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Автор: Schoen H.
Теги: geschichte geschichte deutschlands zweiter weltkrieg arndt verlag drittes reich ostpreußen
ISBN: 3-88741-022-X
Год: 1999
Текст
Heinz Schön
Als die
Rote Armee
das Land besetzte
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Sowjetischer Einbruch ins Memelland im Oktober 1944
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Frantverlauf om 1. Oktober 1944
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Die Januar-Offensive der Roten Armee
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H.-Gr. : Deutsche Heeresgruppe
4. : 4. Deutsche Armee
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Heinz Schön:
Tragödie Ostpreußen 1944-1948: Als die Rote Armee das Land besetzte /
Heinz Schön. - Kiel: Arndt, 1999
ISBN 3-88741-022-X
ISBN 3-88741-022-X
© 1999 ARNDT-Verlag. Alle Rechte vorbehalten
ARNDT-Verlag
D-24035 Kiel, Postfach 3603
Gedruckt in Österreich
Vorwort des Autors
Die Rote Armee
in Ostpreußen:
„Rache für Rußland"
Keine andere deutsche Provinz mußte in den letzten zehn Monaten des
Zweiten Weltkrieges und den drei ersten Nachkriegsjahren die menschen-
verachtende Brutalität der Roten Armee so hautnah erleben wie Ostpreußen
und die ostpreußischen Frauen, Kinder und alten Menschen. Diese mußten
eine Tragödie erleiden, die in der Welt ohne Beispiel ist.
Was russische Besetzung und Besatzung bedeutete, war bereits im Okto-
ber 1944 sichtbar geworden, als die Rote Armee für 48 Stunden die Ortschaft
Nemmersdorf im Kreise Goldap besetzt hatte. Als deutsche Truppen den
Ort wieder freigekämpft hatten, fanden sie nur noch vergewaltigte und er-
mordete Frauen, mehrere davon in gekreuzigter Stellung an Scheunentore
genagelt, Säuglinge, Kinder, Greise, erstochen, erdrosselt, totgeschlagen. Der
gnädigste Tod, den sie erlitten, war der Tod durch Genickschuß. Wohnun-
gen und Häuser waren geplündert und ausgeraubt, verwüstet.
Doch das war erst der Anfang.
Nach Beginn der Großoffensive der Roten Armee Mitte Januar 1945 brach
über die ostpreußische Bevölkerung die Hölle herein. Es war nicht ein Krieg
von Soldaten der Roten Armee gegen deutsche Soldaten, es war ein Haß-
feldzug gegen alle Deutschen, vom Säugling bis zum Greis.
Hunderttausende Rotarmisten fielen in das Land ein, schändeten, mor-
deten, plünderten, zündeten die Dörfer an, die sie durchzogen, vernichte-
ten alles Lebende, machten Mädchen, fast noch im Kindesalter, und Frauen
zum Freiwild, erschossen, erstachen oder erschlugen diejenigen, die sich
wehrten oder schützend vor ihre Töchter stellten.
Bereits ein Jahr vor ihrem Ostpreußen-Einsatz wurden die Rotarmisten
psychologisch auf den Kampf in Ostpreußen vorbereitet. Der sowjetische
Schriftsteller Ilja Ehrenburg, ein fanatischer Deutschenhasser, stattete die
Rotarmisten mit einer Waffe aus, die stärker war als viele andere Waffen:
Haß, unbändigem, unbarmherzigem Haß auf alle Deutschen, nicht nur auf
Soldaten.
Bereits in seinem 1943 erschienenen Buch „Der Krieg", nannte Ilja Ehren-
burg alle Deutschen „Untermenschen", die auch als solche zu behandeln
wären. Teile seines Buches mit solchen Haßtiraden erschienen regelmäßig in
der „Prawda", in der „Iswestija" und in der Frontzeitung „Krasnaja Swes-
da" („Roter Stern"). In seinen Beiträgen putschte er alle Begierden der Rot-
armisten mit seiner Haßpropaganda auf.
In einem Passus seines Buches, der auch in den Zeitungen veröffentlicht
und in Hunderttausenden von Flugblättern an die Soldaten verteilt wurde,
bevor sie ostpreußischen Boden betraten, heißt es u.a.:
„Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort Deutscher
für uns der allerschlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort Deutscher
ein Gewehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns
nicht aufregen; wir werden töten!... Wenn Du einen Deutschen getötet hast,
so töte einen zweiten - für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen.
Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: die von Dir
getöteten Deutschen. Töte den Deutschen!"
Mit dem Vermerk „Laut vorlesen!" übermittelte die Politische Hauptver-
waltung der Roten Armee bereits am 23. November 1943 folgenden Aufruf
von Ilja Ehrenburg an die Soldaten der Roten Armee:
„Es genügt nicht, die Deutschen nach Westen zu treiben. Die Deutschen
müssen ins Grab hineingejagt werden. Gewiß ist ein geschlagener Fritz
(Deutscher) besser als ein unverschämter. Von allen Fritzen sind die toten
aber die besten!"
Am 17. September 1944, als die Rote Armee an der Grenze Ostpreußens
stand, um wenige Wochen später bis in die Kreise Gumbinnen-Goldap und
bis nach Nemmersdorf vorzustoßen, schrieb Ehrenburg in der Frontzeitung
„Unitschtoshim Wraga" („Wir vernichten den Feind"):
„Die Deutschen werden die Stunde verfluchen, als sie unseren Boden be-
traten. Die deutschen Frauen werden die Stunde verfluchen, in der sie ihre
Söhne - Wüteriche - geboren haben. Wir werden nicht schänden. Wir wer-
den nicht verfluchen. Wir werden nicht hören. Wir werden totschlagen!"
Wenige Wochen später, am 24. Oktober 1944, schrieb Ehrenburg in einem
Artikel in „Krasnaja Swesda" („Roter Stern") unter dem Titel „Der Große
Tag" u.a.:
„Jetzt ist die Gerechtigkeit in dieses Land eingezogen. Wir befinden uns
in der Heimat Erich Kochs, des Statthalters der Ukraine - damit ist alles ge-
sagt. Wir haben es oft genug wiederholt: Das Gericht kommt! Jetzt ist es
da!"
Auch bei den Kriegsberichterstattern der Roten Armee zeigte die Haßpro-
paganda von Ehrenburg, die durch Stalin abgesegnet war, Wirkung. So
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schrieb ein Berichterstatter in der Ausgabe vom 25. Januar 1945 der sowje-
tischen Frontzeitung „Krasnoarmejskaja Prawda":
„Es gibt kaum ein erziehenderes Schauspiel als eine brennende feindliche
Stadt. Man sucht in seiner Seele nach einem Gefühl, das dem Mitleid ähn-
lich wäre, doch man findet es nicht... Brenne, Deutschland! Du hast es nicht
besser verdient. Ich will und werde Dir nichts von dem verzeihen, was uns
angetan wurde durch Dich ... Brenne, verfluchtes Deutschland!"
So wurden ostpreußische Dörfer und Städte von Soldaten der Roten Ar-
mee niedergebrannt, nur weil es deutsche Dörfer und Städte waren. Allen-
stein war dafür ein Beispiel. Fast unversehrt fiel es den Russen in die Hän-
de; als die Polen es übernahmen, war es eine ausgebrannte Ruinenstadt.
In den Dörfern und Städten Ostpreußens, die von der Roten Armee be-
setzt worden waren, wurden Plakate an Häuser wände geklebt mit dem
Text:
„Rotarmist: Du stehst jetzt auf deutschem Boden - die Stunde der Rache
hat geschlagen!"
Stalin wollte die West-Alliierten, denen das brutale Vorgehen der Roten
Armee in Ostpreußen nicht verborgen geblieben war, beruhigen. Im krassen
Gegensatz zu dem, was in Ostpreußen tatsächlich geschah, stand Stalins Ta-
gesbefehl Nr. 55, in dem es u.a. hieß:
„Manchmal wird darüber geschwätzt, daß die Rote Armee das Ziel habe,
das deutsche Volk auszurotten und den deutschen Staat zu vernichten. Das
ist natürlich eine dumme Lüge und eine törichte Verleumdung der Roten
Armee. Es wäre töricht, die Hitler-Clique dem deutschen Volke, dem deut-
schen Staate gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte sagen, daß die
Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat,
bleibt!"
Der amerikanische Historiker George F. K. Kennan brachte es auf den
Punkt, wie sich die Rote Armee in Ostpreußen wirklich verhielt:
„Die Russen fegten die einheimische Bevölkerung vom Erdboden in einer
Art, die seit den Tagen der asiatischen Horden kein Beispiel hat!"
Das war die Realität in Ostpreußen, als die Rote Armee das Land besetzte.
Das ist auch der Hintergrund dieser Dokumentation, die das ganze Aus-
maß der „Tragödie Ostpreußen" aufzeigt; diese war nicht nur eine militäri-
sche Tragödie, sie war eine Katastrophe für die Zivilbevölkerung. Der Ein-
marsch der Roten Armee in Ostpreußen war die Entfesselung der Hölle ge-
gen Frauen und Kinder.
Inhalt und Absicht dieser Dokumentation
Das Material für diese Dokumentation habe ich seit 1949 - fünfzig Jahre
lang - kontinuierlich in meinem Ostpreußen-Archiv zusammengetragen.
Die ersten Zuschriften von Flüchtlingen aus Ostpreußen und von Soldaten,
die Ostpreußen verteidigt haben, erhielt ich 1949 nach meiner ersten Re-
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portage in einer deutschen Wochenzeitung über die Flucht aus Ostpreußen
über die Ostsee und die von mir miterlebte und überlebte „Gustloff "-Kata-
strophe. Später führte ich eine Fragebogenaktion durch und begann mit der
systematischen Sammlung von Erlebnisberichten, Dokumenten und Fotos
für mein Ostpreußen-Archiv.
Von ihrer Einrichtung 1965 bis zu ihrer Auflösung 1972 war ich ehren-
amtlicher Mitarbeiter der an der Ostakademie Lüneburg gebildeten „For-
schungsstelle Ostsee" und einer der engsten Mitarbeiter von Konteradmiral
a.D. Konrad Engelhardt, dem letzten „Seetransportchef Ostsee", der die For-
schungsstelle leitete. Meine zwei Aufgabengebiete waren „Flucht über See
aus Ostpreußen, Danzig, Gotenhafen, Pommern" und „SchiffsVerluste Ost-
see 1944/45". Durch diese siebenjährige ehrenamtliche Tätigkeit konnte ich
meine Archive wesentlich bereichern.
Als sich Anfang 1990 die russischen Archive öffneten, war ich einer der
ersten, der davon Gebrauch machte, begünstigt durch eine Einladung zu ei-
nem ein wöchigen Leningrad-Besuch im Februar 1990. Eingeladen hatte
mich der Kommandierende Admiral der Baltischen Flotte, Samailow, der
zugleich Präsident des Leningrader Kulturfonds war. Durch seine Ver-
mittlung öffneten sich mir viele Türen. Bei einem Empfang der Admiral-
stabs-Offiziere gab er mir Gelegenheit, frei und offen über die Versenkung
des Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff" und über das Fluchtgeschehen
in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern zu berichten. 1991 folgte eine
offizielle Einladung der Marinehochschule Königsberg zu einem 14tägigen
Vortragsaufenthalt.
Seit 1991 habe ich oftmals das heutige Sankt Petersburg besucht und fast
in jedem Jahr Königsberg. Ich hielt dort Vorträge vor Marineoffizieren und
Kadetten, ferner in der Universität, der Technischen Hochschule, diskutier-
te mit Schülern und Studenten. Das Staatliche Königsberger Fernsehen gab
mir 1992 Gelegenheit zu einer öffentlichen Vortrags-Veranstaltung mit mehr
als 500 Besuchern und einer anschließenden sehr lebhaften Diskussion.
Durch meine zahlreichen Besuche konnte ich mein Wissen über Ost-
preußen wesentlich erweitern.
Ich bin nach Königsberg geflogen, mit dem Bus gefahren, mit dem Pkw
und nicht zuletzt auch mit dem Schiff, der „Vavilow". Mit Memel und Til-
sit, der Kurischen und der Frischen Nehrung, Heydekrug, Pillau, Heiligen-
beil, Bartenstein, Pr. Eylau, Gumbinnen, Goldap, Nemmersdorf, Allenstein,
Insterburg, Rastenburg, um nur einige Orte zu nennen, habe ich die Schau-
plätze des ostpreußischen Kriegsgeschehens 1944/45 besucht, um Ge-
schichte wieder lebendig werden zu lassen. Dazu gehörte auch die Ruine
des ehemaligen Führerhauptquartiers „Wolfsschanze" bei Rastenburg.
Zu einem meiner Besuchsprogramme gehörte auch eine Fahrt von Frau-
enburg über das Frische Haff auf die Frische Nehrung und nach Balga-Kahl-
holz, wo die letzten Kämpfe auf ostpreußischem Boden Anfang Mai 1945
stattfanden.
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Was ich in dem weiten Land gesehen habe, hat mich tief beeindruckt und
erschreckt; blühendes, fruchtbares Land ist an vielen Stellen zur Steppe ge-
worden, rund 1.000 Dörfer sind in Nord-Ostpreußen von der Landkarte ver-
schwunden; nur noch Steine und Ruinen erinnern an ihre Existenz.
Meine 50jährige Beschäftigung mit der Geschichte Ostpreußens von 1939
bis 1948, vor allem mit den Kriegs jähren 1944/45 und den Vertreibungs jäh-
ren 1945 bis 1948 und meine umfassende „Archivsammlung Ostpreußen",
die Ostpreußen-Besuche und die vielen Begegnungen mit Ostpreußen, die
eine neue Heimat in West- und Mitteldeutschland gefunden haben, vor al-
lem aber auch mit Soldaten, die Ostpreußen fast bis zum Tag der Kapitula-
tion am 8. Mai 1945 verteidigt haben, ermutigten mich, diese Dokumentati-
on zu schreiben.
Im Kapitel 1 dieser Dokumentation „Angriffsziel Ostpreußen" berichte
ich in chronologischer Folge über den Verlauf des Kriegsgeschehens in Ost-
preußen 1944/45 von der Herbst-Offensive 1944 bis zu den Endkämpfen auf
der Frischen Nehrung, wenige Tage vor der Kapitulation.
Im Kapitel 2 „Kriegsschauplatz Ostpreußen 1944/45" lasse ich, stell-
vertretend für viele zehntausend, 25 Soldaten, die zu den Verteidigern Ost-
preußens gehörten, zu Wort kommen; sie schildern mit eigenen Worten
ihren Ostpreußen-Einsatz, der oft mit Verwundung oder Gefangenschaft en-
dete.
Im Kapitel 3 „Kriegsbeute Ostpreußen" zeige ich auf, wie bei den Konfe-
renzen in Teheran, Jalta und Potsdam die West-Alliierten, die Siegermächte
USA und Großbritannien, mit der Siegermacht Rußland um die Kriegsbeu-
te Ostpreußen feilschten, wie sie die Oder-Neiße-Linie festlegten und damit
die Zerstückelung Deutschlands beschlossen.
Besonderes Schwergewicht lege ich auf die Kämpfe um die zu „Festun-
gen" erklärten Städte Memel, Königsberg und Pillau, auf die Herbst-Offen-
sive 1944 der Roten Armee auf Ostpreußen, die Januar-Offensive 1945, die
Kämpfe im „Heiligenbeiler Kessel" (dem „Stalingrad Ostpreußens"), auf die
Endkämpfe auf der Frischen Nehrung und bei Balga-Kahlholz (dem „Dün-
kirchen Ostpreußens").
Um Objektivität bemüht, habe ich auch zwei Generale der Roten Armee,
die den Kampf um Ostpreußen verantwortlich führten, zu Wort kommen
lassen.
Mehrere hundert, zum Teil bisher unveröffentlichte Fotos vervollständigen
die Dokumentation, die ich als Beitrag zur Zeitgeschichte und als „Buch gegen
die Grausamkeit des Krieges und gegen das Vergessen seiner Opfer" betrachte.
Meine Absicht ist nicht, mit dieser Dokumentation einseitig Schuld zuzu-
weisen oder Haß und Rachsucht zu säen. Mein Anliegen ist es vielmehr, das,
was zwischen 1944 und 1948 in Ostpreußen geschehen ist, festzuhalten, da-
mit die „Tragödie Ostpreußen" und ihre unschuldigen Opfer nicht im Meer
der Vergessenheit versinken.
Während die Medien in Deutschland immer wieder daran erinnern, wel-
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ehe „Verbrechen die Deutschen" zwischen 1933 und 1945 begangen haben,
werden die „Verbrechen der Siegermächte an Deutschen", und dazu
gehören auch die Verbrechen der Roten Armee in Ostpreußen 1944/45, be-
wußt verschwiegen.
Man überläßt es ausländischen Historikern, wie z.B. dem amerikanischen
Zeitgeschichtler Dr. phil. Alfred M. de Zayas, Professor für Völkerrecht an
der Universität Chicago, Mitglied des Internationalen PEN-Clubs und Mit-
glied des Kuratoriums der Internationalen Gesellschaft für Menschenrech-
te, über Schuld und Verbrechen der Alliierten, der USA, Großbritanniens
und der UdSSR, und über die Vertreibung in seiner hervorragenden Doku-
mentation „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen" zu
berichten.
Bezeichnend dafür, wie wir Deutschen mit unserer eigenen Geschichte
und besonders mit der Geschichte Ostdeutschlands umgehen, ist die Tatsa-
che, daß in einer öffentlichen Bücherei „auf Anordnung von oben" begon-
nen wurde, „Vertreibungs-Literatur" auszusortieren, zu vernichten oder zu
verbrennen; eine mit dem Grundgesetz nicht zu vereinbarende „Zensur".
Wer Versöhnung und Aussöhnung will, muß sich zur geschichtlichen
Wahrheit bekennen, muß „Vertreibung" ein „Verbrechen" nennen und darf
die „Erinnerungs-Kultur", von der Politiker so gern reden, nicht nur auf die
„Verbrechen der Deutschen" beschränken, sondern muß auch an die nach-
weisbaren „Verbrechen der Sieger an Deutschen" erinnern. Man hofft offen-
sichtlich, daß die Erlebnisträger und Augenzeugen aussterben.
Uns allen sollte bewußt werden, daß das Bild des Krieges zwei Seiten hat:
Die eine zeigt den Sieger, den Befreier, den Unschuldigen.
Die andere den Besiegten, den Befreiten, den Schuldigen.
Doch Täter und Opfer, Unschuldige und Schuldige, gibt es auf beiden Sei-
ten.
Während die „Eroberer Ostpreußens" in Rußland als „Helden" gefeiert
wurden und Orden erhielten, gedenkt man in Deutschland der Opfer die-
ser „Heldentaten", der vergewaltigten, ermordeten Frauen, der Säuglinge,
Kinder und Greise - und der bei der Verteidigung Ostpreußens gefallenen
deutschen Soldaten.
Die Sowjetunion führte ihren „Großen Vaterländischen Krieg" gegen den
„Faschismus". Doch waren die Mütter, Kinder und Greise, die aus ihrer an-
gestammten ostpreußischen Heimat vor der mörderischen Roten Armee, die
ihre Dörfer und Städte bedrohte, fliehen mußten, um ihr nacktes Leben zu
retten, „Faschisten"?
Und waren die deutschen Soldaten, die Ostpreußen bis wenige Tage vor
der Kapitulation verteidigten, um den letzten Frauen, Kindern und Alten
noch die Rettung über See zu ermöglichen, Soldaten, die diesen Einsatz oft
mit Verwundung, jahrelanger Gefangenschaft oder gar mit dem eigenen Le-
ben bezahlen mußten, „Mörder", wie uns Deutschen eine Ausstellung „Ver-
nichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" weismachen will?
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Ist es nicht tief beschämend, daß uns der ehemalige Feind mehr Gerechtig-
keit widerfahren läßt als die höchsten Vertreter unseres eigenen Staates?
Schon 1919 sagte der damalige französische Premierminister Clemenceau:
„Die Deutschen kennen keine Mittellinie. In guten Tagen verherrlichen sie
ihre Ideale bis zur Selbstaufopferung, nach der Niederlage aber beschmutzen
sie ihr eigenes Nest, nur um uns zu gefallen!"
Und kein führender Repräsentant unseres Staates hat bisher den Mut ge-
habt, die Aussage des amerikanischen Professors Austin App zu zitieren, „daß
die deutschen Truppen in kalter Wirklichkeit die anständigsten Truppen des
Zweiten Weltkrieges waren."
Diese Art und Weise der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen dürf-
te in der Welt einmalig sein.
Auch deshalb erscheint es mir notwendig, mit dieser Dokumentation nach-
zuweisen, daß die „Tragödie Ostpreußen" ein „Verbrechen an Deutschen"
war und bleibt, das man nicht wegleugnen kann und von dem sich bisher
noch keine der Siegermächte distanziert hat.
In Ostpreußen nahm die Rote Armee „Rache für Rußland".
Heinz Schön
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1. Kapitel
Angriffsziel Ostpreußen
Der Rachefeldzug der Roten Armee
Die Tragödie Ostpreußens, die wohl schlimmste Tragödie des Zweiten
Weltkrieges auf deutschem Boden, begann im Sommer 1944.
Am 22. Juni 1944, dem 3. Jahrestag des Beginns des Rußlandfeldzuges, be-
gann die Rote Armee ihre lange geplante und sorgfältig vorbereitete Großof-
fensive gegen die Heeresgruppe Mitte (Generalfeldmarschall Busch). Die deut-
sche Heeresführung hatte sowohl den Zeitpunkt wie auch die Stoßrichtung
der Offensive nach Bobruisk, Mogilew, Orscha und Witebsk rechtzeitig er-
kannt und Verstärkung angefordert; dies wurde von Hitler ebenso abgelehnt
wie eine Frontverkürzung. In dem von Hitler zum „Festen Platz" erklärten Wi-
tebsk wurden mehrere deutsche Divisionen, darunter auch die ostpreußische
206. Division (General Hitter), nach ihrer Einschließung vernichtet.
General Großmann schreibt in seinen Erinnerungen darüber:
„Trotzdem ließ Hitler sich nicht davon abbringen, auch weitere Orte zu
,Festen Plätzen7 zu erklären. Er unterband so eine wendige Führung der vier
Armeen der Heeresgruppe Mitte, die allein zu einem Abwehrerfolg hätte
führen können ... kam es schließlich zum Zusammenbruch der gesamten
Heeresgruppe Mitte in einem Ausmaß, das sogar die Auswirkungen Stalin-
grads weit in den Schatten stellte. Etwa 25 erfahrene Ost-Divisionen waren
so gut wie aüfgerieben, und die Front wurde auf etwa 350 Kilometer aufge-
brochen. Feldmarschall Busch, der sich gegenüber Hitler nicht durchsetzen
konnte, wurde am 28. Juni [1944] durch Feldmarschall Model abgelöst...
Ihm, dem Hitler mehr vertraute und mehr Freiheit ließ, gelang es durch Zu-
führung von Reserven... zwar nicht mehr, den Zusammenhalt der Front zu
wahren, aber doch den Vormarsch des übermächtigen Gegners zu ver-
langsamen."
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Die Übermacht der Roten Armee, die durch amerikanische Hilfe gut aus-
gerüstet war, vor allem auch die Übermacht der sowjetischen Luftwaffe, die
sich besonders unheilvoll auswirkte, führte dazu, daß die zum „Festen
Platz" erklärte Stadt Wilna, die ab dem 7. Juli eingeschlossen war, am 12. Ju-
li 1944 verlorenging; am 16. Juli folgte der Ostteil von Grodno.
Nach einem Rückzug von über 400 Kilometern fand am 20. Juli 1944 die
Heeresgruppe Mitte einen vorläufigen Halt auf der Linie Brest Litowsk-
Grodno-Kowno-Wilkomir; der Njemen (d. i. der Oberlauf der Memel) bil-
dete das Mittelstück. Der 4. Armee war es gelungen, einen Vorstoß der Rus-
sen auf Augustow abzufangen. Bei einer Lagebesprechung der Heeres-
gruppe Mitte am 13. Juli 1944 kam man zu der Erkenntnis, daß selbst bei
planmäßigem Eintreffen aller zugesagten Verstärkungen am 21. Juli 1944
immer noch 160 Divisionen der Roten Armee nur 16 deutschen Divisionen
gegenüberstehen würden.
Die Rote Armee im Anmarsch auf Ostpreußen
Die in den Grenzkreisen wohnenden Ostpreußen sahen bereits Anfang Ju-
li 1944 die Gefahr heraufziehen, daß in nicht allzuferner Zeit die ersten Sol-
daten der Roten Armee die ostpreußische Grenze erreichen und überschrei-
ten könnten. Doch die meisten hofften noch immer auf das Wunder einer
Wende, das Aufhalten der Russen noch vor der Grenze.
Doch immer mehr deutsche Soldaten, Versorgungseinheiten mit ihren
endlos scheinenden Trossen, die durch das ostpreußische Grenzland nach
Westen zogen, ließen die Hoffnung der Ostpreußen auf ein Wunder immer
mehr schwinden. Es waren nicht hunderte, sondern tausende deutsche Sol-
daten, die sich auf dem Rückzug befanden. Viele von ihnen, die sich müh-
sam auf den Hauptstraßen vorwärtsbewegten, boten nicht mehr das Bild ei-
ner disziplinierten kampffreudigen Truppe, sondern sahen ermüdet und ab-
gekämpft aus. Was besonders auffiel, waren die Panjewagen der Hiwis, der
fremdländischen Hilfswilligen, die sich den deutschen Soldaten anschlos-
sen, um nicht der Roten Armee in die Hände zu fallen.
Daß sich der Krieg Ostpreußen nicht nur von Land her, sondern auch aus
der Luft näherte, erlebten die Bewohner von Tilsit bei den Bombenangriffen
russischer Flugzeuge in den Tagen vom 24. bis 27. Juli; 154 Gebäude wur-
den dabei zerstört, und es gab viele Tote. Insterburg, einer der wichtigsten
Eisenbahnknotenpunkte in Ostpreußen, erlebte in der Nacht vom 29. zum
30. Juli 1944 einen Bombenangriff mit verheerender Wirkung.
Auch die Front rückte immer näher. Was viele befürchtet, aber nur weni-
ge geglaubt hatten, trat noch im Juli 1944 ein: Memel und das Memelland
gerieten in die Gefahrenzone eines Angriffs der Roten Armee. Russischen
Panzerverbänden war es gelungen, einen Keil bis zum litauischen Schaulen
(Siauliai) vorzutreiben und sich so der alten deutschen See- und Handels-
stadt im Nordosten des Reiches bis auf 140 Kilometer zu nähern.
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Erst wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war das Me-
melland mit seiner Hauptstadt Memel wieder unter deutsche Oberhoheit
gekommen, nachdem es sich Litauen nach dem Ersten Weltkrieg angeeig-
net hatte. Die verkehrsgünstige Lage am Eingang zum Kurischen Haff und
an der Mündung der Dange verlieh Memel eine besondere Bedeutung. Der
Memeler Hafen diente u.a. als Umschlagplatz für die Haff- und Seefischerei
und als Einfuhrpforte für das vorwiegend landwirtschaftlich geprägte Hin-
terland. Die See-Entfernung von Memel nach Libau betrug 52 Seemeilen,
nach Windau und Danzig 166 Seemeilen, nach Riga 237 und nach Stockholm
264 Seemeilen (1 Seemeile = 1,852 Kilometer).
Memel wurde bis zum Sommer 1944 vom Kriegsgeschehen kaum
berührt, abgesehen von einem Luftangriff russischer Kampfflugzeuge am
24. Juli 1941, der aber ohne schwerwiegende Folgen verlief.
Memel in Gefahr
Memel war 1944 Sitz des Kommandanten im Abschnitt Memel, dessen
Bereich sich vom Fuße der Kurischen Nehrung bei Cranz bis zur Reichs-
grenze bei Nimmersatt erstreckte; er unterstand dem Küstenbefehlshaber
Mittlere Ostsee.
Auf den Memeler Hafen stützte sich die 24. U-Boot-Flottille, die
hauptsächlich der Schulung von Offizieren für die Frontverwendung dien-
te. Außerdem diente der Hafen der nördlichsten Gruppe der 3. Sicherungs-
flottille, die zur Kontrolle der Seewege zwischen den Häfen der Danziger
Bucht und denen Kurlands eingesetzt war. Sie unterstand bis zum 1. De-
zember 1944 dem Befehlshaber der Sicherung der Ostsee, danach der 9. Si-
cherungsdivision der Kriegsmarine, der die Sicherung des frontnahen Ost-
seeraums oblag. Mit dem Ausbau Memels zum Marinestützpunkt wurde
auch dessen Flakschutz erweitert. Die Befestigungspläne des Kommandan-
ten im Abschnitt Memel erfuhren im Sommer 1944 aber einen Aufschub.
Höheren Ortes wurde noch nicht mit einer Bedrohung der Stadt von Land,
See oder aus der Luft gerechnet.
Am 14. Juli 1944 wurden im Memelgebiet alle noch nicht erfaßten Män-
ner im Alter zwischen 16 und 65 Jahren notdienstverpflichtet und zu den
Arbeiten am Ostwall im südlitauischen Gebiet eingesetzt.
Ende Juli 1944 hörten die Memeler bei Ostwind bereits den Geschütz-
donner der sich nähernden Front. Doch die Bevölkerung glaubte zunächst,
es handele sich nur um heraufziehende Gewitter. Sie ahnte noch nichts von
der drohenden Gefahr. Die Parteidienststellen versuchten tagtäglich, die La-
ge herunterzuspielen, allen voran Gauleiter Erich Koch. Doch dieser wußte
über die Frontlage an den Grenzen des Memellandes ebensowenig wie die
Parteidienststellen in Memel.
Einer, der genau wissen wollte, wie die Front verlief und wie weit sie noch
von Memel entfernt war, war Fregattenkapitän Karl Friedrich Merten, Chef
der 24. U-Boot-Schulflottille. Er machte sich seit langem Gedanken darüber,
was mit seinen Schulbooten im Falle direkter feindlicher Bedrohung von
Land her geschehen sollte. Kurz entschlossen und gegen den Willen der Par-
teidienststellen schickte er einige seiner U-Boot-Offiziere mit einem Funk-
trupp in Richtung Geschützdonner, um sich ein ungefähres Bild über die
Frontlage zu verschaffen. Was der Fregattenkapitän danach erfuhr, versetz-
te ihm einen Schrecken und ließ ihn sofort handeln.
Merten wandte sich nicht an seine vorgesetzte Dienststelle, er wählte den
direkten Weg: Er teilte dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großad-
miral Dönitz, seine Lagebeurteilung mit. Dönitz antwortete sofort und er-
teilte Merten alle Vollmachten, um die Räumung des Hinterlandes, der Stadt
und des Hafens in die Wege leiten zu können. Die Parteidienststellen
schäumten vor Wut über den Alleingang des Flottillenchefs. Sie drohten, ihn
vor ein Kriegsgericht stellen zu lassen. Doch der fronterfahrene Offizier und
Eichenlaubträger (als Kommandant von U 68 hatte er 27 Handelsschiffe mit
170.275 BRT versenkt) ließ sich durch diese Drohung nicht beeinflussen. In
einer ersten Aktion schickte er 6.000 abkommandierte Hitlerjungen, die mei-
sten kaum 14 Jahre alt, auf dem Seeweg nach Hause. Mertens Offiziere hat-
ten bei ihrer Lageerkundung die Jungen entdeckt. Sie schanzten hinter der
deutschen Front am Ostwall und waren sich der drohenden Gefahr über-
haupt nicht bewußt. Die Hitlerjungen wurden auf die beiden vom Befehls-
haber der U-Boote bereitgestellten Dampfer „Messina" und „Welheim" ein-
geschifft und nach Westen gebracht.
Nachdem Ende Juli 1944 russische Panzerspitzen weit nach Kurland vor-
gestoßen waren, wurde in den ersten Augusttagen die Räumung der Be-
völkerung und des Großviehs befohlen. Sie erfolgte sowohl mit Trecks als
auch mit der Eisenbahn, mit Schiffen über das Kurische Haff und per See-
transport über Pillau. Als Auffangräume für die Trecks und die Eisenbahn-
transporte aus dem Memelland dienten vorwiegend die nahegelegenen
Kreise Elchniederung, Labiau und Samland, während die städtische Be-
völkerung, die nicht mit Schiffen abtransportiert werden konnte, in etwas
entferntere Gebiete, wie den südwestlichen Teil Ostpreußens, „vorüberge-
hend evakuiert" wurde. Dabei ging man von der Hoffnung aus, daß es ge-
lingen würde, die russische Front in kürzester Zeit wieder zurückzudrän-
gen.
Im Hafen von Memel nahmen ab Ende Juli und in den folgenden Wochen
die Schiffe „Angelburg", „Goya", „Heinz Horn", „Lech", „Messina", „Nord-
land", „Vega", „Welheim" und „Wolta" 50.000 Memelländer an Bord und
brachten sie nach Pillau, Danzig und Gotenhafen.
Doch die mit der Bahn Evakuierten und per Schiff Abtransportierten, aus-
nahmslos Mütter mit Kindern und Kranke, stellten nur einen Bruchteil der
Bewohner des Memellandes dar; die meisten blieben zu Hause, wollten ih-
re Heimat nicht verlassen oder durften nicht, da sie „kriegswichtige Aufga-
ben" zu erfüllen hatten.
Der „Ostwall" wird gebaut
Das unaufhaltsame und rasche Vorrücken der Roten Armee auf die Gren-
zen Ostpreußens hatte auch die Dienststellen der Partei, der NSDAP, unru-
hig gemacht.
Gauleiter Erich Koch, von Hitler inzwischen zum „ReichsVerteidigungs-
kommissar Ostpreußen" ernannt, hatte dem Führer vorgeschlagen, einen
„Ostwall" bauen zu lassen, der als „Ostpreußen-Schutzwall" den Panzern
der Roten Armee und den Rotarmisten das weitere Vordringen auf Ost-
preußen unmöglich machen, es zumindest aber verzögern sollte.
Nachdem Hitler den Bau genehmigt hatte, begann Koch - innerhalb von
drei Stunden nach dem Eintreffen der Genehmigung - mit der Realisierung,
und die ersten Schippkolonnen standen abmarschbereit. Koch erklärte da-
zu:
„Ohne Partei gibt es keinen Frontgau Ostpreußen. Nur die Partei kann für
sich in Anspruch nehmen, Menschenmassen zu führen."
In den folgenden Tagen holten die Ortsgruppenleiter der NSDAP, dem
Befehl ihres Gauleiters folgend, zehntausende Männer von ihren Arbeits-
plätzen: Hitlerjungen, alte Männer, Betriebsleiter, Beamte, Angestellte und
Arbeiter ohne Rücksicht darauf, daß sie kriegswichtige Funktionen ausüb-
ten und deshalb „u.k." (d.h. unabkömmlich) gestellt waren. Keiner konnte
sich gegen diese „Abkommandierung" wehren, Einspruchsmöglichkeiten
gab es nicht. Ein Massenaufgebot an Menschen, Pferden und Wagen rückte
über die ostpreußische Grenze nach Osten, um dort Stellungen zu bauen.
Gesamtplanung und Verlauf der „Ostpreußen-Schutzstellung", der die Be-
völkerung den Beinamen „Erich-Koch-Wall" gegeben hatte, lagen in den
Händen von Festungsbaustäben des Heeres, die sich aber nicht um die
Einzelausführung kümmern konnten. Diese lag bei den von der Partei er-
nannten Abschnittsführern, zumeist Kreisleitern der NSDAP, die jedoch kei-
ne entsprechende technische Vorbildung besaßen. So entstanden oft Anlagen,
die erst später von sich zurückziehenden deutschen Einheiten als Ver-
teidigungsanlagen ausgebaut, vervollständigt und nutzbar gemacht wurden.
Für Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Erich Koch war der
Ostwallbau ein bedeutendes Erfolgserlebnis, mit dem er bei Hitler wieder
Pluspunkte sammeln konnte, zumal immer mehr Ostpreußen seinem „Auf-
ruf zur Wehrbereitschaft", der überall in den Parteidienststellen aushing
und auf Plakaten von diesen verbreitet wurde, folgten.
Der Aufruf hatte folgenden Wortlaut:
„Hunderttausende von Ostpreußen aller Berufe und Altersstufen sind
dem Ruf des Gauleiters gefolgt und haben Picke und Spaten in die Hand ge-
nommen, um den ,Ostpreußen-Schutzwall' zu bauen. Ein einziges Be-
kenntnis zur Tat, ein fanatischer Wille zur Wehrbereitschaft, so stehen die
Männer an Ostpreußens Grenze als leuchtendes Beispiel für das ganze deut-
sche Volk!"
Die meiste Arbeit beim Bau des „Ostwalls" machte der durchlaufende
Panzergraben. Auch der „Feuerwehr-General" Fiedler, ein Günstling Kochs,
der als Leiter der Feuerwehrschule Metgethen eine Phantasie-Uniform mit
Generalsabzeichen trug, wollte seinen Beitrag zur Verteidigung Ost-
preußens leisten. Er erfand einen „Einmann-Bunker" mit Deckel, den man
später „Koch-Topf" nannte. Dieser „Topf mit Deckel" sollte Verteidigern
Schutz bieten gegen das Überrollen durch Panzer und andere Fahrzeuge.
Die Herstellung der „Koch-Töpfe" erfolgte im Zementwerk Metgethen; ihr
Prinzip war höchst einfach: Sie bestanden aus engen Zementröhren, als Pan-
zerschutz diente ein Betondeckel. Obwohl in großer Anzahl hergestellt und
eingegraben, allerdings oft an völlig falschen Stellen, waren sie wertlos. Nie-
mand wollte auf sich allein gestellt in diese Einmann-Röhre kriechen und
sich, wie in einer Mausefalle sitzend, von Panzern überrollen lassen.
Die „Ostpreußen-Schutzstellung" verlief etwa 20 Kilometer ostwärts der
ostpreußischen Grenze. An ihr wurde auch noch gebaut, als an ihrem Nord-
teil schon Abwehrkämpfe stattfanden. Von Wilkowischki bis nördlich Schir-
windt konnte nicht weiter gebaut werden, da dort bereits in den ersten Au-
gusttagen ein sowjetischer Einbruch erfolgte. In unmittelbarer Grenznähe
wurde später eine Schutzstellung II ausgehoben.
Die Bedrohung für Ostpreußen wuchs in den letzten Julitagen, nachdem
sowjetische Einheiten erneut zum Angriff übergegangen waren. Die Russen
hatten den Nordflügel der 4. Armee, die am 19. Juli von General Hoßbach
übernommen worden war, und die 3. Panzer-Armee (Generaloberst Rein-
hardt) angegriffen. Dabei war es ihnen gelungen, in erbitterten Kämpfen die
deutschen Verbände über die Linie Seyney-Kalvaria-Mariampol-Dubissa-
Abschnitt zurückzudrängen. Am 2. August konnten die sowjetischen Ver-
bände nach einem hart geführten Kampf gegen eine neu aufgestellte Volks-
Grenadier-Division Wilkowischki nehmen. Daraus ergab sich für Ost-
preußen eine höchst bedrohliche Situation. Diese stand auch auf der Tages-
ordnung einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier, die am 3. August
1944 stattfand.
Das Führerhauptquartier „Wolfsschanze"
Während sich die Front immer bedrohlicher den Grenzen Ostpreußens
näherte und die Zahl und Stärke der nach Ostpreußen zurückflutenden
deutschen Einheiten von Tag zu Tag zunahm, befand sich der Mann, der das
Kriegsgeschehen der deutschen Wehrmacht als oberster Befehlsgeber leite-
te, Adolf Hitler, in seinem „Führerhauptquartier" mitten in Ostpreußen.
Im Herbst 1940, lange bevor der Krieg gegen die Sowjetunion begann,
war ein Kommando der „Organisation Todt" in dem ostpreußischen Städt-
chen Rastenburg erschienen, um hier angeblich die „Chemischen Werke As-
kania" aufzubauen. Doch ihre wirkliche Absicht und ihr tatsächlicher Auf-
trag war etwas ganz anderes.
Nach Besichtigung der Lage, wobei sich das OT-Vorkommando ganz be-
sonders für den etwa sieben Kilometer ostwärts von Rastenburg liegenden
Stadtwald, die „Görlitz", interessiert hatte, der nahe dem Haltepunkt der
Bahn nach Angerburg lag, rückten Großbaufirmen an, um hier Bunker und
Baracken zu bauen. Da die ganze Umgebung bald von Arbeits- und mi-
litärischen Sicherungs-Kommandos bevölkert war, glaubten die Rastenbur-
ger nicht mehr an den Bau eines chemischen Werkes, zumal auch noch die
Anstalt Karlshof geräumt worden war, um für eine SS-Einheit Unterkunft
zu schaffen. Auch in der Hindenburg-Kaserne in Rastenburg erfolgte die
Unterbringung von Sonder-Kommandos, deren Verwendung vielen noch
unklar war. Erst viel später sickerte durch, daß hier das „Führerhauptquar-
tier Wolfschanze" entstand.
Wer auch immer die Idee hatte, es gerade hier zu bauen - einen günstige-
ren Standort für ein „Führerhauptquartier" in den Jahren 1940-41 konnte es
in Deutschland nicht geben: weitab vom Kriegsgeschehen und von Gefah-
ren aus der Luft, mitten in Ostpreußen, einer „Enklave des Friedens". Der
Stadtwald, die sogenannte „Görlitz", ein Mischwald aus Laub- und Nadel-
holz mit einem beachtlichen Eichenbestand, bot eine hervorragende natür-
liche Tarnung.
Dort, wo die Rastenburger Erholung gefunden und Feste gefeiert hatten,
wurden Betonstraßen gebaut; ein eigener Flugplatz entstand, und die Ei-
senbahnstrecke Rastenburg-Angerburg wurde für den zivilen Verkehr ge-
sperrt.
Im Juni 1941, mit Beginn des Rußlandfeldzuges, bezog Adolf Hitler mit
seinem großen Stab sein Hauptquartier. In den letzten Monaten vor dem
Einzug war eine Bunker- und Barackenstadt entstanden, die in den folgen-
den drei Jahren ihrer ständigen Benutzung immer weiter ausgebaut, ver-
bessert, ergänzt und verstärkt wurde.
Zum Schutz gegen Bomben hatte man die wichtigsten Anlagen, einige
davon mehrstöckig, in die Erde versenkt, mit besonderen Sicherungen ver-
sehen und mit Fahrstühlen ausgestattet. Der Betonblock des Führers, der
im Nordteil der „Wolfsschanze", im Sperrkreis 1, lag, hatte eine Decken-
stärke von acht Metern. Im Innern des Blockes war es sehr wohnlich einge-
richtet.
Im Sperrkreis 1 war auch der „engere Führungsstab" untergebracht, wo-
zu insbesondere Feldmarschall Keitel, Generaloberst Jodi und Martin Bor-
mann gehörten. Reichsminister Speer hatte seine Unterkunft in der soge-
nannten „Gäste-Stadt".
Nur die Wachmannschaften und die ständigen Bewohner hatten Zutritt
zu den Anlagen. Selbst die bekanntesten Generale benötigten einen Son-
derausweis, der von den Wachposten vor den Sperrkreisen geprüft wurde.
Die Anlage war ringsum durch ein drei Meter breites und eineinhalb Me-
ter hohes Stacheldrahthindernis abgesichert. Davor befand sich ein Panzer-
graben und ein 50 Meter breiter Minengürtel. In dreistündiger Ablösung pa-
18
Führerhauptquartier Wolfs schanze
Erläuterungen zur Karte Wolfsschanze
1 Küche i und Teehaus 18 Wehrmachts-Führungsstab
2 Wehrmacht (Ordonnanzen, Fahr.) 19 Sauna
3 Kartenhaus 20 Wehrmachts-Führungsstab
4 Göring, Reichsmarschall 21 Führer-Begleit-Befehlsstelle
5 Keitel, Feldmarschall 22 Stabsbaracken
6 Jodi, Generaloberst 23 Nachrichtenzentrale
7 Nachrichtenbunker 24 Abteilung IV b (Arzt)
8 Heizbaracke 25 Schreibstube (Schirrmeister)
9 Reichs-Presse-Chef 26 Post
10 Reichssicherheitsdienst 27 Bad
11 Garagen 28 Kompaniechef der i. Komp.
12 Kino 29 Speer, Reichsminister
13 Gästehaus 30 Unterkunft d. j.Zuges d. i.Komp.
14 Bormann 31 Kammer, Schneider usw.
15 Stenographen 32 Unterkunft d. i. Zuges d. i.Komp.
16 Gästebunker 33 Kasino der Komp.-Offiziere
17 Gästebunker
1Q
troullierten Wachposten. Gegen mögliche Erd- und Luftangriffe waren Flak-
und MG-Stände errichtet worden.
Südlich des Bahnhofes, innerhalb der Anlage, befand sich der Sperrkreis
2 mit der Kommandantur und der Nachrichten-Zentrale. Der Sperrkreis 3,
der sich um den Bahnhof „Görlitz" befand, wurde nur bei Ankunft auslän-
discher Gäste besetzt. Maschendrahtzäune sicherten jeden der drei Sperr-
kreise gesondert ab.
Einem besonders ausgesuchten SS-Kommando unter der Führung von
SS-Gruppenführer Rattenhuber oblag der persönliche Schutz Hitlers.
Das aus dem Infanterie-Regiment „Großdeutschland" hervorgegangene
Führer-Begleit-Bataillon, das sich ausschließlich aus bewährten Frontkämp-
fern zusammensetzte, sorgte für die äußere und innere Bewachung der
„Wolfsschanze".
Als ein Wunder der Technik galt die Nachrichten-Zentrale, die Major Loh-
se führte. Sie war nach den modernsten technischen Erkenntnissen aufge-
baut und ausgestattet worden, in einem größeren Betonstand untergebracht
und beherbergte die besten Funker, Techniker und Fernmelder. Diese, alle-
samt Spezialisten ihres Faches, verbreiteten mit ihren komplizierten Gerä-
ten über die Führer-Leitungen alle wichtigen Nachrichten über ganz Euro-
pa; die Anlagen wurden jede Nacht auf ihr Funktionieren hin überprüft, um
Ausfälle zu verhindern.
Als „Etappe" für das Führerhauptquartier Wolfsschanze diente die Stadt
Rastenburg. Das Bahnhofsviertel, das Schützenhaus und das Hotel „Tule-
weit" wurden zum Ausspannen vom Dienst in der Wolfsschanze gern be-
sucht. Eine überprovinzielle Bedeutung hatte Rastenburg auch dadurch er-
halten, daß jeden Tag der „Führer-Kurier-Zug" von Rastenburg nach Berlin
fuhr.
Die weitere Umgebung war für die Unterbringung wichtiger Komman-
dostäbe genutzt worden: Das Oberkommando des Heeres befand sich in
der Anlage „Anna" im Mauerwald, das Oberkommando der Luftwaffe in
einer Bunkeranlage bei Breitenheide. Nur Reichsmarschall Hermann
Göring zog es vor, im „Jägerhof" in der Rominter Heide Quartier zu bezie-
hen. Als dort jedoch über die Grenze gekommene Partisanen auftauchten,
zog Göring in seinen scharf bewachten Sonderzug, der bei Goldap stand.
Der Reichsführer SS Heinrich Himmler residierte mit seinem Stab im He-
gewald bei Großgarten, Ribbentrop in dem alten Lehndorffschen Gut Stein-
ort und der Chef der Reichskanzlei Lammers in Rosengarten. Die Stellung
in Berlin hielt der Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Jo-
seph Goebbels.
Am 20. Juli 1944, als der Oberst i.G. Graf Stauffenberg im Führerhaupt-
quartier das Attentat auf Hitler verübte, wurden gerade die Außenwände
von Hitlers Bunker von einem auf vier Meter verstärkt. Deshalb fand die
„Lagebesprechung" an diesem Tage nicht im Führerbunker, sondern im Gä-
stehaus statt, das aus zwei aneinander gebauten RAD-Baracken bestand. Be-
on
dingt durch die leichte Bauart des Gästehauses, war die Wirkung der Bom-
be weit geringer als sie in dem geschlossenen Betonbunker gewesen wäre.
Hitler erlitt deshalb nur leichtere Verletzungen. General Schmundt, der ganz
in der Nähe Hitlers gestanden hatte, wurde so schwer verletzt, daß er sei-
nen Verletzungen erlag und starb. Hitler erklärte, daß die „Vorsehung" ihn
vor dem Tode bewahrt habe, damit er seinen Kampf zu einem siegreichen
Ende führen könnte.
Hitler und die „Ost-Lage"
Das Attentat hatte bei Hitler Spuren hinterlassen, die in den nächsten Ta-
gen und Wochen immer deutlicher erkennbar wurden. Er wurde verschlos-
sener, und sein Mißtrauen gegenüber den Generalen der Wehrmacht ver-
stärkte sich.
Diese Veränderungen in seiner Psyche spürten auch alle Beteiligten der
Lagebesprechung, die Hitler für Donnerstag, den 3. August 1944, in das
Führerhauptquartier befohlen hatte.
Im Casino der „Wolfsschanze" hing noch immer die große Europakarte
an der Wand. Vor ihr hatte Hitler in den ersten Wochen nach Beginn des
Rußlandfeldzuges oft gesessen, die Vision vor Augen, Rußland zu besiegen.
Offizieren, die sahen, wie er auf die Europakarte blickte, erklärte er:
„In einigen Wochen sind wir in Moskau. Daran ist nicht zu zweifeln. Und
dann werde ich Moskau dem Erdboden gleichmachen. Ich werde dort ein
großes Staubecken anlegen. Der Name Moskau muß ausgelöscht werden...!"
Das war vor drei Jahren, Ende Juli 1941, als der siegreiche Vormarsch in
Rußland in vollem Gange war. Von den Generalen und Offizieren, die ihm
damals zugehört hatten, befanden sich jetzt nur noch wenige in seiner Um-
gebung.
Der Bunker, in dem Hitler jetzt lebte, arbeitete und seine Befehle erteilte,
dieser Betonklotz weit unter der Erde trennte ihn von der Außenwelt. Seit
dem Attentat weigerte er sich, den Bunker zu verlassen. Die Luft darin war
feucht. Arzte hatten ihm mehrfach empfohlen, sein Termitenleben in diesen
Betonmauern aufzugeben; er brauche frische Luft zum Atmen. Doch Hitler
lehnte diese Ratschläge immer wieder ab. Er behauptete, außerhalb dieser
dicken Wände könne er nicht schlafen; er zog es vor, in den künstlich belüf-
teten Räumen zu schlafen, obwohl Männer in seiner näheren Umgebung bei
nur einigen Stunden Aufenthalt unter Kopfschmerzen und Kreis-
laufstörungen litten.
Bereits seit der Stalingrad-Katastrophe hatte er sich von seinen militäri-
schen Beratern zurückgezogen. Er nahm auch nicht mehr am Gemein-
schaftsessen der Offiziere im Casino teil und blieb zu den Mahlzeiten in sei-
nem Bunker. Nur um den Dressurübungen seiner Schäferhündin „Blondi"
zuzusehen, verließ er seinen Bunker, um danach zur „Lage-Besprechung"
zu gehen.
77
Die „Lage", wie man die Lagebesprechung kurz nannte, fand in der Re-
gel mittags um 14 Uhr in dem etwa 20 Meter langen Konferenzzimmer im
Hauptgebäude statt, so auch an diesem Donnerstag, dem 3. August 1944.
Die Offiziere der drei Wehrmachtsteile und der Waffen-SS hatten sich be-
reits vollzählig eingefunden; sie unterhielten sich gedämpft in kleinen Grup-
pen und warteten geduldig.
Kurz vor halb drei, mit ungewöhnlich langer Verspätung, die bei Hitler
früher unmöglich gewesen wäre, wurde die Tür aufgerissen, und der per-
sönliche Adjudant Hitlers rief mit schneidender Stimme: „Meine Herren -
der Führer!"
Mit einem Schlag war das Gespräch der Offiziere verstummt. Die Offi-
ziere machten Front zur Tür. Hitler betrat mit abgewinkeltem Arm grüßend
den Raum, links neben ihm ging Feldmarschall Keitel und Generaloberst
Jodi.
Hitler reichte Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS, den er nach dem
Attentat zum Befehlshaber des Ersatzheeres gemacht hatte, die Hand, da-
nach Großadmiral Dönitz und Generaloberst Guderian. Dann setzte sich
Hitler auf den einzigen in dem Raum vorhandenen Stuhl, der vor den Fen-
stern vor einem riesigen Kartentisch stand.
Zunächst wurde die „West-Lage" und die „Süd-Lage" von Generaloberst
Jodi, dem Chef des Wehrmachtführungsstabes, vorgetragen. Die Lage im
Westen war von der geglückten und weiter fortschreitenden Invasion der
Amerikaner geprägt. Jodi teilte mit, daß den Amerikanern der Durchbruch
bei Avranches gelungen sei. Hitler kommentierte dies, auf den Kartentisch
blickend, mit der Bemerkung:
„Je stärker die amerikanischen Kräfte sind, die durch Avranches strömen,
um so größer wird unser Erfolg sein, wenn wir sie vernichten."
Nach einer Stunde hatte Jodi seinen Vortrag beendet und trat zurück.
Danach war Generaloberst Guderian an der Reihe, die „Ost-Lage" vor-
zutragen.
Hitler und Guderian, der Gründer der deutschen Panzerwaffe, waren kei-
ne Freunde. Hitler hatte Guderian nach der Winteroffensive 1940/41 ablö-
sen lassen, weil er vor Moskau zurückgewichen war und die Stadt nicht er-
obert hatte, wie von Hitler befohlen. Nach dem Attentat hatte Hitler Gude-
rian zum Chef des von ihm gehaßten Generalstabes ernannt. Guderian hat-
te dieses Amt nur angetreten, weil er glaubte, Hitler militärisch beraten und
seine Entscheidungen beeinflussen zu können.
Sachlich und nüchtern, ohne Beschönigung, berichtete Guderian über die
katastrophale Lage an der Ostfront. Er erklärte, daß die Heeresgruppe Mit-
te beim sowjetischen Angriff am 22. Juni 1944 zusammengebrochen sei und
dabei mehr als 300.000 deutsche Soldaten ostwärts von Minsk den Tod ge-
funden hätten.
Guderians Stimme wurde dumpfer, als er fortfuhr:
„Der Russe drängt weiter mit starken Kräften gegen die 3. Panzer-Armee
und den Nordflügel der 4. Armee, um nördlich des Njemen auf Tilsit durch-
zustoßen und südlich von Kowno auf Ostpreußen. Die 3. Panzer-Armee
schlägt sich mit größter Tapferkeit in außerordentlich heftigen Kämpfen. Seit
dem russischen Durchbruch auf Schaulen ist ihre Nordflanke ernsthaft be-
droht. Der Druck auf Tilsit ist unvermindert stark. Ich halte die sofortige
Vorbereitung der Verteidigung Ostpreußens für erforderlich."
Hitler, der während dieses niederschmetternden Berichtes stumm auf die
vor ihm liegende Karte geblickt hatte, fuhr plötzlich auf und rief:
„Kein Russe wird jemals ostpreußischen Boden betreten!"
Guderian will eine klare Entscheidung des Führers und erklärt:
„Als vorsorgliche Maßnahme würde ich vorschlagen, die Bevölkerung
aufzulockern und die zahlreichen aus dem Reich nach Ostpreußen Evaku-
ierten zurückzuschicken. Man könnte Ostpreußen auch von Alten, Kranken
und unbeschäftigten Frauen mit ihren Kindern freimachen."
Hitler sprang auf, wobei seine linke Hand so stark zitterte, daß er sie mit
der rechten festhalten mußte, und wies Guderian zurecht:
„Damit machen Sie mir nur das Volk rebellisch. Die Bevölkerung hat ge-
fälligst die Nerven zu behalten und dort auszuhalten, wo sie ist. Schließlich
bin ich auch noch in Ostpreußen. Sie machen mir die Menschen mit ihrem
Evakuierungsgeschwätz nur verrückt. Glauben Sie, daß sich die Front hält,
wenn die Heimat dahinter schon geräumt ist? Ostpreußen bleibt deutsch.
Und jeder der daran zweifelt, ist ein Defätist!"
Nach diesen Worten ließ sich Hitler, sichtbar erschöpft, auf seinen Stuhl
fallen. Guderian ließ sich seine Erregung nicht anmerken und tat so, als sei
die Standpauke Hitlers völlig an ihm abgeprallt; er wagte sogar, dem Füh-
rer einen weiteren, ebenso unbequemen Plan vorzutragen. Hitler zuge-
wandt erklärte er:
„Ich möchte noch einmal auf meinen Vorschlag eingehen, die Heeres-
gruppe Nord auf die Dünalinie zurückzunehmen. Die dadurch frei werden-
den Divisionen könnten für den Schutz der ostpreußischen Grenzen..."
Weiter kam Guderian nicht mit seinen Ausführungen. Hitler war brüsk
aufgestanden und sagte mit schneidender Stimme:
„Ich brauche Ihre Belehrungen nicht, Generaloberst - ich führe seit fünf
Jahren die deutschen Heere im Felde und habe in dieser Zeit so viel prakti-
sche Erfahrungen gesammelt, wie die Herren vom Generalstab nie sammeln
können. Ich habe Clausewitz und Moltke studiert und bin besser im Bilde
als Sie!"
Danach drehte sich Hitler um, verabschiedete sich, sichtlich verärgert, nur
mit einem knappen Gruß von den Anwesenden und verließ, das linke Bein
leicht nachziehend, den Besprechungsraum.
Generaloberst Guderian blickte ihm nach. Unwillkürlich hatte er seine
Fäuste geballt; er war wütend über Hitler, den er für stur und überheblich
hielt. Ohne ein Wort zu sagen, trat er mit seinem Adjutanten nach draußen.
Seine Sorgen um Ostpreußen waren größer geworden.
24
Stoppt den Feind noch vor der Grenze
Anfang August hatte noch kein Soldat der Roten Armee die ostpreußische
Grenze überschreiten können. Daran sollten die Russen von den deutschen
Verteidigern auch weiter gehindert werden. Doch es schien nur eine Frage
der Zeit zu sein, wann die Sowjets mit einem Großangriff über die Grenzen
Ostpreußens stürmen würden. Bislang waren es nur abschnittsweise An-
griffe, noch weit von der Grenze entfernt, die die Russen durchzuführen ver-
suchten.
Am 4. August erfolgte ein weiterer Angriff sowjetischer Truppen bei Bil-
derweiten und Schirwindt. Mit diesem Einbruch erreichten die Russen fast
die Grenze. Nur durch die schnelle Heranführung von Reserven konnte der
Gegner noch vor der Grenze gestoppt werden. Dabei zeichnete sich die Pan-
zergrenadier-Division „Großdeutschland" (General von Manteuffel) ganz
besonders aus; sie war Retter in der Not und bemühte sich mit Erfolg, die
Rollbahn Wilkowischki-Wirballen-Eydtkau-Ebenrode zu schützen.
Am 5. und 6. August gelang es einer Kampfgruppe der Division, in har-
ten Kämpfen bis Skardupiai vorzustoßen. Damit wurde das weitere Vor-
dringen russischer Einheiten verhindert. In erbitterten Straßenkämpfen
konnte am 9. August Wilkowischki zurückerobert werden; es ging aber ei-
ne Woche später, als die Division aus diesem Kampfabschnitt herausge-
zogen wurde, wieder an die Russen verloren. Danach verlief die Front west-
lich der Stadt Wilkowischki-Naumiestis (Neustadt)-Sintautai-Schaki und
von da nach Norden zur Memel. Einen Einbruch der Russen mit Unterstüt-
zung von 30 Schlachtflugzeugen nach Schaki hatte man abwehren können.
Trotz aller Abwehrerfolge erschien das ostpreußische Grenzgebiet be-
drohter als je zuvor.
Auf Verlangen der Wehrmachtsführung wurden nun die Grenzstreifen
der Kreise Ebenrode und Schloßberg ebenso geräumt wie das Gebiet nörd-
lich der Memel. Dies auch deshalb, weil noch im August ein Großangriff der
Roten Armee auf den Raum Tilsit-Memel erwartet wurde.
Für die bäuerliche Bevölkerung des Grenzgebietes kam der Evaku-
ierungsbefehl überraschend. Man war, so kurz vor der Ernte, überhaupt
nicht darauf vorbereitet. Aus dem Memelland zogen lange Trecks über die
Luisenbrücke bei Tilsit und die Fähren bei Ruß. Eine vorübergehende Un-
terkunft wurde in der Elchniederung gefunden. Die meisten Memelländer
hofften nach erfolgreicher Frontbereinigung durch deutsche Truppen
schnell wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.
Die meisten Memelländer hatten auch nur das Notwendigste mitgenom-
men, vor allem mußten sie die Viehherden auf den Weiden zurücklassen.
Böse Ahnungen befielen die Bewohner der Elchniederung, als die Flücht-
lingstrecks bei ihnen eintrafen.
Doch wenig später zeigte sich, daß die Räumung des Grenzstreifens vor-
eilig erfolgt war. Der erwartete Großangriff der Russen blieb aus, die Front
25
in Litauen stand. Den deutschen Verteidigern war es gelungen, die ver-
schiedenen Angriffe russischer Truppen noch vor der Grenze zu stoppen.
Die Verteidigungskräfte waren auch wesentlich verstärkt worden.
Am Südflügel der 3. Panzer-Armee (Generaloberst Raus) in Höhe des Wy-
stiter Sees bis zur Memel hatten folgende Verbände unter dem XXVI. Ar-
meekorps (General Matzky) Stellungen bezogen: das Begleit-Regiment
„Hermann Göring", die 561. Völks-Grenadier-Division, die 549. Grenadier-
Division, die Kampfgruppe Oberst Schirmer, die Panzer-Brigade von Wer-
thern, Teile der 390. Sicherungsdivision und die Korpsabteilung D.
Zum Teil handelte es sich dabei um eiligst neu aufgestellte Truppenteile,
wie z.B. die 561. Völks-Grenadier-Division oder auch die bei der 4. Armee
eingesetzte 562. Volks-Grenadier-Division. Beide Divisionen waren inner-
halb von zwei Wochen aufgestellt und sofort an die ostpreußische Ver-
teidigungsfront beordert worden.
Das Feststehen der Front vor der Grenze veranlaßte viele Memelländer, in
ihre Heimat zurückzukehren, um die Ernte einzubringen.
Auf Grund dieser Tatsache und der Frontentwicklung sah sich Ost-
preußens Gauleiter und Reichsverteidigungs-Kommissar Erich Koch in sei-
nem Verhalten bestätigt, jedes Räumungsbegehren strikt abzulehnen. Er hat-
te es eilig, sich bei Hitler Rückendeckung für seine Entscheidungen zu ver-
schaffen.
Erich Koch und sein „Frontgau Ostpreußen"
Am 24. August 1944 empfing Adolf Hitler Gauleiter Erich Koch in seinem
Arbeitszimmer im Führerhauptquartier „Wolfsschanze".
Beide kannten sich seit der Kampfzeit. Hitler sah in Koch einen seiner ge-
treuesten Gefolgsleute.
Nachdem Koch, von Hitler begrüßt, den fensterlosen Raum betreten hat-
te, begann er sofort mit seinem Vortrag:
„Mein Führer! Der Ostwall ist in den befohlenen Grundzügen fertigge-
stellt. Die Heimat tritt nun in fanatischem Siegeswillen an die Seite der
Front. Kein Meter deutschen Bodens wird den bolschewistischen Horden
preisgegeben. Ostpreußen ist deutsch und wird immer deutsch bleiben!"
Hitler hatte sich erhoben und war um seinen Schreibtisch herumgegan-
gen, um Koch die Hand zu drücken. Die Augen des Gauleiters begannen zu
glänzen, als Hitler ihm sagte:
„Ich wußte, daß das Wort,unmöglich' für einen fanatischen Nationalso-
zialisten wie Sie nicht existiert, lieber Koch!"
Diese vertraute Anrede, die seit langem nicht mehr über die Lippen Hit-
lers gekommen war, war für Koch eine besondere Genugtuung; sie erfüllte
ihn mit Stolz.
Mit seinen beiden ihn begleitenden braununiformierten Amtsleitern brei-
tete er vor Hitler eine große Landkarte aus, die er erläuterte:
26
„Hunderttausende von Männern und Frauen haben an den eingezeich-
neten Befestigungsanlagen, den Panzergräben und Panzersperren, den A-,
B- und C-Linien geschippt, und es wird weiter daran gearbeitet!"
Hitler schien seinem Gauleiter gar nicht mehr richtig zuzuhören. Ihn in-
teressierte eine andere Frage, die er bisher keinem General gestellt hatte:
„Wie ist die Stimmung der Bevölkerung?"
Hitler stellte diese Frage, obwohl sich sein Hauptquartier sei drei Jahren
mitten in Ostpreußen befand, doch seit zwei Jahren hatte er keinen ost-
preußischen Volksgenossen mehr zu Gesicht bekommen.
Die Antwort, die Hitler von Koch erhielt, war für ihn eine gute Nachricht,
doch sie stimmte nicht mit der Realität überein:
„In Ostpreußen gibt es nur einen Glauben: und das ist der Glaube an den
Führer. Wenn es nötig ist, mein Führer, werden Mann, Frau und Kind die
Heimat mit nackten Fäusten verteidigen. Bei mir werden keine Vorberei-
tungen für eine Evaküierung getroffen. Das ist Defätismus. Unsere Aufga-
be ist es nicht, Ostpreußen zu räumen, sondern Ostpreußen bis zum letzten
Atemzug zu verteidigen!"
Dieses erneute Treuebekenntnis gefiel Hitler, der seinen Gauleiter mit den
Worten verabschiedete:
„Das ist der Geist der Kampfzeit, der aus Ihnen spricht, mein lieber Koch!
Auch ich bleibe ja in Ostpreußen. Meine Soldaten werden es nie zulassen,
daß die Front bis an das Hauptquartier zurückgeht. An der Grenze Ost-
preußens wird sich das Schicksal wenden. Hier werden unsere Armeen zum
tödlichen Schlag gegen den Bolschewismus ausholen!"
Freudig gestimmt verließ Koch das Führerhauptquartier; er fühlte sich in
seiner Überzeugung bestätigt, daß Adolf Hitler nicht nur sein Führer, son-
dern auch sein Freund war.
Die erste Begegnung zwischen dem am 19. Juni 1896 in Elberfeld als Sohn
eines Werkmeisters geborenen Erich Koch, der 1922 in die NSDAP einge-
treten war und kurz danach Gaugeschäftsführer Ruhr der Partei wurde, lag
mehr als 20 Jahre zurück. 1926 ernannte man den ehemaligen Reichsbahn-
beamten zum Stellvertretenden Gauleiter Ruhr und am 1. Oktober 1928 zum
Gauleiter des neu geschaffenen Gaues Ostpreußen. Auch seine weitere Kar-
riere war eng mit Ostpreußen verbunden.
1929 wurde Koch Fraktionsführer der NSDAP im ostpreußischen Pro-
vinziallandtag und Vorsitzender der Stadtverbandsfraktion in Königsberg.
Ein Jahr später gründete er die nationalsozialistische „Preußische Zei-
tung". Am 14. September 1930 erfolgte seine Wahl zum Reichstagsabge-
ordneten für den Wahlkreis I (Ostpreußen). Nach der Machtübernahme
wurde er von Adolf Hitler zum Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen
ernannt.
Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, erfolgte seine Er-
nennung zum Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis I.
Hitler hatte jedoch mehr mit ihm vor: Er setzte Koch als Reichskommis-
27
sar für die Ukraine ein. Für dieses Amt war ursprünglich der Hamburger
Gauleiter Karl Kaufmann vorgesehen gewesen. Wegen der Protektion von
Hermann Göring und Martin Bormann gab Hitler jedoch Erich Koch den
Vorzug. Da es zwischen dem Gau Ostpreußen und dem Reichskommissari-
at Ukraine keine territoriale Verbindung gab, stellte Koch die Schaffung ei-
ner solchen Verbindung als Bedingung für die Übernahme des neuen Po-
stens. Er setzte sich durch: der Bialystoker Distrikt des ehemaligen polni-
schen Territoriums wurde dem Gau Ostpreußen einverleibt.
In den folgenden Jahren errichtete Koch in der Ukraine eine Schreckens-
herrschaft; er ging rücksichtslos gegen die Bevölkerung vor und schreckte
vor keinem Mittel zurück. Sein unmenschliches Verhalten und seine egoi-
stische Machtpolitik - so soll er bis 1942 ein Privatvermögen von 331 Mil-
lionen Reichsmark zusammengerafft haben - waren einer der Gründe für
die ständig wachsende Partisanenbewegung in der Ukraine.
Am 16. November 1942, nach der Neuordnung der Reichs Verteidi-
gungsbezirke, erfolgte seine Ernennung zum Reichsverteidigungskommis-
sar für den Gau Ostpreußen.
Nach der Rückeroberung der Ukraine durch die Rote Armee mußte Erich
Koch im September 1943 mit seinem gesamten Stab aus seinem Palais in
Rowno fliehen. Sein Fluchtziel war die Hauptstadt Ostpreußens, Königs-
berg. Er war ja immer noch der Gauleiter von Ostpreußen und Reichs-
verteidigungskommissar für diese deutsche Provinz.
Zum Stab von Erich Koch in Königsberg gehörten ausschließlich Männer,
die ihm bedingungslos ergeben waren. Sein Gauleiter-Stellvertreter war ein
Mann namens Großherr, der seinen Chef bei manchen Gelegenheiten, wo
dieser sich nicht so gern sehen oder sprechen lassen wollte, vertreten muß-
te. Gauorganisationsleiter Dargel, ebenfalls ein direkter Untergebener
Kochs, hatte im Auftrage Kochs dafür zu sorgen, daß Räumungsmaßnah-
men verhindert wurden.
Gauamtsleiter Knuth, zuvor Kreisleiter von Angerburg, erledigte für
Koch alle unlauteren Unternehmungen und Geschäfte unter der Devise „Ei-
gennutz geht vor Gemeinnutz".
In der Gunst Kochs stand auch der bereits erwähnte „Feuerwehrgeneral"
Fiedler, der in Metgethen eine Zementfabrik errichten ließ, in der er zwangs-
verpflichtete Ukrainer für sich arbeiten und ein beträchtliches Vermögen
schaffen ließ.
Zum weiteren Kreis um Erich Koch gehörte auch der Königsberger Kreis-
leiter Wagner, aus Köthen, Kreis Wehlau, stammend: er wurde durch eine
mißglückte Konserven-Hamsterei unter dem Spitznamen „Konserven-Wag-
ner" in ganz Ostpreußen bekannt.
Diese „Mitarbeiter" umgaben Gauleiter und Reichsverteidigungskom-
missar Erich Koch bis zum Untergang Ostpreußens und seiner Hauptstadt
Königsberg, der im Sommer 1944 seinen Anfang nahm und Ende April 1945
abgeschlossen war.
Oö
1
Luft-Terror-Angriffe zerstören Königsberg
Königsberg in Preußen, zu beiden Seiten des Pregels gelegen, zählte zu
Beginn des Zweiten Weltkrieges etwa 375.000 Einwohner. Abgesehen von
drei Luftangriffen im Sommer und im Herbst 1941 sowie im Frühjahr 1943,
die kaum nennenswerte Schäden anrichteten, war bis zum Sommer 1944 der
Krieg an der Hauptstadt Ostpreußens, wie auch an der ganzen Provinz, fast
spurlos vorübergegangen. Viele Berliner, aber auch Bewohner anderer, von
Bombenangriffen besonders bedrohter Städte im Westen Deutschlands hat-
ten hier Zuflucht gesucht und gefunden. In Königsberg und in Ostpreußen
fühlte man sich sicher.
Den Ostpreußen, besonders denjenigen, die in den grenznahen Gebieten
wohnten, war im Sommer 1944 nicht verborgen geblieben, daß die Front im-
mer näher rückte. Auch die durch Ostpreußen zurückflutenden deutschen
Truppenverbände hatten hier und da für eine gewisse Unruhe gesorgt.
Daß auch die Gefahr bestand, daß eines Tages Königsberg das Ziel eines
Luftangriffes werden könnte, wobei man mit einem Angriff sowjetischer
Flugzeuge rechnete, war bekannt. Es gab nicht wenige Königsberger, die ei-
nen solchen Angriff bereits am 20. April 1944, am Geburtstag Adolf Hitlers,
erwartet hatten.
Aber erst in der Nacht vom 26. zum 27. August 1944 war es soweit.
Nicht sowjetische, sondern 167 britische Flugzeuge waren mit dem Auf-
trag gestartet, von Großbritannien aus quer über die Nordsee zu fliegen,
oberhalb Dänemarks nach Osten einzuschwenken, um der deutschen Luft-
abwehr zu entgehen, und 460 Tonnen Bomben auf Königsberg abzuwerfen.
Der Angriff galt fast ausschließlich dem Stadtteil Maraunenhof zwischen
Cranzer Allee, Herzog-Albrecht-Allee und Wallring.
In der Nacht vom 29. zum 30. August 1944 erfolgte ein noch schwererer
Angriff mit 189 britischen Flugzeugen, die über Schweden angeflogen wa-
ren und die 492 Tonnen Bomben auf Königsberg warfen.
Bei beiden Angriffen, zweifelsfrei Terror-Angriffen, weil sie nichtmilitäri-
sche Ziele trafen und treffen sollten, erprobte die britische Luftwaffe ihre
neuen Brandstrahlbomben, die in der dicht bebauten Königsberger Innen-
stadt eine verheerende Wirkung zeigten.
Feuerstürme von ungeheurem Ausmaß tobten durch die Straßen, ver-
brannten flüchtende Frauen und Kinder, hüllten ganze Straßenzüge in ein
Meer von Rauch und Flammen. Diesem Inferno standen Feuerwehr und
Luftschutz fast machtlos gegenüber.
Nicht nur Wohnviertel, wodurch 200.000 Königsberger obdachlos wurden
und mehr als 5.000 zu Tode kamen, sondern auch fast alle kulturell bedeu-
tenden Gebäude mit unersetzbarem Inhalt, wie das Schloß und die
Schloßkirche, der Dom und die Universität, wurden ein Raub der Flammen,
wie auch die drei mittelalterlichen Stadtteile Altstadt, Löbenicht und Kneip-
hof. Ein besonderer Verlust war das malerische Speicherviertel am Pregel.
Über den ersten Angriff berichtete die Londoner Zeitung „The Manche-
ster Guardian" am Montag, dem 28. August 1944, unter der Schlagzeile
„1.000 Meilen-Flug von Lancaster-Bombern nach Königsberg - vernichten-
der Angriff mit neuartigen Brandbomben":
„Lancaster-Bomber der Royal Air Force (R.A.F.) machten Samstag nacht
einen Rundflug von 2.000 Meilen, um ihren ersten Angriff auf Königsberg,
die Hauptstadt Ostpreußens und zur Zeit wichtigster Versorgungshafen der
Deutschen, die 100 Meilen östlich gegen die Rote Armee kämpfen, durchzu-
führen. Die Bomber waren zehn Stunden lang in der Luft. Ihre Ladung
schloß eine Anzahl der neuen flammenwerfenden Brandbomben ein. Ihr
Angriff war auf neuneinhalb Minuten begrenzt. Nach dieser Zeit zeigte sich
dort das, was einer der Piloten als das größte Feuer, das er je gesehen habe,
beschrieben hat - Feuersbrünste, die 250 Meilen weit zu sehen waren. Der
Hafen wurde von vielen Luftabwehrbatterien verteidigt, aber nachdem der
Angriff halb vorüber war, wurden diese Abwehrmaßnahmen unregelmäßig
und wirkungslos. Nur fünf der Bomber kehrten nicht zurück."
Der Nachrichtendienst des britischen Luftwaffenministeriums erklärte zu
dem Angriff am 27./28. August:
„Es war eine bemerkenswerte Leistung, eine große Ladung Bomben so
nahe an die russische Front zu bringen, ohne auftanken zu müssen. Die Lan-
caster griffen weit unter ihrer gewöhnlichen Wirkungshöhe an. Der Angriff
ging so schnell vonstatten, daß der Widerstand schnell gebrochen war. Das
Wetter war klar, und alle Besatzungsmitglieder waren sich darüber einig,
daß es eine sehr massive Bombardierung war.
Königsberg, eine große Hafen- und Industriestadt von 370.000 Einwoh-
nern, ist bisher im Vergleich zu anderen Städten von Luftangriffen relativ
verschont geblieben. Mit seinen hervorragenden Zugverbindungen und
großen Dockanlagen könnte kein anderer Ort für die Deutschen in der
gegenwärtigen Lage der Vorgänge in Osteuropa von größerer Bedeutung
sein als Königsberg. Auch in ruhigen Zeiten ist Königsberg für den Feind
fast genauso wichtig wie es Bristol für uns ist. Die Docks sind mit der Ost-
see durch einen 20 Meilen langen Kanal verbunden, der kürzlich durch die
R.A.F. vermint wurde. Außerdem bestehen gute Zugverbindungen nach
Berlin, Polen und nach Nordosten an die russische Front."
Die Königsbergerin Helene Preuß, die als wissenschaftliche Hilfsassisten-
tin am Mineralogischen Institut der Albertus-Universität am Steindamm 6
arbeitete, erlebte beide Luftangriffe mit:
„Den Alarm zum Luftangriff hatte ich ebenso überhört wie das Klopfen
des Pedells an meiner Zimmertür. Als ich plötzlich wach wurde und das
Verdunkelungsrollo beiseite schob, sah ich zu meinem Entsetzen die,Weih-
nachtsbäume' am Himmel und stürzte mit Mantel, einigen Kleidungs-
stücken und den Papieren in den Keller, um mich anzuziehen und bei der
Bekämpfung der verschiedenen Brandherde in unmittelbarer Nähe, vor al-
lem im Hygienischen Institut, mitzuhelfen. Der erste Schrecken löste sich
bald; es blieb auch keine Zeit, weil alle Hände dringend beim Löschen
benötigt wurden. Ich fühlte mich in dieser Nacht stark, schonte mich nicht,
hielt an einem Brandherd solange aus, bis das Atmen beschwerlich wurde
und mein Standort bedrohlich unsicher; ermunterte die Helfer in der langen
Eimerkette zum Durchhalten und glaubte durch eigenen Einsatz nicht nur
ein gutes Beispiel zu geben, sondern auch stark genug zu sein, um alle Schä-
den zu verkraften.
Als die Sirenen zum zweiten Angriff heulten, überhörte ich sie erneut,
wurde durch einen unruhigen Traum wach und konnte nur in den Keller
hasten, wo ich mit anderen abwartete, wie es diesmal abgehen würde.
Stumm verfolgten wir die Erschütterungen. Als wir den Keller verlassen
konnten, stellten wir zwar in den Institutsräumen und Wohnräumen ein
heilloses Durcheinander fest; es gab sehr viel aufzuräumen. Aber wir hatten
überlebt. Und wie sah es um uns herum aus? Auf dem Weg zur Sternwarte,
in der ich als Dienstverpflichtete einige Messungen machen wollte, kam ich
in den frühen Morgenstunden an vielen Trümmern vorbei. Bisweilen sah ich
auch einige Menschen mit einigen Habseligkeiten hocken. Es war alles so
unwirklich. Ich eilte vorbei zum Botanischen Garten und Sterngarten. Und
auch hier war alles zerstört. Es war wie in einer Geisterstadt. Über mich war
ich entsetzt, weil ich keinerlei Reaktionen feststellte. Dann suchte ich eine
Straße auf, in der eine Freundin, die sich bei ihren Eltern auf dem Lande auf-
hielt, ihr Zimmer hatte. Hier, im Hintertragheim, gab es einen Ruinenberg
neben dem anderen. Eine Überlebende zeigte mir, wo Menschen unter den
Trümmern begraben waren. Als ich umkehrte und heimschlich, löste sich
endlich der Schock und ich ließ meinen Tränen freien Lauf. Diesmal waren
die Eindrücke zu übermächtig. Als mir der Kurator der Universität einige
Zeit später für meinen Einsatz beim 1. Luftangriff das Kriegsverdienstkreuz
überreichte, konnte ich mich nicht einmal freuen."
Unter der Überschrift „Der letzte Terrorangriff auf Königsberg" veröf-
fentlichte die Königsberger Zeitung folgenden Beitrag:
„Die große Bewährungsprobe für Königsberg und ganz Ostpreußen ist
gekommen. Daß sie bestanden wird, beweisen die Hunderttausende, die
einmütig Schulter an Schulter die Schutzstellungen an der Grenze bauen,
und zeigten besonders auch die Königsberger in der Schreckensnacht zum
Mittwoch. Wer bis dahin noch an einer wahren Volkskameradschaft der Be-
völkerung gezweifelt hat, ist eines Besseren belehrt worden.
Ein Oberleutnant und ein Mann in Zivil melden sich in irgend einer der
brennenden Straßen zum Einsatz. Durch ihr tatkräftiges Zugreifen wird das
untere Geschoß eines schon aufgegebenen Hauses gerettet. Ein Oberst steht
an der Spitze einer Eimerkette und sorgt dafür, daß die Wasserzufuhr nicht
versagt. Noch am Nachmittag sieht man ihn an anderer Stelle mit nasser,
verschmutzter Uniform immer noch im freiwilligen Einsatz. In der Nähe ei-
nes Reservelazaretts trifft man mitten in der Nacht Bein- und Armampu-
tierte, die sich trotz ihrer körperlichen Behinderung in die Eimerkette ein-
gereiht haben und auch hier edelstes Soldatentum beweisen. In vielen Stun-
den schwerster Prüfung ist man sich auch von Mensch zu Mensch noch weit
nähergekommen.
Der Selbstschutz, also die breite Waffe der Bevölkerung, hat gleichfalls
Mut und starken Einsatzwillen bewiesen. Unsere Frauen haben vielfach
Übermenschliches geleistet. Auf Dachböden und Dächern haben sie stun-
denlang den gefährlichen Funkenregen abgewehrt, Dachstuhlbrände be-
kämpft, untere Geschosse gerettet, Volksgenossen aus Not geborgen usw.
Viele Beispiele hervorragender Einsatzbereitschaft, die mit Erfolg gekrönt
waren, ließen sich aufzählen. Einer Frau gelang es, nur mit Hilfe ihres
14jährigen Sohnes das stark gefährdete Haus, in dem sie wohnt, vor der Ver-
nichtung zu bewahren. Ein Reviergruppenführer des RLB verlor seine ge-
samte Habe, auch seine Dienststelle wurde zerstört. Dort war nichts mehr
zu retten. Ausgerüstet mit einer Tragkraftspritze, ging er gemeinsam mit sei-
nem Jungen daran, anderen Volksgenossen zu helfen und Brände zu lö-
schen. Bis zum nächsten Morgen kämpfte er unermüdlich gegen Flammen
und Vernichtung. Dann begann er damit, seine Dienststelle neu aufzubau-
en. Zäh und verbissen bewies auch dieser Mann, daß der Luftterror uns Ost-
preußen nicht mürbe machen kann.
Neben der NS-Frauenschaft und anderen Hilfsorganisationen haben sich
auch die Frauenhilfstrupps des RLB überaus bewährt. Die Frauensachbear-
beiterinnen der nicht betroffenen Ortsgruppen setzten die Frauen zu fünft
und sechst überall ein, wo ihre Hilfe erforderlich war. Sie bildeten Eimer-
ketten, bargen aus den brennenden Häusern, soweit es noch möglich war,
Möbel und andere Dinge. Ferner beschrifteten sie die geborgenen Gegen-
stände, halfen beim Aufladen des geretteten Hausrates und beim Essenver-
teilen, suchten vermißtes Gut, sorgten für ein vorläufiges Obdach usw. Man-
che unter ihnen waren selbst ausgebombt, dachten aber nicht an sich selbst,
sondern umsorgten die Volksgenossen, die in noch größerer Not waren.
Die ersten Terrorangriffe haben sehr eindringlich gelehrt, wie wichtig
höchste Luftschutzbereitschaft ist. Alles das, was jahrelang gepredigt wur-
de, muß hundertprozentig befolgt werden, damit die drohende Gefahr ge-
mindert wird. Es kann gar nicht genügend Wasser und Sand bereitstehen,
auch im Luftschutzraum darf ein größerer Behälter mit Wasser nicht fehlen.
Ferner muß Trinkwasser da sein. Am Mauerdurchbruch muß auf alle Fälle
das nötige Gerät zum Offnen bereitstehen. Kohle und Briketts sollen nicht
in der Nähe der Luftschutzräume lagern. Wo sich in den Häusern ein
Haupthahn der Gasleitung befindet, muß er bei Beginn des Alarms auf alle
Fälle abgestellt werden. Alle Luftschutzgebote sind auch auf dem Lande
peinlichst zu befolgen. Ganz Ostpreußen muß heute mehr denn je luft-
schutzbereit sein.
Die Schäden, die Königsberg bei dem letzten Terrorangriff in der Nacht
zu Mittwoch davongetragen hat, sind erheblich. Aber alle Stellen unter der
energischen Führung ihres Gauleiters Erich Koch gingen umgehend ans
Werk, um die Not zu lindern, und die Person des Gauleiters gibt die Ge-
währ, daß auch der Wiederaufbau mit derselben Energie in Angriff genom-
men werden wird. Dank der langen und systematischen Schulung benahm
sich die Bevölkerung luftschutzmäßig so diszipliniert, daß dadurch die Per-
sonenverluste erheblich geringer sind, als sie bei der Größe der Brände und
Zerstörungen zu befürchten waren."
Was viele Königsberger wie auch Militär- und Partei-Dienststellen be-
fürchtet hatten, daß nämlich den beiden britischen Terrorangriffen in den
letzten Augusttagen 1944 weitere Luftangriffe folgen würden, traf nicht ein.
Die Memel-Front zur Verteidigung bereit
Nachdem es der Panzer-Division „Großdeutschland" und anderen mi-
litärischen Einheiten gelungen war, einen weiten Verteidigungsring um Me-
mel zu bilden, trat im August und September für einige Wochen in diesem
Kampfabschnitt „Ruhe an der Front" ein.
Da jedoch spätestens Anfang Oktober mit einem erneuten, wesentlich
stärkeren Angriff der Russen auf Memel zu rechnen war, nutzte die Meme-
ler Festungsbesatzung die Atempause zum weiteren Ausbau der Verteidi-
gungsanlagen.
Die Flakbatterie Mellneraggen, nordwestlich der Stadt, wurde mit vier
10,5 cm-Geschützen, statt der bisherigen 7,5 cm-Geschütze, ausgerüstet.
In den schweren Flakbatterien Försterei und Schweinsrücken wurden
zwei Abteilungen des Reichsarbeitsdienstes ausgebildet und eingesetzt. Da
die Tätigkeit der sowjetischen Luftwaffe im Seegebiet vor Memel und in der
Kurischen Nehrung zunahm, wurde auf der Nehrung ein beweglicher Flak-
schutz mit auf Lastkraftwagen montierten 2 cm-Geschützen eingerichtet. In
der Stellung der Batterie Schweinsrücken konnte der Ausweichgefechts-
stand und der Gefechtsstand des Kommandanten im Abschnitt fertiggestellt
werden. Die Nachrichtenmittel wurden durch die Errichtung einer 80 Watt-
Heeresfunkstation und den Ausbau der Funkverbindungen über das bei Pil-
lau stationierte Nachtjagdleitschiff „Togo" zur Luftflotte 6 und zum Flug-
meldekommando Libau verbessert, der Ausbau der Gefechtsstände für das
Flakgruppenkommando und für das Flugmeldekommando Jagen 24 fort-
gesetzt.
Unter der Mitwirkung eines Pionierstabes des Heeres wurde auch am Bau
einer Stellung zum Schutze des die Stadt umgebenden Gebietes gearbeitet.
Im September machten die festungsbaulichen Arbeiten weitere Fortschritte,
so daß ihr Abschluß für den 10. Oktober 1944 in Aussicht gestellt werden
konnte.
Durch Sonderstäbe des Heeres wurden außerdem entlang der Küste, von
der Ostpreußenstellung bis nach Rossitten, Verteidigungsanlagen erkundet.
Mit dem 22. September trat der Landkreis Tauroggen und das Gebiet nörd-
lich der Memel zur Feldkommandantur Memel.
In den letzten Septembertagen 1944 hatte Hitler die 3. Panzerarmee unter
Führung von Generaloberst Raus der Heeresgruppe Nord unterstellt und
damit die Führung zwischen Riga und Memel in eine Hand gelegt. Für
Generaloberst Raus hatte dies negative Auswirkungen, da die Heeres-
gruppe Nord ihr Schwergewicht auf die Verteidigung des baltischen
Raumes legen mußte. An die Heeresgruppe Mitte mußte die 3. Panzerarmee
zwei Divisionen abgeben, an die Heeresgruppe Nord das am Nordflügel
stehende Panzerkorps. Danach standen der 3. Panzerarmee nur noch fünf
Divisionen für die Verteidigung eines 200 Kilometer langen Frontabschnit-
tes zur Verfügung. Nach dem Aufmarsch starker russischer Verbände vor
der Front der 3. Panzerarmee wies der Generaloberst auf die Gefahr hin, die
zweifellos bei einem russischen Durchbruch der gesamten Heeresgruppe
drohen würde. Daraufhin wurde ihm die Verstärkung durch Zuführung
weiterer Verbände zugesagt. Bereits am 4. Oktober trafen die ersten Teile der
Panzergrenadierdivision „Großdeutschland" von Nordlitauen kommend
im Raum Tryskiai beim XXVIII. Armeekorps (General Gollnick) ein.
Die sowjetische Planung der „Operation Memel"
Die „Ruhe an der Memel-Front" von Mitte August bis Ende September
hatte die Führung der Roten Armee zur sorgfältigen und bis ins Detail ge-
henden Planung der beabsichtigten Großoffensive, an deren Ende die Ein-
nahme der „Festung Memel" stehen sollte, genutzt.
Über diese Angriffsplanung schreibt der spätere Marschall der Sowjet-
union, Iwan Christoforowitsch Bagramjan, den Stalin mit der Planung und
Durchführung der „Operation Memel" beauftragt hatte, in seinen Kriegs-
erinnerungen „So schritten wir zum Sieg":
„Am Morgen des 24. September traf die Direktive des Hauptquartiers ein,
den Hauptstoß unserer Front von der Rigaer Richtung in die Memeler Rich-
tung zu verlegen, um die Heeresgruppe Nord von Ostpreußen abzuschnei-
den.
Das war der Befehl für die,Operation Memel', die während der Baltischen
Operation zur entscheidenden werden sollte, wurde doch in ihrem Verlauf
die Heeresgruppe Nord ein für allemal von Ostpreußen abgeschnitten und
der Gegner gezwungen, in einer wahren Feuerwehraktion seine Truppen
aus Riga und dem angrenzenden Raum, von Estland ganz zu schweigen, zu
evakuieren.
Unserer Front wurde in dieser Weisung befohlen, sämtliche Kräfte
schnell und unbemerkt aus Richtung Riga in die Richtung Memel umzu-
gruppieren, im Raum Siauliai eine starke Stoßgruppierung für den Angriff
in dieser Richtung aufzustellen, den Gegner dort zu zerschlagen, zur
Ostseeküste vorzustoßen und die Heeresgruppe Nord von Ostpreußen zu
trennen.
Unsere nächste Aufgabe sah vor, den ersten und zweiten Verteidigungs-
streifen zu durchbrechen und zur Linie Tirksliai-Plunge-Silale-Taurage
vorzustoßen. Anschließend sollten wir zwischen Palanga und der Neman-
Mündung die Ostsee erreichen. Die Vorbereitung der Operation sollte in
sechs Tagen und die Operation selbst in zehn bis elf Tagen abgeschlossen
sein. Diese Zeit war recht knapp bemessen, da die Verlegung einer An-
griffsrichtung immer mit einer umfassenden Umgruppierung verbunden
ist. Wir mußten das aber schaffen, ehe die Gegner Gegenmaßnahmen er-
greifen konnten. Dabei rechneten wir jedoch damit, daß es dem faschisti-
schen Oberkommando schwerfallen würde, rechtzeitig starke Kräfte aus
dem Raum Riga zur Verstärkung seiner relativ schwachen Verteidigung in
Richtung Memel zu verlegen. Schließlich war der 2. und 3. Baltischen Front
zur selben Zeit die Aufgabe gestellt, den Angriff in Richtung Riga fortzu-
setzen, die lettische Hauptstadt zu befreien und die Ostseeküste bis zum Ha-
fen Liepaja zu säubern.
Am 25. September machten wir uns bereits gründlich Gedanken über die
Idee der neuen Angriffsoperation. Die Notwendigkeit, nach Nord- und Süd-
westen, in zwei divergierenden Richtungen also, anzugreifen, veranlaßten
mich zu dem Entschluß, zwei Stöße zu führen; den Hauptstoß westlich Siau-
liai an einem 19 Kilometer breiten Abschnitt mit dem Ziel, die Hauptgrup-
pierung der Front in den Raum Memel zu bringen; den Nebenstoß süd-
westlich Siauliai an einem 12 Kilometer breiten Abschnitt, um den Gegner
am Unterlauf des Neman möglichst hinter den Fluß zu werfen. Diese Idee
lehnte der Chef des Stabes der Front jedoch ab. Mit der ihm eigenen Logik
wies General Kurassow nach, daß der Durchbruch an zwei Abschnitten die
Kräfte und Mittel zersplittern würde. Das Mitglied des Kriegsrates, General
Leonow, unterstützte diesen Einwand.
Ich mußte sie beharrlich davon überzeugen, daß unsere Kräfte für beide
Stöße reichten. Auf diese Weise könnten wir nicht nur die gegnerischen
Truppen aufspalten, sondern zugleich auf Memel und in Richtung Ost-
preußen angreifen. Dieses Vorgehen hätte außerdem die Teilnahme der 39.
Armee der 3. Baltischen Front erleichtert, die aus dem Raum Raseiniai auf
Taurage und Tilsit (Sowjetsk) angreifen sollte.
Schließlich stimmten mir Kurassow und Leonow zu. Den Hauptstoß soll-
ten die 6. Gardearmee, die 43. Armee, die 51. Armee und die 5. Gardepan-
zerarmee, den Nebenstoß die 2. Gardearmee und das 1. Panzerkorps im Zu-
sammenwirken mit der 39. Armee der 3. Baltischen Front führen. In der
Hauptstoßrichtung, an einem 18 bis 20 Kilometer breiten Abschnitt, wollten
wir rund die Hälfte aller Kräfte und Mittel der Front konzentrieren.
Auf einen Kilometer Durchbruch kamen im Durchschnitt 180 bis 200 Ge-
schütze und Granatwerfer sowie 30 bis 50 Panzer und Selbstfahrlafetten. Bei
sachkundiger Angriffsorganisation hätte das den Erfolg sichern müssen.
Die meiste Zeit nahm die Umgruppierung und die Konzentrierung der
Hauptstoßgruppierung und ihre Vorbereitung auf den Angriff in Richtung
Memel in Anspruch.
Nach der gründlichen Beurteilung unserer Kräfte und Möglichkeiten
wurden die konkreten Aufgaben für die Armeen festgelegt.
Die 6. Gardearmee sollte mit dem 2., 22. und 23. Gardeschützenkorps so-
wie dem 103. Schützenkorps und dem zugeteilten 19. Panzerkorps mit dem
Ziel angreifen, die Verteidigung an einem 10 Kilometer breiten Abschnitt zu
durchbrechen, den Hauptstoß in der allgemeinen Richtung Telsiai-Kalvari-
ja zu führen und am vierten bis fünften Tag den Abschnitt Plunge-Legi zu
nehmen.
Die 2. Gardearmee sollte mit dem 11. und 13. Gardeschützenkorps, dem
44. und 54. Schützenkorps und dem 1. Panzerkorps die Verteidigung an ei-
nem 12 Kilometer breiten Abschnitt südwestlich Siauliai durchbrechen, den
Hauptstoß in der allgemeinen Richtung Kelme-Silale führen, im
Zusammenwirken mit der 43. und der 39. Armee die Gruppierung bei Siau-
liai und Keime zerschlagen und am vierten bis fünften Tag den Abschnitt
Legi-Silale-Taurage einnehmen.
Für die Verbände der zweiten Staffel legten wir zuerst die Aufgabe der 5.
Gardepanzerarmee fest. Wir entschlossen uns, sie am ersten Angriffstag an
der Naht zwischen der 6. Gardearmee und der 43. Armee zur Ausweitung
des Erfolgs in Richtung Zorani-Memel einzuführen. Ihre Korps sollten be-
reits gegen Ausgang des zweiten Tages bis zu 60 Kilometer vorstoßen und
im weiteren zwischen Palanga und Memel die Ostsee erreichen.
Die 4. Stoßarmee und die 51. Armee hatten zunächst die Abschnitte der 6.
Gardearmee und der 43. Armee zu übernehmen, ihre Verteidigungsab-
schnitte an die 2. Baltische Front abzugeben und sich in den rückwärtigen
Räumen nördlich Siauliai zu konzentrieren.
Bei der 4. Stoßarmee blieben das 14., 60., 83. und 84. Schützenkorps. Die
51. Armee behielt das 1. Gardeschützenkorps sowie das 10. und 63. Schüt-
zenkorps, mit denen sie im August den Gegenstoß der faschistischen Pan-
zerdivision abgewehrt hatte. Unsere Reserve bildete das 3. mechanisierte
Gardekorps Obuchows, das in den vorangegangenen Gefechten hohe Ver-
luste erlitten hatte und dringend aufgefüllt werden mußte.
Schwierige Aufgaben standen auch vor der 3. Luftarmee. Sie sollte vor al-
lem in Richtung Memel die Luftaufklärung verstärken. Nur die Fliegerkräf-
te konnten unserer Aufklärung helfen, die dort stehende Gruppierung zu
präzisieren. Sie sollten die Umgruppierung unserer Armeen decken und
Luftangriffe auf die sich zum Angriff bereitstellenden Truppen und wichti-
ge rückwärtige Objekte der Front abwehren. Vor Angriffsbeginn hatte die
Luftarmee eine wuchtige Luftvorbereitung durchzuführen und eventuell
vorrückende Reserven zu vernichten.
Die Aufgabenstellung war lediglich der Anfang einer gewaltigen Arbeit.
Wir sollten unbemerkt die Truppenteile aus dem Gefecht lösen und unsere
Abschnitte an die 2. Baltische Front abgeben. Wir mußten fünf allgemeine
und eine Panzerarmee, zwei Schützen- und ein mechanisiertes Korps sowie
zwei Schützenkorps, die uns das Hauptquartier aus dem Bestand der 2. Bal-
tischen Front übergeben hatte, über Entfernungen zwischen 80 und 240 Ki-
lometern verlegen. Das betraf auch einen Teil der Fliegerkräfte. Rechnete
man die Truppen von der 2. Baltischen Front mit, so waren 500.000 Mann,
über 9.000 Geschütze und Granatwerfer und mehr als 1.300 Panzer und
Selbstfahrlafetten umzugruppieren und zu befördern. Ich glaube, die Zah-
len machen deutlich genug, was uns bevorstand.
Wie stets, setzten wir alles daran, unsere Angriffsvorbereitungen geheim-
zuhalten. Diesmal bemühten wir uns, alle gegebenen Möglichkeiten zu nut-
zen. Zunächst grenzten wir den Kreis der Eingeweihten rigoros ein. Das
Wort Angriff strichen wir förmlich aus unserem Vokabular. Alles wurde
sorgfältig geplant und durchgeführt. Dazu trug auch der vom Stab gut or-
ganisierte Kommandantendienst bei. General Kurassow hatte daran einen
hervorragenden Anteil. Wer zur Rekognoszierung hinausfuhr, trug Solda-
tenuniform, egal ob General oder Offizier. Außerdem war natürlich jede Be-
wegung von Truppen und Technik am Tage verboten.
Diesmal begnügten wir uns aber nicht allein mit der Tarnung, sondern
versuchten, den Gegner, wo wir nur konnten, zu verwirren. Die Generale
Malyschew und Obuchow erhielten Befehl, die Wiederaufnahme des An-
griffs auf Riga von Süden vorzutäuschen, die Aufklärung zu verstärken,
umzugruppieren, demonstrativ Kraftfahrzeuge zur Frontlinie rollen zu las-
sen. Über Drahtverbindungen wurden extra vorbereitete Befehle weiterge-
geben.
Ähnliches vollzog sich bei General Kreiser im Raum Jelgava. Bei Siauliai
täuschten wir den Ausbau der Verteidigung vor. Sperren wurden verstärkt,
Gräben vertieft, das Netz der Verbindungsgräben erweitert.
Gute Einfälle steuerten General Chlebnikow und sein Stab zur Vorberei-
tung der Artilleriesicherstellung bei. Obwohl wir genügend Mittel für eine
doppelte Feuerwalze hatten, schlugen die Artilleristen vor, den Angriff der
Infanterie und der Panzer durch aufeinanderfolgendes zusammengefaßtes
Feuer zu unterstützen, und auch das nur auf eine Tiefe von 2 bis 2,5 Kilo-
metern. Diese Art der Artillerieunterstützung entsprach dem herdartigen
Charakter und der geringen Tiefe des ersten Verteidigungsstreifens. Da-
durch konnte eine große Menge Munition eingespart werden. Ebenso ange-
strengt und erfolgreich arbeiteten alle anderen Dienste.
Aber so sehr wir uns auch beeilten, die für die Angriffsvorbereitung ge-
planten sechs Tage verrannen wie im Nu.
Am 1. Oktober kam Kurassow ganz aufgeregt zu mir. ,Wir schaffen es
nicht zum befohlenen Termin, Genosse Oberbefehlshaber! Der Stab erstickt
in Arbeit, die Truppen sind völlig erschöpft und die Zeit ist heran, die An-
griffsbereitschaft zu melden!'
Ich versprach, mich bei Wassilewski dafür einzusetzen, den Angriffsbe-
ginn um ein paar Tage zu verschieben. Wir meldeten ihm die genaue Zeit,
die wir für den Abschluß der Vorbereitungen benötigten, und er versprach,
das Hauptquartier um zwei Tage zu bitten.
Das Hauptquartier gab die Erlaubnis, mit dem Angriff am 5. Oktober zu
beginnen. Bis dahin mußten wir aber mit allem fertig sein. Fast alle Genera-
le und Offiziere der Frontführung begaben sich zu den Truppen, um die An-
griffsvorbereitungen zu kontrollieren und zu helfen.
General Leonow, der Chef der Politverwaltung der Front, General Dre-
bednew, seine Stellvertreter Oberst Medwedjew und Filatow, der Leiter der
Abteilung Organisation und Instruktion, Oberst Dibrowa und andere Polit-
arbeiter hielten sich ständig in der Truppe auf.
Positiv wirkten auch Begegnungen zwischen Soldaten und erfahrenen
Kämpfern.
Während sich die Armeen der ersten Staffel auf den Durchbruch vorbe-
reiteten, nahm der Plan für den Einsatz der 4. Stoßarmee und der 51. Armee,
die bis zum Angriffsbeginn ihre Abschnitte an die 2. Baltische Front abge-
ben sollten, immer mehr Gestalt an. Vor allem legten wir nördlich Siauliai
die Räume fest, in denen sich diese operativen Verbände konzentrieren soll-
ten. Am 3. Oktober wurde der 51. Armee die Aufgabe gestellt, sich darauf
vorzubereiten, am dritten Angriffstag aus dem Abschnitt Tryskiai-Upina in
die Schlacht einzutreten, in der allgemeinen Richtung Telsiai-Palanga anzu-
greifen und den Abschnitt Kalvarija-Plunge einzunehmen.
Bis kurz vor Angriffsbeginn waren wir uns nicht einig, welche Aufgabe
wir der 4. Stoßarmee stellen sollten. Schließlich gingen wir davon aus, daß
die Hauptstoßgruppierung der Front vom ersten Tag an einem starken
Druck von Norden ausgesetzt und die 6. Gardearmee wie im Juli gezwun-
gen sein würde, sich zur Abwehr von Gegenangriffen mit der Front nach
Norden zu entfalten. Wir mußten dafür sorgen, daß sie ihre Kräfte nicht in
der Verteidigung zu binden brauchte. Deshalb stellten wir der 4. Stoßarmee
die Aufgabe, mit ihrem 84. Schützenkorps an der rechten Flanke der Stoß-
gruppierung der Front längs der Svete die Verteidigung der Nordwest-
richtung zu übernehmen und mit dem 3. mechanisierten Gardekorps einen
Gegenstoß auf Auce vorzubereiten. In dem Maße, wie die 6. Gardearmee
nach Westen vorankäme, sollte sie also von der 4. Stoßarmee durch deren
Verlegung nach Nordwesten vor Angriffen aus Norden gedeckt werden.
Einen Tag vor Angriffsbeginn beschäftigte sich der Kriegsrat der Front mit
den Angaben über den Gegner und dem Charakter seiner Verteidigung.
Oberst Chlebnikow beschrieb ausführlich die drei Verteidigungsstreifen,
insgesamt waren es sechs, die die 3. Panzerarmee ausgebaut hatte. Der 5
Kilometer tiefe Hauptverteidigungsstreifen bestand aus Linien von Schüt-
zenständen und Maschinengewehrstellungen, die durch ein verzweigtes
Netz von Verbindungsgräben verbunden und einen dichten Ring von Pio-
niersperren gesichert wurden. Die Verteidigung hatte einen herdartigen
Charakter.
Der zweite Verteidigungsstreifen war 14 bis 28 Kilometer vom Hauptstrei-
fen entfernt. Die unterschiedliche Entfernung erklärte sich daraus, daß bei sei-
nem Ausbau die Hüsse Virvite und Krozenka einbezogen worden waren.
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Der dritte Abschnitt, der auf der Linie Memel-Tilsit verlief, war der stärk-
ste und tiefste. Seine dritte Stellung verlief längs des Neman. Eine Riegel-
stellung verlief über den Birzulis- und den Lukstas-See. Besonders stark wa-
ren die Verteidigungsknoten um die Städte Tryskiai, Keime, Telsiai, Plunge,
Retavas, Liepaja und Memel.
Bei der Beurteilung der 3. Panzerarmee wies Oberst Chlebow auf eine
weitere Besonderheit in der gegnerischen Verteidigung hin, nämlich auf die
lineare Aufstellung der Kräfte. Alle fünf Infanteriedivisionen waren am er-
sten Verteidigungsstreifen wie auf eine Schnur gefädelt. Man hätte diese
Schnur nur durch einen wuchtigen Hieb durchzutrennen brauchen, und sie
wäre nicht mehr zu knüpfen gewesen, da im Rücken keine starken Reser-
ven standen. Lediglich südwestlich Siauliai, vor der linken Flanke der 43.
Armee, wurden Panzertruppenteile festgestellt; das gleiche traf auf die Naht
mit der 3. Belorussischen Front zu, wo Fliegerkräfte die Konzentrierung be-
trächtlicher Infanterie ausgemacht hatten. Wie sich später herausstellte, han-
delte es sich um die Panzergruppe Lauchert (etwa mit einer Panzerbrigade
vergleichbar) und um die 21. Infanteriedivision.
Die Hauptkräfte der Heeresgruppe Nord standen nach wie vor im Raum
Riga und 60 Kilometer ostwärts der Stadt. In einem Telefongespräch hatte
mir General Jeremenko bestätigt, daß sich der Gegner an die starke Riga-
stellung klammerte, deren Durchbruch die 2. und 3. Baltische Front neue
Anstrengungen und Opfer kostete.
Die Hauptaufgabe waren für uns die Panzerverbände südwestlich Riga.
Panzer und Infanterie konzentrierten sich ausgerechnet an den südwestli-
chen Zugängen zur Stadt. Dabei handelte es sich um eine Panzer- und zwei
Infanteriedivisionen, die in die Reserve übergeführt worden waren. Der
Durchbruch des 3. mechanisierten Gardekorps in den Raum, der ganze 16
Kilometer vom Südrand Rigas entfernt lag, zwang Schörner, diese starke Re-
serve auf dem Weg zur Stadt zu behalten.
Besonders freute uns, vom Chef Aufklärung und dem Oberbefehlshaber
der 3. Luftarmee zu hören, daß die Panzerdivisionen, die uns im August
und September noch so viel Kopfzerbrechen gemacht hatten, südwestlich
Jelgava nach wie vor gebunden seien. Also schienen die Faschisten nichts
von unserer Umgruppierung gemerkt zu haben. Sollten sie jetzt noch etwas
spitzbekommen, würde es schon zu spät sein. Trotzdem verkalkulierten wir
uns etwas. Es war eben einfach unmöglich, die Umgruppierung einer
ganzen Front absolut geheimzuhalten. Offensichtlich hatte die gegnerische
Aufklärung in den ersten Oktobertagen irgend etwas mitbekommen. Mög-
licherweise war das der Grund, warum Schörner die Panzerdivisionen
schrittweise nach hinten abzog, um sie im weiteren in die Richtung Memel
zu verlegen. Dieser Entschluß kam aber zu spät.
Am 4. Oktober besuchte ich mit Chlebnikow und Papiwin die 5. Garde-
panzerarmee. Wir trafen zwar früh bei General Wolski ein, aber er hatte be-
reits noch früher den Stab seines nächstgelegenen Korps aufgesucht. Wols-
ki lud uns zum Frühstück ein. Am Tisch nahmen auch seine Stellvertreter
Platz. Obgleich ich nichts davon hielt, in einer solchen Atmosphäre dienst-
liche Angelegenheiten zu erörtern, drehte sich die Unterhaltung immer wie-
der um den bevorstehenden Angriff. Ich betonte, daß es von der Panzerar-
mee abhinge, wie schnell die Falle für die Heeresgruppe Nord zuschnappe.
,Wir machen sie zu, Genosse Oberbefehlshaber’/ versichert Generalleut-
nant Sajew. ,Wir werden nicht schlafen. Auf die Panzersoldaten können Sie
sich verlassen. Stimmts, Wassili Timofejewitsch?'
,Stimmt', bestätigte Wolski zuversichtlich. ,Wir werden unseren Auftrag
pünktlich erfüllen. Ich bin von unserem Erfolg noch nie so überzeugt ge-
wesen wie jetzt.'
Mir gefiel diese Einstellung.
Der Morgen des 5. Oktober brach an. Er war herbstlich trüb. Um 10.00 Uhr
trafen wir auf der B-Stelle ein, die sich anderthalb Kilometer hinter dem vor-
deren Rand befand. Die geschlossene Wolkendecke schien fast auf den
Dächern der Häuser zu liegen. Stellenweise zogen Nebelschwaden über den
aufgeweichten Boden. Die Sicht war miserabel.
Die Gesichter meiner Mitarbeiter waren noch düsterer als die über uns
hängenden Wolken.
,Ist das ein Hundewetter', brummte Chlebnikow. ,Meine Artilleristen
müssen ja mit verbundenen Augen schießen.'
Schweigend hörte ich mir diese Bemerkungen an; ich verstand sie als in-
direkten Wink, den Angriffsbeginn zu verschieben. Wie sollte man ohne Ar-
tillerie und Fliegerkräfte auch angreifen.
Es fiel jedoch schwer, diesem Gedanken nachzugeben, war doch jeder Tag
Verzug ein Zeitgewinn für den Gegner. Schließlich waren wir uns nicht si-
cher, ob er die Truppenverlegungen wirklich nicht festgestellt hatte. Grund
zur Beunruhigung gab es schon: Aufklärungsflugzeuge hatten am 4. Okto-
ber zunehmenden Verkehr auf den Straßen von Riga nach Südwesten fest-
gestellt.
Nach einer kurzen Beratung mit Leonow und Kurassow entschied ich,
mit dem Angriff zu beginnen, sobald sich die Sicht besserte. Ich machte Was-
silewski davon Meldung. Er stimmte zu.
Zu unserem Glück kam gegen 11.00 Uhr ein leichter Wind auf, der den
Nebel vertrieb. Die Wolkendecke hob sich. Nun konnte es losgehen.
Ich bemerkte die ungeduldigen Blicke Kurassows und befahl ihm, den
Vorausbataillonen das Angriffssignal zu geben.
Um 11.10 Uhr ließen die Salven der Geschoßwerfer und Geschütze den
Boden erzittern, und über uns heulten Granaten hinweg. Die schweren Ge-
schosse konnte man sogar fliegen sehen. Zwanzig Minuten lang donnerten
die Geschütze. Welch eine Musik für das Ohr eines Militärs. Ich schaute auf
die Uhr, zwanzig Minuten waren vergangen, das Donnern der Artillerie
nahm weiter zu.
,Wir greifen an!' schrie Kurassow."
Das Memelland wird Kriegsschauplatz
Für die Verteidiger des Memellandes und der „Festung Memel" brach an
diesem Morgen des 5. Oktober 1944 die Hölle los.
Die 3. Weißrussische Front mit 19 Schützendivisionen, drei Panzerkorps
und einem Artilleriekorps griff mit einer gewaltigen Übermacht an Mensch
und Material die 3. deutsche Panzerarmee an. Starke russische
Schlachtfliegerverbände unterstützten die Offensive. Der 551. Volks-
grenadierdivision (General Verhein) gelang es ostwärts Tryskiai zweimal,
den Russensturm zurückzuschlagen. Durch das massive feindliche Trom-
melfeuer waren beim nächsten Angriff die deutschen Ausfälle jedoch so
hoch, daß Teile der 48 Kilometer breiten Stellung fast ohne Verteidiger wa-
ren. Durch diese Lücken brachen die Sowjets, ohne Widerstand zu finden.
Nördlich und südlich davon zeigte sich das gleiche Bild. Es gab keine Front
mehr und auch keine einheitliche Führung. Nur noch einzelne Widerstands-
nester kämpften verzweifelt in ihren Stellungen. Die bei der 551. Volks-
grenadierdivision eingesetzte Panzeraufklärungsabteilung „Großdeutsch-
land" unter Rittmeister Schroedter brachte die Wende.
Mit einem ungeheuren Schwung brach sie in den angreifenden Feind. Es
gelang ihr, die Russen zurückzuwerfen, die alte deutsche Hauptkampflinie
zu erreichen und die eingeschlossenen Widerstandsnester der Volksgrena-
diere zu entsetzen.
Doch schon am nächsten Morgen mußte Schroedter mit seiner Abteilung
zurück, da die Russen links und rechts weit nach Westen vorgestoßen wa-
ren.
Am Nachmittag des 6. Oktober wurden weitere Truppenteile von „Groß-
deutschland" erwartet, die den Einbruch der Russen bei Kursenai stoppen
sollten. Hierzu war es aber bereits zu spät. Befehlsgemäß besetzte das Pan-
zergrenadierregiment den Abschnitt Bahnhof Tryskiai-Ort. Hier hatte die Zi-
vilbevölkerung ostwärts zwei Gräben mit Verbindungsgräben und Draht-
hindernissen ausgebaut; dies vergeblich, es fehlte an Verteidigern.
Bei der 3. Panzer-Armee war die Lage inzwischen so bedrohlich gewor-
den, daß das Oberkommando des Heeres am 6. Oktober die Verstärkung
durch Zuführung der Fallschirmpanzerdivision „Hermann Göring" befahl.
Die von Generaloberst Raus dringend empfohlene Räumung des Memel-
landes wurde am 7. Oktober 1944 angeordnet.
Da die erste Räumung Ende Juli/Anfang August nach Meinung vieler Be-
wohner des Memellandes zu früh erfolgt war, folgte man jetzt nur zögernd
der neuen Anordnung. Viele wollten ihre liebe Heimat, Haus und Hof, Hab
und Gut nicht aufgeben und gegen eine unsichere Zukunft in der Fremde
eintauschen. Dieses verständliche Zögern endete schließlich in einer über-
stürzten und planlosen Flucht nach einem plötzlichen tiefen Einbruch der
russischen Panzer.
Lange Trecks, in Eile gebildet, zogen über die noch intakten Memel-
brücken. Die Landbevölkerung aus dem südlichen Memelgebiet hatte noch
die Möglichkeit, mit der Eisenbahn zu flüchten. Die Bewohner der Stadt Me-
mel und des Raumes nördlich davon retteten sich zunächst bis zum Hafen,
andere retteten sich über die Kurische Nehrung.
In aller Eile war befohlen worden, ein Landungspionier- und Ersatzregi-
ment mit allen verfügbaren Fronteinheiten der Festung Memel zuzuführen.
Mit zwölf Landungsbooten und einem Zug des 1. Sturmboot-Kommandos
902 mit 21 leichten Sturmbooten traf die Einheit in Memel ein und half ent-
scheidend bei der Überführung und Rettung der Memelländer.
Als zum zweitenmal Flüchtlinge die Stadt verlassen hatten, spürten die
noch in der Stadt Verbliebenen eine merkwürdige Atmosphäre. Käthe Mar-
quardt, seit 1939 Gesundheitsfürsorgerin beim Staatlichen Gesundheitsamt
in Memel, beschreibt sie so:
„Diese Zeit, bis auch ich die Stadt verließ, war sehr merkwürdig. Ich fühl-
te mich von allen und allem einsam und verlassen. Memel war zu einer
Stadt ohne Kinder geworden. Keine der Mütter, die bei der ersten Evaku-
ierungsaktion Ende Juli/Anfang August die Stadt verlassen hatten, war
zurückgekehrt wie andere. Sie waren fortgeblieben. Die kinderlose Stadt
war für mich in diesem Oktobertagen schon eine sterbende Stadt, die bereits
etwas von einem Totengeruch an sich hatte..."
Das Unternehmen „Weißdorn"
Die Räumung Memels durch die Kriegsmarine begann am Nachmittag
des 7. Oktober noch vor der Ausgabe des Codewortes „Weißdorn".
Gegen 15.00 Uhr liefen die Beiboote der 14. Sicherungsflottille durch das
Haff nach Pillau, um 17.00 Uhr folgte das Führerboot der Flottille mit der
Masse der Logger, um auf dem Seewege nach Pillau zu verlegen. Zwei wei-
tere Logger wurden am nächsten Tage vom Schlepper „Neustadt" nach Pil-
lau gebracht. Die Minensuchboote „M 15" und „M 16", die in der Werft ge-
legen hatten, liefen gegen 23.20 Uhr aus. Da „M 16" geschleppt werden
mußte, wurde „M 22" dem Schleppzug als Geleitschutz zugeteilt.
Am 8. Oktober um 18.30 Uhr traf beim Marineoberkommando Ostsee
fernschriftlich das von der Seekriegsleitung ausgegebene Stichwort „Weiß-
dorn" ein, das die Verlegung der 24. Unterseeboot-Flottille - mit Ausnahme
der zum Einsatz an der Landfront vorgesehenen Teile - und eines Neubaus
nach Gotenhafen sowie den Abtransport eines Schwimmdocks, zweier
Schwimmkräne, des Wehrmachtsgefolges und des überzähligen Geräts mit
einem Gewicht von 650 Tonnen mit Hilfe der in Memel befindlichen Trans-
porter auslösen sollte.
In der Nacht zum 9. Oktober verließen auch die Masse der von der Mari-
ne zur Räumung eingesetzten Fahrzeuge, die Boote und das Zielschiff
„Goya" der 24. Unterseeboot-Flottille nebst dem Verwundetentransporter
„Askari" und dem Transporter „Bolkoburg" den Memeler Hafen. Als die
JO
Schiffe ausgelaufen waren, stellte man fest, daß man 200 Marinehelferinnen
vergessen hatte. Das Marineoberkommando Ostsee schaltete sich ein. Zer-
störer, die kurzfristig Memel anliefen, und das Flugsicherungsschiff „Hans
Albrecht Wedel" nahmen am folgenden Tag die Helferinnen und 80 Schwer-
verwundete an Bord und brachten sie nach Pillau.
Während der Abtransport von Teilen der Bevölkerung mit Schiffen ver-
hältnismäßig geordnet und reibungslos durchgeführt werden konnte, führ-
te die Landflucht oft in eine Katastrophe.
Schreckliches trug sich auf der Straße Memel-Heydekrug zu, die mehre-
re Trecks als Fluchtweg nutzten. Russische Truppen und Panzer schnitten
am 9. und 10. Oktober den Trecks den Fluchtweg ab. Rücksichtslos fuhren
die sowjetischen Panzer in die Wagenkolonnen, überrollten und zerspreng-
ten sie, plünderten die Flüchtlinge aus, vergewaltigten Frauen und ermor-
deten einzelne von ihnen. In panischer Angst und großer Not wurden Pfer-
de, Wagen und Gepäck stehen- und liegengelassen, um zu Fuß zur Haffkü-
ste zu fliehen. Etwa 4.000 Flüchtende konnten sich bis zur Windenburger
Halbinel durchschlagen; auf Kähnen wurden sie über das Kurische Haff ge-
rettet und entgingen damit einem grauenhaften Schicksal.
Eine unübersehbare Zahl von Flüchtlingen drängte sich in Minge. Hier
waren die Fähren dem Ansturm nicht gewachsen. Durch den rastlosen Ein-
satz von Pionieren gelang es der 3. Panzerarmee, den Fährbetrieb zu erwei-
tern. Gleichzeitig aber mußten zusammengewürfelte Truppen die nach-
drängenden russischen Einheiten aufhalten.
Nicht alle Zivilisten verließen Memel und das Memelland. Nicht evaku-
iert wurden Angehörige des Volkssturms, der Gendarmerie, der Polizei, des
Zollgrenzschutzes und der Luftschutzpolizei. Es gab auch Bewohner, die
nicht evakuiert werden wollten und solche, die anfangs unentschlossen wa-
ren und sich nicht rechtzeitig auf den Weg gemacht hatten.
Fast ein Drittel der ländlichen Bevölkerung fiel den Russen in die Hände
und mußte Unterdrückung und Verschleppung erdulden. In vielen Ge-
meinden des Kreises Heydekrug blieb eine Anzahl der Bewohner nach der
Räumung freiwillig zurück. Viele von ihnen bezahlten dafür mit dem Le-
ben.
Memel im Feuerhagel - doch die „Festung" hält
An der Memelfront kämpften die deutschen Truppen um Zeitgewinn.
Zäh und verbissen klammerten sich die Landser an ihre Geländeabschnitte.
Sie gingen erst dann zurück, wenn der Feind rechts oder links durchgebro-
chen war oder sie eingeschlossen hatte. Dann versuchten die Versprengten,
sich zu den eigenen Truppen durchzuschlagen. In zunehmendem Maße
drängten russische Panzer in Richtung Ostsee, auf das Kurische Haff bei-
derseits Memel zu.
Die Russen wollten die Stadt einkesseln, um sie von den Heeresgruppen
4Q
Mitte und Nord abzuschnüren. Damit würde es ihnen gleichzeitig gelingen,
die Verbindungen der Heeresgruppe Nord nach Ostpreußen abzuschnei-
den, so daß deren Versorgung nur noch über See möglich gewesen wäre. Zu
diesem Zeitpunkt gab es nur noch einen geschlossenen Verband, die Pan-
zergrenadierdivision „Großdeutschland" unter General Lorenz, die sich mit
vorbildlicher Zähigkeit und Tapferkeit im Raum Luoke-Tryskiai-Seda
schlug. Ebenso hart wehrte sich die 7. Panzerdivison unter General Mauß
gegen den Ansturm der Russen.
Am Morgen des 10. Oktober begann ein neuer russischer Großangriff. Ein
gewaltiger Feuersturm leitete ihn ein. Das Vorbereitungsfeuer aller Kaliber
galt der vorderen Stellung und dem Stadtrandgebiet. Hier mußte der Volks-
sturm den Granathagel über sich ergehen lassen. Mehrere Bomberverbände
unterstützten den Angriff und warfen ihre todbringenden Lasten über der
Stadt und dem Hafengebiet ab. Die ganze Stadt verwandelte sich in ein
Flammenmeer. Dichter Qualm bedeckte die Memelfront. Immer wieder
leuchteten Blitze auf, krachten Bomben und Granaten, Erdfontänen schos-
sen empor.
Dann kamen die russischen Panzer. Rudelweise, gefolgt von der Infante-
rie. Bis zur Abenddämmerung dauerte das harte Ringen, das vielfach in
Nahkämpfen gipfelte. Außer den Heeresverbänden und der Luftwaffe griff
auch die 2. Kampfgruppe der Kriegsmarine, bestehend aus den Schweren
Kreuzern „Lützow", „Prinz Eugen" sowie mehreren Torpedobooten, in die
Kampfhandlungen ein.
Am 11. und 12. Oktober tobten weitere schwere Kämpfe. Russische
Kampfflieger warfen tonnenweise Bomben auf Memel. Der Marktplatz, die
Flachswaage, das Regierungsgebäude, die Marktstraße, das Rathaus wur-
den getroffen. Überall beleuchteten Brände zusammengestürzte Häuser. Als
ein neuer Morgen heraufzog, setzte erneut ein Feuerwerk schwerer Ge-
schütze und Werfer ein; Bomben fielen auf die Stadt und ihre Verteidiger.
Offensichtlich wollte die sowjetische Führung Memel sturmreif schießen.
Doch die Angreifer erwartete ein blutiger Empfang. Mehrere Male forder-
ten die Russen die Übergabe der Stadt - ohne Erfolg.
Am 14. Oktober erfolgte ein weiterer russischer Angriff und am 23. Okto-
ber ein weiterer Versuch, Memel einzunehmen. Einbrüche russischer Trup-
pen konnten immer wieder durch deutsche Gegenstöße bereinigt werden.
Einen großen Anteil an der erfolgreichen Verteidigung der Festung Memel
hatte die Kriegsmarine mit „Lützow", „Prinz Eugen", den Zerstörern „Z 28"
und „Z 35" und den Torpedobooten „T 13", „T 19" und „T 2", die auch am
23. Oktober sowjetische Stellungen beschossen. Besonders „Lützow" und
„Prinz Eugen" erreichten durch die erstaunlich schnellen Schußfolgen ihrer
gewaltigen Turmsalven deutliche Erfolge. Dabei war die moralische Wir-
kung auf die russischen Soldaten nahezu ebenso groß wie die Wirkung
durch Splitter oder Detonation.
Die Stadt Memel kam in den folgenden Tagen nicht zur Ruhe; Luftangriffe
und Trommelfeuer vernichteten die Börse, mehrere Schulen, Kirchen, die
Lagergebäude am Hafen, aber auch viele Wohnhäuser.
Oberst Johannes Möller, Jahrgang 1896, ein erfahrener Frontoffizier, der
sich seit dem 18. September 1944 als „Marine-Festungs-Kommandant" in
Memel befand, erinnert sich an die Verteidigung von Memel beim Oktober-
Angriff:
„Am Morgen des 5. Oktober 1944 rief mich der Chef des Stabes der 4. Ar-
mee von dem neuen Stabsquartier in der Gegend von Heydekrug an und
gab mir folgende Weisung:
,Der Russe hat angegriffen und ist bei Schaulen durchgebrochen. Russi-
sche Panzer marschieren z.Zt. auf der Straße Schaulen westwärts; klares
Ziel: Memel! Bringen Sie Ihre Flakbatterien in Stellung und wehren Sie die
russischen Panzer ab/ Ich konnte nur antworten, daß meine Artillerie fest
eingebaut sei, der Ausbau etwa vier Wochen, der Wiedereinbau noch länger
dauern würde. Ich habe dann aus den marschfähigen Soldaten der Ergän-
zungsabteilung ein Marschbataillon mit 2 Kompanien aufstellen lassen mit
dem Auftrag, die russischen Panzer abzuwehren. Als,Artillerie' konnte ich
dem Bataillonskommandeur sogar noch ein 4 cm-Flakgeschütz auf Radla-
fette mitgeben. Viel ausrichten konnte das Bataillon nicht; es kehrte nach ei-
nigen Tagen stark angeschlagen zurück.
Die russischen Panzer kurvten am nächsten Tage, dem 6. Oktober, vor un-
seren Batteriestellungen im Osten der Stadt. Russische Infanterie drang so-
gar bis in die westlichen Straßen ein, konnte dann aber durch Heereskräfte
auf gehalten werden. Nun machte es sich bezahlt, daß der Kommandeur der
Marineflakabteilung in weiser Voraussicht seine Batteriechefs auch im Bo-
denzielschießen geschult hatte. Allein am ersten Kampftage wurden von un-
seren Flakbatterien 16 russische Panzer abgeschossen. In den nächsten Ta-
gen waren es noch mehr. Das hat wohl die russische Führung veranlaßt, den
Angriff auf Memel zu stoppen. Inzwischen hatte sich das General-
kommando des 28. Armeekorps in Memel eingerichtet und die Führung
übernommen. Es gelang, die Russen zurückzudrängen und nach und nach
mit den Resten von drei Divisionen eine Abwehrstellung östlich von Memel
zu bilden. Diese verlief in späterer Zeit mit einem Radius von durch-
schnittlich etwa 8 Kilometer vom Hafen gerechnet ostwärts Memel. Im Nor-
den waren es etwa 10 Kilometer; im Südosten betrug die kürzeste Entferung
vom Hafen nur etwa 6 Kilometer."
Erster Angriff auf Memel abgewiesen
Oberst Werner Ebeling, letzter Kampfkommandant der Festung Memel,
nach Kriegsende Generalmajor der Bundeswehr, schildert die Verteidigung
der Festung Memel umfassend und beeindruckend in seinem persönlichen
Tagebuch:
„Als im Sommer 1944 die deutsche Mittelfront bei Witebsk unter dem An-
sturm einer gewaltigen russischen Übermacht zusammenbricht, ist auch das
Schicksal der Stadt Memel bestimmt. Zwar gelingt es verzweifelt kämpfen-
den eigenen Verbänden, die gegnerische Flut im August/September 1944
noch einmal im mittellitauischen Raum zu stoppen, jedoch hält die dünne
und entkräftete Front einem weiteren feindlichen Stoß Ende September
nicht mehr stand.
Das Memelland gerät in einen unmittelbaren Kampfbereich. Um die aus-
gedehnte Front zwischen Kurland und Tilsit zu stärken, werden bewährte
Frontverbände aus der kurischen Front herausgelöst und auf dem Schiffs-
und Landwege nach Memel gebracht. Als die ersten Teile einer Infanterie-
division am Vormittag des 6. Oktober 1944, mit dem Dampfer,Füsilier' von
Riga kommend, im Winterhafen von Memel eintreffen, ist die Lage für die
Stadt Memel bereits bedrohlich. In drei großen Säulen stößt der Russe auf
die Stadt nördlich und südlich davon vor. Sein Ziel ist die Küste zwischen
Libau und Memel, um die in Kurland stehenden deutschen Verbände vom
Landwege abzuschneiden. Zwischen Libau und Memel gelingt ihm das,
ebenso erreicht er südlich Memel das Haff, jedoch wird ihm Memel selbst in
heftigen Kämpfen verwehrt. Für vier Monate trotzt Memel allen Anstür-
men, ehe es im Zuge militärischer Notwendigkeiten Ende Januar 1945 frei-
willig geräumt wird.
Es ist der 6. Oktober 1944. In der Stadt herrscht ein Wirrwarr. Schon hört
man aus Norden und Osten ununterbrochenes Donnern vom Geschützlärm.
Der Russe ist mit starken Kräften bereits bis Russ. Krottingen vorgestoßen.
Etwa 25 Kilometer ostwärts Memel im litauischen Zadeikial, in Fortführung
der Straße Memel-Klausmühlen-Dampfern-Laugallen-Garzdaä (Lit), ste-
hen noch deutsche Kampftruppen im heftigen Kampf und verwehren einen
zügigen Stoß auf die Stadt. Der Gegner kann hier noch einige Tage bis zum
Erreichen der Grenze (Laugallen) gehalten werden, südlich Memel bei
Pöszeiten drängt der Russe weiter nach Westen vor und überschreitet nach
Einnahme von Klooschen bei Prökuls die Minge. Er erreicht ungehindert
das Haff bei Klischen. Schnell geht er weiter nach Norden, über Dittauen
nach Buddelkehmen. So legt sich in den Tagen vom 6. bis 8. Oktober eine
starke Klammer um die ganze Stadt Memel, nachdem der südliche Teil des
Memelgebietes bereits verlorenging.
Hier hält der Gegner erst vor einer neuen deutschen Front entlang der
Ruß und Memel, vor den Orten Ruß Kuckernese, Tilsit, Ragnit, bis zum
Grenzort Schalleninken. Dann bricht die Front nach Süden in Richtung
Schloßberg ab. Damit ist das gesamte Memelgebiet bis auf die Stadt und ein
ausgedehntes Vorland in Feindeshand. Die Kurische Nehrung betritt vor-
erst kein feindlicher Fuß.
Schon seit Wochen hat die unglückliche Bevölkerung des Memellandes
das große Frontgeschehen verfolgt. Eine so schnelle Wendung zur Kata-
strophe, wie sie die Oktobertage bringen, hat kaum einer erwartet. Ganz
Vorsichtige trafen im September bereits Reisevorbereitungen. Erst Anfang
Oktober, als das unvorstellbare Verhängnis unabwendbar hereinbricht, be-
ginnen viele eine Flucht nach Westen. Aus dem südlichen Memelgebiet ge-
lingt es den meisten, den Zug nach Ostpreußen und damit vorerst die Si-
cherheit hinter den deutschen Linien zu erreichen. Die Bevölkerung um die
Stadt Memel herum und nördlich davon versucht, die Stadt zu gewinnen.
Ihr gelingt größtenteils der Abzug über die Nehrung. Doch fallen große
Trecks, die Memel in südlicher Richtung verlassen, um auf der Hauptstraße
über Prökuls und Heydekrug in die Elchniederung zu gelangen, in Fein-
deshand. Ihr Schicksal ist ungewiß und furchtbar.
So sind bereits am 6. Oktober die meisten Dörfer in der Umgebung Me-
mels von den Bewohnern frei. Nur vereinzelt trifft man sie in Grüppchen
auf den Straßen, scheu in den Häusern hockend, unschlüssig, was zu tun
sei. Am 8. Oktober ist auch dieser Rest meist aus der Stadt und weitergezo-
gen.
Hier herrscht ein buntes Durcheinander. Die Straßen sind verstopft von
Treckfahrzeugen, Fußgängern, Kolonnen mancher Truppenteile, meist rück-
wärtiger Dienste der sich vor dem Gegner zurückkämpfenden Truppen. Al-
le Zufahrtsstraßen sind versperrt. Besonders von Krottingen fließen Kolon-
nen in Dreierreihen nebeneinander auf die Stadt zu. Die Libauer Straße in
der Stadt gleicht einem Heerlager rastender Zivilisten und Troßsoldaten.
Ähnlich ist es in der Alexanderstraße und der Luisenstraße an der Dange.
Die beiden Dangebrücken, die Börsenbrücke und die Karlsbrücke können
kaum den wirren Strom buntgewürfelter Teile fassen. Soweit sie ihren Weg
nach Süden durch Schmelz suchen, geraten sie später in Feindeshand. Die
allgemeine Lage ist verworren und den örtlichen Befehlshabern nicht genü-
gend bekannt. Rund um Memel herum kämpfen eigene Truppen aufop-
fernd gegen den übermächtigen Ansturm frischer Feindkräfte.
Die ersten feindlichen Bomber überfliegen Memel im Tieffluge am Nach-
mittag des 6. Oktober und werfen ihre tödliche Last teils in das Tief und teils
in den Ortsteil Bommelsvitte. Eine zusammenhängende Front besteht nicht.
Niemand kann sagen, ob die Stadt nicht schon am nächsten Tage vom Feind
genommen wird. Nur dem Kampf bewährter Frontdivisionen ist es zu ver-
danken, daß die Bevölkerung des Memellandes sich retten konnte. Der
Kampflärm aus Norden und Osten klingt immer näher. Schon kann man im
dämmernden Abend rund um die Stadt den Feuerschein umkämpfter Orte
sehen. Eine ungewisse Nacht bricht herein. Auf den Straßen lagern noch
flüchtende Zivilisten, und vereinzelte Fahrzeuge stoßen verspätet nach. Ihr
Ziel ist die Nehrung, da es bekannt geworden ist, daß der Fluchtweg nach
Süden abgeschnitten ist. Die Innenstadt ist für den normalen Verkehr un-
passierbar.
Der Stadtkommandant von Memel hat selbst keine Truppe zur Hand. Me-
mel ist zwar durch den opfervollen Einsatz ziviler Kräfte in den vergange-
nen Wochen mit einem doppelten Kranz von Kampfstellungen umbaut,
doch sind ausreichende Munitions- und Verpflegungsbestände für eine
ernsthafte Verteidigung nicht vorhanden. Die in Memel liegenden Dienst-
stellen können sich aus eigener Kraft nicht verteidigen. Die in Memel lie-
genden Einheiten können keine wirksame Verteidigung mit eigenen Kräf-
ten durchführen. Die mit dem,Füsilier' eintreffenden Infanteristen sind die
ersten geschlossenen Teile, die zur Verfügung stehen.
Während auf den Straßen der Stadt der Lärm hastiger Bewegungen bran-
det, herrscht in dem Befehlsstand des neuernannten Kampfkommandanten
im Gebäude des Lehrerseminars in der Nähe des Bahnhofes eine ungewis-
se Stimmung. Die Aufgabe der Verteidigung scheint bei der un-
übersichtlichen und gänzlich verworrenen Lage unlösbar. Noch ist die Stadt
nicht unmittelbar bedroht, aber am Bahnhof Deutsch-Krottingen sind schon
heiße Kämpfe entbrannt. Viele Gebäude brennen. In der Nacht vom 6./7.
Oktober ist die Stadt in der Ferne von vielen Häuserfackeln umgeben.
Die gelandeten Infanteristen werden im Eilmarsch nach Norden geführt.
Nur mühsam können sie sich in der Dunkelheit einen Weg durch die ver-
stopften Straßen der Stadt bahnen. Die Häuser liegen wie tot da. Die Türen
sind geschlossen. Kaum ein Fenster ist geöffnet, die Schaufenster der Ge-
schäfte sind teils unberührt, teils in fliegender Hast ausgeräumt. Vereinzel-
te Feindbomber überfliegen die Stadt, ohne Bomben zu werfen. Die letzten
noch in der Stadt verbliebenen Zivilisten halten sich still in den Häusern
verborgen. Erst am nächsten Tage verlassen wieder Zivilgruppen die Stadt
über die Nehrung. Auch die rastenden Treckfahrzeuge verschwinden im
Laufe der Nacht. Danach gehört die Stadt nur noch den Soldaten und den
auf Befehl der Völkssturmführung verbliebenen Memeler Völkssturmmän-
nern.
Nirgends zeigen sich Zeichen einer auflösenden Disziplin. Kein Vergehen
gegen das zurückgebliebene Eigentum der Bevölkerung. Rasch eingesetzte
Streifen des Stadtkommandanten sorgen für Ordnung und unterstützen die
Polizei, die ebenfalls zurückgeblieben ist.
Es gelingt noch im Laufe der Nacht, eine haltbare Verteidigungsfront im
Norden der Stadt aufzubauen. Hier schält sich vorerst die gefährdetste Stel-
le heraus. Die neue Verteidigungslinie verläuft südlich Deutsch-Krottingen,
etwa über Karkelbeck, Kunken-Görge, Szodeiken-Jonell, Paul-Narmund,
Gündullen, Ekitten bis Wewerischken. Die Infanteristen graben sich ein. Vor
ihnen tobt noch ein heftiger Kampf. Laufend stoßen ausweichende Teile ei-
gener Truppenteile, die aus dem Raume Kurland kommen und sich durch
den Gegner boxen, auf ihre Linien. Dazwischen sind auch stark abge-
kämpfte Panzerteile, die soeben aus erbitterten und für den Gegner ver-
nichtenden Panzergefechten kommen. Hell brennen die Orte Jagutten und
Clauspußen. Sie brennen größtenteils nieder. Zivilisten finden vereinzelt
Rettung in den eigenen Linien. Weitere Truppenteile verstärken noch in der
Nacht die Front. Vorerst ist hier Sicherheit. Die erste kritische Nacht vergeht
ohne besondere Vorfälle. Dann bricht der 7. Oktober herein. Einzelne Feind-
flieger werfen ungenau Bomben. Die letzten Zivilisten sind verschwunden.
Sicherlich mögen noch einige in ihren Orten verblieben sein in dem Vorsatz,
die russische Flut über sich ergehen zu lassen.
Der erste Einsatz von Volkssturmgruppen erfolgt. Hier und da sieht man
kleine Gruppen von Zivilisten, mit Gewehren bewaffnet, an den Haupt-
straßen unmittelbar vor der Stadt stehen und scheu debattieren. Unifor-
mierte Polizei und Gendarmerie versucht, Ordnung zu halten. Diesen Män-
nern steht eine Aufgabe bevor, die von ihnen nicht zu meistern ist. Schnell
und mutig ist der Volkssturm in der Stadt organisiert, und auf Weisung der
örtlichen Militärführer erfolgt der Einsatz unmittelbar am Rande der Stadt.
In den ersten geschlossenen Häuserteilen entsteht im Laufe der nächsten
Wochen eine gut ausgebaute Verteidigungsstellung des Völkssturmes als
rückwärtige Linie der Kampffront. Den Männern Memels, die diesem Volks-
sturm angehören, kann man als erfahrener Ortskämpfer eine offene Be-
wunderung nicht absprechen. Möge ihre Haltung hier verspätete Würdi-
gung finden. Erfreulich war, daß ihnen der ernste Kampf erspart blieb. Er
hätte das bittere Ende dieser braven Männer bedeutet, die bei den Mängeln
ihrer Ausrüstung und Ausbildung einem militärischen Gegner immer un-
terlegen sein mußten. Trotzdem ist ihre Haltung, ihr williger Einsatz ehrlich
zu würdigen. Den chaotischen Geschehnissen einer modernen Schlacht von
vornherein hoffnungslos ausgeliefert, zeigten Memeler Volkssturmmänner
aller Grade in Führung und Haltung eine dem Frontsoldaten gleichende, be-
wundernswürdige Haltung. In den pausenlosen Granateinschlägen aller
Kaliber, den rollenden Bombenwürfen und den grauenhaften nächtlichen
Luftangriffen ertragen sie in ihren Stellungen mannhaft und unerschrocken
alle Qualen des unausweichlichen Erduldens. Mancher zeichnet sich bei be-
sonderen und gefährlichen Hilfsaktionen aus, junge Burschen erhalten An-
erkennung und Auszeichnungen für vorbildlich tapferen Einsatz in den
Bombennächten.
Der 7. Oktober wird dazu benutzt, die Front um Memel weiter auszu-
bauen. Im Norden bei Paul-Narmund ist der Gegner im ersten Abwehr-
kampf geworfen. Der Ort erleidet dabei nur geringe Zerstörungen. Von
Osten gelingt es dem starken Feind, mit erheblichen Panzerkräften die deut-
schen Truppen über Laugallen bis Daupern zurückzudrängen.
In hinhaltendem Kampf setzen sich diese Verbände in Richtung Memel ab
und verstärken die Besatzung der Stadt. Schnell wird die Stellung in südli-
cher Richtung über Korellischken, Grünheide, Löllen, Gut Paugen, Jacken,
Mißeiken verlängert. Nur flüchtig können die Infanteristen ihre Gräben aus-
heben, denn schon stoßen an vielen Stellen erste Feind teile gegen sie vor. Es
kommt zu blutigen und erbitterten Nahkämpfen, in denen die eigene Stel-
lung überall behauptet wird. In der Stadt selber, im Befehlsstand des Kampf-
kommandanten, wird fieberhaft an der Organisation der Verteidigung ge-
arbeitet. Truppen werden geordnet, schwere Waffen planmäßig eingesetzt,
Panzerteile als Stoßreserve hinter der vordersten Front bereitgestellt. Im
Winterhafen landen neue Truppenteile, schwere Waffen werden ausgeladen.
Noch am Abend gelingt es, auch im Süden zu schließen. Es ist auch höchste
Zeit, denn mit Beginn der Dunkelheit stoßen russische Panzer auf der Straße
von Balten, Dawillen, Kischken-Görge über Mißeiken hinaus vor und ste-
hen kurz vor der Straßengabel bei Neuhof (westlich Klausmühlen). Beina-
he wäre ihnen ein unbemerkter Durchstoß gelungen. Eigene Pionierkräfte
vernichten die Panzer und treiben die gegnerischen Infanteristen bis zum
Gut Mißeiken zurück.
Auch bei Buddelkehmen kommt es zu heftigen Nachtgefechten mit vor-
fühlenden Feindpanzern und Infanteristen. Die südliche Front von Jacken
über Mißeiken, Zenkuhnen, Buddelkehmen, Gibbischen-Schompeter bis ans
Haff nördlich Starrischken wird geschlossen. Erst jetzt hat Memel seinen
Verteidigungsring.
Dann bricht der 8. Oktober herein und mit ihm der erste Großkampftag
der neuerklärten Festung. Der bis an den Verteidigungsring der Stadt vor-
gestoßene Gegner glaubt, im unaufhaltsamen Vormarsch in den schnellen
Besitz der wichtigsten Hafenstadt zu kommen. Darin sieht er sich gründlich
getäuscht. Durch den überraschenden Erfolg der Sommermonate fast trun-
ken gemacht, geht er gleich aus der bisherigen Angriffsbewegung ohne be-
sondere Angriffsgliederung zum Sturm auf die Stadt über. Bereits am Abend
des 7. Oktober wurde die Stadt dauernd von Aufklärern überflogen und mit
Bombenwürfen belegt. Der Hauptstoß des Gegners wird vorerst an den Ein-
fallstraßen geführt, im Norden bei Jagutten, im Osten bei Korellischken und
Baugskorallen, südlich davon bei Daupern und an der Südfront bei Bud-
delkehmen.
Dieser Großangriff am 8. Oktober kommt unerwartet. Mit gewaltigen
Feuerschlägen aller Kaliber auf die vordersten Stellungen der Infanterie und
den Stadtrand auf der Linie Gut Luisenhof-Janischken-Althof-Schmelz be-
ginnt der Angriff. Im Norden liegt besonders die Straße nach Krottingen un-
ter starkem Feuer. Schon nach wenigen Minuten ist die Stadt von einem
dunklen Schleier undurchdringlichen Qualms umhüllt. In den benannten
Zielräumen schießen unaufhörlich die zuckenden Einschlagfontänen hoch.
Nur noch wenige Flugzeuge fliegen in den Rauch und werfen vereinzelt
Bomben in die Hafengegend. Kaum eine Viertelstunde später geht die feind-
liche Sturmtruppe mit Panzern zum Angriff über. An den Brennpunkten der
Stellungen kommt es während des ganzen Tages zu erbitterten Kämpfen.
Der Gegner holt sich blutige Verluste und eine schmerzliche Niederlage.
Fast nirgends wird die eigene Stellung aufgegeben. Die Kämpfe ebben am
Nachmittag ab und ersterben in der ersten Dämmerung ganz. Bei genaue-
rem Betrachten ist der durch die Beschießung angerichtete Schaden in der
Stadt doch nicht so groß. Die letzten noch in der Stadt verbliebenen Zivili-
sten versuchen beschleunigt, über die Nehrung zu entkommen. Jedenfalls
sieht man in den kommenden Tagen vor der Stadt und am Rande keine Ein-
wohner mehr außer dem Volkssturm. Der Gegner hat eingesehen, daß nur
ein Angriff nach gründlicher Bereitstellung aller Angriffsmittel erfolgver-
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sprechend sein kann. In den eigenen Stellungen und den rückwärtigen Li-
nien werden die Wunden des Kampfes geheilt. Der Ausbau schreitet voran.
In jeder Senke, hinter jedem Waldstück, in den Gutshöfen hinter den Däm-
men und Feldscheunen warten schwere Waffen, Panzer und Stoßreserven
auf das Abwehrfeuer und den Gegenstoß. Für den unbefangenen Beschau-
er nicht ersichtlich, hat sich an dem friedlichen Bild der Stadt und ihres Vor-
feldes nichts geändert. Im Hafen landen kleine Schiffe mit Nachschubgü-
tern. In der Stadt trifft man letzte Abwehrvorbereitungen und baut für Stä-
be, Trosse und rückwärtige Dienste feste Unterkünfte aus. Der Volkssturm
wird von seiner Leitung für die zu erwartende Abwehr an den Außenrän-
dern der Stadt gegliedert.
Der 9. Oktober nimmt alle Kraft für diese Arbeiten in Anspruch. Die Stim-
mung der Besatzung ist gespannt. Es gibt kein Ausweichen mehr, denn im
Rücken ist das Wasser: Es heißt für alle: Kämpfen und Siegen oder Unterge-
hen. Am Abend rollen dichte Bomberverbände über die Stadt dahin. Es fal-
len massiert Bomben, besonders auf die Hafengegend in den Häuserraum
südlich der Dange beim Marktplatz, der Flachswaage, dem Regierungsge-
bäude, der Marktstraße, ebenso nördlich der Dange beim Rathaus, der Bör-
se und vor allem in Bommelvitte. Viele Häuser sinken in Schutt, Brände lo-
dern auf. Versorgungskolonnen auf den Straßen zur Front werden emp-
findlich gestört. Die Front selbst bleibt ziemlich verschont. Während der
ganzen Nacht erhellen die von den Bombern abgeworfenen Christbäume
den Raum über der Stadt. Das deutet auf den kommenden Großangriff hin.
Im Morgengrauen des 10. Oktober beginnt schlagartig an allen Fronten
der Feuerorkan auf die Stellungen, das gesamte Hintergelände und den
Stadtkern beiderseits der Dange. Schwerste Artillerie und Werfersalven
schlagen ganze Straßenzüge nieder, legen Gehöfte in Trümmer und zerfet-
zen die Straßen. Pausenlos rollen geschlossene Bomberangriffe über die
Stadt hin. Dann toben den ganzen Tag über wütende Kämpfe mit feindli-
cher Infanterie und Panzern. Memel gleicht einem Brandhaufen. Nur die
Nacht bringt ein wenig Ruhe.
Das Morgengrauen des 11. und 12. Oktober läßt die Kämpfe mit unver-
minderter Erbitterung wieder aufflammen. Wichtige Gebäude - wie die Bör-
se, mehrere Schulen und Kirchen, Lagergebäude des Hafens - sind restlos
zerstört. Der Stadtteil zwischen Friedrichsmarkt und Festungsgraben hat
heftig gelitten, ebenso die Häuserfläche zwischen Waldschlößchen und dem
Tief. Verhältnismäßig unbeschädigt blieben die zahllosen Häusergruppen,
Einzelhöfe, Werke und Gutshöfe, die der Stadt vorgelagert sind. Nur die
unmittelbaren Frontbereiche sind starker Zerstörung ausgesetzt gewesen.
Zu oft hat die Stellung den Besitzer gewechselt, wobei die einzelnen Häu-
sergruppen und Gutsteile als Anklammerungspunkte benutzt werden und
immer wieder erstürmt werden müssen.
Der Bahnhof Clauspußen geht verloren, ebenso Jagutten. Stark zerstört
wird Ekitten, konnte aber gehalten werden. Jedoch können die Trümmer des
ei
letztgenannten Ortes teilweise noch als weitere Verteidigungsstellung die-
nen. Korellischken bleibt mitten in der Front liegen und wird im Laufe der
kommenden Monate langsam zermahlen. Löllen brennt tagelang, Gut Pau-
gen wird siebenmal verloren und im Sturme wiedergenommen, um endlich
doch verloren zu gehen. In seinen Trümmern stellen sich die Feinde immer
wieder zum Angriff bereit. Seine Mauern sind jeden Tag das Ziel eigener
schwerer Artillerie und von Fliegern.
Die schweren Breitseiten eines von See her unterstützenden deutschen
Schweren Kreuzers schaffen den eigenen Männern Luft. Nur Grundreste
bleiben. Der bis Clausmühlen eingebrochene Gegner hinterläßt beim Ge-
genstoß nur Brandtrümmer. Jacken kann dem Gegner nicht wieder abge-
rungen werden, es erleidet das Schicksal des Frontdorfes und wird ein
Schutthaufen. Der auf der Höhe zwischen Clausmühlen und Jacken gelege-
ne Memeler Sender bildet ein Bollwerk der deutschen Verteidigung, fällt je-
doch fast völlig zusammen. Gut und Ort Mißeicken werden zu Orten des
Grauens. Die schweren Waffen haben Häuser, Wald und Felder zerfetzt.
Zenkuhnen behält der Gegner, ebenso das zerstörte Buddelkehmen und
Schompetern. Noch einige Tage lagert der dichte Brandqualm über der
Stadt. Dazwischen leuchten die weniger betroffenen Gutshöfe Luisenhof,
Kollaten, Purmallen, Tauerlauken und viele andere. Sie werden jeden Tag
mit einem Artilleriegruß bedacht, stehen aber als wuchtige Bauwerke trot-
zend im Gelände.
Mehrfach fordert der Russe die Übergabe der Stadt. Sie wird abgelehnt,
es zeigt sich, daß der Ansturm des Russen an dem zähen Verteidigungswil-
len der Besatzung zerbrochen ist. Der angeschlagene, jedoch weit überlege-
ne Gegner ist erschüttert und stellt am 13. Oktober seine Angriffe ein. Die
eigenen schweren Wunden können notdürftig behandelt werden. Noch ein-
mal versucht der Gegner am 22. Oktober an mehreren Stellen des Verteidi-
gungsringes, besonders aber im Raume Pipwethen-Löllen, Überraschungs-
stöße gegen die Stadt.
Aber er wird vernichtend abgewiesen. Damit hat er die Absicht, Memel
zu nehmen, aufgegeben."
Memel - hart umkämpft, doch nicht verloren
Neben dem Brückenkopf Kurland bildete ab Ende Oktober 1944 Memel
den zweiten Brückenkopf an der Ostseefront. Dieser hatte aber über die ver-
hältnismäßig schmale Kurische Nehrung noch eine Verbindung nach Ost-
preußen, was sehr wichtig war. Die Nehrung, von der russischen Artillerie
und auch der Luftwaffe einsehbar, konnte als Nachschubweg nur nachts be-
nutzt werden, tagsüber wurde der Brückenkopf Memel nur von See her
durch Schiffe der Handels- und Kriegsmarine versorgt.
Bereits am 9. Oktober hatte die Heeresgruppe Mitte, der auch die 3. Pan-
zerarmee unterstellt war, an der Memel und an der Ruß einen weitge-
spannten Brückenkopf und vor Tilsit eine neue Abwehrfront aufgebaut. Die-
se hielt auch den weiteren Angriffen der Russen an den folgenden Tagen
stand.
Die Stadt Memel wurde in diesen Tagen immer mehr zusammengeschos-
sen. Tonnenweise warfen russische Flugzeuge Bomben auf die Stadt, die
Brände und Feuerorkane verursachten. Hinzu kam das fast pausenlose Feu-
er der Artillerie, die mit schweren Granaten und schweren Werfersalven den
Versuch unternahm, Memel in eine Trümmerstadt zu verwandeln.
Mit einem konzentrierten Feuer antworteten die Verteidiger.
Wesentlich erleichtert wurde die Verteidigung des zur „Festung" erklär-
ten Brückenkopfes Memel durch das Eingreifen der Schweren Kreuzer „Lüt-
zow" und „Prinz Eugen", die mit ihren gewaltigen Turmsalven und rascher
Schußfolge mit erkennbaren Erfolgen sowjetische Artilleriestellungen und
Panzeransammlungen vernichteten. Hinzu kam die moralische Wirkung
dieser Schiffsgeschützkanonade auf die russischen Soldaten, die sich gegen
den nicht sichtbaren Gegner und sein Feuer nicht wehren konnten.
Weiterer russischer Feuerhagel in den folgenden Tagen richtete in der
Stadt Memel große Verwüstungen an. Schulen und Kirchen, die Börse, La-
gerhäuser im Hafen, Krankenhäuser, Geschäftshäuser und Wohngebäude
wurden ein Raub der Flammen und versanken in Schutt und Asche. Zwi-
schen den Feuerüberfällen wurden verschüttete Schützenlöcher und Gräben
wieder freigeschaufelt und Ordnung geschafft, soweit das möglich war.
Am 14. Oktober erfolgte ein erneuter russischer Großangriff, dem in der
Nacht zuvor ein massierter Luftangriff vorausgegangen war. Auch dieser
Angriff konnte abgewehrt werden.
Am 23. Oktober unternahmen die Russen ihren letzten Versuch, Memel
im Sturm zu nehmen, doch es gelang ihnen nicht. Auch bei diesem Angriff
wurden die Verteidiger durch das konzentrierte Feuer der Schweren Kreu-
zer „Lützow" und „Prinz Eugen" wesentlich unterstützt und entlastet.
Die Division „Großdeutschland", die 58. Infanterie- und die 7. Panzer-Di-
vision, die Küsten-Artillerie, die Marine-Flak unter Kapitänleutnant Sperlich,
wie auch die Luftwaffe und die Kriegsmarine verhinderten mit vereinten
Kräften, daß die russische Führung ihr Ziel erreichte, Memel zu erobern und
den nordöstlichsten deutschen Ostseehafen in ihre Hände zu bekommen.
Der Kampf um Memel hatte sowohl den Russen als auch den deutschen
Verteidigern nicht unerhebliche Verluste gebracht.
Die Division „Großdeutschland" und die 58. Infanterie-Division hatten et-
wa sechzig Prozent ihrer Kampfkraft verloren. Die 7. Division war auf die
Stärke eines Regiments zusammengeschmolzen.
Nach dem vorläufigen Ende des Kampfes um Memel befanden sich un-
ter dem Kommando des XXVIII. Armeekorps nur noch die 58. und die 95.
Infanterie-Division und zwei Völkssturm-Kompanien in der Festung. Zur
Sicherung der Kurischen Nehrung wurde dort ein Divisionsstab z.b.V. eta-
bliert.
Die Russen: „Und wir haben doch gesiegt!"
Trotz einer erdrückenden Übermacht - die Rote Armee setzte nach eigenen
Angaben bei der „Operation Memel" im Oktober 1944 500.000 Mann, 9.000
Geschütze und Granatwerfer und mehr als 1.300 Panzer und Selbstfahrlafet-
ten ein - war es ihr nicht gelungen, die Festung Memel einzunehmen.
Obwohl die Rote Armee beiderseits Memel die Ostsee und das Kurische
Haff erreicht hatte und es ihr gelungen war, die Trennung der beiden Hee-
resgruppen Mitte und Nord endgültig zu erzwingen, hat sie das Hauptziel
ihrer „Operation Memel" nicht erreicht. Sie konnte trotz ihrer Übermacht an
Menschen und Material nur einen Teilerfolg erreichen, es war also kein
„Sieg" für sie.
Iwan Christoforowitsch Bagramjan, der spätere Marschall der Sowjetuni-
on, der die „Memel-Operation" leitete, beurteilt die Operation jedoch an-
ders. In seinen Erinnerungen „So schritten wir zum Sieg" schreibt er nach
der Devise „... und wir haben doch gesiegt!":
„Betrachten wir nun die Ergebnisse der Memeler Operation der 1. Balti-
schen Front und der gesamten Baltischen Operation, zu der die drei Balti-
schen Fronten angetreten waren:
Im Verlauf der Memeler Operation zerschlug die 1. Baltische Front mit
Unterstützung der 39. Armee der 3. Belorussischen Front die gegnerische
Verteidigung vollends. Die beweglichen Kräfte der Front waren bis zum 10.
Oktober nördlich und südlich Memel zur Ostseeküste durchgebrochen und
blockierten die Hafenstadt vom Festland aus.
Unsere andere Gruppierung hatte bei Taurage die Grenze zu Ostpreußen
erreicht. Die 39. Armee der 3. Belorussischen Front warf den Gegner bis zum
22. Oktober zwischen Tilsit und Jurbarkas hinter den Neman zurück. In die-
ser Operation fielen über 24.000 Soldaten und Offiziere; 420 Panzer und
rund 1.000 Geschütze und Granatwerfer wurden vernichtet oder erbeutet.
Die 1. Baltische Front hatte somit die Aufgabe des Hauptquartiers voll
und ganz erfüllt: Die Heeresgruppe Nord war erneut und für immer von
Ostpreußen abgeschnitten. Der Plan des faschistischen Oberkommandos,
diese Heeresgruppe nach Ostpreußen abzuziehen, war fehlgeschlagen, und
sie mußte sich in aller Eile aus Riga nach Kurland zurückziehen.
Die 2. und 3. Baltische Front hatten entsprechend dem Operationsplan am
6. Oktober den Angriff auf Riga wieder aufgenommen. Nach der schweren
Niederlage in Richtung Memel begannen die im Baltikum stehenden Kräf-
te der faschistischen Wehrmacht mit dem eiligen Rückzug aus dem Raum
Riga. Die Truppen der beiden Fronten nutzten diesen Umstand, gingen zur
Verfolgung über und erreichten am 10. Oktober den äußeren Verteidi-
gungsring dieser strategisch wichtigen Stadt. Am 12. Oktober begannen die
Kämpfe unmittelbar um Riga. Am 13. Oktober befreiten die Truppen der 3.
Baltischen Front den auf dem rechten Ufer gelegenen Teil Rigas und die
Truppen der 2. Baltischen Front am 15. Oktober den auf dem linken Ufer ge-
legenen. Zwischen dem 27. September und dem 10. Oktober hatte die Le-
ningrader Front im Zusammenwirken mit der Baltischen Flotte die Muhu-
sund-Operation durchgeführt und dabei die Inseln Vormsi, Hiiumaa, Muhu
und Saaremaa befreit.
Betrachtet man die Erfolge der 1. Baltischen Front in der Memeler Opera-
tion nüchtern, so muß man zugeben, daß sie nicht nur die Baltische Opera-
tion krönten, sondern an der Schwelle der Schlußetappe des Krieges auch
ein beeindruckender Sieg der sowjetischen Streitkräfte waren.
In Bezug auf die Gesamtbilanz der Baltischen Operation wäre zu sagen, daß
diese in jeder Hinsicht lehrreiche Operation mit ihren über vier Wochen an-
haltenden dynamischen Kämpfen einen großen strategischen Erfolg brachte.
Die baltischen Sowjetrepubliken waren, ausgenommen die Halbinsel Kurland
und die Stadt Memel, von den faschistischen Okkupanten gesäubert.
Mit der Vertreibung aus der,Rigasteilung' waren die Pläne des faschisti-
schen Deutschlands, das sowjetische Baltikum zu halten, gescheitert. Das
hatte wichtige politische und militärstrategische Folgen.
Litauen, Lettland und Estland, die über drei Jahre unter dem Joch der fa-
schistischen Eindringlinge leiden mußten, waren wieder frei und unabhän-
gig und in die Familie der Sozialistischen Sowjetrepubliken zurückgekehrt.
Von schwerwiegender strategischer Bedeutung war die Niederlage der
Heeresgruppe Nord. Von den 59 beteiligten Divisionen wurden 26 zer-
schlagen und 3 völlig vernichtet; die restlichen waren in Kurland und Me-
mel blockiert. Sie hatten keine strategische Bedeutung und auf den Fortgang
des Kampfes keinerlei Einfluß mehr. Die deutschen Kriegsschiffe hatten im
Finnischen Meerbusen und in der Rigaer Bucht ihre Handlungsfreiheit ver-
loren. Unsere Flotte hatte nun Zugang zur mittleren Ostsee.
Da sich die sowjetisch-deutsche Front nördlich des Neman um fast 750 Ki-
lometer verkürzt hatte, konnte das sowjetische Oberkommando die dort
freigewordenen Kräfte in der Hauptrichtung zur Befreiung Polens und zum
Vorstoß auf Deutschland einsetzen.
Unsere Soldaten hatten in der Baltischen Operation einen hervorragenden
Sieg errungen und dabei ihr hohes militärisches Können, ihr Heldentum
und ihre grenzenlose Treue zur Heimat bewiesen. Über 332.000 Soldaten,
Sergeanten, Offiziere und Generale der Leningrader und der Baltischen
Fronten wurden mit Orden und Medaillen ausgezeichnet und viele für ihre
Heldentaten mit dem Titel ,Held der Sowjetunion' geehrt. Mit großem En-
thusiasmus und unübertroffener Tapferkeit kämpften die Angehörigen der
16. Lettischen Schützendivision, des 130. Litauischen Schützenkorps und
des 8. Estnischen Schützenkorps um ihre Heimaterde."
Die sowjetische Offensive gegen die 4. Armee
Während sich der Brückenkopf Memel stabilisierte, hatte am 16. Oktober
1944 die erwartete Großoffensive der Roten Armee gegen die von General
der Infanterie Friedrich Hoßbach in Ostpreußen geführte 4. Armee begon-
nen.
In seinem Bericht „Die Schlacht um Ostpreußen" berichtet der General
über die ersten drei Tage dieser Herbst-Offensive gegen seine Armee:
„Am 16.10.1944 begann die erwartete russische Offensive gegen die deut-
schen Stellungen auf dem Nordflügel der 4. Armee beiderseits der Straße
Wilkowischken-Gumbinnen. .
Der mit sehr starken Infanterie- und Panzerkräften geführte Angriff war
durch ein vorübergehendes zweistündiges massiertes Artillerievorberei-
tungsfeuer gegen die Infanterie in Verbindung mit starken, alle bisherigen
Erfahrungen übertreffenden Luftangriffen gegen frontnahe Ziele und insbe-
sondere die Feuerstellungen der Artillerie eingeleitet worden. Die Folgen
dieses Erd- und Luftbombardements waren südlich der Straße Wilkowisch-
ken-Gumbinnen zunächst von geringerer Wirkung, weil das XXVII. A.K. in
der Nacht vom 15./16.10. planmäßig in die vorbereiteten Großkampf-
stellungen ausgewichen war; von nachhaltigstem Einfluß waren sie dage-
gen auf das nördlich der genannten Straße kämpfende, erst kürzlich in den
Verband der 4. Armee übergetretene XXVI. A.K., das - wie bereits erwähnt
- seine Vorbereitungen auf den Großkampf noch nicht hatte beenden kön-
nen.
Der erste tiefere Einbruch gelang dem Feind beim XXVI. A.K. und dehn-
te sich sodann nach Süden auch auf die Front des XXVII. A.K. aus. Da größe-
re Reserven zum Gegenangriff und zur Wiederherstellung der Lage, wie sie
bei Angriffsbeginn bestanden hatte, nicht verfügbar waren, andererseits zur
Verhinderung eines feindlichen Durchbruchs die Aufspaltung der eigenen
Front unbedingt vermieden werden mußte, wichen das XXVII. und XXVI.
A.K. am 16.10. und den folgenden Tagen zähe kämpfend vor dem sich lau-
fend verstärkenden Feind nach Westen aus.
Vier Tage lang gelang es, in dem Raum zwischen Rominter Heide und der
Memel den Abwehrkampf durch schrittweise Aufgabe von Gelände so zu
führen, daß der Zusammenhang zwischen und in den beiden Armeekorps
aufrecht erhalten blieb.
Der 3. Weißrussischen Front unter Führung von Armeegeneral Tschernja-
chowski gelang es, in den Raum südlich Ebenrode und nördlich der Ro-
minter Heide einzudringen. Ostpreußisches Grenzland wurde damit zum
Schlachtfeld.
Am 20. Oktober setzten die Russen neue starke Panzerverbände der 11.
Garde-Armee ein, die die schwache deutsche Abwehrfront überrollten.
Mehrere Panzerrudel brachen durch, erreichten und überschritten bei
Großwaltersdorf die Rominte; ohne Widerstand vorzufinden überquerten
sie am nächsten Tag die Angerapp, stießen bis Nemmersdorf vor und be-
setzten das im Kreis Gumbinnen liegende Dorf.
Als am 21. Oktober die Gefahr bestand, daß die Russen mit massiven
Kräften auch die Stadt Gumbinnen besetzten, wurde der deutsche Panzer-
riegel der Flakabteilung 802 mit fünf Kampftrupps des 1/Flakregiments 29
der Division,Hermann Göring' und das Flak-Regiment 5 der 18. Flak-Divi-
sion über Türen und Angereck bis an die Angerapp verlängert. Damit war
dem Gegner der Weg nach Gumbinnen verlegt.
Der Versuch der Russen, nun ostwärts vom Kampftrupp 5 auf Gumbin-
nen vorzustoßen, mißglückte, da die Angreifer dabei auf die Kampftrupps
3 und 4 stießen, die den Vorstoß mit hervorragend schießenden Geschützen
vereitelten. Dabei wurden von den beiden Kampftrupps neun russische
Panzer, davon vier des Typs T 34, abgeschossen, weitere fünf schwer be-
schädigt, sowie mehrer Pakgeschütze und Maschinengewehre zerschossen.
Nach dem mißlungenen Angriff auf Gumbinnen belegten die Russen die
Kampftrupps mit einem Feuerhagel durch Panzer, Pak, Granatwerfer und
Stalinorgeln. Tiefflieger stürzten sich mit Bomben und Bordwaffenbeschuß
auf die Verteidiger. Durch Volltreffer fielen zwei Geschütze aus, durch den
Feindbeschuß und im Nahkampf entstanden Verluste. Der Kampftrupp 5
mußte in der Nacht etwas zurückgezogen werden, um neue Geschütze zu
erhalten. Die immer wieder angreifenden Rotarmisten wurden durch das
Feuer mit hochgezogenen Sprengpunkten von den Kampfgruppen 1 und 2
zum fluchtartigen Rückzug gezwungen.
Beim Kampf um Gumbinnen wurden auch Volkssturmeinheiten einge-
setzt, die hohe Verluste und viele Verwundete hatten. Die in die Hände der
Angreifer fallenden Vblkssturmmänner und Verwundeten wurden, da sie
keine Uniformen trugen, von den Rotarmisten als ,Partisanen' angesehen
und liquidiert'."
Kampf um Gumbinnen-Goldap-Nemmersdorf
Der Vorstoß der Roten Armee bis in die Kreise Gumbinnen und Goldap
und die Besetzung von Nemmersdorf waren der Höhepunkt der sowjeti-
schen Oktober-Offensive gegen Ostpreußen.
General Hoßbach entschloß sich zur Freikämpfung der an die Russen ver-
lorenen Gebiete. Ihm standen dafür von der 3. Panzer-Armee die ab-
gekämpfte 5. Panzer-Division und die nicht voll ausgestattete Fallschirm-
Panzerdivision „Hermann Göring" zur Verfügung. Zusätzlich erhielt er als
Verstärkung die Führer-Grenadier-Brigade, die allerdings noch keine Front-
erfahrung hatte.
Bei dem Versuch, den Gegner durch einen Zangenangriff zu vernichten,
entbrannte bei Daken, sechs Kilometer südlich von Großwaltersdorf, ein er-
bitterter Kampf, der mehrere Tage andauerte. Mit allen Kräften behaupteten
die Panzer-Grenadiere der Führer-Brigade gegen den weit überlegenen
Feind, der von Osten, Norden und Westen auch mit Panzern angriff, ihre
Stellung. Die westlich Daken eingesetzte Führer-Grenadier-Brigade, beglei-
tet von der Panther-Abteilung, stieß auf nach Osten durchbrechende feind-
liche Panzer. Der deutsche Angriff erreichte trotzdem Groß-Tellrode, wobei
36 Feindpanzer abgeschossen werden konnten. Um den Ort Teilrode und
die Brücke über die Rominte entbrannte ein erbitterter Kampf, der schließ-
lich zu Nahkämpfen Mann gegen Mann führte.
Die Zange war geschlossen, als sich von Norden her die 5. Panzerdivisi-
on und die Division „Hermann Göring" nach Süden durchgekämpft und
die Panzer-Grenadiere der Führer-Brigade erreicht hatten. Alle nachfolgen-
den Durchbruchsversuche der Russen scheiterten; große Teile der sowjeti-
schen Einheiten wurden vernichtet, und eine neue Abwehrfront war aufge-
baut.
Bei diesen Kämpfen, die Opfer auf beiden Seiten forderten, fiel auch Ge-
neral Prieß, der Kommandierende General des XXVII. Korps.
In dem von der 4. Armee unter dem Befehl von General Hoßbach, dem
Fallschirm-Grenadier-Regiment „Hermann Göring" und einer Völkssturm-
einheit zurückeroberten Ort Nemmersdorf, der von russischen Panzerein-
heiten der 11. Gardearmee unter General Galitsky für knapp zwei Tage be-
setzt war, bot sich ein erschütterndes Bild.
Russische Rache: „Töte den Deutschen"
Die Bewohner des ostpreußischen Dorfes Nemmersdorf waren die ersten
Deutschen, die am eigenen Leib zu spüren bekamen, was russische Beset-
zung und Besatzung bedeutete.
Mit immer wieder aufgestacheltem und seit Monaten tief ins Bewußtsein
eingeprägtem Haß waren die Rotarmisten in Ostpreußen eingedrungen und
hatten Nemmersdorf besetzt. In ihren Taschen trugen sie einen blaßblauen ]
Zettel mit einem „Aufruf zum Töten" aller Deutscher - nicht nur der Sol- |
daten, die ihre Gegner waren. Verfasser war der sowjetische Schriftsteller II- |
ja Ehrenburg. Auf dem Zettel stand folgender Text: 1
„Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort Deutscher I
der allerschlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort Deutscher ein Ge- I
wehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns nicht auf- ]
regen. j
Wir werden töten! j
Wenn Du nicht im Laufe eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet
hast, so ist es für Dich ein verlorener Tag gewesen. Wenn Du glaubst, daß j
statt Deiner der Deutsche von Deinem Nachbarn getötet wird, so hast Du ]
die Gefahr nicht erkannt. Wenn Du den Deutschen nicht tötest, so tötet der j
Deutsche Dich. Er wird die Deinigen festnehmen und sie in seinem ver- |
fluchten Deutschland foltern. 1
Wenn Du den Deutschen nicht mit einer Kugel töten kannst, so töte ihn |
mit dem Seitengewehr. Wenn in Deinem Abschnitt Ruhe herrscht und kein
Kampf stattfindet, so töte den Deutschen vor dem Kampf. Wenn Du den j
Deutschen am Leben läßt, wird der Deutsche den russischen Mann aufhän- I
gen und die russische Frau schänden. |
dß 1
Wenn Du einen Deutschen getötet hast, so töte einen zweiten - für uns
gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen.
Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: die von
Dir getöteten Deutschen!
Töte den Deutschen - dieses bittet Dich Deine greise Mutter.
Töte den Deutschen - dieses bitten Dich Deine Kinder.
Töte den Deutschen - so ruft die Heimaterde.
Versäume nichts. Töte!"
Diesem Aufruf waren die Rotarmisten nach der Eroberung von Nem-
mersdorf gefolgt.
Was die deutschen Soldaten nach der Rückeroberung des Dorfes sahen,
waren nackte Frauen in gekreuzigter Stellung an Scheunentore und Leiter-
wagen genagelt, bestialisch ermordete Greise, Frauen, die man erstochen
oder durch Genickschuß getötet hatte, Kinder, manche noch im Windelalter,
denen man mit einem harten Gegenstand den Schädel eingeschlagen hatte,
eine 84jährige völlig erblindete Frau, auf einem Sofa sitzend, der man an-
scheinend mit einem Spaten oder einer Axt den halben Kopf abgetrennt hat-
te - und viele weitere Tote, ausnahmslos Zivilisten.
Hauptmann Hemminghaus, der zu den Rückeroberern gehörte, berichtete:
„Uns deutschen Soldaten bot sich bei der Rückeroberung in dem Ort
Nemmersdorf ein grauenvolles Bild, das erstmalig in eindeutiger Form dem
deutschen Volke zeigte, was jeder einzelne zu erwarten hatte, wenn die Sol-
daten der Roten Armee Gewalt über sie haben.
Es wurden die in dem Dorf überraschten Frauen, darunter auch einige Or-
densschwestern, nach der Eroberung durch die Russen zusammengetrie-
ben, vergewaltigt und übel zugerichtet. Dann sind die Frauen auf bestiali-
sche Weise erstochen oder erschossen worden. Das übertraf an Scheußlich-
keit alle bisher erlebten Kampf eindrücke."
Das Massaker von Nemmersdorf wurde nicht geheimgehalten, sondern
in der deutschen Presse in Wort und Bild als Beispiel brutaler Kriegführung
der Roten Armee gegen die deutsche Zivilbevölkerung gebrandmarkt. Zu-
dem wollte man der ostpreußischen Bevölkerung am Beispiel Nemmersdorf
verdeutlichen, wozu Soldaten der Roten Armee fähig sind, wenn es ihnen
gelingen würde, das Land zu besetzen. Die Ostpreußen sollten in ihrem Wil-
len gestärkt werden, ihre Heimat zu verteidigen.
Zur Untersuchung des Massakers und der Opfer wurde eine internatio-
nale Ärztekommission eingeladen und Journalisten aus neutralen Staaten,
z.B. der Schweiz und Schweden. Doch all diese Bemühungen, die russische
Kriegführung international anzuprangern, blieben erfolglos.
Dabei war Nemmersdorf kein Einzelfall. Auch in anderen Dörfern, die
von Soldaten der Roten Armee, wenn auch nur einen oder zwei Tage, be-
setzt waren, geschahen Vergewaltigungen, Mord und Totschlag, wie z.B. im
ostpreußischen Alt-Wusterwitz.
Darüber berichtete Hauptmann Fricke:
„Die Besichtigung des Tatortes in Alt-Wusterwitz, südlich von Gumbin-
nen, durch Stabsarzt Dr. Willjahn, Stab der 5. Panzer-Division, und mich er-
gab folgendes Bild:
In zwei Ställen des Vorwerks Alt-Wusterwitz wurden aufgefunden je ei-
ne Leiche eines jungen Mädchens. Beide Mädchen sind offenbar vergewal-
tigt und dann ermordet worden. Bei einem ist der Tod durch einen Schuß in
die linke Augenhöhle, bei dem anderen durch einen Genickschuß einge-
treten.
In einem anderen Stallraum wurde die Leiche eines alten Mannes und ei-
ner alten Frau gefunden.
Eine weitere Leiche eines alten Mannes wurde auf dem Rücken liegend
mit ausgebreiteten Armen aufgefunden. Die Leiche wies Genick- und Brust-
schuß auf, ferner Verletzungen an beiden Händen.
In einem anderen Stall wurden verkohlte Leichen, anscheinend sieben,
aufgefunden. Die Todesursache war nicht festzustellen. Der Stall selbst war
durch Feuer nicht beschädigt.
In den Resten eines abgebrannten Stallgebäudes wurden verkohlte Lei-
chen gefunden, bei denen die Todesursache nicht festzustellen war."
Das Ende der Oktober-Offensive 1944
Während sich diese Geschehnisse in Nemmersdorf abspielten, war der
Kampf um die Stadt Goldap voll entbrannt. Trotz aller Tapferkeit der Ver-
teidiger und nach erbittertem Häuserkampf mußte die Stadt am 22. Okto-
ber den Russen überlassen werden.
Auch Schloßberg (Pillkallen) war umkämpft, konnte aber von der 1. Ost-
preußischen Division noch erfolgreich gegen den übermächtigen Feind ver-
teidigt werden, obwohl die Division rund 25 Kilometer zurückgedrängt
wurde. Den deutschen Grenadieren gelang es, mit Unterstützung der Artil-
lerie und der Sturmgeschütze 127 Feindpanzer und Sturmgeschütze, 130
Pak, zehn Geschütze, 24 Granatwerfer, 209 Maschinengewehre und eine Sta-
linorgel zu zerschießen und damit dem Feind auch erhebliche materielle
Verluste zuzufügen.
Bis zum 28. Oktober traten sowjetische Verbände zwischen Goldap und
der Memel immer wieder zu neuen Angriffen gegen die deutschen Vertei-
diger an, ohne nennenswerte Erfolge zu erzielen. Da der Einbruch der Rus-
sen bei Goldap eine ständige Bedrohung darstellte, entschloß sich General
Hoßbach, diese zu beseitigen und Goldap zurückzuerobern. Zur Überra-
schung des Gegners erfolgte in der Nacht vom 2. zum 3. November der An-
griff, an dem die 50. Infanterie-Division und die 5. Panzer-Division mit dem
Panzer-Grenadier-Bataillon der Führer-Grenadier-Brigade beteiligt waren.
Führer des Angriffs war General Decker, Kommandeur des XXXIX. Panzer-
Korps. Die Überraschung gelang, Goldap wurde zurückerobert und zwei
Tage lang vom Feind gesäubert. Bei diesen Kämpfen schoß allein die 50. Di-
vision mit den Panzer-Füsilieren der Führer-Grenadier-Brigade 42 Russen-
panzer ab.
Nach der Rückeroberung der Stadt Goldap war die sowjetische Oktober-
Offensive gegen Ostpreußen beendet, der feindliche Angriff war zum Still-
stand gekommen.
Anfang November 1944 verlief die Front etwa von Augusto w-Filipo-
wo-Ostrand Goldap-Großwaltersdorf-Grünweiden-Schloßberg-Grenz-
fluß zur Memel und an der Memel entlang zum Kurischen Haff. Bis zu ei-
ner Tiefe von 40 Kilometern und einer Breite von 150 Kilometern hatte die
Roten Armee Ostpreußen besetzt. Die deutschen Truppen hatten der so-
wjetischen Übermacht weichen müssen; ihrer tapferen und hartnäckigen
Verteidigung war es zu verdanken, daß es sowjetischen Truppen nicht ge-
lungen war, noch weiter in das Land einzudringen.
Die sowjetische Übermacht brachte der deutschen Heeresführung die Er-
kenntnis, daß es ohne eine wesentliche Truppenverstärkung nicht möglich
sein würde, eine zweite, sicher noch stärkere und massivere sowjetische Of-
fensive auf Ostpreußen abzuwehren. Tatsache war, daß den elf deutschen
Infanterie-Divisionen, den zwei Panzer-Divisionen und den zwei Kavalle-
rie-Brigaden in Ostpreußen fünf russische Armeen mit 40 Schützen-Divi-
sionen und starken Panzerverbänden gegenüberstanden.
Die Reaktion der ostpreußischen Bevölkerung auf diese militärische Ent-
wicklung, die ihr nicht verborgen geblieben war, war nicht der Wille und die
Bereitschaft zur Heimatverteidigung, sondern die Vorbereitung zur Flucht.
Das Massaker von Nemmersdorf, von der Goebbelsschen Propaganda öf-
fentlich verbreitet, um die Bevölkerung zur Heimatverteidigung zu moti-
vieren, bewirkte das Gegenteil. Angst und Schrecken nahmen unter den
Frauen zu. Vielen war in den letzten Monaten bewußt geworden, daß die
Rote Armee nicht mehr aufzuhalten war, und daß in den folgenden Mona-
ten die nächste große Offensive der Sowjetarmee gegen Ostpreußen begin-
nen würde, um Angst, Schrecken und Tod in das Land zu tragen.
Nur der Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar für Ostpreußen
war und blieb unbelehrbar. Koch stellte das unerlaubte Verlassen Ost-
preußens unter Strafe. Damit setzte er 1.750.000 Ostpreußen der Gefahr aus,
ihr Leben zu verlieren, wenn die Rote Armee das Land überflutete, und, wie
es sich im weiteren Kriegsverlauf zeigte, verlor jeder dritte Ostpreuße bis
Kriegsende sein Leben.
Doch trotz des strikten Fluchtverbots verließen noch vor Beginn des Win-
ters Zehntausende von Frauen, Kindern und Älteren ihre Heimat, bevor die
Rote Armee zum letzten Sturm auf Ostpreußen antrat.
Der Volkssturm - „Deutschlands letztes Aufgebot"
Auch Adolf Hitler bereitete sich darauf vor, sein „Führerhauptquartier
Wolfsschanze" bei Rastenburg zu verlassen.
Am 25. September hatte er den „Erlaß zur Bildung des Volkssturms" un-
terzeichnet, der am 18. Oktober 1944 veröffentlicht wurde. Darin hieß es u.a.:
„Während der Gegner glaubt, zum letzten Schlag ausholen zu können,
sind wir entschlossen, den zweiten Großeinsatz unseres Volkes zu vollzie-
hen. Es wird und muß gelingen, wie in den Jahren 1939-1940, ausschließlich
auf unsere Kraft bauend, nicht nur den Vernichtungswillen der Feinde zu
brechen, sondern sie wieder zurückzuwerfen und so lange vom Reich ab-
zuhalten, bis ein die Zukunft Deutschlands, seiner Verbündeten und damit
Europas sichernder Friede gewährleistet ist."
Seinem Aufruf „Volk ans Gewehr" folgend, sollten alle Männer zwischen
16 und 60 Jahren im „Volkssturm" zur „Verteidigung der Heimaterde" ihren
Beitrag leisten.
Betroffen davon waren etwa sechs Millionen Männer, die in drei Aufge-
bote untergliedert wurden: Zum ersten Aufgebot gehörten alle bisher aus
Alters- und Gesundheitsgründen vom Waffendienst freigestellten Männer
(Durchschnittsalter 52 Jahre); zum zweiten alle aus beruflichen Gründen bis-
her unabkömmlichen Wehrpflichtigen und zum dritten und letzten Aufge-
bot die Jahrgänge 1925 bis 1928, die in Wehrertüchtigungslagern der Hitler-
jugend oder des Reichsarbeitsdienstes militärisch vorgeschult waren.
Zehntausende Volkssturmmänner fanden bei der Verteidigung der Hei-
mat den Tod, viele wurden trotz der Armbinde mit der Aufschrift „Deut-
scher Volkssturm - Wehrmacht", die jeder Volkssturmmann trug, von Sol-
daten der Roten Armee als „Partisanen" angesehen und erschossen, viele
überlebten als Krüppel, und 175.000 Volkssturmmänner standen bei Kriegs-
ende in den Vermißtenlisten.
Der erste, der bereits am 17. Oktober Hitler stolz meldete: „Das erste
Volkssturm-Bataillon steht", war Gauleiter Erich Koch.
Sein „Goldaper Bataillon" bestand aus 400 Mann, in vier Kompanien ge-
gliedert. Den Troß bildeten 25 Wagen mit hauptsächlich polnischen Fahrern,
ausgestattet waren die Männer mit Gewehren - allerdings ohne Gewehrrie-
men -, Panzerfäusten und leichten deutschen Maschinengewehren. Unifor-
men wurden nicht ausgegeben, die Männer trugen Zivil mit der Volks-
sturm-Armbinde, sie erhielten auch keine Erkennungsmarken, keine Ver-
bandspäckchen, keine Decken - es fehlte an allem. Verantwortlich für die
Aufstellung, Bewaffnung und Versorgung der Volkssturmeinheiten waren
die Dienststellen der Partei, der NSDAP.
Dieses in der Tat „letzte Aufgebot" sollte Ostpreußen verteidigen helfen
- und die Volkssturmmänner in Ostpreußen taten es auch, wie die nächsten
Wochen und Monate zeigen sollten.
Von Tag zu Tag hatte sich in Ostpreußen die Lage verschlechtert.
Die Oktoberoffensive der Roten Armee hatte Spuren hinterlassen. Dörfer
und Städte waren nach harten Kämpfen verlorengegangen. So auch Eytkau,
dessen Verteidiger vom Feindfeuer vernichtet wurden; nur wenigen gelang
es, sich nach Westen durchzuschlagen.
Besonders bedrohlich war die Lage der 4. Armee beiderseits der Romin-
ter Heide geworden.
In der Nacht vom 19. zum 20. Oktober war der Brückenkopf vor Tilsit und
bei Ruß geräumt worden. Die letzten Verteidiger waren über die Luisen-
brücke abgezogen. Als der letzte deutsche Soldat die Brücke überquert hat-
te, war sie gesprengt worden wie auch die danebenliegende Eisenbahn-
brücke.
Adolf Hitler hatte sich über die Frontlage in Ostpreußen sehr genau in-
formiert. Er wußte, daß das Memelland, bis auf den Seebrückenkopf Memel,
verlorengegangen war. Ihm war bekannt, daß Eytkau und Wirballen verlo-
ren waren, ebenso die Rominter Heide. Er hatte von den Greueltaten der
Rotarmisten in Nemmersdorf und anderen Orten Einzelheiten erfahren.
Das ostpreußische Grenzland war zum Schlachtfeld geworden, davor
konnte er die Augen nicht verschließen.
Wenn sich auch die Front in Ostpreußen Mitte November 1944 soweit be-
ruhigt hatte, daß in den nächsten Wochen mit einer weiteren Offensive der
Russen kaum zu rechnen war, so zeigte doch ein Blick auf die Landkarte,
daß die am 6. November 1944 in einem schwungvollen Angriff zurücker-
oberte Stadt Goldap nur 70 Kilometer vom Führerhauptquartier entfernt
Als Hitler dann noch die Warnung erhielt, daß zur Unterstützung der Ro-
ten Armee 2 bis 3 alliierte Luftlande-Divisionen im Gebiet des Führerhaupt-
quartiers eingesetzt werden sollten, entschloß er sich, sein Führerhaupt-
quartier „Wolfsschanze" bei Rastenburg aufzugeben.
Am 20. November 1944 verließ Hitler mit seinem Stab Ostpreußen und
bezog, nach einigen Tagen Unterbrechung in Berlin, am 10. Dezember sein
neues Führerhauptquartier „Adlerhorst" bei Ziegenberg in der Nähe von
Bad Nauheim. Von hier aus wollte er auch die von ihm geplante „Arden-
nen-Offensive" leiten. Seine in der „Wolfsschanze" stationierte Führer-Gre-
nadier-Brigade hatte er vor seiner Abreise für den Fronteinsatz in Ost-
preußen freigegeben. Selbst Gauleiter Koch war von dieser „Flucht" aus
Ostpreußen überrascht.
Stalin: „Wir werden Ostpreußen vernichten!"
Die Oktober-Offensive hatte der sowjetischen Armeeführung gezeigt, daß
der Widerstand der deutschen Truppen in Ostpreußen weit stärker war, als
sie vermutet hatte.
Besonders Stalin war mit den bisherigen Erfolgen der Armee nicht zu-
frieden. Ihn hatte schon geärgert, daß es nicht gelungen war, den strategisch
so wichtigen Ostseehafen Memel, der der deutschen Kurlandfront als Nach-
schubbasis diente, einzunehmen.
Er beauftragte deshalb Anfang November 1944 den Marschall der So-
wjetunion Alexander Michajlowitsch Wassilewski mit der Planung einer
Speicher im Königsberger Hafen
Königsberg
wie es war
Königsberg in Preußen, alte deutsche Hansestadt,
Hauptstadt Ostpreußens, beiderseits des Pregels gelegen,
hatte 1939, als der 2. Weltkrieg begann,
375.000 Einwohner. Zwei alliierte Terrorangriffe
britischer Bomber Ende August 1944,
die 70tägige Belagerung der Stadt durch die Rote Armee
ab Ende Januar 1945, der 3-tägige Sturmangriff
am 6., 7. und 8. April 1945 und die nach der Eroberung
erfolgte Brandschatzung durch sowjetische Soldaten
vernichteten unwiderbringliches Kulturgut,
historische Bauten von unschätzbarem Wert
und verwandelten die einst blühende östlichste
deutsche Handelsstadt in eine Trümmerhalde,
in ein Meer von Schutt und Asche und vertrieb
deren Bewohner bis auf den letzten Königsberger
Dominsel
Historisches Speicherviertel
P 11
MF
Trümmerstadt Königsberg
Nach zwei Termrangriffen britischer Bomber am 29./30. August 1944
liegt die Innenstadt in Trümmern. Mehrere zehntausend Königsberger
werden obdachlos, mehrere tausend finden bei dem Bombardement
und in brennenden Häusern und Wohnungen den Tod
i;i> -ii
III
Der Münzplatz
Hauptpostamt
Innenhof des Schlosses
Steindammer Kirche
über die Bildung des deutschen Volksslurms
D.,K.
25. S.
1944
Di* Zug*k6rigk«il d*r Angaköngan d
DauH<d>*n Volkidurmai iu auk«rb*rull<di<
Oraanitafionan klaiki unbarükrt, Dar Die»
i«n DauK4<an Volk lUurrri gakt aber jad«
Dran*! in andaran Organiial'Cinan vor,
Dar Raitkilükrar H »I «k BaUlikkabar di
En*hkaar«s varantwoHlick Lr di* m.||t«niJie
Org»ruia*rar>*r>, dia Auibifdung, Bawailnun
und Auvü^ung da» Dauhckan V<?lk»»lvrm*
dai Dcuhdian Volk ui u rm*
n*n Waitungen durck dar
Jv 8«l.kkkaUr da, Er>,h-
Da<r> mm WranMan k4»Un Vamkkrfung»w4kn m
toiftlan Eimalj aMar d*v«ldvan Man*d**n anigagi
Zur VaaWwkang <it abivan K<*fh» >
L«ftlidv*n K*mp4*i ükaraH dort, wo
alU ~aÄardikigan dauHrkan Mannar
Dia natianal,0ti«|ii1i( ck* Part«<
V«>lk ikra kodiila Ekranpilickl,
OrganiniKonan >1,
Ei •»! m <d*n G*w#n da» g*<4)d*wK<.k*ö
Raidva* avi all*« waffanliki^an Mäooarn
im Atar von 16 krt 60 Jak**n dar DauHck*
Volklllurrrr il Ixldan. Er wird dan Haimat-
kodan m>t *ilan V/a^l*r> und M»Baln v«r“
taidigam, lowail wa dalur <jaa»9C»a< «ndtainan.
Dia Aulttallunc und Führung da* Davlpdian
Volk nKir/nai ükarnakman in ikranG auan d*a
Gaola^ar $** bad'Ocan iid, dakai Vör al tarn
da» Ukigiian Organnatorrn und Fukrar dar
bawakrfan Elnriditungan dar Parfoi, SA, H,
da* NSKK und dar HJ,
Idiarnanna dan Sukxkaf dar SA Sckapmtnn
»um Inipaktawr lür dia Sckiaka-uikildung und
dan Kotpdvkrar NSKK Kraul »um Inspak-
Uur für di* motoHadiniidva Auikildung dai
D*uh<kan Vakkiilurmt.
Di* Angakäng«« dtl Oaufxkan ValliJurm,
»indwak.anj d*t Eintol>*i Soldaten im Sinn*
dai kVahrgavat}«,.
Oben rechts: Im Luisenwald
wird eine HJ-Einheit
General Schittnig von
der 1. Inf. Div. vorgestellt
4 jfe L \ „Volk ans Gewehr“
Im September 1944 wird auf einen Erlaß Hitlers hin
der „ Volkssturm“ aus 16- bis 60-jährigen gebildet.
Großes Bild: Vereidigung
von Volkssturmmännern
in Königsberg
Links: Volkssturmmänner
in einem Königsberger Vorort
^Sämtliche Männer
zwischen 15 und ßOJahren,
die vom Osteinsatz zuröckgekehrt sind und diejenigen, die in
den Betrieben nicht dringend gebraucht werden, haben sich
L binnen 24 Stunden
zwecks Vermeidung; von Weiterungen bei der Elnsntzstclle der
NSDAP. Memel. Willy-Bertuleit-Straße I, zu meiden
Memel, den 10. August 1044
Der Kreisleiter
Auch der von Gauleiter Erich Koch befohlene Bau
einer „Ostpreußen-Schutzstellung“ vermag die Panzer
der Roten Armee nicht mehr aufzuhalten.
Mit Schaufel, Spaten und Hacke hatte sich jeder
daran zu beteiligen
Unten: Der Gauleiter inspiziert persönlich
einen Streckenabschnitt des Ostwalls
Der Ostwall
Mit der „Messina “ (links) und der „ Welheim “ (rechts) werden 6.000 Hitlerjungen aus Memel
nach Danzig evakuiert, die beim Ostwall-Schippen im Memelland zwischen die Fronten geraten waren
Flüchtlingstransporter „ Heinz Horn “ Flüchtlingstransporter U-Boot-Begleitschiff „ Lech “
Im Oktober 1944 beginnt die
„ vorübergehende Evakuierung “
der Memeler Bevölkerung.
Eine Reise ohne Rückkehr
Die Räumung
von Memel
Mit dem Flugsicherungsschiff „Hans Albrecht Wedel“
wurden 200 Marine-Helferinnen der 24. U-Boot-Schulflottille und 80 Schwerverwundete aus Memel evakuiert
Der Schwere Kreuzer „Prinz Eugen“ verteidigt Memel. Gemälde von Wobek
Festung Memel
Während im Oktober 1944
die letzte noch in der Stadt verbliebene
Bevölkerung von Memel
und Verwundete von der Memelfront
auf Schiffe verladen werden,
die sie nach Danzig und Gotenhafen bringen,
beschießen die Kreuzer „Prinz Eugen“
und „Liitzow“, zwei Zerstörer und drei Torpedoboote
feindliche Landziele, um das Vordringen sowjetischer
Truppen- und Panzerverbände aufzuhalten
und die Stadt Memel als „Brückenkopf“ zu halten
Deutsche Panzer im Kampf im Memelland
Nemmersdorf
Am 16. Oktober 1944 stoßen Panzerspitzen
der Roten Armee bis in das Dorf Nemmersdorf
im Kreis Gumbinnen vor und richten dort
ein bestialisches Massaker an Frauen,
Kindern und Greisen an
im Baltikum aufhielt. Über die Operationsvorbereitungen und die Führung
der Fronten seitens des Hauptquartiers geben folgende Direktiven an die
Oberbefehlshaber Aufschluß.
In der Direktive vom 3. Dezember an den Oberbefehlshaber der 3. Be-
lorussischen Front wurde befohlen, eine Angriffsoperation mit folgendem
Ziel durchzuführen: die gegnerische Gruppierung bei Tilsit und Insterburg
zu zerschlagen und innerhalb der nächsten zehn Tage den Abschnitt Ne-
monien-Szargillen-Norkitten-Darkehmen-Goldap einzunehmen. Um die
Hauptgruppierungen von Süden zu sichern, sollte sie danach beiderseits
des Pregel den Angriff auf Königsberg entwickeln und dabei ihre Haupt-
kräfte auf dem Südufer einsetzen.
Den Hauptstoß hatte die Front mit vier allgemeinen Armeen und zwei
Panzerkorps aus dem Raum westlich Ebenrode-Gumbinnen in allgemeiner
Richtung Mallwen-Aulenbach-Wehlau zu führen.
In der zweiten Staffel sollte die Front die 2. Gardearmee und ein Panzer-
korps bereitstellen und sie nach dem Durchbruch in der Hauptrichtung ein-
setzen.
Der Angriff der Hauptkräfte war wie folgt zu sichern: von Norden, aus
Richtung Neman, sollte ein Schützenkorps der 39. Armee Verteidigungs-
handlungen führen, und die Hauptkräfte dieser Armee sollten in Richtung
Tilsit angreifen; von Süden hatte die 28. Armee südlich Groß Waltersdorf
Verteidigungshandlungen zu führen und Teilkräfte dieser Armee aus der
linken Flanke des Durchbruchsabschnitts in allgemeiner Richtung Darkeh-
men anzugreifen. Die 31. Armee sollte den von ihr besetzten Abschnitt süd-
lich Goldap zuverlässig verteidigen. Die Panzerkorps waren nach dem
Durchbruch in der Hauptrichtung einzusetzen, um hier den Erfolg zu ent-
wickeln.
Der Oberbefehlshaber der 2. Belorussischen Front erhielt am 28. Novem-
ber die Weisung, die gegnerischen Kräfte bei Przasnysz-Mlawa zu zer-
schlagen und spätestens am zehnten Angriffstag den Abschnitt Myszy-
nec-Willenberg-Biezun-Plozk anzugreifen. Den Hauptstoß hatten vier all-
gemeine Armeen, eine Panzerarmee und ein Panzerkorps von Rozan als
zweite Staffel nach dem Durchbruch aus dem Brückenkopf bei Rozan zu
führen. Sie hatten die Verteidigung des Gegners vor dem rechten Flügel der
Front aufzurollen und die Hauptgruppierung von Norden zu sichern. Den
zweiten Stoß hatten zwei allgemeine Armeen und ein Panzerkorps weiter
südlich, aus dem Brückenkopf bei Serock in Richtung Plonsk und Bielsk zu
führen. Außerdem sollten Teilkräfte des linken Flügels der 2. Belorussischen
Front die 1. Belorussische Front bei der Zerschlagung der gegnerischen Kräf-
te bei Warschau unterstützen, Modlin von Westen umgehen und die Weich-
sel dort forcieren. Damit würde verhindert werden, daß sich diese Grup-
pierung an die Weichsel zurückziehen konnte.
Der Baltischen Rotbannerflotte (Befehlshaber Admiral W.F. Tribuz, Mit-
glied des Kriegsrates Vizeadmiral N.K. Smirnow, Stabschef Konteradmiral
65
A.N. Petrow) befahl das Hauptquartier, die entlang der Küste angreifenden
Truppen der Fronten aktiv zu unterstützen.
Der Oberbefehlshaber der 3. Belorussischen Front, Tschernjachowski, ent-
schloß sich, den Hauptstoß auf Insterburg-Wehlau zu führen (Stoßgruppie-
rung: 39. Armee unter Generalleutnant LI. Ljudnikow, 5. Armee unter
Generaloberst N.L Krylow, 28. Armee unter Generaloberst A.A. Lutschins-
ki, 11. Gardearmee unter Generaloberst K.N. Galizki, 1. und 2. Gardepan-
zerkorps). Die 2. Gardearmee unter Generalleutnant P.G. Tschantschibadse
sollte einen Nebenstoß auf Darkehmen führen. Die 31. Armee unter Gene-
raloberst W. W. Glagoljew hatte auf breiter Front den linken Flügel zu sichern
und bereit zu sein, von Suwalki auf Lötzen anzugreifen. Die am linken Flü-
gel der 1. Baltischen Front handelnde 43. Armee unter Generaloberst A.P Be-
loborodow sollte durch einen Stoß auf Tilsit die angreifende 3. Belorussische
Front unterstützen. Die 1. Luftarmee unter Generaloberst T.T. Chrjukin und
die 3. Luftarmee unter Generaloberst N.F. Papiwin hatten die Truppen aus
der Luft zu decken.
Die 3. und die 48. Armee, die 2. Stoßarmee und die 5. Gardepanzerarmee
führten den Hauptstoß. Die 49. Armee sicherte ihn durch einen Angriff von
Norden auf Ortelsburg, während die an der äußersten rechten Flanke ste-
hende 50. Armee durch Verteidigungshandlungen Sicherung gab. Den zwei-
ten Stoß führten am linken Flügel die 65. und die 70. Armee in Richtung
Graudenz-Thorn. Sie sollten den Angriff unserer Truppen in Richtung War-
schau-Berlin decken. Die 4. Luftarmee unter Generaloberst der Flieger K.A.
Werschinin unterstützte die Bodentruppen aus der Luft."
Ostpreußen schon aufgegeben?
Die Planungen der sowjetischen Führung für eine Winteroffensive gegen
Ostpreußen waren auch der deutschen Heeresleitung - wenn auch nicht im
Detail und mit dem genauen Angriffszeitpunkt - bekannt.
Anstatt die Verteidigungsfront in Ostpreußen zu verstärken, wurden auf
Befehl Hitlers im Dezember 1944 vier Panzer-Divisionen nach Ungarn ab-
transportiert. Damit standen hinter der 2. und 3. Panzer-Armee nur noch je
eine Panzer- und je zwei Panzer-Grenadier-Divisionen als Reserven zur Ver-
fügung.
Der Oberbefehlshaber der 4. Armee, General der Infanterie Friedrich Hoß-
bach, beurteilte die Lage in Ostpreußen im Dezember 1944 wie folgt:
„Der Oberbefehlshaber der 4. Armee gab sich daher keiner Täuschung
darüber hin, daß ihm für die Führung des Entscheidungskampfes um Ost-
preußen nur seine bisherigen Kräfte zur Verfügung stehen würden.
Ein Anfang Dezember 1944 gemachter Vorschlag des A.O.K. 4, die Front
der 4. Armee und der 3. Panzerarmee in die verkürzte Linie der Seenplatte
beiderseits Lötzen, des masurischen Kanals und der Deime zurückzuverle-
gen, war durch die oberste Führung abgelehnt worden. Der Vorschlag wies
66
im Hinblick auf die zu erwartende russische Generaloffensive mehrere Vor-
teile gegenüber der bisherigen Lage auf.
Die verkürzte Linie, die zu großen Teilen bereits über starke Feldbefesti-
gungen verfügte, hätte so viele Kräfte erspart, daß ein sehr viel stärkerer und
tiefer gestaffelter Einsatz der Stellungsdivisionen und eine Ausschneidung
mehrerer Divisionen als Reserve hätte erfolgen können. Ferner wäre der
Nachteil der weit nach Osten vorspringenden und in den Flanken besonders
bedrohten bisherigen Stellungen der 4. Armee entfallen. Und schließlich ge-
stattete die Verkürzung der Front die Vereinfachung und Vereinheitlichung
der Führung auf dem ostpreußischen Kriegsschauplatz. Eines der beiden
A.O.K.s wäre entbehrlich geworden.
Nach der Grenzschlacht wurden auf Drängen der militärischen Befehls-
haber beträchtliche Teile des östlichen Ostpreußen, darunter das Gebiet ost-
wärts der Lötzener Seen im Bereich der 4. Armee, von der Bevölkerung
geräumt. Angesichts des bevorstehenden letzten Kampfes um Ostpreußen
aber wurde seitens der politischen Reichsleitung trotz aller Warnungen der
militärischen Führer keine grundsätzliche und rechtzeitige Bestimmung
über das Schicksal der ostpreußischen Einwohnerschaft, die nun in ihrer Ge-
samtheit bedroht war, getroffen.
Ebenso wie es einen vorausschauenden Plan für die Führung der mi-
litärischen Operationen an der Ostfront zwischen Ungarn und Kurland
nicht gab, gab es auch keinen Plan für das Verhalten der Zivilbevölkerung.
Nachdem die Führung des Reiches den Krieg nicht zu einem früheren Zeit-
punkt beendet hatte, blieb infolge der Zwangsläufigkeit der akuten politi-
schen und militärischen Lage um die Wende des Jahres 1944 nur noch die
Alternative - planmäßige Rettung der Zivilbevölkerung und militärische
Preisgabe der Provinz unter Erhaltung der Streitkräfte oder Kampf bis zu ih-
rer Vernichtung auf ostpreußischem Boden.
Da Hitler den letzten Weg wählte, entwuchs das Problem der Verant-
wortlichkeit für das ostpreußische Völk der bisherigen alleinigen Zustän-
digkeit der politischen und zivilen Faktoren. Aus der durch den Kampf auf
Leben und Tod bedingten Schicksalsgemeinschaft zwischen Soldat, Bürger
und Bauer entstand eine moralische Verpflichtung für die militärischen Be-
fehlshaber, die die Grenzen ihres fachlichen Verantwortungsbereiches über-
schritt.
Bei den Überlegungen für die Führung des Kampfes um Ostpreußen
konnte das Schicksal der Bevölkerung nicht mehr unberücksichtigt bleiben;
es ist daher auch nicht ohne Einfluß auf den Entschluß des Oberbefehlsha-
bers der 4. Armee gewesen, mit seinen Truppen gegen die Weichsel
durchzubrechen, als der Anfangsverlauf der am 13.01.45 beginnenden Ab-
wehrschlacht die Aussichtslosigkeit einer Verteidigung Ostpreußens darge-
tan hatte.
Die Lage beim Feinde vor der Front der 4. Armee hat in der Zeit bis zum
Beginn der russischen Offensive (13.1.45) nicht in der gleichen Deutlichkeit
67
geklärt werden können, wie dies vor der ersten Schlacht um Ostpreußen im
Oktober 1944 erreicht worden war. Wenn auch durch eine systematisch be-
triebene Erdaufklärung aller Waffen ein annähernd zutreffendes Bild der
feindlichen Kräfteverteilung in vorderer Linie trotz aller russischen Täu-
schungsmaßnahmen gewonnen wurde, so fehlte doch infolge der völlig un-
zureichenden eigenen Luftaufklärung eine erschöpfende Kenntnis von der
Aufstellung der operativen Reserven in der Tiefe des feindlichen Raumes.
Das A.O.K. 4 verfügte in eigener Zuständigkeit über nicht ein einziges
Flugzeug, weder zu Zwecken der Aufklärung noch zu denen des Kampfes.
Die Kommandobehörden der Luftwaffe aber waren trotz besten Willens
nicht in der Lage, die Anforderungen des A.O.K. 4 nach einer ständigen
Überwachung der feindlichen Angriffsvorbereitungen in Front und Hinter-
land in dem notwendigen Umfange zu befriedigen, weil die vielfache rus-
sische Überlegenheit in der Luft und die eigene ganz unzulängliche Treib-
stofflage es unmöglich machten.
Um zu einer klaren Beurteilung der Lage beim Feind in der Tiefe zu ge-
langen, ließ das A.O.K. 4 in den ersten Tagen des Januar 1945 einen Auf-
klärungsangriff durch Truppen über Divisionsstärke zwischen Filipow und
Goldap in der Absicht durchführen, die russische Führung zum Einsatz
zurückgehaltener Reserven zu veranlassen. Der Erfolg blieb nicht aus; die
russische 11. Gardearmee, die nach Beendigung der Herbstschlacht um Ost-
preußen aus der Front zurückgezogen worden war, wurde als Reserve im
Raum der Rominter Heide festgestellt.
In Übereinstimmung der Auffassungen der Oberkommandos der Hee-
resgruppe Mitte und der 4. Armee wurde angenommen, daß es sich bei den
bevorstehenden Operationen um die entscheidende Generaloffensive der
russischen Heere gegen die gesamte deutsche Ostfront handeln und infolge-
dessen die drei Armeen der Heeresgruppe Mitte gleichzeitig oder in zeitli-
cher Staffelung in schwere Abwehrkämpfe verwickelt sein würden. Inner-
halb des Bereiches des A.O.K. 4 schien der den Nordflügel der 4. Armee bil-
dende Abschnitt zwischen Goldap und Gumbinnen der zunächst und am
stärksten bedrohte.
Vor Südflügel und Mitte der 4. Armee lagen keine Anzeichen für eine Ver-
stärkung der feindlichen Kräfte vor; dennoch wurde damit gerechnet, daß
die russischen Armeen auch an diesen Fronten sich dem allgemeinen An-
griff anschließen würden, sobald die deutscherseits erwarteten beiden
Hauptstöße - vom Narew zwischen Warschau und Ostrolenka in Richtung
Elbing und von der unteren Memel in Richtung Königsberg - auf Flanken
und Rücken der weit nach Osten vorwärtsgestaffelten deutschen 4. Armee
sich auszuwirken begannen.
Weisungen über die Operationsabsichten der obersten Führung im Fall ei-
nes Mißerfolges der Abwehrschlacht gingen dem A.O.K. 4 nicht zu. Die vier
Generalkommandos der 4. Armee - LV. A.K., VI. A.K., XXXXI. Pz.K. und
F.Pz.K. Hermann Göring - erhielten Befehle für die Vorbereitung der Beset-
68
zung rückwärtiger Stellungen, deren Ausführung der Entscheidung des
A.O.K. 4 vorbehalten war.
Die Gesamtlage der 4. Armee hatte sich seit dem Herbst 1944 noch in meh-
rerer Hinsicht verschlechtert. Der Winter hatte Einzug gehalten. Flüsse,
Seen, Kanäle und Sümpfe waren zu großen Teilen zugefroren und gangbar
gemacht worden. Die auf Betreiben des A.O.K. 4 unternommenen Versuche
der Pioniere und zu Rate gezogener Wissenschaftler, die Bildung einer trag-
fähigen Eisdecke wenigstens auf den stehenden Gewässern zu verhindern,
waren im allgemeinen fehlgeschlagen. Nur auf dem Goldaper See gelang es,
die Eisdecke durch Ablassen des Wassers zum Einsturz zu bringen. Der Vor-
teil, den Gewässer und Sümpfe als natürliche Hindernisse in günstiger Jah-
reszeit für den Verteidiger bilden können, hatte sich unter dem Einfluß des
Winters zu Gunsten des Angreifers verändert - eine keinesweg überra-
schende Erscheinung, sondern vielmehr eine durch die vorangegangenen
Winterfeldzüge zum Nachteil der deutschen Heere oft bestätigte Erfah-
rung."
Stalins Absicht, mit der in seinem Auftrag geplanten und von ihm gelei-
teten Winteroffensive innerhalb weniger Wochen quer durch Ostpreußen bis
an die Ostsee und das Frische Haff vorzustoßen, die deutschen Heeres-
gruppen zu trennen, einzukesseln und zu vernichten, die Festungen Memel,
Königsberg und Pillau einzunehmen und danach die deutsche Verteidi-
gungsfront von Elbing und der Danziger Bucht bis zu den pommerschen
Hafenstädten Kolberg und Stettin-Swinemünde aufzurollen, sollte mit einer
Übermacht an Menschen und Material verwirklicht werden.
Für die Großoffensive gegen Ostpreußen stellte er allein der 2. und 3.
Weißrussischen Front 1,6 Millionen Soldaten, 25.426 Geschütze und Gra-
natwerfer, 3.800 Panzer und Artilleriegeschütze auf Selbstfahrlafetten, 3.000
Flugzeuge, 13,5 Millionen Granaten, 620 Millionen Patronen und 2,2 Millio-
nen Geschosse für Raketenwerfer zur Verfügung.
Der Chef des deutschen Generalstabes, Guderian, wußte von dieser Über-
legenheit der Russen. In der letzten Lagebesprechung des Jahres 1944, die
am 26. Dezember 1944 im neuen Führerhauptquartier „Adlerhorst" bei Bad
Nauheim stattfand, warnte er Hitler noch einmal eindringlich vor der Über-
legenheit der Russen und der bald zu erwartenden Großoffensive der Roten
Armee auf Ostpreußen. Guderian bezifferte die Überlegenheit der Russen
bei der Infanterie 11 zu 1, an Panzern 7 zu 1, an Geschützen 20 zu 1. Das be-
deutete eine Überlegenheit der russischen Angreifer gegenüber den deut-
schen Verteidigern von 15 zu 1 bei den Bodentruppen und von 20 zu 1 bei
der Luftwaffe.
Der Führer nannte die von Guderian vorgetragenen Zahlen „den größten
Bluff seit Dschingis Khan" und entschied kurz und knapp:
„Keine Verstärkung der Truppen im Osten - dort kann ich noch Boden
verlieren, im Westen nicht. Der Osten muß sich allein helfen!"
Der Grund für diese Entscheidung war die „West-Offensive", die „Ar-
69
dennen-Offensive", deren Beginn unter dem Oberbefehl von Generalfeld-
marschall Gerd von Rundstedt Hitler noch am gleichen Tag befahl. Die Ge-
samtleitung des Unternehmens, das unter der Codebezeichnung „Wacht am
Rhein" geplant worden war, hatte sich Hitler persönlich vorbehalten.
„Mein Führer - es ist 5 Minuten vor 12!"
Januar 1945: Das letzte Kriegsjahr hatte begonnen. In Ostpreußen war es
bitter kalt. Schneestürme fegten über das Land.
Nicht so im Führerhauptquartier „Adlerhorst" bei Bad Nauheim.
Hier gab es weder Schnee noch Eiseskälte, der „Sturm" fand bei der er-
sten Lagebesprechung im neuen Jahr, im Arbeitszimmer von Generaloberst
Jodi, statt. Verursacher waren General Gehlen und Generaloberst Guderian
mit ihrem „Lageplan Ost".
Das Kalenderblatt zeigte Dienstag, den 9. Januar 1945. Adolf Hitler, der ober-
ste Kriegsherr, beschäftigte sich seit etwa drei Wochen mit der Leitung der „Ar-
dennen-Offensive", die seine Aufmerksamkeit voll in Anspruch nahm, da sie
nicht so erfolgreich verlief, wie sie begonnen hatte. Seine Hoffnung, mit dieser
Offensive dem Krieg noch eine entscheidende Wendung zu geben, war nicht
aufgegangen. Trotz erstaunlicher Anfangserfolge kam die Offensive bei Auf-
klaren des Wetters wegen der alliierten Luftüberlegenheit zum Erliegen.
An diesem 9. Januar 1945 mußte sich Hitler jedoch mit der „Ost-Lage" be-
schäftigen, was er sehr ungern tat. Noch hielt hier die Front. Aber jeden Tag
mußte mit der Großoffensive der Roten Armee gerechnet werden.
General Gehlen, Chef der Abteilung „Fremde Heere Ost", hatte auf-
schlußreiche Unterlagen darüber zusammengetragen, wo und in welcher
voraussichtlichen Stärke die große sowjetische Winteroffensive mit dem
Endziel Berlin beginnen würde.
Zwanzig Männer waren es, die hier in der Nacht vom 9. zum 10. Januar
1945 eine der folgenschwersten Entscheidungen Hitlers miterleben mußten,
unter ihnen Jodi, Himmler, Göring, Keitel, Guderian, Generalmajor Christi-
an, der Marineadjudant von Puttkamer, der Chef des Führungsstabes
Südraum, General Winter und der Chef des Heerespersonalamtes Burgdorf.
Dönitz und Bormann fehlen.
Der Chef des Generalstabes, Heinz Guderian, hatte auf einem großen Kar-
tentisch alle Skizzen, Pläne und Unterlagen, die ihm General Gehlen erar-
beitet hatte, ausgebreitet.
Mit den Worten „Mein Führer!" begann Guderian seinen Vortrag.
Mit aller Eindringlichkeit versuchte der Generalstabschef Hitler noch ein-
mal klarzumachen, daß die Ostfront nur zu halten sei, wenn in den näch-
sten vierundzwanzig Stunden die ersten Verstärkungen aus dem Westen
eintreffen würden. Mit Sicherheit stand fest, erklärte Guderian, daß die zu
erwartende sowjetische Großoffensive, die Berlin zum Endziel hatte, in spä-
testens drei Tagen, am 12. oder 13. Januar 1945, beginnen würde. Mit einer
70
Übermacht an Menschen und Material stehe die Rote Armee bereit, nicht
nur Ostpreußen zu erobern, sondern den Durchbruch zur deutschen Haupt-
stadt zu erzwingen. Nach den Unterlagen der deutschen Abwehr, die unter
Leitung von General Gehlen sorgfältigste Arbeit geleistet hätte, würden
zehn deutschen Infanteristen einhundertzehn sowjetische, einem deutschen
Panzer sieben russische und zehn deutschen Geschützen zweihundert des
Gegners gegenüberstehen.
Generalstabchef Guderian schloß seinen Bericht mit den Worten:
„Mein Führer! Es ist fünf Minuten vor zwölf. Ich hoffe, daß Sie auf Grund
meines heutigen Vortrages entscheiden werden, der Ostfront die nötigen
Verstärkungen zuzuführen; und zwar noch in dieser Nacht!"
In wütender Erregung, die beim Vorträge Guderians von Minute zu Mi-
nute gewachsen war, sprang Hitler auf und verlangte, daß der Verfasser die-
ser Unterlagen, General Gehlen, sofort abzulösen sei.
Alle Anwesenden, die den Ernst der Lage sowohl an der Westfront wie an
der Ostfront kannten, hatten nach diesem Wutausbruch Hitlers für einen
Augenblick den Atem angehalten, starrten auf Gehlen, dann auf Guderian.
Doch Guderian war zu allem entschlossen. Er bat Hitler, wenn er General
Gehlen ablösen ließe, auch ihn, Guderian, abzulösen.
Alle, die an dieser Lagebesprechung teilnahmen, glaubten nun, daß auch
Guderian gehen müßte.
Doch Hitler winkte ab und fiel in seinen Sessel zurück. Für einige
Minuten war es still in dem großen Arbeitsraum von Generaloberst Jodi im
Führerhauptquartier.
Hitler wußte, daß er eine militärische Entscheidung des Krieges nur
noch im Westen erzwingen konnte, um anschließend alle Kräfte nach
Osten zu werfen. Ein Zweifrontenkrieg war nicht mehr zu gewinnen. Des-
halb traf Hitler seine folgenschwere Entscheidung, die nur acht Worte um-
faßte:
„Es bleibt dabei - keine Verstärkung für den Osten!"
Damit waren die Würfel gefallen. Die Ostfront wartete vergeblich auf die
dringend erforderlichen Verstärkungen. Kaum drei Tage später ließ die so-
wjetische Winteroffensive die deutsche Ostfront in einem Meer von Blut und
Tränen und Tod ersticken.
Wohin mit den Frauen, Kindern und Alten?
Auch die Parteiführung in Ostpreußen war sich der Unmittelbarkeit der
Gefahr nicht bewußt, allen voran der Gauleiter und Reichsverteidigungs-
kommissar für Ostpreußen, Erich Koch, und sein Stellvertreter Dargel.
Von den Militärs auf die gefährdete Lage Ostpreußens und den baldigen
Beginn der Winteroffensive der Roten Armee hingewiesen, erklärten Koch
und Dargel am 9. Januar 1945 übereinstimmend:
„Ostpreußen wird gehalten, eine Räumung kommt nicht in Frage!"
71
Die Gauleitung der NSDAP veranlaßte nichts, um die Zivilbevölkerung
vor einem sowjetischen Angriff zu retten. Im Gegenteil, sie stellte sogar die
Vorbereitung der Flucht der Zivilbevölkerung unter Strafe.
Dabei war eindeutig klar, daß nach dem Beginn der russischen Offensive
und den damit verbundenen Kampfhandlungen die Straßen für die Trup-
pen freigehalten werden müßten, was zur Folge hätte, daß die Zivilbevöl-
kerung in ihren Wohnungen und Häusern, Höfen, Dörfern und Städten blei-
ben müßte, sonst würde auf den winterlichen Straßen ein unvorstellbares
Durcheinander entstehen, das Truppenbewegungen unmöglich machen
würde.
Noch wäre es in diesen Tagen möglich gewesen, Tausende von Zivilisten,
vor allem Mütter mit Kindern und Kranke, mit der Bahn aus Ostpreußen
nach Westen zu befördern, denn der Eisenbahnverkehr funktionierte noch.
Noch wäre es möglich gewesen, Trecks zusammenzustellen, um beson-
ders die in der Frontnähe wohnende Bevölkerung unter Hilfeleistung des
Militärs in Richtung Westen in Bewegung zu setzen.
Die Militärs hatten dies in der ersten Januarwoche immer wieder geraten,
die Bevölkerung wollte es auch, aber die Partei verbot das Verlassen Ost-
preußens. Erich Koch hätte noch Anfang Januar 1945 viel dazu beitragen
können, Hunderttausende Ostpreußen vor dem Zugriff der Roten Armee,
vor Plünderung, Vergewaltigung, Leid und Tod zu bewahren. Doch er tat es
nicht; er überließ die Ostpreußen ihrem Schicksal, einem grauenhaften
Schicksal, das zum Untergang einer ganzen deutschen Provinz führte.
Ein Chaos ohnegleichen drohte der ostpreußischen Bevölkerung. Was vor
allem mit den Frauen geschehen würde, wenn sie Soldaten der Roten Ar-
mee in die Hände fallen würden, hatte das Massaker von Nemmersdorf und
in anderen Orten im Oktober 1944 gezeigt. Das hätte auch für die Partei, für
Erich Koch und seine Genossen, als Warnung dienen müssen, und sie hät-
ten alles tun müssen, die Bevölkerung vor diesem herannahenden Inferno
von Vergewaltigung und Mord zu schützen und rechtzeitig vor dem Beginn
der russischen Winteroffensive in Sicherheit zu bringen.
Auch der Hinweis der Militärs, daß tausende Zivilisten bei einem Angriff
der Roten Armee dem feindlichen Bombenhagel und Artilleriefeuer zum
Opfer fallen würde, stieß bei Gauleiter Koch auf taube Ohren. Er glaubte
noch immer an die Uneinnehmbarkeit Ostpreußens und setzte dabei ganz
besonders auf seinen Völkssturm.
Während Gauleiter und Reichs Verteidigungskommissar Koch die Front-
lage in Ostpreußen völlig falsch einschätzte und jeden Fluchtversuch der Zi-
vilbevölkerung zu vereiteln versuchte, stellte der sowjetische Generalstab
die größte Angriffsarmee aller Zeiten bereit. Man wartete nur noch auf die
Zunahme der Kälte, die die Wege festigen, Äcker und Wiesen für Panzer
und schwere Fahrzeuge befahrbar machen und Seen, Teiche und Flüsse mit
dickem Eis überziehen würde. Die Aussichten, daß es noch kälter würde, bis
zu 25 Grad unter Null, nahmen von Tag zu Tag zu.
72
Am 11. Januar 1945 gab es an der Ostfront Anzeichen dafür, daß die
Großoffensive der Roten Armee am 13. Januar beginnen würde.
Beim Oberbefehlshaber der 2. Armee hatte sich ein Abwehroffizier, ein
Major im Generalstab, gemeldet, mit einem Bericht über den Funkverkehr
zwischen den russischen Generalen der Angriffsarmeen.
Mit fast starrem Gesicht hatte Generaloberst Weiß, der Oberbefehlshaber
der zweiten Armee, den Text dieser absolut korrekt entzifferten Funk-
sprüche gelesen:
„1. Weißrussische Front an Oberkommando der 2.: Es bleibt bei alter Ein-
ladung. Festbeginn 13. Früh. Musik komplett. Tänzer ausgesucht und un-
ternehmungsfreudig! “
Zwei Stunden später hatte Marschall Rokosowski geantwortet:
„Danke für die Einladung. Werde mich pünktlich wie abgesprochen be-
teiligen. Auf Wiedersehen in Berlin!"
Diese Funksprüche waren bereits am Abend des 9. Januar 1945 auf gefan-
gen worden, also zum gleichen Zeitpunkt, zu dem sich im Führerhaupt-
quartier Generalstabschef Guderian bemüht hatte, Hitler zu bewegen, die
Ostfront zu verstärken, um der bevorstehenden Offensive der Roten Armee
erfolgreich Widerstand leisten zu können.
Am Tag darauf hatte die deutsche Abwehr einen weiteren Funkspruch
der Russen mit einem fast gleichlautenden Befehl an alle sowjetischen An-
griffs-Armeen abgehört mit folgendem entschlüsselten Wortlaut:
„An alle! Endgültiger Termin 13. Januar. Laßt drei Stunden die Hörner
blasen. Dann sechs Uhr pünktlich Gas geben. Erwarte genaueste Planein-
haltung! Shukow."
Damit waren auch bei der Roten Armee die Würfel gefallen. Die große Of-
fensive der Sowjetarmee, die Hitler, als er mehrfach darauf hingewiesen
wurde, „als den größten Bluff seit Dschingis Khan" bezeichnet hatte, stand
unmittelbar bevor.
13. Januar 1945: Der Tag, an dem die Erde bebte
Am 13. Januar 1945 begann die Rote Armee mit ihrer Großoffensive. Es
war der Tag, an dem in Ostpreußen die Erde zu beben begann; nicht her-
vorgerufen durch ein Erdbeben, sondern durch den Feuerhagel der Roten
Armee.
Eine Stunde nach Mitternacht brach in den ostpreußischen Grenzgebieten
die wahre Hölle los, zerrissen Geschütze allen Kalibers mit ihrem tosenden
Gebrüll, schwere und überschwere Granatwerfer und Stalinorgeln mit ihren
heulenden Geschossen die Stille des eiskalten Wintermorgens, überschütte-
ten die dünn besetzten deutschen Stellungen mit vielen tausend Tonnen
Stahl und Sprengstoff. Ein grausames, alles vernichtendes Feuerwerk ohne-
gleichen prasselte auf die deutsche Front nieder, so, als wolle man vor dem
großen Sturm die gesamte Erde umpflügen.
73
Endlich, nach drei Stunden, wurde es still. Totenstill. Den deutschen Ver-
teidigern, die diesen Feuerhagel unverwundet überstanden hatten, stockte
der Atem vor dieser unheimlichen, weiteres Unheil verkündenden Stille.
Nur eine Stunde dauerte sie, und diese wurde genutzt, um in aller Eile die
Verwundeten zu bergen. Dann begann der Höllenlärm von neuem. Die Rus-
sen konzentrierten ihr Feuer auf schmale Land- und Waldstreifen entlang
des ostpreußischen Grenzgebietes; sie schossen Sturmgassen. Pausenlos
dröhnte und brüllte es, zitterte die Luft. Mit Hunderten von Panzern und
Sturmgeschützen, umgeben von Tausenden von Infanteristen, die gleich
Ameisen aus dem Boden hervorquollen, rollte die russische Dampfwalze in
die Sturmgassen, alles zermalmend, was sich ihr entgegenstellte.
Dieses Bild bot sich auf dem Kriegsschauplatz Ostpreußen entlang der ge-
samten Grenze. Während die Rotarmisten vorwärts stürmten, war die Luft
erfüllt vom Motorenlärm sowjetischer Flugzeuge, der Schlachtflieger und
Bomber, die zu Hunderten über das ostpreußische Land flogen, um ihre tod-
bringende Last auf die deutschen Verteidiger und weiter im Hinterland auf
Dörfer und Städte, Bahnhöfe und Brücken, Straßen und Häfen abzuwerfen,
um alles in ein Meer von Feuer und Asche zu verwandeln.
An diesem 13. Januar 1945 war die Hölle über Ostpreußen hereingebro-
chen. Diesen Tag beschrieb der russische General Tschikow, der mit der 1.
Weißrussischen Front die Offensive eröffnet hatte, wie folgt:
„Als vom Donner der Salven aus tausenden Geschützen die Erde erbebte
und wie im Fieber zu erzittern begann, waren die Gedanken und Blicke
nach vorn gerichtet. Die erste Angriffswelle ging zum Sturm über, Infante-
rie und Panzer wiesen einander den Weg. Nach einigen Minuten war der er-
ste wie auch der zweite Schützengraben genommen. Bei Tagesanbruch war
die gesamte erste Verteidigungslinie des Feindes fest in unseren Händen!"
Der Angriff der Roten Armee auf Ostpreußen, Westpreußen und Pom-
mern, der stufenweise zwischen dem 13. und 16. Januar 1945 begonnen hat-
te, war gründlich vorbereitet worden.
Die 1. Weißrussische Front (Marschall Shukow) war bereits am 12. Janu-
ar aus ihren Weichselbrückenköpfen südlich von Warschau zum Angriff an-
getreten mit Stoßrichtung Posen-Pommern-Kolberg.
Die 3. Weißrussische Front (Armeegeneral Tschernjachowski) hatte bei
Gumbinnen die Front der 3. deutschen Panzerarmee (Generaloberst Raus)
mit Stoßrichtung Königsberg-Kurisches Haff durchbrochen.
Sowjetgeneral Tschernjachowski, Kommandeur der 3. Weißrussischen
Front, hatte seinen Soldaten für den Angriffstag 13. Januar 1945 einen Ta-
gesbefehl mit folgendem Wortlaut mit auf den Weg gegeben:
„2.000 Kilometer sind wir marschiert und haben die Verwüstungen aller
Errungenschaften gesehen, die wir in zwanzig Jahren aufgebaut haben. Nun
stehen wir vor der Höhle, aus der heraus die faschistischen Angreifer uns
überfallen haben. Wir bleiben erst stehen, wenn wir sie ausgeräuchert ha-
ben. Gnade gibt es nicht - für niemanden, wie es auch für uns keine Gnade
74
75
gegeben hat. Das Land der Faschisten muß zur Wüste werden, wie auch un-
ser Land, daß sie zur Wüste gemacht haben. Die Faschisten müssen sterben,
wie auch unsere Soldaten gestorben sind."
Die 2. Weißrussische Front (Marschall Rokossowski) war aus ihren Be-
reitschaftsräumen im Narew-Bug-Dreieck herausgetreten und hatte mit
sechs Armeen und fünf Panzerkorps die 2. Deutsche Armee (Generaloberst
Weiß) angegriffen mit Stoßrichtung Elbing-Weichselmündung-Danziger
Bucht.
Die Rotarmisten der 2. Weißrussischen Front, die unter dem Kommando
des Marschalls der Sowjetunion, Rokossowski, standen, trugen beim Angriff
auf Ostpreußen am 13. Januar 1945 einen Aufruf des russischen Schrift-
stellers Ilja Ehrenburg in ihren Tornistern. Der Aufruf hatte folgenden Wort-
laut:
„Tötet, Ihr tapferen Rotarmisten - tötet! Es gibt nichts, was an den Deut-
schen unschuldig ist. Folgt den Anweisungen des Genossen Stalin und zer-
stampft das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht den Rassehochmut der
germanischen Frauen. Nehmt sie als rechtmäßige Beute. Tötet, Ihr tapferen,
vorwärtsstürmenden Rotarmisten. Tötet!"
Am 13. Januar 1945, dem ersten Tag der Entscheidungsschlacht um Ost-
preußen, erzielte die Rote Armee nicht unerhebliche Geländegewinne. Es
gelang ihr mit ihrer Übermacht an Menschen und Material, innerhalb von
48 Stunden einen tiefen Einbruch in die deutsche Verteidigungsfront zu er-
zielen.
Das Ziel des sowjetischen Angriffsplanes war vorrangig, Ostpreußen von
allen Landverbindungen abzuschneiden, die deutschen Truppen in Ost-
preußen einzukesseln und zu vernichten, innerhalb von zwei Wochen die
Ostseeküste zu erreichen und Königsberg im Handstreich zu erobern.
Der mit aller Härte auf beiden Seiten am 13. Januar 1945 begonnene, je-
den Tag an Dramatik zunehmende Kampf um Ostpreußen nahm in den fol-
genden Tagen den Charakter eines „Blitzkrieges der Roten Armee" an.
Die Ereignisse überstürzten sich.
Am 16. Januar 1945 war auch die 43. Armee der sowjetischen 1. Baltischen
Front zum Angriff auf Ostpreußen angetreten und von Tilsit aus, das drei Ta-
ge später, am 19. Januar, von der Roten Armee besetzt wurde, vorgestoßen.
Nun stürmte sie entlang des Kurischen Haffs an Königsberg vorbei.
Am 16. Januar ging Schloßberg an die Russen verloren; die 1. Sowjetische
Luftarmee unterstützte an diesem und am folgenden Tag den Vormarsch
der 3. Weißrussischen Front in Ostpreußen durch 3.468 Einsätze gegen die
deutschen Verteidiger.
Der dramatische Kampf um Ostpreußen
Bereits am ersten Tag der sowjetischen Großoffensive brach unter der Zi-
vilbevölkerung Ostpreußens Panik aus. Unter widrigsten Wetterbedingun-
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gen, bei Kälte bis zu 25 Grad, eisigem Wind, hohem Schnee, vereisten und
durch zurückflutende deutsche Einheiten verstopften Straßen, nahm die
Massenflucht der Frauen, Kinder und alten Leute innerhalb weniger Tage
ein chaotisches Ausmaß an. Ein Land war aufgebrochen und floh vor der
unaufhaltsam vorwärts stürmenden Roten Armee. Obwohl die deutschen
Verteidiger erbitterten Widerstand leisteten, konnten sie den Vormarsch der
sowjetischen Panzer, Sturmgeschütze und Infanteriedivisionen nur noch ab-
schnittsweise verlangsamen, aber nicht mehr aufhalten.
Für die Zivilbevölkerung hatte im ostpreußischen Kriegsgebiet ein un-
barmherziger Leidensweg begonnen. Eilig hatte man noch Trecks zusam-
mengestellt und nach Norden und Westen in Bewegung gesetzt. „Nur weg,
bevor die Russen kommen", hatten sich die Frauen entgegengeschrien.
Doch oft waren die russischen Panzer schneller, überholten die Trecks,
schossen sie mit ihren Geschützen zusammen. Soldaten der Roten Armee,
von den Hetzparolen Ilja Ehrenburgs aufgestachelt, plünderten die Flüch-
tenden aus, vergewaltigten Frauen und Mädchen und töteten viele von ih-
nen. Jetzt zeigten sich die verhängnisvollen Folgen des vom ostpreußischen
Gauleiter ausgesprochenen Verbots zu trecken. Viele Trecks versuchten die
Flucht über das zugefrorene Frische Haff. Das Ziel der meisten Trecks wa-
ren die Ostseehäfen Pillau, Danzig und Gotenhafen.
Doch nicht nur die Zivilbevölkerung, auch die deutschen Truppen muß-
ten der Übermacht der Roten Armee weichen. Die 4. Armee unter General
der Infanterie Hoßbach versuchte mit aller Macht, ihre Front nach Osten zu
halten, obwohl russische Panzerverbände bereits stellenweise tief nach We-
sten vorgedrungen waren. Mehrere Abschnitte mußten, um einer Ein-
schließung zu entgehen, kampflos geräumt werden. Zwangsläufig blieben
dabei Hunderte von Frauen, Kindern und alten Leuten in ihren Dörfern, die
nicht mehr rechtzeitig geräumt werden konnten, zurück; sie wurden zur
wehr- und rechtlosen Beute der Roten Armee.
Generaloberst Reinhard hatte am 17. Januar noch einmal Verbindung zum
„Führerhauptquartier" aufgenommen. Auf Grund der Gefahr, daß die 4.
Armee eingekesselt werden könnte, wenn sie stehenbliebe, hatte er um die
Genehmigung der Rücknahme der Front beiderseits Goldap gebeten. Doch
der Vorschlag wurde abgelehnt, die 4. Armee damit dem Untergang preis-
gegeben.
Die Hauptkampflinie, die bei Beginn der sowjetischen Großoffensive
durch den Kreis Gumbinnen geführt hatte, wurde am 17. Januar auf 65 Ki-
lometern Breite nördlich der Kreisstadt aufgerissen. Der Kampf um Gum-
binnen begann am 18. Januar und endete am 20. Januar. Von diesem Tage an
wehte die rote Fahne mit Hammer und Sichel über der Stadt, die einmal das
„Potsdam Ostpreußens" genannt wurde. Bis zum 22. Januar ging das ge-
samte Kreisgebiet Gumbinnen verloren. So wie hier, mußten Tag für Tag
weitere Städte und Grenzkreise aufgegeben werden: Tilsit, Insterburg, An-
gerapp, Neidenburg, Osterode, Mohrungen und Deutsch-Eylau. Vor der
77
Aufgabe Allensteins wurde das Tannenbergdenkmal gesprengt, nachdem
vorher die Särge des ehemaligen Generalfeldmarschalls und Reichspräsi-
denten Paul von Hindenburg sichergestellt und in Königsberg auf den Kreu-
zer „Emden" überführt worden waren.
Am 22. Januar erreichten Panzerspitzen der Roten Armee bereits Elbing.
Dadurch wurde der Eisenbahn- und Straßenverkehr ins Reich abgeschnit-
ten. Die Verbindung mit Ostpreußen war gekappt. Die Bevölkerung floh
Hals über Kopf in Richtung Danzig-Gotenhafen. Am gleichen Tag fuhr der
letzte D-Zug von Königsberg in Richtung Westen, nachdem bereits einen
Tag zuvor der „Gauleiter-Sonderzug" die ostpreußische Hauptstadt verlas-
sen hatte.
Der Durchbruchsversuch der 4. Armee
Am 22. Januar 1945 ergriff General der Infanterie Friedrich Hoßbach,
Oberbefehlshaber der 4. Armee, die Initiative zu einem Durchbruchsversuch
nach Westen, um die Einkesselung seiner Armee zu vermeiden und ihr ein
„Stalingrad" zu ersparen.
Hoßbach hatte die kommandierenden Generale seiner Armee zu einer La-
gebesprechung in sein Hauptquartier in Borken bei Bartenstein eingeladen.
Er ordnete den Ausbruch der Armee nach Westen noch für diese Nacht an
und befahl im einzelnen:
„Der Stab des VI. Armeekorps (General der Infanterie Großmann) löst
sich aus der Ostfront und geht nach Wormditt. Er hat die Führung der 131.
(Generalmajor Schulze), 170. (Generalleutnant Haß), 547. (Generalmajor
Meiners) und 558. ID. (Generalleutnant Kullmer) zu übernehmen, die in
vorderster Front den Durchbruch durch die russische Front zu erzwingen
versuchen.
Das Generalkommando des XXVI. Armeekorps unter General der Infan-
terie Matzky, das von der 3. Panzerarmee abgesprengt worden war, verlegt
nach Mehlsack, um die zurückgehenden Einheiten der 2. Armee aufzufan-
gen. Das Korps soll mit diesen Verbänden die Nordflanke des VI. Armee-
korps schützen und sich gleichzeitig am Ausbruch in Richtung Preußisch-
Holland und Elbing beteiligen.
Das VII. Panzerkorps übernimmt den Schutz nach Süden in Richtung Al-
ienstein, während Stab XXXXI. Panzerkorps auf dem Truppenübungsplatz
Stablack Versprengte sammeln muß."
Die Armee gruppierte in den nächsten zwei Tagen für den geplanten Aus-
bruch unter den schwierigsten Bedingungen um. Es galt den scharf nach-
drängenden Gegner abzuhalten und sich der Luftangriffe zu erwehren, wo-
bei die vielen planlos dahinziehenden Trecks jede Bewegung behinderten.
Die sowjetischen Panzer- und Schützenverbände stürmten von allen Seiten.
Die Frontlinie am 25. Januar 1945 zeigte, daß nur noch ein Drittel Ost-
preußens in deutschen Händen war. Die Stellungen der deutschen Divisio-
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nen verliefen vom Kurischen Haff ungefähr 20 Kilometer westlich Labiau
bis südlich des Pregel und bogen über Allenburg und Gerdauen auf die
Nordspitze des Mauersees zu. Die HKL führte entlang des Westufers des
Mauersees in ziemlich gerader Linie bis zum Westufer des Spirdingsees.
Hier knickte die Front nach Westen um, lief 10 Kilometer nördlich Inster-
burg und Allenstein vorbei, führte von der Alle nach Nord westen an die
Passarge und mündete 10 Kilometer westlich Braunsberg ins Frische Haff.
Die 4. deutsche Armee, die 3. Panzerarmee, die zivilen Behörden und
hunderttausende Frauen und Kinder steckten in diesem Kessel. Seine Ver-
teidigung war angesichts der russischen Übermacht sinnlos und bedeutete
Selbstmord.
Der Oberbefehlshaber der 4. Armee glaubte, durch den Ausbruch nach
Westen nicht nur die Verbindung mit der 2. Armee westlich Elbing und Dan-
zig herstellen, sondern seine Armee und die vielen Flüchtlingstrecks retten
zu können. Ein Unterfangen, dessen Erfolg angesichts der Überlegenheit
des Gegners unmöglich war!
Generaloberst Reinhardt, der sich im Abschnitt der 28. Jägerdivision bei
Wormditt aufhielt, wurde am Abend des 25. Januar durch Kopfschuß ver-
wundet. Der Oberbefehlshaber blieb allerdings bei seinen Soldaten.
Der Ausbruch der 4. Armee begann am 26. Januar, abends 19.00 Uhr. Das
Armeeoberkommando war nach Glandau südwestlich von Landsberg um-
gezogen, um von vorn führen zu können. Die Angriffsverbände traten bei
eiskalter Völlmondnacht ohne jede Artillerievorbereitung an. Die Über-
raschung gelang. Die rechtsstehende 28. Jägerdivision (Generalmajor König)
kämpfte sich auf Elbing vor. Die 170. Infanteriedivision focht in der Mitte
und erzwang bei Sportehnen den Übergang über die Passarge, während die
131. Infanteriedivision auf Liebstadt zu Boden gewann.
Die sowjetischen Verbände wurden anfangs von dem deutschen Stoß
überrascht, hatten sich aber schnell gefaßt und warfen den Angreifern alles
entgegen, was zur Verfügung stand. Es machte sich bemerkbar, daß die
deutschen Divisionen weder gepanzerte noch schwere Waffen hatten. Das
russische Artilleriefeuer, Panzergegenangriffe und Luftangriffe verzögerten
von Tag zu Tag die Geländegewinne. Lediglich die 170. Infanteriedivision
hatte mit einem Regiment eine dünne Stelle gefunden und drang bis zum
29. Januar weiter nach Westen.
Die Meldung vom Durchbruchsversuch der 4. Armee überraschte das
Führerhauptquartier. Hitler soll getobt haben: „Reinhardt und Hoßbach
stecken mit Seydlitz unter einer Decke! Das ist Verrat! Sie gehören vor ein
Kriegsgericht! Sie werden sofort abgelöst!" Der Wutausbruch erhielt Nah-
rung durch ein Telegramm des Gauleiters Koch:
„4. Armee auf der Flucht ins Reich. Versucht, sich feige nach Westen
durchzuschlagen. Ich verteidige Ostpreußen mit dem Volkssturm weiter!"
Hitler löste bereits am 26. Januar - die Heeresgruppe Mitte war am Tage
vorher in Heeresgruppe Nord umbenannt worden - den Oberbefehlshaber
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ab. Generaloberst Rendulic traf am 27. Januar, von Kurland kommend, im
Hauptquartier in Zinten ein. Generaloberst Reinhardt übergab ihm mittags
13.00 Uhr die Führung der Heeresgruppe mit den Worten: „Wir wollen nicht
weiter darüber reden!"
Der neue Oberbefehlshaber setzte sich in der Nacht zum 30. Januar mit
dem Armeeoberkommando 4 in Verbindung und sagte durchs Telefon:
„Führerbefehl: Der Angriff nach Westen ist sofort einzustellen! Die Pan-
zer- und Panzergrenadierdivisionen sind zur 3. Panzerarmee nach Königs-
berg in Marsch zu setzen. Die 4. Armee verteidigt sich, wo sie ist! General
Hoßbach tritt zur Führerreserve. Den Oberbefehl über die 4. Armee über-
nimmt der noch heute Nacht aus dem Führerhauptquartier mit Flugzeug
eintreffende General der Infanterie Müller!"
General der Infanterie Hoßbach, der der 24. Panzer- und der 18. Panzer-
grenadierdivision schon befohlen hatte, die einmal gewonnene Lücke in der
feindlichen Front auszunutzen und durchzubrechen, gab am 30. Januar ge-
gen 11.00 Uhr den Befehl zur Einstellung des Angriffs. Zwei Stunden später
erschien der neue Oberbefehlshaber auf dem Gefechtsstand.
Der Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar für Ostpreußen Erich
Koch, der Hitler telegrafisch die Nachricht übermittelt hatte: „Ich verteidi-
ge Ostpreußen mit dem Volkssturm weiter", hatte am gleichen Tage Kö-
nigsberg verlassen und sich mit seinem Stab in seinen Bunker in Neutief
abgesetzt. Seinen „Gauleiter-Stellvertreter" hatte er in Königsberg zurück-
gelassen. Vorsorglich hatte sich Koch auch ein Schiff bereitstellen lassen, das
ihn bei drohender Gefahr, den Russen in die Hände zu fallen, über die Ost-
see nach Westen bringen sollte.
Die „Festung Memel" wird geräumt
Am 22. Januar 1945 entschloß sich Hitler dazu, das bisher im Brückenkopf
Memel gebundene XXVIII. Armee-Korps unter Führung von General der In-
fanterie Gollnick zum Einsatz im Samland gegen die vordringende 3.
Weißrussische Front freizugeben; es sollte nach dem Führerbefehl über die
Kurische Nehrung in den Raum von Cranz zurückgeführt werden.
Dies bedeutete: Der zur „Festung" erklärte Brückenkopf Memel wird auf-
gegeben und geräumt.
Paul Synisch, Hauptmann und Regimentsadjutant im Grenadier-Regi-
ment 280 der 95. Infanterie-Division hat das „Unternehmen Krebs", die be-
fohlene Räumung der „Festung Memel", miterlebt. Er erinnert sich daran:
„Es war am 22.01.1945, als die Kommandeure zum Div.-Gefechtsstand
beordert wurden, um mit dem offiziellen Räumungsbefehl des Korps ver-
traut gemacht zu werden, der besagte, daß die Truppen des Brückenkopfes
mit Ausnahme der Nachkommandos sich bis zum 25.01. nachts, unter
Zurücklassung aller schweren Waffen, nach einem bereits bestehenden Plan
abzusetzen hätten.
80
Mein Regiment, das G.R. 280, mußte allerdings, wegen der exponierten
Stellung ostwärts des Hafens, bis zum nächsten Tag ausharren. Die Lage
war sehr ernst, aber wir hatten Glück. Alles lief geordnet. Unser Nachkom-
mando des Regiments, in Stärke von 60 Mann, eingesetzt in MG-Gruppen
und geschickt auf den ganzen Abschnitt verteilt, mußte bis zuletzt bleiben;
auch ich selbst gehörte zu denjenigen, die das ,Schlußlicht" bilden mußten.
In Nähe des Hafenkais wartete ich mit einigen Pionieren darauf, daß um 22
Uhr die Gruppen nacheinander, so lautlos wie möglich, ankamen. Es wur-
de hastig abgezählt mit der eindeutigen Feststellung, daß alle Männer voll-
ständig zur Stelle waren.
Bevor wir nun auf zwei Fähren aufstiegen, hatten bereits Pioniere, wie
schon Tage vorher, mit einem kleinen Eisbrecher das Eis des Haffs gebro-
chen, das jedesmal, bei 30 Grad unter Null, sich wieder neu gebildet hatte.
Auf jeder der beiden Fähren setzten wir vier MG, mit reichlich Munition
ausgestattet, so ein, daß ein eventuell nachfolgender Feind hätte wirksam
bekämpft werden können. Der Art.-Beschuß des Gegners hatte sich zwar
merklich gesteigert, und wir ahnten Böses, aber wir blieben ohne Verluste
und erreichten die Nehrung. Als wir drüben Fuß gefaßt hatten, sprengten
die Pioniere die zurückgelassenen Panzer, Geschütze und alle anderen
schweren Waffen, wie auch Munititonsdepots (in großem Umfang) und vie-
le andere truppentechnische Einrichtungen. Das war ein strikter Befehl, der
von den Pionieren - ganz auf sich allein gestellt - hervorragend erfüllt wur-
de.
Die letzten Soldaten, die die Festung Memel verließen, gehörten dem
Sprengkommando an. Nach sorgfältiger Ausführung ihrer Befehle glückte
ihnen in buchstäblich letzter Minute und unter verstärktem feindlichen Be-
schuß die Übersetzung auf die Nehrung. Memel war jetzt nach vier-
monatigem zähen Kampf dem Feind überlassen.
Das Ünternehmen ,Krebs", die Räumung der Festung Memel, war abge-
schlossen. Unser neues Marschziel hieß Cranz, am Südende der Kurischen
Nehrung. Mein Regiment einschließlich der Nachkommandos sammelte
sich dort. Was wir erwartet hatten, traf ein: Ein Einsatzbefehl für uns an der
Samlandfront. Dieser Einsatz endete für mich mit einer schweren Verwun-
dung am 17. April. Von Heia aus brachte mich der Verwundetentransporter
,Comet" nach Kopenhagen.""
Oberst Werner Ebeling, letzter Kampfkommandant der „Festung Memel"",
schrieb über die letzten Tage in Memel in sein Tagebuch:
„Der Januar ist fast zur Hälfte vergangen. Da bricht am 13. Januar der ver-
nichtende russische Sturm auf Ostpreußen los. Der Brückenkopf Memel, der
bisher als kleine Festung zwischen der ostpreußischen und der kurischen
Front gelegen hat, verliert seine Bedeutung als geplante Verbindungsstelle
zur Vereinigung beider Fronten.
Bereits am 14. Januar werden die ersten verfügbaren Teile der Festung ab-
gezogen und an Brennpunkten vor Königsberg eingesetzt. Schwerbewegli-
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ehe Teile, Versorgungsgüter, Instandsetzungstruppen, rückwärtige Dienste,
Volkssturm und alle für den unmittelbaren Kampf entbehrlichen Teile wer-
den an den folgenden Tagen vorsorglich ebenfalls auf die Nehrung abgezo-
gen und teils ins Samland verlegt. Zwar ist in bewährter militärischer Vor-
sorge für alle Fälle ein Räumungsplan aufgestellt und planspielmäßig
durchgeübt worden, doch kommt der endgültige Befehl zur Räumung der
Stadt erst am 25. Januar. Die hochbewährten Truppen werden für entschei-
dende Kämpfe im gefährdeten Samland dringend benötigt. Die Pioniere ha-
ben in Zusammenarbeit mit Marineeinheiten sehr viel zu tun, denn alle
wichtigen Objekte müssen durch Sprengung zerstört werden. Sperren aller
Art sind anzulegen. Memel wird seine letzten Wunden durch eigene Hand
erhalten. Das ist leider zum Schutze der eigenen Truppen nötig, da der Geg-
ner bei unbehindertem Nachstoß leichtes Spiel hat. Eine Absetzbewegung,
zumal über Wasser, ist immer ein Präzisionswerk.
Am 25. Januar abends beginnt das Absetzen. Die Nachhuten beziehen die
zweite Stellung, ein Grabensystem näher an der Stadt. Es verläuft etwa vom
Südrande Schmelz bis Götzhöfen, zwischen Althof und Neuhof, über Bach-
mann, Schaulen, Tauerlaken, Seebad-Försterei an die Küste. Der Feind stößt
sofort nach. Die letzten Reste des E-Werkes bei Klausmühlen brechen zu-
sammen. Janischken wird kräftig beschossen, ebenso das Gut Rumpischken,
Budsargen, Krucken-Görge, Masuhren und der Bahnhof Kollaten. Rings er-
hellen Brände die Nacht. Durch Gegenstöße kann der Gegner überall
zurückgeworfen werden. Besonders im Raume Götzhöfen toben heftige Ge-
fechte.
Am 28. Januar sind bereits alle schweren Waffen, höhere Stäbe und drei
Viertel der Truppen auf die Nehrung übergesetzt. Nur die Nachhuten ste-
hen noch unmittelbar am Stadtrand im Gefecht. Die deutsche Artillerie un-
terstützt die Kämpfe von der Nehrung aus. Feindliche Artillerie beschießt
die abziehenden Truppen auf der Nehrung von der Südspitze Sandkrug bis
tief herunter zur Bärenschlucht. Viele Häuser erhalten Treffer. Kleine Brän-
de werden gelöscht.
Am 29. Januar wird das Gut Rumpischken im Süden und der Nordteil
von Bommelvitte heiß umkämpft. Die letzte Befehlsstelle befindet sich am
Abend im Keller des großen und massiven Backsteingebäudes der freilie-
genden Höheren Technischen Staatslehranstalt westlich Rumpischken. Die
Nachhuten kämpfen sich auf den Stadtkern zurück. Sie erreichen vom Nor-
den kommend den Winterhafen und setzen mit Landungsbooten über. Die
südlich der Dange kämpfenden Soldaten winden sich durch die nächtliche
Trümmerstadt. In Janischken, am Mühlenteich und weiter am Haff bei der
großen Zellulosefabrik gibt es erbitterte Kämpfe. Die letzten Teile erreichen
gegen Mitternacht durch die brennende Stadt die Dangemündung am Sü-
derhul. Im Werftgelände versammeln sie sich kurz. Von den Gräben der Zi-
tadelle wird noch gegen allzu vorwitzige Gegner geschossen. Rings brennt
alles, überall explodieren gelagerte Benzintanks. Die ganze Stadt ist taghell
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erleuchtet. In den Hauptstraßen riesige Explosionen, die von Pionieren an-
gelegt wurden, die damit den nachdrängenden Gegner aufhalten wollen.
Endlich stößt das letzte Schiff vom Werftgelände ab. Kaum hat es die Mitte
des rotglänzenden Tief überquert, gehen hinter ihm mit gewaltiger Er-
schütterung Teile der Hafenanlagen und Magazine in die Luft. Von Sand-
krug aus bietet Memel ein schauriges Bild rot aufschießender Fackeln. Der
letzte freie Deutsche hat Memel verlassen.
Nur als Gefangene sollen deutsche Soldaten einige Tage später zum Auf-
räumen die Stadt wieder betreten. Der Abzug über die Nehrung geht zügig
voran. Zwar versuchen die Russen, mit einigen Booten an der Südspitze zu
landen, können aber nichts ausrichten. Erst ein starkes Feindbataillon, das
in der Nacht zum 31. Januar nördlich Schwarzort über das zugefrorene Haff
auf die Nehrung gestoßen ist, scheint anfänglich bedrohlich zu werden.
Doch wird dieses Bataillon noch am Abend des 31. Januar restlos vernich-
tet.
Von starkem, inzwischen bei Sandkrug ungehindert auf die Nehrung
übergesetzten Gegner bedrängt, verlassen die deutschen Nachhuten am 1.
Februar 1945 in Richtung Cranz das Memeler Nehrungsgebiet. Mit ihnen
ziehen mehrere, in verzweifelter Flucht aus der Elchniederung übers Haff
geflüchtete Frauen und Kinder, sowie einige rührend zahm gewordene El-
che."
Der monatelange Kampf um den zur Festung erklärten Ostseehafen Me-
mel endete in der Nacht vom 27. zum 28. Januar 1945. Am 28. Januar gegen
4.00 Uhr hatte der letzte deutsche Soldat Memel verlassen. In der Nacht zu-
vor waren alle noch im Hafen befindlichen Schiffe, Fähren, Boote und
Pionierboote ausgelaufen, obwohl die meisten Wasserfahrzeuge reparatur-
bedürftig und kaum noch fahrtüchtig waren und die wenigsten über Navi-
gationsmittel oder andere Orientierungshilfen verfügten. Trotz der ungün-
stigen Wetterlage - das Thermometer zeigte 30 Grad unter Null - und trotz
aller widrigen Bedingungen erreichten alle Fahrzeuge den Zielhafen Pillau.
Nur zögernd folgten die Russen den Absetzbewegungen der deutschen
Verteidiger. Erst gegen 8.00 Uhr sickerten die ersten Soldaten der Roten Ar-
mee in den Memeler Hafen ein.
Jetzt war es endgültig: Die alte deutsche Ostseehafenstadt Memel und das
Memelland waren verloren.
Aufgabe der Marine: „Menschenleben retten!"
Während in der letzten Januarwoche 1945 die Festung Memel geräumt
wurde, ging der Krieg in Ostpreußen weiter.
Ein Dorf nach dem anderen und eine Stadt nach der anderen waren durch
den kaum aufzuhaltenden raschen Vormarsch der Roten Armee verloren-
gegangen. Der Übermacht der Russen hatten die deutschen Verteidiger
kaum etwas entgegenzusetzen; sie konnten in einzelnen Abschnitten das
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Vordringen der feindlichen Infanteristen und Panzer nur verzögern, aber
nicht aufhalten.
Der Leidensweg der ostpreußischen Bevölkerung, der am 13. Januar sei-
nen Anfang genommen hatte, hatte nun ein kaum beschreibbares Ausmaß
angenommen. Frauen, Kinder, Greise - die letzten Männer hatte man zum
Völkssturm eingezogen - flohen vor den Rotarmisten und deren Panzern.
Oft wurden sie von ihnen eingeholt, überrollt, unter Panzerketten zer-
quetscht, ausgeplündert, vergewaltigt, erschlagen, erschossen. Viele Tote
säumten den Vörmarschweg der Roten Armee in Ostpreußen. Es waren
nicht nur Soldaten, die tot an den Straßenrändern lagen.
Bei den Unbilden des Januarwetters, hohem Schnee, bitterer Kälte, oft
mehr als 25 Grad unter Null, war der Tod der ständige Begleiter der Flie-
henden. Besonders Kleinstkinder und alte Menschen raffte der Tod schon
auf der Flucht dahin.
Das Fluchtziel für viele Ostpreußen waren die Ostseehäfen. Die schon in
den ersten Januartagen Geflohenen hatte man von Pillau mit kleinen Schif-
fen nach Gotenhafen gebracht. Andere waren über die Frische Nehrung in
die Danziger Bucht gelangt, wieder andere mit der Bahn geflohen.
Seit dem 20. Januar aber warteten mehrere zehntausend ostpreußische
Flüchtlinge im Pillauer Hafen auf Schiffe, die sie über die Ostsee retten soll-
ten. Jetzt war die Marine gefordert, Menschenleben zu retten, ein Unter-
nehmen „Rettung über See" zu beginnen.
Das Unternehmen „Rettung über See" entwickelte sich ohne jede Vorpla-
nung. Weder die Wehrmacht noch die Marine oder Parteidienststellen hat-
ten sich beim Näherkommen der Front an die Reichsgrenze in Ost- und
Westpreußen mit der Frage beschäftigt, was geschehen müsse, wenn plötz-
lich hunderttausend oder mehr Menschen in die Ostseehäfen strömen wür-
den, um mit Schiffen über die Ostsee in Sicherheit gebracht zu werden.
Niemand hatte sich konkret die Frage gestellt, wie und woher in einem
solchen Fall der erforderliche Schiffsraum zu beschaffen sein würde, wie
Frachtschiffe in kürzester Zeit für den Menschentransport umgerüstet wer-
den könnten und woher Kohle und Öl in ausreichender Menge für diese ge-
waltigen Transportaufgaben zu beschaffen wären.
Eine Evakuierungsplanung für die Zivilbevölkerung war auch deshalb
unterblieben, weil sie im Widerspruch zu den wiederholten öffentlichen Er-
klärungen des Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars von Ost-
preußen Erich Koch gestanden hätte: „Kein Russe wird jemals ostpreußi-
schen Boden betreten!"
Doch seit dem 13. Januar 1945 war diese Aussage Makulatur - russische
Panzer waren bereits bis auf 15 Kilometer an die Stadtgrenze der ostpreußi-
schen Hauptstadt herangekommen. Weit über eine Million Ostpreußen sa-
hen ihr Leben durch die vorrückenden Truppen und Panzer der Roten Ar-
mee bedroht und ihre Rettung nur noch in überstürzter Flucht in die Häfen,
alles zurücklassend, was dabei lästig werden konnte.
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Das war die Situation, vor die sich die Marine in den Häfen Ostpreußens
und in der Danziger Bucht am 20. Januar 1945 gestellt sah. Für lange Über-
legungen und zeitraubende Planungen war jetzt keine Zeit mehr, schnelles
Handeln war erforderlich.
Und ein Mann handelte.
Es war Großadmiral Dönitz, der, das Kriegsgeschehen im Ostseeraum fol-
gerichtig einschätzend, sofort reagierte. Er ernannte den 46jährigen Konter-
admiral Konrad Engelhardt zum „Seetransportchef Ostsee" und stattete ihn
mit allen erforderlichen Vollmachten aus; Engelhardt war dem Großadmi-
ral direkt unterstellt.
In wenigen Tagen hatte der Admiral eine Übersicht über alle in der östli-
chen Ostsee befindlichen Handelsschiffe, die für den Flüchtlingstransport
geeignet waren und die zumeist Einheiten der Kriegsmarine in Königsberg,
Pillau, Danzig und Gotenhafen als „Wohnschiffe" dienten. Weiter gab es ei-
ne Anzahl von Lazarett- und Verwundeten-Transportschiffen. Kriegsschif-
fe, die für den Flüchtlingstransport nicht geeignet waren, sollten nach den
Plänen des Admirals die Sicherung der Flüchtlingsgeleite nach Westen über-
nehmen.
Nachdem Großadmiral Dönitz am 22. Januar die Verlegung der 1. Unter-
seeboot-Lehrdivision von Pillau und der 2. ULD von Gotenhafen nach We-
sten angeordnet hatte, wurde bereits einen Tag später in beiden Häfen mit
der Einschiffung von Flüchtlingen begonnen.
Bereits am 25. Januar verließ das erste Flüchtlingsgeleit mit „Robert Ley",
„Pretoria", „Ubena" und „Duala" mit insgesamt 20.000 Flüchtlingen, gesi-
chert durch Schiffe der 9. Sicherungsdivision, den Pillauer Hafen und er-
reichte ohne Feindeinwirkung den Zielhafen.
Am 27. Januar verließen die Dampfer „General San Martin" und „Der
Deutsche" den Königsberger Hafen. An Bord der beiden Schiffe befanden
sich Patienten der Frauen- und Kinderklinik Königsberg, einschließlich de-
ren Personal, um nach Greifswald verlegt zu werden. Auch dieses Geleit er-
reichte unbeschädigt den Zielhafen.
In Gotenhafen und Danzig war am 25. Januar mit der Einschiffung von
Flüchtlingen auf die großen Passagierschiffe „Cap Arcona", „Potsdam",
„Hamburg", „Deutschland" und einige kleinere Schiffe begonnen worden,
nachdem inzwischen etwa 200.000 Flüchtlinge auf ihren Abtransport war-
teten.
Trotz der Ungeduld der Flüchtlinge vollzog sich die Einschiffung geord-
net. Rasch erkannte man, daß die „Sollzahlen", die den Schiffsleitungen für
die Aufnahme von Flüchtlingen vorgegeben waren, überschritten werden
mußten. So nahm der Dampfer „Deutschland" 12.000 Menschen an Bord,
die „Cap Arcona" 13.000 und das ehemalige KdF-Schiff „Wilhelm Gustloff",
für 1.463 Passagiere und 417 Besatzungsmitglieder gebaut, insgesamt
10.582, davon etwa 9.000 Flüchtlinge.
Während alle großen Schiffe, zu Geleiten zusammengestellt, von Kriegs-
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schiffen gesichert die Fahrt nach Westen antraten, wagte die „Wilhelm Gust-
loff" die Alleinfahrt nach Westen. Eine Verkettung unglücklicher Umstände
hatte dazu geführt. Der Dampfer „Hansa", der gemeinsam mit der „Gust-
loff" ein Geleit bilden sollte, war bereits am Morgen des 30. Januar aus
Gotenhafen-Oxhöft ausgelaufen und ankerte vor Heia, auf die „Gustloff"
wartend, die um 12.15 Uhr Gotenhafen-Oxhöft verließ. Als die „Gustloff"
Heia erreichte, meldete die „Hansa" Maschinenschaden und die Unfähig-
keit, die Fahrt anzutreten.
Der Schiffsleitung der „Gustloff" schien ein längeres Ankern vor Heia mit
über zehntausend Menschen an Bord unverantwortlich: es bestand die Ge-
fahr eines russischen Fliegerangriffs, denn die Räumung von Gotenhafen
und Danzig durch die U-Boot-Waffe war den Sowjets nicht verborgen ge-
blieben. Deshalb entschloß sich die Schiffsleitung der „Gustloff" zur Allein-
fahrt, die in einer Katastrophe endete.
Neun Stunden nach dem Auslaufen aus Gotenhafen, um 21.16 Uhr, trafen
drei Torpedos, abgefeuert von dem sowjetischen U-Boot „S 13", die „Wil-
helm Gustloff", die nach 62 Minuten kenterte. 9.343 Menschen fanden bei
dieser größten Schiffskatastrophe der Geschichte den Tod, nur 1.239 konn-
ten aus der eiskalten Ostsee, bei 18 Grad unter Null und einer Wassertem-
peratur von 2 Grad, in einem beispielhaften Einsatz von neun Kriegs- und
Handelsschiffen gerettet werden (unter den Überlebenden war auch der Au-
tor dieser Dokumentation, der zur Besatzung gehörte).
Als sich am Morgen des 31. Januar 1945 die Nachricht vom Untergang der
„Wilhelm Gustloff" in den Ostseehäfen wie ein Lauffeuer verbreitete, wur-
de vielen Flüchtlingen, die auf Rettung über See warteten, die Gefährlich-
keit dieses Fluchtweges voll bewußt. Allerdings ließ die Lage auf dem
Kriegsschauplatz Ostpreußen an diesem Tag und danach nur noch den
Fluchtweg über See offen. Doch von jetzt ab begleitete die Angst die Men-
schen auf diesem Weg über See.
Die Rote Armee vor den Toren Königsbergs
In den letzten Januartagen 1945 hatte sich die Frontlage weiter zugespitzt.
Der Roten Armee war ein Durchbruch im Ostteil des Kreises Samland ge-
lungen. Löwenhagen wurde besetzt, Lötzen und die Seenstellung mußten
aufgegeben werden. Labiau, Ortelsburg, Angerburg und Preußisch-Holland
gingen verloren.
Der Versuch der Sowjets, über den Pregel und die Deime den Durchbruch
nach Königsberg zu erzwingen, konnte abgeschlagen werden. Südlich von
Tolkemit waren Verbände der Roten Armee bis an das Frische Haff vorge-
stoßen; Fuchshöfen, Waldau, Gamsau, Molsehnen und Lischkaschaaken
wurden von der Roten Armee besetzt.
Seit dem 25. Januar wurde Königsberg von sowjetischer Artillerie be-
schossen. Am 26. Januar gelang es der 39. und 43.sowjetischen Armee, zwi-
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sehen Königsberg und Cranz ins westliche Samland vorzudringen und da-
mit die Landverbindung Pillau-Königsberg zu unterbrechen.
Am 27. Januar wurde die Zivilbevölkerung von Königsberg zur Räumung
der Festungsstadt aufgefordert.
Als neuer Festungskommandant war General Lasch berufen worden.
Sowjetische Angriffsspitzen waren am hart umkämpften Elbing vorbei bis
an das Frische Haff vorgedrungen. Damit war Ostpreußen abgeriegelt, der
Fluchtweg über die Weichsel versperrt und nur noch der Weg über die Fri-
sche Nehrung offen. Mehr als 500.000 Ostpreußen befanden sich damit in
der akuten Gefahr, in die Hände der Roten Armee zu geraten. Bei heftigem
Artilleriefeuer hatte sich die Massenflucht aus Königsberg verstärkt. Ra-
stenburg und Gerdauen waren am 27. Januar verlorengegangen.
Am 28. Januar setzten die Sowjets ihre Durchbruchsversuche beiderseits
des Pregel fort und stießen bis an die Ost- und Nordostfront des Befesti-
gungsgürtels von Königsberg vor mit der Absicht, die Stadt völlig einzu-
schließen.
Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Erich Koch hatte an diesem
Tag mit Anhang und Behördenvertretern Königsberg verlassen. Im weite-
ren Kampf verlauf waren Ludwigswalde, Neuhausen und Tannen walde
verlorengegangen. Nach Süden hin konnte Königsberg auch weiterhin von
der 5. deutschen Panzerdivision abgeschirmt werden. Fort Dohna und
Zwischen werk Altenburg waren in der Nacht zum 29. Januar geräumt wor-
den. Im gesamten Vorfeld Königsbergs wurde unter Beteiligung des Volks-
sturms gekämpft.
Am 29. Januar beschossen der Kreuzer „Prinz Eugen", die Zerstörer „Z
25" und „Paul Jakobi" sowie die Torpedoboote „T23" und „T33" Landziele
vor den deutschen Angriffsspitzen, Artillerieträger beschossen aus dem Kö-
nigsberger Seekanal heraus sowjetische Panzerspitzen.
Truppen der Roten Armee stießen zwischen Brandenburg und Haffstrom
bis an das Frische Haff vor; Godrienen, Trankwitz und Wargen wurden von
den Russen besetzt. In einem Blitzangriff drangen die Sowjets nach Met-
gethen, den Villenvorort von Königsberg, ein.
Am 30. Januar kämpfte die Panzergrenadier-Division „Großdeutschland"
Brandenburg und Heide-Waldburg wieder frei, wodurch vorübergehend ei-
ne Verbindung nach Königsberg wiederhergestellt war.
In der Nacht zum 31. Januar stießen sowjetische Truppen bei Nautzwin-
kel und Groß-Heydekrug bis zum Königsberger Seekanal vor und unter-
brachen die Verbindung nach Pillau. Doch ein weiteres Vordringen auf Kö-
nigsberg war verhindert worden.
Am 31. Januar 1945,17 Tage nach Beginn der Großoffensive, war es der
Roten Armee gelungen, bis zur Ostsee vorzudringen, die „Festung Memel"
und eine große Zahl ostpreußischer Dörfer und Städte zu besetzen, Ost-
preußen nach Westen abzuriegeln und die „Festung Königsberg" einzu-
schließen.
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Kämpfen und siegen - oder sterben
Der Reichsverteidigungskommissar für Ostpreußen, Gauleiter Erich
Koch, hielt sich in diesen Tagen, als die Rote Armee mit ihren ersten Trup-
pen vor den Toren der Hauptstadt Ostpreußens stand, nicht in Königsberg
auf, sondern in seinem Bunker bei Neutief auf der Frischen Nehrung. Hier
schlugen noch nicht, wie in Königsberg bereits seit Tagen, russische Grana-
ten ein, und sein Bunker war „bombensicher". Koch hatte in Königsberg
auch nichts mehr zu verlieren, denn was er an Wertvollem besaß, hatte er
schon Mitte Januar 1945, als er allen Ostpreußen die Flucht bei Strafe ver-
boten hatte, in zwei Eisenbahnwaggons verladen und nach Westen in Si-
cherheit bringen lassen.
In Königsberg hatte er seine Funktionäre zurückgelassen, die ihn vertre-
ten sollten. Dies waren der Gauleiter-Stellvertreter Großherr und der Kö-
nigsberger Kreisleiter Wagner. Beide hatten ihm täglich telefonisch über die
Lage zu berichten. Besonders ernst nahm Wagner seinen Auftrag; er fir-
mierte jetzt als „Bevollmächtigter Kommissar des Gauleiters für Partei, Staat
und Wirtschaft der Festung Königsberg".
Im Auftrage Kochs wandte sich Wagner am 1. Februar 1945 mit einem
Aufruf an den Königsberger Volkssturm, die „Armee der Partei", die ja nicht
dem Militär, sondern dem Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar als
Befehlsgeber unterstand. Der Aufruf hatte folgenden Wortlaut:
„Die bolschewistischen Bestien sind unter gewaltigem Einsatz ihrer
großen Überlegenheit trotz schwerster Verluste bis an unsere Gauhauptstadt
Königsberg vorgedrungen. Wir sind nun auf Gedeih und Verderb mit dem
Schicksal der Stadt Königsberg verbunden. Entweder wir lassen uns in der
Festung wie tolle Hunde erschlagen, oder wir erschlagen die Bolschewisten
vor den Toren unserer Stadt. Der bolschewistische Soldat ist viel schlechter
als der deutsche. Vor ihm zurückzugehen oder sich zu ergeben, ist sinnlos
und ein Verbrechen. Gegen Deserteure, Feiglinge und Schädlinge wird
schärfstens vorgegangen. Wer sich hinten herumdrückt und nicht kämpfen
will, muß sterben. Seid mißtrauisch gegen jedes Gerücht. Wahr ist nur, was
gut für uns ist. Unser Gauleiter grüßt die Volkssturmmänner und wünscht
ihnen Hals- und Beinbruch."
Der Königsberger Völkssturm bestand aus Hitlerjungen und alten Män-
nern, völlig ungenügend an der Waffe ausgebildet und oft in einem seeli-
schen Zustand, der sie nicht gerade zum „heldenhaften Kampf für Führer,
Völk und Vaterland" ermutigte. Während der Gauleiter sicher im Nehrungs-
bunker saß, erwartete er von „seinen" Volkssturmmännern den restlosen
Einsatz gegen die „bolschewistischen Bestien".
Am 9. Februar 1945 wandte sich Kreisleiter Wagner mit einem weiteren
Aufruf an die „Königsberger! Männer, Frauen und Kinder":
„Der Bolschewist steht vor den Toren der Stadt. Wir werden Schulter an
Schulter mit den Soldaten der Wehrmacht und den Volkssturmmännern un-
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sere Stadt verteidigen. Wir wollen Königsberg zu einer uneinnehmbaren Fe-
stung ausbauen... Aus den Trümmern unserer Stadt wollen wir Barrikaden
und Stützpunkte bauen, vor denen jeder bolschewistische Ansturm im Blut
erstickt wird. Ich rufe alle Königsberger auf! Jetzt ist unsere Stunde gekom-
men! Wir leben nur noch der Verteidigung der Stadt und unserem Sieg. Heil
Hitler!"
Nach diesem Aufruf wußte jeder Königsberger, daß die Partei nur noch
eine einzige Aufgabe für alle sah: „Kämpfen und siegen - oder sterben!"
Daß solche Aufrufe die Stimmung der Königsberger noch tiefer sinken
ließen und eher Angst und Schrecken verbreiteten als den Durchhaltewillen
stärkten, erkannte der Festungskommandant sehr rasch. In seinen Erinne-
rungen schrieb er:
„Zur Hebung der stark abgesunkenen Stimmung der Zivilbevölkerung
hatte ich bekanntmachen lassen, daß Postkarten zur Beförderung nach dem
übrigen Deutschland geschrieben werden könnten. Sie wurden auf dem
Hauptpostamt gesammelt, um gegebenenfalls nach Öffnung der Festung
weiterbefördert zu werden. Ein alter Justizrat hatte eine solche Postkarte an
eine Verwandte in Westdeutschland gerichtet. Auf ihr stand zu lesen, daß es
in Königsberg schlimm aussähe, daß die Partei völlig versagt hätte und daß
der Gauleiter geflohen sei. Das zur Aburteilung strafbarer Handlungen von
Zivilisten eingesetzte Standgericht der Festung, das zum Teil aus Partei-
leuten bestand, verurteilte den Mann wegen Zersetzung der Wehrkraft und
wegen Verunglimpfung von Partei- und Staatsbehörden zum Tode, obgleich
seine Behauptungen doch völlig der Wahrheit entsprachen. Ein erschüt-
terndes Beispiel dafür, bis zu welchem Grade das Empfinden für Recht und
Unrecht in manchen Köpfen damals ausgelöscht war. Zum Glück hatte ich
mir die Bestätigung von Todesurteilen bei allen Standgerichten der Festung
vorbehalten und konnte somit die Vollstreckung des wahnsinnigen Urteils
verhindern."
Während der Ring um Königsberg sich in den ersten Februartagen weiter
schloß und der „Belagerungszustand" der Festung nun bereits seit Ende Ja-
nuar 1945 andauerte, ging der fast aussichtslose Kampf der deutschen Ver-
teidiger, insbesondere der zur 4. Armee gehörenden Einheiten, weiter.
Die deutschen Verteidiger, die verbissen um jeden Meter ostpreußischen
Bodens kämpften, banden damit auch starke russische Kräfte, die nicht wo-
anders eingesetzt werden konnten.
Bereits in den ersten Februartagen hatte sich der „Heiligenbeiler Kessel"
gebildet mit dem Frontverlauf Frauenburg-Wormditt-Guttstadt-Heils-
berg-Bartenstein-Friedland-Brandenburg; er wurde von Woche zu Woche
enger. Am 4. Februar war bereits Bartenstein verlorengegangen.
Am gleichen Tag konnte ein breiterer Streifen beiderseits der Reichsstraße
1 zwischen Königsberg und Brandenburg wieder freigekämpft werden, ging
jedoch in den folgenden Tagen bis auf die Haff-Notstraße wieder verloren.
Die Front der 4. Armee wurde in der ersten Februarhälfte immer wieder
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in harte Kämpfe verwickelt. Unter hohen Verlusten scheiterten mehrere Ver-
suche, eine breite Verbindung nach Königsberg zu schaffen. Bei diesen An-
griffen wurde die Division „Großdeutschland" fast völlig aufgerieben, die
Russen hatten massierte Kräfte gegen den Aufbruch dieser Landverbindung
eingesetzt.
Die Kriegsmarine setzte am 6. Februar und an den folgenden zwei Tagen
ihre Schweren Kreuzer „Lützowzz und „Admiral Scheer" im Kampf um Ost-
preußen ein. Mit ihrer wirkungsvollen Schiffsartillerie, mit ihren 28 cm-Ge-
schützen feuerten sie abwechselnd von der Ostsee aus über die Frische Neh-
rung und das Frische Haff über eine Entfernung von 35 Kilometern auf Pan-
zer und Infanterieverbände der Roten Armee, die Frauenburg angriffen.
Trotzdem mußte Frauenburg am 8. Februar aufgegeben und den Russen
überlassen werden; ein schwerwiegender Verlust.
Am 10. Februar, 50 Minuten nach Mitternacht, zerrissen zwei Torpedos, ab-
gefeuert von dem sowjetischen U-Boot „S 13", das am 30. Januar die „Wil-
helm Gustloff" mit drei Torpedos versenkt hatte, das Verwundeten-
transportschiff „Steuben". Dieses war am Vortage in Pillau, beladen mit 1.467
Schwerverwundeten, 1.213 gehfähigen Verwundeten, Ärzten, Schwestern
und Sanitätspersonal und etwa 900 Flüchtlingen, ausgelaufen. 3.608 Men-
schen fanden bei dieser Katastrophe den Tod, versanken mit der „Steuben",
nur wenige Seemeilen vom Grab der „Gustloff" entfernt, in der Ostsee.
Viele im Pillauer Hafen auf Rettung über See wartende Flüchtlinge befiel
nach dieser Nachricht die Angst. Doch für alle, die die beschwerliche Flucht
über das zugefrorene Frische Haff und danach über die völlig mit Trecks
und Soldaten verstopfte Nehrungsstraße, immer wieder russischen
Fliegerangriffen ausgesetzt, nicht wagen wollten, vor allem aber auch für
die vielen tausend in Ostpreußen verwundeten Soldaten, gab es nur noch
eine Rettungsmöglichkeit, die den Erhalt des Lebens versprach: den Schiffs-
transport über die Ostsee.
Metgethen: Erschlagen, erdrosselt, erschossen
Am 16. Februar 1945 fiel, für die Rote Armee überraschend, der russische
General Tschernjachowski. Das bedeutete: die sowjetische Belagerungsfront
um Königsberg war für mehrere Tage führungslos. Dieses Vakuum nutzten
die deutschen Verteidiger aus.
General der Infanterie Gollnick, der mit seinen restlichen Verbänden Me-
mel geräumt und am 17. Februar den Befehl über die Armee-Abteilung
Samland übernommen hatte, traf eine wichtige Entscheidung: Er wollte am
19. Februar den Weg nach Königsberg durch einen Angriff öffnen. Er er-
wartete, daß die Festungsbesatzung ebenfalls einen Ausbruchsversuch un-
ternehmen und den Samland-Divisionen entgegenkommen würde. Als
Operationsziel sollte die Straße nach Pillau freigekämpft und damit die
Straßenverbindung Königsberg-Pillau wiederhergestellt werden.
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General Lasch stellte die 1. Infanteriedivision, die 5. Panzerdivision und
- gegen den Befehl der Heeresgruppe Nord - auch die 561. Volksgrenadier-
division bereit.
Das Unternehmen war der letzte deutsche Großangriff in Ostpreußen -
und ein voller und außerordentlich wichtiger Erfolg. Der Infanterie gelang
es, die sowjetische Front bei Metgethen aufzubrechen, und die 5. Panzerdi-
vision trieb, an den Grenadieren und Füsilieren vorbeirollend, einen tiefen
Angriffskeil vor.
General Gollnick ließ die 58. und die 93. Infanteriedivision sowie die 548.
Volksgrenadierdivision weiter angreifen. Die russische Abwehr im Raum
Metgethen war außerordentlich stark; hier standen die 39. Armee unter Ge-
neralleutnant Dadikow sowie die 192., 292. und 338. Schützendivision. Die
russischen Militärs hatten seit einiger Zeit an dieser Stelle mit einem deut-
schen Angriff gerechnet. Ein Befehl vom 15. Februar 1945 verlautbarte, daß
ein deutscher Angriff im Raum Klein-Holstein-Metgethen-Amalienhof-
Kragau-Kobbelbude wahrscheinlich und daher die Abwehr zu verstärken
sei.
So stießen die deutschen Truppen bei ihrem Ausbruch auf eine massive
Gegenwehr. Der Kampf war außerordentlich hart, und beide Seiten ver-
zeichneten erhebliche Verluste. An der Schule Metgethen nahmen die deut-
schen Grenadiere eine Stellung von 25 sowjetischen Pak-Geschützen im
Sturmangriff.
Was die deutschen Soldaten bei der Befreiung der Königsberger Vorstadt
vorfanden, überstieg alles menschlich Vorstellbare.
Mit einem ungezügelten Haß waren die Rotarmisten, die Metgethen er-
obert und besetzt hatten, gegen die Bevölkerung, die nicht mehr hatte flie-
hen können, vorgegangen. Seinen Ursprung hatte dieser Haß auf alle „deut-
schen Faschisten", ob Säugling oder Greis, Frau oder Kind, Verwundeter
oder Kranker, sicher unter anderem in den Hetzparolen des sowjetischen
Schriftstellers Ilja Ehrenburg und auch des Sowjet-General Tschernjachows-
ki, der den Soldaten seiner Armee den Befehl gegeben hatte: „Die Faschisten
müssen sterben - Gnade gibt es nicht - für niemanden!"
Daß dieser Befehl von den Soldaten der Roten Armee befolgt worden war,
zeigte sich den deutschen Befreiern von Metgethen, die die unbeschreibli-
chen Greueltaten der Rotarmisten sahen.
Ein Heeresoffizier berichtete:
„Ich war Ordonnanzoffizier der 561. Volksgrenadier-Division und hatte
den Auftrag, gleich nach der Zurückeroberung Erhebungen in Metgethen
anzustellen. Hier fand ich auf einem größeren freien Platz zwei Mädchen im
Alter von etwa 20 Jahren, die an den Füßen zwischen zwei Fahrzeuge ge-
bunden worden waren, ein geradezu bestialischer Anblick!"
Ein Soldat der Nachrichten-Abteilung I, der an der Rückeroberung betei-
ligt war, berichtete:
„Die ermordeten deutschen Soldaten, die wir fanden, waren bis zur Un-
Q?
kenntlichkeit verstümmelt. In jeder Wohnung tote Zivilisten: erschlagen,
erdrosselt, erstochen, erschossen; sie wurden offensichtlich im Schlaf über-
rascht. Den Polizeiposten war es nicht mehr möglich gewesen, alle Ein-
wohner vor der drohenden Gefahr zu wecken, als die Russen im Blitzangriff
in Metgethen eindrangen. Bestialisch umgebrachten Frauen waren die Brü-
ste abgeschnitten worden. Andere hingen an Bäumen in den Gärten. Kaum
bekleidet, sind sie von den Rotarmisten an den Füßen mit dem Kopf nach
unten aufgeknüpft worden. Den wenigen, die sich verstecken konnten und
noch lebten, stand das Grauen in den Augen; sie sind sprachlos geworden.
Alle Frauen wurden mißbraucht; auch achtjährige Mädchen. Wir bargen ei-
ne 63jährige Frau vom Fußboden ihrer Wohnung. 13 Russen, so erzählte sie
schluchzend, hätten sich an ihr vergangen. Auf der Straße draußen standen
15 leere, umgestürzte Kinderwagen, die die anklagten, welche die Säuglin-
ge verschleppt hatten. Nur wer sich von den Bewohnern Metgethens noch
rechtzeitig im nahen Wald in Sicherheit hatte bringen können, war ver-
schont geblieben!"
Metgethen übertraf an Grausamkeit noch das Massaker von Nemmers-
dorf im Oktober 1944.'
Die Tatsache, daß man 32 Menschen zusammengebunden und in die Luft
gesprengt hatte, übertraf alle bisher von Soldaten der Roten Armee verüb-
ten Greueltaten an der Bevölkerung.
Der schriftlich vorgelegte Bericht des Sonderkommandos der Sicherheits-
polizei vom 21. Februar 1945, unterzeichnet von dem für die Untersuchung
verantwortlichen Kriminal-Kommissar, hatte folgenden Wortlaut:
„Am 20.02.1945 wurde in dem vom Feind freigekämpften Ort Metgethen
ein Sonderkommando eingesetzt mit dem Auftrage, überlebende Zivilper-
sonen in Sicherheit zu bringen, etwa aufgefundene Leichen von Zivilperso-
nen zu identifizieren und die Todesart festzustellen.
Im Verlaufe der systematischen Absuche des Ortes wurde u.a. in der Mit-
te eines am Postweg gelegenen Tennisplatzes, ein großer Sprengtrichter fest-
gestellt, dessen Sohle mit Wasser, Eis und Schnee angefüllt war. In dem
Sprengtrichter und seiner Umgebung bis zu 50 Meter lagen die Leichen und
Leichenteile von etwa 31 Menschen.
Zum großen Teil sind die Leichen verstümmelt, in Stücke gerissen und be-
sonders die unteren Extremitäten zerfetzt. Die Kleider sind vollkommen mit
staubiger Erde verschmiert. Da die Leichen bzw. Leichenteile mit dem Erd-
boden fest zusammengefroren waren und der Tennisplatz unter ständigem
Artilleriebeschuß lag, konnte eine Identifizierung nicht erfolgen. Anhand
der Kleidung konnte jedoch festgestellt werden, daß sich unter den Toten
vier Frauen, ein Kriminalpolizeiangehöriger und ein Soldat in Luftwaffen-
Uniform befanden.
Oberflächliche Besichtigung vermittelte den Eindruck einer Fliegerbom-
be. Nähere Besichtigung ergab jedoch, daß es sich nur um den bei einer star-
ken Sprengung entstandenen Trichter handeln kann. Erwähnt sei, daß die
Oberfläche des Tennisplatzes aus einer ca. 30 Zentimeter starken Ziegel-
schotterung besteht, die in gefrorenem Zustand den Eindruck eines Mauer-
werkes macht.
Die innere Beschaffenheit des Trichters läßt weiter erkennen, daß zwei ne-
beneinanderliegende Sprengladungen, geballte Ladungen, zur Explosion
gebracht wurden. Von dem Sprengtrichter führte ein umsponnener Draht
von ca. 50 Meter Länge bis zu einer an der Straße gelegenen, durch eine
Hecke gebildeten Deckung. An dem Ende des Drahtes, das in unmittelbarer
Nähe des Sprengtrichters lag, befand sich der Abzug einer Handgranate.
Dieses Ende des Drahtes wurde gesichert und liegt bei. Es handelt sich hier-
bei ohne Zweifel um die Zündvorrichtung für die Sprengladungen.
In Auswertung der getroffenen Feststellungen kann mit Sicherheit davon
ausgegangen werden, daß es sich um die Ermordung von in die Hände der
Russen gefallenen Deutschen handelt!"
Hauptmann Sommer vom Stab des Festungskommandanten und der
Wehrmachtskommandantur Königsberg gab über die Vorfälle in Metgethen
zu Protokoll:
„Nach einem Gegenstoß der Königsberger Besatzung wurde der Vorort
Metgethen zurückerobert. Nach der Übernahme meldeten Truppenteile des
Festungskommandanten die Auffindung mehrerer dicht beieinander lie-
gender Leichenhügel. Auf Befehl des Festungskommandanten, General
Lasch, wurde eine Kommission zur Untersuchung dieser Vorfälle einge-
setzt.
Diese fand neben den über den ganzen Ort verstreuten Einzelleichen zwei
besonders große Leichenhügel, in denen etwa 3.000, meist Frauen,
Mädchen- und Kinderleichen enthalten waren. Es wurde eine Spezial-
kommission von Ärzten, Kriminalisten und ausländischen Journalisten ein-
gesetzt, die die Aufgabe hatten, die Identität und den Tatbestand festzu-
stellen. Die Arbeiten gestalteten sich sehr schwierig, da die Russen die Lei-
chenhaufen mit Benzin übergossen und anzubrennen versucht hatten.
Dennoch wurden mehrere hundert Leichen fotografiert und auf diesen
Bildern der Tatbestand der meist grausamen, gewaltsamen Todesart festge-
halten. Aus diesen Bildern und den Schilderungen der Kriminalbeamten ist
hervorzuheben, daß die meisten Leichen Verletzungen durch Schläge und
Stiche aufwiesen und nur in seltenen Fällen durch einfache Genickschüsse
zu Tode gebracht worden waren. Bei einer großen Anzahl waren die Brüste
abgeschnitten, die Geschlechtsteile zerstochen und der Unterleib aufge-
schlitzt.
Das Bildmaterial und auch die Protokolle von Zeugen, die die Vorgänge
des Zusammentreibens und der Vergewaltigungen gesehen oder miterlebt
haben, lagen bei meiner Dienststelle. Sie wurden von den Abwehroffizieren
und den Beamten der Kriminalpolizei benutzt, um russische Kriegsge-
fangene, die aus dem betreffenden Frontabschnitt kamen, zu vernehmen
und die Identität bei der Zivilbevölkerung festzustellen.
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Da sich die Auffindung der Leichen bei der Königsberger Bevölkerung
rasch herumsprach und ungeheure Empörung auslöste, strömten unzähli-
ge Menschen zu meiner Dienststelle, um zu erfahren, ob sich Angehörige
darunter befanden."
Was ein russischer Offizier sah und erlebte
Bei der Rückeroberung von Metgethen fand auch der russische Artillerie-
offizier Jurij Upenskij, Angehöriger der 2. Garde-Artillerie-Division des 5.
Artilleriekorps in der 1. Baltischen Front, den Tod. Deutsche Soldaten fan-
den bei dem Toten ein mit der Hand geschriebenes Tagebuch, das an das
Oberkommando des Heeres, Abteilung „Fremde Heere Ost", zur Über-
setzung weitergeleitet wurde. Nach Kriegsende wurde dieses zeitge-
schichtlich wichtige Dokument mit anderen Akten des Oberkommandos
des Heeres von der Siegermacht USA nach Washington D.C. gebracht; es
wird dort im National-Archiv bei den „Erbeuteten deutschen Heeresakten"
unter der Bezeichnung T-78-525/78-91 aufbewahrt.
Nachstehend einige Auszüge aus diesen Tagebuchaufzeichnungen, mit
denen der russische Offizier am 12. Januar 1945 begonnen hatte; die letzte
Eintragung datiert vom 15. Februar 1945. Die nachstehend wieder-
gegebenen Tagebuchauszüge betreffen ausschließlich den Kriegsschauplatz
Ostpreußen und enthalten Gedanken, Gesehenes und Erlebtes des Tage-
buchschreibers:
„15. Januar 1945, Montag
Eydtkuhnen: ein halb zerstörtes Städtchen. Die Straßen sind voll mit Sol-
daten und Kraftwagen.
Stallupönen: Die Stadt ist grenzenlos zerstört. Man sieht nur Ruinen. Das
5. Artillerie-Korps haben wir nicht gefunden. Auf den ehemaligen vorderen
deutschen Linien ist die Wirkung unserer Artillerie zu sehen. Es ist bemer-
kenswert: auf der Straße von der ehemaligen deutschen HKL bis Gumbin-
nen sah ich nur einen russischen Panzer, der zerstört war. Unsere Betreuung
unterwegs ist gut organisiert. Wenn man an unsere Erfolge denkt, möchte
man annehmen, daß ein Ende des Krieges bald bevorsteht. Wir befinden uns
auf einem Punkt in der Arbeitersiedlung einer Ziegelei. Viele Möbel, Bücher
und sonstiger Kram sind hier zurückgelassen worden. Morgen fahren wir
nach Insterburg.
24. Januar 1945, Gumbinnen.
Wir gingen durch die Stadt, die verhältnismäßig verschont geblieben ist.
Einzelne Gebäude sind zerstört, andere stehen noch in Flammen. Man sagt,
daß diese von unseren Soldaten angezündet worden sind. Im Städtchen, das
ziemlich groß ist, liegen Möbel und andere Gegenstände auf den Straßen
herum. An den Wänden der Häuser steht überall geschrieben: ,Tod dem Bol-
schewismus/ Damit wollen die Fritze (,Fritze' = Spitzname der Rotarmisten
für Deutsche) bei ihren Soldaten Agitation treiben. Und diese Aufschriften
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findet man nur in Gumbinnen und in der Umgebung dort, wo die Truppen
durchgekommen sind. Mit diesen Aufschriften wollen sie ihre Soldaten an-
spornen. Wir kamen schnell nach Insterburg.
Wir beobachteten die ostpreußische Landschaft: Straßen, von Bäumen
eingesäumt, Dörfer, deren Häuserdächer mit Ziegeln gedeckt sind, Felder,
die zum Schutz gegen das Vieh mit Stacheldraht eingezäunt sind, - Inster-
burg ist größer als Gumbinnen. Die ganze Stadt ist noch voll Rauch. Die
Häuser brennen nieder. Die Stadt ist sehr stark zerstört, die Straßen sind voll
Schutt und Ziegeln und verschiedenem Hausrat. Es ertönen oft Explosio-
nen, unsere Pioniere sprengen die Ruinen. Auf den Straßen sieht man öfter
zerstörte deutsche Lastwagen und Leichen deutscher Soldaten. Unendliche
Kolonnen von Soldaten und Kraftwagen kommen hindurch; ein für uns
herrliches, für den Feind aber bedrohliches Bild. Das ist die Rache für alles,
was die Deutschen bei uns angerichtet haben. Jetzt werden ihre Städte ver-
nichtet und ihre Bevölkerung erfährt jetzt, was das bedeutet: Krieg!
Wir fuhren auf einem Pkw des Stabes der 11. Armee die Chaussee entlang
weiter in Richtung Königsberg, um das 5. Artilleriekorps aufzusuchen. Die
Straße ist von Kraftwagen völlig verstopft. Die Dörfer sind teilweise zer-
stört, teilweise instand. Es ist bemerkenswert, daß man sehr wenige russi-
sche Panzer sieht, nicht so, wie es während des ersten Angriffes der Fall ge-
wesen ist.
Unterwegs treffen wir Trupps der Zivilbevölkerung, die unter Bewa-
chung in das Gebiet hinter der Front geführt wurden. Einige von ihnen fuh-
ren in den großen bedeckten Wagen. Die Jungen, Männer, Frauen und
Mädchen laufen zu Fuß. Bekleidet sind sie gut. Es wäre interessant, mit ih-
nen über die Zukunft zu sprechen. Wir haben hier übernachtet! Endlich sind
wir in ein reiches Land gekommen! Rundherum sieht man das Vieh, das sich
herumtreibt. Gestern und heute kochen und bereiten wir je zwei Hühner. In
dem Haus ist alles sehr gut eingerichtet. Die Deutschen haben fast alles
zurückgelassen. Ich habe noch einmal daran denken müssen, was für ein
großes Unglück dieser Krieg und Hitler über die Welt gebracht haben. Die
deutsche Bevölkerung spürt es jetzt tatsächlich an ihrem eigenen Leibe, was
dieser Krieg bedeutet. Sie geht unter Bewachung an den verbrannten Städ-
ten und Dörfern vorüber, an den zermalmten unzähligen Kraftwagen, an
den Leichen ihrer Soldaten. Sollen sie jetzt nur sehen und fühlen, was der
Krieg bedeutet! Wieviel Elend gibt es in der Welt! Und dieses Elend tobt
schon so lange Zeit. Aber in den deutschen Zeitungen sieht man überall die
verzerrte Fratze Adolf Hitlers.
26. Januar 1945. Petersdorf bei Wehlau
Hier an diesem Frontabschnitt waren die Unseren vier Kilometer vor Kö-
nigsberg. In der Stadt ist eine Panik ausgebrochen. Unsere Flugzeuge haben
die Ausgänge aus der Stadt gesperrt, nach Süden, nach Norden und zum
Meer hin. Unsere Artillerie hält die Ausgänge zur Front unter Feuer. Die 2.
Weißrussische Front ist bei Danzig ans Meer gekommen. Also ist Ost-
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preußen völlig abgeschnitten. Es ist eigentlich schon so gut wie in unserer
Hand. Wir fahren durch Wehlau. Es brennt noch und ist völlig zerstört.
Überall Rauch und Leichen der Deutschen. Auf der Straße sieht man sehr
viele zurückgelassene deutsche Geschütze und Leichen im Rinnstein. Das
sind die Zeichen der grausamen Vernichtung der deutschen Truppen. Es
wird gefeiert. Die Soldaten kochen ab. Die Fritze haben alles weggeworfen.
Sehr viel Rindvieh treibt sich herum. Massen von Möbel und Geschirr be-
finden sich in den noch unzerstörten Häusern. Man sieht an den Wänden
Bilder, Spiegel, Aufnahmen. Sehr viele Häuser sind von unserer Infanterie
in Brand gesteckt worden.
27. Januar 1945. Dorf Starkenberg
Es sieht ganz friedlich aus. Im Zimmer ist es hell und gemütlich. Man hört
von weitem den Schall der Artilleriekanonade. Es wird um Königsberg
gekämpft. Die Lage der Deutschen ist völlig verzweifelt. Die Armeen des
Roskossowskij sind gestern noch an die Danziger Bucht vorgestoßen. Somit
ist der restliche Teil Ostpreußens von Deutschland abgeschnitten. Die Bucht
am Pregel ist zugefrören, so daß die Evakuierung auf dem Wasserweg
schwierig wird. Unsere Flieger werfen Bomben auf den Stadtausgang und
auf die Straßen. Am 12. Januar fing die Artillerievorbereitung an, Fritz wehrt
sich verbissen. - Wir haben eine sehr gute Wohnung, zu essen, so viel wir
wollen.
Gestern war ich im Dorf Gauleden, aber die 9. Brigade habe ich nicht ge-
funden. Im Dorfe sah ich unsere 210-mm-Geschütze, die auf Königsberg
herangeschafft werden. Anscheinend wird die Seeküste beschossen. Diese
Geschütze haben 30 und mehr Kilometer Reichweite. Der Krieg geht weiter,
aber man möchte doch glauben, daß er bald zu Ende sein wird. Die Offen-
sive dehnt sich immer weiter aus. Wir hassen Deutschland und die Deut-
schen sehr. In einem Hause zum Beispiel haben unsere Jungs eine ermorde-
te Frau mit zwei Kindern gesehen. Auch auf den Straßen sieht man oft er-
mordete Zivilisten. Und die Deutschen haben diese Greueltaten verdient,
mit denen sie angefangen haben. Gewiß, es ist unwahrscheinlich grausam,
die Kinder zu töten.
28. Januar 1945. Dorf Starkenberg
Bis 2.00 Uhr nachts spielten wir Karten. Die Häuser sind in chaotischem
Zustande zurückgelassen worden. Die Deutschen hatten sehr viel Hab und
Gut. Jetzt ist es aber alles durcheinandergeworfen. Die Oberbetten sind ent-
leert worden und die Federn überallhin verstreut. Die Möbel in den Häu-
sern sind ausgezeichnet. Auch findet man sehr viel Eßgeschirr. Die meisten
Deutschen haben nicht schlecht gelebt. Anscheinend wird das ganze Hab
und Gut in die Sowjetunion abtransportiert werden. Man sollte sich beeilen,
das Vieh und die Fohlen wegzuschaffen. An Hühnern und Kaninchen fin-
det man hier schon nichts mehr.
Krieg, Krieg... wann wird er beendet sein? Drei Jahre und sieben Monate
dauert nun schon diese Vernichtung der Menschenleben, der menschlichen
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Arbeit und Kultur. Es brennen die Städte und Dörfer, die Schätze einer
tausendjährigen Leistung verschwinden. Und die Nichtsnutze in Berlin
bemühen sich, diese in der Geschichte einmalige Schlacht noch möglichst
lange fortzusetzen. Deshalb entsteht der Haß, der sich auch über Deutsch-
land ergießt.
29. Januar 1945, Dorf Starkenberg
Gleichgültig gehen die anderen an den Leichen vorüber. Auch die Leichen
unserer Soldaten liegen lange umher und werden nicht begraben. Sogar 20
Kilometer hinter der vordersten Linie liegen noch die schneebedeckten Lei-
chen umher.
Wir sind am Bahnhof Hanau. Aus einem nicht völlig niedergebrannten
Gebäude schleppen Soldaten Schnaps, Konserven, Zigarren und Spielkar-
ten. Man sieht sehr viel zurückgelassene Munition. Vorne wird umgrup-
piert. Es ist möglich, daß man Königsberg links liegen läßt und die Kräfte
nach Westen abschiebt. Übrigens befindet sich Deutschland in einer noch nie
dagewesenen schweren Lage. Marschall Shukow war am 30. Januar 110 Ki-
lometer vor Berlin. Wenn eine Ruhepause eintritt, dann möchte man sich am
liebsten freuen. Ist der Krieg schon zu Ende? Ich werde zur 2. Artillerie-Ab-
teilung abkommandiert.
1. Februar 1945. Starkenberg
Im Dorfe sahen wir eine lange Kolonne der gegenwärtigen deutschen
Sklaven, die der Deutsche aus allen Teilen Europas in Deutschland gesam-
melt hatte. Es marschierten Franzosen, Italiener, Belgier und Polen. Nur
Deutsche fehlen in dieser Kolonne europäischer Völker. Sie kneifen aus, aber
bald werden sie schon nicht mehr wissen, wohin. Unsere Truppen sind in
Deutschland auf breiter Front eingedrungen. Und die Alliierten gehen auch
vorwärts. Ja, Hitler wollte die ganze Welt zerschlagen. Stattdessen hat er
Deutschland zerschlagen. Vorn liegt starkes Artilleriefeuer. Unsere Truppen
befinden sich an der Stadtgrenze von Königsberg. In diesen Tagen wird Kö-
nigsberg gestürmt werden.
2. Februar 1945
Wir sind in Fuchsberg eingetroffen. Wir gelangten zu unserem
Bestimmungsort - dem Stab der 33. Panzerbrigade. Von einem Rotarmisten
der 24. Panzerbrigade erfuhr ich, daß 13 Mann unserer Leute sich vergiftet
hätten, darunter einige Offiziere. Sie hatten denaturierten Sprit getrunken.
Wozu die Liebe zum Alkohol führt! Unterwegs trafen wir lange Kolonnen
von deutschen Zivilisten. Meist Frauen und Kinder. Viele tragen Kinder auf
den Armen. Sie sehen blaß und verängstigt aus. Auf die Frage, ob sie Deut-
sche seien, antworten sie schnell: ,Ja.z Trotzdem prägt sich auch hier der
Schreck aus. Sie haben sich nicht darüber zu freuen. Man trifft dabei auch
auf hübsche Gesichter.
Gestern abend haben mir die Soldaten der Division einige Sachen erzählt,
die man keinesfalls gutheißen kann. Im Hause, wo der Stab der Division lag,
waren nachts evakuierte deutsche Frauen und Kinder untergebracht. Da ka-
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men die betrunkenen Soldaten einer nach dem anderen, suchten sich die
Frauen aus, führten sie zur Seite und mißbrauchten sie dort. Auf jede Frau
kamen mehrere Männer. Die Soldaten erzählten, daß 13- bis 15jährige
Mädchen auch mißbraucht wurden. Oh, wie haben sie sich gewehrt! Man
erzählte sogar die Einzelheiten dieses Verfahrens. So in Gegenwart aller hol-
te man eine Frau heraus und legte sie auf den Kadaver einer erfrorenen Kuh,
und dort wurde sie vergewaltigt. Dasselbe hat man mit einer anderen Frau
auf den gefrorenen Eingeweiden getan. Und diese Orgien haben die ganze
Nacht hindurch gedauert. Es kam einer nach dem anderen, beleuchtete die
Frauen mit der Taschenlampe und suchte sich eine aus.
Das kann man nicht gutheißen. Man soll sich rächen, aber nicht mit dem
Penis, sondern mit den Waffen. Man könnte es noch bei denen entschuldi-
gen, denen die Deutschen ihre Angehörigen getötet haben. Aber die Verge-
waltigung von Mädchen - nein, das ist nicht zu billigen! - Meiner Ansicht
nach wird man mit solchem Vorgehen sowie mit der unnützen Vernichtung
der Werte aufräumen. Z.B. schlafen die Soldaten im Hause, dann gehen sie
weg und zünden das Haus an oder zerschlagen sinnlos Spiegel und Möbel.
Es ist doch klar, daß alle diese Sachen einmal in die Sowjetunion abtrans-
portiert werden. Vorläufig aber leben wir hier und werden hier weiterhin
Soldaten leben. Ein solches Vorgehen zersetzt die Moral der Soldaten, und
die Disziplin wird geschwächt, was zu einer Verminderung der Kampfkraft
führt. Außerdem sind das Anhaltspunkte für die Feindpropaganda, was von
großer Wichtigkeit ist.
Ich hasse Hitler und das Hitler-Deutschland von ganzem Herzen, aber
dieser Haß rechtfertigt nicht solches Vorgehen. Wir rächen uns, aber nicht
so. Wir vernichten die deutsche Kriegsmaschinerie und den faschistischen
Staatsapparat. Wir werden die Deutschen zwingen, alles wieder aufzubau-
en, was bei uns vernichtet worden ist. Und arbeiten werden nicht nur die
Kriegsgefangenen, sondern auch die zivile Bevölkerung.
Wir sind nicht weit von Königsberg. Der Deutsche hat dort keine beson-
ders starken Abwehrkräfte. Ostpreußen ist von der 2. und 3. Weißrussischen
Front eingeklemmt. Von Süden abgeschnitten und von Norden umgangen.
Königsberg ist von einem starken Halbring umzingelt. Unsere Truppen ste-
hen am Strande des Pregels. Also können die Deutschen von der Seeseite her
kaum etwas heranschaffen. Wir befinden uns in einer Arbeitersiedlung ei-
nes Flugplatzes. Das Werk ist völlig vernichtet, es sind sehr viele im Bau be-
findliche Flugzeuge zurückgeblieben.
4. Februar 1945. Gutenfeld
Unsere Truppen sind bis an die Ostsee vorgedrungen, und Königsberg ist
von Süden her abgeschnitten. Die Deutschen bemühen sich, durchzustoßen.
Unsere Truppen haben die Aufgabe, die Front auf der Landenge auszubrei-
ten. Die Artillerie schießt Tag und Nacht.
6. Februar 1945
Bis Königsberg sind es noch 6 Kilometer. Wir werden die Stadt wohl bald
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stürmen. An den anderen Abschnitten der Front hat sich das Tempo des An-
griffes etwas verlangsamt. Es ist eine alte Geschichte: man muß sich wieder
neu ordnen.
7. Februar 1945. Dorf Kraussen
Rechts von uns lassen die Deutschen die Zivilisten aus der Stadt heraus.
Der Posten kontrolliert, damit sich keine Wehrmachtsangehörigen durch-
schmuggeln. Unser Posten kontrolliert ebenfalls. Später werden sie aus-
sortiert und in das Hinterland abtransportiert. In einer Kolonne der Flücht-
linge sah ich einen Greis von 92 Jahren. Auch einige Frauen in diesem Al-
ter waren dabei. Alle sind ziemlich schlecht gekleidet, und das ist ja ver-
ständlich, denn die Reichen sind bestimmt schon längst entwischt. Nun
muß Deutschland den Geschmack der Tränen fühlen, die es einst dem rus-
sischen Volk gebracht hat. Furchtbare Greueltaten werden auf der Erde be-
gangen. Und Hitler ist derjenige, der sie hervorgerufen hat. Und die Deut-
schen haben diese Greuel verherrlicht. Eine grausame Strafe ist für
Deutschland nur zu gerecht, denn Deutschland ist ja Hitler gefolgt und
folgt ihm auch noch weiter. Es wundert mich nur, daß sich bis zur Zeit noch
keine starke Opposition gefunden hat, die diesen blutgierigen Schurken be-
seitigt!
Und was tun nun nicht die Menschen alles! Zum Beispiel: Vor unseren
Panzern hat ein Soldat eine deutsche Frau und ihren Säugling erschossen,
weil sie sich weigerte, ihm zu Willen zu sein. Es ist fürchterlich! Aber die
Deutschen haben bei uns massenhaft noch viel Schlimmeres verbrochen! Ja,
Deutschland, es wird mit gleicher Münze heimgezahlt.
Wir sind hier in einer Verteidigungsstellung. Man spricht davon, daß die
Deutschen einen Angriff beabsichtigen. Sie sind dazu doch nicht mehr fähig!
8. Februar 1945
Auf dem Bahnhof in Gutenfeld sind große Lager mit Maschinen und
Vorräten vorgefunden worden, die man bereits abzutransportieren beginnt.
Und auf dem Flugplatz hat man sehr viele neue Flugzeugersatzteile vorge-
funden. Nicht weit von hier befinden sich Lager mit Kleidern und Schuhen.
Hier haben sich alle die Sachen für Pakete nach Hause ausgesucht. Man hat
jetzt nämlich gestattet, Pakete nach Hause zu senden. Das ist gerade zur
rechten Zeit.
Überall findet man wertvolle Gegenstände, z.B. Radioapparate und noch
viel mehr Fahrräder herum. Wenn ein Fahrrad zerbricht, wirft man es weg
und fährt mit einem anderen weiter. Im Hinterland werden die Fahrräder
abgenommen. Es hat sich schon ein ganzer Berg angehäuft. Der Fritz be-
schießt uns, wenn er ein Geräusch hört. Wir haben 82-mm-Granatwerfer
hinter einem Haus bereitgestellt. Dem Vernehmen nach soll die Blockade
von Königsberg begonnen haben. Der Lautsprecher hat verkündet, daß un-
sere Truppen an die See gelangt sind, und daß Königsberg umzingelt sei. Die
Zahl der deutschen Kessel wächst immer mehr, und das Gebiet von
Deutschland wird immer kleiner. Ich verstehe nicht, was sich die Deutschen
100
eigentlich denken. Anscheinend wollen sie Deutschland in einen Trümmer-
haufen verwandelt sehen.
13. Februar 1945
Vor uns haben wir einen Weg von 60 Kilometern. Wir befinden uns nicht
weit von der Stadt Cranz an der Nordseite Samlands. Morgen früh müssen
wir weg, um ein Unternehmen für die Bereinigung der Samland-Halbinsel
durchzuführen. Die Zivilbevölkerung sieht erbärmlich aus. Sie wandeln er-
schöpft, ängstlich und verhungert umher. Die Greise und Frauen sind völ-
lig hilflos. Das ist noch ein ,Verdienst" Hitlers gegenüber dem deutschen
Volke. Eine furchtbare Strafe ist über Deutschland gekommen. Und es ver-
dient diese Strafe, aber wie viele unschuldige Menschen müssen dabei lei-
den und zugrundegehen. Denn diejenigen, die die Mittel dazu hatten, sind
zweifellos ausgerückt. Es blieben nur die Armen zurück, das heißt also die-
jenigen, die am wenigsten Schuld haben. Was die Soldaten anbelangt, so ha-
ben sie nicht ein klein wenig Mitleid. Es bieten sich furchtbare Bilder. Oh
Gott, was doch alles in der Welt geschieht! Wann werden wir Hitler an die
Kehle können?
Übrigens kann unser Volk viel leichter die Entbehrungen ertragen als die
Deutschen. Die Deutschen nehmen zum Beispiel nicht die herrenlosen Pfer-
de, Wagen, Lebensmittel, sondern hungern lieber. Sie benutzen weder die
leeren Häuser noch die vorhandenen Lebensmittelvorräte. Uns fürchten sie
wie den Teufel, was auch verständlich ist.
15. Februar 1945. Schuditten
Das Dorf ist zur Hälfte zerstört, der Fritz schießt mit Schiffsartillerie hier-
her. Die Unseren stellen hier überall sehr viele 120-mm-Minenwerfer auf.
Hier befindet sich auch unsere Abteilung, auch das 525. Granatwerfer-Re-
giment. Hinter uns ist schon ziemlich viel Artillerie aufgestellt. Heute neh-
men wir neue Stellungen ein. Wir haben die Bunker hinter der Wand eines
Ziegelhauses eingebaut, und zwar auf der Rückseite des Hauses, so daß der
Fritz uns kaum erreichen kann. Wir unterstützen die 19. Garde-Schützendi-
vision der 39. Armee. Überall sind Stoßtrupps unterwegs. Unsere Aufgabe
ist es, den Fritz ins Meer zu werfen, und zwar vom Ende der Halbinsel Sam-
land. Die Offensive muß in diesen Tagen anfangen."
Königsberger fliehen nach Pillau
Die Freikämpfung der Verbindung zwischen Königsberg und Pillau am
19. und 20. Februar 1945 war für die Festung Königsberg von außerordent-
lich großer Bedeutung.
Der Angriff auf die 39. sowjetische Armee, die den Verbindungsweg be-
setzt hatte, erfolgte sowohl von Westen als auch aus der Festung Königsberg
heraus.
Die unter dem Befehl von General der Infanterie Gollnick stehende Ar-
mee-Abteilung Samland griff mit den Infanterie-Divisionen 58 und 93 sowie
101
der 548. Volks-Grenadier-Division von Westen aus an, die 5. Panzer-Divisi-
on und die Kampfgruppe der 1. Infanterie-Division aus der Festung Kö-
nigsberg heraus. Unterstützt wurde der Angriff von See aus durch ein kon-
zentriertes Schiffsgeschützfeuer deutscher Seestreitkräfte.
Am ersten Angriffstag, dem 19. Februar 1945, wurde in schweren Kämp-
fen durch die Kampfgruppe der 1. Infanterie-Division Metgethen genom-
men. Die 5. Panzer-Division erreichte im Nachstoß den Raum
Bärwalde-Seerappen, südlich kämpfte sich die Kampfgruppe der 561.
Volks-Grenadier-Division nach Neutzwinkel-Vierbrüderkrug durch. Auch
der Angriff der 548. Volks-Grenadier-Division und der 93. Infanterie-Divisi-
on von Westen aus gewann an Boden.
Am 20. Februar 1945 kam die erste Verbindung im Raum Gr. Heydekrug
zustande. Danach gelang es, einen 10 Kilometer breiten Streifen mit der
Reichsstraße und der Bahnlinie nach Pillau freizukämpfen, der bis zum 6.
April 1945 gehalten werden konnte.
Angesichts der Greueltaten der Roten Armee in Metgethen und anderen
zurückeroberten Dörfern, die sich in Windeseile herumsprachen, strebte der
Festungskommandant an, möglichst alle noch in der Stadt befindlichen
Frauen und Kinder nach Pillau zu bringen. Im Pillauer Hafen liefen fast täg-
lich Schiffe ein, die Flüchtlinge und Verwundete an Bord nahmen, um sie
über die Ostsee nach Danzig, Gotenhafen, Swinemünde, Schleswig-Holstein
oder Dänemark zu retten.
Mehrere tausend Königsberger machten sich deshalb auf den frei-
gekämpften Weg nach Pillau; sie hatten es eilig, da niemand wußte, ob und
wann die Russen einen erneuten Angriff auf diesen Verbindungsweg Kö-
nigsberg-Pillau unternehmen würden.
Durch den Zustrom aus Königsberg war die kleine Seestadt Pillau Ende
Februar so überfüllt, daß die Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus Königsberg
nicht mehr möglich war, sonst wäre ein Chaos im Pillauer Hafen unver-
meidbar gewesen.
Deshalb mußte für alle aus Königsberg Kommenden in Peyse am Kö-
nigsberger Seekanal ein Zwischenlager eingerichtet werden. In wenigen Ta-
gen war auch dieses Lager überfüllt. Die Verpflegung wie auch die ärztliche
Versorgung mehrerer tausend Menschen in dem Lager brachte große Pro-
bleme mit sich, ausreichende sanitäre Einrichtungen fehlten, ein längerer La-
geraufenthalt war deshalb niemandem, besonders nicht Müttern mit Kin-
dern, zumutbar.
Der Abfluß der Flüchtlinge aus dem Lager Peyse nach Pillau lief jedoch
nur sehr langsam an, da auch von der anderen Seite, aus dem Heiligenbei-
ler Kessel, Flüchtlinge und vor allem Verwundete nach Pillau gebracht wur-
den, die bei der Aufnahme auf Schiffe den Vorzug hatten. Als dann im La-
ger ein Verpflegungsnotstand eingetreten war und Seuchen auszubrechen
drohten, gingen mehrere hundert Königsberger zurück in ihre Heimatstadt,
um dort das weitere Geschehen abzuwarten.
102
Auch Gauleiter Erich Koch war eines Morgens wieder in Königsberg er-
schienen. Er belegte mit seinem engeren Stab das „Haus der Gauleitung",
das er zu einem Bunker ausbauen ließ. Um sich eine Fluchtmöglichkeit of-
fenzuhalten, ließ er am Paradeplatz einige Häuser abreißen, um einen Start-
platz für kleinere Flugzeuge anlegen zu lassen.
Warum Koch aus seinem sicheren Betonbunker bei Neutief noch einmal
in die täglich von Fliegerangriffen, Bombenabwürfen und Artilleriefeuer be-
drohte Festung zurückgekehrt war, wußte niemand so recht; selbst seine
nächste Umgebung nicht.
Es kursierten Gerüchte, daß er sich für den zu dieser Zeit noch immer im
Königsberger Schloß befindlichen, sehr wertvollen russischen Zarenschatz,
das „Bernstein-Zimmer", interessierte, um dafür ein sicheres Versteck zu su-
chen.
Koch hatte zu diesem Zeitpunkt wohl auch noch die Hoffnung, daß es zu
einem Abkommen mit den Amerikanern kommen könnte, wonach die
West-Alliierten ihren Vormarsch nicht an der Elbe beenden, sondern ge-
meinsam mit deutschen Truppen den „Kampf gegen den Bolschewismus"
aufnehmen würden. Eine solche Kriegswende würde auch Königsberg und
Ostpreußen wieder befreien. Dieses „Gerücht" des Zusammengehens der
Westalliierten mit den Deutschen gegen die Russen hielt sich auch außer-
halb Königsbergs hartnäckig.
Doch zunächst schien Anfang März 1945 nur eines sicher: die Rote Armee
bombardierte die Festung Königsberg weiter und noch heftiger als zuvor,
sie verstärkte auch das Artilleriefeuer, und sie würde sicher, wenn sie die
Zeit dafür gekommen sehen würde, zum letzten Sturm auf Königsberg an-
treten.
Unterdessen drohte der „Heiligenbeiler Kessel", in dem die Reste der 4.
Armee, von Königsberg abgeschnitten, um ihr Überleben kämpften, Anfang
März zum „Dünkirchen Ostpreußens" zu werden.
Der Endkampf im „Heiligenbeiler Kessel"
Anfang März spitzte sich die Lage in und um Königsberg immer mehr zu.
Die Angriffe russischer Bomber und Jagdflugzeuge nahmen ebenso zu wie
das Artilleriefeuer. Täglich sanken weitere Häuser in Schutt und Asche. Die
meisten Königsberger hausten bereits seit Wochen in Kellern. Und der Platz
in den Kellern wurde immer enger, je mehr Häuser einstürzten und Woh-
nungen verlorengingen.
Festungskommandant General Lasch sah voller Sorge, wie durch Befehle
von höherer Ebene die Festung Königsberg militärisch immer mehr ge-
schwächt und praktisch „entwaffnet" wurde. Er konnte nicht verhindern,
daß die kampfkräftigsten Einheiten, über die er bisher noch verfügt hatte,
die 1. Infanterie-Division und die 5. Panzer-Division, abgezogen und an die
Samland-Front verlegt wurden. Als Ersatz wurde ihm die schwache und ab-
103
gekämpfte 548. Volks-Grenadier-Division zugewiesen. Außerdem wurden
70 Flakgeschütze sowie Artilleriemunition für den Einsatz im „Heiligen-
beiler Kessel" abgezogen. Diese Maßnahmen schwächten die Ver-
teidigungskräfte der Festung Königsberg erheblich.
Der „Heiligenbeiler Kessel" hatte sich in den letzten Januartagen geformt.
Er war dadurch entstanden, daß es Kräften der Roten Armee gelungen war,
die Reste der in Ostpreußen kämpfenden 4. Armee immer mehr nach Nor-
den, zum Frischen Haff hin, abzudrängen und von Westen, Süden und
Osten einzukreisen.
Am 1. Februar wies der „Heiligenbeiler Kessel" folgenden Frontverlauf auf:
Frauenburg-Wormditt-Guttstadt-Heilsberg-Bartenstein-Friedland-Branden-
burg. Nachdem bereits am 4. Februar Bartenstein und am 11. Februar Worm-
ditt verlorengegangen waren, wurde der Kessel von Woche zu Woche enger.
Den etwa einhundert russischen Divisionen, die von außen her den Kes-
sel immer mehr zusammendrängten, standen im Kessel nur 24 abgekämpf-
te Divisionen der 4. Armee gegenüber. Durch Gefechte am Rand des Kes-
sels, ganz besonders aber durch Artilleriebeschuß und Bombenangriffe der
sowjetischen Luftwaffe, wurden die Divisionen der Verteidiger immer mehr
geschwächt; es gab viele Tote und Verwundete, die Front der Angreifer wur-
de durch Zuführung von Reserven immer stärker.
Nachdem am 8. Februar der Oberbefehlshaber der 3. Panzer-Armee, Ge-
neraloberst Raus, mit seinem Stab abgelöst und nach Küstrin kommandiert
worden war, traten die seit Wochen überbeanspruchten Resttruppen der 3.
Panzer-Armee unter den Befehl der Armee-Abteilung Samland.
Am 12. März übernahm Generaloberst Rendulic den Oberbefehl über die
Heeresgruppe Kurland. Als Oberbefehlshaber für die Heeresgruppe Nord
wurde Generaloberst Weiß eingesetzt, der zuvor die 2. Armee befehligt hat-
te. Seine Nachfolge trat der General der Panzertruppen, von Saucken, an.
General Weiß fand kaum Zeit, sich mit seiner neuen Aufgabe vertraut zu
machen, denn bereits am 13. März trat die 3. Weißrussische Front unter Mar-
schall Wassilewski zum erwarteten Großangriff auf den „Heiligenbeiler
Kessel" an und verwandelte diesen Kampfraum in eine wahre Hölle. Die
Absicht der Russen war es, mit dieser massierten Offensive die Reste der 4.
Armee zu vernichten, zumindest in das Wasser des Frischen Haffs zu trei-
ben. Ein „ostpreußisches Dünkirchen" bahnte sich an.
Die Angriffsschwerpunkte lagen südlich und ostwärts der Stadt Heili-
genbeil. Zunächst gelangen den Sowjets nur unerhebliche Einbrüche am
Südabschnitt, die zunächst abgeriegelt werden konnten; später konnten sie
jedoch einen tiefen Keil vorantreiben.
Am 14. März konnte die 4. Armee den Zusammenhalt ihres Südabschnitts
nur durch dessen Zurücknahme wahren.
Am östlichen Abschnitt gelang es nicht, den gegnerischen Einbruch zu be-
seitigen. Der Ort Kobbeibude mußte aufgegeben werden. An den folgenden
Tagen erzielte der Gegner weitere Geländegewinne.
104
„Heiligenbeiler Kessel"
105
Am 16. März griffen die Sowjets das südwestliche Vorfeld von Königsberg
an, am 17. März mußte Brandenburg aufgegeben werden, und ein Auswei-
chen nach Nord westen bis zur Autobahn war geboten.
Das ganze Gebiet, das die 4. Armee noch beherrschte, lag ständig unter
russischem Artilleriefeuer. Die Sowjets waren jetzt an keiner Stelle weiter als
12 Kilometer vom Frischen Haff entfernt. Damit zeichnete sich das Ende ab.
Von Rosenberg aus organisierte der Verladestab des AOK 4 den soforti-
gen Abzug leichter und schwerer Feldhaubitzen nach Pillau. Pillau wurde
damit nicht zuletzt auch ein Hauptziel für die sowjetische Luftwaffe.
Reste der Eliteverbände der 4. Armee, Trümmer der Panzer-Grenadier-Di-
vision „Hermann Göring" und der 28. Jäger-Division, kämpften sich auf die
Halbinsel Balga zurück, um nicht von russischen Panzerspitzen abge-
schnitten zu werden.
Bis zum 18. März wurden die Reste der 4. Armee auf die Linie Pottlit-
ten-Königsdorf-Rehfeld-Waltersdorf-Wermten zurückgedrängt.
Der Chef des Generalstabes des Heeres setzte sich für den Abtransport
der Reste der Armee über das Haff ein.
Das Oberkommando der Wehrmacht lehnte die Räumung des Brücken-
kopfes ab, es befahl, ihn „bis zum äußersten" zu halten.
Die einzige Kampfunterstützung, die den Resten der 4. Armee noch ge-
leistet werden konnte, war der Flakschutz des Zerstörers „Z 38", des Torpe-
dobootes „T 28" und eines schweren Artillerieträgers.
Die 16.000 Einwohner zählende Stadt Heiligenbeil bildete bereits seit Mit-
te März den Mittelpunkt der Schlacht im Heiligenbeiler Kessel.
Die militärischen Führungsstellen, vor allem der 4. Armee, hatten es trotz
der Widerstände von Parteidienststellen geschafft, die Flüchtlingstrecks auf
den Weg aus der Stadt und dem Kessel zu bringen, als dazu noch Zeit und
Gelegenheit war. Auch die Masse der Verwundeten, besonders die Schwer-
verwundeten, konnte noch in Reservelazarette und Krankenhäuser nach Pil-
lau überführt werden, bevor der Endkampf der 4. Armee im Heiligenbeiler
Kessel begann.
Heiligenbeil glich danach einer Etappenstadt; nur noch ein kleiner Teil der
Bevölkerung war zurückgeblieben, bis auf einige Nachzügler hatte man al-
le Flüchtlinge über das vom Eis befreite Haff schaffen können. Aus den um-
liegenden Dörfern hatte die Polizei noch die letzten Bewohner geholt, um
diese ebenfalls über das Haff abzubefördern. I,
Dieser Abtransport über das Haff und das Pillauer Tief erfolgte mit 14
Pontons, gleich 62 Fähren, 52 Sturmbooten mit starken Motoren, 15 Motor- f
booten und 250 Flößen. Zusätzlich hatte die Kriegsmarine noch acht Fähr- |
prähihe für je 200 Personen zur Verfügung gestellt. |
Kurz vor dem Ende des zu erwartenden Endkampfes im Heiligenbeiler »
Kessel hatte Hitler erlaubt, außer der Zivilbevölkerung auch Wehrmachts- |
angehörige auf die Nehrung zu überführen. Dies waren vor allem Einheiten
der „Organisation Todt", Bau-Pionier-Bataillone und Werkstatteinheiten.
106
Das Heeresgruppenkommando war bereits Ende Februar von Heiligen-
beil nach Pillau verlegt worden, das Armeeoberkommando befand sich in
Kahlholz. Die drei Korpskommandos VL, XX. und XXXXI. führten die Di-
visionen „Großdeutschland", 562., „Hermann Göring", 170., 28., 256., 50.,
56., 292., 14., 61., 541., 131., 24. Panzer- und 349. Infanterie-Division.
Diesen deutschen Verteidigern standen auf russischer Seite von links nach
rechts gegenüber: 5. Garde, 28., 2. Garde., 31., 50., 3. und 48. Armee. Eine
Übermacht an Menschen und Material, die die 4. Armee im Kessel immer
enger zusammendrückte.
Am 22. März fanden bereits am Stadtrand von Heiligenbeil erbitterte
Kämpfe statt. Hierbei verblutete die 131. Infanteriedivision fast völlig.
Am 23. März drangen die Russen tief in das Stadtgebiet von Heiligenbeil
ein, nachdem sie vorher große Teile der Innenstadt mit Phosphorbomben in
Brand geworfen hatten. Die ganze Stadt war nur noch ein einziges Flam-
menmeer, aus dem die Soldaten nur noch mit angesengter Uniform heraus-
kamen.
Nach zweitägigem mörderischen Kampf in einem Inferno von Feuer,
Rauch und Tod war der Kampf um Heiligenbeil zu Ende, über der Stadt
wehte die rote Fahne der Eroberer.
Balga-Kahlholz - das „Dünkirchen Ostpreußens"
Am Nachmittag des 25. März gelang sowjetischen Verbänden ein Durch-
bruch bis an das Frische Haff bei Rosenberg. Damit war die 61. Deutsche In-
fanterie-Division und alle rechts von ihr eingesetzten Kampfgruppen abge-
schnitten.
Generalleutnant Sperl, Kommandeur der 61. Infanterie-Division, stellte
die Reste seiner Division und andere Kampfgruppen entlang der Küste nach
Nordosten bereit und erzwang in den Morgenstunden die Wiederver-
einigung mit der Masse der 4. Armee im Raum südlich von Balga.
Das XXXXI. Panzerkorps meldete am Abend des 25. März tiefe Einbrüche
ostwärts und nordwärts von Hoppenbruch und forderte die Evakuierung:
„Munitionsmangel, Zustand der Truppe und die überwältigende
Materialüberlegenheit des Feindes stellen das Halten der derzeitigen Stel-
lungen für den 26. März in Frage. Wenn eine Katastrophe vermieden wer-
den soll, muß in den zwei folgenden Nächten Transportraum für 30.000
Mann an die Anlegestelle Balga und Kahlholz geführt werden."
Das Heeresgruppenkommando sandte am 26. März, morgens um 2 Uhr
30, einen dringenden Funkspruch nach Berlin und bat um Genehmigung,
die 4. Armee auf die Nehrung zurückzunehmen, „... da der 4. Armee die
Handlungsfreiheit durch pausenloses Feuer, Bombenhagel und Feindan-
griffe genommen sei."
Das Oberkommando des Heeres antwortete unverzüglich:
„Aufgabe der 4. Armee ist es, den Zusammenhang ihrer Front zu wahren
107
und damit Überführung starker Teile der Armee auf die Frische Nehrung si-
cherzustellen/7
Wie es tatsächlich an diesem 26. März zwischen Rosenberg, Follendorf,
Wolitta, Balga und Kahlholz aussah, davon hatte man in Berlin beim Ober-
kommando des Heeres keine Ahnung.
Die zur Küste zurückweichenden Kampfgruppen mußten sich ständig ge-
gen nachrückende russische Panzerrudel wehren. Maschinengewehre wur-
den in Stellung gebracht, und die letzten Batterien schossen mit ihrer letz-
ten Munition auf die anrollenden Panzer mit dem roten Stern. Tausende Ver-
wundete warteten frierend an der Steilküste auf den für die folgende Nacht
vorgesehenen Abtransport. Denn nur nachts konnten Boote und Prähme die
Küsten anlaufen.
Reste der 4. Armee hatten bereits am 25. März, bevor aus Berlin die Ge-
nehmigung zum Absetzen auf die Frische Nehrung eintraf, begonnen, auf
selbstgebauten großen Holzflößen über das Haff die Nehrung zu erreichen;
es waren insgesamt 2.830 Verwundete und 2.530 Soldaten. Wochenlang hat-
ten sie im „Heiligenbeiler Kessel" Kälte und Frost, russischem Artilleriefeu-
er und Fliegerangriffen widerstanden und fast ihre gesamte Munition ver-
schossen. Einige von den Soldaten waren in der Nacht vom 26. zum 27.
März, sich an Balken, Bretter und Holztore klammernd, über das Wasser des
angestauten Haffs bis zur Möveninsel des Königsberger Seekanals getrieben
worden.
Am Morgen des 27. März standen bei Kahlholz 124 Pontons, 52 Sturm-
boote, 15 Motorboote, 250 Flöße und 10 Fährprähme bereit, um Soldaten an
Bord zu nehmen. Die Anbordnahme ging rasch und diszipliniert vor sich.
Nebel deckte den Abtransport.
In den Tagen zuvor hatten Einheiten der Kriegsmarine unter Führung von
Fregattenkapitän Brauneis bereits mehr als 75.000 Menschen - 60.282 Ver-
wundete, 10.619 Soldaten und 4.838 Flüchtlinge - einen Panzer, 86 Ge-
schütze, 303 Lastwagen und 11.079 Tonnen Material von der Halbinsel Bal-
ga über das Haff auf die Nehrung gebracht; eine gewaltige Leistung.
In der Nacht zum 28. März befanden sich noch Reste der 61., 170., 562. In-
fanterie- und der 24. Panzer-Division auf der Halbinsel Balga. Ungestüm
griffen die Russen an, um auch diesen letzten Ring vor der Küste noch zu
sprengen.
Balga glich nur noch einem Trümmerhaufen. Zerstörtes Gerät, gespreng-
te Geschütze und Fahrzeuge standen überall herum. Immer wieder loder-
ten Brände auf. Da und dort lagen verkohlte Leichen, und russische Flug-
zeuge stürzten sich unentwegt wie Habichte auf alles, was sich in diesem
Trümmerhaufen noch bewegte.
Das Ende der Halbinsel Balga war am 28. März gekommen.
Unter Trümmern und Blut fand hier an der Steilküste der Untergang der
4. Armee statt. Reste der 24. Panzer-Division und der 170. Infanterie-Divisi-
on deckten die Verladestelle in Balga, Kampftruppen der 28. Jäger-Division
108
sicherten in Kahlholz die Verladung und Teile der 562. Infanterie-Division
die Verladung in Rosenberg.
Im Morgengrauen des 28. März wurden noch einmal 2.530 Soldaten, 2.830
Verwundete und 3.300 Hiwis, treue Begleiter deutscher Soldaten aus den
Weiten Rußlands, über das Haff abtransportiert.
Doch es waren noch immer nicht die letzten.
Am 28. März unterstellte die Heeresgruppe alle Truppenteile, die noch auf
der Nordspitze der Halbinsel Balga kämpften, der Panzer-Grenadier-Divi-
sion „Großdeutschland".
Divisionskommandeur Generalmajor Lorenz meldete der Heeresgruppe,
daß der Rest des Kampfraumes längstens bis zum nächsten Morgen gegen
5.00 Uhr gehalten werden könnte. Daraufhin gab die Heeresgruppe den Be-
fehl zur Räumung.
Nach Sprengung der letzten schweren Waffen bestiegen die letzten Kämp-
fer am 29. März um 2.00 Uhr, von Generalmajor Lorenz geführt, die „See-
schlange", mit der sie bei Tagesanbruch Pillau erreichten.
An den Steilküsten zwischen Balga und Rosenberg hielten sich noch im-
mer Nachhuten, die den Abtransport der Kampfgruppen gesichert hatten.
Die Männer dieser Nachhuten unter Führung von Oberst Hufenbach, einem
ostpreußischen Bauernsohn, wußten, daß es für sie keine Rettung mehr gab.
Sie hielten aus, bis sie, wie ihr Kommandant, unter den Kugeln der Gegner
fielen oder von russischen Panzern überrollt wurden.
Nach der völligen Aufgabe des „Heiligenbeiler Kessels" war Balga-Kahl-
holz zum „Dünkirchen Ostpreußens" geworden. Generaloberst Weiß über-
mittelte dem Oberkommando des Heeres folgende Meldung:
„Dem Gegner fielen beim Endkampf der 4. Armee große Mengen an Waf-
fen und anderem Kriegsgerät in die Hand. Auch konnte er, nach eigener
Zählung, im Verlaufe der seit dem 13. März begonnenen Offensive 50.000
Mann der 4. Armee gefangennehmen.
Dem gegenüber stehen die positiven Ergebnisse, die der Endkampf der 4.
Armee im Heiligenbeiler Brückenkopf zeigte:
Die gesamte treckwillige und reisefähige Zivilbevölkerung, die sich im
Bereich der 4. Armee hatte retten können, war vor dem Ende abtransportiert
worden. Unter schmerzlichen, aber doch verhältnismäßig geringen Opfern,
konnten Tausende von Verwundeten nach Westen weitergeleitet werden.
Darüber hinaus hatte erst das Ausharren der 4. Armee die Möglichkeit ge-
schaffen, im Samland die Landverbindung zwischen Königsberg und Pillau
wieder herzustellen."
Nachdem der Stab der Heeresgruppe Nord über den Pillauer Hafen nach
Westen abtransportiert worden war, wurde die Festung Königsberg Gene-
ral Friedrich-Wilhelm Müller unterstellt. Seine 4. Armee war im Kessel von
Heiligenbeil bis auf Resteinheiten vernichtet worden. Zu diesem „Rest"
gehörten 10.000 Leichtverwundete, die man hatte nicht über See abtrans-
portieren können. Sie wurden in die überfüllten Lazarette der Festung Kö-
109
nigsberg gebracht und sahen dort ihrem weiteren Schicksal mit Sorge ent-
gegen.
Ostpreußen war am letzten Märztag bis auf die Landenge zwischen Kö-
nigsberg und Pillau von Truppen der Roten Armee besetzt. Die 3. Weißrus-
sische Front, die Marschall Wassilewski führte, konnte sich jetzt, verstärkt
durch die im Kampf um den Heiligenbeiler Kessel freigewordenen Kräfte,
auf die Erstürmung der „Festung Königsberg" konzentrieren.
250.000 Rotarmisten zum Angriff auf Königsberg bereit
Am 1. April 1945, dem Ostersonntag, herrschte in Königsberg herrliches
Frühlingswetter. Es war ungewöhnlich mild. Veilchen und Schneeglöckchen
blühten bereits. Es war ein Tag fast wie im Frieden - und es war ein außer-
gewöhnlich ruhiger Tag.
Die russische Artillerie schwieg, am fast wolkenlosen Himmel tauchten
keine russischen Flugzeuge auf, und es fielen keine Bomben.
Diese Ruhe ermutigte viele Königsberger, ihre Keller zu verlassen und
diesen herrlichen Frühlingssonntag draußen zu genießen. Hier und da sah
man sogar Frauen mit Kinderwagen auf den Straßen. Man hätte bei diesem
Bild beinahe vergessen können, daß man sich in der Endphase des Krieges
befand.
In den letzten Wochen und besonders in den letzten Tagen im März hat-
te sich die Lage auf dem Kriegsschauplatz Deutschland entscheidend ver-
ändert.
Amerikanische Truppen hatten bereits den Ruhrkessel geschlossen. Alli-
ierte Truppen waren bis Braunschweig vorgedrungen; ihr Ziel war Berlin.
Russische Truppen befanden sich bereits in Brandenburg, in Schlesien und
vor der pommerschen Küste bei Stettin. Die Festung Kolberg war bereits am
18. März von der Roten Armee besetzt worden, in den letzten Märztagen
hatten die Sowjets nach harten Kämpfen Gotenhafen und Danzig besetzen
können. Bis auf die Halbinsel Heia befand sich damit die Danziger Bucht in
den Händen der Roten Armee.
Das nächste große Angriffsziel der in Ostpreußen zusammengezogenen
sowjetischen Truppen würde mit Sicherheit die „Festung Königsberg" sein,
deren Widerstand man nach fast 70tägiger „Belagerung" endlich brechen
wollte.
Für Ostermontag, den 2. April 1945, hatte General Müller in Königsberg
eine Kommandeur-Besprechung einberufen, weil er damit rechnete, daß die
Russen jeden Tag, ja jede Stunde, mit dem Großangriff auf Königsberg be-
ginnen könnten.
General Lasch, der Kommandant der „Festung Königsberg", erinnert sich
an diese Besprechung:
„Am 2. April erschien in meinem Gefechtsstand am Königsberger Para-
deplatz General Müller in seiner Eigenschaft als neuer Oberbefehlshaber im
110
Samland. Erstaunlicherweise war er trotz seiner Erlebnisse im Heiligenbei-
ler Kessel noch voll Illusionen und konnte meine pessimistische Beurteilung
der Lage durchaus nicht verstehen.
Er verlangte die Versammlung aller Divisions- und selbständigen Kom-
mandeure und vor allem aller Parteiführer. Ihnen hielt er sodann im Keller
des Universitätsgebäudes eine schwungvolle, von höchstem Optimismus
und der Überzeugung vom Endsieg getragene Rede. Er würde die aus den
letzten Kämpfen der 4. Armee lediglich mit einer geringen Anzahl von
Handfeuerwaffen geretteten Soldaten in einer neuen Kampfgruppe zusam-
menfassen, sie ausrüsten und nach Königsberg verlegen. Von hier aus wür-
de dann ein neuer, groß angelegter Angriff erfolgen, der den Russen aus Ost-
preußen vertreiben würde. Auf meinen Einwurf, daß zumindest vier bis
fünf kampfkräftige Divisionen erforderlich seien, um auch nur einen größe-
ren Teilerfolg zu erzielen, wußte er allerdings auch nicht, wo er diese Ver-
bände hernehmen würde. Er meinte aber, das würde schon alles werden.
Am Schluß einer persönlichen Aussprache eröffnete er mir dann, daß ich
selbst demnächst abgelöst werden würde. Man hätte den Eindruck, daß ich
nicht mehr das genügende Vertrauen in die Verteidigungskraft der Festung
hätte, daß aber hier nur ein völlig unbeeinflußter Führer am Platze sei. Auf
meine Frage, wann ich mit meiner Ablösung rechnen könnte, meinte er, es
seien noch einige Schwierigkeiten zu überwinden, weil die bisherigen
Oberbefehlshaber so gute Beurteilungen über mich abgegeben hätten, daß
er damit zunächst nichts anfangen könnte. Er habe aber,einen langen Arm7
und würde meine Ablösung unmittelbar beim Führer beantragen. Es blieb
dies die einzige Unterredung, die ich mit General Müller gehabt habe/7
General Lasch blieb von dieser Versetzungsandrohung unberührt, ihn in-
teressierte vielmehr die Frage, wann er mit dem Großangriff der Russen zu
rechnen habe.
Ein Stoßtruppunternehmen zur Klärung der Feindlage brachte ihm durch
die Aussage von zwei russischen Gefangenen die Gewißheit, daß der ge-
plante Angriff am 5. oder 6., spätestens am 7. April beginnen würde.
Die Sowjets hatten bereits rings um die Stadt mehrere hundert Geschütze
und Raketenwerfer aufgestellt. Mehrere hundert Panzer vom Typ T 34, aber
auch amerikanische Shermans, Leihgaben der USA an die Sowjetunion,
standen ebenfalls zum Angriff bereit. Die Sowjets bereiteten den Sturm auf
die Festung Königsberg sehr gründlich vor, man erwartete offensichtlich ei-
nen starken Widerstand der Verteidiger.
Dabei wußten die Sowjets nicht, welche schwachen Kräfte ihnen gegen-
überstanden. Sie hielten Königsberg mit seinen zwölf Forts und Bastionen
für eine der stärksten Festungen Deutschlands. Was sie nicht wußten: Die
Befestigungen waren gut 60 Jahre alt und gegen Waffen gebaut worden, wie
sie im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zum Einsatz gekommen
waren. So gesehen verdiente Königsberg Ostern 1945 keinesfalls mehr die
Bezeichnung „Festung77.
111
Am Abend des 5. April kündigten die Russen den bevorstehenden Sturm
auf Königsberg an. Aus Lautsprechern dröhnte zunächst laute Musik, dann
folgten Aufforderungen zur Übergabe der Stadt und zur Niederlegung der
Waffen; verbunden mit massiven Drohungen, alles zu töten, was noch lebte:
„Heute Nacht habt Ihr die letzte Chance, zu uns zu kommen. Morgen um
acht Uhr beginnt die Offensive. Wer das Trommelfeuer überlebt, wird von
den Panzern niedergewalzt. Denkt an Stalingrad. Werft die Knarren weg
und kommt rüber. Morgen früh beginnt das große Sterben."
Doch die Verteidiger ließen sich keinen Sand in die Augen streuen und
legten die Waffen nicht nieder, obwohl sich General Lasch keinerlei Illusio-
nen hingab, Königsberg noch längere Zeit halten zu können. Dafür war der
Gegner viel zu stark. Lasch hatte vier neu aufgefüllte Divisionen und den
Volkssturm mit insgesamt 35.000 Mann aufzubieten. Dazu eine einzige
Sturmgeschützbatterie. Nach Abzug der 5. Panzerdivision waren nur noch
wenige Panzer in Königsberg verblieben. Dazu kamen eine stark dezimier-
te Flak und Artillerie. Eine Luftwaffe gab es nicht.
Die Sowjets verfügten über 30 Schützendivisionen mit über 250.000
Mann, 500 Panzer, schwere Artillerie, Stalinorgeln und zwei Luftflotten. Be-
sonders katastrophal war die Überlegenheit an Panzern: Auf 500 russische
kam ein deutscher Panzer.
6. April: Der Sturmangriff beginnt
Am 6. April 1945 um 4.00 Uhr morgens verließ der letzte Lazarettzug die
Festung Königsberg in Richtung Pillau. Es war buchstäblich im letzten Au-
genblick, denn wenige Minuten nach dem Auslaufen des Zuges begannen
die sowjetischen Truppen mit Artillerie-, Flieger-, Panzer- und Infanterie-
Angriffen den Sturm auf Königsberg. Hunderte sowjetischer Batterien und
eine unübersehbare Zahl von Stalinorgeln entfachten einen Feuerorkan, der
30 Stunden anhielt. Gleichzeitig warfen Kampfflugzeuge Hunderte von
Bomben ab. Königsberg war eine Hölle.
Marschall Wassilewski, Nachfolger des gefallenen Generals Tschernja-
chowski, unternahm von Nordwesten her einen neuen Vorstoß über Judit-
ten-Metgethen bis zum Haff. Seine zahlenmäßig überlegenen Truppen
überrannten die schwachen deutschen Sicherungen. Damit war Königsberg
endgültig vom westlichen Samland abgeschnitten.
Am Abend des ersten Angriffstages hatten die Sowjets fast alle Stellungen
um die Stadt zerschlagen. In den Gräben und Erdlöchern waren in wenigen
Stunden ganze Kompanien des Volkssturms von Panzern niedergewalzt
und begraben worden. Die Reste des Völkssturms zogen sich unter schwe-
ren Verlusten aus den Außenbezirken hinter den alten Wallring zurück. Es
gab keine Nachrichtenverbindungen mehr. Munitionslager waren in die
Luft geflogen, der Paradeplatz war nur noch ein wüstes Trümmerfeld, auf
den Straßen lagen zerschossene Fahrzeuge, Pferdekadaver und Tote.
112
Vom 6. April an regierte in Königsberg der Tod - das große Sterben hatte
begonnen. Die noch in der Stadt verbliebenen Frauen, Kinder und Greise flo-
hen aus den brennenden und zusammenfallenden Häusern und Kellern. Auf
den Straßen gerieten sie in Granatbeschuß. In panischer Angst stürzten sie
sich in die Gefechtsstände der Verteidiger, aus denen auf die Angreifer ge-
schossen wurde. Durch die Schießscharten zischten die Flammenwerfer der
Russen, verbrannten die Verteidiger zusammen mit den Frauen und Kindern.
Dann flogen Handgranaten hinter die Deckungen und töteten die Restlichen.
Ein Stabsoffizier der „Kampfgruppe Schubert" schildert die Kämpfe im
Süden folgendermaßen:
„Am Morgen des 6. April 1945 begann der Feind seinen Großangriff.
Nach längerer Artillerievorbereitung mit Panzer und Fliegerunterstützung
von Südwesten und Süden angreifend, durchstieß der Russe die
Stadtrandstellung bei Kalgen-Klein Karschau und drang bis zur Auffang-
stellung hart südlich Ponarth vor. Hier wurde sein Angriff von den beiden
Bataillonen der Kampfgruppe III./Polizei-Regiment 31 und III./SS-Regi-
ment Böhme sowie Truppenteilen der 69. Infanterie-Division zum Stehen
gebracht.
Bis zum Abend des 6. April war es dem Feind auch gelungen, im Südost-
Abschnitt der 69. Infanterie-Division bei Seligenfeld und Adlig-Neuendorf
Einbrüche zu erzielen.
Die eigenen Stellungen, Gefechtsstände und wichtige Verkehrswege la-
gen fast ununterbrochen unter schwerem feindlichen Artilleriebeschuß. Die
eigene Artillerie war dem Gegner zu stark unterlegen, um ihm wirksam ant-
worten zu können. Sie mußte darüber hinaus mit ihrer Munition haus-
halten, da die Munitionsbestände von außen her nicht ergänzt werden
konnten, denn Königsberg war ja eingeschlossen. Das Wetter war klar und
der Himmel wolkenlos, was den feindlichen Angriff sehr begünstigte. Die
feindlichen Flieger flogen fast pausenlos bei bester Sicht ihre Angriffe und
warfen Bomben aller Kaliber auf lohnende Ziele, insbesondere auf die noch
nicht zerstörten Stadtteile, wie den Ober- und Unterhaberberg. Eigene Flug-
abwehr war kaum vorhanden.
Bereits am Abend des 6. April brannte die Stadt an vielen Stellen, so auch
der Ober- und Unterhaberberg. Die tapfere Königsberger Bevölkerung - wie
mir in Erinnerung ist, waren in der Stadt etwa 130.000 Einwohner kurz vor
dem Angriff gezählt worden - versuchte durch unerschrockenen Einsatz zu
retten, was möglich war. So sah man Greise, Frauen und Kinder Möbel oder
Hausrat aus brennenden Häusern hinaustragen und Brände mit unzurei-
chenden Mitteln löschen. Sie schienen sich weder vor den niederfallenden
Bomben noch vor den Granaten zu fürchten.
Die Gefechtsstände, Verwundeten-Sammelstellen, Hauptverbandsplätze
und Lazarette füllten sich mit verwundeten Soldaten und Zivilisten. Kö-
nigsberg bot überall ein Bild des Schreckens. Die Luft war rauch- und
dunsterfüllt, und des Nachts war der Himmel durch die ausgedehnten
113
Großbrände sowie fliegende Funken hell erleuchtet. Die Gefechtsstände und
Keller waren überfüllt mit Zuflucht suchenden Zivilisten/7
Der Festungskommandant schildert den ersten Tag des Großangriffes auf
Königsberg, den 6. April 1945, wie folgt:
„Und nun begann am 6. April mit einer Wucht, wie ich sie trotz reichli-
cher Erfahrungen im Osten und im Westen bisher noch nicht erlebt hatte,
der russische Großangriff. Rund 30 Divisionen und 2 Luftflotten überschüt-
teten aus Tausenden von Rohren aller Kaliber und Stalinorgeln tagelang und
pausenlos die ganze Festung mit ihren Geschossen. Welle auf Welle warfen
feindliche Bomber und Kampfgeschwader ihre verderbenbringende Last
auf die bald in Trümmern liegende, brennende Stadt. Die schwache, an Mu-
nition arme Festungsartillerie hatte diesem Feuer nichts entgegenzusetzen,
und kein deutscher Jäger zeigte sich in der Luft. Machtlos waren die auf en-
gem Raum zusammengedrängten Flak-Batterien diesen Flugzeugmassen
gegenüber und mußten sich noch mühsam der feindlichen Panzerkräfte er-
wehren. Alle Nachrichtenverbindungen waren sofort zerstört, und nur Mel-
der zu Fuß suchten sich tastend ihren Weg durch das Trümmerfeld zu ihren
Gefechtsständen oder zur Truppe. Soldaten und Zivilbevölkerung wurden
durch den Hagel der Geschosse auf engstem Raum in den Kellern der Häu-
ser zusammengepfercht.
In massiertem Angriff gegen die eben erst in ihrer Stellung im Raum von
Charlottenburg eingerichtete 548. Volks-Grenadier-Division und das links
anschließende Grenadier-Regiment 1143 der 561. Volks-Grenadier-Division
unter Oberst Erdmann-Degenhardt erzielte der Feind am 6. April sofort ei-
nen tiefen Einbruch.
Fast bis an den Landgraben wurde die Division zurückgeworfen. Die Ge-
genstöße scheiterten, und auch der Einsatz des als einzige Festungsreserve
zurückgehaltenen Regiments der 548. Volks-Grenadier-Divison vermochte
die Lage nicht wiederherzustellen.
Nach Einsatz aller Reserven beantragte ich am 6.4. bei der Armee die 5.
Panzer-Division, um mit dieser am 7. April aus dem Abschnitt der 561.
Volks-Grenadier-Division, also von Westen her, die alte Charlottenburger
Stellung der 548. Volks-Grenadier-Division wiederzunehmen. Bei der 69. In-
fanterie-Division gehen am gleichen Tage weitere Stellungsteile verloren,
während bei dem linken Flügel der 561. Volks-Grenadier-Division die Front
noch gehalten wird.
Verhältnismäßige Ruhe herrscht noch bei der 61. und 367. Infanterie-Di-
vision mit Ausnahme ihres Westflügels."
Königsberg im Todeskampf
Am 2. und 3. Tag des Großangriffs, dem 7. und 8. April 1945, lag die Fe-
stung Königsberg im Todeskampf. Es gab keine Überlebenschancen mehr,
die Angreifer waren zu stark, die Verteidiger zu schwach.
114
Der 7. April hatte wieder mit einem Feuerorkan begonnen. Die Über-
macht der russischen Verbände war so stark, daß die in der Auffangstellung
südwestlich, südlich und südostwärts Ponarth sowie Rosenau in der Ab-
wehr stehenden Verteidiger den Gegner nur vorübergehend aufhalten
konnten.
Mit einer Panzergruppe gelang es den Russen, zunächst die Stellungen
südlich Ponarth durchzubrechen, danach stießen sie bis zum Nassen Garten
vor. Von hier aus setzten sie zum Flankenangriff an, um Ponarth von deut-
schen Truppen zu säubern. Von den beiden dort eingesetzten Bataillonen
der „Kampfgruppe Schubert" war kaum noch ein Mann herausgekommen;
die meisten fielen im Kampf, einige wenige gerieten in Gefangenschaft.
Auch den von Südosten angreifenden russischen Verbänden war es ge-
lungen, bis kurz vor das Friedländer Tor vorzustoßen. Truppen der 69. deut-
schen Infanterie-Division verstärkten daraufhin die Stadtkernstellung Süd.
Am Abend des 7. April verlief die Hauptkampflinie (HKL) im Südab-
schnitt: Reichsstraße-Hauptbahnhof-Haberberger- und Friedländer-
straße-Alte Wiesenschanze: im Nordabschnitt wurde die ostwärtige Fort-
stellung noch gehalten. Von Fort III bei Quednau zurückbiegend auf die
Ringchaussee-Ballieth-Hardersdorf-Fürstenteich-Juditten.
Zur Verhinderung des zu erwartenden Pregelüberganges bei der 60. In-
fanterie-Division sah sich General Lasch in der Nacht vom 7. auf den 8. April
gezwungen, die Hauptkräfte der 61. Infanterie-Division, allerdings nur 2 bis
3 schwache Bataillone, nach der Gegend des Holländer Baums zu verlegen.
Durch starkes Artilleriefeuer, Fliegerangriffe und trümmerbedeckte Straßen
verzögert sich der Marsch, die Bataillone kommen zu spät.
Massierte Angriffe russischer Verbände unter starkem Artilleriefeuer und
fast pausenlosen Luftangriffen zwingen auch die 367. Infanterie-Division,
sich auf den Stadtrand zurückzuziehen.
Am 8. April wurde Königsberg von den frühen Morgenstunden an sturm-
reif geschossen. Zwischen Juditten und Ratshof-Amalienau schlossen die
Sowjets den Einschließungsring. Auch die Linie der 561. Volksgrenadier-Di-
vision wurde durchbrochen. Der Divisionsstab erhielt die Genehmigung,
seinen Gefechtsstand ins Samland zu verlegen. Dort wurde zwischen Mo-
ditten und Fort Holstein eine neue Front nach Osten aufgebaut. Nordwest-,
Nord- und Südfront in Königsberg waren jetzt auf den Stadtrand zurück-
gedrängt.
Im Osten wurde in Herzogs-Acker gekämpft, im Westen gelang es dem
Feind, bis zu den Höfen an den Zwillingsteichen vorzudringen. Die von Sü-
den vordrängenden Truppen besetzten den Kneiphof, andere Verbände
schoben sich an den nördlichen Pregelarm heran. Im Norden wurde in
Maraunenhof und in der Schleicherkaserne gekämpft. Gegen den über-
mächtigen Gegner hatten die deutschen Verteidiger kaum eine Chance. Es
konnten weder Tote geborgen noch Brände gelöscht werden.
General Lasch sah sich vor die Entscheidung gestellt, einen Ausbruchs-
115
versuch zu unternehmen, um die Einwohner und die Festungsbesatzung
aus der Stadt zu bringen. In seinen Erinnerungen berichtet er darüber:
„Jetzt ist auch dem stellvertretenden Gauleiter und seinen Getreuen der
Schreck in die Glieder gefahren. Es dämmert ihnen die Erkenntnis, daß Kö-
nigsberg verloren ist. Sie erscheinen auf meinem Gefechtsstand und bitten
von hier aus den Gauleiter fernmündlich um die Erlaubnis zum Ausbruch
aus der Festung mit den dazu erforderlichen militärischen Kräften. Sie
führen zur Begründung an, daß damit auch die Masse der Zivilbevölkerung
herausgeschleust werden könnte. Der Gauleiter setzt diesen Befehl bei der
Armee durch. Aber mein Antrag, diesen Durchbruch mit allen verfügbaren
Kräften unter Vernichtung der russischen Kräfte zwischen Königsberg und
Juditten zu erzwingen, wird von der Armee abgelehnt. ,Die Festung ist wei-
terhin zu halten, für den Durchbruch der Parteileute und der Zivilbevölke-
rung sind nur schwache Kräfte zu verwenden7, lautet der Befehl.
Ein Ausbruchsversuch mit schwachen Kräften gegen den übermächtigen
Feind ist selbstverständlich zum Scheitern verurteilt, und so bringe ich er-
neut in einem persönlichen Ferngespräch mit General Müller zum Aus-
druck, daß nur ein massierter Ausbruchsversuch mit der gesamten
Festungsbesatzung gewisse Aussicht auf Erfolg haben könnte. Es wird mir
erklärt, daß es Pflicht sei, die Festung bis zum letzten Mann zu halten.
Der entsprechende Befehl geht gegen 20.00 Uhr ein: ,1. Festung Königs-
berg hält. 2. Schwache Kräfte in Form von Stoßtrupps (der Hauptauftrag
darf darunter nicht leiden) stellen die Verbindung zur 561. Volksgrenadier-
division her. 561. Volksgrenadierdivision greift von Westen mit Teilen der 5.
Panzerdivision an. Diese Teile dürfen Ostrand Juditten nicht überschreiten.
Zwischen den Relaisketten der Stoßtrupps ist die Zivilbevölkerung durch-
zuschleusen/
Um diesem Ausbruchsversuch wenigstens noch eine geringe Chance zu
geben, werden dafür eingesetzt:
Divisions-Stab 61. Infanteriedivision (General Sperl) mit allen an der Ost-
front entbehrlichen Bataillonen, Teile der 548. Volksgrenadierdivision, Teile
der Artillerie der 367. Infanteriedivision, die Masse der Festungsartillerie
mit der noch verfügbaren Munition.
Die Partei soll die Zivilbevölkerung sammeln und leiten. Der Ansatz der
Angriffsgruppe ist inzwischen außerordentlich schwierig geworden, der Ar-
meebefehl zu spät eingetroffen. Das Herausziehen der Einheiten in den Be-
reitstellungsraum wird durch starkes Artilleriefeuer, durch nächtliche
Luftangriffe und durch die Trümmerhindernisse empfindlich gestört und
verlangsamt. Die Partei hatte zudem ohne Rücksprache mit der Festung das
Sammeln der Bevölkerung um 0.30 Uhr auf der Ausfallstraße nach Westen
befohlen. Die Weitergabe des Sammelns erfolgte von Mund zu Mund. In-
folgedessen marschierte die Zivilbevölkerung in der gesamten Breite der
Ausfallstraße Arm in Arm zusammen mit Fahrzeugen unter großem Lärm.
Der Russe, sofort aufmerksam geworden, belegte den gesamten Abschnitt
116
Lage in Königsberg bei der Kapitulation am 9. April 1945
*———।—|—।—।__ ।
500 1000 m
117
mit starkem Artilleriefeuer. Nach Anfangserfolgen bleibt das Stoßtrupp-
bataillon liegen, der Kommandeur der 548. Volksgrenadierdivision,
Generalmajor Sudau, fällt, Generalleutnant Sperl wird verwundet. Auch
Großherr, der stellvertretende Gauleiter, kommt bei dem von ihm angereg-
ten Ausbruchsversuch ums Leben.
Zivilbevölkerung und Soldaten, nun ohne Führung, fluten in die Stadt
zurück. Die ganze Westfront der Festung ist offen, und nur mit letzter Mühe
gelingt es, den Zusammenhang der Front notdürftig zu wahren."
9. April: Königsberg kapituliert
Der „heroische Untergang der Festung Königsberg" fand nicht statt. Ge-
neral Lasch war nach dem letzten gescheiterten Ausbruchsversuch zu der
Überzeugung gelangt, daß Königsberg nicht mehr länger zu halten war. Bei
ihm häuften sich Meldungen über erlahmenden Widerstandswillen der Sol-
daten, von denen sich ein großer Teil mit der Zivilbevölkerung zusammen-
gedrängt in Kellern befand. Verzweifelte Frauen hatten bereits versucht,
den Soldaten die Gewehre zu entreißen, um sie mit einem weißen Tuchlap-
pen aus den Kellerfenstern zu hängen. Sie wollten damit ihrem trostlosen
Kellerdasein ein Ende setzen, ohne indessen zu ahnen, welchem Grauen sie
nach der Kapitulation entgegengingen.
Über den 9. April 1945, den Tag der Kapitulation der Festung Königsberg,
den wohl schwersten Tag in seinem Leben als Soldat, schrieb General Lasch
in seinen Erinnerungen „So fiel Königsberg":
„So stand ich am 9. April vor der unumstößlichen Gewißheit, daß ich mit
meinen Soldaten und der gesamten Zivilbevölkerung von Königsberg von
der höheren Führung aufgegeben war. Von außen her konnte ich Hilfe nicht
mehr erwarten. Drei Tage lang wütete nun schon das Verderben in der Stadt,
ohne die geringste Aussicht, aus eigener Kraft durch Ausharren oder weite-
ren Widerstand die ausweglose Lage ändern zu können. Die Munitions-
und Verpflegungslager waren zum großen Teil ausgebrannt, Artillerie-
munition kaum noch, Infanteriemunition nur noch in geringem Maße vor-
handen.
Operativ gesehen war die weitere Verteidigung von Königsberg zu dieser
Zeit für den Ausgang des Krieges ohne Bedeutung, denn Anfang April stan-
den starke russische Armeen bereits tief in Pommern, Brandenburg und
Schlesien, während englische und amerikanische Kräfte bereits den Rhein
überschritten hatten und vor den Toren Hannovers standen.
Die taktische Lage war am 9. April in Königsberg hoffnungslos. Zur Zeit
des Entschlusses zur Kapitulation wurde nur noch der Nordteil der Innen-
stadt mit völlig abgekämpften Restverbänden ohne jegliche schwere Waffe
gehalten.
Am ausschlaggebendsten aber war für meinen nunmehr zu fassenden
Entschluß die Erkenntnis, daß ich bei weiterer Kampfführung nur noch Tau-
118
sende meiner Soldaten und Zivilisten sinnlos würde opfern müssen. Eine
solche Verantwortung aber konnte ich vor Gott und meinem Gewissen nicht
mehr tragen. So entschloß ich mich, den Kampf einzustellen und dem Grau-
en ein Ende zu machen.
Ich war mir bewußt, daß die Übergabe der Festung an einen brutalen
Feind erfolgen mußte, der keine Gnade kannte, aber im Gegensatz zu der
Gewißheit, daß bei weiterem Kampf alles zugrunde»ging, bestand dann we-
nigstens noch die Aussicht auf Rettung des größten Teils der Menschenle-
ben. Die Entwicklung der Ereignisse hat mir dann recht gegeben, und wenn
ich auch den Verlust der ostpreußischen Heimat mit meinem Entschluß
nicht mehr aufhalten konnte, so habe ich doch wenigstens die Genugtuung,
zahlreiche Menschenleben vor der sicheren Vernichtung gerettet zu haben.
In einer kurzen Beratung mit den Offizieren meines Stabes und den er-
reichbaren Divisionskommandeuren gab ich am Vormittag des 9. April mei-
nen Entschluß bekannt, das durch Parlamentäre schon mehrfach wieder-
holte Angebot des Oberbefehlshabers der russischen Front, Marschall Was-
siljewski, auf ehrenvolle Kapitulation anzunehmen. Alle stimmten meinem
Entschluß zu. Ein an das OKH aufgegebener Funkspruch informierte die
oberste Führung darüber, daß der Kampf um Königsberg beendet sei, da die
Munition verschossen, die Verpflegungslager ausgebrannt seien.
Die ersten Versuche, mit den Russen in Verbindung zu kommen, schei-
terten. In einem kurzen Schreiben an den am Trommelplatz befindlichen
Abschnittskommandeur, Oberstleutnant Kerwien, bat ich ihn, die Verbin-
dung mit der nächsten erreichbaren russischen Befehlsstelle aufzunehmen
und zu ersuchen, daß von Seiten des russischen Oberkommandos das Feu-
er eingestellt würde und bevollmächtigte Offiziere auf meinen Gefechts-
stand entsandt würden. Ich sei bereit, die angebotene Kapitulation abzu-
schließen. An die Truppe erging durch Funkspruch der Befehl, sich einzu-
igeln.
Ich hatte den Eindruck, daß ein Aufatmen durch Truppe und Zivilbevöl-
kerung ging, als dieser Befehl bekannt wurde. - Im Laufe des Tages wurde
die bisher noch einigermaßen zusammenhängende Front aufgesplittert, so
daß bis zum Abend bei der Unterzeichnung der Übergabeverhandlung nur
noch einzelne Stützpunkte gehalten wurden."
Zum Stab des Festungskommandanten General Lasch gehörte auch der
Kommandant des Stabsquartiers. Er befand sich seit Anfang März dauernd
in unmittelbarer Nähe des Generals. Hier sein Bericht:
„Als dann am Montag, dem 9. April, der Russe den Stadtkern erreicht hat-
te und eine Verbindung mit der Truppe nur noch durch Melder bestand,
wurde am Vormittag der Befehl zur Einstellung des Kampfes gegeben und
die weiße Flagge herausgestreckt. Da Parteiverbände, deren Mitglieder zum
Teil betrunken waren, weiterschossen, verzögerte sich der Kontakt zwischen
dem Führungsstab und den Parlamentären der Russen. Etwa gegen 24 Uhr
kam dann ein russischer Oberst mit zwei Offizieren und zwei Soldaten zu
119
den Übergabeverhandlungen in den Führungsbunker. In der Kabine des Ge-
nerals erfolgten dann die Verhandlungen mit der anschließenden Unter-
schrift.
Während der Verhandlung und auch schon einige Stunden vorher wurde
mir gesagt, daß die Partei die Absicht habe, den Bunker zu sprengen, um die
Kapitulation zu verhindern. Ich verstärkte daraufhin die Wache an den Ein-
gängen. Der Anschlag fand nicht statt; wäre er gelungen, als sich die russi-
schen Offiziere noch im Bunker beim General befanden, wären die Folgen
unabsehbar gewesen.
Nach Abschluß der Verhandlungen gingen General Lasch mit seinem Ad-
jutanten sowie dem Chef des Stabes mit den russischen Offizieren in die Ge-
fangenschaft. Die Angehörigen des Stabes sollten um etwa 2 Uhr, die etwa
140 Unteroffiziere und Mannschaften unter meiner Führung antreten und
in Gefangenschaft geführt werden. Im Bunker des Hauses Giesbrechtstraße
7 sollen sich zu diesem Zeitpunkt 80 Parteiführer durch das Abziehen von
Panzerfäusten das Leben genommen haben, der Parteikreisleiter Wagner
war bereits beim Ausbruchsversuch am Freitag gefallen.
Nachdem wir uns vor der Universität, die Offiziere vorn, gesammelt hat-
ten, kam bald das erste russische Kommando und forderte als erstes die Uh-
ren ab. Als es dann hieß: ,Offiziere vortreten und rechts heraus7, und ein
Kommissar mit der Taschenlampe Signale gab, rechneten wir damit, daß je-
den Augenblick die Maschinengewehre aus dem Dunkel losgehen würden,
um uns umzulegen. Es geschah aber nichts, und der Marsch begann, die
weiße Flagge voraus. Es ging bis an den Pregel über die Poststraße, Kaiser-
Wilhelm-Platz, am Jaschkin vorbei bis etwa zur Bollwerkgasse. Es war noch
dunkel, aber wir bekamen bereits einen Vorgeschmack von dem, was folgen
würde. Wir wurden gestoßen, aus der Kolonne gerissen und ausgeplündert.
Unser Kasino-Unteroffizier wurde auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz, als er ein
Mädchen des Stabes schützen wollte, erschossen.
Beim ersten Halt wurden Offiziere und Mannschaften getrennt. Der Weg
führte dann über den Holländerbau, hinter der Reichsbahnbrücke über ei-
ne Notbrücke auf Umwegen bis zur Eisenbahn-Hauptwerkstatt Ponarth.
Hier wurde einer nach dem anderen herausgerissen, der Stiefel beraubt, des
Mantels, des Rucksacks, der Tasche. Zweimal hatte man mich vor: Ohne zu
wissen was ich tat, wehrte ich mich. Einmal rettete mich, schon in den Tor-
weg an der alten Eisenbahnbrücke gezerrt, ein russischer Offizier; das zwei-
te Mal kaufte ich mich mit einer goldenen Armbanduhr frei. Mädchen,
Wehrmachtshelferinnen, die mit der Kolonne gingen, wurden auf diesem
Weg bis zu zehn Mal vergewaltigt. Unvorstellbar, wer den Weg über Trüm-
mer, gesprengte Eisenbahnschienen barfuß machen mußte.
In der Eisenbahn-Hauptwerkstatt wurden wir in einem Büroraum unter-
gebracht. 24 Stunden blieben wir dort, ohne Verpflegung. Am nächsten Mor-
gen - 15 Stabshelferinnen mußten dort bleiben - ging es über die Brauerei
Ponarth auf Umwegen über Rosenau auf die Eylauer Chaussee und dann in
120
das Lager Stablak, wo wir um 2 Uhr nachts eintrafen. Viele mußten diesen
Marsch mit um den Füßen gewickelten Lappen machen, immerhin waren
wir 56 Kilometer gelaufen.
Doch das war erst der Anfang. Wir mußten noch viele viele Kilometer zu
Fuß zurücklegen, bevor wir in einen Zug verfrachtet wurden wie Vieh.
Dann begann die Bahnreise Minsk-Moskau und immer weiter nach Osten,
zehn Tage und zehn Nächte. Unerträglich der Durst und der Hunger.
Schließlich erreichten wir die Endstation Kasan. Doch das war noch lange
nicht das Ende. Mit 2.000 Offizieren wurden wir auf einen Dampfer ver-
frachtet. Es war darauf so eng, daß wir nur hocken konnten. Wir fuhren die
Wolga abwärts, weiter und weiter bis wir das Endziel erreicht hatten: Jelan-
buga an der Kama in der Tatarenrepublik. Hier waren zwei Lager einge-
richtet für 7.000 deutsche Offiziere, von denen viele ihre Heimat nicht wie-
dersahen."
Königsberg nach der „Stunde Null"
Die „Stunde Null" - die Kapitulation der Festung Königsberg - hatte vie-
le Gesichter:
Erich Koch, Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar für Ost-
preußen und Kommandant des Volkssturms, war in den letzten Tagen nach
Berlin geflogen, um seinem Führer angeblich über die „heldenhafte Vertei-
digung" der Festung Königsberg Bericht zu erstatten. Dazu wurde ihm am
Nachmittag des 9. April in der Reichskanzlei Gelegenheit gegeben.
Wenige Augenblicke, nachdem der Funkspruch General Laschs über die
Kapitulation eingetroffen war, wurde Koch von Hitler empfangen. Dieser
tobte: „Feiger Verrat an der heldenhaften Stadt..." Koch pflichtete ihm bei
und erklärte, General Lasch hätte den Augenblick seiner Abwesenheit ge-
nutzt, um feige zu kapitulieren. „Ich kämpfe im Samland und auf der Neh-
rung weiter", versprach Koch seinem Führer.
Der Wehrmachtsbericht, den der Großdeutsche Rundfunk jeden Tag aus-
strahlte, meldete am 12. April 1945:
„Die Festung Königsberg wurde nach mehrtägigen starken Angriffen
durch den Festungskommandanten, General der Infanterie Lasch, den Bol-
schewisten übergeben. Trotzdem leisteten Teile der pflichttreuen Besatzung,
in mehrere Kampfgruppen aufgeteilt, den Bolschewisten noch erbitterten
Widerstand. General der Infanterie Lasch wurde wegen feiger Übergabe an
den Feind durch das Kriegsgericht zum Tode durch den Strang verurteilt.
Seine Sippe wird haftbar gemacht."
Die Frau und die älteste Tochter des Generals, die nach Dänemark eva-
kuiert worden waren, wurden auf Befehl des deutschen Befehlshabers in
Dänemark verhaftet. Die zweite Tochter des Generals, die im Oberkom-
mando des Heeres beschäftigt war, wurde zunächst in einem Potsdamer Ge-
fängnis festgesetzt und dann in das Hauptquartier der Geheimen Staats-
121
polizei nach Berlin transportiert. Selbst der Schwiegersohn des Generals, der
als Bataillonskommandeur an der Front stand, wurde verhaftet und in ein
Gefängnis eingeliefert. Doch alle Angehörigen von General Lasch überleb-
ten.
Gauleiter Koch hatte sich nach seinem Führerbesuch nach Neutief abge-
setzt, nicht etwa um im Samland zu kämpfen, wie er Hitler versprochen hat-
te, sondern um auf ein Wunder zu warten. Getreu seiner Devise, die er im-
mer wieder ausgegeben hatte: „ein Hundsfott, wer jetzt als Ostpreuße sich
nur eine Sekunde dem Gedanken hingibt, sich selbst in Sicherheit zu brin-
gen. Unsere stärkste Sicherheit liegt im Glauben an den Führer", wartete er
das weitere Geschehen ab. Nicht nur eine Sekunde, sondern mehrere Tage
dachte er darüber nach, wie er sich persönlich in Sicherheit bringen konnte.
Die Vorkehrungen dafür hatte er schon lange getroffen. Als das von ihm er-
wartete „Wunder" nicht eintraf und der Endsieg nicht mehr zu erwarten
war, führte er seinen vorbereiteten Fluchtplan aus. Mit dem für ihn bereit-
liegenden Eisbrecher „Ostpreußen" ließ er sich über Heia nach Kopenhagen
bringen. Während andere Schiffe in diesen Tagen bis an den Rand mit
Flüchtlingen und Verwundeten gefüllt nach Kopenhagen liefen, befand sich
auf der „Ostpreußen" nur ein einziger Flüchtling, Gauleiter Erich Koch.
In Kopenhagen wechselte Koch seine Bekleidung, später auch sein Aus-
sehen. Unerkannt verschwand er im Millionenheer der Kriegsgefangenen
und wurde später als „Major Berger" entlassen. Er verschwand in einem
kleinen Ort in Schleswig-Holstein und konnte - mit Brille, ohne Bart und ab-
gemagert - vier Jahre seine wahre Identität verbergen. Mit ihm, unter dem-
selben Dach, lebten vier ostpreußische Flüchtlingsfamilien, die in der
ganzen Zeit ihren Gauleiter nicht erkannten. Im Sommer 1949 kam auch für
Koch die Stunde Null. Er wurde verhaftet. Die Giftampullen, die er noch im-
mer bei sich trug, benutzte er nicht. Er wollte weiterleben. Und das gelang
ihm auch, obwohl er, an die Polen ausgeliefert, zum Tode verurteilt wurde.
Das Todesurteil wurde nicht vollstreckt. Erich Koch starb erst vor wenigen
Jahren in einem polnischen Gefängnis eines natürlichen Todes.
Dem Tod entging auch General Lasch, der im Spätherbst 1955 aus russi-
scher Gefangenschaft entlassen wurde. Doch zwischen seiner Gefangen-
nahme am 9. April 1945 und seiner Heimkehr lagen mehr als zehn schwere
Jahre. Von seiner Verurteilung und der seiner Familie hatte der General erst
in der Gefangenschaft erfahren, die er mit vielen seiner Männer, die Kö-
nigsberg verteidigt hatten, teilte.
Ein anderes Gesicht der Stunde Null in Königsberg: Kurt Frankowski aus
Labiau, Jahrgang 1916, diente im April 1945 als Volkssturmmann in Kö-
nigsberg. Er hatte das Glück, bei der Kapitulation nicht erschossen zu wer-
den wie andere Volkssturmmänner, die man völkerrechtswidrig als Partisa-
nen behandelte. Kurt Frankowski erinnert sich an seinen Leidensweg:
„Ich wurde am 10. April auf dem Platz vor dem Königsberger Nord-
bahnhof gefangengenommen, kam in das Lager Kaymen bei Labiau, dann
122
nach Sanditten bei Wehlau. Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft. Auf Um-
wegen erfuhr ich, daß meinen Eltern die Flucht nicht geglückt war und daß
meine Ehefrau in Königsberg zurückgeblieben war. Arbeitsunfähig wurde
ich in das Lager Georgenburg bei Insterburg abgeschoben, danach nach
Frankfurt/Oder, später nach Elbing. Sieben Tage Fußmarsch auf der Auto-
bahn Elbing-Königsberg. Weiter zu Fuß nach Moterau. Hier erfuhr ich vom
Tod meiner Eltern. Weiter über Tapiau nach Wehlau. Hier erfuhr ich, daß
meine Frau in Königsberg sein sollte. Im September 1945 war ich endlich
wieder in Königsberg bei meiner Frau; sie starb wenige Monate später im
Februar 1946. Ich war froh, daß ich bei meiner Frau war, als sie die letzte
schwere Zeit erlebte. Kurze Zeit später wurde ich wieder als Kriegsgefan-
gener zur Arbeit in Königsberg eingesetzt, im Dezember 1946 wurde ich
endlich zu meiner Schwester nach Schleswig-Holstein entlassen. Die Hölle
in Ostpreußen wird mir unvergeßlich bleiben."
Viele, die damals als Kinder, junge Mädchen und alte Frauen die Stunde
Null in Königsberg erlebten, konnten und können die Erinnerung daran
nicht auslöschen. Viele können darüber nicht reden. Deutsche Soldaten, die
in die Gefangenschaft marschierten, mußten hilflos und ohnmächtig mit an-
sehen, was am 10. April 1945 und danach mit ihnen geschah. Hier ein Au-
genzeugenbericht:
„Die Häuser brannten und qualmten. Die Eroberer warfen alles heraus:
Musikinstrumente, Polstermöbel, Küchengeräte, Geschirr, Bilder. Auf den
Straßen zerschossene Autos, brennende Panzer, dazwischen betrunkene
Russen, die wild um sich schossen. Weinende, sich wehrende Mädchen und
Frauen wurden in die Hausruinen geschleppt. Kinder riefen nach ihren
Müttern. Und weiter draußen: Straßengräben voller Leichen, tote Kinder la-
gen massenweise umher, an den Bäumen Erhängte, Ohren abgeschnitten,
Augen ausgestochen. Betrunkene Russen prügelten sich um eine Kranken-
schwester, eine Greisin saß am Chausseebaum, ihr waren beide Beine von
Fahrzeugen abgequetscht worden, aber sie lebte noch. Frauen kamen aus
den Häusern gerannt, die Hände zum Gebet erhoben, doch sie wurden
zurückgejagt oder erschossen:"
Schrecklichere Bilder als sie Königsberg damals bot, kann es nicht geben.
Sowjetmarschall Tschernjachowski hatte vor dem Angriff seinen Soldaten
folgenden Tagesbefehl gegeben: „Gnade gibt es nicht - für niemanden!"
Moskau ehrt die „Helden von Königsberg"
Alexander Michajlowitsch Wassilewski, Marschall der Sowjetunion, von
Stalin mit der Eroberung der „Festung Königsberg" beauftragt, berichtete in
seinen Erinnerungen „Sache des ganzen Lebens" ausführlich über den von
ihm geführten „Sturm auf Königsberg" und stellte abschließend fest:
„Beim Kampf um Königsberg gerieten rund 92.000 Mann in Gefangen-
schaft, darunter 1.800 Offiziere und 4 Generale. Unsere Truppen erbeuteten
123
über 3.500 Geschütze und Granatwerfer, rund 130 Flugzeuge und 90 Pan-
zer, Fahrzeuge, Zugmittel und Traktoren sowie die verschiedensten Lager.
Die freudige Nachricht eilte nach Moskau. In der Nacht zum 10. April
1945 schoß die Hauptstadt für die Helden von Königsberg mit 24 Salven aus
324 Geschützen Salut.
In den Gefechten um Königsberg stellten unsere Truppen erneut ihre be-
wundernswerte Standhaftigkeit und ihren heldenmütigen Kampfgeist un-
ter Beweis. Für ihre beispiellosen Heldentaten wurden rund 200 Kämpfer
mit dem Titel eines Helden der Sowjetunion geehrt. An zwei Offiziere wur-
de dieser Titel zum zweitenmal verliehen. Tausende von Soldaten erhielten
Orden, Zehntausende Medaillen und viele Regimenter und Divisionen
staatliche Auszeichnungen. 98 Truppenteile und Verbände wurden mit der
Ehrenbezeichnung ,Königsberger7 geehrt. Die im Juni 1945 gestiftete Me-
daille ,Für die Einnahme Königsbergs7 erhielten alle Teilnehmer an den
Kämpfen um diese Stadt.77
General von Saucken und die „Armee Ostpreußen"
Die Kapitulation von Königsberg hatte auch für General Müller schwer-
wiegende Folgen. Er befand sich nicht in der Festung, als Königsberg kapi-
tulierte. Erst aus dem Führerhauptquartier erfuhr er davon.
Hitler befahl General Müller, sofort in Berlin zu erscheinen. Der
Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar für Ostpreußen Koch hatte
zwischenzeitlich bei Hitler nicht nur den Königsberger Festungskomman-
danten General Lasch, sondern auch General Müller angeschwärzt und
ihm die Schuld an der „feigen Aufgabe der Festung Königsberg77 zuge-
schoben, um sich bei Hitler selbst zu entlasten. Obwohl General Müller ge-
genüber Hitler versicherte, daß er sich mit Nachdruck für das Halten der
Festung Königsberg „bis zum letzten Mann77 eingesetzt habe, enthob die-
ser ihn seines Postens; er fand für den General auch keine weitere Ver-
wendung.
Zu seinem Nachfolger bestimmte Hitler General von Saucken.
Unter der Bezeichnung „Armee Ostpreußen77 wurden alle noch übrigge-
bliebenen Teile der Heeresgruppe Nord zusammengefaßt. Hierzu gehörten
auch die auf Heia und in der Weichselmündung befindlichen Teile der von
dem General von Saucken geführten 2. Armee, wie auch die Reste der 4.
Armee.
General Großmann schreibt in seiner Dokumentation „Der Kampf um
Ostpreußen77 über General von Saucken:
„Mit General von Saucken, der seinen Gefechtsstand von Steegen nach
Neuhäuser verlegte, war nun ein Ostpreuße zum letzten Oberbefehlshaber
ernannt worden. Das Samland kannte er. Als Sohn des Landrates von Fisch-
hausen dort geboren, hatte er in Königsberg die Schule besucht und bei dem
Grenadier-Regiment 3 in der gleichen Stadt seine militärische Laufbahn be-
124
Königsberg und das Samland April 1945
125
gönnen. So konnte er das über seine Urheimat hereingebrochene Unheil von
Herzen mitfühlen. Sein Hauptleitgedanke blieb bis zum bitteren Ende der,
unter dem Schirm seiner Soldaten noch möglichst vielen seiner Landsleute
die Flucht zu ermöglichen. Aus besonders hartem und zähen Holz ge-
schnitzt, hatte er in beiden Weltkriegen, häufig verwundet, als Truppen-
kommandeur in manchen kritischen Lagen erfolgreich geführt. Er gehörte
zu den Generälen, die ihre Truppe an der vordersten Front führten, und ge-
noß infolge seiner unbestechlichen Haltung in hohem Maß das Vertrauen
der Truppe wie das seiner Vorgesetzten. Doch blieb angesichts der gegne-
rischen Überlegenheit sein Auftrag, die Front im Samland zu halten, einfach
unlösbar. Nur Gauleiter Koch hatte noch eine Lösung parat! Dem neuen
Oberbefehlshaber entwickelte Koch in Neutief den wahrhaft laienhaften
Plan, man solle doch einfach über See bei Cranz landen und die russische
Armee im Rücken angreifen, einkesseln und schlagen."
Nach dem Fall von Königsberg verlief die Front in Ostpreußen vom Kob-
belbuder Forst zwischen Gut Holstein und Nautzwinkel, hart westlich Met-
gethen und ostwärts Seerappen, dann ab Prilacken in der alten, seit Ende Fe-
bruar festliegenden Hauptkampflinie, die mit einer Einbuchtung nach We-
sten ostwärts Thierenberg über Pobethen nach Norden bis an die Ostsee
führte.
Die Russen hatten bereits während ihrer Angriffe auf Königsberg auch an
mehreren Stellen der südlichen Samlandfront die 1., 58. und 93. Division an-
gegriffen. Um den Anschluß an die neue, nach Osten gerichtete Abwehr-
front zu finden, hatte die 1. Division bereits ihren rechten Flügel zurück-
nehmen müssen. In harten Kämpfen, die zwischen dem 6. und 8. April statt-
fanden, konnte die 58. Division ihren Abschnitt bis zum Einbruch bei Pri-
lacken, das verlorenging, halten.
Fieberhaft bemühte man sich im Raum Metgethen mit den Resten der 561.
Volks-Grenadier-Division und der frisch herangeführten 21. Infanterie-Di-
vision, eine neue Hauptkampflinie zu bilden und zu verstärken. Den Befehl
im südlichen Samland hatte nach Ausscheiden der Armee-Abteilung Sam-
land General Matzky (XXVI. Korps) übernommen, während im Nordteil
wie bisher General Wuthmann (IX. Korps) führte. Allen Verbänden gehör-
ten auch Völkssturmleute und Angehörige von Alarmeinheiten an, die den
Kessel von Heiligenbeil überlebt hatten und noch immer unter dem nieder-
schmetternden Eindruck der russischen Überlegenheit standen; viele von
ihnen sahen den Krieg als verloren, den Kampf für sinnlos an und waren für
den weiteren Kampfeinsatz kaum motiviert.
Die Artillerie verfügte zwar noch über ausreichend Geschütze, doch fehl-
te es an der Munition; sie reichte nur noch für ein oder zwei Großkampf-
einsätze. Die ortsfesten Marine-Batterien im Raum zwischen Pillau und Ten-
kitten und die Flak-Batterien der 18. Flak-Batterie boten jedoch noch einigen
Rückhalt.
Das Luftwaffenkommando Ostpreußen unter Führung von Generalmajor
126
Uebe litt unter so starkem Betriebsstoffmangel, daß die noch vorhandenen
etwa 20 bis 30 Jagdmaschinen keine Einsätze mehr fliegen konnten. Als
Feldflugplätze standen nur Brüsterort und Neutief zur Verfügung.
Die in der Auffrischung befindliche 5. Panzer-Division und die aus dem
Heiligenbeiler Kessel entkommenen Reste der Panzer-Grenadier-Division
„Großdeutschland", die bemüht war, wieder einen kampffähigen Verband
aufzustellen, waren die bewegliche Reserve der von General von Saucken
geführten „Armee Ostpreußen".
Die „Festung Pillau" muß gehalten werden
„Pillau muß solange gehalten werden, bis die letzten Bewohner, Flücht-
linge und Verwundeten den Hafen mit Schiffen verlassen haben!" Das sag-
ten nicht nur die militärisch Verantwortlichen der Festung Pillau, sondern
auch der Stadtbürodirektor Kaftan von der Pillauer Stadtverwaltung.
Er hatte während der ganzen Zeit den Überblick darüber, wieviele Men-
schen sich noch in der Seestadt Pillau befanden, behalten. Am 29. März hat-
te er festgestellt, daß sich von der ortsansässigen Bevölkerung noch 2.007
Männer, 670 Frauen und 61 Kinder, zusammen 2.738 Personen, in der Stadt
befanden, in Pillau und Neuhäuser darüber hinaus noch 33.600 Flüchtlinge,
überwiegend Frauen und Kinder. Außer der Besatzung waren zu diesen
Zeitpunkt noch fast 37.000 Personen abzutransportieren. In der ersten April-
woche, bevor Königsberg fiel, war noch einmal ein Schub von mehreren tau-
send Flüchtlingen nach Pillau. gelangt.
Am 10. April waren noch einmal mehrere Schiffe in den Pillauer Hafen
eingelaufen, die Dampfer „Herkules", „Santander", „Adele Traber" und
„Nautik". Trotz derAngriffe von sowjetischen Bombern auf die Pillauer Ree-
de konnten die Schiffe 2.350 Verwundete, 6.500 Flüchtlinge und 400 Solda-
ten an Bord nehmen und über die Ostsee in Sicherheit bringen. Doch das
war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, da aus dem Samland weitere
Flüchtlinge nach Pillau strömten und Verwundete eintrafen.
Nach dem Fall der Festung Königsberg war sich Sowjetmarschall Wassi-
lewski, „Eroberer der Festung Königsberg", sicher, die im Verhältnis zu Kö-
nigsberg kleine „Festung Pillau" im Handstreich einnehmen zu können.
Für Königsberg hatte man vier Tage gebraucht, für Pillau würde wohl ein
Tag reichen. Doch der Marschall der Sowjetunion hatte sich gründlich ge-
irrt.
Am 11. April forderte der Sowjetmarschall die Verteidiger Pillaus zur
Übergabe der Festung auf und ließ ein Flugblatt mit folgendem deutschen
Text abwerfen:
„Jetzt, nach dem Fall von Königsberg, ist Eure Lage hoffnungslos. Nie-
mand wird Euch Hilfe erweisen. 450 Kilometer trennen Euch von der Front-
linie, die bei Stettin verläuft. Die Seewege nach Westen sind durch russische
U-Boote durchschnitten. Ihr seid bald im tiefen Hinterland der russischen
127
BK »
— *
Oktober
Offensive
Bei der Oktober-Offensive der Roten Armee
wechselt Goldap (oben) zweimal die Fronten.
Über 40.000 Stück getriebene Rinder aus den
grenznahen Gebieten drängen sich auf den
Pregelwiesen zwischen Insterburg und Georgenburg
Unten: Abgeschossener T34-Panzer bei Gumbinnen
Neue Verbände treffen mit einem
Truppentransporter über See in Memel ein
Durch menschenleere Straßen wird Nachschub
in die deutschen Stellungen gebracht
Festungskommandant General Gollnick inspi-
ziert eine Einheit
Schwere deutsche Flak bei der Verteidigung von Memel
Festung Memel geht verloren
Über See neu eingetroffene
Panzer vom Typ Panther
Umsonst - im Januar 1945 muß Memel
über See geräumt werden
Nachdem das gesamte Memelland
bereits von russischen Truppen besetzt ist,
wird der Brückenkopf Memel
zur Festung erklärt. Frische Truppen
werden in die Stellungen geworfen.
Bis in den Januar 1945 hinein
kann die Stadt gehalten werden,
dann ist der erste
deutsche Ostseehafen verloren
Soldaten und Gerät
werden nach Pillau verschifft
Memel wie es war
Mit über 40.000 Einwohnern gehörte Memel zu den
größeren Städten Ostpreußens. 1252 war vom
deutschen Orden eine Burg namens Memel
inmitten unbesiedelter Wildnis gegründet worden.
Seither war die Hafenstadt Memel deutsch
In Schutt und Asche
Einige Tage im
Januar 1945 reichten aus,
um die 700jährige deutsche Geschichte
und Identität
Memels auszulöschen
Russischer Gefechtsstand an der ostpreußischen Grenze Russische Panzer fahren in die Aufmarschräume
Russische Einheiten marschieren durch Küssen bei Pillkallen Sowj. MP-Schützen am 21.1.45 am Stadtrand von Gumbinnen |
J anuar- Offensi ve
Bei der am 13. Januar 1945 begonnenen
Großoffensive der Roten Armee,
die von den Sowjets mit einer Übermacht
an Menschen und Material geführt wurde,
verloren mehrere zehntausend deutsche Soldaten,
die heftigen Widerstand leisteten,
um der Zivilbevölkerung noch die Flucht
zu ermöglichen, ihr Leben, zehntausende
wurden verwundet oder mußten jahrelang
die russische Gefangenschaft
erleiden. Den Weg der Roten Armee
von den Grenzen Ostpreußens bis an die Ostsee,
nach Memel, Königsberg und Pillau,
säumten viele Tote, Deutsche wie Russen
Links: Am 26. Januar 1945 stehen
sowjetische Panzer in Tolkemit. Damit ist
Ostpreußen vom Reich abgeschnitten.
Unten: Auf dem Weg zum Frischen Haft' rollen
sowjetische Panzertruppen durch Mühlhausen
Oben: Schwere Flak im Einsatz gegen
russische Schlachtflieger, die sich nicht scheuen,
immer wiederFlüchtlingstrecks anzugreifen
Abwehrkampf
Verzweifelt versuchen die deutschen
Verteidiger, den Durchstoß der Roten Armee
nach Königsberg abzuwehren
Ostpreußen brennt
Die 1945 in Ostpreußen vorwärtsstürmende Rote Armee,
deren Panzer, Geschütze, Granatwerfer und Schlachtflugzeuge,
hinterlassen flammende Spuren.
Was noch nicht brennt,
wird durch die Rotarmisten angesteckt.
Fahrzeuge brennen, Höfe brennen,
Dörfer brennen, Städte brennen, Häfen brennen...
Ganz links unten: Immer stärker macht sich
die US-Rüstungsunterstützung der Sowjetunion
bemerkbar. Überall sind auf sowjetischer Seite
Schwimm- und Geländewagen
amerikanischer Fertigung im Einsatz
4c T i
Ostpreußen
in Todesangst
Aus Angst vor der Roten Armee
beginnt eine Massenflucht in Richtung Westen
und in die Hafenstädte, um eines der rettenden Schiffe
zu erreichen. Straßen, Bahnhöfe und Häfen
sind überfüllt von Menschen
Letzter Fluchtweg aus Pillau - die Ostsee
Allen, die sich in diesen Apriltagen des Jahres 1945 in Pillau für den Ab-
transport der noch in der Stadt befindlichen Flüchtlinge und Verwundeten
- dies waren noch mehrere zehntausend - verantwortlich fühlten, war be-
wußt, daß es nur noch den Fluchtweg über die Ostsee gab.
Um die Lösung des Flüchtlingsproblems in Pillau hatte sich von Anfang
an Korvettenkapitän Dr. Arnold Schön, Chef der Kriegsmarinekomman-
dantur, bemüht. Er hatte dem Pillauer Bürgermeister die fast leerstehende
alte Fußartilleriekaserne in der Hindenburgstraße als Notquartier für
Flüchtlinge angeboten, hatte die großen Baracken im Lager Himmelreich
und im Lager Schwalenberg von Marine-Flak und Marine-Artillerie für
Flüchtlinge räumen lassen und für Decken und Eßgeschirr gesorgt.
Korvettenkapitän Dr. Schön hatte mit seiner Stabskompanie auch für Ord-
nung im Hafen zu sorgen, was von Woche zu Woche schwerer wurde, und
im April, als auch unter den Flüchtlingen bekanntgeworden war, daß die
Front immer näher rückte, zu einem Chaos zu führen drohte.
Er hatte große Mühe, mit seiner Kompanie Marinesoldaten Herr der La-
ge zu bleiben, er mußte sich auf die Sicherung der Hafenanlagen beschrän-
ken. Er konnte nur zusehen, wie Säuglinge vom Deck der Schiffe wieder in
die Arme von Schwestern, Schwiegermüttern und Tanten geworfen wur-
den, um diesen ebenfalls den Zugang zum Schiff zu ermöglichen; er sah Sol-
daten, die man in Frauenkleidern auf den Gangways festgenommen hatte.
Sie wurden standrechtlich erschossen - die Feldgendarmerie fand keine Zeit
mehr, sie zur Abschreckung aufzuhängen. Andere Soldaten hatten versucht,
die Absperrung am Hafen dadurch zu überwinden, daß sie Müttern die Kin-
der Wegnahmen und gegenüber den Posten behaupteten, sie wollten nur die
eigene Familie an Bord bringen. In diesem Chaos achtete kaum noch jemand
darauf, daß Menschen in dem Gedränge vom Kai gestoßen wurden und er-
tranken. Nur wenige wurden herausgefischt.
Die russische Artillerie hatte sich in den ersten Apriltagen auf den Pillau-
er Hafen eingeschossen. Sie wollte den Nachschub an Truppen, Verpfle-
gung, Waffen und Munition verhindern und den Abtransport von Zivilisten
und Verwundeten stören. Das Feuer auf den Hafen wurde von einem Fes-
selballon aus geleitet, der ungestört am blauen Himmel in der Aprilsonne
glänzte, man konnte ihn mit bloßem Auge gut erkennen.
Doch die Beschießung des Hafens vermochte nicht zu verhindern, daß
weiterhin Schiffe einliefen.
So hatte am 12. April der Dampfer „Weserstein" festgemacht. In aller Ei-
le lud man Verwundete ein. 60 befanden sich bereits an Bord, als russische
Flugzeuge das Schiff durch einen Bombentreffer versenkten. Es sank unweit
der Stelle, an der im März die „Meteor" von der russischen Artillerie so
schwer getroffen wurde, daß sie in wenigen Augenblicken von der Wasser-
oberfläche verschwunden war. Der kleine Dampfer „Wiegand" erhielt am
129
gleichen Tag einen Bombentreffer ins Vorschiff, der sich aber als Blindgän-
ger erwies. Wegen seiner Lage konnte er nicht entschärft werden. Den Ka-
pitän störte das nicht. Er nahm 2.800 Flüchtlinge an Bord und brachte sie,
mit der Bombe, nach Rendsburg.
In der Nacht vom 12. zum 13. April lief die „Mars" aus Bremen ein. Nach
dem Löschen der Ladung nahm sie am frühen Morgen 2.000 Verwundete an
Bord. Das war nicht ganz einfach, denn sowjetische Flugzeuge versuchten
die Einschiffung zu verhindern. Sie wurden jedoch von der Flak vertrieben.
Als sie wiederkamen, war die „Mars" schon draußen auf See. Auf dem mi-
nenfreien Zwangsweg 58 brachte der Kapitän die Verwundeten nach Ko-
penhagen.
13. April: Die Russen greifen an
Der Großangriff auf die letzten Verteidiger des Samlandes begann am
Freitag, dem 13. April 1945, mit einem Feuerhagel der schweren Artillerie
und der Werferbatterien. Dann kamen die Bomber und pflügten den Boden
um, auf dem die Sowjets noch Zehntausende deutscher Soldaten vermute-
ten. Doch sie hatten sich getäuscht.
Die russischen Infanteristen und Panzer trafen kaum noch auf deutschen
Widerstand.
Vor der russischen „Dampfwalze" aber floh eine Heerschar von Flücht-
lingen, vor allem ältere Leute, die immer noch auf ein Wunder gehofft hat-
ten. Erst in den letzten Tagen, als sich die deutschen Verbände mehr und
mehr absetzten und der Bevölkerung rieten, ebenfalls nach Westen zu mar-
schieren, hatten sie sich schweren Herzens auf den Weg gemacht. Doch für
viele war es zu spät. Sie wurden von russischen Truppen überrollt oder ab-
geschnitten, so daß sie in ihr Zuhause zurückkehrten.
Die sowjetischen Panzer kamen rasch vorwärts. Am 17. April nahmen sie
bereits Peyse ein; auch Fischhausen wurde von den deutschen Verteidigern
aufgegeben. Nun war nur noch die schmale Landzunge von Pillau in deut-
scher Hand.
Die Tage der Festung Pillau waren nun endgültig gezählt. Vor dem Ten-
kittener Riegel hatten sich bereits starke sowjetische Truppenverbände zum
Angriff formiert.
Doch dieser Angriff mußte noch einige Tage aufgehalten werden, denn in
Pillau befanden sich an diesem 17. April noch mehrere zehntausend Flücht-
linge, Verwundete und auch einige tausend Pillauer, die sich bisher noch
nicht entschließen hatten können, ihre Heimatstadt zu verlassen.
Bürgermeister Scholz war verschwunden, er hatte sich angeblich auf einem
Kriegsschiff „abgesetzt". Der Kreisleiter der NSDAP bemühte sich darum, für
den Bürgermeister nachträglich einen Einberufungsbefehl zum Volkssturm
zu erwirken. Scholz würde damit als „fahnenflüchtig" gelten, worauf die To-
desstrafe stand. Doch der Todeskandidat tauchte nicht mehr auf.
130
Die meisten Menschen aber hatten andere Sorgen. Sie warteten auf Schif-
fe. Jeder wußte, daß nicht mehr viel Zeit blieb.
Wie im tiefsten Frieden lief der kleine Frachter „Adele Traber" in Pillau
ein. Er brachte Rauhfutter für die Zugpferde der bespannten Einheiten.
Kaum war die Hälfte der Ladung in einem Lagerschuppen verstaut, erhielt
dieser einen Treffer und brannte lichterloh. Damit gaben sich die Russen
wohl zufrieden. Kapitän Richter behielt den Rest der Futterladung an Bord
und ließ Verwundete darauf betten. Als Flüchtlinge das letzte Plätzchen an
Bord belegt hatten, lief die „Adele Traber" aus. Der Kapitän ließ für seine
2.000 Passagiere die Kombüse Tag und Nacht offenhalten und brachte sie
wohlbehalten über die Ostsee.
Weniger Glück hatte der Frachter „Vale", der mit einer Ladung Munition
Pillau angelaufen hatte. Der 6.000-Tonner hatte kaum festgemacht, als eine
Granate direkt vor dem Schiff auf der Pier einschlug. Glück im Unglück -
hätte die Granate getroffen, wäre die „Vale" pulverisiert worden. Nachts
wurde die Ladung gelöscht. Das Schiff verholte am frühen Morgen an einen
anderen Liegeplatz. Gerade als die ersten Menschen an Bord gingen, erhielt
die „Vale" drei Bombentreffer. Zwei davon in Luke 4, in der 250 Verwunde-
te lagen. Das Schiff riß von den Leinen los, trieb mit dem Wind durch den
Hafen und setzte sich langsam auf Grund.
Zu den „Kleinsten", die noch einliefen, gehörte der 1904 gebaute 757 BRT-
Frachter „Erna". Kapitän Gütschow hatte eine „schwarze Fracht" an Bord,
auf die man in Pillau sehnlichst wartete: Briketts für die Feldküchen, die oh-
ne Feuer kalt blieben. Doch das Schiff wurde seine Kohlen nicht los, weil die
Anlegestelle immer wieder unter Feindbeschuß lag. Und wenn das Ge-
schützfeuer einmal verstummte, kamen die Bomber. Es war zum Verzwei-
feln. Und dann jagten zu allem Unglück auch noch Tiefflieger heran. Ge-
schosse trafen Bordwand, Brücke und die Dampfleitung der Rudermaschi-
ne. Nun konnte der Kapitän nur noch die Handruderanlage benutzen. Dies
tat er auch und verholte an den Seedienstkai. In wenigen Stunden hatte er
1.000 Leute an Bord; die meisten mußten stehen, weil 1.000 Menschen auf
diesem kleinen Schiff nicht sitzen konnten.
Noch am gleichen Abend verließ die „Erna" den Pillauer Hafen.
Die Lage in Pillau am 20. April 1945
Daß der 20. April ein nationaler Feiertag war, an dem nicht gearbeitet
wurde und der vor dem Krieg mit großen Aufmärschen der Parteiorganisa-
tionen und der Wehrmacht gefeiert wurde, interessierte am „Führerge-
burtstag" des Jahres 1945 in Pillau begreiflicherweise niemanden mehr.
Am 20. April 1945 wurde Kapitän z.S. Hellmuth Strobel als Kommandant
der Seeverteidigung Ostpreußen nach Pillau beordert. Was dieser fronter-
fahrene Marineoffizier vorfand und wie er die Lage der Festung Pillau be-
urteilte, hielt er in einem Bericht fest:
131
„Am 20. April 1945 übernahm ich befehlsgemäß die Dienstgeschäfte des
Kommandanten der Seeverteidigung Ostpreußens am Dienstsitz Pillau. In
den frühen Morgenstunden des 20. April kam ich mit einem R-Boot von
Heia bei der Aussteuerungstonne Pillau an. Stadt, Hafen und Seetief lagen
unter ständigem Beschuß schwerer russischer Artillerie, so daß es nicht
möglich war, mit dem R-Boot in das Seetief einzulaufen. Mit Hilfe eines
Schlauchbootes glückte dann die Landung.
Der Gefechtsstand des Seekommandanten lag am Südostende der Nord-
mole in den Unterständen einer ehemaligen Hafenschutzbatterie. Der ur-
sprüngliche Gefechtsstand in der Zitadelle war infolge Zerstörung durch
Artilleriebeschuß und Bombentreffer geräumt worden. Die verbliebenen
Unterkünfte der Zitadelle standen dem Festungskommandanten zur Ver-
fügung.
20. April: Stadt und Hafen Pillau wiesen bereits sehr starke Beschädigun-
gen auf, viele Großbrände wüteten. Die Zivilbevölkerung befand sich noch
zu geringen Teilen in der Stadt. Immer wieder müssen die Straßen entrüm-
pelt werden, um den wegen des ständigen Beschüsses nur im Höchsttempo
abzuwickelnden Verkehr der Militärfahrzeuge wieder in Gang zu bringen.
Den Verkehr über den Hafen abzuwickeln war nicht möglich. Einmal macht
sich ein Mangel an geeigneten Fahrzeugen empfindlich bemerkbar, dann
fehlt es an fachkundigem Bootspersonal und Brennstoff. Hinzu kommt
noch, daß ein in der Einfahrt zum Haff liegender, abgesoffener größerer
Dampfer die feindliche Luftwaffe wie ein Magnet anzieht, die dann außer-
dem natürlich den sonstigen Verkehr im Hafen ständig bedroht und behäm-
mert.
Feindlage: Der Feind stand zur Zeit meines Dienstantritts am Tenkitten-
riegel, nordöstlich der Waldungen von Neuhäuser, mit starken Infanterie-
und Panzerkräften stark nach Südwesten auf Pillau Stadt und Hafen
drückend. Ständiges schweres Artilleriefeuer bei Tag und Nacht und lau-
fende rollende Luftangriffe bereiteten seine Angriffsabsichten vor. Die Ost-
und Südostseite von Stadt und Hafen waren feindfrei, es erfolgte lediglich
starker Artilleriebeschuß aus Richtung Balga und Heiligenbeil.
Eigenlage: Der Tenkittenriegel wurde gehalten von Teilen der Infanterie-
division 20 und Infanteriedivision,Großdeutschland7. Brennpunkt des Wi-
derstandes waren die Marinebatterien ,Adalbertkreuzz und ,Lochstädtz. Die
Munitionslage war äußerst angespannt. Nach dem Verbrauchsdurchschnitt
der letzten Tage reichte bei allen Batterien der Munitionsvorrat noch für vier
Tage. Nachschubanforderungen blieben unerfüllt. Äußerst unangenehm
machte sich bereits im Laufe des 20. April der Mangel an Flakmunition al-
ler Kaliber bemerkbar, sowie das völlige Fehlen der Jagdluftwaffe. Russische
Flugzeuge waren vom Hellwerden bis Dunkelwerden über Stadt und Ha-
fen, riefen unter der im Stadtgebiet sich ansammelnden Truppe hohe Verlu-
ste hervor und richteten auch große Zerstörungen im Stadtgebiet an. Bereits
an diesem Tage war wohl kein einziges Gebäude in Pillau mehr unbe-
132
schädigt. Allein der Leuchtturm hat bis zuletzt allen Angriffen standgehal-
ten.
Im Laufe des 20. April begann ich sofort mit den Vorbereitungen für den
Abtransport aller noch im Stadtgebiet befindlichen Zivilpersonen ein-
schließlich der Zivilarbeiter und Angestellten der militärischen Betriebe, so-
weit sie nicht noch zu Instandsetzungsarbeiten an Fahrzeugen, Waffen und
Verteidigungsanlagen unbedingt benötigt wurden. Daneben liefen selbst-
verständlich die Vorbereitungen zum Abtransport der in immer größerem
Umfange anfallenden Verwundeten. Nach Eintritt der Dunkelheit, als die
feindliche Lufttätigkeit abflaute, ging dann der Transport vor sich.
Bei Einbruch der Dunkelheit begann, wie erwartet, der sowjetische An-
griff auf den Neuhäuserriegel, der letzten Sperre vor dem Stadtver-
teidigungsring. Es spielte sich das gleiche ab wie in der vergangenen Nacht.
Wieder war die Marinebatterie das Zentrum des Widerstandes.
Im Verlaufe der Nacht gelang es den Russen, die Panzergräben ostwärts
der Batterie zu durchstoßen. Die Heeresgruppenteile setzten sich weiter
nach Süden auf die Stadtriegelstellung ab die Batterie Neuhäuser wurde
umfaßt und von Norden und Süden her angegriffen. Sie hielt sich bis zum
Hell werden."
Mit dieser Lage wurde der neue Seekommandant Hellmuth Strobel am
20. April 1945 konfrontiert. Zuviel stürzte auf ihn ein. Bis in die Nacht führ-
te er Besprechungen, gab Anweisungen und Befehle, um die dringendsten
Probleme zu lösen, bevor die Russen mit ihrem Angriff begannen.
Die größte Sorge bereitete dem Seekommandanten wie auch dem Leiter
der Kriegsmarinedienststelle in Pillau, Kapitänleutnant d.R. Karl-Ernst Krü-
ger, die Evakuierung der ständig anwachsenden Zahl von Verwundeten, der
Zivilbevölkerung und der zivilen Hilfskräfte der Wehrmacht; sie würden bei
den Kämpfen unweigerlich zugrunde gehen.
Kapitän Krüger hatte in den letzten drei Tagen alles versucht, um Schiffe
zu beschaffen. Aber es waren immer nur Schiffe mit einem geringen Fas-
sungsvermögen nach Pillau gekommen. Am Vortag war der Frachter
„Möwe" eingelaufen, der seit Monaten unentwegt im Flüchtlingstransport
eingesetzt worden war. Obwohl die Molenfeuer bereits gelöscht waren, hat-
te der Frachter den Weg in den Hafen gefunden. Der feindlichen Artillerie
war es nicht gelungen, sich auf das fahrende Schiff einzuschießen. Ein Risi-
ko, in Pillau einzulaufen, war es für den „Möwe"-Kapitän in jedem Fall,
denn er konnte sich nicht sicher sein, ob ihn die Sowjets nicht bereits im Ha-
fen erwarteten.
Der „Möwe"-Kapitän:
„Was wir beim Einlaufen nicht wußten: Der Russe war noch nicht in Pil-
lau, er stand etwa fünf Kilometer vor Pillau bei Neuhäuser. Die Einfahrt in
den Pillauer Seekanal war die Hölle. Pausenloser Artilleriebeschuß lag über
dem Hafen. Tiefflieger warfen laufend Bomben auf die Stadt, die an vielen
Stellen brannte. Trotz allem glückte das Einlaufen und das Anlegen. Um un-
133
seren Liegeplatz nicht zu verraten, schossen wir nicht zurück. Ein hinter uns
liegender Eisbrecher erhielt Volltreffer und sank. Unser mitgebrachtes Mehl
für die Heeresbäckerei legten wir einfach auf die Pier und überließen es sei-
nem Schicksal. Wir hatten uns vorgenommen, spätestens um 3 Uhr morgens
den Hafen wieder zu verlassen, um noch bei Dunkelheit die von den Rus-
sen bereits besetzte Danziger Bucht zu überqueren.
Die Flüchtlinge, die unser Schiff bedrängten, brauchten wir trotz des an-
haltenden Artilleriefeuers nicht zum Einsteigen auffordern oder gar nötigen.
Unkontrolliert strömten sie in Massen auf das Schiff oder kletterten über die
Reling; sie ahnten wohl, daß nach Pillau keine Schiffe mehr kommen wür-
den und daß wir das letzte große Schiff waren. Doch wir waren nicht das
einzige Schiff, das Flüchtlinge an Bord nahm. Im Hafen lagen noch viele, al-
lerdings sehr kleine Fahrzeuge, auch sie wurden randvoll mit Flüchtlingen
vollgepackt. Als unser Schiff voll war und nicht einmal eine Maus noch ei-
nen Platz gefunden hätte, legten wir mit der ,Möwez ab."
Am 20. April wartete Kapitän Krüger vergeblich auf weitere Schiffe. Der
Chef der Kriegsmarinedienststelle in Pillau mußte die Hoffnung aufgeben.
Sturm auf Pillau - doch die Festung hält
Noch in der Nacht zum 21. April erhielt Seekommandant Kapitän Strobel
während einer Besprechung die Meldung: „Die Russen greifen an!"
Daß Pillau nicht zu halten war, darüber war sich Kapitän Strobel ebenso
im klaren wie Festungskommandant Kapitän Möller, der im Januar ja schon
Festungskommandant von Memel gewesen war. Dort hatte es aber noch
bessere Voraussetzungen für die Verteidigung der Festung und den
Abtransport der Besatzung gegeben. In Pillau stellte sich die Frage: Wie lan-
ge würde sich die Stadt halten können; wie groß waren die Chancen für ei-
ne längere Verteidigung?
Diese Frage vermochte weder der Seekommandant noch der Festungs-
kommandant zu beantworten. Sie konnten nur hoffen, daß ein Angriff zu-
sammenbrach.
Noch während die beiden Marineoffiziere diese Überlegungen anstellten,
brach der Sturm los. Die russische Artillerie trommelte, um Pillau sturmreif
zu schießen. Zwischen den Granateinschlägen dröhnten Flugzeugmotoren,
Bomben detonierten.
Nach einem minutenlangen Feuerwerk trat Stille ein. Dann kamen die
Wellen der roten Infanterie und der Panzer - ein Heer von Angreifern, das
die Festung in wenigen Stunden überspülen wollte.
Den Sowjetpanzern gelang es bereits beim ersten Vorstoß, den Tenkitten-
riegel zu durchbrechen. Danach schwenkten sie auf die Marinebatterien
„Lochstädt" und „Adalbertkreuz". Obwohl die Stärken dieser Batterien in
der Luftabwehr lagen und sie nur begrenzt über Munition verfügten, schlu-
gen sie blutige Breschen in die Wellen der Panzer und der Infanterie. Die
134
Übermacht der Angreifer zwang die deutsche Infanterie jedoch, sich nach
rückwärts abzusetzen. Dadurch konnten die Sowjets beide Batterien ein-
schließen. Diese gingen zur Rundumverteidigung über.
Gegen 3 Uhr morgens hatte sich die Batterie „Lochstädt" „verschossen".
Nach der letzten Granate sprengte die stark dezimierte Besatzung die Ge-
schütze. Unter Führung ihres schwerverwundeten Batteriechefs schlugen
sich die Männer zur Ordensburg Lochstädt durch. Dort verschanzten sie
sich. Über Funk baten sie um Entsatz. Die Heereseinheiten meldeten sich
nicht mehr. Der Funkspruch erreichte jedoch den Seekommandanten: Ka-
pitän Strobel ergriff unverzüglich die Initiative und bat die Landungspio-
niere des Generals Henke um Unterstützung. Ein Stoßtrupp sollte versu-
chen, mit Sturmbooten vor Lochstädt anzulanden und die eingeschlossene
Batterie herauszuhauen. Doch als die Sturmboote auf den Lochstädter
Strand glitten, stand die Burg bereits in hellen Flammen. Auf die vereinbar-
ten Signale erhielten die Retter keine Antwort mehr. Als sowjetisches MG-
Feuer einsetzte, mußten sich die Sturmboote zurückziehen.
In der Zwischenzeit schwiegen auch die Rohre der Batterie „Adalbert-
kreuz". Nach Verschuß der letzten Granate wehrte sich die Besatzung mit
Karabinern, Maschinenpistolen und Spaten buchstäblich bis zum letzten
Mann. Alle fielen.
Mit der Vernichtung der beiden Flakbatterien „Lochstädt" und „Adal-
bertkreuz" war der Tenkittenriegel durchbrochen. Das war der Anfang vom
Ende.
Der erste Angriff schien trotz des Verlustes des Tenkittenriegels zunächst
abgeblockt. Die sowjetischen Verbände gaben sich offensichtlich mit dem
bisher erreichten Geländegewinn zufrieden. Darüber hinaus hatten ihnen
die deutschen Flakbatterien und die Landser größere Verluste als erwartet
zugefügt. Ihre Absicht, Pillau im ersten Ansturm zu nehmen, hatten die so-
wjetischen Kräfte nicht verwirklichen können.
Am Sonntag, dem 22. April, hielt das Artilleriefeuer auf Pillau an, aber das
gehörte ja schon zur Tagesordnung und überraschte niemanden mehr. Auch
an die Bomber hatte man sich schon gewöhnt. Viel zu zerstören gab es ja oh-
nehin nicht mehr. Größer war die Angst, nicht mehr herauszukommen. Bald
würde der nächste große Angriff der Russen folgen, und dann würde es zu
spät sein. So dachten jetzt auch die Parteifunktionäre. Der Vertreter des
Reichsverteidigungskommissars, Dr. Dzubba, hatte sich schon tags zuvor
mit seinen „Getreuen" aus dem Lotsenturm nach Neutief abgesetzt. Auch
Stabsleiter Müller hatte „seine Tätigkeit eingestellt" - zuvor aber seinen Zi-
vilbeamten eingeschärft, bis auf weiteren Befehl in Pillau zu verbleiben.
Müller selbst hatte sich auf die Nehrung übersetzen lassen.
Im Rathaus packte am frühen Sonntagmorgen Stadtbürodirektor Kaftan
seine Sachen. Er nahm die wichtigsten Akten mit, darunter das Personenre-
gister und die Aufstellung einer Suchkartei. Dies sollte sich später als sehr
wichtig erweisen.
135
Auch die Pillauer Stadtpolizisten zogen ab. Die Kolonne marschierte zum
Seetief, unterwegs immer wieder vor Granateinschlägen Deckung neh-
mend. An den Marinefährprähmen warteten viele hundert Soldaten. Direk-
tor Kaftan wurde von dem Menschenknäuel fast auf die Fähre geschoben,
gehen war unmöglich. Nach etwa zehn Minuten Fahrt wurden die Passa-
giere beim Seefliegerhorst Neutief auf der Nehrung wieder an Land gesetzt.
Über den Knüppeldamm der Nehrung zog die Kolonne weiter nach Westen.
Aber noch hielten sich Zivilisten in Pillau auf. Am Montag, dem 23. April,
versah Betriebsdirektor Kewitz mit sechs Angestellten immer noch seinen
Dienst im Wasserwerk. Der größte Teil der Belegschaft war am Vortage ab-
gezogen, nachdem Kreisleiter Grau einen Marschbefehl ausgestellt hatte.
Doch für Kewitz und den Rest seiner Belegschaft war bisher noch kein
Marschbefehl eingetroffen. Kewitz verlor die Geduld. Er machte sich auf
den Weg zu Grau im Bunker der Zitadelle, um ebenfalls einen Marschbefehl
zu erwirken. Seelenruhig teilte ihm der Kreisleiter mit, er bekäme rechtzeitig
Bescheid. Der Kreisleiter selbst machte sich kurz nach dem Besuch von Ke-
witz auf den Weg. Am nächsten Tag trafen Bomben das Wasserwerk. Wenig
später begannen Pioniere, die Hafenanlagen zu sprengen. Jetzt machte sich
Kewitz mit seinen Leuten auch ohne Marschbefehl zum Hafen auf. Sie er-
wischten noch den Schlepper „Adler" und retteten sich im letzten Augen-
blick.
Pillau - ein loderndes Flammenmeer
Die letzten 72 Stunden der Seestadt Pillau begannen am 23. April. See-
kommandant Kapitän Strobel hielt die Ereignisse am 23. und 24. April 1945
fest:
„Mit dem Fall der Batterie,Neuhäuser' beginnt die Endphase des Kamp-
fes um die Seestadt Pillau. Die Munition der deutschen Truppen wird im-
mer knapper, die Menschenverluste werden immer größer. Das Zurückflu-
ten der deutschen Einheiten wird immer ungeordneter. Stadt und Hafen lie-
gen pausenlos unter Beschuß. Der Gegner hat Artillerie und Granatwerfer
in unmittelbarer Nähe der Stadt in Stellung gebracht. Die Stalinorgeln voll-
führen unentwegt ihr übles Konzert. In der Luft ist der Teufel los. In nied-
rigster Höhe fliegen die Schlachtflieger den ganzen Tag über dem Stadt-
gelände. Die noch vorhandenen Gebäude und Gebäudereste sinken in
Trümmer. Die Kasematten der Zitadelle stürzen eine nach der anderen ein.
Bald ist die Zitadelle ein einziges umgepflügtes Trümmerfeld. Mein Ge-
fechtsstand erhält mehrere schwere Treffer und stürzt zum größten Teil zu-
sammen. Aber noch wird die Stadt gehalten. Die Batterie auf der Nordmo-
le jagt Schuß um Schuß aus den Rohren, auf den längs des Strandes mit Pan-
zern und Infanterie vorrückenden Feind.
Gegen Abend steht der Feind in der Plantage, stößt aber dort noch auf Ma-
rineeinheiten. Bei Einbruch der Dunkelheit wird mit der Sprengung mi-
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litärisch wichtiger Anlagen begonnen. Die Molen des Vorhafens, des Hin-
terhafens und des Fischereihafens gehen hoch. Die Nordmole wird von Pio-
nieren zur Sprengung vorbereitet. Mit allen nicht mehr fahrbereiten Fahr-
zeugen, mit Kränen und Ladevorrichtungen werden die Einfahrten durch
Versenkung blockiert. Das Seetief und der Eingang des Königsberger See-
kanals werden durch Minen verseucht. Unter dem ständigen Beschuß ist die
Durchführung dieser Arbeiten sehr schwierig und verlustreich. Fernzün-
dungen können nicht mehr durchgeführt werden, weil die Kabel zerstört
sind. Sprengstelle um Sprengstelle muß einzeln gezündet werden. Immer
wieder stören zurückflutende und die Feindangriffe abwehrende Truppen
die Sprengarbeiten. Aber es wird geschafft. Nur einzelne vorher festgelegte
Anlegestellen bleiben von der Vernichtung verschont. Von ihnen geht in lau-
fendem Pendelverkehr der Abtransport vor sich.
Gegen 19 Uhr verläßt der Festungskommandant die Stadt und verlegt sei-
nen Gefechtsstand nach Neutief. Seiner Aufforderung, sich ihm anzu-
schließen, folge ich nicht, denn noch kämpfen im Stadtgebiet Marinesolda-
ten von mir, noch halten die Marinebatterien ,Nordmole' und ,Camstigallz
dem Druck des Gegners stand. Aber stetig schiebt sich der Gegner an das
Stadtzentrum heran. Den Stadtteil Camstigall umgehend und gleichzeitig
von der Westseite der Stadt, vom Strande her, schieben sich Feindpanzer
heran. Die Batterie,Camstigall' meldet mir durch Funkspruch, daß die Mu-
nition verschossen ist und die Geschütze zerstört sind. Daß die Batterie
,Nordmole' in schwerem Abwehrkampf steht, erlebe ich selbst aus nächster
Nähe.
In der Stadt und im Hafen, die ich selbst aufsuche, um mich von dem Er-
folg der Sprengungen zu überzeugen, wird bereits im Nahkampf gegen
feindliche Infanterie gekämpft. Von einem geordneten Widerstand kann kei-
ne Rede mehr sein. Der Kampf aller gegen alle hat begonnen. Auch die am
späten Abend zusätzlich - meiner Auffassung nach völlig überflüssig -
herübergebrachte 21. Infanteriedivision unter Führung des Schwerter-
trägers Generalmajor Wengler kann das Schicksal Pillaus nicht mehr wen-
den. Er selbst hält die Lage für hoffnungslos und bezeichnet den Einsatz sei-
ner Division als sinnlos und bewußten Mord. Inmitten seiner Soldaten fin-
det er den Heldentod.
Bei Beginn der Dunkelheit hatte ich alle verfügbaren Marinefährprähme
zum Abtransport der Truppen eingesetzt. Unentwegt wurden Truppen
übernommen. Fährprähme, die bereits mit 800 Menschen überladen waren,
wurden mit 1.200 Menschen bepackt. In großartiger Leistung, sowohl
einsatzmäßig als auch in seemännischer Hinsicht, haben diese Fahrzeuge in
dieser Nacht 19.200 Soldaten abtransportiert. 7.000 Soldaten davon, die zum
größten Teil verwundet waren, wurden gleich nach Heia gebracht, der Rest
wurde mit Waffen und Gerät, allerdings ohne Fahrzeuge und Gespanne,
nach Neutief übergesetzt.
Die Menschenmassen im Hafengebiet waren unübersehbar. An den An-
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legesteilen herrscht eine unbeschreibliche Panik. Nur unter Anwendung
von Waffengewalt von Seiten der Besatzungen ist die Einschiffung durch-
führbar. Viele, die auf den Prähmen keinen Platz mehr fanden, sprangen ins
Wasser und versuchten, schwimmend das andere Ufer zu erreichen. In die-
ses Wirrwarr schoß der Feind mit allen Kalibern. Nachtschlachtflugzeuge
belegten die Stadt und die Hafengegend ständig mit Bomben schweren Ka-
libers. Es war taghell, die Stadt war ein einziges loderndes Flammenmeer.
Als die Prähme beladen waren und abgelegt hatten, boxte ich mich mit
meinem Adjutanten zur Nordmole zurück, in der Absicht, mich zur Molen-
batterie zu begeben. Aber es war zu spät. Der Feind hatte die Batterie bereits
überrannt, drückte auf der Nordmole nach Südwesten vor und wurde nur
noch von einem Rest der Besatzung der Molenbatterie mit Handfeuerwaffen
abgestoppt. Bei dem auf der Nordmole angreifenden Feind handelte es sich
nach meinen eigenen Beobachtungen um Seydlitz-Soldaten. Der Kampf mit
ihnen wurde dementsprechend erbittert geführt. Als der Gegner gegen 4
Uhr in Höhe meines einstigen Gefechtsstandes einerseits und im Hafen-
gelände bei der Ilzke-Falle andererseits angekommen war, erachtete ich mei-
ne Aufgabe in Pillau als beendet. Ich schiffte mich mit meinem Stabe auf ei-
nem Schiffskutter ein und passierte auslaufend die Molenköpfe zum letzten
Male, die mir, als ehemaligem Kommandanten des Kreuzers ,Kölnz, eine
vertraute Ansteuerung waren. Der Schlachtenlärm flaute ab und verlor sich
in der Ferne. Die Feuersbrunst der Stadt beleuchtete weithin den Nacht-
himmel."
Am 24. April um 23.00 Uhr erhielt auch Korvettenkapitän Dr. Arnold
Schön, Kommandant der Stabskompanie, den Befehl, die Zitadelle zu räu-
men und Pillau zu verlassen:
„Als die Front nun immer näher rückte und es sich zeigte, daß Pillau nicht
zu halten war, setzte sich der Rest des Stabes der Kriegsmarine nach Neu-
tief ab.
Ich erhielt den Befehl, am 24.4. um 23.00 Uhr die Zitadelle zu verlassen
und mit dem Rest meiner Kompanie, 80 Mann, nach dem Hinterhafen zu
marschieren, wo uns vor der Marineausrüstungsstelle ein Schiff abholen
sollte. Wir warteten von Stunde zu Stunde, aber es meldete sich niemand,
und es kam kein Schiff. So wurde es 3.00 Uhr! Das Artilleriefeuer auf das
hinter uns liegende Bahngelände nahm allmählich zu und die Russen wa-
ren von Camstigall her in das Gelände des Hinterhafens eingedrungen, die
Häuser auf dem Russendamm brannten lichterloh, die Werft von Sakuth,
das Hafenbauamt - alles ein Flammenmeer, das die ganze Gegend erleuch-
tete.
Es wurde 4.00 Uhr, und kein Schiff kam - trotz wiederholter Zusage! Vom
Russendamm her und über den Hinterhafen hinweg wurden wir bereits mit
MG beschossen. Das Artilleriefeuer auf Bahnhofsanlagen und die Holzwie-
se nahm weiter zu. Da entschloß ich mich, mich mit meiner Kompanie zum
Vorhafen durchzuschlagen, in der Hoffnung, daß dort noch ein Schiff lag.
138
Einzeln oder in kleinen Trupps, nach jedem Einschlag weiterspringend, ge-
langten wir wie durch ein Wunder ohne Verluste über die Holzwiese und
Hindenburgbrücke an dem gerade in hellen Flammen stehenden Haus des
Konsuls Jansen vorbei, über den Schutt der Häuser in der Königsberger
Straße (Sparkasse, Strahlendorf) und am Markt (Wendes Haus) durch die Li-
zentstraße; dort hatte jedes Gebäude vom Deutschen Haus bis zum Kur-
fürstlichen Hof Bombentreffer bekommen; und dann durch die Lotsenstraße
über die Trümmer des Goldenen Anker bis zum 1. Stock hinweg (nur die
Vorderfront stand noch) zur Ecke am Vorhafen.
Hier konnten wir gerade noch im letzten Augenblick den letzten Marine-
fährprahm und damit das letzte Fahrzeug, das aus Pillau ablegte, besteigen.
Wenige Minuten darauf, um 4.30 Uhr am Morgen des 25. April, legten wir
ab. Die Fliegertätigkeit hatte zugenommen, der Hinterhafen wurde bereits
stark mit Bomben belegt, ebenso die Stadt, und dann fuhren wir am bren-
nenden Kurfürstenbollwerk von der Post bis zu den Lotsenhäusern am See-
tief entlang langsam aus dem Hafen. Kurz vorher hatte ich noch von der
Ecke am Goldenen Anker aus einen letzten Blick auf unser Haus geworfen,
das ja ebenfalls Bombentreffer erhalten hatte - öde Fensterhöhlen starrten
mich an, durch die man den Feuerschein der einschlagenden Granaten und
Bomben sah. Von See aus sahen wir dann, wie in der Morgendämmerung
die Fliegertätigkeit weiter zunahm und die ganze Stadt wie eine brennende
Fackel zum Himmel lohte. Ein schaurig-schöner, unvergeßlicher Abschied
von 20jähriger Aufbauarbeit, von der Stätte reichster Erinnerung, die uns
zur zweiten Heimat geworden war, von dem für immer verlorenen Ort be-
ster Kameradschaft."
Rettung in letzter Minute
Die Festung Pillau lag zu diesem Zeitpunkt zwar in Agonie, aber sie war
noch nicht tot. Noch immer warteten am Morgen des 25. April Menschen
auf die Rettung.
Zu den Rettern dieser „Letzten von Pillau" gehörte Oberleutnant z.S.
Siegfried Perband, der als Führer von 15 Landungsbooten bereits bei der
Räumung von Kolberg mitgewirkt hatte. Jetzt war er mit seinen 15 Booten
zur „Rettungsaktion Pillau" angetreten. Siegfried Perband:
„Ich habe viele Kommandos bei den Landefahrzeugen gehabt und galt
wohl in der Marine als Experte für Lande- und Absetzbewegungen. So war
ich bis zum Fall und der Räumung von Kolberg dort eingesetzt. An-
schließend erfolgte meine Kommandierung nach Heia. Hier unterstanden
mir 15 Landungsboote. Wir waren mit Nachschubaufgaben betraut. Außer-
dem transportierten wir Verwundete und Flüchtlinge aus dem Frontgebiet
nach Heia; bzw. übergaben sie an auf Reede liegende größere oder Laza-
rettschiffe.
Wir hatten Munition nach Pillau gebracht. Sie wurde in einem Hafen-
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becken von russischen Kriegsgefangenen entladen, d.h. über Bord in das
Hafenbecken geworfen, weil das Kaliber nicht mehr vorhanden war.
Anschließend verholten wir in den Vorderhafen und hatten ganz in der
Nähe des früheren Kurfürsten-Denkmals festgemacht. Es gab keine Flücht-
linge mehr. Wir übernahmen Resteinheiten und versprengte Soldaten. Die
russischen Einheiten standen bereits einige Straßen weiter, am Marktplatz
von Pillau. Ich erinnere mich noch genau; an den Bäumen in den Hafenan-
lagen waren Menschen aufgehängt. Sie trugen Schilder, auf denen stand:
,Ich bin ein Deserteur!7 oder ,Ich habe geplündert!7, usw. Es war ein grausa-
mer Anblick.
Ich beobachtete einen älteren Soldaten, der nicht an Bord kam. Ich sprach
ihn an und erklärte ihm, daß wir das letzte Schiff sind, nach uns kommt kei-
ner mehr. Wenn er mit will, möge er sich an Bord begeben. Er antwortete:
,Vater von sechs Kindern, von meiner Einheit bin ich versprengt. Lieber ge-
he ich in russische Gefangenschaft, in der Hoffnung, eines Tages meine Fa-
milie wiederzusehen, als mich als Deserteur an einem Baum aufhängen zu
lassen.7
An Bord war bereits ein Leutnant mit seiner Resteinheit. Ich fragte ihn,
wie stark seine Einheit noch sei. Er gab mir zur Antwort:,Genau elf Mann!7
Ich erklärte ihm, daß ich Nachschub für ihn hätte. Der noch an Land ste-
hende Landser wurde an Bord gerufen und in meinem Beisein erfolgte die
Eintragung der Zukommandierung in sein Soldbuch. Er war glücklich und
bedankte sich bei mir.
Es war höchste Zeit zum Ablegen, denn ich wollte nicht durch Beschuß
im Pillauer Hafen absaufen. Wir liefen durch den Seekanal nach Heia
zurück. Ich stand auf der Brücke und betrachtete noch einmal Pillau. Der
Lotsenturm stand, ebenfalls die Lotsenhäuser, auch der Goldene Anker war
noch vorhanden. Ansonsten brannte Pillau. Aus dem Dach meiner alten
Schule schlugen Flammen. Diesen traurigen Anblick werde ich nie verges-
sen.
Es war einmal!!! ... Es fiel mir sehr schwer, von Pillau Abschied zu neh-
men.77
Gustav Höhn kämpfte als Festungssoldat in Pillau. Seine Flakeinheit hat-
te Ende März bei der Verteidigung des Dohnasberges in Gotenhafen gute
Dienste geleistet und sich noch rechtzeitig nach Heia retten können. Am 23.
April verlegte sie mit Prähmen nach Pillau. Gustav Höhn erinnert sich:
„Nun war es soweit. Ich wurde wieder einmal in eine Festung komman-
diert, die gehalten werden sollte.
Was mich allerdings in Pillau erwartete, hatte ich nicht für möglich ge-
halten. Der Feind war hier dermaßen stark, daß unsere Division, die 183., in
einen fast aussichtslosen Kampf geworfen wurde.
Zunächst erhielt ich mit meinem Funktrupp einen starken Betonbunker
zugewiesen, in dem sich auch der Regimentsgefechtsstand mit seinem Stab
eingerichtet hatte. Es war gegen sieben Uhr. Die dicken Betonwände ver-
140
schafften uns das Gefühl von Sicherheit. Drei Stunden später, ich hatte ge-
rade einen Ausflug nach draußen gemacht, geschah das Unmögliche. Ich be-
fand mich im Bunkereingang, als eine sowjetische Bombe unseren Bunker
voll traf. Die starke Betondecke hielt dem Druck nicht stand. Ich sah plötz-
lich ein riesiges Loch über uns, aus dem unheimliche Mengen Betonmateri-
al und Zementstaub nach unten polterten. Große Mengen von Staub erfüll-
ten den Raum und behinderten die Sicht. Ein riesiger, bis zur Decke rei-
chender Schutthaufen wurde nach einigen Minuten sichtbar. An der glei-
chen Stelle saßen sechs Kameraden vom Stab nebeneinander. Sie waren al-
le tot. Einer meiner Funker war schwer verletzt. Die anderen beiden hatten
Glück. Ich auch. Wir mußten unseren Bunker räumen und kamen dann in
eine tiefe Erdröhre, die in eine Böschung getrieben worden war. Den Rest
des Tages und auch in der folgenden Nacht hatten wir regen Funkverkehr.
An Schlaf war nicht zu denken. Nachts um Eins kam das Mittagessen, eine
Blaubeersuppe. Sie schmeckte herrlich.
Am Morgen des 25. April wurde der Druck des Feindes immer stärker.
Von allen Fronten wurden Einbrüche gemeldet. Etwa gegen 10 Uhr war es
dann soweit. Wir mußten mal wieder flüchten. Der gesamte Regimentsstab,
unter der Führung von Oberst Hesse, setzte sich nach Süden ab. Der Weg
führte uns im Gänsemarsch in Richtung Güterbahnhof. Gesprochen wurde
nicht. Überall lagen Gefallene umher. Ich hatte schon seit Monaten keinen
Stahlhelm mehr. Meine Kameraden auch nicht. Wir hatten schon genug an
wichtigeren Dingen zu schleppen. Nun aber hatte ich doch das Bedürfnis,
mal wieder einen Stahlhelm zu tragen. Schnell hatte ich einen passenden ge-
funden. Ich glaube, er hat mich schon bald darauf vor dem Schlimmsten be-
wahrt.
Plötzlich bekamen wir Gewehrfeuer von vom. Wir drehten nach rechts ab
und gelangten schließlich unmittelbar an die Ostsee. Zwischen dem Deich
und einem Haus gab es eine kurze Pause. Während Kommandeur und Ad-
jutant auf der anderen Seite des Deiches Ausschau nach geeigneten Unter-
ständen für den neuen Gefechtsstand hielten, gingen wir in Deckung. Die-
se bestand aus einem kleinen Splitterschutzgraben und einer flachen Erd-
mulde. Wir Funker kamen zuletzt dort an und mußten deshalb die schlech-
testen Plätze einnehmen.
Plötzlich ertönte von der anderen Seite der Ruf:,Alles rüberkommen! Wir
haben einen Unterstand gefunden!7 Alles, was nur wenig zu tragen hatte,
rannte sofort los. Wir drei Funker aber mußten erst unsere Geräte und das
eigene Gepäck aufnehmen und kamen dadurch erst etwas später fort. Als
wir gerade loswetzen wollten, ertönte von drüben der Ruf:,Bleibt da, der
Unterstand ist bereits besetzt!7 Ein Glück für uns, daß wir noch nicht ge-
startet waren. Diesmal belegten wir die sichersten Plätze. Einer von uns
sprang in den Graben, während mein Kamerad Adolf Tietke und ich uns
dorthin legten, wo die Mulde am tiefsten war.
Wir legten uns ganz dicht aneinander und stellten an einer Seite den Sen-
141
der und an der anderen den Empfänger auf. Weitere elf Kameraden legten
sich im Kreis um uns herum.
Weil wir die ganze Nacht keine Ruhe gefunden hatten, schliefen wir so-
fort ein. Ein Glück, kann ich im Nachhinein nur sagen; denn nur kurze Zeit
später bekam das Haus neben uns einen Bombenvolltreffer. Ein riesiger Berg
von Trümmern senkte sich auf uns herab. Da ich schlief, habe ich davon
nichts bemerkt.
Erst nach ein paar Stunden erwachte ich plötzlich, schaute in die blen-
dende Sonne und versuchte mich zu befreien. Es gelang mir nicht, aber ich
hörte jemanden sagen: ,Da bewegt sich ja noch einer!7 Es waren Leute vom
Stab, die sich um die Erkennungsmarken der Gefallenen kümmern sollten.
Sie retteten mich und sagten, die anderen zwölf Kameraden aus der Mul-
de seien alle tot. Auch mein lieber Adolf Tietke war dabei. Sie trugen mich
über den Deich und brachten mich in einen kleinen Unterstand. Überall la-
gen Verwundete und schrien nach dem Sanitäter. Ich lag auf einem kleinen
Tisch, so groß wie ein Nähmaschinentisch.
Plötzlich ertönte von draußen der Ruf:,Alles raus! Der Russe kommt!7 Al-
les rannte davon. Ich war allein. Ich konnte nicht vom Fleck, da mein 11. und
12. Brustwirbel angeknackst waren. Ich schlief stattdessen sofort wieder ein.
Als ich aufwachte, war es dunkel. Ich bat einen deutschen Landser, sich um
mich zu kümmern. Obwohl er mich nicht kannte, holte er sich noch einen
zweiten Kameraden hinzu, um mich dann mühsam am Stand entlang in
Richtung Hafen zu schleppen.
Sie brachten mich schließlich auf ein kleines Motorboot, auf dem etwa 25
Mann, alles Verwundete, Platz fanden. Zwei Matrosen steuerten das Boot
dann in Richtung Frische Nehrung. Mühsam kämpfte sich das Boot durch
die auf- und ab wogenden Wellen der Ostsee. Ringsum nur Wasser und
Dunkelheit. Der Hafen von Pillau brannte lichterloh, denn der Feind hatte
längst bemerkt, daß die Deutschen in dieser Nacht die Stadt aufgaben.
Ganze Rudel von Bombenflugzeugen warfen ihre todbringende Last dort-
hin, wo die Truppen verladen wurden. Damit aber nicht genug. Die Russen
unternahmen gleichzeitig einen Landungsversuch auf der Nehrung.
Kein Wunder also, daß wir auf einmal mitten zwischen den russischen
Schiffen daher schaukelten. Gottlob, daß der Feind uns nicht bemerkte.
Dafür aber wurden wir plötzlich von der deutschen Artillerie beschossen.
Der russische Angriffsplan war erkannt worden. Kurzum, ohne Schaden ka-
men wir nicht davon. Unser kleines Boot bekam einen Treffer ab. Im Heck
entstand ein Loch. Drei der Verwundeten starben. Die Matrosen versuchten
vergebens, das Wasser abzupumpen. Resignierend erklärte dann der eine:
,Wir können uns nur noch zwei Minuten halten!7 Ich gebe zu, in diesem
Augenblick habe ich meinen Kameraden Adolf Tietke beneidet, der am
Morgen schlafend von mir gegangen war.
Als allerletzte Rettungsmöglichkeit schoß einer der beiden Seeleute eine
rote Leuchtkugel in den dunklen Nachthimmel. Mindestens 20 angsterfüll-
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te Augenpaare verfolgten den Weg der Patrone, bis sie in den dunklen Wo-
gen der Ostsee versank.
Trotz der aussichtslosen Lage hofften wir immer noch auf ein Wunder.
Und siehe da, es wurde Wirklichkeit. Plötzlich, niemand wußte woher,
tauchte an unserer Seite ein weiteres Boot auf. Es war auch schon halbvoll
mit Verwundeten, aber wir schafften es, mit eigener Kraft über die schwan-
kenden Planken hinüber zu klettern. Nachdem der Letzte sich in Sicherheit
gebracht hatte, sank das beschädigte Boot vor unseren Augen. Wir waren
gerettet."
Aus der Festung ausgebrochen
Für Oberstleutnant Baron Ulrich von Behr war zu dieser Stunde der
Kampf um Pillau noch nicht vorbei. Er schildert den Ausbruch mit seinen
Grenadieren vom Grenadierregiment 24:
„Bis 43 war ich Angehöriger der 1.1.D., ab Dezember 43 Angehöriger der
61.1.D. und ab der Räumung des Kessels von Heiligenbeil Angehöriger des
noch einmal für den Endkampf in Ostpreußen wiederaufgestellten
Grenadierregiments 24 gewesen. Dieses Regiment wurde mit Masse aus ge-
retteten Teilen der 61.1.D. aufgestellt, soweit Stäbe und kleinere Einheiten
nicht in die Festung Königsberg verlegt wurden und dort in Gefangenschaft
gerieten.
Aufstellungsort des Grenadierregiments 24 war Groß-Blumenau im Sam-
land. Das Regiment wurde nach dem Fall von Königsberg in einer Riegel-
stellung am Flugplatz Bärwalde eingesetzt und kämpfte sich unter schwer-
sten Verlusten über Fischhausen bis Pillau zurück. Pillau wurde am
21.04.1945 erreicht, und dort bezog das Regiment Stellungen im Stadtteil Ca-
stigall. Unter starkem Feinddruck setzte sich das Regiment langsam auf das
Hafengelände ab. Nach dem Eindringen russischer Verbände wurde die
zusammenhängende Verteidigungsstellung um und in Pillau mehrfach auf-
gebrochen. Es entstanden voneinander unabhängige Kampfgruppen ver-
schiedenster Truppenteile. Pillau wurde offiziell am 25.04.1945 in den spä-
ten Abendstunden geräumt.
Auf Befehl AOK-Ostpreußen wurden aus unserem Regiment die Stäbe
und alle verheirateten Soldaten zum Abtransport befohlen. Ca. 120 Mann
mit einigen Offizieren, darunter auch ich, erhielten den Befehl, in Pillau zu
bleiben und nach Möglichkeit den Abtransport der in der Zitadelle noch
liegenden Verwundeten (über 800) samt Pflegepersonal zu decken und si-
cherzustellen. Zu diesem Zweck und in Erfüllung dieses Auftrages wur-
den die verfügbaren Kräfte in zwei Kampfgruppen aufgeteilt, die eine un-
ter Befehl eines Oberleutnant Winter, die zweite unter meinem Komman-
do.
Die abtransportierten Teile des Regiments hatten uns alle Munitions-, Ver-
pflegungs- und Sanitätsmaterialbestände sowie einen Teil iher Handfeuer-
143
waffen und alle Panzerfäuste übergeben, so daß zumindest für die Erfüllung
des Auftrages die materiellen Voraussetzungen gegeben waren.
Außer uns befanden sich noch einige Panzer der 5. PD. und ein Sturm-
geschütz am Hafen; sie sollten uns unterstützen. Es wurden alle verfügba-
ren Teile zur Sicherung der Anlegestellen direkt am Seetief eingesetzt, da zur
Verteidigung der Hafenbecken die Kräfte nicht ausreichten.
Alle Feindangriffe im Verlauf des 26.04. konnten abgewehrt werden, in
der Nacht vom 26. auf den 27. kamen mehrere Fähren und Siebelfähren und
holten den größten Teil der Verwundeten ab. Der Rest wurde in den frühen
Morgenstunden des 28. abgeholt. Dabei stellte sich heraus, daß wir wohl
noch unsere eigenen Verwundeten mitgeben konnten, für uns ca. 70 Mann
war kein Platz mehr.
Bei Sonnenaufgang wurde der Kampf eingestellt, den Soldaten wurde
freigestellt, in Gefangenschaft zu gehen oder an einem Ausbruchsversuch
über das Seetief teilzunehmen, um zu versuchen, sich auf der Frischen Neh-
rung nach Westen durchzuschlagen.
Die Hälfte der Soldaten entschied sich für den Ausbruchsversuch. Die
Wassertemperatur lag bei geschätzten 6 bis 8 Grad. Um sich gegen die zu er-
wartende Unterkühlung zu schützen, wurden die eisernen Rationen zum
Einfetten der Körper benutzt. Bei Dunkelheit konnte die Überquerung we-
gen der starken Strömung und schlechter Orientierungsmöglichkeit nicht
gewagt werden, wir gingen erst bei erstem Büchsenlicht ins Wasser. Das See-
tief war ca. 800 m breit, das Wasser eisig, und die Russen eröffneten sofort
mit allen verfügbaren Waffen das Feuer auf uns. Oberleutnant Winter wur-
de neben mir im Wasser erschossen, ich bekam einen Krampf in beiden Bei-
nen und konnte nicht mehr schwimmen. Da wir nur ca. 100 m geschafft hat-
ten, kehrten wir ans Ufer zurück. Zum Glück fanden wir unsere Uniformen
wieder.
Nach Ergänzung von letzten Resten Munition für unsere Pistolen gelang
es uns, durch die Russen bis zum ostwärtigen Molenkopf durchzubrechen.
Dort fanden wir einiges Material, mit dem es gelang, ein Behelfsfloß
zusammenzubinden und mit jeweils fünf Mann über das Seetief zu rudern,
zwei Mann mußten dann das Floß zurückbringen.
Mit dem letzten Floß verließ ich die Ostmole. Nachdem wir alle auf dem
westlichen Molenkopf versammelt waren, begann unser Marsch nach We-
sten, der aber schon am Ende der Mole durch die Russen gestoppt wurde.
Unter Einsatz der letzten Munition gelang auch hier der Durchbruch, und
wir konnten vom Feind unbehelligt bis kurz vor Kahlberg marschieren. Auf
Grund des Gefechtslärms wurden hier noch eigene Kräfte vermutet.
Bei der Annäherung an Kahlberg wurde festgestellt, daß die Russen sich
hier, mit Front nach Westen, eingegraben hatten. Ein Durchbruch hier bei Ta-
ge war unmöglich. Es wurde daher entschieden, erst bei totaler Dunkelheit
entlang der Seeseite einen Versuch zu unternehmen.
Gegen 23 Uhr am 28. gelang die unbemerkte Annäherung an die russi-
144
sehen Stellungen. Wir wurden dann aber doch erkannt, und es begann eine
wilde Schießerei. Trotzdem gelang es, die russischen Stellungen zu durch-
brechen, ich kann allerdings auf Grund der totalen Dunkelheit nicht mehr
sagen, wie viele wir noch waren. Wir waren kurz vor den ersten deutschen
Stellungen, als wir noch einmal auf eine russische Gruppe stießen. Bei dem
Schußwechsel bekam ich aus allernächster Nähe einen Halsschuß und ver-
lor die Besinnung. Ich bin dann am 29. bei Tageslicht auf einem Verbands-
platz in der Nähe von Stutthof aufgewacht. Ich wurde nach Heia trans-
portiert und dort in ein Schiff nach Westen verladen.
In den Morgenstunden des 8. Mai erreichten wir Kopenhagen. Über Laut-
sprecher hörten wir den letzten Wehrmachtsbericht und die Ansprache des
Großadmirals Dönitz. Eine Welt brach zusammen. 5 1/2 Jahre Kampf wa-
ren vergeblich gewesen."
26. April: Pillau geräumt und aufgegeben
»
Nachdem Marinefährprähme, Landungsboote, Sturmboote und Kutter
noch einmal 19.200 Soldaten zur anderen Seite übergesetzt und 7.000 Ver-
wundete nach Heia gebracht hatten, waren am 25. April die Möglichkeiten
erschöpft. Nur mit Waffengewalt hatte man die Einschiffung durchführen
können. Die Panik, die die Menschen an den Anlegestellen erfaßt hatte, war
unbeschreiblich. Viele sprangen ins Wasser, um schwimmend die Nehrung
zu erreichen. Und viele ertranken.
In den Straßen tobte der Häuserkampf. Matrosen und Infanteristen fielen
Seite an Seite. Russische Panzer schossen, ohne Rücksicht auf die eigenen
Soldaten zu nehmen, in die Nahkämpfer. Seekommandant Kapitän Strobel
hatte sich zur letzten Verteidigungsanlage, der Marinebatterie Kaddig und
der Marinebatterie Mövenhaken, auf die Nehrung begeben. In seinem Ge-
fechtsbericht „Pillau" vermerkte er über die Ereignisse am 25. April 1945:
„Mit dem Hellwerden begann der Kampf um Pillau-Neutief. Ein mehr-
stündiges starkes Trommelfeuer und intensives Luftbombardement bilde-
ten den Auftakt. Dann erfolgte der Angriff der Sowjets über das Seetief mit
gleichzeitiger Landung auf dem Flugplatz Neutief vom Haff her, mit Sturm-
booten. Den ganzen Tag über tobt der Kampf. Wann Neutief überwältigt
worden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls hielt bis nach diesem
Zeitpunkt die Marinebatterie Mövenhaken noch stand.
Etwa gegen 15.30 Uhr erreichte mich noch folgender Funkspruch der Bat-
terie: ,An Seekommandant. Munition verschossen, Geschütze gesprengt,
Geheimsachen vernichtet, melde mich ab. Heil unserem Führer!7
Im Laufe des Nachmittags schoben sich die ersten Feindpanzer an die Bat-
terie Kaddig heran und wurden unter Feuer genommen. Über das Seetief
hat der Russe eine Pontonbrücke geschlagen und setzt im Laufe des Tages
eine ganze Panzerarmee über. Aber solange die Batterie Kaddig über Muni-
tion verfügt, hält diese Batterie den russischen Vormarsch auf. Gegen 22 Uhr
145
ist von den vier Geschützen nur noch eines klar und gefechtsbereit. Um 24
Uhr erfolgt ein starker Frontalangriff unter gleichzeitiger Landung russi-
scher Pak und Infanterie mit etwa 50 Schnellbooten von See und einer
gleichzeitigen Landung mit Sturmbooten von der Haffseite her. Die Batterie
wird von allen Seiten umstellt und schließlich im Nahkampf Mann gegen
Mann durch erdrückende Übermacht überwunden. Nur wenigen glückt es,
wie mir, der Gefangennahme zu entgehen und sich weiter nach Westen in
Richtung Kahlberg durchzukämpfen.
Der Kampf um Pillau ist beendet. Pillau selbst ist nur noch ein rauchen-
der Trümmerhaufen. Noch tagelang stehen dichte Rauchwolken über der
einstigen Marinegarnison."
Am Ende des Kampfes: Gefangenschaft
Nicht allen gelang es, Pillau zu verlassen, bevor russische Truppen die
Stadt besetzten. Zu ihnen gehörte auch Flakkanonier Johann Kannenberg:
„Unsere Batterie M. A.A. 533 lag nordöstlich von Pillau an der Ostsee. Der
Batteriechef war Kapitänleutnant Melzer, ein Wiener, der Spieß war ein
Stabsoberfeuerwerker von Bernitzky, ein Ostpreuße.
Unsere Batterie war ohne Geschütze, die sollten nachgeliefert werden.
Deswegen begrenzte sich unser Dienst hauptsächlich auf Küstenüberwa-
chung und intensive Ausbildung an leichten Panzerabwehrwaffen wie Pan-
zerfäusten.
Ich hatte mit meiner Gruppe, als Entfernungsmesser für See- und Luft-
ziele, so lange Dauerwachdienst auf dem E-Meßstand, bis dieser durch Luft-
angriffe zerstört worden war. Dabei wurde ich wieder verwundet, eine
Kopfverletzung. Nach dem 10. April kamen immer mehr versprengte
Infanterie-Truppenteile aus Königsberg und Samland zu uns, und die Front
näherte sich. Wir wurden ab sofort den Infanterie-Kommandanten unter-
stellt, in die neuen Einheiten/Züge eingegliedert, und ab ging es ins Feld.
Am 24. April 1945 war für uns der letzte Abwehrangriff. Unter dem Be-
fehl des Zugführers, einem Oberfeldwebel der Infanterie, haben wir uns in
einen Sanitätsbunker zurückgezogen, wo die Verwundeten lagen, auch zwei
verwundete russische Soldaten waren dabei. Der Sani-Bunker war unter der
Roten-Kreuz-Flagge. Am 25. April 45, in den frühen Morgenstunden, nach-
dem wir die Kampfhandlungen eingestellt hatten, hatte unser Zugführer auf
die Aufforderung der Russen hin kapituliert. Mit 30 Mann haben wir den
Bunker unbewaffnet verlassen. Draußen mußten wir auf Befehl eines russi-
schen Offiziers unsere Uhren, Schmuck, Ringe und die Kampfabzeichen ab-
geben.
Gegen Mittag wurde auf der Straße nach Lochstädt eine Gefangenenko-
lonne von ca. 2-3.000 Menschen gebildet, Frauen waren auch dazwischen.
Wir sind in Richtung Königsberg in Marsch gesetzt worden. Etappenweise,
über Fischhausen und Heydekrug, kamen wir nach zwei Tagen dort an.
146
Zweimal haben wir ca. 200 gr. Brot und 11 Zuckerrübensuppe erhalten. Ge-
filzt und beraubt wurden wir bei jeder Gelegenheit, so daß uns nur die Sold-
bücher und Familienbilder geblieben sind. Anstatt Stiefeln hatten wir nur
die russischen Wallonki oder Zeltschuhe, manche mußten barfuß laufen.
Drei ukrainische Hilfswillige wurden vor unseren Augen durch die NKWD-
Gendarmerie erschossen. Sehr viele verwundete und erschöpfte Soldaten,
hauptsächlich aus Königsberg und dem Samland, sind unterwegs liegenge-
blieben.
In Königsberg wurden wir in die Infanterie-Kasernen hineingedrängt, wo
wir auch das Kriegsende am 08.05.45 erlebt haben, krank und hoffnungslos.
In Pillau in den Himmelreichsbaracken der Kurfürst-Kaserne hat meine
Soldatenzeit begonnen, und vor Pillau fand sie ihr Ende."
Auch für Hans Luksch, einst Kriegsfreiwilliger, endete der Krieg anders
als erwartet. „Russische Gefangenschaft", so hatte er in den letzten Mona-
ten an der Front gehört, „ist schlimmer als der Tod". Hans Luksch:
„Am 25. April 1945 hörten wir, daß der Russe bereits auf der Nehrung sein
sollte. Da wir keine Munition mehr für unsere Geschütze hatten, wurden
wir mit Handfeuerwaffen und MGs ausgerüstet. Abends mußten wir raus,
um einen Angriff der Russen von der Seeseite abzuwehren. Unsere Lan-
dungsboote mußten wegen des gezielten Feuers der Russen die Anbord-
nahme von Verwundeten vorübergehend unterbrechen.
Am 26. April vollzog sich mein Schicksal. Das Artilleriefeuer der Russen
wurde so stark, daß wir uns aus unserem Bunker nicht mehr herauswagen
konnten. Wir saßen buchstäblich fest, wie in einer Mausefalle aus Beton. Uns
war jetzt auch alles egal. Wir begannen die Stunden zu zählen. Und mit je-
der Stunde schwand die Hoffnung, hier noch herauszukommen. Als des
Nachts die Russen das Feuer auf Pillau eingestellt hatten, wußten wir: Pil-
lau ist gefallen.
Wir begannen unsere Gasmasken wegzulegen und unsere Waffen. Meine
Uhr versteckte ich und nahm auch dem toten Leutnant neben mir Uhr und
Erkennungsmarke ab. Nicht lange danach betrat der erste Russe unseren
Bunker, er war noch sehr jung. Mit der Maschinenpistole im Anschlag ver-
langte er nicht etwa als erstes unsere Waffen, sondern unsere Uhren. Ich gab
ihm beides, weil er es sonst mit Gewalt genommen hätte. Für uns war in die-
ser Stunde der Krieg beendet, doch Grausameres stand uns noch bevor."
Am 26. April 1945 war der Kampf um Pillau zu Ende gegangen. Um 4.30
Uhr hatte der letzte Marinefährprahm am Nordhafen abgelegt. Die Zurück-
bleibenden mußten auf weitere Prähme warten. Doch es kam keiner mehr.
Plötzlich waren die Russen da. Als sie ihre Maschinengewehre in Stellung
brachten, hoben die letzten deutschen Verteidiger die Arme. In einer langen
Kolonne marschierten sie durch die Seestadt. Die meisten Soldaten sahen
nur geradeaus, denn links und rechts lagen nur Tote. Deutsche und Russen.
Mehr als 600.000 Menschen aus Ost- und Westpreußen sind durch Pillau
geschleust worden. Rund 8.000 Soldaten sind beim Kampf um Pillau gefal-
147
len. Zehn Tage brauchten die sowjetischen Truppen, trotz einer ungeheuren
Übermacht an Menschen und Material, für die letzten zwölf Kilometer zum
Pillauer Seetief. Pillau hatte nicht kapituliert.
8.000 Soldaten, die im letzten Augenblick noch auf die Nehrung gelangt
waren, hatten sich noch einmal formiert, um die nachdrängenden russi-
schen Marineinfanteristen und Gardepioniere aufzuhalten. Erst 24 Stunden
später gelang es diesen, eine Pontonbrücke über das Seetief zu schlagen.
General Henke - im Nahkampf gefallen
Die Batterie Mövenhaken kämpfte am 26. April bis in die frühen Nach-
mittagsstunden.
Um 15.30 Uhr setzte sie, wie schon erwähnt, den letzten Funkspruch an
den Seekommandanten Pillau ab: „Munition verschossen, Geschütze ge-
sprengt. Geheimakten vernichtet. Melde mich ab. Heil unserem Führer!"
Bei der Batterie Kaddig war gegen 22.00 Uhr nur noch eines der vier Ge-
schütze gefechtsklar. Um Mitternacht wurde auch diese Batterie von den
Russen überwältigt.
Der Kommandeur des Flakgruppenkommandos Pillau, Korvettenkapitän
M. A. d.R. Ruthenberg, hatte sich zur Flakbatterie Lehmberg begeben, die in
der Nacht zum 26. April sowohl den Batteriechef als auch dessen Stellver-
treter verloren hatte. Danach hatte Hauptmann Kurt Knebel das Komman-
do übernommen.
Im Morgengrauen des 26. April stieß Generalmajor Henke zur Batterie
und organisierte eine Kampfgruppe aus verschiedenen Truppenteilen zur
Nahverteidigung. Nur dadurch konnte sie sich noch eine Weile halten.
Über Generalmajor Karl Henke, seinen letzten Einsatz und seinen Tod, be-
richtete der Oberbefehlshaber der „Armee Ostpreußen", General der Pan-
zertruppen Dietrich von Saucken:
„Die aufopfernde Arbeit der Pionierlandeboote in den verschiedenen
Phasen des Abwehrkampfes in Ostpreußen fand ihren Höhepunkt in der
Leistung beim Übersetzen in der Nacht vom 24. zum 25. April über das Pil-
lauer Tief.
Die Pionierlandetruppen wetteiferten mit den Marinefährprähmen im
Wegschaffen von Flüchtlingen, Verwundeten und Truppen, unbekümmert
um Feindeinwirkung aus der Luft und von der Erde.
Der Kommandeur der tapferen Pioniereinheiten, General Karl Henke, lei-
tete das Übersetzen, solange es irgend ging.
Bei der Armee wurde ein Funkspruch von ihm aufgenommen, wonach er
sich in der Flakbatterie Lehmberg in Neutief verteidigte. Der Versuch, ihn
und die tapferen Verteidiger dieser Batterie nachts von See her durch seine
Boote zu entsetzen, schlug leider fehl. Die Landung unterblieb, da man
glaubte, auf Russen gestoßen zu sein.
General Henke gelang es, aus Soldaten aller Wehrmachtsteile im Mor-
148
gengrauen eine Kampfgruppe zu bilden. Bald aber wurde durch den Geg-
ner, welcher nach stundenlangem Trommelfeuer in Neu tief gelandet war,
die Batterie umgangen, und - außer an der Seeküste - eingeschlossen, in der
Hoffnung auf die nächtliche Ankunft der Boote, eine Aufforderung des Fein-
des zur Übergabe ablehnend, setzte diese Gruppe, obwohl schließlich nur
noch ein Flakgeschütz feuern konnte, ihren tapferen Kampf fort.
Einer der Mitkämpfer sagte:
,Trotzdem gelang es General Henke, der selbst wie ein Löwe focht, sich
den Gegner bis zur Nacht, sogar bis in die Nachmittagsstunden des folgen-
den Tages, vom Leibe zu halten/
Am 27. April um 15.30 Uhr fiel die Batterie, und General Henke fand im
Nahkampf den Tod.
Der russische Kommandeur der Truppe, die die Batterie gestürmt hatte,
erlaubte den Überlebenden der Batteriebesatzung Lehmberg, bevor sie in
die Gefangenschaft abgeführt wurden, ihren General in der Erde des Lehm-
berges zu bestatten."
Der Endkampf auf der Frischen Nehrung
Alle, die der „Hölle von Pillau" noch entkommen konnten, suchten Zu-
flucht auf der Frischen Nehrung. Dieser 56 Kilometer lange und bis zu 1,8
Kilometer breite, mit Kiefern und Wacholder bewachsene Landstreifen, der
seinen Ursprung in Sandablagerungen und Anschwemmungen hatte und
an dessen südliches Ende sich die Weichselniederung, das Flußsystem des
Weichseldeltas und der Nogat anschließt, bot nach der Räumung der Fe-
stung Pillau ein chaotisches und trostloses Bild.
Zurückflutende Soldaten, Reste zerschlagener Divisionen, Trosse, Bauba-
taillone, Militärfahrzeuge und dazwischen Flüchtlinge. Einzelne, kleine
Gruppen, Treckwagen, Frauen, Kinder, Greise, auf kleinen Wagen, Koffer,
Bündel nachziehend. An den Wegrändern lagen Reste der monatelangen
Flucht über die Nehrung, kaputte Fuhrwerke, Pferdekadaver, aufgebroche-
nes Gepäck, getötete oder gestorbene Flüchtlinge, die man hatte nicht beer-
digen können. Furcht und Grauen erregende Bilder, überall wohin man sah.
Jetzt flohen die letzten auf diesem Weg nach Westen. Soldaten versorgten
die Flüchtlinge mit Verpflegung und Trinkbarem, Säuglinge und Kleinst-
kinder starben, da es keine Milch gab, Greise fielen vor Erschöpfung tot um.
Unterkünfte gab es nicht, die Menschen schliefen unter freiem Himmel un-
ter Bäumen.
Und über allen russische Bomber und Schlachtflugzeuge. Vom erwa-
chenden Morgen bis zur Abenddämmerung ließen sie den Tod vom Him-
mel fallen. Tiefflieger auf Menschenjagd rasten über die Flüchtenden, töte-
ten mit den Geschoßgarben ihrer Bordwaffen Menschen und Pferde, zer-
schossen die Fahrzeuge, die liegenblieben, den Weg verstopften, zu brennen
begannen.
149
Die deutsche Flak konnte die Angriffe kaum noch abwehren, es fehlte an
Geschützen, vor allem an Munition.
In den wenig widerstandsfähigen Sandstellungen versuchten Soldaten,
den vordringenden Feind abzuwehren oder zumindest aufzuhalten, damit
die Flüchtlinge wenigstens bis Kahlberg gelangen konnten. Dort lagen klei-
ne Schiffe, Fähren, Boote, Prähme, die sie auf die Halbinsel Heia brachten.
Die Reste verschiedener Divisionen, die von Pillau übergesetzt worden
waren, der 50. und 83. Infanterie-Division und der 551. Volks-Grenadier-Di-
vision, wurden in die 28. Jäger-Division eingegliedert, Teile der 21. Infante-
rie-Division und der 5. Panzer-Division wurden in die 14. Division auf-
genommen, hierzu gehörten auch Reste der Division „Großdeutschland".
Der Kampf auf der Frischen Nehrung wurde zunächst verantwortlich ge-
führt vom VI. Armeekorps, General der Infanterie Großmann. Mit den ihm
zur Verfügung stehenden Truppen mußte er sich gegenüber den weitaus
überlegenen Verbänden der Roten Armee zur Wehr setzen. Obwohl dies ge-
schah, wurden die deutschen Verteidiger immer stärker zurückgedrängt,
die Übermacht der Sowjets war zu groß.
Am 30. April konzentrierten die Russen ihren Angriff auf den vorderen
Riegel bei Narmeln. Der Ort liegt etwa auf der Mitte der Nehrung, der Mün-
dung der Passarge bei Braunsberg gegenüber. Ein gleichzeitiger Versuch des
Feindes, ein Landeunternehmen durchzuführen, mißlang. Das wirkungs-
volle Abwehrfeuer zwang die zwei russischen Boote auf der Ostsee, wieder
abzudrehen. Auch der Versuch der Russen, auf der Haffseite mit Booten
Truppen zu landen, schlug fehl. Hier sollten zwei Infanterie-Regimenter
und eine Artillerie-Abteilung auf Holzbooten mit Schrauben- und Räderan-
trieb landen. Einige Boote wurden versenkt, und es wurden auch Gefangene
gemacht.
Trotz des heftigen Abwehrkampfes überrollten die Russen die Haupt-
kampflinie; die Verteidiger, die sich tapfer wehrten und 26 sowjetische Pan-
zer abschossen, mußten sich auf den nächsten weiter südlich liegenden Rie-
gel zurückziehen. Narmeln ging an diesem Tage verloren. Am 1. Mai ging
auch dieser letzte Riegel im Abschnitt des VI. Korps verloren.
Der Oberbefehlshaber der „Armee Ostpreußen", General der Panzer-
truppen von Saucken, der sich mit seinem Stab auf der Halbinsel Heia be-
fand, beauftragte das IX. Korps unter Führung des Generals der Artillerie
Wuthmann mit der weiteren Verteidigung der Frischen Nehrung. Dem IX.
Armee-Korps wurde zur Sicherung der Ufer der Nehrungsküste eine Auf-
klärungsabteilung der 4. Panzer-Division unterstellt.
Am 1. Mai standen die sowjetischen Truppen vor Kahlberg, das sie am 3.
Mai besetzen konnten. Damit war der letzte Quadratmeter ostpreußischen
Bodens verlorengegangen.
Zu diesem Zeitpunkt existierten im Osten der Front noch zwei
Verteidigungsstützpunkte: der Stützpunkt an der Weichselniederung und
der auf der Halbinsel Heia.
150
Der Brückenkopf ostwärts der Weichsel wurde vom XVIIL Gebirgskorps
unter General der Infanterie Hochbaum verteidigt, während die 4. Panzer-
Division und die 7. Infanterie-Division das überschwemmte Gelände zwi-
schen Haff und Weichsel hielten. Im Anschluß daran stand das XIII. Armee-
Korps unter General der Infanterie Melzer.
Diese kampfgeschwächten Verbände ohne schwere Artillerie und ohne
Panzer hatten die Aufgabe, den Hafen Schiewenhorst so lange zu verteidi-
gen, bis Schiffe der Kriegs- und Handelsmarine die letzten Transporte
durchgeführt hatten. So wurden am 6. Mai 42.901 Personen, in der Nacht
zum 7. Mai 16.300 und in der nächsten Nacht nochmals 17.700 Menschen
von Schiewenhorst abtransportiert, in drei Tagen und Nächten insgesamt
rund 77.000 Menschen.
Der Druck der sowjetischen Angreifer war auf der Nehrung inzwischen
so stark geworden, daß sich die Verteidiger zur Küste zurückziehen mußten
und Trutenau und Boden winkel verlorengingen. Danach blieb nur noch ein
schmaler Küstenstreifen zur Verteidigung über; er war nur 800 Meter breit.
Den Verteidigern, Resten des Panzer-Regiments 35 der 4. Panzer-Divisi-
on, standen noch acht Panzer vom Typ „Panther" zur Verfügung, die von
freiwilligen Offizieren besetzt wurden.
Die Offiziere hatten sich entschlossen, mit ihren Panzern bei Stutthof noch
einen Gegenangriff durchzuführen, um das Absetzen der Kameraden zur
Küste zu schützen. Doch ab 14 Uhr liefen keine Schiffe mehr die Küsten an;
nur noch einige kleine Flöße setzten vollbesetzt ab. Der Rest mußte an Land
bleiben, für sie gab es keine Rettung in die Freiheit mehr, die Unfreiheit in
russischer Gefangenschaft drohte.
Der Kampf auf der Nehrung war zu Ende. Nur noch ein Stützpunkt be-
fand sich in der Hand der deutschen Truppen: die Halbinsel Heia.
100.000 marschieren in die Gefangenschaft
Am 1. Mai, als der Tod Adolf Hitlers bekanntgegeben wurde und Großad-
miral Dönitz seine Nachfolge antrat, befanden sich auf der Halbinsel Heia
noch fast 150.000 Soldaten und Verwundete und einige zehntausend Flücht-
linge. Der Tod Hitlers löste bei vielen die Hoffnung aus, daß der Krieg nur
noch einige Tage dauern würde. Doch auch Angst und Sorge machten sich
auf Heia breit: Wer würde noch mit einem Schiff über die Ostsee gerettet
werden - wer würde Zurückbleiben und in russische Gefangenschaft mar-
schieren müssen!?
Major i.G. Udo Ritgen, der im Auftrage von Oberst Schöpfer als verant-
wortlicher Einschiffungsoffizier den Abtransport von Flüchtlingen, Ver-
wundeten und Soldaten leitete, hatte bis zum 1. Mai bereits über 400.000
Menschen von Heia über die Ostsee bringen lassen. Doch die Anzahl der
Schiffe, die Heia-Reede anliefen, wurde von Tag zu Tag geringer, ebenso die
Größe der Schiffe.
151
Die großen Passagierschiffe, die in den letzten Wochen auf Heia-Reede je-
weils 5.000, 7.000, manche sogar 10.000 Menschen, wie z.B. der Dampfer
„Deutschland", an Bord nahmen und nach Kopenhagen brachten, waren
nicht mehr fahrbereit, hatten keine Kohlen und kein Öl mehr, oder lagen auf
dem Meeresgrund, wie z.B. die „Cap Arcona", der Dampfer „Deutschland",
die „Hamburg" und viele andere.
Die Schiffe, die ab 5. Mai Heia anliefen, waren fast ausnahmslos kleinere
Kriegsschiffe, die für den Massentransport von Menschen nicht geeignet
waren, aber den Vorteil der Schnelligkeit hatten; sie konnten laden, in Kiel
oder einem anderen Hafen ausladen, wieder nach Heia kommen und wie-
der laden und auslaufen.
Doch nicht nur Oberst Schöpfer und Major Ritgen, sondern auch General
von Saucken wurde am 6. Mai, zwei Tage vor Inkrafttreten der Kapitulati-
on, der Nacht vom 8. zum 9. Mai, 00.00 Uhr, bewußt, daß mindestens zwei
Drittel der auf Heia noch auf den Abtransport wartenden Soldaten würden
Zurückbleiben müssen; sie hofften aber, wenigstens die Flüchtlinge und Ver-
wundeten noch abtransportieren zu können.
Am Sonntag, den 8. Mai, am späten Nachmittag, wurde der letzte Tages-
befehl von General von Saucken, dem Oberbefehlshaber der „Armee Ost-
preußen" bekanntgegeben, der mit den Sätzen endete:
„Wir müssen uns damit abfinden, es ist kein Schiff mehr da und keines
mehr zu erwarten. Wenn wir in russische Gefangenschaft gehen müssen, so
soll es mit Haltung geschehen und im Bewußtsein, daß wir bis zuletzt un-
sere Pflicht getan haben."
Als unter den Zurückgebliebenen Unruhe ausbrach und Tausende in den
Hafen stürmten in der Hoffnung, daß doch noch Schiffe kommen würden,
fuhr der Oberbefehlshaber General von Saucken in das Hafengelände, das
schon in der Dämmerung lag. In wenigen Worten, auf dem Sitz eines Kü-
belwagens stehend, Tausende von Soldatenköpfen überblickend, erklärte er,
warum keine Schiffe mehr erwartet und warum alle Soldaten, die sich jetzt
noch auf Heia befänden, in den nächsten Tagen mit ihm in sowjetische Ge-
fangenschaft gehen müßten. Schweigend hörten die Soldaten diese letzten
Worte ihres Oberbefehlshabers. Langsam, in Gedanken versunken, gingen
sie auseinander, zurück zu ihren Biwakplätzen in den Dünenwald.
Am nächsten Tag, dem 9. Mai 1945, erklang aus den Lautsprechern auf
Heia der letzte Wehrmachtsbericht:
„Auf Befehl des Großadmirals Dönitz hat die Wehrmacht an allen Fron-
ten den aussichtslos gewordenen Kampf eingestellt...
In Ostpreußen haben deutsche Divisionen noch gestern die Weichsel-
mündung und den Westteil der Frischen Nehrung tapfer verteidigt...
Dem Oberbefehlshaber der Armee Ostpreußen, General der Panzertrup-
pen von Saucken, wurden die Brillanten mit Schwertern zum Ritterkreuz
verliehen!"
Am folgenden Tag begannen sich die zurückgebliebenen Soldaten zu ord-
152
nen. Diszipliniert sammelten sie sich nach Einheiten und Verbänden. Es wa-
ren mehr als 100.000, darunter mehr als 30.000 Ostpreußenkämpfer.
Zu ihren gehörten aber auch die Grenadiere der 32. Infanterie-Division,
die den sowjetischen Truppen bis zum letzten Tag, dem Tag der Kapitulati-
on, den Zugang zu der Halbinsel Heia verwehrt hatten und damit die
Voraussetzungen für den Abtransport von mehreren hunderttausend Men-
schen aus den Helaer Häfen, dem Kriegshafen und dem Fischereihafen, und
von Heia-Reede, wo die großen Passagierschiffe ankerten und beladen wur-
den, schufen. Kommandeur der 32. Infanterie-Division war General Boekh-
Behrens.
Der Divisions-Adjutant Scheumann-Werner schildert die letzten Tage auf
Heia:
„Am 9. Mai ruhten die Waffen. Noch etwas ungläubig sahen wir die er-
sten russischen Offiziere und Soldaten zwischen uns auf Heia auftauchen.
Sie sollten die Magazine und die Hafendienststellen übernehmen, die
Waffensammlungen bewachen und Verbindung mit den Führungsstäben
aufnehmen.
Der Oberbefehlshaber der ,Armee Ostpreußen', General von Saucken,
hatte unseren Kommandeur, General Boekh-Behrens, zu den Kapitulations-
verhandlungen bei der russischen Armee mitgenommen und beauftragte
ihn dann mit der Abwicklung der Kampfgruppe Heia.
Um ein reibungsloses Abfließen der 100.000 deutschen Soldaten von Heia
zu gewährleisten, mußte die deutsche Führung den Abmarsch organisieren.
Am 9. Mai früh begann die Bewegung. Drei Marschgruppen wurden ge-
bildet: 31. Volks-Grenadier-Division, 32. Infanterie-Division und eine dritte
Gruppe, insgesamt 100.000 Mann, setzten sich als Marschband in Bewegung
und räumten reibungslos in zwei Tagen Heia.
In den tiefen Sandwegen der Dünenhalbinsel war ein Überholen kaum
möglich. So hatte die 31. Volks-Grenadier-Division das Dorf Großendorf, am
Beginn der Halbinsel Heia auf dem Festland, schon passiert, als wir dort ein-
trafen.
Auch das Grenadier-Regiment 4, als Spitze der 32. Infanterie-Division,
war schon durch. Wir fuhren hinterher und verabschiedeten uns von ihm,
wobei der General noch Oberleutnant Beitz seine Beförderung zum Haupt-
mann und die Verleihung des Ritterkreuzes, sowie Oberst Schlagskoch die
Verleihung der Goldenen Nahkampfspange bekanntgeben konnte. Dann
fuhren wir zurück an die Straßengabel in Großendorf.
Schnell hatte es sich herumgesprochen: Der General steht rechts.
Was nun folgte, war der Beweis wirklichen deutschen Soldatentums.
Aus dem zu erwartenden Trauerzug eines geschlagenen Heeres wurde
ein trotziger, sieghafter Vorbeimarsch. Vor der Straßengabel ordneten sich
die durch den langen Anmarsch durch den tiefen Sand gelockerten Kom-
panien und Batterien, und in Marschkolonne Augen rechts marschieren sie,
einer nach dem anderen, in vorbildlicher Disziplin vorbei.
153
Hervorragend die III. Abteilung des Artillerieregiments 32, das I. Batail-
lon des Infanterieregiments 94 und dann die Sturmgeschützabteilung, ganz
in schwarzen Panzeruniformen, ihr Gepäck verladen, zum Teil im Ach-
tungsmarsch, sehr gut das Pionierbataillon.
Eine Einheit wie die andere. Dazwischen Bau-Kompanien, ihre Gepäck-
fahrzeuge wie die Wolgaschiffer an langen Tauen schleppend.
Und jeder einzelne richtete sich auf, sah unserem General ins Auge, und
bei jedem erkannte man den ungebrochenen Stolz, deutscher Soldat zu sein.
Wir schämten uns nicht der Tränen, die uns bei diesem Anblick in die Au-
gen traten."
Stunden, viele Stunden dauerte dieser Marsch, nur durch die Nacht un-
terbrochen. Nach zwei Tagen war Heia von den deutschen Truppen
geräumt. Der weite Weg nach Osten begann. Keiner ahnte, daß er so lange
dauern würde. Für Tausende wurde er zum Marsch in den Tod.
Zu den Soldaten, die auf Heia in die russische Gefangenschaft gerieten,
gehörte auch der Oberbefehlshaber der „Armee Ostpreußen", der in Fisch-
hausen in Ostpreußen geborene General Dietrich von Saucken. Erst zehn
Jahre nach Kriegsende, 1955, sah er die Heimat wieder.
Von den 3.155.000 deutschen Soldaten, die, oft mehrere Jahre, in sowjet-
russischen Gefangenenlagern unter oft unmenschlichen Bedingungen leben
und arbeiten mußten, starben 1.100.000. Sie sahen die Heimat nicht wieder.
Sie gehören zu den Millionen deutscher Soldaten, die im Zweiten Welt-
krieg ihr Leben verloren - Tote, die die Welt vergessen hat und an die kein
Denkmal in Deutschland erinnert.
154
2. Kapitel
Kriegsschauplatz
Ostpreußen 1944/45
Frontberichte deutscher Soldaten
Mit den ersten Feindberührungen an der Grenze des Memellandes im
Sommer und Frühherbst 1944 und der im Oktober 1944 folgenden Herbst-
Offensive der Roten Armee, die nicht mehr völlig über die Grenze zurück-
gedrängt werden konnte, wurde Ostpreußen zum Kriegsschauplatz. Die am
13. Januar 1945 begonnene Großoffensive der Roten Armee gegen Ost-
preußen endete erst am 3. Mai 1945, wenige Tage vor der bedingungslosen
Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, bei Kahlberg auf der Frischen Neh-
rung.
Was sich in den dazwischenliegenden Wochen und Monaten auf dem
Kriegsschauplatz Ostpreußen ereignete, ist im Kampf gegen die Rote Armee
auf deutschem Boden in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges ohne Bei-
Obwohl die Wehrmacht im Hinblick auf den zu erwartenden Großangriff
sowjetischer Truppen rechtzeitig und wiederholt die Evakuierung der Zi-
vilbevölkerung aus den grenznahen Gebieten gefordert hatte, lehnten die
Parteidienststellen alle Räumungsforderungen ab. Gutgläubige Ostpreußen
vertrauten noch immer der von Gauleiter Koch verbreiteten Erklärung:
„Ostpreußen ist deutsch - Ostpreußen bleibt deutsch - kein Russe wird
jemals ostpreußischen Boden betreten!zz
Mit der Ablehnung der auch von den Landräten geforderten Räumungs-
befehle begann die „Tragödie Ostpreußen".
Nach dem ersten Russeneinbruch im Oktober 1944 in die Kreise Gum-
binnen-Goldap hatten bereits viele Ostpreußen mit der Eisenbahn oder mit
Trecks ihre Heimat verlassen, doch ebensoviele waren auf ihren Höfen, in
ihren Dörfern und Städten geblieben in der Hoffnung, daß es der deutschen
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Wehrmacht gelingen würde, angreifende russische Truppen wieder hinter
die Grenze zurückzuwerfen. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht, sie
konnte sich auch nicht erfüllen.
Mit einer mehr als zehnfachen Übermacht an Truppen und Material be-
gann Mitte Januar 1945 die Großoffensive der Roten Armee gegen Ost-
preußen. Die ersten deutschen Verteidigungsstellungen, durch Bombenan-
griffe der russischen Luftwaffe und schweren, konzentrierten Granatwerfer-
und Artilleriebeschuß sturmreif geschossen, wurden buchstäblich über-
rannt. Die deutschen Verteidiger boten zwar alle Kräfte auf, konnten aber
den Vormarsch der russischen Truppen nicht aufhalten; sie konnten ihn
durch verbissene Verteidigung nur verzögern.
Das erwartete Chaos trat ein. In aller Eile, bei grausiger Kälte bis 25 Grad
unter Null, eisigem Wind und anhaltendem Schneefall zusammengestellte
Flüchtlingstrecks verstopften die Straßen, behinderten Truppenbewegun-
gen, gerieten zwischen die Fronten, wurden von russischen Panzern über-
rollt. Zerschossene, geplünderte Wagen und Tote blieben an den Straßen-
rändern liegen.
Das war das Kampfgebiet in Ostpreußen, das deutsche Soldaten zu ver-
teidigen hatten. Sie alle wußten, welches Schicksal den ostpreußischen Frau-
en bevorstand, wenn sie in die Hände der Rotarmisten fielen. Deshalb sa-
hen sie sich vor zwei Aufgaben gestellt: dafür zu sorgen, daß die Zivilbe-
völkerung aus den Kampfräumen abtransportiert wurde und daß diese
Kampfräume solange verteidigt würden, bis die letzten Zivilisten fort wa-
ren.
Was deutsche Soldaten nicht nur bei der Verteidigung Ostpreußens, son-
dern auch im humanitären Einsatz für die ostpreußische Bevölkerung ge-
leistet haben, verdient eine besondere Würdigung. Viele Soldaten wurden
bei diesem Einsatz verwundet oder verloren ihr Leben.
Vierzehn Tage nach Beginn der Offensive hatten Truppen der Roten Ar-
mee Königsberg erreicht und eingekesselt, es gelang ihnen aber erst nach 70
Tagen Belagerung, die Stadt in einem dreitägigen Sturmangriff am 9. April
1945 zu besetzen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Pommernhäfen Stolp-
münde (8. März) und die Festung Kolberg (18. März) bereits in den Händen
der Roten Armee. In den letzten Märztagen 1945 war es der Roten Armee
auch noch gelungen, die Häfen der Danziger Bucht, Gotenhafen und Dan-
zig, zu besetzen.
Ostpreußen wurde im April, auch nach der Kapitulation von Königsberg,
mit allen Kräften weiter verteidigt.
Das hart umkämpfte Pillau, der große Flüchtlingshafen Ostpreußens, fiel
erst am 26. April in russische Hände, zu einem Zeitpunkt, als die Russen be-
reits in den Vorstädten Berlins kämpften und Stettin eingeschlossen war.
Erst am 3. Mai 1945 ging bei den Endkämpfen auf der Kurischen Nehrung
bei Kahlberg der letzte Quadratmeter ostpreußischen Bodens verloren.
Die hartnäckige Verteidigung Ostpreußens band viele sowjetische Divi-
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sionen, wie dies auch an der Kurlandfront geschah, die sich bis zum Tage
der Kapitulation am 8. Mai 1945 mit den Kurlandhäfen Libau und Windau
halten konnte.
Wäre die Kurlandfront und Ostpreußen früher auf gegeben worden, hät-
te die Rote Armee die dort freigewordenen Divisionen woanders einsetzen
können. Ihr Vormarsch hätte dann sicher nicht an der Oder bei Stettin ge-
endet, sondern in Schleswig-Holstein und an Rhein und Ruhr. Das wäre ei-
ne noch größere Katastrophe gewesen. Wenn man die Verteidigung Ost-
preußens unter diesem Aspekt sieht, haben deutsche Soldaten auf dem
Kriegsschauplatz Ostpreußen Vorbildliches geleistet; Gefangenschaft, Ver-
wundung und Tod sind dann nicht umsonst gewesen.
Bücher über Ostpreußen gibt es viele, Bücher über den Krieg in Ost-
preußen wenige. Zwei Dokumentationen, die besonders wichtig und le-
senswert sind: „Der Kampf um Ostpreußen" von General Großmann und
Major Dieckert, erschienen 1960, und „So fiel Königsberg" von General
Lasch, dem letzten Föstungskommandanten von Königsberg, erschienen
1965. Beide Bücher schildern den Kampf in Ostpreußen und Königsberg aus
der Sicht von Offizieren.
Die nachfolgenden „Frontberichte deutscher Soldaten" haben Soldaten,
zumeist Gefreite und Obergefreite, die das Frontgeschehen unmittelbar er-
lebten, geschrieben. Mit eigenen Worten schildern sie ihre Erlebnisse an der
Ostpreußen-Front. Manche von ihnen wurden verwundet und gelangten
mit einem Schiff in die Heimat, andere retteten sich im letzten Augenblick
auf die Halbinsel Heia, wieder andere mußten die schwere Last sowjetischer
Gefangenschaft ertragen.
Doch alle haben eines gemeinsam: Den „Kriegsschauplatz Ostpreußen"
werden sie zeitlebens nicht vergessen.
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Dokument 1
Schwabe, Horst
Geboren am 19. November 1924
Dienstrang: Gefreiter
Einheit: 561. Volksgrenadier-Division
Stab II. Bataillon, Regiment 1141.
Später 28. Jäger-Division
Ostpreußen-
Einsatz: 30. Juli 1944 - 26. April 1945
Verwundet: 26. April 1945 bei Narmeln
Rücktransport: Kahlberg-Stutthof-Hela-
Kopenhagen mit Minenschiff
„Lothringen"
Ankunft
Kopenhagen: 1. Mai 1945
Als Meldegänger bei der 561. Volksgrenadier-Division
Seit 15. Januar 1943 Soldat, versetzte man mich nach einer halbwegs aus-
kurierten Lungenentzündung im Juli 1944 zu einer Genesungskompanie
nach Braunsberg in Ostpreußen. Ich wurde der 561. Volksgrenadier-Divisi-
on zugewiesen, die in nur zwei Wochen aufgestellt und bereits am 30. Juli
1944 über Labiau, Tilsit mit der Eisenbahn nach Tauroggen transportiert
wurde. Kaum angelangt - die Lage erforderte es - ging es am 1. August 1944
eiligst, wieder mit der Bahn, nach Eydtkau, wo wir bereits während des
Ausladens von sowjetischen Flugzeugen erwartet wurden.
Ich gehörte jetzt dem Stab II. Bataillon, Regiment 1141 und somit der 561.
Volksgrenadier-Division an. Mein Einsatz erstreckte sich auf Meldegänge zu
den Kompanien und auf die Verbindungssuche mit Offizieren zu benach-
barten Einheiten. In der übrigen Zeit arbeitete ich als Gefechtszeichner. Als
Auszeichnung erhielt ich das EK 2. Das evangelische Liederbuch in meiner
Brusttasche wurde auf einem Meldegang von einer Kugel durchschlagen,
diese hinterließ eine Spur und blieb stecken. Buch und Kugel sind heute
noch vorhanden.
Bis zum 16. Oktober 1944 lagen wir südöstlich von Eydtkau, wenige Ki-
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lometer von der ostpreußischen Grenze entfernt. An diesem Tag erfolgte der
erste Großangriff der Sowjets auf die 4. Armee in Ostpreußen, wobei wir
über die Grenze bis Sonnenmoor, nordwestlich von Ebenrode, zurück-
gedrängt wurden. Unsere Verluste waren so groß, daß unsere Einheit Ende
Oktober neu aufgestellt werden mußte.
Als am 13. Januar 1945 die 2. sowjetische Großoffensive gegen Ostpreußen
begann, gehörte unsere Division zur 3. Panzerarmee. Wir waren Infanterie,
die über einige Granatwerfer und bespannte Fahrzeuge verfügte, und wir
lagen an der Memel, in der äußersten Ecke Ostpreußens, in Memelwalde.
Die Stellung direkt am Fluß war noch nicht durchgängig mit Schützen-
gräben ausgebaut. Gegenüber konnte man die Russen sehen.
Am 13., 14. und 15. Januar hörten wir in südlicher Richtung das immer
stärker werdende Geschützfeuer. Erst am 16. Januar durfte der vorsprin-
gende Bogen der 3. Panzerarmee, wohl zu spät, geräumt werden.
Unsere Kompanien (5., 6., 7. und 8 schwere) setzten sich erst in der Dun-
kelheit in Bewegung. Ich zerstörte den von mir gefertigten Sandkasten, an
dem die Offiziere geübt hatten, und der Schreiber Schreiter holte merkwür-
digerweise aus der Gemeindebücherei Goethe und Schiller in einer Schub-
karre. Wir vom Stab hatten den Troß zu schützen und damit die Rücken-
deckung unserer Einheit zu übernehmen. So schritten wir, nochmals
zurückblickend auf das verlassene Memelwalde, durch den Winterwald, bis
wir nach wenigen Kilometern am Waldrand die lichterloh brennenden
Holzbunker des Regiments 1141 sahen. Dies erinnerte mich an ein Gedicht
in meinem Lesebuch - Der Drescher der Masuren - Wilhelm von Scholz „Ei-
ne Scheune gibt's im Masurenland: Scheunen stehn in lichtem Brand..."
Wir zogen immer weiter. Da kamen die Offiziere Koll und Lenz und teil-
ten nachdenklich mit, daß der Russe nördlich von Breitenstein bereits durch-
gebrochen sei; es habe Kämpfe mit der Regimentsreserve gegeben, wobei
diese nahezu aufgerieben worden sei.
Als es hell wurde und wir im Bereich der Inster-Stellung waren, lag da ein
zerschossener russischer Panzer. Das bedeutete: Wir befanden uns im
Rücken der Russen.
Eine Erkundungsfahrt mit dem Pkw des Kommandeurs in Richtung Til-
sit mußte abgebrochen werden, es war unheimlich ruhig. So zogen wir
schließlich wieder weiter, in schwach südwestlicher Richtung. Meistens
nachts strebten wir der Deime zu.
Es war nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Mal hatten wir kei-
ne Verbindung zu einzelnen Kompanien, mal trafen wir uns wieder nachts.
Es kam auch vor, daß man diskutierte, wie man weiter kommen solle. So sah
ich noch Dr. Dr. Berghemer mit seinem Rotkreuzwagen in der Nacht in Rich-
tung Insterburg fahren, während wir westwärts nächtlich von russischen
Panzern beschossen wurden.
Dann trafen wir nachts in einer Schule eine Radfahreinheit unter Graf von
Strachwitz, und so ging es immer in Richtung Deime.
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Doch der Russe war schneller. Endlich war wieder ein großer Teil zusam-
men, da wurden wir plötzlich von allen Seiten beschossen. Unsere Maschi-
nengewehre schossen zurück in die Richtung, wo der Russe vermutet wur-
de. Im Schutz der Bäume erkannten wir zu spät, daß uns der Russe erwar-
tet hatte und von Bäumen aus uns aufs Korn nahm. So wurden wir wieder
getrennt.
Unsere noch fahrbereiten Wagen, auf denen auch Flüchtlinge mitgenom-
men wurden, die zu spät über die Lage informiert worden waren, versuch-
ten bis Tapiau zu gelangen. Wir hingegen marschierten im Wald und auf die
zugefrorene Deime zu. Nachdem wir uns mit den in der Stellung liegenden
Luftwaffeneinheiten verständigt hatten, krochen wir auf allen Vieren über
das Eis. Hierbei waren keine Verluste zu beklagen.
Hinter der schwach besetzten Deimestellung Labiau/Tapiau, die zu die-
ser Zeit von den Russen durchbrochen wurde, sammelten wir uns in Gold-
bach. Dabei wurden wir sofort beschossen, denn südlich des Pregels dräng-
te der Russe auf das Haff zu. In einem Haus, in dem wir kurz Schutz such-
ten, wurde im gleichen Raum, in dem ich mich befand, ein Unteroffizier
durch einen Granatsplitter getötet. Dies bewog die noch anwesenden Haus-
bewohner zur sofortigen Flucht. Links vor uns über den Pregel hörten wir
ständig die Geschütze der russischen Panzer.
Es gab nur noch die Möglichkeit, die Festung Königsberg zu erreichen,
um nicht abgeschnitten zu werden. So zogen wir weiter, ohne die Russen bei
Willkühnen aufhalten zu können, obwohl dort noch genügend Munition für
unsere Granatwerfer lag. Weniger als einen Kilometer von uns entfernt
stürmte der Russe gut sichtbar mit jungen Leuten im Eilschritt weiter, auf
Königsberg zu.
Auf einem verlassenen Gutshof machten wir Rast. Ermüdet von einem
Meldegang legte ich mich hinter den Sessel unseres Hauptmanns Schwarz.
Ich war so tief in Schlaf versunken, daß ich einfach den Alarm, der gegeben
worden war, überhört hatte. Ich wurde wach, als plötzlich die Tür aufgeris-
sen wurde, ein Russe schaute in den leeren Raum, machte die Tür aber
gleich wieder zu. Ich sprang intuitiv hoch, riß das Fenster auf, sprang ins
Gebüsch und rannte so schnell ich konnte in Richtung meiner Einheit. Als
ich sie fand, rieben meine Kollegen mir meine Nase und meine Ohren sofort
mit Schnee ein, es war sehr kalt.
Bei Waldau, wohin wir dann gelangten, lag eine zerschossene russische
Fahrzeugkolonne. Dann tauchten die ersten deutschen Panzer auf, und wir
stießen auf Flüchtlingsgruppen, deren Gepäck wir auf unseren Wagen ver-
stauten. Ein Opa, der mit Filzpantoffeln im Straßengraben saß, wurde auf-
geladen und mitgenommen.
Verpflegung gab es zu dieser Zeit fast überhaupt keine. Deshalb freuten
wir uns über eine Molkerei, die am Wege lag. Hier nahm sich jeder von uns
einen der aufgereihten Käse unter den Arm.
In der Nähe des Flugplatzes Devau sammelten wir uns in den Unterstän-
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den der Flieger. Dort lagen Soldaten unter Decken. Sie hatten wie wir einen
langen Marsch hinter sich und waren total erschöpft.
Ich hatte keine Gelegenheit mich auszuruhen, sondern mußte auf einem
Meldegang erforschen, wie weit der Russe herangekommen war. Ich fand
im Wald einen zerschossenen Wagen und ein Flugblatt. Darauf stand zu le-
sen: „Es ist die letzte Stellung". Offenbar glaubten die Russen, Königsberg
in den nächsten Tagen besetzen zu können. Russische Stellungen konnte ich
in der Nähe nicht erkunden, im Wald herrschte totale Ruhe.
Am nächsten Tag kamen wir an das Fort Stein. Mit einem Offizier mußte
ich dort Meßtischblätter holen. Es war eine sehr alte Befestigungsanlage. Als
ich zurückkam, hatte eine Granate mein Lager in meinem Keller zerstört. Ich
hatte Glück gehabt, zu dieser Zeit nicht in dem Keller gewesen zu sein.
Nachdem wir einen Tag in Häuserblocks an der Mühle Lauth gelegen hat-
ten, mußte unsere Division den Westteil von Königsberg verteidigen. Über
Quednau zogen wir nach Charlottenburg.
Mitte Februar 1945 gelang es, trotz schwerster Bombenangriffe die Ver-
bindung nach Pillau wieder herzustellen. Unsere Division hatte die Aufga-
be, die 5. Panzerdivision in Königsberg abzulösen. Dabei hatten wir wieder
starke Verluste. Einstürzende Häuser begruben Kameraden, ich hingegen
kam gerade noch aus einem brennenden Haus heraus. Während der Wache
fiel neben mir mein Kamerad Arney durch Bordwaffenbeschuß eines Flug-
zeuges.
Als am 6. April 1945 der Großangriff der Russen auf die Festung Königs-
berg erfolgte, lagen wir in Moditten, direkt oder nahe am Abzweig der
Straße nach Pillau. Im Verlauf der Kämpfe wurde ein Teil unserer 561. Volks-
grenadier-Division zum Samland gedrückt. Oberstleutnant Dennhardt ver-
suchte, hier noch eine Front aufzubauen, obwohl kaum noch Infanterie vor-
handen war. Die Verluste waren hoch.
Abgelöst marschierten wir am Vierbrüderkrug vorbei nach Groß-Heyde-
krug und lagen danach im Wald in einem Zelt bei Bärwalde in Reserve. Der
Russe hatte seinen letzten Angriff im Samland auf Pillau begonnen.
Am 13. und 14. April waren wir in der Gegend Marschenen in der Front
auf der Halbinsel Peyse.
Am 15. und 16. April waren wir wenigen Überlebenden unseres Batail-
lons unter Hauptmann Schwarz im Schützengraben bei Zimmerbude ein-
gesetzt. Nachts konnte ich noch einen Meldegang machen, ohne aber eine
Verbindung zu einem anderen Regiment herstellen zu können. Tagsüber
von Stalinorgeln beschossen, wurden wir im Schützengraben niedergehal-
ten. Ein Mädchen kam weinend in den Wald gelaufen, ging dann in die Bun-
ker im Wald, schließlich wir auch, des Nachts.
Dort im Wald stand alles zusammen. Es herrschte eine gedrückte Stim-
mung. Oberleutnant Koll schrieb Listen. Man sprach davon, daß ein Durch-
kommen nach Fischhausen nicht mehr möglich sei. Das bedeutete russische
Gefangenschaft, wenn wir hier nicht mehr rauskämen.
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Am 18. April, gegen 02.00 Uhr nachts, kam ein Unteroffizier unserer
Nachrichteneinheit und fragte alle, einen nach dem anderen, wer es wagen
würde, auf einem provisorischen Floß nach Pillau mit zu fahren. Zuletzt
fragte er auch mich. Ich machte mit. Aus dieser gefährlichen und lebensbe-
drohenden Floßfahrt wurden wir, noch auf dem Wasser befindlich, von ei-
nem Sturmboot, das aus Pillau ausgelaufen war, gerettet. In einiger Entfer-
nung von uns waren auch noch weitere Flöße unterwegs nach Pillau.
Nachdem wir von dem Sturmboot in Strandnähe abgesetzt worden wa-
ren, legten wir uns zunächst erschöpft am Strand hin und versuchten unse-
re total durchnäßte Kleidung zu trocknen und etwas zu schlafen. Doch die
Kälte veranlaßte uns, weiter zu marschieren in Richtung Pillauer Hafen und
Festung. Flüchtlinge und Soldaten auf der Straße, tote Flüchtlinge und Sol-
daten am Straßenrand, so zeigte sich uns Pillau.
Am Stadteinang vor der Festung Pillau stand ein Ritterkreuzträger, bei
dem sich alle Soldaten melden mußten. Er wies uns gleich in den nahelie-
genden Schützengraben und nahm uns die Soldbücher ab. Danach erklärte
er uns, daß wir in der nächsten Nacht in andere Kampfgräben vor Pillau ge-
bracht würden.
In diesem Augenblick kam unverhofft unser Oberstleutnant von Wan-
genheim von der 561. Volksgrenadier-Division mit schwerem Gepäck vor-
bei. Mein Unteroffizier rief ihm zu, daß wir zu seiner Division gehörten.
Daraufhin mußte uns der Ritterkreuzträger unsere Soldbücher zurückge-
ben. Wir durften nun das schwere Gepäck unseres Oberstleutnants mehr
schleifen als tragen. Mit seiner Hilfe gelangten wir so mit ihm zu einer klei-
nen Fähre nach Neutief auf die Frische Nehrung.
Wir liefen im Sand an Flüchtlingen vorbei, die sich Höhlen gegraben hat-
ten, um hier auf die Russen zu warten; sie hatten jede Hoffnung aufgege-
ben, oder konnten wegen körperlicher Erschöpfung nicht mehr weiter.
Wir wurden nun in die 28. Jäger-Division eingereiht. Als ich die Aufgabe
erhielt, Mannschaften vom Troß in einen Schützengraben zu bringen, wur-
de ich auf dem Rückweg durch Bordwaffenbeschuß eines Tieffliegers am 26.
April 1945 bei Narmeln auf der Frischen Nehrung am Bein, an Ringfinger
und im Gesicht verwundet. Mit einem Pferdewagen brachte man mich in
den nahen Wald und dann in einen Sani-Wagen. Als der Fahrer dieses Wa-
gens nach Verwundung ausgefallen war, schleppte ich mich zu Fuß am
Geländer zu dem nahen Lazarett in Kahlberg.
Von dort wurde ich mit einer Lore bis Stutthof befördert. Hier wurde ich
auf eine Fähre verladen, die mich vor die Halbinsel Heia brachte. Auf der
Reede von Heia lag neben anderen Schiffen auch der Minenleger „Lothrin-
gen", ein ehemals französisches Fährschiff, im Juli 1940 in Frankreich er-
beutet. Die Übernahme auf See von der kleinen Fähre auf die „Lothringen"
gestaltete sich für mich etwas schwieriger, nur etwas unsanft konnte ich von
meinen Rettern auf mein Rettungsschiff, das bereits voller Flüchtlinge war,
übernommen werden.
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Durch den Blutverlust ohnmächtig geworden, kam ich erst im Verlauf der
Fahrt wieder zum Bewußtsein, ich befand mich unter dem Schreibtisch des
Maschineningenieurs und erfuhr, daß sich das Schiff südlich von Bornholm
befand und auf dem Weg nach Kopenhagen war.
Die meisten Flüchtlinge mußten die Reise Heia-Kopenhagen am Ober-
deck stehend erleben und sich bei dem herrschenden Seegang und der Käl-
te, vor allem in der Nacht, immer wieder festhalten.
Am 1. Mai 1945 legte die „Lothringen" an der Langen Linie im Kopenha-
gener Hafen an, wo ich sofort ausgeladen und auf das Verwundeten-Trans-
portschiff „Monte Rosa", das hier als schwimmendes Lazarett lag, verlegt
wurde und bis zum 22. Juni 1945 bleiben sollte.
Zurückdenkend kam mir zum Bewußtsein: mein letzter Meldegang auf
der Frischen Nehrung hatte mich vor der russischen Gefangenschaft be-
wahrt - und mein Leben gerettet.
Originalbericht 12 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
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Dokument 2
Rüd, Erich
Jahrgang 1925
Dienstrang: Gefreiter
Einheit: 18. Batterie im Flak-Regiment
Fallschirmjäger-Panzer-Division
„Hermann Göring"
Ostpreußen-
Einsatz: Oktober 1944 bis 15. März 1945
Verwundung: 15. März 1945
im Raum Braunsberg
Rücktransport: ab Pillau mit Fähre in die Danziger
Bucht / mit Dampfer „Deutsch-
land" nach Saßnitz / mit Dampfer
„Der Deutsche" nach Kopenhagen
Was in Alt-Wusterwitz wirklich geschah
Meine Einheit, mit der ich mich sechs Monate, von Oktober 1944 bis zu
meiner Verwundung Mitte März 1945, in Ostpreußen im Einsatz befand,
war die 18. Batterie unter Führung von Oberleutnant Behrens im Flak-Regi-
ment der Fallschirmjäger-Panzer-Division „Hermann Göring". Unser Zug
war ausgerüstet mit 2 cm-Vierlingsgeschützen auf Selbstfahrlafette.
Um den 20. Oktober 1944 sind wir im Erdeinsatz mit einer Infanterieein-
heit aus Richtung Insterburg zum Gegenangriff vorgestoßen. Nach mehrtä-
gigen Kämpfen erreichten wir den Ort Alt-Wusterwitz, der vorübergehend
von Soldaten der Roten Armee besetzt war und den wir zurückerobert hat-
ten.
Hier erlebten wir ein Bild des Grauens.
Etwa 20 bis 25 Zivilisten waren auf grausame Weise ermordet worden. An
mehreren Scheunentoren waren Männer und Frauen angenagelt. Nach den
verzerrten Gesichtsausdrücken muß dieses bei lebendigem Leibe geschehen
sein.
In einem Bauernhaus lag eine tote Frau, nackt, zwei kleine Kinder und ein
alter Mann, bestialisch erstochen, in einer Ecke.
Im Umkreis von ca. 300 Metern von der Ortsmitte aus lagen auf dem
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Acker oder in einem Garten mehrere Frauen, entkleidet, und es waren ih-
nen die Brüste abgeschnitten.
An anderer Stelle waren Frauen und Kinder auf einen Haufen gelegt und
angezündet worden. Auch diese Frauen waren entkleidet.
Außerdem fanden wir in den meisten Brunnen Leichen von Zivilisten. Da
das Wasser rot gefärbt war, muß man annehmen, daß auch diese Personen
erstochen worden sind.
Es sollte eine Kommission vom „Internationalen Roten Kreuz" kommen;
ob dies geschehen ist, weiß ich nicht.
Wir sind dann Anfang November 1944 in Alt-Wusterwitz an der Straße
nach Schulzenwalde in Winterstellung gegangen, zunächst im Freien und in
einer Scheune untergebracht, danach haben wir selbstgebaute Bunker be-
zogen.
Am 13. Januar 1945 setzte morgens Artilleriefeuer der Russen ein. Wir wa-
ren nicht vorgewarnt und hatten überhaupt noch nicht damit gerechnet. Am
Abend davor waren .wir noch mit einigen Kameraden ca. 10 Kilometer
zurück in einem Frontkino gewesen. Wir kamen erst gegen Mitternacht
zurück, und ich mußte gleich auf Posten ziehen.
Bei diesem ersten Artilleriefeuer der Russen hatten wir Treffer am Bunker
und an Stellungen: ein Toter, einige Verwundete. Da sich die russischen
Truppen unserer Stellung näherten und keine Infanterie mehr vor uns war,
mußten wir uns zurückziehen. Einige unserer Lkws sprangen bei der Kälte
nicht an; sie wurden von uns in aller Eile gesprengt.
In den nächsten zwei Monaten, bis Mitte März 1945, waren wir ständig
im Einsatz. Wir waren gut mit Treibstoff versorgt und hatten zunächst we-
nig Verluste, obwohl wir immer wieder an Brennpunkten des Kampfge-
schehens eingesetzt waren. Vielfach haben wir auch Flüchtlingstrecks
Schutz gegen Tieffliegerangriffe gegeben. Die Witterungsverhältnisse waren
in diesen Wintermonaten schlimm, oft hatten wir Temperaturen von 20 und
mehr Grad unter Null.
Am 14. März 1945 wurden wir, bei restloser Erschöpfung, durch eine an-
dere Einheit abgelöst. Wir sollten einige Kilometer hinter der Front eine neue
Auffangstellung beziehen.
Am Morgen des 15. März 1945 sahen wir in der Ferne einen russischen
Fesselballon. Unsere Geschütze und Fahrzeuge waren größtenteils noch oh-
ne Tarnung. Plötzlich schlugen Artilleriegranaten in unsere Stellung ein. Es
gab eine ganze Reihe von Verwundeten. Mir hatte es den Nacken auf-
gerissen, und das rechte Schienbein war zertrümmert. Auf dem Kühler ei-
nes Kübelwagens wurde ich zum Hauptverbandsplatz gefahren. Dort wur-
de ich notdürftig versorgt.
Nachts bin ich dann mit einem kleinen Lazarettzug von Braunsberg nach
Heiligenbeil gebracht worden. Hier kam ich in den Keller einer Schule, wel-
cher ursprünglich als Luftschutzkeller eingerichtet war. In meinem Raum
standen etwa zehn bis zwölf doppelstöckige Holzbetten mit Strohsäcken.
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Alle Betten waren mit Verwundeten belegt; einige von ihnen waren schon
verstorben. Auch auf dem Fußboden des Raumes lagen zum Teil Verwun-
dete. Vermutlich waren es etwa insgesamt einhundert Verwundete, die man
in diesem Schulkeller untergebracht hatte. Einige wenige Ärzte haben sich
aufopfernd Tag und Nacht um uns Soldaten gekümmert. Es waren aber
kaum Medikamente und Verbandsmaterial vorhanden.
Tagelang lag die Schule unter dem Beschuß russischer Granatwerfer.
Nach Aussagen der Sanitäter waren die Russen bereits mehrmals bis an die
Mauer der Schule vorgedrungen, konnten aber von den deutschen Vertei-
digern, die vor der Schule Stellung bezogen hatten, immer wieder zurück-
gedrängt werden. Die Frage war, wie lange noch.
Der Abtransport der Verwundeten aus dem Schulkeller konnte nur nachts
erfolgen. Da ich schwerverwundet war, wurde ich als einer der letzten
nachts mit einem Sanka, in dem bereits drei Verwundete lagen, abtranspor-
tiert.
Kaum waren wir mit dem Sanka unterwegs, als wir urplötzlich einen Voll-
treffer erhielten. Dabei hatte ich Glück im Unglück; ich kam mit dem
Schrecken davon. Man verlud mich auf meiner Trage liegend auf ein her-
beigeholtes Pferdefuhrwerk, das mich nach Rosenberg an das Frische Haff
in den Hafen brachte.
Hier wurde ich auf eine Siebelfähre verladen, die bereits völlig mit Ver-
wundeten, meist Schwerverwundeten, überfüllt war. Da ich als einer der
letzten aufgenommen worden war, denn die Fähre legte gleich nach meiner
Anbordnahme ab, wurde meine Trage unmittelbar am Ausleger der Fähre
abgestellt. Ich fror auf der Fahrt über das Frische Haff jämmerlich.
Als wir am nächsten Morgen, die Sonne schien und versprach einen schö-
nen Frühlingstag, in den Hafen von Pillau einliefen, erschienen am Himmel
plötzlich russische Bomber und Jagdflugzeuge, die den Hafen und die dar-
in liegenden Schiffe mit Bomben und Bordwaffenbeschuß angriffen; eine Be-
grüßung, die wir nicht erwartet hatten, die viele von uns nicht überleben
sollten.
Unsere Fähre bekam am Ende einen Bombenvolltreffer und begann sofort
zu sinken. Gott sei Dank hatte die Fähre schon am Kai angelegt. Ein Leut-
nant, der die Gefahr, in der wir uns befanden, erkannt hatte, kam angelau-
fen und rief die am Kai stehenden französischen Kriegsgefangenen herbei,
um zu retten, was noch zu retten war. Da ich auf der sinkenden Fähre gleich
vorne lag, wurde ich als einer der ersten gerettet. Viele Schwerverwundete,
die, auf Tragen liegend, sich nicht selbst helfen konnten, gingen mit der Fäh-
re unter und ertranken elend im Hafenwasser des Pillauer Hafens. So rasch
wie die Fähre sank, so rasch konnte man die Verwundeten nicht bergen.
Ich aber war wieder einmal mit dem Leben davongekommen.
Nach dem Luftangriff der Russen lag ich einige Stunden auf dem Hafen-
kai, ohne daß etwas geschah. Doch man hatte mich nicht vergessen. Plötz-
lich trug man mich auf ein kleines Schiff, das eingelaufen war, und es dau-
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erte auch nicht lange, bis die Fahrt begann. Kaum an Bord, war ich todmü-
de eingeschlafen.
Ich wachte erst auf, als das Schiff in der Danziger Bucht einlief und die
Schwerverwundeten, zu denen auch ich gehörte, sofort auf ein Riesenschiff,
den Dampfer „Deutschland", umgeladen wurden, auf dem es nur so von
Menschen wimmelte, vor allem Flüchtlinge, aber auch Verwundete. Insge-
samt sollen es über zehntausend gewesen sein, wie ich später erfuhr.
Es dauerte auch nicht lange, bis der Dampfer „Deutschland" die Danzi-
ger Bucht verließ. Kaum waren wir unterwegs, hatten gerade die Halbinsel
Heia erreicht, als russische Flugzeuge das Schiff angriffen, doch keinen Tref-
fer erzielten.
Schon am nächsten Tag lagen wir auf der Reede von Saßnitz. Wegen des
zu großen Tiefganges konnten große Schiffe, so auch der Dampfer „Deutsch-
land", nicht in den Saßnitzer Hafen einlaufen. Alle, die an Bord waren, muß-
ten auf kleinere Schiffe „umsteigen", was zeitraubend und schwierig war;
mit diesen wurden sie dann nach Saßnitz gebracht. Da dort aber die Laza-
rette überfüllt waren, wurden wir Verwundeten vom Dampfer „Deutsch-
land", darunter auch ich, auf den Dampfer „Der Deutsche" umgeladen, der
als VTS (Verwundeten-Transport-Schiff) eingerichtet war. „Der Deutsche",
ein ehemaliges „Kraft-durch-Freude-Schiff", brachte mich nach Kopenha-
gen, wo ich glücklich ankam.
Ich war dem Kriegsschauplatz Ostpreußen, wenn auch verwundet, aber
lebend, entkommen. Und nur das allein zählte.
Originalbericht 8 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Erklärung
vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
167
Dokument 3
Grätz, Johannes
Geboren am 2. Dezember 1925
Dienstrang: Unteroffizier
Einheit: 548. Volksgrenadier-Division
Regiment 1096
Ostpreußen-
Einsatz: Oktober 1944 bis 18. April 1945
Rücktransport: 19. April Nehrung-Heia
20. April Hela-Swinemünde
22. April Swinemünde-Stralsund
mit Lazarettschiff „Glückauf"
Kämpfen - Hoffen - Überleben
Am 26. August 1943 wurde ich zur Wehrmacht nach Bautzen in Sachsen
zum Infanterie-Ersatz-Bataillon 171 eingezogen. Am 12. September 1943
wurde ich nach Kielce (Polen), Distrikt Radom, zum 4. MG-Grenadier-Ba-
taillon 102 als SMG-Schütze abkommandiert. Am 4. Februar 1944 fuhren wir
an die Front zur Bandenbekämpfung Ost bei Krystynopol. Meine Feuertau-
fe erhielt ich am 25. Februar 1944 bei Luck, Wolhynien. Ende März habe ich
mir beide Beine erfroren, kam zum Troß, dann nach Wladomir ins Lazarett,
das kurze Zeit später von den Russen eingeschlossen und von einer SS-Ein-
heit wieder freigekämpft wurde. Bedingt durch meine Erfrierungen wurde
ich Ende Mai 1944 in ein Lazarett in Münsterberg/Schlesien verlegt. Nach
meiner Genesung, Marschkompanie Chemnitz Ers.Btl. 102. Am 22.07.1944
zur Aufstellung nach Gräfenheim bei Königsbrück in Sachsen. Hier auf dem
großen Truppenübungsplatz wurde ich im Nahkampf ausgebildet. Unsere
neu aufgestellte Truppe, mit modernen Waffen ausgerüstet, erhielt die Be-
zeichnung Volksgrenadier-Division 548, ich gehörte dem Regiment 1096 an.
Divisions-Kommandeur war General Sudau, Regiments-Kommandeur
Oberstleutnant Steiof. Mein Kompanieführer war Leutnant Kleemann, mein
Korporal Unteroffizier Kampf.
168
Am 18. August 1944 bezogen wir eine Stellung als SMG-Besatzung in Li-
tauen, wir hausten recht und schlecht in selbstgebauten Erdbunkern.
Am 6. Oktober 1944 überraschten uns die Russen mit einem Großangriff,
der zur Folge hatte, daß wir über Tauroggen-Tilsit zurückgedrängt wurden.
Als einer der letzten bin ich vor der Sprengung der Luisenbrücke in Tilsit
gerade noch über die Memel gekommen.
Am 10. Oktober 1944 waren wir noch auf der Ostseite im Angriff gewe-
sen und hatten den Iwan im Grabenkampf geworfen - konnten aber die Stel-
lung nicht halten. Wir mußten uns zurückziehen und beschränkten uns auf
Spähtrupps über die Memel vom Westufer aus, um zu erfahren, wie weit die
Russen vorgedrungen waren.
Mitte November wurde unser Regiment nach Ragnit in den Trapener
Forst verlegt. Hier bauten wir Erdbunker, die wir bezogen. In einer Hang-
stellung lagen wir in sicherer Entfernung von den Russen. Das Gelände fiel
ziemlich steil ab zur Memel hin und unter uns lag die Infanterie in Stellung.
Wir, mitten im Wald, waren uneinsehbar. Hier glaubten wir lange aushalten
zu können.
Doch als die Russen bei Gumbinnen-Insterburg durchbrachen, saßen wir
in der Falle. In Tag- und Nachtmärschen ging es in Richtung Königsberg. In
Tapiau an der Deime erwischten uns die Russen in der linken Flanke. Wir
lagen mit unseren beiden SMG im Straßengraben und haben mit Dauerfeu-
er mit einer Kadenz von über 300 Schuß in der Minute die gegen uns an-
strömenden Rotarmisten aufzuhalten oder abzulenken versucht. Es war
nicht möglich. Auf wenige Meter sind sie herangekommen. Ich habe mich
mit einem Direktschuß aus der Leuchtpistole gerettet und nur mein MG mit-
genommen. Die Flucht in den Wald war die Rettung. In einem weiten Bo-
gen, nördlich der Straße Tapiau-Königsberg, kamen wir, die letzten fünf von
zwölf Mann, in Königsberg an. Eine Nacht Ruhe fanden wir in der Stellung
Königsberg-Ponarth. An der Militärringstraße, Fort Karschau, bezogen wir
eine neue Stellung. Als Versprengter gehörte ich nun zum Regiment 1 Kö-
nigsberg.
Am 2. und 3. Februar 1945 griffen Russen mit einer Übermacht Godrienen
an. Wir kämpften verbissen unter unserem Kampfgruppenkommandanten
Hauptmann Friedberg, doch die Russen waren stärker, von unseren 300
Mann blieben nur 80 übrig.
Am 20. Februar 1945 griffen die Russen erneut an. Wir mußten zurückge-
hen. In Straßenkämpfen in Königsberg-Ponarth verteidigten wir jedes Haus,
es war ein fast aussichtsloser Kampf, doch wir konnten ein weiteres Vor-
dringen der Russen verhindern.
Für mich, den Unteroffizier Johannes Grätz, EK 2, Sturmabzeichen, Nah-
kampfspange, Verwundetenabzeichen und HH-Panzerstreifen gab es am 10.
März 1945 eine Überraschung. Ich erhielt Befehl, mit einer Gruppe von Sol-
daten zu meiner Division ins Samland zu gehen. Am 13. März 1945 machte
ich mich mit Marschbefehl und 15 Mann auf den Weg in Richtung Pillau.
169
Aus Königsberg heraus fuhren wir mit einem Lkw, ein paar Kilometer am
Sender vorbei, bis auf die Straße Metgethen-Bludau. Dann ging es zu Fuß
weiter.
In Tenkitten mußte ich mich von meiner Gruppe verabschieden, meine er-
frorenen Beine und Füße machten nicht mehr mit. Ich begab mich in die
Krankensammelstelle, wo ich sofort am rechten Fuß operiert wurde; ich
konnte vor Schmerzen nicht mehr laufen.
Als die Russen immer näher kamen und nur Schwerverwundete mit
Fahrzeugen abtransportiert werden konnten, machte ich mich mit einem
dicken Lappenverband um den Fuß und einem bearbeiteten Bettpfosten als
Krücke zu Fuß auf den Weg in Richtung Festung Pillau, die ich auch er-
reichte.
In Pillau erwartete mich die Hölle. Kein Unterkommen, alles überfüllt,
keine Verpflegung, dafür aber Tieffliegerangriffe. Und das fast pausenlos.
Das gesamte Hafengebiet wurde von den Russen mit schwerer Artillerie be-
schossen. Immer wieder Deckung suchend, erreichte ich humpelnd den Ha-
fen. Ich mußte weiter: nach Neutief. Wo aber war eine Übersetzmöglichkeit,
ein Boot, eine Fähre?
Der Zufall kam mir zu Hilfe. Ich sah ein kleines Bugsierboot anlegen. Es
hatte wohl den Auftrag, eine Gruppe höherer Offiziere abzuholen, die am
Kai standen. Ich mischte mich einfach unter sie, als ob ich einer der Burschen
wäre. Ich hatte meinen Kampfanzug an, der Dienstgrad war nicht erkenn-
bar, trug meine Pistole 08 an einem Lederriemen ohne Koppelschloß. Der
Riemen war der Bauchgurt von einem Reitpferd. So gelangte ich ohne Be-
anstandung am 14. April 1945 auf die andere Seite der Nehrung.
Der Fußmarsch über die Frische Nehrung war grauenvoll und sehr
schmerzhaft für mich. Ich bin als Einzelgänger gelaufen, bis ich die Weich-
selmündung erreicht hatte. Hier stand ich nun auf meine Krücke gestützt.
Ich hatte keine Karte. Deshalb war mir die Bestimmung meines eigenen
Standortes nicht möglich. Nur Wasser und Hoffnungslosigkeit umgaben
mich.
Beim Weitergehen sah ich eine Gruppe von Soldaten am Wasser stehen.
Kurze Zeit später näherte sich ein Wasserfahrzeug, ca. acht Meter lang und
vier Meter breit, wie ich es noch nie gesehen hatte. Es war ein Prahm mit ei-
nem kleinen Ruderhaus. In aller Eile bestiegen die Soldaten, etwa 30 bis 40
Mann - und ich - dieses Gefährt, das fünf Kriegsmarinesoldaten als Besat-
zung hatte.
Als wir losfuhren, wußte niemand von uns Soldaten, wo uns die Mariner
hinbringen wollten. Nachts, ohne Licht, fuhren wir auf die offene See, muß-
ten uns an den Armen einhaken, um nicht über Bord zu gehen. Wir fuhren
und fuhren. Beruhigend war, daß es in Richtung Westen ging. Die Fahrt war
schön und grausam zugleich, doch wir erreichten am Morgen unser Ziel: die
Halbinsel Heia.
Hier gingen wir alle an Land, es war am 19. April 1945.
170
Heia war ein Sammellager von Soldaten, Zivilisten und Verwundeten.
Zehntausende... Eine unübersehbare Menschenmasse hatte sich hier einge-
funden. Die einzige Möglichkeit, von dieser Halbinsel herunterzukommen,
war mit einem Wasserfahrzeug, mit einem Schiff.
Ich erfuhr, daß am nächsten Tag die Verwundeten mit Schiffen nach We-
sten befördert werden sollten. Tatsächlich kamen am Abend auch mehrere
Schiffe an, die aber auf der Reede ankern mußten, weil es weder im Kriegs-
hafen noch im Fischereihafen auf Heia Anlegemöglichkeiten für so große
Schiffe gab.
Am nächsten Vormittag wurden wir mit kleineren Schiffen und Booten zu
den auf Reede liegenden Schiffen gebracht. Es war für mich nicht leicht,
über eine Jakobsleiter auf eines dieser Schiffe zu gelangen, mein Fuß und
mein Bein machten wir doch noch einige Schwierigkeiten. Hilfsbereite See-
leute zogen mich aber nach oben. Es war offensichtlich ein Frachtschiff, auf
das man mich befördert hatte, denn im Inneren des Schiffes befanden sich
breite Treppen, und wir wurden auf Stahlplanken gelegt. Es gab weder Ka-
binen noch große Räume auf diesem Schiff, außer Frachträumen. Mir war
das völlig gleich. Wie ich später festgestellt habe, hatte man an Oberdeck,
auf einem etwa fünf Meter hohen Holzturm, eine Vierlingsflak zur Luftab-
wehr gestellt. Daß das nötig war, zeigte sich schon bei der Einschiffung, die
die Russen durch immer erneute Luftangriffe und Bombenabwürfe zu
stören versuchten. Unser Schiff kam aber ohne jeden Schaden davon.
Endlich etwa gegen 10.00 Uhr - es war am 22. April 1945 - ging es los. Wir
fuhren im Geleit mit etwa sechs bis acht großen und kleinen Schiffen. Mit
Fortdauer der Fahrt wurde die See unruhiger.
Gegen Mitternacht habe ich mich an Oberdeck begeben, da sich dort eine
Toilette befand, eine Holzbude, die man hier wohl provisorisch aufgestellt
hatte. Zu dieser Zeit war plötzlich Unruhe im Schiff, jedenfalls unter der Be-
satzung. Erst später hörte ich, daß russische U-Boote das Geleit angegriffen
hatten. Ich sah jedenfalls, als ich an Deck stand, daß auf dem am weitesten
rechts fahrenden Schiff ein Feuer ausbrach, das Schiff sich auf die linke Sei-
te legte, alles was an Deck war, in das Meer rutschte und das Schiff sank. Ich
habe nie erfahren, welchen Namen dieses Schiff hatte und was der Anlaß
des Sinkens war, ein Torpedo oder ein Minentreffer.
Mir ist jedenfalls in diesen Augenblicken bewußt geworden, daß die Fahrt
über die Ostsee doch nicht so ungefährlich war, wie ich angenommen hat-
te. Aber mein Schiff erreichte am nächsten Morgen einen Hafen: Swi-
nemünde.
Das erste, was ich bei der Einfahrt sah, war ein zur Hälfte versenktes
Kriegsschiff, dessen Geschütztürme noch über Wasser waren, und die Be-
satzung schien auch noch an Bord zu sein: Es war der durch einen Bom-
benangriff schwer beschädigte Kreuzer „Lützow".
Es war der 22. April 1945, als wir im Swinemünder Hafen anlegten. Alle
Verwundeten und Kranken mußten sofort von Bord. Wir wurden auf das
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Lazarettschiff „Glückauf" umgeladen, das uns nach Stralsund und nach ei-
ner Nacht per Eisenbahn nach Rügen brachte. Dort wartete ein neues „Ver-
teidigungskommando" auf mich.
Originalbericht 6 Seiten (handschriftlich) und persönliche Erklärung vor-
liegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
172
Dokument 4
Fröhlich, Franz
Geboren am 17. Juli 1925
Dienstrang: Gefreiter
Einheit: 28. Jäger-Division
Ostpreußen-
Einsatz: Herbst 1944 - April 1945
Melder beim Stab des
1. Bataillons
Sowjetische Ge-
fangenschaft: April 1945
Königsberg-Insterburg
Südural / Moskau
19. Dezember 1949
Goldap, Braunsberg, Samland - Südural
Nach einem halben Jahr Grundausbildung als Infanterist kam ich im Ju-
ni 1944 an die Ostfront in den Mittelabschnitt. Sofort in schweren Kämpfen
gegen die Sowjets eingesetzt, wurde das Kampfmarschbataillon, dem ich
angehörte, innerhalb von vier Wochen aufgerieben und bestand nicht mehr.
Von einer Frontleitstelle zur nächsten geschickt, wurde ich Mitte August
1944 zum 1. Bataillon der 28. Jäger-Division als Melder beim Bataillons-Stab
kommandiert. Unser Einsatzgebiet war im Raum Narew-Ostrolenka-Lom-
scha, südöstlich der Grenze Ostpreußens.
Bei einem Einsatz als Melder wurde ich am 13./14. September 1944
schwer verwundet. Ich wollte die Straßenkreuzung einer Ortschaft über-
queren, als ich im Laufen das furchterregende Heulen einer Stalinorgel
hörte. Mitten auf der Kreuzung schlug die Salve ein, 40 bis 50 Schuß. Die
Einschläge hatten einen Abstand von zwei bis drei Metern. Ich hätte tot
sein können. Doch ich wurde nur an beiden Oberschenkeln schwer ver-
wundet.
Mit dieser schweren Verwundung kam ich am 15. September 1944 in das
Lazarett Allenstein in Ostpreußen. Meine Genesung machte gute Fort-
schritte, so daß ich bereits am 20. Oktober 1944 wieder zu meiner Einheit
173
entlassen werden konnte. Mit der Bahn gelangte ich über Deutsch-Eylau
nach Ostrolenka (Polen).
Nachdem am 22. Oktober 1944 die Stadt Goldap in Ostpreußen von deut-
schen Truppen zurückerobert worden war, wurde unser zur 28. Jägerdivisi-
on gehörendes Bataillon in den Raum Goldap verlegt und bezog Stellung
nordwestlich vom Stadtrand Goldap.
Bis zum 13. Januar 1945 herrschte ein verhältnismäßig ruhiger Stellungs-
krieg. Die Ruhepause wurde ausgenutzt zu reger Spähtrupptätigkeit und
dem Ausbau der Stellungen, um für den zu erwartenden sowjetischen
Großangriff vorbereitet zu sein.
Als Melder bin ich des öfteren durch die Stadt Goldap gegangen; sie war
sehr zerstört und bot einen traurigen Anblick. Verlassen von der Bevölke-
rung, öde und leer waren die Straßen und Plätze. Überall sah ich Schilder
angebracht mit der Aufschrift „Kameraden - vergeßt nie Nemmersdorf!"
An den Häuserwänden hatte man viele Berichte über die verübten Greuel-
taten und Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und andere Scheuß-
lichkeiten, die Rotarmisten an der Bevölkerung verübt hatten, angebracht,
die alle von mir erlebten Kampfeindrücke übertrafen.
Mit der Zeit wurde es kälter und kälter. Mehr als bisher suchte man als
Soldat die Wärme des eisernen Ofens im Bunker. Das Weihnachtsfest und
den Jahreswechsel erlebten wir noch in Ruhe.
Doch dann kam der 13. Januar 1945, der Schicksalstag Ostpreußens.
Bei leichtem Schnee und starkem Frost begann an diesem nebeligen Win-
termorgen das ohrenbetäubende Krachen der russischen Batterien und Sal-
vengeschütze. Von Ferne hörten wir das Grollen der Geschütze.
Unsere 28. Jägerdivision war zunächst ohne Feindberührung, denn wir
waren in Gewaltmärschen nach Angerburg marschiert und wurden dort in
Bahnwaggons verladen; es hieß, wir würden nach Westen verlegt.
Doch unsere Bahnreise endete, bedingt durch starkes Artilleriefeuer auf
die Bahnlinie, bereits in Wormditt. Wir sammelten uns und marschierten in
Richtung Mehlsack. Übernachtet wurde in leerstehenden, von der Bevölke-
rung verlassenen Häusern bzw. Wohnungen. Teilweise waren die Tische
noch gedeckt, so wie sie von unseren deutschen Mitbürgern in großer Angst
und überhasteter Flucht verlassen worden waren. Ich gestehe, daß wir Sol-
daten in diesen Tagen durch die vorgefundenen reichen Vorratskammern
unserer ostpreußischen Landsleute keinen Hunger litten.
Am 28. Januar 1945, gegen Abend, begann unsere Einheit, die 28. Jäger-
Division, gemeinsam mit noch anderen Divisionen einen Durchbruchsver-
such nach Westen, um der drohenden Einschließung zu begegnen und Ost-
preußen den Weg nach Westen frei zu halten. Es war ein gewaltiger Ge-
fechtslärm zu hören. Die Russen waren von unserem massiven Angriff völ-
lig überrascht. In den Ortschaften trafen wir russische Nachschub-Lkws mit
vollen Ladungen und schlafenden Rotarmisten. Die Füße der Schlafenden
ragten oftmals bis an die Wagenbordkante, so daß sie von unseren Soldaten
174
heruntergezogen und in deutsche Gefangenschaft abgeführt werden konn-
ten - also aus dem Schlaf in die Gefangenschaft. In den Betten der Häuser
und Wohnungen fanden wir schlafende russische Offiziere. Es war ein unbe-
schreibliches Chaos auch unter den in den Ortschaften noch verbliebenen
nicht geflüchteten Deutschen, die von unserem Vorstoß ebenso überrascht
wurden wie die Russen. Viele Deutsche hielten uns im ersten Augenblick,
es war ja Nacht, für Rotarmisten.
Es kam aber auch zu heftigen Nahkämpfen, denn nicht jeder Offizier oder
sowjetische Soldat ergab sich ohne Gegenwehr. Neben den Soldaten und Of-
fizieren erbeuteten wir viele sowjetische Waffen.
Doch nur wenige Tage konnten wir die in dem Überraschungsangriff er-
oberten Orte halten. Die Rote Armee hatte sofort Verstärkungen herange-
führt, weil sie die Absicht unseres Durchbruchversuchs erkannt hatte. Plötz-
lich erlahmte am dritten Tag auch unser Angriffsschwung, es ging nicht wei-
ter vorwärts. Unter uns ging das Gerücht um, die oberste Heeresführung
hätte den von General der Infanterie Hoßbach auf eigene Initiative befohle-
nen und befehligten Durchbruchsversuch nach Westen verboten. Diese Si-
tuation der vorübergehenden Tatenlosigkeit nutzte der Gegner zu einem
massierten Gegenangriff auf breiter Front, der die Folge hatte, daß wir uns
wieder zurückziehen und das gewonnene Territorium wieder auf geben
mußten. Für uns Soldaten war dies eine unerklärliche Situation, die auch
unsere Kampfmoral negativ beeinflußte.
Unser Bataillon war als noch relativ einsatzfähige Einheit der 28. Jäger-Di-
vision aus diesem Durchbruchsversuch herausgekommen. Auch unser Ba-
taillons-Stab, dem ich als Melder angehörte, war noch intakt.
Ab Ende Januar 1945 schloß sich der Heiligenbeiler Kessel, in dem wir uns
befanden, immer mehr.
Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Nicht gemolkene Kuhherden
liefen herrenlos mit lautem Blöken und Brüllen durch die Gegend. Auf den
Bauernhöfen, die vorübergehend von Russen besetzt waren, dann aber
zurückerobert wurden, sahen wir Haufen von toten Kindern, Frauen und
alten Männern. Es war ein grauenerregendes Bild, das sich uns Soldaten bot.
Im Februar 1945 kämpfte unsere Einheit im Raum Mehlsack und bei Zin-
ten. Es waren schwere Kämpfe, oft Mann gegen Mann. Es gab Situationen,
in denen Bauernhofgebäude, Ställe und Scheunen sowohl von uns, als auch
von Rotarmisten gleichzeitig besetzt waren, ohne daß wir dies sofort be-
merkten.
Die erbitterten Kämpfe waren voller Dramatik und fast in jedem Augen-
blick voller Lebensgefahr für uns deutsche Soldaten, wie auch für den rus-
sischen Gegner. Er oder ich war oft die Alternative, wenn sich die Situation
des Nahkampfes ergab.
Sowjetische Flugzeuge, die ihre Bomben auf uns warfen und uns mit
Bordwaffen beschossen, bedeuteten eine ebenso große Gefahr wie die grim-
mige Kälte von unter 20 Grad, die bei vielen unserer Soldaten zu Erfrierun-
175
gen führte und bei älteren Flüchtlingen und Kleinstkindern oft zum Tod. Es
ist mir heute noch unerklärlich, wie ich damals die körperlichen und auch
seelischen Strapazen auf dem Kriegsschauplatz Ostpreußen 1945 ausgehal-
ten habe, zumal wir vom Melderstab nicht immer feste Gebäude und Un-
terstände hatten, sondern bei der grimmigen Kälte oft tagelang in Erd-
löchern im Freien eingegraben die Nächte verbringen mußten.
Mein Kampfeinsatz im Heiligenbeiler Kessel dauerte vom 31. Januar bis
zum 23. März 1945, also mehr als 50 Tage.
Wir hatten uns inzwischen nach Braunsberg zurückgezogen. Unser Ba-
taillons-Gefechtsstand befand sich im Keller eines größeren noch stabilen
Gebäudes. In einer Kampfpause suchten meine Melderkameraden und ich
in einem der Räume, in denen sich auch die Funker befanden, Ruhe und
Schlaf. Im Halbschlaf hörte ich plötzlich einen Funkspruch an unseren Ba-
taillonskommandeur: „Der 1. Zug, der vor der Stadt Hegt, muß sofort
zurückgeholt werden." Es handelte sich dabei um etwa 30 Kameraden. So-
fort kam mir der Gedanke: „Paß auf, Fröhlich, da mußt Du hin!" Meine Vor-
ahnung bestätigte sich, als ich den Bataillonskommandeur rufen hörte:
„Fröhlich, kommen Sie zu mir!" Er sagte mir, daß ich wohl den Funkspruch
schon mitgehört hätte und wüßte, worum es geht. Die Männer des 1. Zuges
müßten wegen der bevorstehenden Absetzbewegung sofort zurückgeholt
werden. Die Leute lägen in Erdlöchern auf einem Gelände, das von den Rus-
sen einzusehen sei. Er gab mir den Befehl an den Zugführer mit, daß bei die-
sem Absetzungs-Unternehmen ein Abstand von Mann zu Mann von ca. 150
bis 200 Metern unbedingt einzuhalten sei. Er gab mir auch unumwunden zu
verstehen, daß dies für mich als Melder ein sehr wichtiger, aber auch sehr
gefährlicher Auftrag wäre, für den er mir Glück und Erfolg wünsche. - Was
half mir das?!
In diesen Märztagen fing es doch schon etwas früher an zu dämmern, als
ich mich frühmorgens durch die Straßen von Braunsberg schlich. Es war fast
unheimlich. Die Häuser waren von den Bewohnern längst verlassen, teil-
weise waren sie zerstört und damit zugänglich für Jedermann.
Ganz allmählich wurde es heller, aber kein Schuß war zu hören. Freund
und Feind schienen zu schlafen. Oder war dies nur die Ruhe vor dem
Sturm?
Hinter abgeschossenen Panzern ging ich immer wieder in Deckung, denn
ich traute dieser trügerischen Ruhe nicht.
Endlich hatte ich meine Kameraden vom 1. Zug gefunden; ich sah plötz-
lich deutsche Stahlhelme über dem Deckungsrand von Erdlöchern. Das wa-
ren die Männer, die ich zurückholen sollte. Ich pirschte mich langsam und
vorsichtig heran und sprang in ein Deckungsloch der Soldaten. Sie zeigten
mir das Erdloch, in dem sich der Zugführer, ein Feldwebel, befand. Ich
sprang in sein Erdloch und trug ihm den Befehl des sofortigen Absetzen des
1. Zuges, Mann für Mann, in einem Abstand von jeweils 150 bis 200 Metern,
vor. Dann sprang ich wieder aus dem Deckungsloch und rannte in die Rich-
176
tung, aus der ich gekommen war, denn ich hatte meinen Melderauftrag er-
füllt.
Sofort setzte ein auf mich allein gerichtetes starkes MP- und Gewehrfeu-
er ein. Ich warf mich auf den Boden. Die Schüsse auf mich nahmen kein En-
de. Es war mir, als wenn sie meine Füße, meinen Kopf, meinen ganzen Kör-
per streiften und durchschüttelten. Erdklumpen flogen über mich und auf
mich. Ich stellte mich tot, blieb für Sekunden regungslos liegen, dann ver-
suchte ich zu robben. Sofort setzte wieder gezieltes Feuer auf mich ein, ein
mörderisches Feuer. Wieder versuchte ich die Totstellung, danach das Rob-
ben, um aus der Gefahrenzone herauszukommen. In dieser Todesangst ver-
ließen mich fast die Kräfte, denn wieder wurde auf mich geschossen. Dieses
Spiel mit dem Tod dauerte etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Nach mensch-
lichem Ermessen hätte ich längst tot sein müssen, durchbohrt von hundert
oder mehr Schüssen. Doch ich lebte noch; unverwundet. Ein Wunder war
geschehen.
Während dieses Feuer auf mich gerichtet war, hatten sich die Männer des
1. Zuges zum Rückzug begeben und setzten sich in den befohlenen großen
Abständen ab. Als die Russen trotzdem diese Absetzbewegung der Solda-
ten erkannten, begann ein gewaltiger Feuersturm mit schweren Waffen. Da-
durch hörte das auf mich gerichtete Feuer plötzlich auf, und ich erkannte
meine Chance. Ich raffte mich auf und schleppte mich hinter einen abge-
schossenen Panzer, um ein wenig zu verschnaufen. Ich war total erschöpft.
Doch schon einige Minuten später kamen die Kräfte wieder. Im Laufschritt
lief ich durch Braunsberg zu meinem Gefechtsstand und meldete den Voll-
zug meines Auftrages. Unser Bataillonschef war erstaunt über meine Rück-
kehr.
„Mensch, Fröhlich, es ist toll, daß Sie das geschafft haben!" sagte er, ohne
zu ahnen, wie ich das geschafft hatte.
Dies war in Ostpreußen mein schwerster Meldegängereinsatz, aber noch
Schrecklicheres stand mir bevor.
Oft als das „Stalingrad Ostpreußens" bezeichnet, vollzog sich Ende März
1945 die unaufhaltsame Vernichtung des Heiligenbeiler Kessels, in dem wir
uns befanden, durch die Rote Armee. Doch die Tapferkeit und Zähigkeit un-
serer deutschen Soldaten gegen eine unbeschreibliche Übermacht der Rus-
sen sicherte der Zivilbevölkerung, den Frauen, den Kindern und den alten
Menschen Zeit und Raum für die Flucht aus Ostpreußen und damit das Le-
ben in Freiheit, die Flucht über das Haff nach Pillau, um auf einem der Schif-
fe über die Ostsee gerettet zu werden oder die Flucht über die Frische Neh-
rung in die Danziger Bucht. Nur diese beiden Wege gab es noch für die aus
ihrer angestammten Heimat vertriebenen Ostpreußen.
Am 20. März 1945 mußten wir Braunsberg auf geben; wieder eine Stadt,
die verlorenging. Wir zogen uns in Richtung Heiligenbeil zurück. Unser
noch bestehender, immer kleiner werdender Divisionsstab suchte auf die-
sem Rückzugs weg Unterschlupf in einem Keller eines größeren Gutshauses
177
auf einem Gehöft. Die Russen schossen mit Panzern, Pak und Granatwer-
fern. Dabei wurde auch unser Keller getroffen. An einigen Kellerwänden
entstanden dadurch 80 cm große Einschußlöcher. Sämtliche Kellerräume
waren voller Soldaten und Verwundeter, dazwischen einige Flüchtlinge,
Mütter mit Kindern.
Eine unfaßbare Tragödie vollzog sich: schreiende Menschen und Verletz-
te in Todesangst, voller Staub und Dreck, und keine Hilfe, kein Sanitäter,
kein Arzt.
Plötzlich eine Feuerpause.
Ich stand am Kellereingang und sah einen deutschen Soldaten mit weißer
Armbinde auf mich zukommen. Ich fragte ihn, woher er denn käme. Auf-
geregt sagte er mir, daß er als Parlamentär von den Russen käme und unse-
ren Bataillonschef sprechen müsse. Ich führte ihm zum Bataillonskomman-
deur. Nach kurzer heftiger Debatte sprang dieser auf und sagte zu mir:
„Kommen Sie, Fröhlich, wir müssen draußen die Lage erkunden!" Dann
rannte er mit mir zum Kellerausgang und rief mir zu: „Laufen Sie zu den
Leuten und sagen sie Ihnen: Rette sich wer kann!"
Ich tat wie befohlen und lief zu den Männern unseres Stabes, die sofort
aus dem Keller herausstürzten. Wie ein Wunder hatte sich ein dichter Nebel
gebildet, der beim Erscheinen des Parlamentärs noch nicht vorhanden war;
er begünstigte unsere wilde Flucht entscheidend. Als die Sowjets die Flucht
bemerkten, setzte sofort gewaltiges Feuer auf uns ein, bei dem viele meiner
Kameraden rechts und links von mir fielen.
Die Funker unseres Bataillonsstabes hatten es nicht mehr geschafft, aus
dem Keller zu fliehen. Sie sollen als letzten Funkspruch durchgegeben ha-
ben:
„Es lebe der Führer - es lebe Großdeutschland!"
Mit letzter Kraft versuchten wir Überlebenden uns bis zur Küste des Haffs
durchzuschlagen. Stunde für Stunde waren wir dem irrsinnigen Feuer der
Russen ausgesetzt. Sie schossen auf alles, was sich im Heiligenbeiler Kessel
noch bewegte, mit Pak, Geschützen, Stalinorgeln und Panzern. Dazu kamen
die Bomben der russischen Flieger und die Bordkanonen der Tiefflieger.
Unser Bataillonsstab war zerschlagen, wir Übriggebliebenen, Verspreng-
ten waren völlig übermüdet, wurden immer apathischer, waren total ab-
gekämpft, hoffnungslos. Wir schliefen fast im Gehen ein, aber der Überle-
benswille drängte uns weiter dem Ziel entgegen, das nicht alle auf diesem
Todesweg erreichten. Mit Mann und Roß und Wagen war unsere stolze
Wehrmacht geschlagen.
Ich gehörte zu den Wenigen, die die Küste des Frischen Haffs erreichten.
Der erste Soldat, den ich sah, der am steilen Küstenufer lag, war tot.
Am Morgen nach meiner geglückten Flucht aus unserem letzten Ge-
fechtsstand lag ich führungslos und völlig deprimiert allein in einem
Deckungsloch am Strand des Frischen Haffs. Vom Wasser her hörte ich lau-
te Hilfeschreie; sie kamen von Kameraden, die versucht hatten, auf schwim-
178
menden Gegenständen oder selbst schwimmend das Ufer der gegenüber-
liegenden Nehrung zu erreichen. Doch sie hatten die eigene Kraft über-
schätzt und sahen sich nun dem Tod des Ertrinkens nahe. Doch ihre Hilfe-
schreie, die immer lauter wurden, waren vergeblich. Hier am Strand war
niemand, der helfen konnte, denn alle, auch ich, waren selbst hilflos.
Während ich in meinem Deckungsloch kauerte und über mein Schicksal
nachdachte, kam plötzlich ein Leutnant zu mir und rief aufgeregt: „Kom-
men Sie schnell mit - am Strand werden wir von der Marine aufgenom-
men! “ Dann rannte er zum Wasser; ich folgte ihm ohne Zögern.
Am Haffstrand lag tatsächlich ein mit Soldaten überfülltes Schlauchboot,
das gerade ablegen wollte. Der Leutnant, der zu meinem Lebensretter ge-
worden war, sprang in das Boot, laut rufend: „Der Mann muß noch mit!"
Gemeint war ich. Ich sprang hinterher. Kaum im Boot, wurde dieses in das
tiefere Wasser gerudert. Dort lag ein größeres Marineboot mit Motor, in das
wir umstiegen und mit ihm trotz Feuer der Artillerie, die auf alles schoß,
was im Haffwasser schwamm, die zur Festung erklärte Stadt Pillau erreich-
ten.
Als wir im Pillauer Hafen das Boot verließen, lagen Stadt und Hafen un-
ter schwerem Artilleriebeschuß. Offiziere sammelten im Hafen die ver-
sprengten Soldaten, zu denen auch ich gehörte. Zu einer Marschkolonne for-
miert, marschierten wir auf dem angelegten Knüppeldamm der Frischen
Nehrung in Richtung Neutief-Narmeln. Dieser Marsch von Pillau dauerte
für uns erschöpfte und völlig übermüdete Landser eine Ewigkeit. Wir wur-
den in Baracken und Zelten untergebracht und schliefen uns erst einmal aus.
Diese Ruhepause dauerte etwa acht bis zehn Tage. Aber die dürftige Ver-
pflegung auf der Frischen Nehrung lehrte uns das Hungern. In unserer Not
haben wir Fleisch von verendeten Pferden in Kaffee gebraten und verspeist
und fanden dies noch eine vorzügliche Fleischmahlzeit.
Um uns herum ging der Krieg weiter; er war auch für uns noch lange
nicht vorbei. Aus uns „Versprengten" versuchte man eine neue Kampfein-
satztruppe zu organisieren, doch es fehlte uns an der erforderlichen Ausrü-
stung, es fehlte uns an Geschlossenheit, denn keiner kannte den anderen,
und auch die Moral dieser „Kampfgruppe" war gleich Null. Unsere Aus-
rüstung, mit der wir erneut in den Kampf ziehen sollten, bestand aus einem
einzigen Gewehr und wenig Munition, vor allem fehlte uns die Einsicht,
warum wir in dem jetzt aussichtslos für uns gewordenen Krieg in letzter
Stunde noch den Kopf herhalten sollten. Einer meiner Kameraden brachte
das, was viele von uns dachten, mit dem Ausspruch auf den Punkt: „Wir
wollen nichts weiter als aus dieser Sch... raus!" Hart aber treffend gesagt.
So setzte man uns Anfang April 1945 in Richtung Pillau noch einmal in
Marsch und brachte uns östlich von Fischhausen in Bereitstellung.
Nach dem Fall der Festung Königsberg am 9. April 1945 begann dann am
13. April 1945 der Generalangriff der Roten Armee auf den Rest von Ost-
preußen, auf Pillau und die Nehrung. Mit der uns sattsam bekannten Feu-
179
erwalze eröffneten die Russen im Morgengrauen das Inferno und bald ge-
riet die letzte deutsche Verteidigungslinie im Samland ins Wanken. Noch
einmal wurden wir in schwere Kämpfe verwickelt, die viele Opfer forder-
ten. Wir sahen die braunen Gestalten der russischen Infanterie wie Ameisen
in endlos scheinender Zahl auf uns zu stürmen.
Von unserem ursprünglichen Gefechtsgebiet in einem großen Waldgebiet
südwestlich von Metgethen waren wir zunächst weiter vorgedrungen bis in
ein größeres Waldgebiet beim Vierbrüderkrug, ca. acht Kilometer westlich
von Königsberg. Hier war es auch, wo unser ostpreußisches Kriegsschick-
sal zu Ende ging.
Zunächst hatten wir nur die uns von vorn angreifenden Rotarmisten ge-
sehen, dann aber kamen sie gleichzeitig von hinten und von beiden Seiten,
so daß wir nur noch zwei Möglichkeiten hatten: entweder uns erschießen
zu lassen, oder unsere Gewehre wegzuwerfen, beide Hände hochzuheben
und uns zu ergeben. Der Überlebenswille war stärker, obwohl wir wußten,
was russische Gefangenschaft bedeutete.
Mein Kamerad Günter Lange, den neben mir das gleiche Schicksal er-
reicht hatte, und ich gehörten zu einer endlos langen Kolonne deutscher Sol-
daten, die wenige Stunden später als Gefangene der Roten Armee in Rich-
tung Königsberg in Marsch gesetzt wurden. Bei unserer Gefangennahme
hatte man uns die Uhren abgenommen und uns durchsucht.
Nachdem wir einen langen Fußmarsch durch die zerstörten Straßen der
Stadt Königsberg gemacht hatten, wurden wir in den Festungsanlagen, Fort
Königin Luise, zusammengepfercht untergebracht. Zehn Tage lang dauerte
die Gefangenschaft in Königsberg, die wir, auf dem staubigen Fußboden
schlafend, überstanden.
Danach wurde ein Teil der Gefangenen, darunter auch mein Kamerad
Lange und ich, in das Gefangenenlager Insterburg verlegt, in dem sich auch
viele verwundete deutsche Soldaten befanden.
Zu unserem Arbeitseinsatz, zu dem Lange und ich mit weiteren Kamera-
den eingeteilt wurden, gehörte auch die Bestattung von im Lager verstor-
benen deutschen Soldaten. Wir mußten die abgemagerten Körper auf einen
gummibereiften Pferdewagen aufladen und diese Wagen - ohne Pferde -
nur mit unserer Muskelkraft durch die Straßen von Insterburg schieben und
ziehen und am Stadtrand mit den bloßen Händen die Toten abladen; nicht
zu schildern, welche Gedanken uns dabei befielen. Es waren täglich 20 bis
30 tote Kameraden, die wir auf diesen letzten Weg brachten und die in ost-
preußischer Erde, die sie bis zuletzt gegen die Rote Armee verteidigt hatten,
ihre letzte Ruhestätte fanden. Nichts ersehnten wir mehr, als von diesem Ka-
meraden-Bestattungskommando befreit zu werden.
Diese „Befreiung" erfolgte im Juni 1945, als man uns in einen Güterzug
verfrachtete und wie Vieh in einer 12-Tage-Fahrt nach Orsk im Südural zum
Arbeitseinsatz brachte.
Mein Freund Günter Lange, der auch dieses Schicksal mit mir teilen muß-
180
te, hatte Glück im Unglück; er wurde bereits am 18. Oktober 1945 als Dys-
trophiker (Unterernährter), nicht mehr arbeitsfähig, in seine mecklenburgi-
sche Heimat nach Sternberg entlassen. Von ihm erfuhren dann meine Eltern
in Wismar, daß ich noch am Leben war.
Fünf Jahre habe ich in Rußland schwerste Arbeit verrichten müssen, täg-
lich zehn bis 15 Stunden. Bis Mitte 1947 befand ich mich im Kriegsgefange-
nenlager Orsk, danach auf einer Kolchose in Asien und danach im Kriegs-
gefangenenlager Nr. 7808 in Moskau. Weihnachten 1949 wurde ich entlas-
sen.
Originalbericht 15 Seiten (handschriftlich) und persönliche Erklärung vor-
liegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
181
Dokument 5
Becker, Heinz
Geboren am 31. Mai 1926
Dienstrang: Gefreiter
Einheit: Fallschirmpanzerkorps
„Hermann Göring"
I. Korpsnachrichtenabteilung
Ostpreußen-
Einsatz: Oktober 1944 bis April 1945
Verwundet: 19. März 1945
im Kessel von Heiligenbeil
Rücktransport: 11./13. April 1945
mit Lazarettschiff MS „Marburg"
Pillau-Kopenhagen
Im Endkampf im Kessel von Heiligenbeil
Am 2. Oktober 1944 wurde unser Korps von Modlin nach Ostpreußen
verlegt. Über Allenstein-Insterburg erreichten wir per Eisenbahn den neu-
en Einsatzraum: Tilsit-Memel-Heinrichswalde-Kuckerneese. Nach dem
Russeneinbruch Mitte Oktober 1944 wurden wir in Eilmärschen in den
Raum Gumbinnen-Insterburg-Rominten-Angerapp verlegt.
Der Jahreswechsel 1944/45 hatte winterliches, hartes Wetter gebracht und
mit dem Beginn des 13. Januar 1945 den Beginn der sowjetischen Großof-
fensive. Die Sowjets schossen Trommelfeuer aus Hunderten von Rohren,
Granatwerfern, Pak, Stalinorgeln, Artillerie; Geschosse allen Kalibers. Die
Feuerwalze wurde verstärkt von der sowjetischen Luftwaffe, dazu Hun-
derte von Panzern, und ganze Menschenwellen von Iwans brausten über
das Land hinweg.
Unser Korps mit der in Ostpreußen noch verbliebenen 2. Fallschirmpan-
zerdivision „Hermann Göring" geriet in verlustreiche schwere Kämpfe, die
zum etappenweisen Rückzug bis zum Kessel von Heiligenbeil führten.
Auch wir mußten zurück. In der Nacht zum 20. Januar 1945 fuhren wir
durch das brennende Insterburg. Die Angerapp-Stellung wurde geräumt.
Gumbinnen, Nemmersdorf, Augustin, Angerapp, Goldap, Insterburg gin-
182
gen am 22. Januar verloren. Stationen unseres Rückzuges waren Wehlau,
Heilsberg, Landsberg, Kreuzberg, Zinten, Braunsberg, Konradswalde, Gut
Klingbeck, Gut Warnicken. Und der „Heldenklau" ging um, alle acht Tage
mußten einige Kameraden ihm Tribut zollen, d.h. Abstellung in die Haupt-
kampflinie (HKL) zu den Fallschirmgrenadieren.
Beim nächsten Standortwechsel, Standort „am Frischen Haff", erwischte
mich mein Weisheitszahn. Ein paar Tage konnte ich die Schmerzen mit al-
lerlei Hausmitteln, mit Schnee und Eis lutschen, etwas bremsen, doch er
mußte raus. Also am frühen Morgen über das zugefrorene Haff mit unse-
rem Sani zum Truppenverbandsplatz (TVP) auf der Nehrung. Stabsarzt
nimmt Zange, keine Spritze, Mund auf und raus muß er! Er kam raus. Doch
die Sorge, unsere Einheit zu wiederzufinden, war schlimmer als die Zahn-
schmerzen, dazu die dauernde Kontrolle durch die „Kettenhunde" und Par-
teibonzen. Doch wir fuhren zurück nach Rensegut, und die 1. Korpsfunk-
kompanie war noch da.
11. März 1945 - Heldengedenktag!
Doch dafür ist keine Stimmung, es wird auch nicht darüber geredet. Doch
über den „Heldenklau", das war die Kommission, die darüber entschied,
wer in die HKL (Hauptkampflinie) mußte. Entscheidungen, die unser Chef,
Hauptmann Vogt und andere „Obere" zu treffen hatten. Der „Heldenklau"
forderte täglich seinen Tribut. Diesmal traf es neben 24 weiteren Kameraden
auch mich. Der „Alte", vom Spieß assistiert, drückte uns am 13. März 1945 den
Marschbefehl zur 13. Batterie III. Flakabteilung HG in die Hand, sagte „Auf
Wiedersehen". Also Abschied nehmen von der 1. Funkkompanie Korps-
nachrichtenabteilung HG. Per Fuß ging es zur HKL, Einsatzort Ludwigsort-
Bladiau.
Die Artillerie der Sowjets begrüßte uns schon beim Anmarsch, die
„Schlächter" und „Spitzmäuser" schossen Empfang. Die Straßen sind vol-
ler Trecks. Grauenhafte Bilder. Alles voller Schlamm. Bevor wir den Ge-
fechtsstand der 13. Flak-Batterie erreichen, wildes russisches MG-Feuer, da-
zu Granatwerfer und die „Spitzmäuse" am grauen Himmel. Meldung beim
Batterieführer, Oberleutnant Barth.
Am Abend beziehen wir, bewaffnet mit einer MP, ein paar Handgranaten
und im Vertrauen auf die Kameraden rechts im Laufgraben, die Stellung.
Absicherung einer 8,8 Flakerdkampfstellung unserer 13. Flakbatterie. Eine
fast ruhige Nacht. Nur das dauernde Rattern der „Rollbahnkrähen", das De-
tonieren ihrer Splitterbomben, das gespenstische Leuchten der Leuchtgra-
naten und das Zerbersten vereinzelter Phosphorgranaten lassen keine Mü-
digkeit und keine Kälte zu. Gegen 06.00 Uhr morgens tauchen zwei Sowjet-
panzer auf, sie werden von unserer 8,8 abgeschossen. Mitten im Artillerie-
feuer, das der Russe über die Hauptkampflinie legt, Stellungswechsel.
Wir verlegen nach Bladiau. Wir sichern den Ortsrand an der Straße nach
Rödersdorf. Wir haben noch nicht richtig Stellung bezogen, taucht ein si-
cherlich verirrter russischer Panzer T 34 auf, keine 50 Meter. Die 8,8 knackt
183
ihn. Das Artilleriefeuer wird stärker, auch die Granatwerfer steigern sich.
Am 15. März 1945 werde ich als Regimentsmelder zum 4. Fallschirmgrena-
dierregiment „Hermann Göring" abgeordnet. Ich melde mich mit noch ei-
nem Kameraden um 11.00 Uhr im Regiments-Gefechtsstand beim Kom-
mandeur, Major Stauch. Es war schon ein irrer Marsch von der 13. Flakbat-
terie zum 4. Fallschirmpanzerregiment. An der Straße Bladiau-Heiligenbeil,
Abzweigung nach Qualitten, fanden wir den Regimentsgefechtsstand. An
diesem Tag: 1. Meldegang zur HKL ausgeführt.
Am 16. März 1945 wieder dichter Nebel, doch die russische Artillerie ist
sehr rührig. Feuerwalzen fegen über das Land, die Salven gehen über uns
hinweg, aus Hunderten von Rohren aller Kaliber belegt der Russe den Kes-
sel von Heiligenbeil. Wir stehen im Endkampf um Heiligenbeil.
17. März 1945: Unser Quartier im Regiments-Gefechtsstand ist ein Koh-
lenkeller. Doch auf Briketts kann man ruhig schlafen, wenn der Iwan das
zuläßt und wenn man Zeit dazu hat. Doch die habe ich nicht. Vom Morgen
bis in die Nacht. Meldegänge HKL rauf, HKL runter. Oft hatte dies auch der
Russe spitz, Einzelfeuer mit Pak und Panzer, es war zum Kotzen, es war ein-
fach Sch...! Am Abend des 17. März brachte ein Melder freudige Kunde: Die
„Kettenhunde" hatten die Bewachung des Verpflegungslagers Qualitten
aufgegeben, die Lage mitten in der Hauptkampflinie hatte ihnen nicht ge-
paßt. Also auf denn, der ganze Meldetrupp einschließlich unseres Leutnants
zog ab zum Verpflegungslager, mit Regimentsbefehl. Alles war noch zu ha-
ben: Schokolade - wann gab es eigentlich das letzte Mal welche, ich glaube
zu Weihnachten - Kekse, Zigaretten, echten Hennessy-Cognac. Herz, was
willst Du mehr! Doch plötzlich ein Feuerüberfall der Sowjets mit Phos-
phorgranaten. Doch wir kommen alle heil davon, einschließlich dem Hen-
nessy. Diese Nacht haben wir noch einmal gut gelebt, im Kohlenkeller.
Doch im Morgengrauen schon wieder raus, wieder irgendeinen Sturm-
zug oder Stoßtrupp suchen und finden. Man mußte höllisch aufpassen, daß
man nicht zum Iwan lief. Dazu die eisenhaltige Luft. Feuer aus MGs, aus
Werfern, Stalinorgeln, Artillerie, die „Spitzmäuse" in der Luft, ständige Be-
drohung von der Erde und aus der Luft. Und dazu fast totale Erschöpfung.
Dazu die Flüchtlingstrecks, die zurückflutenden deutschen Armeen, alle
wollten nach Rosenberg, alle wollten nur Rettung vor den Horden der So-
wjets. Am Abend, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, dröhnt es mit mäch-
tiger Stimme über die Hauptkampflinie:
„Kameraden. Es hat keinen Sinn mehr. Ergebt Euch! Die glorreiche Rote
Armee wird Euch morgen zusammendrücken! Noch ein paar Kilometer,
und Ihr werdet ins Wasser geworfen!"
Nach dieser Aufforderung spielte der Iwan das Lied: „Guten Abend, gute
Nacht!"
„Kameraden" sagt einer von uns: „Schweine sind das, ganz verfluchte
Schweine. Hört nicht hin!"
19. März 1945: Die Lage wird immer schwieriger. Noch befindet sich un-
184
ser Regimentsgefechtsstand in einem Bauernhaus an der Straße von Heili-
genbeil nach Bladiau.
Im grauen Morgennebel beginnt der Russe schon recht früh sein Trom-
melfeuer auf die HKL mit besonderer Wucht. Fast ununterbrochen Artille-
riefeuer; Granatwerfer und Stalinorgeln heulen über das ganze Land. Zwi-
schen Königsdorf und Bladiau erbitterte Bodenkämpfe. Dann sind plötzlich
die Russenpanzer durchgebrochen. Der Regiments-Kommandeur, Major
Stauch, befiehlt Rundum-Verteidigung. Mit Panzerfaust und Sturmgewehr
ab in die Schützenlöcher. Mit Hilfe eines noch halb intakten Sturmgeschüt-
zes und 4 Pak-Geschützen wird der Durchbruch der Russen vereitelt. Die
Frontlinie wird begradigt. An der Straße Heiligenbeil-Bladiau wird eine
neue HKL aufgebaut. Der Regiments-Gefechtsstand versucht im Gut Unruh
unterzukommen.
Für uns Regimentsmelder wieder ein harter Tag. Immer wieder werden
wir hin- und hergescheucht. Es wird immer schwieriger für uns, bei dieser
eisenhaltigen Luft die gesuchte Einheit zu finden, ohne sich der Gefahr aus-
zusetzen, dem Iwan ungewollt in die Hände zu laufen. Und dann immer
wieder die Frage, die wir uns stellen mußten: Wo ist eigentlich die Haupt-
kampflinie? Dazu kam noch der Einzelbeschuß der Panzer und Schlacht-
flieger.
Mit einer Meldung zu unserem Sturmzug „Otto" bin ich gegen Abend
wieder längs der HKL unterwegs, als der Russe angreift. Ihm gelingt ein
Einbruch in die HKL östlich von Gut Unruh. Es erfolgt sofort ein Gegenstoß
des Regiments-Stabes und des Sturmzuges „Otto". Die Sowjets werden ge-
stoppt.
Ich jedoch auch. Beim Vörwärtskämpfen plötzlich ein nahes Zischen, ein
Pfeifen, und bevor ich den Granateinschlag in ca. 20 Meter Entfernung
wahrnehmen kann, spüre ich einen Schlag in beiden Knien, der mich um-
wirft. Es hat mich getroffen. Langsam rinnt das Blut an meinem Körper her-
unter. Da liege ich nun. Knapp 100 Meter weiter sehe ich Russenpanzer vor-
stoßen. Die Kameraden stürmen weiter, sie hatten mich noch nicht entdeckt.
Ich warte auf Hilfe oder auf den Iwan. Endlich - die Dämmerung ist schon
hereingebrochen, kommen zwei Kameraden von unserem Regiment und
schaffen mich zurück zum Regiments-Gefechtsstand, von dort zu einem
provisorischen Truppenverbandsplatz, der in einer Kapelle untergebracht
ist. Diesen beiden, mir unbekannt gebliebenen Kameraden verdanke ich
mein Leben.
Gegen Mitternacht werde ich auf einem als Munitionsfahrzeug einge-
setzten Panjewagen nach rückwärts transportiert. Nach langer Irrfahrt, des
öfteren von der „Rollbahnkrähe" belästigt, erreichen wir nach Mitternacht
einen Truppenverbandsplatz. Hier erhalte ich gegen 3.30 Uhr die erste ärzt-
liche Versorgung: Verbinden der Wunden, Ausstellen des Begleitzettels für
Verwundete.
Während draußen die Schlacht um den Kessel von Heiligenbeil tobt, lie-
185
ge ich hier mitten zwischen schwerverwundeten und sterbenden Kamera-
den und fühle mich ziemlich verlassen.
Am 22. März 1945 befiehlt der Stabsarzt, daß ich mit dem nächsten Pan-
jewagen sitzend abtransportiert werde nach Rosenberg und von dort nach
Pillau. Danach erwähnt er, so ganz nebenbei, in einer Stunde sind sicher die
Russen hier! Also auf einen Panjewagen. Sechs Schwerverwundete kommen
darauf, liegend verfrachtet, dazu noch zwei Beinamputierte, ein weiterer
Kamerad und ich. Unser Fahrer: ein lettischer Hiwi. Und ab ging die Fahrt
bei herrlichem Sonnenschein. Reste von Schnee auf den Feldern, an Bildern
des Schreckens vorbei, die Fahrt auf einem Todesweg. Dazu die Schlächter
der russischen Luftflotte; sie jagen Schuß um Schuß aus ihren Bordkanonen
auf alles, was sich noch bewegt. Unser Freund, der Hiwi, läßt unseren Wa-
gen plötzlich auf dem Feldweg stehen, sucht Deckung, kommt nach dem
Angriff wieder. Dieses Spielchen wiederholt sich noch des öfteren, aber er
bringt uns sicher nach Rosenberg, bis auf einen der Marineprähme. Welch
ein Wunder, wir überqueren unbehelligt das Frische Haff und erreichen den
Hafen von Pillau.
Doch schon wieder sind die Schlächter aus der Luft da. Zum Ausschiffen
gibt es einen Bombenteppich. Zwei Sanitäter, die mich wegtragen wollten,
ließen mich einfach fallen, suchten Deckung und waren auf Nimmerwie-
dersehen verschwunden. Hier suchte jeder nur noch die eigene nackte Haut
zu retten.
So gut es ging, ganz auf mich allein gestellt, rappelte ich mich auf und
fand eine Bleibe in dem nahegelegenen, völlig überfüllten Truppenver-
bandsplatz am U-Boot-Kai. Wie wird es weitergehen?
Freitag, 23. März 1945.
Die Nacht will überhaupt nicht enden. An Schlaf auf den Treppenstufen
des Truppen Verbandsplatzes (TVP) im U-Boot-Bunker im Pillauer Hafen ist
überhaupt nicht zu denken. Bilder von Schrecken und Grauen und überall
Menschen, Verwundete, Flüchtlinge, Greise, Kinder, Soldaten und „Goldfa-
sane". Erst kein Durchkommen, keine Betreuung, einfach nichts. Kein
Mensch nimmt von mir Notiz. Vogel friß oder stirb!
Ich mußte hinaus. Auf allen Vieren kriechend, stark von Schmerzen ge-
plagt, komme ich zum Ausgang. Endlich frische Luft. Ich bin mitten in ei-
nem einzigen Chaos. Die Piers am Wasser waren gesperrt. Kettenhunde und
Goldfasane, die nie die Front gesehen haben, haben hier das Sagen. Wie
Kletten hängen Tausende von Menschen an den Landungsbrücken. Un-
möglich, hier auf ein Schiff zu kommen. Aber wohin?
Ein Sanka ist die Rettung. Der Fahrer, den ich anspreche, ist ein Oberge-
freiter (diese waren das „Rückgrat der Armee"). Er entscheidet: „Ja, wir
nehmen Dich mit, wenn Du den Notsitz einnimmst." Im Nachhinein: mein
Entschluß, mitzufahren, war genau richtig. So fahren wir in Richtung Sam-
land-Königsberg zum Hauptverbandsplatz der Korps-Sanitäts-Kompanie
409 in Bad Neuhäuser-Lochstädt, kamen um 10.00 Uhr, vom Iwan unbe-
186
heiligt, dort an. Zunächst Verbandswechsel, Arztvisite, Erstellung der
Krankenpapiere, Spritzen - und dann endlich ein Bett; seit Warnicken hat-
te ich keines mehr gesehen. Nur noch schlafen, schlafen und nochmals
schlafen. Täglich Visite, Verbandswechsel, Tabletten und Spritzen. Täglich
überfüllte Flure und Zimmer, täglich Sterbende und Tote und ein sich auf-
opferndes Ärzte- und Sanitätspersonal. Nicht zu vergessen die Kranken-
schwestern.
1. April 1945. Ostern. Draußen regnet es. Zum Fest gibt es sogar Bohnen-
kaffee und ein Festtagsessen mit Pudding und ohne Pferdefleisch.
5. April 1945. Ein Donnerstag. Man entfernt mir die Splitter aus dem lin-
ken Oberschenkel und der rechten Lende. Als ich aus der Narkose erwache,
baumeln sie angebunden an meinem Handgelenk. Ich habe sie in Ost-
preußen gelassen, denn über 18 Stück, noch in meinem Körper, habe ich mit
nach Hause genommen. Ich trage sie jetzt noch bei mir.
Von Kameraden erfahre ich, daß der Kessel von Heiligenbeil sein Ende
hat, Balga und Rosenberg gefallen sind. Ostpreußen ist verloren. Nur noch
in Königsberg wird erbittert gekämpft. Meine Heimatstadt Kaiserslautern
ist seit Wochen von den Amerikanern besetzt. Deutschland ist am Ende. Wie
wird es weitergehen - mit dem Krieg - und mit mir? Wann wird Königsberg
fallen, und wann stehen die Russen vor den Eingängen dieses Hauptver-
bandsplatzes? Sind es bis dahin noch Tage - oder nur Stunden?
Doch eine Hoffnung gibt es noch, Pillau soll noch frei sein. Die Seestadt
mit dem großen Hafen, mit dem freien Zugang zur Ostsee, zu Rettung und
Freiheit.
10. April 1945. Tags zuvor hatte Königsberg kapituliert. Doch wir wissen
dies noch nicht.
Für mich ist der Tag fast wie Weihnachten, denn bei der Visite teilte mir
der Stabsarzt mit: „Junge, endlich bist Du fieberfrei, Du kommst heute noch
nach Pillau!" Fieberfrei, das hieß transportfähig! Mit Einbruch der Dunkel-
heit Verladung auf einen übervollen Sanka. Fahrt von Lochstädt nach Pillau.
Gespenstisch die Christbäume am Nachthimmel über Fischhausen, dazu
das Rollen und Grummeln der Bomber, das minutenlang durch die Nacht
hallt.
Wir erreichen die Krankensammelstelle Pillau, eine riesige Betonhalle, der
Boden mit Feldbetten und Strohlagern bedeckt. Fast menschenleer, ca. 20
Verwundete, ein paar Sanis und Soldaten. Wir warten auf das nächste Schiff.
Es war eine lange Nacht. Das Warten auf ein Schiff wird unerträglich,
wird überhaupt noch eines kommen? Wird es aus Pillau wieder rauskom-
näen, wird der Russe uns unbehelligt lassen? Minuten werden zu Stunden.
Meine Wunden schmerzen, es fehlt der Schlaf! Bangen und Hoffen! Der Tag
vergeht und die Nacht. Und wieder ein Tag.
Der 12. April 1945 ist da. Ein neuer Tag bricht an, ein Tag, der Rettung
bringt. Es kommt plötzlich Bewegung in die Halle, ein Schiff ist da. Das klei-
ne Lazarettschiff „Marburg", das uns aufnimmt. Mir fällt ein Stein vom Her-
187
zen, als das Schiff wenige Stunden später Fahrt aufnimmt und die offene See
erreicht, ohne von sowjetischen Flugzeugen behelligt zu werden.
Am 17. April 1945 trifft die „Marburg" in Kopenhagen ein, die Ausladung
erfolgt und der Weitertransport mit einem Lazarettzug nach Odense auf der
Insel Falster in Dänemark. Hier werde ich am 18. April 1945 in das Kriegs-
lazarett 1/530 (R) eingeliefert. Es ist der Tag, an dem der Krieg für mich zu
Ende war, der Tag, an dem mir bewußt wird: „Ich habe Ostpreußen und den
Kessel von Heiligenbeil überlebt!"
Originalbericht 15 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
188
Dokument 6
Pfeifer, Arno
Dienstgrad: Gefreiter
Einheit: I. Gruppe des Schlacht-
geschwaders 3
Ostpreußen-
Einsatz: 25. November 1944 bis
21. April 1945
Rücktransport: 21. April 1945 Pillau-Hela mit
Fährprahm /Hela-Saßnitz
mit Dampfer „Orestes"
Im Luftwaffeneinsatz in und über Ostpreußen 1945
Vom Sommerbeginn bis zum Frühherbst 1944 wurde meine Einheit, die I.
Gruppe des Schlachtgeschwaders 3 der Luftwaffe, der ich als Waffenwart
der 1. Staffel unter dem Kommando von Staffelkapitän Oberleutnant Piplow
angehörte, in Pardubitz und Königgrätz vom Stuka auf die Focke-Wulf FW
190 umgeschult. Ende Oktober 1944 erhielten wir den Befehl zur Verlegung
nach Ostpreußen. Unsere neuen Flugzeuge, die auf einer nassen Wiese bei
Königgrätz standen, versanken bei jedem Startversuch im Boden und konn-
ten deshalb nicht nach Ostpreußen überführt werden.
14 Tage lang warteten wir vergeblich auf Nachtfröste. Sie kamen nicht.
Schließlich fuhren wir, das Bodenpersonal, nach Ostpreußen ab. Die neuen
Flugzeuge blieben für die nächste umzuschulende Einheit stehen.
Am 25. November 1944 trafen wir im ostpreußischen Gerdauen ein.
Unsere Flugzeugführer - ohne Flugzeuge - schickte man zum „Flug-
zeugbetteln" zu verschiedenen Flugplätzen, um Maschinen, Focke-Wulf
190, zu organisieren. Nach und nach kamen sie mit den jeweils ältesten Ma-
schinen der Gebereinheit wieder zurück nach Gerdauen. Wir rüsteten diese
Maschinen, so gut es ging, auf unseren Stand nach. Kurz vor Weihnachten
1944 war unsere Einheit komplett und einsatzbereit.
189
Einen Tag vor Weihnachten 1944 erfolgte dann der erste Feindflug. Von
diesem Tage an gab es pro Tag einen Einsatz, ab dem 12. Januar 1945 drei bis
vier am Tag. Das russische Artilleriefeuer des Großangriffs der Roten Armee
auf die deutsche Front in Ostpreußen konnten wir auf unserem Flugplatz
deutlich hören.
Da die Front immer näherrückte, mußten wir am 22. Januar 1944 Ger-
dauen verlassen und verlegten nach Schippenbeil und am 23. Januar 1945
gleich weiter nach Jesau. Von Jesau aus wurden weitere Einsätze geflogen.
Doch am 25. Januar 1945 mußte schon wieder verlegt werden, nach Poweh-
ren, etwa acht Kilometer von Königsberg gelegen. Von diesem Platz flogen
wir weitere Einsätze, doch auch hier drohte bald ein Angriff der Russen.
Aus irgendeinem Grund hatte ich mit meinen Kameraden den ersten
Transport für das technische Personal verpaßt; wir wurden daraufhin zur
Platzverteidigung eingesetzt. Eine Nacht und den nächsten Tag verbrachten
wir in einer Stellung am Platzrand. Am nächsten Abend erschien plötzlich
ein Offizier und sammelte alle Leute unserer Einheit ein. Mit einem Holz-
gas-Lastwagen ging es ab nach Powehren.
Am 28. Januar 1945 bedrohten die Russen auch diesen Flugplatz. Einige
unserer Maschinen flogen nach Heiligenbeil, der Rest der Maschinen folgte
am nächsten Morgen. Die russennahe Seite des Platzes hatten wir schon am
Abend zuvor räumen müssen. Wir vom technischen Personal sollten am
nächsten Abend nach Heiligenbeil fliegen. Wir hörten die Ju 52 zwar kom-
men, doch ohne zu landen, flogen sie wieder ab, offensichtlich war die La-
ge zum Landen zu unsicher.
Ein Oberst unseres Geschwaders, der gerade bei uns war, flog im Mor-
gengrauen des 29. Januar 1945 mit seiner „Taifun" - Me 108 - ab und beor-
derte die drei Ju 52 wieder nach Powehren. Um 10 Uhr morgens konnten
wir dann starten und im Tiefflug Heiligenbeil erreichen. Vor dem Abflug sah
ich in Powehren noch, wie Leute vom Flugzeug zurückgestoßen werden
mußten, um die Luken schließen zu können; nicht alle Kameraden kamen
mit. Da die Russen dann doch nicht so schnell vorrückten, konnten alle
Fahrzeuge und der Rest unserer Einheit auf dem Landweg, bzw. über das
Haff, Heiligenbeil erreichen. In Heiligenbeil normalisierte sich der Flugbe-
trieb wieder. Wir konnten die Maschinen richtig warten, so daß viele Einsät-
ze geflogen werden konnten.
Das hatten auch die Russen bemerkt, die zwei Reihen Bomben auf den
Platz setzten, die aber den Einsatz unserer Maschinen nicht aufhalten konn-
ten.
Dicht bei dem Platz befand sich ein Flugzeugmontagewerk, das genau
unseren Flugzeugtyp hergestellt hatte. Im abgestuften Montagezustand war
eine ganze Reihe fast fertiggestellter FW 190 stehengeblieben. Das Personal
war nicht mehr vorhanden. Nachdem sich zwei zivile Einflieger bei uns ge-
meldet hatten, die auch noch Arbeiter auftreiben konnten, gelang es uns zu-
sammen mit Leuten aus unserer Einheit, noch etwa zehn Flugzeuge fertig-
190
zustellen und einsatzfähig zu machen. Meine Staffel konnte dadurch von
zwölf auf 14 Maschinen erweitert werden.
Da der Benzintransport von Pillau nach Heiligenbeil immer schwieriger
wurde, verlegten wir nach Brüsterort, da es dorthin einfacher war. Ich selbst
verließ Heiligenbeil am 18. Februar 1945 mit einer Ju 52 Transportmaschine,
nur das allernötigste Personal nahmen wir mit. Von Brüsterort aus wurden
unsere Flugzeuge zur Erdkampfunterstützung bei der Freikämpfung der
Verbindung Königsberg-Pillau eingesetzt. Diese Aktion konnten wir erfolg-
reich beenden. Danach wurde, Anfang März 1945, auch der Rest unserer
Einheit, auf dem Landwege, nach Brüsterort verlegt.
Von Brüsterort wurden weitere Einsätze geflogen, sofern Benzin vorhan-
den war. Wenn die Tankwagen aus Pillau bei uns eintrafen, konnten fünf
Einsätze geflogen werden, danach wurden die Maschinen nochmals vollge-
tankt und blieben stehen, bis weitere Tankwagen bei uns eintrafen. Das dau-
erte oft tagelang. Flugbenzin war „Mangelware", an Munition hat es uns nie
gefehlt.
Unsere Flugzeuge standen am Platzrand verstreut, in U-förmigen Split-
terschutz-Boxen. Das war auch nötig, denn russische Flugzeuge versuchten
immer wieder, uns anzugreifen und am Boden zu vernichten; sie warfen
Bomben oder beschossen uns mit Bordwaffen.
Einmal sah ich ein russisches Flugzeug über den Platz fliegen. Wir muß-
ten höllisch aufpassen, immer auf der richtigen Seite der Splitterschutzwand
Sicherheit zu finden. Alarme gab es nicht. Wir erkannten bzw. hörten die
russischen Flugzeuge am Motorenklang. Abwehr hatten wir auch kaum,
außer zwei 2 cm-Flaks. Nach jedem Angriff mußte ein Trupp Hilfswilliger
die Bombentrichter zuschütten.
Einmal sackte eines unserer Flugzeuge beim Start in einen zugeschütte-
ten Trichter ein, überschlug sich und explodierte. Der Flugzeugführer fand
dabei den Tod. Ein anderer Flugzeugführer stürzte in dichtem Schneetrei-
ben im Wald hinter der Steilküste ab. Er hatte ein neues Flugzeug aus
Heiligenbeil zu uns überführen wollen.
Wenn Nebel herrschte und niemand fliegen konnte, beschossen uns die
Russen mit ihrer schweren Artillerie, sie beschädigten dabei aber nur eine
unserer Maschinen leicht, aber von den sieben Stukas, die ebenfalls auf
unserem Platz standen, hatten nach einigen Tagen drei Totalschaden. Die
Stukas gehörten zu einem Nachtschlachtgeschwader; sie waren aus dem
Kurlandkessel zu uns verlegt worden, flogen hier aber keinen Einsatz
mehr.
Neben unseren rund 40 Focke-Wulf 190, drei Staffeln zu je zwölf Maschi-
nen plus der Stabsstaffel mit vier Flugzeugen, befand sich noch eine Jä-
gerstaffel mit Me 109 bei uns in Brüsterort. In Jesau und Heiligenbeil waren
neben den Ju 52 noch andere, zweimotorige Flugzeuge.
Nach dem Fall von Heiligenbeil am 24. März 1945 war Brüsterort der letz-
te Einsatzflugplatz der deutschen Luftwaffe in Ostpreußen. Es gab nur noch
191
einen Ausweichplatz bei Fischhausen; dort sah ich auf unserem Rückzug ne-
ben Flugzeugen von uns nur noch einige FW 189 (Aufklärer) stehen.
Unsere Einheit war im Laufe der letzten Monate und Wochen stark zu-
sammengeschrumpft, etwa auf die Hälfte der 132 Mann die es waren, als ich
zu dieser Einheit stieß. Immer wieder waren Leute unserer Einheit zur In-
fanterie oder zu Luftwaffenfeldeinheiten abkommandiert worden.
Als die Russen im April begonnen hatten, den Rest des Samlandes auf-
zurollen, mußten wir sehr schnell Brüsterort verlassen. Mit unserem ge-
samten Wagenpark fuhren wir am Abend des 14. April nach Saltnicken ab.
Die Flugzeuge wurden zu dem Platz zwischen Fischhausen und Saltnicken
geflogen. Von den älteren Maschinen wurde dort das Benzin abgepumpt,
um die neueren Maschinen volltanken zu können. Die leergetankten Ma-
schinen wurden mit einer Sprengladung am Leitwerk zerstört. Am 15. April
1945 flogen unsere Piloten aus Ostpreußen ab. Im Rumpf hinten lag mei-
stens noch ein Mechaniker als Passagier.
In der Nacht vom 15. zum 16. April 1945 begannen wir uns nach Pillau,
dem einzigen in Ostpreußen noch vorhandenen Tor zur Rettung über See,
abzusetzen. Da es auf den Straßen nur schleppend vorwärtsging, verließ ich
mit einigen Kameraden den Troß. Wir liefen dann an der Küste entlang Rich-
tung Pillau. Immer wieder, wenn russische U2-Flugzeuge Leuchtschirme
warfen, blieben wir stocksteif stehen, damit wir nicht von Weidepfählen zu
unterscheiden waren, denn auf alles, was sich bewegte, wurde von den Rus-
sen geschossen.
Am nächsten Morgen trafen wir im Wald von Tenkitten wieder mit den
Fahrzeugen unserer Einheit zusammen, von den 32 Fahrzeugen des Vor-
abends waren aber nur noch zwei übriggeblieben. Den Tag verbrachten wir
in Erdlöchern im Wald. Wegen des ständigen Beschüsses durch die Russen
konnten wir uns erst am Abend wieder bewegen und weiterziehen. Auf ir-
gendwelchen Lastwagen, die sich alle in Richtung Pillau wälzten, von nor-
malem Fahren konnte keine Rede mehr sein, fuhren wir mit, und gegen Mit-
ternacht erreichten wir tatsächlich Pillau. Noch in der Nacht setzten wir
nach Neutief über, wo wir in einer Luftwaffenkaserne Unterkunft fanden.
In Neutief erhielt am nächsten Morgen jeder einzelne Mann von uns ei-
nen Marschbefehl, unterschrieben von einem General; eine vorsorgliche
Maßnahme wegen der Feldgendarmerie. Als Ziel war auf dem Marschbe-
fehl ein Flugplatz nördlich von Berlin angegeben.
Am 19. April fuhren wir mit der Fähre nach Pillau zurück, um mit einem
der Fährprähme nach Heia zu gelangen. Die halbe Nacht luden wir erst ein-
mal Nachschub aus den von Heia gekommenen Prähmen aus, dann wur-
den zuerst verwundete Soldaten, danach Flüchtlinge auf die Prähme gela-
den, für uns war kein Platz mehr vorhanden. So mußten wir den nächsten
Tag in einem Stollen im Hafengebiet zubringen.
Nach Einbruch der Dunkelheit, als die ständige Schießerei aufgehört hat-
te, kamen die vier Prähme aus Heia wieder an. Wie in der vergangenen
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Nacht halfen wir wieder beim Ausladen. Wieder wurden Verwundete und
Flüchtlinge aufgenommen. Auf dem letzten Prahm reichte der Platz auch
für uns noch aus, wir waren ca. 100 Mann.
Am 21. April 1945, wenige Tage vor der Aufgabe der Festung Pillau und
der nachfolgenden Besetzung durch die Russen, morgens gegen 05.00 Uhr,
verließen wir den Hafen von Pillau und trafen gegen 10.00 Uhr auf der
Halbinsel Heia ein.
Hier wurden wir auf den Frachter „Orestes" eingeschifft, der Heia am 22.
April 1945 verließ. Unterwegs griffen uns noch acht russische Torpedoflug-
zeuge an, von denen unsere Bordflak sechs abschoß, eine meisterliche Lei-
stung. Es war den Russen nicht gelungen, unser Schiff zu torpedieren. Un-
beschadet erreichten wir am 23. April den Hafen von Saßnitz auf der Insel
Rügen. In Saßnitz wurden unsere Marschbefehle eingesammelt, und wir
wurden zum Schaufeln von Panzergräben eingesetzt, danach weitertrans-
portiert, bis wir später im Wald von Gelbsande, westlich von Ribnitz-Dam-
garten landeten.
Hier erhielt ich mit meinen Kameraden am 1. Mai 1945 um 16.00 Uhr den
letzten militärischen Befehl; er lautete: „In Gruppen zu neun Mann nach We-
sten durchschlagen!" Da ich mehr Vertrauen zum Wasser als zu den russi-
schen Linien hatte, wählte ich mit einigen meiner Kameraden den Weg zur
Küste. Am Abend erreichten wir Graal-Müritz. Hier geschah ein Wunder.
Am 2. Mai wurden wir von einem Minensuchboot aufgenommen und zum
Dampfer „Minden" gebracht, mit dem wir nach Nyborg in Dänemark fuh-
ren und dort am 4. Mai einliefen. Schon am 5. Mai 1945 fuhren wir mit der
Bahn nach Flensburg weiter. Dort nahmen uns englische Soldaten in Emp-
fang. Da sich die Engländer als einzige Siegermacht an die Genfer Konven-
tionen hielten, wurden wir keine Kriegsgefangenen, sondern nur „Entwaff-
nete Deutsche". Stacheldraht blieb uns erspart.
Originalbericht 10 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
193
Dokument 7
Bombeck, Hermann
Geboren am 22. Juli 1922
Dienstrang: Obergefreiter
Einheit: Jäger-Regiment 48 der
28. Jäger-Division (Breslau)
Ostpreußen-
Einsatz: 16. Nov. 1944 bis 19. März 1945
Verwundet: 19. März 1945
Rücktransport: 27. März bis 1. April 1945
Pillau-Kopenhagen mit
Minensuchboot „M 12"
Kriegstagebuch eines Ostpreußen-Kämpfers
Der Rückzug aus Rußland endete für mich am 16. November 1944 auf
dem ostpreußischen Bahnhof Herandstal im Kreis Goldap. Nach unserer
Entladung marschierten wir in den Ort. Dort machten wir um 10 Uhr im
Gasthaus Rast.
Welch ein ungewohntes Gefühl - die entvölkerte Heimat!
Niemand empfing uns, denn die Bewohner des Dorfes waren geflohen.
Wir gingen durch die heimatlich anmutende Kneipe des abwesenden Wir-
tes und in seine angrenzenden Privaträume. Einer studierte die Zeitungen
der vergangenen Wochen, ein anderer hinter der Theke das Anschreibebuch,
in der Küche suchte jemand nach Streichhölzern, und im Hinterstübchen
hatte ein anderer Kamerad einen Nähkasten entdeckt und sogleich seine
Handschuhe gestopft. Auf dem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Foto-
album. Darin ein Bild der 20er Jahre mit der Unterschrift: „Erna und ich in
Miami". Ja - in Miami müßte man sein - in Sonne und Wärme und ohne
Krieg!
Wohl mancher von uns dachte in diesen Augenblicken daran, wie er all
diese Vorgänge etwa zu Haus in der eigenen Wohnung empfinden würde.
Gegen Mittag brachen wir auf und marschierten durch Grönfleet und
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Goldap in Richtung Schlaugen. Fünf Kilometer nördlich von Goldap bogen
wir rechts ab in die Dürrberge, zwei Kilometer westlich des Goldaper Sees
gelegen. Dort bauten wir aus Langholz Bunker, die zur Hälfte in den West-
hang der Hügel eingegraben wurden. Man sagte uns, daß es Offiziers-Un-
terkünfte werden sollten. Unsere Verpflegungs-Rationen bereicherten wir
durch Salz- oder auch Bratkartoffeln. Im nahen Gehöft Preßberg waren wir
fündig geworden.
Am 1. Dezember bekam ich den Befehl zu einer Dienstreise. Die Schlauch-
boote aus der Narewstellung sollten nachgeholt werden. Ich marschierte
nach Kudern. Von dort ging es am 2. Dezember mit einem Wehrmachts-Om-
nibus nach Angerapp und von dort mit dem Zug über Insterburg nach Al-
lenstein, wo ich im Kinderheim übernachtete. Am folgenden Tag kam ich bis
Johannisburg. Das alles war wie eine Rückkehr in friedliche Verhältnisse. Es
bot sich sogar abends die Möglichkeit an, das Kino zu besuchen: „Eine Frau
für drei Tage" wurde geboten. Am nächsten Tag, dem 4. Dezember, gelang-
te ich über Kolno nach Katy, wo ich die Nacht verbrachte. Am folgenden
Tag, in der alten Narewstellung, lud ich die vergessenen Schlauchboote auf
ein Gespannfahrzeug, sie wurden in Kolno auf einen Lkw umgeladen und
am Abend in Fischborn in einen Güterwaggon. Von dort fuhr der Zug am 6.
Dezember 1944 wieder über Allenstein nach Insterburg; am nächsten Mor-
gen kam ich wieder in Angerapp an, um sofort nach meiner Ankunft zu Fuß
über Kudern in unsere Stellung in den Dürrbergen zurückzugehen.
Knapp zwei Wochen später, am 19. Dezember 1944, wurde ich, zusammen
mit anderen Kameraden, zu einen Pionierlehrgang befohlen, und so mar-
schierten wir zum Troß. Von dort ging es dann zum Feld-Ersatz-Bataillon
der 28. Jäger-Division in Groß Budschen, Kreis Angerburg (28 Kilometer
westlich Goldap), wo wir am Abend des 20. Dezember in der dortigen Schu-
le ankamen. Auch hier waren bereits alle Bewohner geflohen.
Am nächsten Tag wurde die Schule als Unterkunft hergerichtet. Beim Um-
räumen fielen mir Schulbücher auf, die noch ziemlich neu waren. In den fol-
genden Tagen wurde mit Tret-, Teller- und Riegel-Mienen hantiert. Mich in-
teressierte besonders die praktische „Pythagoras-Schnur" mit den unter-
schiedlichen Knebeln, womit das nächtliche Verlegen von Minen ermöglicht
wurde und auch deren Wiederaufnahme.
Am Weihnachtsabend hielt unser Leutnant eine Ansprache, die uns, wie
auch dem Leutnant, sehr nahe ging. (Daher die Trockenheit in unseren Hälsen.)
Als am 13. Januar 1945 fern im Osten das Grollen der Artillerie zu hören
war, wußten wir, daß der Russe Goldap angriff und daß unsere Kameraden
jetzt dort im Abwehrkampf standen. Der Dienstbetrieb in Groß Budschen
ging vorerst aber ungestört weiter.
Am 21. Januar 1945 wurde auch bei uns Alarm gegeben. Noch am glei-
chen Abend, bei Einbruch der Dunkelheit, marschierten wir ab.
Der nachfolgende Rückmarsch verlief durchgehend in fast präziser Ost-
West-Richtung. Im Morgengrauen des 22. Januar erreichten wir das Gut
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Gurren (10 km) und marschierten abends durch Nordenburg. Am nächsten
Morgen, dem 23. Januar, waren wir in Assauen, Kreis Gerdauen (27 km). Un-
verhofft ging es abends in einem Nachtmarsch nach Kröglingsheim, wo wir
am nächsten Morgen eintrafen (15 km). Um 15 Uhr ging es weiter durch
Schippenbeil. Abends richteten wir uns in einem Gut ein. Am 25. Januar
ging es durch Bartenstein, und abends kamen wir in Petershagen, Kreis
Preußisch Eylau, an (45 km). Dort wurden wir in einem Saal einquartiert
und am 26. Januar zum Schneeräumen auf den Landstraßen eingesetzt.
Über Migehnen, Heinrikau, Agstein und Stegmannsdorf erreichten wir Wu-
sen (40 km). In einem Keller in Wusen fanden wir nach 137 Kilometer Rück-
marsch die Reste unserer Einheit wieder, und ich erfuhr, daß alle meine Ka-
meraden der Pionier-Gruppe beim Sturm vor Spanden gefallen seien. Der
Durchbruch nach Elbing war gescheitert. Nun waren wir alle in Ostpreußen
eingekesselt.
Als mir dies ein Kamerad berichtete, erhob sich jemand von seinem dun-
klen Lager. Es war Hein Ehlers aus Uetersen, der einzige Überlebende der
Gruppe und ein guter Freund von mir.
Wir verbrachten die Nacht miteinander und wir versprachen uns, beiein-
ander zu bleiben und künftig nur plattdeutsch miteinander zu sprechen.
Das sollte uns wohl besser Zusammenhalten, aber sicherlich auch von den
übrigen uns immer fremder werdenden, neu hinzugekommenen Kamera-
den isolieren. Die zunehmenden Ausfälle und die fortlaufenden Auffüllun-
gen führten zu solcher Entfremdung.
Nachts wurden wir als Spähtrupp von Wusen nach dem südlich gelege-
nen Basien geschickt um zu klären, ob der Russe schon dort sei. Das erste
Haus, das wir fanden, war verrammelt. Schließlich meldeten sich doch die
Bewohner, die zunächst gedacht hatten, die Russen wären gekommen. Nein,
sie wollten in ihrem Haus bleiben, was auch käme. Auch andere Bewohner
des Ortes wollten bleiben.
Am 3. Februar 1945 marschierten wir von Wusen nach Spanden. Aus dem
Schnee, der rechts und links die Straßengräben füllte, blickten Stiefel, Ellen-
bogen und Nasenspitzen hervor. Tote. Ich wußte, daß auch meine Kamera-
den darunter waren, die am 26. Januar im Abwehrfeuer der Russen ihr Le-
ben ließen.
Wir sollten in Auffangstellungen eingewiesen werden, marschierten über
die Passargebrücke, bogen dann links ab und kamen auf den Gutshof Span-
den. Es wurde langsam dunkel, als wir über den südlichen Teil des Gutsho-
fes geführt wurden.
Die uns schließlich zugewiesenen Löcher, etwa 1,5 Kilometer östlich von
Spanden, waren in der Ackerböschung eingegraben, welche dort steil zur
Passarge hin abfielen. Es war längst dunkel geworden, und Hein Ehlers und
ich richteten uns auf das ein, was am nächsten Morgen kommen mochte.
Bald hörten wir in der Stille der Nacht eine Draisine vom Wormditt herrol-
len, wohl noch gut 1.000 Meter entfernt. Die Kameraden auf der Draisine
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sangen leise vor sich hin. Sie wußten sicherlich nicht, was auch wir als hilf-
lose Zuhörer nicht ahnen konnten, daß die hohe Brücke über die Passarge
hinweg bereits gesprengt war, was zur Folge hatte, daß die Draisine ab-
stürzte. Einer der Kameraden hatte den Absturz wohl überlebt, war aber
eingeklemmt und schrie in die Nacht hinein, der Kamerad solle ihn doch er-
schießen.
Am Morgen des 4. Februar wurden wir abgezogen, hatten eine kurze Rast
auf einem Hof zwischen Spanden und Wusen und zogen dann weiter. Am
9. Februar waren wir wieder in einer Auffangstellung nördlich von Wusen,
die als Schützengraben eingerichtet war. Noch vor Anbruch des nächsten
Tages marschierten wir weiter. Die allgemeine Richtung ging auf Brauns-
berg zu.
Eines Tages kamen wir in ein Bauernhaus am Südende des Ortes Zagern.
800 Meter westlich im Wald saß der Russe. Einige Kameraden schleppten
sich Bettzeug für die Nacht in den Keller. Doch der Artillerie-Beobachter auf
dem Hausboden und sein Funk-Kamerad im Keller waren für mich kein
Zeichen für ein längeres Verweilen. Als dann Artilleriebeschuß einsetzte, als
wir im Keller saßen, meinte einer der Kameraden: „Es regnet wohl
draußen." Er kannte die Geräusche noch nicht. Kurz darauf kam schon das
Kommando. „Alles raus, die Bude brennt!" Als ich am rückwärtigen Stu-
benfenster vorbeikam, sah ich, daß das Klavier, auf dem ein Kamerad am
Abend noch gespielt hatte, in hellen Flammen stand.
Immer häufiger wurden jetzt Bauernhäuser zur Verteidigung genutzt.
Was Mühe, Arbeit und Ausdauer mehrerer Generationen zusammenge-
bracht hatten, das wurde jetzt als Splitterschutz und Schießscharte benutzt.
Viele ostpreußische Bauernhäuser, wie man ihresgleichen in ihrer vorbildli-
chen und modernen Ausstattung im übrigen Reich mit der Laterne suchen
mußte, trugen nun Spuren des Krieges und sahen aus wie Schlachtfelder.
Auf Fußbodenkacheln und Fliesen lagen überall Porzellanscherben herum,
Kartoffelschalen waren darauf zertrampelt und vieles mehr. Kameraden, die
in aller Eile versucht hatten, Bratkartoffeln zu machen, wenn Alarm dazwi-
schenkam, verursachten oft ungewollt diese Zustände.
Als es in Zagern am 17. Februar 1945 dunkel geworden war, marschierten
wir zur Bahn östlich des Ortes und schlichen durch die Gänge eines Urlau-
ber-Eilzuges, der auf der Passargebrücke stand. Jenseits des Dammes waren
Russen aufgetaucht, die wir mit Gewehrfeuer ins Dunkle hinein vertrieben.
In den folgenden Tagen ging es auf Heiligenbeil zu, wo wir in einem Haus
am nordöstlichen Ortsrand eine Nacht verbrachten. Einige Tage später, ir-
gendwo südlich der Reichsstraße 1, gelangten wir in das Dorf Rippen, wo
noch alte Leute in einem Bauernhaus zu Hause waren. Wir kamen uns vor
wie im Manöver. Die Bäuerin lud uns ein, kräftig zuzulangen. In ihrer Küche
- auch dort bestaunten wir die Kacheln, die vielen Elektrogeräte und
fließend kalt und heißes Wasser - holte sie einen Butterkuchen aus dem
Backofen und sagte: „Was wollen wir länger sparen, wenn nun doch die
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Russen kommen!" Auf unsere erstaunte Frage, warum sie noch hier seien,
antwortete sie: „Wir bleiben, denn noch haben wir keinen Bescheid von un-
serem Kreisleiter!"
Arme Leute, sie vertrauten noch immer auf die Parolen der Partei, obwohl
der Russe vor der Tür stand.
Anfang März 1945 näherten wir uns der Gegend um Bladiau. Am 13.
März verließen wir beim Gut Pottlitten die Reichsstraße 1 und legten dort
eine Rast ein. Ich bewunderte die ungewöhnliche Ausstattung des Keller-
geschosses des Herrenhauses ebenso wie die weitläufigen, riesigen Vieh-
ställe auf dem geräumigen Wirtschaftshof des Gutes. Mein unbefangenes In-
teresse an diesen Örtlichkeiten sollte wenige Tage später für mich lebens-
wichtig werden.
Dann ging es weiter durch Lank hindurch und an der Autobahn entlang.
Aus ihrer Böschung heraus, nach Süden zu, machten wir über gepflügten
Acker hinweg, den Hügel hinab einen Sturmangriff auf Keimkeim zu, wo
andere Kameraden sich verzweifelt gegen die Russen verteidigten. Der An-
griff war ungünstig im Gelände und verlustreich. Der anführende Offizier
brüllte furchtbar, denn die letzten Kameraden wollten nicht so schnell aus
der Deckung der Autobahnböschung herauskommen und ihr Leben riskie-
ren.
Nach einigen Stunden wurde Keimkeim aufgegeben, wir zogen uns bis
zur Autobahn zurück, besetzten gegen Abend die Schützenlöcher hinter der
Böschung und schliefen prompt ein. Der Schnee hatte die Löcher über uns
zugeweht, als wir in der Nacht aufwachten. Wir gingen dann zum Vorwerk
Diedersdorf, wo wir den Rest der Nacht in der Futterküche verbrachten.
Am Morgen des 14. März marschierten wir nach Lank und verteilten uns
im Ort. Gegen Mittag zwang uns Artilleriefeuer, umzuziehen. Während ei-
ner Feuerpause erreichten Hein Ehlers und ich ein neueres Bauernhaus am
südwestlichen Ortsrand. Allem Anschein nach hatte zuvor die Flak dort lo-
giert und ruhigere Zeiten erlebt. Denn wir fanden auf der Treppe zum Bo-
den eine dort zum Abkühlen abgestellte, herrlich dekorierte Butterereme-
torte. Wir verspeisten dieses Kunstwerk unverzüglich mit unseren Alu-
Klapplöffeln, während draußen der Teufel los war. Die Nacht verbrachten
wir in einem Keller am Nordrand des Dorfes Lank.
Am nächsten Morgen, dem 15. März suchten wir im Nord westen des Or-
tes nach den Resten unserer Einheit und fanden sie schließlich in dem
Gehöft Heide-Pollitten. Dann wurden wir auf den Hof Lankhof eingewie-
sen, wo es an diesem Tag noch ruhig war. Die Nacht verbrachten wir im
Pumpenhaus, mitten auf dem Hofplatz des An wesens gelegen. Für Hein Eh-
lers sollte es die letzte Nacht sein.
Am Morgen des 17. März 1945 kam Hein Ehlers mit einer Gruppe in eine
Verteidigungsstellung, die im Schweinestall des Hofes eingerichtet war und
die dauernd unter Beschuß lag. Ich wurde mit anderen Kameraden in den
Schützengraben eingewiesen, der im Hausgarten des Gehöftes eingerichtet
198
war und der bis zur halben Tiefe mit Schmelzwasser vollgelaufen war. Das
stundenlange Stehen im Wasser, in gebückter Haltung, war schwierig und
sehr anstrengend. Der bald einsetzende Pakbeschuß durch die Russen
machte besonders die Neuankömmlinge unter den Kameraden vollends
nervös. Sie ließen sich nichts sagen und versuchten immer wieder rückwärts
aus dem Graben zu steigen. Sie wurden von Gewehrfeuer getroffen und ver-
sanken im Schmelzwasser unter unseren Füßen.
Am Nachmittag holte man uns aus dem Wassergraben heraus, und ich
wurde hinter einem Wohnzimmerfenster postiert. Im Keller des Wohnhau-
ses befand sich der Gefechtsstand und auch der Sanitäter. Dieser holte mich
zwischendurch zu Hilfe, um einige Verwundete, die in Zeltplanen oder
Decken eingehüllt waren, aus dem Schweinestall zu holen. Den letzten Ver-
wundeten wollte der Sanitäter nicht mehr holen, da der Hofplatz ständig
unter MG-Beschuß lag und er meinte, dieser Verwundete sei bereits tot. Die-
ses Argument ließ der Gruppenführer nicht gelten, weil kein Arzt anwesend
war, der den Tod des Verwundeten festgestellt hätte. Also wurde auch die-
ser letzte Verwundete herübergeholt: es war mein Kamerad Hein Ehlers,
wie ich erst später erkannte. Sein Tod traf mich sehr hart.
Auf meinem Posten am Wohnzimmerfenster riskierte ich in kurzen Zeit-
abständen ein Auge nach draußen. Doch einmal dauerte dies wohl etwas
länger. Denn plötzlich sah ich ganz unerwartet in die Mündung eines russi-
schen Sturmgeschützes. Unbemerkt bei dem draußen und drinnen herr-
schenden Lärm hatte sich der russische Panzer hinter dem Schweinestall
herum in den Garten geschoben. Ich gab sofort Alarm, und ein Panzer-
faustschütze erledigte von der Eingangsveranda aus mit einem gezielten
Schuß den Panzer, noch bevor dieser hatte feuern können.
Danach wurde es ruhiger, und als es dunkel geworden war, merkte ich
schließlich, daß ich noch allein auf meinem Posten war und man mich ver-
gessen hatte. Ich zog mich deshalb aus dem Haus zurück und versuchte,
mich in die Bachmulde nach Heide-Pottlitten durchzuschlagen, was mir
auch gelang. Dorthin hatten sich auch die übrigen Kameraden zurückgezo-
gen.
Als es am nächsten Tag, dem 18. März, hell wurde, erkannten wir, daß
auch in Heide-Pottlitten Kämpfe stattgefunden hatten, denn wir fanden
mehrere tote Kameraden.
Wir marschierten in Reihe nach dem Gut Warnikam. Auch dort zeugten
zahlreiche Gefallene von den Kämpfen des Vortages. Bei diesen Kämpfen
war auch der Kommandeur, Oberstleutnant von Salisch, schwer verwundet
worden; er starb auf dem Hauptverbandsplatz: seine Beförderung zum
Oberst und die Verleihung der Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub
hat er nicht mehr erfahren.
Als einige Kameraden und ich im Laufe des Tages im Obergeschoß des
Herrenhauses einen geeigneten Beobachtungsposten erkunden wollten,
warf ein russischer Stoßtrupp vom Garten her eine Handgranate in die Hal-
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le. Die Angreifer wurden sofort durch Gegenfeuer vertrieben, schließlich
wurden wir dann in die beiden westlich angrenzenden Häuser eingewiesen.
Am Abend des 18. März wurde Warnikam auf gegeben. Wir bezogen wei-
ter westlich, als Auffangstellung, die Schützenlöcher in der langen Mulde,
die zu dem tief eingeschnittenen Bett des Baches zwischen Warnikam und
Pottlitten führte.
In der Nacht zum 19. März stellten wir gegen 3 Uhr fest, daß weder der
linke noch der rechte Nachbar aufzufinden war. Wir beschlossen deshalb
zurückzugehen. In der irrigen Annahme, wir könnten die tiefe Schlucht des
Baches bequemer an der Reichsstraße 1, nahe Pottlitten überqueren, gingen
wir am Nordrand der Schlucht, am Stacheldraht des Weidezaunes entlang.
Kaum waren wir 100 Meter gegangen, feuerte ein russischer Spähtrupp aus
nördlicher Richtung auf uns. Offenbar hatte er uns gehört oder aber selbst
im Dunkeln noch unsere weißen Tarnhosen sehen können; wir hatten sie,
wegen der ständig nassen Stiefel, nicht rechtzeitig wenden können.
Während des Feuers verstummten plötzlich meine Kameraden neben mir
und mein Gewehr flog weg. Als ich durch den Stacheldraht wollte, merkte
ich, daß mein rechter Arm nicht mehr funktionierte. So rutschte ich links-
händig die vereiste und tauende Böschung hinab, durchquerte den Bach
und kam schließlich auch an der südlichen Böschung, von Erle zu Erle, wie-
der nach oben.
Während ich mich dem nur flüchtig bekannten Gutshof über Weide und
Acker näherte, merkte ich, daß es unter dem Koppel recht warm und feucht
wurde. Und immer leichter, fast schwebend wurde der Marsch dorthin, wo
noch Kameraden sein mußten. Denn davon kündete Gewehrfeuer vom
Gutshof her.
Offenbar ersparte mir der starke Blutverlust auch jede Furcht, als ich be-
merkte, daß um mich herum Russen waren, die das Gut angriffen. Wir hat-
ten den gleichen Weg, und im Dunkeln sind alle Kühe schwarz. Eine Weile
ging alles gut. Das Mündungsfeuer der Kameraden zeigte mir, daß diese
sich hinter den Giebeln der langen Ställe verteidigten. Zwischen den Ställen
gingen die Russen in Anschlag, während ich weiterstrebte, denn ich merk-
te, daß es bald aus wäre mit meinen Kräften. Die Kameraden wurden auf
mich aufmerksam, die Russen ebenfalls. Es gab nun Feuer von hinten, das
mich jedoch nicht traf, bis ich hinter dem Giebel war.
Endlich hatte ich es geschafft. Meine Kameraden brachten mich in das mir
bereits bekannte Kellergeschoß des Gutes Pottlitten. Dort lagen schon meh-
rere Verwundete, darunter auch einige mit zwei roten Streifen am Verwun-
detenzettel: „Nicht transportfähig" bedeutete dies; in dieser Lage fast das
Todesurteil. Nachdem der Sanitäter mich verbunden hatte, schnitt er mir
auch die nassen Stiefel von den Füßen. Das war eine Erlösung für mich.
Als der 19. März angebrochen war und es hell wurde, lud man mich mit
anderen Verwundeten auf einen Ackerwagen. Die Fahrt ging nach Norden,
zunächst quer über einen Acker, dann auf einem Weg bis zur Schule Wang-
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nieskeim. Wir wurden in einem Klassenzimmer untergebracht, das bereits
voller Verwundeter war. Gegen Mittag setzte Artilleriebeschuß ein, und der
Kalk kam von der Decke herunter. Es bestand Gefahr, daß die Schule ge-
troffen wurde. Wir wurden in einen Sankra geladen und nach Wolittnick ge-
bracht, einen Ort am Frischen Haff. Von dort erfolgte der Weitertransport
auf dem Bahnkörper der Strecke Königsberg-Berlin entlang, neun Kilome-
ter bis Bredgen, von Schwelle zu Schwelle, ein schmerzhafter Leidensweg
für uns Verwundete. Sehr bald gab es schmerzstillende Spritzen, sonst hät-
ten wir diese Fahrt nicht mehr ausgehalten. Die Sanitäter waren sehr um uns
bemüht und erklärten, daß wegen der Feindeinsicht keine Straße mehr be-
nutzt werden konnte. Es war nicht zu verhindern, daß knapp die Hälfte der
Verwundeten auf diesem Transportweg starb.
Noch am gleichen Tage gelangten wir bis Rosenberg am Frischen Haff,
dessen Hafen, in den wir gebracht wurden, unter starkem Beschuß lag. Man
verfrachtete uns auf eine Fähre, die schon ablegebereit lag. Granateinschlä-
ge in unserer Nähe verlangten unser eiliges Auslaufen. In Pillau konnte die
Fähre zunächst nicht anlegen, weil Stadt und Hafen bombardiert wurden.
Als das Feuerwerk zu Ende war, lud man uns aus. Für einige Tage wurden
wir Verwundeten in einer Baracke untergebracht.
Am 27. März 1945 holten Marinesoldaten uns aus den Baracken hervor
und trugen uns in die weiten Lagerräume eines Frachtschiffes, das als Mi-
nensuchschiff „M 12" eingesetzt worden war.
In der Danziger Bucht - die Russen waren wohl bereits am Stadtrand von
Danzig - stoppte unser Schiff, und mit kleineren Booten wurden Flüchtlin-
ge an Bord gebracht, bis auch der letzte Winkel des Schiffes besetzt war. Die
Flüchtlingsfrauen hatten Mitleid mit uns und brachten uns Brote, die sie in
der Kombüse zubereitet hatten. Unser Anblick trieb den meisten dieser
Frauen die Tränen in die Augen. Danach kamen noch einige alte Männer aus
Ostpreußen, die durch nichts zu erschüttern waren, und brachten uns Ver-
pflegung. Doch während der fünftägigen Ostseereise ließ sich weder ein
Arzt oder Sanitäter sehen, es waren wohl auch keine an Bord.
Wir unten im Schiff wußten nicht, ob es Tag oder Nacht ist, nur manch-
mal hörten wir das Schießen der Bordflak.
Bei leichtem Seegang wurde unser Lager auf den blanken Stahlplanken
zunehmend feuchter, wohin auch mit der Notdurft. Man gewöhnte sich dar-
an, wie auch an die Sterblichkeit. Manche Kameraden richteten sich ganz
unerwartet auf, rissen sich die eitrigen Papierbinden vom Leib und verab-
schiedeten sich schlagartig aus dem Elend. Ostpreußen hatten sie lebend,
wenn auch verwundet, überlebt, aber auf der Ostsee holte sie der Tod noch
ein.
Wohl mehr als ein Drittel der Verwundeten ließ man daher auf den Plan-
ken liegen, als man uns am 1. April 1945 aus dem dunklen, notdürftig be-
leuchteten Schiffsleib herausholte und in Kopenhagen an Land brachte. Ich
mußte mich erst wieder an das Tageslicht gewöhnen und an frische Luft.
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Es war fast wie in einem Traum, als ich am nächsten Tag in einen moder-
nen Lazarettzug gelegt wurde, in ein weißbezogenes Bett. Aus dem Abteil-
fenster schauend, sah ich das erste Grün des Jahres 1945. Hoffnung kam auf,
daß alles besser würde, wenn der Krieg erst zu Ende war.
Bei aller stillen Freude, den Schrecken des Krieges nun endgültig ent-
kommen zu sein, erwuchs in mir doch zugleich ein unterschwelliges
Schuldgefühl gegenüber denen, die nicht zurückkehren konnten, die nicht
überlebt hatten. Denn nicht zuletzt ist es ihrer Treue und ihrem verläßlichen
Beistand zu verdanken, daß wir überlebten. Vielleicht habe ich mir auch
deshalb die Mühe gemacht, nach dem Krieg alles aufzuschreiben, auch vie-
le Einzelheiten. Denn eigentlich ist es auch die Geschichte dieser guten Ka-
meraden, die gemeinsam mit uns die schwierige Strecke unseres jungen Le-
bens gegangen sind.
Originalbericht 15 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
202
Dokument 8
Rothe, Fritz
Geboren am 2. Dezember 1920
Dienstrang: Unteroffizier
Einheit: Sturmgeschützbrigade 278/232
Ostpreußen-
Einsatz: Noyember 1944
bis 28. Januar 1945
Verwundet: am 28. Januar 1945
bei Fuchsberg
Rücktransport: 25. Februar 1945 mit Frachter
„Krimhild" Pillau-Swinemünde
Ein Bollwerk gegen die russische Panzerlawine
Im Oktober 1940 zum Artillerie-Lehr-Regiment 1 in Jüterbog einberufen,
mit der Artillerie ab dem 22. Juni 1941 in Rußland eingesetzt, wurde ich am
1. Dezember 1941 zum ersten Mal schwer verwundet. Der linke Arm war
zersplittert, mußte zweimal gebrochen werden. Danach 6 Monate
Lazarettaufenthalt, danach 11/2 Jahre „heimatverwendungsfähig" - und
„ab ins Reich". Ende 1943, der Arm noch etwas steif, aber wieder „kampf-
fähig", wurde ich zur Sturmgeschützbrigade 278 in den Südabschnitt der
Ostfront kommandiert. Am 23. Juli 1944 folgte die zweite Verwundung,
diesmal am Kopf. Aber ich blieb bei der Truppe. Das dritte Mal erwischte es
mich am 17. August 1944, wieder eine Kopfverletzung: ein Granatsplitter
hatte die Schädeldecke durchtrennt. Im Lazarettzug kam ich nach Magde-
burg; ich galt als Hirn verletzter. Als Ende Oktober 1944 in Magdeburg die
Sturmgeschützbrigade 278 neu aufgestellt wurde, entwich ich aus dem La-
zarett und meldete mich „frontfähig". Ende November wurde die Einheit in
Büden verladen. Es ging nach Osten. Endziel der Bahnfahrt war Danzig.
Hier wurde die gesamte Brigade am 1. Dezember 1944 auf den Truppen-
transporter „Tanga" verladen. In Memel erfolgte die Ausschiffung. Ich war
wieder an der Front. Am Tag nach unserer Ankunft übernahmen wir die
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Sturmgeschütze von der Brigade „Großdeutschland", die in ein anderes Ein-
satzgebiet abkommandiert worden war.
Zu dieser Zeit bereitete die Rote Armee einen Großangriff auf Memel und
Ostpreußen vor. Um diesen noch vor der Reichsgrenze zum Stehen zu brin-
gen, sollte der Brückenkopf Memel, der nördlichste deutsche Ostseehafen,
inzwischen zur „Festung" erklärt, „bis zum letzten Mann" verteidigt wer-
den. Der Brückenkopf Memel führte 15 Kilometer an der See entlang und
war landeinwärts sieben Kilometer tief ausgebaut. Die Höhen ringsum hiel-
ten die Russen besetzt. Tagsüber durften wir deutschen Soldaten uns des-
halb nicht sehen lassen, Angriffe und Gegenstöße erfolgten nur nachts.
Am 13. Januar 1945 begann die erwartete sowjetische Winteroffensive. Mit
gewaltiger Übermacht griff die Rote Armee auch unseren Frontabschnitt an.
Die Sturmgeschützbrigade 278 bildete ein festes Bollwerk gegen die sowje-
tische Panzerlawine. Wir erzielten eine große Zahl von Abschüssen, verlo-
ren dabei aber auch ein Geschütz nach dem anderen und hatten hohe Ver-
luste. Zu den Verwundeten gehörten auch unser Kommandeur, Major
Schüßler, und der Chef der 1. Batterie, Oberleutnant Scheinert, zu meinen
gefallenen Kameraden mein engerer Kamerad Unteroffizier Werner Zucker
aus Hamburg.
Am Abend des 24. Januar 1945, gegen 22.00 Uhr, täuschten wir einen
Großangriff vor, zogen uns aber gegen 24.00 Uhr in den Memeler Hafen
zurück und wurden mit Fähren auf die Kurische Nehrung übergesetzt. Im
Landmarsch erreichten wir Cranz. Wir marschierten dann weiter in Rich-
tung Königsberg.
Am 26. Januar 1945 hatte unsere Sturmgeschützbrigade 278 bereits den
Raum 16 Kilometer südlich Königsberg erreicht. Dort kamen wir schon am
26. Januar 1945 in ein schweres Gefecht. Dabei wurde mein Nachbarge-
schütz getroffen, alle vier Kameraden verbrannten, darunter auch der Ge-
schützführer, Uffz. Hans Fürnkranz aus Wien und der Obergefreite Frey.
Durch das Kampfgebiet fuhren fast unaufhörlich Flüchtlinge mit Wagen,
Frauen und Kinder, bei fast 25 Grad Kälte zwischen den Fronten, der Russe
schoß einfach hinein...
Wir waren Tag und Nacht an den Geschützen, feuerten was wir konnten.
Bei der herrschenden Kälte klebten wir förmlich an den Stahlplatten fest.
Brot und Lebensmittel waren gefroren, warmes Essen war nicht möglich. Da
wir starke Verluste hatten, wurden wir von der 232. Sturmgeschützbrigade
übernommen. Hauptmann Hinze, zum Major befördert, wurde unser neu-
er Kommandant.
Bei der Wiederaufstellung hatten wir viele junge Offiziere als Zugführer
bekommen. Diese hatten kaum eine Auszeichnung; sie waren sehr drauf-
gängerisch. Wir als erfahrene Kämpfer hatten schon das EKI, das EKII, das
Nahkampfsturmabzeichen und das Silberne Verwundetenabzeichen.
Am 28. Januar 1945 brach der Russe mit starken Kräften im Samland ein
und konnte Königsberg einschließen. Trotz unserer Panzergegenwehr konn-
204
te nicht verhindert werden, daß auch unsere Einheit nördlich von Königs-
berg eingeschlossen wurde. Wir entschlossen uns zu einem Ausbruchsver-
such bei Fuchsberg.
Mit den jungen Offizieren voran, schien dies auch zu gelingen. Doch wir
schafften nur einige hundert Meter. Danach gerieten wir in eine russische
Pak-Riegelstellung. Fast gleichzeitig von drei Seiten erhielten wir Pakfeuer.
Unsere drei vorderen Sturmgeschütze wurden sofort in Brand geschossen.
Oberleutnant Karl Steinbeck, Leutnant Brinke und die Besatzungen fielen.
Mein Geschütz, das vierte, hatte ebenfalls einen Treffer, der Fahrer war ge-
fallen, der Ladekamerad am Kopf verwundet und ich am Bein. Hinter uns
brannten weitere Geschütze. Nachdem wir vergebens auf Hilfe gewartet
hatten, gelang es mir mit meinem Ladekameraden, uns in einem Gebüsch
zu verstecken.
Es wurde schon dunkel. Wir wurden von den Russen, die das Kampfge-
biet bereits besetzt hatten, nicht gefunden. Die nächtliche Kälte setzte uns
gehörig zu. Morgens, noch bei Dunkelheit, suchten wir nach einem Schup-
pen oder Stall. Wir fanden ihn auch und verkrochen uns den ganzen fol-
genden Tag im Stroh. Als wir abends weitergehen wollten, mußten wir uns
erst gegenseitig Arme und Beine reiben; wir waren total durchgefroren.
In der Dunkelheit marschierten wir weiter in die Richtung, in der ge-
schossen wurde. Wir trauten uns nicht, auf der Straße zu gehen. Wir hatten
noch unsere Pistolen bei uns, ich eine MP und mein Ladekamerad eine ita-
lienische MR Es war schwierig, eine Ortschaft zu umgehen. In einem weit
abgelegenen, einzeln stehenden leeren Haus suchten wir vergeblich nach et-
was Eßbarem, fanden in einem kleinen Raum aber einige Decken. Hier ver-
brachten wir den Tag, um 2u schlafen. Türen und Fenster hatten wir von in-
nen verriegelt und zur Sicherheit meine Maschinenpistole auf die Tür, die
italienische meines Kameraden auf das Fenster gerichtet. Trotzdem fanden
wir keinen richtigen Schlaf, der Gefahr bewußt, daß wir uns hinter der rus-
sischen Front befanden.
Nachts gingen wir wieder weiter, immer im Rücken der Russen. Wir wa-
ren schon mutiger geworden und gingen schon auf der Straße, und es war
auch noch hell. Hinter uns, aber in einiger Entfernung, marschierte eine Fuß-
kolonne der Roten Armee.
Am Tage in einem Haus versteckt, ging es nachts wieder weiter. Schnee
und Frost machten die Nacht heller. Wir umgingen zwei Ortschaften. Da wir
immer hinter den Russen herliefen, merkten wir, wie weit die deutsche
Front tagsüber zurückgegangen war. In der folgenden Nacht waren wir der
Front schon ein gutes Stück näher gekommen. Wir sahen Russen, ver-
schwanden tagsüber wieder in alten Mänteln, als alte Leute, in ein Haus.
In der vierten Nacht, die dunkler war als sonst, wagten wir uns wieder,
bei kalter Schneeluft, nach draußen und waren, als russische Wachposten
mit unseren Mänteln getarnt, plötzlich zwischen russischen Wachposten.
Jetzt gab es für uns keine Möglichkeit mehr, weiter unbemerkt voranzu-
205
kommen. Um nicht Gefahr zu laufen, von einem russischen Wachposten an-
gesprochen zu werden, zogen wir uns wortlos, wir hatten uns nur ange-
stoßen, in ein Haus zurück.
Als Eßbares hatten wir kein Brot, nur ein Schinkenstück mit Knochen, von
dem wir uns etwas abgeschnitten hatten, mit einem Strick umgehängt. Das
war unsere einzige Marschverpflegung.
In der fünften Nacht, der Nacht zum 2. Februar 1945, erreichten wir durch
Umgehung eines etwas weiter entfernten russischen Wachpostens eine
Straßenkreuzung. In der Dämmerung hörten wir deutsche Stimmen! Hinter
einer Grabenböschung sahen wir Köpfe, die zurücklaufen wollten. Wir riefen:
„Hallo, hallo... wartet - wir sind Deutsche!"
Doch die deutschen Soldaten meinten wohl, dies wäre eine Falle, wir
wären Russen; sie begaben sich, die Gewehre im Anschlag, in Deckung.
Wir versuchten es noch einmal und riefen zu zweit:
„Nicht schießen - wir sind Deutsche!"
Endlich eine Reaktion. Ein Infanterie-Feldwebel bewegte sich, gedeckt
von seinen Kameraden, auf uns zu. An Hand unserer Uniformjacken, die
wir unter den Mänteln trugen, unserer Soldbücher, unserer Waffen und un-
serer Verwundungen glaubte er uns. Er brachte uns zum Infanterie-Ge-
fechtsstand zu einem Oberfeldwebel, dem wir erklärten, daß wir am 28. Ja-
nuar bei Fuchsberg, nördlich von Königsberg, mit unserem Sturmgeschütz
abgeschossen worden wären. Von dem Oberfeldwebel erfuhren wir, daß wir
uns jetzt, am 2. Februar, wenige Kilometer vor Fischhausen befänden. An
Hand eines Schulatlasses zeigte er uns, daß wir in den fünf Tagen durch das
gesamte Samland gelaufen wären. Und das trotz unserer Verwundungen.
Nun waren wir endlich, den Russen entkommen, wieder auf der deut-
schen Frontseite. Wir bekamen Brot und Büchsenfleisch, konnten uns das er-
ste Mal wieder einmal richtig sattessen und bekamen, erstmals seit Tagen,
wieder warmen Kaffee. Das tat gut! Und danach konnten wir uns erst ein-
mal ausruhen, und dies nicht in nächtlicher Kälte.
Noch am selben Tag bemühten wir uns zu erfahren, wo die nächste Sturm-
geschützeinheit sein könnte. Der Oberfeldwebel bemühte sich darum, dies zu
erfahren und hatte auch Erfolg: bei Neuhäuser. Doch wie dorthin kommen?
Ein Fahrzeug stand den Infanteristen und damit uns nicht zur Verfügung. Al-
so: weiter laufen, wieder Fußmarsch, neun bis zehn Kilometer, und das mit
meiner Beinverwundung, mit einem Notverband über der Kniescheibe. Mein
Bein war schon sehr angeschwollen, und mein Kamerad hatte mit seiner
Kopfverletzung ebenfalls erhebliche Schmerzen und stöhnte immer wieder
vor sich hin. Der Oberfeldwebel stellte uns zwei Fahrräder zur Verfügung mit
dem Hinweis, bergab sollten wir fahren, bergauf die Räder schieben.
Das versuchten wir auch und zogen los. Wir spürten auch nicht mehr die
Kälte, wahrscheinlich waren es auch einige Grad weniger geworden. Die
zehn Kilometer zurückzulegen fiel uns trotzdem nicht leicht.
In den Nachmittagsstunden hatten wir endlich den Ortseingang von
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Neuhäuser erreicht und stießen auf eine Stabsbatterie. Dort gefragt, wo sich
die 1. Batterie 278 befände, erhielten wir die Auskunft, daß es diese nicht
mehr gebe, aber die Leute vom Troß zur 1. Batterie 232 gekommen seien; die
Schreibstube der 1. Batterie 232 liege gleich hinter der Kreuzung; von Sturm-
geschützen wisse er nichts.
Wir schoben mit den Rädern weiter bis zum Tor der Schreibstube. Dort
mußte man uns schon bemerkt haben. Alle kamen uns entgegen und wun-
derten sich, daß wir überlebt hatten. Unser Spieß, der Hauptwachtmeister
Krüger, der Sani Munk und weitere Kameraden umarmten uns vor Freude,
uns wiederzusehen. Wir erfuhren nun, welche Kameraden am 28. Januar
1945 gefallen waren oder seitdem vermißt wurden. Der Schreiber der Batte-
rie zeigte uns dann die Vermißtenschreiben, die von mir und meinem Ka-
meraden konnte er gleich zerreißen. Aus dem Vermißtenschreiben unseres
Pz-Fahrers Werner Eggestedt aus Hamburg mußte der Schreiber eine To-
desnachricht machen. Wir konnten beide bestätigen, daß wir den Kamera-
den Eggestedt mit zerfetzter Brust gefunden hatten und bei ihm kein Le-
benszeichen mehr feststellen konnten.
Am Abend befühlte der Sanitäter mein Bein und riet mir, unbedingt am
nächsten Morgen sofort zum Hauptverbandsplatz zu gehen und mein Bein
von einem Arzt gründlich untersuchen zu lassen.
Kurz darauf erschien ein Leutnant der 2. Batterie, der Soldaten für seine
Besatzungen suchte. Mit Hinweis auf mein verwundetes Bein und meine
Untersuchung am nächsten Morgen lehnte ich ab, mein Ladekamerad, mit
Hinweis auf seine Verwundung am Kopf, ebenfalls.
Am Morgen des 3. Februar meldete ich mich auf dem Truppenverbands-
platz in Neuhäuser, der sich nicht weit entfernt in einer Schule befand, zur
Untersuchung. Kaum hatte man mir den Verband abgenommen, schrie
mich der Arzt an, warum ich mich mit dieser Verwundung erst jetzt melden
würde. Meine Erklärungen gingen in seinem lauten Geschimpfe unter. Ich
erhielt sofort Spritzen und mußte mich danach auf einer Strohreihe in einem
Klassenzimmer der Schule, neben einem Schwerverwundeten, hinlegen.
Aufstehen wurde mir strengstens verboten; zunächst mußte die Geschwulst
und die lebensbedrohende Entzündung zurückgehen, danach erst würde
ich operiert werden können. Die Müdigkeit, die mich nach den Spritzen und
den durchlebten Tagen befallen hatte, hielt einige Tage und Nächte an. Erst
am 5. Tag meines Aufenthaltes wurde ich operiert. Wie der Arzt mir danach
sagte, hätte er Hammer und Meißel benutzen müssen, um den großen Split-
ter aus dem Knochen meines Knies zu entfernen.
Am 8. oder 9. Februar 1945 wurden viele Schwerverwundete mit Sa-
nitätsfahrzeugen zum Hafen Pillau gefahren, sie sollten von dort mit einem
Lazarettschiff, dem Dampfer „Steuben", über die Ostsee in Heimatlazarette
abtransportiert werden. Ich allerdings gehörte nicht dazu. Meine Verwun-
dung müsse erst einige Wochen ausheilen, bevor ich transportfähig sei, er-
klärte mir der Arzt.
207
Das weitere Liegen machte mich immer ungeduldiger, zumal ich beim
Verbandswechsel erfuhr, daß die Wunde nicht heilen wollte und eiterte. Was
man auch versuchte, jeden Tag kam neuer Eiter aus der Wunde.
Erst am 24. Februar, der Endkampf um Pillau hatte bereits begonnen,
wurde ich in den Pillauer Hafen gebracht, wo man uns zunächst in Schüt-
zengräben legte. Nachdem bei Dunkelwerden der Frachter „Krimhild" ein-
gelaufen war, wurden wir auf dieses Schiff gebracht, zuerst die auf Tragen
liegenden Schwerverwundeten, dann wir, die noch humpeln konnten. Auch
viele Flüchtlinge, Frauen, Kinder und ältere Leute kamen nach uns an Bord.
Insgesamt mögen es 400 Verwundete und etwa 300 Flüchtlinge gewesen
sein, die das kleine Schiff aufgenommen hatte. Die Flüchtlinge waren Kö-
nigsberger, die nach Pillau geflüchtet waren, nachdem die Straße Königs-
berg-Pillau noch einmal freigekämpft worden war.
Etwa um Mitternacht setzten die Schiffsmaschinen ein. Wir freuten uns,
daß nun endlich die Fahrt begann und wir aus Pillau wegkamen. Als wir je-
doch am nächsten Morgen unten in der Ladeluke erwachten, hörten wir kei-
ne Maschinengeräusche mehr. Wir hatten kein gutes Gefühl. Ich schleppte
mich mit einigen Kameraden an Deck. Wir stellten fest, daß unser Schiff vor
dem Hafen von Pillau ankerte. Sogar die Hafenanlagen von Pillau und die
Kaimauer, von der aus wir eingeschifft worden waren, waren gut zu sehen.
Was nun?
Wir fanden bald einen Matrosen der Handelsmarine, von dem wir erfuh-
ren, daß unser Frachter die Geleitschiffe verpaßt hatte, weil die Beladung in
Pillau länger gedauert hatte als vorgesehen. Der Kapitän hätte es nicht ver-
antworten wollen und können, ohne Geleitsicherung mit so vielen Men-
schen an Bord allein zu fahren. Beruhigt gingen wir in unsere Luke zurück.
Den ganzen Tag über lag unser Schiff vor Anker. Es war verhältnismäßig ru-
hig, bis auf die Frontgeräusche, die unüberhörbar waren.
In den Abendstunden setzten die Schiffsmaschinen wieder ein, ein neues
Geleit wurde zusammengestellt, und die Fahrt über die Ostsee begann, wo-
hin, wußte keiner von uns.
Unter den Königsberger Frauen, die von unserem Frachter „Krimhild"
in Pillau aufgenommen worden waren, befand sich auch eine hoch-
schwangere Frau, die in der Nacht während der Fahrt mit Hilfe des 1. Of-
fiziers Ernst Kühl von einem Mädchen entbunden wurde; es erhielt auf
Wunsch der Mutter den Vornamen „Krimhild". Dies hörten wir am näch-
sten Morgen von einem Besatzungsmitglied des Schiffes, als wir uns lang-
sam aber sicher unserem Zielhafen näherten. Es war der pommersche Ha-
fen Swinemünde.
Dort stand schon ein Lazarettzug für uns bereit. Die Schwestern waren
sehr ungeduldig, weil sie mit ihrem Zug schon einen ganzen Tag auf uns ge-
wartet hatten. Zuerst wurden in dem Lazarettzug die Schwerverwundeten
versorgt, dann alle anderen, so auch ich.
Fahrtziel unseres Lazarettzuges, der am 2. März 1945 Swinemünde ver-
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lassen hatte, war der Bahnhof Güsen bei Burg in der Nähe von Magdeburg,
wo wir in einem Behelfslazarett Aufnahme fanden.
Auch die überzähligen Soldaten der Sturmgeschützbrigaden 278 und 232,
die wie wir mit dem Frachter „Krimhild" nach Swinemünde befördert wor-
den waren, wurden nach Burg bei Magdeburg gebracht; sie sollten zu einer
neuen Einheit kommen.
Doch der Krieg war für uns - so auch für mich - trotz vier Verwundun-
gen noch nicht zu Ende.
Ende März waren die Verwundungen bei vielen soweit ausgeheilt, daß sie
wieder frontfähig waren. Fast alle kamen mit mir zu der neu aufgestellten
Sturmgeschützbrigade 1170, die General Wenck zur Verteidigung von Ber-
lin zugeteilt wurde. So gelangte ich noch einmal an die Front.
Erst kämpften wir südlich von Berlin gegen amerikanische Truppen, dann
ab dem 25. April 1945 gegen die Russen in schweren Panzergefechten. Da-
bei mußten noch viele unserer Kameraden, die mit uns auf der „Krimhild"
nach Swinemünde gekommen waren, ihr Leben lassen. Der größte Teil - un-
ter ihnen auch ich - gerieten am 7. Mai 1945 bei Stendal an der Elbe in ame-
rikanische Gefangenschaft. Leider wurden viele Soldaten hier noch am 8.
Mai 1945 an die Russen ausgeliefert.
Erst am 30. Juli 1945 befand ich mich mit einem Entlassungsschein der
Amerikaner auf dem Heimweg in meine oldenburgische Heimat.
Es war ein weiter Weg von Ostpreußen, Memel, Königsberg, Neuhäuser,
Pillau nach Swinemünde und von dort bis vor die Tore von Berlin. Von je-
dem Ort sind Erinnerungen geblieben; vor allem bleibt mein Einsatz in Ost-
preußen bei mir unvergessen.
Originalbericht 10 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
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Dokument 9 Kehrer, Peter Geboren am 1. Dezember 1925 Hm tkä
Dienstrang: Unteroffizier-Anwärter i
Einheit: Fallschirm-Ersatz- und Ausbil- dungs-Brigade „Hermann Göring" 1 * 1
Ostpreußen- Einsatz: 30. November 1944 bis 21. Januar 1945
Verwundet: am 22. Januar 1945 südlich von Insterburg Rücktransport: 19. Februar 1945 Pillau-Goten- hafen mit Hilfskreuzer „Saturn" 22. Februar 1945 Gotenhafen-Saßnitz mit Lazarettschiff „Pretoria"
Verwundet - im Papiersack abtransportiert
Als Angehöriger der Luftwaffe mit abgeschlossener Bordfunkerausbil-
dung in den Luftnachrichtenschulen Halle/Saale und Finsterwalde wurde
ich am 8. November 1944 zur Fallschirm-Ersatz- und Ausbildungs-Brigade
„Hermann Göring" nach Rippin/Westpreußen abkommandiert. Nach kur-
zer Infanterieausbildung kam ich am 30. November 1944 zur weiteren Aus-
bildung nach Bartenstein/Ostpreußen. Am 1. Januar 1945 erfolgte meine
Kommandierung nach Insterburg.
Den Beginn der sowjetischen Großoffensive Mitte Januar 1945 gegen Ost-
preußen erlebte ich im Raum Insterburg. Zunächst wurde unsere Kompanie
nach Zügen aufgeteilt und anderen Luftwaffeneinheiten unterstellt.
Unser Zug wurde mit Lkws in Frontnähe gebracht. Von dort ging es zu
Fuß weiter, bis wir Feindberührung hatten, d.h. bis wir von den Russen be-
schossen wurden. Unser Zugführer bemerkte dazu: „So, Jungs, jetzt wißt
Ihr, wo die Front ist!"
Nachdem wir Stellung bezogen hatten, mußten wir auf Verstärkung
durch eine nachrückende Einheit warten. Als diese nicht eintraf, erhielten
wir den Befehl, einige Kilometer zurückzugehen und dort eine neue Stel-
lung zu beziehen. Unsere Gruppe war nur mit Karabinern bewaffnet. Ge-
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gen die Übermacht der Russen kamen wir überhaupt nicht an. Wir mußten
uns schon bei der nächsten Feindberührung weiter zurückziehen.
Auf unserem Rückzugsweg begegneten wir mehreren Flüchtlingstrecks,
meist nur Frauen, Kinder und alte Leute, die bei der grimmigen Kälte vor
der Roten Armee flohen. Wir sahen aber auch, wie von unseren Heeresleu-
ten Treibstoff- und Munitionslager, die aus Zeitgründen nicht mehr geräumt
werden konnten, in die Luft gesprengt wurden, damit sie den Russen nicht
unversehrt in die Hände fielen, denn die Rote Armee stürmte tagtäglich in
Ostpreußen immer weiter vor, sie war wohl nicht mehr aufzuhalten.
Am 21. Januar 1945 bekam unsere Gruppe den Befehl, in der kommenden
Nacht bis zu einem ganz bestimmten Gehöft vorzudringen, von dort aus
sollten wir am Nachmittag zur Hauptkampflinie weitergehen und am
Abend erkunden, wie weit der Russe von diesem Gebiet noch entfernt war.
Der Marsch begann, wie schon des öfteren, mitten in der Nacht. Es war
die Nacht vom 21. zum 22. Januar 1945. Die Wege waren verschneit, und es
war sehr kalt. Gegen 08.00 Uhr morgens erreichten wir nach unserem stun-
denlangen Nachtmarsch das genannte Ziel. In einem von den Bewohnern
verlassenen Haus fanden wir eine Unterkunft. Zusammen mit meinem Ka-
meraden Paul Kuhr übernahm ich die 1. Wache.
Wir standen gerade vor dem Wohnhaus, als plötzlich Schüsse fielen.
Gleichzeitig schlug eine Mörsergranate direkt neben uns ein. Wir wurden
beide hoch- und weggeschleudert. Mir wurden beide Beine warm, bedingt
durch Blutungen. Mein Kamerad rief immer wieder meinen Namen, so als
wollte er mir etwas sagen. Ich antwortete ihm, dann war er still; er hatte
wohl das Bewußtsein verloren. Schmerzen verspürte ich zu diesem Zeit-
punkt kaum, dies mag an der Schockwirkung gelegen haben. Zwei weitere
Kameraden waren ebenfalls verwundet worden, sie lagen blutend im
Schnee.
Schon sah ich den Zugführer mit drei Mann im Schnee auf uns zurobben.
Sie schleppten uns zur Wohnhausrückseite, um uns von dort ungehindert
in das Haus tragen zu können. Jetzt stellten sich bei mir die Schmerzen ein,
aber mein Kamerad war noch immer ohne Bewußtsein. Man brachte uns
zum nächsten Verbandsplatz, der aber gerade geräumt wurde. Bevor wir
weitertransportiert wurden, verstarb einer meiner Kameraden.
Mit dem Fahrzeug einer nachgerückten Pioniereinheit wurden wir gegen
Mittag zum Truppenverbandsplatz Birkenfeld im Kreis Gerdauen gebracht.
Dort aber konnte man uns nur notdürftig behandeln, da bei unserer An-
kunft auch dieser Verbandsplatz geräumt werden mußte. Meinem Kamera-
den Paul Kuhr war nicht mehr zu helfen, er verstarb noch bevor wir wei-
tergebracht werden konnten. Bei mir hatte man Splitterverletzungen in bei-
den Beinen, Ober- und Unterschenkel, festgestellt.
Mein Weitertransport als Verwundeter war ein Leidensweg ohnegleichen.
Zunächst wurde ich in ein Behelfslazarett nach Preußisch-Eylau gebracht,
in dem ich mich nur wenige Tage, bis zum 25. Januar 1945, aufhielt.
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Vom 25. bis 31. Januar 1945 dauerte der Transport mit einem „Sanka" nach
Braunsberg. Streckenweise waren auch noch Flüchtlinge, die unterwegs auf-
gelesen worden waren, mit in dem Fahrzeug. Im Behelfslazarett Braunsberg,
das in einer ehemaligen Klosterschule untergebracht war, befand ich mich
bis zum 12. Februar. Wegen der anhaltenden Bomben- und Tieffliegeran-
griffe mußten wir in den Keller dieses stabilen Gebäudes verlegt werden.
Immer wieder hörten wir hier Einschläge von Granaten und Bomben. Als
wir beim Abtransport aus dem Keller herausgetragen wurden, sahen wir
ringsherum nur noch Ruinen. Auch von unserem Gebäude stand nur noch
das Erdgeschoß, alles andere war zerbombt und zerschossen.
Wir waren froh darüber, daß wir am 12. Februar 1945 endlich dieses Kel-
ler-Behelfs-Lazarett verlassen konnten und weitertransportiert wurden. Wir
hörten, daß wir zum Flugplatz Heiligenbeil gebracht und von dort nach Dä-
nemark ausgeflogen würden. Doch die Enttäuschung war groß. Wir kamen
zwar unbehelligt auf dem Flugplatz an, aber weit und breit war kein Flug-
zeug zu sehen. Wahrscheinlich wurden auch keine Maschinen mehr erwar-
tet, denn man brachte uns gleich weiter nach Rosenberg am Frischen Haff,
wo wir in einer kalten und ungemütlichen Lagerhalle, nur auf unseren Tra-
gen liegend, untergebracht wurden. Doch daß wir hier ohne jede ärztliche
Versorgung nicht bleiben konnten, war allen klar.
Am nächsten Tag wurden wir - etwa 30 Verwundete - mittels Sanka und
Tragbahren auf ein kleines Küstenschiff gebracht, das im Hafen von Ro-
senberg lag und das uns über das Haff nach Pillau bringen sollte. Die Ver-
ladung erfolgte trotz der Tieffliegerangriffe. Wegen der großen Kälte waren
wir Verwundeten in Papiersäcke eingehüllt, sonst wären wir auf der Über-
fahrt sicher erfroren. Das Haff war total zugefroren, nur notdürftig war von
Eisbrechern eine schmale Fahrtrinne freigemacht. Doch unser Küstenschiff
blieb im Eis stecken, wurde dabei beschädigt und drohte zu sinken. Ein an-
deres kleines Schiff kam uns zu Hilfe, befreite uns aus dem Eis und schlepp-
te uns trotz des Bordwaffenbeschusses russischer Flugzeuge bis nach Pil-
lau.
Dort kam ich endlich in eine „richtiges" Lazarett. Allerdings hatte auch
dieses erhebliche Kriegsschäden, kaum ein Fenster war noch im Rahmen.
Die Scheiben waren raus, das Gebäude war auch äußerlich durch Granat-
feuer und Bomben erheblich beschädigt.
Noch aber war Pillau ein Hafen der Hoffnung, der letzte in Ostpreußen,
nachdem am 9. April bereits Königsberg gefallen war. Nun standen die Rus-
sen vor der „Festung Pillau". Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Ro-
te Armee Stadt und Hafen besetzen würde. Das bedeutete: Tod beim letzten
Sturm, oder wenn man überlebte russische Gefangenschaft. Für alle Ver-
wundeten ein furchterregender, schrecklicher Gedanke.
Am 19. Februar hatte man uns schwerverwundete, aber transportfähige
Soldaten zur Verlegung vorbereitet; eine Verladung auf ein anderes Schiff
war vorgesehen.
212
Zwei Tage später war es soweit. Im Pillauer Hafen war der Hilfskreuzer
„Saturn" eingelaufen. Man brachte uns zum Hafen. Durch eine seitliche La-
deluke wurden wir in den Frachtraum des Schiffes getragen. Dort wurden
wir auf unseren Tragen in langen Reihen auf den Boden gestellt. Da der
Frachtraum nicht ausreichte, hatte man Hängematten aufgehängt, in denen
ebenfalls Verwundete lagen. Bevor wir in das Schiff verladen wurden, sah
ich auf dem Kai viele Flüchtlinge stehen, sie warteten darauf, mitgenommen
zu werden. Wieviele von ihnen tatsächlich mit dem Schiff „Saturn" Pillau
verlassen konnten, habe ich nicht erfahren.
Am 21. Februar 1945 erreichten wir Gotenhafen, wo wir Verwundeten
ausgeladen und in einer Lagerhalle untergebracht wurden. Ich glaubte be-
sonderes Glück zu haben, als ich mit weiteren sieben verwundeten Kame-
raden in das Büro der Lagerhalle gelegt wurde. Doch das hätte uns leicht
zum Verhängnis werden können. Nach etwa zwei Stunden war ein Kame-
rad nach draußen gehumpelt und hatte festgestellt, daß die gesamte Lager-
halle inzwischen leer war. Es war unheimlich. Der Schreck war groß. Man
hatte uns vergessen.
Über ein noch intaktes Telefon erreichten wir das „Rote Kreuz". Wir er-
fuhren, daß unsere Kameraden aus der Lagerhalle inzwischen auf das im
Hafen liegende Lazarettschiff „Pretoria" verladen worden wären, das be-
reits ausgelaufen sei, aber noch vor Gotenhafen ankern würde. Auf unsere
dringenden Bitten wurden wir noch zum Ankerplatz gebracht. Nach
einigem Hin und Her wurden wir auch noch an Bord gelassen. Es war kalt
und windig, als wir mit unseren Tragen an Oberdeck aufgestellt wurden,
aber wir waren heilfroh, doch noch aufgenommen worden zu sein. Das
Schiff war übervoll, selbst auf den Treppen saßen Flüchtlinge, zumeist Frau-
en und Kinder und alte Leute mit ihrem wenigen Gepäck. Nach mehreren
Stunden Wartezeit auf Deck wurde ich in eine Kabine verlegt. Ein verwun-
deter Kamerad war verstorben. So konnte ich die Koje des weggebrachten
Toten belegen.
Das Auslaufen der „Pretoria" verzögerte sich durch U-Boot-Alarm. Als
wir dann endlich ausgelaufen waren, stoppte das Schiff erneut für einige
Stunden auf See und während der Fahrt nach Saßnitz nochmals.
Am 25. Februar 1945 trafen wir auf der Reede von Saßnitz vor der Insel
Rügen ein. Dort begann die Ausschiffung auf kleinere Schiffe und Boote, die
uns in den Hafen, in dem es keine Anlegemöglichkeit für große Schiffe gab,
beförderte. Im Saßnitzer Hafen stand bereits ein Lazarettzug bereit. Mit ihm
fuhren wir, etappenweise, bis Flensburg, wo wir am 3. März 1945 eintrafen.
Im Marinelazarett Flensburg-Mürwik blieb ich noch bis zum 30. Oktober
1945. Mit dem Befund „Lähmung linkes Bein" wurde ich entlassen. Die Läh-
mung ist geblieben, auch mehrere Granatsplitter in meinen Beinen, die mich
heute noch an Ostpreußen erinnern.
Zurückblickend kann ich nur feststellen: Ohne den unermüdlichen,
selbstlosen, beispielhaften Einsatz der Marine, den ich nie vergessen werde,
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hätte ich meine Heimat nicht wiedergesehen. Auch für viele andere waren
die Rettungsaktionen der Marine die Lebensrettung; die Rettung vor Tod
und russischer Gefangenschaft.
Originalbericht 6 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Erklärung
vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
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Dokument 10
Schmitt, Otto
Geboren am 26. November 1927
Dienstrang: Grenadier
Einheit: 2. Grenadier-Regiment,
8. schwere Kompanie
Division „Großdeutschland"
Ostpreußen-
Einsatz: Dezember 1944 bis März 1945
Verwundet: 10. März 1945
Rücktransport: 27. März 1945 mit Verwundeten-
transportschiff „Kanonier"
Pillau-Kopenhagen
Wir kämpften Auge um Auge, Zahn um Zahn
Im Juli 1944 wurde ich - noch nicht einmal 17 Jahre alt - nach Calau/Nie-
derlausitz zur Division „Großdeutschland" eingezogen und dort am SMG
ausgebildet. Im Dezember 1944 wurde unsere Einheit in Cottbus in einen
Güterzug verladen. Mit unbekanntem Ziel begann die Fahrt. Einen Tag spä-
ter sah ich, daß wir in Preußisch-Eylau in Ostpreußen angekommen waren.
Von dort aus fuhren wir nach Sensburg. Dort stand auf dem Bahnhofs-
gelände eine größere Anzahl von Panzern, „Panther". In „Sensburg wurden
wir einzelnen Kompanien der Division „Großdeutschland" zugewiesen, die
auf verschiedene Ortschaften verteilt waren. Kurz vor Silvester wurden wir
in den Raum Praschnitz-Zichenau verlegt.
Am 13. Januar 1945 begann der Russe mit seiner Offensive gegen Ost-
preußen. Einen Tag später griffen wir mit mehreren Panzerdivisionen in der
Gegend von Praschnitz-Zichenau die Russen an. Wir liefen einige hundert
Meter hinter unseren deutschen Panzern her. Diese waren oft kaum zu se-
hen, weil sie von russischer schwerer Artillerie völlig eingedeckt wurden.
Hier sah ich die ersten beiden toten deutschen Soldaten; sie waren von ei-
ner Granate zerfetzt worden. Dann kamen wir an vier Maxim-MGs vorbei,
deren Bedienungen gefallen waren. Von rechts erhielten wir MG-Feuer.
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Doch der russische Schütze schoß nicht lange, da hatte auch ihn der Tod er-
eilt.
Als die Dunkelheit hereinbrach, setzte das russische Artilleriefeuer aus.
Wir gingen nach rechts in eine gut ausgebaute unterirdische Holzbunker-
stellung. Dabei wurden noch einige Iwans aufgestöbert, die sich versteckt
hatten. Mit der Ruhe war es schnell vorbei; ein zweistündiges 8 cm-Granat-
werfer-Feuer setzte auf unseren Bunker ein, ohne jedoch großen Schaden an-
zurichten.
In der Nacht hörten wir Motorengeräusche unserer Panzer, die aus der
Stellung abgezogen wurden. Wir schickten einen Spähtrupp aus, um fest-
zustellen, wer vor uns lag. Dieser kam aber gleich zurück und meldete, daß
der Iwan im Vorgehen sei.
Als es hell wurde, sahen wir links von uns sechs T 34-Panzer an uns vor-
beifahren, hinter ihnen mehrere Lkws. Dazwischen schlug Infanteriege-
schütz-Feuer von unserer schweren Kompanie ein. Zwischen den T 34-Pan-
zern und uns fuhren zwei russische Einachser-Granatwerfer-Karren mit
fünf Pferden davor. Als sie nahe genug heran waren, feuerte alles los. Kein
Pferd und kein Mann überlebte.
Anschließend kamen fünf Iwans unter Führung eines Vorgesetzten auf
uns zu. Durch zu frühes Schießen unsererseits konnten alle entkommen.
Drei russischen Schützen gelang es unter dem Feuerschutz einer russischen
5 cm-Pak, ganz nahe an uns heranzukommen. Die Pak wurde von unseren
MGs unter Feuer genommen und von der Bedienung dann hinter ein Haus
gezogen.
Als es dunkel wurde, ging hinter unserem Bunker plötzlich ein Stroh-
haufen in Flammen auf. Dann plötzlich ein Riesengebrüll - der Iwan griff
an! Man sah die dunkle Masse, die sich auf dem weißen Schnee deutlich ab-
zeichnete, vorwärtsstürmen. Wir schossen mit allen MGs und Sturmge-
wehren. Nach einigen Minuten hörten wir aus der Richtung der Angreifer
keinen Ton mehr.
Mit zwei eigenen Verwundeten traten wir den Rückmarsch an und kamen
dabei an ein Waldstück mit zugeschneiten Schützengräben. Feldwebel Pfeil,
Grenadier Riedel und Grenadier Albrecht hatten sich, übermüdet, unter das
Reetdach eines Schuppens gelegt, als plötzlich ein kurzer russischer Artille-
rieüberfall erfolgte. Danach fanden wir Feldwebel Pfeil; ihm fehlte der Kopf,
Grenadier Albrecht hatte es den Unken Arm weggerissen, nur Grenadier
Riedel war unverletzt geblieben, obwohl seine weiße Uniform voller Blut
war. Als wir Albrecht aus der Deckung zogen, sagte er: „Es ist aus, es ist
aus...!" Ich sagte noch zu ihm: „Du kommst doch jetzt ins Lazarett, sei doch
froh...!" Doch er gab keine Antwort mehr, er war tot. Wir schleppten die bei-
den Toten auf Zeltplanen noch einige Kilometer mit uns, bis ein Beiwagen-
Krad ankam und sie mitnahm.
Wir wurden später mit Lkws abgeholt und fuhren durch ein größeres pol-
nisches Dorf. Hinter dem Dorf überquerten wir einen Panzergraben, dahin-
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ter befand sich eine deutsche Schützengrabenstellung mit Stacheldrahtsi-
cherung. Wir mußten den ganzen Tag Schnee schippen, um überhaupt in die
kleinen Bunker hineinzukommen. Der starke Wind wehte immer wieder die
Gräben zu. Die Brücke über den Panzergraben, in welchem ein umgestürz-
ter deutscher Muli-Lkw lag, wurde, kurz nachdem wir darüber waren, von
uns in die Luft gesprengt.
Einige Zeit später fuhren drüben im Dorf einige russische Lkws besetzt
mit Soldaten ein. Wir sahen weiß gekleidete Gestalten, wie sie dunkel ge-
kleideten Personen nachliefen. Es stellte sich heraus, daß es russische Sol-
daten waren, die Polinnen verfolgten. Zwei Granaten aus unseren 15 cm-
SIG-Geschützen ließen dort drüben Ruhe einkehren.
Dafür begann am nächsten Morgen ein unvorstellbares Artilleriefeuer auf
unsere Stellungen. Gegen Mittag gelang dem Iwan der Einbruch an einer
Seite, er rollte im Nahkampf die Bunker und Gräben auf. Grenadier Müller
baute schnell die MG-Lafette zusammen, nachdem der MG-Schütze ausge-
fallen war. Unter ständigem feindlichen MG-Feuer gelang es uns, in den
rückwärtigen Verbindungsgraben zu kommen. Hinter Müller und mir kam
noch ein Grenadier durch den Graben gekrochen. Etwa 300 Meter vor uns
war ein Waldstück, das unter dem vorverlegten Artilleriefeuer der Russen
lag. Nach einer Stunde langen Wartens ließ das Feuer nach, und wir krochen
weiter. Müller hatte die MG-Lafette auf dem Rücken. Diese wurde von den
Russen eingesehen und mit MG-Feuer belegt, wodurch Müller einen Schuß
durch die Unke Hand erhielt. Ich schrie ihm zu: „Wirf die Lafette weg", was
er dann auch tat. Sofort ließ das gezielte MG-Feuer nach. Der hinter Müller
kriechende Soldat hatte einen Lungenschuß bekommen. Dies sah man dar-
an, daß bei jedem Atemzug Blut aus Mund und Nase schäumte. Hinter dem
Wald lagen noch mehr deutsche Soldaten, die sich vor uns aus den
Schützengräben zurückgezogen hatten. Es kamen vier deutsche Sturm-
geschütze, die uns abholten. Während der Fahrt über das freie Feld wurden
wir weiter von der russischen Artillerie beschossen.
In der Nähe von Flammberg zogen wir in ein Gehöft. Hier sollten wir wei-
tere Befehle abwarten. Im Wohnhaus lernte ich Rolf Rotenberger kennen. Ich
hatte kaum die Augen zugemacht, um mich auszuruhen, als der Bataillons-
Adjutant ins Zimmer stürzte und schrie: „Raus - der Iwan ist durchge-
brochen und kommt mit Panzern auf uns zu!"
Wir gingen mit Unteroffizier Lehmann, unserem Zugführer, sofort in den
Wald. Uns entgegen kamen fünf Soldaten der Schützenkompanie; sie waren
gerade noch davongekommen. Wir waren kaum 300 Meter durch den Wald
vorgegangen, als der Iwan uns mit Schnellfeuer überraschte. Unteroffizier
Lehmann erhielt einen Bauchdurchschuß und Rotenberger einen Oberarm-
durchschuß, während Kamerad Bröse, der an der Flanke mit seinem MG si-
cherte, zwei Iwans aus einem Baum herunter schoß.
Ein Artillerie-Offizier von den schweren 15 cm-Infanterie-Geschützen
ging mit dem Feldtelefon in der Hand zusammen mit uns wieder vor. Er
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setzte das Feuer seiner Batterie immer 50 Meter weiter vor uns, so daß uns
die Splitter der eigenen Granaten um die Ohren flogen. Der Iwan wurde so
bis zum Einsetzen der Dunkelheit viermal wieder in den Wald gejagt.
Während des ganzen Tages flogen die russischen Schlachtflieger über uns
hinweg. Das Artilleriefeuer der Russen lag immer hinter uns in den ande-
ren Gehöften.
Mein Kamerad Heinrich Schuch und ich standen in der Nähe eines Vieh-
stalles, in dem noch ein Pferd stand. Während wir hinter einem Lattenzaun
Schutz suchten, schlug plötzlich eine schwere russische Granate in den Stall
ein. Die Soldaten, die hinter dem Stall Deckung gesucht hatten, wurden zum
Teil verwundet. Kamerad Schuch trafen zwei Splitter in den rechten Ober-
arm, mir drangen zwei Kleinsplitter in Hals und Becken, die sich heute noch
in meinem Körper befinden. Schuch wurde mit einer Ju 52 einige Tage spä-
ter ins Reich ausgeflogen.
Flammberg brannte an diesem Tag völlig nieder. Die russischen Panzer
waren von uns weg ins Dorf gefahren. Die bei uns stationierte Wespe wur-
de sofort alarmiert und fuhr in großem Tempo über die gut einzusehende
Straße nach Flammberg. Sie wurde bis zu ihrem Eintreffen ins Dorf von der
gegnerischen Artillerie eingedeckt, aber nicht getroffen. In Flammberg wur-
de durch Grenadier Wanzer ein Sowjetpanzer mit der Panzerfaust abge-
schossen, Wanzer ist einen Tag danach gefallen.
In der Nacht fuhren wir mit Lkw-Transportern nach Norden weiter. Dort
kamen wir in ein Gehöft, das noch von einer deutschen Frau mit zwei Klein-
kindern und einer ledigen Schwägerin bewohnt war. Weiter links vom
Gehöft sahen wir ein ziemlich langes Straßendorf. Von uns wurde dorthin
ein Spähtrupp gesandt. Auch ich war dabei. Um nicht gesehen zu werden,
liefen wir durch den Wald, wo noch zwei Häuser standen. In einem der
Häuser fanden wir zwei junge Mädchen und eine alte Frau. Auf die Frage
unseres Unteroffizieres, warum sie noch hier wären, obwohl jeden Tag die
Russen kommen könnten, sagte die alte Frau: „Die Russen sind nicht so
schlimm wie es erzählt wird, das ist alles nur Propaganda!" Wir mußten die
drei Frauen ihrem Schicksal überlassen.
Im Dorf fanden wir eine Einheit unserer Panzerpioniere vor, zogen uns
dann aber wieder in unser Gehöft zurück, von russischem Granatwerfer-
Feuer begleitet.
Auf unserem weiteren Rückzugsweg erreichten wir den Ort Lautern, wo
wir im Polizeiamt für die Nacht Unterkunft fanden. Um das Haus herum
standen mehrere gepanzerte deutsche Fahrzeuge, die man wegen Sprit-
mangel verbrannt hatte.
Tags darauf fanden wir auf unserem Rückmarsch unser Nachtquartier in
einem ehemaligen Gefangenenlager für Russen. Doch Ruhe fanden wir
nicht. Bereits eine halbe Stunde nach unserer Ankunft traf die Rote Armee
mit voller Beleuchtung ein. Panzer hinter Panzer und Lkws. Erst am Mor-
gen entdeckten sie uns. Kämpfend zogen wir uns in den nächsten Wald
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zurück. Auch in den nächsten drei Ortschaften standen deutsche Fahrzeu-
ge, von den eigenen Truppen zerstört.
In dem dritten Dorf, das wir erreichten, war eine Artillerieeinheit gerade
dabei, sich abzusetzen. Die 10,5 cm-Haubitzen wurden an Lkws angehängt.
Es ging alles sehr schnell. Für uns sahen wir jetzt die beste Möglichkeit fort-
zukommen, ohne laufen zu müssen. Wir setzten uns einfach auf die Holme
der Geschütze, was von den Besatzungen nur widerwillig zugelassen wur-
de. Dann fuhren die Lkws los. Hinter uns sah ich eine 7,5 cm-Pak, an deren
Rohr sich ein Soldat angeklammert hatte wie ein Affe. Der Himmel war rot
von den brennenden Dörfern ringsum, als wir aus dem Ort heraus waren.
Endlich hatten wir unser Fahrtziel, Königsberg, erreicht. Doch an eine Ru-
hepause, die wir dringend nötig hatten, war nicht zu denken. Noch in der
Nacht ging es in Bereitstellung in einen noch unfertigen Panzergraben. Im
hinteren Grabenrand stand eine 10,5 cm-Haubitze, und noch weiter hinten
befand sich ein großer Marinebunker. Als wir den Graben besetzten, kamen
uns alte Männer und Jungen, die kaum älter als 14 Jahre alt waren, entge-
gen. Sie gehörten zu einer Volkssturmeinheit, die den Panzergraben bis jetzt
gehalten hatte.
Als einige Zeit später unsere „Panther" der 5. Panzerdivision vorrückten,
wurde unser Graben zwei Tage und Nächte von russischem Artilleriefeuer
eingedeckt, so daß wir aus der Deckung nicht mehr herauskamen. Auch gab
es einen Volltreffer, wobei schwere Verluste bei uns entstanden. Ungefähr
300 Meter vor uns lag ein Soldat im Eiswasser. Er schrie den ganzen Tag um
Hilfe. Erst in der Dunkelheit, bei einer Feuerpause, konnten wir ihn zu fünft
in unseren Graben holen und in den Marinebunker bringen. Dort wurde er
von den Ärzten behandelt. Er hatte einen Oberschenkel-Schußbruch.
Am anderen Tag ging es erst richtig los.
Zwei Grenadiere mit Tornister-Funkgeräten kamen zu mir in den Graben
und gaben durch, daß das 3. Bataillon die vor uns liegende russische Einheit
angreifen würde. Es kamen acht Artilleristen mit Granaten und Kartuschen
aus dem Marinebunker und begannen ein Schnellfeuer mit ihrer Haubitze.
Wir beschossen mit MGs und Karabinern den vor uns liegenden Iwan. Da-
bei erhielten wir MG-Feuer zurück, die Leuchtspur flog der Geschützbe-
dienung um die Ohren. Wir lagen auf dem Grabenrand, wobei meinem Un-
teroffizier der Hals durchschossen wurde. Sein Gesicht war sofort feuerrot
angelaufen. Kurze Zeit später hörte ich von den Funkern, daß unser Angriff
vom Iwan abgeschlagen wäre, wobei auch ein Kompaniechef gefallen sei.
Am nächsten Tag erhielten wir den Befehl, unsere Stellung zu verlassen
und uns direkt am Frischen Haff entlang abzusetzen, um dort erneut in Ab-
wehrkämpfen eingesetzt zu werden. Vier „Panther" der 5. Panzerdivision
sicherten uns landeinwärts. Es dauerte nicht lange, bis wir von der feind-
lichen Artillerie beschossen wurden. Als aus einem nahegelegenen Gehöft
ein Melder gehunfähig geschossen wurde, gingen wir mit einer 2 cm-Flak
auf Selbstfahrlafette zum Angriff vor, unterstützt mit einem SMG. Plötzlich
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schlug eine Sprenggranate der russischen 5 cm-Pak etwa fünf Meter vor un-
serem SMG ein. Hierdurch wurde Grenadier Peters im Gesicht und am
Oberschenkel schwer verwundet, wir holten den Verwundeten ins Haus
und verbanden ihn.
Das vom Iwan besetzte Gehöft ging inzwischen in Flammen auf. Aus dem
Wohnhaus kam eine ganze Familie mit Kindern gerannt. Sie war nun end-
lich von den Russen „befreit".
Am nächsten Tag setzten wir unseren Marsch am Haff entlang fort, ohne
zu ahnen, daß wir uns bereits im Heiligenbeiler Kessel befanden. Auf die-
sem Weg ging einer unserer „Panther" in Flammen auf. Zwei Mann spran-
gen sofort heraus, etwas später kamen noch zwei Mann mit einem vermut-
lich Schwerverletzten zum Vorschein.
In dem Haus, in dem ich die nächste Nacht mit einigen Kameraden Un-
terschlupf fand, lag auf dem Tisch ein toter alter Mann. Alle Haustiere wa-
ren noch eingesperrt, der Hund an der Kette, die Kaninchen in den Kästen.
Ich ließ alle frei. Bevor wir am nächsten Morgen weiterzogen, wurde das
Haus noch dreimal von Granaten getroffen.
Am Frischen Haff entdeckten wir mehrere Fahrzeuge, die nur noch mit
dem Dach aus dem Eis ragten, darunter ein Sturmgeschütz und einen Mu-
li-Lkw. Der Lkw war voll beladen mit Granatwerfer-Munition.
Wieder fanden wir ein von Russen besetztes Gehöft. Unser Bataillon ging
zum Angriff über. Eine Anzahl russischer Kosaken verließ fluchtartig das
Gebäude, sie ritten aber so schnell, daß es uns nicht gelang, auch nur einen
davon vom Pferd zu schießen.
In einer Sandgrube, die wir kurze Zeit später erreichten, gruben wir uns
in den Hang ein, da wir fast dauernd unter Granatwerferbeschuß lagen.
Leutnant Schmidt und ich lagen am rechten Hang der Grube. Während ich
mit meinem MG feuerte, schrie Leutnant Schmidt auf einmal auf; er hatte
einen Brustschuß erhalten.
Als dann plötzlich Iwans mit Schneehemden an uns im Schneesturm vor-
beiliefen, gelang es uns, auf diese kurze Entfernung mehrere von ihnen zu
treffen. Als ich nach links schaute, sah ich eine ganze Marschkolonne auf uns
zukommen, konnte aber nicht schießen, da unser MG Ladehemmung hatte.
Durch unser Gewehrfeuer änderte die Kolonne ihre Richtung und lief seit-
lich an uns vorbei. Es wunderte uns, daß wir von dieser Marschkolonne kein
Gegenfeuer erhielten, dann mußten wir zu unserer Überraschung fest-
stellen, daß es deutsche Flüchtlinge waren. Einer von ihnen war liegenge-
blieben, er wurde etwas später mit einer Trage abgeholt.
Nach Verlassen der Grube am nächsten Tag kamen wir an einer Fläche
vorbei, die von deutschen Soldaten in 20-Meter-Abständen gesichert wur-
de. Sie wurden von der russischen Pak einer nach dem anderen aus dem
Schnee herausgeschossen. In größeren Abständen zogen wir an ihnen vor-
bei. Dabei wurden wir mit schwerem Artilleriefeuer der Russen bedacht.
Die Trichter, welche diese schweren Granaten aushoben, waren mehrere Me-
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ter breit und standen sofort voll mit Grundwasser. Die gefrorenen Erd-
brocken flogen viele Meter hoch und fielen trommelnd auf uns nieder.
Die Absicht der Russen war es wohl, alles was sich im Kessel von Heili-
genbeil befand, zu vernichten. Dazu trugen auch die russischen Flieger bei,
die mit ihren II 2-Maschinen in Begleitung von Jagdflugzeugen mit Bomben,
Bordwaffen und Phosphor die strohgedeckten Höfe und Häuser in Brand
schossen. An allen Maschinen waren die Tragflächen, das Leitwerk und die
Motorenschnauze rot angemalt.
Bei einem unserer Gegenangriffe kamen wir an einem Flüchtlingstreck
vorbei, der kurz zuvor von den Russen überrollt worden war. Die Pferde
waren weg und die Wagen ausgeplündert. Fünf Frauen krochen aus dem
Straßengraben heraus, sie standen noch unter Schock von dem, was ihnen
die Russen angetan hatten.
Es war das absolute Chaos, was wir in diesen und den folgenden Tagen
erlebten.
In einem Wäldchen suchten wir Schutz. Es war aber schon von anderen
Soldaten belegt. Wir waren noch nicht richtig in Deckung, da begann der
Iwan sofort mit Granatwerfer-Feuer. Mein Kamerad Sievers und ich wurden
nach hinten geschickt, um Munition zu holen. Als wir aus dem Bereich des
Wäldchens heraustraten, wurden wir sofort von der schweren Pak be-
schossen. So kamen wir nur langsam voran. Links sahen wir die Dächer ei-
nes Dorfes, nach der Karte mußte es Käskeim sein, aus dem ein Melder auf
uns zulief, der von der Pak so stark beschossen wurde, daß man ihn manch-
mal gar nicht sah. Gleichzeitig mit ihm erreichten wir ein großes Gehöft und
suchten in einem großen, leerstehenden Viehstall Deckung. Doch der Iwan
Heß nicht locker, denn er beschoß auch die dicken Backsteinwände des Stal-
les, worauf wir hinter dem Stall Schutz suchten. Die Pak-Granaten durch-
schlugen aber auch diese Wand.
Zu allem Unglück begannen auch die russischen Schlachtflieger mit ihren
Bordkanonen Scheunen und Ställe in Brand zu schießen. Wir ließen uns fal-
len und stellten uns tot. Als die Scheunen brannten, verschwanden die Flie-
ger. Nun ging es wieder zurück zu unserer Einheit. Unseren Auftrag, Mu-
nition zu holen, hatten wir nicht ausführen können; hier gab es keine mehr.
Unser nächster Angriff galt einer Ziegelei mit einem Transformatoren-
haus, die wir mit einem Sturmgeschütz und einer 2 cm-Flak auf Selbstfahr-
lafette besetzten. Wir konnten aber das dahinterliegende Dorf nicht errei-
chen. Die russische Pak war so stark, daß das Sturmgeschütz und die 2 cm-
Flak den Angriff einstellen mußten. So blieben wir zunächst in der Ziegelei.
Auf deren Hof stand ein weiß gestrichener Schützenpanzerwagen. Auf
ihm lag ein deutscher Soldat, dessen Blut links und rechts von den SPW her-
abgelaufen war. Plötzlich wurde es unruhig. Ein russischer Pferdeschlitten-
wagen, besetzt mit drei Iwans, kam plötzlich an uns vorbeigefahren. Aus et-
wa 20 Metern Entfernung begann unsere 2 cm-Flak auf sie zu schießen. Die
Iwans sprangen von dem Schlitten und suchten ihr Heil in der Flucht. Einer
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von ihnen schoß im Laufen mit der Pistole hinter sich. Alle drei fielen im
Feuer unserer Sturmgewehre.
Einige von uns waren im Transformatorenhaus bis zum Isolierturm hoch-
geklettert, um den Iwan besser beobachten zu können, wurden aber gleich
bemerkt und vom Iwan mit Pak-Feuer belegt; sie kamen zusammen mit zer-
störten Marmorplatten schnell wieder herunter.
Nachdem wir uns aus der Ziegelei abgesetzt hatten, lagen wir auf freiem
Feld. Nicht weit von mir bekam einer meiner Kameraden einen Kopfschuß.
Er schrie laut auf. Aber es konnte niemand an ihn heran. Plötzlich begann
unsere 2 cm-Flak zu hämmern. An uns vorbei rasten zwei russische Feld-
küchen, konnten aber nicht abgeschossen werden. Zwei Tage später sah ich
dieselben mit vier Pferden an einem Wäldchen stehen. Eines der Pferde, ein
weißes, hatte drei Durchschüsse durch den Rücken erhalten; die Blutbah-
nen, die nach unten liefen, hatten es wie ein Zebra gezeichnet.
Vor uns, auf der Straße zu einem Dorf, standen einige Lkws. Als es dun-
kel wurde, montierten einige Iwans daran herum, ihre Umrisse zeichneten
sich durch die dahinter brennenden Häuser des Dorfes gut ab. Mit einem
Kameraden der Schützenkompanie schoß ich auf einen Iwan, der an dem
Lkw gerade die Haube geöffnet hatte. Ich hatte gerade fünf Schuß Leucht-
spur abgegeben, da schlug eine 5 cm-Pak-Granate über unsere Köpfe hin-
weg.
Von diesem Frontgebiet wurden wir wieder in ein anderes verlegt. Es
wurde immer enger im Heiligenbeiler Kessel, der Kampf um jeden Meter
ostpreußischen Bodens hatte begonnen.
Unsere Schützen lagen hinter einer Bodenerhebung 300 Meter vor uns;
wir konnten sie mit unserem SMG überschießen. 400 Meter rechts von uns
lagen die 8 cm-Granatwerfer hinter den Häusern eines Gehöftes. Hinter uns,
ebenfalls in einer Entfernung von etwa 300 Meter, waren unsere Infanterie-
geschütze in einem anderen Gehöft in Stellung gegangen. Ganz rechts nach
etwa einem halben Kilometer verlief eine Straße im zugefrorenen Über-
schwemmungsgebiet. Man sah nur noch die Baumwipfel aus dem Eis her-
ausragen. Noch weiter dahinter war eine quer verlaufende Bahnlinie mit
Stellwerk und einem langen Güterzug zu sehen. In diesem Stellwerk muß
der Iwan seine Beobachter gehabt haben.
Unsere Granatwerfer-Männer hatten einen erbeuteten russischen 8 cm-
Granatwerfer hinter einem großen Strohhaufen in Stellung gebracht und be-
schossen mit erbeuteter Munition den Zug und das Stellwerk. Es dauerte je-
doch nicht lange, und sie waren entdeckt, worauf der Iwan sie mit Phos-
phorgranaten beschoß, die aber auf dem mit Schnee bedeckten Stroh keine
Wirkung hatten.
Weiter hinten war von unseren Infanterie-Geschütz-Bedienungen eine
russische 5 cm-Pak in Stellung gebracht worden; diese gab indirektes
Schnellfeuer nach drüben ab.
Etwa 500 Meter von unserer Stellung entfernt war eine aus erbeuteten Ge-
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schützen errichtete Schein-Stellung aufgebaut worden, die jeden Tag von
den russischen Schlachtfliegern mit Bomben, Raketen und Bordwaffen an-
gegriffen wurde. Es war ein tolles Schauspiel für uns, dabei zuzuschauen.
An einem nebeligen Tag waren wir in der Nähe des Bataillonsbunkers mit
dem Ausgraben eines Loches für den Kompaniebunker beschäftigt, als
plötzlich ein Tuckern zu hören war. Es kam von einem russischen Doppel-
decker (Spitzname: Nähmaschine), der uns aus geringer Höhe überflog. Wir
schrien die Offiziere aus dem Bunker heraus; sie schossen mit ihren Pisto-
len und einer MP auf die „Nähmaschine". Diese flog weiter und kam nach
einer halben Stunde wieder zurück, es wiederholte sich das gleiche Schau-
spiel. Von uns hatte keiner ein Gewehr dabei, nur eine Schippe oder Hacke.
Diese Maschinen kamen jede Nacht und warfen 100 kg-Bomben ab.
Auch wurde von drüben mit Lautsprechern herübergehetzt, es ertönte
laute Musik mit Melodien wie: „Komm zurück...!" und „Trink, trink, Brü-
derlein, trink...!" Mit diesen Methoden versuchten die sowjetischen Front-
beauftragten unseren Kampfgeist zu brechen, natürlich völlig erfolglos.
In einem von uns zurückeroberten völlig zerschossenen Gehöft waren wir
für einige Tage in Stellung gegangen. Hier sah ich zum ersten Mal kleine rus-
sische Holzkastenminen, dazwischen lagen mehrere tote russische Soldaten,
welche von freilaufenden Schweinen angefressen wurden. Wir konnten die-
se Toten nicht abtransportieren, weil diese Stellung von russischen Scharf-
schützen eingesehen wurde; auch war die russische 7,63-Pak in dieser Stel-
lung sehr aktiv.
Bei einem weiteren Angriff von uns über eine freie Fläche auf ein Wald-
stück begannen unsere Nebelwerfer zu schießen. Aber die Granaten schlu-
gen zwischen uns ein. Der Iwan hatte die Werfer erbeutet und herumge-
dreht. Sie wurden zwei Tage später wieder von uns zurückerobert.
Inzwischen hatte der Monat März begonnen.
Mehr als sechs Wochen nervenraubender, fast ruheloser und verlustrei-
cher Rückzugs-, Angriffs- und Verteidigungsgefechte mit oft täglichem Stel-
lungswechsel lagen hinter uns. Viele meiner Kameraden waren in diesen
Wochen gefallen oder verwundet worden. Jetzt hielt man uns höheren Or-
tes für „ablösungsbedürftig", wir wurden von einer Volksgrenadier-Divisi-
onseinheit abgelöst. Es hieß, wir kämen „in Ruhe". Doch das glaubte keiner
von uns.
Nach einigen Kilometern Fußmarsch holten uns Lkws ab und fuhren mit
uns mit unbekanntem Ziel in der Nacht los. Noch vor Tagesanbruch wur-
den wir ausgeladen und marschierten zu Fuß weiter. Wo wir uns befanden,
wußte keiner. Ich trug das MG meines Kameraden Severin, der über erfro-
rene Füße klagte und kaum noch laufen konnte. Plötzlich entdeckten wir
rechts vom Weg stehend einige deutsche Panzer. Ich sagte zu Severin: „Jetzt
bekommen wir die versprochene Ruhe". Kaum hatte ich dieses ausgespro-
chen, kam der Befehl, uns einige hundert Meter von den Panzern entfernt
in Schützenreihe zu formieren. Der nächste Einsatz begann.
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Wir griffen mehrere zusammenliegende Gehöfte an. Beim Erreichen des
ersten Gehöftes fiel vom Iwanposten ein Schuß, der zugleich auch sein letz-
ter war. Zwischen den Häusern des Vorwerks standen zwei 5 cm-Pak der
Russen, vier schwere Maxim-MG und ein überschweres Degtiarev-MG. Die
Bedienungen starben in beiden Häusern im Schlaf, so überraschend war un-
ser Angriff. Einige Russen, die noch zu flüchten versuchten, fielen fast alle
in der Nähe der Häuser.
Nach diesem Einsatz folgte in der folgenden Nacht der nächste. Wir be-
setzten mit unseren SMGs den hinteren Rand der Autobahn, die nach Kö-
nigsberg führte. In bereits vorhandene Löcher gruben wir uns ein. Rechts
von uns begannen unsere Panzer mit ihrem Vorstoß. Zwei „Tiger" standen
auf der Höhe und gaben ab und zu einen Schuß mit ihrer Kanone ab, ver-
einzelt schossen auch wir mit unseren MGs. Links von den Panzern stand
unter der Autobahnbrücke ein „Panther", hinter dem 30 Mann eines neuen
Einsatzkommandos Schutz gesucht hatten. Sie wurden fast alle von einer
russischen Granate, die unter der Brücke explodierte, getötet.
Am nächsten Morgen wurden die beiden „Tiger" von russischen Panzern
beschossen. Mit Kamerad Kette lag ich in einem Loch. Wir wurden durch ei-
nen dumpfen Schlag geweckt; eine russische Panzergranate hatte unsere
Rückendeckung durchschlagen und Kettes Schulter gestreift. In diesem Mo-
ment kam Kamerad Sievers ins Loch gesprungen, nahm die rauchende Gra-
nate vom Boden und warf sie hinaus.
Mittags griff unser 3. Bataillon weiter von links den Iwan an. Wir gaben
mit unserem SMG Feuerschutz. Unser Werfer und die Artillerie schossen
nur wenige Granaten hinüber. Dann war der Iwan an der Reihe und schoß
einige Stunden lang mit allen Waffen auf uns.
Um sein Artilleriefeuer besser ins Ziel zu bringen, hatte der Iwan in großer
Höhe einen Beobachtungsballon hochgezogen, der auch von uns gut gese-
hen werden konnte. Es dauerte nicht lange, bis einige 40 mm-Flak-Granaten
über unseren Löchern platzten.
Dann brausten drei Me 109-Flugzeuge über unsere Deckung hinweg, sie
hatten vergeblich versucht, den Ballon herunterzuholen, der aber durch rus-
sische Flak so abgesichert war, daß dies nicht gelungen war.
Kaum waren die deutschen Me 109 verschwunden, begann es erneut, im-
mer lauter werdend, zu brummen. Als wir zum Himmel sahen, erschraken
wir. Russische Flugzeuge kamen. Es waren II2, neun Maschinen, hinterein-
ander. Von der ersten Staffel hatte jede Maschine vier Bomben. Die zweite
und dritte Staffel warf Schüttbomben, diese bestanden aus einer nicht zu
zählenden Anzahl kleiner Bömbchen, die wie ein Schwarm Bienen herun-
terkamen. Die nächsten neun Maschinen, die folgten, gingen zum Tiefan-
griff über, schossen je zwei große Raketen auf unsere Panzer - ohne diese je-
doch zu treffen - und feuerten mit ihren 33 mm-Bordkanonen auf alles, was
ihnen gefährlich erschien. Es folgte Staffel auf Staffel. Ein Feuerhagel ohne-
gleichen ging über uns nieder.
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Unsere Flak schoß aus allen Rohren und holte auch eines der russischen
Flugzeuge herunter. Während dieses Angriffes wurden auch Flugblätter in
Zeitungsgröße von den Russen abgeworfen; auf diesen waren deutsche Sol-
daten in russischer Gefangenschaft abgebildet; auch wir sollten uns ergeben.
Wir waren froh, als der Angriff vorbei war, diesen überlebt zu haben.
Einen Tag später wurden wir in unsere alte Stellung zurückverlegt. Auf
dem Hinmarsch gingen wir an einem gefallenen deutschen Soldaten vorbei.
Er hatte den Trauring noch am Finger. Man hätte ihn nur unter Lebensge-
fahr beerdigen können. Auch passierten wir ein großes Holzkasten-Panzer-
minenfeld.
In der alten Stellung angekommen, schoß zur Begrüßung der Iwan drei
Stunden lang mit der 5 cm-Pak auf uns, am nächsten Tag sechs Stunden lang
mit 8 cm-Granatwerfern. Als das Feuer nachließ, rechneten wir mit einem
Sturmangriff, der aber nicht erfolgte.
Wir aber waren darauf eingerichtet.
Auf dem Rand meines Schützenloches hatte ich drei erbeutete russische
Maschinenpistolen PPSH 41 mit sechs Trommeln, einen russischen Bajonett-
Karabiner, mein Gewehr 43 mit zweimal 10-Schußmagazinen bereithegen,
sowie unser SMG. Ich war also für den Angriff gewappnet.
Am nächsten Tag, als es dunkel geworden war, kam vom Nachbar-MG
mein Kamerad Kurt Mann zu mir herüber. Ich saß in meinem Loch auf ei-
ner 20 Liter-Milchkanne, die mit russischem Eintopf gefüllt war. So unter-
hielten wir uns eine Zeitlang. Der Iwan schoß mit seinem Maxim-MG Stör-
feuer. Bei unserer Unterhaltung hatten wir vergessen, nach vorn zu schau-
en. Dadurch konnten wir die herankommende Leuchtspur nicht erkennen,
so daß eine Kugel meine rechte Brustseite schräg durchschlug. Kurt Mann
ging sofort zu Boden, während mir das Blut herunter in die Stiefel lief. Das
Russen-MG schoß noch einige Minuten weiter. Als es das Feuer eingestellt
hatte, lief ich in das benachbarte Trümmerhaus und stieg die Leiter hinun-
ter in den Keller. Dort wurde ich sofort von dem Unteroffizier ausgezogen
und notdürftig verbunden, wobei meine Erkennungsmarke liegenblieb -
die Schnur war durchschossen. Beim Hinausklettern aus dem Keller rief ich:
„Auf Wiedersehen - in der Heimat".
Dann ging der Kompaniemelder mit mir bis zum Kompanie-Gefechts-
stand. Dort wurde ich damit überrascht, daß ich zum ersten Mal Post be-
kam. Seit dem 5. Dezember 1944 hatte ich keine Postverbindung mehr mit
Zuhause gehabt. Jetzt hatten wir den 10. März 1945.
Vom Kompanie-Gefechtsstand ging es mit einem Panje-Wagen weiter zu
einem größeren Verbandsplatz. Dort wurde meine Ausschußwunde mit ei-
ner Gardine zugeklebt, weil es an Verbandszeug mangelte. Mit anderen Ver-
wundeten wurde ich in einem Bus nach Zinten gefahren. Im Bus befanden
sich auch zwei Rot-Kreuz-Schwestern, die ebenfalls verwundet waren.
Wir kamen mit unserem Bus in ein Dorf, in dem alle Häuser bereits mit
Verwundeten voll belegt waren, aber für uns wurde noch Platz geschafft.
225
Abends kam ein Sanitäter in mein Zimmer, in dem ich mit anderen Kame-
raden in Notbetten untergebracht war, und erklärte uns, es kämen
Schwerverwundete, für die wir Platz machen müßten. Auch ich machte
Platz, ging aber am frühen Abend noch einmal in das Zimmer, in dem ich
die letzte Nacht verbracht hatte. In meinem Bett lag ein toter Soldat, vor sich
die Bilder seiner Familie, beleuchtet mit einem Hindenburglichtchen. Nach-
dem man ihn einige Zeit später fortgebracht hatte, konnte ich das Bett wie-
der belegen.
Einige Tage später - wir warteten auf unseren Abtransport, der uns an-
gekündigt war - rummste es in unserer Nähe gewaltig. Ein russischer Pan-
zer war in das Dorf eingedrungen und hatte begonnen, die Häuser zusam-
menzuschießen. Doch er schoß nicht lange, er wurde abgeschossen.
Danach wurden wir abgeholt, wieder mit einem Bus, und bis an das Fri-
sche Haff gefahren. Unterwegs begegneten wir einer Gruppe von ca. 30 rus-
sischen Kriegsgefangenen, die einen schweren Holzstamm trugen. Plötzlich
suchten sie in einem Straßengraben Deckung - die russische Artillerie hatte
sie unter Beschuß genommen.
Dann erreichten wir einen provisorischen Landungssteg, an dem wir aus-
geladen wurden. Mit der „Seeschlange", die von Schleppern über das Haff
gezogen wurde, erreichten wir über das Haff Neutief bei Pillau. Von dort
wurden wir in ein Lazarett bei Pillau gebracht, das sich in einer Luftwaffen-
kaserne befand. Im OP wurde ich dann operiert - ohne Spritze und ohne
Betäubung.
Tage später ging das Warten auf ein Schiff zu Ende und damit auch mein
Soldatenleben in Ostpreußen. Die Wochen, die hinter mir lagen, waren hart
gewesen, es war ein Kampf Auge um Auge, Zahn um Zahn. Viele Soldaten
hatte ich auf dem Kriegsschauplatz Ostpreußen sterben sehen, Deutsche wie
Russen.
Mein Rettungsschiff war der Verwundeten-Transporter „Kanonier", ein
umgebautes Frachtschiff, bestückt zur Fliegerabwehr mit mehreren Vier-
lings-Flaks und fünf oder sechs Einzelfeuer-Flak-Geschützen.
Nach Beladung des Schiffes mit ungefähr 5.000 Verwundeten lief es, nach-
dem es mehrmals von russischen Schlachtfliegern erfolglos angegriffen wor-
den war, am 27./28. März 1945 aus dem Pillauer Hafen aus. Vor Heia wur-
de ein Geleitzug zusammengestellt, nachdem aus den Häfen der Danziger
Bucht, Danzig und Gotenhafen, und aus den Kurlandhäfen noch einige
Schiffe hinzugekommen waren. Während des Wartens - das einen Tag dau-
erte - versuchte ein unbekannter Bomber aus großer Höhe unser Schiff zu
bombardieren; es blieb beim Versuch. Vor der Insel Bornholm mußte der Ge-
leitzug wegen starken Nebels einen Tag Stilliegen.
Am 31. März 1945 liefen wir in Kopenhagen ein. Zuerst wurden mit ei-
nem Kran die auf der Fahrt an Bord verstorbenen Verwundeten vom Schiff
geholt, dann wurden wir, die Verwundeten, zum Aussteigen aufgefordert.
Viele mußten auf Bahren vom Schiff getragen werden.
226
Im Hafen stand ein Verwundetentransportzug bereit, der uns nach Ros-
kilde brachte, wo wir am 1. April 1945 - Ostern - eintrafen. Hier mußten wir
drei Tage lang ohne Verpflegung im Zug zubringen, weil dänische Wider-
standskämpfer die Eisenbahnschienen gesprengt hatten.
Diese drei Tage waren für viele Verwundete lebensbedrohend, denn un-
ter ihnen befanden sich Panzersoldaten mit schweren und schwersten
Brandverletzungen, an Händen und Kopf zugewickelt, von den Gesichtern
waren nur noch die Augen- und die Nasenlöcher frei, aus denen Eiter lief.
Wie auf dem Schiff gab es auch in dem Verwundetentransportzug weder ei-
nen Arzt noch einen Sanitäter.
In diesen drei Tagen zeigten sich die Grausamkeit und Unbarmherzigkeit
des Krieges noch einmal von ihrer schlimmsten Seite.
Originalbericht 15 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
227
Dokument 11
Waleschkowski, Paul
Geboren am 3. Februar 1924
Dienstrang: Grenadier
Einheit: 459. Volksgrenadier-Division
4. Armee
Ostpreußen-
Einsatz: Ende 1944 bis 6. Februar 1945
Verwundung: 6. Februar 1945 bei Kreuzberg
Rücktransport: 10. Februar 1945
Pillau-Swinemünde mit
Lazarettschiff „Monte Rosa"
Ab 13. Januar 1945: „Totaler Krieg" in Ostpreußen
Nach einem Jahr der Rückzugsgefechte durch den nördlichen Abschnitt
der Ostfront landete ich Ende des Jahres 1944 mit meiner Einheit, der zur
4. Armee gehörenden 459. Volksgrenadier-Division, als einfacher Grena-
dier ohne Ambitionen auf eine militärische Karriere in einem kleinen pol-
nischen Ort etwa 40 Kilometer vor der Grenze zu Ostpreußen. Mein
Wunsch war es nur, den Krieg ohne große körperliche Schäden zu über-
leben.
Die Russen waren zu diesem Zeitpunkt etwas „friedlicher" geworden,
und wir hofften darauf, in dieser Gegend „überwintern" zu können. Man-
che Kameraden träumten schon von einem kleinen Weihnachtsurlaub. Doch
daraus wurde nichts.
Durch die immer länger gewordenen Nachschubwege brauchten die Rus-
sen offensichtlich eine Pause, um ihre Depots, ihre Waffen und ihre Truppen
für die von ihnen geplante Großoffensive, die sie bis nach Berlin bringen
sollte, aufzufüllen.
Diese Kampfpause ermöglichte uns ein relativ ruhiges und friedliches
Weihnachtsfest, das mit der Verlegung unserer Einheit über die Grenze hin-
weg nach Ostpreußen endete.
228
Ich wurde zu einem Feld-Ersatz-Bataillon abkommandiert, das die Auf-
gabe hatte, den „Ersatz", den man uns fast ohne jede Ausbildung geschickt
hatte, zu „richtigen" Soldaten zu machen.
Unsere Verlegung erfolgte zu einem Teil, ca. 30 Kilometer weit, mit einer
Kleinbahn, die unter polnischer Regie noch in Betrieb war; es war eine aben-
teuerliche Fahrt, da der Zug immer wieder hielt und die Lok repariert wer-
den mußte, bevor es weiterging.
Das letzte Stück, etwa 10 Kilometer, mußten wir marschieren. Plötzlich
kam uns die Gegend sonderbar verändert vor. Zunächst wußten wir nicht
genau, was die Ursache war. Dann kam schlagartig die Erleuchtung: wir
hatten die nicht sichtbare Grenze überschritten - wir waren in Deutschland:
Massiv gebaute Häuser, größere Fenster mit Gardinen davor, rote Zie-
geldächer und Farbe auf Türen und Fensterläden, welch ein erfreulicher An-
blick, welch eine friedliche Landschaft. In Friedrichsdorf machten wir Quar-
tier in einem Barackenlager.
Es war ein seltsames Gefühl. Einerseits freuten wir uns, wieder in der Hei-
mat zu sein und mit Deutschen sprechen zu können, andererseits war die
Nähe zur Front bedrückend. Man mußte damit rechnen, daß dieses herrli-
che Land durch die zu erwartenden Kampfhandlungen verwüstet werden
würde. Alle Befürchtungen sollten jedoch weit übertroffen werden. Die Zer-
störungen und Verwüstungen, die Ostpreußen ertragen mußte, konnten von
niemandem vorausgesagt werden.
Der 13. Januar 1945 war ein bitterkalter Tag. An diesem Tag begann der
Todeskampf Ostpreußens. Die große russische Offensive hatte begonnen.
Daß an diesem Tag vier sowjetische Heeresgruppen der Roten Armee mit
unvorstellbarer Wucht auf die dünne deutsche Front losrannten und alles
zermalmten, was sich ihnen in den Weg stellte, ahnten wir auch an diesem
Tage noch nicht.
Wir waren seit Tagen dabei, dem „Ersatz", den man uns geschickt hatte,
durch Übungen ein wenig „Fronterfahrung" beizubringen. Man glaubte
wohl, durch die Mischung von „Neulingen" und Soldaten mit Fronterfah-
rung eine etwas schlagkräftigere Truppe zu gewinnen. Aber wie sah dieser
„Ersatz" aus, den man uns geschickt hatte?
Reichspropagandaminister Goebbels hatte nach seiner Berliner „Sportpa-
lastrede" und der Ausrufung des „Totalen Krieges" die meisten kulturellen
Einrichtungen in Großdeutschland schließen lassen. Die meisten unserer
neuen Kameraden waren deshalb Leute von Theatern und von Kunst-
schulen und -akademien. Engeren Kontakt bekam ich mit einem Kunstma-
ler aus Bad Nauheim und einem Theatermann aus Wien, der uns mit immer
neuen Geschichten von den Wiener Bühnen unterhielt. Es waren alles nette
Leute; es waren aber eben keine Soldaten.
Wir hatten uns Anfang Januar 1945 in unserem Barackenlager etwas häus-
licher eingerichtet und beschäftigten uns mit Übungen und Schanzarbeiten,
dies auch am 13. Januar. Wir zogen hinaus mit Spaten und Hacken, obwohl
229
die winterliche Erde hart gefroren war, und natürlich mit leichten Waffen.
Wir sollten nie mehr in dieses Quartier zurückkehren...
Plötzlich setzte ein unheimlich starkes Artilleriefeuer ein. Überall krach-
ten die Einschläge und hämmerten die Maschinengewehre. Die Erde begann
zu beben. Es dröhnte unaufhörlich. Panzer! Den Geräuschen nach zu urtei-
len, mußte es eine größere Anzahl sein. Zunächst dachten wir, es wären
deutsche. Als wir aber die typischen schrägen Aufbauten erkannten, wuß-
ten wir Bescheid: Es waren sowjetische T 34. Wir begannen sie zu zählen. Bei
40 hörten wir auf.
Glücklicherweise war in der Nähe ein kleines Waldstück, in dem wir
Deckung fanden. Glück hatten wir auch, daß den Panzern nicht die Infan-
terie auf dem Fuße folgte. Die Russen trieben wohl zunächst Panzerkeile
vor, um ein größeres Geländestück in die Zange zu nehmen. Bei unserer
mangelhaften Ausrüstung wären wir anderenfalls vielleicht schon an die-
sem 13. Januar 1945 verloren gewesen.
In dieser ausweglosen Lage gab unser Unteroffizier den einzig möglichen
und richtigen Befehl: „Vorwärts Kameraden - wir müssen zurück!"
Nach etwa 500 Metern wurden wir von einem Offizier angehalten.
„Wir haben nur einen Schanzauftrag" - erklärte unser Unteroffizier und
wollte uns so aus der Affäre ziehen.
Die Antwort: „Ich befehle Ihnen, sofort hier Stellung zu beziehen!"
Noch ein letzter Einwand: „Wir haben nur unsere leichte Ausrüstung da-
bei!"
Die Antwort: „Ich werde veranlassen, daß Sie ihre Ausrüstung bekom-
men!"
Also bezogen wir Stellung. Der bittere Emst des Krieges hatte uns einge-
holt.
Dann fing es an zu schneien und hörte nicht auf. Es wurde kälter und kälter.
Das Thermometer sank unter 20 Grad. Noch nie habe ich so gefroren wie an
diesem und den folgenden Tagen in Ostpreußen. Unsere Ausrüstung war für
eine so große Kälte überhaupt nicht geeignet. Später erfuhr ich, daß seit -zig
Jahren kein so kalter Januar in Ostpreußen gewesen sein soll wie der Januar
1945. Diese Kälte sollte vielen Menschen, nicht nur Soldaten, zum Verhängnis
werden.
Am Abend bekamen wir tatsächlich einen Teil unserer Ausrüstung wie
MGs und Munition.
Nachts griff der Russe an. Wir merkten sofort, daß es diesmal auf „Biegen
und Brechen" ging. Solch ein massiertes und konzentriertes Feuer hatte es
vorher nur selten gegeben. Entsprechend hoch waren unsere Verluste. Da
wir nicht einmal wußten, wer unsere „Nachbarn" links und rechts waren,
mußten in der gleichen Nacht noch zwei Spähtrupps los, um die Lage zu er-
kunden. Unser Trupp ging mit fünf Kameraden los. Eine Viertelstunde spä-
ter waren zwei Mann tot und zwei weitere verwundet. Unser Unteroffizier
war der erste Tote; er war auf eine Mine getreten. Der einzig Unverletzte war
230
ich. Ich hatte wieder einmal großes Glück gehabt. Zwei Tage lang konnten
wir diese provisorische Stellung halten, dann mußten wir uns weiter
zurückziehen.
Beim weiteren Rückzug, der uns jetzt durch viele ostpreußische Dörfer
führte, sahen und erlebten wir das ganze Ausmaß der Tragödie. Ganze Dör-
fer waren in der winterlichen Kälte auf der Flucht. Die Bewohner hatten ih-
re Häuser erst im letzten Moment verlassen. Buchstäblich bis zum letzten
Augenblick war ihnen von den Parteidienststellen eingeredet worden, daß
für sie keine Gefahr bestünde. Überstürzt ging man auf die Flucht. Da die
meisten Menschen nicht über Transportmittel, wie Pferd und Wagen, ver-
fügten, mußten die Flüchtenden, vorwiegend Frauen und Kinder, ihre we-
nige Habe auf Handwagen oder Schlitten laden und sich auf einen Marsch
zu Fuß ins Ungewisse begeben. Manche hatten nicht einmal einen Schlitten
und behalfen sich mit einem umgedrehten Tisch, den sie auf der schneebe-
deckten Erde hinter sich herzogen. Soldaten der Roten Armee hatten im Ok-
tober 1944 bei der vorübergehenden Besetzung des Ortes Nemmersdorf ein
Massaker an Frauen und Kindern verübt, von dem alle Ostpreußen erfah-
ren hatten. Die Erinnerung daran trieb die angsterfüllten Frauen und Müt-
ter voran, keine von ihnen wollte den Russen in die Hände fallen.
Diese elenden Trecks, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, mischten
sich unter die auf dem Rückzug befindlichen Soldaten und behinderten die-
se natürlich in ihrer Bewegungsfreiheit. Die Truppe bemühte sich nach Kräf-
ten, diese armen Menschen in ihre Mitte zu nehmen und so gut es ging zu
beschützen. Aber das gelang auch nicht immer.
Einige Flüchtlinge, vorwiegend Bauern, die über Pferd und Wagen ver-
fügten, hatten sich besser auf die Flucht vorbereitet. Ihre Wagen waren gut
ausgerüstet; sie hatten sogar Hütten aus Brettern auf die Wagen montiert,
die einen gewissen Schutz gegen den Wind und die Kälte boten. Diese Leu-
te hatten sich nicht auf Erklärungen und Aufrufe der Partei verlassen, son-
dern eigene Vorsorge getroffen. Aber auch von diesen Wagen ist nicht einer
in den Westen gekommen. Spätestens auf dem Eis des Frischen Haffs, auf
den Haffwiesen oder in den Häfen vor den Schiffen endete auch für diese
die Flucht mit Pferd und Wagen, die sie auf dem Kai stehen lassen mußten.
Das Ziel der meisten ostpreußischen Trecks war die Ostseeküste, weil allein
von dort aus den Häfen die Hoffnung auf ein Entkommen vor der Roten Ar-
mee bestand.
Ein paar Tage lang wechselten sich für uns nun Stellungskämpfe und
Rückmärsche ab. Immer aber hatten wir die Russen auf den Fersen. Jeden
Abend schossen sie neue Dörfer in Brand, um „Licht'7 für ihre Artillerie zu
haben, die auch nachts keine Ruhe gab.
Tagsüber kamen wir durch Dörfer, die gerade von ihren Bewohnern ver-
lassen worden waren. Völlig intakte Wohnhäuser mit allen Einrichtungs-
gegenständen standen leer. In vielen Häusern fanden wir frisch geschlach-
tete Schweine vor, die beim überstürzten Aufbruch natürlich nicht mehr
231
verarbeitet werden konnten. In manchen Fällen hatte man große Fleisch-
stücke in Salzlake gelegt, in der Hoffnung, bei einer eventuellen Rückkehr
das Fleisch noch genießen zu können. So war an Verpflegung für uns kein
Mangel.
Groteske Szenen spielten sich an großen Nachschublagern mit. Wehr-
machtsbeamte, der militärischen Situation offensichtlich unkundig, „vertei-
digten" ihre Vorräte, weil kein Befehl zur Ausgabe von Waren vorlag oder
das richtige Formular nicht vorhanden war. Am nächsten Tag wären die Sa-
chen in die Hände der Russen gefallen. In einem solchen Lager, in der Nähe
von Bartenstein, schoben wir diese Verwalter kurzerhand zur Seite und hol-
ten uns, was wir brauchten. Aus diesem Lager besorgte ich mir einen herr-
lich pelzgefütterten Mantel und Filzstiefel. Von nun an konnte ich das Wet-
ter einigermaßen ertragen.
Auch die Flüchtlinge bekamen bei dieser Gelegenheit ihren Anteil ab. Nur
für die Säuglinge und Kleinkinder wurde während der Flucht die Versor-
gung immer schlechter. Es war für die Mütter unmöglich, warme Milch oder
entsprechende Nährmittel zu bekommen. Dazu kam die Kälte, Temperatu-
ren fast immer unter 20 Grad Minus. Entsprechend hoch waren auch die
Opfer, vor allem bei Kindern und alten Leuten.
Auch die Moral der Truppe geriet ins Wanken. Teilweise machten sich
Egoismus und Rücksichtslosigkeit bemerkbar. Einige dachten nur noch an
sich selbst und daran, diesem Chaos zu entkommen. Da Zugpferde knapp
waren, geschah es, daß man sich in unbewachten Augenblicken gegenseitig
die Gespanne ausspannte, um selber besser weiterzukommen. Überhaupt
die Pferde! Sie hatten neben den Menschen die größten Strapazen des Rück-
zuges in Ostpreußen zu tragen. Sie krepierten vor Hunger, erfroren im
Schnee, wurden gepeitscht, geschunden, versanken im Eis des Frischen
Haffs. Wenn sie nicht mehr konnten und Glück hatten, bekamen sie eine Ku-
gel. Kein Wehrmachtsbericht hat sie jemals erwähnt.
Ende Januar 1945 hatte sich die Front - wir lagen mittlerweile irgendwo
zwischen Kreuzburg und Preußisch Eylau - etwas stabilisiert. Hier hatten
wir nach zwei Wochen die erste Gelegenheit, unter einem Dach zu schlafen.
Ein schloßähnliches Gutshaus bot uns für eine Nacht Unterkunft. Ich be-
wunderte die Marmortreppe, die Bilder an den Wänden, die Personen auf
Pferden zeigten. Doch das schönste aller Dinge, die ich fand, war der wun-
derbare kostbare Flügel, der in der Halle stand. Nach langer, langer Zeit saß
ich zum ersten Male wieder an einem Flügel und konnte einige Lieder spie-
len. Was war das für ein Gefühl. Die Besitzer auch dieses Gutshauses waren
geflohen, und uns machte es traurig, daß auch dieser Herrensitz bald den
Russen in die Hände fallen würde.
Doch dazu kam es nicht.
Am nächsten Morgen - wir hatten kaum wieder unsere Stellung bezogen
- ging der Feuerzauber wieder los. Die Artillerie schoß den ganzen Tag aus
allen Rohren, und am Abend ging auch das schöne Gebäude samt allem was
232
darin war, durch russische Artillerie getroffen, in Flammen auf. Zurück blieb
nur noch eine ausgebrannte Ruine.
Der Tag in dem Gutshaus war ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für
mich, denn ich war einige Tage zuvor, am 3. Februar, 21 Jahre alt geworden...
Am Abend des 6. Februar meldete ich mich freiwillig zum „Essenfassen".
Die Feldküchen standen drei bis vier Kilometer hinter der Hauptkampfli-
nie. Dieser Weg wurde aber immer gern in Kauf genommen, weil man an
der Feldküche seinen Schlag Suppe warm essen konnte. Mit acht bis zehn
Kochgeschirren bewaffnet, mußte man dann den Rückweg antreten. Die an-
deren Kameraden bekamen ihr Essen meistens eiskalt und konnten dann
einzelne gefrorene Stücke mit dem Seitengewehr aus dem Kochgeschirr her-
ausbrechen und im Mund auftauen. Auf dem Rückweg bekamen wir regel-
mäßig starkes Feuer. Die Russen wußten genau, wann und wo wir unter-
wegs waren. Manchmal hatte ich den Eindruck, als ob es die gesamte Rote
Armee nur auf mich abgesehen hätte. Aber ich war immer unversehrt
zurückgekommen.
Doch diesmal sollte es anders kommen.
Unerwartet setzte schweres Granatwerferfeuer ein. Das war für uns das
Zeichen eines bevorstehenden Angriffs. Plötzlich spürte ich, daß meine
Schulter naß wurde, und ich merkte, daß ich verwundet worden war. Ich
sprang auf, „probierte" Arme und Beine aus und stellte fest, daß noch alles
„funktionierte", wenn auch unter Schmerzen.
Neben mir hatte jemand aufgeschrien. Es war Unteroffizier Packhäuser,
ein Dortmunder. Er hatte einen Kopfschuß erhalten, fiel jedoch nicht um,
sondern taumelte in der Gegend herum. Ich nahm ihn, nachdem ich ihm ei-
nen provisorischen Verband, der ihn aber am Sehen hinderte, angelegt hat-
te, am Arm, und wir setzten uns in Bewegung zu einem nahen Feldlazarett.
Dort stellte man fest, daß seine Verletzung zwar schwer, aber nicht le-
bensbedrohend war. Auch meine drei Granatsplitter hatten keine lebens-
wichtigen Teile verletzt. Ich erhielt eine Tetanusspritze und einen Befund
über meine Verwundung. Diese Bescheinigung über die Verwundung war
ein lebenswichtiges Dokument, sie wurde in Form einer Karte erstellt, die
ich um den Hals gehängt bekam. Wir nannten sie nur den „Frachtbrief". Wer
hinter der Front ohne ein solches Dokument von der Feldgendarmerie an-
getroffen wurde, lief Gefahr, zur nächsten Einsatztruppe geschickt zu wer-
den.
Mit dem „Frachtbrief" um den Hals wurde ich dem nächsten großen
Hauptverbandsplatz zugewiesen. Dieser, oder ein Feldlazarett - niemand
wußte das so genau - befände sich in Zinten. Weil ich noch allein laufen
konnte, sollte ich noch jemanden mitnehmen, auf den ich aufzupassen hät-
te. Dieser Jemand war kein anderer als unser Kunstmaler aus Bad Nauheim.
Ein Explosivgeschoß hatte ihm den rechten Unterarm zerschmettert.
Wir zogen also los und hatten Glück. Nach einigen Kilometern Fuß-
marsch nahm uns ein Bauernwagen mit. Wer allerdings schon einmal mit ei-
233
ner Verletzung auf holpriger Straße mit einem solchen Gefährt gefahren ist,
der weiß, was das bedeutet. Wir spürten jeden Stein wie einen Messerstich.
Aber wir brauchten wenigstens nicht laufen. Doch die Fahrt ging rasch zu
Ende; der Wagen mußte abbiegen, und für uns ging es zu Fuß weiter. Mein
Problem war jetzt mein Kamerad, der Maler, der eine Morphiumspritze er-
halten hatte. Er war nur halb bei Bewußtsein und wollte nur immer schla-
fen. Ich hatte große Mühe, mich mit ihm fortzubewegen.
Ab und zu kamen auch motorisierte Kolonnen vorbei. Das sah so aus, daß
vorneweg ein starker Lkw fuhr, der fünf bis sechs andere Wegen, die mit Ab-
schleppseilen miteinander verbunden waren, im Schlepptau hatte. Sie fuh-
ren sozusagen im „Geleitzug". Dieses Geleit kennzeichnete bereits die Treib-
stoffsituation der Wehrmacht in diesen Wochen.
Eine solche Wagenkolonne hielt plötzlich an. Am letzten Wagen, einem
Pkw, ging die Tür auf, und ein mitleidiger Fahrer forderte uns auf, einzu-
steigen. Ich verfrachtete meinen Maler, was mir einige Mühe machte, und
wollte dann selbst einsteigen, als der Wagenzug wieder anfuhr und mich
auf der Straße stehen ließ. Was aus dem Maler geworden ist, habe ich nie er-
fahren. Mir wurde aber klar, daß sich niemand um mein Schicksal kümmern
würde und daß ich ganz auf mich allein gestellt war.
Ich lief also zu Fuß weiter bis nach Zinten. Statt in ein Feldlazarett kam
ich direkt in einen russischen Fliegerangriff. Die russische Luftwaffe kann-
te ich bisher nur in Form einzelner Aufklärungsflugzeuge, die auch mal ei-
ne Bombe abwarfen. Hier hatte sie aber ganze Arbeit geleistet. Die mit
Flüchtlingen vollgestopfte Stadt war schwer getroffen worden und brannte
an vielen Stellen lichterloh. Ich übernachtete in einem Keller in einem Haus
am Stadtrand und machte mich am nächsten Morgen auf den mühsamen
Weg nach Heiligenbeil.
Man hatte mir gesagt, daß Heiligenbeil nur etwa 20 Kilometer von Zinten
entfernt läge. Zwanzig Kilometer waren normalerweise für mich kein Pro-
blem. Aber mit drei Granatsplittern im Körper war dies doch wesentlich be-
schwerlicher. Die Kilometer wurden immer länger und länger, und ich
brauchte den ganzen Tag für den Weg.
Erst gegen Abend kam ich in Heiligenbeil an. Hier fand ich zwar keinen
Hauptverbandsplatz und kein Feldlazarett, aber eine Verwundeten-
Sammelstelle, die man in der Heiligenbeiler Kirche eingerichtet hatte. Die
Kirchenbänke waren ausgeräumt worden; man hatte links und rechts vom
Mittelgang stattdessen Stroh auf den Boden gelegt. Darauf lagen die Ver-
wundeten, Mann an Mann. Ich war so erschöpft, daß ich irgendwo zwischen
zwei andere Soldaten fiel und bis zum nächsten Morgen schlief. Am ande-
ren Morgen wurde ich am Altar, wo die Behandlung durch die Ärzte statt-
fand, zum ersten Male richtig verbunden.
Kurze Zeit später ging wie ein Lauffeuer die Nachricht durch die Reihen
der Verwundeten: „In Pillau liegen Schiffe, die Verwundete und Flüchtlin-
ge über die Ostsee wegbringen!" Ob das auch für uns galt? An ein Weiter-
234
kommen mit einem Schiff hatte ich überhaupt noch nicht gedacht. Aber wie
nach Pillau kommen?
Die nächsten Stunden brachten die Entscheidung. Wir wurden zunächst in
drei Gruppen eingeteilt: In diejenigen, die noch selbst laufen konnten, in die-
jenigen, die nur im Sitzen transportiert werden konnten und in die Schwer-
verwundeten, die sogenannten „Lieger". Für diese war die Lage am schwie-
rigsten, da nicht genug Krankenfahrzeuge vorhanden waren, die sie hätten
nach Pillau bringen können. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, als ich in
die erste Gruppe kam, die versuchen sollte, zu Fuß nach Pillau zu kommen.
Die Leitung der Verwundeten-Sammelstelle in der Heiligenbeiler Kirche war
aber froh darüber, zunächst wenigstens die gehfähigen Verwundeten loszu-
werden, denn jeden Tag trafen neue Schwerverwundete hier ein.
Also wieder zu Fuß weiter. Zunächst ging es ein Stück über Land. Dann
aber mußte das zugefrorene Frische Haff überquert werden. Der Weg über
das Haffeis war ein Weg voller Risiken und ein Marsch ins Ungewisse. Es
ließ sich auch auf der Eisoberfläche sehr schlecht gehen. Die ortskundigen
Bewohner der Haffgemeinden, die den gleichen Weg nach Pillau nehmen
mußten, hatten die Wege über das Eis mit Tannenbäumen markiert. Wir
wurden dringend davor gewarnt, uns außerhalb dieser Markierung zu be-
wegen. Daß diese Markierung notwendig und lebenserhaltend war, merk-
ten auch wir sehr rasch, als Schneesturm einsetzte. Ohne die Markierung
hätten wir jede Orientierung verloren. Einige Flüchtlinge, die die Warnun-
gen nicht befolgten und außerhalb der Markierung schneller über das Eis
vorwärtskommen wollten, bezahlten diesen Leichtsinn mit ihrem Leben; sie
brachen in Bomben- und Granatlöcher ein, die nur mit einer dünnen Eis-
schicht überzogen waren. Auch wir gehfähigen Verwundeten hatten Angst
einzubrechen; ständig tasteten wir das Eis mit Stöcken ab. Häufig rutschte
man aus und glaubte sich schon verloren. Doch der Überlebenswille ver-
drängte die Angst und die Kälte. Wie von einer schweren Last befreit atme-
ten wir auf, als wir endlich die Nehrung erreicht hatten.
Das letzte Stück bis nach Pillau wurden wir Verwundeten von der Neh-
rung aus sogar mit Booten weiterbefördert, die in einer Eisrinne fuhren; sie
brachten uns bis in den Pillauer Hafen. Dreckig, zerlumpt und halb erfroren
gingen wir an Land.
Welch ein Wunder: Am Kai lag ein riesengroßes Schiff, die „Monte Rosa".
Wir glaubten uns in eine andere Welt versetzt, als wir die Matrosen in ihren
schneeweißen Uniformen sahen, frisch gewaschen und rasiert, „tipptopp in
Schale". Als ich an mir heruntersah und mich mit ihnen verglich, konnte ich
nicht glauben, daß wir Soldaten der gleichen Armee waren, denn wir sahen
aus „wie die Schweine".
Doch wenig später wurden wir davon überzeugt, daß diese Jungs von der
Marine alles taten, uns unser Los zu erleichtern und uns auf ihr Schiff zu
bringen. Alles war erstaunlich gut organisiert, so daß wir problemlos an
Bord kamen und relativ gut untergebracht wurden.
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Man hatte in den Laderäumen große regalähnliche Holzgestelle errichtet,
die Schlafgelegenheiten für die leichter verwundeten Soldaten boten. Die
Schwerverwundeten, die nach und nach eintrafen, waren in den Fahrgast-
kabinen und in den Speiseräumen des Schiffes untergebracht. Überall in den
Gängen saßen Flüchtlinge auf ihren Habseligkeiten. Und es kamen immer
mehr. Das Schiff war wirklich bis auf den letzten Platz besetzt. Ich fragte ei-
nen Matrosen von der Besatzung, wieviele Menschen wohl auf dem Schiff
seien. Er wußte es nicht genau, schätzte aber die Zahl auf etwa 8.000 Perso-
nen.
Schon als ich das Schiff betreten hatte, fühlte ich mich als der glücklichste
Mensch auf dieser Erde. Meine hölzerne Schlafstelle hätte ich mit keinem
Himmelbett getauscht. Ich konnte es noch nicht fassen, daß ich dem ost-
preußischen Inferno wirklich entkommen war und nun mit einem Luxus-
liner, der vor dem Krieg auf der Hamburg-Südamerika-Route eingesetzt
war, über die Ostsee fahren durfte.
Welche Gefahr die Ostsee barg, wußte weder ich, noch die meisten der an-
deren auf diesem Schiff an diesem Tag, dem 10. Februar 1945. Ich wußte
auch nicht, daß ich, wäre ich einen Tag früher in Pillau gewesen, wahr-
scheinlich schon nicht mehr leben würde. Am Tage zuvor, am 9. Februar,
war das Lazarettschiff „Steuben" voll besetzt mit Verwundeten aus Pillau
ausgelaufen. Kurz nach Mitternacht, in der Nacht vom 9. zum 10. Februar,
wurde dieses Schiff von einem sowjetischen U-Boot torpediert und sank
kurz danach. Das geschah vor 16 Stunden. Wir alle wußten nichts davon;
auch nicht, daß unser Schiff jetzt auf dem gleichen Kurs wie die „Steuben"
nach Westen fuhr. Die Katastrophe der letzten Nacht war nicht die einzige.
Vor zehn Tagen, am Abend des 30. Januar, war die aus Gotenhafen ausge-
laufene „Wilhelm Gustloff" vor der pommerschen Küste torpediert worden
und mit mehreren tausend Menschen gesunken.
Gut, daß ich von all dem nichts wußte. Ich fühlte mich so wohl auf dem
Schiff, und mir ging es so gut, daß ich mir sogar einen Rundgang erlaubte.
Es war eine unbekannte Welt für mich, die mich sehr beeindruckte.
Doch dann kam wieder die Begegnung mit dem Krieg, als ich das Elend
der Schwerverwundeten sah. Aus einer Kabine, deren Tür offenstand, rief
mich jemand an. Ich ging hinein und sah einen jungen Soldaten, etwa in
meinem Alter; er hatte keine Hände mehr. Er bat mich, ihm eine Zigarette
zu drehen. Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Mit zitternden Händen
brachte ich irgendein Gebilde aus Tabak und Papier zusammen. Ich habe nie
mehr im Leben eine Zigarette gedreht.
Draußen an der Reling stehend, sah ich, daß wir von mehreren kleinen
Kriegsschiffen begleitet wurden, die voraus und rechts und links von uns
fuhren. Die Besatzungen dieser Schiffe und auch die Männer auf der Kom-
mandobrücke unseres Schiffes, der „Monte Rosa", wußten sicher von den
Gefahren der Ostseefahrt.
Ich aber empfand diese Reise nach dem erlebten Inferno, dem ich ent-
236
gangen war, als ein ganz großes Erlebnis. Wenn mir vor einigen Tagen je-
mand gesagt hätte, daß ich den Kriegsschauplatz Ostpreußen „erster Klas-
se" auf einem Luxusliner verlassen würde, ich hätte ihn sicher für verrückt
erklärt.
Als die Küste im Dunst verschwand, war mein ostpreußisches Abenteu-
er zu Ende. Die Front war weit, weit weg.
Originalbericht 14 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
237
Dokument 12
Mohns, Rudi
Geboren am 30. April 1926 in Königsberg
Dienstrang: Soldat
Einheit: Infanterie-Division 1
Ostpreußen-
Einsatz: 13. Januar bis 4. April 1945
Verwundet: 4. April 1945 bei Pillau
Rücktransport: am 6. April 1945 mit Kohlen-
schiff Pillau-Hela
Hela-Saßnitz mit Dampfer
„Potsdam"
Nach Blitzausbildung ab an die Front
Da mein Vater selbständiger Sattler in Kaimen, Kreis Labiau in Ostpreußen,
war, mußte ich diesen Beruf ebenfalls erlernen und kam in Liebenfelde/Ost-
preußen in die Lehre. Wir arbeiteten die ganze Kriegszeit über für die Wehr-
macht, das Heer. Obwohl ich von meinem Alter her längst hätte Soldat sein
müssen, wurde ich „freigestellt", weil wir „für die Rüstung" arbeiteten.
Als Mitte Januar 1945 die sowjetische Großoffensive kam, mußten wir die
Werkstatt schließen und unseren Heimatort verlassen. Wir machten uns auf
die Flucht, kamen aber nur bis Königsberg.
Hier war es mit meiner „Freistellung" vorbei. Ich wurde „gemustert" und
nach Königsberg-Charlottenburg in die Artillerie-Kaserne geschickt. Knapp
19 Jahre alt, aber noch nie ein Gewehr in der Hand gehabt.
Meine „Blitzausbildung" dauerte genau 14 Tage, jeden Tag an einer an-
deren Waffe: Gewehr, Panzerfaust, MG, Geschütz. Danach erfolgte meine
Kommandierung in den zurückeroberten Königsberger Vorort Metgethen
zu einer Pak-Einheit (Panzerabwehr). Ein Kamerad von mir, der ebenfalls
nach Metgethen kommandiert wurde und dort zu Hause war, fand in sei-
nem Elternhaus seine von den Russen ermordete Schwester. Er durfte beim
Troß einen Sarg zimmern und den Leichnam beerdigen.
238
Da ich von Beruf Sattler war, kam ich zunächst zum Troß. Zum Sattler
gehören auch Pferde, meinte man, und teilte mir zwei Futterpferde zu und
einen Wagen voller Futtersäcke. Ich wußte zwar, was bei einem Pferd vor-
ne und hinten war, das war aber auch schon alles. Gott sei Dank hatten wir
beim Troß mehrere „Hiwis" (Hilfswillige). Einer von diesen übernahm für
zwei Zigaretten am Tag die Versorgung und Pflege der Pferde, füttern und
striegeln, doch fahren mußte ich selbst, und das klappte auch.
Doch der Krieg ging weiter, und „Kampf" war angesagt, denn die Russen
rückten immer weiter vor.
Unser Geschütz, das einzige, das wir in unserer Abteilung noch hatten,
fuhr des Nachts raus, gab einige Schüsse ab, fuhr ein Stück weiter und feu-
erte wieder und wiederholte dies nochmals. Damit sollte der Anschein bei
den Russen geweckt werden, daß wir mehrere Geschütze hätten.
Eines Nachts, als wir uns mit dem Troß weiter zurückgezogen hatten, ge-
rieten wir unter Beschuß. Alles flitzte in Deckung. Auch ich. Dafür erhielt
ich einen „Anschiß" und den Befehl, bei den Pferden zu bleiben. Ich weiß
nicht, wer mehr gezittert hat, die Pferde oder ich. Ich war wohl zum „Hel-
den" nicht geeignet.
Drei Wochen war ich Soldat, da mußte ich für zwei Tage in die Feuerstel-
lung raus. Diese bestand aus einem Schützengraben, und in bestimmten Ab-
ständen war ein Erdloch für drei Mann in die Erde gegraben. Da ich keinen
Karabiner hatte, erhielt ich einen von einem gefallenen Kameraden. Muni-
tion bekamen wir jeder 200 Schuß.
In der nächsten Nacht mußte ich vor einem kleinen Erdbunker Wache
schieben. Meine beiden Kameraden schliefen fest. Da dachte ich: die Gele-
genheit ist günstig. Ich habe mir Schnee hereingeholt, ihn aufgetaut und
mich gründlich von oben bis unten gewaschen. Das alles, obwohl ich Wa-
che hatte in der Feuerstellung. Doch es hat keiner gemerkt.
Der Schreck kam mir einen Tag später. Beim Nachbarbunker war ein Offi-
zier erschienen und hatte die Besatzung aufgefordert mitzukommen. Der Of-
fizier und die Männer verschwanden spurlos. Danach stellte sich heraus, der
deutsche Offizier in deutscher Uniform gehörte dem „Nationalkomitee Frei-
es Deutschland" an, was die Bunkerbesatzung natürlich nicht wissen konnte.
Von diesem Tage an hielt ich Wache, wenn ich Wache hatte!
Am 4. April hatten wir Alarm. Stellungswechsel wurde befohlen. Im Mor-
gengrauen kamen wir in die Frontlinie. Da noch alles ziemlich ruhig war,
machte ich mit vier Kameraden in einem kleinen verlassenen Haus Quar-
tier. Das völlig aufgeräumte Wohnzimmer, in dem noch alles so stand, als
hätten die Bewohner es gerade verlassen, bot uns eine hervorragende Un-
terkunft. Da es so kalt war, machten wir, unerfahren wie wir waren, den
Ofen an. Holz war genug da.
Die Russen sahen natürlich den Rauch und setzten eine Granate mitten
auf das Dach. Das Geschoß explodierte erst genau unter der Zimmerdecke,
wo wir saßen.
239
Meinen Kameraden, die am Tisch saßen, war überhaupt nichts passiert;
sie waren mit dem Schrecken davongekommen. Ich saß auf dem Sofa, direkt
am Ofen. Die rechte und die linke Seite der Sofalehne war von Granat-
splittern durchlöchert. Mir hatte ein Granatsplitter den rechten Handballen
aufgerissen und den kleinen Finger.
Meine Kameraden legten mir einen Notverband an, und ich marschierte
zum Hauptverbandsplatz. Dort bekam ich eine Spritze, und unter Vollnar-
kose wurden die Fetzen von der Hand entfernt. Der Arzt, der mich operiert
hatte, legte mir einen gewaltigen Papierverband bis zum Ellenbogen an. Auf
dem Schild, das ich umgehängt bekam, stand in großer Schrift: „Außere und
innere Verletzungen!"
Das war meine „Freistellung" für den Abtransport.
Schon am nächsten Tag wurde ich, mit anderen Verwundeten, mit einem
Bus nach Pillau gebracht. Dort wurden wir auf ein im Hafen liegendes Koh-
lenschiff verladen, dessen Laderaum mit Kisten vollbepackt war, darauf hat-
te man Stroh gelegt, auf dem wir Verwundeten dann auch ganz gut die Fahrt
nach Heia überstanden.
Auf der Reede vor Heia lag das große ehemalige Passagierschiff „Pots-
dam". Wir wurden auf Paletten gelegt und mit einer Winsche von unserem
Kohlenschiff auf die „Potsdam" verladen.
Die „Potsdam" war überfüllt mit Flüchtlingen und Verwundeten, insge-
samt sollen etwa 10.000 Menschen auf dem Schiff gewesen sein.
Ich kam in den großen Kinosaal des Schiffes, in dem nur Verwundete la-
gen. An Verpflegung erhielten wir ein Brot für fünf Mann, jeder dazu ein
Stück Wurst und etwas Flüssiges, nicht viel, aber wir waren damit zufrieden.
Die Fahrt des Schiffes bis nach Saßnitz verlief ohne Zwischenfälle oder
Angriffe. In Saßnitz mußten wir wieder auf der Reede ankern. Während die
Flüchtlinge an Bord blieben - das Schiff fuhr weiter nach Kopenhagen -,
wurden wir Verwundeten ausgeladen. Auf Paletten beförderte man uns auf
ein kleines Schiff, das uns dann in den Hafen brachte. 45 Schwerverwunde-
te hatten die Fahrt jedoch nicht überlebt, sie waren an Bord gestorben.
Von Saßnitz aus wurde ich in ein Lazarett in Lubmien bei Greifswald ge-
bracht, doch nur für kurze Zeit. Als die Russen in Pasewalk durchgebrochen
waren, erhielten alle gehfähigen Verwundeten unseres Lazaretts einen
schriftlichen Befehl, sich nach Westen „abzusetzen", das tat ich auch. Bloß
nicht jetzt noch den Russen in die Hände fallen, dachte ich. In fünf Tagen er-
reichte ich, zu Fuß, auf Fahrzeugen mitgenommen, Eutin.
Königsberg, wo ich geboren wurde, und meine ostpreußische Heimat
wurde Kriegsbeute der Russen.
Originalbericht 4 Seiten (handschriftlich) und persönliche Erklärung vor-
liegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
240
Dokument 13
Wübbena-Mecima, Anton
Geboren am 31. Oktober 1920
Dienstrang: Obergefreiter
Einheit: Divisionsstab
der 292. Infanterie-Division
Ostpreußen-
Einsatz: 16. Januar 1945 bis
18. April 1945
Rücktransport: 18. April 1945 Pillau-Hela mit
Frachter „Balkan"
Hela-Swinemünde mit
Dampfer „Eberhard Essberger"
Wellenbrecher gegen die Rote Flut
Seit dem 22. Juni 1941 auf dem „Kriegsschauplatz Rußland", hatte ich den
Vormarsch und den Rückzug miterlebt und lag mit meiner Einheit, der 292.
Infanterie-Division, ab 14. Oktober 1944 am Narew in dem Ort Sypniewo.
Ich war Kradmelder beim Divisionsstab mit dem Dienstgrad Obergefreiter.
Am 14. Januar 1945, morgens um 08.00 Uhr, stand ich im Bunkereingang.
Es war ein wunderschöner Morgen, und ich sagte zu meinem Kameraden:
„Heute können wir froh sein, wir werden einen schönen Sonntag haben!"
Ich hatte es gerade ausgesprochen, da ging das Trommelfeuer der Russen
los. Die große Offensive der Roten Armee, die das Ziel hatte, Ostpreußen in
kürzester Zeit einzukesseln, begann.
Von dieser Stunde und diesem Tag an kamen wir nicht mehr zur Ruhe
und waren Tag und Nacht im Einsatz. Jetzt galt es Ostpreußen zu verteidi-
gen und die Russen solange wie möglich aufzuhalten. Doch aus der Vertei-
digung wurde ein Rückzug. Die Übermacht der Roten Armee an Menschen
und Waffen war überwältigend. In nie erwarteter Heftigkeit ergoß sich die
rote Flut in das ostpreußische Land.
Nur langsam konnten wir zurückziehen, kaum zu beschreiben, welches
Elend wir dabei gesehen haben, die vielen Flüchtlingstrecks, Frauen, Kinder
241
und Greise, die ihr Heil in der Flucht suchten. Es war schlimm, hilflos mit
ansehen zu müssen, wie die Zivilbevölkerung in großer Eile Häuser, Woh-
nungen und Dörfer verlassen mußte. Oft kamen wir abends auch in Häuser
und Wohnungen, um Quartier zu machen und trafen dort noch Zivilisten
an, die uns sagten: „Wenn Sie morgen früh erwachen, sind wir nicht mehr
da, und alles gehört Ihnen!" Oder wir betraten abends Häuser und merkten,
daß vor ein paar Stunden hier noch Menschen gewesen waren. Es war noch
die Wärme zu spüren. Wir hatten den Eindruck, daß die Bewohner gleich
zurückkommen würden, aber sie kehrten nicht wieder zurück.
Meine Gedanken waren zu Hause, und mir lief es kalt den Rücken her-
unter, wenn ich mir eine Vertreibung aus meiner Heimat vorstellte.
Unsere Autos und Kraftfahrzeuge haben wir, soweit dies möglich war,
auch noch mit Flüchtlingen beladen. Unser Kammerwagen (Kleiderwagen)
hatte drei Mädchen mitgenommen, zwei Schwestern, 19 und 17 Jahre alt,
und ihre Freundin. Die 17jährige war ein wenig temperamentvoll, und dann
sagte die 19jährige: „... wenn wir erst wieder zu Hause sind, dann ...!" Wir
konnten nur denken, ihr seht Eure Heimat nie wieder ...! Diese jungen
Mädchen ahnten nicht, was ihrer Heimat Ostpreußen noch bevorstand.
Dann begegnete uns ein älterer Mann, der niedergeschlagen sagte: „Ich
habe gerade meine Frau im Schnee begraben!" Unvorstellbar das Leid, das
die Ostpreußen ertragen mußten.
Wenn ich in einem Haus Quartier fand, legte ich mich immer unter einen
Tisch, damit die anderen nicht über mich stolperten. Eines Morgens sah ich
um mich herum eine Familie liegen. Großmutter, Mutter und deren fünf
Kinder. Bei ihrem Weiterziehen wurde das fünf Monate alte Baby von der
Großmutter getragen, das eineinhalbjährige Kind von der Mutter. Ein klei-
ner Wagen mit dem Gepäck wurde gezogen, die anderen drei Kinder liefen
mit ihrer Decke um den Hals hinterher. Es war unfaßbar. Haben sie über-
lebt? Ich weiß es nicht.
Dieses Flüchtlingselend war für mich unvorstellbar. Ich weiß nicht, wie-
viel Hunderttausend in Ostpreußen gestorben sind. Und wir mußten als
Soldaten dieses Elend der Menschen mit ansehen und konnten nichts tun.
An einem der Abende, es war am 24. Februar 1945, ich hatte keine Wache,
schrieb ich im Divisions-Gefechtsstand an einen Freund einen längeren
Brief, in dem es u.a. hieß:
„... wir wissen, daß wir hier die Wellenbrecher gegen die rote Flut sind,
und das macht unser Leben und Sterben leicht und stolz. Sei getreu bis in
den Tod, so will ich Dir die Krone des ewigen Lebens geben ... Tapfer und
treu ist unsere Parole. So werden wir aushalten, bis wir unsere letzte Pflicht
getan haben. Denn über alles steht am Ende der deutsche Sieg. Man kann es
kaum fassen, was man erlebt hat in den letzten drei Jahren und überhaupt
in den letzten Wochen. Mit großem Emst und Schweigen betritt man oft die
Güter und Höfe, um sich dort einzuquartieren, denn man weiß, hier waren
einmal deutsche Menschen glücklich. Man mag fast nicht die schönen herr-
242
liehen Räume benutzen, doch zwingt einen die Not dazu. Und dann kommt
eine Granate, und alles ist weg. Ja, man ist weiser und älter geworden ..."
Es war mein letzter Brief, den ich aus Ostpreußen geschrieben habe, in
den folgenden Tagen und Wochen fand ich dazu weder Zeit noch Gelegen-
heit.
Denn der Krieg in Ostpreußen, für uns ein Rückzugskrieg, nahm Tag für
Tag an Heftigkeit zu. Fast jede Einheit war nur noch auf sich allein gestellt.
Überall Einbrüche der Russen. Rückzug auf der ganzen Linie. Um jeden Ort,
jeden Wald und jede Höhe wurde hart gerungen. Wellenbrecher für die Ro-
te Armee zu sein, die mit ihren Panzern alles niederwalzte, was ihr im We-
ge war, und mit ihrer Artillerie alles zusammenschoß, was noch Widerstand
leistete, war die Aufgabe der deutschen Verteidiger, unsere Aufgabe!
Doch gegen diese Übermacht kämpften wir vergebens, standen auf ver-
lorenem Posten.
Es ging weiter zurück...
Die grausamen Verwundungen und das elende Sterben der Kameraden
waren für mich nicht mehr anzusehen. Ich hatte in dieser ostpreußischen
Kriegshölle schon mit meinem Leben abgeschlossen, denn die Lage wurde
immer kritischer.
Schon am 21. Januar, als die Russen Elbing erreicht hatten, war Ost-
preußen vom Reich getrennt, und der Ring um Ostpreußen wurde tagtäg-
lich enger und enger, Anfang Februar war er völlig geschlossen. Es gab nach
Westen kein Entweichen mehr. General der Infanterie Hoßbach, Chef der 4.
Armee, der auf eigene Initiative eine Öffnung des Ostpreußenkessels ver-
sucht hatte, war von Hitler seines Postens enthoben worden.
Was Ostpreußen danach erlebte, war die Hölle - und wir waren mitten-
drin.
Auf die mit Trecks und zurückflutenden Soldaten verstopften und dazu
im Februar 1945 noch schneebedeckten oder vereisten Straßen, auf denen
tausende Frauen, Kinder und Soldaten auf Treckwagen oder zu Fuß nach
Norden zogen, in Richtung Ostseeküste, warfen die Russen ihre Bomben,
beharkten Tiefflieger mit ihren Bordwaffen die noch Lebenden, töteten alles
was sich noch bewegte. Ein Chaos ohnegleichen und ungeheure Verluste.
Durch Gegenangriffe deutscher Einheiten konnte nur zeitweise eine Entla-
stung geschaffen werden, kurze Ruhepausen, aber an der Gesamtlage än-
derte sich nichts. Der Untergang Ostpreußens war nicht mehr aufzuhalten.
Einem deutschen Panzer standen sieben russische entgegen, einem deut-
schen Artilleriegeschütz standen 20 russische gegenüber. Wer wollte diese
Übermacht noch aufhalten?
Die letzte Rettung waren Flucht und Rückzug. Doch wohin?
Für die Flüchtlinge war es der einzige große Ostseehafen, den Ostpreußen
hatte, Pillau, und für die Soldaten war es die ostpreußische Haffküste.
Die Reste der deutschen Armeen in Ostpreußen zogen sich in der zweiten
Märzhälfte bis nach Heiligenbeil zurück, wo sich der Heiligenbeiler Kessel
243
als letzte Bastion gegen den Angreifer, die Rote Armee, gebildet hatte. Auch
die Reste meiner Einheit, der 292. Infanterie-Division, beendeten hier ihren
Rückzug.
Welch ein Bild bot sich uns, als wir dort eintrafen: Der Strand am Haff war
übersät mit Menschen, auf jedem Quadratmeter lagen zwei Tote!
Und es gab nur einen Ausweg aus diesem Kessel, das Wasser des Frischen
Haffs. Wenn man es überquerte, was nur mit Wasserfahrzeugen möglich
war, kam man auf die Frische Nehrung an die Ostsee - und nach Pillau. Das
bedeutete schon die halbe Rettung.
Wenn es den Russen gelang, diesen Kessel zuzuschnüren, würden sie al-
les, was sich in diesem Kessel befand, in das Haff-Wasser treiben. Heiligen-
beil würde dann zum ostpreußischen Dünkirchen.
Und alle Anzeichen sprachen dafür, daß die Russen dies planten.
In meinem Divisionsbuch habe ich das Ende des Heiligenbeiler Kessels
festgehalten:
Am Morgen des 25. März 1945 beginnt der letzte Ansturm auf den Flug-
hafen Heiligenbeil und die Stadt.
Nach massiertem Artillerie- und Stalinorgelfeuer stürmen die Sowjets un-
ter laufenden Schlachtfliegerangriffen den Flughafen. Die Masse der Divisi-
onsartillerie war wieder zur Panzerabwehr, nur einige hundert Meter hin-
ter der Hauptkampflinie, aufgefahren, so daß der Russe von seinen erhöh-
ten Stellungen aus „in die Rohre sehen" konnte. Fast alle Pferde der Divisi-
on werden durch den Artilleriebeschuß getötet, fast alle Fahrzeuge durch-
siebt. Von einer Stellung ist keine Rede mehr. Im losen Sand am Haff wer-
den viele Soldaten verschüttet, andere wieder aufgeworfen. Un-
unterbrochen wütet die russische Artillerie, bellt die Pak und heulen die Sta-
linorgeln. Kaum ein Quadratmeter bleibt übrig, der nicht umgepflügt wird.
Über die zerschundene ostpreußische Erde rast ein Inferno sondergleichen.
Wo hielt der Tod jemals eine reichere Ernte?
Doch grenzt es an ein Wunder und ist für mich heute noch unfaßbar, daß
es noch Menschen gab, die diesen Totentanz lebend überstanden hatten, wo-
zu auch ich gehörte. Heiligenbeil, das ostpreußische Dünkirchen, erweckt
auch heute noch in mir schmerzhafte Erinnerungen.
Von der Haffküste bin ich am 27. März 1945 mit einer Fähre nach Pillau
gelangt. Es war eine abenteuerliche, ja mörderische Fahrt. Auf dieser Fäh-
re fanden 200 Soldaten Platz. Morgens um 5 Uhr lief sie auf eine Sandbank.
Im Tiefflug flog ein russischer Flugzeug-Pulk einen Angriff auf alles, was
auf dem Wasser schwamm. Die Fähre mußte in aller Eile wieder freige-
schoben werden. Dazu brauchte der Kommandant keinen Befehl zum
Ausstieg und Anschieben zu geben. Wir wußten selbst, was in diesem Au-
genblick auf dem Spiele stand, Leben oder Tod, sprangen über Bord und
schoben die Fähre wieder frei, sie konnte die Fahrt fortsetzen. In Pillau
schloß ich mich dem Reststab um Major Horn an. Von dort wurden wir
nach Voglers auf die Frische Nehrung in Marsch gesetzt. Es grenzte wirk-
244
lieh an ein Wunder, daß wir aus dem Kessel Heiligenbeil herausgekom-
men waren.
Nicht alle hatten dieses Glück gehabt. Als der letzte Akt im Heiligenbei-
ler Kessel begonnen hatte und jeder versuchte, noch auf die Nehrung über-
zusetzen, hatte sich die russische Artillerie noch gezielter auf die Übersetz-
stellen eingeschossen. Den Rest besorgten russische Flugzeuge mit Bomben
und Bordwaffen. Der Strand war mit Toten übersät, und in jedem Augen-
blick kamen neue hinzu. Am 28. März war Heiligenbeil gefallen. Damit hat-
te auch die 292. Infanterie-Division aufgehört zu bestehen; der letzte Rest
war am Strand von Heiligenbeil vom Winde verweht worden.
Diesem Schicksal waren wir, die wenigen Soldaten um Major Horn, ent-
kommen, aber noch nicht diesem Krieg; noch waren wir nicht der Gefahr
entronnen, im letzten Augenblick doch noch in russische Gefangenschaft zu
geraten.
Die Lage auf der Frischen Nehrung glich einem Chaos. Das galt auch für
die Ernährungslage. Man hatte aus den Wohnungen die Badewannen her-
ausgerissen und an den Strand gestellt. Pausenlos, ohne Unterbrechung,
wurde Suppe gekocht, in die Badewannen gefüllt und von dort an die Men-
schen verteilt. Wir konnten froh sein, täglich eine Mahlzeit zu erhalten.
Der Strand war übersät mit Flüchtlingen und Soldaten. Im Haff schwam-
men unzählbare Lebende und Tote. Viele Menschen, die hineingesprungen
waren, taten dies, weil sie Durst hatten. Sie tranken dieses Leichenwasser
und gingen danach elend zugrunde.
Von Voglers aus fuhr ich am 15. April 1945 mit einem Kübelschwimm-
wagen nach Pillau und von Pillau nach Fischhausen. Dort befand sich das
Armeeoberkommando II - Ostpreußen. Es ging für uns ums Überleben, das
heißt um Verladebefehle für ein Schiff. Denn nur mit einem Schiff ging es
noch in Richtung Westen. Da es viel zu wenig Schiffsplätze gab, war es
schwierig, einen Verladebefehl zu erhalten. Major Horn erhielt einen, be-
grenzt auf 150 Soldaten. Das reichte zwar nicht, um alle unsere Leute auf ein
Schiff zu bringen, aber dem Major würde schon etwas einfallen, um dies zu
erreichen. Wir fuhren noch am Abend von Fischhausen nach Pillau zurück,
wo wir die Nacht vom 17. zum 18. April in der Zitadelle Unterkunft fanden.
Die Wände dieser Festung waren ca. fünf Meter dick und boten absolute Si-
cherheit.
Am nächsten Tag, dem 18. April, kurz nach unserer Rückkehr nach Pillau,
legte dort im Hafen das Schiff „Balkan" an. Major Horn sorgte dafür, daß
seine 150 Soldaten, für die er die Verladepapiere hatte, sofort eingeschifft
wurden. Da er wußte, daß es mehr waren, beteiligte er sich selbst an der Ein-
schiffungsaktion. Mit zwei anderen Offizieren zählte er sein Kontingent von
150 Mann ab. Und das geschah so: Er zählte immer 55, 56, 57, 45, 46, 37...
Dabei geriet er in Streit mit den anderen beiden Offizieren, währenddessen
die Soldaten weiter, ohne gezählt zu werden, an Bord gingen. So konnten
180 statt 150 unserer Soldaten eingeschifft werden.
245
Zu denen, die noch auf dem Kai standen und nicht das Glück hatten, an
Bord gehen zu dürfen, gehörte auch ein Soldat unserer Einheit: Erich Büto.
Er saß unten auf einem Poller und spielte auf seiner Mundharmonika. Als
ihn eine Militärstreife wegjagen wollte, erklärte er: „Ich darf doch meinen
Kameraden wohl noch ein Abschiedsständchen bringen!" Er durfte weiter
spielen. Abends gegen 21 Uhr, als die „Balkan" abgelegt hatte, saß er auf
dem Oberdeck und spielte wieder. Er hatte mit einem Kameraden verabre-
det, wenn das Schiff unbeaufsichtigt war, sollte er sich ins Wasser fallen las-
sen und an der Strickleiter hochklettern. „Erich Büto, schneller als der Tod",
so war sein Beiname. Er wurde ihm an diesem Tage gerecht.
Mit dem Frachter „Balkan" gelangten wir nach Heia, wo wir wieder von
Bord mußten. Was wir auf Heia antrafen, war noch furchterregender als das,
was wir am Strand von Heiligenbeil gesehen hatten. Auf Heia lagen Hun-
derttausende: Flüchtlinge, Verwundete und Soldaten fast aller Waffen-
gattungen. Die Halbinsel Heia war das Heerlager der Geschlagenen, der
menschlichen Trümmer des zu Ende gehenden Krieges.
Auch hier standen Badewannen, aus denen die Massen verpflegt wurden;
doch die Menschenschlangen davor waren hundert und mehr Meter lang.
Überall wo man hinsah, Menschen, Menschen. Viele lagen apathisch herum,
andere waren auf der Suche nach irgendwem oder irgendetwas, hofften auf
eine Nachricht, die ihnen Hoffnung gab, von hier noch wegzukommen. Al-
le waren müde, abgekämpft, zerschlagen, in zerrissenen, zerfetzten Unifor-
men oder Kleidern, mit blutdurchtränkten verschmutzten Verbänden, mit
Krücken, auf Stöcken. Kinder schrien, Hunde bellten, und dazwischen im-
mer wieder Geschütz- und Flugzeuggeräusche, Einschläge von Bomben
und Granaten. Ab und zu setzten Tiefflieger zum Angriff an, aber die Men-
schen auf Heia konnten nicht mehr fliehen, wohin auch? Und es gab hier
auch keinen Schutz mehr, keine Deckung. Schutz- und wehrlos war man
den Tötungsversuchen der Russen ausgeliefert.
Man konnte glauben, das Ende der Welt stünde bevor. Nie im Leben ha-
be ich Schrecklicheres gesehen.
Uns allen, die wir auf Heia waren, ob es hunderttausend waren oder ei-
nige zehntausend mehr, wurde bewußt, daß es Rettung für alle über See aus
dieser Hölle nicht geben konnte. So viele Schiffe hatte die Marine nicht mehr,
um uns alle abzubefördern. Die Schiffe konnten weder den Kriegshafen
noch den Fischereihafen Heia anlaufen; sie mußten draußen auf Reede an-
kern und wurden dort beladen. Kleine Boote und Schiffe brachten die Men-
schen dorthin. Würden sie gestürmt werden, wenn es soweit war?
Am nächsten Tag, dem 21. April 1945, war es soweit.
Major Horn und wir, die wir zu seiner Gruppe gehörten, wurden auf ein
Schiff gebracht, das in Sichtweite vor Heia lag, den Dampfer „Eberhard Ess-
berger". In wenigen Stunden wurde dieses Schiff für 10.000 Menschen zu ei-
ner „Arche Noah", zur letzten Rettung vor dem Untergang, vor der Gefan-
genschaft, vor dem Tod. Unvorstellbar, kaum beschreibbar das Gedränge
246
und die Zustände an Bord dieses total überladenen Schiffes. Das Chaos von
Heia fand hier seine Fortsetzung. Als Toilette diente ein Donnerbalken. Die
Feldgendarmerie hielt davor Wache. Mehr als eine halbe Stunde mußte man
anstehen. Uriniert wurde in Konservendosen, die dann weitergereicht wur-
den. Menschenunwürdige Zustände für Soldaten wie Flüchtlinge, Männer
und Frauen im Finale des Kriegsgeschehens. Unvergeßlich für alle, für alle
Zeit des Lebens.
Mit drei Schiffen ging es über die Ostsee in Richtung Westen, gesichert
von einem Minensuchboot und einem Torpedoboot. Kaum auf offener See,
begannen die Luftangriffe der Russen; sie wollten uns nicht entkommen las-
sen. Doch das Glück war auch diesmal auf unserer Seite.
Am 22. April 1945, mittags gegen 12.00 Uhr, erreichten wir den pommer-
schen Hafen Swinemünde. Wir waren gerettet, hatten den Kriegsschauplatz
Ostpreußen überlebt, den Kessel von Heiligenbeil und die Hölle von Heia.
Wir hatten jetzt nur noch eine Hoffnung und einen Wunsch, daß dieser
Krieg, der so vielen Unserer Kameraden in Ostpreußen und vielen Ost-
preußen - und nicht nur diesen - das Leben gekostet oder ihnen russische
Gefangenschaft eingebracht hatte, bald zu Ende ging.
Originalbericht 14 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
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Dokument 14
Scherrer, Franz
Geboren am 10. August 1925
Dienstrang: Gefreiter
Einheit: 558. Volks-Grenadier-Division Art.Rgt. 1558, III. Abt., 7. Batterie
Ostpreußen- Einsatz: Mitte Januar bis 5. April 1945
Verwundet: im Heiligenbeiler Kessel
Rücktransport: 5. April 1945 mit Frachter „Goya" Pillau-Swinemünde
Ostpreußen 1945: Ein Heerlager von Verwundeten
Im Herbst 1944 kam ich als Funker zur 558. Volks-Grenadier-Division, Ar-
tillerie-Regiment 1558, III. Abteilung, 7. Batterie. Die Front verlief im Augu-
sto wer Forst und an den Seen, dort, wo im Jahre 1915 die 2. Masurische
Schlacht stattgefunden hatte. Im Oktober 1944 wurden wir nach schweren
Kämpfen zurückgedrängt bis an die Rospuda, einen Fluß hart an der ost-
preußischen Grenze, zehn Kilometer von Auersberg (Kreis Lyck) entfernt.
Mitte Januar 1945 begann die Großoffensive der Sowjets, nicht jedoch in
unserem Abschnitt, sondern südlich bei Scharfenwiese.
In Eilmärschen ging es bei bitterer Kälte und Schneestürmen zurück über
Treuburg, Arys, Nikolaiken, Bischofsburg. Als mit Pferden bespannte Ein-
heit kamen wir besser vorwärts als die motorisierten Truppen, die an Treib-
stoffmangel litten, sich gegenseitig abschleppten und schließlich aufgeben
mußten. Flüchtlingstrecks behinderten uns und fuhren zum Teil in die
falsche Richtung, den Russen entgegen.
Unser Gepäck wurde auf das Notwendigste beschränkt für einen Aus-
bruch nach Westen über die Weichsel. Ein Teil der Division wurde in Kämp-
fe rund um Allenstein verwickelt und kam bis zur Auflösung, Anfang März,
im Heiligenbeiler Kessel nicht mehr zur Ruhe.
248
Bei unserer Batterie war ich beim V.B. (Vorgeschobener Beobachter, beste-
hend aus einem Offizier, einem Unteroffiziersdienstgrad und zwei Funkern)
eingesetzt. Die Ausfälle waren so hoch, daß wir bald keinen eigenen Beob-
achter mehr hatten. Beide Batterie-Offiziere und fünf Unteroffiziere waren
verwundet oder gefallen. Unser Batterie-Chef, ein Hauptmann, kam selbst
nach vorne, wurde verwundet, blieb aber bei der Batterie bis zu deren Auf-
lösung. Bei den Funkern und Femmeldern stand es nicht besser. Auch mein
Kamerad, aus Südtirol stammend, mit dem ich seit Augustow fast immer
auf V.B. war, war ebenfalls verwundet. Als zweiter Mann - die Station be-
stand aus zwei Geräten zu je 20 Kilogramm - mußten nun Kanoniere aus-
helfen. Bei der 8. Batterie war der gleiche Zustand, den auch die Leute der
aufgelösten 9. Batterie nicht ausgleichen konnten. Wiederholt mußte ich bei
der 8. Batterie einspringen.
Das Schlimmste jedoch war der Mangel an Artillerie-Munition; wie oft be-
stürmten uns die Infanteristen und Offiziere, endlich etwas zu tun. Es gab
auch Gegenangriffe mit Sturmgeschützen und mehr Munition, die jedoch
wegen der Überlegenheit der Russen bald steckenblieben. Zerschossene,
überrollte Trecks, tote Zivilisten und Soldaten, überall wohin man sah; sie
machten mir Angst vor russischer Gefangenschaft.
Bartenstein, Hanshagen, Guttstadt, Wormditt, Mehlsack, Rauschbach,
Zinten sind nur wenige Namen; es waren unzählige Dörfer, Orte, große Gü-
ter und kleine Bauernhöfe auf unseren Rückzugsgefechten bis in den Heili-
genbeiler Kessel. Die Front verlief in Wäldern, Schluchten, weitem Hügel-
land, Pferdekoppeln, vorbei an brüllenden Viehherden.
Wir begegneten Zivilisten, meist Frauen, Kindern und alten Leuten, die
sich in letzter Minute auf die Flucht gemacht hatten, aber auch solchen, die
bereits von Russen überrollt wurden und danach noch einmal in die Freiheit
gelangt waren.
Doch es gab auch andere, die nicht weg wollten, die zu Hause geblieben
waren. In einem Gutskeller fanden wir welche, die sich zwischen Ostarbei-
tem versteckt hatten. Eine über 80jährige Frau in Arys wollte ihr Haus nicht
verlassen, sie hatte die Russen bereits im 1. Weltkrieg erlebt, das Haus war
schon zweimal abgebrannt gewesen. „Jetzt gehe ich nicht mehr fort, ich blei-
be!" Auf einem Bauernhof traf ich ein 15jähriges Mädchen. Ich beschwor sie,
abzuhauen, doch sie wollte bei den Eltern bleiben, welche meinten, das mit
den Russen sei nur Propaganda der Partei.
Der Kessel wurde immer kleiner und enger. Es gab schreckliche Bilder mit
aufgehängten deutschen Soldaten mit Schildern um den Hals: „Ich war zu
feige...!" Einem auf gehängten Feldwebel hatte man nicht einmal die Schulter-
stücke abgenommen, auch nicht seine Auszeichnungen. Das war unge-
wöhnlich, und man vermutete, das waren Russen, die schon stoßtruppmäßig
eingedrungen waren. Die Gefahr, allein als Versprengter ohne „Marschbe-
fehl" oder Verwundetenpapiere von der Feldgendarmerie aufgegriffen zu
werden, war sehr groß. Auf „Feigheit vor dem Feind" stand die Todesstrafe.
249
Die Geschütze der 9. Batterie mußten während des Rückzuges gesprengt
werden. Ein Offizier überbrachte den schriftlichen Befehl mit Stempel und
Unterschrift eines höheren Stabes. Eine Rückfrage war in dem Chaos nicht
mehr möglich. Erst später stellte sich heraus, daß dies Sabotage war, ver-
mutlich eine Aktion des „Nationalkomitees Freies Deutschland", welches
auch mit Lautsprecherdurchsagen und Flugblättern sehr aktiv war.
Wenn es mit der Feldküche und der Nahrungsmittelversorgung nicht
klappte, hatten wir bisher immer noch in verlassenen Häusern etwas Eßba-
res gefunden. Je enger der Kessel wurde, je leerer wurden die Häuser, je
hoffnungsloser die Verpflegungssituation. Selbst an Pferdefleisch für die
Suppe begann es zu mangeln.
Und zu all diesem Mangel kam der verstärkte Druck der Roten Armee auf
den immer enger werdenden von unseren Truppen gehaltenen Raum. Die
Russen waren hervorragend mit Waffen und Munition ausgestattet. Fast je-
der Soldat hatte eine Maschinenpistole. Munition war anscheinend in Über-
fülle vorhanden, denn das Artilleriefeuer wurde immer stärker und dauer-
te immer länger, hörte fast überhaupt nicht mehr auf. Dazu kamen die
Schlachtflugzeuge, die immer wieder neue Einsätze flogen.
Die deutsche Abwehrfront wurde durch die Ausfälle von Verwundeten
und Gefallenen immer dünner und brüchiger, die Soldaten entnervter von
den Strapazen, die sie täglich erlebten. Dazu kamen Durchfall, Läuse, Fie-
ber und zunehmende körperliche Schwäche.
Wieder einmal wurde ich zur 8. Batterie abkommandiert, da wurde uns die
Auflösung mitgeteilt. Wir waren schon längere Zeit nur noch eine Kampf-
gruppe. Der Hauptmann der 8. Batterie war mit einer Gruppe fast vier Tage
unterwegs gewesen, um ein Loch aus dem Kessel zu finden. Es gab aus dem
Heiligenbeiler Kessel kein Loch, nur das Wasser des Haffs und dann die Neh-
rung und danach die Ostsee, das Meer, das in die Freiheit führte.
Nach Auflösung der Reste unserer Abteilung wurde ein Unteroffizier, ein
Obergefreiter und ich mit Marschbefehl einer neuen Einheit zugeteilt. Der
Nummer nach war dies eine Strafeinheit, wie ich mit Schrecken feststellte.
Ich versuchte einen Einspruch. Ein Oberleutnant und ein Hauptfeldwebel,
die die Einteilung vornahmen, dementierten. Es sei eine reguläre Einheit, er-
klärten beide. Wir fanden die Kompanie, der wir zugeteilt waren, in einem
Wald und trafen auf einen Feldwebel, der uns den Rat gab, sofort wieder ab-
zuhauen - „sagt, wir brauchen keine Nachrichtler" - empfahl er uns, wei-
gerte sich aber, uns einen schriftlichen Marschbefehl zu geben.
Wir gingen zu dritt wieder zurück.
Auf dem Rückweg, nahe der Frontleitstelle, tauchte plötzlich ein Unter-
offizier der Feldgendarmerie neben uns auf, hörte sich unsere Erklärung an,
prüfte unsere Soldbücher, nahm uns mit und führte uns zu einem nahen Di-
visionsstab. Ein General, ein Major, eine Feldküche, ein Koch und ein paar
Landser, das war der ganze Stab. Bis zum Abend wurden weitere „Ver-
sprengte" aufgegriffen, unser Haufen war auf ca. 40 Mann angewachsen.
250
Der Major exerzierte zehn Minuten mit uns, machte dem General Meldung,
und wir waren die neue „Divisions-Reserve". Die alte Divisions-Reserve
war in der vergangenen Nacht zum Einsatz abkommandiert worden.
Wir jedenfalls wurden Feld-Ersatz-Bataillon mit Leuten von Stäben und
Schreibstuben; auch Fußkranke gehörten dazu. Wir wurden in die Nähe von
Deutsch Thierau verlegt.
Hier war es verhältnismäßig ruhig, wie immer vor einem Großeinsatz,
nur die Schlachtflieger waren sehr aktiv. Wir hatten keinen einzigen Offizier;
ein Hauptfeldwebel führte die Kompanie. In einem fast bergigen Gelände
wurden wir von russischen Flugzeugen des Typs II 2 mit Bordwaffen und
Splitterbomben so stark angegriffen, daß wir uns in der Nacht zurückziehen
mußten. Die Autobahn hatten wir schon vorher überquert.
Vor einer großen Scheune, wo wir in der Nacht kurz gerastet hatten, wur-
de unser Haufen total auseinandergerissen und anders eingeteilt. In einer
langen Kette ging es im Morgengrauen nach vorne, unterwegs an einer fast
unzerstörten Ju 52 vorbei. Ein Leutnant führte uns einem Walde zu. Mit ge-
zogener Pistole drohte er, jeden zu erschießen, der zurückbleibe. Selbst in
den schlimmsten Tagen als VB., zugeteilt bei fremden Infanterie-Einheiten,
hatte ich nie so sehr das Gefühl der Zusammengehörigkeit verloren wie
jetzt.
Ein Stabsgefreiter führte die Gruppe, obwohl wir einen Unteroffizier da-
beihatten. Er bezeichnete mich, als Gefreiten, zum Stellvertreter. Einen Di-
visions-Schuhmacher hatten wir dabei, er sah auf dem rechten Auge wenig,
links konnte er nicht schießen. In einem kurzen Grabenstück, die Gruppe
hatte kaum Platz darin, suchten wir Deckung vor einem der schlimmsten
Artilleriefeuer, das ich bisher erlebt hatte. Die umstürzenden Bäume deck-
ten uns zu und gaben uns Schutz vor Splittern. Alle blieben unverletzt. Die
Gruppe neben uns erhielt Volltreffer. Als es plötzlich ruhig wurde, gingen
wir vor bis zum Waldrand und dort in Stellung.
Kurz zuvor hatten wir in einem Erdbunker unsere Rucksäcke deponiert.
Es waren keine Leute mehr da. Hier war wohl ein Loch in der Front, wel-
ches wir notdürftig flicken sollten. Russische Infanterie und eine Rutsch-
Bum waren nur noch etwa 200 Meter entfernt. Wir nahmen sie unter Be-
schuß, und da - mein Karabiner flog mir aus der Hand - es hatte mich er-
wischt.
Das war am 20. März 1945.
Ich zog mich in den Wald zurück, verband, soweit mir das gelang, not-
dürftig meine Hand, half noch einem Kameraden, der am Hals blutete, so
gut es eben ging. Dann machten wir uns beide auf den Weg. Auf der Suche
nach einem Sanitätsposten stiegen wir über Äste und kreuz und quer lie-
gende Bäume und kamen nur sehr langsam vorwärts. Es sah um uns aus
wie nach einem riesigen Sturm, die Bäume in halber Höhe abrasiert. Auf
dem weiteren Weg hatte ich Angst um meinen Kameraden, er war gelb im
Gesicht, und sein Verband war völlig durchblutet.
251
Endlich fanden wir, außerhalb des Waldes, in einem kleinen Haus, einen
Sanitätsposten mit einem Unterarzt und einem Sanitäter. Er beurteilte mei-
ne Verletzung und schickte mich weiter zum Hauptverbandsplatz. Mein Ka-
merad hatte einen Streifschuß. Vom Sanitäter gab es einen Trinkbecher Kaf-
fee mit Schnaps, und dann ging es weiter Richtung Steindorf, dort sollte ein
Hauptverbandsplatz sein. Fliegerdeckung suchten wir in zwei Häusern,
welche geräumt waren. Militärakten lagen herum, auch Wehrpässe, hau-
fenweise. Da die Unterlagen angesengt waren, nahmen wir an, daß man vor
dem sicher eiligen Verlassen des Raumes versucht hatte, sie zu verbrennen.
Nach den römischen Zahlen auf Schildern und Hauseingängen mußte es
sich um höhere Stäbe gehandelt haben. Rings um die beiden Häuser befan-
den sich Schützengräben und ein halbfertiger Panzergraben, alles verlassen.
Dann, doch noch, ein paar Erdbunker mit Leuten von der Division „Her-
mann Görring".
Wir fanden auch den Hauptverbandsplatz, dem wir zugewiesen waren,
und wurden sofort im Keller untergebracht. Es herrschte hier ein Riesenbe-
trieb. Sankas und pferdebespannte Panjewagen brachten immer wieder
neue Verwundete. Andere Verwundete kamen zu Fuß, zum Teil mit Stöcken,
sich gegenseitig stützend.
Plötzlich wurde ich von einem Unteroffizier angesprochen. Es war ein Ka-
merad von unserer 7. Batterie. Er war befördert worden, und er berichtete
mir von der Auflösung der Batterie. Der Hauptmann hatte sich von allen
verabschiedet, dabei wurde auch meine Beförderung zum Obergefreiten
verlesen, von der ich bisher nichts wußte.
Der Gutskeller, in dem wir lagen, hatte ein massives Gewölbe, die Gänge
waren voll mit Schwer- und Leichtverwundeten. Hinter Türen Operati-
onstische. Seitlich abgeteilt mit Leinentüchern operierten Ärzte, blutbefleckt
von oben bis unten, fast pausenlos.
Dann kam auch ich an die Reihe. Mit einem Gummihandschuh fuhr ein
Arzt durch die Wunde, entfernte die Splitter. Danach wurde mir ein Ver-
band angelegt. Der Arzt stellte fest: Fronteinsatz nicht mehr möglich. In ei-
nem Nebenraum bekam ich eine Karte umgehängt, den „Frachtbrief", aber
nur bis Pillau.
Dann hieß es: „Ab, der nächste!" Man hatte Eile, alle Verwundeten zu un-
tersuchen und abzuschieben, um Platz zu schaffen für die nächsten.
In der Hektik des Abtransportes hörte ich von Verhandlungen über die
Übergabe des Hauptverbandsplatzes an die Russen mit Anerkennung
durch das Röte Kreuz, möglicherweise waren das aber sogenannte Latri-
nengerüchte. Jedenfalls wurden wir auf dem Hof zum Weitertransport nach
Rosenberg am Frischen Haff gesammelt. Mein Streifschußkamerad hatte
keinen „Frachtbrief" erhalten; im Gegenteil: ihm wurde ein Kriegsgerichts-
verfahren angedroht, er hätte sich wieder bei der Truppe melden müssen,
nicht beim Hauptverbandsplatz.
Mit einem Pferdefuhrwerk ging es in Richtung einer großen Düne, die wir
252
Richtung Rosenberg und Haff überqueren mußten. Die Düne lag unter di-
rektem Beschuß. Ein Sanitäter, der das Pferdefuhrwerk begleitete, gab uns
genaue Anweisungen, wann und wo wir - außer den Beinverletzten - in ei-
ner Feuerpause über die Düne laufen sollten.
Es gelang mir, Rosenberg zu erreichen - unterwegs war ich überrascht
über die vielen Einheiten im Bereich der Bahnlinie, welche noch einen recht
guten Eindruck machten und die wir vorne so vermißt hatten. Das Haff war
tiefblau, und ich sah die zum Teil zerstörten Landungsstege. In den stark be-
schädigten Häusern und Kellern immer wieder vor den russischen Schlacht-
fliegern Deckung suchend, kam ich dem Hafen näher.
Dann sah ich ein Schiff und rannte so schnell ich konnte, denn es legte ge-
rade ab. Es hatte noch einen Kahn im Schlepptau, auch der war schon von
der Kaimauer weg und tiefer unten. Spring - spring, rief ich mir selbst zu.
Niemals hätte ich unter normalen Umständen das Risiko gewagt. Ich sprang
und landete mitten unter den Verwundeten, meinen verletzten Arm hoch-
haltend, in dem Kahn. Ich fand Platz am Boden. Im Schutze der Nehrung
hielten wir Kurs auf Pillau. Mit den Fliegern hatten wir Glück. Beschossen
wurden wir von der Landseite her.
Es war schon dunkel, als wir in Pillau ankamen. Die nicht gehfähigen Ver-
wundeten wurden abtransportiert, die anderen, auch ich, in zwei Baracken
im Hafengelände untergebracht. Diese waren zum Teil mit Mongolen der
Wlassow-Armee belegt, die tagsüber als Arbeitskommando eingesetzt wa-
ren. Auch sie hofften auf einen Abtransport über See nach Westen. Am Ta-
ge konnten wir auf ihren Pritschen schlafen.
Endlich ein Waschraum, endlich Toiletten, alles wie beim Militär üblich.
Betreut wurden wir von dem Sanitäter, der unser Pferdefuhrwerk begleitet
hatte. Er war froh, bei dieser Gelegenheit dem Kessel von Heiligenbeil ent-
ronnen zu sein. Später erzählte er mir einmal, daß es die Pferde und den Wa-
gen, der mich transportierte, erwischt hätte, von Granaten zerfetzt. Er küm-
merte sich vorbildlich um die Verwundeten, besorgte Verpflegung und hielt
Ausschau nach einer Möglichkeit, uns auf ein Schiff zu bringen. Doch dies
schien zunächst aussichtslos. Die „Frachtbriefe" der Verwundeten, die für
einen Schiffstransport vorgesehen waren, hatten eine andere Farbe als die
unseren. Die Feldgendarmerie kontrollierte sehr genau, sogar die Verbände.
Am nächsten Morgen mußten wir einen Eisenbahnzug in der Nähe des
Hafengeländes besteigen, von dem niemand wußte, ob, wann und wohin er
fahren sollte. Zunächst blieb er stehen. Flugzeuge griffen uns an. Mehrmals.
Stundenlang warteten wir. Nichts geschah. Als die Parole durch den Zug
ging, wir würden nach Königsberg fahren, stiegen wir aus und setzten uns
ab in Richtung Baracken, da wo wir hergekommen waren. Am nächsten
Morgen war der Zug verschwunden.
Vom Heiligenbeiler Kessel kamen laufend Transporte mit weiteren Ver-
wundeten, aber auch Truppenteile, jedoch keine Kameraden meiner Division.
Die Lage wurde immer unruhiger und unser Schicksal immer ungewisser.
253
Plötzlich hieß es, wir müßten uns bei einer Verwundeten-Sammelstelle im
Hafenbecken melden. Von dort gingen Transporte - aber nicht mit Schiffen
- mit unbekanntem Ziel ab. Doch wir trauten diesem Aufruf zunächst nicht
und machten einen Bogen um diese Sammelstelle, denn wir konnten uns im
Hafen frei bewegen. Wir zogen es vor, in der Baracke zu bleiben, da es in der
Nacht dort immer mehr freie Pritschen gab, denn einige Wlassow-Leute wa-
ren inzwischen untergetaucht.
Am 24. März 1945, wir konnte nirgends mehr Verpflegung organisieren,
meldeten wir uns zu dritt bei der Verwundeten-Sammelstelle. Es gab Sup-
pe, Brot, Zigaretten, dann wurden wir in einen ehemaligen „Fronttheater"-
Bus verfrachtet, Marke Opel-Blitz, und ab ging es. Von Pillau sahen wir nicht
viel. Über Fischhausen - im offenen Gelände waren zur Tarnung vor Feind-
einsicht Bäume gesteckt - ging es bis Germau. In drei Zimmern des Pfarr-
hauses, am Boden auf Stroh liegend, fanden wir Platz. Unser Sanitäter war
auch schon dort. Eine Flüchtlingsfrau, Lehrerin, und ihre zwei rotblonden
Töchter im Alter von 14 und 16 Jahren halfen bei der Pflege. Die Jüngere
schrieb eine Ansichtskarte, die das Innere der Kirche zeigte, für mich an mei-
ne Mutter, die im Juli 1945 tatsächlich zu Hause ankam. In der Kirche kam
ich nur bis zur Innentür. Dort hielt mich ein Militärpfarrer zurück. Die Kir-
che war voll von toten Soldaten vom Hauptverbandsplatz und Gefallenen,
die man hierher gebracht hatte.
Wir befanden uns nun in einem Kriegs- und Feldlazarett, etwa 100 Mann,
verteilt in wenigen Häusern, geleitet von einem Arzt aus Berlin im Leut-
nantsrang und ein paar Sanitätern. Unsere Wunden wurden nur notver-
sorgt, sie entzündeten sich, eiterten; die Verbände näßten durch. Der Arzt
konnte sich nur der dringendsten akuten Fälle annehmen. Es gab fast keine
Medikamente, wenig Äther, nicht einmal genügend Papierverbände. Mit
der Verpflegung war es nicht besser, wir hungerten, fast alle hatten Durch-
fall. Ich lag zwischen einem 15jährigen Ostpreußen-Flüchtling und einem
Berliner Obergefreiten, Sohn eines bekannten Hoteliers. Es war die Oster-
woche, außerhalb des Kirchen-Friedhofes gab es nur noch Massengräber.
Neuangekommene Verwundete konnten nun nicht mehr aufgenommen
werden, sie wurden in das nördliche Samland weitertransportiert. Die Ver-
sorgung sei dort besser, auch die Gelegenheit, von dort mit einem Schiff
nach Westen zu kommen. Doch dies glaubte niemand.
Jeden Abend versorgte uns der Arzt mit neuen Nachrichten, denn jeder
von uns war ja von der Welt abgeschnitten. Doch die meisten Nachrichten
waren enttäuschend. Keine Nachricht, die Hoffnung für uns versprach, nur
eine: der Krieg schien sich jedenfalls seinem Ende zu nähern.
Doch was würde bis dahin mit uns? Sollte man auf eigene Faust versu-
chen hier rauszukommen? Die Lehrerin mit ihren beiden Töchtern hatte dies
schon getan.
Hier war es zwar etwas ruhiger als in Pillau, die Front war von uns zehn
bis zwölf Kilometer entfernt und noch einigermaßen stabil. Doch die von
254
Tag zu Tag näherkommenden Artillerieeinschläge ließen nichts Gutes ahnen
und erinnerten an Heiligenbeil. Wir Marschfähigen überlegten deshalb, ent-
lang der Bernsteinküste nach Süden abzuhauen. Der Arzt versprach, bei den
nicht Gehfähigen zu bleiben.
Am Ostersonntag, dem 2. April 1945, schneite es unerwartet.
Drei Tage später, am 5. April, gab es eine überraschende Morgenvisite.
Von jeder Stube zwei Mann, darunter auch ich, mußten sich um 14.00 Uhr
marschfertig melden. Die ersten zehn Bewilligungen zum Abtransport wa-
ren eingetroffen, täglich sollten weitere folgen.
Im Arzt- und Sanitätsposten und dessen Schreibstube, alles in einem klei-
nen Haus im Dorf untergebracht, ging alles sehr rasch. Wir erhielten neue
Verwundeten-Anhänger, diesmal für einen Schiffstransport, und die nötigen
Transportpapiere. Unser Sanitäter wurde, nun fast ein „ständiger Begleiter“
seit Heiligenbeil, gleich mit uns abkommandiert. Mit einem zivilen „Tem-
pozz-Holzvergaser-Lastwagen wurden wir über Fischhausen nach Pillau in
den Hafen gebracht.
Am Kai in Pillau lagen vier oder fünf Schiffe. Doch keines wollte uns auf-
nehmen, alle waren bereits überfüllt mit Verwundeten und Flüchtlingen.
Das war unserem Fahrer, einem altgedienten sturen Obergefreiten, langsam
zuviel. Nachdem wir schon vorher mehrmals auf Marschbefehle und gülti-
ge Bescheinigungen kontrolliert worden waren, fuhr er retour zum ersten
Schiff. Zusammen mit unserem Sanitäter gestikulierte er mit den beiden
Feldgendarmen vor dem Aufgang zum Schiff, lud uns dann einfach ab und
brauste ohne uns und den Sanitäter ab. Im Gedränge ging es dann auf der
schmalen Stiege schräg aufwärts zum Schiff. Bei der oberen Kontrolle am
Schiffseingang sah ich unseren Sanitäter, gebeugt über eine Trage mit einem
Schwerverwundeten. Die Trage drohte zu kippen, er versuchte sie zu hal-
ten. Dadurch wurden die beiden Feldgendarmen von uns abgelenkt, ver-
gaßen im Augenblick die Kontrolle, hinter uns drängten die Nachfolgenden
- und wir waren plötzlich an Deck.
Rasch stiegen wir über schmale Stiegen in eine Ladeluke und kletterten
dann über eine breite Holzleiter, die seitlich angebracht war, hinunter in ei-
nen großen Laderaum. Mir wurde übel von dem Gestank und der schlech-
ten Luft, die dort herrschte. Viele Schwerverwundete lagen hier, neben sich
eine Blechbüchse für ihre Notdurft.
Als das Schiff abgelegt hatte und aus dem Pillauer Hafen ausgelaufen
war, wagte ich mich an Oberdeck. Dort traf ich auf Soldaten der Division
„Hermann Göring", die einen Marschbefehl nach Berlin hatten, und viele
Flüchtlinge. Flüchtlingsfrauen halfen auch bei der Betreuung der
Schwerverwundeten unten in den Laderäumen, wie auch unser Sani, der
pausenlos im Einsatz war. Wenn ich auch immer wieder unter Deck mußte,
so nutzte ich doch jede Gelegenheit, mich auf das Oberdeck an die frische
Luft zu begeben, schon wegen der Latrine, und mehr noch aus Angst vor
Torpedos. Das Schicksal der „Wilhelm Gustloff", die von einem russischen
255
Die „RobertLey“ am 25. Januar 1945 in Pillau
Menschenleben
retten
Großadmiral Karl Dönitz
ordnet im Rahmen der Verlegung
von U-Boote-Lehrdivisionen aus Pillau
und Gotenhafen nach Kiel am 20. Januar
1945 an, „daß der nicht zum Transport von Soldaten
der U-Boot-Waffe erforderliche Schiffsraum
für den Transport von Flüchtlingen, vor allem Frauen
mit Kindern zu nutzen ist“. - Mit diesem Befehl
leitete Dönitz die größte Rettungsaktion
der Seegeschichte ein. Über 1.000 Kriegs- und
Handelsschiffe retteten mehr als 2,5 Millionen Menschen
über See aus Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und
Pommern.
Am 20. Januar verläßt
die 1. U-Boot-Lehrdivision mit ihren Booten Pillau
Ein Teil der militärischen Stammbesatzung
Die Rettungsboote vorsichtshalber ausgeschwungen
Flüchtlinge und Verwundete sind an Bord
Krankenschwestern — „gute Geister“ der Verwundeten
Das Sowjet-U-Boot „S 13“
Kapitän Marinesco befehligte „S 13“
versenkte die Steuben. Am 30. Januar 1945 hatte es bereits
mit der Gustloff9.000 Menschen in den Tod geschickt
Versenkt die
Deutschen!
Pillau, 9. Februar 1945. Die Beladung der
„Steuben“ ist abgeschlossen. An Bord befinden sich
4.267 Personen, davon ca. 2.800 Verwundete.
Die Besatzung ist guten Mutes, daß das Schiff
die Reise über die Ostsee ohne Schaden übersteht.
Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht; es wird eine
Reise ohne Wiederkehr, eine Reise in den Tod
Sowjetisches Fliegerfoto von vier nebeneinander
über das Haff ziehenden Trecks
Fast am Ziel, die Frische Nehrung
ist bereits in Sicht
Fluchtweg
Frisches Haff
Viele Trecks, die sich aus dem
Süden und Osten Ostpreußens auf den Weg gemacht hatten,
versuchten im Januar/Februar 1945
über das mit einer dicken Eisschicht zugefrorene Haff
auf die Frische Nehrung nach Pillau zu gelangen
Auch ein Bus hatte sich auf das Eis gewagt, Russische Tiefflieger verschonten keine Zivilisten,
er brach ein und blieb liegen Zurück blieben Tote und Trümmer
Töte die Deutschen!
Flüchtlinge: Frauen, Kinder und alte Menschen,
die in Trecks vor der Roten Armee flohen, wurden von
russischen Panzern eingeholt, überrollt, von Rotarmisten vergewaltigt,
ausgeraubt und getötet. Zurück blieben Trümmer, tote Menschen,
tote Pferde. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Nicht einmal, tausendfach
Ganz rechts oben:
Sowjetische Panzer in Ostpreußen
Achtung! Ziviltrecks
sthart rechte fahren nicht auf der Strebe rasten
; Vieh rechts treiben u. rechts an die fite rüge binden
sonst behindert ihrd mpf dep Truppe
Hitlerjugend der Kampfgruppe Malotka am 20. Februar 1945 auf der Straße Metgethen-Wargen
Das Massaker
von Metgethen
Was im Oktober 1944 in Nemmersdorf begann,
fand im Februar 1945 in Metgethen, quasi einem Vorort
von Königsberg, seine Fortsetzung: Mord an der
Zivilbevölkerung durch Soldaten der Roten Armee.
Was Goebbels’Propaganda allein nicht vermocht hätte,
bewirkten die grausigen Tatsachen. Der deutsche Soldat
kämpfte noch verbissener. Er wußte, was auf die Heimat
und seine Lieben wartete, wenn er unterlag
Deutsche Infanteristen halten an der samländischen Küste -
nur wenige Kilometer nördlich von Metgethen — einen letzten Panzergraben
Rettungshafen
Pillau
Bis Mitte März 1945 haben bereits 308.567
Ostpreußen den Hafen Pillau mit Schiffen verlassen
und wurden über die Ostsee gerettet. Aber der
Ansturm von Flüchtlingen wird immer größer
Großes Bild: „H 27“ ist eines der Schiffe,
die Flüchtlinge an Bord nehmen
und in Sicherheit bringen
Der Kessel von
Aus dem Kessel gibt es nur noch
einen Ausweg: den Transport über
das Frische Haff.
Soldaten und Verwundete
der Division „ Großdeutschland“
gehen diesen Weg
Von links oben: Noch liegen die
Reste der Division bei Kahlholz-Balga
in ihren Schützengräben
Gekämpft, gehofft und doch verloren.
Zwei verwundete Landser
Letzte Lagebesprechung
an der Steilküste
Heiligenbeil
Von rechts oben: Generalmajor
Lorenz, Kommandeur der Division
„Großdeutschland“ mit seinen
Männern
Verschiffung der Reste
der Division nach Pillau
Wer nicht mehr an Bord konnte,
niuß sein Glück mit Flößen versuchen
Alles umsonst?
Der Heiligenbeiler Kessel wurde zum „Stalingrad Ostpreußens“.
Mit Panzern, Artillerie, Stalinorgeln, Bombern und Zehntausenden
von Rotarmisten wurde der mehrwöchige zähe Widerstand
der deutschen Verbände gebrochen. Der in der Ostpreußenschlacht
wohl härteste Kampf endete mit achtzigtausend Toten und Gefange-
nen. Das war der Preis der deutschen Verteidiger dafür, über einer
halben Million Ostpreußen noch die Flucht vor
der Roten Armee ermöglicht zu haben
Dokument 15
Hennig, Marianne
Geboren am 23. Februar 1924
Dienstrang: DRK-Schwester
Einheit: Truppenverbandsplatz der
Panzer-Jäger-Abteilung 1561
Ostpreußen-
Einsatz: 24. Januar 1945 bis
14. April 1945
Rücktransport: 23. April 1945 ab Pillau mit
Verwundeten-Transport-Schiff
„Adler" nach Stralsund
Als DRK-Schwester an der Ostpreußen-Front
Als mein Verlobter, Wachtmeister Paul Pahlke, Heeres-Flak-Artillerie-Ab-
teilung 279 (mot.), am 9. Mai 1944 in Sewastopol kurz vor unserer Hochzeit
gefallen war, meldete ich mich freiwillig zum Roten Kreuz und erhielt mei-
ne Grundausbildung in der Reichsführerschule des DRK Scheuno-Nieder-
lausitz, wo ich mich noch bis zum 17. Januar 1945 befand.
Auf der Rückfahrt in meine Heimat nach Ostpreußen fuhr der Eisen-
bahnzug nur noch bis Wehlau. Mit einem Wehrmachtsauto fuhr ich weiter
bis Tapiau. Unterwegs nahmen wir verwundete Kinder mit, die wir im La-
zarett in Tapiau ablieferten. Von Tapiau wurde ich mit einem Wehr-
machtskrad bis nach Hause in meinen Wohnort, das Dorf Behlacken, das im
Kreis Wehlau lag, gebracht.
Ich fand unser Haus voller Flüchtlinge. Auch der Stab der Panzer-Jäger-
Abteilung 1561 unter Hauptmann Kucher lag auf unserem Hof.
Mein Entschluß, nicht mit einem Treck zu flüchten, sondern bei der Trup-
pe zu bleiben, stand fest. Ich meldete mich am 23. Januar 1945 freiwillig zum
Truppensanitätsdienst. Mein Bruder Siegfried meldete sich ebenfalls frei-
willig und wurde der Sturmgeschützkompanie der Panzer-Jäger-Abteilung
1561 zugeteilt.
257
Bereits einen Tag zuvor, am 22. Januar 1945, waren meine Eltern mit drei
Wagen vom Hofe gefahren. Da nach drei Tagen der Russe bereits bis nach
Eichen vorgerückt war, mußten alle unser Anwesen verlassen.
Ende Januar machten wir auf dem Gut Liep bei Königsberg Quartier. Wir
wechselten immer gegen Abend die Stellung und sahen dann den Flammen-
schein der von den Russen in Brand gesteckten Dörfer. Die Sturmgeschütz-
abteilung deckte unseren Rückzug.
Hier in Liep fand auch unser Hofhund „Pik As" wieder zu uns. Als wir
von zu Hause abfuhren, war er nicht zu bewegen gewesen, mit uns zu kom-
men. Die Entfernung betrug 40 Kilometer, und wir waren immer mit dem
Auto gefahren.
Ich hatte mich bei der Truppe inzwischen gut eingearbeitet und konnte
Spritzen unter die Haut und in die Muskeln geben. Die Verwundeten wa-
ren für jede Hilfeleistung dankbar. Wir waren wie eine Familie.
In Königsberg trafen wir, mein Bruder und ich, auch unsere Eltern wie-
der. Meine Mutter war bei ihrer Schwester aufgenommen worden, mein Va-
ter kam zum Volkssturm. Ich war durch meinen Sanitätsdienst voll in An-
spruch genommen und bin in der Festungszeit nicht durch die Stadt ge-
kommen. Meine Mutter besuchte mich des öfteren. Unser „Pik As" machte
seine Runden durch die Stadt. Er kam zu meinem Vater, meiner Mutter, mei-
nem Bruder und zu mir. Und wenn wir wieder einmal unter Beschuß lagen
und er war bei mir, drückte er sich ganz nah an meinen Körper und zitter-
te. Die Treue dieses Hundes werde ich nie vergessen.
Eines Tages kam in Königsberg der Befehl, daß sich die Verwundeten, die
Soldaten und die Bevölkerung nur noch in Kellerräumen aufhalten sollten.
So zogen wir denn in die Kellerräume und richteten diese, so gut es ging,
wohnlich her.
Einige Zeit später drangen die Russen in den Königsberger Vorort Met-
gethen ein. Ich war 1941 /42 Schülerin der Landfrauenschule Metgethen ge-
wesen und kannte daher diese schöne Gartenstadt sehr gut. Unsere Trup-
pen gingen zum Gegenstoß vor und nahmen den Ort wieder in Besitz. Nun
wollte ich auch einmal nach Metgethen. Aber der Feldwebel sagte mir, daß
er erst eine Erkundungsfahrt dorthin machen wollte. Als er nach einigen
Stunden zurückkam, sah ich an seinem Gesicht, daß er Entsetzliches gese-
hen haben mußte. Er berichtete, daß alle Menschen in den voll besetzten
Flüchtlingszügen, die in Metgethen auf den Gleisen standen, von den Rus-
sen buchstäblich abgeschlachtet worden seien. Auf dem Sportplatz hatte
man Hunderte von Menschen in die Luft gesprengt. Durch Lautsprecher
hatten die Russen die Soldaten, die Bevölkerung und die Flüchtlinge aufge-
fordert, überzulaufen. Die Überläufer wurden später im Vorfeld mit durch-
schnittener Kehle aufgefunden.
Inzwischen waren wir in die Hammersteiner Gegend verlegt worden. Wir
hatten in dem großen, schönen Wohnhaus des berühmten Prof. Dr. Kurt-
zahn Quartier bezogen. Das Haus war von einem großen gepflegten Garten
258
umgeben. Ich hatte im Keller einen großen Karton mit Sämereien und
Blumenzwiebeln gefunden, die ich Ende März bei Frühlingswetter im Gar-
ten in die Erde brachte. So konnte ich später den Verwundeten eine Freude
machen, indem ich ihnen einen kleinen Blumentopf mit blühenden Kro-
kussen brachte.
Auch kochte ich für meine Verwundeten manches Extraessen. Mein On-
kel war Bäckermeister in Königsberg. Von ihm bekam ich auch zusätzliche
Lebensmittel. Dieser Onkel, Ernst Hennig, der eine Bäckerei mit Cafe in der
Tragheimer Kirchstraße hatte, wurde beim Russeneinmarsch auf schreck-
lichste getötet, ebenso mein Onkel Hugo Hantel und seine Frau Gertrud.
Eines Tages bekamen wir Besuch. Der Sohn von Prof. Dr. Kurtzahn - er
war Soldat - nahm Abschied von seinem Elternhaus. Ich wußte, wie weh
das tat, hatte ich doch vor zwei Monaten auch Abschied nehmen müssen.
Auch in diesem Haus war alles stehengeblieben. Die ganz große Bibliothek
- die Schränke reichten bis zur Decke - war noch vorhanden. Hier hatten
sich gelegentlich auch die Verwundeten mit Lesestoff versorgt.
Am Ostersonnabend besuchte mich meine Mutter noch einmal; sie brach-
te mir einen selbstgestrickten Baumwollpullover. Ich ahnte nicht, als sie sich
verabschiedete, daß dies unser letztes Zusammentreffen sein sollte; sie hat
zwar den Russeneinmarsch überlebt, starb aber wenige Monate später im
Lager Preußisch Eylau den Hungertod.
Mit dem Osterfest ging auch die relativ ruhige Zeit vorbei. Was ich danach
erlebte, war die Hölle. Die Russen begannen den Großangriff auf Königs-
berg mit einer Macht, die kaum vorstellbar ist. Die Artillerie schoß pausen-
los, Tag und Nacht. Die Flugzeuge warfen Bomben ab. Tiefflieger beschos-
sen Straßen, Plätze, Häuser, Menschen, Tiere und Fahrzeuge mit ihren Bord-
kanonen. Es war ein fürchterliches Getöse, Königsberg brannte an allen
Ecken. Gegen diesen Stahlhagel und diese Feuersbrunst gab es kein Mittel
mehr. Ich sehe heute noch die Mütter mit ihren Kindern in den Keller-
löchern, in denen viele verschüttet wurden und einen grausamen Tod star-
ben. Die Verwundeten, ebenfalls in Kellern liegend, hatten mir eingeschärft,
mich sofort hinzuwerfen, wenn es krachen würde. Das tat ich auch.
Wir waren jetzt in Alarmbereitschaft. Es wurden alle Vorbereitungen für
den Abtransport der Verwundeten getroffen. Dr. Bonorden, der Abteilungs-
arzt, sagte mir, ich solle meine Sachen packen. Das tat ich sofort. Es war ja
auch nicht viel, was ich noch besaß. Plötzlich ein fürchterlicher Einschlag,
direkt vor dem Kellerfenster meiner Unterkunft. Die Wände erzitterten, die
Fensterscheiben flogen heraus. Ich hatte mich vor Angst unter das Bett ge-
worfen. Das hat mir das Leben gerettet, denn meine Sachen, die ich auf das
Bett gelegt hatte, um sie einzupacken, waren von Splittern durchlöchert. Als
sich der Qualm und der Staub verzogen hatten, sprang ich auf und lief zu
den Verwundeten. Zum Glück war keiner weiter verletzt worden. Nur die
Betten waren voller Glasscherben.
Schwieriger gestaltete sich der Abtransport der Verwundeten; er mußte
259
mit Panzerfäusten und Maschinengewehren von der Truppe gesichert wer-
den. Dann setzten wir uns auf der Straße, die nach Pillau führte und die un-
ter ständigem Beschuß lag, ab. Unverletzt erreichten wir eine Waldstellung.
Zuvor wieder ein scheußlicher, ja grauenhafter Anblick: In Vierbrüderkrug
hatten die Russen die hier zusammengezogenen Flüchtlingstrecks total
zusammengebombt, es gab nur noch Haufen von Leichen.
Im Wald fanden wir ausgebaute Laufgräben mit eingebauten Unterstän-
den, die gut getarnt waren; sie waren leergeräumt. Unsere Sturmgeschütz-
abteilung fuhr unentwegt zum Einsatz, damit wir unsere Stellung halten
konnten, auch wegen der Verwundeten, die wir in einem der Unterstände
untergebracht hatten. Es kamen immer neue hinzu. Ein junger Sturmge-
schützmann, der die ganze Seite voller Splitter hatte, ließ sich nur eine Te-
tanusspritze geben und dann ging er wieder nach draußen zu seinen Ka-
meraden. Die Tapferkeit all dieser jungen Soldaten war beispiellos. Ihr
selbstloser und heldenhafter Einsatz bis zum letzten hat vielen Tausenden
das Leben gerettet, denn immer noch flohen Menschen aus Königsberg auf
der Straße nach Pillau, um nicht in die Hände der Russen zu fallen.
Als wir unsere Stellung nicht mehr halten konnten, ging es weiter zurück.
Viele Holzkreuze am Straßenrand säumten unseren Rückzugsweg, auch
viele gefallene Soldaten, die man nicht mehr hatte beerdigen können. Auf
diesem Weg traf es auch unseren Hauptfeldwebel Wittwer, ein Splitter traf
ihn am Kopf, er sank tot zusammen. Ich kannte den Gefallenen gut aus der
Festungszeit in Königsberg und wollte ihn zum Abschied noch einmal se-
hen. Unser Arzt riet mir davon ab, aber ich hob die Decke auf. Besser wäre
es gewesen, es nicht zu tun. Nächtelang fand ich danach keinen Schlaf mehr,
immer sah ich diesen Toten vor mir. Wir nahmen uns die Zeit, ihm ein
großes Holzkreuz aus Brettern zu machen und betteten ihn in ostpreußische
Erde.
Ich hatte mir gleich beim Einzug in die Waldstellung einen herrenlosen
Stahlhelm besorgt, den ich jetzt immer trug, damit ich gegen Kopfverlet-
zungen geschützt war, denn die Kopfverwundungen nahmen immer mehr
zu, und davor hatte ich die meiste Angst. Leutnant Werner Klust, der Füh-
rer der Sturmgeschützkompanie, dem in unserem Haus in Behlacken das Ei-
serne Kreuz 1. Klasse verliehen worden war, hatte auch einen Kopfschuß er-
halten, er wurde sofort danach mit dem Sanka nach hinten gebracht.
Seit dem Verlassen der Stadt Königsberg hatte ich mich nicht mehr wa-
schen können und fühlte mich dementsprechend. Kurz entschlossen nahm
ich mein Köfferchen, fand im Wald auch bald ein Wasserloch und reinigte
mich von Kopf bis Fuß. Ich war gerade dabei mich abzutrocknen, als plötz-
lich die Stalinorgeln zu heulen begannen. So schnell hatte ich mich in mei-
nem Leben noch nie angezogen, um danach schnell in ein Erdloch zu krie-
chen.
Am nächsten Tag, ich befand mich in unserem Laufgraben, hörte ich in
kurzer Entfernung Pistolenschüsse; sie konnten nicht von den Russen kom-
260
men. Rasch lief ich nach oben und sah, wie man verwundete Pferde von
ihren Qualen erlöste. Entsetzt floh ich in den Unterstand.
Plötzlich kam ein Melder zurückgehastet und berichtete, daß der Russe
durchgebrochen sei. Wir hatten noch etliche Verwundete, die wir noch nicht
nach hinten an Lazarette hatten abgeben können und die wir nicht in die
Hände der Russen fallen lassen wollten. Die mußten jetzt noch weg. Alles
machte sich in fieberhafter Eile zur Abwehr bereit. Ich lag an einem Ma-
schinengewehr und hielt den Munitionsgurt. Dann schossen wir, und alle
anderen Kameraden auch. So konnten wir den Feind noch einmal abweh-
ren.
Danach fluteten immer mehr Truppen zurück. Der Russenangriff war in
vollem Gange. Auch meine Einheit, die Panzer-Jäger-Abteilung 1561, zu der
ich mich zugehörig fühlte, zog sich weiter zurück. Dabei kam ich mit Sol-
daten einer anderen Einheit in Kontakt, die ganz erstaunt waren, hier an der
vordersten Front eine Schwester zu sehen. Sie fragten mich, ob ich nicht
wüßte, daß vor einigen Tagen alle Schwestern von Pillau aus mit einem
Schiff in Sicherheit gebracht worden wären und was mit mir geschehen wür-
de, wenn ich den Russen in die Hände fiel.
Jetzt erst kam mir so richtig zu Bewußtsein, in welcher Gefahr ich selbst
schwebte. Noch am gleichen Tag ging ich zu unserem Abteilungsarzt und
berichtete ihm, was ich gerade erfahren hatte; er entgegnete mir: „Ich brau-
che Sie aber noch, Schwester Marianne, Sie sind doch hier meine rechte
Hand!" Trotzdem stellte er mir eine Bescheinigung aus, die mir noch das Le-
ben retten sollte; sie hatte folgenden Text:
Truppenarzt O.U. den 14. April 1945
Pz.Jg.Abt. 1561
Bescheinigung
Die D.R.K.-Helferin Marianne Hennig, geb. am 23.2.1924 in Behlacken/
Kreis Wehlau, war vom 24.1.1945 bis 14.4.1945 bei mir auf dem Truppen-
verbandsplatz tätig.
Sie war stets sehr fleißig und konnte bei mir ihre Kenntnisse in der Ver-
wundeten-Versorgung und Krankenhilfe erweitern. Selbst bei Kampfhand-
lungen und unter schwerem Feindbeschuß versah sie vorbildlich ihren
Dienst. Angesichts der bedrohlich gewordenen Frontlage durch Wald-
kämpfe entlasse ich sie aus meinem Dienst.
Dr. Bonorden
Ass. Arzt u. Abt.Arzt
Jetzt war ich also entlassen und konnte an meine eigene Rettung denken,
spät, aber doch nicht zu spät. Die Festung Königsberg war bereits gefallen,
aber die ebenfalls zur Festung erklärte Stadt Pillau, hart umkämpft, war
noch in deutscher Hand und der Weg dorthin wieder frei.
261
Mit einem Sanka hatte ich Gelegenheit, bis nach Groß Bludau zu fahren.
Die Fahrt war schrecklich. Die Schreie der Verwundeten in unserem Fahr-
zeug gingen durch Mark und Bein.
In Groß Bludau standen riesige Hochbunker, überfüllt mit verwundeten
Soldaten. Ich wurde in einen dieser Bunker geleitet und sah als erstes ein
amputiertes Bein in einem Papierkorb abgestellt. Was ich sonst noch hörte -
sehen konnte ich nichts mehr, denn die Tränen liefen mir über das ganze Ge-
sicht -, war so schrecklich, daß ich wieder ins Freie lief. Ich konnte dies al-
les nicht fassen; ich begann mit Gott und der Welt zu hadern.
Zu meinem Glück kam ich schon mit dem nächsten Sanka nach Pillau.
Nun war ich hier ganz allein, ich hatte keinen mehr um mich herum, den ich
kannte. Trotz der Fülle von Menschen, die diese Stadt bevölkerten, fühlte ich
mich einsam und verlassen. Nachdem ich mich durchgefragt hatte, wurde
ich an eine Oberin verwiesen, der ich meinen Zustand schildern wollte:
„Ich kenne das", sagte sie zu mir, „Sie sind wohl ein Soldatenliebchen!"
Mir hatte es in diesem Augenblick die Sprache verschlagen. Wortlos reich-
te ich ihr die Bescheinigung, die sie aufmerksam las.
Von da an ging alles sehr schnell. Noch am gleichen Tage wurde ich in den
Hafen gebracht und fand Aufnahme auf einem Frachter, der den Namen
„Adler" trug. Unzählige Flüchtlinge vor dem Schiff, die alle noch mitge-
nommen werden wollten. Auf dem Schiff Verwundete, Flüchtlinge, Sa-
nitätspersonal und Schwestern. Jetzt war ich nicht mehr allein. Wieder un-
ter Soldaten und Schwestern und wieder im Dienst, zu dem ich sofort ein-
geteilt wurde, nachdem ich dem diensttuenden Arzt meine Bescheinigung
vorgelegt hatte.
Mein Dienst begann um Mitternacht. Ich ließ mir den Weg in den Ver-
wundetenraum, in welchem ich Dienst tun sollte, von einem Sanitäter zei-
gen. Als ich den Raum betrat, rief plötzlich aus der hintersten Ecke einer der
Verwundeten meinen Namen. Ich begab mich sofort zu ihm und erkannte
zu meiner Freude Leutnant Klust mit einem Kopf verband.
„Schwester Marianne" flüsterte er mir zu, „lassen Sie den Sani nach oben
gehen und bleiben sie hier bei uns. Sie schickt mir der Himmel! Ich halte es
vor Schmerzen nicht mehr aus. Seit Tagen ist mein Verband nicht gewech-
selt worden. Bitte wickeln Sie diesen ab, damit der Eiter abfließen kann."
Das habe ich auch getan und ihn neu verbunden. Wir waren beide froh,
daß wir uns hier gefunden hatten. Kurze Zeit später sah ich an einem Ver-
wundeten die schrecklichen Auswirkungen des Wundstarrkrampfes; wahr-
scheinlich hatte er die Tetanusspritze zu spät erhalten.
Wie ich, als mein Dienst zu Ende war, von einem Besatzungsmitglied des
Schiffes hörte, fuhren wir in einem großen Geleitzug, der von Kriegsschif-
fen begleitet war, die uns gegen Luft- und U-Boot-Angriffe sicherten.
Der Zielhafen unseres Verwundeten-Transportschiffes „Adler" war der
Hafen von Stralsund an der pommerschen Küste, den wir auch ohne Zwi-
schenfälle auf der Ostsee erreichten.
262
Im Hafen stand bereits ein Lazarettzug, in den auch ich aufgenommen
wurde. Durch den Zug gehend, fand ich sechs Verwundete der Panzer-Jä-
ger-Abteilung 1561, die man auch in einem Abteil zusammengelegt hatte,
eine kleine Schicksalsgemeinschaft, die den Krieg in Ostpreußen überlebt
hatte.
Viele tausend deutsche Soldaten fanden in Ostpreußen den Tod. Zehn-
tausende Soldaten, die Ostpreußen verteidigt haben, mußten den Weg in die
russische Gefangenschaft antreten und wurden bis nach Sibirien und hinter
den Ural verbannt; viele tausend starben dort und wurden in Massengrä-
bern verscharrt, sahen die Heimat nie wieder.
Auch mein Vater und mein Bruder, die Ostpreußen verteidigt hatten,
mußten das Los russischer Gefangenschaft auf sich nehmen; ich sah sie erst
1948, als sie zurückkehrten, wieder. Daß meine Mutter im Lager Preußisch
Eylau verhungert ist, haben wir später erfahren. Ob und wo sie beerdigt
oder in einem Massengrab beigesetzt wurde, wie tausende ostpreußische
Frauen, die den Russen in die Hände fielen, haben wir nie erfahren. Wir wis-
sen nur, sie liegt in ostpreußischer Erde, Heimaterde...!
Originalbericht 14 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
263
Dokument 16
Thiel, Wolfgang
Geboren am 11. September 1920
Dienstrang: Oberleutnant d.R.
Einheit: 1. Batterie des
Artillerie-Regiments
der 292. Infanterie-Division
Ostpreußen-
Einsatz: 24. Januar 1945 bis
Ende März 1945
Verwundung: im Heiligenbeiler Kessel
Rücktransport: Ab Nickelswalde mit Fähre nach
Heia; Heia-Kopenhagen am 8.
Mai 1945 mit Turbinenfrachter
„Sachsenwald"
Von der Narew-Front bis nach Heiligenbeil
Ich wurde am 2. Januar 1940 zur Wehrmacht eingezogen, ab September
1941 in Rußland eingesetzt und gehörte bei den Rückzugskämpfen in Ost-
preußen dem Artillerie-Regiment 292 der 292. Infanterie-Division als Ober-
leutnant der Reserve an.
Seit der für uns vernichtenden Sommer-Offensive 1944 befand sich un-
sere Division unter Kommando von Generalmajor Rudolf Reichert in Ver-
teidigungsstellung am Narew und unsere 1. Abt. Artillerieregiment 292
nördlich Rozan.
Nach Beginn der sowjetischen Winteroffensive aus dem Baranow-
Brückenkopf heraus mußte sich auch die 292. Infanteriedivision unter
feindlichem Druck in der Zeit vom 15. bis 17. Januar 1945 von der Narew-
stellung aus nach Norden in Richtung Ostpreußen absetzen.
In der Nacht zum 24. Januar 1945 überschritt die Divison im Raum Für-
stenwalde-Friedrichshof/Kreis Ortelsburg die ostpreußische Grenze.
Als Führer der 1. Batterie des Artillerieregiments der 292 Infanteriedivi-
sion hatte ich in Friedrichshof ein bedrückendes Erlebnis.
Ein sehr alter Mann, der noch in dem Ort geblieben war, sprach mich an
und erzählte mir, daß seine Familie bereits geflüchtet sei, er aber wolle so
264
lange wie möglich in seiner Heimat und seinem Haus bleiben. Nun aber
müsse er auch die Flucht vor den Russen ergreifen. Er habe zwar einen Wa-
gen mit den nötigen Utensilien und Nahrungsmitteln beladen, der fahrbe-
reit stehe, aber kein Pferd mehr, und er bat mich, ihm eines unserer Pferde
zu überlassen. Den Wunsch mußte ich ablehnen, da wir keine Reserve-Pfer-
de mehr hatten. Ich bot ihm aber an, seinen Wagen mit unserer Hilfe an ei-
nes unserer sechsspännigen Fahrzeuge anzubinden. Dieses wiederum lehn-
te er ab. Ohne selbst vom Bock seinen Wagen führen zu können, bliebe er
lieber zu Hause. Weinend ging er in sein Haus zurück.
Bereits am nächsten Tag verließen wir im Zuge der Absetzbewegungen
Friedrichshof. Es ging weiter über Wilhelmsthal, Ebendorf, Alt- und Neu-
key kuth nach Bischofsburg/Kreis Rößel. Ich führte meine Batterie, die als
Nachhutbatterie eingeteilt war.
Die l./AR 292 bekam den Befehl, für einige Tage die Geschütze an die 3.
Batterie abzugeben, wofür erfuhren wir nicht. Es hieß: neue Geschütze sei-
en unterwegs, doch es könnte auch sein, daß die Batterie infanteristisch ein-
gesetzt werden müßte. Da der Chef der 2. Batterie ein älterer Hauptmann
d.R. war, der Chef der 3. Batterie etwas jünger als ich, aber im Rangdienst-
alter etwas älter und aktiver Offizier, ahnte ich schon, daß ich mit meiner 1.
Batterie für dieses Unternehmen „dran" sein würde. So kam es auch.
Im Friedhof des Ortes hatte sich der Russe festgesetzt und sollte von dort
wieder zurückgeworfen werden. Ich bekam den Befehl, in der kommenden
Nacht, zwar im Schutz der Dunkelheit, aber über ein schneebedecktes Feld,
anzugreifen. Da keinerlei Deckung vorhanden war und wir keine Erfahrung
im Infanteriekampf hatten, entschloß ich mich, es mit einer List zu versu-
chen. Alle Maschinenpistolen, die beiden MG 34, sowie natürlich die Ge-
wehre, ließ ich verteilen und befahl beim Vorgehen gegen den Friedhof auch
aus allen Läufen zu schießen, um den Russen eine größere Truppe vorzu-
täuschen. Ohne Gegenwehr kamen wir in den Friedhof, wo wir feststellen
mußten, daß die Russen sich bereits vor dem Angriff abgesetzt hatten. Nach
zwei Tagen bekamen wir neue Geschütze und damit auch ein neues Modell
der Leichten Feldhaubitze, Kaliber 10,5 cm.
Ich staunte, als ich im nächsten Armee-Bericht wörtlich las:
„Oberleutnant d.R. Thiel stürmte an der Spitze seiner Kanoniere den
feindlichen Stützpunkt ohne eigene Verluste und warf die Sowjets weit
zurück, trotz Überlegenheit der feindlichen Abwehr...!"
Im weiteren Verlauf des durch die russische Übermacht erzwungenen
Rückzuges gelangte unsere Division, immer wieder in Rückzugsgefechte
verwickelt, in den Kessel von Heiligenbeil.
Hier, im Brückenkopf Heiligenbeil, wurde ich in einem Stellungsgraben,
fast pausenlos sowjetischen Luftangriffen ausgesetzt, verschüttet und erlitt
eine schwere Gehirnerschütterung, die nicht sofort behandelt werden konn-
te. Nach Übersetzen mit einem Boot über das Frische Haff von Follendorf
am Kahlholzer Horn wurde ich nach Pillau transportiert und kam dort für
265
zwei Tage in ein Kriegslazarett, das völlig überfüllt war. Mit einem Lkw ver-
frachtete man mich nach Georgswalde an der Samlandküste. Nach mehre-
ren Tagen wurde ich von dort mit einem Lkw wieder nach Pillau transpor-
tiert und weiter auf die Nehrung.
Da inzwischen Ende März die 292. Infanteriedivision aufgelöst worden
war, wurde ich einem Infanterie-Regiment zugeteilt, das aber nicht mehr
zum Kampfeinsatz kam. Auf der Nehrung bei Kahlberg-Liep stauten sich
Soldaten, Flüchtlinge sowie eine Unmenge von Pferden, von deren Fleisch
wir Braten, Ragout und Gehacktes machten.
Durch Zufall begegnete ich unserem ehemaligen Abteilungsarzt, der nicht
verstand, daß ich noch eingesetzt war, und er gab mir einen neuen „Heimat-
Fahrschein". Zusammen mit einem verwundeten Hauptmann organisierte
ich bei Langhaken eine Einspänner-Kutsche, mit der ich uns nach Nickels-
walde an der Weichselmündung kutschierte. Von dort aus wurden wir mit
einigen verwundeten Soldaten und vielen Flüchtlingen, die zwar depri-
miert, aber sehr diszipliniert waren, per Marine-Prahm auf die Halbinsel
Heia gebracht.
Buchstäblich in letzter Stunde, 24 Stunden vor der Kapitulation, gelangte
ich am nächsten Tag, dem 8. Mai 1945, auf den Turbinenfrachter „Sachsen-
wald", der mich nach Kopenhagen brachte.
Originalbericht 5 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Erklärung
vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
266
Dokument 17
Forster, Josef
Geboren am 9. Dezember 1923
Dienstrang: Obergefreiter
Einheit: Schützenpanzerwagen-
Kampfgruppe
Ostpreußen-
Einsatz: Januar bis 20. Februar 1945
Verwundet: 20. Februar 1945
bei Schönwalde östlich von
Braunsberg
Rücktransport: 23. Februar 1945
Pillau-Swinemünde
mit Dampfer „Ostpreußen"
Tausende Granaten gingen auf uns nieder
Im November 1944 wurden wir in einer Auffangstellung am Narew neu
aufgestellt. Diese neue Einheit setzte sich aus versprengten Landsern aus
verschiedenen Regimentern zusammen. Wir wurden mit eiligst aus der Hei-
mat herangebrachten SPW (Schützenpanzerwagen) ausgerüstet, für einen
beweglichen Kampf mit feindlichen Infanterieverbänden. Nun waren wir
als Kampfgruppe ein gepanzerter Infanterieverband. Ich wurde als Fahrer
eines SPW eingeteilt. Die Bewaffnung: Eine 2 cm-Kampfwagenkanone, zwei
MG 42 und ein 8 cm-Granatwerfer. Unsere Einheit bestand aus 24 SPW, die
auseinandergezogen auf den unvermeidbaren „Tag X" warteten.
Wir alten Hasen - ich hatte als Kriegsfreiwilliger den Rußlandfeldzug mit-
gemacht - wußten genau, was uns bevorstand. Doch es kam schlimmer als
erwartet.
Unsere neu errichteten Stellungen waren bestens getarnt und auch von
den dauernd tief über uns fliegenden russischen Schlachtfliegern nicht zu
erkennen. Die neuen feindlichen MIG 3 rauschten so tief über uns hinweg,
daß wir den Piloten sitzen sehen konnten. Unsere Bunkerabdeckung be-
stand aus fünf Lagen Baumstämmen, kreuz und quer verlegt. Wir rechne-
ten uns auf alle Fälle eine Überlebenschance aus. Bei einem Volltreffer be-
267
stand allerdings nicht viel Hoffnung, aber das würde wiederum von der
Schwere des Kalibers abhängen und davon, ob die russischen Artilleristen
ihre Granaten auf Verzögerung eingestellt hatten. In diesem Fall würden die
Granaten in die ersten Lagen eindringen und krepieren. Wir sechs in dem
Bunker hätten dann ein Gemeinschaftsgrab. Auf Grund der Erfahrungen
der letzten Jahre rechneten wir auf ungefähr alle 20 Meter einen Einschlag.
Am 21. Januar 1945, einem eiskalten Wintertag, erwarteten wir den so-
wjetischen Großangriff, denn für den gesamten Korpsbereich war Alarm-
stufe I gegeben worden. Obwohl wir schon längst alle Zukunftsgedanken
aufgegeben hatten, war unsere Angst vor dem bevorstehenden Trommel-
feuer nicht zu verdrängen. Aber auch an diesem Tag und an den nächsten
zwei Tagen geschah nichts. Alles blieb ruhig.
Doch am 24. Januar 1945, genau um 07.15 Uhr, brach plötzlich die Hölle
los.
In einem Abschnitt von 50 Kilometern hatte die Erde zu beben begonnen.
Tausende von Granaten gingen auf uns nieder. Die Nerven jedes einzelnen
von uns waren auf das Äußerste gespannt. Minuten wurden zur Ewigkeit.
Unmittelbar um uns herum detonierten auf dem hartgefrorenen Boden fast
pausenlos die Geschosse, die Splitterwirkung war verheerend. Unser Bun-
ker wurde hin- und hergerissen. Eindringender Pulverdampf bestätigte uns
die Nähe der Einschläge. Wer so etwas noch nicht erlebt hat, wird schwer
begreifen können, was es hieß, dem Tode sich so nahe zu fühlen.
Im Schutze dieser alles vernichtenden Feuerwalze arbeiteten sich die erd-
braunen Gestalten der Roten Armee bis knapp an die vor uns liegenden
Schützengräben heran und brachen dann mit ihrem markdurchdringenden
Schrei: „uräh - uräh" und mit aufgepflanzten Seitengewehren in unsere vor-
dersten Gräben ein.
Wir Infanteristen, die wir dieses vernichtende Trommelfeuer überlebten,
konnten den Angreifern kaum noch Widerstand entgegensetzen. Glück hat-
ten diejenigen, die gleich tödlich getroffen wurden. Die Schwerverwunde-
ten mußten sterben. Nach so einem Inferno gab es keine Hilfe mehr. Man-
cher konnte seinem langsamen Sterben nur noch durch einen eigenen Pi-
stolenschuß ein Ende bereiten.
Jede neue Detonation zerrte an unseren Nerven, zerriß uns fast das Trom-
melfell. Durch den Pulverdampf wurde es in unserem Bunker dunkel, kaum
einer sah den anderen mehr.
Doch dann wurde es endlich lichter, und wir sahen die Bescherung. Bal-
ken hingen herunter, alles war durcheinandergeschleudert, und wir konn-
ten direkt ins Freie sehen, denn auch die Eingangstür war aus den Angeln
gerissen worden. Wir sahen uns gegenseitig an, sahen aus wie die Neger.
Doch wir waren froh, keinen Volltreffer erhalten und diesen Feuersturm
überlebt zu haben. Doch es war noch lange nicht zu Ende.
Von oben her hatten wir jetzt keinen Schutz mehr. Schon eine leichte Gra-
nate auf unseren Bunker würde uns ins Jenseits befördern. Endlich eine Feu-
268
erpause, der Feindangriff hatte plötzlich eine andere Richtung genommen,
war offensichtlich an uns vorbeigegangen.
Wir rasten nach draußen zu unseren Fahrzeugen. Im Hinauslaufen sahen
wir die Bescherung. Unser Bunker war stärker zerstört als wir angenommen
hatten. Die oberen Baumstämme waren fortgeschleudert worden. Nochmals
wurde uns das Glück bewußt, überlebt zu haben.
Ein bläulicher Pulverdampf bedeckte das gesamte Gelände. Überall wa-
ren frische, noch dampfende Granattrichter zu sehen. Unsern SPW hatten
wir ebenerdig eingegraben und fanden ihn heil vor. Durch das aufge-
schleuderte Erdreich, das ihn fast zugedeckt hatte, war er kaum zu erken-
nen. Im Blitztempo wurde der Dreck entfernt und das Fahrzeug gefechts-
bereit gemacht. Ich startete den Motor. Gottlob, er sprang an.
Unser Kommandant lief zum Gefechtsbunker wegen des Einsatzbefehls.
Nach einigen Minuten kehrte er zurück und berichtete: „Kein Einsatzbefehl.
Eine Bunkerbesatzung hat Volltreffer erhalten. Alle sechs Kameraden sind
tot. Ein SPW brennt lichterloh, mehrere sind noch nicht fahrbereit."
Starkes Infanteriefeuer links und rechts gab uns die Gewißheit, daß der
Russe auf beiden Seiten durchgebrochen war. Er hat uns also umgangen.
Unser Kommandeur, Major Knüttl, bemühte sich in seinem Gefechtsbunker
vergeblich um Kontakt zu anderen Einheiten. Sämtliche Leitungen waren
zerschossen, wahrscheinlich existierten diese Einheiten gar nicht mehr. Wir
waren gezwungen, neue Befehle abzuwarten. Das nervte.
Um 02.00 Uhr nachts kam endlich der Befehl zum Aufbruch. In der mond-
hellen Nacht konnten wir die Trichter der Granaten und auch der Bomben,
die die russischen Schlachtflugzeuge, die wir „Schlächter" nannten, abge-
worfen hatten, klar erkennen und konnten sie umfahren. Sie zeichneten sich
im Schnee als dunkle Kreise gut ab. Nach gut zwei Stunden erreichten wir
ein größeres Waldgebiet und kamen gut weiter. Draußen herrschten 20 Grad
unter Null, in unseren Fahrzeugen war es hundekalt.
Als wir das Waldgebiet verlassen und offenes Gelände erreicht hatten, zo-
gen wir uns, wie befohlen, weit auseinander und staffelten uns in zwei
Gruppen. Es ging weiter zügig voran ohne Feindberührung.
Nach weiteren Kilometern sahen wir erste Kampfspuren: Abgeschossene
deutsche Spähwagen, verkohlte Leichen hingen halb heraus, ein zerstörtes
Pakgeschütz, zerfetzte Landser zwischen den Holmen, und überall im
Gelände weiße Haufen: Es waren tote deutsche Soldaten in ihren weißen
Tamanzügen. Ihre Angehörigen werden niemals etwas über ihr Schicksal er-
fahren haben. Wir zwängten uns einzeln und in Abständen über eine zer-
störte und danach provisorisch wiedererrichtete Brücke und setzten unse-
ren Rückmarsch planmäßig fort.
Wir trauten unseren Augen nicht, als wir von einer Straßenhöhe aus sa-
hen, daß sich eine lange Kolonne von Militärfahrzeugen auf dieser Straße
bewegte. Mit Ferngläsern stellten wir fest, daß es sich um russische Nach-
schubeinheiten handelte. Panzerabwehrschüsse einige Kilometer voraus
269
ließen uns aufhorchen. Rasch wurde uns klar, daß dies deutsche Panzer wa-
ren, die versuchten, die feindlichen Fahrzeuge, ganz besonders die Muniti-
onsfahrzeuge, zusammenzuschießen, um eine Bresche in die Kolonne zu
schlagen. Schwere Explosionen deuteten auf den Erfolg dieser Beschießung
hin.
Auch wir, die wir uns im Rücken der Russen befanden, erhielten sofort
Befehl, anzugreifen und durchzubrechen. In breiter Front näherten wir uns
der Straße und stellten fest, daß es sich um lauter nagelneue amerikanische
G.M.C.-Lastwagen handelte, Dreiachser, die über dem Führerhaus mit ei-
nem schwenkbaren überschweren MG bewaffnet waren.
Nun hatten uns aber auch die Russen erkannt und eröffneten das Feuer
auf uns. Ihre 12 mm-Geschosse konnten uns aber wenig anhaben. Wir fuh-
ren auf etwa 500 Meter heran und eröffneten das Feuer. Panikartig fuhren
einige Fahrzeuge über die Böschung, einige blieben stehen, die Fahrer ver-
ließen fluchtartig ihre Fahrzeuge. Die Leuchtspurgarben unserer 2 cm-Ge-
schosse glichen einem Feuerwerk, das seine Wirkung zeigte. In kurzer Zeit
brannten fast alle Fahrzeuge lichterloh. Trotzdem hielten unsere Kanoniere
noch immer dazwischen.
Schwarzer Rauch, wahrscheinlich brennender Diesel, verdunkelte das
Gelände, und immer wieder waren Explosionen zu hören. Auf diesen wich-
tigen Treibstoff, den wir vernichteten, werden die vorstoßenden russischen
Panzerbrigaden vergeblich warten.
Es vergingen mehrere Stunden, bis das Feuer und der Rauch nachließen
und wir uns zwischen den brennenden Fahrzeugen durchzwängen konn-
ten. Große Freude herrschte, als wir fünf deutsche Sturmgeschütze aus-
machten, die auf uns warteten, die ebenfalls die russische Nachschubeinheit
angegriffen hatten. Wie sie uns berichteten, hatten sie mit ihren 7,5-cm-
Sprenggranaten in ca. drei Kilometern Breite alles kurz und klein geschos-
sen. Da diese Geschützgruppe die Verbindung zu ihrer Einheit verloren hat-
te, schloß sie sich uns an.
Voller Freude und Zuversicht vereint, verstärkt durch fünf Sturmge-
schütze, jedes ein 7,5 cm-Langrohr, mußten wir eigentlich jeden Widerstand
brechen können. Aber es kam ganz anders, als wir uns dies vorgestellt hat-
ten.
Unser nun verstärkter Kampfverband wurde jetzt von sowjetischen tief-
fliegenden Jägern erkannt. Die Folge war, daß wir in den nächsten Stunden
laufend von Schlachtflugzeugen angegriffen wurden. Wir hatten große Ver-
luste. Besonders die neuen Raketen, die sie unter den Tragflächen hängen
hatten, trafen sehr genau.
Nunmehr weit auseinandergezogen, konnten wir nur mühsam Boden ge-
winnen. Meistens hatten wir keine Sichtverbindung mehr untereinander.
Durch weiße Leuchtkugeln konnten wir uns den jeweiligen Standort be-
kanntgeben. Doch das war gegenüber dem Feind sehr verräterisch.
Wir näherten uns dem kleinen Städtchen Willenberg.
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Auf der schmalen Straße bewegten sich bespannte Troßeinheiten, und wir
konnten nur langsam zwischen ihnen fahren. Mühsam ging es durch die
Stadt. Wir erreichten den Marktplatz. Mitten hindurch die Straße, links und
rechts ein freier Platz, umsäumt von Häusern. Hier angelangt, stockte alles.
Nichts ging mehr, weder vor noch zurück. Um Sprit zu sparen, stellte ich
den Motor ab. Ein lautes, gleichmäßiges Flugzeugbrummen war zu hören.
Wir schauten zum Himmel und sahen eine Formation von 24 Bombern auf
uns zukommen. Es waren scheinbar Amerikaner, jedenfalls die Flugzeugty-
pen. Wir beobachteten genau, ob Bomben ausgeklinkt wurden, dann hatten
wir noch einige Sekunden Zeit, um in Deckung gehen zu können. Nichts
dergleichen geschah, und die Flugzeuge waren schon über uns. Jetzt konn-
te uns nichts mehr passieren. Wir beobachteten sie noch etwas und stellten
mit bangen Gesichtern fest, daß sie links einschwenkten und eine Drehbe-
wegung um 180 Grad machten, also direkt auf uns zukamen. Bestimmt hat-
ten sie einen anderen Auftrag, stellten aber beim Überflug fest, daß der
Stadtplatz voller deutscher Truppen war und ein lohnendes Ziel bot. Wir be-
obachteten genau das Ausklinken der Bomben, das, wegen der Flugge-
schwindigkeit, weit vor dem Ziel erfolgte.
Unter dem Schrei „Bomben" sahen wir diese massenhaft aus den Schäch-
ten fallen. Alles rannte in Deckung. Ein immer lauter werdendes Rauschen
bedeutete, daß wir jeden Augenblick getroffen werden konnten. Ich ver-
suchte schnell in einen Metzgerladen zu fliehen. Doch die Tür war zuge-
sperrt. Durch den Luftdruck der explodierenden Bomben wurde ich unter
einen Vorbau geschleudert. Die zersplitterten Schaufensterscheiben gingen
über mich hinweg.
Dann war das Bombardement vorbei.
Der Anblick danach war an Schrecklichkeit und Grausamkeit nicht zu
überbieten: Überall brennende, zerfetzte Fahrzeuge, dazwischen das Stöh-
nen der getroffenen und sterbenden Menschen. Viele Pferde lagen mit auf-
gerissenen Leibern auf der Straße. Ein Pferdeführer hielt noch die Zügel des
scheinbar durchgehenden Gefährtes. Für viele wäre ein Gnadenschuß die
Erlösung, aber ein jeder hatte nur mit sich selbst zu tun.
Von meiner Bedienung war mein Kamerad Fensterhölz schwer verwun-
det. Ein großer Bombensplitter war ihm durch den Rücken tief in die Lun-
ge gedrungen. Er war ein kampferprobter treuer Kamerad aus Südtirol und
immer gut aufgelegt. Wir zogen ihn schnell aus dem Fahrzeug. Er röchelte,
und aus Mund und Nase kam blutiger Schaum. Es war immer wieder ein
bedrückendes Gefühl, einen guten Freund und Kameraden sterben zu se-
hen. Jeder von uns schwebte jeden Augenblick selbst in Todesgefahr. Wer
der Nächste war, der sterben mußte, wußte niemand. Wir wußten nur, daß
der Tod unser ständiger Begleiter war.
Vom Rauch brennender Fahrzeuge und Häuser und vom Pulverdampf
war der Marktplatz völlig verschleiert. Mit Entsetzen sah ich, daß ungefähr
fünf Meter vor unserem Fahrzeug eine Bombe im Kopfsteinpflaster steckte.
271
Sie schaute noch einen halben Meter heraus. „Helm ab zum Gebet", wenn
diese explodiert wäre. Falls sie aber einen Zeitzünder hatte, konnte sie jeden
Augenblick detonieren, und von uns würde dann nicht mehr viel übrig-
bleiben. Mit gemischten Gefühlen sprang ich auf meinen Fahrersitz und ver-
suchte, die Bombe mit wenig Gas, wegen der Erschütterung, zu umfahren.
Es gelang; in einiger Entfernung konnte ich aufatmen; noch einmal davon-
gekommen.
Mühsam bahnten wir Überlebenden uns einen Weg aus dem Chaos. Um
weiteren Fliegerangriffen zu entgehen, beschlossen wir, uns nur noch nachts
zu bewegen, größere Ortschaften zu umfahren und Hauptstraßen zu mei-
den. Da die Ortshinweisschilder meist in die falsche Richtung gedreht wor-
den waren - niemand wußte, ob das Russen oder Deutsche getan hatten -,
wußten wir nicht genau, ob wir uns nicht in die falsche Richtung bewegten,
dem Russen entgegen.
Das Allerschlimmste jedoch war, daß uns langsam der Treibstoff ausging.
Einige Schützenpanzerwagen hatten wir deshalb schon sprengen müssen.
Immer wieder sahen wir schreckliche Bilder:
In den Ortschaften lagen überall Leichen von Zivilisten herum. Manch-
mal fuhren wir über sie hinweg, wenn wir sie, auf der Straße liegend, zu
spät gesehen hatten. Die Rotarmisten metzelten scheinbar alles brutal nie-
der, was ihnen lebend in die Hände fiel. An einem Feuerwehrhaus waren
zwei deutsche Soldaten an der Türe befestigt, die Gesichter fürchterlich ver-
stümmelt, wahrscheinlich Augen ausgestochen und Zungen herausgeris-
sen. Uns graute vor diesem Anbück; er bestärkte unseren Willen, unter kei-
nen Umständen in russische Gefangenschaft zu geraten.
In von den Russen abgeworfenen Zeitungen - mit vielen Bildern der
vorrückenden Sowjetarmee - konnten wir lesen:
„Die Rote Armee ist bis Elbing vorgestoßen und hat die Ostsee erreicht.
Der Ring ist geschlossen, der zweite folgt bereits. Die Panzerverbände
stoßen gegenwärtig auf Danzig vor. Deutsche Truppen, die eingeschlossen
sind, können sich als Todeskandidaten betrachten, wenn sie nicht unver-
zügüch ohne Waffen geschlossen in sowjetische Gefangenschaft gehen!"
Diese Aufforderung konnte uns nicht erschüttern, wir kannten sie seit vie-
len Jahren.
Die größte Überraschung erlebten wir, als wir nachts, bei völliger Dun-
kelheit, in eine Ortschaft fuhren. Wir hielten bei den ersten Häusern an.
Durch eine Fensterscheibe war nur schwaches Licht erkennbar. Da pfiff uns
plötzlich aus ganz kurzer Entfernung eine Garbe aus einem russischen MG
um die Ohren. Wie auf Kommando brannte irgendetwas üchterloh. Zu un-
serem Entsetzen sahen wir überall russische Panzer T 34, zum Glück ohne
Besatzungen. Der Schreck fuhr uns in die Gheder. Wir sprangen sofort wie-
der in unsere Fahrzeuge; so schnell ging das Aufsitzen selten. Von dieser Sei-
te hatten die Russen uns wohl nicht erwartet, denn alle ihre Rohre zeigten
in die entgegengesetzte Richtung. Wir sahen nun, wie die Panzerbesatzun-
272
gen wie wild aus den Häusern herausgestürzt kamen und auf ihre Panzer
zuliefen. Jetzt kam es auf Sekunden an, dieser Überlegenheit zu entrinnen.
Wir brachten das Kunststück fertig, auf dieser engen Straße zu wenden und
dies in allergrößter Eile. Mit Vollgas nahmen wir Reißaus in die Richtung,
aus der wir gekommen waren. Nach kurzer Zeit, wir waren erst einige hun-
dert Meter weit, ein ohrenbetäubender Abschuß eines T 34. Machte er uns
jetzt den Garaus? Wir waren das vorletzte Fahrzeug. Die grellen Ab-
schußblitze erhellten Bruchteile von Sekunden das Gelände, und uns blieb
nichts anderes übrig, als Gas zu geben und zu hoffen, daß wir nicht getrof-
fen würden. Gottlob, wir kamen aus der Gefahrenzone heraus.
Auf Grund der letzten Ereignisse entschlossen wir uns, eine neue Rich-
tung einzuschlagen und zwar direkt nach Norden zur Ostsee. Wir kamen
dabei durch viele Städte und Dörfer, Mehlsack, Preußisch Holland, Deutsch
Eylau, machten Halt bei großen Rittergütern, in denen wir noch viele Natu-
rahen fanden. Wir sahen auch auch brüllende Kuhherden, die bei der Flucht
aus den Ställen getrieben worden waren und nun an Milzbrand jämmerlich
zugrunde gingen, weil sie von niemandem gemolken wurden.
Bei Braunsberg erreichten wir die Autobahn, mußten aber eiligst abbiegen,
denn darauf bewegten sich russische Kampfeinheiten in Richtung Westen.
Von unserer Einheit war jetzt nur noch ein kleiner Haufen übriggeblieben.
Von 24 Schützenpanzerwagen hatten wir 18 verloren, davon war der größ-
te Teil wegen Treibstoffmangels gesprengt worden. Da meine Bedienung
laufend Sprit organisiert hatte, oft unter Einsatz des eigenen Lebens, hatten
wir unseren fahrbaren Untersatz erhalten können. Auch von den Sturmge-
schützen, die sich uns angeschlossen hatten, existierten nur noch zwei.
Nun bogen wir wieder ab, und bei Schönwalde hatten wir uns einer feind-
lichen Hauptkampflinie genähert. Hier trafen wir auf eine in Stellung be-
findliche, völlig intakte deutsche Artillerie-Batterie. Wir staunten nicht
schlecht: Neue Uniformen, neue Geschütze. Wir erfuhren, daß es sich um ei-
ne Artillerie-Lehrabteilung handelte, die von einer Garnison eiligst an die
ostpreußische Front geworfen worden war. Wir aber waren heilfroh, daß un-
ser schwacher Haufen eine zusätzliche Kampfkraft erhielt. Die Führungs-
kräfte waren kampferfahrene Frontsoldaten, man sah es an ihren Kriegsaus-
zeichnungen. Da auch diese Einheit keine Verbindung mehr zu übergeord-
neten Divisionen hatte, beschlossen wir, gemeinsam aus dem Kessel, der
sich gebildet hatte, auszubrechen.
Unser Plan sah vor, daß uns vier Feldhaubitzen Feuerschutz geben soll-
ten und wir in einer Drauflosfahrt, mit allen Waffen feuernd, die feindliche
Linie durchbrechen würden. Ein Sturmgeschütz und drei Schützenpanzer
sollten dann die Unke Flanke, das andere Sturmgeschütz und zwei Schüt-
zenpanzer die rechte Flanke sichern. Nach vereinbartem Lichtzeichen soll-
te sogleich die Artilleriebatterie durchgeschleust werden. An das Gelingen
dieses Durchbruchs glauben wir selbst nicht richtig, aber wir wollten und
mußten es versuchen.
273
Bevor wir unseren Plan verwirklichen konnten, wurden wir am 8. Febru-
ar 1945 von sechs Schlachtfliegern angegriffen. Wir hatten mehrere Tote; ein
Schützenpanzerwagen bekam einen Volltreffer und brannte aus. Was wir zu
dieser Zeit nicht wußten war, daß die Russen unseren Durchbruch erwarte-
ten, möglicherweise waren sie durch ihre Luftaufklärung über uns infor-
miert worden.
Am Abend und in der Nacht vom 9. zum 10. Februar war Unruhe auf
feindlicher Seite festzustellen. Daß der Gegner zusätzlich schwere Artillerie
in Stellung brachte, konnten wir nicht ahnen.
Am 10. Februar starteten wir unseren Ausbruchsversuch. Unsere Artille-
rie eröffnete das Feuer aus allen vier Geschützen. Die Granaten zischten
über unsere Köpfe hinweg ihre Bahnen auf die feindlichen Stellungen. Im
Mündungsfeuer ging das Anlassen unserer Motoren unter, wie abge-
sprochen starteten wir gemeinsam aus unseren Boxen. Die ersten einhun-
dert Meter verlief alles glatt. Plötzlich bekamen wir von links starkes Artil-
leriefeuer. Wir sahen das Mündungsfeuer der schweren Geschütze, sie nah-
men uns unter direkten Beschuß. Da half nur noch, den Gashebel ganz
durchtreten, um schnellstens aus der Gefahrenzone zu kommen.
Eine gewaltige Explosion hob plötzlich unseren Schützenpanzerwagen in
die Höhe, er rührte sich nicht mehr vom Fleck. Jetzt nichts wie raus. Jeder-
zeit konnte er explodieren oder brennen. Ich hörte noch das Kommando von
Heinz Behrend: „Schnell raus!" Er sprang links heraus, Heindl Sepp eben-
falls. Ich, als Fahrer, war ganz unten, brauchte die längste Zeit und sprang
ebenfalls links ab. Ruwedl und Kindervater, die anderen beiden Besat-
zungsmitglieder unseres SPW, gingen rechts über Bord. Kaum waren wir
draußen, schlug knapp neben uns eine Granate ein und streckte uns zu Bo-
den.
Behrend, der als erster gesprungen war, war sofort tot. Ein Granatsplitter
hatte ihm den halben Schädel weggerissen. Glück im Unglück, er hatte ei-
nen schmerzlosen Tod. Heindl Sepp hatte es das linke Bein weggerissen, am
linken Oberarm und an der linken Hand wurde er ebenfalls schwer verletzt.
Mir hatte ein großer Granatsplitter den linken Unterarm durchschlagen
und das Handgelenk zerfetzt. Die Hand hing nur mehr an Fleisch und Seh-
nen. Aus der großen, stark blutenden Wunde spritzte bei jedem Herzschlag
Blut aus der freigelegten Hauptschlagader. Drei hühnereigroße Splitter gin-
gen in den linken Oberschenkel, ein vierter hatte meine Kniescheibe durch-
trennt, ein kleinerer durchschlug mein linkes Auge und ein anderer hatte
mir zwei Finger von der rechten Hand weggerissen.
Bei dieser schweren Verwundung war eine Überlebenschance gleich Null,
denn weit und breit existierte wahrscheinlich kein Hauptverbandsplatz
mehr. Eine ärztliche Hilfe, auf die wir schnellstens angewiesen waren, war
ebenfalls nicht mehr vorhanden. In einer großen Blutlache liegend, sah ich
mein Ende nahen.
Während um uns herum weitere Granaten barsten, hörte ich Heindl Sepp
274
jammern und nach einem Sani schreien. Hoffentlich ging das Sterben
schnell!
Plötzlich kniete ein Oberfeldwebel über mir, seine Gebirgs- und Jäger-
mütze und die vielen Auszeichnungen an seiner Brust sind mir zeitlebens
in Erinnerung geblieben. Er war von der Artillerieeinheit und schnellstens
herbeigeeilt. Er war mein Lebensretter. Durch Abbinden der Hauptschlag-
ader am linken Arm und des schwerverletzten Oberschenkels konnte er vor-
läufig verhindern, daß ich verblutete. Dann wurde ich durch den Schnee ge-
zogen. Meine Kameraden Ruwedl und Kindervater, die unverletzt geblie-
ben waren, müssen dabeigewesen sein. Durch den großen Blutverlust habe
ich alles nur halb bewußtlos wahrgenommen, auch was danach geschah,
wie man mich in ein Fahrzeug, einen Sanka, schob und ich abtransportiert
wurde. Wie lange und wohin, blieb für mich im Halbdunkel des Bewußt-
seins. Das letzte, an das ich mich noch schemenhaft erinnerte, waren lange
Tische, an denen Menschen in weißen Kitteln und blutigen Schürzen stan-
den und hantierten.
Ich war auf den Hauptverbandsplatz transportiert worden, der wie ein
Wunder in diesem Kessel noch existierte, wo doch alles drunter und drüber
ging. Und hier gab es auch noch Ärzte, die Tag und Nacht Übermenschli-
ches leisteten, amputierten, operierten, fast bis zum Umfallen. Ein Wunder
auch, daß es überhaupt noch Medikamente und Verbandsmaterial, wenn
auch nur aus Papier, gab.
Es muß eine lange Zeit vergangen sein, bis ich wieder einigermaßen bei
Bewußtsein war. Um mich herum war es dunkel, und ich wußte überhaupt
nicht, wo ich mich befand und was mit mir los war. Da faßte mich plötzlich
eine Hand, berührte mein Gesicht, und ich hörte folgende Worte, die mir
noch heute in Erinnerung sind: „Ich bin der militärische Seelsorger - Ka-
merad, mit Dir steht es sehr ernst, ich möchte mit Dir ein Gebet sprechen!"
So gerne hätte ich gefragt, was mit mir los sei, aber ich konnte den Mund
nicht öffnen. Noch viel schlimmer empfand ich die Dunkelheit, die mich
umgab. Den Geräuschen nach mußte es Tag sein. Doch ich sah nichts. Hat-
te ich mein Augenlicht verloren, war ich blind? Was ich zu der Zeit nicht
wußte - ein Auge war kaputt, und das andere war zugebunden. Auch mein
Versuch, Arme und Beine zu bewegen, klappte nicht. Meine psychische und
meine physische Verfassung waren auf dem Nullpunkt, ebenso meine Hoff-
nung, hier noch einmal lebend herauszukommen. Viel erschreckender war
der Gedanke, daß ich in diesem Zustand den Russen in die Hände fallen
würde. Bloß das nicht. Dann wollte ich lieber tot sein. In diesen Augen-
blicken wäre ich froh gewesen, ein Trostwort zu hören oder ein Betasten von
irgend jemandem zu spüren, als Zeichen dafür, daß sich noch jemand um
mich kümmerte.
Das gleichmäßige Dahin vegetieren ohne Gefühl für Zeit und Raum wur-
de durch reges Treiben unterbrochen. Man hörte nur „Sani - Sani"-Rufe und
Wortfetzen.
275
Plötzlich wurde meine Trage aufgenommen, und ich wurde fortgetragen.
Dabei wurde mir schwindelig und schlecht, alles drehte sich um mich. Mein
Bewußtsein schaltete sich ab.
Es kehrte erst wieder, als ich mich auf einem Fischkutter befand, der von
einem Eisbrecher über das Haff nach Pillau gezogen wurde. Endlich, nach-
dem man mir den Augenverband abgenommen hatte, konnte ich als Einäu-
giger etwas sehen. Das, was ich sah, waren etwa 200 bis 300 Schwerver-
wundete um mich herum im untersten Schiffsleib. Was ich noch sah, waren
einige wenige Sanitäter und Tote - an Bord verstorbene Schwerverwunde-
te. Die Sanitäter bemühten sich fast pausenlos, die Toten mit einem Strick
hoch durch die Luke zu ziehen. Einer band ihnen unten einen Strick um den
Bauch, die anderen zogen ihn mit Ho-Ruck-Kommandos nach oben. Wie
Marionetten baumelten die Toten über uns in der Luft. Ein grauenvolles Ze-
remoniell.
Würde ich auch so enden? Ich versuchte immer wieder, mir die Hoffnung
einzureden, mit diesem Totenschiff noch einen Hafen zu erreichen und den
Russen lebend zu entkommen. Ich hatte Durst, wie viele andere Verwunde-
te auf diesem Schiff, die nach Wasser oder einem Arzt schrien. Beides war
nicht vorhanden. Mit letzter Kraft reichte mir mein Nachbar eine Feldfla-
sche, gab mir seinen letzten Schluck Kaffee. Wenige Minuten später zog man
auch ihn am Strick durch die Luke. Er hatte noch Kameradschaft gezeigt,
kurz vor seinem Tod.
Nach stundenlanger Fahrt im Schlepp des Eisbrechers unter ohrenbetäu-
bendem Gepolter, mit einer Fracht von noch Lebenden und Toten, erreichte
der Fischkutter den Hafen von Pillau. Hier lag ein Schiff, mit dem Roten
Kreuz als Lazarettschiff gekennzeichnet. Der Name des Schiffes: „Ost-
preußen". Auf dieses Schiff wurde ich verladen, und am 20. Februar 1945
brachte mich die „Ostpreußen" aus Ostpreußen über die Ostsee nach We-
sten. Den unterwegs ausgerufenen U-Boot-Alarm und die Ausgabe von
Schwimmwesten nahm ich kaum zur Kenntnis. Was sollte ich noch mit ei-
ner Schwimmweste?
Am 23. Februar 1945 lief unser Schiff in Swinemünde ein. Als ich wenige
Stunden später in einem weiß bezogenen Bett in einem Lazarettzug lag, um-
sorgt von einer Rotkreuzschwester, überkam mich das Gefühl, gerettet und
geborgen zu sein. Nach einer zehnstündigen Fahrt erreichte unser Zug die
Endstation: Aschersleben. Hier wurde ich in ein Lazarett, das in einer Ka-
serne eingerichtet worden war, eingeliefert. Ich war einer unter 4.000 Ver-
wundeten. Doch nicht mehr einsam - und in der Heimat, dem Russen end-
gültig entkommen, denn Aschersleben war Mitte April von amerikanischen
Truppen besetzt worden.
Doch das Schicksal stellte mich noch auf eine harte Probe.
Plötzlich zogen die Amerikaner ab, die Engländer kamen - aber nur für
einige Tage, dann kamen die neuen Besetzer: es waren die Russen. Von geh-
fähigen Verwundeten, die draußen waren, hörte ich die Schreckensnach-
276
richt, daß mehrere Lastwagen mit betrunkenen, singenden Rotarmisten vor-
gefahren wären. Unfaßbar für mich...
Am nächsten Tag wurden alle Ärzte abtransportiert; es waren sicher mehr
als einhundert. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Die Engländer fuh-
ren vor, holten die Schwerverwundeten aus dem Lazarett und brachten uns
in Lazarettzügen in das zerbombte Braunschweig. Den Leichtverwundeten
und vor allem den Krankenschwestern, die in Aschersleben hatten Zurück-
bleiben müssen, stand ein ungewisses Schicksal bevor.
Als Kriegsfreiwilliger hatte ich im Alter von siebzehneinhalb Jahren mein
Elternhaus verlassen und war Soldat geworden. Ziemlich genau nach vier
Jahren „Front" kehrte ich heim. Ich hatte viel verloren: mein linkes Auge
und zwei Finger an der rechten Hand. Durch den Durchschuß des linken
Unterarmes blieb eine Versteifung der linken Hand zurück, im linken Ober-
schenkel hatte ich vier große Wunden, und die rechte Kniescheibe war
durchtrennt.
Das war der Lohn des Krieges, den ich 21jährig mit nach Hause brachte,
eine schmerzliche Erinnerung an den Kriegsschauplatz Ostpreußen 1945.
Originalbericht 18 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
277
Dokument 18
Schmidt, Hans
Geboren am 27. Oktober 1927
Dienstrang: Arbeitsmann
im Reichsarbeitsdienst (RAD)
Einheit: RAD-Abteilung 7/10
„Bismarckhügel"
Ostpreußen-
Einsatz: Januar/Februar 1945
Rücktransport: Februar 1945 Pillau-Danzig
Kriegsabenteuer eines 17jährigen
Ich bin in Starrischken, einem kleinen Fischerdorf direkt am Kurischen
Haff, sieben Kilometer südlich von Memel, geboren. Diesen meinen Ge-
burts- und Wohnort habe ich am 19. Oktober 1944, acht Tage vor meinem 17.
Geburtstag, verlassen. Seit dem 11. Oktober 1944 wurde unser Ort von rus-
sischer Artillerie beschossen, und jeden Tag mußten wir mit der Besetzung
des Ortes durch russische Truppen rechnen.
Wir Jugendlichen über 16 und die alten Männer des Ortes, wir waren noch
„volkssturmfähig", durften unser Dorf ohne Genehmigung nicht verlassen.
Da wir aber fürchteten, von den Russen gefangengenommen oder erschos-
sen zu werden, wenn sie in unser Dorf einrückten, entschlossen wir uns zur
Flucht über das Kurische Haff auf die Kurische Nehrung. „Wir", das waren
ein gleichaltriger Junge, ein älterer Mann und ich.
Wir beluden einen Fischerkahn mit dem Nötigsten, legten den Segelmast
flach und versteckten uns im Boot. Es war an einem Montagabend. Wir sa-
hen am Horizont und hörten es auch, wie die Stadt Memel von der russi-
schen Artillerie beschossen wurde und Flugzeuge die Nehrung bombardier-
ten und mit Bordwaffen angriffen, da sich auf der Nehrung deutsche Trup-
pen in Richtung Cranz zurückzogen. In der Nacht wurde es dann ruhiger.
278
Nur am Friedrich-Wilhelm-Kanal fuhren pausenlos Wehrmachtskolonnen.
Wir legten uns in einem verlassenen Fischerhaus direkt am Wald schlafen.
Am nächsten Morgen wurden wir vom Geschützlärm der Nehrungsflak
wachgerüttelt, die über unsere Köpfe auf die angreifenden Russen schoß.
Wehrmachtsfahrzeuge fuhren bis an das Haff heran, Soldaten bauten sich
aus leeren Benzinkanistern Flöße, um damit über das Haff auf die Nehrung
zu kommen.
Wir drei fanden unseren versteckten Kahn unbeschädigt wieder, stellten
den Mast auf und segelten in Richtung Nehrung. Wir hatten kräftigen Ge-
genwind und mußten mehrmals wenden, um die Nehrung, die an dieser
Stelle etwa drei Kilometer breit war, zu erreichen. Das glückte uns auch.
Kaum hatten wir den Kahn festgemacht und waren an Land gegangen,
kamen uns ein Major und ein Feldwebel entgegen. Sie forderten uns auf, al-
le Gegenstände aus dem Kahn auszuladen und sofort zum Festland zurück-
zusegeln, um ihre Kameraden zu retten. Wir sagten dem Major, daß dies
nicht möglich sei, da der Russe bereits auf der anderen Seite auf dem Fest-
land sei. Der Major zog daraufhin seine Pistole und erklärte uns: „Sie stehen
unter Kriegsrecht und haben meinen Befehlen zu folgen!"
Einer von uns dreien, der Jüngste, mußte bei den ausgeladenen Sachen
auf der Nehrung bleiben, der alte Mann und ich bestiegen den leeren Kahn
wieder, um wie befohlen zum Festland zurückzusegeln. Zur Sicherheit
mußte der Feldwebel mitfahren, er war mit einer Maschinenpistole und mit
einer Panzerfaust bewaffnet.
Bei günstigem Wind kamen wir in schneller Fahrt in Richtung Festland.
Über uns schoß die Nehrungsflak. Wir sahen, vielleicht noch 200 Meter vom
Festland entfernt - das Wasser war dort nicht sehr tief daß sich bereits vie-
le Soldaten im Haffwasser befanden, aber Mühe hatten, unseren Kahn zu er-
reichen, der doch für sie noch sehr weit entfernt war.
Plötzlich eine schwarze Wand, ein Krachen, Erdteile flogen durch die Luft
in unser Segel, der Feldwebel schrie: „Hinlegen und abdrehen!" In dem
Flaklärm zuvor hatten wir nicht gehört, daß russische Flugzeuge über uns
waren und die an Land, unmittelbar am Haff stehenden Wehrmachtsfahr-
zeuge und Soldaten bombardierten.
Wir hatten insofern Glück, daß unserem Segel nichts passiert war. Ohne
Segel wären wir von dem zunehmenden Wind an Land getrieben worden.
Ein Wenden war bei der Größe des Kahns ausgeschlossen. Ohne einen ein-
zigen Soldaten mitnehmen zu können, rudern wir zurück, kamen aber nicht
an der gleichen Stelle an, von der wir abgelaufen waren. Kurz vor Schwarz-
ort gingen wir an Land, verließen in aller Eile die Landestelle und strebten,
auf dem Nehrungsweg gehend, Cranz zu. Auf diesem langen und mühsa-
men Weg sahen wir viele Rettungsversuche und Aktionen von Soldaten, die
sich dem Zugriff der Roten Armee durch das Übersetzen vom Festland über
das Haff auf die Nehrung mit irgendwelchen kleinen, oft selbstgebauten
Wasserfahrzeugen zu entziehen versuchten.
279
Am Ende der Nehrung, kurz vor dem Seebad Cranz, nahm uns die SS in
Empfang. Keiner kam hier unkontrolliert durch, ob Mann oder Frau, Soldat
oder Flüchtling.
Wie den anderen auch, wurde auch mir das Gepäck und der Ausweis ab-
genommen. Alte, nicht mehr arbeits- und einsatzfähige Männer und Mütter
mit Kindern wurden in einem nahen Hotel gesammelt und dann mit einer
Kleinbahn zu einer Auffangstelle hinter der Front gebracht.
Ich wurde in ein Arbeitskommando eingegliedert, das aus Esten, Letten,
Litauern und Deutschen aller Berufszweige, ob Mann oder Frau, bestand
und die Aufgabe hatte, Panzergräben auszuheben. Meine Unterbringung,
mit anderen zum Arbeitseinsatz Kommandierten, erfolgte in einem Gänse-
stall, die Verpflegung war der Umgebung angepaßt; bewacht wurden wir
durch SS- und SD-Männer. Ein „ Absetzen" von diesem Arbeitskommando
war nicht möglich.
Da ich bereits im Frühjahr 1944 gemustert worden war, einen Wehrpaß be-
saß und inzwischen 17 Jahre alt war, rechnete ich jeden Tag damit, zur Wehr-
macht einberufen und von meinem „Arbeitskommando" erlöst zu werden.
Endlich, am 11. Dezember 1944, erhielt ich meine Einberufung, jedoch
nicht zur Wehrmacht als Soldat, sondern zum Reichsarbeitsdienst als Ar-
beitsmann. Ich mußte mich sofort bei der RAD-Abteilung 7/10 „Bismarck-
hügel", die ca. sieben Kilometer nordöstlich von Liebenfelde in einem Wald-
gebiet lag, stellen. Die Wälder dort waren im Dezember 1944 bereits
partisanenverseucht. Unsere Abteilung mußte deshalb nach allen Seiten
durch Doppelposten geschützt werden. Unsere Ausbildung erfolgte ohne
Spaten streng militärisch.
Um die Weihnachtszeit 1944 erkrankte ich. In einem Feldlazarett in Markt-
hausen, ca. zehn bis fünfzehn Kilometer südöstlich von Liebenfelde, stellte
man fest, daß ich Diphterie hatte, ich mußte also dableiben.
Am Morgen des russischen Durchbruchs im Januar 1945 trat ein Stabsarzt
in unseren Raum und erklärte uns, daß der Russe durchgebrochen und nur
noch wenige Kilometer von unserem Standort entfernt sei. Da ich nicht ver-
wundet war und gehen konnte, sollte ich versuchen, mich zu meiner RAD-
Einheit durchzuschlagen. Einen Bericht über meine Krankheit und einen
Marschbefehl habe ich mitbekommen, um mich bei der Feldgendarmerie,
die die Straßen kontrollierte, ausweisen zu können.
Nach einer längeren Wegstrecke nahm mich ein Flüchtlingswagen, der al-
lein fuhr, mit. Die Straße nach Liebenfelde war leer, und in Liebenfelde
herrschte ein fast normales Leben. Die Leute hatten wohl keine Ahnung von
der Frontlage.
In Liebenfelde traf ich den Postwagen meiner RAD-Abteilung, der mich
zu unserer Abteilung im Wald mitnahm. Da ich noch nicht gesund war, mel-
dete ich mich im Krankenrevier. Hierbei hörte ich Schüsse und fragte den
Arzt, wie weit der Russe noch entfernt sei. Er wußte es nicht, erklärte mir
nur, daß ich noch im Krankenrevier bleiben müßte.
280
Ich besuchte meinen Trupp in der Baracke. Meine Kameraden kamen ge-
rade von einer Scheibenschießübung zurück. Es war um die Mittagszeit. Wir
freuten uns, uns wiederzusehen, und während des Essens herrschte eine
fröhliche Stimmung.
Die Mittagsruhe der Abteilung wurde jäh durch ein Pfeifkonzert unter-
brochen.
„Alles raus treten/' hieß das Kommando. Wir waren alle überrascht, was
danach kam. In einer Stunde mußte die gesamte Abteilung marschfertig an-
treten. Unsere Ausrüstung, die wir erhielten, waren russische Beutegeweh-
re - und Fahrräder. Die Einheit rückte am frühen Nachmittag ab. Nur die
Küche und das Krankenrevier, wozu auch ich gehörte, blieben zurück; wir
sollten später abgeholt werden.
Unsere Abholung erfolgte am Abend zwischen 22.00 und 24.00 Uhr. Zwei
Lkws fuhren vor. Auf einen Lkw wurden die Kranken verladen, auf den an-
deren das Küchenpersonal. Die Front war zu dieser Zeit schon so nahe, daß
wir das MG-Feuer hören konnten und auch Gewehrschüsse. Der Himmel
war rot von Bränden. Dem Küchen-Lkw hatte man noch eine Feldküche an-
gehängt. Aus dieser hingen noch Schweinehälften heraus. Der ganze Ab-
transport und auch der Abmarsch der Abteilung hatte in größter Eile erfol-
gen müssen. Dazu gehörte, daß auch die Küche auf einen Abtransport in-
nerhalb von wenigen Stunden überhaupt nicht vorbereitet war.
Die Straße nach Liebenfelde konnten wir nicht mehr fahren. Auf dieser
Straße befanden sich bereits die Russen im Vormarsch. Über Nebenstraßen
erreichten wir die Straße Kreuzingen-Labiau. Dabei wurden wir fast von
unseren eigenen Soldaten zusammengeschossen, weil sie annahmen, wir
seien Russen. Links von uns sahen wir Liebenfelde, das lichterloh brannte.
Die Straße Richtung Labiau war von Flüchtlingswagen und zu Fuß flüch-
tenden Menschen völlig verstopft, so daß auf dieser Straße kein Vorwärts-
kommen möglich erschien. Wir entschieden uns deshalb, die Richtung nach
Königsberg einzuschlagen. Auch das war mühsam und zeitraubend, doch
nach einigen Tagen erreichten wir Königsberg.
Dort waren deutsche Soldaten gerade dabei, mit Panzern in Stellung zu
gehen. Bereits am Stadteingang der Außenstadt wurden wir von der Feld-
gendarmerie angehalten. Uns wurde befohlen, uns in der Hindenburg-Ka-
serne zu melden, da sich dort auch andere RAD-Abteilungen befänden. Wir
folgten dem Befehl und meldeten uns in der Kaserne. In dieser Kaserne wur-
den die RAD-Männer, fast alle zwischen 16 und 17 Jahre alt, von älteren
Frontkämpfern in der Panzerbekämpfung unterrichtet. Die Einsatzwaffen
bestanden aus der Panzerfaust, Brennstoffflaschen, Staucherfett, Farbe und
Kunsthonig. Damit sollten wir den russischen Panzern die Sehschlitze zu-
schmieren, damit sie nicht mehr fahren konnten.
Wir und unsere Waffen waren wirklich das letzte Aufgebot zur Verteidi-
gung der ostpreußischen Hauptstadt Königsberg, die inzwischen zur „Fe-
stung" erklärt worden war.
281
Nach unserer Kurz-Ausbildung mußten wir in Neuhausen Stellung be-
ziehen. Wir waren noch mit russischen Beutegewehren, mit tschechischen
Seitengewehren, die so lang waren, daß das Gehen erheblich erschwert wur-
de, und mit Flaschen mit Benzin und Kunsthonig aus unserem Ver-
pflegungsdepot ausgerüstet worden; eine Bewaffnung, die uns kaum eine
Verteidigungsmöglichkeit bot.
In unserer Stellung blieb es zunächst ruhig. Für die russischen Panzer wa-
ren die kaputten Flüchtlingswagen, die in großer Zahl und in langen Reihen
die Straßen blockierten, sicher ein Hindernis. Da in diesen Tagen der Him-
mel fast ständig bedeckt war, blieben wir auch von Fliegerangriffen ver-
schont. Doch der Kriegslärm kam in den nächsten Tagen näher und näher.
Wir hörten Panzergeräusche, die sich in Richtung Norden bewegten - uns
stand eine Feindberührung bevor, wenn die russischen Panzer weiter vor-
stießen. Doch zu dieser Feuerprobe kam es für uns nicht.
In der folgenden Nacht wurden wir zu einem Appell gerufen, bei dem wir
darüber informiert wurden, daß der Führer befohlen hatte, die RAD-Abtei-
lungen aus Königsberg herauszuziehen. Unser Abteilungsführer ordnete an,
daß wir in kleinen Gruppen versuchen sollten, uns in Richtung Pillau durch-
zuschlagen, da die zeitweise durch die Russen unterbrochene Straßenver-
bindung Königsberg-Pillau wieder freigekämpft worden war.
Der Trupp, dem ich zugeteilt war, bestand aus drei Mann. Die Straße nach
Pillau war verschneit und kaum zu befahren. Bei Fischhausen begegnete
uns eine deutsche Einheit, sie bestand aus alten Männern von der Mari-
neartillerie.
In Pillau nahm uns an einer Straßensperre sofort die Feldgendarmerie in
Empfang und schickte uns nach Neutief. Dort befand sich eine Sammelstel-
le für Leute vom Reichsarbeitsdienst. Wir wurden in verlassenen Flugplatz-
Wohnungen untergebracht. Was weiter mit uns geschehen würde, ob und
wo man uns noch einsetzen wollte, wußte niemand. Nun spitzte sich auch
in Pillau die Lage zu; die ebenfalls zur Festung erklärte Stadt wurde nicht
nur bombardiert, auch die Artillerie schoß sich auf dieses Ziel ein.
Endlich ein neuer Befehl: Wir sollten uns, wieder in kleinen Gruppen,
über die Frische Nehrung in Richtung Danzig absetzen. Was wir auf diesem
langen Weg auf der Nehrungsstraße an Flüchtlingselend sahen, ist kaum zu
beschreiben. Der Weg bis nach Danzig war ein Weg durch ein Chaos von
Menschen und Fahrzeugen, Flüchtlingen und zurückflutenden militäri-
schen Einheiten, soweit man noch von geordneten Einheiten sprechen konn-
te, von Verwundeten, von Frauen, Kindern und Greisen, die sich mühsam
dahinschleppten. Und immer wieder die Angriffe sowjetischer Flugzeuge
mit Bomben und Bordwaffen, ein Gemetzel ohnegleichen.
Der Weg über die Nehrung nach Danzig war weit, aber wir schafften ihn.
In Danzig angekommen, wurde unsere Ausbildung zur Panzerbekämp-
fung fortgesetzt. Danach wurde unsere RAD-Einheit neu zusammengestellt
und in Güterwaggons verfrachtet. Wir erfuhren, daß wir nach Berlin ge-
282
bracht und dort eingesetzt werden sollten. Das war für keinen von uns eine
beruhigende Nachricht.
Tagelang waren wir unterwegs, standen, fuhren, standen wieder, fuhren
dann in entgegengesetzter Richtung und landeten schließlich in Brake bei
Bremen. Hatte man uns mit Berlin nur einen Schrecken einjagen wollen?
Es folgte die Übernahme zur Wehrmacht, Kasparie-Kaserne Delmenhorst,
anschließend Verlegung nach Aarhus/Dänemark, Ausbildung zum Panzer-
jäger an der 8,8 cm-Raketen-Panzerbüchse, dem sogenannten Ofenrohr. An-
fang Mai Abkommandierung zum Einsatz in Lübeck. In der Gegend von
Plön/Eutin wurden wir von Flugzeugen zusammengeschossen und gerie-
ten am 8. Mai in englische Gefangenschaft.
Mein Kriegsabenteuer als 17jähriger war damit zu Ende.
Ich bin heute noch meinen damaligen Vorgesetzten dankbar, daß sie mich
und meine gleichaltrigen Kameraden nicht in den letzten Kriegsmonaten
auf dem Schlachtfeld Ostpreußen geopfert haben.
Originalbericht 9 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Erklärung
vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
283
Dokument 19
Hollighaus, Fritz
Geboren am 28. Dezember 1920
Dienstgrad: Unteroffizier
Einheit: Panzer-Division
„Großdeutschland "
Stabs-Kompanie 1. Abt. Pz.Rgt.
Ostpreußen-
Einsatz: Januar bis Anfang April 1945
Verwundet: 1. Februar 1945 (Panzerabschuß)
Rücktransport: 9. April 1945 ab Pillau mit
Lazarettschiff „Steuben"
Untergang des Schiffes überlebt
Im Panzer im Ostpreußen-Einsatz
Im März 1940,19 Jahre alt, wurde ich Soldat. Ab April 1942 gehörte ich
der Panzer-Division „ Großdeutschland" an, mein letzter Dienstrang war
Unteroffizier, ich war in Ostpreußen als Cheffunker in einem „Panther" im
Einsatz.
Im August 1944 war meine Einheit in einem Blitztransport von der Inva-
sionsfront in Frankreich an die Ostfront in den Narwa-Brückenkopf verlegt
worden. Bis November 1944 war ich hier im Einsatz an der Grenze Ost-
preußens. Danach wurden wir in Ruhestellung als Eingreifreserve in den
Raum Sensburg verlegt und bezogen dort Quartier.
Es war eine beschauliche Ruhe vor dem Sturm, die ich hier in Ostpreußen
erlebte. Meine Quartiersleute verwöhnten mich richtig. Immer wieder frag-
ten sie aber: „Bleibt Ihr auch hier - laßt Ihr uns auch nicht im Stich?" Die
Angst vor den Russen war groß, nachdem sich herumgesprochen hatte, was
im Oktober in Nemmersdorf geschehen war, als das Dorf nur zwei Tage von
den Russen besetzt worden war, dann aber zurückerobert wurde.
Wir hatten viel Dienst. Der Ersatz von neuen jungen Soldaten mußte
gründlich eingewiesen werden in die rauhe Wirklichkeit der nahen Front.
Als Kompanie-Cheffunker gab ich den Funkern der Kompanie noch einmal
284
Unterricht am Funkgerät. Viel zu schnell gingen die ruhigen Tage dahin.
Wie ein Blitz aus gewittrigem Himmel war es am 12. Januar 1945 mit der Ru-
he vorbei.
Schon in aller Frühe hörten wir das Grollen und Donnern an der Front in
unserem Dörfchen. „Alarm - alles fertigmachen und aufsitzen", und ab ging
es in den Einsatzraum. Der Russe war an der ganzen Front zum Großangriff
angetreten.
Von diesem Tage an kamen wir nicht mehr zur Ruhe. Tag und Nacht wa-
ren wir im Einsatz. Immer wieder mußten wir harte Kämpfe gegen die mit
aller Macht vordringenden Russen bestehen. Viele russische Panzer wurden
von uns abgeschossen. Doch die Übermacht der Russen war überwältigend.
Wenn wir an einer Ecke ihr Vordringen gestoppt hatten, waren sie an einer
anderen Stelle durchgestoßen. Um nicht eingeschlossen zu werden, mußten
wir uns dann wieder zurückziehen und absetzen.
Einen festen zusammenhängenden Frontverlauf gab es schon nach weni-
gen Tagen nicht mehr. Jede Kampfgruppe war auf sich allein gestellt, der
Nachschub war unterbrochen, und auch die Versorgung der Panzer mit
Benzin klappte nicht mehr so richtig.
Nachdem wir etliche Tage mit unseren Panzern herumgekurvt waren, Tag
und Nacht im Einsatz in harten Kämpfen mit russischen T 34 und den neu-
en Stalin-Panzern, bekamen wir einige Stunden Ruhe. Die Kampfgruppe
sammelte sich am Ausgang eines kleinen Dörfchens in Südostpreußen in
der Nähe von Lyck. Alle Offiziere, Zugführer und Panzerkommandanten
wurden zur Lagebesprechung zusammengeholt. Der Führer der Kampf-
gruppe, ein Oberstleutnant vom Panzer-Grenadier-Regiment „Groß-
deutschland", gab bekannt, daß wir nach Süden, Osten und Westen voll-
kommen eingeschlossen waren, die Russen bereits die Weichsel erreicht hät-
ten und Elbing hart umkämpft würde, daß damit Nachschub von Westen
nicht mehr möglich sei und Benzin und Munition nur noch über See heran-
geführt werden könnten, also aus nördlicher Richtung, daß die russischen
Streitkräfte im Norden Ostpreußens noch sehr schwach seien, so daß ein
Ausbruch aus unserer Einkesselung nur noch nach Norden, in Richtung Kö-
nigsberg, möglich wäre, dieser aber sofort erfolgen müsse, bevor die Russen
ihre Truppen im Norden verstärkten.
Diese „Lagebeschreibung" veranlaßte uns zum sofortigen Handeln.
Der Vorrat an Benzin und Munition mußte sofort ermittelt und verteilt
werden, wobei die Versorgung unserer Panzer das größte Problem darstell-
te. Wir hatten noch 16 Panzer vom Typ „Panther", die noch ziemlich neu wa-
ren, da wir sie erst im Dezember 1944 erhalten hatten. Die „Panther"
benötigten aber fünf bis sechs Liter Benzin für einen Kilometer. Die Rad-
fahrzeuge wie die Kübelwagen, die Spähwagen und die Schützenpanzer-
fahrzeuge konnten mit fünf bis sechs Litern Benzin aber 50 bis 60 Kilometer
fahren, dies reichte für den geplanten Ausbruch.
Es mußte also eine schwerwiegende Entscheidung getroffen werden.
285
Da nicht genug Benzin vorhanden war, aber die intakten Radfahrzeuge
für die Infanterie und die Leichtverwundeten gebraucht wurden, mußten
zehn unserer Panzer „geopfert" werden, nur sechs Panzer konnten für den
Ausbruch genutzt werden, drei sollten die Spitze übernehmen, drei den
Schluß bilden, in der Mitte die Radfahrzeuge.
Die sechs für den Ausbruch gewählten Panzer wurden mit Munition voll-
gestopft und Benzin für 50 Kilometer an jedes Fahrzeug verteilt. Die zehn
Panzer, die geopfert werden mußten, wurden am Ortsausgang abgestellt
und die Funkgeräte ausgebaut. In jeden Panzer wurde eine Sprengladung
eingebaut und der Zünder so eingestellt, daß sie nach unserem Abmarsch
in die Luft flogen und somit für den Feind unbrauchbar wurden. Bei diesen
Vorbereitungen zur Sprengung der zehn fast neuen Panzer, die völlig intakt
und fahrbereit waren, wurde mir bewußt, wie abhängig und anfällig doch
unsere Fahrzeuge und Waffen sind, wenn die Versorgung mit Kraftstoff und
Munition ausfällt.
Ich selbst mußte als Cheffunker beim Chef unserer 4. Panzerkompanie, der
Panzerabteilung I, Oberleutnant W, einsteigen. Wir übernahmen mit drei
Panzern die Spitze der Kampfgruppe „Großdeutschland". Alle Fahrzeuge
standen bereit, als es langsam dunkel wurde; so gegen 16.30 Uhr ging es los.
Schwer wurde mir; ich hätte am liebsten geheult, als ich an unsere
Schwerverwundeten dachte, die nicht transportfähig waren. Ein guter Ka-
merad von meinem Panzerzug war auch dabei. Wir hatten sie in einem
bombensicheren Keller untergebracht, einen Transport auf unseren Fahr-
zeugen hätten sie nicht überlebt, Sanitäts- oder andere geeignete Fahrzeuge
standen uns nicht zur Verfügung. Ein Sanitäter blieb freiwillig bei den
Schwerverwundeten zurück, um sie zu versorgen. Vor diesem Sanitäts-Un-
teroffizier habe ich heute noch größte Hochachtung. Was werden die Rus-
sen mit ihnen anstellen? Wir hatten ja oft gehört und erfahren, daß die Rus-
sen auf ihrem Vormarsch mit deutschen Verwundeten und Kranken nicht
gerade zimperlich umgingen. Wer nicht laufen konnte, der wurde erschos-
sen oder seinem Schicksal überlassen, und das hieß bei dieser winterlichen
Kälte erfrieren, krepieren.
Arme Kameraden, was stand Euch noch bevor?
Doch die Gegenwart holte mich aus diesen Gedanken. Wir führten mit
unserem Panzer den Ausbruch nach Norden an. Alle Gedanken und Äng-
ste verschwanden sofort, alle Sinne waren auf das gerichtet, was vor uns lag
und was um uns geschah.
Wir fuhren mit unserem Panzer an der Spitze, die anderen beiden Panzer
der Spitzengruppe links und rechts von uns auf Sichtweite, um bei Feind-
berührung sofort eingreifen zu können. Die Räderfahrzeuge folgten dicht
auf. Durch die Optik des Funkerplatzes, rechts vom Fahrer, beobachtete ich
genau das Gelände. Da überall Schnee lag, sah man auch bei Dunkelheit gut.
Über Funk gab ich laufend die Lage vor uns nach hinten zum Kampfgrup-
penführer durch.
286
Südwestlich und westlich von uns sah man an den brennenden Dörfern
den Vormarschweg der Russen. Im Norden, in der Richtung, in der wir fuh-
ren, war noch alles dunkel. Das gab Hoffnung und Zuversicht, daß der Aus-
bruch gelingen würde, der Russe konnte tatsächlich hier nur mit schwacher
Kraft vorgestoßen sein und muß sicher auch auf Nachschub Versorgung
warten.
Nachdem wir gut zehn Kilometer ohne Feindberührung zurückgelegt
hatten, erkannten wir rechts von uns einige dunkle Punkte: russische Pan-
zer, bestimmt die äußerste Sicherungslinie des russischen Vorstoßes. Und
genau da mußten wir hin, denn dort mündete unser Feldweg, auf dem wir
fuhren, in die gut ausgebaute Hauptstraße nach Königsberg. Waren wir erst
auf dieser Straße, konnten wir losbrausen zu der eigenen Frontlinie.
Zunächst hieß es Halt. Wir blieben stehen. Entfernung zu den russischen
Panzern ca. 1.500 Meter. Jeder von uns drei Spitzenpanzern nahm einen
der dunklen Punkte ins Optikvisier. Nach gezieltem Feuer, zwei bis drei
Schuß schnell hintereinander, sahen wir drei russische Panzer mit einer
Stichflamme explodieren. Aber der vierte Punkt blieb unbeschädigt. Es
war bestimmt ein Stalin-Panzer, der neue, stärker gepanzerte Typ der Rus-
sen.
Unser Chef befahl den zweiten Panzer neben uns, um uns Feuerschutz zu
geben. Wir fuhren näher an den Feind heran, etwa 800 bis 500 Meter. Dann
gaben wir mehrere gezielte Schüsse auf Kette und Wanne ab. - Getroffen! -
Der Stalin-Panzer brannte und explodierte. Damit schien der Weg zur
Hauptstraße frei zu sein.
Doch da tauchte plötzlich vor uns auf der Straße ein fünfter russischer
Panzer auf, ebenfalls ein Stalin-Panzer, wie ich an dem langen Kanonenrohr
erkennen konnte. Ich sah noch, wie sich das Rohr in unsere Richtung dreh-
te. Unsere Turmbesatzung nahm den russischen Panzer ins Visier, doch da
schlug es schon bei uns vorn ein, ein Knack, ein Feuerschein, die Granate
hatte aber nicht den Panzer durchschlagen, sondern war am schrägen Vor-
derteil unseres „Panthers" abgeglitten.
Aber schon schlug der zweite Treffer in den Turmkranz bei uns ein, ein
heller Feuerschein zuckte durch den Panzer. Wir konnten nicht mehr
schießen, der Turm saß fest, über der Funkerluke stand das Kanonenrohr,
mein Lukendeckel ging nicht mehr auf. Ich konnte also zur Funkerluke
nicht mehr aussteigen, links von mir sah ich gerade noch den Fahrer durch
die geöffnete Luke verschwinden. Rasch gab ich über Funk den beiden an-
deren Panzern durch, daß wir Treffer hatten, Oberleutnant W. ausgestiegen
und wie die anderen ausgestiegenen Besatzungsmitglieder mitzunehmen
sei, was auch geschah.
Nun wurde es auch für mich höchste Zeit auszusteigen. Den Brotbeutel
mit der eisernen Ration und alle wichtigen Sachen umgehängt, die Pistole
in der Hosentasche, da eine am Koppel hängende Pistole beim Ein- und
Aussteigen durch die Luke stets hinderlich war, kletterte ich über das Ge-
triebe auf den Fahrersitz, zog mich hoch durch die Fahrerluke auf den Pan-
zer und sprang dann ab, immerhin zwei Meter tief.
Was draußen los war, davon hatte ich keine Ahnung gehabt. Kaum war
ich heil und unverletzt in einem Schneehaufen gelandet, peitschten Schüs-
se von der Straße, die direkt vor mir lag, ins Gelände. Unsere letzten Fahr-
zeuge feuerten noch einmal zurück und verschwanden dann auf der Straße
nach Norden.
Nun war ich allein. Winken war zwecklos. Meine Kameraden waren weg.
Sie hatten es geschafft. Doch was wurde nun aus mir?
Als es Abend geworden war, sah ich Russen in weißen Schneehemden
herankommen. Jetzt hieß es für mich, schnell von hier wegzukommen. Ich
sprang über die Straße und verschwand im Gelände, das mir gute Deckung
bot. Ein paar Schüsse peitschten noch durch die Gegend, dann wurde es ru-
hig. Sicher würden die Russen jetzt erst einmal unseren Panzer plündern
und nach Brauchbarem untersuchen. Das gab mir einen guten Vorsprung.
Die ganze Nacht lief ich nach Norden. Gut, daß ich einen Kompaß in mei-
ner Tasche hatte und immer wieder die Richtung nachprüfen konnte. Auch
der Feuerschein im Südwesten, Westen und Osten wies mir den Weg. Viele
Dörfer, die die Russen passiert hatten, wurden von ihnen danach in Brand
gesteckt. Oft mußte ich mich auch auf meinem Weg nach Norden an Dör-
fern vorbeischleichen, in denen ich Russen vermutete.
Am frühen Morgen erreichte ich die deutsche Frontlinie. Ich kam in ein
Dorf und stand plötzlich vor einem Schaufenster, das mich erkennen ließ,
daß hier ein Sattler wohnte. Die Familie war noch nicht geflohen; sie nahm
mich gastfreundlich auf und gab mir Gelegenheit, mich erst einmal richtig
auszuschlafen. Am Nachmittag fühlte ich mich wie neugeboren. Mein
Wunsch und meine Aufgabe war es nun, meine Einheit wiederzufinden.
Die Sattler-Familie bestürmte mich aber zunächst einmal mit der Frage,
was sie tun solle. Bisher durfte niemand das Dorf verlassen. Besonders den
Mädchen blickte die Angst vor den Russen aus den Augen. Sollte ich ihnen
Hoffnung machen, daß wir Soldaten Ostpreußen verteidigen und die Rus-
sen aufhalten könnten? Ich brachte es nicht fertig, diese Menschen zu belü-
gen. Ich riet ihnen, so rasch wie möglich nach Norden zu fliehen, in einen
Ostseehafen, um dort ein Schiff zu erreichen, und, da der Weg nach Westen
bereits versperrt sei, nur das Nötigste, Verpflegung und warme Kleidung
mitzunehmen.
Da die Familie über Pferd und Wagen verfügte, empfahl ich ihr, nur Ne-
benstraßen zu befahren, da die Hauptstraßen sicher durch Militärfahrzeu-
ge verstopft wären; auf meiner Karte zeigte ich ihr den Weg nach Rosenberg
über das Frische Haff nach Pillau. Man nahm meinen Rat an und beschloß,
sofort mit dem Packen zu beginnen und noch in der Nacht aufzubrechen;
auch ich wollte am Abend weitermarschieren. Das Dorf, in dem ich mich be-
fand, hieß Groß-Zechen. Meine Wirtsleute sagten mir, ich könne den Weg
abkürzen, wenn ich über den zugefrorenen Sexter See und dann in Richtung
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Niedersee marschieren würde, ich käme dann auf die Straße nach Allen-
stein.
Nachdem wir Abschied voneinander genommen und ich das Dorf ver-
lassen hatte, sah ich nach kurzer Zeit den Sexter See vor mir liegen, der ei-
ne spiegelblanke Fläche von etwa zwei bis drei Kilometern Breite hatte. Das
Eis war fest, das Wetter kalt und trocken, etwa 10 bis 15 Grad Minus. Der
Schnee lag nur fünf bis acht Zentimeter hoch, so daß es sich gut marschie-
ren ließ.
Als ich ungefähr auf der Mitte des Sees war, hörte ich im Rücken ein Flug-
zeug brummen. Ich schaute mich um und sah ein russisches Jagdflugzeug,
das direkt auf mich zuflog. Der macht Jagd auf mich, einen einzelnen Sol-
daten, für den bin ich ein Ziel, wie auf einem Präsentierteller, schoß es mir
durch den Kopf. Was sollte ich tun? Deckung bot der zugefrorene See über-
haupt keine. Noch beim Nachdenken spritzten schon die ersten Geschosse
aus der Bordkanone ins Eis des Sees hinein. Zum Glück mußte der Flieger
einen Bogen fliegen, um ein zweites Mal anzugreifen. Ich lief los, aber im-
mer das Flugzeug im Auge; als es wieder auf mich zuflog und feuerte, warf
ich mich auf das Eis und blieb regungslos liegen, so, als wäre ich getroffen
worden. Noch einmal rauschte eine Salve über mich hinweg, dann ver-
schwand das Flugzeug in östliche Richtung. Ich erhob mich unverletzt. Nur
noch den Schreck in den Gliedern, marschierte ich weiter.
Nach zwei Stunden Marsch hatte ich die Straße nach Allenstein erreicht.
Hier war schwer was los. Alles fuhr zurück, alles war auf dem Rückzug. Vie-
le Troß- und Nachschubfahrzeuge waren dabei. Nachdem ich einige Zeit ge-
winkt hatte, blieb ein Lkw stehen, der mich mitnahm. Schnell kletterte ich
in das Führerhaus. Als es dunkel wurde, kamen wir nur langsam vorwärts,
da kein Licht gemacht werden durfte. Je näher wir Allenstein kamen, desto
voller wurde die Straße mit Wehrmachtsfahrzeugen und Flüchtlingswagen.
In Ortelsburg hielt mein Lkw. Der Fahrer hatte sein Fahrtziel erreicht. Da-
mit war auch die Fahrt für mich zu Ende. Auf der Suche nach einem Nacht-
quartier fand ich zu meiner Überraschung die Ortskommandantur, die noch
voll in Betrieb war. Vor dem Gebäude standen sogar noch zwei Wachposten.
Ich ging hinein, meldete mich zackig, bat um ein Nachtquartier und fragte
nach meiner Einheit, der Panzer-Division „Großdeutschland". Die Leute
hatten natürlich keine Ahnung, sie waren überhaupt schlecht unterrichtet,
so richtige Bürokraten, die von Front und Kampf keine Ahnung hatten. Ich
erklärte ihnen kurz die gefährliche Lage, die in den nächsten Tagen auf sie
zukommen würde. Da wurden sie plötzlich hellwach und unruhig und be-
gannen zu packen. Sie sagten mir, sie würden mich am nächsten Morgen
mitnehmen.
In der Kommandantur gab es genug Unterkunftsräume. Man wies mir ein
Zimmer zu, in dem ein Feldbett stand, auf das ich mich vor Müdigkeit fal-
len ließ. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Als ich wach wurde, war es schon Tag, 09.00 Uhr morgens. Hatte man mich
289
vergessen zu wecken? Die Ortskommandantur war leer und verlassen,
wahrscheinlich war man sehr früh aufgebrochen.
Ich wusch mich, machte mir in der Küche noch ein gutes Frühstück und
marschierte dann auf der Straße nach Allenstein weiter. Ab und zu wurde
ich von einem Fahrzeug ein Stück mitgenommen, dann ging ich wieder ein
Stück zu Fuß weiter. Dabei hielt ich dauernd Ausschau nach einem Fahr-
zeug mit weißem Stahlhelm, dem Zeichen unserer Division „Groß-
deutschland “.
Endlich hatte ich Glück. Es war am Nachmittag gegen 15.00 Uhr, als ich
einen VW-Kübelwagen mit unserem Divisionszeichen entdeckte. Drei Mann
saßen darin, zwei Offiziere und ein Fahrer. Ich rief sie an, machte mich be-
kannt und fragte nach meinem Panzer-Regiment. Der Hauptmann und der
Oberleutnant, beide vom Divisions-Stab, nahmen mich mit. Wie ich von die-
sen erfuhr, wurde in Allenstein die Panzer-Division gesammelt, um nach
Norden, Richtung Königsberg, vorzustoßen. Der Russe hatte südlich Kö-
nigsberg die Hauptstraße durchbrochen und besetzt, sie sollte wieder frei-
gekämpft werden.
Doch wir konnten an diesem Abend Allenstein, noch etwa 40 Kilometer
entfernt, nicht mehr erreichen, es war dunkel, es schneite und die Straße war
verstopft. Der Hauptmann schlug vor, die Nacht bei einer in der Nähe woh-
nenden, ihm bekannten Familie auf einem abgelegenen Bauernhof zu ver-
bringen. Die etwa drei Kilometer zu diesem Bauernhof hatten wir schnell
geschafft. Die Bewohner, die das Fahrzeug schon gehört hatten, kamen uns
entgegen und begrüßten uns herzlich, sicher auch in der Hoffnung, Neues
von uns zu erfahren. Es waren nur Frauen, Mädchen und Kinder.
Auch hier wieder die bange Frage: „Was sollen wir tun - hierbleiben -
flüchten - wohin? "
Ich staunte über die beiden fronterfahrenen Offiziere - dies bewiesen ih-
re Auszeichnungen sie sagten den Frauen schonungslos die Wahrheit. Un-
guter Rat war, sich gleich am nächsten Morgen auf den Weg zu machen, oh-
ne viel Gepäck, nur warme Bekleidung und Verpflegung mitnehmend und
nur in Richtung Ostseeküste. Die Frauen waren dankbar für diesen Rat.
Bevor sie zu packen begannen, wobei der Hauptmann half, saßen wir
noch eine Weile in der großen warmen Bauernstube zusammen. Das alles
mußten diese Ostpreußen nun am nächsten Tag verlassen und aufgeben:
Heimat, Haus, Hof, Vieh. Alles. Was mußten diese Menschen für Opfer brin-
gen!
Gegen Mitternacht überwältigte uns die Müdigkeit, wir legten uns ein-
fach auf den Fußboden und schliefen in dieser warmen großen und gemüt-
lichen Stube schnell ein. Nur der Hauptmann, der mit der Familie bekannt
war, blieb noch wach und half weiter den Frauen beim Packen. Seine
Hilfsbereitschaft hatte sich gelohnt, wie sich am nächsten Morgen zeigte.
Haus und Hof waren bereits menschenleer, noch in der Nacht hatten sich
unsere Gastgeber auf den Weg gemacht.
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Auch wir bestiegen noch im Morgengrauen unseren VW-Kübelwagenz
fuhren in Richtung Allenstein und kamen auch gut voran.
In Allenstein wimmelte es von Soldaten und Flüchtlingen wie in einem
aufgescheuchten Ameisenhaufen. Eine hektische Unruhe und eine Un-
tergangsstimmung hatte die Menschen erfaßt, jede Ordnung schien sich
aufzulösen, jeder ahnte oder wußte, daß die Russen bald hier sein würden.
Ich stieg aus dem Fahrzeug, das mich mitgenommen hatte, verabschiedete
mich von den beiden Offizieren und dem Fahrer, die jetzt ebenfalls ihre Ein-
heiten suchten und machte mich auf den Weg, meine Einheit zu finden.
Schnell fand ich ein Hinweisschild zu meinem Divisionsstab, der sich am
Stadtrand in einer alten Kaserne befand. Mit großer Freude wurde ich dort
von meinem Kompaniechef und meinen Kameraden empfangen. Wie ein
Held wurde ich gefeiert und bewundert, weil es mir gelungen war, meine
Kameraden wiederzufinden.
Man hatte es jetzt eilig, aus allen noch verfügbaren Panzern, den
„Panthern" und den „Tigern" unseres Panzer-Regimentes, eine neue
Kampfgruppe aufzustellen. Schließlich kamen noch dreißig Panzer zusam-
men; mein Chef, Oberleutnant W, sollte die Führung der neuen Kampf-
gruppe übernehmen. Noch in der kommenden Nacht sollte es losgehen. Von
meinem Chef erhielt ich den Auftrag, bei ihm in seinem „Panther" als Chef-
funker mitzufahren und alles in unserem Panzer vorzubereiten, für ausrei-
chend Benzin, Munition, Kartenmaterial usw. zu sorgen. Das bedeutete, daß
ich bis zum Abmarsch am Abend noch viel zu tun hatte.
Unser Auftrag war, so schnell wie möglich nach Norden in Richtung Kö-
nigsberg vorzustoßen, weil sich dort bereits der Russe befand. Wir sollten
die russischen Einheiten von Süden aufrollen, die Flanken durchstoßen und
vom Nachschub trennen, eine für uns nicht ungefährliche Arbeit.
Gegen Abend, als alles fertig und abmarschbereit war, kletterte ich auf
den Chefpanzer und nahm meinen Platz auf dem Funkersitz ein, der sich
beim „Panther" rechts vorn neben dem Fahrer in der Wanne befand und ei-
ne eigene Einstiegsluke hatte. Da bis zur Abfahrt noch einige Minuten Zeit
waren, standen die anderen Besatzungsmitglieder draußen am Panzer und
rauchten zur Beruhigung noch eine Zigarette.
Chef und Besatzung waren eingestiegen und die Funkgeräte eingeschal-
tet. Als die Verbindung zur Leitstelle hergestellt war, hörte ich den Befehl
des Chefs im Kopfhörer: „Panzer marsch!"
Im Führungspanzer hatte man zwei Funkgeräte. Ein Mittelwellengerät
für die Divisionsstelle und ein UKW-Funkgerät für die eigenen Panzer. Nun
war ich für die Nachtfahrt wieder vollauf beschäftigt, so daß keine Zeit mehr
war, über irgendetwas nachzudenken. Wir fuhren fast ununterbrochen, bis
auf wenige kurze Pausen, damit die Fahrer nicht vor Müdigkeit einschlie-
fen, die ganze Nacht hindurch.
Am Vormittag des 28. Januar 1945 hatten wir den neuen befohlenen Be-
reitstellungsraum erreicht. Nun wurde zunächst Pause befohlen, um zu es-
291
sen und den müden Panzerfahrern, die von Allenstein bis hierher etwa 80
bis 100 Kilometer gefahren waren, etwas Ruhe zu gönnen. Doch viel zu
schnell war die Ruhepause vorbei.
Wir wurden über die Lage und den Auftrag informiert.
Wie die Karte auswies, befanden wir uns im Raum Zinten-Kreuzburg.
Russische Einheiten versuchten, die Haupt-Rollbahn bei Kobbeibude nach
Brandenburg am Frischen Haff zu besetzen, was ihnen teilweise schon ge-
lungen war, um Königsberg von seinem Versorgungshafen Pillau abzutren-
nen. Wenn das gelänge, wäre es schlecht um Ostpreußen bestellt. Viele tau-
send Flüchtlinge würden nicht mehr gerettet und ebensoviele verwundete
Soldaten nicht mehr abtransportiert werden können. Das war nur noch über
den Hafen Pillau möglich.
Noch am Nachmittag fuhren wir nach Norden zum Einsatz. Wir kämpf-
ten die sogenannte „Rollbahn" - die Autobahn, die nach Königsberg führte
- wieder frei, fuhren Angriff auf Angriff gegen die Russen, eroberten meh-
rere Dörfer zurück, die die Russen schon besetzt hatten, befreiten damit vie-
le ostpreußische Frauen, Kinder und alte Leute und bewahrten sie vor ei-
nem schrecklichen Schicksal.
Bis zum 31. Januar 1945 waren wir Tag und Nacht im Kampfeinsatz,
machten nur kurze Pausen zum Auftanken, um Munition zu ergänzen und
etwas zu essen. An Schlaf war kaum zu denken, denn immer wieder gab es
Alarm, und es ging zum nächsten Einsatz. Hier zeigte sich, was wir als Sol-
daten aushalten und leisten konnten, wenn es von uns gefordert wurde. Die
Verteidigung Ostpreußens war eine Forderung, der wir uns mit allen Kräf-
ten stellten.
Am 1. Februar 1945, der zu meinem Schicksalstag in Ostpreußen wurde,
fuhren wir noch einmal einen letzten Angriff zur Bereinigung einer
Straßensperre. Dabei erhielt unser „Panther" einen Treffer am Turmkranz,
der uns zwang, zu unserer Ausgangsstellung zurückzufahren. Bei einer da-
nach folgenden Lagebesprechung mit den Panzergrenadieren, die außerhalb
des Panzers stattfand, wurden wir plötzlich von russischen Granatwerfern
beschossen und getroffen. Mehrere Grenadiere - und auch ich - wurden ver-
wundet. Mich hatten am linken Bein vom Knie bis zur Ferse einige Granat-
splitter getroffen, die mich gehunfähig machten.
Da das Granatfeuer anhielt und weiterhin Feindeinsicht bestand, konnte
eine Bergung der Verwundeten tagsüber nicht vorgenommen werden. Erst
bei Anbruch der Dunkelheit wurden wir geborgen und zum Hauptver-
bandsplatz der Division „Großdeutschland" gefahren. Ich erhielt sofort ei-
ne Narkose, und die sichtbaren Splitter wurden entfernt, danach ein Ver-
band mit Schienen angelegt.
Am 2. Februar wurde ich nach Heiligenbeil in ein Lazarett verlegt, wel-
ches total überfüllt war. Ich wurde deshalb auf den Flur gelegt.
Am 8. Februar wurde ich mit einem Fahrzeug mit anderen Verwundeten
nach Rosenberg an das Frische Haff gefahren, nachts auf einen Schleppkahn
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gebracht, der uns, durch eine Eisrinne fahrend, nach Pillau brachte. Hier
stand, auf einem Hafengleis, ein Lazarettzug, in dem wir von Rot-Kreuz-
Schwestern betreut wurden. Meine Hoffnung, mit diesem Lazarettzug ins
Reich transportiert zu werden, ging nicht in Erfüllung; es fuhr überhaupt
kein Zug mehr nach Westen.
Doch eine andere Rettung nahte: In den Hafen von Pillau lief das Laza-
rettschiff „Steuben" ein, schneeweiß gestrichen und mit dem roten Kreuz
am Schornstein versehen.
Auf dieses Schiff wurden alle Verwundeten verladen, danach kamen
Flüchtlinge an Bord, Frauen, Kinder und alte Leute, bis das Schiff voll war.
Gegen 15.00 Uhr legte die „Steuben" ab mit Kurs nach Westen, der Hei-
mat entgegen. Wir alle dachten, auch ich, einem „Lazarettschiff" kann nichts
passieren. Flugzeuge und U-Boote würden ein solches Schiff nicht angrei-
fen, und die Gefahr eines Minentreffers bestand auch nicht, da, wie ich hör-
te, wir durch ein minengeräumtes Seegebiet unsere Fahrt machten.
Ich lag irgendwo auf einem der obersten Decks der „Steuben" in einem
großen Saal, der wohl früher einmal ein Festsaal war. Hier lagen viele Ver-
wundete, Trage an Trage, Kopf an Kopf. Unzählbar. Wir hatten eines ge-
meinsam: die Freude, mit diesem schönen Schiff in die Heimat zu fahren;
morgen oder übermorgen würden wir schon in Swinemünde oder einem
Hafen in Schleswig-Holstein sein.
Das ganze Schiff schien voller Flüchtlinge und Verwundeter zu sein; ob es
zwei-, drei- oder gar viertausend waren, wußte keiner von uns. Unser Glück
war nur, daß wir dazugehörten.
Als es später wurde und die Nacht hereingebrochen war, wurde es ruhi-
ger und ruhiger. Auch in meiner Umgebung. Nur hier und da hörte man ein
Stöhnen von Verwundeten.
Die Strapazen der letzten Tage ließen mich schnell einschlafen.
Gegen Mitternacht wachte ich plötzlich auf. Warum weiß ich nicht, ein
ungutes Gefühl überfiel mich plötzlich. Wie wenn mich jemand an die Hand
nähme, rappelte ich mich auf, da mein linkes Bein zerschossen war, mit
Schienen eingegipst, konnte ich nur noch auf dem rechten Bein hüpfen. Das
war beschwerlich.
Ich kam zu einer schmalen Treppe, an deren Geländer ich mich hinauf-
zog. Wo, an welcher Stelle ich mich auf dem Schiff befand, wußte ich nicht,
da ich bisher noch nie auf einem Schiff gewesen war. Oben auf dem Ober-
deck angekommen, sauste ich, da ich keinen Halt fand, sofort über das ver-
eiste Deck bis an die Reling und direkt in ein Rettungsboot.
Jetzt erst bemerkte ich, daß das Schiff starke Schlagseite hatte und zu sin-
ken begann.
Wenig später sank das Rettungsboot auf das Wasser der Ostsee herab.
Doch es hing noch an seinen Halteseilen. Ich war allein im Boot mit noch
zwei oder drei Frauen, die hineingeklettert waren. Wir wußten nun nicht,
wie man das Boot losmachte. Das entdeckte ein älterer Marinemann, ich
293
glaube es war ein Obermaat, der in das Boot sprang. Er wußte wo Werkzeug
in unserem Boot war, holte eine Axt hervor und schlug die Halteseile ent-
zwei. Dann gab er jedem von uns im Boot ein Ruder und sagte uns, daß wir
mit allen Kräften rudern sollten, um von dem untergehenden Schiff wegzu-
kommen. Er machte uns das Rudern vor, und wir folgten seinem Befehl.
Obwohl unser Boot wohl das erste war, das zu Wasser gekommen sein
mußte, schien dies schon fast im letzten Augenblick gewesen zu sein. Denn
kaum hatten wir uns vielleicht hundert Meter von unserem Schiff entfernt,
begann dieses stärker zu sinken. Wenig später schlugen schon die Schorn-
steine der „Steuben" auf die Wasseroberfläche der Ostsee.
Was dann kam, kann ich zeitlebens nicht vergessen; es wird immer in mei-
ner Erinnerung bleiben.
Wir waren noch etwas weiter vom Schiff weggerudert, als plötzlich ein
furchtbares Hilfeschreien einsetzte, das über die Ostsee hallte. Das ganze
Meer um uns herum schien voller schwimmender Menschen, schwimmen-
der Köpfe, die auf den Wellenbergen und in den Wellentälern aus dem Was-
ser ragten; viele davon hatten beide Hände zum Himmel erhoben, ausge-
streckt, als warteten sie auf jemanden, der sie aus der eiskalten Ostsee zieht.
Ein schrecklicher, furchterregender Anblick.
Und wir mit unserem Boot waren mittendrin.
Noch einmal ein fürchterliches Anschwellen der Hilfeschreie, als die
„Steuben" endgültig in der Ostsee versank und die Wellenberge über dem
großen Schiff zusammenschlugen.
Fast pausenlos hatten wir bereits Menschen, die im Wasser schwammen,
in unser Boot aufgenommen. Wir waren schon total erschöpft. Ich konnte
nur im Sitzen helfen, da ich bei dem Seegang auf einem Bein nicht in dem
Boot stehen konnte. Dann kam der Zeitpunkt, wo das Boot randvoll war.
Nach und nach begannen wir immer mehr zu frieren, denn die See und die
Luft waren sehr kalt.
Stundenlang trieben wir mit unserem Boot auf der Ostsee. Weit und breit
kein rettendes Schiff zu sehen. Als die Nacht langsam dem Morgen zu wei-
chen begann, schoß ein Marinemann aus unserem Boot eine Leuchtkugel ab,
um ein Schiff, das am Horizont in Sicht gekommen war, auf uns aufmerk-
sam zu machen. Wir hatten Glück, dieses Schiff, ein Torpedoboot, kam auf
uns zu, es war das Torpedoboot „T 196".
Einer nach dem anderen wurde von der Besatzung des Torpedobootes aus
dem Rettungsboot gezogen, kaum einer konnte noch mit eigener Kraft um-
steigen.
Meine Anbordnahme gestaltete sich etwas schwieriger, da ich mir selbst
überhaupt nicht helfen konnte und nur auf die Hilfe der Marinekameraden
angewiesen war. Man beförderte mich in den warmen Maschinenraum, da
das ganze Schiff mit Schiffbrüchigen von der „Steuben" belegt war. Mein
Versuch, meine total durchnäßte Kleidung loszuwerden, mißlang, sie trock-
nete mir während der Fahrt des Bootes am Leibe.
294
Unser Rettungsschiff lief den Hafen von Kolberg an, wo wir, die Verwun-
deten, zuerst an Land gebracht wurden. Nach einem Kurzaufenthalt in ei-
nem Kolberger Lazarett wurde ich nach Stettin in ein Militärlazarett verlegt
und später nach Soltau in die Lüneburger Heide, wo ich bis zu meiner Ge-
nesung im Juni 1945 gelegen habe. Danach wurde ich nicht etwa nach Hau-
se entlassen, sondern zunächst in amerikanische Gefangenschaft, aus der ich
endlich, Ende 1945, in meine hessische Heimat zurückkehren durfte; nach
fünf langen Kriegsjahren. Ich hatte den Krieg in Rußland, den Krieg in Ost-
preußen und den Untergang des Lazarettschiffes „ Steuben" überlebt; ich
war damit dreimal dem Tode entronnen. Letztlich verdanke ich dies den Ka-
meraden, die mich in Ostpreußen zum Verbandsplatz brachten, den Ärzten
und Sanitätern, die sich um meine Verwundung kümmerten, nicht zuletzt
aber der Marine, die mich nach Pillau brachte, die mich auf der „Steuben"
aufnahm und die mich schließlich aus der Ostsee rettete.
Erst 1985, dreißig Jahre nach Kriegsende, erfuhr ich aus der Dokumenta-
tion „Ostsee 45“ von Heinz Schön näheres über die „Steuben" und den Un-
tergang dieses Lazarettschiffes. Verursacht wurde der Untergang, der um
Mitternacht vom 9. zum 10. Februar 1945 auf der Höhe von Stolpmünde er-
folgte, durch zwei Torpedotreffer, abgefeuert von dem russischen U-Boot „S
13" unter Führung von Kapitän 3. Ranges Alexander Marinesco. Es war das
gleiche U-Boot, das am 30. Januar 1945 bereits die „Wilhelm Gustloff" mit
drei Torpedotreffern auf den Grund der Ostsee geschickt hatte, unweit der
Stelle, an der die „Steuben" ihr Ende fand. Mit 4.267 Personen, einschließlich
der Besatzung, hatte die „Steuben" Pillau verlassen. 3.608 von ihnen fanden
beim Untergang des Schiffes den Tod, nur 659 überlebten.
Einer von diesen war ich.
Originalbericht 28 Seiten (handschriftlich) und persönliche Erklärung vor-
liegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
295
Dokument 20
Klettke, Heinz
Geboren am 29. März 1921 in Rosenberg
Dienstrang: Obergefreiter
Unteroffizier-Anwärter
Einheit: 93. Infanterie-Division
Grenadier-Regiment 270,
14. Kompanie
Ostpreußen-
Einsatz: Anfang Februar 1945 bis
13. April 1945
Verwundet: am 13. April 1945 bei Thierenberg
Rücktransport: 14. April 1945 Pillau-Hela
15. April 1945 Heia-Kopenhagen
mit Lazarettschiff „ Pretoria"
Mit Panzer-Zerstörer-Zug im Fronteinsatz
Am 5. August 1941 wurde ich vom Wehrbezirkskommando Marienburg
in Westpreußen zur Wehrmacht einberufen und kam zum Fallschirmjäger-
Ersatz-Bataillon der Flieger-Division 7 in Stendal. Nach einem Unfall
während der Fallschirmjäger-Ausbildung wurde ich als gelernter Auto-
elektriker zum kraftfahrtechnischen Personal der Luftwaffe auf den Flug-
platz Vechta versetzt. Am 1. August 1942 erfolgte meine Kommandierung
zur Luftzeuggruppe 1 Riga, am 1. Juli 1943 zum Kfz-Beständebezirk der
Luftwaffe 1/1 Riga.
Im August 1944 wurde ich als Ausbilder und Gruppenführer bei einer
Luftwaffen-Alarmeinheit in Riga eingesetzt; nach ersten verlustreichen Ab-
wehrkämpfen an der Kurlandfront wurde die Einheit vom Heer übernom-
men und der 93. Infanterie-Division angegliedert.
Nach Besuch einer Divisions-Kampf schule Ende 1944 war ich bei der 14.
Kompanie des Grenadier-Regiments 270 der 93. Infanterie-Division als
Gruppenführer in einem Panzerzerstörer-Zug eingesetzt. Die 14. Kompanie
war die Panzerjäger-Kompanie mit drei Zügen. Der erste Zug war mit drei
Pakgeschützen ausgerüstet (7,62 cm-Beutegeschützen). Der zweite und drit-
te Zug hatte jeweils drei Gruppen. Diese waren mit 8,8 cm-Raketen-Panzer-
296
büchsen (Ofenrohre) ausgerüstet. Jede Gruppe hatte drei Rohre. Diese Grup-
pen nannten sich Panzer-Zerstörer-Gruppen. Eine Panzer-Zerstörer-Grup-
pe befand sich immer bei einer Infanterie-Kompanie; sie wurde von dieser
auch an bestimmten Brennpunkten des Kampfgeschehens eingesetzt. Die
Rohre eigneten sich sehr gut zur Panzerbekämpfung, denn auf 100 Kilome-
ter hatte man eine gute Treffergenauigkeit, aber zur Infanteriebekämpfung
waren sie denkbar ungeeignet. Wir wurden aber auch in Schützengräben
zur Infanterie-Unterstützung eingesetzt.
Anfang Februar 1945 wurden wir aus der Frontlinie im Kurland heraus-
gezogen; wir mußten nach Labiau marschieren. Dort wurden wir auf meh-
rere Frachtschiffe zum Abtransport nach Pillau verladen. Kaum hatten wir
den Hafen verlassen, als die Schiffe von russischen Flugzeugen (II2) mit Tor-
pedos, Bombenabwürfen und Bordwaffenbeschuß angegriffen wurden. Der
Geleitzug, in welchem sich unser Schiff befand, wurde durch diesen Angriff
zersprengt. Durch das Flakfeuer der Schiffe wurden mehrere sowjetische
Maschinen getroffen und verschwanden mit Rauchfahnen am Horizont.
Unser Schiff, das nach dem Angriff seine Fahrt fortsetzte, war von einer
Bombe, die direkt neben der Bordwand ins Wasser fiel, beschädigt worden.
In die rechte Bordwand wurde ein Leck gerissen. Dabei wurden mehrere
Soldaten unserer Einheit verwundet. Da wir eine bespannte Einheit waren,
wurden auch einige Pferde, die sich unter Deck befanden, verwundet und
getötet. Das Leck in der Schiffswand wurde notdürftig mit einer Plane ab-
gedichtet, nachdem die sowjetischen Flugzeuge verschwunden waren.
Nach dem Einlaufen unseres Schiffes in den Hafen von Pillau blieben wir
in der Nacht an Bord und wurden am nächsten Morgen ausgeschifft. Unse-
re Einheit wurde danach sofort in Lkws verladen und nach Neukuhren ge-
bracht.
Für einen für den 19. Februar 1945 geplanten Gegenstoß wurden wir mit
unserem Zug einen Tag vorher bis in die Nähe der Frontlinie gebracht.
Unser gemeinsam mit der Infanterie geplanter Angriff begann am Mor-
gen des 19. Februar 1945 mit einem gewaltigen Trommelfeuer, er hatte das
Ziel, die eingedrungenen Russen zurückzutreiben. Der Angriff hatte
zunächst auch Erfolg, doch plötzlich erhielten wir das Kommando, uns auf
freiem Feld einzugraben und Stellungen zu bauen. Hierbei sind viele mei-
ner Kameraden durch russisches Artilleriefeuer und Granatwerferbeschuß
gefallen oder wurden verwundet.
Ich selbst bekam einen hochgeschleuderten faustgroßen Stein gegen das
rechte Auge, das stark blutete und anschwoll, so daß ich nichts mehr sehen
konnte. Ich wurde dann vom stellvertretenden Gruppenführer abgelöst und
zum Regimentstroß zurückgebracht.
Nach etwa einer Woche wurde die Einheit zurückgezogen, und die 14. Kom-
panie mußte wegen der starken Verluste völlig neu aufgestellt werden. Als ich
wieder zu meiner Einheit zurückkehrte, fand ich von meiner alten Gruppe kei-
nen der Kameraden mehr vor, sie waren alle gefallen oder verwundet.
Die nächsten Wochen waren wir laufend im Einsatz, mußten neu bezo-
gene Stellungen verteidigen oder wurden bei Gegenangriffen eingesetzt,
dann wurde wieder Frontbegradigung befohlen, wir zogen uns wieder
zurück und bezogen neue Stellungen, oft auf freiem Feld, manchmal auch
in verlassenen Häusern und Dörfern. Man verlor bei diesem Hin und Her,
Verteidigen und Vorgehen, jedes Gefühl für Zeit und Raum und hatte als
Soldat, abhängig von Befehlen von Vorgesetzten, nur noch den einen
Wunsch, zu überleben. Denn eines spürten und wußten wir alle, die deut-
sche Front in Ostpreußen wich immer weiter zurück nach Norden, der Ost-
see zu.
Nach den verlustreichen Frontbegradigungen, besser gesagt Rückzugs-
gefechten, verbunden mit öfterem Stellungswechsel, übernahm ich Anfang
April 1945 den 2. Zug der 14. Kompanie, der aber nur noch aus zwölf Mann
bestand. Am 12. April waren wir noch vier Mann, die anderen Kameraden
waren gefallen oder lagen verwundet in Lazaretten.
Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Thierenberg.
Am Morgen des 13. April 1945, es war noch dunkel, begann in unserem
Frontabschnitt ein starkes russisches Trommelfeuer. Gleich bei den ersten
Einschlägen fiel durch Volltreffer bei uns ein Rohr aus. Nach massiver
Feuervorbereitung durch die Artillerie erfolgte der Angriff der Russen auf
unsere Stellung. Mit dem letzten Rohr konnten wir noch zwei Raketen ab-
feuern. Danach stoppte der Angriff in unserem Bereich, aber unser Abschnitt
wurde unter starkes Granatfeuer genommen. Eine Granate schlug in unse-
ren Graben ein, zerfetzte meinem Kameraden den ganzen Rücken und riß
ihm den Hals auf.
Ich bekam Granatsplitter in den rechten Oberarm und die rechte Schulter.
Nachdem ich mit einer Handgranate noch unser Rohr gesprengt hatte, woll-
te ich weg. Hinter mir waren schon die Russen, die im Nachbarabschnitt
durchgebrochen waren. Ich konnte nur noch nach der anderen Seite im fast
zugeschütteten Graben kriechen und später auch laufen, was meine Rettung
bedeutete. Ich bin so bis zu einer deutschen Auffangstellung gekommen.
Hier wurde ich notdürftig verbunden und auf einem Lkw zu den rückwär-
tigen Stellungen der 58. Division mitgenommen. Dort kam ich zu einer
Krankensammelstelle.
Am Abend des 13. April wurden die Kranken und Verwundeten von der
Krankensammelstelle in ein Notlazarett in Pillau gebracht, das in einer
Schule eingerichtet worden war. Schon in der Nacht darauf, vom 14. zum
15. April, wurden wir mit Autobussen zum Pillauer Hafen gebracht, da Pil-
lau immer heftiger unter Artilleriebeschuß geraten war und der Endkampf
um die Festung und den Hafen bereits begonnen hatte.
Man verlud uns auf im Hafen bereitliegende kleine, flache Wasserfahr-
zeuge (Prähme), mit denen wir zur Halbinsel Heia gebracht wurden. Dort
lagen auf der Reede mehrere große Schiffe, darunter das Lazarettschiff „Pre-
toria". Jeweils 20 Mann kamen in ein Netz, und dieses wurde dann mit ei-
298
nem Kran an Deck der „Pretoria" gehoben. Danach bekamen wir in dem be-
reits überfüllten Schiff eine Ecke unter Deck zugewiesen.
Kaum waren wir an Bord und fühlten uns sicher und geborgen, als Ein-
schläge zu hören waren. Für mich bestand kein Zweifel, daß unser Schiff an-
gegriffen wurde, entweder von Flugzeugen oder durch die russische Artil-
lerie, die zu diesem Zeitpunkt die Danziger Bucht bereits besetzt hatte. Das
Bemühen einiger gehfähiger Verwundeter, an Oberdeck zu gelangen, wur-
de von Matrosen, die an den Treppen mit Maschinenpistolen Wache hielten,
unterbunden. Man beruhigte uns mit dem Hinweis, daß das Schiff in Kür-
ze auslaufen würde. Als weitere Einschläge zu hören waren, wurde es an
Bord noch unruhiger, eine Panik konnte jedoch verhindert werden. Erst am
Abend verließ das Lazarettschiff „Pretoria" die Reede von Heia und fuhr im
Geleit mit anderen Schiffen nach Kopenhagen. Erst dort sahen wir, daß das
Schiff Treffer erhalten hatte und mit starken Beschädigungen und leichter
Schlagseite die gefahrvolle Fahrt über die Ostsee hatte machen müssen.
Aber ich gehörte zu den Glücklichen, die von Pillau über Heia dem He-
xenkessel Ostpreußen mit der „Pretoria" entkommen waren...
Originalbericht 4 Seiten (handschriftlich) und persönliche Erklärung vor-
liegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
299
Dokument 21
Timons, Wilhelm
Geboren am 21. April 1920
Dienstrang: Stabsgefreiter
Einheit: 83. Infanterie-Division
Ostpreußen- Einsatz: 23. Januar bis 8. Mai 1945
Russische Ge- fangenschaft: 26. April 1945 bei Pillau
Abtransport nach Rußland: 11. Mai 1945
Entlassung: 27. März 1948
Pillau verteidigt - darauf nach Sibirien
Im Januar 1940 wurde ich Soldat, wurde als Infanterist ausgebildet, kam
am 10. Mai 1940 zum ersten Einsatz in Holland, danach in Belgien und
Frankreich, ab Oktober 1941 in Rußland bei Leningrad-Ladogasee, am
Wolchow, später in Kurland, und anschließend bei der Verteidigung von
Gotenhafen. Mein letzter Einsatzort war Pillau in Ostpreußen.
Fast fünf Jahre Krieg lagen hinter mir, als ich nach der erfolgreichen 3.
Abwehrschlacht an der Kurlandfront am 23. Januar 1945 mit meiner Einheit,
dem Infanterieregiment 412 der 227. Infanteriedivision, dem ich als Melder
angehörte, im Hafen von Libau auf den Frachter „Theseus" verladen wur-
de, der uns in unser nächstes Einsatzgebiet, die Danziger Bucht, brachte. Am
24. Januar wurden wir in Danzig-Neufahrwasser ausgeladen.
Der zweimonatige Endkampf um Danzig und Gotenhafen hatte unserer
Division so stärke Verluste zugefügt, daß sie auf Befehl des OKH aufgelöst
und mit sämtlichen Teilen der 83. Infanteriedivision der Führung von Oberst
Dr. Ratz unterstellt wurde. Nach dem Fall von Gotenhafen gelang es der
Marine, uns am 28. März 1945 im Rahmen des „Unternehmens Walpurgis-
nacht" auf die Oxhöfter Kämpe zu überführen und danach auf die Halbin-
sel Heia. Wir wußten, daß der Krieg verloren ist, und hatten nur noch den
300
Wunsch, mit möglichst gesunden Knochen nach Hause zu kommen; wir
warteten auf Heia auf den Abtransport mit Schiffen über die Ostsee.
Doch es kam anders...
Am Abend des 23. April 1945 wurden die restlichen Einheiten der 83. In-
fanteriedivision ohne schwere Waffen unter Führung von Oberst Dr. Ratz
auf Fährprähme verladen und von Heia nach Pillau überführt.
Ich war als Regiments-Melder dabei.
In Pillau tobte bereits seit Tagen der Endkampf. Auf dem Kai des Hafens,
an dem wir nachts ausgeladen wurden, Tausende von Flüchtlingen, meist
Frauen mit ihren Kindern und ältere Leute - und ein Heer von Verwunde-
ten. Sie alle warteten auf Schiffe, auf Rettung über die Ostsee, denn Pillau
würde sich nur noch Stunden, oder einen oder zwei Tage, gegen die russi-
sche Übermacht halten können.
Noch vor dem Hellwerden wurde unser Regiment in der Mitte der Front-
linie, ca. drei bis vier Kilometer vor Pillau, eingesetzt, anschließend zwi-
schen der Jugendherberge und dem Ostseestrand mit dem Grenadier-Regi-
ment 251. Etwa drei Kilometer nördlich, im Raum des Seebades Neuhäuser,
bildeten Teile der 32. Infanteriedivision mit angeschlagenen Resten der
norddeutschen 58. Infanteriedivision und der Panzer-Grenadier-Division
„Großdeutschland" die vorderste Linie.
Der Russe machte vorerst durch pausenlose Angriffe seiner Schlachtflie-
ger insbesondere die Stellung der 83. Infanteriedivision sturmreif. Deutsche
Fliegerabwehr und Jagdflugzeuge waren nicht vorhanden.
Für uns gab es keine Verpflegung und keine schweren Waffen, nicht ein-
mal Granatwerfer, und viel zu wenig Panzerfäuste, so daß unsere Verteidi-
gungsmöglichkeiten stark eingeschränkt waren. Im Laufe des Vormittags
des 24. April verstärkte sich das feindliche Artilleriefeuer auf die Stellungen
des Grenadier-Regiments 412. Feindliche Bomberverbände griffen die Stadt
Pillau an und zerstörten sie planmäßig. Oberst Ratz verlegte den Gefechts-
stand in einen Gewölbekeller der alten Befestigungsanlagen am Friedhofs-
berg. Russische Panzer brachen durch. Ein kleinerer Einbruch beim Grena-
dierregiment 412 konnte am Abend bereinigt werden. In der Nacht vom 24.
zum 25. April übernahm die 83. Infanteriedivision im Gefechtsstand „Zita-
delle ", später im Marine-Bunker auf der Mole, den Befehl über die gesamte
Front.
Am Abend des 24. April hatte sich die Front beim Regiment 412 beruhigt.
Da durch das schwere Artilleriefeuer und die Bombenangriffe die Telefon-
verbindung zur Division unterbrochen war, mußte ich noch mit einer Mel-
dung zum Divisionstab. Man gab mir noch zwei russische Gefangene mit,
die ich dort abliefern sollte.
Die Stadt Pillau bot ein Bild des Grauens: brennende Häuser, zerstörte
Fahrzeuge, ausgebrannte Lkws, tote und verwundete Pferde, gesprengte
Geschütze, gefallene deutsche Soldaten, die man noch nicht hatte weg-
schaffen können.
301
In dem immer noch anhaltenden Artilleriefeuer und der Bombardierung
durch russische Flugzeuge eilte ich von Deckung zu Deckung und mußte
dabei noch darauf achten, daß mir die beiden russischen Gefangenen nicht
abhanden kamen. Beim Divisions-Gefechtsstand wurde mir empfohlen,
gleich dort zu bleiben, weil das Ende von Pillau abzusehen war. Ich ging
aber wieder zu meinen Kameraden im Regimentsgefechtsstand zurück. Auf
dem Rückweg kam ich an einem Magazin der Marine vorbei, das wegen der
Rücknahme der Frontlinie aufgelöst wurde. Ich konnte mir leider nur eini-
ge gute Sachen, die wir als Infanteristen nie bekommen hatten, in meinen
Brotbeutel stecken. Aber eine Tasche mit vier Flaschen guter „geistiger" Ge-
tränke für meine Kameraden schleppte ich noch mit. Zum Glück hatten das
Artilleriefeuer und die Bombardierung aufgehört.
Durch die starken Ausfälle an Verwundeten und Gefallenen hatten wir al-
le nur noch Maschinenpistolen und keine Gewehre. Letztere waren zu
schwer und zu umständlich. Außerdem hatten die Maschinenpistolen eine
schnellere und größere Feuerkraft. Zur MP gehörten zwei große Taschen am
Koppel mit feuerbereiten Magazinen. Dazu hatte ich noch eine kleine Offi-
ziers-Pistole.
Am 25. April begann der Russe um 6 Uhr morgens mit einem vernich-
tenden Artilleriefeuer auf unsere Stellungen und griff anschließend mit Pan-
zern an. Ostwärts war er bereits in die Stadt eingedrungen. Stellungswech-
sel wurde befohlen. Von Haus zu Haus springend bewegten wir uns durch
die brennende Stadt. Durch die unklare Gefechtslinie verlagerte der Russe
das Artilleriefeuer noch mehr in den hinteren Teil der Stadt, ebenso die Bom-
bardierungen. Am frühen Nachmittag hatte die Division etwa 300 bis 500
Meter vor der Zitadelle einen geschlossenen Riegel gebildet. Zwischen 17
und 18 Uhr zog sich die Division auf Befehl in die Zitadelle zurück. Eine
Brücke über den Festungsgraben flog erst nach beherztem Einsatz eines Pio-
nier-Feldwebels in die Luft. Jetzt waren wir voraussichtlich vor der russi-
schen Übermacht sicher. In den Kasematten konnten die Grenadiere nach 16
Stunden ständigem harten Einsatz aufatmen, und es gab endlich etwas zu
essen.
Nach Einbruch der Dunkelheit begann der Abtransport der zahlreichen
Verwundeten. Durch das westliche Tor wurden die Verwundeten auf die
Nordmole getragen und als erste auf Schiffe verladen, die sie zur Halbinsel
Heia bringen sollten. Dies geschah unbemerkt von den Russen. Der Zugang
war den Russen noch durch eine gesicherte Artilleriestellung auf dem
schmalen Küstenstreifen zwischen Ostseestrand, Festungswall und gerin-
gen Kräften am „Bollwerk" verwehrt.
Gegen Mitternacht war fast die ganze Besatzung der Zitadelle auf der Mo-
le. Der Russe verhielt sich ziemlich ruhig. War es die Ruhe vor dem letzten
Sturm?
Mein Kamerad Neuhausen und ich legten uns erst einmal am Fuße der
Nordmole hin, wir waren todmüde und schliefen sofort ein. Als wir er-
302
wachten, war die Nacht bald vorbei, und wir drängten uns auf eines der drei
kleinen Schiffchen, die uns über das Pillauer Tief auf die Frische Nehrung
brachten. Unser Regimentskommandeur war leider inzwischen schon vor
uns übergesetzt worden, wodurch wir den Anschluß zu ihm verloren hat-
ten.
Auf der Frischen Nehrung befand sich General Henke, der Kommandeur
der Landungsflotte Ostsee, die am Vorabend die Kämpfer von Pillau hatte
aufnehmen sollen. Dies war aber gescheitert, weil die zur Landungsflotte
gehörenden Boote, von Heia kommend, in ein Seegefecht verwickelt wor-
den waren. In der Nacht vom 25. zum 26. April war inzwischen der Russe
auf der Nehrung gelandet; er hatte den Zugang zu dem befohlenen Sam-
melplatz der 83. Infanteriedivision gesperrt. Oberst Ratz, der sich nach An-
kunft auf der Nehrung bei General Henke gemeldet hatte, lehnte dessen
Vorschlag ab, einen Teil der Küstensicherung an der Küstenbatterie „Lehm-
berg" mit seinen Männern zu übernehmen; er war der Auffassung, daß nur
noch ein Durchschlagen durch den feindlichen Sperriegel in Frage käme.
Als wir, mein Kamerad Fritz Neuhausen und ich, am nächsten Morgen
verspätet auf der Küstenbatterie „Lehmberg" eintrafen, wurden wir von Ge-
neral Henke als Melder eingesetzt. Unser Einwand, daß wir uns bei unse-
rem Regimentskommandeur melden müßten, nutzte nichts.
Auf dem Weg zur Küstenbatterie „Lehmberg" hatten wir ein noch intak-
tes Funkgerät liegen sehen. Da sich in der Küstenbatterie ein solches nicht
befand, schlugen wir General Henke vor, dieses zu holen, wenn er uns ei-
nen entsprechenden Feuerschutz durch die vier noch intakten Panzerge-
schütze geben würde. Der General war damit einverstanden, und wir ka-
men mit dem Funkgerät zurück.
Nachdem acht russische Sturmgeschütze die Panzerkuppel mit den vier
Geschützen auf den Bunkern zerstört hatten, mußten wir uns ohne schwe-
re Waffen gegen die russische Übermacht verteidigen.
Am Abend des 26. April bekamen wir durch unser Funkgerät Verbindung
mit einer Landungsboot-Flottille, die uns zusagte, die gesamte Besatzung
der Küstenbatterie in der kommenden Nacht abzuholen.
In der Dunkelheit trugen wir mit großer Mühe alle Verwundeten, die in
der Batterie lagen, an den Ostseestrand. Doch die Boote kamen wegen der
Feindberührung zu spät, so daß der Russe den Landungsversuch im Mor-
gengrauen bemerkte und ein höllisches Artilleriefeuer auf die Boote lenkte,
die dadurch gezwungen wurden, den Landungsversuch abzubrechen und
unverrichteter Dinge umzukehren. Für uns hatte dies die Konsequenz, daß
wir unter schwerstem Feindbeschuß alle verwundeten Kameraden wieder
über die steile Sandböschung zurück in die Batterie tragen mußten.
General Henke gab von der Batterie aus immer wieder einzelne gezielte
Gewehrschüsse auf den Feind ab. Suchte er den baldigen Tod?
Plötzlich sahen wir im Nachbar-Bunker die weiße Fahne hochgehen. Kur-
ze Zeit später standen acht russische Soldaten, schwer bewaffnet mit Ma-
303
schinenpistolen und Handgranaten, vor mir und meinen Kameraden, die
wir den Bunker, in welchem sich General Henke befand, bewachten. Uns
blieb in dieser ausweglosen Situation nichts anderes übrig, als beide Arme
zu heben und uns zu ergeben.
Die acht russischen Soldaten stürmten daraufhin sofort in den Bunker
hinein. Wahrscheinlich hatten sie in dem schon besetzten Nachbar-Bunker
erfahren, daß sich der General in unserem Bunker befand; an seiner Gefan-
gennahme schienen sie besonders interessiert zu sein.
Kurze Zeit später trugen vier unserer Kameraden, die sich im Bunker be-
funden hatten, den General tot auf einer Zeltplane liegend aus dem Bunker.
Sie sagten uns, General Henke habe sich seiner Gefangennahme durch ei-
nen Kopfschuß entzogen.
Wir wurden nun entwaffnet. Andere, hinzugekommene russische Solda-
ten hatten inzwischen eine Doppelreihe gebildet, durch die wir „Spießruten
laufen" mußten. Da General Henke am Vormittag die von den Russen zu
ihm gesandten Parlamentäre, die ihn aufforderten, sich zu ergeben, mit sei-
ner Ablehnung zurückgeschickt hatte, waren die Russen über unseren lan-
gen und zähen Widerstand sehr verärgert. Sie schlugen uns mit Gewehr-
kolben auf den Rücken und nahmen uns alles ab, was wir noch bei uns hat-
ten; sie konnten alles gebrauchen. Stiefel waren besonders begehrt. Zum
Glück hatte ich kräftige Schnürschuhe an, die sie nicht interessierten.
Ein etwas später eintreffender russischer General, der sich über die ge-
naueren Umstände von Generalmajor Henke erkundigt hatte, sprach uns,
im Gegensatz zu den vorausgegangenen Mißhandlungen russischer Solda-
ten, ein Lob aus für die tapfere Verteidigung der Batterie und gestattete uns
sogar, den Toten zu beerdigen. Die dazu benötigten Mittel stellte er uns zur
Verfügung. Einige deutsche Offiziere aus dem Nachbarbunker, die inzwi-
schen zu uns gestoßen waren, trugen Generalmajor Henke auf die höchste
in der Nähe gelegene Düne und setzten ihn dort bei. Auf sein Grab setzten
wir ein schlichtes Holzkreuz mit Inschrift. Danach traten wir den Weg in die
russische Gefangenschaft an.
Wir marschierten von Pillau nach Königsberg, das am 9. April kapituliert
hatte und voller Russen war. Hier wurden wir in einer noch einigermaßen
erhaltenen Kaserne untergebracht. Da es weder auf dem Marsch noch in der
Kaserne etwas zu essen und zu trinken gab, hatte ich mir durch den Genuß
von Wasser aus einem Tümpel einen ruhrartigen Durchfall zugezogen. Ich
fühlte mich hundeelend.
Am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht an allen
Fronten, feierten die Russen ihren großen Sieg - für uns, die Besiegten, be-
gann wenige Tage später ein neuer Abschnitt in unserem Soldatenleben: die
sowjetische Gefangenschaft, weit, weit von unserer Heimat entfernt.
Es war ein endlos langer Zug deutscher Soldaten, deren Marsch in die Ge-
fangenschaft am 11. Mai 1945 in Königsberg in Richtung Insterburg begann.
Für viele wurde er zu einem Todesmarsch. Wenn ein Gefangener nicht mehr
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laufen konnte und aus der Marschkolonne ausscheren mußte, blieb ein rus-
sischer Posten bei ihm, bis die Kolonne vorbei war. Dann, als wir weiterge-
zogen waren, hörten wir einen Pistolenschuß und wußten, daß für diesen
Kameraden alle Not und Mühsal beendet waren. Vielen ist dadurch in den
nun folgenden Jahren der Gefangenschaft ein langes Leiden erspart geblie-
ben.
Insterburg war die Sammelstation für die deutschen Kriegsgefangenen in
Ostpreußen. Von hier aus gingen die Viehwagentransporte nach Osten in
die Sowjetunion.
Auch ich war dabei.
Mit etwa 2.000 Kameraden wurden wir in das Lager Rubzowsk bei No-
wosibirsk abtransportiert. Im Frühjahr 1946 wurde ich in das Lager Tschka-
tow am Ural verlegt; erst am 27. März 1948 sah ich die Heimat wieder.
Originalbericht 12 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
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Dokument 22
Bernhardt, Herbert
Geboren am 19. Juni 1914
Dienstrang: Major
Einheit: Letzter Kommandeur des Pionier-Bataillons 292
Ostpreußen- Einsatz Februar 1945 bis Anfang Mai 1945
Kriegsende: Rücktransport am 6. Mai 1945 mit Frachter „La Paloma" nach Kopenhagen
Das ostpreußische Inferno am Frischen Haff
Seit dem 1. November 1934 Soldat der Deutschen Wehrmacht, habe ich als
Leutnant (1. September 1939), Oberleutnant (1. Oktober 1941), Hauptmann
(1. März 1943) und Major (1. September 1944) den Krieg in Polen, Frankreich
und Rußland und ab Februar 1945 die Rückzugskämpfe in Ostpreußen mit-
erlebt; zuletzt das Inferno auf dem ostpreußischen Festland am Frischen
Haff bei Follendorf und schließlich bei Balga und Kahlholz.
Ich war der letzte Kommandeur des Pionier-Bataillons 292, zu dem ich am
10. Februar 1945 mit meinem noch einigermaßen gut intakten Pionierbatail-
lon der 129. Infanterie-Division nach deren Auflösung (damals Nachbar-Di-
vision der 292.) stieß. Das Pionierbataillon 292 war zu diesem Zeitpunkt lei-
der schon sehr dezimiert und ohne offiziellen Kommandeur, da dieser im
Oktober 1944 durch Verwundung ausgefallen war.
Die nun zusammengelegten Pionierbataillone ergaben natürlich für die
schon damals recht geschwächte Division eine zünftige Kampfreserve, die
der Divisions-Führung oft genug als willkommene „Feuerwehr" diente. Ob-
wohl ich den damaligen la (1. Generalstabsoffizier) Grüner wie auch den
Generalmajor Reichert darauf hinwies, daß die Division die Pioniere für ei-
nen eventuellen Übergang über das Frische Haff noch dringend benötigen
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würde, wurden wir sehr bald als eine recht erfolgreiche Kampfgruppe in-
fanteristisch eingesetzt. Das waren die Kämpfe bei „Paulen" und der „Höhe
132,6" sowie der massive Gegenstoß bei Frauendorf, wo selbst der Batail-
lonsstab und die Männer der Feldpolizei („Kettenhunde"), die ich vorher
zur Räumung von Trossen benachbarter Divisionen vom Korps angefordert
hatte, zum Nahkampf antraten. Jedenfalls erlitt das Bataillon wieder erheb-
liche Verluste, so daß es sehr fraglich war, ob wir noch als Pioniere unsere
technischen Aufgaben erfüllen könnten, mit denen wir rechnen mußten, z.B.
Verlegen von Panzer- und sonstigen Minen, Vorbereitungen von Sprengun-
gen, Behelfsbrückenbau, Bau von Landungsstegen für die Anladung von
Pionier- oder Marinefähren. Die ausgebildeten Fachkräfte und Spezialisten
waren schon in der Vergangenheit bei den Rückzugskämpfen wesentlich
ausgedünnt worden. Der Ersatz aus der Heimat bestand oft aus Männern,
die noch keine handwerkliche Ausbildung hatten. Die Ausbildung beim Er-
satz-Bataillon war ebenfalls meist sehr dürftig. So kam es, daß fast nur noch
ältere Unteroffiziere pioniertechnische Aufgaben durchführen konnten.
Nachdem die Division auf die Frontlinie am Bahndamm zwischen den
größeren Orten Mehlsack und Zinten, etwa beiderseits Tiefensee zurückge-
nommen wurde, erhielt ich den Befehl, die Küste am Frischen Haff von Fol-
lendorf bis Balga und Kahlholz auf Anlandemöglichkeiten für Marine- und
Pionierfähren zu erkunden. Natürlich gehörten dazu nicht nur Profilmes-
sungen der Uferstellen, sondern auch die Möglichkeiten der Materialbe-
schaffung für den behelfsmäßigen Landungsstege-Bau. Das Anlanden der
zu erwartenden Fähren war nur denkbar, wenn weit in das Haff hineinra-
gende Stege gebaut werden konnten, sonst wären die Fähren beim Beladen
sofort auf dem flachen Grund aufgesessen.
Schon auf dem Wege nach Heiligenbeil, auf dem ich einer immer stärke-
ren Masse flüchtender Menschen sowie Truppenfahrzeugen, Pferden und
Trossen begegnete, wurde mir die ungeheuer große Aufgabe, die mir der Be-
fehl auferlegte, bewußt. So schnell, wie ich angenommen hatte, kamen wir
gar nicht vorwärts. Als wir völlig erschöpft in Heiligenbeil ankamen, hoff-
ten wir dort eine Übernachtungspause einlegen zu können. Doch war die
Stadt bereits überbelegt von Menschen, Tieren und Fahrzeugen, so daß man
schon eine vorübergehende Bleibe suchen mußte.
Plötzlich erreichte uns per Funk die Nachricht, daß der Russe in dieser
Nacht Heiligenbeil flächendeckend bombardieren würde und die Stadt so-
fort geräumt werden müsse. Wir versuchten aus der Stadt herauszukom-
men, kamen aber nicht sehr weit. Auf allen Straßen und Wegen war in kür-
zester Zeit ein ungeheures Fiasko. Mit dem Pkw war nicht mehr durch-
zukommen, so daß wir uns entschließen mußten, den Weg bis zur Haffkü-
ste zu Fuß zurückzulegen. Unsere persönliche Habe und Ausrüstung muß-
ten wir zurücklassen. Ununterbrochen jagte uns die russische Luftwaffe, die
gnadenlos mit Bomben und Bordkanonen auf die Menschenmassen ein-
hämmerte. Überall lagen zerfetzte Leiber von Menschen und Tieren auf un-
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serem Wege zur Erfüllung unserer Aufgabe. Es war schon ein Schreckens-
bild, das uns da, wie nie zuvor im Kriege, begegnete. Man konnte es kaum
fassen, daß man dazwischen noch leben durfte! Endlich am Ziel, ließ ich am
Strand nördlich von Follendorf ein Zelt errichten, das uns für die nächste
Zeit als Unterkunft dienen sollte.
Täglich rückte die Kampffront näher, täglich kamen immer mehr Solda-
ten aller Waffengattungen, Männer von der Organisation Todt, des Reichs-
arbeitsdienstes, vereinzelt auch Zivilisten, und versammelten sich am
Strand, eine Menschenmasse, die auf Hilfe von „drüben", von der Frischen
Nehrung her, wartete.
Am 23. März 1945 verlief die Front noch etwa zwei bis fünf Kilometer
vom Haff entfernt, ein Kessel von ca. 20 bis 23 Kilometer Breite. Der Russe
setzte immer stärker seine Luftwaffe ein und ballerte oft mit Brandbomben
und Bordkanonen in die Massen und gegen den Steilhang, in den fast jeder,
Deckung suchend, ein Loch buddelte. Da natürlich der Sand des Hanges
sehr locker war, rutschten wir bei dieser Buddelei immer wieder schnell in
die benachbarten Schutzlöcher ein. Der Steilhang kam in Bewegung in Rich-
tung kämpfender Frontlinie, die immer enger wurde.
In dieser Situation bauten wir Pioniere bei Nacht an mehreren Stellen un-
sere Stege, teils aus primitivem Material, das unsere Männer von den lie-
gengebliebenen Lkw-Aufbauten beschafften. Doch am Tage darauf wurden
unsere Bauten wieder zerschossen, und wir mußten wieder weiter nach
Norden in Richtung Balga und Kahlholz rücken, da auch Follendorf am 27.
März 1945 verlorenging.
Am Strand mußten wir über die Leichen der inzwischen massenweise ge-
fallenen und verwundeten Kameraden steigen, ja sogar am Tage gegen die
Tieffliegerangriffe neben diesen Leibern Deckung suchen. Nie werde ich die
Bitte eines schwer verwundeten Kameraden vergessen, der mir zurief: „Ka-
merad, erschieß mich doch!" Ihm war sicher kaum noch zu helfen. Natür-
lich konnte ich ihm weder seine Bitte erfüllen, so etwas hätte ich nie fertig
gebracht, noch war ein Verbandszeug zu finden, um ihm primitiv die
schwere Verwundung zu verbinden. Wir waren eben einfach hilflos gewor-
den.
An der immer weiter schrumpfenden Kampffront löste ein Panzerangriff
der Russen den anderen ab. Schlimm war es für unsere Division, daß die
Munition für alle Waffen, insbesondere für die Artillerie und Panzerabwehr,
langsam aber sicher zu Ende ging. Der Kessel wurde immer enger und klei-
ner und war voller Menschen, die fast apathisch herumlungerten.
Unsere Männer der Division hielten bewundernswert die letzte Bastion,
den letzten Kessel von Balga-Kahlholz-Wolitta, eine Front von nur noch
fünf Kilometern Länge. Tage- und nächtelang bauten wir immer wieder
Stege oder besserten die zertrümmerten wieder aus.
Verpflegung und Trinkwasser fielen aus. Schließlich trank man salzhalti-
ges Haffwasser, in dem eine Menge Leichen schwamm. Mein Bursche sieb-
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te das Wasser durch ein schmutziges Taschentuch und trieb aus irgendwel-
chen Fahrzeugtrümmern ein Säckchen Zucker auf, den er dem Wasser zu-
fügte.
Viele Kameraden kamen auf die Idee, mit Hilfe ausgedienter Benzinkani-
ster Flöße zu bauen oder sich den Kanister als Schwimmhilfe auf den Bauch
zu binden. Ob diese waghalsigen Unternehmen geglückt sein werden? Die
Russen haben ja tagsüber auch auf alle Einzelziele, die sich auf dem Haff
zeigten, im Tiefflug mit Bordwaffen geschossen.
Wir waren sowohl an der immer kürzer werdenden Hauptkampflinie als
auch auf dem Haff und an dessen Steilufer dem russischen Feuer ununter-
brochen ausgesetzt. Die Kräfte der Männer in der Hauptkampflinie wurden
überstrapaziert. Immer wieder kämpften Offiziere mit beherzten Unter-
offizieren und Mannschaften gegen den anstürmenden Feind. Die Befehls-
gebung funktionierte kaum noch.
Inzwischen war auch der verkleinerte Divisions-Stab am Steilufer einge-
troffen; in einem größeren, mit Hölzern abgestürzten Erdloch hatte er einen
neuen Gefechtsstand eingerichtet. Jedenfalls versammelten wir uns am 27.
März 1945 auf diesem Gefechtsstand wo der letzte Divisionsbefehl hand-
schriftlich ausgegeben wurde. Während dieser Befehlsausgabe landete der
Russe einen Bombenvolltreffer vor dem Eingang des Gefechtsstandes, so
daß wir alle, samt Kartentisch, durcheinanderflogen. Ein Feldwebel, der we-
gen der Enge im Gefechtsstand vor dem Eingang auf mich wartete, war tot.
Ich hatte den Auftrag erhalten, das Abfließen des zu verladenden Teiles
über den Steg zu den zu erwartenden Fähren zu leiten. Dabei hatten natür-
lich alle Verwundeten bei der Verladung Vorzug. Deshalb mußte ich mich
mit gezogener Pistole durchsetzen und die kopflose Masse daran hindern,
die Fähren zu stürmen. Nur wer einen Verwundeten trug oder stützte, durf-
te auf der Fähre bleiben. Die ersten Fähren waren uns per Funk für die Nacht
vom 27. zum 28. März 1945 angekündigt. Natürlich ahnten wir die Schwie-
rigkeiten, mit denen die Besatzungen der Fähren zu kämpfen hatten. Muß-
ten sie doch damit rechnen, auch an dem bereits von den Russen besetzten
Ufer zu landen. Mit Hilfe grün leuchtender Taschenlampen gelang es uns
aber, sie an unseren Landesteg heranzulotsen.
Die Verladung begann also wie geplant in der Nacht vom 27. auf den 28.
März 1945 und wurde in der folgenden Nacht fortgesetzt. Am 29. März be-
stieg der Divisions-Kommandeur, General Reichert, mit den letzten Män-
nern der Nachhut um ca. 06.30 Uhr früh die letzte Fähre, die auch ich be-
nutzte. Wir hatten das große Glück, daß über dem Haff dichter Nebel lag, so
daß die russische Luftwaffe nicht angreifen konnte. Draußen auf dem Haff
wartete ein großer Marine-Prahm, auf dem im Laufe der Nacht Hunderte
von Menschen abgesetzt wurden. Wir waren die letzten, denn die Männer
der Fähre wagten es nun nicht mehr, auch nur versuchsweise nochmals an
die Küste, an der möglicherweise noch einige Soldaten der Nachhut warte-
ten, heranzufahren. Als „Geretteter" kam ich mir bei dem Gedanken, daß
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drüben noch hoffende Kameraden stehen könnten, wieder hilflos und
schwer belastet vor.
In Neutief, wo wir mit dem großen Prahm im Hafen unbehelligt landen
konnten, versuchte ich nochmals anzuregen, daß wir mit Sturmbooten doch
noch einmal versuchen sollten, eventuell noch restliche Kameraden zu ret-
ten. Aber keiner wagte ein solches Unternehmen mehr.
Mit der Landung auf der Frischen Nehrung in Neutief war die Division
aufgerieben und aufgelöst. Die meisten Restteile wurden der 170. Infante-
riedivision zugeteilt, nachdem die auffindbaren Teile der 292. Infanteriedi-
vision in einem Auffanglager bei Voglers gesammelt worden waren.
Für mich galt es hier Abschied zu nehmen von meinen letzten braven Pio-
nieren, denn die Kommandeurstelle des Pionier-Bataillons der 170. Infante-
riedivision war besetzt, so daß ich mich wieder bei der 129. Infanteriedivi-
sion, deren Stab mit allerlei auf gesammelten Resttruppen als „Kommandant
der Frischen Nehrung" fungierte, meldete. Kommandeur war dort General
Ueberschär, der Nachfolger von General von Larisch, über dessen Verbleib
nichts bekannt war.
Die 129. Infanteriedivision sicherte zu diesem Zeitpunkt die Nehrung nach
allen Seiten. Mir wurde die Führung des Grenadier-Regiments 430 übertra-
gen, das die Riegelstellungen zum Haff nach Osten und zur Ostsee hin besetzt
hielt. Die merkwürdigsten Einheiten waren mir hier unterstellt, so z.B. eine
Kompanie des Zolldienstes, Luftwaffeneinheiten, die mit Vierlings-MG - aber
fast ohne Munition - ausgerüstet waren, aber auch rührende alte Volkssturm-
Männer, die mir mit ihrem französischen Beutegeschütz ein zackiges
Geschützexerzieren vorführten. Es waren ausschließlich Ostpreußen, die ih-
re Heimat bis zum Schluß verteidigen wollten. Aber auch ihnen fehlte es an
Munition. Jeder wartete auf ein Wunder, das uns noch helfen würde.
Die große Lage war unbekannt. Wir hatten keine Gelegenheit gehabt,
Nachrichten zu hören. Nur gelegentliche Mitteilungen von anderen Trup-
penteilen oder vom Divisions-Stab, die noch über Rundfunk-Empfänger
verfügten, konnten wir erhalten.
Mein Regiments-Gefechtsstand befand sich bei Kahlberg, im westlichen
Viertel der Frischen Nehrung. Dort war ich bis zum 24. April 1945 einge-
setzt, um dann von der angeblich recht intakten 170. Infanteriedivision ab-
gelöst zu werden.
Ich selbst wurde zur Führerreserve des Armee-Korps „Ostpreußen", ehe-
mals 4. Armee, befohlen, wo ich in einem Sandloch mit einigen anderen Of-
fizierskameraden bis zum 4. Mai 1945 auszuharren hatte.
Inzwischen war der Russe bis nach Kahlberg vorgestoßen, so daß ich beim
AOK (Armee-Ober-Kommando) vorstellig wurde, um in einen der
Kampfriegel versetzt zu werden. Ich wollte keinesfalls den Soldatentod in
der sogenannten „Führerreserve" des AOK, deren Führer ein Oberstleut-
nant war, sterben.
Aber es kam anders.
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Ich wurde am 5. Mai 1945 mit Befehl AOK Ostpreußen, Abt. Ila, zum
XVIII. Armee-Korps nach Pasewalk/Pommern versetzt. Dort sei die ehe-
malige alte 129. Infanterie-Division in Neuaufstellung begriffen. Da ich in
der Führerreserve auch noch den Kompaniechef der ehern. 3./Pionierba-
taillon 129 traf und sowohl meinen Burschen als auch meinen Fahrer bei mir
hatte, bekam ich am 6. Mai 1945 eine Ausreisegenehmigung für mich mit ei-
nem Offizier und zwei Mann aus dem Armeebereich zur Einschiffung in
Schiewenhorst-Nickelswalde.
Nachdem ich dann nochmals von einigen Pionierkameraden, die in einem
der Riegel in Bereitschaft lagen, Abschied genommen hatte, begaben wir uns
zu viert mit dem großen Kommandowagen auf dem Knüppeldamm nach
Schiewenhorst-Nickelswalde. Wir kamen dort am 6. Mai gegen Abend an.
Es stauten sich auch hier wieder eine Menge Truppenteile, die zur Halbin-
sel Heia übersetzen wollten. Die Pionier- und Marinefähren wagten die
Überfahrt aber nur bei Dunkelheit, denn in der Ostsee waren russische U-
Boote gemeldet, die schon diese kurze Überfahrt gefährdeten. Es wurde fast
Mitternacht, bis wir endlich mit einer der Marinefähren ablegen konnten.
Im Hafen von Heia wurden wir wie eine Viehherde aus dem mit Stachel-
draht und Feldpolizei abgesperrten Hafengelände getrieben. Man hatte
kaum noch die Nerven zu verstehen, daß wir alle jetzt erst einmal in ein La-
ger marschieren sollten, um dort bis auf Abruf zu warten.
Natürlich war es mir klar, daß hier keine Ausnahme für versetzte Einzel-
reisende gemacht werden durfte. Doch versuchen wollten wir es schon, mit
unseren korrekten Ausreisepapieren möglichst schnell weiterzukommen.
Unser nächstes Reiseziel war nun die Insel Bornholm, von der wir hofften,
nach Pommern übersetzen zu können. Wie naiv wir damals noch dachten,
wurde mir erst viel später klar.
Statt der Wanderung in das sogenannte „Wartelager" auf Heia versuch-
ten wir unmittelbar nach dem Verlassen des Hafengeländes am 7. Mai um
0.30 Uhr in ein mit Tarnanstrich versehenes Gebäude zu gelangen. Unser
„Seitensprung", erstmalig gegen einen Befehl der hier kommandierenden
Kameraden, war unsere Rettung! Das Gebäude war ein Lazarett, in dem al-
les in tiefen Schlaf versunken war. Auch der Unteroffizier vom Dienst saß
auf dem unteren Korridor schlafend auf einem Stuhl, wollte uns, wachge-
worden, schnell abweisen, hatte dann aber doch ein Herz für alte Kämpfer.
Er öffnete uns, nachdem ich mich bereit erklärt hatte, im Kohlenkeller zu
schlafen, die Tür zu einem völlig leeren Zimmer, warf uns ein paar Decken
zu und bat, frühzeitig wieder zu verschwinden. Hier dürfte mein Deutsches
Kreuz in Gold, das Verwundetenabzeichen in Silber und sicher auch mein
Dienstgrad etwas Respekt bei dem guten Unteroffizier erzeugt haben. Wir
haben ihn auch nicht enttäuscht, und ich danke ihm noch heute!
Es mochte zwischen 4.00 und 5.00 Uhr morgens gewesen sein, als der
mich begleitende Hauptmann Goss zum Aufbruch mahnte. Wir ließen un-
sere beiden Männer noch etwas schlafen und begaben uns zur Erkundung
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an das abgesperrte Hafengelände. Dort traf ich einen Feldwebel der Feld-
polizei, der mich von den Nahkämpfen in Frauendorf her kannte. Wie hat
er sich gefreut, mich hier plötzlich auftauchen zu sehen. Ich hatte ihm näm-
lich das EK II. Klasse in Frauendorf verliehen, da er enorm tapfer im Ge-
genstoß an meiner Seite kämpfte. Hier wollte er es mir wohl danken. Je-
denfalls begab er sich mit meinen Versetzungspapieren zum sogenannten
„Ablaufstab" und bat uns, am Eingang zum Hafen zu warten. Ein Ober-
leutnant des Stabes kam später zu uns und teilte uns mit, daß wir mit dem
Weitertransport noch am Abend auf dem im Hafen liegenden Schiff „La Pa-
loma" rechnen könnten. Natürlich hatten wir zwischendurch unsere beiden
Männer aus dem Lazarett herausgeholt, uns beim Ablaufstab den ent-
sprechenden Stempel geholt sowie letzte Verpflegung empfangen.
Nachdem bis zum Abend die vorgesehenen Truppenteile verladen waren,
durften auch wir auf das Schiff, mit dem wir bei Dunkelheit in die Ostsee
ausliefen. Ich durfte auch gleich auf die Kommandobrücke, wo mich der
„Superkargo"- der bevollmächtigte Frachtbegleiter -, ein in feldgrau als
Major gekleideter Kapitänleutnant der Marine, mit dem Kapitän bekannt-
machte und mich bat, das Kommando über die verladenen Truppenteile an
Bord zu übernehmen.
Auf dem Frachtschiff der Handelsmarine saßen nun ca. 800 Mann dicht
zusammengepfercht im Schiffsraum und an Deck. Es waren kaum ge-
schlossene Truppenteile, so daß auch die Führung der einzelnen Gruppen
undurchsichtig war. Aber ich hoffte ja, mit unseren Männern in Bornholm
das Schiff wieder verlassen zu können, um nach Pommern weiterzu-
kommen.
Als dann am 8. Mai die Insel Bornholm in weiter Entfernung in Sicht kam,
hoben dort einige Ju 52 ab, und wir erfuhren über Funk, daß der Russe die
Insel bereits besetzt hatte.
Zunächst versuchte der Kapitän, unser Schiff, die „La Paloma", in einen
schwedischen Hafen zu steuern. Jedoch wurden wir von schwedischen
Schnellbooten gewarnt, schwedisches Hoheitsgewässer zu befahren. Immer
in Sorge, daß wir und die anderen Schiffseinheiten von russischen U-Boo-
ten angegriffen und versenkt werden könnten, hielten wir weiter Kurs nach
Westen. Immer wieder empfing unser Funker Befehle vom „Marine-Ober-
kommando Ost" mit der Aufforderung an den Kapitän, mit „La Paloma"
nach Heia zurückzukehren. Sehr rasch wurde festgestellt, daß es sich um ei-
nen Funkspruch der Russen handelte.
Schließlich erreichte uns ein echter Funkspruch mit der Information, daß
alle Schiffseinheiten, die bis um 24.00 Uhr den Ankerplatz „Nanny" er-
reichten, unter englisches Geleit kämen und die Soldaten damit in englische
Gefangenschaft. Obwohl der Kapitän bezweifelte, daß wir diesen Anker-
platz mit dem Tarnnamen „Nanny", der in der Kieler Bucht lag, bis 24 Uhr
erreichen könnten, gelang dies der „La Paloma" und ihrem tüchtigen Ka-
pitän dann doch noch.
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Inzwischen hatte ich durch die an Bord befindlichen Offiziere systema-
tisch feststellen lassen, aus welchen Gruppen und Einheiten sich die
menschliche „Fracht" zusammensetzte. Langsam ergaben sich natürlich er-
hebliche Probleme hinsichtlich der Notdurft, des anwachsenden Durstes
und des Hungers. Schließlich mußte ich den Männern auf hoher See mittei-
len, daß die Deutsche Wehrmacht an allen Fronten bedingungslos kapitu-
liert hatte und an diesem 8. Mai um Mitternacht, Null Uhr, alle Waffen
schweigen würden.
Mit viel Glück erreichten wir einen Tag nach Kriegsende, bei Anbruch der
Dunkelheit, Kiel, mußten aber auf Reede ankern. Im Kieler Hafen feierte der
Engländer das Kriegsende mit einem Riesenfeuerwerk. Uns schien das alles
sehr gespenstisch. Wanderten unsere Gedanken jetzt doch zu unseren Ka-
meraden, die nicht das Glück hatten, wie wir in die Heimat zurückzukeh-
ren. Viele von ihnen, die in russische Gefangenschaft kamen, haben sie nie
wiedergesehen.
Rückblickend gilt mein ganz besonderer Dank Großadmiral Dönitz und
der Marine, die die Rettung von über zwei Millionen Menschen über See er-
möglichten. Ich habe am 6. Januar 1981 in Aumühle in der Bismarck-Ge-
dächtnis-Kirche an der Trauerfeier für ihn teilgenommen und dankend von
ihm für tausende Kameraden Abschied genommen.
Originalbericht 13 Seiten (maschinenschriftlich) vorliegend im Ost-
preußen-Archiv Heinz Schön
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Dokument 23
Siepen, Wenzel
Dienstrang: Obergefreiter
Einheit: 6. Batterie, Nebelwerfer-Regiment 81
Ostpreußen- Einsatz: Oktober 1944 bis 5. Mai 1945
Verwundet: 5. Mai 1945 auf der Frischen Nehrung
Rücktransport: 8. Mai 1945 ab Heia
mit Frachter „Johann"
Mein letztes Gefecht auf der Frischen Nehrung
Ich wurde um den 10. Februar 1943 als Rekrut der schweren Artillerie in
Heilsberg/Ostpreußen nach Celle zum Nebel werf er-Ausbildungsregiment
51 versetzt. Ab Mitte August 1943 befand ich mich im Kriegseinsatz in Ruß-
land, ab Herbst 1944 in Ostpreußen. Mein letztes Gefecht erlebte ich weni-
ge Tage vor Kriegsende am 5. Mai 1945 auf der Frischen Nehrung um etwa
14.30 Uhr.
Der Anfang März 1945 nur noch aus einem schmalen Landstreifen längs-
seits des Frischen Haffs bestehende Ostpreußen-Kessel schrumpfte in der
letzten Märzwoche 1945 auf den Balga-Zipfel zusammen.
Die seit etwa dem 20. Januar 1945 aus drei Batterien der 2. Abteilung des
Nebelwerfer-Regiments 81 zusammengefügte, inzwischen arg gelichtete,
seit der Einnahme der Raketen-Produktionsstätte Ludwigsort/Ostpreußen
mit Raketen nicht mehr belieferte und letztlich ohne Gerätschaften daste-
hende Abteilungs-Einheit erreichte noch einige Tage vor Märzende bei
schönstem Frühlingswetter den Balga-Bereich und schaute vom erhöhten
Balgazipfel-Ufer aus auf das vom Eis sich befreiende Frische Haff hinab.
Kameraden einiger Einheiten bauten, was unseren Leuten strikt untersagt
war, wohl eigenmächtig aus Treibstoffässern und ausgehobenen Stalltüren
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und Scheunentoren labile Flöße, um auf die gegenüberliegende Haffseite zu
gelangen.
Etwa acht Mann der inzwischen führerlos gewordenen Rest-Batterie be-
setzten am 28. März 1945 noch vor Abend einen von Angehörigen einer an-
deren Einheit bereits verlassenen granatsplittersicheren Liege-Unterstand,
wo aus den Erdwänden nach Treibstoff riechendes Wasser hervorsickerte.
Nach Eintritt der Dunkelheit stöberte uns ein fremder Oberleutnant auf
und holte uns von dort heraus. Er versorgte uns mit zwei Maschinenge-
wehren und mit reichlich Munition und führte uns zu zwei Stellungen, um
als Nachhut-Posten den Resten der 4. Armee bei der bevorstehenden „Ein-
schiffungs"-Aktion Feuerschutz zu geben. Zugleich versprach der Offizier,
uns nach dem Anlegen der Fähre rechtzeitig abzuberufen und persönlich
zur Prahmfähre zu führen, wonach er in Richtung Frisches Haff ent-
schwand.
Obwohl sich über Land im Halbrund vor unserer Posten-Stellung nicht
allzuviel tat, feuerte die Infanterie-unerfahrene Nachhut in die Finsternis
hinein.
Als sich der Nebel über dem Haff erhob, der von unserer Stellung aus
sichtbar war, glaubte niemand mehr an die Ankunft einer Fähre.
Lange nach Mitternacht nahmen wir jedoch ein aus Richtung Haff herüber-
kommendes sanftes Motorengetucker wahr, das alsbald in Motoren-Geknat-
ter überging, was vermuten ließ, daß die im dichten Nebel herbeigezogene
Großfähre mit dem Heck ans Ufer bugsiert wurde. Bei verstummtem Mo-
toren-Getucker vernahmen wir Kettengeräusche, offenbar von einem Pan-
zerfahrzeug, und dann ein Geräusch, das auf ein schweres Radfahrzeug
schließen ließ, die hintereinander auf die Fähre rollten.
Hierauf bestiegen die Resteinheiten der 4. Armee die Fähre. Die Zeit des
Wartens auf den Offizier, der uns rechtzeitig abrufen und persönlich zur
Fähre führen sollte, gestaltete sich zur unerträglichen Ewigkeit.
Die während der stundenlangen „Einschiffung" schweigenden Motoren
heulten plötzlich auf, was uns vermuten ließ, daß die Fähre umgehend ab-
legen würde. Wir, wohl die letzten, unruhig gewordenen vier Nachhut-Leu-
te verballerten, obwohl sich im Halbrund vor uns weiterhin so gut wie
nichts tat, binnen Sekunden die noch verbliebene restliche Gurtmunition.
Dann setzten wir uns im Dunkel ab und wetzten, um die Balgazipfel-An-
höhe herum, zum Ufer des total in Nebel gehüllten Frischen Haffs.
Nachdem wir ein Stück weit bis über die Knie im Wasser gewatet waren,
schwangen wir uns auf den noch soeben erreichten letzten Fährzug-Prahm
von hinten hinauf und standen neben einem gepanzerten, mehrachsigen
Fahrzeug.
Der von dichten Nebelschleiern umgebene Fährzug glitt, während der ne-
ben dem gepanzerten Gefährt stehende Kessel-Kommandeur starr in den
Nebel blickte, mit sanftem Motoren-Getucker bei sanftem Wasser-Gegluck-
se zügig dahin.
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Nach etwa zweihundert Metern Fahrt befahl der neben dem gepanzerten
Gefährt stehende General, mit der Schnellfeuer-Bordkanone des gepanzer-
ten Radfahrzeuges zum total vernebelten Haff-Ufer zu schießen, ohne ge-
nau zu wissen, ob da womöglich noch eigene Leute waren, die die Fähre
verpaßten.
Mitten im Feuer stockte die wohl auf eine Sandbank aufgelaufene Fähre.
Auf Geheiß der anwesenden Offiziere und mehrerer Unteroffiziere spran-
gen alle vom Gemeinen bis zum Obergefreiten in das bis zum Hals reichen-
de, vor einer Woche noch mit Eisschollen bedeckte Wasser, um die Fähre mit
Muskelkraft frei zu bekommen. Weit vorne heulten die Zugboot-Motoren
laut auf, und zugleich peitschten vom Haffufer Kugeln zu uns herüber.
Nachdem sie die Fähre frei bekommen hatten, schwangen sich die Leute
über die Seitenplanken und übers Heck wieder hinauf. Noch waren nicht al-
le wieder an Bord, da saß der Fährzug erneut fest. Die wieder oben sich be-
findenden Landser sprangen, während die ranghöheren Personen weiterhin
hinter dem gepanzerten Fahrzeug Schutz vor feindlichen Kugeln suchten,
erneut befehlsgemäß ins Wasser, um die Fähre gänzlich frei zu bekommen.
Nachdem dies gelungen war, schwangen sich die Kameraden über die Bord-
wand und von hinten auf die Fähre wieder hinauf. Viele Landser, die aus
Platzmangel nicht in der Nähe der Fähre standen, blieben, da sie die Bord-
wand bei wieder flott aufgenommener Fahrt nicht mehr erreichten, im Was-
ser und flehten die dahinziehenden Kameraden vergeblich um Halt und
Mitnahme an.
Nach etwa zwei Stunden Fahrt machte die Fähre bei inzwischen heller ge-
wordenem nebligen Morgen eine Kehre. Ein Zugboot bugsierte den Fähr-
zug mit dem Heck ans Ufer heran.
Die letzten Ostpreußen-Krieger gingen am gepanzerten Fahrzeug vorbei
und stiegen über liegengelassene Maschinengewehre und Karabiner wie
auch über am Heck der Fähre gefallene Landser achtlos hinweg. Es war zwi-
schen Pillau und Kamstigall. Wir stießen auf keine weiterleitende Wehr-
machts-Person.
Wir erfaßten erst jetzt die Größe der aus fünf Prähmen zusammengefüg-
ten, gut viertausend Mann fassenden, von zwei Landungsbooten gezogenen
Fähre, der sogenannten „Seeschlange".
Nebenbei erfuhren die auf dem letzten Fährenteil der „Seeschlange" ge-
wesenen Männer, daß das zweite Zugboot wohl wegen der schweren Fahr-
zeuge tiefer zu liegen kam und daher auf einer Sandbank stecken blieb, wor-
auf die Landser, im Glauben, daß der Fährprahm versackt sei, das zweite
Zugboot bestürmten. Daraufhin habe der auf dem zweiten Zugboot anwe-
sende Offizier die Leute mit Warnschüssen wieder zurückgescheucht, wo-
bei die zurückgedrängten Kameraden sich in den Zugleinen verfangen hät-
ten, zwischen das festsitzende zweite Zugboot und den vorangeschobenen
Prahm gerieten und hierbei gequetscht wie auch unter Wasser gedrückt
worden seien.
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Von den etwa acht Angehörigen der Nebelwerfer-Einheit, die am Vor-
abend als Nachhut eingesetzt waren, fanden sich, einschließlich mir, nur
noch drei wieder, die sich schließlich am Haff-Ufer entlang nach Pillau be-
gaben, wo sie ohne besondere Notiz empfangen wurden und einige im Kes-
sel bereits vermißte Kameraden wiederfanden.
Nach nur wenigen in Pillau verbrachten ruhigen Tagen, wobei die durch-
näßten Uniformen am Körper trockneten, wurden alle Männer der nicht
mehr bestehenden 6. Nebelwerfer-Brigade dem 3. Schweren Nebelwerfer-
Regiment zugeteilt, das umgehend in das noch halbwegs freie Samland ver-
legt wurde.
Mit Hilfe jener schweren Raketen wurde der Rot-Armist im Samland
zwar nicht gänzlich, doch immerhin ein Stück zurückgedrängt. Dabei fan-
den wir zahlreiche leere amerikanische Konservendosen.
Etwa eine Woche danach trat das bis dahin ohne größere Verluste geblie-
bene 3. Schwere Nebelwerfer-Regiment bei Blumenau am Waldrand in U-
Form an, um Kriegsverdienst- und Eiserne Kreuze zu empfangen.
Bei dem darauffolgenden Rückzug erreichte unsere inzwischen schon
sehr gelichtete Batterie das steile Ufer der brandenden Ostsee und ging
nördlich von Fischhausen hinter einer mit abgeschobenen Kriegsloko-
motiven belegten Bahnlinie in Stellung, die von russischen Jagdbombern
mehrmals am Tage beschossen wurde. Die hierbei getroffenen stählernen
Dampfrosse, hinter denen die Werfer-Leute Schutz vor den Jabos suchten,
gaben dabei sonderbare Klänge von sich.
Die mittlerweile werferlose und arg geschrumpfte Batterie bezog zwi-
schen Fischhausen und Pillau einen bunkerartigen Bau und stellte die eine
noch verbliebene Zugmaschine und einen Lkw in einem abseits des Bunkers
hegenden Wäldchen ab. Unsere „Mechaniker" setzten das im Bunker-Kel-
ler vorgefundene Dieselaggregat wieder in Betrieb, so daß im Bau Lampen
wieder leuchteten und Wasser aus aufgedrehten Hähnen wieder floß. In den
folgenden Nächten warfen die sogenannten „Nähmaschinen" Bomben ab,
die den Bunker nicht direkt trafen, ihn jedoch erschüttern ließen.
Am 20. April, Hitlers Geburtstag, lauschten die im Bunker hausenden
Männer einer Radio-Übertragung. Es sprach Dr. Josef Goebbels, Minister für
Volksaufklärung und Propaganda, u.a. vom im Samland tapfer kämpfenden
Heere, vom Bollwerk gegen den Bolschewismus, von in die Geschichte ein-
gehenden Helden, von göttlicher Vorsehung und vom Endsieg.
Der Verwalter eines in der Nähe in einem Wäldchen getarnt aufgeschla-
genen Zelt-Verpflegungs-Lagers rückte bei der schmalen Proviant-Vergabe
nicht einen Krümel mehr heraus.
Einige Tage nach jener Geburtstags-Rede befahl man der ohne Kriegsgerät
dastehenden kleinen Einheit, da der Iwan Fischhausen bereits eingenom-
men hatte und weiter gen Pillau drängte, den Bunker am Abend zu verlas-
sen, um in der Nacht von Pillau über den Königsberger Seekanal zur Fri-
schen Nehrung mittels dort verkehrender Marine-Fähren übergesetzt zu
317
werden. Die Nachricht von der Freigabe jenes Verpflegungslagers lockte un-
sere Männer sogleich dorthin.
Kurz vor Sonnenuntergang bestiegen wir mit gefüllten Kochgeschirren,
Brotbeuteln und Gasmasken-Büchsen unseren auf dem Weg bereits vorge-
fahrenen Lkw. Ein Mann begab sich noch schnell an die ebenso vorgefahre-
ne Zugmaschine, um von dieser noch irgendetwas zu holen. Gleichzeitig
ratterte wohl die erste nächtliche „Nähmaschine" herbei und warf sogleich
eine Bombe in unmittelbarer Nähe des Kettenfahrzeuges ab. Die hierbei ge-
troffene Zugmaschine brannte sofort, wobei der auf diesem Gefährt kra-
mende Mann ebenso Feuer fing. Männer stürzen vom Lkw, zerrten Decken
und Planen hervor und erstickten mit diesen Mitteln das Feuer am bereits
abgestürzten, wimmernden Kameraden. Dann fuhr der mit den wieder auf-
gesprungenen Leuten besetzte Lkw mit Vollgas davon.
Er stieß alsbald auf eine nur noch Meter um Meter sich voranbewegende,
die brennende Stadt Pillau umfahrende Wagenkolonne. Von Fahrzeugen
und Angehörigen der übrigen Batterien unseres Regimentes war weit und
breit nichts zu sehen.
Noch lange vor der Morgendämmerung erreichte unser Lkw den Bereich
einer Übersetzmole, worauf ein totaler Kolonnen-Stillstand eintrat.
Alsbald erreichte die Fahrzeugbesatzungen die von vorne nach hinten
durchgegebene Nachricht, daß die Marine den Fährbetrieb wegen der als-
bald aufgehenden Sonne und der hierbei zu erwartenden Feindfliegertätig-
keit eingestellt hätte. Unteroffiziere rückten nach vorn, um Genaueres zu er-
fahren. Flugs folgten ihnen alle übrigen Leute, die sich unverzüglich längs-
seits der erhöhten Mole verteilten und über den noch dunklen Wasserspie-
gel zur noch nicht erkennbaren Landzunge der Frischen Nehrung blickten.
Keine einzige Bombe und keine einzige Granate schlug ein, weder in der
Nähe noch in der Ferne, während die Flammen der brennenden Stadt Pillau
langsam erloschen.
Nach Sonnenaufgang erspähten die auf der Mole unruhig Harrenden ei-
nen von der Nehrung herandümpelnden Fischkutter. Schlagartig rührte sich
die Masse, analog zum schlingernden Gefährt, wie eine in Bewegung ge-
setzte Ziehharmonika. Schätzungsweise konnte der Kutter nur einen gerin-
gen Teil der Masse fassen. Das Boot näherte sich der Mole. Kurz davor griff
der schon ältere Schipper nach der Anlegeleine. Noch vor es angelegt hatte,
war das Boot mit den hineingestürmten Männern proppevoll, wobei der
Haff-Fischer in ostpreußischer Mundart: „Genug, genug, mehr geh'n nich
rein!" schrie und den Kutter umgehend mit aufheulendem Motor vom Pier
abrückte.
Einige Landser, die dem Boot nicht direkt gegenüberstanden, sprangen
ihm nach, schlugen hierbei mit dem Brustkorb auf die Bordwand und glit-
ten nach einem Aufschrei benommen ins Wasser hinab.
Der Kutter tuckerte, während hunderte ihm nachblickten, ohne jegliche
Feindeinwirkung über den breiten Seekanal bei im Wasser sich schon spie-
318
gelnder Sonne der Nehrungs-Zunge zu. Der redliche, von der Marine ange-
heuerte Schipper, der nicht nur in der vergangenen Nacht Leute von Pillau
zur Frischen Nehrung übersetzte, wetterte über die Marine, weil sie die
Übersetz-Aktion viel zu früh eingestellt hätte, und er bedauerte sehr, daß er,
als letzter Fährmann, wegen der schon aufgegangenen Sonne keine Leute
mehr abholen könnte. Er legte an der Frischen Nehrung bei Neutief ohne
Hast und Eile ordnungsgemäß an, und die Landser gingen schön der Reihe
nach von Bord.
Die an Land gegangenen noch jungen Landser machten sich grüppchen-
weise auf den Weg nach Südwesten. Alsbald säumten Granattrichter, ein ge-
troffener Panzer und daneben einige zerfetzte, noch nicht bestattete Land-
ser die wohl schon vor Tagen vom Iwan beschossene Nehrungsstraße. Nach
einem etwa einstündigen Fußmarsch machten auch die letzten etwa drei
oder vier Nebelwerfer-Leute Rast an einer von der Sonne beschienenen
Lichtung auf der bewaldeten Frischen Nehrung und duselten dabei ein. Aus
dem Schlaf weckten uns jene jungen Krieger, die vorweg nicht gleich mit-
marschiert waren; sie berichteten, daß der Iwan keine Stunde nach unserem
Anlandgang bei Neutief gelandet sei. Munter eilte nunmehr eine größere
Schar die bereits zerfahrene Nehrungsstraße weiter in südwestlicher Rich-
tung entlang.
Am späten Nachmittag stießen wir wenigen ehemaligen Nebelwerfer-
Leute bei Narmeln auf die vorweg schon übergesetzten Leute der nicht
mehr bestehenden 6. Nebelwerfer-Brigade wie auch des nicht mehr existie-
renden 3. Schweren Nebelwerfer-Regiments.
Die bei Neutief gelandeten Rot-Armisten rückten auf der Frischen Neh-
rung, Sperr-Riegel-Gräben nacheinander aufrollend, zügig voran und be-
legten die noch nicht eroberten Nehrungs-Bereiche mit Bomben und, vom
Festland und von der Ostsee her, mit schweren Granaten.
In Kahlberg, wo ehedem ostpreußische Familien Erholung suchten, bezo-
gen wir ehemaligen Angehörigen der nicht mehr bestehenden Nebelwerfer-
Einheiten Quartiere in leerstehenden einfachen Seebad-Häuschen, von wo
wir uns schon bald etwas weiter gen Südwesten zurückziehen mußten.
Fünf Tage nach dem Fall von Berlin und dem Tod Hitlers zogen am 5. Mai
1945 um etwa 14.30 Uhr nur ganz wenige junge Grenadiere und etwa vier-
bis fünfmal so viele, ebenso noch junge ehemalige Nebelwerfer-Leute, an-
geführt von einem Grenadier-Oberleutnant und einem uns ebenso fremden,
schon betagten ostdeutschen Infanterie-Unteroffizier, in nordöstlicher Rich-
tung die Nehrungs-Straße entlang, um den zwischen Pröppernau-Kahlberg
und der Ostsee eingebuddelten Iwan auszuheben. Der Oberleutnant richte-
te nördlich der Straße vor einem Höhenrücken in einer vorgefundenen Erd-
aushebung seinen Befehls- und Gefechtsstand ein. Der nur mit Gewehren
ausgerüstete Haufen zog mit dem Unteroffizier den sacht ansteigenden be-
waldeten Hang weiter hinauf und blieb unmittelbar vorm Hangrücken ste-
hen.
319
Dtr BeroHmkhtiflle Koata&ar
dei Gauleilen I&ü®ber» (M, dM 1. fefarw !H5
Sr Piftei. Staat und Wirtidurf!
dar Fwtcr^i lönisibacsi
Aufruf!
Königsberger! Männer. Finnen und Kinder!
Der Bolschewist steht vor den Toren der Stadt. Wir
werden Schulter an Schulter mit den Soldaten der
Wehrmacht und den Volkssturmmännern unsere Stadt
verteidigen. Wir wollen Königsberg zu einer unein-
nehmbaren Festung ausbauen und sie bis zur Ver-
nichtung der bolschewistischen Horden durch die
Armeen des Reiches halten.
Ich befehle daher im Einvernehmen mit dem KampE-
kommandanten einen Festungsdienst für jeden Königs-
berger von 4 Stunden pro Tag.
Der Einsatz erfolgt durch die Ortsgruppen, die die
Bevölkerung zellen- und schichtweise zu den befoh-
lenen Baustellen führt.
Aus den Trümmern unserer Stadt wollen wir Barri-
kadeu und Stützpunkte bauen, vor denen jeder bolsche-
wistische Ansturm im Blut erstickt wird.
Ich rufe alle Königsberger auf! Jetzt ist unsere Stunde
gekommen!
Wir leben nur noch der Verteidigung der Stadt und
unserem Sieg!
Heil Hitler!
nicht-untf
Kreislciter
Endkampf um die
Festung Königsberg
Der in zwei Phasen ablaufende Angriff der Roten Armee
auf die Festung Königsberg beginn t am 19. Februar 1945.
Hitler hatte befohlen, Königsberg bis zur letzten Patrone zu verteidigen
Aus den Trümmerfeldern Königsbergs wachsen immer neue Verteidigungs-Stellungen
70 Tage
Belagerung
An Königsberg beißen sich die Russen die Zähne
aus. Der Widerstand ist erbittert und heldenhaft
Großes Bild: Leichte sowjetische Feldkanonen
sind vor Königsberg in Stellung gegangen.
Als Zugfahrzeuge dienen US-Jeeps, von denen die
Amerikaner zigtausend an Stalin lieferten
Die Rote Armee
in Königsberg
Nach 70 Tagen Belagerung und erbittertem
Widerstand, der in einem dreitägigen Sturmangriff
der Roten Armee, einem Kampf um jede Straße und
jedes Haus endete, mußte Königsberg am 9. April
1945 kapitulieren. Damit war Ostpreußen
dem Untergang geweiht
Großes Bild: Die russischen Belagerer mußten sich
einem Häuserkampf stellen
Rechts: General der Infanterie Otto Lasch,
letzter Festungskommandant
Die Russen
in Königsberg
Was die Terrorangriffe der West-Alliierten in den letzten
Augusttagen 1944 noch nicht vernichtet haben,
wurde bei den Endkämpfen in Königsberg zerstört
oder fiel den Brandschatzungen von Soldaten der Roten Armee
zum Opfer. Überall Ruinen
Großes Bild: Ruine des Königsberger Schlosses
Links: Russische Offiziere suchen in den Trümmern
I des Schlosses nach Hinweisen auf das Bernsteinzimmer
Nach dem ungeschriebenen Gesetz
„Frauen und Kinder zuerst“...
... werden am 20. April 1945 die
letzten Flüchtlinge in Pillau eingeschifft
Am 22. April 1945 wird deutlich,
daß die Festung Pillau nur noch zwei oder drei Tage
zu halten ist. Mehrere tausend Soldaten warten
noch auf Schiffe; sie wollen der Gefahr, in sowjetische
Gefangenschaft zu geraten, entgehen.
Viele Truppen werden auf die Frische Nehrung
Endkampf um
die F estung Pillau
ie Halbinsel Heia verschifft, wo der Kampf weitergeht
„Stunde Null66
in Pillau
Die letzten Verteidiger verlassen
am 25. April 1945 Pillau.
19.200 Menschen, Flüchtlinge und
Soldaten, konnten in den letzten Tagen
noch aus Pillau über See auf kleinen und
kleinsten Schiffen vor dem Zugriff der
sowjetischen Truppen gerettet werden.
Zurück bleibt eine brennende Stadt,
die am 26. April von der Roten Armee
besetzt wird
Halbinsel Heia
Der Tragödie letzter Akt:
Die letzten Verteidiger von Ostpreußen,
Soldaten und Verwundete,
waren von Pillau und der Frischen Nehrung
auf die Halbinsel Heia gebracht worden.
Hier warteten in den ersten Maitagen 1945
weit mehr als einhunderttausend Soldaten
auf ihre Rettung vor der
russischen Gefangenschaft.
Am 5. Mai - drei Tage vor
der Kapitulation der deutschen Wehrmacht -
schickte Großadmiral Dönitz
- seit 1. April Hitlers Nachfolger
als Reichskanzler - eine Flotte von Frachtern,
Kreuzern, Zerstörern und Torpedobooten
zur Halbinsel Heia und evakuierte
noch am 8. Mai 1945 mindestens 45.000
deutsche Soldaten nach Dänemark
nen versorgte und weiterleitete, näherte sich schließlich meiner Pritsche und
zog, noch im Schritte, bayerisch deftig über seine norddeutschen Berufskol-
legen her, weil sie über die Ostsee längst das Weite gesucht hätten. Er mein-
te, daß daher die Bayern und nicht die Preußen die wahren Helden seien.
Der im rechten Ellenbogen steckende Splitter des Baumkrepierers, der
meinen rechten Nebenmann an der Schläfe tödlich getroffen hatte, wurde
vom Arzt flott und schmerzlos herausgeholt und mir als Andenken überge-
ben. Ich hielt das verkrümmte rostige Metallstück, während der Arzt schon
an der nächsten Liege sich mühte und der Sanitäter meinen Ellenbogen
frisch verband, zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand und be-
trachtete es wie etwas Weltbewegendes. Schließlich steckte ich das „Klein-
od “ in die Hosentasche. Unverweilt führte mich der hagere Sanitäter zu ei-
nem mit einem Vorhang abgetrennten Raum und weiter zu einer dort noch
nicht belegten Pritsche.
Auf der linken Körperseite liegend, hielt ich vergebens nach einem bei je-
nem Gefecht ebenso verwundeten Kameraden Ausschau.
Um Mitternacht verlud man alle, in der Mehrzahl an Durchfällen und
Gelbsucht erkrankten Landser auf einen Lkw, und ab ging es zu einem
Schmalspur-Viehwaggon, der alsbald zum überfluteten Weichsel-Ufer roll-
te.
Nach über dreißig Stunden auf kahlen Bohlen ohne Decken holte man die
„Steifgefrorenen" wieder hervor und führte sie zu einem im Überschwem-
mungs-Gebiet errichteten Steg und über diesen weiter zu einem am Steg-
Ende im Weichselbett liegenden Boot, das umgehend ablegte und schnur-
stracks zur vor Jahren künstlich geschaffenen Weichselmündung strebte.
Der „Marine-Pott" verließ zwischen Nickelswalde und Schiewenhorst die
Weichselmündung und stieß in die Danziger Bucht hinein, schnurrte über
zwanzig Kilometer weit an jener Westerplatte, wo vor über fünfeinhalb Jah-
ren der Krieg begonnen hatte, zügig vorbei der Halbinsel Heia zu.
Auf dem Oberdeck, wo wir bei schnoddriger Witterung blieben, wärmten
sich die dort gammelnden Matrosen mit einem farbigen, fetten, nach Ma-
schinenöl schmeckenden Schnaps auf.
Im Hafen von Heia gingen die verkühlten Verwundeten und die Kranken
an Land und begaben sich in Begleitung eines dort ortskundigen Unifor-
mierten zu einer unweit vom Hafen stehenden Baracke. Die aus dem Mor-
gendunst mittlerweile hervorgekommene Sonne schien durch die Ba-
rackenfenster und erwärmte uns mehr und mehr. Den zur Mittagszeit emp-
fangenen Proviant versuchte ich, während auf dem Festland schwere Gra-
naten einschlugen, mit der Linken mundgerecht zu zerkleinern.
Am 8. Mai 1945, nach einer auf kahlen Bohlen verbrachten Nacht, erhiel-
ten die verwundeten und die kranken Kameraden Bordkarten und begaben
sich umgehend, einem Wehrmachts-Lotsen folgend, zum im Hafen an Pol-
lern festgemachten Frachter „Johann".
Dieses Schiff mit nur 938 Bruttoregistertonnen hatte früher Waschpulver
321
von Düsseldorf nach Königsberg gebracht. Während es sich bis zum letzten
Winkel füllte, schlugen im Hafen mit großen Fontänen schwere Granaten
ein.
Zur Mittagszeit, als im Hafen keine Granaten mehr einschlugen, wußten
einige an Deck und im Schiffsbauch flanierende Kranke zu berichten, daß
der Krieg zu Ende sei und daß alle im Hafen sich befindenden Schiffe gemäß
russischer Verfügung Heia nicht mehr verlassen dürften. Unmittelbar nach
dieser Nachricht vernahmen wir Dieselmotoren-Geräusche und fast zu-
gleich das Ächzen der Ankerwinde, wonach der „Persil-Dampfer" sich be-
wegte und die Fahrt gen Westen beschleunigte.
Damit war am 8. Mai 1945 der am 1. September 1939 in der Danziger
Bucht begonnene und dort auch zu Ende gegangene Krieg nicht nur für uns
vorbei.
Originalbericht 15 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
322
Dokument 24
Wittmeier, Hans-Wilhelm
Geboren am 7. Juni 1926
Dienstgrad: Kanonier
Einheit: 6. Batterie Werfer-Regiment 82
Ostpreußen-
Einsatz: Dezember 1944 bis
8. Mai 1945
Rücktransport: 8. Mai 1945 ab Heia mit
Zerstörer „Z 20" nach Kiel
Als Kanonier im Ostpreußen-Kessel
Mit 17 Jahren wurde ich am 28. März 1944 nach meinem Abitur in Allen-
stein/Ostpreußen zur Wehrmacht eingezogen. Ich hatte mich freiwillig zu
der Werfertruppe als Reserve-Offiziers-Bewerber gemeldet und kam zur 2.
Batterie Werfer-Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 5 nach Munsterlager.
Nach der Grundausbildung wurde ich zu einem Reserve-Offiziers-Lehr-
gang nach Celle abkommandiert. Kurz vor Abschluß dieses Lehrganges er-
folgte im Dezember 1944 meine Abkommandierung nach Tilsental ca. 30 Ki-
lometer nördlich von Insterburg in Ostpreußen, wo ich am 20. Dezember
1944 eintraf und der dort in Ruhestellung liegenden 6. Batterie des Werfer-
Regiments 82 zugeteilt wurde.
Zunächst wurden wir, meine Kameraden und ich, zu Schanzarbeiten bei
Kattenau und Neu-Trakehnen und zum Vermessen neuer Feuerstellungen
eingesetzt. Am 31. Dezember 1944 rückte unsere Batterie in die vorbereite-
te Feuerstellung Neu-Trakehnen I ein. In sternklarer Nacht feierten wir Sil-
vester mit einem Leuchtkugel-Feuerwerk.
Am 6. Januar 1945 erhielten wir einen neuen Batteriechef, Hauptmann
Bohlken. Am gleichen Tage erfolgte Stellungswechsel nach Neu-Trakehnen
II, die Vorbereitung rückwärtiger Stellungen im Eichwalder Forst und süd-
323
lieh Gumbinnen. Bei herrlichem Winterwetter hatten wir starke russische
Schlachtfliegerangriffe.
Nachdem am 12. Januar 1945 die Russen ihre Fliegertätigkeit verstärkten,
antwortete unsere Artillerie um Mitternacht mit heftigen Feuerschlägen.
Für die Zeit vom 13. Januar, dem Tag des Beginns der sowjetischen
Großoffensive gegen Ostpreußen, bis zum 21. März 1945, dem Tag, an dem
ich mich mit Erfrierungen an den Füßen vorübergehend zum Hauptver-
bandsplatz Follendorf am Frischen Haff absetzen mußte, machte ich über
meinen Kampfeinsatz in Ostpreußen folgende stichwortartige Notizen:
13. Januar 1945: Nachts um 3 Uhr Alarm. Batterie abmarschbereit, um 5
Uhr wieder Entwarnung. Um 6 Uhr Wecken. Dann ab 7 Uhr dreistündiges,
schweres gegnerisches Artilleriefeuer aus allen Rohren, eingeleitet von Sal-
ven der Stalinorgel. Einschläge in unserer Batteriestellung. Kein Schaden.
Wetter diesig. Muß mit MG vor der Batteriestellung in Richtung Neu-Tra-
kehnen sichern. Batterie schießt einige Salven nach starrem Feuerplan. Vor-
mittags ist der Abteilungsstab bereits aus der Gefechtsstellung geworfen. Es
wird gesagt, Russen in deutscher Uniform hätten angegriffen, es wären Leu-
te vom „Nationalkomitee Freies Deutschland" dabeigewesen. Infanterie
und schwere Waffen gehen zurück. Feuerstellung nach Moosgrund zurück-
verlegt.
14. Januar 1945: Morgens erneut Stellungswechsel 400 Meter rückwärts
bei Moosgrund. Bei jetzt klarem Wetter starke gegnerische Fliegertätigkeit
mit „Schlachtern" und „Sturen". Als Gefechts-Beobachter auf dem Dach des
Hauses, in dessen Keller der Batterie-Gefechtsstand eingerichtet ist, kann ich
die Ereignisse wie aus der Vogelperspektive wunderbar verfolgen, unter an-
derem auch die Tätigkeit von zwei russischen Fesselballons. Stellungs-
wechsel nach Springen. Unterwegs Angriff auf unsere Kolonne durch zwei-
motorige Schlachtflieger. Glück gehabt.
15. Januar 1945: Im Morgengrauen Stellungswechsel nach Roßlinde. Star-
ke gegnerische Schlachtfliegertätigkeit, die unsere Schießtätigkeit sehr be-
einträchtigt. Angriff mit Raketen auf unsere Batteriestellung. Erste Verwun-
dete bei Nachrichtenstaffel durch einstürzende Mauer infolge Artillerie-
oder Raketentreffer. Nachts Stellungswechsel nach Springen.
16. Januar 1945: Front hat sich offenbar stabilisiert, dem Russen ist der
Durchbruch nicht gelungen. Rückzug bis jetzt nur vier bis sechs Kilometer.
17. Januar 1945: Morgens Stellungswechsel nach Herzogskirch. Rege ei-
gene Feuertätigkeit. Frontlage unklar, so daß wir infanteristisch sichern
müssen. Furchtbarer Schneesturm, Stellungswechsel in den Eichwalder
Forst.
19. Januar 1945: Starke Schießtätigkeit unsererseits, noch regere Schlacht-
fliegertätigkeit der Russen. Rückzug in Richtung Insterburg, durch Inster-
burg. Bei Georgenburg über die Inster. Tieffliegerangriff. Massive Ballung
von Kolonnen vor dem Flußübergang. Hier treffen wir auf die ersten Flücht-
lingstrecks, die Wege und Straßen verstopfen und damit unsere Bewegun-
324
gen erheblich und in zunehmendem Maße erschweren. Frauen mit Kindern
und Säuglingen, Alte, Hiwis, kriegsgefangene Franzosen und Polen, alles
versucht mit hoffnungslos überladenen Panjewagen, Pferdefuhrwerken und
Schlitten sowie zu Fuß dem Russen zu entkommen. In den Straßengräben
liegt das Überflüssige, Weggeworfene, kaputte Fahrzeuge, tote Pferde, tote
Menschen.
21./22. Januar 1945: Unklare Frontlage. Fertigmachen zum Infanterieein-
satz, der dann aber abgeblasen wird. Treibstofflage kritisch. Rettung bringt
ein verirrter Panzermann mit einem Treibstoff-Lkw, der uns einige hundert
Liter „spendet".
22. - 31. Januar 1945: Ständiger geordneter Rückzug, ohne Feuerstellung
zu beziehen, behindert von den endlosen Flüchtlingstrecks bei zeitweilig 20
Grad Minus. Von Insterburg über Norkitten, Friedland, Allenau und vom
28. bis 31. Januar über eine Reihe von Herrensitzen und großen Gutshöfen
in Richtung Königsberg.
1.-9. Februar 1945: Fortsetzung des Rückzuges. Frontlage unklar. Feind-
liche Infanterieberührung. Tauwetter. Weiter zurück in den Raum See-
ben-Moritten-Kreuzburg. Am 9. Februar Stellungswechsel nach Tiefenthal.
Schlammperiode beginnt.
13. Februar 1945: Stellungswechsel nach Barslak, dann weiter nach Mo-
ritten. Einige Salven verschossen. Bei Feuerüberfall durch Stalinorgel erster
Gefallener im Jahr 1945. Weiterer Stellungswechsel rückwärts. Lage unklar.
Werferstellung wird von russischen Panzern überrollt. Infanterie dringt in
die Feuerstellung ein. Verlust von zwei Werfern und mehreren Fahrzeugen.
Entkomme auf einem Lkw, der von einem russischen Panzer - T 34 - in di-
rektem Beschuß unter Feuer genommen wird. Fahrer des Lkw: der Batte-
riechef Hauptmann Bohlken! Drei Werfer können noch gerettet werden. Ab-
setzen nach Zinten.
16. - 28. Februar 1945: Beziehen eine Ruhestellung in Birkenau in der
Nähe von Heiligenbeil. Scheune ist voll mit Flüchtlingen, Durchgangsquar-
tier für den Übergang über das noch vereiste Frische Haff. Am 23. Februar
verlegen nach Wedderau beim Schloß Adlig Pohren, nahe dem Haff, riesige
Rinder- und Pferdeherden, die bis zum Haff getrieben werden.
1. und 2. März 1945: Abmarsch zum Infanterieeinsatz, an dem vor allem
die 6. Batterie beteiligt ist mit kleinen Abordnungen der 4. und 5. Batterie.
Kälteeinbruch mit viel Schnee. Marsch durch Ludwigsort und weiter in
Richtung Brandenburg.
3. März 1945: Besetzen einer Infanteriestellung vor einem Steilhang in ei-
nem Gehöft, das durch mehrere Kampfstände „angereichert" ist, nahe See-
pothen. Wir lösen eine Gruppe Infanterie der Division „Großdeutschland"
ab, die diesen Stellungsabschnitt bisher gehalten hatte. Tiefgefrorene Iwans
und ein Maxim-Maschinengewehr auf Rädern liegen noch vor dem Ge-
fechtsstand.
7. März 1945: Nach einer unruhigen Nacht greift der Russe ohne Feuer-
325
Vorbereitung im ersten Morgengrauen mit Infanterie an. Vermutlich handelt
es sich um ein Stoßtrupp-Unternehmen. Die Überrumpelung gelingt voll-
ständig, unser MG schießt nicht, es ist eingefroren. Unsere Stellung wird mit
durchdringendem „Urääh" aufgerollt. Am Abend des Tages, nach mehre-
ren, von anderen Einheiten vorgetragenen vergeblichen Gegenangriffen, die
im russischen Feuer liegenblieben, finden sich von unseren 118 Werferleu-
ten noch 15 Mann in der Auffangstellung in einem Herrenhaus (Louisenhof)
wieder ein. Hauptmann Bohlken hat einen Unterschenkeldurchschuß, Leut-
nant Schaitza eine Knieverwundung. Oberwachtmeister Stiegels ist gefal-
len. Rangältester ist jetzt Unterwachtmeister Stäublin. In den nächsten Ta-
gen bleiben wir weiter im Infanterieeinsatz mit erfolglosen eigenen Gegen-
angriffen und der Abwehr weiterer russischer, ebenso erfolgloser Angriffe.
Gegenangriffe von „Großdeutschlandzz mit Schützenpanzern und Selbst-
fahrlafetten, Artillerie, unterstützt von Werfern auf Selbstfahrlafetten, soge-
nannte Panzerwerfer, bleiben im Granatwerfer-, Stalinorgel- und Artillerie-
feuer sowie im Flammenwerfereinsatz der Russen unter erheblichen Verlu-
sten liegen. Am 17. März verlegen wir zum Lindenberg auf der Halbinsel
Balga. Es erfolgt die Aufteilung der Reste der 6. Batterie auf die 4. und 5. Bat-
terie.
21. März 1945: Mit Erfrierungen an den Füßen, vom Infanterieeinsatz
herrührend, setze ich mich zum Hauptverbandsplatz Follendorf ab. Von
dort werde ich sogleich weiter zur Verladestelle Rosenberg geschickt. Der
Strand ist voll zurückgelassener, zerschossener und ausgebrannter Fahr-
zeuge der Wehrmacht wie auch der geflüchteten Zivilbevölkerung, die ihre
Fahrzeuge hier zurücklassen mußte, nachdem das Haff nicht mehr mit Fahr-
zeugen passierbar war. Dazwischen tote Pferde. Schlimmer kann es in Dün-
kirchen auch nicht gewesen sein. Ich habe Glück und komme über einen
Steg aus zerschossenen Fahrzeugen auf eine „Siebelzz-Marine-Fähre. Bei die-
sigem Wetter und ohne Belästigung durch Flieger entschwinden das in
Qualmwolken gehüllte Rosenberg und die Halbinsel Balga unseren Blicken.
Von überkommenden Wellen werden wir durchnäßt, was wir gerne in Kauf
nehmen. In Pillau kommen wir bei strahlendem Sonnenschein an. In einer
Schule in der Nähe einer Kirche werde ich versorgt. Nach zwei Nächten in
einer Leichtverwundeten-Sammelstelle in einer Kirche in Pillau werde ich
zum Hauptverbandsplatz in Kondehnen im Samland gebracht und von dort
zu einer Geneseneneinheit weitergeleitet, die in Wagen auf der Bahnstrecke
Pillau-Königsberg bei Kondehnen/Lindenau untergebracht ist. Im April
werde ich wieder k.v. (kriegsverwendungsfähig), ich notiere für die Zeit bis
zum Ende:
5. April 1945: Morgens werden wir k.v.-Leute zum Gefechtsstand eines
Grenadier-Bataillons der 93. Infanteriedivision in Powayen zum Einsatz als
„ Alarmeinheit" in Marsch gesetzt. Nach vielleicht vier Kilometern kommen
wir zum Gefechtsstand des Artillerie-Schützenregiments der 93. Infanterie-
division, der in einem Gutshof untergebracht ist. Dort sollen wir auf dem
326
Hof warten, wo einige Fahrzeuge stehen. An einem leuchtet, trotz Dreck er-
kennbar, ein Wappen, das vom schweren Werfer-Regiment 3 stammt. Hur-
ra! Das bedeutet die Erlösung von der Alarmeinheit. Ohne weiteres Besin-
nen gehe ich ins Haus und kann nach einigem Warten mit dem Adjutanten
sprechen, dem ich meine Geschichte erzähle. Als er erfährt, daß ich Batterie-
truppmann bin, übernimmt er mich sofort und stellt mir einen Marschbe-
fehl nach Pillau aus. Damit endet meine zuletzt nur noch formale Zu-
gehörigkeit zum 6. Batterie-Werfer-Regiment 82, und es beginnt mein „Gast-
spiel" bei der 1. Batterie, schweres Werfer-Regiment 3. Bereits am Abend
macht das Regiment Stellungswechsel nach Fischhausen. Ich werde von ei-
nem Krad mitgenommen. Von dort kann ich gleich mit einem Diesel nach
Pillau weiterfahren. Im Wald vor Pillau finde ich für die Nacht in einem
„wässrigen" Bunker Unterschlupf und bekomme etwas Knäckebrot und
Suppe. Am nächsten Morgen - dem 6. April - fahre ich mit einem Arbeits-
kommando nach Pillau. Nach etwa einer Stunde finde ich meine neue Ein-
heit.
7. April 1945: Das schöne Wetter nutzt der Russe aus, um Pillau und vor
allem die Schiffe auf der Reede anzugreifen. Die Flugzeuge kommen vom
Festland, überfliegen die Landzunge und greifen dann die Schiffe an. Auf
der Landzunge um Pillau steht dicht an dicht Flak, so daß die „Sturen" von
einem unheimlichen Feuerzauber empfangen werden. Ab und zu purzelt ei-
ner brennend herunter. Einmal gibt es eine große Wölke, und von dem Flug-
zeug ist nichts mehr zu sehen. Auf See zaubert die Schiffsflak Sprengwol-
ken an den Himmel. Dort liegen mehrere schwere Marine-Einheiten.
8. April 1945: Auch heute greift der Iwan unaufhörlich mit Flugzeugen an,
bis zum Abend. Wir sitzen im Keller eines Hauses. Überall kracht es. Die
Flak ballert. Ein Höllenzauber. Der Keller bebt in allen Fugen und wackelt
von den Einschlägen. Vor der Tür des Hauses stehen Fahrzeuge. Eine alte
Frau fliegt förmlich in den Keller herein, als vor dem Fahrzeug Bomben nie-
dergehen. Für die nächste halbe Stunde ist die Frau ohnmächtig. Die Fahr-
zeuge haben das Schlimmste abgehalten, sind aber nur noch ein kümmerli-
cher Rest ihrer selbst.
9. April 1945: Gegen Mittag ist die Batterie abmarschbereit. Ich bin MG-
Mann. Von Pillau fahren wir nach Fischhausen und von dort in Richtung
Palmnicken, Groß-Kuhren. Unterwegs nehmen wir noch Munition mit und
treffen Fahrzeuge von Werferregiment 81. Gegen Abend kommen wir zum
Forsthaus Wilhelmshorst in dem großen Forst Warnicken bei Heiligen-
kreutz. Das ist etwa fünf Kilometer südlich der Nordküste des Samlandes.
Nach einigem Hin und Her kommen wir auf einem Scheunenboden unter.
11. April 1945: Heute fahren wir in Feuerstellung. Es geht zuerst bis zur
Straßengabelung Rauschen-Groß-Kuhren, vorbei an einem abgestürzten
russischen Flugzeug. Wir fahren auf dieser Straße vor, biegen bei einem
Gehöft links ab und fahren bis an einen Waldrand. Kein Bunker. Kein Haus.
Die Werfer werden eingerichtet. Dann geht's an den Bunkerbau. Vor unse-
327
rer Werferstellung ziehen sich, leicht ansteigend, auf dem Höhenrücken
vom Volkssturm ausgehobene Gruben hin, wo wir geeignete MG-Stellun-
gen aussuchen. Plötzlich stürzt aus dem Dunst ein russischer Jäger auf uns
zu, aus allen Rohren feuernd. Wir liegen sofort platt. Aber es passiert nichts.
Ich werde zum Bunkerbau am Batterieoffiziersbunker abkommandiert. Mit
dem Spaten haue ich einen Weg durch den Wald. Das Waldstück ist mit Bun-
kern gespickt. Viele Bäume sind in halber Höhe zersplittert. Hier hat es al-
so schon mächtig was gesetzt. Bis zum Mittag ist der Bunker ausgeschach-
tet. Bis zum Abend ist auch unser eigener Bunker, der vor der Batterie auf
freier Wiese steht, schon notdürftig gedeckt. „Nachteulen" machen die Ge-
gend unsicher. Am nächsten Tag setzen wir den Bunkerbau fort.
13. April 1945: Nachdem sich der Frühnebel verzogen hat, beginnt der
Iwan erst mit einer kleckerweisen Artillerievorbereitung, die sich dann aber
verstärkt. Zwei Fesselballons stehen als Warnung am Horizont. Unsere Feu-
erstellung kommt unter Beschuß. Unser Bunker bekommt einen Granat-
werfereinschlag oben drauf, hält aber. Ich bin im Befehlsbunker und muß
die Feuerkommandos weitergeben. Mittags gestaltet sich das Essenfassen
schwierig, denn alle Augenblicke müssen wir beim Essenempfang in
Deckung gehen. Plötzlich, als glücklicherweise gerade kein Mensch in der
Nähe ist, kracht es, und der Motor des Essenfahrzeuges ist weg und der Wa-
gen durch Baumstämme ungewollt getarnt. Zweimal muß ich im Artillerie-
feuer zu unserem Bunker. Der erste Sprung bringt mich bis zum zerschos-
senen Küchenfahrzeug. Überall schwirren die Splitter, überall haut es rein.
Welches ist der günstigste Augenblick für den nächsten Sprung? Doch da
haut es schon wieder rein. Jetzt? Gleich zwei Einschläge, Splitter gegen den
Wagen und durch die Baumwipfel. Das kostet Überwindung. Der Auftrag
ist dringend. So springe ich und laufe zum Bunker, während es kracht, als
ob mir der Teufel im Genick sitzt. Ich komme gut an. Der Weg ist mit Split-
tern und kleinen Einschlaglöchern übersät. Dann schießen unsere Werfer
30er. Wir hören hinterher von der Infanterie, daß der Russe daraufhin den
Angriff an dieser Stelle abgebrochen habe.
Infanteristen behaupten, vor uns lägen Seydlitz-Leute. Unsere Wut ist
groß. Ich glaube, wir würden diese Kerle lynchen. Nachmittags nimmt der
Kampf an Stärke zu. Durch die Bodenwelle vor uns sind wir vor Direktbe-
schuß, wie Pak oder Panzer, sicher. Jetzt greifen auch „Schlachter" an. Artil-
lerie, die seitwärts von uns steht, beschießt mit MG die Flugzeuge. Ohne Er-
folg. Allmählich nähert sich der Kampf der Höhe vor uns. Mein Kamerad
Wastl und ich werden am späten Nachmittag mit dem MG auf die Anhöhe
vor uns zur Sicherung und Erkundung vorgeschickt. Dort verläuft ein aus-
gehobener Graben, in dem wir Stellung beziehen. Ich liege mit dem MG in
einem Sappenkopf. Mein Kamerad etwas hinter mir im Graben mit zwei
Munitionskästen. Links von uns in demselben Graben, fast am Waldrand,
ist eine B-Stelle der Artillerie mit Funkgerät. Kaum sind wir im Graben und
haben unsere Nase über den Grabenrand gesteckt, setzt ein höllischer Feu-
328
erzauber ein. Alle paar Sekunden saust eine Pak- oder Panzer-Granate
knapp über den Graben weg und haut in den Bäumen hinter uns ein. An-
scheinend ist das Funkgerät der B-Stelle vom Iwan ausgemacht. Deutlich
hört man die Abschüsse und sofort den Einschlag: Ratsch - Bumm! Ge-
schoß- und - fast noch schlimmer - Holzsplitter decken uns ein. Ich liege an
die Grabensohle gepreßt im Dreck, drehe aus Lehm Kügelchen und kleine
Männchen. Ab und zu schiebe ich mir ein Stück Brot in den Mund. Das lenkt
etwas ab. Meine Hoffnung schwindet, hier lebend herauszukommen. Doch
dann werden die Intervalle der Einschläge um Sekunden länger, und so ge-
ben wir uns selbst den Rückzugsbefehl. Mein Kamerad Wastl nimmt dies-
mal das MG, ich werfe die MG-Kisten aus dem Graben, springe hinterher
und laufe den Hang runter. Mein Kamerad hinter mir her. Nach 20 Metern
kracht es, ich bekomme einen Ast zwischen die Beine und falle automatisch
in Deckung. Gleichzeitig zwitschern die Splitter. Wastl schreit hinter mir auf,
ihn hat es erwischt. Er läßt das MG fallen und läuft wie ein Schimpanse, die
Hände fast auf dem Boden schleifend, den Kopf hat er fast zwischen den
Beinen, in Richtung unseres Bunkers. Auf Deckung bedacht erreichen wir
unseren Bunker. Dort verbinde ich Wastl notdürftig. Er hat eine Fleisch wun-
de am Arm und an den Rippen. Nicht weiter schlimm, aber es blutet stark.
Dann hole ich den Sani. Unser Kamerad Rankowski, der uns von unserem
Posten abholen sollte, bringt später das MG wieder mit zurück.
Dann kommt Stellungswechsel. Alles wird verladen, und bei einbrechen-
der Dämmerung fahren die ersten Fahrzeuge los. Ein Fahrzeug mit 30 cm-
Werfer-Munition versucht über die Höhe hinter uns wegzukommen, bleibt
aber auf halber Höhe stecken. Inzwischen ist es schummerig geworden.
Nun müssen auch noch Bretter aufgeladen werden. Plötzlich knallt es kurz
hintereinander. Panzer! Nichts wie weg vom Munitions-Anhänger.
Rankowski hat es am Bein erwischt. Er hat ziemliche Schmerzen. Auch Leut-
nant Kilian ist verwundet. Ich verbinde ihn. Mit Kamerad Alleweiler bleibe
ich als Posten mit dem MG beim Munitions-Anhänger zurück. Wir ver-
ziehen uns in einen Stabsbunker einer anderen Einheit, der mit Sperrholz
verschalt und mit allem Komfort ausgestattet ist: Sessel, Chaiselongue,
Grammophon, Schrank, Schreibtisch, Tisch! Nach einigen Stunden wird
endlich der Anhänger abgeholt. Eine gefährliche Last! Das Waldstück ist
völlig zerschossen. Fast kein Baum ist mehr heil. Aus einigen Bunkern steigt
Qualm auf, vielleicht brennt noch der Ofen. Alle Bunker mit zerfetzten Bäu-
men überdeckt und verrammelt. Als wir abfahren, bekommen wir noch ei-
nige Grüße der russischen Artillerie hinterher. Der Iwan schießt also offen-
bar auch nach Akustik, denn ohne weithin hörbares Motorengeheul geht so
ein Stellungswechsel nicht vonstatten. Auf der Straße nehmen wir noch wei-
tere 30 cm-Munition mit.
14. April 1945: Ganz leise nieselt der Regen und durchnäßt uns bis auf die
Knochen. Fast an jedem Straßenbaum liegt Werfer-Munition, die wir aufla-
den müssen. Eine fürchterliche Arbeit, da wir hundemüde sind. Irgendwo
329
laden wir im ersten Morgengrauen wieder ab, dann können wir uns eine
Stunde hinhauen. Danach wasche ich mich gründlich, sogar mit warmem
Wasser. Einer hat Hühner entdeckt, die nun liquidiert werden. Dann muß
ich Munition tarnen. Es ist auffallend ruhig. Vereinzelt kommen Leute von
vorne. Sie sagen, vorne wäre nichts mehr. Ein „Schlachter" fliegt in knapp
150 Metern Höhe an und läßt einen ganzen Sack Bomben fallen. Es geht aber
alles gut, und der Segen fällt vorbei. Da kommt plötzlich die Alarmmel-
dung: „Vorne ist keine Infanterie mehr - vorne klafft ein Loch, durch das 36
Panzer vorgestoßen sind!" Nun ist höchste Alarmbereitschaft. Wie zur Be-
stätigung hören wir plötzlich Panzerkanonenabschüsse und Motoren-
geräusch. Jetzt aber nichts wie weg! Hauptmann Puschanek will die Stel-
lung halten. Die Feuerstellung wird besetzt. Unteroffizier Lange und der Sa-
ni raten, weiße Tücher mitzunehmen! Inzwischen hören wir Panzergeräu-
sche auf gleicher Höhe und sogar schon seitwärts hinter uns. Ich soll das
MG holen. Ich laufe also zum Nachrichten-Lkw in einem Gehöft 200 Meter
rückwärts. Vor der Tür des Hauses liegt eine nicht explodierte Rakete eines
„Schlachters". Wieder vorzulaufen ist Unsinn. Inzwischen bumst es in un-
serer Nähe, alles ist in Aufregung. Das Feuer der Panzer richtet sich aber auf
das Dorf seitrückwärts, die Panzer haben uns schon seitlich überholt. Rechts
von uns scheint es noch feindfrei zu sein. Die Lage ist ernst. Die Fahrzeuge
werden fertig gemacht. Mit den Männern der Nachrichtenstaffel verkrüme-
le ich mich in ein Haus. Mehrmals haut es hinter dem Haus ein. So sieht al-
so das Ende aus, denken wir! Einige haben tatsächlich weiße Tücher bereit!
Uns geht der „Arsch auf Grundeis". Plötzlich kommt ein Melder: jeder soll
sich allein nach rückwärts durchschlagen, zu Fuß. Die Zugmaschinen sollen
türmen. Werfer werden gesprengt. Die ersten hauen schon durch die Sumpf-
wiesen ab. Einige wollen bleiben und auf den Iwan warten, auch Unteroffi-
zier Nöbbe. Sie sind mit den Nerven fertig. Die Nachrichtenstaffel türmt
jetzt auch. Ich warte bis zuletzt. Im Abfahren springe ich auf einen Lkw, der
im Schlepp fährt. Ich kann mich ja immer noch nicht auf meine Füße ver-
lassen. Wir fahren erst einen Feldweg entlang. Rechts von mir sehe ich eini-
ge russische Panzer T 34, knapp 500 Meter seitwärts. Mir läuft es kalt den
Rücken herunter. Glücklicherweise kommen wir gleich in einen Hohlweg,
dann biegen wir auf die Hauptstraße ein, die bis zum nächsten Dorf an-
steigt. Erst geht's gut. 300 Meter vor uns liegt ein brennender Lkw mitten
auf der Straße und versperrt sie. Kurz vor diesem Wrack knallt es rechts von
uns. Als ich mich umschaue, sehe ich deutlich die Panzer, die uns vermut-
lich nun auf's Korn nehmen. Sie haben sich offenbar auf den brennenden
Lkw eingeschossen. Ich mache mich auf dem Wagen platt. Es kracht nun
vorne, rechts, links und hinten. Nur wenige Meter von uns haut es rein. Ich
sehe neben der Straße den Dreck spritzen und fürchte, beim nächsten Ein-
schlag im Jenseits zu sein. Unser Fahrer gibt Gas, und in halsbrecherischer
Fahrt umkurvt er das brennende Wrack durch den Gott sei Dank flachen
Graben und über den Acker. Nun haben wir es geschafft. Hinter dem Wrack
330
sind wir über die Höhe hinweg und außerhalb des Schußbereiches der Pan-
zer. Bei einigen Häusern machen wir Halt. Vereinzelt kommen unsere Leu-
te dort zu Fuß an. Fahrzeuge jagen durch das Dorf. Zivilisten türmen. Der
Hauptverbandsplatz haut auch ab. Als die meisten von uns da sind, wird
uns der Rückzugsweg gegeben. Wir sollen versuchen, in kleinen Gruppen
das Forsthaus zu erreichen.
Zuerst marschiere ich mit meinen Kameraden Rudi Dornhan und Hannes
Scharrenberg, dann schließen wir uns Leutnant Schuldt an. Über Äcker, an
Waldrändern entlang und dann durch Hochwald machen wir die „Wald-
fee". Bei dem herrlichen Wetter beleben viele „Schlachter" den Himmel und
zwingen uns oft, hinter Bäumen in Deckung zu gehen. Als wir gerade über
eine große Wiese hasten, sind russische Jäger über uns. Endlich erreichen
wir eine Straße, neben der einige Tote liegen. Dann sind wir am Forsthaus,
wo wir todmüde übernachten.
15. April 1945: Morgens verabschiedet sich Hauptmann Puschanek von
uns, ihn hat es am Fuß erwischt. Mittags bekommen wir Marschbefehl nach
rückwärts. Nicht weit von Fischhausen sollen wir uns treffen. Die meisten
wollen zu Fuß losgehen. Rudi, Hannes Scharrenberg und ich springen auf
einen Lkw und los geht's! Unterwegs sind wir immer bereit, sofort abzu-
springen.
Wir überholen endlose Kolonnen. Unterwegs laden wir einen Verwunde-
ten auf. In einem größeren Ort verfahren wir uns und kommen auf einen
Hof, der von einer Einheit der Division „Großdeutschland" belegt ist. Dann
erreichen wir wieder die Hauptstraße, die einigermaßen frei ist. An der
Bahnstation Godnicken überqueren wir die Bahnlinie nach Palmnicken.
Nach anfangs vergeblichem Suchen finden wir die Reste der Abteilung in
einem Waldstück. Wir schlafen erschöpft unter den Zugmaschinen.
16. April 1945: Morgens geht es weiter. Ich erwische ein Fahrzeug, richte
mich auf dem vorderen Kotflügel ein. Bei Fliegerangriffen ist das der si-
cherste Platz! Bei Gaffken fahren wir an einem großen Feldflugplatz vorbei.
So kommen wir bis Fischhausen. Dort hatte es vorher Angriffe gegeben. Auf
den Bürgersteigen liegen Tote. Die Bäume sind zersaust, die Häuser demo-
liert. Es ist nicht viel übriggeblieben. Dann geht7 s weiter in Richtung Pillau.
Auf dem Wege dorthin sehen wir die Feldbefestigungen und den Panzer-
graben bei Tenkitten, ein vier Meter breiter und drei Meter tiefer Graben mit
sandiger Böschung vor einem Wald. Durch den großen Wald zwischen
Fischhausen und Pillau sind neue Wege geschlagen und Knüppeldämme
gebaut. Bei Neuhäuser biegen wir in den Wald ab und werden etwa einen
Kilometer vor dem Stadtrand von Pillau am Waldrand des Ostseedünen-
streifens abgesetzt. Wir haben uns gerade in der schon warmen Sonne lang-
gemacht, als uns einige Artilleriegrüße des Iwans in die rauhe Wirklichkeit
zurückholen und in Deckung zwingen. Es geht das Gerücht um, daß der
Iwan die Kapitulation von Pillau bis mittags 11.00 Uhr gefordert habe, an-
dernfalls er 60 Stunden auf die Stadt trommeln würde.
331
Nun wir mit aller Kraft von Hannes Scharrenberg und mir ein Loch ge-
buddelt. Da die Dünen hier parallel zur Front gewellt sind, buddeln wir an
der feindabgekehrten Seite ein Winkelloch und decken es mit Brettern ab;
abends ist es fertig.
19. April 1945: Neben unserem Loch steht ein Marine-Betonbunker, die
Befehlszentrale für die Artillerie der Schiffseinheiten vor Pillau. Auf der Ree-
de liegen zum Schutz von Pillau und der Verladung und als Flakschutz auch
schwere Marine-Einheiten. Von dem Befehlsstand aus wird die Land-
beschießung auf russische Truppenansammlungen und Panzerverbände ge-
leitet. Abends kommt der Abmarschbefehl; wir reihen uns in die Kolonne
nach Pillau ein, wo wir in der Dämmerung ankommen und in einem leeren
Haus Quartier machen. Am nächsten Morgen belegen wir eine Wohnung in
der unteren Etage. Pillau ist sehr mitgenommen. Kein Haus ist mehr heil.
20. - 22. April 1945: Die Artillerieaktivität der Russen ist beträchtlich, fast
ununterbrochen kracht es irgendwo. Ab und zu verdichtet sich das Feuer zu
Feuerüberfällen. Die Fliegertätigkeit geht rund um die Uhr. Damit verbun-
den ist eine ununterbrochene Tätigkeit der Flak. Militärisch ist die Lage in
Pillau hoffnungslos. Der Panzergraben von Tenkitten ist bereits überwun-
den und Pillau damit gefährdet. Alles Denken konzentriert sich jetzt nur
noch auf das Verschiffen oder das Übersetzen auf die Nehrung.
23. April 1945: Um 2.00 Uhr ist Abmarsch. Weit auseinandergezogen mar-
schieren wir in Richtung Hafen. Die russische Artillerie schießt Störfeuer.
Wir drücken uns auf der Promenade am Durchbruch entlang, an der Post
vorbei bis ans Wasser. Es ist scheußlich kalt. Als es graut, setzen wir mit ei-
nem Prahm auf die andere Seite über. Ein alter Schlepper zieht den Prahm.
Auf der anderen Seite angekommen, marschieren wir auf der Nehrungs-
straße bei Kilometer 0 los. Nach zwei Kilometern machen wir Pause. Unser
Marschziel ist Kilometer 40 bei Kahlberg.
Ein Dieselfahrzeug nimmt einige von uns mit. Ich springe ans Fahrerhaus,
halte mich mit einer Hand an der gesplitterten Scheibe fest und stehe mit
dem Fuß auf dem Trittbrett. Nach einigen Kilometern ist auch das vorüber.
Es geht wieder zu'Fuß weiter. Dann kommt eine andere Chance: Ein Pan-
zerspähwagen mit einem Major und Ritterkreuzträger hält an und läßt mich
aufsitzen. An der Straße macht alles Platz und grüßt manchmal. Ein tolles
Gefühl, die Nehrungsstraße 1. Klasse zu fahren und nicht entlang zu trot-
ten. Unterwegs nimmt der Major noch einen MG-Schützen und einen Flak-
offizier auf den Wagen. Vor Kahlberg lädt uns der Panzerspähwagen ab.
24. - 26. April 1945: Die Gegend, in der wir Stellung beziehen, nennt sich
„Kamelrücken" und zieht sich zwei Kilometer ostwärts von Kahlberg hin,
eine langgezogene Düne, parallel zur Haffküste. Sie bietet damit auf der
dem Haff abgewandten Seite Schutz gegen Feuer vom Festland. Vom Haff-
hang aus können wir Frauenburg und den Leuchtturm von Tolkemit sehen.
Die Tage im Erdloch am „Kamelrücken" verlaufen weitgehend ruhig, bis die
Kampftätigkeit der Russen auf die Nehrung übergreift. Pillau ist gefallen,
332
jetzt wird eine Landung der Russen auf der Nehrung hinter Kahlberg be-
fürchtet.
27. April 1945: Wir ziehen uns hinter Kahlberg zurück und werden in
Kompanien eingeteilt, wobei wir „Alten" Zurückbleiben. Einige hundert
Meter hinter Kahlberg wird uns ein Waldstück im Bereich des Riegels VIII
zugewiesen mit einer Reihe von „Erdlöchern", halb in, halb über der Erde
mit doppelstöckigen Holzpritschen.
28. April 1945: Am Nachmittag verlegen wir nach Riegel IX, ostwärts von
Kahlberg, und beziehen hinter dem Riegel Stellung, der aber noch nicht
HKL ist. Es regnet in Strömen. Wir hauen uns dicht an dicht in den Graben,
ziehen uns eine Decke über den Kopf und dösen.
29. April 1945: Der Graben zieht sich an einer Düne an der Haffseite einen
Steilhang schräg hinauf. Ich bin Melder und muß bergauf, bergab wetzen.
Gegen den Dauerregen bauen wir uns Überdeckungen über den Graben.
Nach meinen Meldegängen bin ich furchtbar durchgefroren.
30. April 1945: Der Iwan schießt vom ostpreußischen Festland aus mit
Pak. Mehrmals geht es dicht über uns hinweg oder haut vor uns in die Dü-
ne rein. Die Splitter zerfetzen die Bäume, so daß wir uns in unserem Loch
nicht ganz wohl fühlen. Abends sind wieder „Nachteulen" unterwegs.
Leichte Flak macht mit Vierlings- und Zwillings-2 cm-Schnellfeuer-Kanonen
einen Höllenzauber und vertreibt sie.
1. Mai 1945: Morgens muß ich mit einem Rundschreiben zu den einzelnen
Gruppen und Löchern: Unser Führer Adolf Hitler hat in Berlin den Hel-
dentod gefunden, Großadmiral Dönitz ist jetzt neuer Führer! Und der Fah-
neneid habe nach wie vor seine Gültigkeit. Das berührt uns schon sehr.
Nachts wird die Lage kritisch. Der Russe ist in den Riegel IX vor uns einge-
brochen. Wir müssen Vorposten beziehen und unseren Graben besetzen. Ich
ziehe mit einem Kameraden als erster auf Vorposten. Auf dem Kamm der
Düne schleichen wir 100 Meter vor und graben mit dem Feldspaten ein
Loch, so daß wir gerade drin sitzen können. Nach zwei Stunden werden wir
abgelöst. Die Kampftätigkeit lebt am Morgen wieder auf.
2. Mai 1945: Im Morgengrauen lösen uns Füsiliere ab und besetzen unse-
ren Grabenabschnitt. Neben der Straße das gewohnte Bild: mehrere Tote
vom letzten Feuerüberfall, krepierte Pferde. Hinter uns geht auf den Riegel
ein Trommelfeuer nieder, so daß alles in Rauch und Qualm versinkt. Zum
Glück sind wir da noch rechtzeitig herausgekommen.
Westlich hinter Kahlberg sammeln wir uns im Wald und beziehen den
Riegel VI zwischen Kahlberg und Pröbberau bei Langhaken, etwa bei Kilo-
meter 43. Unser Abschnitt geht von der Straße bis zum Haff. Es ist ein vor-
bereiteter durchgehender Schützengraben, der sich über die bewaldete Dü-
ne hinzieht. Unser Zug hat den Haff abschnitt. Wir müssen gleich in
Deckung gehen, da die russische Artillerie uns mit einigen Lagen empfängt.
Hinter dem Graben ist ein recht solider Bunker mit mehreren Lagen dicker
Stämme und Erde obendrauf. Die Rückwand des Bunkers liegt im Graben.
333
Der Zugtrupp wird in diesen Bunker eingewiesen. Wir sind gerade einge-
zogen, als der Iwan mit Pak auf den Bunker zielt. Ein Einschlag geht einige
Meter vor dem Bunker rein und legt einen Baum um, der nächste Einschlag
haut nur wenig mehr als einen Meter am Bunker vorbei in die Graben-
deckung und verschüttet den Graben auf mehrere Meter, wir müssen ihn
danach erst wieder freilegen.
3. Mai 1945: Wir werden von einer Jäger-Einheit abgelöst. Im ersten Mor-
gendämmern rücken wir ab. Kaum sind wir aus dem Graben heraus,
kommt der Befehl: „Gepäck ablegen, Infanterieeinsatz!" Wir gehen wieder
vor. Die Bewaffnung ist jämmerlich. Pro Mann bekommen wir 30 Schuß.
Unser Zug hat einige Panzerfäuste, 2 MG, 2 MP und ein defektes Sturm-
gewehr. Wir gehen auf der Nehrungsstraße, die ein Knüppeldamm ist, nach
Osten vor und besetzen den Riegel VII. Unser Zug hat den Abschnitt gleich
neben der Nehrungsstraße.
Wir liegen in dem Graben auf einer kleinen Anhöhe. Mann neben Mann.
Vor uns fällt die Düne leicht ab, das Gelände ist mit Kiefern bestanden.
Plötzlich fällt, nicht weit von mir, unser Scharfschütze, ohne einen Laut von
sich zu geben, nach hinten über und sackt in den Graben. Ein Kopfschuß hat
ihm den Schädel aufgeschlitzt. Er trug keinen Stahlhelm, weil er so besser
schießen konnte und den russischen Kollegen nicht so leicht auffallen wür-
de! Das hat er mit dem Leben bezahlt. Der Stahlhelm wäre aber auch kein
Schutz vor einem Infanteriegeschoß gewesen. Wie im Schock nehmen alle
volle Deckung. Jetzt wagt von uns keiner mehr den Kopf - aus Furcht vor
russischen Scharfschützen - über den Grabenrand zu stecken. Der Gegner
liegt nur 200 bis 300 Meter entfernt, für einen Scharfschützen kein Problem.
Unser MG wird auch außer Gefecht gesetzt. Die Lage unserer Einheit wird
immer kritischer, als die Munition knapper wird. Bei 30 Schuß pro Mann
kein Wunder, manche haben keinen Schuß mehr.
So gibt der Kompaniechef den Befehl zum Absetzen, den ich als Melder
weitergebe. Die Männer laufen über den Fahrweg, die Böschung hinauf und
gehen hinter dem Hang in Stellung. Ich will gerade den Abhang hinunter,
als in etwa 50 Metern Entfernung eine Granate an der Straßenkreuzung ein-
schlägt. Ich werfe mich in Deckung. Drei Mann haben etwas abbekommen.
Ein junger Landser, der scheinbar etwas ins Kreuz bekommen hat, wimmert
unaufhörlich: „Ich bin doch noch so jung, muß ich denn schon sterben!" Ein
Kamerad hilft ihm wieder auf die Beine, und er kann noch allein zurückge-
hen! Die Situation wäre komisch, wenn sie nicht so ernst wäre.
Während ich noch im Unterstand bin, wohin wir einen angeblich ver-
wundeten Offizier gebracht hatten, kommt ein Kamerad herein mit einem
glatt durchschlagenen linken Oberarm. Der Unterarm baumelt an einigen
Sehnen. Der Stumpf blutet mächtig. Trotz des viehischen Anblicks, der mir
fast den Magen umkrempelt, ist der Mann völlig ruhig. Er schimpft nur, daß
er den Arm los ist und nun nicht mehr seinen Tischlerberuf ausüben könne!
Er gibt keinen Schmerzenslaut von sich. Wir ziehen mehrere Verbands-
334
päckchen so stramm wie möglich um den Stumpf und binden den Arm mit
einer Decke hoch. Dann gehe ich wieder nach vorn. Wir gehen langsam von
Hügel zu Hügel zurück. Das Pakfeuer nimmt zu. Wir sind inzwischen schon
sieben Stunden in der Stellung. Es ist Mittag. Auf der Ostseeseite laufen jetzt
unsere Leute über die Dünen zurück, so daß wir jetzt von der Seite Feuer er-
halten. Da wir keine Munition mehr haben, müssen wir zurück. In diesem
Augenblick geht ein begrenztes Trommelfeuer auf den Abschnitt zwischen
der Straße und der Ostsee nieder. Der ganze Waldabschnitt versinkt in
Qualm und Rauch. Wir müssen also durch den Haffabschnitt zurück. Nach
einigen Kilometern Marsch sammeln wir uns hinter Pröbbernau, später su-
chen wir uns für die Nacht hinter Riegel IV zwischen Pröbbernau und Vo-
gelsang Unterstände. Wir sind jetzt Gefechtsreserve.
4. und 5. Mai 1945: Wir versuchen uns erst einmal richtig auszuschlafen,
was auch nur für einige Stunden möglich ist. Am nächsten Tag liegt wieder
ein höllisches Feuer auf dem ganzen Abschnitt. Ich bleibe als Melder beim
Kompaniegefechtsstand. In der Dämmerung wird die Kompanie alarmiert:
der Iwan ist durchgesickert. Wir sollen ein Waldstück durchkämmen, den
Graben wiedergewinnen und halten. Doch wir haben nur unsere Karabiner
und keine schweren Waffen mehr.
6. Mai 1945: Gegen Morgen ist es soweit: Ich muß den Absetzbefehl her-
umbringen. In der Morgendämmerung werden wir abgelöst und setzen uns
ab. An der Straße finde ich ein Muni-Fahrzeug, das schon Verwundete hat
und mich mitnimmt. Die Straße ist an mehreren Stellen von großen Kratern
aufgerissen, der Wald rechts und links der Straße mächtig zerzaust, überall
Verwüstung. Nach einigen Kilometern werden wir abgesetzt und kommen
im Keller eines Hauses unter, werden aber sofort von einem Feuerüberfall
aufgeschreckt. Weitermarsch über Boden winkel nach Stutthof. In einem Ba-
rackenlager werden wir untergebracht. Kaum eingerichtet, kommt der Ab-
marschbefehl. Wir marschieren nach Westen zu einer Verladestelle nach
Heia, sagt man uns. Das Gelände neben der Straße steht unter Wasser. Dar-
in liegen tote Pferde, einige lebende schleppen sich noch irgendwohin. Ein
Gnadenschuß wäre besser für sie. Der Marsch ist anstrengend, aber es geht
in Richtung „Hoffnung". Nach einigen Kilometern kommen wir zu einem
großen Heerlager. Auf einem Feld sind Fahrzeuge aufgefahren, wie bei Ro-
senberg und Balga im Kessel von Heiligenbeil. Herrenlose Pferde laufen da-
zwischen herum, in einem Waldstück kommen wir in kleinen Unterständen
unter.
7. Mai 1945: Wir warten auf die Verschiffung nach Heia. Nachmittags
kommt der Abmarschbefehl. Auf der Straße kommen wir an einigen Häu-
sern vorbei, an denen noch die Parolen stehen: „Kampf oder Bolschewis-
mus", „Tapfer und Treu", „Sieg oder Sibirien". Gegen Abend erreichen wir
Nickelswalde an der Weichselmündung, wo wir uns vor der Anlegestelle
hinter dem Deich niederlassen. Auf der Weichsel liegen einige Marine-
fähren. Kurz vor 23 Uhr sind auch wir dran. Nach weiterem Warten auf frei-
335
em Feld, mit tausenden anderen, kommen wir auf eine Fähre. Im Laufschritt
stürmen wir darauf. Ein Rollkommando drückt uns wie die Heringe zu-
sammen. Die nächsten Stunden hänge ich auf nur einem Bein stehend an der
Innenbordwand im Unterdeck.
8. Mai 1945: Die Überfahrt nach Heia ist eine Qual. Nicht auszudenken
was passiert, wenn die Fähre versenkt wird. Im ersten Morgengrauen kom-
men wir auf Heia an. Durch die schwer beschädigten Hafenanlagen mar-
schieren wir aus dem Hafenbereich heraus und beziehen in einem Wald
Quartier. Nach einiger Zeit marschieren wir wieder zum Hafen, jedenfalls
bis an den Zaun. Dichtgedrängt stehen wir hier und warten, warten. Es ist
hochsommerlich warm. Erst gegen Abend läßt man unsere Einheit durch ein
Tor in das eigentliche Hafengelände. Wir sind jetzt in der „engeren Wahl".
Am Kai liegen zwei Zerstörer, einige Schnell- und Minenräumboote und der
alte Seebäderdampfer „Rugard". Unser Leutnant Sachse ist plötzlich ver-
schwunden. Es wird gesagt, er sei früher einmal Zerstörer gefahren. Als er
wiederkommt, heißt es „mitkommen". Wir gehen an Bord des Zerstörers „Z
20 - Karl Galster".
Um 23 Uhr legen wir ab und verlassen Heia in langsamer Fahrt. Unser
Schiff ist vollgepfropft, wir hocken dicht an dicht. Am Kai stehen, sagt man,
noch über 40.000 Mann und warten auf das nächste Schiff, das nicht mehr
kommen wird! Im Wald auf Heia liegen weitere Landser, zehntausende, und
warten auf Verschiffung. Daß sie vergeblich warten, wissen sie noch nicht.
Erst nach Ablegen sagen uns die Matrosen auf unserem Zerstörer: „Um Mit-
ternacht ist Waffenstillstand!"
9. Mai 1945: Die Sonne geht auf. Waffenstillstand! Hoffentlich gibt es nun
Frieden! Bei herrlichem Sonnenschein stößt ein aus dem Kurlandhafen Li-
bau kommender Verband, eine Zerstörergruppe, jedes Schiff bis auf die
Oberdecks vollgepackt mit Kurlandkämpfern, zu uns. Am späten Nachmit-
tag erreichen wir gemeinsam die Küsten Schleswig-Holsteins. Jetzt haben
wir die Gewißheit: „Wir sind noch einmal davongekommen!"
Originalbericht 20 Seiten (maschinenschriftlich) und persönliche Er-
klärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
336
Dokument 25
Kirchenbauer, Hans
Geboren am 16. Dezember 1922
Dienstrang: Obergefreiter
Einheit: Heereskraftfahrpark
561. Volksgrenadier-Division
Kommandeurfahrer bei Oberst
Becker und General Lasch
Ostpreußen-
Einsatz : Mitte 1944 bis Kriegsende
Gefangen-
nahme: 8. Mai 1945 bei Stutthoff
Gefangen-
schaft: bis 1948 im Lager Semonenskoje
8. Mai 1945: Von der Freiheit „befreit"
1941 wurde ich zur Wehrmacht eingezogen und gehörte als gelernter
Kraftfahrzeughandwerker dem Heereskraftfahrpark der 561. Volksgrena-
dier-Division an. Nach Kampfeinsätzen im Rußlandfeldzug im Raum Bara-
nowice, Minsk und Smolensk betrat ich Mitte 1944 zum ersten Male ost-
preußischen Boden; ich wurde zum Unteroffizierlehrgang nach Arys bei
Lötzen/Lyck abkommandiert. Auf dem großen Truppenübungsplatz bei
Arys wurde ich auch am Granatwerfer ausgebildet.
Wie ernst die Lage war und daß man mit einem Angriff der Roten Armee
auf Ostpreußen rechnete, sah ich daran, daß wir im Herbst 1944 zum ersten
Male bei der Evakuierung von Zivilisten - Förstern mit ihren Familien - ein-
gesetzt wurden.
Katastrophal für die noch in Ostpreußen verbliebene Zivilbevölkerung,
vor allem Frauen, Kinder und alte Leute, wurde es Mitte Januar 1945 nach
Beginn der sowjetischen Großoffensive. Bei hohem Schnee und grimmiger
Kälte bis zu 25 Grad unter Null mußten die Ostpreußen ihre Heimat ver-
lassen; vor allem die Frauen hatten Angst vor den Soldaten der Roten Ar-
mee. Das Massaker von Nemmersdorf im Oktober 1944 war ihnen Erinne-
rung und Warnung zugleich.
337
Auch für uns - ich war Kommandeurfahrer von Oberst Becker - begann
Mitte Januar 1945 der Rückzug. Von Arys aus ging es über Sensburg, Zin-
ten, Mehlsack bis Braunsberg und von dort aus über die Behelfsstraße nach
Königsberg.
Was ich auf diesem Rückzugsweg an Flüchtlingselend gesehen und mit-
erlebt habe, war unfaßbar. Ich sah wie die Flüchtlingstrecks über das zuge-
frorene Haff zogen, dort fast pausenlos, Tag und Nacht bombardiert und mit
Bordwaffen beschossen wurden, Treckwagen in dem zerbombten Eis ein-
brachen und versanken. Wir halfen, so gut wir konnten. Da war ein vier-
spänniger Treckwagen getroffen worden, der Gespannführer, ein älterer
Mann, war schwer verwundet, Soldaten brachten ihn zum nächsten Ver-
bandsplatz, die Frau, noch unter Schock, wurde von einem anderen Treck-
fahrzeug mitgenommen; sie überließ den Soldaten alle Eßwaren, die sich
noch auf dem Wagen befanden. Bei diesem Angriff hatte es auch Tote gege-
ben. Sie mußten auf dem Eis liegengelassen werden, da eine Bestattung oder
ein Fortschaffen nicht möglich war. Nicht weit von den Toten lagen veren-
dete Pferde.
Als ich mit Oberst Becker in Königsberg eintraf, war die Festung bereits
fast eingeschlossen. Der Oberst meldete sich bei General Lasch, meine Ein-
heit, die 561. Völksgrenadier-Division, wurde in Königsberg zur Rundum-
verteidigung eingesetzt. Der Divisionsstab mit Oberst Becker zog in den
rückeroberten Königsberger Vorort Metgethen. Als wir dort eine Villa bezo-
gen, sah ich in einem der Zimmer eine durch Genickschuß getötete ältere
Frau im Sessel und eine junge Frau, vermutlich die Tochter, auf der Couch,
entblößt, verblutet. Das war das Werk von Soldaten der Roten Armee, die
bis kurz vor unserem Einzug Metgethen einige Zeit besetzt und auch hier
ein Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet hatten.
Die Lage in und um Königsberg wurde von Woche zu Woche bedrohli-
cher, der Einschließungsring durch die Rote Armee immer enger. Der Artil-
leriebeschuß auf die Stadt wurde von Tag zu Tag stärker, und auch die Luft-
angriffe nahmen zu. Immer mehr Häuser wurden zu Schutt und Asche ge-
schossen und zerbombt und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die
„Festung Königsberg" aufgegeben werden mußte. Am Stadtrand sah man
überall große Transparente: „Wir halten Königsberg". In keinem Fall, so
wollte es Hitler, sollte Königsberg kapitulieren.
Doch auch im März 1945 setzte sich die Entvölkerung von Königsberg
und Ostpreußen fort; die Bevölkerung, die bis jetzt noch geglaubt hatte, die
deutschen Soldaten könnten Ostpreußen gegen die Rote Armee verteidigen
und verlorenes Gebiet zurückerobern, zeigte sich dieser Hoffnung beraubt.
Alles, was noch gut auf den Beinen war, nahm den letzten Fluchtweg und
floh in Richtung Haff, Frische Nehrung und Pillau, um nur nicht den Rus-
sen in die Hände zu fallen.
Auch der Festungskommandant von Königsberg, General Lasch, sah den
Zeitpunkt näher kommen, zu dem er sich entscheiden müßte, Königsberg
338
bis zum letzten Mann zu verteidigen und noch mehr Soldatenleben zu op-
fern oder zu kapitulieren. Nur zwischen diesen beiden Entscheidungen
konnte er wählen. Bestärkt in seinem Entschluß, aufzugeben, wurde er viel-
leicht durch eine Fahrt, die ich mit ihm machte. Etwa vier Wochen vor der
Kapitulation Königsbergs hatte ich den Auftrag erhalten, ihn in seinem Be-
fehlsstand in Königsberg abzuholen. Ich fuhr mit dem General zunächst
nach Metgethen und danach die Frontlinie ab, die noch eine Länge von vier
bis fünf Kilometern hatte. Er sprach mit Offizieren, Soldaten und Volks-
sturmmännern, Jungen von 14 und 15 Jahren und über 60jährigen, die schon
den Ersten Weltkrieg miterlebt hatten, auch diese gehörten zu seiner Kö-
nigsberger „Verteidigungs-Armee".
Kurze Zeit später wurde meine Einheit, die 561. Volksgrenadier-Division
unter dem Befehl von Oberst Becker, von Metgethen zum Kampfeinsatz in
das Samland verlegt. Mit der Fähre wurden wir übergesetzt.
Doch dieser Kampfeinsatz bestand nur noch aus Rückzugsgefechten, da
die Übermacht der Truppen der Roten Armee viel zu groß war. Schließlich
mußten wir uns im Laufe des Monats April bis nach Stutthof absetzen. Hier
wurde mein Chef, Oberst Becker, nach Berlin abkommandiert, und ich wur-
de Fahrer meines Kompaniechefs. Doch auch das Fahren war bald vorbei,
und zu verteidigen gab es auch nichts mehr. Die Russen griffen uns auch
nicht mehr an; sie wußten, daß wir ihnen eines Tages sowieso in die Hände
fallen würden, sie brauchten uns lebend, als Arbeitskräfte für Rußland.
Doch wir ahnten noch nichts davon.
Da es für uns auch keine Möglichkeit mehr gab, über See gerettet zu wer-
den, waren wir dazu verdammt, in Stutthof das Ende des Krieges abzu-
warten und danach in russische Gefangenschaft abgeführt zu werden.
Das geschah am 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation
der deutschen Wehrmacht, der später als „Tag der Befreiung" bezeichnet
wurde, der uns Soldaten von der Freiheit befreite. Offiziell haben wir in
Stutthof weder Informationen über die Frontlage erhalten noch von der Tat-
sache der bevorstehenden Kapitulation erfahren. Dies hörten wir von einem
Kameraden, der noch über einen kleinen Kurzwellenrundfunkempfänger
verfügte.
Die Stimmung bei uns sank auf Null, als wir von der Kapitulation erfuh-
ren. Jetzt wußten oder ahnten wir, was uns bevorstand. Ich hatte schnell
noch einen großen Wagen organisiert, zwei Pferde angespannt und den Wa-
gen voll Proviant gepackt, weil unser Kompaniechef gesagt hatte: „Kapitu-
lationstruppen kommen nach der Genfer Konvention nicht in Gefangen-
schaft!" Doch für die Rote Armee galt das sowjetische Kriegsrecht und nicht
die „Genfer Konvention".
Als Soldaten der Roten Armee den Wald in Stutthof, in dem wir uns be-
fanden, umstellt hatten, Maschinenpistolen auf uns gerichtet, blieb uns nur
noch die Möglichkeit, unsere Waffen wegzuwerfen und beide Arme hoch-
zuheben, um uns gefangennehmen und durchsuchen zu lassen.
339
Wir mußten alles stehen und liegen lassen und eine Marschkolonne bil-
den.
„Ohne Tritt Marsch" bewegten wir uns zur Fähre, die uns über das Haff
brachte. Dann begann der Fußmarsch nach Braunsberg. Hier mußten wir
erst einmal unsere Stiefel ausziehen und alte Russenschuhe anziehen. Da ich
nur Größe 40 hatte und kein Russe in meine Stiefel paßte, konnte ich meine
behalten. Was für ein Glück.
In Braunsberg hatten die Russen ein großes Sammellager für deutsche
Kriegsgefangene eingerichtet, für etwa 10.000 Mann, eine unüberschaubare
Schar.
Am Pfingstsonntag 1945 erfolgte von hier aus unser Abtransport nach
Moshaisk in Rußland. Wir wurden in zehn Güterwagen gepfercht, die mit
Stacheldraht umwickelt waren. In die kleineren Waggons wurden 45, in die
großen 90 Mann gepreßt. Während der zehntägigen Fahrt gab es keine Ver-
pflegung. Ab und zu hielt der Zug auf freier Strecke an Flüssen, wo wir un-
genießbares Wasser trinken konnten, wenn wir ein Gefäß dafür hatten, oder
mit den bloßen Händen. Auf einen Toten mehr oder weniger kam es den
Russen bei diesem Transport nicht an. Von der Ausladestation bis zum La-
ger Semonenskoje, etwa 160 Kilometer von Moskau entfernt, Richtung Smo-
lensk, mußten wir zwei Tage zu Fuß gehen. Wir übernachteten auf freiem
Feld. Jeder, der zusammenbrach, wurde liegengelassen.
Im Lager ging das Sterben weiter, täglich bis zu zehn Mann. Dazu trug
auch die schwere Arbeit auf einer Waldkolchose bei. Dann wurde ich aus-
sortiert und durfte als Kraftfahrzeughandwerker in der Werkstatt arbeiten.
Wieder hatte ich Glück.
1948 kam mir ein Zufall zur Hilfe; ich hatte einen Arbeitsunfall. Ein Rus-
se verletzte mir den linken kleinen Finger; er schlug ihn fast ab. Ich wurde
entlassen und durfte mit dem nächsten Transport die Heimreise antreten.
Zu Hause wurde der Finger amputiert.
Ich habe zwar einen Finger verloren, doch nicht das Leben und nicht die
Erinnerung an Ostpreußen, das Land, das ich in den letzten Kriegsmonaten
erlebte und das heute, 50 Jahre später, fast vergessen scheint.
Originalbericht 7 Seiten (handschriftlich) und persönliche Erklärung vor-
liegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
340
Dokument 26
Stendtke, Heinz
Geboren am 14. September 1925
Dienstrang: Fahnenjunker-Unteroffizier
Einheit: Artillerie-Regiment 1 Königsberg
Ab 29. Januar 1945:
5. Panzerdivision Königsberg
Artillerie-Regiment
Ostpreußen-
Einsatz: 29. Januar 1945 bis 13. April 1945
Gefangen-
schaft: 13. April 1945 bis Ende Juni
in Königsberg,
danach in Orsk / Südural
Das bittere Ende in Königsberg erlebt
In Willenberg, Kreis Allenstein in Ostpreußen, geboren, zog ich mit mei-
nen Eltern 1935 nach Königsberg, wohin mein Vater versetzt wurde. Von
Ostern 1936 bis zum Kriegsabitur 1944 habe ich die Burgschule (Oberreal-
schule auf der Burg) besucht.
Im April 1944 wurde ich zum Artillerie-Regiment 1 nach Königsberg ein-
berufen und habe meine Grundausbildung in Heilsberg absolviert. Danach
kam ich im Spätsommer 1944 an die Kurlandfront und dort zur 121. Infan-
terie-Division.
Als mein Bruder im Dezember 1944 an der Italienfront als vermißt ge-
meldet wurde, erhielt ich auf Grund eines Führererlasses Sonderurlaub. Mit
einem Schiff über Libau-Danzig-Neufahrwasser kommend, traf ich mit ei-
nem Urlaubsschein für 14 Tage am 22. Januar 1945 in Königsberg ein. Als am
28. Januar 1945 durch einen Rundfunkaufruf alle Urlauber zur sofortigen
Meldung aufgefordert wurden, meldete ich mich am 29. Januar 1945 bei ei-
ner Frontleitstelle in Königsberg, die mich dem Artillerie-Regiment bei der
5. Panzer-Division zuwies; Kommandeur war zu diesem Zeitpunkt Oberst
Herzog.
Bis zum 17. Februar 1945 war ich als Angehöriger der 5. Panzer-Division
341
südlich des Stadtteils Ponarth eingesetzt. In meiner Funktion als Vorge-
schobener Beobachter hielt ich mich während des Fronteinsatzes in der Fe-
stung stets in einem Außenfort auf, das Graf Dohna hieß und zum inneren
Festungsgürtel der Stadt in der Nähe der Ringchaussee gehörte. Außer ver-
stärkter Stoßtrupptätigkeit blieb dieser Frontabschnitt in meiner Zeit relativ
ruhig. Man konnte von meinem Beobachtungsstand als vorgeschobener Be-
obachter den Aufmarsch der Russen vor Königsberg konkret mitverfolgen.
Dieser Aufmarsch lief völlig ungestört, zum Teil mit aufgeblendeten Schein-
werfern ab. Wegen erheblichen Munitionsmangels durften wir mit unseren
Waffen nicht eingreifen. Wir hatten strikten Befehl, die knappe Munition für
den Fall eines tatsächlichen Angriffs der Russen aufzusparen.
Die 5. Panzer-Division wurde für einen Angriff am westlichen Teil des Fe-
stungsgürtels kurzfristig in einer lautlosen Nacht- und Nebelaktion aus die-
sem Frontabschnitt herausgelöst und durch eine Volksgrenadier-Division
und Volkssturmeinheiten ersetzt. Der Stadtteil Ponarth war kaum beschä-
digt. In diesen Stadtteil wurden wir zeitweise von der vordersten Front in
Ruhestellung herausgezogen. In der Ruhestellung wohnten wir in Woh-
nungen, die unsere Bevölkerung bereits verlassen hatte. In der Stadt Kö-
nigsberg blieb es in dieser Zeit, abgesehen von russischem Störfeuer, ruhig.
Die Straßenbahn verkehrte fast wie in Friedenszeiten. Die Versorgung - ins-
besondere mit Wasser, Strom und Gas - war gewährleistet.
Meine Einheit, die 5. Panzer-Division, wurde für die Freikämpfung der
Stadt im westlichen Stadtteil Juditten bereitgestellt. Der Angriff begann in
den frühen Morgenstunden des 19. Februar mit einem zehnminütigen Feu-
erschlag. Wir berührten nach Überwindung der ersten russischen Stellun-
gen den Stadtteil Metgethen nicht, sondern stießen auf der Straße und ent-
lang der Bahnlinie Königsberg-Pillau vor und befreiten die Orte Seerappen
und Groß-Heydekrug. Dabei kam ich mit meinen Kameraden auch am
Bahnhof Metgethen vorbei, der etwas außerhalb der Stadt lag. Auf diesem
Bahnhof hatten die Russen Möbel, Fahrräder und andere Gegenstände, die
sie aus deutschen Häusern geplündert hatten, zum Abtransport bereit-
gestellt. Die Massaker an der deutschen Bevölkerung in Metgethen habe ich
selbst nicht miterlebt, diese jedoch von Kameraden später geschildert be-
kommen. Ähnliches wie in Metgethen hatte sich aber auch in den Orten See-
rappen und Groß-Heydekrug ereignet, bei deren Befreiung ich selbst mit-
wirkte. Sämtliche Häuser dieser Ortschaften waren geplündert. Hausrat,
Betten, Federn, dazwischen Leichen geschändeter Frauen und ermordeter
Menschen, lagen überall herum. In Groß-Heydekrug, das etwa drei Wochen
in russischer Hand war, kamen uns ausgemergelte und geschändete Frauen
mit ihren Kindern sowie alte Menschen entgegen, die uns als Befreier be-
grüßten und uns ihre Erlebnisse schilderten. Alle Frauen vom zehnten bis
zum 80. Lebensjahr waren vergewaltigt worden. Viele auch brutal ermordet.
Ich selbst habe miterleben müssen, wie einige meiner Kameraden Russen
aus den Betten deutscher Frauen holten und sie sofort stehenden Fußes ka-
342
strierten. Die vergewaltigten Frauen stürzten sich in unserer Gegenwart mit
Messern auf ihre Peiniger und nahmen blutige Rache. Ich hatte den Ein-
druck, in den Schlachthof der Hölle geraten zu sein. Es sind Dinge, die mich
heute noch in Alpträumen verfolgen. Diese Begebenheit war die einzige
Ausschreitung, die ich während meiner Militärzeit von deutschen Soldaten
und Zivilisten erlebt habe. Es war die verständliche Reaktion auf das un-
menschliche und mörderische Verhalten der russischen Soldateska.
Nachdem die Verbindung mit der aus Richtung Pillau angreifenden deut-
schen Truppe hergestellt war, wurde ich mit der 5. Panzer-Division aus die-
sem Frontbereich herausgelöst und an einen anderen Teil der Samland-Front
verlegt.
Im Samland war ich mit der 5. Panzer-Division nach Freilegung der ein-
geschlossenen Stadt Königsberg im Raume Großkuhren-Georgswalde-
Rauschen eingesetzt, wo unser Versuch, eine Frontlinie Königsberg—
Cranz-Cranzer Chaussee herzustellen, scheiterte. Grund hierfür war maß-
geblich der mit großem Materialaufwand betriebene Widerstand der Rus-
sen, dem wir nur ein geringes Potential an Soldaten, Waffen und Munition
entgegensetzen konnten. Die Überlegenheit der Russen an Panzern, Waffen,
Material und Soldaten war überwältigend. Hinzu kam, daß die Russen die
Lufthoheit besaßen. Deutsche Flugzeuge habe ich in dieser Zeit nicht mehr
gesehen.
Als sich die Frontlage wieder stabilisierte, wurde meine Einheit nach ei-
nem kurzen Einsatz im Raume Kumehnen ins rückwärtige Frontgebiet im
Raume Fischhausen-Peyse verlegt. Mit dieser Maßnahme verband die Hee-
resführung die Absicht, die Division bei einem Durchbruch der Russen als
Feuerwehr zu verwenden.
Aus dem Gebiet um Fischhausen und Peyse wurde meine Einheit - die 5.
Panzer-Division - auch am 06. April 1945 von außen zur Entlastung der in
Königsberg kämpfenden Soldaten eingesetzt.
An diesem Tage begann auch der Großangriff der Russen auf die Stadt
Königsberg. Wir stießen mit unseren Panzerverbänden und Truppenteilen
aus Fischhausen kommend auf der Straße Königsberg-Pillau über Groß
Heydekrug-Bärwald Richtung Königsberg vor, wurden jedoch im Forstge-
biet bei Metgethen von den Russen gestoppt, die zahlreiche Bäume des an
die Straße grenzenden Waldes über die Fahrbahn gefällt hatten und auf die-
se Weise die Durchfahrt weiterer Panzer verhinderten. Als wir uns diesem
Hindernis näherten und unsere Pioniere versuchten, die Bäume aus dem
Wege zu räumen, setzte ein etwa einstündiger Feuersturm der Russen mit
Stalinorgeln und Artillerie ein, der uns in Deckung zwang. Da wegen der
Bewaldung und der spezifischen Geländeverhältnisse ein anderer Weg nach
Königsberg nicht zur Verfügung stand, mußten wir schließlich unseren Ver-
such, Königsberg zu entlasten, aufgeben.
Am Tage der Kapitulation von Königsberg, am 09. April 1945, befand ich
mich auf einem Hauptverbandsplatz in der Nähe von Peyse.
343
Verwundet wurde ich am 06. April 1945 beim Versuch der 5. Panzer-Di-
vison, Königsberg zu entsetzen, und zwar in der Nähe der Straße Königs-
berg-Pillau bei der Ortschaft Bärwalde. Mich traf ein Granatsplitter, der
meine linke Halshälfte unterhalb des Kinns in einer Länge von etwa sieben
Zentimetern auf schlitzte. Es war lediglich eine Fleisch wunde. In das Not-
lazarett gelangte ich mit einem Sanka der Wehrmacht. Das Notlazarett lag
zwischen Peyse und Nepleken, Kreis Fischhausen, in einem riesigen Wald-
gelände, in dem die deutsche Kriegsmarine in Bunkern riesige Waffen-, Mu-
nitions- und Verpflegungslager unterhielt. In einigen dieser Bunker waren
Notlazarette eingerichtet worden. Ich war in einer Abteilung untergebracht,
in der nur Leichtverwundete Aufnahme gefunden hatten. Der Abtransport
der Schwerverwundeten war bis einen Tag vor meiner Gefangennahme in
Richtung Pillau möglich und wurde nach meinen Beobachtungen auch bis
zum letzten Tage durchgeführt.
Bei Tagesanbruch des 14. April 1945 wurden wir durch fremdartige Lau-
te sowie Geschoßgaben aus dem Schlaf gerissen, die die russischen Solda-
ten gegen die Decke des Bunkers abgefeuert hatten. Mit Gewehrkolben trak-
tiert, wurden wir gefilzt und mit dem Ruf „Uri, Uri" zur Herausgabe unse-
rer Wertsachen gezwungen. Goldringe wurden brutal vom Finger gezogen,
wenn notwendig, mußte das Messer nachhelfen. Alle gehfähigen Soldaten
hatten sich außerhalb des Bunkers aufzustellen, von wo wir zu einer Sam-
melstelle verbracht wurden. Von dort traten wir unter starker Bewachung
den Fußmarsch nach Königsberg an. Ich habe selbst nicht beobachten kön-
nen, was die Russen mit den schwerverwundeten Kameraden angestellt ha-
ben. Ich hörte aber kurz nach meiner Gefangennahme aus der Lazarett-Bun-
keranlage langes und wildes Geschieße, aus dem wir den Schluß zogen, daß
der Russe die schwerverwundeten Kameraden erschossen hat.
Im Kriegsgefangenen-Lager in den Kasernenanlagen der Wehrmacht im
Kanonenweg in Königsberg waren keine Schwerverwundeten unterge-
bracht. Ich schätze, daß in diesem gesamten Kasernenbereich etwa 10.000
deutsche Soldaten Aufnahme gefunden hatten. Wir lagen in Zimmern, die
für etwa sechs bis acht Soldaten vorgesehen waren, dichtgedrängt mit etwa
30 bis 40 Personen. Wenn des Nachts jemand die Toilette aufsuchen mußte,
mußte er sich seinen Weg durch die dicht beieinanderliegenden Leiber sei-
ner Kameraden suchen. Dies ging nicht immer ohne Beeinträchtigung der
schlafenden Kameraden ab. Unsere Bewachung war intensiv. In Gängen,
vor dem Gebäude, auf dem Kasernenhof und entlang des die Kaserne um-
gebenden Zaunes, der bei Nacht mit Scheinwerfern angestrahlt wurde, stan-
den Wachposten. In den ersten drei Tagen nach der Gefangennahme blieben
wir ohne jede Versorgung. Trinkwasser wurde aus aufgefangenem Regen-
wasser gewonnen, Eßbares war nicht zu erhalten, es sei denn, daß sich die-
ser oder jener Soldat noch Verpflegung aus der Zeit vor der Gefangennahme
hatte retten können, die er mit seinen Kameraden teilte. Ich erinnere mich
noch genau, daß wir unter diesen Zuständen damals sehr gelitten haben
344
und daß wir Soldaten über diese Behandlung empört waren, nachdem der
Russe im Bereich der Marinebunker und auch in Königsberg riesige Ver-
pflegungslager der Wehrmacht erbeutet hatte. Im Gefangenenlager im Ka-
nonenweg gab es in den ersten Wochen nur einmal am Tag Verpflegung in
Form einer Wassersuppe und einer Scheibe nassen Brotes. Durchfall, Ruhr
und andere schwere Erkrankungen der Soldaten waren die Folge. Die me-
dizinische Versorgung erfolgte durch gefangene deutsche Wehrmachtsärz-
te, denen medizinisches Hilfsmaterial und Medikamente kaum zur Verfü-
gung standen. Daß ich dies alles relativ gut überstanden habe, verdankte ich
wohl meiner guten Konstitution und auch der Tatsache, daß ich bei meinem
Einsatz in der Stadt als Gefangener vielfach von der Verpflegung russischer
Soldaten profitieren konnte.
Eine Änderung der Situation hinsichtlich Verpflegung und Behandlung
nach der Kapitulation am 08./09. Mai 1945 war nicht festzustellen. Als wir
die Kapitulation durch Russen im Lager mitgeteilt bekamen, wurde uns ei-
niges verständlich, was wir aus unserem Gefangenenlager in den Kasernen
zuvor beobachten und hören konnten: Wilde Schießereien aller Art und
Brandschatzungen von Gebäuden in der ganzen Stadt - die ganze Stadt
brannte wie eine Fackel - und in der Nacht das laute Schreien vergewaltig-
ter Frauen und gepeinigter Menschen. Alle Rotarmisten, denen wir begeg-
neten und die wir aus der Ferne beobachten konnten, waren sturzbesoffen
und hantierten wie wilde Tiere mit ihren Waffen, die sie auch abschossen.
Dieses begleiteten sie mit dem Ruf: „Gitler kaputt!" (Den Buchstaben „H"
kann der Russe nicht aussprechen.) In den Tagen nach dem 8. Mai 1945
ließen die Schießereien zwar etwas nach. Dafür hatte ich den Eindruck, daß
die Brandlegungen in der Stadt in erheblichem Umfange zunahmen. Die
Stadt brannte wie eine Fackel an allen Enden. Dies war insbesondere nachts
besonders gut zu beobachten. Während meines Arbeitseinsatzes in der Stadt
mußte ich mit Entsetzen feststellen, daß die Russen in der Stadt mehr durch
Brandschatzungen vernichtet hatten, als zuvor in den Kampfhandlungen
zerstört worden war. Öffentliche Gebäude waren allerdings von diesen
Brandlegungen kaum betroffen, da in diesen Gebäuden die russische mi-
litärische Führung Quartier bezogen hatte.
Nach meiner Gefangennahme durch die Russen am 14. April 1945 wurde
ich in den folgenden Wochen mehrfach von den Russen für Versorgungs-
fahrten in der besetzten Stadt eingesetzt.
Viele Teile Königsbergs, meiner Heimatstadt, waren zerstört, einiges war
erhalten geblieben.
Größere zusätzliche Schäden haben die Luftangriffe und der Artilleriebe-
schuß während der Festungszeit nicht angerichtet, nachdem die Luftangrif-
fe der Engländer im August 1944 bereits die gesamte Innenstadt fast nahe-
zu vernichtet hatten. Auffällig war, daß die zahlreichen Kasernenanlagen in
der Stadt und am Stadtrand nicht nur die Luftangriffe der Engländer im Jah-
re 1944, sondern auch die Kämpfe mit den Russen unbeschadet überstan-
345
den haben. Das gleiche gilt für fast alle öffentlichen Gebäude der Stadt.
Nordbahnhof, Polizeipräsidium, das Amts- und Landgericht waren nahezu
unbeschädigt. Ebenso die Oberpostdirektion, das Landesfinanzamt sowie
das Rundfunkgebäude. Lediglich das Stadthaus, in dem der Oberbürger-
meister und die Stadtverwaltung residierten, war nicht unerheblich be-
schädigt. Auch das Königsberger Schauspielhaus war durch die Kämpfe in
der Stadt erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Stadtteile Ma-
raunenhof, Hufen, Amalienau, Juditten und Ratshof haben den Krieg fast
unbeschädigt überstanden. Was in diesen Stadtteilen an Schäden zu ver-
zeichnen war, war meist das Ergebnis von Brandschatzungen russischer Sol-
daten nach Einnahme der Stadt. So ist auch das Haus meiner Eltern in
Königsberg Ratshof, Wiebestraße 123, Ecke Laffsker Allee, erst viele Wochen
nach Einnahme der Stadt durch Russen gebrandschatzt worden. Die nach
den Bombenangriffen der Engländer nicht beschädigten Stadtteile machten
noch im Februar 1945 einen ordentlichen und relativ gepflegten Eindruck.
Nach Einnahme der Stadt waren Straßen und Plätze mit Leichen und Tier-
kadavern übersät. Überall lag Schmutz, Dreck, zerstörter Hausrat und an-
derer Müll. Deutsche Bevölkerung war nur in den Kellern von Trümmer-
grundstücken auszumachen. In den erhalten gebliebenen deutschen Häu-
sern hielten sich durchweg Russen auf. Diese zogen volltrunken und zum
Teil wild um sich schießend und plündernd durch die Häuser und waren
auch auf der Suche nach deutschen Frauen. Ich hatte den Eindruck, daß der
Weltuntergang nahe war, zumal noch hinzukam, daß die russische Führung
offenbar jede Kontrolle über ihre Soldaten verloren hatte.
Die Zivilbevölkerung wurde zur Leichenbestattung nicht herangezogen.
Eine organisierte Trümmerbeseitigung hat in der Zeit vom 18. April bis 30.
Juni 1945 in der Stadt nach meinen Erkenntnissen nicht stattgefunden, da in
dieser Zeit jede Ordnung in den russischen Streitkräften aufgelöst schien.
Eine Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln fand in dieser Zeit
nicht statt. Viele kranke und alte Menschen, die auf sich allein gestellt wa-
ren, verhungerten elendiglich. Um an Lebensmittel zu gelangen, habe ich
beobachtet, wie Kinder und Jugendliche sich auf Trümmergrundstücken an
Fassaden hochhangelten, um an teilweise stehengebliebene Küchen zu ge-
langen, wo sie noch Lebensmittel aufzuspüren versuchten. Auch wagten
sich vereinzelt Kinder und alte Frauen an russische Küchen heran, um an
Abfälle wie zum Beispiel Kartoffelschalen zu gelangen. Vereinzelt gutmütig
auftretende Russen schenkten diesen Kindern auch mal ein Stückchen Brot.
Die Zivilbevölkerung ohne jegliche Versorgung zu lassen hatte beim russi-
schen Militär Methode. Angesichts riesiger erbeuteter Verpflegungslager
wäre es möglich gewesen, die Bevölkerung zumindest notdürftig zu ver-
sorgen. Offensichtlich zielte die Verhaltensweise der Russen auf eine Ver-
nichtung der deutschen Zivilbevölkerung ab. Im Stadtteil Hufen, einer be-
vorzugten Wohnlage, konnte ich bei Arbeitseinsätzen beobachten, wie die
aus ihren Wohnungen und Häusern vertriebene Bevölkerung in einer Schu-
346
le untergebracht wurde. Diese Maßnahme sollte den Russen die ungestörte
Plünderung der Wohnungen erleichtern. Dem gleichen Zweck dienten auch
die Fußmärsche, denen die aus ihren Wohnungen verjagten Frauen und
Kinder sowie Greise in unmenschlicher Weise ausgesetzt waren. Aus der
Mitte dieser Menschen ist mir der Angstschrei einer Frau in Erinnerung ge-
blieben, die mir und meinen ebenfalls im Arbeitseinsatz tätigen Kameraden
zurief: „Wie konntet Ihr uns nur diesen Bestien überlassen!"
Ich bin als Kriegsgefangener etwa Ende Juni 1945 mit anderen Kamera-
den in einem Fußmarsch in ein anderes Gefangenenlager nach Insterburg-
Georgenburg gekommen. Dann ging es in einem größeren Transport nach
Orsk im Südural. Dieser Ort liegt etwa 1.000 Kilometer östlich der Ostküste
des Kaspischen Meeres. Meine Entlassung erfolgte mit Unterstützung eines
deutschen Lagerarztes, mit dem ich etwa sechs Monate gemeinsam in einem
Arbeitskommando gearbeitet hatte.
Abschließend möchte ich noch über ein sehr schreckliches Erlebnis be-
richten, daß mich heute noch überaus schwer belastet.
Im Arbeitseinsatz in Königsberg mußte ich unter anderem ein deutsches
Lazarett ausräumen, das der Russe etwa zwei Wochen zuvor mit Flammen-
werfern angegriffen und dabei alle deutschen Verwundeten bestialisch und
unmenschlich ermordet hatte. Verkohlte und vom Feuersturm angesengte
Leichen und Leichenteile, die teilweise auch in einem noch erhaltenen, aber
schon verwesten und aufgedunsenen Zustand waren, Körperteile, mensch-
liche Torsi, alles bunt durcheinander. Dazu ausgebrannte, teils noch völlig
erhaltene Schädel, denen das erlebte Entsetzen noch aus ihren Totenköpfen
blickte. Verwesendes Fleisch, Eiter, Blut und der alles umgebende Müll ver-
breiteten einen Gestank, daß ich während der Arbeit, die ich mit bloßen
Händen zu verrichten hatte, häufig erbrechen mußte. Der Schauplatz dieser
Barbarei der Russen befand sich in einer ehemaligen Turnhalle im südwest-
lichen Teil des neuen Schauspielhauses, an der Vormarschstraße der Roten
Armee in Richtung Innenstadt.
Ich habe meine Heimatstadt seit dem Jahre 1991 fünfmal mit Freunden,
Schulkameraden und Geschwistern besucht. Was mich neben der überaus
starken Verwahrlosung von Häusern, Straßen und Plätzen besonders
schockierte, ist die Tatsache, daß den Russen nicht einmal die Totenruhe un-
serer Verstorbenen heilig war. Auf allen Friedhöfen Königsbergs, die ich auf
der Suche nach meinen verstorbenen Großeltern und Vorfahren besuchte,
waren durchweg alle deutschen Gräber erbrochen und auf der Suche nach
Zahngold und goldenen Zahnbrücken geplündert.
Originalbericht 5 Seiten (maschinenschriftlich), Tonbandinterview und
persönliche Erklärung vorliegend im Ostpreußen-Archiv Heinz Schön
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3. Kapitel
Kriegsbeute Ostpreußen
Rußland und Polen teilen sich das Land
Weniger als 12 Monate bevor Soldaten der Roten Armee im Oktober 1944
zum ersten Mal deutschen Boden in Ostpreußen betreten und die Alliierten
ihre Stalin versprochene Invasion in Frankreich zur Entlastung der Roten
Armee im Osten begonnen hatten, trafen die USA, Großbritannien und die
Sowjetunion die ersten Entscheidungen über das Schicksal Deutschlands
nach Beendigung des Krieges.
Ort dieser ersten Konferenz der „Großen Drei", wie die Staats- bzw. Re-
gierungschefs der USA, der Sowjetunion und Großbritanniens später ge-
nannt wurden, war die Hauptstadt des Iran, Teheran; sie begann am 28. No-
vember 1943 und endete am 1. Dezember 1943.
Kurz nachdem Mitte Januar 1945 die Rote Armee, unterstützt von Flug-
zeugen, Waffen, Panzern und Munition aus den USA, ihre sorgfältig ge-
plante und großangelegte Winter-Frühjahrs-Offensive gegen Ostpreußen
mit dem Endziel Berlin begonnen hatte, fand vom 4. bis 11. Februar 1945 die
zweite Konferenz der „Großen Drei" statt. Ort dieser Konferenz war die auf
der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer gelegene Stadt Jalta.
Die dritte und letzte Konferenz, in der die vorausgegangenen Beratungen
und Beschlüsse zementiert und in ein „Abkommen" zusammengefaßt wur-
den, fand wenige Monate nach der bedingungslosen Kapitulation der Deut-
schen Wehrmacht in Europa statt. Tagungsort war Potsdam. Die in die Ge-
schichte eingegangene „Potsdamer Konferenz", mit weitreichenden Folgen
für das besiegte Deutschland, begann am 17. Juli 1945 und endete mit der
Verabschiedung des Abschlußkommuniques - dem „Potsdamer Abkom-
men" - am 2. August 1945.
Danach wurde Nord-Ostpreußen mit seiner Hauptstadt Königsberg un-
348
ter sowjetische, das südliche Ostpreußen „bis zur endgültigen Regelung in
einem Friedens vertrag" unter polnische Verwaltung gestellt.
Folge dieser Übergabe der deutschen Provinz Ostpreußen an die UdSSR
und Polen war die von der UdSSR und Polen vorgeschlagene und von den
westlichen Siegermächten gebilligte „Ausweisung der Deutschen" aus den
nun fremd verwalteten Gebieten, d.h. die Vertreibung aller Deutschen aus
Ostpreußen.
Die Konferenz von Teheran: Stalin stellt die Weichen
An der „Teheraner Konferenz" vom 28. November bis zum 1. Dezember
1943 nahmen die Regierungschefs der Sowjetunion, Generalissimus Josef
Stalin, der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, und der
Premierminister Großbritanniens, Winston Churchill, teil.
Themen der Konferenz waren die Neuordnung Europas nach dem Krieg,
die Behandlung des besiegten Deutschlands, die Beendigung des Pazifik-
krieges und die Einrichtung einer Weltfriedensorganisation.
Die deutsche Frage wurde an eine „Europäische Beratende Kommission"
überwiesen, die West-Verschiebung der Grenzen Polens aber schon defini-
tiv beschlossen.
Zur Entlastung der Sowjetunion sagten die Westmächte eine Invasion in
Nord-Frankreich für Mai 1944 zu, während die UdSSR nach dem Kriegsen-
de in Europa in den Kampf gegen Japan einzutreten versprach.
In der „Europäische Beratende Kommission" (European Advisory Com-
mission, EAC), die erstmalig am 5. Dezember 1943 in London tagte und ins-
gesamt etwa 120 Treffen veranstaltete, waren die USA, die UdSSR und Groß-
britannien durch ihre Botschafter vertreten. Die provisorische Regierung
Frankreichs wurde seit dem 27. November 1944 zu den Beratungen
hinzugezogen.
Wichtigste Ergebnisse der Beratungen in der EAC waren: der Entwurf der
Kapitulationsurkunde sowie das Londoner Protokoll vom 12. September
1944 über die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und die Ver-
waltung Groß-Berlins durch eine Interalliierte Militärkommandantur. Am
14. November 1944 verabschiedete die EAC ein Abkommen über das
Kontrollsystem in Deutschland, in dem Berlin zum Sitz des Alliierten
Kontrollrates bestimmt wurde. Frankreich trat den Vereinbarungen bei,
nachdem sich die „Großen Drei" (USA, UdSSR, Großbritannien) im Febru-
ar 1945 in Jalta prinzipiell über die Beteiligung Frankreichs an der Besatzung
und Kontrolle Deutschlands geeinigt hatten.
Bereits in der „Teheraner Konferenz" stellte Stalin die Weichen für die spä-
teren sowjetischen wie auch polnischen Gebietsansprüche im Osten
Deutschlands, wobei er Ostpreußen eine besondere Bedeutung beimaß.
Stalin erklärte seinen amerikanischen und britischen Gesprächspartnern
eindeutig und unmißverständlich, daß die Sowjetunion in keinem Fall den
349
Teil Polens, den sie nach dem „Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt"
vom 23. August 1939 annektiert hatte, nach Kriegsende wieder an Polen
zurückgeben werde.
Der zwischen den Außenministern der UdSSR, Molotow, und Deutsch-
lands, Ribbentrop, im August 1939, wenige Wochen vor Kriegsbeginn, aus-
gehandelte und abgeschlossene Vertrag hatte der Sowjetunion den dringend
erforderlichen Zeitgewinn verschafft, den sie für die Kriegsvorbereitungen
benötigte. Die deutsche Seite profitierte von sowjetischen Rohstoff- und
Lebensmittellieferungen, während die UdSSR die Modernisierung ihrer In-
dustrie durch deutsche Maschinenlieferungen und deutsches Know-how
vorantreiben konnte.
In einem geheimen Zusatzprotokoll grenzten die Vertragspartner außer-
dem ihre Interessensphären (Baltische Staaten, Bessarabien, Finnland) ab
und vereinbarten eine „vierte polnische Teilung" entlang der „Curzon-Li-
nie", so daß die UdSSR ein breites Sicherheitsgebiet im östlichen Mittel-
europa erhielt.
Der „Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag" vom 23. August 1939
wurde am 28. September 1939 durch einen „Grenz- und Freundschaftsver-
trag" erweitert. Die Atempause von fast zwei Jahren, die zwischen dem Ab-
schluß der Verträge und dem Beginn des Unternehmens „Barbarossa" lag,
war sicher mitentscheidend für den Ausgang des Krieges.
Obwohl die beiden westlichen Alliierten, die mit Stalin in Teheran am
Verhandlungstisch saßen, nicht damit einverstanden waren, daß die UdSSR
den mit Hilfe der deutschen Regierung annektierten Teil Polens nicht an
dieses zurückgeben, sondern die Annektion aufrecht erhalten wollte, muß-
ten sie die starre Haltung Stalins in dieser Frage zur Kenntnis nehmen; sein
„Nein" zur Rückgabe des annektierten Gebietes an Polen war unumstöß-
lich.
Damit erreichte Stalin die Bereitschaft der USA und Großbritanniens, nach
dem Krieg Polens Westgrenze zu verschieben. Die territoriale Erweiterung
Polens sollte im Norden durch die Einverleibung des südlichen Ost-
preußens und Danzigs, im Westen durch Oberschlesien erfolgen. Die UdSSR
sollte Nord-Ostpreußen mit Königsberg erhalten. Auch das Argument Sta-
lins, daß man, um eine Minderheitenbildung in diesen Gebieten zu verhin-
dern, die dort wohnenden Deutschen aussiedeln müsse, fand die Zustim-
mung der USA und Großbritanniens.
Schon bei einer im März 1943 stattgefundenen Besprechung von Präsident
Roosevelt mit dem britischen Außenminister Eden vertraten beide die Mei-
nung, Polen solle Ostpreußen erhalten. Harry Hopkins hielt in einem Me-
morandum fest, was in diesem Falle mit der einheimischen deutschen Be-
völkerung geschehen soll: „Der Präsident sagte, er glaube, wir sollten An-
ordnungen treffen, um die Preußen aus Ostpreußen auf die gleiche Weise zu
entfernen, wie die Griechen nach dem letzten Krieg aus der Türkei entfernt
wurden. Wenn es sich auch um eine harte Maßnahme handelt, es ist doch
350
der einzige Weg, den Frieden zu bewahren, und den Preußen kann man auf
keinen Fall trauen."
Präsident Roosevelt schrieb ein Jahr später, am 17. November 1944, in ei-
nem Brief an den Ministerpräsidenten der polnischen Exilregierung in Lon-
don, Mikolajczyck:
„Wenn Polens Regierung und das Volk im Zusammenhang mit der neu-
en Grenzziehung des polnischen Staates wünschen, Umsiedlungen in das
und aus dem polnischen Gebiet vorzunehmen, wird die Regierung der Ver-
einigten Staaten keine Einwände erheben, und, soweit möglich, die Umsied-
lung erleichtern."
Der amerikanische Historiker Prof. Dr. Alfred M. de Zayas bemerkt zu
diesen Vorentscheidungen, die in der Teheraner Konferenz getroffen wur-
den, in seiner Dokumentation „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung
der Deutschen" u.a. folgendes:
„Die britische Regierung machte sich die gleiche Einstellung zu eigen, Po-
len im Westen zu entschädigen und die Deutschen auszusiedeln. Doch man
hatte damals eine weit geringere Entschädigung im Auge, als sie Polen dann
tatsächlich erhielt. Die westlichen Alliierten waren auf die Ausweisung von
zwei bis vier Millionen Reichsdeutschen vorbereitet, niemals aber auf die
Vertreibung von über neun Millionen aus Ostpreußen, Pommern, Ost-Bran-
denburg und ganz Schlesien. Das unmenschliche Prinzip der Bevölkerungs-
umsiedlung sollte nicht nur beschränkte, punktuelle Anwendung finden.
Dabei war nicht mehr die Rede von der notwendigen Umsiedlung deut-
scher Minderheiten dorthin, woher sie gekommen waren, wie es bei den Be-
fürwortern der Umsiedlung oft hieß. Die Deutschen in Ostpreußen stellten
in keiner Weise eine Minderheit dar, und ihre Vorfahren lebten schon Jahr-
hunderte in Ostpreußen.
Die Bestürzung der westlichen Alliierten, USA und Großbritannien, über
die Erkenntnis, daß sie nicht imstande waren, die Vertreibung zu kontrol-
lieren, kam zu spät. Sie hätten der Ausweisung der Deutschen gewiß nicht
zugestimmt, wenn sie das Chaos, das sich dann vor ihren Augen entfaltete,
vorausgesehen hätten. Sie hatten sich selbst mit dem tröstlichen Gedanken
an eine international überwachte Umsiedlung beruhigt. Es war leicht, gere-
gelte Umsiedlungen auf dem Papier zu entwerfen, doch später, als sie in
schreckliche Vertreibungen ausarteten, war es zu spät, sie noch aufzuhalten.
Die westlichen Alliierten erkannten, daß sie mitverantwortlich waren an ei-
ner Katastrophe, die nicht beabsichtigt war, viel zu spät!"
Die Konferenz von Teheran war in jedem Fall für Stalin ein großer Erfolg
und eine wichtige Weichenstellung für die weiteren Konferenzen.
Stalin hatte erreicht, daß sowohl der Präsident der USA, Roosevelt, wie
auch der Premierminister Großbritanniens, Churchill, widerspruchslos zur
Kenntnis nahmen, daß die Sowjetunion den 1939 von ihr anektierten Ostteil
Polens nicht an dieses zurückgeben würde, daß Polen dafür mit einer Er-
weiterung seines Territoriums nach Westen und Norden auf Kosten
351
Deutschlands entschädigt werden sollte, und daß die nach Kriegsende in
diesen Gebieten noch wohnenden Deutschen ausgesiedelt würden.
Die Akzeptanz dieser sowjetischen Forderungen ging weit über die Ver-
handlungsvollmachten hinaus, die die USA und Großbritannien ihren
Regierungschefs mit auf den Weg nach Teheran gegeben hatten. Eine Vor-
ab-Festlegung von russischen und polnischen Grenzverschiebungen lag
nicht im Interesse der westlichen Alliierten.
Die Konferenz von Jalta:
Polen fordert Ostpreußen, Danzig und Schlesien
Vom 4. bis 11. Februar 1945 befaßte sich eine zweite Konferenz der Alli-
ierten mit der Nachkriegs-Zukunft Deutschlands; sie fand in der an der so-
wjetischen Schwarzmeerküste liegenden Stadt Jalta auf der Halbinsel Krim
statt und wird deswegen oft auch „Krim-Konferenz" genannt.
Beteiligt waren wieder die Staatschefs der „Großen Drei": die USA, ver-
treten durch Präsident Franklin D. Roosevelt, die UdSSR, vertreten durch
Generalissimus Josef Stalin, und Großbritannien, vertreten durch Premier-
minister Winston Churchill. Die Regierungschefs wurden von ihren Außen-
ministern begleitet.
Die Konferenz in Jalta beschloß u.a.: die Aufteilung des besiegten
Deutschlands in vier Besatzungszonen (die amerikanische, die britische, die
sowjetische und die französische Zone), die Koordinierung der Besatzungs-
politik in einem „Alliierten Kontrollrat", wie von der EAC vorgeschlagen,
die „Entmilitarisierung" und „Entnazifizierung" Deutschlands, die Abur-
teilung der Kriegsverbrecher, die Erhebung von Reparationen (Demontage
der Industrie), die West-Verschiebung der Grenze Polens - ohne daß jedoch
die genaue Grenzziehung festgelegt wurde -, die Anerkennung der kom-
munistischen provisorischen Regierung in Polen, die Einberufung einer
Konferenz nach San Francisco zur Gründung der Vereinten Nationen, den
Eintritt der UdSSR in den Krieg gegen Japan nach der deutschen Kapitula-
tion.
Die Konferenz von Jalta sanktionierte de facto die sowjetische Politik der
Bolschewisierung Ost- und Südost-Europas gegen das „Zugeständnis" des
Kriegseintritts der UdSSR in Fernost, den Stalin ohnehin zur Sicherung ei-
nes Anteils an der Beute plante.
Zum Zeitpunkt der Konferenz von Jalta hatte sich die militärische Lage
im Kampf gegen Deutschland bereits entscheidend verändert. Die Invasi-
onstruppen der Westalliierten waren durch Frankreich bis nach West-
deutschland vorgedrungen, die Rote Armee hatte große Teile Ostpreußens
erobert, Königsberg eingeschlossen, die Ostsee erreicht und stand bereits auf
westpreußischem und pommerschen Boden. Ihr wichtigstes Angriffsziel
war Berlin, das auch die Westalliierten, noch vor den Russen, erreichen woll-
ten.
352
Die polnische Exilregierung in London hatte zwischenzeitlich die Ergeb-
nisse der Konferenz von Jalta, Polen betreffend, mit Bestürzung zur Kennt-
nis genommen, sie lagen weit hinter ihren Erwartungen. Nicht nur der vor-
gesehene territoriale Zuwachs beunruhigte die Polen, sondern auch die Tat-
sache, daß die Sowjetunion ein Abkommen mit dem kommunistischen „Pol-
nischen Komitee der Nationalen Befreiung" geschlossen hatte. Dies dräng-
te die englandfreundliche polnische Exilregierung in London ins Abseits.
Der Premierminister Großbritanniens wußte die neue Lage richtig einzu-
schätzen. In einem Gespräch, das er am 13. Oktober 1944 mit dem Vertreter
der polnischen Exilregierung in London, Mikolajczyk, führte, hatte
Churchill versucht, ihn davon zu überzeugen, die sogenannte Curzon-Linie
als Ostgrenze Polens anzuerkennen. Die Curzon-Linie war die De-
markationslinie zwischen Polen und der Sowjetunion, die nach dem Ersten
Weltkrieg der britische Außenminister Lord George Curzon im Namen der
Interalliierten Konferenz von Spa am 11. Juli 1920 vorgeschlagen hatte. Spä-
ter erreichten die Polen eine etwas günstigere Grenzziehung, die bis zur so-
wjetischen Invasion am 17. September 1939 Bestand hatte. Danach war die
Übermacht der UdSSR in diesem Gebiet eindeutig.
Churchill erklärte Mikolajczyk: „Ich muß im Namen der britischen Re-
gierung erklären, daß die Opfer, die die Sowjetunion im Laufe des Krieges
gegen Deutschland gebracht hat, und ihre Bemühungen um die Befreiung
Polens in unseren Augen Anspruch auf eine Grenze entlang der Curzon-Li-
nie geben. Ich glaube auch, daß die Verbündeten den Kampf gegen Deutsch-
land fortsetzen werden, um einen angemessenen Ausgleich für die polni-
schen Zugeständnisse im Osten in der Form von Territorien im Norden und
im Westen, in Ostpreußen und in Schlesien, einer günstigen Küste und ei-
nes ausgezeichneten Hafens in Danzig zu erreichen."
Mikolajczyk lehnte die Argumentation von Churchill und die Anerken-
nung der Curzon-Linie schroff ab. Erst am nächsten Tag, in einer Bespre-
chung in der britischen Botschaft in Moskau, gab Mikolajczyk dem Druck
von Churchill und Außenminister Eden nach und zeigte Kompromiß-
bereitschaft.
Am 18. Dezember 1944 veröffentlichte die Moskauer „Prawda" einen lan-
gen Beitrag des kommunistischen, moskaufreundlichen „Polnischen Komi-
tees der Nationalen Befreiung", in dem gefordert wurde, Polens Westgren-
ze von Stettin aus nach Süden an der Oder und der westlichen (Görlitzer)
Neiße entlang bis zur tschechischen Grenze zu ziehen. Die Tatsache, daß der
Artikel in der Moskauer „Prawda" erschien, deutete darauf hin, daß Stalin
diese Gebietsforderung Polens unterstützte. Stalin war offensichtlich
bemüht, der von den Sowjets eingesetzten und beherrschten polnischen Re-
gierung ein viel größeres deutsches Gebiet zuzugestehen und zu übereig-
nen, als es ursprünglich noch in Teheran vorgesehen war und als die USA
und Großbritannien es bewilligen wollten.
Diese Haltung zeigte Stalin, der das Spiel der Machtpolitik besser zu be-
353
herrschen schien als Churchill und Roosevelt, auch bei der Konferenz von
Jalta.
Stalin, unterstützt von seinem Außenminister Molotow, drängte in der
Vollversammlung in Jalta am 7. Februar 1945 mit Nachdruck darauf, den
Forderungen Polens, Oder und Neiße als künftige Grenze anzuerkennen, zu
entsprechen.
Obwohl Churchill und Roosevelt Stalin und der Forderung Polens wi-
dersprachen, billigten sie den absichtlich ungenau formulierten Abschluß-
text der Vollversammlung in Jalta über diesen Punkt:
„Es wird anerkannt, daß Polen beträchtlichen Landgewinn im Norden
und Westen erhalten muß. Die Konferenzteilnehmer halten es für ange-
bracht, zu gegebener Zeit die Meinung der neuen polnischen Regierung
über den Umfang des Landgewinns einzuholen, die endgültigen Westgren-
zen Polens aber der Friedenskonferenz zu überlassen/"
Roosevelt wie Churchill glaubten zu diesem Zeitpunkt noch daran, daß
nach Kriegsende in Polen freie Wahlen stattfinden würden, die zu einer Ab-
lösung der von der Sowjetunion eingesetzten kommunistischen Marionet-
ten-Regierung und zu einer westlich orientierten demokratischen Regierung
führen würden.
Nach der Rückkehr aus Jalta verkündete Roosevelt den Amerikanern:
„Im Laufe der Geschichte bildete Polen den Korridor, durch den die An-
griffe auf Rußland erfolgten. Zweimal in dieser Generation hat Deutschland
durch diesen Korridor gegen Rußland losgeschlagen. Damit sich das nicht
wiederholt und um die europäische Sicherheit und den Weltfrieden zu er-
halten, ist ein starkes unabhängiges Polen notwendig. Die Entscheidungen
im Hinblick auf Polen waren durchaus ein Kompromiß, der die Polen im
Norden und Westen für das Land entschädigen soll, das sie im Osten durch
die Curzon-Linie verlieren. Bei der endgültigen Friedenskonferenz soll der
Grenzverlauf für die Dauer festgelegt werden. Im großen und ganzen wird
das neue, starke Polen einen bedeutenden Anteil des jetzt als Deutschland
bezeichnetes Gebiet erhalten. Ich bin überzeugt, daß diese Übereinkunft
über Polen unter diesen Umständen die denkbar hoffnungsvollste Verein-
barung für einen freien, unabhängigen und blühenden polnischen Staat ist."
Aus dieser Mitteilung an das amerikanische Volk war erkennbar, daß
Roosevelt die künftige Zusammenarbeit mit der Sowjetunion sehr positiv
und optimistisch sah, was sich rasch als Irrtum herausstellen sollte.
Der britische Premierminister Winston Churchill berichtete nach seiner
Rückkehr aus Jalta dem Parlament ausführlich über die Beratungsergebnis-
se und stellte im Unterhaus den Antrag:
„Dieses Haus möge der gemeinsamen Politik zustimmen, auf die sich die
drei Großmächte bei der Krim-Konferenz geeinigt haben, und möge beson-
ders deren Entschlossenheit begrüßen, die Eintracht des Handelns nicht nur
bei der endgültigen Niederwerfung des Feindes, sondern danach im Frie-
den wie im Krieg zu wahren.
354
Die drei Mächte haben sich jetzt geeinigt, daß Polen beträchtlichen Land-
zuwachs sowohl im Norden wie im Westen erhalten soll, im Norden wird
es sicherlich anstelle des gefährlichen Korridors die Großstadt Danzig, den
größten Teil Ostpreußens westlich und südlich von Königsberg erhalten, da-
zu einen langen breiten Küstenstreifen an der Ostsee. Im Westen wird es die
wichtige Industrieprovinz Oberschlesien bekommen, dazu die Gebiete öst-
lich der Oder, die bei der Friedensregelung vielleicht von Deutschland ab-
getrennt werden, nachdem die Meinung einer auf breiter Grundlage errich-
teten polnischen Regierung angehört worden sind!"
Der Antrag Churchills fand die Zustimmung des Unterhauses.
Die abschließenden Entscheidungen über das Schicksal Ostpreußens und
der deutschen Gebiete, die bis zu einer endgültigen Regelung in einem Frie-
densvertrag mit Deutschland „unter polnische Verwaltung" gestellt werden
sollten, wurden einer dritten und letzten Konferenz der „Großen Drei" über-
lassen.
Man entschied sich bei Abschluß der Konferenz in Jalta dafür, diese Kon-
ferenz wenige Monate nach Beendigung des Krieges gegen Deutschland in
Potsdam bei Berlin in einem größeren Rahmen und in einem längeren Zeit-
raum durchzuführen.
Die Konferenz von Potsdam:
Reiche Kriegsbeute für Polen und Rußland
Die dritte und letzte Konferenz, in der die Siegermächte USA, UdSSR und
Großbritannien über das Schicksal Deutschlands nach dem verlorenen
Zweiten Weltkrieg und der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen
Wehrmacht am 9. Mai 1945 die letzten und wohl wichtigsten Entscheidun-
gen fällten, fand vom 17. Juli 1945 bis zum 2. August 1945 in Potsdam statt.
Diese Konferenz der Staats- und Regierungschefs der „Großen Drei" -
Präsident Truman als Nachfolger des zwischenzeitlich verstorbenen Präsi-
denten Roosevelt für die USA, Premierminister Attlee, nach Churchills ver-
lorener Unterhauswahl dessen Nachfolger, für Großbritannien und Genera-
lissimus Josef Stalin für die UdSSR - wurde mit einem Abschlußkommuni-
que beendet, das als „Potsdamer Abkommen" in die Geschichte einging. Es
regelte alle für die Behandlung des besiegten Deutschlands wichtigen Maß-
nahmen.
Das „Potsdamer Abkommen" bestimmte u.a. die völlige Abrüstung und
„Entmilitarisierung" Deutschlands, die Auflösung der NSDAP (National-
sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei) und die Entfernung aller ihrer Mit-
glieder aus öffentlichen Ämtern, die Aburteilung von Kriegsverbrechern,
die Demokratisierung Deutschlands, die Dezentralisierung der deutschen
Verwaltung, das Verbot der Rüstungsproduktion, die Demontage von Pro-
duktionsanlagen, die Förderung einer Friedensindustrie, die alliierte Kon-
trolle der deutschen Wirtschaft, den Wiederaufbau Deutschlands, die Be-
355
Handlung Deutschlands als wirtschaftliche Einheit, die Reparations-
leistungen, die Grenzziehung vorbehaltlich einer friedensvertraglichen Re-
gelung, die Übergabe von Nord-Ostpreußen an die UdSSR, die Unter-
stellung der anderen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie unter polnische
Verwaltung, die Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus den deutschen
Ostgebieten.
Das „Potsdamer Abkommen", dem auch die provisorische französische
Regierung am 4. August 1945 im wesentlichen zustimmte, bildete die recht-
liche Grundlage für die gemeinsame Verantwortung der Siegermächte ge-
genüber Deutschland als Ganzem.
„Deutsche Ostgebiete" im Sinne des „Potsdamer Abkommens" war der
Sammelbegriff für die östlich der Oder-Neiße-Linie liegenden Gebiete des
ehemaligen deutschen Reiches in den Grenzen von 1937: Ostpreußen, Pom-
mern, Schlesien und Ostbrandenburg.
Die auf der „Potsdamer Konferenz" beschlossene allgemeine „Auswei-
sung der deutschen Bevölkerung aus den deutschen Ostgebieten" bedeute-
te de facto das nicht freiwillige, also zwangsweise Verlassen ihrer ange-
stammten Heimat nach dem Ende des Krieges, d. h. die Vertreibung.
Die Vertreibung war von den Alliierten wegen der Westverschiebung der
Grenzen Polens schon auf der Konferenz von Teheran beschlossen worden,
doch entsprach ihre Realisierung in keiner Weise der vorgesehenen „huma-
nen" Durchführung.
Von den insgesamt 19,7 Millionen Deutschen östlich der Oder-Neiße-Li-
nie kamen bis 1950 fast 12 Millionen nach Westdeutschland und 4,4 Millio-
nen in die DDR, von wo die meisten als Sowjetzonen-Flüchtlinge nach We-
sten weiterzogen. Alle Vertriebenen hatten fast ihre gesamte Habe verloren,
2 Millionen weitere verloren auch ihr Leben während der Vertreibung, bei
der sich aufgestauter Haß der Vertreiberstaaten gegen die Deutschen entlud,
bei der aber auch planmäßig, mit tödlicher Brutalität, zur Abschreckung von
Rückkehrwilligen vorgegangen wurde. Ein Selbstbestimmungsrecht gab es
für die Ausgewiesenen (Vertriebenen) nicht, sie mußten recht- und schutz-
los den Ausweisungsbefehlen folgen, oft mit einer Frist von nur 24 Stunden
oder weniger.
Sowohl die Westalliierten, die USA und Großbritannien, als auch die
UdSSR hatten die Monate nach der Jalta-Konferenz dazu genutzt, sich auf
die dritte und letzte Konferenz vorzubereiten. Diese Vorbereitung wurde
noch intensiviert, nachdem Deutschland am 9. Mai 1945 kapituliert hatte
und Zeit und Ort für diese Abschlußkonferenz feststanden.
Neben anderen auf der Tagesordnung stehenden wichtigen Fragen und
Problemen gehörten die Aufteilung von Ostpreußen zwischen der UdSSR
und Polen, die genauere Festlegung des deutschen Gebietes, das „unter pol-
nische Verwaltung" gestellt werden sollte, und Fragen der „Aussiedlung"
der sich in diesen Gebieten noch befindlichen Deutschen zu den Problem-
kreisen, bei denen noch Beratungs- und Klärungsbedarf bestand und wor-
356
über noch Entscheidungen der drei Siegermächte UdSSR, USA und Groß-
britannien getroffen werden mußten.
Bei der diplomatischen Vorbereitung der „Potsdamer Konferenz" stellten
die USA und Großbritannien in der Frage der künftigen Westgrenze Polens
noch unterschiedliche Meinungen fest.
Dies geht auch aus den „Richtlinien für die amerikanische Delegation"
hervor, die am 29. Juni 1945 in Washington unter dem Titel „Streng geheim
- Gebietsregelungen für Europa - Deutschland" erarbeitet worden waren.
Der Text lautete:
„Im allgemeinen werden alle Gebiete, die sich Deutschland entweder vor
dem Kriege oder in dessen Verlauf angeeignet hat, automatisch wieder in
den Besitz ihrer rechtmäßigen Eigentümer übergehen. Größere territoriale
Ansprüche gegen Deutschland werden nachstehend behandelt.
Bezüglich polnischer Ansprüche gegen Deutschland stimmt die amerika-
nische Regierung zu, daß Ostpreußen - ausgenommen der Bezirk Königs-
berg - die frühere Stadt Danzig, Deutsch-Oberschlesien und ein Teil Ost-
pommerns an Polen abgetreten werden sollten. Die amerikanische Regie-
rung würde es vorziehen, daß sonstiges deutsches Gebiet ostwärts der Oder
deutsch bleibt.
Die britische Seite hat sich jedoch mit der Abtretung des gesamten Gebie-
tes ostwärts der Oder an Polen einverstanden erklärt, und die amerikani-
sche Regierung würde wahrscheinlich nicht allein dazustehen wünschen,
wenn die Russen auf diesem Punkt beharren."
Diese „Richtlinien" gaben der amerikanischen Delegation eindeutig „grü-
nes Licht" für eine Zustimmung für den Fall, daß die UdSSR bei ihrer Hal-
tung bliebe, die Oder-Neiße-Linie - später als „Stalin-Linie" bezeichnet - als
Westgrenze Polens anzuerkennen und sich dieser Anerkennung auch Groß-
britannien anschließen würde.
Als „Anlage 1 - Streng geheim!", datiert „Washington, 30. Juni 1945",
wurde den „Richtlinien für die amerikanische Delegation" unter dem Stich-
wort „Ostpreußen" folgender Text angehängt:
„Ostpreußen
a. Empfehlung: Ostpreußen (ausgenommen der Bezirk Königsberg, der
vermutlich an die Sowjetunion fallen wird) sollte an Polen abgetreten werden.
b. Grundlegende Daten: Ostpreußen verblieb, obwohl räumlich vom übri-
gen Deutschland getrennt, unter deutscher Staatshoheit, nachdem der „Kor-
ridor" durch den Vertrag von Versailles an Polen übergeben worden war.
Die westliche und ein Teil der südlichen Grenze Ostpreußens wurden von
den Allnerten und Assoziierten Hauptmächten am 16. August 1920 nach ei-
ner Volksabstimmung in den Regierungsbezirken Marienwerder und Al-
ienstein, die gemäß dem Versailler Vertrag durchgeführt wurde, festgelegt.
Im Rahmen der endgültigen Regelung erhielt Polen einen schmalen Ufer-
streifen entlang des Ostufers der Weichsel, dessen Breite zwischen wenigen
Fuß und einer halben Meile schwankte.
357
Der Flächeninhalt Ostpreußens in den Grenzen von 1920 betrug 36.993
Quadratkilometer, seine Bevölkerung zählte (Mai 1939) 2.469.017 Menschen.
Nach der Volkszählung 1925 - dem zuverlässigsten Index der sprachlichen
Aufgliederung - betrug die polnische Bevölkerung Ostpreußens 40.502
Menschen, zu denen die 62.596 Masuren, d.h. Slawen, die einen dem Polni-
schen ähnlichen Dialekt sprechen und im Regierungsbezirk Allenstein le-
ben, hinzugerechnet werden können. Polnische Quellen schätzen die polni-
sche Bevölkerung Ostpreußens auf über 400.000. Das gesamte Ostpreußen
wird von der Warschauer polnischen Regierung beansprucht. Die Sowjet-
union unterstützt den Erwerb Ostpreußens durch Polen, d.h. den Erwerb
der gesamten Provinz, ausgenommen den nordöstlichen Sektor einschließ-
lich der Hauptstadt und des Teils (Hafens) von Königsberg, den sie zu an-
nektieren beabsichtigt. Die polnische Regierung besteht auf der Deportie-
rung aller Deutschen aus den zu annektierenden Gebieten nach Deutsch-
land/7
Das Protokoll über die am Montag, den 23. Juli 1945, im Rahmen der
„Potsdamer Konferenz" stattgefundene 7. Vollsitzung hat unter Ziffer 2
„Übergabe von Königsberg an die Sowjetunion" folgenden Wortlaut:
„Stalin sagte, diese Frage sei auf der Konferenz von Teheran diskutiert
worden. Die Russen hätten Klage darüber geführt, daß alle Häfen der Ost-
see einfrieren; sie frören kürzere oder längere Zeit ein, aber nichtsdestowe-
niger seien sie gefroren. Die Russen hätten erklärt, es seit notwendig, min-
destens einen eisfreien Hafen auf Kosten Deutschlands zu erhalten. Stalins
Argumente zugunsten dieser Lösung waren, daß die Russen viel gelitten
und soviel Blut verloren hätten, daß sie begierig seien, einen Teil deutschen
Territoriums zu erhalten, um auf diese Weise eine kleine Genugtuung für
die über zehn Millionen der Bevölkerung zu haben, die in diesem Krieg ge-
litten hätten. Weder der Präsident noch der Premierminister hätten irgend-
welche Einwände erhoben; dieser Ansicht hätten alle drei zugestimmt. Er
sagte, sie seien daran interessiert, daß die derzeitige Konferenz dieser Ver-
einbarung zustimme.
Der Präsident der USA sagte, er sei bereit, im Grundsatz zuzustimmen,
obwohl es erforderlich sein werde, ethnographische und sonstige Fragen zu
prüfen, jedoch stimme er im Grundsatz zu.
Churchill sagte, Stalin habe mit der Feststellung recht, daß die Angele-
genheit in Teheran angeschnitten worden sei; er fügte hinzu, sie sei ebenfalls
zwischen Stalin und ihm selbst im Oktober 1944 in Moskau im Zusammen-
hang mit der Frage der Curzon-Linie besprochen worden. Er habe im Par-
lament am 15. Dezember 1944 eine Rede gehalten, in der er erwähnt habe,
daß die Sowjets den Wunsch hätten, den eisfreien Hafen Königsbergs für
sich zu sichern - die sowjetische Grenze solle südlich davon verlaufen. Er
habe klargestellt, daß die Regierung Seiner Majestät mit diesem Wunsch
sympathisiere. Die einzige Frage, die sich ergebe, sei die des rechtlichen An-
lasses für die Übergabe. Zur Zeit sei die Lage die, daß der sowjetische Ent-
358
wurf in der vorgesehenen Form fordern würde, daß jeder der hier Vertrete-
nen zustimme, daß Ostpreußen nicht existiere und ebenfalls zustimme, daß
der Raum Königsberg nicht in den Verantwortungsbereich des Alliierten
Kontrollrates für Deutschland falle. Sie seien gleichsfalls gezwungen, die
Einverleibung Litauens in die Sowjetunion anzuerkennen. Er wies darauf
hin, daß alle diese Fragen in Wirklichkeit Angelegenheiten der endgültigen
Friedensregelung seien. Soweit die Regierung Seiner Majestät betroffen sei,
würde sie den sowjetischen Wunsch, diesen deutschen Hafen in die Sowjet-
union einzugliedern, unterstützen. Er gäbe diese Erklärung als Grundsatz-
erklärung ab. Sie hätten die sowjetische Linie nicht auf einer Karte geprüft.
Das könne auf der Friedenskonferenz geschehen, jedoch wünsche er dem
Marschall zu versichern, daß sie die russische Einstellung in diesem Teil der
Welt weiterhin unterstützten.
Stalin antwortete, daß sie zur Zeit nichts weiter als dieses wünschten.
Selbstverständlich würde die Angelegenheit auf der Friedenskonferenz ge-
regelt werden. Er sagte, es genüge ihnen, daß die britische und amerikani-
sche Regierung zustimmten.
Churchill sagte, daß eine gewisse Textänderung der russischen Erklärung
erforderlich sei und schlug vor, sich in dem Kommunique, das zu Ende der
Konferenz herausgegeben werden solle, allgemeiner auszudrücken. Die
Vereinbarung zwischen den drei Mächten sollte im Protokoll dieser Sitzung
festgehalten werden/7
In der Schlußakte des „Potsdamer Abkommens" wurde unter Ziffer VI
„Stadt Königsberg und das anliegende Gebiet" festgelegt:
„Die Konferenz prüfte einen Vorschlag der Sowjetregierung, daß vorbe-
haltlich der endgültigen Bestimmung der territorialen Fragen bei der Frie-
densregelung derjenige Abschnitt der Westgrenze der Union der Sozialisti-
schen Sowjetrepubliken (UdSSR), der an die Ostsee grenzt, von einem Punkt
an der östlichen Küste der Danziger Bucht in östlicher Richtung nördlich
von Braunsberg-Goldap und von da zu dem Schnittpunkt der Grenzen Li-
tauens, der Polnischen Republik und Ostpreußens verlaufen soll.
Die Konferenz hat grundsätzlich dem Vorschlag der Sowjetregierung hin-
sichtlich der endgültigen Übergabe der Stadt Königsberg und des anliegen-
den Gebietes an die Sowjetunion gemäß der obigen Beschreibung zuge-
stimmt, wobei der genaue Grenzverlauf einer sachverständigen Prüfung
vorbehalten bleibt.
Der Präsident der USA und der britische Premierminister haben erklärt,
daß sie den Vorschlag der Konferenz bei der bevorstehenden Friedensrege-
lung unterstützen werden."
Mit diesem Beschluß wurde, mit dem Einverständnis der USA und Groß-
britanniens, Nord-Ostpreußen ein Teil der Sowjetunion; verbunden damit
war auch das Einverständnis der West-Alliierten zur Aussiedlung (Vertrei-
bung) der in diesem Gebiet noch wohnenden Deutschen.
Für Stalin, der diese Forderung von Teheran bis Potsdam durchgehend
359
vertreten und letztlich durchgesetzt hatte, war dieser Zugewinn Nord-Ost-
preußens auch aus militärischer und strategischer Sicht sehr wichtig.
In den Verhandlungen der „Großen Drei" hatte Stalin immer wieder die
Einbeziehung des nördlichen Teils von Ostpreußen in die UdSSR gefordert
mit dem Argument, daß Rußland einen eisfreien Hafen benötigte. Dabei war
immer nur die Rede vom Königsberger Hafen. Die Seestadt Pillau und de-
ren Hafen, ebenso zu dem nord-ostpreußischen Gebiet gehörend, wurde
von Stalin nie erwähnt; der Name Pillau ist in keinem der Verhandlungs-
protokolle zu finden.
Pillau war aber aus militärstrategischer Sicht für die Sowjetunion viel be-
deutender als Königsberg.
Bis Mitte Januar 1945 war Pillau einer der wichtigsten U-Boot-Stütz-
punkte und Ausbildungszentren für die deutsche U-Boot-Waffe und ein be-
deutender Kriegshafen an der Ostsee gewesen. Das war auch der sowjeti-
schen Marine bekannt. Die relativ kleine Stadt ließ sich ohne große Schwie-
rigkeiten von der Zivilbevölkerung räumen und als Marinestützpunkt aus-
bauen. Wie die folgenden Jahre nach Kriegsende zeigten, hat dies die So-
wjetunion auch getan. Pillau wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt
und ist erst seit einigen Jahren wieder für Zivilpersonen mit „Sondergeneh-
migung" zugänglich.
Als die UdSSR in Teheran, Jalta und Potsdam immer wieder den An-
spruch erhob, das „Königsberger Gebiet" in die Sowjetunion einzugliedern
(nicht nur unter „sowjetische Verwaltung" zu stellen!), geschah dies - auch
die südliche Grenzziehung dieses Gebietes zu Polen - im Hinblick darauf,
den „Kriegshafen Pillau" für sich zu gewinnen.
Die West-Alliierten, die USA und Großbritannien, waren über die mi-
litärstrategische Bedeutung Nord-Ostpreußens, insbesondere des Militär-
hafens Pillau, offensichtlich überhaupt nicht oder nur sehr mangelhaft in-
formiert, denn auch von ihrer Seite aus wurde zu keiner Zeit über Pillau dis-
kutiert, wenn die Frage Königsberg/Nord-Ostpreußen auf der Tagesord-
nung stand.
Auch die Tatsache, daß die neue Grenzziehung zwischen Nord- und Süd-
Ostpreußen und die Grenzziehung zwischen Polen und der sowjetisch be-
setzten Zone Deutschlands die Stellung Rußlands und vor allem Polens als
„Ostsee-Mächte" wesentlich stärkte, hatten die West-Alliierten bei ihren Ver-
handlungen und Vereinbarungen übersehen oder ihre Bedeutung unter-
schätzt.
Das „Potsdamer Abkommen":
Vorbereitung für die Friedenskonferenz?
Wie in Teheran und Jalta, fand auf Grund einer Vereinbarung der drei
Mächte UdSSR, USA und Großbritannien auch die Konferenz von Potsdam
hinter verschlossenen Türen statt. Presse und Rundfunk waren nicht zuge-
360
lassen. Informationen über die Ergebnisse der Beratungen konnten die Zei-
tungsjournalisten und Rundfunkreporter nur aus den nach den Konferen-
zen von den beteiligten „Großen Drei" erfolgten Reden in den Parlamenten
ihres jeweiligen Landes entnehmen.
Nach der Konferenz von Potsdam wurde jedoch anders verfahren. Der in-
ternationalen Presse wurde der Text des „Potsdamer Abkommens" mit ei-
ner „Amtlichen Mitteilung der drei Großmächte" übermittelt. Da es in
Deutschland im August 1945 noch keine deutsche Zeitung gab, die objektiv
über das „Potsdamer Abkommen" und dessen Auswirkungen auf Deutsch-
land und seine Bürger hätte berichten können, blieben den durch die Ver-
einbarungen von Potsdam am meisten Betroffenen die Ergebnisse von Pots-
dam verborgen.
Aber es gab auch noch deutschsprachige Zeitungen im benachbarten Aus-
land, so besonders in der neutralen Schweiz, die ausführlich über die Kon-
ferenz von Potsdam berichteten. Dazu gehörte die bedeutende Neue Züri-
cher Zeitung, die in ihrer Ausgabe vom 5. August 1945 einen ausführlichen
Beitrag veröffentlichte und die Ergebnisse von Potsdam kritisch kommen-
tierte. Ein Auszug:
„Über die Ergebnisse der Konferenz in Potsdam, die am 17. Juli 1945 be-
gann und mit einer kurzen Unterbrechung, welche infolge des Regierungs-
wechsels in England zu einer eigentlichen Zäsur wurde, bis zum 2. August
1945 dauerte, ist in der Nacht zum Freitag eine amtliche Mitteilung der drei
Großmächte veröffentlich worden...
Was immer die offizielle Mitteilung verschweigt, so ist doch offenkundig,
daß der Hauptgegenstand der Konferenz Europa war und daß das Schwer-
gewicht, wie man erwartet hatte, bei der deutschen Frage lag.
Sozusagen als Funktion der Politik, welche die Großmächte und im be-
sonderen die Sowjetunion gegenüber Deutschland einzuschlagen hat, ist
das in der polnischen Frage erreichte Resultat zu betrachten.
Es zeichnet sich ein neues Staatsgebilde, ein um große ostdeutsche Ge-
biete erweitertes, bis an die Oder und die Görlitzer Neiße vorgeschobenes
Polen ab, das auf Fürsprache Sowjetrußlands hin von den Westmächten zur
Kenntnis genommen, aber in diesem Umfang und mit diesen Grenzen im-
merhin nicht endgültig anerkannt wurde.
Das fait accompli, das die kombinierte Aktion der Roten Armee und der
Regierung von Warschau-Lublin an der Oder geschaffen hat, hat in Potsdam
eine vorläufige Stabilisierung erfahren, und sogar die auf dem linken Ufer
des Stromes gelegene Stadt Stettin bleibt unter polnischer Verwaltung.
Die Zusammenkunft der ,Großen Drei' war nicht als Friedenskonferenz
gedacht, sondern als Vorbereitung auf die Friedenskonferenz.
Im allgemeinen sind aber die zahlreichen politischen und territorialen Pro-
bleme, die sich im Umkreis der deutschen Katastrophe auf dem europäischen
Kontinent ergeben haben, in einem Schwebezustand belassen worden.
Es gibt Ausnahmen von dieser Regel.
361
Sozusagen definitiv und reif zur vertraglichen Niederschrift scheint in
ihrem positiven Klang die Zustimmung des amerikanischen Präsidenten
und des britischen Premierministers zu dem Anspruch der Sowjetunion auf
Königsberg und einen ausgedehnten ostpreußischen Gebietsstreifen bis
zum Frischen Haff zu sein. Mit der Erwerbung dieses langen Küstenab-
schnitts und eines ansehnlichen Hafens baut Rußland seine Stellung als
stärkste Ostseemacht weiter aus, ganz abgesehen davon, daß es indirekt
durch die Unterstützung des polnischen Dranges nach Westen Deutschland
auch noch von Danzig bis Stettin von der Ostseeküste verdrängt. In Bezug
auf diesen letzten Punkt gilt aber auf Seiten der Westmächte vermutlich der
allgemeine Vorbehalt der endgültigen Regelung durch eine Friedenskonfe-
renz oder einen Friedensvertrag. Ein solcher Vertrag mit Deutschland steht
noch in weiter Ferne. In dem entsprechenden Passus des Potsdamer Kom-
muniques rangiert die Regelung des Friedens mit Deutschland an letzter
Stelle, und das,darauf sich beziehende Dokument', das von einer geeigne-
ten Regierung Deutschlands' angenommen werden soll, wird nicht aus-
drücklich als Vertrag bezeichnet.
Das Hauptstück des Potsdamer Schlußberichtes befaßt sich mit Deutsch-
land. Es enthält die Zusicherung, daß Deutschland als politische und wirt-
schaftliche Einheit erhalten bleiben soll und daß die Alliierten nicht beab-
sichtigen, das deutsche Volk zu vernichten oder zu versklaven. Diese Zusi-
cherungen müssen in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt werden, auch wenn
ihnen die Sieger wohl nicht durchweg die gleiche Interpretation geben wer-
den.
Das Deutschland, das in dem Dokument von Potsdam in den Umrissen
sichtbar wird, wird aber ein erheblich verkleinertes Deutschland sein, ein
vollständig entwaffnetes, industriell abgerüstetes und in bestimmten Teilen
wahrscheinlich vollständig entindustrialisiertes Deutschland, das in seinen
Grenzen zudem noch - wahrscheinlich mehrere Millionen - ausgesiedelte
Deutsche auf nehmen muß.
Die territorialen Verluste, die Deutschland zu erwarten hat, beschränken
sich auf den Osten. Hier wird Deutschland Ostpreußen, Schlesien und die
östlich der Oder gelegenen Teile Pommerns und Brandenburgs verlieren.
Die strategischen Interessen Rußlands, das Bedürfnis nach Befestigung
seiner Stellung als Uferstaat der Ostsee und nach Schwächung und Zurück-
drängung Deutschlands, spielen bei dieser gewaltigen territorialen Revisi-
on die entscheidende Rolle; auch bei der Ausdehnung Polens, die von den
Westmächten nach wie vor als ungesunde Aufblähung des wieder entstan-
denen Staates bewertet wird, der dadurch dauernd auf den Schutz der So-
wjetunion angewiesen sein werde.
Der Zeitpunkt der Errichtung einer deutschen Zentralregierung bleibt
vorläufig ebenso unbestimmt wie der Termin für die in Aussicht genom-
mene Friedensregelung."
Das war die Situation, in der sich Rest-Deutschland, in vier Besatzungs-
362
zonen aufgeteilt, ohne eigene Regierung, den Siegermächten und deren Ent-
scheidungen ausgeliefert, im August 1945, drei Monate nach der Kapitula-
tion, befand.
Rückschritt statt Fortschritt: Die Teilung Deutschlands
Von Frieden und Freiheit waren Deutschland und die Deutschen Anfang
1946 noch weit entfernt. Zur Zeit der Potsdamer Konferenz hatten sich die
Alliierten - auch die UdSSR - dafür ausgesprochen, den Krieg mit Deutsch-
land durch einen Friedensvertrag zu beenden. Nach Artikel II des Potsda-
mer Abkommens setzten sie auch einen Außenminister-Rat zur „Friedens-
regelung mit Deutschland" ein. Ein Jahr nach dessen Einsetzung erklärte
der britische Außenminister Bevin vor dem Unterhaus: „Unser Fernziel ist
die Vorbereitung eines Friedensvertrages, doch bevor er feststeht, muß ge-
waltige Vorbereitungsarbeit geleistet werden."
Vom 10. März bis 25. April 1947 tagte der Außenminister-Rat fünf Wochen
lang in Moskau. Trotz monatelanger Vorbereitung auf den einzigen Tages-
ordnungspunkt „Friedensvertrag mit Deutschland" kamen die Außenmini-
ster keinen Schritt weiter; vor allem die UdSSR hatte zu einzelnen Punkten
immer wieder Einwände.
Nachdem die West-Alliierten im März 1948 eigene Initiativen entwickel-
ten und in einem „Londoner Programm" Modalitäten erarbeitet hatten, un-
ter denen eine gesonderte westdeutsche Regierung eingesetzt werden könn-
te, begann im Juni 1948 die Blockade Berlins. Damit verschärfte sich die La-
ge zwischen den Westalliierten und der UdSSR.
Die West-Alliierten blieben nicht untätig: Am 8. Mai 1949 wurde die Ver-
fassung, das „Grundgesetz", für die westdeutsche Republik angenommen,
am 12. Mai das neue Besatzungsstatut den westdeutschen Vertretern über-
geben, so daß der Gründung der „Bundesrepublik Deutschland" nichts
mehr im Wege stand. Die volle Souveränität erhielt die Bundesrepublik
Deutschland formell am 23. Oktober 1954. An diesem Tage wurde in Paris
der „Vertrag über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesre-
publik Deutschland" unterzeichnet, der am 5. Mai 1955 in Kraft trat. Zu die-
sem Zeitpunkt trat auch der „Vertrag über die Beziehungen zwischen der
Bundesrepublik und den Drei Mächten", der sogenannte „Deutschland-Ver-
trag", in Kraft.
Am 23. Mai 1949 tagte der Außenminister-Rat erneut. Die Aufforderung,
die sowjetische Besatzungszone möge sich der Bundesrepublik Deutschland
anschließen, wurde von der UdSSR kategorisch abgelehnt. Dies bedeutete
das Ende aller Bemühungen der West-Alliierten, sich mit der UdSSR über
die Zukunft Deutschlands zu verständigen.
Am 7. Oktober 1949 wurde auf dem Gebiet der sowjetisch besetzten Zo-
ne Deutschlands nach Annahme der ersten Verfassung die „Deutsche De-
mokratische Republik" (DDR) gegründet.
363
Der sogenannte „Eiserne Vorhang", dem später die „Mauer" folgte, trenn-
te die DDR von der BRD. Die UdSSR und die West-Alliierten begannen den
sogenannten „Kalten Krieg". Damit war eine friedensvertragliche Regelung,
die nur mit einer gesamtdeutschen Regierung hätte abgeschlossen werden
können, in weite Ferne gerückt und damit auch jede noch mögliche Kor-
rektur der Grenzziehung zwischen Polen und Deutschland. Noch immer be-
fanden sich Süd-Ostpreußen, Schlesien und Pommern bis Stettin unter pol-
nischer Verwaltung.
Polen hatte zu diesem Zeitpunkt die Ausweisung (Vertreibung) aller
Deutschen aus den ihm zur „Verwaltung" übergebenen deutschen Gebieten
abgeschlossen und damit vollendete Tatsachen geschaffen.
Die UdSSR hatte inzwischen Nord-Ostpreußen annektiert, Königsberg in
Kaliningrad umbenannt und mit der „nicht humanen" Ausweisung der im
„Kaliningrader Gebiet" noch lebenden Deutschen begonnen, obwohl diese
Maßnahmen einer friedensvertraglichen Regelung und internationaler Kon-
trolle bedurft hätten, was ebenso für die Maßnahmen der Polen galt.
Anerkennung der Grenzen: Der Preis der Wiedervereinigung?
Nachdem die UdSSR als der wichtigste Urheber der Oder-Neiße-Grenze
(Stalin-Linie) diese als endgültige Grenze anerkannt hatte, tat auch die DDR
einen entscheidenden Schritt.
Die DDR, die inzwischen dem Warschauer Pakt beigetreten und damit
auch militärisch zum Vasallen der Sowjetunion geworden war, schloß am 6.
Juli 1950 in der Grenzstadt Görlitz eine Vereinbarung mit Polen, in der Oder
und Neiße als endgültige „Friedensgrenze zwischen Polen und Deutsch-
land" anerkannt wurden. Dieser „Görlitzer Vertrag" zwischen der DDR und
Polen hatte jedoch nur eine politische Bedeutung. Zur völkerrechtlichen Be-
deutung fehlte die Voraussetzung: die DDR war wede de facto noch de ju-
re ein souveräner Staat.
Die nächste für die Bundesrepublik Deutschland wichtige vertragliche
Regelung mit Polen erfolgte auf Initiative des ersten sozialdemokratischen
deutschen Bundeskanzlers, Willy Brandt, der sich mit seiner neuen Ostpo-
litik die Aussöhnung mit Polen und der UdSSR zum Ziel gesetzt hatte.
Am 7. Dezember 1970 wurde in Warschau der Vertrag, der die Unver-
letzbarkeit der Grenzen zwischen Polen und Deutschland bestätigte, unter-
zeichnet. In diesem „Warschauer Vertrag" lautete der Artikel 1:
„Die Bundesrepublik Deutschland und die Volksrepublik Polen stellen
übereinstimmend fest, daß die bestehende Grenzlinie, deren Verlauf im Ka-
pitel IX der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz vom 2. August 1945 von
der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder
entlang bis zur Einmündung der Lausitzer Neiße entlang bis zur Grenze der
Tschechoslowakai festgelegt worden ist, die westliche Staatsgrenze der
Volksrepublik Polen bildet."
364
Dieser Vertrag hatte ebenfalls lediglich politische Bedeutung, die zusätz-
lich durch die Erklärung der Bundesregierung relativiert wurde, sie könne
nur im Namen der Bundesrepublik handeln. Die Frage der Endgültigkeit
der Oder-Neiße-Grenze für den Fall einer Wiedervereinigung wurde da-
durch offengehalten.
Bundesaußenminister Walter Scheel erklärte am 5. November 1970 in ei-
nem Interview in Warschau:
„Die Bundesregierung kann nur die Bundesrepublik Deutschland ver-
pflichten. Ihrem Handeln sind rechtliche Grenzen gesetzt. Es gibt keinen
Friedensvertrag, und solange es keinen Friedensvertrag gibt, können die
Rechte der Vier Mächte durch bilaterale Verträge nicht berührt werden. Un-
ser polnischer Partner weiß, daß wir einen gesamtdeutschen Souverän nicht
präjudizieren können."
In dem Kommunique der Bundesregierung zum Warschauer Vertrag war
dann auch nachzulesen:
„Ein wiedervereinigtes Deutschland kann also durch den Vertrag nicht
gebunden werden. Wir messen der formellen Aufrechterhaltung des Frie-
densvertragsvorbehalts in jedem Falle eine wesentliche, auf die Wahrung
der Belange Gesamtdeutschlands gerichtete Bedeutung bei."
Am 3. Juli 1973 begann in Helsinki die „Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa" (KSZE), die vom 18. September 1973 bis zum
21. Juli 1975 in Genf fortgesetzt wurde. Die Schlußphase, die wieder in Hel-
sinki stattfand, endete am 1. August 1975, genau 30 Jahre nach dem Ende
der „Potsdamer Konferenz", mit der Unterzeichnung der Schlußakte durch
die Vertreter u.a. der USA, Großbritanniens, der UdSSR, Frankreichs,
Deutschlands und weiterer dreißig Staaten. Viele Beobachter sprachen von
einer „Ersatz-Friedens-Konferenz" oder einem „Zweiten Potsdam". Doch
Helsinki war beides nicht.
Die von den beteiligten Staaten unterzeichnete Schlußakte enthielt ledig-
lich die Verpflichtung, „den Prozeß der Entspannung zu erweitern, zu ver-
tiefen und ihre Fortschritte dauerhaft zu machen!"
Für das deutsche Volk, vor allem für die Millionen deutscher Heimatver-
triebener und ihre Kinder und Enkel, hatte die Schlußakte von Helsinki ei-
ne ganz besondere zukunftsweisende, für alle aber enttäuschende Bedeu-
tung, denn aus der „vorläufigen" wurde in Helsinki eine „endgültige"
Oder-Neiße-Grenze; und dies ohne Friedensvertrag.
Die in Helsinki gemachten Empfehlungen, Beschlüsse und Entscheidun-
gen hatten zwar nicht die Bedeutung und das Gewicht einer Friedenskon-
ferenz, doch sie bedeuteten die Festschreibung des Status quo in Europa,
wozu die Teilung Deutschlands, die Annektion Nord-Ostpreußens durch
die Sowjetunion, der Verlauf der deutsch-polnischen Grenze und nicht zu-
letzt die sogenannte „Aussiedlung" der Deutschen aus Nord-Ostpreußen
und den „unter polnischer Verwaltung" stehenden deutschen Ostgebieten
gehörten, obwohl diese inhumane Vertreibung der Deutschen zweifelsfrei
365
eine eklatante Verletzung der Menschenrechte war. Diese Menschen-
rechtsverletzung stand jedoch nicht auf der Tagesordnung der KSZE-Kon-
ferenz, obwohl sie allen Teilnehmerstaaten bekannt war.
Die Schlußakte enthielt jedoch die Vereinbarung:
„Die Teilnehmerstaaten betrachten gegenseitig alle ihre Grenzen sowie
die Grenzen aller Staaten in Europa als unverletzlich und werden deshalb
jetzt und in Zukunft keinen Anschlag auf diese Grenzen verüben."
Im Klartext bedeutete dies eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze
durch alle an der KSZE-Konferenz beteiligten Staaten, d. h. auch durch die
Bundesrepublik Deutschland.
1989 bahnte sich eine entscheidende, für viele unerwartete „Wende" in
den deutsch-deutschen Beziehungen an.
Am 9. November 1989 öffnete sich in Berlin das Brandenburger Tor, die
Berliner Mauer fiel, der Zeitpunkt der Wiedervereinigung rückte näher. Die
Bundesregierung in Bonn unter Führung von Bundeskanzler Helmut Kohl
nutzte die Gunst der Stunde, die nicht zuletzt dem sowjetischen Parteichef
Michail Gorbatschow zu verdanken war.
Am 18. Mai 1990 unterzeichneten Vertreter der BRD und der DDR den
Vertrag über die Wirtschafts- und Währungsunion, am 1. Juli 1990 wurde
die D-Mark offizielle Währung in der DDR. Nach Verhandlungen, die im
Sommer 1990 erfolgten, wurde am 31. August 1990 der Vertrag unter-
zeichnet, nach dem die fünf in der DDR wiedererrichteten Länder Teil der
Bundesrepublik Deutschland werden würden.
Bereits ab Februar 1990 verhandelten die Siegermächte in Ottawa über ei-
nen „Zwei-plus-Vier-Vertrag", der die vier Siegermächte, die USA, Groß-
britannien, Frankreich und die Sowjetunion, plus die zwei Betroffenen, die
DDR und die BRD, an einen Tisch brachte. Nach drei weiteren Treffen, die
im Mai in Bonn, im Juni in Berlin und im Juli in Paris stattfanden, war der
„Zwei-plus-Vier-Vertrag" unterschriftsreif. Die Unterzeichnung durch die
Außenminister der „Großen Vier" sowie durch Bundesaußenminister Gen-
scher als Vertreter der BRD und DDR-Ministerpräsident de Maiziere erfolg-
te am 12. September 1990 in Moskau.
Nachdem am 1. Oktober 1990 die „Erklärung zur Aussetzung der Wirk-
samkeit der Vier-Mächte-Rechte und zu den Verantwortlichkeiten in be-
zug auf Berlin und Deutschland als Ganzes" erfolgt war, trat am 3. Okto-
ber 1990 die DDR dem Staatsverband der Bundesrepublik Deutschland
bei.
Die Wiedervereinigung dieser beiden Teile Deutschlands war zweifellos
ein historisches Ereignis und sicher das Bedeutendste in der deutschen
Nachkriegsgeschichte, weil sie die große Chance bot, jetzt die Siegermächte
zum Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland, der 45 Jahre nach
Kriegsende immer noch ausstand, zu bewegen.
Nach den ersten gesamtdeutschen Wahlen war die im „Potsdamer Ab-
kommen" geforderte Grundvoraussetzung erfüllt, wonach der Abschluß ei-
366
nes Friedensvertrages nur mit einer „Gesamtdeutschen Regierung" möglich
war.
Warum zögerte die nach der Wiedervereinigung durch freie Wahlen neu
gebildete Regierung unter Helmut Kohl, die Siegermächte zum Abschluß ei-
nes Friedensvertrages mit Deutschland aufzufordern?
Der amerikanische Historiker Alfred M. de Zayas beantwortet diese Fra-
ge in seiner Dokumentation „Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung
der Deutschen" wie folgt:
„Zweifellos hätte die deutsche Regierung eine partielle Revision der
Grenze zur Sprache bringen können, etwa um das Gebiet von Stettin, das
ohnehin westlich der Oder liegt, an Pommern zurückzuführen. Aber 1990
war die Wiedervereinigung noch keine sichere Sache. Man brauchte die ein-
stimmige Genehmigung der vier Hauptsiegermächte.
Möglicherweise hätten die Amerikaner im Sinne ihrer alten Erklärung ge-
handelt und gewisse Revisionen erörtert. Präsident Bush wäre jedenfalls
nicht abgeneigt gewesen.
Jedoch Margaret Thatcher wollte die Wiedervereinigung verzögern und
fürchtete, daß eine Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze gewisser-
maßen die Büchse der Pandora öffnen würde.
Die französische wie die sowjetische Regierung wären ebensowenig be-
geistert gewesen. Darum hätte jede Diskussion über eine eventuelle Revisi-
on der polnisch-deutschen Grenze nur größte Schwierigkeiten aufgeworfen,
die die Wiedervereinigung verzögert, gefährdet oder gar schließlich un-
möglich gemacht hätte.
Ohne daß die vier Hauptsiegermächte ein Junktim zwischen der Geneh-
migung zur Wiedervereinigung und der Anerkennung der Oder-Neiße-
Grenze geäußert hatten, war dies stillschweigend eine conditio sine qua
non. Im Hinblick auf die historische Bedeutung und Priorität der
Wiedervereinigung war es für Bundeskanzler Kohl unerläßlich, jedes zu-
sätzliche Risiko zu vermeiden. Schließlich ist die Politik die Kunst des Mög-
lichen, und so verzichtete Deutschland auf die Revision der Oder-Neiße-Li-
nie."
Nach der Wiedervereinigung initiierte Bundeskanzler Kohl Verhand-
lungen mit den östlichen Nachbarn, so mit der Republik Polen über gute
Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit, die in dem Ver-
trag vom 17. Juni 1991 mündeten. Ein ähnlicher Vertrag wurde 1992 mit
der Tschechischen und der Slowakischen Föderativen Republik geschlos-
sen.
Der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik
Polen enthält Absichtserklärungen über die Schaffung eines Europa, in dem
die Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie die Grundsätze der Demo-
kratie und der Rechtsstaatlichkeit geachtet werden und in dem die Grenzen
ihren trennenden Charakter verlieren sollen.
Ausgeklammert werden Vermögensfragen, etwa über das Privateigentum
367
der enteigneten Vertriebenen, und Fragen über ein eventuelles Niederlas-
sungsrecht.
„Die Nachbarschaftsverträge stellen einen positiven Anfang dar. Man
darf hoffen, daß in den nächsten Jahren sich die Beziehungen zwischen
Deutschland, Polen und Tschechien so entwickeln, daß bald die ausge-
klammerten Fragen diskutiert werden können. Entscheidend in diesem Sin-
ne ist das gemeinsame Bekenntnis zu den Menschenrechten, deren prakti-
sche Konsequenz in diesem Zusammenhang bedeutet, daß kein Staat Ver-
treibungen und ethnische Säuberungen gutheißen kann, ohne sich außer-
halb des Völkerrechts, der Humanität und der Zivilisation zu stellen.
Vor dieser Perspektive bleibt den Polen, den Tschechen, den Ungarn, den
Russen, und auch den Anglo-Amerikanern - Tätern und Komplizen -
eigentlich nichts anderes übrig, als sich den menschenrechtlichen Geboten
zu fügen, die Vertreibung der Deutschen als ein Verbrechen beim Namen zu
nennen und sich davon moralisch zu distanzieren. Als weitere Entwicklung
darf man erwarten, daß alle Vertreibungs- und Konfiskationsdekrete sowie
auch Straffreiheits- und Amnestiegesetze als null und nichtig erklärt wer-
den. So zu handeln bedeutet, im Sinne des Prinzips der Gleichheit und der
Nicht-Diskriminierung zu agieren, es bedeutet, die Menschenwürde für al-
le aufrechtzuerhalten."
Das schreibt und fordert ein amerikanischer Historiker, Prof. Dr. Alfred
M. de Zayas!
Den Vertriebenen wurde neues Unrecht zugefügt, indem aus dem
„Freundschaftsvertrag" zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der
Republik Polen Entschädigungen für enteignetes Privateigentum und die
Frage des Niederlassungsrechts ausgeklammert wurden. Eine künftige
wichtige Aufgabe für Politiker der Bundesrepublik Deutschland, dieses Un-
recht zu beseitigen.
Festgehalten werden muß:
Begangenes Unrecht an den Deutschen in Ostpreußen bleibt Unrecht, das
nicht wegdiskutiert werden und auch nicht dem „Vergessen-müssen", das
viele Politiker fordern, zum Opfer fallen darf.
Die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen war eine ethnische Säu-
berung, eine Menschenrechtsverletzung, eine Mißachtung der Menschen-
würde und ein Verbrechen, das nicht vergessen werden kann und darf und
von dem sich weder Rußland noch Polen bis heute distanziert haben.
Die Ostpreußen, denen in den letzten Kriegsmonaten die Flucht vor der
Roten Armee allein, in Trecks oder über die Ostsee geglückt ist, die deut-
schen Soldaten, die fast bis zum letzten Kriegstag Ostpreußen verteidigt ha-
ben, wobei viele tausende verwundet wurden oder fielen, und diejenigen
Ostpreußen, Frauen, Kinder und Greise, die nach Kriegsende aus ihrer an-
gestammten Heimat von Russen und Polen vertrieben wurden, werden das
Erlebte, die Tragödie Ostpreußen, zeitlebens nicht vergessen.
Ostpreußen ist und bleibt ihre Heimat, da trotz aller Zerstörungen und
368
trotz jahrzehntelanger Mißwirtschaft auch heute noch genug Spuren des
Landes erkennbar sind, in dem sie geboren wurden, aufgewachsen sind
und in dem sie gelebt haben.
Die Heimat Ostpreußen bleibt für immer unvergessen!
369
Nachwort des Autors
Sieger und Besiegte -
zweierlei Recht
Am 8. Mai 1945 hatten die Siegermächte ihr Ziel, die bedingungslose Ka-
pitulation der deutschen Wehrmacht, erreicht.
Die Last des Sieges trugen die Deutschen. Städte lagen in Schutt und
Asche, Fabriken waren zerstört, Häuser von alliierten Bomben getroffen,
nicht mehr bewohnbar. Millionen Deutsche waren ihrer Heimat im Osten
beraubt. Millionen deutscher Frauen warteten auf ihre Männer, die sich in
Gefangenenlagern der Siegermächte befanden, hunderttausende davon in
Sowjetrußland, im Ural, in Sibirien, an unbekannten Orten.
Für Ostpreußen bedeutete der 8. Mai die absolute Katastrophe, das Land
war zur Kriegsbeute für Rußland und Polen geworden. Die Ostpreußen ver-
loren ihre Heimat, in der sie seit vielen Generationen gelebt und gearbeitet
hatten und die sie liebten. Und viele fragten sich: „Sind wir Ostpreußen die
einzig Schuldigen, die für diesen Krieg die Heimat opfern müssen und al-
les was wir an Hab und Gut besaßen?"
Von der „Tragödie Ostpreußen/z waren mehr als 2,6 Millionen Menschen
betroffen: Etwa 500.000 hatten bereits 1944 Ostpreußen verlassen. Nach Be-
ginn der sowjetischen Großoffensive ab Mitte Januar 1945 waren etwa
250.000 Menschen mit der Bahn oder in Trecks nach Westen geflüchtet, rund
450.000 flohen über das Haff und die Nehrung in die Danziger Bucht, um
von dort mit Schiffen über See nach Swinemünde, Saßnitz, Schleswig-Hol-
stein oder Dänemark gerettet zu werden. Von Pillau über die Frische Neh-
rung zu Fuß oder im Treck waren rund 200.000 geflohen. Von Pillau mit
Schiffen über die Ostsee wurden weit über 450.000 Menschen gerettet wor-
den. In Ostpreußen zurückgeblieben waren am Kriegsende etwa 500.000, sie
gingen einem ungewissen Schicksal unter russischer oder polnischer Herr-
370
schäft, im Heimatland in Feindeshand, entgegen. Das Schicksal von etwa
250.000 Ostpreußen bei Kriegsende war ungeklärt, sie waren gestorben, er-
mordet, vermißt, verschleppt.
Das war die Bilanz der Tragödie „Ostpreußen" am Ende des Zweiten
Weltkrieges, die Bevölkerungsbilanz! Wieviele deutsche Soldaten bei der
Verteidigung von Ostpreußen gefallen waren, wieviele verwundet wurden,
wieviele in sowjetische Gefangenschaft gerieten und wieviele den Kriegs-
schauplatz Ostpreußen überlebten, wußte niemand, noch keine Statistik er-
faßte sie.
Nach Beendigung des Krieges suchten die Sieger unter den Besiegten die
Schuldigen. Man sprach von der „Kollektiv-Schuld der Deutschen". Doch
eine Verurteilung und Bestrafung aller Deutschen war nicht möglich. Den
„Hauptschuldigen" sollte der Prozeß gemacht werden. Doch wer hatte sich
schuldig gemacht, wer hatte Verbrechen begangen - Kriegsverbrechen?
Bei der Konferenz in Jalta im Februar 1945 hatten die Alliierten u.a. be-
schlossen, Kriegsverbrecherprozesse durchzuführen. Wie zuvor bei der
Konferenz in Teheran, setzte sich auch in Jalta Stalin mit seiner Forderung
durch, nur solche Verbrechen zu bestrafen, die von deutschen Militärs oder
Nationalsozialisten begangen worden waren, keine anderen Verbrechen.
Davon wäre die Sowjetunion selbst betroffen gewesen.
Die Sowjetunion war für den von ihr 1939 begonnenen Krieg gegen Finn-
land vom Völkerbund ausdrücklich zum Angreifer erklärt worden und
wurde deshalb vom Völkerbund ausgeschlossen. Die Besetzung und die
Vernichtung der Eigenstaatlichkeit der baltischen Staaten war ebenfalls ein
Bruch des Völkerrechts durch die Sowjetunion. Eines der scheußlichsten
Kriegsverbrechen der Sowjetunion war der 1943 entdeckte Massenmord an
6.000 polnischen Offizieren, den Stalin nach der Teilung Polens im russisch
besetzten Katyn bei Smolensk befohlen hatte. Die Greueltaten der Roten Ar-
mee in Ostpreußen, die Vergewaltigung von wehrlosen Frauen, die bestia-
lische Ermordung von Frauen, Kindern und Alten, von Kranken und hilflo-
sen Menschen und schwerverwundeten deutschen Soldaten war ein beson-
ders schweres Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die Menschlich-
keit.
Doch diese Verbrechen der Siegermacht Sowjetunion wurden nicht ge-
ahndet. Das Recht der Sieger war es, nur die Besiegten zu verurteilen.
Während die Sieger noch nach Kriegsende Kriegsauszeichnungen verlie-
hen, Offiziere und Soldaten für ihren Kriegseinsatz beförderten, wurde in
Deutschland den Verantwortlichen, soweit sie nicht schon selbst den Frei-
tod gewählt hatten, der Prozeß gemacht.
Gegen 22 von den Alliierten als „Hauptkriegsverbrecher" bezeichnete Be-
siegte wurde am 20. September 1945 vor dem Internationalen Militärtribu-
nal in Nürnberg Anklage erhoben. Die Hälfte der Angeklagten wurde zum
Tode durch den Strang verurteilt, die anderen erhielten lebenslängliche oder
langjährige Zuchthausstrafen.
371
Die Hinrichtung der beim Nürnberger Prozeß zum Tode Verurteilten fand
am 16. Oktober 1946 statt. Die Gehängten wurden verbrannt, und hohe Of-
fiziere der Alliierten Siegermächte verstreuten in einem symbolischen Ritu-
al die Asche der Toten in alle vier Winde.
Die Schuld der Besiegten, der Deutschen, war damit getilgt.
Über die Schuld der Sieger, die Verbrechen der Sieger, die Verbrechen, die
die Rote Armee in Ostpreußen begangen hatte, sprach und spricht niemand
mehr.
Doch nicht nur die Sowjetunion hat Schuld auf sich geladen.
Die Konferenzergebnisse von Teheran, Jalta und Potsdam, beschlossen
von den USA, Großbritannien und der UdSSR, verurteilten 15 Millionen
Deutsche zum Verlassen ihrer Heimat. Von diesen 15 Millionen wurden
2.280.000 Deutsche nach dem 8. Mai 1945 auf der Flucht oder während der
Vertreibung mit Billigung der Allierten getötet. Zwei Millionen deutsche
kriegsgefangene Soldaten starben nach der Kapitulation in sowjetischen La-
gern.
Waren dies keine Kriegs- oder Nachkriegsverbrechen?
Das Recht ist immer - und nur - auf der Seite der Sieger.
Bad Salzuflen im Oktober 1999
Heinz Schön
372
Quellen-
und Literaturverzeichnis
Archive:
Bundesarchiv Koblenz
Bundesarchiv / Militärarchiv Freiburg
Archiv Institut für Zeitgeschichte München
Archiv des Kriegsmarine-Museums Kaliningrad
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te" 1994, Band 18 und 19
Haaker, Jens: „Zur Interpretation des Potsdamer Abkommens" in „Deutsch-
land-Archiv", 1968
Heidkämper, Otto: „Die Abwehrschlacht in Ostpreußen Januar 1945" in
„Wehrkunde", Juli 1954
Heydte, F.A. v.d.: „Potsdamer Abkommen" in „Wörterbuch des Völker-
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Kaffke, E.: „Wie sich Gauleiter Koch davonstahl" in „Ostpreußenblatt",
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Kerwin, A.: „Bericht über die letzten Tage von Königsberg" in „Eintracht",
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Ritgen, Udo: „Pflichterfüllung bis zum bitteren Ende" in „Die große Not",
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Scholz, Ulrich: „Die Flucht des Gauleiters Koch" in „Bild am Sonntag",
1/1980
Zuleeg, M.: „Die Oder-Neiße-Grenze aus der völkerrechtlichen Sicht von
heute", in „Zeitschrift für Rechtspolitik", 1969
Augenzeugenberichte:
Behr, Ulrich, Baron von: „Aus der Festung Pillau ausgebrochen"
Brandtner, Gerhard: „Mein Einsatz in der Festung Pillau"
Chili, Kurt: „Die Ereignisse in Ostpreußen - Januar bis Mai 1945"
Detlefsen, Erich: „Die Kämpfe der 4. Armee in Ostpreußen im Januar 1945"
Ebeling, Werner: „Als letzter Kampfkommandant in der Festung Memel"
Franzowski, Kurt: „Mein Einsatz bei der Verteidigung Königsbergs"
Ders.: „Meine Erlebnisse in der Festung Königsberg"
Hoffmann, Werner: „Im Kampfeinsatz in Memel und Königsberg"
Kaftan, E.: „Das Ende der Seestadt Pillau"
Kannenberg, Johann: „Die letzten Kriegstage in der Festung Pillau"
Kerwin, Bruno: „Die letzten Tage in der Festung Königsberg"
Knebel, Kurt: „Der letzte Kampf unseres Generals Karl Henke"
Luksch, Johann: „Memel - Samland - Pillau"
Matzky, G.: „Ostpreußen im Januar 1945"
Merten, H.F.: „Die Rettung von 6.000 Hitlerjungen an der Memelfront"
377
Möller, Johannes: „Als letzter Festungskommandant in Memel"
Mordell, Jaques: „Wie die Sowjets Königsberg besetzten"
Saynisch, Paul: „Die Verteidigung der Festung Memel"
Schaumann, Werner: „Mit 100.000 Soldaten in sowjetische Gefangenschaft"
Schön, Arnold: „Pillau - Bis zuletzt verteidigt"
Späther, Hellmuth: „Samland - Pillau - Neutief - Der Einsatz des Panzer-
korps Großdeutschland"
Sperlich, Bernhard: „Als Batteriechef in der Festung Memel"
Strobel, Hellmuth: „Als Seekommandant Ostpreußen in Pillau"
Tippelskirch, Kurt von: „Das Vorrücken der Russen in Ostpreußen"
Wagner, E.: „Als Arzt in der Festung Königsberg"
Bildnachweis:
Die Abbildungen im Bildteil dieses Buches, die nicht aus dem Ost-
preußen-Archiv des Autors Heinz Schön stammen oder dem Autor aus Pri-
vatbesitz für die Veröffentlichung überlassen worden sind, sind im Bildteil
dieser Dokumentation unter Angabe der Bildquelle besonders gekenn-
zeichnet.
Ergänzende, kritische oder zustimmende Zuschriften erbeten an:
Heinz Schön • D-32107 Bad Salzuflen • Auf dem Sepp 19
Telefon: (05222) 74 24 • Fax:(05222)7 39 20
378
Inhaltsverzeichnis
Vorwort des Autors:
Die Rote Armee in Ostpreußen: „Rache für Rußland"........ S. 5
Inhalt und Absicht dieser Dokumentation ................. S. 7
1. Kapitel: Angriffsziel Ostpreußen
Der Rachefeldzug der Roten Armee .......................... S. 12
Die Rote Armee im Anmarsch auf Ostpreußen................ S. 13
Memel in Gefahr ......................................... S. 14
Der „Ostwall" wird gebaut ............................... S. 16
Das Führerhauptquartier „Wolfsschanze" .................. S. 17
Hitler und die „Ost-Lage"................................ S. 22
Stoppt den Feind noch vor der Grenze................... S. 25
Erich Koch und sein „Frontgau Ostpreußen"................ S. 26
Luft-Terror-Angriffe zerstören Königsberg ............... S. 29
Die Memel-Front zur Verteidigung bereit ................. S. 33
Die sowjetische Planung der „Operation Memel" ........... S. 34
Das Memelland wird Kriegsschauplatz ..................... S. 41
Das Unternehmen „Weißdorn" .............................. S. 42
Memel im Feuerhagel - doch die „Festung" hält ........... S. 43
Erster Angriff auf Memel abgewiesen ..................... S. 45
Memel - hart umkämpft, doch nicht verloren............... S. 52
Die Russen: „Und wir haben doch gesiegt!"................ S. 54
Die sowjetische Offensive gegen die 4. Armee ............ S. 55
Kampf um Gumbinnen-Goldap-Nemmersdorf.................... S. 57
Russische Rache: „Töte den Deutschen" ................... S. 58
379
Das Ende der Oktober-Offensive 1944 ..................... S. 60
Der Volkssturm - „Deutschlands letztes Aufgebot" ........ S. 61
Stalin: „Wir werden Ostpreußen vernichten!" ............. S. 63
Ostpreußen schon aufgegeben? ............................ S. 66
„Mein Führer-es ist 5 Minuten vor 12!" .................. S. 70
Wohin mit den Frauen, Kindern und Alten? ................ S. 71
13. Januar 1945: Der Tag, an dem die Erde bebte ......... S. 73
Der dramatische Kampf um Ostpreußen ..................... S. 76
Der Durchbruchsversuch der 4. Armee ..................... S. 78
Die „Festung Memel" wird geräumt ........................ S. 80
Aufgabe der Marine: „Menschenleben retten!" ............. S. 83
Die Rote Armee vor den Toren Königsbergs ................ S. 86
Kämpfen und siegen - oder sterben ....................... S. 89
Metgethen: Erschlagen, erdrosselt, erschossen ........... S. 91
Was ein russischer Offizier sah und erlebte ............. S. 95
Königsberger fliehen nach Pillau......................... S. 101
Der Endkampf im „Heiligenbeiler Kessel" ................. S. 103
Balga-Kahlholz - das „Dünkirchen Ostpreußens" ........... S. 107
250.000 Rotarmisten zum Angriff auf Königsberg bereit.... S. 110
6. April: Der Sturmangriff beginnt ...................... S. 112
Königsberg im Todeskampf ................................ S. 114
9. April: Königsberg kapituliert ........................ S. 118
Königsberg nach der „Stunde Null" ....................... S. 121
Moskau ehrt die „Helden von Königsberg" ................. S. 123
General von Saucken und die „Armee Ostpreußen" .......... S. 124
Die „Festung Pillau" muß gehalten werden ................ S. 127
Letzter Fluchtweg aus Pillau - die Ostsee ............... S. 129
13. April: Die Russen greifen an ........................ S. 130
Die Lage in Pillau am 20. April 1945 .................... S. 131
Sturm auf Pillau - doch die Festung hält ................ S. 134
Pillau - ein loderndes Flammenmeer ...................... S. 136
Rettung in letzter Minute ............................... S. 139
Aus der Festung ausgebrochen ............................ S. 143
26. April: Pillau geräumt und auf gegeben ............... S. 145
Am Ende des Kampfes: Gefangenschaft ..................... S. 146
General Henke - im Nahkampf gefallen .................... S. 148
Der Endkampf auf der Frischen Nehrung ................... S. 149
100.000 marschieren in die Gefangenschaft ............... S. 151
2. Kapitel: Kriegsschauplatz Ostpreußen 1944/45
Frontberichte deutscher Soldaten .......................... S. 155
Dokument 1: Horst Schwabe, Gefreiter
Als Meldegänger bei der 561. Volksgrenadier-Division..... S. 158
380
Dokument 2: Erich Rüd, Gefreiter
Was in Alt-Wusterwitz wirklich geschah .................... S. 164
Dokuments: Johannes Grätz, Unteroffizier
Kämpfen - Hoffen - Überleben .............................. S. 168
Dokument 4: Franz Fröhlich, Gefreiter
Goldap, Braunsberg, Samland - Südural ..................... S. 173
Dokument 5: Heinz Becker, Gefreiter
Im Endkampf im Kessel von Heiligenbeil .................... S. 182
Dokument 6: Arno Pfeifer, Gefreiter
Im Luftwaffeneinsatz in und über Ostpreußen 1945 .......... S. 189
Dokument 7: Hermann Bombeck, Obergefreiter
Kriegstagebuch eines Ostpreußen-Kämpfers .................. S. 194
Dokument 8: Fritz Rothe, Ünteroffizier
Ein Bollwerk gegen die russische Panzerlawine ............. S. 203
Dokument 9: Peter Kehrer, Unteroffizier-Anwärter
Verwundet - im Papiersack abtransportiert ................. S. 210
Dokument 10: Otto Schmitt, Grenadier
Wir kämpften Auge um Auge, Zahn um Zahn ................... S. 215
Dokument 11: Paul Waleschkowski, Grenadier
Ab 13. Januar 1945: „Totaler Krieg" in Ostpreußen ......... S. 228
Dokument 12: Rudi Mohns, Soldat
Nach Blitzausbildung ab an die Front ...................... S. 238
Dokument 13: Anton Wübbena-Mecima, Obergefreiter
Wellenbrecher gegen die Rote Flut ......................... S. 241
Dokument 14: Franz Scherrer, Gefreiter
Ostpreußen 1945: Ein Heerlager von Verwundeten ............ S. 248
Dokument 15: Marianne Hennig, DRK-Schwester
Als DRK-Schwester an der Ostpreußen-Front ................. S. 257
Dokument 16: Wolfgang Thiel, Oberleutnant d.R.
Von der Narew-Front bis nach Heiligenbeil ................. S. 264
Dokument 17: Josef Forster, Obergefreiter
Tausende Granaten gingen auf uns nieder ................... S. 267
Dokument 18: Hans Schmidt, RAD-Arbeitsmann
Kriegsabenteuer eines 17jährigen .......................... S. 278
Dokument 19: Fritz Hollighaus, Unteroffizier
Im Panzer im Ostpreußen-Einsatz ........................... S. 284
Dokument 20: Heinz Klettke, Obergefreiter
Mit Panzer-Zerstörer-Zug im Fronteinsatz................... S. 296
Dokument 21: Wilhelm Timons, Stabsgefreiter
Pillau verteidigt - darauf nach Sibirien .................. S. 300
Dokument 22: Herbert Bernhardt, Major
Das ostpreußische Inferno am Frischen Haff................. S. 306
Dokument 23: Wenzel Siepen, Obergefreiter
Mein letztes Gefecht auf der Frischen Nehrung ............. S. 314
381
Dokument 24: Hans-Wilhelm Wittmeier, Kanonier
Als Kanonier im Ostpreußen-Kessel........................... S. 323
Dokument 25: Hans Kirchenbauer, Obergefreiter
8. Mai 1945: Von der Freiheit „befreit" .................... S. 337
Dokument 26: Heinz Stendtke, Fahnenjunker-Unteroffizier
Das bittere Ende in Königsberg erlebt ...................... S. 341
3. Kapitel: Kriegsbeute Ostpreußen
Rußland und Polen teilen sich das Land ....................... S. 348
Die Konferenz von Teheran: Stalin stellt die Weichen ....... S. 349
Die Konferenz von Jalta: Polen fordert
Ostpreußen, Danzig und Schlesien ........................... S. 352
Die Konferenz von Potsdam: Reiche Kriegsbeute
für Polen und Rußland ...................................... S. 355
Das „Potsdamer Abkommen": Vorbereitung
für die Friedenskonferenz? ................................. S. 360
Rückschritt statt Fortschritt: Die Teilung Deutschlands..... S. 363
Anerkennung der Grenzen:
Der Preis der Wiedervereinigung? ........................... S. 364
Nachwort des Autors: Sieger und Besiegte - zweierlei Recht.... S. 370
Quellen- und Literatur-Verzeichnis............................ S. 373
382
Aus unserem Ostpreußen-Programm
Heinz Schön
im Heimathiid
m febdestatd
Schicksale
ostpreußischer
Frauen
unter Süssen
und Polen
1945-1948
Walther Franz
Ostpreußiscfie
.Landes fand?
<1 '
ARNDT
HEINZ SCHON
IM HEIMATLAND
IN FEINDESHAND
Schicksale ostpreußischer Frau-
en unter Russen und Polen
1945-1948
320 S. - Abb. - geb. - DM 39,80
27 Frauen schildern ihr eigenes
Erleben und Erleiden als Geiseln
der Sieger seit 1945 in Ost-
preußen.
FRANZ KUROWSKI: RIT-
TERKREUZTRÄGER AUS
OST- UND WESTPREUSSEN
320 S. — Abb. - geb. im Groß-
format - DM 49,80
Es werden 17 besonders vorbildli-
che Ritterkreuzträger, vom einfa-
chen Gefreiten bis zum General,
ausführlich vorgestellt. Alle anderen
Ritterkreuzträger werden mit ih-
ren persönlichen Daten aufgelistet.
WALTHER FRANZ
OSTPREUSSISCHE
LANDESKUNDE
280 S. - Abb. - Pb. - DM 34,-
Sachkundig und reich an Wissen
werden hier Geschichte und
Landschaft Ostpreußens vor uns
ausgebreitet. Fast 100 Abbil-
dungen, davon 29 Karten, run-
den das hochinteressante Buch
ab.
Raus
Königsberg!
| ©stpioutJische
«Jungen 1945
j afts Kampf und
i Einsatz gerettet
[ wurde«
25
ARNDT
KARL SPRINGENSCHMID
RAUS AUS KÖNIGSBERG!
Wie 420 ostpreußische Jungen
1945 aus Kampf und Einsatz
gerettet wurden
160S.- Pb.-DM29,80
Eingeschlossen! Da durchbricht
1945 eine Volkssturmeinheit aus
über vierhundert 16jährigen Hit-
ler-Jungen den Festungsgürtel
um Königsberg.
GERT O. E. SATTLER
LEIDENSWEG DEUTSCHER
FRAUEN 1944-1949
160 S. - Abb. - Pb. - DM 24,80
50 schreckliche Fallbeispiele
über das Leiden deutscher Frau-
en und Mädchen in den ostdeut-
schen Vertreibungsgebieten und
zu jeder dieser authentisch beleg-
ten Grausamkeiten eindrucks-
volle Gedichte.
ERIKA MORGENSTERN
ÜBERLEBEN WAR SCHWE-
RER ALS STERBEN
Ostpreußen 1944-1948
256 S. - Abb. - Pb. - DM 19,80
Obwohl sie 1944 erst fünf Jahre
alt war, haben sich der Autorin
die Schreckensbilder vom bren-
nenden Königsberg, von Mord,
und Vergewaltigung, Hunger und
Todesangst tief eingegraben.
ARNDT-Verlag, Postfach 3603, D-24035 Kiel
Aus unserem zeitgeschichtlichen Prog
DAVID IRVING
Deutschlands
Weder Oder noch Neiße:
Die Rückkehr des deutschen Ostens
Äh *!
ARNDT
HiEIHMiH
DAVID IRVING: DEUTSCH-
LANDS OSTGRENZE
Weder Oder noch Neiße: Die
Rückkehr des deutschen Ostens
320 S. - Pb. - Abb. - DM 39,80
Ist die Oder-Neiße-Grenze das
letzte Wort der Geschichte? Der
britische Historiker glaubt nicht
an die Dauerhaftigkeit der Oder-
Neiße-Grenze, die er „Stalins
Kriegsgrenze“ nennt.
JOACHIM NOLYWAIKA
FLUCHT UND VERTREI-
BUNG DER DEUTSCHEN
Die Tragödie im Osten und im
Sudetenland
256 S. - Abb. - Pb. - DM 32,-
Dieses Buch legt den ganzen Zu-
sammenhang der Kriegsziele Po-
lens, Englands u. a. offen, die
schon lange vor Hitler den Raub
Ostdeutschlands planten.
DOMINIK VENNER
EIN DEUTSCHER
HELDENKAMPF
Die Geschichte der Freikorps
1918-1923
320 S. - Abb. - Pb. - DM 36,-
Dieses Buch ist ein Dank an jene
Männer, die — von ihrer Regie-
rung verraten - Deutschland vor
dem sicheren Untergang be-
wahrten.
HUGO WELLEMS: DAS
JAHRHUNDERT DER LÜGE
Von der Reichsgründung bis
Potsdam 1871-1945
256 S.-Pb.-DM 19,80
Nach dem Willen der Umerzie-
hung soll Deutschland als ewige
Verbrechernation gebrandmarkt
werden. Der Autor tritt dieser
Geschichtsverzerrung mit einer
Zitatensammlung entgegen.
FRITZ BECKER: STALINS
BLUTSPUR DURCH EUROPA
Partner des Westens 1933-45
446 S. - Abb. - Pb. - DM 49,80
Im Mittelpunkt stehen die Jahre
1933-45, in denen der „demokrati-
sche“ Westen schamlos mit dem
Staats-Terroristen paktierte. Bek-
ker beweist auch das erschüttern-
de Ausmaß des Verrates des sog.
„Widerstandes“ im 3. Reich.
ALLIIERTE KRIEGS-
VERBRECHEN UND
VERBRECHEN GEGEN
DIE MENSCHLICHKEIT
Zusammengestellt und bezeugt
im Jahre 1946 von Internierten
des Lagers 91 Darmstadt
304 S. - viele Abb. - Pb. - DM 36,-
2.000 grausame Kriegsverbre-
chen der Alliierten an deutschen
Soldaten und Zivilisten.
ARNDT-Verlag, Postfach 3603, D-24035 Kiel
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Heinz Schön
Jahrgang 1926, in Niederschlesien geboren und aufge-
wachsen, Überlebender des Untergangs der „Wilhelm
Gustloff“, danach Miterleber der „Rettungsaktion Ost-
see 1945“ als Besatzungsmitglied des Dampfers „Ge-
neral San Martin“, begann bereits kurz nach dem
Kriegsende mit dem systematischen Aufbau eines Ar-
chivs über die Flucht aus Ostpreußen, Westpreußen,
Danzig und Pommern über See und Land. Sein beson-
deres Interesse galt Krieg, Flucht und Vertreibung aus
Ostpreußen.
In vielen Zeitungs-, Zeitschriften-, Rundfunk- und Fern-
sehbeiträgen, mit eigenen Foto-Ausstellungen sowie
als Berater bei TV-Dokumentationen bewies Heinz
Schön seine schriftstellerischen und publizistischen Fähigkeiten ebenso wie sein zeitgeschichtliches Fachwis-
sen. Er gilt heute auf internationaler Ebene als einer der fundiertesten Kenner der Endphase des Zweiten Welt-
krieges auf der Ostsee, in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern.
Die bisher erschienenen Bücher von Heinz Schön „Ostsee 45. Menschen, Schiffe, Schicksale“ (1983), „Flucht
über die Ostsee 1944/45 im Bild. Die größte Rettungsaktion der Seegeschichte“ (1984), „Die Gustloff-Kata-
strophe. Bericht eines Überlebenden“ (1985), „Die KdF-Schiffe und ihr Schicksal“ (1987), „Die Cap Arcona-Ka-
tastrophe“ (1989), „Die letzten Kriegstage - Ostseehäfen 1945. Von Memel bis Flensburg“ (1995) und „SOS
Wilhelm Gustloff“ (1998) fanden große Verbreitung und gelten heute als Standardwerke. Im ARNDT-Verlag er-
schien von Heinz Schön 1998 der Titel „Im Heimatland in Feindeshand. Schicksale ostpreußischer Frauen un-
ter Russen und Polen 1945-1948“. In seinen Publikationen stehen Menschen und ihre Schicksale im Vorder-
grund; Heinz Schön betrachtet sie als „Bücher gegen den Krieg“.
Als erster und bisher einziger Deutscher wurde Heinz Schön 1991 zum „Ehrenmitglied der Hochschule der
Handelsmarine Kaliningrad“ (Königsberg) ernannt; außerdem wurde ihm das „Ehrenzeichen der baltischen
Flotte“ als Anerkennung seiner zeitgeschichtlichen kooperativen Zusammenarbeit mit russischen Historikern
im „Marine-Historischen Komitee zur Erforschung der Seekriegshandlungen auf der Ostsee 1941-45“, Sitz Kö-
nigsberg, in das Heinz Schön 1991 berufen wurde, verliehen.
Hauptberuflich war Heinz Schön von 1953 bis 1990 37 Jahre lang Fremdenverkährsdirektor der Stadt Herford
und Leiter des Herforder Stadttheaters.
Die Tragödie Ostpreußens, die wohl schlimmste Tragödie des 2. Weltkrieges auf deut-
schem Boden, begann im Sommer 1944. Vom ersten Russeneinbruch und der ersten
Evakuierungsaktion im Juli 1944 über die westalliierten Terrorangriffe auf Königsberg
im August bis hin zum Massaker von Nemmersdorf im Oktober schildert der bekann-
te Autor Heinz Schön den Leidensweg des Landes und seiner Bevölkerung. Er schil-
dert die Oktober-Offensive der Roten Armee, die Verteidigung Memels, das Massaker
von Metgethen und die Blutspur der Roten Armee durch Ostpreußen, das Flücht-
lingselend und den Kampf um die Festung Königsberg. Neben der Beschreibung die-
ser dramatischen Ereignisse enthält dieses Buch 26 noch nie veröffentlichte Original-
berichte von Soldaten fast aller Waffengattungen, die das Geschehen an der Front
selbst miterlebten. 64 Seiten mit seltensten Aufnahmen machen diese Dokumentation
zum Grundlagenwerk über das Kriegsgeschehen in Ostpreußen 1944-1945.
Über Heinz Schöns Buch „Im Heimatland in Feindeshand“ im ARNDT-Verlag schrieb die Presse:
„Viele Frauen haben diesen besonders belastenden Teil ihrer Flucht über Jahrzehnte verschwiegen und in
sich selbst versteckt. Erst im hohen Alter haben sie in Worten oder in schriftlichen Erinnerungen dem Buch-
autor Heinz Schön anvertraut, was ihnen auf der Flucht aus Ostpreußen widerfahren ist. Ein bedrückend
aktuelles Thema.“ Westfalen-Blatt Nr. 114 vom 18. Mai 1999