Автор: Slegle Dorothea  

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ISBN: 978-3-608-86123-5

Год: 2019

Текст
                    APRIL 2019

JUGENDFREUNDE

Wie sie uns dauerhaft
belasten können
MAUERN

Über die Sehnsucht
nach Grenzen
VEGANER

46. JAHRGANG

HEFT 4

€ 7,50

SFR 10,90

D6940E

Leben mit dem
Leid der Tiere

DIE KRAFT
DES ATMENS

Entspannend, heilsam, antidepressiv:
Psychologie und Medizin entdecken
die Atemtherapie neu


NEU www.klett-cotta.de / fachbuch         Mit Zusatzmaterialien zum Download Schluss mit dem schlechten Gewissen! Wer sich für alles und jeden verantwortlich fühlt, läuft Gefahr, eines Tages aus Überforderung krank zu werden. Das Buch vermittelt die psychologischen Zusammenhänge der Selbstüberforderung und zeigt an Beispielen und mit Übungen, wie Betroffene lernen, Verantwortung zu teilen. )"/4)01' 528 Seiten, broschiert € 44,– (D). I SBN 978-3-608-96215-4              136 Seiten, broschiert € 17,– (D). ISBN 978-3-608-86123-5            »Langfristig entfalten nur Therapie und Coaching positive Wirkungen.« Gerhard Roth Zusammen mit dem Grundlagenwerk »Coaching, Beratung und Gehirn« entsteht ein erstes integratives Coachingmodell, welches neurobiologische Grundlagenkenntnisse mit hohem Praxisbezug verbindet: l+WIKPQVOIV[Ż\bM]VLQPZM?QZS]VO[_MQ[MV l?QZS[IUSMQ\]VL?QZSNIS\WZMV^WV+WIKPQVO l,QIOVW[\QSQVLMZ*MZI\]VO lBIPTZMQKPM<WWT[ƇJ]VOMV]VL.ITTJMQ[XQMTM $-"64%&33" $03*//"4$)*--*/( "DIUTBNLFJU VOEHFTUÚSUFS 4DIMBG 4USFTTBCCBVFO JOOFSFT(MFJDIHFXJDIU VOE-FCFOT[VGSJFEFOIFJUGJOEFO .JU it$% M)ÚS Hör-CD ca. 192 Seiten, gebunden, UQ\0ƬZ+,KI®, ISBN 978-3-608-96387-8 Erscheint am 22. Juni 2019 224 Seiten, broschiert € 20,– (D). ISBN 978-3-608-96191-1 +VOHFO WFSTUFIFO Jungen: Was sie brauchen, was wir geben können Endlich wieder gut schlafen! Anders als früher und eher als Mädchen haben Jungen es schwer, eine sichere Identität zu entwickeln und gefahrlos durch die heutige Zeit zu kommen. Eltern wissen nicht weiter, Lehrer resignieren, Ärzte verschreiben Medikamente. Die Leser erfahren, wie wir Jungen optimal fördern können, was sie brauchen, um sicher durch die Kindheit zu kommen und wie sie seelisch widerstandsfähige und gesunde Erwachsene werden. Neben zahlreichen praktischen Tipps und Achtsamkeitsübungen erfährt der Leser etwas über die Grundlagen des Schlafens und über mögliche Krankheitsbilder. l0QTNMWPVM;KPTINUQ\\MT]VL6MJMV_QZS]VOMV l;KPTINIT[/M[]VLPMQ\[NIS\WZ l4ŻVOMZNZQ[\QOM*ITIVKMQU4MJMV[ZPa\PU][ Blättern Sie online in unseren Büchern und bestellen Sie bequem unter: www.klett-cotta.de Wir liefern portofrei nach D, A, CH
Liebe Leserinnen und Leser I hre Erfolge sind still, sagt Christine Meyne. Sie ist Atemtherapeutin und arbeitet in der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin der Uniklinik München mit Menschen, die sterbenskrank sind. Viele Patienten, die auf die Palliativstation kommen, sind kurzatmig, die Schmerzen rauben ihnen die Luft, manche können ihren Körper kaum mehr bewegen. Die Atemtherapeutin begleitet die Atembewegungen der Patienten und hilft ihnen durch Berührungen und leichte, geführte Bewegungen, ihren Atem bewusst zu erleben. Dadurch können sich Verkrampfungen im Körper lösen, Schmerzen lassen nach, Brustkorb und Bauchraum weiten sich, so dass die Menschen wieder besser Luft bekommen, ruhiger werden. „Es müssen weniger Medikamente bei Angst eingesetzt werden oder bei Schlaflosigkeit und Unruhe. Und manchmal braucht es auch keine Schmerzmittel mehr“, erzählt Christine Meyne. Manche Menschen lässt die palliative Atemtherapie auch gelöster in den Tod gehen, sagt die Therapeutin: „Gestern ist eine Patientin gestorben, sie hat einfach ausgeatmet. Ich war mehrmals bei ihr gewesen, meistens in Anwesenheit ihres Sohnes und ihres Ehemanns. Sie konnte während der Behandlungen spüren, dass mit einem ruhigen, tiefen Atem auch eine ruhige, tiefe Stimmung kommt und so auch der Prozess des Sterbens ruhig und tief sein kann.“ Und es passiert auch, dass sich ein Patient, der sich schon ganz abgewandt hatte, durch die Atemtherapie wieder öffnet. Für Gespräche, für Menschen. Das hat Christine Meyne gerade erst wieder erlebt, „dass der Mann doch noch seine drei Kinder aus erster Ehe kontaktieren möchte, die er Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat, nicht mal weiß, wo sie wohnen, ob sie verheiratet sind, ob Enkelkinder da sind“. Auch solche Anfänge sind möglich. Der Kraft des Atmens haben wir unsere Titelgeschichte gewidmet (ab Seite 16). Denn was im Yoga oder der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrtausenden praktiziert wird, wird bei uns gerade wiederentdeckt: welch heilsame Wirkung der bewusste Umgang mit dem Atmen haben kann. Neben vielen wissenschaftlichen Studien zum Thema sind wir auch auf eine deutsche Tradition der Atemtherapie gestoßen, die mit den Reformbewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts begann – 20 Atemtherapieschulen gab es damals allein in Berlin! Eine anregende Lektüre wünscht PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Dorothea Siegle, Chefredakteurin 3
IN DIESEM HEFT TITEL 16 Zeit zum Durchatmen! Zur Ruhe kommen, Kraft tanken, Konzentration sammeln: Für all das hat jeder von uns ein wirkungsvolles Instrument: die eigene Atmung Von Anke Nolte 26 „So schön alltagstauglich“ Der Mediziner Thomas Loew verrät, was 4711 und eine Zahnbürste mit dem Atmen zu tun haben 12 Im Fokus: Der Schmerz der Veganer Die Psychologin Clare Mann über das Verzweifeln an einer Welt, in der das Schlachten von Tieren Alltag ist 30 Gedanken auf Abwegen Psychotherapien gegen psychotischen Wahn – eine Herausforderung für Patient und Behandler Von Wibke Bergemann 36 Was ich mag – und was ich kann Mach, was dich am meisten interessiert! Ist das ein guter Rat für den Berufsweg? Von Jochen Metzger 44 Schrei nach Mauern Die Motive hinter dem Verlangen nach befestigten Grenzen Von Susanne Ackermann 58 Gefährliche Freunde Jugendfreundschaften geben Rückhalt – doch manchmal wirken sie zerstörerisch Von Anne-Ev Ustorf 66 „Eltern sind auch nur Menschen“ Die Entwicklungspsychologin Christin Köber über die Rolle von Mutter und Vater im Plot unseres Lebens 4 TITELTHEMA 16 Nichts ist uns so selbstverständlich wie der Atem. Und doch sagt die Art, wie oft, wie tief, wie rhythmisch und gleichmäßig wir Luft holen, viel darüber aus, was uns belastet und stresst. Die alten Meditationsschulen wissen das seit langem. Jetzt entdecken auch Medizin und Psychologie die Atemarbeit als Therapie gegen Angst, Burnout, Schmerz und andere Leiden PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
ER DOSSI & BERUEFN LEB 70 Zeitfragen: Wie wollen wir arbeiten? Über die ideale Arbeitszeit – und wovon sie abhängt Von Manuela Lenzen 77 „Die Arbeit ist auch ein Rhythmusgeber“ Der Psychologe Friedhelm Nachreiner erklärt, wann flexible Arbeitszeiten eher schaden 66 Am Anfang waren: die Eltern. Mutter und Vater sind unsere ersten Bezugspersonen, die ersten Figuren in unserer Biografie. Treten sie als Helden auf, wenn wir von unserem Leben erzählen? In jungen Jahren ja, wie eine große Langzeitstudie zeigt. Doch das bleibt nicht so … RUBRIKEN 28 Therapiestunde Das Schattenkind Von Stefanie Stahl 42 Psychologie nach Zahlen „Na, wenn du meinst!“ Von Silke Pfersdorf 64 Studienplatz Autoritär und gegen alles Fremde Von Frank Luerweg 78 Lekys Aussichten Jetzt aber sofort zwei Mohnbrötchen! Bitte! Von Mariana Leky 3 Editorial 6 Themen&Trends 70 Die meisten Menschen schätzen ihren Beruf, doch sie würden gerne weniger arbeiten. Und sie wünschen sich mehr Freiraum statt starrer Antrittszeiten. Aber ist das wirklich eine gute Idee? Ein Dossier über den Rhythmus der Arbeit – und den Traum von der 15-Stunden-Woche 52 Körper&Seele 57 Schilling&Blum: Irgendwas mit Menschen 80 Buch&Kritik 91 Medien 92 Leserbriefe 93 Impressum 94 Noch mehr Psychologie Heute 95 Markt 106 Im nächsten Heft PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 5
REDAKTION: SUSANNE ACKERMANN Schützt Weisheit vor Einsamkeit? Einsamkeit kann uns prinzipiell in jedem Alter treffen, aber es gibt einen gewissen Schutz: Weisheit. Dies fanden US-amerikanische Psychologen heraus, die die Einsamkeit, die seelische Gesundheit und persönliche Einstellungen von 340 Einwohnern der südkalifornischen Stadt San Diego umfassend untersuchten und verglichen. Die Befragten waren zwischen 27 und 101 Jahre alt. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Einsamkeit nach wie vor eine große gesellschaftliche Herausforderung sei, weil sie die seelische und körperliche Gesundheit deutlich verschlechtere. Die Forscher verglichen zunächst die Schwere der Einsamkeit der Teilnehmer und stellten fest: 76 Prozent von ihnen berichteten von mittlerer bis starker Einsamkeit. Diese Messergebnisse setzten die Wissenschaftler mit demografischen Daten sowie Befunden zur seelischen Gesundheit in Beziehung. Die sehr Einsamen waren häufiger Single, lebten öfter allein und hatten im Schnitt ein Jahreseinkommen unter 35 000 Dollar. Starke Einsamkeit ging außerdem einher mit häufigeren Depressionen, geringerer Widerstandsfähigkeit, weniger Optimismus, größerer Angst, mehr Unzufriedenheit, schlechterem Schlaf und ungesun6 der Ernährung. Unterschiede zwischen den Geschlechtern fanden die Forscher nicht. Auch jene, die von mittlerer Einsamkeit berichteten, erreichten bei all diesen Messungen höhere Werte als nicht einsame Befragte. Weiterhin entdeckten die Forscher, dass es offenbar im Erwachsenenleben bestimmte Phasen gibt, in denen die Einsamkeit höher ist als sonst, nämlich in den späten Zwanzigern, um Mitte fünfzig herum und bei deutlich über Achtzigjährigen. Doch die Wissenschaftler stießen zu ihrer Überraschung auch auf einen Schutzmechanismus: Probanden, die als weise eingestuft wurden, also mehr Empathie, Einfühlsamkeit, Selbstreflektion und bessere Gefühlsregulation zeigten, berichteten nicht, sich einsam zu fühlen. Da es die erste Studie gewesen sei, in der zusätzlich zur Einsamkeit auch die Weisheit erhoben wurde, könnten noch keine weiteren Schlussfolgerungen gezogen werden – aber es sollte weiter in diese Richtung geforscht werden, empfehlen die SAC Wissenschaftler. Lebensphasen: In unseren späten Zwanzigern trifft sie uns häufiger, die Einsamkeit Ellen E. Lee u.a.: High prevalence and adverse health effects of loneliness in community-dwelling adults across the lifespan: role of wisdom as a protective factor. International Psychogeriatrics, 2018. DOI: 10.1017/S1041610218002120 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Katzen jagen gern – aber bringen ihre Besitzer damit in eine psychologische Zwickmühle, wie Tiefeninterviews mit 48 Katzenhaltern ergaben. Ein Teil berichtete, das Jagen natürlich zu finden, es aber nicht zu mögen. Andere hielten die Beutezüge für grausam und unnötig. Einige sorgten sich, Katzen könnten Wildvogelbestände gefährden. Ihre Katzen vom Jagen abzubringen, ohne deren Wohlbefinden zu beeinträchtigen, hielten alle Befragten für schwierig. 1156 % beträgt der Anteil von 35 Ländern am Verlauf der Weltgeschichte – aus subjektiver Sicht von knapp 7000 Befragten aus allen diesen Ländern. Dabei nahmen etwa Teilnehmer aus der Schweiz an, ihr Land habe 11 Prozent beigetragen, und russische Befragte gingen von 60 Prozent aus. Deutsche schrieben ihrem Land einen Anteil von 33 Prozent zu. Die Forscher erläutern, sie wollten den jeweiligen kollektiven Blick auf die Bedeutung der eigenen Nation erheben; der tatsächliche Anteil einzelner Länder sei nicht messbar. DOI: 10.1002/pan3.6 DOI: 10.1016/j.jarmac.2018.05.006 Anderen die Vernunft absprechen Moral ist ein widersprüchliches Gebilde. Es gibt den Wunsch, Menschen zu schützen und zu unterstützen, wenn sie verletzlich sind. Eine andere moralische Haltung führt dazu, dass Mitmenschen für ihr als empörend und „schmutzig“ erlebtes Verhalten verachtet werden – Psychologen bezeichnen dies als Streben nach „Reinheit“ oder „Heiligkeit“ (sanctity). Wer so denkt, spricht gern denjenigen, die er oder sie verachtet, ihre Vernunft und ihre Fähigkeit zu rationalem Denken ab. Dies zeigten zwei US-amerikanische Psychologen in fünf Experimenten. Die Forscher schätzten mehrere hundert Teilnehmer zunächst unter anderem anhand des Moral Foundations Questionnaire ein und ließen sie dann fiktive Schwule, Transgender, Menschen mit Aids oder Prostituierte beurteilen, von denen die Forscher annahmen, sie verletzten durch ihr Anderssein die Normen der sehr auf „Reinheit“ bedachten Befragten. Durchweg werteten diese Probanden die beschriebenen Personen stärker ab und glaubten, diese seien nicht fähig, rational zu denken – und hätten daher auch keine Fürsorge durch andere SAC verdient. Andrew E. Monroe, E. Ashby Plant: The dark side of morality: Prioritizing sanctity over care motivates denial of mind and prejudice toward sexual outgroups. Journal of Experimental Psychology: General, 2018. DOI: 10.1037/ xge0000537 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 7
Wer länger arbeitslos ist, hat schlechtere Chancen, wieder eingestellt zu werden, weil potenzielle Arbeitgeber ihn oder sie für zu wenig motiviert halten. Dabei spielen das Geschlecht, Berufserfahrung, Qualifikation oder ehrenamtliche Tätigkeit während der Arbeitslosigkeit keine Rolle. Dies zeigten Psychologen in einem Experiment, bei dem sie mehr als 200 Personalverantwortliche baten, fiktive Jobkandidaten einzuschätzen, die seit kurzem oder längerem unbeschäftigt waren. Eva Van Belle u.a.: Why are employers put off by long spells of unemployment? European Sociological Review, 34/6, 2018. DOI: 10.1093/esr/jcy039 Wie viel Geld würden Menschen ausgeben, um das Klima zu schützen? Offenbar hängt dies von ihrem eigenen finanziellen Status ab – aber anders, als man denkt. Bei einem Klimaschutzspiel gaben Teilnehmer, die mit wenig Geld ausgestattet worden waren, anteilig deutlich mehr aus als die, die zum Start mehr bekommen hatten. Die Forscher hatten in einer Fußgängerzone mehr als 300 Passanten zur Teilnahme an dem Spiel eingeladen. DOI: 10.1371/journal.pone.0204369 Ich brauche nicht viel zu wissen Wenn wir uns ein Urteil bilden oder eine Entscheidung treffen, möchten viele Menschen gern möglichst zahlreiche Informationen darüber zur Verfügung haben – um richtig urteilen zu können. Aber dies ist nur ein Wunsch. Das ergaben sieben psychologische Studien. Die Probanden entschieden viel schneller und nutzten die Informationen, die ihnen bereitgestellt wurden, in viel geringerem Maße, als sie selbst glaubten. Das galt unabhängig davon, ob sie sich eine Vielzahl von Gemälden eines neuartigen Kunststils anschauen sollten, um diesen zu beurteilen, ob sie eine Kaufentscheidung treffen oder sich daran erinnern sollten, wie sie einmal entschieden hatten, dass ihr Partner der richtige war. Alle trafen sehr schnell eine Entscheidung, unabhängig davon, ob ihnen die gesamte Vielfalt an Informationen vor der Entscheidung gezeigt worden war oder ob sie ein Szenario nach dem anderen sahen und dann stopp sagen konnten, sobald sie sich ihre Meinung gebildet hatten. Wie die Forscher schreiben, ist unser Verstand offenbar weniger neugierig und offen gegenüber Informationen, als es gut wäre, um klug zu urteilen. SAC Nadav Klein, Ed O’Brien: People use less information than they think to make up their minds. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018. DOI: 10.1073/pnas.1805327115 8 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Willensschwach im Netz Leute mit mangelnder Selbstkontrolle sind öfter in Verbrechen verstrickt als Menschen, die sich besser im Zaum halten. Aber auch umgekehrt wird ein Schuh draus, wie der US-amerikanische Kriminologe Thomas J. Holt und seine Kollegen aus den Niederlanden berichten. Ihre Studie zeigt: Wer Probleme mit der Selbstkontrolle hat, wird im Schnitt vermutlich öfter als andere Opfer krimineller Internetattacken. Es sind diejenigen, die impulsiv in Onlineläden shoppen, täglich dutzende E-Mails rausfeuern, häufig auf Datingsites unterwegs sind oder in großem Umfang Musik und Filme aus dem Netz auf den Rechner laden. Das Internet steckt voller Objekte der Begierde, an die Menschen sofort herankommen können. Das führe gerade Leute mit geringerer Selbstkontrolle in stete Versuchung und öfter auch auf halbseidene Seiten, die mit Viren infiziert sein können. Cyberkriminalität zu bekämpfen, bemerken die Forscher, habe deshalb auch eine psychologische Seite. Die Wissenschaftler nutzten Daten einer monatlichen repräsentativen Onlinebefragung der Universität Tilburg in den Niederlanden – in diesem Fall mit fast 5700 Teilnehmern ab 16 Jahren. Die Probanden gaben dabei unter anderem Auskunft über ihre Aktivitäten im Netz und wie oft ihre Computer mit Malware infiziert worden waren, ob und wie sie auf Verdachtsmomente eines Befalls reagiert hatten – wie etwa verlangsamte Rechnergeschwindigkeit, Abstürze oder plötzliche Pop-ups. Außerdem beantworteten die Probanden Fragen, mit denen sich auf ihre Selbstkontrolle rückschließen ließ, beispielsweise über ihren Hang zu kurzsichtigen Entscheidungen, zu fahrlässigem Verhalten und über ihre Neigung, Dinge augenblicklich haben zu wollen. Ergebnis: Probanden mit mangelnder Disziplin surften öfter und länger, peilten häufiger riskante Seiten an und schützten ihre Rechner schlechter gegen ViKLAUS WILHELM ren und Trojaner. Thomas J. Holt u.a.: Testing an integrated self-control and routine activities framework to examine malware infection victimization. Social Science Computer Review, 2018. DOI: 10.1177/0894439318805067 Kintsugi ist eine traditionelle japanische Methode, um zerbrochene Keramik zu reparieren. Statt den »Makel« der Reparatur zu verbergen, werden die Bruchstellen durch Goldstaub im Kleber noch hervorgehoben. Der Psychologe Tomás Navarro überträgt dies auf die Zerbrechlichkeit und Stärke des Menschen und zeigt, wie wir gestärkt aus einer Krise hervorgehen. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 368 Seiten| € 20,00 [D] ISBN 978-3-466-34731-5 Auch als E-Book erhältlich Die Schönheit im Unvollkommenen 9 www.koesel.de
Wenn Schüler programmieren Für den Partner Opfer bringen Warum sind manche Menschen kaum bereit zu Kompromissen für den eigenen Partner, während andere große Opfer für ihre Beziehung bringen? Ein deutschkanadisches Forscherteam ist dieser Frage nachgegangen. Besonders opferbereit zeigten sich laut Analyse der Daten von 3400 Paaren jene Probanden, denen ihre Beziehung wichtig war – aber die sich der Liebe ihrer Partner nicht sicher fühlten. „Opferbereitschaft innerhalb von Beziehungen scheint mit inneren Unsicherheiten einer Person zusammenzuhängen“, so die Forscher. Die Daten stammten aus der deutschen Längsschnittstudie „pairfam“, deren Teilnehmer jährlich Fragenkataloge zu ihrem Beziehungs- und Lebensalltag beantworten. Die Forscher analysierten Daten aus einem Zeitraum von sieben Jahren. Die Opferbereitschaft der Befragten nahm im Durchschnitt ab. Aber es gab starke Schwankungen. Wer mehr frühere Beziehungen hatte, gab geringere Kompromissbereitschaft an. Befragte berichteten ebenfalls von geringerer Opferbereitschaft, wenn das Einkommen höher war. Männer stellten sich durchgängig ANNA GIELAS als opferbereiter dar als Frauen. Britische Kinder lernen in der Schule, mit Quellcodes umzugehen. In Deutschland wird das Programmieren (noch) nicht an allen Schulen unterrichtet. Verbessern sich durch das Programmieren auch die Denkfähigkeit und die Schulleistungen? Nur zum Teil, dies haben Wissenschaftler in einer Metaanalyse von 105 Untersuchungen herausgefunden. Es werden genau die kognitiven Fähigkeiten gefördert, die mit dem Programmieren verwandt sind, etwa mathematisches oder räumliches Denken. Auch die Kreativität profitiere – weil originelles Denken beim Programmieren erforderlich sei. Sehr groß fielen die Fortschritte allerdings nicht aus, heißt es. Auf rundum größeren Schulerfolg sollten programmierfähige Schüler nicht hoffen. Die Leistungen in Naturwissenschaften und Fächern wie Geschichte oder Politik verbesserten sich bei ihnen nur wenig. Und auf die sprachlichen Fähigkeiten hatten Programmierkenntnisse überhaupt keinen Einfluss. JOCHEN PAULUS Ronny Scherer u.a: The cognitive benefits of learning computer programming: A meta-analysis of transfer effects. Journal of Educational Psychology. Advance online publication, 2018. DOI: 10.1037/edu0000314 01100110011010 10100011100100 01100110010010 10120 Matthew D. Johnson u.a.: The development of willingness to sacrifice and unmitigated communion in intimate Partnerships. Journal of Marriage and Family, 2018. DOI: 10.1111/jomf.12544 10 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
IMMER DER NASE NACH Der Geruchssinn beeinflusst vieles von unserem Erleben und Verhalten – meist ohne dass wir es bemerken KOMMUNIKATION DIREKTZUGANG Wir können die Gefühle anderer riechen. So zeigten Frauen in einer Studie einen ängstlichen oder angewiderten Gesichtsausdruck, je nachdem ob sie am Schweiß eines Mannes rochen, der zuvor einen beängstigenden oder ekligen Film gesehen hatte. Die meisten Sinneseindrücke, etwa Bilder oder Töne, passieren auf dem Weg ins Gehirn den Thalamus, wo sie gefiltert und uns bewusstwerden. Anders Gerüche: Sie werden direkt weitergeleitet, unter anderem in das Gefühls- und Erinnerungszentrum. Daher lösen sie unmittelbar Emotionen aus. WARNUNG Die Quellen zu dieser Studiengrafik finden Sie auf psychologie-heute.de/literatur. Illustration: Anton Hallmann/Sepia. Text: Anne Kratzer Wie wir Gerüche bewerten, lernen wir erst im Laufe der Kindheit durch Erfahrungen und die Reaktionen unseres Umfelds. Gegen einige wenige gefährliche Gerüche, wie den von faulem Fleisch, haben wir jedoch kulturübergreifend eine angeborene Abscheu – eine Warnfunktion. APPETIT Schon Säuglinge können riechen, beim Geruch fauler Eier verziehen sie ihr Gesicht, beim Duft einer Banane entspannen sie es. Im letzten Lebensdrittel nimmt der Geruchssinn schnell ab, das kann ein Hinweis auf Alzheimer sein und zu Störungen von Appetit und Essverhalten führen. PARTNERWAHL Warum küssen sich Menschen? Eine Erklärung ist, dass wir am Geruch des anderen erkennen, wie fruchtbar er ist oder ob seine genetische Ausstattung der eigenen zu ähnlich ist. Ist sie das, nehmen wir ihn als stinkend wahr. ERINNERUNG In Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schmeckt der Protagonist eine in Lindenblütentee getunkte Madeleine und versinkt in Gedanken an seine Kindheit. Dass Geruch und Geschmack Erinnerungen auslösen, bezeichnen Psychologen daher als „Proust-Effekt“. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 11
IM FOKUS Der Schmerz der Veganer Vystopie, so nennt die Psychologin und Veganerin Clare Mann einen depressiv-traumatischen Zustand, unter dem manche Veganer leiden. Denn während sie auf tierische Produkte verzichten, sehen sie sich mit einer Welt konfrontiert, in der weiterhin geschlachtet wird. Über das Gefühl, in einer Dystopie zu leben 12 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
störung als einen Zustand, der durch ein traumatisches Ereignis ausgelöst wird, an dem man – als Handelnder oder Zuschauer – teilgenommen hat. Zu den Symptomen zählen Flashbacks, gravierende Angstzustände und nicht kontrollierbare Gedanken an das auslösende Ereignis. Frau Mann, Sie haben sich als Psychotherapeutin auf Patienten spezialisiert, die vegan leben. Haben diese denn andere Sorgen als Vegetarier oder Fleischesser? Ich habe mich in den letzten zehn Jahren viel mit Veganern beschäftigt, in Gesprächen und Therapiesitzungen zum Beispiel. Und ich habe eine Befragung unter 800 vegan Lebenden durchgeführt. Mein Eindruck ist: Es gibt tatsächlich bestimmte Formen der Ängstlichkeit und Bedrücktheit, die typisch für Veganer sind. Ein Problem, das man eher bei Veteranen als bei Veganern vermuten würde. Und doch tritt es auch bei einigen meiner veganen Patienten auf. Wobei bei ihnen die Schwere der Angstzustände weniger im ursprünglichen Erlebnis begründet liegt als in der Tatsache, dass sich die auslösende Problematik beständig fortsetzt. Der Veganer erlebt, dass das, was ihn in Schrecken versetzt, jeden Tag präsent ist und von großen Teilen der Gesellschaft sogar glorifiziert wird: die Nutzung – und Misshandlung – von Tieren. Zum Beispiel? Zu mir kommen Patienten mit Essstörungen, Anpassungsstörungen oder einer Tendenz zur Selbstverletzung, aber auch mit Panikattacken oder Albträumen. Die Leute sagen dann natürlich in der Regel nicht: Ich bin hier, weil ich kein Fleisch esse und weil sich die Leute darüber lustig machen. Es ist eher so, dass wir im Laufe der Therapie auf ihren Veganismus zu sprechen kommen. Dafür haben Sie ein eigenes Wort gefunden: die „Vystopie“. Viele Veganer haben das Gefühl, dass ein Großteil der Außenwelt diesen als grausam wahrgenommenen Praktiken gegenüber gleichgültig ist – als wären die anderen dem Status quo gleichsam wie in einer Trance verfallen. Der Begriff „Vystopie“ spielt darauf an, dass sich viele Veganer einer dunklen, geradezu dystopischen Welt gegenübersehen, in der Tiere ausgebeutet werden und in der tierisches Leid keine wirkliche Rolle spielt – das Gegenteil von einer Utopie, in der Mitgefühl und Freude herrschen. Wie gehen Sie bei der Therapie vor? So wie ich auch bei jemandem vorgehen würde, der Trauer und Verlust erlebt oder der ein erschütterndes Erlebnis durchgemacht hat, einen Angriff mit einer Schusswaffe zum Beispiel. Langfristiges Ziel ist, zu lernen, die eigene Geschichte gewissermaßen neu zu schreiben. Aber zunächst einmal geht es darum, die körperlichen und seelischen Symptome in den Griff zu bekommen. Dabei kommen Übungen zum Einsatz, die die Patienten entspannen und ihnen dabei helfen, ihren Gefühlen einen Namen zu geben. Wir schaffen Routinen, die es ermöglichen, im Alltag wieder zu funktionieren, regelmäßig zu schlafen und zu essen. Gilt all das nicht auch für eine Menge anderer Menschen, die sich für moralisch überlegen halten und in einer Welt leben, die sich von ihren Idealen unterscheidet? Was ist zum Beispiel mit Menschen, die sich um die Umweltverschmut- Inwiefern besteht zwischen diesen Problemen zung sorgen? und dem Veganismus Ihrer Patienten ein ursäch- Ich halte die Frage, ob man das Konzept der Vystopie nicht auch auf andere Gruppe ausdehnen könnte, für durchaus interessant. Zu mir kommen allerdings häufig Leute, die sagen: „Ich bin beunruhigt über die vielen Plastikrückstände im Meer. Das ist für mich auch eine Dystopie.“ Hier bin ich skeptisch. Ich glaube, zum Gefühl, in einem wahrhaft dystopischen Szenario gefangen zu sein, gehört ein übergreifenderes Bewusstsein für strukturelle Ungerechtigkeiten. Derer gibt es natürlich mehrere, zum Beispiel Rassismus, Sexismus, moderne Sklaverei. In diesen Bereichen existiert aber in vielen Ländern – zum Glück – zumindest ein Bewusstsein dafür, dass es sich dabei um gravierende Probleme handelt, anders als beim doch sehr marginalisierten Veganismus. licher Zusammenhang? Bei Veganern handelt es sich ja um Menschen, die einen bewussten Entschluss gegen Fleischkonsum und gegen die Nutzung von Tierprodukten getroffen haben. Ein solcher Entschluss ist oft ethisch motiviert und beruht auf der Einsicht, dass wir Tieren in modernen Gesellschaften großes Leid zufügen. Hat man diese Einsicht erst einmal verinnerlicht – etwa weil man die widrigen Bedingungen moderner Tierhaltung in Dokumentationen oder mit eigenen Augen gesehen hat –, kann einem das schnell zu Herzen gehen. Und im schlimmsten Fall sogar posttraumatische Belastungsstörungen hervorrufen. Das müssen Sie erklären. Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders beschreibt die posttraumatische BelastungsPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Clare Mann arbeitet als Psychotherapeutin im australischen Sydney. Die überzeugte Veganerin hat eine Reihe von Büchern verfasst, darunter eines zu Veganismus: Vystopia. The Anguish of Being Vegan in a Non-Vegan World (Communicate31 2018) Die philosophische Strömung des Existenzialismus hat die Meinung vertreten, dass wir selbst 13
IM FOKUS dafür verantwortlich sind, unserem Leben Sinn und Bedeutung zu geben. In Ihrem Therapieansatz spielt diese Idee eine wichtige Rolle. In Großbritannien habe ich eine Existenzielle-Psychotherapie-Ausbildung absolviert. Dabei habe ich mich mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass wir alle früher oder später an einen Punkt kommen, wo wir uns unter Bedingungen großer Unsicherheit mit Sinnfragen auseinandersetzen müssen. Der Ansatz hat mir dann auch geholfen, als ich als Organisationspsychologin mit kleineren und mittleren Unternehmen zusammengearbeitet habe. Ich habe damals viel mit Führungskräften gesprochen, die Angst hatten, ihre Fassade der Selbstsicherheit aufzugeben, hinter der sich die blanke Angst verbarg, dass ihr Leben auseinanderfallen könnte, wenn sie mal einen längeren Urlaub machen oder Aufgaben abgeben. Und was hat das mit Veganismus zu tun? In beiden Fällen ist der Glaube schädlich, es gebe nur die eine, vermeintlich objektive Deutung der Welt, und wer damit nicht klarkommt, müsse eben leiden. So wie Führungskräfte lernen sollten, dass es nicht schlimm ist, von der Norm „Der Chef ist ein unbesiegbarer Macher“ abzuweichen, ist es für die Veganer hilfreich zu lernen, dass es nicht schlimm ist, von der Norm „Man muss Fleisch essen und Tierprodukte nutzen“ abzuweichen. Letztlich sind das alles nur gesellschaftlich bedingte Standards, die sich ändern lassen, wenn nur genug Leute ihr Verhalten ändern. Ihr Ziel ist also, Veganern das Gefühl zu geben, dass sie nicht „abnormal“ sind? Ja, aber das ist nur der erste Schritt. Es geht auch darum, die eigene Haltung selbstbewusst zu vertreten und das eigene Leben mit seinen Werten in Einklang zu bringen. Das heißt nicht, dass jeder mit einem Protestschild in der Hand auf die Straße gehen und Parolen brüllen muss. Ob man vegane Cupcakes backt, sich durch Freiwilligenarbeit bei einer Tierschutzorganisation engagiert oder sogar UndercoverEnthüllungsdokus über Missstände bei der Tierhaltung dreht, muss jeder selbst entscheiden, aber es bringt einen in jedem Fall weiter, für seine Weltanschauung zu werben. Sie rufen zum Missionieren auf – vergrößert das nicht noch zusätzlich die Kluft zwischen Veganern und Nichtveganern? Es geht erst einmal darum, die Passivität und Opferrolle zu verlassen. Ich habe jedenfalls noch nie einen Vystopiepatienten behandelt, dem es nicht geholfen hätte, sich konstruktiv in die Debatte um den Veganismus einzubringen. Aber klar, letztlich ist auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden wichtig. Ich 14 Die Nutzung und Misshandlung von Tieren: Der angstauslösende Schrecken ist täglich präsent versuche meinen Patienten zu vermitteln: Unterstellt bitte Fleischessern nicht, dass sie böse Absichten haben oder dass sie Psychopathen sind. In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass Veganer nicht nur deshalb einen schwereren Stand in der Gesellschaft haben, weil sie eine Menge Ansprüche an ihre Nahrung oder Kleidung stellen, sondern auch deshalb, weil sie – auch im Vergleich zu Vegetariern – mehr unbequeme Fragen aufwerfen. Sagen wir es so: Vegetarier fallen nicht so sehr auf – hier ein Hühnchen und da ein Steak wegzulassen ist im Vergleich keine so große Sache. Wer hingegen vollständig auf tierische Produkte verzichten will, geht einen deutlich radikaleren Schritt. Die unbequemen Fragen stellen vor allem die ethisch motivierten Veganer, also jene, die nicht deshalb auf tierische Produkte verzichten, weil sie abnehmen möchten oder weil die Produkte einfach nicht ihrem Geschmack entsprechen, sondern weil sie etwas für das Wohl der Tiere tun möchten. Ist Ihre Doppelrolle als Psychologin und Aktivistin nicht problematisch – gerade bei veganen Patienten? Die Frage wird mir des Öfteren gestellt. Sie haben recht, dass bei vielen Formen der Psychotherapie üblicherweise eine gewisse Distanz vonnöten ist. Nun ist es so, dass es sich nicht verhindern lässt, dass die Leute mitbekommen, was meine Haltung zum Thema ist. Ich finde das aber unbedenklich. Zum einen weil sich viele Veganer von mir verstanden fühlen und sich Nichtveganern möglicherweise nicht in derselben Weise öffnen würden. Zum anderen weil ich mich als Psychologin um Menschen in Not aus demselben Grund kümmere, aus dem ich mich für Tierrechte einsetze: Fürsorge und Mitgefühl – ich will nicht, dass Lebewesen leiden müssen. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Priorität einzuräumen als jenem anderer Lebe- Man könnte Ihnen aber auch vorwerfen, dass Sie die Verletzlichkeit Ihrer Patienten nutzen, um wesen. diese für Ihre Weltanschauung zu gewinnen. Es gibt aber auch gute Gründe gegen diese Haltung. Ich stimme jenen zu, die sie als „Speziesismus“ kritisieren – als Diskriminierung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Konzept des „Karnismus“ der Psychologin Melanie Joy. Ich glaube, es ist irreführend, in diesem Zusammenhang von Verletzlichkeit zu sprechen. Unter einem verletzlichen Menschen verstehe ich jemanden, der schwach ist und Angriffen schutzlos ausgeliefert. Die Veganer, die meine Hilfe suchen, würde ich eher als massiv beunruhigt beschreiben. Sie haben sich mit der Art und Weise, wie wir Tiere behandeln, auseinandergesetzt und werden von der Frage geplagt: Wie können Menschen so etwas zulassen? Das ist meines Erachtens erst einmal keine krankhafte, sondern eine völlig menschliche Reaktion. Insofern geht es mir eher darum, den Veganern ihre Stärke bewusstzumachen, als sie zu schwächen. Mit dem Begriff will Joy zeigen, dass Fleischessen ebenso sehr eine Ideologie darstellt wie Veganismus. Das nehmen wir nur nicht wahr, weil Karnismus weit verbreitet ist und viele ihn für natürlich halten. Dabei ist es biologisch kaum zu erklären, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche Tiere für essbar halten. Laut Joy wird Viele Leute halten das Thema für ein Problem Karnismus von psychischen Abwehrmechanis- großstädtischer Eliten. men gestützt. Es handelt sich dabei jedenfalls definitiv nicht um ein Luxusproblem. Wer sich gegen die Schlechterbehandlung nichtmenschlicher Geschöpfe starkmacht, erntet nach wie vor oft Spott. Erst kürzlich wurde in England der Fall von William Sitwell diskutiert: Der Redakteur des Waitrose Food-Magazins hatte in einer E-Mail gegenüber einer Autorin vorgeschlagen, die „heuchlerischen“ Veganer „einen nach dem anderen umzubringen“. Solche schlechten Scherze zeigen, dass sich noch einiges ändern muss. Ja, viele Fleischesser fühlen sich unwohl, wenn sie darüber nachdenken, was ihre Ernährung für Tiere bedeutet. Um das Unbehagen zu reduzieren, passiert, was wir Psychologen kognitive Dissonanzreduktion nennen: Sie vermeiden Informationen, die ihnen nicht guttun. Zum Beispiel indem sie nur bestimmten wissenschaftlichen Studien vertrauen oder indem sie den Überbringer der unangenehmen Nachricht schlechtreden – als „moralisierenden Veganer“. Viele würden sagen: Es ist doch unser Recht als PH INTERVIEW: FRANZ HIMPSL Menschen, unserem eigenen Wohl eine höhere In Resonanz mit sich und der Welt »Wir müssen den Lärm des Geldes überwinden, um die Symphonie des Lebens wieder hören zu können.« Fritz Reheis Fritz Reheis Die Resonanzstrategie Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen: Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der Zeit oekom verlag, München 416 Seiten, Hardcover, 26,– Euro ISBN: 978-3-96238-052-6 Erscheinungstermin: 18.03.2019 Auch als E-Book erhältlich oekom.de PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 DIE GUTEN SEITEN DER ZUKUNFT 15
TITEL Zeit zum Durchatmen! Zur Ruhe kommen, Kraft tanken, konzentrierter werden – für all das haben wir ein Instrument, das uns immer begleitet und gerade wiederentdeckt wird: die eigene Atmung VON ANKE NOLTE 16
PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 17 ILLUSTR ATIONEN: ORL ANDO HOETZEL
TITEL Tief durchatmen. Der Herzschlag verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt. Ein Gefühl von Entspannung tritt ein W as immer geht, wenn (fast) nichts mehr geht: Atmen! Diese Erfahrung hat Margit Wendisch gemacht, als sie vor 15 Jahren einen Bandscheibenvorfall erlitt. Sie konnte sich kaum bewegen, und der Arzt sagte ihr, sie solle erst mal nur abwarten. „Ich war fassungslos – war ich doch darauf konditioniert, dass ich immer etwas dafür tun muss, damit es mir bessergeht“, erzählt die heute 60-Jährige, die in Berlin als Trainerin für Kommunikation arbeitet. Ein paar Tage lang lag sie verzweifelt zu Hause auf der Couch, da entdeckte sie ihren Atem. Oder vielmehr: „Mein Körper fing an, den Atem zu erleben.“ Ein. Aus. Und wieder ein. Und wieder aus. Der Atem bewegte sich ganz rhythmisch in ihrem Körper, und sie nahm wahr, wie und wohin er strömte. „Das hat mich beruhigt“, sagt Margit Wendisch. „Und ich habe eine Möglichkeit gefunden, auf eine sanfte, fast passive Art aktiv zu sein.“ Auch wenn wir ihn meistens nicht bemerken: Der Atem ist immer da. Ganz selbstverständlich, ganz natürlich. Er erhält uns am Leben, indem er, wenn wir einatmen, den ganzen Körper in jede Zelle hinein mit Sauerstoff versorgt. Der Sauerstoff wird in den Zellen verbraucht, und als Abfallprodukt entsteht Kohlendioxid, das über das Blut zurück in die Lunge und von dort beim Ausatmen in die Umwelt gelangt. Auf den Atem können wir uns vollkommen verlassen: Über die Bahnen des vegetativen oder autonomen Nervensystems sorgt das Atemzentrum im Hirnstamm dafür, dass wir automatisch immer weiteratmen. Dabei ist die Atmung sehr wandlungs- und anpassungsfähig, weil das Atemzentrum auf Signale des Körpers oder der Umwelt reagiert: Treiben wir Sport, haben wir Angst oder sind wir zornig, atmen wir schneller. Im entspannten Zustand verlangsamt sich die Atmung. Wir müssen uns darum nicht kümmern – und meistens bemerken wir den Atem gar nicht. 18 Doch das ändert sich derzeit: Dieser unauffällige Begleiter, den wir alle stets dabeihaben, wandelt sich von der grauen Maus zu einem Star mit vielen Begabungen. Zahlreiche Atembücher, Artikel über das Atmen, Atem-Apps und Atemkurse zeugen davon. Atmen scheint sich zu einem Wellnesstrend zu entwickeln. Brücke zwischen Körper, Geist und Seele Dabei existiert praktisches Wissen um die Wirkung und Heilkraft des Atems schon seit Jahrtausenden. Im Yoga, in der traditionellen chinesischen Medizin oder im japanischen Zenbuddhismus spielt der Atem immer schon eine zentrale Rolle und dient als Brücke zwischen Körper, Geist und Seele. 4000 Jahre alte ägyptische Grabinschriften weisen auf die Heilkunst mit dem Atem hin. Im Verständnis vieler Religionen wird der Atem als heilig angesehen – in der Bibel gibt es eine Fülle von Hinweisen darauf. Im antiken Griechenland schrieb Hippokrates über pneuma, das ähnlich dem indischen prana oder dem chinesischen qi Atem, Seele, Geist oder Leben bedeutet. Wenn das Pneuma im Organismus im Flusse sei, so Hippokrates, sei das Resultat Gesundheit, wenn dagegen Stockungen einträten, Krankheit. Es ist kein Zufall, dass sich Menschen schon immer mit den Wirkungen des Atmens beschäftigt haben. Denn die Atmung können wir, obwohl sie automatisch abläuft, zumindest zeitweise in unserem Sinne steuern. Das ist ihre Besonderheit: „Es ist die einzige vegetative Funktion, die willentlich beeinflussbar ist“, erklärt Professor Thomas Loew, Chefarzt der psychosomatischen Abteilung an der Universität Regensburg. Auf die anderen vom vegetativen Nervensystem gesteuerten Funktionen wie Herzschlag, Körpertemperatur oder Verdauung hat der Mensch hingegen keinen direkten Zugriff. „Wir können uns entscheiden, langsamer zu atmen, aber wir können nicht entscheiden, dass das Herz langsamer schlägt oder die Magenpforte sich öffnet“, so Loew. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Das bedeutet: Das vegetative Nervensystem steuert zwar die Atmung, aber wir haben wiederum über bewusstes Atmen Einfluss auf das vegetative Nervensystem. So können wir die Atmung bewusst für unsere Gesundheit einsetzen. Ohne unerwünschte Nebenwirkungen Was seit Jahrtausenden bekannt ist, belegen auch neuere Studien: welch heilsame Auswirkungen der bewusste Umgang mit dem Atmen haben kann. Der Schweizer Biologe Roger Stutz und die Psychologin und Atemtherapeutin Delia Schreiber fanden in einem Überblick zu diesem Forschungsgebiet sowohl positive Effekte auf die körperliche Gesundheit als auch auf die Psyche. Dabei nahmen die beiden Wissenschaftler 23 Studien zur Wirkung ausschließlich westlicher Atemtherapien ins Visier – das sind vor allem Atemtherapiemethoden aus Deutschland wie die nach Middendorf oder Richter. Stutz und Schreiber sehen Hinweise dafür, dass diese Methoden einen direkten psychotherapeutischen Effekt haben können. Denn es besserten sich nicht nur Rückenschmerzen und Herzprobleme, sondern auch der Umgang mit Stress PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 und Emotionen. Patienten lernten, emotionale und körperliche Impulse besser wahrzunehmen, ohne sie zu unterdrücken oder ohne sie unkontrolliert auszuleben. Vor allem Ängsten und Depressionen könne mit Atempraxis begegnet werden. Einen weiteren großen Vorteil haben Atemübungen, schreiben die beiden Forscher: Es gebe keine unerwünschten Nebenwirkungen. Insgesamt seien die untersuchten Atemtherapien sowohl somatisch als auch psychisch wirksam, jeweils etwa gleich stark. Atemübungen helfen im Alltag, mit Stress zurechtzukommen und Angst zu lindern. Dies zeigen weitere Studien: Musiker zum Beispiel können ihr Lampenfieber vor einem Auftritt in den Griff bekommen, wenn sie täglich 30 Minuten bewusst atmen. Auch die Angst vor dem Zahnarzt lässt sich damit bändigen. Brustkrebspatientinnen konnten Atemübungen nutzen, um mit ihrer Erkrankung besser umzugehen und nicht in einen Strudel negativer Gefühle zu geraten. Atemarbeit kann einem Burnout bei Lehrern vorbeugen, wie eine Studie von Thomas Loew mit 146 gefährdeten Teilnehmern ergab (siehe Interview Seite 26). Darüber hinaus scheinen sich durch Yogaatmung kognitive Funktionen wie Reaktionszeiten 19
TITEL Der Atem entfaltet seine Wirkung erst, wenn wir ihn beobachten und auf ihn achten oder die Konzentration zu verbessern, wie eine aktuelle Forschungsübersicht indischer Wissenschaftler nahelegt. Kurz gesagt: Der Atem scheint ein Alleskönner zu sein. „Die vielfältigen Wirkungen lassen sich mit komplexen physiologischen Mechanismen erklären“, sagt Loew. Denn der Atem stehe in Wechselwirkung mit dem Herzschlag, mit dem Druck in den Gefäßen sowie mit Stoffwechselprozessen – alles koordiniert über das vegetative Nervensystem. „Wenn wir tief durchatmen, verlangsamt sich der Herzschlag, der 20 Blutdruck sinkt, und Zellschäden im Körper werden repariert. Über entschleunigtes Atmen gaukeln wir dem Körper vor, dass er schläft“, so Loew, „und dadurch stellt sich ein Gefühl tiefer Entspannung ein.“ Flach, hektisch, angespannt Der Atem als Tor zum vegetativen Nervensystem, zu Körper, Geist und den Gefühlen, zu Spiritualität und zum Innehalten: Der Atem hat Potenzial. Doch nur wenige nutzen das: „Viele Menschen atmen stressbedingt zu flach, zu hektisch oder halten den Atem an“, sagt Yogalehrerin Anna Trökes. Als Ausbilderin beim Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland bringt sie zukünftigen Yogalehrern die Atemarbeit nahe, im Yoga Pranayama genannt. „Durch die flache Atmung verspannt sich der Brustkorb, und Atemräume wie Bauch, Flanken, Lungenspitzen und Rückseite des Brustkorbs sind gar nicht mehr voll zugänglich.“ Zudem werde der Atem dadurch behindert, dass sich viele Menschen zu wenig aufrichten und zu wenig bewegen. Die Yogaexpertin vergleicht PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
den Körper mit einem „Palast“, in dem der Atem eigentlich residieren sollte. Aber stattdessen friste er oft das kümmerliche Dasein eines Dieners, der nur in einem kleinen Raum im Eingangsbereich hausen darf. Die restlichen Räume bleiben leider viel zu oft „unbelüftet und unbewohnt“, wie es die Yogaexpertin Trökes formuliert. Wer seinen Atem so stark einenge, bewirke vor allem, dass das Ausatmen zu kurz komme, erläutert Trökes: „Ausatmen bedeutet loslassen, sich entspannen, und das fällt vielen Menschen schwer.“ Beim Ausatmen wird der Parasympathikus aktiviert, der beruhigende Teil des vegetativen Nervensystems. Beim Einatmen dagegen gewinnt der leistungsorientierte Teil des vegetativen Nervensystems, der Sympathikus die Oberhand, der uns in den Modus Flucht oder Kampf katapultiert. Wenn wir uns gestresst fühlen, steht das Einatmen oft so im Vordergrund, dass nicht mehr richtig ausgeatmet wird. „Wenn der Stress chronisch wird und die Entspannungsphasen fehlen, dann verliert das Nervensystem die Fähigkeit, zwischen An- und Entspannung zu modulieren, und ist auf dauerhafte Sympathikusaktivierung gestellt“, sagt Trökes. Die Folge: Wir sind ständig angespannt und kommen gar nicht mehr runter, bis wir vollkommen erschöpft sind. Die Atemlehre im Yoga, Pranayama, lehrt die Übenden, sich auf die Fähigkeiten des Atems zu besinnen: Über einen bewusst geführten Atem soll der Geist zur Ruhe kommen. Pranayama steht nach der ursprünglichen Lehre immer im Mittelpunkt der Yogapraxis – dennoch wird in der Yogaszene der Atem oft vernachlässigt. So verbinden die meisten Menschen mit Yoga nur die Körperübungen, die Asanas. Doch eigentlich haben die Asanas vor allem die Aufgabe, Körperräume für den Atem zu öffnen, indem sie Blockierungen lösen und den Körper durchlässiger machen. Bodybuilding für das Zwerchfell Der Begriff Pranayama kommt aus dem altindischen Sanskrit und setzt sich zusammen aus prana und ayama. Prana bedeutet nicht nur Atem, sondern auch Lebensenergie. Und ayama heißt nicht nur regeln, sondern auch strecken, ausdehnen, verlängern. Tatsächlich geht es beim Pranayama zunächst darum, bewusst die Ausatmung zu verlängern. Etwa indem die Übenden eine „Lippenbremse“ einbauen: Beim Ausatmen formen sie die Lippen wie für ein „f“, „s“ oder „m“, so dass der Luftstrom gegen einen Widerstand durch den Mund ausströmt. Oder indem sie die Stimmritze verengen wie beim Flüstern (siehe den Kasten unten). Durch langsames, bewusstes Ausatmen können seelische und körperliche Anspannungen erwiesenermaßen abgebaut werden. Sind die Lungen gut geleert, verstärkt sich auch die Einatmung. „Man kann sich das Lungengewebe vorstellen wie einen Schwamm, der gut ausgedrückt wieder mehr Flüssigkeit aufnehmen kann“, erklärt Atemlehrerin Trökes. Mit einer vertieften Ein- und Ausatmung wie bei der Yogaatmung wird auch das Zwerchfell trainiert DEN EIGENEN ATEM ERLEBEN Woran merke ich, wie ich atme? Einfache Basisübungen für den Alltag • Diese Basistechnik des Pranayama • Bei einer zweiten Atemübung aus • Eine Übung nach dem Konzept (Zusammenführung von Körper und dem Yoga wird der Atem mit einer Schlaffhorst-Andersen ermöglicht Geist durch Atemübungen im Yoga) Bewegung verbunden und dabei auch Anfängern, den dreiteiligen wird Ujjayi genannt. Hier wird der die öffnende, aufrichtende Wirkung Rhythmus zu erleben: Einatmen – Atem hörbar. Dabei verengen Sie der Einatmung genutzt. Warten Sie Ausatmen – Lösen. Legen Sie im Sit- die Stimmritze wie beim Flüstern. auf den nächsten Impuls zum Ein- zen die Hände mit den Handrücken Versuchen Sie, diese Stellung der atmen. Heben Sie dann die Arme auf die Oberschenkel. Ziehen Sie die Stimmmuskeln im Hals beim Atmen mit der Einatmung nach vorne an, Hände mit der Einatmung zur Faust beizubehalten – der Mund ist dabei bis sich die Arme neben den Ohren zusammen, dehnen Sie die Finger mit geschlossen. Es entsteht ein leises befinden. Senken Sie mit der Ausat- der Ausatmung wieder auseinander, Strömungsgeräusch. Sie können Uj- mung die Arme wieder sanft nach bis die Hand ganz gestreckt ist. Lösen jayi nur bei der Ausatmung anwen- vorne ab, bis sie wieder locker ne- Sie jegliche Anspannung in der Pause den oder beim Ein- und Ausatmen. ben dem Körper hängen. nach der Ausatmung. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 ANKE NOLTE 21
TITEL – unser zentraler Atemmuskel. Das Zwerchfell spannt sich wie eine Kuppel quer im Rumpf von einer Flanke zur anderen und trennt dabei den Brust- vom Bauchraum vollständig ab. Beim Einatmen ziehen sich die Muskeln des Zwerchfells zusammen, wodurch es sich nach unten Richtung Becken absenkt. Bei einer flachen Atmung bewegt sich das Zwerchfell etwa vier Zentimeter, bei einer tiefen bis zu zehn Zentimeter nach unten. Bei der Ausatmung wandert das Zwerchfell langsam wieder nach oben – und zwar gegen den Strömungswiderstand der Luft in den Atemwegen. Das ist Bodybuilding für das Zwerchfell, das dadurch an Spannkraft gewinnt. Durch ein trainiertes Zwerchfell wächst die Kapazität der Lunge, um sich mit sauerstoffhaltiger Luft zu füllen und auszudehnen. Die Organe im Bauchraum, wie Magen, Darm, Nieren und Leber, werden beim Auf und Ab des Zwerchfells regelrecht massiert und angeregt, die Bauch- und Rückenmuskulatur wird aktiviert, und der Brustkorb gewinnt an Elastizität. Die Berlinerin Margit Wendisch schenkt diesen Vorgängen seit ihrer ersten bewussten Begegnung mit dem Atem vor 15 Jahren viel mehr Beachtung. Seitdem praktiziert sie Yoga und insbesondere Pranayama. Inzwischen kann Wendisch überall „hinatmen“: Zunächst waren es nur Brust und Bauch, später spürte sie den Atem auch in den seitlichen Rippen und im unteren Rücken oder oben in den Schultern und im Nacken, mit noch mehr Übung sogar in den Beinen und Armen. Inzwischen ist ihr der Atem zu einem treuen Begleiter im Alltag geworden. Wenn sie zum Beispiel Schmerzen hat, steuert sie den Atem so, dass sie das Gefühl hat, in die schmerzenden Stellen hineinzuatmen. „Der Atem kann die Schmerzen nicht sofort reduzieren, aber ich nehme eine Veränderung wahr, oft nur eine winzig kleine, aber das bringt schon ein Stück Erleichterung.“ Ist sie im Stress, kann sie durch bewusstes Atmen ein wenig Abstand bekommen. „Ich gewinne nicht nur Raum im Körper, sondern auch im Geist – und das ermöglicht mir, bessere Entscheidungen zu treffen.“ Zwischen Spannung und Entspannung Pranayama ist eine sehr differenzierte und komplexe Atemlehre, die eines guten Lehrers bedarf. Damit auch Nichtyogis von den Wirkungen dieser Atemlehre profitieren können, haben der Neurowissenschaftler und Psychologe Ulrich Ott und die Psychologin Janika Epe von der Universität Gießen ein Übungsprogramm entwickelt und evaluiert. „Es hat sich gezeigt, dass dieses Training zur Selbstregulation des vegetativen Nervensystems geeignet ist – und 22 zwar sowohl im Sinne von Entspannung als auch von Aktivierung“, sagt Ott, der am Bender Institute of Neuroimaging der Universität Gießen tätig ist und seit über 20 Jahren die Wirkungen von Meditation erforscht. „Die Teilnehmer des Trainings konnten bei Nervosität, Aufregung und Anspannung erfolgreich gegensteuern, aber auch bei Verstimmungen oder Müdigkeit.“ In ihrem Buch Gesund durch Atmen stellen die beiden Psychologen, die auch als Yogalehrer tätig sind, ein achtwöchiges Programm vor. Es beschränkt sich auf vier Basistechniken des Pranayama, zu denen einige Forschungsarbeiten vorliegen. Alle, die mit Atemübungen keine Erfahrungen haben, können damit beginnen, ihren Atem erst einmal zu beobachten. „Das hört sich so leicht an“, sagt Ott. „Doch viele verkrampfen sich, wenn sie sich auf den Atem konzentrieren. Es fällt ihnen schwer, wahr- Einatmen, ausatmen – kurze Pause. Die Atmung schwingt wie eine Schaukel von selbst hin und her PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
zunehmen ohne einzugreifen.“ Um es den Teilnehmern leichter zu machen, verbinden sie das Einatmen und Ausatmen mit Bewegungen, zum Beispiel die Arme beim Einatmen heben und beim Ausatmen wieder senken. Oder sie legen eine Hand auf den Bauch oder Brustkorb, um zu spüren, wie sich diese Körperregion mit dem Rhythmus des Atems bewegt. Ulrich Ott: „Die Teilnehmer machen die Erfahrung, dass die Atmung wie eine Schaukel von selbst hinund herschwingt, sie müssen gar nicht so viel machen.“ Anschließend bekommt die Schaukel einen kleinen Schubs. Die Schwingungen werden größer, die Atemphasen ausgedehnt, zum Beispiel dadurch, dass die kleinen Pausen nach der Ein- und Ausatmung stärker beachtet werden, so dass sich der Atemzyklus insgesamt verlängert. „Normalerweise machen Menschen im Schnitt etwa 14 Atemzüge pro Minute, wobei die Bandbreite zwischen 10 bis 18 Zügen variiert“, berichtet Ott. „Als ideal gelten allerdings nur sechs Atemzüge in der Minute, die dafür umso tiefer sind.“ Atmen wir bei schneller, flacherer Atmung etwa einen halben Liter Luft ein, kann sich das bei einer langsameren, tieferen Atmung auf zweieinhalb bis drei Liter steigern. Die Menge an Luft, die wir pro Minute einatmen, bleibt dabei gleich, weshalb das Ziel auch gar nicht so schwer zu erreichen ist. Warum ausgerechnet sechs Atemzüge pro Minute? Das hat einen handfesten physiologischen Grund, nämlich eine erhöhte Herzratenvariabilität. Das Herz schlägt auch bei einem gesunden Menschen nie ganz regelmäßig, denn der Rhythmus der Atmung wirkt sich auf das Herz aus: Beim Einatmen schlägt das Herz schneller – hier zeigt sich wieder der aktivierende Einfluss des Sympathikus –, beim Ausatmen langsamer, weil der dämpfende Effekt des Parasympathikus zum Zug kommt. Zusätzlich zur Atmung ist auch die Blutdruckregulation für Schwankungen beim Herzschlag verantwortlich. „Bei sechs Atemzügen synchronisieren sich Atmung und Blutdruckregulation und verstärken sich gegenseitig“, erklärt Ott. Der Herzschlag variiert in der Folge stärker – wobei diese Variabilität der Herzrate als Zeichen einer intakten vegetativen Regulation gilt. Das vegetative Nervensystem ist dann flexibel genug, um immer wieder eine Balance zwischen Spannung und Entspannung herzustellen. Einmal rechts, einmal links Ott und Epe befassen sich außerdem mit einer zunächst skurril anmutenden Technik: dem abwechselnden Atmen durch nur ein Nasenloch. Es klinge PSYCHOLOGIE HEUTE 2 Ausgaben kostenlos* 2 Ausgaben kostenlos: * Lernen Sie das Philosophie Magazin in aller Ruhe kennen! Sie bekommen die beiden nächsten Ausgaben zugesandt. Möchten Sie das Philosophie Magazin anschließend nicht weiter lesen, genügt eine kurze E-Mail bis zwei Wochen nach Erhalt der zweiten kostenlosen Ausgabe. Wenn Sie nicht entsprechend kündigen, erhalten Sie das Magazin fortan regelmäßig per Post als Jahresabo plus (6 reguläre + 2 Sonderausgaben pro Jahr, verlängernd, 52 € pro Jahr (Studenten: 38 €) inkl. Lieferung in Deutschland, Auslandspreise und alle weiteren Konditionen auf philomag.de). Angebot gültig bis inkl. 31.3.2019. Gewinnspiel Eine Denkwoche im Château d‘Orion Im Château d’Orion genießen die Gäste gemeinsames Nachdenken (in dt. Sprache), eingebettet in französische Lebenskunst und ruhige Natur. Das Philosophie Magazin verlost einen Gutschein des Château d’Orion im Wert von 1890 € zur Teilnahme an einer Denkwoche für eine Person! Verlosung unter allen volljährigen Personen, deren Bestellung des nebenstehenden Angebots bis einschließlich 31.3.2019 eingeht. Mitarbeiter der Château d’Orion SARL und der Philomagazin Verlag GmbH sowie deren Angehörige sind ausgeschlossen. Gutschein durch Buchung direkt im Château (www.chateau-orion.fr) einlösbar für 1 Person (Einzelzimmer, Vollpension) für eine Woche für Reisezeitraum 28.4.2019 - 1.11.2020. Anreise auf eigene Kosten. Gutschein nicht übertragbar, nicht auszahlbar. Der Gewinner wird bis 15.4.2019 per E-Mail oder Telefon benachrichtigt. Bestellung und Teilnahme mit Vorteilscode: „PH“ >>> www.philomag.de/kostenlos >>> 00 49 (0)40 38 6666 309 23 04/2019 Hinweise zum Philosophie Magazin und zum Datenschutz unter philomag.de
TITEL Die Atempause – ein Stück Freiheit. Einfach mal nicht atmen müssen verwunderlich, aber es sei bewiesen: „Die Atmung durch das rechte Nasenloch hat eine aktivierende, die Atmung durch das linke Nasenloch eine beruhigende Wirkung, das wurde in Studien wiederholt gezeigt“, berichtet Neurowissenschaftler Ott. Wie genau diese Effekte zustande kommen, ist noch nicht geklärt. Jedoch scheint die Technik der Wechselatmung – bei der abwechselnd erst durch das eine Nasenloch, dann durch das andere ein- und ausgeatmet wird – einen besonders positiven Effekt auf die Aufmerksamkeit zu haben, wie sich auch in Leistungen der Teilnehmer bei bestimmten Computeraufgaben gezeigt hat. Zudem ist durch Studien belegt, dass zu hohe Blutdruckwerte gerade durch die Nasenwechselatmung sinken und ein zu niedriger Blutdruck sich nach oben reguliert. Außerdem stellen Ott und Epe noch eine Technik vor, bei der die Atmung nicht verlangsamt, sondern beschleunigt wird. Dabei bewegt sich die Bauchdecke mit jeder Ausatmung aktiv nach innen, und nach Loslassen der Spannung schnellt sie wieder nach vorne. „Das ist eine milde und kontrollierte Hyperventilation“, so Ott. Diese Technik der kontrollierten Beschleunigung zeigte eine besonders belebende Wirkung: „Die schnelle Atmung kann eine Tasse Kaffee nachmittags im Büro gut ersetzen“, so der Psychologe. Laurens Bertold, ein Teilnehmer des Programms, ist froh über diesen Werkzeugkoffer an Atemtechniken, den er im Alltag jetzt immer parat hat. Den beruhigenden Effekt der verlangsamten Atmung nutzt der 32-jährige Data Engineer aus Frankfurt gerne als Einschlafhilfe. Die beschleunigte Atmung hat ihn besonders beeindruckt, vor allem die Atempause, die sich nach der forcierten Ausatmung einstellte: „Das fühlt sich an wie ein Stück Freiheit: einfach mal nicht atmen zu müssen.“ Bertold braucht für sein Hobby besonders viel Luft: Er spielt in einem Orchester ein Blasinstrument. „Doch dabei geht es immer nur um Leistung, also um die Frage: Habe ich genug Luft, um die nächste Passage zu schaffen?“ Im Trainingsprogramm von Ott und Epe dagegen hat er die Feinheiten des Atems kennengelernt, verschiedene kleine Übungen, wie er den Atem beeinflussen und damit etwas bewirken kann. ALS ES IN BERLIN 20 SCHULEN FÜR ATEMTHERAPIE GAB Frauen aus dem Bürgertum kamen auf die Idee, den Atem als Heilmittel zu nutzen 24 In Deutschland gibt es eine eigene Tradition der Atem- Thema. „In Berlin existierten in den 10er und 20er Jah- therapie, die rund hundert Jahre alt ist. Sie entstand An- ren des letzten Jahrhunderts gleichzeitig etwa 20 Atem- fang des 20. Jahrhunderts und war Teil der Reformbe- therapieschulen“, berichtet Atemtherapeutin Karoline wegungen, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor von Steinaecker, die mit ihrem Buch Luftsprünge die- allem in Deutschland und der Schweiz formierten. ses unbekannte Kapitel der Medizin aufgeschlagen hat. Zu den Reformbewegungen gehörten zum Beispiel „Eine verschworene Gemeinschaft von gutbürgerlichen auch die Freikörperkultur, die Naturheilkunde, das Woh- Frauen, die sich wortwörtlich aus ihrem starren Korsett nen in Gartenstädten oder Reformen der Ernährung befreiten.“ Das Empfinden für ihren Körper, das Spüren (das Reformhaus hat hier seine historischen Wurzeln). ihres Atems gab ihnen ein neues Selbstbewusstsein. Gemeinsam war den Anhängern eine Kritik an der Indu- Auf der Basis ihrer Arbeit entwickelten sich im Laufe striealisierung und Urbanisierung sowie die Suche nach des 20. Jahrhunderts viele verschiedene Atemmethoden Gegenentwürfen zu diesem Leben. wie die Eutonie nach Gerda Alexander, die funktionelle Es waren Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts Entspannung nach Marianne Fuchs, die Atemarbeit nach mit ihrer Körperarbeit die Atem- und Leibpädagogik in Herta Richter oder der erfahrbare Atem nach Ilse Mid- Deutschland begründeten. Neben den beiden Pädago- dendorf. Die gemeinsame Grundlage dieser Methoden: ginnen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen be- „Es geht darum, den Atem differenziert wahrzunehmen schäftigten sich auch die Ärztin Bess Mensendieck und und das Körperbewusstsein zu schulen“, so Steinaecker. die Gymnastiklehrerin Hedwig Kallmeyer mit diesem ANKE NOLTE PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Muss ich mich bei allem so anstrengen? Etwas anders als die Yogaatmung funktionieren Atemtechniken, die sich aus der deutschen Tradition der Atemtherapie entwickelt haben. Zu den ersten Atemtherapeutinnen in Deutschland gehörten die Gesangslehrerin Clara Schlaffhorst und die Klavierlehrerin Hedwig Andersen, die aufgrund eigener Stimmprobleme um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herum auf den Atem gekommen waren. In Berlin gründeten sie 1910 eine eigene Lehrstätte (siehe den Kasten links unten). Das Konzept Schlaffhorst-Andersen ist die einzige Atemlehre aus dieser Zeit, die sich zu einer standardisierten Ausbildung entwickelt hat. Unterrichtet wird heute an einer staatlich anerkannten Berufsfachschule mit Sitz im niedersächsischen Bad Nenndorf. Die hier ausgebildeten staatlich geprüften Atem-, Sprech- und Stimmlehrer können ihre Therapie nach ärztlicher Verordnung vor allem bei Sprach-, Sprech-, Stimm-, Hör- oder Schluckstörungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Beim Schlaffhorst-Andersen-Konzept greifen Atmung, Stimme und Bewegung wie Zahnräder ineinander. „Mit einem Ton oder auch einer Bewegung verändert sich der Atem. Vertieft sich der Atem, lassen sich mit ihm Stimme oder Bewegungen besser führen“, sagt Dietlind Jacobi, Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin in Berlin, die auch an der Berufsfachschule in Bad Nenndorf unterrichtet. Dabei greifen die Schlaffhorst-Andersen-Therapeuten – im Unterschied zum Pranayama im Yoga – mit keinerlei Technik in das Atemgeschehen ein. Im Zentrum der Lehre steht stattdessen eine Dreiteiligkeit des Atemrhythmus: Einatmen. Ausatmen. Pause. Alle drei Phasen PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 gehen mit bestimmten Funktionszuständen des Muskels einher: Zusammenziehen. Dehnen. Lösen. Analog zur Bewegung des Zwerchfells, das sich bei der Einatmung zusammenzieht und damit absenkt, um sich anschließend beim Ausatmen wieder nach oben zu einer Kuppel zu dehnen. „Nimmt man sich nach dem Ausatmen einen kurzen Moment Zeit, vor der nächsten Einatmung die Muskelspannung im ganzen Körper zu lösen, entsteht ein dreiteiliger Rhythmus, in dem sich der Atem reguliert und der Mensch sich ordnen kann“, erklärt Jacobi. „Bewegung, Atmung und Stimme koordinieren sich in diesem Rhythmus, der sowohl zu großer Ruhe als auch zu mehr Leistungsfähigkeit führt.“ Wenn Bewegung, Atmung und Stimme im Einklang sind, verstärke sich der Ausdruck, und ein Flow könne entstehen. „Viele der Patienten sind anfangs jedoch so außenorientiert und so getrieben, dass es ihnen schwerfällt, sich auf diese Rhythmisierung einzulassen“, berichtet Jacobi. „Ist die eine Sache zu Ende gebracht, kommt sofort die nächste, ohne dass sie zwischendurch einmal loslassen.“ Wie setze ich zum Beispiel einen Wasserkasten ab? Spüre ich nach, wie sich nach der schweren Hebearbeit die Muskeln entspannen? Wie putze ich das Fenster? Bearbeite ich hektisch die Glasscheibe – oder bewege ich den Lappen bewusst hin und wieder zurück mit anschließender Minipause? Die Patienten üben, den dreiteiligen Rhythmus nach außen unauffällig in ihren Alltag einzubauen. Wenn Menschen diese Lockerheit erlebt haben, hat das Auswirkungen auf die Psyche: Sogar Glaubenssätze können sich verändern. Vielleicht muss ich mich nicht mehr bei allem so anstrengen? „Wir als Therapeuten geben eine Erlaubnis“, sagt Jacobi. „Die Erlaubnis, sich zu entspannen, sich Raum zu nehmen, auch mal laut zu werden oder in Bewegung zu kommen – letztlich lebendig zu sein.“ QUELLEN UND LITERATUR Thomas H.Loew: Langsamer atmen, besser leben. Eine Anleitung zur Stressbewältigung. Psychosozial, Gießen 2019 Ulrich Ott, Janika Epe: Gesund durch Atmen. Ein Neurowissenschaftler erklärt die Heilkraft der bewussten Yoga-Atmung. O.W. Barth, München 2018 A.A. Saoji u.a: Effects of yogic breath regulation: A narrative review of scientific evidence. Journal of Ayurveda and Integrative Medicine, 2018. DOI: 10.1016/j.jaim.2017.07.008 Karoline von Steinaecker: Luftsprünge. Anfänge moderner Körpertherapien. Urban&Fischer, München/Jena 2000 (nur noch antiquarisch erhältlich) Roger Stutz, Delia Schreiber: Die therapeutische Wirksamkeit westlicher Atemtherapiemethoden: Ein systematischer Review. Complementary Medicine Research, 2017. DOI: 10.1159/000464341 Anna Trökes: Anti-Stress-Yoga. Herder, Freiburg 2015 Anna Trökes: Pranayama. Studienbegleitheft des Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland e.V. (BDY), 2004 25
TITEL „So schön alltagstauglich“ Was haben 4711 und eine Zahnbürste mit Atmen zu tun? Darüber berichtet Thomas Loew, Chefarzt der psychosomatischen Abteilung am Universitätsklinikum Regensburg Welchen Stellenwert hat das Atmen in Ihrer psychosomatischen Klinik? Eine entschleunigte Atmung ist das Basistherapeutikum in der Psychosomatik! Daher ist das die erste Maßnahme, die die Patientinnen und Patienten bei uns kennenlernen. Sie sind beim tiefen Ein- und Ausatmen an ein Biofeedback-Gerät angeschlossen und können sehen, was sich in ihrem Körper verändert: Der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt langsamer, die Muskeln entspannen sich, sie sondern weniger Schweiß ab. So wird ihnen deutlich, dass Atmen ein 26 physiologisch absolut wirksames Prinzip ist. Sie machen die Erfahrung, dass sie sich damit selbst regulieren und psychosomatische Symptome in den Griff bekommen können. Die Effekte von Meditation und einigen Entspannungsverfahren sind gut untersucht. Wie sieht die Studienlage zum Atmen aus? Mit über 170 einigermaßen vernünftigen Studien gibt es eine handfeste wissenschaftliche Basis. Besonders gut sieht die Studienlage bei einem leichten Bluthochdruck aus: Zweimal am Tag zehn Minuten bewusst PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
atmen wirkt so gut wie ein Medikament. Eigentlich sollte das entschleunigte Atmen in die Leitlinien mit aufgenommen werden, aber daran lässt sich eben nicht verdienen. Langsames Atmen verbessert außerdem nachweislich die Herzleistung. Es ist zudem gut belegt, dass eine tiefe Bauchatmung bei Asthmapatienten einen günstigen Effekt hat auf die Lebensqualität und psychische Verfassung. Und wie sehen die Effekte bei psychischen Pro- solche Zustände zu erreichen. Doch beim schnellen Atmen können massive Nebenwirkungen auftreten, wie Muskelkrämpfe – typisch ist die Pfötchenstellung der Hände – oder psychotische Symptome. Für Menschen mit Epilepsie, Asthma oder Herzproblemen können solche Atemtechniken sogar lebensgefährlich sein. Im Gegensatz zum beschleunigten Atmen ist das entschleunigte Atmen praktisch nebenwirkungsfrei. blemen aus? Wie kann denn der Transfer des entschleunigten Für Angststörungen und Panikattacken gibt es gute Belege – meist haben Angst- und Panikpatienten eine zu hohe Atemfrequenz. Atemarbeit hilft auch beim Umgang mit Schmerzen, denn je aktiver der beruhigende Teil des vegetativen Nervensystems, desto weniger schmerzempfindlich waren die Probanden, wie Studien zeigen. Andere Befunde machen Mut, Atemarbeit auch in der Behandlung von Suchterkrankungen oder Essstörungen einzusetzen, damit die Patienten ihre Impulse besser kontrollieren können. Auch ein Burnout lässt sich möglicherweise mit Atemtechniken verhindern. Das konnten wir in einer Studie mit 146 gefährdeten Lehrerinnen und Lehrern zeigen. Nach acht Wochen, in denen die Probanden an einer wöchentlichen einstündigen Gruppensitzung mit Atemtherapie teilnahmen, war die Arbeit für sie subjektiv nicht mehr so bedeutsam, und sie konnten sich besser davon distanzieren. Ihre Bereitschaft, sich zu verausgaben, war gesunken, und sie fühlten sich im Vergleich zu vorher wesentlich ruhiger. Die Effekte hielten an, wie wir in einer Nachuntersuchung zwei Jahre später feststellen konnten. Atems in den Alltag gelingen? In psychosomatischen Kliniken wird in der Regel ein ganzer Strauß von Methoden angeboten – die Nachuntersuchungen der Rentenversicherung zeigen aber, dass 80 Prozent der Patienten zu Hause nichts mehr davon umsetzen. Die Atemarbeit ist dagegen so schön alltagstauglich. Eine einfache Regel kann allen Menschen helfen, den Atem im Alltag mehr zu integrieren: 4711. Vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen und das elf Minuten lang. Man kann sich dabei von einem Atemtakter unterstützen lassen. Was hat man sich unter einem Atemtakter vorzustellen? Können Atemtechniken gefährlich sein? Im Yoga gibt es einige Techniken, die den Atem beschleunigen, das kann starke Effekte haben. Nicht umsonst wird das Hyperventilieren seit Tausenden von Jahren in schamanischen Ritualen genutzt, um in Trancezustände zu gelangen. Beim schnellen Atmen sinkt der Kohlendioxidspiegel, und die Gefäße verengen sich. Dadurch hat die Hirnrinde etwa ein Drittel weniger Sauerstoff zur Verfügung. Die Folge: Das Gefühlsleben intensiviert sich, es kommt zu einem rauschartigen Erleben. Auch Methoden wie das Rebirthing oder das holotrope Atmen nutzen das beschleunigte Atmen, um tiefere Schichten des Bewusstseins zu öffnen und möglicherweise Unbewusstes wie das eigene Geburtserlebnis zugänglich zu machen. Der Psychotherapeut und Psychiater Stanislav Grof, auf den das holotrope Atmen zurückgeht, hatte vorher mit LSD in der Psychotherapie experimentiert. Nach dem Verbot der Droge suchte er nach einer anderen Methode, um PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Thomas Loew ist Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Regensburg. Sein Forschungsschwerpunkt gilt den körperorientierten Methoden. Er ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für ärztliche Entspannungsmethoden. Anfang des Jahres ist sein Buch Langsamer atmen, besser leben erschienen Das ist ein mobiles Atemtrainingsgerät – nicht größer als eine Streichholzschachtel –, das als äußerer Taktgeber dient. Beim Ausatmen vibriert das Gerät, das ich in der Hand halten kann oder das in der Hosentasche steckt, und gibt so die Ausatemzeit vor. So lässt sich das Gerät unauffällig im Bus, bei der Arbeit oder in einer stressigen Situation nutzen. Wir experimentieren auch mit MP3-Dateien, bei denen ein Wellenrauschen das Ausatmen begleitet und das Einatmen mit einem Ping wie von einem Regentropfen eingeleitet wird. Wir lassen das in unserer Klinik bei Besprechungen für alle hörbar im Hintergrund laufen und versuchen gerade zu belegen, dass die Sitzungen mit dieser Animation zum vertieften Atmen entspannter ablaufen. Benutzen Sie selbst denn in Ihrem Alltag ein Atemtrainingsgerät? Zu Hause habe ich eine Lampe, die den Atemrhythmus durch verschiedene Farben triggert. Die Uhr an meinem Handgelenk kann im Atemrhythmus vibrieren, meine Zahnbürste gibt auf Knopfdruck ein akustisches Signal für die Ein- und Ausatmung. Ich habe sogar einen Massagesitz, der im Atemrhythmus vibriert. Neurowissenschaftler haben bei einem EEG mit mir nicht schlecht gestaunt, wie schnell ich mich selbst durch entschleunigtes Atmen in eine tiefe Entspannung bringen kann. INTERVIEW: ANKE NOLTE PH 27
THERAPIESTUNDE DAS SCHATTENKIND D er 42-jährige Klient wirkt wesentlich jünger: Er ist trainiert, tätowiert, lässig. Im Gespräch zeigt er sich jedoch nicht cool oder gar abgeklärt, sondern macht einen emotional warmen und zugewandten Eindruck. David erzählt, dass er unter einem Entscheidungskonflikt leide. Er befinde sich in einem Dreiecksverhältnis mit zwei Frauen, die voneinander auch wüssten. Sie setzten ihn beide unter Druck, eine Entscheidung für die eine oder andere zu treffen, aber er sei hierzu einfach nicht in der Lage. Die Situation sei für alle Beteiligten schlimm, und er schäme sich auch dafür. Beide hätten sehr unterschiedliche Vorzüge: Die eine sei sehr klug, sie führten tolle Gespräche, aber es mangele ihr fast gänzlich an Humor. Bei der anderen verhalte es sich genau umgekehrt. „Am liebsten wäre es mir, man könnte aus beiden eine machen“, erklärt er mit einem selbstironischen Lächeln. Er habe schon umfangreiche Listen mit „Pros und Contras“ für die eine und andere Frau erstellt, aber auch dies habe ihn keinen Schritt weitergebracht. Er hänge an beiden Frauen und könne sich von keiner trennen. 28 Der Klient steht zwischen zwei Frauen, die eine Entscheidung fordern. Doch dieser Konflikt stellt aus Sicht der Therapeutin gar nicht das eigentliche Problem dar. Welche Rolle spielt das Schattenkind? Stefanie Stahl ist Diplompsychologin und arbeitet in freier Praxis in Trier. Sie schrieb die beiden Bestseller Das Kind in dir muss Heimat finden und Jeder ist beziehungsfähig, die bei Kailash erschienen sind. Ihr zusammen mit Julia Tomuschat verfasstes aktuelles Buch trägt den Titel Nestwärme, die Flügel verleiht (Gräfe & Unzer) Aus meiner therapeutischen Erfahrung weiß ich, dass derartige Entscheidungskonflikte meist mit einer unbewussten Bindungsangst einhergehen. Eine Entscheidung kann man deswegen nicht durch eine Abwägung der Vorzüge und Schwächen der „Kandidatinnen“ herbeiführen. Auch David tritt mit diesem Lösungsversuch auf der Stelle. Ich frage ihn nach früheren Beziehungserfahrungen und will wissen, ob er sich bei anderen Partnerinnen besser festlegen konnte. Er berichtet von seiner längsten Beziehung, die sechs Jahre gehalten habe. Melanie und er hätten wirklich gut zusammengepasst, doch ihr Wunsch nach einer gemeinsamen Wohnung habe ihm den Hals zugeschnürt, so David. An dieser Stelle hake ich nach: „Was schnürt Ihnen den Hals zu bei der Vorstellung, mit Ihrer Freundin zusammenzuziehen?“ Er habe das Gefühl, nicht wirklich er selbst sein zu können, wenn seine Freundin in der Nähe sei. Nach einem langen Tag möchte er mit einem Bier auf der Couch abhängen. Wenn seine Freundin jedoch da sei, dann müsse er ihr ja irgendwie Aufmerksamkeit schenken PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
und sich um sie kümmern. „Aha! Da haben wir ja den Grund für Ihre Beziehungsprobleme!“, rufe ich aus, woraufhin David mich verblüfft anschaut. Bindungsängstliche tragen die tiefe und zumeist unbewusste Überzeugung in sich: Entweder lebe ich in einer Beziehung – oder ich bin ein freier Mensch! Die Partnerschaft, so empfinden sie es, steht gewissermaßen im Konflikt zu ihrem eigenen Leben. Nach der ersten Verliebtheit fühlen sie sich recht bald von den Erwartungen ihrer Partner nach Nähe und Gemeinsamkeit eingeengt. Sobald die Beziehung verbindlich wird, mutiert der Partner in den Augen der Betroffenen zum Invasor und Freiheitsdieb. Ihre Gefühle erkalten, sie gehen auf Distanz. Manche lassen sich nur auf Fernbeziehungen ein, bei denen der benötigte Freiraum von vorneherein gegeben ist. Aber auch eine Dreiecksbeziehung lässt ausreichend Rückzugsräume, um die Angst vor Nähe in Schach zu halten. ILLUSTR ATION: MICHEL STREICH Frei – trotz Beziehung Die Lösung für dieses Problem lautet: Ich bin frei und in einer Beziehung. Das Gefühl der Freiheit in einer Beziehung entsteht, wenn man sich authentisch verhält und zu seinen Bedürfnissen steht. Konkret würde dies für David bedeuten, dass er sich gestattet, nach einem langen Arbeitstag auf der Couch abzuhängen, auch wenn seine Freundin in der Nähe ist. David trägt nämlich wie seine Leidensgenossinnen und -genossen die tiefe Überzeugung in sich: Wenn ich will, dass du mich liebst, so muss ich deine Erwartungen erfüllen! Deswegen glaubt er, dass er sich nicht frei verhalten kann, wenn er mit seiner Freundin zusammen ist. Derartige psychische Programme entstehen, wenn man sich als Kind nicht wirklich von seinen Eltern geliebt gefühlt hat – zumindest nicht unter der Bedingung, dass man so ist, wie man wirklich ist. Die Entscheidung, die David zu treffen hat, hat also wenig mit den vermeintlichen PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Vor- oder Nachteilen seiner beiden Kandidatinnen zu tun, sondern führt über sein Selbstwertgefühl. Als ich David dies zurückmelde, ist er überrascht: „Ich habe doch ganz viel erreicht im Leben, bin auch fit und sportlich und sehe doch nicht übel aus. Ich dachte, mein Selbstwert wäre ganz okay!“ Ich antworte, das seien auch alles richtige Überlegungen und er könne zu Recht stolz auf sich sein. Aber vermutlich gebe es da noch eine tiefere Ebene, ein sogenanntes Schattenkind in ihm, das vielleicht ganz anderer Auffassung sei. Das Schattenkind steht in meinem Therapieansatz für jene Kindheitsprägungen, die unsere „negativen Störprogramme“ erzeugt haben. Das Echo aus der Vergangenheit Wie sich im weiteren Gespräch herausstellt, entstammt David keiner rosigen Kindheit. Sein Vater war ein Alkoholiker, der die Familie tyrannisierte und die Mutter schlug. Die Eltern trennten sich, als David sechs Jahre alt war. Seine Mutter blieb alleinerziehend mit vier Kindern zurück und war heillos überfordert. Der kleine David war ihr eine besondere Last – aggressiv und kaum zu lenken. Während David mir seine Geschichte erzählt, frage ich ihn: „Wie fühlt sich das jetzt in Ihnen an?“ „Traurig“, erklärt er, „ich war das schwarze Schaf und ich kann das immer noch fühlen.“ „Okay“, sage ich, „jetzt sind Sie mit Ihrem Schattenkind im Kontakt. Wie denkt das Schattenkind über sich?“ „Ich bin schlecht, ich bin böse, keiner will mich haben“, entfährt es David spontan. „Wenn Sie jetzt noch einmal an Ihre Liebesbeziehung zu den zwei Frauen denken, was fühlt Ihr Schattenkind?“ „Es fühlt, dass es sowieso keiner Frau gerecht werden kann und verlassen wird“, antwortet er, während ihm die Tränen über die Wangen laufen. Nun frage ich ihn, ob ich einmal mit seinem Schattenkind sprechen dürfe, was er bejaht. Nachdem ich ihn kurz auf die folgende Intervention vorbereitet habe, richte ich diese Ansprache an sein Schattenkind: „Oh je, du armes Kind. Du hattest es wirklich schwer mit Mama und Papa. Papa hat immer nur gesoffen und war total aggressiv, so dass du wirklich Angst vor ihm hattest. Deine Eltern haben sich ständig gestritten, und Papa hat die Mama geschlagen. Du warst ganz allein und hattest furchtbare Angst. Als Papa dann endlich weg war, wurde es auch nicht besser. Mama war total überfordert, und du warst immer noch ganz einsam. Das alles hat dich furchtbar wütend gemacht und deine Wut hast du an deinen Geschwistern ausgelassen. Und weil das alles so schlimm war, denkst du heute noch: ‚Ich bin ein schlechter Junge und keiner will mich haben!‘ Aber bitte hör mir gut zu: Das war alles nicht deine Schuld. Papa hätte einen Entzug machen müssen und Mama eine Psychotherapie. Nun stell dir bitte einmal vor, du hättest ganz heile Eltern gehabt, die fast alles richtig gemacht hätten. Dann wüsstest du, dass deine Eltern unheimlich stolz sind, so einen tollen Jungen zu haben. Dass sie dich ganz arg lieb haben und kein anderes Kind der Welt gegen dich eintauschen würden. Du bist liebenswert und genügst vollkommen, so wie du bist.“ David weint und sagt, so lieb habe noch nie jemand mit ihm gesprochen. Und es stimme ja, seine Eltern hätten viele Fehler gemacht, und sein inneres Programm, sein Schattenkind sage eigentlich gar nichts über seinen tatsächlichen Wert aus, sondern lediglich darüber, wie schlimm es damals gewesen sei. In weiteren Sitzungen wird David lernen, seinem Schattenkind selbst ein guter „Papa“ zu sein, der es liebevoll lenkt. Und vor allem wird er lernen, sich nicht mehr mit seinen negativen Glaubenssätzen zu identifizieren, sondern sie klar zu erkennen als das, was sie sind: ein falsches Echo aus der Vergangenheit. PH 29

Gedanken auf Abwegen Gegen Schizophrenie und andere schwere Psychosen helfen nur Medikamente: Diese Lehrmeinung hält sich hartnäckig, obwohl sie längst widerlegt ist. Mit gezielten Psychotherapien können die verzerrte Wahrnehmung und sogar Wahnvorstellungen behandelt werden – eine Herausforderung für Patient und Therapeut VON WIBKE BERGEMANN ILLUSTR ATIONEN: PATRIC SANDRI C hristian Heberer ist oft misstrauisch. Neulich kam sein Brief, mit dem er sich für ein Seminar an der Hochschule anmelden wollte, einfach wieder zurück mit dem knappen Vermerk: Bitte Formblatt verwenden. Doch Heberer war verunsichert: Jemand wollte offensichtlich verhindern, dass er dieses bestimmte Seminar besucht, das ihm wichtig war. Ihm war klar: eine Verzögerungstaktik, bei der er nicht wusste, wer dahintersteckt. Auch Geheimdienste wie die CIA und der MI5 machen dem 46-Jährigen Angst. Gruppen, bei denen man nicht weiß, welches durchtriebene Spiel sie spielen. Christian Heberer fragt sich oft, ob nicht einer seiner Bekannten heimlich für einen Nachrichtendienst arbeitet und auf ihn angesetzt wurde – eine für ihn furchtbare Vorstellung. Andererseits hat Heberer Zweifel, ob es Geheimdienste überhaupt gibt. „Vielleicht“, so seine Überlegung, „werden manche Dinge nur erfunden, um den Menschen Angst zu machen.“ Christian Heberer ist ein intelligenter Mann, er ist nicht naiv, aber er leidet hin und wieder unter Verfolgungswahn. Wahn ist das häufigste Symptom einer psychotischen Störung. Manche Betroffene glauben, vom Geheimdienst abgehört und verfolgt zu werden. Menschen mit einem Liebeswahn erleben mitunter ein großes Beziehungsdrama, ohne dass der vermeintliche Liebespartner überhaupt etwas davon mitbekommt. Eine zufällige Geste oder ein kurzer Blick, sogar eine öffentliche Werbetafel kann PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 für sie zu einer geheimen Liebesbotschaft werden. Andere halten sich für das geheime uneheliche Kind einer berühmten Persönlichkeit oder sogar für Jesus – Größenwahn lautet dann die Diagnose. Familie und Freunde stehen dem hilflos gegenüber, denn alles gute Zureden, sämtliche Appelle an die Vernunft scheinen die Wahnidee nur zu verfestigen. Betroffene kommen auf geradezu wahnwitzige Ideen, um ihr Weltbild aufrechtzuerhalten. Nachdem Christian Heberer den besagten verdächtigen Brief erhalten hatte, machte er sich auf den Weg zum Immatrikulationsbüro der Hochschule und stellte die Leiterin zur Rede. „Die Frau hat mir gleich den Wind aus dem Segel genommen“, erzählt er. Sie verwies auf den hohen Verwaltungsaufwand bei tausenden sich einschreibender Studenten und darauf, dass bis zur Verlosung der Seminarplätze noch viel Zeit sei. „So einfach war das“, Heberer muss lachen. Aber er erinnert sich an andere Zeiten, als sein Verfolgungswahn schlimmer war. „Die große Paranoia. Wenn Sie da drinstecken, dann können Sie mit niemandem darüber sprechen. Dann können Sie gar nichts anderes denken. Dann müssen Sie einfach glauben, dass die Verwaltungsfrau Sie anlügt, dass alle Seminarplätze in Wirklichkeit bereits vergeben sind.“ Als Erklärung, wie eine Schizophrenie entsteht, hat sich das „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ durchgesetzt. Danach können Menschen, die genetisch oder epigenetisch bedingt besonders verletzlich sind, 31
Ja, es ist Paranoia. Andererseits: Es gibt Mobbing doch wirklich durch ein schweres Ereignis in ihrem Leben oder durch eine ständige hohe Belastung krank werden. Die Vorstellung: Die Informationsverarbeitung gerät an ihre Grenzen und „knallt durch“. Die Reize von außen können nicht mehr gefiltert werden, eigentlich unbedeutende Ereignisse scheinen plötzlich sehr wichtig, die Menschen erleben Halluzinationen und entwickeln Wahnvorstellungen. Wirklich erklären lassen sich die „verrückten“ Ideen dadurch aber nicht. Neuere Modelle der kognitiven Psychologie gehen noch von weiteren Faktoren für die Entstehung einer Psychose aus: gedankliche Verzerrungen, die zu Fehlinterpretationen führen. Denn psychotische Patienten neigen dazu, voreilige Schlussfolgerungen zu ziehen und die Schuld nur bei einer Sache oder einer Person zu sehen, obwohl ein Ereignis tatsächlich meist vielschichtige Gründe hat. Zudem haben sie häufig ein sehr negatives Bild von sich selbst. Entsprechend verzerrt und negativ interpretieren sie die Ereignisse in ihrem Leben. Wer eine akustische Halluzination erlebt, kann sie beispielsweise auf Stress zurückführen („Ich bin völlig überarbeitet, kein Wunder, dass mein Körper verrückt spielt“). Oder er kann jemand anderem dafür die Schuld geben („Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, jemand versucht mich zu manipulieren“). Den Wahn nachvollziehen An diesen gedanklichen Verzerrungen setzen neuere Therapien an. „Unter Psychiatern und Therapeuten herrschte lange das Vorurteil, dass sich der Wahn verstärken könnte, wenn man mit dem Patienten darüber spricht“, sagt die Psychologin Tania Lincoln von der Universität Hamburg. „Aber das Ansprechen von Wahn löst keine neuen psychotischen Episoden aus.“ Wichtig sei, dass der Therapeut sich ganz auf die Perspektive des Patienten einlasse: Was ist in seinem Leben passiert? Wann hat er das erste Mal die Wahnidee gehabt? „Wenn der Therapeut die Wahnüberzeugung dann nachvollziehen kann, stellt er fest, dass sie gar nicht so verrückt ist, wie sie zunächst schien, sondern durchaus logisch erklärbar“, sagt Lincoln. 32 Christian Heberer hat vor drei Jahren eine kognitive Verhaltenstherapie für Psychosen begonnen. Gemeinsam mit seiner Psychotherapeutin ist er in Gedanken noch einmal zwanzig Jahre zurückgegangen, um zu verstehen, was damals den ersten psychotischen Schub ausgelöst hat, welche Ereignisse zusammenkamen, die ihn überfordert haben. In jenem Sommer hatte Heberer gerade sein Studium hingeschmissen, noch immer keine Freundin und war viel zu viel allein. Ein Telefonat mit seinem Vater endete unglücklich und verstörte ihn. In seiner WG traf er Katharina, in die er sich sofort verliebte. Doch am nächsten Tag war sie schon wieder weg. Der junge Mann schlief tagelang nicht mehr, trank viel Wodka und geriet schließlich mit den Nachbarn aneinander, die ihn zur Polizei brachten. Heberer kam in die Psychiatrie. Die Diagnose lautete: schizoaffektive Störung – „schizo“ für die psychotischen Anteile seiner Erkrankung, „affektiv“ für die heftigen Gefühlsschwankungen zwischen depressiven und manischen Phasen. Wie oft er seither in der Psychiatrie war, hat Heberer vergessen. Aber „wie schrecklich es ist, mit einer akuten Psychose in der Klapse zu sitzen, das vergisst man nicht“, fügt er hinzu. Menschen mit einer paranoiden Schizophrenie sind häufig übermäßig stark mit ihren Wahnüberzeugungen beschäftigt und richten fast ihr gesamtes Verhalten danach aus. Doch viele Denkverzerrungen, die bei ihnen ins Krankhafte gesteigert sind, sind in harmloserer Form weit verbreitet. So halten wir alle gerne an unseren Überzeugungen fest. Wir nehmen stärker solche Informationen wahr, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen, als solche, die ihnen widersprechen. „Man liest ja auch lieber eine Zeitung, die der eigenen politischen Einstellung entspricht“, gibt Lincoln zu bedenken. Verfolgungsgedanken sind ebenfalls nicht so ungewöhnlich: „Im Experiment haben wir gesunde Menschen Baustellenlärm ausgesetzt. Der Stress löst auch bei ihnen paranoide Gedanken aus“, berichtet Lincoln. Sogar Halluzinationen haben viele Menschen schon einmal in der einen oder anderen Form erlebt. Diese normalisierende Sicht auf die Krankheit wird den Patienten nahegebracht: Sie sind nicht verrückt, sondern haben Ereignisse übertrieben interpretiert. Diese Perspektive macht es für sie leichter, die eigene Sichtweise infrage zu stellen. Wie viele Menschen, die an einer Psychose leiden, nimmt Christian Heberer seit vielen Jahren Medikamente. Ein Neuroleptikum gegen die psychotischen Symptome, ein anderes Mittel, um seine Emotionen zu regulieren. Jedes Mal, wenn er die PsychoPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Es könnte doch auch ganz harmlos sein: Sobald wahnhafte Gedanken auftauchen, sucht der Patient nach alternativen Erklärungen pharmaka abgesetzt hatte, landete er wieder in der Psychiatrie. Vor drei Jahren hat er sich entschlossen, zusätzlich eine kognitive Verhaltenstherapie zu machen. „Die Psychotherapie habe ich als Chance gesehen, hier ging es zum ersten Mal um etwas Wichtiges, hier ging es wirklich um mich.“ Nie zuvor hatte er jemandem etwas von seinen Wahnideen erzählt. „Allein schon über meine Paranoia zu sprechen hat wirklich geholfen.“ Die Dinge mal anders deuten Tatsächlich geht es in der kognitiven Verhaltenstherapie für Psychosen darum, die Wahninhalte nicht nur zu thematisieren, sondern auch vorsichtig infrage zu stellen. Therapeuten bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Akzeptanz und Zweifel: „Es geht darum, die Wahninhalte weder zu bestätigen noch abzulehnen“, erklärt die Psychologin Lincoln. Entsprechend vorsichtig müsse man formulieren. Etwa „Ich kann verstehen, dass Sie gestresst sind, wenn Sie denken, dass Sie verfolgt werden“ statt einem bestätigenden: „Es ist eine große Belastung für Sie, dass sie verfolgt werden.“ PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Christian Heberer sagt, dass er schon vor der Therapie oft Zweifel an seinen paranoiden Bewertungen hatte. Doch zugleich schämte er sich, darüber zu sprechen. Und vielleicht wollte er auch an seinem Wahn festhalten: „Wenn ich jemandem davon erzählt hätte und es hätte sich herausgestellt, dass das alles nur in meinem Kopf ist, dann wäre ja die Blase geplatzt.“ Seine Therapeutin ließ ihn eine Tabelle erstellen, um auf diese Weise an den wahnhaften Überzeugungen zu rütteln: Was würde geschehen, wenn er an seinen Wahnvorstellungen festhält? Was, wenn er sie aufgibt? Was also, wenn Heberer nicht mehr annehmen würde, die Geheimdienste hätten es auf ihn abgesehen? Vielleicht wäre er in Gefahr, weil er nicht mehr aufpassen würde. Andererseits hätte er weniger Angst und könnte freier leben. Für beide Optionen notierte er alle Vorteile und alle Nachteile. Die Botschaft dabei: Es ist nicht wichtig, ob er wirklich verfolgt wird oder es sich nur einbildet. Wichtig ist, herauszufinden, was ihn belastet. „Meine Therapeutin hat versucht, mir zu vermitteln, dass verschiedene Interpretationen einer Situation möglich sind. Und dass ich in der Regel die paranoide Variante wähle.“ Mit der Zeit lernte Heberer, immer dann, wenn wahnhafte Gedanken aufkamen, nach alternativen Erklärungen zu suchen, statt den spontanen paranoiden Gedanken nachzugeben. In einem nächsten Schritt ging es darum, welchen Einfluss seine Gedanken auch auf seine Gefühle haben. „Wenn ich an schöne Sachen denke, habe ich auch ein gutes Gefühl. Das war eine wichtige Erkenntnis. Denn auf diese Weise kann ich meine Gefühle steuern.“ Heberer lernte, sich selbst zu beobachten und sich bewusstzumachen: Welche Gedanken löst ein Ereignis in ihm aus? Und wie fühlt er sich dabei? „Ich habe viel über Gefühle gelernt. Wie viele verschiedene Gefühle es überhaupt gibt, das war mir neu.“ Das Therapieziel dabei: katastrophisierende Gedanken zu überwinden, um besser mit schwierigen, belastenden Situationen umzugehen. Auch nach vielen Therapiestunden hat Heberer bis heute seine Verfolgungsideen nicht ganz aufgegeben: „Ja, es ist Paranoiakram, aber andererseits gibt es Mobbing doch wirklich“, gibt Heberer zu bedenken. Seine eigenen, längst vergessenen Erfahrungen mit Mobbing sind während der Therapie wieder hochgekommen. Als Jugendlicher war er beim Fußball der Kleinste und der Jüngste. „Ich war der Fußabtreter 33
Auf dem Bild sind zwei Striche. Was könnte hier dargestellt sein? Ein Gesicht? Ein Elefant? der ganzen Mannschaft.“ Weiter ging es bei der Bundeswehr, bei den Panzergrenadieren. Irgendwie hat Heberer damals dichtgemacht. „Man kapselt sich ein und kriegt nicht mehr richtig mit, was draußen passiert.“ Eine Schutzfunktion, die er nicht mehr abstellen konnte. „Ich bin nicht so wach wie andere Leute, das ist ein Problem. Ich übersehe ganz viele Dinge.“ Mit C.G. Jung fing es an Psychosen spielten in der Psychotherapie schon immer eine besondere Rolle. Einer der Ersten, die versuchten, psychotische Patienten zu behandeln, war C. G. Jung. Der Schweizer Psychiater interessierte sich für das Symbolhafte im psychotischen Erleben und die große Ähnlichkeit zum Traum. Freud hingegen ging davon aus, dass Psychosen unheilbar seien. Doch von dieser Vorstellung rückten ab den 1940er Jahren gerade in den USA viele Psychoanalytiker ab. Sie versuchten stattdessen, die Absichten und Ziele der Kranken nachzuvollziehen. Unter den Pionieren waren etwa Harry Stack Sullivan oder Frieda Fromm-Reichmann, deren einfühlsame Behandlungsmethode in dem Buch Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen von Joanne Greenberg beschrieben wird, einer ehemaligen Patientin von Fromm-Reichmann. In Großbritannien legte Melanie Klein 1956 neue Grundlagen für die psychoanalytische Behandlung von Psychosen vor, die sie als eine Regression auf ein kindliches Niveau betrachtete. In Deutschland entwickelte unter anderem der Frankfurter Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos das psychodynamische Krankheitskonzept weiter. Studien fanden in diesem Bereich jedoch kaum statt, die Wirksamkeit psychodynamischer Psychosetherapien wurde nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Mit der Entdeckung der Neuroleptika Ende der 1950er Jahre schien plötzlich eine Methode gefunden worden zu sein, die eine schnelle und effektive Hilfe bei akuten Psychosen versprach. Die Forschung verlagerte sich auf die Pharmakologie, Psychosen gerie34 ten aus dem Blickfeld der Psychotherapie. Inzwischen sind Neuroleptika zur Standardbehandlung geworden, doch auch ihre vielen Nachteile wurden offenkundig. Dazu gehören die teilweise erheblichen Nebenwirkungen. Viele Patienten sind nicht bereit, ihr Leben lang Tabletten zu nehmen. In der großangelegten CATIE-Studie in den USA beendeten mindestens zwei Drittel der Patienten vorzeitig die auf 18 Monate angelegte Behandlung mit Psychopharmaka. Und das vorzeitige Absetzen der Neuroleptika führt oft zu Rückfällen. Mitte der 1990er Jahre wurden daher Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie speziell für Psychosen entwickelt – zunächst vor allem in Großbritannien, inzwischen auch in Deutschland. Eine Methode ist das metakognitive Training, das am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf entstanden ist. Dabei wird in Gruppen das „Denken über das eigene Denken“ geübt. Patienten bekommen spielerische Aufgaben am Computer gestellt, die eher an ein Quiz erinnern. Auf einem Bild sehen sie zwei Striche, dazu die Frage: „Was könnte hier dargestellt sein? Ein Gesicht, ein Schaukelstuhl, ein Elefant?“ Mit jedem darauffolgenden Bild kommen weitere Striche dazu, und der Gegenstand nimmt langsam Form an. Erste Interpretationen müssen korrigiert werden. „Doch die Patienten halten häufig trotz gegenteiliger Erkenntnisse an ihrer ersten Überzeugung fest“, sagt der Tübinger Psychologe Klaus Hesse. Mit den Aufgaben trainieren sie, flexibler in ihrer Bewertung zu werden. Klarer denken – besser fühlen An der Universitätsklinik Tübingen wird das metakognitive Gruppentraining durch acht Einzelstunden und Sitzungen mit Familienangehörigen ergänzt. Neben der kognitiven müsse auch die emotionale Verarbeitung in den Blick genommen werden, ebenso der Selbstwert, meint Hesse: „Es hilft nichts, jemanden von seinem Wahn abzubringen, wenn wir ihm nicht helfen, sich positiv zu fühlen und ein positives Selbstbild aufzubauen. Wir müssen ein alternatives Leben aufzeigen, jenseits der Krankheit.“ In Hamburg setzt Tania Lincoln deswegen in ihrer psychotherapeutischen Hochschulambulanz von vornherein auf die individualisierte kognitive Verhaltenstherapie als Einzeltherapie, die die Lebensgeschichte des Patienten miteinbezieht und auf die ganz persönlichen Wahnüberzeugungen eingeht. Seit 2015 können auch die niedergelassenen Psychotherapeuten uneingeschränkt eine Therapie bei Psychosen über die Krankenkasse abrechnen. DenPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
noch bleibt sie weiterhin die Ausnahme. „Bei einem fairen Mix der verschiedenen Erkrankungen müssten eigentlich neun Prozent der Patienten bei den niedergelassenen Therapeuten Menschen mit einer Psychose sein“, rechnet Lincoln vor. „Tatsächlich ist aber nur ein Drittel davon in Behandlung.“ Gründe gibt es viele. Oft leiden die Betroffenen an großer Antriebsschwäche und scheitern bereits bei dem Versuch, einen freien Therapieplatz zu finden. Vor allem aber trauen sich Psychotherapeuten häufig nicht an diese schwierigen Patienten heran. Doch Tania Lincoln ist optimistisch: „Die jungen Therapeuten, die Psychotherapie bei Psychosen in der Ausbildung lernen, setzen das mehr und mehr auch in der Praxis ein.“ Auch Klaus Hesse sieht Fortschritte: „Viele Patienten haben bereits stationär gute Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht und wollen das anschließend fortsetzen.“ Dass Psychotherapie bei Psychosen helfen kann, gilt inzwischen in der Forschung als nachgewiesen. Zuletzt erschien im Oktober 2018 eine systematische Übersichtsarbeit von der Münchner Psychologin Irene Bighelli und Kollegen, in der 53 Einzelstudien ausgewertet wurden. Dabei zeigte sich, dass kognitive Verhaltenstherapie im Vergleich zu einer psychiatrischen Standardbehandlung mit Medikamenten signifikant Symptome wie Wahn und Halluzinationen reduzieren kann. Auch die Lebensqualität der Patienten und ihre Alltagsbewältigung verbessern sich. Das britische National Institute for Health and Care Excellence stellte 2009 in einer Metastudie fest, dass diese Wirkung anhält. Die allgemeine Symptomatik blieb auch ein Jahr nach der Behandlung verbessert. Tania Lincoln ist in verschiedenen Studien zu dem Ergebnis gekommen, dass sich vor allem Symptome wie Wahn, Halluzinationen und Denkstörungen verbesserten. Bei den sogenannten Negativsymptomen wie Antriebslosigkeit, sozialem Desinteresse oder Gefühlsleere zeigte die kognitive Verhaltenstherapie keine so eindeutige Wirkung. Christian Heberer jedenfalls hat die Therapie geholfen. Sein Leben hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Die paranoiden Gedanken sind zwar nicht verschwunden, aber er hat gelernt, besser mit ihnen umzugehen. Inzwischen hat er auch wieder einen Job. Im Grunde, meint Heberer, sei doch jeder auf der Suche nach seiner Rolle. „Ich habe meine gefunden. Es ist keine Hauptrolle. Aber eine, die zu mir PH passt.“ Christian Heberer ist keine Kunstfigur, doch er heißt in Wirklichkeit anders. Auch die Angaben zu seiner Person wurden verfremdet. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Jetzt im Handel www.spiegel-wissen.de Lesen Sie in diesem Heft: Regulierungswut Wie der Staat die Baukosten in die Höhe treibt Einrichten Warum man auf Sofas nicht mehr sitzen kann Endlich zu Hause In diesen Städten wartet das Glück 35
Was ich mag – und was ich kann Auf der Suche nach ihrem Berufsweg erhalten Jugendliche immer wieder den gutgemeinten Rat: Mach am besten das, was dich am meisten interessiert! Aber ist das eine weise Empfehlung? VON JOCHEN METZGER
ILLUSTR ATIONEN: MICHAEL SZYSZK A I n den 1970er Jahren gab es diese Zeichentrickserie. Darin träumte ein kleiner Drache namens Grisu davon, später einmal Feuerwehrmann zu werden. Dies missfiel seinem Vater. Verständlich: Drachen speien Feuer. Sie löschen es nicht. Die Serie passte hervorragend zum Zeitgeist. „Folge deinem Herzen – mögen deine Wünsche noch so absurd erscheinen“, lautete die Botschaft. Daran hat sich im Kern bis heute nichts geändert: Wir halten Leidenschaft und Interesse immer noch für den besten Kompass unseres beruflichen Lebens. Man soll tun, was einem Spaß macht. Einige Generationen davor war das noch anders. Der Sohn des Schuhmachers wurde Schuhmacher. Der Sohn des Müllers übernahm die Mühle. Tradition entschied über die Berufswahl. Ganz am Anfang, so schreibt der griechische Philosoph Platon in seinem Hauptwerk Der Staat, hätten sich die Berufe jedoch durch einen anderen Faktor herausgebildet. Die Menschen seien „von Natur verschieden (und) jeder zu einem andern Geschäft geeignet“. Die Spezialisierung auf einzelne Berufe habe sich weder durch Brauchtum noch durch Interesse herausgebildet – sondern durch angeborenes Talent, durch besondere Begabungen. Der Mann mit dem besten Händchen für Holz wurde Zimmermann. Sein Nachbar mit dem grünen Daumen machte in Landwirtschaft. Diese Arbeitsteilung, schreibt Platon, sei am Ende allen Bewohnern des fiktiven ersten Stadtstaats zugutegekommen. Doch wie verhält es sich heute? Ist es sinnvoll, seine Kinder einfach machen zu lassen? Sollten allein ihre Interessen entscheiden? Oder spielt ihre Begabung eine wichtigere Rolle? Der österreichische Psychologe Aljoscha Neubauer von der Universität Graz hat kürzlich ein Buch mit dem sprechenden Titel Mach, was du kannst geschriePSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 ben. Es geht darum, wie Begabung und beruf licher Erfolg zusammenhängen. Wenn es um Talent geht, so liest man dort, bestätigt die moderne Psychologie die mehr als 2000 Jahre alten Vermutungen Platons: Talent wird zum erheblichen Teil durch unsere Gene bestimmt. Dazu gesellen sich noch Erfahrungen im Mutterleib und in der frühen Kindheit. Danach kommt es in Sachen Begabung nur noch zu kleinen Änderungen. „Und spätestens mit 20 verändert sich da so gut wie gar nichts mehr“, sagt Aljoscha Neubauer im Gespräch mit Psychologie Heute. Was bedeutet Erfolg? Das heißt: Unsere Begabungen gehören zu uns wie unsere Schuh- oder Körpergröße. Früher beschränkten sich Psychologen darauf, Begabung per IQ-Test als „generelle Intelligenz“ zu messen. Heute geht man etwas differenzierter vor. So hat Aljoscha Neubauer aus jüngerer Forschung sogar zehn verschiedene Begabungen herausgelesen (siehe Kasten Seite 39). Werden Menschen erfolgreicher, wenn sie einen Beruf wählen, für den sie begabt sind? Dazu muss man zunächst klären, was man eigentlich unter Erfolg versteht. Psychologen unterscheiden hierbei zweierlei. Zum einen objektive Kriterien – wie viel Geld man verdient, wie schnell man durch Beförderungen und Jobwechsel in der Hierarchie aufgestiegen ist oder für wie viele Mitarbeiter man die Verantwortung trägt. Zum anderen gibt es aber noch ein eher subjektives Erfolgskriterium, nämlich wie zufrieden man mit seiner Arbeit ist. Was die objektiven Kriterien angeht, ist das Ergebnis eindeutig: Wer begabter ist, hat später auch mehr Erfolg. „Wir finden da einen ausgesprochen starken Zusammenhang. Der Faktor Begabung wird meiner Meinung nach derzeit unterschätzt“, sagt Neubauer. Doch wie steht es mit unserer Zufriedenheit? Sind wir auch glücklich in den Jobs, in denen wir Erfolg haben? Studien haben gezeigt, dass es in der Tat einen statistischen Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg und beruflicher Zufriedenheit gibt. Eigentlich logisch: Wer permanent gepriesen und befördert wird, macht seinen Job tendenziell lieber als jemand, der immer nur Niederlagen einsteckt. Andererseits ist der statistische Zusammenhang zwischen Glück und Erfolg nicht allzu groß: Offenbar kann man seinen Job also auch dann lieben, wenn man nicht der Beste in seiner Abteilung ist. Gleichwohl ist Aljoscha Neubauer der Ansicht, dass man in seiner Studien- und Berufswahl zuerst seinen Begabungen folgen sollte. Und zwar aus ganz pragmatischen Gründen: „Eine gewisse Begabung führt dazu, dass man dasselbe müheloser und schneller lernt als andere.“ Man muss sich also weniger abrackern, um beruflich etwas zu erreichen. Und das dürfte – Stichwort „Work-Life-Balance“ – für viele ausgesprochen attraktiv klingen. Hauptsache spannend? Die Mehrzahl der jungen Leute – und ihrer Eltern – ist jedoch anderer Meinung. Wie Grisu, der kleine Drache, halten sie das eigene Interesse für den wichtigsten Faktor bei der Berufswahl. Wer der Stimme seines Herzens folge, werde sich mehr Mühe geben, motivierter bei der Sache sein – und am Ende nicht nur bessere Ergebnisse erzielen, sondern auch glücklicher in seinem Beruf sein. So lautet die 37
gängige Meinung. Aber stimmt das überhaupt? Berufliches Interesse misst man in der Psychologie seit den 1970er Jahren nach dem sogenannten RIASEC-Modell. Damals behauptete der US-Psychologe John Holland, die Summe aller menschlichen Interessen lasse sich in sechs große Kategorien einteilen (Kasten Seite 40), und sie seien sozusagen Teil der eigenen Persönlichkeit. Hollands Modell ist nicht ganz unumstritten. Einige seiner Behauptungen konnten empirisch nie belegt werden. Gleichwohl erfreut sich das RIASEC-Modell in der Forschung nach wie vor größter Beliebtheit. Probanden beantworten eine Reihe von Fragen. Aus den Antworten ermittelt man die drei dominierenden Interessenfelder – die dann bestimmten Berufsbildern zugeordnet werden. Mein Traum wäre, zu malen statt zu kochen. Aber habe ich auch Talent dazu? Der Drache als Feuerwehrmann „Und in der Tat gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen objektivem beruflichem Erfolg und beruflichem Interesse“, gesteht Aljoscha Neubauer. „Der Zusammenhang ist allerdings deutlich schwächer als bei der Begabung.“ Mit anderen Worten: Mag sein, dass Drache Grisu aufgrund seiner hohen Motivation später ein tüchtiger Feuerwehrmann wird – so richtig spitze wird er aber vermutlich nicht, weil ihm das Talent dazu fehlt. In einer anderen Kategorie ist der Faktor Interesse allerdings stärker als der Faktor Begabung: Wer seinem Interesse folgt, hat gute Chancen, später in seinem Job glücklich zu sein. Arbeitszufriedenheit wird durch unser Interesse stärker beeinflusst als durch unsere Begabungen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – dieser Satz gilt definitiv auch für Arbeitswelt und Berufswahl. Doch warum redet man über Talent und Interesse überhaupt als ein Entwederoder? Schließlich gehen wir im Alltag davon aus, dass die meisten Menschen gerne tun, was ihnen liegt – und dass ihnen liegt, was sie gerne tun, dass Begabung und Interesse also Hand in Hand gehen. Diese Vermutung ist derart naheliegend, dass selbst die wissenschaftliche Psycho38 logie sie lange Zeit kaum infrage gestellt hat. Kürzlich hat jedoch eine Metaanalyse die Persönlichkeitsdaten von mehr als 55 000 Menschen ausgewertet. Die Analyse ergab, dass zwischen beruflichem Interesse und Begabung – je nach Berufsfeld – nur ein schwacher bis mittelmäßiger Zusammenhang besteht. Mit anderen Worten: Ja, manchmal ziehen uns Berufe an, für die wir auch talentiert sind. Aber in ganz vielen Fällen ist genau das eben nicht der Fall. Wie kann man dieses überraschende Ergebnis psychologisch erklären? Womöglich mit den Arbeiten des Freud-Schülers Alfred Adler. Dieser ging davon aus, dass wir alle schon früh in unserem Leben eine Erfahrung der Minderwertigkeit machen. Das Kleinkind empfindet sich als unfertiges Wesen, das noch kein richtiger Mensch ist, sondern erst noch einer werden muss. Kompensation wird uns so zum stärksten Antrieb überhaupt: Wir tun alles dafür, um unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten auszugleichen. Könnte es sein, dass wir es dabei übertreiben – und uns besonders dort Mühe geben, wo es Mutter Natur am wenigsten gut mit uns gemeint hat? Die heutige empirisch orientierte Psychologie tendiert jedoch zu anderen Antworten. Vielleicht fehlt uns ja schlichtweg das Wissen um unsere Begabungen – vielleicht sind wir blind für das, was wir gut PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
können? Diese These hat die US-Psychologin Simine Vazire vor einigen Jahren untersucht. Sie bat 167 Versuchspersonen um eine Reihe von Selbsteinschätzungen, ließ dieselben Eigenschaften zusätzlich von Außenstehenden beurteilen – und die Probanden anschließend eine Reihe objektiver Tests durchlaufen. Ergebnis: Besonders bei der Einschätzung intellektueller Fähigkeiten waren Außenstehende präziser als die Versuchspersonen selbst. Unser Talent liegt sozusagen in einem blinden Fleck, zu dem wir kaum einen direkten Zugang haben. Die US-Forscher Ethan Zell und Zlatan Krizan haben diese Erkenntnis in einer großen Analyse mehrerer Metastudien bestätigt: „Zusammengefasst zeigen unsere Ergebnisse, dass die Menschen nur in beschränktem Maße dazu in der Lage sind, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen.“ Das hat enorme Folgen für die Frage, wie man überhaupt herausfindet, welche Talente in einem schlummern. Lange Zeit verwendete man dafür Selbsttests – nach dem Motto: „Wie gut sind Sie darin, mathematische Formeln zu verstehen?“ Wenn man der aktuellen Forschung folgt, dann liefern solche Tests nur sehr ungenaue Ergebnisse. Deutlich besser – etwa für eine Ermittlung sprachlicher, logisch-mathematischer und räumlicher Begabung – funktionieren klassische Intelligenztests. „Ich glaube daher“, sagt Aljoscha Neubauer, „dass eine fundierte Berufsberatung nur von akademisch ausgebildeten Psychologen gemacht werden kann, die gelernt haben, solche Tests auszuwerten.“ Alpinistische Pioniertaten Doch leider findet nicht jeder einen geeigneten Berufsberater in seiner Nähe. Und manchmal kommt man mit einem Testergebnis vom Arbeitsamt zurück und hat das Gefühl: Das hier hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Neubauer empfiehlt in solchen Situationen zwei Alltagstricks, mit denen man dennoch herausfinden kann, wo die eigenen Stärken liegen. Den einen hat er von David Dunning geborgt, einem Sozialpsychologen von der PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 University of Michigan. Dunning hat in seinen Studien wiederholt gezeigt, dass wir unsere Fähigkeiten oft dramatisch besser beurteilen, als sie tatsächlich sind. Wir haben uns gerade ein Paar neue Wanderstiefel gekauft – schon glauben wir, bestens für eine Besteigung des Mount Everest gerüstet zu sein. Dieser Effekt mildert sich jedoch deutlich ab, sobald man die Selbsteinschätzung ein wenig anders formuliert. Statt zu fragen: „Wie groß ist mein Talent als Bergsteiger?“, sollte man fragen: „Welche Leistungen würden andere Menschen von mir im Himalaya erwarten?“ Oder: „Welche alpinistischen Pioniertaten würde ich von einem anderen Menschen erwarten, der in diesen Dingen bisher genauso viel geleistet hat wie ich?“ Derlei Fragetechniken ermutigen uns dazu, eine Art Außenblick auf uns selbst einzunehmen und dadurch zu realistischeren Ergebnissen zu gelangen. Noch kraftvoller ist der zweite Trick, den Neubauer seinen jungen Lesern empfiehlt: Sie sollten mit erhöhter Aufmerksamkeit nach Situationen Ausschau halten, in denen sie so etwas wie einen „Flow“ erleben. Der Begriff stammt von dem Psychologen Mihály Csíkszentmihályi. Er versteht darunter einen Zustand, in dem man ganz in einer Tätigkeit aufgeht, sich durch nichts ablenken lässt, völlig die Zeit vergisst, komplett von innen heraus motiviert ist und keine Angst vor dem Scheitern verspürt. Nach Csíkszentmihályis Beobachtung ereignen sich derlei FlowMomente nur, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Die Aufgabe muss schwieriger sein als das, was man üblicherweise zu bewältigen hat, man muss sozusagen seine Komfortzone verlassen. Zum anderen muss man aber auch ein hohes Maß an Kompetenz mitbringen: Erfahrung, Können, Begabung. Wenn man über die Suche nach dem richtigen Beruf redet, ist Flow zweierlei. Zum einen ist er ein Indikator dafür, dass man in einem Bereich schon etwas kann oder zumindest über ein gewisses Talent verfügt. Zum anderen ist Flow aber auch ein Versprechen: „Mach das, was du gut kannst. Und du wirst diesen köstlichen, DIE ZEHN BEGABUNGEN Psychologe Aljoscha Neubauer von der Universität Graz hat die einschlägigen Studien ausgewertet und zehn Faktoren von Begabung identifiziert: 1. Sprachliche Intelligenz Kann gut mit Sprache; lernt Fremdsprachen leicht 2. Logisch-mathematische Intelligenz Kann gut mit Zahlen; kann Probleme logisch analysieren 3. Räumliche Intelligenz Hat ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen 4. Intrapersonale Begabung Hat einen guten Umgang mit eigenen Gefühlen 5. Interpersonale Begabung Kann die Absichten, Motive und Wünsche anderer gut verstehen 6. Kinästhetische Begabung Ist geschickt, hat eine gute Körperbeherrschung 7. Musikalische Begabung Kann gut komponieren, Instrumente lernen, hat ein gutes Gehör 8. Naturbezogene Begabung Hat ein gutes Gespür für die Natur (z.B. für Pflanzen/Tiere) 9. Kreativität Kann mit Leichtigkeit neue und originelle Ideen entwickeln 10. Ästhetische Begabung Hat ein gutes Auge/Gespür für Farben und Formen Quelle: Aljoscha Neubauer: Mach, was du kannst. DVA, München 2018 39
selbst vergessenen Zustand der Begeisterung häufiger erleben als andere.“ Dunnings Fragetechnik und Csíkszentmihályis Flow könnten uns davor retten, in eine naive „Folge deinem Herzen“Falle zu tappen. Sie konzentrieren sich mehr aufs Talent und weniger aufs Interesse. Letzteres wird uns – anders als unsere Begabungen – offenbar nicht in die Wiege gelegt. Langzeituntersuchungen zeigen, dass sich unsere Vorlieben oft erst im Teenageralter herausbilden, um irgendwann zwischen 25 und 30 relativ stabil zu werden. Zumindest bei den meisten. In den Publikationen der Interessensforscher stößt man immer wieder auf die Randbemerkung, dass sich „bei einigen Personen die Interessen dramatisch verändern“. Und zwar bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Für manche Menschen ist Interesse also auf lange Sicht kein verlässlicher Ratgeber. BERUFLICHES INTERESSE – DIE SECHS KATEGORIEN 1. Realistische Orientierung (zum Beispiel Handwerker, Landwirt) 2. Intellektuelle Orientierung (zum Beispiel Ingenieur, Naturwissenschaftler, Mediziner) 3. Künstlerische Orientierung (interessiert sich für kreative Berufe) 4. Soziale Orientierung (zum Beispiel Lehrer, Sozialarbeiter, Therapeut) 5. Unternehmerische Orientierung (zum Beispiel Geschichten aus der Arbeitswelt Manager, Geschäftsführer) Natürlich sind Talent und Interesse nicht die einzigen Faktoren, die über eine gelungene Karriere entscheiden. Die Persönlichkeit spielt eine Rolle. Die Frage, wie hartnäckig und fleißig wir daran arbeiten, uns weiterzuentwickeln. Und natürlich: der Zufall. Niemand weiß das besser als der Psychologe John Krumboltz von der Stanford University. Über viele Jahrzehnte hat er – meist vor Berufsberatern – seine Vorträge gehalten, die fast immer mit derselben Frage begannen: „Wer von Ihnen wollte schon mit 18 Berufsberater werden?“ So gut wie nie, so erzählt er, habe sich darauf jemand gemeldet. Will heißen: Was nützt alles Wissen über Interesse und Talent, wenn man von den allermeisten Berufen überhaupt keine Ahnung hat? Es ist, als müsste man angeben, wie gut einem Mango-Eis schmeckt, wenn man noch nie welches gekostet hat. Die meisten gelungenen Karrieren, so lautet das Credo von Krumboltz, werden durch glückliche Zufälle gebahnt, durch ungeplante Begegnungen – durch pures Glück. Seine Kollegen Bill Burnett und Dave Evans haben diesen Ansatz noch eine 6. Traditionelle Orientierung 40 (zum Beispiel Buchhalter, Bankangestellter) Stufe weitergetrieben. Beide haben Karriere als Designer gemacht. An der Stanford University veranstalten die beiden seit einigen Jahren eine Art Berufsvorbereitungsseminar, das sich zu einem der beliebtesten Kurse an der gesamten Hochschule entwickelt hat. Ihr Trick: Sie bringen ihren Studenten bei, die Prinzipien guten Designs auf die eigene Karriere und das eigene Leben anzuwenden. Das Herzstück ihres Kurses: Die Studenten sollen lernen, Prototypen ihrer eigenen Zukunft zu bauen. Möglichst billig sollen diese Modelle werden, möglichst schnell fertig sein – ein Scheitern darf nicht zu viel kosten. Statt sich also aufs Geratewohl für irgendeinen Studiengang einzuschreiben, eine Lehre anzufangen oder ein viermonatiges Praktikum, beginnen die Studenten in dem Kurs eine Nummer kleiner: Sie führen Interviews. Sobald ihnen ein Erwachsener begegnet, dessen Job interessant klingt, laden sie ihn auf eine Tasse Kaffee ein und fangen an, ihn mit Fragen zu löchern. „Ein Life-Design-Interview ist unglaublich einfach. Es bedeutet lediglich, dass Sie sich jemandes Geschichte erzählen lassen“, schreiben Burnett und Evans. Klingt die Erzählung des anderen spannend? Ist die eigene Neugier geweckt? Wenn ja, nimmt man die nächste Stufe: Man fragt, ob man einen Tag oder eine Woche lang mitlaufen darf, in einem weiteren Schritt bittet man um ein längeres Praktikum. Man sammelt erste Erfahrungen: Interessiert mich das wirklich? Kann ich das überhaupt? Ob man den als Prototyp angefangenen Weg weitergehen soll oder nicht, darüber, so Burnett und Evans, entscheidet am Ende kein komplizierter Fragebogen, sondern am besten „das gute alte Bauchgefühl“. Sowohl John Krumboltz als auch seine Kollegen Evans und Burnett sind überzeugt: Durch derlei Interviews wird man nicht nur eine Menge über die noch unbekannte Berufswelt erfahren und zum ersten Mal ein wirkliches Gefühl dafür bekommen, worauf man sich eigentlich einlässt. Man wird auch viele wichtige Kontakte knüpfen. Die Erwachsenen, die man während seiner Interviews getroffen hat, haben alle irgendwann einen Job zu PH vergeben. LITERATUR Aljoscha Neubauer: Mach, was du kannst. Warum wir unseren Begabungen folgen sollten – und nicht nur unseren Interessen. DVA, München 2018 Bill Burnett, Dave Evans: Mach, was du willst. Design Thinking fürs Leben. Econ, Berlin 2016 Katja Pässler, Andrea Beinicke, Benedikt Hell: Interests and intelligence: A meta-analysis. Intelligence, 50, 2015, 30–51 Ethan Zell, Zlatan Krizan: Do people have insight into their abilities? A metasynthesis. Perspectives on Psychological Science, 9/2, 2014, 111–125 John Krumboltz, Al Levin: Luck is no accident. Making the most of happenstance in your life and career. Impact Publishers, Oakland 2011 Simine Vazire: Who knows what about a person? The self-other knowledge asymmetry (SOKA) model. Journal of Personality and Social Psychology, 98/2, 2010, 281–300 Jane Swanson: Stability and change in vocational interests. In: M.L. Savickas, A.R. Spokane (Hg.): Vocational interests: Meaning, measurement, and counseling use. Davies-Black Publishing, Mountain View 1999, S. 135–158 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
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PSYCHOLOGIE NACH ZAHLEN „NA, WENN DU MEINST!“ 5 ERKENNTNISSE ÜBER PASSIV-AGGRESSIVES VERHALTEN – UND WIE MAN IHM BEGEGNEN KANN VON SILKE PFERSDORF E s war ein Militärpsychiater im Zweiten Weltkrieg, der den Begriff vom passiv-aggressiven Verhalten erfand: Colonel Menninger beobachtete, dass sich einige Soldaten gegen die rigide Bevormundung wehrten, indem sie vorgaben, Befehle nicht zu verstehen oder vergessen zu haben, sarkastische Bemerkungen fallenließen, Vorgesetzte hinter ihrem Rücken schlechtmachten, sich ständig ungerecht behandelt fühlten. Menninger sah darin eine Reaktion der Unreife, die er passiv-aggressives Verhalten nannte. Die psychologische Forschung war sich nie ganz einig, ob sie das Phänomen unter die Persönlichkeitsstörungen zählen sollte. Die American Psychiatric Association hat es denn auch aus ihrem aktuellen Klassifizierungskatalog DSM-5 gestrichen, im ICD-System der Weltge42 sundheitsorganisation wird es immerhin noch unter „sonstige spezifische Störungen“ geführt. 1 TAKTIKEN Der amerikanische Betriebswissenschaftler Preston Ni nennt in seinem Buch How to Successfully Handle PassiveAggressive People typisch passiv-aggressive Taktiken wie: Pseudohumor: ein verletzender Satz wie ein Messer, anschließend ein Grinsen und der Kommentar: „Nur Spaß!“ Sich dumm stellen: „Ach, hatten wir das wirklich besprochen?“ Verabredungen als Missverständnisse darstellen; Versprechungen aufschieben; alles verhindern, was notwendig wäre, damit der andere einen Erfolg hat, sich freut oder zufrieden ist. Klatsch, Gerüchte verbreiten. Schweigen, um andere zu bestrafen oder ihnen ein Gefühl von Unsicherheit zu vermitteln. Die Schuld auf den anderen schieben – weil der ihn nicht mehr an einen Termin erinnert habe, weil er Dinge anders dargestellt habe … 2 GESCHLECHTER Passiv-aggressive Klassiker in Beziehungen sind Sätze wie „Natürlich, wie du willst“ – in Situationen, in denen eigentlich klar ist, dass der Sprecher etwas anderes möchte. Oder auf die Frage, ob der andere sauer sei: „Nein, es ist nichts.“ Oder auch: „Ich denke nur nach.“ Im passiv-aggressiven Modus werden häufig widersprüchliche Signale eingesetzt: „Jetzt hast du die Ausfahrt wohl doch PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
verpasst, Liebling!“ Die Verweigerung offener Kommunikation über ein Ärgernis wird mit einem Kosewort garniert. Der Psychiater Scott Wetzler vom New Yorker Albert Einstein College of Medicine hat beobachtet, dass Frauen und Männer unterschiedliche passiv-aggressive Verhaltensweisen in Beziehungen zeigen: „Männer sind passiv-aggressiv auf eine besonders destruktive, plumpe Art, mit der sie Liebes- und Arbeitsverhältnisse durcheinanderbringen oder zerstören“, schreibt er in seinem Buch Warum Männer mauern. So agierende Männer hielten sich nicht an Versprechen und Abmachungen, schöben die Schuld gerne auf ihre Partnerin und beklagten sich sogar, wenn diese sie mit ihrem Verhalten konfrontiere. Anders als bei Frauen entlade sich der aufgestaute Frust bei Männern oft in einem Wutanfall, bevor sie wieder in das passive Verhalten mit Taktiken wie Stille und Schweigen wechselten. Die Folge: ein ständiges Klima von Unsicherheit. 3 URSPRÜNGE Menschen, die sich häufig passivaggressiv verhalten, stammen oft aus liebenden, aber sehr fordernden Familien, so die Neuropsychiaterin Lorna Benjamin von der University of Utah. Häufig sind es Erstgeborene, denen schon früh viel Verantwortung übertragen wurde. Das Gefühl, das sie ihren Erziehungsberechtigten gegenüber empfanden, wird dann später auf Autoritäten und Vorgesetzte übertragen. Wissenschaftler der Mayo-Klinik ordnen passiv-aggressives Verhalten auch vielen Narzissten zu. Die benutzen es, um andere zu bestrafen und sich selbst noch grandioser zu fühlen. ILLUSTR ATION: TILL HAFENBR AK ruhig zu bleiben, raten die Sozialarbeiterin Jody E. Long und ihre Koautoren in dem Buch The Angry Smile. Ein Warnzeichen, das sie aufzählen: Das Gegenüber zeigt immer wiederkehrend abblockende, verzögernde Reaktionen, die einen ärgern, ohne dass jede einzelne es wert erscheint, darauf zu reagieren. Eric Barker, Autor von Karriereratgebern, warnt vor dem Versuch, sich in das passiv-aggressive Gegenüber hineinversetzen zu wollen. Stattdessen sollte man klar bei sich bleiben und sich auf wichtige Gespräche mit solchen Menschen gut vorbereiten. Seine Tipps: die Taktiken enttarnen, keine Entschuldigungen akzeptieren, nur Handlungen, nicht aber bloße Absichtserklärungen bewerten. Klare Ansagen machen und klare Antworten einfordern. Und: unbedingt eine Winwin-Situation anstreben, weil passiv-aggressive Charaktere alles daransetzen wollen, bloß nicht zu verlieren – und dafür notfalls auch auf zerstörerische Schritte zurückgreifen. 4 GEGENWEHR Der schlimmste Fehler beim Umgang mit passiv-aggressivem Verhalten seines Gegenübers: sich provozieren lassen – und dann mit genau der Wut zu reagieren, die der andere in sich versteckt und sich nicht zu zeigen traut. Um nicht in diese Falle zu gehen, ist es wichtig, dieses Verhalten möglichst rasch zu erkennen – und dann bewusst überlegt und PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Lassen Sie sich ausbilden zum zertifizierten WaldGesundheitstrainer 22.03. – 26.03.2019 oder 10.04. – 14.04.2019 oder 19.07. – 23.07.2019 oder 30.10. – 03.11.2019 Kneippärztebund e.V. in Bad Wörishofen +49 (0) 82 47 90 110 www.kneippaerztebund.de Michael Leberle Heilpraktiker für Psychotherapie, 5 THERAPIE In der Psychotherapie entwickelt passiv-aggressives Verhalten noch eine weitere Dimension: Manche Klienten mit diesem Verhalten nehmen Therapeuten als Autorität wahr, der sie sich verweigern wollen, indem sie versuchen, ihnen zu beweisen, dass ihre Diagnose falsch, der vorgeschlagene Therapieweg wirkungslos sei. Johann F. Kinzl, ehemaliger Direktor der Universitätsklinik für psychosomatische Medizin in Innsbruck, bezeichnet sie als „Ja-aber-Sager“. So werden verschriebene Medikamente nicht eingenommen und mit diebischer Freude dem Arzt gegenüber erwähnt, dass sie wohl nicht wirken; man sei allen Ratschlägen gefolgt, ohne eine Besserung festzustellen. Der einzig sinnvolle Weg: die Strategien enttarnen. Die Klienten können in einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen, ihre Gedanken zu überblicken, Gefühle wahrzunehmen, Wut zu spüren und ihre Annahmen über die Folgen einer KonfronPH tation damit zu revidieren. Coach, Praxis in Prien am Chiemsee mail@praxis-leberle.de Ich bin Mitglied im VFP weil ... ich mich kompetent und persönlich begleitet weiß und ich es sehr wichtig finde, dass uns ein kraftvoller Verband vertritt und unterstützt. Informationen über den VFP erhalten Sie hier: Verband Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e.V. Lister Str. 7, 30163 Hannover Telefon 05 11 / 3 88 64 24 www.vfp.de | info@vfp.de 9)3 43
Schrei nach Mauern Weltweit entstehen neue Mauern, Grenzanlagen und Zäune. Dafür gibt es politische, aber vor allem psychologische Gründe VON SUSANNE ACKERMANN I m Herbst 1989 fiel die Berliner Mauer, die „Mutter aller Mauern“ – so nannte sie der Politikwissenschaftler Jan Zielonka in einer Rede zu der Konferenz Falling Walls im November 2018 in Berlin. Seit 2009 kommen hier jährlich Wissenschaftler aller Disziplinen zusammen, um sich auszutauschen und „Grenzen zu überwinden“, wie die Veranstalter sagen. Während ihres Bestehens war die Berliner Mauer Symbol für die Teilung Europas und der Welt in zwei feindliche Lager. Nach ihrem Fall wurde sie zu einem Symbol für Freiheit und offene Grenzen. Doch heute grenzen sich Staaten und Gesellschaften weltweit wieder stark voneinander ab – und zwar indem sie neue Mauern bauen. In Europa entstehen Sperrzäune gegen Flüchtlinge. Überall auf der Welt sind seit Beginn des 21. Jahrhunderts tausende Kilometer an neuen Mauern und Zäunen errichtet worden. Mindestens 65 und damit mehr als ein Drittel aller Staaten haben Barrieren an ihren Grenzen erstellt. Die europäischen Außengrenzen sollen ebenfalls verstärkt werden, wenn auch nicht mit Mauern aus Beton. Aber die Grenzagentur „Frontex“ soll wesentlich mehr Personal, mehr Zuständigkeiten und mehr Technik erhalten. Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Brown 44 schreibt in ihrem Buch Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität, beide von der Europäischen Union getroffenen Vereinbarungen über offene Grenzen innerhalb Europas – nämlich das Schengener Abkommen und das von Dublin über Regeln zur Aufnahme von Flüchtlingen – steckten in der Krise und seien 2015 an ihr Limit gekommen. Und Großbritannien setzt sich mit dem Brexit von den anderen EU-Mitgliedsstaaten ab. Die Hoffnungen, die mit dem Fall der Berliner Mauer einhergingen, haben sich nicht erfüllt, nicht einmal innerhalb Europas. Grenzen sind jedem von uns vertraut, es gibt sie überall. Nicht nur Staaten, auch Städte, Grundstücke, Flächen und Gebäude sind begrenzt. Jeder weiß auch aus eigener Erfahrung, was eine „innere Mauer“ ist. Wir empfinden sie, wenn wir gestresst sind und uns manchmal an der Grenze der Belastbarkeit fühlen. Wir haben gelegentlich den Eindruck, die „Schmerzgrenze“ oder die „Grenze des Erträglichen“ sei überschritten, oder finden, etwas sei an der „Grenze des Erlaubten“. Das sind gefühlte, individuelle Barrieren. Zudem sind wir von Regeln, Gesetzen und Bestimmungen umgeben; sie halten uns von einer Handlung ab, beschränken uns – oder schützen uns vor etwas, beispielsweise negativen Folgen des Tuns anderer. In allen genannten Fällen sind diese Begrenzungen zunächst „im Kopf“. Sie werden gedanklich und emotional gezogen, bewusst oder unbewusst. Bei Mauern ist es nicht anders: Zuerst sind sie in den Köpfen derer, die sie bauen wollen. Dann fällt die Entscheidung, sie werden geplant und gebaut. Mauern sind bewusst errichtete Grenzen. Eine Linie im Kopf Das Wort Grenze wird in so vielen Zusammenhängen verwendet, und Begrenzungen werden auf so vielfältige Weise erfahren, dass der Gedanke naheliegt, es handele sich um ein grundlegendes Konzept, das unser Denken und Handeln mehr prägt, als man gemeinhin denkt. Wissenschaftler wie der Geograf und Philosoph Peter Weichhart sehen es so. In dem Buch Grenzen definiert Weichhart den Begriff als das Ergebnis einer „Grundtätigkeit menschlichen Denkens“. Im Zentrum dieses Denkprozesses stehe die Unterscheidung. Denn um Dinge, die wir wahrnehmen, auch erkennen zu können, müssen wir sie voneinander unterscheiden. Ohne eine solche Unterscheidung könnten wir das, was wir sehen, weder verstehen, noch in einen Zusammenhang einordnen. Vereinfacht gesagt heißt das, wir ziehen Grenzen immer zuerst in unseren Gedanken: „Eine Grenze ist zunächst einmal PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Westbank, 2009: Palästinensische Demonstranten klettern auf die israelischen Sperranlagen PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 45
Je vernetzter und komplexer die Welt wird, desto mehr wächst die Sehnsucht nach Mauern Arizona, 2017: Der Grenzwall zwischen den USA und Mexiko 46 nicht mehr als eine wirkliche oder gedankliche Linie, die zwei Dinge voneinander trennt“, sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann von der Universität Wien. Eine Grenze ziehen wir laut Liessmann schon, indem wir einen Begriff definieren: Ein Teil des Inhalts wird diesem zugeordnet, andere Teile werden ausgeschlossen. Das ist notwendig, damit wir uns einerseits als Menschen verständigen und andererseits die Welt begreiflich machen können. Menschen ziehen gedanklich oder tatsächlich ständig eine Grenze zwischen sich selbst und anderen. Sie tun das, um andere besser zu verstehen. Sie haben das Bedürfnis, sich abzugrenzen, wenn ihnen an anderen etwas nicht gefällt, und sie wollen wissen, zu wem sie gehören. Grenzen in der Realität, also etwa die einer Stadt oder eines Landes, bilden ebenfalls eine solche Grundfunktion menschlicher Unterscheidungen. Dieses Trennen in ein Innen und Außen ist offenbar unabdingbar, und es bilden sich unterschiedliche Ausdrucksformen – je nachdem wie sich Gruppen und Gesellschaften voneinander unterscheiden wollen und welche Kriterien sie dafür definiert haben – wie etwa bei einem Milieu, in dem ein bestimmter anderer Lebensstil gepflegt wird als in anderen Milieus. Auf Länderebene sind es die Staaten, die sich gegenüber anderen abgrenzen und festlegen, wer dazugehört und wer nicht. Schutzwall für die Seele Mauern sind sichtbare und wenig durchlässige Grenzen. Dass immer mehr entstehen, deutet darauf hin, dass offenbar vielen Menschen psychologische Grenzen fehlen – sie scheinen in der globalisierten und digitalisierten Welt verlorengegangen zu sein. Die neuen Mauern drücken ein Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und einfachen Lösungen in der komplexer werdenden Welt aus. Sie sind „mächtige Organisatoren der inneren psychischen Landschaften des Menschen, aus denen sich kulturelle und politische Identitäten speisen“, schreibt die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown. Sie sollen psychischen Schutz bieten. Beim heutigen Bau von Mauern, Zäunen und Grenzvorrichtungen handele es sich um politische Reaktionen auf das, was in einer globalisierten Welt psychologisch, wirtschaftlich und politisch nicht zu bewältigen sei: „Sichtbare Mauern reagieren auf das Bedürfnis nach Einhegung und Begrenzung in einer allzu global gewordenen Welt.“ Diese „psychische Sehnsucht“ nach solchen steinernen Schutzwällen verstärke sich umso mehr, je globaler, vernetzter und komplexer die Welt werde, so Brown. Dahinter verberge sich die Sehnsucht danach, die Verletzbarkeit und Hilflosigkeit zu überwinden, die die globalisierte Welt erzeugt habe. Insofern trage der „Schrei nach Mauern“ eine psychologische und sogar eine theologische Dimension in sich. Dies erkläre auch, warum die oft enormen Kosten, die mangelnde Wirksamkeit oder sogar die Schädlichkeit von Mauern von vielen als irrelevant oder gar nicht wahrgenommen würden. In der als entgrenzt, offen und komplex wahrgenommenen Welt – auch der digitalen – sind wir außerdem stärker mit dem Leid anderer konfrontiert. Physische Mauern helfen dabei, dieses Leid und Elend anderer nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, sondern es ausblenden zu können. Sie erleichtern es, Probleme nicht wahrzunehmen und gedanklich nach außen zu verlagern. Hier bezieht sich Brown auf die psychoanalytische Abwehrtheorie von Sigmund Freud. Mauern funktionieren demnach wie psychische Abwehrmechanismen: Sie verschonten das Ich des Einzelnen davor, auf etwas zu treffen, das sein Selbstbild stören könnte. Brown überträgt diese Theorie auf ganze Nationen: Unerwünschte Personen wie Geflüchtete oder skeptisch beurteilte EntwickPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
TAUSENDE VON KILOMETERN Die neuen Mauern richten sich gegen Migration, Schmuggel, Kriminalität oder Terrorismus • Ungarn: Um Geflüchtete abzuhalten, baute das Land einen 177 Kilometer langen Grenzzaun an der Grenze zu Serbien. • Griechenland: 2012 wurde an der Grenze zu Mazedonien der 10,5 Kilometer lange Evroszaun gebaut, um Geflüchtete fernzuhalten. • Mit dem gleichen Ziel errichtete die Türkei an der Grenze zu Syrien eine 911 Kilometer lange Mauer Kilis, Türkei, 2017: Türkische Patrouille an der Grenze zu Syrien lungen wie die Globalisierung könnten in der kollektiven Fantasie außen gehalten werden und Nationen sich deshalb rechtschaffen und stark fühlen – unbehelligt von störenden und beunruhigenden Fantasien und Ängsten. Mauern stellen eine seelische Projektionsfläche für Wünsche nach Unterscheidung und Abgrenzung dar. Sie geben denjenigen, die sie befürworten, das Gefühl einer wiederhergestellten souveränen Macht und sogar „nationalstaatlicher Reinheit“, führt Brown aus. Solche Fantasien der Unschuld des eigenen Landes würden durch Mauern und sogar durch nur geplante Mauern bestens bedient und bestätigt. Dies passiere auch dann, wenn Mauern real versagen, Konflikte verschärfen und Probleme vergrößern. Brown sieht ihre These etwa durch US-Präsident Donald Trump bestätigt, dem es gelungen sei, „Begeisterungsstürme“ für seine Idee zu wecken, die Grenze zu Mexiko mit einer neuen Mauer zu verstärken, die die bereits installierten, mehrere Milliarden teuren Sicherungssysteme noch übertreffen soll. Es wird etwas getan Politiker, die Mauern bauen, können damit offenbar ihre Wähler beruhigen. Trumps Wähler möchten beispielsweise, dass er ihre Situation in ihrem Sinn verbessert, und dafür reicht sogar schon die Idee, eine Mauer zu errichten. Das gebe den Menschen „die wollen, dass etwas getan wird“, das Gefühl, dass tatsächlich etwas getan werde, schreibt der Journalist Tim Marshall in seinem Buch Abschottung. Die neue Macht der Mauern. Zumindest in den Augen seiner Wähler, so Marshall, bekräftige beispielsweise Donald Trump mit seinen Mauerplänen die Idee des PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 inklusive Überwachungsvorrichtungen. • Die zwei in Marokko liegenden spanischen Enklaven Ceuta und Melilla sind von hochgesicherten, viele Meter hohen Hightechzäunen umgeben. • Der 2700 Kilometer lange marokkanische Sandwall, der von Landminen gesäumt ist, trennt die Westsahara in eine von Marokko kontrollierte Zone und in eine Zone, die von Rebellen und der international nur zum Teil anerkannten Demokratischen Arabischen Republik Sahara kontrolliert wird. • US-Präsident Donald Trump versprach seinen Wählern, eine 3000 Kilometer lange Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, damit Einwanderer nicht ins Land könnten und um illegalen Waffenund Drogenhandel zurückzudrängen. • 759 Kilometer ist die Mauer lang, die Israel rund um das besetzte Westjordanland erstellte. Kritiker halten sie für unvereinbar mit internationalem Völkerrecht. Israel beruft sich auf die Notwendigkeit, sich vor palästinensischen Terroranschlägen zu schützen. • Indien errichtete einen mehr als 3000 Kilometer langen Stacheldrahtzaun rund um Bangladesh, um Einwanderer fernzuhalten. Beide Länder schlossen 2015 einen Vertrag ab, der den genauen Verlauf der Grenze festlegte, und tauschten Gebiete aus. Auch die Grenze zwischen Indien und Pakistan ist teilweise abgezäunt, aber wegen Gebirgen und Flüssen nicht komplett. • Saudi-Arabien errichtet an seiner Grenze zum Irak eine 885 Kilometer lange Sperranlage, die aufwendig überwacht wird. Auch an der Grenze zum Jemen errichtet Saudi-Arabien solche Anlagen. • China baut im Internet digitale Mauern und versucht so, den Informationsfluss zu kontrollieren. SAC 47
Es gibt schlechte Grenzen und gute. Gute Grenzen fördern Respekt und lassen Nähe zu „Make America great again“ oder „America First“. Dies erkläre auch, warum der US-Präsident ungeachtet erheblicher rechtlicher, finanzieller und anderer Hindernisse, die einem solchen Mauerbau entgehenstehen, unverändert seinen Anhängern gegenüber an der Idee festhalte. Umgekehrt allerdings widerspreche die Mauer in den Augen ihrer Gegner sämtlichen zentralen Werten, die für sie Amerika ausmachten: Freiheit, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und „Amerika für alle“. Die Mauer steht für den Kern der politischen Differenzen der US-Amerikaner. Das falsche Rezept? Werden die neuen Mauern der Aufgabe einer psychischen Einhegung gerecht? Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen sehen keine Belege dafür. So hält etwa der Geowissenschaftler Manlio Graziano die aktuelle „obsessive Fixierung“ auf Mauern und Grenzen für falsch, wie er in seinem Buch What is a border? schreibt. Diese Besessenheit trage dazu bei, Probleme zu vergrößern, anstatt sie zu beheben. Graziano zieht einen drastischen Vergleich: Psychologisch gesehen ähnele das Errichten von Grenzen als Schutz vor den mit der Globalisierung einhergehenden Ängsten einem Suizid, der aus Angst vor dem Sterben begangen werde. Länder, die sich abgrenzten, schadeten sich immer selbst. Dies illustriert der Geowissenschaftler am Beispiel des Brexits, der nicht nur die Wirtschaft Großbritanniens schwäche, sondern dort auch zu einer Identitätskrise geführt habe, wie es sie davor noch nicht gegeben habe. Auch die Mauerpläne von US-Präsident Donald Trump verpuffen. Seinen Landsleuten geht es seit seinem Amtsantritt psychisch nicht besser, sondern schlechter. Sie sind zunehmend gestresst, ermittelte der US-Psychologenverband APA in der jüngsten seiner jährlichen Stressumfragen im August 2018. Demnach bezeichneten 82 Prozent der insgesamt 3458 Befragten das gegenwärtige politische Klima in den 48 USA als bedeutsamen Stressfaktor in ihrem Leben. US-Psychologen erklärten, dass die politische Polarisierung, die Trump unter anderem mit seiner Maueridee vorantreibt, die Menschen psychisch krank mache. Aggressionen und Unverschämtheiten leben Würden keine Mauern mehr gebaut, stellte sich die Frage, wie Menschen mit ihrem Wunsch nach Grenzen oder mit ihrer Ablehnung derselben umgehen. Völliges Fehlen von Grenzen würde viele psychisch überfordern. Und die Widersprüche in der Wahrnehmung und im Umgang mit Grenzen liegen in uns selbst: Menschen brauchen sie, um sich emotional von anderen abzuheben oder zu wissen, zu welcher sozialen Gemeinschaft sie gehören. Manche benötigen sie, um sich sicher zu fühlen und um das Leid derjenigen, die außen vor sind, wie die weltweit Millionen Geflüchteten, nicht wahrnehmen zu müssen. Andere fühlen sich erst frei, wenn sie persönliche, emotionale oder reale Grenzen überwunden haben. Wie der Philosoph Liessmann sagte, überschreiten manche durchaus auch Grenzen, um ihre „Aggressionen und Unverschämtheiten“ zu leben. Der Philosoph schlägt vor, zwischen „guten und schlechten“ Grenzen zu unterscheiden. Gute Grenzen förderten Respekt und ließen doch Nähe zu, wie unter Nachbarn. Das hieße auf internationaler Ebene, dass Länder zusammenarbeiten, Kompromisse eingehen und die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen – also über den eigenen Grenzzaun hinausschauen. PH QUELLEN UND LITERATUR Wendy Brown: Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Suhrkamp, Berlin 2018 Martin Heintel u.a. (Hg.): Grenzen. Theoretische, konzeptionelle und praxisbezogene Fragestellungen zu Grenzen und deren Überschreitungen. Springer, Wiesbaden 2018 Manlio Graziano: What is a border? Stanford University Press, Stanford 2018 Konrad Paul Liessmann: Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft. Zsolnay, Wien 2012 Jan Zielonka: Grenzen – Wir brauchen keine Mauern mehr. Gastbeitrag auf Zeit online, 9. November 2018 Tim Marshall: Abschottung. Die neue Macht der Mauern. Dtv, München 2018 Christoph Kleinschmidt: Semantik der Grenze. Bundeszentrale für politische Bildung, 13. Januar 2014 Marianne Gronemeyer: Die Grenze. Was uns verbindet, indem es trennt. Nachdenken über ein Paradox der Moderne. Oekom, München 2018 American Psychological Association: Stress in America. Survey, 2018 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
NARZISSTEN, Nörgler und Nervensägen kreuzen täglich unseren Weg. Wir können unter ihnen leiden. Oder versuchen, sie tiefer zu VERSTEHEN. ALS H C U A APP DAS BEWEGT MICH! PSYCHOLOGIE HEUTE PSYCHOLOGIE HEUTE 10/2018 WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE 49
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REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF Ihr Arzt empfiehlt: Kultur Öfter mal ins Museum gehen. Oder ins Theater. So lautet der Tipp zweier Forscherinnen – zum Vorbeugen gegen Depressionen im fortgeschrittenen Alter. Daisy Fancourt und Urszula Tymoszuk, Epidemiologinnen am University College London, dokumentieren anhand einer Langzeitstudie mit 2148 Probanden im Alter zwischen 52 und 89 Jahren, dass das Risiko einer depressiven Erkrankung sinkt, wenn man kulturellen Aktivitäten nachgeht. Dazu zählen laut den Forscherinnen Kinobesuche, Konzerte, Kunstausstellungen, Opern sowie Theateraufführungen. „Jene Teilnehmer, die mindestens einmal im Monat oder häufiger einer kulturellen Aktivität nachgingen, wiesen ein rund 50 Prozent niedrigeres Risiko einer Depressionserkrankung als ihre Altersgenossen auf, die seltener als einmal pro Jahr etwas unternahmen“, berichten die Forscherinnen. Die positive Wirkung scheint unabhängig von Faktoren wie dem gesundheitlichen Zustand oder der finanziellen Situation der Freiwilligen zu sein. Auch die Persönlichkeit macht keinen Unterschied. So trägt Kultur bei introvertierten ebenso wie bei geselligen Menschen dazu bei, geistige Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. 52 Aber wieso hat die Kultur eine solch positive Wirkung? Laut anderen Studien aktivieren Musik, Film und Kunst unter anderem das Belohnungssystem des Gehirns, was wir als intensiv positive Gefühle wahrnehmen. Ein internationales Team von Forschern, unter anderem vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, verfolgte jetzt, was im Gehirn von Probanden vorgeht, während sie ein Kunstwerk betrachten. Die Wissenschaftler hatten dabei vor allem das Default-Mode-Netzwerk im Blick, ein System von Hirnarealen, das aktiv wird, sobald wir den Blick nach innen richten und unseren Gedanken und Tagträumereien nachgehen. Normalerweise sank die Aktivität in diesem Netzwerk, sobald die Teilnehmer ihre Aufmerksamkeit auf das Bild, also die Außenwelt richteten. Doch sobald sich die Probanden von einem Kunstwerk sehr angesprochen fühlten, sprang auch das Innenwelt-Netzwerk des Gehirns wieder an. Die Forscher interpretieren dies als Indiz für „bewegende ästhetische Erfahrungen“. Und die tun uns wohl nicht nur für den Moment gut. Besuche in Ausstellungen oder Konzerten wirken antidepressiv ANNA GIELAS / TSA DOI: 10.1192/bjp.2018.267; DOI: 10.1016/j.neuroimage.2018.12.017 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Menschen, die über eine gute räumliche Vorstellungsgabe verfügen, haben auch ein feines Näschen. Das stellten Forscher der McGill University fest, als sie ihre Versuchsteilnehmer durch eine virtuelle Stadt navigieren sowie 40 Duftproben unterscheiden ließen. Sie fanden ferner heraus, dass für beide Leistungen teilweise dieselben Hirnregionen zuständig sind. DOI: 10.1038/s41467-018-06569-4 „Gehen an der frischen Luft wirkt anregend, die Atmung wird tiefer; man ‚bekommt den Kopf frei‘. Übertroffen wird das Potenzial, beim Gehen Gedanken zu entwickeln, im Gespräch – beim Spaziergang kann man sich auf den anderen ein- und Richtungswechsel zulassen. Man kann die Flüchtigkeit von Gedanken akzeptieren. Dazu gehört, Eindrücke während des Spaziergangs passieren, aber auch beim Vorwärtsgehen Gedanken hinter sich zu lassen.“ Stephanie Kernich, Soziologin und Geschäftsführerin des Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich im UZHmagazin (4/2018) Körperkarte mit Gefühlswüsten Menschen, die an einer Schizophrenie erkrankt sind, scheinen Gefühle körperlich flacher zu empfinden. Das stellte ein Team um Sohee Park und Lénie Torregrossa in einem Experiment fest, bei dem es darum ging, Emotionen im Körper zu lokalisieren. Den Probanden wurden 13 Gefühle genannt, etwa Ärger oder Niedergeschlagenheit. Ihre Aufgabe bestand darin, in einer computergenerierten Körperkarte jeweils auszumalen, welche Regionen ihres Körpers beim Empfinden der jeweiligen Emotion beteiligt waren. Etwa: Die Angst sitzt im Bauch, während die Hände kalt sind. Bei gesunden Probanden kamen dabei je nach Gefühl sehr unterschiedlich kolorierte Körperkarten zustande. Teilnehmer mit einer Schizophrenie hingegen differenzierten kaum beim dargestellten Körperausdruck: Alle Emotionen waren eher diffus über den Leib verteilt. Auch empfanden diese Probanden generell sämtliche Gefühle weniger stark in ihrem Körper repräsentiert, als dies bei den anderen Teilnehmern der Fall war. Dies, so meinen die Forscherinnen, könnte erklären, warum es Schizophreniekranken schwerfällt, Gefühle zu bemerken, zu identifizieren und zu benennen – bei sich und bei anderen. Denn das Empfinden und Mitempfinden von Emotionen hängt stark von der körperlichen Rückkopplung ab. TSA DOI: 10.1093/schbul/sby179 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 53
Beim Naschen verlieren wir rasch die Kontrolle. Denn schon beim ersten Kontakt mit der Nahrung aktiviert der Botenstoff Dopamin das Belohnungs- und Suchtsystem des Gehirns. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung reichten ihren Probanden Milchshakes. Schon als das Getränk im Mund war, wurde im Gehirn Dopamin freigesetzt – und dann nochmals, sobald der Shake im Magen Einzug hielt. Stressige Vorhaben und Gespräche sollten wir wohl besser abends als morgens erledigen. Japanische Forscher haben beobachtet, dass der Körper ihrer Probanden nach einem Stresstest am Morgen mehr Kortisol ausschüttete, also heftiger Alarm schlug, als wenn die Teilnehmer am Abend damit traktiert wurden. Hinzu kommt, dass der Pegel des Stresshormons Kortisol nach dem Aufwachen ohnehin auf einem Hoch ist. DOI: 10.1002/npr2.12042 DOI: 10.1016/j.cmet.2018.12.006 Die Speisen der Dankbaren Obstsalat! Oder doch lieber die Schokotorte? Um der süßen Versuchung zu widerstehen, braucht es nicht unbedingt einen eisernen Willen. Dankbarkeit hilft ebenfalls, wie Forscher um Megan Fritz von der University of California jetzt in einem Experiment nachgewiesen haben. Ein Teil der mehr als 1000 Probanden sollte einen Monat lang wöchentlich einen fünfminütigen Dankesbrief schreiben. Die Forscher gaben die Adressaten genau vor: Es sollten Menschen sein, die den Teilnehmern entweder dabei geholfen hatten, bessere schulische Leistungen zu erzielen, ihre körperliche Verfassung gefördert (etwa Sporttrainer) oder sich ihnen gegenüber hilfsbereit und mitfühlend verhalten hatten. Außerdem erhielt ein Teil der Freiwilligen die Anweisung, 30 Minuten pro Woche in ihre Gesundheit zu investieren. Wie genau sie das taten, war ihnen freigestellt. Das Ergebnis: „Im Vergleich zur Kontrollgruppe berichteten die Teilnehmer, die regelmäßig Briefe schrieben, im Laufe der vier Wochen über ein gesünderes Essverhalten“, berichten die Wissenschaftler. So aßen sie etwa mehr Gemüse und Obst als vorher. Die Forscher erklären sich das so: „Dankbarkeitspraktiken schmälern negative Gefühle wie Stress, Wut, Traurigkeit, Angst und Schuld – allesamt Gefühle, die emotionales Essen und ungesunde Entscheidungen begünstigen.“ Wer weniger unschöne Emotionen in sich trägt, dem falle es leichter, sein Essverhalten positiv zu regulieren. ANNA GIELAS DOI: 10.1016/j.jesp.2018.08.011 54 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Fünf Typen pflegender Angehöriger Mit der belastenden Aufgabe, für einen pflegebedürftigen Angehörigen verantwortlich zu sein, kommen Beteiligte auf ganz unterschiedliche Weise zurecht. Sigrid Leitner von der TH Köln führte mit Kolleginnen leitfadengestützte Interviews mit Personen, die eine schwerstbeeinträchtigte Person pflegten: die Mutter, den Vater, die Schwiegermutter oder den Schwiegervater. Sie ermittelten – je nach den sozialen und persönlichen Ressourcen – fünf Kategorien mit unterschiedlichen Bewältigungmustern. Die erste Gruppe hat die finanziellen Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen und Dienste dazuzukaufen. Die zweite Gruppe verfügt über weniger Einkommen, kann sich aber auf ein familiäres Netzwerk stützen. Die dritte Gruppe ist nicht oder stundenweise berufstätig und sieht die Vollzeitpflege eines Angehörigen als sinnstiftende Beschäftigung oder Phase, die zum Leben dazugehört. „Diesen Menschen gelingt es über einen langen Zeitraum hinweg, die Pflege als Lebensentwurf anzunehmen, allerdings sind sie langfristig latent von Burnout bedroht, wenn sie das über Jahre ohne Hilfe oder Auszeiten allein machen“, sagt Leitner. Hinzu kommen zwei Gruppen, bei denen die Bewältigung der Pflege als „prekär“ gilt: Die Mitglieder der einen Gruppe pflegen aus einem emotionalen Abhängigkeitsverhältnis heraus, da sie sich zur Pflege verpflichtet fühlen. Sie sehen dazu keine andere Alternative, entweder weil es an finanziellen Mitteln fehlt oder weil die pflegebedürftige Person alle Alternativen ablehnt. Die andere Gruppe steht in einem ständigen Konflikt, weil ihre eigenen Wünsche nach Erwerbstätigkeit nicht denen der zu pflegenden Person oder auch den Erwartungen anderer Familienmitglieder entsprechen oder die Arbeitsbedingungen mit der Pflege nur schwer vereinbar sind. Die sorgende Person ringt um Kontrolle, ihren eigenen Lebensentwurf aufrechterhalten zu können. Damit Angehörige die Pflege gut bewältigen, ist laut den Autorinnen Selbstsorge entscheidend. Kümmerten sich Pflegende zu wenig um sich selbst, dann sei die Bewältigung der Pflege gefährdet. Das passiere unter anderem, wenn die Zeit fehle, sich über Hilfsangebote zu informieren und für Freiräume zu sorgen. Hier seien die Kommunen gefordert, die eine aufsuchende Beratung und Begleitung für pflegende Angehörige anbieten sollten. IDW Genug Zeit und Unterstützung: Unter diesen Voraussetzungen wird die Pflege eines Angehörigen weniger belastend erlebt Originalpublikation: www.fgw-nrw.de/fileadmin/images/pdf/ FGW-Studie-VSP-15-PflegeIntersek-Leitner_et_al.-2018_11_08komplett-web.pdf ANZEIGE PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 55
Das Computerspiel Tetris hilft traumatisierten Menschen, die Flashbacks von dem schrecklichen Erlebnis zu mildern, wie Forscher der Universität Bochum jetzt nachgewiesen haben. 20 Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung schrieben eine ihrer schlimmen Erinnerungen auf und spielten dann 25 Minuten Tetris. Bei 16 der 20 trat das entsprechende Flashback in der Folgewoche erheblich seltener auf. Tetris scheint die Bildverarbeitung im Gehirn zu okkupieren, auf die das Flashback angewiesen ist. DOI: 10.1037/ccp0000340 Da blinzelte der Avatar 13 500-mal am Tag blinzelt der Mensch – viel mehr, als nötig wäre, um die Augen vorm Austrocknen zu schützen. Wozu also der Aufwand? Studien haben gezeigt, dass Menschen häufig in den natürlichen Pausen während einer Konversation blinzeln. Das Blinzeln scheint also ein nonverbales Signal zu sein, ähnlich wie das bestätigende Nicken. Dass dieses unterschwellige Signal die Konversation tatsächlich beeinflusst, haben Paul Hömke, Judith Holler und Stephen Levinson am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik jetzt in einer Studie bestätigt, bei der sie ihre Teilnehmer in eine virtuelle Umgebung versetzten. Dort saßen sie einem Avatar gegenüber, der ihnen zuhörte, während sie auf diverse Fragen Auskunft gaben, etwa nach ihren Wochenenderlebnissen. Was die Probanden nicht bemerkten: Der geduldig lauschende Avatar blinzelte dabei vor sich hin, und zwar nach unterschiedlichen Mustern, die die Forscher ihm einprogrammiert hatten. Unbewusst, so stellte sich heraus, zeigten die nonverbalen Signale Wirkung. Wenn der Avatar etwa die Augen beim Blinzeln eine Idee länger schloss, fielen die Antworten der Teilnehmer kürzer aus. TSA 1929 Vor 90 Jahren, am 22. April 1929 notierte das Fachjournal Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten den Eingang eines sodann zügig veröffentlichten Artikels mit der Überschrift „Über das Elektrenkephalogramm des Menschen“. Autor war der Arzt und Hirnforscher Hans Berger, Direktor der psychiatrischen Klinik der Universität Jena. Berger hatte bereits viele Forschungsjahre in den Versuch investiert, die Aktivität des Gehirns ohne operativen Eingriff sichtbar zu machen. Schließlich fand er ein Verfahren, elektrische Signale vom unversehrten Schädel menschlicher Probanden abzuleiten und über einen Papierschreiber als Wellenmuster darzustellen: Das EEG war erfunden! Berger beobachtete, dass dieses Muster der Hirnaktivität sich mit dem Bewusstseinszustand der Person veränderte, also abhängig davon, ob diese zum Beispiel hellwach war oder schlief. In seiner Abhandlung beschrieb der Forscher bereits unterschiedliche Typen von EEG-Mustern wie die Alpha- und die Betawellen. In der Praxis setzte sich Bergers EEG zunächst nur zögerlich durch, dafür aber nachhaltig: Noch heute wird das Verfahren breit eingesetzt, etwa in der Hirndiagnostik oder im Schlaflabor. Hans Berger (1873–1941), Erfinder des EEG DOI: 10.1371/journal.pone.0208030 56 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
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Gefährliche Freunde Bei traumatischen Beziehungen in der Kindheit und Jugend denkt man zumeist an Erfahrungen mit den Eltern. Tatsächlich können auch belastende Freundschaften in jungem Alter schwerwiegende Folgen haben VON ANNE-EV USTORF ILLUSTR ATIONEN: DANIEL BALZER D ie Sehnsucht nach engen Freunden ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Schon das älteste literarische Werk der Menschheitsgeschichte, das bald 4000 Jahre alte sumerische Gilgamesch-Epos, handelt von der Freundschaft zwischen dem Götterkönig Gilgamesch und dem Naturmenschen Enkidu. Auch in der Antike war die innige Verbindung zweier Freunde eines der wichtigsten Themen der rhetorischen Künste. „Was ist ein Freund? Ein anderes Ich. Zwei Seelen in einer“, schrieb Cicero über seinen besten Freund Atticus. Auch heute ist der Wunsch nach engen Freundschaften noch ungebrochen. Freunde sind manchmal Entwicklungshelfer, wichtige Alltagsstützen und oft sogar Retter in der Not. Häufig begleiten sie uns von der Jugend bis ins Erwachsenenalter und sind gelegentlich sogar wichtiger für uns als unsere Herkunftsfamilie. „Freundschaften sind eine der zentralen Schaltstationen des sozialen Zusammenhalts“, sagt der Soziologe Heinz Bude. Gerade in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter spielen die besten Freunde eine besonders wichtige Rolle. Sie helfen, die Turbulenzen der Pubertät zu bewältigen und in Abgrenzung zu den Eltern eigene Identitäten und Meinungen zu festigen. Im Alter zwischen 13 und 25 Jahren ist der oder die „BFF“ – best friend forever – sogar absolut unabdingbar. Vor drei Jahren zeigte die Shell-Jugendstudie, dass 89 Prozent aller Jugendlichen es besonders PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 wichtig finden, gute Freunde zu haben – der Stellenwert war damit höher als der der „Familie“ oder der Wunsch nach einem „eigenverantwortlichen Leben“. Die meisten Jugendlichen sprechen am liebsten mit ihren Freunden über ihre innersten Gefühle und fühlen sich durch sie am besten verstanden und gehalten. Peergroups könnten Jugendlichen wichtigen emotionalen Rückhalt geben, erklärt Gerd Mietzel, emeritierter Professor für pädagogische und Entwicklungspsychologie an der Universität Duisburg-Essen. Durch sie fänden Jugendliche eine vorübergehende Identität in der Gruppe, die ihnen dabei helfe, schrittweise in die Unabhängigkeit zu kommen und eigene Entscheidungen zu treffen. Doch manchmal ist der „BFF“ nur ein hehres Ideal. Denn realitätstauglich ist das Konzept der besten Freundschaft nicht immer: Viele enge Jugendfreundschaften überleben auf Dauer nicht. Irgendwann verliert sich die anfängliche Begeisterung füreinander, vielleicht durch neue Interessen oder einen Wohnortwechsel. Meist ist das kein Drama, im Laufe des Lebens entstehen bei den meisten Menschen immer wieder neue gute Freundschaften. Auch Aufs und Abs in engen Jugendfreundschaften seien durchaus normal, erklärt Romuald Brunner, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Regensburg. „In der Adoleszenz sind enge Freundschaften oft konfliktreich, phasenweise sind sie sehr eng und dann mal wieder etwas distanzierter“, sagt der Psychiater. „Das auszuhalten ist für 59
junge Menschen oft nicht leicht, weil die Bedeutung und der Wert von Freundschaften für Jugendliche so hoch sind. Damit steigt dann auch die Verletzlichkeit.“ Trotzdem sei es Teil der normalen Lernerfahrung, dass auch enge Beziehungen mal konfliktreich sein und trotzdem ausgehalten werden können. In engen Freundschaften ist gelegentlicher „Stress“ also durchaus normal und wird meist gut bewältigt. Deutlich belastender hingegen ist es für junge Menschen, eine Freundschaft zu führen, die ihnen eigentlich nicht guttut. Das kann eine vermeintlich beste Freundin sein, die immer wieder stichelt und verletzt, oder ein Kumpel, der seinen Freund regelmäßig herunterputzt oder hintergeht. Diese Erfahrungen des Verletztwerdens, der Ausgrenzung oder des Mobbings sind gerade in der Pubertät häufig. Oft hinterlassen sie Beziehungsunsicherheiten, die auch im späteren Alter nicht leicht abzuschütteln sind. Etwa die Angst, sich an neue Freunde zu binden, oder die Furcht, in Beziehungen wieder verstoßen zu werden. Im Schatten der Freundin Larissa Göbel erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie zum ersten Mal ihre beste Freundin traf. Sie war zehn Jahre alt und mit ihrer Familie gerade nach Berlin gezogen. Beim ersten Basketballtraining im neuen Sportverein lernte sie Hanna kennen, die zufällig in ihre Parallelklasse ging. „Wir mochten uns sofort“, erinnert sich die heute 38-Jährige. Sie wurden dicke Freundinnen, fuhren als Teenager zusammen in den Urlaub und zogen später an den Wochenenden durch die Discos. Als ihre Eltern sich scheiden ließen und anschließend vor allem mit ihren eigenen Leben beschäftigt waren, klammerte Larissa sich vor allem an Hanna. Ohnehin war die Rollenverteilung der Freundinnen klar. „Ich stand meistens im Schatten von Hanna“, erinnert sich Larissa. „Sie hat den Ton angegeben. Das war für mich aber okay. Bis ich irgendwann einen Freund hatte.“ Damit hatte Hanna ein Problem. Als Larissa nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung stand, wurde sie eifersüchtig und begann, ihrer Freundin das Leben schwerzumachen. Sie erzählte anderen Lügen über ihre Freundin und grenzte sie aus. Ein halbes Jahr später machte Larissas Freund mit ihr Schluss – und war von einem Tag auf den nächsten mit Hanna zusammen. Larissa stürzte in eine tiefe Krise. Jahrelang konnte sie keine neuen Partnerschaften mehr eingehen. Mit Freunden fühlte sie sich schnell verunsichert und oft unwohl. „Ich war durch die katastrophale Beziehung meiner Eltern eh schon beziehungsgeschädigt“, erinnert sich die Sozialpädagogin. „Und 60 die Geschichte mit Hanna hat mir den Rest gegeben. Ich bin danach lange nicht auf die Beine gekommen und war in neuen Freundschaften sehr misstrauisch.“ Dabei sind die Beziehungen zu Freunden für Jugendliche meist wichtige Schutzfaktoren. Die amerikanischen Entwicklungspsychologen Catherine Bagwell und Andrew Newcomb untersuchten eine Gruppe von 30 Fünftklässlern über einen Zeitraum von 15 Jahren und fanden dabei heraus, dass diejenigen Kinder, die schon in der fünften Klasse einen besten Freund oder eine beste Freundin hatten, auch später im Erwachsenenalter insgesamt reifer, kompetenter, selbstbewusster und weniger aggressiv waren. Ihre Leistungen im College waren besser, sie hatten bessere Beziehungen zu ihren Familien, weniger Probleme mit dem Gesetz sowie geringere psychische Probleme. Die Langzeitstudie zeigte auch, dass diejenigen Kinder, die im Alter von elf Jahren keine Freunde hatten, später einen wesentlich ungünstigeren Entwicklungsverlauf nahmen als Gleichaltrige mit Freunden. Ähnliche Studien haben ergeben, dass sich gute Freundschaften im Kindes- und Jugendalter positiv auf die soziale Kompetenz, die Identitätsentwicklung und das Selbstkonzept auswirken. Allerdings ist auch bekannt, dass Beziehungen zu Peers mit stark risikoreichem Verhalten – vor allem im Hinblick auf Alkohol und Drogen – für die Entwicklung eher gefährlich sind. Forscher wie der Psychologe Thomas Dishion und die Soziologin Joan McCord begründeten dies mit der Kraft der „sozialen Ansteckung“, also des Ausbreitens von Gefühlen oder Stimmungen unter Menschen. Wunsch nach Zugehörigkeit Wenn Freundschaft eigentlich eine Ressource ist – warum führen Jugendliche dann Freundschaften mit Altersgenossen, die ihnen nicht gut tun? Warum suchen sie sich Kumpels, denen sie sich unterordnen müssen, oder Freundinnen, die sie fertigmachen? Häufig seien konfliktreiche Eltern-Kind-Beziehungen der Grund, warum Jugendliche sich – im Sinne einer forcierten Ablösung – auch auf schlechte Freundschaften einließen, erklärt Romuald Brunner. „Wenn es in der Familie nicht stimmt, suchen Jugendliche häufig außerhalb ihrer Familien nach Bindungen“, so der Psychiater. „Dahinter steckt ein enormer Wunsch nach Zugehörigkeit. Manchmal passen sie sich dann übermäßig an die Wünsche anderer an, um einen Ausschluss aus ihrer Peergroup zu vermeiden, vor allem an diejenigen, die in der Gruppe das Sagen haben. Wenn diese Personen dann forPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
dernd oder aggressiv auftreten, aber gleichzeitig auch manchmal Hilfe und Unterstützung bieten, geraten die Jugendlichen in ein schwieriges Abhängigkeitsverhältnis. Sie lassen sich ausnutzen oder können sich zumindest schlecht dagegen wehren.“ Hinter diesem Verhalten steckt häufig also eine grundsätzlich große Beziehungsunsicherheit. Um sich gut von den Eltern ablösen und ihre Position in der Peergroup auf eine gesunde Art und Weise erkunden zu können, brauchen Jugendliche nämlich in erster Linie primäre Bindungssicherheit –gute Beziehungserfahrungen mit den Eltern. Die Art und Weise, wie ein Mensch schon früh im Leben Beziehungen erlebt, prägt auch im Jugend- und Erwachsenenalter Freundschaften und Partnerschaften. Die renommierten deutschen Entwicklungspsychologen Karin und Klaus E. Grossmann untersuchten in einer Längsschnittstudie über 22 Jahre 49 Familien in Bielefeld und konnten so belegen, dass diejenigen Kinder, die feinfühlige Eltern erlebt hatten, sich später zu Erwachsenen entwickelten, die enge Beziehungen als verlässliche Quellen der Geborgenheit zu schätzen wussten und dementsprechend wertschätzende Freundschaften und Partnerschaften führten. Außerdem diskutierten diese Kinder in Konfliktgesprächen mit ihren Freunden sachlicher und konstruktiver als Jugendliche mit einer unsicherdistanzierten Bindungsrepräsentation. War die Bindungssicherheit dagegen nicht vorhanden, stieg die Gefahr, sich als junger Mensch auf schlechte oder gar keine Beziehungen einzulassen. Unsichere Bindungserfahrungen führen – wie bei Larissa Göbel – also im Jugendalter unter Umständen zu konfliktbeladenen Freundschaften und damit also zu weiteren Erfahrungen der Verunsicherung, Ablehnung und Ausgrenzung, die langfristig verheerende Folgen haben können. Aus der Mobbingforschung weiß man, dass viele betroffene Jugendliche, die Ausgrenzung und Ablehnung erlebt haben, noch jahrelang unter Stress stehen und langfristig psychisch und körperlich erkranken. Möglicherweise seien die Folgen von Mobbing durch Gleichaltrige sogar noch gravierender als die Folgen von körPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Wenn Freundschaft eine Ressource ist – warum haben so viele Jugendliche dann Freunde, die ihnen nicht guttun? perlicher Gewalt durch Erwachsene, vermuteten amerikanische und britische Psychologen im Jahr 2015 auf der Jahrestagung der Pediatric Academic Societies in San Diego. Zwei dort vorgestellte Langzeiterhebungen belegen: Kinder und Jugendliche, die unter Mobbing litten, waren als Erwachsene häufiger von Depression, Ängsten oder Selbstverletzung betroffen als Kinder, die unter körperlichen Misshandlungen gelitten hatten. In einer der Studien berichteten 17 Prozent der von Bullying betroffenen Schüler sogar von posttraumatischen Stresssymptomen. Denn solcherlei Erfahrungen haben eine verheerende Wirkung auf das Selbstkonzept. Viele der betroffenen Kinder suchen die Schuld vor allem bei sich. „Wird ein Kind oder ein Jugendlicher wiederholt ausgegrenzt, beleidigt und abgewertet, kann dies zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls führen“, erklärt Gerd Schulte-Körne von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik 61
Vertrauensbrüche erschweren neue Freundschaften. Besonders nachhaltig wirken Erfahrungen der Ausgrenzung und des Betrogenwerdens und Psychotherapie. „Die Opfer beginnen zu verinnerlichen, was über sie gesagt wird, und diese Art negativer Gedanken begünstigt die Entstehung von Angsterkrankungen und Depressionen.“ Es liegt auf der Hand, dass Erfahrungen der Ausgrenzung oder des Betrogenwerdens besonders nachhaltig sein können, wenn es sich bei dem Täter um den besten Freund oder die beste Freundin handelt. Zur Erfahrung des Ausgeschlossenseins kommt der massive Vertrauensbruch hinzu und hinterlässt häufig eine Grundverunsicherung in Beziehungsdingen. Vielen Betroffenen fällt es anschließend schwer, im Privat- und Berufsleben neue Freundschaften aufzubauen, weil das Vertrauen fehlt und sie fürchten, wieder verletzt zu werden. Bleibender Schmerz? Larissa Göbel etwa hatte lange Angst, dass Gleichaltrige ihr in Beziehungen etwas wegnehmen würden. „Ich war immer unsicher: Wollen die mir schaden?“, sagt sie. „Und gleichzeitig fragte ich mich, ob mit mir selbst irgendetwas nicht stimmte. Ob ich die Leute quasi dazu trieb, sich gegen mich zu wenden. An der Uni habe ich mich dann sehr zurückgezogen. Eigentlich konnte ich erst mit Anfang 30 wieder entspannter mit Beziehungen umgehen. Da hatte ich aber auch schon eine Therapie gemacht.“ Während bei Mädchen nach konfliktreichen Beziehungen in der Peergroup eher internalisierendes Verhalten – Depression, Rückzug, Einsamkeit – typisch sei, legten betroffene Jungs vor allem externalisierendes Verhalten in Form von Aggressivität oder Mackertum an den Tag, erklärt Psychiater Romuald Brunner. Auf beide müsse man aber aufpassen, weil Peerkonflikte für Jugendliche häufig viel belastender seien, als man denke. Eltern sollten also verstärkt auf ihre Kinder achten, wenn diese sozial ausgeschlossen seien – und im Zweifel Hilfe suchen. Doch nicht immer muss ein Bruch in einer engen Freundschaft auch langfristig negative Folgen haben. 62 Oliver Conrad etwa war 16 Jahre alt, als sein bester Freund Jens, mit dem er von klein auf an in einer Fußballmannschaft gespielt hatte, ihn plötzlich zu drangsalieren begann. Jens pumpte ihn immer wieder um Geld an, zahlte nichts zurück und war zunehmend mit anderen, härteren Jungs unterwegs. Der eher ruhige und zarte Oliver bekam in dessen neuer Peergroup viel Spott und Häme ab, auch von Jens. Als Jens schließlich Olivers Portemonnaie stahl, war Schluss. Oliver zog sich zurück und wechselte sogar die Fußballmannschaft. „Das war hart für mich, weil ich meinen besten Kumpel verloren hatte“, erinnert sich Oliver, heute 38 Jahre alt und Anästhesist an einer Klinik in Hamburg. „Ich ging durch eine Art Trauerphase. Aber letztendlich gelang es mir, mit anderen Jungs vom Fußball enge Kontakte aufzubauen. Meine Eltern haben mir in dieser Zeit auch gut geholfen, wir konnten alle sehen, dass dieses Problem weniger mit mir als mit Jens zu tun hatte.“ Jens kam aus einer sehr belasteten Familie, in der die Eltern viele Probleme hatten und das Geld immer knapp war. Er geriet in den kommenden Jahren zunehmend auf die schiefe Bahn und flog auch bald von der Schule. Oliver hörte lange nichts von ihm. Dann, mit Anfang 20, trafen sich die beiden zufällig auf einer Party wieder. Jens kam sofort auf Oliver zu und entschuldigte sich. „Da habe ich gemerkt, dass das an ihm genagt hatte“, erinnert sich Oliver. „Er war durch eine ziemlich harte Zeit gegangen und hatte insgesamt eine Menge schlechte Entscheidungen getroffen. Aber als wir uns wiedertrafen, stand er schon wieder mitten im Leben. Es war ein bisschen wie ganz früher.“ Die beiden versöhnten sich und verabredeten sich auf ein Bier. Heute sind beide wieder gute Freunde – und fahren mit ihren Familien sogar regelmäßig gemeinsam in den Urlaub. Auch die „Täter“ von damals können sich also weiterentwickeln. Manche Konflikte lassen sich tatsächlich später lösen. Die Erinnerung an den Schmerz bleibt jedoch – und prägt manchen Betroffenen mitunter PH fürs Leben. DIE WICHTIGSTEN QUELLEN Catherine Bagwell u.a.: Friendship and peer rejection as predictors of adult adjustment. New Directions for Child and Adolescent Development, 91, 2001, 25–49. DOI: 10.1002/cd.4 Karin Grossmann, Klaus E.Grossmann: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit. Klett-Cotta, Stuttgart 2012 (völlig überarbeitete Auflage) Suzet Tanya Lereya u.a.: Adult mental health consequences of peer bullying and maltreatment in childhood: two cohorts in two countries. The Lancet: Psychiatry, 2/6, 2015, 524–531. DOI: 10.1016/S2215-0366(15)00165-0 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
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STUDIENPLATZ AUTORITÄR UND GEGEN ALLES FREMDE Die aktuelle Leipziger Mitte-Studie zeigt, wie verbreitet rechte politische Einstellungen in Deutschland sind D ie deutsche Gesellschaft sei von „rechtsextremen Einstellungen durchzogen“. Außerdem sei die Bereitschaft vieler nachweisbar, andere abzuwerten. Zu diesem Fazit kommt die Forschergruppe um Oliver Decker und Elmar Brähler in der aktuellen „Leipziger Mitte-Studie“. Seit 2002 erheben die Wissenschaftler darin die Verbreitung rechter Gedanken in Deutschland. Für die aktuelle Auflage mit dem Titel „Flucht ins Autoritäre“ hatten die Forscher 2018 knapp 2500 Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft interviewt. 64 Laut Studie liegt der Anteil der Befragten mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild bei derzeit etwa sechs Prozent, dies ist in etwa so hoch wie bei den vorangegangenen Erhebungen, aber um ein paar Prozent geringer als im Jahr 2002. Zugleich sei die Anzahl der Teilnehmer, die fremdenfeindlichen Aussagen zustimmten, jedoch deutlich auf 24 Prozent gestiegen. Noch im Jahr 2018 sind überdies laut Studie 10 Prozent der Deutschen der Ansicht: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“ Darüber hinaus gebe es weiterhin bei etwa 20 Prozent der Be- völkerung verborgene antisemitische Vorurteile und Ressentiments. Den Kern der Untersuchung bilden insgesamt 18 Aussagen, zu denen die Befragten Stellung beziehen sollen – etwa „Die Deutschen sind anderen Völkern von Natur aus überlegen“ oder „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Die Sätze decken unterschiedliche Dimensionen des Rechtsextremismus wie Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus, Antisemitismus oder die Einstellung zur NSZeit ab. Zeigen Befragte in allen diesen PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 ILLUSTR ATION: JONI MAJER VON FRANK LUERWEG
Kategorien hohe Zustimmung, nehmen die Forscher an, dass sie ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben. Geringe Bildung ist nur einer der Risikofaktoren Die Ergebnisse dokumentieren, dass sich rechte Einstellungen in Deutschland nicht auf die gesellschaftlichen Ränder beschränken. So sind es nicht etwa nur die ökonomisch Abgehängten, die gegen Fremde Stimmung machen und nach einem starken Führer rufen. Die Wissenschaftler vermuten, dass mangelnde Bildung die Neigung zu solchen Einstellungen verstärkt. Rechnet man diesen Bildungseffekt jedoch aus den Daten heraus, spielen Arbeitslosigkeit oder ein niedriges Haushaltseinkommen für die Entwicklung rechter Ansichten keine Rolle. Mangelnde Bildung ist nur ein Risikofaktor unter mehreren. So gaben auch fast 13 Prozent der Befragten, die ihre Schullaufbahn mit dem Abitur abgeschlossen hatten, ein ausländerfeindliches Weltbild zu Protokoll. Die Folgen des Braindrain An einem anderen Punkt relativieren die Studienergebnisse Vorstellungen wie die, dass es im Osten Deutschlands größere Probleme mit Rechtsextremismus gebe. Vordergründig verfügen tatsächlich 8,5 Prozent der Ostdeutschen über ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, während es im Westen nur 5,4 Prozent sind. Aber dies hat wohl mit Ost oder West wenig zu tun: „Das hängt wesentlich mit einem Phänomen zusammen, das wir als Braindrain bezeichnen: dem Wegzug vor allem gut ausgebildeter Frauen in den Westen“, erklärt Oliver Decker, einer der Autoren der Studie, und ergänzt: „Dadurch wird im Osten die Alltagskultur öfter durch Männer mit schlechterer Ausbildung und entsprechend geringeren beruflichen Möglichkeiten geprägt – einer Gruppe also, die drei wesentliche Risikofaktoren für rechte Einstellungen in sich vereint.“ Autoritär und ausgeliefert zugleich Die stärkste Auswirkung auf die innere Kompassnadel hat aber wohl die Persönlichkeitseigenschaft, die die Wissenschaftler „Autoritarismus“ nennen. Sie beschreibt, wie sehr Menschen ein hartes Durchgreifen des Staates bei Regelverstößen befürworten und wie groß andererseits ihre eigene Bereitschaft ist, sich anderen unterzuordnen. Eine ausgeprägte autoritäre Gesinnung geht der Erhebung zufolge häufig mit rechtsextremen und demokratiefeindlichen Ansichten einher. Doch was ist seinerseits die Ursache für Autoritarismus? Decker und seine Kolle- gen konnten in ihrer Analyse vor allem zwei Einflussfaktoren belegen: Zum einen ging hohe Zustimmung zu rechten Meinungen einher mit der Erinnerung an einen Erziehungsstil, der durch harte Strafen, Überforderung sowie durch fehlende emotionale Nähe geprägt war. Und zweitens zählen die Autoren das bei diesen Befragten häufige Gefühl dazu, einem Staat ausgeliefert zu sein, der als autoritär erlebt wird. Ob es für diese Wahrnehmung objektive Gründe gibt, bleibt offen. Insgesamt zeigte sich etwas mehr als die Hälfte aller Befragten der Leipziger Mitte-Studie nicht zufrieden damit, wie „die Demokratie in Deutschland funktioniert“. Wohl aber wird die Demokratie so, wie sie in der deutschen Verfassung verankert ist, von mehr als 70 Prozent positiv gesehen, und eine sehr große Mehrheit befürwortet die Demokratie als Idee. Die Autoren weisen darauf hin, dass mit dem Begriff Demokratie unterschiedliche Vorstellungen verbunden sein können, etwa hinsichtlich der Frage, ob eine direkte Demokratie mit Volksentscheiden für wünschenswerter gehalten wird als PH eine repräsentative. LITERATUR Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Psychosozial, Gießen 2018 https://tinyurl.com/PH-Leipziger-Mitte ANZEIGE FLEXIBEL WEITERBILDEN BERUFSBEGLEITENDE QUALIFIKATIONEN FÜR IHREN ERFOLG! Stress- und Mentalcoach Entspannungstrainer Resilienztraining Gesunde Führung Anerkannte Abschlüsse IST-Studieninstitut | 0211 8 66 68-0 | www.ist.de PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 65
„Eltern sind auch nur Menschen“ Wir erzählen gerne davon, wie wir wurden, wer wir sind. Welche Spuren hinterlassen unsere ersten Bezugspersonen, die Eltern, in dieser Lebenserzählung? Die Psychologin Christin Köber ist dieser Frage nachgegangen und stellte fest: Mit den Jahren wird unser Elternbild differenzierter – aber keineswegs freundlicher Frau Köber, in Ihrer Langzeitstudie Mainlife mit Ihre jüngsten Probanden waren acht Jahre alt. Tilmann Habermas haben Sie sich von Menschen Wie erzählen Kinder von ihren Eltern? ganz unterschiedlichen Alters deren bisheriges Fast ausschließlich positiv und sehr idealisierend – was auch schön ist, finde ich. Es wird bei den Kindern viel von Weihnachten und anderen Festen erzählt, von ihren Geschenken, von den Urlauben. In diesen Kindergeschichten sind die Eltern meist die Helden. die Eltern in diesen Ich-Erzählungen? Tauchen sie eher unter „ferner liefen“ auf, oder spielen sie als prägende Figuren die Hauptrolle? Die Hauptrolle in der eigenen Lebenserzählung spielt die erzählende Person selbst. Aber natürlich sind die Eltern sehr wichtige Charaktere in dieser Geschichte. Besonders präsent sind die Eltern natürlich in Erzählungen aus der Kindheit. Etwa: Meine Mutter war viel für mich da, sie hat mit mir gebastelt und gemalt und mich ermutigt, Neues auszuprobieren. Oder: Nach der Scheidung meiner Eltern waren beide sehr beschäftigt, und ich habe viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. In den Erzählungen aus den Erwachsenenjahren sind die Eltern dann natürlich nicht mehr so dominant und präsent. Schon in den Erinnerungen an die Jugendjahre tauchen Freunde häufiger auf als die Eltern. Und nach dem Auszug aus dem Elternhaus rückt dann erst recht die eigene Lebenssituation in den Mittelpunkt, zum Beispiel die Familie, die man nun selbst gegründet hat. Doch nach unseren Befunden bleiben die Eltern auch in diesen Phasen und über die gesamte Lebensspanne hinweg wichtige Figuren im Hintergrund. 66 Dr. Christin Köber ist Psychologin. An der Universität Frankfurt arbeitete sie mit Professor Tilmann Habermas an der Langzeitstudie Mainlife. Inzwischen lehrt und forscht sie an der New York University Abu Dhabi Dann kommt die Pubertät, und die gilt ja als eine Phase der Rebellion gegen die Eltern. Spiegelt sich das auch in den Lebenserzählungen von Pubertierenden? Wie verändert sich das Elternbild in dieser Umbruchzeit? Es wird ambivalenter. In den Erzählungen nehmen die positiven Beschreibungen der Eltern ab, und die negativen nehmen zu. Bei den Zwölfjährigen sind noch 70 Prozent der Aussagen positiv, bei den Sechzehnjährigen ist es nur noch etwa die Hälfte. Ich sehe darin aber kein Schlechtmachen der Eltern, sondern ein Zeichen von kognitiver Reife: Erst in diesem Alter sind Heranwachsende in der Lage, diese Ambivalenz in der Bewertung ihrer Eltern auszuhalten, also neben ihren positiven auch die negativen Eigenschaften zu sehen. Dass die Eltern in diesem Alter kritischer betrachtet werden, hat natürlich auch damit zu tun, dass man sich von ihnen emanzipieren möchte und nach einer eigenen unabhängigen Identität sucht. PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 ILLUSTR ATION: CORINNA STAFFE Leben erzählen lassen. Welche Stellung haben

Woran entzündet sich die Kritik an den Eltern? Manchmal hat sie mit Lebensentscheidungen zu tun, die die Eltern für einen getroffen haben, ohne dass man früher mitentscheiden konnte. Ein Sechzehnjähriger erzählt etwa, wie seine Mutter ihn auf einer Waldorfschule angemeldet hatte, „weil sie dachte, dass das gut für mich sei. Sie mochte diese alternative Pädagogik. Doch es stellte sich als Irrtum heraus. Die Pädagogik war nicht alternativ, sondern nicht existent, die Lehrer waren seltsam und sehr inkompetent.“ In der Pubertät werden aber nicht nur die Eltern selbst kritisch reflektiert, sondern erstmals auch die eigene Beziehung zu den Eltern. Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Zum Beispiel erzählte ein junger Teilnehmer, wie er sich nun erstmals mit seinem seit langem von der Mutter geschiedenen Vater auseinandersetzte, wie sie ein Treffen vereinbarten und sie gemeinsam über ihre Beziehung nachdachten. Ist es nicht so, dass Pubertierende auf Teufel komm raus nach allem Ausschau halten, was sie an den Eltern nerven könnte? Kindheit zurück. Die Eltern werden vielmehr auch weiterhin mit ihren Schwächen beschrieben, gleichzeitig steigt aber das Verständnis für diese Schwächen. Es scheint einem leichterzufallen, über die Fehler der Eltern zu sprechen, sobald man akzeptiert hat, dass sie eben auch nur Menschen sind, wie man selbst. Ab zwanzig etwa konnten wir diese Haltung in den Erzählungen zunehmend beobachten. Wenn man aus dem Elternhaus ausgezogen ist und an der Uni, im Beruf, in der Partnerschaft, der Familie ein eigenständiges Leben führt, dann realisiert man allmählich, wie begrenzt und limitiert ein Erwachsenenleben doch ist. Man versteht zunehmend, dass auch die Eltern früher nicht so frei, autonom und souverän in ihren Entscheidungen waren, wie einem das damals als Kind und Jugendlicher vorkam. Und dass die Eltern eben ihre eigene Biografie hatten, die sie zu den Menschen machte, die sie waren. Gerade Studienteilnehmer, deren Eltern den Krieg noch erlebt hatten, betrachteten diese oft unter dieser verständnisvollen, aber nicht unkritischen biografischen Lupe. Das mag vielleicht im Alltag so scheinen, aber in den Lebenserzählungen trifft das Klischee, wonach Pubertierende stereotyp gegen alles rebellieren, was von den Eltern kommt, so nicht zu. Das Elternbild wird ambivalent, kippt aber keineswegs ganz ins Negative. Werden die Eltern in den späteren Jahren, wenn Aber heftig geht es in dieser Zeit bisweilen schon Das ist nicht der Fall. Die positiven Beschreibungen nehmen bis zum mittleren Erwachsenenalter eher ab und halten sich dann mit den negativen die Waage. Im höheren Erwachsenenalter gab es dann keine Unterschiede mehr im Vergleich zu den jüngeren Erwachsenen. zu. Wenn die Pubertät dann überstanden ist, gehen junge Erwachsene erfahrungsgemäß wieder etwas pfleglicher mit ihren Eltern um. Wird das Verhältnis dann wieder freundlicher und entspannter? Im Umgang wohl schon. In ihren Lebenserzählungen allerdings kehrt man jenseits der Pubertät nicht etwa zu der positiven Verzerrung des Elternbildes aus der die „Kinder“ selbst an der Schwelle zum Alter stehen, in einem milderen Licht gesehen und in den Lebenserzählungen wohlwollender beschrieben? Worauf führen Sie das zurück? Ich weiß es nicht. Da braucht es mehr Forschung. Sind Sie in den Erzählungen auch auf Schuldzuweisungen gestoßen? Etwa nach dem Motto: „Hättet ihr mich damals stärker unterstützt, stünde ich jetzt besser da!“ DIE GROSSE ERZÄHLSTUDIE An der Langzeitstudie Mainlife unter der Leitung von Tilmann Habermas nahmen seit 2003 mehr als 400 Mädchen und Jungen, Frauen und Männer im Anfangsalter zwischen 8 und 65 Jahren teil. Sie hatten die Aufgabe, entlang der sieben wichtigsten Erinnerungen ihr bisheriges Leben zu erzählen. Im Zentrum sollte dabei die Frage stehen: „Wie wurde ich zu der Person, die ich heute bin?“ Diese Prozedur wurde im Abstand von vier Jahren bislang dreimal wiederholt. Die fünfte und letzte Befragungswelle ist jetzt für 2019 geplant. Die ältesten Befragten sind inzwischen um die 80 Jahre alt. 68 Das gibt es sicher, aber ich kann mich an kein Beispiel für eine solche Schuldzuweisung aus unserer Studie erinnern. Es gab sicher auch grundsätzliche Kritik wie etwa „Meine Mutter war immer sehr kühl zu mir“. Und was wir auch beobachteten: Eltern tauchen häufig in negativen Erzählsequenzen ohne Happy End auf, in denen von Enttäuschungen, Trauer oder Ärger die Rede war. Vielleicht hielten solche ungelösten Konflikte die Betreffenden emotional so gefangen, dass sie in der Erinnerung sehr präsent waren. Und diese emotionale Befangenheit behinderte womöglich, dass man sich in die Position der Eltern hineinversetzte und in der Erzählung deren PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
„Stimme“ zu Wort kommen ließ. Auf der anderen Seite beobachteten wir, dass die Eltern gerade in schwierigen Situationen und an Wendepunkten im eigenen Erwachsenenleben wie etwa einer schmerzhaften Scheidung als emotionale und handfeste Stütze erlebt wurden. In solchen Umbruchphasen bleiben die Eltern wichtige Ansprechpartner und werden als solche auch gesucht. Die Eltern werden über ihren Tod hinaus in die Biografie integriert. Man vergewissert sich ihrer Bedeutung fürs Leben Welche Unterschiede gibt es zwischen den Elternerzählungen von Frauen und Männern? Obwohl Töchter, wie man aus anderen Studien weiß, oft engere und wärmere Beziehungen zu ihren Eltern haben als Söhne, fanden sich in ihren Elternerzählungen häufiger negative Urteile. Das könnte auch daran liegen, dass Frauen generell mehr über ihre Gefühle reden als Männer. Allerdings erklärt das nicht, warum Frauen in einer bestimmten Altersgruppe vor allem mit ihren Vätern unzufrieden waren: Töchter im mittleren Alter, in den Vierzigern, hatten weniger Verständnis für ihre Väter und waren ihnen gegenüber weniger zugewandt, als dies bei den Söhnen der Fall war. Die Mütter hingegen wurden von den Töchtern weniger kritisch gesehen. Wir wissen nicht so richtig, woran das liegt. Dass die verstorbenen Eltern mehr Raum in den Lebenserzählungen einnehmen, kann man mit dem Bedürfnis erklären, das „geliebte Objekt“ nach dem Verlust gegenwärtig zu halten. Die Eltern werden also sozusagen über den Tod hinaus in der Lebensgeschichte gehalten, sogar in verstärktem Maße. Man vergewissert sich ihrer Bedeutung für das eigene Leben. Das dient auch dazu, die Trauer zu bewältigen und mit dem Verlust umzugehen. Man versucht, den Tod des Vaters oder der Mutter in die eigene Biografie zu integrieren und ihn im Kontext dieser Lebenserzählung zu verarbeiten. Hätten Sie ein Beispiel? aus unserem Leben? Eine 44-jährige Teilnehmerin erinnerte sich daran, wie sie als junge Frau ein Gartenbaustudium aufgenommen hat, einfach weil ihr Vater ihr das gesagt hatte. Sie folgte seinem Wunsch, obwohl das Fach sie eigentlich gar nicht interessierte. Prompt ging es schief, und sie brach das Studium ab. Viele Jahre später bereinigte sich ihr Verhältnis zum Vater, als er schwer erkrankte und sie ihn bis zum Tod pflegte. Überhaupt ist die Pflege der Eltern eine emotional wichtige Episode, die in den Lebenserzählungen von älteren Studienteilnehmern häufig zur Sprache kam. Wir erzählen, um Ereignisse zu verarbeiten. Wir erzählen ferner, was uns widerfahren ist, um zukünftig in ähnlichen Situationen besser gewappnet zu sein. Und wir erzählen von uns und unserem Leben, um eine emotionale Beziehung zum jeweiligen Gesprächspartner herzustellen und zu vertiefen. Die meisten Erzählungen sind eher Alltagsanekdoten: Wir haben das Bedürfnis, anderen mitzuteilen, was uns heute so passiert ist. Aber es gibt auch Erzählungen, die viel weiter zurückreichen. Manche von ihnen handeln von wichtigen Markierungen und Weggabelungen des eigenen Lebens. Menschen erzählen spontan immer wieder von solchen markanten Episoden, die für sie ein besonderes Gewicht haben. Wie verändern sich die Erzählungen von der Mutter oder dem Vater mit deren Tod? Der Tod steigerte ihre Präsenz in den Lebenserzählungen, das heißt, sie tauchten dann häufiger in den geschilderten Erinnerungen auf. Sie wurden aber deshalb nicht positiver oder verständnisvoller beschrieben, und es wurde in den Erzählungen auch nicht mehr Verbundenheit zu ihnen hergestellt. Die Hinterbliebenen verfahren also erstaunlicherweise nicht etwa nach dem Motto: „Über Tote spricht man nicht schlecht.“ Sind uns die Lebenserinnerungen, die mit dem Verstorbenen verbunden sind, dann deshalb so präsent, weil wir seiner gedenken, ihm Ehre erweisen wollen? Oder gibt es auch persönlichere Gründe? PSYCHOLOGIE HEUTE Warum erzählen wir Menschen so gern und viel Welche Rolle spielen diese Lebenserzählungen für unsere Identität, unser Ich-Empfinden? Ich denke, sie prägen ganz maßgeblich unsere Identität. Wir beschreiben, was uns als Person ausmacht, indem wir von uns erzählen. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der sich wie in einem Fragebogen anhand von Eigenschaftswörtern beschreibt, also etwa wie extravertiert oder pünktlich er ist. Wir schildern uns anhand von erinnerten Episoden aus unserem Leben, und diese Ereignisse verknüpfen wir mental zu einer Erzählung von uns selbst: So bin ich zu der Person geworden, die ich heute bin. PH INTERVIEW: THOMAS SAUM-ALDEHOFF 04/2019 69
DOSSIER BERUF& LEBEN DOSSIER BERUF& LEBEN REDAKTION: EVA-MARIA TRÄGER 70 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Zeitfragen: Wie wollen wir arbeiten? Immer mehr Menschen wünschen sich, weniger oder zumindest flexibler zu arbeiten. Sie wollen Freiräume statt starrer Strukturen. Doch tut uns das wirklich gut? Was ist die ideale Arbeitszeit? Und wovon hängt sie ab? VON MANUELA LENZEN ILLUSTR ATIONEN: JULIA SCHWARZ I m Jahre 1928 dachte der britische Ökonom John Maynard Keynes darüber nach, wie viel seine Enkel wohl würden arbeiten müssen. Er rechnete die steigende Produktivität der Wirtschaft hoch und kam auf maximal 15 Stunden pro Woche. Zum ersten Mal seit seiner Erschaffung werde der Mensch dann vor die Frage gestellt, wie er seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen verwenden und seine Freizeit ausfüllen könne, um weise, angenehm und gut zu leben, sinnierte Keynes damals. Heute füllen Berichte über immer intelligentere Maschinen, die uns immer mehr Arbeit abnehmen können, die Medien. Die Verwirklichung von Keynes’ Vision ist jedoch auch in der Generation seiner Urenkel nicht in Sicht. Die Zahl der durchschnittlich gearbeiteten Stunden pro Jahr in Deutschland ist seit den 1960er Jahren zwar kontinuierlich rückläufig. Nach einer Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) arbeiten Vollzeitbeschäftigte in DeutschPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 land aber immer noch im Mittel 43,4 Stunden in der Woche. Das sind knapp fünf Stunden mehr als die im Durchschnitt vertraglich vereinbarten 38,6 Stunden. Dennoch scheint die Arbeitswelt im Umbruch: Noch nie standen so viele Menschen – und vor allem so viele Frauen – in einem Arbeitsverhältnis, und noch nie arbeiteten so viele Menschen in Teilzeit. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer drängen auf mehr Flexibilität. Für Erstere vertragen sich die gesetzlich geregelten Arbeitsund Ruhezeiten schlecht mit den Anforderungen von Globalisierung, Digitalisierung und Projektarbeit, Letztere suchen Möglichkeiten, Arbeit und andere Verpflichtungen besser zu vereinbaren. Vertreter von Gewerkschaften, Interessenverbänden wie der Nichtregierungsorganisation Attac und auch der SPD sehen die Zeit gekommen für den Sechsstundentag, die 30-Stunden- oder die Viertagewoche. Das neue Brückenteilzeitgesetz verschafft Arbeitnehmern unter bestimmten Bedingungen das Recht, von Teilzeit zu Vollzeit zurückzukehren. Gewerkschaften und SPD streiten zudem für ein Recht auf Heimarbeit. Hundert Jahre nach Einführung des Achtstundentages steht die Frage, wie viel und wie flexibel wir arbeiten sollen, also ganz oben auf der Tagesordnung. Aber was ist eine gute Arbeitszeit? Und woran macht sie sich fest? Bislang ist die Vollzeitbeschäftigung nach wie vor das dominierende Arbeitszeitmodell, doch immerhin 42 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer arbeiten in Teilzeit; Pflegezeit, Elternzeit, Sabbaticals und zeitweise Freistellungen lockern die klassische Erwerbsbiografie auf. Der BAuA zufolge sind 40 Prozent der Beschäftigten mit ihrer Arbeitszeit zufrieden, 47 Prozent aller Beschäftigten und 55 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen würden aber gerne weniger arbeiten, und ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten wünscht sich die Möglichkeit aufzustocken. „Frauen würden im Durchschnitt gerne 30 Stunden arbeiten, Männer 38 Stunden“, sagt Angelika Kümmerling vom Institut Arbeit und Qualifikation der 71
DOSSIER BERUF& LEBEN Universität Duisburg-Essen. Sie hält diese Durchschnittswerte aber für wenig aussagekräftig: „Die Bedürfnisse und Arbeitsformen haben sich sehr stark ausdifferenziert.“ In vielen Firmen existieren auch deshalb unterschiedliche Arbeitszeitmodelle nebeneinander. Bei BorgWarner Turbo Systems in Kirchheimbolanden etwa, einem US-amerikanischen Automobilzulieferer, gilt aktuell eine 35-Stunden-Woche mit großem Gleitzeitrahmen. Die Beschäftigten können zwischen 6 und 20 Uhr flexibel im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben arbeiten. In der Produktion seien zwar in der Regel nach wie vor fixe Schichtmodelle im Einsatz, da individuelle Regelungen dort „organisatorisch nur schwierig abzubilden“ seien, erklärt Christoph Schwarz, Leiter der Organisations- und Personalentwicklung, der Gleitzeitrahmen könne aber auch in diesem Bereich voll genutzt werden. Zudem könnten alle Mitarbeiter auf Arbeitszeitkonten Plusund Minusstunden sammeln, auch Teilzeitarbeit werde angeboten. Früher ging es Bewerbern um Karriere und Fortkommen, heute wünschen sie sich Flexibilität Die Möglichkeiten würden gut angenommen. Vor allem für Arbeitnehmerinnen, die früher wegen eines Kindes ganz ausgestiegen sind, sei es eine gute Sache, dass sie jetzt dabeibleiben könnten. „Wenn man ganz aussteigt, wird man eben doch abgehängt, das ist das Feedback, das ich von den Mitarbeiterinnen bekomme.“ Schwarz registriert aber auch, dass sich die Präferenzen aller Beschäftigten verändern. Dass etwa Männer in Elternzeit gehen, sei ein neues Phänomen, das er seit drei oder vier Jahren beobachte. „Die Führungsetage war da zu Beginn schon mal irritiert, jetzt aber wird die Möglichkeit auch dort genutzt“, sagt er. Früher sei es Bewerbern immer um Karriere und Fortkommen gegangen: „Wie geht’s weiter, höher, schneller? Heute fragen sie auch: Kann ich freitags von zu Hause arbeiten, kann ich auch als Führungskraft eine 35-Stunden-Woche haben?“ Neben der Wochenstundenzahl bestimmt vor allem die Verteilung der Arbeitszeit den Alltag. Dass zumeist in Achtstundentagen gearbeitet wird, hat vor allem historische Gründe. „Die Begrenzung Arbeitszeit und ihre Formen Das deutsche Recht erlaubt den Achtstundentag an sechs zent der Betriebe bieten allerdings die Möglichkeit, Ar- Werktagen pro Woche. Laut Arbeitszeitgesetz sind in beitszeitguthaben für Langzeitfreistellungen anzusparen. Ausnahmefällen bis zu zehn Stunden Arbeit pro Tag mög- nen Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice sein. Laut einer nicht länger als acht Stunden pro Werktag gearbeitet wird. Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Arbeit an Sonn- und Feiertagen ist grundsätzlich verboten, würden vier von zehn Deutschen gerne zumindest ab und ausgenommen sind Tätigkeiten, die gewöhnlich an diesen zu von zu Hause aus arbeiten, was bei etwa 40 Prozent der Tagen stattfinden müssen, von der Medizin bis zur Gastro- Tätigkeiten im Prinzip möglich wäre. Knapp 40 Prozent der nomie. Unternehmen bieten diese Möglichkeit auch an. Je nach Dem Arbeitszeitreport Deutschland für 2016 zufolge ha- Umfrage arbeiten bislang aber nur zwischen neun und elf ben nur vier von zehn Beschäftigten Einfluss darauf, wann Prozent der Beschäftigten regelmäßig oder gelegentlich sie mit der Arbeit beginnen, wann sie sie beenden und sich von zu Hause aus. ein paar Stunden freinehmen können. Beschäftigte in der Bei der Vertrauensarbeitszeit ist es den Beschäftigten Industrie und in größeren Betrieben haben dabei größe- selbst überlassen, wie viel Zeit sie im Unternehmen oder am re Spielräume als solche, die im Handwerk und in kleineren eigenen Schreibtisch verbringen, um ihre Aufgabe zu er- Betrieben tätig sind. füllen. Das Modell ist eher bei hochqualifizierten oder Füh- Immerhin 61 Prozent der Beschäftigten haben ein 72 Flexibler als die unterschiedlichen Gleitzeitmodelle kön- lich, wenn innerhalb von sechs Monaten im Durchschnitt rungstätigkeiten zu finden und wird nach einer Statistik des Arbeitszeitkonto und können über das angesparte Zeit- Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von guthaben mehr oder weniger frei verfügen. Nur zwei Pro- 29 Prozent der Betriebe und Verwaltungen angeboten. PSYCHOLOGIE HEUTE ML 04/2019
der Arbeitszeit ist eigentlich eine Notlösung“, sagt Friedhelm Nachreiner, Leiter der gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung (siehe Interview auf Seite 77). Eigentlich sollte es darum gehen, Schäden oder Beeinträchtigungen zu vermeiden. „Doch weil man insbesondere die psychische Belastung so schlecht messen kann, hält man sich der Einfachheit halber an die Arbeitszeit, um die Belastung und ihre Auswirkungen im Griff halten zu können.“ Eine Frage der Belastung Wie viele Arbeitsstunden pro Tag ideal sind, lässt sich nicht so leicht bestimmen; für manche Tätigkeiten könnten sechs Stunden schon zu viel sein. „Kann man die Aufgabe automatisch und ohne große Aufmerksamkeitszuwendung abarbeiten, muss man komplexe Regeln anwenden oder ständig neue Lösungen finden? Natürlich gibt es Abstufungen und Mischformen, aber diese und andere Formen der Belastung bestimmen, wie lange jemand eine Tätigkeit ausführen kann“, sagt Nachreiner. Eine vernünftige Arbeitszeit sei eine, die weder die Sicherheit noch die Gesundheit oder das soziale Leben der Beschäftigten beeinträchtige. Nach sieben bis acht Stunden Beschäftigung steige die Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsunfall zu erleiden, rasant an, mehr sollte es also auf keinen Fall sein. „In der zehnten Stunde einer Schicht muss man sich deutlich mehr anstrengen als in der zweiten, wenn man die gleiche Leistung erbringen will“, so Nachreiner. „Nach zwölf Stunden ist das Unfallrisiko doppelt so hoch wie im Schnitt der ersten acht Stunden.“ Erste Ermüdungserscheinungen treten schon nach einer halben Stunde Arbeit auf. Um zu vermeiden, dass sie überhandnehmen, stehen den Beschäftigten Pausen zu: bei mehr als sechs Stunden Arbeit mindesten eine halbe Stunde, ab neun Stunden 45 Minuten. Daneben legen Menschen aber auch kürzere Auszeiten von mehreren Sekunden bis einigen Minuten ein – etwa um sich zu strecken, den Blick schweifen zu lassen oder sich einen Kaffee PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 zu holen. „Durch solche Pausen gehen teilweise bis zu zehn Prozent der vorgegebenen Arbeitszeit verloren. Deshalb sind sie Arbeitgebern bisweilen ein Dorn im Auge“, sagt Johannes Wendsche von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. „Tatsächlich aber führen insbesondere systematische Pausen dazu, dass die Arbeitenden mehr schaffen statt weniger.“ In den Auszeiten werde nicht nur Ermüdung abgebaut, sie motivierten auch. Das besagt zumindest das von den Psychologen Winfried Hacker und Peter Richter formulierte „Gesetz der dauerabhängigen Anstrengung“: Wenn wir eine Aufgabe angehen, planen wir demnach schon ein, wie lange sie dauern wird, und richten unseren Einsatz danach aus. „Je kürzer die Etappe bis zur nächsten Pause ist, desto mehr hängt man sich rein“, erklärt Wendsche. Manche Unternehmen experimentieren auch mit einer Verkürzung der Arbeitszeit. Die Stadt Göteborg etwa ließ von 2015 bis 2017 die Beschäftigten in einem Altenheim sechs statt acht Stunden pro Tag arbeiten, bei vollem Lohnausgleich. Die Arbeitszufriedenheit stieg, der Krankenstand sank. Dennoch wurde das Projekt aufgegeben, weil die Kosten für die erforderlichen Neueinstellungen zu hoch waren, so die Begründung. Gesamtgesellschaftlich gesehen könnte sich ein solches Modell auszahlen, rechnen Forscher vor. Da die höheren Lohnkosten aber von den Unternehmen zu tragen sind, sei ein solcher Schritt für diese meist nicht wirtschaftlich. Bei der Bielefelder IT-Agentur Digital Enabler wird bei vollem Lohnausgleich nur fünf Stunden pro Tag gearbeitet. Die Idee: Wer fünf Stunden richtig anpackt, schafft genauso viel wie jemand, der acht Stunden nur irgendwie hinter sich bringt. Ob sich das Modell auf Dauer rechnet, muss sich noch zeigen. „Ich denke schon, dass wir ernsthaft über den Sechsstundentag als neuen Arbeitszeitstandard nachdenken sollten“, 73
DOSSIER BERUF& LEBEN sagt Yvonne Lott, die bei der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf über flexibles Arbeiten forscht. „Aber dann muss die Arbeit anders organisiert werden. Man kann nicht einfach immer nur intensiver arbeiten, um schneller fertig zu werden.“ Viele Arbeitnehmer wünschen sich die Möglichkeit, ihre Arbeitsstunden freier über den Tag zu verteilen. Neben das nine to five-Modell sind andere Arbeitszeitformen getreten, darunter auch Homeoffice und Vertrauensarbeitszeit (siehe Kasten auf Seite 72). „Was sich davon realisieren lässt, hängt von der Tätigkeit und auch von der Hierarchiestufe ab“, sagt Lott. „Zu Homeoffice und Vertrauensarbeitszeit gehört auch eine entsprechende Kultur im Unternehmen“, ergänzt Roda Müller-Wieland, die in Berlin am Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zu Arbeit und Führung der Zukunft forscht. Misstrauen aufseiten der Arbeitgeber Oft herrsche in Unternehmen gegenseitiges Misstrauen, etwa was die Arbeit zu Hause angehe. „Die Arbeitgebenden befürchten, dass die Mitarbeitenden das ausnutzen und zu wenig tun, und die Arbeitnehmenden befürchten, dass sie mehr arbeiten, als vereinbart ist und entlohnt wird.“ Wenn nur die befördert würden, die immer präsent sind, die signalisieren, dass sie bereit sind, lange und überlange zu arbeiten, wenn die Vorgesetzten durch Überstunden glänzten und die Arbeit so organisiert sei, dass die Projekte in der vorgesehenen Zeit nicht zu schaffen sind, wenn Vertretungsregelungen fehlten und die Kollegen ausbaden müssten, wenn jemand früher geht, könnten solche flexiblen Modelle kaum gelingen und schnell zu mehr Arbeit führen. Viele Firmen scheuten auch die logistische Herausforderung, sagt Müller-Wieland: von der Technik, die beschafft werden muss, über die Arbeitsplätze, die eingerichtet und kontrolliert werden müssen, bis hin zu einem erhöhten Aufwand für Abstimmung und Kommunikation. Auch 74 Nicht nur für Unternehmen können flexible Formen der Arbeit zum Problem werden für Arbeitnehmer ist die Abkehr von der Präsenzkultur jedoch nicht frei von Problemen. So bequem es sein mag, sich morgens gleich an den Schreibtisch setzen zu können, statt Zeit im Stau zu vertrödeln: Wer nicht im Büro ist, bekommt vieles nicht mit, Begegnungen mit Kollegen fallen weg und damit mitunter auch die Inspiration, die man aus Gesprächen am Kaffeeautomaten oder in der Teeküche ziehen kann. „Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Fähigkeit zum Selbstmanagement aufzubauen, sich den Tag zu strukturieren und sich nicht selbst auszubeuten“, sagt Arbeitsforscherin Müller-Wieland. Beschäftigte im Homeoffice leisten nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales etwa drei Überstunden mehr pro Woche als ihre Kollegen im Büro und haben weniger Möglichkeiten, diese durch Freizeit auszugleichen. „Beim Homeoffice kommt es wohl auch auf die Anzahl der Stunden an“, sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Günter Maier von der Universität Bielefeld: „Wenn Homeoffice ermöglicht PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
wird, steigt die Arbeitszufriedenheit an, bei mehr als 15 Stunden pro Woche sinkt sie aber wieder ab.“ Nur von zu Hause aus zu arbeiten ist also offenbar auch nicht die Lösung. Ein Nebeneffekt der Option, räumlich und zeitlich flexibler zu arbeiten, ist die dauernde Erreichbarkeit. Im Arbeitszeitreport Deutschland geben 22 Prozent der Befragten an, dass ihr Arbeitsumfeld von ihnen erwartet, auch im Privatleben für dienstliche Angelegenheiten erreichbar zu sein. Bei Führungskräften ist dies ausgeprägter als bei anderen Beschäftigten der Fall, in größeren Unternehmen kommt es seltener vor als in kleineren. Ortsunabhängigkeit bedeutet nicht immer Freiheit Die digitalen Kommunikationstechnologien machen es möglich, viele Tätigkeiten ortsunabhängig auszuführen, dadurch haben sich auch neue Arbeitsformate entwickelt, die vor allem Selbständigen vordergründig maximale Freiheit ermöglichen. Sogenannte Click- oder Crowdworker etwa erledigen kleine Aufträge, die auf digitalen Plattformen vergeben werden: Preise von Spesenrechnungen abtippen, Kleidungsstücke beschreiben und Ähnliches. Hängt das Einkommen tatsächlich von dieser Tätigkeit ab, stellt sich der Arbeitstag allerdings oft nicht sehr flexibel dar: „Zu Stoßzeiten, wenn neue Aufträge eingestellt werden, muss der Clickworker bereitstehen, die Ankündigungen kleiner Aufträge unterbrechen immer wieder den Tag, häufig ohne dass er wirklich kontinuierlich und lohnend arbeiten könnte“, erklärt Soziologin Angelika Kümmerling. Ein anderes flexibles Konzept verfolgen sogenannte Digitalnomaden. Als Freelancer, Blogger oder mit einer via Laptop zu realisierenden Geschäftsidee finanzieren sie sich ein Leben, bei dem das Reisen häufig im Vordergrund steht. „Was man arbeitet, ist oft zweitrangig“, erklärt Conni Biesalski, die vor einigen Jahren als Reisebloggerin begonnen hat und heute Onlineworkshops und Coachings anbietet und Provisionen für Produktempfehlungen bekommt. „Wenn man dann viel und PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Zeit und Arbeit Chronobiologie. Zwar sind Menschen, die vom Chronotyp her eher „Lerchen“ sind, also früher am Tag aktiv werden, etwa zwei Stunden früher dran als „Eulen“ mit ihrer Präferenz für spätere Stunden, doch im Wesentlichen gilt: Anspruchsvolle Aufgaben sollten vormittags erledigt werden, dann ist die Konzentrationsfähigkeit am größten. Nach einem Mittagstief steigt die Leistungsfähigkeit wieder und sackt gegen Abend immer weiter ab. Manche Menschen sind flexibler als andere, aber in der Nacht erbringt kaum jemand Höchstleistungen. Passende Arbeitszeiten wirken sich positiv auf die Leistungsfähigkeit, aber auch auf Gesundheit und Motivation aus. Zeitdruck. Das Gefühl, zu wenig Zeit für die zu erledigenden Aufgaben zu haben, kann vorübergehend sein, etwa vor einem Abgabetermin, oder dauerhaft belasten. Gründe können eine schlechte Arbeitsorganisation, Überforderung oder schlicht die Tatsache sein, dass mehr zu tun ist, als man schaffen kann. Ist der Arbeitsablauf durchdacht und der Stress bleibt trotzdem, sollten Betroffene das Gespräch mit Vorgesetzten und/oder Betriebsrat suchen oder sich, etwa als Selbständige, anderweitig beraten lassen, zum Beispiel durch einen Coach oder Psychologen. Auf Pausen zu verzichten und Überstunden anzuhäufen ist keine nachhaltige Lösung. Struktur. Wie nutzt man Arbeitszeit möglichst effizient? Am besten verschafft man sich zuerst einen Überblick, was zu tun ist, und setzt Prioritäten. Zusammenhängende Aufgaben sollte man ohne Unterbrechungen und Störungen bearbeiten, wobei von 90 Minuten etwa 75 Minuten dem konzentrierten Arbeiten und 15 Minuten der Entspannung dienen sollten. Ein Wechsel von Konzentration und Entspannung ist effizienter als ein „Durchpowern“. Grenzen. Genug ist genug: Wenn man müde wird, hätte man schon längst Pause machen sollen, und ein am Computer verbrachter Abend dient nicht der Erholung. Eine eigenverantwortliche Gestaltung des Arbeitstages will gelernt und konsequent umgesetzt sein. Arbeitgeber sollten ihre Angestellten mit entsprechenden Fortbildungen oder Leitfäden dabei unterstützen, Selbständige können auf Ratgeber zurückgreifen oder professionelle Beratung suchen. Zentral ist: dem Tag eine Struktur zu geben, für störungsfreie Arbeitsphasen zu sorgen, Pausen und arbeitsfreie Zeiten einzuplanen – und sie auch einzuhalten. ML 75
DOSSIER BERUF& LEBEN Bei der Debatte um Arbeitszeiten spielt die Frage von Selbstund Fremdbestimmung immer eine Rolle schnell herumgereist ist, stellt man irgendwann fest, dass das Reisen an sich einen auch nicht glücklich macht“, sagt die 35-Jährige. „Irgendwann wird es langweilig, sich Sehenswürdigkeiten und schöne Strände anzugucken. Es geht im Leben darum, etwas Bedeutungsvolles zu tun. Und wenn man ein Business aufbauen will, braucht man Stabilität und Routinen.“ Inzwischen hat Biesalski wieder eine „Homebase“, also einen Platz, an den sie immer wieder zurückkommt. Sie arbeite zwischen 30 und 50 Stunden pro Woche, sagt sie, je nachdem ob gerade ein neues Projekt starte. „Ich schaue nicht auf die Uhr, sondern versuche einfach, in kurzer Zeit viel zu schaffen. Dabei geht es weniger um Effizienz: Ich liebe, was ich tue, da spielt Zeit nicht so eine Rolle.“ Das gilt, wenn auch meist weniger radikal, für viele Unternehmer. Selbständige haben häufiger als abhängig Beschäftigte überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche, fast die Hälfte von ihnen arbeitet regelmäßig an den Wochenenden. Die Forschung warnt davor, Arbeit und Freizeit zu eng zu verquicken: Auf die Dauer korreliert eine ständige Erreichbarkeit ebenso wie überlange Arbeitszeiten und überraschende Veränderungen in den Arbeitsplänen mit mehr Klagen über gesundheitliche Beschwerden, insbesonde76 re körperliche Erschöpfung und Schlafstörungen. „Klare Absprachen, wann wer erreichbar ist und wann nicht, sind bei flexibler Arbeit ganz wichtig“, sagt auch deshalb die Arbeitsforscherin Angelika Kümmerling. Flexibilität, die vom Arbeitgeber eingefordert wird, wirkt sich nach einer neuen IAB-Übersichtsstudie eher negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten aus, bei selbstgesteuerter Flexibilität treten diese Effekte nicht ein. Ein gesundheitlicher Nutzen ist allerdings auch nicht zu belegen. Steigende Ansprüche Selbst- oder Fremdbestimmung, Lebenskonzepte, Rollenvorstellungen, Gleichberechtigung – bei der Debatte um Arbeitszeiten werden komplexe gesellschaftliche Fragen immer mitverhandelt. Die Ansprüche an die Arbeit und ihre Gestaltung steigen – zumindest in manchen Teilen der Bevölkerung. „Wir müssen aufpassen, dass wir hier keine Luxusdiskussion führen und nur über die sprechen, die mit dem PC irgendwo arbeiten können“, sagt Arbeitspsychologe Friedhelm Nachreiner. „Ein großer Teil der Bevölkerung hat gar keine Chance, diese ‚schicken‘ Konzepte zu nutzen. Wir brauchen auch tragfähige Lösungen für die, die am Band stehen oder im Verkauf.“ Anders als bei den oft raren Fachkräften sähen sich Arbeitgeber bei weniger qualifizierten Tätigkeiten nicht gezwungen, den Vorstellungen der Beschäftigten entgegenzukommen: „Hier geht es eher ums Sparen als darum, dass man keine Arbeitskräfte findet“, sagt Yvonne Lott. Statt zu einer Entspannung komme es zu einer Verdichtung der Arbeit – mit entsprechenden Nachteilen für die Betroffenen. Die ideale Arbeitszeit ermöglicht allen – egal in welcher Branche sie tätig sind, gleichgültig ob angestellt oder selbständig – Zeit für Rekreation und Familie, sie lässt sich zuverlässig planen und bei Bedarf verschieben, kann meist am Arbeitsplatz, manchmal aber auch zu Hause erledigt werden und deckt sich halbwegs mit der Arbeitszeit der Mitmenschen – bei sicherer Entlohnung. Bleibt das ein unerfüllbarer Traum? Die Verwirklichung der Vision, die John Maynard Keynes vor bald 100 Jahren formulierte, wird damit beginnen müssen, darüber nachzudenken, was wir uns unter einem weisen, angenehmen und guten Leben vorstellen – und welche Rolle die Arbeit darin spielen kann und muss. Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf psychologie-heute.de/literatur PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
„Die Arbeit ist auch ein Rhythmusgeber“ Flexible Arbeitszeiten schaffen Spielräume, um den Arbeitstag zu gestalten. Doch dies muss gut gemacht werden, sonst kann Flexibilität auch schaden Herr Professor Nachreiner, viele Ar- eigenen Verhaltens wie bei einer ver- ken, unübliche Arbeitszeiten durch län- beitnehmer und auch die Arbeitgeber nünftigen Arbeitszeit; der ständge gere arbeitsfreie Zeit auszugleichen. wünschen sich flexiblere Arbeitszei- Wechsel greift offenbar tief in die Das heißt, es wäre besser, wir würden ten. Dann ist doch alles in Ordnung? Handlungsregulationsstrukturen ein, was alle regelmäßig unseren Achtstunden- Nun ja, tatsächlich verlangen beide Sei- dazu führt, dass man unsicherer arbeitet. tag arbeiten? ten, dass sich der jeweils andere anpas- Außerdem werden die sozialen Rhyth- Im Prinzip ja, wobei acht Stunden oft sen und Verständnis dafür haben soll, men gestört. schon zu viel sind. Wenn wir uns heu- dass das Gegenüber Wert auf seine Inwiefern? te die Belastungen ansehen, die bei be- Form der Flexibilität legt. Die Unterneh- Der Freiraum, in dem wir nicht arbeiten stimmten Jobs vorliegen, wäre eine kür- men wünschen sich Flexibilität, weil die müssen, ist dazu da, dass wir uns erho- zere Arbeitszeit angemessener. Wenn Anforderungen an die Produktion ande- len können, er ist aber auch der Raum man Arbeitnehmer an mehreren Tagen re und insbesondere variabler geworden für soziale Aktivitäten, etwas mit der Fa- hintereinander untersucht, kann man sind, und das soll durch variable Arbeits- milie oder mit Freunden zu machen, an feststellen, dass sie immer noch Belas- zeiten abgefedert werden. einem Vereinsleben teilzunehmen oder tungen vom Vortag mitbringen und zum sich ehrenamtlich zu engagieren. Die- Beispiel ein höheres Unfallrisiko haben. Arbeitnehmer denken eher daran, wie sie Arbeit und andere Belange – Kinder- se Aktivitäten unterliegen in ihrer zeit- Das sollte nicht so sein. Man sollte aus- erziehung, Pflege der Eltern, soziale und lichen Struktur dem sozialen Rhythmus geruht zur Arbeit kommen können. Ich kulturelle Teilhabe – besser vereinbaren einer Gesellschaft. Wenn man nun zu al- werte das als Hinweis darauf, dass die können. Natürlich ist Flexibilität erst ein- len möglichen und unmöglichen Zeiten Intensität der Belastung zu hoch und mal nicht schlecht, weil sie Spielräume arbeitet, wird es schwierig, an so etwas die Arbeitszeit für diese Belastung zu für die Gestaltung des Arbeitstages und teilzunehmen. lang ist. der nicht arbeitsbezogenen Bereiche Wir haben festgestellt, dass die so- Es ist gut, dass Frauen heute bes- schafft. Aber man muss das vernünftig zialen Rhythmen in den letzten 20 Jah- ser aus den diskriminierenden Teilzeit- machen. ren im Wesentlichen gleich geblieben verhältnissen herauskommen. Und auch, Was bedeutet das? sind. Die Abende und die Wochenenden dass jetzt Männer häufiger in Teilzeit Die Arbeit ist auch ein Rhythmusge- sind immer noch die sozial wertvollsten gehen, ist gut. Doch es zeigt sich im- ber. Unser sozialer und auch biologi- Zeiten. Das Wochenende beginnt heu- mer deutlicher, dass man gut aufpas- scher Rhythmus wird durch die Arbeits- te etwas früher als vor 20 Jahren, schon sen muss, damit man mit der Flexibili- zeit synchronisiert und stabilisiert – am Freitagabend, dafür ist der Samstag tät nicht viele Dinge – insbesondere Ar- oder eben nicht. Wir sind unter anderem nicht mehr ganz so wichtig. Der Sonn- beitsschutzregelungen – kaputtmacht. der Frage nachgegangen, wie sich die tag ist in seiner Bedeutung als freier Tag INTERVIEW: MANUELA LENZEN Variabilität der Arbeitszeit auf das Un- geblieben. Da hilft es nur bedingt, wenn PH fallrisiko auswirkt. Dabei ist sehr deut- Sonntagsarbeit mit einem freien Montag lich geworden: Wenn Sie hochvariable ausgeglichen wird, an dem dann eben Arbeitszeiten haben, steigt das Risiko für die Freunde arbeiten. Arbeitsunfälle um 25 bis 27 Prozent. Es Hin und wieder zu anderen Zeiten ar- geht dabei nicht um die Frage, wie lange beiten ist okay, es darf nur keine Dauer- Sie arbeiten, es geht nur um die Variabi- lösung werden. Auch wenn ich es selbst lität, die zum Effekt der Dauer will: Wenn die Arbeit meinen biologi- dazukommt. schen und sozialen Rhythmus stört, hat Man hat dann nicht mehr die erforderliche Kompetenz zur Steuerung des PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 das negative Folgen für mein Wohlbefinden. Man muss daher darüber nachden- Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner ist Arbeitspsychologe und befasst sich seit vielen Jahren mit Arbeitszeit, Arbeitsschutz und psychischer Belastung in der Arbeit. Er ist Vorsitzender der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung e. V. (GAWO). Zuvor war er Professor für angewandte Psychologie mit dem Schwerpunkt Arbeitspsychologie an der Universität Oldenburg. 77
LEKYS AUSSICHTEN JETZT ABER SOFORT ZWEI MOHNBRÖTCHEN! BITTE! N euerdings gehe ich einmal pro Woche mittags mit meinem Nachbarn Herrn Pohl spazieren. Herr Pohl muss raus, weil sein steinalter Zwergpinschermischling Elise raus muss. Ich muss raus, weil mein mittelalter unterer Rücken vehement um Unterbrechung der sitzenden Tätigkeit bittet. Herr Pohl ist ein stiller und sehr höflicher Mensch, und meistens ist er guter Dinge. Heute aber ist er ungehalten. „Sie müssen entschuldigen“, sagt er, „ich bin heute etwas unwirsch.“ „Nussecke?“, frage ich, denn das ist Herrn Pohls Lieblingsgebäck. Die Schlange in der Bäckerei ist lang. An der Theke steht eine kleine alte Dame mit vielen Tüten, die längst dran wäre, von der Verkäuferin aber ständig übersehen wird, und immer, wenn die alte Dame gerade Luft holen will, um ihre Bestellung aufzusagen, drängelt sich ein anderer vor. „Entschuldigung“, rufe ich der Ver- 78 Mariana Leky ist mit ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann seit vielen Wochen in den Bestsellerlisten. In Psychologie Heute schreibt sie jeden Monat darüber, was die Menschen, die sie umgeben, bewegt. Mit psychologischen Themen kennt sich Leky aus: In ihrer Familie sind zehn Psychoanalytiker käuferin zu, „ich glaube, die Dame dort ist jetzt dran.“ Die Dame schaut mich an, als hätte ich sie aus einem tiefen Sumpf gezogen. „Zwei Mohnbrötchen, bitte“, sagt sie. Herr Pohl und ich gehen mit Nussecken weiter, und dann, im Park, kommt heraus, warum Herr Pohl so ungehalten ist. Es ist wegen etwas im Radio. Heute früh, berichtet Herr Pohl, erzählte eine Frau im Radio, dass sie vor Jahrzehnten mal eine Flugreise unternehmen wollte – und als sie schon auf der Treppe ins Flugzeug war, habe ihre innere Stimme ihr gesagt, dass sie um Himmels willen nicht in dieses Flugzeug steigen solle. Die Frau sei ihrer inneren Stimme gefolgt und habe auf dem Absatz kehrtgemacht – und dann sei die Maschine auf ihrem Flug abgestürzt. Seither, scheint es Herrn Pohl, spricht die Frau von nichts anderem mehr als von ihrer gehaltvollen inneren Stimme. „Was sagt man dazu?“, fragt Herr Pohl. Er fragt das nicht ausdrücklich mich, sonPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Der neue Roman von ILLUSTR ATION: ELKE EHNINGER dern eher in die Luft. Weil die nicht antwortet, sage ich reflexhaft: „Ist doch toll“, ich sage es zähneknirschend, weil ich immer etwas neidisch auf Leute mit glasklaren inneren Stimmen bin, genauso übrigens auf Leute, die Sportstudios nicht nur zur Schnupperstunde aufsuchen und deswegen keine maulenden, sondern bestens gelaunte untere Rücken haben. „Ich finde diese Frau respektlos“, sagt Herr Pohl, „Und arrogant ist sie obendrein. Diese Geschichte von der rettenden inneren Stimme nämlich macht aus allen Passagieren, die in die Maschine gestiegen sind, mangelhafte Tropfe, die außerstande waren, ihrer inneren Stimme zu lauschen.“ Da hat Herr Pohl natürlich recht. Wir schauen Elise zu, die zu überlegen scheint, ob sie einem jungen Setter nachsetzen soll. Es bleibt offen, was sie schließlich davon abhält, ihre innere Stimme oder ihre steife Hüfte. „Darf ich Sie mal was fragen“, sage ich, „haben Sie eigentlich auch diese innere Stimme? Die eine, wahre, gute?“ „Nein“, sagt Herr Pohl, und er schaut dabei nicht wie ein mangelhafter Tropf, „und ich weiß auch nicht genau, was das eigentlich sein soll: die eine, wahre, gute innere Stimme.“ Ich stelle mir die innere Stimme ungefähr so vor wie die Dame in der Bäckerei, als eine Stimme also, die eigentlich längst dran wäre, die immer wieder anhebt, etwas zu sagen, und dann von stattlicheren Stimmen übertönt wird. „Was soll denn das sein, diese innere Stimme?“, wiederholt Herr Pohl, und ich sage: „Ich weiß es nicht.“ „Ist es wirklich eine Stimme? Ich meine: redet die wirklich zu einem? Muss man nicht zum Psychiater, wenn man Stimmen hört? Ist die innere Stimme nicht vielmehr ein wortloses Dings, das ein Gefühl hochtreibt?“ Auch in Elise wird gerade ein Gefühl hochgetrieben, Panik nämlich, denn sie befindet sich irgendwo unter einem bärenhaften Bernhardiner. „Ich weiß es nicht“, sage ich. Herr Pohl seufzt und sagt: „Ich dachte, Ihre Eltern sind Psychologen“, und jetzt kann ich endlich das Sprichwort zum Besten geben, das letztens die Tochter eines Orthopäden sagte, als ich ihr PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 meinen unteren Rücken schildern wollte, nämlich: „Die Kinder des Schusters laufen barfuß.“ Herr Pohl lächelt und zieht Elise unter dem Bernhardiner hervor. „Und wie kommt man an diese angeblich echte innere Stimme überhaupt heran?“, fragt Herr Pohl, und weil ich nicht schon wieder sagen will, dass ich es nicht weiß, sage ich: „Zehn Jahre Meditation, nehme ich an.“ „Es ist so“, sagt Herr Pohl, „ich habe nicht nur eine, sondern eine Herde innerer Stimmen, und sie behaupten alle, die innere Stimme zu sein und genau zu wissen, was gut und wahr und richtig ist.“ Das kenne ich. Herr Pohl bleibt stehen. „Glauben Sie, ich muss mit den ganzen Stimmen auch zum Psychiater?“, fragt er, und ich sage: „Wenn, dann muss ich mit. Sie haben da übrigens etwas Nussecke im Mundwinkel.“ Herr Pohl wischt sich mit seinem riesigen Stofftaschentuch über den Mund. „Vielleicht ist die innere Stimme ja die, die zu allen anderen sagt: Jetzt reicht’s aber auch mal“, sage ich und stelle mir vor, wie die unglückliche Dame, die gleichzeitig beim Bäcker und knietief in einem Sumpf steht, ein Megafon aus einer ihrer Tüten zieht und den ganzen Verkaufsraum mit „Jetzt aber sofort zwei Mohnbrötchen, bitte“ beschallt, und alle quasselnden Vordrängler fahren erschrocken herum und sind endlich, endlich still. „Die Frau, die nicht in das verunglückte Flugzeug gestiegen ist“, sagt Herr Pohl und nimmt Elise auf den Arm, die genug hat von stattlichen drängelnden Artgenossen, „die hatte einfach Flugangst. Und die Angst, dieses blinde Huhn, hatte ein einziges Mal im Leben recht. Und deshalb wird sie jetzt als weise innere Stimme geadelt.“ „Da haben Sie vollkommen recht“, sage ich, und Herr Pohl sagt: „Jetzt reicht’s aber auch mal“, und ich denke, dass er damit das Adeln von Ängsten meint, aber er meint das Spazierengehen. Also drehen wir alle um, Herr Pohl mit seiner Verstimmung und mit Elise, ich mit meinem maroden Rücken, diesem wortlosen Dings. PH Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag Daniela Krien Auch als eBook und Hörbuch Fünf Frauen versuchen das Unmögliche: Lieben, stark sein – und sich treu bleiben. Kunstvoll verwoben, tief berührend und erschütternd. XXL-Leseprobe auf diogenes.ch/danielakrien Diogenes
BUCH&KRITIK REDAKTION: KATRIN BRENNER-BECKER S.81 S.82 S.82 S.84 S.84 S.84 S.85 S.86 S.87 S.88 S.89 80 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Streitet euch! Wir sind harmoniesüchtig, meint Meredith Haaf – und plädiert für „ein besseres Gegeneinander“ Kaum einer streitet gern. Die Wut herauszulassen – das tut zwar gut, nicht aber, die Wut des anderen abzukriegen, stellt die Feministin Meredith Haaf in ihrer engagierten Gegenwartsanalyse fest. Die gereizte Stimmung, der wir überall begegnen und letztlich selbst erliegen, belegt sie in zahlreichen Beispielen: Im Büro provozieren die Kollegen. Zu Hause nervt der Partner. Auch im Netz und in der Politik: Zankerei. Einer der größten Widersprüche unserer Zeit tut sich da auf. Angst und Überanpassung auf der einen, entfesselte Aggression auf der anderen Seite. Haafs historische Herleitung der Misere überzeugt: Waren die 68er noch damit beschäftigt, ihren Widerspruchsgeist zu pflegen, kam nach 9/11, so Haaf, die „autoritäre Wende“. Seither regieren Angstdebatten und Konsensfixierung den Diskurs im Öffentlichen wie im Privaten. Der gute alte Streit um die Sache dagegen, der zur Demokratie gehört wie Kritik und Abstimmung – der scheint ein Schattendasein zu fristen. Eine Ermutigung hat Meredith Haaf da verfasst, die den Verzagten hilft, sich aus der Komfortzone zu wagen. Ja, die meisten von uns sind ziemlich konsensund harmonieverliebt. Darum verordnen sich viele vor dem nächsten Familientreffen, bestimmte Themen besser auszuklammern. Flüchtlinge, MeToo: lieber nicht am Kaffeetisch. Man hat schlicht keine Lust auf Stress, „kein Wunder, wenn Selbstoptimierung, Disziplin und Stilsicherheit die dominanten Werte sind“. Sich wieder einmischen, heikle Themen ansprechen, Differenzen aushalten: Das wäre die lohnende Alternative. Wer richtig streiten könne, tue dies respektvoll und intelligent und begreife die Auseinandersetzung als notwendigen Akt gegenseitiger Anerkennung. Denn Streit PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 sei nicht nur unvermeidlich – er sei auch legitim. Anders als im wohltemperierten Gedankenaustausch stehe im Streit tatsächlich etwas auf dem Spiel. Emotionen kochten hoch – und müssten beruhigt werden. Streit sei insofern auch eine Frage des richtigen Abstandes zu sich selbst und seinen Gefühlen. Der Text ist flott und im Ton einer gewissen Dringlichkeit geschrieben. Man mag manches redundant finden, anderes erscheint allzu selbstverständlich, um erwähnenswert zu sein. Warum unbedingt Streit genannt werden muss, was genauso gut Diskussion heißen könnte, erschließt sich nicht sofort. Andererseits ist genau das Haafs Verdienst: die Emotionalität, die jede Auseinandersetzung begleitet, nicht aus-, sondern einzuschließen. Das Unwohlsein, welches das Streiten begleitet. Die Enge in der Brust, wenn man kritisiert wird. Die körperlichen Reaktionen der Wut. Sich da die Freiheit zu nehmen, Streit richtig und gut zu finden: Das verlangt eine gewisse Größe. Die Hoffnung, das bessere Argument werde gewinnen allerdings, warnt Haaf, ist trügerisch. Nicht nur im politischen Streit wird man meist keine absolute Einigkeit erreichen. Auch im Privaten sollte man wohl kleinere Brötchen backen. To agree to disagree – einig zu sein darüber, uneins zu sein –, das ist wohl das Beste, was sich erreichen MONIKA GOETSCH lässt. „Wir sind immer weniger streitfähig, aber umso verstrittener“ MEREDITH HAAF Meredith Haaf: Streit! Eine Aufforderung. Dtv, München 2018, 286 S., € 18,– Leseprobe in der App 81
„Suchterzeugende Technologie“ Zwei Bücher beleuchten die negativen Auswirkungen von Smartphones für unser Denken, Handeln, Fühlen sowie unsere Gesundheit – und zeigen Wege zur „digitalen Entgiftung“ „Stell dir vor, du legst dein Smartphone beiseite und du vermisst es nicht.“ So könnte das Ziel von Catherine Prices Ratgeber Endlich abschalten formuliert werden. Am Anfang steht jedoch die Abhängigkeit. „Fast jeder Zweite in den USA stimmt der folgenden Aussage zu: Ich kann mir ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen“, so Price. Amerikaner verbringen im Durchschnitt vier Stunden täglich am Smartphone. Das sind 28 Stunden in der Woche, 56 Tage im Jahr, informiert die Wissenschaftsjournalistin. Auch sie gehörte zu den Abhängigen, bis sie durch Beobachtung und Selbstbeobachtung feststellte, dass ihr Smarthphone ein „Partner in einer dysfunktionalen Beziehung“ ist. Nachdenklich habe sie gemacht, dass die Elite der IT-Branche den Smartphonegebrauch ihrer Kinder streng limitiert. Bill Gates etwa erlaubte seinem Nachwuchs erst im Alter von 14 Jahren ein Handy. 82 Im ersten Teil des Ratgebers wird analysiert, wie sich der Gebrauch des kleinen Computers mental, sozial und körperlich auswirkt. Smartphones, so Prices Erkenntnis, „sind gezielt so entwickelt, dass wir möglichst viel Zeit damit verbringen“. Es handele sich um eine „suchterzeugende Technologie“, die mithilfe vieler Psychotricks darauf abziele, die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich zu ziehen. Unsere Neugier, die Angst vor Langeweile und dem Alleinsein, die Sehnsucht, geliebt zu werden, und das Gefühl, etwas Besonderes zu sein – alle diese Gefühle und Wünsche würden bedient, ja angestachelt. Der Angriff finde verdeckt statt, vergleichbar einem „digitalen trojanischen Pferd“, das uns dazu bringen soll, jegliche Vorsicht über Bord zu werfen. Auch deshalb würden wir kaum realisieren, dass Facebook das weltgrößte auf Überwachung basierende Unternehmen ist. Darüber hinaus beeinflussten die sozialen Medien unsere realen Beziehungen und die Gesundheit unserer Kinder. Die Autorin zitiert Studienergebnisse, denen zufolge die Zahl der Depressionen bei jugendlichen Smartphonebesitzern steige. Zudem sei nachgewiesen, dass die kleinen Geräte das Gedächtnis ruinierten. Wie man es schaffen kann, sich sein Leben zurückzuerobern, wird im zweiten Teil dargelegt. Für diese „digitale Entgiftung“ wird ein detaillierter Leitfaden vorgestellt, mit „Trennungstagebuch“, genauen Anweisungen und Tipps, einer Fastenanleitung nicht unähnlich. Empfohlen wird auch, den „Aufmerksamkeitsmuskel“ wieder zu trainieren und „ein gedrucktes Buch“ zu lesen oder etwas „mit echten Menschen“ zu unternehmen. Allerdings könne man dabei auch die deprimierende Erfahrung machen, dass die Freunde zwar mit am Tisch sitzen, sich PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Das Hörbuch des Bestsellers aber keine Nähe herstellt, weil alle mit ihren Smartphones beschäftigt seien. Spätestens hier wird das Manko des ansonsten informativen und gut geschriebenen Ratgebers deutlich: Die Smartphonesucht ist kein individuelles Problem. Es gilt, das Private zu politisieren, die gesellschaftliche Dimension aufzuzeigen. Diesen Vorwurf kann man Manfred Spitzer nicht machen. Es ist das vierte Buch des prominenten Neurowissenschaftlers über die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung, insbesondere auf Kinder und Jugendliche – diesmal mit dem Fokus auf dem Smartphone. Im Zentrum stehen erneut die „Risiken und Nebenwirkungen“ beim Gebrauch der kleinen Computer. Das Buch, das zum Teil aus Beiträgen besteht, die der Autor in einem medizinischen Fachblatt publizierte, ist für Laien verständlich geschrieben. Seine zentrale und schon seit einigen Jahren vorgetragene These, dass Smartphones die Gesundheit und die Bildung junger Menschen stark beeinträchtigen, sieht der Autor bestätigt. Inzwischen warnten Krankenkassen vor der Social-Media-Sucht, habe die Weltgesundheitsorganisation Computerund Onlinespielsucht als Krankheit anerkannt, seien Bewegungsmangel und Übergewicht und neuerdings auch Kurzsichtigkeit die am besten nachgewiesenen Nebenwirkungen der Nutzung von Bildschirmmedien. Dagegen hätten weder deutsche noch internationale Studien „bislang einen positiven Einf luss von Computern oder Internetanschluss auf das Lernen an Schulen“ nachweisen können. Der Autor erkennt eine abnehmende psychosoziale Grundbildung der Bevöl- Manfred Spitzer: Die SmartphoneEpidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 368 S., € 20,– PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 kerung, die zu einer Bedrohung der Demokratie werden könne. So verringere sich der direkte Kontakt mit anderen Menschen, entwickelten Jugendliche weniger Mitgefühl. Die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen, gehe verloren. „Wenn Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Sozialkontakte über das Smartphone abwickeln, dann können sie eines nicht lernen: Empathie.“ Auch sabotiere ein Smartphone den Prozess der Willensbildung, denn es fehle an der Möglichkeit, selbst Ideen zu formen, etwas auszuprobieren. Es habe sich bestätigt, dass Bildungsgrad und Mediennutzung zusammenhängen: Je gebildeter die Eltern, desto weniger Zeit verbringen sie an digitalen Geräten. Diese Eltern, aber auch die Kulturschaffenden trügen Verantwortung für die Bildung der nächsten Generation. „Wir dürfen nicht wegschauen und die Entwicklung nicht einfach so weiterlaufen lassen.“ Doch: Was tun? Auch dieses vierte Buch ist allein der Gefahrenaufklärung gewidmet. Spitzer benennt die Probleme, ist weniger konfrontativ und polemisch als in seinen bisherigen Büchern. Ideen für kreative Handlungsmöglichkeiten fehlen. Unerwähnt bleiben auch pädagogische Ansätze und Bemühungen um eine verantwortliche Nutzung digitaler Medien. Überfällig ist eine öffentliche Debatte über Medienmündigkeit und -kompetenz. Die Vision könnte man von Manfred Spitzer übernehmen: „Stell dir vor, wir nutzen unser Smartphone als Werkzeug, um unser soziales Leben in der realen Welt zu organisieren.“ CHRISTINE WEBER-HERFORT Robert B. Cialdini Gesprochen von Helmut Winkelmann und Karin Grüger Die Psychologie des Überzeugens Wie Sie sich selbst und Ihren Mitmenschen auf die Schliche kommen 3., unveränderte Auflage 6 CDs Robert B. Cialdini Die Psychologie des Überzeugens Wie Sie sich selbst und Ihren Mitmenschen auf die Schliche kommen Hörbuch. 6 CDs/7 Std., 17 Min., 10 Sek. Übersetzt von Matthias Wengenroth. 3., unveränderte Auflage 2019. € 39,95 / CHF 48.50 ISBN 978-3-456-85892-0 Warum sagen Menschen Ja? Welche Faktoren bringen uns dazu, das zu tun, was andere von uns wollen? Und welche Techniken machen von diesen Faktoren am wirksamsten Gebrauch? Der Marketingexperte und Sozialpsychologe Robert B. Cialdini beschreibt die sechs grundlegenden Prinzipien der Überzeugung und zeigt, wie man diese nutzt, um sich vor Beeinflussung zu schützen oder um selbst überzeugender auftreten zu können. Catherine Price: Endlich abschalten. Warum Urlaub vom Smartphone uns Zeit, Glück und Liebe schenkt. Aus dem Englischen von Anja Malich und Birgit Maria Pfaffinger. Rowohlt, Reinbek 2018, 208 S., € 9,99 83
AUFGEBLÄTTERT Viele künstlerische Werke von Insassen der herausgegebene Band, der eine Brücke schlägt zwischen Psychiatrie trug der Mediziner und Kunst- Psychiatriealltag und Kunst. Er präsentiert noch nie gezeigte historiker Hans Prinzhorn (1886–1933) zu- Werke aus der Sammlung Prinzhorn, so etwa die Installati- sammen, die in der Sammlung des Univer- on von Anna Marie Lieb, die mit aus ihrem Bettzeug zeit- sitätsklinikums Heidelberg zu sehen sind. aufwendig gewonnenen Stoffbändern auf dem Boden ihrer Der rote Faden, der sich durch die Ausstel- Zelle einen Blüten- oder Sternenteppich entstehen ließ. Die lung zieht, ist die Angst der Anstaltsinsas- unter periodischen Manien leidende „Landwirtswitwe“ be- sen vor dem Vergessenwerden. Vergissmeinnicht – Psychia- zeichnete ihren Zustand vor einem psychiatrischen Fachpu- triepatienten und Anstaltsleben um 1900 (Springer, € 59,99) blikum als „Gotteskämpfe“. heißt daher der von Ingrid von Beyme und Sabine Hohnholz Wo bekomme ich legal Cannabis, Sie sind im Hamsterrad? Und Sie um Schmerzen zu lindern? Wie finden keinen Ausweg? – Dann ist kann ich Johanniskraut zubereiten, es vielleicht so, wie von Axel Ber- um Depressionen entgegenzuwir- ger und Thorsten Thews beschrie- ken, und warum wirkt Baldrian ben: „Der Hamster brennt – oder manchmal beruhigend und in an- kokelt zumindest schon.“ In ihrem deren Momenten anregend? Jörg Buch zur Burnoutprävention Der Zittlau gibt auf all das Antworten. In seinem Rat- brennende Hamster (Campus, € 19,95) fragen sie geber Naturmedizin für die Seele (Heyne, € 9,99) den Leser: „Arbeiten Sie noch oder qualmen Sie listet der Wissenschaftsjournalist Heilkräuter auf, schon?“ Aus „mein Haus, mein Auto, meine Yacht“ die auf die Psyche wirken. Je nach Beschwerden sei mittlerweile „mein Hörsturz, mein Tinnitus, empfiehlt er bestimmte Pflanzen: gegen Ängste mein Herzinfarkt“ geworden, konstatieren die und Zwangsstörungen etwa die Passionsblume Autoren und zeigen, wie der schlauere Hamster und gegen Hirnleistungs- und Konzentrations- agiert, um dem alltäglichen Wahnsinn ein Ende störungen Ginkgo. Soweit vorhanden gibt Zittlau zu bereiten: Stressfaktoren eliminieren, Frustra- auch an, ob Studien die Wirksamkeit belegen, tionstoleranz entwickeln und einen Hamsterplan und immer zeigt er auf, wie die Mittelchen zu be- für die Zukunft entwerfen. Dabei sollte man sich kommen sind und zubereitet werden können. fragen: Was treibt mich an? Wie nutze ich meine Zeit? Und vor allem: Wann ist genug genug? 84 PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Heilende Filme Brigitte Fellinger plädiert dafür, Spielfilme in der Psychotherapie einzusetzen g n u h ezie Akzeptanz B KomTrauma munik ation Nähe e s i r K Refraiming tionen ität 04/2019 GABRIELE MICHEL eit Selbstsicherh idal PSYCHOLOGIE HEUTE das Augenmerk auch auf die Wirkung von filmästhetischen Momenten. Dieses Vorgehen öffnet diverse (Um-)Wege zum Erleben und zu zurückliegenden Erfahrungen der Klienten, die jenseits der vertrauten Erinnerungswege das Betreten von Neuland ermöglichen können. Allerdings erfordert diese unterschwellige, schwer zu kontrollierende Wirkung von Filmen Umsicht und Verantwortungsgefühl bei deren Einsatz in der Therapie. So weist Fellinger nachdrücklich darauf hin, dass Patienten auf bestimmte Filme vorbereitet, anschließend achtsam begleitet und vor bestimmten Themen auch geschützt werden müssen. Dafür braucht es nicht nur therapeutisches Wissen, sondern auch Lebenserfahrung. Die Autorin schließt mit Tipps für das Drehen eines Films zusammen mit Klienten und einem Bericht über ihre Erfahrungen in der therapeutischen Arbeit im Strafvollzug. Hier sind Filme als methodische Ergänzung besonders geeignet, da sie ein niederschwelliges Angebot und gut in Gruppen einsetzbar sind. Fellingers engagiertes Plädoyer für die Arbeit mit Spielfilmen in der Psychotherapie ist durch seine Informationsfülle spannend für Fachleute, macht aber auch darüber hinaus Lust, sich von der zur Selbsterkundung einladenden Wirkung von Spielfilmen überraschen zu lassen. Suiz Künstlerische Werke – vor allem Literatur – spielen in der Psychotherapie schon seit den Anfängen eine wichtige Rolle. Dass Brigitte Fellinger in ihrem Grundlagenwerk Spielfilme in der Psychotherapie nun auch die Integration von Filmen in die therapeutische Praxis propagiert, ist einleuchtend, weil die Figuren häufig grundsätzliche menschliche Erfahrungen und Konflikte exemplarisch verkörpern und durchleben. Naheliegend ist die Berücksichtigung von Filmen in der Therapie für die Autorin sowohl inhaltlich wie methodisch aus zwei Gründen: Zum einen haben Filme bei vielen Menschen Bücher ersetzt, zudem ermöglichen sie in der Gruppentherapie eine gemeinsame Rezeption und ein unmittelbareres Sprechen über das Gesehene und Erlebte. Fellinger richtet sich primär an praktizierende Therapeuten, denen sie die Wirkung und den Gewinn der Arbeit mit Filmen nahebringen will. Nach einem kurzen filmhistorischen Abriss erläutert sie gewissenhaft die Indikation und Kontraindikation dieser Methode sowie deren rechtliche Voraussetzungen. Sodann entfaltet sie anhand zahlreicher Filme, warum und wie diese in der Therapie produktiv eingesetzt werden können. Die spezifische Wirkung von Filmen für den therapeutischen Prozess liegt nicht zuletzt darin, dass zu der präsentierten Geschichte Elemente wie Musik, Schnitt, Licht sowie die Unmittelbarkeit der Figuren und deren Interaktionen treten. Interessant sind die von Fellinger entworfenen Fragebögen, die sie den Klienten in der Einzeltherapie zur Nachbereitung des angeschauten Films mitgibt. Darin thematisiert sie nicht nur die Inhalte der Geschichte, emotionale Reaktionen der Figuren und die vermittelten Werte, sie lenkt Emo Paartherapie Schuld Distanz Theor ie Praxi s Fallbeispiele rn he Metap Über 100 Ideen und Antworten auf die Brigitte Fellinger: Spielfilme in der Psychotherapie. Reinhardt, München 2018, 153 S., € 26,90 Fragen, die sich vermutlich jeder Psychotherapeut spätestens vor seiner ersten Therapiestunde gestellt hat. Ab sofort im Buchhandel für nur 19,95 EUR 85
Weniger wissen - besser denken Finde dein Ikigai! Wer für sich entdeckt hat, „wofür es sich lohnt, morgens aufzustehn“, lebt länger, meint Ken Mogi Auch als erhältlich Menschen und Medien in unserer Umgebung überfluten uns täglich mit Informationen. Wer bestimmt aber, was ich denke und meine? Ich selbst oder andere? Und wie erkennt man Scheinwissen, Denkirrtümer und Manipulationen? Anhand verblüffender Beispiele aus dem Alltag zeigen die Kognitionswissenschaftler Steven Sloman und Philip Fernbach, wie Denken funktioniert: Der Schlüssel zu unserem geistigen Horizont liegt in der sozialen Natur menschlicher Kognition. Die beiden renommierten Kognitionswissenschaftler geben erstaunliche Einblicke in das Wechselspiel von Gehirn und Umwelt und schildern anschaulich, wie wir uns permanent zwischen Wissen und Wissensillusion durchs Leben bewe Leseprobe auf www.beltz.de Hüpfende Spätzlein, liebreizende Kindergesichter, leises Pfeifen. Das sind drei von zahlreichen Alltagsmomenten, die eine japanische Hofdame um das Jahr 1000 niederschrieb. Ihre Freude und Faszination an den kleinen Dingen wurde legendär: Ihr Kopfkissenbuch gilt heute als ein Klassiker der japanischen Kultur. Der Autor Ken Mogi macht seine Leser mit diesem Werk bekannt. Mogi benutzt das Kopfkissenbuch, um seinem westlichen Publikum die japanische Lebenskunst ikigai zu vermitteln. Sein Buch, nach dem Lebenskonzept benannt, bietet nicht nur Zugang zu einer anderen Kultur – es macht den Leser auch empfänglicher für die kleinen Alltagsfreuden um ihn herum. „Ikigai lebt im Reich der kleinen Dinge“, schreibt Mogi. „Die Morgenluft, die Tasse Kaffee, der Sonnenstrahl.“ Wörtlich übersetzt bedeutet Ikigai Lebenssinn, von iki (leben) und gai (Sinn). Im Japanischen wird der Begriff allerdings für eine Fülle von Bedeutungen eingesetzt. Aber Mogi bleibt nicht vage. Der Neurowissenschaftler bietet klare Informationen, was Ikigai ausmacht. Zu Beginn des Buches zählt er die fünf Säulen des Ikigai auf: klein anfangen, loslassen lernen, Harmonie und Nachhaltigkeit leben, die Freude an kleinen Dingen entdecken, im Hier und Jetzt sein. Schnell drängt sich die Ähnlichkeit zwischen Ikigai und dem Konzept der Achtsamkeit auf, deren Ursprünge im Buddhismus Mogi diskutiert. Mogi verknüpft die fünf Säulen des Ikigai mit der japanischen Tradition sowie Lebens- und Denkweise. So sei es in Japan Brauch, den Tag mit etwas Süßem und grünem Tee zu beginnen – als eine der ersten kleinen Freuden des Tages. Dieser Moment des Genusses sei etwas Flüchtiges, so der Autor. Und selbst wer versucht sei, den Moment – entsprechend aktuellem Zeitgeist – auf einem Foto festzuhalten, finge den Augenblick dennoch nicht ein. „Von Geschmack kann man kein Selfie machen“, schreibt Mogi. Auch andere japanische Eigenheiten bringt der Autor mit Ikigai in Verbindung. Etwa die Herstellung von Whisky. An dieser und einigen wenigen anderen Stellen des Buches scheint Mogi das Ikigai allerdings nur mit sehr viel Mühe auf japanische Kulturobjekte anwenden zu können. Diese Absätze lesen sich dann eher wie eine Werbebroschüre: „Die Whiskyproduktion in Japan ist ein überraschendes Beispiel für die grundsätzlich positive Haltung zur Arbeit. Sie wird mit Liebe gemacht, gepaart mit einer Negierung des Ichs.“ Die besondere Stärke des Autors liegt darin, seine Leser motivieren zu können. „Machen Sie Musik, wenn niemand zuhört. Malen Sie ein Bild, wenn niemand zuschaut. Schreiben Sie eine Kurzgeschichte, die niemand lesen wird. Die innere Freude und Befriedigung wird mehr als ausreichend sein, um Sie durch Ihren Alltag zu tragen.“ So gelingt Mogi am Ende, was er sich vorgenommen hat: Seine Leser erhalten eine inspirierende Einführung in die japanische Lebenskunst des Ikigai. ANNA GIELAS Ken Mogi: Ikigai. Die japanische Lebenskunst. Aus dem Englischen von Sofia Blind. DuMont, Köln 2018, 175 S., € 20,– Leseprobe in der App PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Sagen Sie mal, Herr Kalbitzer: Wie kann die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen? Herr Dr. Kalbitzer, mit Ende dreißig entwickelten Sie plötzlich eine diffuse tiefgreifende Angst zu Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis und forscht an der Charité zum gesunden Umgang mit technischem Fortschritt und gesellschaftlichem Wandel sterben. Warum ist das „einer von vielen typischen Zeitpunkten“, wie in Ihrem Buch zu lesen ist? Weil die Herausforderungen in diesem Alter bei vielen Menschen stark zunehmen: Die Kinder kommen, die Eltern werden hilfsbedürftig, und auch im Beruf erkennt man in dieser Zeit oft Grenzen, die man sich bislang vielleicht noch nicht eingestanden hat. Wenn dann noch die ersten körperlichen Alterserscheinungen auftauchen, spürt man ganz schnell die Endlichkeit des Lebens und die begrenzten Ressourcen, die man hat, um es sinnvoll auszufüllen. Sie schreiben auch, dass es „keinen Weg zu sich Sie traten mit großen Psychologen wie Irvin Ya- selbst ohne Narzissmus“ gibt. Wie meinen Sie lom und Eva Jaeggi in Kontakt, um sich von ih- das? nen therapeutisch begleiten zu lassen. Wer oder Das ist eine Provokation, die sich gegen diese fatale Doppelbotschaft in unserer modernen westlichen Kultur richtet, die da lautet: „Sei individuell, verwirkliche dich selbst – aber mache dabei bloß nicht den Eindruck, egoistisch oder gar ein Narzisst zu sein.“ Ich würde das lieber umdrehen und sagen: „Suche neugierig und ichbezogen danach, wie du dein Leben am besten führen kannst – um es dann in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen.“ was hat Ihnen am meisten geholfen, mit Ihrer Angst vor dem Tod umzugehen? Yalom, ganz klar. Erst war ich ein bisschen gekränkt, weil er sich nicht auf meine philosophischen Diskurse eingelassen, sondern mich wie einen ganz normalen Patienten behandelt hat. Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass allein der psychische Raum, den er durch seine persönliche Reife und Erfahrung in der Therapie bietet, eine unglaubliche Wirkung hat, die mich auch weiterhin nachhaltig beeinflusst. Warum sollte die Sterblichkeit ein „Geschenk“ sein, wie der Titel Ihres Buches behauptet? ILLUSTR ATION: JAN RIECKHOFF te, dass wir uns einerseits unglaublich nah sind, weil wir im gleichen Boot sitzen, andererseits aber auch immer ein Stück weit unverständlich bleiben werden, weil man die subjektive Sicht anderer auf die Welt nie ganz wird begreifen können. Weil die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit einen dazu zwingt, die falschen Prinzipien, mit denen man sich einrichtet, zu hinterfragen und aufrichtiger so zu leben, wie es den eigenen Möglichkeiten entspricht. Und dabei Demut im Umgang mit anderen Menschen zu lernen. Nichts vereint uns Menschen so sehr wie das Wissen um die eigene Sterblichkeit. Und ich persönlich habe erlebt, dass das Sprechen darüber eine tiefe Verbundenheit erzeugen kann, fast schon das Gefühl einer Heiligkeit im anderen. Die entsteht, wenn ich die Spannung aushalPSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Jan Kalbitzers Buch Das Geschenk der Sterblichkeit. Wie die Angst vor dem Tod zum Sinn des Lebens führen kann ist bei Blessing erschienen (192 S., € 18,–) Was würden Sie anderen Menschen raten, die auch Angst vor dem Tod haben? Lauf nicht weg, sondern geh der Angst nach. Raus aus der Gegenwartsvermeidung! Wenn es allein zu hart wird, dann such Hilfe. Aber nicht bei denen, die behaupten, dass sie die Antworten kennen. Sondern bei denen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich schon früher auf den Weg gemacht haben. Und einräumen, dass ein gutes Leben nicht mithilfe der zehn heißen neuen Ratgebertipps zu erreichen ist, sondern durch Arbeit und Aufrichtigkeit mit sich selbst. Neben Jaeggi, Yalom und einem Sambalehrer haben mir dabei auch die ACT-Übungen sehr geholfen, die Steven C. Hayes mit mir gemacht hat. INTERVIEW: KATRIN BRENNER-BECKER 87
Bedingungslos gut? Der Band enthält jeweils sechs Beiträge von Befürwortern und Kritikern des bedingungslosen Grundeinkommens, die den Lesern eine Abwägung der Argumente pro und contra erleichtern sollen. Abschließend wird erörtert und an Beispielen erläutert, wie das Thema in der Bildungsarbeit behandelt werden kann. Aus dem Inhalt: „ Was für das Grundeinkommen spricht „ Was gegen das Grundeinkommen spricht „ Praxistest, Didaktik und Literaturauswahl zum Grundeinkommen 2018, 260 Seiten broschiert, € 19,95 ISBN 978-3-7799-3987-0 Auch als E-Book erhältlich Leseproben auf www.juventa.de 88 JUVENTA JUVENTA Die Psychologie des Geldes Dan Ariely entlarvt unsere häufigsten Fehler im Umgang mit Geld Versteht man Geld als „geprägtes Zahlungsmittel“ so existiert es bereits seit 600 Jahren. Eigentlich sollten die Menschen in dieser Zeit den Umgang damit gelernt haben. Doch der Psychologe und Bestsellerautor Dan Ariely zeigt, dass da noch sehr viel Luft nach oben ist. „Wir werden in diesem Buch nicht versuchen, Sie finanziell zu erziehen. Stattdessen werden wir einige der häufigsten Fehler im Umgang mit Geld untersuchen und erklären, warum wir diese Fehler begehen.“ Schon im Vorwort stellt Ariely klar, dass sein aktuelles Werk kein Ratgeber ist. Es sei vielmehr ein Spiegel, in dem wir sehen, was wir täglich falsch machen, wenn es ums Geld geht. Möglich sei, dass wir danach bessere Entscheidungen fällen würden – oder eben auch nur besser verstünden, warum wir immer wieder dieselbe Fehlentscheidung treffen. Man merkt bereits an dieser Stelle, dass es Ariely einfach Spaß macht, menschliche Unzulänglichkeiten aufzudecken – und humorvoll zu überspitzen. Aus diesem Grund hat er sich diesmal auch den bekannten Komiker Jeff Kreisler als Koautor an die Seite geholt. Und nach dem kurzen Vorwort folgt dann auch schon der Hauptteil mit über 300 Seiten, auf denen der Leser in die Psychologie des Geldes eingeführt wird. Einige der von Ariely angeführten Phänomene sind bereits länger bekannt: Wie etwa das Phänomen, dass wir beim Bezahlen mit Kreditkarte in der Regel mehr bezahlen als beim traditionellen CashVerkehr. Das erklärt sich in erster Linie daraus, dass dem Kartenzahler die sinnlich-konkrete Erfahrung fehlt, die wir sonst haben, wenn wir Geldscheine aus dem Portemonnaie ziehen und jemandem übergeben. Ebenfalls länger bekannt, aber weniger erklärt ist, dass wir mehr Zeit für die Suche nach einer preiswerten Tankstelle aufwenden als für die Auswahl eines passenden Hypothekendarlehens, obwohl wir dabei viel mehr Geld sparen könnten. Oder auch dass wir kurzentschlossen eine 5000 Euro teure Urlaubsreise buchen, aber eine Stunde mit dem Auto herumfahren, um beim Parkplatz 50 Cent zu sparen. Arielys Erklärung für diese paradoxen Verhaltensweisen lautet: Wir schaffen es einfach nicht, die Opportunitätskosten richtig abzubilden. „Opportunitätskosten sind im Prinzip Alternativen, auf die wir jetzt oder später verzichten, um etwas Bestimmtes zu tun“, erklärt Ariel. So bedeuten 5000 ausgegebene Euro weitaus mehr entgangene Alternativen zum Kauf von etwas anderem als die 50 Cent für den Parkplatz. „Aber diese Denkweise ist zu abstrakt“, so Ariely. „Sie ist zu schwierig. Also lassen wir es bleiben.“ Stattdessen suchen wir in unserem Einkaufsverhalten nach Fixpunkten in Gestalt von Relativität. So kaufen wir den Gegenstand X nicht beim Händler Y, wenn wir X beim Händler Z um 20 Prozent billiger bekommen. Das klingt logisch und rational. Doch leider ist auch diese Vorgehensweise trügerisch. So zeigen Studien, dass Kunden eher einen Teppich kaufen, wenn man ihn mit dem Schild „200 Euro. Aber heute 50 Prozent Rabatt!“ anpreist, als wenn nur ein Preisschild mit „100 Euro“ auf ihm klebt. Der Grund: Beim ersten Dan Ariely, Jeff Kreisler: Teuer ist relativ. Warum wir nicht mit Geld umgehen können. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Econ, Berlin 2018, 356 S., 20,– PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
Schild erfährt man noch eine Relativität (billiger als sonst), die dem Vergleichsbedürfnis unseres Gehirns entgegenkommt. Beim zweiten Schild fehlt hingegen ein Bezug – und das macht uns skeptisch, weil die Orientierung fehlt. Weswegen Ariely vorschlägt, die Relativitätstheorie Albert Einsteins (E = mc²) im ökonomischen Sinne umzuschreiben in „$ 100 > Rabatt von 50 % auf $ 200“. An solchen Stellen merkt man, dass Ariely sich diesmal von einem Komiker unterstützen ließ. Das geht sehr oft gut, und man muss schmunzeln; manchmal aber auch nicht, wenn etwa behauptet wird: „Wir verstehen uns sehr gut darauf, unser finanzielles Leben durcheinanderzubringen. Herzlichen Glückwunsch, Menschheit. Wir sind die Besten.“ Das klingt eher schnodderig statt – wie vermutlich geplant – ironisch. Doch wer diese Ausrutscher aushält, wird mit Arielys aktuellem Werk eine ebenso informative wie unterhaltsame Lektüre erleben. Oder wie heißt es so schön – und diesmal mit feinerer Ironie – am Ende des Vorworts: „Dieses Buch wird alles besser machen. Ist das nicht den JÖRG ZITTLAU Preis des Buches wert?“ Herkunft ist nicht alles VOLKSLEIDEN: KRÄNKBARKEIT Doris Märtin erläutert die Dos and Don'ts des sozialen Aufstiegs. Die Stil-, Sprach- und Benimmexpertin bietet in ihrem Buch einen kurzweiligen Mix aus Stories, Interviews und soziologischer Forschung. Wolfgang Schmidbauer, einer der erfolgreichsten psychotherapeutischen Schriftsteller, der Dutzende von Büchern über Psychoanalyse und Paartherapie geschrieben hat, widmet sich der Kränkbarkeit: einem Volksleiden, das, wenn es zu lange verdrängt wird, zu vulkanischen Ausbrüchen führt und im schlimmsten Fall zu Rachsucht. Beschämung und Entwertungsgefühle nagen am Selbstwertgefühl. Dessen Beschädigung kann wiederum mit einfühlsamer Psychotherapie begegnet werden, vorausgesetzt der Heiler verfügt über Einfühlung, Herzenswärme und vor allem Geduld. Es ist erfreulich, wie Schmidbauer in verständlicher psychoanalytischer Sprache ohne allzu viel Jargon und Denkvoraussetzung die Ursprünge der Kränkbarkeit aufzeigt und Hinweise gibt auf deren Bekämpfung. Der Leser lernt dabei viel über die seelischen Mechanismen dieses weitverbreiteten Leidens. Bemerkenswerterweise geht der Autor bereits in der Einleitung davon aus, dass Tiere frei von diesem Übel seien, als habe er noch nie einen gekränkten Hund gesehen, der sich reiflich Zeit lässt, bis er Zeichen der Versöhnung erkennen lässt. „Seelische Verletzlichkeit wird unterschätzt“, schreibt Schmidbauer. Er weist darauf hin, dass sie nicht angeboren ist, sondern aus „Mangelschandtaten“ in der Kindheit wie Nicht-Wahrnehmen, Entwerten, Vernachlässigung, Gewalt und demütigendem Missbrauch erwächst. An den Fallgeschichten kann man sich festlesen – auch wenn sie nicht unbedingt immer analytische Tiefe erreichen, dafür aber Schmidbauers geschulte theraTILMANN MOSER peutische Haltung verraten. Sie entschlüsselt: • wie die Elite tickt, • welche Codes Zugehörigkeit signalisieren • wie jeder von uns die Lebenskunst der Leitmilieus erlernen kann. Ob große Karriere oder optimale Startbedingungen für die Familie: Der Habitus ist entscheidend! Und das Beste: Einmal gewonnen, bleibt er für immer. 2019. 320 Seiten 22,95 €. ISBN 978-3-593-50983-9 Auch als E-Book erhältlich Wolfgang Schmidbauer: Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus. Seelische Verletzlichkeit in der Psychotherapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 236 S., € 30,– PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 89 campus.de
AUSSERDEM RAT UND LEBENSHILFE Nicole Brandes Weiblich, wild und weise. Selbstbewusst. Selbstbestimmt. Selbsterfüllt. Goldegg, 220 S., € 22,– Christine Rost, Bettina Overkamp Selbsthilfe bei posttraumatischen Symptomen. Übungen für Körper, Geist und Seele. Junfermann, 216 S., € 20,– Felix Hütten Sterben lernen. Das Buch für den Abschied. Hanser, 256 S., € 20,– Linda Gask Meine Patienten, die Depression & ich. Vom Leben als Psychotherapeutin und selbst Betroffene. Dtv, 300 S., € 16,90 Thomas Hanstein Selbstmanagement – mit Coachingtools. Ressourcen erkennen, nutzen und pflegen. Tectum, 260 S., € 24,– Rebecca Böhme Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus Medizin und Hirnforschung. C.H. Beck, 192 S., € 14,95 Sabrina Haase Schlechte Gewohnheiten loswerden in 66 Tagen. Dein Arbeitsbuch. Trias, 120 S., € 9,99 Nele Groß Macht musizieren resilient? Untersuchung von sozialen, familiären und personalen Ressourcen für die psychische Gesundheit von Jugendlichen. Waxmann, 258 S., € 34,90 Sonja Panthöfer Entspannung für Kopfmenschen. Wie Körper und Geist zur Ruhe finden. Kösel, 225 S., € 18,– Marian C. Poetzsch Entscheidungen. Alles falsch machen – aber richtig. Springer, 236 S., € 22,99 Joe Navarro Sehen, was andere denken. Der praktische Guide, mit dem Sie jeden durchschauen. Mvg, 224 S., € 14,99 Dr. Libby Weaver Was soll ich eigentlich essen? Wie Sie die Ernährung finden, die zu Ihnen passt. Trias, 312 S., € 19,99 Doris Märtin Habitus. Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben? Campus, 256 S., € 22,95 André Stern Begeisterung. Die Energie der Kindheit wiederentdecken. Sandmann, 160 S., € 19,95 Dr. John Izzo Die fünf großen Glücksdiebe … und wie man ihnen keine Chance lässt. Goldmann, 192 S., € 9,– Gabriel Palacios Wer tut dir gut? Wie du lernst, Menschen richtig einzuschätzen. Allegria, 224 S., € 18,– PSYCHISCHE GESUNDHEIT Otto Stummer Ultrakurzzeitpsychotherapie. Einfache Heilung von Ängsten, Depression und psychosomatischen Beschwerden mithilfe der psychoregulatorischen Satztechnik. Walden, 224 S., € 14,99 Naoki Higashida Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen. Ein junger Mann erzählt aus der Stille des Autismus. Rowohlt, 253 S., € 12,– 90 Rainer Schubmann, Silke Eckelt, Sebastian Hermes, Boris Leithäuser Psycho-Kardiologie KOMPAKT. Verständlich auf den Punkt gebracht. Spitta, 232 S., € 14,80 Johann Hari Der Welt nicht mehr verbunden. Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen. Harper Collins, 448 S., € 20,– Udo Rauchfleisch Diagnose Borderline. Diagnostik und therapeutische Praxis. Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik. Herausgegeben von Michael Erdmann und Dorothea Huber. Kohlhammer, 90 S., € 20,– Helmut K. Seitz, Ingrid Thoms-Hoffmann Die berauschte Gesellschaft. Alkohol – geliebt, verharmlost, tödlich. Kösel, 176 S., € 19,– DENKEN, FÜHLEN, HANDELN Stefan Bauberger Glück ohne Ratgeber. Eine Philosophie des Gelingens. Herder, 160 S., € 16,– Peter Cornelius Mayer-Tasch Vom großen und vom kleinen Glück. Herder, 128 S., € 14,– Isabella Guanzini Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht. C. H. Beck, 220 S., € 18,– Heiko Roehl Ich Anderer. Nicolai, 80 S., € 20,– Johannes Höggerl Leid und Leidverwandlung. Plädoyer für ein integratives Leidverständnis. Tredition, 396 S., € 14,99 Gustav Keller Mehr Willensstärke. Wie man Ziele wirksam umsetzt. BoD, 140 S., € 8,99 Helmut Milz Der eigen-sinnige Mensch. Körper, Leib&Seele im Wandel. Edition Zeitblende, 340 S., € 38,– Heinrich Lethe ZEN und die großen Fragen der Philosophie. Tredition, 202 S., € 14,99 Ludwig Heuwinkel „Ich hab keine Zeit!“ Zeitknappheit, Zeitkonflikte und Zeitwohlstand. 125 Buchvorstellungen. Lit, 472 S., € 29,90 Maria Sanchez Die revolutionäre Kraft des Fühlens. Wie unsere Emotionen uns befreien. Gräfe und Unzer, 208 S., € 19,99 Hanne H. Brorson Keine Chance den Grübelviren. Wie man negative Gedanken austrickst. Gütersloher Verlagshaus, 96 S., € 12,– FRAUEN UND MÄNNER Oskar Holzberg Neue Schlüsselsätze der Liebe. Was Beziehungen scheitern und was sie gelingen lässt. Dumont, 240 S., € 20,– Nadja von Saldern Glücklich getrennt. Wie achtsam miteinander umgehen, wenn die Liebe endet. Ullstein, 256 S., € 15,– Ann-Marlene Henning Doch! Doch! Doch! (D)ein erotisches Kartenspiel. Doch-nochShop, € 24,95 Joachim Buse, Gundula Göbel Partnersuche im Internet für die zweite Lebenshälfte. So finden Sie online eine neue Liebe. Kösel, 208 S., € 18,– KINDER UND FAMILIE Pat Harvey, Jeanine A. Penzo Hilfe! Mein Kind rastet aus. Ihr Notfallplan bei extremem kindlichen Verhalten. Trias, 160 S., € 17,99 SCHULE UND BILDUNG Stephan A. Jansen mit Michael Ebmeyer Die Befreiung der Bildung. Nicolai, 104 S., € 20,– Olaf-Axel Burow (Hg.) Schule digital – wie geht das? Wie die digitale Revolution uns und die Schule verändert. Beltz, 160 S., € 24,95 Dr. Ute Schimmler Inklusion – so nicht! Eine Lehrerin berichtet, wie es wirklich ist – eine kritische Bestandsaufnahme aus der Praxis. Schwarzkopf, 240 S., € 12,99 ARBEIT UND BERUF José Amrein Humor und Provokation in der Kommunikation. Tools für Beratung, Therapie und Coaching – Ideen für den Alltag mit Karikaturen von Peter Gaymann. Schulz-Kirchner, 128 S., € 18,50 Maja Storch, Johannes Storch Sagen Sie doch, was Sie wollen. Die 15-Minuten-Wurmkur gegen Hintenrumgerede. Hogrefe, 80 S., € 12,95 KULTUR UND GESELLSCHAFT Reiner Seidel Die Evolution der Psyche. Wie viel Tier ist der Mensch? Pabst, 330 S., € 25,– Lore Reich Rubin Erinnerungen an eine chaotische Welt. Mein Leben als Tochter von Annie Reich und Wilhelm Reich. Psychosozial, 250 S., € 29,90 Dr. med. Victoria Sweet Slow Medicine. Medizin mit Seele. Die verlorene Kunst des Heilens. Herder, 384 S., € 24,– Gunter Gebauer, Sven Rücker Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen. DVA, 352 S., € 22,– Günter Spitzing Meine Kindheit unterm Hakenkreuz. BoD, 200 S., € 8,99 Patrick Wirbeleit, Uwe Heidschötter Die Wunschperle. Vom Einfluss seelischer Erkrankungen auf Geschwisterkinder. Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (Hg.), 120 S., kostenlos PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
MEDIEN REDAKTION: ANKE BRUDER HÖREN Alles, was peinlich ist Mundgeruch, Blähungen, Hämorrhoiden, Fußpilz, Haarausfall: Yael Adler widmet sich in ihrem Buch Darüber spricht man nicht der ganzen Sammlung menschlicher Körpertabus. In ihrem Bestseller, der jetzt auch als Hörbuch erschienen ist, spricht sie eben doch darüber, und zwar detailliert. Als Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten sind Körpertabus für sie längst kein Grund mehr, gequält herumzudrucksen und sich zu schämen. Schließlich gilt: Es gibt kein Leiden, das nicht auch andere kennen. Das Ganze ist hochinteressant – und außerdem entlastend, wenn jemand so sachlich und doch amüsant darüber berichtet wie Adler und ihre Sprecherin Tessa Mittelstaedt. Yael Adler: Darüber spricht man nicht. 4 Audio-CDs. Argon balance 2018. Laufzeit: 5 Stunden und 15 Minuten. € 19,95 KLICKEN SEHEN Untenrum frei? Der Kinsey-Report, der Minirock, der Summer of Love, die Antibabypille: Die sexuelle Revolution hat die Gesellschaft verändert und unsere Vorstellungen von Sittlichkeit auf den Kopf gestellt. Der Film Lustvolle Befreiung – Die sexuelle Revolution von Sylvain Desmille zeigt die Entwicklung der Bewegung von ihren Anfängen bis zu ihrem Zenit in den 1960er und 1970er Jahren. Und er zeigt ihre Auswirkungen auf unsere heutige Lebenswelt, wie die Gleichberechtigung, das Recht auf Abtreibung und schwule Identität. Doch vieles von dem, was wir für selbstverständlich halten, ist jetzt wieder bedroht. Und so demonstrierten im Januar 2018, ein Jahr nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump, in den USA so viele Frauen wie seit den 1970er Jahren nicht mehr. Sie kämpfen für den Erhalt der Frauenrechte – und für die Wahrung der Errungenschaften der sexuellen Revolution. Sylvain Desmille: Lustvolle Befreiung – Die sexuelle Revolution. DVD. Arte Edition/Absolut Medien 2018. Spieldauer: 108 Minuten. € 14,90 Onlinekurs gegen Depressionen Moodgym – so nennt sich ein Onlineprogramm gegen Depressionen, das zeitlich flexibel, kostenfrei und anonym genutzt werden kann. Es wurde von australischen Wissenschaftlern entwickelt und von Forschern der Universität Leipzig ins Deutsche übersetzt. Das Selbsthilfeprogramm basiert auf Theorien und Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie. Es besteht aus fünf Modulen zu den Themen Gefühle, Gedanken, alternative Gedanken, Stress und Beziehungen. Das Programm kann etwa während der Wartezeit auf einen Therapieplatz hilfreich sein – eine Behandlung ersetzt es jedoch nicht. moodgym.de KLICKEN Inspiration im Netz Das Portal Sinnsucher.de der Verlagsgruppe Random House bietet Vorträge, Videos und Kurse zu den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit, Spiritualität und Psychologie. Darunter sind etwa ein Kurs von Bindungsexpertin Stefanie Stahl und von Verhaltenstherapeut und Coach Jens Corssen. Die Angebote sind größtenteils kostenpflichtig, es gibt aber auch kostenfreie Inhalte. sinnsucher.de PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 91
LESERBRIEFE k.brenner@beltz.de Es gibt einen „D-Faktor“ in jedem von uns? Womöglich einen kleinen Darth Vader? Wie gruselig! Bösewicht: kein genetisch vorgezeichnetes Schicksal (Wir berichteten über den dunklen Kern der Persönlichkeit, den Psychologen als „D-Faktor“ bezeichnen. „Die Essenz des Bösen“. Studienplatz. Heft 1/2019) J. B. Watson, einer der Begründer des Behaviorismus, soll gesagt haben: „Gebt mir ein Dutzend Kinder, und ich mache alles aus ihnen, was ich will, Lehrer, Wissenschaftler, Schauspieler, ja sogar Bettler und Diebe.“ Der Psychiater René Spitz und der Psychologe John Bowlby haben auf die verheerenden Auswirkungen frühkindlicher Trennungserfahrungen auf die sozioemotionale und moralische Entwicklung von Menschen hingewiesen und dies in Studien belegt. Die berühmte Langzeitstudie der Kinder von Dunedin (Neuseeland) erbrachte, dass das Verhalten erwachsener Menschen sowie ihr gesellschaftlicher Erfolg und Misserfolg gerade kein genetisch vorgezeichnetes Schicksal, sondern der Entwicklung ihrer Fähigkeit zur Selbststeuerung anhand sozialer Erfahrungen in der Kindheit geschuldet ist. Trotz all dieser Forschungsergebnisse und trotz Legionen von Alltagserfahrungen sowie literarischen Beispielen bekehrter „Bösewichte“, angefangen vom biblischen Saulus bis hin zum hartherzigen Ebenezer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, hauchen die Kollegen Moshagen, Hilbig und Zettler den unveränderlichen, ererbten Persönlichkeitsfaktoren von H. J. Eysenck, die sie etwas hipper dark traits nennen und denen die noch älteren vier Temperamente des Hippokrates zugrunde liegen, neues Leben ein. Es gibt einen „D-Faktor“ in jedem von uns? 92 Womöglich einen kleinen Darth Vader? Wie gruselig! Dafür benutzen sie Kategorien, die entweder psychologisch/psychiatrisch umstritten sind – wie „psychopathisch“ und „narzisstisch“ – oder gleich völlig fachfremd wie „machiavellistisch“. Die Befragung von 2500 Probanden, die nach solch fragwürdigen Kategorien ausgewertet wird, kann demnach keine validen Ergebnisse im Sinne von in der Person angelegten traits erbringen. Das hätte Hippokrates vor über 2000 Jahren auch nicht schlechter gemacht. Robert Peter (Pseudonym), Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut, per E-Mail Konfessionslos, aber nicht gottlos (Linda Woodhead erläuterte im Interview, warum Konfessionslose oftmals keine Atheisten sind. Im Fokus. „Ist keine Religion die neue Religion?“ Heft 12/2018) Ich habe den Artikel mit großem Interesse gelesen, zumal ich inzwischen aus den sogenannten „christlichen Kirchen“ ausgetreten bin, jedoch dennoch an Gott, das heißt ein höheres Wesen glaube – nur nicht im christlichen Sinne, denn die christliche Ethik erscheint mir abstrus und unwirklich (Jungfrauengeburt). Jahrhunderte- lang wurde Fanatismus (oft gegen Andersgläubige) gepredigt – die oft unpersönlichen Phrasen können auf Dauer keine Seele erreichen, und meine Sehnsucht nach dem Gott des Alten Testaments (nicht der Rachegott, sondern derjenige mit reformatorischen Zügen) wird immer größer. Mein heimlicher Traum, zum „liberalen Judentum“ zu konvertieren, erwies sich als schwierig, weil der Zugang für Außenstehende oft erschwert wird – verständlich nach all dem, was man diesen Menschen angetan hat. Ich bin zwar zurzeit „konfessionslos“, aber dennoch nicht gottlos. Leider ist Ihre Interpretation falsch, sogenannte Nones (Konfessionslose) könnten sich keinen Dogmen anpassen. Den sich richtig anfühlenden Dogmen könnte ich mich durchaus anpassen. Das Christentum ist eine hohle Substanz, die immer mehr wie eine morsche Bausubstanz zusammenbröselt. Wenn man dann noch die heuchlerischen, zum Teil pädophilen christlichen Priester betrachtet, die es mit der Moral nicht so genau nehmen, weil ihnen ja immer wieder vergeben wird, wundert es mich nicht, dass die Menschheit den Respekt vor dieser falschen Religion verliert. Seltsam auch, dass das Christentum die einzige Religion ist, deren Priester Kinder missbrauchen. Oder haben Sie jemals davon gehört, dass ein muslimischer oder jüdischer Priester Kinder sexuell missbraucht? Vielleicht sollte sich die westliche christliche Kirche einmal Gedanken darüber machen, warum sie ethisch und moralisch nicht überleben kann. Viktoria Chevalier, per E-Mail PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 Die Redaktion behält es sich vor, Leserbriefe zu kürzen Robert Peter (Pseudonym), Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut, per E-Mail
Schluss mit der Frühsexualisierung! (Sven Rhode beleuchtete die Geschichte der Sexualpädagogik. „Als der Sex in die Schulen kam“. Heft 11/2018) Die Frühsexualisierung und die aufdringliche Aufklärung in den Kindergärten und Grundschulen müssen ein Ende haben! Die Kinder kommen danach teilweise weinend von der Schule nach Hause. Ein Kind ist verwirrt, wenn es erfährt, dass es mannigfache homo- und transsexuelle Verwandtschaftsverhältnisse gibt. Und welches Kind muss wissen, dass es 5000 Geschlechter gibt!? Also weg damit und wertvollere, nützlichere Vormittagsbeschäftigungen her, etwa Werken, Denkspiele und Zuwendung! Unsere Gesellschaft hat schließlich ganz andere Baustellen. Und die Oberhärte: Wozu müssen Schwule Achtjährigen Schwulensex erklären und vielleicht auch noch bildhaft darstellen und den Kindern an Dildos das Aufziehen von Kondomen beibringen!? Welche Zustände sind durch die Verheerungen der 68er bloß eingerissen!? Aufklärung ja, und zwar wenn das Kind etwas erklärt haben will, aber Schluss mit aufdringlicher und überfordernder Sexualpädagogik! Christian Holz, per E-Mail Heilsamer Reizentzug (In unserer Titelgeschichte fragte Silke Pfersdorf, wie wir in einer lauten Welt Ruhe in uns selbst finden können. „Stille“. Heft 1/2019) Leider weist der Artikel einen sachlichen Fehler auf. Sie schreiben auf Seite 21 unten: „Völlige Stille … bedrückt uns sogar – unbewusst assoziieren wir damit unangenehme Zustände wie Totenstille oder Leichenstarre.“ Und etwas weiter unten auf Seite 22 heißt es ergänzend: „Unser Gehirn scheint mit kompletter äußerer Stille überfordert zu sein. Verzweifelt sucht es dann nach Lauten in der Umgebung.“ Dazu sei korrigierend gesagt: Im anderen Kontext wird Stille und totaler Reizentzug durchaus als positiv empfunden und hat sogar nachweisbar heilkräftige Wirkung. Seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird dies im Rahmen des sogenannten Floating erforscht. Innerhalb dieser Floating-Räume und Tanks ist es absolut dunkel und still. Diese Sinnesreizreduktion ermöglicht neben der physiologischen Entspannung auch eine innere, mentale Ruhe. Dies wurde und wird in wissenschaftlichen Studien und zahlreichen Erfahrungsberichten bestätigt. In Deutschland existieren zurzeit rund 80 öffentliche Center, in denen gefloatet werden kann. Im Buch Denken wird überschätzt von Niels Birbaumer und Jörg Zittlau werden weitere wissenschaftliche Ergebnisse zum Erleben von Stille vorgestellt. Jörg Auf dem Hövel, Deutscher Floating-Verband e. V., München IMPRESSUM REDAKTIONSANSCHRIFT Werderstraße 10, 69469 Weinheim Postfach 10 01 54, 69441 Weinheim, Telefon 0 62 01/60 07-0 Fax 0 6201/60 07-382 (Redaktion), Fax 0 6201/60 07-310 (Verlag) E-Mail: redaktion@psychologie-heute.de WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE HERAUSGEBER UND VERLAG Julius Beltz GmbH & Co. KG, Weinheim Geschäftsführerin der Beltz GmbH: Marianne Rübelmann Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Für unverlangt eingesandtes Material übernimmt die Redaktion keine Gewähr. Die in dieser Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Übersetzung, Nachdruck – auch von Abbildungen –, Vervielfältigungen auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege oder im Magnettonverfahren, Vortrag, Funk- und Fernsehsendung sowie Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen – auch auszugsweise – bleiben vorbehalten. CHEFREDAKTION Dorothea Siegle REDAKTION Susanne Ackermann, Katrin Brenner-Becker, Anke Bruder, Anne Kratzer, Thomas Saum-Aldehoff, Eva-Maria Träger HERSTELLUNG UND LAYOUT Gisela Jetter, Johannes Kranz REDAKTIONSASSISTENZ Nicole Coombe, Kerstin Panter KORRESPONDENTIN IN DEN USA Dr. Annette Schäfer ANZEIGEN Claudia Klinger Postfach 10 0154, 69441 Weinheim Telefon 0 62 01/ 60 07-386, Fax 0 62 01/ 60 07-93 86 Anzeigenschluss: 7 Wochen vor Erscheinungstermin GESAMTHERSTELLUNG Druckhaus Kaufmann, 77933 Lahr VERTRIEB ZEITSCHRIFTENHANDEL DPV Vertriebsservice GmbH, Am Sandtorkai 74, 20457 Hamburg, Telefon 0 40/3 78 45-27 70 Copyright: Alle Rechte vorbehalten, Copyright © Beltz Verlag, Weinheim. Alle Rechte für den deutschsprachigen Raum bei Psychologie Heute. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion. Nachdruck, Aufnahme in Onlinedienste und Internet sowie Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM etc. nur nach vorheriger schriftlicher PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 FRAGEN ZU ABONNEMENT UND EINZELHEFTBESTELLUNG Beltz Kundenservice Postfach 10 05 65, 69445 Weinheim Telefon: 06201/6007-330 / Fax: 06201/6007-9331 E-Mail: medienservice@beltz.de www.psychologie-heute.de Studentenabos (Vollzeitstudium) gegen Vorlage der Studienbescheinigung (per Fax, E-Mail Anhang oder per Post) Einzelheftpreis: € 7,50 (Schweiz SFr. 10,90); Bei Zusendung zzgl. Versandkosten. Abonnementpreise: Jahres-/Geschenkabo: Deutschland € 79,90, Österreich, Schweiz € 81,90 (jeweils inkl. Versand); alle anderen Länder € 71,90 zzgl. Porto (auf Anfrage). Jahres-/Geschenkabo plus: Deutschland € 99,90, Österreich, Schweiz € 101,90 (jeweils inkl. Versand); alle anderen Länder: € 91,90 zzgl. Porto (auf Anfrage). Studentenjahresabo: Deutschland € 69,90, Österreich, Schweiz € 71,90 (jeweils inkl. 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Der Aboauflage Inland liegt eine Beilage der RSD Reise Service GmbH in München, eine Beilage der Madeleine Mode GmbH in Zirndorf und einem Teil der Aboauflage eine Beilage des VNR Verlags f. d. deut. Wirtschaft in Bonn bei. Der kompletten Kioskauflage liegt eine Beilage des Plan International Deutschland e. V. in Hamburg und einem Teil der Kioskauflage eine Beilage der Madeleine Mode GmbH in Zirndorf bei. Wir bitten unsere Leser um freundliche Beachtung. BILDQUELLEN Titel: Silke Weinsheimer. S. 3: Katrin Binner. S. 4, 16, 17,19, 20, 22, 25, 26: Orlando Hoetzel. S. 5 oben, 67: Corinna Staffe. S. 5 unten, 70, 73, 74, 76: Julia Schwarz. S. 6, 7, 12, 54 unten, 55, 82, 106: plainpicture. S. 7 oben, 8 oben, 54 oben, 56 links: iStock by Getty Images. S. 8, 10 unten, 52: Getty. S. 9: Sonja Rachbauer/photocase.de. S. 10 oben: deyangeorgiev/ photocase.de. S.11: Anton Hallmann/Sepia. S. 13: privat. S. 27: privat. S.28 oben: Michel Streich. S. 26 unten: privat. S. 30, 33: Patric Sandri. 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Bleiben Sie informiert Wenn Sie kein wichtiges Thema verpassen wollen, dann brauchen Sie den Psychologie Heute-Newsletter. Er informiert Sie zuverlässig jeden Monat über unsere Themen, bietet kostenlose Leseproben, berichtet über Neues auf der Website und vieles mehr. psychologie-heute.de/newsletter Schreiben Sie uns einen Leserbrief! Teilen Sie uns Ihre Meinung mit, Ihre Gedanken zum Heft und zu unseren Artikeln. Wir sind gespannt! k.brenner@beltz.de Unterstützen Sie Forschung PSYCHOLOGIE HEUTE Schwierige Menschen 94 Von Nervensäge bis Narzisst: Wie wir sie erkennen und wie der Alltag mit ihnen gelingt Besuchen Sie uns auf Facebook Hier teilen wir mit Ihnen die neuesten Nachrichten aus der Redaktion, wertvolle Buch- und Filmtipps, kostenlose Leseproben, Gewinnspiele und vieles mehr. Über 219 000 Fans freuen sich darüber – und wir freuen uns, wenn Sie auch bald dazugehören. Unser neues Compact-Heft: Schwierige Menschen „Die Hölle – das sind die anderen“, schrieb Sartre. Es gibt Tage, da stimmen wir ihm aus vollem Herzen zu. Ob am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis oder in der Familie: Immer wieder kreuzen Querulanten, Zyniker oder Narzissten unseren Weg. Der Kontakt mit ihnen ist eine Herausforderung. Denn jeder konfliktträchtige Persönlichkeitstyp – von der einfachen Nervensäge bis hin zum Borderliner – bedarf einer Strategie. Mit klaren Regeln kann man sich selbst schützen, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen. Dieses neue Themenheft aus der Reihe Psychologie Heute compact erklärt, wie der Umgang mit schwierigen Menschen gelingt. PSYCHOLOGIE HEUTE ILLUSTR ATION: TILL HAFENBR AK 2019 HEFT 56 R 8,50 SFR 12,90 43254 PSYCHOLOGIE HEUTE compact Sie möchten zur Wissenschaft beitragen und an psychologischen Studien teilnehmen? Auf unserer Website finden Sie aktuelle Projekte, für die Universitäten Probanden suchen. Während Sie sich durch Fragebögen klicken, bekommen Sie Einblicke in die psychologische Forschung und können, je nach Studie, auch einiges über sich und ihre Mitmenschen lernen. psychologie-heute.de/aktuelles/studienteilnahme 04/2019
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(08031) 2474516 84028 Landshut: Cornelia Sayda, Obere Ländgasse 49a, Tel. (0871) 64476 84323 Massing: Christa Ackermann, Oberroßbach 21, Tel. (08724) 966715 85368 Moosburg: Ludger Mintrop, Weizenstr. 5, Tel. (08761) 7554878 86150 Augsburg: Maria Flaig, Beethovenstr. 8, Tel. (0821) 3198503 86150 Augsburg: Dr. Otto Glanzer, Unter dem Bogen 2, Tel. (0821) 519944 86159 Augsburg: Hildegard Steuer, Alpenstr. 19, Tel. (0821) 4504500 86316 Friedberg: Ursula Späth, Fröschweilerstr. 1, Tel. (0821) 2622253 88069 Tettnang: Elisabeth Neimeke, Schillerstr. 8, Tel. (07542) 9396678 88662 Überlingen: Michael Urban, Heiligenbreite 52, Tel. (07551) 857795 89155 Erbach: Roswitha Birk-Becht, Ehingerstr. 31-33, Tel. (07305) 9338956 PLZ-Bereich 9 90419 Nürnberg: Sybilla Mieves, Großweidenmühlstr. 2, Tel. (0911) 3225902 90562 Heroldsberg: Irene Willuweit, Von-Geuder-Str. 6, Tel. (0911) 5187592 90766 Fürth: Ulrike Eller, Fasanenstr. 20a, Tel. (0911) 93990686 91126 Schwabach: Cornelius Voigt, Albrecht-Dürer-Str. 1 b, Tel. 09122) 8774506 91154 Roth: Friedrich Kaeppel, Egerlandstr. 20a, Tel. (09171) 1562 91233 Neunkirchen: Inge Wolf-Kügel, Wolfshöhe 10, Tel. (09153) 924262 91438 Bad Windsheim: Gertraud Schneider, Friedrich-Herlin-Weg 5, Tel. (09841) 650136 93055 Regensburg: Stephan Borgs, Tegernheimer Schluchtweg 1, Tel. (0941) 44453 94161 Ruderting: Mario Nitsch, Ebental 8, Tel. (08509) 938898 97082 Würzburg: Martina Müller, Wredestr. 18, Tel. (09306) 983944 Gestalttherapie: Handreichung für Ratsuchende Auf 30 Seiten Informationen zur Gestalttherapie, Literaturempfehlungen, Praxisadressen von Gestalttherapeut*innen (mit den Spezial-Listen „Gestalttherapeut*innen für Paare“, „Gestalttherapeut*innen für Kinder und Jugendliche“ sowie „Supervision durch Gestalttherapeut*innen“). Kostenloser Download: www.gestalttherapie.de/handreichung.pdf Stand 02/19 · Hinweis: Die Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten auf unserer Liste verfügen über eine umfangreiche gestalttherapeutische Ausbildung: ca. 4 Jahre mit ca. 1050 Stunden bzw. 1440 Unterrichtsstunden. Der Eintrag in die Liste erfolgt aufgrund der Selbstauskunft der Kolleginnen und Kollegen. Therapeutenadressen Service · Ludwig-Erhard-Str. 8 · 34131 Kassel
THERAPY TEC Der Technologiekongress für Therapeuten, Psychologen und Berater. Sa. 25. Mai 2019, 10-17 Uhr TECH GATE VIENNA, EG Kongress-Premiere zu einem hochrelevanten Thema! Das gesamte Programm finden Sie unter www.therapy-tec.net Psychologie Heute Leser erhalten das Tagesticket um 99,50 statt 199,- Euro. Verwenden Sie dazu den Gutscheincode „PH50“ Der Kongress wird präsentiert von: PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 101
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POSITIVE Tour PSYCHOLOGIE 2 0 1 9 21. 06. - 03. 07. 2019 Positive Psychologie und die Zukunft der Gesellschaft Adler ∙ Bauer ∙ Baumeister ∙ Biswas-Diener ∙ Brohm-Badry ∙ Cameron ∙ Cole ∙ Ebner Flowers ∙ Goehler ∙ Heinzlmaier ∙ Horx ∙ Janssen ∙ Laireiter ∙ Lehofer ∙ Lichtinger Popp ∙ Rashid ∙ Ruch ∙ Schmidt ∙ Schröder ∙ Seligman ∙ Slezácková ∙ Streit ∙ Strolz Ebner ∙ Varga von Kibéd ∙ Wiesner-Kulovits ∙ Wohlkönig ∙ Wolfig 21. 06. 2019 Graz Prekongress mit Robert Biswas-Diener 22. - 23. 06. 2019 Hamburg Kongress Die Zukunft von Therapie, Beratung und Coaching 29. - 30. 06. 2019 Menschlicher Fortschritt - Der Kongress Götzis/Bregenz 01. 07. 2019 Prekongress mit Kim Cameron 02. - 03. 07. 2019 Kongress Die Zukunft von Positiver Erziehung und Positive Leadership Anmeldung www.akjf.at akjf@akjf.at +43 699 160 300 50 +43 699 160 300 40 Zielgruppe Coaches, TrainerInnen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen, Lebens- und SozialberaterInnen, ErzieherInnen und Interessierte Als facheinschlägige Fortbildung anrechenbar. E U RO P E A N P O S I T I V E PSYCHOLOGY ACADEMY PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 -50% Für StudentInnen 103
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www.asanger.de Alison Miller Alison Miller Jenseits des Vorstellbaren. Werde, wer Du wirklich bist. Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control. 3. Aufl. 2017, XI, 448 S., Festeinband, E 49.ISBN 578-3-89334-579-3 Mind Control und Rituelle Gewalt überwinden. 2. Aufl. 2017, XIII, 552 S., Festeinband, E 34.50 ISBN 578-3-89334-597-7 „Das Buch ist in seiner Komplexität und darüber hinaus durch die Haltung von Alison Miller als Therapeutin und als Mensch unbedingt empfehlenswert für Professionelle, die mit Betroffenen von Ritueller Gewalt und Mind Control arbeiten.” (Trauma – Zeitschrift für Psychotraumatologie und ihre Anwendungen) „Es ist ein bestürzendes, kenntnisreiches und ein mutiges Buch zu einem gerne totgeschwiegenen Thema: systematische, gezielte Aufspaltung der Persönlichkeit. Es zeigt die Macht der angeborenen Abwehrprogramme, die uns auch das Unvorstellbare überleben lassen. Miller ist das schier Unmögliche gelungen: respektvoll einen begehbaren Weg zu einem menschlicheren Leben und zur Verwirklichung des eigenen Wesens aufzuzeigen. Empfehlenswert auch für Therapeuten.“ (Deutsches Ärzteblatt) „Alison Miller entlarvt die Lügen der Programmierer und der Tätergruppen und hilft, sich im Dickicht angelegter Dissoziation nicht heillos zu verstricken. Sie lässt Betroffene zu Wort kommen, die schonungslos ihre eigenen Verstrickungen aufzeigen.” (Deutsches Ärzteblatt) „Das Buch ist von unschätzbarem Wert für Betroffene.“ (Gaby Breitenbach: Vorwort zur deutschen Übersetzung) Asanger Verlag • Bödldorf 3 • 84178 Kröning • Tel. 08744-7262 • Fax 08744-967755 • E-Mail: verlag@asanger.de ANZEIGENSCHLUSS für die nächste Ausgabe ist der 05. April 2019. Ihre Anzeige erscheint dann am 08. Mai 2019 in Heft 06/19. Weitere Informationen zu Anzeigengrößen und -preisen erfahren Sie in den Mediadaten unter www.psychologie-heute.de/ service/mediadaten Ihre ersc Anzeig e hein t au in u nser ch App er ! WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019 105
IM NÄCHSTEN HEFT DIE MAIAUSGABE ERSCHEINT AM 10. APRIL 2019 VOM GLÜCK ZU PLANEN TITELTHEMA Haben Sie heute schon geplant? Vielleicht ein berufliches Projekt, die nächste Urlaubsreise oder ein neues Gartendesign? Tun Sie es! Denn Pläne sind mehr als nur nützliche Werkzeuge. Die neue psychologische Forschung kommt zu dem Schluss: Vorausdenken ist außerordentlich förderlich für das psychische Wohlbefinden. Und paradoxerweise hilft uns gerade diese Art des Zukunftsdenkens auch dabei, mehr im Hier und Jetzt zu sein. „GEH AUF DEINE MATTE!“ Die Welt um uns herum erscheint hasserfüllter, die Demokratie bedrohter, die Umwelt gefährdeter denn je. Wie ist unsere Reaktion darauf, fragt die Journalistin Gabriele Heise die Menschen, mit denen sie seit langem Yoga praktiziert. Die Antworten sind unpolitisch und ichzentriert: „Nimm alles, was geschieht, nur als Aufforderung, dich weiterzuentwickeln.“ Oder: „Ach, Gabriele, geh auf deine Matte! Da findest du die Antworten.“ Aber stimmt das? Über sanftmütige Wanderer in einer Welt, die unser ganzes Engagement benötigt. DAS WAHRE SELBST NICHT GUT GENUG? WIE SELBSTZWEIFEL UNS HELFEN – WENN WIR RICHTIG MIT IHNEN UMGEHEN Das schaffe ich nie. Habe ich etwas Falsches gesagt? Merken die, dass ich das eigentlich gar nicht kann? Die meisten von uns kennen Selbstzweifel, und manchmal nehmen sie ein quälendes Ausmaß an. Doch woher kommen sie, was verraten sie über uns, und was genau ist das sogenannte Impostor-Syndrom? Therapeuten und Wissenschaftler haben Antworten auf diese Fragen. Und sie wissen, dass Selbstzweifeln entgegen der landläufigen Meinung eine große Kraft innewohnt: Sie geben uns den Anstoß, zu reflektieren und aus Niederlagen zu lernen. Gerade Zweifler werden oft zu kraftvollen und kreativen Gestaltern ihres Seins. 106 Folge deinem Traum! Sei einfach du selbst! Lebe, wie du es dir tief in deinem Herzen wünschst! So lauten Ratschläge in einer Welt, die Individualismus zur Glaubensrichtung erhoben hat. Menschen suchen dabei nach den Wesenszügen ihres wahren Selbst – das es gar nicht gibt, sagen Wissenschaftler. Was wissen wir wirklich über unseren inneren Kern? AUSSERDEM: • In Geschichtslosigkeit versunken: Warum historisches Bewusstsein wichtiger ist denn je • „Fremdheit ist kein Zustand“: Der Schriftsteller Stephan Thome über den Umgang mit dem Unvertrauten PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
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