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Автор: Slegle Dorothea
Теги: psychologie magazin psychologie heute
ISBN: 978-3-608-86123-5
Год: 2019
Текст
APRIL 2019
JUGENDFREUNDE
Wie sie uns dauerhaft
belasten können
MAUERN
Über die Sehnsucht
nach Grenzen
VEGANER
46. JAHRGANG
HEFT 4
€ 7,50
SFR 10,90
D6940E
Leben mit dem
Leid der Tiere
DIE KRAFT
DES ATMENS
Entspannend, heilsam, antidepressiv:
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Schluss mit dem schlechten Gewissen!
Wer sich für alles und jeden verantwortlich fühlt, läuft
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der Selbstüberforderung und zeigt an Beispielen und mit
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»Langfristig entfalten nur Therapie und
Coaching positive Wirkungen.« Gerhard Roth
Zusammen mit dem Grundlagenwerk »Coaching, Beratung
und Gehirn« entsteht ein erstes integratives Coachingmodell,
welches neurobiologische Grundlagenkenntnisse mit hohem
Praxisbezug verbindet:
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M)ÚS
Hör-CD
ca. 192 Seiten, gebunden,
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ISBN 978-3-608-96387-8
Erscheint am 22. Juni 2019
224 Seiten, broschiert
€ 20,– (D). ISBN 978-3-608-96191-1
+VOHFO
WFSTUFIFO
Jungen: Was sie brauchen, was wir geben können
Endlich wieder gut schlafen!
Anders als früher und eher als Mädchen haben Jungen es
schwer, eine sichere Identität zu entwickeln und gefahrlos
durch die heutige Zeit zu kommen. Eltern wissen nicht
weiter, Lehrer resignieren, Ärzte verschreiben Medikamente. Die Leser erfahren, wie wir Jungen optimal fördern
können, was sie brauchen, um sicher durch die Kindheit zu
kommen und wie sie seelisch widerstandsfähige und
gesunde Erwachsene werden.
Neben zahlreichen praktischen Tipps und Achtsamkeitsübungen erfährt der Leser etwas über die Grundlagen des
Schlafens und über mögliche Krankheitsbilder.
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Liebe Leserinnen und Leser
I
hre Erfolge sind still, sagt Christine Meyne. Sie ist Atemtherapeutin und arbeitet in der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin
der Uniklinik München mit Menschen, die sterbenskrank sind.
Viele Patienten, die auf die Palliativstation kommen, sind kurzatmig,
die Schmerzen rauben ihnen die Luft, manche können ihren Körper
kaum mehr bewegen. Die Atemtherapeutin begleitet die Atembewegungen der Patienten und hilft ihnen durch Berührungen und leichte,
geführte Bewegungen, ihren Atem bewusst zu erleben. Dadurch können sich Verkrampfungen im Körper lösen, Schmerzen lassen nach,
Brustkorb und Bauchraum weiten sich, so dass die Menschen wieder
besser Luft bekommen, ruhiger werden. „Es müssen weniger Medikamente bei Angst eingesetzt werden oder bei Schlaflosigkeit und Unruhe. Und manchmal braucht es auch keine Schmerzmittel mehr“,
erzählt Christine Meyne.
Manche Menschen lässt die palliative Atemtherapie auch gelöster
in den Tod gehen, sagt die Therapeutin: „Gestern ist eine Patientin
gestorben, sie hat einfach ausgeatmet. Ich war mehrmals bei ihr gewesen, meistens in Anwesenheit ihres Sohnes und ihres Ehemanns.
Sie konnte während der Behandlungen spüren, dass mit einem ruhigen, tiefen Atem auch eine ruhige, tiefe Stimmung kommt und so auch
der Prozess des Sterbens ruhig und tief sein kann.“
Und es passiert auch, dass sich ein Patient, der sich schon ganz abgewandt hatte, durch die Atemtherapie wieder öffnet. Für Gespräche,
für Menschen. Das hat Christine Meyne gerade erst wieder erlebt, „dass
der Mann doch noch seine drei Kinder aus erster Ehe kontaktieren
möchte, die er Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat, nicht mal weiß, wo
sie wohnen, ob sie verheiratet sind, ob Enkelkinder da sind“. Auch
solche Anfänge sind möglich.
Der Kraft des Atmens haben wir unsere Titelgeschichte gewidmet
(ab Seite 16). Denn was im Yoga oder der traditionellen chinesischen
Medizin seit Jahrtausenden praktiziert wird, wird bei uns gerade wiederentdeckt: welch heilsame Wirkung der bewusste Umgang mit dem
Atmen haben kann. Neben vielen wissenschaftlichen Studien zum
Thema sind wir auch auf eine deutsche Tradition der Atemtherapie
gestoßen, die mit den Reformbewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts
begann – 20 Atemtherapieschulen gab es damals allein in Berlin! Eine
anregende Lektüre wünscht
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Dorothea Siegle, Chefredakteurin
3
IN DIESEM HEFT
TITEL
16 Zeit zum Durchatmen!
Zur Ruhe kommen, Kraft tanken, Konzentration sammeln: Für all das hat jeder
von uns ein wirkungsvolles Instrument:
die eigene Atmung
Von Anke Nolte
26 „So schön alltagstauglich“
Der Mediziner Thomas Loew verrät,
was 4711 und eine Zahnbürste mit
dem Atmen zu tun haben
12 Im Fokus:
Der Schmerz der Veganer
Die Psychologin Clare Mann über das
Verzweifeln an einer Welt, in der das
Schlachten von Tieren Alltag ist
30 Gedanken auf Abwegen
Psychotherapien gegen psychotischen
Wahn – eine Herausforderung für
Patient und Behandler
Von Wibke Bergemann
36 Was ich mag – und was ich kann
Mach, was dich am meisten interessiert!
Ist das ein guter Rat für den Berufsweg?
Von Jochen Metzger
44 Schrei nach Mauern
Die Motive hinter dem Verlangen nach
befestigten Grenzen
Von Susanne Ackermann
58 Gefährliche Freunde
Jugendfreundschaften geben Rückhalt –
doch manchmal wirken sie zerstörerisch
Von Anne-Ev Ustorf
66 „Eltern sind auch nur Menschen“
Die Entwicklungspsychologin Christin
Köber über die Rolle von Mutter und Vater
im Plot unseres Lebens
4
TITELTHEMA
16
Nichts ist uns so selbstverständlich wie
der Atem. Und doch sagt die Art, wie
oft, wie tief, wie rhythmisch und gleichmäßig
wir Luft holen, viel darüber aus, was uns belastet und stresst. Die alten Meditationsschulen
wissen das seit langem. Jetzt entdecken auch
Medizin und Psychologie die Atemarbeit als
Therapie gegen Angst, Burnout, Schmerz und
andere Leiden
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
ER
DOSSI
&
BERUEFN
LEB
70 Zeitfragen:
Wie wollen wir arbeiten?
Über die ideale Arbeitszeit – und wovon
sie abhängt
Von Manuela Lenzen
77 „Die Arbeit ist auch ein
Rhythmusgeber“
Der Psychologe Friedhelm Nachreiner
erklärt, wann flexible Arbeitszeiten eher
schaden
66
Am Anfang waren: die Eltern. Mutter
und Vater sind unsere ersten Bezugspersonen, die ersten Figuren in unserer
Biografie. Treten sie als Helden auf, wenn
wir von unserem Leben erzählen? In jungen
Jahren ja, wie eine große Langzeitstudie
zeigt. Doch das bleibt nicht so …
RUBRIKEN
28 Therapiestunde
Das Schattenkind
Von Stefanie Stahl
42 Psychologie nach Zahlen
„Na, wenn du meinst!“
Von Silke Pfersdorf
64 Studienplatz
Autoritär und gegen alles Fremde
Von Frank Luerweg
78 Lekys Aussichten
Jetzt aber sofort zwei
Mohnbrötchen! Bitte!
Von Mariana Leky
3 Editorial
6 Themen&Trends
70
Die meisten Menschen schätzen
ihren Beruf, doch sie würden
gerne weniger arbeiten. Und sie wünschen sich mehr Freiraum statt starrer
Antrittszeiten. Aber ist das wirklich eine
gute Idee? Ein Dossier über den Rhythmus der Arbeit – und den Traum von der
15-Stunden-Woche
52 Körper&Seele
57 Schilling&Blum: Irgendwas mit Menschen
80 Buch&Kritik
91 Medien
92 Leserbriefe
93 Impressum
94 Noch mehr Psychologie Heute
95 Markt
106 Im nächsten Heft
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
5
REDAKTION:
SUSANNE ACKERMANN
Schützt Weisheit vor Einsamkeit?
Einsamkeit kann uns prinzipiell in jedem Alter treffen, aber es gibt einen gewissen Schutz: Weisheit.
Dies fanden US-amerikanische Psychologen heraus,
die die Einsamkeit, die seelische Gesundheit und persönliche Einstellungen von 340 Einwohnern der südkalifornischen Stadt San Diego umfassend untersuchten und verglichen. Die Befragten waren zwischen
27 und 101 Jahre alt.
Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Einsamkeit nach wie vor eine große gesellschaftliche
Herausforderung sei, weil sie die seelische und körperliche Gesundheit deutlich verschlechtere. Die Forscher verglichen zunächst die Schwere der Einsamkeit
der Teilnehmer und stellten fest: 76 Prozent von ihnen berichteten von mittlerer bis starker Einsamkeit.
Diese Messergebnisse setzten die Wissenschaftler mit
demografischen Daten sowie Befunden zur seelischen
Gesundheit in Beziehung. Die sehr Einsamen waren
häufiger Single, lebten öfter allein und hatten im
Schnitt ein Jahreseinkommen unter 35 000 Dollar.
Starke Einsamkeit ging außerdem einher mit häufigeren Depressionen, geringerer Widerstandsfähigkeit, weniger Optimismus, größerer Angst, mehr
Unzufriedenheit, schlechterem Schlaf und ungesun6
der Ernährung. Unterschiede zwischen den Geschlechtern fanden die Forscher nicht. Auch jene, die
von mittlerer Einsamkeit berichteten, erreichten bei
all diesen Messungen höhere Werte als nicht einsame
Befragte. Weiterhin entdeckten die Forscher, dass es
offenbar im Erwachsenenleben bestimmte Phasen
gibt, in denen die Einsamkeit höher ist als sonst, nämlich in den späten Zwanzigern, um Mitte fünfzig herum und bei deutlich über Achtzigjährigen.
Doch die Wissenschaftler stießen zu ihrer Überraschung auch auf einen Schutzmechanismus: Probanden, die als weise eingestuft wurden, also mehr
Empathie, Einfühlsamkeit, Selbstreflektion und bessere Gefühlsregulation zeigten, berichteten nicht, sich
einsam zu fühlen. Da es die erste Studie gewesen sei,
in der zusätzlich zur Einsamkeit auch die Weisheit
erhoben wurde, könnten noch keine weiteren Schlussfolgerungen gezogen werden – aber es sollte weiter
in diese Richtung geforscht werden, empfehlen die
SAC
Wissenschaftler.
Lebensphasen:
In unseren
späten
Zwanzigern
trifft sie uns
häufiger, die
Einsamkeit
Ellen E. Lee u.a.: High prevalence and adverse health effects
of loneliness in community-dwelling adults across the lifespan:
role of wisdom as a protective factor. International Psychogeriatrics, 2018. DOI: 10.1017/S1041610218002120
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Katzen jagen gern – aber bringen ihre Besitzer
damit in eine psychologische Zwickmühle, wie
Tiefeninterviews mit 48 Katzenhaltern ergaben.
Ein Teil berichtete, das Jagen natürlich zu
finden, es aber nicht zu mögen. Andere hielten
die Beutezüge für grausam und unnötig. Einige
sorgten sich, Katzen könnten Wildvogelbestände gefährden. Ihre Katzen vom Jagen abzubringen, ohne deren Wohlbefinden zu beeinträchtigen, hielten alle Befragten für schwierig.
1156
%
beträgt der Anteil von 35 Ländern
am Verlauf der Weltgeschichte –
aus subjektiver Sicht von knapp
7000 Befragten aus allen diesen
Ländern. Dabei nahmen etwa Teilnehmer aus der Schweiz an, ihr
Land habe 11 Prozent beigetragen,
und russische Befragte gingen von
60 Prozent aus. Deutsche schrieben ihrem Land einen Anteil von
33 Prozent zu. Die Forscher erläutern, sie wollten den jeweiligen
kollektiven Blick auf die Bedeutung
der eigenen Nation erheben; der
tatsächliche Anteil einzelner Länder
sei nicht messbar.
DOI: 10.1002/pan3.6
DOI: 10.1016/j.jarmac.2018.05.006
Anderen die Vernunft
absprechen
Moral ist ein widersprüchliches Gebilde. Es gibt den Wunsch,
Menschen zu schützen und zu unterstützen, wenn sie verletzlich
sind. Eine andere moralische Haltung führt dazu, dass Mitmenschen für ihr als empörend und „schmutzig“ erlebtes Verhalten verachtet werden – Psychologen bezeichnen dies als Streben nach „Reinheit“ oder „Heiligkeit“ (sanctity). Wer so denkt,
spricht gern denjenigen, die er oder sie verachtet, ihre Vernunft
und ihre Fähigkeit zu rationalem Denken ab.
Dies zeigten zwei US-amerikanische Psychologen in fünf Experimenten. Die Forscher schätzten mehrere hundert Teilnehmer zunächst unter anderem anhand des Moral Foundations
Questionnaire ein und ließen sie dann fiktive Schwule, Transgender, Menschen mit Aids oder Prostituierte beurteilen, von
denen die Forscher annahmen, sie verletzten durch ihr Anderssein die Normen der sehr auf „Reinheit“ bedachten Befragten.
Durchweg werteten diese Probanden die beschriebenen Personen stärker ab und glaubten, diese seien nicht fähig, rational zu
denken – und hätten daher auch keine Fürsorge durch andere
SAC
verdient.
Andrew E. Monroe, E. Ashby Plant: The dark side of morality: Prioritizing
sanctity over care motivates denial of mind and prejudice toward sexual
outgroups. Journal of Experimental Psychology: General, 2018. DOI: 10.1037/
xge0000537
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
7
Wer länger arbeitslos ist, hat schlechtere
Chancen, wieder eingestellt zu werden, weil
potenzielle Arbeitgeber ihn oder sie für zu
wenig motiviert halten. Dabei spielen das
Geschlecht, Berufserfahrung, Qualifikation
oder ehrenamtliche Tätigkeit während der
Arbeitslosigkeit keine Rolle. Dies zeigten
Psychologen in einem Experiment, bei dem sie
mehr als 200 Personalverantwortliche baten,
fiktive Jobkandidaten einzuschätzen, die seit
kurzem oder längerem unbeschäftigt waren.
Eva Van Belle u.a.: Why are employers put off by long spells of unemployment? European Sociological Review, 34/6, 2018. DOI: 10.1093/esr/jcy039
Wie viel Geld würden
Menschen ausgeben, um das Klima
zu schützen? Offenbar hängt dies
von ihrem eigenen
finanziellen Status ab – aber
anders, als man denkt. Bei einem Klimaschutzspiel gaben
Teilnehmer, die mit wenig Geld
ausgestattet worden waren, anteilig deutlich mehr aus als die,
die zum Start mehr bekommen
hatten. Die Forscher hatten in
einer Fußgängerzone mehr als
300 Passanten zur Teilnahme
an dem Spiel eingeladen.
DOI: 10.1371/journal.pone.0204369
Ich brauche nicht viel
zu wissen
Wenn wir uns ein Urteil bilden oder eine Entscheidung treffen,
möchten viele Menschen gern möglichst zahlreiche Informationen darüber zur Verfügung haben – um richtig urteilen zu
können. Aber dies ist nur ein Wunsch. Das ergaben sieben psychologische Studien. Die Probanden entschieden viel schneller
und nutzten die Informationen, die ihnen bereitgestellt wurden,
in viel geringerem Maße, als sie selbst glaubten.
Das galt unabhängig davon, ob sie sich eine Vielzahl von
Gemälden eines neuartigen Kunststils anschauen sollten, um
diesen zu beurteilen, ob sie eine Kaufentscheidung treffen oder
sich daran erinnern sollten, wie sie einmal entschieden hatten,
dass ihr Partner der richtige war.
Alle trafen sehr schnell eine Entscheidung, unabhängig davon, ob ihnen die gesamte Vielfalt an Informationen vor der
Entscheidung gezeigt worden war oder ob sie ein Szenario nach
dem anderen sahen und dann stopp sagen konnten, sobald sie
sich ihre Meinung gebildet hatten. Wie die Forscher schreiben,
ist unser Verstand offenbar weniger neugierig und offen gegenüber Informationen, als es gut wäre, um klug zu urteilen. SAC
Nadav Klein, Ed O’Brien: People use less information than they think to make
up their minds. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2018.
DOI: 10.1073/pnas.1805327115
8
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Willensschwach
im Netz
Leute mit mangelnder Selbstkontrolle sind öfter in
Verbrechen verstrickt als Menschen, die sich besser
im Zaum halten. Aber auch umgekehrt wird ein
Schuh draus, wie der US-amerikanische Kriminologe Thomas J. Holt und seine Kollegen aus den Niederlanden berichten. Ihre Studie zeigt: Wer Probleme
mit der Selbstkontrolle hat, wird im Schnitt vermutlich öfter als andere Opfer krimineller Internetattacken. Es sind diejenigen, die impulsiv in Onlineläden
shoppen, täglich dutzende E-Mails rausfeuern, häufig auf Datingsites unterwegs sind oder in großem
Umfang Musik und Filme aus dem Netz auf den Rechner laden.
Das Internet steckt voller Objekte der Begierde,
an die Menschen sofort herankommen können. Das
führe gerade Leute mit geringerer Selbstkontrolle in
stete Versuchung und öfter auch auf halbseidene Seiten, die mit Viren infiziert sein können. Cyberkriminalität zu bekämpfen, bemerken die Forscher, habe deshalb auch eine psychologische Seite.
Die Wissenschaftler nutzten Daten einer monatlichen repräsentativen Onlinebefragung der Universität Tilburg in den Niederlanden – in diesem Fall
mit fast 5700 Teilnehmern ab 16 Jahren. Die Probanden gaben dabei unter anderem Auskunft über ihre
Aktivitäten im Netz und wie oft ihre Computer mit
Malware infiziert worden waren, ob und wie sie auf
Verdachtsmomente eines Befalls reagiert hatten – wie
etwa verlangsamte Rechnergeschwindigkeit, Abstürze oder plötzliche Pop-ups.
Außerdem beantworteten die Probanden Fragen,
mit denen sich auf ihre Selbstkontrolle rückschließen
ließ, beispielsweise über ihren Hang zu kurzsichtigen
Entscheidungen, zu fahrlässigem Verhalten und über
ihre Neigung, Dinge augenblicklich haben zu wollen.
Ergebnis: Probanden mit mangelnder Disziplin surften öfter und länger, peilten häufiger riskante Seiten
an und schützten ihre Rechner schlechter gegen ViKLAUS WILHELM
ren und Trojaner.
Thomas J. Holt u.a.: Testing an integrated self-control and
routine activities framework to examine malware infection
victimization. Social Science Computer Review, 2018.
DOI: 10.1177/0894439318805067
Kintsugi ist eine traditionelle japanische Methode, um zerbrochene
Keramik zu reparieren. Statt den »Makel« der Reparatur zu verbergen,
werden die Bruchstellen durch Goldstaub im Kleber noch
hervorgehoben. Der Psychologe Tomás Navarro
überträgt dies auf die Zerbrechlichkeit und
Stärke des Menschen und zeigt, wie wir
gestärkt aus einer Krise hervorgehen.
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
368 Seiten| € 20,00 [D]
ISBN 978-3-466-34731-5
Auch als E-Book erhältlich
Die Schönheit im
Unvollkommenen
9
www.koesel.de
Wenn Schüler
programmieren
Für den Partner
Opfer bringen
Warum sind manche Menschen kaum bereit zu Kompromissen für den eigenen Partner, während andere
große Opfer für ihre Beziehung bringen? Ein deutschkanadisches Forscherteam ist dieser Frage nachgegangen. Besonders opferbereit zeigten sich laut
Analyse der Daten von 3400 Paaren jene Probanden,
denen ihre Beziehung wichtig war – aber die sich der
Liebe ihrer Partner nicht sicher fühlten. „Opferbereitschaft innerhalb von Beziehungen scheint mit
inneren Unsicherheiten einer Person zusammenzuhängen“, so die Forscher.
Die Daten stammten aus der deutschen Längsschnittstudie „pairfam“, deren Teilnehmer jährlich
Fragenkataloge zu ihrem Beziehungs- und Lebensalltag beantworten. Die Forscher analysierten Daten
aus einem Zeitraum von sieben Jahren. Die Opferbereitschaft der Befragten nahm im Durchschnitt
ab. Aber es gab starke Schwankungen. Wer mehr
frühere Beziehungen hatte, gab geringere Kompromissbereitschaft an. Befragte berichteten ebenfalls
von geringerer Opferbereitschaft, wenn das Einkommen höher war. Männer stellten sich durchgängig
ANNA GIELAS
als opferbereiter dar als Frauen.
Britische Kinder lernen in der Schule, mit Quellcodes
umzugehen. In Deutschland wird das Programmieren (noch) nicht an allen Schulen unterrichtet. Verbessern sich durch das Programmieren auch die
Denkfähigkeit und die Schulleistungen? Nur zum
Teil, dies haben Wissenschaftler in einer Metaanalyse von 105 Untersuchungen herausgefunden.
Es werden genau die kognitiven Fähigkeiten gefördert, die mit dem Programmieren verwandt sind,
etwa mathematisches oder räumliches Denken. Auch
die Kreativität profitiere – weil originelles Denken
beim Programmieren erforderlich sei. Sehr groß fielen die Fortschritte allerdings nicht aus, heißt es.
Auf rundum größeren Schulerfolg sollten programmierfähige Schüler nicht hoffen. Die Leistungen
in Naturwissenschaften und Fächern wie Geschichte oder Politik verbesserten sich bei ihnen nur wenig.
Und auf die sprachlichen Fähigkeiten hatten Programmierkenntnisse überhaupt keinen Einfluss.
JOCHEN PAULUS
Ronny Scherer u.a: The cognitive benefits of learning computer
programming: A meta-analysis of transfer effects. Journal of
Educational Psychology. Advance online publication, 2018.
DOI: 10.1037/edu0000314
01100110011010
10100011100100
01100110010010
10120
Matthew D. Johnson u.a.: The development of willingness to
sacrifice and unmitigated communion in intimate Partnerships.
Journal of Marriage and Family, 2018. DOI: 10.1111/jomf.12544
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PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
IMMER DER NASE NACH
Der Geruchssinn beeinflusst vieles von unserem Erleben und Verhalten –
meist ohne dass wir es bemerken
KOMMUNIKATION
DIREKTZUGANG
Wir können die Gefühle anderer riechen.
So zeigten Frauen in einer Studie einen
ängstlichen oder angewiderten Gesichtsausdruck, je nachdem ob sie am Schweiß
eines Mannes rochen, der zuvor einen
beängstigenden oder ekligen Film gesehen hatte.
Die meisten Sinneseindrücke, etwa Bilder
oder Töne, passieren auf dem Weg ins
Gehirn den Thalamus, wo sie gefiltert und
uns bewusstwerden. Anders Gerüche:
Sie werden direkt weitergeleitet, unter
anderem in das Gefühls- und Erinnerungszentrum. Daher lösen sie unmittelbar
Emotionen aus.
WARNUNG
Die Quellen zu dieser Studiengrafik finden Sie auf psychologie-heute.de/literatur. Illustration: Anton Hallmann/Sepia. Text: Anne Kratzer
Wie wir Gerüche bewerten, lernen wir erst im
Laufe der Kindheit durch Erfahrungen und die
Reaktionen unseres Umfelds. Gegen einige wenige
gefährliche Gerüche, wie den von faulem Fleisch,
haben wir jedoch kulturübergreifend eine angeborene Abscheu – eine Warnfunktion.
APPETIT
Schon Säuglinge können riechen, beim
Geruch fauler Eier verziehen sie ihr
Gesicht, beim Duft einer Banane
entspannen sie es. Im letzten
Lebensdrittel nimmt der Geruchssinn schnell ab, das kann ein Hinweis auf Alzheimer sein und zu
Störungen von Appetit und
Essverhalten führen.
PARTNERWAHL
Warum küssen sich Menschen?
Eine Erklärung ist, dass wir am
Geruch des anderen erkennen,
wie fruchtbar er ist oder ob seine
genetische Ausstattung der
eigenen zu ähnlich ist. Ist sie
das, nehmen wir ihn als
stinkend wahr.
ERINNERUNG
In Marcel Prousts Auf der
Suche nach der verlorenen
Zeit schmeckt der Protagonist
eine in Lindenblütentee getunkte Madeleine und versinkt
in Gedanken an seine Kindheit.
Dass Geruch und Geschmack
Erinnerungen auslösen, bezeichnen Psychologen daher
als „Proust-Effekt“.
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
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IM FOKUS
Der Schmerz der Veganer
Vystopie, so nennt die Psychologin und Veganerin Clare Mann einen
depressiv-traumatischen Zustand, unter dem manche Veganer
leiden. Denn während sie auf tierische Produkte verzichten, sehen sie
sich mit einer Welt konfrontiert, in der weiterhin geschlachtet wird.
Über das Gefühl, in einer Dystopie zu leben
12
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
störung als einen Zustand, der durch ein traumatisches Ereignis ausgelöst wird, an dem man – als Handelnder oder Zuschauer – teilgenommen hat. Zu den
Symptomen zählen Flashbacks, gravierende Angstzustände und nicht kontrollierbare Gedanken an das
auslösende Ereignis.
Frau Mann, Sie haben sich als Psychotherapeutin
auf Patienten spezialisiert, die vegan leben. Haben diese denn andere Sorgen als Vegetarier
oder Fleischesser?
Ich habe mich in den letzten zehn Jahren viel mit
Veganern beschäftigt, in Gesprächen und Therapiesitzungen zum Beispiel. Und ich habe eine Befragung
unter 800 vegan Lebenden durchgeführt. Mein Eindruck ist: Es gibt tatsächlich bestimmte Formen der
Ängstlichkeit und Bedrücktheit, die typisch für Veganer sind.
Ein Problem, das man eher bei Veteranen als bei
Veganern vermuten würde.
Und doch tritt es auch bei einigen meiner veganen
Patienten auf. Wobei bei ihnen die Schwere der Angstzustände weniger im ursprünglichen Erlebnis begründet liegt als in der Tatsache, dass sich die auslösende Problematik beständig fortsetzt. Der Veganer
erlebt, dass das, was ihn in Schrecken versetzt, jeden
Tag präsent ist und von großen Teilen der Gesellschaft
sogar glorifiziert wird: die Nutzung – und Misshandlung – von Tieren.
Zum Beispiel?
Zu mir kommen Patienten mit Essstörungen, Anpassungsstörungen oder einer Tendenz zur Selbstverletzung, aber auch mit Panikattacken oder Albträumen. Die Leute sagen dann natürlich in der Regel nicht: Ich bin hier, weil ich kein Fleisch esse und
weil sich die Leute darüber lustig machen. Es ist eher
so, dass wir im Laufe der Therapie auf ihren Veganismus zu sprechen kommen.
Dafür haben Sie ein eigenes Wort gefunden: die
„Vystopie“.
Viele Veganer haben das Gefühl, dass ein Großteil
der Außenwelt diesen als grausam wahrgenommenen
Praktiken gegenüber gleichgültig ist – als wären die
anderen dem Status quo gleichsam wie in einer Trance verfallen. Der Begriff „Vystopie“ spielt darauf an,
dass sich viele Veganer einer dunklen, geradezu dystopischen Welt gegenübersehen, in der Tiere ausgebeutet werden und in der tierisches Leid keine wirkliche Rolle spielt – das Gegenteil von einer Utopie, in
der Mitgefühl und Freude herrschen.
Wie gehen Sie bei der Therapie vor?
So wie ich auch bei jemandem vorgehen würde, der
Trauer und Verlust erlebt oder der ein erschütterndes
Erlebnis durchgemacht hat, einen Angriff mit einer
Schusswaffe zum Beispiel. Langfristiges Ziel ist, zu
lernen, die eigene Geschichte gewissermaßen neu zu
schreiben. Aber zunächst einmal geht es darum, die
körperlichen und seelischen Symptome in den Griff
zu bekommen. Dabei kommen Übungen zum Einsatz, die die Patienten entspannen und ihnen dabei
helfen, ihren Gefühlen einen Namen zu geben. Wir
schaffen Routinen, die es ermöglichen, im Alltag wieder zu funktionieren, regelmäßig zu schlafen und zu
essen.
Gilt all das nicht auch für eine Menge anderer
Menschen, die sich für moralisch überlegen halten und in einer Welt leben, die sich von ihren
Idealen unterscheidet? Was ist zum Beispiel mit
Menschen, die sich um die Umweltverschmut-
Inwiefern besteht zwischen diesen Problemen
zung sorgen?
und dem Veganismus Ihrer Patienten ein ursäch-
Ich halte die Frage, ob man das Konzept der Vystopie
nicht auch auf andere Gruppe ausdehnen könnte, für
durchaus interessant. Zu mir kommen allerdings
häufig Leute, die sagen: „Ich bin beunruhigt über
die vielen Plastikrückstände im Meer. Das ist für mich
auch eine Dystopie.“ Hier bin ich skeptisch. Ich glaube, zum Gefühl, in einem wahrhaft dystopischen
Szenario gefangen zu sein, gehört ein übergreifenderes Bewusstsein für strukturelle Ungerechtigkeiten.
Derer gibt es natürlich mehrere, zum Beispiel Rassismus, Sexismus, moderne Sklaverei. In diesen Bereichen existiert aber in vielen Ländern – zum Glück
– zumindest ein Bewusstsein dafür, dass es sich dabei um gravierende Probleme handelt, anders als beim
doch sehr marginalisierten Veganismus.
licher Zusammenhang?
Bei Veganern handelt es sich ja um Menschen, die
einen bewussten Entschluss gegen Fleischkonsum
und gegen die Nutzung von Tierprodukten getroffen
haben. Ein solcher Entschluss ist oft ethisch motiviert
und beruht auf der Einsicht, dass wir Tieren in modernen Gesellschaften großes Leid zufügen. Hat man
diese Einsicht erst einmal verinnerlicht – etwa weil
man die widrigen Bedingungen moderner Tierhaltung in Dokumentationen oder mit eigenen Augen
gesehen hat –, kann einem das schnell zu Herzen
gehen. Und im schlimmsten Fall sogar posttraumatische Belastungsstörungen hervorrufen.
Das müssen Sie erklären.
Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders beschreibt die posttraumatische BelastungsPSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Clare Mann arbeitet
als Psychotherapeutin im australischen
Sydney. Die überzeugte Veganerin
hat eine Reihe von
Büchern verfasst,
darunter eines zu
Veganismus: Vystopia. The Anguish of
Being Vegan in a
Non-Vegan World
(Communicate31
2018)
Die philosophische Strömung des Existenzialismus hat die Meinung vertreten, dass wir selbst
13
IM FOKUS
dafür verantwortlich sind, unserem Leben Sinn
und Bedeutung zu geben. In Ihrem Therapieansatz spielt diese Idee eine wichtige Rolle.
In Großbritannien habe ich eine Existenzielle-Psychotherapie-Ausbildung absolviert. Dabei habe ich
mich mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass wir
alle früher oder später an einen Punkt kommen, wo
wir uns unter Bedingungen großer Unsicherheit mit
Sinnfragen auseinandersetzen müssen. Der Ansatz
hat mir dann auch geholfen, als ich als Organisationspsychologin mit kleineren und mittleren Unternehmen zusammengearbeitet habe. Ich habe damals
viel mit Führungskräften gesprochen, die Angst hatten, ihre Fassade der Selbstsicherheit aufzugeben,
hinter der sich die blanke Angst verbarg, dass ihr
Leben auseinanderfallen könnte, wenn sie mal einen
längeren Urlaub machen oder Aufgaben abgeben.
Und was hat das mit Veganismus zu tun?
In beiden Fällen ist der Glaube schädlich, es gebe nur
die eine, vermeintlich objektive Deutung der Welt,
und wer damit nicht klarkommt, müsse eben leiden.
So wie Führungskräfte lernen sollten, dass es nicht
schlimm ist, von der Norm „Der Chef ist ein unbesiegbarer Macher“ abzuweichen, ist es für die Veganer hilfreich zu lernen, dass es nicht schlimm ist, von
der Norm „Man muss Fleisch essen und Tierprodukte nutzen“ abzuweichen. Letztlich sind das alles nur
gesellschaftlich bedingte Standards, die sich ändern
lassen, wenn nur genug Leute ihr Verhalten ändern.
Ihr Ziel ist also, Veganern das Gefühl zu geben,
dass sie nicht „abnormal“ sind?
Ja, aber das ist nur der erste Schritt. Es geht auch darum, die eigene Haltung selbstbewusst zu vertreten
und das eigene Leben mit seinen Werten in Einklang
zu bringen. Das heißt nicht, dass jeder mit einem
Protestschild in der Hand auf die Straße gehen und
Parolen brüllen muss. Ob man vegane Cupcakes
backt, sich durch Freiwilligenarbeit bei einer Tierschutzorganisation engagiert oder sogar UndercoverEnthüllungsdokus über Missstände bei der Tierhaltung dreht, muss jeder selbst entscheiden, aber es
bringt einen in jedem Fall weiter, für seine Weltanschauung zu werben.
Sie rufen zum Missionieren auf – vergrößert das
nicht noch zusätzlich die Kluft zwischen Veganern und Nichtveganern?
Es geht erst einmal darum, die Passivität und Opferrolle zu verlassen. Ich habe jedenfalls noch nie einen
Vystopiepatienten behandelt, dem es nicht geholfen
hätte, sich konstruktiv in die Debatte um den Veganismus einzubringen. Aber klar, letztlich ist auch
Toleranz gegenüber Andersdenkenden wichtig. Ich
14
Die Nutzung und Misshandlung von Tieren: Der
angstauslösende Schrecken
ist täglich präsent
versuche meinen Patienten zu vermitteln: Unterstellt
bitte Fleischessern nicht, dass sie böse Absichten haben oder dass sie Psychopathen sind.
In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass Veganer nicht nur deshalb einen schwereren Stand in
der Gesellschaft haben, weil sie eine Menge Ansprüche an ihre Nahrung oder Kleidung stellen,
sondern auch deshalb, weil sie – auch im Vergleich zu Vegetariern – mehr unbequeme Fragen
aufwerfen.
Sagen wir es so: Vegetarier fallen nicht so sehr auf
– hier ein Hühnchen und da ein Steak wegzulassen
ist im Vergleich keine so große Sache. Wer hingegen
vollständig auf tierische Produkte verzichten will,
geht einen deutlich radikaleren Schritt. Die unbequemen Fragen stellen vor allem die ethisch motivierten Veganer, also jene, die nicht deshalb auf tierische Produkte verzichten, weil sie abnehmen möchten oder weil die Produkte einfach nicht ihrem Geschmack entsprechen, sondern weil sie etwas für das
Wohl der Tiere tun möchten.
Ist Ihre Doppelrolle als Psychologin und Aktivistin nicht problematisch – gerade bei veganen
Patienten?
Die Frage wird mir des Öfteren gestellt. Sie haben
recht, dass bei vielen Formen der Psychotherapie üblicherweise eine gewisse Distanz vonnöten ist. Nun
ist es so, dass es sich nicht verhindern lässt, dass die
Leute mitbekommen, was meine Haltung zum Thema ist. Ich finde das aber unbedenklich. Zum einen
weil sich viele Veganer von mir verstanden fühlen
und sich Nichtveganern möglicherweise nicht in derselben Weise öffnen würden. Zum anderen weil ich
mich als Psychologin um Menschen in Not aus demselben Grund kümmere, aus dem ich mich für Tierrechte einsetze: Fürsorge und Mitgefühl – ich will
nicht, dass Lebewesen leiden müssen.
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Priorität einzuräumen als jenem anderer Lebe-
Man könnte Ihnen aber auch vorwerfen, dass Sie
die Verletzlichkeit Ihrer Patienten nutzen, um
wesen.
diese für Ihre Weltanschauung zu gewinnen.
Es gibt aber auch gute Gründe gegen diese Haltung.
Ich stimme jenen zu, die sie als „Speziesismus“ kritisieren – als Diskriminierung von Lebewesen allein
aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten
Art. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch
das Konzept des „Karnismus“ der Psychologin Melanie Joy.
Ich glaube, es ist irreführend, in diesem Zusammenhang von Verletzlichkeit zu sprechen. Unter einem
verletzlichen Menschen verstehe ich jemanden, der
schwach ist und Angriffen schutzlos ausgeliefert. Die
Veganer, die meine Hilfe suchen, würde ich eher als
massiv beunruhigt beschreiben. Sie haben sich mit
der Art und Weise, wie wir Tiere behandeln, auseinandergesetzt und werden von der Frage geplagt: Wie
können Menschen so etwas zulassen? Das ist meines
Erachtens erst einmal keine krankhafte, sondern eine völlig menschliche Reaktion. Insofern geht es mir
eher darum, den Veganern ihre Stärke bewusstzumachen, als sie zu schwächen.
Mit dem Begriff will Joy zeigen, dass Fleischessen ebenso sehr eine Ideologie darstellt wie Veganismus. Das nehmen wir nur nicht wahr, weil
Karnismus weit verbreitet ist und viele ihn für
natürlich halten. Dabei ist es biologisch kaum zu
erklären, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche Tiere für essbar halten. Laut Joy wird
Viele Leute halten das Thema für ein Problem
Karnismus von psychischen Abwehrmechanis-
großstädtischer Eliten.
men gestützt.
Es handelt sich dabei jedenfalls definitiv nicht um
ein Luxusproblem. Wer sich gegen die Schlechterbehandlung nichtmenschlicher Geschöpfe starkmacht,
erntet nach wie vor oft Spott. Erst kürzlich wurde in
England der Fall von William Sitwell diskutiert: Der
Redakteur des Waitrose Food-Magazins hatte in einer
E-Mail gegenüber einer Autorin vorgeschlagen, die
„heuchlerischen“ Veganer „einen nach dem anderen
umzubringen“. Solche schlechten Scherze zeigen, dass
sich noch einiges ändern muss.
Ja, viele Fleischesser fühlen sich unwohl, wenn sie
darüber nachdenken, was ihre Ernährung für Tiere
bedeutet. Um das Unbehagen zu reduzieren, passiert,
was wir Psychologen kognitive Dissonanzreduktion
nennen: Sie vermeiden Informationen, die ihnen
nicht guttun. Zum Beispiel indem sie nur bestimmten wissenschaftlichen Studien vertrauen oder indem
sie den Überbringer der unangenehmen Nachricht
schlechtreden – als „moralisierenden Veganer“.
Viele würden sagen: Es ist doch unser Recht als
PH
INTERVIEW: FRANZ HIMPSL
Menschen, unserem eigenen Wohl eine höhere
In Resonanz mit sich und der Welt
»Wir müssen den Lärm des Geldes überwinden, um die
Symphonie des Lebens wieder hören zu können.« Fritz Reheis
Fritz Reheis
Die Resonanzstrategie
Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen:
Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der Zeit
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416 Seiten, Hardcover, 26,– Euro
ISBN: 978-3-96238-052-6
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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DIE GUTEN SEITEN DER ZUKUNFT
15
TITEL
Zeit zum
Durchatmen!
Zur Ruhe kommen, Kraft tanken, konzentrierter werden –
für all das haben wir ein Instrument, das uns immer begleitet
und gerade wiederentdeckt wird: die eigene Atmung
VON ANKE NOLTE
16
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
17
ILLUSTR ATIONEN: ORL ANDO HOETZEL
TITEL
Tief durchatmen. Der Herzschlag
verlangsamt sich, der Blutdruck sinkt.
Ein Gefühl von Entspannung tritt ein
W
as immer geht, wenn (fast)
nichts mehr geht: Atmen!
Diese Erfahrung hat Margit
Wendisch gemacht, als sie vor
15 Jahren einen Bandscheibenvorfall erlitt. Sie konnte sich kaum bewegen, und
der Arzt sagte ihr, sie solle erst mal nur abwarten.
„Ich war fassungslos – war ich doch darauf konditioniert, dass ich immer etwas dafür tun muss, damit
es mir bessergeht“, erzählt die heute 60-Jährige, die
in Berlin als Trainerin für Kommunikation arbeitet.
Ein paar Tage lang lag sie verzweifelt zu Hause auf
der Couch, da entdeckte sie ihren Atem. Oder vielmehr: „Mein Körper fing an, den Atem zu erleben.“
Ein. Aus. Und wieder ein. Und wieder aus. Der Atem
bewegte sich ganz rhythmisch in ihrem Körper, und
sie nahm wahr, wie und wohin er strömte. „Das hat
mich beruhigt“, sagt Margit Wendisch. „Und ich habe eine Möglichkeit gefunden, auf eine sanfte, fast
passive Art aktiv zu sein.“
Auch wenn wir ihn meistens nicht bemerken: Der
Atem ist immer da. Ganz selbstverständlich, ganz
natürlich. Er erhält uns am Leben, indem er, wenn
wir einatmen, den ganzen Körper in jede Zelle hinein mit Sauerstoff versorgt. Der Sauerstoff wird in
den Zellen verbraucht, und als Abfallprodukt entsteht
Kohlendioxid, das über das Blut zurück in die Lunge und von dort beim Ausatmen in die Umwelt gelangt. Auf den Atem können wir uns vollkommen
verlassen: Über die Bahnen des vegetativen oder autonomen Nervensystems sorgt das Atemzentrum im
Hirnstamm dafür, dass wir automatisch immer weiteratmen. Dabei ist die Atmung sehr wandlungs- und
anpassungsfähig, weil das Atemzentrum auf Signale des Körpers oder der Umwelt reagiert: Treiben wir
Sport, haben wir Angst oder sind wir zornig, atmen
wir schneller. Im entspannten Zustand verlangsamt
sich die Atmung. Wir müssen uns darum nicht kümmern – und meistens bemerken wir den Atem gar
nicht.
18
Doch das ändert sich derzeit: Dieser unauffällige
Begleiter, den wir alle stets dabeihaben, wandelt sich
von der grauen Maus zu einem Star mit vielen Begabungen. Zahlreiche Atembücher, Artikel über das
Atmen, Atem-Apps und Atemkurse zeugen davon.
Atmen scheint sich zu einem Wellnesstrend zu entwickeln.
Brücke zwischen Körper, Geist und Seele
Dabei existiert praktisches Wissen um die Wirkung
und Heilkraft des Atems schon seit Jahrtausenden.
Im Yoga, in der traditionellen chinesischen Medizin
oder im japanischen Zenbuddhismus spielt der Atem
immer schon eine zentrale Rolle und dient als Brücke
zwischen Körper, Geist und Seele. 4000 Jahre alte
ägyptische Grabinschriften weisen auf die Heilkunst
mit dem Atem hin. Im Verständnis vieler Religionen
wird der Atem als heilig angesehen – in der Bibel gibt
es eine Fülle von Hinweisen darauf. Im antiken Griechenland schrieb Hippokrates über pneuma, das
ähnlich dem indischen prana oder dem chinesischen
qi Atem, Seele, Geist oder Leben bedeutet. Wenn das
Pneuma im Organismus im Flusse sei, so Hippokrates, sei das Resultat Gesundheit, wenn dagegen Stockungen einträten, Krankheit.
Es ist kein Zufall, dass sich Menschen schon immer
mit den Wirkungen des Atmens beschäftigt haben.
Denn die Atmung können wir, obwohl sie automatisch abläuft, zumindest zeitweise in unserem Sinne
steuern. Das ist ihre Besonderheit: „Es ist die einzige
vegetative Funktion, die willentlich beeinflussbar ist“,
erklärt Professor Thomas Loew, Chefarzt der psychosomatischen Abteilung an der Universität Regensburg.
Auf die anderen vom vegetativen Nervensystem gesteuerten Funktionen wie Herzschlag, Körpertemperatur oder Verdauung hat der Mensch hingegen
keinen direkten Zugriff. „Wir können uns entscheiden, langsamer zu atmen, aber wir können nicht entscheiden, dass das Herz langsamer schlägt oder die
Magenpforte sich öffnet“, so Loew.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Das bedeutet: Das vegetative Nervensystem steuert zwar die Atmung, aber wir haben wiederum über
bewusstes Atmen Einfluss auf das vegetative Nervensystem. So können wir die Atmung bewusst für
unsere Gesundheit einsetzen.
Ohne unerwünschte Nebenwirkungen
Was seit Jahrtausenden bekannt ist, belegen auch
neuere Studien: welch heilsame Auswirkungen der
bewusste Umgang mit dem Atmen haben kann. Der
Schweizer Biologe Roger Stutz und die Psychologin
und Atemtherapeutin Delia Schreiber fanden in einem Überblick zu diesem Forschungsgebiet sowohl
positive Effekte auf die körperliche Gesundheit als
auch auf die Psyche.
Dabei nahmen die beiden Wissenschaftler 23 Studien zur Wirkung ausschließlich westlicher Atemtherapien ins Visier – das sind vor allem Atemtherapiemethoden aus Deutschland wie die nach Middendorf oder Richter. Stutz und Schreiber sehen Hinweise dafür, dass diese Methoden einen direkten
psychotherapeutischen Effekt haben können. Denn
es besserten sich nicht nur Rückenschmerzen und
Herzprobleme, sondern auch der Umgang mit Stress
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
und Emotionen. Patienten lernten, emotionale und
körperliche Impulse besser wahrzunehmen, ohne sie
zu unterdrücken oder ohne sie unkontrolliert auszuleben. Vor allem Ängsten und Depressionen könne mit Atempraxis begegnet werden. Einen weiteren
großen Vorteil haben Atemübungen, schreiben die
beiden Forscher: Es gebe keine unerwünschten Nebenwirkungen. Insgesamt seien die untersuchten
Atemtherapien sowohl somatisch als auch psychisch
wirksam, jeweils etwa gleich stark.
Atemübungen helfen im Alltag, mit Stress zurechtzukommen und Angst zu lindern. Dies zeigen weitere Studien: Musiker zum Beispiel können ihr Lampenfieber vor einem Auftritt in den Griff bekommen,
wenn sie täglich 30 Minuten bewusst atmen. Auch
die Angst vor dem Zahnarzt lässt sich damit bändigen. Brustkrebspatientinnen konnten Atemübungen
nutzen, um mit ihrer Erkrankung besser umzugehen
und nicht in einen Strudel negativer Gefühle zu geraten. Atemarbeit kann einem Burnout bei Lehrern
vorbeugen, wie eine Studie von Thomas Loew mit
146 gefährdeten Teilnehmern ergab (siehe Interview
Seite 26). Darüber hinaus scheinen sich durch Yogaatmung kognitive Funktionen wie Reaktionszeiten
19
TITEL
Der Atem entfaltet seine
Wirkung erst, wenn
wir ihn beobachten und
auf ihn achten
oder die Konzentration zu verbessern, wie eine aktuelle Forschungsübersicht indischer Wissenschaftler nahelegt.
Kurz gesagt: Der Atem scheint ein Alleskönner zu
sein. „Die vielfältigen Wirkungen lassen sich mit
komplexen physiologischen Mechanismen erklären“,
sagt Loew. Denn der Atem stehe in Wechselwirkung
mit dem Herzschlag, mit dem Druck in den Gefäßen
sowie mit Stoffwechselprozessen – alles koordiniert
über das vegetative Nervensystem. „Wenn wir tief
durchatmen, verlangsamt sich der Herzschlag, der
20
Blutdruck sinkt, und Zellschäden im Körper werden
repariert. Über entschleunigtes Atmen gaukeln wir
dem Körper vor, dass er schläft“, so Loew, „und dadurch stellt sich ein Gefühl tiefer Entspannung ein.“
Flach, hektisch, angespannt
Der Atem als Tor zum vegetativen Nervensystem, zu
Körper, Geist und den Gefühlen, zu Spiritualität und
zum Innehalten: Der Atem hat Potenzial. Doch nur
wenige nutzen das: „Viele Menschen atmen stressbedingt zu flach, zu hektisch oder halten den Atem
an“, sagt Yogalehrerin Anna Trökes. Als Ausbilderin
beim Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland bringt sie zukünftigen Yogalehrern die Atemarbeit nahe, im Yoga Pranayama genannt. „Durch
die flache Atmung verspannt sich der Brustkorb, und
Atemräume wie Bauch, Flanken, Lungenspitzen und
Rückseite des Brustkorbs sind gar nicht mehr voll
zugänglich.“ Zudem werde der Atem dadurch behindert, dass sich viele Menschen zu wenig aufrichten
und zu wenig bewegen. Die Yogaexpertin vergleicht
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
den Körper mit einem „Palast“, in dem der Atem
eigentlich residieren sollte. Aber stattdessen friste er
oft das kümmerliche Dasein eines Dieners, der nur
in einem kleinen Raum im Eingangsbereich hausen
darf. Die restlichen Räume bleiben leider viel zu oft
„unbelüftet und unbewohnt“, wie es die Yogaexpertin Trökes formuliert.
Wer seinen Atem so stark einenge, bewirke vor
allem, dass das Ausatmen zu kurz komme, erläutert
Trökes: „Ausatmen bedeutet loslassen, sich entspannen, und das fällt vielen Menschen schwer.“ Beim
Ausatmen wird der Parasympathikus aktiviert, der
beruhigende Teil des vegetativen Nervensystems.
Beim Einatmen dagegen gewinnt der leistungsorientierte Teil des vegetativen Nervensystems, der Sympathikus die Oberhand, der uns in den Modus Flucht
oder Kampf katapultiert. Wenn wir uns gestresst
fühlen, steht das Einatmen oft so im Vordergrund,
dass nicht mehr richtig ausgeatmet wird. „Wenn der
Stress chronisch wird und die Entspannungsphasen
fehlen, dann verliert das Nervensystem die Fähigkeit,
zwischen An- und Entspannung zu modulieren, und
ist auf dauerhafte Sympathikusaktivierung gestellt“,
sagt Trökes. Die Folge: Wir sind ständig angespannt
und kommen gar nicht mehr runter, bis wir vollkommen erschöpft sind.
Die Atemlehre im Yoga, Pranayama, lehrt die
Übenden, sich auf die Fähigkeiten des Atems zu besinnen: Über einen bewusst geführten Atem soll der
Geist zur Ruhe kommen. Pranayama steht nach der
ursprünglichen Lehre immer im Mittelpunkt der
Yogapraxis – dennoch wird in der Yogaszene der Atem
oft vernachlässigt. So verbinden die meisten Menschen mit Yoga nur die Körperübungen, die Asanas.
Doch eigentlich haben die Asanas vor allem die Aufgabe, Körperräume für den Atem zu öffnen, indem
sie Blockierungen lösen und den Körper durchlässiger machen.
Bodybuilding für das Zwerchfell
Der Begriff Pranayama kommt aus dem altindischen
Sanskrit und setzt sich zusammen aus prana und
ayama. Prana bedeutet nicht nur Atem, sondern auch
Lebensenergie. Und ayama heißt nicht nur regeln,
sondern auch strecken, ausdehnen, verlängern. Tatsächlich geht es beim Pranayama zunächst darum,
bewusst die Ausatmung zu verlängern. Etwa indem
die Übenden eine „Lippenbremse“ einbauen: Beim
Ausatmen formen sie die Lippen wie für ein „f“, „s“
oder „m“, so dass der Luftstrom gegen einen Widerstand durch den Mund ausströmt. Oder indem sie
die Stimmritze verengen wie beim Flüstern (siehe
den Kasten unten). Durch langsames, bewusstes
Ausatmen können seelische und körperliche Anspannungen erwiesenermaßen abgebaut werden. Sind die
Lungen gut geleert, verstärkt sich auch die Einatmung. „Man kann sich das Lungengewebe vorstellen
wie einen Schwamm, der gut ausgedrückt wieder
mehr Flüssigkeit aufnehmen kann“, erklärt Atemlehrerin Trökes.
Mit einer vertieften Ein- und Ausatmung wie bei
der Yogaatmung wird auch das Zwerchfell trainiert
DEN EIGENEN ATEM ERLEBEN
Woran merke ich, wie ich atme? Einfache Basisübungen für den Alltag
• Diese Basistechnik des Pranayama
• Bei einer zweiten Atemübung aus
• Eine Übung nach dem Konzept
(Zusammenführung von Körper und
dem Yoga wird der Atem mit einer
Schlaffhorst-Andersen ermöglicht
Geist durch Atemübungen im Yoga)
Bewegung verbunden und dabei
auch Anfängern, den dreiteiligen
wird Ujjayi genannt. Hier wird der
die öffnende, aufrichtende Wirkung
Rhythmus zu erleben: Einatmen –
Atem hörbar. Dabei verengen Sie
der Einatmung genutzt. Warten Sie
Ausatmen – Lösen. Legen Sie im Sit-
die Stimmritze wie beim Flüstern.
auf den nächsten Impuls zum Ein-
zen die Hände mit den Handrücken
Versuchen Sie, diese Stellung der
atmen. Heben Sie dann die Arme
auf die Oberschenkel. Ziehen Sie die
Stimmmuskeln im Hals beim Atmen
mit der Einatmung nach vorne an,
Hände mit der Einatmung zur Faust
beizubehalten – der Mund ist dabei
bis sich die Arme neben den Ohren
zusammen, dehnen Sie die Finger mit
geschlossen. Es entsteht ein leises
befinden. Senken Sie mit der Ausat-
der Ausatmung wieder auseinander,
Strömungsgeräusch. Sie können Uj-
mung die Arme wieder sanft nach
bis die Hand ganz gestreckt ist. Lösen
jayi nur bei der Ausatmung anwen-
vorne ab, bis sie wieder locker ne-
Sie jegliche Anspannung in der Pause
den oder beim Ein- und Ausatmen.
ben dem Körper hängen.
nach der Ausatmung.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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ANKE NOLTE
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TITEL
– unser zentraler Atemmuskel. Das Zwerchfell spannt
sich wie eine Kuppel quer im Rumpf von einer Flanke zur anderen und trennt dabei den Brust- vom
Bauchraum vollständig ab. Beim Einatmen ziehen
sich die Muskeln des Zwerchfells zusammen, wodurch es sich nach unten Richtung Becken absenkt.
Bei einer flachen Atmung bewegt sich das Zwerchfell
etwa vier Zentimeter, bei einer tiefen bis zu zehn
Zentimeter nach unten. Bei der Ausatmung wandert
das Zwerchfell langsam wieder nach oben – und zwar
gegen den Strömungswiderstand der Luft in den
Atemwegen. Das ist Bodybuilding für das Zwerchfell,
das dadurch an Spannkraft gewinnt. Durch ein trainiertes Zwerchfell wächst die Kapazität der Lunge,
um sich mit sauerstoffhaltiger Luft zu füllen und
auszudehnen. Die Organe im Bauchraum, wie Magen, Darm, Nieren und Leber, werden beim Auf und
Ab des Zwerchfells regelrecht massiert und angeregt,
die Bauch- und Rückenmuskulatur wird aktiviert,
und der Brustkorb gewinnt an Elastizität.
Die Berlinerin Margit Wendisch schenkt diesen
Vorgängen seit ihrer ersten bewussten Begegnung
mit dem Atem vor 15 Jahren viel mehr Beachtung.
Seitdem praktiziert sie Yoga und insbesondere Pranayama. Inzwischen kann Wendisch überall „hinatmen“: Zunächst waren es nur Brust und Bauch,
später spürte sie den Atem auch in den seitlichen
Rippen und im unteren Rücken oder oben in den
Schultern und im Nacken, mit noch mehr Übung
sogar in den Beinen und Armen. Inzwischen ist ihr
der Atem zu einem treuen Begleiter im Alltag geworden. Wenn sie zum Beispiel Schmerzen hat, steuert
sie den Atem so, dass sie das Gefühl hat, in die schmerzenden Stellen hineinzuatmen. „Der Atem kann die
Schmerzen nicht sofort reduzieren, aber ich nehme
eine Veränderung wahr, oft nur eine winzig kleine,
aber das bringt schon ein Stück Erleichterung.“ Ist
sie im Stress, kann sie durch bewusstes Atmen ein
wenig Abstand bekommen. „Ich gewinne nicht nur
Raum im Körper, sondern auch im Geist – und das
ermöglicht mir, bessere Entscheidungen zu treffen.“
Zwischen Spannung und Entspannung
Pranayama ist eine sehr differenzierte und komplexe
Atemlehre, die eines guten Lehrers bedarf. Damit
auch Nichtyogis von den Wirkungen dieser Atemlehre profitieren können, haben der Neurowissenschaftler und Psychologe Ulrich Ott und die Psychologin Janika Epe von der Universität Gießen ein
Übungsprogramm entwickelt und evaluiert. „Es hat
sich gezeigt, dass dieses Training zur Selbstregulation des vegetativen Nervensystems geeignet ist – und
22
zwar sowohl im Sinne von Entspannung als auch von
Aktivierung“, sagt Ott, der am Bender Institute of
Neuroimaging der Universität Gießen tätig ist und
seit über 20 Jahren die Wirkungen von Meditation
erforscht. „Die Teilnehmer des Trainings konnten
bei Nervosität, Aufregung und Anspannung erfolgreich gegensteuern, aber auch bei Verstimmungen
oder Müdigkeit.“ In ihrem Buch Gesund durch Atmen
stellen die beiden Psychologen, die auch als Yogalehrer tätig sind, ein achtwöchiges Programm vor. Es
beschränkt sich auf vier Basistechniken des Pranayama, zu denen einige Forschungsarbeiten vorliegen.
Alle, die mit Atemübungen keine Erfahrungen
haben, können damit beginnen, ihren Atem erst einmal zu beobachten. „Das hört sich so leicht an“, sagt
Ott. „Doch viele verkrampfen sich, wenn sie sich auf
den Atem konzentrieren. Es fällt ihnen schwer, wahr-
Einatmen, ausatmen –
kurze Pause. Die
Atmung schwingt
wie eine Schaukel von
selbst hin und her
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zunehmen ohne einzugreifen.“ Um es den Teilnehmern leichter zu machen, verbinden sie das Einatmen
und Ausatmen mit Bewegungen, zum Beispiel die
Arme beim Einatmen heben und beim Ausatmen
wieder senken. Oder sie legen eine Hand auf den
Bauch oder Brustkorb, um zu spüren, wie sich diese
Körperregion mit dem Rhythmus des Atems bewegt.
Ulrich Ott: „Die Teilnehmer machen die Erfahrung,
dass die Atmung wie eine Schaukel von selbst hinund herschwingt, sie müssen gar nicht so viel machen.“
Anschließend bekommt die Schaukel einen kleinen Schubs. Die Schwingungen werden größer, die
Atemphasen ausgedehnt, zum Beispiel dadurch, dass
die kleinen Pausen nach der Ein- und Ausatmung
stärker beachtet werden, so dass sich der Atemzyklus
insgesamt verlängert. „Normalerweise machen Menschen im Schnitt etwa 14 Atemzüge pro Minute, wobei die Bandbreite zwischen 10 bis 18 Zügen variiert“,
berichtet Ott. „Als ideal gelten allerdings nur sechs
Atemzüge in der Minute, die dafür umso tiefer sind.“
Atmen wir bei schneller, flacherer Atmung etwa einen halben Liter Luft ein, kann sich das bei einer
langsameren, tieferen Atmung auf zweieinhalb bis
drei Liter steigern. Die Menge an Luft, die wir pro
Minute einatmen, bleibt dabei gleich, weshalb das
Ziel auch gar nicht so schwer zu erreichen ist.
Warum ausgerechnet sechs Atemzüge pro Minute? Das hat einen handfesten physiologischen Grund,
nämlich eine erhöhte Herzratenvariabilität. Das Herz
schlägt auch bei einem gesunden Menschen nie ganz
regelmäßig, denn der Rhythmus der Atmung wirkt
sich auf das Herz aus: Beim Einatmen schlägt das
Herz schneller – hier zeigt sich wieder der aktivierende Einfluss des Sympathikus –, beim Ausatmen
langsamer, weil der dämpfende Effekt des Parasympathikus zum Zug kommt. Zusätzlich zur Atmung
ist auch die Blutdruckregulation für Schwankungen
beim Herzschlag verantwortlich. „Bei sechs Atemzügen synchronisieren sich Atmung und Blutdruckregulation und verstärken sich gegenseitig“, erklärt
Ott. Der Herzschlag variiert in der Folge stärker –
wobei diese Variabilität der Herzrate als Zeichen einer intakten vegetativen Regulation gilt. Das vegetative Nervensystem ist dann flexibel genug, um immer wieder eine Balance zwischen Spannung und
Entspannung herzustellen.
Einmal rechts, einmal links
Ott und Epe befassen sich außerdem mit einer zunächst skurril anmutenden Technik: dem abwechselnden Atmen durch nur ein Nasenloch. Es klinge
PSYCHOLOGIE HEUTE
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TITEL
Die Atempause – ein Stück
Freiheit. Einfach mal nicht
atmen müssen
verwunderlich, aber es sei bewiesen: „Die Atmung
durch das rechte Nasenloch hat eine aktivierende,
die Atmung durch das linke Nasenloch eine beruhigende Wirkung, das wurde in Studien wiederholt
gezeigt“, berichtet Neurowissenschaftler Ott. Wie
genau diese Effekte zustande kommen, ist noch nicht
geklärt. Jedoch scheint die Technik der Wechselatmung – bei der abwechselnd erst durch das eine Nasenloch, dann durch das andere ein- und ausgeatmet
wird – einen besonders positiven Effekt auf die Aufmerksamkeit zu haben, wie sich auch in Leistungen
der Teilnehmer bei bestimmten Computeraufgaben
gezeigt hat. Zudem ist durch Studien belegt, dass zu
hohe Blutdruckwerte gerade durch die Nasenwechselatmung sinken und ein zu niedriger Blutdruck sich
nach oben reguliert.
Außerdem stellen Ott und Epe noch eine Technik
vor, bei der die Atmung nicht verlangsamt, sondern
beschleunigt wird. Dabei bewegt sich die Bauchdecke
mit jeder Ausatmung aktiv nach innen, und nach
Loslassen der Spannung schnellt sie wieder nach vorne. „Das ist eine milde und kontrollierte Hyperventilation“, so Ott. Diese Technik der kontrollierten
Beschleunigung zeigte eine besonders belebende Wirkung: „Die schnelle Atmung kann eine Tasse Kaffee
nachmittags im Büro gut ersetzen“, so der Psychologe.
Laurens Bertold, ein Teilnehmer des Programms,
ist froh über diesen Werkzeugkoffer an Atemtechniken, den er im Alltag jetzt immer parat hat. Den
beruhigenden Effekt der verlangsamten Atmung
nutzt der 32-jährige Data Engineer aus Frankfurt
gerne als Einschlafhilfe. Die beschleunigte Atmung
hat ihn besonders beeindruckt, vor allem die Atempause, die sich nach der forcierten Ausatmung einstellte: „Das fühlt sich an wie ein Stück Freiheit: einfach mal nicht atmen zu müssen.“ Bertold braucht
für sein Hobby besonders viel Luft: Er spielt in einem
Orchester ein Blasinstrument. „Doch dabei geht es
immer nur um Leistung, also um die Frage: Habe
ich genug Luft, um die nächste Passage zu schaffen?“
Im Trainingsprogramm von Ott und Epe dagegen
hat er die Feinheiten des Atems kennengelernt, verschiedene kleine Übungen, wie er den Atem beeinflussen und damit etwas bewirken kann.
ALS ES IN BERLIN 20 SCHULEN FÜR ATEMTHERAPIE GAB
Frauen aus dem Bürgertum kamen auf die Idee, den Atem als Heilmittel zu nutzen
24
In Deutschland gibt es eine eigene Tradition der Atem-
Thema. „In Berlin existierten in den 10er und 20er Jah-
therapie, die rund hundert Jahre alt ist. Sie entstand An-
ren des letzten Jahrhunderts gleichzeitig etwa 20 Atem-
fang des 20. Jahrhunderts und war Teil der Reformbe-
therapieschulen“, berichtet Atemtherapeutin Karoline
wegungen, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor
von Steinaecker, die mit ihrem Buch Luftsprünge die-
allem in Deutschland und der Schweiz formierten.
ses unbekannte Kapitel der Medizin aufgeschlagen hat.
Zu den Reformbewegungen gehörten zum Beispiel
„Eine verschworene Gemeinschaft von gutbürgerlichen
auch die Freikörperkultur, die Naturheilkunde, das Woh-
Frauen, die sich wortwörtlich aus ihrem starren Korsett
nen in Gartenstädten oder Reformen der Ernährung
befreiten.“ Das Empfinden für ihren Körper, das Spüren
(das Reformhaus hat hier seine historischen Wurzeln).
ihres Atems gab ihnen ein neues Selbstbewusstsein.
Gemeinsam war den Anhängern eine Kritik an der Indu-
Auf der Basis ihrer Arbeit entwickelten sich im Laufe
striealisierung und Urbanisierung sowie die Suche nach
des 20. Jahrhunderts viele verschiedene Atemmethoden
Gegenentwürfen zu diesem Leben.
wie die Eutonie nach Gerda Alexander, die funktionelle
Es waren Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts
Entspannung nach Marianne Fuchs, die Atemarbeit nach
mit ihrer Körperarbeit die Atem- und Leibpädagogik in
Herta Richter oder der erfahrbare Atem nach Ilse Mid-
Deutschland begründeten. Neben den beiden Pädago-
dendorf. Die gemeinsame Grundlage dieser Methoden:
ginnen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen be-
„Es geht darum, den Atem differenziert wahrzunehmen
schäftigten sich auch die Ärztin Bess Mensendieck und
und das Körperbewusstsein zu schulen“, so Steinaecker.
die Gymnastiklehrerin Hedwig Kallmeyer mit diesem
ANKE NOLTE
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Muss ich mich bei allem so anstrengen?
Etwas anders als die Yogaatmung funktionieren
Atemtechniken, die sich aus der deutschen Tradition
der Atemtherapie entwickelt haben. Zu den ersten
Atemtherapeutinnen in Deutschland gehörten die
Gesangslehrerin Clara Schlaffhorst und die Klavierlehrerin Hedwig Andersen, die aufgrund eigener
Stimmprobleme um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herum auf den Atem gekommen waren. In
Berlin gründeten sie 1910 eine eigene Lehrstätte (siehe den Kasten links unten). Das Konzept Schlaffhorst-Andersen ist die einzige Atemlehre aus dieser
Zeit, die sich zu einer standardisierten Ausbildung
entwickelt hat. Unterrichtet wird heute an einer staatlich anerkannten Berufsfachschule mit Sitz im niedersächsischen Bad Nenndorf. Die hier ausgebildeten
staatlich geprüften Atem-, Sprech- und Stimmlehrer
können ihre Therapie nach ärztlicher Verordnung
vor allem bei Sprach-, Sprech-, Stimm-, Hör- oder
Schluckstörungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen.
Beim Schlaffhorst-Andersen-Konzept greifen Atmung, Stimme und Bewegung wie Zahnräder ineinander. „Mit einem Ton oder auch einer Bewegung
verändert sich der Atem. Vertieft sich der Atem, lassen sich mit ihm Stimme oder Bewegungen besser
führen“, sagt Dietlind Jacobi, Atem-, Sprech- und
Stimmlehrerin in Berlin, die auch an der Berufsfachschule in Bad Nenndorf unterrichtet. Dabei greifen
die Schlaffhorst-Andersen-Therapeuten – im Unterschied zum Pranayama im Yoga – mit keinerlei Technik in das Atemgeschehen ein. Im Zentrum der Lehre steht stattdessen eine Dreiteiligkeit des Atemrhythmus: Einatmen. Ausatmen. Pause. Alle drei Phasen
PSYCHOLOGIE HEUTE
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gehen mit bestimmten Funktionszuständen des Muskels einher: Zusammenziehen. Dehnen. Lösen. Analog zur Bewegung des Zwerchfells, das sich bei der
Einatmung zusammenzieht und damit absenkt, um
sich anschließend beim Ausatmen wieder nach oben
zu einer Kuppel zu dehnen. „Nimmt man sich nach
dem Ausatmen einen kurzen Moment Zeit, vor der
nächsten Einatmung die Muskelspannung im ganzen
Körper zu lösen, entsteht ein dreiteiliger Rhythmus,
in dem sich der Atem reguliert und der Mensch sich
ordnen kann“, erklärt Jacobi. „Bewegung, Atmung
und Stimme koordinieren sich in diesem Rhythmus,
der sowohl zu großer Ruhe als auch zu mehr Leistungsfähigkeit führt.“ Wenn Bewegung, Atmung und
Stimme im Einklang sind, verstärke sich der Ausdruck, und ein Flow könne entstehen.
„Viele der Patienten sind anfangs jedoch so außenorientiert und so getrieben, dass es ihnen schwerfällt, sich auf diese Rhythmisierung einzulassen“,
berichtet Jacobi. „Ist die eine Sache zu Ende gebracht,
kommt sofort die nächste, ohne dass sie zwischendurch einmal loslassen.“ Wie setze ich zum Beispiel
einen Wasserkasten ab? Spüre ich nach, wie sich nach
der schweren Hebearbeit die Muskeln entspannen?
Wie putze ich das Fenster? Bearbeite ich hektisch die
Glasscheibe – oder bewege ich den Lappen bewusst
hin und wieder zurück mit anschließender Minipause? Die Patienten üben, den dreiteiligen Rhythmus nach außen unauffällig in ihren Alltag einzubauen. Wenn Menschen diese Lockerheit erlebt haben, hat das Auswirkungen auf die Psyche: Sogar
Glaubenssätze können sich verändern. Vielleicht
muss ich mich nicht mehr bei allem so anstrengen?
„Wir als Therapeuten geben eine Erlaubnis“, sagt Jacobi. „Die Erlaubnis, sich zu entspannen, sich Raum
zu nehmen, auch mal laut zu werden oder in Bewegung zu kommen – letztlich lebendig zu sein.“
QUELLEN UND LITERATUR
Thomas H.Loew: Langsamer atmen, besser leben. Eine Anleitung zur Stressbewältigung.
Psychosozial, Gießen 2019
Ulrich Ott, Janika Epe: Gesund durch Atmen. Ein Neurowissenschaftler erklärt die Heilkraft
der bewussten Yoga-Atmung. O.W. Barth, München 2018
A.A. Saoji u.a: Effects of yogic breath regulation: A narrative review of scientific evidence.
Journal of Ayurveda and Integrative Medicine, 2018. DOI: 10.1016/j.jaim.2017.07.008
Karoline von Steinaecker: Luftsprünge. Anfänge moderner Körpertherapien. Urban&Fischer,
München/Jena 2000 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Roger Stutz, Delia Schreiber: Die therapeutische Wirksamkeit westlicher Atemtherapiemethoden: Ein systematischer Review. Complementary Medicine Research, 2017.
DOI: 10.1159/000464341
Anna Trökes: Anti-Stress-Yoga. Herder, Freiburg 2015
Anna Trökes: Pranayama. Studienbegleitheft des Berufsverbandes der Yogalehrenden in
Deutschland e.V. (BDY), 2004
25
TITEL
„So schön
alltagstauglich“
Was haben 4711 und
eine Zahnbürste
mit Atmen zu tun?
Darüber berichtet
Thomas Loew,
Chefarzt der
psychosomatischen
Abteilung am
Universitätsklinikum
Regensburg
Welchen Stellenwert hat das Atmen in Ihrer psychosomatischen Klinik?
Eine entschleunigte Atmung ist das Basistherapeutikum in der Psychosomatik! Daher ist das die erste
Maßnahme, die die Patientinnen und Patienten bei
uns kennenlernen. Sie sind beim tiefen Ein- und Ausatmen an ein Biofeedback-Gerät angeschlossen und
können sehen, was sich in ihrem Körper verändert:
Der Blutdruck sinkt, das Herz schlägt langsamer, die
Muskeln entspannen sich, sie sondern weniger
Schweiß ab. So wird ihnen deutlich, dass Atmen ein
26
physiologisch absolut wirksames Prinzip ist. Sie machen die Erfahrung, dass sie sich damit selbst regulieren und psychosomatische Symptome in den Griff
bekommen können.
Die Effekte von Meditation und einigen Entspannungsverfahren sind gut untersucht. Wie sieht
die Studienlage zum Atmen aus?
Mit über 170 einigermaßen vernünftigen Studien gibt
es eine handfeste wissenschaftliche Basis. Besonders
gut sieht die Studienlage bei einem leichten Bluthochdruck aus: Zweimal am Tag zehn Minuten bewusst
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atmen wirkt so gut wie ein Medikament. Eigentlich
sollte das entschleunigte Atmen in die Leitlinien mit
aufgenommen werden, aber daran lässt sich eben
nicht verdienen. Langsames Atmen verbessert außerdem nachweislich die Herzleistung. Es ist zudem
gut belegt, dass eine tiefe Bauchatmung bei Asthmapatienten einen günstigen Effekt hat auf die Lebensqualität und psychische Verfassung.
Und wie sehen die Effekte bei psychischen Pro-
solche Zustände zu erreichen. Doch beim schnellen
Atmen können massive Nebenwirkungen auftreten,
wie Muskelkrämpfe – typisch ist die Pfötchenstellung
der Hände – oder psychotische Symptome. Für Menschen mit Epilepsie, Asthma oder Herzproblemen
können solche Atemtechniken sogar lebensgefährlich
sein. Im Gegensatz zum beschleunigten Atmen ist
das entschleunigte Atmen praktisch nebenwirkungsfrei.
blemen aus?
Wie kann denn der Transfer des entschleunigten
Für Angststörungen und Panikattacken gibt es gute
Belege – meist haben Angst- und Panikpatienten eine zu hohe Atemfrequenz. Atemarbeit hilft auch beim
Umgang mit Schmerzen, denn je aktiver der beruhigende Teil des vegetativen Nervensystems, desto
weniger schmerzempfindlich waren die Probanden,
wie Studien zeigen. Andere Befunde machen Mut,
Atemarbeit auch in der Behandlung von Suchterkrankungen oder Essstörungen einzusetzen, damit die
Patienten ihre Impulse besser kontrollieren können.
Auch ein Burnout lässt sich möglicherweise mit Atemtechniken verhindern. Das konnten wir in einer Studie mit 146 gefährdeten Lehrerinnen und Lehrern
zeigen. Nach acht Wochen, in denen die Probanden
an einer wöchentlichen einstündigen Gruppensitzung mit Atemtherapie teilnahmen, war die Arbeit
für sie subjektiv nicht mehr so bedeutsam, und sie
konnten sich besser davon distanzieren. Ihre Bereitschaft, sich zu verausgaben, war gesunken, und sie
fühlten sich im Vergleich zu vorher wesentlich ruhiger. Die Effekte hielten an, wie wir in einer Nachuntersuchung zwei Jahre später feststellen konnten.
Atems in den Alltag gelingen?
In psychosomatischen Kliniken wird in der Regel ein
ganzer Strauß von Methoden angeboten – die Nachuntersuchungen der Rentenversicherung zeigen aber,
dass 80 Prozent der Patienten zu Hause nichts mehr
davon umsetzen. Die Atemarbeit ist dagegen so schön
alltagstauglich. Eine einfache Regel kann allen Menschen helfen, den Atem im Alltag mehr zu integrieren: 4711. Vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden
ausatmen und das elf Minuten lang. Man kann sich
dabei von einem Atemtakter unterstützen lassen.
Was hat man sich unter einem Atemtakter vorzustellen?
Können Atemtechniken gefährlich sein?
Im Yoga gibt es einige Techniken, die den Atem beschleunigen, das kann starke Effekte haben. Nicht
umsonst wird das Hyperventilieren seit Tausenden
von Jahren in schamanischen Ritualen genutzt, um
in Trancezustände zu gelangen. Beim schnellen Atmen sinkt der Kohlendioxidspiegel, und die Gefäße
verengen sich. Dadurch hat die Hirnrinde etwa ein
Drittel weniger Sauerstoff zur Verfügung. Die Folge:
Das Gefühlsleben intensiviert sich, es kommt zu einem rauschartigen Erleben.
Auch Methoden wie das Rebirthing oder das holotrope Atmen nutzen das beschleunigte Atmen, um
tiefere Schichten des Bewusstseins zu öffnen und
möglicherweise Unbewusstes wie das eigene Geburtserlebnis zugänglich zu machen. Der Psychotherapeut
und Psychiater Stanislav Grof, auf den das holotrope
Atmen zurückgeht, hatte vorher mit LSD in der Psychotherapie experimentiert. Nach dem Verbot der
Droge suchte er nach einer anderen Methode, um
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Thomas Loew ist
Professor für
Psychosomatik und
Psychotherapie an
der Universität
Regensburg. Sein
Forschungsschwerpunkt gilt den
körperorientierten
Methoden. Er ist
Vorsitzender der
Deutschen Gesellschaft für ärztliche
Entspannungsmethoden. Anfang des
Jahres ist sein Buch
Langsamer atmen,
besser leben
erschienen
Das ist ein mobiles Atemtrainingsgerät – nicht größer als eine Streichholzschachtel –, das als äußerer
Taktgeber dient. Beim Ausatmen vibriert das Gerät,
das ich in der Hand halten kann oder das in der Hosentasche steckt, und gibt so die Ausatemzeit vor. So
lässt sich das Gerät unauffällig im Bus, bei der Arbeit
oder in einer stressigen Situation nutzen. Wir experimentieren auch mit MP3-Dateien, bei denen ein
Wellenrauschen das Ausatmen begleitet und das Einatmen mit einem Ping wie von einem Regentropfen
eingeleitet wird. Wir lassen das in unserer Klinik bei
Besprechungen für alle hörbar im Hintergrund laufen und versuchen gerade zu belegen, dass die Sitzungen mit dieser Animation zum vertieften Atmen
entspannter ablaufen.
Benutzen Sie selbst denn in Ihrem Alltag ein
Atemtrainingsgerät?
Zu Hause habe ich eine Lampe, die den Atemrhythmus durch verschiedene Farben triggert. Die Uhr an
meinem Handgelenk kann im Atemrhythmus vibrieren, meine Zahnbürste gibt auf Knopfdruck ein
akustisches Signal für die Ein- und Ausatmung. Ich
habe sogar einen Massagesitz, der im Atemrhythmus
vibriert. Neurowissenschaftler haben bei einem EEG
mit mir nicht schlecht gestaunt, wie schnell ich mich
selbst durch entschleunigtes Atmen in eine tiefe Entspannung bringen kann.
INTERVIEW: ANKE NOLTE
PH
27
THERAPIESTUNDE
DAS SCHATTENKIND
D
er 42-jährige Klient wirkt wesentlich jünger: Er ist trainiert,
tätowiert, lässig. Im Gespräch
zeigt er sich jedoch nicht cool oder gar
abgeklärt, sondern macht einen emotional
warmen und zugewandten Eindruck.
David erzählt, dass er unter einem Entscheidungskonflikt leide. Er befinde sich
in einem Dreiecksverhältnis mit zwei
Frauen, die voneinander auch wüssten. Sie
setzten ihn beide unter Druck, eine Entscheidung für die eine oder andere zu treffen, aber er sei hierzu einfach nicht in der
Lage. Die Situation sei für alle Beteiligten
schlimm, und er schäme sich auch dafür.
Beide hätten sehr unterschiedliche Vorzüge: Die eine sei sehr klug, sie führten
tolle Gespräche, aber es mangele ihr fast
gänzlich an Humor. Bei der anderen verhalte es sich genau umgekehrt. „Am liebsten wäre es mir, man könnte aus beiden
eine machen“, erklärt er mit einem selbstironischen Lächeln. Er habe schon umfangreiche Listen mit „Pros und Contras“
für die eine und andere Frau erstellt, aber
auch dies habe ihn keinen Schritt weitergebracht. Er hänge an beiden Frauen und
könne sich von keiner trennen.
28
Der Klient steht zwischen
zwei Frauen, die eine
Entscheidung fordern.
Doch dieser Konflikt
stellt aus Sicht der
Therapeutin gar nicht
das eigentliche Problem
dar. Welche Rolle spielt
das Schattenkind?
Stefanie Stahl ist Diplompsychologin und
arbeitet in freier Praxis in Trier. Sie schrieb
die beiden Bestseller Das Kind in dir muss
Heimat finden und Jeder ist beziehungsfähig, die bei Kailash erschienen sind. Ihr
zusammen mit Julia Tomuschat verfasstes
aktuelles Buch trägt den Titel Nestwärme,
die Flügel verleiht (Gräfe & Unzer)
Aus meiner therapeutischen Erfahrung
weiß ich, dass derartige Entscheidungskonflikte meist mit einer unbewussten
Bindungsangst einhergehen. Eine Entscheidung kann man deswegen nicht
durch eine Abwägung der Vorzüge und
Schwächen der „Kandidatinnen“ herbeiführen. Auch David tritt mit diesem Lösungsversuch auf der Stelle. Ich frage ihn
nach früheren Beziehungserfahrungen
und will wissen, ob er sich bei anderen
Partnerinnen besser festlegen konnte. Er
berichtet von seiner längsten Beziehung,
die sechs Jahre gehalten habe. Melanie und
er hätten wirklich gut zusammengepasst,
doch ihr Wunsch nach einer gemeinsamen
Wohnung habe ihm den Hals zugeschnürt,
so David.
An dieser Stelle hake ich nach: „Was
schnürt Ihnen den Hals zu bei der Vorstellung, mit Ihrer Freundin zusammenzuziehen?“ Er habe das Gefühl, nicht
wirklich er selbst sein zu können, wenn
seine Freundin in der Nähe sei. Nach einem langen Tag möchte er mit einem Bier
auf der Couch abhängen. Wenn seine
Freundin jedoch da sei, dann müsse er ihr
ja irgendwie Aufmerksamkeit schenken
PSYCHOLOGIE HEUTE
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und sich um sie kümmern. „Aha! Da haben wir ja den Grund für Ihre Beziehungsprobleme!“, rufe ich aus, woraufhin David
mich verblüfft anschaut.
Bindungsängstliche tragen die tiefe und
zumeist unbewusste Überzeugung in sich:
Entweder lebe ich in einer Beziehung –
oder ich bin ein freier Mensch! Die Partnerschaft, so empfinden sie es, steht gewissermaßen im Konflikt zu ihrem eigenen Leben. Nach der ersten Verliebtheit
fühlen sie sich recht bald von den Erwartungen ihrer Partner nach Nähe und Gemeinsamkeit eingeengt. Sobald die Beziehung verbindlich wird, mutiert der Partner in den Augen der Betroffenen zum
Invasor und Freiheitsdieb. Ihre Gefühle
erkalten, sie gehen auf Distanz. Manche
lassen sich nur auf Fernbeziehungen ein,
bei denen der benötigte Freiraum von
vorneherein gegeben ist. Aber auch eine
Dreiecksbeziehung lässt ausreichend
Rückzugsräume, um die Angst vor Nähe
in Schach zu halten.
ILLUSTR ATION: MICHEL STREICH
Frei – trotz Beziehung
Die Lösung für dieses Problem lautet: Ich
bin frei und in einer Beziehung. Das Gefühl der Freiheit in einer Beziehung entsteht, wenn man sich authentisch verhält
und zu seinen Bedürfnissen steht. Konkret
würde dies für David bedeuten, dass er
sich gestattet, nach einem langen Arbeitstag auf der Couch abzuhängen, auch wenn
seine Freundin in der Nähe ist. David trägt
nämlich wie seine Leidensgenossinnen
und -genossen die tiefe Überzeugung in
sich: Wenn ich will, dass du mich liebst,
so muss ich deine Erwartungen erfüllen!
Deswegen glaubt er, dass er sich nicht frei
verhalten kann, wenn er mit seiner Freundin zusammen ist. Derartige psychische
Programme entstehen, wenn man sich als
Kind nicht wirklich von seinen Eltern geliebt gefühlt hat – zumindest nicht unter
der Bedingung, dass man so ist, wie man
wirklich ist.
Die Entscheidung, die David zu treffen
hat, hat also wenig mit den vermeintlichen
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Vor- oder Nachteilen seiner beiden Kandidatinnen zu tun, sondern führt über
sein Selbstwertgefühl. Als ich David dies
zurückmelde, ist er überrascht: „Ich habe
doch ganz viel erreicht im Leben, bin auch
fit und sportlich und sehe doch nicht übel
aus. Ich dachte, mein Selbstwert wäre ganz
okay!“ Ich antworte, das seien auch alles
richtige Überlegungen und er könne zu
Recht stolz auf sich sein. Aber vermutlich
gebe es da noch eine tiefere Ebene, ein
sogenanntes Schattenkind in ihm, das
vielleicht ganz anderer Auffassung sei. Das
Schattenkind steht in meinem Therapieansatz für jene Kindheitsprägungen, die
unsere „negativen Störprogramme“ erzeugt haben.
Das Echo aus der Vergangenheit
Wie sich im weiteren Gespräch herausstellt, entstammt David keiner rosigen
Kindheit. Sein Vater war ein Alkoholiker,
der die Familie tyrannisierte und die Mutter schlug. Die Eltern trennten sich, als
David sechs Jahre alt war. Seine Mutter
blieb alleinerziehend mit vier Kindern zurück und war heillos überfordert. Der
kleine David war ihr eine besondere Last
– aggressiv und kaum zu lenken. Während
David mir seine Geschichte erzählt, frage
ich ihn: „Wie fühlt sich das jetzt in Ihnen
an?“ „Traurig“, erklärt er, „ich war das
schwarze Schaf und ich kann das immer
noch fühlen.“
„Okay“, sage ich, „jetzt sind Sie mit Ihrem Schattenkind im Kontakt. Wie denkt
das Schattenkind über sich?“ „Ich bin
schlecht, ich bin böse, keiner will mich
haben“, entfährt es David spontan. „Wenn
Sie jetzt noch einmal an Ihre Liebesbeziehung zu den zwei Frauen denken, was fühlt
Ihr Schattenkind?“ „Es fühlt, dass es sowieso keiner Frau gerecht werden kann
und verlassen wird“, antwortet er, während ihm die Tränen über die Wangen
laufen.
Nun frage ich ihn, ob ich einmal mit
seinem Schattenkind sprechen dürfe, was
er bejaht. Nachdem ich ihn kurz auf die
folgende Intervention vorbereitet habe,
richte ich diese Ansprache an sein Schattenkind: „Oh je, du armes Kind. Du hattest es wirklich schwer mit Mama und
Papa. Papa hat immer nur gesoffen und
war total aggressiv, so dass du wirklich
Angst vor ihm hattest. Deine Eltern haben
sich ständig gestritten, und Papa hat die
Mama geschlagen. Du warst ganz allein
und hattest furchtbare Angst. Als Papa
dann endlich weg war, wurde es auch nicht
besser. Mama war total überfordert, und
du warst immer noch ganz einsam. Das
alles hat dich furchtbar wütend gemacht
und deine Wut hast du an deinen Geschwistern ausgelassen. Und weil das alles
so schlimm war, denkst du heute noch:
‚Ich bin ein schlechter Junge und keiner
will mich haben!‘ Aber bitte hör mir gut
zu: Das war alles nicht deine Schuld. Papa hätte einen Entzug machen müssen und
Mama eine Psychotherapie. Nun stell dir
bitte einmal vor, du hättest ganz heile Eltern gehabt, die fast alles richtig gemacht
hätten. Dann wüsstest du, dass deine Eltern unheimlich stolz sind, so einen tollen
Jungen zu haben. Dass sie dich ganz arg
lieb haben und kein anderes Kind der Welt
gegen dich eintauschen würden. Du bist
liebenswert und genügst vollkommen, so
wie du bist.“
David weint und sagt, so lieb habe noch
nie jemand mit ihm gesprochen. Und es
stimme ja, seine Eltern hätten viele Fehler
gemacht, und sein inneres Programm, sein
Schattenkind sage eigentlich gar nichts
über seinen tatsächlichen Wert aus, sondern lediglich darüber, wie schlimm es
damals gewesen sei.
In weiteren Sitzungen wird David lernen, seinem Schattenkind selbst ein guter
„Papa“ zu sein, der es liebevoll lenkt. Und
vor allem wird er lernen, sich nicht mehr
mit seinen negativen Glaubenssätzen zu
identifizieren, sondern sie klar zu erkennen als das, was sie sind: ein falsches Echo
aus der Vergangenheit.
PH
29
Gedanken
auf Abwegen
Gegen Schizophrenie und andere schwere Psychosen
helfen nur Medikamente: Diese Lehrmeinung hält sich
hartnäckig, obwohl sie längst widerlegt ist. Mit gezielten
Psychotherapien können die verzerrte Wahrnehmung und
sogar Wahnvorstellungen behandelt werden – eine
Herausforderung für Patient und Therapeut
VON WIBKE BERGEMANN
ILLUSTR ATIONEN: PATRIC SANDRI
C
hristian Heberer ist oft misstrauisch.
Neulich kam sein Brief, mit dem er sich
für ein Seminar an der Hochschule
anmelden wollte, einfach wieder zurück mit dem knappen Vermerk: Bitte Formblatt verwenden. Doch Heberer war verunsichert: Jemand wollte offensichtlich verhindern, dass
er dieses bestimmte Seminar besucht, das ihm wichtig war. Ihm war klar: eine Verzögerungstaktik, bei
der er nicht wusste, wer dahintersteckt. Auch Geheimdienste wie die CIA und der MI5 machen dem
46-Jährigen Angst. Gruppen, bei denen man nicht
weiß, welches durchtriebene Spiel sie spielen. Christian Heberer fragt sich oft, ob nicht einer seiner Bekannten heimlich für einen Nachrichtendienst arbeitet und auf ihn angesetzt wurde – eine für ihn
furchtbare Vorstellung. Andererseits hat Heberer
Zweifel, ob es Geheimdienste überhaupt gibt. „Vielleicht“, so seine Überlegung, „werden manche Dinge
nur erfunden, um den Menschen Angst zu machen.“
Christian Heberer ist ein intelligenter Mann, er
ist nicht naiv, aber er leidet hin und wieder unter
Verfolgungswahn. Wahn ist das häufigste Symptom
einer psychotischen Störung. Manche Betroffene
glauben, vom Geheimdienst abgehört und verfolgt
zu werden. Menschen mit einem Liebeswahn erleben
mitunter ein großes Beziehungsdrama, ohne dass
der vermeintliche Liebespartner überhaupt etwas
davon mitbekommt. Eine zufällige Geste oder ein
kurzer Blick, sogar eine öffentliche Werbetafel kann
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für sie zu einer geheimen Liebesbotschaft werden.
Andere halten sich für das geheime uneheliche Kind
einer berühmten Persönlichkeit oder sogar für Jesus
– Größenwahn lautet dann die Diagnose. Familie
und Freunde stehen dem hilflos gegenüber, denn alles gute Zureden, sämtliche Appelle an die Vernunft
scheinen die Wahnidee nur zu verfestigen. Betroffene kommen auf geradezu wahnwitzige Ideen, um ihr
Weltbild aufrechtzuerhalten.
Nachdem Christian Heberer den besagten verdächtigen Brief erhalten hatte, machte er sich auf den
Weg zum Immatrikulationsbüro der Hochschule und
stellte die Leiterin zur Rede. „Die Frau hat mir gleich
den Wind aus dem Segel genommen“, erzählt er. Sie
verwies auf den hohen Verwaltungsaufwand bei tausenden sich einschreibender Studenten und darauf,
dass bis zur Verlosung der Seminarplätze noch viel
Zeit sei. „So einfach war das“, Heberer muss lachen.
Aber er erinnert sich an andere Zeiten, als sein Verfolgungswahn schlimmer war. „Die große Paranoia.
Wenn Sie da drinstecken, dann können Sie mit niemandem darüber sprechen. Dann können Sie gar
nichts anderes denken. Dann müssen Sie einfach
glauben, dass die Verwaltungsfrau Sie anlügt, dass
alle Seminarplätze in Wirklichkeit bereits vergeben
sind.“
Als Erklärung, wie eine Schizophrenie entsteht,
hat sich das „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ durchgesetzt. Danach können Menschen, die genetisch oder
epigenetisch bedingt besonders verletzlich sind,
31
Ja, es ist Paranoia.
Andererseits: Es gibt
Mobbing doch wirklich
durch ein schweres Ereignis in ihrem Leben oder
durch eine ständige hohe Belastung krank werden.
Die Vorstellung: Die Informationsverarbeitung gerät
an ihre Grenzen und „knallt durch“. Die Reize von
außen können nicht mehr gefiltert werden, eigentlich
unbedeutende Ereignisse scheinen plötzlich sehr
wichtig, die Menschen erleben Halluzinationen und
entwickeln Wahnvorstellungen.
Wirklich erklären lassen sich die „verrückten“ Ideen dadurch aber nicht. Neuere Modelle der kognitiven Psychologie gehen noch von weiteren Faktoren
für die Entstehung einer Psychose aus: gedankliche
Verzerrungen, die zu Fehlinterpretationen führen.
Denn psychotische Patienten neigen dazu, voreilige
Schlussfolgerungen zu ziehen und die Schuld nur bei
einer Sache oder einer Person zu sehen, obwohl ein
Ereignis tatsächlich meist vielschichtige Gründe hat.
Zudem haben sie häufig ein sehr negatives Bild von
sich selbst.
Entsprechend verzerrt und negativ interpretieren
sie die Ereignisse in ihrem Leben. Wer eine akustische Halluzination erlebt, kann sie beispielsweise auf
Stress zurückführen („Ich bin völlig überarbeitet,
kein Wunder, dass mein Körper verrückt spielt“).
Oder er kann jemand anderem dafür die Schuld geben („Hier geht es nicht mit rechten Dingen zu, jemand versucht mich zu manipulieren“).
Den Wahn nachvollziehen
An diesen gedanklichen Verzerrungen setzen neuere
Therapien an. „Unter Psychiatern und Therapeuten
herrschte lange das Vorurteil, dass sich der Wahn verstärken könnte, wenn man mit dem Patienten darüber spricht“, sagt die Psychologin Tania Lincoln von
der Universität Hamburg. „Aber das Ansprechen von
Wahn löst keine neuen psychotischen Episoden aus.“
Wichtig sei, dass der Therapeut sich ganz auf die Perspektive des Patienten einlasse: Was ist in seinem Leben passiert? Wann hat er das erste Mal die Wahnidee
gehabt? „Wenn der Therapeut die Wahnüberzeugung
dann nachvollziehen kann, stellt er fest, dass sie gar
nicht so verrückt ist, wie sie zunächst schien, sondern
durchaus logisch erklärbar“, sagt Lincoln.
32
Christian Heberer hat vor drei Jahren eine kognitive Verhaltenstherapie für Psychosen begonnen.
Gemeinsam mit seiner Psychotherapeutin ist er in
Gedanken noch einmal zwanzig Jahre zurückgegangen, um zu verstehen, was damals den ersten psychotischen Schub ausgelöst hat, welche Ereignisse
zusammenkamen, die ihn überfordert haben. In jenem Sommer hatte Heberer gerade sein Studium
hingeschmissen, noch immer keine Freundin und
war viel zu viel allein. Ein Telefonat mit seinem Vater endete unglücklich und verstörte ihn. In seiner
WG traf er Katharina, in die er sich sofort verliebte.
Doch am nächsten Tag war sie schon wieder weg.
Der junge Mann schlief tagelang nicht mehr, trank
viel Wodka und geriet schließlich mit den Nachbarn
aneinander, die ihn zur Polizei brachten.
Heberer kam in die Psychiatrie. Die Diagnose lautete: schizoaffektive Störung – „schizo“ für die psychotischen Anteile seiner Erkrankung, „affektiv“ für die
heftigen Gefühlsschwankungen zwischen depressiven
und manischen Phasen. Wie oft er seither in der Psychiatrie war, hat Heberer vergessen. Aber „wie schrecklich es ist, mit einer akuten Psychose in der Klapse zu
sitzen, das vergisst man nicht“, fügt er hinzu.
Menschen mit einer paranoiden Schizophrenie
sind häufig übermäßig stark mit ihren Wahnüberzeugungen beschäftigt und richten fast ihr gesamtes
Verhalten danach aus. Doch viele Denkverzerrungen,
die bei ihnen ins Krankhafte gesteigert sind, sind in
harmloserer Form weit verbreitet. So halten wir alle
gerne an unseren Überzeugungen fest. Wir nehmen
stärker solche Informationen wahr, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen, als solche, die
ihnen widersprechen. „Man liest ja auch lieber eine
Zeitung, die der eigenen politischen Einstellung entspricht“, gibt Lincoln zu bedenken.
Verfolgungsgedanken sind ebenfalls nicht so ungewöhnlich: „Im Experiment haben wir gesunde
Menschen Baustellenlärm ausgesetzt. Der Stress löst
auch bei ihnen paranoide Gedanken aus“, berichtet
Lincoln. Sogar Halluzinationen haben viele Menschen schon einmal in der einen oder anderen Form
erlebt. Diese normalisierende Sicht auf die Krankheit
wird den Patienten nahegebracht: Sie sind nicht verrückt, sondern haben Ereignisse übertrieben interpretiert. Diese Perspektive macht es für sie leichter,
die eigene Sichtweise infrage zu stellen.
Wie viele Menschen, die an einer Psychose leiden,
nimmt Christian Heberer seit vielen Jahren Medikamente. Ein Neuroleptikum gegen die psychotischen Symptome, ein anderes Mittel, um seine Emotionen zu regulieren. Jedes Mal, wenn er die PsychoPSYCHOLOGIE HEUTE
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Es könnte doch
auch ganz harmlos sein: Sobald
wahnhafte
Gedanken auftauchen, sucht
der Patient nach
alternativen
Erklärungen
pharmaka abgesetzt hatte, landete er wieder in der
Psychiatrie. Vor drei Jahren hat er sich entschlossen,
zusätzlich eine kognitive Verhaltenstherapie zu machen. „Die Psychotherapie habe ich als Chance gesehen, hier ging es zum ersten Mal um etwas Wichtiges, hier ging es wirklich um mich.“ Nie zuvor hatte er jemandem etwas von seinen Wahnideen erzählt.
„Allein schon über meine Paranoia zu sprechen hat
wirklich geholfen.“
Die Dinge mal anders deuten
Tatsächlich geht es in der kognitiven Verhaltenstherapie für Psychosen darum, die Wahninhalte nicht
nur zu thematisieren, sondern auch vorsichtig infrage zu stellen. Therapeuten bewegen sich auf einem
schmalen Grat zwischen Akzeptanz und Zweifel: „Es
geht darum, die Wahninhalte weder zu bestätigen
noch abzulehnen“, erklärt die Psychologin Lincoln.
Entsprechend vorsichtig müsse man formulieren.
Etwa „Ich kann verstehen, dass Sie gestresst sind,
wenn Sie denken, dass Sie verfolgt werden“ statt einem bestätigenden: „Es ist eine große Belastung für
Sie, dass sie verfolgt werden.“
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Christian Heberer sagt, dass er schon vor
der Therapie oft Zweifel an seinen paranoiden Bewertungen hatte. Doch zugleich
schämte er sich, darüber zu sprechen. Und
vielleicht wollte er auch an seinem Wahn
festhalten: „Wenn ich jemandem davon
erzählt hätte und es hätte sich herausgestellt, dass das alles nur in meinem Kopf
ist, dann wäre ja die Blase geplatzt.“
Seine Therapeutin ließ ihn eine Tabelle erstellen, um auf diese Weise an den
wahnhaften Überzeugungen zu rütteln: Was
würde geschehen, wenn er an seinen Wahnvorstellungen festhält? Was, wenn er sie aufgibt? Was
also, wenn Heberer nicht mehr annehmen würde,
die Geheimdienste hätten es auf ihn abgesehen? Vielleicht wäre er in Gefahr, weil er nicht mehr aufpassen
würde. Andererseits hätte er weniger Angst und könnte freier leben. Für beide Optionen notierte er alle
Vorteile und alle Nachteile. Die Botschaft dabei: Es
ist nicht wichtig, ob er wirklich verfolgt wird oder
es sich nur einbildet. Wichtig ist, herauszufinden,
was ihn belastet.
„Meine Therapeutin hat versucht, mir zu vermitteln, dass verschiedene Interpretationen einer Situation möglich sind. Und dass ich in der Regel die
paranoide Variante wähle.“ Mit der Zeit lernte Heberer, immer dann, wenn wahnhafte Gedanken aufkamen, nach alternativen Erklärungen zu suchen,
statt den spontanen paranoiden Gedanken nachzugeben.
In einem nächsten Schritt ging es darum, welchen
Einfluss seine Gedanken auch auf seine Gefühle haben. „Wenn ich an schöne Sachen denke, habe ich
auch ein gutes Gefühl. Das war eine wichtige Erkenntnis. Denn auf diese Weise kann ich meine Gefühle
steuern.“ Heberer lernte, sich selbst zu beobachten
und sich bewusstzumachen: Welche Gedanken löst
ein Ereignis in ihm aus? Und wie fühlt er sich dabei?
„Ich habe viel über Gefühle gelernt. Wie viele verschiedene Gefühle es überhaupt gibt, das war mir
neu.“ Das Therapieziel dabei: katastrophisierende
Gedanken zu überwinden, um besser mit schwierigen, belastenden Situationen umzugehen.
Auch nach vielen Therapiestunden hat Heberer
bis heute seine Verfolgungsideen nicht ganz aufgegeben: „Ja, es ist Paranoiakram, aber andererseits gibt
es Mobbing doch wirklich“, gibt Heberer zu bedenken. Seine eigenen, längst vergessenen Erfahrungen
mit Mobbing sind während der Therapie wieder hochgekommen. Als Jugendlicher war er beim Fußball der
Kleinste und der Jüngste. „Ich war der Fußabtreter
33
Auf dem Bild sind zwei
Striche. Was könnte
hier dargestellt sein?
Ein Gesicht? Ein Elefant?
der ganzen Mannschaft.“ Weiter ging es bei der Bundeswehr, bei den Panzergrenadieren. Irgendwie hat
Heberer damals dichtgemacht. „Man kapselt sich ein
und kriegt nicht mehr richtig mit, was draußen passiert.“ Eine Schutzfunktion, die er nicht mehr abstellen konnte. „Ich bin nicht so wach wie andere Leute,
das ist ein Problem. Ich übersehe ganz viele Dinge.“
Mit C.G. Jung fing es an
Psychosen spielten in der Psychotherapie schon immer eine besondere Rolle. Einer der Ersten, die versuchten, psychotische Patienten zu behandeln, war
C. G. Jung. Der Schweizer Psychiater interessierte sich
für das Symbolhafte im psychotischen Erleben und
die große Ähnlichkeit zum Traum. Freud hingegen
ging davon aus, dass Psychosen unheilbar seien. Doch
von dieser Vorstellung rückten ab den 1940er Jahren
gerade in den USA viele Psychoanalytiker ab. Sie versuchten stattdessen, die Absichten und Ziele der Kranken nachzuvollziehen.
Unter den Pionieren waren etwa Harry Stack Sullivan oder Frieda Fromm-Reichmann, deren einfühlsame Behandlungsmethode in dem Buch Ich hab dir
nie einen Rosengarten versprochen von Joanne Greenberg beschrieben wird, einer ehemaligen Patientin
von Fromm-Reichmann. In Großbritannien legte
Melanie Klein 1956 neue Grundlagen für die psychoanalytische Behandlung von Psychosen vor, die
sie als eine Regression auf ein kindliches Niveau betrachtete. In Deutschland entwickelte unter anderem
der Frankfurter Psychiater und Psychoanalytiker
Stavros Mentzos das psychodynamische Krankheitskonzept weiter. Studien fanden in diesem Bereich
jedoch kaum statt, die Wirksamkeit psychodynamischer Psychosetherapien wurde nicht wissenschaftlich nachgewiesen.
Mit der Entdeckung der Neuroleptika Ende der
1950er Jahre schien plötzlich eine Methode gefunden
worden zu sein, die eine schnelle und effektive Hilfe
bei akuten Psychosen versprach. Die Forschung verlagerte sich auf die Pharmakologie, Psychosen gerie34
ten aus dem Blickfeld der Psychotherapie. Inzwischen
sind Neuroleptika zur Standardbehandlung geworden, doch auch ihre vielen Nachteile wurden offenkundig. Dazu gehören die teilweise erheblichen Nebenwirkungen. Viele Patienten sind nicht bereit, ihr
Leben lang Tabletten zu nehmen. In der großangelegten CATIE-Studie in den USA beendeten mindestens zwei Drittel der Patienten vorzeitig die auf 18
Monate angelegte Behandlung mit Psychopharmaka.
Und das vorzeitige Absetzen der Neuroleptika führt
oft zu Rückfällen.
Mitte der 1990er Jahre wurden daher Verfahren
der kognitiven Verhaltenstherapie speziell für Psychosen entwickelt – zunächst vor allem in Großbritannien, inzwischen auch in Deutschland.
Eine Methode ist das metakognitive Training, das
am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf entstanden ist. Dabei wird in Gruppen das „Denken über
das eigene Denken“ geübt. Patienten bekommen spielerische Aufgaben am Computer gestellt, die eher an
ein Quiz erinnern. Auf einem Bild sehen sie zwei Striche, dazu die Frage: „Was könnte hier dargestellt sein?
Ein Gesicht, ein Schaukelstuhl, ein Elefant?“ Mit jedem darauffolgenden Bild kommen weitere Striche
dazu, und der Gegenstand nimmt langsam Form an.
Erste Interpretationen müssen korrigiert werden.
„Doch die Patienten halten häufig trotz gegenteiliger Erkenntnisse an ihrer ersten Überzeugung fest“,
sagt der Tübinger Psychologe Klaus Hesse. Mit den
Aufgaben trainieren sie, flexibler in ihrer Bewertung
zu werden.
Klarer denken – besser fühlen
An der Universitätsklinik Tübingen wird das metakognitive Gruppentraining durch acht Einzelstunden
und Sitzungen mit Familienangehörigen ergänzt.
Neben der kognitiven müsse auch die emotionale
Verarbeitung in den Blick genommen werden, ebenso der Selbstwert, meint Hesse: „Es hilft nichts, jemanden von seinem Wahn abzubringen, wenn wir
ihm nicht helfen, sich positiv zu fühlen und ein positives Selbstbild aufzubauen. Wir müssen ein alternatives Leben aufzeigen, jenseits der Krankheit.“ In
Hamburg setzt Tania Lincoln deswegen in ihrer psychotherapeutischen Hochschulambulanz von vornherein auf die individualisierte kognitive Verhaltenstherapie als Einzeltherapie, die die Lebensgeschichte des Patienten miteinbezieht und auf die ganz persönlichen Wahnüberzeugungen eingeht.
Seit 2015 können auch die niedergelassenen Psychotherapeuten uneingeschränkt eine Therapie bei
Psychosen über die Krankenkasse abrechnen. DenPSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
noch bleibt sie weiterhin die Ausnahme. „Bei einem
fairen Mix der verschiedenen Erkrankungen müssten
eigentlich neun Prozent der Patienten bei den niedergelassenen Therapeuten Menschen mit einer Psychose sein“, rechnet Lincoln vor. „Tatsächlich ist aber
nur ein Drittel davon in Behandlung.“
Gründe gibt es viele. Oft leiden die Betroffenen
an großer Antriebsschwäche und scheitern bereits
bei dem Versuch, einen freien Therapieplatz zu finden. Vor allem aber trauen sich Psychotherapeuten
häufig nicht an diese schwierigen Patienten heran.
Doch Tania Lincoln ist optimistisch: „Die jungen
Therapeuten, die Psychotherapie bei Psychosen in
der Ausbildung lernen, setzen das mehr und mehr
auch in der Praxis ein.“ Auch Klaus Hesse sieht Fortschritte: „Viele Patienten haben bereits stationär gute Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht und
wollen das anschließend fortsetzen.“
Dass Psychotherapie bei Psychosen helfen kann,
gilt inzwischen in der Forschung als nachgewiesen.
Zuletzt erschien im Oktober 2018 eine systematische
Übersichtsarbeit von der Münchner Psychologin Irene Bighelli und Kollegen, in der 53 Einzelstudien ausgewertet wurden. Dabei zeigte sich, dass kognitive
Verhaltenstherapie im Vergleich zu einer psychiatrischen Standardbehandlung mit Medikamenten signifikant Symptome wie Wahn und Halluzinationen
reduzieren kann. Auch die Lebensqualität der Patienten und ihre Alltagsbewältigung verbessern sich.
Das britische National Institute for Health and Care
Excellence stellte 2009 in einer Metastudie fest, dass
diese Wirkung anhält. Die allgemeine Symptomatik
blieb auch ein Jahr nach der Behandlung verbessert.
Tania Lincoln ist in verschiedenen Studien zu dem
Ergebnis gekommen, dass sich vor allem Symptome
wie Wahn, Halluzinationen und Denkstörungen verbesserten. Bei den sogenannten Negativsymptomen
wie Antriebslosigkeit, sozialem Desinteresse oder
Gefühlsleere zeigte die kognitive Verhaltenstherapie
keine so eindeutige Wirkung.
Christian Heberer jedenfalls hat die Therapie geholfen. Sein Leben hat sich in den letzten drei Jahren
verändert. Die paranoiden Gedanken sind zwar nicht
verschwunden, aber er hat gelernt, besser mit ihnen
umzugehen. Inzwischen hat er auch wieder einen
Job. Im Grunde, meint Heberer, sei doch jeder auf
der Suche nach seiner Rolle. „Ich habe meine gefunden. Es ist keine Hauptrolle. Aber eine, die zu mir
PH
passt.“
Christian Heberer ist keine Kunstfigur, doch er heißt in Wirklichkeit
anders. Auch die Angaben zu seiner Person wurden verfremdet.
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
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Lesen Sie in diesem Heft:
Regulierungswut
Wie der Staat die Baukosten
in die Höhe treibt
Einrichten
Warum man auf Sofas nicht
mehr sitzen kann
Endlich zu Hause
In diesen Städten wartet das Glück
35
Was ich mag –
und was ich kann
Auf der Suche nach ihrem Berufsweg erhalten Jugendliche immer
wieder den gutgemeinten Rat: Mach am besten das, was dich am
meisten interessiert! Aber ist das eine weise Empfehlung?
VON JOCHEN METZGER
ILLUSTR ATIONEN: MICHAEL SZYSZK A
I
n den 1970er Jahren gab es diese
Zeichentrickserie. Darin träumte
ein kleiner Drache namens Grisu
davon, später einmal Feuerwehrmann zu werden. Dies missfiel
seinem Vater. Verständlich: Drachen speien Feuer. Sie löschen es nicht. Die Serie
passte hervorragend zum Zeitgeist. „Folge deinem Herzen – mögen deine Wünsche noch so absurd erscheinen“, lautete
die Botschaft. Daran hat sich im Kern bis
heute nichts geändert: Wir halten Leidenschaft und Interesse immer noch für den
besten Kompass unseres beruflichen Lebens. Man soll tun, was einem Spaß macht.
Einige Generationen davor war das
noch anders. Der Sohn des Schuhmachers
wurde Schuhmacher. Der Sohn des Müllers übernahm die Mühle. Tradition entschied über die Berufswahl. Ganz am Anfang, so schreibt der griechische Philosoph
Platon in seinem Hauptwerk Der Staat,
hätten sich die Berufe jedoch durch einen
anderen Faktor herausgebildet. Die Menschen seien „von Natur verschieden (und)
jeder zu einem andern Geschäft geeignet“.
Die Spezialisierung auf einzelne Berufe
habe sich weder durch Brauchtum noch
durch Interesse herausgebildet – sondern
durch angeborenes Talent, durch besondere Begabungen. Der Mann mit dem besten Händchen für Holz wurde Zimmermann. Sein Nachbar mit dem grünen
Daumen machte in Landwirtschaft. Diese Arbeitsteilung, schreibt Platon, sei am
Ende allen Bewohnern des fiktiven ersten
Stadtstaats zugutegekommen.
Doch wie verhält es sich heute? Ist es
sinnvoll, seine Kinder einfach machen zu
lassen? Sollten allein ihre Interessen entscheiden? Oder spielt ihre Begabung eine
wichtigere Rolle?
Der österreichische Psychologe Aljoscha Neubauer von der Universität Graz
hat kürzlich ein Buch mit dem sprechenden Titel Mach, was du kannst geschriePSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
ben. Es geht darum, wie Begabung und
beruf licher Erfolg zusammenhängen.
Wenn es um Talent geht, so liest man dort,
bestätigt die moderne Psychologie die
mehr als 2000 Jahre alten Vermutungen
Platons: Talent wird zum erheblichen Teil
durch unsere Gene bestimmt. Dazu gesellen sich noch Erfahrungen im Mutterleib und in der frühen Kindheit. Danach
kommt es in Sachen Begabung nur noch
zu kleinen Änderungen. „Und spätestens
mit 20 verändert sich da so gut wie gar
nichts mehr“, sagt Aljoscha Neubauer im
Gespräch mit Psychologie Heute.
Was bedeutet Erfolg?
Das heißt: Unsere Begabungen gehören
zu uns wie unsere Schuh- oder Körpergröße. Früher beschränkten sich Psychologen darauf, Begabung per IQ-Test als
„generelle Intelligenz“ zu messen. Heute
geht man etwas differenzierter vor. So hat
Aljoscha Neubauer aus jüngerer Forschung sogar zehn verschiedene Begabungen herausgelesen (siehe Kasten Seite 39).
Werden Menschen erfolgreicher, wenn
sie einen Beruf wählen, für den sie begabt
sind? Dazu muss man zunächst klären,
was man eigentlich unter Erfolg versteht.
Psychologen unterscheiden hierbei zweierlei. Zum einen objektive Kriterien – wie
viel Geld man verdient, wie schnell man
durch Beförderungen und Jobwechsel in
der Hierarchie aufgestiegen ist oder für
wie viele Mitarbeiter man die Verantwortung trägt. Zum anderen gibt es aber noch
ein eher subjektives Erfolgskriterium,
nämlich wie zufrieden man mit seiner Arbeit ist.
Was die objektiven Kriterien angeht,
ist das Ergebnis eindeutig: Wer begabter
ist, hat später auch mehr Erfolg. „Wir finden da einen ausgesprochen starken Zusammenhang. Der Faktor Begabung wird
meiner Meinung nach derzeit unterschätzt“, sagt Neubauer.
Doch wie steht es mit unserer Zufriedenheit? Sind wir auch glücklich in den
Jobs, in denen wir Erfolg haben? Studien
haben gezeigt, dass es in der Tat einen statistischen Zusammenhang zwischen beruflichem Erfolg und beruflicher Zufriedenheit gibt. Eigentlich logisch: Wer permanent gepriesen und befördert wird,
macht seinen Job tendenziell lieber als
jemand, der immer nur Niederlagen einsteckt. Andererseits ist der statistische Zusammenhang zwischen Glück und Erfolg
nicht allzu groß: Offenbar kann man seinen Job also auch dann lieben, wenn man
nicht der Beste in seiner Abteilung ist.
Gleichwohl ist Aljoscha Neubauer der
Ansicht, dass man in seiner Studien- und
Berufswahl zuerst seinen Begabungen folgen sollte. Und zwar aus ganz pragmatischen Gründen: „Eine gewisse Begabung
führt dazu, dass man dasselbe müheloser
und schneller lernt als andere.“ Man muss
sich also weniger abrackern, um beruflich
etwas zu erreichen. Und das dürfte – Stichwort „Work-Life-Balance“ – für viele ausgesprochen attraktiv klingen.
Hauptsache spannend?
Die Mehrzahl der jungen Leute – und ihrer Eltern – ist jedoch anderer Meinung.
Wie Grisu, der kleine Drache, halten sie
das eigene Interesse für den wichtigsten
Faktor bei der Berufswahl. Wer der Stimme seines Herzens folge, werde sich mehr
Mühe geben, motivierter bei der Sache
sein – und am Ende nicht nur bessere Ergebnisse erzielen, sondern auch glücklicher in seinem Beruf sein. So lautet die
37
gängige Meinung. Aber stimmt das überhaupt?
Berufliches Interesse misst man in der
Psychologie seit den 1970er Jahren nach
dem sogenannten RIASEC-Modell. Damals behauptete der US-Psychologe John
Holland, die Summe aller menschlichen
Interessen lasse sich in sechs große Kategorien einteilen (Kasten Seite 40), und sie
seien sozusagen Teil der eigenen Persönlichkeit. Hollands Modell ist nicht ganz
unumstritten. Einige seiner Behauptungen konnten empirisch nie belegt werden.
Gleichwohl erfreut sich das RIASEC-Modell in der Forschung nach wie vor größter Beliebtheit. Probanden beantworten
eine Reihe von Fragen. Aus den Antworten ermittelt man die drei dominierenden
Interessenfelder – die dann bestimmten
Berufsbildern zugeordnet werden.
Mein Traum wäre,
zu malen statt
zu kochen. Aber
habe ich auch
Talent dazu?
Der Drache als Feuerwehrmann
„Und in der Tat gibt es einen statistischen
Zusammenhang zwischen objektivem beruflichem Erfolg und beruflichem Interesse“, gesteht Aljoscha Neubauer. „Der
Zusammenhang ist allerdings deutlich
schwächer als bei der Begabung.“ Mit anderen Worten: Mag sein, dass Drache Grisu aufgrund seiner hohen Motivation später ein tüchtiger Feuerwehrmann wird – so
richtig spitze wird er aber vermutlich
nicht, weil ihm das Talent dazu fehlt. In
einer anderen Kategorie ist der Faktor Interesse allerdings stärker als der Faktor
Begabung: Wer seinem Interesse folgt, hat
gute Chancen, später in seinem Job glücklich zu sein. Arbeitszufriedenheit wird
durch unser Interesse stärker beeinflusst
als durch unsere Begabungen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich – dieser
Satz gilt definitiv auch für Arbeitswelt und
Berufswahl.
Doch warum redet man über Talent
und Interesse überhaupt als ein Entwederoder? Schließlich gehen wir im Alltag davon aus, dass die meisten Menschen gerne tun, was ihnen liegt – und dass ihnen
liegt, was sie gerne tun, dass Begabung
und Interesse also Hand in Hand gehen.
Diese Vermutung ist derart naheliegend,
dass selbst die wissenschaftliche Psycho38
logie sie lange Zeit kaum infrage gestellt
hat. Kürzlich hat jedoch eine Metaanalyse die Persönlichkeitsdaten von mehr als
55 000 Menschen ausgewertet. Die Analyse ergab, dass zwischen beruflichem Interesse und Begabung – je nach Berufsfeld
– nur ein schwacher bis mittelmäßiger
Zusammenhang besteht. Mit anderen
Worten: Ja, manchmal ziehen uns Berufe
an, für die wir auch talentiert sind. Aber
in ganz vielen Fällen ist genau das eben
nicht der Fall.
Wie kann man dieses überraschende
Ergebnis psychologisch erklären? Womöglich mit den Arbeiten des Freud-Schülers Alfred Adler. Dieser ging davon aus,
dass wir alle schon früh in unserem Leben
eine Erfahrung der Minderwertigkeit machen. Das Kleinkind empfindet sich als
unfertiges Wesen, das noch kein richtiger
Mensch ist, sondern erst noch einer werden muss. Kompensation wird uns so zum
stärksten Antrieb überhaupt: Wir tun alles dafür, um unsere Schwächen und Unzulänglichkeiten auszugleichen. Könnte
es sein, dass wir es dabei übertreiben – und
uns besonders dort Mühe geben, wo es
Mutter Natur am wenigsten gut mit uns
gemeint hat?
Die heutige empirisch orientierte Psychologie tendiert jedoch zu anderen Antworten. Vielleicht fehlt uns ja schlichtweg
das Wissen um unsere Begabungen – vielleicht sind wir blind für das, was wir gut
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
können? Diese These hat die US-Psychologin Simine Vazire vor einigen Jahren
untersucht. Sie bat 167 Versuchspersonen
um eine Reihe von Selbsteinschätzungen,
ließ dieselben Eigenschaften zusätzlich
von Außenstehenden beurteilen – und die
Probanden anschließend eine Reihe objektiver Tests durchlaufen. Ergebnis: Besonders bei der Einschätzung intellektueller Fähigkeiten waren Außenstehende
präziser als die Versuchspersonen selbst.
Unser Talent liegt sozusagen in einem
blinden Fleck, zu dem wir kaum einen
direkten Zugang haben.
Die US-Forscher Ethan Zell und Zlatan
Krizan haben diese Erkenntnis in einer
großen Analyse mehrerer Metastudien
bestätigt: „Zusammengefasst zeigen unsere Ergebnisse, dass die Menschen nur
in beschränktem Maße dazu in der Lage
sind, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen.“ Das hat enorme Folgen für die Frage, wie man überhaupt herausfindet, welche Talente in einem schlummern. Lange
Zeit verwendete man dafür Selbsttests –
nach dem Motto: „Wie gut sind Sie darin,
mathematische Formeln zu verstehen?“
Wenn man der aktuellen Forschung folgt,
dann liefern solche Tests nur sehr ungenaue Ergebnisse.
Deutlich besser – etwa für eine Ermittlung sprachlicher, logisch-mathematischer und räumlicher Begabung – funktionieren klassische Intelligenztests. „Ich
glaube daher“, sagt Aljoscha Neubauer,
„dass eine fundierte Berufsberatung nur
von akademisch ausgebildeten Psychologen gemacht werden kann, die gelernt haben, solche Tests auszuwerten.“
Alpinistische Pioniertaten
Doch leider findet nicht jeder einen geeigneten Berufsberater in seiner Nähe.
Und manchmal kommt man mit einem
Testergebnis vom Arbeitsamt zurück und
hat das Gefühl: Das hier hat überhaupt
nichts mit mir zu tun. Neubauer empfiehlt
in solchen Situationen zwei Alltagstricks,
mit denen man dennoch herausfinden
kann, wo die eigenen Stärken liegen.
Den einen hat er von David Dunning
geborgt, einem Sozialpsychologen von der
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University of Michigan. Dunning hat in
seinen Studien wiederholt gezeigt, dass
wir unsere Fähigkeiten oft dramatisch
besser beurteilen, als sie tatsächlich sind.
Wir haben uns gerade ein Paar neue Wanderstiefel gekauft – schon glauben wir,
bestens für eine Besteigung des Mount
Everest gerüstet zu sein. Dieser Effekt mildert sich jedoch deutlich ab, sobald man
die Selbsteinschätzung ein wenig anders
formuliert. Statt zu fragen: „Wie groß ist
mein Talent als Bergsteiger?“, sollte man
fragen: „Welche Leistungen würden andere Menschen von mir im Himalaya erwarten?“ Oder: „Welche alpinistischen
Pioniertaten würde ich von einem anderen
Menschen erwarten, der in diesen Dingen
bisher genauso viel geleistet hat wie ich?“
Derlei Fragetechniken ermutigen uns dazu, eine Art Außenblick auf uns selbst einzunehmen und dadurch zu realistischeren
Ergebnissen zu gelangen.
Noch kraftvoller ist der zweite Trick,
den Neubauer seinen jungen Lesern empfiehlt: Sie sollten mit erhöhter Aufmerksamkeit nach Situationen Ausschau halten, in denen sie so etwas wie einen „Flow“
erleben. Der Begriff stammt von dem Psychologen Mihály Csíkszentmihályi. Er
versteht darunter einen Zustand, in dem
man ganz in einer Tätigkeit aufgeht, sich
durch nichts ablenken lässt, völlig die Zeit
vergisst, komplett von innen heraus motiviert ist und keine Angst vor dem Scheitern verspürt. Nach Csíkszentmihályis
Beobachtung ereignen sich derlei FlowMomente nur, wenn zwei Bedingungen
erfüllt sind: Die Aufgabe muss schwieriger
sein als das, was man üblicherweise zu
bewältigen hat, man muss sozusagen seine Komfortzone verlassen. Zum anderen
muss man aber auch ein hohes Maß an
Kompetenz mitbringen: Erfahrung, Können, Begabung.
Wenn man über die Suche nach dem
richtigen Beruf redet, ist Flow zweierlei.
Zum einen ist er ein Indikator dafür, dass
man in einem Bereich schon etwas kann
oder zumindest über ein gewisses Talent
verfügt. Zum anderen ist Flow aber auch
ein Versprechen: „Mach das, was du gut
kannst. Und du wirst diesen köstlichen,
DIE ZEHN
BEGABUNGEN
Psychologe Aljoscha
Neubauer von der Universität
Graz hat die einschlägigen
Studien ausgewertet und
zehn Faktoren von
Begabung identifiziert:
1. Sprachliche Intelligenz
Kann gut mit Sprache; lernt
Fremdsprachen leicht
2. Logisch-mathematische
Intelligenz
Kann gut mit Zahlen; kann
Probleme logisch analysieren
3. Räumliche Intelligenz
Hat ein gutes räumliches
Vorstellungsvermögen
4. Intrapersonale Begabung
Hat einen guten Umgang mit
eigenen Gefühlen
5. Interpersonale Begabung
Kann die Absichten, Motive
und Wünsche anderer gut
verstehen
6. Kinästhetische Begabung
Ist geschickt, hat eine gute
Körperbeherrschung
7. Musikalische Begabung
Kann gut komponieren,
Instrumente lernen, hat ein
gutes Gehör
8. Naturbezogene Begabung
Hat ein gutes Gespür für die
Natur (z.B. für Pflanzen/Tiere)
9. Kreativität
Kann mit Leichtigkeit neue und
originelle Ideen entwickeln
10. Ästhetische Begabung
Hat ein gutes Auge/Gespür für
Farben und Formen
Quelle: Aljoscha Neubauer: Mach, was du
kannst. DVA, München 2018
39
selbst vergessenen Zustand der Begeisterung häufiger erleben als andere.“
Dunnings Fragetechnik und Csíkszentmihályis Flow könnten uns davor retten, in eine naive „Folge deinem Herzen“Falle zu tappen. Sie konzentrieren sich
mehr aufs Talent und weniger aufs Interesse. Letzteres wird uns – anders als unsere Begabungen – offenbar nicht in die
Wiege gelegt. Langzeituntersuchungen
zeigen, dass sich unsere Vorlieben oft erst
im Teenageralter herausbilden, um irgendwann zwischen 25 und 30 relativ stabil zu werden. Zumindest bei den meisten.
In den Publikationen der Interessensforscher stößt man immer wieder auf die
Randbemerkung, dass sich „bei einigen
Personen die Interessen dramatisch verändern“. Und zwar bis weit ins Erwachsenenalter hinein. Für manche Menschen
ist Interesse also auf lange Sicht kein verlässlicher Ratgeber.
BERUFLICHES
INTERESSE –
DIE SECHS
KATEGORIEN
1. Realistische Orientierung
(zum Beispiel Handwerker,
Landwirt)
2. Intellektuelle Orientierung
(zum Beispiel Ingenieur, Naturwissenschaftler, Mediziner)
3. Künstlerische Orientierung
(interessiert sich für kreative
Berufe)
4. Soziale Orientierung (zum
Beispiel Lehrer, Sozialarbeiter,
Therapeut)
5. Unternehmerische
Orientierung (zum Beispiel
Geschichten aus der Arbeitswelt
Manager, Geschäftsführer)
Natürlich sind Talent und Interesse nicht
die einzigen Faktoren, die über eine gelungene Karriere entscheiden. Die Persönlichkeit spielt eine Rolle. Die Frage, wie
hartnäckig und fleißig wir daran arbeiten,
uns weiterzuentwickeln. Und natürlich:
der Zufall. Niemand weiß das besser als
der Psychologe John Krumboltz von der
Stanford University. Über viele Jahrzehnte hat er – meist vor Berufsberatern – seine Vorträge gehalten, die fast immer mit
derselben Frage begannen: „Wer von Ihnen wollte schon mit 18 Berufsberater
werden?“ So gut wie nie, so erzählt er, habe sich darauf jemand gemeldet.
Will heißen: Was nützt alles Wissen
über Interesse und Talent, wenn man von
den allermeisten Berufen überhaupt keine Ahnung hat? Es ist, als müsste man
angeben, wie gut einem Mango-Eis
schmeckt, wenn man noch nie welches
gekostet hat. Die meisten gelungenen Karrieren, so lautet das Credo von Krumboltz,
werden durch glückliche Zufälle gebahnt,
durch ungeplante Begegnungen – durch
pures Glück.
Seine Kollegen Bill Burnett und Dave
Evans haben diesen Ansatz noch eine
6. Traditionelle Orientierung
40
(zum Beispiel Buchhalter,
Bankangestellter)
Stufe weitergetrieben. Beide haben Karriere als Designer gemacht. An der Stanford University veranstalten die beiden seit
einigen Jahren eine Art Berufsvorbereitungsseminar, das sich zu einem der beliebtesten Kurse an der gesamten Hochschule entwickelt hat. Ihr Trick: Sie bringen ihren Studenten bei, die Prinzipien
guten Designs auf die eigene Karriere und
das eigene Leben anzuwenden. Das Herzstück ihres Kurses: Die Studenten sollen
lernen, Prototypen ihrer eigenen Zukunft
zu bauen.
Möglichst billig sollen diese Modelle
werden, möglichst schnell fertig sein – ein
Scheitern darf nicht zu viel kosten. Statt
sich also aufs Geratewohl für irgendeinen
Studiengang einzuschreiben, eine Lehre
anzufangen oder ein viermonatiges Praktikum, beginnen die Studenten in dem
Kurs eine Nummer kleiner: Sie führen
Interviews. Sobald ihnen ein Erwachsener
begegnet, dessen Job interessant klingt,
laden sie ihn auf eine Tasse Kaffee ein und
fangen an, ihn mit Fragen zu löchern. „Ein
Life-Design-Interview ist unglaublich einfach. Es bedeutet lediglich, dass Sie sich
jemandes Geschichte erzählen lassen“,
schreiben Burnett und Evans. Klingt die
Erzählung des anderen spannend? Ist die
eigene Neugier geweckt?
Wenn ja, nimmt man die nächste Stufe: Man fragt, ob man einen Tag oder eine Woche lang mitlaufen darf, in einem
weiteren Schritt bittet man um ein längeres Praktikum. Man sammelt erste Erfahrungen: Interessiert mich das wirklich?
Kann ich das überhaupt? Ob man den als
Prototyp angefangenen Weg weitergehen
soll oder nicht, darüber, so Burnett und
Evans, entscheidet am Ende kein komplizierter Fragebogen, sondern am besten
„das gute alte Bauchgefühl“.
Sowohl John Krumboltz als auch seine
Kollegen Evans und Burnett sind überzeugt: Durch derlei Interviews wird man
nicht nur eine Menge über die noch unbekannte Berufswelt erfahren und zum
ersten Mal ein wirkliches Gefühl dafür
bekommen, worauf man sich eigentlich
einlässt. Man wird auch viele wichtige
Kontakte knüpfen. Die Erwachsenen, die
man während seiner Interviews getroffen
hat, haben alle irgendwann einen Job zu
PH
vergeben.
LITERATUR
Aljoscha Neubauer: Mach, was du kannst. Warum
wir unseren Begabungen folgen sollten – und nicht
nur unseren Interessen. DVA, München 2018
Bill Burnett, Dave Evans: Mach, was du willst. Design Thinking fürs Leben. Econ, Berlin 2016
Katja Pässler, Andrea Beinicke, Benedikt Hell: Interests and intelligence: A meta-analysis. Intelligence, 50, 2015, 30–51
Ethan Zell, Zlatan Krizan: Do people have insight
into their abilities? A metasynthesis. Perspectives
on Psychological Science, 9/2, 2014, 111–125
John Krumboltz, Al Levin: Luck is no accident. Making the most of happenstance in your life and
career. Impact Publishers, Oakland 2011
Simine Vazire: Who knows what about a person?
The self-other knowledge asymmetry (SOKA) model. Journal of Personality and Social Psychology,
98/2, 2010, 281–300
Jane Swanson: Stability and change in vocational
interests. In: M.L. Savickas, A.R. Spokane (Hg.): Vocational interests: Meaning, measurement, and
counseling use. Davies-Black Publishing, Mountain
View 1999, S. 135–158
PSYCHOLOGIE HEUTE
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„NA, WENN DU MEINST!“
5 ERKENNTNISSE ÜBER PASSIV-AGGRESSIVES
VERHALTEN – UND WIE MAN IHM BEGEGNEN KANN
VON SILKE PFERSDORF
E
s war ein Militärpsychiater im
Zweiten Weltkrieg, der den Begriff vom passiv-aggressiven Verhalten erfand: Colonel Menninger beobachtete, dass sich einige Soldaten gegen
die rigide Bevormundung wehrten, indem
sie vorgaben, Befehle nicht zu verstehen
oder vergessen zu haben, sarkastische Bemerkungen fallenließen, Vorgesetzte hinter ihrem Rücken schlechtmachten, sich
ständig ungerecht behandelt fühlten.
Menninger sah darin eine Reaktion der
Unreife, die er passiv-aggressives Verhalten nannte. Die psychologische Forschung
war sich nie ganz einig, ob sie das Phänomen unter die Persönlichkeitsstörungen zählen sollte. Die American Psychiatric Association hat es denn auch aus ihrem
aktuellen Klassifizierungskatalog DSM-5
gestrichen, im ICD-System der Weltge42
sundheitsorganisation wird es immerhin
noch unter „sonstige spezifische Störungen“ geführt.
1
TAKTIKEN
Der amerikanische Betriebswissenschaftler Preston Ni nennt in seinem
Buch How to Successfully Handle PassiveAggressive People typisch passiv-aggressive
Taktiken wie:
Pseudohumor: ein verletzender Satz wie
ein Messer, anschließend ein Grinsen und
der Kommentar: „Nur Spaß!“
Sich dumm stellen: „Ach, hatten wir das
wirklich besprochen?“ Verabredungen als
Missverständnisse darstellen; Versprechungen aufschieben; alles verhindern,
was notwendig wäre, damit der andere
einen Erfolg hat, sich freut oder zufrieden
ist.
Klatsch, Gerüchte verbreiten.
Schweigen, um andere zu bestrafen oder
ihnen ein Gefühl von Unsicherheit zu vermitteln.
Die Schuld auf den anderen schieben –
weil der ihn nicht mehr an einen Termin
erinnert habe, weil er Dinge anders dargestellt habe …
2
GESCHLECHTER
Passiv-aggressive Klassiker in Beziehungen sind Sätze wie „Natürlich, wie du willst“ – in Situationen, in
denen eigentlich klar ist, dass der Sprecher
etwas anderes möchte. Oder auf die Frage,
ob der andere sauer sei: „Nein, es ist
nichts.“ Oder auch: „Ich denke nur nach.“
Im passiv-aggressiven Modus werden häufig widersprüchliche Signale eingesetzt:
„Jetzt hast du die Ausfahrt wohl doch
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
verpasst, Liebling!“ Die Verweigerung offener Kommunikation über ein Ärgernis
wird mit einem Kosewort garniert.
Der Psychiater Scott Wetzler vom New
Yorker Albert Einstein College of Medicine
hat beobachtet, dass Frauen und Männer
unterschiedliche passiv-aggressive Verhaltensweisen in Beziehungen zeigen: „Männer sind passiv-aggressiv auf eine besonders destruktive, plumpe Art, mit der sie
Liebes- und Arbeitsverhältnisse durcheinanderbringen oder zerstören“, schreibt
er in seinem Buch Warum Männer mauern. So agierende Männer hielten sich
nicht an Versprechen und Abmachungen,
schöben die Schuld gerne auf ihre Partnerin und beklagten sich sogar, wenn diese sie mit ihrem Verhalten konfrontiere.
Anders als bei Frauen entlade sich der aufgestaute Frust bei Männern oft in einem
Wutanfall, bevor sie wieder in das passive
Verhalten mit Taktiken wie Stille und
Schweigen wechselten. Die Folge: ein ständiges Klima von Unsicherheit.
3
URSPRÜNGE
Menschen, die sich häufig passivaggressiv verhalten, stammen oft
aus liebenden, aber sehr fordernden Familien, so die Neuropsychiaterin Lorna
Benjamin von der University of Utah. Häufig sind es Erstgeborene, denen schon früh
viel Verantwortung übertragen wurde.
Das Gefühl, das sie ihren Erziehungsberechtigten gegenüber empfanden, wird
dann später auf Autoritäten und Vorgesetzte übertragen. Wissenschaftler der
Mayo-Klinik ordnen passiv-aggressives
Verhalten auch vielen Narzissten zu. Die
benutzen es, um andere zu bestrafen und
sich selbst noch grandioser zu fühlen.
ILLUSTR ATION: TILL HAFENBR AK
ruhig zu bleiben, raten die Sozialarbeiterin Jody E. Long und ihre Koautoren in
dem Buch The Angry Smile. Ein Warnzeichen, das sie aufzählen: Das Gegenüber
zeigt immer wiederkehrend abblockende,
verzögernde Reaktionen, die einen ärgern,
ohne dass jede einzelne es wert erscheint,
darauf zu reagieren.
Eric Barker, Autor von Karriereratgebern, warnt vor dem Versuch, sich in das
passiv-aggressive Gegenüber hineinversetzen zu wollen. Stattdessen sollte man
klar bei sich bleiben und sich auf wichtige Gespräche mit solchen Menschen gut
vorbereiten. Seine Tipps: die Taktiken
enttarnen, keine Entschuldigungen akzeptieren, nur Handlungen, nicht aber
bloße Absichtserklärungen bewerten. Klare Ansagen machen und klare Antworten
einfordern. Und: unbedingt eine Winwin-Situation anstreben, weil passiv-aggressive Charaktere alles daransetzen wollen, bloß nicht zu verlieren – und dafür
notfalls auch auf zerstörerische Schritte
zurückgreifen.
4
GEGENWEHR
Der schlimmste Fehler beim Umgang mit passiv-aggressivem Verhalten seines Gegenübers: sich provozieren lassen – und dann mit genau der Wut
zu reagieren, die der andere in sich versteckt und sich nicht zu zeigen traut. Um
nicht in diese Falle zu gehen, ist es wichtig,
dieses Verhalten möglichst rasch zu erkennen – und dann bewusst überlegt und
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Michael Leberle
Heilpraktiker für Psychotherapie,
5
THERAPIE
In der Psychotherapie entwickelt
passiv-aggressives Verhalten noch
eine weitere Dimension: Manche Klienten
mit diesem Verhalten nehmen Therapeuten als Autorität wahr, der sie sich verweigern wollen, indem sie versuchen, ihnen
zu beweisen, dass ihre Diagnose falsch,
der vorgeschlagene Therapieweg wirkungslos sei.
Johann F. Kinzl, ehemaliger Direktor
der Universitätsklinik für psychosomatische Medizin in Innsbruck, bezeichnet sie
als „Ja-aber-Sager“. So werden verschriebene Medikamente nicht eingenommen
und mit diebischer Freude dem Arzt gegenüber erwähnt, dass sie wohl nicht wirken; man sei allen Ratschlägen gefolgt,
ohne eine Besserung festzustellen. Der
einzig sinnvolle Weg: die Strategien enttarnen. Die Klienten können in einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen, ihre
Gedanken zu überblicken, Gefühle wahrzunehmen, Wut zu spüren und ihre Annahmen über die Folgen einer KonfronPH
tation damit zu revidieren.
Coach, Praxis in Prien am Chiemsee
mail@praxis-leberle.de
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Mitglied
im VFP weil
... ich mich kompetent und
persönlich begleitet weiß und
ich es sehr wichtig finde, dass
uns ein kraftvoller Verband
vertritt und unterstützt.
Informationen über den VFP erhalten Sie hier:
Verband Freier Psychotherapeuten,
Heilpraktiker für Psychotherapie
und Psychologischer Berater e.V.
Lister Str. 7, 30163 Hannover
Telefon 05 11 / 3 88 64 24
www.vfp.de | info@vfp.de
9)3
43
Schrei nach
Mauern
Weltweit entstehen neue
Mauern, Grenzanlagen
und Zäune. Dafür gibt es
politische, aber vor allem
psychologische Gründe
VON SUSANNE ACKERMANN
I
m Herbst 1989 fiel die Berliner Mauer, die
„Mutter aller Mauern“ – so nannte sie der
Politikwissenschaftler Jan Zielonka in einer
Rede zu der Konferenz Falling Walls im November 2018 in Berlin. Seit 2009 kommen
hier jährlich Wissenschaftler aller Disziplinen zusammen, um sich auszutauschen und „Grenzen zu
überwinden“, wie die Veranstalter sagen. Während
ihres Bestehens war die Berliner Mauer Symbol für
die Teilung Europas und der Welt in zwei feindliche
Lager. Nach ihrem Fall wurde sie zu einem Symbol
für Freiheit und offene Grenzen. Doch heute grenzen
sich Staaten und Gesellschaften weltweit wieder stark
voneinander ab – und zwar indem sie neue Mauern
bauen.
In Europa entstehen Sperrzäune gegen Flüchtlinge. Überall auf der Welt sind seit Beginn des 21. Jahrhunderts tausende Kilometer an neuen Mauern und
Zäunen errichtet worden. Mindestens 65 und damit
mehr als ein Drittel aller Staaten haben Barrieren an
ihren Grenzen erstellt. Die europäischen Außengrenzen sollen ebenfalls verstärkt werden, wenn auch nicht
mit Mauern aus Beton. Aber die Grenzagentur „Frontex“ soll wesentlich mehr Personal, mehr Zuständigkeiten und mehr Technik erhalten. Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Brown
44
schreibt in ihrem Buch Mauern. Die neue Abschottung
und der Niedergang der Souveränität, beide von
der Europäischen Union getroffenen Vereinbarungen
über offene Grenzen innerhalb Europas – nämlich
das Schengener Abkommen und das von Dublin über
Regeln zur Aufnahme von Flüchtlingen – steckten
in der Krise und seien 2015 an ihr Limit gekommen.
Und Großbritannien setzt sich mit dem Brexit von
den anderen EU-Mitgliedsstaaten ab. Die Hoffnungen, die mit dem Fall der Berliner Mauer einhergingen, haben sich nicht erfüllt, nicht einmal innerhalb
Europas.
Grenzen sind jedem von uns vertraut, es gibt sie
überall. Nicht nur Staaten, auch Städte, Grundstücke,
Flächen und Gebäude sind begrenzt.
Jeder weiß auch aus eigener Erfahrung, was eine
„innere Mauer“ ist. Wir empfinden sie, wenn wir
gestresst sind und uns manchmal an der Grenze der
Belastbarkeit fühlen. Wir haben gelegentlich den Eindruck, die „Schmerzgrenze“ oder die „Grenze des
Erträglichen“ sei überschritten, oder finden, etwas
sei an der „Grenze des Erlaubten“. Das sind gefühlte,
individuelle Barrieren. Zudem sind wir von Regeln,
Gesetzen und Bestimmungen umgeben; sie halten
uns von einer Handlung ab, beschränken uns – oder
schützen uns vor etwas, beispielsweise negativen Folgen des Tuns anderer. In allen genannten Fällen sind
diese Begrenzungen zunächst „im Kopf“. Sie werden
gedanklich und emotional gezogen, bewusst oder
unbewusst. Bei Mauern ist es nicht anders: Zuerst
sind sie in den Köpfen derer, die sie bauen wollen.
Dann fällt die Entscheidung, sie werden geplant und
gebaut. Mauern sind bewusst errichtete Grenzen.
Eine Linie im Kopf
Das Wort Grenze wird in so vielen Zusammenhängen
verwendet, und Begrenzungen werden auf so vielfältige Weise erfahren, dass der Gedanke naheliegt, es
handele sich um ein grundlegendes Konzept, das unser Denken und Handeln mehr prägt, als man gemeinhin denkt. Wissenschaftler wie der Geograf und
Philosoph Peter Weichhart sehen es so. In dem Buch
Grenzen definiert Weichhart den Begriff als das Ergebnis einer „Grundtätigkeit menschlichen Denkens“.
Im Zentrum dieses Denkprozesses stehe die Unterscheidung. Denn um Dinge, die wir wahrnehmen,
auch erkennen zu können, müssen wir sie voneinander unterscheiden. Ohne eine solche Unterscheidung
könnten wir das, was wir sehen, weder verstehen, noch
in einen Zusammenhang einordnen. Vereinfacht gesagt heißt das, wir ziehen Grenzen immer zuerst in
unseren Gedanken: „Eine Grenze ist zunächst einmal
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Westbank, 2009:
Palästinensische
Demonstranten
klettern auf
die israelischen
Sperranlagen
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
45
Je vernetzter und
komplexer die Welt wird,
desto mehr wächst die
Sehnsucht nach Mauern
Arizona, 2017:
Der Grenzwall
zwischen den USA
und Mexiko
46
nicht mehr als eine wirkliche oder gedankliche Linie,
die zwei Dinge voneinander trennt“, sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann von der Universität
Wien. Eine Grenze ziehen wir laut Liessmann schon,
indem wir einen Begriff definieren: Ein Teil des Inhalts wird diesem zugeordnet, andere Teile werden
ausgeschlossen. Das ist notwendig, damit wir uns
einerseits als Menschen verständigen und andererseits die Welt begreiflich machen können.
Menschen ziehen gedanklich oder tatsächlich ständig eine Grenze zwischen sich selbst und anderen.
Sie tun das, um andere besser zu verstehen. Sie haben
das Bedürfnis, sich abzugrenzen, wenn ihnen an anderen etwas nicht gefällt, und sie wollen wissen, zu
wem sie gehören. Grenzen in der Realität, also etwa
die einer Stadt oder eines Landes, bilden ebenfalls
eine solche Grundfunktion menschlicher Unterscheidungen. Dieses Trennen in ein Innen und Außen ist
offenbar unabdingbar, und es bilden sich unterschiedliche Ausdrucksformen – je nachdem wie sich
Gruppen und Gesellschaften voneinander unterscheiden wollen und welche Kriterien sie dafür definiert haben – wie etwa bei einem Milieu, in dem
ein bestimmter anderer Lebensstil gepflegt wird als
in anderen Milieus. Auf Länderebene sind es die Staaten, die sich gegenüber anderen abgrenzen und festlegen, wer dazugehört und wer nicht.
Schutzwall für die Seele
Mauern sind sichtbare und wenig durchlässige Grenzen. Dass immer mehr entstehen, deutet darauf hin,
dass offenbar vielen Menschen psychologische Grenzen fehlen – sie scheinen in der globalisierten und
digitalisierten Welt verlorengegangen zu sein. Die
neuen Mauern drücken ein Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und einfachen Lösungen in der komplexer werdenden Welt aus. Sie sind „mächtige Organisatoren der inneren psychischen Landschaften
des Menschen, aus denen sich kulturelle und politische Identitäten speisen“, schreibt die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown. Sie sollen psychischen
Schutz bieten. Beim heutigen Bau von Mauern, Zäunen und Grenzvorrichtungen handele es sich um politische Reaktionen auf das, was in einer globalisierten Welt psychologisch, wirtschaftlich und politisch
nicht zu bewältigen sei: „Sichtbare Mauern reagieren
auf das Bedürfnis nach Einhegung und Begrenzung
in einer allzu global gewordenen Welt.“ Diese „psychische Sehnsucht“ nach solchen steinernen Schutzwällen verstärke sich umso mehr, je globaler, vernetzter und komplexer die Welt werde, so Brown.
Dahinter verberge sich die Sehnsucht danach, die
Verletzbarkeit und Hilflosigkeit zu überwinden, die
die globalisierte Welt erzeugt habe. Insofern trage
der „Schrei nach Mauern“ eine psychologische und
sogar eine theologische Dimension in sich. Dies erkläre auch, warum die oft enormen Kosten, die mangelnde Wirksamkeit oder sogar die Schädlichkeit von
Mauern von vielen als irrelevant oder gar nicht wahrgenommen würden.
In der als entgrenzt, offen und komplex wahrgenommenen Welt – auch der digitalen – sind wir außerdem stärker mit dem Leid anderer konfrontiert.
Physische Mauern helfen dabei, dieses Leid und Elend
anderer nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, sondern es ausblenden zu können. Sie erleichtern es, Probleme nicht wahrzunehmen und gedanklich nach
außen zu verlagern. Hier bezieht sich Brown auf die
psychoanalytische Abwehrtheorie von Sigmund
Freud. Mauern funktionieren demnach wie psychische Abwehrmechanismen: Sie verschonten das Ich
des Einzelnen davor, auf etwas zu treffen, das sein
Selbstbild stören könnte. Brown überträgt diese Theorie auf ganze Nationen: Unerwünschte Personen
wie Geflüchtete oder skeptisch beurteilte EntwickPSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
TAUSENDE VON
KILOMETERN
Die neuen Mauern richten sich gegen Migration,
Schmuggel, Kriminalität oder Terrorismus
• Ungarn: Um Geflüchtete abzuhalten, baute das Land
einen 177 Kilometer langen Grenzzaun an der
Grenze zu Serbien.
• Griechenland: 2012 wurde an der Grenze zu
Mazedonien der 10,5 Kilometer lange Evroszaun
gebaut, um Geflüchtete fernzuhalten.
• Mit dem gleichen Ziel errichtete die Türkei an der
Grenze zu Syrien eine 911 Kilometer lange Mauer
Kilis, Türkei, 2017: Türkische Patrouille
an der Grenze zu Syrien
lungen wie die Globalisierung könnten in der kollektiven Fantasie außen gehalten werden und Nationen sich deshalb rechtschaffen und stark fühlen –
unbehelligt von störenden und beunruhigenden
Fantasien und Ängsten.
Mauern stellen eine seelische Projektionsfläche
für Wünsche nach Unterscheidung und Abgrenzung
dar. Sie geben denjenigen, die sie befürworten, das
Gefühl einer wiederhergestellten souveränen Macht
und sogar „nationalstaatlicher Reinheit“, führt
Brown aus. Solche Fantasien der Unschuld des eigenen Landes würden durch Mauern und sogar durch
nur geplante Mauern bestens bedient und bestätigt.
Dies passiere auch dann, wenn Mauern real versagen,
Konflikte verschärfen und Probleme vergrößern.
Brown sieht ihre These etwa durch US-Präsident Donald Trump bestätigt, dem es gelungen sei, „Begeisterungsstürme“ für seine Idee zu wecken, die Grenze zu Mexiko mit einer neuen Mauer zu verstärken,
die die bereits installierten, mehrere Milliarden teuren Sicherungssysteme noch übertreffen soll.
Es wird etwas getan
Politiker, die Mauern bauen, können damit offenbar
ihre Wähler beruhigen. Trumps Wähler möchten
beispielsweise, dass er ihre Situation in ihrem Sinn
verbessert, und dafür reicht sogar schon die Idee,
eine Mauer zu errichten. Das gebe den Menschen
„die wollen, dass etwas getan wird“, das Gefühl, dass
tatsächlich etwas getan werde, schreibt der Journalist
Tim Marshall in seinem Buch Abschottung. Die neue
Macht der Mauern. Zumindest in den Augen seiner
Wähler, so Marshall, bekräftige beispielsweise Donald Trump mit seinen Mauerplänen die Idee des
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
inklusive Überwachungsvorrichtungen.
• Die zwei in Marokko liegenden spanischen Enklaven
Ceuta und Melilla sind von hochgesicherten, viele
Meter hohen Hightechzäunen umgeben.
• Der 2700 Kilometer lange marokkanische Sandwall,
der von Landminen gesäumt ist, trennt die Westsahara in eine von Marokko kontrollierte Zone und
in eine Zone, die von Rebellen und der international
nur zum Teil anerkannten Demokratischen
Arabischen Republik Sahara kontrolliert wird.
• US-Präsident Donald Trump versprach seinen
Wählern, eine 3000 Kilometer lange Mauer an der
Grenze zu Mexiko zu bauen, damit Einwanderer
nicht ins Land könnten und um illegalen Waffenund Drogenhandel zurückzudrängen.
• 759 Kilometer ist die Mauer lang, die Israel rund um
das besetzte Westjordanland erstellte. Kritiker
halten sie für unvereinbar mit internationalem
Völkerrecht. Israel beruft sich auf die
Notwendigkeit, sich vor palästinensischen
Terroranschlägen zu schützen.
• Indien errichtete einen mehr als 3000 Kilometer
langen Stacheldrahtzaun rund um Bangladesh, um
Einwanderer fernzuhalten. Beide Länder schlossen
2015 einen Vertrag ab, der den genauen Verlauf der
Grenze festlegte, und tauschten Gebiete aus. Auch
die Grenze zwischen Indien und Pakistan ist
teilweise abgezäunt, aber wegen Gebirgen und
Flüssen nicht komplett.
• Saudi-Arabien errichtet an seiner Grenze zum Irak
eine 885 Kilometer lange Sperranlage, die
aufwendig überwacht wird. Auch an der Grenze
zum Jemen errichtet Saudi-Arabien solche Anlagen.
• China baut im Internet digitale Mauern und versucht
so, den Informationsfluss zu kontrollieren.
SAC
47
Es gibt schlechte Grenzen
und gute. Gute Grenzen
fördern Respekt und lassen
Nähe zu
„Make America great again“ oder „America First“.
Dies erkläre auch, warum der US-Präsident ungeachtet erheblicher rechtlicher, finanzieller und anderer Hindernisse, die einem solchen Mauerbau entgehenstehen, unverändert seinen Anhängern gegenüber an der Idee festhalte.
Umgekehrt allerdings widerspreche die Mauer in
den Augen ihrer Gegner sämtlichen zentralen Werten, die für sie Amerika ausmachten: Freiheit, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung und „Amerika für
alle“. Die Mauer steht für den Kern der politischen
Differenzen der US-Amerikaner.
Das falsche Rezept?
Werden die neuen Mauern der Aufgabe einer psychischen Einhegung gerecht? Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen sehen keine Belege dafür.
So hält etwa der Geowissenschaftler Manlio Graziano die aktuelle „obsessive Fixierung“ auf Mauern
und Grenzen für falsch, wie er in seinem Buch What
is a border? schreibt. Diese Besessenheit trage dazu
bei, Probleme zu vergrößern, anstatt sie zu beheben.
Graziano zieht einen drastischen Vergleich: Psychologisch gesehen ähnele das Errichten von Grenzen
als Schutz vor den mit der Globalisierung einhergehenden Ängsten einem Suizid, der aus Angst vor dem
Sterben begangen werde. Länder, die sich abgrenzten,
schadeten sich immer selbst. Dies illustriert der Geowissenschaftler am Beispiel des Brexits, der nicht nur
die Wirtschaft Großbritanniens schwäche, sondern
dort auch zu einer Identitätskrise geführt habe, wie
es sie davor noch nicht gegeben habe.
Auch die Mauerpläne von US-Präsident Donald
Trump verpuffen. Seinen Landsleuten geht es seit
seinem Amtsantritt psychisch nicht besser, sondern
schlechter. Sie sind zunehmend gestresst, ermittelte
der US-Psychologenverband APA in der jüngsten seiner jährlichen Stressumfragen im August 2018. Demnach bezeichneten 82 Prozent der insgesamt 3458
Befragten das gegenwärtige politische Klima in den
48
USA als bedeutsamen Stressfaktor in ihrem Leben.
US-Psychologen erklärten, dass die politische Polarisierung, die Trump unter anderem mit seiner Maueridee vorantreibt, die Menschen psychisch krank
mache.
Aggressionen und Unverschämtheiten leben
Würden keine Mauern mehr gebaut, stellte sich die
Frage, wie Menschen mit ihrem Wunsch nach Grenzen oder mit ihrer Ablehnung derselben umgehen.
Völliges Fehlen von Grenzen würde viele psychisch
überfordern. Und die Widersprüche in der Wahrnehmung und im Umgang mit Grenzen liegen in uns
selbst: Menschen brauchen sie, um sich emotional
von anderen abzuheben oder zu wissen, zu welcher
sozialen Gemeinschaft sie gehören. Manche benötigen sie, um sich sicher zu fühlen und um das Leid
derjenigen, die außen vor sind, wie die weltweit Millionen Geflüchteten, nicht wahrnehmen zu müssen.
Andere fühlen sich erst frei, wenn sie persönliche,
emotionale oder reale Grenzen überwunden haben.
Wie der Philosoph Liessmann sagte, überschreiten
manche durchaus auch Grenzen, um ihre „Aggressionen und Unverschämtheiten“ zu leben. Der Philosoph schlägt vor, zwischen „guten und schlechten“
Grenzen zu unterscheiden. Gute Grenzen förderten
Respekt und ließen doch Nähe zu, wie unter Nachbarn. Das hieße auf internationaler Ebene, dass Länder zusammenarbeiten, Kompromisse eingehen und
die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen –
also über den eigenen Grenzzaun hinausschauen.
PH
QUELLEN UND LITERATUR
Wendy Brown: Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Suhrkamp, Berlin 2018
Martin Heintel u.a. (Hg.): Grenzen. Theoretische, konzeptionelle und praxisbezogene Fragestellungen zu Grenzen und deren
Überschreitungen. Springer, Wiesbaden 2018
Manlio Graziano: What is a border? Stanford University Press,
Stanford 2018
Konrad Paul Liessmann: Lob der Grenze. Kritik der politischen
Unterscheidungskraft. Zsolnay, Wien 2012
Jan Zielonka: Grenzen – Wir brauchen keine Mauern mehr. Gastbeitrag auf Zeit online, 9. November 2018
Tim Marshall: Abschottung. Die neue Macht der Mauern. Dtv,
München 2018
Christoph Kleinschmidt: Semantik der Grenze. Bundeszentrale
für politische Bildung, 13. Januar 2014
Marianne Gronemeyer: Die Grenze. Was uns verbindet, indem
es trennt. Nachdenken über ein Paradox der Moderne. Oekom,
München 2018
American Psychological Association: Stress in America. Survey,
2018
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
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Ihr Arzt empfiehlt: Kultur
Öfter mal ins Museum gehen. Oder ins Theater. So
lautet der Tipp zweier Forscherinnen – zum Vorbeugen gegen Depressionen im fortgeschrittenen Alter.
Daisy Fancourt und Urszula Tymoszuk, Epidemiologinnen am University College London, dokumentieren anhand einer Langzeitstudie mit 2148 Probanden
im Alter zwischen 52 und 89 Jahren, dass das Risiko
einer depressiven Erkrankung sinkt, wenn man kulturellen Aktivitäten nachgeht. Dazu zählen laut den
Forscherinnen Kinobesuche, Konzerte, Kunstausstellungen, Opern sowie Theateraufführungen.
„Jene Teilnehmer, die mindestens einmal im Monat oder häufiger einer kulturellen Aktivität nachgingen, wiesen ein rund 50 Prozent niedrigeres Risiko einer Depressionserkrankung als ihre Altersgenossen auf, die seltener als einmal pro Jahr etwas
unternahmen“, berichten die Forscherinnen. Die
positive Wirkung scheint unabhängig von Faktoren
wie dem gesundheitlichen Zustand oder der finanziellen Situation der Freiwilligen zu sein. Auch die
Persönlichkeit macht keinen Unterschied. So trägt
Kultur bei introvertierten ebenso wie bei geselligen
Menschen dazu bei, geistige Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern.
52
Aber wieso hat die Kultur eine solch positive Wirkung? Laut anderen Studien aktivieren Musik, Film
und Kunst unter anderem das Belohnungssystem des
Gehirns, was wir als intensiv positive Gefühle wahrnehmen. Ein internationales Team von Forschern,
unter anderem vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, verfolgte jetzt, was im Gehirn von
Probanden vorgeht, während sie ein Kunstwerk betrachten. Die Wissenschaftler hatten dabei vor allem
das Default-Mode-Netzwerk im Blick, ein System von
Hirnarealen, das aktiv wird, sobald wir den Blick
nach innen richten und unseren Gedanken und Tagträumereien nachgehen. Normalerweise sank die
Aktivität in diesem Netzwerk, sobald die Teilnehmer
ihre Aufmerksamkeit auf das Bild, also die Außenwelt richteten. Doch sobald sich die Probanden von
einem Kunstwerk sehr angesprochen fühlten, sprang
auch das Innenwelt-Netzwerk des Gehirns wieder
an. Die Forscher interpretieren dies als Indiz für „bewegende ästhetische Erfahrungen“. Und die tun uns
wohl nicht nur für den Moment gut.
Besuche in
Ausstellungen
oder Konzerten
wirken antidepressiv
ANNA GIELAS / TSA
DOI: 10.1192/bjp.2018.267; DOI: 10.1016/j.neuroimage.2018.12.017
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Menschen, die über eine gute räumliche Vorstellungsgabe verfügen, haben
auch ein feines Näschen. Das stellten
Forscher der McGill University fest,
als sie ihre Versuchsteilnehmer durch
eine virtuelle Stadt navigieren sowie
40 Duftproben unterscheiden ließen.
Sie fanden ferner heraus, dass für
beide Leistungen teilweise dieselben
Hirnregionen zuständig sind.
DOI: 10.1038/s41467-018-06569-4
„Gehen an der frischen Luft
wirkt anregend, die Atmung
wird tiefer; man ‚bekommt
den Kopf frei‘. Übertroffen
wird das Potenzial, beim Gehen
Gedanken zu entwickeln, im Gespräch – beim Spaziergang kann man sich
auf den anderen ein- und Richtungswechsel
zulassen. Man kann die Flüchtigkeit von Gedanken akzeptieren. Dazu gehört, Eindrücke
während des Spaziergangs passieren, aber
auch beim Vorwärtsgehen Gedanken hinter
sich zu lassen.“
Stephanie Kernich, Soziologin und Geschäftsführerin des
Jacobs Center for Productive Youth Development an der Universität Zürich im UZHmagazin (4/2018)
Körperkarte mit
Gefühlswüsten
Menschen, die an einer Schizophrenie erkrankt sind, scheinen Gefühle körperlich flacher zu empfinden. Das stellte ein Team um Sohee
Park und Lénie Torregrossa in einem Experiment fest, bei dem es darum ging, Emotionen im Körper zu lokalisieren. Den Probanden wurden 13 Gefühle genannt, etwa Ärger oder Niedergeschlagenheit. Ihre
Aufgabe bestand darin, in einer computergenerierten Körperkarte
jeweils auszumalen, welche Regionen ihres Körpers beim Empfinden
der jeweiligen Emotion beteiligt waren. Etwa: Die Angst sitzt im Bauch,
während die Hände kalt sind. Bei gesunden Probanden kamen dabei
je nach Gefühl sehr unterschiedlich kolorierte Körperkarten zustande. Teilnehmer mit einer Schizophrenie hingegen differenzierten kaum
beim dargestellten Körperausdruck: Alle Emotionen waren eher diffus über den Leib verteilt. Auch empfanden diese Probanden generell
sämtliche Gefühle weniger stark in ihrem Körper repräsentiert, als
dies bei den anderen Teilnehmern der Fall war. Dies, so meinen die
Forscherinnen, könnte erklären, warum es Schizophreniekranken
schwerfällt, Gefühle zu bemerken, zu identifizieren und zu benennen
– bei sich und bei anderen. Denn das Empfinden und Mitempfinden
von Emotionen hängt stark von der körperlichen Rückkopplung ab.
TSA
DOI: 10.1093/schbul/sby179
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
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Beim Naschen verlieren wir rasch die
Kontrolle. Denn schon beim ersten
Kontakt mit der Nahrung aktiviert
der Botenstoff Dopamin das Belohnungs- und
Suchtsystem des Gehirns. Wissenschaftler am
Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung
reichten ihren Probanden Milchshakes. Schon
als das Getränk im Mund war, wurde im Gehirn
Dopamin freigesetzt – und dann nochmals,
sobald der Shake im Magen Einzug hielt.
Stressige Vorhaben und Gespräche sollten wir wohl besser
abends als morgens erledigen.
Japanische Forscher haben
beobachtet, dass der Körper
ihrer Probanden nach einem
Stresstest am Morgen mehr
Kortisol ausschüttete, also
heftiger Alarm schlug, als wenn
die Teilnehmer am Abend
damit traktiert wurden. Hinzu
kommt, dass der Pegel des
Stresshormons Kortisol nach
dem Aufwachen ohnehin auf
einem Hoch ist.
DOI: 10.1002/npr2.12042
DOI: 10.1016/j.cmet.2018.12.006
Die Speisen der Dankbaren
Obstsalat! Oder doch lieber die Schokotorte? Um der süßen
Versuchung zu widerstehen, braucht es nicht unbedingt einen
eisernen Willen. Dankbarkeit hilft ebenfalls, wie Forscher um
Megan Fritz von der University of California jetzt in einem Experiment nachgewiesen haben.
Ein Teil der mehr als 1000 Probanden sollte einen Monat
lang wöchentlich einen fünfminütigen Dankesbrief schreiben.
Die Forscher gaben die Adressaten genau vor: Es sollten Menschen sein, die den Teilnehmern entweder dabei geholfen hatten,
bessere schulische Leistungen zu erzielen, ihre körperliche Verfassung gefördert (etwa Sporttrainer) oder sich ihnen gegenüber
hilfsbereit und mitfühlend verhalten hatten. Außerdem erhielt
ein Teil der Freiwilligen die Anweisung, 30 Minuten pro Woche
in ihre Gesundheit zu investieren. Wie genau sie das taten, war
ihnen freigestellt.
Das Ergebnis: „Im Vergleich zur Kontrollgruppe berichteten
die Teilnehmer, die regelmäßig Briefe schrieben, im Laufe der
vier Wochen über ein gesünderes Essverhalten“, berichten die
Wissenschaftler. So aßen sie etwa mehr Gemüse und Obst als
vorher. Die Forscher erklären sich das so: „Dankbarkeitspraktiken schmälern negative Gefühle wie Stress, Wut, Traurigkeit,
Angst und Schuld – allesamt Gefühle, die emotionales Essen
und ungesunde Entscheidungen begünstigen.“ Wer weniger unschöne Emotionen in sich trägt, dem falle es leichter, sein Essverhalten positiv zu regulieren.
ANNA GIELAS
DOI: 10.1016/j.jesp.2018.08.011
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Fünf Typen pflegender
Angehöriger
Mit der belastenden Aufgabe, für einen pflegebedürftigen Angehörigen verantwortlich zu sein, kommen
Beteiligte auf ganz unterschiedliche Weise zurecht.
Sigrid Leitner von der TH Köln führte mit Kolleginnen leitfadengestützte Interviews mit Personen, die
eine schwerstbeeinträchtigte Person pflegten: die
Mutter, den Vater, die Schwiegermutter oder den
Schwiegervater. Sie ermittelten – je nach den sozialen und persönlichen Ressourcen – fünf Kategorien
mit unterschiedlichen Bewältigungmustern.
Die erste Gruppe hat die finanziellen Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen und Dienste dazuzukaufen.
Die zweite Gruppe verfügt über weniger Einkommen,
kann sich aber auf ein familiäres Netzwerk stützen.
Die dritte Gruppe ist nicht oder stundenweise berufstätig und sieht die Vollzeitpflege eines Angehörigen als sinnstiftende Beschäftigung oder Phase, die
zum Leben dazugehört. „Diesen Menschen gelingt
es über einen langen Zeitraum hinweg, die Pflege als
Lebensentwurf anzunehmen, allerdings sind sie langfristig latent von Burnout bedroht, wenn sie das über
Jahre ohne Hilfe oder Auszeiten allein machen“, sagt
Leitner.
Hinzu kommen zwei Gruppen, bei denen die Bewältigung der Pflege als „prekär“ gilt: Die Mitglieder
der einen Gruppe pflegen aus einem emotionalen
Abhängigkeitsverhältnis heraus, da sie sich zur Pflege verpflichtet fühlen. Sie sehen dazu keine andere
Alternative, entweder weil es an finanziellen Mitteln
fehlt oder weil die pflegebedürftige Person alle Alternativen ablehnt. Die andere Gruppe steht in einem
ständigen Konflikt, weil ihre eigenen Wünsche nach
Erwerbstätigkeit nicht denen der zu pflegenden Person oder auch den Erwartungen anderer Familienmitglieder entsprechen oder die Arbeitsbedingungen
mit der Pflege nur schwer vereinbar sind. Die sorgende Person ringt um Kontrolle, ihren eigenen Lebensentwurf aufrechterhalten zu können.
Damit Angehörige die Pflege gut bewältigen, ist
laut den Autorinnen Selbstsorge entscheidend. Kümmerten sich Pflegende zu wenig um sich selbst, dann
sei die Bewältigung der Pflege gefährdet. Das passiere unter anderem, wenn die Zeit fehle, sich über Hilfsangebote zu informieren und für Freiräume zu sorgen.
Hier seien die Kommunen gefordert, die eine aufsuchende Beratung und Begleitung für pflegende Angehörige anbieten sollten.
IDW
Genug Zeit und
Unterstützung:
Unter diesen
Voraussetzungen
wird die Pflege
eines Angehörigen weniger
belastend erlebt
Originalpublikation: www.fgw-nrw.de/fileadmin/images/pdf/
FGW-Studie-VSP-15-PflegeIntersek-Leitner_et_al.-2018_11_08komplett-web.pdf
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Das Computerspiel Tetris hilft traumatisierten Menschen, die Flashbacks von dem
schrecklichen Erlebnis zu mildern, wie
Forscher der Universität Bochum jetzt
nachgewiesen haben. 20 Patienten mit
posttraumatischer Belastungsstörung
schrieben eine ihrer schlimmen Erinnerungen auf und spielten dann 25 Minuten
Tetris. Bei 16 der 20 trat das entsprechende
Flashback in der Folgewoche erheblich
seltener auf. Tetris scheint die Bildverarbeitung im Gehirn zu okkupieren, auf die das
Flashback angewiesen ist.
DOI: 10.1037/ccp0000340
Da blinzelte der Avatar
13 500-mal am Tag blinzelt der Mensch – viel mehr, als nötig wäre, um die Augen vorm Austrocknen zu schützen. Wozu also der
Aufwand? Studien haben gezeigt, dass Menschen häufig in den
natürlichen Pausen während einer Konversation blinzeln. Das Blinzeln scheint also ein nonverbales Signal zu sein, ähnlich wie das
bestätigende Nicken. Dass dieses unterschwellige Signal die Konversation tatsächlich beeinflusst, haben Paul Hömke, Judith Holler und Stephen Levinson am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik jetzt in einer Studie bestätigt, bei der sie ihre Teilnehmer
in eine virtuelle Umgebung versetzten. Dort saßen sie einem Avatar gegenüber, der ihnen zuhörte, während sie auf diverse Fragen
Auskunft gaben, etwa nach ihren Wochenenderlebnissen. Was die
Probanden nicht bemerkten: Der geduldig lauschende Avatar blinzelte dabei vor sich hin, und zwar nach unterschiedlichen Mustern,
die die Forscher ihm einprogrammiert hatten. Unbewusst, so stellte sich heraus, zeigten die nonverbalen Signale Wirkung. Wenn
der Avatar etwa die Augen beim Blinzeln eine Idee länger schloss,
fielen die Antworten der Teilnehmer kürzer aus.
TSA
1929
Vor 90 Jahren, am 22. April 1929
notierte das Fachjournal Archiv für
Psychiatrie und Nervenkrankheiten
den Eingang eines sodann zügig veröffentlichten Artikels mit der Überschrift „Über das Elektrenkephalogramm des Menschen“. Autor war der
Arzt und Hirnforscher Hans Berger,
Direktor der psychiatrischen Klinik
der Universität Jena. Berger hatte bereits viele Forschungsjahre in den
Versuch investiert, die Aktivität des
Gehirns ohne operativen Eingriff
sichtbar zu machen. Schließlich fand
er ein Verfahren, elektrische Signale
vom unversehrten Schädel menschlicher Probanden abzuleiten und über
einen Papierschreiber als Wellenmuster darzustellen: Das EEG war erfunden! Berger beobachtete, dass dieses
Muster der Hirnaktivität sich mit dem
Bewusstseinszustand der Person veränderte, also abhängig davon, ob diese zum Beispiel hellwach war oder
schlief. In seiner Abhandlung beschrieb der Forscher bereits unterschiedliche Typen von EEG-Mustern
wie die Alpha- und die Betawellen. In
der Praxis setzte sich Bergers EEG zunächst nur zögerlich durch, dafür aber
nachhaltig: Noch heute wird das Verfahren breit eingesetzt, etwa in der
Hirndiagnostik oder im Schlaflabor.
Hans Berger
(1873–1941),
Erfinder des EEG
DOI: 10.1371/journal.pone.0208030
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Gefährliche Freunde
Bei traumatischen Beziehungen in der Kindheit und Jugend
denkt man zumeist an Erfahrungen mit den Eltern.
Tatsächlich können auch belastende Freundschaften in
jungem Alter schwerwiegende Folgen haben
VON ANNE-EV USTORF
ILLUSTR ATIONEN: DANIEL BALZER
D
ie Sehnsucht nach engen Freunden
ist fast so alt wie die Menschheit
selbst. Schon das älteste literarische
Werk der Menschheitsgeschichte,
das bald 4000 Jahre alte sumerische
Gilgamesch-Epos, handelt von der Freundschaft zwischen dem Götterkönig Gilgamesch und dem Naturmenschen Enkidu. Auch in der Antike war die
innige Verbindung zweier Freunde eines der wichtigsten Themen der rhetorischen Künste. „Was ist
ein Freund? Ein anderes Ich. Zwei Seelen in einer“,
schrieb Cicero über seinen besten Freund Atticus.
Auch heute ist der Wunsch nach engen Freundschaften noch ungebrochen.
Freunde sind manchmal Entwicklungshelfer, wichtige Alltagsstützen und oft sogar Retter in der Not.
Häufig begleiten sie uns von der Jugend bis ins Erwachsenenalter und sind gelegentlich sogar wichtiger
für uns als unsere Herkunftsfamilie. „Freundschaften
sind eine der zentralen Schaltstationen des sozialen
Zusammenhalts“, sagt der Soziologe Heinz Bude.
Gerade in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter spielen die besten Freunde eine besonders
wichtige Rolle. Sie helfen, die Turbulenzen der Pubertät zu bewältigen und in Abgrenzung zu den Eltern eigene Identitäten und Meinungen zu festigen.
Im Alter zwischen 13 und 25 Jahren ist der oder die
„BFF“ – best friend forever – sogar absolut unabdingbar. Vor drei Jahren zeigte die Shell-Jugendstudie, dass 89 Prozent aller Jugendlichen es besonders
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wichtig finden, gute Freunde zu haben – der Stellenwert war damit höher als der der „Familie“ oder der
Wunsch nach einem „eigenverantwortlichen Leben“.
Die meisten Jugendlichen sprechen am liebsten
mit ihren Freunden über ihre innersten Gefühle und
fühlen sich durch sie am besten verstanden und gehalten. Peergroups könnten Jugendlichen wichtigen
emotionalen Rückhalt geben, erklärt Gerd Mietzel,
emeritierter Professor für pädagogische und Entwicklungspsychologie an der Universität Duisburg-Essen.
Durch sie fänden Jugendliche eine vorübergehende
Identität in der Gruppe, die ihnen dabei helfe, schrittweise in die Unabhängigkeit zu kommen und eigene
Entscheidungen zu treffen.
Doch manchmal ist der „BFF“ nur ein hehres Ideal. Denn realitätstauglich ist das Konzept der besten
Freundschaft nicht immer: Viele enge Jugendfreundschaften überleben auf Dauer nicht. Irgendwann verliert sich die anfängliche Begeisterung füreinander,
vielleicht durch neue Interessen oder einen Wohnortwechsel. Meist ist das kein Drama, im Laufe des
Lebens entstehen bei den meisten Menschen immer
wieder neue gute Freundschaften.
Auch Aufs und Abs in engen Jugendfreundschaften seien durchaus normal, erklärt Romuald Brunner,
Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der
Universität Regensburg. „In der Adoleszenz sind enge Freundschaften oft konfliktreich, phasenweise
sind sie sehr eng und dann mal wieder etwas distanzierter“, sagt der Psychiater. „Das auszuhalten ist für
59
junge Menschen oft nicht leicht, weil die Bedeutung
und der Wert von Freundschaften für Jugendliche
so hoch sind. Damit steigt dann auch die Verletzlichkeit.“ Trotzdem sei es Teil der normalen Lernerfahrung, dass auch enge Beziehungen mal konfliktreich
sein und trotzdem ausgehalten werden können.
In engen Freundschaften ist gelegentlicher „Stress“
also durchaus normal und wird meist gut bewältigt.
Deutlich belastender hingegen ist es für junge Menschen, eine Freundschaft zu führen, die ihnen eigentlich nicht guttut. Das kann eine vermeintlich beste
Freundin sein, die immer wieder stichelt und verletzt,
oder ein Kumpel, der seinen Freund regelmäßig herunterputzt oder hintergeht. Diese Erfahrungen des
Verletztwerdens, der Ausgrenzung oder des Mobbings
sind gerade in der Pubertät häufig. Oft hinterlassen
sie Beziehungsunsicherheiten, die auch im späteren
Alter nicht leicht abzuschütteln sind. Etwa die Angst,
sich an neue Freunde zu binden, oder die Furcht, in
Beziehungen wieder verstoßen zu werden.
Im Schatten der Freundin
Larissa Göbel erinnert sich noch genau an den Tag,
an dem sie zum ersten Mal ihre beste Freundin traf.
Sie war zehn Jahre alt und mit ihrer Familie gerade
nach Berlin gezogen. Beim ersten Basketballtraining
im neuen Sportverein lernte sie Hanna kennen, die
zufällig in ihre Parallelklasse ging. „Wir mochten
uns sofort“, erinnert sich die heute 38-Jährige. Sie
wurden dicke Freundinnen, fuhren als Teenager zusammen in den Urlaub und zogen später an den Wochenenden durch die Discos.
Als ihre Eltern sich scheiden ließen und anschließend vor allem mit ihren eigenen Leben beschäftigt
waren, klammerte Larissa sich vor allem an Hanna.
Ohnehin war die Rollenverteilung der Freundinnen
klar. „Ich stand meistens im Schatten von Hanna“,
erinnert sich Larissa. „Sie hat den Ton angegeben. Das
war für mich aber okay. Bis ich irgendwann einen
Freund hatte.“ Damit hatte Hanna ein Problem. Als
Larissa nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung stand,
wurde sie eifersüchtig und begann, ihrer Freundin
das Leben schwerzumachen. Sie erzählte anderen Lügen über ihre Freundin und grenzte sie aus. Ein halbes
Jahr später machte Larissas Freund mit ihr Schluss
– und war von einem Tag auf den nächsten mit Hanna zusammen. Larissa stürzte in eine tiefe Krise. Jahrelang konnte sie keine neuen Partnerschaften mehr
eingehen. Mit Freunden fühlte sie sich schnell verunsichert und oft unwohl. „Ich war durch die katastrophale Beziehung meiner Eltern eh schon beziehungsgeschädigt“, erinnert sich die Sozialpädagogin. „Und
60
die Geschichte mit Hanna hat mir den Rest gegeben.
Ich bin danach lange nicht auf die Beine gekommen
und war in neuen Freundschaften sehr misstrauisch.“
Dabei sind die Beziehungen zu Freunden für Jugendliche meist wichtige Schutzfaktoren. Die amerikanischen Entwicklungspsychologen Catherine
Bagwell und Andrew Newcomb untersuchten eine
Gruppe von 30 Fünftklässlern über einen Zeitraum
von 15 Jahren und fanden dabei heraus, dass diejenigen Kinder, die schon in der fünften Klasse einen
besten Freund oder eine beste Freundin hatten, auch
später im Erwachsenenalter insgesamt reifer, kompetenter, selbstbewusster und weniger aggressiv waren. Ihre Leistungen im College waren besser, sie
hatten bessere Beziehungen zu ihren Familien, weniger Probleme mit dem Gesetz sowie geringere psychische Probleme. Die Langzeitstudie zeigte auch,
dass diejenigen Kinder, die im Alter von elf Jahren
keine Freunde hatten, später einen wesentlich ungünstigeren Entwicklungsverlauf nahmen als Gleichaltrige mit Freunden.
Ähnliche Studien haben ergeben, dass sich gute
Freundschaften im Kindes- und Jugendalter positiv
auf die soziale Kompetenz, die Identitätsentwicklung
und das Selbstkonzept auswirken. Allerdings ist auch
bekannt, dass Beziehungen zu Peers mit stark risikoreichem Verhalten – vor allem im Hinblick auf
Alkohol und Drogen – für die Entwicklung eher gefährlich sind. Forscher wie der Psychologe Thomas
Dishion und die Soziologin Joan McCord begründeten dies mit der Kraft der „sozialen Ansteckung“,
also des Ausbreitens von Gefühlen oder Stimmungen
unter Menschen.
Wunsch nach Zugehörigkeit
Wenn Freundschaft eigentlich eine Ressource ist –
warum führen Jugendliche dann Freundschaften mit
Altersgenossen, die ihnen nicht gut tun? Warum suchen sie sich Kumpels, denen sie sich unterordnen
müssen, oder Freundinnen, die sie fertigmachen?
Häufig seien konfliktreiche Eltern-Kind-Beziehungen der Grund, warum Jugendliche sich – im Sinne
einer forcierten Ablösung – auch auf schlechte
Freundschaften einließen, erklärt Romuald Brunner.
„Wenn es in der Familie nicht stimmt, suchen Jugendliche häufig außerhalb ihrer Familien nach Bindungen“, so der Psychiater. „Dahinter steckt ein enormer Wunsch nach Zugehörigkeit. Manchmal passen
sie sich dann übermäßig an die Wünsche anderer
an, um einen Ausschluss aus ihrer Peergroup zu vermeiden, vor allem an diejenigen, die in der Gruppe
das Sagen haben. Wenn diese Personen dann forPSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
dernd oder aggressiv auftreten,
aber gleichzeitig auch manchmal Hilfe und Unterstützung
bieten, geraten die Jugendlichen in ein schwieriges Abhängigkeitsverhältnis. Sie lassen
sich ausnutzen oder können
sich zumindest schlecht dagegen wehren.“
Hinter diesem Verhalten
steckt häufig also eine grundsätzlich große Beziehungsunsicherheit. Um sich gut von den
Eltern ablösen und ihre Position in der Peergroup auf eine
gesunde Art und Weise erkunden zu können, brauchen Jugendliche nämlich in erster Linie
primäre Bindungssicherheit –gute Beziehungserfahrungen mit den Eltern. Die Art
und Weise, wie ein Mensch schon früh im Leben
Beziehungen erlebt, prägt auch im Jugend- und Erwachsenenalter Freundschaften und Partnerschaften.
Die renommierten deutschen Entwicklungspsychologen Karin und Klaus E. Grossmann untersuchten in einer Längsschnittstudie über 22 Jahre 49 Familien in Bielefeld und konnten so belegen, dass diejenigen Kinder, die feinfühlige Eltern erlebt hatten,
sich später zu Erwachsenen entwickelten, die enge
Beziehungen als verlässliche Quellen der Geborgenheit zu schätzen wussten und dementsprechend wertschätzende Freundschaften und Partnerschaften
führten. Außerdem diskutierten diese Kinder in
Konfliktgesprächen mit ihren Freunden sachlicher
und konstruktiver als Jugendliche mit einer unsicherdistanzierten Bindungsrepräsentation. War die Bindungssicherheit dagegen nicht vorhanden, stieg die
Gefahr, sich als junger Mensch auf schlechte oder
gar keine Beziehungen einzulassen.
Unsichere Bindungserfahrungen führen – wie bei
Larissa Göbel – also im Jugendalter unter Umständen zu konfliktbeladenen Freundschaften und damit
also zu weiteren Erfahrungen der Verunsicherung,
Ablehnung und Ausgrenzung, die langfristig verheerende Folgen haben können. Aus der Mobbingforschung weiß man, dass viele betroffene Jugendliche, die Ausgrenzung und Ablehnung erlebt haben,
noch jahrelang unter Stress stehen und langfristig
psychisch und körperlich erkranken. Möglicherweise seien die Folgen von Mobbing durch Gleichaltrige sogar noch gravierender als die Folgen von körPSYCHOLOGIE HEUTE
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Wenn Freundschaft eine
Ressource ist – warum
haben so viele Jugendliche
dann Freunde, die ihnen
nicht guttun?
perlicher Gewalt durch Erwachsene, vermuteten
amerikanische und britische Psychologen im Jahr
2015 auf der Jahrestagung der Pediatric Academic
Societies in San Diego.
Zwei dort vorgestellte Langzeiterhebungen belegen: Kinder und Jugendliche, die unter Mobbing litten, waren als Erwachsene häufiger von Depression,
Ängsten oder Selbstverletzung betroffen als Kinder,
die unter körperlichen Misshandlungen gelitten hatten. In einer der Studien berichteten 17 Prozent der
von Bullying betroffenen Schüler sogar von posttraumatischen Stresssymptomen. Denn solcherlei Erfahrungen haben eine verheerende Wirkung auf das
Selbstkonzept. Viele der betroffenen Kinder suchen
die Schuld vor allem bei sich. „Wird ein Kind oder
ein Jugendlicher wiederholt ausgegrenzt, beleidigt
und abgewertet, kann dies zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls führen“, erklärt
Gerd Schulte-Körne von der Deutschen Gesellschaft
für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik
61
Vertrauensbrüche erschweren
neue Freundschaften.
Besonders nachhaltig wirken
Erfahrungen der Ausgrenzung
und des Betrogenwerdens
und Psychotherapie. „Die Opfer beginnen zu verinnerlichen, was über sie gesagt wird, und diese Art
negativer Gedanken begünstigt die Entstehung von
Angsterkrankungen und Depressionen.“
Es liegt auf der Hand, dass Erfahrungen der Ausgrenzung oder des Betrogenwerdens besonders nachhaltig sein können, wenn es sich bei dem Täter um
den besten Freund oder die beste Freundin handelt.
Zur Erfahrung des Ausgeschlossenseins kommt der
massive Vertrauensbruch hinzu und hinterlässt häufig eine Grundverunsicherung in Beziehungsdingen.
Vielen Betroffenen fällt es anschließend schwer, im
Privat- und Berufsleben neue Freundschaften aufzubauen, weil das Vertrauen fehlt und sie fürchten,
wieder verletzt zu werden.
Bleibender Schmerz?
Larissa Göbel etwa hatte lange Angst, dass Gleichaltrige ihr in Beziehungen etwas wegnehmen würden.
„Ich war immer unsicher: Wollen die mir schaden?“,
sagt sie. „Und gleichzeitig fragte ich mich, ob mit
mir selbst irgendetwas nicht stimmte. Ob ich die Leute quasi dazu trieb, sich gegen mich zu wenden. An
der Uni habe ich mich dann sehr zurückgezogen.
Eigentlich konnte ich erst mit Anfang 30 wieder entspannter mit Beziehungen umgehen. Da hatte ich
aber auch schon eine Therapie gemacht.“
Während bei Mädchen nach konfliktreichen Beziehungen in der Peergroup eher internalisierendes
Verhalten – Depression, Rückzug, Einsamkeit – typisch sei, legten betroffene Jungs vor allem externalisierendes Verhalten in Form von Aggressivität oder
Mackertum an den Tag, erklärt Psychiater Romuald
Brunner. Auf beide müsse man aber aufpassen, weil
Peerkonflikte für Jugendliche häufig viel belastender
seien, als man denke. Eltern sollten also verstärkt auf
ihre Kinder achten, wenn diese sozial ausgeschlossen
seien – und im Zweifel Hilfe suchen.
Doch nicht immer muss ein Bruch in einer engen
Freundschaft auch langfristig negative Folgen haben.
62
Oliver Conrad etwa war 16 Jahre alt, als sein bester
Freund Jens, mit dem er von klein auf an in einer
Fußballmannschaft gespielt hatte, ihn plötzlich zu
drangsalieren begann. Jens pumpte ihn immer wieder um Geld an, zahlte nichts zurück und war zunehmend mit anderen, härteren Jungs unterwegs.
Der eher ruhige und zarte Oliver bekam in dessen
neuer Peergroup viel Spott und Häme ab, auch von
Jens. Als Jens schließlich Olivers Portemonnaie stahl,
war Schluss. Oliver zog sich zurück und wechselte
sogar die Fußballmannschaft.
„Das war hart für mich, weil ich meinen besten
Kumpel verloren hatte“, erinnert sich Oliver, heute
38 Jahre alt und Anästhesist an einer Klinik in Hamburg. „Ich ging durch eine Art Trauerphase. Aber
letztendlich gelang es mir, mit anderen Jungs vom
Fußball enge Kontakte aufzubauen. Meine Eltern
haben mir in dieser Zeit auch gut geholfen, wir konnten alle sehen, dass dieses Problem weniger mit mir
als mit Jens zu tun hatte.“ Jens kam aus einer sehr
belasteten Familie, in der die Eltern viele Probleme
hatten und das Geld immer knapp war. Er geriet in
den kommenden Jahren zunehmend auf die schiefe
Bahn und flog auch bald von der Schule. Oliver hörte lange nichts von ihm.
Dann, mit Anfang 20, trafen sich die beiden zufällig auf einer Party wieder. Jens kam sofort auf Oliver zu und entschuldigte sich. „Da habe ich gemerkt,
dass das an ihm genagt hatte“, erinnert sich Oliver.
„Er war durch eine ziemlich harte Zeit gegangen und
hatte insgesamt eine Menge schlechte Entscheidungen getroffen. Aber als wir uns wiedertrafen, stand
er schon wieder mitten im Leben. Es war ein bisschen
wie ganz früher.“ Die beiden versöhnten sich und
verabredeten sich auf ein Bier. Heute sind beide wieder gute Freunde – und fahren mit ihren Familien
sogar regelmäßig gemeinsam in den Urlaub. Auch
die „Täter“ von damals können sich also weiterentwickeln. Manche Konflikte lassen sich tatsächlich
später lösen. Die Erinnerung an den Schmerz bleibt
jedoch – und prägt manchen Betroffenen mitunter
PH
fürs Leben.
DIE WICHTIGSTEN QUELLEN
Catherine Bagwell u.a.: Friendship and peer rejection as predictors of adult adjustment. New Directions for Child and Adolescent Development, 91, 2001, 25–49. DOI: 10.1002/cd.4
Karin Grossmann, Klaus E.Grossmann: Bindungen – das Gefüge
psychischer Sicherheit. Klett-Cotta, Stuttgart 2012 (völlig überarbeitete Auflage)
Suzet Tanya Lereya u.a.: Adult mental health consequences of
peer bullying and maltreatment in childhood: two cohorts in
two countries. The Lancet: Psychiatry, 2/6, 2015, 524–531.
DOI: 10.1016/S2215-0366(15)00165-0
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
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STUDIENPLATZ
AUTORITÄR UND
GEGEN ALLES FREMDE
Die aktuelle Leipziger Mitte-Studie zeigt, wie verbreitet
rechte politische Einstellungen in Deutschland sind
D
ie deutsche Gesellschaft sei von
„rechtsextremen Einstellungen
durchzogen“. Außerdem sei die
Bereitschaft vieler nachweisbar, andere
abzuwerten. Zu diesem Fazit kommt die
Forschergruppe um Oliver Decker und
Elmar Brähler in der aktuellen „Leipziger
Mitte-Studie“. Seit 2002 erheben die Wissenschaftler darin die Verbreitung rechter
Gedanken in Deutschland. Für die aktuelle Auflage mit dem Titel „Flucht ins Autoritäre“ hatten die Forscher 2018 knapp
2500 Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft interviewt.
64
Laut Studie liegt der Anteil der Befragten mit einem geschlossen rechtsextremen
Weltbild bei derzeit etwa sechs Prozent,
dies ist in etwa so hoch wie bei den vorangegangenen Erhebungen, aber um ein
paar Prozent geringer als im Jahr 2002.
Zugleich sei die Anzahl der Teilnehmer,
die fremdenfeindlichen Aussagen zustimmten, jedoch deutlich auf 24 Prozent
gestiegen. Noch im Jahr 2018 sind überdies
laut Studie 10 Prozent der Deutschen der
Ansicht: „Auch heute noch ist der Einfluss
der Juden zu groß.“ Darüber hinaus gebe
es weiterhin bei etwa 20 Prozent der Be-
völkerung verborgene antisemitische Vorurteile und Ressentiments.
Den Kern der Untersuchung bilden insgesamt 18 Aussagen, zu denen die Befragten Stellung beziehen sollen – etwa „Die
Deutschen sind anderen Völkern von Natur aus überlegen“ oder „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in
einem gefährlichen Maß überfremdet“.
Die Sätze decken unterschiedliche Dimensionen des Rechtsextremismus wie Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus, Antisemitismus oder die Einstellung zur NSZeit ab. Zeigen Befragte in allen diesen
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
ILLUSTR ATION: JONI MAJER
VON FRANK LUERWEG
Kategorien hohe Zustimmung, nehmen
die Forscher an, dass sie ein geschlossen
rechtsextremes Weltbild haben.
Geringe Bildung ist nur einer der
Risikofaktoren
Die Ergebnisse dokumentieren, dass sich
rechte Einstellungen in Deutschland nicht
auf die gesellschaftlichen Ränder beschränken. So sind es nicht etwa nur die
ökonomisch Abgehängten, die gegen
Fremde Stimmung machen und nach einem starken Führer rufen. Die Wissenschaftler vermuten, dass mangelnde Bildung die Neigung zu solchen Einstellungen verstärkt. Rechnet man diesen Bildungseffekt jedoch aus den Daten heraus,
spielen Arbeitslosigkeit oder ein niedriges
Haushaltseinkommen für die Entwicklung rechter Ansichten keine Rolle. Mangelnde Bildung ist nur ein Risikofaktor
unter mehreren. So gaben auch fast 13
Prozent der Befragten, die ihre Schullaufbahn mit dem Abitur abgeschlossen hatten, ein ausländerfeindliches Weltbild zu
Protokoll.
Die Folgen des Braindrain
An einem anderen Punkt relativieren die
Studienergebnisse Vorstellungen wie die,
dass es im Osten Deutschlands größere
Probleme mit Rechtsextremismus gebe.
Vordergründig verfügen tatsächlich 8,5
Prozent der Ostdeutschen über ein geschlossen rechtsextremes Weltbild, während es im Westen nur 5,4 Prozent sind.
Aber dies hat wohl mit Ost oder West wenig zu tun: „Das hängt wesentlich mit einem Phänomen zusammen, das wir als
Braindrain bezeichnen: dem Wegzug vor
allem gut ausgebildeter Frauen in den
Westen“, erklärt Oliver Decker, einer der
Autoren der Studie, und ergänzt: „Dadurch wird im Osten die Alltagskultur
öfter durch Männer mit schlechterer Ausbildung und entsprechend geringeren beruflichen Möglichkeiten geprägt – einer
Gruppe also, die drei wesentliche Risikofaktoren für rechte Einstellungen in sich
vereint.“
Autoritär und ausgeliefert zugleich
Die stärkste Auswirkung auf die innere
Kompassnadel hat aber wohl die Persönlichkeitseigenschaft, die die Wissenschaftler „Autoritarismus“ nennen. Sie
beschreibt, wie sehr Menschen ein hartes
Durchgreifen des Staates bei Regelverstößen befürworten und wie groß andererseits ihre eigene Bereitschaft ist, sich anderen unterzuordnen. Eine ausgeprägte
autoritäre Gesinnung geht der Erhebung
zufolge häufig mit rechtsextremen und
demokratiefeindlichen Ansichten einher.
Doch was ist seinerseits die Ursache für
Autoritarismus? Decker und seine Kolle-
gen konnten in ihrer Analyse vor allem
zwei Einflussfaktoren belegen: Zum einen
ging hohe Zustimmung zu rechten Meinungen einher mit der Erinnerung an einen Erziehungsstil, der durch harte Strafen, Überforderung sowie durch fehlende
emotionale Nähe geprägt war. Und zweitens zählen die Autoren das bei diesen
Befragten häufige Gefühl dazu, einem
Staat ausgeliefert zu sein, der als autoritär
erlebt wird. Ob es für diese Wahrnehmung
objektive Gründe gibt, bleibt offen.
Insgesamt zeigte sich etwas mehr als
die Hälfte aller Befragten der Leipziger
Mitte-Studie nicht zufrieden damit, wie
„die Demokratie in Deutschland funktioniert“. Wohl aber wird die Demokratie
so, wie sie in der deutschen Verfassung
verankert ist, von mehr als 70 Prozent positiv gesehen, und eine sehr große Mehrheit befürwortet die Demokratie als Idee.
Die Autoren weisen darauf hin, dass mit
dem Begriff Demokratie unterschiedliche
Vorstellungen verbunden sein können,
etwa hinsichtlich der Frage, ob eine direkte Demokratie mit Volksentscheiden
für wünschenswerter gehalten wird als
PH
eine repräsentative.
LITERATUR
Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.): Flucht ins
Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte
der Gesellschaft. Psychosozial, Gießen 2018
https://tinyurl.com/PH-Leipziger-Mitte
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PSYCHOLOGIE
HEUTE 04/2019
65
„Eltern sind
auch nur Menschen“
Wir erzählen gerne davon, wie wir wurden, wer wir sind. Welche Spuren
hinterlassen unsere ersten Bezugspersonen, die Eltern, in dieser
Lebenserzählung? Die Psychologin Christin Köber ist dieser Frage
nachgegangen und stellte fest: Mit den Jahren wird unser Elternbild
differenzierter – aber keineswegs freundlicher
Frau Köber, in Ihrer Langzeitstudie Mainlife mit
Ihre jüngsten Probanden waren acht Jahre alt.
Tilmann Habermas haben Sie sich von Menschen
Wie erzählen Kinder von ihren Eltern?
ganz unterschiedlichen Alters deren bisheriges
Fast ausschließlich positiv und sehr idealisierend –
was auch schön ist, finde ich. Es wird bei den Kindern
viel von Weihnachten und anderen Festen erzählt,
von ihren Geschenken, von den Urlauben. In diesen
Kindergeschichten sind die Eltern meist die Helden.
die Eltern in diesen Ich-Erzählungen? Tauchen
sie eher unter „ferner liefen“ auf, oder spielen
sie als prägende Figuren die Hauptrolle?
Die Hauptrolle in der eigenen Lebenserzählung spielt
die erzählende Person selbst. Aber natürlich sind die
Eltern sehr wichtige Charaktere in dieser Geschichte. Besonders präsent sind die Eltern natürlich in Erzählungen aus der Kindheit. Etwa: Meine Mutter war
viel für mich da, sie hat mit mir gebastelt und gemalt
und mich ermutigt, Neues auszuprobieren. Oder:
Nach der Scheidung meiner Eltern waren beide sehr
beschäftigt, und ich habe viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. In den Erzählungen aus den Erwachsenenjahren sind die Eltern dann natürlich nicht
mehr so dominant und präsent. Schon in den Erinnerungen an die Jugendjahre tauchen Freunde häufiger auf als die Eltern. Und nach dem Auszug aus
dem Elternhaus rückt dann erst recht die eigene Lebenssituation in den Mittelpunkt, zum Beispiel die
Familie, die man nun selbst gegründet hat. Doch
nach unseren Befunden bleiben die Eltern auch in
diesen Phasen und über die gesamte Lebensspanne
hinweg wichtige Figuren im Hintergrund.
66
Dr. Christin Köber ist
Psychologin. An der
Universität Frankfurt
arbeitete sie mit
Professor Tilmann
Habermas an der
Langzeitstudie
Mainlife. Inzwischen
lehrt und forscht sie
an der New York
University Abu Dhabi
Dann kommt die Pubertät, und die gilt ja als eine Phase der Rebellion gegen die Eltern. Spiegelt sich das auch in den Lebenserzählungen von
Pubertierenden? Wie verändert sich das Elternbild in dieser Umbruchzeit?
Es wird ambivalenter. In den Erzählungen nehmen
die positiven Beschreibungen der Eltern ab, und die
negativen nehmen zu. Bei den Zwölfjährigen sind
noch 70 Prozent der Aussagen positiv, bei den Sechzehnjährigen ist es nur noch etwa die Hälfte. Ich sehe darin aber kein Schlechtmachen der Eltern, sondern ein Zeichen von kognitiver Reife: Erst in diesem
Alter sind Heranwachsende in der Lage, diese Ambivalenz in der Bewertung ihrer Eltern auszuhalten,
also neben ihren positiven auch die negativen Eigenschaften zu sehen. Dass die Eltern in diesem Alter
kritischer betrachtet werden, hat natürlich auch damit zu tun, dass man sich von ihnen emanzipieren
möchte und nach einer eigenen unabhängigen Identität sucht.
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
ILLUSTR ATION: CORINNA STAFFE
Leben erzählen lassen. Welche Stellung haben
Woran entzündet sich die Kritik an den Eltern?
Manchmal hat sie mit Lebensentscheidungen zu tun,
die die Eltern für einen getroffen haben, ohne dass
man früher mitentscheiden konnte. Ein Sechzehnjähriger erzählt etwa, wie seine Mutter ihn auf einer
Waldorfschule angemeldet hatte, „weil sie dachte,
dass das gut für mich sei. Sie mochte diese alternative Pädagogik. Doch es stellte sich als Irrtum heraus.
Die Pädagogik war nicht alternativ, sondern nicht
existent, die Lehrer waren seltsam und sehr inkompetent.“ In der Pubertät werden aber nicht nur die
Eltern selbst kritisch reflektiert, sondern erstmals
auch die eigene Beziehung zu den Eltern. Das ist ein
wichtiger Entwicklungsschritt. Zum Beispiel erzählte ein junger Teilnehmer, wie er sich nun erstmals
mit seinem seit langem von der Mutter geschiedenen
Vater auseinandersetzte, wie sie ein Treffen vereinbarten und sie gemeinsam über ihre Beziehung nachdachten.
Ist es nicht so, dass Pubertierende auf Teufel
komm raus nach allem Ausschau halten, was sie
an den Eltern nerven könnte?
Kindheit zurück. Die Eltern werden vielmehr auch
weiterhin mit ihren Schwächen beschrieben, gleichzeitig steigt aber das Verständnis für diese Schwächen.
Es scheint einem leichterzufallen, über die Fehler der
Eltern zu sprechen, sobald man akzeptiert hat, dass
sie eben auch nur Menschen sind, wie man selbst.
Ab zwanzig etwa konnten wir diese Haltung in den
Erzählungen zunehmend beobachten. Wenn man
aus dem Elternhaus ausgezogen ist und an der Uni,
im Beruf, in der Partnerschaft, der Familie ein eigenständiges Leben führt, dann realisiert man allmählich, wie begrenzt und limitiert ein Erwachsenenleben doch ist. Man versteht zunehmend, dass
auch die Eltern früher nicht so frei, autonom und
souverän in ihren Entscheidungen waren, wie einem
das damals als Kind und Jugendlicher vorkam. Und
dass die Eltern eben ihre eigene Biografie hatten, die
sie zu den Menschen machte, die sie waren. Gerade
Studienteilnehmer, deren Eltern den Krieg noch erlebt hatten, betrachteten diese oft unter dieser verständnisvollen, aber nicht unkritischen biografischen
Lupe.
Das mag vielleicht im Alltag so scheinen, aber in den
Lebenserzählungen trifft das Klischee, wonach Pubertierende stereotyp gegen alles rebellieren, was von
den Eltern kommt, so nicht zu. Das Elternbild wird
ambivalent, kippt aber keineswegs ganz ins Negative.
Werden die Eltern in den späteren Jahren, wenn
Aber heftig geht es in dieser Zeit bisweilen schon
Das ist nicht der Fall. Die positiven Beschreibungen
nehmen bis zum mittleren Erwachsenenalter eher
ab und halten sich dann mit den negativen die Waage. Im höheren Erwachsenenalter gab es dann keine
Unterschiede mehr im Vergleich zu den jüngeren Erwachsenen.
zu. Wenn die Pubertät dann überstanden ist, gehen junge Erwachsene erfahrungsgemäß wieder
etwas pfleglicher mit ihren Eltern um. Wird das
Verhältnis dann wieder freundlicher und entspannter?
Im Umgang wohl schon. In ihren Lebenserzählungen
allerdings kehrt man jenseits der Pubertät nicht etwa
zu der positiven Verzerrung des Elternbildes aus der
die „Kinder“ selbst an der Schwelle zum Alter
stehen, in einem milderen Licht gesehen und in
den Lebenserzählungen wohlwollender beschrieben?
Worauf führen Sie das zurück?
Ich weiß es nicht. Da braucht es mehr Forschung.
Sind Sie in den Erzählungen auch auf Schuldzuweisungen gestoßen? Etwa nach dem Motto:
„Hättet ihr mich damals stärker unterstützt, stünde ich jetzt besser da!“
DIE GROSSE ERZÄHLSTUDIE
An der Langzeitstudie Mainlife unter der Leitung von Tilmann
Habermas nahmen seit 2003 mehr als 400 Mädchen und
Jungen, Frauen und Männer im Anfangsalter zwischen 8 und
65 Jahren teil. Sie hatten die Aufgabe, entlang der sieben
wichtigsten Erinnerungen ihr bisheriges Leben zu erzählen. Im
Zentrum sollte dabei die Frage stehen: „Wie wurde ich zu der
Person, die ich heute bin?“ Diese Prozedur wurde im Abstand
von vier Jahren bislang dreimal wiederholt. Die fünfte und
letzte Befragungswelle ist jetzt für 2019 geplant. Die ältesten
Befragten sind inzwischen um die 80 Jahre alt.
68
Das gibt es sicher, aber ich kann mich an kein Beispiel für eine solche Schuldzuweisung aus unserer
Studie erinnern. Es gab sicher auch grundsätzliche
Kritik wie etwa „Meine Mutter war immer sehr kühl
zu mir“. Und was wir auch beobachteten: Eltern tauchen häufig in negativen Erzählsequenzen ohne Happy End auf, in denen von Enttäuschungen, Trauer
oder Ärger die Rede war. Vielleicht hielten solche
ungelösten Konflikte die Betreffenden emotional so
gefangen, dass sie in der Erinnerung sehr präsent
waren. Und diese emotionale Befangenheit behinderte womöglich, dass man sich in die Position der
Eltern hineinversetzte und in der Erzählung deren
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
„Stimme“ zu Wort kommen ließ. Auf der anderen
Seite beobachteten wir, dass die Eltern gerade in
schwierigen Situationen und an Wendepunkten im
eigenen Erwachsenenleben wie etwa einer schmerzhaften Scheidung als emotionale und handfeste Stütze erlebt wurden. In solchen Umbruchphasen bleiben
die Eltern wichtige Ansprechpartner und werden als
solche auch gesucht.
Die Eltern werden über
ihren Tod hinaus in die
Biografie integriert.
Man vergewissert sich ihrer
Bedeutung fürs Leben
Welche Unterschiede gibt es zwischen den Elternerzählungen von Frauen und Männern?
Obwohl Töchter, wie man aus anderen Studien weiß,
oft engere und wärmere Beziehungen zu ihren Eltern
haben als Söhne, fanden sich in ihren Elternerzählungen häufiger negative Urteile. Das könnte auch
daran liegen, dass Frauen generell mehr über ihre
Gefühle reden als Männer. Allerdings erklärt das
nicht, warum Frauen in einer bestimmten Altersgruppe vor allem mit ihren Vätern unzufrieden waren: Töchter im mittleren Alter, in den Vierzigern,
hatten weniger Verständnis für ihre Väter und waren
ihnen gegenüber weniger zugewandt, als dies bei den
Söhnen der Fall war. Die Mütter hingegen wurden
von den Töchtern weniger kritisch gesehen. Wir wissen nicht so richtig, woran das liegt.
Dass die verstorbenen Eltern mehr Raum in den Lebenserzählungen einnehmen, kann man mit dem
Bedürfnis erklären, das „geliebte Objekt“ nach dem
Verlust gegenwärtig zu halten. Die Eltern werden also sozusagen über den Tod hinaus in der Lebensgeschichte gehalten, sogar in verstärktem Maße. Man
vergewissert sich ihrer Bedeutung für das eigene Leben. Das dient auch dazu, die Trauer zu bewältigen
und mit dem Verlust umzugehen. Man versucht, den
Tod des Vaters oder der Mutter in die eigene Biografie zu integrieren und ihn im Kontext dieser Lebenserzählung zu verarbeiten.
Hätten Sie ein Beispiel?
aus unserem Leben?
Eine 44-jährige Teilnehmerin erinnerte sich daran,
wie sie als junge Frau ein Gartenbaustudium aufgenommen hat, einfach weil ihr Vater ihr das gesagt
hatte. Sie folgte seinem Wunsch, obwohl das Fach sie
eigentlich gar nicht interessierte. Prompt ging es
schief, und sie brach das Studium ab. Viele Jahre später bereinigte sich ihr Verhältnis zum Vater, als er
schwer erkrankte und sie ihn bis zum Tod pflegte.
Überhaupt ist die Pflege der Eltern eine emotional
wichtige Episode, die in den Lebenserzählungen von
älteren Studienteilnehmern häufig zur Sprache kam.
Wir erzählen, um Ereignisse zu verarbeiten. Wir erzählen ferner, was uns widerfahren ist, um zukünftig in ähnlichen Situationen besser gewappnet zu sein.
Und wir erzählen von uns und unserem Leben, um
eine emotionale Beziehung zum jeweiligen Gesprächspartner herzustellen und zu vertiefen. Die
meisten Erzählungen sind eher Alltagsanekdoten:
Wir haben das Bedürfnis, anderen mitzuteilen, was
uns heute so passiert ist. Aber es gibt auch Erzählungen, die viel weiter zurückreichen. Manche von ihnen
handeln von wichtigen Markierungen und Weggabelungen des eigenen Lebens. Menschen erzählen
spontan immer wieder von solchen markanten Episoden, die für sie ein besonderes Gewicht haben.
Wie verändern sich die Erzählungen von der Mutter oder dem Vater mit deren Tod?
Der Tod steigerte ihre Präsenz in den Lebenserzählungen, das heißt, sie tauchten dann häufiger in den
geschilderten Erinnerungen auf. Sie wurden aber
deshalb nicht positiver oder verständnisvoller beschrieben, und es wurde in den Erzählungen auch
nicht mehr Verbundenheit zu ihnen hergestellt. Die
Hinterbliebenen verfahren also erstaunlicherweise
nicht etwa nach dem Motto: „Über Tote spricht man
nicht schlecht.“
Sind uns die Lebenserinnerungen, die mit dem
Verstorbenen verbunden sind, dann deshalb so
präsent, weil wir seiner gedenken, ihm Ehre erweisen wollen? Oder gibt es auch persönlichere
Gründe?
PSYCHOLOGIE HEUTE
Warum erzählen wir Menschen so gern und viel
Welche Rolle spielen diese Lebenserzählungen
für unsere Identität, unser Ich-Empfinden?
Ich denke, sie prägen ganz maßgeblich unsere Identität. Wir beschreiben, was uns als Person ausmacht,
indem wir von uns erzählen. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der sich wie in einem Fragebogen
anhand von Eigenschaftswörtern beschreibt, also
etwa wie extravertiert oder pünktlich er ist. Wir schildern uns anhand von erinnerten Episoden aus unserem Leben, und diese Ereignisse verknüpfen wir
mental zu einer Erzählung von uns selbst: So bin ich
zu der Person geworden, die ich heute bin.
PH
INTERVIEW: THOMAS SAUM-ALDEHOFF
04/2019
69
DOSSIER BERUF& LEBEN
DOSSIER
BERUF&
LEBEN
REDAKTION: EVA-MARIA TRÄGER
70
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Zeitfragen:
Wie wollen wir arbeiten?
Immer mehr Menschen wünschen sich, weniger oder zumindest flexibler
zu arbeiten. Sie wollen Freiräume statt starrer Strukturen. Doch tut uns
das wirklich gut? Was ist die ideale Arbeitszeit? Und wovon hängt sie ab?
VON MANUELA LENZEN
ILLUSTR ATIONEN: JULIA SCHWARZ
I
m Jahre 1928 dachte der britische Ökonom John Maynard Keynes darüber
nach, wie viel seine Enkel wohl würden arbeiten müssen. Er rechnete die
steigende Produktivität der Wirtschaft
hoch und kam auf maximal 15 Stunden
pro Woche. Zum ersten Mal seit seiner
Erschaffung werde der Mensch dann vor
die Frage gestellt, wie er seine Freiheit von
drückenden wirtschaftlichen Sorgen verwenden und seine Freizeit ausfüllen könne, um weise, angenehm und gut zu leben,
sinnierte Keynes damals.
Heute füllen Berichte über immer intelligentere Maschinen, die uns immer
mehr Arbeit abnehmen können, die Medien. Die Verwirklichung von Keynes’
Vision ist jedoch auch in der Generation
seiner Urenkel nicht in Sicht.
Die Zahl der durchschnittlich gearbeiteten Stunden pro Jahr in Deutschland
ist seit den 1960er Jahren zwar kontinuierlich rückläufig. Nach einer Arbeitszeitbefragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) arbeiten Vollzeitbeschäftigte in DeutschPSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
land aber immer noch im Mittel 43,4
Stunden in der Woche. Das sind knapp
fünf Stunden mehr als die im Durchschnitt vertraglich vereinbarten 38,6
Stunden.
Dennoch scheint die Arbeitswelt im
Umbruch: Noch nie standen so viele Menschen – und vor allem so viele Frauen – in
einem Arbeitsverhältnis, und noch nie
arbeiteten so viele Menschen in Teilzeit.
Arbeitgeber wie Arbeitnehmer drängen
auf mehr Flexibilität. Für Erstere vertragen sich die gesetzlich geregelten Arbeitsund Ruhezeiten schlecht mit den Anforderungen von Globalisierung, Digitalisierung und Projektarbeit, Letztere suchen
Möglichkeiten, Arbeit und andere Verpflichtungen besser zu vereinbaren.
Vertreter von Gewerkschaften, Interessenverbänden wie der Nichtregierungsorganisation Attac und auch der SPD sehen die Zeit gekommen für den Sechsstundentag, die 30-Stunden- oder die
Viertagewoche. Das neue Brückenteilzeitgesetz verschafft Arbeitnehmern unter
bestimmten Bedingungen das Recht, von
Teilzeit zu Vollzeit zurückzukehren. Gewerkschaften und SPD streiten zudem für
ein Recht auf Heimarbeit. Hundert Jahre
nach Einführung des Achtstundentages
steht die Frage, wie viel und wie flexibel
wir arbeiten sollen, also ganz oben auf der
Tagesordnung. Aber was ist eine gute Arbeitszeit? Und woran macht sie sich fest?
Bislang ist die Vollzeitbeschäftigung
nach wie vor das dominierende Arbeitszeitmodell, doch immerhin 42 Prozent
der Frauen und sieben Prozent der Männer arbeiten in Teilzeit; Pflegezeit, Elternzeit, Sabbaticals und zeitweise Freistellungen lockern die klassische Erwerbsbiografie auf. Der BAuA zufolge sind 40 Prozent
der Beschäftigten mit ihrer Arbeitszeit
zufrieden, 47 Prozent aller Beschäftigten
und 55 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen
würden aber gerne weniger arbeiten, und
ein Drittel der Teilzeitbeschäftigten
wünscht sich die Möglichkeit aufzustocken. „Frauen würden im Durchschnitt
gerne 30 Stunden arbeiten, Männer 38
Stunden“, sagt Angelika Kümmerling vom
Institut Arbeit und Qualifikation der
71
DOSSIER BERUF& LEBEN
Universität Duisburg-Essen. Sie hält diese Durchschnittswerte aber für wenig aussagekräftig: „Die Bedürfnisse und Arbeitsformen haben sich sehr stark ausdifferenziert.“
In vielen Firmen existieren auch deshalb unterschiedliche Arbeitszeitmodelle
nebeneinander. Bei BorgWarner Turbo
Systems in Kirchheimbolanden etwa, einem US-amerikanischen Automobilzulieferer, gilt aktuell eine 35-Stunden-Woche mit großem Gleitzeitrahmen. Die Beschäftigten können zwischen 6 und 20 Uhr
flexibel im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben arbeiten.
In der Produktion seien zwar in der
Regel nach wie vor fixe Schichtmodelle
im Einsatz, da individuelle Regelungen
dort „organisatorisch nur schwierig abzubilden“ seien, erklärt Christoph
Schwarz, Leiter der Organisations- und
Personalentwicklung, der Gleitzeitrahmen könne aber auch in diesem Bereich
voll genutzt werden. Zudem könnten alle
Mitarbeiter auf Arbeitszeitkonten Plusund Minusstunden sammeln, auch Teilzeitarbeit werde angeboten.
Früher ging es
Bewerbern
um Karriere und
Fortkommen,
heute wünschen sie
sich Flexibilität
Die Möglichkeiten würden gut angenommen. Vor allem für Arbeitnehmerinnen, die früher wegen eines Kindes ganz
ausgestiegen sind, sei es eine gute Sache,
dass sie jetzt dabeibleiben könnten. „Wenn
man ganz aussteigt, wird man eben doch
abgehängt, das ist das Feedback, das ich
von den Mitarbeiterinnen bekomme.“
Schwarz registriert aber auch, dass sich
die Präferenzen aller Beschäftigten verändern. Dass etwa Männer in Elternzeit
gehen, sei ein neues Phänomen, das er seit
drei oder vier Jahren beobachte. „Die Führungsetage war da zu Beginn schon mal
irritiert, jetzt aber wird die Möglichkeit
auch dort genutzt“, sagt er. Früher sei es
Bewerbern immer um Karriere und Fortkommen gegangen: „Wie geht’s weiter,
höher, schneller? Heute fragen sie auch:
Kann ich freitags von zu Hause arbeiten,
kann ich auch als Führungskraft eine
35-Stunden-Woche haben?“
Neben der Wochenstundenzahl bestimmt vor allem die Verteilung der Arbeitszeit den Alltag. Dass zumeist in Achtstundentagen gearbeitet wird, hat vor allem historische Gründe. „Die Begrenzung
Arbeitszeit und ihre Formen
Das deutsche Recht erlaubt den Achtstundentag an sechs
zent der Betriebe bieten allerdings die Möglichkeit, Ar-
Werktagen pro Woche. Laut Arbeitszeitgesetz sind in
beitszeitguthaben für Langzeitfreistellungen anzusparen.
Ausnahmefällen bis zu zehn Stunden Arbeit pro Tag mög-
nen Vertrauensarbeitszeit und Homeoffice sein. Laut einer
nicht länger als acht Stunden pro Werktag gearbeitet wird.
Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
Arbeit an Sonn- und Feiertagen ist grundsätzlich verboten,
würden vier von zehn Deutschen gerne zumindest ab und
ausgenommen sind Tätigkeiten, die gewöhnlich an diesen
zu von zu Hause aus arbeiten, was bei etwa 40 Prozent der
Tagen stattfinden müssen, von der Medizin bis zur Gastro-
Tätigkeiten im Prinzip möglich wäre. Knapp 40 Prozent der
nomie.
Unternehmen bieten diese Möglichkeit auch an. Je nach
Dem Arbeitszeitreport Deutschland für 2016 zufolge ha-
Umfrage arbeiten bislang aber nur zwischen neun und elf
ben nur vier von zehn Beschäftigten Einfluss darauf, wann
Prozent der Beschäftigten regelmäßig oder gelegentlich
sie mit der Arbeit beginnen, wann sie sie beenden und sich
von zu Hause aus.
ein paar Stunden freinehmen können. Beschäftigte in der
Bei der Vertrauensarbeitszeit ist es den Beschäftigten
Industrie und in größeren Betrieben haben dabei größe-
selbst überlassen, wie viel Zeit sie im Unternehmen oder am
re Spielräume als solche, die im Handwerk und in kleineren
eigenen Schreibtisch verbringen, um ihre Aufgabe zu er-
Betrieben tätig sind.
füllen. Das Modell ist eher bei hochqualifizierten oder Füh-
Immerhin 61 Prozent der Beschäftigten haben ein
72
Flexibler als die unterschiedlichen Gleitzeitmodelle kön-
lich, wenn innerhalb von sechs Monaten im Durchschnitt
rungstätigkeiten zu finden und wird nach einer Statistik des
Arbeitszeitkonto und können über das angesparte Zeit-
Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von
guthaben mehr oder weniger frei verfügen. Nur zwei Pro-
29 Prozent der Betriebe und Verwaltungen angeboten.
PSYCHOLOGIE HEUTE
ML
04/2019
der Arbeitszeit ist eigentlich eine Notlösung“, sagt Friedhelm Nachreiner, Leiter
der gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung (siehe Interview auf Seite 77). Eigentlich sollte es darum gehen, Schäden oder Beeinträchtigungen zu vermeiden. „Doch weil man
insbesondere die psychische Belastung so
schlecht messen kann, hält man sich der
Einfachheit halber an die Arbeitszeit, um
die Belastung und ihre Auswirkungen im
Griff halten zu können.“
Eine Frage der Belastung
Wie viele Arbeitsstunden pro Tag ideal
sind, lässt sich nicht so leicht bestimmen;
für manche Tätigkeiten könnten sechs
Stunden schon zu viel sein. „Kann man
die Aufgabe automatisch und ohne große
Aufmerksamkeitszuwendung abarbeiten,
muss man komplexe Regeln anwenden
oder ständig neue Lösungen finden? Natürlich gibt es Abstufungen und Mischformen, aber diese und andere Formen
der Belastung bestimmen, wie lange jemand eine Tätigkeit ausführen kann“, sagt
Nachreiner. Eine vernünftige Arbeitszeit
sei eine, die weder die Sicherheit noch die
Gesundheit oder das soziale Leben der
Beschäftigten beeinträchtige. Nach sieben
bis acht Stunden Beschäftigung steige die
Wahrscheinlichkeit, einen Arbeitsunfall
zu erleiden, rasant an, mehr sollte es also
auf keinen Fall sein. „In der zehnten Stunde einer Schicht muss man sich deutlich
mehr anstrengen als in der zweiten, wenn
man die gleiche Leistung erbringen will“,
so Nachreiner. „Nach zwölf Stunden ist
das Unfallrisiko doppelt so hoch wie im
Schnitt der ersten acht Stunden.“
Erste Ermüdungserscheinungen treten
schon nach einer halben Stunde Arbeit
auf. Um zu vermeiden, dass sie überhandnehmen, stehen den Beschäftigten Pausen
zu: bei mehr als sechs Stunden Arbeit mindesten eine halbe Stunde, ab neun Stunden 45 Minuten. Daneben legen Menschen aber auch kürzere Auszeiten von
mehreren Sekunden bis einigen Minuten
ein – etwa um sich zu strecken, den Blick
schweifen zu lassen oder sich einen Kaffee
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
zu holen. „Durch solche Pausen gehen
teilweise bis zu zehn Prozent der vorgegebenen Arbeitszeit verloren. Deshalb
sind sie Arbeitgebern bisweilen ein Dorn
im Auge“, sagt Johannes Wendsche von
der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und
Arbeitsmedizin. „Tatsächlich aber führen
insbesondere systematische Pausen dazu,
dass die Arbeitenden mehr schaffen statt
weniger.“ In den Auszeiten werde nicht
nur Ermüdung abgebaut, sie motivierten
auch. Das besagt zumindest das von den
Psychologen Winfried Hacker und Peter
Richter formulierte „Gesetz der dauerabhängigen Anstrengung“: Wenn wir eine
Aufgabe angehen, planen wir demnach
schon ein, wie lange sie dauern wird, und
richten unseren Einsatz danach aus. „Je
kürzer die Etappe bis zur nächsten Pause
ist, desto mehr hängt man sich rein“, erklärt Wendsche.
Manche Unternehmen experimentieren auch mit einer Verkürzung der Arbeitszeit. Die Stadt Göteborg etwa ließ von
2015 bis 2017 die Beschäftigten in einem
Altenheim sechs statt acht Stunden pro
Tag arbeiten, bei vollem Lohnausgleich.
Die Arbeitszufriedenheit stieg, der Krankenstand sank. Dennoch wurde das Projekt aufgegeben, weil die Kosten für die
erforderlichen Neueinstellungen zu hoch
waren, so die Begründung. Gesamtgesellschaftlich gesehen könnte sich ein solches
Modell auszahlen, rechnen Forscher vor.
Da die höheren Lohnkosten aber von den
Unternehmen zu tragen sind, sei ein solcher Schritt für diese meist nicht wirtschaftlich. Bei der Bielefelder IT-Agentur
Digital Enabler wird bei vollem Lohnausgleich nur fünf Stunden pro Tag gearbeitet. Die Idee: Wer fünf Stunden richtig
anpackt, schafft genauso viel wie jemand,
der acht Stunden nur irgendwie hinter sich
bringt. Ob sich das Modell auf Dauer rechnet, muss sich noch zeigen.
„Ich denke schon, dass wir ernsthaft
über den Sechsstundentag als neuen Arbeitszeitstandard nachdenken sollten“,
73
DOSSIER BERUF& LEBEN
sagt Yvonne Lott, die bei der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf über flexibles
Arbeiten forscht. „Aber dann muss die
Arbeit anders organisiert werden. Man
kann nicht einfach immer nur intensiver
arbeiten, um schneller fertig zu werden.“
Viele Arbeitnehmer wünschen sich die
Möglichkeit, ihre Arbeitsstunden freier
über den Tag zu verteilen. Neben das
nine to five-Modell sind andere Arbeitszeitformen getreten, darunter auch
Homeoffice und Vertrauensarbeitszeit
(siehe Kasten auf Seite 72). „Was sich davon realisieren lässt, hängt von der Tätigkeit und auch von der Hierarchiestufe ab“,
sagt Lott. „Zu Homeoffice und Vertrauensarbeitszeit gehört auch eine entsprechende Kultur im Unternehmen“, ergänzt
Roda Müller-Wieland, die in Berlin am
Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zu Arbeit und Führung der Zukunft forscht.
Misstrauen aufseiten
der Arbeitgeber
Oft herrsche in Unternehmen gegenseitiges Misstrauen, etwa was die Arbeit zu
Hause angehe. „Die Arbeitgebenden befürchten, dass die Mitarbeitenden das ausnutzen und zu wenig tun, und die Arbeitnehmenden befürchten, dass sie mehr
arbeiten, als vereinbart ist und entlohnt
wird.“ Wenn nur die befördert würden,
die immer präsent sind, die signalisieren,
dass sie bereit sind, lange und überlange
zu arbeiten, wenn die Vorgesetzten durch
Überstunden glänzten und die Arbeit so
organisiert sei, dass die Projekte in der
vorgesehenen Zeit nicht zu schaffen sind,
wenn Vertretungsregelungen fehlten und
die Kollegen ausbaden müssten, wenn jemand früher geht, könnten solche flexiblen Modelle kaum gelingen und schnell
zu mehr Arbeit führen.
Viele Firmen scheuten auch die logistische Herausforderung, sagt Müller-Wieland: von der Technik, die beschafft werden muss, über die Arbeitsplätze, die eingerichtet und kontrolliert werden müssen,
bis hin zu einem erhöhten Aufwand für
Abstimmung und Kommunikation. Auch
74
Nicht nur für
Unternehmen
können flexible
Formen der
Arbeit zum
Problem werden
für Arbeitnehmer ist die Abkehr von der
Präsenzkultur jedoch nicht frei von Problemen. So bequem es sein mag, sich morgens gleich an den Schreibtisch setzen zu
können, statt Zeit im Stau zu vertrödeln:
Wer nicht im Büro ist, bekommt vieles
nicht mit, Begegnungen mit Kollegen fallen weg und damit mitunter auch die Inspiration, die man aus Gesprächen am
Kaffeeautomaten oder in der Teeküche
ziehen kann.
„Eine weitere Herausforderung besteht
darin, die Fähigkeit zum Selbstmanagement aufzubauen, sich den Tag zu strukturieren und sich nicht selbst auszubeuten“, sagt Arbeitsforscherin Müller-Wieland. Beschäftigte im Homeoffice leisten
nach Angaben des Bundesministeriums
für Arbeit und Soziales etwa drei Überstunden mehr pro Woche als ihre Kollegen im Büro und haben weniger Möglichkeiten, diese durch Freizeit auszugleichen. „Beim Homeoffice kommt es wohl
auch auf die Anzahl der Stunden an“, sagt
der Arbeits- und Organisationspsychologe Günter Maier von der Universität
Bielefeld: „Wenn Homeoffice ermöglicht
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
wird, steigt die Arbeitszufriedenheit an,
bei mehr als 15 Stunden pro Woche sinkt
sie aber wieder ab.“ Nur von zu Hause aus
zu arbeiten ist also offenbar auch nicht
die Lösung.
Ein Nebeneffekt der Option, räumlich
und zeitlich flexibler zu arbeiten, ist die
dauernde Erreichbarkeit. Im Arbeitszeitreport Deutschland geben 22 Prozent der
Befragten an, dass ihr Arbeitsumfeld von
ihnen erwartet, auch im Privatleben für
dienstliche Angelegenheiten erreichbar zu
sein. Bei Führungskräften ist dies ausgeprägter als bei anderen Beschäftigten der
Fall, in größeren Unternehmen kommt
es seltener vor als in kleineren.
Ortsunabhängigkeit bedeutet
nicht immer Freiheit
Die digitalen Kommunikationstechnologien machen es möglich, viele Tätigkeiten
ortsunabhängig auszuführen, dadurch
haben sich auch neue Arbeitsformate entwickelt, die vor allem Selbständigen vordergründig maximale Freiheit ermöglichen. Sogenannte Click- oder Crowdworker etwa erledigen kleine Aufträge, die auf
digitalen Plattformen vergeben werden:
Preise von Spesenrechnungen abtippen,
Kleidungsstücke beschreiben und Ähnliches. Hängt das Einkommen tatsächlich
von dieser Tätigkeit ab, stellt sich der Arbeitstag allerdings oft nicht sehr flexibel
dar: „Zu Stoßzeiten, wenn neue Aufträge
eingestellt werden, muss der Clickworker
bereitstehen, die Ankündigungen kleiner
Aufträge unterbrechen immer wieder den
Tag, häufig ohne dass er wirklich kontinuierlich und lohnend arbeiten könnte“,
erklärt Soziologin Angelika Kümmerling.
Ein anderes flexibles Konzept verfolgen
sogenannte Digitalnomaden. Als Freelancer, Blogger oder mit einer via Laptop zu
realisierenden Geschäftsidee finanzieren
sie sich ein Leben, bei dem das Reisen häufig im Vordergrund steht. „Was man arbeitet, ist oft zweitrangig“, erklärt Conni
Biesalski, die vor einigen Jahren als Reisebloggerin begonnen hat und heute Onlineworkshops und Coachings anbietet und
Provisionen für Produktempfehlungen
bekommt. „Wenn man dann viel und
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Zeit und Arbeit
Chronobiologie. Zwar sind Menschen, die vom Chronotyp her eher „Lerchen“ sind, also früher am Tag aktiv
werden, etwa zwei Stunden früher dran als „Eulen“ mit
ihrer Präferenz für spätere Stunden, doch im Wesentlichen gilt: Anspruchsvolle Aufgaben sollten vormittags
erledigt werden, dann ist die Konzentrationsfähigkeit
am größten. Nach einem Mittagstief steigt die Leistungsfähigkeit wieder und sackt gegen Abend immer
weiter ab. Manche Menschen sind flexibler als andere,
aber in der Nacht erbringt kaum jemand Höchstleistungen. Passende Arbeitszeiten wirken sich positiv auf
die Leistungsfähigkeit, aber auch auf Gesundheit und
Motivation aus.
Zeitdruck. Das Gefühl, zu wenig Zeit für die zu erledigenden Aufgaben zu haben, kann vorübergehend
sein, etwa vor einem Abgabetermin, oder dauerhaft
belasten. Gründe können eine schlechte Arbeitsorganisation, Überforderung oder schlicht die Tatsache sein,
dass mehr zu tun ist, als man schaffen kann. Ist der Arbeitsablauf durchdacht und der Stress bleibt trotzdem,
sollten Betroffene das Gespräch mit Vorgesetzten
und/oder Betriebsrat suchen oder sich, etwa als Selbständige, anderweitig beraten lassen, zum Beispiel
durch einen Coach oder Psychologen. Auf Pausen
zu verzichten und Überstunden anzuhäufen ist keine
nachhaltige Lösung.
Struktur. Wie nutzt man Arbeitszeit möglichst effizient? Am besten verschafft man sich zuerst einen Überblick, was zu tun ist, und setzt Prioritäten. Zusammenhängende Aufgaben sollte man ohne Unterbrechungen
und Störungen bearbeiten, wobei von 90 Minuten etwa
75 Minuten dem konzentrierten Arbeiten und 15 Minuten der Entspannung dienen sollten. Ein Wechsel von
Konzentration und Entspannung ist effizienter als ein
„Durchpowern“.
Grenzen. Genug ist genug: Wenn man müde wird,
hätte man schon längst Pause machen sollen, und ein
am Computer verbrachter Abend dient nicht der Erholung. Eine eigenverantwortliche Gestaltung des Arbeitstages will gelernt und konsequent umgesetzt sein.
Arbeitgeber sollten ihre Angestellten mit entsprechenden Fortbildungen oder Leitfäden dabei unterstützen,
Selbständige können auf Ratgeber zurückgreifen oder
professionelle Beratung suchen. Zentral ist: dem Tag
eine Struktur zu geben, für störungsfreie Arbeitsphasen zu sorgen, Pausen und arbeitsfreie Zeiten einzuplanen – und sie auch einzuhalten.
ML
75
DOSSIER BERUF& LEBEN
Bei der Debatte um
Arbeitszeiten spielt die
Frage von Selbstund Fremdbestimmung
immer eine Rolle
schnell herumgereist ist, stellt man irgendwann fest, dass das Reisen an sich einen
auch nicht glücklich macht“, sagt die
35-Jährige. „Irgendwann wird es langweilig, sich Sehenswürdigkeiten und schöne
Strände anzugucken. Es geht im Leben darum, etwas Bedeutungsvolles zu tun. Und
wenn man ein Business aufbauen will,
braucht man Stabilität und Routinen.“
Inzwischen hat Biesalski wieder eine
„Homebase“, also einen Platz, an den sie
immer wieder zurückkommt. Sie arbeite
zwischen 30 und 50 Stunden pro Woche,
sagt sie, je nachdem ob gerade ein neues
Projekt starte. „Ich schaue nicht auf die
Uhr, sondern versuche einfach, in kurzer
Zeit viel zu schaffen. Dabei geht es weniger um Effizienz: Ich liebe, was ich tue,
da spielt Zeit nicht so eine Rolle.“ Das gilt,
wenn auch meist weniger radikal, für viele Unternehmer. Selbständige haben häufiger als abhängig Beschäftigte überlange
Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden
pro Woche, fast die Hälfte von ihnen arbeitet regelmäßig an den Wochenenden.
Die Forschung warnt davor, Arbeit und
Freizeit zu eng zu verquicken: Auf die Dauer korreliert eine ständige Erreichbarkeit
ebenso wie überlange Arbeitszeiten und
überraschende Veränderungen in den Arbeitsplänen mit mehr Klagen über gesundheitliche Beschwerden, insbesonde76
re körperliche Erschöpfung und Schlafstörungen. „Klare Absprachen, wann wer
erreichbar ist und wann nicht, sind bei
flexibler Arbeit ganz wichtig“, sagt auch
deshalb die Arbeitsforscherin Angelika
Kümmerling. Flexibilität, die vom Arbeitgeber eingefordert wird, wirkt sich nach
einer neuen IAB-Übersichtsstudie eher
negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten aus, bei selbstgesteuerter Flexibilität treten diese Effekte nicht ein. Ein gesundheitlicher Nutzen ist allerdings auch
nicht zu belegen.
Steigende Ansprüche
Selbst- oder Fremdbestimmung, Lebenskonzepte, Rollenvorstellungen, Gleichberechtigung – bei der Debatte um Arbeitszeiten werden komplexe gesellschaftliche
Fragen immer mitverhandelt. Die Ansprüche an die Arbeit und ihre Gestaltung
steigen – zumindest in manchen Teilen
der Bevölkerung. „Wir müssen aufpassen,
dass wir hier keine Luxusdiskussion führen und nur über die sprechen, die mit
dem PC irgendwo arbeiten können“, sagt
Arbeitspsychologe Friedhelm Nachreiner.
„Ein großer Teil der Bevölkerung hat gar
keine Chance, diese ‚schicken‘ Konzepte
zu nutzen. Wir brauchen auch tragfähige
Lösungen für die, die am Band stehen oder
im Verkauf.“ Anders als bei den oft raren
Fachkräften sähen sich Arbeitgeber bei
weniger qualifizierten Tätigkeiten nicht
gezwungen, den Vorstellungen der Beschäftigten entgegenzukommen: „Hier
geht es eher ums Sparen als darum, dass
man keine Arbeitskräfte findet“, sagt
Yvonne Lott. Statt zu einer Entspannung
komme es zu einer Verdichtung der Arbeit
– mit entsprechenden Nachteilen für die
Betroffenen.
Die ideale Arbeitszeit ermöglicht allen
– egal in welcher Branche sie tätig sind,
gleichgültig ob angestellt oder selbständig
– Zeit für Rekreation und Familie, sie lässt
sich zuverlässig planen und bei Bedarf
verschieben, kann meist am Arbeitsplatz,
manchmal aber auch zu Hause erledigt
werden und deckt sich halbwegs mit der
Arbeitszeit der Mitmenschen – bei sicherer Entlohnung. Bleibt das ein unerfüllbarer Traum?
Die Verwirklichung der Vision, die
John Maynard Keynes vor bald 100 Jahren
formulierte, wird damit beginnen müssen, darüber nachzudenken, was wir uns
unter einem weisen, angenehmen und guten Leben vorstellen – und welche Rolle
die Arbeit darin spielen kann und muss.
Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf
psychologie-heute.de/literatur
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
„Die Arbeit ist auch
ein Rhythmusgeber“
Flexible Arbeitszeiten schaffen Spielräume, um den Arbeitstag zu gestalten.
Doch dies muss gut gemacht werden, sonst kann Flexibilität auch schaden
Herr Professor Nachreiner, viele Ar-
eigenen Verhaltens wie bei einer ver-
ken, unübliche Arbeitszeiten durch län-
beitnehmer und auch die Arbeitgeber
nünftigen Arbeitszeit; der ständge
gere arbeitsfreie Zeit auszugleichen.
wünschen sich flexiblere Arbeitszei-
Wechsel greift offenbar tief in die
Das heißt, es wäre besser, wir würden
ten. Dann ist doch alles in Ordnung?
Handlungsregulationsstrukturen ein, was
alle regelmäßig unseren Achtstunden-
Nun ja, tatsächlich verlangen beide Sei-
dazu führt, dass man unsicherer arbeitet.
tag arbeiten?
ten, dass sich der jeweils andere anpas-
Außerdem werden die sozialen Rhyth-
Im Prinzip ja, wobei acht Stunden oft
sen und Verständnis dafür haben soll,
men gestört.
schon zu viel sind. Wenn wir uns heu-
dass das Gegenüber Wert auf seine
Inwiefern?
te die Belastungen ansehen, die bei be-
Form der Flexibilität legt. Die Unterneh-
Der Freiraum, in dem wir nicht arbeiten
stimmten Jobs vorliegen, wäre eine kür-
men wünschen sich Flexibilität, weil die
müssen, ist dazu da, dass wir uns erho-
zere Arbeitszeit angemessener. Wenn
Anforderungen an die Produktion ande-
len können, er ist aber auch der Raum
man Arbeitnehmer an mehreren Tagen
re und insbesondere variabler geworden
für soziale Aktivitäten, etwas mit der Fa-
hintereinander untersucht, kann man
sind, und das soll durch variable Arbeits-
milie oder mit Freunden zu machen, an
feststellen, dass sie immer noch Belas-
zeiten abgefedert werden.
einem Vereinsleben teilzunehmen oder
tungen vom Vortag mitbringen und zum
sich ehrenamtlich zu engagieren. Die-
Beispiel ein höheres Unfallrisiko haben.
Arbeitnehmer denken eher daran, wie
sie Arbeit und andere Belange – Kinder-
se Aktivitäten unterliegen in ihrer zeit-
Das sollte nicht so sein. Man sollte aus-
erziehung, Pflege der Eltern, soziale und
lichen Struktur dem sozialen Rhythmus
geruht zur Arbeit kommen können. Ich
kulturelle Teilhabe – besser vereinbaren
einer Gesellschaft. Wenn man nun zu al-
werte das als Hinweis darauf, dass die
können. Natürlich ist Flexibilität erst ein-
len möglichen und unmöglichen Zeiten
Intensität der Belastung zu hoch und
mal nicht schlecht, weil sie Spielräume
arbeitet, wird es schwierig, an so etwas
die Arbeitszeit für diese Belastung zu
für die Gestaltung des Arbeitstages und
teilzunehmen.
lang ist.
der nicht arbeitsbezogenen Bereiche
Wir haben festgestellt, dass die so-
Es ist gut, dass Frauen heute bes-
schafft. Aber man muss das vernünftig
zialen Rhythmen in den letzten 20 Jah-
ser aus den diskriminierenden Teilzeit-
machen.
ren im Wesentlichen gleich geblieben
verhältnissen herauskommen. Und auch,
Was bedeutet das?
sind. Die Abende und die Wochenenden
dass jetzt Männer häufiger in Teilzeit
Die Arbeit ist auch ein Rhythmusge-
sind immer noch die sozial wertvollsten
gehen, ist gut. Doch es zeigt sich im-
ber. Unser sozialer und auch biologi-
Zeiten. Das Wochenende beginnt heu-
mer deutlicher, dass man gut aufpas-
scher Rhythmus wird durch die Arbeits-
te etwas früher als vor 20 Jahren, schon
sen muss, damit man mit der Flexibili-
zeit synchronisiert und stabilisiert –
am Freitagabend, dafür ist der Samstag
tät nicht viele Dinge – insbesondere Ar-
oder eben nicht. Wir sind unter anderem
nicht mehr ganz so wichtig. Der Sonn-
beitsschutzregelungen – kaputtmacht.
der Frage nachgegangen, wie sich die
tag ist in seiner Bedeutung als freier Tag
INTERVIEW: MANUELA LENZEN
Variabilität der Arbeitszeit auf das Un-
geblieben. Da hilft es nur bedingt, wenn
PH
fallrisiko auswirkt. Dabei ist sehr deut-
Sonntagsarbeit mit einem freien Montag
lich geworden: Wenn Sie hochvariable
ausgeglichen wird, an dem dann eben
Arbeitszeiten haben, steigt das Risiko für
die Freunde arbeiten.
Arbeitsunfälle um 25 bis 27 Prozent. Es
Hin und wieder zu anderen Zeiten ar-
geht dabei nicht um die Frage, wie lange
beiten ist okay, es darf nur keine Dauer-
Sie arbeiten, es geht nur um die Variabi-
lösung werden. Auch wenn ich es selbst
lität, die zum Effekt der Dauer
will: Wenn die Arbeit meinen biologi-
dazukommt.
schen und sozialen Rhythmus stört, hat
Man hat dann nicht mehr die erforderliche Kompetenz zur Steuerung des
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
das negative Folgen für mein Wohlbefinden. Man muss daher darüber nachden-
Prof. Dr. Friedhelm Nachreiner ist Arbeitspsychologe und
befasst sich seit vielen Jahren
mit Arbeitszeit, Arbeitsschutz
und psychischer Belastung in
der Arbeit. Er ist Vorsitzender
der Gesellschaft für Arbeits-,
Wirtschafts- und Organisationspsychologische
Forschung e. V. (GAWO). Zuvor war er Professor für angewandte Psychologie mit dem
Schwerpunkt Arbeitspsychologie an der Universität Oldenburg.
77
LEKYS AUSSICHTEN
JETZT ABER SOFORT
ZWEI MOHNBRÖTCHEN! BITTE!
N
euerdings gehe ich einmal pro Woche mittags mit meinem Nachbarn
Herrn Pohl spazieren. Herr Pohl
muss raus, weil sein steinalter Zwergpinschermischling Elise raus muss. Ich muss
raus, weil mein mittelalter unterer Rücken
vehement um Unterbrechung der sitzenden
Tätigkeit bittet.
Herr Pohl ist ein stiller und sehr höflicher
Mensch, und meistens ist er guter Dinge.
Heute aber ist er ungehalten. „Sie müssen
entschuldigen“, sagt er, „ich bin heute etwas
unwirsch.“
„Nussecke?“, frage ich, denn das ist Herrn
Pohls Lieblingsgebäck. Die Schlange in der
Bäckerei ist lang. An der Theke steht eine
kleine alte Dame mit vielen Tüten, die längst
dran wäre, von der Verkäuferin aber ständig
übersehen wird, und immer, wenn die alte
Dame gerade Luft holen will, um ihre Bestellung aufzusagen, drängelt sich ein anderer vor. „Entschuldigung“, rufe ich der Ver-
78
Mariana Leky ist mit ihrem
Roman Was man von hier
aus sehen kann seit vielen
Wochen in den Bestsellerlisten. In Psychologie
Heute schreibt sie jeden
Monat darüber, was die
Menschen, die sie umgeben,
bewegt. Mit psychologischen
Themen kennt sich Leky
aus: In ihrer Familie sind
zehn Psychoanalytiker
käuferin zu, „ich glaube, die Dame dort ist
jetzt dran.“ Die Dame schaut mich an, als
hätte ich sie aus einem tiefen Sumpf gezogen.
„Zwei Mohnbrötchen, bitte“, sagt sie.
Herr Pohl und ich gehen mit Nussecken
weiter, und dann, im Park, kommt heraus,
warum Herr Pohl so ungehalten ist. Es ist
wegen etwas im Radio. Heute früh, berichtet
Herr Pohl, erzählte eine Frau im Radio, dass
sie vor Jahrzehnten mal eine Flugreise unternehmen wollte – und als sie schon auf der
Treppe ins Flugzeug war, habe ihre innere
Stimme ihr gesagt, dass sie um Himmels willen nicht in dieses Flugzeug steigen solle. Die
Frau sei ihrer inneren Stimme gefolgt und
habe auf dem Absatz kehrtgemacht – und
dann sei die Maschine auf ihrem Flug abgestürzt. Seither, scheint es Herrn Pohl, spricht
die Frau von nichts anderem mehr als von
ihrer gehaltvollen inneren Stimme.
„Was sagt man dazu?“, fragt Herr Pohl.
Er fragt das nicht ausdrücklich mich, sonPSYCHOLOGIE HEUTE
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Der neue Roman von
ILLUSTR ATION: ELKE EHNINGER
dern eher in die Luft. Weil die nicht antwortet, sage ich reflexhaft: „Ist doch toll“,
ich sage es zähneknirschend, weil ich immer etwas neidisch auf Leute mit glasklaren inneren Stimmen bin, genauso übrigens auf Leute, die Sportstudios nicht nur
zur Schnupperstunde aufsuchen und deswegen keine maulenden, sondern bestens
gelaunte untere Rücken haben.
„Ich finde diese Frau respektlos“, sagt
Herr Pohl, „Und arrogant ist sie obendrein. Diese Geschichte von der rettenden
inneren Stimme nämlich macht aus allen
Passagieren, die in die Maschine gestiegen
sind, mangelhafte Tropfe, die außerstande waren, ihrer inneren Stimme zu lauschen.“ Da hat Herr Pohl natürlich recht.
Wir schauen Elise zu, die zu überlegen
scheint, ob sie einem jungen Setter nachsetzen soll. Es bleibt offen, was sie schließlich davon abhält, ihre innere Stimme oder
ihre steife Hüfte.
„Darf ich Sie mal was fragen“, sage ich,
„haben Sie eigentlich auch diese innere
Stimme? Die eine, wahre, gute?“ „Nein“,
sagt Herr Pohl, und er schaut dabei nicht
wie ein mangelhafter Tropf, „und ich weiß
auch nicht genau, was das eigentlich sein
soll: die eine, wahre, gute innere Stimme.“
Ich stelle mir die innere Stimme ungefähr so vor wie die Dame in der Bäckerei,
als eine Stimme also, die eigentlich längst
dran wäre, die immer wieder anhebt, etwas zu sagen, und dann von stattlicheren
Stimmen übertönt wird.
„Was soll denn das sein, diese innere
Stimme?“, wiederholt Herr Pohl, und ich
sage: „Ich weiß es nicht.“ „Ist es wirklich
eine Stimme? Ich meine: redet die wirklich
zu einem? Muss man nicht zum Psychiater, wenn man Stimmen hört? Ist die innere Stimme nicht vielmehr ein wortloses
Dings, das ein Gefühl hochtreibt?“
Auch in Elise wird gerade ein Gefühl
hochgetrieben, Panik nämlich, denn sie
befindet sich irgendwo unter einem bärenhaften Bernhardiner. „Ich weiß es
nicht“, sage ich. Herr Pohl seufzt und sagt:
„Ich dachte, Ihre Eltern sind Psychologen“,
und jetzt kann ich endlich das Sprichwort
zum Besten geben, das letztens die Tochter eines Orthopäden sagte, als ich ihr
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
meinen unteren Rücken schildern wollte,
nämlich: „Die Kinder des Schusters laufen
barfuß.“ Herr Pohl lächelt und zieht Elise
unter dem Bernhardiner hervor.
„Und wie kommt man an diese angeblich echte innere Stimme überhaupt heran?“, fragt Herr Pohl, und weil ich nicht
schon wieder sagen will, dass ich es nicht
weiß, sage ich: „Zehn Jahre Meditation,
nehme ich an.“
„Es ist so“, sagt Herr Pohl, „ich habe
nicht nur eine, sondern eine Herde innerer Stimmen, und sie behaupten alle, die
innere Stimme zu sein und genau zu wissen, was gut und wahr und richtig ist.“
Das kenne ich. Herr Pohl bleibt stehen.
„Glauben Sie, ich muss mit den ganzen
Stimmen auch zum Psychiater?“, fragt er,
und ich sage: „Wenn, dann muss ich mit.
Sie haben da übrigens etwas Nussecke im
Mundwinkel.“
Herr Pohl wischt sich mit seinem riesigen Stofftaschentuch über den Mund.
„Vielleicht ist die innere Stimme ja die,
die zu allen anderen sagt: Jetzt reicht’s aber
auch mal“, sage ich und stelle mir vor, wie
die unglückliche Dame, die gleichzeitig
beim Bäcker und knietief in einem Sumpf
steht, ein Megafon aus einer ihrer Tüten
zieht und den ganzen Verkaufsraum mit
„Jetzt aber sofort zwei Mohnbrötchen, bitte“ beschallt, und alle quasselnden Vordrängler fahren erschrocken herum und
sind endlich, endlich still.
„Die Frau, die nicht in das verunglückte Flugzeug gestiegen ist“, sagt Herr Pohl
und nimmt Elise auf den Arm, die genug
hat von stattlichen drängelnden Artgenossen, „die hatte einfach Flugangst. Und die
Angst, dieses blinde Huhn, hatte ein einziges Mal im Leben recht. Und deshalb
wird sie jetzt als weise innere Stimme geadelt.“
„Da haben Sie vollkommen recht“, sage ich, und Herr Pohl sagt: „Jetzt reicht’s
aber auch mal“, und ich denke, dass er
damit das Adeln von Ängsten meint, aber
er meint das Spazierengehen. Also drehen
wir alle um, Herr Pohl mit seiner Verstimmung und mit Elise, ich mit meinem
maroden Rücken, diesem wortlosen
Dings.
PH
Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag
Daniela Krien
Auch als eBook und Hörbuch
Fünf Frauen versuchen das
Unmögliche: Lieben, stark
sein – und sich treu bleiben.
Kunstvoll verwoben, tief
berührend und erschütternd.
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BUCH&KRITIK
REDAKTION: KATRIN BRENNER-BECKER
S.81
S.82
S.82
S.84
S.84
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S.85
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Streitet euch!
Wir sind harmoniesüchtig, meint Meredith Haaf –
und plädiert für „ein besseres Gegeneinander“
Kaum einer streitet gern. Die Wut herauszulassen – das tut zwar gut, nicht aber,
die Wut des anderen abzukriegen, stellt
die Feministin Meredith Haaf in ihrer engagierten Gegenwartsanalyse fest.
Die gereizte Stimmung, der wir überall
begegnen und letztlich selbst erliegen, belegt sie in zahlreichen Beispielen: Im Büro
provozieren die Kollegen. Zu Hause nervt
der Partner. Auch im Netz und in der Politik: Zankerei. Einer der größten Widersprüche unserer Zeit tut sich da auf. Angst
und Überanpassung auf der einen, entfesselte Aggression auf der anderen Seite.
Haafs historische Herleitung der Misere überzeugt: Waren die 68er noch damit beschäftigt, ihren Widerspruchsgeist
zu pflegen, kam nach 9/11, so Haaf, die
„autoritäre Wende“. Seither regieren Angstdebatten und Konsensfixierung den Diskurs im Öffentlichen wie im Privaten. Der
gute alte Streit um die Sache dagegen, der
zur Demokratie gehört wie Kritik und
Abstimmung – der scheint ein Schattendasein zu fristen.
Eine Ermutigung hat Meredith Haaf
da verfasst, die den Verzagten hilft, sich
aus der Komfortzone zu wagen. Ja, die
meisten von uns sind ziemlich konsensund harmonieverliebt. Darum verordnen
sich viele vor dem nächsten Familientreffen, bestimmte Themen besser auszuklammern. Flüchtlinge, MeToo: lieber
nicht am Kaffeetisch. Man hat schlicht
keine Lust auf Stress, „kein Wunder, wenn
Selbstoptimierung, Disziplin und Stilsicherheit die dominanten Werte sind“. Sich
wieder einmischen, heikle Themen ansprechen, Differenzen aushalten: Das wäre die lohnende Alternative.
Wer richtig streiten könne, tue dies respektvoll und intelligent und begreife die
Auseinandersetzung als notwendigen Akt
gegenseitiger Anerkennung. Denn Streit
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
sei nicht nur unvermeidlich – er sei auch
legitim. Anders als im wohltemperierten
Gedankenaustausch stehe im Streit tatsächlich etwas auf dem Spiel. Emotionen
kochten hoch – und müssten beruhigt
werden. Streit sei insofern auch eine Frage des richtigen Abstandes zu sich selbst
und seinen Gefühlen.
Der Text ist flott und im Ton einer gewissen Dringlichkeit geschrieben. Man
mag manches redundant finden, anderes
erscheint allzu selbstverständlich, um erwähnenswert zu sein. Warum unbedingt
Streit genannt werden muss, was genauso
gut Diskussion heißen könnte, erschließt
sich nicht sofort. Andererseits ist genau
das Haafs Verdienst: die Emotionalität,
die jede Auseinandersetzung begleitet,
nicht aus-, sondern einzuschließen. Das
Unwohlsein, welches das Streiten begleitet. Die Enge in der Brust, wenn man kritisiert wird. Die körperlichen Reaktionen
der Wut. Sich da die Freiheit zu nehmen,
Streit richtig und gut zu finden: Das verlangt eine gewisse Größe. Die Hoffnung,
das bessere Argument werde gewinnen
allerdings, warnt Haaf, ist trügerisch.
Nicht nur im politischen Streit wird man
meist keine absolute Einigkeit erreichen.
Auch im Privaten sollte man wohl kleinere Brötchen backen. To agree to disagree
– einig zu sein darüber, uneins zu sein –,
das ist wohl das Beste, was sich erreichen
MONIKA GOETSCH
lässt.
„Wir sind
immer weniger
streitfähig,
aber umso
verstrittener“
MEREDITH HAAF
Meredith Haaf: Streit!
Eine Aufforderung.
Dtv, München 2018,
286 S., € 18,–
Leseprobe in der App
81
„Suchterzeugende
Technologie“
Zwei Bücher beleuchten die
negativen Auswirkungen von
Smartphones für unser Denken,
Handeln, Fühlen sowie unsere
Gesundheit – und zeigen Wege
zur „digitalen Entgiftung“
„Stell dir vor, du legst dein Smartphone
beiseite und du vermisst es nicht.“ So könnte das Ziel von Catherine Prices Ratgeber
Endlich abschalten formuliert werden. Am
Anfang steht jedoch die Abhängigkeit.
„Fast jeder Zweite in den USA stimmt der
folgenden Aussage zu: Ich kann mir ein
Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen“, so Price. Amerikaner verbringen
im Durchschnitt vier Stunden täglich am
Smartphone. Das sind 28 Stunden in der
Woche, 56 Tage im Jahr, informiert die
Wissenschaftsjournalistin. Auch sie gehörte zu den Abhängigen, bis sie durch
Beobachtung und Selbstbeobachtung feststellte, dass ihr Smarthphone ein „Partner
in einer dysfunktionalen Beziehung“ ist.
Nachdenklich habe sie gemacht, dass die
Elite der IT-Branche den Smartphonegebrauch ihrer Kinder streng limitiert. Bill
Gates etwa erlaubte seinem Nachwuchs
erst im Alter von 14 Jahren ein Handy.
82
Im ersten Teil des Ratgebers wird analysiert, wie sich der Gebrauch des kleinen
Computers mental, sozial und körperlich
auswirkt. Smartphones, so Prices Erkenntnis, „sind gezielt so entwickelt, dass
wir möglichst viel Zeit damit verbringen“.
Es handele sich um eine „suchterzeugende Technologie“, die mithilfe vieler Psychotricks darauf abziele, die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich zu ziehen.
Unsere Neugier, die Angst vor Langeweile und dem Alleinsein, die Sehnsucht, geliebt zu werden, und das Gefühl, etwas
Besonderes zu sein – alle diese Gefühle
und Wünsche würden bedient, ja angestachelt. Der Angriff finde verdeckt statt,
vergleichbar einem „digitalen trojanischen Pferd“, das uns dazu bringen soll,
jegliche Vorsicht über Bord zu werfen.
Auch deshalb würden wir kaum realisieren, dass Facebook das weltgrößte auf
Überwachung basierende Unternehmen
ist. Darüber hinaus beeinflussten die sozialen Medien unsere realen Beziehungen
und die Gesundheit unserer Kinder. Die
Autorin zitiert Studienergebnisse, denen
zufolge die Zahl der Depressionen bei jugendlichen Smartphonebesitzern steige.
Zudem sei nachgewiesen, dass die kleinen
Geräte das Gedächtnis ruinierten.
Wie man es schaffen kann, sich sein
Leben zurückzuerobern, wird im zweiten
Teil dargelegt. Für diese „digitale Entgiftung“ wird ein detaillierter Leitfaden vorgestellt, mit „Trennungstagebuch“, genauen Anweisungen und Tipps, einer Fastenanleitung nicht unähnlich. Empfohlen
wird auch, den „Aufmerksamkeitsmuskel“ wieder zu trainieren und „ein gedrucktes Buch“ zu lesen oder etwas „mit
echten Menschen“ zu unternehmen. Allerdings könne man dabei auch die deprimierende Erfahrung machen, dass die
Freunde zwar mit am Tisch sitzen, sich
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Das Hörbuch
des Bestsellers
aber keine Nähe herstellt, weil alle mit ihren Smartphones beschäftigt seien. Spätestens hier wird das Manko des ansonsten informativen und gut geschriebenen
Ratgebers deutlich: Die Smartphonesucht
ist kein individuelles Problem. Es gilt, das
Private zu politisieren, die gesellschaftliche Dimension aufzuzeigen.
Diesen Vorwurf kann man Manfred
Spitzer nicht machen. Es ist das vierte
Buch des prominenten Neurowissenschaftlers über die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung, insbesondere auf Kinder und
Jugendliche – diesmal mit dem Fokus auf
dem Smartphone. Im Zentrum stehen erneut die „Risiken und Nebenwirkungen“
beim Gebrauch der kleinen Computer.
Das Buch, das zum Teil aus Beiträgen besteht, die der Autor in einem medizinischen Fachblatt publizierte, ist für Laien
verständlich geschrieben. Seine zentrale
und schon seit einigen Jahren vorgetragene These, dass Smartphones die Gesundheit und die Bildung junger Menschen stark beeinträchtigen, sieht der Autor bestätigt.
Inzwischen warnten Krankenkassen
vor der Social-Media-Sucht, habe die
Weltgesundheitsorganisation Computerund Onlinespielsucht als Krankheit anerkannt, seien Bewegungsmangel und
Übergewicht und neuerdings auch Kurzsichtigkeit die am besten nachgewiesenen
Nebenwirkungen der Nutzung von Bildschirmmedien. Dagegen hätten weder
deutsche noch internationale Studien
„bislang einen positiven Einf luss von
Computern oder Internetanschluss auf
das Lernen an Schulen“ nachweisen können. Der Autor erkennt eine abnehmende
psychosoziale Grundbildung der Bevöl-
Manfred Spitzer:
Die SmartphoneEpidemie. Gefahren für
Gesundheit, Bildung
und Gesellschaft.
Klett-Cotta, Stuttgart
2018, 368 S., € 20,–
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
kerung, die zu einer Bedrohung der Demokratie werden könne. So verringere sich
der direkte Kontakt mit anderen Menschen, entwickelten Jugendliche weniger
Mitgefühl. Die Fähigkeit, die Perspektive
eines anderen einzunehmen, gehe verloren. „Wenn Kinder und Jugendliche einen
Großteil ihrer Sozialkontakte über das
Smartphone abwickeln, dann können sie
eines nicht lernen: Empathie.“ Auch sabotiere ein Smartphone den Prozess der
Willensbildung, denn es fehle an der Möglichkeit, selbst Ideen zu formen, etwas
auszuprobieren. Es habe sich bestätigt,
dass Bildungsgrad und Mediennutzung
zusammenhängen: Je gebildeter die Eltern, desto weniger Zeit verbringen sie an
digitalen Geräten. Diese Eltern, aber auch
die Kulturschaffenden trügen Verantwortung für die Bildung der nächsten Generation. „Wir dürfen nicht wegschauen und
die Entwicklung nicht einfach so weiterlaufen lassen.“
Doch: Was tun? Auch dieses vierte
Buch ist allein der Gefahrenaufklärung
gewidmet. Spitzer benennt die Probleme,
ist weniger konfrontativ und polemisch
als in seinen bisherigen Büchern. Ideen
für kreative Handlungsmöglichkeiten
fehlen. Unerwähnt bleiben auch pädagogische Ansätze und Bemühungen um eine verantwortliche Nutzung digitaler Medien. Überfällig ist eine öffentliche Debatte über Medienmündigkeit und -kompetenz. Die Vision könnte man von
Manfred Spitzer übernehmen: „Stell dir
vor, wir nutzen unser Smartphone als
Werkzeug, um unser soziales Leben in der
realen Welt zu organisieren.“
CHRISTINE WEBER-HERFORT
Robert B. Cialdini
Gesprochen von
Helmut Winkelmann
und Karin Grüger
Die Psychologie
des Überzeugens
Wie Sie sich selbst und Ihren
Mitmenschen auf die Schliche kommen
3., unveränderte Auflage
6 CDs
Robert B. Cialdini
Die Psychologie
des Überzeugens
Wie Sie sich selbst und Ihren
Mitmenschen auf die Schliche kommen
Hörbuch. 6 CDs/7 Std., 17 Min., 10 Sek.
Übersetzt von Matthias Wengenroth.
3., unveränderte Auflage 2019.
€ 39,95 / CHF 48.50
ISBN 978-3-456-85892-0
Warum sagen Menschen Ja? Welche
Faktoren bringen uns dazu, das zu tun,
was andere von uns wollen? Und welche
Techniken machen von diesen Faktoren
am wirksamsten Gebrauch? Der Marketingexperte und Sozialpsychologe Robert
B. Cialdini beschreibt die sechs grundlegenden Prinzipien der Überzeugung und
zeigt, wie man diese nutzt, um sich vor Beeinflussung zu schützen oder um selbst
überzeugender auftreten zu können.
Catherine Price: Endlich
abschalten. Warum Urlaub
vom Smartphone uns Zeit,
Glück und Liebe schenkt.
Aus dem Englischen von
Anja Malich und Birgit
Maria Pfaffinger.
Rowohlt, Reinbek 2018,
208 S., € 9,99
83
AUFGEBLÄTTERT
Viele künstlerische Werke von Insassen der
herausgegebene Band, der eine Brücke schlägt zwischen
Psychiatrie trug der Mediziner und Kunst-
Psychiatriealltag und Kunst. Er präsentiert noch nie gezeigte
historiker Hans Prinzhorn (1886–1933) zu-
Werke aus der Sammlung Prinzhorn, so etwa die Installati-
sammen, die in der Sammlung des Univer-
on von Anna Marie Lieb, die mit aus ihrem Bettzeug zeit-
sitätsklinikums Heidelberg zu sehen sind.
aufwendig gewonnenen Stoffbändern auf dem Boden ihrer
Der rote Faden, der sich durch die Ausstel-
Zelle einen Blüten- oder Sternenteppich entstehen ließ. Die
lung zieht, ist die Angst der Anstaltsinsas-
unter periodischen Manien leidende „Landwirtswitwe“ be-
sen vor dem Vergessenwerden. Vergissmeinnicht – Psychia-
zeichnete ihren Zustand vor einem psychiatrischen Fachpu-
triepatienten und Anstaltsleben um 1900 (Springer, € 59,99)
blikum als „Gotteskämpfe“.
heißt daher der von Ingrid von Beyme und Sabine Hohnholz
Wo bekomme ich legal Cannabis,
Sie sind im Hamsterrad? Und Sie
um Schmerzen zu lindern? Wie
finden keinen Ausweg? – Dann ist
kann ich Johanniskraut zubereiten,
es vielleicht so, wie von Axel Ber-
um Depressionen entgegenzuwir-
ger und Thorsten Thews beschrie-
ken, und warum wirkt Baldrian
ben: „Der Hamster brennt – oder
manchmal beruhigend und in an-
kokelt zumindest schon.“ In ihrem
deren Momenten anregend? Jörg
Buch zur Burnoutprävention Der
Zittlau gibt auf all das Antworten. In seinem Rat-
brennende Hamster (Campus, € 19,95) fragen sie
geber Naturmedizin für die Seele (Heyne, € 9,99)
den Leser: „Arbeiten Sie noch oder qualmen Sie
listet der Wissenschaftsjournalist Heilkräuter auf,
schon?“ Aus „mein Haus, mein Auto, meine Yacht“
die auf die Psyche wirken. Je nach Beschwerden
sei mittlerweile „mein Hörsturz, mein Tinnitus,
empfiehlt er bestimmte Pflanzen: gegen Ängste
mein Herzinfarkt“ geworden, konstatieren die
und Zwangsstörungen etwa die Passionsblume
Autoren und zeigen, wie der schlauere Hamster
und gegen Hirnleistungs- und Konzentrations-
agiert, um dem alltäglichen Wahnsinn ein Ende
störungen Ginkgo. Soweit vorhanden gibt Zittlau
zu bereiten: Stressfaktoren eliminieren, Frustra-
auch an, ob Studien die Wirksamkeit belegen,
tionstoleranz entwickeln und einen Hamsterplan
und immer zeigt er auf, wie die Mittelchen zu be-
für die Zukunft entwerfen. Dabei sollte man sich
kommen sind und zubereitet werden können.
fragen: Was treibt mich an? Wie nutze ich meine
Zeit? Und vor allem: Wann ist genug genug?
84
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Heilende Filme
Brigitte Fellinger plädiert dafür, Spielfilme in der
Psychotherapie einzusetzen
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ezie Akzeptanz
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KomTrauma
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Refraiming
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04/2019
GABRIELE MICHEL
eit
Selbstsicherh
idal
PSYCHOLOGIE HEUTE
das Augenmerk auch auf die Wirkung von
filmästhetischen Momenten. Dieses Vorgehen öffnet diverse (Um-)Wege zum Erleben und zu zurückliegenden Erfahrungen der Klienten, die jenseits der vertrauten Erinnerungswege das Betreten von
Neuland ermöglichen können.
Allerdings erfordert diese unterschwellige, schwer zu kontrollierende Wirkung
von Filmen Umsicht und Verantwortungsgefühl bei deren Einsatz in der Therapie. So weist Fellinger nachdrücklich
darauf hin, dass Patienten auf bestimmte
Filme vorbereitet, anschließend achtsam
begleitet und vor bestimmten Themen
auch geschützt werden müssen. Dafür
braucht es nicht nur therapeutisches Wissen, sondern auch Lebenserfahrung.
Die Autorin schließt mit Tipps für das
Drehen eines Films zusammen mit Klienten und einem Bericht über ihre Erfahrungen in der therapeutischen Arbeit im
Strafvollzug. Hier sind Filme als methodische Ergänzung besonders geeignet, da
sie ein niederschwelliges Angebot und gut
in Gruppen einsetzbar sind.
Fellingers engagiertes Plädoyer für die
Arbeit mit Spielfilmen in der Psychotherapie ist durch seine Informationsfülle
spannend für Fachleute, macht aber auch
darüber hinaus Lust, sich von der zur
Selbsterkundung einladenden Wirkung
von Spielfilmen überraschen zu lassen.
Suiz
Künstlerische Werke – vor allem Literatur
– spielen in der Psychotherapie schon seit
den Anfängen eine wichtige Rolle. Dass
Brigitte Fellinger in ihrem Grundlagenwerk Spielfilme in der Psychotherapie nun
auch die Integration von Filmen in die
therapeutische Praxis propagiert, ist einleuchtend, weil die Figuren häufig grundsätzliche menschliche Erfahrungen und
Konflikte exemplarisch verkörpern und
durchleben.
Naheliegend ist die Berücksichtigung
von Filmen in der Therapie für die Autorin sowohl inhaltlich wie methodisch aus
zwei Gründen: Zum einen haben Filme
bei vielen Menschen Bücher ersetzt, zudem ermöglichen sie in der Gruppentherapie eine gemeinsame Rezeption und ein
unmittelbareres Sprechen über das Gesehene und Erlebte.
Fellinger richtet sich primär an praktizierende Therapeuten, denen sie die Wirkung und den Gewinn der Arbeit mit Filmen nahebringen will. Nach einem kurzen
filmhistorischen Abriss erläutert sie gewissenhaft die Indikation und Kontraindikation dieser Methode sowie deren
rechtliche Voraussetzungen. Sodann entfaltet sie anhand zahlreicher Filme, warum und wie diese in der Therapie produktiv eingesetzt werden können.
Die spezifische Wirkung von Filmen
für den therapeutischen Prozess liegt nicht
zuletzt darin, dass zu der präsentierten
Geschichte Elemente wie Musik, Schnitt,
Licht sowie die Unmittelbarkeit der Figuren und deren Interaktionen treten. Interessant sind die von Fellinger entworfenen
Fragebögen, die sie den Klienten in der
Einzeltherapie zur Nachbereitung des angeschauten Films mitgibt. Darin thematisiert sie nicht nur die Inhalte der Geschichte, emotionale Reaktionen der Figuren und die vermittelten Werte, sie lenkt
Emo
Paartherapie
Schuld Distanz
Theor
ie
Praxi
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Fallbeispiele
rn
he
Metap
Über 100 Ideen und
Antworten auf die
Brigitte Fellinger:
Spielfilme in der Psychotherapie. Reinhardt,
München 2018,
153 S., € 26,90
Fragen, die sich
vermutlich jeder
Psychotherapeut
spätestens vor seiner
ersten Therapiestunde
gestellt hat.
Ab sofort im Buchhandel
für nur 19,95 EUR 85
Weniger wissen
- besser denken
Finde dein Ikigai!
Wer für sich entdeckt hat, „wofür es sich lohnt,
morgens aufzustehn“, lebt länger, meint Ken Mogi
Auch als
erhältlich
Menschen und Medien in unserer
Umgebung überfluten uns täglich mit
Informationen. Wer bestimmt aber,
was ich denke und meine? Ich selbst
oder andere? Und wie erkennt man
Scheinwissen, Denkirrtümer und
Manipulationen?
Anhand verblüffender Beispiele aus
dem Alltag zeigen die Kognitionswissenschaftler Steven Sloman und
Philip Fernbach, wie Denken funktioniert: Der Schlüssel zu unserem geistigen Horizont liegt in der sozialen
Natur menschlicher Kognition. Die
beiden renommierten Kognitionswissenschaftler geben erstaunliche
Einblicke in das Wechselspiel von
Gehirn und Umwelt und schildern
anschaulich, wie wir uns permanent
zwischen Wissen und Wissensillusion
durchs Leben bewe
Leseprobe auf
www.beltz.de
Hüpfende Spätzlein, liebreizende Kindergesichter, leises Pfeifen. Das sind drei von
zahlreichen Alltagsmomenten, die eine
japanische Hofdame um das Jahr 1000
niederschrieb. Ihre Freude und Faszination an den kleinen Dingen wurde legendär: Ihr Kopfkissenbuch gilt heute als ein
Klassiker der japanischen Kultur. Der Autor Ken Mogi macht seine Leser mit diesem Werk bekannt.
Mogi benutzt das Kopfkissenbuch, um
seinem westlichen Publikum die japanische Lebenskunst ikigai zu vermitteln.
Sein Buch, nach dem Lebenskonzept benannt, bietet nicht nur Zugang zu einer
anderen Kultur – es macht den Leser auch
empfänglicher für die kleinen Alltagsfreuden um ihn herum. „Ikigai lebt im Reich
der kleinen Dinge“, schreibt Mogi. „Die
Morgenluft, die Tasse Kaffee, der Sonnenstrahl.“ Wörtlich übersetzt bedeutet Ikigai
Lebenssinn, von iki (leben) und gai (Sinn).
Im Japanischen wird der Begriff allerdings
für eine Fülle von Bedeutungen eingesetzt.
Aber Mogi bleibt nicht vage. Der Neurowissenschaftler bietet klare Informationen, was Ikigai ausmacht.
Zu Beginn des Buches zählt er die fünf
Säulen des Ikigai auf: klein anfangen, loslassen lernen, Harmonie und Nachhaltigkeit leben, die Freude an kleinen Dingen
entdecken, im Hier und Jetzt sein. Schnell
drängt sich die Ähnlichkeit zwischen Ikigai und dem Konzept der Achtsamkeit auf,
deren Ursprünge im Buddhismus Mogi
diskutiert.
Mogi verknüpft die fünf Säulen des Ikigai mit der japanischen Tradition sowie
Lebens- und Denkweise. So sei es in Japan
Brauch, den Tag mit etwas Süßem und
grünem Tee zu beginnen – als eine der
ersten kleinen Freuden des Tages. Dieser
Moment des Genusses sei etwas Flüchtiges, so der Autor. Und selbst wer versucht
sei, den Moment – entsprechend aktuellem Zeitgeist – auf einem Foto festzuhalten, finge den Augenblick dennoch nicht
ein. „Von Geschmack kann man kein Selfie machen“, schreibt Mogi.
Auch andere japanische Eigenheiten
bringt der Autor mit Ikigai in Verbindung.
Etwa die Herstellung von Whisky. An dieser und einigen wenigen anderen Stellen
des Buches scheint Mogi das Ikigai allerdings nur mit sehr viel Mühe auf japanische Kulturobjekte anwenden zu können.
Diese Absätze lesen sich dann eher wie
eine Werbebroschüre: „Die Whiskyproduktion in Japan ist ein überraschendes
Beispiel für die grundsätzlich positive Haltung zur Arbeit. Sie wird mit Liebe gemacht, gepaart mit einer Negierung des
Ichs.“
Die besondere Stärke des Autors liegt
darin, seine Leser motivieren zu können.
„Machen Sie Musik, wenn niemand zuhört. Malen Sie ein Bild, wenn niemand
zuschaut. Schreiben Sie eine Kurzgeschichte, die niemand lesen wird. Die innere Freude und Befriedigung wird mehr
als ausreichend sein, um Sie durch Ihren
Alltag zu tragen.“ So gelingt Mogi am Ende, was er sich vorgenommen hat: Seine
Leser erhalten eine inspirierende Einführung in die japanische Lebenskunst des
Ikigai.
ANNA GIELAS
Ken Mogi: Ikigai. Die
japanische Lebenskunst.
Aus dem Englischen von
Sofia Blind. DuMont,
Köln 2018, 175 S., € 20,–
Leseprobe in der App
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Sagen Sie mal,
Herr Kalbitzer:
Wie kann die Angst vor
dem Tod zum Sinn des
Lebens führen?
Herr Dr. Kalbitzer, mit Ende dreißig entwickelten
Sie plötzlich eine diffuse tiefgreifende Angst zu
Jan Kalbitzer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
Er arbeitet als Psychotherapeut in eigener Praxis und forscht
an der Charité zum gesunden Umgang mit technischem Fortschritt und gesellschaftlichem Wandel
sterben. Warum ist das „einer von vielen typischen Zeitpunkten“, wie in Ihrem Buch zu lesen
ist?
Weil die Herausforderungen in diesem Alter bei vielen Menschen stark zunehmen: Die Kinder kommen,
die Eltern werden hilfsbedürftig, und auch im Beruf
erkennt man in dieser Zeit oft Grenzen, die man sich
bislang vielleicht noch nicht eingestanden hat. Wenn
dann noch die ersten körperlichen Alterserscheinungen auftauchen, spürt man ganz schnell die Endlichkeit des Lebens und die begrenzten Ressourcen, die
man hat, um es sinnvoll auszufüllen.
Sie schreiben auch, dass es „keinen Weg zu sich
Sie traten mit großen Psychologen wie Irvin Ya-
selbst ohne Narzissmus“ gibt. Wie meinen Sie
lom und Eva Jaeggi in Kontakt, um sich von ih-
das?
nen therapeutisch begleiten zu lassen. Wer oder
Das ist eine Provokation, die sich gegen diese fatale
Doppelbotschaft in unserer modernen westlichen
Kultur richtet, die da lautet: „Sei individuell, verwirkliche dich selbst – aber mache dabei bloß nicht
den Eindruck, egoistisch oder gar ein Narzisst zu
sein.“ Ich würde das lieber umdrehen und sagen: „Suche neugierig und ichbezogen danach, wie du dein
Leben am besten führen kannst – um es dann in den
Dienst der Gemeinschaft zu stellen.“
was hat Ihnen am meisten geholfen, mit Ihrer
Angst vor dem Tod umzugehen?
Yalom, ganz klar. Erst war ich ein bisschen gekränkt,
weil er sich nicht auf meine philosophischen Diskurse eingelassen, sondern mich wie einen ganz normalen Patienten behandelt hat. Aber dann habe ich
schnell gemerkt, dass allein der psychische Raum,
den er durch seine persönliche Reife und Erfahrung
in der Therapie bietet, eine unglaubliche Wirkung
hat, die mich auch weiterhin nachhaltig beeinflusst.
Warum sollte die Sterblichkeit ein „Geschenk“
sein, wie der Titel Ihres Buches behauptet?
ILLUSTR ATION: JAN RIECKHOFF
te, dass wir uns einerseits unglaublich nah sind, weil
wir im gleichen Boot sitzen, andererseits aber auch
immer ein Stück weit unverständlich bleiben werden,
weil man die subjektive Sicht anderer auf die Welt
nie ganz wird begreifen können.
Weil die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit einen dazu zwingt, die falschen Prinzipien, mit denen man sich einrichtet, zu hinterfragen
und aufrichtiger so zu leben, wie es den eigenen Möglichkeiten entspricht. Und dabei Demut im Umgang
mit anderen Menschen zu lernen. Nichts vereint uns
Menschen so sehr wie das Wissen um die eigene Sterblichkeit. Und ich persönlich habe erlebt, dass das
Sprechen darüber eine tiefe Verbundenheit erzeugen
kann, fast schon das Gefühl einer Heiligkeit im anderen. Die entsteht, wenn ich die Spannung aushalPSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Jan Kalbitzers Buch
Das Geschenk der
Sterblichkeit. Wie
die Angst vor dem
Tod zum Sinn des
Lebens führen
kann ist bei Blessing
erschienen
(192 S., € 18,–)
Was würden Sie anderen Menschen raten, die
auch Angst vor dem Tod haben?
Lauf nicht weg, sondern geh der Angst nach. Raus
aus der Gegenwartsvermeidung! Wenn es allein zu
hart wird, dann such Hilfe. Aber nicht bei denen, die
behaupten, dass sie die Antworten kennen. Sondern
bei denen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich
schon früher auf den Weg gemacht haben. Und einräumen, dass ein gutes Leben nicht mithilfe der zehn
heißen neuen Ratgebertipps zu erreichen ist, sondern
durch Arbeit und Aufrichtigkeit mit sich selbst. Neben Jaeggi, Yalom und einem Sambalehrer haben
mir dabei auch die ACT-Übungen sehr geholfen, die
Steven C. Hayes mit mir gemacht hat.
INTERVIEW: KATRIN BRENNER-BECKER
87
Bedingungslos
gut?
Der Band enthält jeweils sechs Beiträge
von Befürwortern und Kritikern des
bedingungslosen Grundeinkommens,
die den Lesern eine Abwägung der
Argumente pro und contra erleichtern
sollen. Abschließend wird erörtert und
an Beispielen erläutert, wie das Thema
in der Bildungsarbeit behandelt werden
kann.
Aus dem Inhalt:
Was für das Grundeinkommen
spricht
Was gegen das Grundeinkommen
spricht
Praxistest, Didaktik und Literaturauswahl zum Grundeinkommen
2018, 260 Seiten
broschiert, € 19,95
ISBN 978-3-7799-3987-0
Auch als E-Book erhältlich
Leseproben auf www.juventa.de
88
JUVENTA
JUVENTA
Die Psychologie des Geldes
Dan Ariely entlarvt unsere häufigsten Fehler
im Umgang mit Geld
Versteht man Geld als „geprägtes Zahlungsmittel“ so existiert es bereits seit 600
Jahren. Eigentlich sollten die Menschen
in dieser Zeit den Umgang damit gelernt
haben. Doch der Psychologe und Bestsellerautor Dan Ariely zeigt, dass da noch
sehr viel Luft nach oben ist.
„Wir werden in diesem Buch nicht versuchen, Sie finanziell zu erziehen. Stattdessen werden wir einige der häufigsten
Fehler im Umgang mit Geld untersuchen
und erklären, warum wir diese Fehler begehen.“ Schon im Vorwort stellt Ariely
klar, dass sein aktuelles Werk kein Ratgeber ist. Es sei vielmehr ein Spiegel, in dem
wir sehen, was wir täglich falsch machen,
wenn es ums Geld geht. Möglich sei, dass
wir danach bessere Entscheidungen fällen
würden – oder eben auch nur besser verstünden, warum wir immer wieder dieselbe Fehlentscheidung treffen. Man
merkt bereits an dieser Stelle, dass es Ariely einfach Spaß macht, menschliche Unzulänglichkeiten aufzudecken – und humorvoll zu überspitzen. Aus diesem
Grund hat er sich diesmal auch den bekannten Komiker Jeff Kreisler als Koautor
an die Seite geholt. Und nach dem kurzen
Vorwort folgt dann auch schon der Hauptteil mit über 300 Seiten, auf denen der
Leser in die Psychologie des Geldes eingeführt wird.
Einige der von Ariely angeführten Phänomene sind bereits länger bekannt: Wie
etwa das Phänomen, dass wir beim Bezahlen mit Kreditkarte in der Regel mehr
bezahlen als beim traditionellen CashVerkehr. Das erklärt sich in erster Linie
daraus, dass dem Kartenzahler die sinnlich-konkrete Erfahrung fehlt, die wir
sonst haben, wenn wir Geldscheine aus
dem Portemonnaie ziehen und jemandem
übergeben. Ebenfalls länger bekannt, aber
weniger erklärt ist, dass wir mehr Zeit für
die Suche nach einer preiswerten Tankstelle aufwenden als für die Auswahl eines
passenden Hypothekendarlehens, obwohl
wir dabei viel mehr Geld sparen könnten.
Oder auch dass wir kurzentschlossen eine
5000 Euro teure Urlaubsreise buchen, aber
eine Stunde mit dem Auto herumfahren,
um beim Parkplatz 50 Cent zu sparen.
Arielys Erklärung für diese paradoxen
Verhaltensweisen lautet: Wir schaffen es
einfach nicht, die Opportunitätskosten
richtig abzubilden. „Opportunitätskosten
sind im Prinzip Alternativen, auf die wir
jetzt oder später verzichten, um etwas Bestimmtes zu tun“, erklärt Ariel. So bedeuten 5000 ausgegebene Euro weitaus mehr
entgangene Alternativen zum Kauf von
etwas anderem als die 50 Cent für den
Parkplatz. „Aber diese Denkweise ist zu
abstrakt“, so Ariely. „Sie ist zu schwierig.
Also lassen wir es bleiben.“
Stattdessen suchen wir in unserem Einkaufsverhalten nach Fixpunkten in Gestalt von Relativität. So kaufen wir den
Gegenstand X nicht beim Händler Y, wenn
wir X beim Händler Z um 20 Prozent billiger bekommen. Das klingt logisch und
rational. Doch leider ist auch diese Vorgehensweise trügerisch. So zeigen Studien,
dass Kunden eher einen Teppich kaufen,
wenn man ihn mit dem Schild „200 Euro.
Aber heute 50 Prozent Rabatt!“ anpreist,
als wenn nur ein Preisschild mit „100 Euro“ auf ihm klebt. Der Grund: Beim ersten
Dan Ariely, Jeff Kreisler:
Teuer ist relativ. Warum
wir nicht mit Geld umgehen können. Aus dem
Englischen von Stephan
Gebauer. Econ, Berlin
2018, 356 S., 20,–
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Schild erfährt man noch eine Relativität
(billiger als sonst), die dem Vergleichsbedürfnis unseres Gehirns entgegenkommt.
Beim zweiten Schild fehlt hingegen ein
Bezug – und das macht uns skeptisch, weil
die Orientierung fehlt. Weswegen Ariely
vorschlägt, die Relativitätstheorie Albert
Einsteins (E = mc²) im ökonomischen Sinne umzuschreiben in „$ 100 > Rabatt von
50 % auf $ 200“.
An solchen Stellen merkt man, dass
Ariely sich diesmal von einem Komiker
unterstützen ließ. Das geht sehr oft gut,
und man muss schmunzeln; manchmal
aber auch nicht, wenn etwa behauptet
wird: „Wir verstehen uns sehr gut darauf,
unser finanzielles Leben durcheinanderzubringen. Herzlichen Glückwunsch,
Menschheit. Wir sind die Besten.“ Das
klingt eher schnodderig statt – wie vermutlich geplant – ironisch.
Doch wer diese Ausrutscher aushält,
wird mit Arielys aktuellem Werk eine
ebenso informative wie unterhaltsame
Lektüre erleben. Oder wie heißt es so
schön – und diesmal mit feinerer Ironie
– am Ende des Vorworts: „Dieses Buch
wird alles besser machen. Ist das nicht den
JÖRG ZITTLAU
Preis des Buches wert?“
Herkunft ist
nicht alles
VOLKSLEIDEN: KRÄNKBARKEIT
Doris Märtin erläutert die Dos and
Don'ts des sozialen Aufstiegs. Die
Stil-, Sprach- und Benimmexpertin
bietet in ihrem Buch einen kurzweiligen Mix aus Stories, Interviews und
soziologischer Forschung.
Wolfgang Schmidbauer, einer der erfolgreichsten psychotherapeutischen
Schriftsteller, der Dutzende von Büchern über Psychoanalyse und Paartherapie geschrieben hat, widmet sich der Kränkbarkeit: einem Volksleiden,
das, wenn es zu lange verdrängt wird, zu vulkanischen Ausbrüchen führt
und im schlimmsten Fall zu Rachsucht. Beschämung und Entwertungsgefühle nagen am Selbstwertgefühl. Dessen Beschädigung kann wiederum
mit einfühlsamer Psychotherapie begegnet werden, vorausgesetzt der Heiler verfügt über Einfühlung, Herzenswärme und vor allem Geduld. Es ist
erfreulich, wie Schmidbauer in verständlicher psychoanalytischer Sprache
ohne allzu viel Jargon und Denkvoraussetzung die Ursprünge der Kränkbarkeit aufzeigt und Hinweise gibt auf deren Bekämpfung. Der Leser lernt
dabei viel über die seelischen Mechanismen dieses weitverbreiteten Leidens. Bemerkenswerterweise geht der Autor bereits in der Einleitung davon
aus, dass Tiere frei von diesem Übel seien, als habe er noch nie einen gekränkten Hund gesehen, der sich reiflich Zeit lässt, bis er Zeichen der Versöhnung erkennen lässt. „Seelische Verletzlichkeit wird unterschätzt“,
schreibt Schmidbauer. Er weist darauf hin, dass sie nicht angeboren ist,
sondern aus „Mangelschandtaten“ in der Kindheit wie Nicht-Wahrnehmen,
Entwerten, Vernachlässigung, Gewalt und demütigendem Missbrauch erwächst. An den Fallgeschichten kann man sich festlesen
– auch wenn sie nicht unbedingt immer analytische Tiefe erreichen, dafür aber Schmidbauers geschulte theraTILMANN MOSER
peutische Haltung verraten.
Sie entschlüsselt:
• wie die Elite tickt,
• welche Codes Zugehörigkeit
signalisieren
• wie jeder von uns die Lebenskunst
der Leitmilieus erlernen kann.
Ob große Karriere oder optimale
Startbedingungen für die Familie:
Der Habitus ist entscheidend! Und
das Beste: Einmal gewonnen, bleibt
er für immer.
2019. 320 Seiten
22,95 €. ISBN 978-3-593-50983-9
Auch als E-Book erhältlich
Wolfgang Schmidbauer: Die Geheimnisse der Kränkung und das
Rätsel des Narzissmus. Seelische Verletzlichkeit in der Psychotherapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 236 S., € 30,–
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
89
campus.de
AUSSERDEM
RAT UND LEBENSHILFE
Nicole Brandes
Weiblich, wild und weise.
Selbstbewusst. Selbstbestimmt.
Selbsterfüllt. Goldegg, 220 S.,
€ 22,–
Christine Rost, Bettina Overkamp
Selbsthilfe bei posttraumatischen
Symptomen. Übungen für Körper,
Geist und Seele. Junfermann,
216 S., € 20,–
Felix Hütten
Sterben lernen. Das Buch für den
Abschied. Hanser, 256 S., € 20,–
Linda Gask
Meine Patienten, die Depression
& ich. Vom Leben als Psychotherapeutin und selbst Betroffene.
Dtv, 300 S., € 16,90
Thomas Hanstein
Selbstmanagement – mit Coachingtools. Ressourcen erkennen,
nutzen und pflegen. Tectum,
260 S., € 24,–
Rebecca Böhme
Human Touch. Warum körperliche
Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse
aus Medizin und Hirnforschung.
C.H. Beck, 192 S., € 14,95
Sabrina Haase
Schlechte Gewohnheiten loswerden in 66 Tagen. Dein Arbeitsbuch. Trias, 120 S., € 9,99
Nele Groß
Macht musizieren resilient?
Untersuchung von sozialen, familiären und personalen Ressourcen
für die psychische Gesundheit von
Jugendlichen. Waxmann, 258 S.,
€ 34,90
Sonja Panthöfer
Entspannung für Kopfmenschen.
Wie Körper und Geist zur Ruhe
finden. Kösel, 225 S., € 18,–
Marian C. Poetzsch
Entscheidungen. Alles falsch
machen – aber richtig. Springer,
236 S., € 22,99
Joe Navarro
Sehen, was andere denken. Der
praktische Guide, mit dem Sie
jeden durchschauen. Mvg, 224 S.,
€ 14,99
Dr. Libby Weaver
Was soll ich eigentlich essen?
Wie Sie die Ernährung finden,
die zu Ihnen passt. Trias, 312 S.,
€ 19,99
Doris Märtin
Habitus. Sind Sie bereit für den
Sprung nach ganz oben? Campus,
256 S., € 22,95
André Stern
Begeisterung. Die Energie der
Kindheit wiederentdecken. Sandmann, 160 S., € 19,95
Dr. John Izzo
Die fünf großen Glücksdiebe
… und wie man ihnen keine Chance lässt. Goldmann, 192 S., € 9,–
Gabriel Palacios
Wer tut dir gut? Wie du lernst,
Menschen richtig einzuschätzen.
Allegria, 224 S., € 18,–
PSYCHISCHE GESUNDHEIT
Otto Stummer
Ultrakurzzeitpsychotherapie.
Einfache Heilung von Ängsten,
Depression und psychosomatischen Beschwerden mithilfe der
psychoregulatorischen Satztechnik. Walden, 224 S., € 14,99
Naoki Higashida
Sieben Mal hinfallen, acht Mal
aufstehen. Ein junger Mann erzählt aus der Stille des Autismus.
Rowohlt, 253 S., € 12,–
90
Rainer Schubmann, Silke Eckelt,
Sebastian Hermes, Boris Leithäuser
Psycho-Kardiologie KOMPAKT.
Verständlich auf den Punkt gebracht. Spitta, 232 S., € 14,80
Johann Hari
Der Welt nicht mehr verbunden. Die wahren Ursachen von
Depressionen – und unerwartete
Lösungen. Harper Collins, 448 S.,
€ 20,–
Udo Rauchfleisch
Diagnose Borderline. Diagnostik und therapeutische Praxis.
Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik.
Herausgegeben von Michael
Erdmann und Dorothea Huber.
Kohlhammer, 90 S., € 20,–
Helmut K. Seitz, Ingrid
Thoms-Hoffmann
Die berauschte Gesellschaft.
Alkohol – geliebt, verharmlost,
tödlich. Kösel, 176 S., € 19,–
DENKEN, FÜHLEN, HANDELN
Stefan Bauberger
Glück ohne Ratgeber. Eine Philosophie des Gelingens. Herder,
160 S., € 16,–
Peter Cornelius Mayer-Tasch
Vom großen und vom kleinen
Glück. Herder, 128 S., € 14,–
Isabella Guanzini
Zärtlichkeit. Eine Philosophie der
sanften Macht. C. H. Beck, 220 S.,
€ 18,–
Heiko Roehl
Ich Anderer. Nicolai, 80 S., € 20,–
Johannes Höggerl
Leid und Leidverwandlung.
Plädoyer für ein integratives
Leidverständnis. Tredition, 396 S.,
€ 14,99
Gustav Keller
Mehr Willensstärke. Wie man
Ziele wirksam umsetzt. BoD,
140 S., € 8,99
Helmut Milz
Der eigen-sinnige Mensch.
Körper, Leib&Seele im Wandel.
Edition Zeitblende, 340 S., € 38,–
Heinrich Lethe
ZEN und die großen Fragen
der Philosophie. Tredition, 202 S.,
€ 14,99
Ludwig Heuwinkel
„Ich hab keine Zeit!“ Zeitknappheit, Zeitkonflikte und Zeitwohlstand. 125 Buchvorstellungen.
Lit, 472 S., € 29,90
Maria Sanchez
Die revolutionäre Kraft des Fühlens. Wie unsere Emotionen uns
befreien. Gräfe und Unzer, 208 S.,
€ 19,99
Hanne H. Brorson
Keine Chance den Grübelviren.
Wie man negative Gedanken austrickst. Gütersloher Verlagshaus,
96 S., € 12,–
FRAUEN UND MÄNNER
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Neue Schlüsselsätze der Liebe.
Was Beziehungen scheitern und
was sie gelingen lässt. Dumont,
240 S., € 20,–
Nadja von Saldern
Glücklich getrennt. Wie achtsam
miteinander umgehen, wenn die
Liebe endet. Ullstein, 256 S.,
€ 15,–
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Doch! Doch! Doch! (D)ein erotisches Kartenspiel. Doch-nochShop, € 24,95
Joachim Buse, Gundula Göbel
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zweite Lebenshälfte. So finden
Sie online eine neue Liebe. Kösel,
208 S., € 18,–
KINDER UND FAMILIE
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Hilfe! Mein Kind rastet aus. Ihr
Notfallplan bei extremem kindlichen Verhalten. Trias, 160 S.,
€ 17,99
SCHULE UND BILDUNG
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Ebmeyer
Die Befreiung der Bildung.
Nicolai, 104 S., € 20,–
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Schule digital – wie geht das?
Wie die digitale Revolution uns
und die Schule verändert. Beltz,
160 S., € 24,95
Dr. Ute Schimmler
Inklusion – so nicht! Eine Lehrerin berichtet, wie es wirklich ist –
eine kritische Bestandsaufnahme
aus der Praxis. Schwarzkopf,
240 S., € 12,99
ARBEIT UND BERUF
José Amrein
Humor und Provokation in
der Kommunikation. Tools für
Beratung, Therapie und Coaching – Ideen für den Alltag mit
Karikaturen von Peter Gaymann.
Schulz-Kirchner, 128 S., € 18,50
Maja Storch, Johannes Storch
Sagen Sie doch, was Sie wollen.
Die 15-Minuten-Wurmkur gegen
Hintenrumgerede. Hogrefe, 80 S.,
€ 12,95
KULTUR UND GESELLSCHAFT
Reiner Seidel
Die Evolution der Psyche.
Wie viel Tier ist der Mensch?
Pabst, 330 S., € 25,–
Lore Reich Rubin
Erinnerungen an eine chaotische
Welt. Mein Leben als Tochter von
Annie Reich und Wilhelm Reich.
Psychosozial, 250 S., € 29,90
Dr. med. Victoria Sweet
Slow Medicine. Medizin mit Seele.
Die verlorene Kunst des Heilens.
Herder, 384 S., € 24,–
Gunter Gebauer, Sven Rücker
Vom Sog der Massen und der
neuen Macht der Einzelnen. DVA,
352 S., € 22,–
Günter Spitzing
Meine Kindheit unterm Hakenkreuz. BoD, 200 S., € 8,99
Patrick Wirbeleit,
Uwe Heidschötter
Die Wunschperle. Vom Einfluss
seelischer Erkrankungen auf
Geschwisterkinder. Bundesverband der Angehörigen psychisch
erkrankter Menschen e.V. (Hg.),
120 S., kostenlos
PSYCHOLOGIE HEUTE 04/2019
MEDIEN
REDAKTION: ANKE BRUDER
HÖREN
Alles, was peinlich ist
Mundgeruch, Blähungen, Hämorrhoiden, Fußpilz,
Haarausfall: Yael Adler widmet sich in ihrem Buch
Darüber spricht man nicht der ganzen Sammlung
menschlicher Körpertabus. In ihrem Bestseller, der
jetzt auch als Hörbuch erschienen ist, spricht sie eben
doch darüber, und zwar detailliert. Als Fachärztin
für Haut- und Geschlechtskrankheiten sind Körpertabus für sie längst kein Grund mehr, gequält herumzudrucksen und sich zu schämen. Schließlich
gilt: Es gibt kein Leiden, das nicht auch andere kennen. Das Ganze ist hochinteressant – und außerdem
entlastend, wenn jemand so
sachlich und doch amüsant
darüber berichtet wie Adler
und ihre Sprecherin Tessa
Mittelstaedt.
Yael Adler: Darüber spricht man nicht.
4 Audio-CDs. Argon balance 2018. Laufzeit: 5 Stunden und 15 Minuten. € 19,95
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SEHEN
Untenrum frei?
Der Kinsey-Report, der Minirock, der Summer of Love, die
Antibabypille: Die sexuelle Revolution hat die Gesellschaft verändert und unsere Vorstellungen von Sittlichkeit auf den Kopf
gestellt. Der Film Lustvolle Befreiung – Die sexuelle Revolution
von Sylvain Desmille zeigt die Entwicklung der Bewegung von
ihren Anfängen bis zu ihrem Zenit in den 1960er und 1970er
Jahren. Und er zeigt ihre Auswirkungen auf unsere heutige Lebenswelt, wie die Gleichberechtigung, das Recht auf Abtreibung
und schwule Identität. Doch vieles von dem, was wir für selbstverständlich halten, ist jetzt wieder bedroht. Und so demonstrierten im Januar 2018, ein Jahr nach Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump, in den USA
so viele Frauen wie seit den 1970er
Jahren nicht mehr. Sie kämpfen für
den Erhalt der Frauenrechte – und
für die Wahrung der Errungenschaften der sexuellen Revolution.
Sylvain Desmille: Lustvolle Befreiung – Die sexuelle
Revolution. DVD. Arte Edition/Absolut Medien 2018.
Spieldauer: 108 Minuten. € 14,90
Onlinekurs gegen
Depressionen
Moodgym – so nennt sich ein Onlineprogramm gegen Depressionen, das zeitlich flexibel, kostenfrei und anonym genutzt
werden kann. Es wurde von australischen Wissenschaftlern entwickelt und von Forschern der Universität Leipzig ins Deutsche
übersetzt. Das Selbsthilfeprogramm basiert auf Theorien und
Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie. Es besteht aus
fünf Modulen zu den Themen Gefühle, Gedanken, alternative
Gedanken, Stress und Beziehungen. Das Programm kann etwa
während der Wartezeit auf einen Therapieplatz hilfreich sein
– eine Behandlung ersetzt es jedoch nicht.
moodgym.de
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Inspiration im Netz
Das Portal Sinnsucher.de der Verlagsgruppe Random
House bietet Vorträge, Videos und Kurse zu den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung, Achtsamkeit,
Spiritualität und Psychologie. Darunter sind etwa
ein Kurs von Bindungsexpertin Stefanie Stahl und
von Verhaltenstherapeut und Coach Jens Corssen.
Die Angebote sind größtenteils kostenpflichtig, es
gibt aber auch kostenfreie Inhalte.
sinnsucher.de
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
91
LESERBRIEFE
k.brenner@beltz.de
Es gibt einen „D-Faktor“ in jedem von uns? Womöglich einen
kleinen Darth Vader? Wie gruselig!
Bösewicht: kein genetisch
vorgezeichnetes Schicksal
(Wir berichteten über den dunklen Kern der
Persönlichkeit, den Psychologen als „D-Faktor“ bezeichnen. „Die Essenz des Bösen“.
Studienplatz. Heft 1/2019)
J. B. Watson, einer der Begründer des Behaviorismus, soll gesagt haben: „Gebt mir
ein Dutzend Kinder, und ich mache alles
aus ihnen, was ich will, Lehrer, Wissenschaftler, Schauspieler, ja sogar Bettler und
Diebe.“ Der Psychiater René Spitz und der
Psychologe John Bowlby haben auf die
verheerenden Auswirkungen frühkindlicher Trennungserfahrungen auf die sozioemotionale und moralische Entwicklung
von Menschen hingewiesen und dies in
Studien belegt.
Die berühmte Langzeitstudie der Kinder von Dunedin (Neuseeland) erbrachte,
dass das Verhalten erwachsener Menschen
sowie ihr gesellschaftlicher Erfolg und
Misserfolg gerade kein genetisch vorgezeichnetes Schicksal, sondern der Entwicklung ihrer Fähigkeit zur Selbststeuerung anhand sozialer Erfahrungen in der
Kindheit geschuldet ist.
Trotz all dieser Forschungsergebnisse
und trotz Legionen von Alltagserfahrungen sowie literarischen Beispielen bekehrter „Bösewichte“, angefangen vom biblischen Saulus bis hin zum hartherzigen
Ebenezer Scrooge aus Dickens Weihnachtsgeschichte, hauchen die Kollegen
Moshagen, Hilbig und Zettler den unveränderlichen, ererbten Persönlichkeitsfaktoren von H. J. Eysenck, die sie etwas hipper dark traits nennen und denen die noch
älteren vier Temperamente des Hippokrates zugrunde liegen, neues Leben ein. Es
gibt einen „D-Faktor“ in jedem von uns?
92
Womöglich einen kleinen Darth Vader?
Wie gruselig!
Dafür benutzen sie Kategorien, die entweder psychologisch/psychiatrisch umstritten sind – wie „psychopathisch“ und
„narzisstisch“ – oder gleich völlig fachfremd wie „machiavellistisch“. Die Befragung von 2500 Probanden, die nach solch
fragwürdigen Kategorien ausgewertet
wird, kann demnach keine validen Ergebnisse im Sinne von in der Person angelegten traits erbringen. Das hätte Hippokrates
vor über 2000 Jahren auch nicht schlechter gemacht.
Robert Peter (Pseudonym), Diplompsychologe,
Psychologischer Psychotherapeut, per E-Mail
Konfessionslos,
aber nicht gottlos
(Linda Woodhead erläuterte im Interview,
warum Konfessionslose oftmals keine
Atheisten sind. Im Fokus. „Ist keine Religion
die neue Religion?“ Heft 12/2018)
Ich habe den Artikel mit großem Interesse gelesen, zumal ich inzwischen aus den
sogenannten „christlichen Kirchen“ ausgetreten bin, jedoch dennoch an Gott, das
heißt ein höheres Wesen glaube – nur nicht
im christlichen Sinne, denn die christliche
Ethik erscheint mir abstrus und unwirklich (Jungfrauengeburt). Jahrhunderte-
lang wurde Fanatismus (oft gegen Andersgläubige) gepredigt – die oft unpersönlichen Phrasen können auf Dauer keine
Seele erreichen, und meine Sehnsucht
nach dem Gott des Alten Testaments
(nicht der Rachegott, sondern derjenige
mit reformatorischen Zügen) wird immer
größer. Mein heimlicher Traum, zum „liberalen Judentum“ zu konvertieren, erwies sich als schwierig, weil der Zugang
für Außenstehende oft erschwert wird –
verständlich nach all dem, was man diesen
Menschen angetan hat.
Ich bin zwar zurzeit „konfessionslos“,
aber dennoch nicht gottlos. Leider ist Ihre Interpretation falsch, sogenannte Nones
(Konfessionslose) könnten sich keinen
Dogmen anpassen. Den sich richtig anfühlenden Dogmen könnte ich mich
durchaus anpassen.
Das Christentum ist eine hohle Substanz, die immer mehr wie eine morsche
Bausubstanz zusammenbröselt. Wenn
man dann noch die heuchlerischen, zum
Teil pädophilen christlichen Priester betrachtet, die es mit der Moral nicht so genau nehmen, weil ihnen ja immer wieder
vergeben wird, wundert es mich nicht,
dass die Menschheit den Respekt vor dieser falschen Religion verliert.
Seltsam auch, dass das Christentum die
einzige Religion ist, deren Priester Kinder
missbrauchen. Oder haben Sie jemals davon gehört, dass ein muslimischer oder
jüdischer Priester Kinder sexuell missbraucht? Vielleicht sollte sich die westliche
christliche Kirche einmal Gedanken darüber machen, warum sie ethisch und
moralisch nicht überleben kann.
Viktoria Chevalier, per E-Mail
PSYCHOLOGIE HEUTE
04/2019
Die Redaktion behält es sich vor, Leserbriefe zu kürzen
Robert Peter (Pseudonym), Diplompsychologe, Psychologischer Psychotherapeut, per E-Mail
Schluss mit der
Frühsexualisierung!
(Sven Rhode beleuchtete die Geschichte der
Sexualpädagogik. „Als der Sex in die Schulen
kam“. Heft 11/2018)
Die Frühsexualisierung und die aufdringliche Aufklärung in den Kindergärten und
Grundschulen müssen ein Ende haben!
Die Kinder kommen danach teilweise weinend von der Schule nach Hause. Ein Kind
ist verwirrt, wenn es erfährt, dass es mannigfache homo- und transsexuelle Verwandtschaftsverhältnisse gibt. Und welches Kind muss wissen, dass es 5000 Geschlechter gibt!? Also weg damit und wertvollere, nützlichere Vormittagsbeschäftigungen her, etwa Werken, Denkspiele und
Zuwendung! Unsere Gesellschaft hat
schließlich ganz andere Baustellen. Und
die Oberhärte: Wozu müssen Schwule
Achtjährigen Schwulensex erklären und
vielleicht auch noch bildhaft darstellen
und den Kindern an Dildos das Aufziehen
von Kondomen beibringen!? Welche Zustände sind durch die Verheerungen der
68er bloß eingerissen!? Aufklärung ja, und
zwar wenn das Kind etwas erklärt haben
will, aber Schluss mit aufdringlicher und
überfordernder Sexualpädagogik!
Christian Holz, per E-Mail
Heilsamer Reizentzug
(In unserer Titelgeschichte fragte Silke Pfersdorf, wie wir in einer lauten Welt Ruhe in uns
selbst finden können. „Stille“. Heft 1/2019)
Leider weist der Artikel einen sachlichen
Fehler auf. Sie schreiben auf Seite 21 unten: „Völlige Stille … bedrückt uns sogar
– unbewusst assoziieren wir damit unangenehme Zustände wie Totenstille oder
Leichenstarre.“ Und etwas weiter unten
auf Seite 22 heißt es ergänzend: „Unser
Gehirn scheint mit kompletter äußerer
Stille überfordert zu sein. Verzweifelt sucht
es dann nach Lauten in der Umgebung.“
Dazu sei korrigierend gesagt: Im anderen
Kontext wird Stille und totaler Reizentzug
durchaus als positiv empfunden und hat
sogar nachweisbar heilkräftige Wirkung.
Seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird dies im Rahmen des sogenannten Floating erforscht. Innerhalb dieser Floating-Räume und Tanks ist es absolut dunkel und still. Diese Sinnesreizreduktion ermöglicht neben der physiologischen Entspannung auch eine innere,
mentale Ruhe. Dies wurde und wird in
wissenschaftlichen Studien und zahlreichen Erfahrungsberichten bestätigt. In
Deutschland existieren zurzeit rund 80
öffentliche Center, in denen gefloatet werden kann. Im Buch Denken wird überschätzt von Niels Birbaumer und Jörg Zittlau werden weitere wissenschaftliche Ergebnisse zum Erleben von Stille vorgestellt.
Jörg Auf dem Hövel, Deutscher Floating-Verband e. V.,
München
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S. 4, 16, 17,19, 20, 22, 25, 26: Orlando Hoetzel. S. 5 oben, 67:
Corinna Staffe. S. 5 unten, 70, 73, 74, 76: Julia Schwarz. S. 6, 7,
12, 54 unten, 55, 82, 106: plainpicture. S. 7 oben, 8 oben, 54
oben, 56 links: iStock by Getty Images. S. 8, 10 unten, 52: Getty.
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photocase.de. S.11: Anton Hallmann/Sepia. S. 13: privat. S. 27:
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Mind Control und Rituelle Gewalt
überwinden. 2. Aufl. 2017, XIII, 552 S.,
Festeinband, E 34.50
ISBN 578-3-89334-597-7
„Das Buch ist in seiner Komplexität und darüber hinaus durch
die Haltung von Alison Miller als Therapeutin und als Mensch unbedingt empfehlenswert für Professionelle, die mit Betroffenen
von Ritueller Gewalt und Mind Control arbeiten.” (Trauma –
Zeitschrift für Psychotraumatologie und ihre Anwendungen)
„Es ist ein bestürzendes, kenntnisreiches und ein mutiges Buch zu
einem gerne totgeschwiegenen Thema: systematische, gezielte Aufspaltung der Persönlichkeit. Es zeigt die Macht der angeborenen Abwehrprogramme, die uns auch das Unvorstellbare überleben lassen.
Miller ist das schier Unmögliche gelungen: respektvoll einen begehbaren Weg zu einem menschlicheren Leben und zur Verwirklichung
des eigenen Wesens aufzuzeigen. Empfehlenswert auch für Therapeuten.“ (Deutsches Ärzteblatt)
„Alison Miller entlarvt die Lügen der Programmierer und der Tätergruppen und hilft, sich im Dickicht angelegter Dissoziation
nicht heillos zu verstricken. Sie lässt Betroffene zu Wort kommen, die schonungslos ihre eigenen Verstrickungen aufzeigen.”
(Deutsches Ärzteblatt)
„Das Buch ist von unschätzbarem Wert für Betroffene.“ (Gaby
Breitenbach: Vorwort zur deutschen Übersetzung)
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DIE MAIAUSGABE ERSCHEINT AM 10. APRIL 2019
VOM GLÜCK ZU PLANEN
TITELTHEMA
Haben Sie heute schon geplant? Vielleicht ein berufliches Projekt, die nächste Urlaubsreise oder ein neues Gartendesign? Tun Sie es! Denn Pläne sind mehr
als nur nützliche Werkzeuge. Die neue psychologische
Forschung kommt zu dem Schluss: Vorausdenken
ist außerordentlich förderlich für das psychische
Wohlbefinden. Und paradoxerweise hilft uns gerade
diese Art des Zukunftsdenkens auch dabei, mehr im
Hier und Jetzt zu sein.
„GEH AUF DEINE MATTE!“
Die Welt um uns herum erscheint hasserfüllter, die
Demokratie bedrohter, die Umwelt gefährdeter denn
je. Wie ist unsere Reaktion darauf, fragt die Journalistin Gabriele Heise die Menschen, mit denen sie seit
langem Yoga praktiziert. Die Antworten sind unpolitisch und ichzentriert: „Nimm alles, was geschieht,
nur als Aufforderung, dich weiterzuentwickeln.“
Oder: „Ach, Gabriele, geh auf deine Matte! Da findest
du die Antworten.“ Aber stimmt das? Über sanftmütige Wanderer in einer Welt, die unser ganzes Engagement benötigt.
DAS WAHRE SELBST
NICHT GUT GENUG?
WIE SELBSTZWEIFEL UNS HELFEN –
WENN WIR RICHTIG MIT IHNEN UMGEHEN
Das schaffe ich nie. Habe ich etwas Falsches gesagt? Merken die, dass
ich das eigentlich gar nicht kann? Die meisten von uns kennen Selbstzweifel, und manchmal nehmen sie ein quälendes Ausmaß an. Doch
woher kommen sie, was verraten sie über uns, und was genau ist das
sogenannte Impostor-Syndrom? Therapeuten und Wissenschaftler
haben Antworten auf diese Fragen. Und sie wissen, dass Selbstzweifeln
entgegen der landläufigen Meinung eine große Kraft innewohnt: Sie
geben uns den Anstoß, zu reflektieren und aus Niederlagen zu lernen.
Gerade Zweifler werden oft zu kraftvollen und kreativen Gestaltern
ihres Seins.
106
Folge deinem Traum! Sei einfach du selbst! Lebe, wie
du es dir tief in deinem Herzen wünschst! So lauten
Ratschläge in einer Welt, die Individualismus zur
Glaubensrichtung erhoben hat. Menschen suchen
dabei nach den Wesenszügen ihres wahren Selbst –
das es gar nicht gibt, sagen Wissenschaftler. Was wissen wir wirklich über unseren inneren Kern?
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• In Geschichtslosigkeit versunken: Warum
historisches Bewusstsein wichtiger ist denn je
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Stephan Thome über den Umgang mit dem
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