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ISBN: 978-3-658-44565-2
Год: 2024
Chris Heiler
Tatjana Derr
Makroökonomie
im Wandel
Inflation, Zinspolitik und die
Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf
Bilanzposten und inhärente Risiken
Makroökonomie im Wandel
Chris Heiler · Tatjana Derr
Makroökonomie im Wandel
Inflation, Zinspolitik und die
Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf
Bilanzposten und inhärente Risiken
Chris Heiler
Saarbrücken, Deutschland
Tatjana Derr
Saarbrücken, Saarland, Deutschland
ISBN 978-3-658-44565-2
ISBN 978-3-658-44566-9 (eBook)
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9
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Vorwort
Es ist uns eine Freude und Ehre, Ihnen dieses Buch vorstellen zu dürfen, das sich
eingehend mit den makroökonomischen Einflüssen auf inhärente Risiken und ausgewählte Bilanzposten auseinandersetzt. In einer Zeit, die von einschneidenden Ereignissen
wie der Covid-19-Pandemie, dem Ukraine-Konflikt, steigender Inflation und den daraus resultierenden Anpassungen der Leitzinsen geprägt ist, wird die Dringlichkeit einer
detaillierten Analyse evident. Wir haben uns entschieden, den Schwerpunkt auf eine
theoretisch-deskriptive Analyse zu legen, um die tiefgreifenden Auswirkungen dieser
makroökonomischen Phänomene auf inhärente Risikofaktoren umfassend zu beleuchten.
Durch die Verknüpfung von Theorie und Empirie möchten wir nicht nur abstrakte Konzepte verstehbar machen, sondern auch ihre konkreten Auswirkungen auf Unternehmen
und ihre Bilanzen erfassen. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir der Untersuchung
des gestiegenen Zinsniveaus und der hohen Inflationsraten, die als wesentliche Einflussfaktoren auf inhärente Bruttorisiken betrachtet werden. Darüber hinaus setzen wir
uns eingehend mit dem Handlungsbedarf im Kontext des Risikomanagements auseinander. Die Durchführung einer empirischen Untersuchung ausgewählter Unternehmen des
DAX-40-Index soll dazu dienen, die in der Literatur vorhergesagten ökonomischen Entwicklungen zu validieren. Unser Ziel ist es nicht nur, eine Momentaufnahme der aktuellen
Geschehnisse zu liefern, sondern auch fundierte Erkenntnisse und empirische Evidenz
dafür zu präsentieren, dass bedeutende Einflüsse auf inhärente Risikofaktoren und ausgewählte Posten von Unternehmensbilanzen bestehen. Dieses Buch ist somit nicht nur eine
theoretische Reflexion, sondern auch eine praktische Anwendung, die Ihnen als Leser
helfen soll, die Herausforderungen und Chancen in diesem komplexen wirtschaftlichen
V
VI
Vorwort
Umfeld besser zu verstehen. Die eruierten Erkenntnisse sind insbesondere für Praktiker
von hoher Bedeutung. Möge dieses Buch Ihr Verständnis für die makroökonomischen
Zusammenhänge vertiefen und einen Beitrag zur weiteren Diskussion und Forschung auf
diesem Gebiet leisten.
Saarbrücken
Januar 2024
Chris Heiler
Tatjana Derr
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung zur Zinswende und deren Implikationen auf Risiken und
Bilanzposten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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2 Hintergrund zur Inflation, Zinswende und Zinspolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.1 Volkswirtschaftliche Zusammenhänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.2 Der geldpolitische Mechanismus der EZB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.3 Entwicklung des Zinsniveaus und der Inflationsraten . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.3.1 Vergangenheitsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.3.2 Gegenwartsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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3 Analyse des Einflusses des hohen Zinsniveaus auf inhärente Risiken . . . . . .
3.1 Anforderungen an das Risikomanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.2 Risikoanalyse und Risikomanagementprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.3 Finanz- und Liquiditätscontrolling als Unterstützungsentität . . . . . . . . . . . .
3.4 Konkretisierung der Risikofelder mit Blick auf das Zinsniveau . . . . . . . . .
3.4.1 Inhärentes Risiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.4.2 Marktrisiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.4.3 Liquiditätsrisiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.4.4 Kreditrisiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.5 Vorschlag eines kennzahlengestützten Risikomanagementprozesses
im Zuge des Risikocontrollings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.5.1 Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.5.2 Abgrenzung der Termini . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.5.3 Kennzahlengestützter Risikomanagementprozess . . . . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf ausgewählte
Bilanzposten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.1 Grundlagen der Bilanzierung und empirische Ausgangslage . . . . . . . . . . .
4.2 Die Bilanz im Mittelpunkt der Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Inhaltsverzeichnis
4.3 Wesentliche Einflüsse auf die Bilanz und Rechnungslegung . . . . . . . . . . . .
4.4 Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Aktivseite . . . . . . . . . . .
4.4.1 Immaterielle Vermögensgegenstände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.2 Sachanlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.3 Finanzanlagevermögen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.4 Vorräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.5 Forderungen und sonstige Vermögenswerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.6 Wertpapiere und liquide Mittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.7 Aktive Steuerlatenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.5 Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Passivseite . . . . . . . . . . .
4.5.1 Eigenkapital . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.5.2 Rückstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.5.3 Verbindlichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.5.4 Passive Steuerlatenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen . . . . . . . . . . . . . . . .
5.1 Methodisches Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5.2 Definition der Analyseentitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5.3 Entwicklung übergreifender Untersuchungsgegenstände . . . . . . . . . . . . . . .
5.4 Entwicklung der vertikalen Bilanzkennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5.5 Entwicklung der horizontalen Bilanzkennzahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5.6 Ausgewählte qualitative Anhangs- und Lageberichtangaben . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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6 Conclusio der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
101
108
Appendix A . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
109
Appendix B . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
111
Appendix C . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
113
Appendix D . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
115
Appendix E . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
117
Appendix F . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
119
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
121
Abkürzungsverzeichnis
Abb.
Abs.
AktG
App.
BGB
bspw.
bzw.
CFO
CRR
d. h.
DAX
DRS
EBIT
EBITDA
EK
EStG
et al.
ETF
EU
EuGH
EY
EZB
f.
ff.
FK
gem.
ggf.
ggü.
GmbHG
H
Abbildung
Absatz
Aktiengesetz
Appendix
Bürgerliches Gesetzbuch
beispielsweise
beziehungsweise
Chief Financial Officer
Capital Requirement Regulation.
das heißt.
Deutscher Aktienindex
Deutscher Rechnungslegungsstandard.
Earnings before interest and tax.
Earnings before interest, tax, depreciation and amortization.
Eigenkapital.
Einkommenssteuergesetz.
et alii.
Exchange Traded Funds.
Europäische Union.
Europäischer Gerichtshof.
Ernst & Young.
Europäische Zentralbank.
folgende.
fortfolgende.
Fremdkapital.
gemäß.
gegebenenfalls.
gegenüber.
Gesellschaft mit beschränkter Haftung Gesetz.
Halbjahr.
IX
X
HGB
HVPI
i. d. R.
i.e.S.
i. S. d.
i. V. m.
IAS
IDW
IFRS
Insb.
Int.
KPI
Nr.
o. J.
o. S.
p. a.
PS
PwC
RAP
RL
ROCE
RoI
RS
S.
sog.
sonst.
SWIFT
Tab.
u. U.
US-GAAP
VPI
WpHG
z. B.
Ziff.
Abkürzungsverzeichnis
Handelsgesetzbuch.
harmonisierter Verbraucherpreisindex.
in der Regel.
im engeren Sinne.
im Sinne des.
in Verbindung mit.
International Accounting Standards.
Institut der Wirtschaftsprüfer.
International Financial Reporting Standards.
Insbesondere.
International.
Key Performance Indikator.
Nummer.
ohne Jahreszahl.
ohne Seitenzahl.
per anno.
Prüfungsstandard.
PricewaterhouseCoopers.
Rechnungsabgrenzungsposten.
Rentabilität / Liquidität.
Return on Capital Employed.
Return on Investment.
Rechnungslegungsstandard.
Seite.
sogenannte.
sonstigen.
Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication.
Tabelle.
unter Umständen.
United States Generally Accepted Accounting Principles.
Verbraucherpreisindex.
Wertpapierhandelsgesetz.
zum Beispiel.
Ziffer.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 2.1
Abb. 2.2
Abb. 2.3
Abb. 3.1
Abb. 3.2
Abb. 3.3
Abb. 3.4
Abb. 3.5
Abb. 3.6
Geldumlauf innerhalb des Eurosystems. (Quelle: Eigene
Darstellung, in Anlehnung an Wagner (2009), o. S; Europäische
Zentralbank (2023d), o. S.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Leitzinsentwicklung der EZB (Hauptrefinanzierungszinssatz)
von 2000 bis 2023. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung
an Statista GmbH (2023b), o. S; Deutsche Bundesbank (2023), o.
S; Zwirner et al. (2023), o. S.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Entwicklung der Inflationsraten von Januar 2021 bis April 2023.
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Statistisches
Bundesamt (2023b), o. S; Statista GmbH (2023b), o. S.)) . . . . . . . . . . .
Risikomanagementprozess. (Quelle: Eigene Darstellung,
in Anlehnung an Reichling et al. (2007), S. 214; Rohlfs (2018), o.
S; Oertel (2019), S. XXIII.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Funktionen des Finanz- und Liquiditätscontrollings. (Quelle:
Eigene Darstellung, in Anlehnung an Eschenbach und Siller
(2019), S. 92; Siller (2022), o. S; Horvath et al. (2019), S. 411;
Contessotto et al. (o. J.), o. S.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Integriertes Finanzcontrolling-Instrumentarium. (Quelle: Eigene
Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Treiber des Marktrisikos. (Quelle: Eigene Darstellung,
in Anlehnung an Killian (2023), o. S.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Eruierungsprozess zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit.
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Internationaler
Controller Verein e. V. (o. J.), o. S; Linsner und Gleich (2019), S.
40 f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Einordnung des Controlling-Begriffes unter dem Aspekt der
Unternehmensebenen. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung
an Eschenbach und Siller (2019), S. 62 u. 106; Siller (2022), o.
S; Horvath et al. (2019), S. 406; Contessotto et al. (o. J.), o. S;
Linsner und Gleich (2019), S. 39 f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16
18
20
29
31
32
35
40
41
XI
XII
Abb. 3.7
Abb. 3.8
Abb. 3.9
Abb. 3.10
Abb. 3.11
Abb. 4.1
Abb. 5.1
Abb. 5.2
Abb. 5.3
Abb. 5.4
Abb. 5.5
Abb. 5.6
Abb. 5.7
Abb. 5.8
Abbildungsverzeichnis
Organisation der relevanten Controlling-Ausrichtungen. (Quelle:
Eigene Darstellung, in Anlehnung an Horvath (2011), S. 22; S.
407; Horvath et al. (2019), S. 407 f.; Linsner und Gleich (2019),
S. 42.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Abgrenzung des internen Rechnungswesens und der externen
Rechnungslegung. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung
an Burger und Burger-Stieber (2018), S. 3.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Schnittstelle der Controlling-Ausrichtungen. (Quelle: Eigene
Darstellung.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Zeitliche Struktur der Datenanalyse. (Quelle: Eigene Darstellung) . . . .
Kennzahlengestützter Risikomanagementprozess. (Quelle: Eigene
Darstellung.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Wesentliche Einflüsse des hohen Zinsniveaus auf Bilanzposten
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Zwirner et al.
(2022a), S. 10) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Gesamtergebnisse der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Free Cashflows der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Eigenkapitalquote der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Fremdkapitalquote der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Verschuldungsgrad der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Umlaufintensität der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Anlageintensität der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Deckungsgrad 1 der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
42
43
43
45
46
62
85
86
88
89
90
91
92
93
Abbildungsverzeichnis
Abb. 5.9
Abb. 5.10
Abb. 5.11
Abb. 5.12
Deckungsgrad 2 der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle:
Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Liquidität 1. Grades der betrachteten DAX-Unternehmen.
(Quelle: Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Liquidität 2. Grades der betrachteten DAX-Unternehmen.
(Quelle: Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Working Capital Ratio der betrachteten DAX-Unternehmen.
(Quelle: Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von
2020–2023) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
XIII
94
95
96
97
Tabellenverzeichnis
Tab. 2.1
Tab. 3.1
Tab. 4.1
Tab. 4.2
Tab. 4.3
Tab. 4.4
Synopse zur Kategorisierung der Inflationsbegriffe. (Quelle: Eigene
Darstellung, in Anlehnung an Weeber (2022), S. 32 f.; Gasch (2022),
S. 10) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Risikofrüherkennungsprozess i. S. d. IDW PS 340. (Quelle: Eigene
Darstellung, in Anlehnung an Meyer und Osenberg (2023), o. S;
Brösel et al. (2015), S. 379 ff.; Seidel (2023), o. S; Brinkmann und
Greifelt (2021), S. 1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Unterschiede zwischen HGB und IFRS. (Quelle: Eigene Darstellung,
in Anlehnung an Schult und Brösel (2008), S. 60; Seppelfricke
(2019), S. 19) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Bestandteile des HGB- und IFRS-Konzernabschluss. (Quelle: Eigene
Darstellung, in Anlehnung an Hahn (2016), S. 33; Schult und Brösel
(2008), S. 48) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Grundstruktur der Bilanz in Anlehnung an § 266 HGB. (Quelle:
Eigene Darstellung, in Anlehnung an Wöltje (2016), S. 21) . . . . . . . . . . .
Gliederungsschema einer Konzernbilanz. (Quelle: Eigene
Darstellung, in Anlehnung an Seppelfricke (2019), S. 25) . . . . . . . . . . . .
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XV
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Einführung zur Zinswende und deren
Implikationen auf Risiken und Bilanzposten
Zusammenfassung
Dieses Kapitel analysiert die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen, insbesondere die Zinswende, Inflation und geopolitische Einflüsse. Die steigenden Energieund Rohstoffpreise führen zu einer Rekord-Inflationsrate von 10,4 % in der Eurozone. Die Europäische Zentralbank reagiert mit einer Leitzinsanpassung, nach elf
Jahren Nullzinspolitik. Diese Änderung hat erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen, insbesondere in Bezug auf Geschäftsrisiken und Finanzierungsbedingungen. Die
restriktive Geldpolitik hemmt das Wirtschaftswachstum. Unternehmen müssen sich auf
steigende Renditeforderungen einstellen, können jedoch auch von höheren Zinserträgen profitieren. Die Bilanzposten werden durch das Zinsniveau beeinflusst, und die
Unternehmen müssen effektive Risikosteuerung implementieren.
Die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen, mit besonderem Blick auf die Zinswende und
Inflation, resultieren sowohl in signifikant veränderten ökonomischen als auch gesellschaftlichen Bedingungen. Hierdurch entsteht eine hohe Unsicherheit in der globalen
Wirtschaft und vor allem in der Eurozone. Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie,
die sich mittlerweile in der sog. Endemie1 befindet, sind noch immer relevant und
weitreichend – internationale Lieferketten sind weiterhin betroffen. Zusätzlich resultiert der andauernde Ukraine-Krieg in dysfunktionalen Lieferketten, die auf Basis der
1 Endemien sind regional fortwährend gehäuft auftretende Krankheiten mit wiederkehrenden Aus-
brüchen, die bei einem großen Teil der in der Region lebenden Bevölkerung auftreten, jedoch ohne
Pandemie-Charakter. Sinngemäß beschreibt eine Endemie das Ende der Pandemie.
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein
Teil von Springer Nature 2024
C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9_1
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1 Einführung zur Zinswende und deren …
internationalen Sanktionen und Lieferstopps zu einer immensen Verknappung der Energie in der Eurozone führen. Sowohl der einzelne Verbraucher als auch Unternehmen
sind demgemäß von signifikanten Preissteigerungen betroffen (vgl. Weeber (2022), S. 1;
Grozea-Helmenstein et al. (2022), S. 5; Welfens (2022), S. 129; Zugehör (2022), S. 1;
Zwirner et al. (2022), S. 1; Gerbes (2022), S. 36; Hüttche und Schmid (2022), S. 496;
IDW (2022), S. 7; Schwarz (2022a, b), S. 1; Gänger (2022a, b), o. S; Hoffjan und
Schwarz (2023), S. 24; Braumann et al. (2023), S. 38). Insbesondere die hohen Energieund Rohstoffpreise (Vor allem Erdgas) resultieren in steigenden Inflationsraten in der
Eurozone. Die Eurozone unterlag im Oktober 2022 einer Rekord-Inflationsrate2 von
10,4 %. Dies führte dazu, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit einer wesentlichen Leitzinsanpassung auf 3,75 % (Stand: Mai 2023) reagierte. Nach nunmehr elf Jahren
Nullzinspolitik – begründet durch die Bankenkrise in den Jahren 2008/2009 – schreitet
die Zinspolitik in ein neues Zeitalter, das wesentliche Auswirkungen auf die Geschäftsrisiken von Unternehmen besitzt (vgl. Welfens (2022), S. 129 f.; Statistisches Bundesamt
(2023a), o. S; Zwirner et al. (2022), S. 1; Liedke und Thier (2023), o. S; Zwirner et al.
(2023), o. S; Bacher und Nothhelfer (2022), S. 1060; Statista GmbH (2023a, b, c), o.
S.). Das skalierende Zinsniveau, begründet durch die Anhebung des Leitzinses, führt zu
einer hohen Zinslast, der Unternehmen ausgesetzt sind. Kapitalgeber erwarten erhöhte
Renditeforderungen, um den Hauptrefinanzierungszins abzudecken sowie Gewinne zu
erzielen. Die generelle Preissteigerung und das erhöhte Zinsniveau führen zu wesentlichen
Auswirkungen auf Unternehmen und deren Vermögens-, Finanz- und Ertragslage. Insbesondere ergeben sich signifikante Einflüsse auf den Jahres- respektive Konzernabschluss
der Unternehmen (vgl. Zugehör (2022), S. 1; Bacher und Nothhelfer (2022), S. 1060).
Die restriktive Geldpolitik der EZB besitzt eine hemmende Wirkung auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation. Das mittelfristige Ziel der EZB ist eine Inflationsrate von
2 %, um das Zinsniveau absenken zu können (vgl. Liedke und Thier (2023), o. S; Zwirner
et al. (2023), o. S.). Vor allem sind die erhöhten Zinssätze, die für die Attraktivitätsentscheidung im Zuge der Investitionsplanung relevant sind, ein wesentliches Problem, da
das inhärente Risiko steigt. Demgemäß sind auch sachimmanente Auswirkungen auf die
Unternehmensbewertung festzustellen (vgl. Kuhner und Maltry (2017), S. vii ff.), denen
in dieser Abhandlung jedoch keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Eine hohe Inflationsrate respektive hohe Zinskosten müssen jedoch nicht zwingend vollumfänglich negative
Auswirkungen besitzen. Durch die steigenden Zinserträge sind positive Ergebnisse der
europäischen Banken festzustellen. Dieser Sachverhalt bestätigte bereits ex ante die USBank JP Morgan Chase, die – aufgrund der Leitzinserhöhung durch die US-Notenbank
Federal Reserve – eine wesentliche Steigerung des Nettozinseinkommens von 49 % ggü.
dem Vorjahresstichtag verzeichnete. In der Eurozone zählt die Commerzbank zu den Profiteuren der restriktiven Geldpolitik, da das Einlagen- und Kreditgeschäft einen hohen
Zinsüberschuss generiert (vgl. Schwarz et al. (2023), o. S.). Darüber hinaus können Unternehmen zudem hohe Preise für unelastische Güter, wie bspw. Grundnahrungsmittel oder
2 Höchster Wert seit mehr als 70 Jahren.
1 Einführung zur Zinswende und deren …
3
Energie, auf Verbraucher übertragen. De facto liegt eine unelastische Nachfrage vor, wenn
ein Preisanstieg in einem unterproportionalen Anstieg der Nachfrage resultiert (vgl. Perret
und Welfens (2019), S. 148; Münter (2018), S. 36; Breulmann (2022), o. S.). Im Zuge
dessen konnten Energiekonzerne, aufgrund der Energiekrise, Rekordumsätze verzeichnen.
Gleichwohl zeigt die empirische Analyse auch volatile Kennzahlenveränderungen (vgl.
Breulmann (2022), o. S; Schwarz (2022a, b), S. 2).
Dadurch, dass Unternehmen diversen Risiken ausgesetzt sind, bedarf es einer unternehmensseitigen Risikosteuerung, um unterschiedlichen Risikoarten entgegenwirken zu
können. De facto können Risiken eine Gefahr darstellen oder eine Chance, wobei der
mögliche Verlust respektive Ertrag nicht a priori klassifiziert werden kann. Investitionen
sind grundsätzlich mit einem finanziellen Risiko versehen, besonders in Zeiten hoher
Inflationsraten und Zinsen (vgl. Eulerich (2022), o. S; Georg et al. (2020), S. 1–5).
In praxi ist der Ausgang einer Investitionsentscheidung planungs- und situationsabhängig, weshalb jede Entscheidung stets mit Unsicherheiten behaftet ist. Dementsprechend
sollten Wertsteigerungspotenziale und etwaige Verluste immer auf einer durchdachten
Analyse aller Chancen und Risiken des Objekts beruhen (vgl. Seppelfricke (2012), S. 1;
Matschke und Brösel (2013), S. 1; Georg et al. (2020), S. 1–5; Belke und Bordon (2017),
S. 616). Grundlegend besitzt jede unternehmerische Geschäftstätigkeit immer ein immanentes Risiko – das sog. inhärente Risiko. Das inhärente Risiko wird auch als Bruttorisiko
bezeichnet. Das Bruttorisiko beinhaltet eine Kombination aus allen internen und externen
Risikofaktoren. Unternehmen haben zum Ziel, ein Residualrisiko zu erzeugen, indem die
Erkennung, Kontrolle und Reduktion des inhärenten Risikos erfolgt. Das Residualrisiko,
das nicht durch ein erfolgreiches Risikomanagement ausgeschlossen werden kann, wird
als Nettorisiko bezeichnet. Hierbei gilt, je effizienter die Risikomaßnahmen sind, desto
geringer fällt das Nettorisiko aus (vgl. Eulerich (2022), o. S; Kalwait et al. (2017), S. 14;
Vanini und Rieg (2021), S. 1–15; Diederichs (2017), S. 7 ff.). Konzerne i. S. d. § 3 Abs. 2
AktG sind gem. § 91 Abs. 2 AktG dazu verpflichtet ein geeignetes Überwachungssystem
einzurichten, das den Fortbestand der Geschäftstätigkeit (Going-Concern-Prämisse gem.
§ 252 HGB de lege lata) sicherstellen soll. Zudem sollen bestandsgefährdende und insolvenzauslösende Risiken entdeckt sowie überwacht werden. Das Überwachungssystem
wird als sog. Risikofrüherkennungssystem bzw. Risikomanagementsystem bezeichnet,
welches gesetzlich nicht einheitlich definiert ist. Gleichwohl lassen sich in Verbindung
mit internationalen Aspekten die zentralen Merkmale in IDW PS 340 finden (vgl. Brösel
et al. (2015), S. 379 f.; Eulerich (2022), o. S; Vanini und Rieg (2021), S. 4–10; Graumann
(2021), S. 83).3 Die relevantesten Aktivitäten des Risikomanagements sind dementsprechend die Identifikation, die Quantifizierung, die Aggregation und Überwachung sowie
die zielgenaue Bewältigung der Risiken. Ferner ist eine ex ante Planung relevant, um Planungsfehlschlüsse zu vermeiden (vgl. Gleißner (2017), S. 24; Derr et al. (2021), S. 7).
Insb. durch die hohen Zinslasten ergeben sich diverse Risikopotenziale, denen Unternehmen gegenüberstehen (vgl. Osman et al. (2023), o. S.). Die Risikoanalyse im Zuge
3 Siehe weiterführend auch DRS 20.116 de lege lata.
4
1 Einführung zur Zinswende und deren …
des Risikomanagements erfolgt durch Introspektion, um Externalitäten zu erfassen (vgl.
Ballwieser und Hachmeister (2021), S. 157.).
Neben den Auswirkungen auf das inhärente Risiko sind wesentliche Auswirkungen des
Zinsniveaus auf Bilanzposten festzustellen. Die Bilanz (i. S. d. § 266 HGB), als Schaubild
der Gegenüberstellung von Mittelherkunft (Passiva) und Mittelverwendung (Aktiva), wird
durch das Zinsniveau beeinflusst. Demgemäß unterliegen sowohl sämtliche Vermögenswerte als auch Vermögensaufwendungen der Zinsveränderungen (vgl. Schmidlin (2020),
S. 18–21; Goldstein (2020), S. 21 f.; Pilz (2019), S. 1–22; Ebner Stolz (2023), o. S.).
Die Auswirkungen der Inflation und des gestiegenen Zinsniveaus können insb. in den
Geschäftsberichten zum Bilanzstichtag (31.12.2020 ff.) entnommen werden. Die aktuelle
Wirtschaftssituation resultiert in unsicheren bilanziellen Folgewirkungen, die schwierig einzuschätzen sind. Die korrelierenden Wirkungsweisen der Inflationsraten und des
Zinsniveaus auf bilanzielle Posten sind dementsprechend einzuordnen. Einzelne Bilanzierungsfragestellungen sowie Planrechnungen gewinnen mit Blick auf skalierende Zinsen
zunehmend an Bedeutung (vgl. Zwirner et al. (2023), o. S; Zwirner et al. (2022), S. 10;
Ebner Stolz (2023), o. S.). Demgemäß ist ein optimiertes Financial Forecasting von großer
Bedeutung, um zukünftige Entwicklungen zu quantifizieren und die benötigten Informationen über die Zinsentwicklung zu generieren (vgl. Guerard (2013), S. 1; Boyles (2022),
o. S; Zell (2011), S. 1; Taschner (2013), S. 5 ff.; Zwirner et al. (2022), S. 10; Reimer et al.
(2021), S. 4). Der durch den Zinsanstieg begründete Preisschock auf den Kapitalmärkten
führt ceteris paribus zu einer Eindämmung des Neugeschäfts diverser Unternehmen – vor
allem Banken sind hiervon betroffen. Gleichwohl ist festzustellen, dass die Commerzbank und Deutsche Bank mit Blick auf die Erträge profitieren (vgl. Atzler (2022), o.
S; PwC GmbH (2022), S. 2–15). Besonders der signifikante und rasche Anstieg der
Zinsen besitzt Auswirkungen auf monetäre und nicht monetäre Vermögenswerte sowie
Schulden. De facto wird deutlich, dass der abrupte Anstieg des Zinsniveaus keine überwiegend positiven Effekte verzeichnet. Vielmehr sind die Auswirkungen des stetig steigenden
Zinsniveaus, im Zusammenhang mit den bestehenden politischen Unsicherheiten und den
Folgewirkungen der Covid-19-Pandemie, auf die Bilanzierung und Bewertung bestimmter
Sachverhalte vielschichtig. Insbesondere sind die negativen Effekte der Inflation und des
hohen Zinsniveaus auf der Aktivseite der Bilanz sowohl bei Geschäfts- oder Firmenwerten
als auch Beteiligungen sowie Immobilien signifikant. Die Bilanzposten Verbindlichkeiten
und langfristige Rückstellungen sind insb. auf der Passivseite betroffen. Die Folge des
hohen Zinsniveaus sind außerplanmäßige Abschreibungen, die die Ergebnissituation sowie
Eigenkapitalstruktur der Unternehmen strapazieren (vgl. Zwirner et al. (2022), S. 8 ff.;
Zwirner et al. (2023), o. S; PwC LLP (2022), S. 2; Schürmann (2022), S. 2; Ebner Stolz
(2023), o. S.). Die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen besitzen konkrete Auswirkungen
auf Bilanzposten der Aktiv- und Passivseite. Ferner summiert sich die Anzahl an externen Risikofaktoren, weswegen vorherrschende Krisen, Inflation und erhöhte Zinsen einen
Katalysator mit Blick auf die ökonomischen Herausforderungen darstellen (vgl. Zwirner
et al. (2022), S. 10; Zugehör (2022), S. 1; Zwirner et al. (2023), o. S.).
1 Einführung zur Zinswende und deren …
5
Die aktuellen, makroökonomischen Wirtschaftsentwicklungen besitzen sowohl maßgebliche Effekte auf inhärente Risiken als auch ausgewählte Bilanzposten, weshalb diese
Abhandlung sich auf die Schnittstellen der Termini fokussiert. Der Fokus der Ausarbeitung liegt einerseits auf der theoretischen Analyse der expliziten Auswirkungen
der Wirtschaftsentwicklungen und andererseits auf der empirischen Analyse hinsichtlich
des gestiegenen Zinsniveaus und dessen sachimmanente Auswirkungen auf ausgewählte
Bilanzposten und Risiken. Der erste Teil der Ausarbeitung stellt die theoretische Analyse
dar, indem konkrete Aspekte erörtert werden, die die Auswirkungen der Wirtschaftsentwicklungen auf inhärente Risiken und ausgewählte Bilanzposten beurteilen. Insb.
das Risikomanagement und ausgewählte Risikoarten werden im Zuge dessen analysiert.
Zudem werden die in praxi am meisten betroffenen Bilanzposten analysiert, um Aussagen
über die Effekte treffen zu können – den konkreten Auswirkungen kommt hierbei eine
exponierte Stellung zu. Der anschließende Abschnitt eröffnet im Rahmen der empirischen
Untersuchung ausgewählter Unternehmen des DAX-40 im Bankensektor, im Automobilsektor und im Energiesektor die Möglichkeit, Rückschlüsse über die Auswirkungen
der Zinswende auf inhärente Risiken und Bilanzpositionen zu ziehen. Mit Blick auf
die Vorbildfunktion der DAX-40-Unternehmen wird der Untersuchungsgegenstand der
empirischen Analyse auf entsprechende Unternehmen ausgerichtet (vgl. Pilhofer et al.
(2018), S. 530 f.; Pilhofer et al. (2020), S. 424). Die primäre Zielsetzung dieser vorliegenden empirischen Untersuchung besteht darin, mittels der Anwendung vertikaler
und horizontaler Bilanzkennzahlen, des Gesamtergebnisses sowie des Free Cashflows die
theoretischen Analyseergebnisse zu validieren und dadurch ein substanzielles Forschungsergebnis zu generieren. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, das Ausmaß der Auswirkungen
von Zinsen auf Unternehmen sowie deren Intensität auf empirische Weise zu validieren. Es ist erkennbar, dass in der Fachliteratur und in Fachbeiträgen zur Bilanzierung
und zum Risikomanagement ausreichend Material vorhanden ist. Allerdings verdeutlichen die konkreten Effekte der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen, dass aufgrund ihrer
Aktualität und ihres stetigen Wandels nur begrenzt wissenschaftliche Literatur verfügbar
ist. Vor diesem Hintergrund zielt diese Abhandlung darauf ab, diese Forschungslücke zu
schließen und relevante theoretische sowie empirische Nachweise zu erbringen. Dies soll
dazu dienen, die essenziellen Parameter der tatsächlichen Auswirkungen der Wirtschaftsentwicklungen zu systematisieren. Sowohl fachliche Diskussionen als auch Fachbeiträge
konstatieren, dass die Bereiche Energie und Konsumgüter stark von den gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklungen beeinflusst werden. Die vorliegende empirische Analyse
schließt jedoch den Konsumgütersektor kategorisch aus, da die Preissteigerungen, begründet durch die Inflation, umfänglich auf die Verbraucher übertragen werden (vgl. Schwarz
(2022a, b), S. 2). Der Bankensektor ist Untersuchungsgegenstand der empirischen Analyse, da die prognostizierten positiven Effekte, durch die restriktive Geldpolitik und die
daraus resultierende Zinswende, wesentliche Auswirkungen auf inhärente Risiken sowie
ausgewählte Bilanzposten begründen (vgl. Atzler (2022), o. S; PwC GmbH (2022), S. 2–
15). Zusätzlich stellt der Automobilsektor einen geeigneten Untersuchungsgegenstand
6
1 Einführung zur Zinswende und deren …
dar, weil der Sektor wesentlichen Preissteigerungen und höheren Kapitalkosten unterliegt
(vgl. Menzel (2023), o. S.). Neben der theoretischen und empirischen Analyse geht diese
Ausarbeitung darüber hinaus der Fragestellung auf den Grund, welche Anhangs- respektive Lageberichtsangaben die untersuchten DAX-40-Unternehmen zu den vorherrschenden
Risiken und Auswirkungen auf die Bilanz notierten. Ferner hat die empirische Analyse
das Ziel, prognostische Angaben zu den zukünftigen Wirtschaftsentwicklungen zu eruieren. Ultimo stellt sich vor dem Hintergrund der vorliegenden Abhandlung die Frage, ob
die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen einen signifikanten Einfluss sowohl auf inhärente
Risiken als auch ausgewählte Bilanzposten besitzen und somit die Prognosen mehrerer
Fachdiskussionen sowie Fachartikel bestätigt werden können.
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2
Hintergrund zur Inflation, Zinswende und
Zinspolitik
Zusammenfassung
In diesem Kapitel werden volkswirtschaftliche Zusammenhänge dargestellt, die zum
Verständnis elementar sind. Die steigende Inflation und die damit einhergehende
Zinswende besitzen wesentliche Auswirkungen auf Risiken und Bilanzposten von
Unternehmen. Durch die veränderte Zinslandschaft resultiert ein Umschwung hinsichtlich der Profitabilität von Investitions- und Finanzierungsentscheidungen. Obgleich
die EZB ein Zinsniveau von 2 % avisiert, steigen die Leitzinsen bis zur Erreichung
des Ziels vorerst an, um die Inflationsrate abzuschwächen. Dieses Kapitel beleuchtet auch die Historie der Zinspolitik und Inflation, sodass die makroökonomischen
Wechselwirkungen erkennbar sind.
2.1
Volkswirtschaftliche Zusammenhänge
Die Geldpolitik hat zum Ziel, die Preisstabilität zu wahren. Im Zuge dessen muss die
Geldpolitik auch konjunkturelle Verläufe berücksichtigen. In Hochinflationszeiten erhöht
die Zentralbank das Zinsniveau, wodurch eine dämpfende Wirkung auf die Konjunktur
resultiert (vgl. Schaltegger (2013), S. 12; Belke und Bordon (2017), S. 614; Europäische Zentralbank (2023a), o. S; Wendler (2022), S. 87–91). Demgemäß ist das oberste
Ziel einer Volkswirtschaft die Erhaltung des Geldwertes, um Stabilität in der Wirtschaft
zu gewährleisten (vgl. Weeber (2022), S. 31; Schaltegger (2013), S. 12; Belke und Bordon (2017), S. 614). Das Volkswirtschaftsmodell der Neoklassik definiert ein Konzept,
innerhalb dessen Güter sowie Dienstleistungen gegen monetäre Werte gehandelt werden.
Das tatsächliche Angebot stellt die Realwirtschaft dar, weshalb das Güter- und Dienstleistungsangebot durch eine Unabhängigkeit gekennzeichnet ist. Zu berücksichtigen ist, dass
Veränderungen des Geldwertes an den Kapitalmärkten relevante Auswirkungen auf die
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C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9_2
11
12
2 Hintergrund zur Inflation, Zinswende und Zinspolitik
Realwirtschaft besitzen (vgl. Gröschel (1986), S. 11; Belke und Bordon (2017), S. 614).
Die Fiskalpolitik steuert die Einnahmen- und Ausgabenpolitik, um ein kohärentes Gleichgewicht herzustellen, das zudem national geregelt wird (vgl. Schaltegger (2013), S. 12;
Wendler (2022), S. 84 ff.; Gründler und Potrafke (2020), S. 1–8). Bei der Betrachtung
des Finanzmarktes wird deutlich, dass die Geldpolitik den Referenzzinssatz am Geldmarkt
steuert. Auf Basis des Referenzzinssatzes werden bspw. Kredite, Anleihen und sonstige
Wertpapiere gehandelt. De facto besitzen kleine Veränderungen des Leitzinssatzes signifikante Auswirkungen auf das langfristige Zinsniveau. Bezogen auf die Realwirtschaft
resultiert ein geringer Leitzinssatz in geringeren Finanzierungskosten für Unternehmen
und Verbraucher. Demgemäß unterstützen sich die Geld- und Fiskalpolitik wechselseitig
(vgl. Schaltegger (2013), S. 13 f.; Europäische Zentralbank (2023a), o. S.). Eine adäquate
Geldpolitik resultiert ceteris paribus aus einer erfolgreichen Fiskalpolitik, et vice versa
(vgl. Schaltegger (2013), S. 14; Europäische Zentralbank (2023a), o. S.).
Demgemäß können sich Preise für Güter und Dienstleistungen innerhalb einer regulierten Marktwirtschaft verändern. Wenn hingegen ein allgemeiner und konstanter Preisanstieg vorliegt, dann wird dieser Zustand als Inflation bezeichnet. Die Kaufkraft des
Geldwertes sinkt, wodurch der Wert einer Währung ebenfalls sinkt (vgl. Europäische
Zentralbank (2023b), o. S; Statista (2022b), o. S; Weeber (2022), S. 32; Meitner und
Streitferdt (2011), S. 237). Die Inflationsrate skaliert in Relation zum ökonomischen Preisanstieg für Güter und Dienstleistungen. Die dadurch resultierende Geldwertminderung
führt zu einer verringerten Kaufkraft der Konsumenten und Unternehmen (vgl. Beeker
(2016), S. 165; Lippens (1991), S. 243; Gasch (2022), S. 9; Bundeszentrale für politische
Bildung (o. J.), o. S.). Tab. 2.1 kategorisiert die unterschiedlichen Inflationsbegriffe i.V.m.
der geldpolitischen Strategie der EZB.
Die vorliegende Preissituation kann durch mehrere Preisindikatoren gemessen werden.
In praxi genießen der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) und Verbraucherpreisindex (VPI) jedoch die größte Bedeutung. Der HVPI vergleicht die Preisänderungen in der
Eurozone. Diese Preisänderung stellt dementsprechend die Inflationsrate für die Eurozone
dar (vgl. Weeber (2022), S. 33). Die Ermittlung der nationalen HVPI erfolgt auf Basis
Tab. 2.1 Synopse zur Kategorisierung der Inflationsbegriffe. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Weeber (2022), S. 32 f.; Gasch (2022), S. 10)
Inflation
Disinflation
Deflation
Anhaltender Anstieg des
Preisniveaus
Positive Steigerungsraten auf
geringem Niveau
Anhaltendes Sinken des
Preisniveaus
Diverse Ausprägungen (leichte
Inflation bis Hyperinflation)
Weiterhin Verlust an Kaufkraft Verringerte Geldmenge bei
stabiler Gütermenge
Restriktive Geldpolitik
Restriktive Geldpolitik
Expansive Geldpolitik
Steigender Leitzinssatz
Steigender Leitzinssatz auf
geringem Niveau
Fallender Leitzinssatz
2.1 Volkswirtschaftliche Zusammenhänge
13
europäischer Verordnungen. Die Basis hierfür bilden die Verordnung (EG) Nr. 2016/792
und die Verordnung (EU) 2020/1148. Der deutsche HVPI ermittelt sich demgemäß aus
derselben Datenbasis wie der VPI. Dabei werden sowohl die monatlichen Preiserhebungen als auch die Ermittlung der Feingewichte der Wägungsschemata analysiert, die in
dieser Ausarbeitung jedoch nicht näher betrachtet werden (vgl. Statistisches Bundesamt
(2023c), o. S.). Um die jährliche Geldwertminderung zu quantifizieren, gibt es diverse
Indikatoren respektive Einflussfaktoren, die den VPI beschreiben. Der VPI ist eine Kennzahl, die sich auf den Haushalt eines durchschnittlichen Endverbrauchers bezieht.1 Der
VPI besitzt dementsprechend keine Relevanz für Unternehmen. Innerhalb des VPI werden ca. 750 Produkte und Dienstleistungen betrachtet, die vom Statistischen Bundesamt
ex ante definiert werden (vgl. Beeker (2016), S. 192; Statista GmbH (2023a, b, c), o. S;
Ivanov (2022), o. S; Gasch (2022), S. 9). Die Kerninflation beruht auf preisbezogenen
Änderungen bei besonders volatilen Gütern. Energieprodukte sowie Lebensmittel werden
dementsprechend nicht betrachtet (vgl. ZEIT ONLINE (2022), o. S.). Der annuale Verlust
der Kaufkraft, der durch die Inflation einhergeht, kann wie folgt kategorisiert werden:
• Leichte Inflation: Annualer Kaufkraftverlust < 5 %
• Starke Inflation: Annualer Kaufkraftverlust > 5 %
• Hyperinflation: Annualer Kaufkraftverlust > 50 % (Vgl. Weeber (2022), S. 32; Gasch
(2022), S. 10)2
Das Resultat der erhöhten Inflationsraten ist eine erhöhte Umlaufgeschwindigkeit des
Geldes innerhalb einer Volkswirtschaft (vgl. Gasch (2022), S. 10; Bundeszentrale für
politische Bildung (o. J.), o. S.). Zudem nimmt der Kaufkraftverlust proportional zur
Inflationsrate zu. Je höher der Geldwertverlust ist, desto signifikanter ist ceteris paribus
der Verlust der Effizienzfunktion des Geldes (vgl. Anderegg (2007), S. 233). Dementsprechend sind zukünftige Inflationsraten nur schwer abzuschätzen, da diese oftmals aus
nicht vorhersehbaren Ereignissen resultieren. Die zirkulierende Geldmenge korreliert mit
dem zukünftigen Preisniveau, weshalb volkswirtschaftliche Ereignisse stets zu verfolgen
sind (vgl. Meitner und Streitferdt (2011), S. 237). Feststellbar ist, dass Unternehmen,
aufgrund des steigenden Zinsniveaus und der skalierenden Inflationsraten, präferiert kurzfristige Verträge abschließen. Die geldpolitische Erwartungshaltung drängt Unternehmen
dazu, kurzfristige Investitionen und Finanzierungen zu tätigen. Investitionsobjekte, die erst
in der fernen Zukunft rentabel sind, werden unter hohen Inflationsraten weniger getätigt,
da hierdurch gegenwärtige Verluste resultieren können. Ferner ist mit besonderem Blick
auf die Verbraucher festzustellen, dass der Kaufkraftverlust die Ersparnisse verringern
(vgl. Boerner (2009), S. 34). Zusätzlich sinkt der Realwert von Forderungen durch die
steigende Inflation (vgl. Weeber (2022), S. 39) Sowohl Unternehmen als auch Verbraucher haben hierbei die Möglichkeit, durch bestimme Absicherungsstrategien (Hedging)
1 Durchschnittlicher Verbraucher i. S. d. § 13 BGB i.V.m EuGH GRUR Int 2005, 44.
2 Eine Hyperinflation konnte jüngst in der Türkei eruiert werden.
14
2 Hintergrund zur Inflation, Zinswende und Zinspolitik
am Kapitalmarkt, die Auswirkungen der Inflation abzufedern, um den Geldwertverlust so
gering wie möglich zu halten. Ein Beispiel hierfür sind bspw. klassische Anleihen oder
das Investieren in Exchange Traded Funds (ETF).
Ein weiterer Einfluss der hohen Inflationsraten lässt sich bei der Vergabe von Krediten
durch Banken eruieren. Demgemäß sind die Möglichkeiten der Banken zur Freigabe von
langfristigen Krediten durch die hohen Inflationsraten beeinträchtigt (vgl. Bundeszentrale
für politische Bildung (o. J.), o. S; Schier (2023), o. S; Ernst & Young GmbH (2023a), o.
S.). Einige Kreditinstitute gewähren mit Blick auf die hohen Inflationsraten keine neuen
Kreditlinien. Die Kreditmarktstudie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY aus dem Jahr
2023 kommt zudem zu folgenden Ergebnissen:
• 86 % der deutschen Kreditinstitute rechnen mit höheren Kreditausfällen.
• Zwei von drei deutschen Kreditinstituten erwarten einen signifikanten Rückgang der
Kreditvergabe. Lediglich 15 % rechnen mit einem Anstieg.
• Neben den direkten Kreditkosten steigen auch die Kreditnebenkosten.
• Unternehmens- und Privatkunden sind gleichermaßen betroffen. Hierbei werden höhere
Bonitätsanforderungen und Sicherheiten gefordert (vgl. Ernst & Young GmbH (2023a),
o. S; Siehe weiterführend auch Kreditmarktstudie 2023).3
Die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen wirken sich nach Einschätzung deutscher Banken signifikant auf die Kreditvergabe aus (vgl. Ernst & Young GmbH (2023a), o. S.).
Demgemäß steigen die Kosten für Finanzierungen, weshalb ceteris paribus wesentliche
Auswirkungen auf die Bilanz von Unternehmen festzustellen sind.
Eine Unterscheidung in Wachstums- und Verteilungswirkungen ist relevant, um den
Inflationsbegriff und dessen inflationäre Prozesse zu verstehen:
• Wachstumswirkungen:
– Erhöhter Aufkauf von Sachwerten, wodurch die Gefahr von Überkapazitäten
resultieren kann. Insb. der Immobiliensektor unterliegt dieser Nachfragesteigerung.
– Negative Auswirkungen auf die Exportwirtschaft, da Wechselkurseffekte vorliegen.
– Aufbau von Überkapazitäten durch schnelle Preisanstiege. Die zeitlich verzerrte
Nachfrageanpassung führt ceteris paribus zur Rezession.
– Die Nachfrage nach Gütern sinkt in Korrelation zur Inflation. Demgemäß senken
Unternehmen die Produktionstätigkeit, wodurch langfristige Investitionen weniger
rentabel sind (vgl. Weeber (2022), S. 39–42; Boerner (2009), S. 34; Meitner und
Streitferdt (2011), S. 237).
• Verteilungswirkungen:
– Realwert der Forderungen sinkt, wodurch Schuldner profitieren und Gläubiger
Verluste riskieren.
3 Grundlage der Studie ist die Befragung von 120 Kreditmanagern von Banken und Sparkassen in
Deutschland.
2.2
Der geldpolitische Mechanismus der EZB
15
– Mit zunehmender Inflation sinkt der Realwert des Lohnes. Eine Anpassung des
Lohnniveaus erfolgt i. d. R. nicht.
– Sozialleistungen werden nicht latenzfrei an die steigenden Inflationsraten angepasst.
– Erhöhte Auswirkungen auf die Vermögensverteilung durch die hohen Inflationsraten (vgl. Weeber (2022), S. 39–42; Boerner (2009), S. 34: Statistisches Bundesamt
(2023d), o. S.).
Um das Inflationsziel von 2 % zu erreichen, wird der Leitzins sukzessive erhöht (vgl.
Liedke und Thier (2023a, b), o. S; Zwirner et al. (2023), o. S.). Dementsprechend muss
eine Volkswirtschaft die Strategie der restriktiven Geldpolitik verfolgen, um der Inflation entgegenzuwirken. De facto muss eine Volkswirtschaft sinkende Realeinkommen
und eine zunehmende Arbeitslosigkeit ausstehen. Durch die Reduktion der umlaufenden
Geldmenge durch die Zentralbank, sinkt die Güternachfrage, et vice versa. Infolgedessen resultiert eine Einschränkung der Produktion und Beschäftigung. Folglich sinken die
Lohnerhöhungen und das vorliegende Preisniveau steigt wesentlich langsamer. Insofern
die Inflationsrate ein adäquates Niveau erreicht hat, passen die einzelnen Wirtschaftssubjekte die Inflationserwartungen an das geringere Inflationsniveau an, wodurch die
Produktion und Beschäftigung ansteigt. Bezugnehmend auf Tab. 2.1 wird dieser Sachverhalt als Disinflationspolitik bezeichnet (vgl. Wellmann und Hünseler (2003), S. 143;
Herrmann (2012), S. 359; Liedke und Thier (2023a, b), o. S; Zwirner et al. (2023), o. S.).
Schlussendlich wird dadurch die volkswirtschaftliche Phase der Deflation erreicht.
2.2
Der geldpolitische Mechanismus der EZB
Die EZB ist die Zentralbank aller Länder der EU, in denen der Euro die Währung darstellt.
Die wesentlichste Aufgabe der EZB ist die Wahrung der Preisstabilität – dies geht aus
dem Artikel 127 Abs. 1 des AEU-Vertrags hervor. Die EZB und die jeweiligen nationalen
Zentralbanken der Eurozone bilden das sog. Eurosystem – ein kohärentes Zentralbankensystem (vgl. Europäische Zentralbank (2023c), o. S; Gasch (2022), S. 10; Conrad (2020),
S. 450; Gänger (2022a, b), o. S; Meyer (2019), S. 13; Perret und Welfens (2019), S. 242).
Um das Preisniveau stabil zu halten, rechnet die EZB mit einer jährlichen Inflationsrate
von 2 % (vgl. Gasch (2022), S. 10; Conrad (2020), S. 451; Liedke und Thier (2023a, b),
o. S; Zwirner et al. (2023), o. S.). Zusätzlich zu ihren Hauptaufgaben ist die EZB auch
verantwortlich für die Überwachung von Kreditinstituten und die Sicherung der Stabilität des Bankensystems in der Eurozone und den teilnehmenden Mitgliedsländern. Die
Geldpolitik der EZB sichert demnach die Preisstabilität und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Ferner gehören die Statistik, die Finanzstabilität, die makroprudenzielle Politik
und die europäische Zusammenarbeit zum weiteren Aufgabenkreis der EZB (vgl. Europäische Zentralbank (2023c), o. S; Conrad (2020), S. 450; Herrmann (2012), S. 359; Zwirner
et al. (2022), S. 5 f.; Neumann (2022), o. S; Perret und Welfens (2019), S. 239 ff.).
16
2 Hintergrund zur Inflation, Zinswende und Zinspolitik
Ein grundlegendes Problem der Geldpolitik der EZB stellt der einheitliche Referenzzinssatz dar. Demnach korreliert der Leitzinssatz mit den durchschnittlichen Entwicklungen aller teilnehmenden EU-Staaten. Dies resultierte darin, dass der tatsächliche Zinssatz
für Deutschland hoch war. Die Leitzinssenkung des Jahres 1998 auf einen Zinssatz von
3 % resultierte de facto in einer effektiven Zinssenkung von 0,3 % für Deutschland
(vgl. Conrad (2020), S. 442 f.). Der Leitzins ist die maßgebliche Größe, um die Wirtschaftsentwicklungen bewerten zu können. Der Leitzinssatz stellt den Zinssatz für das
Hauptrefinanzierungsgeschäft dar (vgl. Statista GmbH (2023b), o. S; Liedke (2022), o. S;
Zinnecker (2022), o. S.). Das Hauptrefinanzierungsgeschäft (Offenmarktgeschäft) stellt
den Zinssatz dar, den Banken für das Aufnehmen von Krediten zahlen müssen (vgl.
Pfannmöller (2018), S. 188; Conrad (2020), S. 458; Gerginov (2013), o. S.). Die Kreditvergabe durch die EZB erfolgt immer gegen eine Besicherung, um das Eurosystem
vor Risiken zu bewahren. Die Vergabe von Krediten an Geschäftsbanken erfolgt üblicherweise in Form von befristeten Transaktionen (reverse Transactions). Demgemäß vergibt
die EZB, unter Berücksichtigung sämtlicher Sicherheiten und Risiken, Kredite gegen die
Hergabe von Vermögenswerten als Besicherung. Befristete Transaktionen stellen demnach Finanzmittel für eine ex ante vereinbarte Periode bereit – analog kann auch der
Terminus temporäre Offenmarktoperationen verwendet werden (vgl. Belke und Bordon
(2017), S. 527). Abb. 2.1 verdeutlicht den Geldumlauf des Hauptrefinanzierungsgeschäfts
des Eurosystems.
Um die positive Wirtschaftsentwicklung der Eurozone zu sichern, führt die EZB eine
sog. antizyklische Geldpolitik durch, die zum Ziel hat, konjunkturzyklische Auswirkungen
Abb. 2.1 Geldumlauf innerhalb des Eurosystems. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an
Wagner (2009), o. S; Europäische Zentralbank (2023d), o. S.)
2.3
Entwicklung des Zinsniveaus und der Inflationsraten
17
abzuschwächen. Herrscht eine Rezession, in denen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage
sinkt, resultiert eine expansive Geldpolitik in einem Investitionsstimulus. Demgemäß wird
das Zinsniveau verringert und die umlaufende Geldmenge erhöht. Dies bedingt eine
erhöhte Vergabe von Krediten durch Kreditinstitute, wodurch Investitionsobjekte günstiger zu finanzieren sind. Ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage größer als das Angebot,
verfolgt eine restriktive Geldpolitik das Ziel, das die Nachfrage abgeschwächt und signifikante Preissteigerungen vermieden werden. De facto wird die umlaufende Geldmenge
verringert und das Zinsniveau erhöht, weswegen Banken die Zinssätze erhöhen (vgl. Conrad (2020), S. 451; Liedke (2022), o. S; Zwirner et al. (2022), S. 3; Regner (2022), S. 36).
Folglich führt die Erhöhung des Leitzinssatzes zu einem geringeren Wirtschaftswachstum sowie zu einer Reduktion der Inflationsraten, et vice versa (vgl. Liedke (2022), o.
S.). Die Geldpolitik der EZB beruht auf einer sog. Zweisäulenstrategie, die zum einen
die Analyse der langfristigen Entwicklungen der umlaufenden Geldmenge und Zinsen
berücksichtigt sowie zum anderen den Abgleich mit der Analyse der langfristigen gesamtökonomischen Entwicklung der Eurozone (vgl. Conrad (2020), S. 451; Perret und Welfens
(2019), S. 242). De facto erfolgt ein Abgleich der avisierten Inflationsrate von 2 % und
der erwarteten Inflationsrate (vgl. Jasper (2023), o. S.). Der Verlauf der Anpassungen
des Leitzinssatzes verdeutlicht, dass seit Juli 2022 ein signifikanter Anstieg, von 0,5 %
auf 3,75 %, zum Mai 2023 vorliegt. Zurzeit dotiert der Leitzinssatz bei 4,25 % (Stand:
Juli 2023). Vergangene Höchstwerte lassen sich im Oktober 2000 (4,75 %) und in der
Zeit um die internationale Finanzkrise im Juli 2008 (4,25 %) feststellen (vgl. Statista
GmbH (2023a), o. S; Liedke und Thier (2023a, b), o. S; Deutsche Bundesbank (2023),
o. S; Verbraucherzentrale NRW e. V. (2023), o. S.). Der aktuelle Anstieg ist durch die
Inflationsbekämpfung zu erklären. Erwartungen zufolge soll der Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft der EZB zudem weiter steigen (vgl. Liedke und Thier (2023a,
b), o. S.). Faktisch bleibt die weitere Vorgehensweise der EZB hinsichtlich weiterer Leitzinsanpassungen abzuwarten – das langfristige Inflationsziel von 2 % wird mit hoher
Wahrscheinlichkeit die Folge sein. Jedoch ist der Zeitpunkt des Erreichens des Inflationsniveaus von 2 % relevant, da in der Zwischenzeit wesentliche Auswirkungen auf
die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage von Unternehmen festzustellen sind. Abb. 2.2
verdeutlicht den Verlauf der Leitzinsentwicklung der EZB von Oktober 2000 bis Juli 2023.
2.3
Entwicklung des Zinsniveaus und der Inflationsraten
2.3.1
Vergangenheitsanalyse
Der Wert des umlaufenden Geldes unterlag bereits diversen saisonalen Schwankungen, weswegen die aktuellen Wirtschaftsentwicklung – insofern der wirtschaftspolitische
Blickpunkt statisch betrachtet wird – keine Anomalie darstellen (vgl. Gasch (2022), S. 12;
18
2 Hintergrund zur Inflation, Zinswende und Zinspolitik
Leitzinsentwicklung der EZB von 1999 bis 2023
5 4.75
4
4.25
4
3.75
3.5
4.25
4.5
3.75
3.75 3.75
3.5
3
2.5
3
2.75
2.75
2.5
2
2
2
1.5
1.25
1.5
0.75
0.5
1
0.5
0.01
0.5
0.15
0
Oct-00
Jul-01
Apr-02
Jan-03
Oct-03
Jul-04
Apr-05
Jan-06
Oct-06
Jul-07
Apr-08
Jan-09
Oct-09
Jul-10
Apr-11
Jan-12
Oct-12
Jul-13
Apr-14
Jan-15
Oct-15
Jul-16
Apr-17
Jan-18
Oct-18
Jul-19
Apr-20
Jan-21
Oct-21
Jul-22
Apr-23
0
Abb. 2.2 Leitzinsentwicklung der EZB (Hauptrefinanzierungszinssatz) von 2000 bis 2023. (Quelle:
Eigene Darstellung, in Anlehnung an Statista GmbH (2023b), o. S; Deutsche Bundesbank (2023),
o. S; Zwirner et al. (2023), o. S.)
Schmitz (2016), S. 1). Der Terminus Inflation gewann bereits im 17. Jahrhundert 4 an
Bedeutung, da die damalige übermäßige Geldausgabe und Münzausprägung die Wirtschaft strapazierte, wodurch eine Geldentwertung resultierte (vgl. Walter (2011), S. 161;
Gasch (2022), S. 13). Aufgrund der Folgen der beiden Weltkriege, die in wesentlichen
Kriegsschulden und Sozialausgaben resultierten, unterlag Deutschland einer Hyperinflation – die Jahre 1914 bis 1923 und 1936 bis 1948 sind hierfür maßgeblich (vgl. Walter
(2011), S. 161; Deutsche Bundesbank (2012), o. S.). Ferner führte die verdeckte Inflation,
die durch den zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde zu einer umfänglichen Enteignung der
Sparer und Anleger. In den Jahren von 1970 bis 1980 ächzte die Weltwirtschaft unter
einer hohen Inflationsrate, weil diverse Preisschocks mit Blick auf Öl und Nahrungsmittel vorlagen (vgl. Deutsche Bundesbank (2012), o. S.). Auf Basis der Vergangenheit
und den resultierten Erfahrungsgewinnen gewann die Relevanz von Zentralbanken zunehmend an Bedeutung, da die wirtschaftliche Stabilität ein wesentlicher Faktor für das
gesamte Wohl einer Gesellschaft darstellt. Darüber hinaus verfolgen Zentralbanken das
Ziel, die Vereinnahmung der Geldpolitik durch den Staat zu verhindern (vgl. Deutsche Bundesbank (2012), o. S; Gasch (2022), S. 13). Analog zur Inflationsentwicklung
der Vergangenheit lassen sich auch unterschiedliche Entwicklungen des Leitzinssatzes
4 Geburt des Notenbankwesens durch die Stockholm Banco.
2.3
Entwicklung des Zinsniveaus und der Inflationsraten
19
eruieren. Der Hauptrefinanzierungszinssatz besitzt wesentliche Auswirkungen auf das
Zinsniveau eines Währungsraumes. Demgemäß wurde der erste Leitzins für die Eurozone zum Januar 1999 festgesetzt. Der Leitzins stieg bereits im Jahr 2000 auf 4,75 %
an – der Spitzenwert seit der Euroeinführung. Im Zuge der Bekämpfung der Auswirkungen der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 stieg der Leitzins erneut an (vgl. Gerginov (2013),
o. S; Zwirner et al. (2023), o. S.). Seit Juli 2022 stieg der Leitzins ebenfalls signifikant an,
um den aktuellen Wirtschaftsentwicklungen entgegenzuwirken (siehe auch Abb. 2.2). Der
gegenwärtige Forschungsstand blickt bereits auf mehrere überwundenen Wirtschaftskrisen
und konjunkturelle Schwankungen zurück, die zu hohen Inflationen und Zinsen führten.
Dementsprechend ist der Verlauf der aktuellen Wirtschaftsentwicklung präzise zu verfolgen, um die expliziten Auswirkungen auf inhärente Geschäftsrisiken sowie ausgewählte
Bilanzposten zu messen.
2.3.2
Gegenwartsanalyse
Das nationale und internationale Wirtschaftsgeschehen war und ist durch diverse Krisen
geprägt. Zum einen sind die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie noch immer relevant. Als weitere Krise folgte der Ukraine-Krieg, der wesentliche Auswirkungen auf die
Wirtschaftsentwicklungen der Eurozone besitzt. Eine Folge des Ukraine-Kriegs sind die
signifikant angestiegenen Energiepreise, wodurch eine skalierende Inflationsrate resultierte. Den ansteigenden Inflationsraten folgten steigende Zinsen am Kapitalmarkt, die
ceteris paribus mit höheren Renditeforderungen einhergehen (vgl. Zugehör (2022), S. 1).
Zum Oktober 2022 lag die Inflationsrate für die Eurozone auf einem Rekordhoch von
10,6 %. Die Inflationsrate für Deutschland lag bei 8,8 %.5 Die Preise für Energieprodukte stiegen um merkliche 41,5 % zum Vorjahresmonat an. Zudem sind Lebens- und
Genussmittelpreise von den Inflationsraten maßgeblich beeinflusst. Demgemäß wurde
eine Preissteigerung von 11,8 % im September 2022 auf 13,1 % im Oktober 2022 verzeichnet (vgl. ZEIT ONLINE (2022), o. S; Statistisches Bundesamt (2023b), o. S.). Vor
allem die Preise für Nahrungsmittel sind im September 2022 um 18,7 % ggü. dem Vorjahresmonat gestiegen. Die bereinigte Inflationsrate, die Energieprodukte und Nahrungsmittel
ausschließt, beziffert sich auf 4,6 % (vgl. Statistisches Bundesamt (2023a), o. S; Welfens
(2022), S. 139). Dies verdeutlicht die Relevanz der Betrachtung der Inflationsraten, da
das bisherige Niveau zuletzt vor über 70 Jahren erreicht wurde. Im November 2022 lag
eine Inflationsrate von 8,8 % vor. Sowohl die Verbraucherpreise für Energieprodukte als
auch Nahrungsmittel steigen auf 43 % bzw. 20,3 % an (vgl. Statistisches Bundesamt
(2023b), o. S.). Im Februar 2023 betrug die Inflationsrate 8,7 %. Die Preise für Energieprodukte beziffern sich auf eine Preissteigerung von 23,1 % ggü. dem Vorjahresmonat.
Demgegenüber stiegen die Preise für Nahrungsmittel auf 20,2 % ggü. dem Vorjahresmonat (vgl. Statistisches Bundesamt (2023b), o. S.). Im April 2023 betrug die Inflationsrate
5 Grundlage zur Ermittlung ist der VPI, siehe weiterführend Kap. 2.1.
20
2 Hintergrund zur Inflation, Zinswende und Zinspolitik
Entwicklung der Inflationsraten von Januar 2021 bis April 2023
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0
Abb. 2.3 Entwicklung der Inflationsraten von Januar 2021 bis April 2023. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Statistisches Bundesamt (2023b), o. S; Statista GmbH (2023b), o. S.))
7,2 %. Dies entspricht einer Steigerung der Verbraucherpreise für Energieprodukte von
6,8 % ggü. dem Vorjahresmonat. Weiterhin beläuft sich die Preissteigerungsrate für Nahrungsmittel auf 17,2 % ggü. dem Vorjahresmonat (vgl. Statistisches Bundesamt (2023b),
o. S.). Die sinkende Inflationsrate resultiert aus der restriktiven Geldpolitik der EZB.
Zusätzlich ist erkennbar, dass die Zinsen für Darlehen im Sektor der Unternehmens- und
Immobilienfinanzierungen signifikant angestiegen sind. Dementsprechend war es möglich,
eine Immobilie im Januar 2022 zu einem effektiven Zinssatz von unter 1,0 % p. a. zu
finanzieren. Gegenwärtige Immobilienfinanzierungen kosten, abhängig von der Bonität,
bereits über 3,0 % p. a. (vgl. Zwirner et al. 2022, S. 7). Die zukünftigen Entwicklungen, die die Attraktivität von Immobilienfinanzierungen beeinflussen, korrelieren mit der
Leitzinsentwicklung der EZB. Daher bleiben die tatsächlichen zukünftigen Auswirkungen abzuwarten. Abb. 2.3 verdeutlicht die wesentlichen monatlichen Veränderungen der
Verbraucherpreise ggü. den entsprechenden Vorjahrespreisen, in %.
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3
Analyse des Einflusses des hohen
Zinsniveaus auf inhärente Risiken
Zusammenfassung
Dieses Kapitel widmet sich den zentralen Anforderungen an das Risikomanagement
im Finanzcontrolling. Der Fokus liegt auf der Gestaltung des Risikofrüherkennungssystems gemäß § 91 Abs. 2 AktG, der Abgrenzung zu den Richtlinien des IDW PS
340 und den regulatorischen Aspekten im Bankensektor. Das Kapitel beleuchtet den
Risikofrüherkennungsprozess und betont die Verbindung des Risikomanagements mit
den individuellen Unternehmensstrategien. Ferner werden die wesentlichen inhärenten
Risiken untersucht. Darüber hinaus wird zur praktischen Anwendung der kennzahlengestützte Risikomanagementprozess im Zuge des Risikocontrollings betrachtet.
3.1
Anforderungen an das Risikomanagement
Die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen korrelieren mit der Relevanz des Risikomanagements, um unternehmerische Risiken zu kategorisieren und diesen zu begegnen. Durch
diverse Krisen setzt sich der Trend zunehmender Risiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind, mit hoher Intensität fort (vgl. Diederichs (2017), S. 1; Hunziker und Meissner
(2017), S. 1 ff.; Kempe (2004), S. 21; Eulerich (2022), o. S.). Demnach unterstützen
das Risikomanagement und insb. das Risikocontrolling den Fortbestand des Unternehmens – wobei dem Risikocontrolling die Identifikation, Messung, Überwachung sowie
Berichterstattung zugeordnet werden (vgl. Diederichs (2017), S. 1 f.; Winter (2007),
S. 178; Hunziker und Meissner (2017), S. 3 ff.). Zudem ist insb. bei den DAXUnternehmen ein sog. Risikofrüherkennungssystem (§ 91 Abs. 2 AktG) einzurichten, das
die Risikoidentifikation sicherstellen soll und somit das Risikomanagement unterstützt.
Die inhaltliche Gestaltung des Risikofrüherkennungssystems ist von der Gesetzgebung
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein
Teil von Springer Nature 2024
C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9_3
25
26
3 Analyse des Einflusses des hohen …
nicht eindeutig bestimmt, weswegen das vorliegende Normvakuum von den entsprechenden Unternehmen selbst ausgestaltet werden muss. Jedoch ergeben sich aus der
Verlautbarung des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) Mindestanforderungen an das
Risikofrüherkennungssystem. Im Prüfungsstandard IDW PS 340 wird das Risikofrüherkennungssystem sowie Risikomanagementsystem voneinander abgegrenzt – diese Inkohärenz
führt zu unterschiedlichen Anforderungsaspekten (vgl. Seidel (2023), o. S; Brösel et al.
(2015), S. 379). In praxi werden die Termini Risikofrüherkennungssystem und Risikomanagementsystem synonym verwendet, da eine Abgrenzung nicht immer eindeutig
ist (vgl. Brösel et al. (2015), S. 379; Marten et al. (2011), S. 285; Graumann (2012),
S. 586). Gleichwohl können einige Differenzen festgestellt werden. Das Risikofrüherkennungssystem gem. § 91 Abs. 2 AktG beinhaltet lediglich Teilaspekte eines umfassenden
Risikomanagementsystems:
• Risikoidentifikation respektive Risikoerkennung gem. IDW PS 340, Tz. 5 und 9.
• Risikobewertung und -aggregation respektive Risikoanalyse gem. IDW PS 340, Tz. 5
und 10.
• Risikokommunikation gem. IDW PS 340, Tz. 5 und 11 f.
• Überwachungssystem gem. IDW PS 340, Tz. 15 ff. (vgl. Seidel (2023), o. S; Brösel
et al. (2015), S. 379 f.; Brinkmann und Greifelt (2021), S. 1; siehe weiterführend IDW
PS 340).
Die wesentlichen Regelungen des IDW PS 340 mit Blick auf das Risikofrüherkennungssystem können in einen Prozess eingeordnet werden. Der Prozess kann als Rahmenwerk
zur Risikofrüherkennung herangezogen werden (siehe hierzu Tab. 3.1).
Tab. 3.1 Risikofrüherkennungsprozess i. S. d. IDW PS 340. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Meyer und Osenberg (2023), o. S; Brösel et al. (2015), S. 379 ff.; Seidel (2023), o. S;
Brinkmann und Greifelt (2021), S. 1)
Risikofrüherkennungsprozess i. S. d. IDW PS 340
1
Unternehmensweite Identifikation bestandsgefährdender Entwicklungen durch
die Betrachtung von internen und externen Risiken
2
Rechtzeitige Erkennung von Risiken, um ein geeignetes und unverzügliches
Reagieren sicherzustellen
3
Fortlaufende Entwicklung der Risikostruktur. Ermittlung des Risikomaßes
unter Berücksichtigung von Chancen und Risiken
4
Permanente und summarische Betrachtung von Einzelrisiken
5
Maßnahmen zur Risikoreduktion, um Netto-Risiken zu ermitteln, die im
Risikomanagementsystem überwacht werden
6
Konzernübergreifende System-Dokumentation und Kommunikation der
Risiken
3.1
Anforderungen an das Risikomanagement
27
Ferner kommen regulatorische Vorgaben der Bankenaufsicht zur Geltung, insofern
der Bankensektor betrachtet wird. Die Bankenaufsicht reagiert mit dem Rahmenwerk
des Basel III 1 auf vorliegende Risiken. Basel III fordert insb. verschärfte Eigenkapitalsowie Liquiditätsvorschriften, die von den Banken eingehalten werden müssen, um
Finanzkrisen zu verhindern (vgl. Jessberger (2013), S. 1 ff.) – die entsprechenden Anforderungen werden in dieser Abhandlung jedoch nicht näher betrachtet. Zu beachten ist,
dass ein Risikomanagementsystem mit den individuellen Unternehmensstrategien korreliert. Demgemäß werden von der Unternehmensführung strategische Handlungsvorgaben
zur Risikosteuerung vorgegeben (vgl. Reichling et al. (2007), S. 214). Daher werden
unter dem Terminus Risikomanagementsystem sämtliche Regelungen und Maßnahmen
zur Risikoerkennung und zum Risikoumgang verstanden (vgl. Brösel et al. (2015),
S. 379; Reichling et al. (2007), S. 214). Schließlich hat das Risikomanagementsystem
zum Ziel, bestehende Risiken zu erfassen, beurteilen, analysieren sowie sicherzustellen,
dass über die bestehenden Risiken informiert wird (vgl. Brösel et al. (2015), S. 380;
Brinkmann und Greifelt (2021), S. 1). Konzerne haben zudem den Anreiz ein funktionierendes Risikomanagementsystem einzurichten, da eine fehlerhafte Risikoberichterstattung
zur Einschränkung des Bestätigungsvermerks gem. § 322 HGB durch den Abschlussprüfer führen kann. Das Risikomanagementsystem ist eine Managementaufgabe, die
den unternehmerischen Erfolg und insb. den Fortbestand der Geschäftstätigkeit (GoingConcern-Annahme i. S. d. § 252 Abs. 1 HGB sowie IAS 1.25 f.2 ) sicherstellen soll (vgl.
Reichling et al. (2007), S. 214; Brösel et al. (2015), S. 379 f.; BDO WPG GmbH
(2021), o. S.). Dementsprechend richtet sich ein Risikomanagementsystem im Wesentlichen nach den strategischen Vorgaben der Unternehmensführung (vgl. Reichling et al.
(2007), S. 214; Brösel et al. (2015), S. 379 ff.; Winter (2007), S. 82 f.). Gem. § 264 Abs. 1
HGB ist der Jahresabschluss – bestehend aus der Bilanz (§ 266 HGB), der Gewinn- und
Verlustrechnung (§ 267 HGB) und dem Anhang – um einen zusammengefassten Lagebericht zu ergänzen. Der Lagebericht dient zur Risikoberichterstattung gem. der §§ 289
HGB ff . Darüber hinaus ergänzt das Rahmenwerk des DRS 20 die Angaben für den
zusammengefassten Konzernlagebericht (vgl. Rohlfs (2018), o. S; Siehe weiterführend
auch DRS 20). Folglich ist die Risikoanalyse und der Risikomanagementprozess – als
Aufgabe des Risikocontrollings – ein wesentlicher Erfolgsfaktor vor dem Hintergrund
der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen. Das funktionale Controlling hat demnach eine
Unterstützungsfunktion inne, um bei der Zielfindung, der Planung und der Unternehmenssteuerung relevante Entscheidungsgrundlagen vorzuschlagen (vgl. Georgopoulos und
Georg (2021), S. 64; Matanovic et al. (2019), S. 55; Eulerich (2022), o. S.).
1 Basel III ist im Bankwesen die Abkürzung für Eigenkapitalvorschriften, die vom Basler Ausschuss
für Bankenaufsicht mit Sitz in Basel im Dezember 2010 in einer vorläufigen Endfassung veröffentlicht
wurden. Vorgänger dieser Vorschriften waren Basel I und Basel II.
2 Siehe weiterführend IAS 1.
28
3.2
3 Analyse des Einflusses des hohen …
Risikoanalyse und Risikomanagementprozess
Zu konstatieren ist, dass die ex ante Risikoerkennung essenziell ist, um Risiken festzustellen, die durch die Festlegung der entsprechenden Risikofelder identifiziert worden sind.
Zudem können an dieser Stelle ggf. weitere Risiken festgestellt werden, die nicht dem
vorab definierten Risikoprofil entsprechen3 (vgl. Brösel et al. (2015), S. 381; Braumann
et al. (2023), S. 38; Hoffjan und Schwarz (2023), S. 24.). Im darauffolgenden Schritt
stellt die Risikoanalyse die Beurteilung der eruierten Risiken mit Blick auf die Eintrittswahrscheinlichkeit sowie die möglichen Auswirkungen dar – dabei können auch Simulationsszenarien zum Einsatz kommen (vgl. Brösel et al. (2015), S. 382; Winter (2007),
S. 147; Ernst & Young GmbH (2023b), o. S; Eulerich (2022), o. S.). Das vorliegende
Schrifttum schlägt insb. Szenarioanalysen und Monte-Carlo-Simulationen vor. Der Unterscheid der beiden Vorgehensweisen liegt in den Erträgen, die diskontiert werden. Zudem
können stochastische Simulationen eingesetzt werden, die wahrscheinlichkeitstheoretische
Verteilungen verwenden, um zukünftige Erträge respektive Risiken abzuschätzen. Ferner
kann eine einfache Sensitivitätsanalyse herangezogen werden, um diverse Risikoparameter zu analysieren. Darüber hinaus wird eine MS-Excel-gestützte Risikoquantifizierung
vorgeschlagen, die innerhalb eines Matrix-Simulationsprozesses drei wesentliche Einflussfaktoren betrachtet: die annualen Erträge der betrachteten Detailplanungsphase, den
Endwert der darauffolgenden Fortführungsphase sowie den risikokorrelierenden Diskontierungszinssatz (vgl. Ballwieser und Hachmeister (2021), S. 157 f.). Außerdem bieten
spezielle Business-Intelligence-Softwaresysteme wie bspw. LucaNet und CorporatePlanner Lösungen zur Szenarioanalyse an. In praxi kommt der Monte-Carlo-Simulation eine
wesentliche Bedeutung zu, da diverse Case-Szenarios betrachtet werden. Auf Basis des
Risikoaggregationsverfahrens werden bspw. repräsentativ ausgewählte Szenarien (bis zu
100.000 Szenarien) analysiert. Daraufhin wird konstatiert, welche Szenarien bestandsbedrohend sind. Demgemäß werden die Häufigkeiten der kritischen Szenarien betrachtet,
wodurch eine Kombination von Risiken festgestellt werden kann, die für das Risikoprofil
des Unternehmens relevant sind. Letztlich können dann Risikobewältigungsmaßnahmen
festgelegt werden (vgl. Ballwieser und Hachmeister (2021), S. 160; Gleißner (2017),
S. 251–268; Kaiser (2009), S. 145 ff.). Im Zuge dessen kann der Value-at-Risk das spezifische Risikomaß messen, indem die Verlusthöhe mittels der Ausfallwahrscheinlichkeit
(Konfidenzniveau) festgestellt wird (vgl. Wagner (2023), o. S; Kaiser (2009), S. 138).
Ein Risikomanagementprozess hat zum Ziel, Risiken zu identifizieren und diesen,
durch geeignete Strategien, zu begegnen. Unternehmensspezifische Zielsetzungen sowie
der gelebte Risikostil korrelieren, weshalb sich der Risikomanagementprozess hieran ausrichtet (vgl. Reichling et al. (2007), S. 214; Winter (2007), S. 160 ff.; Rohlfs (2018), o. S;
Braumann et al. (2023), S. 38; Hoffjan und Schwarz (2023), S. 24). De facto beinhaltet
ein Risikomanagementprozess die nachfolgenden Prozesselemente, wobei die ersten drei
Prozesselemente die Risikoerfassung darstellen:
3 Siehe weiterführend IDW PS 340, Tz. 9 f.
3.2
Risikoanalyse und Risikomanagementprozess
29
Abb. 3.1
Risikomanagementprozess.
(Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Reichling et al.
(2007), S. 214; Rohlfs (2018),
o. S; Oertel (2019), S. XXIII.)
• Risikoidentifikation, -analyse und -bewertung: Systematische Erkennung und Kategorisierung potenzieller Risiken und deren Auswirkungen auf diverse Unternehmensfelder.
• Risikosteuerung: Erörterung von Risikomanagementmaßnahmen nach der Feststellung
des Risikoausmaßes. Ermittlung von Risikovermeidungspotenzialen.
• Risikokommunikation: Darstellung der Risikosituation mittels geeigneter KPIDashboards. Festlegung von Wesentlichkeitsgrenzen.
• Risikoüberwachung: Überprüfung der Wirkungsweise der aggregierten Risiken durch
Soll-Ist-Vergleiche
(vgl. Reichling et al. (2007), S. 214 ff.; Rohlfs (2018), o. S; Hunziker und Meissner
(2017), S. 1–7; Eulerich (2022), o. S; Brösel et al. (2015), S. 383; Oertel (2019), S.
XXV).
Die Risikosteuerung muss darüber hinaus die Kohärenz zum Gesetz der Risikotragfähigkeit gewährleisten. Dies bedeutet, dass die Risikosteuerung an den Resultaten der
Risikoidentifiaktion, -analyse und -bewertung auszurichten ist (vgl. Oertel (2019), S.
XXIII). Abb. 3.1 zeigt einen exemplarischen Risikomanagementprozess4 mit Bezug auf
die vorab genannten Prozesselemente auf.
Während des Prozesses des Risikomanagements ist sicherzustellen, dass eine Differenzierung in bestandgefährdende und nicht-bestandsgefährdende Risiken erfolgt, sodass
4 Prozessmanagement-Lösungen von bspw. Celonis können bei der Umsetzung hilfreich sein.
30
3 Analyse des Einflusses des hohen …
das Risikocontrolling in den Folgeschritten das Gesamtrisiko ermitteln kann (vgl. Oertel
(2019), S. 6 ff.; Eulerich (2022), o. S.). Das Risikocontrolling hat weiterhin zum Ziel, die
Brutto- und Nettorisiken zu eruieren, um die Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen auf ausgewählte Risikofelder zu konkretisieren (vgl. Eulerich (2022), o. S.).
Zusätzlich zum Risikocontrolling kann das Finanz- und Liquiditätscontrolling die Unternehmensführung mit Berichten (i.e.S. Informationen) unterstützen, da Zinsauswirkungen
die Finanz- und Liquiditätslage beeinflussen. Unter Achtung der vorgeschlagenen Informationen ist es möglich, die negativen Auswirkungen des hohen Zinsniveaus entsprechend
zu minimieren. Gleichwohl können nicht alle negativen Aspekte ausgeschlossen werden,
da zyklische Phasen der Unternehmensentwicklung immanent sind. Nichtsdestoweniger
ist die unternehmensinterne Berichterstattung in praxi von großer Bedeutung.
3.3
Finanz- und Liquiditätscontrolling als
Unterstützungsentität
Die Unternehmensleitung hat zum Ziel, durch operative Entscheidungen, die auf Basis
der Kapitalbedarfsplanung, der Finanzplanung und der Budgetierung beruhen, die Liquidität respektive die ständige Zahlungsbereitschaft zu sichern. Zudem müssen strategische
Entscheidungen getroffen werden wie bspw. Investitionsentscheidungen, Geschäftsprozessentscheidungen und Finanzierungsentscheidungen. Das Finanz- und Liquiditätscontrolling unterstützt demgemäß mit entscheidungsrelevanten Informationen zur Sicherstellung
der Liquidität und Zahlungsfähigkeit (vgl. Linsner und Gleich (2019), S. 52 f.; Uskova
und Schuster (2020) S. 1 ff.; Huberts (2019), S. 60; Meier (2019), o. S; Steinle (2005),
S. 419–422; Baumüller (2021), S. 86 f.). Vor dem Hintergrund des hohen Zinsniveaus
bestimmt sich die Controlling-Ausrichtung als Schnittstellenfunktion i. S. d. funktionalen Controllings und übernimmt ceteris paribus die der spezifischen Organisationseinheit
inhärenten Ziele:
•
•
•
•
•
•
•
•
Steuerung der Finanzen als Managementfunktion.
Aufrechterhaltung der Zahlungsfähigkeit.
Maximierung des Wertes der Eigenkapitalansprüche.
Bereitstellung finanzorientierter Managementmodelle.
Sicherstellung der Liquidität.
Quantitative Liquiditätsplanung.
Transparente Darstellung der Liquidität.
Vorrausschauendes Working-Capital-Management
(vgl. Szczesny (2023), o. S; Contessotto et al. (o. J.), o. S; Jung und Weniger (2021),
S. 309. Siller (2022), o. S.).
Die wichtigste Aufgabe des Finanz- und Liquiditätscontrollings ist die Unterstützung
des Managements durch ein zielgerichtetes Reporting sowie eine effiziente Analyse von
3.3
Finanz- und Liquiditätscontrolling als Unterstützungsentität
Ergänzende
Funktion
•Ausgleich von
methodischen,
ökonomischen
und
informationstechnischen
Defiziten
Entlastende
Funktion
•Übernahme von
Aufgaben
•Entscheidungsvorbereitung
•Interne Beratung
31
Präventive
Funktion
•Frühaufklärungssystem
•Eruierung von
Liquiditätsrisiken
•Verhinderung
des
Risikoappetits
Abb. 3.2 Funktionen des Finanz- und Liquiditätscontrollings. (Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Eschenbach und Siller (2019), S. 92; Siller (2022), o. S; Horvath et al. (2019), S. 411;
Contessotto et al. (o. J.), o. S.)
Daten und Informationen. Informationsmanagementsysteme sind vor diesem Hintergrund
anzuwenden, um eine effiziente Analyse der vorliegenden Informationslandschaft sicherstellen zu können. Bei effizienter Gestaltung des Informantionspools werden relevante
Informationen koordiniert und an die Unternehmensleitung berichtet (vgl. Gondring und
Wagner (2015), S. 351). Zusätzlich erfolgt regelmäßig die Betrachtung wertorientierter
Steuerungsgrößen (z. B. Eigenkapitalwertsteigerungen). Durch die Betrachtung können
entsprechende Wertlücken identifiziert und geeignete Strategien eruiert werden (vgl. Gondring und Wagner (2015), S. 331 f.). Demzufolge können ergänzende, entlastende sowie
präventive Controlling-Funktionen festgestellt werden. Abb. 3.2 ordnet unterschiedliche
Funktionen ein.
De facto stellt der Controller einen Business Partner dar, indem er bei der Steuerung der Zielerreichung unterstützt. Ferner stellt der Controller die konstante Datenpflege
finanzwirtschaftlicher Controlling-Instrumente sicher. Zudem erfolgt durch den Controller
die quantitative Integration der periodenspezifischen Finanz- und Liquiditätsplanung in die
Unternehmensplanung. Der Controller greift hierbei auf Daten und Informationen aus der
Bilanz, der Gewinn- und Verlustrechnung, der Cashflow-Rechnung sowie der Finanzplanung zu, um den wirtschaftlichen Erfolg sicherzustellen (vgl. Amann et al. (2020), S. 3 f.;
Internationaler Controller Verein e. V. (o. J.), o. S; Büsch (2019), S. 290 f.; Horvath et al.
(2019), S. 406–409; Contessotto et al. (o. J.), o. S.). Der Finanzcontroller i.e.S. hat diverse
Planungs- und Kontrollaktivitäten abzustimmen, während extern Liquiditätsziele mit planbaren Erfolgszielen zu koordinieren sind. Faktisch sind die Steuerungsgrößen Liquidität
und finanzieller Erfolg von nichtfinanziellen Werttreibern abhängig. Eine Eruierung der
nichtfinanziellen Werttreiber kann bspw. durch den Einsatz einer Balanced-Scorecard
sichergestellt werden. Zusammenfassend sind folgende Aufgaben wesentlich:
•
•
•
•
Koordinative Unterstützung bei der finanziellen Planung und Steuerung.
Sicherstellung der relevanten finanziellen Informationsversorgung.
Aufbau und Weiterentwicklung des Finanzcontrolling-Systems.
Finanzielle Beratung bei Ad-hoc-Sonderfragen
32
3 Analyse des Einflusses des hohen …
(vgl. Siller (2022), o. S; Horvath et al. (2019), S. 410 ff.; Contessotto et al. (o. J.), o. S;
Linsner und Gleich (2019), S. 40; Baumüller (2021), S. 89).
Ein integriertes Finanzcontrolling-Instrumentarium sichert die ständige Zahlungsfähigkeit – vor allem mit Blick auf die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen. Die Korrelation
zwischen mehreren Instrumenten stellt in praxi die präferierte Vorgehensweise dar.
Abb. 3.3 listet diverse Controlling-Instrumente auf, die zur adäquaten Reaktion auf die
gegenwärtigen Entwicklungen Verwendung finden (vgl. Prätsch et al. (2012), S. 249–320;
Contessotto et al. (o. J.), o. S; Müller et al. (2011), S. 86; Horvath et al. (2019), S. 406;
Linsner und Gleich (2019), S. 40).
Gleichwohl wird an dieser Stelle angemerkt, dass die genaue Beschreibung einzelner Instrumente nicht im Fokus dieser Abhandlung steht. Dessen ungeachtet stellt ein
effektives Finanz- und Liquiditätscontrolling im Zuge der aktuellen Entwicklungen einen
essenziellen Erfolgstreiber dar. Neben der Integration der Controlling-Instrumente sichert
die Finanzplanung, die Finanzbudgetierung, die Durchführung der getroffenen Maßnahmen und zuletzt die Finanzkontrolle die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens (vgl.
Linsner und Gleich (2019), S. 41; siehe weiterführend App. D).
Integriertes
Finanzcontrollinginstrumentarium
Kapitalbedarfsplanung
Kurzfristige & langfristige Finanzplanung
Finanzbudgetierung
Kapitalflussrechnung (DRS 21)
Finanzanalyse & Finanzsteuerung
Wertorientierte & liquiditätsorientierte Kennzahlensysteme
Balanced-Scorecard
Wertschöpfungsrechnung
Risikoanalysen & Unternehmensberichterstattung
Abb. 3.3 Integriertes Finanzcontrolling-Instrumentarium. (Quelle: Eigene Darstellung)
3.4
Konkretisierung der Risikofelder mit Blick auf das Zinsniveau
3.4
Konkretisierung der Risikofelder mit Blick auf das
Zinsniveau
3.4.1
Inhärentes Risiko
33
Jede unternehmerische Geschäftstätigkeit besitzt immer ein sog. inhärentes Risiko. Das
inhärente Risiko wird auch als Bruttorisiko bezeichnet. Das Bruttorisiko beinhaltet eine
Kombination aus sämtlichen internen und externen Risikofaktoren. Unternehmen haben
zudem das Ziel, ein Residualrisiko zu erzeugen, indem die Erkennung, Kontrolle und
Reduktion des inhärenten Risikos erfolgt. Das Residualrisiko, das nicht durch ein erfolgreiches Risikomanagement ausgeschlossen werden kann, wird als Nettorisiko bezeichnet.
Dementsprechend gilt, je effizienter die Risikomaßnahmen sind, desto geringer fällt das
Nettorisiko aus (vgl. Eulerich (2022), o. S; Kalwait et al. (2017), S. 14; Vanini und Rieg
(2021), S. 1–15; Diederichs (2017), S. 7 ff.; Scheider (2023), o. S; DRSC e. V. (2017),
S. 1). Die inhärenten Risiken werden demnach innerhalb des Unternehmens eruiert.
Ungünstige Kreditkonditionen, kürzere Zielvereinbarungen sowie erschwerte Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung werden als inhärente Risiken mit Blick auf das Zinsniveau
klassifiziert. Der durch die erhöhte Zinslast resultierende Liquiditätsengpass kann zu
diversen Problemen führen – insb. die Auswirkungen auf Eigen- und Fremdkapital sind
hervorzuheben (vgl. Schmitz und Wehrheim (2006), S. 42 ff.; Zugehör (2022), o. S.).
Bereits die Attraktivität einzelner Investitionsentscheidungen ist von einem höheren Zinsniveau betroffen, denn die vorliegenden Kapitalmarktbedingungen korrelieren mit den
Kapitalkosten (vgl. Schwetzler (2022), S. M1). Es ist sicherzustellen, dass mit Blick auf
die hohen Zinsen die bestehenden Planungsrechnungen auf Aktualität überprüft werden,
um die Berücksichtigung von Inflationseffekten zu gewährleisten. Unternehmen bewerten die vorliegenden Sachverhalte u. U. nominell, jedoch müssen die Inflationseffekte
sachgerecht und realgetreu modelliert werden (vgl. Zwirner et al. (2022), S. 20 u. 24;
Hüttche und Schmid (2022), S. 496; Friedl und Schwetzler (2010), S. 433; Gasch (2022),
S. 47; siehe auch IDW S. 1). Die Einflüsse der hohen Inflationsraten und des Zinsniveaus
können unmittelbar bei Investitionsentscheidungen konstatiert werden. Die Kapitalwertmethode ist eine der zentralen Vorgehensweisen, um Investitionsalternativen zu beurteilen
(vgl. Albrecht und Maurer (2016), S. 68). Das dynamische Investitionsrechnungskalkül
der Kapitalwertmethode ermöglicht zudem die Zeitstruktur von Ein- und Auszahlungen
zu berücksichtigen (vgl. Dilger (2021), S. 1; Albrecht und Maurer (2016), S. 68 f.). Die
skalierenden Zinsen am Kapitalmarkt resultieren in höheren Kalkulationszinssätzen, weil
die Kapitalgeber, aufgrund der Inflation und der Anhebung des Leitzinssatzes, eine höhere
Verzinsung fordern. Die mathematische Ermittlung des Kapitalwerts (K 0 ) erfolgt durch
die Diskontierung der zu den jeweiligen Zeitpunkten (t) anfallenden Ein- und Auszahlungen (E t u. At ) abzüglich der Anschaffungsauszahlung (A0 ). Die Diskontierung erfolgt
mittels des Kalkulationszinssatzes (i) über die geplante Nutzungsdauer (n), der die geforderte Mindestverzinsung der Kapitalgeber darstellt. De facto ermittelt sich der Kapitalwert
34
3 Analyse des Einflusses des hohen …
wie folgt (vgl. Becker und Peppmeier (2018), S. 57 f.; Georg et al. (2021), S. 78; Hirth
(2017), S. 40; Bieg und Kußmaul (2009), S. 98; Seppelfricke (2012), S. 23; Albrecht und
Maurer (2016), S. 68 ff.; Klitzsch (2019), S. 253 f.).
K 0 = −A0 +
n
n
E t − At
E Z Ü t
=
−A
+
0
qt
(1 + i)t
t=1
t=1
Die Höhe des Kapitalwerts korreliert mit dem Kalkulationszinssatz (vgl. Hirth (2017),
S. 54; Klitzsch (2019), S. 253 f.). Diese funktionale Korrelation bedarf einer kritischen
ökonomischen Betrachtung, um die Auswirkungen der Inflationsraten und des gestiegenen
Zinsniveaus auf den Kalkulationszinssatz zu bewerten. Dieser Sachverhalt verdeutlicht,
dass bereits einzelne Investitionen durch die Inflationsraten sowie gestiegene Kapitalmarktzinsen beeinflusst werden. Zu konstatieren ist, dass höhere Zinskosten bei diversen
Investitionsobjekten zu einer sinkenden Rentabilität führen. Die erhöhte Zinslast führt
zu wesentlichen Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Unternehmen, insofern einzelne Investitionsobjekte zum Zweck der Beurteilung betrachtet
werden. Des Weiteren sind Kapitalgeber bereit, einen gewissen Grad an Verschuldung
zu akzeptieren, da Unterschiede zwischen Eigen- und Fremdkapital in einem negativen Verschuldungsgrad resultieren können. Die These des optimalen Verschuldungsgrads
(V opt ) unterstellt, dass Kapitalgeber Zins- und Renditeforderungen in Korrelation zum
vorliegenden Risiko einfordern. Demgemäß kommt der Betrachtung des Verschuldungsgrads eine exponierte Bedeutung zu, um die Auswirkungen auf inhärente Risiken zu
eruieren. Die optimale Gesamtkapitalrentabilität (r GK ) resultiert aus dem Minimum von
Eigen- und Fremdkapitalkosten (EK/FK) – jedoch ist zu beachten, dass Fremdkapitalkosten signifikant über denen des Eigenkapitals liegen (vgl. Schmitz und Wehrheim (2006),
S. 42 f.).
rG K = r E K ∗
EK
FK
+ rF K ∗
→ Min. = Vopt
GK
GK
Die optimale Kapitalstruktur wird dann erreicht, wenn die Rendite höher ist als die
Erhöhung der Zinsen des Fremdkapitals. Die gestiegenen Zinsen, die durch die aktuelle Wirtschaftssituation resultieren, besitzen demgemäß relevante Auswirkungen auf die
Kapitalstruktur der Unternehmen. Die Leverage-Chance bezeichnet die Möglichkeit, die
Hebelwirkung des Fremdkapitals auf die Eigenkapitalrentabilität auszunutzen, um eine
erhöhte Rendite zu generieren. Wenn eine Veränderung der Kapitalstruktur keine Auswirkungen auf die Eigenkapitalrentabilität besitzt, spricht man ebenso von der optimalen
Kapitalstruktur. Gleichwohl besteht das Risiko, das die Hebelwirkung des Fremdkapitals
die Eigenkapitalrentabilität senkt – demnach ist das Resultat eine hohe Verschuldung –
Leverage-Risiko (vgl. Schmitz und Wehrheim (2006), S. 42 ff.; Kaiser (2009), S. 125 ff.;
Zugehör (2022), S. 1). Der Sachverhalt kann wie folgt zusammengefasst werden.
3.4
Konkretisierung der Risikofelder mit Blick auf das Zinsniveau
r E K = r + (r − i)
35
FK
EK
Mit:
r
i
rEK
r>i
r=i
r<i
=
=
=
=
=
=
interne Rendite.
Fremdkapital-Zinssatz.
Eigenkapitalrentabilität.
Leverage-Chance.
optimale Kapitalstruktur.
Leverage-Risiko (Vgl. Schmitz und Wehrheim (2006), S. 44).
Das inhärente Risiko kann demgemäß als das geschäftsimmanente Risiko klassifiziert
werden, das aus der Art der Geschäftstätigkeit resultiert. Ergo besitzen unterschiedliche
Branchen und Geschäftsbereiche auch abweichende inhärente Risiken (vgl. Brösel et al.
(2015), S. 254 u. 298). Mit Blick auf die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen können
das Marktrisiko, das Liquiditätsrisiko und das Kreditrisiko als wesentliche inhärente Risiken kategorisiert werden, weswegen diese Abhandlung die nachfolgenden Risikofelder
betrachtet.
3.4.2
Marktrisiko
Das Marktrisiko resultiert aus aktuellen sowie potenziellen Marktveränderungen hinsichtlich der Wettbewerbsbedingungen, der Absatz- und Beschaffungsmarktbedingungen, der
Konkurrenz und vor allem der Konjunktur (vgl. Schmitz und Wehrheim (2006), S. 36;
Killian (2023), o. S.). Abb. 3.4 stellt die wesentlichen Treiber des Marktrisikos dar.
Wechselkursrisiken
Beschaffungsmarktrisiken
Marktrisiko
Aktienkursrisiken
Zinsänderungsrisiken
Abb. 3.4 Treiber des Marktrisikos. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Killian (2023),
o. S.)
36
3 Analyse des Einflusses des hohen …
Ferner stellt das Marktrisiko ein Schwankungsrisiko dar, insofern börsennotierte Aktiengesellschaften betrachtet werden. Das Marktrisiko zeichnet sich dementsprechend durch
den Verlauf der Aktienkurse aus. Investoren analysieren und beurteilen daher die Frage,
wie stark eine Kurs- respektive Renditeschwankung eines Einzelobjekts in Korrelation
zum Marktindex ausfällt. Je höher eine Kurs- respektive Renditeschwankung ist, desto
höher ist ceteris paribus das Marktrisiko. De facto steigt dann die Risikoprämie, die
ein Investor tragen muss (vgl. Spremann (2012), S. 194). Vor dem Hintergrund der
gegenwärtigen Wirtschaftsentwicklungen kann insb. das Zinsänderungsrisiko unter dem
Marktrisiko subsumiert werden. Das Zinsänderungsrisiko stellt demgemäß das relevanteste Marktrisiko dar, da marktzinsbedingte Vermögensrisiken resultieren. Die Erhöhung
des Zinsniveaus resultiert in einem Absinken der Kurswerte von festverzinslichen Anleihen und daher zu zinsinduzierten Marktwertverlusten, et vice versa (vgl. Schiffel (2009),
S. 27 f.; zitiert nach Schiefer (2008), S. 51 ff. u. Wolke (2008), S. 106; Kill (2023),
o. S.). Zudem korreliert das Zinsänderungsrisiko maßgeblich mit dem Inflationsrisiko,
weshalb eine genaue Betrachtung der vorherrschenden Inflationsraten relevant ist (vgl.
Schiffel (2009), S. 28; Kill (2023), o. S.). Darüber hinaus bestehen aufgrund der
Energiekrise Beschaffungsmarktrisiken, die die Wirtschaftlichkeit und Liquidität der
Unternehmen zusätzlich gefährden können. Zum Absichern des Marktrisikos können
diverse Vorgehensweisen herangezogen werden. Einerseits kann eine Eigenkapitalerhöhung die Auswirkungen steigender Marktrisken abfedern. Andererseits können Hedging,
Zins-Futures, Optionsscheine, Risikoumkehrungsmethoden sowie Delta-Hedging relevant
sein, um eine Absicherung vorzunehmen. Jedoch ist zu beachten, dass das Marktrisiko
den gesamten Markt betrifft, wodurch die Absicherungsvarianten ebenfalls unattraktiv
werden können (vgl. Killian (2023), o. S; Schiffel (2009), S. 29). Zudem fordert die
BaFin gem. der CRR-Verordnung Nr. 575/20135 eine Grundsicherung durch Eigenmittel,
um adäquat auf auftretende Marktrisiken reagieren zu können. Vor allem das Zinsänderungsrisiko resultiert zumeist in negativen Ausprägungen (vgl. BaFin (2019), o. S.).
Jedoch muss das Zinsänderungsrisiko nicht zwingend negative Auswirkungen besitzen.
Der Bankensektor profitiert sichtlich von dem steigenden Zinsniveau. Zum einen steigen die Tagesgeld- und Spareinlagenerträge und zum anderen stoppt der Abwärtstrend
bei Eigenkapitalerträgen (vgl. PwC GmbH (2022), S. 2–15). Gleichwohl kann am Beispiel des Immobiliensektors eruiert werden, dass die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen
negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage besitzen, da hohe
Schulden und sinkende Immobilienpreise die Folgebewertung der Vermögensgegenstände
negativ beeinflussen. Dementsprechend werden nach IFRS 13 potenzielle Wertsteigerungen als Gewinn ausgewiesen werden. Jedoch ist zu beachten, dass ein erhöhtes Zinsniveau
den sog. Fair-Value (Verkehrswert) unter Druck setzt. Der aktuelle Diskontierungszinssatz
mindert den Verkehrswert des Immobilienvermögens, wodurch sinkende Wertansätze des
5 Bei der Auslegung der Anforderungen des Art. 366 CRR legen die BaFin und Bundesbank
grundsätzlich den Leitfaden zu internen Risikomodellen der EZB (ECB guide to internal models)
zugrunde.
3.4
Konkretisierung der Risikofelder mit Blick auf das Zinsniveau
37
Immobilienvermögens in der Bilanz resultieren. Veränderte Marktbedingungen können in
steigenden Diskontierungszinssätzen resultieren, weswegen ein geringerer Barwert einer
Investitionsentscheidung die Folge ist (vgl. Rinker (2023), o. S; Killian (2023), o. S.).
Der Diskontierungszinssatz respektive Kalkulationszinssatz ist derjenige Zinssatz, der das
Risiko einer Investition darstellt. Je höher das Risiko ist, desto höher ist der Diskontierungszinssatz – letztlich stellt dies den Grad des Zinsänderungsrisikos dar (vgl. Klitzsch
(2019), S. 253). Unternehmen haben jedoch die Möglichkeit, in Anleihen zu investieren,
um von der Verzinsung zu profitieren. Die kontinuierlichen Leitzinserhöhungen besitzen
einen direkten Effekt auf Anleihen, weil Anleihen mit dem aktuellen Leitzinssatz korrelieren. Steigt der Zinssatz, fällt ceteris paribus der Anleihepreis. Dies basiert darauf, dass
bestehende Anleihen bei steigenden Zinsen an Attraktivität einbüßen, da deren Verzinsung
nicht dem steigenden Zinsniveau entspricht (vgl. Zwirner et al. (2023), o. S.).
3.4.3
Liquiditätsrisiko
Das Liquiditätsrisiko resultiert aus dem möglichen Unvermögen, bestehende Zahlungsverpflichtungen bei Fälligkeit zu erfüllen oder den vorliegenden Zahlungsverpflichtungen
lediglich zu überhöhten Kosten nachkommen zu können. Ein Konzern hat die Verpflichtung (siehe Kap. 3.1), bilanzielle oder außerbilanzielle Einflussfaktoren des Liquiditätsrisikos zu steuern, um die latenten respektive bestehenden Zahlungsverpflichtungen zu
jeder Zeit zu erfüllen (vgl. Deutsche Bank AG (2023), o. S; BaFin (2023), S. 5; Schiffel
(2009), S. 30 ff.). Die Solvenz der Geschäftspartner ist hinsichtlich des Liquiditätsrisikos zu überprüfen, um Zahlungsausfälle zu vermeiden – dies kann bspw. in Form einer
Due-Dilligence oder Know-Your-Customer-Prüfung erfolgen (vgl. Seel (2013), S. 43).
Ferner sind in IFRS 7 Anhaltspunkte zur Liquiditätsrisikosteuerung aufgeführt, die die
Liquiditätssituation des Unternehmens verbessern können:
• Wesentliche Bankeinlagen, die zur Deckung des Liquiditätsbedarfs herangezogen
werden können.
• Kreditmöglichkeiten, die wahrgenommen werden können.
• Nicht genutzte Kreditlinien, die dem Unternehmen eine höhere Liquidität verschaffen.
• Diverse sonstige Finanzierungsquellen (vgl. Schmitz und Huthmann (2012), S. 217).
Die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen sind durch Finanz- und Liquiditätsrisiken gekennzeichnet. Diese können in einer Überschuldung resultieren, die in einer Insolvenz des
Unternehmens enden kann (vgl. Brokmann und Weinreich (2012), S. 33). IDW PS 340
verweist auf potenzielle Verletzungen der Kreditlinien. Die hierdurch auftretende Illiquidität und Überschuldung führt wiederum zu bestandsgefährdenden Risiken, indem
mehrere Liquiditätsrisiken wechselseitig korrelieren – daher wird ein Risikomanagementprozess zur Beurteilung der Risikotragfähigkeit vorausgesetzt (vgl. Gleißner (2023), o. S;
siehe hierzu Kap. 3.2). Am Beispiel des Immobiliensektors wird erneut deutlich, dass
38
3 Analyse des Einflusses des hohen …
steigende Zinsen zu sinkenden Immobilienpreisen führen – das Liquiditätsrisiko steigt
insb. bei hoher Verschuldung. Am konkreten Beispiel vom deutschen Immobilienkonzern Vonovia wird deutlich, dass ein überbewertetes Immobilienpaket mit Blick auf die
aktuellen Wirtschaftsentwicklungen zu Verlusten führte. Demgemäß wurde das Immobilienpaket unterhalb des Buchwertes verkauft, was in einem geringeren Liquiditätszufluss
resultiert (vgl. Rinker (2023), o. S.). Ein möglicher höherer Gewinnausweis nach der
IFRS-Bilanzierung führt jedoch nicht zu einer steigenden Liquidität, weil die Vermögensgegenstände zuerst veräußert werden müssen. Gemäß des Realisationsprinzips ist der
Gewinn folglich verbucht, wenn die erhöhten Buchwerte in der Bilanz veräußert werden.
Demgegenüber stehen hohe Zinskosten, die die erhöhte Buchwertrealisierung beeinträchtigen (vgl. Rinker (2023), o. S.). Mit Blick auf das vorliegende Zinsniveau kann vor
allem der Bankensektor als Profiteur eingeordnet werden. Sonstige Sektoren, wie bspw.
der Immobilien- oder Automobilsektor, profitieren i. d. R. nicht von steigenden Zinsen. Demgemäß sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Bankensektor durch wesentliche
Liquiditätsrisiken beeinträchtigt wird.
3.4.4
Kreditrisiko
Das Kreditrisiko beschreibt die Gefahr, dass eine finanzwirtschaftliche Zielgröße – der
Zahlungsstrom aus Zins und Tilgung – von dessen korrelierenden Referenzwert negativ abweicht. Beispiele für Ereignisse, die dem Kreditrisiko zuzuordnen sind, sind
Zahlungsverzüge, Konkursverfahren, Zahlungsstundungen sowie Zahlungsausfälle (vgl.
Schiffel (2009), S. 33; Hölscher (2023), o. S.). Demnach ist das Kreditrisiko kohärent mit dem Liquiditätsrisiko. Das Kreditrisiko ist ein komplexes und zentrales Risiko,
da Kreditereignisse seltener auftreten. Folglich werden Kreditrisikoprämien i. d. R. bei
Vertragsabschluss festgelegt, wodurch laufende Sicherungsstrategien nur schwer anwendbar sind. Wegen der asymmetrischen Verteilungsform sowie systematischer Einflüsse ist
die Diversifikation des Kreditrisikos beeinträchtigt. Hingegen können Marktrisiken durch
Derivate kostengünstig abgesichert werden. Gleichwohl können ex ante Risikoparameter
in einem Risikomanagementprozess festgelegt werden, um etwaige Ausfallrisiken zu eruieren (vgl. Grünberger (2013), S. 1; Schiffel (2009), S. 33 ff.). Das Kreditrisiko betrifft
das spezifische Wagnis von Banken bei der Gewährung von Krediten zur Bereitstellung
von Kapital. Zudem kann das Kreditrisiko in Einzelrisiken und Gesamtrisiken unterteilt
werden, da mehrere Faktoren in Kombination in einem teilweisen oder umfänglichen
Kreditausfall resultieren können. In praxi ist die portfolioorientierte Analyse der Kreditrisiken etabliert, da Korrelationen der Verlustrisiken aus den einzelnen Betrachtungsgrößen
berücksichtigt werden (vgl. Hölscher (2023), o. S.). Mit Bezug auf die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen sind mögliche Kreditrisiken relevant, da Festzinsvereinbarungen der
Kredite auslaufen können, die in der Niedrigzinsphase mit einem profitablen Zinssatz festgelegt wurden. Bei der Weiterfinanzierung oder Neufinanzierung (Ballonkredit) steigt der
3.5 Vorschlag eines kennzahlengestützten …
39
Zinssatz deutlich an. Am Beispiel der Bauzinsen ist zu konstatieren, dass die Zinsen deutlich gestiegen sind (vgl. Janson (2022), o. S; Statista GmbH (2023c), o. S; Rinker (2023),
o. S.). Im Mai 2022 lag der durchschnittliche Zinssatz bei einer Zinsbindung von zehn
Jahren bei 2,59 % und bei einer Zinsbindung von 15 Jahren bei 2,83 %. Im Mai 2023
lag der durchschnittliche Zinssatz bei einer Zinsbindung von zehn Jahren bei 3,84 %,
respektive bei 3,99 % hinsichtlich einer Zinsbindung von 15 Jahren (vgl. Statista GmbH
(2023c), o. S; siehe hierzu App. A). De facto resultiert hierdurch ein Zinsänderungsrisiko,
das wiederum ein Kreditrisiko darstellen kann.
3.5
Vorschlag eines kennzahlengestützten
Risikomanagementprozesses im Zuge des
Risikocontrollings
3.5.1
Theoretische Grundlagen
Wie in der Abhandlung bereits erörtert, führen die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen
zu einer signifikanten Erhöhung des Risikopotenzials. Gleichwohl birgt jedes wahrgenommene Risiko – nach mikroökonomischen Erkenntnissen – ebenso Chancen, die,
durch eine Quantifizierung und strategische Ausrichtung, zu Erfolg führen können (vgl.
Kahnemann (2012), S. 312 f.; Vgl. PwC LLP (2022), o. S.). Ergo erfolgt die Entscheidungsfindung mit Blick auf das steigende Zinsniveau unter Unsicherheit (vgl. Münter
(2018), S. 150 f.), weswegen es umso mehr einer durchdachten, kennzahlenbasierten
Risikoplanung bedarf. Hierbei werden Hypothesen respektive Prognosen gebildet, die auf
einer Annahme basieren, die die Zukunft abbilden sollen. Im Rahmen dessen ist es von
signifikanter Bedeutung, Kalküle zu nutzen, die das Risikomaß feststellbar sowie quantifizierbar machen (vgl. Amann (2019), S. 1–5). Die Relevanz des ökonomischen Modells,
im Sinne des kennzahlengestützten Risikomanagementprozesses, ist umso relevanter, je
mehr die Realität und deren Aspekte im Modell abgebildet werden können (vgl. Kolmar und Hoffmann (2018), S. 1; Obermaier und Saliger (2020), S. 1–4) – In diesem
Fall durch die Kennzahlenbildung in Verbindung mit möglichen unterjährigen TriggeringEvents6 i. S. d. IAS 36 (vgl. Deloitte GmbH WPG (2023), o. S; siehe weiterführend auch
IAS 36). Gleichwohl sind Zinsrisiken ex ante zu erkennen, weswegen das Rahmenwerk
des IAS 36 nur bedingt Anwendung findet. Das primäre Ziel des kennzahlengestützten
Risikomanagementprozesses ist es – möglichst latenzfrei – auf eintretende Wirtschaftsentwicklungen reagieren zu können. Eine einfache Kriterienbildung, ohne den Einsatz
von fortschrittlicher Technologie, kann als statisches Entscheidungskalkül klassifiziert
werden. Durch den Einsatz von Machine Learning, Process Mining und fortschrittlichen
6 Ereignisse, die wesentliche Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage erzeugen.
Dabei können diese Ereignisse erwartet oder unerwartet sein.
40
3 Analyse des Einflusses des hohen …
Abb. 3.5 Eruierungsprozess zur Entscheidungsfindung unter Unsicherheit. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Internationaler Controller Verein e. V. (o. J.), o. S; Linsner und Gleich
(2019), S. 40 f.)
Informationsmanagementsystemen ist es möglich, ein sich dynamisch entwickelndes Kalkül zu bilden, das anhand von stetig aktualisierten Marktdaten automatisch Lernen und
somit Vorhersagen treffen kann (vgl. Obermaier und Saliger (2020), S. 4). Ein effektives
Finanz- und Liquiditätscontrolling (bezugnehmend auf Abschn. 3.3) kann diese latenzfreie Informationsversorgung unterstützen. Die durchdachte Auswahl von kohärenten
Controlling-Instrumenten unterstützt die Liquiditätsverbesserung. Abb. 3.5 stellt den Eruierungsprozess, der die Unternehmensführung bei der Entscheidungsfindung unterstützt,
dar.
Die iterative Vorgehensweise in Form kongruenter Kennzahlensysteme, sichert die fundierte Entscheidungsfindung im Zuge des Risikomanagements, welches durch die vorab
erläuterten funktionalen Controlling-Ausrichtungen unterstützt wird. Abschließend werden vertikale und horizontale Bilanzkennzahlen, Rentabilitäts- und Ertragskennzahlen
sowie Liquiditätskennzahlen im Kennzahlensystem konsolidiert, da diese Kennzahlen ausreichend dazu dienen, die Auswirkungen des Zinsniveaus angemessen zu beschreiben.
Die konkrete Auswahl bestimmter Kennzahlen ist jedoch situationsabhängig und unternehmensspezifisch. Die nachfolgend ausgewählten Kennzahlen eignen sich besonders,
um fundierte Entscheidungen treffen zu können – obgleich die Auswahl der Kennzahlen
anwenderabhängig ist:
•
•
•
•
•
•
•
•
Return on Investment (RoI) = Betriebsgewinn/Bilanzsumme
Kapitalumschlag = Umsatz/Bilanzsumme
Umsatzrendite = Jahresüberschuss/Umsatzerlöse
EBIT-Marge = EBIT/Umsatzerlöse
EBITDA-Marge = EBITDA/Umsatzerlöse
Gesamtkapitalrendite = Jahresüberschuss + Fremdkapitalzinsen/Bilanzsumme
ROCE = EBIT/Capital Employed
Eigenkapitalquote = Eigenkapital/Bilanzsumme
3.5 Vorschlag eines kennzahlengestützten …
41
• Gearing = Finanzverbindlichkeiten – liquide Mittel/Eigenkapital (vgl. Schmidlin
(2020), S. 47–69).
3.5.2
Abgrenzung der Termini
Auf Basis der unterschiedlichen Unternehmensebenen können Aussagen zur Einordnung
des Controlling-Begriffes getroffen werden. Eine funktionsfähige normative Ebene ist die
Voraussetzung für Erfolg auf der strategischen Ebene und dieser ist in der weiteren Folge
Voraussetzung für die Sicherstellung der Finanzmittel (vgl. Eschenbach und Siller (2019),
S. 62 u. 106; Siller (2022), o. S; Horvath et al. (2019), S. 406; Contessotto et al. (o. J.),
o. S; Linsner und Gleich (2019), S. 39 f.). Abb. 3.6 verdeutlicht den Zusammenhang der
unterschiedlichen Unternehmensebenen.
Der kennzahlengestützte Risikomanagementprozess ist ein sog. Entscheidungs- und
Prognosemodell, da der Prozess insb. für das iterative Risikocontrolling zum Einsatz kommt. Der entsprechende Prozess leitet sich zum einen von der japanischen
Management-Philosophie Lean ab, die zum Ziel hat, ökonomische Prozesse effizient
und ohne Vergeudung von Ressourcen unterschiedlichster Art durchzuführen. Zum anderen leitet sich der kennzahlengestützte Risikomanagementprozess anhand des klassischen
Controlling-Begriffes ab, der für die Informationsversorgung und Sicherung der Existenz
eines Unternehmens steht. Eine genaue Definition ist nicht immer hinreichend möglich, da
das Controlling, abhängig von der Art und Tätigkeit des Unternehmens, diverse Erkenntnisse gewinnen kann. Darüber hinaus existieren spezifische Controlling-Ausrichtungen
wie bspw. Personalcontrolling, Marketingcontrolling oder Finanzcontrolling. Somit ist
eine präzise Termini-Abgrenzung, bezogen auf die mögliche Anzahl an funktionalen Ausrichtungen, nicht immer einfach (vgl. Quirin (2022), S. 24; Becker und Nolte (2019),
Abb. 3.6 Einordnung des Controlling-Begriffes unter dem Aspekt der Unternehmensebenen.
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Eschenbach und Siller (2019), S. 62 u. 106; Siller
(2022), o. S; Horvath et al. (2019), S. 406; Contessotto et al. (o. J.), o. S; Linsner und Gleich (2019),
S. 39 f.)
Abb. 3.7 Organisation der
relevanten
Controlling-Ausrichtungen.
(Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Horvath (2011),
S. 22; S. 407; Horvath et al.
(2019), S. 407 f.; Linsner und
Gleich (2019), S. 42.)
3 Analyse des Einflusses des hohen …
Finanzen (Treasury)
CFO
42
Controlling (inkl. Finanzund Liquiditätscontrolling
Externes
Rechnungswesen
Internes
Rechnungswesen
S. 76 f.; Gärtner et al. (2019), S. 376 f.; Heupel und Lange (2019), S. 203; Ludwig et al.
(2012), S. 247; Mendel und Schöning (2021), S. 10; Schäffer und Weber (2016), S. 3–20;
Buchholz (2013), S. 10). Jedoch kann das Controlling (anlehnend an Abschn. 3.3) unterschiedlich in die klassische Unternehmensorganisation eingeordnet werden. Abb. 3.7 stellt
die Organisation der relevanten Controlling-Ausrichtungen dar.
Als Teil der CFO-Sparte verfolgt das Controlling das Ziel, sowohl die Leistungserstellung und Leistungsverwertung als auch die Quantifizierung der Kapitalaufnahme und
dessen Verwendung abzubilden. Die Umwandlung in Form von Vermögensveränderungen
wird ebenfalls abgebildet (vgl. Buchholz und Gerhards (2016), S. 1). Die externe Rechnungslegung bezieht sich hingegen auf die Bilanzierung sowie auf die Erstellung des
Jahresabschlusses. Das Controlling unterliegt weder gesetzlichen Vorschriften noch existieren regulatorische Handlungsvorgaben zur Erstellung oder Durchführung (vgl. Burger
und Burger-Stieber (2018), S. 3). Demnach ist es möglich, eigene Kriterien und Kennzahlensysteme zu bilden, die bspw. im Zuge des Risikocontrollings Anwendung finden.
Abb. 3.8 verdeutlicht die Abgrenzung des internen Rechnungswesens und der externen
Rechnungslegung.
Aufgrund der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen treten vermehrt unternehmerische
Risiken auf, weshalb Unternehmen unter Unsicherheit agieren. Ergo sind Prognosemodelle und Simulationstechniken von signifikanter Bedeutung, um die rationale Entscheidungsfindung sicherzustellen. Chancen und Risiken können dadurch identifiziert werden
(vgl. Georg und Sesler (2021), S. 14–18; Vgl. Diehm (2017), S. 9). Eine faktenbasierte Entscheidungsfindung ist relevant, um eine Kontrollillusion zu verhindern. Diese
faktenbasierte Heuristik ist einer verhaltensbedingten Heuristik vorzuziehen.7 Kognitive Beschränkungen der Entscheider, unvollständige Informationen, eine mangelnde
Klassifizierung der Situation sowie eine Zeitlimitierung sind wesentliche Einflussfaktoren, die der Risikocontroller überwachen muss. Finanzwirtschaftliche Vorgaben, wie
7 Siehe weiterführend auch Kahnemann (2012).
3.5 Vorschlag eines kennzahlengestützten …
43
externe Rechnungslegung
(Bilanz, GuV, Anhang,
Lagebericht)
Adressaten:
Sämtliche Stakeholder
internes Rechnungswesen
(Betriebsergebnis,
Kalkulationen,
Kennzahlensysteme)
Adressaten:
Unternehmensleitung
Abb. 3.8 Abgrenzung des internen Rechnungswesens und der externen Rechnungslegung. (Quelle:
Eigene Darstellung, in Anlehnung an Burger und Burger-Stieber (2018), S. 3.)
Abb. 3.9 Die Schnittstelle der
Controlling-Ausrichtungen.
(Quelle: Eigene Darstellung.)
operatives
Controlling
Risikocontrolling
z. B. Zweck/Mittel-Rationalitäten, werden durch das Risikocontrolling eingehalten (vgl.
Münter (2018), S. 109–113. Vgl. Behringer (2018), S. 7). Das Controlling wird klassischerweise in das operative und strategische Controlling differenziert. Das operative
Controlling beziffert wertmäßige Vermögens- und Bestandsveränderungen (vgl. Schroeter (2002), S. 20). Ferner stellt das operative Controlling konkrete Zahlenverhältnisse
dar, die dem strategischen Controlling dienlich sind. Der Fokus des strategischen Controllings ist der Plan/Ist-Vergleich sowie der langfristige Forecast (vgl. Buchholz (2009),
S. 9). Das Risikocontrolling respektive Finanz- und Liquiditätscontrolling sind funktionale Ausrichtungen des Controllings (vgl. Diederichs (2017), S. 280 u. S. 305 f.). Zudem
eruiert das Risikocontrolling Entscheidungsgrundlagen für das Management und stellt die
Auswirkungen der Risiken im Plan, Ist und Forecast dar (vgl. Wiedemann (2023), o. S;
siehe weiterführend auch MaRisk AT 4.4.1). Abb. 3.9 verdeutlicht den Zusammenhang der
Controlling-Ausrichtungen.
strategisches
Controlling
44
3.5.3
3 Analyse des Einflusses des hohen …
Kennzahlengestützter Risikomanagementprozess
Als ein sog. Konzeptionsmodell, das auf Basis validierter Informationen (Kennzahlensysteme und KPI i.e.S.) aufgebaut ist, ist der kennzahlenbasierte Risikomanagementprozess
auch als Handlungsmodell zu definieren (vgl. Hubert (2016), S. 6). Das Konzeptionsmodell kann auch als eine Erweiterung des RL-Kennzahlensystems betrachtet werden. Ein
RL-Kennzahlensystem bietet ein Instrumentarium zur Quantifizierung und Bewertung der
Rentabilität einer Investitionsentscheidung oder eines Unternehmens. Es ermöglicht dem
Betrachter, die finanzielle Performance zu analysieren, indem verschiedene Kennzahlen
verwendet werden, um die Rentabilität, Effizienz und den Erfolg von Geschäftsaktivitäten zu bewerten. Ferner kann die Liquidität des Unternehmens quantifiziert (siehe hierzu
App. C) werden. Vor allem die Auswirkungen des hohen Zinsniveaus können durch
die Auswahl geeigneter Kennzahlen eruiert werden. Das RL-Kennzahlensystem basiert
auf der grundlegenden Berechnung des RoI, der das Verhältnis zwischen dem erzielten
Gewinn und dem eingesetzten Kapital darstellt. Das RL-Kennzahlensystem besteht aus
einer Reihe von ausgewählten Kennzahlen, die auf den spezifischen Zielen und Anforderungen des Anwenders basieren. Demnach kann der Anwender gem. seiner Zielvorgaben
über die Auswahl der Kennzahlen entscheiden. Zusätzlich können Wirkungskorrelationen eruiert werden, die für die Unternehmensführung relevant sind (vgl. Piontek (2005),
S. 358–365; Barth und Barth (2008), S. 146 ff.; Reichmann et al. (2017), S. 125 ff.).
Um ein RL-Kennzahlensystem anzuwenden, müssen Unternehmen zunächst die relevanten Kennzahlen identifizieren, die zu ihrer Branche, Größe und Geschäftsstrategie passen.
Daraufhin erfolgt die Datensammlung, um diese Kennzahlen zu berechnen und auszuwerten. Dies kann finanzielle Informationen wie Gewinn- und Verlustrechnungen, Bilanzen
und Cashflow-Statements (Kapitalflussrechnung i. S. d. DRS 21) umfassen. Sobald die
Daten eruiert sind, kann der Anwender die Kennzahlen berechnen und analysieren,
um die finanzielle Performance zu bewerten. Durch den Vergleich der Kennzahlen im
Zeitverlauf oder mit branchenüblichen Vergleichswerten können Unternehmen Stärken,
Schwächen und Bereiche mit Verbesserungspotenzialen identifizieren und letztlich Handlungsvorschläge eruieren. De facto ist es demnach möglich, fundierte Entscheidungen zur
Optimierung der Rentabilität und Effizienz zu treffen. Ein RL-Kennzahlensystem dient
als Leitfaden für die strategische Planung, Budgetierung, Performancebewertung sowie
langfristige Entwicklung eines Unternehmens (vgl. Reichmann et al. (2017), S. 55–60 u.
S. 86–125; Reichmann und Kißler (o. J.), o. S.). Das Kennzahlensystem hilft Unternehmen, die finanzielle Stabilität zu überwachen, Risiken zu identifizieren und Maßnahmen
zur Maximierung der Gewinngrößen sowie der Rendite zu ergreifen (vgl. Linsner und
Gleich (2019), S. 51 ff.; Horvath et al. (2019), S. 285 ff.; Lachnit und Müller (2009),
S. 508 ff.). Im App. B finden sich ausgewählte Rentabilitätskennzahlen, die zur Kennzahlenanalyse herangezogen werden können. Zudem befinden sich im App. C weitere
Liquiditätskennzahlen, die verwendet werden können, um die Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit jederzeit zu messen (vgl. Linsner und Gleich (2019), S. 52; Uskova und
3.5 Vorschlag eines kennzahlengestützten …
00:
Ist-Daten des
Vorjahres
01:
Voraussichtliche
Ist-Daten aktuelles
Jahr
02:
Plan-Daten des
Folgejahres
45
03:
Forecast
Folgejahr
...
Abb. 3.10 Zeitliche Struktur der Datenanalyse. (Quelle: Eigene Darstellung)
Schuster (2020) S. 1 ff.; Huberts (2019), S. 60; Meier (2019), o. S; Steinle (2005), S. 419–
422; Baumüller (2021), S. 86 f.). Dem kennzahlenbasierten Risikomanagementprozess ist
die Methodik inhärent, dass jeder Prozessschritt validiert wird, indem Auswirkungsvalidierungen durch Finanz- und Liquiditätskennzahlen durchgeführt werden (vgl. Klein
(2013), S. 1–6; Vgl. Maurya (2013), S. 4). Die Kennzahlensysteme betrachten statische
und dynamische Aspekte gleichermaßen, um validierte, risikoreduzierte Entscheidungen treffen zu können (vgl. Croll und Yoskovitz (2013), S. 9 f.; Georg et al. (2020),
S. 71). Der kennzahlengestützte Risikomanagementprozess wird einerseits durch kongruente Kennzahlensysteme und andererseits durch die Anwendung von Reaktionsschleifen
angewendet. Demgemäß kann die Messung, Steuerung und Überwachung sämtlicher
unternehmerischer Risiken sichergestellt werden. Ferner eruiert der Risikomanagementprozess Handlungsvorgaben, die zur Risikovermeidung und -reduktion herangezogen
werden können. Darüber hinaus können zweckmäßige Risiken festgestellt werden, deren
Eingehen in wirtschaftlichen Vorteilen resultieren kann – e contrario (vgl. Eulerich (2022),
o. S.). Hierdurch ist die Praxisrelevanz dieser Methode gewährleistet. Eine Auswirkungsmessung muss zwingend durch das Risikomanagement durchgeführt werden, indem ein
unmittelbarer Plan/Ist-Vergleich erfolgt. Die Ist-Daten des Vorjahres und die voraussichtlichen Ist-Daten des aktuellen Jahres sind hierbei zu analysieren. Im Folgeschritt erfolgt
der Abgleich mit den Plan-Daten des Folgejahres und den entsprechenden Forecasts der
Folgejahre. Abb. 3.10 zeigt den entsprechenden Planungszyklus.
Abb. 3.11 verdeutlicht den Zusammenhang der Reaktionsschleifen und den korrelierenden Kennzahlensystemen. Die Auswirkungsmessung wird nach jeder Anwendung
des Kennzahlensystems durchgeführt, um einen iterativen Risikomanagementprozess zu
garantieren. Weiterhin findet sich auf der linken Seite der Ausgangszustand (TriggeringEvent) und auf der rechten Seite der Zielzustand (Quantified-Event-Impact) des Risikomanagementprozesses.
Die vertikalen und horizontalen Bilanzkennzahlen sowie Liquiditätskennzahlen, die
für den kennzahlengestützten Risikomanagementprozess herangezogen werden können,
werden mit Blick auf die empirische Analyse dieser Abhandlung hinreichend in Kap. 5
erläutert (siehe hierzu auch Appendix B und Appendix C). Die resultierenden Ergebnisse des kennzahlengestützten Risikomanagementprozesses dienen schlussendlich dem
Risikocontrolling zur Bildung von Handlungsvorgaben für das Risikomanagement oder
die Unternehmensführung. Vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen sind risikoorientierte Konzeptionsmodelle von signifikanter Bedeutung, um
wesentliche Risikofelder zu quantifizieren.
46
3 Analyse des Einflusses des hohen …
Abb. 3.11 Kennzahlengestützter Risikomanagementprozess. (Quelle: Eigene Darstellung.)
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4
Analyse des Einflusses der
Wirtschaftsentwicklungen auf ausgewählte
Bilanzposten
Zusammenfassung
Dieses Kapitel behandelt die Grundlagen der Bilanzierung und untersucht Unterschiede
zwischen Handelsrecht (HGB) und den International Financial Reporting Standards
(IFRS). Es wird auf die Bedeutung der externen Rechnungslegung als „Sprache des
Unternehmens“ eingegangen und der Aufbau des Jahresabschlusses erklärt. Besonderes
Augenmerk liegt auf den Unterschieden zwischen HGB und IFRS in Bezug auf Vermögensbewertung, Goodwill-Abschreibung, Behandlung selbst erstellter immaterieller
Güter, Anwendung des Fair-Value-Prinzips, Erfassung von unrealisierten Gewinnen
und steuerlichen Aspekten. Es wird darauf hingewiesen, dass IFRS mehr Spielraum in
der Bewertung bieten, was die Aussagekraft der Abschlüsse beeinflusst. Zudem wird
der Einfluss des Zinsniveaus auf Bilanzposten dargestellt. Es stellt sich heraus, dass
diverse Bilanzposten von den makroökonomischen Faktoren beeinflusst werden.
4.1
Grundlagen der Bilanzierung und empirische
Ausgangslage
Die externe Rechnungslegung wird auch als die Sprache des Unternehmens bezeichnet
(vgl. Pilhofer (2023), o. S.). Die Abbildung der betrieblichen Prozesse hinsichtlich der
Vermögens-, Finanz- und Ertragslage bildet der Jahresabschluss (vgl. Schmidlin (2020),
S. 1; Hahn (2016), S. 12 f.; Pilhofer (1997), S. 1 ff.). Dieser besteht aus Bilanz, Gewinnund Verlustrechnung, Kapitalflussrechnung, Anhang und Lagebericht (vgl. Wöltje (2016),
S. 19; Hahn (2016), S. 23; Schmidlin (2020, S. 10; Schult und Brösel (2008), S. 48–52;
Seppelfricke (2019), S. 18; Wöhe et al. (2020), S. 644 f.; Gasch (2022), S. 41) – für
Konzerne können weitere Aspekte wie der Eigenkapitalspiegel, die Eigenkapitalveränderungsrechnung und die Segmentberichterstattung relevant sein (vgl. Schmidlin (2020),
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein
Teil von Springer Nature 2024
C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9_4
53
54
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
S. 10; Schult und Brösel (2008), S. 48–52; Seppelfricke (2019), S. 18). Die generelle
Buchführungspflicht resultiert aus den §§ 238 ff. HGB (vgl. Wöltje (2016), S. 13). Für das
deutsche Handelsrecht gelten die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung der einschlägigen §§ 238 Abs. 1, 239, 243 Abs. 2 und 3, 246 Abs. 1 S. 1 und 257 HGB, de lege lata (vgl.
Wöltje (2016), S. 19). Zu unterscheiden ist mit Blick auf die empirische Analyse in Kap. 5
jedoch der Einzel- und Konzernabschluss. Der Einzelabschluss der DAX-40-Unternehmen
hat gem. §§ 58, 174 AktG, § 29 GmbHG, § 5 Abs. 1 EStG neben der Rechenschaftslegungsund Informationsfunktion zusätzlich eine Ausschüttungsbemessungs- sowie Kapitalerhaltungsfunktion inne. Dieser Sachverhalt beschreibt den Grundsatz der Maßgeblichkeit der
Handels- für die Steuerbilanz. Hingegen hat der konsolidierte Konzernabschluss grundsätzlich nur eine Rechenschaftslegungs- und Informationsfunktion gem. § 297 HGB
respektive IFRS 10 i.V.m. IAS 1 inne, da der Konzern ein fiktives Gebilde aus rechtlich
selbstständigen Tochterunternehmen ist (vgl. Godek (2022), o. S; Hahn (2016), S. 13;
Wöhe et al. (2020), S. 682 ff.; Küting und Weber (2018), S. 91 f.; Seppelfricke (2019),
S. 19 ff.; siehe weiterführend §§ 290 HGB u. IFRS 10). Demgemäß hat der Konzern
de jure keine Besteuerungs- und Ausschüttungsbemessungsfunktion (vgl. Hahn (2016),
S. 13; Küting und Weber (2018), S. 92). Der Konzernabschluss resultiert aus dem derivativen Konzernabschlusserstellungsprozess, bei welchem die originären Einzelabschlüsse
mit Blick auf die Gliederung, Bilanzierung, Bewertung und Ausweis der Muttergesellschaft vereinheitlicht werden. Durch Addition der Einzelabschlüsse ergibt sich folglich
der Summenabschluss, der im Folgeschritt durch die Konsolidierungsmaßnahmen den
Konzernabschluss darstellt (vgl. Hahn (2016), S. 13; Schmidlin (2020), S. 3; Küting und
Weber (2018), S. 104 ff.). Der Konzernabschluss stellt demnach Informationen bereit, die
Investoren für Anlageentscheidungen heranziehen. Der Grundsatz true and fair view entspricht dem handelsrechtlichen Ziel, ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes
Bild von der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage zu vermitteln (vgl. Godek (2022), o.
S.). Tab. 4.1 stellt die wesentlichen Unterschiede zwischen HGB und IFRS dar.
Die unterschiedlichen Prinzipien der internationalen und handelsrechtlichen Rechnungslegung resultieren in wesentlichen Bilanzierungs- und Bewertungsunterschieden
Tab. 4.1 Unterschiede zwischen HGB und IFRS. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an
Schult und Brösel (2008), S. 60; Seppelfricke (2019), S. 19)
HGB
IFRS
Vorrangige Adressatengruppe Gläubiger
Investoren
Vorrangiges
Rechnungslegungsziel
Ausschüttungsbemessung bei
Erhalt von Haftungskapital
Informationsversorgung für
Investoren
Wesentliches
Rechnungslegungsprinzip
Vorsichtsprinzip
Periodengerechte
Erfolgsermittlung
Rechtssystem
Code Law
Case Law
4.1
Grundlagen der Bilanzierung und empirische Ausgangslage
55
(vgl. Godek (2022), o. S; Schmidlin (2020), S. 2 f.; Seppelfricke (2019), S. 19). Folgender
Exkurs zeigt einige Unterschiede zwischen HGB und IFRS auf:
• Gemäß den Vorgaben des HGB sind Vermögensgegenstände im Abschluss zu
Anschaffungskosten anzusetzen, während nach den IFRS Marktwerte zur Bewertung
herangezogen werden.
• Der erzielte Goodwill aus Unternehmensakquisitionen wird gemäß den IFRS aktiviert
und unterliegt lediglich bei Wertminderungen einer Abschreibung. Im Gegensatz dazu
schreibt das HGB eine planmäßige Abschreibung vor, wenn der Goodwill nach dessen
Aktivierung im Abschluss erfasst wird.
• Im Kontext selbst erstellter immaterieller Wirtschaftsgüter wie Lizenzen, Marken
oder Software verbietet das HGB eine Aktivierung. Ein Wahlrecht besteht lediglich,
wenn diese Güter dem Umlaufvermögen zugeordnet werden. Nach den IFRS hingegen müssen solche Güter in der Bilanz erfasst werden, wenn die Wahrscheinlichkeit
besteht, dass aus ihnen ein zuverlässig bewertbarer wirtschaftlicher Nutzen für das
Unternehmen resultiert.
• Die nach den IFRS angewandten fortgeführten Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten
sowie Abschreibungswerte bilden bei vielen Vermögenswerten nicht die obere Grenze
der Bewertung. Durch die Bewertung zum beizulegenden Zeitwert (fair value) können
die nach HGB zulässigen Werte überschritten werden.
• Die IFRS ermöglichen und in bestimmten Fällen verlangen sogar eine Erfassung von
noch nicht realisierten Gewinnen im Abschluss. Ein Beispiel hierfür ist die schrittweise
Einbeziehung des Gewinns aus einer Auftragsfertigung in die Bilanz, basierend auf
dem Fertigstellungsgrad. Im Gegensatz dazu dürfen im HGB-Gesamtjahresabschluss
Gewinne erst dann berücksichtigt werden, wenn sie tatsächlich realisiert wurden.
• Die IFRS bieten dem Bilanzleser einen präziseren Gewinnausweis für seine Entscheidungsfindung. Unter HGB-Bewertungskriterien werden positive Ergebnisse erst bei
Realisierung ausgewiesen, während negative Ergebnisse bereits bei ihrer Erkennung
berücksichtigt werden.
• Der Einzelabschluss gemäß HGB dient nicht nur der Gewinnermittlung, sondern bildet
auch die Grundlage für die Steuerbemessung. Im Gegensatz dazu werden die IFRS
nicht zur Steuerbemessung herangezogen (vgl. Godek (2022), o. S; Schmidlin (2020),
S. 2 ff; Seppelfricke (2019), S. 27 ff; Ebner Stolz (2023), o. S.).
De facto erlauben die IFRS einen deutlich höheren Bewertungsspielraum, weswegen
die Aussagekraft der Abschlüsse begrenzt ist (vgl. Schmidlin (2020), S. 2). Vor dem
Hintergrund der Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen ergeben sich
dementsprechend größere Spielräume zur Bilanzgestaltung, wodurch eine Bilanzanalyse
erschwert werden kann (vgl. Schmidlin (2020), S. 8 f.). Darüber hinaus ergeben sich
Unterschiede bei der Abschreibung von Vermögenswerten zwischen HGB und den IFRS:
Nach dem HGB können außerplanmäßige Abschreibungen (§ 253 Abs. 3 S. 3 HGB) im
56
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
Zuge der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen relevant sein. Diese ergeben sich aus Differenzen zwischen Buchwert und beizulegenden Zeitwert. Neben dem Sachanlagevermögen
kann auch das Finanzanlagevermögen betroffen sein, insofern eine voraussichtlich nicht
andauernde Wertminderung vorliegt (§ 253 Abs. 3 S. 4 HGB sowie vgl. Wöltje (2016),
S. 44 ff.). Die IFRS schreiben einen jährlichen Werthaltigkeitstest vor. Der ImpairmentTest, auch als Werthaltigkeitstest bekannt, stellt einen substanziellen Eckpfeiler der internationalen Rechnungslegungsstandards für Organisationen und Unternehmen dar (vgl.
Seppelfricke (2019), S. 28; Ebner Stolz (2023), o. S.). Ziel desselben ist die Eruierung
nicht antizipierter Abwertungen von Vermögenswerten, welche in den Bilanzen erfasst
werden, um diese unter dem Gesichtspunkt der Angemessenheit der Werthaltigkeit zu
überdenken. Die IFRS-Richtlinien, insb. der IAS 36 Wertminderung von Vermögenswerten,
verpflichten Unternehmen dazu, in regelmäßigen Abständen eine Überprüfung auf mögliche Hinweise für potenzielle Wertminderungen ihrer Vermögenswerte durchzuführen.
Diese Hinweise könnten auf Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld, technologische
Faktoren oder Marktbedingungen zurückzuführen sein. Der Evaluationsprozess impliziert
eine Einschätzung des erzielbaren Betrags eines Vermögenswertes, welcher sodann mit
dem Buchwert des betreffenden Vermögenswertes verglichen wird. Der erzielbare Betrag
definiert sich als derjenige Betrag, der den höchsten Wert zwischen dem Veräußerungswert
des Vermögenswertes abzüglich etwaiger Veräußerungskosten und dem Nutzungswert des
besagten Vermögenswertes darstellt. Falls der Buchwert des Vermögenswertes den erzielbaren Betrag übersteigt, resultiert eine Wertminderung, die als Impairment klassifiziert
wird. In einer solchen Konstellation bedarf der Buchwert einer Abschreibung auf den
erzielbaren Betrag, wodurch der resultierende Wertminderungsaufwand in Form eines
Impairment Loss in der Gewinn- und Verlustrechnung adäquat ausgewiesen wird. Es
sei hervorgehoben, dass Impairment-Tests nicht nur auf jene Vermögenswerte angewandt
werden, welche regelmäßigen planmäßigen Abschreibungen unterworfen sind, sondern
gleichermaßen auf Vermögenswerte mit unbestimmter Nutzungsdauer, etwa immaterielle
Vermögenswerte oder auch der Firmenwert (Goodwill). Ziel dieses Impairment-Tests ist
die objektive Darstellung des Werts von Vermögenswerten unter Berücksichtigung aktueller wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und Prognosen. Die Befolgung dieser Standards
gewährleistet die Präsentation der tatsächlichen finanziellen Lage und Leistungsstärke
eines Unternehmens in seinen Finanzberichten. Dies erweist sich von grundlegender
Bedeutung für Investoren, Kreditgeber und weitere Stakeholder, um wohlüberlegte Entscheidungen zu fällen (vgl. Reinke (2009), S. 1 f.; Küting und Weber (2018), S. 396–400
und S. 408; Rödl und Partner (2021), o. S; siehe weiterführend IAS 36).
Die empirische Analyse dieser Abhandlung fokussiert sich jedoch nicht auf
Bilanzierungs- und Bewertungsaspekte. Die empirische Analyse hat vielmehr zum
Ziel, die wesentlichen direkten Auswirkungen des hohen Zinsniveaus auf ausgewählte
Bilanzposten zu kategorisieren. Gleichwohl besitzen die Bilanzierungs- und Bewertungswahlrechte immanente Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten, weshalb dieses Kap.
4.1
Grundlagen der Bilanzierung und empirische Ausgangslage
57
Tab. 4.2 Bestandteile des HGB- und IFRS-Konzernabschluss. (Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Hahn (2016), S. 33; Schult und Brösel (2008), S. 48)
Konzernunternehmen
Nicht kapitalmarktorientiert
Kapitalmarktorientiert
Wahlrecht zwischen HGB und
IFRS
IFRS
§ 297 HGB
IAS 1
IAS 1/IFRS 8
Bilanz
Ja
Ja
Ja
GuV / Gesamtergebnisrechnung
nach IFRS
Ja
Ja
Ja
Kapitalflussrechnung
Ja
Ja
Ja
Eigenkapitalspiegel
Ja
Ja
Ja
Segmentberichterstattung
(nach IFRS Teil des Anhangs)
Wahlrecht
Wahlrecht
Ja
Anhang
Ja
Ja
Ja
eine Sensibilisierung schaffen soll. Im Hinblick auf die konkreten Bestandteile des HGBund IFRS-Konzernabschlusses gilt Tab. 4.2.
Die IFRS manifestieren sich in äußerst dynamischer Verfasstheit und unterliegen
einer kontinuierlichen Veränderung. Sei es im Kontext fundamentaler Fragestellungen
der Konsolidierung, der Bilanzierung von Leasingverhältnissen, der Realisierung von
Umsätzen, der Behandlung von Finanzinstrumenten oder der Rechnungslegung von Pensionsverpflichtungen. Etablierte Paradigmen der Bilanzierung werden durch neu erlassene
Regelungen substituiert, welche eine Fülle von Anfragen zur Anwendung mit sich
bringen. Das HGB behält nach wie vor seine primäre Stellung als Bilanzierungsnorm
für Einzelabschlüsse sämtlicher deutscher Unternehmen und Konzernabschlüsse vieler
mittelständischer Unternehmensverbünde.1 In Betracht der Internationalisierung der Wirtschaft erfährt das HGB eine kontinuierliche Modifikation. Die Synthese von finanziellen
und nichtfinanziellen Informationen im Rahmen der unternehmerischen Berichterstattung (integrierte Berichterstattung) avanciert global zu einer immer wichtigeren Facette,
sowohl aufgrund eines sich wandelnden Rezeptionsverhaltens der Adressaten als auch aufgrund regulatorischer Eingriffe. Unternehmen sind dazu angehalten, ihre bisherige Form
der Unternehmensberichterstattung entsprechend zu adaptieren (vgl. KPMG AG (2023),
o. S; Schönbrunn (2005), S. 88). Summa Summarum lässt sich konstatieren, dass die
Anwendung der IFRS signifikant an Bedeutung gewonnen haben. Die internationalen
Rechnungslegungsprinzipien haben zur Folge, dass in den nach den IFRS aufgestellten
Jahresabschlüssen grundsätzlich ein höherer Gewinn ausgewiesen wird. Zudem werden
1 Siehe weiterführend auch Küting und Weber (2018).
58
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
Tab. 4.3 Grundstruktur der Bilanz in Anlehnung an § 266 HGB. (Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Wöltje (2016), S. 21)
Bilanz
Aktiva
Passiva
Anlagevermögen
Eigenkapital
Umlaufvermögen
Rückstellungen (Fremdkapital)
Aktive Rechnungsabgrenzungsposten
Verbindlichkeiten (Fremdkapital)
Aktiver Unterschiedsbetrag aus der
Vermögensverrechnung
Passive Rechnungsabgrenzungsposten
die Vermögenswerte zu aktuelleren Werten bewertet (vgl. Küting und Weber (2018), S. 22;
Seppelfricke (2019), S. 21).
4.2
Die Bilanz im Mittelpunkt der Betrachtung
Die Bilanz stellt eine Gegenüberstellung der Aktiva und Passiva eines Unternehmens
zu einem stichtagsbezogenen Zeitpunkt (i. d. R. Bilanzstichtag) dar (vgl. Heesen (2020),
S. 13; Seppelfricke (2019), S. 25; Wöhe et al. (2020), S. 682 ff.; Berkau (2020), S. 28;
Brösel et al. (2022), S. 25–30; Nickenig (2018), S. 29 ff.). Auf der Aktivseite der Bilanz
(Aktiva) werden die Vermögenswerte im Anlage- oder Umlaufvermögen sowie die aktiven
Rechnungsabgrenzungsposten präsentiert. Die Vermögenswerte müssen in der Bilanz des
ökonomischen Eigentümers gem. § 246 Abs. 1 S. 1 HGB ausgewiesen werden. Die Kapitalressourcen werden auf der Passivseite der Bilanz (Passiva) manifestiert. Dies umfasst
die kumulierte Summe der bereitgestellten Ressourcen seitens des Unternehmers oder der
Anteilseigner (Eigenkapital), ebenso wie der Mittel, die von externen Kapitalgebern zur
Verfügung gestellt wurden (Fremdkapital). Beide Seiten der Bilanz, sowohl die Aktiva
als auch die Passiva, fungieren als Darstellung der identischen Wertsphäre. Die Aktivseite
illustriert die Verwendung der Ressourcen, wohingegen die Passivseite die Herkunft der
Mittel aufzeigt. Zudem werden sowohl auf der Aktivseite als auch auf der Passivseite
Rechnungsabgrenzungsposten (RAP) und latente Steuern ausgewiesen. Diese haben den
Zweck, die Erträge eines Geschäftsjahres von den Erträgen einer späteren Periode abzugrenzen (vgl. Wöltje (2016), S. 20; Schmidlin (2020), S. 18 f.; Heesen (2020), S. 13 ff.;
Seppelfricke (2019), S. 26 f.; Berkau (2020), S. 28; Brösel et al. (2022), S. 25–30; Heesen
(2020), S. 13–23; Küting und Weber (2018), S. 723 ff.; Gasch (2022), S. 29; Nickenig
(2018), S. 29 ff.; Heesen und Gruber (2018), S. 69–110). Tab. 4.3 veranschaulicht den
Mindestinhalt der Bilanz2 gem. § 247 Abs. 1 HGB.
2 Siehe weiterführend § 266 HGB zur umfänglichen Auflistung aller Bilanzposten.
4.2
Die Bilanz im Mittelpunkt der Betrachtung
Tab. 4.4 Gliederungsschema
einer Konzernbilanz. (Quelle:
Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Seppelfricke
(2019), S. 25)
59
Aktiva
Passiva
A. Anlagevermögen
A. Eigenkapital
I. Immaterielles Vermögen I. Gezeichnetes Kapital
II. Sachanlagen
II. Kapitalrücklage
III. Finanzanlagen
III. Gewinnrücklagen
B. Umlaufvermögen
V. Anteile von Minderheiten
IV. Gewinnvortrag/Verlustvortrag
I. Vorräte
II. Forderungen
B. Langfristige Schulden
III. Finanzanlagen
IV. Zahlungsmittel
C. Kurzfristige Schulden
Die stichtagsbezogene Gegenüberstellung von Mittelherkunft (Passiva) und Mittelverwendung (Aktiva) wird in Kontenform aufgeführt (vgl. Schmidlin (2020), S. 18;
Seppelfricke (2019), S. 25; Berkau (2020), S. 28; Brösel et al. (2022), S. 25–30). Tab. 4.4
zeigt ein typisches Gliederungsschema einer Konzernbilanz mit einer detaillierteren Sicht
auf die einzelnen Bestandteile.
Die dynamische Komponente der Konzernbilanz manifestiert sich in der Aktivseite,
welche die allokativen Praktiken des auf der Passivseite akquirierten Kapitals demonstriert. Das Vermögensgefüge erweist sich als differenziert in Anbetracht von Zeitstruktur
und Liquidität, wobei es in langwährende materielle Assets (Anlagevermögen) und in
kurzfristig zirkulierende Vermögenswerte (Umlaufvermögen) segregiert wird. Das Anlagevermögen konturiert jene Wirtschaftsgüter, die dem Unternehmen langanhaltend zur
Verfügung stehen und nicht primär für Desinvestitionen vorgesehen sind. Kontrastiv dazu
inkorporiert das Umlaufvermögen rasch verwendbare Werte von begrenzter temporärer
Natur, die innerhalb eines Jahres in der Unternehmenssphäre verbleiben. Unter den Elementen finden sich Bestände an Rohstoffen und Waren, fällige Forderungen, monetäre
Anlagen sowie fungible Liquidität. Die Funktion des Umlaufvermögens fokussiert auf
die Produktionsfaktizität von Gütern und Dienstleistungen und manifestiert sich daher
als temporär präsentes Konstituent im Unternehmensgefüge (vgl. Seppelfricke (2019),
S. 26; Schmidlin (2020), S. 18 ff.; Berkau (2020), S. 28; Brösel et al. (2022), S. 25–
30; Heesen (2020), S. 21 ff.; Küting und Weber (2018), S. 723 ff.). Die Passivseite
offeriert eine Darstellung darüber, auf welche Weise die monetären Mittel, die sich auf
der Aktivseite der Bilanz manifestieren, zur Verfügung gestellt wurden. Ein eindeutiger
Zuordnungsschritt betreffend die finanzielle Struktur erfolgt lediglich zu dem Moment
der Akquisition eines Vermögenswertes, zu welchem Zeitpunkt die Kapitalbereitstellung
dezidiert auf der passiven Seite der Bilanz verzeichnet wird. Prinzipiell erfolgt eine Differenzierung der Passivseite in Eigenkapital und Fremdkapital, wobei im letzteren Fall
auch Rückstellungen einschließlich sind. Das Fremdkapital wiederum unterliegt einer
60
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
Unterteilung in langfristige Verbindlichkeiten, kurzfristige Verbindlichkeiten sowie Rückstellungen (vgl. Seppelfricke (2019), S. 31 f.; Schmidlin (2020), S. 21 ff.; Berkau (2020),
S. 28; Brösel et al. (2022), S. 25–30; Heesen (2020), S. 13 ff.; Küting und Weber (2018),
S. 723 ff.; Nickenig (2018), S. 29 ff.). Die Analyse der konkreten Auswirkungen und die
Erläuterungen zu einzelnen Bilanzposten erfolgt in den Abschn. 4.4 und 4.5.
4.3
Wesentliche Einflüsse auf die Bilanz und
Rechnungslegung
Der Ukraine-Krieg, die anhaltende Inflation und das damit einhergehende Zinsniveau
stellen ein wertbegründetes Ereignis3 im Jahr 2022 dar. Die Auswirkungen auf die
Bilanzierung und Bewertung von vorliegenden Sachverhalten sind vielseitig. Die unternehmerischen Planungsrechnungen müssen adäquat angepasst werden, da skalierende
Energie- und Rohstoffpreise sowie nicht intakte Lieferketten bilanziell erfasst werden.
Die konkreten Auswirkungen besitzen inhärente Einflüsse sowohl auf die Aktivseite als
auch Passivseite der Bilanz (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 8; Gasch (2020), S. 29–36).
Während der Periode des niedrigen Zinsniveaus manifestierten sich signifikante Einflüsse
auf monetäre Komponenten der Aktivseite (z. B. Bankguthaben bei Finanzinstituten), die
regelmäßig eine adverse Ausrichtung erfuhren, bedingt durch geringe Verzinsung oder gar
anfallende Einlagezinsen. Kontrastierend dazu erzielten nicht-monetäre Bestandteile der
Bilanz (wie etwa Beteiligungspositionen oder Immobilien) Gewinne aufgrund der niedrigen Zinsen, die auf einen Anstieg der Aktienwerte und Immobilienpreise zurückzuführen
sind. In der Phase der niedrigen Zinsen barg die Situation stets ein hohes Maß an Risiko,
da die prognostizierte Dauerhaftigkeit des niedrigen Zinsniveaus unklar blieb. Schon während dieser Phase der verminderten Zinsen waren die potenziellen Gefahren bekannt (vgl.
Zwirner et al. (2022b), S. 9 f.; Gasch (2020), S. 29–36): Die Geschäfts- oder Firmenwerte
(Goodwill) leiden unter dem hohen Zinsniveau, da die Bewertung zu Niedrigzinsphasen abweicht. Das Resultat sind außerplanmäßige Abschreibungen, die ceteris paribus
die Eigenkapitalsituation belasten (vgl. Zwirner und Zimny (2016), S. 10; Gasch (2022),
S. 29 ff.). Demgemäß war es bereits ersichtlich, dass ein kurzfristiger Anstieg des Zinsniveaus wesentliche Risiken für Bilanzierungs- und Bewertungsansätze birgt (vgl. Zwirner
et al. (2022a), S. 9; Zwirner et al. (2023), o. S.). In Bezug auf die Passivseite erwiesen sich die Folgen des Niedrigzinsumfelds als konträr. Nicht-monetäre Positionen (z. B.
langfristige Rückstellungen wie Pensionsrückstellungen) erfuhren eine Aufwertung, da ihre
Barwerte infolge der reduzierten Abzinsungssätze anstiegen und somit einen Einfluss auf
das Ergebnis ausübten. Hingegen neigten monetäre Verbindlichkeiten (bspw. Darlehen)
dazu, begünstigt zu werden. Das herausfordernde Element der jüngsten Zinsdynamiken
lag und liegt zunächst darin, dass die dominierende Prävalenz der niedrigen Zinssätze
3 Das IDW reagierte mit einem fachlichen Hinweis zu den Auswirkungen am 28.03.2022. Die
fachlichen Hinweise des IDW sind abrufbar unter: https://go.nwb.de/tcghe.
4.3 Wesentliche Einflüsse auf die Bilanz und Rechnungslegung
61
zu einem Normalzustand avancierte, welcher strategische und operative Unternehmensentscheidungen in gewissem Maße von den niedrigen Zinsen abhängig machte. Dies
führte unter anderem dazu, dass historisch niedrige Zinssätze maßgeblich dazu beitrugen, dass Investitionen in Immobilien, die teilweise erheblich durch externe Finanzierung
unterstützt wurden, primär aufgrund der günstigen Zinskonditionen realisiert wurden. Es
resultiert bereits gegenwärtig, dass ein abrupter Anstieg der Zinssätze für die Unternehmen keine primär positiven Auswirkungen mit sich bringen wird. Vielmehr treten
zunehmend die Risiken der langen Periode der Niedrigzinspolitik zutage. Als zusätzliche
Belastung erweisen sich die fortwährenden Effekte der anhaltenden Covid-19-Pandemie
und des Konflikts in der Ukraine (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 9 f.; Zwirner et al.
(2023), o. S; Gasch (2022), S. 29 ff.). Analog zu der vorangegangenen Periode mit anhaltend niedrigen Zinssätzen wird auch der plötzliche Anstieg der Zinsen Konsequenzen für
monetäre und nicht-monetäre Vermögenswerte sowie Schulden haben. Bereits zu diesem
Zeitpunkt ist offenkundig, dass der Zinsanstieg in Bezug auf die Bilanzwerte nicht als
eine Umkehr der Auswirkungen des niedrigen Zinsniveaus betrachtet werden kann (vgl.
Zwirner et al. (2022a), S. 9 f.; Gasch (2022), S. 29 ff.; Zwirner et al. (2023), o. S.). Aufgrund des hohen Zinsniveaus werden nicht monetäre Vermögenswerte der Aktiva negativ
beeinflusst (bspw. Beteiligungen und Immobilien). Mit Blick auf monetäre Vermögenswerte der Aktiva lässt sich feststellen, dass eine positive Verzinsung erst sukzessiv eintritt
(bspw. Guthaben). Ferner erfahren nicht monetäre Verpflichtungen der Passiva inflationsbedingt eine höhere Bewertung (bspw. langfristige Rückstellungen), wohingegen monetäre
Verpflichtungen kurzfristig teurer werden – bspw. Darlehen (vgl. Zwirner et al. (2022a),
S. 10; Gasch (2022), S. 29 ff.). Abb. 4.1 stellt die wesentlichen Einflüsse der aktuellen, makroökonomischen Wirtschaftsentwicklungen auf ausgewählte Bilanzposten dar
(betroffene Bilanzposten in Farbe).4
Die Bilanzposten weisen unterschiedliche Auswirkungsgrade auf, wodurch der Einfluss
der makroökonomischen Entwicklungen stets spezifisch betrachtet werden muss. Folglich.
Demnach gilt für die Aktiva der Bilanz:
• Immaterielle Vermögensgegenstände: Mittelmäßige Auswirkungen und direkter Einfluss. Folgebewertung unterliegt Einschränkung.
• Sachanlagen: Mittelmäßige Auswirkungen sowie direkter Einfluss. Folgebewertung
unterliegt Einschränkung.
• Finanzanlagen: Leichte bis mittelmäßige Auswirkungen und indirekter Einfluss. Folgebewertung ist sinnvoll.
• Vorräte: Starke Auswirkung und direkter Einfluss. Folgebewertung sinnvoll.
• Forderungen: Eher leichte Auswirkungen und direkter Einfluss. Folgebewertung ist
nicht relevant.
• Wertpapiere: Leichte bis mittlere Auswirkungen sowie indirekter Einfluss. Folgebewertung ist sinnvoll.
4 Siehe weiterführend auch App. F.
62
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
Abb. 4.1 Wesentliche Einflüsse des hohen Zinsniveaus auf Bilanzposten (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Zwirner et al. (2022a), S. 10)
• Liquide Mittel: Mittlere Auswirkungen sowie indirekter Einfluss. Folgebewertung
ausgeschlossen.
Für die Passiva der Bilanz gilt:
• Eigenkapital: Direkter Einfluss auf gezeichnetes Kapital sowie indirekter Einfluss auf
Rücklagen. Starke Auswirkungen. Eine Folgebewertung ist sinnvoll.
• Rückstellungen: Mittelschwere Auswirkungen und indirekter Einfluss. Folgebewertung
ist sinnvoll.
• Verbindlichkeiten: Mittlere Auswirkungsgrade sowie indirekter Einfluss. Folgebewertung ist sinnvoll (vgl. Gasch (2022), S. 40).
Ein wesentlicher Fokus während der Bilanzierung und Bewertung im Jahresabschluss
2023 wird darauf liegen, in welchem Maße das bilanzierende Unternehmen nach § 252
Abs. 1 Nr. 2 HGB bzw. IAS 10 berechtigterweise noch von der fortdauernden Geschäftstätigkeit des Unternehmens ausgehen kann. Sollten sich die rechtlichen und wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen derart verschlechtern, dass eine rentable Fortführung der operativen Tätigkeit nicht länger mit überwiegender Sicherheit erwartet werden kann, resultiert
daraus die Anwendung von Liquidations- und Zerschlagungswerten auf der Aktiv- und
Passivseite der Bilanz. Falls jedoch das bilanzierende Unternehmen grundsätzlich davon
ausgeht, dass die ökonomischen Auswirkungen des aktuellen Inflations- und Zinsumfelds
bewältigt werden können und die zukünftige Geschäftstätigkeit des Unternehmens positive Ergebnisse erzielen wird, müssen die generellen Bewertungsprinzipien gemäß dem
HGB berücksichtigt werden (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 10 f.; Grant Thornton (2022),
4.4
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Aktivseite
63
o. S.). Bei der Einschätzung hinsichtlich der Plausibilität der fortwährenden Unternehmenstätigkeit gem. § 252 Abs. 1 Nr. 2 HGB respektive IAS 10 resultiert eine Abweichung
vom Prinzip des Stichtags. Falls aufgrund der Auswirkungen des Ukraine-Konflikts oder
der Effekte der Inflation eine Gefährdung der Bestände vorliegt und eine Kontinuität der
Geschäftstätigkeit nicht mehr als gegeben betrachtet werden kann, erfordert dies, dass der
Abschluss zum 31.12.2022 nicht mehr unter der Prämisse des Going concern, sondern
unter Berücksichtigung der Illiquiditätsaspekte gemäß IDW RS HFA 17 erstellt wird. Dies,
obgleich die Auswirkungen des Ukraine-Konflikts sowie der Inflation selbst als wertgenerierende Ereignisse des Jahres 2023 angesehen werden. Die Beurteilung, ob von einer
kontinuierlichen Fortführung des Unternehmens auszugehen ist, erfordert eine individuelle
und unternehmensspezifische Betrachtung. Wenn die Annahme einer positiven Fortführung der Unternehmenstätigkeit zum Zeitpunkt der Bilanzerstellung nicht mehr gegeben
ist, ist eine Bewertung der einzelnen Vermögenswerte und Verbindlichkeiten unter dem
Gesichtspunkt der Liquidation erforderlich (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 11; Gasch
(2022), S. 39; Grant Thornton (2022), o. S.).
4.4
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der
Aktivseite
4.4.1
Immaterielle Vermögensgegenstände
Nach dem Wortlaut des IAS 38 Ziff. 8 sind immaterielle Vermögensgegenstände5 identifizierbare, nicht-monetäre Vermögenswerte, die darüber hinaus keine physische Substanz
aufweisen (vgl. Heyd (2016), S. 195; Schmidlin (2020), S. 19; Heesen (2020), S. 22;
Wöltje (2016), S. 48; Seppelfricke (2019), S. 26). Der laufende Ukraine-Konflikt vermag in spezifischen Fällen unvorhergesehene Abwertungen sowohl im Anlagevermögen
als auch im Umlaufvermögen hervorzurufen. Daher bedarf es einer prüfenden Überlegung hinsichtlich der Werthaltigkeit von aktivierten immateriellen Vermögenswerten,
einschließlich aktivierter Geschäfts- oder Firmenwerte, sowie physischer Anlagen. In
dieser Kontextualität findet eine Abschreibung nur dann Anwendung, wenn die Effekte
des Ukraine-Konflikts eine nachhaltige Beeinflussung der Werthaltigkeit der aktivierten
Beträge induzieren – mitunter dann, wenn das Einsetzen einer anhaltenden Wertminderung prognostiziert wird. In Anbetracht der hohen Inflationsraten und der steigenden
Zinssätze gilt es insb., aktivierten immateriellen Vermögensgegenständen, inklusive aktivierter Geschäfts- oder Firmenwerte, einer umfassenden Werthaltigkeitsprüfung6 zu
unterziehen. Die Bestimmungen zur Evaluierung des Zeitpunkts einer außerplanmäßigen Abschreibung sowie das Verfahren zur Ermittlung des entsprechenden anzusetzenden
5 Siehe hierzu auch §§ 246 Abs. 1, 248 Abs. 2 HGB, 255 Abs. 2a HGB sowie DRS 24, insb. E-DRS
32.
6 Siehe hierzu auch IAS 36.
64
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
Werts sind nach wie vor einzubeziehen. Eine außerplanmäßige Abschreibung findet insofern Anwendung, wenn der beizulegende Wert zum Abschlussstichtag den bisherigen
Buchwert mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft unterschreitet (§ 253 Abs. 3 Satz 5
HGB). Sobald die Beweggründe für eine außerplanmäßige Abschreibung nicht mehr
vorliegen, ist die Empfehlung zur Werterhöhung zu beachten (§ 253 Abs. 5 Satz 1
HGB). Indessen ist diese Empfehlung nicht auf den Geschäfts- oder Firmenwert anwendbar (§ 253 Abs. 5 Satz 2 HGB). Falls durch veränderte Erwartungen hinsichtlich der
zukünftigen Entwicklung von Geschäftsbereichen und Unternehmenssegmenten die bisherige Einschätzung beeinträchtigt wird und infolgedessen Abschreibungen auf aktivierten
Geschäfts- oder Firmenwerten notwendig werden, führen diese Aufwendungen zu einer
Belastung des Ergebnisses im Geschäftsjahr 2023 (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 11;
Gasch (2020), S. 29–40; Schmidlin (2020), S. 19 sowie § 253 HGB). Ebenso wie bei
anderen aktivierten entgeltlich erworbenen immateriellen Vermögenswerten (z. B. Auftragsbeständen, Markennamen oder Kundenstämmen) ist es unerlässlich, angesichts der
veränderten wirtschaftlichen Gegebenheiten eine Evaluierung ihrer Werthaltigkeit durchzuführen. Besonders wenn die Akquise und Aktivierung dieser Vermögenswerte in Zeiten
vor der Krise erfolgte und die Zukunftsaussichten dementsprechend positiv waren, können
sich durch die veränderten Rahmenbedingungen erhebliche Bedarfe an Wertberichtigungen ergeben. Im weiteren Kontext selbst erstellter immaterieller Vermögenswerte, die
gemäß § 248 Abs. 2 HGB aktiviert werden, stellt sich die Frage nach ihrer Werthaltigkeit ebenfalls. Sollten begonnene Entwicklungen nicht fortgesetzt werden, bspw. aus
strategischen Überlegungen, oder sollte die Finanzierung bestimmter Entwicklungsprojekte nicht mehr gewährleistet sein und der Bilanzierende nicht nachweisen können, dass
die Fertigstellung der Entwicklung geplant ist, wird in der Regel eine außerplanmäßige
Abschreibung aufgrund mangelnder Werthaltigkeit erforderlich sein. Nach den IFRS können die auftretenden Inflationseffekte durch das sog. Neubewertungsmodell abgefedert
werden (vgl. Zwirner et al. (2022b), S. 415 f.; Zwirner et al. (2022a), S. 12; Gräfer und
Schneider (2010), S. 117; Schmidlin (2020), S. 19; Gasch (2022), S. 30 f.).
4.4.2
Sachanlagen
Nach den Vorschriften der § 247 ff. HGB und IAS 16 umfassen Sachanlagen7 bspw. Fabriken, Filialen, Fuhrpark, Maschinen, Geräte und Grundstücke. Mit Blick auf Unternehmen
des Industriesektors stellen die Sachanlagen die größten Bilanzposten dar (vgl. Schmidlin
(2020), S. 19; Heyd (2016), S. 251 ff.; Heesen (2020), S. 22; Wöltje (2016), S. 52 f.;
Seppelfricke (2019), S. 29). Die unmittelbare Auswirkung der Inflation auf das Sachanlagevermögen ist augenscheinlich und hat mäßige Effekte auf die Bewertung zur Folge.
Gleich den immateriellen Vermögensgegenständen ist die nachfolgende Neubewertung
bis auf den Aspekt des Grund und Bodens begrenzt. Die Initiation und Einschätzung
7 Siehe weiterführend auch IDW RS HFA 31, 37 und IDW RH HFA 1.016.
4.4
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Aktivseite
65
der Sachanlagen erfolgt im Grundsatz in einer gleichlautenden Weise wie bei den immateriellen Vermögenswerten (vgl. Gasch (2022), S. 31 f.). Sollten durch die Ereignisse
im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt eine Wertminderung im Sachanlagevermögen verzeichnet worden sein, bedarf es einer Überlegung hinsichtlich der Notwendigkeit
außerplanmäßiger Abschreibungen. In diesem Kontext ist eine Abschreibung lediglich
dann angebracht, wenn die Effekte des Ukraine-Konflikts eine beständige und anhaltende Beeinträchtigung der Werthaltigkeit der aktivierten Beträge nach sich ziehen, wobei
gegebenenfalls eine langanhaltende Wertverminderung eingetreten ist. Für den Fall, dass
Sachanlagen bspw. durch die Kriegsereignisse beschädigt oder gar zerstört wurden, ist
eine Abwertung oder Ausbuchung dieser Vermögenswerte erforderlich (vgl. Zwirner et al.
(2022b), S. 415 f.; Zwirner et al. (2022a), S. 12). Der ansteigende Zinssatz bewirkt eine
Situation, in der Immobilienpreise unter Druck geraten. Gegenwärtig lässt sich bereits
eine weitgehende flächendeckende Abnahme der Immobilienpreise feststellen. Sollte sich
dieser Verlauf weiterhin in reduzierten Bodenrichtwerten und rückläufigen Kauf- und
Marktpreisen von Immobilien widerspiegeln, wird dies tendenziell eine Notwendigkeit
zur Abschreibung nach § 253 Abs. 3 HGB nach sich ziehen. Demgemäß erfolgt nach
IFRS 13 eine Bewertung zum Fair Value, wodurch der Immobilienwert sinken kann (vgl.
Zwirner et al. (2022a), S. 12; Gasch (2022), S. 31 ff.; sowie IFRS 13). Aktuell zeichnet
sich ab, dass infolge der Erhöhungen des Leitzinses durch die EZB die Geschäftsbanken
in Deutschland gestiegene Zinskonditionen von ihren Klienten verlangen. Der Leitzins
der EZB definiert die Konditionen, zu denen nationale Geschäftsbanken Zentralbankgeld
von der EZB leihen können (siehe hierzu Abschn. 2.2). Während Immobilienfinanzierungen zu Beginn des Jahres 2022 oft noch zu Zinssätzen von unter 1,00 % p. a. realisiert
werden konnten, sind die Zinsen in der Zwischenzeit partiell auf bis zu 3,00 % p. a.
angestiegen. Diese Zinssteigerung stellt häufig eine Herausforderung dar, insb. in den Fällen, in denen eine Refinanzierung bestehender Kredite zu nun deutlich teureren Krediten
erforderlich ist. Der Anstieg der Zinssätze beeinflusst ebenfalls direkt die Immobilienwerte. Wenn die Erträge aus geplanten Immobilieninvestitionen nicht ausreichend sind,
um die gestiegenen Finanzierungskosten zu kompensieren, resultiert daraus eine Verringerung der Rendite für Investoren und somit des Werts der betreffenden Immobilie. Diese
Situation der abnehmenden Marktwerte muss bei der handelsrechtlichen und internationalen Bewertung berücksichtigt werden (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 12; Gasch (2022),
S. 31 ff.).
4.4.3
Finanzanlagevermögen
Das Finanzanlagevermögen umfasst Wertpapiere, die dauerhaft im Unternehmen sind.
Dazu zählen bspw. Finanzforderungen, Börsenpapiere und Investitionen in verbundene
Unternehmen. Die Bewertung nach internationalen Rechnungslegungsstandards erfolgt
66
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
auf Basis des IAS 39. Analog zu IFRS 13 wird der Fair Value zur Bewertung herangezogen (vgl. Schmidlin (2020), S. 19 f.; Wöltje (2016), S. 55; Seppelfricke (2019),
S. 29 f.; Heyd (2016), S. 453 ff.). Innerhalb des Finanzanlagevermögens ergibt sich im
Falle einer absehbar nicht anhaltenden Wertminderung gemäß § 253 Abs. 3 Satz 6 HGB
die Möglichkeit zur Wahl einer Abschreibung. Die Ermittlung des beizulegenden Werts
von Finanzanlagen bedarf bei Beteiligungen oder Anteilen an assoziierten Unternehmen
der Berücksichtigung der Vorgaben gem. IDW RS HFA 10. Der Einfluss der Inflation auf
Finanzanlagen manifestiert sich insb. indirekt durch die assoziierten Unternehmen. Die
Auswirkungen variieren je nach Art des Vermögenswerts und können von geringfügig
bis erheblich reichen. Um eine sachgemäße Einschätzung der aktuellen Lage zu erlangen,
empfiehlt sich eine nachträgliche Bewertung. Die Bilanzierung der Finanzanlagen erfolgt
bei der Erfassung und Bewertung ähnlich wie bei immateriellen Vermögenswerten. Für die
Folgebewertung ist eine Beurteilung der Werthaltigkeit erforderlich, und gegebenenfalls
sind außerplanmäßige Abschreibungen vorzunehmen (vgl. Gasch (2022), S. 33; Baetge
et al. (2024), S. 322; Zwirner et al. (2022a), S. 13; siehe weiterführend IDW RS HFA 10).
Die Wirkung der Inflation auf die Finanzanlagen wird durch das Prinzip des Niederstwertprinzips verstärkt und variiert je nach Art des Vermögensgegenstands sowie dem
Zeitpunkt der Anschaffung (vgl. Gasch (2022), S. 34). Eine außerplanmäßige Abschreibung wird üblicherweise dann erforderlich, wenn der ermittelte Wert unter dem letzten
Buchwert liegt (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 13).
4.4.4
Vorräte
Vorräte lassen sich in Roh-, Hilfs-, und Betriebsstoffe, unfertige Erzeugnisse, Waren sowie
fertige Erzeugnisse einordnen (vgl. Schmidlin (2020), S. 20; Seppelfricke (2019), S. 31;
Heyd (2016), S. 541 ff.; Wöltje (2016), S. 65 f.; Heesen (2020), S. 24 f.). Vorräte befinden
sich lediglich vorübergehend im Besitz des Unternehmens, da eine kurzfristige Verwendung die Regel ist (vgl. Wöltje (2016), S. 63; Heyd (2016), S. 541 ff.). Die Bewertung
von Vorräten unterliegt den allgemeinen Regelungen für die Durchführung von außerplanmäßigen Abschreibungen gemäß § 253 Abs. 4 HGB (strenges Niederstwertprinzip). Dabei
kann nach wie vor die retrograde Methode zur Ermittlung des niedrigeren beizulegenden
Werts angewandt werden. Sobald die Beweggründe für eine außerplanmäßige Abschreibung entfallen sind, ist eine Aufwertung des Werts vorgesehen (§ 253 Abs. 5 Satz 1 HGB),
ohne dass diese Beweggründe exakt mit denen identisch sein müssen, die ursächlich für
die außerplanmäßige Abschreibung waren. Hierbei sind auch die Grundsätze der verlustfreien Bewertung zu berücksichtigen. In Anbetracht gestiegener Rohstoffpreise und
Energiekosten ist es unabdingbar, die Herstellungskosten eingehend zu überprüfen und
die bilanziellen Werte zu hinterfragen. Wenn die Aufwandsfaktoren teurer werden, ziehen
dies zwangsläufig höhere Anschaffungskosten nach sich. Falls gesteigerte Anschaffungsund Herstellungskosten nicht auf die Kunden übertragen werden können und es für den
4.4
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Aktivseite
67
Bilanzierenden in Zweifel steht, ob er aus seinen Erzeugnissen noch eine positive Marge
erzielen kann, führt dies zur Notwendigkeit einer Abschreibung der bilanzierten Werte
im Vorratsvermögen. Die Einflüsse der Inflation und der daraus resultierenden steigenden
Preise stellen ein branchenübergreifendes Problem dar, das Unternehmen in sämtlichen
Stufen der Wertschöpfungskette betrifft. Als Folge der ökonomischen Disruptionen geraten zahlreiche Kunden in finanzielle Schwierigkeiten (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 13).
Die Gefahr von Forderungsausfällen oder unvollständigen Begleichungen muss im Einklang mit den allgemeinen Vorgaben durch Abschreibungen auf den beizulegenden Wert
(§ 253 Abs. 4 HGB) berücksichtigt werden. In praxi sind bereits erste Korrelationen erkennbar, bei denen sich die Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit der Kunden mittelbar
auswirken, da diese selbst Zahlungsschwierigkeiten erleiden (vgl. Zwirner et al. (2022a),
S. 13; Zwirner et al. (2022b), S. 415 f.; Gasch (2022), S. 34 ff.; Wöltje (2016), S. 63 ff.).
4.4.5
Forderungen und sonstige Vermögenswerte
Der Bilanzposten Forderungen umfasst sämtliche Forderungen eines Unternehmens ggü.
Dritten (vgl. Heyd (2016), S. 633 ff.; Schmidlin (2020), S. 20; Seppelfricke (2019),
S. 31; Wöltje (2016), S. 74 ff.; Heesen (2020), S. 25 ff.). Wichtig ist zu berücksichtigen, dass die Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auch zahlreiche Schuldner des eigenen
Unternehmens betreffen können. Dies kann entweder darauf zurückzuführen sein, dass
die Schuldner aus den Konfliktgebieten in der Ukraine oder Russland stammen. Wenn
Schuldner aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen infolge des Ukraine-Konflikts in
eine finanzielle Schieflage geraten sind oder voraussichtlich geraten werden, ist dieser
Sachverhalt bei der Bewertung bestehender Forderungen in Betracht zu ziehen. Wenn
das Risiko eines möglichen Zahlungsausfalls besteht, sollte diesem Risiko durch entsprechende Abschreibungen auf den beizulegenden Wert gemäß § 253 Abs. 4 HGB Rechnung
getragen werden. Dies gilt in gleicher Weise für andere Vermögenswerte wie bspw. Darlehensforderungen. Sollte sich zeigen, dass ein Schuldner nicht in der Lage sein wird,
seinen Verpflichtungen zur Rückzahlung von Darlehen nachzukommen, sollte auch in
diesem Zusammenhang die Notwendigkeit einer Abschreibung überprüft werden (vgl.
Zwirner et al. (2022a), S. 14; Zwirner et al. (2022b), S. 418; Schmidlin (2020), S. 20).
Forderungen werden unmittelbar von den Auswirkungen der Inflation beeinflusst, wobei
die inflationären Effekte aufgrund der Bewertung zum Nennbetrag nur geringfügig sind.
Daher lässt sich konstatieren, dass eine nachfolgende Bewertung im Kontext der Inflation
von geringer Bedeutung ist. Die erstmalige Bewertung von Forderungen erfolgt gemäß
§ 253 Abs. 1 Satz 2 HGB zum Nennbetrag (vgl. Gasch (2022), S. 36; Baetge et al. (2024),
S. 326). Eine nachfolgende Bewertung mit einer außerplanmäßigen Abschreibung erfolgt,
wenn ein reduzierter beizulegender Wert gegeben ist (§ 253 Abs. 4 Satz 2 HGB). Innerhalb
des Kontextes der Inflation ist bei Forderungen eine Geldentwertung ersichtlich, die hypothetisch betrachtet analog zur Inflation ansteigen sollte. Dennoch ist es unüblich, aufgrund
68
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
einer geringfügigen inflationären Entwicklung eine Anpassung vorzunehmen. Für Forderungen aus Lieferungen und Leistungen in Fremdwährung wird die Aktivierung mit dem
jeweiligen aktuellen Devisenkassabriefkurs8 vorgenommen. Bei Forderungen aus Fremdwährungsdarlehen erfolgt die Aktivierung hingegen mit dem Devisenkassageldkurs (vgl.
Gasch (2022), S. 36; Schmidlin (2020), S. 20).
4.4.6
Wertpapiere und liquide Mittel
Unter den Zahlungsmitteln sind sämtliche Kassenbestände, Bankguthaben und Schecks
zusammengefasst. In Kombination mit kurzfristigen Wertpapieren bildet dieser Bilanzposten die liquiden Mittel. Die Position dient grundsätzlich der Erfüllung von Zahlungsverpflichtungen (vgl. Schmidlin (2020), S. 20; Seppelfricke (2019), S. 31; Heyd (2016),
S. 693 ff.; Wöltje (2016), S. 80 ff.; Heesen (2020), S. 26 ff.). Die gestiegenen Zinsen
infolge des Ukraine-Konflikts und der Inflation stellen insb. bei Anleihen eine problematische Situation dar. Die Mechanismen von Anleihen führen dazu, dass steigende Zinsen
eine negative Auswirkung auf bereits existierende Anleihen haben, wenn diese während
Phasen mit deutlich niedrigeren Zinsen emittiert wurden. Dies resultiert aus der Tatsache,
dass Investoren den bestehenden Anleihen eine geringere Bewertung zuweisen, wenn die
Verzinsung im Vergleich zu neuen Anleihen mit höheren Zinssätzen niedriger ist und
alle anderen Konditionen ansonsten vergleichbar sind. Im Umlaufvermögen spielt es aufgrund des strikten Niederstwertprinzips keine Rolle, ob eine Wertminderung von kurzoder langfristiger Natur ist. Gem. § 253 Abs. 4 Satz 1 HGB ist eine Abschreibung auf
den niedrigeren beizulegenden Wert zwingend erforderlich. Für liquide Mittel bedeuten
steigende Zinsen keine erhöhten Risiken. Eventuelle Zinserträge aus Guthaben sowie das
Ausbleiben von negativen Einlagezinsen wirken entlastend (vgl. Zwirner et al. (2022a),
S. 14; Zwirner et al. (2022b), S. 418; Gasch (2022), S. 36 f.).
4.4.7
Aktive Steuerlatenzen
Steuerlatenzen resultieren aus unterschiedlichen Ansätzen hinsichtlich der Handels- und
Steuerbilanz. Mit Blick auf einen Konzernabschluss sind neben tatsächlich angefallenen
Steuern auch aktive respektive passive Steuerlatenzen zu bilden. Aktive latente Steuern
resultieren in voraussichtlichen Steuerentlastungen, da der Ansatz in der Handelsbilanz
geringer ist als in der Steuerbilanz. Passive latente Steuern resultieren hingegen in einer
voraussichtlichen Steuerverpflichtung, da der Ansatz in der Handelsbilanz höher ist als in
8 Der Devisenkassakurs ist der Wechselkurs, zu dem eine Währung sofort gegen eine andere getauscht
werden kann. Der Kassakurs wird in der Regel in Finanzmärkten verwendet, wenn Währungen ohne
Lieferverzögerung gehandelt werden.
4.5
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Passivseite
69
der Steuerbilanz (vgl. Küting und Weber (2018), S. 249 f.; Wöltje (2016), S. 82 f.; Coenenberg et al. (2012), S. 470 ff.; siehe weiterführend auch § 274 Abs. 1 HGB). Besonders
während Krisenphasen erhält die Aktivierung latenter Steuern auf steuerliche Verlustvorträge eine besondere Bedeutung. Einerseits führt dies zur Reduzierung des ausgewiesenen
Verlusts des Bilanzierenden im Zeitpunkt ihrer Aktivierung. Andererseits tragen Steuerlatenzen in Krisenzeiten, wenn ihre Werthaltigkeit nicht mehr gegeben ist, potenziell dazu
bei, die ohnehin durch die Krise bedingten negativen Ergebnisse zusätzlich zu belasten
und somit die Ergebnis- und Eigenkapitalsituation weiter zu verschlechtern. Daher ist es
notwendig, auch die Werthaltigkeit der aktiven latenten Steuern zu überprüfen. Handelsrechtliche Abschreibungen, die aus steuerlicher Sicht nicht anerkannt werden können oder
aufgrund von Wahlrechten nicht berücksichtigt werden, sowie handelsrechtlich gebildete
Rückstellungen ohne steuerliche Wirkung können einerseits dazu führen, dass die Bemessungsgrundlage für den Ansatz aktiver Steuerlatenzen ansteigt. Wenn der Bilanzierende
das Wahlrecht gem. § 274 Abs. 1 HGB zur Aktivierung latenter Steuern genutzt hat, ist er
verpflichtet, dies fortlaufend (§ 252 Abs. 1 Nr. 6 HGB) beizubehalten – basierend auf dem
Stetigkeitsprinzip. Somit ergibt sich zum Bilanzstichtag die Frage nach einer korrekten
Aktualisierung der aktivierten latenten Steuern sowie ihrer Werthaltigkeit. Besonders im
Kontext der Aktivierung latenter Steuern auf steuerliche Verlustvorträge ist es wesentlich,
deren Werthaltigkeit kritisch zu betrachten. Wenn aufgrund veränderter wirtschaftlicher
oder rechtlicher Rahmenbedingungen bisherige Annahmen über die künftige Nutzung
positiver steuerlicher Ergebnisse zur Verrechnung mit den steuerlichen Verlustvorträgen
nicht länger aufrechterhalten werden können, muss eine Anpassung der zuvor gebildeten
aktiven Steuerlatenzen vorgenommen werden (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 14 f.; Küting
und Weber (2018), S. 249 ff.).
4.5
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der
Passivseite
4.5.1
Eigenkapital
Das Eigenkapital9 repräsentiert den Vermögensanteil, der den Eigentümern nach Abzug
aller Verbindlichkeiten verbleibt. Im Gegensatz zum Fremdkapital bleibt das Eigenkapital dauerhaft im Unternehmen. In der Konsolidierungsbilanz sind die Bestandteile des
Eigenkapitals wie folgt strukturiert:
•
•
•
•
Gezeichnetes Kapital
Kapitalrücklagen
Gewinnrücklagen
Eigene Anteile
9 Siehe weiterführend auch § 272 HGB.
70
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
• Anteile von Minderheitsaktionären
• Konzernergebnis
Zu Beginn der Geschäftstätigkeit entspricht das Eigenkapital dem von den Eigenkapitalgebern eingebrachten Kapital. Das gezeichnete Kapital bildet die Grundlage des
Eigenkapitals und entspricht bei Aktiengesellschaften dem Nennwert der ausgegebenen
Aktien. Das gezeichnete Kapital bleibt im Allgemeinen unverändert, es sei denn, es
kommt zu seltenen Kapitalerhöhungen oder -herabsetzungen (vgl. Seppelfricke (2019),
S. 33; Schmidlin (2020), S. 21 f.; Wöltje (2016), S. 87 ff.; Heesen (2020), S. 14 f.;
Küting und Weber (2018), S. 764 ff.). Die Auswirkungen der Inflation auf das Eigenkapital können in zwei Kategorien unterteilt werden. Das gezeichnete Kapital wird direkt
von der inflationären Entwicklung beeinflusst, während die Rücklagen einer Gesellschaft
indirekt betroffen sind. Die Auswirkungen auf beide Posten sind signifikant. Es wäre ratsam, eine Folgebewertung im Kontext der Inflation vorzunehmen, jedoch gestaltet sich
dies insb. beim gezeichneten Kapital als herausfordernd (vgl. Gasch (2022), S. 37 f.). Das
Eigenkapital manifestiert sich in der Bilanz als eine Restgröße. In den Fällen, in denen
im laufenden Geschäftsjahr keine kapitalbezogenen Maßnahmen wie etwa Kapitalerhöhungen oder Ausschüttungen getroffen wurden, variiert das Eigenkapital im Wesentlichen
nur im Einklang mit dem in der Gewinn- und Verlustrechnung ausgewiesenen Ergebnis. Abhängig von der Betroffenheit des Unternehmens von den Auswirkungen der
Inflation und den steigenden Zinsen wird das Eigenkapital dementsprechend in seiner
Höhe beeinflusst. Verluste führen zu einer Verringerung des Eigenkapitals und haben
somit Auswirkungen auf wesentliche Kennzahlen wie die Eigenkapitalquote und den Verschuldungsgrad. Insofern die Gesellschafter beschließen, kapitalstärkende Maßnahmen zu
ergreifen – wie bspw. die Umwandlung von Fremd- in Eigenkapital oder die Bereitschaft
zu Forderungsverzichten oder Einlagen in die Gesellschaft – müssen diese Maßnahmen
entsprechend in der Bilanz erfasst werden. Dies gilt auch dann, wenn Teile der Kapitalrücklage zur Kompensation eines Bilanzverlusts aufgelöst werden. Falls kapitalbezogene
Maßnahmen erst nach dem Bilanzstichtag, etwa im Frühjahr 2024, beschlossen werden,
dürfen bestimmte Sanierungsinitiativen wie eine Kapitalherabsetzung nach § 234 AktG
oder eine Kapitalerhöhung gem. § 235 AktG rückwirkend im Jahresabschluss bereits zum
31.12.2023 bilanziell berücksichtigt werden (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 15; Zwirner
et al. (2022b), S. 455 f.; Schmidlin (2020), S. 22; Küting und Weber (2018), S. 764 ff.).
4.5.2
Rückstellungen
Rückstellungen sind potenzielle Verbindlichkeiten, deren rechtliche Grundlage, Zeitpunkt
der Auszahlung oder Betrag noch nicht eindeutig festgelegt sind. Zu beachten ist: Im
Gegensatz zu Rücklagen handelt es sich bei Rückstellungen um nicht versteuerte Mittel
und um externe Schulden. In der Bilanz sind Rückstellungen wie folgt untergliedert:
4.5
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Passivseite
71
• Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen und ähnliche Verbindlichkeiten
• Steuerrückstellungen
• Sonstige Rückstellungen
(vgl. Heesen (2020), S. 17 ff.; Pilhofer (1997), S. 1 ff.; Coenenberg et al. (2012), S. 419–
443; Wöltje (2016), S. 100 ff.).
Rückstellungen sind anzusetzen, wenn die Höhe verlässlich eingeschätzt werden kann
und die Eintrittswahrscheinlichkeit des Ereignisses ausreichend hoch ist (über 50 % nach
IFRS, über 70 % nach US-GAAP). Falls die Wahrscheinlichkeit geringer ist, sollte eine
Eventualschuld mit der Eintrittswahrscheinlichkeit im Anhang der Bilanz dokumentiert
werden. Im Gegensatz dazu werden nach HGB Rückstellungen bereits dann gebildet,
wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit unter 50 % liegt (Vorsichtsprinzip). Rückstellungen
stellen Fremdkapital dar und dürfen nicht mit Rücklagen verwechselt werden, welche Teil
des Eigenkapitals sind (vgl. Seppelfricke (2019), S. 33; Heesen (2020), S. 17 ff.; Pilhofer
(1997), S. 1 ff. u. 69–95; Coenenberg et al. (2012), S. 419–443; Wöltje (2016), S. 100 ff.;
Heyd (2016), S. 1220–1259). Mit Blick auf die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen sind
vor allem Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten hervorzuheben. Ebenso gilt
dies für Rückstellungen für drohende Verluste aus schwebenden Geschäften (vgl. Pilhofer (1997), S. 69–95; Heesen (2020), S. 18 f.; sowie § 249 Abs. 1 HGB). Pilhofer hebt
die Relevanz der genauen Betrachtung von Rückstellungen hervor, da Rückstellungen zu
den umstrittensten Bilanzposten zählen. Zudem sind Rückstellungen wesentlich, da diese
durchschnittlich ca. 30 % der Bilanzsumme ausmachen (vgl. Pilhofer (1997), S. 2).
Ferner hat der Ukraine-Konflikt sachimmanente Auswirkungen auf Rückstellungen.
Aufgrund von Zahlungsausfällen durch Unternehmen mit Sitz in der Ukraine sind
betroffene Unternehmen hierzulande dazu verpflichtet, entsprechende Rückstellungen
zu bilden. Sofern der Wert einer künftigen Lieferung oder sonst. Leistung, die gem.
eines gegenseitigen Vertrags nach dem Abschlussstichtag zu erbringen ist, hinter dem
Wert des erwarteten Gegenleistungsanspruchs zurückbleibt, kann es notwendig sein, eine
Drohverlustrückstellung in der Handelsbilanz zu bilden. Diese Situation kann insb. bei
Geschäftsvereinbarungen mit festen Entgelten relevant sein, wie bspw. Absatzgeschäften. Ebenso können Preiserhöhungen von Energie oder anderen Rohstoffen, die für
die Erbringung eigener Leistungen benötigt werden, eine Grundlage für die Bildung
einer Drohverlustrückstellung darstellen. Ferner könnte der Ansatz einer Verbindlichkeitsrückstellung aufgrund von möglichen Verstößen gegen Sanktionsregelungen erwogen
werden, falls das bilanzierende Unternehmen in Einzelfällen gegen sanktionsbewehrte
Vorschriften verstoßen hat. Insofern das Unternehmen aufgrund bestimmter Einschränkungen, wie bspw. dem Ausschluss vom SWIFT-Zahlungsabwicklungssystem, seinen
Zahlungsverpflichtungen nicht fristgerecht nachkommen kann, könnte die Notwendigkeit
zur Erfassung weiterer Verbindlichkeiten aufgrund von Zahlungsverzug oder anfallenden
Zinsen bestehen. Wenn sich auf Basis veränderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen
Geschäftsmodelle überdenken lassen und möglicherweise neue Strategien für die Zukunft
72
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
entwickelt werden, könnte die Bildung von Restrukturierungsrückstellungen in Erwägung gezogen werden. Dies betrifft Situationen, in denen Anpassungen an die geänderte
Wirtschaftssituation vorgenommen werden müssen (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 15 f.;
Bonnecke (2021), S. 185; Gasch (2022), S. 38 f.; Heyd (2016), S. 1259–1265). Bei der
Betrachtung von Restrukturierungsmaßnahmen sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Dazu gehören sowohl Aufwendungen für Maßnahmen im Zusammenhang mit dem
Personal als auch weitere Ausgaben, wie bspw. bei der Schließung von Standorten. Um
eine Rückstellung anzusetzen, ist es erforderlich, dass die betreffenden Aufwendungen am
Stichtag ausreichend konkret erfasst werden können und bereits entsprechende Entscheidungen der Unternehmensorgane zur Umsetzung der Restrukturierung getroffen wurden.
Bezüglich möglicher Haftungsfälle, die aus getroffenen Verpflichtungszusagen oder Patronatserklärungen10 resultieren könnten, ist eine Prüfung notwendig. Es ist zu klären, ob
eine potenzielle Inanspruchnahme des Unternehmens aufgrund solcher Vereinbarungen
am Stichtag bereits so konkret absehbar ist, dass eine Rückstellung gebildet werden muss.
In solchen Fällen könnte die bisherige Angabe als Haftungsverhältnis nach den Vorgaben
der §§ 251, 268 Abs. 7 HGB oder § 285 Nr. 3a HGB angepasst werden. Ebenso könnten
aus der Position des Unternehmens als persönlich haftender Gesellschafter entsprechende
Rückstellungen resultieren (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 17; Zwirner et al. (2022b),
S. 446 f.; Gasch (2020), S. 38 f.).
Der indirekte Einfluss der Inflation auf Rückstellungen manifestiert sich durch die
Bewertung auf der Grundlage des künftig erforderlichen Erfüllungsbetrags.11 Diese
Auswirkungen sind von mäßiger Intensität. Eine inflationäre Folgebewertung kann in
Erwägung gezogen werden und sollte in den Büchern erfasst werden. Die buchhalterische
Veranschlagung einer Rückstellung erfordert eine angemessene kaufmännische Einschätzung des notwendigen Erfüllungsbetrags gem. § 253 Abs. 1 S. 2 HGB. Der notwendige
Erfüllungsbetrag bezieht sich hierbei auf einen erwarteten Wert. Im vorliegenden Schrifttum besteht Kontroverse darüber, ob bevorstehende Preis- und Kostensteigerungen in
diese Einschätzung einbezogen werden sollten (vgl. Gasch (2022), S. 38; Baetge et al.
(2024), S. 494; Kahle und Kopp (2020), S. 156). Klar erkennbar ist, dass es sinnvoll ist,
objektive Indikatoren für eine wirtschaftliche Belastung zu berücksichtigen (vgl. Gasch
(2022), S. 38; Kahle und Kopp (2020), S. 156 f.). Demgemäß stellt sich die Frage,
ob die publizierten Inflationsziele der EZB die korrelierende Einbeziehung der inflationären Entwicklung erlauben (vgl. Gasch (2022), S. 38 f.; Kahle und Kopp (2020),
S. 156; Baetge et al. (2024), S. 424). Im Rahmen des Vorsichtsprinzips wäre eine solche Vorgehensweise vertretbar. Es ist jedoch zu beachten, dass Rückstellungen auch dem
Stichtagsprinzip unterliegen (§ 252 Abs. 1 Nr. 3 HGB). Eine Einbeziehung der endgültigen
10 Eine Patronatserklärung ist eine rechtliche Vereinbarung, bei der eine rechtlich eigenständige Per-
son (das Patronat) sich gegenüber einem Dritten (z. B. einem Kreditgeber oder Gläubiger) verpflichtet,
für die Erfüllung von Verbindlichkeiten eines Dritten einzustehen.
11 Der Erfüllungsbetrag bei Rückstellungen bezieht sich auf den geschätzten Betrag, den ein
Unternehmen benötigt, um eine Verpflichtung in der Zukunft zu erfüllen.
4.5
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Passivseite
73
Inflationsrate in die Bewertung würde streng genommen gegen das Stichtagsprinzip verstoßen, da die inflationsbedingten Effekte erst in der nächsten Berichtsperiode auftreten.
Dies steht jedoch im Einklang mit dem Höchstwertprinzip, welches eine Unterbewertung
auf der Passivseite verhindern soll. Vor allem bei Rückstellungen mit einer Laufzeit von
über einem Jahr, wie bspw. Pensionsrückstellungen, sollte angenommen werden können,
dass die Höhe der Rückstellung die zukünftige Verpflichtung angemessen abdecken kann.
Daher ist zu erwarten, dass zukünftige Faktoren und Veränderungen gleichermaßen in
Betracht gezogen werden. Eine grobe Berücksichtigung der erwarteten zukunftsorientierten Inflationsrate ist hierbei erforderlich (vgl. Gasch (2022), S. 39; Baetge et al. (2024),
S. 423).
In einem Ad-hoc-Schreiben datiert auf den 04.10.2022 hat das IDW dem Bundesjustizminister eine prompte Modifizierung von § 253 Abs. 2 Satz 1 HGB im Hinblick auf die
Fassung des BilMoG (Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz) vorgeschlagen. Dies beinhaltet eine einheitliche Anwendung des 7-Jahresdurchschnitts für sämtliche Rückstellungen.
Ziel dieser Empfehlung ist es, eine möglichst zeitnahe Entlastung der Bilanzierenden
hinsichtlich des für die Bewertung relevanten Zinssatzes zu erzielen. Es bleibt jedoch
abzuwarten, ob dieser Vorschlag des IDW zu einer entsprechenden Änderung des Gesetzes führen wird. Der derzeit beobachtbare Anstieg der Zinssätze wird in Bezug auf
die Bewertung langfristiger Rückstellungen für Unternehmen keine unmittelbaren kurzbis mittelfristigen Erleichterungen mit sich bringen. Aufgrund der Methode der Durchschnittsbildung über einen Zeitraum von mehreren Jahren (sieben bis zehn Jahre) wird es
noch einige Jahre dauern, bis eine nachhaltige und relevante Entlastung für Unternehmen
in Bezug auf die Bewertung langfristiger Rückstellungen zu erkennen ist.
Für Geschäftsjahre, die zum 31.12.2023 enden, werden die positiven Auswirkungen steigender Zinsen daher nur geringfügig sein. Deutlich schwerwiegender wird sich
hingegen bereits im Jahr 2023 auswirken, dass bei dynamischen Leistungszusagen die
erwarteten Preis- und Kostensteigerungen berücksichtigt werden müssen. Pensionsrückstellungen werden in dieser Abhandlung nicht weiter vertieft, jedoch lässt sich konstatieren, dass angesichts des aktuellen Inflationsniveaus die Inflationserwartungen für das
Jahr 2023 und die folgenden Jahre deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre
liegen. Dementsprechend müssen Unternehmen mit einer kurzfristigen Erhöhung ihrer
Pensionsverpflichtungen rechnen. Die Annahmen für Gehalts- und Rententrends müssen
entsprechend angepasst werden. Zusätzlich führen bereits vorgenommene Gehaltsanpassungen aufgrund der Inflation zu einer weiteren Zunahme der Pensionsverpflichtungen.
Summa Summarum führen die steigenden Zinsen in absehbarer Zukunft nicht zu einer
Erleichterung bei der Abzinsung von langfristigen Rückstellungen. Im Gegenteil ist zu
erwarten, dass Unternehmen weiterhin belastet werden, da die durch Inflation bedingte
Erhöhung bestehender Pensionszusagen den marginalen Effekt der Abzinsung aufgrund
steigender Zinssätze signifikant überkompensieren wird. Neben den Auswirkungen auf die
Bewertung müssen auch die ansteigenden Pensionszahlungen berücksichtigt werden, die
aufgrund der Inflation steigen werden (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 18 f.). Dies basiert
74
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
auf dem korrelierenden Zinseffekt, der besagt, dass steigende Inflationsraten zu steigenden
Pensionszahlungen führen, da die Pensionszahlungen anhand des Leitzinssatzes verzinst
werden.
4.5.3
Verbindlichkeiten
Verbindlichkeiten repräsentieren finanzwirtschaftliche Verpflichtungen eines Unternehmens gegenüber externen Parteien, die zum Bilanzstichtag sowohl in ihrer Ursache als
auch in ihrer Höhe definitiv feststehen. Innerhalb der bilanziellen Sphäre verkörpert eine
Verbindlichkeit eine rechtlich verbindliche und eindeutig messbare ökonomische Verpflichtung des Unternehmens. Zusammen mit den rückstellungsbasierten Verpflichtungen
formen Verbindlichkeiten den Aspekt des Fremdkapitals, wobei in den meisten Fällen
Verbindlichkeiten den dominierenden Anteil einnehmen. Gegensätzlich zum Eigenkapital ist das Fremdkapital dem Unternehmen nur temporär zur Verfügung gestellt (vgl.
Wöltje (2016), S. 111; Schmidlin (2020), S. 22 f.; Heesen (2020), S. 19 f.; Heyd
(2016), S. 1417 ff.). Verbindlichkeiten lassen sich in Verbindlichkeiten aus Lieferungen
und Leistungen sowie kurzfristige und langfristige Finanzverbindlichkeiten differenzieren. Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen beinhalten Lieferantenkredite,
also ausstehende Rechnungen der Lieferanten des Unternehmens. Eine Zunahme dieser
Position führt zu einer Erhöhung der Verbindlichkeiten, hat jedoch keine unmittelbaren
Auswirkungen auf die Liquidität, da die Auszahlung erst zu einem späteren Zeitpunkt
bei Begleichung der Rechnungen erfolgt. Kurzfristige Finanzverbindlichkeiten umfassen
zinstragende Verbindlichkeiten mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr. Hierzu
gehören bald fällige Anleihen oder kurzfristige Bankkredite. Ein weiterer Bestandteil
sind auf organisierten Märkten gehandelte Commercial Papers (Geldmarktpapiere). Diese
werden hauptsächlich zur Deckung kurzfristiger Finanzierungsbedürfnisse emittiert und
haben in aller Regel eine Laufzeit von bis zu 270 Tagen. Eine besondere Eigenschaft
von Geldmarktpapieren ist, dass keine Zinszahlungen innerhalb des Jahres erfolgen und
sie abgezinst ausgegeben werden. Langfristige Finanzverbindlichkeiten sind schuldbedingte Verbindlichkeiten mit einer Laufzeit von über einem Jahr, die Zinsen tragen. Diese
Position besteht in der Regel aus Bankdarlehen und Anleihen. In den Anhängen vieler
Jahresabschlüsse werden Einzelheiten zu den Zinssätzen, Währungen, Fälligkeitsstrukturen und anderen besonderen Merkmalen angegeben (vgl. Seppelfricke (2019), S. 32;
Schmidlin (2020), S. 22; Wöltje (2016), S. 111 f.; Heesen (2020), S. 19 f.; Coenenberg et al. (2012), S. 407 ff.). Die Inflation beeinflusst in ähnlicher Weise wie bei den
Rückstellungen auch die Verbindlichkeiten indirekt, was zu mittelstarken Auswirkungen
auf die Darstellung dieses Bilanzpostens führt und somit eine anschließende Neubewertung ratsam ist. Im Gegensatz zu den Rückstellungen sind Ursache und Betrag einer
Verbindlichkeit grundsätzlich bekannt. Dank der messbaren Natur ist der Erfüllungsbetrag gleich der anfänglichen Bewertung gem. § 253 Abs. 1 Satz 2 HGB. Die nachfolgende
4.5
Auswirkungen auf ausgewählte Bilanzposten der Passivseite
75
Bewertung folgt dem Prinzip des Höchstwerts (Vgl. Gasch (2022), S. 39; Baetge et al.
(2024), S. 423; Coenenberg et al. (2012), S. 407 ff.). Wenn eine preisinduzierte Anpassung aufgrund der Inflation vorliegt, ist demzufolge der höhere Wert zu verwenden. Die
Abwertung des Geldes infolge der Inflation führt zudem zu einer Verringerung der Schuldenlast, was dazu führt, dass Verbindlichkeiten schneller abbezahlt werden können, et vice
versa (Vgl. Gasch (2022), S. 39). Während die positiven Auswirkungen steigender Zinsen
auf Bankguthaben erst in fernerer Zukunft spürbar werden dürften, manifestieren sich die
nachteiligen Effekte der zunehmenden Zinssätze auf verzinsliche Verbindlichkeiten bereits
in der gegenwärtigen Zeit. Die Geschäftsbanken geben die ansteigenden Leitzinsen der
EZB rasch an ihre eigenen Kunden weiter (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 19 f.). Durch
den gesteigerten Zinsaufwand, dem in den meisten Fällen keine entsprechend erhöhten
Zinserträge gegenüberstehen, erfährt die finanzielle Lage der Unternehmen zusätzliche
Belastungen. Falls sich insgesamt die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Bilanzierenden verschlechtert, ist eine sorgfältige Prüfung der existierenden Kreditverträge
hinsichtlich eventueller Vorgaben im Zusammenhang mit Financial Covenants (d. h.
vereinbarte Mindestquoten, die der Bilanzierende zu erfüllen hat) notwendig. Üblicherweise orientieren sich Financial Covenants an bestimmten finanziellen Kennzahlen wie
Ertrag vor Zinsen und Steuern (EBIT), bereinigtem EBITDA sowie Bilanzkennzahlen wie
Eigenkapitalquote und Verschuldungsgrad. Wenn die vertraglich vereinbarten Financial
Covenants nicht eingehalten werden und infolgedessen bspw. ein Sonderkündigungsrecht
des Darlehensgebers oder eine erhöhte Zinsbelastung entsteht, müssen die entsprechenden Auswirkungen (wie Fälligkeitsangabe oder erhöhter Zinsaufwand) angemessen erfasst
werden. Solche Entwicklungen können auch die Finanzplanung des Bilanzierenden beeinflussen, insb. wenn Fälligkeiten von Verbindlichkeiten zu seinen Ungunsten verschoben
werden (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 19).
4.5.4
Passive Steuerlatenzen
In Zeiten wirtschaftlicher Krisen, wenn der Bilanzierende gezielt Bilanzpolitik betreibt,
etwa durch die Bewertung eigens erstellter immaterieller Vermögenswerte, resultiert dies
in einer Zunahme passiver latenter Steuern. In grundlegender Hinsicht stellen passive
latente Steuern ein Indiz für eine in der Handelsbilanz ggü. der Steuerbilanz erhöhte
Eigenkapitaldarstellung dar (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 19; Küting und Weber (2018),
S. 249 f.; Wöltje (2016), S. 82 f.; Coenenberg et al. (2012), S. 470). Im Rahmen des
HGB gestattet § 274 Abs. 1 HGB die Verrechnung von passiven latenten Steuern mit
aktiven latenten Steuern. Dementsprechend erfolgt eine Erhöhung der passiven latenten
Steuern selbst dann, wenn die zuvor verrechneten aktiven latenten Steuern aufgrund mangelnder Werthaltigkeit wegfallen. Wenn die passiven latenten Steuern die aktiven latenten
Steuern übersteigen, werden diese aufgenommen. In dieser Hinsicht birgt die Zeit wirtschaftlicher Krisen das Risiko, dass das Ausbleiben zuvor aktiver latenten Steuern zu
76
4 Analyse des Einflusses der Wirtschaftsentwicklungen auf …
einer Wiederbelebung passiver latenter Steuern in der Bilanz führt – dies bedeutet, dass
eine vorherige Aktivierung der Steuerlatenzen zu einer zukünftigen Passivierung führen kann (vgl. Zwirner et al. (2022a), S. 19; Küting und Weber (2018), S. 249 ff.).
Diese ceteris-paribus-Annahmen sind vom Bilanzierenden ex ante zu überprüfen, um die
Folgewirkungen der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen sachgerecht zu erfassen.
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5
Empirische Analyse ausgewählter
DAX-40-Unternehmen
Zusammenfassung
Dieses Kapitel widmet sich einer empirischen Untersuchung, die eine detaillierte
Analyse der Bilanzkennzahlen sowie eine Bewertung des Free Cashflows bei ausgewählten Unternehmen des DAX-40-Index in den Sektoren Automobilindustrie,
Energiewirtschaft und Bankwesen für die Jahre 2020 bis 2023 umfasst. Die CashflowRechnung wird als entscheidend für die Konzernabschlussanalyse hervorgehoben. Ziel
der Untersuchung ist es, die Auswirkungen von Preis- und Zinserhöhungen auf diese
Unternehmen zu evaluieren. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Energiesektor aufgrund von Fachdebatten über Aufwendungsbewältigung. Der Automobilsektor wird
aufgrund seiner engen Korrelation mit der globalen Wirtschaftslage betrachtet, während
der Banken- und Immobiliensektor auf Zinsveränderungen hin analysiert wird.
5.1
Methodisches Vorgehen
Die Prämisse dieser empirischen Untersuchung liegt in der tiefgründigen Analyse und
evaluativen Beurteilung des Verlaufs sowohl der vertikalen als auch horizontalen Bilanzkennzahlen zugrunde. Zugleich erfährt das Gesamtergebnis eine gründliche Betrachtung.
Zusätzlich wird der Free Cashflow als Objekt der empirischen Ergründung herangezogen. In letzter Konsequenz wird eine selektive, stichprobenbasierte Durchleuchtung sowie
Einschätzung der Informationen im Konzernanhang, im Konzernlagebericht sowie im Prognosebericht durchgeführt. Die Cashflow-Rechnung erweist sich als relevantes Element
bei der Analyse des Konzernabschlusses, indem sie Einblick in die Zu- und Abflüsse
finanzieller Mittel während eines bestimmten Zeitraums gewährt (vgl. Schmidlin (2020),
S. 23). Nach § 297 HGB sind börsennotierte Unternehmen ohnehin dazu verpflichtet,
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein
Teil von Springer Nature 2024
C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9_5
79
80
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
eine Konzernkapitalflussrechnung1 in den Konzernabschluss2 einzufügen (vgl. Prümer
(2005), S. 145; siehe hierzu auch § 297 HGB). Die Cashflow-Analyse eignet sich besonders, da Maßnahmen und Gestaltungen der Bilanzpolitik keinen Einfluss auf tatsächliche
Cashflow-Werte besitzen (vgl. Rinker (2022), S. 11; Gasch (2022), S. 45. Pellens et al.
(2017), S. 197). Die Kapitalflussrechnung bietet einen Einblick in die Finanzlage der
Unternehmen. Obgleich Zahlungsflüsse der Vergangenheit abgebildet werden, können
ceteris paribus Rückschlüsse zur Zahlungsfähigkeit in der Zukunft getroffen werden (vgl.
Böser et al. (2013), S. 359; Aumann und Kühnberger (2023), S. 117; Küting und Weber
(2015), S. 189 ff.). In Anbetracht der vorbildhaften Stellung, die die Unternehmen des
DAX-40 einnehmen, erfolgt die Ausrichtung des Untersuchungsgegenstandes dieser empirischen Analyse auf diejenigen Unternehmen, die in diesem Index gelistet sind (vgl.
Pilhofer et al. (2018), S. 530 f.; Pilhofer et al. (2020), S. 424; Aumann und Kühnberger (2023), S. 117 ff.). Vor dem erörterten Hintergrund erforscht die gegenwärtige
Abhandlung die aggregierten Finanzberichte ausgesuchter Unternehmen des DAX-40Index, welche in den Sektoren Automobilindustrie, Energiewirtschaft und Bankwesen
tätig sind, im Zeitraum der Geschäftsjahre 2020 bis 2023 (Halbjahresbericht). Für die
Erhebung der Daten wurde als hauptsächliche Informationsquelle die entsprechenden
Konzernabschlüsse der Unternehmen BMW, Volkswagen, E.ON, RWE, Commerzbank und
Deutsche Bank herangezogen. Das Forschungsziel dieser Untersuchung manifestiert sich
in der Absicht, die Erscheinungsformen gegenwärtiger ökonomischer Verlaufstendenzen
empirisch zu evaluieren und herauszufinden, ob die signifikanten Preis- und Zinserhöhungen substanzielle Auswirkungen auf die anvisierten Unternehmensentitäten besitzen. Der
Konsumgütersektor ist nicht Gegenstand der Untersuchung, da die Preiserhöhungen auf
die Kunden übertragen werden. Besonders relevant gestaltet sich das Resultat der Untersuchung im Energiesektor, da auch in diesem Bereich die Fachdebatten vermehrt von
einer weitreichenden Überwälzung der Aufwendungen sprechen (vgl. Breulmann (2022),
o. S; Schwarz (2022), S. 2). Die Wahl des Automobilsektors als Untersuchungsgegenstand
erweist sich als äußerst treffend, da sowohl gesteigerte Preise auf dem Beschaffungsmarkt
als auch erhöhte Kapitalkosten einen substanziellen Einfluss auf die Unternehmensdynamik ausüben. Tatsächlich besteht eine enge Korrelation zwischen der Automobilbranche
und der globalen Wirtschaftslage (vgl. Geschäftsbericht Volkswagen (2022), S. 230). Der
Banken- und Immobiliensektor wird vor allem durch die Veränderung des Zinsniveaus
beeinflusst, weswegen eine empirische Betrachtung im Zuge dieser Abhandlung essenziell
ist, um das Forschungsergebnis zu eruieren.
1 Kapitalflussrechnung nach DRSC Nr. 2 (2014); siehe weiterführend App. E
2 Siehe weiterführend auch EU-Verordnung Nr. 1606/2002 sowie § 264 d HGB i.V.m. § 2 Abs. 11
WpHG.
5.2
5.2
Definition der Analyseentitäten
81
Definition der Analyseentitäten
Zur präzisen Analyse und fundierten Beurteilung der Veränderungen in der Unternehmensdynamik im Kontext der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklungen werden die
nachfolgenden vertikalen Bilanzkennzahlen herangezogen.
• Eigenkapitalquote = Eigenkapital/Gesamtkapital * 100 → Die Eigenkapitalquote
veranschaulicht den prozentualen Anteil des Eigenkapitals am Gesamtkapital eines
Unternehmens. Eine erhöhte Eigenkapitalquote spiegelt eine solide Widerstandsfähigkeit des Unternehmens in Zeiten der Krise wider. Hingegen birgt eine niedrige
Eigenkapitalquote bei wirtschaftlichen Turbulenzen das Risiko, dass Verluste das
Unternehmen gefährden könnten, indem sie das Eigenkapital mindern. Die Höhe der
Eigenkapitalquote trägt maßgeblich zur Bewertung der Kreditwürdigkeit und Bonität
des Unternehmens bei (vgl. Rinker et al. (2022), S. 40 f.; Schmidlin (2020), S. 65 f.;
Heesen (2020), S. 70 ff.; Seppelfricke (2019), S. 146).
• Fremdkapitalquote = Fremdkapital/Gesamtkapital * 100 → Die Fremdkapitalquote
stellt das komplementäre Pendant zur Eigenkapitalquote dar. Eine höhere Eigenkapitalquote geht mit einer niedrigeren Fremdkapitalquote einher. Falls auf der Passivseite
der Bilanz des Unternehmens kein passiver Rechnungsabgrenzungsposten aufgeführt
wird, summiert sich der Prozentsatz beider Kennzahlen auf 100 %. Die Feststellungen zur Eigenkapitalquote lassen sich folglich analog auf die Fremdkapitalquote
übertragen. Die Effekte verhalten sich in diesem Fall entsprechend invers zur Eigenkapitalquote. Bei steigender Verschuldung und simultanen Verlusten erhöht sich die
Fremdkapitalquote dementsprechend (vgl. Rinker et al. (2022), S. 41; Seppelfricke
(2019), S. 146).
• Verschuldungsgrad = Fremdkapital/Eigenkapital * 100 → Der Verschuldungsgrad
zeigt auf, inwieweit das Unternehmen fremdfinanziert ist (vgl. Schmidlin (2020), S. 69;
Seppelfricke (2019), S. 146).
• Umlaufintensität = Umlaufvermögen/Gesamtvermögen * 100 → Die Umlaufintensität
fungiert ebenso wie die Anlagenintensität als Darstellung der Vermögensstruktur des
Unternehmens. Sie liefert Einblicke in den Anteil des Umlaufvermögens am Gesamtvermögen. Eine erhöhte Umlaufintensität weist darauf hin, dass das Unternehmen in
der Lage ist, schneller auf eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Gegebenheiten
zu reagieren. Im Gegensatz zu einer hohen Anlagenintensität signalisiert eine hohe
Umlaufintensität ein erweitertes Potenzial an Liquidität. Aufgrund eines geringeren
Anteils an Fixkosten können die Ausgaben in Zeiten schwankender Beschäftigung
rascher an die Situation angepasst werden. Es sei jedoch angemerkt, dass die konkrete Höhe der Umlaufintensität stark von der jeweiligen Branche abhängig ist (vgl.
Seppelfricke (2019), S. 149; Schmidlin (2020), S. 85 ff.; Rinker et al. (2022), S. 38).
82
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
• Anlageintensität = Anlagevermögen/Gesamtvermögen * 100 → Die Anlagenintensität bietet Einblick in die Struktur des Unternehmensvermögens, indem sie den Anteil
des Anlagevermögens am Gesamtvermögen darlegt. Eine erhöhte Anlagenintensität
weist auf eine beträchtliche Kapitalbindung im Unternehmen hin, verbunden mit einem
markanten Anteil an Fixkosten. Bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse kann das Unternehmen lediglich mit Verzögerung reagieren, da die Senkung
der Fixkosten gewöhnlich erst mittel- bis langfristig realisiert werden kann. Zudem verweist eine ausgeprägte Kapitalbindung auf substanzielle planmäßige Abschreibungen,
die den Gewinn des Unternehmens – unabhängig von dessen Auslastung – mindern
können (vgl. Schmidlin (2020), S. 85 ff.; Seppelfricke (2019), S. 149; Rinker et al.
(2022), S. 37).
Im Rahmen der Finanzanalyse der Unternehmen werden die nachfolgenden horizontalen
Bilanzkennzahlen zur Betrachtung herangezogen:
• Deckungsgrad 1 = Eigenkapital/Anlagevermögen → Die Goldene Bilanzregel bezeichnet den Sachverhalt, dass langfristiges Vermögen langfristig finanziert werden sollte.
Deckungsgrad 1 beschreibt die Deckung des Anlagevermögens durch das Eigenkapital.
• Deckungsgrad 2 = Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital/Anlagevermögen → In
ähnlichem Kontext wie beim Deckungsgrad 1 wird hierbei zusätzlich das langfristige
Fremdkapital berücksichtigt (vgl. Schmidlin (2020), S. 87).
• Liquidität 1. Grades = Liquide Mittel + Wertpapiere/kurzfristige Verbindlichkeiten *
100
Liquidität 2. Grades = Umlaufvermögen – Vorräte/kurzfristige Verbindlichkeiten *
100
Liquidität 3. Grades = Umlaufvermögen/kurzfristige Verbindlichkeiten * 100
→ Es erfolgt eine Differenzierung zwischen drei Graden der Liquidität, um
die statische Liquidität des Unternehmens am Bilanzstichtag einer Einschätzung zu
unterziehen. Die Abweichung manifestiert sich bei der Betrachtung im Nenner der
Gleichung. In Bezug auf die Liquidität 1. Grades erfolgt eine Betrachtung, die
ausschließlich die präsenten liquiden Mittel des Unternehmens in Relation zu den
kurzfristigen Verbindlichkeiten setzt. Sie gibt Aufschluss darüber, inwiefern die aktuell vorhandenen liquiden Mittel dazu geeignet sind, die kurzfristigen Verbindlichkeiten
des Unternehmens zu begleichen. Der intendierte Zielwert der Liquidität 1. Grades
beläuft sich auf ca. 20 % bis 25 %. Dies bedeutet, dass das Unternehmen mithilfe
der existenten liquiden Mittel im Idealfall ungefähr ein Fünftel, bis ein Viertel seiner
kurzfristigen Verbindlichkeiten tilgen können sollte. Die Signifikanz der Liquidität 1.
Grades erfährt darüber hinaus eine Beschränkung, indem die kurzfristigen Forderungen
des Unternehmens üblicherweise ebenfalls als Mittel zur Begleichung der kurzfristigen
Verbindlichkeiten dienen. Diese Überlegung findet ihre Berücksichtigung im Rahmen
5.3
Entwicklung übergreifender Untersuchungsgegenstände
83
der Liquidität 2. Grades. Eine angestrebte Mindestmarke für die Liquidität 2. Grades liegt bei 100 %. Dies impliziert, dass die liquiden Mittel und die kurzfristigen
Forderungen gleichwertig zur Höhe der kurzfristigen Verbindlichkeiten des Unternehmens sein sollten. In Hinblick auf die Liquidität 3. Grades erfolgt die Betrachtung der
liquiden Mittel, der kurzfristigen Forderungen sowie der Vorräte im Verhältnis zu den
kurzfristigen Verbindlichkeiten. In diesem Szenario wird vorausgesetzt, dass die Vorräte in absehbarer Zeit liquidiert werden können und dadurch unmittelbar kurzfristige
Forderungen oder direkt liquide Mittel entstehen. Der angestrebte Richtwert für die
Liquidität 3. Grades ist stark von der Branche abhängig und sollte zumindest 120 %
betragen (vgl. Rinker et al. (2022), S. 41 f; Schmidlin (2020), S. 95 ff; Seppelfricke
(2019), S. 129 ff.).
• Working Capital Ratio = Umlaufvermögen/kurzfristige Verbindlichkeiten * 100 →
Das Working Capital ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Umlaufvermögen
und den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Ein positiver Wert verdeutlicht, dass das
Umlaufvermögen eines Unternehmens ausreicht, um die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu begleichen. Die Ratio resultiert durch Division des Umlaufvermögens mit den
kurzfristigen Verbindlichkeiten und ist somit identisch zur Liquidität 3. Grades (vgl.
Seppelfricke (2019), S. 136).
Weitere übergreifende Untersuchungsgegenstände sind das Gesamtergebnis sowie der
Free Cashflow. Der Free Cashflow wird als finanzierungsneutrale Planungsgröße genutzt,
um den Unternehmenswert im Szenario einer hypothetischen Eigenfinanzierung zu evaluieren (vgl. Kuhner und Maltry (2017), S. 231; Kaiser (2013), S. 381; Eayrs et al. (2011),
S. 296; Wöltje (2016), S. 406). Der Free Cashflow repräsentiert den Zufluss finanzieller
Mittel während eines Zeitraums, der sowohl den Eigen- als auch den Fremdkapitalgebern
unter Berücksichtigung einer hypothetischen Steuerbelastung zukommt (vgl. Matschke
und Brösel (2013), S. 708). Die Strömungsgröße besitzt eine erhebliche Bedeutung, da
eine Steigerung derselben die finanzielle Flexibilität des Unternehmens maßgeblich erhöht
(vgl. Wöltje (2016), S. 405). In diesem Zusammenhang fungiert der Free Cashflow ebenso
als Ressource für die Begleichung von Kreditverbindlichkeiten und die Durchführung
von Aktienrückkäufen (vgl. Schmidlin (2020), S. 29). Der Free Cashflow kann durch
die Aggregation der Cashflows aus operativer Geschäftstätigkeit und Investitionstätigkeit
ermittelt werden (vgl. Seppelfricke (2019), S. 44).
5.3
Entwicklung übergreifender Untersuchungsgegenstände
Die empirische Analyse präsentiert eine detaillierte Zusammenstellung der finanziellen
Lage der DAX-40-Unternehmen über einen Zeitraum von vier Jahren, angefangen von
2020 bis zum ersten Halbjahr 2023. Die gemessenen Ergebnisse sind in Mrd. e angegeben und bieten eine umfassende Grundlage für eine umfangreiche finanzielle Analyse.
84
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Im Kontext der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklungen nimmt das Gesamtergebnis eine maßgebliche Stellung als bedeutsamer Schlüsselindikator ein. Die Ergebnisse
von BMW zeigen eine bemerkenswerte Steigerung im Zeitverlauf. Von 3,2 Mrd. e im
Jahr 2020 erreichte das Unternehmen 2022 ein Gesamtergebnis von 20,2 Mrd. e. Dies
ist auf eine verstärkte Geschäftstätigkeit und möglicherweise auf erfolgreiche strategische Initiativen während der Covid-19-Pandemie zurückzuführen (vgl. Menzel (2023),
o. S.). Es zeichnet sich jedoch ab, dass das Gesamtergebnis im Jahr 2023 unter dem
Zinsniveau leidet. Volkswagen verzeichnet ebenfalls eine kontinuierliche Zunahme seiner finanziellen Ergebnisse. Die Umsatzsteigerung von 5,2 Mrd. e im Jahr 2020 auf
23,1 Mrd. e im Jahr 2022 resultiert durch eine positive Dynamik im Automobilsektor.
Es zeigt sich, dass im Jahr 2020 Auswirkungen der Covid-19-Pandemie das Gesamtergebnis verringern. Das steigende Zinsniveau verringert zudem das Halbjahresergebnis
von Volkswagen. Es bleibt abzuwarten, ob Volkswagen den Höchstwert von 23,1 Mrd. e
im Jahr 2022 auch im Jahr 2023 erreichen wird. Sowohl E.ON als auch RWE zeigen
in bestimmten Jahren negative Gesamtergebnisse, insb. im Jahr 2020. Diese resultieren
aus den strukturellen Umwälzungen im Energiesektor infolge der Energieknappheit aufgrund des Konflikts in der Ukraine. Weiterhin ist zu konstatieren, dass E.ON im Halbjahr
2023 unter dem hohen Zinsniveau leidet. Die beiden Banken, Commerzbank und Deutsche Bank, zeigen teilweise volatile Gesamtergebnisse. Während die Commerzbank in den
Jahren 2021 und 2022 wieder auf eine positive Performance zusteuerte, verzeichnete die
Deutsche Bank einen positiven Trend in den Jahren 2020 und 2021. Die Profitabilität der
DAX-40-Banken mit Blick auf das steigende Zinsniveau kann demgemäß bestätigt werden – die Fachdiskussionen diskutieren den zunehmenden finanziellen Erfolg (vgl. Atzler
(2022), o. S; PwC GmbH (2022), S. 2–15). Summa Summarum illustriert die vorliegende
Analyse, dass diverse DAX-40-Unternehmen aus unterschiedlichen Sektoren variierende
Trends in ihren Gesamtergebnissen aufweisen. Diese empirischen Befunde sind potenziell
auf die jeweiligen spezifischen Markt- und Wettbewerbsbedingungen sowie auf die individuellen strategischen Determinanten der Unternehmen rückführbar. Abb. 5.1 zeigt die
Gesamtergebnisse3 der betrachteten DAX-40-Unternehmen auf, in Mrd. e.
Im Folgenden wird der Free Cashflow analysiert, der eine relevante finanzielle Größe
zur Einschätzung der unternehmerischen Liquidität und finanziellen Stärke darstellt. BMW
zeigt eine bemerkenswerte Steigerung seines Free Cashflows von 9,6 Mrd. e im Jahr 2020
auf 18,7 Mrd. e im Jahr 2022. Diese positive Entwicklung ist auf eine gesteigerte operative Effizienz sowie erfolgreiche Investitionsstrategien zurückzuführen. Jedoch ist eine
leichte Reduzierung im ersten Halbjahr 2023 auf 5,6 Mrd. e zu erkennen. Dies lässt sich
darauf zurückführen, dass die Konsequenzen der erhöhten Zinssätze erst nach einer gewissen Verzögerung spürbar werden. Es bleibt jedoch die Möglichkeit offen, dass BMW bis
zum Ende des Jahres 2023 einen Free Cashflow in ähnlicher Höhe wie im vorangegangenen Jahr generieren kann. Volkswagen verzeichnet eine erhebliche Schwankung seines
3 Zu beachten ist, dass die Gesamtergebnisse zum Halbjahr 2023 vergleichsweise gering sind, da nur
ein halbes Geschäftsjahr betrachtet wird.
5.3
Entwicklung übergreifender Untersuchungsgegenstände
85
Gesamtergebnis
25
20
15
10
5
0
-5
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.1 Gesamtergebnisse der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
Free Cashflows über den Zeitraum hinweg. Nach einem Anstieg von 2,2 Mrd. e im Jahr
2020 auf 12,5 Mrd. e im Jahr 2021 folgt ein drastischer Einbruch auf −13,3 Mrd. e im
Jahr 2022. Dies resultierte durch die anhaltenden Inflationseffekte sowie Einschränkungen
hinsichtlich der weltweiten Lieferketten. Ein erneuter Anstieg auf 5,2 Mrd. e im ersten
Halbjahr 2023 könnte eine positive Wende signalisieren, obgleich Volkswagen auch dem
gestiegenen Zinsniveau ausgesetzt ist. E.ON und RWE verzeichnen überwiegend stabile
respektive leicht ansteigende Free Cashflows über die Jahre hinweg. E.ON zeigt eine kontinuierliche Zunahme von 3,4 Mrd. e im Jahr 2020 auf 7,3 Mrd. e im Jahr 2022, obwohl
eine leichte Verschlechterung auf −1,6 Mrd. e im ersten Halbjahr 2023 erkennbar ist.
RWE hingegen zeigt eine ähnliche Entwicklung, jedoch mit einem Rückgang im Jahr
2022 auf −7,5 Mrd. e, gefolgt von einem Anstieg auf 1,2 Mrd. e im ersten Halbjahr
2023. Beide Banken, die Commerzbank und Deutsche Bank, weisen wesentliche Volatilitäten in ihren Free Cashflows auf. Die Commerzbank verzeichnet 2020 einen signifikanten
Anstieg auf 32,5 Mrd. e, gefolgt von einem massiven Rückgang auf −25,1 Mrd. e im
Jahr 2021. Die Jahre 2022 und 2023 zeigen eine positive Entwicklung auf 25,2 Mrd. e
respektive 9,9 Mrd. e. Ähnlich zeigt die Deutsche Bank eine Kennzahlenvolatilität, mit
einer Steigerung von 32,6 Mrd. e im Jahr 2020 auf 26,5 Mrd. e im Jahr 2021, gefolgt von
19,3 Mrd. e im Jahr 2022 und einem wesentlichen Rückgang auf −13 Mrd. e im ersten
86
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Free Cashflow
40
30
20
10
0
-10
-20
-30
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.2 Free Cashflows der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
Halbjahr 2023. Dies kann durch das Einlagengeschäft begründet werden (vgl. Halbjahresbericht Deutsche Bank (2023), S. 57). Abb. 5.2 vergleicht den Verlauf der Free Cashflows
der betrachteten DAX-40-Unternehmen, in Mrd. e.
5.4
Entwicklung der vertikalen Bilanzkennzahlen
Im Folgenden wird die Eigenkapitalquote analysiert, um festzustellen, wie hoch die
Widerstandsfähigkeit ggü. Krisen ist. BMW zeigt eine stetige Steigerung seiner Eigenkapitalquote von 28,4 % im Jahr 2020 auf 37,0 % im Jahr 2022. Die Quote verzeichnet jedoch
einen leichten Rückgang auf 36,0 % im ersten Halbjahr 2023. Dies könnte auf eine effiziente Kapitalstruktur und gezielte Eigenkapitalstärkung hinweisen, um den Auswirkungen
der Wirtschaftsentwicklungen vorzubeugen. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Eigenkapitalquote des Jahres 2022 mit hoher Wahrscheinlichkeit übertroffen wird. Volkswagen
verzeichnet ebenfalls eine kontinuierliche Zunahme seiner Eigenkapitalquote von 21,4 %
im Jahr 2020 auf 31,6 % im Jahr 2022. Allerdings fällt die Quote im ersten Halbjahr 2023
auf 31,1 %. Diese Entwicklung kann auf strategische Bemühungen zur Eigenkapitalstärkung zurückzuführen sein. E.ON zeigt einen signifikanten Anstieg der Eigenkapitalquote
von 9,5 % im Jahr 2020 auf 16,3 % im Jahr 2022. Im ersten Halbjahr 2023 steigt die
5.4
Entwicklung der vertikalen Bilanzkennzahlen
87
Quote weiter auf 18,7 %. RWE verzeichnet eine unregelmäßige Entwicklung seiner Eigenkapitalquote. Von 28,7 % im Jahr 2020 fällt die Quote rasant auf 11,9 % im Jahr 2021,
um dann wieder auf 21,1 % im Jahr 2022 anzusteigen. Im ersten Halbjahr 2023 steigt
die Quote weiter auf 29,9 %. Diese Schwankungen können auf die Auswirkungen des
Ukraine-Konflikts zurückzuführen sein, da die Verknappung der Energie – bspw. die verringerte Zufuhr von russischem Erdgas – in Eigenkapitalmaßnahmen4 resultiert. Sowohl
die Commerzbank als auch die Deutsche Bank verzeichnen eine leicht steigende Tendenz
ihrer Eigenkapitalquoten über den Beobachtungszeitraum. Die Commerzbank zeigt eine
Erhöhung von 5,6 % im Jahr 2020 auf 6,5 % im Jahr 2022, gefolgt von einem geringfügigen Rückgang auf 6,4 % im ersten Halbjahr 2023. Die Eigenkapitalquote der Deutschen
Bank steigt von 4,7 % im Jahr 2020 auf 5,4 % im Jahr 2022 und weiter auf 5,6 % im
ersten Halbjahr 2023. Basierend auf den bisherigen Entwicklungen könnte erwartet werden, dass die Eigenkapitalquoten der meisten DAX-40-Unternehmen weiterhin stabil oder
leicht steigend bleiben werden – aufgrund der sinkenden Inflationsraten und der zunehmenden Energieverfügbarkeit. Dies deutet auf eine generelle Stärkung der finanziellen
Lage hin. Gleichwohl bleiben die Herausforderungen, die durch den Ukraine-Krieg und
das hohe Zinsniveau resultieren, bestehen. Es ist jedoch zu erwarten, dass die betrachteten
DAX-40-Unternehmen ihre Kapitalstruktur verbessern werden, um den aktuellen Wirtschaftsentwicklungen vorzubeugen. Abb. 5.3 zeigt den Verlauf der Eigenkapitalquote der
DAX-40-Unternehmen in Form eines Balkendiagramms.
Im Folgenden wird die Fremdkapitalquote analysiert, die das natürliche Pendant zur
Eigenkapitalquote darstellt. Bei zunehmender Verschuldung erhöht sich ceteris paribus
die Fremdkapitalquote dementsprechend (vgl. Rinker et al. (2022), S. 41; Seppelfricke
(2019), S. 146). BMW weist einen kontinuierlichen Rückgang seiner Fremdkapitalquote
auf, von 71,6 % im Jahr 2020 auf 63,0 % im Jahr 2022. Im ersten Halbjahr 2023 steigt
die Quote leicht auf 64,0 %. Diese Entwicklung könnte auf eine gezielte Reduzierung der
Fremdfinanzierung und eine stärkere Betonung des Eigenkapitals hindeuten. Auch Volkswagen zeigt eine Abnahme seiner Fremdkapitalquote von 78,6 % im Jahr 2020 auf 68,4 %
im Jahr 2022. Die Quote steigt marginal auf 68,9 % im ersten Halbjahr 2023. Ähnlich
wie bei BMW könnte dies auf Bemühungen zur Verschuldungsreduzierung und Stärkung
der Kapitalstruktur hindeuten, um den vorherrschenden Wirtschaftsentwicklungen entgegenzuwirken. E.ON verzeichnet einen deutlichen Rückgang der Fremdkapitalquote von
90,5 % im Jahr 2020 auf 83,7 % im Jahr 2022. Im ersten Halbjahr 2023 setzt sich dieser Trend fort, mit einer Quote von 81,3 %. RWE zeigt eine wechselhafte Entwicklung
der Fremdkapitalquote. Von 71,3 % im Jahr 2020 steigt die Quote signifikant auf 88,1 %
im Jahr 2021. Im Jahr 2022 sinkt die Fremdkapitalquote auf 78,9 %. Im ersten Halbjahr
2023 fällt die Quote weiter auf 70,1 %. Sowohl die Commerzbank als auch die Deutsche
Bank verzeichnen eine konstante Fremdkapitalquote über den Beobachtungszeitraum. Die
Fremdkapitalquote der Commerzbank liegt bei ca. 94,4 % im Jahr 2020 und bleibt in den
4 Erhöhung des Eigenkapitals in der Bilanz, um die Verluste aus der Verknappung der Energie
einzudämmen.
88
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Eigenkapitalquote
40.0%
35.0%
30.0%
25.0%
20.0%
15.0%
10.0%
5.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.3 Eigenkapitalquote der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
folgenden Jahren nahezu unverändert. Analog zeigt die Deutsche Bank eine nahezu konstante Fremdkapitalquote von ca. 95 % über den Betrachtungszeitraum. Abb. 5.4 zeigt
den Verlauf der Fremdkapitalquote der betrachteten DAX-40-Unternehmen.
Im Folgenden wird der Verschuldungsgrad analysiert, um zu konstatieren, wie hoch
die Fremdfinanzierung ist. BMW verzeichnet einen konstanten Rückgang des Verschuldungsgrades, von 252,2 % im Jahr 2020 auf 170,5 % im Jahr 2022. Im ersten Halbjahr
2023 steigt der Grad leicht auf 177,8 %. Dies kann auf eine Reduktion des Fremdkapitals
im Verhältnis zum Eigenkapital hinweisen. Volkswagen zeigt ebenfalls einen konstanten
Rückgang seines Verschuldungsgrades von 286,0 % im Jahr 2020 auf 216,3 % im Jahr
2022. Im ersten Halbjahr 2023 steigt der Grad auf 221,2 %. Analog zu BMW kann dies
auf einen Rückgang des Fremdkapitals im Verhältnis zum Eigenkapital hindeuten. E.ON
weist eine bemerkenswerte Reduzierung des Verschuldungsgrades auf, von 953,4 % im
Jahr 2020 auf 512,8 % im Jahr 2022. Im ersten Halbjahr 2023 sinkt der Grad weiter auf
434,4 %. RWE zeigt eine volatile Entwicklung des Verschuldungsgrades. Von 248,1 % im
Jahr 2020 steigt der Grad rasant auf 737,3 % im Jahr 2021, um dann im Jahr 2022
auf 373,2 % zu sinken. Im ersten Halbjahr 2023 fällt der Grad weiter auf 234,8 %.
Der starke Anstieg im Jahr 2021 ist auf die Energieverknappung im Zuge des UkraineKonflikts zurückzuführen. Die Commerzbank und die Deutsche Bank verzeichnen über
5.4
Entwicklung der vertikalen Bilanzkennzahlen
89
Fremdkapitalquote
100.0%
90.0%
80.0%
70.0%
60.0%
50.0%
40.0%
30.0%
20.0%
10.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.4 Fremdkapitalquote der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg hohe Verschuldungsgrade. Die Commerzbank zeigt eine leichte Abnahme von 1673,0 % im Jahr 2020 auf 1443,4 % im Jahr 2022,
gefolgt von einer leichten Zunahme auf 1470,3 % im ersten Halbjahr 2023. Die Deutsche
Bank weist ebenfalls eine Abnahme von 2030,8 % im Jahr 2020 auf 1748,2 % im Jahr
2022 auf, gefolgt von einem weiteren Rückgang auf 1688,2 % im ersten Halbjahr 2023.
Die zunehmende Abnahme korreliert mit dem steigenden Zinsniveau. Abb. 5.5 zeigt den
Verschuldungsgrad der DAX-40-Unternehmen über den Zeitraum der Krisenjahre.
Im Folgenden wird die Umlaufintensität analysiert, um die Vermögensstruktur zu
bewerten. Es ist zu berücksichtigen, dass Banken eine sehr hohe Umlaufintensität
aufweisen, da finanzielle Vermögenswert schnell liquidiert werden können. Ferner ist
zu konstatieren, dass das Anlagevermögen dementsprechend gering ist – dies ist der
Geschäftstätigkeit einer Bank inhärent (vgl. Nickenig (2017), S. 19–33). BMW zeigt eine
stabile Umlaufintensität, die von 37,8 % im Jahr 2020 auf 37,3 % im Jahr 2022 sinkt und
dann im ersten Halbjahr 2023 auf 39,3 % ansteigt. Dies deutet darauf hin, dass BMW in
der Lage ist, einen konstanten Anteil des Umlaufvermögens in seiner Vermögensstruktur
aufrechtzuerhalten. Volkswagen weist ebenfalls eine stabile Umlaufintensität auf, die von
39,2 % im Jahr 2020 auf 39,7 % im Jahr 2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr 2023
auf 40,8 % steigt. E.ON zeigt eine signifikante Schwankung in der Umlaufintensität, die
von 20,9 % im Jahr 2020 auf 39,0 % im Jahr 2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr
90
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Verschuldungsgrad
2000.0%
1500.0%
1000.0%
500.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.5 Verschuldungsgrad der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung,
auf Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
2023 auf 30,8 % zurückgeht. RWE verzeichnet ebenfalls eine signifikante Schwankung in
der Umlaufintensität. Von 44,2 % im Jahr 2020 steigt sie auf 72,7 % im Jahr 2021 an, fällt
dann auf 69,5 % im Jahr 2022 und sinkt schließlich auf 55,1 % im ersten Halbjahr 2023.
Diese Schwankungen sind auf die Vermögensstrukturveränderungen aufgrund der Energieknappheit zurückzuführen. Die Commerzbank und die Deutsche Bank weisen über den
gesamten Beobachtungszeitraum hinweg eine hohe Umlaufintensität auf. Die Umlaufintensität der Commerzbank liegt konstant bei ca. 97,6 %, während die der Deutschen Bank
von 85,9 % im Jahr 2020 auf 87,0 % im Jahr 2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 86,2 % fällt. Basierend auf den bisherigen Entwicklungen ist zu erwarten,
dass die meisten DAX-40-Unternehmen eine stabile oder leicht steigende Umlaufintensität beibehalten werden. Unternehmen wie E.ON und RWE könnten jedoch aufgrund ihrer
signifikanten Schwankungen in der Umlaufintensität in der Zukunft weitere Anpassungen
in ihrer Geschäftsstruktur und in ihrem Umlaufvermögen vornehmen. Abb. 5.6 zeigt den
Verlauf der Umlaufintensität auf.
Im Folgenden wird die Anlageintensität untersucht. Die Anlageintensität stellt das
natürliche Pendant zur Umlaufintensität dar. Die Anlageintensität misst den Anteil des
Anlagevermögens am Gesamtvermögen eines Unternehmens und gibt Aufschluss über die
Art und den Umfang der langfristigen Investitionen eines Unternehmens (vgl. Schmidlin
(2020), S. 85 ff.; Seppelfricke (2019), S. 149; Rinker et al. (2022), S. 37). BMW zeigt eine
tendenziell rückläufige Anlageintensität, die von 62,2 % im Jahr 2020 auf 62,7 % im Jahr
2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 60,7 % zurückgeht. Dies deutet darauf
5.4
Entwicklung der vertikalen Bilanzkennzahlen
91
Umlaufintensität
120.0%
100.0%
80.0%
60.0%
40.0%
20.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.6 Umlaufintensität der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
hin, dass BMW im Laufe der Zeit eine leicht verstärkte Fokussierung auf das Umlaufvermögen im Vergleich zum Anlagevermögen aufweist. Volkswagen weist eine ähnliche
Entwicklung auf, bei der die Anlageintensität von 60,8 % im Jahr 2020 auf 60,3 % im
Jahr 2022 sinkt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 59,2 % fällt. Dies deutet darauf
hin, dass Volkswagen ebenfalls eine gewisse Neigung zur Reduktion des Anlagevermögens zugunsten des Umlaufvermögens zeigt. E.ON zeigt eine auffällige Schwankung in
der Anlageintensität, die von 79,1 % im Jahr 2020 auf 61,0 % im Jahr 2022 abnimmt und
dann im ersten Halbjahr 2023 auf 69,2 % ansteigt. RWE verzeichnet ebenso eine bemerkenswerte Veränderung in der Anlageintensität, die von 55,8 % im Jahr 2020 auf 27,3 %
im Jahr 2021 stark abfällt und dann im Jahr 2022 auf 30,5 % und im ersten Halbjahr 2023
auf 44,9 % ansteigt. Die Commerzbank und die Deutsche Bank haben im Allgemeinen
eine niedrige Anlageintensität, die über den gesamten Beobachtungszeitraum hinweg relativ stabil bleibt. Dies spiegelt die Art des Geschäftsmodells von Banken wider, bei denen
das Anlagevermögen im Vergleich zum Umlaufvermögen weniger dominant ist. Basierend
auf den bisherigen Trends könnten die meisten Unternehmen eine stabile oder leicht rückläufige Anlageintensität beibehalten. Unternehmen wie E.ON und RWE könnten jedoch
aufgrund ihrer signifikanten Schwankungen in der Anlageintensität in der Zukunft weitere
Anpassungen in ihren Investitionsplänen und ihrer Geschäftsstruktur vornehmen. Abb. 5.7
zeigt den Verlauf der Anlageintensität auf.
92
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Anlageintensität
90.0%
80.0%
70.0%
60.0%
50.0%
40.0%
30.0%
20.0%
10.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.7 Anlageintensität der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
5.5
Entwicklung der horizontalen Bilanzkennzahlen
Im Folgenden wird der Deckungsgrad 1 und 2 analysiert, die in Kohärenz die Goldene Bilanzregel darstellen. Der Deckungsgrad 1 misst das Verhältnis des kurzfristigen
Vermögens (Umlaufvermögen) zum kurzfristigen Fremdkapital eines Unternehmens und
gibt Aufschluss darüber, inwieweit das Unternehmen in der Lage ist, seine kurzfristigen
Verbindlichkeiten mit seinem kurzfristigen Vermögen zu decken (vgl. Schmidlin (2020),
S. 87). BMW verzeichnet eine kontinuierliche Steigerung des Deckungsgrads 1, der von
45,6 % im Jahr 2020 auf 59,0 % im Jahr 2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr
2023 auf 59,3 % weiter steigt. Der Umstand beweist, dass BMW über den Beobachtungszeitraum hinweg seine Fähigkeit verbessert hat, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten mit
seinen kurzfristigen Vermögenswerten abzudecken. Volkswagen zeigt eine ähnliche Tendenz wie BMW, wobei der Deckungsgrad 1 von 42,6 % im Jahr 2020 auf 52,5 % im
Jahr 2022 und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 52,6 % steigt. Dies deutet darauf hin,
dass Volkswagen ebenfalls eine verbesserte Fähigkeit zur Deckung seiner kurzfristigen
Verbindlichkeiten entwickelt hat. E.ON verzeichnet ebenfalls eine stetige Steigerung des
Deckungsgrads 1, der von 12,0 % im Jahr 2020 auf 26,7 % im Jahr 2022 ansteigt und dann
im ersten Halbjahr 2023 auf 27,0 % weiter steigt. Der Erfolg basiert darauf, dass E.ON in
den letzten Jahren seine Fähigkeit zur Deckung kurzfristiger Verbindlichkeiten erheblich
gesteigert hat. Dies resultiert aus der Weitergabe der Kosten für Energie an die Kunden.
RWE zeigt eine bemerkenswerte Volatilität in der Entwicklung des Deckungsgrads 1. Von
5.5
Entwicklung der horizontalen Bilanzkennzahlen
93
51,4 % im Jahr 2020 fällt er auf 43,7 % im Jahr 2021 ab, steigt dann jedoch signifikant
auf 69,2 % im Jahr 2022 an und fällt schließlich auf 66,5 % im ersten Halbjahr 2023. Die
Commerzbank und die Deutsche Bank weisen über den gesamten Beobachtungszeitraum
hinweg hohe Deckungsgrade 1 auf, die kontinuierlich steigen. Der Vorteil kommt dadurch
zustande, dass die Banken in der Lage sind, ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten mit ihren
kurzfristigen Vermögenswerten umfassend zu decken. Basierend auf den bisherigen Entwicklungen könnten die meisten Unternehmen ihre Fähigkeit zur Deckung kurzfristiger
Verbindlichkeiten weiterhin verbessern. E.ON und RWE könnten aufgrund ihrer signifikanten Schwankungen in der Entwicklung des Deckungsgrads 1 in der Zukunft weitere
Anpassungen in ihrer Geschäftsstruktur vornehmen. Das Schaubild (Abb. 5.8) verdeutlicht
den Verlauf des Deckungsgrads 1 über den Betrachtungszeitraum.
Im Zuge der Betrachtung der Goldenen Bilanzregel wird im Folgenden der Deckungsgrad 2 analysiert. BMW verzeichnet eine stabile Entwicklung des Deckungsgrads 2, der
sich von 107,3 % im Jahr 2020 auf 105,0 % im Jahr 2022 reduziert und dann im ersten
Halbjahr 2023 auf 106,2 % steigt. Volkswagen zeigt eine ähnliche stabile Entwicklung
wie BMW, wobei der Deckungsgrad 2 von 109,8 % im Jahr 2020 auf 112,2 % im Jahr
2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 111,4 % leicht zurückgeht. E.ON verzeichnet eine weitgehend stabile Entwicklung des Deckungsgrads 2, der von 93,8 % im
Jahr 2020 auf 97,6 % im Jahr 2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 96,7 %
leicht abfällt. RWE zeigt eine relevante Steigerung des Deckungsgrads 2, der von 131,2 %
im Jahr 2020 auf 139,2 % im Jahr 2022 ansteigt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf
134,1 % sinkt. Die Commerzbank und die Deutsche Bank weisen hohe Deckungsgrade 2
Deckungsgrad 1
300.0%
250.0%
200.0%
150.0%
100.0%
50.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.8 Deckungsgrad 1 der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
94
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Deckungsgrad 2
400.0%
350.0%
300.0%
250.0%
200.0%
150.0%
100.0%
50.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.9 Deckungsgrad 2 der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf
Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
auf, die kontinuierlich steigen. Alle betrachteten DAX-40-Unternehmen sind in der Lage,
die kurzfristigen Verbindlichkeiten mit deren kurzfristigen Vermögen zu decken. Abb. 5.9
zeigt den Deckungsgrad 2 der betrachteten DAX-40-Unternehmen auf.
Im Folgenden wird die Liquidität 1. Grades analysiert, um zu eruieren, ob die liquiden
Mittel ausreichen, um die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu decken. BMW zeigt eine allmähliche Steigerung der Liquidität 1. Grades von 18,8 % im Jahr 2020 auf 20,0 % im Jahr
2022 und dann auf 20,9 % im ersten Halbjahr 2023. Es lässt sich konstatieren, dass BMW
in der Lage ist, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten durch seine liquiden Mittel kontinuierlich zu begleichen. Volkswagen verzeichnet einen Anstieg der Liquidität 1. Grades von
33,3 % im Jahr 2020 auf 36,3 % im Jahr 2022, bevor die Kennzahl im ersten Halbjahr 2023
auf 31,8 % fällt. Volkswagen besitzt zwar die Fähigkeit, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten mit liquiden Mitteln zu decken, jedoch mit gewissen Schwankungen – Volkswagen
weist jedoch die beste Liquidität 1. Grades im Kennzahlenvergleich auf. E.ON zeigt eine
insgesamt rückläufige Entwicklung der Liquidität 1. Grades, die von 19,5 % im Jahr 2020
auf 17,3 % im Jahr 2022 abfällt und dann im ersten Halbjahr 2023 auf 14,3 % sinkt.
Dies resultiert daraus, dass E.ON weniger liquide Mittel zur Deckung seiner kurzfristigen Verbindlichkeiten hat. Dies basiert auf den Ereignissen des Ukraine-Konflikts und
der entsprechenden Energieknappheit. RWE zeigt eine auffällige Volatilität der Liquidität 1. Grades, die von 28,9 % im Jahr 2020 auf 8,8 % im Jahr 2022 fällt und dann im
ersten Halbjahr 2023 auf 18,8 % ansteigt. Analog zu E.ON hat auch RWE mit den Auswirkungen des Ukraine-Konflikts zu kämpfen, wodurch die Volatilität zustande kommt.
5.5
Entwicklung der horizontalen Bilanzkennzahlen
95
Liquidität 1. Grades
40.0%
35.0%
30.0%
25.0%
20.0%
15.0%
10.0%
5.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.10 Liquidität 1. Grades der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung,
auf Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
Die Commerzbank und die Deutsche Bank zeigen eine tendenziell abnehmende Liquidität 1. Grades. Das Schaubild (Abb. 5.10) zeigt den Verlauf der Liquidität 1. Grades der
betrachteten DAX-40-Unternehmen auf.
Um die vertikale Bilanzanalyse weiter zu vertiefen, bedarf es der Betrachtung der
Liquidität 2. Grades, bei welcher zusätzlich die Vorräte betrachtet werden. BMW zeigt
eine kontinuierliche Abnahme der Liquidität 2. Grades von 93,0 % im Jahr 2020 auf
85,5 % im Jahr 2022 und schließlich auf 82,9 % im ersten Halbjahr 2023. Volkswagen
zeigt eine ähnliche Abnahme der Liquidität 2. Grades von 91,4 % im Jahr 2020 auf 94,1 %
im Jahr 2022, bevor sie im ersten Halbjahr 2023 auf 89,2 % fällt. E.ON verzeichnet eine
schwankende Entwicklung der Liquidität 2. Grades, die von 76,4 % im Jahr 2020 auf
92,3 % im Jahr 2022 ansteigt, bevor sie im ersten Halbjahr 2023 auf 87,4 % zurückgeht.
RWE zeigt ebenfalls Schwankungen in der Liquidität 2. Grades, die von 155,1 % im Jahr
2020 auf 115,5 % im Jahr 2022 abfällt, bevor sie im ersten Halbjahr 2023 auf 134,0 %
steigt. Die Commerzbank und die Deutsche Bank zeigen eine relativ stabile Liquidität 2.
Grades, wobei die Werte sich nur marginal ändern. Basierend auf den bisherigen Entwicklungen könnten die meisten DAX-40-Unternehmen versuchen, ihre Liquidität 2. Grades zu
stabilisieren oder leicht zu erhöhen. Schwankungen können auf Anpassungen im Umgang
mit liquiden Mitteln zurückzuführen sein. Abb. 5.11 zeigt den Verlauf der Liquidität 2.
Grades der betrachteten DAX-40-Unternehmen.
Abschließend wird die Liquidität 3. Grades respektive die Working Capital Ratio analysiert. Die Working Capital Ratio berücksichtigt nicht nur liquide Mittel und kurzfristige
Forderungen, sondern auch Vorräte als kurzfristige Aktiva, um zu beurteilen, inwieweit
96
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
Liquidität 2. Grades
160.0%
140.0%
120.0%
100.0%
80.0%
60.0%
40.0%
20.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.11 Liquidität 2. Grades der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung,
auf Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
ein Unternehmen in der Lage ist, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten mit diesen Vermögenswerten zu decken (vgl. Rinker et al. (2022), S. 41 f.; Schmidlin (2020), S. 95 ff.;
Seppelfricke (2019), S. 129 ff.). BMW zeigt eine stabile Working Capital Ratio, die von
113,7 % im Jahr 2020 auf 109,2 % im Jahr 2022 abfällt, bevor sie im ersten Halbjahr
2023 auf 110,7 % ansteigt. Diese Schwankungen sind auf Anpassungen in Bezug auf
den Umgang mit Vorräten und anderen kurzfristigen Aktiva zurückzuführen – insb. mit
Blick auf die Lieferketteneinschränkungen durch die Endemie. Volkswagen verzeichnet
eine kontinuierliche Zunahme der Working Capital Ratio von 117,9 % im Jahr 2020 auf
122,7 % im Jahr 2022, bevor sie im ersten Halbjahr 2023 auf 119,9 % zurückgeht. Dies
resultiert aus dem Aspekt, dass Volkswagen bestrebt ist, seine kurzfristigen Verbindlichkeiten vermehrt durch liquide Mittel, Forderungen und Vorräte abzudecken. E.ON zeigt
ebenfalls eine steigende Tendenz in der Working Capital Ratio, die von 81,0 % im Jahr
2020 auf 96,4 % im Jahr 2022 ansteigt, bevor sie im ersten Halbjahr 2023 auf 93,1 %
zurückgeht. RWE weist eine ähnliche Entwicklung wie in der Liquidität 2. Grades auf,
wobei die Working Capital Ratio von 165,0 % im Jahr 2020 auf 120,8 % im Jahr 2022
abfällt, bevor sie im ersten Halbjahr 2023 auf 138,6 % steigt. Wie in den vorherigen
Kennzahlen zeigen die Commerzbank und die Deutsche Bank auch in der Working Capital Ratio relativ stabile Werte. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die DAX-40-Banken
eine konsistente Balance zwischen liquiden Mitteln, Forderungen, Vorräten und kurzfristigen Verbindlichkeiten beibehalten. Abb. 5.12 zeigt den Verlauf der Working Capital Ratio
über den Betrachtungszeitraum auf.
5.6
Ausgewählte qualitative Anhangs- und Lageberichtangaben
97
Working Capital Ratio
160.0%
140.0%
120.0%
100.0%
80.0%
60.0%
40.0%
20.0%
0.0%
2020
2021
2022
2023 H
Abb. 5.12 Working Capital Ratio der betrachteten DAX-Unternehmen. (Quelle: Eigene Darstellung, auf Basis der Geschäftsberichte von 2020–2023)
5.6
Ausgewählte qualitative Anhangs- und
Lageberichtangaben
Um die Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen qualitativ zu analysieren,
ist es sinnvoll, Anhangs- und Lageberichtangaben zu untersuchen, um ggf. Prognosen
eruieren zu können. Die qualitative Analyse erfolgt analog zur Datenanalyse der vorangegangenen Kap. Im Folgenden werden unterschiedliche Aussagen zu den Auswirkungen
des hohen Zinsniveaus, der Inflation, des Ukraine-Konflikts etc. analysiert. Zu jedem
DAX-40-Unternehmen werden drei wesentliche Aussagen eruiert:
1. BMW
– BMW verdeutlicht im Geschäftsbericht, dass eine anhaltend hohe Inflationsrate zu
einem Rückgang der Nachfrage führt. Dennoch ist der Konzern optimistisch, dass
die Nachfrage stabil bleibt, da gezielte Investitionsentscheidungen getroffen wurden.
Zudem profitiert BMW durch ein starkes Lieferantennetzwerk.
– BMW gibt an, dass das hohe Zinsniveau maßgebliche negative Effekte aufweist.
98
2.
3.
4.
5.
6.
5 Empirische Analyse ausgewählter DAX-40-Unternehmen
– Begründet durch die Inflation, ist BMW derzeit signifikanten Kostenerhöhungen
auf dem Beschaffungsmarkt ausgesetzt (vgl. Geschäftsbericht BMW (2022), S. 41,
71 ff.; 123 f. und 131 ff.).
Volkswagen
– Volkswagen konstatiert, dass die anhaltend hohe Inflation einen komprimierenden
Effekt auf die private Nachfrage aufweist.
– Zudem geht Volkswagen davon aus, dass der anhaltende Ukraine-Konflikt hohes
Risikopotenzial birgt, welches Auswirkungen auf Wachstumsstrategien mit sich
bringt.
– Die sinkende Verfügbarkeit von Energie, aufgrund des Ukraine-Konflikts, vermindert die Profitabilität des operativen Bereichs (vgl. Halbjahresbericht Volkswagen
(2023), S. 30 f.).
E.ON
– E.ON gibt an, dass ein Werthaltigkeitstest gem. IAS 36 durchgeführt wurde, um
eine Wertberichtigung im Zuge der Inflation durchzuführen.
– Ferner gibt E.ON an, dass die zunehmende Zinserhöhung auch auf Bestandsinvestitionen Auswirkungen besitzt.
– Aufgrund des Ukraine-Konflikts sind die Commodity-Preise stark angestiegen.
Demgemäß steigt das Liquiditätsrisiko signifikant an (vgl. Halbjahresbericht E.ON
(2023), S. 33 f.).
RWE
– RWE konstatiert, dass wesentliche Inflationseffekte auf die Kapitalflussrechnung
vorherrschen, da der Kaufkraftverlust zunehmend sinkt.
– RWE erhöhte die langfristigen Rückstellungen aufgrund des gestiegenen Zinsniveaus.
– RWE stellt fest, dass die Energiepreise zwar Ende 2022 gesunken sind, wenngleich fortdauernde Effekte der Energieverknappung zu vermerken sind (vgl.
Halbjahresbericht RWE (2023), S. 6 und S. 34).
Commerzbank
– Die Commerzbank stellt klar, dass aufgrund des gestiegenen Zinsniveaus die
Profitabilität sowie die Ertragskraft signifikant gestiegen sind.
– Die Commerzbank betont den Aspekt, dass hohe Zinserträge in den Folgejahren
möglich sind.
– Ferner konstatiert die Commerzbank, dass der Ukraine-Krieg in einem Umdenken
der internationalen Handelsbeziehungen resultiert (vgl. Halbjahresbericht Commerzbank (2023), S. 4 ff.).
Deutsche Bank
– Die operative Zinsmarge steigt signifikant an – analog zur Commerzbank.
– Die Deutsche Bank geht davon aus, dass die Inflation ihren Höhepunkt bereits
erreicht hat, wodurch positive Entwicklungen zu prognostizieren sind.
Literatur
99
– Die globalen geopolitischen Risiken, die durch den Ukraine-Krieg resultieren sind
nach wie vor hoch, weshalb das inhärente Risiko weiterhin relevant ist. Insbesondere sind internationale Geschäftsbeziehungen betroffen (vgl. Halbjahresbericht
Deutsche Bank (2023), S. 4 ff. und S. 28).
Die publizierten Halbjahresberichte (2023) bieten Einblicke in die unterschiedlichen
Herausforderungen und Chancen, mit denen die Unternehmen im Zuge der aktuellen Wirtschaftsentwicklungen konfrontiert sind. Die Inflation, das Zinsniveau und geopolitische
Unsicherheiten beeinflussen die Finanzergebnisse in unterschiedlichem Maße und erfordern eine stetige Anpassung der Unternehmensstrategien. Es bleibt abzuwarten, wie diese
Einflussfaktoren die zukünftige Performance und Position der Unternehmen beeinflussen.
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Wöltje, J. (2016). Bilanzen lesen, verstehen und gestalten (12. Aufl.). Haufe.
6
Conclusio der Ergebnisse
Zusammenfassung
Dieses Kapitel zieht ein umfassendes Fazit zu den Auswirkungen veränderter makroökonomischer Bedingungen, insbesondere der Zinswende und Inflation, auf die
Unternehmenssphäre. Die steigenden Zinssätze in der Eurozone, verstärkt durch den
Ukraine-Krieg und anhaltende Covid-19-Auswirkungen, führen zu erhöhter Unsicherheit und signifikanten Veränderungen in der Wirtschaft. Die restriktive Geldpolitik der
EZB beeinflusst Unternehmensrisiken, Finanzen und Erträge. Unternehmen müssen
sich mit steigenden Zinsbelastungen, erhöhten Inflationsraten und volatilen Marktbedingungen auseinandersetzen. Trotz negativer Auswirkungen bieten die neuen
Bedingungen auch Chancen für agile Unternehmen. Eine umfassende Risikosteuerung,
insbesondere in Bezug auf inhärente Risiken und bilanzielle Posten, wird entscheidend.
Die empirische Analyse zeigt unterschiedliche Finanztrends in verschiedenen Sektoren. Insgesamt stehen DAX-40-Unternehmen vor der Herausforderung, sich flexibel
anzupassen und effektive Risikomanagementstrategien zu entwickeln, um langfristige
Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.
Das vorliegende wissenschaftliche Fazit dieses Buchs zeichnet ein umfassendes Bild
der Auswirkungen der veränderten makroökonomischen Bedingungen, in Bezug auf die
Zinswende und die Inflation, auf verschiedene Aspekte der Unternehmenssphäre. Die
analysierten Veränderungen manifestieren sich nicht nur in ökonomischen, sondern auch
in gesellschaftlichen Dimensionen, und ihre Komplexität spiegelt sich in einer erhöhten
Unsicherheit in der globalen Wirtschaft, vor allem innerhalb der Eurozone, wider. Diese
© Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein
Teil von Springer Nature 2024
C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-44566-9_6
101
102
6 Conclusio der Ergebnisse
Unsicherheit wird noch durch die anhaltenden Auswirkungen der Covid-19-Pandemie verstärkt, die sich in die sog. Endemie überführt hat und weiterhin internationale Lieferketten
beeinträchtigt.
Zusätzlich verschärft der fortwährende Ukraine-Krieg die Dysfunktionen in den Lieferketten, was wiederum zu einer erheblichen Verknappung der Energie in der Eurozone
aufgrund von Sanktionen und Lieferstopps führt. Dies hat nicht nur Auswirkungen auf
den Einzelverbraucher, sondern auch auf Unternehmen, die mit erheblichen Preisanstiegen konfrontiert sind. Insbesondere die hohen Energie- und Rohstoffpreise, vor allem
für Erdgas, haben zu steigenden Inflationsraten in der Eurozone geführt, die im Oktober 2022 einen Höchststand von 10,4 % erreicht haben. Als Reaktion darauf hat die
EZB den Leitzins signifikant auf 4,5 % (Stand: Januar 2024) angehoben, was nach einer
elfjährigen Phase der Nullzinspolitik einen neuen Kurs in der Zinspolitik markiert und
erhebliche Auswirkungen auf die Geschäftsrisiken von Unternehmen mit sich bringt. Die
steigenden Zinssätze, bedingt durch die Leitzinserhöhung, führen zu einer spürbaren Erhöhung der Zinsbelastungen für Unternehmen. Kapitalgeber verlangen höhere Renditen, um
die gestiegenen Refinanzierungszinsen abzudecken und Gewinne zu erzielen. Die allgemeine Preissteigerung und das erhöhte Zinsniveau haben wesentliche Auswirkungen auf
die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage von Unternehmen. Dies führt zu signifikanten
Einflüssen auf den Jahres- und Konzernabschluss der Unternehmen. Die restriktive Geldpolitik der EZB wirkt sich hemmend auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation aus,
während das mittelfristige Ziel der EZB darin besteht, eine Inflationsrate von 2 % zu
erreichen, um das Zinsniveau absenken zu können. Besonders die erhöhten Zinssätze,
die für Investitionsentscheidungen relevant sind, stellen eine Herausforderung dar, da sie
das inhärente Risiko steigern. Dies wirkt sich auf Unternehmensbewertungen aus, obwohl
dieser Aspekt in dieser Abhandlung nicht im Fokus liegt.
Trotz der negativen Konnotationen können eine hohe Inflationsrate und erhöhte Zinskosten auch positive Effekte für Unternehmen haben. Aufgrund steigender Zinseinnahmen
erzielen einige DAX-40-Unternehmen positive Ergebnisse. Die empirische Analyse bestätigt, dass die Commerzbank zu den Profiteuren der restriktiven Geldpolitik gehört, da das
Einlagen- und Kreditgeschäft einen hohen Zinsüberschuss generiert. Unternehmen können auch höhere Preise für unelastische Güter, wie Grundnahrungsmittel oder Energie,
auf Verbraucher übertragen, was in Zeiten hoher Inflation von Vorteil ist. Energiekonzerne
konnten aufgrund der Energiekrise Rekordumsätze verzeichnen. Die Analyse zeigt jedoch
auch, dass die Kennzahlenveränderungen volatil sind und sich ständig ändern. Angesichts der vielfältigen Risiken, denen Unternehmen ausgesetzt sind, ist eine umfassende
Risikosteuerung unerlässlich, um den verschiedenen Risikoarten effektiv zu begegnen.
Investitionen sind grundsätzlich mit einem finanziellen Risiko verbunden, insb. in Zeiten
hoher Inflation und Zinsen. Eine solche Entscheidung hängt stark von den individuellen
Gegebenheiten ab, was Unsicherheiten mit sich bringt. Daher ist eine fundierte Analyse der Chancen und Risiken unerlässlich. Das Konzept des inhärenten Risikos, das
als Kombination aus internen und externen Risikofaktoren betrachtet wird, bildet die
6 Conclusio der Ergebnisse
103
Grundlage für eine angemessene Risikosteuerung. Unternehmen streben danach, ein Residualrisiko zu erreichen, indem sie das inhärente Risiko identifizieren, kontrollieren und
reduzieren. Dieses Residualrisiko, das trotz erfolgreicher Risikomanagementmaßnahmen
bestehen bleibt, wird als Netto-Risiko bezeichnet. Effiziente Risikomaßnahmen reduzieren
das Netto-Risiko. Unternehmen, insb. Konzerne, sind verpflichtet, geeignete Überwachungssysteme einzurichten, um den Fortbestand der Geschäftstätigkeit sicherzustellen
und bestandsgefährdende Risiken zu erkennen. Das Risikomanagementsystem, das alle
internen und externen Risikofaktoren erfasst, spielt eine entscheidende Rolle in dieser
Hinsicht. Die Identifikation, Quantifizierung, Aggregation, Überwachung und Bewältigung von Risiken sind zentrale Aktivitäten im Rahmen des Risikomanagements. In Zeiten
anhaltender und zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheit gewinnt das Risikocontrolling als essenzieller Bestandteil unternehmerischer Planungs- und Steuerungsprozesse
erheblich an Bedeutung.
Die vorliegende Abhandlung verdeutlicht, dass die dynamische und komplexe Natur
globaler Märkte, politischer Entwicklungen sowie exogener Schocks ein erhöhtes Maß
an Unsicherheit in unternehmerischen Umfeldern zur Folge hat. Infolgedessen stehen
Unternehmen vor der Herausforderung, adäquate Strategien zu entwickeln, um Risiken zu identifizieren, zu bewerten und aktiv zu steuern, um potenziellen Schäden
vorzubeugen und langfristige Resilienz zu gewährleisten. Die vorliegende Abhandlung
unterstreicht zudem, dass das Risikocontrolling eine vorausschauende Perspektive einnehmen sollte, um proaktiv auf sich ändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können.
Die Implementierung geeigneter Informationsmanagementsysteme ermöglicht es Unternehmen, potenzielle Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und entsprechende Maßnahmen
zur Risikoreduktion einzuleiten. Dabei ist die Berücksichtigung einer breiten Palette
möglicher Risikofaktoren, darunter operative, finanzielle, marktbezogene und zinsinduzierte Risiken, von essenzieller Bedeutung, um ein umfassendes Bild der bestehenden
Gefährdungslage zu erhalten. Die vorliegende Untersuchung hebt darüber hinaus hervor,
dass das Risikocontrolling nicht nur auf die Minimierung negativer Auswirkungen abzielen sollte, sondern auch Chancen zur Wertschöpfung und Differenzierung in volatilen
Märkten bieten kann. Indem Unternehmen eine offene Haltung gegenüber Veränderungen einnehmen und flexibel auf sich bietende Gelegenheiten reagieren, können sie
sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Dies erfordert jedoch eine eng verzahnte
Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Abteilungen eines Unternehmens sowie
eine transparente Kommunikation auf allen Ebenen. Abschließend lässt sich festhalten, dass das Risikocontrolling in Zeiten unsicherer wirtschaftlicher Entwicklungen eine
unverzichtbare Funktion darstellt, um die Nachhaltigkeit und Überlebensfähigkeit von
Unternehmen sicherzustellen. Die Fähigkeit, Risiken nicht nur zu identifizieren, sondern
auch zu bewerten, zu überwachen und entsprechende Reaktionsstrategien zu implementieren, entscheidet maßgeblich über die Robustheit eines Unternehmens in einem
volatilen Geschäftsumfeld. Daher sollte das Risikocontrolling als integraler Bestandteil
der unternehmerischen Strategie verstanden werden, der kontinuierlich weiterentwickelt
104
6 Conclusio der Ergebnisse
und an aktuelle Marktbedingungen angepasst werden muss, um langfristigen Erfolg zu
gewährleisten. Im Zuge dessen lohnt sich die Implementierung eines kennzahlengestützten Risikomanagementprozesses, der unterjährige finanzielle Bilanzveränderungen
quantifizieren kann.
Die Auswirkungen des gestiegenen Zinsniveaus erstrecken sich auch auf Bilanzposten
und beeinflussen die Vermögens- und Schuldenpositionen von Unternehmen. Die Bilanz
als Abbild der Gegenüberstellung von Mittelherkunft (Passiva) und Mittelverwendung
(Aktiva) wird durch die Veränderungen im Zinsniveau beeinflusst. Sowohl Vermögenswerte als auch Verbindlichkeiten unterliegen den Auswirkungen der Inflation und des
Zinsniveaus. Die Anpassungen in den Geschäftsberichten zum Bilanzstichtag verdeutlichen die unsicheren Folgewirkungen der aktuellen Wirtschaftssituation auf die Bilanz.
Die komplexen Wechselwirkungen zwischen Inflationsraten und Zinsniveau müssen
sorgfältig analysiert werden, da sie unmittelbare Auswirkungen auf verschiedene Bilanzposten haben. Die vorliegende Abhandlung thematisiert zudem die impliziten Effekte
des laufenden Ukraine-Konflikts sowie der gegenwärtigen Inflationslage auf ausgewählte
Aktivposten der Bilanz. Im Kontext der immateriellen Vermögensgegenstände nach IAS
38, welche als identifizierbare, nicht-monetäre Ressourcen ohne physische Präsenz definiert werden, wird die Möglichkeit von unerwarteten Wertminderungen infolge des
Konflikts diskutiert. Eine kritische Prüfung der Werthaltigkeit, insb. aktivierter Geschäftsoder Firmenwerte, wird als notwendig erachtet, wobei Abwertungen ausschließlich bei
nachhaltigem Wertverlust indiziert sind. Die Einbeziehung der Inflationsfaktoren und
steigender Zinssätze erfordert ein umfassendes Überdenken der Bewertung dieser Vermögensgegenstände. Hinsichtlich der Sachanlagen gem. § 247 ff. HGB und IAS 16
als fundamentale Bestandteile industrieller Unternehmen, wird eine eingehende Analyse ihrer Werthaltigkeit vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts propagiert. Die
Konjunktur der Immobilienpreise – von steigenden Zinssätzen beeinflusst – wird als
potenzielle Grundlage für außerplanmäßige Abschreibungen von Sachanlagen diskutiert.
Besondere Beachtung erfahren dabei der Grund und Boden sowie die Implikationen für
Immobilienwerte. Die Auswirkungen auf das Finanzanlagevermögen, welches Wertpapiere und Investitionen umfasst, werden anhand des IAS 39 erläutert. Die Notwendigkeit
zur Aktualisierung und Bewertung von latenten Steuern im Rahmen der Krisenbewältigung wird fokussiert, insb. im Kontext von steuerlichen Verlustvorträgen und möglichen
Steuerentlastungen. Der Diskurs um Vorräte und Forderungen verdeutlicht, wie die Inflationsdynamik und der Ukraine-Konflikt die finanzielle Lage von Unternehmen beeinflussen.
Die Analyse führt zu der Empfehlung, Rohstoff- und Energiekosten als Determinanten für die Überprüfung von Herstellungskosten zu nutzen, um angemessene Werte zu
erhalten. Ebenso wird die Anpassung von Forderungen und deren Wertberichtigungen
im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Konflikts und der Inflation thematisiert. Abschließend wird das Thema der aktiven Steuerlatenzen behandelt, wobei der
Schwerpunkt auf der Bewertung der latenten Steuern im Hinblick auf die steuerlichen
6 Conclusio der Ergebnisse
105
Verlustvorträge liegt. Die Überprüfung der Werthaltigkeit aktiver Steuerlatenzen im Rahmen von veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wird als unerlässlich erachtet,
um die Genauigkeit der finanziellen Darstellung zu gewährleisten.
Analog zu den Aktiva analysiert diese Abhandlung auch die Auswirkungen des aktuellen Ukraine-Konflikts und der Inflationsentwicklung auf ausgewählte Bilanzposten der
Passiva. Hierbei werden spezifische Bilanzpositionen wie Eigenkapital, Rückstellungen,
Verbindlichkeiten und passive Steuerlatenzen beleuchtet. Der Untersuchungsgegenstand
Eigenkapital, welcher den verbleibenden Vermögensanteil nach Abzug von Verbindlichkeiten repräsentiert, wird differenziert in gezeichnetes Kapital, Kapitalrücklagen,
Gewinnrücklagen, eigene Anteile, Anteile von Minderheitsaktionären und Konzernergebnis. Die direkte und indirekte Beeinflussung des Eigenkapitals durch Inflation wurde
erörtert, wobei insb. die Problematik der Folgebewertung des gezeichneten Kapitals aufgrund der Inflation hervorzuheben ist. Rückstellungen, als potenzielle Verpflichtungen mit
unklarer rechtlicher Grundlage, wurden in Bezug auf Pensionsverpflichtungen, Steuerrückstellungen und sonstige Rückstellungen analysiert. Die Bedingungen für die Bildung
von Rückstellungen nach IFRS und HGB wurden erläutert, wobei die Auswirkungen der
Inflation und des Ukraine-Konflikts auf mögliche Drohverlustrückstellungen, Verbindlichkeitsrückstellungen und Restrukturierungsrückstellungen betont werden. Der Abschnitt zu
Verbindlichkeiten definiert diese als externe finanzielle Verpflichtungen und betrachtet die
Unterschiede zwischen kurzfristigen und langfristigen Finanzverbindlichkeiten. Die indirekten Auswirkungen der Inflation auf Verbindlichkeiten wurden erörtert, wobei auf die
Abwertung des Geldes und deren Einfluss auf die Schuldenlast sowie auf die steigenden
Zinsen und deren Auswirkungen auf die finanzielle Lage von Unternehmen eingegangen
wurde. Die Folgewirkungen sind demgemäß vom Bilanzierenden zu untersuchen. Passive
Steuerlatenzen, die in wirtschaftlichen Krisenzeiten an Bedeutung gewinnen, werden als
Indikator für eine erhöhte Eigenkapitaldarstellung in der Handelsbilanz im Vergleich zur
Steuerbilanz beschrieben. Die Möglichkeit der Verrechnung1 passiver und aktiver latenter
Steuern gemäß HGB wurde erörtert, wobei betont wird, dass eine erhöhte Entstehung passiver latenter Steuern in Zeiten wirtschaftlicher Krisen zu beachten ist. Zusammenfassend
konstatiert dieser Abschnitt, dass wesentliche Auswirkungen sowohl auf die Aktiva als
auch Passiva der Bilanz bestehen, weswegen die unternehmerischen Planungsrechnungen
angepasst werden müssen.
Die empirische Analyse konstatiert, dass BMW im Zeitverlauf eine bemerkenswerte Steigerung seiner finanziellen Ergebnisse verzeichnete. Von 3,2 Mrd. e im Jahr
2020 stieg das Gesamtergebnis bis 2022 auf 20,2 Mrd. e. Dieses Wachstum kann auf
verstärkte Geschäftstätigkeit und erfolgreiche strategische Initiativen, während der Covid19-Pandemie zurückgeführt werden. Dennoch scheint das Ergebnis im Jahr 2023 unter
dem Einfluss der Zinsen zu leiden. Auch Volkswagen verzeichnet eine kontinuierliche
Gesamtergebnissteigerung von 5,2 Mrd. e im Jahr 2020 auf 23,1 Mrd. e im Jahr 2022,
resultierend durch eine positive Dynamik im Automobilsektor. Die Auswirkungen der
1 Nicht relevant für den Konzernabschluss nach IFRS.
106
6 Conclusio der Ergebnisse
Covid-19-Pandemie waren im Jahr 2020 spürbar, obgleich sich der DAX-Konzern schnell
erholte. Ein Anstieg im Jahr 2023 deutet auf eine positive Entwicklung hin, trotz der
Auswirkungen des erhöhten Zinsniveaus. Die Energiekonzerne E.ON und RWE zeigen
eine gemischte Performance, wobei in bestimmten Jahren negative Gesamtergebnisse
auftreten, besonders im Jahr 2020, bedingt durch die Energieknappheit aufgrund des
Ukraine-Konflikts. Die beiden Banken, Commerzbank und Deutsche Bank, zeigen ebenfalls volatile Gesamtergebnisse. Während die Commerzbank in den Jahren 2021 und 2022
eine positive Performance verzeichnete, zeigte die Deutsche Bank einen positiven Trend in
den Jahren 2020 und 2021. Die steigenden Zinsen wirken sich positiv auf die Profitabilität
der Banken aus. Die Analyse der Free Cashflows zeigt, dass BMW eine bemerkenswerte
Steigerung von 9,6 Mrd. e im Jahr 2020 auf 18,7 Mrd. e im Jahr 2022 verzeichnete,
obwohl eine leichte Reduktion im ersten Halbjahr 2023 erkennbar ist. Volkswagen verzeichnete einen starken Schwankungsbereich in seinen Free Cashflows, während E.ON
und RWE im Allgemeinen stabile oder leicht ansteigende Werte aufwiesen. Die Banken,
insb. die Commerzbank, wiesen signifikante Volatilität in ihren Free Cashflows auf, wobei
interne Faktoren wie das Einlagengeschäft eine Rolle spielen. Die vertikalen Bilanzkennzahlen verdeutlichen die Entwicklung der Eigenkapitalquote, der Fremdkapitalquote, des
Verschuldungsgrads, der Umlaufintensität und der Anlageintensität. Die Eigenkapitalquoten der betrachteten Unternehmen zeigten insgesamt eine Tendenz zur Stärkung, während
die Fremdkapitalquoten eher rückläufig waren. Die Verschuldungsgrade und die Umlaufintensität zeigten gemischte Entwicklungen, die teilweise auf externe Faktoren wie den
Ukraine-Konflikt und das steigende Zinsniveau zurückzuführen sind. Die Anlageintensität
tendierte dazu, in den meisten Unternehmen leicht abzunehmen. Die horizontale Bilanzanalyse zeigt, dass die meisten Unternehmen ihre Fähigkeit zur Deckung kurzfristiger
Verbindlichkeiten verbessert haben, wobei E.ON und RWE aufgrund von externen Einflüssen wie dem Ukraine-Konflikt größere Schwankungen aufweisen. Die Liquidität 1.
Grades zeigt, dass die meisten Unternehmen in der Lage sind, ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten mit liquiden Mitteln zu decken, wobei Volkswagen hier besonders positiv
hervorsticht. Die Liquidität 2. Grades, die auch die Vorräte berücksichtigt, zeigt ähnliche Trends wie die Liquidität 1. Grades. Insgesamt illustriert die empirische Analyse,
dass die DAX-40-Unternehmen in den verschiedenen Sektoren unterschiedliche Trends in
ihren finanziellen Ergebnissen aufweisen, die durch eine Vielzahl von externen Faktoren,
einschließlich der globalen wirtschaftlichen Entwicklungen, beeinflusst werden.
Insgesamt zeigt sich, dass die aktuellen Wirtschaftsentwicklungen vielfältige Effekte
auf inhärente Risiken und ausgewählte Bilanzposten haben. Diese Abhandlung legt den
Fokus auf die Schnittstellen dieser Aspekte und zielt darauf ab, die theoretischen Analysen durch empirische Daten zu validieren. Während die Fachliteratur bereits eine solide
Grundlage bietet, umfassen die aktuellen Entwicklungen eine Dimension der Unsicherheit
und Veränderung, die eine gezielte Untersuchung erfordert. Diese Untersuchung zielt darauf ab, diese Forschungslücke zu schließen und detaillierte Einblicke in die tatsächlichen
6 Conclusio der Ergebnisse
107
Auswirkungen zu liefern. Unternehmen sind dazu angehalten, geeignete Risikomanagementstrategien zu entwickeln, um den Herausforderungen des sich verändernden Umfelds
zu begegnen. Während die Zinswende und die Inflation zweifellos Unsicherheiten mit
sich bringen, bieten sie auch Chancen für Unternehmen, die sich agil an die neuen
Bedingungen anpassen können. Die aktuelle wirtschaftliche Situation ist von wesentlicher
Unsicherheit geprägt. Dementsprechend sind zudem auch bilanzielle Folgewirkungen realwirtschaftlicher Sachverhalte schwierig abzuschätzen. Daher ist es essenziell, die diversen
Wirkungsweisen und Korrelationen der Inflationsraten und des Zinsniveaus in Bezug auf
inhärente Risiken und bilanzielle Posten zu überblicken. Denn lediglich so lassen sich die
sachimmanenten Krisenauswirkungen zutreffend abschätzen. Vor dem Hintergrund steigender Zinsen gewinnen hierdurch auch bilanzielle Planungsrechnungen zunehmend an
Bedeutung, um unkontrollierbare Ereignisse möglichst zu vermeiden (vgl. Zwirner et al.
(2023), o. S.). Eine Prognose des Unicredit-Chefökonoms Nielsen kommt zum Ergebnis,
das die EZB-Zinsen zu hoch sind, da das mittelfristige Inflationsziel bereits 2024 erreicht
wird. Die Zinserhöhungen werden aber nicht in gleicher Geschwindigkeit in einem Zinsabschwung resultieren, wodurch eine zunehmende Belastung für Unternehmen entsteht.
Die Kreditnachfrage des Unternehmenssektors ist auf einem sehr niedrigen Stand (vgl.
Rohrig (2023), o. S; siehe weiterführend die Bank Lending Survey der EZB). Basierend
auf den dargelegten Analysen und empirischen Daten lässt sich prognostizieren, dass die
DAX-40-Unternehmen in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stehen
werden, die sich aus den komplexen Wechselwirkungen der genannten Faktoren ergeben. Die globale wirtschaftliche Unsicherheit wird sich voraussichtlich weiterhin auf die
Geschäftstätigkeit auswirken. Die fortwährenden Auswirkungen der Covid-19-Pandemie
und der andauernde Ukraine-Konflikt werden die Lieferketten beeinträchtigen und somit
das operative Umfeld der Unternehmen beeinflussen. Unternehmen werden gezwungen
sein, sich flexibel an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen, um wettbewerbsfähig
zu bleiben. Die prognostizierte Anhebung der Zinsen durch die EZB wird zu höheren
Finanzierungskosten für Unternehmen führen. Dies wird insb. für Unternehmen relevant
sein, die stark von Fremdfinanzierung abhängig sind. Die steigenden Zinsbelastungen
könnten die Rentabilität beeinträchtigen und erfordern eine sorgfältige Kapitalallokation. Die durchgeführte Bilanzanalyse legt nahe, dass Unternehmen ihre Bilanzpositionen,
insb. im Hinblick auf Eigenkapital, Fremdkapital und Liquidität, stärker aufeinander
abstimmen müssen. Die Veränderungen im Zinsniveau und in der Inflationsdynamik könnten die Bewertung von Aktiva und Passiva beeinflussen, was sich ceteris paribus auf
die Gesamtstabilität und die Finanzierungsstrategien der Unternehmen auswirkt. Unternehmen werden verstärkt daran arbeiten müssen, ihre Risikomanagementstrategien zu
verbessern, um den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Dies beinhaltet nicht nur
die Identifizierung und Bewertung von Risiken, sondern auch die gezielte Nutzung von
Chancen, die sich aus der aktuellen wirtschaftlichen Situation ergeben. Die Bilanzierung
und Berichterstattung der Unternehmen haben angesichts der komplexen Wechselwirkungen zwischen Inflation, Zinssätzen und anderen Faktoren an Bedeutung gewinnen. Die
108
6 Conclusio der Ergebnisse
Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Finanzberichte die tatsächliche finanzielle
Lage und die Auswirkungen der genannten Faktoren adäquat widerspiegeln – hierbei
steigen auch die Anforderungen an die gesetzlichen Abschlussprüfer. Summa Summarum
lässt sich prognostizieren, dass Unternehmen in den kommenden Jahren vor einer komplexen und unsicheren wirtschaftlichen Situation stehen werden, die durch die Interaktion
von Faktoren wie Zinswende, Inflation, geopolitischen Konflikten und globalen Pandemien geprägt ist. Unternehmen werden sich auf eine erhöhte Unsicherheit einstellen und
ihre strategischen Ansätze, Risikomanagementstrategien und Finanzierungsentscheidungen entsprechend anpassen müssen, um langfristige Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit
zu gewährleisten.
Literatur
Rohrig, D. (2023). Die EZB-Zinsen sind jetzt viel zu hoch, sagt Unicredit-Chefökonom Eric Nielsen.
https://finanzbusiness.de/nachrichten/banken/article16342885.ece. Zugegriffen: 12. Aug. 2023.
Zwirner, C., Vodermeier, M., & Krauß. F. (2023). Auswirkungen der Zinswende auf die Bilanzierung der Unternehmen. https://www.kleeberg.de/2023/03/30/auswirkungen-der-zinswende-aufdie-bilanzierung-der-unternehmen/. Zugegriffen: 3. Mai 2023.
Appendix A
Monatliche Entwicklung der Bauzinsen in Deutschland bis 2023. (Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Statista GmbH (2023c), o. S.)
10 Jahre Sollzinsbindung
15 Jahre Sollzinsbindung
2010
4,20 %
4,50 %
2012
3,31 %
3,70 %
2014
2,67 %
3,20 %
2016
1,57 %
2,05 %
2018
1,34 %
1,75 %
2020
0,85 %
1,22 %
2022
1,00 %
1,29 %
2023
3,78 %
3,73 %
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109
Appendix B
Jahresüberschuss/
Jahresfehlbetrag
Auftragsbestand
Gesamtkapitalrentabilität
Finanzergebnis
Kapitalumschlagshäufigkeit
Umsatz
Eigenkapitalrentabilität
Außerordentliches
Ergebnis
Umsatzrentabilität
Erzeugnisumschlagszeit
ROCE
Betriebsergebnis
ROI
Materialumschlagszeit
WACC
Forderungsumschlagszeit
RL-VA
Ausgewählte Kennzahlen zu Ertrag und Rentabilität.
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Linsner und Gleich (2019), S. 52; Schmidlin (2020),
S. 41–62)
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111
Appendix C
Liquide Mittel
Liquiditätsgrad 1 - 3
Cashflow
Laufender
Einnahmenüberschuss
Dynamischer
Verschuldungsgrad
Intervallfinanzplanung
Working Capital
Disponierbarer
Einnahmenüberschuss
Liquiditätskoeffizient
Anlagendeckung
Ausgewählte Finanz- und Liquiditätskennzahlen.
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Linsner und Gleich (2019), S. 53; Schmidlin (2020),
S. 91–105; Reichmann et al. (2017), S. 132.)
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Appendix D
Effektiver Finanz- und Liquiditätscontrolling-Prozess.
(Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Linsner und Gleich (2019), S. 41)
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115
Appendix E
Schema der Kapitalflussrechnung gem. DRS 21 nach der indirekten Methode. (Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an Seppelfricke (2012), S. 51; DRSC (2014), S. 17 ff.; Coenenberg et al.
(2012), S. 1083 ff.)
1
Periodenergebnis
2
−/
+
Abschreibungen/Zuschreibungen auf Gegenstände des AV
3
±
Zunahme/Abnahme der Rückstellungen
4
±
Sonstige zahlungswirksame Aufwendungen/Erträge
5
±
Zunahme/Abnahme der Vorräte, der Forderungen aus Lieferung und Leistung sowie
anderer Aktiva, die nicht der Investitions- oder Finanzierungstätigkeit zuzuordnen sind
6
±
Zunahme/Abnahme der Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung sowie anderer
Passiva, die nicht der Investitions- oder Finanzierungstätigkeit zuzuordnen sind
7
±
Gewinn/Verlust aus dem Abgang von Gegenständen des AV
8
±
Zinsaufwendungen/Zinserträge
9
−
Sonstige Beteiligungserträge
10
±
Aufwendungen/Erträge aus außerordentlichen Posten
11
−/
+
Ertragsteueraufwand/-ertrag
12
+
Einzahlungen aus außerordentlichen Posten
13
−
Auszahlungen aus außerordentlichen Posten
14
±
Ertragsteuerzahlungen
15
=
Cashflow aus operativer Geschäftstätigkeit
16
+
Einzahlungen aus Abgängen von Gegenständen des Sachanlagevermögens
17
−
Auszahlungen für Investitionen in das immaterielle AV
18
+
Einzahlungen aus Abgängen von Gegenständen des Sachanlagevermögens
19
−
Auszahlungen für Investitionen in das Sachanlagevermögen
(Fortsetzung)
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117
118
Appendix E
(Fortsetzung)
1
Periodenergebnis
20
+
Einzahlungen aus Abgängen von Gegenständen des Finanzanlagevermögens
21
−
Auszahlungen für Investitionen in das Finanzanlagevermögen
22
+
Einzahlungen aus Abgängen aus dem Konsolidierungskreis
23
−
Auszahlungen für Zugänge zum Konsolidierungskreis
24
+
Einzahlungen aufgrund von Finanzmittelanlagen im Rahmen der kurzfristigen
Finanzmitteldisposition
25
−
Auszahlungen aufgrund von Finanzmittelanlagen im Rahmen der kurzfristigen
Finanzmitteldisposition
26
+
Einzahlungen aus außerordentlichen Posten
27
−
Auszahlungen aus außerordentlichen Posten
28
+
Erhaltene Zinsen
29
+
Erhaltene Dividenden
30
=
Cashflow aus der Investitionstätigkeit
31
+
Einzahlungen aus Eigenkapitalzuführungen von Gesellschaftern des
Mutterunternehmens
32
+
Einzahlungen aus Eigenkapitalzuführungen von anderen Gesellschaftern
33
−
Auszahlungen aus Eigenkapitalherabsetzungen an Gesellschafter des
Mutterunternehmens
34
−
Auszahlungen aus Eigenkapitalherabsetzungen an andere Gesellschafter
35
+
Einzahlungen aus der Begebung von Anleihen und der Aufnahme von Krediten
36
−
Auszahlungen aus der Tilgung von Anleihen und Krediten
37
+
Einzahlungen aus erhaltenen Zuschüssen/Zuwendungen
38
+
Einzahlungen aus außerordentlichen Posten
39
−
Auszahlung aus außerordentlichen Posten
40
−
Gezahlte Zinsen
41
−
Gezahlte Dividenden an Gesellschafter des Mutterunternehmens
42
−
Gezahlte Dividenden an andere Gesellschafter
43
=
Cashflow aus der Finanzierungstätigkeit
Appendix F
Synopse zu den Auswirkungen der Inflation auf Bilanzposten. (Quelle: Eigene Darstellung, in
Anlehnung an Gasch (2022), S. 40)
Aktiva
Passiva
Imm. Vermögensgegenstände: Mittelmäßige
Auswirkungen und direkter Einfluss.
Folgebewertung unterliegt Einschränkung
Eigenkapital: Direkter Einfluss auf
gezeichnetes Kapital sowie indirekter Einfluss
auf Rücklagen. Starke Auswirkungen. Eine
Folgebewertung ist sinnvoll
Sachanlagen: Mittelmäßige Auswirkungen
sowie direkter Einfluss. Folgebewertung
unterliegt Einschränkung
Rückstellungen: Mittelschwere Auswirkungen
und indirekter Einfluss. Folgebewertung ist
sinnvoll
Finanzanlagen: Leichte bis mittelmäßige
Auswirkungen und indirekter Einfluss.
Folgebewertung ist sinnvoll
Verbindlichkeiten: Mittlere Auswirkungsgrade
sowie indirekter Einfluss. Folgebewertung ist
sinnvoll
Vorräte: Starke Auswirkung und direkter
Einfluss. Folgebewertung sinnvoll
Forderungen: Eher leichte Auswirkungen und
direkter Einfluss. Folgebewertung ist nicht
relevant
Wertpapiere: Leichte bis mittlere
Auswirkungen sowie indirekter Einfluss.
Folgebewertung ist sinnvoll
Liquide Mittel: Mittlere Auswirkungen sowie
indirekter Einfluss. Folgebewertung
ausgeschlossen
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C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
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119
Literatur
Mäder, O. (2018). Controlling klipp & klar. In P. Schuster (Hrsg.), WiWi klipp & klar. Springer.
Schacht, U., & Fackler, M. (2009). Discounted-Cash-flow-Verfahren. In U. Schacht & M. Fackler (Hrsg.), Praxishandbuch Unternehmensbewertung – Grundlagen, Methoden, Fallbeispiel (2.
Aufl.). Gabler.
© Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer
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C. Heiler und T. Derr, Makroökonomie im Wandel,
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121