf auf seine Schulter lege, während wir in den Apparat starren. Wir leben komplett nebeneinander her.« Sarah 348
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet versucht Bob dazu zu überreden, sich beruflich zu verändern. »Ich glaube, wir hätten ein wunderbares Leben, wenn er einen Job hätte, bei dem er den ganzen Tag am Computer sitzen könnte«, sagt sie. » Aber er muss ständig Sponsorengelder auftreiben.« Bei Beziehungen, in denen der Mann introvertiert und die Frau extravertiert ist wie im Beispiel von Sarah und Bob, halten wir Persönlichkeitskonflikte oft irrtümlich für die Folge des Geschlechterunterschieds und kommen dann mit der Binsenweisheit daher, dass »Mars« das Bedürfnis hat, sich in seine Höhle zurückzuziehen, während »Venus« lieber Kontakt hat. Aber was auch immer die Gründe für diese unterschiedlichen zwischenmenschlichen Bedürfnisse sein mögen - ob der Geschlechterunterschied oder das Temperament -, wichtig ist, dass es möglich ist, den Konflikt zu lösen. In seinem Buch Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American Dream gesteht Präsident Obama, dass er, als er am Anfang seiner Ehe mit Michelle an seinem ersten Buch arbeitete, sich »oft abends im Arbeitszimmer vergrub, das ganz am Ende unseres langgestreckten Appartements lag. Was ich für normal hielt, erzeugte bei Michelle oft das Gefühl, allein zu sein.«° Er führt sein Verhalten auf die Anforderungen des Schreibens zurück sowie auf den Umstand, dass er überwiegend als Einzelkind aufgewachsen ist, und schreibt, dass er und Michelle mit den Jahren gelernt haben, gegenseitig auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen - und sie als legitim zu betrachten. Für Introvertierte und Extravertierte kann es auch mühsam sein, die unterschiedliche Art zu verstehen, Konflikte zu lösen. Celia, eine meiner Klientinnen, war eine makellos gekleidete Anwältin. Sie wollte sich scheiden lassen, fürchtete sich aber da349
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte vor, es ihrem Mann mitzuteilen. Sie hatte gute Gründe für ihre Entscheidung, ahnte jedoch, dass er sie anbetteln würde zu bleiben und sie vor Schuldgefühlen nicht mehr ein noch aus wissen würde. Vor allem wollte sie ihm ihren Entschluss auf mitfühlende Weise mitteilen. Wir beschlossen, das Gespräch als Rollenspiel zu simulieren, wobei ich die Rolle des Ehemanns übernahm. »Ich möchte unsere Ehe beenden«, sagte Celia. »Dieses Mal ist es mir ernst.« »Ich habe alles getan, um unsere Beziehung aufrechtzuerhalten«, wandte ich ein. »Wie kannst du mir das antun ?« Celia dachte eine Minute lang nach. »Ich habe es mir lange überlegt, und ich halte es für die richtige Entscheidung«, sagte sie mit leiser, ausdrucksloser Stimme. »Was kann ich tun, damit du es dir noch einmal überlegst?«, fragte ich. »Nichts«, sagte Celia unverblümt. Ich war eine Minute lang sprachlos, während ich mich in die Rolle des Mannes hineinversetzte. Sie klang so routiniert, so leidenschaftslos. Sie wollte sich von mir scheiden lassen - wo wir seit elf Jahren verheiratet waren! War es ihr völlig egal? Ich bat Celia, es noch einmal zu versuchen, diesmal mit Gefühl. »Ich kanns nicht«, sagte sie. »Es geht nicht.« Aber es ging doch. »Ich möchte unsere Ehe beenden«, wiederholte sie, während ihre Stimme vor Traurigkeit bebte. Und dann begann sie unkontrolliert zu weinen. Celias Problem war nicht, dass es ihr an Gefühl mangelte. Sie wusste nicht, wie sie ihre Gefühle zeigen sollte, ohne die Kontrolle zu verlieren. Während sie nach einem Taschentuch griff, 350
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet sammelte sie sich rasch und nahm wieder ihre knappe, sachliche Anwaltspose ein. Das waren die beiden Möglichkeiten, zu denen sie problemlos Zugang hatte - überwältigende Emotion oder distanzierte Selbstbeherrschtheit. Ich erzähle Celias Geschichte, weil sie in vielerlei Hinsicht Emily und vielen anderen Introvertierten ähnelt, die ich interviewt habe. Emily spricht mit Greg über Einladungen und nicht über Scheidung - aber ihr Kommunikationsstil ähnelt dem von Celia. Wenn sie und Greg nicht einer Meinung sind, dämpft Emilyihre Stimme, und ihre Art wird leicht distanziert. Sie versucht, ihre Aggression zu minimieren, denn sie fühlt sich unwohl mit Ärger, aber es hat den Anschein, als würde sie sich emotional zurückziehen. Greg macht das genaue Gegenteil. Er erhebt kämpferisch die Stimme und verbeifst sich immer stärker darin, ihr gemeinsames Problem zu lösen. Je mehr Emily sich zurückzuziehen scheint, desto einsamer fühlt er sich, was seine Verletztheit und Wut verstärkt. Je wütender Greg wird, desto mehr Verletztheit und Abneigung ist bei Emily die Folge, und desto mehr zieht sie sich zurück. Schon bald stecken sie in einem Teufelskreis, dem sie nicht entkommen können - teilweise weil beide Ehepartner glauben, sie seien mit ihrer Art zu streiten im Recht. Dieses Dilemma sollte niemanden überraschen, der mit dem Zusammenhang zwischen Persönlichkeitstyp und Konfliktlösungsstil vertraut ist. So wie Männer und Frauen oft verschiedene Konfliktbewältigungsstrategien haben, gilt das auch für Introvertierte und Extravertierte. Studien belegen, dass Erstere eher Konflikte vermeiden und Letztere eher konfliktfreudig sind und auf einen offenen, wenn nicht gar streitlustigen Umgang mit Meinungsverschiedenheiten Wert legen. Das sind diametral entgegengesetzte Ansätze, und daher er351
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte zeugen sie notgedrungen Reibung. Wäre Emily nicht so konfliktscheu, würde sie vielleicht nicht so heftig auf Gregs frontalen Ansatz reagieren. Wäre Greg weicher, würde er vielleicht Emilys Versuch, die Dinge unter Kontrolle zu halten, anerkennen. Wenn Menschen ein miteinander kompatibles Konfliktverhalten haben, kann eine Meinungsverschiedenheit eine Gelegenheit für jeden Partner sein, die Sicht des anderen anzuerkennen. Aber Greg und Emily scheinen sich gegenseitig jedes Mal etwas weniger zu verstehen, wenn sie auf eine Weise streiten, die der andere missbilligt. Mögen sie sich auch etwas weniger, zumindest für die Dauer des Streits? Eine erhellende Studie des Psychologen William Graziano zeigt, dass man diese Frage vielleicht bejahen könnte.‘ Graziano teilte 61 männliche Studenten für ein fiktives FootballSpiel in Teams ein. Die eine Hälfte der Versuchspersonen sollte kooperativ spielen nach dem Motto: »Football ist für uns nützlich, denn wenn man beim Football erfolgreich sein will, müssen die Mitglieder des Teams gut zusammenspielen.« Die andere Hälfte sollte ein Spiel spielen, bei dem der Konkurrenzgedanke im Vordergrund stand. Jeder Student bekam Bilder von den Teamkameraden und den Gegnern sowie gefälschte biografische Informationen über sie zu sehen und sollte anschließend bewerten, wie er über die anderen Spieler dachte. Die Unterschiede zwischen Introvertierten und Extravertierten waren bemerkenswert. Die Introvertierten, die kooperativ spielen sollten, bewerteten alle Spieler - nicht nur ihre Gegner, sondern auch ihre eigenen Teamkollegen - positiver als die Introvertierten, die ein Konkurrenzspiel spielen sollten. Bei den Extravertierten verhielt es sich genau umgekehrt: Diejenigen, die für die Konkurrenzversion des Football-Spiels eingeteilt wa302
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet ren, bewerteten sämtliche Spieler positiver. Diese Ergebnisse lassen eine sehr wichtige Schlussfolgerung zu: Introvertierte mögen Menschen, die sie unter freundlichen Rahmenbedingungen kennenlernen; Extravertierte ziehen diejenigen vor, mit denen sie konkurrieren. Eine ganz andere Studie, in der Roboter Schlaganfallpatienten bei Reha-Übungen unterstützten, förderte erstaunlich ähnliche Resultate zutage.’ Introvertierte Patienten reagierten besser und länger auf Roboter, die darauf programmiert waren, beruhigend und sanft mit ihnen zu reden, indem sie zum Beispiel sagten: »Ich weiß, es ist schwierig, aber denken Sie daran, dass es zu Ihrem Besten ist« und: »Sehr gut, machen Sie so weiter.« Extravertierte hingegen gaben sich mehr Mühe bei Robotern, die auf eine fordernde, aggressivere Weise Sätze sagten wie: »Sie können das besser, das weiß ich!« und: »Konzentrieren Sie sich auf Ihre Übungen!« Diese Untersuchungsergebnisse deuten darauf hin, dass Greg und Emily es mit einer interessanten Herausforderung zu tun haben. Wenn Greg Menschen sympathischer findet, die sich energisch oder konkurrierend verhalten, und Emily besser mit unterstützenden, kooperativen Menschen klarkommt, wie können sie dann einen Kompromiss bei ihrem Dilemma finden und es liebevoll tun? Eine faszinierende Antwort liefert eine Studie, die an der Business School der Universität von Michigan durchgeführt wurde. Dabei ging es nicht um Ehepaare mit gegensätzlicher Mentalität, sondern um Verhandlungspartner aus unterschiedlichen Kulturkreisen - in diesem Fall Asiaten und Israelis. 76 MBA-Studenten aus Hongkong und Israel sollten sich vorstellen, dass sie in ein paar Monaten heiraten und mit einer Catering-Firma die 353
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Vorbereitungen für den Hochzeitsempfang regeln wollten. Das »Gespräch« fand per Video statt. Einigen Studenten wurde ein Video mit einem freundlichen Geschäftsführer präsentiert, der lächelte; die anderen bekamen ein Video mit einem reizbaren und unfreundlichen Manager zu sehen. In beiden Fällen war die Botschaft der Catering-Firma jedoch identisch: Da sich auch ein anderes Paar für denselben Hochzeitstermin interessierte, war der Preis nach oben gegangen, und das war ihr letztes Wort. Die Studenten aus Hongkong reagierten ganz anders als die Israelis. Die Asiaten tendierten weitaus mehr dazu, das Angebot des freundlichen statt des unfreundlichen Geschäftsführers anzunehmen: Nur 14 Prozent waren bereit, bei dem unfreundlichen Geschäftsführer abzuschließen, 71 Prozent ließen sich auf das Angebot des lächelnden Managers ein. Die Israelis hingegen nahmen das Angebot des einen wie des anderen Geschäftsführers mit gleich hoher Wahrscheinlichkeit an. Mit anderen Worten: Für die asiatischen Verhandlungsführer zählte der Stil ebenso wie die Fakten, während sich die Israelis stärker auf die inhaltliche Information konzentrierten. Sie ließen sich weder von der Zurschaustellung freundlicher noch feindseliger Emotionen beeindrucken. Die Erklärung dieses krassen Unterschieds hat damit zu tun, wie die beiden Kulturen Respekt definieren. Wie in Kapitel8 deutlich wurde, drücken viele Asiaten Respekt aus, indem sie Konflikte herunterspielen. Israelis hingegen, sagen die Forscher, »halten eine Meinungsverschiedenheit nicht für ein Zeichen mangelnden Respekts, sondern für ein Signal, dass das Gegenüber interessiert ist und sich leidenschaftlich für die Sache engagiert«. 354
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet Man könnte dasselbe von Greg und Emily sagen. Wenn Emily leiser wird und bei Streitigkeiten mit Greg ihren Affekt dämpft, glaubt sie - wie ein asiatischer Verhandlungsführer -, sie sei respektvoll, indem sie sich Mühe gibt, ihre negativen Emotionen nicht zu zeigen. Aber Greg denkt, dass sie sich ihm entzieht oder, noch schlimmer, dass es ihr völlig gleichgültig ist. Wenn Greg seinem Ärger Luft macht, geht er seinerseits davon aus, dass Emily so fühlt wie er: nämlich dass dies ein gesunder und ehrlicher Ausdruck ihrer tiefen Beziehung ist. Doch Emily scheint es, als wäre Greg auf einmal gegen sie. In ihrem Buch Wut: Das missverstandene Gefühl erzählt Carol Tavris die Geschichte von einer bengalischen Kobra, die gern die vorübergehenden Dorfbewohner beißt.’ Eines Tages überzeugt ein Swami - ein Mann, der Meisterschaft über sich selbst erlangt hat - die Kobra davon, dass es falsch ist, andere zu beißen. Die Kobra gelobt, von nun an damit aufzuhören, und hält ihr Versprechen. Es dauert nicht lange, bis die Dorfjungen die Angst vor ihr verlieren und beginnen, sie zu misshandeln. Geschunden und blutig, beschwert sich die Kobra beim Swami, dass das der Lohn dafür sei, dass sie ihr Versprechen gehalten hat. »Ich habe dir gesagt, du sollst nicht beißen«, erwidert der Swami,»aber ich habe nicht gesagt, dass du nicht zischen sollst.« „Viele Menschen«, schreibt Tavris, »verwechseln das Zischen mit dem Beißen, wie die Kobra in dieser Geschichte.« Viele Menschen - wie Greg und Emily. Beide haben viel aus aufdieser Geschichte zu lernen: Greg, dass er mit dem Beißen ht vielleic hören sollte, Emily, dass Greg zischen darf - und dass auch sie versuchen sollte, ein wenig zu zischen. änGreg kann zunächst einmal seine Vorstellung vom Ärger 859
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte dern. Wie die meisten Menschen glaubt er, dass man Dampf ablässt, wenn man seinen Ärger entlädt. Die »Katharsis-Hypothese« - wonach die Aggression sich in uns aufstaut, bis wir sie als gesunde Reaktion ausagieren - geht auf die Griechen zurück, wurde von Freud wiederbelebt und erhielt in den 1960er Jahren neuen Auftrieb, indem man lernte, mithilfe des Punchingballs und des Urschreis »alles herauszulassen«. Aber die KatharsisHypothese ist ein Ammenmärchen - plausibel und elegant, aber dennoch ein Märchen. Auswertungen von Experimenten haben gezeigt, dass sich Luft zu machen den Ärger nicht zum Verschwinden bringt, sondern ihm Nahrung gibt.'" Am besten ist es, wenn wir uns gar nicht erst erlauben, uns in den Ärger hineinzubegeben. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass Menschen nach einer Botox-Behandlung, die ein ärgerliches Verziehen des Gesichts verhindert, erstaunlicherweise weniger zu Ärger neigen, denn allein der Akt des Stirnrunzelns löst im Mandelkern schon die Verarbeitung negativer Emotionen aus." Ärger ist nicht nur im Augenblick des Herauslassens schädlich; noch Tage später haben Menschen, die ihrem Zorn freien Lauf lassen, damit zu tun, die Beziehung zu ihrem Partner wieder zu reparieren. Trotz der verbreiteten Legende, nach einem Streit habe man fabelhaften Sex, sagen viele Paare, dass sie nach einem Streit Zeit brauchen, um wieder liebevolle Gefühle für ihren Partner zu entwickeln. Was kann Greg tun, um sich zu beruhigen, wenn er merkt, wie die Wut in ihm hochsteigt? Er kann tief durchatmen. Er kann zehn Minuten Pause einlegen. Er kann sich auch fragen, ob das, was ihn so ärgerlich macht, wirklich so wichtig ist. Wenn nicht, könnte er es loslassen. Aber wenn doch, dann sollte er seine Bedürfnisse nicht als persönliche Angriffe, sondern als sachlichen 356
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet Diskussionsbeitrag formulieren. Statt zu sagen: »Du bist so ungesellig!«, könnte er sagen: »Wollen wir nicht einen Weg finden, unsere Wochenenden zu organisieren, der für uns beide gang- bar ist?« Dieser Rat würde auch dann gelten, wenn Emily keine hochsensible Introvertierte wäre (niemand fühlt sich gern dominiert oder missachtet), doch es ist nun einmal so, dass Greg mit einer Frau verheiratet ist, die sich von Wut besonders abgestoßen fühlt. Also muss er auf die konfliktscheue Ehefrau reagieren, die er hat, nicht auf die konfliktbereite, mit der er zumindest im Eifer des Gefechts gern verheiratet wäre. Schauen wir uns nun Emilys Seite der Gleichung an. Was könnte sie anders machen? Sie protestiert zu Recht, wenn Greg beißt - also ungerecht angreift -, aber was, wenn er zischt? Emilykönnte sich mit ihren kontraproduktiven Reaktionen auf Ärger auseinandersetzen, darunter ihrer Tendenz, sich in einen Kreislauf von Schuld und Verteidigung zu verstricken. Wir wissen aus Kapitel 6, dass viele Introvertierte seit frühester Kindheit zu starken Schuldgefühlen neigen; wir wissen auch, dass wir alle dazu tendieren, unsere eigenen Reaktionen auf andere zu projizieren. Da die konfliktscheue Emily nie »beißen«, geschweige denn zischen würde, es sei denn Greg hätte etwas ganz Schreckliches getan, interpretiert sie sein Beifßen in gewisser Weise als Beweis dafür, dass sie furchtbar schuldig ist - weiß Gott wofür. Emilys Schuldgefühle sind so unerträglich, dass sie tendenziell die Gültigkeit aller Ansprüche Gregs leugnet - der legitimen wie auch der wütend zugespitzten. Das hat einen Teufelskreis zur Folge, bei dem sie sich gegen ihr natürliches Mitgefühl abschottet und Greg sich sogar noch weniger verstanden fühlt als vorher. Emily muss also akzeptieren, dass es nicht schlimm ist, im So
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Unrecht zu sein. Vielleicht fällt es ihr am Anfang schwer herauszufinden, wann das der Fall ist und wann nicht; der Umstand, dass Greg seinen Groll so leidenschaftlich äußert, macht die Unterscheidung schwierig. Aber Emily muss versuchen, sich nicht in diesen Sumpf hineinziehen zu lassen. Wenn Greg etwas sagt, was berechtigt ist, sollte sie es anerkennen, nicht nur, um ihrem Mann eine gute Partnerin zu sein, sondern auch, um selbst zu lernen, dass es nicht schlimm ist, Fehler zu machen. Das wird es ihr erleichtern, nicht verletzt zu sein, sondern sich zu wehren, wenn Gregs Ansprüche unberechtigt sind. Sich wehren? Aber Emily hasst Streit. Das ist in Ordnung, Sie muss sich mehr mit ihrem eigenen Zischen anfreunden. Introvertierte zögern vielleicht, Disharmonie zu verursachen, aber wie die passive Kobra sollten auch sie darauf achten, ihren Partner nicht zu aggressivem Verhalten zu ermuntern. Sich zu wehren hat möglicherweise keine Revanche zur Folge, wie Emily fürchtet; vielmehr kann es Greg veranlassen, einen Rückzieher zu machen. Sie muss kein schweres Geschütz auffahren. Oft reicht es, klar zu sagen: »Das ist für mich nicht akzeptabel« oder etwas Ähnliches. Von Zeit zu Zeit könnte Emily ihre gewöhnlichen Grenzen überschreiten und ihrem eigenen Ärger ein wenig Luft machen. Es sei daran erinnert, dass ein Temperamentsausbruch für Greg Verbundenheit bedeutet. So wie die extravertierten Spieler in der Football-Studie freundliche Gefühle für ihre Konkurrenten hegten, fühlt sich Greg Emily vielleicht näher, wenn sie ein wenig von der Art eines kampfbereiten Spielers annehmen kann, der die Führung auf dem Platz beansprucht. Emily kann ihre Abneigung gegen Gregs Verhalten auch überwinden, indem sie sich klarmacht, dass er in Wirklichkeit nicht 358
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet so aggressiv ist, wie es den Anschein hat. John, ein Introvertierter, den ich interviewt habe und der eine großartige Beziehung zu seiner sehr temperamentvollen Frau hat, beschreibt, wie ihm das nach 25 Jahren Ehe gelungen ist: »Wenn Jennifer wegen irgendetwas auf mich sauer ist, ist sie wirklich sauer. Wenn ich schlafen gehe, ohne die Küche aufzuräumen, schreit sie mich am nächsten Morgen an: »Die Küche ist dreckig!« Ich gehe in die Küche und schaue mich um. Es stehen drei oder vier Tassen herum, nichts weiter. Aber die schweren Geschütze, die sie in solchen Augenblicken auffährt, sind für sie etwas ganz Natürliches. Das ist ihre Weise auszudrücken: »Wenn es irgendwie geht, wäre ich dankbar, wenn du die Küche ein bisschen mehr aufräumen könntest.< Würde sie so mit mir reden, würde ich antworten: ‚Aber klar, und es tut mir leid, dass ich es nicht schon eher getan habe.< Aber da sie mich mit der Energie eines rasenden Güterzugs anfährt, möchte ich mich wehren und antworten: ‚Pech gehabt.« Ich tue es nur deswegen nicht, weil wir seit 25 Jahren verheiratet sind und ich begriffen habe, dass Jennifer mir nichts anhaben kann, wenn sie so redet.« Worin besteht Johns Geheimnis im Umgang mit seiner energischen Frau? Er macht ihr klar, dass ihre Worte inakzeptabel sind, aber er versucht auch zu hören, was sie eigentlich meint. »Ich versuche, mein Einfühlungsvermögen zu nutzen«, sagt er. „Ich sehe von ihrem Ton ab. Ich sehe vom Ansturm auf meine Sinne ab und versuche zu hören, was sie eigentlich sagen will.« Und was Jennifer hinter ihrem Güterzug-Gehabe sagen will, ist oft ganz simpel: Hör mir zu. Achte mich. Liebe mich. Greg und Emily haben inzwischen wertvolle Einsichten gewonnen, wie sie über ihre Unterschiede sprechen können. Aber es gibt noch eine weitere Frage, die sie beantworten müssen. 359
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Warum genau erleben sie diese Einladungen am Freitagabend so unterschiedlich? Wir wissen, dass Emilys Nervensystem vermutlich panisch reagiert, wenn sie einen Raum voller Menschen betritt. Und wir wissen, dass Greg wahrscheinlich das Gegenteil empfindet: Er ist angezogen von Menschen, Gesprächen, Ereignissen - von allem, was ihm das dopamingesteuerte »Hol-esdir«-Empfinden gibt, nach dem Extravertierte sich sehnen. Aber lassen Sie uns ein wenig tiefer in die Anatomie des Cocktail-Geplauders hineinschauen. Der Schlüssel zur Lösung von Gregs und Emilys Differenzen liegt im Detail. Vor einigen Jahren wurden aus 64 Versuchspersonen 32 Paare gebildet, die aus Introvertierten und Extravertierten zusammengesetzt waren und sich nicht kannten. Diese Paare wurden aufgefordert, einige Minuten lang ein Telefongespräch miteinander zu führen als Teil eines Experiments, das der Neurowissenschaftler Dr. Matthew Lieberman damals noch während seines Graduiertenstudiums in Harvard leitete.'” Nachdem sie aufgelegt hatten, mussten sie einen detaillierten Fragebogen ausfüllen, bei dem es darum ging zu bewerten, wie sie sich während des Gesprächs gefühlt und verhalten hatten. Wie sympathisch fanden sie ihren Gesprächspartner? Wie freundlich waren sie selbst gewesen? Wie gern würden sie mit dieser Person noch einmal zu tun haben? Sie wurden auch gebeten, sich in ihren Gesprächspartner hineinzuversetzen: Wie sympathisch fand der Gesprächspartner sie selbst? Wie sensibel war er mit ihnen umgegangen? Wie ermutigend? Lieberman und sein Team verglichen die Antworten und hörten auch in die Gespräche hinein, um sich selbst ein Bild davon zu verschaffen, wie die Gesprächspartner miteinander umge360
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet gangen waren. Es stellte sich heraus, dass die Extravertierten viel akkurater als die Introvertierten einschätzen konnten, ob ihr Gesprächspartner sich gern mit ihnen unterhalten hatte. Die Ergebnisse ließen darauf schließen, dass Extravertierte soziale Signale besser dekodieren können als Introvertierte. Wie Lieberman schrieb, erschien das wenig überraschend, sondern bestätigte die verbreitete Annahme, wonach Extravertierte besser darin sind, soziale Situationen zu »lesen«. Das einzige Problem war, wie Lieberman in einem weiteren Teil seines Experiments deutlich machte, dass diese Annahme nicht ganz stimmte. Lieberman und sein Team baten eine ausgewählte Gruppe von Teilnehmern, sich die Unterhaltung noch einmal auf Tonband anzuhören, bevor sie den Fragebogen ausfüllten. In dieser Gruppe gab es, wie er herausfand, keinen Unterschied zwischen Introvertierten und Extravertierten in ihrer Fähigkeit, soziale Signale zu lesen. Warum? Die Versuchspersonen, die die Tonbandaufzeichnungen zu hören bekamen, konnten die sozialen Signale dechiffrieren, ohne gleichzeitig noch etwas anderes tun zu müssen. Und Introvertierte sind sehr gute Dechiffrierer, wenn man verschiedenen Studien glaubt, die vor den Lieberman-Experimenten durchgeführt wurden. Eine dieser Studien ergab sogar, dass Introvertier- te bessere Dechiffrierer als Extravertierte sind. Aber diese Studien hatten gemessen, wie gut Introvertierte die soziale Situation beobachteten, nicht wie gut sie daran teilnahmen. Das Teilnehmen stellt an das Gehirn ganz andere Anforderungen als das Beobachten. Es erfordert eine Art mentales Multitasking: die Fähigkeit, gleichzeitig sehr viele kurzfristige Informationen zu verarbeiten, ohne sich ablenken oder übermäßig Exstressen zu lassen - was die Art von Hirnfunktion ist, für die 361
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte travertierte sich meistens sehr gut eignen, wie der Persönlichkeitspsychologe Gerald Matthews sagt." Extravertierte sind also gesellig, weil ihr Gehirn gut mit konkurrierenden Ansprüchen an ihre Aufmerksamkeit umgehen kann, und genau das geschieht, wenn man einen Raum voller fremder Menschen betritt. Wenn Sie jemanden neu kennenlernen, müssen Sie viele Informationen gleichzeitig dekodieren: Worte, Körpersprache, Mimik. Ein einfaches Gespräch mit Ihrer besten Freundin beinhaltet ein erstaunliches Spektrum an Multitasking-Aufgaben: Sie müssen interpretieren, was die andere Person sagt; Sie müssen geschickt vom Reden zum Zuhören wechseln und umgekehrt; Sie müssen auf das reagieren, was Ihr Gegenüber gesagt hat; einschätzen, ob Sie verstanden wurden; einschätzen, ob Ihre Worte gut aufgenommen wurden, und wenn nicht, überlegen, was Sie verbessern oder wie Sie sich aus der Situation zurückziehen können. Machen Sie sich klar, was notwendig ist, um all diese Bälle gleichzeitig zu jonglieren! Und das ist nur ein Zweier-Gespräch. Jetzt stellen Sie sich das Multitasking vor, das in einer Gruppensituation, wie einem Abendessen, notwendig ist. Wenn Introvertierte die Beobachterrolle einnehmen, wenn sie also beispielsweise Romane schreiben oder über die Allgemeine Feldtheorie nachdenken - oder es wie Emily ablehnen, Freunde nach Hause einzuladen -, zeigen sie damit keinen schwachen Willen oder einen Energiemangel. Sie tun einfach das, wozu sie sich von ihrer Veranlagung her eignen. Das Lieberman-Experiment macht deutlich, was Introvertierte aus dem Konzept bringt. Es kann uns nicht zeigen, wie sie im Umgang mit anderen gut und erfolgreich sein können, und doch gelingt es ihnen oft. 362
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet Nehmen wir mal einen unscheinbaren Mann namens Jon Berghoff. Jon ist das Stereotyp eines Introvertierten, bis hin zu seiner körperlichen Erscheinung: schlank, drahtiger Körper, Brille, schmale Nase, hervorstehende Wangenknochen, nachdenklicher Gesichtsausdruck. Er redet nicht viel, aber was er sagt, ist sorgfältig überlegt, besonders wenn er in einer Gruppe ist: »Wenn ich in einem Raum mit zehn Leuten die Wahl zwischen Reden und Schweigen habe«, sagt er, »schweige ich. Wenn Menschen in einer Gruppensituation fragen: ‚Warum sagst du nichts%«, bin ich derjenige, der gemeint ist.« Aber Jon ist ein hervorragender Geschäftsmann und das seit seiner Jugend. Schon im Sommer 1999, in seinem vorletzten Jahr an der Highschool, stieg er in den Direktvertrieb von Cutco-Küchenprodukten ein. Seine Aufgabe bestand darin, bei den Kunden zu Hause vorstellig zu werden und ihnen Messer zu verkaufen. Dieser Umstand stellte größtmögliche Nähe zwischen ihnen her, denn der Verkauf fand nicht in einem Hotelraum oder in einem Verkaufsbüro statt, sondern in der Küche der potenziellen Kunden, wo er ihnen ein Produkt verkaufte, das sie täglich benutzen würden, um Essen auf den Tisch zu bringen. Innerhalb der ersten acht Wochen verkaufte Jon Messer im Wert von 50 000 Dollar. Im selben Jahr wurde er Topvertreter der Firma unter 40 000 Neuanfängern. Im Jahr 2000 - in seinem letzten Schuljahr an der Highschool - zog Jon Aufträge im Wert von über 135.000 Dollar an Land und brach über 25 landesweite und regionale Verkaufsrekorde. In der Highschool war er nach wie vor ein im Umgang mit anderen linkischer Schüler, der sich mittags in die Bibliothek verkroch. Aber 2002 hatte er bereits neunzig neue Vertreter rekrutiert, angestellt und geschult und die Bezirksverkäufe um 500 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert. 363
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Inzwischen hat Jon eine eigene Coaching- und VerkaufstrainingFirma namens »Global Empowerment Coaching« ins Leben gerufen und vor über 30 000 Verkäufern und Managern Hunderte von Vorträgen, Trainingsseminaren und private Konsultationen gehalten. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Einen wichtigen Hinweis liefert ein Experiment, das die Persönlichkeitspsychologin Avril Thorne, mittlerweile Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz durchführte.'* Sie ließ 52 junge Frauen - 26 introvertierte und 26 extravertierte - mit zwei unterschiedlichen Gesprächspartnerinnen sprechen. Jede Versuchsperson führte ein zehnminütiges Gespräch mit einer Partnerin ihres eigenen Typs und ein zweites Gespräch gleicher Länge mit einer Partnerin des gegenteiligen Typs. Thornes Team nahm die Gespräche auf und bat die Teilnehmerinnen, sich das Band noch einmal anzuhören. Dieses Vorgehen förderte einige Überraschungen zutage. Die Introvertierten und die Extravertierten beteiligten sich etwa gleich stark am Gespräch, was die Vorstellung Lügen strafte, dass Introvertierte stets weniger reden. Aber die introvertierten Paare konzentrierten sich eher auf ein oder zwei ernsthafte Gesprächsthemen, während die extravertierten Paare oberflächlichere und breiter gestreute Themen wählten. Die Introvertierten sprachen oft über Probleme oder Konflikte in ihrem Leben: Schule, Arbeit, Freundschaft und Ähnliches. Vielleicht aufgrund dieser Vorliebe für »Problemgespräche« übernahmen sie auch oft gegenseitig die Ratgeberrolle füreinander und berieten sich bei ihren Konflikten. Die Extravertierten hingegen gaben eher oberflächliche Informationen über sich preis, die eine Gemeinsamkeit mit der anderen Person herstellen sollten: Sie haben ei364
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet nen neuen Hund? Das ist toll. Ein Freund von mir hat ein erstaunliches Aquarium mit Salzwasserfischen! Aber der interessanteste Teil an Thornes Experiment war, wie sehr sich die beiden unterschiedlichen Typen gegenseitig schätzten. Introvertierte, die mit Extravertierten sprachen, wählten fröhlichere Themen, gaben an, dass sie das Gespräch lockerer führten, und beschrieben das Gespräch mit Extravertierten als »frische Brise«. Die Extravertierten hingegen hatten den Eindruck, dass sie sich bei introvertierten Partnern besser entspannen konnten und freier waren, ihnen ihre Probleme anzuvertrauen. Sie verspürten nicht den Druck, falsche Souveränität zu heucheln. Das sind wertvolle Informationen für das Miteinander. Auch wenn Introvertierte und Extravertierte sich manchmal voneinander abgestoßen fühlen, zeigt Thornes Untersuchung doch, wie viel jeder dem anderen zu bieten hat. Extravertierte müssen wissen, dass Introvertierte - die oft das Oberflächliche zu verabscheuen scheinen - vielleicht ganz glücklich sind, wenn man sie auf eine etwas unbeschwertere Ebene zieht; und Introvertierte, die oft das Gefühl haben, als würde ihr Hang zu Problemgesprächen sie zu Langweilern machen, sollten wissen, dass sie es anderen ermöglichen, ernste Themen anzuschneiden. Thornes Forschung hilft uns auch, Jon Berghoffs erstaunlichen Verkaufserfolg zu verstehen. Er hat sein Talent für ernsthafte Gespräche und eine Beraterfunktion statt Überrederrolle in eine Art Therapie für seine Kunden verwandelt. »Ich entdeckte schon sehr früh, dass Menschen mir nichts abkaufen, weil sie verstehen, was ich verkaufe«, erklärt Jon. »Sie kaufen, weil sie sich verstanden fühlen.« Jon profitiert auch von seiner natürlichen Tendenz, viele Fra365
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte gen zu stellen und genau auf die Antworten zu hören. »Ich kam an den Punkt, wo ich jemandes Wohnung betreten konnte, und statt zu versuchen, ein paar Messer zu verkaufen, stellte ich hundert Fragen nacheinander. Ich konnte die ganze Unterhaltung lenken, indem ich einfach die richtigen Fragen stellte.« In seiner Coaching-Firma geht Jon heutzutage genauso vor. »Ich versuche mich auf die Wellenlänge des Menschen einzustellen, mit dem ich es zu tun habe. Ich achte auf die Energie, die jemand aussendet. Mir fällt das ganz leicht, denn ich bin ohnehin ein Kopfmensch.« Aber erfordert Verkaufen nicht die Fähigkeit, sich zu begeistern und Menschen zu animieren? Nicht Jon zufolge. »Viele Menschen glauben, als Verkäufer müsse man unbedingt schnell reden können oder wissen, wie man sein Charisma einsetzt, um zu überzeugen. Das würde tatsächlich eine extravertierte Art der Kommunikation erfordern. Aber beim Verkauf gilt die Binsenweisheit, dass wir zwei Ohren haben und einen Mund, und in diesem Verhältnis sollten wir sie auch nutzen. Ich glaube, das macht jemanden wirklich zu einem guten Verkäufer oder Berater - das Allerwichtigste ist, gut zuhören zu können. Wenn ich mir die besten Vertreter in meiner Firma anschaue, ist keine der extravertierten Qualitäten bei ihnen der Schlüssel zum Erfolg.« Zurück zu Gregs und Emilys Dilemma. Wir haben gerade zwei wichtige Informationen erhalten. Erstens: Emilys Abneigung gegen Gesprächs-Multitasking beruht aufeiner nachvollziehbaren und erklärbaren Grundlage. Und zweitens: Wenn Introvertierte nicht daran gehindert werden, Gespräche auf ihre eigene Weise zu erleben, stellen sie einen tiefen und erfreulichen Kontakt zu anderen her. 366
Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet Erst als Greg und Emily diese beiden Fakten akzeptierten, fanden sie eine Möglichkeit, ihr Patt zu lösen. Statt sich auf die Anzahl der abendlichen Einladungen zu konzentrieren, die sie geben wollten, fingen sie an, über die Gestaltung der Abende zu reden. Statt alle um einen großen Tisch zu gruppieren, was die Art von Gesprächs-Multitasking nach allen Seiten erfordert, die Emily so unangenehm war, warum nicht zu einem Buffet einladen, bei dem die Gäste in kleinen, zwanglosen Gesprächsgruppen auf den Sofas und den Bodenkissen essen? Das würde Greg erlauben, seine gewöhnliche Stellung im Mittelpunkt des Raums und Emily die ihre am Rande einzunehmen, wo sie die intimen Zweiergespräche führen kann, die sie mag. Nachdem dieses Problem gelöst war, konnte sich das Paar nun der schwierigeren Frage zuwenden, wie oft sie Freunde einladen wollten. Nach einigem Hin und Her kamen sie überein, zweimal im Monat ein Essen zu geben - 24 statt der 52 Einladungen im Jahr. Emily freut sich immer noch nicht auf diese Zusammenkünfte, aber sie genießt sie manchmal trotzdem. Und Greg kann zu seinen Abenden einladen, die er so sehr schätzt, an seiner Identität festhalten und mit der Person zusammen sein, die er am meisten verehrt - und das alles zur gleichen Zeit.
KApIneee Über Schuster und Generäle Wie man stille Kinder in einer Welt erzieht, die sie nicht hören kann Bei allem, was jung und zart ist, ist der wichtigste Teil der Aufgabe, wie man sie beginnt. Plato In einer Geschichte, die angeblich von Mark Twain stammt, hält ein Mann Ausschau nach dem größten General, der je auf Erden gelebt hat. Als er erfährt, dass der Mann, nach dem er sucht, bereits gestorben und im Himmel ist, reist er an die Himmelspforte, um ihn zu treffen. Der heilige Petrus zeigt auf einen ganz gewöhnlichen Menschen. »Das ist nicht der größte General aller Zeiten«, protestiert der Mann. »Ich kannte diesen Menschen dort, als er noch auf Erden lebte, und da war er bloß ein Schuster.« »Das weiß ich«, sagt Petrus. »Aber wäre er General gewesen, dann wäre er der größte von allen gewesen.« Wir alle sollten auf Schuster achtgeben, die vielleicht große Generäle gewesen wären. Das heifßst, wir sollten unser Augenmerk auf introvertierte Kinder richten, deren Talente allzu oft verkümmern, sei es zu Hause, in der Schule oder auf dem Spielplatz. Die folgende Geschichte, die zum Nachdenken anregt, erzählte mir Dr. Jerry Miller, Kinderpsychologe und Leiter des »Center for the Child and the Family« an der Universität Michigan. 368
Wie man stille Kinder erzieht Dr. Miller hatte einen Patienten namens Ethan, mit dem seine Eltern im Laufe der Zeit viermal in seiner Sprechstunde vorstellig wurden. Jedes Mal äußerten sie die Angst, dass mit ihrem Kind etwas ganz und gar nicht stimme. Jedes Mal versicherte ihnen Dr. Miller, dass Ethan völlig in Ordnung war. Ihre ursprüngliche Besorgnis war durch einen simplen Anlass ausgelöst worden. Als Ethan sieben war, hatte sein vierjähriger Bruder ihn mehrmals verprügelt, ohne dass Ethan sich gewehrt hatte. Seine Eltern - beides kontaktfreudige, zupackende Menschen in hoch dotierten Positionen und mit einer Leidenschaft für Golf- und Tennisturniere - hatten gegen die Aggression ihres jüngeren Sohnes nichts einzuwenden, hatten aber die Sorge, dass Ethans Passivität »kennzeichnend für sein Leben werden könnte«. Als Ethan älter wurde, versuchten seine Eltern vergeblich, ihm »Kampfgeist« einzuflößen. Sie schickten ihn zum Baseball und Fußball, doch Ethan wollte nur nach Hause und lesen. Nicht einmal in der Schule konkurrierte er mit anderen. Trotz seiner großen Intelligenz war er nur ein mittelmäßiger Schüler. Er hätte besser in der Schule sein können, konzentrierte sich aber lieber auf seine Hobbys, besonders auf den Bau von Modellautos. Er hatte einige enge Freunde, war aber nie voll in die Klassengemeinschaft integriert. Da seine Eltern sich sein seltsames Verhalten nicht erklären konnten, glaubten sie, ihr Sohn sei vielleicht depressiv. Doch bei Ethans Problem handelte es sich nach Ansicht von Dr. Miller nicht um eine Depression, sondern um einen klassischen Fall dessen, was Psychologen eine ungünstige »ElternKind-Passung« nennen. Ethan war groß, mager und unsportlich und hatte das Aussehen eines typischen Sonderlings. Seine EJ369
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte tern waren gesellige, selbstbewusste Menschen, die »immer lächelten und sich mit anderen unterhielten, während sie Ethan im Schlepptau hatten«. Im Gegensatz zu ihnen schätzte Dr. Miller Ethan ganz anders ein. »Er war das klassische Harry-Potter-Kind - er hatte immer ein Buch bei sich«, sagt Dr. Miller begeistert. »Er hatte viel Fantasie. Er baute gern und hatte so vieles, von dem er einem erzählen wollte. Seine Eltern akzeptierte er mehr als sie ihn. Er definierte sie nicht als krank, sondern nur als anders als er. In einem anderen Elternhaus hätte derselbe Junge als Vorzeigekind gegolten.« Aber Ethans Eltern konnten ihn nicht in diesem Licht sehen. Das Letzte, was Dr. Miller hörte, war, dass die Eltern schließlich einen anderen Psychologen gefunden hatten, der sich bereit erklärte, ihren Sohn »zu behandeln«. Und jetzt macht sich Dr. Miller Sorgen um Ethan. »Das ist ein eindeutiger Fall eines sogenannten iatrogenen Problems«, sagte er, »also einer krank machenden Behandlung. Das klassische Beispiel ist, wenn Sie einen Homosexuellen mithilfe einer ärztlichen Behandlung in einen Heterosexuellen verwandeln wollen. Aber auch um dieses Kind mache ich mir Sorgen. Die Eltern sind sehr fürsorglich und meinen es gut. Sie glauben, ihr Sohn sei ohne Behandlung nicht fit für das Leben in der Gesellschaft, er brauche mehr Biss. Vielleicht stimmt Letzteres sogar ein wenig; ich weiß es nicht. Aber wie auch immer, ich bin der festen Ansicht, dass es unmöglich ist, dieses Kind zu ändern. Ich habe die Sorge, dass sie einen vollkommen gesunden Jungen behandeln und dabei sein Selbstbewusstsein beschädigen.« Wenn extravertierte Eltern ein introvertiertes Kind haben, muss eine ungünstige Eltern-Kind-Passung nicht zwangsläufig 370
Wie man stille Kinder erzieht die Folge sein. Nach Dr. Millers Auffassung können alle Eltern mit ein wenig Achtsamkeit und Verständnis mit jeder Art von Kind gut harmonieren. Eltern müssen sich jedoch von ihren eigenen Vorlieben freimachen und sich anschauen, wie die Welt aus der Sicht ihrer stillen Kinder aussieht. Nehmen wir den Fall von Joyce und ihrer siebenjährigen Tochter Isabel. Isabel ist eine elfengleiche Zweitklässlerin, die gern Glitzersandaletten und bunte Gummiarmbänder trägt, die sie um ihre dünnen Arme schlingt. Sie hat mehrere »beste Freundinnen«, mit denen sie Geheimnisse austauscht, und kommt mit den meisten Kindern in ihrer Klasse gut zurecht. Sie ist die Art Kind, die eine Klassenkameradin, der es schlecht geht, in den Arm nimmt; sie gibt sogar ihre Geburtstagsgeschenke an Wohltätigkeitsvereine weg. Aus diesem Grund war ihre Mutter Joyce, eine attraktive, warmherzige Frau mit geistreichem Humor und einer »Her-damit«-Einstellung von Isabels Problemen in der Schule so verwirrt. In der ersten Klasse kam Isabel oft tief beunruhigt über die Klassenzicke nach Hause, die jedem Kind gemeine Bemerkungen entgegenschleuderte, das empfindlich genug war, sich davon treffen zu lassen. Obwohl das Mädchen meistens auf anderen Kindern herumhackte, nahm Isabel das, was es gesagt hatte, stundenlang auseinander, überlegte, was dahintersteckte und sogar, was die Zicke vielleicht zu Hause auszustehen hatte, wenn sie sich in der Schule so schlecht aufführte. In der zweiten Klasse bat Isabel ihre Mutter, keine Verabredungen zum Spielen für sie zu treffen, ohne sie vorher zu fragen. Gewöhnlich blieb sie lieber zu Hause. Wenn Joyce Isabel von der Schule abholte, sah sie oft, wie die anderen Mädchen in Gruppen zusammenstanden und Isabel auf dem Schulhof allein BälSl
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte le in den Korb warf. »Sie mischte sich einfach nicht unter die anderen. Es war mir eine Zeitlang unmöglich, sie abzuholen«, erinnert sich Joyce. »Ich konnte es einfach nicht mit ansehen.« Joyce verstand nicht, warum ihre süße, liebevolle Tochter so viel allein sein wollte. Sie befürchtete, dass mit Isabel etwas nicht stimmte. Sollte es ihr trotz ihres Einfühlungsvermögens an Kontaktfähigkeit mangeln? _ Erst als ich Joyce auf die Idee brachte, dass ihre Tochter vielleicht introvertiert war, und ihr erläuterte, was das bedeutete, begann sie, Isabels Erfahrungen in der Schule anders zu bewerten. Aus Isabels Sicht klangen die Dinge überhaupt nicht alarmierend. »Ich brauche nach dem Unterricht eine Pause«, sagte sie mir einmal. »Schule ist anstrengend, weil so viele Kinder im Klassenzimmer sind; das macht mich müde. Mir ist es zu viel, wenn meine Mutter für mich ungefragt Verabredungen zum Spielen trifft, denn ich möchte meinen Freundinnen nicht wehtun. Aber ich bleibe lieber zu Hause. Im Haus einer Freundin muss ich mich nach anderen richten. Ich bin nach der Schule gern mit meiner Mutter zusammen, weil ich von ihr lernen kann. Sie ist viellänger auf der Welt als ich. Ich kann mit ihr über alles reden. Ich mag gute Gespräche, denn die machen Menschen glücklich.« Isabel macht mit all der Klugheit einer Zweitklässlerin deutlich, dass Introvertierte durchaus kontaktfähig sind. Natürlich nehmen sie Kontakt auf. Sie tun es nur auf ihre Art. Jetzt, wo Joyce Isabels Bedürfnisse versteht, denken sich Mutter und Tochter begeistert gemeinsam Strategien aus, damit Isabel ihren Schultag gut übersteht. »Vorher wollte ich, dass Isabel dauernd rausgeht und sich mit anderen trifft, und habe ihre schulfreie Zeit mit Aktivitäten vollgepackt«, sagt Joyce. »Jetzt 372
Wie man stille Kinder erzieht begreife ich, dass Schule für sie sehr stressig ist. Deshalb überlegen wir gemeinsam, wann und wie viele Verabredungen sinnvoll sind.« Joyce hat nichts mehr dagegen, dass Isabel nach der Schule eine Weile auf ihr Zimmer geht oder einen Geburtstag ein bisschen eher verlässt als andere Kinder. Sie hat begriffen, wenn Isabel ihr Verhalten nicht als Problem ansieht, sollte es auch für sie, Joyce, keinen Grund geben, es so zu sehen. Joyce hat auch gelernt, wie sie ihrer Tochter helfen kann, mit den ungeschriebenen Gesetzen auf dem Spielplatz umzugehen. Isabel wusste einmal nicht, wie sie ihre Zeit unter drei Freundinnen aufteilen sollte, die miteinander nicht auskamen. »Mein ursprünglicher Instinkt«, sagt Joyce, »wäre zu sagen: Mach dir nichts draus! Spiel einfach mit allen dreien! Aber inzwischen habe ich begriffen, dass Isabel eine andere Sorte Mensch ist. Es fällt ihr schwer, eine Strategie zu entwickeln, wie sie mit diesen Kindern gleichzeitig auf dem Spielplatz umgehen kann. Also besprechen wir, mit wem sie wann spielt, und proben, was sie ihren Freundinnen sagen kann, um die Situation zu glätten.« Als Isabel ein paar Jahre älter war, wirkte sie einmal bedrückt, weil ihre Freundinnen an zwei unterschiedlichen Tischen in der Schulcafeteria saßen. An einem Tisch saßen ihre stilleren Freundinnen, am anderen die Extravertierten in der Klasse. Isabels Schilderung zufolge war die zweite Gruppe laut: »Alle schwatzten ununterbrochen und saßen sich gegenseitig auf dem Schoß. Schrecklich.« Isabel war traurig darüber, dass ihre beste lieber am »verrückten Tisch« saß, obwohl sie chen an »dem entspannteren und ruhigeren war. Isabel fühlte sich hin- und hergerissen. Freundin Amanda auch mit den MädTisch« befreundet Wo sollte sie sich hinsetzen? 373
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Als Erstes dachte Joyce, dass der »verrückte Tisch« lustiger klang. Dann fragte sie Isabel, was ihr lieber wäre. Isabel dachte kurz nach und antwortete: »Vielleicht setze ich mich ab und zu mal zu Amanda, aber eigentlich finde ich es gut, stiller zu sein und mich beim Mittagessen zu erholen.« Wozu denn das?, dachte Joyce. Doch dann fing sie sich noch gerade rechtzeitig, bevor sie den Gedanken laut aussprach. »Das klingt vernünftig«, bestätigte sie Isabel. »Amanda mag dich trotzdem. Sie sitzt einfach nur gern am anderen Tisch. Aber das heißt nicht, dass sie dich nicht mag. Gönn dir einfach die Ruhe, die du brauchst.« Seit sie die Introversion besser versteht, hat Joyce die Art ihrer Erziehung verändert, und sie wundert sich, dass sie so lange dazu gebraucht hat. »Wenn ich sehe, was für ein wunderbares Mädchen Isabel ist, weiß ich es sehr zu schätzen, selbst wenn es in der Welt vielleicht heifst, es wäre besser, am anderen Tisch zu sitzen. Wenn ich diesen Tisch durch ihre Augen betrachte, hilft es mir, darüber nachzudenken, wie ich möglicherweise von anderen wahrgenommen werde und dass ich mir meinen extravertierten »Normalzustand« bewusst machen und ihn kontrollieren muss, damit mir nicht die Gesellschaft von Menschen wie meiner süßen Tochter entgeht.« Joyce schätzt inzwischen auch Isabels Sensibilität. »Isabel ist eine alte Seele«, sagt sie. »Man vergisst, dass sie noch ein Kind ist. Wenn ich mit ihr rede, bin ich nicht in der Versuchung, den Tonfall anzuschlagen, den Erwachsene für Kinder reservieren, und ich passe auch meine Wortwahl nicht an. Ich rede mit ihr so, wie ich mit jedem Erwachsenen reden würde. Sie ist sehr sensibel, sehr fürsorglich. Sie macht sich um das Wohlergehen ande374
Wie man stille Kinder erzieht rer Menschen Sorgen. Sie fühlt sich schnell überfordert, aber das ist nur die Kehrseite, und ich liebe das an meiner Tochter.« Joyce ist so fürsorglich, wie eine Mutter es nur sein kann, aber wegen ihrer unterschiedlichen Veranlagung musste sie bei der Erziehung ihrer Tochter sehr viel dazulernen. Hätte sie ihre EItern-Kind-Passung als natürlicher empfunden, wenn sie selber introvertiert gewesen wäre? Nicht unbedingt. Introvertierte EItern sind zuweilen mit eigenen Herausforderungen konfrontiert. Manchmal können sich ihnen schmerzliche Kindheitserinnerungen in den Weg stellen. Emily Miller, eine klinische Sozialarbeiterin in Ann Arbor, Michigan, berichtete mir von Ava, einem kleinen Mädchen, das sie in Behandlung hatte und dessen Schüchternheit so extrem war, dass sie keine Freundinnen fand und sich im Unterricht nicht konzentrieren konnte. Als Ava irgendwann mit einigen anderen Kindern vor der Klasse singen sollte, fing sie an zu schluchzen, woraufhin ihre Mutter Sarah beschloss, bei Miller Hilfe zu suchen. Miller bat Sarah, eine erfolgreiche Unternehmensjournalistin, an Avas Behandlung teilzunehmen. Daraufhin brach Sarah in Tränen aus. Auch sie war ein schüchternes Kind gewesen und fühlte sich schuldig, dass sie ihre furchtbare Last an Ava weitergegeben hatte. »Ich kann es inzwischen besser verbergen, aber ich bin immer noch wie meine Tochter«, erklärte sie. »Ich kann auf jeden zugehen, aber nur mit dem Notizbuch derJournalistin in der Hand.« Sarahs Reaktion ist nicht ungewöhnlich für den pseudoextravertierten Elternteil eines schüchternen Kindes, sagt Miller. Sarah durchlebt nicht nur ihre eigene Kindheit noch einmal, sie projiziert auf Ava auch die schlimmste Version ihrer eigenen Erinnerungen. Aber Sarah muss begreifen, dass sie und Ava nicht 375
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte dieselbe Person sind, auch wenn sie von ihrer Anlage her tatsächlich Ähnlichkeiten zu haben scheinen. Schließlich ist Ava genetisch ebenso durch ihren Vater beeinflusst wie auch durch eine ganze Reihe von Umweltfaktoren, und deshalb äußert sich ihre Problematik notgedrungen auch anders. Sarahs eigenes Unglück muss nicht das ihrer Tochter sein. Mit einer solchen Annahme erweist sie Ava einen schlechten Dienst. Unter richtiger Anleitung kann Ava mit ihrer Schüchternheit so gut umgehen lernen, dass sie nichts weiter als eine kleine und seltene Unannehmlichkeit ist. Doch Miller zufolge können selbst Eltern, die noch an ihrem eigenen Selbstwertgefühl arbeiten müssen, für ihre Kinder enorm hilfreich sein. Ein Rat von einem Elternteil, der anerkennt, wie sich ein Kind fühlt, ist an sich schon eine Stärkung. Wenn Ihr Sohn am ersten Schultag nervös ist, hilft es ihm, wenn Sie ihm sagen, dass es Ihnen an Ihrem ersten Schultag genauso ging und sogar heute noch bei der Arbeit manchmal so geht, aber dass es mit der Zeit besser wird. Selbst wenn er Ihnen nicht glaubt, signalisieren Sie ihm, dass Sie ihn verstehen und akzeptieren. Sie können auch mithilfe Ihres Einfühlungsvermögens beurteilen lernen, wann Sie das Kind ermutigen sollten, sich seinen Ängsten zu stellen, und wann Sie es damit überfordern. Sarah könnte sich beispielsweise klarmachen, dass für Ava der Schritt, vor der Klasse zu singen, im Augenblick noch zu groß ist. Aber sie könnte auch das Gespür haben, dass es für Ava machbar wäre, privat in einem kleinen, sympathischen Kreis oder mit einer vertrauten Freundin zu singen, selbst wenn Ava zuerst protestiert. Anders gesagt: Sie kann ein Gespür dafür entwickeln, wann und in welchem Maße sie Ava fordern sollte. 376
Wie man stille Kinder erzieht Die Psychologin Elaine Aron, deren Arbeit über Sensibilität ich in Kapitel6 vorgestellt habe, gibt in ihren Ausführungen über Jim, einen der besten Väter, den sie kennt, Einblick in solche Fra- gen.! Jim ist ein unbekümmerter Extravertierter mit zwei kleinen Töchtern. Betsy, die ältere, kommt ganz nach ihm, während seine zweite Tochter Lily sensibler ist und ihre Welt interessiert, aber ängstlich beäugt. Jim ist mit Aron befreundet und wusste deshalb über Hochsensibilität und Introversion Bescheid. Er akzeptierte Lilys Art, wollte gleichzeitig aber nicht, dass sie so schüchtern blieb, wie sie war. Aron schreibt: Also beschloss er, ihr alle möglichen Lebensfreuden nahezubringen: von Meereswellen, dem Herumklettern auf Bäumen, neuen Gerichten, Familientreffen und Fußball bis hin zu Spaß an unterschiedlichen Kleidern statt einer einzigen bequemen Uniform. Fast jedes Mal wehrte Lily diese neuen Er_ fahrungen anfangs ab, und Jim respektierte immer ihre Meinung, Er zwang sie nie zu etwas, auch wenn er ein großes Überredungstalent besaß. Er teilte ihr nur mit, was er von einer Sache hielt - dass sie ungefährlich war, dass sie Spaß machte, dass sie Ähnlichkeit mit Dingen hatte, die Lily bereits mochte. Er wartete immer auf das kleine Glimmen in ihren Augen, das ihm signalisierte, dass sie mit den anderen mitma- chen wollte, selbst wenn sie es noch nicht konnte. Jim schätzte die Situationen stets sorgfältig ein, um sicherzugehen, dass das Erlebnis Lily am Schluss nicht Angst, sondern Spaß und Erfolg bescheren würde. Manchmal hielt er sie zurück, bis sie so weit war. Vor allem sorgte er dafür, dass es ein innerer Konflikt blieb und zu keinem Konflikt zwischen ihm und ihr wurde... Trotz oder vielleicht wegen des Um377
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte stands, dass ihr Vater gewöhnlich siegte, hat Lily lieber ihren Vater statt ihre etwas ängstlichere Mutter bei sich, wenn sie mit etwas Neuem konfrontiert ist. Und wenn die Mutter oder jemand anders Bemerkungen darüber macht, wie still oder zögerlich sie ist, lautet Jims prompte Antwort: »Das ist einfach deine Art. Andere Menschen haben eine andere Art. Das ist nun mal deine. Du lässt dir gern Zeit und möchtest dich sicher fühlen.« Jim weiß auch, dass es zu ihrer Art gehört, sich mit Kindern anzufreunden, die von anderen gehänselt werden, Dinge mit Sorgfalt zu tun, von allem Notiz zu nehmen, was in der Familie geschieht, und die beste Fußsballstrategin in ihrer Liga zu sein. Eine der besten Möglichkeiten, ein introvertiertes Kind zu fördern, besteht darin, mit ihm an seiner Reaktion auf Neues zu arbeiten. Wie schon erwähnt, reagieren Introvertierte nicht nur auf neue Gesichter, sondern auch auf neue Orte und Ereignisse. Verwechseln Sie die Vorsicht Ihres Kindes in neuen Situationen nicht mit Beziehungsunfähigkeit. Es schreckt vor einer neuen oder überstimulierenden Situation zurück, nicht vor dem Kontakt mit Menschen. Wie im letzten Kapitel deutlich wurde, steht der Grad der Intro- oder Extraversion weder in Zusammenhang mit Freundlichkeit noch mit der Freude an Nähe. Introvertierte suchen wie jedes andere Kind Anschluss an andere - wenn auch oft in geringerem Maße. Der Schlüssel ist, Ihr Kind neuen Situationen und Menschen allmählich auszusetzen und darauf zu achten, dass seine Grenzen respektiert werden, selbst wenn sie allem Anschein nach sehr eng sind. Auf diese Weise vermittelt man Kindern mehr Selbstbewusstsein, als wenn man sie überbehütet oder zu stark 378
Wie man stille Kinder erzieht fordert. Vermitteln Sie dem Kind, dass seine Gefühle normal und natürlich sind, aber auch, dass es vor nichts Angst zu haben braucht: »Ich weiß, dass es sich komisch anfühlen kann, mit einem fremden Kind zu spielen, aber ich wette, der Junge dort würde gern mit dir zusammen mit deinen Autos spielen, wenn du ihn - fragst.« Passen Sie sich an das Tempo des Kindes an, setzen Sie es nicht unter Druck. Wenn es noch klein ist, machen Sie es notfalls mit dem anderen kleinen Jungen bekannt. Und halten Sie sich unbemerkt zur Verfügung - oder legen Sie Ihrem Kind, wenn es noch sehr klein ist, zur Unterstützung sanft die Hand auf den Rücken -, so lange, wie es von Ihrer Gegenwart zu profitieren scheint. Wenn es von selbst Kontakt zu fremden Kindern aufnimmt, zeigen Sie ihm, dass Sie seine Bemühungen bewundern: »Ich habe gesehen, wie du gestern zu den fremden Kindern hingegangen bist. Ich weiß, dass das nicht leicht ist, und ich bin stolz auf dich.« Dasselbe gilt für neue Situationen. Angenommen, ein Kind hat größere Angst vor dem Meer als andere Kinder in seinem Alter. Kluge Eltern erkennen, dass diese Angst natürlich und sogar vernünftig ist; das Meer ist in der Tat gefährlich. Aber sie lassen weder zu, dass es sich den Sommer über in den Dünen versteckt, noch tauchen sie das Kind unter Wasser und erwarten, dass es schwimmt. Stattdessen signalisieren sie ihm, dass sie sein Unbehagen verstehen, und bitten es, in kleinen Schritten seine Angst zu überwinden. Vielleicht spielen sie ein paar Tage im Sand in sicherer Entfernung von den Wellen. Dann gehen sie an den Rand des Wassers, möglicherweise mit dem Kind auf den Schultern. Sie warten auf ruhiges Wetter oder Ebbe, um den Zeh ins Wasser zu tauchen, dann den Fuß und anschließend bis an die Knie hineinzuwaten. Sobald das Kind damit vertraut ist, warten sie ein oder zwei Tage, vielleicht sogar eine Woche. Eile ist kontra379
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte produktiv; jeder kleine Schritt ist ein Riesenschritt in der Welt des Kindes. Wenn es schließlich lernt, wie ein Fisch zu schwimmen, hat es einen entscheidenden Wendepunkt nicht nur in seiner Beziehung zum Wasser, sondern auch zur Angst erreicht. Allmählich wird Ihr Kind begreifen, dass es sich lohnt, die Mauer seines Unbehagens zu durchbrechen, um den Spaß zu erleben, der es auf der anderen Seite erwartet. Es wird lernen, den Durchbruch allein zu schaffen. Wie Dr. Kenneth Rubin, der Leiter des »Center for Children, Relationships and Culture« an der Universität von Maryland schreibt: »Wenn Sie Ihrem kleinen Kind auf beschwichtigende und unterstützende Weise konsequent helfen zu lernen, seine Emotionen und Verhaltensweisen in den Griff zu bekommen, wird sich ein kleines Wunder ereignen: Mit der Zeit werden Sie vielleicht beobachten, wie Ihr Kind sich selbst stumm zu versichern scheint: »Die Kinder dort haben Spaß, ich kann auch dabeisein.< Es lernt, Ängstlichkeit und Vorsicht selbst in den Griff zu bekommen.«? Wenn Sie möchten, dass sich Ihr Kind diese Fähigkeiten aneignet, sollten Sie es in seiner Gegenwart nie schüchtern nennen. Es wird sonst an das Etikett glauben und seine Ängstlichkeit als feste Charaktereigenschaft statt als Emotion betrachten, die es kontrollieren kann. Es weiß auch sehr gut, dass »schüchtern« in unserer Gesellschaft ein negativer Begriff ist. Vor allem sollten Sie es nicht wegen seiner Schüchternheit demütigen, wie es die Eltern in einem Kinderbuch mit dem Titel Shy Charles tun, das angeblich schüchternen Kindern helfen soll: »Es ist mir so peinlich«, sagte Charles’ Mutter, als Charles zu ängstlich war, dem Ladenbesitzer auf Wiedersehen zu sagen. »Du sagst nie auf Wiedersehen oder danke. Du hast Glück, 380
Wie man stille Kinder erzieht dass ich so nett bin. Eine andere Mutter würde dich versohlen.« »Das geht nicht so weiter«, meinte Charles’ Vater. »Ich habe es satt, immer mit ihm zu kämpfen, bis er danke sagt. Es ist Zeit, dass er Fußsball spielen lernt.«° Am besten ist es, wenn Sie Ihrem Kind die Fähigkeit zur Risikobereitschaft beibringen, solange es noch ganz klein ist und das Zögern bei der Kontaktaufnahme noch nicht stigmatisiert ist. Seien Sie ein Vorbild für Ihr Kind, indem Sie Fremde entspannt und freundlich begrüßen und Ihre eigenen Freunde zu sich einladen. Laden Sie auch Kinder aus seiner Klasse zu sich nach Hause ein. Vermitteln Sie Ihrem Kind auf sanfte Weise, dass es im Beisein anderer unangebracht ist, zu flüstern oder Ihnen am Hosenbein zu zupfen, wenn es etwas braucht, sondern dass es laut sprechen sollte. Achten Sie darauf, dass seine Begegnungen mit anderen angenehm sind; suchen Sie Kinder aus, die nicht übermäßig aggressiv sind, und Spielgruppen, die einen freundlichen Eindruck machen. Lassen Sie Ihr Kind mit jüngeren Kindern spielen, wenn ihm das Selbstvertrauen gibt, und mit älteren Kindern, wenn es von ihnen Anregungen bekommt. Wenn es sich mit einem bestimmten Kind nicht auf Anhieb versteht, forcieren Sie es nicht, denn seine ersten Erfahrungen im Umgang mit anderen sollten positiv sein. Sorgen Sie dafür, dass es sich unbekannten sozialen Situationen so allmählich wie möglich nähert. Wenn es beispielweise zum Geburtstag eingeladen ist, besprechen Sie mit dem Kind vorher, wie die Feier abläuft und wie es seine Altersgenossen begrüßen könnte (»Erst sage ich: »Herzlichen Glückwunsch, Joey«, und dann sage ich: ‚Hallo, Sabrina.«) Kommen Sie möglichst früh. Es ist viel einfa381
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte cher, zu den ersten Gästen zu gehören - so hat Ihr Kind das Gefühl, dass andere von da ab sein »Terrain« betreten -, als zu einer schon bestehenden Gruppe dazuzustoßsen. Wenn Ihr Kind aufgeregt ist, bevor das neue Schuljahr beginnt, fahren Sie, wenn möglich, schon vorher mit ihm zur Schule, damit es sein Klassenzimmer besichtigen und im Idealfall seine Lehrer einzeln kennenlernen kann wie auch andere freundlich aussehende Erwachsene, wie Schulleiter, Hausmeister und andere Mitarbeiter der Schule. Sie können ganz subtil vorgehen: »Ich habe dein neues Klassenzimmer noch nicht gesehen, wollen wir nicht einmal vorbeifahren und es uns anschauen?« Finden Sie zusammen heraus, wo die Toilette ist und wann man sie benutzen darf, wie man von der Klasse zur Cafeteria gelangt und wo der Schulbus nach Unterrichtsschluss wartet. Arrangieren Sie Spielnachmittage im Sommer mit passenden Kindern aus seiner Klasse. Sie können Ihrem Kind auch simple Strategien des Zusammenlebens beibringen, die ihm durch unangenehme Augenblicke hindurchhelfen. Ermutigen Sie es, einen selbstbewussten Eindruck zu machen, auch wenn es sich nicht so fühlt. Drei einfache Regeln reichen aus: lächeln, eine gerade Haltung einnehmen und Augenkontakt aufnehmen. Lehren Sie es, in einer Menge von Menschen nach freundlichen Gesichtern Ausschau zu halten. Der dreijährige Bobby ging nicht gern in die städtische Vorschule, denn in der Pause verließ die Klasse die sicheren Begrenzungen des Klassenzimmers und spielte zusammen mit den Kindern aus den höheren Klassen auf der Dachterrasse. Bobby war so eingeschüchtert, dass er nur bei Regen zur Schule gehen wollte, weil man dann nicht auf die Dachterrasse konnte. Seine Eltern besprachen mit ihm, mit welchen Kindern er gern 382
ad Wie man stille Kinder erzieht spielte, und brachten ihm bei, sich von einer lärmenden Gruppe größerer Jungen nicht den Spaß verderben zu lassen, Wenn Sie meinen, dass Sie das nicht schaffen oder dass Ihr Kind zusätzliche Unterstützung braucht, fragen Sie einen Kinderarzt oder eine Beratungsstelle nach möglichen Hilfen in Ihrer Nähe. Es gibt Kurse, in denen Kinder lernen, sich in eine Gruppe zu integrieren, auf fremde Gleichaltrige zuzugehen und nonverbale Signale, wie Körpersprache und Mimik, zu deuten. Das kann Ihrem Kind helfen, mit dem klarzukommen, was für viele introvertierte Kinder der komplizierteste Teil ihres Soziallebens ist: dem Schulalltag. An einem Dienstagmorgen im Oktober steht in der fünften Klasse einer öffentlichen Schule in New York das demokratische System der Gewaltenteilung auf dem Lehrplan. Die Kinder sitzen im Schneidersitz auf einem Teppich in einem hell erleuchteten leeren Teil des Klassenzimmers, während ihnen die Lehrerin auf einem Stuhl mit dem Lehrbuch auf dem Schoß die Grundzüge des Konzepts erläutert. Dann ist es Zeit für die Gruppenarbeit, bei der das Gelernte angewendet werden soll. »Der Klassenraum sieht nach dem Mittagessen immer so unordentlich aus«, sagt die Lehrerin. »Unter den Tischen klebt Kaugummi, überall liegt Brotpapier herum, und aufdem Fußboden sind Käsereste verstreut. Ihr findet einen so unordentlichen Raum nicht schön, nicht wahr?« Die Kinder signalisieren Zustimmung. „Heute werden wir das Problem angehen - gemeinsam«, sagt die Lehrerin. n Sie teilt die Klasse in drei Gruppen von jeweils sieben Kinder zu entein: eine »Legislative«, die die Aufgabe hat, ein Gesetz 383
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte werfen, das das Verhalten beim Mittagessen regelt, eine »Exekutive«, die entscheiden muss, welche Maßnahmen zur Einhaltung des Gesetzes ergriffen werden sollen, und eine »Judikative«, die sich Strafen für unordentliche Kinder ausdenken soll. Die Kinder teilen sich begeistert auf und setzen sich in drei Gruppen zusammen. Es ist nicht nötig, Mobiliar zu rücken. Da ein Großteil des Lehrplans auf Gruppenarbeit ausgerichtet ist, sind die Tische bereits in Rechtecken mit jeweils sieben Tischen zusammengeschoben. Im Klassenzimmer macht sich fröhlicher Lärm breit. Einige der Kinder, die während des zehnminütigen Vortrags furchtbar gelangweilt wirkten, schwatzen jetzt munter mit ihren Kameraden. Aber nicht alle. Wenn man die Klasse als Ganzes betrachtet, wirkt sie wie ein Raum voller fröhlich herumhüpfender Welpen. Aber wenn man sich auf einzelne Kinder konzentriert - wie Maya, eine niedliche Rothaarige mit einem Pferdeschwanz, einer Nickelbrille und einem verträumten Gesichtsausdruck -, bekommt man einen völlig anderen Eindruck. In Mayas Gruppe - »der Exekutive« - reden alle durcheinander. Maya hält sich zurück. Samantha, groß und dick in einem lila T-Shirt, übernimmt die Führung. Sie holt einen Frühstücksbeutel aus ihrem Ranzen und verkündet: »Wer den Frühstücksbeutel hat, darf reden!« Die Kinder geben den Frühstücksbeutel herum, und jedes steuert einen Gedanken bei. Diese Plastikbeutel-Methode ist eine großartige Idee. Sie erinnert mich an die Kinder in dem Roman Der Herr der Fliegen, die zivilisiert eine Muschel kreisen lassen, zumindest bis die Hölle losbricht. Maya sieht verängstigt aus, als sich der Plastikbeutel ihr nähert. »Ich stimme zu«, sagt sie und reicht den Plastikbeutel wie eine heifse Kartoffel an das nächste Kind weiter. 384
Wie man stille Kinder erzieht Die Tüte macht mehrmals am Tisch die Runde. Jedes Mal gibt Maya sie an das Kind neben ihr weiter und sagt nichts. Schließslich ist die Diskussion beendet. Maya sieht betrübt aus. Ich vermute, es ist ihr peinlich, dass sie nicht mitgemacht hat. Samantha liest aus ihrem Notizbuch laut die Reihe der Maßnahmen zur Einhaltung des Gesetzes vor, die die Gruppe vorgeschlagen hat. »Regel Nr. 1«, sagt sie. »Wer gegen das Gesetz verstößt, hat keine Pause.« »Halt«, unterbricht Maya, »ich habe eine Idee.« »Schieß los«, sagt Samantha ein bisschen ungeduldig, obwohl man sieht, dass sie sich bemüht, freundlich zu sein. Aber Maya, die wie viele Introvertierte schon das leiseste Signal der Missbilligung aufzufangen scheint, bemerkt die Schärfe in Samanthas Stimme. Sie senkt die Augen und macht den Mund auf, um zu sprechen, doch es kommt nur etwas Weitschweifiges und Unverständliches heraus. Niemand kann sie hören. Niemand bemüht sich darum. Die Coolste in der Gruppe - Lichtjahre entfernt von den anderen mit ihrer aufreizenden Art und ihrer modischen Kleidung - gähnt auffällig. Maya hört verwirrt auf zu sprechen, und das coole Mädchen sagt: »So, Samantha, du kannst jetzt die Regeln weiter vorlesen.« Die Lehrerin bittet die Exekutive, ihre Arbeit vorzustellen. Alle wollen zu Wort kommen - alle bis auf Maya. Samantha übernimmt wie üblich die Führung, und ihre Stimme übertönt die übrige Gruppe, bis alle verstummen. Ihr Bericht ergibt nicht viel Sinn, aber sie ist so selbstsicher und gutmütig, dass es keine Rolle zu spielen scheint. Maya kauert indessen am Rand der Gruppe und schreibt ihren Namen immer wieder in großen Druckbuchstaben in ihr 385
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Heft, als müsste sie sich wenigstens vor sich selbst ihrer Identität versichern. Vor der Stunde hatte mir die Lehrerin erzählt, dass Maya eine intellektuell wache Schülerin sei, die sich beim Aufsatzschreiben hervortut. Sie ist eine talentierte Softball-Spielerin, und sie ist freundlich zu anderen und bietet Kindern, die beim Lernen zurückbleiben, Unterstützung an. Aber keine von Mayas positiven Eigenschaften ist an diesem Morgen sichtbar. Alle Eltern wären betroffen bei der Vorstellung, dass dies die Erfahrung ist, die ihr Kind im Unterricht, im Umgang mit anderen und mit sich selbst macht. Maya ist ein introvertiertes Kind, sie ist fehl am Platz in einem lauten Klassenzimmer mit zu viel Reizen, in dem der Unterrichtsstoff in Gruppenarbeit vermittelt wird. Ihre Lehrerin meint, sie wäre sehr viel besser in einer Schule mit einer ruhigen Atmosphäre aufgehoben, wo sie mit anderen Kindern zu tun hätte, die »sich genauso viel Mühe geben und aufs Detail achten«, und ein größerer Teil des Unterrichts in individueller Arbeit ablaufen würde. Maya muss natürlich lernen, sich in Gruppen zu behaupten, aber werden Erfahrungen wie diejenige, bei der ich dabei war, ihr das vermitteln? Die Wahrheit ist, dass viele Schulen für Extravertierte gemacht sind. Introvertierte brauchen einen anderen Unterricht als Extravertierte, schreiben die Erziehungswissenschaftlerinnen Jill Burruss und Lisa Kaenzig vom »College of William and Mary«. Und allzu oft »wird diesen Schülern sehr wenig Hilfe zuteil aufger dem konstanten Rat, kontaktfreudiger und geselliger zu werden«.' Wir vergessen leicht, dass Gruppenarbeit nichts Sakrosanktes ist und wir den Unterricht so organisieren, nicht weil es die bes386
Wie man stille Kinder erzieht te, sondern die kostengünstigste Art zu lernen ist. Wo sonst sollten die Kinder bleiben, während wir berufstätig sind? Wenn Ihr Kind lieber selbstständig lernt oder nur mit einem statt mit mehreren anderen Kindern zusammenarbeitet, ist nichts falsch anihm. Es passt zufällig einfach nicht in das gängige Modell. Der Zweck der Schule sollte es sein, Kinder auf das Leben vorzubereiten. Aber allzu oft müssen die Kinder darauf vorbereitet werden, den Schulalltag zu überstehen. Die schulische Welt kann etwas höchst Unnatürliches sein, besonders aus der Perspektive eines introvertierten Kindes, das gern liest, intensiv an Projekten arbeitet, für die es sich interessiert, und sich gern mit nur ein oder zwei Freunden trifft. Morgens öffnet sich die Tür des Schulbusses und entlässt einen lärmenden, drängelnden Haufen von Kindern. Der Unterricht wird von Gruppendiskussionen dominiert, in denen vom Kind erwartet wird, sich vor anderen zu äußern. Mittags isst es im schrecklichen Lärm der Cafeteria, wo es um einen Platz an einem der vollen Tische rangeln muss. Das Schlimmste ist, dass es kaum Zeit zum Nachdenken oder für Kreativität gibt. Die Struktur des Schultages ist fast eine Garantie dafür, dass seine Energie aufge- saugt statt stimuliert wird. Warum nehmen wir dies als selbstverständlich hin, wenn wir genau wissen, dass Erwachsene ihr Leben nicht so organisieren? Wir staunen, wenn introvertierte, scheinbare dumme Kinder oft zu selbstsicheren und glücklichen Erwachsenen »aufblühen«, und glauben an eine Metamorphose. Aber vielleicht sind es nicht die Kinder, die sich ändern, sondern ihre Umgebung. Als Erwachsene können sie sich die Berufe, Ehepartner und sozialen Kreise aussuchen, in denen sie sich bewegen wollen. Sie müssen nicht in jeder Umgebung leben, in die sie hineingesteckt werden. 387
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte Untersuchungen aus dem im vorigen Kapitel vorgestellten Forschungsgebiet der Person-Umwelt-Passung belegen, dass Menschen aufblühen, wenn sie »Tätigkeiten, Rollen oder Bedingungen haben, die mit ihrer Persönlichkeit übereinstimmen«, wie der Psychologe Brian Little sagt. Aber das Umgekehrte ist auch der Fall: Kinder hören auf zu lernen, wenn sie sich emotional bedroht fühlen. Niemand weiß das besser als LouAnne Johnson, eine streng aussehende ehemalige Marinesoldatin und Lehrerin, die viel Anerkennung dafür geerntet hat, dass sie einige der verstörtesten Jugendlichen an den kalifornischen öffentlichen Schulen unterrichtet hat (Michelle Pfeiffer spielte sie in dem Film Wilde Gedanken).Ich besuchte Johnson in ihrem Haus in einer Kleinstadt in New Mexico, um mehr über ihre Erfahrungen beim Unterrichten von Kindern jeglicher Couleur herauszufinden. Johnson hat großes Geschick darin, mit sehr schüchternen Kindern zu arbeiten - was nicht von ungefähr kommt. Eine ihrer Techniken besteht darin, ihren Schülern zu erzählen, wie schüchtern sie selbst einmal war. Ihre erste diesbezügliche Erinnerung ist, dass sie sich im Kindergarten auf einen Hocker stellen musste, obwohl sie lieber in einer Ecke safß$ und Bücher las. Aber die Erzieherin wollte, dass »sie sich mit den anderen abgab«. »Viele schüchterne Kinder sind begeistert, wenn sie hören, dass ihre Lehrerin genauso schüchtern war wie sie«, sagte sie mir. »Ich hatte mal ein sehr schüchternes Mädchen im Englischunterricht in der Highschool. Ihre Mutter bedankte sich bei mir, dass ich ihrer Tochter gesagt hatte, sie werde später im Leben Erfolg haben, sie solle sich keine Sorgen machen, dass sie in der Highschool nicht glänzte. Die Mutter sagte, dass diese eine Bemerkung die ganze Sicht ihrer Tochter vom Leben geändert hat388
Wie man stille Kinder erzieht te. Stellen Sie sich das vor, eine spontane Bemerkung hinterließ so eine Wirkung bei einem zarten Kind.« Wenn man schüchterne Kinder zum Reden bringen will, sagt Johnson, ist es hilfreich, das Thema so interessant zu gestalten, dass sie ihre Hemmungen vergessen. Sie rät, Schülern heifßse Diskussionsthemen zu geben wie: »Jungen haben es im Leben sehr viel leichter als Mädchen.« Johnson, die oft Vorträge über Erziehung hält, obwohl sie eine lebenslange Redephobie hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie gut das funktioniert. »Ich habe meine Schüchternheit nicht überwunden«, sagt sie. »Sie lauert in der Ecke und ruft mich. Aber ich möchte leidenschaftlich gern unser Schulsystem verändern, und deshalb überwindet meine Leidenschaft meine Schüchternheit, sobald ich zu sprechen anfange. Wenn es etwas gibt, was Ihre Leidenschaft anfacht oder eine willkommene Herausforderung bietet, vergessen Sie sich selbst eine Weile. Es ist wie ein Urlaub von den Emotionen.« Aber wir sollten nicht riskieren, Kinder vor der Klasse sprechen zu lassen, bis wir ihnen die entsprechenden psychologischen Werkzeuge an die Hand gegeben haben, sodass sie mit relativer Zuversicht wissen, dass es gut gehen wird. Lassen Sie Kinder in Partnerarbeit oder in Kleingruppen üben, und wenn sie dennoch zu viel Angst haben, zwingen Sie sie nicht. Experten glauben, dass negative Erfahrungen beim Sprechen vor einer Gruppe in der Kindheit eine lebenslange Angst vor dem Rednerpult hinterlassen. Welche Art von schulischer Umgebung würde sich also am besten für die Mayas dieser Welt eignen? Als Erstes einige Überlegungen für Lehrer: 389
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte + Betrachten Sie Introversion nicht als etwas, das geheilt werden muss. Wenn ein introvertiertes Kind Hilfestellung bei sozialen Fertigkeiten braucht, helfen Sie ihm oder empfehlen Sie einen Kurs außerhalb des Unterrichts, so wie bei einem Schüler, der Nachhilfe in Mathe oder Lesen braucht. Akzeptieren Sie diese Kinder jedoch so, wie sie sind. »Eine typische Bemerkung auf den Zeugnissen vieler Kinder lautet: »Molly sollte sich mehr am Unterricht beteiligen««, sagte mir Pat Adams, die ehemalige Leiterin einer Schule für begabte Kinder in Ann Arbor, Michigan. »An unserer Schule gehen wir davon aus, dass viele Kinder nach innen orientiert sind. Wir versuchen ihnen zu helfen, aus sich herauszugehen, aber wir machen kein Aufhebens darum. Für uns haben introvertierte Kinder eine andere Art zu lernen.« + Studien zeigen, dass 30 bis 50 Prozent der Menschen introvertiert sind. Das heifst, dass Sie mehr introvertierte Kinder in der Klasse haben, als Sie glauben. Schon als ganz kleine Kinder lernen einige Introvertierte rasch, sich wie Extravertierte zu verhalten, was es schwierig macht, sie zu erkennen. Verwenden Sie ausgewogene Lehrmethoden, die allen Kindern in der Klasse zugutekommen. Extravertierte mögen meistens Bewegung, Stimulation und Gruppenarbeit. Introvertierte ziehen Frontalunterricht, Stillarbeit und Einzelarbeit vor. Finden Sie eine gerechte Mischung. + Introvertierte haben oft ein oder zwei besondere Interessen, die sie nicht unbedingt mit ihren Altersgenossen teilen. Manchmal wird ihnen das Gefühl vermittelt, wegen dieser besonders intensiven Interessen Sonderlinge zu sein, während Untersuchungen zeigen, dass diese Art von Intensität eine Vo390
Wie man stille Kinder erzieht raussetzung für die Entwicklung von Begabungen ist. Loben Sie Kinder für ihre Interessen, ermutigen Sie sie und helfen Sie ihnen, gleichgesinnte Freunde zu finden - wenn nicht in der Klasse, dann außerhalb. Auch für Introvertierte ist Gruppenarbeit in gewissem Umfang gut und sogar nützlich. Aber sie sollte in Kleingruppen stattfinden - in Zweier- oder Dreiergruppen - und sorgfältig strukturiert werden, sodass jedes Kind seine Rolle kennt. Roger Johnson, Codirektor des »Cooperative Learning Center« an der Universität von Minnesota, teilt mir mit, dass scheue oder introvertierte Kinder besonders von gut strukturierter Kleingruppenarbeit profitieren, weil »sie gewöhnlich sehr gern mit einem oder zwei ihrer Mitschülern zusammenarbeiten, um eine Frage zu beantworten oder eine Aufgabe zu erledigen, aber nie daran denken würden, sich zu melden und vor der ganzen Klasse zu sprechen. Es ist sehr wichtig, dass diese Schüler eine Chance bekommen, ihre Gedanken sprachlich zu äußern.« Stellen wir uns vor, wie anders Mayas Erfahrung gewesen wäre, wenn ihre Gruppe kleiner gewesen wäre und jemand sich die Zeit genommen hätte zu sagen: »Samantha, du sorgst für den geordneten Ablauf der Diskussion. Maya, du machst Notizen und liest sie der Gruppe vor.« Denken wir aber auch an Anders Ericssons Forschung über das gezielte Üben in Kapitel 3. Auf vielen Gebieten ist es unmöglich, Meisterschaft zu erlangen, wenn man nicht weiß, wie man allein arbeitet. Die extravertierten Schüler sollten sich das strategische Denken ihrer introvertierten Mitschüler zum Vorbild nehmen. Lehren Sie alle Kinder, zeitweise für sich zu arbeiten. Ba
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte + Setzen Sie stille Kinder im Klassenzimmer nicht auf Plätze mit hoher Interaktion, rät der Kommunikationsprofessor James McCroskey. Sie werden auf diesen Plätzen auch nicht mehr als sonst reden, aber sie werden sich bedrohter fühlen und Probleme haben, sich zu konzentrieren. Erleichtern Sie es introvertierten Kindern, sich am Unterricht zu beteiligen, aber bestehen Sie nicht darauf. »Sehr ängstliche junge Menschen zu zwingen, mündliche Leistungen zu bringen, ist schädlich«, schreibt McCroskey. »Es steigert die Angst und senkt das Selbstwertgefühl.« + Wenn esin Ihrer Schule einen Eingangstest gibt, überlegen Sie es sich zweimal, bevor Sie die Entscheidung über die Aufnahme eines Kindes von seiner Leistung in einer Spielgruppe abhängig machen. Viele introvertierte Kinder verstummen in Gruppen mit Fremden, und Sie werden nicht einmal die kleinste Ahnung davon haben, wie diese Kinder sind, sobald sie sich wohl und entspannt fühlen. Als Nächstes folgen einige Überlegungen für Eltern. Wenn Sie in der glücklichen Lage sind, sich aussuchen zu können, wo Ihr Kind zur Schule geht, indem Sie zum Beispiel eine Schule mit einem speziellen Unterrichtsschwerpunkt ins Auge fassen, in ein Viertel ziehen, dessen öffentliche Schulen Ihnen gefallen oder Ihre Kinder auf eine Schule in privater oder kirchlicher Trägerschaft schicken, könnten Sie darauf achten, dass die Schule + unabhängige Interessen belohnt und Autonomie betont, + Gruppenunterricht in Mafsen und in sorgfältig angeleiteten Kleingruppen anbietet, 392
Wie man stille Kinder erzieht + Freundlichkeit, Fürsorge, Empathie und verantwortliches Verhalten wertschätzt, + auf aufgeräumte Klassenzimmer und Flure Wert legt, + kleine Klassen hat, die strukturiert und ruhig sind, + Lehrer einstellt, die Verständnis für Kinder mit schüchternem/ ernsthaftem/introvertiertem/hochsensiblem Wesen haben, + ihre schulischen / sportlichen / außerschulischen Aktivitäten auf Themen konzentriert, die Ihrem Kind besonders entge- genkommen, + ein Anti-Mobbing-Programm tatkräftig umsetzt, + für ein tolerantes, bodenständiges Klima sorgt, + gleichgesinnte Schüler anzieht, beispielsweise intellektuell, künstlerisch oder sportlich begabte Schüler, je nach der Vorliebe Ihres Kindes. Eine handverlesene Schule mag für viele Familien vielleicht unrealistisch sein. Aber ganz gleich, wie die Schule aussieht, man kann dennoch viel tun, um einem introvertierten Kind unter die Arme zu greifen. Finden Sie heraus, welche Themen Ihr Kind am meisten faszinieren, und unterstützen Sie es dabei, entweder mithilfe von Tutoren oder mit Extraprogrammen, wie zum Beispiel Jugend-forscht-Wettbewerben oder Kursen in kreativem Schreiben. Im Falle von Gruppenarbeit bringen Sie ihm bei, sich in größeren Gruppen Rollen auszusuchen, in denen es sich wohlfühlt. Einer der Vorteile der Gruppenarbeit für Introvertierte ist, dass dabei oft viele verschiedene Nischen zur Verfügung stehen. Fordern Sie Ihr Kind auf, die Initiative zu ergreifen und 393
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte für sich die Rolle zu beanspruchen, für die es sich am meisten interessiert: Notizen zu machen, ein Bild zu zeichnen oder Ähnliches. Es wird sich in der Gruppe wohler fühlen, wenn es weiß, worin sein Beitrag bestehen soll. Sie können ihm auch helfen zu üben, vor anderen zu sprechen. Vermitteln Sie ihm, dass es sich Zeit lassen darf, um seine Gedanken zu sammeln, bevor es spricht, selbst wenn es den Anschein hat, dass alle anderen sofort losreden. Geben Sie ihm gleichzeitig den Rat, dass es um einiges einfacher ist, gleich am Anfang einen Beitrag zu einer Diskussion zu leisten, als abzuwarten, bis jeder etwas gesagt hat, und die Anspannung ansteigen zu lassen, bis es sich schließlich zu Wort meldet. Wenn es nicht sicher ist, was es sagen soll, oder Angst hat, seine Meinung zu vertreten, helfen Sie ihm, seine Stärken auszuspielen. Tendiert es dazu, kluge Fragen zu stellen? Loben Sie diese Eigenschaft, und lehren Sie es, dass gute Fragen oft nützlicher sind als Antworten. Tendiert es dazu, Dinge aus seiner ganz eigenen Sicht zu betrachten? Lehren Sie es, wie wertvoll das ist, und besprechen Sie mit ihm, wie es anderen seine Sicht mitteilen kann. Analysieren Sie aus dem Alltag gegriffene Situationen: Mayas Eltern hätten sich beispielsweise mit ihr hinsetzen und überlegen können, wie sie mit der Gruppenarbeit hätte anders umgehen können. Probieren Sie Rollenspiele für Situationen, die einen so konkreten Bezug haben wie möglich. Maya könnte üben, mit ihren eigenen Worten zu sagen: »Ich werde die Notizen machen« oder »Wie wäre es, wenn wir die Regel aufstellen, dass jeder, der Verpackungsmaterial auf den Boden wirft, in den letzten zehn Minuten des Mittagessens Müll aufsammeln muss?« Der Haken ist, dass Sie hierfür Maya erst einmal dazu bringen 394
Wie man stille Kinder erzieht müssen, sich zu öffnen und Ihnen zu erzählen, was sich in der Schule ereignet hat. Selbst Kinder, die sonst mitteilsam sind, teilen Erlebnisse, die sie als beschämend empfunden haben, lieber gar nicht mit. Je kleiner das Kind ist, desto wahrscheinlicher wird es sich öffnen, deshalb sollten Sie diesen Prozess so früh wie möglich in seiner schulischen Laufbahn starten. Fragen Sie Ihr Kind nach Informationen in einer freundlichen, nichturteilenden Art, und stellen Sie offene Fragen. Statt »War die Schule interessant?«, könnten Sie fragen: »Was habt ihr heute in Mathe gemacht?« Statt »Magst du deinen Lehrer?«, fragen Sie: »Was gefällt dir an deinem Lehrer?« oder »Was gefällt dir nicht so gut an ihm?« Lassen Sie dem Kind Zeit für die Antwort. Versuchen Sie zu vermeiden, im übermäßig optimistischen Ton von Eltern zu fragen: »Hattest du heute Spaß in der Schule?!?« Es wird spüren, wie wichtig es ist, dass es mit ja antwortet. Wenn es immer noch nicht reden möchte, drängen Sie es nicht. Manchmal muss der Druck erst einige Stunden nachlassen, bevor es bereit ist. Vielleicht öffnet es-sich nur in gemütlichen entspannten Augenblicken wie dem Baden oder Zubettgehen. Wenn das so ist, sorgen Sie dafür, diese Situationen so in den Tageinzubauen, dass Sie dabei Zeit füreinander haben. Und wenn es mit anderen redet, etwa einem vertrauten Babysitter, einer Tante oder einem älteren Geschwister, aber nicht mit Ihnen, schlucken Sie Ihren Stolz hinunter und seien Sie dankbar für die Hilfe. Versuchen Sie sich zu guter Letzt keine Sorgen zu machen, wenn alle Zeichen darauf hindeuten, dass Ihr introvertiertes Kind nicht das beliebteste Kind in der Schule ist. Es ist außerordentlich wichtig für seine emotionale und soziale Entwicklung, dass es ein oder zwei stabile Freundschaften hat, sagen Exper895
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte ten für kindliche Entwicklung, aber Beliebtheit ist nicht notwendig.’ Viele introvertierte Kinder haben als Erwachsene ausgezeichnete soziale Fertigkeiten, obwohl sie sich Gruppen meistens aufihre eigene Weise anschließen - sie warten eine Weile, bevor sie hineingehen, oder nehmen nur kurze Zeit teil. Das ist in Ordnung. Ihr Kind muss soziale Fertigkeiten erwerben und Freunde finden, aber es muss nicht das geselligste Kind der ganzen Schule werden. Das heißt nicht, dass es nicht Spaß macht, beliebt zu sein. Sie wünschen es sich vermutlich für Ihr Kind, so wie Sie ihm möglicherweise große Schönheit, eine rasche Auffassungsgabe oder eine sportliche Begabung wünschen. Aber achten Sie darauf, dass Sie ihm nicht Ihre eigenen Wünsche überstülpen, und denken Sie daran, dass es viele Wege zu einem glücklichen Leben gibt. Viele dieser Wege beginnen mit einem Hobby außerhalb des Unterrichts. Während Extravertierte eher von einem Hobby oder einer Aktivität zur nächsten hüpfen, bleiben Introvertierte ihren Hobbys oft treu. Das verschafft ihnen große Vorteile, wenn sie älter werden, weil wahres Selbstwertgefühl aus Kompetenz erwächst, und nicht andersherum. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass intensives Engagement und Treue zu einer Aktivität ein bewährter Weg zu Glück und Wohlbefinden sind. Gut entwickelte Talente und Interessen können eine große Quelle des Selbstvertrauens für Ihr Kind sein, ganz gleich, wie anders es sich fühlt als die Gleichaltrigen. Maya beispielsweise, das Mädchen, das so still beim Spiel in der »Exekutive« war, geht jeden Tag nach der Schule gern nach Hause und liest. Aber sie spielt auch gern Softball, mit dem gesamten damit verbundenen Gruppen- und Leistungsdruck. Sie 396
Wie man stille Kinder erzieht erinnert sich immer noch an den Tag, als sie sich nach einem nervenaufreibenden Auswahlprozess für das Team qualifizierte. Maya hatte eine Heidenangst, aber sie fühlte sich auch stark und imstande, den Ball mit einem guten, festen Schlag zu treffen. »Ich glaube, all dieser Drill hat sich letztlich ausgezahlt«, meinte sie später. »Ich musste andauernd lächeln. Ich war so glücklich und stolz - und das Gefühl ging nicht mehr weg.« Als Eltern haben Sie es jedoch nicht immer leicht, für Situationen zu sorgen, in denen sich diese tiefen Gefühle von Befriedigung einstellen. Sie glauben vielleicht, dass Sie Ihr introvertiertes Kind ermutigen sollten, eine Sportart zu wählen, die ihm die Eintrittskarte zu Freundschaften und Selbstwertgefühl in Ihrer Stadt in die Hand gibt. Daran ist nichts auszusetzen, solange es an dem Sport Spaß hat und gut darin ist, wie Maya beim Softball. Teamsport kann für jeden ein großer Segen sein, besonders für Kinder, die sich sonst in Gruppen unwohl fühlen. Aber überlassen Sie Ihrem Kind die Auswahl der Aktivitäten, die es am liebsten mag. Vielleicht mag es keinen Mannschaftssport, und das ist in Ordnung. Helfen Sie ihm, nach einer Betätigung Ausschau zu halten, bei der es mit Gleichaltrigen in Kontakt kommt, aber auch Raum für sich hat. Fördern Sie die Stärken, die es mitbringt. Wenn Ihnen seine Interessen für Ihren Geschmack zu einzelgängerisch erscheinen, denken Sie daran, dass selbst einsame Aktivitäten, wie Malen, Forschen oder kreatives Schreiben, zu Gemeinschaften von gleichgesinnten Begeisterten führen können. »Ich kenne Kinder«, sagt Dr. Miller, »die über gemeinsame Interessen Anschluss an andere gefunden haben: Schach, komplizierte Rollenspiele, sogar das Erörtern von mathematischen oder geschichtlichen Problemen.« Rebecca Wallace-Segall, die 397
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte als Leiterin des »Writopia Lab« in New York Workshops in kreativem Schreiben für Kinder und Jugendliche anbietet, sagt, dass die Schüler, die sich zu ihrem Unterricht anmelden, »oft nicht die Jugendlichen sind, die stundenlang über Mode und Prominente reden wollen. Solche Jugendlichen kommen weniger, vielleicht weil sie nicht so sehr zum Analysieren und zum Tiefgang neigen - das ist kein Bereich, in dem sie sich wohlfühlen. Aber die sogenannten scheuen Jugendlichen entwerfen oft eifrig Ideen, analysieren sie und handeln danach, und wenn sie sich auf diese Weise verhalten dürfen, sind sie paradoxerweise überhaupt nicht scheu. Sie nehmen miteinander Verbindung auf, aber auf einer tieferen Ebene, die von einigen ihrer Altersgenossen als langweilig oder ermüdend empfunden wird.«° Diese Jugendlichen »outen« sich, wenn sie so weit sind. Die meisten Jugendlichen bei Writopia lesen aus ihren Werken in lokalen Buchhandlungen, und viele gewinnen angesehene landesweite Schreibwettbewerbe. Wenn Ihr Kind vor Überstimulation zurückschreckt, ist es auch gut, wenn es sich Aktivitäten wie Kunst oder Langstreckenlauf sucht, bei denen der Leistungsdruck nicht so sehr im Vordergrund steht. Wenn es jedoch von Hobbys angezogen ist, in denen Leistung verlangt wird, können Sie ihm helfen, sich zu entfalten. Als Kind liebte ich den Eiskunstlauf. Ich konnte Stunden auf dem Eis damit zubringen, Achten zu laufen, mich glücklich um die eigene Achse zu drehen oder Sprünge zu machen. Aber am Tag eines Wettkampfs ging nichts mehr. Ich hatte die Nacht vorher nicht geschlafen und verpatzte oft Figuren, die ich beim Üben mühelos gelaufen war. Zuerst glaubte ich, was man mir sagte - dass ich Lampenfieber hätte wie alle anderen auch. Doch dann sah ich im Fernsehen ein Interview mit der Goldme398
Wie man stille Kinder erzieht daillengewinnerin bei den Olympischen Spielen, Katarina Witt. Sie sagte, die Nervosität vor dem Wettkampf gebe ihr den notwendigen Adrenalinschub, um Gold zu gewinnen. Da wusste ich, dass Katarina und ich völlig verschieden gepolt waren, aber ich brauchte Jahrzehnte, um herauszufinden, warum. Ihre Nerven waren so stark, dass sie ihr Energie gaben, während meine so angespannt waren, dass sie mich drosselten. Meine Mutter, die mich sehr unterstützte, fragte die anderen Eislaufmütter, wie ihre Töchter mit der Angst vor dem Wettkampf fertig würden, und gab mir wieder, was sie gesagt hatten, in der Hoffnung, dass es mir ein besseres Gefühl geben würde. »Kristen ist auch nervös«, berichtete sie. »Rendes Mutter sagt, dass sie am Abend vor einem Wettkampf furchtbare Angst hat.« Aber ich kannte Kristen und Renee gut, und ich wusste, dass sie nicht so viel Angst hatten wie ich. Es hätte mir wahrscheinlich geholfen, wenn ich mich damals schon besser gekannt hätte. Wenn Sie Eltern einer angehenden Eiskunstläuferin sind, helfen Sie ihr zu akzeptieren, dass sie heftiges Lampenfieber hat, ohne ihr den Gedanken einzugeben, dass es fatal für den Erfolg ist. Wovor sie am meisten Angst hat, ist, in der Öffentlichkeit zu versagen. Sie desensibilisiert sich gegen diese Angst, indem sie sich an Wettkampfsituationen und auch an ein etwaiges Scheitern gewöhnt. Ermutigen Sie sie, an Wettkämpfen, bei denen nichts auf dem Spiel steht, teilzunehmen, weit weg von zu Hause, wo sie anonym ist und niemand es mitbekommt, wenn sie stürzt. Achten Sie darauf, dass sie sich gründlich vorbereitet hat. Wenn sie in einem unbekannten Stadion laufen will, versuchen Sie dafür zu sorgen, dass sie dort vorher ein paarmal üben kann. Sprechen Sie darüber, was schiefgehen könnte und wie man damit umgeht: »Auch wenn du wirklich 399
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte hinfallen solltest und auf dem letzten Platz landest, geht das Leben doch weiter!« Und vor allem helfen Sie ihr zu visualisieren, wie es sich anfühlt, ihre Figuren problemlos zu laufen. Eine Leidenschaft zu einer Sache zu entwickeln kann ein Leben verwandeln, nicht nur für die begrenzte Zeit,in der das Kind zur Schule geht, sondern weit darüber hinaus. David Weiss, Schlagzeuger und Musikjournalist, ist ein gutes Beispiel für jemanden, der sich in der Kindheit und Jugend wie die Comicfigur Charlie Brown fühlte und dem es doch gelang, sich ein Leben der Kreativität, Produktivität und Bedeutung aufzubauen. Er liebt seine Frau und seinen erst wenige Monate alten Sohn. Er geht gern zur Arbeit. Er hat einen breit gefächerten und anregenden Freundeskreis und lebt mit seiner Familie in New York, einer Stadt, die er für die beste der Welt hält. Wenn man sein Leben an den klassischen Maßstäben von Liebe und Arbeit misst, ist Davids Leben ein strahlender Erfolg. Aber es war nicht immer so klar, wenigstens nicht für David, dass sein Leben sich so entwickeln würde. Als Kind war er scheu und linkisch. Das, was ihn interessierte, Musik und Schreiben, galt nichts bei den Menschen, die damals am meisten für ihn zählten: seinen Altersgenossen. »Ich bekam immer zu hören, das sind die besten Jahre deines Lebens«, erinnert er sich. »Und ich sagte mir insgeheim: »Hoffentlich nicht! Ich habe die Schule gehasst. Ich dachte immer: »Ich muss hier raus.« Als ich in der sechsten Klasse war, kam der Film Revenge oft the Nerds (»Die Rache der Eierköpfe«) heraus, und ich sah aus wie einer von der Besetzungsliste. Ich wusste, dass ich intelligent war, aber ich bin in den Vororten von Detroit groß geworden, und dort geht es zu wie in den übrigen 99 Prozent des Landes: Wenn man gut aussieht und sportlich ist, hat man keine Probleme. Aber ist man al400
Wie man stille Kinder erzieht lem Anschein nach zu intelligent, achten einen die anderen eher nicht, sondern versuchen, einen fertigzumachen. Intelligenz war meine beste Eigenschaft, und ich hatte definitiv Freude, sie zu gebrauchen, aber es war auch etwas, was man versuchen musste nicht allzu deutlich zu zeigen.« Wie kam es zu einer Änderung? Der Schlüssel für David war das Schlagzeug. »Irgendwann«, sagt David, »habe ich meine ganze Kindheitsproblematik überwunden. Und ich weiß auch wie: indem ich anfing, Schlagzeug zu spielen. Das Schlagzeug ist meine Muse, mein Yoda. Als ich in der Mittelstufe war, gab die Jazzband aus der Highschool bei uns ein Konzert, und ich fand, der bei Weitem Coolste war der Schlagzeuger. Für mich waren Schlagzeuger eine Art Sportler, aber Sportler, die Musik machten, und ich liebte Musik.« Zunächst ging es für David beim Schlagzeugspielen vor allem um soziale Anerkennung; er wurde auf Partys von Kerlen, die doppelt so groß waren wie er, nicht mehr vor die Tür gesetzt. Aber bald ging es tiefer: »Ich begriff plötzlich, dass es eine Form des kreativen Ausdrucks war, und das war für mich wie eine Frleuchtung, Ich war fünfzehn. Damals schwor ich mir, dabeizubleiben. Mein ganzes Leben hat sich mit dem Schlagzeugspielen verändert, und es ändert sich ständig weiter.« David erinnert sich noch sehr deutlich daran, wie er sich mit neun gefühlt hat. »Ich habe den Eindruck, dass ich mit diesem Jungen heute noch in Kontakt bin«, sagt er. »Immer wenn ich etwas mache, was ich großartig finde, wie zum Beispiel Alicia Keys in einem Raum voller Leute zu interviewen, sende ich diesem Ich eine Botschaft und lasse es wissen, wenn alles gut geendet hat. Ich glaube, dass ich mit neun dieses Signal aus der Zukunft aufgeschnappt habe und dass mir das die Kraft gegeben hat 401
Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte durchzuhalten. Ich konnte die Verbindung zwischen der Person, die ich jetzt bin, und der, die ich damals war, herstellen.« Aber David bekam auch Unterstützung von seinen Eltern. Ihnen ging es weniger darum, sein Selbstvertrauen zu entwickeln, als dafür zu sorgen, dass er einen Weg fand, produktiv zu sein. Es spielte keine Rolle, wofür er sich interessierte, solange er dabeiblieb und Spaß dabei hatte. Sein Vater war ein großer FootballFan, erinnert sich David, aber »der Letzte, der gefragt hätte: »Wie kommt es, dass du nicht auf dem Football-Platz bist?«« Eine Zeitlang lernte David Klavier, dann Cello. Als er ankündigte, dass er zum Schlagzeug überwechseln wolle, waren seine Eltern überrascht, aber sie blieben ihrer Linie treu. Sie akzeptierten sein neues Hobby. Es war ihre Weise, ihren Sohn gutzuheifsen. Wenn David Weiss’ Geschichte der Verwandlung bei uns etwas zum Klingen bringt, dann hat das einen guten Grund. Sie ist ein perfektes Beispiel für das, was der Psychologe Dan McAdams eine »erlösende Lebensgeschichte« nennt - und ein Zeichen der geistigen Gesundheit und des Wohlbefindens. Am »Foley Center for the Study ofLives« an der Northwestern University untersucht McAdams die Geschichten, die Menschen aus ihrem Leben erzählen.’ Wir alle schreiben unsere Lebensgeschichte, als seien wir Romanschriftsteller, glaubt McAdams, mit Anfängen, Konflikten, Wendepunkten und Enden. Die Weise, wie wir unsere vergangenen Misserfolge charakterisieren, hat einen grolsen Einfluss darauf, wie zufrieden wir mit unserem augenblicklichen Leben sind. Unglückliche Menschen betrachten einen Misserfolg als Gift, das etwas an sich Gutes ruiniert hat (»Ich war nie mehr derselbe, nachdem meine Frau mich verlassen hatte«), während produktive Erwachsene ihn als verkappten Segen betrachten (»Die Scheidung war das schmerzhafteste Er402
Wie man stille Kinder erzieht eignis in meinem Leben, aber ich bin so viel glücklicher mit meiner neuen Frau.«) Diejenigen, die sich im Leben verwirklicht haben - und ihrer Familie, der Gesellschaft und letztlich sich selbst etwas zurückgeben -, finden in ihren Stolpersteinen einen Sinn. In gewisser Weise hat McAdams einer der großen Einsichten der westlichen Mythologie neues Leben eingehaucht: dass da, wo wir stolpern, auch unser Schatz liegt. Für viele Introvertierte wie David ist die Jugend der große Stolperstein, ein dunkles und verschlungenes Dickicht von geringem Selbstwert und sozialem Unwohlsein. Während der Pubertät sind Lebhaftigkeit und Geselligkeit gefragt, während Eigenschaften wie Tiefe und Sensibilität nicht viel zählen. Aber vielen Introvertierten gelingt es auch, eine Lebensgeschichte für sich zu schreiben, die der von David ähnelt. Unsere CharlieBrown-Augenblicke sind der Preis, den wir zahlen müssen, damit wir unser Schlagzeug fröhlich durch die Jahrzehnte hindurch spielen können.
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REIFEN Ergänzung zur Taschenbuchausgabe
KAPITEL 12 Die Bedeutung der Introvertierten in einer lauten Welt Mindestens ein Drittel der Menschen in unserem Bekanntenkreis sind introvertiert. Es sind jene, die es vorziehen zuzuhören statt zu sprechen, zu lesen statt auf Partys zu gehen, jene, die innovativ und schöpferisch tätig sind, aber sich nicht gern anpreisen, die lieber allein arbeiten, als Brainstorming im Team zu machen. Obwohl sie oft als »still« bezeichnet werden, verdanken wir den Introvertierten viele große Beiträge zur Gesellschaft - von van Goghs Sonnenblumen bis hin zur Erfindung des PCs. Mithilfe einer leidenschaftlichen Argumentation, einer beeindruckenden Recherche und vieler fesselnder Tatsachengeschichten zeigt Susan Cain in Still, wie dramatisch wir die Introvertierten unterschätzen und wie viel wir dabei verlieren. Dieses außergewöhnliche Buch kann unsere Sicht von Introvertierten und - nicht minder wichtig - die Sicht, die Introvertierte auf sich selbst haben, nachhaltig verändern. 1. Halten Sie sich, basierend auf dem kleinen Test im Buch, für introvertiert, extravertiert oder ambivertiert? Sind Sie in ei- nigen Situationen introvertiert und in anderen extraver- tiert? 2. Wie steht es mit den wichtigen Menschen in Ihrem Leben Ihrem Partner, Ihren Kindern und Freunden? 406
Die Bedeutung der Introvertierten in einer lauten Welt . Welche Teile von Still fanden bei Ihnen den meisten Anklang? Gab es Teile, denen Sie nicht zugestimmt haben, und wenn ja, warum? . Können Sie sich an eine Zeit in Ihrem Leben erinnern, als es sich als Vorteil erwies, introvertiert zu sein? . Wer sind Ihre bevorzugten introvertierten Vorbilder? . Stimmen Sie der Autorin zu, dass Introvertierte gute Führungskräfte sein können? Welche Rolle spielt Charisma Ihrer Meinung nach in Führungspositionen? Können Introvertier- te charismatisch sein? . Falls Sie introvertiert sind - was empfinden Sie als die größte Herausforderung in der Zusammenarbeit mit Extravertierten? . Falls Sie extravertiert sind - was empfinden Sie als die größte Herausforderung in der Zusammenarbeit mit Introvertierten? . In Still wird erläutert, wie sich die westliche Gesellschaft von einer Charakterkultur zu einer Persönlichkeitskultur entwickelte. Gibt es in unserer Gesellschaft vereinzelt Bereiche, in denen noch immer die Charakterkultur vorherrscht? Wie würde eine Charakterkultur im 21. Jahrhundert aus- sehen? 10. In Still wird das neue Gruppendenken behandelt, das Wertesystem, demzufolge Kreativität und Produktivität auf Gruppenarbeit statt auf individuellen Denkleistungen beruhen. Haben Sie dies an Ihrem Arbeitsplatz erlebt? 11. Sind Sie der Meinung, dass Ihre Arbeit zu Ihrem Temperament passt? Wenn nicht, was könnten Sie tun, um etwas daran zu ändern? 407
Ergänzung zur Taschenbuchausgabe 12. Falls Sie Kinder haben, wie verhält sich Ihr Temperament zu dem Ihrer Kinder? Wie gehen Sie mit Bereichen um, in denen Sie nicht kompatibel sind? 13. Falls Sie eine Beziehung haben, wie verhält sich Ihr Temperament zu dem Ihres Partners? Wie gehen Sie mit Bereichen um, in denen Sie nicht kompatibel sind? 14. Haben Sie Spaß an sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, und sind Sie der Meinung, dass das etwas mit Ihrem Temperament zu tun hat? 15. In Still ist von »Regenerationsnischen« die Rede, Orten oder Dingen, die Introvertierte aufsuchen oder tun, um ihren Akku wieder aufzuladen. Wo und wie regenerieren Sie sich am liebsten? 16. Susan Cain ruft nach einer stillen Revolution. Fänden Sie es gut, wenn etwas in dieser Art stattfinden würde, und wenn ja, was ist die wichtigste Veränderung, die Sie gern sehen würden?
KAPITEL i3 Tipps für introvertierte Leser: Wenn Sie eine Rede halten müssen 1. Für viele Redner - und insbesondere für Introvertierte - liegt der Schlüssel in der Vorbereitung. Nehmen Sie sich Zeit für das Schreiben Ihrer Rede, damit sie logisch aufgebaut ist, und sorgen Sie mithilfe von Geschichten und Beispielen für Anschaulichkeit. Üben Sie sie laut, bis Sie sich sicher fühlen. Wenn es sich um eine wichtige Rede handelt, nehmen Sie sich auf Video auf. Der Hauptgrund, aus dem es unangenehm sein kann, vor anderen zu sprechen, ist, dass Sie nicht wissen, wie Sie auf andere wirken. Wenn Sie, bevor Sie zu einem Einstellungsgespräch gehen, Ihre Krawatte binden oder Lippenstift auflegen, ohne in den Spiegel zu schauen, müssen Sie darauf vertrauen, dass Ihnen dabei kein Fehler unterlaufen ist, aber welche Sicherheit haben Sie? Sie sollten es nicht dem Zufall überlassen. 2. Denken Sie darüber nach, was Ihre Zuhörer interessiert. Wollen sie neue Informationen? Welches Problem möchten sie gelöst haben? Geben Sie ihnen, was sie brauchen und wollen. Es geht um Ihr Publikum, nicht um Sie. 3. Wenn Sie eine Zeitlang nicht vor einer größeren Gruppe gesprochen haben und daher aus der Übung sind, schauen Sie sich Videoaufnahmen von Reden mit Kameraeinstellungen aus dem Blickwinkel des Redners an, damit Sie sehen können, wie es ist, dem Publikum gegenüberzustehen. (Bei vie409
Ergänzung zur Taschenbuchausgabe len TED-Vorträgen gibt es solche Kameraeinstellungen). Stellen Sie sich beim Zuschauen vor, dass Sie die Rede halten. Machen Sie sich damit vertraut, wie es sich anfühlt, wenn alle Augen auf Ihnen ruhen. 4. Wenn möglich, sollten Sie den Raum besichtigen, in dem Sie die Rede halten werden. Üben Sie, am Rednerpult zu stehen und auf die Sitzreihen zu schauen. 5. Wenn Sie einen großartigen Redner erleben oder von einem solchen hören, besorgen Sie sich eine Abschrift der Rede. Studieren Sie sie. Wie war sie aufgebaut? Welche Art von Eröffnung und Schluss wurden benutzt? Wie wurden die Beispiele präsentiert? Wie fesselte und inspirierte der/die Redner/in das Publikum und gab sein/ihr Wissen weiter? Die meisten Menschen werden nicht als große Redner geboren. Sie lernen und üben es. (Dieser Hinweis stammt von Steve Harri- son, dem Mitbegründer von Reporter Connection.) 6. Sie sollten Ihre rhetorischen Stärken und Schwächen kennen und Ihre starke Seite hervorheben. Wenn Sie einen guten Sinn für Humor haben, machen Sie sich das zunutze. Wenn Sie nicht gut darin sind, Scherze zu machen, versuchen Sie es nicht. Konzentrieren Sie sich vielmehr auf das, was Sie am besten können. Können Sie eine großartige Geschichte erzählen? Eine interessante Idee vortragen, die Ihr Publikum noch nicht kennt? Informationen geben, die Ihre Zuhörer brauchen? Gestalten Sie Ihre Rede um Ihre Botschaft herum - und darum herum, wer Sie als Person sind. Nachdenklich sein und Nachdenken provozieren ist genauso überzeugend wie dynamisch und unterhaltsam sein. 7. Nach gewisser Zeit ist öffentliches Reden wie ein Bühnenauftritt, und das ist eine gute Sache, selbst wenn Sie kein gebore410
Tipps für introvertierte Leser: Wenn Sie eine Rede halten müssen ner Schauspieler sind. Haben Sie sich je gefragt, warum Menschen Kostümpartys mögen? Sie fühlen sich befreit, wenn sie hinter einer Maske aus einer Rolle heraus interagieren. Sich als Aschenputtel oder Don Draper zu verkleiden beseitigt Hemmungen genauso effektiv wie ein Glas Wein. Denken Sie auf dieselbe Weise über Ihre Bühnen-Persona. . Lächeln Sie Ihr Publikum an, wenn Sie den Raum betreten, und lächeln Sie es an, wenn Sie anfangen zu sprechen. Das wird Ihnen ein Gefühl der Entspanntheit, Zuversicht und Verbundenheit geben.
ISABIEIT IS L, S8 Tipps für Eltern eines introvertierten Kindes 1. Akzeptieren Sie Ihr Kind nicht einfach nur so, wie es ist; würdigen Sie es. Solange introvertierte Kinder sich in ihrer Umgebung wohlfühlen, können sie freundliche, rücksichtsvolle, konzentrierte und sehr interessante Gesellschafter sein. 2. Wenn Ihr Kind nur widerwillig neue Dinge ausprobiert oder neue Menschen kennenlernt, setzen Sie es neuen Erfahrungen ganz allmählich aus. Lassen Sie nicht zu, dass es sich verweigert, aber respektieren Sie seine Grenzen, selbst wenn sie extrem erscheinen. Nähern Sie sich zusammen mit dem Kind ganz langsam dem, wovor es auf der Hut ist. Wenn es von selbst wagt, Kontakt zu anderen Kindern aufzunehmen, zeigen Sie ihm, dass Sie seine Bemühungen bewundern: »Ich habe gesehen, wie du gestern auf die fremden Kindern zugegangen bist. Ich weiß, wie schwierig das sein kann, und bin stolz auf dich.« Wenn es schließlich beginnt, Spaß an den Dingen zu haben, von denen es dachte, es würde sie nicht mögen, oder vor denen es anfänglich Angst hatte, machen Sie es darauf aufmerksam. Allmählich wird es lernen, sein Misstrauen selbst zu regulieren. 3. Ist Ihr Kind schüchtern, sollten Sie es in seiner Gegenwart nicht so nennen. Sonst wird es beginnen, seine Nervosität als Charaktereigenschaft zu erleben statt als eine Emotion, die es lernen kann zu kontrollieren. Auch Ihr Kind weiß be412
Tipps für Elten eines introvertierten Kindes reits sehr gut, dass »schüchtern« in unserer Gesellschaft gewöhnlich als Kritik gemeint ist. Wenn andere es in seinem Beisein schüchtern nennen (und das wird passieren), wandeln Sie die Bemerkung ein wenig ab, indem Sie beispielsweise sagen: »Sophie nimmt sich gern Zeit, um mit neuen Situationen warm zu werden.« 4. Wenn Sie selbst introvertiert sind, versuchen Sie, Ihre eigene Geschichte nicht auf Ihr Kind zu projizieren. Ihre Introversion war für Sie, als Sie jünger waren, möglicherweise ei- ne schmerzhafte Angelegenheit. Gehen Sie nicht davon aus, dass dasselbe für Ihr Kind gilt oder dass es nicht imstande ist, mit den gelegentlichen Schwierigkeiten fertigzuwerden. Es kann damit fertigwerden, und es kann gedeihen. Sie unterstützen Ihr Kind am besten, wenn Sie sich über seine wunderbaren Eigenschaften freuen, darauf vertrauen, dass diese Eigenschaften es weit bringen werden, und mit ihm die Fer- tigkeiten einüben, die es braucht, um mit den herausfordernden Aspekten seiner Veranlagung umzugehen. 5. Ist Ihr Kind »hochsensibel« - reagiert es also sensibel auf Licht, Geräusche, emotionale Erfahrungen oder neue Situationen -, handelt es sich möglicherweise um ein so genanntes »Orchideenkind«. Dieser Begriff stammt aus einer bahnbrechenden Hypothese, die von Psychologen jetzt überprüft wird. Danach gedeihen viele Kinder ähnlich wie Löwenzahn in fast jeder Umgebung, während andere Kinder eher den Orchideen gleichen. Sie welken leicht, aber in einer fördernden Umgebung entwickeln sie sich sogar besser als Löwenzahnkinder. Sie sind oft gesünder, haben bessere Noten und stabi- lere Beziehungen. Eine führende Verfechterin der Orchideenhypothese, Jay 413
Ergänzung zur Taschenbuchausgabe Belsky von der University of London, erklärt, Eltern von Orchideenkindern könnten sich glücklich schätzen, denn »die Zeit und Mühe, die sie aufwenden, zahlt sich aus. Statt ihre Kinder als zerbrechlich zu betrachten, sollten ihre Eltern sie als formbar sehen - zum Schlechteren, aber auch zum Besseren hin.« 6. Introvertierte Kinder haben gewöhnlich die Fähigkeit, eine große Leidenschaft für Dinge zu entwickeln. Achten Sie darauf, wofür Ihr Kind sich begeistert, und unterstützen Sie seine Interessen. Sich intensiv bei einer Aktivität zu engagieren ist ein bewährter Weg zum Glück, und ein gut entwickeltes Talent bildet eine große Quelle des Selbstvertrauens. Traditionelle Aktivitäten wie Fußball und Klavier sind vielleicht für einige Kinder eine gute Sache, aber vergessen Sie nicht, auch außerhalb der ausgetretenen Wege zu schauen. Writopia Lab ist beispielsweise eine Vereinigung für kreatives Schreiben mit Sitz in New York, die intellektuellen Kindern eine fantastische Gemeinschaft bietet.
KAPITEL 15 Tipps für Pädagogen 1. Betrachten Sie Introversion nicht als etwas, das geheilt werden muss. Wenn ein introvertiertes Kind Hilfe bei sozialen Fertigkeiten braucht, helfen Sie ihm oder empfehlen Sie einen Kurs außerhalb des Unterrichts, so wie Sie es bei Schülern tun würden, die Nachhilfe in Mathe oder Lesen brauchen. Akzeptieren Sie diese Kinder jedoch so, wie sie sind. 2. Überdenken Sie den Einsatz von Gruppenarbeit im Unterricht. Ein bestimmtes Maß an Gruppenarbeit ist für Introvertierte gut und sogar nützlich. Aber sie sollte in Kleingruppen stattfinden - in Zweier- oder Dreiergruppen - und sorgfältig strukturiert sein, sodass jedes Kind seine Rolle kennt. 3. Setzen Sie schüchterne oder introvertierte Kinder im Klassenzimmer nicht auf Plätze mit hoher Interaktion. Sie werden auf diesen Plätzen auch nicht mehr reden; aber sie werden sich bedrohter fühlen und Konzentrationsschwierigkei- ten haben. 4. Verwenden Sie ausgewogene Lehrmethoden, die allen Kindern in Ihrer Klasse zugutekommen. Extravertierte mögen meistens Bewegung, Stimulation und Gruppenarbeit. Introvertierte ziehen Frontalunterricht, Stillarbeit und Einzelarbeit vor. Bemühen Sie sich um eine gerechte Mischung. 5. Verwenden Sie die Technik der Partnerarbeit. Wenn Sie im Unterricht eine Frage stellen, fordern Sie die Schüler auf, sich 415
Ergänzung zur Taschenbuchausgabe zunächst leise mit ihrem Nachbarn zu besprechen, statt Ihnen gleich direkt zu antworten. Das ist eine risikoarme Art, die Unterrichtsbeteiligung zu fördern - durch den Austausch mit einem Mitschüler. Anschließend können Sie die Schüler bitten, ihre Antwort vor der Klasse mitzuteilen. Die zurückhaltenden Schüler werden sich eher vor der Gruppe äufsern, nachdem sie sich leise mit einem Partner ausgetauscht haben. 6. Warten Sie fünf Sekunden, nachdem Sie der Klasse eine Frage gestellt haben. Das gibt den Introvertierten Zeit zu überlegen, und fördert die Nachdenklichkeit. 7. Benutzen Sie Online-Lehrmethoden. Kinder offenbaren ihre Gedanken, Ideen und sich selbst online möglicherweise auf eine Art, wie sie es im direkten Gespräch nicht tun würden. Und wenn sie sich erst einmal online beteiligen, werden sie das mit höherer Wahrscheinlichkeit auch in der Klasse tun. 8. Wenn Sie die Unterrichtsbeteiligung benoten, geben Sie getrennte Noten für inhaltliches Wissen und für Beteiligung, Erweitern Sie den Begriff der Unterrichtsbeteiligung, indem Sie die Online- und schriftliche Beteiligung und auch so subtile Fähigkeiten mit einbeziehen wie gut zuzuhören und andere zu Wort kommen zu lassen.
KABITEL 16 Ein kurzes Interview mit Susan Cain über ihre Leidenschaft für stille Menschen Susan Cain glaubt, dass eine effektive Kommunikation Selbsterkenntnis voraussetzt. In Still. Die Kraft der Introvertierten zeigt sie, wie dramatisch unsere Kultur Introvertierte unterschätzt, und beschreibt die Vorzüge des Introvertiertseins, gegründet auf den neuesten Erkenntnissen der Psychologie und Neurowissenschaft. F: Warum haben Sie das Buch geschrieben? A: Weil es Vorbehalte über Introvertierte gibt. Unsere Schulen, Arbeitsplätze und religiösen Institutionen sind für Extravertierte gemacht, und viele Introvertierte glauben, mit ihnen stimme etwas nicht und sie sollten versuchen, als Extravertierte »durchzugehen«. Diese negative Voreinstellung führt zu einer kolossalen Verschwendung von Talenten, Energie und letztlich von Glück. F: Welche persönliche Bedeutung hat das Thema für Sie? A: In meinen Zwanzigern begann ich, als Anwältin für Körperschaftsrecht an der Wall Street zu arbeiten. Zuerst dachte ich, ich würde vor einer enormen Herausforderung stehen, weil ich meinte, eine erfolgreiche Anwältin müsse sich im Rampenlicht wohlfühlen, während ich introvertiert und gelegent417
Ergänzung zur Taschenbuchausgabe lich schüchtern war. Aber ich erkannte bald, dass meine Wesensart viele Vorteile hatte: Ich war gut darin, im Vieraugengespräch hinter den Kulissen loyale Bündnisse zu schmieden; ich war in der Lage, meine Tür zuzumachen, mich zu konzentrieren und gute Arbeit zu leisten, und wie zahlreiche Introvertierte stellte ich tendenziell viele Fragen und hörte mir aufmerksam die Antworten an, was ein unschätzbarer Vorteil in Verhandlungen ist. Ich begann zu erkennen, dass hier viel mehr im Spiel war, als das kulturelle Stereotyp von Introvertierten uns glauben machen will. Ich wollte mehr wissen, also verbrachte ich die letzten fünf Jahre damit, die Kraft der Introversion zu erforschen. F: Gab es je eine Zeit, in der Introvertierte in der amerikanischen Gesellschaft eine höhere Wertschätzung erfuhren? A: In den Anfangsjahren der Nation war es für Introvertierte leichter, Respekt zu erfahren. Amerika verkörperte einmal das, was der Kulturhistoriker Warren Susman eine »Charakterkultur« nannte, bei der es auf innere Stärke, Integrität und die guten Taten ankam, die man tat, wenn niemand dabei war. Man konnte eine beeindruckende Figur machen, wenn man still, reserviert und würdig war. Abraham Lincoln wurde als Mann verehrt, der nicht »durch Überlegenheit verletzte«, wie Emerson es ausdrückte. F: Welche Vorzüge hat es, introvertiert zu sein? A: Sie alle aufzuführen würde den Rahmen hier sprengen, aber es gibt zwei scheinbar widersprüchliche Eigenschaften, von 418
Ein kurzes Interview mit Susan Cain denen Introvertierte profitieren: Introvertierte sind gern allein - und Introvertierte sind gern kooperativ. Wie Untersuchungen belegen, sind viele der kreativsten Menschen introvertiert, und ihre Kreativität verdanken sie teilweise ihrer Fähigkeit, still zu sein. Introvertierte sind sorgfältige, gründliche Denker, die die erforderliche Einsamkeit ertragen können, um Ideen zu entwickeln. Andererseits ist Zusammenarbeit notwendig, um gute Ideen zu implementieren, und Introvertierte ziehen eher eine kooperative Umgebung vor, während Extravertierte lieber konkurrieren.
KABTEBEG7 Introvertierte Charaktere in der Literatur 1. Ferdinand der Stier, aus dem gleichnamigen Kinderbuchklassiker von Munro Leaf. Ferdinand ist ein junger spanischer Stier, der am liebsten still unter einem Baum sitzt und an den Blumen schnuppert. 2. Margaret Schlegel, aus Wiedersehen in Howards End von E.M. Forster. Die introvertierte Intellektuelle interessiert sich unablässig für die hintergründige Bedeutung von Menschen und Dingen. 3. Jane Eyre, aus dem gleichnamigen Roman von Charlotte Bronte. Als typischer Bücherwurm mit Köpfchen eröffnet Jane Eyre ihre Geschichte mit dem Satz, dass »ich, wenn ich ein Buch auf den Knien hatte, glücklich war«. 4. Heathcliff, aus Sturmhöhe von Emily Bront£e. Heathcliff, ein klassischer Grübler und romantischer Held, macht die Bemerkung, dass »Gäste so außerordentlich selten in diesem Hause sind, dass ich und meine Hunde, wie ich bekennen muss, kaum wissen, wie man sie empfängt.« 5. Patroklus, aus dem wunderbaren Debütroman Das Lied des Achill von Madeline Miller. In dieser Neuerzählung der Ilias beschäftigt sich Miller mit der tiefen Freundschaft zwischen dem sanften, zurückhaltenden Patroklus und dem gottgleichen Achill. Wie sich herausstellt, besitzt Patroklus eine stille Kraft, die erst am Ende des Buches voll zutage tritt. 420
Introvertierte Charaktere in der Literatur . Sherlock Holmes, in Eine Studie in Scharlachrot. Arthur Conan Doyle schildert seinen fiktiven Detektiv als »einen Mann, den man nicht leicht ausfragen kann, auch wenn er ein guter Kumpel sein kann, wenn er gerade Lust dazu hat.« . Vicky Austin, in Wir Austins von Madeleine L’Engle. Vicky ist der Schwarm jedes introvertierten Teenagers: still, sensibel, philosophisch veranlagt und so überzeugend, dass sie in fünf der wunderbaren Jugendbücher L’Engles über die Familie Austin eine Hauptrolle spielt. . Das hässliche kleine Entlein, von Hans Christian Anderson. Die sensible introvertierte Figur der Kinderliteratur schlecht- hin. . Mahatma Gandhi: Mein Leben. Darin erläutert Gandhi, einer der großen wegweisenden Politiker der Welt, wie ihm seine scheue und stille Wesensart half, eine Nation zu führen.
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SCHLUSS Wunderland Unsere Kultur hat eine Tugend daraus gemacht, nur extravertiert zu leben. Wir haben die innere Reise, die Suche nach einer Mitte, geächtet. Deshalb haben wir unsere Mitte verloren und müssen sie wiederfinden. Anais Nin Ganz gleich, ob Sie selbst introvertiert sind oder ob Sie ein extravertierter Mensch sind, der einen introvertierten liebt oder mit ihm arbeitet, ich hoffe, Sie profitieren von den Einsichten in diesem Buch. Hier sind ein paar Anregungen, die Sie mitnehmen könnten: Liebevolle Güte ist für alle wesentlich, Geselligkeit optional. Hegen und pflegen Sie die Ihnen nächsten und liebsten Menschen. Arbeiten Sie mit Kollegen, die Sie mögen und respektieren. Überprüfen Sie neue Bekanntschaften daraufhin, wer in diese beiden Kategorien fallen könnte oder wessen Gesellschaft Sie um ihrer selbst willen schätzen. Machen Sie sich nicht mit dem Gedanken verrückt, dass Sie mit allen anderen Kontakt haben müssen. Beziehungen machen jeden glücklich, auch Introvertierte, aber stellen Sie immer Qualität über Quantität. Das Geheimnis des Lebens ist, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Für die einen ist dies das Rampenlicht am Broadway oder ein sonnenverwöhnter Strand, für andere ein von einer Lampe erleuchteter Schreibtisch. Nutzen Sie Ihre natürlichen 423
Schluss Kräfte - Beharrlichkeit, Konzentration, Einsicht und Sensibilität -, um die Arbeit zu tun, die Sie lieben und die für Sie von Bedeutung ist. Lösen Sie Probleme, machen Sie Kunst, denken Sie tief nach. Überlegen Sie, welchen Beitrag Sie der Welt leisten können, und leisten Sie ihn auch. Wenn dies öffentliches Reden oder Vernetzung oder andere Aktivitäten erfordert, die bei Ihnen Gefühle von Unbehagen auslösen, tun Sie es trotzdem. Aber akzeptieren Sie, dass es schwer für Sie ist, holen Sie sich das Training, das Sie brauchen, damit es Ihnen leichter fällt, und belohnen Sie sich anschließend. Geben Sie Ihren Job als Nachrichtenmoderator im Fernsehen aufund machen Sie einen Abschluss in Bibliothekswissenschaft. Doch wenn Nachrichtenmoderation die Tätigkeit ist, die Sie lieben, dann legen Sie sich eine extravertierte Persona zu, um den Tag zu überstehen. Fahren Sie danach schnell nach Hause und machen Sie es sich auf dem Sofa gemütlich. Sorgen Sie für Regenerationsnischen. Respektieren Sie das Bedürfnis der Ihnen nahestehenden Menschen nach Geselligkeit und Ihr eigenes nach Einsamkeit (und umgekehrt, wenn Sie extravertiert sind). Verbringen Sie Ihre Freizeit so, wie Sie es möchten, nicht so, wie Sie es Ihrer Meinung nach sollten. Bleiben Sie Silvester zu Hause. Lassen Sie die Ausschusssitzung fahren. Gehen Sie auf die andere Strafsenseite, um sinnloses Geschwätz mit zufälligen Bekannten zu vermeiden. Lesen Sie. Kochen Sie. Laufen Sie. Machen Sie Dinge am Computer. Schließen Sie ein Abkommen mit sich selbst, dass Sie an einer bestimmten Anzahl von gesellschaftlichen Anlässen teilnehmen und sich im Austausch dafür nicht schuldig fühlen, wenn Sie absagen. 494
Wunderland Wenn Sie stille Kinder haben, helfen Sie ihnen, Frieden mit neuen Situationen und neuen Menschen zu schließen, aber ansonsten lassen Sie sie, wie sie sind. Freuen Sie sich an ihrem originellen Denken. Seien Sie stolz auf die Stärke ihres Gewissens und die Loyalität ihrer Freundschaft. Erwarten Sie nicht von ihnen, der Herde zu folgen. Ermutigen Sie sie stattdessen, dem zu folgen, was sie leidenschaftlich interessiert. Werfen Sie Konfetti, wenn die Kinder die Früchte dieser Hobbys ernten, sei es der Sitz des Schlagzeugers, das Softball-Feld oder die mächtige Feder des kreativen Autors. Wenn Sie Lehrer sind, geniefßen Sie die Schüler, die gesellig sind und sich am Unterricht beteiligen. Aber vergessen Sie nicht, auch die scheuen, sanften und autonomen zu fördern, diejenigen, die sich für Chemiekästen, Papageienarten oder die Kunst des 19. Jahrhunderts begeistern. Das sind die Künstler, Ingenieure und Denker von morgen. Wenn Sie Manager sind, denken Sie daran, dass ein Drittel bis die Hälfte Ihrer Mitarbeiter vermutlich introvertiert ist, ob sie so erscheinen oder nicht. Überdenken Sie noch einmal, wie Sie die Büroräume Ihres Unternehmens gestalten. Erwarten Sie nicht, dass Introvertierte über Großraumbüros jubeln, genauso wenig wie über Geburtstagsfeiern während der Mittagspause oder Klausurtagungen zum Aufbau eines Teams. Machen Sie das Beste aus den Stärken der Introvertierten - das sind die Menschen, die Ihnen helfen können, tief nachzudenken, Strategien zu entwickeln, komplexe Probleme zu lösen und ein Frühwarnsystem einzurichten. Denken Sie auch an die Gefahren des neuen Gruppendenkens. Wenn Sie an Kreativität interessiert sind, bitten Sie Ihre Angestellten, Probleme allein, nicht nur in der Gruppe zu lösen. 425
Schluss Wenn Sie von allen kluge Vorschläge haben wollen, sammeln Sie sie auf elektronischem oder schriftlichem Wege, und achten Sie darauf, dass die Mitarbeiter sich nicht gegenseitigin die Karten schauen können, bis jeder eine Chance hatte, etwas einzubringen. Persönlicher Kontakt ist wichtig, weil er Vertrauen aufbaut, aber Gruppendynamik birgt unvermeidliche Hindernisse für kreatives Denken. Sorgen Sie dafür, dass die Leute in Partnerarbeit und in lockeren Kleingruppen arbeiten können. Verwechseln Sie nicht Durchsetzungsfähigkeit oder Beredsamkeit mit guten Ideen. Wenn Sie Mitarbeiter mit Eigeninitiative haben (und das hoffe ich für Sie), denken Sie daran, dass sie unter Um- ständen bessere Leistungen unter einer introvertierten als unter einer extravertierten oder charismatischen Leitung bringen. Wer auch immer Sie sind, vergessen Sie nicht, dass Schein nicht Sein ist. Manche Menschen verhalten sich wie Extravertierte, aber die Anstrengung kostet sie Energie, Authentizität und oft sogar die Gesundheit. Andere scheinen unnahbar oder selbstbeherrscht, aber ihr Inneres steckt voller Reichtum und Drama. Wenn Sie das nächste Mal eine Person mit einem beherrschten Gesicht und einer sanften Stimme sehen, denken Sie daran, dass sie insgeheim vielleicht eine Gleichung löst, ein Sonett schreibt oder einen Hut entwirft. Das heißt, sie entfaltet womöglich die Kraft der Stille. Aus Mythen und Märchen wissen wir, dass es viele verschiedene Arten von Macht auf dieser Welt gibt. Das eine Kind bekommt ein Lichtschwert in die Wiege gelegt, ein anderes die Erziehung eines Zauberers. Die Kunst dabei ist, nicht all die verschiedenen Arten von Macht, die im Angebot sind, anzuhäufen, sondern die, die Ihnen gegeben ist, gut zu nutzen. Introvertierte bekommen einen Schlüssel zu einem privaten Garten voller 426
Wunderland Reichtümer gewährt. Einen solchen Schlüssel zu besitzen bedeutet, wie Alice im Wunderland ein Kaninchenloch hinunterzupurzeln. Es war nicht ihre Wahl, ins Wunderland zu gehen aber sie machte daraus ein Abenteuer, das frisch, fantastisch und ganz ihr eigenes war. Auch Lewis Carroll, ohne den es keine Alice im Wunderland gegeben hätte, war übrigens ein Introvertierter. Und nach allem, was wir gehört haben, sollte uns das nicht mehr überraschen.
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ANHANG
Zur Widmung Mein Großvater war ein leiser, vornehm gekleideter Mann mit wehendem Silberhaar, einem stacheligen Bart und grofsen mitfühlenden blauen Augen. Er hatte eine feine Art, an Menschen das hervorzuheben, was hervorzuheben war, besonders an Kindern. In seinem Viertel in Brooklyn, wo er Rabbi war, begegnete man auf den Bürgersteigen Männern in schwarzen Hüten, Frauen mit knielangen Röcken und ungeheuer gut erzogenen Kindern. Aufdem Weg zur Synagoge grüfßte er die Passanten freundlich, staunte über die Intelligenz des einen Kindes, die Körpergröße des nächsten und die Welterfahrenheit eines dritten. Die Kinder liebten ihn, Geschäftsleute respektierten ihn, verlorene Seelen klammerten sich an ihn. Er war auch ein Gelehrter. In seiner kleinen Wohnung, die er jahrzehntelang als Witwer allein bewohnte, hatten sämtliche Möbel ihre ursprüngliche Funktion verloren und dienten stattdessen als Ablage für Stapel von Büchern: hebräische Texte mit Goldschnitt neben Margaret Atwood und Milan Kundera. Mein Grofßsvater saß an seinem winzigen Küchentisch im Lichtkegel einer Neonlampe, mit einem aufgeschlagenen Buch auf der weifßsen Baumwolltischdecke, schlürfte Lipton-Tee und naschte Marmorkuchen. In seinen Predigten, in denen er altes und humanistisches Gedankengut miteinander verwob, teilte er mit seiner Gemeinde die Früchte seiner Studien in der betreffenden Woche. Oft waren in der Synagoge nur noch Stehplätze frei. Meine übrige Familie nahm sich ihn zum Vorbild. Bei uns zu Hause war Lesen die hauptsächliche Gemeinschaftsaktivität. 430
Zur Widmung Samstagnachmittags machten wir es uns mit einem Buch in der Stube bequem. Es war das Beste aus beiden Welten: Man genoss die animalische Wärme der Familie, die direkt neben einem saß, und konnte gleichzeitig in der Abenteuerwelt der eigenen Gedanken umherstreifen. Doch noch vor meinem zehnten Geburtstag fing ich an mich zu fragen, ob mich dieses ständige Lesen nicht »ins Abseits« brachte, ein Verdacht, der sich zu erhärten schien, als ich mit zehn ins Sommercamp fuhr und beobachtete, wie ein Mädchen mit dicken Brillengläsern, einer hohen Stirn und renitentem Verhalten sich am ersten Tag des Zeltlagers, der ganz besonders wichtig war, weigerte, ihr Buch wegzulegen, und damit sofort zur Ausgestofßenen wurde. Ich hätte auch sehr gern gelesen, lief aber meine eigenen Bücher unberührt im Koffer liegen (obwohl ich mich deswegen schuldig fühlte, als würden die Bücher mich brauchen und ich hätte sie verraten). Ich beobachtete, wie die- ses Mädchen, das einfach weiterlas, von anderen gemieden wurde, weil es ein Bücherwurm und reserviert war - was ich ebenfalls war und, wie mir dort klar wurde, so gut es ging verstecken musste. Nicht allzu lange nach diesem Sommer war ich eines Abends mit einigen Freundinnen unterwegs. Wir fingen ein Gespräch mit einem gut aussehenden Teenager an, der, wie sich herausstellte, aus dem Viertel in Brooklyn kam, wo mein Großvater wohnte. Aufgeregt stieß ich den Namen meines Großvaters hervor und hoffte, mich im Glorienschein der Tatsache sonnen zu können, dass ich mit einem solchen Menschen verwandt war. »Ja klar«, sagte der Frechdachs im Beisein meiner Freundinnen, »das ist doch der Rabbi in der Synagoge ein paar Straßenecken weiter - nicht sehr dynamisch, ein bisschen menschen431
Anhang scheu, stellt keinen Augenkontakt her, wenn er predigt, oder nicht?« Und der Junge fing an, den Gang meines Grofsvaters nachzuahmen, der damals in den Achtzigern war und am Stock langsam und gebückt durch die Synagoge schlurfte. Mir drehte sich der Magen um. Wie konnte er nur wagen, so zu reden? Wenn ich ein anderer Mensch gewesen wäre, hätte ich ihm eine Ohrfeige gegeben. Da ich aber war, wie ich war, fingich an, mir Sorgen zu machen. Wenn selbst mein verehrter Grofsvater als eine dieser menschenscheuen, belesenen Figuren wie das Mädchen aus dem Zeltlager angesehen wurde - welche Hoffnung blieb mir dann? Ich betrachtete meinen Großvater mit neuen Augen. War er gelehrt oder ein Büchernarr? War er freundlich und rücksichtsvoll oder die Sorte Mensch, die sich zu viel über mitmenschliche Dinge Sorgen machte? Was war davon zu halten, dass er Telefongespräche abrupt beendete, aus Angst, einem anderen Menschen die Zeit zu stehlen, oder dass er sich für eine eingebildete Kränkung entschuldigte, die er meinte, einem anderen vor Wochen zugefügt zu haben? Und war es nicht furchtbar, dass auch ich diese Eigenschaften hatte? Aber es war nicht furchtbar. Mein Großvater war ein großartiger Mann, ungeachtet der Einschätzung des frechen Kerls. Als er im Alter von 94 Jahren starb, nach 62 Jahren auf der Kanzel, musste die New Yorker Polizei die Straßen im Viertel sperren, um den Ansturm der Trauergäste in geordnete Bahnen zu lenken. Er wäre überrascht gewesen, wenn er das gewusst hätte. Heutzutage denke ich, dass eine seiner besten Eigenschaften seine Demut war. Dieses Buch ist voller Liebe der Familie meiner Kindheit gewidmet. Meiner Mutter, die unermüdlich am Küchentisch ruhige Gespräche mit ihren Kindern führte; sie hat uns die kostbare 432
Zur Widmung Gabe der Nähe geschenkt, und ich kann von Glück sagen, eine so hingebungsvolle Mutter zu haben. Meinem Vater, einem inspirierenden, sich aufopfernden Arzt, der uns durch sein Beispiel die Freuden gelehrt hat, stundenlang am Schreibtisch zu sitzen und sich neues Wissen anzueignen (in seinem Fall, um die Unheilbaren zu heilen). Meinen Geschwistern, die mit mir von klein aufdie Wärme und Zuneigung teilten, die aus dem Zusammensitzen und gemeinsamen Lesen entstehen. Meiner GrofßSmutter für ihre Festigkeit, ihren Mut und ihre Fürsorge. Und der Erinnerung an meinen Großvater, der so beredt die Sprache der Stille sprach.
Zur Terminologie In diesem Buch geht es um Introversion aus kultureller Sicht. Eines seiner Hauptanliegen ist die uralte Dichotomie zwischen dem »Handlungsmenschen« und dem »kontemplativen Menschen« - und wie wir die Welt verbessern könnten, wenn es einen besseren Machtausgleich zwischen diesen beiden Typen gäbe. Es handelt von Menschen, die sich irgendwo in dem folgenden Spektrum von Eigenschaften wiederfinden: reflektiv, intellektuell, an Büchern interessiert, unprätentios, hochsensibel, nachdenklich, ernst, kontemplativ, subtil, introspektiv, innengeleitet, freundlich, sanft, demütig, die Einsamkeit liebend, schüchtern, risikoscheu, dünnhäutig. Und es geht auch um ihr Gegenteil: die »Tatmenschen«, die überschwänglich, raumfüllend, kontaktfreudig, gesellig, schnell zu begeistern, dominant, selbstbewusst, aktiv, risikofreudig, dickhäutig, aufßengeleitet, unbeschwert und forsch sind und sich im Rampenlicht wohlfühlen. Diese kulturelle Einstellung prägt mein Verständnis der Begriffe introvertiert und extravertiert. Wenn Sie mit zeitgenössischer Persönlichkeitspsychologie vertraut sind, haben Sie möglicherweise eine etwas andere Auffassung von diesen Eigenschaften, als ich sie in diesem Buch vertrete. Unter dem Thema Introversion/Extraversion erörtere ich nicht nur die Neigung, soziale Kontakte zu suchen beziehungsweise zu vermeiden, das Vorhandensein von Begeisterungsfähigkeit beziehungsweise den Mangel an ihr, sondern auch die Neigung (oder fehlende Neigung) zum Nachdenken, zu einem reichen Innenleben, einem 434
Zur Terminologie strengen Gewissen sowie einem gewissen Maß an Angst, Schüchternheit und Risikovermeidung. Wenn Sie Anhänger des »Fünf-Faktoren-Modells« sind, sortieren Sie diese Eigenschaften vielleicht unter Kategorien ein, die unmittelbar nichts mit Introversion zu tun haben (nämlich Offenheit, Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität). Ich verwende das Wort introvertiert mit Bedacht umfassender, indem ich auf die Einsichten des Fünf-Faktoren-Modells zurückgreife, aber auch die Erkenntnisse und Modelle anderer Psychologen mit einbeziehe, so das Jung'sche Denken über die von »unerschöpflichem Zauber« und subjektiver Erfahrung geprägte Innenwelt der Introvertierten, Jerome Kagans Forschung über Hochreaktivität und Angst (siehe Kapitel 4 und 5), Elaine Arons Werk über die Verarbeitung von Sinnesreizen und den Zusammenhang von Hochsensibilität mit Gewissenhaftigkeit, Gründlichkeit und intensivem Fühlen (Kapitel 6) sowie diverse Unter- suchungen über die Beharrlichkeit und Konzentration, mit der Introvertierte an Problemlösungen herangehen, wovon vieles wunderbar in Gerald Matthews’ Arbeit zusammengefasst ist (Kapitel 7 und 10). Tatsächlich wurden in der westlichen Kultur über 3000 Jahre lang die Eigenschaften in den oben genannten Konstellationen miteinander in Verbindung gebracht. Wie der Anthropologe C. A. Valentine einmal schrieb: Die kulturelle Tradition des Westens beinhaltet von alters her die Vorstellung von einem menschlichen Spektrum, die weit verbreitet und die Zeiten überdauernd zu sein scheint. In populärer Form ist dies die bekannte Vorstellung vom praktischen, realistischen oder geselligen Tatmenschen im Gegen435
Anhang satz zum Denker, Träumer, Idealisten oder schüchternen Men- schen. Die am häufigsten verwendeten Bezeichnungen, die in dieser Tradition auftauchen, sind die Typenbezeichnungen extravertiert und introvertiert.' Valentines Konzept der Introversion beinhaltet Wesenszüge, die die moderne Psychologie als Offenheit gegennüber Erfahrungen (»Denker, Träumer«), Gewissenhaftigkeit (»Idealist«) und Neurotizismus (»schüchterner Mensch«) klassifizieren würde. Eine lange Reihe von Dichtern, Wissenschaftlern und Philosophen hat ebenso dazu geneigt, diese Wesenszüge miteinander in Verbindung zu bringen. In der Genesis, dem ersten Buch der Bibel, haben wir den grüblerischen Jakob (einen »ruhigen Mann, derin Zelten wohnte«, der später »Israel« wird, was »jemand kämpft im Innern mit Gott« bedeutet) und seinen rivalisierenden Bru- der, den verwegenen Esau (ein »geschickter Jäger« und »ein Mann des Feldes«). In der klassischen Antike stellten die Ärzte Hippokrates und Galen die berühmte Hypothese auf, dass unsere Temperamente - und Schicksale - eine Funktion körperlicher Säfte seien, wobei uns ein Überschuss an Blut und gelber Galle zu Sanguinikern und Cholerikern mache (extravertiert), und ein Übermaß an Phlegma und schwarzer Galle zu Phlegmatikern und Melancholikern (introvertiert). Aristoteles notierte, dass das melancholi- sche Temperament oft mit besonderen Leistungen in Philosophie, Dichtung und Kunst einhergehe.? (Heutzutage würden wir das als »Offenheit gegenüber Erfahrungen« klassifizieren.) Der englische Dichter John Milton aus dem 17.Jahrhundert schrieb die Gedichte /I Penseroso (»Der Gedankenvolle«) und ZLAllegro (»Der Heitere«) und verglich die »glückliche Person«, die fröh436
Zur Terminologie lich auf dem Land umherstreift, aber auch die Stadt geniefst, mit dem »nachdenklichen Menschen«, der meditativ durch nächtliche Wälder zieht und in einem »einsamen Turm« studiert.’ (Heute würde, wie schon erwähnt, die Beschreibung von I! Penseroso nicht nur für die Introversion gelten, sondern auch für Offenheit und Neurotizismus.) Arthur Schopenhauer stellte im 19. Jahrhundert »gut gelaunte« Menschen (energisch, aktiv und schnell gelangweilt) seinem bevorzugten Typ gegenüber, »intelligenten Menschen« (sensibel, fantasievoll und melancholisch). »Dieses merkt euch, ihr stolzen Männer der Tat!«, erklärte sein Landsmann Heinrich Heine. »Ihr seid nichts als unbewusste Handlanger der Gedan- kenmänner.«' Ursprünglich hatte ich vor, meine eigenen Begriffe für diese Eigenschaftsgruppen zu erfinden, aber entschied mich dagegen, hauptsächlich weil die Wörter introvertiert und extravertiert den Vorzug haben, einem allgemeinen Publikum gut bekannt zu sein.
Anmerkungen und Quellenangaben EINLEITUNG Der Norden und der Süden des Temperaments 1 Douglas Brinkley: Rosa Parks. A Life. Penguin, New York 2000. Eine Bemerkung zu Rosa Parks: Manche haben ihr tapferes Handeln infrage gestellt und darauf hingewiesen, dass sie vor Besteigen des betreffenden Busses sehr viel Bürgerrechtsschulung hinter sich hatte. Dies trifft zwar zu, aber Brinkley zufolge weist nichts darauf hin, dass sie an jenem Abend mit Vorbedacht oder gar als Aktivistin handelte. Sie war einfach sie selbst. Was für die Zwecke dieses Buches jedoch wichtiger ist: Ihr schüchternes Wesen hielt sie nicht davon ab, stark zu sein. Ganz im Gegenteil, es machte sie für den gewaltlosen Widerstand zu einem Naturtalent. [85 Rosa Parks und GregoryJ.Reed: Quiet Strength: The Faith, the Hope, and the Heart ofa Woman Who Changed America. Zondervan Publ., Grand Rapids, MI 2000. [08] Winifred Gallagher: »How We Become What We Are«, in The Atlantic Monthly, Sept. 1994. 4 Daniel Nettle: Personality: What Makes You the Way You Are. Oxford University Press, New York 2007, S. 100. Siehe auch David P. Schmitt: »The Big Five Related to Risky Sexual Behaviour Across 10 World Regions«, in European Journal of Personality 18:4 (2004), S.301-319. 5 Am 2. Mai 2010 waren in der PSYCINFO-Datenbank 9194 Einträge über »extraversion«, 6111 über »introversion« und 12 494 über das Thema »neuroticism« zu finden. Es waren weniger Einträge zu den übrigen der »großen fünf« Persönlichkeitsmerkmale vorhanden, und zwar »openness to experience« (Offenheit Erfahrungen gegenüber), »conscientiousness« (Gewissenhaftigkeit/Pflichtbewusstsein) und »agreeableness« (Freundlichkeit). Der Psychologe William Graziano nennt in einer E-Mail vom 31. Juli 2010 das Thema Introversion/Extraversion den »150 kg schweren Gorilla der Persönlichkeit«, womit er wohl sagen will, dass es groß und unübersehbar ist. 6 Siehe Anhang, »Zur Terminologie«. 7 Siehe Kap. 4 und 6. 438
Anmerkungen und Quellenangaben 8 Rowan Bayne stellt in seinem Myers-Briggs Type Indicator (Chapman and Hall, London 1995, S.47) fest, dass Introvertiertheit mit einer Häufigkeit von 36 Prozent vorkommt, was wiederum mit Isabel Myers 1985 durchgeführter Untersuchung übereinstimmt. Eine jüngere Studie des »Center for Applications of Psychological Type Research Services« (CAPT) von 1996 mit 914 219 Versuchspersonen hat 49,3 Prozent Extravertierte und 50,7 Prozent Introvertierte ergeben (»Estimated Frequencies of the Types in the United States Population«, CAPT 1996 und 2003). Dass der Prozentsatz der Introvertierten diesen Studien zufolge von 36 Prozent auf 50,7 Prozent angestiegen ist, bedeutet nicht unbedingt, dass es heute mehr Introvertierte in den USA gibt, es könnte einfach von der untersuchten Population abhängig sein. Tatsächlich hat eine davon völlig getrennte Untersuchung anhand des Eysenck-Persönlichkeitsinventars ergeben, dass die Extraversion im Lauf der Zeit (zwischen 1966 und 1993) sowohl bei Männern wie bei Frauen angestiegen ist. Siehe Jean M. Twenge: »Birth Cohort Changes in Extraversion: A Cross-Temporal MetaAnalysis, 1966-1993«, in Personality and Individual Differences 30 (2001), S. 735-748. Howard Giles und Richard L. Street, Jr.: »Communicator Characteristics and Behavior«, in M.L. Knapp und G. R. Miller (Hrsg.): Handbook of Inter‚personal Communication, Sage, Thousand Oaks, CA, 2. Aufl. 1994, 5. 103161. 10 Delroy L. Paulhus und Kathy L. Morgan: »Perceptions of Intelligence in Leaderless Groups: The Dynamic Effects of Shyness and Acquaintance«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 72:3 (1997), 8.581-591. 1 mi Laurie Helgoe: Introvert Power: Why Your Inner Life is Your Hidden Strength. Sourcebooks, Naperville, IL 2008, S. 3f. 12 Vgl. hierzu Michael Fitzgerald: The Genesis of Artistic Creativity: Aspergers Syndrome and the Arts. Jessica Kingsley Publ., London 2003, 5. 69. 1 o Winifred Gallagher: .D.: How Heredity and Experience Make You Who You Are. Random House, New York 1996, S. 26. 14 C.G. Jung: Psychologische Typen. Rascher, Zürich 1921. 15 Introvertiertheit unterscheidet sich zudem sehr vom Asperger-Syndrom, dem Spektrum autistischer Störungen, zu dem Schwierigkeiten im menschlichen Umgang gehören wie das Deuten von Gesichtsausdruck und Körpersprache. Sowohl Introvertiertheit wie das Asperger-Syndrom können dazu führen, dass die Betreffenden in Gesellschaft überfordert sind. Introvertierte besitzen jedoch im Gegensatz zu den am Asperger-Syndrom Leidenden häufig eine ausgeprägte soziale Kompetenz. Im Vergleich zu einem 439
Anhang Drittel bis der Hälfte der Amerikaner, die introvertiert sind, leidet nur einer von 5000 am Asperger-Syndrom. Siehe Asperger Syndrome Fact Sheet, National Institute of Neurological Disorders and Stroke, http://www.ninds.nih.gov/disorders/asperger/detail_ asperger.htm. 16 E. M. Forster: Wiedersehen in Howards End. Fischer, Frankfurt a. M. 2005. 17 T. S. Eliot: Werke in vier Bänden, 4. Band: Gesammelte Gedichte 1909-1962. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1988, S. 85. KAPITEL 1 Der Aufstieg des »wirklich netten Kerls« Wie die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal wurde 1 [56 Giles Kemp und Edward Claflin: Dale Carnegie: Der Mann, der Millionen Freunde gewann. Kabel, Hamburg 1990. (Das Datum 1902 ist anhand dieser Biografie geschätzt.) Dale Carnegie: Public Speaking and Influencing Men in Business. Reprint: Barnes & Noble, Lyndhurst, N] 2008 (dt.: Besser miteinander reden. Scherz, Bern 1996). Warren Susman: Culture as History: The Transformation ofAmerican Society in the Twentieth Century. Smithsonian Institution Press, Washington 2003, S. 271-285. + a Ebenda, S. 277. Alan Berger: The City: Urban Communities and Their Problems. William C. Brown Co., Dubuque, IA 1978. David E. Shi: The Simple Life: Plain Living and High Thinking in American Culture. University of Georgia Press, Athens, GA 1985, S. 154. Roland Marchand: Advertising the American Dream: Making Way For Modernity, 1920-1940. University of California Press, Berkeley, CA 1985, 5.209. 8 S) 10 11 12 13 14 15 440 Orison Swett Marden: Charakter - eine Macht. Kohlhammer, Stuttgart 1925. Susman, a.a.O., S.271-285. Ebenda, S. 279. Marchand, a.a.0.,S.11. Jennifer Scanlon: Inarticulate Longings: The Ladies’ Home Journal, Gender, and the Promises of Consumer Culture. Routledge, New York 1995, S. 209. Marchand, a. a. 0. S.213. Ebenda, S. 209. Ebenda, S. 213.
Anmerkungen und Quellenangaben 16 Diese Werbung stammt aus der Zeitschrift Cosmopolitan, Vol. 71 (Aug. 1921), S. 24. 17 Rita Barnard: The Great Depression and the Culture of Abundance. Cambridge University Press, Cambridge, MA 1995, S. 188. Siehe auch Marchand, a.a.0.,5.210. 18 Ian A. M. Nicholson: »Gordon Allport, Character, and the Culture of Per- sonality, 1897-1937«, in Educational Publishing Foundation 1:1 (1998), S.52-68. Siehe auch Gordon Allport: »A Test for Ascendance-Submission«, in Journal of Abnormal & Social Psychology 23 (1928), S. 118-136. Allport, der häufig als Gründer der Persönlichkeitspsychologie bezeichnet wird, hat 1921, in dem Jahr, in dem C.G. Jung sein Werk Psychologische Typen veröffentlichte, Personality Traits: Their Classification and Measurement herausgegeben. 1924 begann er, an der Harvard Universität seine Vorlesung »Personality: Its Psychological and Social Aspects« zu halten, wahrscheinlich die erste Vorlesung über Persönlichkeit in Amerika überhaupt. 19 C.G. Jung: Psychologische Typen. Rascher, Zürich 1921, S. 664. 20 Alfred Adler: Menschenkenntnis (1927). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttin- gen 2007. 2 m Elizabeih Haiken: Venus Envy:AHistory of Cosmetic Surgery. The Johns Hop- kins University Press, Baltimore, MD 1997, 5. 111-114. 2 Patricia A. McDaniel: Shrinking Violets and Caspar Milquetoasts: Shyness, Power, and Intimacy in the United States, 1950-1995. New York University Press, New York 2003, 5. 43f. 23 William H. Whyte: The Organization Man (1954), University ofPennsylvania Press, Philadelphia, PA 2002, S. 382ff. (dt.: Herr und Opfer der Organisation. Econ, Düsseldorf 1958). 24 Jerome Karabel: The Chosen: The Hidden History ofAdmission and Exclusion at Harvard, Yale, and Princeton. Houghton Mifflin, Boston, MA 2005, 5. 185 und 223. 25 Whyte, a. a. O., S. 105. 26 Ebenda, S. 212. Be27 Hank Whittemore: »IBM in Westchester - The Low Profile ofthe True lievers«, in New York, 22. Mai 1972. Laut diesem Artikel wurde das Singen in den 1950er Jahren aufgegeben. Der Volltext des Liedes »Selling IBM« findet songs/ sich auf der Internetseite http://www.digibarn.com/collections/ . ibm-songs , in The New Yor28 Louis Menand: »Head Case: Can Psychiatry be a Science?« ker, 1. März 2010. 441
Anhang 29 Carl Elliott: Better Than Well: American Medicine Meets the American Dream. Norton, New York 2003, S. xv. 30 Kenneth R. Olson: »Why Do Geographic Differences Exist in the Worldwi- de Distribution of Extraversion and Openness to Experience?«, in Individual Differences Research 5:4 (2007), S.275-288. 31 Lange bevor der eloquente Chautauqua-Redner Dale Carnegies Welt auf den Kopf stellte, fand eine religiöse Renaissance in riesigen Zelten im ganzen Land statt. Chautauqua selbst war inspiriert von dem »Grofßen Erwachen«, das in den 1730ern und 1740er Jahren und dann wieder in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stattfand. Das Christentum, das in den Erweckungsbewegungen verkündet wurde, war neu und theatralisch. Die Menschen an der Spitze der Bewegung waren verkaufsorientiert und darauf konzentriert, ihre großen Zelte mit möglichst vielen Anhängern zu füllen. Der Ruf der Geistlichen hing davon ab, wie überschwänglich sie beim Reden und in ihrer Gestik waren. Der »Starkult« beherrschte das Christentum, lange bevor es die Idee von Kinostars überhaupt gab. Das zweite »Grofßse Erwachen« war noch persönlichkeitsbezogener als das erste. Während beim ersten das Drama durch den Intellekt ergänzt wurde 32 33 34 35 36 und es in seiner Folge zur Entstehung von Universitäten wie Princetown und Dartmouth kam, konzentrierten sich die führenden Köpfe des zweiten Erwachens nur darauf, Massen anzuziehen. Siehe Adam $. McHGusgh: Introverts in the Church: Finding Our Place in an Extraverted Culture. IVP Books, Downers Grove, IL 2009, S. 23ff., und Neal Gabler: Zife - The Movie: How Entertainment Conquered Reality. Vintage Books, New York 1998, S. 25f. Gabler, a. a. O., S. 28. Harold Stearns: America and the Young Intellectual. George H. Duran Co,, New York 1921. Amy Henderson: »Media and the Rise of Celebrity Culture«, in Organization ofAmerican Historians Magazine ofHistory Nr. 6, Frühjahr 1992. Elliot, a. a. O., S.9. Diagnostic and Statistical Manual ofMental Disorders, American Psychiatrie Association, 4. Aufl (DSM-IV), 2000. Zur sozialen Angststörung siehe S. 300.23, Social Phobia (Social Anxiety Disorder). 37 Daniel Goleman: Working with Emotional Intelligence. Bantam, New York 2002, 5.32 (dt.: Der Erfolgsquotient EQ2. dtv, München 2001). 38 Dale Carnegie: Wie man Freunde gewinnt. Die Kunst, beliebt und einfluss- reich zu werden. Scherz, Frankfurt a. M., 46. Aufl. 1988. 39 Michael Erard: Um: Slips, Stumbles, and Verbal Blunders, and What They Me- an, in Pantheon 2007, S. 156. 442
Anmerkungen und Quellenangaben 40 »Welcome to Toastmasters! The Entire 125 Minute Story«, www.toastmas- ters.org/DVDelips.aspx (10. Sept. 2010). KAPITEL 2 Der Mythos der charismatischen Führung Die Persönlichkeitskultur heute Hagop S. Akiskal: »The Evolutionary Significance of Affective Temperaments«, in Medscape CME, 12. Juni 2003. Philip Delves Broughton: Ahead ofthe Curve: Two Years at Harvard Business School. Penguin Press, New York 2008, S. 2. [e>) Thomas W. Harrell und Bernard Alpert: »Attributes of Successful MBAs: a 20-Year Longitudinal Study«, in Human Performance 2:4 (1989), 5. 301-322. Zitiert in: Reggie Garrison u. a.: »Managing Introversion & Extroversion in the Workplace«, Wharton Program for Working Professionals (WPWP), Uniei 1[on versity of Pennsylvania, Frühjahr 2006. Christopher Lane: How Normal Behavior Became a Sickness, Yale University Press, New Haven, CT 2007, S.127 und 131. Cameron Anderson und Gavin Kilduff: »Why do Dominant Personalities Attain Influence in Face-to-Face Groups?«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 96:2 (2009), S. 491-503. I Philip Tetlock: Expert Political Judgment. Princeton University Press, Princeton, N] 2006. oo Gregory Berns: Iconoclast: A Neuroscientist Reveals How to Think Differently. Harvard Business Press, Boston, MA 2008. Peter E Drucker: The Leader ofthe Future 2. San Francisco 2006, S. xif. Bradley Agle u. a., »Does CEO Charisma Matter?«, in Academy ofManagement Journal 49:1 (2006), S. 161-174. Jim Collins: Good to Great: Why Some Companies Make the Leap - and Others Don't. HarperCollins, New York 2001. Adam M. Grant u.a.: »Reversing the Extraverted Leadership Advantage: The Role of Employee Proactivity«, erscheint 2011 im Academy ofManagement Journal. Em13 Zitiert in: Carmen Nobel: »Introverts: The Best Leaders for Proactive at Faployees«, in Harvard Business School Working Knowledge: A First Look culty Research, 4. Okt. 2010. des 2. Buchs Mo14 Meine Moses-Analyse beruht auf meiner eigenen Lektüre sowie des 4. 6,30; 6,12; 4,12-17; 4,10; 4,3; 3,11;4,1; dere se (Exodus), insbeson Buchs Mose (Numeri), 12,3. 443
Anhang 15 Malcolm Gladwell: The Tipping Point. How Little Things Can Make a Big Dif‚ference. Little, Brown and Company, Boston 2001, S.42-46 (dt.: Der Tipping Point: Wie kleine Dinge Großes bewirken können. Goldmann, München 2002). 16 Rick Warren: Leben mit Vision: Wozu um alles in der Welt lebe ich? Gerth Medien, Asslar 2003. 17 Für Hintergrundinformationen über die evangelikale Bewegung habe ich eine Reihe faszinierender Interviews geführt, unter anderem mit der außerordentlich redegewandten Lauren Sandler, Autorin von Righteous: Dispatches From the Evangelical Youth Movement. Viking Penguin, New York 2007. 18 Adam McHugh: /ntroverts in the Church: Finding Our Place in an Extroverted Culture, Inter Varsity Press, Downers Grove, IL 2009. KAPITEL 3 Eine Überdosis an kreativer Zusammenarbeit Die Entstehung des neuen Gruppendenkens und die Kraft des Alleinarbeitens Fi [55] Albert Einstein, in Forum and Century, Vol. 84 (1931), S. 103f. Stephen Wozniak: iWoz. Computer Geek to Cult Icon. Norton & Co., New York 2006 (dt.: iWoz: Wie ich den Personal Computer erfand und Apple mitbegründete. dtv, München 2008). [e>} Donald W. MacKinnon: »The Nature and Nurture of Creative Talent«, eine am 11. April 1962 an der Yale Universität, New Haven, Connecticut, gehaltene Walter-Van-Dyke-Bingham-Vorlesung. Siehe auch MacKinnon: »Personality and the Realization of Creative Potential«, Ansprache des Präsidenten in der Western Psychological Association, Portland, Oregon, im April 1964. RN au [o)) I oo 444 Mihaly Csikszentmihalyi: Creativity: Flow and the Psychology of Discovery and Invention. Harper Perennial, New York 1996, S.65-68 (dt.: Kreativität: Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden. Klett-Cotta, Stuttgart 2004). Hans J. Eysenck: Genius: The Natural History of Creativity. Cambridge University Press, New York 1995. Malcolm Gladwell: »Why Your Bosses Want to Turn Your New Office into Greenwich Village«, in New Yorker, 11. Dez. 2000. Warren Bennis: Geniale Teams - das Geheimnis kreativer Zusammenarbeit. Campus, Frankfurt a.M. 1998. Clay Shirky: Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations. Penguin, London 2009.
Anmerkungen und Quellenangaben 9 Frederick Morgeson u. a.: »Leadership in Teams«, in Journal ofManagement 36:1 (2010), 8.5-39. 10 Christopher Barnes: »What Do Teachers Teach?« Eine Studie des »Center for Survey Research and Analysis’, University of Connecticut, Civic Report Nr. 28, Sept. 2002. 1 jur Bruce Williams: Cooperative Learning: A Standard for High Achievement. Corwin, Thousand Oaks, CA 2004, S. 3f. 12 Janet Farrall und Leonie Kronborg; »Leadership Development for the Gifted and Talented«, in M. McCann und F. Southern (Hrsg.): Fusing Talent Giftedness in Australian Schools. The Australian Association of Mathematics Teachers, Adelaide 1996. 13 Sarah Holmes und Philip L. Kerr: »The IT Crowd«, in Australian Psychological Type Review 9:1 (2007), S.31-38. 14 Daniel Coyle: The Talent Code. Bantam Dell, New York 2009, S.48 (dt.: Die Talent-Lüge. Warum wir fast alles erreichen können. Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2009). 15 K. Anders Ericsson u.a.: »The Role of Deliberate Practice in the Ac- quisition of Expert Performance«, in Psychological Review 100:3 (1993), S. 363-406. 16 K. Anders Ericsson u. a.: »Expert Performance in Sports«, in Human Kine- tics (2003), 8.67-71. Wr 18 19 20 2 BL Csikszentmihalyi, a. a. O., S. 177. Ebenda, S.65. Ebenda, $. 253f. Charles Darwin: The Correspondence of Charles Darwin, Vol. 2: 1837-1843, Cambridge University Press, Cambridge, MA 1987, 5.67. Beschrieben in Tom DeMarco und Timothy Lister: Peopleware. Wien wartet auf dich! Hanser, München 1991. 22, Marc G. Berman u. a.: »The Cognitive Benefits of Interacting With Nature«, 23 24 25 26 in Psychological Science 19:12 (2008), S. 1207-1212. Matthew Davis u. a.: »The Physical Environment ofthe Office«, in G. P. Hodgkinson u. J. K. Ford (Hrsg.): International Review ofIndustrial and OrganiVol. 26 (2011), 5. 193-235. zational Psychology TEDx Midwest Talk, 15. Okt. 2010, sowie E-Mail an die Autorin vom 5. Nov. 2010. Franz Kafka: Briefe an Felice. Fischer, Frankfurt a. M. 1976, 5.250. Alex Osborn: Your Creative Power. Purdue University Press, Scribner's, New York 1948. 2m Marvin D. Dunnette u.a.: »The Effect of Group Participation on Brainstor- 445
Anhang ming Effectiveness for Two Industrial Samples«, in Journal ofApplied Psychology 47:1 (1963), S. 30-37. 28 Adrian Furnham: »The Brainstorming Myth«, in Business Strategy Review 11:4 (2000), S. 21-28. 29 Dan Ariely: »What's The Value of a Big Bonus?«, in New York Times, 19. Nov. 2008. 30 Berns, a.a.O.,S.59-81 (vgl. Kap. 2, Anm. 8). 31 Ebenda. KAPITEL 4 Ist Temperament Schicksal? Anlage, Sozialisation und die Orchideenhypothese In diesem Kapitel werden die Arbeiten von Jerome Kagan über hohe Reaktivität behandelt. Manche zeitgenössische Psychologen würden diese an der Schnittstelle zwischen Introvertiertheit und dem sogenannten »Neurotizismus« ansiedeln. Der besseren Lesbarkeit zuliebe habe ich im Text nicht auf diese Unterscheidung Bezug genommen. 1 Jerome Kagan: The Long Shadow of Temperament. Harvard University Press, Cambridge, MA 2004. [S5) Ebenda, S. 218. 3 Jerome Kagan: Galens Prophecy, Basic Books, New York 1998, S. 158-161. $ Elaine N. Aron: Psychotherapy and the Highly Sensitive Person. Routledge, New York 2010, S. 14. oO Siehe Elaine N. Aron: The Highly Sensitive Child. Random House, New York 2002 (dt.: Das hochsensible Kind. Finanzbuch-Verlag, München 2008). Gallagher, a. a. O. (vgl. Einl., Anm. 3). Kagan: Galens Prophecy, a.a.O., S. 160f. Gallagher, a. a. O. von Die persönlichen Mitteilungen von Professor Kagan stammen aus Interviews, die ich zwischen 2006 und 2010 mit ihm geführt habe. 10 Jerome Kagan: An Argument For Mind. Yale University Press, New Haven, CT 2006, S. 4,7. 11 Zitiert in: Gallagher, a. a. O. Ebenda. David Dobbs: »The Science of Success«, in The Atlantic 2009. Seth ]. Gillihan u. a.: »Association Between Serotonin Transporter Genotype and Extraversion«, in Psychiatric Genetics 17:6 (2007), S. 351-354. 15 Jay Belsky u. a.:»Vulnerability Genes or Plasticity Genes?«, in Molecular Psychiatry (2009), S. 1-9 446
Anmerkungen und Quellenangaben 16 W.T. Boyce u. a.:»Psychobiologic Reactivity to Stress and Childhood Respi- ratory Illnesses«, in Psychosomatic Mecicine 57 (1995), S.411-422. 17 Belsky, a.a.O. KAPITEL 5 Jenseits des Temperaments Die Rolle des freien Willens und das Geheimnis der freien Rede für Introvertierte fe [55] Mihaly Csikszentmihalyi: Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper Perennial, New York 1990, S.52 (dt.: Flow - Das Geheimnis des Glücks, Klett-Cotta, Stuttgart 2007). Mehr über den Zusammenhang zwischen der Amygdala und dem Präfrontalkortex siehe Joseph LeDoux: The Emotional Brain: The Mysterious Underpinnings of Emotional Life. Simon & Schuster, New York 1996, Kap. 6 und 8 (dt.: Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen. dtv, München 4. Aufl. 2006). Kevin N. Ochsner u. a.: Rethinking Feelings: An fMRI Study ofthe Cognitive Regulation of Emotion«, in Journal of Cognitive Neuroscience 14:8 (2002), S.1215-1229. LeDoux, a.a.O. a Oo N Zitiert in: David C. Funder: The Personality Puzzle. Norton, New York 2010, S. 280-283. Ebenda. Russell G. Geen: »Preferred Stimulation Levels in Introverts and Extroverts: Effects on Arousal and Performances, in Journal of Personality and Social Psychology 46:6 (1984), 5. 1303-1312. KAPITEL 6 Franklin und Eleanor Die Vereinigung von Selbstbewusstsein und Gewissen 1 Charles Darwin: The Expressions of the Emotions in Man and Animals. Bib- lioBazaar, Charleston, SC 2007, S.259 (dt.: Der Ausdruck der Gefühle bei Mensch und Tier. Rau, Düsseldorf, 1964). HerOwn Shadow: Eleanor Roosevelt and the Shaping 2 AllidaM. Black: Casting ofPostwar Liberalism. Columbia University Press, New York 1996, S. 41-44. The 5 Zitiert aus dem Transkript der Sendung von Blanche Wiesen Cook: American Experience: Eleanor Roosevelt. PBS, Ambrica Productions, 2000. 447
Anhang 4 Blanche Wiesen Cook: Eleanor Roosevelt, Volume One: 1884-1933. Viking Penguin, New York 1992, vor allem S. 125-236. oa Elaine N. Aron und Arthur Aron: »Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 3:2 (1997), S. 345-368. Elaine N. Aron: The Highly Sensitive Person: How To Thrive When the World Overwhelms You. Broadway Books, New York 1996 (dt.: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen. mvg Verlag, Heidelberg 2005); und Elaine N. Aron: The Highly Sensitive Person in Love: Understanding and Managing Relationships When The World Overwhelms You. Broadway Books, New York 2000. -] Jadzia Jagiellowicz u.a.: »Sensory Processing Sensitivity and Neural Responses to Changes in Visual Scenes«, in Social Cognitive and Affective Neuroscience 2010, doi.1093/scan/nsg001. A.R.Hariri u. a.:»Serotonin Transporter Genetic Variation and the Response ofthe Human Amygdala«, in Science 297 (2002), S. 400-403. 9 Jagiellowicz, a.a.O. 10 Grazyna Kochanska u. a.:»Guiltin Young Children: Development, Determinants, and Relations with a Broader System of Standards«, in Child Development 73:2 (März/April 2002), S.461-482. 1 be S.H.Konrath u. a.:»Changes in Dispositional Empathy in American College Students Over Time: A Meta-Analysis«, in Personality and Social Psychology Review, Aug. 2010. Aron: The Highly Sensitive Child, a.a.O. (vgl. Kap. 4, Anm. 5), S. 18 u. 282f. Eric Malpass: The Long Long Dances. Corgi, London 1978. Curtis Sittenfeld: Eine Klasse für sich. Aufbau Verlag, Berlin 2008. Corine Dijk und Peter J. De Jong: »The Remedial Value of Blushing in the Context of Transgressions and Mishaps«, in Emotion 9:2 (2009), S. 287-291. Dacher Keltner: Born to Be Good: The Science of a Meaningful Life. Norton, New York 2009, S. 337-367. Aron, a.a.0. David Sloan Wilson: Evolution for Everyone: How Darwins Theory Can Change the Way We Think About Our Lives. Bantam Dell, New York 2007, 5.110. Daniel Nettle: »The Evolution of Personality Variation in Humans Other Animals«, in American Psychologist 61:6 (2006), S. 622-631. 20 Wilson, a. a. O., S. 100-114. 21 Nettle, a. a. O., S. 624. 22 Jung, a. a. O. (vgl. Einl., Anm. 14). 448 and
Anmerkungen und Quellenangaben 23 Elaine N. Aron: »Book Review. Unto Others: The Evolution and Psychology of Unselfish Behavior«, Comfort Zone Online (Jan. 2007), http://www.hsperson.com/pages/3Feb07.htm. 24 Nettle, a. a. O., S. 624H. 25 Elaine N. Aron: »Revisiting Jung's Concept of Innate Sensitiveness«, in Jour- nal of Analytical Psychology 49, S. 337-367. KAPITEL 7 Warum die Wall Street zusammenbricht, während Warren Buffett immer reicher wird Und warum Introvertierte anders denken als Extravertierte 1 Richard Hofstadter: Anti-Intellectualism in American Life. Vintage Books, New York 1962. [56) au Heutzutage mögen viele Wissenschaftler den Ausdruck »limbisches System« nicht, und zwar deshalb, weil niemand wirklich weiß, welche Teile des Gehirns dieser Begriff eigentlich umfasst. Heute wird der Begriff meist so gebraucht, dass er auch diejenigen Teile meint, die mit Emotionen zu tun haben. Richard E. Lucas und Ed Diener: »Cross-Cultural Evidence for the Fundamental Features of Extraversion«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 79:3 (2000), S.452-468. Siehe auch Michael D. Robinson u. a.: »Extraversion and Reward-Related Processing«, in Emotion 10:5 (2010), S.615-626. Nettle: Personality, a.a.O. (vgl. Einl., Anm. 4). Richard Depue und Paul Collins: »Neurobiology of the Structure of Personality: Dopamine, Facilitation of Incentive Motivation, and Extraversion«, in Behavioral and Brain Sciences 22:3, S. 491-569. Ebenda. Nettle, a. a. O. s of Financi[0,<) Camelia M. Kuhnen und Joan Y. Chiao: »Genetic Determinant al Risk Taking«, in PloS ONE 422, S. e4362. doi:10.1371/ journal.pone.0004362 (2009). Value Immediate and DeNe) Samuel McClure u. a.: »Separate Neural Systems layed Monetary Rewards«, in Science 306 (2004), S.503-507. 10 Fareed Zakaria: »There is a Silver Lining«, in Newsweek, 11. Okt. 2008. Post, 8. ul Steven Pearlstein: »The Art of Managing Risk«, in The Washington Nov. 2007. S.250 12 Kurt Eichenwald: Conspiracy ofFools. Random House, New York 2005, (dt.: Verschwörung der Narren. Der Enron-Skandal: eine wahre Geschichte. Goldmann, München 2007). 449
Anhang 15 C.M. Patterson und Joseph Newman: »Reflectivity and Learning from Aver- sive Events: Toward a Psychological Mechanism for the Syndromes of Disinhibition«, in Psychological Review 100 (1993), S. 716-736. 14 John Brebner und Chris Cooper: »Stimulus or Response-Induced Excitation. A Comparison of the Behavior of Introverts and Extroverts«, in Journal of Research in Personality 12:3 (1978), S.306-311. 15 Adrian Furnham u. a.: »Personality, Cognitive Ability, and Beliefs About Intelligence as Predictors of Academic Performances, in Learning and Individual Differences 14 (2003), S. 49-66. I [o)) Gerald Matthews und Lisa Dorn: »Cognitive and Attentional Processes in Personality and Intelligence«, in Donald H. Saklofske und Moshe Zeidner (Hrsg.): International Handbook of Personality and Intelligence. Plenum Press, New York 1995, S.367-396. Siehe auch Gerald Matthews u. a.: Personality Traits. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2003, Kap. 12. 17 Camelia Kuhnen u. a.:»Nucleus Accumbens Activation Mediates the Influence of Reward Cues on Financial Risk Taking«, in NeuroReport 19:5 (2008), S. 509-513. 18 Siehe Jonathan Haidt: The Happiness Hypothesis: Finding Modern Truth in Ancient Wisdom. Basic Books, New York 2005, S. 34 (dt.: Die Glückshypothese. Was uns wirklich glücklich macht - die Quintessenz aus altem Wissen und moderner Glücksforschung. VAK-Verl., Kirchzarten b. Freiburg 2007). 19 Csikszentmihalyi: Flow, a.a.O. (vgl. Kap. 5, Anm. 1), S. 16. 20 Mihaly Csikszentmihalyi: The Evolving Self: A Psychology for the Third Millennium. Harper Perennial, New York 1994, S. xii (dt.: Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben: Eine Psychologie für das 3. Jahrtausend. Klett-Cotta, Stuttgart 1995). 2 ar! Dasselbe gilt für Glück. Forschungsergebnisse legen nahe, dass Begeisterung und andere positive Gefühle Extravertierten etwas leichter fallen und dass diese insgesamt glücklicher sind. Wenn die Psychologen hingegen glückliche Extravertierte mit glücklichen Introvertierten vergleichen, stellen sie fest, dass die beiden Gruppen eine ganze Reihe gleicher Merkmale aufweisen wie Selbstachtung, Angstfreiheit, Erfüllung in der Arbeit und dass diese eine bessere Voraussage für Glück erlauben als Extravertiertheit an sich. Siehe Peter Hills und Michael Argyle: »Happiness, Introversion-Extraversion and Happy Introverts«, in Personality and Individual Differences 30 (2001), $.595-608. 22 Michael Lewis: The Big Short: Inside the Doomsday Machine. Norton, New York 2010 (dt.: The Big Short - Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte. Campus, Frankfurt a.M. 2010). 450
Anmerkungen und Quellenangaben 23 Alice Schroeder: The Snowball: Warren Buffett and the Business of Life. Ban- tam Books, New York 2008 (dt.: Warren Buffett - Das Leben ist wie ein Schneeball. Finanzbuch-Verlag, München 2008). KAPITEL 8 Die Macht der Sanftmut Das Extravertiertenideal in anderen Gesellschaften Die in diesem Kapitel erwähnten, von der Autorin durchgeführten Interviews mit Mike Wei und anderen aus Cupertino fanden zu verschiedenen Zeitpunkten zwischen 2006 und 2010 statt. 19. Nov. et Suein Hwang: »The New White Flight«, in The Wall Street Journal, 2005. Sarah Lubman: »East West Teaching Traditions Collide«, in San Jose Mercury News, 23. Feb. 1998. [e>) Heejung Kim: »We Talk, Therefore We Think? A Cultural Analysis ofthe Effect of Talking on Thinking«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 83:4 (2002), S. 828-842. 4 Robert R. McCrae: »Human Nature and Culture: A Trait Perspective«, in Journal ofResearch in Personality 38 (2004), S.3-14. 5 Xinyin Chen u.a.: »Social Reputation and Peer Relationships in Chinese and Canadian Children: A Cross-Cultural Study«, in Child Development 63:6 (1992), S. 1336-1343. Siehe auch W. Ray Crozier: Shyness: Development, Consolidation and Change. Routledge, London 2001, 5.147. Kim, a.a. 0. Siehe zum Beispiel Heejung Kim und Hazel Markus: »Freedom of Speech and Freedom of Silence: An Analysis of Talking as a Cultural Practice«, in Richard K. Shweder u. a.: Engaging Cultural Differences in Liberal Democracies. Russell Sage Foundation, New York 2002, .432-452. 8 Jonathan Freeman u. a.: »Culture Shapes a Mesolimbic Response to Signals of Dominance and Subordination That Associates With Behavior«, in Neu- NO rolmage 47 (2009), S.353-359. Lydia Millet: »The Humblest of Victims«, in New York Times, 7. Aug, 2003. Personality 10 C. S. Huntsinger und P E. Jose: »A Longitudinal Investigation of American and Social Adjustment Among Chinese American and European 1309-1324. S. (2006), 77:5 nt Developme Child in Adolescents«, in Mit zunehmender Verwestlichung scheint bei chinesischen Kindern ittLängsschn von Reihe eine China tatsächlich dasselbe zu geschehen, wie ngen gestudien ergeben haben, in denen Veränderungen sozialer Einstellu 451
Anhang messen wurden. Schüchternheit bei Grundschülern verhieß8 noch 1990 gesellschaftlichen und akademischen Erfolg, während sie 2002 in Ablehnung durch Mitschüler und Depression mündete. Siehe Xiyin Chen: »Social Functioning and Adjustment in Chinese Children: The Imprint of Historical Time«, in Child Development 76:1 (2005). 1 en Nicholas Lemann: »Jews in Second Place«, in der Zeitschrift Slate, 25. Juni 1996. 12 Der Bericht über Gandhi in diesem Kapitel stammt vorwiegend aus Mo- handas Gandhi: An Autobiography: The Story ofMy Experiments With Truth. Beacon Press, Boston 1957, insbesondere S. 6, 20, 40f., 59-62, 90f. (dt.: Mahatma Gandhi: Mein Leben. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 21. Aufl. 1983). 13 Malcolm Gladwell: Outliers: The Story of Success. Little Brown and Company, New York 2008 (dt.: Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind - und andere nicht. Piper, München 2010). 14 Priscilla Blinco: »Task Persistence in Japanese Elementary Schools«, in Edward R. Beauchamp (Hrsg.): Windows on Japanese Education. Greenwood Press, Westport, CT 1991. KAPITEL 9 Introvertiert in einer extravertierten Welt Wa nn man sich anpassen sollte - und wann nicht Die Interviews der Autorin mit Brian Little fanden zwischen 2006 und 2010 statt. m Funder, a.a.O. (vgl. Kap. 5, Anm. 5), S. 188-244. Siehe auch Walter Mischel: Personality and Assessment. L. Erlbaum Ass., Mahwah, N] 1996 (Reprint), sowie Walter Mischel und Yuichi Shoda: »Reconciling Processing Dynamics and Personality Dispositions«, in Annual Review of Psychology 49 (1998), S.229-258. D ai Erving Goffman: Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper, München 9. Aufl. 2011. Siehe Brian R. Little: »Free Traits, Personal Projects, and Ideo-Tapes«, in Psychological Inquiry 7:4 (4) (1996), S. 340-344. Richard Lippa: »Expressive Control, Expressive Consistency, and the Correspondence Between Expressive Behavior and Personality, in Journal of Behavior and Personality 36:3, S. 438-461. Mark Snyder: Public Appearances, Private Realities: The Psychology of SelfMonitoring. W. H. Freeman & Co., New York 1984, sowie derselbe: »Self-Monitoring of Expressive Behavior«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 30:4 (1974), S. 526-537. 452
Anmerkungen und Quellenangaben [o)) Brian R. Little: »Free Traits and Personal Contexts: Expanding a Social Ecological Model of Well-Being«, in W. Bruce Walsh u.a. (Hrsg.): Person-Environment Psychology: New Directions and Perspectives. L. Erlbaum Ass., Mahwah, N] 2000. | Robert Rubin: In an Uncertain World. Tough Choices from Wall Street to Washington. Random House, New York 2004 (dt.: In einer unsicheren Welt. Mein Leben zwischen Wall Street und Washington. Finanzbuch-Verlag, München 2007). Brian R. Little und Maryann F. Joseph: »Personal Projects and Free Traits«, in Brian R.Little u. a. (Hrsg.): Personal Project Pursuit: Goals, Action, and Human Flourishing. L. Erlbaum Ass., Mahwah, N] 2007, S. 395. Ne) Howard S. Friedman: »The Role of Emotional Expression in Coronary Heart Disease«, in A. W. Siegman u.a. (Hrsg.): In Search of The Coronary-Prone: Beyond Type A. L. Erlbaum Ass., Hillsdale, N] 1989, S. 149-168. 10 Melinda Wenner: »Smile! It Could Make You Happier: Making an Emotional Face - or Suppressing One - Influences Your Feelings«, in Scientific American Mind, S. 1009. [0's) KAPITEL 10 Die Kommunikationslücke Wie man zu Mitgliedern des anderen Typs redet 1 Jens B. Aspendorf und Susanne Wilpers: »Personality Effects on Social Re- lationships«, in Journal of Personality and Social Psychology 74:6 (1998), 8. 1531-1544. 2 Freundlichkeit (agreeableness) wird später in diesem Kapitel definiert. Of fenheit misst Neugier, Offenheit für neue Ideen sowie Gefallen an Kunst, Erfindungen und ungewöhnlichen Erfahrungen. Gewissenhaftigkeit (conscientiousness) gilt für Menschen, die diszipliniert, pflichtbewusst, tüchtig und gut organisiert sind. Emotionale Stabilität misst das Freisein von negativen Gefühlen. 3 Benjamin M. Wilkowski u. a.: »Agreeableness and the Prolonged Spatial Processing of Antisocial and Prosocial Information«, in Journal of Research 40:6 (2006),S. 1152-1168. Siehe auch das Kapitel über Freundin Personality lichkeit in Nettle: Personality, a. a. O. (vgl. Einl., Anm. 4). 4 Persönlichkeit, Extraversion und Freundlichkeit werden im Rahmen der »großen Fünf« als unkorreliert (unabhängig voneinander) eingestuft. Siehe zum Beispiel Colin G. DeYoung u. a.: »Testing Predictions From Personality Neuroscience: Brain Structure and the Big Five«, Psychological Science 21:6 453
Anhang a (2010), S.820-828: »Freundlichkeit umfasst ... die Gruppe der mit Altruismus zusammenhängenden Züge: sich um die Bedürfnisse, Wünsche und Rechte anderer kümmern (im Gegensatz dazu, Spaß an anderen zu haben, was ... vorwiegend zur Extraversion gehört.« Barack Obama: Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung aufden American Dream. Riemann Verlag, München 10. Aufl. 2008. William Graziano u. a.: »Extraversion, Social Cognition, and the Salience of Aversiveness in Social Encounters«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 49:4 (1985), S.971-980. Siehe Jerome Groopman: »Robots That Care«, in New Yorker, 2. Nov. 2009. Siehe auch Adriana Tapus und Maja Mataric: »User Personality Matching with Hands-Off Robot for Post-Stroke Rehabilitation Therapy«, in Springer Tracts in Advance Robotics, Vol. 39: Experimental Robotics. Springer, Berlin 2008, S. 165-175. Shirli Kopelman und Ashleigh Shelby Rosette: »Cultural Variation in Response to Strategic Emotions in Negotiations«, in Group Decision and Negotiation 17:1 (2008), S. 65-77. Carol Tavris: Anger: The Misunderstood Emotion. Simon & Schuster, New York 1983 (dt.: Wut - Das missverstandene Gefühl. dtv, München 1995). 10 Russell Geen u. a.: »The Facilitation of Aggression by Aggression: Evidence against the Catharsis Hypothesis«, in Journal of Personality and Social Psychology 31:4 (1975), S. 721-726. Siehe auch Tavris, a.a.O. 1 2 Carl Zimmer: »Why Darwin Would Have Loved Botox«, in der Zeitschrift Discover, 15. Okt. 2009. Siehe auch Joshua Ian Davis u. a.: »The Effects of Botox Injections on Emotional Experience«, in Emotion 10:3 (2010), S.433440. 11 Matthew D. Lieberman und Robert Rosenthal: »Why Introverts Can't Al- ways Tell Who Likes Them: Multitasking and Nonverbal Decoding«, in Journal ofPersonality and Social Psychology 80:2 (2006), S.294-310. 13 Matthews u. Dorn, a. a.O. (vgl. Kap. 7, Anm. 16). 14 Avril Thorne: »The Press of Personality: A Study of Conversations Between Introverts and Extraverts«, in Journal of Personality and Social Psychology 53:4 (1987), S.718-726. 454
Anmerkungen und Quellenangaben KAPITEL 11 Über Schuster und Generäle Wie man stille Kinder in einer Welt erzieht, die sie nicht hören kann Manche Ideen und Vorschläge in diesem Kapitel fußßen auf Interviews, die ich mit vielen mitfühlenden Lehrern, Schulleitern und Kinderpsychologen geführt habe, sowie auf folgenden ausgezeichneten Büchern: Elaine N. Aron: The Highly Sensitive Child: Helping Our Children Thrive When the World Overwhelms Them. Random House, New York 2002 (dt.: Das hoch- sensible Kind. Finanzbuch-Verlag, München 2008). Bernardo J. Carducci: Shyness: ABold New Approach. Harper, New York 2000 (dt.: Erfolgreich schüchtern. Fischer, Frankfurt a. M. 2002.) Jerome Kagan und Nancy Snidman: The Long Shadow of Temperament. Harvard University Press, Cambridge, MA 2004. Natalie Madorsky Elman und Eileen Kennedy-Moore: The Unwritten Rules ofFriendship. Little Brown & Company, New York 2003. Barbara G. Markway und Gregory P, Markway: Nurturing the Shy Child. St. Martin's Press, New York 2005 (dt.: Kinderängste und Schüchternheit überwinden. Beltz, Weinheim 2007). Kenneth H. Rubin: The Friendship Factor. Penguin, New York 2002. Ward K. Swallow: The Shy Child: Helping Children Triumph Over Shyness. Time Warner, New York 2000. Mit Dr. Emily Miller habe ich zwischen 2006 bis 2010 eine ganze Reihe von Interviews geführt. Elaine N. Aron, a. a. O. (vgl. Kap. 4, Anm. 4), S. 18f. Rubin, a.a.O. Rosemary Wells: Shy Charles. Collins, New York 1988. Jill D. Burruss und Lisa Kaenzig; »Introversion: The Often Forgotten Factor Impacting the Gifted«, in Virginia Association for the Gifted Newsletter 21:1 (1999). Isabel Myers u. a.: MBTI Manual: A Guide to the Development and Use of the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychologists Press, Palo Alto, CA 3. DE au SE Aufl. 1998, S. 261. o\ I James McCroskey: »Quiet Children in the Classroom: On Helping Not Hurting«, in Communication Education 29 (1980). Rubin, a. a. O., schreibt : »Die Forschungsergebnisse lassen nicht vermuten, dass Beliebtheit der Königsweg zu vielem ist. Es liegen einfach nicht genügend Beweise vor, dass sie in der Jugend, im jungen Erwachsenenalter oder 455
Anhang später im Leben gesellschaftlichen oder akademischen Erfolg sichert... Wenn Ihr Kind sich mit einem anderen anfreundet und die beiden eindeutig Spaß miteinander haben, gerne zusammen sind und einander unterstützen, um so besser für es. Sorgen Sie sich nicht weiter. Nicht jedes Kind muss zu einer großen, glücklichen Gruppe gehören. Nicht jedes Kind braucht viele Freunde. Einigen reichen einer oder zwei.« 8 McGregor und Brian Little: »Personal Projects, Happiness, and Meaning: On Doing Well and Being Yourself«, in Journal ofPersonality and Social Psy- chology 74:2 (1998), S.494-512. 9 Siehe www.writopialab.org. 10 Dan P. McAdams u. a.: »Narrative Identity and Eudaimonic Well-Being«, in Journal ofHappiness Studies 9 (2008), S. 81-104. Zur Terminologie 1 Charles A. Valentine: »Men of Anger and Men of Shame: Lakalai Ethnopsychology and its Implications for Sociological Theory«, in Ethnology (1963) 2,5.441-477. 2 Aristoteles: Problematica Physica XXX 1 (Bekker 953A 10ff.). 3 Zitiert in David G. Winter: Personality: Analysis and Interpretation of Lives, McGraw-Hill, New York 1996, S. 380-384. 4 Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Aufbau Verlag, Berlin 2. Aufl. 1972, Bd. 5, S. 258.
Danksagung Ohne die Hilfe vieler Freunde, Angehöriger und Kollegen würde es dieses Buch nicht geben. Hier möchte ich vor allem Richard Pine erwähnen, den klügsten, gewitztesten und anständigsten Literaturagenten, an den ein Autor überhaupt geraten kann. Richard glaubte unerschütterlich an das Projekt, noch bevor ich es tat. Es war auch ein Vergnügen, mit dem gesamten Team von InkWell zu kooperieren, darunter Ethan Bassoff, Lyndsey Blessing und Charlie Olsen. Ich bin wahrscheinlich die einzige Autorin auf der ganzen Welt, die das Glück hatte, nicht nur mit einem, sondern gleich vier begabten und sensiblen Lektoren zusammenzuarbeiten: Mary Choteborsky, Jenna Ciongoli, Peter Guzzardi und Rachel Klayman. Mein Dank geht an sie alle. Ohne ihre Bemühungen hätte das Buch nicht die vorliegende Form angenommen. Gerhard Riemann vom Riemann Verlag hat das Projekt vom Augenblick unserer Zusammenarbeit an freundlich, großzügig und außerordentlich kompetent unterstützt, wofür ich ihm herzlich danken möchte. Emotionale Unterstützung und hilfreiche Ratschläge wurden mir auch von unzähligen Freunden zuteil: Marco Acevedo, Marci Alboher, Nancy Ancowitz, Andrew Ayre, Gina Bianchini, Tara Bracco, Janis Brody, Greg Bylinksy, David Callahan, Helen Churko, Ben Dattner, Abby Ellin, Ben Falchuk, Aaron Fedor, Sheri Fink, David Gallo, Rhonda Garelick, Christy Fletcher, Margo Flug, Jennifer Gandin Le, Chris Le, Michael Glass, Leeat Granek, Amy Gutman, Jamelyn Johnson, Jennifer Kahnweiler, Jeff Kaplan, Christine Kenneally, Rachel Lehmann-Haupt, Margot Magowan, Courtney Martin, Lawrence Mendenhall, Furaha Norton, Katie Orenstein, Wendy Paris, Annie Paul, Pamela Paul, Alissa SiQuart, Paul Raeburn, Kathy Rich, Gretchen Rubin, Gina Rudan, Jon 457
Anhang chel, Deborah Siegel, Marisol Simard, Rebecca Skloot, Brande Stellings, Linda Stone, Rebecca Wallace-Segall, Jeremy Wallace-Segall, Sree Sreenivasan, Brande Stellings, Tim Stock, Jillian Straus, Stacy Sullivan, Maia Szalavitz, Ruti Teitel, Seinenu Thein, Marie Lena Tupot, Jacquette Timmons, Naomi Wolf, Cali Yost, Sam Walker und Harriet Washington. Mein besonderer Dank geht auch an meine beiden ältesten Freundinnen, Cathy Lankenau-Weeks und Judith Van Der Reis, die mir geduldig die Treue hielten, obwohl ich in den Jahren der Entstehung dieses Buches wenig Zeit für Gespräche und Besuche hatte. Wunderbare Augenblicke der Inspiration, die ich am liebsten für immer konservieren möchte, verdanke ich den Besitzern des Amagansett Cottage, Alison (Sunny) Warriner und Jeanne Mclemore, und den Inha- bern des Doma Cafe in Greenwich Village, in dem meine Karriere als Autorin begann. Ich möchte auch nicht die vielen Menschen unerwähnt lassen, die bei den verschiedenen Aspekten des Entstehungsprozesses des Buches mitgewirkt haben: Bill Cunningham, Mark Colodny, Suzy Hansen, John Thompson, Ko-Shin Mandell, Dave Smith, Gregory Samanez-Larkin, Aaron Fedor, Andres Richner, Robert Stelmack, Helen Wan, Georgia Weinberg, Stephen Schueller und Jill Ellyn Riley. Weiter geht mein Dank an die Menschen, über die ich hier geschrieben habe. Viele von ihnen sind zu Freunden geworden: Michel Anteby, Elaine Aron, Jay Belsky, Jon Berghoff, Hung Wei Chien, Wayne Cascio, Boykin Curry, Tom DeMarco, Richard Depue, Dr. Janice Dorn, Anders Ericsson, Jason Fried, Adam Grant, William Graziano, Stephen Harvill, Richard Howard, Jadzia Jagiellowicz, Roger Johnson, Jerry Kagan, Ca- melia Kuhnen, Tiffany Liao, Brian Little, Richard Lippa, Guy Kawasaki, Adam McHugh, Mike Mika, Emily Miller, Jerry Miller, Purvi Modi, Joseph Newman, Quinn Mills, Preston Ni, Carl Schwartz, Mark Snyder, Jacqueline Strickland, Avril Thorne, David Weiss, Shoya Zichy und Mike Wei. Viele andere, die im Buch nicht namentlich erwähnt wurden, haben mir großzügig ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung gestellt und mir 458
Danksagung wichtige Impulse gegeben: Anna Allanbrook, Dawn Rivers Baker, Susan Blew, Ben Dattner, Jonathan Cheek, Jeremy Chua, Dave Coleman, Matthew Davis, Scott Derue, Carl Elliott, Brad Feld, Kurt Fischer, Donna Genyk, Stephen Gerras, Lenny Gucciardi, Anne Harrington, James McElroy, Alex Forbes, Naomi Karten, Richard Mcnally, Greg Oldham, Kenneth Olson, Christopher Peterson, Lise Quintana, Lena Roy, Chris Scherpenseel, Hersh Shefrin, Nancy Snidman, Sandy Tinkler, Virginia Vitzthum, David Winter, E. O. Wilson und Patti Wollman. Vor allem aber bin ich meinen Angehörigen für ihre Liebe, ihre Unterstützung und ihr Dasein dankbar: Lawrence und Gail Horowitz, Barbara und Steve Schnipper, Mitchell Horowitz, Lois und Murray Schnipper, Al und Bobbi Cain, Steve und Gina Cain und Heidi Postlewait. Ganz zuletzt möchte ich meinem geliebten Kenneth (Gonzo) sowie Sammy und Elishku danken, die mein Leben an jedem Tag von Neuem mit Glück, Weisheit und Liebe erfüllen.
Register Aaron, Moses und 100f. Copeland, James 88 Adler, Alfred 46 Aktivierungssystem, aufsteigendes retikuläres (ARAS) 191f. Alleinarbeit 149 Alleinsein, Kreativität und 121 Darstellungsvermögen, Denkvermögen und 87 Allein-Üben 129 Darwin, Charles 126, 133 Angst, soziale 47, 147, 197 Angststörung, soziale 55, 82, 291 Anlage, Sozialisation und 163 Anziehungskraft 53 Arbeitsräume, flexible 149 Asch, Solomon 144 Asch-Experimente 144. Asendorpf, Jens 346 Ausgleichstheorie 229ff. Ausstrahlung 53 Avaaz 127 Barnes, Brenda 88 Beharrlichkeit 302, 309 Belohnung, Risiko und 254 Belohnungssensitivität 244, 264f. Belohnungssytem 248f. Bewegung, evangelikale 108, 110, 114 Bewertungsangst 143 Boyd, Arthur 126 Brainstorming 32, 137, 139-144 Buffett, Warren 18, 273ff. Bunyan, John 41 Bus nach Abilene 86f. Bush, George W. 74 Carnegie, Dale 32, 36-40, 43, 55, 57 Cashmore, Pete 104 Charakterkultur 39f, 45 Charisma 89 Clinton, Bill 60 460 Csikszentmihalyi, Mihaly 132, 268f. Curie, Marie 126 Deal-Fieber 245 Demutsgesten 225 Denkvermögen, Darstellungsvermögen und 87 Desensibilisierungstraining 197 Diana, Prinzessin 60 Dominanz, soziale 46 Dopamin 249 Drucker, Peter 88 Edison, Thomas A. 47 Einstellung, kulturelle 434 Bliot, T. S. 27, 54, 157 Elterntipps (Schule) 392-396 Emerson, Ralph Waldo 41 Emotionen, negative 340f. Empathie 220 Enron-Skandal 256 Entscheidungsfähigkeit 105 Entschiedenheit 105 Epiktet 183 Erbanlagen, Persönlichkeitsmerkmale und 52 Ericsson, Anders 128-131 Erregung, Arten der 192 Erröten 224f., 226 Evangelikale 106, 115 Evolution, Ausgleichstheorie der 229ff. Evolution, Hochsensible und 226 Extraversion 13, 16, 51
Register Extraversion, Ideal der 114, 236, 277-310 Extravertierte, Introvertierte und 231 Eysenk, Hans 121, 190f., 193 Faulenzerei, soziale 143 Fehlerquote, Produktivität und 136 Finanzkrise 252ff. Flow 268f. Fluch des Gewinners siehe winner's curse Goldman Sachs 74 Goleman, Daniel 55 Gorbatschow, Michael 60 Gore, Al 18, 233ff. Grofgraumbüro 123, 127, 135 Gruppenarbeit 124. Gruppendenken 116-150 Gruppendruck 138 Gruppendruck, Wahrnehmung und 145 Gruppenidentität 288 Gruppensynergie 83 Güte 423 Forster, E.M. 27 Free-Trait-Abkommen 338f. Free-Trait-Prinzip 337 Heine, Heinrich 437 Free-Trait-Strategie 328 Hochreaktive 167f. Hochsensible 31, 213ff., 220 - Evolution und 226 Free-Trait-Theorie 318f. Freiraum, persönlicher 138 Freud, Sigmund 356 Führung, charismatische 72 Führungskräfte 91 Hippokrates 314, 436 Idealmensch 15 Individualismus, kreativer 121 - introvertierte 96 Individualität 16 Führungsqualität 71 Führungsstil, introvertierter 93 Industrialiserung 39 Fünf-Faktoren-Persönlichkeitsmodell 346, 435 5-HT-Gen siehe SerotoninTransportgen Furcht 271 Intelligenz, gemeinsame 127 Galen 436 Gandhi, Mohandas Karamchand 18, 302-307 Gates, Bill 27,88 Geduld 131 Gehirn 246ff. - emotionales 159 General Electric 74 Gen-Umwelt-Interaktion 171 Gerstner, Lou 89 Gewissen, Sensibilität und 218 Goffman, Erving 314 Innovation 122 Interaktionismus 315 Internalisierung (Verhaltensnormen) 173 Introversion 13, 16, 46, 121 Introversion, Reaktivität und 162 Introvertierte, Extravertierte und 26, 322f. - ARAS 191 - Arbeitsverhalten 26 - Aufmerksamkeit 261 - Beharrlichkeit 262f. - Belohnungssensitivität 246-252, - 258f., 266 Erbanlagen 164 Erregungsniveau 192f. Führungsrolle 126 Intelligenz 260ff. 461
Anhang - Intelligenztest 262 Körperhaltung, Reaktivität und - 228 Kreativität 75, 119f., 122, 138 Kommunikationslücke 342 Konflikte 349 Mentalitätsunterschiede 286ff. Nähebedürfnis 345 - Paare 364 - Persönlichkeit 163 - Problemlösungsansätze 262 - Reaktivität 157 - soziale Signale 361f. - Stimulation 194f. - Vererbung 170f. - Werturteile 160 Introvertiertheit 31 - Alleinsein und 121 L’Engle, Madeleine 133 Lässigkeit 223f., 236 Leben, Leidenschaft und 400 Lehrertipps (Schule) 389ff. Leistungsfähigkeit, soziale 51 Lernansatz, kooperativer 125 Lernen, kooperatives 124 Lincoln, Abraham 41, 47, 71 Linux 127, 142 Little, Brian 312ff., 317£f., 322, 326, 334, 337, 33Yff. Jung, C. G. 25, 29, 46, 157, 231, 314 Lustgewinn 268 Kafka, Franz 137 Machokultur 223 Kagan, Jerry 155ff., 161, 165ff., 170, Magnetresonanztomograf, 181, 194, 223, 235 Kaminski, Vincent 255f. Katharsis-Hypothese 356 Kawasaki, Guy 103 Kennedy-Mythos 33 funktioneller (fMRT) 179 Malpass, Eric 221 Mandela, Nelson 60 Mandelkern (Amygdala) 159f., 184f., 197, 216, 246ff. Kind, introvertiertes 378, 387 Kinder, Gewissen der 172 Kinder, hoch reaktive 173-178, 185 Kinder, hochsensible 219f. Kinder, stille 368-403 Kinder, Werte für 173 Marden, Orison Swett 41 Menschen, hochkreative 32 Milton, John 314, 436 King, Martin Luther 12, 14, 97, 99f., Mordgremium 88 Moses, Aaron und 100f. Multitasking 136 Muster, emotionale 158 105 Kirche, evangelikale 110 Klarman, Seth 271f. Kleingruppen, Lernen in 124 Kompetenz, soziale 80 Konformismus 144 Konformität 145 Minderwertigkeitskomplex 46f. Mitgefühl 220 Modellminorität 285 Mutter Teresa 60 Myers-Briggs-Persönlichkeitstest 25, 108, 209 Konformitätszwang 120 Konfrontationstherapie 197 Napoleon, Bonaparte 7 Kontaktverhalten, Persönlichkeit und Neid 333 Neokortex 184, 247 26 462 Narzissmus 71
Register Nervensystem, reaktives 168 Netzwerke, soziale 110, 220 Newmark, Craig 102ff. Newton, Isaac 121 Nucleus accumbens 246, 248 Robbins, Tony 32, 60, 62-71, 183 Roosevelt, Eleanor 18, 99, 203-207, 215ff., 270 Roosevelt, Franklin D. 47, 204£.-207, 216ff. Rubin, Robert 335 Obama, Barack 69, 349 Obama, Michelle 349 Online-Brainstorming 142 Open-Source-Software 128 Orchideenhypothese 174 Osborn, Alex 138, 140, 143f. Parks, Rosa 11ff., 18, 96, 98, 100f., 104f. Persona 319 Persönlichkeit 39, 44, 158, 163, 183 - fehlangepasste 48 - Gummibandtheorie der 184 - Kontaktverhalten und 26 Persönlichkeitskult 42 Persönlichkeitskultur 39f., 45, 53, 59-115 Persönlichkeitsmerkmale 315, 318, 320, 346 - Erbanlagen und 52 Person-Situation-Kontroverse 313, 315 Privatsphäre 135, 149 Procter and Gamble 74 Produktionsblockade 143 Produktivität, Fehlerquote und 136 Proust, Marcel 113 Pseudo-Extraversion 331 Pseudo-Extravertierte 329f. Pseudoselbst 319 Pubertät 403 Reaktivität, Introversion und 162 Reaktivität, Körperhaltung und 223 Rede, freie 179-202 Redegewandtheit 80 Regenerationsnischen 334ff., 340 Risiko, Belohnung und 254 Ruhe 149 Sanftmut, Macht der 277, 302, 307 Satyagraha 306 Scham 224 Schmerzvermeidung 268 Schopenhauer, Arthur 314, 437 Schüchternheit 27, 31, 48, 55 Schuld 219 Schuldgefühle 220 Schule (Elterntipps) 392-396 Schule (Lehrertipps) 389ff. Schwab, Charles 88 Schwartz, Carl 179-183, 316 Selbstbeherrschung 306 Selbstbeobachtung 325ff. - Selbstnegation und 331 Selbstdarstellung 53ff. Selbstentfaltung 53 Selbstnegation, Selbstbeobachtung und 331 Selbstvertrauen 46, 105 Selbstvervollkommnung 68 Sensibilität, Gewissen und 218 Sensibilität, Stärken und 174 Sensibilität, Überlebensstrategie und 227 Serotonin-Transportgen (SERT) 175f. Shakespeare, William 47, 319f. Sittenfeld, Curtis 223 Situationismus (Psychologie) 314 Situationsfaktoren 314 Skilling, Jeffrey 74 Smith, Darwin 90f., 104 Sozialisation 164, 166 - Anlage und 163 Stärken, Sensibilität und 174 463
Anhang Stereotype, kulturelle 285 Verlegenheit 224ff. Stille 149 Vermittler 102 Susman, Warren 42 Synergie 83 Vertrauen 105 Wahrnehmung, Gruppendruck und Tavris, Carol 355 Teamfähigkeit 125 Temperament 158 - angeborenes 181ff. - hoch reaktives 174f. Thatcher, Margaret 60 Thoreau, Henry D. 54 Tradition, kulturelle 435 145 Warren, Rick 106, 112 Welch, Jack 270 Wertesystem 15 White, Patrick 126 Whitehead, Alfred N. 157 Transparenz 127 Whyte, William 48, 50 Widerstand, passiver 306 Wikipedia 127, 142 Turner, Ted 245, 251, 259 Twain, Mark 368 Wille, freier 179-202 Williams, Serena 60 Wilpers, Susanne 346 Üben, gezieltes 130 Überlebensstrategie, Sensibilität und APR Wilson, E. ©. 168 winners curse 84, 245 Wissensökonomie 122 Überlegenheit 68 Überstimulation 398 Woods, Tiger 60 Umwelteinflüsse 164 Unabhängigkeit, Schmerz der Wozniak, Stephen 117f., 131, Wordsworth, William 121 1498. 147 Unzulänglichkeitsgefühle 46 Zurückgezogenheit 48 Verhaltensmuster 285 Verkaufsmentalität 59 Zusammenarbeit 150 - Formen der 137 - kreative 116

Die Nachdenklichen verändern die Welt! Wir leben heute in einer Welt, in der extravertierte Menschen den Ton angeben - sei es am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Privatleben. Susan Cain bricht eine Lanze für die Introvertierten und zeigt, wie wichtig sie für unsere Gesellschaft sind. Ohne Introvertierte hätten wir keine Relativitätstheorie, keinen »Harry Potter«, keine Klavierstücke Chopins, und auch die Suchmaschine »Google« wäre nie entwickelt worden. Susan Cain ermutigt leise Menschen dazu, die eigene Introversion zu erkennen und anzunehmen. Denn in der Stille liegt die Kraft! »Ein gewaltiges Plädoyer für das Stille in einer lauten Welt.« Deutschlandradio Kultur Übersetzt von Franchita Mirella Cattani und Margarethe Randow-Tesch (G ) GOLDMANN © ISBN 978-3-442-15764-8 WG 2970 I al FSC www.goldmann-verlag.de ))|IN:€ 10,30 0012)[A]