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Теги: magazin psychologie heute
Год: 2019
Текст
SEPTEMBER 2019
VORBILDER
Lehrer, die uns
fürs Leben prägen
BLICKKONTAKT
So lesen wir
in Gesichtern
DUNKLE ZEIT
46. JAHRGANG
HEFT 9
€ 7,50
SFR 10,90
D6940E
Als Fontane
depressiv wurde
KONZENTRATION
FINDEN
Alle wollen unsere Aufmerksamkeit. Wie es uns gelingt,
wieder ganz bei der Sache zu sein
www.klett-cotta.de/schattauer
Die Darm-Hirn-Connection
Revolutionäres Wissen für unsere psychische
und körperliche Gesundheit
Rolf Dieter Hirsch
Gebrauchsanweisung für das
Leben in der Postmoderne
Das Humor-Buch
Valentin Z. Markser
Karl-Jürgen Bär
Mit Geleitworten von
Klaus Grawe und Ulrich Schnyder
4. überarb. und erw. Aufl. 2019.
339 Seiten, gebunden
€ 55,– (D) | ISBN 9783608432589
NEU | 4. AUFLAGE
Seelische Gesundheit
im Leistungssport
Grundlagen und Praxis
der Sportpsychiatrie
NEU
Elisabeth Schramm (Hrsg.)
Valentin Z. Markser, KarlJürgen Bär
Interpersonelle Psychotherapie
Seelische Gesundheit
im Leistungssport
Mit dem Original-Therapiemanual von Klerman,
Weissman, Rounsaville und Chevron
Die „Interpersonelle Psychotherapie“ (IPT),
ursprünglich von Klerman und Weissman für
die Behandlung von unipolaren Depressionen
entwickelt, wird heute in modifizierter Form
auch bei anderen affektiven Störungen sowie
Essstörungen und Posttraumatischen Belas
tungsstörungen erfolgreich eingesetzt.
Den Sinn für Humor zu fördern bereichert
das ganze Leben – sogar so sehr, dass er
eigentlich nicht ernst genug genommen wer
den kann. Durch ihn werden wir vielseitiger,
freundlicher mit uns und anderen, kreativer
und gesünder. Im Alltag und in der medizi
nischen und psychotherapeutischen Praxis
kann das Lachen immer einen Platz finden,
aber auch in kritischen Lebenssituationen ist
Humor öfters angebracht als gedacht!
Grundlagen und Praxis der Sportpsychiatrie
Ein Buch aus dem neuen Wissenschaftsgebiet
der Sportpsychiatrie, das aufrüttelt: Während
bislang vorwiegend körperliche Verletzungen
sportmedizinisch beachtet wurden, dringt nun
mehr und mehr ins Bewusstsein, dass auch
äußerst erfolgreiche Sportler psychische Pro
bleme haben. Die beiden Autoren informieren
aktive Sportler, ihre Angehörigen, Trainer und
alle Fachleute, welche seelischen Belastungen
und Risiken es gibt.
Die Krankheitsbewältigung unterstützen
Aktualisiert
und erweitert
Die Kunst des Perspektivenwechsels
in Theorie und Praxis
Kathrin Zittlau
Kathrin Zittlau
Mit Geleitworten von
Klaus Grawe und Ulrich Schnyder
Seelische Gesundheit im Leistungssport
Mit dem Original-Therapiemanual
von Klerman, Weissman, Rounsaville und Chevron
NEU
Andreas Hillert
Markser Bär
Interpersonelle
Psychotherapie
Die Kunst des Perspektivenwechsels
in Theorie und Praxis
• Originelles Konzept der Gebrauchs
anweisung: Gibt weder einfache Antworten
noch Tipps
• Expertise: Bestandsaufnahme der Gegen
wart aus der Sicht eines Psychiaters und
Psychotherapeuten
• Abgründig, charmant, herausfordernd,
humor voll, spannend – und mindestens so
gut wie alle innovativen Therapieverfahren
• Spannende neue Erkenntnisse über das
Mikrobiom
• Glücksfaktor: Was tut Darm und Psyche
gut?
• Expertise: Praxiserfahrener und wissen
schaftlich renommierter Autor
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Das
Humor-Buch
Die Krankheitsbewältigung
unterstützen
Theorie und Praxis des professionellen
Umgangs mit chronisch Kranken
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2019. 145 Seiten, broschiert
€ 25,– (D) | ISBN 9783608400229
Gregor Hasler
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2019. Ca. 326 Seiten, Klappenbroschur
€ 25,– (D) | ISBN 9783608400250
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2019. 191 Seiten, gebunden
€ 39,99 (D) | ISBN 9783608432060
NEU
Reihe Wisssen & Leben
2019. 301 Seiten, Klappaenbroschur.
€ 20,– (D) | ISBN 9783608400021
Revolutionäres Wissen für unsere psychische
und körperliche Gesundheit
2019. 441 Seiten, gebunden
€ 50,– (D) | ISBN 9783608432619
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Gregor Hasler
Die Darm-HirnConnection
Kathrin Zittlau
Die Krankheitsbewältigung
unterstützen
Theorie und Praxis des professionellen
Umgangs mit chronisch Kranken
• Hilfreiche Theorie: Grundlagenwissen für
einen adäquaten und unterstützenden
Umgang mit Ihren chronisch erkrankten
PatientInnen
• Konkrete Praxis: Die wichtigsten Behand
lungsansätze anhand zahlreicher Praxis
beispiele verständlich erklärt
Liebe Leserinnen und Leser
T
exte geschrieben habe ich schon an den unterschiedlichsten Orten:
gegenüber einem Reval-rauchenden Lokalredakteur am gemeinsamen
Schreibtisch; in einem geduckten, lauten Raum inmitten telefonierender Tageszeitungskollegen; bei Sandsturm nachts in einem Container … Das
ging alles – und doch gibt es natürlich deutlich bessere Bedingungen für fokussiertes Arbeiten.
Stephanie Wackernagel ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Sie erforscht, wie sich Büro- und Arbeitsumgebungen auf Menschen auswirken. Wie
beeinflussen Räume unsere Konzentration, habe ich sie gefragt, und im Gespräch sehr viel Überraschendes erfahren – zum Beispiel: Nein, das Einzelzimmer ist nicht die ideale Organisationsform. Der Grund: „Unsere Erhebungen
zeigen, dass sich der durchschnittliche Büroarbeitende zu etwa 50 Prozent
seiner Zeit in Alleinarbeit konzentrieren muss. Die restliche Zeit geht in kommunikative Tätigkeiten. Und wenn Sie jetzt allein in einem Büro sitzen, heißt
das, dass Sie 12-, 14-mal am Tag bei Ihrer Arbeit unterbrochen werden, weil
jemand in Ihrer Tür steht und mit Ihnen reden möchte. Das ist das Paradox:
Weil die Kommunikationsanforderungen heute so hoch sind, kann der Raum
nicht mehr das leisten, wofür er eigentlich gedacht ist.“
Noch schlechter seien Zwei- oder Drei-Personen-Büros für vertieftes Arbeiten, erklärt die Wissenschaftlerin, da man dort jedes Gespräch der Kollegen
mithört. Das akustische Grundrauschen in einer offenen Bürostruktur ohne
viele Wände sei hingegen kein Problem: „Sobald die Sprachverständlichkeit
da ist, sind wir abgelenkt. Aber wenn es unbestimmte Nebengeräusche gibt,
dann stört uns das nicht.“
Als ideale Organisationsform nennt Wackernagel eine „Multispace-Arbeitsumgebung“, die mit den Mitarbeitern zusammen entwickelt wurde und
je nach Bedarf Unterschiedliches bietet: einen offenen Arbeitsbereich, der den
vorhandenen Platz effizient nutzt, Einzelkabinen für hochkonzentrierte Tätigkeiten, inspirierende, hohe Räume für kreatives Arbeiten – und natürlich
gesonderte Pausenräume. „Das Durchschreiten von Räumen löst Spannung
und hilft uns abzuschalten“, so Stephanie Wackernagel. Und Entspannung ist
enorm wichtig für die anschließende Konzentration.
Tiefes, fokussiertes Tun – nicht nur im Büro – ist eine große Sehnsucht von
uns allen. Daher haben wir unsere Titelgeschichte der Frage gewidmet, was
wir tun können, um wieder ganz bei der Sache zu sein (Seite 16).
Gute Erkenntnisse wünscht
Dorothea Siegle, Chefredakteurin
Übrigens: Aus dem Bauch heraus wählen wir nicht immer die richtige Arbeitsumgebung für uns. Das und weitere spannende Fakten lesen Sie im vollständigen Interview mit Stephanie Wackernagel unter psychologie-heute.de/
beruf
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
3
IN DIESEM HEFT
TITEL
16 Konzentration finden
Wie wir uns vor Ablenkung schützen und
uns wieder ganz einer Sache widmen
Von Anne Kratzer
26 „Etwas, was Sie schon spüren,
aber noch nicht sagen können“
Psychotherapeut Johannes Wiltschko
über die Konzentration auf sich selbst
12 Im Fokus: „Hörig wird,
wer nicht gehört wird“
Der Arzt und Forscher Herbert Renz-Polster
gräbt nach den Wurzeln autoritärer
Gesinnung
30 Die Lehrer unseres Lebens
Über Pädagogen, die uns Vorbilder
waren und prägten
Von Monika Goetsch
36 Wie wir in Gesichtern lesen
Wir sind Meister im Erfassen von Mimik –
nicht mal das Starren auf Monitore
konnte uns dieser Fähigkeit entwöhnen
Von Jörg Zittlau
44 „Spieler sind in einem
Trancezustand: der Zone“
Suchtforscherin Natasha Dow Schüll
über den hypnotischen Sog von
Spielautomaten
58 Die Gefühlsausstrahler
Menschen mit „affektiver Präsenz“
haben die Gabe, andere heiter zu stimmen
– oder ihnen die Laune zu verderben
Von Klaus Wilhelm
4
TITELTHEMA
16
Das Smartphone piept, während der
PC zwölf neue E-Mails anzeigt und
die Kollegin zu einer raschen Absprache durch
die wie immer offene Bürotür tritt. Sich endlich
mal konzentriert einer – und nur einer – Sache
widmen zu können: Danach sehnen sich heute
viele. Wie wir uns gegen äußere und innere
Ablenkungen schützen und lernen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auszurichten
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
64 Die Freude am Sex – und wie
man sie wiederfindet
Ein Report über Lust und Unlust, Nähe und
Vermeidung, Augenbinden und Eiswürfel
Von Jochen Metzger
72 Als Fontane depressiv wurde
In späten Jahren schlitterte Theodor
Fontane in eine Depression. Sie wurde
verkannt und legte sein gesamtes
Schaffen lahm
Von Klaus Brath
30
„Sie schenkte mir die Anerkennung, die ich brauchte.“ – „Er hat
so für sein Fach gebrannt, dass im Unterricht alle begeistert mitmachten.“ Manche
Lehrer bleiben uns noch Jahrzehnte nach
der Schulzeit in besonderer Erinnerung.
Sie haben uns geprägt fürs Leben. Was
zeichnet diese Persönlichkeiten aus?
RUBRIKEN
28 Therapiestunde
Mitgefühl für einen Mörder?
Von Uwe Kazenmaier
42 Psychologie nach Zahlen
Brandherd unter Kontrolle
Von Silke Pfersdorf
70 Studienplatz
Von guten und schlechten Gefühlen
Von Andreas Schrank
78 Lekys Aussichten
Eine kapitale Unrast
Von Mariana Leky
3 Editorial
64
Ein Fünftel aller Langzeitpaare
hat keinen Sex mehr, und andere
empfinden eher Druck als Begierde.
Doch Studien zeigen, dass das kein
Naturgesetz ist. Das Verlangen lässt sich
bewahren. Und auch zurückerobern.
Wenn dabei (noch) nicht die Lust die
treibende Kraft ist, dann das Bedürfnis,
einander nahe zu sein
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
6 Themen & Trends
52 Körper & Seele
57 Cartoon
80 Buch & Kritik
91 Medien
92 Leserbriefe
93 Impressum
94 Noch mehr Psychologie Heute
95 Markt
106 Im nächsten Heft
5
REDAKTION:
SUSANNE ACKERMANN
Empathie strengt an
Wir ignorieren Obdachlose. Stellen uns taub und
stumm, wenn Fremde uns um Kleingeld bitten. Soziale Wesen mögen wir sein – aber unser Mitgefühl
schenken wir nicht jedem. Im Gegenteil: „Menschen
meiden Empathie mit Fremden.“ Das schreiben nordamerikanische Wissenschaftler, basierend auf elf Studien mit rund 1200 Teilnehmern.
Aber wieso versuchen wir, Mitgefühl auszublenden? Um das herauszufinden, entwarfen die Forscher
zunächst die sogenannte Empathy Selection Task
(EST): Die Probanden wählten Karten aus zwei kleinen Stapeln, der eine war mit „beschreiben“, der andere mit „fühlen“ betitelt. Jede Karte zeigte das Foto
einer Person. Die Menschen in diesen Bildern hatten
explizite Gesichtsausdrücke. Sie schauten beispielsweise besonders traurig. Aufgabe der Probanden war,
entweder das Aussehen der Person kurz zu beschreiben oder deren Gefühle. Zum Schluss der bis zu 40
EST-Runden fragten die Forscher nach, wie ihre Freiwilligen sich fühlten und wie sie die Aufgabe empfunden hatten. Anhand der Antworten zeichnete sich
eine generelle Tendenz ab: Menschen meiden offen6
bar Empathie, weil sie sie als kognitiv auslaugend und
ermüdend empfinden. Das galt nicht nur für negative, schmerzvolle Gefühle: Die Probanden mieden
Empathie auch dann, wenn sie sich in schöne Gefühlszustände anderer hineinversetzen sollten.
Als Nächstes untersuchten die Psychologen, wann
wir die Mühe der Empathie auf uns nehmen. In einem Versuch bekamen die Probanden ein kurzes und
frei erfundenes Feedback der Forscher. Etwa: Der
Einzelne sei in seinen Beschreibungen der Bilder bislang zu 50 Prozent besser als der Rest der Probanden,
in seinen empathischen Einschätzungen sogar bis zu
95 Prozent besser. Daraufhin wählten die Freiwilligen generell jene der zwei Optionen, in der sie glaubten, besser als das Gros zu sein. Empathie scheint
eine jener Anstrengungen zu sein, die wir meiden
– sofern sie uns keine Belohnung verspricht.
ANNA GIELAS
C. Daryl Cameron u. a.: Empathy is hard work: People choose
to avoid empathy because of its cognitive costs. Journal of
Experimental Psychology: General. Advance Online Publication,
2019. DOI: 10.1037/xge0000595
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Eine gute Idee erkennen wir
an. Aber die Arbeit, die damit
einhergeht, eine Idee umzusetzen, bewerten wir höher –
wegen der Anstrengung, die dafür erforderlich ist. Dies allerdings nur, solange ein
Projekt auch erfolgreich ist, zeigten Forscher
in sieben Studien. Scheiterte ein Projekt,
gaben die Teilnehmer dem Ideengeber den
Hauptteil der Schuld daran.
43 %
Ein um
höheres Trennungsrisiko als
Gleichaltrige haben junge Männer, die beim Übergang von
Ausbildung oder Studium in den
Beruf Schwierigkeiten haben.
Ausgewertet wurden Daten von
mehr als 1500 Männern und
Frauen. Für das Trennungsrisiko
gleichaltriger Frauen spielte es
dagegen keine Rolle, ob sie
diesen Übergang problemlos
meisterten oder nicht.
DOI: 10.1080/13676261.2018.1562164
DOI: 10.1037/xge0000473
Die Freiheit ohne Auto
Wer kein Auto mehr besitzt, verändert seine Vorstellungen von
Freiheit, Sicherheit und Status. Dies stellten Forscher in 20 Tiefeninterviews mit Menschen fest, die ihr Auto freiwillig und
ohne finanziellen Druck abgeschafft hatten. Alle Befragten lebten in größeren Städten in Brasilien. Bei allen war der Entscheidung ein längerer Prozess vorausgegangen.
Ohne ihr Auto erlebten die Befragten eine neue Freiheit: Sie
mussten nicht mehr über Parkplatzsuche, Reparaturen oder Inspektionen nachdenken und standen nicht mehr im Stau. Einige Befragte, die ehemals ein Auto angeschafft hatten, um ihren Status zu demonstrieren, wandelten dieses Prestige für sich
um: Sie sahen sich ohne ihr Fahrzeug als urbane Trendsetter
und umweltbewusste Pioniere.
Auch das Sicherheitsgefühl änderte sich: Unabhängig davon,
ob sie sich im eigenen Wagen sicher gefühlt oder häufig beim
Fahren vor Unfällen Angst gehabt hatten, berichteten alle Befragten, sich ohne eigenes Auto weniger verwundbar zu fühlen.
Und das selbst dann, wenn sie nach dem Verkauf ihres eigenen
Wagens häufig Uber-Taxis, also wieder Pkw nutzten. Einige
Befragte stiegen auf Bus und Bahn um und berichteten, sie blickten jetzt anders auf ihre Mitmenschen: „Es hat mich humaner
gemacht“, erklärte ein Teilnehmer.
SAC
Fabio Shimabukuro Sandes u. a.: I do not own a car any more: An analysis
of possessions’ disposal and changes in consumers’ identities. International
Journal of Consumer Studies, 2019. DOI: 10.1111/ijcs.12524
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
7
Mikropausen: ein Blick aus dem Fenster,
eine Atemübung, eine Tasse Kaffee holen.
Wir nehmen sie uns, aber nicht, weil wir
sie brauchen, um uns kurz zu erholen,
fanden Forscher bei einer Tagebuchstudie
mit 120 Teilnehmern heraus. Sondern
meist nach einer unangenehmen Aufgabe,
um uns zu belohnen.
Ob sich Leistungssportler fürs
Doping entscheiden,
hängt am stärksten davon
ab, ob sie es moralisch vor
sich rechtfertigen können.
Dies zeigte eine Befragung von
1500 Fußballern aus drei Ländern, die knapp unter dem
Profilevel spielten. Einfluss
hatten dabei auch die Trainer:
Bestraften sie Fehler oder widmeten sie sich nur den Besten,
stieg die Wahrscheinlichkeit
des Dopings bei anderen an.
DOI: 10.1037/str0000117
DOI: 10.1016/j.psychsport.2019.04.008
Verschleierter Blick
Logische Argumente sollten in politischen Debatten zentral sein.
Leider schwächelt unser logisches Denken aber gerade dann,
wenn es um Politik geht. Dies bestätigten US-Forscher in drei
Studien.
In einer Erhebung sollten rund 900 Teilnehmer angeben, wie
liberal oder konservativ sie waren, und diverse Aussagen zu
verschiedenen politischen Themen daraufhin bewerten, ob sie
rein logisch korrekt waren, unabhängig von der politischen Haltung in dem Argument. Dafür wurden ihnen Syllogismen vorgelegt. Ein Beispiel: „Alle gefährlichen Drogen sollten illegal
sein. Marihuana ist eine gefährliche Droge. Deshalb sollte sie
illegal sein.“ Diese Syllogismen gab es in diversen Kombinationen: Entweder ergaben die Schlüsse logisch Sinn oder nicht,
entweder waren sie liberal oder konservativ gefärbt.
Das Ergebnis: Die politische Haltung verschleierte den Blick
auf die Logik. Je konservativer die Teilnehmer, desto seltener
hielten sie liberale Aussagen für schlüssig und desto häufiger
werteten sie konservative Inhalte eher als stichhaltig, unabhängig davon, ob sie das wirklich waren. Auch bei Liberalen fand
sich dieses Muster. Die Voreingenommenheit entdeckten die
Forscher zudem bei einer Stichprobe mit mehr als 1100 Probanden und sogar dann, wenn die Studienteilnehmer vorher geübt
hatten, wie Syllogismen auf ihre Korrektheit geprüft werden.
JANA HAUSCHILD
Anup Gampa u. a.: (Ideo)Logical Reasoning: Ideology impairs sound
reasoning. Social Psychological and Personality Science, 2019. DOI:
10.1177/1948550619829059
8
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Liebe ich zu stark?
Verliebtheit, eine starke emotionale Bindung an den
Partner oder sexuelles Begehren, all das scheint pure Naturgewalt zu sein. Aber Liebe lässt sich auch
regulieren, also bewusst verstärken oder abschwächen. Das bestätigen psychologische Studien seit längerem, und diese Fähigkeit halten die Autoren einer
aktuellen Studie auch für gesund: Wer glaubt, Gefühlszustände in seinem eigenen Sinne beeinflussen
zu können, tue damit auch etwas für seine seelische
Gesundheit.
Eine Befragung von rund 250 Teilnehmern zeigte: Diejenigen, die glaubten, normale Gefühle wie
Fröhlichkeit oder Angst regulieren und ändern zu
können, waren auch der Meinung, Verliebtheit, sexuelles Begehren oder Bindung selbst verstärken oder
abschwächen zu können, und zwar indem sie beispielsweise ihre Verliebtheit zu etwas Besonderem,
Einzigartigem erklärten. Und es gab Teilnehmer, die
generell dazu neigten, emotional aufwühlende Situationen oder intensive Gefühlszustände kognitiv umzudeuten, wenn ihnen dies notwendig schien. Sie
sahen sich auch in der Lage, Liebesgefühle neu zu
bewerten.
Allerdings zeigten sich auch sehr viele Befragte
überzeugt, Verliebtheit nicht herunterdimmen zu
können. Darüber hinaus glaubten die meisten Probanden nicht, dass man sich auf Knopfdruck verlieben oder gezielt Bindung und sexuelles Begehren ins
Leben rufen kann.
Die Psychologen nehmen an, dass es hilfreich ist,
an diesen Überzeugungen anzusetzen, um zu vermitteln, dass und wie Liebesgefühle im Alltag besser
reguliert werden können. Gelinge es beispielsweise,
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sich nach einer unfreiwilligen Trennung zu „entlieben“ und nach und nach die gesamte Situation neu
zu bewerten, sei dies gesünder, als in dem emotional
belastenden Zustand direkt nach der Trennung zu
verharren. Und wenn Liebe im Lauf einer Partnerschaft zu schwinden scheint, könne die Frage auftauchen, was man dafür tun kann, sie wieder zu erleben – das Spektrum reicht von gemeinsamen Aktivitäten, besserem Umgang mit emotionalem Stress,
mehr Zuhören bis hin zur Paartherapie.
SAC
Sich verlieben,
sich entlieben
– können wir
das bewusst
steuern?
Kruti Surti, Sandra J. E. Langeslag: Perceived ability to regulate
love. Plos One, 2019. DOI: 10.1371/journal.pone.0216523
Liebe ist
Einheit in Vielfalt
www.gleichklang.de
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
9
Junge Erwachsene in den
USA fühlen sich offenbar
gestresst, weil sie unter allen Generationen
als die narzisstischste und damit egoistischste gelten. Dies ergaben zwei Studien
mit 1700 Befragten, mehr als die Hälfte
davon Studierende. Dabei stimmten die
Jüngeren zu, narzisstisch zu sein, aber sie
fanden sich selbst nicht ganz so narzisstisch
wie die älteren Erwachsenen.
Manche Tiere mögen wir: Schmetterlinge etwa, Kanarienvögel oder
Koalabären. Andere finden wir eklig: Küchenschaben, Ratten oder
Hyänen zum Beispiel. Aber essen
würden wir alle nicht, seien sie auch
noch so nett. Dies zeigten Forscher
in zwei Studien. Sie vermuten, dass
wir bei den attraktiven Tierarten
moralische Bedenken haben, sie zu
verzehren, weil es bedeuten würde,
sie zu töten. Bei den ekligen haben
wir da offenbar weniger Bedenken.
DOI: 10.1037/emo0000587
DOI: 10.1371/journal.pone.0215637
Mobbing unter Geschwistern
Wenn Geschwister sich streiten, schauen viele Eltern weg. So manche Rauferei wird als harmlos und normal betrachtet. Dabei wissen Psychologen, dass Mobbing und Gewalt unter Geschwistern
im Erwachsenenalter zu Einsamkeit und gesundheitlichen Problemen führen können. Geschwistermobbing kommt vor allem in
Familien mit mehr als zwei Kindern vor. Dies ergab eine Studie,
für die Forscher Daten von 6838 Kindern und ihren Müttern auswerteten. Verbale Beleidigungen, körperliche Übergriffe, Missgunst
und Lügen unter Geschwistern sind dort häufiger an der Tagesordnung als in Familien mit nur zwei Kindern.
Wer mehrere Geschwister hat, männlich ist und zuerst geboren
wurde, ist dabei besonders gefährdet, seine Geschwister zu drangsalieren. Mädchen und Jungen mit älteren Brüdern müssen häufiger unter Schikanen leiden. Die Aggression unter den Geschwistern ist laut den Forschern eine Folge des Verteilungskampfes um
Ressourcen und ein Ringen um soziale Dominanz. Mit jedem weiteren Kind müssten Geschwister um die Aufmerksamkeit, Gunst
und materiellen Güter der Eltern buhlen. Um Konflikte unter Geschwistern zu vermeiden, müssten Eltern lernen, wie sie es Erstgeborenen leichter machen können, ihre Situation zu akzeptieren,
und wie die Beziehungen unter den Geschwistern verbessert werden können.
ARIANE WETZEL
Slava Dantchev, Dieter Wolke: Trouble in the nest: Antecedents of sibling bullying
victimization and perpetration. Developmental Psychology, 55/5. DOI: 10.1037/
dev0000700
10
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
WOHLFÜHLWISCHEN?
Aufräumen und Putzen werden im Internet öffentlich zelebriert.
Warum konnte Hausarbeit so attraktiv werden?
IM TUN VERSINKEN
ENTSPANNUNG
Viele Ratgeber empfehlen, Achtsamkeit
im Alltag zu leben, denn leichte
wiederholendeTätigkeiten wirken
meditativ. Und eigentlich wäre Putzen
ohne Handschuhe am schönsten, man
käme in direkten Hautkontakt und in
ein sinnliches Erleben. Leider schaden
viele Putzmittel der Haut.
Ein aufgeräumtes Zuhause wirkt auf
unser Wohlbefinden. Frauen, die ihre
Wohnung als ordentlich beschrieben,
zeigten ein gesünderes Kortisollevel und
weniger depressive Stimmung als solche, die
sie als chaotisch wahrnahmen.
FITNESS
Die Quellen zu dieser Studiengrafik finden Sie unter psychologie-heute.de/literatur. Illustration: Anton Hallmann/Sepia. Text: Anne Kratzer
Als die Forscherin NiCole Keith
bei fast 1000 Amerikanern
untersuchte, wann sie sich
bewegen, stellte sich heraus:
vor allem bei der Hausarbeit.
KONZENTRATION
KONVENTION
Die Psychologin Kathleen Vohs
glaubt zu wissen, warum viele
Menschen Ordnung als angenehm
empfinden. Sie lässt uns im
Gewohnten, Traditionellen bleiben.
Dabei bietet auch eine chaotische
Umgebung Vorteile: In Vohs
Experimenten hatten die Versuchspersonen dort neuere
und kreativere Ideen.
Viele Studien zeigen, dass es
Menschen leichterfällt, sich auf
eine Sache zu konzentrieren,
wenn weniger Dinge um sie
herumliegen, die sie an unerledigte Aufgaben erinnern und
dadurch ablenken können. Den
Schreibtisch zu ordnen rentiert
sich also.
REUE
Speziell in der deutschen
Tradition des Pietismus habe
Schmutz viel mit Scham zu
tun, meint die Philosophin
Nicole Karafyllis. Schmutz
werde mit dem Körper
assoziiert, und der gelte
im Christentum als sündig,
folglich schambehaftet.
Mit dem Dreck könnten
wir also immer auch ein
wenig Scham wegputzen.
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
BESÄNFTIGUNG
In einer Studie machten
Biologen einem Teil ihrer
Versuchspersonen Angst und
beobachteten, wie diese
putzten: mit Handbewegungen, die sie öfter wiederholten als Probanden, die nicht
gestresst worden waren.
Stereotype Handlungen und
Rituale scheinen uns also zu
beruhigen.
11
IM FOKUS
„Hörig wird,
wer nicht gehört wird“
Rechtspopulisten sind unterwürfig gegenüber Anführern und aggressiv gegenüber allen außerhalb ihrer Gruppe. Woher kommt das? Der Kinderarzt und
Wissenschaftler Herbert Renz-Polster über die Wurzeln autoritärer Gesinnung
Wer keine innere
Heimat hat, muss sich
anders aufwerten.
Demonstration in
Chemnitz im Jahr 2018
12
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Herr Renz-Polster, wie kamen Sie als Kinderarzt
zen die Gefolgsleute, das sind die Wähler. Sie orientieren sich an den vorgegebenen Normen, geben sich
konform oder sogar unterwürfig gegenüber der Führung, aber aggressiv gegenüber anderen, die „nicht
dazugehören“. Oben im Bus sitzen die autoritären
Anführer. Sie zeichnet das Streben nach Dominanz,
Überlegenheit und Kontrolle aus. Was beide eint –
oben und unten –, sind Abwertung und Vorurteile
gegenüber denen, die nicht zur eigenen Hierarchie
gehören. Das betrifft beispielsweise andere Ethnien.
darauf, sich mit Rechtspopulismus zu beschäftigen?
Ich habe in den letzten 15 Jahren vor allem wissenschaftlich rund um das Thema gearbeitet: Was brauchen Kinder zum gesunden Aufwachsen und wie
bilden sie ihre Stärken aus? Was, wenn das nicht gelingt? Wo suchen sie später Halt? Da geht der Blick
mitten hinein in gesellschaftliche Rahmenbedingungen und politische Versprechen. Meine Erkenntnisse
konnte ich in den letzten beiden Jahren am Beispiel
des Rechtspopulismus weiter ausarbeiten.
Sie behaupten, dass die Erziehung eine Rolle
spielt. Welche Erziehung macht anfällig für den
Was verstehen Sie unter Rechtspopulismus?
Rechtspopulismus?
Da mischen sich Positionen aus dem rechten politischen Spektrum mit einer populistischen Agenda,
die Abwehr von Fremden etwa wird mit einer Kritik
an den Eliten verbunden, die angeblich alles vermasseln. Für ihre Anliegen werben rechtspopulistische
Leader, indem sie auf die Gefühle der Menschen zielen – vor allem indem sie Ängste schüren. Die Forschung ist sich einig, dass der Kern des Rechtspopulismus der Autoritarismus ist. Und da sind wir bei
den Arbeiten der Frankfurter Schule rund um Theodor W. Adorno. Die Frankfurter Schule sieht den
Autoritarismus als streng hierarchische Herrschaftsform, die auf Befehl und Gehorsam ausgerichtet ist
und sich an eng gefassten Konventionen orientiert.
Autoritarismus beschreibt also die Neigung von Menschen, sich in ein geregeltes System von oben und
unten einzugliedern und gleichzeitig diejenigen abzuwerten, die nicht in diese Ordnung gehören.
Diese Forschungen der Frankfurter Schule fan-
Das ist eine Erziehung, die den Kindern – als Bild
gesagt – keine Heimat gibt. Ich verstehe den Kern
des Rechtspopulismus als Ausdruck einer Suche nach
Orientierung und Sicherheit. Damit sind wir bei den
Grundthemen, die wir in der Kindheit verhandeln:
Habe ich eine Stimme oder werde ich nicht gehört?
Liegt die Kontrolle bei mir oder bin ich ausgeliefert?
Fühle ich mich hier zu Hause oder fremd?
Läuft alles gut, so nimmt das Kind sich als wohlaufgehoben und selbstwirksam wahr. Das gilt auch
für den späteren Erwachsenen, der solch ein seelisches Fundament in jungen Jahren mitbekommen
hat. Jede Erziehung, die Kindern diese Basis von innerer Sicherheit vorenthält, macht sie anfällig gegenüber den Verheißungen des Rechtspopulismus: Make
America great again! Deutsche zuerst! Take back con
trol! Diese Versprechen von Stärke, Bedeutung und
Zugehörigkeit zielen auf die Aufwertung des Selbstwertgefühls, aber auf Kosten der Abwertung anderer.
den ab den 1930er Jahren statt. Man wollte da-
Meinen Sie eine autoritäre Erziehung?
mals wissen, wie es zur NS-Diktatur kommen
Bei dem Begriff „autoritär“ schwingt ja das Gewalttätige mit. Wir denken dabei oft an eine repressive,
strafende Kindererziehung, wie wir sie in Michael
Hanekes Film Das weiße Band sehen …
konnte. Gelten diese Erkenntnisse heute noch?
Natürlich. Und deshalb sollten wir uns fragen, warum der Autoritarismus noch immer – oder wieder
– Aufwind hat. Ich bin sicher, dass Menschen, die
Rechtspopulisten wie Donald Trump oder Parteien
wie die AfD wählen, dies nicht tun, weil sie zu einfach gestrickt sind für kompliziertere Antworten.
Besonders sollte uns zu denken geben: Diese neuen
Rechten gewinnen ihre Anhänger nicht, obwohl sie
pöbeln, prahlen und sich selbst überhöhen, obwohl
sie gegen andere hetzen und Minderheiten abwerten
– sondern genau deswegen.
Hetzen und Pöbeln als Wahlprogramm, für wen
ist das attraktiv?
Führung und Gefolgschaft – diese Zweiteilung der
rechtsautoritären Welt ist für viele attraktiv. Die Autoritarismusforschung beschreibt den modernen
Rechtspopulismus als Doppeldecker-Bus: Unten sitPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
… und diese Art der Erziehung ist hierzulande
inzwischen wohl eher die Ausnahme.
Herbert Renz-Polster
ist Kinderarzt und
assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für
Public Health der
Universität Heidelberg. Im März 2019
erschien sein Buch
Erziehung prägt
Gesinnung. Wie der
weltweite Rechtsruck entstehen
konnte – und wie wir
ihn aufhalten können
Glücklicherweise! Der Einstieg in das autoritäre
Lebensmuster ist aber viel breiter. Gefährdet sind
auch Kinder, denen es „nur“ an Anerkennung mangelt, die in ihrer Kindheit keine eigene Stimme einüben konnten. Hörig wird auch, wer nicht gehört
wird. Gefährdet sind Kinder, die nicht das Gefühl
vermittelt bekommen haben, dass sie so in Ordnung
sind, wie sie sind. Auch diese Kinder werden durch
die Erziehung innerlich entwertet und verunsichert
– und suchen dann später Wert und Sicherheit eher
im Äußeren. Das sind alles Facetten einer autoritären
Erziehung, ohne dass körperliche Gewalt im Spiel
ist.
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IM FOKUS
Die Kinder sollten nicht ihre
eigenen Wünsche entwickeln,
sondern lernen, sich in das
Kollektiv einzufügen
meist über acht bis zehn Stunden am Stück dort untergebracht. Die wenigsten von ihnen hatten eine
verlässliche Bezugsperson. Eine Hinwendung der Erzieherinnen zu Einzelnen war offiziell verpönt: Die
Kinder sollten nicht ihren eigenen Willen entwickeln,
sondern lernen, sich in das Kollektiv einzufügen. Eine Eingewöhnung der Kinder seitens der Eltern in
die Krippe fand nicht statt. Überhaupt war die Anwesenheit der Mütter dort untersagt, und sogar
Kuscheltiere waren den Kindern meist verboten.
Das klingt nach sehr einsamen, emotional belasteten Kindheiten.
In Ihrem Buch stellen Sie Landkarten der Gewalt
vor, die Sie etwa für die USA erstellt haben. Anhand derer zeigen Sie, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Gewaltakzeptanz gegenüber Kindern – Eltern sagen etwa „Schlagen ist
okay“ – und politischer Gesinnung. Es zeigte sich:
US-Bundesstaaten mit mehr Gewaltnormalität
waren meistens die, in denen der Rechtspopulist
Donald Trump auch mehr Wählerstimmen bei
der Kongresswahl einheimsen konnte.
Diese Karten zeigen, dass das politische Klima auch
das Familienklima widerspiegelt. Ich verstehe dabei
die Gewalt als einen Marker, als Ausdruck einer beschädigten Kindheit im weiteren Sinne. Auch andere Entwicklungserfahrungen – etwa der Mangel an
verlässlichen Bindungen und Beziehungsabbrüche
– sind Ausdruck einer beschädigten Kindheit. Dass
auch diese Erfahrungen ein Klima für Autoritarismus bereitstellen, zeigt der Blick auf eine andere
Landkarte: die der ehemals geteilten Nachkriegsstaaten DDR und BRD. In den neuen Bundesländern
sehen wir heute ebenfalls eine deutliche Neigung zum
Autoritarismus. Dabei gibt es keinen Hinweis, dass
in der DDR im Vergleich zur BRD mehr körperliche
Gewalt gegen Kinder ausgeübt wurde, im Gegenteil.
Ja, das waren Belastungen, auch dann, wenn viele
Familien dem ihr Bestes entgegensetzten. Am meisten litten wohl die Kinder in den Wochenbetreuungen. Das war nicht die Regelunterbringung, aber es
betraf nicht wenige: 1966 gab es Wochenkrippenplätze für fast 40 000 Kinder. 1980 waren es noch
17 000 Plätze. Viele der Kinder in den Wochen
betreuungen, aber auch manche in den Tageskrippen
zeigten ein auffälliges Verhalten. Man nannte es Adaptationssyndrom: Die Kinder zogen sich depressiv
zurück, verweigerten die Nahrung, hatten Schlafstörungen und Entwicklungsverzögerungen.
Ich schließe mich deshalb den Forschungsergebnissen der Psychiaterin und Psychoanalytikerin
Agathe Israel an, mit dem Fazit: In der DDR herrschte ein autoritäres Erziehungssystem. Unter solchen
Umständen, die verlässliche Bindungen stark beeinträchtigen, fällt es Kindern schwer, emotionale Sicherheit auszubilden und ein positives Selbstbild zu
erlangen. Das gilt auch, wenn körperliche Gewalt
nicht im Spiel ist. Sie lernen eher, sich anzupassen.
Die Folge ist vor allem: Angst. Dass diese bei gesellschaftlichen Umbrüchen aktiviert wird, ist kein Wunder.
Dann sind es doch die äußeren Umstände, die
Was war der Unterschied zwischen Kindheiten
Menschen dazu bringen, rechtspopulistische Par-
in Ost und West?
teien zu wählen?
Er lag weniger in der familiären Erziehung als vielmehr in der institutionellen Säuglings- und Kleinkindbetreuung in der DDR. Zum Ende der 1980er
Jahre waren mehr als 80 Prozent der Ein- bis Dreijährigen in einer Krippe untergebracht. Zum Vergleich: In Westdeutschland wurden vor der Wende
nur rund zwei Prozent der Kleinkinder außerhäusig
betreut. Nun liegt die Flucht ins Autoritäre für mich
nicht an der außerhäusigen Betreuung per se, sondern an der Weise, wie diese Betreuung dort ablief.
Die Gruppen waren groß, daher war die Betreuung
oft nur mit entsprechendem Druck und in einem
hierarchischen Gefüge zu schaffen. Die Kinder waren
Es gibt verschiedene Hypothesen, wie Menschen zu
einer rechtspopulistischen Gesinnung kommen. Die
einen sehen sozioökonomische Gründe, danach sind
die Anhänger der Rechtspopulisten die Abgehängten,
Menschen, die arbeitslos geworden sind, die den sozialen Abstieg fürchten. Die anderen stellen kulturelle Entfremdungserfahrungen wie einen Wertewandel in den Vordergrund. Danach sind die Rechtspopulisten Menschen, die beklagen, dass alte Werte und
Rollenbilder nicht mehr gelten würden. Etwa die
klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern.
Für diese Menschen bedeutet der Wandel eine Kränkung, und darum wählen sie weit rechts.
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Warum keimt der Rechtspopulismus gerade jetzt
auf?
Ich sehe das als eine Reaktion auf eine unsicher gewordene Welt, auf die Globalisierung mit ihren Folgen, die Digitalisierung, die Umbrüche in der Arbeitswelt, die Verdichtung der Arbeit, die Verlagerung
von Macht auf anonyme Märkte. In diesem Prozess
haben sich die alten Kontroll- und Sicherungssysteme ein Stück weit aufgelöst: Die nationale Politik hat
an Gestaltungsmacht verloren, die Familie ist stärker
auf das ökonomische Funktionieren bezogen. Auch
die persönliche Absicherung ist im neoliberalen Modell viel stärker zu einer Sache der Eigeninitiative
geworden.
Damit stehen die alten Fragen laut im Raum: Wer
sichert mich? Wo ist mein Platz? Die Fragen werden
vor allem jene belasten, die in dem Globalisierungsprozess weniger gute Karten haben, die also weniger
flexibel sind oder nicht über die von den globalen
Märkten angeforderten Spezialisierungen verfügen.
Und sie werden jene zu irrationalen Antworten verführen, die innerlich über wenig Sicherheit und Entwicklungsressourcen verfügen. Sie werden in die autoritäre Reaktion getrieben. Das Versprechen von
kleineren, vordergründig sichernden Einheiten und
klaren Grenzen ist da verlockend.
Was können wir tun? Wie sehen Kindheiten aus,
die uns eine innere Heimat geben?
Eine gelungene Kindheit wäre eine, die Kindern Anerkennung und feste Bindungen bietet – eben eine
innere Heimat. Die es Kindern ermöglicht, einen
fürsorglichen Umgang zu erleben und auch miteinander zu lernen. Eine Kindheit, in der Menschen ihre Stimme einüben können, in der sie selbstbewusst
werden. Eine Kindheit, in der gilt: Jedes Kind ist wertvoll und jedes hat sein Recht auf Anerkennung.
Das wäre auch eine Kindheit, die Kinder nicht in
Konkurrenz zueinander schickt und damit einige
entwertet. Aber wie sieht der Alltag in unserem Schulsystem aus? Anerkennung und Auszeichnung bekommen dort vor allem jene, das zeigen die PISA-Ergebnisse, die bereits vom Leben bestens ausgestattet sind
– mit dem richtigen Elternhaus und den hauptfächertauglichen Talenten. Die anderen erleben eher
Abwertungen, weil unser Bildungssystem auch auslesen soll. Die zentralen Fragen sind doch: Können
wir uns das leisten? Haben Familien genügend Ressourcen für die Fürsorge, die für gelungene Kindheiten nötig ist? Können sie unter den gegebenen Umständen ihren Kindern eine Heimat bieten? Und: wie
PH
können wir es ihnen leichter machen?
Wenn Kinder
einfach gehen
Konfl ikte sind in Familien keine Ausnahme, doch der
totale Bruch kommt für die meisten überraschend.
Mehrheitlich sind es erwachsene Kinder, die sich
von den Eltern oder auch von der gesamten Famlie
lösen. Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann
zeigt Möglichkeiten zur Annäherung.
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
INTERVIEW: SUSIE REINHARDT
288 Seiten| € 22,00 [D]
ISBN 978-3-466-34739-1
Auch als E-Book erhältlich
Diese Hypothesen zur Entstehung des Rechts
populismus sind alle richtig. Aber es gibt einen
Missing Link, ein fehlendes Glied in der Kette. Denn
nur manche reagieren auf einen Wandel mit der Flucht
ins Autoritäre. Er allein ist kein hinreichender Grund,
um gegen Einwanderer, Juden oder Homosexuelle
zu hetzen. Nur wenn wir die Kindheit mit berücksichtigen, schließt sich die Deutungskette. In der
Kindheit entsteht die Verletzlichkeit, die erst anfällig
macht für dieses rechte Denken. Insofern lässt sich
das Innen und das Außen bei diesem Thema nicht
trennen.
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www.koesel.de
TITEL
Konzentration
finden
Ganz vertieft in eine Aufgabe, keine Unterbrechung
durch die Kinder, keine Zerstreuung durch den
WhatsApp-Chat. Klingt wie ein Traum? Wie wir
Ablenkungen widerstehen und uns wieder
ganz einer Sache widmen
VON ANNE KRATZER
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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ILLUSTR ATIONEN: K ARSTEN PETR AT
TITEL
Alle wollen unsere Aufmerksamkeit.
Sich zu konzentrieren ist ein Akt der
Selbstbestimmung
A
ls Mark Twain an seinem Roman Die
Abenteuer des Tom Sawyer schrieb,
saß er in einem Pavillon auf dem
Grundstück, so weit vom Haupthaus
entfernt, dass die Familie in ein Horn
blies, wenn sie auf sich aufmerksam machen musste.
Dort, auf der Quarry Farm in New York, verbrachte
Mark Twain einige Sommer mit seiner Frau und den
Töchtern. „Ich reiße alle Türen und Fenster auf, beschwere meine Unterlagen mit Ziegeln und schreibe
mitten im Orkan“, so soll er seine Arbeitsatmosphäre an heißen Tagen beschrieben haben. Dabei entstand ein bedeutsamer Jugendroman. Als Tom Saw
yer 1876 erschien, bereicherte er Amerika durch die
Verwendung von Jugendsprache um einen neuen Stil.
Der Fortsetzungsroman Die Abenteuer des Huckle
berry Finn gilt gar als Schlüsselwerk der US-Literatur.
Wie Mark Twain vollziehen viele Schriftsteller und
Künstler ungewöhnliche Rituale, um sich zu konzentrieren, häufig solche der Abgrenzung. Ihre Sehnsucht danach, sich ganz einer Sache zu widmen, kennen wir alle. Nicht nur weil wir das brauchen, um
unseren Alltag und die Arbeit geregelt zu bekommen.
Und auch nicht bloß deshalb, weil es sich gut anfühlt.
Bei der Fähigkeit zur Konzentration geht es – besonders heute – um viel mehr.
Werbung, Facebook und andere soziale Medien
beeinflussen, mit was wir uns beschäftigen. Ihre Algorithmen versuchen, möglichst viel von unserer limitierten Aufmerksamkeit abzugreifen, und lenken
sie auf die von ihnen gewünschten Themen. Damit
bleibt weniger Raum für die Gedanken, die uns womöglich ernsthaft bewegen, oder die Menschen, die
uns wichtig sind. Wenn wir uns im Gegensatz dazu
auf die eigenen Bedürfnisse und selbst gewählten
Ziele konzentrieren, bedeutet das fast schon eine Form
von Widerstand. Ganz sicher ist es Selbstbestimmung.
Doch was ist Konzentration? Und wie gelangen wir
zu ihr?
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Tun, was man will – und nur das
Im Alltag sei ein Mensch dann konzentriert, wenn
er absichtsvoll das – und nur das – tue, was er sich
zu tun vorgenommen hat, so heißt es im Dorsch –
Lexikon der Psychologie. „Konzentration bedeutet,
dass ich mich einer Sache explizit widme und dafür
andere Aspekte außer Acht lasse“, sagt Tilo Strobach,
Professor für allgemeine Psychologie an der Medical
School Hamburg. Während das Konzept der Achtsamkeit vorsehe, dass der Gegenstand der Fokussierung wechseln könne – ein Objekt, ein Gedanke eine Wahrnehmung –, bleibe man bei der Konzentration auf eine Sache fixiert.
Der Begriff „Konzentration“ wird in der Psychologie nicht ganz einheitlich verwendet. Einigkeit besteht allerdings darin, dass Konzentration immer die
Abschirmung gegen störende Reize beinhaltet. Ich
nehme beispielsweise wahr, was jemand sagt, und
lasse mich nicht davon abbringen, dass das Smartphone klingelt oder weil ich mich langweile und lieber von Panama träume. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit also ständig kontrollieren. Das tun wir,
wenn wir mit dem Auto an einer Kreuzung stehen,
auf die Ampel achten und die Kinder, die auf der
Rückbank quengeln, kurzzeitig ausblenden. Wenn
wir einen Zeitungsartikel lesen und verstehen wollen
– statt die Sätze nur zu überfliegen und dabei ans
Mittagessen zu denken.
Eine Fähigkeit, die man lernen kann
Die gute Nachricht für alle, die ihre Gedanken ein
wenig öfter sammeln möchten: Wir können diese
Fähigkeit schulen. Mit der Konzentration ist es wie
mit einem Muskel: Durch viel Übung wird sie größer. Mit klassischen Achtsamkeitsübungen und Meditation können wir die allgemeine Konzentrationsfähigkeit steigern. Wer sie bei einer konkreten Tätigkeit erhöhen will – etwa beim Cello- oder Computerspielen –, sollte am besten genau diese Handlung
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TITEL
Konzentration ist
wie ein Muskel:
zu einem großen
Teil trainierbar
üben und schlicht wieder und wieder versuchen, sich
dabei zu konzentrieren. Denn dadurch erfährt man,
welche Beanspruchung man gut bewältigen kann,
erlebt Kontrolle über die Tätigkeit, und deren Ablauf
wird flüssiger. Das zeigen etwa Arbeitsplatzstudien
von Thomas Rigotti, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Mainz. Er hatte erwartet, dass sich jüngere Kollegen besser fokussieren als ältere. Denn so wie viele andere geistige Fähigkeiten, die unter das Konzept
„fluide Intelligenz“ fallen, ist die Konzentrationsfähigkeit im jungen Erwachsenenalter eigentlich am
höchsten. Dennoch stellte sich heraus, dass die älteren Mitarbeiter nicht mehr Probleme hatten, mit
komplexen Anforderungen umzugehen. Laut Rigotti liegt das an ihrer Erfahrung und der damit verbundenen Expertise.
Zum Teil ist das Vermögen, sich zu fokussieren,
aber auch in unserer Persönlichkeit festgelegt. Arbeitspsychologe Rigotti sagt, die Konzentrationsfähigkeit stehe in Zusammenhang mit Intelligenz, Gewissenhaftigkeit und emotionaler Stabilität, also Eigenschaften, die ab dem frühen Erwachsenenalter
relativ stabil sind. Ein Beispiel für eine große mentale Fähigkeit sei Steffi Graf, meint Darko Jekauc,
Professor für Sportpsychologie am Karlsruher Institut für Technologie. „Ihr Vater sah relativ früh, dass
sie womöglich nicht motorisch, aber mental den anderen Kindern überlegen war.“
Tageszeiteneffekte nutzen
Weitere Faktoren, die beeinflussen, wie wir uns fokussieren können, sind etwa Erkrankungen wie
ADHS, bei der Konzentrationsstörungen eines der
Leitsymptome sind, oder Depressionen, die ebenfalls
bisweilen die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Auch
die Art der Tätigkeit und damit die erforderliche Intensität der Konzentration oder die Tageszeit haben
einen Einfluss. Häufig heißt es, man könne sich rund
20
45 Minuten lang konzentrieren. Thomas Rigotti hingegen spricht von 10 bis 30 Minuten, Erich Kasten,
Professor für Neuropsychologie an der Medical School
Hamburg, meint, die 90 Minuten einer Vorlesung
seien für viele machbar. Doch nicht nur am Stück,
sondern auch pro Tag ist die Konzentrationsfähigkeit
begrenzt, vier bis fünf Stunden ist eine Größenordnung, die oft genannt wird.
Wie die Dauer der Konzentration, so ist auch die
Anzahl der Tätigkeiten limitiert, denen man zur selben Zeit nachgehen kann. Mehrere komplexe Aufgaben kann kaum jemand gleichzeitig bewältigen
– eine mittlerweile weitverbreitete Erkenntnis, die
uns dazu gebracht hat, Multitasking möglichst zu
umgehen. Doch was sich häufig nicht vermeiden lässt,
sind unerwartete Unterbrechungen von außen: Kinder, die weinen, eingehende E-Mails, der Kollege, der
kurz vorbeischaut, um zu fragen, wann man seine
Mittagspause plane.
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Unterbrechungen – die Widersacher
Rund elf Minuten lang arbeite man im Schnitt ungestört an etwas, dann werde man unterbrochen.
Diese Zahl der amerikanischen Informationswissenschaftlerin Gloria Mark aus dem Jahr 2006 wird häufig in den Medien zitiert und beruht auf 700 Stunden
Beobachtung. Sie lässt sich jedoch nur bedingt verallgemeinern, denn sie basiert auf einer Stichprobe
von nur 24 Personen, die recht homogen waren: Alle Testpersonen arbeiteten im selben Unternehmen,
sie waren Programmierer, Analysten oder Manager.
Außerdem beinhaltet der Wert nicht nur Unterbrechungen von außen, sondern ebenso solche, die von
der Person selbst ausgingen – etwa Pausen. „Wie oft
man unterbrochen wird, ist sehr unterschiedlich. Bei
Krankenpflegern passieren sehr häufig Unterbrechungen, bis zu 150-mal in einer Schicht. In Behörden seltener, dann dauern sie jedoch länger“, sagt
Thomas Rigotti.
Das Perfide an den Störungen ist, dass andere
Menschen einen nicht nur aus der Konzentration
reißen, sondern meist auch noch etwas von einem
wollen, also unsere Aufmerksamkeit abziehen und
auf andere Aufgaben lenken, in die man sich erst
hineindenken muss. Die Menschen in der Untersuchung von Gloria Mark kamen deshalb erst 25 Minuten nach der Störung wieder zu ihrer ursprünglichen Handlung zurück. Und mussten sich wieder
neu in das hineindenken, was sie vorher so unvermittelt verlassen hatten: „Bis wohin hatte ich dieses
Formular doch gleich gelesen?“ Manchmal fängt man
dann wieder ganz von vorn an. Unterbrechungen
machen die Arbeit also ineffizient – und störungsfreie Zeit macht produktiv: In einer Feldstudie des
Psychologen Cornelius König von der Universität des
Saarlandes zeigten diejenigen Manager, denen man
täglich eine störungsfreie Stunde einräumte, größere Leistung.
Wie sich Unterbrechungen auf unser Befinden
auswirken, haben Thomas Rigotti und seine Kollegin
Anja Baethge untersucht. Sie verglichen das Wohlergehen von Krankenpflegern in unterschiedlichen
Situationen und an verschiedenen Tagen und fanden
heraus, dass es ihnen in Zeiträumen mit Multitasking
und vielen Störungen schlechter ging, als wenn sie
eines nach dem anderen tun konnten. Selbst abends
zu Hause grübelten sie nach unruhigen Arbeitstagen
viel und waren reizbar. Rigotti erklärt sich das über
die Frustration, nicht fertiggeworden zu sein. Wir
haben ein need for closure, ein Bedürfnis, Handlungen abzuschließen – und das wird bei Unterbrechungen immer wieder enttäuscht.
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„Schreib-Aschrams“, also Tage irgendwo auf dem
Land mit viel Ruhe und wenig Internet, für die Doktoranden oder Schriftsteller viel Geld zahlen; gemeinsam vereinbarte unterbrechungsfreie Stunden im
Büro; Apps wie Freedom, die eigens dafür kreiert
wurden, bestimmte Websites oder gleich den kompletten Zugang zum Internet für eine zuvor festgelegte Zeit zu sperren – all diese Maßnahmen zielen
auf unseren Wunsch, nicht abgelenkt zu werden. Dabei ist es nicht in jeder Situation möglich und sinnvoll, diesem Bedürfnis zu folgen. Von einem Freund
mit Trennungsschmerz, einem Kind mit Zahnweh,
einem Kollegen, der allein nicht mehr weiterweiß,
sollte man sich durchaus stören lassen. Doch die Unterbrechungen durch soziale Medien kann man meist
guten Gewissens reduzieren. Von Smartphones, die
beständig blinken oder summen, erwarten wir bereits, dass sie uns ablenken. Da sie uns ständig begleiten, reservieren wir ihnen auch immer Platz in
unserem Kopf. Das behaupten Forscher der Universität Texas. In ihrer „Brain-Drain Studie“ sollten Probanden Denkaufgaben lösen. Sie bearbeiteten die
Anforderungen umso besser, je weiter das Handy
von ihnen entfernt lag. Die erfolgreichsten Teilnehmer waren die, deren Gerät sich in einem anderen
Raum befand.
„Wir konzentrieren uns, aber wir lenken unsere
Aufmerksamkeit im Grunde genommen beständig
auf das Falsche“, meint Neuropsychologe Erich Kasten. „Man vergeudet eine nicht unbeträchtliche Menge seiner Aufmerksamkeitskapazität auf Dinge, die
zwar angenehm sind, aber nicht wirklich wichtig und
nicht wirklich nützlich.“ Die Ressourcen des Gehirns
seien begrenzt und würden beim angestrengten Denken verbraucht. „Im Alltag heben die meisten Menschen von diesem Ressourcenkonto ab, zahlen aber
nichts ein“, meint er und fügt einen Vergleich an:
„Die Leute laden heute regelmäßig die Batterie ihres
Smartphones, aber sie laden ihre eigenen Batterien
nicht mehr auf. Wir gehen mit unserem Handy besser um als mit unserem Gehirn.“
Wer sich fokussieren will, muss pausieren
Wir brauchen Ruhepausen für das Gehirn. Zeiten,
in denen es loslassen kann. Das gelingt beispielsweise gut beim Schlafen, beim Meditieren oder anderen
Tätigkeiten, die einen entspannen lassen, im Einzelfall beispielsweise beim Angeln, Putzen oder Gärtnern. Kasten empfiehlt, in den Pausen nicht angestrengt darüber zu debattieren, wie lange Merkel noch
Kanzlerin sein wird. Stattdessen rät er: „Gehen Sie
raus, betrachten Sie Wolkenformationen.“
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TITEL
Die attention restoration theory von Rachel und
Stephen Kaplan gibt ihm recht. Die Psychologen
zeigten in den 1980ern, dass Leute, die in den Wald
gingen oder auch nur Landschaftsbilder ansahen,
danach konzentrierter waren.
Das Problem ist jedoch, dass sich die meisten Menschen erst dann eine Auszeit gönnen, wenn sie erschöpft sind, und im Grunde ist es dann zu spät:
„Wenn man die Pausen früher macht, kann man die
Leistungsfähigkeit länger aufrechterhalten“, sagt Arbeitspsychologe Rigotti und empfiehlt regelmäßige
Kurzpausen. Gerade weil es so zehrend ist, sich richtig zu fokussieren, steckt hinter der Kunst der Konzentration die des Entspannens. Nicht zuletzt im
Sport gilt laut Darko Jekauc: „Ein guter Sportler kann
sich in Pausen gut erholen.“
Emotionen bedingen Konzentration
Für Sportler ist Konzentration essenziell, ihr größter
Feind sind starke Gefühle. Wenn man zu aufgeregt,
zu leichtsinnig, zu ängstlich, zu gut oder zu schlecht
gestimmt ist, nagt das direkt an der Fähigkeit, sich
zu fokussieren. „Emotionen und Konzentration bilden eine Einheit“, nennt Jekauc das. Athleten müssen
sich gut kennen und regulieren können, was sie im
jungen Alter oft noch nicht so gut beherrschen und
im Laufe der Karriere lernen. In Studien hat Jekauc
beobachtet, dass ihnen dabei auch Achtsamkeitsübungen helfen können, denn sie lehren einen, die
Gefühle zu registrieren, statt sich von ihnen treiben
zu lassen. Eine weitere vielversprechende Methode
sind Selbstinstruktionen, die man sich am besten vor
einer brenzligen Situation zurechtlegt und in dieser
dann vorsagt, beispielsweise: „Bleib dran!“
Am Sport wird vieles deutlich, was Konzentration
ausmacht. Etwa wie wichtig es ist, mit dieser Ressource klug zu wirtschaften (siehe Kasten unten):
„Als Trainer fragt man sich beispielsweise: Wie sehr
soll ich jemanden aufputschen? Man kann sagen, dass
wer unter leichtem Stress steht und in Kampfbereitschaft ist, sehr stark auf eine Sache fokussiert ist, aber
diese Konzentration lässt dann schnell wieder nach“,
sagt Jekauc. Will man sich länger konzentrieren, müsse man dabei entspannt bleiben. Darum gingen es
Fußballteams in der zweiten Halbzeit oft zunächst
einmal locker an, erst kurz vor Schluss mobilisierten
sie alle Energien. Allgemein, sagt Jekauc, sei für Sportler eine neutrale bis leicht positive Stimmung gut.
Negative Stimmung sei hinderlich, „dann fängt man
an zu grübeln und ist nicht mehr im Moment“.
Störende Gefühle auslagern
Störende Impulse gibt es auch am Schreibtisch. Eine
Unlust etwa, die sich in „Prokrastination“, also im
WAS WIRKLICH WICHTIG IST
Wir können sie trainieren – und dennoch bleibt Konzentration eine limitierte, kostbare Ressource.
Statt sie zu optimieren ist es oft sinnvoller, bewusst zu entscheiden, für was man sie verbraucht.
Diese Überlegungen und Tipps helfen dabei
Mittel- und langfristig gesehen, für
Not-to-do-Liste an. Wenn Sie nichts
Fragen Sie sich, was die Gewich-
den nächsten Monat wie für die
aufgeben wollen, fragen Sie sich:
tung der verschiedenen Ziele
kommenden zehn Jahre: Was sind
Was ist mir noch wichtiger als all
und Tätigkeiten konkret für Ihren
Ihre Ziele und Wünsche, wer und
das?
Alltag bedeutet und was Ihnen
wie möchten Sie sein?
Unterscheiden Sie zwischen
helfen würde, diese umzusetzen.
Wie viel Zeit und Energie wollen
wichtig und dringend. Einen klas-
Sie können etwa Freunde oder
Sie den verschiedenen Bereichen
sische Zeitmanagementtechnik
Familienmitglieder bitten, Sie darin
des Lebens widmen? Familie und
empfiehlt, die anfallenden Aufga-
zu unterstützen, oder Regeln fassen
Freunden etwa, Gesundheit, Beruf
ben und Ziele in eine Vierfeldertafel
wie: Egal wie stressig die Arbeit
oder Hobbys und anderen Interes-
einzutragen, die folgende Kästchen
war, danach nehme ich mir die Zeit
sen?
enthält:
für eine halbe Stunde Bewegung.
Fragen Sie sich innerhalb dieser
– wichtig und dringend
Dimensionen: Was ist mir am
– wichtig, aber nicht dringend
wichtigsten? Und auf was kann ich
– dringend, aber nicht wichtig
verzichten? Legen Sie dafür eine
– nicht dringend und nicht wichtig
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AK
QUELLE
Verena Steiner: Konzentration leicht gemacht.
Piper, München 2013, € 9,99
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Aufschieben, äußert: Man wollte gerade die E-Mail
schreiben, da fällt einem ein, wie gut sich ein wenig
Zucker im Kaffee machen würde – und man steht
auf. Man kommt zurück, setzt sich hin und sinniert:
„Denkt die Kollegin jetzt, ich bin dumm? Bin ich
dumm? Was ist der Mensch?“
Wenn Gedanken und Impulse keinen Raum bekommen, werden sie einen nicht loslassen, und manche davon sind ja auch tatsächlich weit wichtiger als
jede E-Mail. Doch im Moment stören sie. Egal ob
einem die Lust auf Zucker oder das Wesen des Menschen durch den Kopf geht – man kann den Gedanken oft fallenlassen, nachdem man ihn in ein Tagebuch geschrieben hat, auf einen Zettel oder in eine
To-do-Liste. „Das führt dazu, dass ablenkende Impulse ihren aufdringlichen Charakter verlieren, aber
auch nicht einfach unterdrückt, sondern berücksichtigt werden, ohne den Lern- oder Arbeitsprozess zu
sabotieren“, sagt Hans-Werner Rückert, Psychoanalytiker und Therapeut, der als langjähriger Leiter der
Studienberatung und psychologischen Beratungsstelle der Freien Universität Berlin viele Studierende
bei Arbeitsstörungen beraten hat. „Meistens geht es
ja nur darum, den Handlungsimpuls zu kontrollieren, und wenn man dann mal drin ist, ist es gar nicht
so schlimm.“
Hat man sich überwunden und fängt an zu arbeiten, verfliegt die Unlust meistens. Im Extremfall des
Flows – ein Begriff aus der Motivationspsychologie
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– geht man völlig in seinem Tun auf und blendet
links und rechts alles aus. Die gesamte Aufmerksamkeit ist so sehr auf eine Tätigkeit kanalisiert, dass
man sein Zeitempfinden verliert und von Glücks
gefühlen ergriffen wird. Was man tut, geschieht wie
von selbst. Allerdings komme dieser Zustand leider
selten im Büro vor, sondern eher bei selbstgewählten
Tätigkeiten wie Musik, Malen oder Sport, sagt Tilo
Strobach. Die Konzentration sei dann eher ein Beiwerk des Flows, als dass sie selbst zum Flow führe.
Wolken
beobachten:
Wer sich
konzentrieren
will, muss sich
entspannen
können
Ohne Motivation kein Fokus
Laut Rückert sind Motivationsschwierigkeiten eines
der größten Hindernisse auf dem Weg zur Konzentration – ob im Großen, wenn die Ziele unklar sind,
oder im Kleinen, wenn man überwältigt ist von dem
Berg an Aufgaben, der vor einem liegt. Daher findet
er es auch nicht per se falsch, was viele in solchen
Situationen tun, nämlich ein bisschen Tetris zu spielen. Die zehn Minuten, die man auf dem Display
herumtippt, gehen zwar von der Zeit ab, die man
sich konzentrieren kann, aber sie schaffen womöglich
ein Erfolgserlebnis. Und das wiederum motiviert dazu, dass man sich an die schwierige, eigentlich zu
bewältigende Aufgabe herantraut. Ein anderer Ansatz
ist, sich erst einmal einen Überblick darüber zu verschaffen, was man in Erfahrung bringen will. Wer
zum Beispiel weiß, was er aus der Lektüre eines Textes ziehen will, der kann sich ihm selbstbewusst und
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TITEL
Wer sich auf die Arbeit
konzentriert, flüchtet
manchmal vor den wichtigen
Fragen des Lebens
orientiert annähern. Und auch ein spielerisches Herantasten baut Hemmungen ab: „Wenn mich das
Kapitel drei interessiert, kann ich das erst einmal
durchblättern – oder mir mit sinnlicher Stimme von
meinem Freund oder meiner Freundin vorlesen lassen.“ Rückert meint, viele Leute hätten eine starre
Herangehensweise an Probleme. „Wenn man stattdessen eine Vielfalt von Handlungsoptionen hat, sind
die Dinge nicht so unangenehm.“
Auch der richtige Ort erleichtert die Konzentration. Die meisten Menschen brauchten ein mittleres
Erregungsniveau, um sich gut konzentrieren zu können, sagt Andrea Kiesel, Professorin für allgemeine
Psychologie an der Universität Freiburg. Dabei bedeutet Erregungsniveau, vereinfacht gesagt, die physiologische Aktivierung. Eine niedrige hat man, wenn
man schläft, und eine hohe bei Stress. Sowohl bei zu
viel als auch bei zu wenig Anspannung fällt die Leistung ab, besagt das sogenannten Yerkes-DodsonGesetz. Dabei ist für leichte Aufgaben etwas mehr
Erregung optimal, denn sie verengt den Aufmerksamkeitsfokus und verhindert Ablenkungen; für
schwierige Anforderungen eignet sich hingegen eine
etwas niedrigere: Sie weitet den Fokus und lässt einen
dadurch mehr Informationen betrachten. Das ist für
das Verständnis komplexer Situationen unabdingbar.
Wie hoch das Erregungsniveau in einer Situation ist,
hängt von inneren Faktoren ab – der Atemfrequenz
oder Angst – und ebenso von äußeren, etwa Lärm
oder Licht. Daher ist es je nach Person und Situation
unterschiedlich, wie viel äußere Ruhe oder im Gegenteil Betriebsamkeit die Konzentration fördert –
also bieten sich unterschiedliche Arbeitsorte an. Den
passenden findet man am besten durch Ausprobieren.
Von David Roy Shackleton Bailey, einem bedeutenden klassischen Philologen, hält sich die Legende,
er habe sich, wenn er wirklich nachdenken wollte, in
einen Teppich gerollt. Mark Twain brauchte eine Hütte für sich allein, andere bevorzugen eine Bibliothek
oder ein Café, viele können sich im ICE gut konzentrieren. „Die Gestaltpsychologen nennen das Feldabhängigkeit“, sagt Rückert. „Verschiedene Orte ha24
ben für verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Aufforderungscharakter.“ Während sich der
eine konzentriert über Bücher beugt, sobald er die
Bibliothek betritt, analysiert der andere, was die Menschen um ihn herum tun.
Doch wirkt die Suche nach den perfekten Umständen nicht ein wenig übertrieben? Ist die Maximierung der Konzentration überhaupt erstrebenswert? Konzentration hat etwas Hartes. Wer sich auf
die Arbeit konzentriert, flüchtet manchmal vor den
wichtigen Fragen des Lebens. Oft vernachlässigt er
andere Interessen, seinen Körper, seine Familie oder
seine Freunde. Ärzte, so beschreibt es der Psychologe Daniel Goleman, mindern ihre Gehirnaktivität,
die mit Empathie zu tun hat. Das täten sie im Laufe
ihres Berufslebens automatisch, um sich besser zu
konzentrieren. Für die Dauer einer Operation mag
das hilfreich sein, doch als Dauerzustand wäre es
schlimm. „Die große Frage ist, wie wir die Balance
finden“, meint Tilo Strobach. „Im Extremfall maximaler Fokussierung würde ich nicht hören, wenn
jemand um Hilfe ruft.“ Eine Gesellschaft, in der sich
jeder nur auf seine Ziele konzentriert und nicht sieht,
was um ihn herum geschieht, kann brutal enden.
Und auch für die Arbeit, gerade bei komplexen Zusammenhängen, ist ein nicht ganz konzentrierter,
sondern offenerer, kreativer Blick bereichernd. Er
entsteht häufig bei positiver Stimmung jenseits der
Konzentration. Ebenso wie positive beeinträchtigt
negative Stimmung die Konzentration – und bereichert das Denken auf eine andere Art. „Wenn wir
nicht so glücklich sind, reflektieren wir mehr“, sagt
Tilo Strobach. Man tendiert dann zu analytischerem,
kritischerem, hinterfragendem Denken.
Es ist auch ein Schutz, dass wir nur ein begrenztes
Maß an Konzentration aufbringen können. Denn
Lebendigsein bedeutet, den Tunnelblick aufzubrechen und nach links und rechts zu sehen, sich warnen
und verführen lassen. Es verlangt danach, mit der
Umwelt mitzuschwingen, Veränderungen und neue
Möglichkeiten zu entdecken. Wir sollten die Konzentrationsphasen nicht endlos verlängern, sondern
sie als Mittel sehen, das wir eben manchmal bewusst
einsetzen müssen. Auch Mark Twain zog sich nicht
ständig und nur für ein sehr hohes Ziel zurück. Er
erschuf Tom Sawyer und Huckleberry Finn, kleine
Herumtreiber, denen man heute ADHS diagnostizieren würde. Über Kinder, die fokussiert ihre Hausaufgaben erledigen, gibt es keine Romane.
Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website:
psychologie-heute.de/literatur
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FOKUS, JETZT, SOFORT!
Konzentrationsschwierigkeiten können verschiedene Ursachen haben. Was jeweils hilft,
hängt von der Person und der Situation ab. Am besten, Sie probieren es einfach aus
Arbeitszeit begrenzen
sie motivieren, da sie mit direkten
Zu beschränken, wie lange man sich
Erfolgserlebnissen belohnen.
mit einer Aufgabe befasst, erhöht
bei vielen die Motivation – eine
Pausen machen
Voraussetzung für Konzentra-
Auszeiten, die man nimmt, bevor
tion. Da die Zeit auf einmal als
man ganz erschöpft ist, verlän-
wertvoll wahrgenommen wird,
gern die Leistungsfähigkeit.
beginnt man, sie effizient zu nut-
Meistens werde alle 45 Minuten eine Kurzpause von zwei
zen.
bis fünf Minuten empfohlen,
Große Ziele erinnern
sagt etwa der Arbeitspsycho-
Sich bewusstzumachen, weshalb
loge Thomas Rigotti. Am besten
man etwas tut, stärkt die Moti-
seien dann Bewegung, frische Luft
vation. Sportpsychologe Darko
und – was oft vergessen werde –
Jekauc sagt, dass er oft einen
Wasser trinken.
Desktophintergrund wähle, der
ihm das aktuelle Ziel zeige.
Ablenkung vermeiden
Beispielsweise einen Jun-
Viele digitale Unterbrechungen
gen, der stolz die Arme in die Luft
lassen sich vermeiden. Das E-Mail-
streckt. Er führe ihm vor Augen,
hat. Eine andere Möglichkeit sind
Programm könnte man nur einmal
dass auch ihn Stolz erfüllen werde,
Entspannungsübungen, etwa be-
pro Stunde öffnen, das Handy für
wenn er sein Projekt beendet habe.
wusstes Atmen.
gewisse Zeiten ausschalten. Apps
Seine Primetime nutzen
Äußere Ruhe
Cold Turkey können einen unter-
Manche haben sie morgens, man-
Vielleicht können Sie mit Ihren
stützen, indem sie vorübergehend
che abends, kaum jemand hat sie
Kindern eine unterbrechungsfreie
den Internetzugang oder manche
nach dem Mittagessen: Zeitspan-
Stunde vereinbaren? Oder bespre-
Seiten sperren.
nen, zu denen man besonders wach
chen, dass sie, wenn die Tür zu ist,
im Kopf und willensstark ist. Diese
nur im Notfall stören sollen? Im
Rituale einführen
Stunden sind kostbar, man sollte sie
Büro können Ohrstöpsel Abhilfe
Der Anfang einer anstrengenden
nicht mit angenehmen und leichten
schaffen oder Kopfhörer, die den
Tätigkeit ist oft das Schwierigste.
Tätigkeiten verbrauchen, sondern
Lärm abmildern. Je nach Tätigkeit
Es hilft, sich bewusstzumachen,
den großen Herausforderungen
brauchen wir unterschiedlich viel
dass man nur einen inneren Ruck
widmen.
oder wenig Ruhe. Es lohnt sich, das
braucht, um diese Schwelle zu
Arbeiten an verschiedenen Orten
überwinden. Vielen Leuten helfen
auszuprobieren.
dabei Rituale. Etwa eine bestimmte
wie SelfControl, Freedom oder
Innerlich zur Ruhe kommen
Wer innerlich unruhig ist, verliert
Uhrzeit oder die Zubereitung einer
sich in Gier nach Neuem und kann
Fordernde Nahziele setzen
Tasse Tee, während der man sich
nicht denken. Wenn man Impulse
„In den nächsten 15 Minuten fasse
auf die Aufgabe einstellt.
und Gedanken in ein Tagebuch
ich die wichtigsten Aspekte des Ka-
schreibt, verlieren sie ihre Dring-
pitels zusammen“, solche Vorhaben
lichkeit und man kann sich ihnen
helfen, überfordernde Aufgaben in
zuwenden, wenn man Zeit dafür
machbare Teile zu zergliedern, und
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
QUELLE
Verena Steiner: Konzentration leicht gemacht.
Piper, München 2013, € 9,99
25
TITEL
„Etwas, was Sie schon spüren,
aber noch nicht sagen können“
Konzentration einmal anders: Statt auf eine Tätigkeit oder die Umwelt konzentriert man sich
beim Focusing auf sich selbst. Das soll dazu dienen, neue Ideen zu finden – Intuitionen, die
man noch nicht benennen kann, aber schon in sich trägt
Herr Wiltschko, was ist Focusing?
rapeut Eugene T. Gendlin, in den 1960ern unter-
Focusing ist eine psychologische Methode, um zu
sich selbst zu finden und neue Lösungsschritte entstehen zu lassen. Es ist ein ideales Werkzeug in all
jenen Situationen, in denen man feststeckt und ein
kreativer Vorwärtsschritt erforderlich wäre. Solche
Situationen sind in der Psychotherapie oder im Coaching besonders relevant, aber sie spielen natürlich
auch in Paarbeziehungen oder im Management und
in gesellschaftlichen und politischen Prozessen die
alles entscheidende Rolle.
suchte, warum manchen Patienten in Therapien
Die Methode entstand, als ihr Begründer, der
aus Wien stammende Philosoph und Psychothe-
26
geholfen werden konnte und anderen nicht …
Ja. Gendlin wollte seine bahnbrechenden philosophischen Untersuchungen über die Wechselwirkung
zwischen Erleben und Sprache in der Praxis testen,
und daher arbeitete er einige Jahre eng mit Carl
Rogers am Counseling Center der Universität von Chicago zusammen. Dort ging er unter anderem der
Frage nach, ob sich ein Kriterium finden ließe, mit
dem man schon zu Beginn einer Psychotherapie das
Ausmaß ihres Erfolges vorhersagen könnte. Es stellte sich heraus, dass weder die angewandte therapeuPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
tische Methode noch die vom Klienten angesprochenen Themen taugliche Prädiktoren waren, sondern
wie stark sich Klienten auf ihr noch wortloses gegenwärtiges Erleben beziehen und versuchen, es in Worte zu fassen. Gendlin entwickelte daraufhin Trainingsprogramme – eine Frühform von Focusing – für
die Klienten, die das nicht von sich aus taten, und
siehe da, sie profitierten danach signifikant mehr
von ihren Therapien.
scheinbar, vielleicht wie ein feines Unbehagen. Was
die meisten Menschen allerdings nicht wissen, ist:
Es lohnt sich, mit diesem noch vagen Unbehagen ein
wenig Zeit zu verbringen, auch wenn das zunächst
nicht viel verspricht. Denn es ist die Quelle für Neues, Überraschendes, Nicht-Antizipierbares. Und genau das wird ja für jede Problemlösung gebraucht!
Die Aufmerksamkeit vom Problem abzuziehen
und in sich hineinzulenken, dorthin, wo etwas noch
Ungeformtes, Unklares spürbar ist, kann ungewohnt
und auch ein wenig beängstigend sein. Man weiß ja
noch nicht, was es ist beziehungsweise was daraus
werden könnte.
Im Focusing soll man in seinen Körper hineinspüren. Wieso sollten dort Lösungsschritte zu fin
den sein?
Weil sich unser Körper, wohlverstanden als lebendiger, von innen fühlbarer „Leib“, von allem Anfang
an in fortdauernder Interaktion mit seiner Umwelt
gebildet hat. Er besteht also aus einem riesigen Erfahrungsschatz von Problemlösungsmöglichkeiten.
Und er wird – als Wesensmerkmal des Lebendigseins
– immer versuchen, den bestmöglichen nächsten
Schritt des Weiterlebens zu implizieren. Dieses Körper-Wissen oder Seins-Wissen wird populärerweise
häufig Bauchgefühl oder in den Kognitionswissenschaften implicit knowing genannt. Die Frage ist, wie
wir zu diesem impliziten Wissen Zugang finden können. Focusing ist der methodische Weg, diesen Zugang zu öffnen.
Und wie macht man das?
Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen lenken
und dort bemerken, was Sie schon spüren, aber noch
nicht sagen können. Dieses Gespür nennen wir „Felt
Sense“. Es geht über das hinaus, was wir schon bewusst wissen, denken und sagen können – ein präkonzeptuelles Fühlen, eine Ahnung, eine Stimmung.
Ein solches „Felt Sense“-haftes Erleben bildet sich zu
jedem Thema, jeder Fragestellung, zu jedem Problem. In ihm ist implizit enthalten, was wir als körperliches Wesen schon alles „wissen“, ohne es bewusst
zur Verfügung zu haben. Statt über das Problem in
strukturgebundener, also immer in gleicher Art und
Weise nachzugrübeln, verweilen wir mit dem „Felt
Sense“ des Problems, und zwar in einer möglichst
wohlwollenden und absichtsfreien Haltung. Dann
können sich die impliziten Bedeutungen des „Felt
Sense“ explizieren, also in Worten, inneren Bildern
oder Handlungsimpulsen entfalten.
Kann jeder zum „Felt Sense“ gelangen?
Ja. Was so geheimnisvoll klingt, ist gar nichts Besonderes. Jeder kann es bemerken, wenn sie oder er aufmerksam wird auf die noch wortlosen subtilen Empfindungen, die in jeder Situation und angesichts jedes
sogenannten Problems immer spürbar sind – oft unPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Ist die Angst, dass Unheilvolles aus einem herauskommen könnte, nicht berechtigt?
Johannes Wiltschko
ist Psychologischer
Psychotherapeut und
Leiter der Akademie für Focusing,
Focusing-Therapie
und Prozessphilosophie. Er lernte
Focusing bei dessen
Begründer Eugene
T. Gendlin und hat
mehrere Bücher
dazu verfasst, zuletzt
Hilflosigkeit in Stärke
verwandeln. Focusing
als Basis einer Metapsychotherapie
Das hängt ganz davon ab, wie man sich auf einen
„Felt Sense“ bezieht. Das ist ein geradezu universales
Gesetz, aus der Physik ebenso bekannt wie aus der
Psychologie: Was ich erlebe, hängt davon ab, wie ich
damit in Beziehung trete. Focusing zeigt uns, wie
wir in einer akzeptierenden, achtsamen und absichtslosen Haltung mit dem, was wir erleben, in Beziehung
treten können. Das erfordert Praxis und Übung. Man
kann das nicht aus Büchern lernen. Deshalb ist es
sehr sinnvoll, Focusing in kleinen Weiterbildungsgruppen zu erlernen.
Die Methode wird von den Krankenkassen nicht
als Psychotherapiemethode anerkannt. Mangelt
es an wissenschaftlicher Validierung?
Um eine solche Anerkennung durch Krankenkassen
oder berufsständische Organisationen haben wir uns
bewusst in keinem der deutschsprachigen Länder
bemüht. Eine Anerkennung bringt immer externe
Auflagen und Kontrolle mit sich. Wir wollen uns den
Freiraum erhalten, den auch der Focusing-Prozess
benötigt, um sich entfalten zu können. Unsere Ausbildungsinstitute sind dennoch von den Psychotherapeutenkammern akkreditiert. Mit der sogenannten wissenschaftlichen Validierung ist das eine etwas
ähnlich gelagerte Sache. Durch die in diesen Verfahren erforderliche Operationalisierung geht die den
Prozess ausmachende Subtilität verloren. Wir setzen
bei den Phänomen, die wir im Focusing erfahren
und reflektieren, auf Evidenzbasierung, nicht in der
angloamerikanischen, sondern in der ursprünglichen
Bedeutung des Wortes „Evidenz“, nämlich – nach
Kant – der „anschaulichen Gewissheit“. Und: In
jüngster Zeit werden Theorie und Praxis von Focusing in zahlreichen neurowissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt.PH
INTERVIEW: ANNE KRATZER
27
THERAPIESTUNDE
I
ch verbringe mit den Menschen im Gefängnis seit 25 Jahren mehr Zeit als mit
den meisten anderen Menschen in meinem Leben. Ich bin Therapeut für die Inhaftierten und erstelle prognostische Stellungnahmen über deren zu erwartendes
mögliches Verhalten in der Zukunft.
Oft werde ich gefragt, wie man für einen Kindesmörder ein positives Gefühl
entwickeln kann. Kann man Mitgefühl
mit einem Täter haben? Darf man das?
Kann man den Täter verstehen, ohne die
Tat zu rechtfertigen oder zu entschuldigen?
Herr K. verbüßte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen zweifachen Mordes. Er
hatte im Auftrag seines Arbeitgebers dessen von ihm schwangere Geliebte und ihre gemeinsame zweijährige Tochter getötet, indem er die beiden in ihrer Wohnung
mit einem Messer erstach. Hierfür sollte
er von seinem Arbeitgeber 8000 Mark erhalten.
Laut Gerichtsbeschluss betrug die Mindestverbüßdauer 22 Jahre, da bei Herrn K.
die besondere Schwere der Schuld fest
gestellt wurde. Er stammte aus der ehemaligen DDR und war seit seinem zweiten
Lebensjahr immer wieder in Kinderhei28
Der Klient hat ein
zweijähriges Kind und
dessen Mutter getötet.
Wie kann der Gefängnis
psychologe – selbst
Vater eines Kleinkindes
– eine therapeutische
Beziehung zu ihm
aufbauen?
Uwe Kazenmaier ist Stations
leiter der Sozialtherapeutischen
Anstalt in der JVA Tegel in
Berlin und betreut dort als
Gefängnispsychologe inhaftierte
Schwerkriminelle
men, Jugendwerkhöfen und Gefängnissen
untergebracht. Nach seiner Übersiedlung
nach Westberlin 1988 fühlte er sich zunächst verloren, fremd und gänzlich überfordert. Das westliche System verführte
ihn dazu, sich viele Dinge anzuschaffen,
von denen er lange geträumt hatte – und
er verschuldete sich schnell. Eine regelmäßige Arbeit fand er trotz intensiver Bemühungen lange nicht. Dann wurde ihm
seine Unerfahrenheit zum Verhängnis: Er
geriet an skrupellose Arbeitgeber, die ihn
um seine Bezahlung prellten. Immer intensiver wurde die Angst, wegen nicht zu
begleichender Schulden in einen Strudel
von Verurteilungen und Inhaftierungen
zu geraten und sein Leben weiter in – diesmal westdeutschen – Verwahrinstitutionen verbringen zu müssen.
Herr K. hatte zum Zeitpunkt des Deliktes einen Arbeitgeber gefunden, der ihm
erstmalig ein Gefühl von Freundschaft
vermittelte. Allerdings wurde er auch dieses Mal missbraucht. Bald war er gefangen
in einem Netz materieller und emotionaler Abhängigkeiten – am Ende stand die
Erfüllung eines Auftragsmordes für seinen
Chef. Mehr noch als das Geld war für ihn
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
ILLUSTR ATION: MICHEL STREICH
MITGEFÜHL FÜR EINEN MÖRDER?
dabei die Loyalität zu seinem Arbeitgeber
bedeutsam, für den er zwischenzeitlich
bereit war, alles zu tun, um sich dessen
Zuneigung zu sichern.
Bin ich der richtige Therapeut?
Ich lernte Herrn K. in seinem 20. Haftjahr
kennen und traf auf einen Menschen, versunken in eine tiefe Gleichgültigkeit und
Resignation. Zu Beginn der Arbeit waren
seine präzisen, kühlen Beschreibungen
der Tötungen seiner Opfer zeitweise nahezu unerträglich für mich, da ich zu diesem Zeitpunkt ein Kind im gleichen Alter
hatte und sich die Bilder meines Kindes
und des Opfers in mir immer wieder übereinanderlegten, wenn ich die Tatortfotos
aus den Ermittlungsakten und den schwer
verwundeten Leib eines kleinen Kindes
sah. Obwohl ich in meiner beruflichen
Tätigkeit schon vieles gehört und gesehen
hatte, war ich in diesem Fall unsicher, ob
ich zu diesem Zeitpunkt als Vater eines
Kleinkindes der Richtige für die therapeutische Arbeit mit einem solchen Täter
sein könnte.
Es war klar, dass Herr K. auch gar nichts
anderes erwartete als Abscheu, Abwertung
und Zurückweisung seiner Person, die
durch eine monströse Tat zum Monster
geworden war. Ich habe schon früher die
Erfahrung gemacht, dass es meinem Klienten und mir in diesen Situationen helfen kann, meine Empfindungen gegenüber dem Täter in Hinblick auf seine Tat
sehr ehrlich zu offenbaren und ihm dabei
zugleich zu vermitteln, dass ich weiter mit
ihm als Mensch im Kontakt bleiben möchte. Entscheidend dabei ist, ob der andere
dieses Interesse annehmen kann. Tatsächlich konnte sich Schritt für Schritt eine
Beziehung entwickeln, bei der die Tat immer weniger als Barriere zwischen uns
stehen musste.
Seine Erzählungen waren zunächst in
der Sachlichkeit, mit der er über die mörderische Gleichgültigkeit seiner Eltern
sprach, erschütternd. Er redete ohne auch
nur eine Spur von Wut oder Trauer. Die
zunächst als Abwehr gegenüber Wünschen nach Wärme, Zuwendung und Halt
erlebte Fassade weichte aber langsam auf.
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Ich erinnere insbesondere eine Stunde,
in der Herr K. davon berichtete, dass er
im Alter von vier Jahren immer wieder
im Dorf bei Nachbarn nach Essen für sich
und seine kleineren Geschwister bettelte,
während seine Eltern zu Hause völlig betrunken herumlagen. An einem dieser
Tage fand er eines seiner Geschwisterchen,
das zu klein war, um sein Gitterbettchen
zu verlassen, tot vor. Es war erstickt bei
dem Versuch, aus Hunger die Federn seines Kissens zu essen.
Scham „vor den Menschen
da draußen“
Als er seine Schilderung beendet hatte,
schwieg er. Sein Blick schien leer und nach
innen gerichtet. Ich blickte auf diesen kleinen müden Mann mit fadem Teint, mit
den tiefen Augenringen und dem zerzausten Haar. Seine Kleider waren altmodisch
und schienen aus der Zeit vor der Inhaftierung zu stammen. In diesem Moment
war ich zutiefst berührt und voller Mitgefühl und Wärme für den kleinen Jungen,
der vor mir saß und doch zugleich der Erwachsene war, der Unsägliches getan hatte. Diese Stunde werde ich nie vergessen.
Ich habe selten einen Menschen erlebt, der
so erfüllt war von wahrhaftigen Schuldgefühlen und Verzweiflung – nicht über
sein eigenes Schicksal, sondern über das,
was er anderen Menschen angetan hatte.
Er hatte seit langem das Gefühl angesichts
seiner Tat, nicht das Recht zu haben, über
sein Leben Trauer empfinden zu dürfen.
Herr K. absolvierte in Haft eine Lehre
als Kfz-Mechaniker. Er wurde bald als
„unverzichtbarer Mitarbeiter“ beschrieben und erarbeitete sich – wie auch in der
Wohngruppe – durch seine Hilfsbereitschaft und seine technischen Kompetenzen einen besonderen Status. Im letzten
Haftjahr ergab sich eine Möglichkeit, auf
finanziellen Schadensersatz vom Land
Berlin zu klagen, da sich herausgestellt
hatte, dass einige Inhaftierte ein paar Monate in zu kleinen und deswegen nicht
zulässigen Hafträumen untergebracht gewesen waren. Herr K. gehörte zu dieser
Gruppe. Als ich ihn fragte, ob er sich dieser Klage anschließen werde, antwortete
er mir mit fester Klarheit, dass er sich
schämen würde, „vor den Menschen da
draußen“ Geld dafür zu verlangen, und
dass er zu Recht eingesperrt worden sei
für das, was er getan habe. Ich hatte damals kurz überlegt, ob er dies in manipulativer Absicht gesagt hat, ich glaube aber
bis heute, dass es Anstand war.
Herr K. wurde nach 24 Jahren Haft entlassen, und wir verabschiedeten uns mit
Achtung füreinander. Es gab keine Entschuldigung oder Vergebung für Herrn K.,
aber es gab Momente der Wärme und des
Trostes für einen kleinen Jungen.
Wir sind Jahre danach noch gelegentlich im Kontakt gewesen. Herr K. hat den
Führerschein gemacht, arbeitet in einem
kleinen Betrieb, hat eine kleine Wohnung
und ein Auto. Manchmal, wenn er U-Bahn
fährt und eine Mutter mit einem kleinen
Kind einsteigt, muss er aussteigen. Die
Schuld, die er trägt, ist dann zu viel. PH
Petra Salfer
Heilpraktikerin für
Psychotherapie, Praxis
in Mühldorf am Inn
www.petra-salfer.de
Ich bin
Mitglied
im VFP weil:
... ich die interessanten Newsletter
des Verbandes schätze
... ich das Mitgliedermagazin „Freie
Psychotherapie” mit Genuss lese
... ich mich in meiner Arbeit
gestärkt und unterstützt fühle
Informationen über den VFP erhalten Sie hier:
Verband Freier Psychotherapeuten,
Heilpraktiker für Psychotherapie
und Psychologischer Berater e.V.
Lister Str. 7, 30163 Hannover
Telefon 05 11 / 3 88 64 24
www.vfp.de | info@vfp.de
VFP
29
30
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Die Lehrer unseres Lebens
Auch wenn die Schulzeit länger zurückliegt, erinnert sich wohl
jeder an ein paar ganz besondere Lehrer. Leider sind das oft
solche, die mit ihren Marotten oder ihrem einschläfernden
Unterricht ein zweifelhaftes Andenken hinterlassen haben. Doch
es gibt auch Lehrer, die Vorbild waren und uns fürs Leben
prägten. Was zeichnet solche Persönlichkeiten aus?
VON MONIKA GOETSCH
ILLUSTR ATIONEN: DANIEL BALZER
A
ls Markus Becker klein war, fühlte
er sich oft allein. „Mir fehlte Nestwärme“, sagt er. Keine Umarmungen, wenig Nähe. Die Mutter kam
einfach nicht mit ihm zurecht. Markus hatte zu allem eine Meinung. Immer fragte er
nach, wollte Neues wissen und lernen. „Sie hat gespürt,
dass ich ein schlaues Bürschchen war. Aber sie fand
mich merkwürdig.“ Auch mit anderen Kindern tat
sich der Junge schwer. Verstanden fühlte er sich erst,
als er in die Grundschule kam. Hier durfte er neugierig sein und einen eigenen Kopf haben. „Das war eine
Art Paradies für mich“, erzählt der heute 52-Jährige.
Seine Lehrerin war vom alten Schlag, die 40 Kinder der Klasse führte sie mit starker Hand. Und doch
hatte sie etwas Mütterliches, Zugewandtes. „Sie erkannte, dass ich es zu Hause nicht leicht hatte. Darum war sie besonders nett zu mir. Und ich habe mich
immer bemüht, ihr zu gefallen.“ Markus wischte die
Tafel sauberer als sauber. Meldete sich, wann immer
er konnte. Eine ganz besondere Bindung empfand er
zu ihr. Und sie, vermutet er, zu ihm. „Sie schenkte
mir die Anerkennung, die ich brauchte.“
15 000 Stunden seines Lebens verbringt der durchschnittliche Deutsche in Klassenzimmern. Etwa fünfzig Lehrer versuchen in dieser Zeit, ihm etwas beizubringen. In Erinnerung bleiben nur wenige. Aber
PSYCHOLOGIE HEUTE
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manche Lehrer prägen uns für immer. Sie unterrichten nicht nur Fachwissen, sie schenken Zuversicht.
Ihnen ist es zu verdanken, dass wir uns an Neues
heranwagen. Uns erlauben, Fehler zu machen. Und
unseren Fähigkeiten vertrauen.
Ursula Sturm trägt ihre Gymnasiallehrerin noch
heute, mit 88 Jahren, im Herzen. Sechs Jahre lang
wurde sie von einer Nonne in Deutsch, Latein und
Englisch unterrichtet. Kein Kind mochte die strenge,
hässliche Frau, deren Augen dicke Brillengläser verbargen. „Aber einmal, als Zehnjährige, bin ich ausgerutscht und habe mir das Knie aufgeschlagen. Die
Lehrerin kam zu mir, setzte ihre Brille ab und tröstete mich. Und ich sah, was für gütige Augen sie hatte!“
Das Taschentuch, das sie dem Mädchen ums Knie
band, war blütenweiß und aus Seide. Ursula Sturm
durfte es behalten. Von da an hatte sie keine Angst
mehr vor ihrer Lehrerin. Nur noch Respekt. Das Kind
entdeckte, dass diese Frau zwar viel von ihren Schülerinnen verlangte, aber freundlich war und half,
wenn man eine Frage hatte. Ihre Lehrerin konnte
zwar nicht verhindern, dass Ursula Sturms Vater die
Tochter nach der zehnten Klasse von der Schule nahm.
Aber sie gab ihr einen Satz mit auf den Weg, den sich
die alte Dame in all den Jahrzehnten immer wieder
vergegenwärtigt hat: „Sei stark und kämpfe es durch!“
31
Nicht immer braucht es ein aufgeschlagenes Knie,
damit ein Lehrer das Vertrauen und den Respekt seiner Schüler gewinnt. Denn im Grunde spüren Kinder ganz intuitiv, was einen guten Lehrer ausmacht
– zumindest haben sie eine konkrete Vorstellung
davon. Wie aus Befragungen hervorgeht, wünschen
sich Lernende Lehrpersonen, die motiviert, freundlich und einfühlsam sind und die gleichzeitig über
Führungskompetenzen, Fähigkeiten im Unterrichtsmanagement und ein hohes Maß an Fachwissen
verfügen.
Spaß am eigenen Unterricht
Vor allem aber können sie dieses Wissen spannend
vermitteln. So werden etwa die Lehrer, die mit dem
Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet wurden, von
ihren Schülern für ihren außergewöhnlichen Unterricht gelobt. „Sie denken sich immer etwas Neues
aus, bauen Spannung auf, sehen über den Tellerrand
und haben selbst Spaß am Unterricht“, erklärt die
Initiatorin des Preises, Susanne Porsche. „Solche Lehrer motivieren, fördern und fordern.“ Aber auch die
Beziehungsqualität ist wichtig. „Lehrpersonen, die
wir auszeichnen, gehen auf die Schüler in besonderer
Weise ein.“ Porsche erinnert sich an Lehrer, die genau
das getan haben, als sie selbst eine schwere Zeit durchmachte. Als sie 14 Jahre alt war, starb ihr Vater. Vier
Monate hatte sie ihn versorgt, statt zur Schule zu
gehen. Die Klasse schaffte sie trotzdem – dank der
einfühlsamen Unterstützung ihrer Lehrer.
Derart engagierte Pädagogen behält man ein Leben lang in guter Erinnerung. Und vielleicht mit immer größerer Rührung und Dankbarkeit, je älter man
wird. Da ist die herzliche Grundschullehrerin, die
ihren verunsicherten Schützlingen beibringt, dass es
gar keine Fehler gibt. „Höchstens Fehlerchen. Und
aus denen wird man klug.“ Da ist der experimentierfreudige Musiklehrer, der die Saiten eines Klaviers
mit Kugelschreibern und Wäscheklammern abklemmen lässt und erstaunt feststellt, das Instrument klinge jetzt wie ein indonesisches Gamelanorchester in
einer Automontagehalle. Da ist die Sportlehrerin, die
sich nach dem Schwimmunterricht extra Zeit nimmt,
um mit den ängstlicheren Schülern Salto vom Einmeterbrett zu üben. Und siehe da: Auf einmal traut
sich jeder!
Da ist der Griechischlehrer, der so sehr für sein
Fach brennt, dass alle begeistert mitmachen – ganz
egal welche Noten sie bekommen. Oder der Mathelehrer, bei dem man auf einmal etwas versteht. Oder
der Geschichtslehrer, in dessen Unterricht man begreift, dass historische Ereignisse eine ganz persön32
Sie hatte gütige Augen.
Das Taschentuch, das
sie mir ums wunde Knie
band, war blütenweiß
liche Relevanz haben. Und wenn er seine Schüler dann
mit dem Satz „Macht euch ein schönes Wochenende!“
verabschiedete: War das nicht auch ein subtiler Hinweis, dass man sein Glück selbst in die Hand nehmen
kann?
Filme wie Der Club der toten Dichter, Fack ju Göh
te oder die dänische Serie Rita handeln von solchen
besonderen Lehrern, von mitreißenden Menschen
und außergewöhnlichen Typen. „Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, gab es Lehrer mit ganz
unterschiedlichen Qualitäten, die jeder auf seine Weise gute Lehrer waren“, erzählt der Kinderarzt Remo
Largo in seinem Buch Jugendjahre. Kinder durch die
Pubertät begleiten. „Eine Qualität sollte aber immer
vorhanden sein: Ein Lehrer muss Menschen mögen
und ein genuines Interesse an Kindern und ihrer Entwicklung haben. Es muss ihm Freude machen, Jugendliche zu unterrichten. Er muss sich für ihr Wesen und ihre Entwicklung interessieren.“
Ein solcher Lehrer „kann seinen Schülern die Augen öffnen, Weichen für die Zukunft stellen, unvergessliche Aha-Effekte auslösen“. Je besser die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sind, desto
besser lernen die Schüler. „Entscheidend für jeden
Schüler ist das Gefühl: Der Lehrer mag mich, so wie
ich bin. Dieses Gefühl darf durch die Leistung und
das Verhalten des Schülers nie infrage gestellt werden“, so Largo.
„Du hast ein Hirn wie ein Nudelsieb“
Jeder weiß aus eigener Erfahrung: Nicht allen Lehrern gelingt das. Dunkel erinnert man sich an die
zähen Unterrichtsstunden, in denen man sich kaputtlangweilte. Lebhafter präsent sind der legendäre
Ausraster des Physiklehrers, das Lateinbuch, das als
Wurfgeschoss missbraucht wurde, oder die brüllende Sportlehrerin. Um die Jahrtausendwende wurden
in einer Studie 3000 Studenten im deutschsprachigen
Raum gefragt, ob sie von ihren Lehrern jemals gekränkt worden seien. Fast 80 Prozent der Befragten
bejahten. Fünfzig Prozent erklärten, die Kränkung
beschäftige sie noch heute.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Zumindest im Jahr 1996, als 10 000 österreichische Schüler der Klassen 7 bis 13 befragt wurden,
gehörte öffentliche Demütigung noch zum Repertoire mancher Lehrkräfte: 17 Prozent der Befragten berichteten, dass sie in den vorangegangenen vier Wochen von ihren Lehrern
ungerecht behandelt, geärgert oder gekränkt worden seien. Dumm, unfähig, hirnverbrannt oder blöd seien die Schüler, sie
könnten nicht logisch denken, seien hohl im
Kopf oder unbegabt: So beschimpften die Pädagogen ihre Schützlinge. Andere Lehrer kleideten ihre Aggressionen in eine vermeintlich witzige Bemerkung wie „Du hast ein Hirn wie
ein Nudelsieb“, das allgemeine Gelächter
kränkte umso mehr. Die Betroffenen berichteten von Niedergeschlagenheit und
Angst, von Bauchschmerzen und Rachegefühlen.
„Verbale Gewalt durch Lehrer ist in Bremer
Klassenräumen offensichtlich Normalität“, bestätigte im Jahr 2003 eine Studie aus der Hansestadt.
Ein Drittel der Befragten erklärte, im vorangegangenen Schuljahr von Lehrern „mit Worten fertiggemacht“ worden zu sein. Verbale Gewalt durch Lehrer gegen Schüler sei mindestens so verbreitet wie
verbale Gewalt unter Schülern, schlossen die Forscher
seinerzeit. Es ist zu befürchten, dass sich daran seither nichts Grundlegendes geändert hat.
Das ist durchaus keine Bagatelle. Beschämung tut
weh. Und sie verdirbt die Freude am Lernen. „Es gibt
Menschen, die behalten die Schule als ein Meer der
Demütigung in Erinnerung“, so der Pädagogikprofessor und Psychoanalytiker Kurt Singer in seinem
Buch Die Schulkatastrophe.
Welchen Schaden solche Demütigungen genau
anrichten, ist allerdings nicht hinreichend erforscht.
Es fehle an repräsentativen Langzeitstudien über die
Folgen schlechter Lehrer-Schüler-Beziehungen, klagt
Diana Raufelder, Professorin für Schulpädagogik an
der Universität Greifswald. „Klar ist aber: Sie wirken
sich ungünstig auf das Selbstkonzept, die Motivation und die schulischen Leistungen der Kinder aus.“
Vor allem bei jungen Schülern wögen entmutigende
Lehrersätze schwer.
Jugendliche gehen schon eher auf Opposition.
Maximilian Kerner, heute 58 Jahre alt, erinnert sich
lebhaft an einen Religionslehrer in der Mittelstufe.
„Der Mann hat es fertiggebracht, mich und etliche
andere Schüler gegen die Kirche aufzubringen. Durch
engstirniges Beharren auf Dogmen, Diskussionsunfähigkeit und Strenge.“ Wer fragte, provozierte.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Kritik war
verboten. Immerhin:
An diesem Lehrer schulte Kerner seinen Widerspruchsgeist. „Wenn ich
heute Menschen begegne, die nur ihre
eigene Wahrheit gelten lassen, ist mir dieser Lehrer
erinnerlich. Das ist ein Typus, dem man relativ häufig begegnet, bei Linken wie Rechten – gerade heute.“
Fehler sind angstbesetzt
Eine zeitgemäße Pädagogik sollte alles daransetzen,
Lehrer fit zu machen für einen Unterricht, der Offenheit und Vertrauen fördert, Individualität wertschätzt und den Schülern das Gefühl gibt: Hier sind
wir richtig. Die Lehrer unseres Lebens fördern nicht
nur unseren Wissensaufbau, sie fördern uns dabei,
uns als Persönlichkeit zu entfalten.
Eine ehrgeizige Studie des Erziehungswissenschaftlers John Hattie belegt die Bedeutung des Lehrers für den Lernerfolg auf empirischem Weg. Der
Neuseeländer erfasste mehr als 1400 Metaanalysen,
die sich wiederum auf 85 000 empirische Studien mit
geschätzt 300 Millionen Lernenden stützen, und unterzog all diese Daten seinerseits einer zusammenfassenden Analyse. Ein Mammutprojekt. Und ein
Meilenstein in der empirischen Forschung.
Hattie wollte wissen, worauf es im Unterricht wirklich ankommt. Unter welchen Umständen lernen
Schüler am besten? Das Ergebnis: Nicht die viel
diskutierten Klassengrößen, nicht der altersge
mischte oder geschlechtergetrennte Unterricht, nicht
33
Gute Lehrer sind selbstbewusste Zweifler, immer
im Dialog mit ihrer Klasse
• Gute Lehrer kooperieren mit ihren Kollegen.
Man teilt Unterrichtsmaterialien, lernt vom anderen,
diskutiert Maßstäbe, an denen sich erfolgreicher Unterricht bemisst, und entwickelt sich gemeinsam weiter. Eine Kultur, von der die meisten Lehrerzimmer
des Landes weit entfernt sind.
Emotionen im Klassenzimmer
Hausaufgaben, Noten, Digitalisierung oder finanzielle Ausstattung der Schule sind wesentlich für den
Lernerfolg eines Schülers. Entscheidend ist die Haltung jedes einzelnen Lehrers. Die Qualitätskriterien,
die Hattie herausarbeitet, erinnern durchaus an das,
was sich Schüler von Lehrpersonen wünschen – und
was Markus Becker und Ursula Sturm an ihren Vorbildern schätzten.
Ein erfolgreicher Lehrer brennt nicht nur für sein
Fach. Er kennt sich darüber hinaus aus in Didaktik.
Von Schulstunde zu Schulstunde verschafft er sich
ein Bild, wo die Schüler innerhalb eines Lernprozesses stehen. Und obwohl er weiß, was er warum tut
und welchen Werten er dabei folgt, besitzt er zugleich
eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Selbstreflexion.
Er ist ein selbstbewusster Zweifler, immer im Dialog
mit seinen Schülern. „Lehrer zu sein verlangt die
ständige Selbsthinterfragung“, so der Augsburger
Schulpädagoge und Übersetzer Hatties, Klaus Zierer.
Ein Lehramtsstudent mag angesichts solch immenser Erwartungen in die Knie gehen. Aber die
Hattie-Studie weist durchaus Wege, ein überdurchschnittlich guter Lehrer zu werden:
• Gute Lehrer erlauben ihren Schülern und sich
selbst Fehler – um aus ihnen zu lernen. Im Klassenzimmer fördern sie eine Fehlerkultur. Das ist nicht
selbstverständlich. Gerade in der Schule ist es oft
noch Usus, Fehler zu vermeiden, zu verdrängen und
zu verbergen. „Fehler sind angstbesetzt“, sagt Zierer.
Er weiß nicht nur aus der Forschung, wovon er spricht.
Er hat selbst ein Grundschulkind. Vier Wochen nach
der Einschulung saß seine Tochter weinend über ihren Hausaufgaben. Sie hatte einen Fehler gemacht.
Zierer empört das. In Schulklassen, sagt er, solle eine Atmosphäre herrschen, in der es völlig unproblematisch sei, Fehler zu machen.
• Gute Lehrer suchen Feedback. Natürlich: Kritik
hört keiner gern – auch wenn sie fair und differenziert vorgebracht wird. „Aber sollten wir wirklich
das meiden, was schwierig ist, aber hochwirksam?“,
fragt Zierer. Wer mithilfe knapper Fragebögen regelmäßig das Feedback der Klasse einholt oder die
Kollegen zur Kritik einlädt, ist auf dem besten Weg,
sich als Lehrer weiterzuentwickeln.
34
Fehlerkultur, Feedback und Kooperation: All das und
vieles mehr lässt sich durchaus lernen. Wenn es denn
gelehrt wird. Vereinzelt, so Zierer, geschehe das zwar
bereits in der Lehrerausbildung, „systemisch implementiert“ sei es aber nicht.
Auch Diana Raufelder beklagt Missstände in der
Ausbildung von Lehrern: „Die Lehrerbildung konzentriert sich viel zu sehr auf die Didaktik. Dabei
wird der Alltag im Klassenzimmer von Emotionen
geprägt. Die Vermittlung sozioemotionaler Kompetenz, nach der die Studierenden verlangen, kommt
in der Ausbildung zu kurz.“
Dabei hat gerade diese Kompetenz von Lehrern
hohe Bedeutung dafür, ob sich Kinder in der Schule
wohlfühlen und erfolgreich lernen. In einer dreijährigen Studie evaluierte die Amerikanerin Sara RimmKaufman Lernerfolge von Schülern der zweiten bis
fünften Klassen. Ein Teil der Lehrer hatte an dem
sogenannten Responsive Classroom-Programm teilgenommen, ein anderer nicht. Das Programm legt
großen Wert auf eine geordnete Lernatmosphäre in
den Klassen. Die Schüler sollen sich in einer ruhigen,
sicheren, fröhlichen Gemeinschaft geborgen und aufgehoben fühlen. Sie lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren und über das eigene Lernen zu reflektieren.
Das Ergebnis: Kinder, deren Lehrer nach den Methoden des Programms arbeiteten, waren signifikant
erfolgreicher in Mathematik und Lesen als Schüler
von Lehrern, die herkömmliche Unterrichtsformen
praktizierten. Verbessern sich die sozioemotionalen
Fertigkeiten, wirkt sich das auch auf den schulischen
Erfolg aus.
Allerdings: Nicht für alle Schüler ist der Lehrer
gleich wichtig. Die Motivationsforschung zeigt, dass
bei manchen Schülern die Leistung konstant bleibt,
unabhängig davon, wer sie wie unterrichtet. Für die
interdisziplinäre SELF-Studie (Sozio-Emotionale
Lern-Faktoren) der Freien Universität und der
Charité Berlin wurden unter der Leitung von D
iana
Raufelder mehr als 1000 Mädchen und Jungen an
Oberschulen und Gymnasien in Brandenburg wiederholt befragt. Eines der Ergebnisse, so Raufelder:
„Für die meisten Achtklässler sind Peers wichtiger
als Lehrer.“
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Pubertierende Schüler unterscheiden sich ganz
offensichtlich darin, was sie motiviert. Dennoch:
Auch ältere Schüler können von einer guten Lehrerbindung profitieren. Für Achtklässler stellt Diana
Raufelder fest: „Soziale Unterstützung durch die
Lehrkräfte kann den Abfall von Leistungsmotivation in der Jugend verhindern oder zumindest abfangen.“ Lehrer, die ihre Schüler unterstützen, beeinflussen weit über die einzelne Schulstunde hinaus
die Leistungsmotivation der Lernenden und wirken
positiv auf ihr schulisches Selbstkonzept ein.
Und nicht nur das: Ihr Vorbild begleitet uns manchmal ein ganzes Leben. Viele Jahrzehnte lang hat Ursula Sturm das (gewaschene) blütenweiße Taschentuch, das ihr die Lehrerin einst ums Knie band, ordentlich gefaltet im Schrank verwahrt. Benutzt hat
sie es nie. Bis ihr Wellensittich starb. Sie nahm das
Taschentuch, hüllte ihn darin ein und vergrub ihn im
Garten. „Ich wollte etwas Besonderes für ihn.“ PH
Die Namen der ehemaligen Schüler, die in diesem Text auftauchen,
wurden geändert
LITERATUR
Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. Piper, München 2013
John Hattie, Klaus Zierer: Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“
für die Unterrichtspraxis. Schneider, Hohengehren 2019 (4. Auflage)
John Hattie, Wolfgang Beywl, Klaus Zierer: Lernen sichtbar machen.
Schneider, Hohengehren 2017 (3. Auflage)
Kurt Singer: Die Schulkatastrophe. Schüler brauchen Lernfreude
statt Furcht, Zwang und Auslese. Beltz, Weinheim 2009
Dirk Stötzer: Superlehrer + Superschule = supergeil. Der beste Beruf der Welt. Goldmann, München 2015
STUDIEN
Thomas Leithäuser, Frank Meng: Ergebnisse einer Bremer Schülerbefragung zum Thema Gewalterfahrungen und extremistische Deutungsmuster. Untersuchung im Auftrag des Bremer Senats, Juli 2003
Volker Krumm: Machtmissbrauch von Lehrern. Ein Tabu im Diskurs
über Gewalt in der Schule. Journal für Schulentwicklung, 3, 1999,
38–52
Volker Krumm: Machtmissbrauch von Lehrern und was man dagegen tun kann. Erste Ergebnisse einer Untersuchung in der Schweiz.
Schweizer Schule, 12, 1999, 3–25
Olga Bakadorova, Diana Raufelder: The essential role of the teacherstudent relationship in students’ need satisfaction during adoles
cence. Journal of Applied Developmental Psychology, 58, 2018,
57–65
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PSYCHOLOGIE
HEUTE
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Wie wir in
Gesichtern
lesen
Nichts in unserer visuellen Welt
ist für uns Menschen so wichtig
wie Gesichter. Wir sind Meister im
Gesichtererkennen. Nicht einmal
das ständige Starren auf
Smartphones und andere
Monitore konnte uns dieser
Fähigkeit entwöhnen. Das
verdanken wir zum Beispiel dem
Jennifer-Aniston-Neuron
VON JÖRG ZITTLAU
D
ie jungen Frauenaugen schauen gerade in die Kamera. Als würden sie
ihren Betrachter durchbohren wollen. Ich würde also „durchdringend“
angeben, wenn man mir diesen Begriff als Attribut für den Augenausdruck auf dem
Foto anbieten würde. Macht man aber nicht. Stattdessen kommen als Vorschläge: „schockiert“, „amüsiert“, „entschlossen“ und „gelangweilt“. Was jetzt?
Ich kreuze „entschlossen“ an und klicke zum nächsten Foto. Da blinzelt ein Paar älterer Augenschlitze
seitwärts an der Kamera vorbei. Schaut es verträumt?
Wohl nicht, denn als Begriffsvorschläge werden hier
„befreit“, „niedergeschlagen“, „aufgeregt“ und
„schüchtern“ genannt. Ernste Zweifel kommen jetzt
bei mir auf, ob ich überhaupt irgendeinen Gesichtsausdruck richtig erkennen kann. Bin ich zu unempathisch? Vielleicht sogar ein verkappter Autist? Oder
habe ich zu lang in Smartphones und Laptops gestarrt, so dass meine Fähigkeit zum Gesichterlesen
versiegt ist?
Andreas Sprenger kann mich beruhigen. „Die Augen sind zwar wichtig für uns, um den Ausdruck in
einem Gesicht lesen zu können“, erklärt er. „Aber es
fällt uns natürlich leichter, wenn wir auch noch andere Gesichtsareale sehen, wie etwa den Mund und
die Stirn.“ Wenn es darum geht, im Gesichtsausdruck
die Gefühlslage der abgebildeten Person zu erkennen,
liege die Trefferquote beim bloßen Blick auf die Augen bei 25 von 36 Bildern. „Man liegt also in seiner
Einschätzung immerhin mit 11 von 36, also bei fast
jedem dritten Bild daneben“, erklärt der Psychologe.
Sprenger hat sich zusammen mit seinen Kolleginnen Juliana Wiechert und Soé Neuwerk von der Universität Lübeck der Frage angenommen, ob alle Menschen weitgehend gleich gut darin sind, von den Augen ihres Gegenübers auf dessen emotionalen Zustand zu schließen. Sie verglichen dabei Paar- und
Gruppentänzer mit Menschen, die auf sonstige Weise sportlich aktiv waren, sowie Nichtsportlern. Von
den Tänzern erwarteten die Forscher, dass sie besonders gut im Augenlesen seien. Denn sie brauchen
nicht nur ein Gespür für die Bewegungen ihres Partners, sie schauen ihm auch ständig in die Augen.
Ich seh's in deinen Augen!
Die Lübecker Forscher stellten einen Test ins Internet
(survey.neuro.uni-luebeck.de), in dem man nicht nur
die Empathiefähigkeiten der Probanden abfragte,
sondern diese auch darum bat, sich die Fotos von un
terschiedlichen Augenausdrücken anzuschauen und
dazu eine von vier vorgegebenen Interpretationen
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auszuwählen. Auf den Schwarz-Weiß-Bildern waren
die Augen von Schauspielern zu sehen, denen man
emotionale Zustände vorgegeben hatte, die sie mimisch ausdrücken sollten.
Über 700 Probanden absolvierten den Test, davon
knapp 130 Tänzer. Die ursprüngliche Hypothese bewahrheitete sich allerdings nicht. Denn im Wesentlichen konnte man keine nennenswerten Unterschiede zwischen den drei Gruppen beobachten. Die Tänzer sind also, auch wenn man es von ihnen erwartete, in ihren empathischen und augenleserischen
Fähigkeiten den übrigen Sportlern und auch den
Nichtsportlern keineswegs überlegen.
Das ist insofern bemerkenswert, als es in der Öffentlichkeit immer wieder alarmierte Stimmen gibt,
die davor warnen, dass wir viel zu lange auf Smartphones und andere Monitore starren und viel zu selten in die Gesichter der Menschen, die uns umgeben.
Das werde noch dazu führen, dass wir das Gesichterlesen allmählich verlernten, heißt es dann mah-
WIE LANGE HÄLT MAN'S AUS?
Um in den Augen eines Menschen lesen zu können, müssen wir zwangsläufig Blickkontakt mit ihm aufnehmen.
Doch wie lange halten wir das aus? Wie lange dauert es,
bis wir den Blick eines Menschen als unangenehmes Glotzen empfinden? Ein Forscherteam des University College
in London hat sich dieser Frage angenommen.
Die englischen Forscher spielten ihren knapp 500 Probanden die Videos von Schauspielern vor, die ihrem Gegenüber, also dem Betrachter des Films direkt in die Augen
schauten. Es zeigte sich: Wie lang ein Blickkontakt als
angenehm empfunden wurde, war individuell verschieden.
Bei den meisten Probanden dauerte es zwei bis fünf, im
Durchschnitt etwas mehr als drei Sekunden. Kein einziger
wollte den Schauspielern länger als neun Sekunden in die
Augen schauen. War ein Teilnehmer angetan vom Blick
seines virtuellen Gegenübers, weiteten sich seine Pupillen;
war er es nicht, verengten sie sich.
Bleibt festzuhalten, dass Menschen, die sich gut kennen,
deutlich länger Augenkontakt halten können. Und umgekehrt gibt es Krankheiten, die das fast unmöglich machen.
So meiden Autisten in der Regel den direkten Blickkontakt.
Schizophreniepatienten dagegen fällt er nicht schwer. Sie
können die Augen und andere Areale im Gesicht ihres Gegenübers sogar besonders lange fixieren, was von diesem
wiederum schon bald als unangenehm empfunden wird.
38
JZ
nend. Doch diese Befürchtung scheint unbegründet
zu sein. Das zeigt sich auch daran, dass die neuen
Befunde aus Lübeck in etwa denen einer älteren Studie entsprechen, die schon um die Jahrtausendwende
an der University of Cambridge durchgeführt wurde
– und zu dieser Zeit gab es noch keine Smartphones.
Dass deren permanenter Gebrauch uns zu schlechteren Mind-Readern macht, „ist genauso wenig belegt
wie die oft zu hörende Hypothese, wonach unsere
Kinder durch Smartphone, Laptop, PC und dergleichen immer dümmer würden“, sagt Sprenger.
Blicke stören beim Denken
Unsere Fähigkeit, in Gesichtern zu lesen, scheint also eine ziemlich stabile Größe zu sein. „Vermutlich
ist sie einfach zu wichtig für uns, als dass wir darin
große Schwankungen hinnehmen könnten“, meint
Juliana Wiechert. Tatsächlich sind wir im Alltag fortwährend damit beschäftigt, Blickkontakt mit anderen Menschen aufzunehmen. Egal ob dies beim Frühstück mit dem Partner und den Kindern, beim Einkaufen an der Kasse oder auch beim Skypen im Internet (auf dem Monitor!) geschieht. Beim Gespräch
schauen wir immer wieder ins Gesicht unseres Gegenübers, um zu überprüfen, wie das Gesagte bei
ihm ankommt, und auch um das, was er uns sagt,
mit seinem Gesichtsausdruck abzugleichen und zu
einem Gesamtbild zusammenzufügen.
Wenn wir freilich intensiv über etwas nachdenken,
müssen wir vorübergehend den Blickkontakt lösen.
Das zeigt, wie viel Kapazität das Face-Reading in unserem Gehirn beansprucht. „Wir sind offenbar damit
überfordert, beides zu tun“, erläutert Wiechert. „Wir
können nicht angestrengt nachdenken und parallel
auch noch versuchen, im Gesicht des anderen Menschen zu lesen.“
Für die Priorität der Empathie von Angesicht zu
Angesicht spricht auch die Tatsache, dass wir – zusammen mit Schimpansen, Gorillas und anderen
Primaten – überhaupt ein echtes Gesicht haben. Andere Säugetiere – selbst jene, die über ausgeprägte
soziale Strukturen verfügen – haben keines. Allenfalls
Hunde haben sich im Laufe ihrer Domestizierung
den „Dackelblick“ und andere mimische Fertigkeiten
zugelegt, damit ihr zweibeiniger Lebenspartner sie
besser versteht. Doch zur innerartlichen Kommunikation nutzen sie wie andere Tiere auch vor allem
Körpergerüche, Körperhaltungen und Lautäußerungen, ihre Mimik beschränkt sich auf den Ausdruck
von Basisemotionen wie Aggression und Angst. Der
Mensch hingegen hat ein Gesicht, das sich von Individuum zu Individuum unterscheidet und in dem
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laut Untersuchungen des US-Psychologen Paul Ekman
43 Muskeln mehr als 10 000 Ausdrücke erzeugen können. Diese Zahl wird von keinem anderen Primaten
erreicht.
Bridget Waller von der University of Portsmouth
konnte kürzlich nachweisen, dass Schimpansen beispielsweise keine Frustrationen mimisch ausdrücken
können. Das Forscherteam der englischen Evolutionspsychologin zeigte sechsjährigen Menschenkindern und erwachsenen Schimpansen eine Box, die
entweder Spielzeug (für die Kinder) oder eine Banane (für die Affen) enthielt. Doch als man ihnen diese Kiste überreichte, war sie verschlossen. Woraufhin
die Kinder das Kinn hoben und die Schmolllippe
vorschoben – ein klassisches mimisches Motiv der
Frustration. Die Schimpansen hingegen wären zwar
aufgrund ihrer Gesichtsmuskulatur auch dazu imstande gewesen, doch ihr Ausdruck blieb unberührt,
geradezu stoisch. Später zeigten sie zwar ihre AggresPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Die menschliche Mimik
ist unschlagbar.
Wir beherrschen 10 000
Gesichtsausdrücke
sion, doch den Frust zuvor hatte man ihnen nicht
angesehen. Was Waller mit „der unterschiedlichen
Kooperationsbereitschaft von Mensch und Schimpanse“ erklärt. Demnach trügen wir unsere Schwächen eher nach außen, weil wir mehr auf die Hilfe
von anderen hoffen dürften. Dem Schimpansen hingegen sei zwar Kooperationsbereitschaft auch nicht
fremd, doch sie sei bei ihm schwächer ausgeprägt als
bei uns.
39
Man zeigte ihm Fotos von Gebäuden, Tieren,
Schauspielern. Doch nur bei Jennifer Aniston
begann es, in seinem Gehirn zu feuern
Die zentrale Rolle des Gesichterlesens beim Menschen zeigt sich auch durch das Jennifer-AnistonNeuron. Entdeckt wurde es von Rodrigo Quian Quiroga, Neurobiologe an der University of Leicester.
Seine Versuchspersonen waren Epilepsiepatienten,
denen man aus medizinischen Gründen mehrere
Elektroden im Gehirn eingepflanzt hatte. Dadurch
konnten Quiroga und sein Team relativ genau messen, wo gerade Neuronen feuerten. Man legte den
Probanden unter anderem diverse Fotos vor, beispielsweise von Bauwerken, Tieren oder eben auch
prominenten Schauspielern.
Und bei einem der Patienten passierte es dann:
Jedes Mal, wenn man ihm ein Bild von Jennifer Aniston vorlegte, begann eine Neuronengruppe in seinem
Gehirn zu feuern. Und zwar unabhängig davon, ob
die Schauspielerin von der Seite, in der Gruppe oder
von weitem gezeigt wurde. Präsentierte man dem
Patienten hingegen das Bild einer ähnlich aussehenden Frau, passierte: nichts. Die Neuronen in der Region reagierten also nur auf Jennifer Aniston und
sonst nichts.
Eine anschließende Befragung des Patienten ergab, dass er noch nicht einmal ein Fan der Schauspielerin war. Er kannte sie, mehr aber auch nicht.
In anderen Versuchen entdeckte man bei anderen
Probanden noch weitere Neuronen, die durch ganz
bestimmte Gesichter zum Feuern gebracht wurden.
Wie etwa durch Bill Clinton, die Beatles, Brad Pitt
oder auch Halle Berry, die den ihr zugeordneten Neuronenverbund sogar dann aktivierte, wenn sie in
kompletter Kostümierung als „Catwoman“ präsentiert wurde. „Das Gehirn mit seinen vielen Milliarden Nervenzellen kann sich offenbar den Luxus erlauben, seine Neuronen auf bestimmte Gesichter zu
kodieren“, erläutert Sprenger.
Ein Training und seine Grenzen
Obwohl die Forschung mittlerweile recht viel darüber weiß, wie das Gehirn Gesichter analysiert, mahnt
der Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer zur Bescheidenheit. Er hat in seiner langjährigen Forschungsarbeit selbst die Grenzen des Wissens erfahren müssen. Ausgangspunkt war die Beobachtung
40
von Psychiatern, dass Schizophreniepatienten große
Schwierigkeiten haben, emotional negative Äußerungen im Gesichtsausdruck anderer Menschen zu
erkennen. Also trainierte Birbaumers Forscherteam
mit diesen Patienten, die Durchblutung in ihrer vorderen Insula zu verbessern, weil man in diesem Hirn
areal das Zentrum der Erkennung von negativen Gesichtern vermutete.
Als Methode wählte man das Neurofeedback: Die
Patienten beobachteten im Kernspintomografen ein
farbiges Thermometer, das nach oben ausschlug,
wenn die Durchblutung in ihrer Insula zunahm. Nach
etwa zehn Übungsstunden hatten sie gelernt, wie sie
diesen Wunschzustand erreichen konnten. Vor und
nach dem Training wurde überprüft, wie gut die Patienten positiv und negativ gestimmte Gesichter erkennen konnten. Wie erwartet konnten sie negative
nach dem Neurofeedbacktraining deutlich besser
erkennen als vorher – doch sie bezahlten dafür mit
einer deutlichen Verschlechterung, was das Erkennen
positiver Mimik betraf. „Vermutlich hatte der Erregungsanstieg in den emotional negativen Hirnarealen gleichzeitig eine Hemmung anderer Regionen
bewirkt“, so Birbaumer. Ein Nullsummenspiel.
In Gesichtern zu lesen, so zeigt sich, ist selbst mit
solch ausgefeilten Methoden nicht beliebig trainierbar. Der Trost liegt im Umkehrschluss: Es ist uns
nicht beliebig abtrainierbar. Auch in Zeiten der Digitalisierung bleibt das menschliche Gesicht für uns
ein wichtiges, vielleicht das wichtigste KontaktmePH
dium.
LITERATUR
I. Dziobek u. a.: In search of “master mindreaders”: Are psychics
superior in reading the language of the eyes? Brain and Cognition, 58/2, 2005. DOI: 10.1016/j.bandc.2004.12.002
H. Eisenbarth, G. W. Alpers: Happy mouth and sad eyes: Scanning emotional facial expressions. Emotion, 11/4, 2011. DOI:
10.1037/a0022758
S. Ruiz, N. Birbaumer, R. Sitaram: Abnormal neural connectivity
in schizophrenia and fMRI-brain-computer interface as a potential therapeutic approach. Frontiers in Psychiatry, 4, 2013
R. Q. Quiroga u. a.: Invariant visual representation by single neurons in the human brain. Nature, 435/23, 2005. DOI: 10.1038/
nature03687
R. Q. Quiroga u. a.: Human single-neuron responses at the thre
shold of conscious recognition. PNAS, 105/9, 2008
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8 WIRKSAME STRATEGIEN GEGEN BURNOUT
VON SILKE PFERSDORF
Forscher der Universität Saragossa
haben drei Arten von Burnout unterschieden, die sich mit jeweils anderen Symptomen bemerkbar machen: Überlastungs
burnout wird von Grübelspiralen und von
heftigen negativen Gefühlen begleitet.
Burnout durch Vernachlässigung der eige
nen Person führt häufig zur Abkopplung
von sozialen Kontakten. Bei dem Burnout
durch Entwicklungsmangel leiden die Betroffenen unter permanenter Unterforderung. Bei allen drei Typen, so die Wissenschaftler, könne die Akzeptanz- und
Commitmenttherapie, bei der Achtsamkeitsübungen und handlungsorientierte
Ansätze kombiniert werden, eine wirksame Therapie sein.
Jesus Montero-Marin u. a.: Coping with stress and
types of burnout: explanatory power of different
coping strategies. Plos One, 9/2, 2014, e89090
42
2
SELBSTANALYSE
Hinter einem Burnout steckt gewöhnlich auch subjektives Erleben – inklusive irrationaler Annahmen
und Vorstellungen über sich selbst. Schon
im Jahr 1998 schlugen deshalb die inzwischen emeritierte Psychologieprofessorin
Christina Maslach und die Sozialpsychologin Julie Goldberg – damals beide an
der University of California – zur Vorbeugung die Selbstanalyse der eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen vor:
Innere Glaubenssätze wie „Ich muss perfekt/stark/schnell sein“ oder „Ich werde
nur geliebt, wenn ich keine Fehler mache“
solle man aufspüren und damit entlarven
– und langfristig durch freundlichere
Mantras ersetzen. Der „Salutogenese“Ansatz von Aaron Antonovsky zielt auch
in diese Richtung. Wichtig für unsere
Widerstandskraft gegenüber Stress ist
laut Antonovsky das Grundgefühl, dass
a) die Ereignisse, die das Leben für uns
bereithält, verstehbar und vorhersehbar
sind, dass man b) die persönlichen Ressourcen hat, sie zu bewältigen, und dass
sich c) dies alles lohnt, weil das Leben
selbst als sinnvoll erlebt wird.
Christina Maslach, Julie Goldberg: Prevention of
burnout: New perspectives. Applied and Preventive Psychology, 7, 1998, 63–74
3
MEDITATION
Mehrere Studien der letzten Jahre belegen, dass man mit Meditation effektiv Stress bewältigen und damit
einem Burnout entgegenwirken kann.
Untersuchungen im Magnetresonanztomografen zeigten, dass dabei der durch
Stress bewirkte massive Zellabbau in bestimmten Gehirnarealen merklich reduziert wird, während die Zellen im Hippocampus und im rechten Inselcortex, die
für die Regulierung der Erregung und für
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ILLUSTR ATION: TILL HAFENBR AK
1
AKZEPTANZ UND
COMMITMENT
die emotionale Bewertung einer Situation
zuständig sind, zunehmen. Pilotstudien
mit Lehrern und Pflegepersonal dokumentierten, dass ein achtsamkeitsbasiertes Trainingsprogramm (Mindfulness
Based Stress Reduction) die Burnoutsymptome verringerte.
L. Flook u. a.: Mindfulness for teachers: A pilot study to assess effects on stress, burnout, and teaching
efficacy. Mind, Brain, and Education, 7/3, 2013,
182–195
4
SCHLAF
Schon lange haben Forscher vermutet, dass hinter einem Burnout oft auch die konstante Übermüdung
des Gehirns steckt. Schon im Jahr 2002
fanden Forscher an der Harvard Univer
sity heraus, dass ein Mittagsschläfchen
oder „Powernapping“ zwischendurch
dem Gehirn bei der Regeneration hilft,
weil die Verbindungen der Neuronen dabei gestärkt und sozusagen auf Vordermann gebracht werden. Der beste Zeitpunkt liege zwischen 13 und 14 Uhr – sehr
viel später würde der Nachtschlaf gestört.
Auf den Mittagskaffee muss man trotzdem nicht verzichten: Die Wirkung des
Koffeins setzt erst nach 20 Minuten ein.
Bis dahin sollte das Minischläfchen beendet sein, weil man sonst in die Tiefschlafphase gerät.
Sara Mednick u. a.: The restorative effects of naps
on perceptual deterioration. Nature Neuroscience,
5, 2002, 677–681
5
GEHIRNJOGGING
Das Lesen guter Bücher, Knobelaufgaben und Herausforderungen ans Denken können ebenfalls einem
Burnout vorbeugen, wie neuere Studien
zeigen. Wirtschaftspsychologe Stefan
Diestel etwa ermittelte mit seinem Team
an der TU Dortmund, dass Angestellte,
deren geistige Fähigkeiten weniger ausgeprägt waren, ein 50 Prozent höheres Risiko für Burnout haben als ihre Kollegen
mit trainiertem geistigem Potenzial.
Stefan Diestel u. a.: Burnout and impaired cognitive
functioning: The role of executive control in the
performance of cognitive tasks. Work & Stress, 27,
2013, 164–180
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BEWEGUNG
Sport, aber auch schon ein gemäßigtes Bewegungsprogramm hilft,
den inneren Stresspegel deutlich zu verringern. Sharon Toker von der Universität
Tel Aviv und Michal Biron beobachteten,
dass diejenigen ihrer 1500 Probanden, die
wöchentlich rund 240 Minuten trainierten, kaum Anzeichen eines Burnouts aufwiesen.
Sharon Toker, Michal Biron: Job burnout and depression: Unraveling their temporal relationship
and considering the role of physical activity. Journal of Applied Psychology, 97/3, 2012, 699–710
7
ZEITMANAGEMENT
Mithilfe der sogenannten ALPENMethode von Lothar Seiwert lässt
sich der Tag effektiv so planen, dass es
nicht zu burnoutfördernden Stresssituationen aus Zeitmangel kommt: A wie Aufgaben – gemeint ist hier eine To-do-Liste.
L wie Länge der Aufgaben – einschätzen,
wie lange man etwa für die Erledigung
braucht. P wie Pufferzeiten – so bleibt Platz
für Unvorhergesehenes. E wie Entscheidungen – die Aufgaben müssen nach ihrer
Wichtigkeit über den Tag verteilt werden.
N wie Nachkontrolle – einmal über die
Tagesplanung schauen und sich kritisch
fragen, wie realistisch sie ist.
Lothar Seiwert: Das 1 x 1 des Zeitmanagement.
Zeiteinteilung, Selbstbestimmung, Lebensbalance.
Gräfe und Unzer, München 2014
8
FLOW
Mit Leib und Seele in einer Tätigkeit aufgehen, darüber vielleicht sogar die Zeit vergessen – manche
Menschen erleben das bei ihrer Arbeit,
andere nur im Sport oder während sie ihrem Hobby nachgehen. Wer einmal am
Tag in so einen Flowzustand gerät, stabilisiert Motivation und Vitalität und vermeidet Erschöpfung. Das zeigte eine Tagebuchstudie mit Berufstätigen.
PH
WIR machen weiter.
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Wladislaw Rivkin u. a.: Which daily experiences
can foster well-being at work? A diary study on
the interplay between flow experiences, affective
commitment, and self-control demands. Journal
of Occupational Health Psychology, 23/1, 2018,
99–111
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„Ich hatte keine
Ahnung, was die
Maschine für mich
tun kann!“
Mann in einer
Spielhalle in
Hamburg
44
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„Spieler sind in einem
Trancezustand: der Zone“
Natasha Dow Schüll erforscht seit vielen Jahren, wie
Geldspielautomaten unser Verhalten steuern. Hier verrät sie,
mit welchen Tricks uns das Design der Maschinen süchtig macht –
und warum psychologische Studien oft zu kurz greifen
Spielhallen sind ein seltsames Phänomen. Viele haben derlei Etablissements noch nie betreten. Dennoch
liegt der Jahresumsatz mit Geldspielautomaten in
Deutschland bei sieben Milliarden Euro – und damit
siebenmal höher als der Umsatz, den etwa Kinobetreiber mit dem Verkauf von Eintrittskarten erzielen.
Für nicht wenige Spieler werden die Automaten gefährlich. Sie machen süchtig. Die Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung urteilt: Die Maschinen
sind „risikoreich für das Auftreten von Problemspielverhalten“. Niemand hat die merkwürdige Psychologie hinter den Automaten so gründlich untersucht
wie die amerikanische Anthropologin Natasha Dow
Schüll.
war umweht von dieser Aura des Halbseidenen, Halbkriminellen. Aber auf einmal hat sich die Stadt den
ganz normalen Leuten aus der Mittelschicht geöffnet.
Damit schlug auch die Stunde der einarmigen Banditen. Die hatten vorher nur 40 Prozent des Umsatzes gemacht. Innerhalb weniger Jahre wurden daraus
80 Prozent.
Mit Spielautomaten wird unfassbar viel Geld verdient, auch in Deutschland.
Darf ich Sie etwas fragen? Wie wird diese Art des
Glücksspiels in Deutschland eigentlich besteuert?
Die Betreiber der Spielhallen zahlen eine Vergnügungssteuer. Pro Jahr kommen da etwa eine
Milliarde Euro zusammen.
Professor Schüll, warum haben Sie ausgerechnet
Dasselbe Muster findet man überall. Glücksspiel ist
ein einfacher Weg, die öffentlichen Kassen zu füllen,
ohne die Steuern zu erhöhen. Der Staat verdient immer mit. Das sollte man nie vergessen.
Spielautomaten erforscht?
In den 1990er Jahren – ich war noch Studentin – bin
ich einmal von New York nach Kalifornien geflogen.
Dabei hatte ich eine Zwischenlandung in Las Vegas.
Man stieg aus dem Flieger und hörte sofort diese
merkwürdigen Geräusche: Überall saßen Menschen
vor einarmigen Banditen. Niemand unterhielt sich.
Ich hatte so etwas noch nie gesehen – und wusste
sofort: Das möchte ich mir näher ansehen.
Korrekt, dass Sie bereits Ihre Bachelorarbeit über
Las Vegas geschrieben haben?
Das stimmt. Es war während der Ära der „Disney
fizierung“. Davor saßen in Las Vegas Männer in dunklen Anzügen um Poker- oder Blackjacktische. A
lles
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Kann Glücksspiel süchtig machen?
Natasha Dow Schüll
forscht und lehrt
an der New York
University. Ihr Buch
Addiction by Design
über die Spielautomaten von Las
Vegas gehört heute
an vielen Universitäten zur Standard
lektüre (eine deutsche Übersetzung
liegt nicht vor)
Natürlich. Auch wenn sich die offizielle psychiatrische Definition in den großen Diagnostikhandbüchern DSM und ICD über die Jahre immer wieder
geändert hat. Früher sah man exzessives Glücksspiel
als ein Problem der Impulskontrolle – in der Nachbarschaft von Phänomenen wie Pyromanie oder von
Leuten, die sich die Haare ausreißen. Erst in den neuesten Fassungen wird es explizit als Sucht aufgeführt.
Sucht ist etwas ausgesprochen Menschliches. Sie
funktioniert immer über dieselben Schaltkreise im
45
Gehirn, über Mechanismen, die eigentlich gut für
uns sind und die unser Überleben sichern. Die zum
Beispiel dafür sorgen, dass Essen, Trinken und Sex
sich gut anfühlen.
Stimmt es, dass man immun gegen Spielsucht
sein kann?
Es gibt ganz sicher unterschiedliche Grade von Anfälligkeit. Aber wirklich immun ist niemand. In manchen Köpfen existiert ja diese Vorstellung, dass die
Menschheit aus zwei Gruppen bestehe: aus den Anfälligen und denjenigen, denen nichts passieren kann.
Aber das stimmt nicht. Alles, was wir haben, sind
graduelle Unterschiede. Mir ist an dieser Stelle aber
noch etwas anderes wichtig.
Nämlich?
Dass wir uns in dieser Debatte nicht ausschließlich
auf den Menschen konzentrieren. Gut: Einige Leute
46
sind gefährdeter als andere. Aber mit demselben Recht
könnte man sagen: Einige Tätigkeiten, einige Spiele
– oder einige Automaten – haben ein besonders hohes Potenzial dafür, dass Leute daran hängenbleiben.
Das Suchtpotenzial unterscheidet sich enorm. Man
muss sich deshalb immer beide Seiten ansehen. Es
handelt sich um eine Art von Beziehung. Um sie zu
heilen, braucht man keine Einzelbehandlung, sondern eine Art Paartherapie.
Und das geschieht zu wenig?
Ich finde schon. In den USA konzentriert sich die
Forschung fast nur auf die Person des Süchtigen –
und viel zu wenig auf die Automaten. Das hat seine
Gründe. Viele Studien werden in Amerika vom
National Center for Responsible Gambling gesponsert. Das Geld dafür stammt ausgerechnet von der
Glücksspielindustrie. Finanziert werden deshalb vor-
PSYCHOLOGIE HEUTE
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nehmlich Studien über die menschliche Seite der
Sucht. Es funktioniert wie bei der Alkoholindustrie.
Die wirbt mit dem Slogan: „Die Sucht wohnt nicht
in der Flasche. Sie wohnt im Menschen.“
Die Studien sind gefälscht?
Nein, nein, im Gegenteil. Die meisten Studien sind
exzellente Arbeiten. Ich sehe aber, dass manche Fragen gar nicht erst gestellt werden. Man sagt: Die Sucht
steckt in den Menschen. Und schon kümmert man
sich ausschließlich um die Gene oder die schlimme
Kindheit der Spielsüchtigen. Die andere Seite der Geschichte bleibt im Dunkeln.
Manche Menschen sind
gefährdeter. Vor allem aber
hängt das Suchtpotenzial
von den Automaten ab
Früher funktionierten die Automaten so: Drei
oder vier Walzen drehen sich. Für einen Gewinn
müssen alle Walzen dasselbe Symbol zeigen. Ist
das noch immer so?
zu surfen oder Candy Crush zu spielen. All das sind
letztlich nur Affektmodulatoren, also Wege, um sich
in eine bessere Stimmung zu bringen.
Im Prinzip schon. Aber die Betreiber haben aufgerüstet. Inzwischen gibt es Automaten, die 25 solcher
Reihen gleichzeitig anzeigen. Oder sogar 50.
Ich denke beim Thema Spielsucht immer an den
Mit welchem Effekt?
verzockt hat. Angeblich landete sogar sein Ehe-
Wenn man früher verloren hat, blieb die Maschine
stumm. Wenn man gewonnen hat, gab der Automat
ein Siegesgeräusch von sich: „Ding, ding, ding!“ Wenn
man heute 50 Reihen gleichzeitig spielt, geschieht
Folgendes: Einige Reihen gewinnen immer. Man hat
fünf Dollar investiert und drei Dollar zurückgewonnen. Die Maschine macht: „Ding, ding, ding!“ Man
hat unterm Strich zwar zwei Dollar verloren, dennoch
gibt einem der Automat das Signal einer audiovisuellen Verstärkung.
ring beim Pfandleiher. Er konnte einfach nicht
Clever!
Mein kanadischer Kollege Kevin Harrigan hat in seinen Studien gezeigt, dass unser Gehirn diese Signale ganz genauso verarbeitet, als hätten wir tatsächlich
gewonnen. Man fühlt sich, als würde alles super laufen – während man in Wahrheit permanent verliert.
Und all das läuft so schnell ab, dass man die Mathematik dieser Pseudogewinne kaum bewusst mitbekommt.
Wie beginnt eine Spielsucht?
Bei den meisten durch Zufall. Freunde kommen zu
Besuch, und aus irgendeinem Grund landet man in
der Spielhalle. Fast alle meine Interviewpartner sagen: „Ich hatte keine Ahnung, was die Maschine für
mich tun kann!“ Sie fühlen sich super beim Spielen
– und dann kommen sie wieder, weil sie das Gefühl
noch einmal erleben wollen. Der Automat ist ein Weg,
die eigenen Affekte zu kontrollieren. Und jetzt mal
ehrlich: Seit alle ein Smartphone in der Tasche haben, ist so etwas jedem schon einmal passiert, wenn
auch in einer schwächeren Form. Man verliert sich
darin, Textbotschaften zu versenden, auf Facebook
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der
in der Spielbank von Baden-Baden Haus und Hof
aufhören.
Diese Form des Glücksspiels gibt es. Man kann in
kurzer Zeit sehr viel Geld gewinnen oder verlieren.
Da geht es um Risiko und Nervenkitzel. Die meisten
meiner Interviewpartner haben aber eine völlig andere Geschichte erzählt. Sie spielten nicht in den
Hochglanzcasinos, sondern an scheinbar harmlosen
Geldspielautomaten ums Eck. Noch etwas anderes
hat mich überrascht: Den allermeisten ging es gar
nicht ums Gewinnen. Sondern um ein bestimmtes
Gefühl, das sich beim Spielen einstellt. Sie geraten
vor den Automaten in eine Art Trancezustand, den
ich „die Zone“ nenne.
Was genau meinen Sie damit?
Man sitzt in diesen speziellen superbequemen Sesseln, die inzwischen zur Grundausstattung gehören.
Und dann läuft ein Spiel nach dem anderen. Man
gewinnt oder verliert ein paar Cent. So geht das immer weiter über viele Stunden. Die Menschen vergessen dabei alles andere; der Sinn für Raum und
Zeit geht verloren. Die Probleme des Alltags verschwinden. Manche vergessen sogar, dass sie Schmerzen haben oder zur Toilette müssen. Sie haben Krämpfe, ohne etwas davon mitzubekommen, so sehr haben
sie sich in diesen Zustand hineingespielt.
„Die Zone“ – muss man sich das wie eine Art
Hypnose vorstellen?
Die Spieler beschreiben es tatsächlich als eine Art
Hypnose, wie einen Tunnelblick, in dem alles andere ausgeblendet wird. Deshalb hassen es viele Spieler,
einen Jackpot zu gewinnen. Auf einmal spielt der
47
Wenn Sie schon spielen,
dann nur mit Freunden:
damit Sie nicht völlig in die
Zone abgleiten
sozusagen nur die Vorspeise. Heute aber sind die
Spielautomaten das Hauptgeschäft. Und man hat eben
herausgefunden: Je länger die Leute vor den Automaten sitzen, desto mehr Geld werden sie dort verspielen. Und vor allem: Sie werden am nächsten Tag
wiederkommen. Tatsächlich sind Automaten die
mächtigste und psychologisch einflussreichste Form
des Glücksspiels überhaupt. Eine Studie aus Kanada
zeigt, dass eine Sucht sich an den Automaten dreibis viermal schneller einstellt als etwa beim Wetten
auf der Pferderennbahn.
Woran liegt das?
Technisch kann man das schon lange. In den 1980er
und frühen 1990er Jahren hat man in Las Vegas angefangen, den Spielern einen „Glücksbotschafter“
vorbeizuschicken. Das war ein Mitarbeiter, der zu
den Spielern gegangen ist, um ihnen einen kleinen
Bonus anzubieten. Man hat gehofft, sie dadurch zum
Weitermachen zu überreden.
An einem Faktor, den man in der Psychologie als
„Ereignishäufigkeit“ bezeichnet. Beim Heroin ist das
„Ereignis“ der Moment, in dem man sich den Schuss
setzt. Auf der Trabrennbahn ist es das einzelne Rennen, auf das man gewettet hat. Das passiert vielleicht
zwei- oder dreimal pro Stunde. Aber am Automaten,
etwa beim Videopoker, kann man bis zu 1200 Hände pro Stunde spielen. Jedes einzelne Spiel ist eine
Chance für eine psychologische Verstärkung. Das
Tempo des Spiels ist wahnsinnig wichtig. Einsamkeit
ist auch ein Faktor, also die Tatsache, dass keine anderen Spieler da sind, dass einen keiner unterbricht
und dadurch aus seiner Trance reißt. Und im Gegensatz zum Pferderennen gibt es bei den Automaten
auch kein definitives Ende. Das Gerät spielt immer
weiter. Zusammenfassend gibt es also drei hauptsächliche Suchtfaktoren: Kontinuität, Einsamkeit
und Tempo.
Wie gut hat das funktioniert?
Was empfehlen Sie, um nicht von Spielautoma-
Die Sache ging ziemlich nach hinten los. Aus einem
einfachen Grund: Die Leute hatten keine Lust, von
irgendwem in ihrem Spiel unterbrochen zu werden.
Der Glücksbotschafter hat sie aus ihrer Trance geholt
und damit alles kaputtgemacht. Trotzdem ist der Gedanke dahinter natürlich interessant. Heute könnte
man diesen Glücksbotschafter einfach in die Maschine einbauen. Das wirkt dann als zusätzliche Verstärkung – ohne dass ein Mensch den Spieler aus
seiner Zone holt.
ten süchtig zu werden?
Automat diese extralaute Siegesmusik, alles fängt an
zu blinken, das Spiel hört auf, die Leute in der Spielhalle drehen sich nach einem um – all das holt den
Spieler zurück in die Wirklichkeit. Diese Geschichte
habe ich in meinen Interviews wieder und wieder
gehört.
Stimmt es, dass die Maschinen inzwischen erkennen können, dass ein Spieler die Lust verliert?
Dass sie darauf reagieren, um einen bei der Stange zu halten?
Wie wird aus der Trance eine Sucht?
Ich habe mit vielen Automatendesignern gesprochen.
Diese Leute wissen sehr genau, was sie tun. Sie haben
eine neue Währung entdeckt, die man im Englischen
als time on device bezeichnet – man will, dass der
einzelne Spieler möglichst lange am Automaten bleibt.
Davor waren die einarmigen Banditen darauf ausgelegt, den Leuten in möglichst kurzer Zeit möglichst
viel Kleingeld aus der Tasche zu ziehen, damit sie
endlich weiter nach hinten in die Casinos gehen. Zum
Roulette oder zum Blackjack. Die Automaten waren
48
Ich bin keine Therapeutin. Ich kann Ihnen also nur
das raten, was der gesunde Menschenverstand empfiehlt: Lassen Sie die Finger von solchen Geräten!
Und wenn Sie spielen, dann nur gemeinsam mit
Freunden, damit es ein soziales Erlebnis bleibt und
Sie nicht völlig in die Zone abgleiten.
Sollte man solche Automaten verbieten?
Das würde mir zu weit gehen. Aber man könnte die
Industrie per Gesetz zwingen, an den Automaten
ein paar Dinge zu verändern. Mein Kollege Robert
Williams hat dazu eine Liste erarbeitet mit allen
Maßnahmen, die sich in wissenschaftlichen Tests
bewährt haben. Man könnte die Spiele etwa langsamer machen. Oder die Anzahl der Symbolreihen reduzieren, das Bezahlen per Kreditkarte oder per
Banknote verbieten oder die Sitze vor den Automaten ein bisschen unbequemer gestalten. All das sind
Kleinigkeiten – die aber einen enormen Effekt haben
können.
PH
INTERVIEW: JOCHEN METZGER
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
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Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich Ihren Traumpartner körperlich nach Katalog zusammenstellen
– wie viel Wert würden Sie dabei auf das Gesicht und
wie viel auf den Körper legen? Mit dieser Frage brachten die Forscherinnen Carin Perilloux und Jaime
Cloud ihre knapp 260 amerikanischen Probandinnen
und Probanden zum Träumen. Die heterosexuell
orientierten Teilnehmer im Alter zwischen 20 und
75 Jahren durften gleich zwei optimale Partner für
sich entwerfen: einmal für eine Affäre und einmal
für eine auf Dauer angelegte Beziehung.
Auf Modelgesichter und Athletenkörper mussten
sie allerdings verzichten, denn sie mussten beim Modellieren des Idealliebsten mit ihrem Budget haushalten: Ihnen stand nur eine begrenzte Anzahl von
Punkten zur Verfügung, die sie auf zehn körperliche
Attribute verteilen durften. Manche mussten dabei
sparsamer sein als andere, denn die Versuchsleiterinnen teilten ihre Probanden in zwei Klassen auf:
Die „reichen“ hatten jeweils 70, die „armen“ nur 30
Punkte auf ihrem Konto.
Das Resultat: „Sowohl Frauen als auch Männer
zogen ein attraktives Gesicht einem attraktiven Körper vor – egal ob es um eine kurze oder langfristige
52
Beziehung ging“, berichten die Forscherinnen. Mit
einer Ausnahme: Sobald Männer nur über eine knappe Punktekasse verfügten, also wenig Optionen beim
Modellieren ihrer Idealfrau hatten, setzten sie bei
der Wahl einer Kurzzeitgeliebten (nicht aber einer
Lebenspartnerin) hauptsächlich auf einen attraktiven Körper.
Perilloux und Cloud erklären das evolutionsbiologisch. Laut dieser These setzen Männer – einem
archaischen Programm folgend – bei einem Techtelmechtel ohne Bindungsabsicht eher auf runde Hüften als auf runde Augen, also auf Merkmale, die Reproduktionserfolg versprechen. Übrigens zeichnete
sich auch bei den weiblichen Probanden mit geringem
Punktebudget eine Tendenz zugunsten eines stattlichen Männerkörpers zulasten des Gesichts ab – allerdings deutlich geringer. Vielleicht deshalb, weil
Frauen subtilere Hinweise nutzen, so die Forscherinnen: „Frühere Studien haben gezeigt, dass Frauen
vom Gesicht eines Mannes zutreffende Rückschlüsse auf dessen Fruchtbarkeit ziehen können.“
ANNA GIELAS
Männer achten
bei der Wahl
einer Partnerin
vor allem auf
das eine: ein
schönes Gesicht!
Umgekehrt gilt
das auch
DOI: 10.1007/s40806-019-00187-z
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Superhelden wie Hulk oder die Black
Widow haben alles, was man braucht,
um die Welt zu retten, aber keinen
gesunden Body-Mass-Index. Die
Helden sind, vor allem aufgrund ihres
aufgequollenen Oberkörpers, zu schwer,
während die schmalhüftigen Heldinnen
zu Untergewicht neigen. Das ist die
Diagnose zweier US-Forscherinnen, die
bei sage und schreibe 3753 MarvelCharakteren den Zollstock anlegten.
DOI: 10.1037/ebs0000164
„Wir haben kaum Informationen dazu, wie sich
der Kontakt mit therapeutischer KI auf uns Menschen auswirkt. Unter Umständen lernt beispielsweise ein Kind mit
einer Störung aus dem AutismusSpektrum durch den Kontakt mit
einem Roboter nur, wie man besser
mit Robotern umgeht – aber nicht
mit Menschen.“
Alena Buyx, Professorin für Ethik in der Medizin an der
Technischen Universität München, die gemeinsam mit
Amelia Fiske und Peter Henningsen Chancen und Risiken
beim Einsatz von Roboterpuppen, Avataren oder virtuellen Chats in der Psychotherapie analysiert hat, Titel: Your
robot therapist will see you now (DOI: 10.2196/13216)
Ich nehm das Geld, mein Körper braucht das!
Das Immunsystem beeinflusst unsere Psyche auf
eine verblüffende Weise. So scheinen Entzündungsherde im Körper und die Immunreaktion, die diese auslösen, dazu zu
führen, dass wir impulsiver reagieren
und Bedürfnisse nur schwer zurückstellen können. Dies hat jetzt
ein zwölfköpfiges Team der Texas
Christian University in einer Studie nachgewiesen.
Die Wissenschaftler um Jeffrey
Gassen nahmen 159 Probanden
Blut ab, um deren Entzündungsmarker zu messen, und stellten ihnen dann zwei Aufgaben. Zunächst
sollten sie anhand eines Schiebereglers
auf einer Skala anzeigen, wie weit entfernt
sich bestimmte Zeitspannen wie etwa ein, drei
und sechs Monate für sie anfühlten. Anschließend
testeten die Forscher – ähnlich wie in dem berühmten MarshPSYCHOLOGIE HEUTE
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mallow-Test mit Kindern –, wie gut ihre Probanden
Belohnungen aufschieben konnten: Würden
sie einen kleineren Geldbetrag sofort haben
wollen – oder einen größeren in 33 Tagen?
Die Ergebnisse lassen vermuten,
„dass Entzündungsherde im Körper das Verlangen nach sofort verfügbaren Ressourcen erhöhen und
dadurch mit impulsiven Entscheidungen verknüpft sind“, so die
Forscher. Ihre Erklärung: Entzündungen sind metabolisch kostspielig für den menschlichen Körper. Er
hat also einen erhöhten Energiebedarf.
Dies „spiegelt sich im Verhalten wider,
etwa indem wir jetzt sofort Ressourcen wie
Geld wollen“.
ANNA GIELAS
DOI: 10.1038/s41598-019-41437-1
53
Patienten, die täglich oder
wöchentlich Cannabis konsumieren, brauchen für eine
optimale Sedierung vor einem
Eingriff bis zu 220 Prozent mehr Narkosemittel als üblich. Das ermittelten Forscher
aus Colorado, als sie Daten von 250 Patienten
auswerteten, die sich einer Endoskopie
unterzogen hatten. Das Problem: je höher die
Dosis, desto stärker die Nebenwirkung, etwa
auf die Atmungsfunktion.
Seema Bhatnagar
hat mit ihrem Team
aus Philadelphia Darmbakterien von stressempfindlichen Ratten auf normale
Artgenossen übertragen.
Diese reagierten daraufhin
ebenfalls hypersensibel und
zogen sich zurück. Wenn
das erstens auch umgekehrt
und zweitens beim Menschen funktioniert, könnte
dies neue Behandlungswege bei Depressionen öffnen,
hofft die Neurowissenschaftlerin.
DOI: 10.1038/s41380-019-0380-x
DOI: 10.7556/jaoa.2019.052
Die Seelennot der Geflüchteten
Ob die Integration von Geflüchteten gelingt, hängt von vielem ab – unter
anderem vom seelischen Zustand der Betreffenden, wie eine Berliner Studie
mit 650 Asylbewerbern nun gezeigt hat. Die Forscher der Charité befragten
Geflüchtete aus 23 Nationen in sieben Sprachen. Im Schnitt lebten die Männer und Frauen seit rund vier Monaten in Deutschland, zumeist in Erstaufnahmeeinrichtungen, Gemeinschafts- oder Notunterkünften.
Drei Viertel von ihnen wiesen deutliche Symptome einer psychischen Erkrankung auf, am häufigsten waren Depressionen, gefolgt von Anzeichen
einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jeder Sechste dachte an Suizid.
Der Status ihres Asylverfahrens schien beim seelischen Befinden eine wichtige Rolle zu spielen. Diejenigen, die nur eine Duldung und keine offizielle
Aufenthaltserlaubnis hatten, litten viel öfter an Depressionen und Suizidgedanken, ebenso an krankheitswertigen Ängsten.
Das Leid kann auch die Integration behindern. Die schwer belasteten Männer und Frauen nahmen seltener an Deutschkursen oder Sportangeboten teil,
fanden sich schlechter in ihrer neuen Umgebung zurecht und hatten verstärkt
das Gefühl, nicht unterstützt und fremd zu sein. Doch nur gut jeder Zehnte
erhielt eine psychiatrische Behandlung wegen seiner Symptome. „Für Geflüchtete bestehen erhebliche bürokratische, organisatorische, informative
und sprachliche Zugangsbarrieren zur medizinischen und psychiatrischen
Versorgung“, kritisieren die Autoren.
JANA HAUSCHILD
DOI: 10.1055/a-0806-3568
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Keiner wird
gerne an den
Tod erinnert.
Doch je nach
Persönlichkeit
weckt er neben
Furcht auch
Neugier
Der Tod lässt sich nicht bannen
„Keine Experimente!“ So lautete das Credo des konservativen Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer,
und jenseits der Zeitläufte ist das eine Art Lebensmotto von Menschen eines bestimmten Typus. „Offenheit für Neues“ nennt sich eine der fünf großen
Achsen der Persönlichkeit (Big Five). An deren einem
Pol stehen Menschen, die beständig aufgeschlossen
sind, ihren Erfahrungshorizont intellektuell und kulturell zu erweitern. Am anderen Ende der Skala hingegen finden sich Zeitgenossen, die ihr Leben lieber
im Vertrauten und Wohlbekannten einrichten. Sie
reagieren empfindlich und mit allen psychophysischen Anzeichen von Stress auf jede Störung im Ablauf des Gewohnten. Schließlich ist jede Veränderung
latent gefährlich – und vielleicht sogar tödlich.
Was geschieht nun, wenn Menschen dieses Naturells tatsächlich mit dem Gedanken an den Tod konfrontiert werden? Sie ziehen sich dann noch mehr in
die Trutzburg ihrer Persönlichkeit zurück, klammern
sich erst recht am Vertrauten fest, wie Forscher der
University of South Florida nun in zwei Experimenten
beobachtet haben. In der ersten Studie beantworte
ten 128 Probanden Fragen, bei denen ein ums andere Mal auch der Tod angesprochen wurde, etwa: „Ich
fürchte mich sehr vorm Sterben.“ Bei den Teilnehmern, die sehr offen für Neues waren, änderte diese
gedankliche Stippvisite des Todes nichts an ihrer persönlichen Art: Sie blieben ebenso offen wie zuvor.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Wirkung zeigte der Tod jedoch bei den wenig offenen
Teilnehmern: Sie verstärkten daraufhin ihre Vermeidungshaltung und wurden noch reservierter gegenüber jedweder Veränderung.
Diese Abwehrhaltung legten wenig offene Personen auch in dem zweiten Experiment an den Tag:
162 junge Frauen und Männer wurden abermals per
Fragebogen mit dem Todesgedanken konfrontiert
und hatten anschließend in einem vermeintlichen
Worterkennungstest die Möglichkeit, kontaminierte Wörter wie „Tod“, „Beisetzung“ oder „Grab“ mit
einem Joystick buchstäblich wegzuschieben. Probanden mit geringer Offenheit für Neues hatten es dabei
auffallend eilig, als könnten sie die Todeswörter gar
nicht schnell genug aus dem Bewusstsein schieben.
Doch offenbar verfing diese Abwehrstrategie nicht,
denn ihr Selbstwertgefühl war nach dem Versuch
gesunken.
Anders die Teilnehmer mit hoher Offenheit für
Neues: Sie schoben die todesassoziierten Begriffe sogar langsamer von sich weg als neutrale Vokabeln,
so als habe der Tod sie geradezu neugierig gemacht.
Gedankliche Annäherung statt Vermeidung, das war
offenbar ihre Art, mit der menschlichen Todesfurcht
umzugehen. Und ihr Selbstwertgefühl fiel dabei
nicht, sondern stieg.
TSA
DOI: 10.1111/jopy.12474
55
Werden o-beinige Männer häufiger
Fußballer oder macht Fußballspielen
auf Dauer O-Beine? Letzteres, wie
Mediziner der Universität München
in einer Analyse von Studien mit
zusammen mehr als 1300 Leistungsfußballern feststellten. Ein Training
in der Jugend kann den Schienbeinkopf schädigen, was dann mit der
Zeit die Beine krümmt.
DOI: 10.3238/arztebl.2018.0408
Langlebige Langschläfer
Die Lebenserwartung eines Menschen hängt auch von seiner Persönlichkeit ab. Doch warum ist das so? Eine vermittelnde Rolle könnte der Schlaf spielen, wie US-Forscher
um Shantel Spears jetzt bei der Datenanalyse einer Langzeitstudie mit 3759 Teilnehmern herausgefunden haben.
Während der zwei Beobachtungsjahrzehnte hatten wenig
gewissenhafte, emotional labile, verträgliche und introvertierte Menschen ein höheres Sterberisiko, weil sie
entweder zu kurz oder aber
zu lang schliefen und sich
tagsüber müde fühlten.
Über die Gründe lässt sich
nur spekulieren. So könnte
ein leichtfüßiger Lebensstil
(geringe Gewissenhaftigkeit) für zu kurze Nächte
sorgen, und wenig belastbare Personen (emotionale
Labilität) – vielleicht aber auch allzu einfühlsame Menschen (Verträglichkeit) – neigen zu nächtlichen Grübeleien. Schlechter Schlaf erhöht das R
isiko für Herz-KreislaufErkrankungen, chronische Entzündungen oder Depressionen.
TSA
1939
Sigmund
Freud an
seinem
Schreibtisch
in Maresfield
Gardens
Die letzten Wochen sind eine Tortur. „Im September 1939 verschlechtert sich Freuds Gesundheitszustand
rapide“, schreibt
Peter Schneider in
seiner Biografie.
„Eine Fäulnisinfektion hat ein Loch in
seine Wange gefressen,
und der furchtbare Geruch vertreibt Freuds Lieblingshündin Lün in die entfernte Ecke des Krankenzimmers.“ Zu diesem Zeitpunkt lebt Sigmund
Freud, Begründer der Psychoanalyse und schon
zu Lebzeiten eine Berühmtheit, mit seiner Frau
Martha, seiner Tochter Anna und der Haushälterin Paula Fichtl seit mehr als einem Jahr im
Londoner Exil, zuletzt in einem frischerworbenen efeubewachsenen Haus in Maresfield Gardens. Dort empfängt er noch bis fast zuletzt Patienten zur Analyse, die sich in dem schmalen
Behandlungszimmer auf die Couch legen. Nach
dem „Reichsanschluss“ Österreichs hat sich
Freud – als Jude hochgefährdet und bereits schikaniert von der Gestapo – spät zur Flucht aus
seiner Wiener Heimat entschlossen. In London
angekommen, scheint er sich überraschend gut
einzuleben. Von einer Operation, der letzten von
31 binnen 16 Jahren, bei der ihm einmal mehr
ein Krebsrezidiv in der Mundhöhle entfernt wird,
erholt sich der 83-Jährige wider Erwarten rasch,
und es folgen gute Monate – bis eben in jenem
September ein schmerzhaftes Siechtum einsetzt.
Wie er es Freud einst versprochen hat, verkürzt
sein Arzt Max Schur schließlich das Leiden, indem er eine tödliche Dosis Morphium spritzt.
Vor 80 Jahren, in der Nacht vom 22. auf den 23.
September, stirbt Sigmund Freud. „Seine Leiche
wird eingeäschert“, notiert Schneider, „und die
Asche in einer griechischen Urne aus Freuds
Sammlung auf dem Londoner Friedhof Golders
Green beigesetzt.“
TSA
DOI: 10.1016/j.jrp.2019.04.007
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PSYCHOLOGIE HEUTE
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Die Gefühlsausstrahler
Manche Menschen haben eine ganz besondere
emotionale Ausstrahlung. In ihrer Gegenwart fühlen
andere sich automatisch besser – oder schlechter.
Psychologen nennen das „affektive Präsenz“
VON KLAUS WILHELM
ILLUSTR ATIONEN: MARIANNA GEFEN
A
merikaner und Engländer haben in
ihrer Umgangssprache manchmal
treffsichere bildhafte Ausdrücke.
Debbie Downer zum Beispiel steht
für Personen, die anderen die Energie abzapfen und allen schlechte Laune machen. Oder
Mr. Nice Guy: ein Typ, der stets nett rüberkommt und
selten aneckt – ein fragwürdiges Kompliment.
Hinter solchen Spottnamen steckt eine zutreffende Beobachtung: Menschen sind emotional an
steckend. Wir alle beeinflussen wechselseitig unsere
Stimmung und unser Befinden, und manche Personen haben ein besonderes Talent dafür. Wahrscheinlich kennen Sie das aus eigener Anschauung und stoßen etwa an Ihrem Arbeitsplatz auf Menschen, die
mit ihrer Art und Ausstrahlung andere eher aufbauen oder herunterziehen.
Psychologen bezeichnen dies als „affektive Präsenz“
(affective presence). Affektive Präsenz, so ein Definitionsversuch von Hector Madrid von der Pontificia
Universidad Católica de Chile, ist das „Grundgefühl,
das ein Mensch in anderen auslöst – unabhängig davon, wie sich dieser Mensch selbst gerade fühlt“. Diese Eigenschaft wäre dann also eine Art unverwechselbare emotionale Signatur einer Person, gespiegelt
in den Empfindungen der Menschen, mit denen sie
in Kontakt tritt.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Madrid vermutet, dass affektive Präsenz „eine Art
Persönlichkeitsmerkmal“ sei. Allerdings keines wie
die Big Five, die fünf großen Persönlichkeitsdimensionen, die das Innenleben und Verhalten einer Person klassifizieren, nämlich wie neurotisch, extravertiert, verträglich, gewissenhaft und offen für Neues
sie ist. Anders als diese basalen Wesenszüge beschreibe affective presence nicht primär die Person selbst,
sondern ihre „Interaktion mit anderen Menschen,
die soziale Beziehung“, so Madrid.
Begonnen hat die Erforschung der affektiven Präsenz vor etwa zehn Jahren. Bis dahin hatten Psychologen sich auf ein Phänomen fokussiert, das sie trait
affect nennen. Gemeint ist die Stimmung, die Gemütslage, in der sich ein bestimmter Mensch die
meiste Zeit über befindet – und auf welche Weise er
diesen emotionalen Zustand reguliert. Wir alle
durchlaufen im Laufe eines Tages bisweilen eine ganze Palette von Emotionen, von wütend oder enttäuscht bis zufrieden oder glücklich. Jeder hat Stimmungsschwankungen. Aber für gewöhnlich kehren
wir immer wieder zu unserem individuellen emotionalen Normalpegel zurück. Einige Leute zum Beispiel sind in ihrer Grundstimmung entspannter als
andere, egal was sie gerade an Ärgerlichem oder Aufmunterndem erleben. Andere hingegen fühlen sich
im Normalzustand ängstlicher als die meisten.
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So weit die individuelle Seite. Doch die Sache ist
deshalb komplizierter, weil Menschen nun mal in
ständigem emotionalem Austausch leben. Die Grundstimmung eines Menschen wird also auch von der
Stimmung jener Personen beeinflusst, mit denen er
in Kontakt steht. Diesen Prozess nennen Psychologen
„emotionale Ansteckung“ (siehe Kasten Seite 61).
Emotionen, Gefühle, Stimmungen bergen eine Art
„Energie“, ein psychisch-körperliches Erregungspotenzial (arousal). Und diese Energie ist ansteckend.
Ständig infizieren wir unsere Mitmenschen mit unserer augenblicklichen Stimmung. Habe ich mich im
Büro gerade tierisch über einen Kunden geärgert,
kann mein momentaner Ärger sofort auf die Kollegen abfärben: Ich „verbreite schlechte Stimmung“,
wie man so treffend sagt.
Wie eine Spinne im emotionalen Netz
Stimmungen bergen
ein psychischkörperliches
Erregungspotenzial.
Diese „Energie“ ist
ansteckend
60
Diese Art von emotionaler Ansteckung ist so schwankend, wie die Gefühle selbst es sind: Mal infiziere ich
andere mit guter, mal mit schlechter Laune. Doch
– und das ist das Neue an der Idee von der affektiven
Präsenz – es gibt wohl auch eine Gefühlsübertragung,
die dauerhafter ist als dieses emotionale Hin und
Her: Es liegt womöglich im Wesen mancher Menschen, in ihrer Persönlichkeit, dass sie andere grundsätzlich eher heiter oder trübe stimmen, und zwar
überdauernd und ziemlich unabhängig davon, wie
sie selbst gerade empfinden.
Die Psychologen Noah Eisenkraft von der Uni
versity of North Carolina und Hillary Elfenbein von
der Washington University wollten wissen: Beeinflussen manche Menschen einigermaßen vorhersehbar und konstant die Stimmung ihrer Artgenossen?
Sie untersuchten das in einer lebensnahen Feldstudie.
239 ihrer Studierenden verschiedener Nationalitäten
wurden in 18 Kleingruppen eingeteilt, die jede für
sich verschiedene Projektaufgaben lösen sollten. Die
Teammitglieder unternahmen auch privat Dinge miteinander.
Nachdem die jungen Leute einen Monat lang viel
Zeit zusammen verbracht hatten, wurden sie gefragt:
Hast du dich in Anwesenheit dieses oder jenes Gruppenmitglieds überwiegend verärgert gefühlt oder gelangweilt? Warst du ruhig, enthusiastisch, glücklich,
entspannt, traurig oder gestresst, wenn du mit dieser
Person zu tun hattest? Elfenbein und Eisenkraft analysierten auch die Netzwerke innerhalb der Gruppen,
um zu sehen, welche der Probanden zu „emotionalen
Zentren“ ihrer Teams avancierten. So ermittelten die
beiden Forscher systematisch, wer wie auf wen emo-
tional gewirkt hatte. Hatten die meisten der Probanden die Außenwirkung einer Person konsistent etwa
als stressig, langweilig oder entspannt wahrgenommen, attestierten die Forscher diesem Studienteilnehmer eine starke konsistente affektive Präsenz.
Offenbar, so das Ergebnis, strahlen einige Leute
tatsächlich eine so starke affektive Präsenz aus, dass
sich ihr fast keiner zu entziehen vermag. Die individuelle Präsenz eines Menschen kann demnach bestimmte Emotionen und Zustände der anderen vergleichbar intensiv beeinflussen wie deren eigene Persönlichkeit: Meine Stimmung hängt dann ebenso
stark von der Persönlichkeit eines solchen Beeinflussers
ab wie von meiner eigenen Persönlichkeit.
Das wirklich Verblüffende ist aber: Die „emotionale Außenwirkung“ affektiv präsenter Menschen
scheint unabhängig von deren eigener Stimmung zu
sein, wie Eisenkraft und Elfenbein feststellten. Diese Leute können also einen sehr schlechten Tag haben
– und trotzdem noch die Mitmenschen erfreuen. Die
affektive Präsenz unterscheidet sich damit von der
emotionalen Ansteckung. Nicht minder überraschend: Eine für sich glückliche und zufriedene Person kann eine perfekte Debbie Downer sein: Sie zieht
andere herunter, obwohl sie selbst gut drauf ist.
Nach den Erkenntnissen der Studie ist die negative affektive Präsenz eines Menschen weitgehend unabhängig von dessen sonstigen Persönlichkeitsmerkmalen. Bis auf eine Ausnahme: Wer sich im Persönlichkeitstest als wenig verträglich und zugleich extravertiert erwies, strahlte durchweg eine stark
negative affektive Präsenz auf die anderen aus: Die
grobe, wenig einfühlsame Art eines unverträglichen
Menschen, der zusätzlich noch eine große Portion
extravertierter Dominanz mitbringt, scheint dem Gefühlsleben seiner Mitwelt wenig bekömmlich zu sein.
Chefs, die das Klima vergiften
Kann man auf diese Weise womöglich Beschäftigte
und Vorgesetzte ermitteln, die mit ihrer negativen
affektiven Präsenz Gift für das Firmenklima sein
könnten? Dafür ist die Forschung noch zu jung. Doch
erste Untersuchungen lassen tatsächlich vermuten,
dass ein Chef mit seiner affektiven Präsenz in seinem
Team einiges zum Guten und zum Schlechten beeinflussen kann. Madrid und seine britischen Kollegen
Peter Totterdell und Karen Niven überprüften den
Effekt von Führungspersönlichkeiten auf ihre Mitarbeiter und deren Kreativität und Innovation. Führungspersonen hatten die Forscher gewählt, weil sie
generell durch ihre Machtposition maßgeblich den
Affekt und das Potenzial ihrer Leute beeinflussen.
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
EMOTIONALE
ANSTECKUNG
Was ist das?
Der Begriff „emotionale Ansteckung“ bezeich
net die Fähigkeit, bewusst oder unbewusst
die Gefühle der anderen mit den eigenen
(wechselnden) Stimmungen zu beeinflussen – und sich beeinflussen zu lassen. Unser
Gehirn liest Emotionen bei anderen automatisch – auch unter Mithilfe der sogenannten
Spiegelneuronen.
Warum ist dieser Prozess wichtig?
Als soziale Wesen synchronisieren wir über ihn
unsere Emotionen – von Kindheit an. Schreit
ein Baby, fühlt es sich (meist) unwohl, was
sich sofort auf die Erwachsenen überträgt
und sie motiviert zu helfen. Emotionale Ansteckung ist gebunden an die Fähigkeit zur
Empathie und an emotionale Intelligenz, die
uns ermöglicht, die wahrgenommenen Stimmungen und Gefühle der anderen einzuordnen.
Welche Emotionen sind besonders
ansteckend?
Die negativen Emotionen nehmen wir stärker
wahr als die positiven Emotionen. Je negativer die Emotion, umso höher die übertragene
Energie und desto größer die Reaktion darauf: Ein Mensch in Rage beispielsweise lässt
nahezu keinen kalt.
Welche Arten gibt es?
Die implizite emotionale Ansteckung läuft
automatisch und unbewusst ab. Zum Beispiel
gehen auf diese Weise Gesichtsausdrücke der
Traurigkeit oder Freude von einem auf den
anderen über – oder emotionale Signale der
Körpersprache. Man kann jedoch die emotio
nale Ansteckung genauso mehr oder weniger
beabsichtigt einsetzen. In Beziehungen zum
Beispiel können wechselnde Stimmungen ein
Mittel sein, um den Partner zu manipulieren.
Genauso wie dies gelten auch schauspielerische Fähigkeiten als Form expliziter emotionaler Ansteckung.
KW
61
In vielen Teams hilft Kreativität wesentlich, die
Firma und deren Produkte oder Dienstleistungen
weiterzuentwickeln und komplexe Probleme im Job
alltag zu meistern. Dafür braucht es zweierlei: zum
einen neue Ideen und zum anderen die Kommunikation dieser zündenden Einfälle. „Daran hapert es
nicht selten“ sagt Organisationspsychologe Madrid,
„und das bremst die Effektivität von Teams, weil die
Mitarbeiter lieber schweigen, als ihre Ideen zu verbreiten.“
Könnte es sein, dass gerade die affektive Präsenz
der Chefs dazu beiträgt, dass die Untergebenen verstummen? Und sind effektive Führungspersonen per
se Menschen mit hochpositiver affektiver Präsenz
und holen so das Beste aus ihren Leuten heraus?
Für eine erste Studie heuerten die Forscher 84 Probanden aus einer Unternehmensberatung an. Die
Psychologen ermittelten, welches vorherrschende
Gefühl die Führungskräfte bei ihren Mitarbeitern
RUNTERGESCHLUCKTER FRUST
Viele Menschen müssen auch dann freundlich wirken, wenn
sie sich eigentlich ganz anders fühlen: schlecht gelaunt
oder bedrückt oder verärgert. Verkäuferinnen zum Beispiel
oder Servicekräfte in der Gastronomie. Im schlimmsten Fall
den ganzen Tag lang. Wer so handeln muss, kontrolliert gezwungenermaßen seine Emotionen, um andere bei Laune
zu halten. Das stresst. Menschen mit solchen Jobs greifen
nach Feierabend öfter zur Flasche, wie Alicia Grandey von
der Pennsylvania State University und ihre Kolleginnen in
einer Studie nachgewiesen haben.
Per Telefoninterview wurden fast 1600 Angestellte befragt: Wie viel Kundenkontakt haben Sie? Wie oft müssen
Sie Emotionen vortäuschen? Wie eigenverantwortlich können Sie arbeiten? Resultat: Wer oft direkt mit Kunden umgehen musste und dabei häufiger Ärger und Frust runterschluckte, kompensierte das mit Alkohol nach Feierabend.
Den stärksten Alkoholkonsum registrierten die Psycho
loginnen bei impulsiven Mitarbeitern und solchen, die – wie
etwa Callcenter-Agenten oder Kaffeeverkäufer – schnelle,
kurzlebige Kundenkontakte erlebten. Die Unterdrückung
der eigenen negativen Emotionen senkt nach Ansicht der
Wissenschaftler wahrscheinlich die Selbstkontrolle. Geringe
Entlohnung kann den Effekt offenbar verstärken.
Angestellte in der Pflegebranche oder Lehrer griffen dagegen nicht so oft zur Flasche – vermutlich, weil sie für ihre
wohl auch nicht immer nur authentische positive Ausstrahlung mehr zurückerhalten.
62
KW
auslösten, wie oft diese Ideen hatten und dann einbrachten – oder lieber nicht. Die affektive Präsenz
der Vorgesetzten wurde ermittelt, und zusätzlich
sollten diese ihre Stimmungslage in den vergangenen
vier Wochen selbst einschätzen.
Kernergebnis: „Wer als Führungspersönlichkeit
eine hohe positive affektive Präsenz hat“, so Madrid,
„schafft ein offenes, angstbefreites und freundliches
Umfeld für die Vermittlung und Umsetzung neuer
Ideen.“ Dieses Klima könne sich fruchtbar auf die
Kreativität auswirken. Denn wenn die oder der Vorgesetzte den Mitarbeitern im Wortsinn ein „gutes
Gefühl“ gibt, fördert das bei diesen mit den Worten
Madrids „Verhaltenstendenzen, die mit Belohnungswünschen verbunden sind“. Sprich: Sie sind motiviert, Neues einzubringen, und zuversichtlich, dass
sie dafür geschätzt werden. Dazu kommt: Die gute
Stimmung der Mitarbeiter reduziert Vermeidungsverhalten: Statt übervorsichtig ihre Worte zu wägen,
posaunen sie einfach heraus, was sie sich denken. In
Teams, die von Führungskräften mit negativer affektiver Präsenz geleitetet werden, verhält es sich genau umgekehrt: Die verunsicherten Teammitglieder
halten mit ihren Ideen hinterm Berg.
In einer zweiten Studie mit 350 Teilnehmern aus
öffentlichen Organisationen und 730 Probanden aus
einem Privatunternehmen stellte sich heraus, dass
eine hohe positive affektive Präsenz der Führungskräfte die Innovation in den Teams erhöht. Vielleicht
sei diese Eigenschaft sogar wichtiger als andere Qualitäten von Chefs, spekuliert Hector Madrid. Chinesische Psychologen sind dem Phänomen ebenfalls
nachgegangen. Sie haben dabei im Gaststättengewerbe bestätigt, dass eine hohe positive affektive Präsenz
von Führungskräften die Serviceleistungen der Mitarbeiter erhöht. Offenbar beflügelt ein Chef mit
freundlicher affektiver Ausstrahlung nicht nur das
Gefühlsleben, sondern auch das Handeln der Mitarbeiter.
Auf der anderen Seite hemmt nach Madrids Erkenntnissen negative affektive Präsenz die Innovationsfähigkeit nicht so stark, wie man erwarten könnte. Wahrscheinlich wird deren schädlicher Einfluss
durch andere Faktoren wie soziale Unterstützung im
Team gedämpft. Überhaupt müsse negative affektive Präsenz unter Führungspersönlichkeiten generell
nicht zwingend nachteilig sein, meint der Organisationspsychologe aus Chile. Man denke nur an den
von Natur aus grantigen Fußballtrainer, der seine
mies spielende Mannschaft in der Halbzeitpause
lautstark wachrüttelt – manchmal scheint das zu
motivieren.
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Affektive Erfolge beim Dating
Besser fährt man allerdings wohl meist mit einer
positiven Gefühlsausstrahlung – zum Beispiel bei
romantischen Begegnungen. Das zeigte sich bei einer
Studie des Psychologen Raúl Berríos. Dafür warben
er und seine Kollegen an der Universität von Santiago de Chile 40 Studierende für ein „Speeddating“
im Labor an. Die Probanden absolvierten im Dienst
der Forschung paarweise 134 Vierminutendates.
Zuvor hatten die Versuchsleiter ihre emotionale
Intelligenz und ihre Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale ermittelt.
Wie sich zeigte, vermittelten vor allem verträgliche, also freundliche und zuvorkommende Typen
ihren potenziellen Partnern eine gute Stimmung.
Doch auch extravertierte Teilnehmer waren – anders
als in der Studie von Eisenkraft und Elfenbein – mit
ihrer aufgeweckten Art im positiven Sinn emotional
ansteckend; Extravertierte scheinen andere also sowohl im Guten wie im Schlechten emotional überdurchschnittlich stark zu beeinflussen.Nach jeder
einzelnen Begegnung wurden die Probanden gefragt,
welche Grundstimmung der jeweilige Datingpartner
ausgelöst hatte. Zur Auswahl standen: glücklich, traurig, wütend, enthusiatisch, gelangweilt, stressig, beruhigt und entspannt.
Ferner stellte sich heraus, dass bestimmte Personen bei den Teilnehmern immer gleich rüberkamen,
ganz im Sinne der affektiven Präsenz. Am häufigsten
waren das solche, die die anderen entweder mit ihrer
Langeweile oder mit ihrem Enthusiasmus ansteckten. Für Berríos ergibt das bei der Partnerwerbung
„komplett Sinn“, weil beim Daten der erste Eindruck
oft eindeutig ausfällt: „Achtung Langweiler“ oder
„Könnte interessant werden“. Und natürlich: Leute
mit hoher positiver affektiver Präsenz waren als Partner für romantische Beziehungen am beliebstesten.
„Die meisten Probanden wollten diese Teilnehmer
wiedersehen, weil sie in ihren Augen so nett erschienen“, sagt Berríos, „ein Riesenvorteil beim Daten.“
Leider nicht mehr ansteckend
Wie sich die affektive Präsenz ausdrückt und den
Mitmenschen vermittelt, bleibt einstweilen ungeklärt. Die Psychologen vermuten die üblichen Verdächtigen: Körpersprache, Mimik, Stimme sowie die
Gabe, anderen zuhören zu können. Vor allem aber
scheint sie mit der Fähigkeit zu tun zu haben, die
eigenen Gefühle gut oder schlecht kontrollieren zu
können. „Wer eigene negative Stimmungen im Griff
hat und glattbügelt“, sagt Raúl Berríos, „kann mit
hoher affektiver Präsenz selbst in stressigen SituatiPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Nicht jeder ist ein
Mr. Nice Guy. Manche
nutzen affektive Präsenz,
um zu manipulieren
onen bei anderen gute Stimmung begünstigen.“ Man
muss dazu nicht unbedingt gut drauf, wohl aber in
der Lage sein, seine schlechte Laune zu beherrschen.
Ob die affektive Präsenz ein echtes, also überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal ist, das, sagt Berríos,
sei bisher „nur eine wunderbare Theorie, die noch
nicht bewiesen ist“. In einer kleinen, noch nicht veröffentlichten Studie wurden 30 Angestellte einer Firma täglich gefragt, wie ihr Chef emotional auf sie
wirke. „Und leider“, erklärt Berríos, „verschwand der
Effekt der affective presence über die Zeit.“
Wenn sich das bestätigt, könnte das bedeuten, dass
affektive Präsenz vielleicht eher ein soziales Werkzeug als ein Charaktermerkmal ist. Vielleicht, so spekuliert Berríos, nutzen manche Menschen diese Fertigkeit, um kalkuliert ihre Ziele zu erreichen – um
das für sie Maximale aus sozialen Beziehungen herauszuholen. In diesem Sinne kontrollieren Menschen mit hoher positiver affektiver Präsenz bewusst,
gekonnt und offenbar überzeugend ihre negativen
Emotionen – und eruieren geschickt die Gefühlslage der anderen. In der Speeddatingstudie zum Beispiel hatten jene Probanden die höchste Präsenz, die
die emotionalen Erfahrungen anderer Menschen am
besten begriffen und sich generell für Gefühle interessierten. „Die ahnen sehr gut, was in den anderen
vorgeht, wenn sie mit ihnen interagieren“, sagt
Berríos, „und könnten das auch nutzen.“
Insofern bezweifelt er, dass die Mr. Nice Guys dieser Welt stets von einem grundguten emotionalen
Kern getrieben sind: „Wir sollten auch dunklere Motive in Betracht ziehen, wenn jemand notorisch gute Stimmung verbreitet.“ Narzissten, Psychopathen
oder Blender, sagt der Psychologe, „können zuweilen
sehr charmant wirken und ihre womöglich hohe affektive Präsenz nutzen, um andere zu manipulieren“.
PH
Literatur zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website:
psychologie-heute.de/literatur
63
Die Freude am Sex –
und wie man sie wiederfindet
Kommt eine Beziehung in die Jahre, geht es bei manchen mit der
Erotik bergab. Mehr als ein Drittel der fest Gebundenen klagt über
zu wenig Körperkontakt, und ein Fünftel hat überhaupt keinen Sex
mehr. Doch manche Paare haben auch nach vielen gemeinsamen
Jahren ein erfülltes Liebesleben. Was machen sie anders?
D
em Sexleben zufriedener Paare wollte Justin Garcia von der University
of Indiana auf die Spur kommen. Per
Fragebogen erforschte er bis ins Detail den erotischen Alltag von rund
1000 Studienteilnehmern. 93,5 Prozent bezeichneten
sich als heterosexuell, 2,3 Prozent als homo-, 3,6 Prozent als bisexuell, 0,6 Prozent fielen in die Kategorie
„andere“. Zu Garcias Überraschung schien bei den
sexuell besonders glücklichen Paaren alles genauso
abzulaufen wie bei denen, die mit ihrem Liebesleben
besonders unzufrieden waren. Küssen, Streicheln,
Beischlaf – beim Sex im engeren Sinne zeigten die
Daten kaum Unterschiede. Den entscheidenden Faktor entdeckte Garcia in der Begleitmusik: Die sexuell zufriedenen Paare berichteten davon, vor, während
und nach dem Sex miteinander zu reden – und nach
dem Akt noch ausgiebig zu kuscheln. All das fehlte
bei den besonders unglücklichen.
Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt auch Kristen
Mark von der University of Kentucky. In ihrer noch
laufenden Studie geht sie mit ihrem Team der Frage
64
nach, unter welchen Bedingungen Menschen ihre
Sexualität als besonders freudvoll erleben. Den stärksten Einfluss scheinen dabei Intimität und Kommunikation zu haben. Ein dritter Faktor kommt hinzu:
Man muss sich mit seinem Partner sicher fühlen.
Safety is sexy lautet Marks Fazit.
„Wir wissen außerdem, dass kleine zärtliche Berührungen im Alltag für allerlei positive Effekte sorgen“, sagt Kristen Mark. „Doch leider bekommen viele Menschen viel zu wenig davon.“ Das gilt auch für
jene in festen Beziehungen: Mehr als ein Drittel von
ihnen klagt über zu wenig Körperkontakt. 21 Prozent
der Gebundenen haben überhaupt keinen Sex mehr.
Wie kommt es zu dieser Flaute? Was macht das Liebesleben von Langzeitpaaren so schwer? Fachleute sehen vor allem drei psychologische Faktoren am Werk.
ILLUSTR ATIONEN: SABINE KR ANZ
VON JOCHEN METZGER
1. Der Drache namens Zeit
Der erste Grund ist ebenso banal wie bekannt: Irgendwann ist die Phase der Verliebtheit vorbei. Im
Durchschnitt sind Langzeitpaare sexuell wesentlich
weniger zufrieden als frisch Liierte. Diese Regel gilt
PSYCHOLOGIE HEUTE
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zwar nicht für alle. Sie ist aber das, womit man rechnen sollte. Gleichzeitig geschieht noch etwas anderes:
Der anfangs starke Einfluss der Sexualität auf unsere Beziehungszufriedenheit schwindet. Mit anderen
Worten: Ob es uns in Ehe und Beziehung gutgeht,
wird von Jahr zu Jahr weniger auf dem Feld der Lust
entschieden. „Man holt sich das Glück in der Beziehung mit der Zeit eher aus anderen Quellen“, sagt
Gregory Webster von der University of Florida. Das
heißt nicht zwangsläufig, dass die Paare keinen Sex
mehr haben – er ist bloß nicht mehr so dominant.
2. Streit vergiftet die Erotik
Die Psychologin Maximiliane Uhlich hat untersucht,
wie alltägliche Streitereien mit Sexualität und Beziehungszufriedenheit zusammenhängen. Die aus
Deutschland stammende Forscherin von der Schweizer Universität Freiburg befragte dazu 180 Paare im
Iran über einen Zeitraum von sechs Wochen. Das
Bild unterschied sich nicht grundlegend von dem in
westlichen Ländern. „Eine befriedigende Sexualität
scheint ein kulturübergreifendes Grundbedürfnis
innerhalb von romantischen Beziehungen zu sein“,
sagt Maximiliane Uhlich. Auch offenbaren die Daten
einen Effekt, den man ebenfalls bereits in westlichen
Gesellschaften hat nachweisen können: Je häufiger
die Paare sich stritten, desto unzufriedener wurden
sie im Schnitt mit ihrer Sexualität und desto magerer
wurde ihr Beziehungsglück. Bei den meisten wirkt
Streit anscheinend wie Gift auf das Verlangen. Komplett verallgemeinern lässt sich das Ergebnis jedoch
nicht. Denn bei einigen Paaren gab es auch einen
gegenteiligen Effekt: Je mehr sie sich stritten, desto
höher wurde ihre sexuelle Zufriedenheit. Durchaus
möglich, so mutmaßt Maximiliane Uhlich, dass diese Paare die körperliche Nähe „als Bewältigungsmechanismus“ einsetzten. Bei einer Minderheit scheint
Versöhnungssex also zu helfen. „Für die Mehrheit
der Paare funktioniert das aber nicht“, sagt Uhlich.
3. Einer will – der andere nicht
Unser sexuelles Verlangen ist wie ein Feuer, das in
der Jugend wild auflodert, sich später in Glut und
schließlich in qualmende Asche verwandelt. Oder
etwa doch nicht? Kristen Mark hat dokumentiert,
dass sich das Begehren eher wie ein hin und her wogender Ozean verhält: „Verlangen geht und kommt
wie Ebbe und Flut“, erklärt sie.
In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung
zunehmend um ein Phänomen gekümmert, das man
im Englischen als sexual desire discrepancy bezeichnet. Will sagen: Manchmal ist die Lust auf Sex zwi66
Mit den Jahren ist Sex
nicht mehr die dominante
Quelle von Glück
schen zwei Partnern sehr ungleich verteilt. Das ist
bei jedem vierten bis fünften Langzeitpaar der Fall.
Offenbar haben die Männer im Schnitt mehr sexuellen Appetit als die Frauen – es kommt aber darauf
an, wen man fragt: Zwar sagen 57 Prozent der Männer: „Mein Verlangen ist größer als das meiner Partnerin.“ Doch umgekehrt bestätigen nur 37 Prozent
der Frauen: „Mein Partner hat ein stärkeres sexuelles Verlangen als ich.“ Und bis zu 30 Prozent der Frauen bescheinigen sich selbst die stärkere Libido.
Was tun gegen den Frust, vom Partner ein ums
andere Mal abgewiesen respektive ständig bedrängt
zu werden? Kristen Mark empfiehlt drei Maßnahmen.
Die erste: Man spricht aus, dass etwas aus der Balance geraten ist. „Die meisten Paare reden erst gar nicht
darüber, und das ist vermutlich keine gute Idee.“ Der
zweite Schritt beginnt mit unseren Erwartungen: Man
sollte in jeder Beziehung mit derlei Phasen des Ungleichgewichts rechnen. Denn das Auf und Ab unserer Sehnsucht läuft zwischen Partnern nicht immer
synchron. „Der eine hat mehr Lust als der andere –
solche Momente sind unvermeidlich und haben nur
selten etwas mit der Qualität unserer Beziehung zu
tun“, erklärt Kristen Mark. Viele betroffene Paare
brauchen also keine Therapie, sondern nur etwas Geduld. Die dritte Maßnahme? „Besteht darin, sich sexuell zu betätigen“, sagt die Sexforscherin, „auch wenn
man gerade kein Verlangen danach verspürt.“
Nähe und Selbsterweiterung
Allerdings sollte dies nicht widerwillig geschehen.
Wenn (noch) nicht die Lust die treibende Kraft ist,
dann vielleicht das – echte – Bedürfnis, einander nahe zu sein. Wie so häufig liegt auch hier das Geheimnis nicht im Akt als solchem, sondern in der Motivation dahinter. Das zeigen etwa die Arbeiten der
kanadischen Psychologin Amy Muise. Für Sex gibt
es mehr als 200 Gründe (siehe Kasten Seite 68). Manche von ihnen zielen auf Vermeidung (avoidance),
andere dienen der Annäherung (approach). Vermeidung bedeutet, etwas nicht zu wollen: Man will zum
Beispiel keinen Streit mit dem Partner, keinen
PSYCHOLOGIE HEUTE
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WIE ES UM UNSER SEXLEBEN STEHT
Als sich unlängst gut 3000 Sozial- und Persönlichkeitspsychologen im amerikanischen Portland zu einer
Fachkonferenz zusammenfanden, wurde bei einigen Vorträgen ein ganz besonderer Ton angeschlagen.
Die Rede war von Fesselspielen und echten und vorgetäuschten Orgasmen. Dieses Interesse am Expliziten
ist neu in der psychologischen Erforschung unserer Sexualität
Der Höhepunkt der Frau
Orgasmen gelegentlich vorzutäuschen. Unter anderem um dem
Bei allem Interesse der Psycho-
Partner ein Gefühl von Un-
logen an gelebter Sexualität
– auch im Jahr 2019
zulänglichkeit oder Mit-
kommen die meisten
telmäßigkeit zu ersparen.
Forschungsergebnisse
Auch hinter dem Stöh-
als nüchterne Umfra-
nen vieler Frauen ver-
gestatistiken daher.
muten die Forscher eine
So hat man jetzt etwa
ähnliche Strategie. Laute
ausgezählt: Mehr als
Geräusche seien kein
zwei Drittel der Män-
Hinweis auf guten Sex.
ner, jedoch weniger
„Die Hauptfunktion der
als zehn Prozent der
Lautäußerungen scheint
Frauen erleben bei
darin zu bestehen, Män-
praktisch jedem sexu-
ner schneller zum Höhe-
ellen Akt einen Orgas-
punkt zu bringen“, sagt
mus. Die „Orgasmus-
Kristen Mark von der
kluft“ zwischen den
University of Kentucky.
Das kann den Grund
Geschlechtern gibt es
haben, dass die Frau die
also noch immer. Und
sie ist nicht ganz unproblematisch. Zwar behaupteten
Prozedur abkürzen möchte. Doch das Stöhnen kann
88 Prozent aller Frauen, den Beischlaf auch ohne Höhe-
eben auch dazu dienen, den Partner in seinem Selbst-
punkt zu genießen. Doch zugleich gilt: Wer regelmäßig
wertgefühl als Liebhaber zu bestärken. Kristen Mark
kommt, hat auch höhere Chancen, zufrieden mit seinem
konzipiert gerade eine Studie, um weitere Ursachen
Sexleben zu sein. Eine befriedigende Sexualität wieder-
für die weiblichen Lustlaute zu erkunden. Dafür will
um macht uns glücklicher mit unserer Beziehung und
sie – kein Scherz – wegen der bewährten akustischen
unserem Leben insgesamt, wie jetzt in einer Metastudie
Analysemethoden mit einer Expertin für Vogelstimmen
belegt wurde. Natürlich: Der Orgasmus ist nicht alles.
zusammenarbeiten.
Sex ist nicht alles. Aber beides ist wichtig. Das Bemerkenswerte: Der Höhepunkt der Frauen hat – sozusagen
Von Eiswürfeln und Augenbinden
als Nebenwirkung – eine deutliche Auswirkung auf die
Eine weitere Erkenntnis der vergangenen Jahre: Die
sexuelle Zufriedenheit und das Selbstwertgefühl der
Experimentierfreude scheint größer zu sein, als lange
Männer. Einen umgekehrten Effekt suchten die Forscher
vermutet. So zeigte sich in einer Studie aus Belgien
dagegen vergeblich. Die Männer sehnen sich also nach
deutlich mehr als die Hälfte aller Befragten offen für Au-
dem Höhepunkt der Frauen.
genbinden, Fesselspiele und den erotischen Gebrauch
von Eiswürfeln. Und in einer ähnlichen Untersuchung
Lustlaute und Selbstwertgefühl
aus den USA behaupteten 43 Prozent der Männer und
Offenbar wissen Frauen um diese spezielle Sehnsucht
37 Prozent der Frauen, mindestens einmal in ihrem Le-
der Männer und wollen sie nicht enttäuschen. In einer
ben Analsex ausprobiert zu haben. Überdies begrüßten
Studie der University of Kansas gaben 67 Prozent der
deutlich über 70 Prozent den gelegentlichen Einsatz
Frauen (gegenüber 28 Prozent der Männer) an, ihre
von Reizwäsche.
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JOCHEN METZGER
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schlechten Eindruck machen, kein Spielverderber
sein. Muise hat herausgefunden, dass solche Negativmotive eine überaus schädliche Wirkung haben.
Sie machen unsere sexuellen Erlebnisse schal und
rauben uns die Lust auf mehr.
Bei Motiven der Annäherung stehen die Dinge
anders. Hier will man etwas unbedingt haben: mehr
Intimität, mehr Nähe, mehr gemeinsames Wachstum. Solche Gründe machen den Sex mit großer
Wahrscheinlichkeit besser und erhöhen zudem die
generelle Zufriedenheit mit der Partnerschaft. Wer
sich also aus den richtigen Gründen zum Sex überreden kann, der liebt auf lange Sicht besser.
Psychologen haben noch einen weiteren Faktor
gefunden, der unsere Lust auf Erotik über Jahre bewahren könnte: „Selbsterweiterung“ (self-expan
sion). Gemeint ist eine Haltung, mit Neugier in die
Welt zu schauen, Routinen zu durchbrechen und gemeinsam mit dem Partner nach neuen Erfahrungen
Ausschau zu halten. Selbsterweiterung kann höchst
unterschiedliche Formen annehmen: Regelmäßig die
Möbel im Schlafzimmer umstellen. Mit anderen
Menschen flirten, ohne dabei die Grenzen der Treue
zu überschreiten. Sich gemeinsam ein Hobby erschließen. Im Bett neue Spiele spielen.
All diese Beispiele sind in der Forschungsliteratur
als wirkungsvoll belegt. Wenn man sich Paare ansieht, die gar kein Verlangen mehr spüren, und sie
vergleicht mit jenen, die sich immer noch begehren,
dann findet man dies als größten Unterschied: Bei
den einen ist der Sex komplett zur Routine geworden.
Die anderen haben nie aufgehört, zu experimentieren
und Neues auszuprobieren.
Einige neue Studien haben die Mechanismen hinter der Kraft der Selbsterweiterung genauer ins Visier
genommen. Eine Untersuchung aus Kanada etwa
kam zu dem Ergebnis, dass Paare die Chance auf
gemeinsamen Sex durch selbstexpansive Aktivitäten
um 34 Prozent erhöhen können. Forscher aus Texas
entdeckten, dass hinter der Selbsterweiterung offenbar eine einfache Überzeugung steckt: „Mein Partner
und ich können lernen, einander im Bett besser zu
verstehen. Wir können gemeinsam wachsen.“ Schicksalsergebene Paare hingegen halten es mit dem Glaubenssatz: „Entweder man passt zusammen – oder
eben nicht. Wenn nicht, kann man daran nichts ändern.“ Die Daten aus Texas zeigen nun: Wer an diese Schicksalsthese glaubt, der probiert auch nichts
Neues aus – und verpasst dadurch eine Chance, die
sexuelle Zufriedenheit zu erhöhen.
Allerdings ist auch Selbsterweiterung kein Heilmittel für alle. Eine Studie der Northwestern Uni
versity zeigt, dass sie sogar unglücklich machen kann
– nämlich dann, wenn man einen Partner erwischt,
dem diese Tendenz zur Neugier fehlt. Erst wenn zwei
passionierte Selbsterweiterer zusammentreffen, „erleben sie gemeinsam eine viel höhere Beziehungsqualität“, lautet das Fazit der Studie.
WARUM HABEN WIR ÜBERHAUPT SEX?
Diese Frage wurde erstaunlicher-
rung prahlen, sich an einem un-
etwas stärker auf einen schönen
weise erst vor einigen Jahren wis-
treuen Partner rächen oder einfach
Körper oder sexy Kleidung anspre-
senschaftlich untersucht. In ihrer in-
etwas gegen ihre Kopfschmerzen
chen; dass Frauen etwas häufiger
zwischen legendären Studie fanden
unternehmen. Erstaunlich: Der aus
mittels Sex ihre „Liebe zum Aus-
Forscher der University of Texas
biologischer Sicht wichtigste Grund
druck bringen“ wollen. Andererseits
dabei sagenhafte 237 Gründe. Ne-
für Sex („Ich möchte Kinder haben“)
sind die Unterschiede zwischen den
ben den zu erwartenden Antworten
steht in der großen Liste ziemlich
Frauen untereinander und den Män-
(„Weil’s Spaß macht.“ „Ich war ver-
weit hinten – zwischen eher pro-
nern untereinander viel größer als
liebt.“ „Es war mal wieder nötig.“)
fanen Angaben wie „Ich wollte ein
jene zwischen den Geschlechtern.
gab es auch einige eher exotische
paar Kalorien verbrennen“ und „Die
Anders gesagt: Viele Männer haben
Kandidaten.
andere Person hatte mich zum Es-
Sex, weil sie Liebe verspüren. Und
Einige der Befragten gaben zum
sen eingeladen“.
vielen Frauen geht es in erster Linie
Beispiel an, per Beischlaf die näch-
Unterscheiden sich die Geschlech-
um Spaß. Männer vom Mars, Frauen
ste Gehaltserhöhung oder Beför-
ter in ihren Motiven? Wollen Frau-
von der Venus? Bei Lichte besehen
derung zu beschleunigen; andere
en vor allem Liebe – und Männer
bleibt von diesen Klischees nicht
wollten sich Gott näher fühlen, vor
„immer nur das eine“? Ja und nein.
viel übrig.
Freunden mit einer neuen Erobe-
Einerseits stimmt es, dass Männer
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JOCHEN METZGER
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Verlangen geht
und kommt
wie Ebbe und Flut
Mit Atmung und Rosinen
Mag sein, dass sexueller Appetit bei den meisten wie
Ebbe und Flut funktioniert. Doch bei manchen folgt
irgendwann nach der Ebbe keine Flut mehr, Verlangen
und Erregung kommen einfach nicht wieder. Männer
lassen sich dann bisweilen Viagra verschreiben –
wenngleich das Mittel eher die „Performance“ als die
Begierde selbst steigert. Was machen die Frauen? Auch
sie holen sich Hilfe – zumindest manche von ihnen.
„Weibliche sexuelle Unlust ist das häufigste und wichtigste Thema, mit dem wir uns in der Sexualtherapie
beschäftigen“, sagt Lori Brotto, eine kanadische Psychologin, die eine neue Art von Therapie gegen sexuelle Unlust entwickelt hat. Sie arbeitet dabei nicht mit
Chemie – sondern mit Atmung und Rosinen.
Brottos „achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie
gegen sexuelle Unlust“ beginnt mit einer Gruppenübung. Einige Frauen sitzen im Kreis um eine Tischgruppe, Lori Brotto lässt eine Schale mit Rosinen
herumgehen. Dann kommen die ersten Anweisungen:
Man soll die Rosine genau untersuchen, ihre Farbe,
ihre Oberflächenstruktur, die Lichtschimmer an ihren Hügeln und Schluchten. Wie fühlt es sich an, mit
den Fingerkuppen darüber zu streichen? Welchen
Duft verströmt die Rosine? Wie klingt es, wenn man
sie direkt neben dem Ohr zwischen seinen Fingern
rollt? Danach schließt man die Augen und führt die
Rosine langsam an seine Lippen. Man fühlt eine Art
Vorfreude: Gleich werde ich sie essen! Vielleicht läuft
einem schon das Wasser im Munde zusammen.
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„Verfolge mit freundlichem Interesse, wie in dir
die unterschiedlichsten Empfindungen entstehen,
sich entfalten und dann wieder verschwinden“, lautet Lori Brottos Anweisung. Erst zehn Schritte später
– vollzogen wie in Zeitlupe – werden alle Gruppenteilnehmerinnen ihre Rosine schlucken, einen tiefen
Atemzug nehmen und wieder die Augen öffnen.
Achtmal wird sich die Gruppe zusammensetzen
– ein Treffen pro Woche. Bei den meisten Sitzungen
geht es um Meditation. Atmung. Achtsamkeit. Die
Empfindungen des eigenen Körpers wahrnehmen,
ohne sie zu beurteilen. Zu Beginn lässt Brotto alle
Teilnehmerinnen einen Fragebogen ausfüllen: Was
hat die Frauen zu ihr gebracht? Wie unzufrieden sind
sie mit ihrer Sexualität? Ihrer Lust? Nach acht Wochen werden alle denselben Fragebogen noch einmal
ausfüllen.
Und die Ergebnisse sind vielversprechend: Das sexuelle Verlangen steigt bei den Teilnehmerinnen im
Schnitt um 34 Prozent, die körperliche Erregung um
56 Prozent, die sexuelle Zufriedenheit gar um 60 Prozent. Offenbar greift Brottos Therapie selbst bei
Krebspatienten und Traumaopfern. Derzeit testen
die Kanadierin und ihr Team, ob Achtsamkeit auch
Männern helfen kann, die eine Prostataoperation
hinter sich haben. Die ersten Resultate seien ermutigend, sagt Lori Brotto. Auch wenn sie einräumt,
dass Männer skeptischer seien. „Viele von ihnen fragen, ob sie nicht einfach Viagra schlucken können.“
Das mag Ausdruck eines alten Missverständnisses
sein: „Die meisten Menschen glauben, dass Sexualität eine Sache des Körpers und der Medizin sei“, sagt
Brotto. „Dabei geht es in den allermeisten Fällen um
PH
Psychologie.“
ZUM WEITERLESEN
Lori A. Brotto: Better sex through mindfulness. How women can
cultivate desire. Greystone Books, Vancouver 2018
Die weiteren Quellen dieses Beitrags finden Sie auf unserer Website: psychologie-heute.de/literatur
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STUDIENPLATZ
VON GUTEN UND
SCHLECHTEN GEFÜHLEN
Wie wir Gefühle erleben, hängt nicht nur von der Emotion selbst ab –
sondern auch davon, wie wir über sie denken
D
ie Traurigkeit, die man empfindet, wenn ein guter Freund das
in ihn gesetzte Vertrauen missbraucht hat. Die Wut, die während eines
Streits mit dem Partner hervorbricht. Die
Angst davor, was die Zukunft bringt: All
das sind negative Gefühle, die man eigentlich nicht erleben will. Eigentlich.
Denn es gibt durchaus Menschen, die diesen negativen Emotionen etwas Positives
abgewinnen können. Wie man eine Emotion erlebt, hängt wohl nicht nur von dem
Gefühl selbst ab, sondern auch davon, was
für eine Meinung wir darüber haben:
„Nehmen wir an, jemand hält Emotionen
für schlecht, gefährlich oder unvernünftig“, illustriert die Psychologin Brett Ford
von der University of Toronto das Phänomen. „Wenn dieser Mensch sich dann
beispielsweise ärgert, wird er sich mit ho-
70
her Wahrscheinlichkeit wünschen, diesen
Ärger zu vermeiden. Dazu wird die Person
verschiedene Strategien ausprobieren, die
sie für geeignet hält. Falls ihr das nicht
gelingt, wird sie es in Zukunft noch intensiver versuchen.“
Zusammen mit James Gross von der
Stanford University erforscht Ford Überzeugungen, die Menschen über Emotionen haben. Offenbar ist es nicht selbst-
verständlich, dass wir unangenehme Gefühle immer schlecht finden und positive
immer gut, es kann auch umgekehrt sein.
Laut den Forschungsergebnissen, die die
beiden Psychologen zitieren, halten Menschen unangenehme Gefühle unter gewissen Umständen für wünschenswert – oder
angenehme für schädlich. Solche Bewertungen könnten sich langfristig auf die
psychische Gesundheit auswirken. In einer Studie erlebten Menschen, die Wut
für wertvoll erachteten, vermehrt Wut
und Aggression, während solche, die in
der Traurigkeit etwas Wertvolles sahen,
mehr depressive Symptome aufwiesen.
Menschen bewerteten aber nicht nur
bestimmte Gefühle in einer konkreten Si
tuation als positiv oder negativ, sondern
hätten auch eine Meinung dazu, ob diese
generell gut oder schlecht seien, so Ford
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
ILLUSTR ATION: JONI MAJER
VON ANDREAS SCHRANK
und Gross. Auch das wirke sich gesundheitlich aus. Die Forscher fanden heraus,
dass Menschen, die Gefühle ganz allgemein für etwas Negatives hielten, in eher
schlechter psychischer Verfassung waren
– sie gaben ein weniger ausgeprägtes
Wohlbefinden an und zeigten mehr Symptome von Angst und Depression als diejenigen, die Emotionen normalerweise gut
fanden.
Von Meinungen und
Metagefühlen
Die Beurteilung von Gefühlen beschränke sich nicht darauf, ob wir diese gut oder
schlecht finden, sagen Ford und Gross.
Vielmehr denken manche von uns, Gefühle könne man im Griff haben, andere
halten sie generell für schwer kontrollierbar. Wer Letzteres glaubt, erlebt negative
Gefühle intensiver, verhält sich aber auch
empathischer und mitfühlender gegenüber anderen, die sich gerade schlecht fühlen. Das belegt eine Studie, in der Eltern
zu den Gefühlen ihrer Kinder befragt wurden. Wenn die Eltern diese für relativ unkontrollierbar hielten, unterstützten sie
ihre Kinder mehr und bestraften sie weniger.
Darüber hinaus ist die Überzeugung,
man könne Gefühle nicht kontrollieren,
aber wohl eher ungünstig – Studienteil-
nehmer, die so dachten, zeigten häufiger
Anzeichen von Depressionen.
Wie kann es sein, dass unser Denken
über Gefühle solche Auswirkungen auf
unsere psychische Gesundheit hat? Wie
die beiden Psychologen schreiben, ist dabei die Kontrollierbarkeit der entscheidende Punkt. Nur wenn wir glauben, unsere
Emotionen steuern zu können, bemühen
wir uns offenbar, dies auch zu tun, also
sie beispielsweise nicht einfach „herauszulassen“, sondern sie umzudeuten und
positiver zu sehen als vorher. Psychologen
nennen das Emotionsregulation. Für unsere psychische Gesundheit ist es wichtig,
dass wir versuchen, heftige Gefühle zu regulieren, und davon überzeugt sind, dass
uns das auch gelingt.
Diese Theorien zeigen, wie kompliziert
die Vorgänge in unserer Psyche sind. Und
es wird noch komplexer. Denn solche Gedanken – ob eine Emotion einerseits gut
und andererseits kontrollierbar ist – können auch gemeinsam auftreten und sich
gegenseitig beeinflussen. Wenn man beispielsweise glaubt, ein Ereignis löse negative und unbeeinflussbare Emotionen aus,
steigt das Risiko für Depression. Dann
haben wir beunruhigende Gefühle über
die aktuellen Gefühle, vermuten Ford und
Gross, sogenannte „Meta-Emotionen“.
Noch seien jedoch viele Fragen zu unseren
Meinungen und Metagefühlen offen, konstatieren die beiden Psychologen. Sie nehmen an, dass kulturelle Werte eine wichtige Rolle spielen, wenn wir uns Meinungen über Gefühle bilden und uns beispielsweise für unseren schlechten Gefühle selbst
kritisieren.
Brett Ford empfiehlt, sich von solchen
Bewertungen eigener Emotionen möglichst zu lösen. Man könne versuchen, die
eigenen Emotionen neutral und wertfrei
zu betrachten. „Wenn Menschen ihren
Emotionen und Gedanken gegenüber sehr
kritisch eingestellt sind, leiden sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit darunter.
Am Ende des Tages sind unangenehme
Emotionen und Gedanken unvermeidlich. Statt sie kritisch zu beurteilen, sollten
wir ihnen gegenüber offen und neugierig
PH
sein.“
Brett Q. Ford, James J. Gross: Why beliefs about
emotion matter: An emotion-regulation perspective. Current Directions in Psychological Science,
28/1, 2019. DOI: 10.1177/0963721418806697
Brett Q. Ford u. a.: The psychological health benefits of accepting negative emotions and thoughts:
Laboratory, diary, and longitudinal evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 115/6,
2018. DOI: 10.1037/pspp0000157
Liat Netzer u. a.: Interpersonal instrumental emotion regulation. Journal of Experimental Social Psychology, 58, 2015. DOI: 10.1016/j.jesp.2015.01.006
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HEUTE
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Als Fontane
depressiv wurde
Aus heutiger diagnostischer Sicht schlitterte Theodor Fontane
1892 in eine Depression. Sie wurde verkannt und legte sein
gesamtes Schaffen lahm. Eine vorsichtige Annäherung an
den Jahrhundertautor anlässlich seines 200. Geburtstags –
und ein Gedankenspiel: Wie erginge es Fontane als depressivem
Patienten heute?
VON KLAUS BRATH
72
Die Voraussetzungen, Theodor Fontanes schlimmste Lebens- und Schaffenskrise zu erkunden, sind günstig. Fontane war
nicht nur hochproduktiv in unterschiedlichsten literarischen Genres. Er führte
auch Tagebuch und schrieb Unmengen von
Briefen, seine „eigentliche Autobiografie“.
Mehr noch: Auch viele Dokumente aus
dem engsten Umkreis sind erhalten. So
kann man Fontanes depressive Selbstschilderung (oder ist es auch Selbststilisierung?)
nach- und aus der Sicht und mit dem klinischen Wissen von heute „gegenlesen“.
Depressives Erleben und Erkranken ist
noch immer ein vielschichtiges Rätsel. Die
Grundzüge der oft unterschätzten Krankheit sind bereits in der Bibel beschrieben.
Sie betrifft Psyche und Körper gleichermaßen, verändert nicht nur ein Organ,
sondern die ganze Person, das Selbst. Laut
epidemiologischen Studien waren 2015
weltweit über 300 Millionen Menschen
betroffen. Knapp 20 Prozent der erwachsenen Deutschen erkranken mindestens
einmal im Leben an einer Depression. So
war es auch Fontane ergangen.
An seinem Beispiel soll einmal hinter
die Fassade dieser Krankheit geblickt wer-
den, um zu erkennen, wie brüchig auch
eine außergewöhnliche Person sein kann
und wie relativ unser klinisches Wissen
auch heute noch ist. Denn depressives Geschehen ist immer hochindividuell. Es gibt
nicht die Depression, die depressive Person. Theodor Fontane soll der Erkrankung
ein Gesicht geben, allerdings ein prominentes. „Es hat einen besonderen Reiz“,
schrieb Freud einmal, „die Gesetze des
menschlichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu studieren.“
Arbeiten mit Vierteldampfkraft
Nicht gerade idyllisch klingt es, wenn der
damals 69-jährige Fontane im Jahr 1889
seine Alltagsverfassung beschreibt: „Man
weiß doch auch, wie die Wochen aussehn!
Wenn es 7 mal 24 fette Stunden wären,
alle triefend von Behagen und lachend vor
Glück, ja, da ginge es; aber Ärger, Sorge,
Kränkungen, Schnupfen, dicker Kopf, Gesichtsreißen oder Asthma, diese haben
doch meist den Löwenantheil.“ Solche
Nöte und Klagen finden sich bei Fontane
häufig. Dennoch, sein Lamento war gewöhnlich gut nachvollziehbar. Er hat sein
gewaltiges Œuvre einem Leben mit vielen
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
ILLUSTR ATIONEN: STUDIO PONG
W
enn von Fontane
die Rede ist, kamen und kommen Leser, Kollegen und Kritiker
ins Schwärmen: „Ich lese den Alten jetzt
wieder, mit unglaublichem Genuß“,
schrieb Thomas Mann. Peter Härtling
würdigte Fontanes Alterswerk Der Stechlin
als „das Buch meines Lebens“, und Marcel Reich-Ranicki nannte das ganze Werk
schlicht „kolossal“. Den wohl bedeutendsten deutschsprachigen Romancier des
19. Jahrhunderts charakterisieren sein berühmter lässiger Ton, lächelnde Skepsis
und wunderbare (Selbst-)Ironie. Wie der
Literaturkritiker Denis Scheck kürzlich
im WDR sagte: „Fontane ist dieses Universaltherapeutikum, im Grunde so was
wie ein richtig guter Schnaps. Wenn ich
am Boden bin, lese ich Theodor Fontane.“
Und doch durchlebte dieser heiter wirkende und scheinbar so unbeschwert
schreibende Mann eine tiefschwarze Zeit,
war niedergeschlagen, freud- und antriebslos, seiner Familie und der Welt entrissen. Wie passt das zusammen? Und wie
kam es dazu?
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
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Umbrüchen, Berufswechseln, Krisen und
Krankheiten abgetrotzt.
Etwas anderes bahnt sich an, als im
Winter 1891/1892 Fontanes Widerstandskraft merklich nachlässt. Er arbeitet ausgerechnet an Effi Briest, jenem Gesellschaftsroman, der zu seinem Meisterwerk
werden wird, als er sich eingesteht: „Das
Arbeiten mit Vierteldampfkraft wird Regel.“ Auch der Vierteldampf versiegt
schließlich. Als Fontane dann im März
1892 infolge einer Virusgrippe in „tief
deprimierte[r] Stimmung“ ist, bleibt er
nun monatelang resignativ und arbeitsunfähig.
Auf Anraten des Hausarztes reist Fontane Ende Mai mit Frau und Tochter zur
Kur ins Riesengebirge – ein Fehler, wie
sich herausstellen wird, denn „ich wurde
ganz elend, beinah schlaflos, und so verbrachten wir … vier schlimme Monate
an der sonst so schönen Stelle“, so
Fontanes Rückblick im Tagebuch. Briefe seiner Frau Emilie an die Familie bestätigen,
wie schlecht es um den Erkrankten steht: So berichtet sie
von Angstanfällen, Gemütsverstimmungen, Appetit- und Schlaflosigkeit, so
dass sie am 7. Juli „immer ernstlicher an
eine Nervenheilanstalt“ denkt. Fontane
sage, ganz abgemagert: „Ich fühle, ich bin
euch zur Qual.“ „Diesen klaren, verständigen Mann so zu sehen ist herzzer
reißend“, klagt Emilie am 21. Juli auch
ihrem Sohn Friedrich, der Jahre später
Fontanes Zustand als eine „Art Dämmerzustand“ beschreibt: „Apathisch, teil
nahmslos gegen alles, was ihn umgab,
was auch draußen in der Welt passieren
mochte.“
Entschluss- und antriebslos, vereitelt
Fontane einen schon bekanntgegebenen
Umzug aus Berlin. Wochenlang schläft
auch die Korrespondenz vom selbsternannten „Mann der langen Briefe“ ein.
Und auch Frau und Tochter geraten an
ihre Grenzen: „Es ist nicht zu beschreiben“, schreibt Emilie am 21. Juli freimütig, „wie schwer es ist, mit dem armen
Kranken zu leben, die Tage sowohl wie
die Nächte.“
74
Brom,
Morphium,
Rotwein:
Die ganze
Behandlung
war falsch
Erst nach Fontanes Rückkehr nach Berlin Mitte September flackern trotz freudloser Stimmung und Schwindelgefühlen
zunehmend Zeichen von Besserung auf:
mehr Appetit, mehr Aktivitäten, vor allem
schläft er nun besser. Und Ende Oktober
schreibt er wieder! Auf Anregung des
Hausarztes verfasst er Meine Kinderjahre.
Burnout des 19. Jahrhunderts
In der Zeit der Krise hatte Fontane viele
haus- und fachärztliche Kontakte: Die
Ärzte diagnostizierten im März eine Influenza, im April eine Morphiumvergiftung, im Mai einen Herzfehler, im Juni
eine Neurasthenie und im August eine
Gehirnanämie, aber auch „einen auf 85
Jahre berechneten Corpus“.
Wie passen diese unterschiedlichsten
Diagnosen zusammen? Sie ergeben Sinn
nach heutigem Verständnis der Depression: Die Influenza löste Fontanes wohl
schon latent schlummernde Erkrankung
aus. Die Morphiumvergiftung war das
Ergebnis eines stark überdosierten Behandlungsversuchs. Zudem entwickeln
sich Depressionen gerade im Alter eher
schleichend und werden dann oft von körperlichen Beschwerden und altersbedingtem Leistungsabbau verdeckt. So gesehen
waren der diagnostizierte Herzfehler und
die Gehirnanämie wohl komorbide, also
gleichzeitig mit der Depression vorliegende Krankheitserscheinungen. Sie erschwerten die richtige Diagnose ebenso
wie Fontanes ansonsten offenbar recht
rüstiger Körper.
Bleibt noch die Neurasthenie, die ein
Arzt im Kurort diagnostizierte. Sie war
eine Art „Burnout des 19. Jahrhunderts“:
weitgehend deckungsgleich in der Symptomatik, scheinbar epidemisch verbreitet
und eines der wenigen gesellschaftlich
akzeptierten psychischen Krankheitsbilder. Wenngleich mit feinen Unterschieden, was die „Risikogruppe“ betrifft:
Sind heute vor allem leistungs
orientierte und perfektionistische
Personen gefährdet für Burnout,
galten damals übermäßige Kreativität und Sensibilität als Risiko für
die „Nervenschwäche“.
So wird bei Fontane verkannt, dass sich
hinter der Neurasthenie eine Depression
verbirgt, so wie auch heute Burnout zumindest Vorbote einer schweren Erkrankung sein kann. „Um zu sterben muss sich
Hr. F. erst eine andere Krankheit anschaffen“, beschwichtigt oder bagatellisiert der
Arzt damals, wie Emilie berichtet. Oder
unterstellt er Fontane gar, Simulant zu
sein?
Die Krankheitskategorie Depression
gab es 1892 noch nicht. Ihr Verständnis
und ihre Bezeichnung wandeln sich beständig. Um heute nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 eine
Depression festzustellen, müssen wenigstens zwei Wochen lang mindestens zwei
von drei Hauptsymptomen auftreten: gedrückte Stimmung, Interessenverlust und
Antriebsmangel. Je nachdem wie viel von
mindestens zwei von sieben Zusatzsymp
tomen zusätzlich vorliegen – bei Fontane
etwa Schlafstörungen, Appetitmangel
und Insuffizienzgefühl –, diagnostizieren
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
und darüber hinaus:
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PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
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75
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Das Abo zu den
Landtagswahlen
Endlich, nach vielen
trostlosen Monaten,
flackern Zeichen
von Besserung auf.
Und Ende Oktober
heißt es: Er schreibt
wieder!
Ärzte dann eine leichte, mittelgradige oder
schwere depressive Episode. Demnach erfüllte Fontane 1892 unstrittig die heutigen
Kriterien einer Depression.
Genau besehen litt Fontane an einer
rezidivierenden Depression: Wie bei rund
zwei Drittel der betroffenen Menschen
kehrte sie auch bei ihm wieder. „Ich bin
wie nasses Stroh“, so poetisch fasste Fontane etwa 1858 die Gemütslage zusammen, „die besten Zündhölzer wollen nicht
recht helfen – es brennt nicht.“
„Quängelpeter und Egoist“
Wie schwer leidend und behandlungsbedürftig er nun jeweils genau war, wäre im
individuellen Gespräch mit Fontane selbst
zu klären – und nicht retrospektiv, basierend auf selektiven zeitgenössischen Quellen. Ohnehin enthalten psychiatrische
Diagnosen Fallstricke. Sie sind keine „ewigen Wahrheiten“, sondern immer zeitund kulturabhängig und subjektiv getönt.
Je nach Wissen über Fontanes Person,
76
Biografie, Neurobiologie, Gesellschaft,
also auch je nach Fokus, Interesse, selektiver Wahrnehmung des Diagnostikers
erscheint der „Kranke“ sehr unterschiedlich: mal psychisch, mal physisch geschwächt oder auch als Simulant. Wie
wichtig präzise, umfassende, individuelle Diagnosen sind, ist somit offenkundig:
Diagnosen können schaden, wenn der Betroffene gesund ist. Sie sind jedoch unentbehrlich, wenn jemand krankheitsbedingt leidet.
Diagnoseziel ist, Leiden zu lindern oder
zu heilen – egal ob in Therapie oder im
Alltag. Und da selbst engste Vertraute Fontanes Zustand verkannten, wurde er, wie
wir heute wissen, fehlerhaft behandelt: Der
Hausarzt riet zur gut gemeinten „Erholungskur“ – dabei kann gerade der Entzug
routinemäßiger Pflichten die Depression
noch verstärken. Auch Fontane empfand,
wie er noch vor der Kur äußerte, jeden
Tag, an dem er nicht arbeiten könne, als
vergeudet. Und die „Diagnose“ der über-
lasteten Angehörigen? Sie tadelten den
Kranken zeitweise als „Quängelpeter u.
Egoist“ und als „Hypochonder“ – und vermengten somit Krankheit und Charakter.
Unterschätzt wird auch oft die größte
und doch geheimste Gefahr der Depression: ein möglicher Suizid. Von Fontane
sind Todesgedanken überliefert – glaubt
man seinem jüngsten Sohn, hätten sich
diese 1892 zu einer Art Wahn gesteigert,
er müsse wie sein Vater um das 72. Lebensjahr herum sterben. Eigene Suizid
gedanken Fontanes sind hingegen nicht
dokumentiert. Und doch beschäftigte ihn
das Thema Suizid intensiv: Zum einen ist
„Selbstmord die weitaus häufigste Todesursache von Fontanes Hauptfiguren“, so
der Fontane-Forscher Paul Irving Anderson. Zum anderen fällt auf, dass sich Fontanes (depressive?) Tochter Martha 1917
womöglich das Leben nahm – die Beweislage ist freilich umstritten. Dass heute laut
seriösen Statistiken gerade auch ältere
Männer, Künstler und Apotheker (FonPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
tanes erlernter Beruf!) erschreckend oft
Suizid begehen, ist ein weiteres Indiz.
„Alles kommt auf die Beleuchtung an“,
schrieb Fontane selbst. Er war ein Meister
polyperspektivischer Erzähltechnik, der
zudem auch heikle Themen virtuos in der
Schwebe halten konnte – wie im Altersgedicht Ausgang:
Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.
Das reine Lotto
So viel man heute auch über Fontane weiß
– die Frage, warum er depressiv wurde,
bleibt offen. Horst Gravenkamp diagnostizierte die Depression von 1892 in einer
verdienstvollen Pathografie als „endogen“,
also sozusagen „von innen“ und ohne äußeren Auslöser kommend und eigen
gesetzlich verlaufend. Heute ist der Begriff
endogen obsolet, da alle Depressionen als
multikausal gelten: Ob man das Zusammenspiel von Genen und sozialer Umwelt
fokussiert, ob physiologische Kennzeichen, ob frühkindliche Prägung, Stressbelastung oder die Fähigkeit, damit umzugehen – all dies und auch die Patientensicht ist jeweils hochinteressant und
hilfreich, jedoch als einzige Sichtweise
begrenzt. Peter Brieger resümiert in Irren
ist menschlich, einem Lehrbuchklassiker
der Psychiatrie: „Wir wissen nicht, warum
Menschen depressiv werden.“
Und warum wurde Fontane wieder gesund? Er probierte unterschiedlichste Verschreibungen der Ärzte aus: Brom, Morphium, Rotwein, Luftveränderung, geistige Schonung, eine galvanische Kur: „Es
ist alles das reine Lotto“, klagte er und:
„Die ganze Behandlung war falsch, schablonenhaft, grausam.“ Stattdessen habe er
sich an seinen Kindheitserinnerungen
„wieder gesund geschrieben“. Dies ist stimmig, Fontane selbst war am nächsten dran.
Aber es ist wohl nur die halbe Wahrheit. Zum einen war die neue Schaffenskraft womöglich nur „Symptom und nicht
Ursache der Heilung“ (Gravenkamp): ViePSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
le Depressionen klingen sogar unbehandelt nach mehreren Monaten wieder ab,
und Zeichen der Besserung gab es schon
seit Fontanes Rückkehr nach Berlin. Zum
anderen mahnt die Therapiewirkungsforschung, bescheiden zu interpretieren. Was
genau wirkt, ist, um es mit Fontane zu
sagen: „ein weites Feld“: War es das Ver-
Was wirkte
heilsam?
Manchmal
klingen
Depressionen
von selbst ab
trauen zum Hausarzt? Der Appell an Fontanes ureigenste Ressourcen? Die heilende Kraft des Wortes? Veränderte all dies
zusammen das Gehirn? Und welche Bedeutung haben Zeit, aktives Erinnern und
vor allem Fontanes Selbstheilungskräfte?
Ist es heute besser?
Egal was nun genau Fontanes Depression
verursachte und „heilte“ – wichtig ist: Wäre Fontane heute depressiv, würde es diesmal erkannt werden? Und bekäme er, falls
er es wünschte, eine adäquate Behandlung? Beides ist fraglich: Laut einer weltweiten Studie, die 2017 im Fachjournal
BMJ Open erschien, haben in Deutschland
Allgemeinärzte knapp acht Minuten Zeit
für einen Patienten – immerhin: In Bang
ladesch sind es nur 48 Sekunden, in Schweden allerdings 22 Minuten. Dabei wären
Zeit und Zuwendung gerade auch für
Hausärzte, die depressive Menschen zentral versorgen, immens wichtig: Laut einer
Statistik der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von 2017 wurden in Hausarztpraxen 28 Prozent der Depressionsfälle
gar nicht erkannt und 23 Prozent als andere psychische Störung verkannt. Entsprechend wird nur eine Minderheit optimal behandelt. Viele müssen monatelang
auf einen Psychotherapieplatz warten.
Und gerade schwerdepressive Menschen
erhalten oft gar nicht oder erst nach einer
diagnostischen und therapeutischen
Odyssee die benötigte Hilfe.
Warum sind passende Hilfen nicht verfügbar, warum sind ausgerechnet auch so
viele Menschen im Gesundheitswesen
chronisch überlastet, könnte Fontane heute fragen. Fontane, der Patient – und der
begnadete Gesellschaftskritiker! Dass derzeit auch die Zahl der Frühberentungen
mit Diagnose Depression ins Uferlose
steigt und dass noch immer viele aus Angst
vor Stigmatisierung ihre Depression verheimlichen – auch dies: ein weites Feld!
Doch obwohl die Depression heute
mehr denn je Individuum, Angehörige,
Heilkunst und Gesellschaft herausfordert,
gibt es auch Tröstliches: Die Depression
ist gut behandelbar. Als Säulen der Behandlung gelten heute – trotz aller Kontroversen – Antidepressiva und Psychotherapie. Beides führe dazu, „dass depressive Phasen schneller remittieren und die
Patienten kürzere Zeit leiden“, so der Psychiater Klaus Lieb. Warum noch manches
mehr hilft, Nebenwirkungen hat und auch
schaden kann, erklärt Fontane in Effi
Briest: „Und dann sind auch die Menschen
so verschieden.“
Dies gilt auch für ein und dieselbe Person im Laufe der Zeit, wie gerade Theodor
Fontane so wunderbar zeigt: Er sei „eine
ganz gebrochene Kraft“ und „immer geängstigt, gequält und kein Schlaf“, schrieb
er 1892 in seiner letzten depressiven Phase. Wenig später vollendete er mit Effi
Briest ein Werk der Weltliteratur und
schuf überhaupt ein Alterswerk, das seinesgleichen sucht.
PH
ZUM WEITERLESEN
Horst Gravenkamp: „Um zu sterben muß sich Herr
F. erst eine andere Krankheit anschaffen“. Theodor
Fontane als Patient. Wallstein, Göttingen 2004
Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. Carl
Hanser, München 2018
Daniel Hell: Depression. Wissen, was stimmt. Kreuz,
Freiburg im Breisgau 2015 (Neuausgabe)
Quellen sowie weiterführende Literatur und Links
zu diesem Beitrag finden Sie unter psychologieheute.de/literatur
77
LEKYS AUSSICHTEN
E
ines meiner Lieblingswörter ist „Unannehmlichkeit“. Obwohl es ja wortwörtlich etwas meint, das zu groß
ist, um es einfach an- oder hinnehmen zu
können, wird es heute vor allem als Bezeichnung für Kinkerlitzchen benutzt: Eine Unannehmlichkeit hat zum Beispiel eine Hochadlige, wenn sie damit klarkommen muss,
dass man ihr zum Frühstück die falsche Konfitüre kredenzt hat.
Wenn die Deutsche Bahn Verspätung hat,
entschuldigt sie sich bei den Reisenden stets
standardmäßig für „die entstandenen Unannehmlichkeiten“ und suggeriert damit,
dass sie statt Schwierigkeiten bloß Geringfügigkeiten hat entstehen lassen. Ich fahre
derzeit oft mit der Bahn, und meine standardmäßige Unannehmlichkeit ist, dass ich
es bei Bahnverspätungen vor Veranstaltungen nicht mehr ins Hotel schaffe und mich
78
Mariana Leky ist mit ihrem
Roman Was man von hier
aus sehen kann seit vielen
Wochen in den Bestsellerlisten. In Psychologie
Heute schreibt sie jeden
Monat darüber, was die
Menschen, die sie umgeben,
bewegt. Mit psychologischen
Themen kennt sich Leky
aus: In ihrer Familie sind
zehn Psychoanalytiker
auf dem Bahnhofsklo umziehe. Mittlerweile habe ich Übung darin: Ich weiß, wie ich
den Koffer in der Kabine positionieren muss,
ohne dass beim Öffnen das Klo im Weg ist,
ich kann, auf Strümpfen im Koffer stehend,
mittlerweile sogar recht würdevoll Hosen
wechseln, und ich habe gelernt, dass man
beim Umziehen auf Bahnhofstoiletten konsequent und von Anfang an durch den Mund
atmen muss.
Heute ist es etwas anders. Heute ist einer
der Tage, die von früh bis spät an einem herumnörgeln. Einer der Tage, in deren Augen
man alles Mögliche nicht schnell und nicht
gut genug macht – und das geheime Wissen,
dass es gar nicht der Tag ist, der herumnörgelt, sondern man das ganze Genöle hauptsächlich selbst fabriziert, macht den Tag nicht
ansehnlicher und die Bahnverspätung natürlich auch nicht.
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
ILLUSTR ATION: ELKE EHNINGER
EINE KAPITALE UNRAST
Mein Koffer ist sehr groß und die Toi
lettenkabine dementsprechend kleiner als
sonst. In der Kabine links von mir sitzt
offenbar eine Steuerberaterin auf der
Toilette; eine Frau jedenfalls, die mit lauter Stimme jemandem telefonisch eine
Umsatzsteuervoranmeldung nebst Mahngebühr erläutert. „Umsatzsteuervoranmeldung“ ist keins meiner Lieblingswörter, „Mahngebühr“ erst recht nicht.
„Mahngebühr“ ist eine Art Schlüsselreizwort, das – besonders an Tagen wie diesem
– bei mir sofort ein Gefühl von Versäumnis und Lebensuntüchtigkeit auslöst. Ich
fühle mich bei dem Wort „Mahngebühr“
immer gemeint, auch wenn es sich auf einer anderen Toilette befindet.
Die mutmaßliche Steuerberaterin hat
von Berufs wegen keine Probleme mit der
Mahngebühr. Sie kann sogar Wasser lassen, während sie darüber spricht, sie pinkelt mitten in das Wort „Mahngebühr“
hinein.
Während sie das tut, finde ich im Koffer meine Veranstaltungsbluse nicht, und
als ich sie schließlich habe, fällt sie vor
lauter Hektik auf die Klobrille, und bei
dem Versuch, sie vor dem Hineingleiten
in die Toilette zu bewahren, poltere ich
gegen die Kabinentrennwand.
Die Steuerberaterin fragt: „Alles in
Ordnung da drüben?“ „Ja“, antworte ich,
„ich bin nur gerade etwas hektisch.“ „In
der Ruhe liegt die Kraft“, sagt die Steuerberaterin, sie sagt das zu mir, freundlicherweise, aber bestimmt hat auch der
Mensch mit der Umsatzsteuervoranmeldungsmahnung etwas davon.
Ich setzte mich auf den Klodeckel und
knöpfe meine Bluse zu. In der Ruhe liegt
die Kraft, da liegt sie momentan nicht besonders günstig, denn die Ruhe habe ich
offenbar zu Hause gelassen, deshalb habe
ich auf die darin befindliche Kraft keinen
Zugriff.
Dem unsinnigen Tag eine gute
Geschichte abringen
Bei Hektik fühlt man sich gleichermaßen
getrieben und vernagelt. Ich atme durch
den Mund und sehe vermutlich aus wie
ein Karpfen. Mein Nachbar Herr Pohl fällt
mir ein, der vor einiger Zeit unter einer
sozialen Phobie litt und deswegen das
Haus nicht mehr verlassen konnte. Wen
auf einem Bahnhofsklo, eingekeilt von einem Koffer und einer kapitalen Unrast,
keine soziale Phobie anweht, dem ist nicht
mehr zu helfen.
Als ich fertig umgezogen bin, steht die
Steuerberaterin schon vor einem der
Waschbecken und frischt ihr Gesicht auf.
Ich erkenne sie an ihrer Stimme, denn sie
redet immer noch mit dem umsatzsteuerlich angemahnten Jemand. Die Steuerberaterin ist gewieft im Schminken und
bestens ausgerüstet, allein ihre Lippen
bepinselt und besalbt sie gekonnt mit drei
verschiedenen Produkten. Mein Gesicht
hat die Farbe von jemandem, der den ganzen Sommer in einer Bahnhofstoilettenkabine verbracht hat – und jetzt reicht es
mir. Ich beschließe, diesem unsinnigen
Tag doch noch eine gute Geschichte abzuringen. Deshalb werde ich die Steuerberaterin jetzt fragen, wie man gekonnt
Rouge aufträgt. Ich stelle mir vor, wie sie
mir das geduldig erklärt, wie sie ihrem
Schminkbeutel Sätze über Ruhe und Kraft
entnimmt und andere edle Produkte, wie
sie das alles auf mein Gesicht tut, bis es
rosig aussieht und so, als habe es nie irgendwelche Mahnungen gegeben.
Ich stelle mir vor, wie sie mir, nachdem
sie mir das Rouge erklärt hat, auch das
Steuerwesen virtuos auseinandersetzt, wie
sie sagt: „Übrigens, Mahnungen sind auch
nur Menschen“, und über all dem vergessen wir Zeit und Gestank, und später kann
ich zu Hause erzählen: „Stellt euch vor,
heute hat mich auf dem Bahnhofsklo eine
Steuerberaterin geschminkt.“
Die Steuerberaterin hat ihr Telefonat
beendet. „Entschuldigen Sie“, sage ich,
„könnten Sie mir vielleicht kurz erklären,
wie man Rouge aufträgt?“ Die Steuerberaterin dreht sich zu mir um und schaut
mich an, ihr Blick ist ausdruckslos, vielleicht, denke ich, störe ich sie, vielleicht
telefoniert sie doch noch, bei Leuten mit
Knopf im Ohr weiß man ja nie, ob sie gerade jemand Unsichtbarem zuhören.
„Na, auf die Wangen halt“, sagt die
Steuerberaterin achselzuckend und geht
davon. Ich schaue ihr nach, dann wieder
in den Spiegel, ich sage: „Entschuldigen
Sie bitte die Unannehmlichkeiten.“ PH
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Stress- und Mentalcoach
Entspannungstrainer
Resilienztraining
Gesunde Führung
ANERKANNTE ABSCHLÜSSE
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019 | 0211 86668 0
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| www.ist.de
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BUCH&KRITIK
REDAKTION: KATRIN BRENNER
S. 81
S. 82
S. 82
S. 84
S. 84
S. 84
S. 85
S. 86
S. 87
S. 88
S. 89
80
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Zeilen der Hoffnung
Menschen, die ihre Depression überwunden haben,
schreiben anderen Betroffenen Briefe. Profitieren
diese davon?
Als James Withey vor etwa zehn Jahren
an einer Depression erkrankt, glaubt er,
er werde sich nie wieder anders fühlen. Er
denkt viel an Suizid. Doch dann flackert
in ihm eines Tages ein Licht auf, er schöpft
Hoffnung auf Besserung. Eine Erfahrung,
die er teilen will.
„Was wäre, wenn jene Menschen, die
gerade dabei sind, über ihre Depression
hinwegzukommen, denjenigen schreiben
würden, die momentan darunter leiden?
Was wäre, wenn diese Briefe den kleinen
Teil in ihnen erreichen könnten, der daran
glauben möchte, dass Heilung möglich
ist?“, denkt er. Withey beginnt einen Blog
und schreibt darin einen Brief an alle Menschen, die unter einer Depression leiden.
Er trifft einen Nerv. Tausende Betroffene
haben es ihm seither gleichgetan. Das daraus entstandene Projekt Recovery Letters
ist heute, acht Jahre später, weltweit bekannt. In dem Buch Mutmach-Briefe hat
Withey nun gemeinsam mit der Psychologin Olivia Sagan einige Texte ausgewählt. Frauen, Männer, Junge, Alte, von
Ärztin bis Elektriker: Sie alle schreiben
über ihre Erfahrungen mit einer Depression und wie sie diese überwunden haben.
Für Betroffene ist dieses Buch eine Fundgrube der Hoffnung. Doch auch für nicht
Erkrankte enthalten die Schriften lehrreiche Momente.
Die Briefeschreiber berichten, wie die
Depression sich für sie anfühlte, wie bleiern ihre Gliedmaßen waren, wie leer der
Geist, wie unmöglich jeglicher Alltag, wie
groß der Gedanke ans Sterben. All ihre
Schilderungen sind so eindrücklich und
bildhaft, dass auch Depressionslaien nachempfinden können, wie erdrückend diese Krankheit wirklich ist.
Zugleich sind die Zeilen der Briefe voller Hoffnung und Fürsorge. Die Schreiber
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
strecken den Lesern ihre Hand aus, senden
mentale Umarmungen und ermutigen:
Sei gut zu dir! Pass auf dich auf! Hab Geduld mit dir! Bitte um Hilfe!
Manche tragen neben der Depression
noch weitere Päckchen mit sich, leiden an
Angststörungen, haben eine Sucht entwickelt oder erleben auch manische Phasen.
Doch sie haben sich ebenfalls freigekämpft
und sprechen den Lesern gut zu. Sie alle
erzählen ungefiltert über Medikamente,
Psychotherapie, Klinikaufenthalte und
Selbsthilfegruppen. Sie teilen mit, was ihnen geholfen hat – und was nicht. Dabei
wird klar: Jeder heilt auf andere Weise.
Da ist Matt, der Bildermalen für sich entdeckt hat. Q. S. Lam, der begonnen hat,
ein Glücksbuch zu führen. Barbara, die
stricken lernte. Für den Leser gilt es, den
eigenen Weg zu finden. Die Briefe können
ihm dabei als Landkarte zur Orientierung
dienen.
Die meisten Personen im Buch haben
ihren Weg bereits gefunden. Mancher entsteigt der Krankheit gar gestärkt. Die Depression hat sie alle Dankbarkeit gelehrt
– für Sonnenstrahlen, für die Familie oder
für ein gutes Buch. Sie lehrte sie ferner,
dass Selbstfürsorge nicht egoistisch ist,
sondern lebensnotwendig. Lektionen, die
auch Nichterkrankte für sich mitnehmen
JANA HAUSCHILD
können.
„Ich kenne
das Monster,
gegen das
du gerade
kämpfst,
persönlich.
Aber denke
immer daran:
Nachdem es
dunkel war,
geht die Sonne
wieder auf.
Immer“
JAMES WITHEY
James Withey, Olivia
Sagan (Hg.): MutmachBriefe. Von Menschen,
die ihre Depression überwunden haben. Aus dem
Englischen von Marlene
Grois. Trias, Stuttgart
2019, 187 S., € 14,99
Leseprobe in der App
81
Erbsen
pulen hinter
der Couch
Zwei Bücher beleuchten
die Historie der Psychoanalyse: Uffa Jensen
versucht sich an einer
Globalgeschichte, Lore
Reich Rubin erinnert
sich an ihren Vater
Wilhelm Reich
Beim ersten Hören klingt der Titel sehr
spannend: Wie die Couch nach Kalkutta
kam. Obwohl auch analytische Therapie
heute oft im Gegenübersitzen stattfindet,
ist das Ruhebett – ein Relikt aus der Zeit
hypnotischer Arbeit – zum Symbol für
die Methode Sigmund Freuds geworden.
Allerdings geht es in der Psychoanalyse
um einen Prozess der Verarbeitung des
Vergangenen in der Gegenwart, nicht um
Emotionen schlechthin, wie es der Berliner Historiker Uffa Jensen in diesem Buch
mit dem Untertitel „Eine Globalgeschichte der frühen Psychoanalyse“ ausführt.
Dies ist ein Anspruch, an dem Jensen
scheitern musste. Er hat in Kalkutta gear
beitet und beschreibt die Faszination eines
Zirkels gebildeter Bengalen für Sigmund
Freud. Dann jedoch meint der Leser zu
spüren, wie der Autor seinen spannenden,
82
aber begrenzten historischen Forschungsansatz aufbläht und bald ins Schwimmen
gerät, weil das Aufdröseln der komplexen
Psychoanalysegeschichte zwar in Kalkutta recht übersichtlich ist, aber an den beiden anderen von Jensen abgehandelten
Orten – in London und Berlin – jeweils
mindestens ein eigenes Forscherleben
bräuchte.
Jensen rührt so heterogene Phänomene wie etwa den psychischen Magnetismus
Mesmers, Somnambulismus und Hypnose zu einem Brei angeblicher Wegbereiter
der Psychoanalyse. Was ihm an Differenzierungen abgeht, ersetzt er durch Selbstbewusstsein, als hätte er mit dem Konzept
der Emotionen das Wesen der Psycho
analyse gefunden. Seine Obsession für
diesen Begriff klären die Danksagungen
Jensens am Ende des Buchs. Man erfährt
nicht nur, dass es sich um eine Habilitationsschrift handelt, sondern man stößt
auch auf Ute Frevert, Direktorin am MaxPlanck-Institut für Bildungsforschung in
Berlin, die seit Jahren über die „Geschichte der Gefühle“ forscht.
So finden Leser Bekanntes und anderswo differenzierter Erfasstes über die doch
recht begrenzte „Globalisierung“ der Psychoanalyse in Berlin und London neben
wirklich neuen Ausführungen über die
bengalische Oberschicht und ihre FreudAnhänger in den zwanziger und dreißiger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für
eine Globalgeschichte, die diesen Namen
verdient, geben diese Details nicht viel her;
zu speziell ist die Situation in Indien, das
mindestens so stolz auf eine ganz andere
Bildungsgeschichte ist wie Mitteleuropa
auf die seine.
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Für den wissenschaftlichen Leser ärgerlich ist die Praxis der Publikumsverlage – hier Suhrkamp –, die dem Historiker kostbaren Fußnoten schwer lesbar an
das Ende des Buches zu hängen.
Viel bescheidener, dafür aber reicher
an bisher unbekannten Einzelheiten, treten Lore Reich Rubins Erinnerungen an
eine chaotische Welt. Mein Leben als Toch
ter von Annie Reich und Wilhelm Reich vor
ihre Leser. Wilhelm Reich war sicher einer
der begabtesten Schüler Freuds – und er
war ein Chaot, der keinen Widerspruch
duldete. Annie Reich war seine Patientin,
Ehefrau, Mitstreiterin und spätere „Feindin“, weil sie sich nach der Scheidung dem
Kreis der orthodoxen Analytiker in New
York anschloss.
Ihre gemeinsame Tochter Lore Reich
Rubin ist heute 91 Jahre alt. Ihr Lebensbericht konzentriert sich auf Kindheit und
Jugend, mit einem Abstecher in die Zeit,
in der Wilhelm Reich unter besonderen
Umständen in einem Gefängnis starb, und
er endet versöhnlich: „Heutzutage weiß
ich, warum sein Ruhm, besonders in Europa, nicht erloschen ist, und ich bin froh,
dass ich Frieden mit ihm und meiner Vergangenheit geschlossen habe und mich
nicht mehr schäme, seine Tochter zu sein.“
Leicht haben das die Eltern ihrer jüngeren Tochter nicht gemacht. Annie Reich
trotzte Wilhelm Reich das zweite Kind
ab, während dieser sich eine Abtreibung
wünschte – Annie hatte während ihrer
Ehe insgesamt sieben Abtreibungen. Wilhelm Reich vertrat die These, dass Kinder
im politischen Kampf lästig seien und zur
Vermeidung eines Ödipuskomplexes am
besten in einem Heim aufwachsen sollten.
Lore und ihre ältere Schwester Eva ver-
Uffa Jensen: Wie die
Couch nach Kalkutta
kam. Eine Global
geschichte der frühen
Psychoanalyse.
Suhrkamp, Berlin 2019,
539 S., € 28,–
Leseprobe in der App
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
band eine komplizierte Beziehung mit viel
Eifersucht; die Mutter war vorrangig an
ihrer Karriere interessiert und distanziert.
Sie gab ihre Töchter zu ihren Eltern und
gelegentlich in Heime, um ungestört arbeiten zu können. Angeblich hat eines der
vielen Kindermädchen, Mitzi, die ReichTöchter in Wien heimlich taufen lassen,
weil sie mit dem Atheismus der Eltern
nicht einverstanden war.
Wilhelm Reich war cholerisch und unzuverlässig; die 14-jährige Lore forderte er
einmal auf, ihm in die Augen zu sehen und
zu sagen, ob sie ihn für verrückt halte.
Lore sagte „ja!“, worauf der Vater den Kontakt zu ihr abbrach.
Lore Reich Rubin schildert eindringlich, schonungslos und mit gelegentlich
aufblitzendem Humor eine Kindheit zwischen Wien, Berlin, Prag und später New
York. Die Autorin ist neugierig und genau.
So berichtet sie, dass die Analytikerinnen
in den ersten Jahren hinter der Couch
strickten, nähten und Anna Freud sogar
Erbsen pulte. Später, setzt sie hinzu, hätten sie nur noch mitgeschrieben – oft zu
viel, um die erzwungene Untätigkeit erträglich zu machen. Sie schont weder sich
selbst noch andere. Heftig ist ihr Ärger
über Anna Freud, die gegen Reich intrigierte und dafür sorgte, dass dieser aus
der Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung ausgeschlossen wurde.
Am Ende ist das herumgeschubste
Kind selbst Psychiaterin und Analytikerin
geworden. Erwachsen zu sein, sagt Lore
Reich Rubin, bedeute, seine Eltern in ihren guten und schlechten Seiten zu sehen,
ihr Leid und ihre Mühen zu verstehen –
was etwas anderes sei als ein Befehl, ihnen
WOLFGANG SCHMIDBAUER
zu vergeben.
Die pragmatische
Schreibanleitung
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Leben als Tochter von
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zial, Gießen 2019,
253 S., € 29,90
83
AUFGEBLÄTTERT
Wir warten alle. Im Stau wie an der Kasse,
der kargen Landschaft Armeniens immer wieder Menschen,
auf dem Amt, an der Grenze. Wir warten
die im Nirgendwo an einer Bushaltestelle warteten. Einsame
auf das Wochenende, auf das erlösende
Kinder, deren Vater oder Mutter im Ausland arbeiten, hat
1:0, auf den Schlaf, auf die große Liebe.
Andrea Diefenbach fotografiert – als Folge der Arbeitsmi-
In Die Kunst des Wartens (Wagenbach,
gration wächst in Moldawien jedes dritte Kind ohne Vater
€ 28,–) erkunden Brigitte Kölle und Clau
oder Mutter auf. Johannes Vincent Knecht sieht im Warten
dia Peppel verschiedene Arten des War
eine aussterbende Kulturtechnik. Für ihn ist Wartenkönnen
tens in den Werken zeitgenössischer Film- und Fotokünstler
„eine Form des Protests, eine im Sinne der Menschlichkeit
und verbinden sie mit literarischen oder essayistischen Tex-
bewahrenswerte Fähigkeit, ein Modus der Freiheit und In-
ten. Andreas Gursky fotografierte Anfang der 1980er Jahre
subordination“.
Pförtner in Duisburg, Ursula Schulz-Dornburg entdeckte in
Normal sein – was bedeutet das? Und was,
Mit verschränkten Armen steht der Klamot-
wenn man es denn nicht ist? Wenn man sich
tenverkäufer da, fasst sich mit der Hand ans
so verhält, dass die anderen einen nicht so-
Kinn und versteckt den Mund hinter seinen
fort verstehen? Man werde als psychisch ge-
Fingern. Nach den Regeln gängiger Rhetorik
stört eingeordnet, schreibt Asmus Finzen. In
ratgeber macht er falsch, was man auch nur
seinem Buch Normalität (Psychiatrie, € 20,-)
irgendwie falsch machen kann. Und dennoch
stellt der Soziologe und Psychiater dar, was
erzählt die Kommunikationstrainerin Isabel
die moderne Gesellschaft unter Normalität, seelischer Ge-
García in ihrem Buch Die Bessersprecher. Abschied von
sundheit und psychischer Krankheit versteht. Er beschreibt
den größten Kommunikationsirrtümern (Campus, € 19,95)
die Vorgehensweise psychiatrischer Diagnostik, deren Un-
gerade von ihm. Denn bei dem Kommunikationstraining im
genauigkeiten, Moden und Grenzen. Dabei konzentriert er
Bekleidungsgeschäft stellt er sich als Topverkäufer heraus.
sich auf die Psychiatrie, da sie die Kategorisierung zwischen
Das Entscheidende macht er nämlich richtig: Er hört wirk-
„normal“ und „nicht normal“ nachvollziehbar und transpa-
lich zu und er zeigt ehrliches Interesse an jedem einzelnen
rent gestaltet – anders als die meisten anderen Disziplinen.
Kunden. In ihrem Ratgeber rechnet García mit weitverbrei-
In dem kleinen Buch streift Finzen auch den Einfluss von
teten Sprechmythen ab. Sie erklärt beispielsweise, warum
Kultur, Sprache, Subjektivität oder Medien. Tief steigt er in
Ich-Botschaften nicht immer konstruktiv sind und weshalb
keines dieser Gebiete ein, dafür bietet er einen leichtver-
hüftbreites Stehen nicht automatisch zu besserem Sprechen
ständlichen und kritischen Überblick über ein komplexes
verhilft. Statt starrer Regeln empfiehlt sie, das Grundsätzli-
und folgenreiches Thema.
che hinter diesen zu sehen: eine aufmerksame, entspannte
und interessierte Einstellung zum Gegenüber.
84
PSYCHOLOGIE HEUTE
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Ambivalentes Anfassen
So gestalten Sie
Ihr Glück!
Elisabeth von Thadden warnt vor der
„berührungslosen“ Gesellschaft
Der gesamte Körper ist „tastsinnessensibel“. Jedes seiner kleinsten, feinsten Härchen, rund fünf Millionen an der Zahl,
wächst in einem Haarfolikel. Hier sitzen
die Rezeptoren, 50 Stück pro Folikel. So
ergibt sich eine Zahl von 250 Millionen
berührungsintensiven Rezeptoren, die allein an die Haare gekoppelt sind. Dazu
kommen freie Nervenendigungen direkt
unter der Haut, mikroskopisch kleine Äste von Nervenfasern ohne speziellen Rezeptor. Davon zählt jeder menschliche
Körper zwei Billionen.
All das erfuhr man 2017 aus Homo hap
ticus, dem Buch Martin Grunwalds (siehe
Heft 4/2018) – in Österreich zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt. Grunwald
leitet das Haptik-Labor am Paul-FlechsigInstitut für Hirnforschung der Universität Leipzig. Er ist einer von gerade einmal
einigen hundert Wissenschaftlern weltweit, die zum Thema Berührung forschen.
Die Journalistin Elisabeth von Thadden, Permanent Fellow des Kollegs „Postwachstumsgesellschaften“ der Deutschen
Forschungsgemeinschaft an der Universität Jena, hat Grunwald besucht. In ihrem
Buch Die berührungslose Gesellschaft
zeichnet sie ein atmosphärisch dichtes Bild
des Gesprächs mit dem nachdenklichen
Forscher. Auch weitere Begegnungen sind
in das Buch eingeflossen. Von Thadden
sprach in Berlin mit einem Architekten,
der Kleinsthäuser entwirft, in Heidelberg
mit dem Neurologen Thomas Fuchs, und
sie telefonierte mit Vera King, der Leiterin
des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt
am Main. Es geht Elisabeth von Thadden,
wie sie gleich zu Anfang schreibt, um die
„menschliche Verletzbarkeit“, um die Entfaltung des Selbst und um das über Jahrhunderte erkämpfte Recht auf körperliche
Unversehrtheit.
PSYCHOLOGIE HEUTE
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In vier Kapiteln, sacht hochtrabend als
die „vier Sphären des epochalen Wandels,
deren Schauplatz der Körper ist“ bezeichnet, beugt sie sich über die Materie. Sie
beginnt mit dem menschlichen Tastsinn
und dem Fingerspitzengefühl, das bei weitem nicht nur sprichwörtlich oder metaphorisch ist. Darauf folgen Kapitel über
Recht und Politik, die Würde des Menschen und den Berührungsnotstand in der
Pflege. Im Schlusskapitel geht von Thadden dann ausführlich auf Körperlichkeit,
Optimierung und Arbeitsmarkt ein.
Das liest sich alles gekonnt, klug und
ist überaus versiert aufbereitet. Wenn es
jedoch um das Konzept der Gemeinschaft
geht, hätte man den Namen Erich Fromm
erwartet – ausgelassen wird auch die Individualpsychologie von Alfred Adler.
Wäre von Thadden psychologisch wie
psychologiehistorisch mehr in die Tiefe
gegangen und hätte Passagen etwa über
Marc-Uwe Klings Roman QualityLand
oder die Diskussionen von Zeitungsbeiträgen um ein Beträchtliches gekürzt, wäre ihre Darstellung mehr geworden als ein
langes, interessantes und lesenswertes Zeitungsdossier. So will sich die unbedingte
Notwendigkeit dieses Buches nicht recht
einstellen, sind doch beispielsweise die
Bände Martin Grunwalds und Hartmut
Rosas problemlos greifbar.
ALEXANDER KLUY
Von Glück kann man ja bekanntlich
nie genug kriegen. Und warum auch
nicht? Es macht ja nicht dick!
Trotzdem machen wir häufig bittere
Erfahrungen auf der Suche danach.
Der Grund dafür ist denkbar simpel:
Das Glück der anderen ist eben nicht
unseres!
Die Autorin nimmt uns mit in ihre
kleine Selbstcoaching-Manufaktur.
• Sie zeigt uns die sechs Hauptzutaten des Glücks: Leidenschaft,
Selbstwert, Klarheit, Beziehungen,
Gesundheit und Handeln.
• Sie verrät, wie wir unsere perfekte
Mischung finden und zum krönenden Abschluss unseren Lieblingsgeschmack hinzufügen.
Cordula Nussbaums 6-Stufen-Programm für Ihre Extraportion Glück!
Elisabeth von
Thadden: Die
berührungslose
Gesellschaft.
C. H. Beck,
München 2018,
206 S., € 16,95
2019. 222 Seiten
18,95 € . ISBN 978-3-593-51070-5
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Soforthilfe für
neue Energie
Der „neuronale Mensch“
Alain Ehrenberg setzt sich mit der wachsenden
Autorität der Neurowissenschaften auseinander
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schwierigen Situationen schnell auf eigene
Ressourcen zu besinnen, Ressourcen zu aktivieren und somit gelassener an Herausforderungen heranzugehen. Jede Ressourcenübung ist auf der Rückseite der Karte mit einem passenden Bild illustriert.
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86
Ein großer Wurf wie dieser gelingt nur
noch selten. Und es gibt auch nur noch
wenige, die dazu in der Lage wären. Der
heute fast siebzigjährige französische Soziologe Alain Ehrenberg ist so ein Autor.
Nach seiner Analyse der Depression (auf
Deutsch: Das erschöpfte Selbst, 2004) folgte 2012 sein Buch Das Unbehagen in der
Gesellschaft über Freiheit und Individualismus. Sein neues Buch Die Mechanik der
Leidenschaft ist ausdrücklich als Fortsetzung gedacht. Im dritten Teil seiner Trilogie behandelt er die Geschichte und Soziologie der Neurowissenschaften.
Dafür geht Ehrenberg weit ins 20. Jahrhundert zurück, zu den Grundlagen von
Psychologie und Psychotherapie, vor allem
Freuds Psychoanalyse und dem amerikanischen Behaviorismus. Dazu kommen
Schilderungen neurologischer Patienten,
etwa die Fallberichte von Antonio Damasio oder Oliver Sacks, die vielen Lesern
bekannt sein dürften. Ehrenbergs Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Frage, wie
sich Krankheits- und Therapiemodelle im
Einklang mit den Werten der Moderne
verändern, nämlich Individualismus und
Autonomie. So zeichnet er am Beispiel des
Autismus eine Transformation von Behinderung zu Begabung nach.
Eine der Stärken des Buchs ist die Originalität, mit der der Soziologe einen großen Zeitraum unserer Kulturgeschichte
mit bahnbrechenden Entwicklungen der
Medizin und Wissenschaften vom Menschen verwebt. Daraus katalysiert er eine
Erzählung des plastischen Gehirns, die
hervorragend in unsere Zeit der Selbstoptimierung passt: Entsprechend der Idee
des veränderlichen Gehirns kann sich der
Mensch immer wieder an neue Herausforderungen anpassen.
Der Autor setzt jedoch bei seinen Lesern viel Vorwissen voraus: Wie so manch
anderer Vertreter seiner Zunft zeichnet er
sich durch einen sehr gehobenen Sprachstil mit langen Sätzen und vielen Einschüben aus. Dazu ist das Werk mit hunderten
Fußnoten unterfüttert, die sich auch schon
einmal über eine Drittelseite erstrecken
können. Fachbegriffe wie „Katatonie“
(Krampfzustände bei Schizophrenie) oder
„kognitive Verzerrung“ sollte man besser
erklären, wenn man vorgeblich für ein
breites Publikum schreibt.
Der Fülle an Material fällt bisweilen
die Aktualität zum Opfer: So gilt Damasios Theorie der „somatischen Marker“
vielen längst als überholt. Dessen Darstellung etwa des berühmten neurologischen
Patienten Phineas Gage, dem im 19. Jahrhundert eine Eisenstange Teile des Gehirns zerstörte, wurde als vereinfachend
und in Teilen falsch kritisiert. Die von
Ehrenberg als neu dargestellten Trends in
der biologischen Psychiatrie haben inzwischen auch schon einige Jahre auf dem
Buckel. Ihnen hätte eine kritischere Würdigung gutgetan. Dass er in seinem Buch
mit dem Untertitel „Gehirn, Verhalten,
Gesellschaft“ das alternative biopsychosoziale Modell nicht einmal erwähnt,
grenzt an einen Fauxpas.
So ist Die Mechanik der Leidenschaft
vor allem ein Werk für diejenigen, die sich
beruflich mit Psychotherapie, Psychiatrie,
Neurologie oder Hirnforschung befassen.
Interessierte Laien werden sich aber wohl
nur mit Mühe durch die über 400 Seiten
beißen.
STEPHAN SCHLEIM
Alain Ehrenberg: Die
Mechanik der Leidenschaften. Gehirn,
Verhalten, Gesellschaft.
Aus dem Französischen
von Michael Halfbrodt.
Suhrkamp, Berlin 2019,
429 S., € 34,–
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Sagen Sie mal,
Herr Worseg:
Macht eine
Schönheitsoperation
zufriedener?
Herr Professor Worseg, viele Menschen entscheiden sich für eine Schönheitsoperation aus der
Hoffnung heraus, mit einer kleineren Nase oder
Dr. Artur Worseg ist Facharzt für plastische Chirurgie in
Wien. Er studierte Medizin und habilitierte zum Universitätsdozenten, hält wissenschaftliche Vorträge und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen
einem größeren Busen selbstbewusster und zufriedener zu werden. Klappt das in der Regel?
Die Studienlage zeigt, dass nach Schönheitsoperationen zumindest kurzfristig Selbstbewusstsein,
Selbstwertgefühl und Zufriedenheit steigen. Langfristig stellen sich durch die Operation allerdings nur
dann echte Lebensveränderungen ein, wenn von Haus
aus ein gefestigter Charakter vorliegt.
Welche Persönlichkeitstypen finden sich Ihrer
Erfahrung zufolge besonders häufig in den Wartezimmern der Schönheitschirurgen?
ILLUSTR ATION: JAN RIECKHOFF
Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und Borderlinestörungen sind häufig; auch verschiedene Formen von Dysmorphophobie, bei denen
die Betroffenen sich hässlich oder sogar entstellt fühlen, obwohl sie objektiv gar keine auffälligen Schönheitsmakel haben, sind oft vertreten in den Praxen
von Schönheitschirurgen.
chologen hinzuzuziehen. Das gilt auch für extern
motivierte Patienten, die dem durch die Medien vermittelten Schönheitsideal entsprechen wollen. Intern
motivierte Menschen, die körperliche Veränderungen
verbessern wollen, die etwa durch eine Schwangerschaft oder den natürlichen Alterungsprozess verursacht werden, und diesen Eingriff wohlüberlegt
durchführen, scheinen zumindest aus meiner Sicht
in der Regel keine psychologische Unterstützung zu
benötigen.
In Ihrem Buch schreiben Sie: „Die häufigsten
Morde an Schönheitschirurgen verüben unzufriedene junge männliche Nasenpatienten. Sagt
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der psy-
zumindest die Statistik.“ Haben Sie eine Vermu-
chischen Stabilität eines Menschen und dem
tung, warum Nasenpatienten häufiger als ande-
Wunsch eines plastisch-chirurgischen Eingriffs?
re zum Mörder werden?
Erfahrungsgemäß haben psychisch stabile Menschen
weniger Probleme mit ihrem Körperbild. Wer durch
eine persönliche Lebenskrise aus der Bahn geworfen
wurde, beginnt häufig, an seinem Körper zu zweifeln. Wer die Krise überstanden hat, hadert meist
auch nicht mehr mit seinem Körper.
Statistisch ist der junge männliche Nasenpatient einer der schwierigsten Patienten, der auch am häufigsten Probleme bereitet. Grundsätzlich tendieren
männliche Patienten bei nicht erfüllten Erwartungen
nach einer Schönheitsoperation eher zur Aggression
als Frauen. Gerade Nasenpatienten, die sich oft über
Jahre oder Jahrzehnte mit ihrer Nase auseinandergesetzt haben und ihre gesamte, sie unzufrieden machende Lebenssituation in die Nase hineinprojizieren,
haben oft Erwartungen, die weit über die Änderung
der Nasenform hinausgehen – und können daher oft
auch nicht zufriedengestellt werden.
Wäre es dann nicht sinnvoll, bei jeder Anfrage
eines Schönheitsoperation-Interessierten routinemäßig einen Psychologen hinzuzuziehen?
Viele Menschen, die sich an uns wenden, befinden
sich in Krisensituationen, etwa nach Trennungen
oder beruflichen Schwierigkeiten. In diesen Fällen
wäre es sinnvoll, bereits im Erstgespräch einen PsyPSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Artur Worsegs
Buch Deine Nase
kann nichts dafür.
Wie wir uns vor dem
Schönheitswahn
retten ist in der
Edition a erschienen
(160 S., € 22,–)
INTERVIEW: KATRIN BRENNER
87
Themenheft
Elterliche
Trennungen
Katastrophentourismus,
wertfrei
Julia Shaw arbeitet auf ein neues Verständnis des
Bösen hin – und will es aus der Welt schaffen
Jetzt 6
Heft 5llen
beste €
15,–
n Die Aufgaben Sozialer Arbeit bei
elterlichen Trennungen
n Belastungen und Bedarfslagen
Alleinerziehender
n Gemeinsam erziehen nach der Trennung
n Wechselmodell versus Residenzmodell
n Umgangsmodelle und Kindeswohl
n Zusammenwirken im Familienkonflikt:
Die Cochemer Praxis
n Wechselmodell und (obligatorische)
Mediation
n Beratungskonzepte der
Familienberatungsstellen
n Soziale Arbeit mit Vätern
in Trennungssituationen
n Die Bedeutung der Großeltern im
elterlichen Trennungskonflikt
Preis Heft 5-6/2019: € 15,–
Bestellen Sie Heft 5-6 hier
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JJUVENTA
UVENTA
Julia Shaw hat ein gutes Buch geschrieben.
In diesem wies sie auf die nachträgliche
Formbarkeit von Erinnerungen hin. Sie
beschrieb, wie sie suggestive Techniken
nutzte, um Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen, etwa an Straftaten, die
sie nie begangen hatten. Das schilderte sie
in ihrem Bestseller Das trügerische Ge
dächtnis aus dem Jahr 2016.
Auch in ihrem Buch Böse. Die Psycho
logie unserer Abgründe geht es der Rechtspsychologin nun darum, etwas im Kopf
ihrer Leser zu verändern. Sie arbeitet auf
ein „neues Verständnis des Bösen“ hin und
will den Lesern helfen, ihre „eigenen
Gedanken und Schwächen zu verstehen“.
Zu diesem Zweck untersucht Shaw ein
„Spektrum von Konzepten und Vorstellungen, die oft mit dem Wort böse assoziiert werden“.
Terroristen etwa, sollte man denken,
könnten als böse Menschen bezeichnet
werden. Doch Shaw findet beim Blick in
die Persönlichkeitspsychologie keinen
Anhalt dafür, dass Terroristen im wissenschaftlichen Sinne „Psychopathen“ wären.
Stattdessen untersucht sie den Radikalisierungsprozess, der diese Menschen dazu bringt, andere umzubringen. Statt einer individualisierenden strebt sie in diesem Fall eine soziale Erklärung an.
Shaw sucht nach Erklärungen für alles,
was als „böse“ bezeichnet werden kann.
Ihre Botschaft ist, dass „Menschen von
einer Kombination aus Gehirn, Veranlagung und sozialem System beeinflusst werden“. Von Mördern trenne uns demzufolge vielleicht nur ein „nicht vollständig
funktionierender präfrontaler Kortex“.
Shaw bricht in ihrem Buch auch eine
Lanze für sexuelle Minderheiten, so dass
überall „Regenbogenfahnen flattern“ sol-
len. Ablehnende Haltungen erklärt sie zumindest teilweise über uneingestandene
eigene sexuelle Neigungen der Homohasser. Also solle man auch mit diesen reden.
So springt Shaw von Thema zu Thema:
Es geht um Clowns und Sklaven, Nazis
und Luftpiraten, BDSM und Cybertrolle.
Ein Vorgehen, das sie selbst als „Katastrophentourismus“ bezeichnet. Sie greift
dabei zu sehr plakativen Etikettierungen,
um diese im Anschluss wieder zu verwerfen, etwa wenn sie von der „Jagd auf Monster“, von einer „Freakshow“ unheimlicher
Menschen, den „abartig Perversen“ sowie
von „Männern als sexuellen Raubtieren“
spricht. Shaw hofft, durch dieses Vorgehen
Verständnis für das Geschehene zu erzeugen und dadurch Ängste zu mindern. Ihr
Fazit: „Menschliche Neigungen sind weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich
schlecht – sie sind einfach.“ Der resümierende Aufruf an die Leser lautet: „Bitte
hören Sie auf, Menschen oder Verhaltensweisen oder Ereignisse als böse zu bezeichnen!“
Jedoch, könnte man ihr entgegenhalten, allein dadurch, dass man sie erklären
und verstehen kann, werden die Dinge
nicht wertfrei. Denn der Begriff des Bösen
ist eng mit der Idee verbunden, dass das
Leben Sinn und die Welt eine Ordnung
hat. Dass Julia Shaw an dieser Ordnung
Julia Shaw: Böse. Die
Psychologie unserer
Abgründe. Aus dem
Englischen von Claudia
van den Block und
Ursula Pesch. Carl
Hanser, München 2018,
320 S., € 22,–
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
so heftig rüttelt, erklärt vielleicht das ständige Durcheinander in der Argumentation des Buches. Shaw will „das Böse neu
denken“. Zwar möchte sie den Begriff des
Bösen am liebsten ganz abschaffen –
gleichzeitig bedient sie sich des Begriffes
ununterbrochen selbst.
Sie findet etwa nach eingehender Abwägung, dass die Produktion von Autos
mit lebensgefährlichen Mängeln eben
doch böse sei. „Ich habe eine eindeutige
Meinung dazu, was ich als objektiv angemessenes Verhalten betrachte und was
nicht“, stellt sie abschließend fest.
Shaw will das Geschilderte wissenschaftlich und damit wertfrei beschrei-
ben. Zugleich hat sie sehr klare Vorstellungen davon, was richtig und falsch, gut
oder böse sei. Entsprechend richtet sie
wiederholt Appelle an die Leser: „Seien
Sie gewissenhaft, seien Sie stark!“ „Vergessen Sie nicht, dass Sie den Pfad zur
Hölle an jedem Punkt verlassen können!“
„Es ist an der Zeit, über unsere Mitschuld
an der Frauenfeindlichkeit zu sprechen.“
Das ist alles, nun ja, gut und richtig. Gut
und Böse bleiben eben wichtige Koordinaten, um die Geschehnisse in der Welt
einzuordnen. Auch noch nachdem man
Julia Shaws Buch Böse gelesen hat.
Nachts, wenn das
Gehirn eigentlich
schlafen sollte…
THORSTEN PADBERG
RHETORIK À LA HOMER SIMPSON
Jay Heinrichs, Rhetoriktrainer, Journalist und Autor, führt uns in seinem
unterhaltsamen Einführungswerk die große Bedeutung der Überzeugungskunst für Politik, Wirtschaft und Alltag vor Augen. Anhand von faszinierenden Fallbeispielen aus der Geschichte und vergnüglichen Anekdoten
aus dem eigenen Familienleben legt er dar, warum die Rhetorik sehr viel
mehr als das Studium berühmter Reden ist. „Rhetorik ist die Kunst der
Beeinflussung, der Eloquenz, Schlagfertigkeit und unabweisbaren Logik.“
Er erläutert rhetorische Tricks und Kniffe von Cicero über Obama bis hin
zu Eminem und Homer Simpson. Das Buch zeigt, dass wir alle bessere
Rhetoriker werden können, wenn wir auf Logik, Gesten und Wortwahl
sowie auf die Stimme und äußere Erscheinung achten. Wir können uns
mit psychologischen Analysen von Gegner und Publikum sowie einer klugen Gliederung auf wichtige Auseinandersetzungen vorbereiten. Heinrichs
stellt eine beeindruckende Vielfalt an bewährten Grundregeln guter Argumentation und Präsentation vor. Viele detailreiche Analysen rhetorischer
Meisterleistungen verleihen seinen Thesen Gewicht. Dennoch mangelt es
dem Buch an wissenschaftlichen Belegen. So fehlt im Kapitel über die
Macht der Reformulierung von Botschaften jeglicher Hinweis auf die zahlreichen Studien zum Thema. Heinrichs unterstreicht, dass gelungene Rhetorik zum individuellen Stil passen muss. Aber die Fixierung auf das rhetorische Handwerkszeug lässt vergessen, dass alle Helden
der Rhetorik herausragende Persönlichkeiten waren und
wahrhaft große Rhetorik auf tiefe Einsichten und bewegende Visionen angewiesen bleibt.
MICHAEL HOLMES
Jay Heinrichs: So überzeugt man mit Rhetorik. Schlagfertig argumentieren mit Aristoteles, Lincoln und Homer Simpson. Aus dem
Amerikanischen von Andreas Simon dos Santos. Piper, München
2019, 496 S., € 14,–
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
327 Seiten, gebunden
€ 22,95 D | ISBN 978-3-407-86556-4
erhältlich
Auch als
Seit vielen Jahren erforscht der Neurologe Dr. Guy Leschziner im Schlaflabor
extreme Schlafstörungen und entschlüsselt, welche Pannen im Gehirn
diese verursachenund wie man sie beheben kann. Er erzählt von Menschen,
die keine Nacht mehr durchschlafen, die
im Schlaf exzessiv essen, ihren Partner
mit unkontrollierbaren Fußtritten terrorisieren und jede Nacht unter Furcht
einflößenden Halluzinationen, Atemstillständen oder bewusst erlebter
Schlaflähmung leiden.
Anhand von zwölf wahren und verblüffenden Fallgeschichten schildert
Dr. Guy Leschziner anschaulich und
spannend, welche zentrale Rolle das
nachtaktive Gehirn für den Schlaf, aber
auch beim Lernen, Vergessen und Verarbeiten spielt. Und welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit wir
ruhig und erholsam schlafen können.
Leseprobe auf
www.beltz.de
89
AUSSERDEM
RAT UND LEBENSHILFE
Isabell Prophet
Wie gut soll ich denn noch
werden?! Schluss mit übertriebenen Ansprüchen an uns selbst.
Goldmann, 272 S., € 14,–
Stephan Konrad Niederwieser
Nie mehr schämen. Wie wir uns
von lähmenden Gefühlen befreien.
Kösel, 224 S., € 20,–
Lars Amend
It’s all good. Ändere deine Perspektive und du änderst deine
Welt. Kailash, 320 S., € 17,–
Beate Kanisch
LebensErfolg. Wie Sie das Leben
führen, das zu Ihnen passt.
Springer Gabler, 63 S., € 14,99
Reinhard Haller
Das Wunder der Wertschätzung.
Wie wir andere stark machen und
dabei selbst stärker werden.
Gräfe und Unzer, 208 S., € 17,99
Joachim Deichert
Sei du selbst. Ratgeber zur
Stressreduzierung vor Bewerbungsgesprächen. Westerwald
Media, 84 S., € 14,95
Andrea Scherkamp
Meine Resilienz. Das Training
mitten im Leben. Allesimfluss,
176 S., € 14,99
Dr. Christian Stock
Resilienz. Mit Achtsamkeit zu
mehr innerer Stärke. Trias,
144 S., € 14,99
Gabriele Wilz, Klaus Pfeiffer
Pflegende Angehörige. Hogrefe,
107 S., € 19,95
Norina Peier, Marcel Felder
Jeder Schritt ein Auftritt. Übungen und Reflexionen zur Vermittlung von Auftrittskompetenz.
Hep, 192 S., € 33,–
PSYCHISCHE GESUNDHEIT
Mina Teichert
Bruchlandung auf Wolke 7. Mit
ADS und ADHS auf der Suche
nach der ganz großen Liebe.
Eden, 256 S., € 14,95
Klaus Bernhardt
Depression und Burnout loswerden. Wie seelische Tiefs wirklich
entstehen und was Sie dagegen
tun können. Ariston, 256 S., € 18,–
Dr. Martin Pinsger, Dr. Thomas
Hartl
Dem Schmerz entkommen. So
hilft Ihnen die Cannabis-Therapie.
Goldmann, 288 S., € 10,–
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Julia Arnhold, Hannah Hoppe
Ausstieg aus Verhaltenssüchten. Wie Schematherapie helfen
kann. Mit CD. Junfermann, 224 S.,
€ 30,–
Bernd Hontschik
Erkranken schadet Ihrer Gesundheit. Westend, 160 S., € 16,–
Christiane Wirtz
Das Katzenprinzip. Immer auf den
Füßen landen – Sieben Wege aus
der psychischen Krise. Dietz,
152 S., € 18,–
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Posttraumatische Belastungs
störung. Vom Überleben zu
neuem Leben. Ein praktischer
Ratgeber zur Überwindung von
Kindheitstraumata. Unimedica,
342 S., € 22,80
DENKEN, FÜHLEN, HANDELN
Dr. Trutz E. Podschun
Psychizin. Die neue Einheit von
Körper und Geist. Tectum,
350 S., € 25.–
Heidi Keller
Mythos Bindungstheorie.
Konzept – Methode – Bilanz.
Das Netz, 176 S., € 24,90
Charles Pépin
Sich selbst vertrauen. Kleine Philosophie der Zuversicht. Hanser,
224 S., € 17,–
Christophe Massin
Lieben oder leiden. Gefühle
wahrnehmen und wandeln. Ennsthaler, 276 S., € 22,90
Manfred Spitzer
Mentale Stärke. Der Schlüssel zu
Gesundheit, Glück und Gemeinschaft. Droemer, 320 S., € 19,99
Kieran Setiya
Midlife-Crisis. Eine philosophische
Gebrauchsanweisung. Insel,
211 S., € 18,–
Michaela Brohm-Badry
Das gute Glück. Wie wir es finden
und behalten können. Ecowin,
300 S., € 24,–
Joachim Bauer
Wie wir werden, wer wir sind.
Die Entstehung des menschlichen
Selbst durch Resonanz. Blessing,
256 S., € 22,–
Wendy Mitchell
Der Mensch, der ich einst war.
Mein Leben mit Alzheimer.
Rowohlt, 302 S., € 12,–
László F. Földényi
Lob der Melancholie. Rätselhafte
Botschaften. Matthes & Seitz,
280 S., € 30,–
Jannis Puhlmann
Depression und Lebenswelt. Eine
phänomenologische Untersuchung. Logos, 91 S., € 16,–
Michael Tischinger
Auf die Seele hören. Wegweiser
in ein selbstbestimmtes Leben.
Herder, 240 S., € 20,–
KINDER UND FAMILIE
Clara Welten
Die Digitalisierung der Kinderstube. Miteinander leben oder
nebeneinander existieren?
Edition Welten, 208 S., € 19,99
Christoph Wewetzer, Kurt
Quaschner
Ratgeber Suizidalität. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer
und Erzieher. Hogrefe,
56 S., € 8,95
SCHULE UND BILDUNG
Wilhelm Rotthaus
Schulprobleme und Schulabsentismus. Störungen systematisch
behandeln. Carl-Auer,
255 S., € 34,95
Hans Peter Klein
Abitur und Bachelor für alle
– wie ein Land seine Zukunft
verspielt. Zu Klampen,
208 S., € 20,–
ARBEIT UND BERUF
Lilo Endriss
Fahrplan für den Flow. Kreative
Blockaden analysieren und mit
Coaching auflösen. Springer,
206 S., € 37,99
Stephanie Hartung (Hg.)
Trauma in der Arbeitswelt.
Springer Gabler, 214 S., € 39,99
Wiltrud Föcking, Marco Parrino
Starke Stimme, stark im Job.
Ihr Trainingsprogramm für mehr
Überzeugungskraft im Beruf.
Springer, 194 S., € 19,99
Eric Pfeifer (Hg.), unter ständiger
Mitwirkung von Hans-Helmut
Decker-Voigt
Natur in Psychotherapie und
Künstlerischer Therapie.
Theoretische, methodische und
praktische Grundlagen (2 Bände).
Psychosozial, 900 S., € 99,90
KULTUR UND GESELLSCHAFT
Holm Gero Hümmler
Verschwörungsmythen. Wie wir
mit verdrehten Fakten für dumm
verkauft werden. Hirzel,
223 S., € 19,80
Fritz B. Simon
Anleitung zum Populismus oder:
Ergreifen Sie die Macht!
Carl-Auer, 126 S., € 12,–
Constanze Kleis
Sonntag! Alles über den Tag, der
aus der Reihe tanzt. Piper,
208 S., € 18,–
Kathrin Burger
Foodamentalismus. Wie Essen
unsere Religion wurde. Riva,
272 S., € 16,99
Rainer Moritz
Zum See ging man zu Fuß. Wo
die Dichter wohnten. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich. Fotografien Anna Aicher. Knesebeck,
224 S., € 40,–
Michael Herzig, Frank Zobel,
Sandro Cattacin
Cannabispolitik. Die Fragen,
die niemand stellt. Seismo,
140 S., € 17,–
Claus Koch
Trennungskinder. Wie Eltern und
ihre Kinder nach Trennung und
Scheidung wieder glücklich werden. Das große Selbsthilfebuch.
Patmos, 240 S., € 20,–
Alain de Botton
Die Kunst zu reisen. Süddeutsche
Zeitung, 132 S., € 16,–
Jörg-Dieter Kogel
Im Land der Träume. Mit Sigmund
Freud in Italien. Aufbau,
252 S., € 22,–
Martina Schmidhuber, Andreas
Frewer, Sabine Klotz, Heiner
Bielefeldt (Hg.)
Menschenrechte für Personen
mit Demenz. Soziale und ethische
Perspektiven. Transcript,
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Heinz-Jürgen Voß, Michaela
Katzer (Hg.)
Geschlechtliche und sexuelle
Selbstbestimmung durch Kunst
und Medien. Neue Zugänge zur
sexuellen Bildung. Psychosozial,
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Ingrid Kollak
Yoga in Vorsorge und Therapie.
Fachbuch mit Übungen für Atmung, Bewegung und Konzentration. Hogrefe, 264 S., € 34,95
PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
MEDIEN
REDAKTION: STEFANIE MAECK
HÖREN
Glückliche Familie
Eine Familie zu schaffen, die Geborgenheit stiftet, wünschen sich
wohl alle Eltern. Doch wie können sie mit Gelassenheit und Überblick im Alltag dazu beitragen? Die norwegische Psychologin und
Familientherapeutin Hedvig Montgomery geht solchen Fragen in
ihrem Hörbuch nach. Sie beschreibt den zentralen Balanceakt von
Bindung und Autonomie: Eltern müssen einen sicheren Rückzugsort bieten und zugleich loslassen – wie gelingt das im passenden
Rhythmus kindlicher Entwicklungsstufen? Montgomery liefert
neben entwicklungspsychologischen Einschätzungen effektive
Techniken für schwierige Situationen, gibt Rat zu Regeln und Grenzen in der Erziehung und hilft auch der Paarbeziehung in der Not.
Die Autorin flicht viel Wissen und Erfahrungen aus ihrer Praxis
ein. Die eine oder andere Weisheit aus der Hausapotheke der
Familienpsychologie findet sich ebenfalls – etwa: „An jedem Tag sollte es schöne Momente geben.“ Ein nützliches
Kompendium der Familientherapie, bequem zum Anhören.
Hedvig Montgomery: Die Hedvig-Formel für eine glückliche Familie. 3 CDs. Argon Balance 2019. Laufzeit: 3 Stunden und 35 Minuten. € 16,95
INSPIRIEREN
Ein Coach für alle Fälle
Manchmal hilft die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt. Der neue Taschen-Coach: Veränderungen und
Entwicklungen anstoßen bietet mit einem Set aus 60 Fragekarten zu zwölf Themen Anstöße, die ein Coach für
Wachstum geben würde. Einige der Fragen sind als Spiegelübung gedacht, können also vor dem Spiegel beantwortet werden, um die Selbstreflexion anzuregen. Mit
dem Set kann im Selbstcoaching sowie in der professionellen Beratung oder in Gruppen gearbeitet werden.
Genutzt werden unter anderem Impulse aus Psychodrama, Hypnose, Ressourcen-, Akzeptanz- und Zielearbeit. Sicher scheint: Mit dem Taschen-Coach lernt
man sich und seine Mitmenschen schnell kennen und
schätzt eigene und fremde Sehnsüchte und Potenziale
besser ein.
Jürgen Küster, Anja Tack, Denise Ohms: Der Taschen-Coach: Veränderungen
und Entwicklungen anstoßen. 60 Reflexionskarten und 16-seitiges Booklet.
Beltz 2019, € 24,95
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
ANSEHEN
Gefühlen Ausdruck
verleihen
Frisch getrennt, macht Sofia mit ihren beiden
Töchtern Urlaub in einem Ferienhaus am Meer.
Für alle drei Frauen entwickelt sich die Auszeit
zu einer Begegnung mit eigenen Ängsten und
der Erkundung innerer Räume. Die Teenagertochter knutscht mit ihrer ersten Liebe, einem
gleichaltrigen Mädchen, Mutter Sofia tastet sich
aus der Trauerzone und die Jüngste überwindet
Ängste durch einen Zaubertrick auf der Bühne.
Das Besondere an Tage am Meer sind die starken
filmischen Bilder, die die argentinische Regisseurin Nadia Benedicto für Seelenzustände wie
Verlorenheit, Trauer, inneres Chaos oder irrationale Ängste zu finden vermag: mal surreal, mal
fantastisch und stets sehr poetisch. In langsamen
Bildern erzählt der Film so von einer weiblichen
Trennungs- und Neuanfangsgeschichte.
Nadia Benedicto: Tage am Meer. DVD. Absolut Medien 2019. Spieldauer: 93 Minuten. Spanisch mit deutschen Untertiteln. € 9,90
HINGEHEN
In die Zukunft blicken
Mit der „gefährlichsten Idee der Welt“ (Francis Fukuyma) befasst
sich das Symposium Bessere Menschen? Technische und ethische
Fragen in der transhumanistischen Zukunft in Fürth: Vom 11. bis
13. Oktober gehen renommierte Forscher dort Fragen der technischen Erweiterbarkeit des Menschen nach. Sie diskutieren, wie
sich unsere Arbeit durch den Einsatz von Robotern verändern
wird, welche Chancen es für Menschen mit Einschränkungen
gibt und ob es sogar zu einer Verschmelzung von Mensch und
Maschine kommen könnte. Wer sich für Humanismus in der
Digitalisierung interessiert, erhält hier interessante Impulse.
Anmeldung und Information: shop.turmdersinne.de
91
LESERBRIEFE
k.brenner@beltz.de
„Wie oft empfehle ich Patientinnen und Patienten Yoga, Achtsamkeit und
Entspannungstraining. Und wie oft denke ich, dass mehr individuelles Engagement
in unserer Gesellschaft genauso nötig wäre für die seelische Balance“
Dr. Klaus Thomsen, psychotherapeutische Praxis, Flensburg
(Anke Nolte widmete sich in unserer Titelgeschichte der Kraft des Atmens. „Zeit zum
Durchatmen!“ Heft 4/2019)
Konstruktive Empörung
(Gabriele Heise schrieb einen
offenen Brief an ihre Yogagruppe.
„Ach, Gabriele, geh auf deine Matte!“
Heft 5/2019)
Eine politische Glosse in der Psychologie
Heute – wie erfrischend! Wie oft empfehle ich Patientinnen und Patienten Yoga,
Achtsamkeit und Entspannungstraining.
Und wie oft denke ich, dass mehr individuelles Engagement in unserer Gesellschaft genauso nötig wäre für die seelische
Balance. Enttäuschung über Parteien,
Skepsis gegenüber Medien und Ohnmacht angesichts übermächtiger Weltkrisen – alles verständlich. Der alleinige
Rückzug in die Innerlichkeit ist für mich
aber gefährliche Verleugnung und Selbstbezogenheit. Er überlässt inhumanen,
rassistischen oder narzisstischen Ideologen und Verschwörungstheoretikern den
öffentlichen Raum. Fridays for Future ist
für mich konstruktive Empörung, die den
Weg nach vorn weist und auf uns selbst.
Achtsam sein und ins Handeln kommen,
so könnte es gehen.
Dr. Klaus Thomsen,
92
psychotherapeutische Praxis, Flensburg
Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen. Sie sprechen sehr ausführlich
über Yoga, Pranayama, die Atemschulen
Richter und Middendorf, über psychologische und weitere neue therapeutische
Ansätze, was ich aber in Ihrem Artikel
leider gänzlich vermisse, ist die Felden
kraismethode, die Sie mit keinem Wort
erwähnen.
Die Einheit von Seele, Körper und Geist,
das Vorhandensein einer „Muskulatur der
Seele“ und die Beeinflussung des Gehirns
durch bestimmte Bewegungsabläufe, all
dies und vieles mehr beinhaltet Felden
krais. Die von Ihnen bezüglich des Atmens
erwähnten Möglichkeiten – wie abwechselndes Atmen durch ein Nasenloch (Wech
selatmung), Atemschaukel und Atemphasen – gibt es auch dort, ja sogar die Vierteiligkeit des Atems (Ein – Pause – Aus –
Pause). Ein Ziel ist, durch verbal angeleitete
Übungen für alle vier Phasen in einen
mehr oder weniger gleichen Rhythmus zu
kommen. Rhythmisches Atmen in diversen Körperstellungen und das Hineinatmen in Körperbereiche gibt es nicht nur
im Yoga, sondern auch im Feldenkrais.
Rosa Schlatter, Feldenkraislehrerin, per E-Mail
Kohlendioxid ist kein gasförmiges Abfallprodukt! Genug Kohlendioxid im Körper
verhilft zu besserer Sauerstoffaufnahme
und -verteilung und es erfüllt im menschlichen Körper eine Reihe lebenswichtiger
Funktionen, darunter:
Regulierung des überlebenswichtigen
Gleichgewichts des Säure-Basen-Haushalts, Abgabe von Sauerstoff aus dem Blut,
damit er den Zellen zur Verfügung steht,
Dehnung der glatten Muskulatur in den
Wänden der Atemwege und Blutgefäße,
Weitung der Bronchien, Entspannung der
Skelettmuskulatur, Hemmung der freien
Radikalen, die durch ein Zuviel an Sauerstoff entstehen können. Atmen wir über
längere Zeit zu schnell oder zu tief, beispielsweise in Zeiten mit hohem Stresserleben, Angst oder aus Gewohnheit, entsteht ein Mangel an CO2 in den Zellen, im
Blut und in den Lungen – mit negativen
Folgen für die Gesundheit. Gesund atmen
bedeutet daher ein leichtes, sanftes, langsames Atmen mit angemessener Atemluft
pro Atemzug und einem tiefen Atmen im
Sinne einer feinen Abdominalbewegung,
die durch das freie Schwingen des Zwerchfells, unseres Hauptatemmuskels, entsteht.
Brigitte Ruff,
Präsidentin Verein Buteyko-Schweiz, Zürich
PSYCHOLOGIE HEUTE
09/2019
Die Redaktion behält es sich vor, Leserbriefe zu kürzen
Atmen heilt!
Ich kann die Dreiteiligkeit des Atemrhyth
mus aus langer Erfahrung sehr empfehlen.
Ich kann mich sogar körperlich damit
heilen. Ich habe diese Übung nach Yogi
Paramahansa Yogananda vor 40 Jahren
gelernt. Ich fühle die Lebensenergie (Prana) in der Atempause fließen und kann
sie im Körper verteilen.
Es ist sicher sehr lobenswert, über die
Bedeutung und Kraft des Atems in einer
Titelgeschichte zu schreiben. Aber dieser
Artikel bildet nicht den gegenwärtigen
Stand der Atemtherapie gleichgewichtig
ab! Die Yoga-Atmung „Pranayama“ stellt
nur einen kleinen Ausschnitt dar. So wird
in dem Artikel auch viel zu sehr der technische und willensbetonte Aspekt des
Atems betont. Atemtechnik ist aber immer
schon ein Eingriff in ein primär vegetatives Geschehen, ohne dass dieses überhaupt erst einmal erfahren wird. Die verbreiteten Atemschulen in der Tradition
von Veening, Middendorf, Kemmann und
Richter werden kaum erwähnt. Die von
Thomas Loew vorgestellte Studie wurde
von Atemtherapeuten/innen dieser Schulen getragen, ohne dass darauf hingewie-
sen wird. Auch dass es einen Berufsverband für Atempädagogik und Atemtherapie (BVA) gibt, wird nicht erwähnt.
Christian Großheim, per E-Mail
Geschichtsklitterung?
(Martin Hecht fragte, welche Folgen es hat,
wenn immer mehr Menschen „herkunftsneutral“ leben. „Versunken in Geschichtslosigkeit“.
Heft 5/2019)
Ergänzt werden muss der zweite genozidale Totalitarismus, der Kommunismus,
bündig vom Putschisten Lenin 1918 formuliert: „Dekret über den Roten Terror
und über die Errichtung von Konzentrationslagern.“ Entsprechend Churchill:
„Kommunismus, Faschismus – Pest und
Cholera.“ Eine halbe Amnesie ist keine
historische Aufarbeitung, sondern Geschichtsklitterung. Hilfreich sind Autoren
wie Courtois, Solschenizyn, Popper,
Arendt, Hayek, Mises, Furet, Revel,
Glucksmann, Baberowski, Löw, Hornung,
Heinsohn, Koenen, Knabe. Beim HitlerStalin-Pakt wuchs zusammen, was zusammengehört. Wie Brecht formvollendet
fabulierte: „Der Schoß ist fruchtbar noch,
aus dem das kroch.“ Carsten Velke, Oberhausen
Loben ist unsinnig
(Frank Luerweg widmete sich der Frage, warum wir immer im Bewertungsmodus sind und
wie wir mit Lob umgehen. „Die Urteile der anderen“. Heft 5/2019)
Loben ist meines Erachtens unsinnig!
Meine Eltern haben meines Wissens nicht
gelobt – aber an uns geglaubt. Ich habe
meine fünf Kinder auch gar nicht loben
wollen, fand das doof, sozusagen eine Einmischung in ihr Wesen und ihre Entwicklung. Natürlich habe ich Anteil genommen. Beim Malen „Oh, wie schön, bunte
Blumen“ gesagt oder bei fehlender Tür an
einem gemalten Haus „Wo geht man da
rein?“ gefragt. Oder bei ausnahmsweise
aufgeräumter Küche: „Ha, wie gern man
doch so anfängt zu kochen!“ Meine Tochter fragte mal bei Pubertätsbeginn: „Warum bist du eigentlich immer so überzeugt
von uns?“ Das konnte ich nicht beantworten. Anscheinend habe ich einfach an
sie und ihre Entwicklung geglaubt. Letztlich sind alle Persönlichkeiten geworden.
Dr. Vera Antons, Stuttgart
IMPRESSUM
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REDAKTION Susanne Ackermann, Katrin Brenner, Anke Bruder,
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KORRESPONDENTIN IN DEN USA
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Sepia. S. 12: picture alliance/dpa. S. 13: © Kösel Verlag. S. 27:
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09/2019
Dr. med. Mabuse
Nr. 240 (Juli/August 2019)
Schwerpunkt:
Demenz
• Unterstützte Selbsthilfe für Menschen mit
kognitiven Einschränkungen
• Alzheimer-Forschung – eine aktuelle Bestandsaufnahme
• WGs für Demenzbetroffene mit Migrationshintergrund
• Expertenstandard
• Technikgestützte Gestaltung von Biografiearbeit
außerdem:
• Mehr Wissen für den großen Sprung nach vorn? –
Künstliche Intelligenz und Big Data im Gesundheitswesen
• Kein ruhiger Schlaf – Schlafmittel mit gefährlichen Nebenwirkungen
Dr. med. Mabuse ist die unabhängige und kritische
Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe.
Als Geschenk gibt es ein Buch oder einen Büchergutschein über 10 Euro.
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IM NÄCHSTEN HEFT
DIE OKTOBERAUSGABE ERSCHEINT AM 11. SEPTEMBER 2019
TITELTHEMA
VON DER HILFLOSIGKEIT
ZUM GLÜCK
Im Laufe seiner Karriere hat die Forschung von Martin Seligman eine bemerkenswerte Wendung genommen. Als junger Psychologe untersuchte er, wie Menschen und Tiere in depressives Verhalten verfallen,
wenn man ihnen jeden Ausweg verbaut. Sein Konzept
der „erlernten Hilflosigkeit“ machte ihn berühmt.
Später beschloss er, die Fragestellung umzudrehen:
Was macht uns glücklicher? – Was treibt den vielzitierten, aber auch oft kritisierten Wissenschaftler an?
Ein Porträt.
EIN ROLLENBILD IM WANDEL
PASSIV-AGGRESSIVE
MENSCHEN
Kaum ein Stereotyp besteht so hartnäckig wie das
der gutmütigen, grauhaarigen Großeltern. Dabei verändert sich das reale Rollenbild stark. Durch den
demografischen Wandel erleben Großeltern einerseits länger gemeinsame Zeiten mit ihren Enkeln.
Zugleich haben sich aber auch ihre Prioritäten hin
zu anderen Beschäftigungen verschoben. Zwischen
lesbischen Großmüttern und Patchworkfamilien,
Verjüngungskuren und Konflikten mit den eigenen
Kindern: über die Aufgaben und Chancen moderner
Großelternschaft.
DIE KUNST, SIE ZU ERKENNEN
UND MIT IHNEN UMZUGEHEN
SCHNELLER, ALS
DIE ZEIT ERLAUBT
„Ach, hatten wir das wirklich besprochen?“ – „Jetzt hast du die
Ausfahrt wohl schon wieder verpasst …, Liebling.“ – „Du weißt ja
immer alles besser …, nur Spaß!“ Das sind Sätze von Menschen,
die sich passiv-aggressiv verhalten: der Kollege, der sich dumm stellt,
die Ehefrau, die ein Kosewort verwendet, um sich einem Gespräch
über den Ärger zu verweigern, der Freund, der einen verletzenden
Kommentar als Humor hinstellt. Passiv-aggressives Auftreten wirkt
weniger massiv als ein direkter Angriff, kann einem aber das Leben
sehr schwer machen. Was kennzeichnet passiv-aggressive Taktiken?
Wer wendet sie an? Und wie gehen wir mit diesen Menschen um?
Das alles erzählen wir in unserer Psychologie Heute-Titelgeschichte
in der Oktoberausgabe.
Wir leben mit einem linearen Verständnis der Zeit:
der Überzeugung, dass die Zeit wie ein Pfeil nach
vorne schießt, immer in eine Richtung, immer stärker beschleunigt. Gleichzeitig werden wir gesteuert
von den zyklischen körperlichen und seelischen Abläufen und Rhythmen, die die Natur uns vorgibt.
Daraus entstehen Konflikte, die in Burnout oder Depression münden können. Ein Gespräch mit dem
Philosophen und Psychotherapeuten Thomas Fuchs.
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AUSSERDEM:
• Polyamorie: Das Liebes- und Lebensmodell der
Zukunft?
• Arbeit und Psyche: Wenn der Job krank macht
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