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Год: 2019

Текст
                    SEPTEMBER 2019

VORBILDER

Lehrer, die uns
fürs Leben prägen
BLICKKONTAKT

So lesen wir
in Gesichtern

DUNKLE ZEIT

46. JAHRGANG

HEFT 9

€ 7,50

SFR 10,90

D6940E

Als Fontane
depressiv wurde

KONZENTRATION
FINDEN

Alle wollen unsere Aufmerksamkeit. Wie es uns gelingt,
wieder ganz bei der Sache zu sein


www.klett-cotta.de/schattauer Die Darm-Hirn-Connection Revolutionäres Wissen für unsere psychische und körperliche Gesundheit Rolf Dieter Hirsch Gebrauchsanweisung für das Leben in der Postmoderne Das Humor-Buch Valentin Z. Markser Karl-Jürgen Bär Mit Geleitworten von Klaus Grawe und Ulrich Schnyder 4. überarb. und erw. Aufl. 2019. 339 Seiten, gebunden € 55,– (D) | ISBN 978­3­608­43258­9 NEU | 4. AUFLAGE Seelische Gesundheit im Leistungssport Grundlagen und Praxis der Sportpsychiatrie NEU Elisabeth Schramm (Hrsg.) Valentin Z. Markser, Karl­Jürgen Bär Interpersonelle Psychotherapie Seelische Gesundheit im Leistungssport Mit dem Original-Therapiemanual von Klerman, Weissman, Rounsaville und Chevron Die „Interpersonelle Psychotherapie“ (IPT), ursprünglich von Klerman und Weissman für die Behandlung von unipolaren Depressionen entwickelt, wird heute in modifizierter Form auch bei anderen affektiven Störungen sowie Essstörungen und Posttraumatischen Belas­ tungsstörungen erfolgreich eingesetzt. Den Sinn für Humor zu fördern bereichert das ganze Leben – sogar so sehr, dass er eigentlich nicht ernst genug genommen wer­ den kann. Durch ihn werden wir vielseitiger, freundlicher mit uns und anderen, kreativer und gesünder. Im Alltag und in der medizi­ nischen und psychotherapeutischen Praxis kann das Lachen immer einen Platz finden, aber auch in kritischen Lebenssituationen ist Humor öfters angebracht als gedacht! Grundlagen und Praxis der Sportpsychiatrie Ein Buch aus dem neuen Wissenschaftsgebiet der Sportpsychiatrie, das aufrüttelt: Während bislang vorwiegend körperliche Verletzungen sportmedizinisch beachtet wurden, dringt nun mehr und mehr ins Bewusstsein, dass auch äußerst erfolgreiche Sportler psychische Pro­ bleme haben. Die beiden Autoren informieren aktive Sportler, ihre Angehörigen, Trainer und alle Fachleute, welche seelischen Belastungen und Risiken es gibt. Die Krankheitsbewältigung unterstützen Aktualisiert und erweitert Die Kunst des Perspektivenwechsels in Theorie und Praxis Kathrin Zittlau Kathrin Zittlau Mit Geleitworten von Klaus Grawe und Ulrich Schnyder Seelische Gesundheit im Leistungssport Mit dem Original-Therapiemanual von Klerman, Weissman, Rounsaville und Chevron NEU Andreas Hillert Markser  Bär Interpersonelle Psychotherapie Die Kunst des Perspektivenwechsels in Theorie und Praxis • Originelles Konzept der Gebrauchs­ anweisung: Gibt weder einfache Antworten noch Tipps • Expertise: Bestandsaufnahme der Gegen­ wart aus der Sicht eines Psychiaters und Psychotherapeuten • Abgründig, charmant, herausfordernd, humor voll, spannend – und mindestens so gut wie alle innovativen Therapieverfahren • Spannende neue Erkenntnisse über das Mikrobiom • Glücksfaktor: Was tut Darm und Psyche gut? • Expertise: Praxiserfahrener und wissen­ schaftlich renommierter Autor 4. Auflage Das Humor-Buch Die Krankheitsbewältigung unterstützen Theorie und Praxis des professionellen Umgangs mit chronisch Kranken NEU 2019. 145 Seiten, broschiert € 25,– (D) | ISBN 978­3­608­40022­9 Gregor Hasler Elisabeth Schramm Reihe Wisssen & Leben 2019. Ca. 326 Seiten, Klappenbroschur € 25,– (D) | ISBN 978­3­608­40025­0 NEU 2019. 191 Seiten, gebunden € 39,99 (D) | ISBN 978­3­608­43206­0 NEU Reihe Wisssen & Leben 2019. 301 Seiten, Klappaenbroschur. € 20,– (D) | ISBN 978­3­608­40002­1 Revolutionäres Wissen für unsere psychische und körperliche Gesundheit 2019. 441 Seiten, gebunden € 50,– (D) | ISBN 978­3­608­43261­9 Rolf Dieter Hirsch Gregor Hasler Die Darm-HirnConnection Kathrin Zittlau Die Krankheitsbewältigung unterstützen Theorie und Praxis des professionellen Umgangs mit chronisch Kranken • Hilfreiche Theorie: Grundlagenwissen für einen adäquaten und unterstützenden Umgang mit Ihren chronisch erkrankten PatientInnen • Konkrete Praxis: Die wichtigsten Behand­ lungsansätze anhand zahlreicher Praxis­ beispiele verständlich erklärt
Liebe Leserinnen und Leser T exte geschrieben habe ich schon an den unterschiedlichsten Orten: gegenüber einem Reval-rauchenden Lokalredakteur am gemeinsamen Schreibtisch; in einem geduckten, lauten Raum inmitten telefonierender Tageszeitungskollegen; bei Sandsturm nachts in einem Container … Das ging alles – und doch gibt es natürlich deutlich bessere Bedingungen für fokussiertes Arbeiten. Stephanie Wackernagel ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Sie erforscht, wie sich Büro- und Arbeitsumgebungen auf Menschen auswirken. Wie beeinflussen Räume unsere Konzentration, habe ich sie gefragt, und im Gespräch sehr viel Überraschendes erfahren – zum Beispiel: Nein, das Einzelzimmer ist nicht die ideale Organisationsform. Der Grund: „Unsere Erhebungen zeigen, dass sich der durchschnittliche Büroarbeitende zu etwa 50 Prozent seiner Zeit in Alleinarbeit konzentrieren muss. Die restliche Zeit geht in kommunikative Tätigkeiten. Und wenn Sie jetzt allein in einem Büro sitzen, heißt das, dass Sie 12-, 14-mal am Tag bei Ihrer Arbeit unterbrochen werden, weil jemand in Ihrer Tür steht und mit Ihnen reden möchte. Das ist das Paradox: Weil die Kommunikationsanforderungen heute so hoch sind, kann der Raum nicht mehr das leisten, wofür er eigentlich gedacht ist.“ Noch schlechter seien Zwei- oder Drei-Personen-Büros für vertieftes Arbeiten, erklärt die Wissenschaftlerin, da man dort jedes Gespräch der Kollegen mithört. Das akustische Grundrauschen in einer offenen Bürostruktur ohne viele Wände sei hingegen kein Problem: „Sobald die Sprachverständlichkeit da ist, sind wir abgelenkt. Aber wenn es unbestimmte Nebengeräusche gibt, dann stört uns das nicht.“ Als ideale Organisationsform nennt Wackernagel eine „Multispace-Arbeitsumgebung“, die mit den Mitarbeitern zusammen entwickelt wurde und je nach Bedarf Unterschiedliches bietet: einen offenen Arbeitsbereich, der den vorhandenen Platz effizient nutzt, Einzelkabinen für hochkonzentrierte Tätigkeiten, inspirierende, hohe Räume für kreatives Arbeiten – und natürlich gesonderte Pausenräume. „Das Durchschreiten von Räumen löst Spannung und hilft uns abzuschalten“, so Stephanie Wackernagel. Und Entspannung ist enorm wichtig für die anschließende Konzentration. Tiefes, fokussiertes Tun – nicht nur im Büro – ist eine große Sehnsucht von uns allen. Daher haben wir unsere Titelgeschichte der Frage gewidmet, was wir tun können, um wieder ganz bei der Sache zu sein (Seite 16). Gute Erkenntnisse wünscht Dorothea Siegle, Chefredakteurin Übrigens: Aus dem Bauch heraus wählen wir nicht immer die richtige Arbeitsumgebung für uns. Das und weitere spannende Fakten lesen Sie im vollständigen Interview mit Stephanie Wackernagel unter psychologie-heute.de/ beruf PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  3
IN DIESEM HEFT TITEL 16 Konzentration finden Wie wir uns vor Ablenkung schützen und uns wieder ganz einer Sache widmen Von Anne Kratzer 26 „Etwas, was Sie schon spüren, aber noch nicht sagen können“ Psychotherapeut Johannes Wiltschko über die Konzentration auf sich selbst 12 Im Fokus: „Hörig wird, wer nicht gehört wird“ Der Arzt und Forscher Herbert Renz-Polster gräbt nach den Wurzeln autoritärer Gesinnung 30 Die Lehrer unseres Lebens Über Pädagogen, die uns Vorbilder waren und prägten Von Monika Goetsch 36 Wie wir in Gesichtern lesen Wir sind Meister im Erfassen von Mimik – nicht mal das Starren auf Monitore konnte uns dieser Fähigkeit entwöhnen Von Jörg Zittlau 44 „Spieler sind in einem Trancezustand: der Zone“ Suchtforscherin Natasha Dow Schüll über den hypnotischen Sog von Spielautomaten 58 Die Gefühlsausstrahler Menschen mit „affektiver Präsenz“ haben die Gabe, andere heiter zu stimmen – oder ihnen die Laune zu verderben Von Klaus Wilhelm 4  TITELTHEMA 16 Das Smartphone piept, während der PC zwölf neue E-Mails anzeigt und die Kollegin zu einer raschen Absprache durch die wie immer offene Bürotür tritt. Sich endlich mal konzentriert einer – und nur einer – Sache widmen zu können: Danach sehnen sich heute viele. Wie wir uns gegen äußere und innere Ablenkungen schützen und lernen, unsere Aufmerksamkeit bewusst auszurichten PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
64 Die Freude am Sex – und wie man sie wiederfindet Ein Report über Lust und Unlust, Nähe und Vermeidung, Augenbinden und Eiswürfel Von Jochen Metzger 72 Als Fontane depressiv wurde In späten Jahren schlitterte Theodor Fontane in eine Depression. Sie wurde verkannt und legte sein gesamtes Schaffen lahm Von Klaus Brath 30 „Sie schenkte mir die Anerkennung, die ich brauchte.“ – „Er hat so für sein Fach gebrannt, dass im Unterricht alle begeistert mitmachten.“ Manche Lehrer bleiben uns noch Jahrzehnte nach der Schulzeit in besonderer Erinnerung. Sie haben uns geprägt fürs Leben. Was zeichnet diese Persönlichkeiten aus? RUBRIKEN 28 Therapiestunde Mitgefühl für einen Mörder? Von Uwe Kazenmaier 42 Psychologie nach Zahlen Brandherd unter Kontrolle Von Silke Pfersdorf 70 Studienplatz Von guten und schlechten Gefühlen Von Andreas Schrank 78 Lekys Aussichten Eine kapitale Unrast Von Mariana Leky 3 Editorial 64 Ein Fünftel aller Langzeitpaare hat keinen Sex mehr, und andere empfinden eher Druck als Begierde. Doch Studien zeigen, dass das kein Naturgesetz ist. Das Verlangen lässt sich bewahren. Und auch zurückerobern. Wenn dabei (noch) nicht die Lust die treibende Kraft ist, dann das Bedürfnis, einander nahe zu sein PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  6 Themen & Trends 52 Körper & Seele 57 Cartoon 80 Buch & Kritik 91 Medien 92 Leserbriefe 93 Impressum 94 Noch mehr Psychologie Heute 95 Markt 106 Im nächsten Heft 5
REDAKTION: SUSANNE ACKERMANN Empathie strengt an Wir ignorieren Obdachlose. Stellen uns taub und stumm, wenn Fremde uns um Kleingeld bitten. Soziale Wesen mögen wir sein – aber unser Mitgefühl schenken wir nicht jedem. Im Gegenteil: „Menschen meiden Empathie mit Fremden.“ Das schreiben nordamerikanische Wissenschaftler, basierend auf elf Studien mit rund 1200 Teilnehmern. Aber wieso versuchen wir, Mitgefühl auszublenden? Um das herauszufinden, entwarfen die Forscher zunächst die sogenannte Empathy Selection Task (EST): Die Probanden wählten Karten aus zwei kleinen Stapeln, der eine war mit „beschreiben“, der andere mit „fühlen“ betitelt. Jede Karte zeigte das Foto einer Person. Die Menschen in diesen Bildern hatten explizite Gesichtsausdrücke. Sie schauten beispielsweise besonders traurig. Aufgabe der Probanden war, entweder das Aussehen der Person kurz zu beschreiben oder deren Gefühle. Zum Schluss der bis zu 40 EST-Runden fragten die Forscher nach, wie ihre Freiwilligen sich fühlten und wie sie die Aufgabe empfunden hatten. Anhand der Antworten zeichnete sich eine generelle Tendenz ab: Menschen meiden offen6 bar Empathie, weil sie sie als kognitiv auslaugend und ermüdend empfinden. Das galt nicht nur für negative, schmerzvolle Gefühle: Die Probanden mieden Empathie auch dann, wenn sie sich in schöne Gefühlszustände anderer hineinversetzen sollten. Als Nächstes untersuchten die Psychologen, wann wir die Mühe der Empathie auf uns nehmen. In einem Versuch bekamen die Probanden ein kurzes und frei erfundenes Feedback der Forscher. Etwa: Der Einzelne sei in seinen Beschreibungen der Bilder bislang zu 50 Prozent besser als der Rest der Probanden, in seinen empathischen Einschätzungen sogar bis zu 95 Prozent besser. Daraufhin wählten die Freiwilligen generell jene der zwei Optionen, in der sie glaubten, besser als das Gros zu sein. Empathie scheint eine jener Anstrengungen zu sein, die wir meiden – sofern sie uns keine Belohnung verspricht. ANNA GIELAS C. Daryl Cameron u. a.: Empathy is hard work: People choose to avoid empathy because of its cognitive costs. Journal of Experimental Psychology: General. Advance Online Publication, 2019. DOI: 10.1037/xge0000595 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Eine gute Idee erkennen wir an. Aber die Arbeit, die damit einhergeht, eine Idee umzusetzen, bewerten wir höher – wegen der Anstrengung, die dafür erforderlich ist. Dies allerdings nur, solange ein Projekt auch erfolgreich ist, zeigten Forscher in sieben Studien. Scheiterte ein Projekt, gaben die Teilnehmer dem Ideengeber den Hauptteil der Schuld daran. 43 % Ein um höheres Trennungsrisiko als Gleichaltrige haben junge Männer, die beim Übergang von Ausbildung oder Studium in den Beruf Schwierigkeiten haben. Ausgewertet wurden Daten von mehr als 1500 Männern und Frauen. Für das Trennungsrisiko gleichaltriger Frauen spielte es dagegen keine Rolle, ob sie diesen Übergang problemlos meisterten oder nicht. DOI: 10.1080/13676261.2018.1562164 DOI: 10.1037/xge0000473 Die Freiheit ohne Auto Wer kein Auto mehr besitzt, verändert seine Vorstellungen von Freiheit, Sicherheit und Status. Dies stellten Forscher in 20 Tiefeninterviews mit Menschen fest, die ihr Auto freiwillig und ohne finanziellen Druck abgeschafft hatten. Alle Befragten lebten in größeren Städten in Brasilien. Bei allen war der Entscheidung ein längerer Prozess vorausgegangen. Ohne ihr Auto erlebten die Befragten eine neue Freiheit: Sie mussten nicht mehr über Parkplatzsuche, Reparaturen oder Inspektionen nachdenken und standen nicht mehr im Stau. Einige Befragte, die ehemals ein Auto angeschafft hatten, um ihren Status zu demonstrieren, wandelten dieses Prestige für sich um: Sie sahen sich ohne ihr Fahrzeug als urbane Trendsetter und umweltbewusste Pioniere. Auch das Sicherheitsgefühl änderte sich: Unabhängig davon, ob sie sich im eigenen Wagen sicher gefühlt oder häufig beim Fahren vor Unfällen Angst gehabt hatten, berichteten alle Befragten, sich ohne eigenes Auto weniger verwundbar zu fühlen. Und das selbst dann, wenn sie nach dem Verkauf ihres eigenen Wagens häufig Uber-Taxis, also wieder Pkw nutzten. Einige Befragte stiegen auf Bus und Bahn um und berichteten, sie blickten jetzt anders auf ihre Mitmenschen: „Es hat mich humaner gemacht“, erklärte ein Teilnehmer. SAC Fabio Shimabukuro Sandes u. a.: I do not own a car any more: An analysis of possessions’ disposal and changes in consumers’ identities. International Journal of Consumer Studies, 2019. DOI: 10.1111/ijcs.12524 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  7
Mikropausen: ein Blick aus dem Fenster, eine Atemübung, eine Tasse Kaffee holen. Wir nehmen sie uns, aber nicht, weil wir sie brauchen, um uns kurz zu erholen, fanden Forscher bei einer Tagebuchstudie mit 120 Teilnehmern heraus. Sondern meist nach einer unangenehmen Aufgabe, um uns zu belohnen. Ob sich Leistungssportler fürs Doping entscheiden, hängt am stärksten davon ab, ob sie es moralisch vor sich rechtfertigen können. Dies zeigte eine Befragung von 1500 Fußballern aus drei Ländern, die knapp unter dem Profilevel spielten. Einfluss hatten dabei auch die Trainer: Bestraften sie Fehler oder widmeten sie sich nur den Besten, stieg die Wahrscheinlichkeit des Dopings bei anderen an. DOI: 10.1037/str0000117 DOI: 10.1016/j.psychsport.2019.04.008 Verschleierter Blick Logische Argumente sollten in politischen Debatten zentral sein. Leider schwächelt unser logisches Denken aber gerade dann, wenn es um Politik geht. Dies bestätigten US-Forscher in drei Studien. In einer Erhebung sollten rund 900 Teilnehmer angeben, wie liberal oder konservativ sie waren, und diverse Aussagen zu verschiedenen politischen Themen daraufhin bewerten, ob sie rein logisch korrekt waren, unabhängig von der politischen Haltung in dem Argument. Dafür wurden ihnen Syllogismen vorgelegt. Ein Beispiel: „Alle gefährlichen Drogen sollten illegal sein. Marihuana ist eine gefährliche Droge. Deshalb sollte sie illegal sein.“ Diese Syllogismen gab es in diversen Kombinationen: Entweder ergaben die Schlüsse logisch Sinn oder nicht, entweder waren sie liberal oder konservativ gefärbt. Das Ergebnis: Die politische Haltung verschleierte den Blick auf die Logik. Je konservativer die Teilnehmer, desto seltener hielten sie liberale Aussagen für schlüssig und desto häufiger werteten sie konservative Inhalte eher als stichhaltig, unabhängig davon, ob sie das wirklich waren. Auch bei Liberalen fand sich dieses Muster. Die Voreingenommenheit entdeckten die Forscher zudem bei einer Stichprobe mit mehr als 1100 Probanden und sogar dann, wenn die Studienteilnehmer vorher geübt hatten, wie Syllogismen auf ihre Korrektheit geprüft werden. JANA HAUSCHILD Anup Gampa u. a.: (Ideo)Logical Reasoning: Ideology impairs sound reasoning. Social Psychological and Personality Science, 2019. DOI: 10.1177/1948550619829059 8 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Liebe ich zu stark? Verliebtheit, eine starke emotionale Bindung an den Partner oder sexuelles Begehren, all das scheint pure Naturgewalt zu sein. Aber Liebe lässt sich auch regulieren, also bewusst verstärken oder abschwächen. Das bestätigen psychologische Studien seit längerem, und diese Fähigkeit halten die Autoren einer aktuellen Studie auch für gesund: Wer glaubt, Gefühlszustände in seinem eigenen Sinne beeinflussen zu können, tue damit auch etwas für seine seelische Gesundheit. Eine Befragung von rund 250 Teilnehmern zeigte: Diejenigen, die glaubten, normale Gefühle wie Fröhlichkeit oder Angst regulieren und ändern zu können, waren auch der Meinung, Verliebtheit, sexuelles Begehren oder Bindung selbst verstärken oder abschwächen zu können, und zwar indem sie beispielsweise ihre Verliebtheit zu etwas Besonderem, Einzigartigem erklärten. Und es gab Teilnehmer, die generell dazu neigten, emotional aufwühlende Situationen oder intensive Gefühlszustände kognitiv umzudeuten, wenn ihnen dies notwendig schien. Sie sahen sich auch in der Lage, Liebesgefühle neu zu bewerten. Allerdings zeigten sich auch sehr viele Befragte überzeugt, Verliebtheit nicht herunterdimmen zu können. Darüber hinaus glaubten die meisten Probanden nicht, dass man sich auf Knopfdruck verlieben oder gezielt Bindung und sexuelles Begehren ins Leben rufen kann. Die Psychologen nehmen an, dass es hilfreich ist, an diesen Überzeugungen anzusetzen, um zu vermitteln, dass und wie Liebesgefühle im Alltag besser reguliert werden können. Gelinge es beispielsweise, Jahren e ernativ sen! die Alt zu den nerbör t r a P ream Mainst Seit 12 e b e i L t s i sich nach einer unfreiwilligen Trennung zu „entlieben“ und nach und nach die gesamte Situation neu zu bewerten, sei dies gesünder, als in dem emotional belastenden Zustand direkt nach der Trennung zu verharren. Und wenn Liebe im Lauf einer Partnerschaft zu schwinden scheint, könne die Frage auftauchen, was man dafür tun kann, sie wieder zu erleben – das Spektrum reicht von gemeinsamen Aktivitäten, besserem Umgang mit emotionalem Stress, mehr Zuhören bis hin zur Paartherapie. SAC Sich verlieben, sich entlieben – können wir das bewusst steuern? Kruti Surti, Sandra J. E. Langeslag: Perceived ability to regulate love. Plos One, 2019. DOI: 10.1371/journal.pone.0216523 Liebe ist Einheit in Vielfalt www.gleichklang.de PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  9
Junge Erwachsene in den USA fühlen sich offenbar gestresst, weil sie unter allen Generationen als die narzisstischste und damit egoistischste gelten. Dies ergaben zwei Studien mit 1700 Befragten, mehr als die Hälfte davon Studierende. Dabei stimmten die Jüngeren zu, narzisstisch zu sein, aber sie fanden sich selbst nicht ganz so narzisstisch wie die älteren Erwachsenen. Manche Tiere mögen wir: Schmetterlinge etwa, Kanarienvögel oder Koalabären. Andere finden wir eklig: Küchenschaben, Ratten oder Hyänen zum Beispiel. Aber essen würden wir alle nicht, seien sie auch noch so nett. Dies zeigten Forscher in zwei Studien. Sie vermuten, dass wir bei den attraktiven Tierarten moralische Bedenken haben, sie zu verzehren, weil es bedeuten würde, sie zu töten. Bei den ekligen haben wir da offenbar weniger Bedenken. DOI: 10.1037/emo0000587 DOI: 10.1371/journal.pone.0215637 Mobbing unter Geschwistern Wenn Geschwister sich streiten, schauen viele Eltern weg. So manche Rauferei wird als harmlos und normal betrachtet. Dabei wissen Psychologen, dass Mobbing und Gewalt unter Geschwistern im Erwachsenenalter zu Einsamkeit und gesundheitlichen Problemen führen können. Geschwistermobbing kommt vor allem in Familien mit mehr als zwei Kindern vor. Dies ergab eine Studie, für die Forscher Daten von 6838 Kindern und ihren Müttern auswerteten. Verbale Beleidigungen, körperliche Übergriffe, Missgunst und Lügen unter Geschwistern sind dort häufiger an der Tagesordnung als in Familien mit nur zwei Kindern. Wer mehrere Geschwister hat, männlich ist und zuerst geboren wurde, ist dabei besonders gefährdet, seine Geschwister zu drangsalieren. Mädchen und Jungen mit älteren Brüdern müssen häufiger unter Schikanen leiden. Die Aggression unter den Geschwistern ist laut den Forschern eine Folge des Verteilungskampfes um Ressourcen und ein Ringen um soziale Dominanz. Mit jedem weiteren Kind müssten Geschwister um die Aufmerksamkeit, Gunst und materiellen Güter der Eltern buhlen. Um Konflikte unter Geschwistern zu vermeiden, müssten Eltern lernen, wie sie es Erstgeborenen leichter machen können, ihre Situation zu akzeptieren, und wie die Beziehungen unter den Geschwistern verbessert werden können. ARIANE WETZEL Slava Dantchev, Dieter Wolke: Trouble in the nest: Antecedents of sibling bullying victimization and perpetration. Developmental Psychology, 55/5. DOI: 10.1037/ dev0000700 10 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
WOHLFÜHLWISCHEN? Aufräumen und Putzen werden im Internet öffentlich zelebriert. Warum konnte Hausarbeit so attraktiv werden? IM TUN VERSINKEN ENTSPANNUNG Viele Ratgeber empfehlen, Achtsamkeit im Alltag zu leben, denn leichte wiederholendeTätigkeiten wirken meditativ. Und eigentlich wäre Putzen ohne Handschuhe am schönsten, man käme in direkten Hautkontakt und in ein sinnliches Erleben. Leider schaden viele Putzmittel der Haut. Ein aufgeräumtes Zuhause wirkt auf unser Wohlbefinden. Frauen, die ihre Wohnung als ordentlich beschrieben, zeigten ein gesünderes Kortisollevel und weniger depressive Stimmung als solche, die sie als chaotisch wahrnahmen. FITNESS Die Quellen zu dieser Studiengrafik finden Sie unter psychologie-heute.de/literatur. Illustration: Anton Hallmann/Sepia. Text: Anne Kratzer Als die Forscherin NiCole Keith bei fast 1000 Amerikanern untersuchte, wann sie sich bewegen, stellte sich heraus: vor allem bei der Hausarbeit. KONZENTRATION KONVENTION Die Psychologin Kathleen Vohs glaubt zu wissen, warum viele Menschen Ordnung als angenehm empfinden. Sie lässt uns im Gewohnten, Traditionellen bleiben. Dabei bietet auch eine chaotische Umgebung Vorteile: In Vohs Experimenten hatten die Versuchspersonen dort neuere und kreativere Ideen. Viele Studien zeigen, dass es Menschen leichterfällt, sich auf eine Sache zu konzentrieren, wenn weniger Dinge um sie herumliegen, die sie an unerledigte Aufgaben erinnern und dadurch ablenken können. Den Schreibtisch zu ordnen rentiert sich also. REUE Speziell in der deutschen Tradition des Pietismus habe Schmutz viel mit Scham zu tun, meint die Philosophin Nicole Karafyllis. Schmutz werde mit dem Körper assoziiert, und der gelte im Christentum als sündig, folglich schambehaftet. Mit dem Dreck könnten wir also immer auch ein wenig Scham wegputzen. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 BESÄNFTIGUNG In einer Studie machten Biologen einem Teil ihrer Versuchspersonen Angst und beobachteten, wie diese putzten: mit Handbewegungen, die sie öfter wiederholten als Probanden, die nicht gestresst worden waren. Stereotype Handlungen und Rituale scheinen uns also zu beruhigen. 11
IM FOKUS „Hörig wird, wer nicht gehört wird“ Rechtspopulisten sind unterwürfig gegenüber Anführern und aggressiv gegenüber allen außerhalb ihrer Gruppe. Woher kommt das? Der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster über die Wurzeln autoritärer Gesinnung Wer keine innere Heimat hat, muss sich anders aufwerten. Demonstration in Chemnitz im Jahr 2018 12   PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Herr Renz-Polster, wie kamen Sie als Kinderarzt zen die Gefolgsleute, das sind die Wähler. Sie orientieren sich an den vorgegebenen Normen, geben sich konform oder sogar unterwürfig gegenüber der Führung, aber aggressiv gegenüber anderen, die „nicht dazugehören“. Oben im Bus sitzen die autoritären Anführer. Sie zeichnet das Streben nach Dominanz, Überlegenheit und Kontrolle aus. Was beide eint – oben und unten –, sind Abwertung und Vorurteile gegenüber denen, die nicht zur eigenen Hierarchie gehören. Das betrifft beispielsweise andere Ethnien. darauf, sich mit Rechtspopulismus zu beschäftigen? Ich habe in den letzten 15 Jahren vor allem wissenschaftlich rund um das Thema gearbeitet: Was brauchen Kinder zum gesunden Aufwachsen und wie bilden sie ihre Stärken aus? Was, wenn das nicht gelingt? Wo suchen sie später Halt? Da geht der Blick mitten hinein in gesellschaftliche Rahmenbedingungen und politische Versprechen. Meine Erkennt­nisse konnte ich in den letzten beiden Jahren am Beispiel des Rechtspopulismus weiter ausarbeiten. Sie behaupten, dass die Erziehung eine Rolle spielt. Welche Erziehung macht anfällig für den Was verstehen Sie unter Rechtspopulismus? Rechtspopulismus? Da mischen sich Positionen aus dem rechten politischen Spektrum mit einer populistischen Agenda, die Abwehr von Fremden etwa wird mit einer Kritik an den Eliten verbunden, die angeblich alles vermasseln. Für ihre Anliegen werben rechtspopulistische Leader, indem sie auf die Gefühle der Menschen zielen – vor allem indem sie Ängste schüren. Die Forschung ist sich einig, dass der Kern des Rechtspopulismus der Autoritarismus ist. Und da sind wir bei den Arbeiten der Frankfurter Schule rund um Theodor W. Adorno. Die Frankfurter Schule sieht den Autoritarismus als streng hierarchische Herrschaftsform, die auf Befehl und Gehorsam ausgerichtet ist und sich an eng gefassten Konventionen orientiert. Autoritarismus beschreibt also die Neigung von Menschen, sich in ein geregeltes System von oben und unten einzugliedern und gleichzeitig diejenigen abzuwerten, die nicht in diese Ordnung gehören. Diese Forschungen der Frankfurter Schule fan- Das ist eine Erziehung, die den Kindern – als Bild gesagt – keine Heimat gibt. Ich verstehe den Kern des Rechtspopulismus als Ausdruck einer Suche nach Orientierung und Sicherheit. Damit sind wir bei den Grundthemen, die wir in der Kindheit verhandeln: Habe ich eine Stimme oder werde ich nicht gehört? Liegt die Kontrolle bei mir oder bin ich ausgeliefert? Fühle ich mich hier zu Hause oder fremd? Läuft alles gut, so nimmt das Kind sich als wohlaufgehoben und selbstwirksam wahr. Das gilt auch für den späteren Erwachsenen, der solch ein seelisches Fundament in jungen Jahren mitbekommen hat. Jede Erziehung, die Kindern diese Basis von innerer Sicherheit vorenthält, macht sie anfällig gegenüber den Verheißungen des Rechtspopulismus: ­Make America great again! Deutsche zuerst! Take back con­ trol! Diese Versprechen von Stärke, Bedeutung und Zugehörigkeit zielen auf die Aufwertung des Selbstwertgefühls, aber auf Kosten der Abwertung anderer. den ab den 1930er Jahren statt. Man wollte da- Meinen Sie eine autoritäre Erziehung? mals wissen, wie es zur NS-Diktatur kommen Bei dem Begriff „autoritär“ schwingt ja das Gewalttätige mit. Wir denken dabei oft an eine repressive, strafende Kindererziehung, wie wir sie in Michael Hanekes Film Das weiße Band sehen … konnte. Gelten diese Erkenntnisse heute noch? Natürlich. Und deshalb sollten wir uns fragen, warum der Autoritarismus noch immer – oder wieder – Aufwind hat. Ich bin sicher, dass Menschen, die Rechtspopulisten wie Donald Trump oder Parteien wie die AfD wählen, dies nicht tun, weil sie zu einfach gestrickt sind für kompliziertere Antworten. Besonders sollte uns zu denken geben: Diese neuen Rechten gewinnen ihre Anhänger nicht, obwohl sie pöbeln, prahlen und sich selbst überhöhen, obwohl sie gegen andere hetzen und Minderheiten abwerten – sondern genau deswegen. Hetzen und Pöbeln als Wahlprogramm, für wen ist das attraktiv? Führung und Gefolgschaft – diese Zweiteilung der rechtsautoritären Welt ist für viele attraktiv. Die Autoritarismusforschung beschreibt den modernen Rechtspopulismus als Doppeldecker-Bus: Unten sitPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 … und diese Art der Erziehung ist hierzulande inzwischen wohl eher die Ausnahme. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Im März 2019 erschien sein Buch Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können Glücklicherweise! Der Einstieg in das autoritäre ­Lebensmuster ist aber viel breiter. Gefährdet sind auch Kinder, denen es „nur“ an Anerkennung mangelt, die in ihrer Kindheit keine eigene Stimme einüben konnten. Hörig wird auch, wer nicht gehört wird. Gefährdet sind Kinder, die nicht das Gefühl vermittelt bekommen haben, dass sie so in Ordnung sind, wie sie sind. Auch diese Kinder werden durch die Erziehung innerlich entwertet und verunsichert – und suchen dann später Wert und Sicherheit eher im Äußeren. Das sind alles Facetten einer autoritären Erziehung, ohne dass körperliche Gewalt im Spiel ist. 13
IM FOKUS Die Kinder sollten nicht ihre eigenen Wünsche entwickeln, sondern lernen, sich in das Kollektiv einzufügen meist über acht bis zehn Stunden am Stück dort untergebracht. Die wenigsten von ihnen hatten eine verlässliche Bezugsperson. Eine Hinwendung der Erzieherinnen zu Einzelnen war offiziell verpönt: Die Kinder sollten nicht ihren eigenen Willen entwickeln, sondern lernen, sich in das Kollektiv einzufügen. Eine Eingewöhnung der Kinder seitens der Eltern in die Krippe fand nicht statt. Überhaupt war die Anwesenheit der Mütter dort untersagt, und sogar Kuscheltiere waren den Kindern meist verboten. Das klingt nach sehr einsamen, emotional belasteten Kindheiten. In Ihrem Buch stellen Sie Landkarten der Gewalt vor, die Sie etwa für die USA erstellt haben. Anhand derer zeigen Sie, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Gewaltakzeptanz gegenüber Kindern – Eltern sagen etwa „Schlagen ist okay“ – und politischer Gesinnung. Es zeigte sich: US-Bundesstaaten mit mehr Gewaltnormalität waren meistens die, in denen der Rechtspopulist Donald Trump auch mehr Wählerstimmen bei der Kongresswahl einheimsen konnte. Diese Karten zeigen, dass das politische Klima auch das Familienklima widerspiegelt. Ich verstehe dabei die Gewalt als einen Marker, als Ausdruck einer beschädigten Kindheit im weiteren Sinne. Auch andere Entwicklungserfahrungen – etwa der Mangel an verlässlichen Bindungen und Beziehungsabbrüche – sind Ausdruck einer beschädigten Kindheit. Dass auch diese Erfahrungen ein Klima für Autoritarismus bereitstellen, zeigt der Blick auf eine andere Landkarte: die der ehemals geteilten Nachkriegsstaaten DDR und BRD. In den neuen Bundesländern sehen wir heute ebenfalls eine deutliche Neigung zum Autoritarismus. Dabei gibt es keinen Hinweis, dass in der DDR im Vergleich zur BRD mehr körperliche Gewalt gegen Kinder ausgeübt wurde, im Gegenteil. Ja, das waren Belastungen, auch dann, wenn viele Familien dem ihr Bestes entgegensetzten. Am meisten litten wohl die Kinder in den Wochenbetreuungen. Das war nicht die Regelunterbringung, aber es betraf nicht wenige: 1966 gab es Wochenkrippenplätze für fast 40 000 Kinder. 1980 waren es noch 17 000 Plätze. Viele der Kinder in den Wochen­ betreuungen, aber auch manche in den Tageskrippen zeigten ein auffälliges Verhalten. Man nannte es Adaptationssyndrom: Die Kinder zogen sich depressiv zurück, verweigerten die Nahrung, hatten Schlafstörungen und Entwicklungsverzögerungen. Ich schließe mich deshalb den Forschungsergebnissen der Psychiaterin und Psychoanalytikerin ­Agathe Israel an, mit dem Fazit: In der DDR herrschte ein autoritäres Erziehungssystem. Unter solchen Umständen, die verlässliche Bindungen stark beeinträchtigen, fällt es Kindern schwer, emotionale Sicherheit auszubilden und ein positives Selbstbild zu erlangen. Das gilt auch, wenn körperliche Gewalt nicht im Spiel ist. Sie lernen eher, sich anzupassen. Die Folge ist vor allem: Angst. Dass diese bei gesellschaftlichen Umbrüchen aktiviert wird, ist kein Wunder. Dann sind es doch die äußeren Umstände, die Was war der Unterschied zwischen Kindheiten Menschen dazu bringen, rechtspopulistische Par- in Ost und West? teien zu wählen? Er lag weniger in der familiären Erziehung als vielmehr in der institutionellen Säuglings- und Kleinkindbetreuung in der DDR. Zum Ende der 1980er Jahre waren mehr als 80 Prozent der Ein- bis Dreijährigen in einer Krippe untergebracht. Zum Vergleich: In Westdeutschland wurden vor der Wende nur rund zwei Prozent der Kleinkinder außerhäusig betreut. Nun liegt die Flucht ins Autoritäre für mich nicht an der außerhäusigen Betreuung per se, sondern an der Weise, wie diese Betreuung dort ablief. Die Gruppen waren groß, daher war die Betreuung oft nur mit entsprechendem Druck und in einem hierarchischen Gefüge zu schaffen. Die Kinder waren Es gibt verschiedene Hypothesen, wie Menschen zu einer rechtspopulistischen Gesinnung kommen. Die einen sehen sozioökonomische Gründe, danach sind die Anhänger der Rechtspopulisten die Abgehängten, Menschen, die arbeitslos geworden sind, die den sozialen Abstieg fürchten. Die anderen stellen kulturelle Entfremdungserfahrungen wie einen Wertewandel in den Vordergrund. Danach sind die Rechtspopulisten Menschen, die beklagen, dass alte Werte und Rollenbilder nicht mehr gelten würden. Etwa die klare Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern. Für diese Menschen bedeutet der Wandel eine Kränkung, und darum wählen sie weit rechts. 14   PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Warum keimt der Rechtspopulismus gerade jetzt auf? Ich sehe das als eine Reaktion auf eine unsicher gewordene Welt, auf die Globalisierung mit ihren Folgen, die Digitalisierung, die Umbrüche in der Arbeitswelt, die Verdichtung der Arbeit, die Verlagerung von Macht auf anonyme Märkte. In diesem Prozess haben sich die alten Kontroll- und Sicherungssysteme ein Stück weit aufgelöst: Die nationale Politik hat an Gestaltungsmacht verloren, die Familie ist stärker auf das ökonomische Funktionieren bezogen. Auch die persönliche Absicherung ist im neoliberalen Modell viel stärker zu einer Sache der Eigeninitiative geworden. Damit stehen die alten Fragen laut im Raum: Wer sichert mich? Wo ist mein Platz? Die Fragen werden vor allem jene belasten, die in dem Globalisierungsprozess weniger gute Karten haben, die also weniger flexibel sind oder nicht über die von den globalen Märkten angeforderten Spezialisierungen verfügen. Und sie werden jene zu irrationalen Antworten verführen, die innerlich über wenig Sicherheit und Entwicklungsressourcen verfügen. Sie werden in die autoritäre Reaktion getrieben. Das Versprechen von kleineren, vordergründig sichernden Einheiten und klaren Grenzen ist da verlockend. Was können wir tun? Wie sehen Kindheiten aus, die uns eine innere Heimat geben? Eine gelungene Kindheit wäre eine, die Kindern Anerkennung und feste Bindungen bietet – eben eine innere Heimat. Die es Kindern ermöglicht, einen fürsorglichen Umgang zu erleben und auch miteinander zu lernen. Eine Kindheit, in der Menschen ihre Stimme einüben können, in der sie selbstbewusst werden. Eine Kindheit, in der gilt: Jedes Kind ist wertvoll und jedes hat sein Recht auf Anerkennung. Das wäre auch eine Kindheit, die Kinder nicht in Konkurrenz zueinander schickt und damit einige entwertet. Aber wie sieht der Alltag in unserem Schulsystem aus? Anerkennung und Auszeichnung bekommen dort vor allem jene, das zeigen die PISA-Ergebnisse, die bereits vom Leben bestens ausgestattet sind – mit dem richtigen Elternhaus und den hauptfächertauglichen Talenten. Die anderen erleben eher Abwertungen, weil unser Bildungssystem auch auslesen soll. Die zentralen Fragen sind doch: Können wir uns das leisten? Haben Familien genügend Ressourcen für die Fürsorge, die für gelungene Kindheiten nötig ist? Können sie unter den gegebenen Umständen ihren Kindern eine Heimat bieten? Und: wie PH können wir es ihnen leichter machen? Wenn Kinder einfach gehen Konfl ikte sind in Familien keine Ausnahme, doch der totale Bruch kommt für die meisten überraschend. Mehrheitlich sind es erwachsene Kinder, die sich von den Eltern oder auch von der gesamten Famlie lösen. Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann zeigt Möglichkeiten zur Annäherung. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 INTERVIEW: SUSIE REINHARDT 288 Seiten| € 22,00 [D] ISBN 978-3-466-34739-1 Auch als E-Book erhältlich Diese Hypothesen zur Entstehung des Rechts­ populismus sind alle richtig. Aber es gibt einen Missing Link, ein fehlendes Glied in der Kette. Denn nur manche reagieren auf einen Wandel mit der Flucht ins Autoritäre. Er allein ist kein hinreichender Grund, um gegen Einwanderer, Juden oder Homosexuelle zu hetzen. Nur wenn wir die Kindheit mit berücksichtigen, schließt sich die Deutungskette. In der Kindheit entsteht die Verletzlichkeit, die erst anfällig macht für dieses rechte Denken. Insofern lässt sich das Innen und das Außen bei diesem Thema nicht trennen. 15 www.koesel.de
TITEL Konzentration finden Ganz vertieft in eine Aufgabe, keine Unterbrechung durch die Kinder, keine Zerstreuung durch den WhatsApp-Chat. Klingt wie ein Traum? Wie wir Ablenkungen widerstehen und uns wieder ganz einer Sache widmen VON ANNE KRATZER 16   PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
 17 ILLUSTR ATIONEN: K ARSTEN PETR AT
TITEL Alle wollen unsere Aufmerksamkeit. Sich zu konzentrieren ist ein Akt der Selbstbestimmung A ls Mark Twain an seinem Roman Die Abenteuer des Tom Sawyer schrieb, saß er in einem Pavillon auf dem Grundstück, so weit vom Haupthaus entfernt, dass die Familie in ein Horn blies, wenn sie auf sich aufmerksam machen musste. Dort, auf der Quarry Farm in New York, verbrachte Mark Twain einige Sommer mit seiner Frau und den Töchtern. „Ich reiße alle Türen und Fenster auf, beschwere meine Unterlagen mit Ziegeln und schreibe mitten im Orkan“, so soll er seine Arbeitsatmosphäre an heißen Tagen beschrieben haben. Dabei entstand ein bedeutsamer Jugendroman. Als Tom Saw­ yer 1876 erschien, bereicherte er Amerika durch die Verwendung von Jugendsprache um einen neuen Stil. Der Fortsetzungsroman Die Abenteuer des Huckle­ berry Finn gilt gar als Schlüsselwerk der US-Literatur. Wie Mark Twain vollziehen viele Schriftsteller und Künstler ungewöhnliche Rituale, um sich zu konzentrieren, häufig solche der Abgrenzung. Ihre Sehnsucht danach, sich ganz einer Sache zu widmen, kennen wir alle. Nicht nur weil wir das brauchen, um unseren Alltag und die Arbeit geregelt zu bekommen. Und auch nicht bloß deshalb, weil es sich gut anfühlt. Bei der Fähigkeit zur Konzentration geht es – besonders heute – um viel mehr. Werbung, Facebook und andere soziale Medien beeinflussen, mit was wir uns beschäftigen. Ihre Algorithmen versuchen, möglichst viel von unserer limitierten Aufmerksamkeit abzugreifen, und lenken sie auf die von ihnen gewünschten Themen. Damit bleibt weniger Raum für die Gedanken, die uns womöglich ernsthaft bewegen, oder die Menschen, die uns wichtig sind. Wenn wir uns im Gegensatz dazu auf die eigenen Bedürfnisse und selbst gewählten Ziele konzentrieren, bedeutet das fast schon eine Form von Widerstand. Ganz sicher ist es Selbstbestimmung. Doch was ist Konzentration? Und wie gelangen wir zu ihr? 18   Tun, was man will – und nur das Im Alltag sei ein Mensch dann konzentriert, wenn er absichtsvoll das – und nur das – tue, was er sich zu tun vorgenommen hat, so heißt es im Dorsch – Lexikon der Psychologie. „Konzentration bedeutet, dass ich mich einer Sache explizit widme und dafür andere Aspekte außer Acht lasse“, sagt Tilo Strobach, Professor für allgemeine Psychologie an der Medical School Hamburg. Während das Konzept der Achtsamkeit vorsehe, dass der Gegenstand der Fokussierung wechseln könne – ein Objekt, ein Gedanke eine Wahrnehmung –, bleibe man bei der Konzentration auf eine Sache fixiert. Der Begriff „Konzentration“ wird in der Psychologie nicht ganz einheitlich verwendet. Einigkeit besteht allerdings darin, dass Konzentration immer die Abschirmung gegen störende Reize beinhaltet. Ich nehme beispielsweise wahr, was jemand sagt, und lasse mich nicht davon abbringen, dass das Smartphone klingelt oder weil ich mich langweile und lieber von Panama träume. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit also ständig kontrollieren. Das tun wir, wenn wir mit dem Auto an einer Kreuzung stehen, auf die Ampel achten und die Kinder, die auf der Rückbank quengeln, kurzzeitig ausblenden. Wenn wir einen Zeitungsartikel lesen und verstehen wollen – statt die Sätze nur zu überfliegen und dabei ans Mittagessen zu denken. Eine Fähigkeit, die man lernen kann Die gute Nachricht für alle, die ihre Gedanken ein wenig öfter sammeln möchten: Wir können diese Fähigkeit schulen. Mit der Konzentration ist es wie mit einem Muskel: Durch viel Übung wird sie größer. Mit klassischen Achtsamkeitsübungen und Meditation können wir die allgemeine Konzentrationsfähigkeit steigern. Wer sie bei einer konkreten Tätigkeit erhöhen will – etwa beim Cello- oder Computerspielen –, sollte am besten genau diese Handlung PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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TITEL Konzentration ist wie ein Muskel: zu einem großen Teil trainierbar üben und schlicht wieder und wieder versuchen, sich dabei zu konzentrieren. Denn dadurch erfährt man, welche Beanspruchung man gut bewältigen kann, erlebt Kontrolle über die Tätigkeit, und deren Ablauf wird flüssiger. Das zeigen etwa Arbeitsplatzstudien von Thomas Rigotti, Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Mainz. Er hatte erwartet, dass sich jüngere Kollegen besser fokussieren als ältere. Denn so wie viele andere geistige Fähigkeiten, die unter das Konzept „fluide Intelligenz“ fallen, ist die Konzentrationsfähigkeit im jungen Erwachsenenalter eigentlich am höchsten. Dennoch stellte sich heraus, dass die älteren Mitarbeiter nicht mehr Probleme hatten, mit komplexen Anforderungen umzugehen. Laut Rigotti liegt das an ihrer Erfahrung und der damit verbundenen Expertise. Zum Teil ist das Vermögen, sich zu fokussieren, aber auch in unserer Persönlichkeit festgelegt. Arbeitspsychologe Rigotti sagt, die Konzentrationsfähigkeit stehe in Zusammenhang mit Intelligenz, Gewissenhaftigkeit und emotionaler Stabilität, also Eigenschaften, die ab dem frühen Erwachsenenalter relativ stabil sind. Ein Beispiel für eine große mentale Fähigkeit sei Steffi Graf, meint Darko Jekauc, Professor für Sportpsychologie am Karlsruher Institut für Technologie. „Ihr Vater sah relativ früh, dass sie womöglich nicht motorisch, aber mental den anderen Kindern überlegen war.“ Tageszeiteneffekte nutzen Weitere Faktoren, die beeinflussen, wie wir uns fokussieren können, sind etwa Erkrankungen wie ADHS, bei der Konzentrationsstörungen eines der Leitsymptome sind, oder Depressionen, die ebenfalls bisweilen die Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Auch die Art der Tätigkeit und damit die erforderliche Intensität der Konzentration oder die Tageszeit haben einen Einfluss. Häufig heißt es, man könne sich rund 20   45 Minuten lang konzentrieren. Thomas Rigotti hingegen spricht von 10 bis 30 Minuten, Erich Kasten, Professor für Neuropsychologie an der Medical School Hamburg, meint, die 90 Minuten einer Vorlesung seien für viele machbar. Doch nicht nur am Stück, sondern auch pro Tag ist die Konzentrationsfähigkeit begrenzt, vier bis fünf Stunden ist eine Größenordnung, die oft genannt wird. Wie die Dauer der Konzentration, so ist auch die Anzahl der Tätigkeiten limitiert, denen man zur selben Zeit nachgehen kann. Mehrere komplexe Aufgaben kann kaum jemand gleichzeitig bewältigen – eine mittlerweile weitverbreitete Erkenntnis, die uns dazu gebracht hat, Multitasking möglichst zu umgehen. Doch was sich häufig nicht vermeiden lässt, sind unerwartete Unterbrechungen von außen: Kinder, die weinen, eingehende E-Mails, der Kollege, der kurz vorbeischaut, um zu fragen, wann man seine Mittagspause plane. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Unterbrechungen – die Widersacher Rund elf Minuten lang arbeite man im Schnitt ungestört an etwas, dann werde man unterbrochen. Diese Zahl der amerikanischen Informationswissenschaftlerin Gloria Mark aus dem Jahr 2006 wird häufig in den Medien zitiert und beruht auf 700 Stunden Beobachtung. Sie lässt sich jedoch nur bedingt verallgemeinern, denn sie basiert auf einer Stichprobe von nur 24 Personen, die recht homogen waren: Alle Testpersonen arbeiteten im selben Unternehmen, sie waren Programmierer, Analysten oder Manager. ­Außerdem beinhaltet der Wert nicht nur Unterbrechungen von außen, sondern ebenso solche, die von der Person selbst ausgingen – etwa Pausen. „Wie oft man unterbrochen wird, ist sehr unterschiedlich. Bei Krankenpflegern passieren sehr häufig Unterbrechungen, bis zu 150-mal in einer Schicht. In Behörden seltener, dann dauern sie jedoch länger“, sagt Thomas Rigotti. Das Perfide an den Störungen ist, dass andere Menschen einen nicht nur aus der Konzentration reißen, sondern meist auch noch etwas von einem wollen, also unsere Aufmerksamkeit abziehen und auf andere Aufgaben lenken, in die man sich erst hineindenken muss. Die Menschen in der Untersuchung von Gloria Mark kamen deshalb erst 25 Minuten nach der Störung wieder zu ihrer ursprünglichen Handlung zurück. Und mussten sich wieder neu in das hineindenken, was sie vorher so unvermittelt verlassen hatten: „Bis wohin hatte ich dieses Formular doch gleich gelesen?“ Manchmal fängt man dann wieder ganz von vorn an. Unterbrechungen machen die Arbeit also ineffizient – und störungsfreie Zeit macht produktiv: In einer Feldstudie des Psychologen Cornelius König von der Universität des Saarlandes zeigten diejenigen Manager, denen man täglich eine störungsfreie Stunde einräumte, größere Leistung. Wie sich Unterbrechungen auf unser Befinden auswirken, haben Thomas Rigotti und seine Kollegin Anja Baethge untersucht. Sie verglichen das Wohlergehen von Krankenpflegern in unterschiedlichen Situationen und an verschiedenen Tagen und fanden heraus, dass es ihnen in Zeiträumen mit Multitasking und vielen Störungen schlechter ging, als wenn sie eines nach dem anderen tun konnten. Selbst abends zu Hause grübelten sie nach unruhigen Arbeitstagen viel und waren reizbar. Rigotti erklärt sich das über die Frustration, nicht fertiggeworden zu sein. Wir haben ein need for closure, ein Bedürfnis, Handlungen abzuschließen – und das wird bei Unterbrechungen immer wieder enttäuscht. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  „Schreib-Aschrams“, also Tage irgendwo auf dem Land mit viel Ruhe und wenig Internet, für die Doktoranden oder Schriftsteller viel Geld zahlen; gemeinsam vereinbarte unterbrechungsfreie Stunden im Büro; Apps wie Freedom, die eigens dafür kreiert wurden, bestimmte Websites oder gleich den kompletten Zugang zum Internet für eine zuvor festgelegte Zeit zu sperren – all diese Maßnahmen zielen auf unseren Wunsch, nicht abgelenkt zu werden. Dabei ist es nicht in jeder Situation möglich und sinnvoll, diesem Bedürfnis zu folgen. Von einem Freund mit Trennungsschmerz, einem Kind mit Zahnweh, einem Kollegen, der allein nicht mehr weiterweiß, sollte man sich durchaus stören lassen. Doch die Unterbrechungen durch soziale Medien kann man meist guten Gewissens reduzieren. Von Smartphones, die beständig blinken oder summen, erwarten wir bereits, dass sie uns ablenken. Da sie uns ständig begleiten, reservieren wir ihnen auch immer Platz in unserem Kopf. Das behaupten Forscher der Universität Texas. In ihrer „Brain-Drain Studie“ sollten Probanden Denkaufgaben lösen. Sie bearbeiteten die Anforderungen umso besser, je weiter das Handy von ihnen entfernt lag. Die erfolgreichsten Teilnehmer waren die, deren Gerät sich in einem anderen Raum befand. „Wir konzentrieren uns, aber wir lenken unsere Aufmerksamkeit im Grunde genommen beständig auf das Falsche“, meint Neuropsychologe Erich Kasten. „Man vergeudet eine nicht unbeträchtliche Menge seiner Aufmerksamkeitskapazität auf Dinge, die zwar angenehm sind, aber nicht wirklich wichtig und nicht wirklich nützlich.“ Die Ressourcen des Gehirns seien begrenzt und würden beim angestrengten Denken verbraucht. „Im Alltag heben die meisten Menschen von diesem Ressourcenkonto ab, zahlen aber nichts ein“, meint er und fügt einen Vergleich an: „Die Leute laden heute regelmäßig die Batterie ihres Smartphones, aber sie laden ihre eigenen Batterien nicht mehr auf. Wir gehen mit unserem Handy besser um als mit unserem Gehirn.“ Wer sich fokussieren will, muss pausieren Wir brauchen Ruhepausen für das Gehirn. Zeiten, in denen es loslassen kann. Das gelingt beispielsweise gut beim Schlafen, beim Meditieren oder anderen Tätigkeiten, die einen entspannen lassen, im Einzelfall beispielsweise beim Angeln, Putzen oder Gärtnern. Kasten empfiehlt, in den Pausen nicht angestrengt darüber zu debattieren, wie lange Merkel noch Kanzlerin sein wird. Stattdessen rät er: „Gehen Sie raus, betrachten Sie Wolkenformationen.“ 21
TITEL Die attention restoration theory von Rachel und Stephen Kaplan gibt ihm recht. Die Psychologen zeigten in den 1980ern, dass Leute, die in den Wald gingen oder auch nur Landschaftsbilder ansahen, danach konzentrierter waren. Das Problem ist jedoch, dass sich die meisten Menschen erst dann eine Auszeit gönnen, wenn sie erschöpft sind, und im Grunde ist es dann zu spät: „Wenn man die Pausen früher macht, kann man die Leistungsfähigkeit länger aufrechterhalten“, sagt Arbeitspsychologe Rigotti und empfiehlt regelmäßige Kurzpausen. Gerade weil es so zehrend ist, sich richtig zu fokussieren, steckt hinter der Kunst der Konzentration die des Entspannens. Nicht zuletzt im Sport gilt laut Darko Jekauc: „Ein guter Sportler kann sich in Pausen gut erholen.“ Emotionen bedingen Konzentration Für Sportler ist Konzentration essenziell, ihr größter Feind sind starke Gefühle. Wenn man zu aufgeregt, zu leichtsinnig, zu ängstlich, zu gut oder zu schlecht gestimmt ist, nagt das direkt an der Fähigkeit, sich zu fokussieren. „Emotionen und Konzentration bilden eine Einheit“, nennt Jekauc das. Athleten müssen sich gut kennen und regulieren können, was sie im jungen Alter oft noch nicht so gut beherrschen und im Laufe der Karriere lernen. In Studien hat Jekauc beobachtet, dass ihnen dabei auch Achtsamkeitsübungen helfen können, denn sie lehren einen, die Gefühle zu registrieren, statt sich von ihnen treiben zu lassen. Eine weitere vielversprechende Methode sind Selbstinstruktionen, die man sich am besten vor einer brenzligen Situation zurechtlegt und in dieser dann vorsagt, beispielsweise: „Bleib dran!“ Am Sport wird vieles deutlich, was Konzentration ausmacht. Etwa wie wichtig es ist, mit dieser Ressource klug zu wirtschaften (siehe Kasten unten): „Als Trainer fragt man sich beispielsweise: Wie sehr soll ich jemanden aufputschen? Man kann sagen, dass wer unter leichtem Stress steht und in Kampfbereitschaft ist, sehr stark auf eine Sache fokussiert ist, aber diese Konzentration lässt dann schnell wieder nach“, sagt Jekauc. Will man sich länger konzentrieren, müsse man dabei entspannt bleiben. Darum gingen es Fußballteams in der zweiten Halbzeit oft zunächst einmal locker an, erst kurz vor Schluss mobilisierten sie alle Energien. Allgemein, sagt Jekauc, sei für Sportler eine neutrale bis leicht positive Stimmung gut. Negative Stimmung sei hinderlich, „dann fängt man an zu grübeln und ist nicht mehr im Moment“. Störende Gefühle auslagern Störende Impulse gibt es auch am Schreibtisch. Eine Unlust etwa, die sich in „Prokrastination“, also im WAS WIRKLICH WICHTIG IST Wir können sie trainieren – und dennoch bleibt Konzentration eine limitierte, kostbare Ressource. Statt sie zu optimieren ist es oft sinnvoller, bewusst zu entscheiden, für was man sie verbraucht. Diese Überlegungen und Tipps helfen dabei Mittel- und langfristig gesehen, für Not-to-do-Liste an. Wenn Sie nichts Fragen Sie sich, was die Gewich- den nächsten Monat wie für die aufgeben wollen, fragen Sie sich: tung der verschiedenen Ziele kommenden zehn Jahre: Was sind Was ist mir noch wichtiger als all und Tätigkeiten konkret für Ihren Ihre Ziele und Wünsche, wer und das? Alltag bedeutet und was Ihnen wie möchten Sie sein? Unterscheiden Sie zwischen helfen würde, diese umzusetzen. Wie viel Zeit und Energie wollen wichtig und dringend. Einen klas- Sie können etwa Freunde oder Sie den verschiedenen Bereichen sische Zeitmanagementtechnik Familienmitglieder bitten, Sie darin des Lebens widmen? Familie und empfiehlt, die anfallenden Aufga- zu unterstützen, oder Regeln fassen Freunden etwa, Gesundheit, Beruf ben und Ziele in eine Vierfelder­tafel wie: Egal wie stressig die Arbeit oder Hobbys und anderen Interes- einzutragen, die folgende Kästchen war, danach nehme ich mir die Zeit sen? enthält: für eine halbe Stunde Bewegung. Fragen Sie sich innerhalb dieser – wichtig und dringend Dimensionen: Was ist mir am – wichtig, aber nicht dringend wichtigsten? Und auf was kann ich – dringend, aber nicht wichtig verzichten? Legen Sie dafür eine – nicht dringend und nicht wichtig 22   AK QUELLE Verena Steiner: Konzentration leicht gemacht. Piper, München 2013, € 9,99 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Aufschieben, äußert: Man wollte gerade die E-Mail ­schreiben, da fällt einem ein, wie gut sich ein wenig Zucker im Kaffee machen würde – und man steht auf. Man kommt zurück, setzt sich hin und sinniert: „Denkt die Kollegin jetzt, ich bin dumm? Bin ich dumm? Was ist der Mensch?“ Wenn Gedanken und Impulse keinen Raum bekommen, werden sie einen nicht loslassen, und manche davon sind ja auch tatsächlich weit wichtiger als jede E-Mail. Doch im Moment stören sie. Egal ob einem die Lust auf Zucker oder das Wesen des Menschen durch den Kopf geht – man kann den Gedanken oft fallenlassen, nachdem man ihn in ein Tagebuch geschrieben hat, auf einen Zettel oder in eine To-do-Liste. „Das führt dazu, dass ablenkende Impulse ihren aufdringlichen Charakter verlieren, aber auch nicht einfach unterdrückt, sondern berücksichtigt werden, ohne den Lern- oder Arbeitsprozess zu sabotieren“, sagt Hans-Werner Rückert, Psychoanalytiker und Therapeut, der als langjähriger Leiter der Studienberatung und psychologischen Beratungsstelle der Freien Universität Berlin viele Studierende bei Arbeitsstörungen beraten hat. „Meistens geht es ja nur darum, den Handlungsimpuls zu kontrollieren, und wenn man dann mal drin ist, ist es gar nicht so schlimm.“ Hat man sich überwunden und fängt an zu arbeiten, verfliegt die Unlust meistens. Im Extremfall des Flows – ein Begriff aus der Motivationspsychologie PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  – geht man völlig in seinem Tun auf und blendet links und rechts alles aus. Die gesamte Aufmerksamkeit ist so sehr auf eine Tätigkeit kanalisiert, dass man sein Zeitempfinden verliert und von Glücks­ gefühlen ergriffen wird. Was man tut, geschieht wie von selbst. Allerdings komme dieser Zustand leider selten im Büro vor, sondern eher bei selbstgewählten Tätigkeiten wie Musik, Malen oder Sport, sagt Tilo Strobach. Die Konzentration sei dann eher ein Beiwerk des Flows, als dass sie selbst zum Flow führe. Wolken beobachten: Wer sich konzentrieren will, muss sich entspannen können Ohne Motivation kein Fokus Laut Rückert sind Motivationsschwierigkeiten eines der größten Hindernisse auf dem Weg zur Konzentration – ob im Großen, wenn die Ziele unklar sind, oder im Kleinen, wenn man überwältigt ist von dem Berg an Aufgaben, der vor einem liegt. Daher findet er es auch nicht per se falsch, was viele in solchen Situationen tun, nämlich ein bisschen Tetris zu spielen. Die zehn Minuten, die man auf dem Display herumtippt, gehen zwar von der Zeit ab, die man sich konzentrieren kann, aber sie schaffen womöglich ein Erfolgserlebnis. Und das wiederum motiviert dazu, dass man sich an die schwierige, eigentlich zu bewältigende Aufgabe herantraut. Ein anderer Ansatz ist, sich erst einmal einen Überblick darüber zu verschaffen, was man in Erfahrung bringen will. Wer zum Beispiel weiß, was er aus der Lektüre eines Textes ziehen will, der kann sich ihm selbstbewusst und 23
TITEL Wer sich auf die Arbeit konzentriert, flüchtet manchmal vor den wichtigen Fragen des Lebens orientiert annähern. Und auch ein spielerisches Herantasten baut Hemmungen ab: „Wenn mich das Kapitel drei interessiert, kann ich das erst einmal durchblättern – oder mir mit sinnlicher Stimme von meinem Freund oder meiner Freundin vorlesen lassen.“ Rü­ckert meint, viele Leute hätten eine starre Herangehensweise an Probleme. „Wenn man stattdessen eine Vielfalt von Handlungsoptionen hat, sind die Dinge nicht so unangenehm.“ Auch der richtige Ort erleichtert die Konzentration. Die meisten Menschen brauchten ein mittleres Erregungsniveau, um sich gut konzentrieren zu können, sagt Andrea Kiesel, Professorin für allgemeine Psychologie an der Universität Freiburg. Dabei bedeutet Erregungsniveau, vereinfacht gesagt, die physiologische Aktivierung. Eine niedrige hat man, wenn man schläft, und eine hohe bei Stress. Sowohl bei zu viel als auch bei zu wenig Anspannung fällt die Leistung ab, besagt das sogenannten Yerkes-DodsonGesetz. Dabei ist für leichte Aufgaben etwas mehr Erregung optimal, denn sie verengt den Aufmerksamkeitsfokus und verhindert Ablenkungen; für schwierige Anforderungen eignet sich hingegen eine etwas niedrigere: Sie weitet den Fokus und lässt einen dadurch mehr Informationen betrachten. Das ist für das Verständnis komplexer Situationen unabdingbar. Wie hoch das Erregungsniveau in einer Situation ist, hängt von inneren Faktoren ab – der Atemfrequenz oder Angst – und ebenso von äußeren, etwa Lärm oder Licht. Daher ist es je nach Person und Situation unterschiedlich, wie viel äußere Ruhe oder im Gegenteil Betriebsamkeit die Konzentration fördert – also bieten sich unterschiedliche Arbeitsorte an. Den passenden findet man am besten durch Ausprobieren. Von David Roy Shackleton Bailey, einem bedeutenden klassischen Philologen, hält sich die Legende, er habe sich, wenn er wirklich nachdenken wollte, in einen Teppich gerollt. Mark Twain brauchte eine Hütte für sich allein, andere bevorzugen eine Bibliothek oder ein Café, viele können sich im ICE gut konzentrieren. „Die Gestaltpsychologen nennen das Feldabhängigkeit“, sagt Rückert. „Verschiedene Orte ha24   ben für verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Aufforderungscharakter.“ Während sich der eine konzentriert über Bücher beugt, sobald er die Bibliothek betritt, analysiert der andere, was die Menschen um ihn herum tun. Doch wirkt die Suche nach den perfekten Umständen nicht ein wenig übertrieben? Ist die Maximierung der Konzentration überhaupt erstrebenswert? Konzentration hat etwas Hartes. Wer sich auf die Arbeit konzentriert, flüchtet manchmal vor den wichtigen Fragen des Lebens. Oft vernachlässigt er andere Interessen, seinen Körper, seine Familie oder seine Freunde. Ärzte, so beschreibt es der Psychologe Daniel Goleman, mindern ihre Gehirnaktivität, die mit Empathie zu tun hat. Das täten sie im Laufe ihres Berufslebens automatisch, um sich besser zu konzentrieren. Für die Dauer einer Operation mag das hilfreich sein, doch als Dauerzustand wäre es schlimm. „Die große Frage ist, wie wir die Balance finden“, meint Tilo Strobach. „Im Extremfall maximaler Fokussierung würde ich nicht hören, wenn jemand um Hilfe ruft.“ Eine Gesellschaft, in der sich jeder nur auf seine Ziele konzentriert und nicht sieht, was um ihn herum geschieht, kann brutal enden. Und auch für die Arbeit, gerade bei komplexen Zusammenhängen, ist ein nicht ganz konzentrierter, sondern offenerer, kreativer Blick bereichernd. Er entsteht häufig bei positiver Stimmung jenseits der Konzentration. Ebenso wie positive beeinträchtigt negative Stimmung die Konzentration – und bereichert das Denken auf eine andere Art. „Wenn wir nicht so glücklich sind, reflektieren wir mehr“, sagt Tilo Strobach. Man tendiert dann zu analytischerem, kritischerem, hinterfragendem Denken. Es ist auch ein Schutz, dass wir nur ein begrenztes Maß an Konzentration aufbringen können. Denn Lebendigsein bedeutet, den Tunnelblick aufzubrechen und nach links und rechts zu sehen, sich warnen und verführen lassen. Es verlangt danach, mit der Umwelt mitzuschwingen, Veränderungen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Wir sollten die Konzentrationsphasen nicht endlos verlängern, sondern sie als Mittel sehen, das wir eben manchmal bewusst einsetzen müssen. Auch Mark Twain zog sich nicht ständig und nur für ein sehr hohes Ziel zurück. Er erschuf Tom Sawyer und Huckleberry Finn, kleine Herumtreiber, denen man heute ADHS diagnostizieren würde. Über Kinder, die fokussiert ihre Hausaufgaben erledigen, gibt es keine Romane. Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website: psychologie-heute.de/literatur PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
FOKUS, JETZT, SOFORT! Konzentrationsschwierigkeiten können verschiedene Ursachen haben. Was jeweils hilft, hängt von der Person und der Situation ab. Am besten, Sie probieren es einfach aus Arbeitszeit begrenzen sie motivieren, da sie mit direkten Zu beschränken, wie lange man sich Erfolgserlebnissen belohnen. mit einer Aufgabe befasst, erhöht bei vielen die Motivation – eine Pausen machen Voraussetzung für Konzentra- Auszeiten, die man nimmt, bevor tion. Da die Zeit auf einmal als man ganz erschöpft ist, verlän- wertvoll wahrgenommen wird, gern die Leistungsfähigkeit. beginnt man, sie effizient zu nut- Meistens werde alle 45 Minuten eine Kurzpause von zwei zen. bis fünf Minuten empfohlen, Große Ziele erinnern sagt etwa der Arbeitspsycho- Sich bewusstzumachen, weshalb loge Thomas Rigotti. Am besten man etwas tut, stärkt die Moti- seien dann Bewegung, frische Luft vation. Sportpsychologe Darko und – was oft vergessen werde – Jekauc sagt, dass er oft einen Wasser trinken. Desktophintergrund wähle, der ihm das aktuelle Ziel zeige. Ablenkung vermeiden Beispielsweise einen Jun- Viele digitale Unterbrechungen gen, der stolz die Arme in die Luft lassen sich vermeiden. Das E-Mail- streckt. Er führe ihm vor Augen, hat. Eine andere Möglichkeit sind Programm könnte man nur einmal dass auch ihn Stolz erfüllen werde, Entspannungsübungen, etwa be- pro Stunde öffnen, das Handy für wenn er sein Projekt beendet habe. wusstes Atmen. gewisse Zeiten ausschalten. Apps Seine Primetime nutzen Äußere Ruhe Cold Turkey können einen unter- Manche haben sie morgens, man- Vielleicht können Sie mit Ihren stützen, indem sie vorübergehend che abends, kaum jemand hat sie Kindern eine unterbrechungsfreie den Internetzugang oder manche nach dem Mittagessen: Zeitspan- Stunde vereinbaren? Oder bespre- Seiten sperren. nen, zu denen man besonders wach chen, dass sie, wenn die Tür zu ist, im Kopf und willensstark ist. Diese nur im Notfall stören sollen? Im Rituale einführen Stunden sind kostbar, man sollte sie Büro können Ohrstöpsel Abhilfe Der Anfang einer anstrengenden nicht mit angenehmen und leichten schaffen oder Kopfhörer, die den Tätigkeit ist oft das Schwierigste. Tätigkeiten verbrauchen, sondern Lärm abmildern. Je nach Tätigkeit Es hilft, sich bewusstzumachen, den großen Herausforderungen brauchen wir unterschiedlich viel dass man nur einen inneren Ruck widmen. oder wenig Ruhe. Es lohnt sich, das braucht, um diese Schwelle zu Arbeiten an verschiedenen Orten überwinden. Vielen Leuten helfen auszuprobieren. dabei Rituale. Etwa eine bestimmte wie SelfControl, Freedom oder Innerlich zur Ruhe kommen Wer innerlich unruhig ist, verliert Uhrzeit oder die Zubereitung einer sich in Gier nach Neuem und kann Fordernde Nahziele setzen Tasse Tee, während der man sich nicht denken. Wenn man Impulse „In den nächsten 15 Minuten fasse auf die Aufgabe einstellt. und Gedanken in ein Tagebuch ich die wichtigsten Aspekte des Ka- schreibt, verlieren sie ihre Dring- pitels zusammen“, solche Vorhaben lichkeit und man kann sich ihnen helfen, überfordernde Aufgaben in zuwenden, wenn man Zeit dafür machbare Teile zu zergliedern, und PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  QUELLE Verena Steiner: Konzentration leicht gemacht. Piper, München 2013, € 9,99 25
TITEL „Etwas, was Sie schon spüren, aber noch nicht sagen können“ Konzentration einmal anders: Statt auf eine Tätigkeit oder die Umwelt konzentriert man sich beim Focusing auf sich selbst. Das soll dazu dienen, neue Ideen zu finden – Intuitionen, die man noch nicht benennen kann, aber schon in sich trägt Herr Wiltschko, was ist Focusing? rapeut Eugene T. Gendlin, in den 1960ern unter- Focusing ist eine psychologische Methode, um zu sich selbst zu finden und neue Lösungsschritte entstehen zu lassen. Es ist ein ideales Werkzeug in all jenen Situationen, in denen man feststeckt und ein kreativer Vorwärtsschritt erforderlich wäre. Solche Situationen sind in der Psychotherapie oder im Coaching besonders relevant, aber sie spielen natürlich auch in Paarbeziehungen oder im Management und in gesellschaftlichen und politischen Prozessen die alles entscheidende Rolle. suchte, warum manchen Patienten in Therapien Die Methode entstand, als ihr Begründer, der aus Wien stammende Philosoph und Psychothe- 26   geholfen werden konnte und anderen nicht … Ja. Gendlin wollte seine bahnbrechenden philosophischen Untersuchungen über die Wechselwirkung zwischen Erleben und Sprache in der Praxis testen, und daher arbeitete er einige Jahre eng mit Carl Rogers am Counseling Center der Universität von Chicago zusammen. Dort ging er unter anderem der Frage nach, ob sich ein Kriterium finden ließe, mit dem man schon zu Beginn einer Psychotherapie das Ausmaß ihres Erfolges vorhersagen könnte. Es stellte sich heraus, dass weder die angewandte therapeuPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
tische Methode noch die vom Klienten angesprochenen Themen taugliche Prädiktoren waren, sondern wie stark sich Klienten auf ihr noch wortloses gegenwärtiges Erleben beziehen und versuchen, es in Worte zu fassen. Gendlin entwickelte daraufhin Trainingsprogramme – eine Frühform von Focusing – für die Klienten, die das nicht von sich aus taten, und siehe da, sie profitierten danach signifikant mehr von ihren Therapien. scheinbar, vielleicht wie ein feines Unbehagen. Was die meisten Menschen allerdings nicht wissen, ist: Es lohnt sich, mit diesem noch vagen Unbehagen ein wenig Zeit zu verbringen, auch wenn das zunächst nicht viel verspricht. Denn es ist die Quelle für Neues, Überraschendes, Nicht-Antizipierbares. Und genau das wird ja für jede Problemlösung gebraucht! Die Aufmerksamkeit vom Problem abzuziehen und in sich hineinzulenken, dorthin, wo etwas noch Ungeformtes, Unklares spürbar ist, kann ungewohnt und auch ein wenig beängstigend sein. Man weiß ja noch nicht, was es ist beziehungsweise was daraus werden könnte. Im Focusing soll man in seinen Körper hineinspüren. Wieso sollten dort Lösungsschritte zu fin­ den sein? Weil sich unser Körper, wohlverstanden als lebendiger, von innen fühlbarer „Leib“, von allem Anfang an in fortdauernder Interaktion mit seiner Umwelt gebildet hat. Er besteht also aus einem riesigen Erfahrungsschatz von Problemlösungsmöglichkeiten. Und er wird – als Wesensmerkmal des Lebendigseins – immer versuchen, den bestmöglichen nächsten Schritt des Weiterlebens zu implizieren. Dieses Körper-Wissen oder Seins-Wissen wird populärerweise häufig Bauchgefühl oder in den Kognitionswissenschaften implicit knowing genannt. Die Frage ist, wie wir zu diesem impliziten Wissen Zugang finden können. Focusing ist der methodische Weg, diesen Zugang zu öffnen. Und wie macht man das? Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen lenken und dort bemerken, was Sie schon spüren, aber noch nicht sagen können. Dieses Gespür nennen wir „Felt Sense“. Es geht über das hinaus, was wir schon bewusst wissen, denken und sagen können – ein präkonzeptuelles Fühlen, eine Ahnung, eine Stimmung. Ein solches „Felt Sense“-haftes Erleben bildet sich zu jedem Thema, jeder Fragestellung, zu jedem Problem. In ihm ist implizit enthalten, was wir als körperliches Wesen schon alles „wissen“, ohne es bewusst zur Verfügung zu haben. Statt über das Problem in strukturgebundener, also immer in gleicher Art und Weise nachzugrübeln, verweilen wir mit dem „Felt Sense“ des Problems, und zwar in einer möglichst wohlwollenden und absichtsfreien Haltung. Dann können sich die impliziten Bedeutungen des „Felt Sense“ explizieren, also in Worten, inneren Bildern oder Handlungsimpulsen entfalten. Kann jeder zum „Felt Sense“ gelangen? Ja. Was so geheimnisvoll klingt, ist gar nichts Besonderes. Jeder kann es bemerken, wenn sie oder er aufmerksam wird auf die noch wortlosen subtilen Empfindungen, die in jeder Situation und angesichts jedes sogenannten Problems immer spürbar sind – oft unPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Ist die Angst, dass Unheilvolles aus einem herauskommen könnte, nicht berechtigt? Johannes Wiltschko ist Psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Akademie für Focusing, Focusing-Therapie und Prozessphilosophie. Er lernte Focusing bei dessen Begründer Eugene T. Gendlin und hat mehrere Bücher dazu verfasst, zuletzt Hilflosigkeit in Stärke verwandeln. Focusing als Basis einer Metapsychotherapie Das hängt ganz davon ab, wie man sich auf einen „Felt Sense“ bezieht. Das ist ein geradezu universales Gesetz, aus der Physik ebenso bekannt wie aus der Psychologie: Was ich erlebe, hängt davon ab, wie ich damit in Beziehung trete. Focusing zeigt uns, wie wir in einer akzeptierenden, achtsamen und absichtslosen Haltung mit dem, was wir erleben, in Beziehung treten können. Das erfordert Praxis und Übung. Man kann das nicht aus Büchern lernen. Deshalb ist es sehr sinnvoll, Focusing in kleinen Weiterbildungsgruppen zu erlernen. Die Methode wird von den Krankenkassen nicht als Psychotherapiemethode anerkannt. Mangelt es an wissenschaftlicher Validierung? Um eine solche Anerkennung durch Krankenkassen oder berufsständische Organisationen haben wir uns bewusst in keinem der deutschsprachigen Länder bemüht. Eine Anerkennung bringt immer externe Auflagen und Kontrolle mit sich. Wir wollen uns den Freiraum erhalten, den auch der Focusing-Prozess benötigt, um sich entfalten zu können. Unsere Ausbildungsinstitute sind dennoch von den Psychotherapeutenkammern akkreditiert. Mit der sogenannten wissenschaftlichen Validierung ist das eine etwas ähnlich gelagerte Sache. Durch die in diesen Verfahren erforderliche Operationalisierung geht die den Prozess ausmachende Subtilität verloren. Wir setzen bei den Phänomen, die wir im Focusing erfahren und reflektieren, auf Evidenzbasierung, nicht in der angloamerikanischen, sondern in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Evidenz“, nämlich – nach Kant – der „anschaulichen Gewissheit“. Und: In jüngster Zeit werden Theorie und Praxis von Focusing in zahlreichen neurowissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt.PH INTERVIEW: ANNE KRATZER 27
THERAPIESTUNDE I ch verbringe mit den Menschen im Gefängnis seit 25 Jahren mehr Zeit als mit den meisten anderen Menschen in meinem Leben. Ich bin Therapeut für die Inhaftierten und erstelle prognostische Stellungnahmen über deren zu erwartendes mögliches Verhalten in der Zukunft. Oft werde ich gefragt, wie man für einen Kindesmörder ein positives Gefühl entwickeln kann. Kann man Mitgefühl mit einem Täter haben? Darf man das? Kann man den Täter verstehen, ohne die Tat zu rechtfertigen oder zu entschuldigen? Herr K. verbüßte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen zweifachen Mordes. Er hatte im Auftrag seines Arbeitgebers dessen von ihm schwangere Geliebte und ihre gemeinsame zweijährige Tochter getötet, indem er die beiden in ihrer Wohnung mit einem Messer erstach. Hierfür sollte er von seinem Arbeitgeber 8000 Mark erhalten. Laut Gerichtsbeschluss betrug die Mindestverbüßdauer 22 Jahre, da bei Herrn K. die besondere Schwere der Schuld fest­ gestellt wurde. Er stammte aus der ehemaligen DDR und war seit seinem zweiten Lebensjahr immer wieder in Kinderhei28   Der Klient hat ein zweijähriges Kind und dessen Mutter getötet. Wie kann der Gefängnis­ psycho­loge – selbst Vater eines Kleinkindes – eine therapeutische Beziehung zu ihm aufbauen? Uwe Kazenmaier ist Stations­ leiter der Sozialtherapeutischen Anstalt in der JVA Tegel in Berlin und betreut dort als Gefängnispsychologe inhaftierte Schwerkriminelle men, Jugendwerkhöfen und Gefängnissen untergebracht. Nach seiner Über­siedlung nach Westberlin 1988 fühlte er sich zunächst verloren, fremd und gänzlich überfordert. Das westliche System verführte ihn dazu, sich viele Dinge anzuschaffen, von denen er lange geträumt hatte – und er verschuldete sich schnell. Eine regelmäßige Arbeit fand er trotz intensiver Bemühungen lange nicht. Dann wurde ihm seine Unerfahrenheit zum Verhängnis: Er geriet an skrupellose Arbeitgeber, die ihn um seine Bezahlung prellten. Immer intensiver wurde die Angst, wegen nicht zu begleichender Schulden in einen Strudel von Verurteilungen und Inhaftierungen zu geraten und sein Leben weiter in – diesmal westdeutschen – Verwahrinstitutionen verbringen zu müssen. Herr K. hatte zum Zeitpunkt des Deliktes einen Arbeitgeber gefunden, der ihm erstmalig ein Gefühl von Freundschaft vermittelte. Allerdings wurde er auch dieses Mal missbraucht. Bald war er gefangen in einem Netz materieller und emotionaler Abhängigkeiten – am Ende stand die Erfüllung eines Auftragsmordes für seinen Chef. Mehr noch als das Geld war für ihn PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 ILLUSTR ATION: MICHEL STREICH MITGEFÜHL FÜR EINEN MÖRDER?
dabei die Loyalität zu seinem Arbeitgeber bedeutsam, für den er zwischenzeitlich bereit war, alles zu tun, um sich dessen Zuneigung zu sichern. Bin ich der richtige Therapeut? Ich lernte Herrn K. in seinem 20. Haftjahr kennen und traf auf einen Menschen, versunken in eine tiefe Gleichgültigkeit und Resignation. Zu Beginn der Arbeit waren seine präzisen, kühlen Beschreibungen der Tötungen seiner Opfer zeitweise nahezu unerträglich für mich, da ich zu diesem Zeitpunkt ein Kind im gleichen Alter hatte und sich die Bilder meines Kindes und des Opfers in mir immer wieder übereinanderlegten, wenn ich die Tatortfotos aus den Ermittlungsakten und den schwer verwundeten Leib eines kleinen Kindes sah. Obwohl ich in meiner beruflichen Tätigkeit schon vieles gehört und gesehen hatte, war ich in diesem Fall unsicher, ob ich zu diesem Zeitpunkt als Vater eines Kleinkindes der Richtige für die therapeutische Arbeit mit einem solchen Täter sein könnte. Es war klar, dass Herr K. auch gar nichts anderes erwartete als Abscheu, Abwertung und Zurückweisung seiner Person, die durch eine monströse Tat zum Monster geworden war. Ich habe schon früher die Erfahrung gemacht, dass es meinem Klienten und mir in diesen Situationen helfen kann, meine Empfindungen gegenüber dem Täter in Hinblick auf seine Tat sehr ehrlich zu offenbaren und ihm dabei zugleich zu vermitteln, dass ich weiter mit ihm als Mensch im Kontakt bleiben möchte. Entscheidend dabei ist, ob der andere dieses Interesse annehmen kann. Tatsächlich konnte sich Schritt für Schritt eine Beziehung entwickeln, bei der die Tat immer weniger als Barriere zwischen uns stehen musste. Seine Erzählungen waren zunächst in der Sachlichkeit, mit der er über die mörderische Gleichgültigkeit seiner Eltern sprach, erschütternd. Er redete ohne auch nur eine Spur von Wut oder Trauer. Die zunächst als Abwehr gegenüber Wünschen nach Wärme, Zuwendung und Halt erlebte Fassade weichte aber langsam auf. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Ich erinnere insbesondere eine Stunde, in der Herr K. davon berichtete, dass er im Alter von vier Jahren immer wieder im Dorf bei Nachbarn nach Essen für sich und seine kleineren Geschwister bettelte, während seine Eltern zu Hause völlig betrunken herumlagen. An einem dieser Tage fand er eines seiner Geschwisterchen, das zu klein war, um sein Gitterbettchen zu verlassen, tot vor. Es war erstickt bei dem Versuch, aus Hunger die Federn seines Kissens zu essen. Scham „vor den Menschen da draußen“ Als er seine Schilderung beendet hatte, schwieg er. Sein Blick schien leer und nach innen gerichtet. Ich blickte auf diesen kleinen müden Mann mit fadem Teint, mit den tiefen Augenringen und dem zerzausten Haar. Seine Kleider waren altmodisch und schienen aus der Zeit vor der Inhaftierung zu stammen. In diesem Moment war ich zutiefst berührt und voller Mitgefühl und Wärme für den kleinen Jungen, der vor mir saß und doch zugleich der Erwachsene war, der Unsägliches getan hatte. Diese Stunde werde ich nie vergessen. Ich habe selten einen Menschen erlebt, der so erfüllt war von wahrhaftigen Schuldgefühlen und Verzweiflung – nicht über sein eigenes Schicksal, sondern über das, was er anderen Menschen angetan hatte. Er hatte seit langem das Gefühl angesichts seiner Tat, nicht das Recht zu haben, über sein Leben Trauer empfinden zu dürfen. Herr K. absolvierte in Haft eine Lehre als Kfz-Mechaniker. Er wurde bald als „unverzichtbarer Mitarbeiter“ beschrieben und erarbeitete sich – wie auch in der Wohngruppe – durch seine Hilfsbereitschaft und seine technischen Kompetenzen einen besonderen Status. Im letzten Haftjahr ergab sich eine Möglichkeit, auf finanziellen Schadensersatz vom Land Berlin zu klagen, da sich herausgestellt hatte, dass einige Inhaftierte ein paar Monate in zu kleinen und deswegen nicht zulässigen Hafträumen untergebracht gewesen waren. Herr K. gehörte zu dieser Gruppe. Als ich ihn fragte, ob er sich dieser Klage anschließen werde, antwortete er mir mit fester Klarheit, dass er sich schämen würde, „vor den Menschen da draußen“ Geld dafür zu verlangen, und dass er zu Recht eingesperrt worden sei für das, was er getan habe. Ich hatte damals kurz überlegt, ob er dies in manipulativer Absicht gesagt hat, ich glaube aber bis heute, dass es Anstand war. Herr K. wurde nach 24 Jahren Haft entlassen, und wir verabschiedeten uns mit Achtung füreinander. Es gab keine Entschuldigung oder Vergebung für Herrn K., aber es gab Momente der Wärme und des Trostes für einen kleinen Jungen. Wir sind Jahre danach noch gelegentlich im Kontakt gewesen. Herr K. hat den Führerschein gemacht, arbeitet in einem kleinen Betrieb, hat eine kleine Wohnung und ein Auto. Manchmal, wenn er U-Bahn fährt und eine Mutter mit einem kleinen Kind einsteigt, muss er aussteigen. Die Schuld, die er trägt, ist dann zu viel.  PH Petra Salfer Heilpraktikerin für Psychotherapie, Praxis in Mühldorf am Inn www.petra-salfer.de Ich bin Mitglied im VFP weil: ... ich die interessanten Newsletter des Verbandes schätze ... ich das Mitgliedermagazin „Freie Psychotherapie” mit Genuss lese ... ich mich in meiner Arbeit gestärkt und unterstützt fühle Informationen über den VFP erhalten Sie hier: Verband Freier Psychotherapeuten, Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologischer Berater e.V. Lister Str. 7, 30163 Hannover Telefon 05 11 / 3 88 64 24 www.vfp.de | info@vfp.de VFP 29
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Die Lehrer unseres Lebens Auch wenn die Schulzeit länger zurückliegt, erinnert sich wohl jeder an ein paar ganz besondere Lehrer. Leider sind das oft solche, die mit ihren Marotten oder ihrem einschläfernden Unterricht ein zweifelhaftes Andenken hinterlassen haben. Doch es gibt auch Lehrer, die Vorbild waren und uns fürs Leben prägten. Was zeichnet solche Persönlichkeiten aus? VON MONIKA GOETSCH ILLUSTR ATIONEN: DANIEL BALZER A ls Markus Becker klein war, fühlte er sich oft allein. „Mir fehlte Nestwärme“, sagt er. Keine Umarmungen, wenig Nähe. Die Mutter kam einfach nicht mit ihm zurecht. Markus hatte zu allem eine Meinung. Immer fragte er nach, wollte Neues wissen und lernen. „Sie hat gespürt, dass ich ein schlaues Bürschchen war. Aber sie fand mich merkwürdig.“ Auch mit anderen Kindern tat sich der Junge schwer. Verstanden fühlte er sich erst, als er in die Grundschule kam. Hier durfte er neugierig sein und einen eigenen Kopf haben. „Das war eine Art Paradies für mich“, erzählt der heute 52-Jährige. Seine Lehrerin war vom alten Schlag, die 40 Kinder der Klasse führte sie mit starker Hand. Und doch hatte sie etwas Mütterliches, Zugewandtes. „Sie erkannte, dass ich es zu Hause nicht leicht hatte. Darum war sie besonders nett zu mir. Und ich habe mich immer bemüht, ihr zu gefallen.“ Markus wischte die Tafel sauberer als sauber. Meldete sich, wann immer er konnte. Eine ganz besondere Bindung empfand er zu ihr. Und sie, vermutet er, zu ihm. „Sie schenkte mir die Anerkennung, die ich brauchte.“ 15 000 Stunden seines Lebens verbringt der durchschnittliche Deutsche in Klassenzimmern. Etwa fünfzig Lehrer versuchen in dieser Zeit, ihm etwas beizubringen. In Erinnerung bleiben nur wenige. Aber PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  manche Lehrer prägen uns für immer. Sie unterrichten nicht nur Fachwissen, sie schenken Zuversicht. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir uns an Neues heranwagen. Uns erlauben, Fehler zu machen. Und unseren Fähigkeiten vertrauen. Ursula Sturm trägt ihre Gymnasiallehrerin noch heute, mit 88 Jahren, im Herzen. Sechs Jahre lang wurde sie von einer Nonne in Deutsch, Latein und Englisch unterrichtet. Kein Kind mochte die strenge, hässliche Frau, deren Augen dicke Brillengläser verbargen. „Aber einmal, als Zehnjährige, bin ich ausgerutscht und habe mir das Knie aufgeschlagen. Die Lehrerin kam zu mir, setzte ihre Brille ab und tröstete mich. Und ich sah, was für gütige Augen sie hatte!“ Das Taschentuch, das sie dem Mädchen ums Knie band, war blütenweiß und aus Seide. Ursula Sturm durfte es behalten. Von da an hatte sie keine Angst mehr vor ihrer Lehrerin. Nur noch Respekt. Das Kind entdeckte, dass diese Frau zwar viel von ihren Schülerinnen verlangte, aber freundlich war und half, wenn man eine Frage hatte. Ihre Lehrerin konnte zwar nicht verhindern, dass Ursula Sturms Vater die Tochter nach der zehnten Klasse von der Schule nahm. Aber sie gab ihr einen Satz mit auf den Weg, den sich die alte Dame in all den Jahrzehnten immer wieder vergegenwärtigt hat: „Sei stark und kämpfe es durch!“ 31
Nicht immer braucht es ein aufgeschlagenes Knie, damit ein Lehrer das Vertrauen und den Respekt seiner Schüler gewinnt. Denn im Grunde spüren Kinder ganz intuitiv, was einen guten Lehrer ausmacht – zumindest haben sie eine konkrete Vorstellung davon. Wie aus Befragungen hervorgeht, wünschen sich Lernende Lehrpersonen, die motiviert, freundlich und einfühlsam sind und die gleichzeitig über Führungskompetenzen, Fähigkeiten im Unterrichtsmanagement und ein hohes Maß an Fachwissen verfügen. Spaß am eigenen Unterricht Vor allem aber können sie dieses Wissen spannend vermitteln. So werden etwa die Lehrer, die mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet wurden, von ihren Schülern für ihren außergewöhnlichen Unterricht gelobt. „Sie denken sich immer etwas Neues aus, bauen Spannung auf, sehen über den Tellerrand und haben selbst Spaß am Unterricht“, erklärt die Initiatorin des Preises, Susanne Porsche. „Solche Lehrer motivieren, fördern und fordern.“ Aber auch die Beziehungsqualität ist wichtig. „Lehrpersonen, die wir auszeichnen, gehen auf die Schüler in besonderer Weise ein.“ Porsche erinnert sich an Lehrer, die genau das getan haben, als sie selbst eine schwere Zeit durchmachte. Als sie 14 Jahre alt war, starb ihr Vater. Vier Monate hatte sie ihn versorgt, statt zur Schule zu gehen. Die Klasse schaffte sie trotzdem – dank der einfühlsamen Unterstützung ihrer Lehrer. Derart engagierte Pädagogen behält man ein Leben lang in guter Erinnerung. Und vielleicht mit immer größerer Rührung und Dankbarkeit, je älter man wird. Da ist die herzliche Grundschullehrerin, die ihren verunsicherten Schützlingen beibringt, dass es gar keine Fehler gibt. „Höchstens Fehlerchen. Und aus denen wird man klug.“ Da ist der experimentierfreudige Musiklehrer, der die Saiten eines Klaviers mit Kugelschreibern und Wäscheklammern abklemmen lässt und erstaunt feststellt, das Instrument klinge jetzt wie ein indonesisches Gamelanorchester in einer Automontagehalle. Da ist die Sportlehrerin, die sich nach dem Schwimmunterricht extra Zeit nimmt, um mit den ängstlicheren Schülern Salto vom Einmeterbrett zu üben. Und siehe da: Auf einmal traut sich jeder! Da ist der Griechischlehrer, der so sehr für sein Fach brennt, dass alle begeistert mitmachen – ganz egal welche Noten sie bekommen. Oder der Mathelehrer, bei dem man auf einmal etwas versteht. Oder der Geschichtslehrer, in dessen Unterricht man begreift, dass historische Ereignisse eine ganz persön32   Sie hatte gütige Augen. Das Taschentuch, das sie mir ums wunde Knie band, war blütenweiß liche Relevanz haben. Und wenn er seine Schüler dann mit dem Satz „Macht euch ein schönes Wochenende!“ verabschiedete: War das nicht auch ein subtiler Hinweis, dass man sein Glück selbst in die Hand nehmen kann? Filme wie Der Club der toten Dichter, Fack ju Göh­ te oder die dänische Serie Rita handeln von solchen besonderen Lehrern, von mitreißenden Menschen und außergewöhnlichen Typen. „Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, gab es Lehrer mit ganz unterschiedlichen Qualitäten, die jeder auf seine Weise gute Lehrer waren“, erzählt der Kinderarzt Remo Largo in seinem Buch Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. „Eine Qualität sollte aber immer vorhanden sein: Ein Lehrer muss Menschen mögen und ein genuines Interesse an Kindern und ihrer Entwicklung haben. Es muss ihm Freude machen, Jugendliche zu unterrichten. Er muss sich für ihr Wesen und ihre Entwicklung interessieren.“ Ein solcher Lehrer „kann seinen Schülern die Augen öffnen, Weichen für die Zukunft stellen, unvergessliche Aha-Effekte auslösen“. Je besser die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sind, desto besser lernen die Schüler. „Entscheidend für jeden Schüler ist das Gefühl: Der Lehrer mag mich, so wie ich bin. Dieses Gefühl darf durch die Leistung und das Verhalten des Schülers nie infrage gestellt werden“, so Largo. „Du hast ein Hirn wie ein Nudelsieb“ Jeder weiß aus eigener Erfahrung: Nicht allen Lehrern gelingt das. Dunkel erinnert man sich an die zähen Unterrichtsstunden, in denen man sich kaputtlangweilte. Lebhafter präsent sind der legendäre Ausraster des Physiklehrers, das Lateinbuch, das als Wurfgeschoss missbraucht wurde, oder die brüllende Sportlehrerin. Um die Jahrtausendwende wurden in einer Studie 3000 Studenten im deutschsprachigen Raum gefragt, ob sie von ihren Lehrern jemals gekränkt worden seien. Fast 80 Prozent der Befragten bejahten. Fünfzig Prozent erklärten, die Kränkung beschäftige sie noch heute. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Zumindest im Jahr 1996, als 10 000 österreichische Schüler der Klassen 7 bis 13 befragt wurden, gehörte öffentliche Demütigung noch zum Repertoire mancher Lehrkräfte: 17 Prozent der Befragten berichteten, dass sie in den vorangegangenen vier Wochen von ihren Lehrern ungerecht behandelt, geärgert oder gekränkt worden seien. Dumm, unfähig, hirnverbrannt oder blöd seien die Schüler, sie könnten nicht logisch denken, seien hohl im Kopf oder unbegabt: So beschimpften die Pädagogen ihre Schützlinge. Andere Lehrer kleideten ihre Aggressionen in eine vermeintlich witzige Bemerkung wie „Du hast ein Hirn wie ein Nudelsieb“, das allgemeine Gelächter kränkte umso mehr. Die Betroffenen berichteten von Niedergeschlagenheit und Angst, von Bauchschmerzen und Rachegefühlen. „Verbale Gewalt durch Lehrer ist in Bremer Klassenräumen offensichtlich Normalität“, bestätigte im Jahr 2003 eine Studie aus der Hansestadt. Ein Drittel der Befragten erklärte, im vorangegangenen Schuljahr von Lehrern „mit Worten fertiggemacht“ worden zu sein. Verbale Gewalt durch Lehrer gegen Schüler sei mindestens so verbreitet wie verbale Gewalt unter Schülern, schlossen die Forscher seinerzeit. Es ist zu befürchten, dass sich daran seither nichts Grundlegendes geändert hat. Das ist durchaus keine Bagatelle. Beschämung tut weh. Und sie verdirbt die Freude am Lernen. „Es gibt Menschen, die behalten die Schule als ein Meer der Demütigung in Erinnerung“, so der Pädagogikprofessor und Psychoanalytiker Kurt Singer in seinem Buch Die Schulkatastrophe. Welchen Schaden solche Demütigungen genau anrichten, ist allerdings nicht hinreichend erforscht. Es fehle an repräsentativen Langzeitstudien über die Folgen schlechter Lehrer-Schüler-Beziehungen, klagt Diana Raufelder, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Greifswald. „Klar ist aber: Sie wirken sich ungünstig auf das Selbstkonzept, die Motivation und die schulischen Leistungen der Kinder aus.“ Vor allem bei jungen Schülern wögen entmutigende Lehrersätze schwer. Jugendliche gehen schon eher auf Opposition. Maximilian Kerner, heute 58 Jahre alt, erinnert sich lebhaft an einen Religionslehrer in der Mittelstufe. „Der Mann hat es fertiggebracht, mich und etliche andere Schüler gegen die Kirche aufzubringen. Durch engstirniges Beharren auf Dogmen, Diskussionsunfähigkeit und Strenge.“ Wer fragte, provozierte. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Kritik war verboten. Immerhin: An diesem Lehrer schulte Kerner seinen Widerspruchsgeist. „Wenn ich heute Menschen begegne, die nur ihre eigene Wahrheit gelten lassen, ist mir dieser Lehrer erinnerlich. Das ist ein Typus, dem man relativ häufig begegnet, bei Linken wie Rechten – gerade heute.“ Fehler sind angstbesetzt Eine zeitgemäße Pädagogik sollte alles daransetzen, Lehrer fit zu machen für einen Unterricht, der Offenheit und Vertrauen fördert, Individualität wertschätzt und den Schülern das Gefühl gibt: Hier sind wir richtig. Die Lehrer unseres Lebens fördern nicht nur unseren Wissensaufbau, sie fördern uns dabei, uns als Persönlichkeit zu entfalten. Eine ehrgeizige Studie des Erziehungswissenschaftlers John Hattie belegt die Bedeutung des Lehrers für den Lernerfolg auf empirischem Weg. Der Neuseeländer erfasste mehr als 1400 Metaanalysen, die sich wiederum auf 85 000 empirische Studien mit geschätzt 300 Millionen Lernenden stützen, und unterzog all diese Daten seinerseits einer zusammenfassenden Analyse. Ein Mammutprojekt. Und ein Meilenstein in der empirischen Forschung. Hattie wollte wissen, worauf es im Unterricht wirklich ankommt. Unter welchen Umständen lernen Schüler am besten? Das Ergebnis: Nicht die viel­ diskutierten Klassengrößen, nicht der altersge­ mischte oder geschlechtergetrennte Unterricht, nicht 33
Gute Lehrer sind selbstbewusste Zweifler, immer im Dialog mit ihrer Klasse • Gute Lehrer kooperieren mit ihren Kollegen. Man teilt Unterrichtsmaterialien, lernt vom anderen, diskutiert Maßstäbe, an denen sich erfolgreicher Unterricht bemisst, und entwickelt sich gemeinsam weiter. Eine Kultur, von der die meisten Lehrerzimmer des Landes weit entfernt sind. Emotionen im Klassenzimmer Hausaufgaben, Noten, Digitalisierung oder finanzielle Ausstattung der Schule sind wesentlich für den Lernerfolg eines Schülers. Entscheidend ist die Haltung jedes einzelnen Lehrers. Die Qualitätskriterien, die Hattie herausarbeitet, erinnern durchaus an das, was sich Schüler von Lehrpersonen wünschen – und was Markus Becker und Ursula Sturm an ihren Vorbildern schätzten. Ein erfolgreicher Lehrer brennt nicht nur für sein Fach. Er kennt sich darüber hinaus aus in Didaktik. Von Schulstunde zu Schulstunde verschafft er sich ein Bild, wo die Schüler innerhalb eines Lernprozesses stehen. Und obwohl er weiß, was er warum tut und welchen Werten er dabei folgt, besitzt er zugleich eine außergewöhnliche Fähigkeit zur Selbstreflexion. Er ist ein selbstbewusster Zweifler, immer im Dialog mit seinen Schülern. „Lehrer zu sein verlangt die ständige Selbsthinterfragung“, so der Augsburger Schulpädagoge und Übersetzer Hatties, Klaus Zierer. Ein Lehramtsstudent mag angesichts solch immenser Erwartungen in die Knie gehen. Aber die Hattie-Studie weist durchaus Wege, ein überdurchschnittlich guter Lehrer zu werden: • Gute Lehrer erlauben ihren Schülern und sich selbst Fehler – um aus ihnen zu lernen. Im Klassenzimmer fördern sie eine Fehlerkultur. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade in der Schule ist es oft noch Usus, Fehler zu vermeiden, zu verdrängen und zu verbergen. „Fehler sind angstbesetzt“, sagt Zierer. Er weiß nicht nur aus der Forschung, wovon er spricht. Er hat selbst ein Grundschulkind. Vier Wochen nach der Einschulung saß seine Tochter weinend über ihren Hausaufgaben. Sie hatte einen Fehler gemacht. Zierer empört das. In Schulklassen, sagt er, solle eine Atmosphäre herrschen, in der es völlig unproblematisch sei, Fehler zu machen. • Gute Lehrer suchen Feedback. Natürlich: Kritik hört keiner gern – auch wenn sie fair und differenziert vorgebracht wird. „Aber sollten wir wirklich das meiden, was schwierig ist, aber hochwirksam?“, fragt Zierer. Wer mithilfe knapper Fragebögen regelmäßig das Feedback der Klasse einholt oder die Kollegen zur Kritik einlädt, ist auf dem besten Weg, sich als Lehrer weiterzuentwickeln. 34   Fehlerkultur, Feedback und Kooperation: All das und vieles mehr lässt sich durchaus lernen. Wenn es denn gelehrt wird. Vereinzelt, so Zierer, geschehe das zwar bereits in der Lehrerausbildung, „systemisch implementiert“ sei es aber nicht. Auch Diana Raufelder beklagt Missstände in der Ausbildung von Lehrern: „Die Lehrerbildung konzentriert sich viel zu sehr auf die Didaktik. Dabei wird der Alltag im Klassenzimmer von Emotionen geprägt. Die Vermittlung sozioemotionaler Kompetenz, nach der die Studierenden verlangen, kommt in der Ausbildung zu kurz.“ Dabei hat gerade diese Kompetenz von Lehrern hohe Bedeutung dafür, ob sich Kinder in der Schule wohlfühlen und erfolgreich lernen. In einer dreijährigen Studie evaluierte die Amerikanerin Sara RimmKaufman Lernerfolge von Schülern der zweiten bis fünften Klassen. Ein Teil der Lehrer hatte an dem sogenannten Responsive Classroom-Programm teilgenommen, ein anderer nicht. Das Programm legt großen Wert auf eine geordnete Lernatmosphäre in den Klassen. Die Schüler sollen sich in einer ruhigen, sicheren, fröhlichen Gemeinschaft geborgen und aufgehoben fühlen. Sie lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren und über das eigene Lernen zu reflektieren. Das Ergebnis: Kinder, deren Lehrer nach den Methoden des Programms arbeiteten, waren signifikant erfolgreicher in Mathematik und Lesen als Schüler von Lehrern, die herkömmliche Unterrichtsformen praktizierten. Verbessern sich die sozioemotionalen Fertigkeiten, wirkt sich das auch auf den schulischen Erfolg aus. Allerdings: Nicht für alle Schüler ist der Lehrer gleich wichtig. Die Motivationsforschung zeigt, dass bei manchen Schülern die Leistung konstant bleibt, unabhängig davon, wer sie wie unterrichtet. Für die interdisziplinäre SELF-Studie (Sozio-Emotionale Lern-Faktoren) der Freien Universität und der Charité Berlin wurden unter der Leitung von D ­ iana Raufelder mehr als 1000 Mädchen und Jungen an Oberschulen und Gymnasien in Brandenburg wiederholt befragt. Eines der Ergebnisse, so Raufelder: „Für die meisten Achtklässler sind Peers wichtiger als Lehrer.“ PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Pubertierende Schüler unterscheiden sich ganz offensichtlich darin, was sie motiviert. Dennoch: Auch ältere Schüler können von einer guten Lehrerbindung profitieren. Für Achtklässler stellt Diana Raufelder fest: „Soziale Unterstützung durch die Lehrkräfte kann den Abfall von Leistungsmotivation in der Jugend verhindern oder zumindest abfangen.“ Lehrer, die ihre Schüler unterstützen, beeinflussen weit über die einzelne Schulstunde hinaus die Leistungsmotivation der Lernenden und wirken positiv auf ihr schulisches Selbstkonzept ein. Und nicht nur das: Ihr Vorbild begleitet uns manchmal ein ganzes Leben. Viele Jahrzehnte lang hat Ursula Sturm das (gewaschene) blütenweiße Taschentuch, das ihr die Lehrerin einst ums Knie band, ordentlich gefaltet im Schrank verwahrt. Benutzt hat sie es nie. Bis ihr Wellensittich starb. Sie nahm das Taschentuch, hüllte ihn darin ein und vergrub ihn im Garten. „Ich wollte etwas Besonderes für ihn.“  PH Die Namen der ehemaligen Schüler, die in diesem Text auftauchen, wurden geändert LITERATUR Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. Piper, München 2013 John Hattie, Klaus Zierer: Kenne deinen Einfluss! „Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. Schneider, Hohengehren 2019 (4. Auflage) John Hattie, Wolfgang Beywl, Klaus Zierer: Lernen sichtbar machen. Schneider, Hohengehren 2017 (3. Auflage) Kurt Singer: Die Schulkatastrophe. Schüler brauchen Lernfreude statt Furcht, Zwang und Auslese. Beltz, Weinheim 2009 Dirk Stötzer: Superlehrer + Superschule = supergeil. Der beste Beruf der Welt. Goldmann, München 2015 STUDIEN Thomas Leithäuser, Frank Meng: Ergebnisse einer Bremer Schülerbefragung zum Thema Gewalterfahrungen und extremistische Deutungsmuster. Untersuchung im Auftrag des Bremer Senats, Juli 2003 Volker Krumm: Machtmissbrauch von Lehrern. Ein Tabu im Diskurs über Gewalt in der Schule. Journal für Schulentwicklung, 3, 1999, 38–52 Volker Krumm: Machtmissbrauch von Lehrern und was man dagegen tun kann. Erste Ergebnisse einer Untersuchung in der Schweiz. Schweizer Schule, 12, 1999, 3–25 Olga Bakadorova, Diana Raufelder: The essential role of the teacherstudent relationship in students’ need satisfaction during adoles­ cence. Journal of Applied Developmental Psychology, 58, 2018, 57–65 CICERO IM ABONNEMENT TESTEN. 3 AUSGABEN NUR 19,50 € IHRE PRÄMIE! Ber g m ann-U hr „1 9 5 5 “ » S chwarz es P U -Lederarmband » Qual i t ät s quarz werk mi t S o ny -B a t t e r i e » Maße: Ø ca. 3 6 mmt Zuz ahl ung 1 ,– € 3 A U S G A B E N C I C E R O , D A S M A G A Z I N F Ü R P O L I T I S C H E K U LT U R , L E S E N U N D P R Ä M I E S I C H E R N U N T E R W W W. C I C E R O . D E / P R O B E A B O | T E L : 0 3 0 - 3 4 6 4 6 5 6 5 6 Bei telefonischer Bestellung bitte immer die Bestell-Nr: 185 7925 angeben. 3 Ausgaben für zzt. nur 19,50 € – ggf. zzgl. 1,– € Zuzahlung ( inkl. MwSt. und Versand ). Es besteht ein 14-tägiges Widerrufsrecht. Zahlungsziel: 14 Tage nach Rechnungserhalt. Anbieter des Abonnements ist die Res Publica Verlags GmbH. Belieferung, PSYCHOLOGIE HEUTE 10/2018  Betreuung und Abrechnung erfolgen durch DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH als leistenden Unternehmer. 35
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Wie wir in Gesichtern lesen Nichts in unserer visuellen Welt ist für uns Menschen so wichtig wie Gesichter. Wir sind Meister im Gesichtererkennen. Nicht einmal das ständige Starren auf Smartphones und andere Monitore konnte uns dieser Fähigkeit entwöhnen. Das verdanken wir zum Beispiel dem Jennifer-Aniston-Neuron VON JÖRG ZITTLAU D ie jungen Frauenaugen schauen gerade in die Kamera. Als würden sie ihren Betrachter durchbohren wollen. Ich würde also „durchdringend“ angeben, wenn man mir diesen Begriff als Attribut für den Augenausdruck auf dem Foto anbieten würde. Macht man aber nicht. Stattdessen kommen als Vorschläge: „schockiert“, „amüsiert“, „entschlossen“ und „gelangweilt“. Was jetzt? Ich kreuze „entschlossen“ an und klicke zum nächsten Foto. Da blinzelt ein Paar älterer Augenschlitze seitwärts an der Kamera vorbei. Schaut es verträumt? Wohl nicht, denn als Begriffsvorschläge werden hier „befreit“, „niedergeschlagen“, „aufgeregt“ und „schüchtern“ genannt. Ernste Zweifel kommen jetzt bei mir auf, ob ich überhaupt irgendeinen Gesichtsausdruck richtig erkennen kann. Bin ich zu unempathisch? Vielleicht sogar ein verkappter Autist? Oder habe ich zu lang in Smartphones und Laptops gestarrt, so dass meine Fähigkeit zum Gesichterlesen versiegt ist? Andreas Sprenger kann mich beruhigen. „Die Augen sind zwar wichtig für uns, um den Ausdruck in einem Gesicht lesen zu können“, erklärt er. „Aber es fällt uns natürlich leichter, wenn wir auch noch andere Gesichtsareale sehen, wie etwa den Mund und die Stirn.“ Wenn es darum geht, im Gesichtsausdruck die Gefühlslage der abgebildeten Person zu erkennen, liege die Trefferquote beim bloßen Blick auf die Augen bei 25 von 36 Bildern. „Man liegt also in seiner Einschätzung immerhin mit 11 von 36, also bei fast jedem dritten Bild daneben“, erklärt der Psychologe. Sprenger hat sich zusammen mit seinen Kolleginnen Juliana Wiechert und Soé Neuwerk von der Universität Lübeck der Frage angenommen, ob alle Menschen weitgehend gleich gut darin sind, von den Augen ihres Gegenübers auf dessen emotionalen Zustand zu schließen. Sie verglichen dabei Paar- und Gruppentänzer mit Menschen, die auf sonstige Weise sportlich aktiv waren, sowie Nichtsportlern. Von den Tänzern erwarteten die Forscher, dass sie besonders gut im Augenlesen seien. Denn sie brauchen nicht nur ein Gespür für die Bewegungen ihres Partners, sie schauen ihm auch ständig in die Augen. Ich seh's in deinen Augen! Die Lübecker Forscher stellten einen Test ins Internet (survey.neuro.uni-luebeck.de), in dem man nicht nur die Empathiefähigkeiten der Probanden abfragte, sondern diese auch darum bat, sich die Fotos von un­ terschiedlichen Augenausdrücken anzuschauen und dazu eine von vier vorgegebenen Interpretationen PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  37
auszuwählen. Auf den Schwarz-Weiß-Bildern waren die Augen von Schauspielern zu sehen, denen man emotionale Zustände vorgegeben hatte, die sie mimisch ausdrücken sollten. Über 700 Probanden absolvierten den Test, davon knapp 130 Tänzer. Die ursprüngliche Hypothese bewahrheitete sich allerdings nicht. Denn im Wesentlichen konnte man keine nennenswerten Unterschiede zwischen den drei Gruppen beobachten. Die Tänzer sind also, auch wenn man es von ihnen erwartete, in ihren empathischen und augenleserischen Fähigkeiten den übrigen Sportlern und auch den Nichtsportlern keineswegs überlegen. Das ist insofern bemerkenswert, als es in der Öffentlichkeit immer wieder alarmierte Stimmen gibt, die davor warnen, dass wir viel zu lange auf Smartphones und andere Monitore starren und viel zu selten in die Gesichter der Menschen, die uns umgeben. Das werde noch dazu führen, dass wir das Gesichterlesen allmählich verlernten, heißt es dann mah- WIE LANGE HÄLT MAN'S AUS? Um in den Augen eines Menschen lesen zu können, müssen wir zwangsläufig Blickkontakt mit ihm aufnehmen. Doch wie lange halten wir das aus? Wie lange dauert es, bis wir den Blick eines Menschen als unangenehmes Glotzen empfinden? Ein Forscherteam des University College in London hat sich dieser Frage angenommen. Die englischen Forscher spielten ihren knapp 500 Probanden die Videos von Schauspielern vor, die ihrem Gegenüber, also dem Betrachter des Films direkt in die Augen schauten. Es zeigte sich: Wie lang ein Blickkontakt als angenehm empfunden wurde, war individuell verschieden. Bei den meisten Probanden dauerte es zwei bis fünf, im Durchschnitt etwas mehr als drei Sekunden. Kein einziger wollte den Schauspielern länger als neun Sekunden in die Augen schauen. War ein Teilnehmer angetan vom Blick seines virtuellen Gegenübers, weiteten sich seine Pupillen; war er es nicht, verengten sie sich. Bleibt festzuhalten, dass Menschen, die sich gut kennen, deutlich länger Augenkontakt halten können. Und umgekehrt gibt es Krankheiten, die das fast unmöglich machen. So meiden Autisten in der Regel den direkten Blickkontakt. Schizophreniepatienten dagegen fällt er nicht schwer. Sie können die Augen und andere Areale im Gesicht ihres Gegenübers sogar besonders lange fixieren, was von diesem wiederum schon bald als unangenehm empfunden wird.  38   JZ nend. Doch diese Befürchtung scheint unbegründet zu sein. Das zeigt sich auch daran, dass die neuen Befunde aus Lübeck in etwa denen einer älteren Studie entsprechen, die schon um die Jahrtausendwende an der University of Cambridge durchgeführt wurde – und zu dieser Zeit gab es noch keine Smartphones. Dass deren permanenter Gebrauch uns zu schlechteren Mind-Readern macht, „ist genauso wenig belegt wie die oft zu hörende Hypothese, wonach unsere Kinder durch Smartphone, Laptop, PC und dergleichen immer dümmer würden“, sagt Sprenger. Blicke stören beim Denken Unsere Fähigkeit, in Gesichtern zu lesen, scheint also eine ziemlich stabile Größe zu sein. „Vermutlich ist sie einfach zu wichtig für uns, als dass wir darin große Schwankungen hinnehmen könnten“, meint Juliana Wiechert. Tatsächlich sind wir im Alltag fortwährend damit beschäftigt, Blickkontakt mit anderen Menschen aufzunehmen. Egal ob dies beim Frühstück mit dem Partner und den Kindern, beim Einkaufen an der Kasse oder auch beim Skypen im Internet (auf dem Monitor!) geschieht. Beim Gespräch schauen wir immer wieder ins Gesicht unseres Gegenübers, um zu überprüfen, wie das Gesagte bei ihm ankommt, und auch um das, was er uns sagt, mit seinem Gesichtsausdruck abzugleichen und zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Wenn wir freilich intensiv über etwas nachdenken, müssen wir vorübergehend den Blickkontakt lösen. Das zeigt, wie viel Kapazität das Face-Reading in unserem Gehirn beansprucht. „Wir sind offenbar damit überfordert, beides zu tun“, erläutert Wiechert. „Wir können nicht angestrengt nachdenken und parallel auch noch versuchen, im Gesicht des anderen Menschen zu lesen.“ Für die Priorität der Empathie von Angesicht zu Angesicht spricht auch die Tatsache, dass wir – zusammen mit Schimpansen, Gorillas und anderen Primaten – überhaupt ein echtes Gesicht haben. Andere Säugetiere – selbst jene, die über ausgeprägte soziale Strukturen verfügen – haben keines. Allenfalls Hunde haben sich im Laufe ihrer Domestizierung den „Dackelblick“ und andere mimische Fertigkeiten zugelegt, damit ihr zweibeiniger Lebenspartner sie besser versteht. Doch zur innerartlichen Kommunikation nutzen sie wie andere Tiere auch vor allem Körpergerüche, Körperhaltungen und Lautäußerungen, ihre Mimik beschränkt sich auf den Ausdruck von Basisemotionen wie Aggression und Angst. Der Mensch hingegen hat ein Gesicht, das sich von Individuum zu Individuum unterscheidet und in dem PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
laut Untersuchungen des US-Psychologen Paul ­Ekman 43 Muskeln mehr als 10 000 Ausdrücke erzeugen können. Diese Zahl wird von keinem anderen Primaten erreicht. Bridget Waller von der University of Portsmouth konnte kürzlich nachweisen, dass Schimpansen beispielsweise keine Frustrationen mimisch ausdrücken können. Das Forscherteam der englischen Evolutionspsychologin zeigte sechsjährigen Menschenkindern und erwachsenen Schimpansen eine Box, die entweder Spielzeug (für die Kinder) oder eine Banane (für die Affen) enthielt. Doch als man ihnen diese Kiste überreichte, war sie verschlossen. Woraufhin die Kinder das Kinn hoben und die Schmolllippe vorschoben – ein klassisches mimisches Motiv der Frustration. Die Schimpansen hingegen wären zwar aufgrund ihrer Gesichtsmuskulatur auch dazu imstande gewesen, doch ihr Ausdruck blieb unberührt, geradezu stoisch. Später zeigten sie zwar ihre AggresPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Die menschliche Mimik ist unschlagbar. Wir beherrschen 10 000 Gesichtsausdrücke sion, doch den Frust zuvor hatte man ihnen nicht angesehen. Was Waller mit „der unterschiedlichen Kooperationsbereitschaft von Mensch und Schimpanse“ erklärt. Demnach trügen wir unsere Schwächen eher nach außen, weil wir mehr auf die Hilfe von anderen hoffen dürften. Dem Schimpansen hingegen sei zwar Kooperationsbereitschaft auch nicht fremd, doch sie sei bei ihm schwächer ausgeprägt als bei uns. 39
Man zeigte ihm Fotos von Gebäuden, Tieren, Schauspielern. Doch nur bei Jennifer Aniston begann es, in seinem Gehirn zu feuern Die zentrale Rolle des Gesichterlesens beim Menschen zeigt sich auch durch das Jennifer-AnistonNeuron. Entdeckt wurde es von Rodrigo Quian Quiroga, Neurobiologe an der University of Leicester. Seine Versuchspersonen waren Epilepsiepatienten, denen man aus medizinischen Gründen mehrere Elektroden im Gehirn eingepflanzt hatte. Dadurch konnten Quiroga und sein Team relativ genau messen, wo gerade Neuronen feuerten. Man legte den Probanden unter anderem diverse Fotos vor, beispielsweise von Bauwerken, Tieren oder eben auch prominenten Schauspielern. Und bei einem der Patienten passierte es dann: Jedes Mal, wenn man ihm ein Bild von Jennifer Aniston vorlegte, begann eine Neuronengruppe in seinem Gehirn zu feuern. Und zwar unabhängig davon, ob die Schauspielerin von der Seite, in der Gruppe oder von weitem gezeigt wurde. Präsentierte man dem Patienten hingegen das Bild einer ähnlich aussehenden Frau, passierte: nichts. Die Neuronen in der Region reagierten also nur auf Jennifer Aniston und sonst nichts. Eine anschließende Befragung des Patienten ergab, dass er noch nicht einmal ein Fan der Schauspielerin war. Er kannte sie, mehr aber auch nicht. In anderen Versuchen entdeckte man bei anderen Probanden noch weitere Neuronen, die durch ganz bestimmte Gesichter zum Feuern gebracht wurden. Wie etwa durch Bill Clinton, die Beatles, Brad Pitt oder auch Halle Berry, die den ihr zugeordneten Neuronenverbund sogar dann aktivierte, wenn sie in kompletter Kostümierung als „Catwoman“ präsentiert wurde. „Das Gehirn mit seinen vielen Milliarden Nervenzellen kann sich offenbar den Luxus erlauben, seine Neuronen auf bestimmte Gesichter zu kodieren“, erläutert Sprenger. Ein Training und seine Grenzen Obwohl die Forschung mittlerweile recht viel darüber weiß, wie das Gehirn Gesichter analysiert, mahnt der Tübinger Neurobiologe Niels Birbaumer zur Bescheidenheit. Er hat in seiner langjährigen Forschungsarbeit selbst die Grenzen des Wissens erfahren müssen. Ausgangspunkt war die Beobachtung 40   von Psychiatern, dass Schizophreniepatienten große Schwierigkeiten haben, emotional negative Äußerungen im Gesichtsausdruck anderer Menschen zu erkennen. Also trainierte Birbaumers Forscherteam mit diesen Patienten, die Durchblutung in ihrer vorderen Insula zu verbessern, weil man in diesem Hirn­ areal das Zentrum der Erkennung von negativen Gesichtern vermutete. Als Methode wählte man das Neurofeedback: Die Patienten beobachteten im Kernspintomografen ein farbiges Thermometer, das nach oben ausschlug, wenn die Durchblutung in ihrer Insula zunahm. Nach etwa zehn Übungsstunden hatten sie gelernt, wie sie diesen Wunschzustand erreichen konnten. Vor und nach dem Training wurde überprüft, wie gut die Patienten positiv und negativ gestimmte Gesichter erkennen konnten. Wie erwartet konnten sie negative nach dem Neurofeedbacktraining deutlich besser erkennen als vorher – doch sie bezahlten dafür mit einer deutlichen Verschlechterung, was das Erkennen positiver Mimik betraf. „Vermutlich hatte der Erregungsanstieg in den emotional negativen Hirnarealen gleichzeitig eine Hemmung anderer Regionen bewirkt“, so Birbaumer. Ein Nullsummenspiel. In Gesichtern zu lesen, so zeigt sich, ist selbst mit solch ausgefeilten Methoden nicht beliebig trainierbar. Der Trost liegt im Umkehrschluss: Es ist uns nicht beliebig abtrainierbar. Auch in Zeiten der Digitalisierung bleibt das menschliche Gesicht für uns ein wichtiges, vielleicht das wichtigste KontaktmePH dium. LITERATUR I. Dziobek u. a.: In search of “master mindreaders”: Are psychics superior in reading the language of the eyes? Brain and Cognition, 58/2, 2005. DOI: 10.1016/j.bandc.2004.12.002 H. Eisenbarth, G. W. Alpers: Happy mouth and sad eyes: Scanning emotional facial expressions. Emotion, 11/4, 2011. DOI: 10.1037/a0022758 S. Ruiz, N. Birbaumer, R. Sitaram: Abnormal neural connectivity in schizophrenia and fMRI-brain-computer interface as a potential therapeutic approach. Frontiers in Psychiatry, 4, 2013 R. Q. Quiroga u. a.: Invariant visual representation by single neurons in the human brain. Nature, 435/23, 2005. DOI: 10.1038/ nature03687 R. Q. Quiroga u. a.: Human single-neuron responses at the thre­ shold of conscious recognition. PNAS, 105/9, 2008 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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PSYCHOLOGIE NACH ZAHLEN BRANDHERD UNTER KONTROLLE 8 WIRKSAME STRATEGIEN GEGEN BURNOUT VON SILKE PFERSDORF Forscher der Universität Saragossa haben drei Arten von Burnout unterschieden, die sich mit jeweils anderen Symptomen bemerkbar machen: Überlastungs­ burnout wird von Grübelspiralen und von heftigen negativen Gefühlen begleitet. Burnout durch Vernachlässigung der eige­ nen Person führt häufig zur Abkopplung von sozialen Kontakten. Bei dem Burnout durch Entwicklungsmangel leiden die Betroffenen unter permanenter Unterforderung. Bei allen drei Typen, so die Wissenschaftler, könne die Akzeptanz- und Commitmenttherapie, bei der Achtsamkeitsübungen und handlungsorientierte Ansätze kombiniert werden, eine wirksame Therapie sein. Jesus Montero-Marin u. a.: Coping with stress and types of burnout: explanatory power of different coping strategies. Plos One, 9/2, 2014, e89090 42   2 SELBSTANALYSE Hinter einem Burnout steckt gewöhnlich auch subjektives Erleben – inklusive irrationaler Annahmen und Vorstellungen über sich selbst. Schon im Jahr 1998 schlugen deshalb die inzwischen emeritierte Psychologieprofessorin Christina Maslach und die Sozialpsychologin Julie Goldberg – damals beide an der University of California – zur Vorbeugung die Selbstanalyse der eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen vor: Innere Glaubenssätze wie „Ich muss perfekt/stark/schnell sein“ oder „Ich werde nur geliebt, wenn ich keine Fehler mache“ solle man aufspüren und damit entlarven – und langfristig durch freundlichere Mantras ersetzen. Der „Saluto­genese“Ansatz von Aaron Antonovsky zielt auch in diese Richtung. Wichtig für unsere Widerstandskraft gegenüber Stress ist laut Antonovsky das Grundgefühl, dass a) die Ereignisse, die das Leben für uns bereithält, verstehbar und vorhersehbar sind, dass man b) die persönlichen Ressourcen hat, sie zu bewältigen, und dass sich c) dies alles lohnt, weil das Leben selbst als sinnvoll erlebt wird. Christina Maslach, Julie Goldberg: Prevention of burnout: New perspectives. Applied and Preventive Psychology, 7, 1998, 63–74 3 MEDITATION Mehrere Studien der letzten Jahre belegen, dass man mit Meditation effektiv Stress bewältigen und damit einem Burnout entgegenwirken kann. Untersuchungen im Magnetresonanztomografen zeigten, dass dabei der durch Stress bewirkte massive Zellabbau in bestimmten Gehirnarealen merklich reduziert wird, während die Zellen im Hippocampus und im rechten Inselcortex, die für die Regulierung der Erregung und für PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 ILLUSTR ATION: TILL HAFENBR AK 1 AKZEPTANZ UND COMMITMENT
die emotionale Bewertung einer Situation zuständig sind, zunehmen. Pilotstudien mit Lehrern und Pflegepersonal dokumentierten, dass ein achtsamkeitsbasiertes Trainingsprogramm (Mindfulness­ Based Stress Reduction) die Burnoutsymptome verringerte. L. Flook u. a.: Mindfulness for teachers: A pilot study to assess effects on stress, burnout, and teaching efficacy. Mind, Brain, and Education, 7/3, 2013, 182–195 4 SCHLAF Schon lange haben Forscher vermutet, dass hinter einem Burnout oft auch die konstante Übermüdung des Gehirns steckt. Schon im Jahr 2002 fanden Forscher an der Harvard Univer­ sity heraus, dass ein Mittagsschläfchen oder „Powernapping“ zwischendurch dem Gehirn bei der Regeneration hilft, weil die Verbindungen der Neuronen dabei gestärkt und sozusagen auf Vordermann gebracht werden. Der beste Zeitpunkt liege zwischen 13 und 14 Uhr – sehr viel später würde der Nachtschlaf gestört. Auf den Mittagskaffee muss man trotzdem nicht verzichten: Die Wirkung des Koffeins setzt erst nach 20 Minuten ein. Bis dahin sollte das Minischläfchen beendet sein, weil man sonst in die Tiefschlafphase gerät. Sara Mednick u. a.: The restorative effects of naps on perceptual deterioration. Nature Neuroscience, 5, 2002, 677–681 5 GEHIRNJOGGING Das Lesen guter Bücher, Knobelaufgaben und Herausforderungen ans Denken können ebenfalls einem Burnout vorbeugen, wie neuere Studien zeigen. Wirtschaftspsychologe Stefan Diestel etwa ermittelte mit seinem Team an der TU Dortmund, dass Angestellte, deren geistige Fähigkeiten weniger ausgeprägt waren, ein 50 Prozent höheres Risiko für Burnout haben als ihre Kollegen mit trainiertem geistigem Potenzial. Stefan Diestel u. a.: Burnout and impaired cognitive functioning: The role of executive control in the performance of cognitive tasks. Work & Stress, 27, 2013, 164–180 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 6 BEWEGUNG Sport, aber auch schon ein gemäßigtes Bewegungsprogramm hilft, den inneren Stresspegel deutlich zu verringern. Sharon Toker von der Universität Tel Aviv und Michal Biron beobachteten, dass diejenigen ihrer 1500 Probanden, die wöchentlich rund 240 Minuten trainierten, kaum Anzeichen eines Burnouts aufwiesen. Sharon Toker, Michal Biron: Job burnout and depression: Unraveling their temporal relationship and considering the role of physical activity. Journal of Applied Psychology, 97/3, 2012, 699–710 7 ZEITMANAGEMENT Mithilfe der sogenannten ALPENMethode von Lothar Seiwert lässt sich der Tag effektiv so planen, dass es nicht zu burnoutfördernden Stresssituationen aus Zeitmangel kommt: A wie Aufgaben – gemeint ist hier eine To-do-Liste. L wie Länge der Aufgaben – einschätzen, wie lange man etwa für die Erledigung braucht. P wie Pufferzeiten – so bleibt Platz für Unvorhergesehenes. E wie Entscheidungen – die Aufgaben müssen nach ihrer Wichtigkeit über den Tag verteilt werden. N wie Nachkontrolle – einmal über die Tagesplanung schauen und sich kritisch fragen, wie realistisch sie ist. Lothar Seiwert: Das 1 x 1 des Zeitmanagement. Zeiteinteilung, Selbstbestimmung, Lebensbalance. Gräfe und Unzer, München 2014 8 FLOW Mit Leib und Seele in einer Tätigkeit aufgehen, darüber vielleicht sogar die Zeit vergessen – manche Menschen erleben das bei ihrer Arbeit, andere nur im Sport oder während sie ihrem Hobby nachgehen. Wer einmal am Tag in so einen Flowzustand gerät, stabilisiert Motivation und Vitalität und vermeidet Erschöpfung. Das zeigte eine Tagebuchstudie mit Berufstätigen. PH WIR machen weiter. Mit dem WIR. Berufsbegleitende Weiterbildung ✓ Management und Kommunikation ✓ Therapie und Beratung Kostenloses Programmheft anfordern! Wladislaw Rivkin u. a.: Which daily experiences can foster well-being at work? A diary study on the interplay between flow experiences, affective commitment, and self-control demands. Journal of Occupational Health Psychology, 23/1, 2018, 99–111 Christian-Belser-Straße 79a I 70597 Stuttgart Telefon: 0711/6781-421 I Fax: 0711/6781-444 info@fortbildung1.de I www.fortbildung1.de 43
„Ich hatte keine Ahnung, was die Maschine für mich tun kann!“ Mann in einer Spielhalle in Hamburg 44   PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
„Spieler sind in einem Trancezustand: der Zone“ Natasha Dow Schüll erforscht seit vielen Jahren, wie Geldspielautomaten unser Verhalten steuern. Hier verrät sie, mit welchen Tricks uns das Design der Maschinen süchtig macht – und warum psychologische Studien oft zu kurz greifen Spielhallen sind ein seltsames Phänomen. Viele haben derlei Etablissements noch nie betreten. Dennoch liegt der Jahresumsatz mit Geldspielautomaten in Deutschland bei sieben Milliarden Euro – und damit siebenmal höher als der Umsatz, den etwa Kinobetreiber mit dem Verkauf von Eintrittskarten erzielen. Für nicht wenige Spieler werden die Automaten gefährlich. Sie machen süchtig. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung urteilt: Die Maschinen sind „risikoreich für das Auftreten von Problemspielverhalten“. Niemand hat die merkwürdige Psychologie hinter den Automaten so gründlich untersucht wie die amerikanische Anthropologin Natasha Dow Schüll. war umweht von dieser Aura des Halbseidenen, Halbkriminellen. Aber auf einmal hat sich die Stadt den ganz normalen Leuten aus der Mittelschicht geöffnet. Damit schlug auch die Stunde der einarmigen Banditen. Die hatten vorher nur 40 Prozent des Umsatzes gemacht. Innerhalb weniger Jahre wurden daraus 80 Prozent. Mit Spielautomaten wird unfassbar viel Geld verdient, auch in Deutschland. Darf ich Sie etwas fragen? Wie wird diese Art des Glücksspiels in Deutschland eigentlich besteuert? Die Betreiber der Spielhallen zahlen eine Vergnügungssteuer. Pro Jahr kommen da etwa eine Milliarde Euro zusammen. Professor Schüll, warum haben Sie ausgerechnet Dasselbe Muster findet man überall. Glücksspiel ist ein einfacher Weg, die öffentlichen Kassen zu füllen, ohne die Steuern zu erhöhen. Der Staat verdient immer mit. Das sollte man nie vergessen. Spielautomaten erforscht? In den 1990er Jahren – ich war noch Studentin – bin ich einmal von New York nach Kalifornien geflogen. Dabei hatte ich eine Zwischenlandung in Las Vegas. Man stieg aus dem Flieger und hörte sofort diese merkwürdigen Geräusche: Überall saßen Menschen vor einarmigen Banditen. Niemand unterhielt sich. Ich hatte so etwas noch nie gesehen – und wusste sofort: Das möchte ich mir näher ansehen. Korrekt, dass Sie bereits Ihre Bachelorarbeit über Las Vegas geschrieben haben? Das stimmt. Es war während der Ära der „Disney­ fizierung“. Davor saßen in Las Vegas Männer in dunklen Anzügen um Poker- oder Blackjacktische. A ­ lles PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Kann Glücksspiel süchtig machen? Natasha Dow Schüll forscht und lehrt an der New York University. Ihr Buch Addiction by Design über die Spielautomaten von Las Vegas gehört heute an vielen Universitäten zur Standard­ lektüre (eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor) Natürlich. Auch wenn sich die offizielle psychiatrische Definition in den großen Diagnostikhandbüchern DSM und ICD über die Jahre immer wieder geändert hat. Früher sah man exzessives Glücksspiel als ein Problem der Impulskontrolle – in der Nachbarschaft von Phänomenen wie Pyromanie oder von Leuten, die sich die Haare ausreißen. Erst in den neuesten Fassungen wird es explizit als Sucht aufgeführt. Sucht ist etwas ausgesprochen Menschliches. Sie funktioniert immer über dieselben Schaltkreise im 45
Gehirn, über Mechanismen, die eigentlich gut für uns sind und die unser Überleben sichern. Die zum Beispiel dafür sorgen, dass Essen, Trinken und Sex sich gut anfühlen. Stimmt es, dass man immun gegen Spielsucht sein kann? Es gibt ganz sicher unterschiedliche Grade von Anfälligkeit. Aber wirklich immun ist niemand. In manchen Köpfen existiert ja diese Vorstellung, dass die Menschheit aus zwei Gruppen bestehe: aus den Anfälligen und denjenigen, denen nichts passieren kann. Aber das stimmt nicht. Alles, was wir haben, sind graduelle Unterschiede. Mir ist an dieser Stelle aber noch etwas anderes wichtig. Nämlich? Dass wir uns in dieser Debatte nicht ausschließlich auf den Menschen konzentrieren. Gut: Einige Leute 46   sind gefährdeter als andere. Aber mit demselben Recht könnte man sagen: Einige Tätigkeiten, einige Spiele – oder einige Automaten – haben ein besonders hohes Potenzial dafür, dass Leute daran hängenbleiben. Das Suchtpotenzial unterscheidet sich enorm. Man muss sich deshalb immer beide Seiten ansehen. Es handelt sich um eine Art von Beziehung. Um sie zu heilen, braucht man keine Einzelbehandlung, sondern eine Art Paartherapie. Und das geschieht zu wenig? Ich finde schon. In den USA konzentriert sich die Forschung fast nur auf die Person des Süchtigen – und viel zu wenig auf die Automaten. Das hat seine Gründe. Viele Studien werden in Amerika vom ­National Center for Responsible Gambling gesponsert. Das Geld dafür stammt ausgerechnet von der Glücksspielindustrie. Finanziert werden deshalb vor- PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
nehmlich Studien über die menschliche Seite der Sucht. Es funktioniert wie bei der Alkoholindustrie. Die wirbt mit dem Slogan: „Die Sucht wohnt nicht in der Flasche. Sie wohnt im Menschen.“ Die Studien sind gefälscht? Nein, nein, im Gegenteil. Die meisten Studien sind exzellente Arbeiten. Ich sehe aber, dass manche Fragen gar nicht erst gestellt werden. Man sagt: Die Sucht steckt in den Menschen. Und schon kümmert man sich ausschließlich um die Gene oder die schlimme Kindheit der Spielsüchtigen. Die andere Seite der Geschichte bleibt im Dunkeln. Manche Menschen sind gefährdeter. Vor allem aber hängt das Suchtpotenzial von den Automaten ab Früher funktionierten die Automaten so: Drei oder vier Walzen drehen sich. Für einen Gewinn müssen alle Walzen dasselbe Symbol zeigen. Ist das noch immer so? zu surfen oder Candy Crush zu spielen. All das sind letztlich nur Affektmodulatoren, also Wege, um sich in eine bessere Stimmung zu bringen. Im Prinzip schon. Aber die Betreiber haben aufgerüstet. Inzwischen gibt es Automaten, die 25 solcher Reihen gleichzeitig anzeigen. Oder sogar 50. Ich denke beim Thema Spielsucht immer an den Mit welchem Effekt? verzockt hat. Angeblich landete sogar sein Ehe- Wenn man früher verloren hat, blieb die Maschine stumm. Wenn man gewonnen hat, gab der Automat ein Siegesgeräusch von sich: „Ding, ding, ding!“ Wenn man heute 50 Reihen gleichzeitig spielt, geschieht Folgendes: Einige Reihen gewinnen immer. Man hat fünf Dollar investiert und drei Dollar zurückgewonnen. Die Maschine macht: „Ding, ding, ding!“ Man hat unterm Strich zwar zwei Dollar verloren, dennoch gibt einem der Automat das Signal einer audiovisuellen Verstärkung. ring beim Pfandleiher. Er konnte einfach nicht Clever! Mein kanadischer Kollege Kevin Harrigan hat in seinen Studien gezeigt, dass unser Gehirn diese Signale ganz genauso verarbeitet, als hätten wir tatsächlich gewonnen. Man fühlt sich, als würde alles super laufen – während man in Wahrheit permanent verliert. Und all das läuft so schnell ab, dass man die Mathematik dieser Pseudogewinne kaum bewusst mitbekommt. Wie beginnt eine Spielsucht? Bei den meisten durch Zufall. Freunde kommen zu Besuch, und aus irgendeinem Grund landet man in der Spielhalle. Fast alle meine Interviewpartner sagen: „Ich hatte keine Ahnung, was die Maschine für mich tun kann!“ Sie fühlen sich super beim Spielen – und dann kommen sie wieder, weil sie das Gefühl noch einmal erleben wollen. Der Automat ist ein Weg, die eigenen Affekte zu kontrollieren. Und jetzt mal ehrlich: Seit alle ein Smartphone in der Tasche haben, ist so etwas jedem schon einmal passiert, wenn auch in einer schwächeren Form. Man verliert sich darin, Textbotschaften zu versenden, auf Facebook PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der in der Spielbank von Baden-Baden Haus und Hof aufhören. Diese Form des Glücksspiels gibt es. Man kann in kurzer Zeit sehr viel Geld gewinnen oder verlieren. Da geht es um Risiko und Nervenkitzel. Die meisten meiner Interviewpartner haben aber eine völlig andere Geschichte erzählt. Sie spielten nicht in den Hochglanzcasinos, sondern an scheinbar harmlosen Geldspielautomaten ums Eck. Noch etwas anderes hat mich überrascht: Den allermeisten ging es gar nicht ums Gewinnen. Sondern um ein bestimmtes Gefühl, das sich beim Spielen einstellt. Sie geraten vor den Automaten in eine Art Trancezustand, den ich „die Zone“ nenne. Was genau meinen Sie damit? Man sitzt in diesen speziellen superbequemen Sesseln, die inzwischen zur Grundausstattung gehören. Und dann läuft ein Spiel nach dem anderen. Man gewinnt oder verliert ein paar Cent. So geht das immer weiter über viele Stunden. Die Menschen vergessen dabei alles andere; der Sinn für Raum und Zeit geht verloren. Die Probleme des Alltags verschwinden. Manche vergessen sogar, dass sie Schmerzen haben oder zur Toilette müssen. Sie haben Krämpfe, ohne etwas davon mitzubekommen, so sehr haben sie sich in diesen Zustand hineingespielt. „Die Zone“ – muss man sich das wie eine Art Hypnose vorstellen? Die Spieler beschreiben es tatsächlich als eine Art Hypnose, wie einen Tunnelblick, in dem alles andere ausgeblendet wird. Deshalb hassen es viele Spieler, einen Jackpot zu gewinnen. Auf einmal spielt der 47
Wenn Sie schon spielen, dann nur mit Freunden: damit Sie nicht völlig in die Zone abgleiten sozusagen nur die Vorspeise. Heute aber sind die Spielautomaten das Hauptgeschäft. Und man hat eben herausgefunden: Je länger die Leute vor den Automaten sitzen, desto mehr Geld werden sie dort verspielen. Und vor allem: Sie werden am nächsten Tag wiederkommen. Tatsächlich sind Automaten die mächtigste und psychologisch einflussreichste Form des Glücksspiels überhaupt. Eine Studie aus Kanada zeigt, dass eine Sucht sich an den Automaten dreibis viermal schneller einstellt als etwa beim Wetten auf der Pferderennbahn. Woran liegt das? Technisch kann man das schon lange. In den 1980er und frühen 1990er Jahren hat man in Las Vegas angefangen, den Spielern einen „Glücksbotschafter“ vorbeizuschicken. Das war ein Mitarbeiter, der zu den Spielern gegangen ist, um ihnen einen kleinen Bonus anzubieten. Man hat gehofft, sie dadurch zum Weitermachen zu überreden. An einem Faktor, den man in der Psychologie als „Ereignishäufigkeit“ bezeichnet. Beim Heroin ist das „Ereignis“ der Moment, in dem man sich den Schuss setzt. Auf der Trabrennbahn ist es das einzelne Rennen, auf das man gewettet hat. Das passiert vielleicht zwei- oder dreimal pro Stunde. Aber am Automaten, etwa beim Videopoker, kann man bis zu 1200 Hände pro Stunde spielen. Jedes einzelne Spiel ist eine Chance für eine psychologische Verstärkung. Das Tempo des Spiels ist wahnsinnig wichtig. Einsamkeit ist auch ein Faktor, also die Tatsache, dass keine anderen Spieler da sind, dass einen keiner unterbricht und dadurch aus seiner Trance reißt. Und im Gegensatz zum Pferderennen gibt es bei den Automaten auch kein definitives Ende. Das Gerät spielt immer weiter. Zusammenfassend gibt es also drei hauptsächliche Suchtfaktoren: Kontinuität, Einsamkeit und Tempo. Wie gut hat das funktioniert? Was empfehlen Sie, um nicht von Spielautoma- Die Sache ging ziemlich nach hinten los. Aus einem einfachen Grund: Die Leute hatten keine Lust, von irgendwem in ihrem Spiel unterbrochen zu werden. Der Glücksbotschafter hat sie aus ihrer Trance geholt und damit alles kaputtgemacht. Trotzdem ist der Gedanke dahinter natürlich interessant. Heute könnte man diesen Glücksbotschafter einfach in die Maschine einbauen. Das wirkt dann als zusätzliche Verstärkung – ohne dass ein Mensch den Spieler aus seiner Zone holt. ten süchtig zu werden? Automat diese extralaute Siegesmusik, alles fängt an zu blinken, das Spiel hört auf, die Leute in der Spielhalle drehen sich nach einem um – all das holt den Spieler zurück in die Wirklichkeit. Diese Geschichte habe ich in meinen Interviews wieder und wieder gehört. Stimmt es, dass die Maschinen inzwischen erkennen können, dass ein Spieler die Lust verliert? Dass sie darauf reagieren, um einen bei der Stange zu halten? Wie wird aus der Trance eine Sucht? Ich habe mit vielen Automatendesignern gesprochen. Diese Leute wissen sehr genau, was sie tun. Sie haben eine neue Währung entdeckt, die man im Englischen als time on device bezeichnet – man will, dass der einzelne Spieler möglichst lange am Automaten bleibt. Davor waren die einarmigen Banditen darauf ausgelegt, den Leuten in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Kleingeld aus der Tasche zu ziehen, damit sie endlich weiter nach hinten in die Casinos gehen. Zum Roulette oder zum Blackjack. Die Automaten waren 48   Ich bin keine Therapeutin. Ich kann Ihnen also nur das raten, was der gesunde Menschenverstand empfiehlt: Lassen Sie die Finger von solchen Geräten! Und wenn Sie spielen, dann nur gemeinsam mit Freunden, damit es ein soziales Erlebnis bleibt und Sie nicht völlig in die Zone abgleiten. Sollte man solche Automaten verbieten? Das würde mir zu weit gehen. Aber man könnte die Industrie per Gesetz zwingen, an den Automaten ein paar Dinge zu verändern. Mein Kollege Robert Williams hat dazu eine Liste erarbeitet mit allen Maßnahmen, die sich in wissenschaftlichen Tests bewährt haben. Man könnte die Spiele etwa langsamer machen. Oder die Anzahl der Symbolreihen reduzieren, das Bezahlen per Kreditkarte oder per Banknote verbieten oder die Sitze vor den Automaten ein bisschen unbequemer gestalten. All das sind Kleinigkeiten – die aber einen enormen Effekt haben können. PH INTERVIEW: JOCHEN METZGER PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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REDAKTION: THOMAS SAUM-ALDEHOFF Bastele dir einen Partner Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich Ihren Traumpartner körperlich nach Katalog zusammenstellen – wie viel Wert würden Sie dabei auf das Gesicht und wie viel auf den Körper legen? Mit dieser Frage brachten die Forscherinnen Carin Perilloux und Jaime Cloud ihre knapp 260 amerikanischen Probandinnen und Probanden zum Träumen. Die heterosexuell orientierten Teilnehmer im Alter zwischen 20 und 75 Jahren durften gleich zwei optimale Partner für sich entwerfen: einmal für eine Affäre und einmal für eine auf Dauer angelegte Beziehung. Auf Modelgesichter und Athletenkörper mussten sie allerdings verzichten, denn sie mussten beim Modellieren des Idealliebsten mit ihrem Budget haushalten: Ihnen stand nur eine begrenzte Anzahl von Punkten zur Verfügung, die sie auf zehn körperliche Attribute verteilen durften. Manche mussten dabei sparsamer sein als andere, denn die Versuchsleiterinnen teilten ihre Probanden in zwei Klassen auf: Die „reichen“ hatten jeweils 70, die „armen“ nur 30 Punkte auf ihrem Konto. Das Resultat: „Sowohl Frauen als auch Männer zogen ein attraktives Gesicht einem attraktiven Körper vor – egal ob es um eine kurze oder langfristige 52 Beziehung ging“, berichten die Forscherinnen. Mit einer Ausnahme: Sobald Männer nur über eine knappe Punktekasse verfügten, also wenig Optionen beim Modellieren ihrer Idealfrau hatten, setzten sie bei der Wahl einer Kurzzeitgeliebten (nicht aber einer Lebenspartnerin) hauptsächlich auf einen attraktiven Körper. Perilloux und Cloud erklären das evolutionsbiologisch. Laut dieser These setzen Männer – einem archaischen Programm folgend – bei einem Techtelmechtel ohne Bindungsabsicht eher auf runde Hüften als auf runde Augen, also auf Merkmale, die Reproduktionserfolg versprechen. Übrigens zeichnete sich auch bei den weiblichen Probanden mit geringem Punktebudget eine Tendenz zugunsten eines stattlichen Männerkörpers zulasten des Gesichts ab – allerdings deutlich geringer. Vielleicht deshalb, weil Frauen subtilere Hinweise nutzen, so die Forscherinnen: „Frühere Studien haben gezeigt, dass Frauen vom Gesicht eines Mannes zutreffende Rückschlüsse auf dessen Fruchtbarkeit ziehen können.“  ANNA GIELAS Männer achten bei der Wahl einer Partnerin vor allem auf das eine: ein schönes Gesicht! Umgekehrt gilt das auch DOI: 10.1007/s40806-019-00187-z PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Superhelden wie Hulk oder die Black Widow haben alles, was man braucht, um die Welt zu retten, aber keinen gesunden Body-Mass-Index. Die Helden sind, vor allem aufgrund ihres aufgequollenen Oberkörpers, zu schwer, während die schmalhüftigen Heldinnen zu Untergewicht neigen. Das ist die Diagnose zweier US-Forscherinnen, die bei sage und schreibe 3753 MarvelCharakteren den Zollstock anlegten. DOI: 10.1037/ebs0000164 „Wir haben kaum Informationen dazu, wie sich der Kontakt mit therapeutischer KI auf uns Menschen auswirkt. Unter Umständen lernt beispielsweise ein Kind mit einer Störung aus dem AutismusSpek­trum durch den Kontakt mit einem Roboter nur, wie man besser mit Robotern umgeht – aber nicht mit Menschen.“ Alena Buyx, Professorin für Ethik in der Medizin an der Technischen Universität München, die gemeinsam mit Amelia Fiske und Peter Henningsen Chancen und Risiken beim Einsatz von Roboterpuppen, Avataren oder virtuellen Chats in der Psychotherapie analysiert hat, Titel: Your robot therapist will see you now (DOI: 10.2196/13216) Ich nehm das Geld, mein Körper braucht das! Das Immunsystem beeinflusst unsere Psyche auf eine verblüffende Weise. So scheinen Entzündungsherde im Körper und die Immunreaktion, die diese auslösen, dazu zu führen, dass wir impulsiver reagieren und Bedürfnisse nur schwer zurückstellen können. Dies hat jetzt ein zwölfköpfiges Team der Texas Christian University in einer Studie nachgewiesen. Die Wissenschaftler um Jeffrey Gassen nahmen 159 Probanden Blut ab, um deren Entzündungsmarker zu messen, und stellten ihnen dann zwei Aufgaben. Zunächst sollten sie anhand eines Schiebereglers auf einer Skala anzeigen, wie weit entfernt sich bestimmte Zeitspannen wie etwa ein, drei und sechs Monate für sie anfühlten. Anschließend testeten die Forscher – ähnlich wie in dem berühmten MarshPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  mallow-Test mit Kindern –, wie gut ihre Probanden Belohnungen aufschieben konnten: Würden sie einen kleineren Geldbetrag sofort haben wollen – oder einen größeren in 33 Tagen? Die Ergebnisse lassen vermuten, „dass Entzündungsherde im Körper das Verlangen nach sofort verfügbaren Ressourcen erhöhen und dadurch mit impulsiven Entscheidungen verknüpft sind“, so die Forscher. Ihre Erklärung: Entzündungen sind metabolisch kostspielig für den menschlichen Körper. Er hat also einen erhöhten Energiebedarf. Dies „spiegelt sich im Verhalten wider, etwa indem wir jetzt sofort Ressourcen wie Geld wollen“. ANNA GIELAS DOI: 10.1038/s41598-019-41437-1 53
Patienten, die täglich oder wöchentlich Cannabis konsumieren, brauchen für eine optimale Sedierung vor einem Eingriff bis zu 220 Prozent mehr Narkosemittel als üblich. Das ermittelten Forscher aus Colorado, als sie Daten von 250 Patienten auswerteten, die sich einer Endoskopie unterzogen hatten. Das Problem: je höher die Dosis, desto stärker die Nebenwirkung, etwa auf die Atmungsfunktion. Seema Bhatnagar hat mit ihrem Team aus Philadelphia Darmbakterien von stressempfindlichen Ratten auf normale Artgenossen übertragen. Diese reagierten daraufhin ebenfalls hypersensibel und zogen sich zurück. Wenn das erstens auch umgekehrt und zweitens beim Menschen funktioniert, könnte dies neue Behandlungswege bei Depressionen öffnen, hofft die Neurowissenschaftlerin. DOI: 10.1038/s41380-019-0380-x DOI: 10.7556/jaoa.2019.052 Die Seelennot der Geflüchteten Ob die Integration von Geflüchteten gelingt, hängt von vielem ab – unter anderem vom seelischen Zustand der Betreffenden, wie eine Berliner Studie mit 650 Asylbewerbern nun gezeigt hat. Die Forscher der Charité befragten Geflüchtete aus 23 Nationen in sieben Sprachen. Im Schnitt lebten die Männer und Frauen seit rund vier Monaten in Deutschland, zumeist in Erstaufnahmeeinrichtungen, Gemeinschafts- oder Notunterkünften. Drei Viertel von ihnen wiesen deutliche Symptome einer psychischen Erkrankung auf, am häufigsten waren Depressionen, gefolgt von Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Jeder Sechste dachte an Suizid. Der Status ihres Asylverfahrens schien beim seelischen Befinden eine wichtige Rolle zu spielen. Diejenigen, die nur eine Duldung und keine offizielle Aufenthaltserlaubnis hatten, litten viel öfter an Depressionen und Suizidgedanken, ebenso an krankheitswertigen Ängsten. Das Leid kann auch die Integration behindern. Die schwer belasteten Männer und Frauen nahmen seltener an Deutschkursen oder Sportangeboten teil, fanden sich schlechter in ihrer neuen Umgebung zurecht und hatten verstärkt das Gefühl, nicht unterstützt und fremd zu sein. Doch nur gut jeder Zehnte erhielt eine psychiatrische Behandlung wegen seiner Symptome. „Für Geflüchtete bestehen erhebliche bürokratische, organisatorische, informative und sprachliche Zugangsbarrieren zur medizinischen und psychiatrischen Versorgung“, kritisieren die Autoren. JANA HAUSCHILD DOI: 10.1055/a-0806-3568 54 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Keiner wird gerne an den Tod erinnert. Doch je nach Persönlichkeit weckt er neben Furcht auch Neugier Der Tod lässt sich nicht bannen „Keine Experimente!“ So lautete das Credo des konservativen Nachkriegskanzlers Konrad Adenauer, und jenseits der Zeitläufte ist das eine Art Lebensmotto von Menschen eines bestimmten Typus. „Offenheit für Neues“ nennt sich eine der fünf großen Achsen der Persönlichkeit (Big Five). An deren einem Pol stehen Menschen, die beständig aufgeschlossen sind, ihren Erfahrungshorizont intellektuell und kulturell zu erweitern. Am anderen Ende der Skala hingegen finden sich Zeitgenossen, die ihr Leben lieber im Vertrauten und Wohlbekannten einrichten. Sie reagieren empfindlich und mit allen psychophysischen Anzeichen von Stress auf jede Störung im Ablauf des Gewohnten. Schließlich ist jede Veränderung latent gefährlich – und vielleicht sogar tödlich. Was geschieht nun, wenn Menschen dieses Naturells tatsächlich mit dem Gedanken an den Tod konfrontiert werden? Sie ziehen sich dann noch mehr in die Trutzburg ihrer Persönlichkeit zurück, klammern sich erst recht am Vertrauten fest, wie Forscher der University of South Florida nun in zwei Experimenten beobachtet haben. In der ersten Studie beantworte­ ten 128 Probanden Fragen, bei denen ein ums andere Mal auch der Tod angesprochen wurde, etwa: „Ich fürchte mich sehr vorm Sterben.“ Bei den Teilnehmern, die sehr offen für Neues waren, änderte diese gedankliche Stippvisite des Todes nichts an ihrer persönlichen Art: Sie blieben ebenso offen wie zuvor. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Wirkung zeigte der Tod jedoch bei den wenig offenen Teilnehmern: Sie verstärkten daraufhin ihre Vermeidungshaltung und wurden noch reservierter gegenüber jedweder Veränderung. Diese Abwehrhaltung legten wenig offene Personen auch in dem zweiten Experiment an den Tag: 162 junge Frauen und Männer wurden abermals per Fragebogen mit dem Todesgedanken konfrontiert und hatten anschließend in einem vermeintlichen Worterkennungstest die Möglichkeit, kontaminierte Wörter wie „Tod“, „Beisetzung“ oder „Grab“ mit einem Joystick buchstäblich wegzuschieben. Probanden mit geringer Offenheit für Neues hatten es dabei auffallend eilig, als könnten sie die Todeswörter gar nicht schnell genug aus dem Bewusstsein schieben. Doch offenbar verfing diese Abwehrstrategie nicht, denn ihr Selbstwertgefühl war nach dem Versuch gesunken. Anders die Teilnehmer mit hoher Offenheit für Neues: Sie schoben die todesassoziierten Begriffe sogar langsamer von sich weg als neutrale Vokabeln, so als habe der Tod sie geradezu neugierig gemacht. Gedankliche Annäherung statt Vermeidung, das war offenbar ihre Art, mit der menschlichen Todesfurcht umzugehen. Und ihr Selbstwertgefühl fiel dabei nicht, sondern stieg. TSA DOI: 10.1111/jopy.12474 55
Werden o-beinige Männer häufiger Fußballer oder macht Fußballspielen auf Dauer O-Beine? Letzteres, wie Mediziner der Universität München in einer Analyse von Studien mit zusammen mehr als 1300 Leistungsfußballern feststellten. Ein Training in der Jugend kann den Schienbeinkopf schädigen, was dann mit der Zeit die Beine krümmt. DOI: 10.3238/arztebl.2018.0408 Langlebige Langschläfer Die Lebenserwartung eines Menschen hängt auch von seiner Persönlichkeit ab. Doch warum ist das so? Eine vermittelnde Rolle könnte der Schlaf spielen, wie US-Forscher um Shantel Spears jetzt bei der Datenanalyse einer Langzeitstudie mit 3759 Teilnehmern herausgefunden haben. Während der zwei Beobachtungsjahrzehnte hatten wenig gewissenhafte, emotional labile, verträgliche und introvertierte Menschen ein höheres Sterberisiko, weil sie entweder zu kurz oder aber zu lang schliefen und sich tagsüber müde fühlten. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. So könnte ein leichtfüßiger Lebensstil (geringe Gewissenhaftigkeit) für zu kurze Nächte sorgen, und wenig belastbare Personen (emotionale Labilität) – vielleicht aber auch allzu einfühlsame Menschen (Verträglichkeit) – neigen zu nächtlichen Grübeleien. Schlechter Schlaf erhöht das R ­ isiko für Herz-KreislaufErkrankungen, chronische Entzündungen oder Depressionen. TSA 1939 Sigmund Freud an seinem Schreibtisch in Maresfield Gardens Die letzten Wochen sind eine Tortur. „Im September 1939 verschlechtert sich Freuds Gesundheitszustand rapide“, schreibt Peter Schneider in seiner Biografie. „Eine Fäulnisinfektion hat ein Loch in seine Wange gefressen, und der furchtbare Geruch vertreibt Freuds Lieblingshündin Lün in die entfernte Ecke des Krankenzimmers.“ Zu diesem Zeitpunkt lebt Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse und schon zu Lebzeiten eine Berühmtheit, mit seiner Frau Martha, seiner Tochter Anna und der Haushälterin Paula Fichtl seit mehr als einem Jahr im Londoner Exil, zuletzt in einem frischerworbenen efeubewachsenen Haus in Maresfield Gardens. Dort empfängt er noch bis fast zuletzt Patienten zur Analyse, die sich in dem schmalen Behandlungszimmer auf die Couch legen. Nach dem „Reichsanschluss“ Österreichs hat sich Freud – als Jude hochgefährdet und bereits schikaniert von der Gestapo – spät zur Flucht aus seiner Wiener Heimat entschlossen. In London angekommen, scheint er sich überraschend gut einzuleben. Von einer Operation, der letzten von 31 binnen 16 Jahren, bei der ihm einmal mehr ein Krebsrezidiv in der Mundhöhle entfernt wird, erholt sich der 83-Jährige wider Erwarten rasch, und es folgen gute Monate – bis eben in jenem September ein schmerzhaftes Siechtum einsetzt. Wie er es Freud einst versprochen hat, verkürzt sein Arzt Max Schur schließlich das Leiden, indem er eine tödliche Dosis Morphium spritzt. Vor 80 Jahren, in der Nacht vom 22. auf den 23. September, stirbt Sigmund Freud. „Seine Leiche wird eingeäschert“, notiert Schneider, „und die Asche in einer griechischen Urne aus Freuds Sammlung auf dem Londoner Friedhof Golders Green beigesetzt.“ TSA DOI: 10.1016/j.jrp.2019.04.007 56 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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Die Gefühlsausstrahler Manche Menschen haben eine ganz besondere emotionale Ausstrahlung. In ihrer Gegenwart fühlen andere sich automatisch besser – oder schlechter. Psychologen nennen das „affektive Präsenz“ VON KLAUS WILHELM ILLUSTR ATIONEN: MARIANNA GEFEN A merikaner und Engländer haben in ihrer Umgangssprache manchmal treffsichere bildhafte Ausdrücke. Debbie Downer zum Beispiel steht für Personen, die anderen die Energie abzapfen und allen schlechte Laune machen. Oder Mr. Nice Guy: ein Typ, der stets nett rüberkommt und selten aneckt – ein fragwürdiges Kompliment. Hinter solchen Spottnamen steckt eine zutreffende Beobachtung: Menschen sind emotional an­ steckend. Wir alle beeinflussen wechselseitig unsere Stimmung und unser Befinden, und manche Personen haben ein besonderes Talent dafür. Wahrscheinlich kennen Sie das aus eigener Anschauung und stoßen etwa an Ihrem Arbeitsplatz auf Menschen, die mit ihrer Art und Ausstrahlung andere eher aufbauen oder herunterziehen. Psychologen bezeichnen dies als „affektive Präsenz“ (affective presence). Affektive Präsenz, so ein Definitionsversuch von Hector Madrid von der Pontificia Universidad Católica de Chile, ist das „Grundgefühl, das ein Mensch in anderen auslöst – unabhängig davon, wie sich dieser Mensch selbst gerade fühlt“. Diese Eigenschaft wäre dann also eine Art unverwechselbare emotionale Signatur einer Person, gespiegelt in den Empfindungen der Menschen, mit denen sie in Kontakt tritt. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Madrid vermutet, dass affektive Präsenz „eine Art Persönlichkeitsmerkmal“ sei. Allerdings keines wie die Big Five, die fünf großen Persönlichkeitsdimensionen, die das Innenleben und Verhalten einer Person klassifizieren, nämlich wie neurotisch, extravertiert, verträglich, gewissenhaft und offen für Neues sie ist. Anders als diese basalen Wesenszüge beschreibe affective presence nicht primär die Person selbst, sondern ihre „Interaktion mit anderen Menschen, die soziale Beziehung“, so Madrid. Begonnen hat die Erforschung der affektiven Präsenz vor etwa zehn Jahren. Bis dahin hatten Psychologen sich auf ein Phänomen fokussiert, das sie trait affect nennen. Gemeint ist die Stimmung, die Gemütslage, in der sich ein bestimmter Mensch die meiste Zeit über befindet – und auf welche Weise er diesen emotionalen Zustand reguliert. Wir alle durchlaufen im Laufe eines Tages bisweilen eine ganze Palette von Emotionen, von wütend oder enttäuscht bis zufrieden oder glücklich. Jeder hat Stimmungsschwankungen. Aber für gewöhnlich kehren wir immer wieder zu unserem individuellen emotionalen Normalpegel zurück. Einige Leute zum Beispiel sind in ihrer Grundstimmung entspannter als andere, egal was sie gerade an Ärgerlichem oder Aufmunterndem erleben. Andere hingegen fühlen sich im Normalzustand ängstlicher als die meisten. 59
So weit die individuelle Seite. Doch die Sache ist deshalb komplizierter, weil Menschen nun mal in ständigem emotionalem Austausch leben. Die Grundstimmung eines Menschen wird also auch von der Stimmung jener Personen beeinflusst, mit denen er in Kontakt steht. Diesen Prozess nennen Psychologen „emotionale Ansteckung“ (siehe Kasten Seite 61). Emotionen, Gefühle, Stimmungen bergen eine Art „Energie“, ein psychisch-körperliches Erregungspotenzial (arousal). Und diese Energie ist ansteckend. Ständig infizieren wir unsere Mitmenschen mit unserer augenblicklichen Stimmung. Habe ich mich im Büro gerade tierisch über einen Kunden geärgert, kann mein momentaner Ärger sofort auf die Kollegen abfärben: Ich „verbreite schlechte Stimmung“, wie man so treffend sagt. Wie eine Spinne im emotionalen Netz Stimmungen bergen ein psychischkörper­liches Erregungspotenzial. Diese „Energie“ ist ansteckend 60   Diese Art von emotionaler Ansteckung ist so schwankend, wie die Gefühle selbst es sind: Mal infiziere ich andere mit guter, mal mit schlechter Laune. Doch – und das ist das Neue an der Idee von der affektiven Präsenz – es gibt wohl auch eine Gefühlsübertragung, die dauerhafter ist als dieses emotionale Hin und Her: Es liegt womöglich im Wesen mancher Menschen, in ihrer Persönlichkeit, dass sie andere grundsätzlich eher heiter oder trübe stimmen, und zwar überdauernd und ziemlich unabhängig davon, wie sie selbst gerade empfinden. Die Psychologen Noah Eisenkraft von der Uni­ versity of North Carolina und Hillary Elfenbein von der Washington University wollten wissen: Beeinflussen manche Menschen einigermaßen vorhersehbar und konstant die Stimmung ihrer Artgenossen? Sie untersuchten das in einer lebensnahen Feldstudie. 239 ihrer Studierenden verschiedener Nationalitäten wurden in 18 Kleingruppen eingeteilt, die jede für sich verschiedene Projektaufgaben lösen sollten. Die Teammitglieder unternahmen auch privat Dinge miteinander. Nachdem die jungen Leute einen Monat lang viel Zeit zusammen verbracht hatten, wurden sie gefragt: Hast du dich in Anwesenheit dieses oder jenes Gruppenmitglieds überwiegend verärgert gefühlt oder gelangweilt? Warst du ruhig, enthusiastisch, glücklich, entspannt, traurig oder gestresst, wenn du mit dieser Person zu tun hattest? Elfenbein und Eisenkraft analysierten auch die Netzwerke innerhalb der Gruppen, um zu sehen, welche der Probanden zu „emotionalen Zentren“ ihrer Teams avancierten. So ermittelten die beiden Forscher systematisch, wer wie auf wen emo-
tional gewirkt hatte. Hatten die meisten der Probanden die Außenwirkung einer Person konsistent etwa als stressig, langweilig oder entspannt wahrgenommen, attestierten die Forscher diesem Studienteilnehmer eine starke konsistente affektive Präsenz. Offenbar, so das Ergebnis, strahlen einige Leute tatsächlich eine so starke affektive Präsenz aus, dass sich ihr fast keiner zu entziehen vermag. Die individuelle Präsenz eines Menschen kann demnach bestimmte Emotionen und Zustände der anderen vergleichbar intensiv beeinflussen wie deren eigene Persönlichkeit: Meine Stimmung hängt dann ebenso stark von der Persönlichkeit eines solchen Beeinflussers ab wie von meiner eigenen Persönlichkeit. Das wirklich Verblüffende ist aber: Die „emotionale Außenwirkung“ affektiv präsenter Menschen scheint unabhängig von deren eigener Stimmung zu sein, wie Eisenkraft und Elfenbein feststellten. Diese Leute können also einen sehr schlechten Tag haben – und trotzdem noch die Mitmenschen erfreuen. Die affektive Präsenz unterscheidet sich damit von der emotionalen Ansteckung. Nicht minder überraschend: Eine für sich glückliche und zufriedene Person kann eine perfekte Debbie Downer sein: Sie zieht andere herunter, obwohl sie selbst gut drauf ist. Nach den Erkenntnissen der Studie ist die negative affektive Präsenz eines Menschen weitgehend unabhängig von dessen sonstigen Persönlichkeitsmerkmalen. Bis auf eine Ausnahme: Wer sich im Persönlichkeitstest als wenig verträglich und zugleich extravertiert erwies, strahlte durchweg eine stark negative affektive Präsenz auf die anderen aus: Die grobe, wenig einfühlsame Art eines unverträglichen Menschen, der zusätzlich noch eine große Portion extravertierter Dominanz mitbringt, scheint dem Gefühlsleben seiner Mitwelt wenig bekömmlich zu sein. Chefs, die das Klima vergiften Kann man auf diese Weise womöglich Beschäftigte und Vorgesetzte ermitteln, die mit ihrer negativen affektiven Präsenz Gift für das Firmenklima sein könnten? Dafür ist die Forschung noch zu jung. Doch erste Untersuchungen lassen tatsächlich vermuten, dass ein Chef mit seiner affektiven Präsenz in seinem Team einiges zum Guten und zum Schlechten beeinflussen kann. Madrid und seine britischen Kollegen Peter Totterdell und Karen Niven überprüften den Effekt von Führungspersönlichkeiten auf ihre Mitarbeiter und deren Kreativität und Innovation. Führungspersonen hatten die Forscher gewählt, weil sie generell durch ihre Machtposition maßgeblich den Affekt und das Potenzial ihrer Leute beeinflussen. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  EMOTIONALE ANSTECKUNG Was ist das? Der Begriff „emotionale Ansteckung“ bezeich­ net die Fähigkeit, bewusst oder unbewusst die Gefühle der anderen mit den eigenen (wechselnden) Stimmungen zu beeinflussen – und sich beeinflussen zu lassen. Unser Gehirn liest Emotionen bei anderen automatisch – auch unter Mithilfe der sogenannten Spiegelneuronen. Warum ist dieser Prozess wichtig? Als soziale Wesen synchronisieren wir über ihn unsere Emotionen – von Kindheit an. Schreit ein Baby, fühlt es sich (meist) unwohl, was sich sofort auf die Erwachsenen überträgt und sie motiviert zu helfen. Emotionale Ansteckung ist gebunden an die Fähigkeit zur Empathie und an emotionale Intelligenz, die uns ermöglicht, die wahrgenommenen Stimmungen und Gefühle der anderen einzuordnen. Welche Emotionen sind besonders ansteckend? Die negativen Emotionen nehmen wir stärker wahr als die positiven Emotionen. Je negativer die Emotion, umso höher die übertragene Energie und desto größer die Reaktion darauf: Ein Mensch in Rage beispielsweise lässt nahezu keinen kalt. Welche Arten gibt es? Die implizite emotionale Ansteckung läuft automatisch und unbewusst ab. Zum Beispiel gehen auf diese Weise Gesichtsausdrücke der Traurigkeit oder Freude von einem auf den anderen über – oder emotionale Signale der Körpersprache. Man kann jedoch die emotio­ nale Ansteckung genauso mehr oder weniger beabsichtigt einsetzen. In Beziehungen zum Beispiel können wechselnde Stimmungen ein Mittel sein, um den Partner zu manipulieren. Genauso wie dies gelten auch schauspielerische Fähigkeiten als Form expliziter emotionaler Ansteckung.  KW 61
In vielen Teams hilft Kreativität wesentlich, die Firma und deren Produkte oder Dienstleistungen weiterzuentwickeln und komplexe Probleme im Job­ alltag zu meistern. Dafür braucht es zweierlei: zum einen neue Ideen und zum anderen die Kommunikation dieser zündenden Einfälle. „Daran hapert es nicht selten“ sagt Organisationspsychologe Madrid, „und das bremst die Effektivität von Teams, weil die Mitarbeiter lieber schweigen, als ihre Ideen zu verbreiten.“ Könnte es sein, dass gerade die affektive Präsenz der Chefs dazu beiträgt, dass die Untergebenen verstummen? Und sind effektive Führungspersonen per se Menschen mit hochpositiver affektiver Präsenz und holen so das Beste aus ihren Leuten heraus? Für eine erste Studie heuerten die Forscher 84 Probanden aus einer Unternehmensberatung an. Die Psychologen ermittelten, welches vorherrschende Gefühl die Führungskräfte bei ihren Mitarbeitern RUNTERGESCHLUCKTER FRUST Viele Menschen müssen auch dann freundlich wirken, wenn sie sich eigentlich ganz anders fühlen: schlecht gelaunt oder bedrückt oder verärgert. Verkäuferinnen zum Beispiel oder Servicekräfte in der Gastronomie. Im schlimmsten Fall den ganzen Tag lang. Wer so handeln muss, kontrolliert gezwungenermaßen seine Emotionen, um andere bei Laune zu halten. Das stresst. Menschen mit solchen Jobs greifen nach Feierabend öfter zur Flasche, wie Alicia Grandey von der Pennsylvania State University und ihre Kolleginnen in einer Studie nachgewiesen haben. Per Telefoninterview wurden fast 1600 Angestellte befragt: Wie viel Kundenkontakt haben Sie? Wie oft müssen Sie Emotionen vortäuschen? Wie eigenverantwortlich können Sie arbeiten? Resultat: Wer oft direkt mit Kunden umgehen musste und dabei häufiger Ärger und Frust runterschluckte, kompensierte das mit Alkohol nach Feierabend. Den stärksten Alkoholkonsum registrierten die Psycho­ loginnen bei impulsiven Mitarbeitern und solchen, die – wie etwa Callcenter-Agenten oder Kaffeeverkäufer – schnelle, kurzlebige Kundenkontakte erlebten. Die Unterdrückung der eigenen negativen Emotionen senkt nach Ansicht der Wissenschaftler wahrscheinlich die Selbstkontrolle. Geringe Entlohnung kann den Effekt offenbar verstärken. Angestellte in der Pflegebranche oder Lehrer griffen dagegen nicht so oft zur Flasche – vermutlich, weil sie für ihre wohl auch nicht immer nur authentische positive Ausstrahlung mehr zurückerhalten. 62   KW auslösten, wie oft diese Ideen hatten und dann einbrachten – oder lieber nicht. Die affektive Präsenz der Vorgesetzten wurde ermittelt, und zusätzlich sollten diese ihre Stimmungslage in den vergangenen vier Wochen selbst einschätzen. Kernergebnis: „Wer als Führungspersönlichkeit eine hohe positive affektive Präsenz hat“, so Madrid, „schafft ein offenes, angstbefreites und freundliches Umfeld für die Vermittlung und Umsetzung neuer Ideen.“ Dieses Klima könne sich fruchtbar auf die Kreativität auswirken. Denn wenn die oder der Vorgesetzte den Mitarbeitern im Wortsinn ein „gutes Gefühl“ gibt, fördert das bei diesen mit den Worten Madrids „Verhaltenstendenzen, die mit Belohnungswünschen verbunden sind“. Sprich: Sie sind motiviert, Neues einzubringen, und zuversichtlich, dass sie dafür geschätzt werden. Dazu kommt: Die gute Stimmung der Mitarbeiter reduziert Vermeidungsverhalten: Statt übervorsichtig ihre Worte zu wägen, posaunen sie einfach heraus, was sie sich denken. In Teams, die von Führungskräften mit negativer affektiver Präsenz geleitetet werden, verhält es sich genau umgekehrt: Die verunsicherten Teammitglieder halten mit ihren Ideen hinterm Berg. In einer zweiten Studie mit 350 Teilnehmern aus öffentlichen Organisationen und 730 Probanden aus einem Privatunternehmen stellte sich heraus, dass eine hohe positive affektive Präsenz der Führungskräfte die Innovation in den Teams erhöht. Vielleicht sei diese Eigenschaft sogar wichtiger als andere Qualitäten von Chefs, spekuliert Hector Madrid. Chinesische Psychologen sind dem Phänomen ebenfalls nachgegangen. Sie haben dabei im Gaststättengewerbe bestätigt, dass eine hohe positive affektive Präsenz von Führungskräften die Serviceleistungen der Mitarbeiter erhöht. Offenbar beflügelt ein Chef mit freundlicher affektiver Ausstrahlung nicht nur das Gefühlsleben, sondern auch das Handeln der Mitarbeiter. Auf der anderen Seite hemmt nach Madrids Erkenntnissen negative affektive Präsenz die Innovationsfähigkeit nicht so stark, wie man erwarten könnte. Wahrscheinlich wird deren schädlicher Einfluss durch andere Faktoren wie soziale Unterstützung im Team gedämpft. Überhaupt müsse negative affektive Präsenz unter Führungspersönlichkeiten generell nicht zwingend nachteilig sein, meint der Organisationspsychologe aus Chile. Man denke nur an den von Natur aus grantigen Fußballtrainer, der seine mies spielende Mannschaft in der Halbzeitpause lautstark wachrüttelt – manchmal scheint das zu motivieren. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Affektive Erfolge beim Dating Besser fährt man allerdings wohl meist mit einer positiven Gefühlsausstrahlung – zum Beispiel bei romantischen Begegnungen. Das zeigte sich bei einer Studie des Psychologen Raúl Berríos. Dafür warben er und seine Kollegen an der Universität von Santiago de Chile 40 Studierende für ein „Speeddating“ im Labor an. Die Probanden absolvierten im Dienst der Forschung paarweise 134 Vierminutendates. Zuvor hatten die Versuchsleiter ihre emotionale Intelligenz und ihre Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale ermittelt. Wie sich zeigte, vermittelten vor allem verträgliche, also freundliche und zuvorkommende Typen ihren potenziellen Partnern eine gute Stimmung. Doch auch extravertierte Teilnehmer waren – anders als in der Studie von Eisenkraft und Elfenbein – mit ihrer aufgeweckten Art im positiven Sinn emotional ansteckend; Extravertierte scheinen andere also sowohl im Guten wie im Schlechten emotional überdurchschnittlich stark zu beeinflussen.Nach jeder einzelnen Begegnung wurden die Probanden gefragt, welche Grundstimmung der jeweilige Datingpartner ausgelöst hatte. Zur Auswahl standen: glücklich, traurig, wütend, enthusiatisch, gelangweilt, stressig, beruhigt und entspannt. Ferner stellte sich heraus, dass bestimmte Personen bei den Teilnehmern immer gleich rüberkamen, ganz im Sinne der affektiven Präsenz. Am häufigsten waren das solche, die die anderen entweder mit ihrer Langeweile oder mit ihrem Enthusiasmus ansteckten. Für Berríos ergibt das bei der Partnerwerbung „komplett Sinn“, weil beim Daten der erste Eindruck oft eindeutig ausfällt: „Achtung Langweiler“ oder „Könnte interessant werden“. Und natürlich: Leute mit hoher positiver affektiver Präsenz waren als Partner für romantische Beziehungen am beliebstesten. „Die meisten Probanden wollten diese Teilnehmer wiedersehen, weil sie in ihren Augen so nett erschienen“, sagt Berríos, „ein Riesenvorteil beim Daten.“ Leider nicht mehr ansteckend Wie sich die affektive Präsenz ausdrückt und den Mitmenschen vermittelt, bleibt einstweilen ungeklärt. Die Psychologen vermuten die üblichen Verdächtigen: Körpersprache, Mimik, Stimme sowie die Gabe, anderen zuhören zu können. Vor allem aber scheint sie mit der Fähigkeit zu tun zu haben, die eigenen Gefühle gut oder schlecht kontrollieren zu können. „Wer eigene negative Stimmungen im Griff hat und glattbügelt“, sagt Raúl Berríos, „kann mit hoher affektiver Präsenz selbst in stressigen SituatiPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Nicht jeder ist ein Mr. Nice Guy. Manche nutzen affektive Präsenz, um zu manipulieren onen bei anderen gute Stimmung begünstigen.“ Man muss dazu nicht unbedingt gut drauf, wohl aber in der Lage sein, seine schlechte Laune zu beherrschen. Ob die affektive Präsenz ein echtes, also überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal ist, das, sagt Berríos, sei bisher „nur eine wunderbare Theorie, die noch nicht bewiesen ist“. In einer kleinen, noch nicht veröffentlichten Studie wurden 30 Angestellte einer Firma täglich gefragt, wie ihr Chef emotional auf sie wirke. „Und leider“, erklärt Berríos, „verschwand der Effekt der affective presence über die Zeit.“ Wenn sich das bestätigt, könnte das bedeuten, dass affektive Präsenz vielleicht eher ein soziales Werkzeug als ein Charaktermerkmal ist. Vielleicht, so spekuliert Berríos, nutzen manche Menschen diese Fertigkeit, um kalkuliert ihre Ziele zu erreichen – um das für sie Maximale aus sozialen Beziehungen herauszuholen. In diesem Sinne kontrollieren Menschen mit hoher positiver affektiver Präsenz bewusst, gekonnt und offenbar überzeugend ihre negativen Emotionen – und eruieren geschickt die Gefühlslage der anderen. In der Speeddatingstudie zum Beispiel hatten jene Probanden die höchste Präsenz, die die emotionalen Erfahrungen anderer Menschen am besten begriffen und sich generell für Gefühle interessierten. „Die ahnen sehr gut, was in den anderen vorgeht, wenn sie mit ihnen interagieren“, sagt Berríos, „und könnten das auch nutzen.“ Insofern bezweifelt er, dass die Mr. Nice Guys dieser Welt stets von einem grundguten emotionalen Kern getrieben sind: „Wir sollten auch dunklere Motive in Betracht ziehen, wenn jemand notorisch gute Stimmung verbreitet.“ Narzissten, Psychopathen oder Blender, sagt der Psychologe, „können zuweilen sehr charmant wirken und ihre womöglich hohe affektive Präsenz nutzen, um andere zu manipulieren“.  PH Literatur zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website: psychologie-heute.de/literatur 63
Die Freude am Sex – und wie man sie wiederfindet Kommt eine Beziehung in die Jahre, geht es bei manchen mit der Erotik bergab. Mehr als ein Drittel der fest Gebundenen klagt über zu wenig Körperkontakt, und ein Fünftel hat überhaupt keinen Sex mehr. Doch manche Paare haben auch nach vielen gemeinsamen Jahren ein erfülltes Liebesleben. Was machen sie anders? D em Sexleben zufriedener Paare wollte Justin Garcia von der University of Indiana auf die Spur kommen. Per Fragebogen erforschte er bis ins Detail den erotischen Alltag von rund 1000 Studienteilnehmern. 93,5 Prozent bezeichneten sich als heterosexuell, 2,3 Prozent als homo-, 3,6 Prozent als bisexuell, 0,6 Prozent fielen in die Kategorie „andere“. Zu Garcias Überraschung schien bei den sexuell besonders glücklichen Paaren alles genauso abzulaufen wie bei denen, die mit ihrem Liebesleben besonders unzufrieden waren. Küssen, Streicheln, Beischlaf – beim Sex im engeren Sinne zeigten die Daten kaum Unterschiede. Den entscheidenden Faktor entdeckte Garcia in der Begleitmusik: Die sexuell zufriedenen Paare berichteten davon, vor, während und nach dem Sex miteinander zu reden – und nach dem Akt noch ausgiebig zu kuscheln. All das fehlte bei den besonders unglücklichen. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt auch Kristen Mark von der University of Kentucky. In ihrer noch laufenden Studie geht sie mit ihrem Team der Frage 64   nach, unter welchen Bedingungen Menschen ihre Sexualität als besonders freudvoll erleben. Den stärksten Einfluss scheinen dabei Intimität und Kommunikation zu haben. Ein dritter Faktor kommt hinzu: Man muss sich mit seinem Partner sicher fühlen. Safety is sexy lautet Marks Fazit. „Wir wissen außerdem, dass kleine zärtliche Berührungen im Alltag für allerlei positive Effekte sorgen“, sagt Kristen Mark. „Doch leider bekommen viele Menschen viel zu wenig davon.“ Das gilt auch für jene in festen Beziehungen: Mehr als ein Drittel von ihnen klagt über zu wenig Körperkontakt. 21 Prozent der Gebundenen haben überhaupt keinen Sex mehr. Wie kommt es zu dieser Flaute? Was macht das Liebesleben von Langzeitpaaren so schwer? Fachleute sehen vor allem drei psychologische Faktoren am Werk. ILLUSTR ATIONEN: SABINE KR ANZ VON JOCHEN METZGER 1. Der Drache namens Zeit Der erste Grund ist ebenso banal wie bekannt: Irgendwann ist die Phase der Verliebtheit vorbei. Im Durchschnitt sind Langzeitpaare sexuell wesentlich weniger zufrieden als frisch Liierte. Diese Regel gilt PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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zwar nicht für alle. Sie ist aber das, womit man rechnen sollte. Gleichzeitig geschieht noch etwas anderes: Der anfangs starke Einfluss der Sexualität auf unsere Beziehungszufriedenheit schwindet. Mit anderen Worten: Ob es uns in Ehe und Beziehung gutgeht, wird von Jahr zu Jahr weniger auf dem Feld der Lust entschieden. „Man holt sich das Glück in der Beziehung mit der Zeit eher aus anderen Quellen“, sagt Gregory Webster von der University of Florida. Das heißt nicht zwangsläufig, dass die Paare keinen Sex mehr haben – er ist bloß nicht mehr so dominant. 2. Streit vergiftet die Erotik Die Psychologin Maximiliane Uhlich hat untersucht, wie alltägliche Streitereien mit Sexualität und Beziehungszufriedenheit zusammenhängen. Die aus Deutschland stammende Forscherin von der Schweizer Universität Freiburg befragte dazu 180 Paare im Iran über einen Zeitraum von sechs Wochen. Das Bild unterschied sich nicht grundlegend von dem in westlichen Ländern. „Eine befriedigende Sexualität scheint ein kulturübergreifendes Grundbedürfnis innerhalb von romantischen Beziehungen zu sein“, sagt Maximiliane Uhlich. Auch offenbaren die Daten einen Effekt, den man ebenfalls bereits in westlichen Gesellschaften hat nachweisen können: Je häufiger die Paare sich stritten, desto unzufriedener wurden sie im Schnitt mit ihrer Sexualität und desto magerer wurde ihr Beziehungsglück. Bei den meisten wirkt Streit anscheinend wie Gift auf das Verlangen. Komplett verallgemeinern lässt sich das Ergebnis jedoch nicht. Denn bei einigen Paaren gab es auch einen gegenteiligen Effekt: Je mehr sie sich stritten, desto höher wurde ihre sexuelle Zufriedenheit. Durchaus möglich, so mutmaßt Maximiliane Uhlich, dass diese Paare die körperliche Nähe „als Bewältigungsmechanismus“ einsetzten. Bei einer Minderheit scheint Versöhnungssex also zu helfen. „Für die Mehrheit der Paare funktioniert das aber nicht“, sagt Uhlich. 3. Einer will – der andere nicht Unser sexuelles Verlangen ist wie ein Feuer, das in der Jugend wild auflodert, sich später in Glut und schließlich in qualmende Asche verwandelt. Oder etwa doch nicht? Kristen Mark hat dokumentiert, dass sich das Begehren eher wie ein hin und her wogender Ozean verhält: „Verlangen geht und kommt wie Ebbe und Flut“, erklärt sie. In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zunehmend um ein Phänomen gekümmert, das man im Englischen als sexual desire discrepancy bezeichnet. Will sagen: Manchmal ist die Lust auf Sex zwi66   Mit den Jahren ist Sex nicht mehr die dominante Quelle von Glück schen zwei Partnern sehr ungleich verteilt. Das ist bei jedem vierten bis fünften Langzeitpaar der Fall. Offenbar haben die Männer im Schnitt mehr sexuellen Appetit als die Frauen – es kommt aber darauf an, wen man fragt: Zwar sagen 57 Prozent der Männer: „Mein Verlangen ist größer als das meiner Partnerin.“ Doch umgekehrt bestätigen nur 37 Prozent der Frauen: „Mein Partner hat ein stärkeres sexuelles Verlangen als ich.“ Und bis zu 30 Prozent der Frauen bescheinigen sich selbst die stärkere Libido. Was tun gegen den Frust, vom Partner ein ums andere Mal abgewiesen respektive ständig bedrängt zu werden? Kristen Mark empfiehlt drei Maßnahmen. Die erste: Man spricht aus, dass etwas aus der Balance geraten ist. „Die meisten Paare reden erst gar nicht darüber, und das ist vermutlich keine gute Idee.“ Der zweite Schritt beginnt mit unseren Erwartungen: Man sollte in jeder Beziehung mit derlei Phasen des Ungleichgewichts rechnen. Denn das Auf und Ab unserer Sehnsucht läuft zwischen Partnern nicht immer synchron. „Der eine hat mehr Lust als der andere – solche Momente sind unvermeidlich und haben nur selten etwas mit der Qualität unserer Beziehung zu tun“, erklärt Kristen Mark. Viele betroffene Paare brauchen also keine Therapie, sondern nur etwas Geduld. Die dritte Maßnahme? „Besteht darin, sich sexuell zu betätigen“, sagt die Sexforscherin, „auch wenn man gerade kein Verlangen danach verspürt.“ Nähe und Selbsterweiterung Allerdings sollte dies nicht widerwillig geschehen. Wenn (noch) nicht die Lust die treibende Kraft ist, dann vielleicht das – echte – Bedürfnis, einander nahe zu sein. Wie so häufig liegt auch hier das Geheimnis nicht im Akt als solchem, sondern in der Motivation dahinter. Das zeigen etwa die Arbeiten der kanadischen Psychologin Amy Muise. Für Sex gibt es mehr als 200 Gründe (siehe Kasten Seite 68). Manche von ihnen zielen auf Vermeidung (avoidance), andere dienen der Annäherung (approach). Vermeidung bedeutet, etwas nicht zu wollen: Man will zum Beispiel keinen Streit mit dem Partner, keinen PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
WIE ES UM UNSER SEXLEBEN STEHT Als sich unlängst gut 3000 Sozial- und Persönlichkeitspsychologen im amerikanischen Portland zu einer Fachkonferenz zusammenfanden, wurde bei einigen Vorträgen ein ganz besonderer Ton angeschlagen. Die Rede war von Fesselspielen und echten und vorgetäuschten Orgasmen. Dieses Interesse am Expliziten ist neu in der psychologischen Erforschung unserer Sexualität Der Höhepunkt der Frau Orgasmen gelegentlich vorzutäuschen. Unter anderem um dem Bei allem Interesse der Psycho- Partner ein Gefühl von Un- logen an gelebter Sexualität – auch im Jahr 2019 zulänglichkeit oder Mit- kommen die meisten telmäßigkeit zu ersparen. Forschungsergebnisse Auch hinter dem Stöh- als nüchterne Umfra- nen vieler Frauen ver- gestatistiken daher. muten die Forscher eine So hat man jetzt etwa ähnliche Strategie. Laute ausgezählt: Mehr als Geräusche seien kein zwei Drittel der Män- Hinweis auf guten Sex. ner, jedoch weniger „Die Hauptfunktion der als zehn Prozent der Lautäußerungen scheint Frauen erleben bei darin zu bestehen, Män- praktisch jedem sexu- ner schneller zum Höhe- ellen Akt einen Orgas- punkt zu bringen“, sagt mus. Die „Orgasmus- Kristen Mark von der kluft“ zwischen den University of Kentucky. Das kann den Grund Geschlechtern gibt es haben, dass die Frau die also noch immer. Und sie ist nicht ganz unproblematisch. Zwar behaupteten Prozedur abkürzen möchte. Doch das Stöhnen kann 88 Prozent aller Frauen, den Beischlaf auch ohne Höhe- eben auch dazu dienen, den Partner in seinem Selbst- punkt zu genießen. Doch zugleich gilt: Wer regelmäßig wertgefühl als Liebhaber zu bestärken. Kristen Mark kommt, hat auch höhere Chancen, zufrieden mit seinem konzipiert gerade eine Studie, um weitere Ursachen Sexleben zu sein. Eine befriedigende Sexualität wieder- für die weiblichen Lustlaute zu erkunden. Dafür will um macht uns glücklicher mit unserer Beziehung und sie – kein Scherz – wegen der bewährten akustischen unserem Leben insgesamt, wie jetzt in einer Metastudie Analysemethoden mit einer Expertin für Vogelstimmen belegt wurde. Natürlich: Der Orgasmus ist nicht alles. zusammenarbeiten. Sex ist nicht alles. Aber beides ist wichtig. Das Bemerkenswerte: Der Höhepunkt der Frauen hat – sozusagen Von Eiswürfeln und Augenbinden als Nebenwirkung – eine deutliche Auswirkung auf die Eine weitere Erkenntnis der vergangenen Jahre: Die sexuelle Zufriedenheit und das Selbstwertgefühl der Experimentierfreude scheint größer zu sein, als lange Männer. Einen umgekehrten Effekt suchten die Forscher vermutet. So zeigte sich in einer Studie aus Belgien dagegen vergeblich. Die Männer sehnen sich also nach deutlich mehr als die Hälfte aller Befragten offen für Au- dem Höhepunkt der Frauen. genbinden, Fesselspiele und den erotischen Gebrauch von Eiswürfeln. Und in einer ähnlichen Untersuchung Lustlaute und Selbstwertgefühl aus den USA behaupteten 43 Prozent der Männer und Offenbar wissen Frauen um diese spezielle Sehnsucht 37 Prozent der Frauen, mindestens einmal in ihrem Le- der Männer und wollen sie nicht enttäuschen. In einer ben Analsex ausprobiert zu haben. Überdies begrüßten Studie der University of Kansas gaben 67 Prozent der deutlich über 70 Prozent den gelegentlichen Einsatz Frauen (gegenüber 28 Prozent der Männer) an, ihre von Reizwäsche. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  JOCHEN METZGER 67
schlechten Eindruck machen, kein Spielverderber sein. Muise hat herausgefunden, dass solche Negativmotive eine überaus schädliche Wirkung haben. Sie machen unsere sexuellen Erlebnisse schal und rauben uns die Lust auf mehr. Bei Motiven der Annäherung stehen die Dinge anders. Hier will man etwas unbedingt haben: mehr Intimität, mehr Nähe, mehr gemeinsames Wachstum. Solche Gründe machen den Sex mit großer Wahrscheinlichkeit besser und erhöhen zudem die generelle Zufriedenheit mit der Partnerschaft. Wer sich also aus den richtigen Gründen zum Sex überreden kann, der liebt auf lange Sicht besser. Psychologen haben noch einen weiteren Faktor gefunden, der unsere Lust auf Erotik über Jahre bewahren könnte: „Selbsterweiterung“ (self-expan­ sion). Gemeint ist eine Haltung, mit Neugier in die Welt zu schauen, Routinen zu durchbrechen und gemeinsam mit dem Partner nach neuen Erfahrungen Ausschau zu halten. Selbsterweiterung kann höchst unterschiedliche Formen annehmen: Regelmäßig die Möbel im Schlafzimmer umstellen. Mit anderen Menschen flirten, ohne dabei die Grenzen der Treue zu überschreiten. Sich gemeinsam ein Hobby erschließen. Im Bett neue Spiele spielen. All diese Beispiele sind in der Forschungsliteratur als wirkungsvoll belegt. Wenn man sich Paare ansieht, die gar kein Verlangen mehr spüren, und sie vergleicht mit jenen, die sich immer noch begehren, dann findet man dies als größten Unterschied: Bei den einen ist der Sex komplett zur Routine geworden. Die anderen haben nie aufgehört, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Einige neue Studien haben die Mechanismen hinter der Kraft der Selbsterweiterung genauer ins Visier genommen. Eine Untersuchung aus Kanada etwa kam zu dem Ergebnis, dass Paare die Chance auf gemeinsamen Sex durch selbstexpansive Aktivitäten um 34 Prozent erhöhen können. Forscher aus Texas entdeckten, dass hinter der Selbsterweiterung offenbar eine einfache Überzeugung steckt: „Mein Partner und ich können lernen, einander im Bett besser zu verstehen. Wir können gemeinsam wachsen.“ Schicksalsergebene Paare hingegen halten es mit dem Glaubenssatz: „Entweder man passt zusammen – oder eben nicht. Wenn nicht, kann man daran nichts ändern.“ Die Daten aus Texas zeigen nun: Wer an diese Schicksalsthese glaubt, der probiert auch nichts Neues aus – und verpasst dadurch eine Chance, die sexuelle Zufriedenheit zu erhöhen. Allerdings ist auch Selbsterweiterung kein Heilmittel für alle. Eine Studie der Northwestern Uni­ versity zeigt, dass sie sogar unglücklich machen kann – nämlich dann, wenn man einen Partner erwischt, dem diese Tendenz zur Neugier fehlt. Erst wenn zwei passionierte Selbsterweiterer zusammentreffen, „erleben sie gemeinsam eine viel höhere Beziehungsqualität“, lautet das Fazit der Studie. WARUM HABEN WIR ÜBERHAUPT SEX? Diese Frage wurde erstaunlicher- rung prahlen, sich an einem un- etwas stärker auf einen schönen weise erst vor einigen Jahren wis- treuen Partner rächen oder einfach Körper oder sexy Kleidung anspre- senschaftlich untersucht. In ihrer in- etwas gegen ihre Kopfschmerzen chen; dass Frauen etwas häufiger zwischen legendären Studie fanden unternehmen. Erstaunlich: Der aus mittels Sex ihre „Liebe zum Aus- Forscher der University of Texas biologischer Sicht wichtigste Grund druck bringen“ wollen. Andererseits dabei sagenhafte 237 Gründe. Ne- für Sex („Ich möchte Kinder haben“) sind die Unterschiede zwischen den ben den zu erwartenden Antworten steht in der großen Liste ziemlich Frauen untereinander und den Män- („Weil’s Spaß macht.“ „Ich war ver- weit hinten – zwischen eher pro- nern untereinander viel größer als liebt.“ „Es war mal wieder nötig.“) fanen Angaben wie „Ich wollte ein jene zwischen den Geschlechtern. gab es auch einige eher exotische paar Kalorien verbrennen“ und „Die Anders gesagt: Viele Männer haben Kandidaten. andere Person hatte mich zum Es- Sex, weil sie Liebe verspüren. Und Einige der Befragten gaben zum sen eingeladen“. vielen Frauen geht es in erster Linie Beispiel an, per Beischlaf die näch- Unterscheiden sich die Geschlech- um Spaß. Männer vom Mars, Frauen ste Gehaltserhöhung oder Beför- ter in ihren Motiven? Wollen Frau- von der Venus? Bei Lichte besehen derung zu beschleunigen; andere en vor allem Liebe – und Männer bleibt von diesen Klischees nicht wollten sich Gott näher fühlen, vor „immer nur das eine“? Ja und nein. viel übrig. Freunden mit einer neuen Erobe- Einerseits stimmt es, dass Männer  68   JOCHEN METZGER PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Verlangen geht und kommt wie Ebbe und Flut Mit Atmung und Rosinen Mag sein, dass sexueller Appetit bei den meisten wie Ebbe und Flut funktioniert. Doch bei manchen folgt irgendwann nach der Ebbe keine Flut mehr, Verlangen und Erregung kommen einfach nicht wieder. Männer lassen sich dann bisweilen Viagra verschreiben – wenngleich das Mittel eher die „Performance“ als die Begierde selbst steigert. Was machen die Frauen? Auch sie holen sich Hilfe – zumindest manche von ihnen. „Weibliche sexuelle Unlust ist das häufigste und wichtigste Thema, mit dem wir uns in der Sexualtherapie beschäftigen“, sagt Lori Brotto, eine kanadische Psychologin, die eine neue Art von Therapie gegen sexuelle Unlust entwickelt hat. Sie arbeitet dabei nicht mit Chemie – sondern mit Atmung und Rosinen. Brottos „achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie gegen sexuelle Unlust“ beginnt mit einer Gruppenübung. Einige Frauen sitzen im Kreis um eine Tischgruppe, Lori Brotto lässt eine Schale mit Rosinen herumgehen. Dann kommen die ersten Anweisungen: Man soll die Rosine genau untersuchen, ihre Farbe, ihre Oberflächenstruktur, die Lichtschimmer an ihren Hügeln und Schluchten. Wie fühlt es sich an, mit den Fingerkuppen darüber zu streichen? Welchen Duft verströmt die Rosine? Wie klingt es, wenn man sie direkt neben dem Ohr zwischen seinen Fingern rollt? Danach schließt man die Augen und führt die Rosine langsam an seine Lippen. Man fühlt eine Art Vorfreude: Gleich werde ich sie essen! Vielleicht läuft einem schon das Wasser im Munde zusammen. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  „Verfolge mit freundlichem Interesse, wie in dir die unterschiedlichsten Empfindungen entstehen, sich entfalten und dann wieder verschwinden“, lautet Lori Brottos Anweisung. Erst zehn Schritte später – vollzogen wie in Zeitlupe – werden alle Gruppenteilnehmerinnen ihre Rosine schlucken, einen tiefen Atemzug nehmen und wieder die Augen öffnen. Achtmal wird sich die Gruppe zusammensetzen – ein Treffen pro Woche. Bei den meisten Sitzungen geht es um Meditation. Atmung. Achtsamkeit. Die Empfindungen des eigenen Körpers wahrnehmen, ohne sie zu beurteilen. Zu Beginn lässt Brotto alle Teilnehmerinnen einen Fragebogen ausfüllen: Was hat die Frauen zu ihr gebracht? Wie unzufrieden sind sie mit ihrer Sexualität? Ihrer Lust? Nach acht Wochen werden alle denselben Fragebogen noch einmal ausfüllen. Und die Ergebnisse sind vielversprechend: Das sexuelle Verlangen steigt bei den Teilnehmerinnen im Schnitt um 34 Prozent, die körperliche Erregung um 56 Prozent, die sexuelle Zufriedenheit gar um 60 Prozent. Offenbar greift Brottos Therapie selbst bei Krebspatienten und Traumaopfern. Derzeit testen die Kanadierin und ihr Team, ob Achtsamkeit auch Männern helfen kann, die eine Prostataoperation hinter sich haben. Die ersten Resultate seien ermutigend, sagt Lori Brotto. Auch wenn sie einräumt, dass Männer skeptischer seien. „Viele von ihnen fragen, ob sie nicht einfach Viagra schlucken können.“ Das mag Ausdruck eines alten Missverständnisses sein: „Die meisten Menschen glauben, dass Sexualität eine Sache des Körpers und der Medizin sei“, sagt Brotto. „Dabei geht es in den allermeisten Fällen um PH Psychologie.“ ZUM WEITERLESEN Lori A. Brotto: Better sex through mindfulness. How women can cultivate desire. Greystone Books, Vancouver 2018 Die weiteren Quellen dieses Beitrags finden Sie auf unserer Website: psychologie-heute.de/literatur 69
STUDIENPLATZ VON GUTEN UND SCHLECHTEN GEFÜHLEN Wie wir Gefühle erleben, hängt nicht nur von der Emotion selbst ab – sondern auch davon, wie wir über sie denken D ie Traurigkeit, die man empfindet, wenn ein guter Freund das in ihn gesetzte Vertrauen missbraucht hat. Die Wut, die während eines Streits mit dem Partner hervorbricht. Die Angst davor, was die Zukunft bringt: All das sind negative Gefühle, die man eigentlich nicht erleben will. Eigentlich. Denn es gibt durchaus Menschen, die diesen negativen Emotionen etwas Positives abgewinnen können. Wie man eine Emotion erlebt, hängt wohl nicht nur von dem Gefühl selbst ab, sondern auch davon, was für eine Meinung wir darüber haben: „Nehmen wir an, jemand hält Emotionen für schlecht, gefährlich oder unvernünftig“, illustriert die Psychologin Brett Ford von der University of Toronto das Phänomen. „Wenn dieser Mensch sich dann beispielsweise ärgert, wird er sich mit ho- 70   her Wahrscheinlichkeit wünschen, diesen Ärger zu vermeiden. Dazu wird die Person verschiedene Strategien ausprobieren, die sie für geeignet hält. Falls ihr das nicht gelingt, wird sie es in Zukunft noch intensiver versuchen.“ Zusammen mit James Gross von der Stanford University erforscht Ford Überzeugungen, die Menschen über Emotionen haben. Offenbar ist es nicht selbst- verständlich, dass wir unangenehme Gefühle immer schlecht finden und positive immer gut, es kann auch umgekehrt sein. Laut den Forschungsergebnissen, die die beiden Psychologen zitieren, halten Menschen unangenehme Gefühle unter gewissen Umständen für wünschenswert – oder angenehme für schädlich. Solche Bewertungen könnten sich langfristig auf die psychische Gesundheit auswirken. In einer Studie erlebten Menschen, die Wut für wertvoll erachteten, vermehrt Wut und Aggression, während solche, die in der Traurigkeit etwas Wertvolles sahen, mehr depressive Symptome aufwiesen. Menschen bewerteten aber nicht nur bestimmte Gefühle in einer konkreten Si­ tuation als positiv oder negativ, sondern hätten auch eine Meinung dazu, ob diese generell gut oder schlecht seien, so Ford PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 ILLUSTR ATION: JONI MAJER VON ANDREAS SCHRANK
und Gross. Auch das wirke sich gesundheitlich aus. Die Forscher fanden heraus, dass Menschen, die Gefühle ganz allgemein für etwas Negatives hielten, in eher schlechter psychischer Verfassung waren – sie gaben ein weniger ausgeprägtes Wohlbefinden an und zeigten mehr Symptome von Angst und Depression als diejenigen, die Emotionen normalerweise gut fanden. Von Meinungen und Metagefühlen Die Beurteilung von Gefühlen beschränke sich nicht darauf, ob wir diese gut oder schlecht finden, sagen Ford und Gross. Vielmehr denken manche von uns, Gefühle könne man im Griff haben, andere halten sie generell für schwer kontrollierbar. Wer Letzteres glaubt, erlebt negative Gefühle intensiver, verhält sich aber auch empathischer und mitfühlender gegenüber anderen, die sich gerade schlecht fühlen. Das belegt eine Studie, in der Eltern zu den Gefühlen ihrer Kinder befragt wurden. Wenn die Eltern diese für relativ unkontrollierbar hielten, unterstützten sie ihre Kinder mehr und bestraften sie weniger. Darüber hinaus ist die Überzeugung, man könne Gefühle nicht kontrollieren, aber wohl eher ungünstig – Studienteil- nehmer, die so dachten, zeigten häufiger Anzeichen von Depressionen. Wie kann es sein, dass unser Denken über Gefühle solche Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit hat? Wie die beiden Psychologen schreiben, ist dabei die Kontrollierbarkeit der entscheidende Punkt. Nur wenn wir glauben, unsere Emotionen steuern zu können, bemühen wir uns offenbar, dies auch zu tun, also sie beispielsweise nicht einfach „herauszulassen“, sondern sie umzudeuten und positiver zu sehen als vorher. Psychologen nennen das Emotionsregulation. Für unsere psychische Gesundheit ist es wichtig, dass wir versuchen, heftige Gefühle zu regulieren, und davon überzeugt sind, dass uns das auch gelingt. Diese Theorien zeigen, wie kompliziert die Vorgänge in unserer Psyche sind. Und es wird noch komplexer. Denn solche Gedanken – ob eine Emotion einerseits gut und andererseits kontrollierbar ist – können auch gemeinsam auftreten und sich gegenseitig beeinflussen. Wenn man beispielsweise glaubt, ein Ereignis löse negative und unbeeinflussbare Emotionen aus, steigt das Risiko für Depression. Dann haben wir beunruhigende Gefühle über die aktuellen Gefühle, vermuten Ford und Gross, sogenannte „Meta-Emotionen“. Noch seien jedoch viele Fragen zu unseren Meinungen und Metagefühlen offen, konstatieren die beiden Psychologen. Sie nehmen an, dass kulturelle Werte eine wichtige Rolle spielen, wenn wir uns Meinungen über Gefühle bilden und uns beispielsweise für unseren schlechten Gefühle selbst kritisieren. Brett Ford empfiehlt, sich von solchen Bewertungen eigener Emotionen möglichst zu lösen. Man könne versuchen, die eigenen Emotionen neutral und wertfrei zu betrachten. „Wenn Menschen ihren Emotionen und Gedanken gegenüber sehr kritisch eingestellt sind, leiden sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit darunter. Am Ende des Tages sind unangenehme Emotionen und Gedanken unvermeidlich. Statt sie kritisch zu beurteilen, sollten wir ihnen gegenüber offen und neugierig PH sein.“  Brett Q. Ford, James J. Gross: Why beliefs about emotion matter: An emotion-regulation perspective. Current Directions in Psychological Science, 28/1, 2019. DOI: 10.1177/0963721418806697 Brett Q. Ford u. a.: The psychological health benefits of accepting negative emotions and thoughts: Laboratory, diary, and longitudinal evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 115/6, 2018. DOI: 10.1037/pspp0000157 Liat Netzer u. a.: Interpersonal instrumental emotion regulation. Journal of Experimental Social Psychology, 58, 2015. DOI: 10.1016/j.jesp.2015.01.006 ABO & SHOP PSYCHOLOGIE HEUTE WIR LIEFERN PORTOFREI PSYCHOLOGIE HEUTE COMPACT-PAKET: 5 HEFTE FÜR NUR € 27,99 DAS BEWEGT MICH! Bestellhotline Mo-Fr 8-17 Uhr Tel 06201 6007-330 PSYCHOLOGIE shop@psychologie-heute.de PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 HEUTE 71 www.psychologie-heute.de/shop
Als Fontane depressiv wurde Aus heutiger diagnostischer Sicht schlitterte Theodor Fontane 1892 in eine Depression. Sie wurde verkannt und legte sein gesamtes Schaffen lahm. Eine vorsichtige Annäherung an den Jahrhundertautor anlässlich seines 200. Geburtstags – und ein Gedankenspiel: Wie erginge es Fontane als depressivem Patienten heute? VON KLAUS BRATH 72   Die Voraussetzungen, Theodor Fontanes schlimmste Lebens- und Schaffenskrise zu erkunden, sind günstig. Fontane war nicht nur hochproduktiv in unterschiedlichsten literarischen Genres. Er führte auch Tagebuch und schrieb Unmengen von Briefen, seine „eigentliche Autobiografie“. Mehr noch: Auch viele Dokumente aus dem engsten Umkreis sind erhalten. So kann man Fontanes depressive Selbstschilderung (oder ist es auch Selbststilisierung?) nach- und aus der Sicht und mit dem klinischen Wissen von heute „gegenlesen“. Depressives Erleben und Erkranken ist noch immer ein vielschichtiges Rätsel. Die Grundzüge der oft unterschätzten Krankheit sind bereits in der Bibel beschrieben. Sie betrifft Psyche und Körper gleichermaßen, verändert nicht nur ein Organ, sondern die ganze Person, das Selbst. Laut epidemiologischen Studien waren 2015 weltweit über 300 Millionen Menschen betroffen. Knapp 20 Prozent der erwachsenen Deutschen erkranken mindestens einmal im Leben an einer Depression. So war es auch Fontane ergangen. An seinem Beispiel soll einmal hinter die Fassade dieser Krankheit geblickt wer- den, um zu erkennen, wie brüchig auch eine außergewöhnliche Person sein kann und wie relativ unser klinisches Wissen auch heute noch ist. Denn depressives Geschehen ist immer hochindividuell. Es gibt nicht die Depression, die depressive Person. Theodor Fontane soll der Erkrankung ein Gesicht geben, allerdings ein prominentes. „Es hat einen besonderen Reiz“, schrieb Freud einmal, „die Gesetze des menschlichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu studieren.“ Arbeiten mit Vierteldampfkraft Nicht gerade idyllisch klingt es, wenn der damals 69-jährige Fontane im Jahr 1889 seine Alltagsverfassung beschreibt: „Man weiß doch auch, wie die Wochen aussehn! Wenn es 7 mal 24 fette Stunden wären, alle triefend von Behagen und lachend vor Glück, ja, da ginge es; aber Ärger, Sorge, Kränkungen, Schnupfen, dicker Kopf, Gesichtsreißen oder Asthma, diese haben doch meist den Löwenantheil.“ Solche Nöte und Klagen finden sich bei Fontane häufig. Dennoch, sein Lamento war gewöhnlich gut nachvollziehbar. Er hat sein gewaltiges Œuvre einem Leben mit vielen PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 ILLUSTR ATIONEN: STUDIO PONG W enn von Fontane die Rede ist, kamen und kommen Leser, Kollegen und Kritiker ins Schwärmen: „Ich lese den Alten jetzt wieder, mit unglaublichem Genuß“, schrieb Thomas Mann. Peter Härtling würdigte Fontanes Alterswerk Der Stechlin als „das Buch meines Lebens“, und Marcel Reich-Ranicki nannte das ganze Werk schlicht „kolossal“. Den wohl bedeutendsten deutschsprachigen Romancier des 19. Jahrhunderts charakterisieren sein berühmter lässiger Ton, lächelnde Skepsis und wunderbare (Selbst-)Ironie. Wie der Literaturkritiker Denis Scheck kürzlich im WDR sagte: „Fontane ist dieses Universaltherapeutikum, im Grunde so was wie ein richtig guter Schnaps. Wenn ich am Boden bin, lese ich Theodor Fontane.“ Und doch durchlebte dieser heiter wirkende und scheinbar so unbeschwert schreibende Mann eine tiefschwarze Zeit, war niedergeschlagen, freud- und antriebslos, seiner Familie und der Welt entrissen. Wie passt das zusammen? Und wie kam es dazu?
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Umbrüchen, Berufswechseln, Krisen und Krankheiten abgetrotzt. Etwas anderes bahnt sich an, als im Winter 1891/1892 Fontanes Widerstandskraft merklich nachlässt. Er arbeitet ausgerechnet an Effi Briest, jenem Gesellschaftsroman, der zu seinem Meisterwerk werden wird, als er sich eingesteht: „Das Arbeiten mit Vierteldampfkraft wird Regel.“ Auch der Vierteldampf versiegt schließlich. Als Fontane dann im März 1892 infolge einer Virusgrippe in „tief­ deprimierte[r] Stimmung“ ist, bleibt er nun monatelang resignativ und arbeitsunfähig. Auf Anraten des Hausarztes reist Fontane Ende Mai mit Frau und Tochter zur Kur ins Riesengebirge – ein Fehler, wie sich herausstellen wird, denn „ich wurde ganz elend, beinah schlaflos, und so verbrachten wir … vier schlimme Monate an der sonst so schönen Stelle“, so Fontanes Rückblick im Tagebuch. Briefe seiner Frau Emilie an die Familie bestätigen, wie schlecht es um den Erkrankten steht: So berichtet sie von Angstanfällen, Gemütsverstimmungen, Appetit- und Schlaflosigkeit, so dass sie am 7. Juli „immer ernstlicher an eine Nervenheilanstalt“ denkt. Fontane sage, ganz abgemagert: „Ich fühle, ich bin euch zur Qual.“ „Diesen klaren, verständigen Mann so zu sehen ist herzzer­ reißend“, klagt Emilie am 21. Juli auch ihrem Sohn Friedrich, der Jahre später Fontanes Zustand als eine „Art Dämmerzustand“ beschreibt: „Apathisch, teil­ nahmslos gegen alles, was ihn umgab, was auch draußen in der Welt passieren mochte.“ Entschluss- und antriebslos, vereitelt Fontane einen schon bekanntgegebenen Umzug aus Berlin. Wochenlang schläft auch die Korrespondenz vom selbsternannten „Mann der langen Briefe“ ein. Und auch Frau und Tochter geraten an ihre Grenzen: „Es ist nicht zu beschreiben“, schreibt Emilie am 21. Juli freimütig, „wie schwer es ist, mit dem armen Kranken zu leben, die Tage sowohl wie die Nächte.“ 74   Brom, Morphium, Rotwein: Die ganze Behandlung war falsch Erst nach Fontanes Rückkehr nach Berlin Mitte September flackern trotz freudloser Stimmung und Schwindelgefühlen zunehmend Zeichen von Besserung auf: mehr Appetit, mehr Aktivitäten, vor allem schläft er nun besser. Und Ende Oktober schreibt er wieder! Auf Anregung des Hausarztes verfasst er Meine Kinderjahre. Burnout des 19. Jahrhunderts In der Zeit der Krise hatte Fontane viele haus- und fachärztliche Kontakte: Die Ärzte diagnostizierten im März eine Influenza, im April eine Morphiumvergiftung, im Mai einen Herzfehler, im Juni eine Neurasthenie und im August eine Gehirnanämie, aber auch „einen auf 85 Jahre berechneten Corpus“. Wie passen diese unterschiedlichsten Diagnosen zusammen? Sie ergeben Sinn nach heutigem Verständnis der Depression: Die Influenza löste Fontanes wohl schon latent schlummernde Erkrankung aus. Die Morphiumvergiftung war das Ergebnis eines stark überdosierten Behandlungsversuchs. Zudem entwickeln sich Depressionen gerade im Alter eher schleichend und werden dann oft von körperlichen Beschwerden und altersbedingtem Leistungsabbau verdeckt. So gesehen waren der diagnostizierte Herzfehler und die Gehirnanämie wohl komorbide, also gleichzeitig mit der Depression vorliegende Krankheitserscheinungen. Sie erschwerten die richtige Diagnose ebenso wie Fontanes ansonsten offenbar recht rüstiger Körper. Bleibt noch die Neurasthenie, die ein Arzt im Kurort diagnostizierte. Sie war eine Art „Burnout des 19. Jahrhunderts“: weitgehend deckungsgleich in der Symptomatik, scheinbar epidemisch verbreitet und eines der wenigen gesellschaftlich akzeptierten psychischen Krankheitsbilder. Wenngleich mit feinen Unterschieden, was die „Risikogruppe“ betrifft: Sind heute vor allem leistungs­ orientierte und perfektionistische Personen gefährdet für Burnout, galten damals übermäßige Kreativität und Sensibilität als Risiko für die „Nervenschwäche“. So wird bei Fontane verkannt, dass sich hinter der Neurasthenie eine Depression verbirgt, so wie auch heute Burnout zumindest Vorbote einer schweren Erkrankung sein kann. „Um zu sterben muss sich Hr. F. erst eine andere Krankheit anschaffen“, beschwichtigt oder bagatellisiert der Arzt damals, wie Emilie berichtet. Oder unterstellt er Fontane gar, Simulant zu sein? Die Krankheitskategorie Depression gab es 1892 noch nicht. Ihr Verständnis und ihre Bezeichnung wandeln sich beständig. Um heute nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 eine Depression festzustellen, müssen wenigstens zwei Wochen lang mindestens zwei von drei Hauptsymptomen auftreten: gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebsmangel. Je nachdem wie viel von mindestens zwei von sieben Zusatzsymp­ tomen zusätzlich vorliegen – bei Fontane etwa Schlafstörungen, Appetitmangel und Insuffizienzgefühl –, diagnostizieren PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
und darüber hinaus: Bis zum 29.2.2020 taz lesen für 99 Euro. Die Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen sind die wichtigsten seit langem. Die Redaktion ist vor Ort und berichtet, kommentiert und ordnet ein. Lesen Sie bis zu 29 Wochen taz zum Fixpreis von nur 99 Euro. Täglich Print oder Digital + gedruckter taz am Wochenende. Sie haben die freie Wahl. taz.de/wahlen19 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  Veranstaltungen in Ihrer Nähe unter taz.de/ost 75 taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Friedrichstr. 21, 10969 Berlin Das Abo zu den Landtagswahlen
Endlich, nach vielen trostlosen Monaten, flackern Zeichen von Besserung auf. Und Ende Oktober heißt es: Er schreibt wieder! Ärzte dann eine leichte, mittelgradige oder schwere depressive Episode. Demnach erfüllte Fontane 1892 unstrittig die heutigen Kriterien einer Depression. Genau besehen litt Fontane an einer rezidivierenden Depression: Wie bei rund zwei Drittel der betroffenen Menschen kehrte sie auch bei ihm wieder. „Ich bin wie nasses Stroh“, so poetisch fasste Fontane etwa 1858 die Gemütslage zusammen, „die besten Zündhölzer wollen nicht recht helfen – es brennt nicht.“ „Quängelpeter und Egoist“ Wie schwer leidend und behandlungsbedürftig er nun jeweils genau war, wäre im individuellen Gespräch mit Fontane selbst zu klären – und nicht retrospektiv, basierend auf selektiven zeitgenössischen Quellen. Ohnehin enthalten psychiatrische Diagnosen Fallstricke. Sie sind keine „ewigen Wahrheiten“, sondern immer zeitund kulturabhängig und subjektiv getönt. Je nach Wissen über Fontanes Person, 76   Biografie, Neurobiologie, Gesellschaft, also auch je nach Fokus, Interesse, selektiver Wahrnehmung des Diagnostikers erscheint der „Kranke“ sehr unterschiedlich: mal psychisch, mal physisch geschwächt oder auch als Simulant. Wie wichtig präzise, umfassende, individuelle Diagnosen sind, ist somit offenkundig: Diagnosen können schaden, wenn der Betroffene gesund ist. Sie sind jedoch unentbehrlich, wenn jemand krankheitsbedingt leidet. Diagnoseziel ist, Leiden zu lindern oder zu heilen – egal ob in Therapie oder im Alltag. Und da selbst engste Vertraute Fontanes Zustand verkannten, wurde er, wie wir heute wissen, fehlerhaft behandelt: Der Hausarzt riet zur gut gemeinten „Erholungskur“ – dabei kann gerade der Entzug routinemäßiger Pflichten die Depression noch verstärken. Auch Fontane empfand, wie er noch vor der Kur äußerte, jeden Tag, an dem er nicht arbeiten könne, als vergeudet. Und die „Diagnose“ der über- lasteten Angehörigen? Sie tadelten den Kranken zeitweise als „Quängelpeter u. Egoist“ und als „Hypochonder“ – und vermengten somit Krankheit und Charakter. Unterschätzt wird auch oft die größte und doch geheimste Gefahr der Depression: ein möglicher Suizid. Von Fontane sind Todesgedanken überliefert – glaubt man seinem jüngsten Sohn, hätten sich diese 1892 zu einer Art Wahn gesteigert, er müsse wie sein Vater um das 72. Lebensjahr herum sterben. Eigene Suizid­ gedanken Fontanes sind hingegen nicht dokumentiert. Und doch beschäftigte ihn das Thema Suizid intensiv: Zum einen ist „Selbstmord die weitaus häufigste Todesursache von Fontanes Hauptfiguren“, so der Fontane-Forscher Paul Irving Anderson. Zum anderen fällt auf, dass sich Fontanes (depressive?) Tochter Martha 1917 womöglich das Leben nahm – die Beweislage ist freilich umstritten. Dass heute laut seriösen Statistiken gerade auch ältere Männer, Künstler und Apotheker (FonPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
tanes erlernter Beruf!) erschreckend oft Suizid begehen, ist ein weiteres Indiz. „Alles kommt auf die Beleuchtung an“, schrieb Fontane selbst. Er war ein Meister polyperspektivischer Erzähltechnik, der zudem auch heikle Themen virtuos in der Schwebe halten konnte – wie im Altersgedicht Ausgang: Immer enger, leise, leise Ziehen sich die Lebenskreise, Schwindet hin, was prahlt und prunkt, Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben, Und ist nichts in Sicht geblieben Als der letzte dunkle Punkt. Das reine Lotto So viel man heute auch über Fontane weiß – die Frage, warum er depressiv wurde, bleibt offen. Horst Gravenkamp diagnostizierte die Depression von 1892 in einer verdienstvollen Pathografie als „endogen“, also sozusagen „von innen“ und ohne äußeren Auslöser kommend und eigen­ gesetzlich verlaufend. Heute ist der Begriff endogen obsolet, da alle Depressionen als multikausal gelten: Ob man das Zusammenspiel von Genen und sozialer Umwelt fokussiert, ob physiologische Kennzeichen, ob frühkindliche Prägung, Stressbelastung oder die Fähigkeit, damit umzugehen – all dies und auch die Patientensicht ist jeweils hochinteressant und hilfreich, jedoch als einzige Sichtweise begrenzt. Peter Brieger resümiert in Irren ist menschlich, einem Lehrbuchklassiker der Psychiatrie: „Wir wissen nicht, warum Menschen depressiv werden.“ Und warum wurde Fontane wieder gesund? Er probierte unterschiedlichste Verschreibungen der Ärzte aus: Brom, Morphium, Rotwein, Luftveränderung, geistige Schonung, eine galvanische Kur: „Es ist alles das reine Lotto“, klagte er und: „Die ganze Behandlung war falsch, schablonenhaft, grausam.“ Stattdessen habe er sich an seinen Kindheitserinnerungen „wieder gesund geschrieben“. Dies ist stimmig, Fontane selbst war am nächsten dran. Aber es ist wohl nur die halbe Wahrheit. Zum einen war die neue Schaffenskraft womöglich nur „Symptom und nicht Ursache der Heilung“ (Gravenkamp): ViePSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  le Depressionen klingen sogar unbehandelt nach mehreren Monaten wieder ab, und Zeichen der Besserung gab es schon seit Fontanes Rückkehr nach Berlin. Zum anderen mahnt die Therapiewirkungsforschung, bescheiden zu interpretieren. Was genau wirkt, ist, um es mit Fontane zu sagen: „ein weites Feld“: War es das Ver- Was wirkte heilsam? Manchmal klingen Depressionen von selbst ab trauen zum Hausarzt? Der Appell an Fontanes ureigenste Ressourcen? Die heilende Kraft des Wortes? Veränderte all dies zusammen das Gehirn? Und welche Bedeutung haben Zeit, aktives Erinnern und vor allem Fontanes Selbstheilungskräfte? Ist es heute besser? Egal was nun genau Fontanes Depression verursachte und „heilte“ – wichtig ist: Wäre Fontane heute depressiv, würde es diesmal erkannt werden? Und bekäme er, falls er es wünschte, eine adäquate Behandlung? Beides ist fraglich: Laut einer weltweiten Studie, die 2017 im Fachjournal BMJ Open erschien, haben in Deutschland Allgemeinärzte knapp acht Minuten Zeit für einen Patienten – immerhin: In Bang­ ladesch sind es nur 48 Sekunden, in Schweden allerdings 22 Minuten. Dabei wären Zeit und Zuwendung gerade auch für Hausärzte, die depressive Menschen zentral versorgen, immens wichtig: Laut einer Statistik der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von 2017 wurden in Hausarztpraxen 28 Prozent der Depressionsfälle gar nicht erkannt und 23 Prozent als andere psychische Störung verkannt. Entsprechend wird nur eine Minderheit optimal behandelt. Viele müssen monatelang auf einen Psychotherapieplatz warten. Und gerade schwerdepressive Menschen erhalten oft gar nicht oder erst nach einer diagnostischen und therapeutischen Odyssee die benötigte Hilfe. Warum sind passende Hilfen nicht verfügbar, warum sind ausgerechnet auch so viele Menschen im Gesundheitswesen chronisch überlastet, könnte Fontane heute fragen. Fontane, der Patient – und der begnadete Gesellschaftskritiker! Dass derzeit auch die Zahl der Frühberentungen mit Diagnose Depression ins Uferlose steigt und dass noch immer viele aus Angst vor Stigmatisierung ihre Depression verheimlichen – auch dies: ein weites Feld! Doch obwohl die Depression heute mehr denn je Individuum, Angehörige, Heilkunst und Gesellschaft herausfordert, gibt es auch Tröstliches: Die Depression ist gut behandelbar. Als Säulen der Behandlung gelten heute – trotz aller Kontroversen – Antidepressiva und Psychotherapie. Beides führe dazu, „dass depressive Phasen schneller remittieren und die Patienten kürzere Zeit leiden“, so der Psychiater Klaus Lieb. Warum noch manches mehr hilft, Nebenwirkungen hat und auch schaden kann, erklärt Fontane in Effi Briest: „Und dann sind auch die Menschen so verschieden.“ Dies gilt auch für ein und dieselbe Person im Laufe der Zeit, wie gerade Theodor Fontane so wunderbar zeigt: Er sei „eine ganz gebrochene Kraft“ und „immer geängstigt, gequält und kein Schlaf“, schrieb er 1892 in seiner letzten depressiven Phase. Wenig später vollendete er mit Effi Briest ein Werk der Weltliteratur und schuf überhaupt ein Alterswerk, das seinesgleichen sucht. PH ZUM WEITERLESEN Horst Gravenkamp: „Um zu sterben muß sich Herr F. erst eine andere Krankheit anschaffen“. Theodor Fontane als Patient. Wallstein, Göttingen 2004 Regina Dieterle: Theodor Fontane. Biografie. Carl Hanser, München 2018 Daniel Hell: Depression. Wissen, was stimmt. Kreuz, Freiburg im Breisgau 2015 (Neuausgabe) Quellen sowie weiterführende Literatur und Links zu diesem Beitrag finden Sie unter psychologieheute.de/literatur 77
LEKYS AUSSICHTEN E ines meiner Lieblingswörter ist „Unannehmlichkeit“. Obwohl es ja wortwörtlich etwas meint, das zu groß ist, um es einfach an- oder hinnehmen zu können, wird es heute vor allem als Bezeichnung für Kinkerlitzchen benutzt: Eine Unannehmlichkeit hat zum Beispiel eine Hochadlige, wenn sie damit klarkommen muss, dass man ihr zum Frühstück die falsche Konfitüre kredenzt hat. Wenn die Deutsche Bahn Verspätung hat, entschuldigt sie sich bei den Reisenden stets standardmäßig für „die entstandenen Unannehmlichkeiten“ und suggeriert damit, dass sie statt Schwierigkeiten bloß Geringfügigkeiten hat entstehen lassen. Ich fahre derzeit oft mit der Bahn, und meine standardmäßige Unannehmlichkeit ist, dass ich es bei Bahnverspätungen vor Veranstaltungen nicht mehr ins Hotel schaffe und mich 78 Mariana Leky ist mit ihrem Roman Was man von hier aus sehen kann seit vielen Wochen in den Bestsellerlisten. In Psychologie Heute schreibt sie jeden Monat darüber, was die Menschen, die sie umgeben, bewegt. Mit psychologischen ­Themen kennt sich Leky aus: In ihrer Familie sind zehn ­Psychoanalytiker auf dem Bahnhofsklo umziehe. Mittlerweile habe ich Übung darin: Ich weiß, wie ich den Koffer in der Kabine positionieren muss, ohne dass beim Öffnen das Klo im Weg ist, ich kann, auf Strümpfen im Koffer stehend, mittlerweile sogar recht würdevoll Hosen wechseln, und ich habe gelernt, dass man beim Umziehen auf Bahnhofstoiletten konsequent und von Anfang an durch den Mund atmen muss. Heute ist es etwas anders. Heute ist einer der Tage, die von früh bis spät an einem herumnörgeln. Einer der Tage, in deren Augen man alles Mögliche nicht schnell und nicht gut genug macht – und das geheime Wissen, dass es gar nicht der Tag ist, der herumnörgelt, sondern man das ganze Genöle hauptsächlich selbst fabriziert, macht den Tag nicht ansehnlicher und die Bahnverspätung natürlich auch nicht. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 ILLUSTR ATION: ELKE EHNINGER EINE KAPITALE UNRAST
Mein Koffer ist sehr groß und die Toi­ lettenkabine dementsprechend kleiner als sonst. In der Kabine links von mir sitzt offenbar eine Steuerberaterin auf der ­Toilette; eine Frau jedenfalls, die mit lauter Stimme jemandem telefonisch eine Umsatzsteuervoranmeldung nebst Mahngebühr erläutert. „Umsatzsteuervoranmeldung“ ist keins meiner Lieblingswörter, „Mahngebühr“ erst recht nicht. „Mahngebühr“ ist eine Art Schlüsselreizwort, das – besonders an Tagen wie diesem – bei mir sofort ein Gefühl von Versäumnis und Lebensuntüchtigkeit auslöst. Ich fühle mich bei dem Wort „Mahngebühr“ immer gemeint, auch wenn es sich auf einer anderen Toilette befindet. Die mutmaßliche Steuerberaterin hat von Berufs wegen keine Probleme mit der Mahngebühr. Sie kann sogar Wasser lassen, während sie darüber spricht, sie pinkelt mitten in das Wort „Mahngebühr“ hinein. Während sie das tut, finde ich im Koffer meine Veranstaltungsbluse nicht, und als ich sie schließlich habe, fällt sie vor lauter Hektik auf die Klobrille, und bei dem Versuch, sie vor dem Hineingleiten in die Toilette zu bewahren, poltere ich gegen die Kabinentrennwand. Die Steuerberaterin fragt: „Alles in Ordnung da drüben?“ „Ja“, antworte ich, „ich bin nur gerade etwas hektisch.“ „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt die Steuerberaterin, sie sagt das zu mir, freundlicherweise, aber bestimmt hat auch der Mensch mit der Umsatzsteuervoranmeldungsmahnung etwas davon. Ich setzte mich auf den Klodeckel und knöpfe meine Bluse zu. In der Ruhe liegt die Kraft, da liegt sie momentan nicht besonders günstig, denn die Ruhe habe ich offenbar zu Hause gelassen, deshalb habe ich auf die darin befindliche Kraft keinen Zugriff. Dem unsinnigen Tag eine gute Geschichte abringen Bei Hektik fühlt man sich gleichermaßen getrieben und vernagelt. Ich atme durch den Mund und sehe vermutlich aus wie ein Karpfen. Mein Nachbar Herr Pohl fällt mir ein, der vor einiger Zeit unter einer sozialen Phobie litt und deswegen das Haus nicht mehr verlassen konnte. Wen auf einem Bahnhofsklo, eingekeilt von einem Koffer und einer kapitalen Unrast, keine soziale Phobie anweht, dem ist nicht mehr zu helfen. Als ich fertig umgezogen bin, steht die Steuerberaterin schon vor einem der Waschbecken und frischt ihr Gesicht auf. Ich erkenne sie an ihrer Stimme, denn sie redet immer noch mit dem umsatzsteuerlich angemahnten Jemand. Die Steuerberaterin ist gewieft im Schminken und bestens ausgerüstet, allein ihre Lippen bepinselt und besalbt sie gekonnt mit drei verschiedenen Produkten. Mein Gesicht hat die Farbe von jemandem, der den ganzen Sommer in einer Bahnhofstoilettenkabine verbracht hat – und jetzt reicht es mir. Ich beschließe, diesem unsinnigen Tag doch noch eine gute Geschichte abzuringen. Deshalb werde ich die Steuerberaterin jetzt fragen, wie man gekonnt Rouge aufträgt. Ich stelle mir vor, wie sie mir das geduldig erklärt, wie sie ihrem Schminkbeutel Sätze über Ruhe und Kraft entnimmt und andere edle Produkte, wie sie das alles auf mein Gesicht tut, bis es rosig aussieht und so, als habe es nie irgendwelche Mahnungen gegeben. Ich stelle mir vor, wie sie mir, nachdem sie mir das Rouge erklärt hat, auch das Steuerwesen virtuos auseinandersetzt, wie sie sagt: „Übrigens, Mahnungen sind auch nur Menschen“, und über all dem vergessen wir Zeit und Gestank, und später kann ich zu Hause erzählen: „Stellt euch vor, heute hat mich auf dem Bahnhofsklo eine Steuerberaterin geschminkt.“ Die Steuerberaterin hat ihr Telefonat beendet. „Entschuldigen Sie“, sage ich, „könnten Sie mir vielleicht kurz erklären, wie man Rouge aufträgt?“ Die Steuerberaterin dreht sich zu mir um und schaut mich an, ihr Blick ist ausdruckslos, vielleicht, denke ich, störe ich sie, vielleicht telefoniert sie doch noch, bei Leuten mit Knopf im Ohr weiß man ja nie, ob sie gerade jemand Unsichtbarem zuhören. „Na, auf die Wangen halt“, sagt die Steuerberaterin achselzuckend und geht davon. Ich schaue ihr nach, dann wieder in den Spiegel, ich sage: „Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten.“ PH FLEXIBEL WEITERBILDEN BERUFSBEGLEITENDE QUALIFIKATIONEN Stress- und Mentalcoach Entspannungstrainer Resilienztraining Gesunde Führung ANERKANNTE ABSCHLÜSSE PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  | 0211 86668 0 IST-Studieninstitut | www.ist.de 79
BUCH&KRITIK REDAKTION: KATRIN BRENNER S. 81 S. 82 S. 82 S. 84 S. 84 S. 84 S. 85 S. 86 S. 87 S. 88 S. 89 80 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Zeilen der Hoffnung Menschen, die ihre Depression überwunden haben, schreiben anderen Betroffenen Briefe. Profitieren diese davon? Als James Withey vor etwa zehn Jahren an einer Depression erkrankt, glaubt er, er werde sich nie wieder anders fühlen. Er denkt viel an Suizid. Doch dann flackert in ihm eines Tages ein Licht auf, er schöpft Hoffnung auf Besserung. Eine Erfahrung, die er teilen will. „Was wäre, wenn jene Menschen, die gerade dabei sind, über ihre Depression hinwegzukommen, denjenigen schreiben würden, die momentan darunter leiden? Was wäre, wenn diese Briefe den kleinen Teil in ihnen erreichen könnten, der daran glauben möchte, dass Heilung möglich ist?“, denkt er. Withey beginnt einen Blog und schreibt darin einen Brief an alle Menschen, die unter einer Depression leiden. Er trifft einen Nerv. Tausende Betroffene haben es ihm seither gleichgetan. Das daraus entstandene Projekt Recovery Letters ist heute, acht Jahre später, weltweit bekannt. In dem Buch Mutmach-Briefe hat Withey nun gemeinsam mit der Psychologin Olivia Sagan einige Texte ausgewählt. Frauen, Männer, Junge, Alte, von Ärztin bis Elektriker: Sie alle schreiben über ihre Erfahrungen mit einer Depression und wie sie diese überwunden haben. Für Betroffene ist dieses Buch eine Fundgrube der Hoffnung. Doch auch für nicht Erkrankte enthalten die Schriften lehrreiche Momente. Die Briefeschreiber berichten, wie die Depression sich für sie anfühlte, wie bleiern ihre Gliedmaßen waren, wie leer der Geist, wie unmöglich jeglicher Alltag, wie groß der Gedanke ans Sterben. All ihre Schilderungen sind so eindrücklich und bildhaft, dass auch Depressionslaien nachempfinden können, wie erdrückend diese Krankheit wirklich ist. Zugleich sind die Zeilen der Briefe voller Hoffnung und Fürsorge. Die Schreiber PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  strecken den Lesern ihre Hand aus, senden mentale Umarmungen und ermutigen: Sei gut zu dir! Pass auf dich auf! Hab Geduld mit dir! Bitte um Hilfe! Manche tragen neben der Depression noch weitere Päckchen mit sich, leiden an Angststörungen, haben eine Sucht entwickelt oder erleben auch manische Phasen. Doch sie haben sich ebenfalls freigekämpft und sprechen den Lesern gut zu. Sie alle erzählen ungefiltert über Medikamente, Psychotherapie, Klinikaufenthalte und Selbsthilfegruppen. Sie teilen mit, was ihnen geholfen hat – und was nicht. Dabei wird klar: Jeder heilt auf andere Weise. Da ist Matt, der Bildermalen für sich entdeckt hat. Q. S. Lam, der begonnen hat, ein Glücksbuch zu führen. Barbara, die stricken lernte. Für den Leser gilt es, den eigenen Weg zu finden. Die Briefe können ihm dabei als Landkarte zur Orientierung dienen. Die meisten Personen im Buch haben ihren Weg bereits gefunden. Mancher entsteigt der Krankheit gar gestärkt. Die Depression hat sie alle Dankbarkeit gelehrt – für Sonnenstrahlen, für die Familie oder für ein gutes Buch. Sie lehrte sie ferner, dass Selbstfürsorge nicht egoistisch ist, sondern lebensnotwendig. Lektionen, die auch Nichterkrankte für sich mitnehmen JANA HAUSCHILD können.  „Ich kenne das Monster, gegen das du gerade kämpfst, persönlich. Aber denke immer daran: Nachdem es dunkel war, geht die Sonne wieder auf. Immer“ JAMES WITHEY James Withey, Olivia Sagan (Hg.): MutmachBriefe. Von Menschen, die ihre Depression überwunden haben. Aus dem Englischen von Marlene Grois. Trias, Stuttgart 2019, 187 S., € 14,99 Leseprobe in der App 81
Erbsen pulen hinter der Couch Zwei Bücher beleuchten die ­Historie der Psychoanalyse: Uffa Jensen versucht sich an einer Globalgeschichte, Lore Reich Rubin erinnert sich an ihren Vater Wilhelm Reich Beim ersten Hören klingt der Titel sehr spannend: Wie die Couch nach Kalkutta kam. Obwohl auch analytische Therapie heute oft im Gegenübersitzen stattfindet, ist das Ruhebett – ein Relikt aus der Zeit hypnotischer Arbeit – zum Symbol für die Methode Sigmund Freuds geworden. Allerdings geht es in der Psychoanalyse um einen Prozess der Verarbeitung des Vergangenen in der Gegenwart, nicht um Emotionen schlechthin, wie es der Berliner Historiker Uffa Jensen in diesem Buch mit dem Untertitel „Eine Globalgeschichte der frühen Psychoanalyse“ ausführt. Dies ist ein Anspruch, an dem Jensen scheitern musste. Er hat in Kalkutta gear­ beitet und beschreibt die Faszination eines Zirkels gebildeter Bengalen für Sigmund Freud. Dann jedoch meint der Leser zu spüren, wie der Autor seinen spannenden, 82 aber begrenzten historischen Forschungsansatz aufbläht und bald ins Schwimmen gerät, weil das Aufdröseln der komplexen Psychoanalysegeschichte zwar in Kalkutta recht übersichtlich ist, aber an den beiden anderen von Jensen abgehandelten Orten – in London und Berlin – jeweils mindestens ein eigenes Forscherleben bräuchte. Jensen rührt so heterogene Phänomene wie etwa den psychischen Magnetismus Mesmers, Somnambulismus und Hypnose zu einem Brei angeblicher Wegbereiter der Psychoanalyse. Was ihm an Differenzierungen abgeht, ersetzt er durch Selbstbewusstsein, als hätte er mit dem Konzept der Emotionen das Wesen der Psycho­ analyse gefunden. Seine Obsession für diesen Begriff klären die Danksagungen Jensens am Ende des Buchs. Man erfährt nicht nur, dass es sich um eine Habilitationsschrift handelt, sondern man stößt auch auf Ute Frevert, Direktorin am MaxPlanck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, die seit Jahren über die „Geschichte der Gefühle“ forscht. So finden Leser Bekanntes und anderswo differenzierter Erfasstes über die doch recht begrenzte „Globalisierung“ der Psychoanalyse in Berlin und London neben wirklich neuen Ausführungen über die bengalische Oberschicht und ihre FreudAnhänger in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für eine Globalgeschichte, die diesen Namen verdient, geben diese Details nicht viel her; zu speziell ist die Situation in Indien, das mindestens so stolz auf eine ganz andere Bildungsgeschichte ist wie Mitteleuropa auf die seine. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Für den wissenschaftlichen Leser ärgerlich ist die Praxis der Publikumsverlage – hier Suhrkamp –, die dem Historiker kostbaren Fußnoten schwer lesbar an das Ende des Buches zu hängen. Viel bescheidener, dafür aber reicher an bisher unbekannten Einzelheiten, treten Lore Reich Rubins Erinnerungen an eine chaotische Welt. Mein Leben als Toch­ ter von Annie Reich und Wilhelm Reich vor ihre Leser. Wilhelm Reich war sicher einer der begabtesten Schüler Freuds – und er war ein Chaot, der keinen Widerspruch duldete. Annie Reich war seine Patientin, Ehefrau, Mitstreiterin und spätere „Feindin“, weil sie sich nach der Scheidung dem Kreis der orthodoxen Analytiker in New York anschloss. Ihre gemeinsame Tochter Lore Reich Rubin ist heute 91 Jahre alt. Ihr Lebensbericht konzentriert sich auf  Kindheit und Jugend, mit einem Abstecher in die Zeit, in der Wilhelm Reich unter besonderen Umständen in einem Gefängnis starb, und er endet versöhnlich: „Heutzutage weiß ich, warum sein Ruhm, besonders in Europa, nicht erloschen ist, und ich bin froh, dass ich Frieden mit ihm und meiner Vergangenheit geschlossen habe und mich nicht mehr schäme, seine Tochter zu sein.“ Leicht haben das die Eltern ihrer jüngeren Tochter nicht gemacht. Annie Reich trotzte Wilhelm Reich das zweite Kind ab, während dieser sich eine Abtreibung wünschte – Annie hatte während ihrer Ehe insgesamt sieben Abtreibungen. Wilhelm Reich vertrat die These, dass Kinder im politischen Kampf lästig seien und zur Vermeidung eines Ödipuskomplexes am besten in einem Heim aufwachsen sollten. Lore und ihre ältere Schwester Eva ver- Uffa Jensen: Wie die Couch nach Kalkutta kam. Eine Global­ geschichte der frühen Psychoanalyse. Suhrkamp, Berlin 2019, 539 S., € 28,– Leseprobe in der App PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  band eine komplizierte Beziehung mit viel Eifersucht; die Mutter war vorrangig an ihrer Karriere interessiert und distanziert. Sie gab ihre Töchter zu ihren Eltern und gelegentlich in Heime, um ungestört arbeiten zu können. Angeblich hat eines der vielen Kindermädchen, Mitzi, die ReichTöchter in Wien heimlich taufen lassen, weil sie mit dem Atheismus der Eltern nicht einverstanden war. Wilhelm Reich war cholerisch und unzuverlässig; die 14-jährige Lore forderte er einmal auf, ihm in die Augen zu sehen und zu sagen, ob sie ihn für verrückt halte. Lore sagte „ja!“, worauf der Vater den Kontakt zu ihr abbrach. Lore Reich Rubin schildert eindringlich, schonungslos und mit gelegentlich aufblitzendem Humor eine Kindheit zwischen Wien, Berlin, Prag und später New York. Die Autorin ist neugierig und genau. So berichtet sie, dass die Analytikerinnen in den ersten Jahren hinter der Couch strickten, nähten und Anna Freud sogar Erbsen pulte. Später, setzt sie hinzu, hätten sie nur noch mitgeschrieben – oft zu viel, um die erzwungene Untätigkeit erträglich zu machen. Sie schont weder sich selbst noch andere. Heftig ist ihr Ärger über Anna Freud, die gegen Reich intrigierte und dafür sorgte, dass dieser aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen wurde. Am Ende ist das herumgeschubste Kind selbst Psychiaterin und Analytikerin geworden. Erwachsen zu sein, sagt Lore Reich Rubin, bedeute, seine Eltern in ihren guten und schlechten Seiten zu sehen, ihr Leid und ihre Mühen zu verstehen – was etwas anderes sei als ein Befehl, ihnen WOLFGANG SCHMIDBAUER zu vergeben. Die pragmatische Schreibanleitung für Autoren Klaus Reinhardt Vom Wissen zum Buch Ratgeber, Sachbücher und Fachbücher schreiben 3., überarbeitete Auflage 2019. 216 Seiten, 1 Abbildung, 9 Tabellen € 19,95 / CHF 26.90 ISBN 978-3-456-85964-4 Auch als eBook erhältlich Wollen Sie Ihr Expertenwissen in einem Fachbuch bündeln? Wollen Sie mit einem Lehrbuch die Ausbildung prägen? Wollen Sie in einem Sachbuch die Öffentlichkeit aufklären? Wollen Sie Menschen mit einem Ratgeber helfen? Der langjährige Fachlektor Klaus Reinhardt hilft Ihnen mit klaren Anleitungen, hilfreichen Tipps und wertvollem Insiderwissen. Schritt für Schritt realisieren Sie so Ihr Wunschprojekt – von der ersten Ideenskizze bis zum erfolgreichen Publizieren in einem angesehenen Verlag Lore Reich Rubin: Erinnerungen an eine chaotische Welt. Mein Leben als Tochter von Annie Reich und Wilhelm Reich. Aus dem Englischen von LilithIsa Samer. Psycho­so­ zial, Gießen 2019, 253 S., € 29,90 83
AUFGEBLÄTTERT Wir warten alle. Im Stau wie an der Kasse, der kargen Landschaft Armeniens immer wieder Menschen, auf dem Amt, an der Grenze. Wir warten die im Nirgendwo an einer Bushaltestelle warteten. Einsame auf das Wochenende, auf das erlösende Kinder, deren Vater oder Mutter im Ausland arbeiten, hat 1:0, auf den Schlaf, auf die große Liebe. Andrea Diefenbach fotografiert – als Folge der Arbeitsmi- In Die Kunst des Wartens (Wagenbach, gration wächst in Moldawien jedes dritte Kind ohne Vater € 28,–) erkunden Brigitte Kölle und Clau­ oder Mutter auf. Johannes Vincent Knecht sieht im Warten dia Peppel verschiedene Arten des War­ eine aussterbende Kulturtechnik. Für ihn ist Wartenkönnen tens in den Werken zeitgenössischer Film- und Fotokünstler „eine Form des Protests, eine im Sinne der Menschlichkeit und verbinden sie mit literarischen oder essayistischen Tex- bewahrenswerte Fähigkeit, ein Modus der Freiheit und In- ten. Andreas Gursky fotografierte Anfang der 1980er Jahre subordination“. Pförtner in Duisburg, Ursula Schulz-Dornburg entdeckte in Normal sein – was bedeutet das? Und was, Mit verschränkten Armen steht der Klamot- wenn man es denn nicht ist? Wenn man sich tenverkäufer da, fasst sich mit der Hand ans so verhält, dass die anderen einen nicht so- Kinn und versteckt den Mund hinter seinen fort verstehen? Man werde als psychisch ge- Fingern. Nach den Regeln gängiger Rhetorik­ stört eingeordnet, schreibt Asmus Finzen. In ratgeber macht er falsch, was man auch nur seinem Buch Normalität (Psychiatrie, € 20,-) irgendwie falsch machen kann. Und dennoch stellt der Soziologe und Psychiater dar, was erzählt die Kommunikationstrainerin Isabel die moderne Gesellschaft unter Normalität, seelischer Ge- García in ihrem Buch Die Bessersprecher. Abschied von sundheit und psychischer Krankheit versteht. Er beschreibt den größten Kommunikationsirrtümern (Campus, € 19,95) die Vorgehensweise psychiatrischer Diagnostik, deren Un- gerade von ihm. Denn bei dem Kommunikationstraining im genauigkeiten, Moden und Grenzen. Dabei konzentriert er Bekleidungsgeschäft stellt er sich als Topverkäufer heraus. sich auf die Psychiatrie, da sie die Kategorisierung zwischen Das Entscheidende macht er nämlich richtig: Er hört wirk- „normal“ und „nicht normal“ nachvollziehbar und transpa- lich zu und er zeigt ehrliches Interesse an jedem einzelnen rent gestaltet – anders als die meisten anderen Disziplinen. Kunden. In ihrem Ratgeber rechnet García mit weitverbrei- In dem kleinen Buch streift Finzen auch den Einfluss von teten Sprechmythen ab. Sie erklärt beispielsweise, warum Kultur, Sprache, Subjektivität oder Medien. Tief steigt er in Ich-Botschaften nicht immer konstruktiv sind und weshalb keines dieser Gebiete ein, dafür bietet er einen leichtver- hüftbreites Stehen nicht automatisch zu besserem Sprechen ständlichen und kritischen Überblick über ein komplexes verhilft. Statt starrer Regeln empfiehlt sie, das Grundsätzli- und folgenreiches Thema. che hinter diesen zu sehen: eine aufmerksame, entspannte und interessierte Einstellung zum Gegenüber. 84 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Ambivalentes Anfassen So gestalten Sie Ihr Glück! Elisabeth von Thadden warnt vor der „berührungslosen“ Gesellschaft Der gesamte Körper ist „tastsinnessensibel“. Jedes seiner kleinsten, feinsten Härchen, rund fünf Millionen an der Zahl, wächst in einem Haarfolikel. Hier sitzen die Rezeptoren, 50 Stück pro Folikel. So ergibt sich eine Zahl von 250 Millionen berührungsintensiven Rezeptoren, die allein an die Haare gekoppelt sind. Dazu kommen freie Nervenendigungen direkt unter der Haut, mikroskopisch kleine Äste von Nervenfasern ohne speziellen Rezeptor. Davon zählt jeder menschliche Körper zwei Billionen. All das erfuhr man 2017 aus Homo hap­ ticus, dem Buch Martin Grunwalds (siehe Heft 4/2018) – in Österreich zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt. Grunwald leitet das Haptik-Labor am Paul-FlechsigInstitut für Hirnforschung der Universität Leipzig. Er ist einer von gerade einmal einigen hundert Wissenschaftlern weltweit, die zum Thema Berührung forschen. Die Journalistin Elisabeth von Thadden, Permanent Fellow des Kollegs „Postwachstumsgesellschaften“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Jena, hat Grunwald besucht. In ihrem Buch Die berührungslose Gesellschaft zeichnet sie ein atmosphärisch dichtes Bild des Gesprächs mit dem nachdenklichen Forscher. Auch weitere Begegnungen sind in das Buch eingeflossen. Von Thadden sprach in Berlin mit einem Architekten, der Kleinsthäuser entwirft, in Heidelberg mit dem Neurologen Thomas Fuchs, und sie telefonierte mit Vera King, der Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main. Es geht Elisabeth von Thadden, wie sie gleich zu Anfang schreibt, um die „menschliche Verletzbarkeit“, um die Entfaltung des Selbst und um das über Jahrhunderte erkämpfte Recht auf körperliche Unversehrtheit. PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 In vier Kapiteln, sacht hochtrabend als die „vier Sphären des epochalen Wandels, deren Schauplatz der Körper ist“ bezeichnet, beugt sie sich über die Materie. Sie beginnt mit dem menschlichen Tastsinn und dem Fingerspitzengefühl, das bei weitem nicht nur sprichwörtlich oder metaphorisch ist. Darauf folgen Kapitel über Recht und Politik, die Würde des Menschen und den Berührungsnotstand in der Pflege. Im Schlusskapitel geht von Thadden dann ausführlich auf Körperlichkeit, Optimierung und Arbeitsmarkt ein. Das liest sich alles gekonnt, klug und ist überaus versiert aufbereitet. Wenn es jedoch um das Konzept der Gemeinschaft geht, hätte man den Namen Erich Fromm erwartet – ausgelassen wird auch die Individualpsychologie von Alfred Adler. Wäre von Thadden psychologisch wie psychologiehistorisch mehr in die Tiefe gegangen und hätte Passagen etwa über Marc-Uwe Klings Roman QualityLand oder die Diskussionen von Zeitungsbeiträgen um ein Beträchtliches gekürzt, wäre ihre Darstellung mehr geworden als ein langes, interessantes und lesenswertes Zeitungsdossier. So will sich die unbedingte Notwendigkeit dieses Buches nicht recht einstellen, sind doch beispielsweise die Bände Martin Grunwalds und Hartmut Rosas problemlos greifbar. ALEXANDER KLUY Von Glück kann man ja bekanntlich nie genug kriegen. Und warum auch nicht? Es macht ja nicht dick! Trotzdem machen wir häufig bittere Erfahrungen auf der Suche danach. Der Grund dafür ist denkbar simpel: Das Glück der anderen ist eben nicht unseres! Die Autorin nimmt uns mit in ihre kleine Selbstcoaching-Manufaktur. • Sie zeigt uns die sechs Hauptzutaten des Glücks: Leidenschaft, Selbstwert, Klarheit, Beziehungen, Gesundheit und Handeln. • Sie verrät, wie wir unsere perfekte Mischung finden und zum krönenden Abschluss unseren Lieblingsgeschmack hinzufügen. Cordula Nussbaums 6-Stufen-Programm für Ihre Extraportion Glück! Elisabeth von Thadden: Die berührungslose Gesellschaft. C. H. Beck, München 2018, 206 S., € 16,95 2019. 222 Seiten 18,95 € . ISBN 978-3-593-51070-5 Auch als E-Book erhältlich 85
Soforthilfe für neue Energie Der „neuronale Mensch“ Alain Ehrenberg setzt sich mit der wachsenden Autorität der Neurowissenschaften auseinander 60 ausgewählte Ressourcenübungen im praktischen Kartenformat helfen, sich in schwierigen Situationen schnell auf eigene Ressourcen zu besinnen, Ressourcen zu aktivieren und somit gelassener an Herausforderungen heranzugehen. Jede Ressourcenübung ist auf der Rückseite der Karte mit einem passenden Bild illustriert. Die Übungen sind in vier Kategorien gegliedert: O Imagination O Ablenkung O Ressource und Aktivität O Achtsamkeit / Meditation Für den Einsatz in Psychotherapie/ Beratung und zur Selbsthilfe. Melanie Gräßer / Eike Hovermann jun. Ressourcenübungen für Erwachsene 60 Bildkarten mit 20-seitigem Booklet in stabiler Box. € 26,95 • GTIN-Best.-Nr.: 4019172100087 Kartenformat 9,8 x 14,3 cm Beispielübungen unter www.beltz.de 86 Ein großer Wurf wie dieser gelingt nur noch selten. Und es gibt auch nur noch wenige, die dazu in der Lage wären. Der heute fast siebzigjährige französische Soziologe Alain Ehrenberg ist so ein Autor. Nach seiner Analyse der Depression (auf Deutsch: Das erschöpfte Selbst, 2004) folgte 2012 sein Buch Das Unbehagen in der Gesellschaft über Freiheit und Individualismus. Sein neues Buch Die Mechanik der Leidenschaft ist ausdrücklich als Fortsetzung gedacht. Im dritten Teil seiner Trilogie behandelt er die Geschichte und Soziologie der Neurowissenschaften. Dafür geht Ehrenberg weit ins 20. Jahrhundert zurück, zu den Grundlagen von Psychologie und Psychotherapie, vor allem Freuds Psychoanalyse und dem amerikanischen Behaviorismus. Dazu kommen Schilderungen neurologischer Patienten, etwa die Fallberichte von Antonio Damasio oder Oliver Sacks, die vielen Lesern bekannt sein dürften. Ehrenbergs Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Frage, wie sich Krankheits- und Therapiemodelle im Einklang mit den Werten der Moderne verändern, nämlich Individualismus und Autonomie. So zeichnet er am Beispiel des Autismus eine Transformation von Behinderung zu Begabung nach. Eine der Stärken des Buchs ist die Originalität, mit der der Soziologe einen großen Zeitraum unserer Kulturgeschichte mit bahnbrechenden Entwicklungen der Medizin und Wissenschaften vom Menschen verwebt. Daraus katalysiert er eine Erzählung des plastischen Gehirns, die hervorragend in unsere Zeit der Selbstoptimierung passt: Entsprechend der Idee des veränderlichen Gehirns kann sich der Mensch immer wieder an neue Herausforderungen anpassen. Der Autor setzt jedoch bei seinen Lesern viel Vorwissen voraus: Wie so manch anderer Vertreter seiner Zunft zeichnet er sich durch einen sehr gehobenen Sprachstil mit langen Sätzen und vielen Einschüben aus. Dazu ist das Werk mit hunderten Fußnoten unterfüttert, die sich auch schon einmal über eine Drittelseite erstrecken können. Fachbegriffe wie „Katatonie“ (Krampfzustände bei Schizophrenie) oder „kognitive Verzerrung“ sollte man besser erklären, wenn man vorgeblich für ein breites Publikum schreibt. Der Fülle an Material fällt bisweilen die Aktualität zum Opfer: So gilt Damasios Theorie der „somatischen Marker“ vielen längst als überholt. Dessen Darstellung etwa des berühmten neurologischen Patienten Phineas Gage, dem im 19. Jahrhundert eine Eisenstange Teile des Gehirns zerstörte, wurde als vereinfachend und in Teilen falsch kritisiert. Die von Ehrenberg als neu dargestellten Trends in der biologischen Psychiatrie haben inzwischen auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Ihnen hätte eine kritischere Würdigung gutgetan. Dass er in seinem Buch mit dem Untertitel „Gehirn, Verhalten, Gesellschaft“ das alternative biopsychosoziale Modell nicht einmal erwähnt, grenzt an einen Fauxpas. So ist Die Mechanik der Leidenschaft vor allem ein Werk für diejenigen, die sich beruflich mit Psychotherapie, Psychiatrie, Neurologie oder Hirnforschung befassen. Interessierte Laien werden sich aber wohl nur mit Mühe durch die über 400 Seiten beißen. STEPHAN SCHLEIM Alain Ehrenberg: Die Mechanik der Leidenschaften. Gehirn, Verhalten, Gesellschaft. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Suhrkamp, Berlin 2019, 429 S., € 34,– PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
Sagen Sie mal, Herr Worseg: Macht eine Schönheitsoperation zufriedener? Herr Professor Worseg, viele Menschen entscheiden sich für eine Schönheitsoperation aus der Hoffnung heraus, mit einer kleineren Nase oder Dr. Artur Worseg ist Facharzt für plastische Chirurgie in Wien. Er studierte Medizin und habilitierte zum Universitätsdozenten, hält wissenschaftliche Vorträge und ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen einem größeren Busen selbstbewusster und zufriedener zu werden. Klappt das in der Regel? Die Studienlage zeigt, dass nach Schönheitsoperationen zumindest kurzfristig Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Zufriedenheit steigen. Langfristig stellen sich durch die Operation allerdings nur dann echte Lebensveränderungen ein, wenn von Haus aus ein gefestigter Charakter vorliegt. Welche Persönlichkeitstypen finden sich Ihrer Erfahrung zufolge besonders häufig in den Wartezimmern der Schönheitschirurgen? ILLUSTR ATION: JAN RIECKHOFF Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und Borderlinestörungen sind häufig; auch verschiedene Formen von Dysmorphophobie, bei denen die Betroffenen sich hässlich oder sogar entstellt fühlen, obwohl sie objektiv gar keine auffälligen Schönheitsmakel haben, sind oft vertreten in den Praxen von Schönheitschirurgen. chologen hinzuzuziehen. Das gilt auch für extern motivierte Patienten, die dem durch die Medien vermittelten Schönheitsideal entsprechen wollen. Intern motivierte Menschen, die körperliche Veränderungen verbessern wollen, die etwa durch eine Schwangerschaft oder den natürlichen Alterungsprozess verursacht werden, und diesen Eingriff wohlüberlegt durchführen, scheinen zumindest aus meiner Sicht in der Regel keine psychologische Unterstützung zu benötigen. In Ihrem Buch schreiben Sie: „Die häufigsten Morde an Schönheitschirurgen verüben unzufriedene junge männliche Nasenpatienten. Sagt Gibt es einen Zusammenhang zwischen der psy- zumindest die Statistik.“ Haben Sie eine Vermu- chischen Stabilität eines Menschen und dem tung, warum Nasenpatienten häufiger als ande- Wunsch eines plastisch-chirurgischen Eingriffs? re zum Mörder werden? Erfahrungsgemäß haben psychisch stabile Menschen weniger Probleme mit ihrem Körperbild. Wer durch eine persönliche Lebenskrise aus der Bahn geworfen wurde, beginnt häufig, an seinem Körper zu zweifeln. Wer die Krise überstanden hat, hadert meist auch nicht mehr mit seinem Körper. Statistisch ist der junge männliche Nasenpatient einer der schwierigsten Patienten, der auch am häufigsten Probleme bereitet. Grundsätzlich tendieren männliche Patienten bei nicht erfüllten Erwartungen nach einer Schönheitsoperation eher zur Aggression als Frauen. Gerade Nasenpatienten, die sich oft über Jahre oder Jahrzehnte mit ihrer Nase auseinandergesetzt haben und ihre gesamte, sie unzufrieden machende Lebenssituation in die Nase hineinprojizieren, haben oft Erwartungen, die weit über die Änderung der Nasenform hinausgehen – und können daher oft auch nicht zufriedengestellt werden. Wäre es dann nicht sinnvoll, bei jeder Anfrage eines Schönheitsoperation-Interessierten routinemäßig einen Psychologen hinzuzuziehen? Viele Menschen, die sich an uns wenden, befinden sich in Krisensituationen, etwa nach Trennungen oder beruflichen Schwierigkeiten. In diesen Fällen wäre es sinnvoll, bereits im Erstgespräch einen PsyPSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019   Artur Worsegs Buch Deine Nase kann nichts dafür. Wie wir uns vor dem Schönheitswahn retten ist in der Edition a erschienen (160 S., € 22,–) INTERVIEW: KATRIN BRENNER 87
Themenheft Elterliche Trennungen Katastrophentourismus, wertfrei Julia Shaw arbeitet auf ein neues Verständnis des Bösen hin – und will es aus der Welt schaffen Jetzt 6 Heft 5llen beste € 15,– n Die Aufgaben Sozialer Arbeit bei elterlichen Trennungen n Belastungen und Bedarfslagen Alleinerziehender n Gemeinsam erziehen nach der Trennung n Wechselmodell versus Residenzmodell n Umgangsmodelle und Kindeswohl n Zusammenwirken im Familienkonflikt: Die Cochemer Praxis n Wechselmodell und (obligatorische) Mediation n Beratungskonzepte der Familienberatungsstellen n Soziale Arbeit mit Vätern in Trennungssituationen n Die Bedeutung der Großeltern im elterlichen Trennungskonflikt  Preis Heft 5-6/2019: € 15,– Bestellen Sie Heft 5-6 hier Telefon 06201/6007-330 Fax 06201/6007-331 E-Mail: medienservice@beltz.de Internet: www.juventa.de Beltz Medienservice, Postfach 10 05 65, D-69445 Weinheim 88 www.juventa.de JJUVENTA UVENTA Julia Shaw hat ein gutes Buch geschrieben. In diesem wies sie auf die nachträgliche Formbarkeit von Erinnerungen hin. Sie beschrieb, wie sie suggestive Techniken nutzte, um Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen, etwa an Straftaten, die sie nie begangen hatten. Das schilderte sie in ihrem Bestseller Das trügerische Ge­ dächtnis aus dem Jahr 2016. Auch in ihrem Buch Böse. Die Psycho­ logie unserer Abgründe geht es der Rechtspsychologin nun darum, etwas im Kopf ihrer Leser zu verändern. Sie arbeitet auf ein „neues Verständnis des Bösen“ hin und will den Lesern helfen, ihre „eigenen Gedanken und Schwächen zu verstehen“. Zu diesem Zweck untersucht Shaw ein „Spektrum von Konzepten und Vorstellungen, die oft mit dem Wort böse assoziiert werden“. Terroristen etwa, sollte man denken, könnten als böse Menschen bezeichnet werden. Doch Shaw findet beim Blick in die Persönlichkeitspsychologie keinen Anhalt dafür, dass Terroristen im wissenschaftlichen Sinne „Psychopathen“ wären. Stattdessen untersucht sie den Radikalisierungsprozess, der diese Menschen dazu bringt, andere umzubringen. Statt einer individualisierenden strebt sie in diesem Fall eine soziale Erklärung an. Shaw sucht nach Erklärungen für alles, was als „böse“ bezeichnet werden kann. Ihre Botschaft ist, dass „Menschen von einer Kombination aus Gehirn, Veranlagung und sozialem System beeinflusst werden“. Von Mördern trenne uns demzufolge vielleicht nur ein „nicht vollständig funktionierender präfrontaler Kortex“. Shaw bricht in ihrem Buch auch eine Lanze für sexuelle Minderheiten, so dass überall „Regenbogenfahnen flattern“ sol- len. Ablehnende Haltungen erklärt sie zumindest teilweise über uneingestandene eigene sexuelle Neigungen der Homohasser. Also solle man auch mit diesen reden. So springt Shaw von Thema zu Thema: Es geht um Clowns und Sklaven, Nazis und Luftpiraten, BDSM und Cybertrolle. Ein Vorgehen, das sie selbst als „Katastrophentourismus“ bezeichnet. Sie greift dabei zu sehr plakativen Etikettierungen, um diese im Anschluss wieder zu verwerfen, etwa wenn sie von der „Jagd auf Monster“, von einer „Freakshow“ unheimlicher Menschen, den „abartig Perversen“ sowie von „Männern als sexuellen Raubtieren“ spricht. Shaw hofft, durch dieses Vorgehen Verständnis für das Geschehene zu erzeugen und dadurch Ängste zu mindern. Ihr Fazit: „Menschliche Neigungen sind weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht – sie sind einfach.“ Der resümierende Aufruf an die Leser lautet: „Bitte hören Sie auf, Menschen oder Verhaltensweisen oder Ereignisse als böse zu bezeichnen!“ Jedoch, könnte man ihr entgegenhalten, allein dadurch, dass man sie erklären und verstehen kann, werden die Dinge nicht wertfrei. Denn der Begriff des Bösen ist eng mit der Idee verbunden, dass das Leben Sinn und die Welt eine Ordnung hat. Dass Julia Shaw an dieser Ordnung Julia Shaw: Böse. Die Psychologie unserer Abgründe. Aus dem Englischen von Claudia van den Block und Ursula Pesch. Carl Hanser, München 2018, 320 S., € 22,– PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
so heftig rüttelt, erklärt vielleicht das ständige Durcheinander in der Argumentation des Buches. Shaw will „das Böse neu denken“. Zwar möchte sie den Begriff des Bösen am liebsten ganz abschaffen – gleichzeitig bedient sie sich des Begriffes ununterbrochen selbst. Sie findet etwa nach eingehender Abwägung, dass die Produktion von Autos mit lebensgefährlichen Mängeln eben doch böse sei. „Ich habe eine eindeutige Meinung dazu, was ich als objektiv angemessenes Verhalten betrachte und was nicht“, stellt sie abschließend fest. Shaw will das Geschilderte wissenschaftlich und damit wertfrei beschrei- ben. Zugleich hat sie sehr klare Vorstellungen davon, was richtig und falsch, gut oder böse sei. Entsprechend richtet sie wiederholt Appelle an die Leser: „Seien Sie gewissenhaft, seien Sie stark!“ „Vergessen Sie nicht, dass Sie den Pfad zur Hölle an jedem Punkt verlassen können!“ „Es ist an der Zeit, über unsere Mitschuld an der Frauenfeindlichkeit zu sprechen.“ Das ist alles, nun ja, gut und richtig. Gut und Böse bleiben eben wichtige Koordinaten, um die Geschehnisse in der Welt einzuordnen. Auch noch nachdem man Julia Shaws Buch Böse gelesen hat. Nachts, wenn das Gehirn eigentlich schlafen sollte… THORSTEN PADBERG RHETORIK À LA HOMER SIMPSON Jay Heinrichs, Rhetoriktrainer, Journalist und Autor, führt uns in seinem unterhaltsamen Einführungswerk die große Bedeutung der Überzeugungskunst für Politik, Wirtschaft und Alltag vor Augen. Anhand von faszinierenden Fallbeispielen aus der Geschichte und vergnüglichen Anekdoten aus dem eigenen Familienleben legt er dar, warum die Rhetorik sehr viel mehr als das Studium berühmter Reden ist. „Rhetorik ist die Kunst der Beeinflussung, der Eloquenz, Schlagfertigkeit und unabweisbaren Logik.“ Er erläutert rhetorische Tricks und Kniffe von Cicero über Obama bis hin zu Eminem und Homer Simpson. Das Buch zeigt, dass wir alle bessere Rhetoriker werden können, wenn wir auf Logik, Gesten und Wortwahl sowie auf die Stimme und äußere Erscheinung achten. Wir können uns mit psychologischen Analysen von Gegner und Publikum sowie einer klugen Gliederung auf wichtige Auseinandersetzungen vorbereiten. Heinrichs stellt eine beeindruckende Vielfalt an bewährten Grundregeln guter Argumentation und Präsentation vor. Viele detailreiche Analysen rhetorischer Meisterleistungen verleihen seinen Thesen Gewicht. Dennoch mangelt es dem Buch an wissenschaftlichen Belegen. So fehlt im Kapitel über die Macht der Reformulierung von Botschaften jeglicher Hinweis auf die zahlreichen Studien zum Thema. Heinrichs unterstreicht, dass gelungene Rhetorik zum individuellen Stil passen muss. Aber die Fixierung auf das rhetorische Handwerkszeug lässt vergessen, dass alle Helden der Rhetorik herausragende Persönlichkeiten waren und wahrhaft große Rhetorik auf tiefe Einsichten und bewegende Visionen angewiesen bleibt. MICHAEL HOLMES Jay Heinrichs: So überzeugt man mit Rhetorik. Schlagfertig argumentieren mit Aristoteles, Lincoln und Homer Simpson. Aus dem Amerikanischen von Andreas Simon dos Santos. Piper, München 2019, 496 S., € 14,– PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 327 Seiten, gebunden € 22,95 D | ISBN 978-3-407-86556-4 erhältlich Auch als Seit vielen Jahren erforscht der Neurologe Dr. Guy Leschziner im Schlaflabor extreme Schlafstörungen und entschlüsselt, welche Pannen im Gehirn diese verursachenund wie man sie beheben kann. Er erzählt von Menschen, die keine Nacht mehr durchschlafen, die im Schlaf exzessiv essen, ihren Partner mit unkontrollierbaren Fußtritten terrorisieren und jede Nacht unter Furcht einflößenden Halluzinationen, Atemstillständen oder bewusst erlebter Schlaflähmung leiden. Anhand von zwölf wahren und verblüffenden Fallgeschichten schildert Dr. Guy Leschziner anschaulich und spannend, welche zentrale Rolle das nachtaktive Gehirn für den Schlaf, aber auch beim Lernen, Vergessen und Verarbeiten spielt. Und welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit wir ruhig und erholsam schlafen können. Leseprobe auf www.beltz.de 89
AUSSERDEM RAT UND LEBENSHILFE Isabell Prophet Wie gut soll ich denn noch werden?! Schluss mit übertriebenen Ansprüchen an uns selbst. Goldmann, 272 S., € 14,– Stephan Konrad Niederwieser Nie mehr schämen. Wie wir uns von lähmenden Gefühlen befreien. Kösel, 224 S., € 20,– Lars Amend It’s all good. Ändere deine Perspektive und du änderst deine Welt. Kailash, 320 S., € 17,– Beate Kanisch LebensErfolg. Wie Sie das Leben führen, das zu Ihnen passt. Springer Gabler, 63 S., € 14,99 Reinhard Haller Das Wunder der Wertschätzung. Wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden. Gräfe und Unzer, 208 S., € 17,99 Joachim Deichert Sei du selbst. Ratgeber zur Stressreduzierung vor Bewerbungsgesprächen. Westerwald Media, 84 S., € 14,95 Andrea Scherkamp Meine Resilienz. Das Training mitten im Leben. Allesimfluss, 176 S., € 14,99 Dr. Christian Stock Resilienz. Mit Achtsamkeit zu mehr innerer Stärke. Trias, 144 S., € 14,99 Gabriele Wilz, Klaus Pfeiffer Pflegende Angehörige. Hogrefe, 107 S., € 19,95 Norina Peier, Marcel Felder Jeder Schritt ein Auftritt. Übungen und Reflexionen zur Vermittlung von Auftrittskompetenz. Hep, 192 S., € 33,– PSYCHISCHE GESUNDHEIT Mina Teichert Bruchlandung auf Wolke 7. Mit ADS und ADHS auf der Suche nach der ganz großen Liebe. Eden, 256 S., € 14,95 Klaus Bernhardt Depression und Burnout loswerden. Wie seelische Tiefs wirklich entstehen und was Sie dagegen tun können. Ariston, 256 S., € 18,– Dr. Martin Pinsger, Dr. Thomas Hartl Dem Schmerz entkommen. So hilft Ihnen die Cannabis-Therapie. Goldmann, 288 S., € 10,– 90   Julia Arnhold, Hannah Hoppe Ausstieg aus Verhaltenssüchten. Wie Schematherapie helfen kann. Mit CD. Junfermann, 224 S., € 30,– Bernd Hontschik Erkranken schadet Ihrer Gesundheit. Westend, 160 S., € 16,– Christiane Wirtz Das Katzenprinzip. Immer auf den Füßen landen – Sieben Wege aus der psychischen Krise. Dietz, 152 S., € 18,– Pete Walker Posttraumatische Belastungs­ störung. Vom Überleben zu neuem Leben. Ein praktischer Ratgeber zur Überwindung von Kindheitstraumata. Unimedica, 342 S., € 22,80 DENKEN, FÜHLEN, HANDELN Dr. Trutz E. Podschun Psychizin. Die neue Einheit von Körper und Geist. Tectum, 350 S., € 25.– Heidi Keller Mythos Bindungstheorie. Konzept – Methode – Bilanz. Das Netz, 176 S., € 24,90 Charles Pépin Sich selbst vertrauen. Kleine Philosophie der Zuversicht. Hanser, 224 S., € 17,– Christophe Massin Lieben oder leiden. Gefühle wahrnehmen und wandeln. Ennsthaler, 276 S., € 22,90 Manfred Spitzer Mentale Stärke. Der Schlüssel zu Gesundheit, Glück und Gemeinschaft. Droemer, 320 S., € 19,99 Kieran Setiya Midlife-Crisis. Eine philosophische Gebrauchsanweisung. Insel, 211 S., € 18,– Michaela Brohm-Badry Das gute Glück. Wie wir es finden und behalten können. Ecowin, 300 S., € 24,– Joachim Bauer Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Blessing, 256 S., € 22,– Wendy Mitchell Der Mensch, der ich einst war. Mein Leben mit Alzheimer. Rowohlt, 302 S., € 12,– László F. Földényi Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften. Matthes & Seitz, 280 S., € 30,– Jannis Puhlmann Depression und Lebenswelt. Eine phänomenologische Untersuchung. Logos, 91 S., € 16,– Michael Tischinger Auf die Seele hören. Wegweiser in ein selbstbestimmtes Leben. Herder, 240 S., € 20,– KINDER UND FAMILIE Clara Welten Die Digitalisierung der Kinderstube. Miteinander leben oder nebeneinander existieren? Edition Welten, 208 S., € 19,99 Christoph Wewetzer, Kurt Quaschner Ratgeber Suizidalität. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Hogrefe, 56 S., € 8,95 SCHULE UND BILDUNG Wilhelm Rotthaus Schulprobleme und Schulabsentismus. Störungen systematisch behandeln. Carl-Auer, 255 S., € 34,95 Hans Peter Klein Abitur und Bachelor für alle – wie ein Land seine Zukunft verspielt. Zu Klampen, 208 S., € 20,– ARBEIT UND BERUF Lilo Endriss Fahrplan für den Flow. Kreative Blockaden analysieren und mit Coaching auflösen. Springer, 206 S., € 37,99 Stephanie Hartung (Hg.) Trauma in der Arbeitswelt. Springer Gabler, 214 S., € 39,99 Wiltrud Föcking, Marco Parrino Starke Stimme, stark im Job. Ihr Trainingsprogramm für mehr Überzeugungskraft im Beruf. Springer, 194 S., € 19,99 Eric Pfeifer (Hg.), unter ständiger Mitwirkung von Hans-Helmut Decker-Voigt Natur in Psychotherapie und Künstlerischer Therapie. Theoretische, methodische und praktische Grundlagen (2 Bände). Psychosozial, 900 S., € 99,90 KULTUR UND GESELLSCHAFT Holm Gero Hümmler Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden. Hirzel, 223 S., € 19,80 Fritz B. Simon Anleitung zum Populismus oder: Ergreifen Sie die Macht! Carl-Auer, 126 S., € 12,– Constanze Kleis Sonntag! Alles über den Tag, der aus der Reihe tanzt. Piper, 208 S., € 18,– Kathrin Burger Foodamentalismus. Wie Essen unsere Religion wurde. Riva, 272 S., € 16,99 Rainer Moritz Zum See ging man zu Fuß. Wo die Dichter wohnten. Spaziergänge von Lübeck bis Zürich. Fotografien Anna Aicher. Knesebeck, 224 S., € 40,– Michael Herzig, Frank Zobel, Sandro Cattacin Cannabispolitik. Die Fragen, die niemand stellt. Seismo, 140 S., € 17,– Claus Koch Trennungskinder. Wie Eltern und ihre Kinder nach Trennung und Scheidung wieder glücklich werden. Das große Selbsthilfebuch. Patmos, 240 S., € 20,– Alain de Botton Die Kunst zu reisen. Süddeutsche Zeitung, 132 S., € 16,– Jörg-Dieter Kogel Im Land der Träume. Mit Sigmund Freud in Italien. Aufbau, 252 S., € 22,– Martina Schmidhuber, Andreas Frewer, Sabine Klotz, Heiner Bielefeldt (Hg.) Menschenrechte für Personen mit Demenz. Soziale und ethische Perspektiven. Transcript, 254 S., € 34,99 Heinz-Jürgen Voß, Michaela Katzer (Hg.) Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung durch Kunst und Medien. Neue Zugänge zur sexuellen Bildung. Psychosozial, 382 S., € 44,90 Ingrid Kollak Yoga in Vorsorge und Therapie. Fachbuch mit Übungen für Atmung, Bewegung und Konzentration. Hogrefe, 264 S., € 34,95 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
MEDIEN REDAKTION: STEFANIE MAECK HÖREN Glückliche Familie Eine Familie zu schaffen, die Geborgenheit stiftet, wünschen sich wohl alle Eltern. Doch wie können sie mit Gelassenheit und Überblick im Alltag dazu beitragen? Die norwegische Psychologin und Familientherapeutin Hedvig Montgomery geht solchen Fragen in ihrem Hörbuch nach. Sie beschreibt den zentralen Balanceakt von Bindung und Autonomie: Eltern müssen einen sicheren Rückzugsort bieten und zugleich loslassen – wie gelingt das im passenden Rhythmus kindlicher Entwicklungsstufen? Montgomery liefert neben entwicklungspsychologischen Einschätzungen effektive Techniken für schwierige Situationen, gibt Rat zu Regeln und Grenzen in der Erziehung und hilft auch der Paarbeziehung in der Not. Die Autorin flicht viel Wissen und Erfahrungen aus ihrer Praxis ein. Die eine oder andere Weisheit aus der Hausapotheke der Familienpsycho­logie findet sich ebenfalls – etwa: „An jedem Tag sollte es schöne Momente geben.“ Ein nützliches Kompendium der Familientherapie, bequem zum Anhören. Hedvig Montgomery: Die Hedvig-Formel für eine glückliche Familie. 3 CDs. Argon Balance 2019. Laufzeit: 3 Stunden und 35 Minuten. € 16,95 INSPIRIEREN Ein Coach für alle Fälle Manchmal hilft die richtige Frage zum richtigen Zeitpunkt. Der neue Taschen-Coach: Veränderungen und Entwicklungen anstoßen bietet mit einem Set aus 60 Fragekarten zu zwölf Themen Anstöße, die ein Coach für Wachstum geben würde. Einige der Fragen sind als Spiegelübung gedacht, können also vor dem Spiegel beantwortet werden, um die Selbstreflexion anzuregen. Mit dem Set kann im Selbstcoaching sowie in der professionellen Beratung oder in Gruppen gearbeitet werden. Genutzt werden unter anderem Impulse aus Psychodrama, Hypnose, Ressourcen-, Akzeptanz- und Zielearbeit. Sicher scheint: Mit dem Taschen-Coach lernt man sich und seine Mitmenschen schnell kennen und schätzt eigene und fremde Sehnsüchte und Potenziale besser ein. Jürgen Küster, Anja Tack, Denise Ohms: Der Taschen-Coach: Veränderungen und Entwicklungen anstoßen. 60 Reflexionskarten und 16-seitiges Booklet. Beltz 2019, € 24,95 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  ANSEHEN Gefühlen Ausdruck verleihen Frisch getrennt, macht Sofia mit ihren beiden Töchtern Urlaub in einem Ferienhaus am Meer. Für alle drei Frauen entwickelt sich die Auszeit zu einer Begegnung mit eigenen Ängsten und der Erkundung innerer Räume. Die Teenagertochter knutscht mit ihrer ersten Liebe, einem gleichaltrigen Mädchen, Mutter Sofia tastet sich aus der Trauerzone und die Jüngste überwindet Ängste durch einen Zaubertrick auf der Bühne. Das Besondere an Tage am Meer sind die starken filmischen Bilder, die die argentinische Regisseurin Nadia Benedicto für Seelenzustände wie Verlorenheit, Trauer, inneres Chaos oder irrationale Ängste zu finden vermag: mal surreal, mal fantastisch und stets sehr poetisch. In langsamen Bildern erzählt der Film so von einer weiblichen Trennungs- und Neuanfangsgeschichte. Nadia Benedicto: Tage am Meer. DVD. Absolut Medien 2019. Spieldauer: 93 Minuten. Spanisch mit deutschen Untertiteln. € 9,90 HINGEHEN In die Zukunft blicken Mit der „gefährlichsten Idee der Welt“ (Francis Fukuyma) befasst sich das Symposium Bessere Menschen? Technische und ethische Fragen in der transhumanistischen Zukunft in Fürth: Vom 11. bis 13. Oktober gehen renommierte Forscher dort Fragen der technischen Erweiterbarkeit des Menschen nach. Sie diskutieren, wie sich unsere Arbeit durch den Einsatz von Robotern verändern wird, welche Chancen es für Menschen mit Einschränkungen gibt und ob es sogar zu einer Verschmelzung von Mensch und Maschine kommen könnte. Wer sich für Humanismus in der Digitalisierung interessiert, erhält hier interessante Impulse. Anmeldung und Information: shop.turmdersinne.de 91
LESERBRIEFE k.brenner@beltz.de „Wie oft empfehle ich Patientinnen und Patienten Yoga, Achtsamkeit und Entspannungstraining. Und wie oft denke ich, dass mehr individuelles Engagement in unserer Gesellschaft genauso nötig wäre für die seelische Balance“ Dr. Klaus Thomsen, psychotherapeutische Praxis, Flensburg (Anke Nolte widmete sich in unserer Titelgeschichte der Kraft des Atmens. „Zeit zum Durchatmen!“ Heft 4/2019) Konstruktive Empörung (Gabriele Heise schrieb einen offenen Brief an ihre Yogagruppe. „Ach, Gabriele, geh auf deine Matte!“ Heft 5/2019) Eine politische Glosse in der Psychologie Heute – wie erfrischend! Wie oft empfehle ich Patientinnen und Patienten Yoga, Achtsamkeit und Entspannungstraining. Und wie oft denke ich, dass mehr individuelles Engagement in unserer Gesellschaft genauso nötig wäre für die seelische Balance. Enttäuschung über Parteien, Skepsis gegenüber Medien und Ohnmacht angesichts übermächtiger Weltkrisen – alles verständlich. Der alleinige Rückzug in die Innerlichkeit ist für mich aber gefährliche Verleugnung und Selbstbezogenheit. Er überlässt inhumanen, rassistischen oder narzisstischen Ideologen und Verschwörungstheoretikern den öffentlichen Raum. Fridays for Future ist für mich konstruktive Empörung, die den Weg nach vorn weist und auf uns selbst. Achtsam sein und ins Handeln kommen, so könnte es gehen. Dr. Klaus Thomsen,  92   psychotherapeutische Praxis, Flensburg Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen. Sie sprechen sehr ausführlich über Yoga, Pranayama, die Atemschulen Richter und Middendorf, über psychologische und weitere neue therapeutische Ansätze, was ich aber in Ihrem Artikel leider gänzlich vermisse, ist die Felden­ kraismethode, die Sie mit keinem Wort erwähnen. Die Einheit von Seele, Körper und Geist, das Vorhandensein einer „Muskulatur der Seele“ und die Beeinflussung des Gehirns durch bestimmte Bewegungsabläufe, all dies und vieles mehr beinhaltet Felden­ krais. Die von Ihnen bezüglich des Atmens erwähnten Möglichkeiten – wie abwechselndes Atmen durch ein Nasenloch (Wech­ selatmung), Atemschaukel und Atemphasen – gibt es auch dort, ja sogar die Vierteiligkeit des Atems (Ein – Pause – Aus – Pause). Ein Ziel ist, durch verbal ange­leitete Übungen für alle vier Phasen in einen mehr oder weniger gleichen Rhythmus zu kommen. Rhythmisches Atmen in diversen Körperstellungen und das Hineinatmen in Körperbereiche gibt es nicht nur im Yoga, sondern auch im Feldenkrais. Rosa Schlatter, Feldenkraislehrerin, per E-Mail Kohlendioxid ist kein gasförmiges Abfallprodukt! Genug Kohlendioxid im Körper verhilft zu besserer Sauerstoffaufnahme und -verteilung und es erfüllt im menschlichen Körper eine Reihe lebenswichtiger Funktionen, darunter: Regulierung des überlebenswichtigen Gleichgewichts des Säure-Basen-Haushalts, Abgabe von Sauerstoff aus dem Blut, damit er den Zellen zur Verfügung steht, Dehnung der glatten Muskulatur in den Wänden der Atemwege und Blutgefäße, Weitung der Bronchien, Entspannung der Skelettmuskulatur, Hemmung der freien Radikalen, die durch ein Zuviel an Sauerstoff entstehen können. Atmen wir über längere Zeit zu schnell oder zu tief, beispielsweise in Zeiten mit hohem Stresserleben, Angst oder aus Gewohnheit, entsteht ein Mangel an CO2 in den Zellen, im Blut und in den Lungen – mit negativen Folgen für die Gesundheit. Gesund atmen bedeutet daher ein leichtes, sanftes, langsames Atmen mit angemessener Atemluft pro Atemzug und einem tiefen Atmen im Sinne einer feinen Abdominalbewegung, die durch das freie Schwingen des Zwerchfells, unseres Hauptatemmuskels, entsteht.  Brigitte Ruff,  Präsidentin Verein Buteyko-Schweiz, Zürich PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019 Die Redaktion behält es sich vor, Leserbriefe zu kürzen Atmen heilt!
Ich kann die Dreiteiligkeit des Atemrhyth­ mus aus langer Erfahrung sehr empfehlen. Ich kann mich sogar körperlich damit heilen. Ich habe diese Übung nach Yogi Paramahansa Yogananda vor 40 Jahren gelernt. Ich fühle die Lebensenergie (Prana) in der Atempause fließen und kann sie im Körper verteilen. Es ist sicher sehr lobenswert, über die Bedeutung und Kraft des Atems in einer Titelgeschichte zu schreiben. Aber dieser Artikel bildet nicht den gegenwärtigen Stand der Atemtherapie gleichgewichtig ab! Die Yoga-Atmung „Pranayama“ stellt nur einen kleinen Ausschnitt dar. So wird in dem Artikel auch viel zu sehr der technische und willensbetonte Aspekt des Atems betont. Atemtechnik ist aber immer schon ein Eingriff in ein primär vegetatives Geschehen, ohne dass dieses überhaupt erst einmal erfahren wird. Die verbreiteten Atemschulen in der Tradition von Veening, Middendorf, Kemmann und Richter werden kaum erwähnt. Die von Thomas Loew vorgestellte Studie wurde von Atemtherapeuten/innen dieser Schulen getragen, ohne dass darauf hingewie- sen wird. Auch dass es einen Berufsverband für Atempädagogik und Atemtherapie (BVA) gibt, wird nicht erwähnt. Christian Großheim, per E-Mail Geschichtsklitterung? (Martin Hecht fragte, welche Folgen es hat, wenn immer mehr Menschen „herkunftsneutral“ leben. „Versunken in Geschichtslosigkeit“. Heft 5/2019) Ergänzt werden muss der zweite genozidale Totalitarismus, der Kommunismus, bündig vom Putschisten Lenin 1918 formuliert: „Dekret über den Roten Terror und über die Errichtung von Konzentrationslagern.“ Entsprechend Churchill: „Kommunismus, Faschismus – Pest und Cholera.“ Eine halbe Amnesie ist keine historische Aufarbeitung, sondern Geschichtsklitterung. Hilfreich sind Autoren wie Courtois, Solschenizyn, Popper, Arendt, Hayek, Mises, Furet, Revel, Glucksmann, Baberowski, Löw, Hornung, Heinsohn, Koenen, Knabe. Beim HitlerStalin-Pakt wuchs zusammen, was zusammengehört. Wie Brecht formvollendet fabulierte: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Carsten Velke, Oberhausen Loben ist unsinnig (Frank Luerweg widmete sich der Frage, warum wir immer im Bewertungsmodus sind und wie wir mit Lob umgehen. „Die Urteile der anderen“. Heft 5/2019) Loben ist meines Erachtens unsinnig! Meine Eltern haben meines Wissens nicht gelobt – aber an uns geglaubt. Ich habe meine fünf Kinder auch gar nicht loben wollen, fand das doof, sozusagen eine Einmischung in ihr Wesen und ihre Entwicklung. Natürlich habe ich Anteil genommen. Beim Malen „Oh, wie schön, bunte Blumen“ gesagt oder bei fehlender Tür an einem gemalten Haus „Wo geht man da rein?“ gefragt. Oder bei ausnahmsweise aufgeräumter Küche: „Ha, wie gern man doch so anfängt zu kochen!“ Meine Tochter fragte mal bei Pubertätsbeginn: „Warum bist du eigentlich immer so überzeugt von uns?“ Das konnte ich nicht beantworten. Anscheinend habe ich einfach an sie und ihre Entwicklung geglaubt. Letztlich sind alle Persönlichkeiten geworden.  Dr. Vera Antons, Stuttgart IMPRESSUM REDAKTIONSANSCHRIFT Werderstraße 10, 69469 Weinheim Postfach 10 0154, 69441 Weinheim, Telefon 0 62 01/60 07-0 Fax 0 6201/60 07-382 (Redaktion), Fax 0 6201/60 07-310 (Verlag) E-Mail: redaktion@psychologie-heute.de WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE HERAUSGEBER UND VERLAG Julius Beltz GmbH & Co. KG, Weinheim Geschäftsführerin der Beltz GmbH: Marianne Rübelmann Genehmigung der Re­daktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der ­Redaktion wieder. Für unverlangt eingesandtes Material übernimmt die Re­daktion ­keine Gewähr. 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CHEFREDAKTION Dorothea Siegle REDAKTION Susanne Ackermann, Katrin Brenner, Anke Bruder, Anne Kratzer, Thomas Saum-Aldehoff, Eva-Maria Träger HERSTELLUNG UND LAYOUT REDAKTIONSASSISTENZ Gisela Jetter, Johannes Kranz Nicole Coombe, Kerstin Panter KORRESPONDENTIN IN DEN USA Dr. Annette Schäfer ANZEIGEN Claudia Klinger Postfach 10 0154, 69441 Weinheim Telefon 0 62 01/60 07-386, Fax 0 62 01/60 07-93 86 Anzeigenschluss: 7 Wochen vor Erscheinungstermin GESAMTHERSTELLUNG Druckhaus Kaufmann, 77933 Lahr VERTRIEB ZEITSCHRIFTENHANDEL DPV Vertriebsservice GmbH, Am Sandtorkai 74, 20457 Hamburg, Telefon 0 40/3 78 45-27 70 Copyright: Alle Rechte vorbehalten, Copyright © Beltz Verlag, Weinheim. Alle Rechte für den deutschsprachigen Raum bei Psychologie Heute. Nachdruck, auch auszugs­weise, nur mit schrift­ licher ­Ge­neh­migung der Redaktion. Nachdruck, Aufnahme in On­linedienste und Internet sowie Ver­viel­fältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM etc. nur nach vorheriger schriftlicher PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019  FRAGEN ZU ABONNEMENT UND EINZELHEFTBESTELLUNG Beltz Kundenservice Postfach 10 05 65, 69445 Weinheim Telefon: 06201/6007-330 / Fax: 06201/6007-9331 E-Mail: medienservice@beltz.de www.psychologie-heute.de Studentenabos (Vollzeitstudium) gegen Vorlage der Studienbescheinigung (per Fax, E-Mail Anhang oder per Post) Einzelheftpreis: € 7,50 (Schweiz SFr. 10,90); Bei Zusendung zzgl. Versandkosten. Abonnementpreise: ­Jahres-/Geschenkabo: Deutschland € 79,90, Österreich, Schweiz € 81,90 (jeweils inkl. Versand); alle anderen Länder € 71,90 zzgl. Porto (auf Anfrage). Jahres-/Geschenkabo plus: Deutschland € 99,90, Österreich, Schweiz € 101,90 (jeweils inkl. Versand); alle anderen Länder: € 91,90 zzgl. Porto (auf Anfrage). Studenten­jahresabo: Deutsch­ land € 69,90, Österreich, Schweiz € 71,90 (jeweils inkl. 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Der Aboauflage Inland liegen zwei Beilagen der Schatten und Licht e. V. in Welden und eine Beilage der Biber Umweltprodukte Versand GmbH in A-6850 Dornbirn bei. In unserer Aboauflage Österreich liegt ebenfalls eine Beilage der Biber Umweltprodukte Versand GmbH BILDQUELLEN Titel: Silke Weinsheimer. S. 3: Katrin Binner. S. 4, 16, 17, 19, 20, 23, 25, 26: Karsten Petrat. S. 5 oben, 30, 33: Daniel Balzer. S. 5 unten, 64, 65, 67, 69: Sabine Kranz. S. 6, 7, 8, 9, 10, 52, 54, 56 links, 106: Getty Images. S.11: Anton Hallmann/ Sepia. S. 12: picture alliance/dpa. S. 13: © Kösel Verlag. S. 27: privat. S.28 oben: Michel Streich. S. 28 unten: privat. S. 36, 37: Simon Puschmann/plainpicture. S. 39: Mona Alikhah/plainpicture. S.42, 94: Till Hafenbrak. S. 44, 46: dpa picture alliance/dpa Themendienst. S. 45: privat. S. 53: MSSA/Shutterstock. S. 55: Mauritius Images/Peter Vogel. S. 56 rechts oben: akg-images. S. 57 Schilling & Blum. S. 58, 60: Marianna Gefen. S. 70: Joni Majer. S. 73, 74, 76: Studio Pong. S. 78 oben: Elke Ehninger. S.78 unten: © Franziska Hauser. S. 82: akg-images/Marion Kalter. S. 87: Jan Rieckhoff. S. 91: absolut Medien. ISSN 0340 -1677 93
Bleiben Sie informiert Wenn Sie kein wichtiges Thema verpassen wollen, dann brauchen Sie den Psychologie Heute-Newsletter. Er informiert Sie zuverlässig jeden Monat über unsere Themen, bietet kostenlose Leseproben, berichtet über Neues auf der Website und vieles mehr. psychologie-heute.de/newsletter Schreiben Sie uns einen Leserbrief! Teilen Sie uns Ihre Meinung mit, Ihre Gedanken zum Heft und zu unseren Artikeln. Wir sind gespannt! k.brenner@beltz.de Unterstützen Sie Forschung Besuchen Sie uns auf Facebook Hier teilen wir mit Ihnen die neuesten Nachrichten aus der Redaktion, wertvolle Buch- und Filmtipps, kostenlose Leseproben, Gewinnspiele und vieles mehr. Über 219 000 Fans freuen sich darüber – und wir freuen uns, wenn Sie auch bald dazugehören. JA 17 April 2017 MÄRZ 2017 FEBR UA R 20 NU AR 20 17 Sie möchten zur Wissenschaft beitragen und an psychologischen Studien teilnehmen? Auf unserer Website finden Sie aktuelle Projekte, für die Universitäten Probanden suchen. Während Sie sich durch Fragebögen klicken, bekommen Sie Einblicke in die psychologische Forschung und können je nach Studie auch einiges über sich selbst und Ihre Mitmenschen lernen. psychologie-heute.de/aktuelles/studienteilnahme BE AU SGAOGIE SCHREIB EN Das große Interesse, selbst Auto r zu sein PSYCHOL 0E D69410,90 D6940E 44. JAh SFR 6,90 44. 7SFR€10,90 JAHRG HEFT rgAng 44. JAHRGANG € 6,90 HEFT 6 ANG € 6,90 44. hef SFR HEFT 0E44. JAHRGANG 5 10,90 HEFT 8 JAD6940E 94 € 6,90 tSFR HR 4 10,90 D6 GANG JUNI 2017 GA JAHR € 6,90 D6940 44. NG ,90 E 44.HE Sfr 10,9 JAFT R 10 HR3 € 0 D6940e SF GA 6,9 NG 0 MAI 2017 44 HE SFR 10, . JAFT 90 HR 2 D694 GA € 6,9 0E NG 0 HE SFR 10,90 FT 1 D6 € 6, 940E 90 SF R 10 ,90 D69 40 E ÄLTER WER Wir sind so DEN PSYCHOTHERA alt, wie PIE wir JULI 2017 GE BL LASS D E a us d ie K EIB NCIC uns e LebS H r RuT St h EUN N eNHsW hÄ e br , sicZ Was wirBZ nic k C in W u R g as wir vonE h H E N U n zut deE EeT s n alIteG Sicsege für un N hrever !laEstse wninpas NN ste n Ph EiloenN nKO anc sover lltenag, wleCh DeGE ph!en zeihen. n Sin vornAanim n rnnenw Veren kö mte ir nn dZE n erk erensäuUG enEN en ER offen unse ÜBSie reenn Gefü nen le gewin sich ge für hle n Wie andere N en erreich Ihre Ziele IO N d KONundZENLTRIE AT UREN E n Ainfl!ussenne–nu IPUSICH SIE H N Cns beeenlbsschützen t lerEIT! Wie wir uns vorS A Ablenkung Z u IR e M und CeH S Dinge ns s geln und geregelt hen M S ReA zü L er ubekommen nsc üged ICDHU MIhrbeeUn i b uld en treffen ng a WieerSie and ssse ir dEntscheidu a w re Wie wbe n, N, me DE INernst nebhen e le s ER CH B h W R I Bedürfuntishentisc E ene ir a Still und Wstehen,heeign: Wie w Wie sich stark sensib compact Wege aus Gerüch psychisch wir N Sind Verblendung RDE WEder WEISE bereit dafür? schon e Weg Der klug enheit ried SINN LEBENS zur Zuf was Besseres Es gibt SSMUS NARZI Glück alsElte nur rn Wenn lieben sich selbst PSYCHOLOG IE HEUTE AUGUST 2017 über uns denk Wie viel ist genug? en RESPEKT GEDÄCHTNIS Der Umgang REISENWas wollte ich wieder wird wirklich raueKüche? uns esÖR T? r Wann in der GEHgleich SCHON bringt etwas erfolgreich Wie man FANATISMUS t reite ME AUTOS te verb AUTONO Es gibt BE VEM NO 19 20 LI € 7,5 11 FT Über me in Stim st zie selb n be sich itio Zu Pos R TE VÄ ur mit n UE NE bt es ern tt … gi en Mü neu le un in einer lau d introvertierte Me ten Welt nschen behaupten Dann gönnen Sie sich unser Jahresabo Plus! Das heißt, Sie bekommen zusätzlich zu allen Psychologie Heute-Ausgaben auch unsere vier Compact-Hefte im Jahr zugeschickt. Dabei sparen Sie zehn Prozent gegenüber dem Einzelkauf und dürfen sich über eine Prämie als Willkommensgeschenk freuen. Abonnentinnen und Abonnenten genießen außerdem kostenlosen und unbeschränkten Zugriff auf die Artikel in unserem Onlinearchiv. psychologie-heute.de/shop 46 . JA HRG AN G 50 € 7, T7 NG HEF GA HR . JA 45 SF HE D69 0 40 E JU ,90 R 10 ER tisch ER ri INN die k uns Das ersch Körp compact GE R SSE FPA AU e E NC PTA CE AC der FAT Ende am PSYCHOLO HEUTEGIE War WOH ESO N u IrraneuTeERmIKnic HEIT tion W liegtW ege ht ma EN ales IDER gHR Ver FA Boim ehen l FadoTrerc Nte ISn nd hal im GkeKiNe woff s Warum esprächh gutgläubwihr gerne ig sind 2019 HEFT 57 R 8,50 SFR 12,90 43254 ihre n M n B ensc GE eru hen M Was EINSA f bren für nen MS SC M ist d r ännerfr as BesonCHWE Wel HÖNE rte IG eun ö dsch dere an EN rich che G BES FAST nW tig esch CH EN aften K usse nden C KR Erho fi fl Ü ? en ER AFre lu GL beein ohlbe Bin NKuHdEe m ke UNG Körp ng für du er un So ser W er das ngsst IT achen d Seel ein Imm ress EM un e se muse N zu haim PA u ISE llen syst schwäc Langsam um Wan THnIE em KR htste bensp ht S n sch M e auen, itgef me scha IST gseh e Do Na en L ühl det ssier RT ohr lo en u e -A h c n Wie geh P K-U lpsy e nach demt es weiter PIC Sozia Szen Burno ut? Ein r die übe R 20 18 DO Wan SSIE R Darf ’s etwas mehr sein? 94 PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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Dr. med. Mabuse Nr. 240 (Juli/August 2019) Schwerpunkt: Demenz • Unterstützte Selbsthilfe für Menschen mit kognitiven Einschränkungen • Alzheimer-Forschung – eine aktuelle Bestandsaufnahme • WGs für Demenzbetroffene mit Migrationshintergrund • Expertenstandard • Technikgestützte Gestaltung von Biografiearbeit außerdem: • Mehr Wissen für den großen Sprung nach vorn? – Künstliche Intelligenz und Big Data im Gesundheitswesen • Kein ruhiger Schlaf – Schlafmittel mit gefährlichen Nebenwirkungen Dr. med. Mabuse ist die unabhängige und kritische Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe. Als Geschenk gibt es ein Buch oder einen Büchergutschein über 10 Euro. Einzelheft 8 Euro Schnupperabo (6 Ausgaben) nur 32 Euro (statt 44 Euro). Weitere Aboprämien und die letzten Ausgaben finden Sie auf unserer Homepage: www.mabuse-verlag.de PARTNERSCHAFT für die nächste Ausgabe ist der 6. September 2019. Das Einfach Liebe Retreat Entspannte Sexualität leben Ein Paarseminar über Liebe und Bewusstsein mit Ela & Volker Buchwald. Hotel Gutshaus Parin, Nähe Ostsee, 10. - 15. November 2019 www.einfach-liebe.de Wir bieten: Coaching und Fortbildung s n ue ir W fre un f au BLICKKONTAKT So lesen wir in Gesichtern D6940E SFR 10,90 € 7,50 HEFT 9 46. JAHRGANG Ihre Anzeige erscheint dann am 9. Oktober 2019 in Heft 11/19. KONZENTRATION FINDEN Alle wollen unsere Aufmerksamkeit. Wie es uns gelingt, wieder ganz bei der Sache zu sein Weitere Informationen zu Anzeigengrößen und -preisen erfahren Sie in den Mediadaten unter www.psychologie-heute.de/ service/mediadaten Ihr Engagement: 3 h pro Woche zu Hause am PC 09/2019 Lehrer, die uns fürs Leben prägen Als Fontane depressiv wurde Gesucht! Ehrenamtliche Psychologen und Sozialpädagogen für anonyme Online-Beratung von Jugendlichen mit psychischen Problemen PSYCHOLOGIE HEUTE VORBILDER DUNKLE ZEIT Wir geben Halt ! Anonym, kostenlos, und fachkompetent. Informationen unter: www.jugendnotmail.de/berater Tel.: 030 804 966 93 SEPTEMBER 2019 ANZEIGENSCHLUSS Ihre ersc Anzeig e hein t au in u nser ch App er ! e! Si WWW.PSYCHOLOGIE-HEUTE.DE 105
IM NÄCHSTEN HEFT DIE OKTOBERAUSGABE ERSCHEINT AM 11. SEPTEMBER 2019 TITELTHEMA VON DER HILFLOSIGKEIT ZUM GLÜCK Im Laufe seiner Karriere hat die Forschung von Martin Seligman eine bemerkenswerte Wendung genommen. Als junger Psychologe untersuchte er, wie Menschen und Tiere in depressives Verhalten verfallen, wenn man ihnen jeden Ausweg verbaut. Sein Konzept der „erlernten Hilflosigkeit“ machte ihn berühmt. Später beschloss er, die Fragestellung umzudrehen: Was macht uns glücklicher? – Was treibt den vielzitierten, aber auch oft kritisierten Wissenschaftler an? Ein Porträt. EIN ROLLENBILD IM WANDEL PASSIV-AGGRESSIVE MENSCHEN Kaum ein Stereotyp besteht so hartnäckig wie das der gutmütigen, grauhaarigen Großeltern. Dabei verändert sich das reale Rollenbild stark. Durch den demografischen Wandel erleben Großeltern einerseits länger gemeinsame Zeiten mit ihren Enkeln. Zugleich haben sich aber auch ihre Prioritäten hin zu anderen Beschäftigungen verschoben. Zwischen lesbischen Großmüttern und Patchworkfamilien, Verjüngungskuren und Konflikten mit den eigenen Kindern: über die Aufgaben und Chancen moderner Großelternschaft. DIE KUNST, SIE ZU ERKENNEN UND MIT IHNEN UMZUGEHEN SCHNELLER, ALS DIE ZEIT ERLAUBT „Ach, hatten wir das wirklich besprochen?“ – „Jetzt hast du die Ausfahrt wohl schon wieder verpasst …, Liebling.“ – „Du weißt ja immer alles besser …, nur Spaß!“ Das sind Sätze von Menschen, die sich passiv-aggressiv verhalten: der Kollege, der sich dumm stellt, die Ehefrau, die ein Kosewort verwendet, um sich einem Gespräch über den Ärger zu verweigern, der Freund, der einen verletzenden Kommentar als Humor hinstellt. Passiv-aggressives Auftreten wirkt weniger massiv als ein direkter Angriff, kann einem aber das Leben sehr schwer machen. Was kennzeichnet passiv-aggressive Taktiken? Wer wendet sie an? Und wie gehen wir mit diesen Menschen um? Das alles erzählen wir in unserer Psychologie Heute-Titelgeschichte in der Oktoberausgabe. Wir leben mit einem linearen Verständnis der Zeit: der Überzeugung, dass die Zeit wie ein Pfeil nach vorne schießt, immer in eine Richtung, immer stärker beschleunigt. Gleichzeitig werden wir gesteuert von den zyklischen körperlichen und seelischen Abläufen und Rhythmen, die die Natur uns vorgibt. Daraus entstehen Konflikte, die in Burnout oder Depression münden können. Ein Gespräch mit dem Philosophen und Psychotherapeuten Thomas Fuchs. 106   AUSSERDEM: • Polyamorie: Das Liebes- und Lebensmodell der Zukunft? • Arbeit und Psyche: Wenn der Job krank macht PSYCHOLOGIE HEUTE 09/2019
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