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Текст
VERÖFFENTLICHUNGEN
DES INSTITUTS FÜR ZEITGESCHICHTE
QUELLEN UND DARSTELLUNGEN
ZUR ZEITGESCHICHTE
BAND 4
LOUIS DE JONG
DIE DEUTSCHE FÜNFTE KOLONNE IM
ZWEITEN WELTKRIEG
DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT
STUTTGART
LOUIS DE JONG
DIE DEUTSCHE FÜNFTE KOLONNE IM
ZWEITEN WELTKRIEG
1959
DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT
STUTTGART
Titel der holländischen Originalausgabe
„De Duitse vijfde Colonne in de tweede wereldoorlog“
Übersetzung von Helmut Lindemann
Alle deutschen Rechte bei der Deutschen Verlags-Anstalt GmbH., Stuttgart. Schutzumschlag und Einband
entwurf: Hans-Joachim Kirbach. Gesamtherstellung: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH., Stuttgart.
Papier von der Papierfabrik Salach in Salach/Württ. Printed in Germany
INHALTSVERZEICHNIS
GELEITWORT ................................................................................................................................... 7
VORWORT.......................................................................................................................................... 9
ERSTER TEIL: FURCHT
Einleitung:
I. Kapitel
II. Kapitel
Das Nahen des Unheils.......................................................................................... 15
Panik in Polen......................................................................................................... 47
Dänemark und Norwegen überrascht..................................................................... 60
1. Dänemark............................................................................................................ 60
2. Norwegen ........................................................................................................... 63
III. Kapitel Die Invasion der Niederlande ................................................................................. 71
IV. Kapitel Die deutsche Invasionin Belgien und Frankreich.................................................... 82
V. Kapitel Spannung in England............................................................................................... 98
VI. Kapitel Alarm in Amerika ................................................................................................ 108
VII. Kapitel 1941 — Deutschland greift wieder an ................................................................. 123
VIII. Kapitel Das fixierte Bild..................................................................................................... 133
ZWEITER TEIL: WIRKLICHKEIT
IX. Kapitel
X. Kapitel
Polen ..................................................................................................................... 145
Dänemark und Norwegen...................................................................................... 155
1. Dänemark.......................................................................................................... 155
2. Norwegen ......................................................................................................... 163
XI. Kapitel Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich..................................................... 177
1. Holland ............................................................................................................. 177
2. Belgien............................................................................................................... 187
3. Luxemburg ....................................................................................................... 192
4. Frankreich ......................................................................................................... 193
XII. Kapitel England und Amerika............................................................................................. 197
1. England.............................................................................................................. 197
2. Amerika............................................................................................................. 202
XIII. Kapitel Jugoslawien, Griechenland und die Sowjetunion.................................................. 210
1. Jugoslawien ....................................................................................................... 210
2. Griechenland .................................................................................................... 219
3. Die Sowjetunion................................................................................................ 220
XIV. Kapitel Die militärische Fünfte Kolonne............................................................................ 226
DRITTER TEIL: ANALYSE
XV. Kapitel Die eingebildete Fünfte Kolonne
XVI. Kapitel Geschichtlicher Überblick
235
251
Schlußbetrachtung............................................................................................................................ 273
Index ................................................................................................................................................ 276
5
GELEITWORT
Unsere Generation erlebt die Überlagerung der klassischen Staatenpolitik
durch ideologische Frontbildungen, deren sich ins Totale steigernde Dynamik
Grenzen und Staatsbürgerschaften überspringt. Dabei wird auch die Beschrän
kung auf die herkömmlichen Methoden der Diplomatie und Kriegführung auf
gehoben. Es werden Proselyten auch jenseits der Grenzen geworben, die zunächst
eine
ideologische,
dann
auch
politische
und
militärische
Untergrundarbeit
zu
leisten haben. Auch wenn sie bloß mit einer totalitären Ideologie sympathisieren,
erscheinen sie, von ihrem Wohnlande aus gesehen, als gefährliche und mehr noch
gefürchtete
»Kollaborateure«;
und
den
Versuchen,
eine
Anhängerschaft
jenseits
der Staatsgrenzen aufzubauen, gehen parallel die Maßnahmen, in Krisenzeit bis
zur Hysterie gesteigert, sich dieser unsichtbaren Gefahr zu erwehren.
Eine solche zwielichtige Erscheinung, halb Realität, halb Produkt legenden
bildender Phantastik, wie es die Furcht eingab, war die »Deutsche Fünfte Ko
lonne im zweiten Weltkrieg«. Louis de Jong, der Leiter des Niederländischen
Staatlichen
Instituts
für
Kriegsdokumentation
in
Amsterdam,
hat
in
seiner
1953 erschienenen Studie »De Duitse vijfde colonne in de tweede wereldoorlog«
zum erstenmal nüchtern die dokumentarisch belegbare Wirklichkeit unterschieden
von jenen Psychose-bedingten Vorstellungen über die deutsche »Fünfte Kolonne«,
wie sie noch nach Kriegsende im Ausland lange vorherrschten. Sein Buch, hervor
gegangen aus einem Auftrag der Unesco, war dementsprechend zunächst vor
allem für ein außerdeutsches Publikum gedacht. So galt es beispielsweise zur
Korrektur übertriebener Vorstellungen von der reibungslos funktionierenden
Untergrundmaschinerie
des
Nationalsozialismus,
die
tatsächlichen
Organisation
verhältnisse des 3. Reiches mit ihren zahlreichen inneren Hemmungen und Wider
sprüchen darzustellen oder — andererseits — durch eine Analyse der geschicht
lichen Voraussetzungen vereinfachende Kollektivurteile über die Rolle des Aus
landsdeutschtums abzuwehren. Die Aufgabenstellung und die Adresse der Unter
suchung brachten es naturgemäß mit sich, daß manche speziell inner- und aus
landsdeutsche Zusammenhänge, die der deutschen Forschung vertrauter sind,
nur im zusammengefaßten Überblick dargeboten werden konnten. Jedoch scheint
uns auf der anderen Seite in der Orientierung des Buches nach »außen« ein ge
7
wichtiger Gewinn gerade für den deutschen Leser zu liegen. Denn viel unbekann
ter
und
viel
weniger
bedacht
als
die
realen
deutschen
Untergrund-Aktionen
während des zweiten Weltkrieges sind hierzulande die enormen Wirkungen und
Folgerungen, die schon das Gespenst der deutschen Fünften Kolonne in fast allen
Ländern bis nach Nord- und Südamerika hin auslöste und die der Verfasser
aus einer Vielzahl entlegener ausländischer zeitgenössischer Quellen und Infor
mationen in fesselnder Anschaulichkeit rekonstruiert hat. Auch eine Vergegen
wärtigung dieser Auswirkungen gehört zur Erkenntnis der nationalsozialistischen
Epoche.
Es schien deshalb geboten, das Buch des holländischen Autors auch in die
deutsche Zeitgeschichtsliteratur einzuführen. Nachdem 1956 eine leicht gekürzte
englische Ausgabe des Buches herausgegeben wurde, hat das Institut für Zeit
geschichte gern von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, die deutsche Über
setzung, die sich im wesentlichen an die englische Vorlage hält, in die Reihe seiner
Veröffentlichungen aufzunehmen.
München, im November 1958
8
Paul Kluke
VORWORT
Im Jahre 1949 ersuchte der Internationale Rat für philosophische und hu
manistische Studien, eine der UNESCO angeschlossene Körperschaft, das Staat
liche Institut für Kriegsdokumentation in Amsterdam um seine Mitarbeit an
einer Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands und des faschistischen
Italiens,
die
von
Historikern
verschiedener
Länder
geschrieben
werden
sollte.
Die Mitarbeit sollte der sogenannten Fünften Kolonne der Deutschen gelten.
Dem Ersuchen wurde Folge geleistet. Die Leitung des Instituts betraute mich
mit der Aufgabe, welche — eine vergleichsweise kurze Arbeit — im 2. Halbjahr
1951 abgeschlossen wurde.
Zunächst hatte ich mich damit begnügt, mir eine Vorstellung von den Intrigen
zu
machen,
welche
die
Deutschen
außerhalb
Deutschlands
gesponnen
hatten
und die gewöhnlich als Arbeit der Fünften Kolonne bezeichnet werden. Dabei
studierte ich zunächst die Literatur und später auch andere Quellen. Im Verlauf
der Arbeit fiel mir auf, daß, zumal für die Kriegsjahre, der Unterschied zwischen
der Tätigkeit, die der deutschen Fünften Kolonne zugeschrieben wurde, und ihrer
tatsächlichen Arbeit ein besonderes Problem von größerer Bedeutung darstellt.
Auf diese Weise entstand ein Buch, das sich ganz natürlich in drei Teile gliedert.
Der erste Teil stellt dar, wie nach 1933 die Menschen außerhalb Deutschlands
immer größere Furcht vor dunklen Operationen deutscher Agenten und national
sozialistischer Parteigänger empfanden; wie diese Furcht jedesmal, wenn Hitler
einen neuen Angriff unternahm, sich zur Panik steigerte; und wie schließlich die
Vorstellungen, die aus Furcht und Panik geboren wurden, in dem, was später
geschrieben wurde, ihren Niederschlag fanden.
Man findet in diesem Buch zahlreiche Beispiele dafür, daß der deutschen Fünf
ten Kolonne eine geheimnisvolle Allmacht zugeschrieben wurde. Hier möchte
ich einen nüchternen amerikanischen Journalisten zitieren, um anschaulich zu
machen, was meiner Ansicht nach in den meisten westlichen Ländern damals,
als Hitler erfolgstrunken auf dem Gipfel seiner Macht stand, die ziemlich allge
meine Überzeugung war. Die zitierten Absätze schrieb Otto Tolischus in der
Woche, in welcher — nach Polen, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien und
Luxemburg — nun auch Frankreich im Todeskampf lag:
9
»Die Tätigkeit der Fünften Kolonne unterscheidet sich nach Friedenszeit und
Kriegszeit. In Friedenszeiten besteht ihre Tätigkeit vor allem darin, Propaganda
zu machen, die nicht immer lediglich prodeutsch oder pronazistisch ist, und in
der Beschaffung eingehender Nachrichten über Handel, Industrie und politisches
Leben sowie über die Stimmung im Lande, welche in Berlin zu einem vollständi
gen Bild des nationalen Lebens zusammengestellt werden. Ferner werden wichtige
Bürger des >Gastlandes< überwacht. Auch gewöhnliche Spionage gehört dazu,
vor allem aber die Vorbereitung des >Ernstfalles<, die so weit geht, daß Stoß
trupps für den ersten Schlag ausgebildet werden. Im Dienste dieser Arbeit macht
sich die Fünfte Kolonne alle gesellschaftlichen, politischen und ideellen Bestre
bungen verschiedener Gruppen des Gastlandes zunutze, um diesem Land ein
falsches Sicherheitsgefühl zu geben, seine militärischen Vorkehrungen zu unter
graben und Zwietracht zwischen politischen, sozialen und rassischen Gruppen zu
säen...
Ihre
Tätigkeit
in
Kriegszeiten
haben
wir
aus
überraschenden
Ergebnissen
kennengelernt, zumal in Polen, Norwegen und Holland. Für die Arbeit in Kriegs
zeiten wird die Fünfte Kolonne jedoch gewöhnlich durch entschlossene Männer
aus Deutschland selbst verstärkt, die in mancherlei Verkleidung auftreten, vor
nehmlich als Touristen, Sportler, Handlungsreisende und Vertreter kultureller
Organisationen, und häufig ihre Uniform im Koffer mitbringen. Sie übernehmen
die Führung von Armeen, die im voraus aufgebaut worden sind und, oft in Ver
kleidung oder auch sogar in feindlichen Uniformen, strategische Punkte besetzen,
Fallschirmtruppen verstärken, hinter den feindlichen Linien Spionage und Sabo
tage treiben sowie die feindliche Armee und Bevölkerung durch falsche Befehle
und Berichte verwirren1.«
Diese allgemein gehaltene Skizze von Tolischus deckt sich mit den Vorstellun
gen, wie sie in allen Ländern, die Hitler nacheinander angegriffen hat, entstanden
waren: Polen im September 1939, Dänemark und Norwegen im April 1940,
Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich im Mai 1940. Diese Vorstellungen
gab es aber auch anderswo: in England, in den Vereinigten Staaten, in den Ländern
Mittel- und Südamerikas, auf dem Balkan und — mindestens nach Hitlers An
griff — auch in der Sowjetunion.
Inwieweit entsprachen diese Vorstellungen der Wirklichkeit? War die deutsche
Propaganda wirklich so allmächtig und die deutsche Spionage wirklich so all
wissend? Hatten die Deutschen, die in Ländern lebten, mit denen sich Deutsch
land im Kriege befand, Verbände gebildet, um den Armeen jener Länder in den
Rücken zu fallen, und wurden jene Verbände von Leuten verstärkt, die verkleidet
aus Deutschland kamen, um Sabotage zu treiben, falsche Befehle zu erteilen und
Panik zu verbreiten? Hat es diese »militärische« Fünfte Kolonne der Deutschen
1
Otto D. Tolischus: How Hitler made ready. I: The Fifth Column. New York Times
Magazine, 16. 6. 1940.
10
während des Krieges wirklich gegeben? Antwort auf diese und ähnliche Fragen
werden wir im zweiten Teil unseres Buches geben.
Die neuen Probleme, die sich hier zeigen, und jene anderen Probleme, die beim
Vergleich der beiden ersten Teile des Buches entstehen, sollen im dritten Teil
erörtert werden. Dort müssen wir auch die Stellung der deutschen Gruppen unter
suchen, die zu dem Zeitpunkt, als Hitler seinen Angriff begann, außerhalb Deutsch
lands lebten. Man muß einen Unterschied machen zwischen den Reichsdeutschen,
also deutschen Staatsbürgern im Ausland, und den Volksdeutschen, also den
Bürgern anderer Staaten, die deutsch sprachen und auf andere Weise am deut
schen Kulturleben teilhatten.
Dieses Buch beschränkt sich im wesentlichen auf die Arbeit der Fünften Ko
lonne, soweit sie von Deutschen betrieben wurde. Ich weiß natürlich, daß es noch
andere Fünfte Kolonnen gab, die an der internationalen Offensive des National
sozialismus teilhatten. Hitler hat in allen Ländern Komplicen gefunden. Die
Zeit ist jedoch noch nicht gekommen, um die Tätigkeit dieser vielfältigen »ein
geborenen«
Fünften
Kolonnen
hinlänglich
zu
schildern.
Es
gibt
noch
keine
guten Studien darüber, zuverlässiges Quellenmaterial ist schwer zu erhalten, und
die
sozialen
und
politischen
Unterschiede
jener
nichtdeutschen
Gruppen,
die
aktiv mit dem Nationalsozialismus sympathisiert haben, sind noch verwirrender
als bei den deutschen Gruppen. Die vorliegende Arbeit kristallisiert sich um die
Tatsache, daß die beschriebene Tätigkeit von Deutschen ausging; demgegen
über würde eine Studie der Fünften Kolonnen von »Eingeborenen« ein Durch
einander widerspruchsvoller Gruppen ergeben, deren jede unter dem besonderen
Gesichtswinkel
ihrer
jeweiligen
gesellschaftlichen
und
politischen
Umwelt
be
trachtet werden müßte. Daher beschränke ich mich hauptsächlich auf die deutsche
Fünfte Kolonne.
Ich weiß sehr wohl, daß ich keineswegs imstande bin, ein vollständiges Bild
dessen zu zeichnen, was diese Fünfte Kolonne getan hat. Ich habe viele Quellen
benutzen können, während andere unzugänglich waren und wieder andere wahr
scheinlich für immer verloren sind. Es bedarf darum der Betonung, daß ich nicht
einen Augenblick lang vorgebe, ich hätte die geschichtliche Entwicklung der
deutschen Minderheiten in allen Staaten studiert, die sich von Estland bis Chile
und von Australien bis Kanada erstrecken. Dazu würde ein ganzes Menschen
leben nicht ausreichen. Ja, man könnte wohl graue Haare darüber bekommen,
wollte man auch nur allen Gerüchten über die deutsche Fünfte Kolonne nach
gehen, die in einem einzigen Lande während der Besetzung durch die Deutschen
im Umlauf waren. Aus diesem Grunde trägt dieses Buch vorläufigen Charakter.
Das hier gezeigte Bild wird, falls es nicht ausgelöscht wird, jedenfalls an vielen
Stellen ergänzt und mehr oder minder berichtigt werden. Gerade das »internatio
nale« Bild, das ich hier aus möglichst vielfältigem Material herzustellen versucht
habe, könnte vielleicht einen Maßstab abgeben, an welchem Fachleute in anderen
Ländern ihre jeweilige »nationale« Lage messen können.
11
Es bedarf noch einer Entschuldigung. McCallum sagt einmal: »Jeder, der sich
die öffentliche Meinung als Thema wählt« (und was anders ist der erste Abschnitt
dieses Buches als Teil einer Darstellung der öffentlichen Meinung in den Jahren
1933—1945?), »wird es schwierig finden, im Laufe seiner Untersuchung nicht den
peinlichen Eindruck zu erwecken, als sei er im Besitz einer höheren Weisheit und
als habe er nicht nur nachher, sondern schon vorher alles besser gewußt1.«
Ich scheue mich nicht zuzugeben, daß auch ich ein Opfer der panischen Angst
vor der Fünften Kolonne gewesen bin. Viele Leute, deren Äußerungen (die ich
hier zitiere) sich als verständlich, aber unbegründet erwiesen haben, werden gern
erfahren,
daß
ich
selbst
im
Jahre
1941
die
»meisterhafte
Organisation«
der
Fünften Kolonne in meiner Heimatstadt Amsterdam mit einer Mischung aus
Unbehagen und Bewunderung geschildert habe12 .
Nein, diese Studie hat mich davon überzeugt, wie begrenzt die menschliche
Urteilskraft ist, und hat mir Einblick darein verschafft, in welchem Maße der
Sturm der Gefühle das vernünftige Denken gänzlich vom Kurs abzutreiben ver
mag. Das trifft erst recht zu, wenn solche Stürme zu Wirbelstürmen werden und
bald aus dieser, bald aus entgegengesetzter Richtung blasen. Eben das werden
wir mehr als einmal in jenen Gebieten antreffen, in denen die Deutschen tätig
waren.
Angriffe erzeugen Gegenangriffe. Meine Studie ist nur eine Variation über dieses
uralte Thema.
Louis de Jong.
1
R. B. McCallum: Public Opinion and the Last Peace. London 1944. Vorwort.
2
L. de Jong: Holland Fights the Nazis. London 1941. S. 16/7.
12
ERSTER TEIL
FURCHT
EINLEITUNG: DAS NAHEN DES UNHEILS
Gegen Ende September 1936 hatte der Bürgerkrieg in Spanien schon zwei
Monate gedauert. Die Generäle, die im Juli das Zeichen zum Aufstand gegen die
Regierung gegeben hatten, hatten wichtige Siege errungen. Gestützt auf SpanischMarokko, hatten sie große Teile Südspaniens erobert. An der portugiesischen
Grenze hatten sie ebenso wie in Nordspanien festen Fuß gefaßt. Die improvi
sierten Armeen der Regierung erlitten eine Niederlage nach der anderen. Die
Aufständischen näherten sich Madrid und drohten die Hauptstadt einzuschließen.
Am 28. September wurden die Rebellen im Alkazar von Toledo, wo sie sich
70 Tage lang verteidigt hatten, entsetzt. Der Weg, der ins Innere Spaniens führte,
schien abermals frei zu sein. Von Süden, Südwesten, Westen und Nordwesten
ließ General Franco seine Truppen gegen Madrid marschieren: insgesamt vier
Kolonnen.
Um jene Zeit, vielleicht unmittelbar nach der Entsetzung Toledos, also um
den ersten oder zweiten Oktober herum, sprach General Emilio Mola, einer der
bekanntesten Anführer der Aufständischen, im Rundfunk. Er wies auf die Ope
rationen der vier Kolonnen hin und setzte hinzu, daß der Angriff auf das Re
gierungsviertel von einer fünften Kolonne eröffnet werden würde, die bereits in
Madrid sei. »Er wird vier Kolonnen gegen Madrid schicken, aber die fünfte wird
mit der Offensive beginnen.« So steht es in der kommunistischen Zeitung »Mundo
Obrero« vom 3. Oktober 19361.
Schon im August und September hatte es in Madrid eine Fülle von Gerüchten
gegeben, die von Verrat sprachen. Wirkliche oder vermeintliche Anhänger von
Franco waren zu Tausenden verhaftet worden. Kommunisten, Sozialisten und
Anarchisten waren ihre Listen von verdächtigen Personen systematisch durch
gegangen. Jeden Morgen fand man auf den Straßen die Leichen von Opfern, die
im Laufe der Nacht getötet worden waren. Trotzdem schien es, als lasse sich
1
Ich habe weder das genaue Datum noch den Wortlaut von General Molas Äußerung aus
findig machen können. Die Durchsicht aller Bücher von ihm und über ihn führte zu keinem
Ergebnis. Aus Spanien hat man mir mitgeteilt, daß auch in der nationalistischen Presse jener
Zeit keine klaren Hinweise zu finden seien. Sachkundige Spanier bezweifeln jedoch kaum; daß
General Mola, der am 3.6.1937 gestorben ist, sich in dem genannten Sinne geäußert hat.
15
die Gefahr von innen niemals gänzlich bannen. In dem heißen August mochte
niemand die kühlen Abende genießen, da es zu gefährlich war, auf die Straße
zu gehen, »weil zumal in wohlhabenden Stadtvierteln plötzlich von den Dächern
Schüsse fielen, weil geheimnisvolle Autos plötzlich um die Ecke bogen, ein paar
Salven aus Maschinenpistolen feuerten und wieder verschwanden1«.
Allgemein hörte man Gerüchte, daß es um die Republik schlecht bestellt sei.
Es schien, als würden diese systematisch in Umlauf gesetzt. Daher bedeutete
General Molas beiläufige Bemerkung nur die Bestätigung unbehaglicher Ver
mutungen : Franco hatte also in Madrid selbst offenbar vorbereitete Hilfstruppen
— eine Fünfte Kolonne.
»Man spürt ihre verstohlenen Bewegungen... es ist der Feind, der alsbald
vernichtet werden muß«, rief La Pasionaria12 . Es folgten ganze Serien von Haus
suchungen. Vom 8. Oktober an wurden sowohl aktive Offiziere wie Reserve
offiziere in großer Zahl verhaftet, soweit sie nicht als völlig vertrauenswürdig
galten. Die Bevölkerung wurde ständig aufgefordert, sie solle auf der Hut sein
vor »Spitzeln, Gerüchtemachern und Defaitisten — vor Leuten, die in ihren
Verstecken auf den Befehl warten, der sie auf die Straßen hinaustreibt... die
quinta columna facciosa3«.
Gegen Ende Oktober wurde der Ausdruck Fünfte Kolonne in der republikani
schen Presse und zumal in den Zeitungen des linken Flügels ganz allgemein be
nutzt. Seine Herkunft hatte man schon halb vergessen. Kaum vierzehn Tage nach
General Molas Rundfunkansprache erkannte eine Madrider Zeitung die Vater
schaft General Queipo de Llano zu, während der Korrespondent der Londoner
»Times« sie General Franco selbst zuschrieb. Die Unbestimmtheit des Ausdrucks
förderte seine Verwendung eher, als daß sie ihr im Wege stand. Deutete er nicht
auf einen Feind, der nicht zu greifen war? So groß war die Furcht vor diesem
Gegner, daß General Molas gedankenlos geäußerte Worte — ein Zahlwort und ein
militärischer Fachausdruck — alsbald mit emotionaler Kraft ausgestaltet wurden.
Die rein zufällige Wortverbindung »fünfte Kolonne« wurde zum Begriff Fünfte
Kolonne erhoben. Es war, als hätten die Menschen darauf gewartet4.
Wollte man die Geschichte der Anwendung dieses Begriffes schreiben, so müßte
man einem gewundenen, oftmals unterirdischen Lauf folgen. Bald taucht er hier
auf, bald dort, allein oder auch in Verbindung mit andern ähnlichen Ausdrücken
— Trojanisches Pferd und »Nazintern«. Er schien zu schwelen wie ein Heide
1
John L. Davies: Fifth Column. London 1940. S. 6/7.
2
Mundo Obrero (Madrid), 3. 10. 1936.
3
Ebenda, 15. 10. 1936.
4
Ebenso war vier Jahre früher aus zwei Wörtern der Rede, mit der Gouverneur Franklin
D. Roosevelt die demokratische Präsidentschaftskandidatur annahm (I pledge you, I pledge
myself to a new deal for the American people), der »New Deal« geworden, ohne daß der
Redner das gewollt oder auch nur daran gedacht hatte. — Samuel I. Rosenman: Working
with Roosevelt. New York 1952. S. 71/2, 78/9.
16
brand. Als aber 1940 die ganze westliche Welt in Brand geriet, flammte auch
dieser Begriff plötzlich hell und lodernd auf.
Wenn er weiter geschwelt hatte, so war das kein Zufall. Der Begriff der Fünften
Kolonne befriedigte ein Bedürfnis, welches nicht nur in der spanischen Repu
blik, sondern auch anderswo vorhanden war. Dieses Bedürfnis empfanden alle
Menschen, die sich seit fast vier Jahren von den Mächten bedroht gefühlt hatten,
die nun Franco unterstützten: vom nationalsozialistischen Deutschland und vom
faschistischen Italien.
Schon ehe der Begriff geboren wurde, hatte die Handlungsweise von Leuten,
die
in
später
vielen
diese
unerfreuliche
Ländern
großes
Bezeichnung
Unbehagen
als
Stempel
ausgelöst.
In
aufgedrückt
bekamen,
Deutschlands
Nachbar
staaten war es mehrmals vorgekommen, daß deutsche Agenten die Grenzen ver
letzt hatten, um ihre Feinde zu beseitigen. Besonderes Aufsehen hatte es erregt,
als der bekannte Gelehrte Theodor Lessing im August 1933 in dem tschechischen
Kurort Marienbad ermordet worden war. Um jene Zeit begann man auch in
Österreich und anderswo, jedenfalls in vielen Ministerien, sich ernste Sorgen über
Angriffe zu machen, die von österreichischen Nationalsozialisten gegen den öster
reichischen Staat gerichtet wurden. Eine Ausschreitung folgte der anderen, und
Woche für Woche benutzten die landflüchtigen Anführer der illegalen österreichi
schen NSDAP deutsche Rundfunkstationen, um ihre Landsleute zum Aufruhr
gegen das Dollfuß-Regime zu ermuntern. Am 25. Juli 1934, noch nicht einen
Monat, nachdem Hitler zum Entsetzen der übrigen Welt etliche Anhänger und
einige verhaßte Gegner beseitigt hatte, kam es in Wien zu einem Putsch. Er blieb
zwar ergebnislos, doch ließen die Aufständischen Bundeskanzler Dollfuß ver
bluten, ohne ihm ärztliche Hilfe oder geistlichen Beistand zu gewähren.
Was geschah hier im Herzen Europas? Welcher Dschungel tat sich hier auf?
Außerhalb Deutschlands zerbrach man sich nicht den Kopf darüber, ob die Auf
ständischen in Wien, Männer wie Planetta und Holzweber, auf direkten Befehl
aus
Berlin
und
München
gehandelt
hatten.
Die
Mittäterschaft
des
Deutschen
Reiches war offensichtlich. In der deutschen Hauptstadt hatten ausländische
Zeitungskorrespondenten kurz vor dem Aufstand gehört, daß in Österreich etwas
im Gange sei. Wenige Tage später zeigten sie sich gegenseitig Exemplare des
»Deutscher Presseklischeedienst«, der unter dem Datum des 22. Juli 1934, drei
Tage vor den Kämpfen in Wien, Bilder vom »Volksaufstand in Österreich« ver
breitet hatte. Es hieß dort: »Kanzler Dollfuß erhielt während der Kämpfe im
Bundeskanzleramt schwere Verletzungen, die seinen Tod herbeiführten.« Gründ
liche deutsche Organisation! Die Revolver waren noch nicht geladen, aber der
Text für das Bild des Opfers war bereits gedruckt.
Der Aufstand in Österreich war vielleicht das offenkundigste, aber gewiß nicht
das einzige Beispiel dafür, in welchem Umfang der deutsche Nationalsozialismus
in anderen Ländern Organisationen ins Leben gerufen hatte, die von seinem
aggressiven Geist beseelt waren. Es gab kaum ein Land, wo sich die Deutschen
2
17
nach 1933 nicht unter dem Hakenkreuz zusammenschlossen. Das gilt in erster
Linie für die Reichsdeutschen. Diese bildeten nationalsozialistische Vereinigungen,
die offensichtlich regelmäßige Verbindung mit einer Zentrale in Deutschland
hatten, deren einzige Aufgabe eben darin bestand und die im Jahre 1934 den
Namen Auslandsorganisation der NSDAP annahm.
Welcher Art diese Verbindungen waren, erfuhr die Öffentlichkeit nicht, doch
konnten die Zeitungen häufig melden, daß wachsame Regierungen Mitglieder der
Auslandsorganisation ausgewiesen hatten; das geschah gewöhnlich mit der Be
gründung, sie hätten auf Landsleute unzulässigen Druck ausgeübt. Der National
sozialismus hatte augenscheinlich das neue Prinzip eingeführt, daß er überall
von jedem Deutschen unbedingten Gehorsam verlangte.
Hierin drohte jedoch nicht die einzige Gefahr. Überall auf der Welt gab es Millio
nen Menschen deutscher Herkunft, die zwar Staatsangehörige des Landes waren,
in dem sie lebten, aber deutsch sprachen und auf mancherlei Weise am deutschen
Kulturleben teilnahmen. In Berlin nannte man sie Volksdeutsche. Der National
sozialismus verstand es, sich ihrer rasch zu bemächtigen. Außerhalb Deutsch
lands gab es mehr als 1500 deutschsprachige Zeitungen, von denen viele Hitlers
»Erfolge« auf außenpolitischem Gebiet mit betonter Sympathie verfolgten. Auch
wurde bekannt, daß in immer mehr deutschen Schulen im Ausland — 1936 gab
es deren rund 5000 — die Lehrer den Schülern achtungsvolle Ergebenheit für den
»Führer« beibrachten.
In den Grenzgebieten, die Deutschland auf Grund des Versailler Vertrages
hatte abtreten müssen, gewann der Nationalsozialismus viele Anhänger. Zur
peinlichen Überraschung vieler Leute außerhalb Deutschlands errang 1935
im Saargebiet eine Einheitsfront unter nationalsozialistischer Führung eine über
wältigende Mehrheit zugunsten der Heimkehr ins Reich. Aber schon vorher hatten
die Franzosen im Elsaß, die Belgier in Eupen-Malmedy, die Dänen in Nordschles
wig, die Polen im Freistaat Danzig und die Litauer in Memel mißtrauisch das
Anwachsen nationalsozialistischer Organisationen verfolgt. Die Tschechen hatten
im Oktober 1933 die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP)
verboten, die sich von der Partei in Deutschland nur durch die Buchstabenfolge
unterschied. Bald darauf aber sahen sie, wie ihre dreieinhalb Millionen Sudeten
deutsche Konrad Henlein als Führer anheimfielen, der es zwar ablehnte, ein
Nationalsozialist genannt zu werden, aber eine Bewegung gegründet hatte, die
der NSDAP geistig und organisatorisch haargenau glich. Die Regierungen von
Ungarn, Rumänien und Jugoslawien konnten nicht übersehen, daß der national
sozialistische Einfluß auf die deutschen Minderheiten in ihren Ländern zunahm.
Schon 1933 hatte eine solche Bewegung innerhalb der Volksdeutschen in Rumä
nien deren alte Parteien überflügelt.
Außerhalb Europas war dieselbe Entwicklung zu beobachten. Überall bekann
ten sich Menschen deutschen Ursprungs zum Hakenkreuz. So war es in Südwest
afrika, der einzigen ehemaligen deutschen Kolonie, die noch eine ansehnliche
18
Zahl deutscher Bewohner hatte. So war es in Australien und Neuseeland, wo
viele deutsche Vereine Hitler an seinem ersten Jahrestag als Reichskanzler das
Geschenk machten, sich im »Bund des Deutschtums in Australien und Neusee
land« zusammenzuschließen. So war es auch in der Neuen Welt. Es sah so aus,
als zöge das Dritte Reich die Deutschen in aller Welt mit magnetischer Kraft
an sich. Diesen Eindruck förderte die deutsche Presse nachdrücklich. Voll Stolz
auf das Echo, das der Aufbau des nationalsozialistischen Staates unter denen
fand, die seit Jahren oder Jahrzehnten keine lebendige Verbindung mehr mit
ihrer oder ihrer Väter Heimat gehabt hatten, veröffentlichte die Presse bereit
willigst Lobgesänge auf den »Führer« in Prosa oder Versen.
Wo wir deutsche Lieder singen in der weiten, weiten Welt,
Soll auch unser Ruf erklingen unterm fremden Sternenzelt,
Heil dir, Hitler, Deutschlands Retter, deutscher Stern in Not und Nacht!
Führtest uns durch Sturm und Wetter, bis Alldeutschland neu erwacht!
So klang es 1933 aus Brasiliens Urwald1. Kaum drei Jahre später, kurz ehe
General Mola in Madrid seine Fünfte Kolonne in Bewegung setzte, verkündete
der Führer einer kleinen Gruppe von Nationalsozialisten im Dorfe Kitale in
Kenia auf dem Jahreskongreß der Auslandsorganisation »unter stärkstem Bei
fall« seine Überzeugung, die Auslandsorganisation sei »dasjenige Instrument
im reichsdeutschen Orchesterkörper, auf dem der Führer einmal eine gewaltige
Melodie spielen wird12 «.
Im allgemeinen schenkte man vor 1938 der Ausbreitung des Nationalsozialis
mus unter den Volks- und Reichsdeutschen in der ganzen Welt keine große Be
achtung, aber in einem Land nach dem andern meldete sich ein leises Unbehagen,
ein besorgtes Staunen über den Sinn jener aggressiven Haltung, die sich allent
halben geltend machte. Gewiß bildeten die Deutschen in den meisten Ländern
eine relativ kleine Minderheit, aber sie waren nicht die einzigen Gruppen, welche
die herrschende Gesellschaftsordnung bedrohten. Vielleicht hätte man ihr Wachs
tum überhaupt nicht bemerkt, wenn nicht gleichzeitig einheimische Gruppen von
Nationalsozialisten und Faschisten entstanden wären. Von diesen waren bereits
viele in den zwanziger Jahren ins Leben getreten, hatten damals aber nur wenig
Aufsehen erregt. Ein Wandel trat mit dem Wahlerfolg der Deutschen NSDAP
im Jahre 1930 ein, als über hundert Nazi dröhnend in den Reichstag einzogen.
Wer hatte jemals von Hitler gehört? Wer konnte sich des gescheiterten Rebellen
von 1923 erinnern? Jetzt aber befand er sich in Deutschland auf dem Wege an
die Macht.
Sein Vorbild begeisterte ehrgeizige Gemüter. Was in Deutschland möglich war,
konnte auch in anderen Ländern zum Erfolg führen. Noch ehe Hitler am 30. Ja
1
Der Auslandsdeutsche (Stuttgart) 1934, S. 12. (Künftig ohne Ortsangabe.)
2
Fränkische Tageszeitung Nürnberg, 5. 9. 1936.
19
nuar 1933 in die Reichskanzlei einzog, waren in einem Dutzend Länder national
sozialistische Gruppen gebildet und von dem Verlangen erfüllt worden, die Macht
im Staate zu erobern. Sie waren überzeugt, daß sie mit ihren kleinen Trupps aus gewählter und verschworener Gefolgsleute die baufälligen Bastionen der Demo
kratie zum Einsturz bringen könnten. Eifrig übernahmen sie die Symbole der
deutschen NSDAP: Schaftstiefel, Hemdblusen und Hakenkreuz. In Schweden
demonstrierte
die
geschmückten
Flaggen
National
Socialistika
Nederlandse
»Svenska
genauso
Arbejder
Arbeiderspartij«,
Nationalsocialistika
begeistert
Parti«,
in
in
wie
Partiet«
in
Holland
Frankreich
die
unter
Dänemark
die
die
hakenkreuz
»Danmarks
»Nationaalsocialistische
»Bretonischen
Faschisten«,
in England die »Imperial Fascist League«, in Lettland die »Donnerkreuze«, in
Ungarn die »Magyar Nemzeti Szocialista Part« und in Rumänien die »Eiserne
Garde«. Insgesamt und als Einheitsfront stellten sie einen nicht zu verachtenden
Machtfaktor dar. Obwohl in vielen Fällen die Demokratie sich durch das Verbot
von Demonstrationen und Uniformen zur Wehr setzte und den Beamten die
Mitgliedschaft in solchen Organisationen untersagte, gelang es in vielen Ländern
einem Möchtegerndiktator, seine Mitbewerber zu überflügeln. Häufig gelang es
solchen Männern, mit Unterstützung des sozialistenfeindlichen Bürgertums eine
Bewegung auf die Beine zu stellen, von der niemand voraussagen konnte, ob
sie in Kürze zum Stillstand gebracht werden könne. Mißvergnügte und kurz
sichtige Idealisten füllten die Reihen und ließen die Mitgliederzahl um Zehn
tausende oder sogar Hunderttausende anschwellen. Um die Mitte der dreißiger
Jahre machte man sich in Holland in manchen Kreisen Sorge über das Vordringen
von Anton Mussert, in Belgien über Léon Degrelle, in England über Sir Oswald
Mosley und in Frankreich über Oberst de la Rocque.
Die Vorstellung von der Fünften Kolonne war damals noch unbekannt, doch
gab es schon Furcht vor Hitler selbst und seinen Gefolgsleuten und Nachahmern
im Ausland. Den Menschen mißfiel die Tätigkeit deutscher Nationalsozialisten
in ihrem Lande, eben weil solche Agenten die dort lebenden Deutschen in halb
militärische Gruppen organisierten und dadurch den einheimischen Feinden der
Demokratie, mit denen sie — daran konnte niemand zweifeln — offensichtlich in
enger Verbindung standen, ein ermutigendes Beispiel gaben. Viele Regierungen
gingen gegen Reichsdeutsche vor, welche die Gastfreundschaft des Landes miß
braucht hatten, wiesen sie aus und versuchten auch auf andere Weise, der Tätig
keit deutscher Nationalsozialisten Zügel anzulegen.
Um die Deutschen nicht unnötig zu kränken, wurden solche Zwischenfälle
gewöhnlich hinter verschlossener Tür verhandelt. Aber schon in den ersten Jahren
des Dritten Reiches kam es in mehreren, von einander weit entfernten Ländern
zu Zwischenfällen, welche zwar die zivilisierte Welt nicht so schockierten wie die
Ermordung von Dollfuß, aber doch vielenorts Aufsehen erregten, weil sie ein
Beweis für die inneren Zusammenhänge zwischen Berlin und den Deutschen im
Ausland waren.
20
In
Südwestafrika
war
den
südafrikanischen
Mandatsbehörden
bereits
auf
gefallen, daß sich Reichs- und Volksdeutsche in nationalsozialistischen Organi
sationen zusammenfanden, die darauf abzielten, daß diese ehemals deutsche
Kolonie wieder an Deutschland zurückgegeben würde. Im Sommer 1934 wurde
dieser Tätigkeit ein Ende bereitet. Am 11. Juni beschloß man, die Hitlerjugend
zu verbieten, und am nächsten Tag wurden die Parteibüros der Auslandsorgani
sation durchsucht und zahlreiche Akten beschlagnahmt, deren Inhalt für sich
selbst sprach. Vier Monate später wurde die NSDAP in Südwestafrika verboten.
Der amtlichen Bekanntmachung zufolge
»war die Partei bestrebt, alle deutschsprechenden Personen im Kampf um die Ver
wirklichung des Programms der NSDAP zusammenzuschließen. Ihr Ziel war, das
politische und geistige Leben des deutschsprechenden Bevölkerungsteils zu kon
trollieren. Dieses Ziel sollte dadurch erreicht werden, daß in politischen, kirch
lichen und pädagogischen Organisationen die Schlüsselstellungen mit National
sozialisten besetzt wurden. Widerstand wurde durch Anwendung von jeder Art
legalen und ungesetzlichen Druckes energisch bekämpft, was durch ein ausgedehn
tes Spitzelwesen erleichtert wurde1.«
Ein weiteres Land, in dem man das Grollen des nahenden Gewitters — zunächst
noch schwach und aus der Ferne, jedoch für viele vernehmlich — hören konnte,
war Litauen. 1923 war das Memelgebiet, dessen Bewohner überwiegend Deutsche
waren, von Litauen annektiert worden. 1933 hatten dort zwei miteinander im
Wettstreit liegende nationalsozialistische Bewegungen das Licht der Welt er
blickt; die eine hieß »Christlich-Sozialistische Arbeitsgemeinschaft« (CSA) und
die andere »Sozialistische Volksgemeinschaft« (Sovog). Diese war die Stärkere der
beiden. Beide Bewegungen verfolgten sich haßerfüllt, und jede hatte ihre eigene
SA, deren Mitglieder auf deutschem Boden ausgebildet wurden und in Litauen
Spionage trieben. Sie lebten stets mit dem Dolch in der Hand. Es ging jedoch
noch weiter. Vor einem Gericht in Kaunas wurde eine vom Januar 1934 datierte
eidesstattliche
Erklärung
verlesen,
der
zufolge
Funktionäre
der
Sovog
damals
Weisung erhalten hatten, sich bereit zu halten, »um mit den in den nächsten
Tagen aus Deutschland zu erwartenden Freischärlern (SA) mitzumarschieren12 «.
Außerdem waren Waffen beschlagnahmt worden, die Angehörigen der CSA und
der Sovog gehörten.
Diese Angelegenheit erregte teilweise wegen der heftigen deutschen Reaktion, die
sie auslöste, internationales Aufsehen. Litauen lag jedoch weit entfernt — nur nicht
für die Letten, Esten und Polen, die mit ihren deutschen Minderheiten ähnliche
Schwierigkeiten hatten. Außerdem konnte man ja die Namen aller dieser Organisa
tionen gar nicht behalten! In demselben Monat ereignete sich jedoch in der Schweiz
ein schlichter Fall von politischem Menschenraub, der viel größeres Aufsehen erregte.
1
Lüderitzbuchter Zeitung, 27. 11. 1934. (Nach dem englischen Text zitiert.)
2
Vier Dokumente zum Prozeß Neumann, von Saß und Genossen. Kaunas 1934. S. 16.
21
Doktor Berthold Jacob war ein bekannter deutscher Emigrant, der seit zwei
Jahren als Journalist gegen die geheime deutsche Aufrüstung geschrieben hatte.
Während eines Besuches in Basel verschwand er plötzlich. Seine Freunde alar
mierten die Polizei. Jacob war in Basel mit Doktor Hans Wesemann, ebenfalls
Emigrant, zusammengewesen. Doktor Wesemann wurde verhaftet und gestand,
daß er zusammen mit der Geheimen Staatspolizei Jacobs Entführung vorbe
reitet und ausgeführt hatte. Der Name der Gestapo hatte damals einen fürchter
lichen Klang. Alles hatte sich auf Schweizer Boden zugetragen. Monatelang be
schäftigte sich die Presse mit dieser Angelegenheit. Schließlich gelang es der
Schweizer Regierung, Jacobs Freilassung zu erwirken. Wer aber würde das nächste
Opfer der langen Fangarme des Polypen sein, der von — ja, von wo aus? — operierte?
Vom Columbiahaus in Berlin? Angstvolle Vermutungen kreisten um jenen Namen.
Noch nicht ein Jahr nach Jacobs Entführung wurde die Aufmerksamkeit aller
westlichen Länder abermals durch einen Zwischenfall in der Schweiz auf die
Tätigkeit nazistischer Organisationen außerhalb Deutschlands gelenkt. Am 4. Fe
bruar 1936 wurde Wilhelm Gustloff, der Landesgruppenleiter der Auslands
organisation der NSDAP in der Schweiz, in Davos von dem in Ungarn geborenen
jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen. Frankfurter wollte gegen die
zunehmende Verfolgung der Juden in Deutschland demonstrieren, wo im Sep
tember
1935
die
sogenannten
Nürnberger
Gesetze
verkündet
worden
waren.
Bemerkenswert war jedoch, daß sich die Maßnahmen der Schweizer Regierung
nach dem Attentat gegen die Landesgruppe richteten. Die Schweizer hatten
von deutscher Einmischung in ihrem Lande genug. Vierzehn Tage nach dem Mord
wurden alle Organisationen der NSDAP in der Schweiz verboten. Die deutsche
Regierung protestierte, doch nahm die Schweizer Regierung keine Notiz davon.
Solche und ähnliche Berichte und Enthüllungen wurden in den Jahren 1936
und 1937 gewöhnlich nicht in ihrem inneren Zusammenhang betrachtet. Es gab
außerdem so viel anderes in der Zeitung zu lesen. Die Berichte über die Olympiade
in Berlin oder über die Abdankung des britischen Königs waren viel interessanter.
Gleichwohl wurden schon in den Jahren nach 1933 die Fundamente für die
ständig wachsende Gespensterfurcht gelegt. Jeder einzelne der hier erwähnten
Zwischenfälle, jede freche Demonstration deutscher oder anderer National
sozialisten löste eine gewisse Wirkung aus. Die zunehmende Unsicherheit des
Lebens trat immer stärker hervor. Was ging nun eigentlich vor? Welchem Zweck
dienten diese Verschwörungen?
Viele Leute in anderen Ländern gaben sich über das, was in Deutschland ge
schah, keinen Illusionen hin. Das »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror« war auf deutsch und in Übersetzungen in Zehntausenden von Exemplaren
verkauft worden. Sozialisten und Kommunisten wußten, daß ihre deutschen
Parteifreunde in Konzentrationslagern gequält wurden. Mit dem Heranwachsen
eines neuen Heidentums nahm der Druck auf die Kirchen zu, worüber sich Prote
stanten wie Katholiken sehr wohl im klaren waren. Von der Tyrannei des national
22
sozialistischen Staates konnten jüdische und andere Flüchtlinge Zeugnis ablegen,
deren es 1938 schon mehr als 350.000 gab. Aber wer von denen, die das Glück
hatten, außerhalb Deutschlands ein normales Leben zu führen, zog aus alledem
den Schluß, daß auch sein eigenes Dasein auf dem Spiele stand? Wer erkannte,
daß die aggressive Aktivität des Nationalsozialismus
zu Angriffen nach außen führen mußte?
im
Innern
unweigerlich
Die meisten Menschen wagten nicht, das einzusehen. Sie konnten es gar nicht
einsehen. Es gab aber auch andere. Schon 1933 erhoben sich warnende Stimmen
in der Wüste von Gleichgültigkeit und Selbstbetrug. Allerdings richteten sich
nicht alle diese Stimmen an die breiten Massen. Es gab Diplomaten, deren Be
richte mit Warnungen erfüllt waren. Dann erschien eine Anzahl Veröffentlichun
gen, in denen nicht nur der aggressive Charakter des nationalsozialistischen
Staates, sondern auch seine Anschläge in anderen Ländern geschildert wurden.
In Frankreich erregte »Le petit Parisien« im November 1933 großes Aufsehen
durch die Veröffentlichung von Dokumenten, welche Kommunisten aus Deutsch
land
herausgeschmuggelt
hatten.
Sie
enthielten
Pläne
für
einen
ausgedehnten
Propagandafeldzug in der amerikanischen Hemisphäre. Diese Propaganda sollte
teilweise in verschleierter Form stattfinden. Vertrauensleute sollten das Gebiet
bereisen und statistisch feststellen, in welchem Umfang die Presse dort Nachrich
ten
aus
Deutschland
veröffentlichte.
Eine
»neutrale«
Nachrichtenagentur
sollte
dann gegründet werden und deutschfreundliche Nachrichten verbreiten. Ver
fälschte Nachrichten sollten antideutschen Journalisten zugespielt werden, um sie
dadurch zu kompromittieren. Die Vertrauensleute sollten Aufsätze erhalten, für
deren Veröffentlichung sie, nötigenfalls unter Zuhilfenahme von Bestechungen, in
allen Zeitungen zwischen dem Rio Grande und der Magellan-Straße sorgen sollten.
Auf diese Weise sollten die öffentliche Meinung beeinflußt und dadurch Regierun
gen der mittel- und südamerikanischen Staaten unter Druck gesetzt werden,
damit sie Deutschland bei seinen Versuchen, Gebiete mit deutschen Minderheiten
zurückzugewinnen, nicht hinderten.
Auch politische Emigranten waren nicht untätig. Wo immer sie konnten — in
Prag, Amsterdam, London und Paris — brachten sie ihre Warnungen an. Sie
sammelten überall Nachrichten. Gegen Agenten der Gestapo vom Schlage Wese
manns kämpften sie auf Leben und Tod. Man versuchte jeden deutschen Anschlag
aufzudecken, und schließlich veröffentlichten sie 1935 in Paris ein Buch, das einen
Überblick über alle deutschen Machenschaften in Europa gab1.
Dieses Buch schildert die Spionagetätigkeit von 48.000 Agenten. Es enthält
Aufzeichnungen über eine Zusammenkunft aller führenden Gestapobeamten, die
mit Auslandsarbeit beschäftigt waren, vom März 1935, an welcher Himmler teil
genommen hatte. In dieser Aufzeichnung ist von 2450 bezahlten und mehr als
1
Das Braune Netz. Wie Hitlers Agenten im Ausland arbeiten und den Krieg vorbereiten.
Paris 1935. S. 22/3.
23
20.000 ehrenamtlichen Agenten die Rede. Das Buch berichtet ferner über die
deutsche Propaganda und über die Arbeit einer neuen, bis dahin fast unbekannten
Stelle: Das Außenpolitische Amt der NSDAP, das unter Leitung von Alfred Rosen
berg, dem Hauptschriftleiter des »Völkischen Beobachters«, die Zusammenarbeit
mit
internationalen antisemitischen
Organisationen und Minderheitsgruppen
pflegte, welche die Stellung ausländischer Regierungen untergruben. Auch wurde
erwähnt, daß die Auslandsorganisation in der ganzen Welt mehr als 400 Orts
gruppen hatte.
Das Buch wies auch auf den Verein für das Deutschtum im Ausland hin, der
allen Deutschen im Inland, die sich für das Schicksal ihrer Landsleute im Ausland
interessierten, offenstand, regelmäßige Verbindungen mit mehr als 8000 deutschen
Schulen im Ausland unterhielt und über 24.000 Ortsgruppen zählte. Es schildert
ferner die ähnlich geartete Arbeit der Deutschen Akademie und des Deutschen
Auslandsinstituts. Es schätzt, daß das Dritte Reich über 250 Millionen Mark für
Propaganda und Spionage im Ausland ausgab.
Ferner berichtet das Buch über Fälle von »Denunziation, Provokation, Entfüh
rung, Mord, Waffenschmuggel, Überfall, Sabotage und Wirtschaftsspionage«. Es
beschreibt die deutschen Bemühungen darum, die Staaten in Nord-, Ost-, Südund Westeuropa zu untergraben, nennt Österreich das Schlachtfeld des Deutschen
Reiches und hält Jugoslawien für gefährdet durch »sogenannte Touristen und
Terroristen«. Es behandelt auch weißrussische und nationalsozialistische Aktionen
in Nord- und Südamerika. Schließlich enthält das Buch eine Liste von 590 »Propa
gandisten, Agenten, Spitzeln und Spionen der Nazi im Ausland« mitsamt deren
Namen und Aufgaben.
Diese ganze Tätigkeit im Ausland wurde dem Buch zufolge von einer Zentrale
aus gelenkt. Die Herausgeber hatten von der Organisation, soweit die politische
Seite betroffen war, eine eindrucksvolle graphische Darstellung entworfen. Diese
zeigt, wie Hitler und die Reichsleitung der NSDAP — beide wiederum von Wirt
schaftsinteressen, Industriekapitänen und Großgrundbesitzern beeinflußt — un
mittelbar oder mittelbar (durch einen von Rudolf Heß geleiteten Verbindungs
stab) mit 12 Unterabteilungen in Verbindung standen, die ihrerseits wiederum
mit Vereinen, Ortsgruppen, Schulen, Kirchen und Agenten Fühlung hatten. »Beim
Studium der Auslandsarbeit, beziehungsweise des Apparates, der diese Arbeit
lenkt, stößt man auf den ersten Blick auf ein scheinbares Nebeneinander, ja sogar
Durcheinander. Aber bei genauer Prüfung ergibt sich, daß dieses Nebeneinander
einem sorgfältig ausgedachten und durchorganisierten System entspricht. Gewiß,
es bedurfte nach dem Machtantritt des Nationalsozialismus geraumer Zeit, bis
alle der Auslandsarbeit dienenden Apparate und Organisationen gleichgeschaltet
waren, bis die Arbeit aller Abschnitte dieses ungeheuren Netzes koordiniert war.
Aber seit Mitte 1934 ist die Auslandsarbeit auf Gleichschritt gebracht1.«
1
24
Ebenda, S. 15.
Auf das Organisieren verstanden sich die Deutschen ja!
Ein Jahr nach Erscheinen des »Braunen Netzes« brach in Spanien der Bürger
krieg aus. Der Krieg näherte sich Europa. Die Maschinengewehre knatterten nicht
mehr in den fernen Tälern des Gelben Flusses oder des Jang-tse-kiang, sondern an
den Ufern des Ebro. Bomben fielen nicht auf Nanking, sondern auf Guernica;
nicht Schanghai, sondern Almeria wurde beschossen. In Europa wuchs die Furcht
davor, daß der Brand sich ausbreiten könnte. Viele Leute zweifelten nicht daran,
daß Hitler und Mussolini unmittelbar in Spanien intervenierten, während andere
in der Hilfe, die Stalin der spanischen Regierung lieh, eine größere Gefahr sahen.
Diese andern — meistens Anhänger der Rechtsparteien und häufig Katholiken —
glaubten, daß mindestens Westeuropa vom Kommunismus stärker bedroht werde
als vom Nationalsozialismus. Während des wütenden Kampfes darum, ob das repu
blikanische Spanien Hilfe erhalten solle — in Frankreich kam es darüber fast zum
Bürgerkrieg —, wollten diese andern von einer deutschen Intervention nichts wissen.
Dabei mangelte es nicht an Beweisen für eine solche Intervention. In Barcelona
und einigen andern Städten im republikanischen Besitz wurden in den ersten
Tagen des Bürgerkrieges die Archive der Auslandsorganisation der NSDAP be
schlagnahmt. Sie enthielten Tausende von Dokumenten, die von einer kleinen
Gruppe deutscher Anarchisten gesichtet wurden. 1937 erschien dann das »SchwarzRotbuch — Dokumente über den Hitler-Imperialismus«. Es enthielt über 150
faksimilierte Urkunden. Abermals wurden Propaganda und Spionagetätigkeit von
Amtsträgern der Auslandsorganisation in ihrer ganzen Verästelung geschildert.
Es wurden Auszüge zitiert, die nach Angabe der Herausgeber bewiesen, daß meh
rere dieser Amtsträger an Francos Aufstand beteiligt gewesen waren. Es wurde ge
zeigt, wie ihre Tätigkeit getarnt worden war, und daß die deutschen Nazi einen
»Hafendienst« zur Verfügung hatten, mit dessen Hilfe sie nationalsozialistische
Propaganda nach Spanien geschmuggelt und in einigen namentlich genannten
Fällen Opfer der Gestapo gewaltsam auf deutsche Schiffe gebracht hatten.
Die Urkunden waren unwiderlegliche Beweise. In Paris erschien eine zweite
Auflage auf deutsch. Eine englische Auflage erschien in London. Die breite Öffent
lichkeit wurde davon wohl kaum bewegt, aber in Kreisen der Polizei und Justiz
und in den Büros der Geheimdienste vieler Länder beschäftigte man sich ernst
haft damit. Es kam selten vor, daß der Gegner eine Karte fallen ließ; diesmal lagen
sie allesamt auf dem Tisch.
Enthüllungen, wie sie »Das Braune Netz« und »Das Schwarz-Rotbuch« ent
hielten, ließen die Tätigkeit der Nationalsozialisten im Ausland immer deutlicher
erkennen und veranlaßten die Menschen in vielen Ländern, alles, was Deutsche
taten, mit zunehmendem Mißtrauen zu betrachten. Warum sollte dieses dunkle
Treiben von Terror und Spionage eigentlich auf Spanien beschränkt sein? Gab es
überhaupt irgendein Land, wo Hitlers Agenten seinen Vorbereitungen zur Offen
sive nicht zu Hilfe kamen? Sicherlich ließen sich überall solche Zeichen finden! In
Dänemark hatte, wie sich herausstellte, der Vorsitzende des Deutschen Clubs in
25
Kopenhagen, Schäfer, seinen Mitgliedern im März 1936 einen Fragebogen zuge
schickt, worin sie unter anderem gefragt wurden, wieviele Autos, Motorräder und
Lastwagen sie zur Verfügung hätten. Eine der anderen siebenunddreißig Fragen
war: »Besitzen Sie eine Schreibmaschine? Können Sie stenografieren?«
»Diese Fragen mögen jenseits des Atlantiks harmlos klingen, doch sind sie es
nicht; denn in der Ausdrucksweise der Nazi bedeutet eine Schreibmaschine ein
Gewehr, und Schießen heißt Stenografieren. Eine weitere Frage von Herrn Schäfer
galt der Kenntnis seiner Mitglieder hinsichtlich dänischer Leuchtfeuer, ihrer Posi
tionen und Besatzungen, der besten Zufahrtswege usw.« Diese Anschuldigungen
finden sich nicht etwa in einem billigen Sensationsblatt. Sie standen vielmehr ein
Jahr nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien in »Foreign Affairs«, der füh
renden amerikanischen Zeitschrift für Zeitgeschichte1.
Etwa zu derselben Zeit erregte eine sozialistische Zeitung in Norwegen einiges
Aufsehen durch die Mitteilung, 1935 habe ein deutscher Nazi, ein begeisterter Be
sucher Norwegens, die Erlaubnis bekommen, auf dem wichtigsten Exerzierplatz
in der Nähe des strategisch und wirtschaftlich bedeutenden Hafens Narvik Soldaten
von »nordischem Typ« zu fotografieren. Was hatte jener Deutsche gewollt? Warum
hatte der Kommandant Oberstleutnant Sundlo ihm die Erlaubnis gegeben? War
dieser Sundlo vielleicht ein Anhänger der nationalsozialistischen Quisling-Bewe
gung? Ein Untersuchungsausschuß konnte diesen Verdacht nicht bestätigen.
Es ist bezeichnend, daß die Auslandsorganisation der NSDAP zwar schon 1934,
1935 und 1936 Jahresversammlungen abgehalten hatte, daß aber erst der Kon
greß von 1937 von der internationalen Presse beachtet wurde. Zu Beginn des Jahres
hatte die Londoner »Times« bereits auf »das erste augenfällige Eindringen der
nationalsozialistischen Partei in das konservative Heiligtum des Auswärtigen
Amtes« hingewiesen12 . Ernst Wilhelm Bohle, der Leiter der Auslandsorganisation
der NSDAP, war zum »Chef der Auslandsorganisation im Auswärtigen Amt« er
nannt worden. Das Ziel war, die Einheitlichkeit bei der Fürsorge für deutsche
Staatsangehörige im Ausland zu fördern. In seiner neuen Stellung war Bohle nur
unmittelbar dem Außenminister von Neurath verantwortlich. Kamen Angelegen
heiten aus seinem Arbeitsgebiet vor das Reichskabinett, so sollte er an den Sit
zungen teilnehmen. So verfügte es Hitler in einem Erlaß vom 30. Januar 1937.
Was bedeutete diese Beförderung? Für diejenigen im Ausland, welche die Arbeit
der Auslandsorganisation verfolgt hatten, war die Antwort nicht schwer. Der
Organisator von Propaganda und Spionage, von Einschüchterung und Entfüh
rung war in das würdige Auswärtige Amt gesetzt worden, um einerseits unter den
Herren der Wilhelmstraße aufzuräumen und um andererseits die unterirdische
Arbeit im Ausland unter dem Schutz diplomatischer Privilegien auszubauen und
zu vertiefen.
1
Joachim Joesten: The Nazis in Scandinavia. In: Foreign Affairs. New York, Juli 1937.
2
The Times (London), 3. 2. 1937. (Künftig ohne Ortsangabe.)
26
In einer Broschüre über die Arbeit der Auslandsorganisation, die damals in
Deutschland veröffentlicht wurde, heißt es ganz beiläufig, daß dort 700 Personen
beschäftigt waren. Die Zahl der Ortsgruppen und Zellen im Ausland betrug 5481.
Die führende sozialistische Zeitung in Holland schrieb unter Hinweis auf diese
Broschüre, daß in den Landesgruppen außerhalb Deutschlands etwa drei Millionen
Mitglieder geführt wurden12 .
Wiederum waren es nur wenige Auserwählte, die solche und ähnliche Tatsachen
zur Kenntnis nahmen. Die meisten Menschen konnten einfach nicht begreifen, auf
welche unvorstellbar raffinierte Weise sie angeführt wurden. Kein anderer Aben
teurer der ganzen Weltgeschichte hatte je zuvor das Bankkonto, auf welchem große
und kleine Leute in aller Welt so viel von ihrer Gutgläubigkeit und schlichten Ehr
lichkeit deponiert hatten, in solchem Maße in Anspruch genommen. Hermann
Rauschning, der einige Jahre lang in den höchsten Nazikreisen verkehrt hatte, wo
ihm die Augen für die Verworfenheit der Führer und ihres Systems aufgegangen
waren, hatte im April 1937 das umfangreiche Manuskript »Die Revolution des
Nihilismus« abgeschlossen. Damals war er bereits aus Danzig geflohen. Er brauchte
ein ganzes Jahr, um einen Verleger zu finden. Im Laufe jenes Jahres wurden viele
Artikel, die er schrieb, »mit der Bemerkung zurückgeschickt, daß seine Enthül
lungen zu phantastisch seien, als daß sie wahr sein könnten3«.
Daß ein Schweizer Verlag es 1938 wagte, Rauschnings scharfe Analyse zu ver
öffentlichen, war kein Zufall. Die internationale Atmosphäre hatte sich entschei
dend geändert: Hitler war in Österreich einmarschiert.
Die Welt horchte auf, als sie Mitte Februar 1938 erfuhr, daß der österreichische
Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg Berchtesgaden besucht und dort eine lange
Unterredung mit Hitler gehabt hatte. Das Kommunique vom 13. Februar erschien
noch unwichtig; als aber wenige Tage später bekannt wurde, daß das österreichi
sche Innenministerium, dem auch die Polizei unterstand, von Dr. Arthur Seyß-In
quart übernommen werde, spitzten alle, die mit österreichischen Verhältnissen
vertraut waren, die Ohren. Seyß-Inquart, ein Rechtsanwalt in Wien, befürwortete
den Anschluß. Kaum hatte er sein neues Amt übernommen, als er schon Berlin
besuchte und eine Unterredung mit Hitler hatte. In Österreich wuchs die Spannung.
Die Nationalsozialisten demonstrierten immer offener und rücksichtsloser. Außer
halb Österreichs verspürte man nur hier und dort ein wenig Unruhe. Selbst die
Nachricht vom 9. März, Schuschnigg werde am kommenden Sonntag das Volk
abstimmen lassen, ob es für oder gegen ein unabhängiges Österreich sei, wurde
noch nicht als Beweis dafür betrachtet, daß sich hinter den Kulissen ein Kampf
auf Leben und Tod abspielte.
Am Freitag, den 11. März, ging es los. Um 6 Uhr abends meldete der Wiener
1
Emil Ehrich: Die Auslandsorganisation der NSDAP. Berlin 1937. S. 10/1.
2
Het Volk (Amsterdam), 30. 7. 1937.
3
Hans L. Leonhardt: Nazi conquest of Danzig. Chicago 1942. S. 225.
27
Rundfunk, die Volksabstimmung sei abgesagt worden. Ein Viertel vor acht sprach
Schuschnigg: »Ich erkläre vor der ganzen Welt, daß die deutsche Regierung
heute dem Bundespräsidenten Miklas ein Ultimatum mit einer definitiven Zeit
begrenzung überreicht hat, mit dem Befehl, eine von der deutschen Regierung
bezeichnete Persönlichkeit als Kanzler zu ernennen, der eine sie zufriedenstellende
Regierung bilden würde, andernfalls deutsche Truppen in Österreich einmarschie
ren werden.«
Man konnte es kaum fassen. Später am Abend meldete der Wiener Rundfunk,
Seyß-Inquart habe eine neue Regierung gebildet, während Berlin mitteilte, SeyßInquart habe in einem Telegramm an Hitler, den er als »Führer« bezeichnete, die
Reichsregierung gebeten, ihm bei der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung
beizustehen und sobald wie möglich deutsche Truppen zu schicken. Diese deut
schen Truppen marschierten am Samstag, den 12. März, in Österreich ein. Einen
Tag später war der Anschluß vollzogen.
Wieder einmal hatte Hitler sein Ziel erreicht! Wieder einmal hatte das Haken
kreuz triumphiert! Wieder einmal gerieten Zehntausende von Gegnern des Natio
nalsozialismus, Juden und Nichtjuden, in Gefahr! Die Gefühle, die dadurch er
weckt wurden, sammelten sich in spontanem Abscheu gegenüber dem Verrat
eines
einzigen
Mannes:
Seyß-Inquart.
Sein
Name
wurde
gleichbedeutend
mit
Verrat. Allerdings hatte man auch in Österreich zum erstenmal und ganz deut
lich die Methodik eines Angriffs beobachten können, der mitten im Lande selbst
seinen Anfang nahm. So also machten es diese Nazi in andern Ländern! Zuerst
besetzten sie Schlüsselposten im Regierungsapparat, dann untergruben sie den
ganzen Staat, und schließlich beschworen sie eine Krise herauf, um dann mittels
eines vorher verabredeten Telegramms deutsche Truppen herbeizuführen.
Dieses eine Telegramm von Seyß-Inquart im März 1938 erweckte mehr Furcht vor
der deutschen Fünften Kolonne als Hunderte von Urkunden, die in den Jahren
nach 1933 veröffentlicht worden waren. Jene Urkunden waren in Büchern er
wähnt worden, die nur wenige lasen, oder in Presseberichten, die oft einfach über
sehen wurden. Die Eroberung Österreichs stand in den Schlagzeilen — in Nor
wegen so gut wie in Argentinien, in Holland so gut wie in Grönland. Diese Erobe
rung schuf klare Tatsachen. Was in Ländern wie Litauen, Südafrika und Spanien
nicht gelungen war, wurde in Österreich erreicht. Die Gefahr, die an der Donau zur
Katastrophe geworden war, hatte sich in früheren Fällen vielleicht nur um Haares
breite vermeiden lassen. Hitler hatte nur auf den Knopf zu drücken brauchen, um
das freie Österreich auszulöschen. Gab es anderswo vielleicht Anhänger von ihm,
die ebenso unscheinbar und unbekannt wie jener Wiener Rechtsanwalt waren und
neue Tunnel gruben, um neue Minen zu legen?
Die Antwort sollte nicht lange auf sich warten lassen. In der Tschechoslowakei
war es, wie schon erwähnt wurde, dem Turnlehrer Konrad Henlein gelungen, die
Sudetendeutsche Partei als politische Bewegung aufzubauen. Bei der Wahl vom
Mai 1935 hatten zwei Drittel der Sudetendeutschen für deren Kandidaten ge
28
stimmt. Henlein hatte immer bestritten, daß er irgendwelche Verbindung mit
Berlin habe.
Was aber erlebte man 1938? Kaum sechs Wochen waren seit dem Anschluß
Österreichs vergangen, als Henlein in Karlsbad mit neuen Forderungen hervor
trat. Falls diese erfüllt würden, erhielten die Sudetendeutschen innerhalb des
tschechoslowakischen Staates Autonomie in eben jenen Grenzbezirken, wo die
tschechischen Befestigungen lagen. Henlein besuchte Hitler immer wieder. Hen
lein trug in den nahezu endlosen Verhandlungen mit den Tschechen immer neue
Forderungen vor. Henlein ging auf den Parteitag der NSDAP nach Nürnberg
und floh schließlich nach Deutschland, als gegen Mitte September in dem Sudeten
gebiet ein Aufstand gegen die Tschechen ausbrach. Henlein rief die dreieinhalb
Millionen Sudetendeutschen zu einem allgemeinen Aufstand auf. Henlein bildete,
wie deutsche Zeitungen und Rundfunkstationen verkündeten, ein Freikorps aus
Sudetendeutschen zum militärischen Kampf gegen die tschechoslowakische Repu
blik: Bürger jener Republik griffen diese nunmehr mit Waffen an.
Henleins Rolle als politisches Werkzeug in Hitlers Hand erweckte 1938 mehr
Aufmerksamkeit als die Einleitung des Aufstandes, die Aufforderung zum Aufruhr
und die Bildung des Freikorps. Diese Ereignisse, die sich in den Tagen zwischen
dem 13. und 16. September zutrugen, wurden aus den Schlagzeilen der meisten
Zeitungen und aus den Köpfen der meisten Menschen durch die alles überragende
Frage verdrängt: Krieg oder Frieden?
Am Mittwoch, den 28. September, schien der Krieg unausweichlich. In Frank
reich sah man auf den Hauptstraßen, die von Paris gen Westen führen, einen nicht
abreißenden Strom von Autos. Ein Drittel der Pariser Bevölkerung verließ die
Hauptstadt. In England wurden Gasmasken verteilt, in den Parks wurden Schutz
gräben ausgehoben, Kinder wurden evakuiert. Die ersten Flakgeschütze streckten
ihre Läufe gen Himmel, um Londons neun Millionen Bewohner gegen einen An
griff zu verteidigen, der nach amtlichen Schätzungen schon in den ersten Tagen
15.000 Menschenleben kosten würde.
Vier Wochen später stürzten jenseits des Atlantiks Tausende auf die Straßen,
als ein Hörspiel die Landung »seltsamer Wesen, Marsmenschen, die mit Todes
strahlen bewaffnet waren«, beschrieb. »In jener Nacht packte eine Panik das
ganze Gebiet der Vereinigten Staaten1.« Wieder einmal war im Wirbel der Ge
fühle die Furcht sichtbar geworden, die im Grunde der Seelen verborgen lag.
Das Münchener Abkommen hatte den Frieden der Welt gerettet. Alles, was
vorausgegangen war, hatte jedoch den Glauben der Menschen an den Bestand des
Friedens erschüttert. Das wollte allerdings keineswegs jeder sich selbst oder andern
eingestehen. Mit einer eigensinnigen Mischung aus Kurzsichtigkeit und Verzweif
lung behaupteten manche, der Sturz der Tschechoslowakei sei eine Wendung zum
1 Whitney H. Shepardson and William 0. Scroggs: The United States in World Affairs.
An account of American foreign relations, 1938. New York 1939. S. 2—4.
29
Besseren gewesen. Mit der Losung »Friede für unsere Zeit!« war der britische
Premierminister
aus
München
zurückgekehrt.
Drei
Wochen
später
prophezeite
Englands meistgelesene Zeitung, »daß Großbritannien weder in diesem noch im
nächsten Jahr in einen europäischen Krieg verwickelt werden würde1«.
In den letzten Monaten des Jahres 1938 und den ersten Monaten von 1939
hatten das Gewicht der Ereignisse und der zunehmende Druck, den Hitler auf die
westlichen Demokratien ausübte, die Gegensätze auf den Gipfel getrieben. »Be
schwichtiger« und »Kriegshetzer« bekämpften einander so heftig, als ständen sie
dem wirklichen Feinde gegenüber. Ihr Streit wurde von Hitler erledigt, als dieser
am 15. März 1939 in Prag einmarschierte.
Anschluß — München — Prag — Krieg: Dazwischen lag jeweils ein Abschnitt
von sechs Monaten. Es waren die letzten Meilensteine an der Straße, die Hitler von
seiner Machtergreifung bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges zurücklegte.
In diesen letzten anderthalb Jahren hatte ein entscheidender Wandel eingesetzt,
der bald schwächer, bald stärker zu spüren war. Das Unbehagen über ferne Kriege
(Mandschurei, Abessinien und Spanien) wich in vielen Nationen der Furcht vor
einem nahen Krieg, vor dem Krieg, an dem man selbst beteiligt sein würde, vor
dem neuen Schlachten, dem Armagendo, einer Wiederholung des Massenmor
dens von 1914—1918, das dank dem Fortschritt von Technik und Wissenschaft
nur noch fürchterlicher sein würde. Die Entschlossenheit, die im Laufe des Jahres
1939 entstanden war, hatte als Kehrseite die Furcht vor dem Kriege, vor allem
Furcht vor dem Neuen und Unbekannten.
Es schien, als sei Hitler immer eine Nasenlänge voraus. Er verwendete Mittel,
von denen andere nichts wußten, und hatte sich einer neuen Methode bedient: der
Fünften Kolonne. Eroberungen, für welche andere vor ihm Armeen und Flotten
benötigt hatten, vollbrachte er gleichsam im Spiel, durch Agenten und durch Ver
rat im Lande selbst. Spione und politische Saboteure waren augenscheinlich seine
besten Soldaten. In welchem Lande wühlten sie denn nicht? Überall lebten deut
sche Staatsangehörige, von denen Bohle im August 1938 öffentlich und mit »Stolz«
erklärte, »daß das Auslandsdeutschtum sich geschlossen zum Nationalsozialismus
und seinem Führer bekennt12 «. Solche Äußerungen, die von den Geheimdiensten
sorgfältig verzeichnet wurden, entgingen der Aufmerksamkeit des Publikums in
andern Ländern. In den Jahren 1938 und 1939 fanden sich jedoch andere Berichte
in der Presse, und viele Leute zogen daraus die Schlußfolgerung, welche der Chef
der Auslandsorganisation der NSDAP auf seine Weise in Worte gefaßt hatte.
Im September 1938 wurde in der Schweiz ein deutscher Fotograf verhaftet, der
heimlich andere Deutsche beim Lesen antinationalsozialistischer Zeitungen foto
grafiert hatte. Mindestens einer von diesen war bei seiner Rückkehr nach Deutsch
land verhaftet worden. In Schweden teilte der Außenminister vier Wochen nach
1
Daily Express (London), 19. 10. 1938. (Künftig ohne Ortsangabe.)
2
Jahrbuch für Auswärtige Politik, V. Berlin 1939. S. 24.
30
dem antijüdischen Pogrom in Deutschland vom 10. November 1938 mit, daß
deutsche Firmen in Schweden Juden aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen
suchten und über deren Kapital und Angestellte insgeheim Informationen sammel
ten. Solche Handelsspionage war Herrn Sandler zufolge auch in Holland, Belgien
und der Schweiz vorgekommen. Im Dezember 1938 wurden in New York vier
Deutsche wegen Militärspionage verurteilt. Der Wichtigste von ihnen war nach
Deutschland entkommen. Gegen Ende April 1939 wurden drei Nazi aus England
ausgewiesen, gegen Ende Mai nochmals sechs, von denen die meisten Amtsträger
der Auslandsorganisation waren. Der Korrespondent des »Völkischen Beobach
ters« in Kairo mußte Ägypten verlassen. Ebenfalls anfangs Mai wurde der Brüsse
ler Korrespondent der »Rheinisch-Westfälischen Zeitung« aus Belgien
sen. Er hatte einen Skandal verursacht, als er bei einer Versammlung
Bergleute, die in Belgien arbeiteten, als Redner auftrat; einige Arbeiter
weißen Strümpfen erschienen — dem Wahrzeichen der Gefolgsleute
ausgewie
deutscher
waren in
Henleins!
Frankreich, das gegen Ende April 1939 alle nationalsozialistischen Organisationen
im Elsaß verboten hatte (ihr Anführer, Dr. Karl Roos, war bereits im Februar
verhaftet worden), wies die führenden Funktionäre der Landesgruppe aus. Am
1. Juli wurden sämtliche anderen Parteiformationen aufgelöst. Ein paar Wochen
später wurde der Chef des Nachrichtendienstes von Frankreichs führender Tages
zeitung »Le Temps« zusammen mit einem Vorstandsmitglied von »Le Figaro«
verhaftet. Hatten sie für Deutschland spioniert? Man nahm das allgemein an.
In jenem Sommer entstand in Argentinien große Unruhe, weil ein Dokument
veröffentlicht wurde, aus dem hervorzugehen schien, daß Deutschland Patagonien
überraschend zu besetzen beabsichtigte. An der Ostküste des Südatlantiks traute
die südafrikanische Regierung den Deutschen in Südwestafrika offenbar so wenig,
daß sie eine bewaffnete Polizeitruppe in das Mandatsgebiet entsandte.
Schließlich beklagte sich in Palästina, wo die deutschen Nazi immer enger mit
arabischen Terroristen zusammenarbeiteten, ein deutscher Landwirt — die Deut
schen hatten dort eine Anzahl von landwirtschaftlichen Siedlungen geschaffen —
öffentlich darüber, er werde »ständig von einem Netz von Spitzeln und Nazi
funktionären beobachtet1«. Die Handlungsweise von Seyß-Inquart und Henlein
bewirkte, daß solche Meldungen, die man früher wahrscheinlich kaum beachtet
hätte, in die Schlagzeilen kamen. Berichterstatter, Redakteure und Zeitungsleser
wurden mehr und mehr davon überzeugt, daß es eine spionierende Fünfte Kolonne
der Deutschen gebe. Vor allem ein Prozeß in New York hatte größte Aufmerksam
keit gefunden. Wer war denn bei diesem Prozeß an Spionage beteiligt? Ein Arzt,
ein Steward, ein Übersetzer, ein Unteroffizier, ein Verwaltungsbeamter, die Eigen
tümerin einer Fremdenpension, eine Friseuse, ein Techniker und ein Zeichner —
lauter ganz gewöhnliche Menschen. Aus ihrem heimlichen Gewerbe wurde ein
Film gedreht, den Millionen zu sehen bekamen. Der Chefdetektiv der Bundes
1 Palestine
Post (Jerusalem), 17. 8. 1939.
31
polizei schilderte in einem spannenden Buch, wie alle diese Leute ausfindig ge
macht wurden. Dort konnte man lesen, wie einer der Drahtzieher dieser Spionen
gruppe, ein gewisser Dr. Ignaz Griebl, gestanden hatte, die geheimen amerikani
schen Flottenpläne seien in Deutschland bekannt gewesen, »ehe ein Teil unserer
hohen Marineoffiziere davon Kenntnis hatte«. Griebl konnte mir in allen Einzel
heiten die Pläne einer neuen Zerstörerflottille beschreiben: ihr Aussehen, Tonnage,
Maschinenausrüstung, Bewaffnung usw. Als wir seine Angaben im Marinemini
sterium nachprüften, war man dort entsetzt, weil Griebls Angaben vollständig
richtig waren1! Es war unheimlich.
In Europa erschienen zahlreiche Bücher, deren Verfasser alles zusammentrugen,
was bis dahin über die Fünfte Kolonne bekanntgeworden war, und eigene Ent
hüllungen hinzufügten. Ein französischer Schriftsteller erinnerte an Hitlers 20.000
Agenten; nach seinen Angaben hatten nazistische »Touristen« in Palästina ge
heime Waffenlager angelegt, während sie in Frankreich mit geheimen Funkstatio
nen arbeiteten, die manchmal so klein waren, »daß man sie ohne weiteres in einer
Westentasche oder Jackentasche unterbringen konnte12 «. Ein anderer französischer
Schriftsteller behauptete, unter den Agenten der Nazi gebe es »so viele Abarten wie
bei den Insekten3«. Noch ein anderer Franzose schwärmte von der Schönheit einer
bestimmten deutschen Spionin — une tendre jeune fille, si douce, si rêveuse, si
innocente, si »gemütlich« — und vertrat die Ansicht, das Dritte Reich besitze außer
halb seiner Grenzen eine Armee von 20 Millionen Deutschen4.
Ein Engländer konnte schreiben, die Deutschen kauften in Nordschleswig
Landbesitz auf und vergifteten die Brunnen. Ihm zufolge gab es in einem einzigen
kanadischen Staat 30.000 »ergebene Nazi5«. Die meistgelesene Londoner Abend
zeitung berichtete, in England seien 400 Agenten der Gestapo am Werk, darunter
jüdische Flüchtlinge6. In ganz England liefen Gerüchte um, denen zufolge deutsche
Dienstmädchen in die Häuser hoher Offiziere und Beamten als Spitzel einge
schmuggelt worden seien. Sogar die deutschen Schuljungen, die 1938 englische
Jugendherbergen besucht hatten, erregten Verdacht. Manche glaubten, die Jun
gen seien gekommen, um strategische Punkte ausfindig zu machen und in Land
karten einzutragen.
Gab es Leute, die beim Lesen solcher Berichte und Ansichten ungläubig den
Kopf schüttelten? Vielleicht. Bestimmt gab es mehr, die solche Dinge kritiklos hin
nahmen. Der Schauder vor solchen geheimnisvollen Vorgängen stieß ab, nahm aber
gleichzeitig die Phantasie gefangen. Und warum sollte man zweifeln, nachdem man
1
Léon G. Turrou: The Nazi Spy Conspiracy in America. London 1939. S. 129/30.
2
Pierre Dehillotte: Gestapo. Paris 1939. S. 83.
3
Bertrand Gauthier: La cinquieme colonne contre la paix du monde. Paris 1938. S. 73.
4
Paul Allard: Quand Hitler espionne la France. Paris 1939. S. 98. S. 13.
5
F. Elwyn Jones: The Attack from Within. London 1939. S. 106.
6
Evening Standard (London), 16. 2. 1939.
32
erlebt hatte, wie verhängnisvoll Österreich und die Tschechoslowakei untergraben
worden waren? Die heimlichen Verschwörungen dort, das unmerkliche Eindringen,
der Angriff von innen her — das alles wurde jetzt auf die ganze Welt übertragen.
Das galt sogar für den Teil der Welt, der von Europa und damit auch von
Deutschland durch die ganze Breite des Atlantiks getrennt war. In den Vereinig
ten Staaten hatten weite Teile der Bevölkerung schon seit 1933 äußerst heftig auf
das Naziregime reagiert. Nazi und Faschisten galten ebenso wie die Kommunisten
als unamerikanisch. Trotzdem gab es eine Fülle von faschistischen Organisationen.
Es gab kaum einen Teil des Landes, wo nicht irgendein verbogener Charakter als
ehrgeiziger kleiner »Führer« in den Vordergrund zu gelangen versuchte. Gegen
Ende des Jahres 1938 gab es »mindestens 800 Organisationen, die profaschistisch
und pronazistisch genannt werden könnten ... und alle singen dasselbe Lied —,
Text und Melodie von Adolf Hitler, für Orchester eingerichtet von Dr. Paul
Joseph Goebbels1«. Sie stießen jedoch auf lebhaften Widerstand.
Das traf erst recht auf solche Organisationen zu, die nicht nur faschistisch, son
dern auch deutsch waren. In Chikago war bereits in den zwanziger Jahren eine Art
von SA entstanden. Nach Hitlers Machtergreifung wurde New York zum Mittel
punkt einer Bewegung, an der sich sowohl deutsche Staatsangehörige als auch
amerikanische Bürger deutscher Herkunft beteiligten. Zuerst gründeten sie die
sogenannten »Freunde des neuen Deutschland«, später den »Deutsch-Amerika
nischen Bund«. Der Bund war ein genaues Ebenbild der deutschen NSDAP. In den
Jahren 1937/38 entwickelte er eine beträchtliche Tätigkeit, die ihn als von natio
nalsozialistischem Fanatismus besessen auswies. »Wir stehen hier als die Herolde
des Dritten Reiches, als Verkündiger der deutschen Weltanschauung des National
sozialismus, die vor den Augen der Welt das unvergleichliche deutsche Wunder
dargestellt hat, das Wunder des Nationalsozialismus.« Solches konnte man 1937
im Jahrbuch des Bundes lesen2.
Die Behörden hatten die totalitäre Drohung nicht unbeachtet gelassen. Sobald
die amerikanische Regierung bemerkte, daß deutsche Staatsangehörige in Verbin
dung mit der Auslandsorganisation der NSDAP sich gesetzwidrig betätigten,
protestierte sie. Hätten die Vereinigten Staaten jemals zugelassen, daß Besucher
oder Einwanderer politische Beziehungen zu ihrem Mutterland aufrechterhalten,
so wären die Streitigkeiten Europas und Asiens auf amerikanischem Boden aber
mals ausgetragen worden. Die Reichsregierung versprach Besserung. Zu diesem
Zweck wurde der deutsche Botschafter 1933 beauftragt, Präsident Roosevelt im
Namen von Rudolf Heß (der in Parteisachen als Hitlers Stellvertreter auftrat) mit
zuteilen, »daß die bis dahin vorhandenen Ortsgruppen der Auslandsorganisation auf
gelöst seien und daß künftig keinerlei Parteiapparat weder für Reichsdeutsche noch
1 Aus einem Bericht des »Institute for Propaganda Analysis«, zitiert bei Alfred McClung
Lee: Subversive individuals of minority status. In: Annals of the American Academy of
political and social sciences. Philadelphia Sept. 1942. S. 164.
2
3
Zitiert in: The German Reich and Americans of German Origin. New York 1938. S. 42.
33
für Volksdeutsche in den Vereinigten Staaten bestehen soll«. Mit dem Begriff Volks
deutsche wurden hier amerikanische Staatsbürger deutscher Abstammung gemeint1.
Indessen konnte von einer wirklichen Auflösung des Parteiapparates keines
wegs die Rede sein. Die Unwissenheit und Verachtung der Naziführer gegenüber
den Vereinigten Staaten ließen sie glauben, sie könnten sich jede Freiheit und jede
Täuschung erlauben. Die Enthüllungen begannen 1934.
Im März jenes Jahres beschloß das Repräsentantenhaus, einen Untersuchungs
ausschuß einzusetzen, welcher »Ausmaß, Wesen und Ziel der Nazi-Propaganda in
den Vereinigten Staaten« feststellen sollte. Der Abgeordnete für Massachusetts,
McCormack, war Vorsitzender, der Abgeordnete für New York, Dickstein, war die
treibende Kraft des Ausschusses. In Washington, New York, Chikago, Los Angeles
und zwei weiteren Städten wurden Hunderte von Zeugen vernommen. Die wich
tigsten von ihnen verweigerten jedoch die Aussage. Viele der verdächtigen Organi
sationen hatten offenbar ihre Akten verbrannt. Trotzdem konnte der Ausschuß in
seinem Anfang Januar 1935 veröffentlichten Bericht ein eindrucksvolles Bild von
der unterirdischen Tätigkeit zeichnen. Er empfahl einige nützliche Vorbeugungs
maßnahmen. Der Kongreß ignorierte diese Empfehlungen.
Es schliefen jedoch nicht alle, sondern antifaschistische Organisationen blieben
auf der Hut. Ein paar Privatleute wie Richard Rollins und John Roy Carlson
bahnten sich unerschrocken einen Weg durch das emotionale Gestrüpp des ame
rikanischen Faschismus und berichteten darüber in Zeitschriften und Büchern.
Auf Schritt und Tritt stießen sie auf deutsche Einflüsse, auf die Nazipartei, den
Bund, auf den »Erfurter Weltdienst«, eine geheimnisvolle Zentrale für antisemi
tische Propaganda, auf den Hamburger »Fichtebund« und andere internationale
Organisationen Rosenbergs, die allesamt ihren Einfluß auf deutsche Staatsange
hörige, italienische Faschisten, Weißrussen, Antisemiten, Mitglieder des Ku-KluxKlan, auf »Ritter« verschiedener »Orden«, auf »Arier« sowie auf katholische und
protestantische Extremisten ausübten. Höchst merkwürdige Vögel der verschie
densten Arten zwitscherten in jenem Gestrüpp, aus ihren Kehlen drang aber nur
Haßgesang.
Im Mai 1938, als die Tschechen zum erstenmal mobilmachten, schuf das Re
präsentantenhaus einen neuen Ausschuß, dessen Vorsitzender der Abgeordnete für
Texas Martin Dies war. Im Januar 1939 legte dieser Ausschuß seinen ersten Bericht
vor und erregte damit einiges Aufsehen, wie schon vorher mit seinen Verhören.
Das Netz der deutschen Spionage wurde wieder einmal allen vor Augen gehalten.
1 Botschafter Thomsen an Staatssekretär von Weizsäcker, 20. 10. 1940. Nürnberger Doku
ment NG-4416, S. 4. — Künftig wird bei Verweisung auf Urkunden, die dem Internationalen
Gerichtshof oder den amerikanischen Gerichten in Nürnberg vorgelegen haben, die Bezeich
nung »Nürnberger Dokument« nicht mehr hinzugesetzt werden. Die Dokumente der Anklage
behörde werden durch einen oder mehrere Buchstaben (z. B. L, C, NG, NO, PS, NOKW)
und eine Zahl bezeichnet, die Dokumente der Verteidigung durch den Namen des Angeklagten,
auf den sie sich beziehen, und eine Zahl (z. B. Krupp-25).
34
Ferner gab es einen eingehenden Bericht über den Bund. Ein Zeuge berichtete, daß
ein Ortsgruppenführer des Bundes auf Long Island seine Leute aus deutschen
militärischen Lehrbüchern unterrichtet und hinzugefügt habe: »In Deutschland
hat sich das Volk schließlich verbittert erhoben. Das wird auch hier geschehen. Es
ist unvermeidlich. Wenn der Tag kommt, und er ist wahrscheinlich nicht mehr
fern, müssen wir bereit sein, für eine Regierung der rechten Art zu kämpfen. Wir
müssen die Massen für uns gewinnen. Es wird Kämpfe und Blutvergießen geben.
Wir werden unsere Pflicht tun müssen1.«
Vom 1. Juli 1937 bis 1. Juli 1938 wurden der Bundespolizei 250 Fälle angeb
licher Spionage gemeldet. Für die Zeit vom 1. Juli 1938 bis 1. Juli 1939 stieg die
Zahl auf 1651. Ob die Spionage tatsächlich so stark zunahm, ist nicht sicher, doch
war die Öffentlichkeit offenbar unruhig und daher wachsamer geworden.
Unruhe und Wachsamkeit fand man vor allem in den Ländern südlich des
Rio Grande: Mexiko sowie Mittel- und Südamerika. Dort lebten Millionen von
Deutschen und von Menschen italienischer Abkunft. Die Italiener waren »fast
alle eifrige Parteigänger des Faschismus12 «, schrieb das beste amerikanische Jahr
buch für Zeitgeschichte. War anzunehmen, daß es sich bei den Deutschen anders
verhielt? 1938 begann man sich diese Frage ernstlich vorzulegen, was teilweise auf
den Aufstand der Integralisten in Brasilien zurückzuführen war, von dem man
glaubte, er sei von Deutschland angestiftet worden. Man begann in Südamerika,
nach Männern vom Schlage Seyß-Inquarts und Henleins zu suchen — und fand sie
auch. Zeitungen und Zeitschriften entsandten Sonderkorrespondenten dorthin. In
jenem Jahr erschienen von einem Buch drei Auflagen, und Carleton Beals hatte in
der Tat genug beunruhigende Dinge zu berichten!
Die Propaganda der Nazi sei ungeheuerlich, schrieb er. Allein in dem brasilia
nischen Staat Rio Grande do Sui seien sechzig nazistische Organisationen ent
standen, die alle mit ihresgleichen in Deutschland Verbindung hätten. Man erzähle
sich, Hitler habe mit dem Diktator der Republik San Domingo ein Geheimab
kommen geschlossen, auf Grund dessen zunächst 40.000 Deutsche in der Nähe der
Grenze mit Haiti angesiedelt werden sollten. Obwohl Beals die Geschichten, daß
jeder japanische Fischer am Panamakanal ein japanischer Seeoffizier und jeder
Friseur ein Armeespion sei, mit Skepsis aufnahm, glaubte er immerhin, man dürfe
an der Leistungsfähigkeit »des Geheimdienstes der furchtbaren Gestapo unter dem
kinnlosen Heinrich Himmler mit den flackernden Augen und dem bösen Gesichts
ausdruck« nicht zweifeln3.
1
Investigation of Un-American activities and Propaganda (76th Congress, Ist session,
House of Representatives, House Report no. 2. Washington 1939. S. 92. — Künftig zitiert
als Dies Report 1939 oder, soweit es der entsprechende Bericht aus späteren Jahren ist, mit
der jeweiligen Jahreszahl.
2 W. H. Shepardson and W. O. Scroggs: The United States in World Affairs 1937. New
York 1938. S. 16.
3
Carleton Beals: The Coming Struggle for Latin America. Philadelphia 1938. S. 68/9.
35
Das Gefühl der Bedrohung nahm zu. Die Statistik zeigte, daß Deutschlands
Handel mit Südamerika immer intensiver wurde. In mehreren südamerikanischen
Staaten waren deutsche Militärmissionen tätig. Hatten die Deutschen vielleicht
U-Boot-Stützpunkte auf den Kanarischen Inseln? Washington fragte dieserhalb
besorgt in London und Paris an. Gab es Pläne für die Zerstörung der Schleusen im
Panamakanal? Eine einzige deutsche Bombe würde genügen, um diese lebens
wichtige Verbindung zwischen Pazifik und Atlantik zu zerstören. Ein großer Teil
der
südamerikanischen
Fluggesellschaften
arbeitete
mit
deutschen
Flugzeugen
und Piloten. Es wurde behauptet, Deutschlands Verbündete, die Japaner, hätten
zwei Flugstunden vom Panamakanal entfernt in Columbien und Costarica Reis
felder angelegt, die so eben seien, daß sie ohne weiteres als Flugplätze dienen
könnten. Im April 1939 veröffentlichte eine Gruppe amerikanischer Juristen die
Nachricht, Deutschland besitze an der peruanischen Küste einen Flottenstütz
punkt: »Deutsche Kriegsschiffe und U-Boote laufen ein und aus, während Nazi
posten die Grenzen des deutschen Schutzgebietes bewachen1.«
Rätselhafte, alarmierende Einzelheiten!
Im Jahr 1938, das den Anschluß und die Sudetenkrise brachte, ergriff die ameri
kanische Regierung weitreichende Maßnahmen. Das Außenministerium legte den
militärischen Stellen Berichte vor, in denen beunruhigende diplomatische Nach
richten über die Propaganda und das Einsickern der Deutschen und Italiener in
Südamerika zusammengefaßt wurden. Der Zufall fügte es — wiewohl es im Grunde
doch kein Zufall war —, daß der erste Bericht dieser Art an dem Tage von Schusch
niggs Besuch in Berchtesgaden erstattet wurde, der zweite am Tage des Anschlusses
selbst. Was sollte geschehen, wenn eine deutsche Bauernsiedlung in Lateiname
rika »als fertiger Brückenkopf für eine Intervention und später für eine richtige
Invasion aus Europa dienen würde12 «? Wären die Deutschen erst einmal dort, so
würde es nicht leicht sein, sie wieder loszuwerden.
Nichts war in Washington geschehen, nicht einmal auf dem Papier, um dieser
Drohung zu begegnen. In Südamerika gab es, wie der Chef der Heeresluftwaffe
öffentlich erklärte, »Deutschenfreunde, die vielleicht Flugplätze anlegen und
Bomben und Benzin für die Deutschen bereit hielten, wenn diese kämen, um einen
Teil Südamerikas zu übernehmen3«.
Man traf Maßnahmen. Während die Sudetenkrise ihrem Höhepunkt zustrebte,
wurde in Washington ein ständiger Ausschuß für die Verteidigung Südamerikas
gebildet. Ihm gehörten der Unterstaatssekretär im Außenministerium (Sumner
Welles), der Generalstabschef der amerikanischen Armee und der Chef der Opera
tionsabteilung der Flotte an. Man beschloß den Versuch zu machen, die deutschen
1
Hitler over Latin America. New York 1939. S. 14.
2
Mark Skinner Watson: Chief of Staff. Prewar plans and preparations. (United States
Army in World War II). Washington 1950. S. 87. — Eine äußerst wertvolle Studie.
3
36
Evening Public Ledger (Washington), 24. 2. 1938.
Militärmissionen und Piloten aus Südamerika zu verdrängen. Um für alle Mög
lichkeiten gerüstet zu sein, wurden neue Pläne für militärische Operationen ent
worfen. Zu Beginn des Jahres 1939 erhielt die Heereskriegsschule insgeheim den
Auftrag, Pläne für die militärische Unterstützung von Brasilien und Venezuela
auszuarbeiten. Im April 1939 sagte Roosevelt, die Vereinigten Staaten »würden
Gewalt gegen Gewalt setzen, um die Unversehrtheit der Hemisphäre zu ver
teidigen«. Einen Monat vor Ausbruch des Krieges in Europa war der sogenannte
Rainbow-Bericht gebilligt worden, demzufolge die amerikanische Hemisphäre bis
zum 10. Grad südlicher Breite verteidigt werden sollte. Als Begründung diente
»die ernste Gefahr, daß die Achsenmächte sich an dem brasilianischen Buckel
festsetzen könnten ... In einem solchen Falle bestände für die Vereinigten Staaten
die unbedingte Notwendigkeit, den Feind zu vertreiben1.«
Wie hatten nun die Südamerikaner selbst in den Jahren zwischen 1933 und 1939
die deutsche Fünfte Kolonne angesehen? Es lebten dort ja viele Menschen deut
scher Herkunft. Nach deutschen Angaben gab es in Bolivien, Columbien und
Ekuador nur einige hundert und in Venezuela, Peru, Paraguay und Uruguay nur
einige tausend Deutsche; für Brasilien nennen die Deutschen selbst jedoch mehr als
eine halbe Million, für Argentinien schwanken die Angaben zwischen 80.000 und
240.000, und für Chile werden 30.000 genannt. Das waren allerdings keineswegs
alles deutsche Staatsbürger. Weitaus der größte Teil war endgültig aus Deutsch
land ausgewandert und zu Bürgern des einen oder andern südamerikanischen
Staates geworden. Das galt auch für mehr als hunderttausend Einwanderer aus den
deutschen Bauernsiedlungen aus Südrußland, die sich vor allem in Argentinien
niedergelassen haben. Sie sprachen aber deutsch, und das genügte den Statistikern
in Berlin, um sie als »Deutsche« zu betrachten, und die Propagandisten des Natio
nalsozialismus benötigten weiter keinen Anlaß, um nach 1933 zu versuchen, sie
systematisch unter ihren Einfluß zu bringen.
Schriften, in denen das Dritte Reich als Himmel auf Erden geschildert wurde,
wurden in ungeheuren Mengen verteilt. Der deutsche Rundfunk sendete täglich
besondere Programme. In jedem einzelnen Staat entstanden Ortsgruppen der Aus
landsorganisation, die nach 1933 zahlreicher wurden und neue Mitglieder gewannen.
Viele deutschsprachige Zeitungen ließen sich nazifizieren. Wo das nicht gelang,
gründeten die Nazi eigene Zeitungen.
Nun war der Nationalsozialismus als Ideologie für die breiten Massen in Amerika
unannehmbar. Der Kontinent war gesättigt mit spanischer und portugiesischer
Kultur. Zudem waren französische Einflüsse zu verspüren, so daß das Preußische
wenig Beifall fand. Die Verherrlichung einer einzigen Rasse war Menschen zuwider,
die das Ergebnis einer Rassenmischung waren, die immer weiter fortschritt. Die
Grundsätze, auf denen die nazistische Bewegung aufgebaut war, waren den in Süd1 William L. Langer and S. Everett Gleason: The Challenge to Isolation, 1937—1940.
New York 1952. S. 135. — Ein sehr brauchbarer Überblick.
37
und Mittelamerika anerkannten Grundsätzen gerade entgegengesetzt. Der brutale,
schroffe Eifer der Deutschen ging den etwas trägen, umständlichen Lateiname
rikanern, bei denen persönliche Ehrbegriffe eine starke Rolle spielen, gegen den
Strich. Die Lateinamerikaner waren um so peinlicher berührt, als sie sahen, daß die
Nationalsozialisten sich nicht nur von der wachsenden kulturellen Geschlossenheit
des Kontinents absonderten, sondern sogar damit begannen, exklusive deutsche
Gemeinschaften zu gründen. Was sollte aus ihrer Einheit werden, falls die Italiener
und Japaner diesem Beispiel folgten? »Das einzige, was Südamerika vom Ein
wanderer verlangt, ist, daß er sich anpaßt. Die Ankömmlinge sind um so beliebter
oder unbeliebter, je nachdem, wie rasch sie ihre Heimat zu vergessen bereit sind1.«
Die Deutschen aber mochten Südamerika nicht. Ihnen war Deutschland lieber.
Sie hoben den Arm zum Hitlergruß und sangen das Horst-Wessel-Lied. Sie er
öffneten ihre Schulen durch Aufziehen der Hakenkreuzfahne. Sie veranstalteten
in Brasilien und Argentinien einen Tag des Deutschen Volkstums, der zum ersten
mal am 14. März 1937 gefeiert wurde. Am 1. Mai desselben Jahres begingen 16.000
Deutsche den Tag der Arbeit in Buenos Aires »in beispielhafter Ordnung« und
»strenger Disziplin12 «, und in Rio de Janeiro brachten sie in einer deutschen
Fabrik ein Schild an: »Unser Land ist ein Stück von Deutschland3.«
Die Wirkung blieb nicht aus. Die Menschen begannen ernstlich auf die Natio
nalsozialisten
achtzugeben.
Die
Südamerikaner
durchschauten
sie
zwar
nicht
gänzlich, doch wurde immerhin genug bekannt. Im Mai 1937 wurde »ein gewisser
Naziagent namens von Cossel« im brasilianischen Kongreß bloßgestellt: »Er ist
der Anführer einer Spionageorganisation, er verbreitet antisemitische Propaganda
und ernennt und entläßt deutsche Diplomaten. Außerdem erkundet er mit Hilfe
von Führern der Integralisten und von italienischen Technikern strategisch wich
tige Gebiete, Bodenschätze, das Verkehrswesen und andere militärische Tatsachen.
Allein in einer Provinz hatte er bereits mehr als achtzig nazistische Organisationen
geschaffen, die alle mit dem Turnerbund in Berlin Zusammenhängen4.«
Zwei Monate später ließ sich ein Schulinspektor in Argentinien warnend ver
nehmen und sagte, daß die Schulen, in denen die deutsche Sprache benutzt wurde,
»die argentinische Sprache schwächen und töten ... Die Schüler dort sagen, sie
seien nicht Argentinier, sondern Deutsche5«. In einem andern Bericht heißt es:
»Die Wände der Klassenzimmer in jenen Schulen sind mit Landkarten und Sym
bolen fremder Länder bedeckt. Man pflegt dort mit ausgestrecktem Arm zu grü
ßen und dabei den Namen eines ausländischen Führers anzurufen6.«
1
The Times, 26. 6. 1938.
2
Der Auslandsdeutsche 1937. S. 501.
3
Las democracias americanas en peligro. Buenos Aires 1938. S. 11.
4
Ebenda, S. 18.
5
S. G. Inman: Latin America, its Place in World Life. Philadelphia 1942. S. 342.
6
Hitler over Latin America, S. 24.
38
Das Jahr 1938 brachte die Eroberung Österreichs, über die in der südameri
kanischen Presse ausführlich berichtet wurde. Zeitungen wie »La Prensa« und
»La Nacion« in Buenos Aires standen der »New York Times« nicht nach. Im
April rief Hitler alle deutschen Staatsbürger im Ausland zur Volksabstimmung
auf. In vielen südamerikanischen Staaten lagen Schiffe bereit, um deutsche Staats
angehörige über die Dreimeilenzone hinauszufahren. Welch eine Beleidigung der
Souveränität!
In
zwei
brasilianischen
Staaten
verboten
die
Gouverneure
den
Schiffen, auszulaufen.
Brasilien machte damals eine ernste Krise durch. In den letzten Jahren hatte
eine einheimische faschistische Bewegung, das »Accao Integralista Brasileira«, das
1933 gegründet worden war, riesige Ausmaße angenommen. Die Bewegung, deren
Führer Plinio Salgado war — der Nachkomme eines deutschen Militärarztes, der
aus Baden eingewandert war —, hatte in dem Gebiet um Blumenau in Südbrasilien,
einem Mittelpunkt der deutschen Bauernsiedlungen, großen Zuspruch gefunden.
Acht Städte dort wurden von Integralisten regiert und bildeten »eine Hochburg
der Bewegung1«. Salgados Gegner behaupteten, er sei lange Zeit von Deutschland
aus finanziert worden.
Gegen Ende des Jahres 1937 verbot Präsident Vargas die Integralisten. Die
Bewegung wurde trotzdem weitergeführt. Im März 1938 wurde behauptet, ein ge
plantes Attentat auf Vargas sei vereitelt worden. Es wurde berichtet, man habe
bei führenden Integralisten Feuerwaffen und dreitausend mit dem Hakenkreuz ge
schmückte Dolche gefunden. Das hatte zur Folge, daß alle von Ausländern gegrün
deten Vereine aufgelöst wurden. Das Tragen ausländischer politischer Symbole
wurde verboten. Alle ihre politischen Zeitungen wurden verboten oder der Zensur
unterworfen. Brasilianer durften nicht mehr Vereinigungen angehören, die auch
ausländische Mitglieder zuließen. In den Schulen wurde portugiesischer Unter
richt verbindlich gemacht, während Ausländer nicht mehr unterrichten durften.
Kinder unter 14 Jahren durften nicht mehr in einer Fremdsprache unterrichtet
werden. Außerdem warf Vargas eine Anzahl führender deutscher Nazi ins Ge
fängnis.
Das alles geschah im April und in der ersten Maiwoche 1938. Am 11. Mai ereig
nete sich ein neuer Putsch der Integralisten. Einige Stunden lang war die Lage
kritisch, und Vargas mußte selbst bei der Verteidigung seines Palastes helfen. Der
Aufstand wurde niedergeschlagen. Abermals wurde berichtet, es seien deutsche
Waffen gefunden worden. Vargas sagte, es habe »Hilfe aus dem Ausland« gegeben.
Mehrere Nazi wurden verhaftet. Berlin wurde unterrichtet, daß der deutsche Bot
schafter nicht mehr persona grata sei.
Es war kein Wunder, daß von den folgenden Maßnahmen die Deutschen am
schwersten getroffen wurden, obwohl auch Menschen anderer Herkunft — Italiener,
Polen und Japaner — sich den Vorschriften des portugiesischen Brasilien zu fügen
1
Der Auslandsdeutsche 1937. S. 19.
39
hatten. Sie alle wurden zurückgedrängt. Hitzköpfe versuchten sogar, deutsche
Grabinschriften unleserlich zu machen. Zur Begründung erklärte ein brasilianischer
Offizier, »Hitler habe bei der Grenzfestlegung im Sudetenland u. a. auch die Grab
steininschriften zum Beweis der Deutschheit des Landes herangezogen«1. Noch
war der Krieg nicht ausgebrochen, aber »der Durchschnittsbrasilianer sei ... ge
neigt, in jedem Reichsdeutschen einen >nazistischen Spion< und in jedem Deutsch
brasilianer einen Verräter zu sehen12 «.
In Argentinien hatten sich die Dinge ähnlich entwickelt. Seit Beginn des Jahres
1938 hatte man allgemein das Gerücht gehört, die Deutschen besäßen geheime
Stützpunkte
in
Patagonien.
Eine
parlamentarische
Untersuchungskommission
konnte in den ersten Monaten des Jahres 1939 dort nichts Verdächtiges entdecken.
In der letzten Märzwoche veröffentlichte jedoch eine Abendzeitung in Buenos Aires
ein Schriftstück, das sie von einem gewissen Enrique Jürges erhalten hatte. Es war
das Faksimile eines Briefes vom 11. Januar 1937, der die Unterschrift eines Beam
ten der deutschen Botschaft, von Schubert, und des stellvertretenden Landes
gruppenleiters der NSDAP in Argentinien, Alfred Müller, trug. Der Brief war an
den Leiter des Kolonialpolitischen Amtes der deutschen NSDAP gerichtet. Der
Brief3 gab einen Überblick über die Spionage, die auf Weisung aus Berlin im süd
lichen Argentinien in großem Umfang ausgeführt worden war. Als Schluß wurde
berichtet, daß Patagonien »als Niemandsland betrachtet werden könnte«.
Dieses Schriftstück löste eine Explosion aus. Alfred Müller wurde sofort ver
haftet. Der Präsident der Republik ließ durch einen der obersten Richter die
Echtheit der Urkunde untersuchen. Dieser kam zu dem Ergebnis, daß Jürges dem
Präsidenten und der Presse eine falsche Urkunde aufgeschwatzt habe. Müller wurde
entlassen und Jürges eingesperrt. Viele Leute weigerten sich jedoch zu glauben,
daß das Schriftstück wirklich falsch sei. Besaß die NSDAP nicht in Buenos Aires
»30.000 Mitglieder, von denen 20.000 der SA angehörten4«? Gab es nicht in Argen
tinien »43 622 Nazi5«? Die Linke bestand auf einer weiteren Untersuchung. Der
sozialistische
Abgeordnete
Enrique
Dickmann
behauptete
in
der
Sitzung
vom
7. Juni 1939, das Schriftstück sei echt, es könne einfach nichts anderes sein als echt,
nach Form und Inhalt entspreche es genau dem »totalitären nationalsozialistischen
System der Deutschen«.
Inzwischen hatte man radikale Maßnahmen ergriffen. Im Herbst 1938 wurde für
alle Schulen der Unterricht in Spanisch und in argentinischer Geschichte zur
Pflicht gemacht. Am 15. Mai 1939 wurden in einem Teil des Landes alle Gliederun
1
Deutschtum im Ausland (Stuttgart) 1939. S. 585. (Künftig ohne Ortsangabe.)
2
Ebenda, S. 584.
3
Text in »Argentinisches Tageblatt« (Buenos Aires), 31.3.1939. Dies war eine anti-national
sozialistische Zeitung.
4
H. F. Artucio: The Nazi Octopus in South America. London 1943. S. 76.
5
Berliner Tageblatt zitiert von »La Prensa« und New York Times, 9. 9. 1938.
40
gen der Auslandsorganisation
verboten. Die allgemeine Nervosität ließ jedoch
nicht nach. Es gab Gerüchte, daß geheime Waffenlieferungen entdeckt worden
seien. Sicherheitshalber wurden einige Fässer, die aus Deutschland eingetroffen
waren, geöffnet, doch enthielten sie lediglich Honig.
Andere Staaten reagierten auf ähnliche Weise. In Chile, wo ein faschistischer
Staatsstreich im September 1938 gescheitert war, wurden die deutschen Schulen
gezwungen, chilenische Lehrer und Bücher und die spanische Sprache zu verwen
den. Der Leiter des Werbebüros der deutschen Reichsbahn, der antisemitische
Propaganda getrieben hatte, wurde des Landes verwiesen. Uruguay hatte schon
1938 Maßnahmen gegen den deutschen Unterricht getroffen. In Bolivien tat
Präsident German Busch desgleichen.
In keinem der südamerikanischen Staaten hatten die Deutschen nachdrück
lichen Widerstand geleistet. Es fehlten ihnen die Mittel dazu. Sie waren jedoch
vor allem durch die Verstaatlichung der Schulen verbittert worden. Man traute
ihnen nicht. Einem Regime, das sich so plötzlich Prags bemächtigt hatte, konnte
man alles zutrauen. Obwohl manche Südamerikaner vielleicht das Gefühl hatten,
daß die »deutsche Gefahr« eingedämmt worden sei, wagte doch niemand zu
behaupten, sie sei vollkommen gebannt. Viele glaubten eher, diese Fünfte Kolonne
werde, wenn man ihr Gelegenheit gäbe, abermals »in vorbildlicher Ordnung und
mit strikter Disziplin« vorrücken.
*
Wenn wir einen Augenblick innehalten und auf den Gang der Entwicklung
zurückblicken, so sehen wir, daß die Furcht vor der deutschen Fünften Kolonne,
die nach 1933 einsetzte, in hohem Maße eine internationale Erscheinung war.
In den Teilen der Welt, aus denen wir unsere Beispiele bezogen haben — Deutsch
lands Nachbarländer, die Länder in Nord-, West- und Südeuropa mit ihren
Kolonien, das britische Weltreich sowie Nord- und Südamerika —, bildeten die
freie Presse und der Rundfunk ein organisches Ganzes. Die Sowjetunion stand
abseits. Dort folgten Presse und Rundfunk genau den Weisungen des Kreml,
und es wäre schwer zu sagen, inwieweit diese die öffentliche Meinung spiegelten.
Wenn unsere Darstellung den 22. Juni 1941 erreicht, an dem deutsche Panzer
die russische Grenze überquerten, werden wir auf dieses Thema zurückkommen.
Für die übrigen hier genannten Teile der Welt gilt der Satz, daß sie sich, was
die Furcht vor den Deutschen angeht, in immer wachsendem Maße gegenseitig
beeinflußten. Eine verdächtige Handlung in einem Land wurde in Dutzenden
von anderen Ländern beachtet. Infolgedessen beeinflußte die Haltung der Men
schen nicht eine einzelne Tatsache oder eine einzelne Meldung, sondern deren
Anhäufung. Wo immer es Pressefreiheit gab, waren die Menschen in den Zeitungen
auf Berichte über die deutsche Fünfte Kolonne gestoßen oder hatten im Rund
funk davon gehört. Zunächst fand man solche Berichte nur ein paarmal in jedem
Jahr, aber von 1938 an trafen sie wöchentlich oder gar täglich ein. Ein großer
41
Teil davon war in dem Unterbewußtsein der Menschen versunken; er war ver
gessen worden, aber nicht verschwunden.
Wenn wir die allgemeine Entwicklung in großen Zügen geschildert haben, so
bedeutet das natürlich nicht, daß es nicht je nach Lage des einzelnen, der Ge
sellschaftsschichten und Nationen beachtliche Unterschiede gab. Beispielsweise
gab es Leute, die niemals zuließen, daß ihr Panzer aus unverantwortlichem Opti
mismus von irgendeiner alarmierenden Nachricht durchbohrt wurde, während
andere
von
der
Kriegsgefahr
hypnotisiert
wurden.
Wer
in
Deutschland
den
Streiter gegen den Kommunismus sah oder die unausgesprochene Hoffnung
hegte, Nationalsozialisten und Kommunisten würden sich gegenseitig vernichten
(diese Leute fand man auch oder gar besonders in den höchsten Kreisen West
europas), betrachtete die Anzeichen einer deutschen Expansion verhältnismäßig
ruhig, vielleicht sogar mit einer gewissen Genugtuung. Linkskreise hingegen
hatten schon seit 1933 die Welt alarmiert.
Außerdem spielte die Besonderheit jeder Nation und deren Geschichte eine
Rolle. In den skandinavischen Ländern, in Holland und der Schweiz glaubten
viele, sie könnten sich im Falle eines zweiten Weltkrieges genau wie im ersten
aus dem Streit heraushalten. Der Engländer, der sich auf seiner Insel sicher
glaubte und von Natur aus phlegmatisch ist, reagierte weniger heftig als Belgier
und Franzosen, die den »Hunnen« aus dem ersten Weltkriege als einen Zerstörer
und harten Gebieter kannten. Am heftigsten waren die Gefühle dort, wo Völker
in früherer Zeit für längere Dauer unter militärischen Angriffen und sozialer
wie politischer Unterdrückung der Deutschen zu leiden gehabt hatten, wo sie
also einen nationalen Existenzkampf gegen die Deutschen hatten führen müssen,
der viele Generationen lang gedauert hatte. Das war vor allem in dem Lande
der Fall, das wir nun betrachten müssen, da wir uns dem Kriege nähern, dessen
erstes und wohl am härtesten getroffenes Opfer es wurde: Polen.
Die Polen leben in einer Tiefebene, die weder im Osten noch im Westen natür
liche Grenzen kennt, und hatten daher seit Anbeginn ihrer Geschichte mit ihren
wichtigsten Nachbarn, den Russen und den Deutschen, in ständigem Streit ge
lebt. Oft war es zum Krieg gekommen, und fast immer hatte es Auseinander
setzungen gegeben.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Polen von Russen, Preußen und Öster
reichern regiert. Immer wieder kam es zu blutigen Aufständen, die zwar scheiter
ten, aber das Nationalgefühl lebendig erhielten. Dieses Gefühl richtete sich auch
gegen die Deutschen, die als Chauvinisten, Großgrundbesitzer, Industrielle,
Beamte, Lehrer, Polizisten, Lutheraner und Ketzer verhaßt waren. So wuchs
unter den Polen das starke Verlangen danach, wieder Herr im eigenen Hause zu
werden und die Deutschen zu vertreiben, in denen sie ungebetene Gäste sahen.
Nach dem Elend des ersten Weltkrieges, in dessen Verlauf die Fronten mehr
mals von Ost nach West und zurück geschwankt und das Land verwüstet hatten,
sahen die Polen eine Chance für sich. Um die Jahreswende 1918/19 wurde die
42
polnische Republik gegründet. Polnische Patrioten wollten bis an die Ostsee
und die Oder vorstoßen, doch hielten die Deutschen nach einem anfänglichen
Rückzug stand. Als die Grenzen festgelegt wurden, errangen die Polen einen
Korridor zur Ostsee, durch den sie Ostpreußen von dem übrigen Deutschland
trennten. Zwar war es ihnen nicht gelungen, Danzig in Besitz zu nehmen, doch
hatten sie es immerhin dadurch von Deutschland abtrennen können, daß es in
einen Freistaat verwandelt wurde. Die polnischen Farben wehten über dem Land
um Posen und über dem östlichen Teil Oberschlesiens, einem der reichsten
Industriegebiete Mitteleuropas.
Den meisten Deutschen war der Gedanke unerträglich, daß sie sich mit diesen
Verlusten abfinden sollten. Die deutsch-polnischen Beziehungen blieben ge
spannt, was die in Polen lebenden Deutschen zu spüren bekamen. Die Polen
versuchten, die Deutschen systematisch zu vertreiben. Hunderttausende von
Deutschen packten ihre Sachen und zogen ab, andere Hunderttausende blieben.
Wie viele das genau waren, wußte niemand. Berlin sagte eine Million, Warschau
sagte, höchstens 750.000.
Unter diesen Volksdeutschen gab es fraglos viele, zumal unter den Landwirten,
die ebenso wie die Ukrainer, Weißrussen und Juden, insgesamt 13 Millionen
Menschen, geneigt waren, sich mit der unvermeidlichen Oberherrschaft von mehr
als 20 Millionen Polen abzufinden. Die Hitzköpfe unter ihnen dürsteten jedoch
nach Vergeltung und sehnten die Wiederkehr der strengen Ordnung unter einer
deutschen Verwaltung herbei.
Schon 1933 gab es Augenblicke, von denen ein erfahrener amerikanischer
Beobachter schrieb, »die Spannung schiene zu groß, als daß sie noch länger er
tragen werden könne1«. Kaum eine andere europäische Nation war so geschlossen
und so leidenschaftlich gegen das Dritte Reich eingestellt wie die Polen. Seinem
ganzen Wesen und seiner Struktur nach konnte das polnische Volk sich nur gegen
das Reich auflehnen. Der polnische Nationalismus brannte gleichermaßen in dem
Herzen der Intelligenz und der Bauern. Die Oberschicht der polnischen Gesell
schaft unterhielt enge Beziehungen zu Frankreich, die Arbeiter waren Sozialisten
oder Kommunisten, und der jüdische Mittelstand fürchtete den deutschen
Antisemitismus, der noch wütender war als die polnische Spielart. Alle diese
Empfindungen herrschten in einer Atmosphäre der öffentlichen Meinung, die
»so rasch wie Schießpulver Feuer fängt12 «.
Außerdem kam es nach 1933 zu großen Meinungsverschiedenheiten unter den
1
William J. Rose: The Drama of Upper Silesia. A Regional Study. Brittleboro 1935.
S. 318. — Eine bemerkenswerte Arbeit, die tiefen Einblick in die sozialen Aspekte des deutsch
polnischen Gegensatzes gewährt.
2 Aus einem Brief des Völkerbundskommissars in Danzig, Professor Carl Burckhardt, an
F. P. Walters im Generalsekretariat des Völkerbundes, 20. 12. 1938. Documents on British
Foreign Policy 1919—1939. Third Series, Vol. III, S. 659. — Künftig zitiert als Doc. Br. For.
Pol. III, Vol. I. etc.
43
Volksdeutschen, welchen Weg man einschlagen solle. Den Polen blieb dieser
innere Konflikt verborgen. (Wir werden darauf noch in anderem Zusammenhang
zurückkommen.) Jeder Deutsche sprach Hitlers Sprache; das genügte. Außerdem
war die äußere Geschlossenheit im Zunehmen begriffen. Für die Masse der polni
schen Bevölkerung war es eine feststehende Tatsache, daß diese Deutschen das
Kommen des »Führers« ungeduldig erwarteten, und daß die Aktiveren unter
ihnen keine Bedenken haben würden, »mitzumachen«.
An Aktivisten war kein Mangel. Seit 1933 kleidete die »Jungdeutsche Partei«
ihre jungen Mitglieder in eine Uniform mit dem Hakenkreuz. Uniform und Haken
kreuz wurden im Mai 1936 verboten. Zwei Monate später wurden 119 Volks
deutsche in Kattowitz vor Gericht gestellt. Sie hatten einen geheimen Verein
gegründet und waren angeklagt, mit deutschen Staatsangehörigen und mit
Agenten der Gestapo zusammenzuarbeiten, um einen Aufstand in Oberschlesien
vorzubereiten; 99 von ihnen wurden verurteilt. Abermals sechs Monate später
wurden 42 Angehörige einer geheimen deutschen Jugendorganisation zu langen
Gefängnisstrafen verurteilt. Im Sommer 1937 wurde dasselbe Schicksal 48 Jungen
und Mädel zuteil, deren Vergehen unter anderem darin bestand, daß sie Hitlers
Geburtstag in ihrem Lager allzu begeistert gefeiert hatten.
Jeder dieser Prozesse galt der polnischen Öffentlichkeit als Beweis für dunkle
Anschläge. Die Abneigung gegen alles Deutsche war tief eingewurzelt. Wollten
sie die Volksdeutschen beschimpfen, so nannten sie diese »hitlery« oder »hitler
owcy«, was soviel wie Teufel oder Teufelskinder bedeutete. Im innersten Herzen
eines schlichten, gefühlsbetonten und gequälten Volkes lag dieser Vergleich nahe.
Wenn man sich diese allgemeine Stimmung vor Augen hält, leuchtet ein, daß der
polnisch-deutsche Nichtangriffspakt von 1934 keine große Bedeutung hatte.
Regierung und Öffentlichkeit in Polen verstärkten ihren Druck auf die Volks
deutschen, weil ihre durch schmerzliche Erfahrung geschärften Sinne auch in
Hitlers süßesten Worten noch den aggressiven Geist entdeckten. Es kam häu
fig zu Kämpfen gegen Volksdeutsche.
1939 nahm die Spannung rasch zu. Nachdem die Tschechoslowakei ausgeschaltet
worden war, stand fest, daß Hitler nunmehr Forderungen hinsichtlich Danzigs
und des polnischen Korridors anmelden würde. (Die polnische Regierung hatte
die Gelegenheit benutzt, um den umstrittenen Grenzbezirk Teschen zu annek
tieren.) Gegen Ende Oktober 1938 schlug Ribbentrop dem polnischen Außen
minister Josef Beck als Lösung vor, Danzig solle deutsch werden und Deutsch
land das Recht erhalten, eine exterritoriale Autobahn durch den Korridor zu
bauen.
Am 25. März 1939, zehn Tage nach Hitlers Einmarsch in Prag, beschloß die
polnische Regierung im Vertrauen auf Englands und Frankreichs Unterstützung,
jenen Vorschlag endgültig abzulehnen. Die Reservisten von drei Jahrgängen
wurden einberufen. Begeisterung flammte auf. Am selben Tage wurden in den
Häusern einiger Volksdeutscher in Posen und Krakau und in der deutschen Bot
44
schaft in Warschau die Fenster eingeworfen. Eine Viertelstunde lang demon
strierten Menschen vor der Botschaft und riefen: »Nieder mit Hitler! Nieder mit
den deutschen Hunden! Es lebe das polnische Danzig1!« Gerüchtweise verlautete,
in Oberschlesien seien bereits Kämpfe ausgebrochen. Viele Leute hielten den
Krieg für unvermeidlich. Wenige bezweifelten, welche Haltung in diesem Palle
die Volksdeutschen einnehmen würden.
Am 28. April 1939 widerrief Hitler den Nichtangriffspakt mit Polen. Wiederum
waren
die
Reaktion.
Volksdeutschen
die
Landwirtschaftliche
ersten
Opfer
Genossenschaften
der
der
unvermeidlichen
Deutschen
polnischen
wurden
auf
gelöst, und die meisten ihrer Schulen — wenige waren es ohnehin nur noch — wurden
geschlossen, während Volksdeutsche, die sich kulturell betätigten, verhaftet
wurden. Mitte Mai wurde in einer kleinen Stadt, wo 3000 Volksdeutsche unter
beinahe 40.000 Polen lebten, in vielen Häusern und Läden die Einrichtung in
Stücke geschlagen. Mitte Juni wurden die noch vorhandenen deutschen Vereins
lokale geschlossen.
Mittlerweile wurde das deutsche Volk psychologisch auf den Krieg vorbereitet.
Im April hatte Hitler sich endgültig entschlossen, seine Armeen marschieren zu
lassen. Goebbels ließ seine Journalisten immer provozierendere Schlagzeilen ver
wenden. Von Anfang August an verging kein Tag mehr, ohne daß die deutschen
Zeitungen bittere Klage über die »Verfolgungen« der Volksdeutschen führten,
manchmal mit Recht, häufiger auf Grund übertriebener oder erfundener Berichte.
Konnten die polnischen Behörden daraus etwas anderes schließen, als daß die
Deutschen sich zum Krieg rüsteten? Sie erließen weiterhin Sicherungsmaßnahmen
gegen die Volksdeutschen, die ihrerseits zu Tausenden die Grenze zu überschreiten
versuchten — weniger um den Schwierigkeiten des Augenblicks zu entgehen, als
weil sie voraussahen, was der Krieg für sie bedeuten würde.
Gegen Mitte August begannen die Polen, Hunderte von Volksdeutschen vor
beugend zu verhaften. Dabei suchten sie wieder diejenigen aus, welche im Leben
der
Volksdeutschen
führende
Posten
innehatten.
Zahlreiche
Haussuchungen
fanden statt. Deutsche Druckereien und Gewerkschaftsbüros wurden geschlossen.
Am 24. August wurden acht Volksdeutsche, die in Oberschlesien verhaftet
worden waren, auf dem Transport erschossen. Einen Tag später fand die polni
sche Polizei Sprengstoff im Hause von zwei Volksdeutschen in Lodz. Gleichzeitig
ging aus der Erklärung eines verhafteten Deutschen hervor, daß der Deutsche
Sicherheitsdienst Provokateure nach Polen hineinschmuggelte, um volksdeutsche
Bauern ermorden zu lassen, deren Tod dann Berlin wieder den Polen zur Last
legen konnte.
In der Nacht vom 25. zum 26. August — die Nacht, in welcher Hitler ursprüng
lich Polen angreifen wollte — wurden deutsche Saboteure an der Grenze ver
1 Telegramm von Botschafter von Moltke an Auswärtiges Amt, 25. 2. 1939. Dokumente
zur Vorgeschichte des Krieges. Berlin 1939. S. 135. — Wie alle »gefärbten Bücher« (Sir Lewis
Namier) muß diese Quelle zurückhaltend bewertet werden.
45
haftet. Sie hatten versucht, durch die polnischen Linien hindurch die Eisenbahnen
im Hinterland zu erreichen. Am 25. August erregte in Lodz ein aus Deutschland
kommendes Telegramm Aufmerksamkeit: »Mutter tot. Kauft Kränze.« Dadurch
kam die Polizei einer Widerstandsgruppe auf die Spur, die in Konservenbüchsen
mit polnischen Etiketten und in Ölkanistern mit doppeltem Boden 45 Kilogramm
Dynamit versteckt hatte. Außerdem fand man Dutzende von Pistolen und Uhr
werke für Bomben sowie deutsche Funkgeräte. 24 Menschen wurden verhaftet.
Die Nachricht von diesem Fund und von den Verhaftungen eilte über die
Telegrafendrähte und weckte überall bei Polizei und Gerichten die nervöse Frage,
ob vielleicht auch in ihrem Bezirk die Volksdeutschen nur auf ihre Stunde warte
ten. Man holte die Listen hervor, auf denen die Personen verzeichnet standen, die
im Kriegsfalle verhaftet werden sollten.
Am Morgen des 1. September 1939 schlug Hitler um Viertel vor fünf ohne
Ultimatum oder Kriegserklärung zu.
46
I
PANIK IN POLEN
Ehe
Frankreich
und
Großbritannien
an
der
Westfront
eingreifen
konnten,
mußte Polen zertrümmert werden. Der deutsche Generalstab hatte auf Hitlers
Befehl gute Arbeit geleistet. Innerhalb von vier Monaten war ein Operations
plan vorbereitet worden, dessen maßgebliche Gesichtspunkte die Überraschung
des Gegners und die Schnelligkeit der Operationen waren. Das Ziel war, überlegene
Streitkräfte an allen entscheidenden Punkten zu sammeln. Anderthalb Millionen
ausgebildete Soldaten standen bereit, als am 31. August 1939 der Befehl zum
Angriff gegeben wurde. An beiden Enden des weiten Bogens, den die polnische
Grenze bildete, stürmten in der Morgendämmerung des 1. September nahezu
vierzig Divisionen los, darunter alle verfügbaren motorisierten und mechanisierten
Verbände der Deutschen. Dreizehn Reservedivisionen folgten ihnen auf dem
Fuße.
An den meisten Stellen der polnischen Grenze wurden die Verteidigungsan
lagen rasch durchbrochen. Panzerverbände stießen durch diese Lücken tief ins
Land hinein. Die polnische Luftwaffe war am Ende des ersten Kampftages völlig
gelähmt, die Deutschen hatten die Luftherrschaft errungen. Wo die deutschen
Divisionen auf polnische Verbände stießen, kam es häufig zu schweren Kämpfen,
doch gaben überall die überlegene Bewaffnung und Führung der Deutschen den
Ausschlag. Ein polnisches
zersprengt und vernichtet.
griffsplänen alle möglichen
werdende Änderungen der
Regiment nach dem andern wurde eingeschlossen,
Das deutsche Oberkommando hatte bei seinen An
polnischen Gegenbewegungen und dadurch notwendig
eigenen Offensive so sorgfältig vorausgesehen, daß es
während der ersten Kampftage keine neuen Befehle auszugeben brauchte. Jede
deutsche Herresgruppe, Armee und Division, jedes Regiment kannte seine Auf
gabe. Am Ende dieser fünf Tage war die Macht der polnischen Armee gebrochen.
Örtliche Kämpfe dauerten bis Ende September, doch verlängerten sie nur den
Todeskampf. Als der letzte polnische Schuß aus dem letzten polnischen Bunker
verhallt war, waren Regierung und Oberbefehlshaber der Polen nach Rumänien
geflohen. Tausende von Soldaten waren gefallen, nahezu 700.000 waren in Kriegs
gefangenschaft gekommen. Den Deutschen war eine riesige Beute in die Hände
gefallen, große Teile Warschaus lagen in Trümmern, ausgebrannte Dörfer und
47
Höfe
zeugten
davon,
daß
deutsche
Panzer
die
polnische
Ebene
durchpflügt
und deutsche Stukas die Luft zerrissen hatten.
Blickt man auf die Ereignisse zurück, so kann man wohl sagen, daß Polen den
ungleichen Kampf schon verloren hatte, ehe noch das erste Geschoß eines deut
schen Granatwerfers in den Gräben an der Grenze explodiert war. Das würde
auch gelten, wenn nicht am 17. September die russischen Armeen begonnen
hätten, die östliche Hälfte Polens zu besetzen. Die Polen jedoch hatten die Dinge
nicht
auf
diese
Weise
empfunden.
Was
später
in
nüchternen
militärischen
Schilderungen als eine sich stetig entwickelnde, von Anfang an unvermeidliche
Katastrophe erschien, hatten die Polen als einen Wirbel wildester Gefühle er
lebt, in welchem Verzweiflung sich wieder und wieder zu Heldentum steigerte und
Pessimismus in Begeisterung verwandelte.
Der übereilte Wunsch anzugreifen und eine schrankenlose Überschätzung ihrer
eigenen Kraft hatten die polnische militärische Führung veranlaßt, einen Opera
tionsplan aufzustellen, demzufolge die deutschen Angreifer in der Flanke gefaßt
werden und die polnischen Kavallerieverbände in der Mitte im Triumphzug auf
Berlin vorstoßen sollten, wo sie ihre Pferde in Spree und Havel tränken könn
ten. Zu diesem Zweck waren starke polnische Kräfte in Westpolen konzentriert
worden, doch war bei Kriegsausbruch erst etwa die Hälfte der polnischen Divi
sionen vollzählig; andere Divisionen waren unterwegs nach ihrem Bestimmungs
ort, während bei wieder andern die Reservisten erst gerade die Züge erreicht
hatten, die sie an ihre Gestellungsorte bringen sollten.
Das Transportwesen geriet durcheinander, Brücken und Eisenbahnen wurden
von deutschen Bomben zerschlagen, und so kam es, daß neben den Truppen, die
fest in der Hand ihrer polnischen Kommandeure waren, zufällig zusammen
gewürfelte Verbände standen, deren Offiziere und Mannschaften sich nicht kann
ten. Vor und neben den deutschen Panzern und Infanterieverbänden suchten
sich Haufen verzweifelter Flüchtlinge zu Fuß, manchmal auch in Autos und
zumal in Bauern wagen einen Weg nach Osten, wobei sie ein paar dürftige, hastig
zusammengeraffte Besitztümer mitführten.
Diese Zone der Panik und Verwirrung erstreckte sich von den Grenzen bis
ins Innere Polens, wo sich während der ersten Tage niemand eine Vorstellung
über den Verlauf der Kämpfe machen konnte. Zu vielen Divisionen war die
Verbindung abgerissen, und was im Korridor vor sich ging, konnte man in War
schau bald nur noch erraten. Anfangs konnten keine Nachrichten von Nieder
lagen den festen Siegesglauben erschüttern. Am 1. und 2. September herrschte
schrecklicher Zweifel daran, ob England und Frankreich zu ihrem Wort stehen
würden; als aber am Sonntag, den 3. September, die frohe Botschaft von der
zweifachen Kriegserklärung an Deutschland sich ausbreitete, kannte die all
gemeine Begeisterung keine Grenzen.
An vielen Orten erschienen keine Zeitungen mehr und wurden keine Briefe
mehr zugestellt, aber die Rundfunknachrichten nährten einen kräftigen Optimis
48
mus. Zwar besaß keineswegs jeder ein Empfangsgerät, doch wurden die Nach
richten mündlich weitergegeben und durch Gerüchte verbessert. So konnte es
geschehen, daß sich die Leute erzählten, die polnischen Truppen seien überall
im Angriff und näherten sich Königsberg in Ostpreußen. Trat in den Angriffen
der Luftwaffe eine Unterbrechung ein, so sagten die Leute jedesmal, es liege
daran, daß den Deutschen das Benzin fehle. Das Gerücht wollte sogar wissen, die
Deutschen hätten aus Mangel an Bomben »an manchen Orten ihre Zuflucht
dazu genommen, Bündel von Eisenbahnschienen abzuwerfen1«. Jede Meldung,
die ihre Siegeszuversicht bestärkte, wurde von den Polen geglaubt.
Als
aber
die
deutschen
Operationen
fortschritten,
verwandelte
sich
dieser
immer krampfhaftere Optimismus schließlich in verzweifelte Gebete, in Hilfe
rufe und wütende Vorwürfe an die Adresse der Verbündeten, die es unterlassen
hatten, dem deutschen Raubtier an die Kehle zu springen. Und von Anfang an
war Furcht dabei gewesen: Furcht vor der brutalen Gewalt des Krieges, vor den
deutschen Fliegerstaffeln, die ununterbrochen von Westen her wie auf Übungs
flügen herannahten, ja, Furcht vor der ganzen Wehrmacht des Dritten Reiches,
die den Versuch machte, Polens Grenztore aufzustoßen und — nach einigen Tagen
mußte man die bittere Wahrheit eingestehen — dabei nur zu erfolgreich war.
Furcht
und Hoffnung
waren
unlöslich
miteinander verwoben.
Das Gerücht
ging um, die Deutschen hätten aus ihren Flugzeugen vergiftete Schokolade und
Zigaretten und mit Giftgas gefüllte Kinderballons abgeworfen. Andern Berichten
zufolge sollten sie Tabakblätter auf die Wiesen streuen, so daß das Vieh, das
den Geruch von Nikotin nicht ertragen konnte, Hungers sterben würde.
Die deutsche Überlegenheit, die überall offenkundig war; die günstigen Mel
dungen, die nicht bestätigt wurden; die Niederlage, die allmählich immer deut
lichere Gestalt annahm — das alles erschreckte die Polen nicht nur bis ins inner
ste Herz, sondern war zudem vollkommen unbegreiflich. Begreiflich wurde es
nur, wenn man annahm, daß die Rückschläge nicht auf ein Versagen der eigenen
Truppen im offenen Kampf zurückzuführen waren — was ohnehin undenkbar
war —, sondern daß sie auf die Verschlagenheit des Feindes zurückgingen, auf
die Operationen seiner Agenten.
Wer waren diese Agenten? Ganz Polen konnte die Antwort geben: Es waren
alle diejenigen, die seit 1918 als fremde Eindringlinge am polnischen Boden und
an ihren eigenen Organisationen festgehalten hatten, die seit 1933 jeden Abend
1 Volksdeutsche Soldaten unter Polens Fahnen. Tatsachenberichte von der anderen Front
aus dem Feldzug der 18 Tage. Zusammengestellt und bearbeitet von Dr. Kurt Lück, Posen.
Berlin 1940. S. 34. — Alle deutschen Veröffentlichungen über die Leiden der Volksdeutschen
im September 1939 müssen mit Vorsicht aufgenommen werden, sind aber, wie mir scheint,
nicht in allen Einzelheiten unzuverlässig. Im großen ganzen stimmt das von ihnen gezeichnete
Bild mit dem überein, was die Polen selbst in ihren amtlichen Veröffentlichungen mitteilen.
Will man sich von Verfolgungen eine Vorstellung machen, so wäre es ein Fehler, das un
beachtet zu lassen, was die Opfer zu sagen haben. Sie haben gewöhnlich ein besseres Gedächt
nis als ihre Verfolger.
4
49
die feindlichen Rundfunksendungen eingestellt und die sich selbst bei sich daheim
mit den Symbolen des Nationalsozialismus geschmückt hatten: die verfluchten
Niemcy, die Hitlery, die Hitlerowcy, kurzum die deutsche Fünfte Kolonne!
Seit Jahren waren die Polen vor ihnen gewarnt worden. Schon vor Ausbruch
des Krieges waren Plakate mit der Warnung angeklebt worden: »Achtung Spione!
Der deutsche Spion hört mit!« Seit langem hatte ihre Wachsamkeit den Volks
deutschen gegolten; aber offenbar waren sie nicht wachsam genug gewesen.
Am frühen Morgen des ersten September waren die polnischen Abteilungen in
Danzig heimtückisch von deutschen Verbänden angegriffen worden, die in die
Stadt
geschmuggelt
worden
waren.
Die
Nachricht
von
dem
überraschenden
Angriff erreichte Warschau noch, ehe die Verbindungen unterbrochen wurden.
Im Industriegebiet von Oberschlesien hatten deutsche Soldaten, die nicht zur
regulären Truppe gehörten, mit Hilfe von Volksdeutschen, die sich in den ört
lichen Verhältnissen genau auskannten, versucht, Bergwerke, Fabriken und Kraft
werke zu besetzen. An der Grenze waren in der Nacht vorher Brücken von ge
heimnisvollen Gegnern besetzt worden, die nicht genau zu identifizieren waren,
die ihr Ziel jedoch auf Schleichwegen durch die polnischen Linien erreicht hatten.
In
Kattowitz
versuchte
eine
Gruppe
von
Volksdeutschen
mit
Hakenkreuz
armbinden einen Aufstand anzuzetteln. Eine amerikanische Korrespondentin
sah, wie dreißig bis vierzig von ihnen (der älteste war noch nicht zwanzig Jahre
alt) unter schwerer Bewachung abgeführt wurden; ihnen folgten wenige Minuten
später zwei Lastwagen: »Auf ihnen drängten sich Arbeiter, deren Kleidung zer
fetzt, blutbeschmiert und dreckig war. Sie hockten da, von Soldaten umringt;
wer den Kopf hob, wurde mit einem Gewehrkolben niedergeschlagen. Diese
Männer waren ebenfalls an einem nazistischen Aufruhr beteiligt gewesen1.«
Ein Teil der Volksdeutschen, die zur polnischen Armee eingezogen waren —
andere hatten sich einfach nicht gestellt, sondern waren untergetaucht —, leistete
den deutschen Truppen an vielen Stellen ungenügenden Widerstand oder ver
suchte zu fliehen. Unter ihnen wurde die Parole ausgegeben, daß sie unter keinen
Umständen auf Deutsche schießen, sondern sich baldmöglichst gefangennehmen
lassen sollten. Ein Volksdeutscher schrieb später: »Davon wußten die polnischen
Offiziere, aber man glaubte uns einschüchtern zu können, indem man uns in die
vorderste Linie steckte und genau beobachtete2.«
In der Nähe von Posen, inmitten des Gebietes, wo die meisten Volksdeutschen
lebten, fand man am zweiten Kriegstage bei der Mannschaft eines abgeschossenen
deutschen Flugzeuges ein »Merkblatt zur Bekanntgabe an die gegen Polen ein
gesetzten Truppen«, in welchem zu lesen stand: »Die deutschen und anderen
Volksgruppen...
1
2
werden
den
Kampf
der
deutschen
Wehrmacht
unterstützen.«
Claire Hollingworth: The Three Weeks’ War in Poland. London 1940. S. 19.
Der Sieg in Polen. Herausgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht in Verbindung mit
dem Aufklärungsdienst der SA. Berlin 1940. S. 127.
50
Die »aktiv kämpfenden Teile der Volksdeutschen und anderen Volksgruppen«
sollten die besonderen Erkennungszeichen und Kennworte erfahren, die im Merk
blatt sorgfältig aufgezählt waren. Die Erkennungszeichen sollten ein rotes
Taschentuch mit einem großen gelben Kreis in der Mitte, eine hellblaue Arm
binde mit gelbem Mittelpunkt, ein sandfarbener Overall mit gelbem Abzeichen
oder Hakenkreuzarmbinden sein. Das Kennwort sollte »Echo« sein, das auf
deutsch, polnisch, ukrainisch, russisch und tschechisch gleich geschrieben und
ausgesprochen wird.
Alle diese Mitteilungen fanden sich säuberlich in Maschinenschrift auf vier
großen Seiten, ordnungsgemäß unterschrieben: »Für die Richtigkeit Prinz Reuß,
Major.« So stand es schwarz auf weiß zu lesen1.
In Posen, wo man das Merkblatt gefunden hatte, wurden ebenfalls am zweiten
Kriegstage zwanzig deutsche Agenten verhaftet. Sie alle trugen die richtigen
Armbinden und Abzeichen unter ihren Regenmänteln. »Sie gaben zu, daß sie
während der Nacht die Grenze überschritten hätten und daß sie beauftragt seien,
die Räumung der polnischen Armee zu verhindern, Störungsmanöver vorzunehmen
und Verbindungen zu vernichten. Sie alle hatten eine entsprechende Ausbildung
in Deutschland durchgemacht2.«
An verschiedenen Stellen des Polnischen Korridors wurden militärische Ver
bände eingesetzt, die aus Volksdeutschen bestanden oder von diesen unterstützt
wurden. Der französische Konsul im Ostseehafen Gdingen, der in den ersten
Kriegstagen nach Warschau geeilt war, erlebte, daß Volksdeutsche verhaftet
wurden, die beim Umstürzen von Telegrafen- und Telefonmasten ertappt worden
waren. In einer Stadt hatte ihm der Polizeichef entrüstet gesagt, »daß er sich
allen Ernstes zu fragen beginne, ob nicht jeder, mit dem er spreche, ein verklei
deter Volksdeutscher sei, der verhaftet werden sollte3«.
Anderswo in Polen waren die Rückzugwege durch Bäume versperrt worden,
die zu diesem Zweck gefällt worden waren. Man konnte deutsche Agenten treffen,
die als polnische Militärpolizisten, Bahnbeamte und Offiziere verkleidet waren.
»Ihre deutschen Papiere waren in dem Futter ihrer Kleidungsstücke versteckt4.«
Nun, das waren unwiderlegliche Tatsachen. Das Merkblatt des Prinzen Reuß
konnte jedermann lesen. Die verhafteten Deutschen waren zu sehen, ihre Waffen,
Kleidungstücke, Taschenlampen und Drahtzangen konnte man anfassen. Weiter
stand unwiderleglich fest, daß im Korridor und in Oberschlesien junge Volks
deutsche zu den Waffen gegriffen hatten. Diesen Tatsachen wurde jedoch eine viel
weitere Auslegung gegeben. Die breiten Massen des polnischen Volkes erwarteten
nichts Geringeres, als daß die Volksdeutschen in großen Scharen ihrem Herrn
1
Faksimile in: The German Fifth Column in Poland. London 1941. Nach S. 148.
2
Aussage Nr. 4 des Majors J. Z. Ebenda, S. 81/3.
3
Aufzeichnung von R. Chaulet. Ebenda, S. 156.
4
Aussage Nr. 316 eines unbekannten Leutnants. Ebenda, S. 119.
51
und Meister Adolf Hitler zur Hand gehen würden. Diese Erwartungen, so meinten
die Leute, hatten sich bestätigt: überall und von Anfang an.
Zunächst glaubten unzählige Polen, die Volksdeutschen hätten besondere
Schritte unternommen, um zu verhindern, daß ihre Häuser bombardiert oder
beschossen würden. Man sagte, sie hätten dieserhalb Zeichen auf den Dächern
angebracht oder Strohhaufen auf bestimmte Weise in der Nähe der Häuser auf
gestellt oder die Kamine weiß gestrichen. »Bei Nacht«, so berichtete ein polni
scher Leutnant, »wurden diese Kamine nach dem verabredeten Signalcode mit
verschiedenen Farben beleuchtet1.« Auch bei Tage glaubten die Leute, verdächtige
Zeichen wahrzunehmen. Polnische Truppen, die in Gebieten, wo Volksdeutsche
lebten, marschierten, waren häufig davon überzeugt, daß die Bauern bestimmte
Arbeiten verrichteten, welche abredegemäß Signale für die deutschen Truppen
und zumal für die Luftwaffe enthielten. Diese Signale fielen auch den polnischen
Piloten auf. Das Gras war »planmäßig geschnitten« worden. Hürden waren »in
besonderer Ordnung« aufgestellt. Auf einem gepflügten Acker war »einem Plan
zufolge« eine Figur in den Boden getrampelt worden12 .
Wann immer die Deutschen einen Luftangriff ausgeführt hatten, suchten die
Polen in der Nähe der Bombenziele nach Komplizen, die ihrer Meinung nach den
Deutschen Hilfe geleistet haben mußten. Volksdeutsche wurden verdächtigt, in
ihren Zimmern das Licht angelassen zu haben, um der Luftwaffe zu helfen, oder
durch ihre Kamine Lichtstrahlen nach oben geschickt oder gar den deutschen
Flugzeugen durch brennende Streichhölzer den Weg gewiesen zu haben. In West
polen wurde behauptet, der Besitzer eines Steinmetzbetriebes habe nicht nur
einen Funksender, sondern habe auch »von seinem Hof aus den deutschen Fliegern
die Windrichtung angezeigt«. Er wurde hingerichtet3. Zwischen Posen und War
schau versuchten zwei Volksdeutsche, die der Verhaftung entgangen waren, in
einer Hütte ein Mahl zuzubereiten. Polnische Eisenbahnbeamte hörten sie deutsch
reden; Militär wurde benachrichtigt, und die Deutschen wurden gefangen ab
geführt. »Man sagte, wir hätten mit Rauch den deutschen Flugzeugen Zeichen
gegeben, die ständig den Güterbahnhof angriffen4.«
Wie viele wurden aus solchen Gründen verhaftet oder gar getötet? Niemand weiß
es, aber allein in Thorn wurden 34 Menschen erschossen, die »dabei ertappt
wurden, als sie während eines Angriffs deutscher Bomber mit Spiegeln oder
weißem Zeug Signale gaben5«.
Zahllose Volksdeutsche wurden der Spionage oder Sabotage verdächtigt, für
1
Aussage Nr. 410 des Leutnants Z. Ebenda, S. 100.
2
Aussage Nr. 257 des Luftbeobachters S. K. Ebenda, S. 103/4.
3
Aussage Nr. 352 des Leutnants S. Ebenda, S. 100.
4
Marsch der Deutschen in Polen. Deutsche Volksgenossen im ehemaligen Polen berichten
über Erlebnisse in den Septembertagen 1939. Berlin 1940. S. 65.
5
52
The German Fifth Column in Poland. Aussage Nr. 72 des Dr. J. B. S. 120/1.
deren Zweck sie sich kunstvoll verkleidet hätten. Das geschah in polnischen
Uniformen und manchmal in Zivil »als Arbeiter, Bettler, Priester, Angehörige
religiöser Orden« oder »als Frauen1«. Die deutschen Agenten waren jedoch
keineswegs immer vom Scheitel bis zur Sohle besonders angezogen. Natürlich muß
ten sie Erkennungszeichen haben, beispielsweise Bänder in bestimmten Farben.
Andere jedoch gab es, so meinten die Leute, die sich gegenseitig auf viel unauffäl
ligere Weise, durch »besonders geformte Knöpfe, Pullover usw.2« oder durch »eine
Besonderheit ihres Anzuges, ein Band oder ein Halstuch3« zu erkennen gaben.
Was diese Agenten durch Spionage und Sabotage erreichten, mußte natürlich
dem deutschen Hauptquartier gemeldet werden. Man nahm an, daß manche
Berichte durch Signale übermittelt wurden, die von der Straße aus erkennbar
waren. In andern Fällen glaubte man an die Tätigkeit zahlloser Geheimsender,
die den Deutschen eine Fülle von Angaben übermittelten. Die Bevölkerung von
Warschau war während der Luftangriffe der ersten Kriegstage fest überzeugt,
daß die Luftwaffe Verbindung zu Agenten in der Stadt habe, die mit Sendegeräten
ausgerüstet waren.
Man glaubte auch, daß man auf dem Lande zahlreiche solche Sender entdecken
könne, nur waren sie so geschickt verborgen! Sie fanden sich etwa »in der Gruft
eines bekannten Industriellen... im Hause eines protestantischen Pfarrers...
in einem hohlen Baum4«. Einem polnischen Generalstabsoffizier zufolge wurden
bei Haussuchungen allein im Korridor bei Volksdeutschen 15 Kurzwellensender
entdeckt5. Anderswo fand ein polnischer Leutnant »einen kleinen Kurzwellensender
in einer Schachtel, die nicht viel größer als eine Streichholzschachtel war6«.
Personen, unter deren Dach man solche und ähnliche Apparate fand, wurden
natürlich als Gefangene abgeführt. Überhaupt erweckte jeder seltsame Gegen
stand, der typisch deutsch aussah, sofort Verdacht. So wurden in Posen zwei
Volksdeutsche »als Spione« erschossen, weil polnische Soldaten in ihren Wohnun
gen »eine Briefmarkensammlung, einen alten deutschen Helm aus dem ersten
Weltkrieg, eine Motorradlampe und einen Kilometerzähler« entdeckt hatten7.
Es gab keinen Einfall, den man nicht diesen Volksdeutschen zur Last legen
konnte! Ȇberall, wo Deutsche lebten, feuerten sie nachts auf polnische Soldaten,
steckten die Gebäude in Brand, in denen Truppen untergebracht waren, und zer
schnitten die Telefondrähte. Mit Hilfe farbiger Raketen signalisierten sie Einzel
1
Ebenda, sowie Aussage Nr. 134 des Leutnants R. auf S. 96.
2
Aussage Nr. 185 des Leutnants T. S. Ebenda, S. 96.
3
Aussage Nr. 393 des Hauptmanns R. Ebenda, S. 96.
4
Aussage Nr. 203 des Oberstleutnants G. Ebenda, S. 101.
5
Aussage Nr. 24 des Oberstleutnants R. Ebenda.
6
Aussage Nr. 69 des Leutnants G. D. Ebenda, S. 113.
7
Dokument 71 in: Die polnischen Greueltaten an den Volksdeutschen in Polen. Berlin
1940. S. 118.
53
heiten über die polnischen Anordnungen. Sie lockten polnische Truppen in den
Hinterhalt und mischten häufig Senfgas in das Wasser, das sie als Waschwasser
anboten1.« Um ein Beispiel für dieses letzte, besonders finstere Treiben der
Deutschen zu geben: »Ich versichere (schrieb ein polnischer Major nach dem
Feldzug), daß ich Zeuge des Falles von Leutnant Kowalski war, der mit mir in
einer Siedlung in Wolhynien lag, wo es deutsche Einwohner gab. Er wusch sich
mit Wasser, das ihm die Frau des Hauses in einer Schüssel brachte, und alsbald
begann sein Gesicht schrecklich anzuschwellen. Er wurde sofort nach Luck ins
Krankenhaus gebracht, wo man feststellte, daß seine Verbrennungen von Senf
gas, wenn auch glücklicherweise in verdünnter Form, herrührten12 .«
Die Furcht vor der deutschen Fünften Kolonne, die durch Ereignisse und
Berichte, wie sie hier verzeichnet sind, erweckt wurde, war keineswegs nur eine
lokale Erscheinung. Nach Beendigung des Krieges konnte die polnische Exil
regierung von Offizieren und Mannschaften, die ins Ausland geflüchtet waren,
über 500 Aussagen sammeln. Jeder dieser Zeugen berichtete, was er über die
Fünfte Kolonne mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hatte.
Diese Aussagen bezogen sich sowohl auf die erste als auf die letzte Woche des
Feldzuges und stammten aus allen Teilen des Landes.
*
Monate vor Ausbruch der Feindseligkeiten hatte die polnische Regierung an
geordnet, daß Listen von verdächtigen Reichsdeutschen und Volksdeutschen
angelegt wurden. Das geschah wahrscheinlich im April und Mai 1939, also etwa
zu der Zeit, als Hitler den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt widerrief. Wie
wir schon sahen, wurden einige Gruppen von Volksdeutschen vor Ausbruch des
Krieges verhaftet und in Internierungslager gebracht. Die Mehrzahl ließ man noch
in Frieden. Am ersten Kriegstage jedoch erhielten die polnischen Gerichte und
Polizeibehörden über den polnischen Rundfunk — so jedenfalls behaupteten die
Deutschen — besondere Anweisung, die bereitliegenden Listen anzuwenden.
Alsbald wurden schon am 1. September überall dort, wo Reichsdeutsche und
Volksdeutsche lebten, Haftbefehle erlassen. Es gab Haftbefehle auf rotem, rosa
und gelbem Papier. Wer einen roten Haftbefehl erhielt, mußte in das Orts
gefängnis eingeliefert werden, während seine Wohnung sofort durchsucht wurde.
Wer ein rosa Papier erhielt (gewöhnlich Reichsdeutsche), mußte sich der Polizei
zur Internierung stellen. Die gelben Haftbefehle bedeuteten, daß die Betroffenen
sich in bestimmte Gebiete in Mittel- oder Ostpolen weit von der deutschen Grenze
entfernt begeben mußten. Die polnischen Behörden versuchten also, die Mehrheit
der Volksdeutschen nicht zu belästigen, sondern nur solche Elemente, denen sie
nicht uneingeschränkt trauten, von dem wahrscheinlichen Schauplatz der Hand
1
The German Fifth Column in Poland, S. 48.
2
Aussage Nr. 70 des Majors F. S. Ebenda, S. 117.
54
lung zu entfernen und nur diejenigen einzusperren, die als offene Feinde des polni
schen Staates galten.
In der Praxis bedeuteten alle diese Unterschiede nicht viel. Die Reichsdeut
schen, die interniert werden sollten, konnten nicht transportiert werden. Wer
nach Mittel- oder Ostpolen reisen sollte (ausgerüstet mit Vorräten für vier Tage),
fand sich manchmal auf Bahnhöfen ein, von denen keine Züge für Zivilisten
mehr abgingen. So endete es damit, daß alle diejenigen, die irgendeinen Haft
befehl bekommen hatten, unbeschadet der Farbe, in ihrem Polizeibüro, im Ge
fängnis oder einem Internierungslager landeten. Auf dem Wege dorthin wurden
manche Deutsche von der erregten Bevölkerung »mit Fußtritten traktiert, mit
Gewehrkolben geschlagen, angespien und mit den gemeinsten Schimpfworten
bedacht1«. Die Volksmenge versammelte sich vor den Häusern von Leuten, die
verhaftet worden waren, und ging manchmal so weit, die Fenster einzuwerfen.
Wichtig war, daß neben den »amtlichen« Verhaftungen auch »nichtamtliche«
stattfanden. An vielen Orten hatten polnische patriotische Vereine eigene Listen
von Leuten aufgestellt, die sie für unzuverlässig hielten. Auch diese Listen wur
den jetzt, oftmals auf sehr harte Weise, angewendet. In den Straßen hörte man
Rufe: »Holt sie! Schlagt die Niemcy, die Szwaby, die Schweine, die Spione tot12 !«
Haß und Furcht richteten sich nicht nur gegen die in der Nachbarschaft
lebenden Deutschen. Noch gefährlicher waren vielleicht andere Menschen, die
auch Deutsche, jedoch nicht als solche bekannt waren. An manchen Stellen
zwang man Leute, denen man nicht traute, polnische Wörter auszusprechen, an
denen man sich die Zunge abbrechen konnte, um ihre Herkunft nachzuweisen.
In Oberschlesien, wo die Spannung am größten war, wurden Angehörige von
polnischen Vereinen mit Gewehren ausgerüstet; »alles, was auf Anruf deutsch
oder gar nicht antwortete, wurde erschossen3«. Auf diese Weise wurden in den
ersten drei Kriegstagen zahlreiche Deutsche, und zwar meistens Volksdeutsche,
verhaftet oder anderweitig aus dem Wege geräumt.
Was sollte mit all diesen Menschen geschehen? Offenbar mußten sie dem Zu
griff der Deutschen entzogen werden. Ganz allgemein hieß es darum: Nach Osten
abschieben! In manchen Fällen wurden besondere Züge zusammengestellt, in
andern Fällen mußten sie zu Fuß gehen. Gelegentlich kam es auch vor, daß die
Insassen von Zügen auf halbem Wege aussteigen und ihre Reise zu Fuß fort
setzen mußten. Alle diese Transporte sollten in den großen Internierungslagern
nahe der russischen Grenze enden. Manche gelangten dorthin, andere nicht. Die
Gesamtzahl der Volksdeutschen, die abgeschoben wurde, ob sie nun interniert
wurden oder nicht, schätzten die Deutschen auf weit über 50 0004.
1
Die polnischen Greueltaten usw. S. 21.
2
Ebenda, S. 22.
3
Volksdeutsche Soldaten unter Polens Fahne. S. 49.
4
Marsch der Deutschen in Polen. S. 14. Die Polen behaupteten, die Zahl sei geringer gewesen.
55
Die Behandlung in den Lagern war schlecht, doch hatten die Gefangenen auf
dem Wege dorthin schlimmeres zu erdulden. Ein Zug von Gefangenen, der ein
Dorf verlassen hatte, war beim Eintreffen im nächsten Dorf nur noch ein Haufe
von staubbedeckten Einzelnen. Sie wurden bewacht — also mußten sie etwas
auf dem Gewissen haben! Es waren Deutsche, Niemcy, Hitlerowcy. Sie waren
verantwortlich für Polens Unglück. Menschenmengen sammelten sich neben dem
Gefangenenzug
an,
die
ihren
Gefühlen
Ausdruck
gaben.
Ein
Volksdeutscher,
der vielleicht seine eigenen Erfahrungen zu sehr verallgemeinerte, schrieb später :
»Wir lernten gründlich kennen, was Spießrutenlaufen ist. Überall, wo wir durch
eine größere Ortschaft kamen, war die Straße dicht gesäumt mit Volk jeden
Alters und Geschlechts, das wie rasend war, schimpfte, spuckte, mit Steinen oder
Mist warf und mit Stöcken auf uns einschlug; am schlimmsten wüteten geflüchtete
Eisenbahner und Soldaten. Die uns begleitende Polizei war uns feindselig ge
sinnt, ließ uns kaum einmal am Tage Wasser trinken und nur selten vom Marsch
ausruhen; aber sie bewahrte uns in den Städten immerhin davor, von der Menge
totgeschlagen und zertreten zu werden, wenn auch fast jeder von uns, besonders
in den ersten Tagen, verletzt wurde1.«
Das Verhalten der Wachmannschaften war unterschiedlich. Manchmal trieben
sie die polnische Menge mit Gummiknüppeln zurück, doch kam es auch vor, daß
sie es nicht ungern sahen, wenn man den Gefangenen übel mitspielte. Im allgemei
nen benahm sich die Polizei, die immerhin wußte, wen sie begleitete, besser als
die gleichgültigen polnischen Soldaten, die häufig die Polizisten ablösten. Die
Soldaten erschossen unterwegs eine ganze Anzahl »Spione« und leisteten häufig
keinen ernstlichen Widerstand, wenn das Publikum versuchte, sich einiger
Volksdeutscher zu bemächtigen, um sie zu töten. In mehreren Fällen kam es zu
sadistischen Morden. Nach Abschluß der Kämpfe wurden Leichen von Volks
deutschen gefunden, die scheußlich verstümmelt oder mit einem toten Hund
zusammen in eine Grube geworfen worden waren.
Mittlerweile kam es an zahlreichen Orten, aus denen die verdächtigen Volks
deutschen schon entfernt worden waren, zu neuen Ausschreitungen. Aus pani
scher Angst vor der Fünften Kolonne wurden Häuser und Gehöfte, die Volks
deutschen gehörten, gestürmt und geplündert. Dabei kamen manchmal ganze
Familien ums Leben. Auch hierbei fanden sadistische Neigungen Ausdruck und
wurden nicht nur geduldet, sondern mit Beifall aufgenommen. Es gab aber auch
Polen, die einen kühlen Kopf behielten. Sie warnten vor Ausschreitungen und
halfen manchmal sogar beim Schutz von Volksdeutschen, die sie in ihren eigenen
Häusern versteckten. Auch gab es Offiziere, welche Hinrichtungen untersagten
oder verhinderten. Obwohl man allgemein der Auffassung war, kein Deutscher
verdiene es, daß man sich für ihn einsetze, taten manche Polen es doch unter
Gefährdung ihres eigenen Lebens.
1
56
Ebenda, S. 59.
Es ist unmöglich zu sagen, wie groß insgesamt die Zahl derer war, die der Wut
des polnischen Volkes zum Opfer fielen. Von deutscher Seite wurde berichtet,
daß man bis zum 1. Februar 1940 die Leichen von annähernd 13.000 ermordeten
Volksdeutschen gefunden und identifiziert habe1. Diese Zahl ist erfunden. Es ist
jedoch nicht unwahrscheinlich, daß von den 750.000 bis 1.000.000 Volksdeutschen
in Polen mehrere tausend während der Panik vor der Fünften Kolonne ihr Leben
verloren haben2.
Die Polen bedauerten nicht, was sie getan hatten. Mit welchem Jubel nahmen
die Volksdeutschen die deutschen Besatzungstruppen auf! Mit welchem Eifer
leisteten sie den Truppen, welche die den Polen so verhaßten Uniformen trugen,
tausenderlei Dienste! Sie saßen auf den Panzern, um den Deutschen den Weg
zu zeigen, sie standen an den Straßenrändern, warfen den vorüberziehenden
Deutschen Blumen zu und wurden nicht müde, »Heil Hitler«! zu rufen. Sie eilten
in die Häuser, um Krüge mit Milch zu holen. Sie verteilten an die Soldaten Bröt
chen, Kaffee und Schokolade, und überall »konnte man den deutschen Gruß, den
Namen des Führers, hören3.« Sie schmückten ihre Häuser mit papierenen Haken
kreuzfähnchen und stellten in die offenen Fenster blumengerahmte Hitlerbilder.
Die Frauen »faßten die Soldaten an den Händen und versuchten sie zu umarmen«.
Sie drängten ihnen ihre letzten Zigaretten auf, ihre Kinder kletterten auf die
Militärfahrzeuge und »alles war außer sich vor Freude4«.
Wie schmerzlich aber waren solche Szenen für die Polen, die um ihre verlorene
Freiheit klagten und, da sie die Deutschen kannten, die Zukunft mit schreck
licher Sorge erwarteten. Vor dem Kriege hatten die Leute den Verdacht ge
hegt, daß die Volksdeutschen bei gegebener Gelegenheit Verrat üben würden.
Während des Krieges war dieser Verdacht bestätigt worden. Nach dem Kriege
wurde er abermals bestätigt. Nicht ein einziger Pole zweifelte daran, daß die
Volksdeutschen Verschwörer seien, mochte er nun im Lande leben oder in der
Emigration.
Merkwürdigerweise
schenkten
—
natürlich
mit
Ausnahme
der
polnischen
Flüchtlinge — nur wenige Menschen außerhalb Polens den Missetaten, welche die
Volksdeutschen begangen haben sollten, größere Beachtung. Die Flüchtlinge
hingegen berichteten solche Dinge in Fülle. Die in Frankreich gebildete Exil
regierung erhielt ständig Berichte über Ausschreitungen der Fünften Kolonne.
Gegen Ende 1939 gelangte in ihren Besitz auch das aufschlußreiche Merkblatt,
das man in der Nähe von Posen gefunden hatte. Nachdem sie es auf seine Richtig
1
Die polnischen Greueltaten usw. S. 5.
2
Soviel wird in einer mit Datum vom 14. 6. 1954 von Dr. K. M. Pospieszalski vom Pol
nischen West-Institut in Posen verfaßten Denkschrift zugegeben. Ebenso in: Dokumenty
Polskiego Okrucienstwa (Metody propagandy Hitlerowskiej), Berichte des Ausschusses
deutscher Greueltaten in Polen. Band III. Warschau 1947, S. 147—71.
3
Der Sieg in Polen. S. 38.
4
Die polnischen Greueltaten usw. S. 125 und Dokument 74, S. 122.
57
keit geprüft hatte, übergab sie es der Weltpresse, und die Londoner »Times«
veröffentlichte am 4. Januar 1940 lange Auszüge daraus.
Die polnische Exilregierung veranlaßte ferner im April 1940 in Paris die Ver
öffentlichung eines Buches »L’invasion allemande en Pologne«, worin die Leiden
der polnischen Zivilbevölkerung und die Tätigkeit von Angehörigen der Fünften
Kolonne anschaulich
Der aus Warschau
geschildert wurden. Andere
entkommene Korrespondent
ergänzten diese Darstellung.
des »Manchester Guardian«
berichtete, die Zahl der deutschen Spione »ging in die Tausende« und daß »die
rund eine Million zählenden Angehörigen der deutschen Minderheit von den Nazi
aufs äußerste ausgenutzt wurden«, sowie ferner, daß volksdeutsche Mädchen, die
in Deutschland angeblich eine Ausbildung als Krankenschwester erhalten soll
ten, »statt dessen auf Spitzelschulen geschickt wurden1«. Ein Schweizer Offizier
sprach im März 1940 von der »Vollkommenheit, mit der das Spitzelsystem der
deutschen Minderheit seine Aufgabe erfüllte12 «.
Die öffentliche Meinung der Westmächte schenkte solchen Berichten und
Kommentaren nur wenig Beachtung. Polen lag weit entfernt, Polen war Ost
europa. Was bewies schließlich Polens Niederlage anderes, als daß die »Republik
der Obersten«, die niemals eine Demokratie gewesen, schon morsch gewesen
war? Die Menschen schauderten angesichts von Bildern des zerstörten War
schaus, wollten jedoch nicht eingestehen, daß die deutsche Militärmaschine, die
in wenigen Wochen eine tapfere Armee von mehr als einer Million Mann wie eine
Dampfwalze überrollt hatte, immer noch vorhanden und sogar stärker geworden
war.
Oder sollte die Furcht vor dem, was vielleicht noch kommen würde, tief im
Innern der Menschen doch zugenommen haben? Mußte man sich nicht, wenn man
der Wahrheit ins Gesicht zu sehen wagte, fragen, was für Überraschungen Hitler
seinen übrigen Gegnern noch bereiten konnte?
Die Befürchtungen derer, die sich solche Fragen vorlegten, wurden jedenfalls
durch die Enthüllungen vermehrt, die Hermann Rauschning in jenem ersten un
wirklichen Kriegswinter machte. Die »Gespräche mit Hitler« erschienen gleichzeitig
in mehreren Ländern. In England erlebte das Buch in einem Monat drei Auflagen.
Hier fand man Hitlers eigene Worte, wiedergegeben nach Aufzeichnungen aus den
Jahren 1932—34. Aus seinen Worten klang nicht nur die destruktive Dämonie seines
Wesens, sondern auch seine weitschauende Verschlagenheit als künftiger Welt
eroberer, der seine Meisterschaft im Angriff von innen her voll auszunutzen ge
dachte. Kein Mittel, das diesem Zweck diente, würde er vernachlässigen: massierte
Luftangriffe, Überraschung, Terror, Sabotage, Attentate — diese und viele andere
Methoden waren in seinen Plänen vorgesehen. Eine Kartei aller Staatsmänner der
Welt sollte angelegt werden, worin deren geheime Schwächen verzeichnet wurden.
1
Manchester Guardian, 21. 10. 1939.
2
Neue Zürcher Zeitung, 7. 3. 1940
58
Neue Giftgase sollten Verwendung finden. Agenten, die als Handlungsreisende
auftraten, sollten Bakterien in feindliche Länder einschmuggeln.
Gegenüber dem Gauleiter Forster von Danzig und dessen Begleitung hatte
Hitler erklärt:
»Wenn ich Krieg führe, Forster, dann werde ich eines Tages mitten im Frieden
etwa Truppen in Paris auftreten lassen. Sie werden französische Uniformen anhaben.
Sie werden am hellen Tage durch die Straßen marschieren. Niemand wird sie an
halten. Alles ist bis aufs kleinste vorbereitet. Sie marschieren zum Generalstabs
gebäude. Sie besetzen die Ministerien, das Parlament. Binnen weniger Minuten ist
Frankreich, ist Polen, ist Österreich, ist die Tschechoslowakei seiner führenden
Männer beraubt. Eine Armee ohne Generalstab. Alle politischen Führer sind erledigt.
Die Verwirrung wird beispiellos. Aber ich stehe längst auch mit Männern in Ver
bindung, die eine neue Regierung bilden. Eine Regierung wie sie mir paßt. Wir
finden solche Männer, in jedem Lande finden wir sie. Wir brauchen sie nicht zu
kaufen. Sie kommen von selbst. Ehrgeiz und Verblendung, Parteihader und Dünkel
treiben sie. Wir haben einen Friedensschluß, ehe wir den Krieg haben. Ich garan
tiere Ihnen, meine Herren, daß das Unmögliche immer glückt. Das Unwahrschein
lichste ist das Sicherste. Wir werden Freiwillige genug haben, Männer wie unsere
SA, verschwiegen und opferbereit. Wir werden sie mitten im Frieden über die
Grenze bringen. Allmählich, kein Mensch wird in ihnen etwas anderes sehen als
friedliche Reisende. Heute glauben Sie das nicht, meine Herren. Aber ich werde
es durchführen, Zug um Zug. Vielleicht werden wir auf den Flugplätzen landen.
Wir werden soweit sein, nicht bloß Mannschaften, sondern auch schon Waffen durch
die Luft zu transportieren. Uns hemmt keine Maginotlinie. Unsere Strategie ist,
Forster, den Feind von innen zu vernichten, ihn durch sich selbst besiegen zu lassen.1«
Der so sprach, hatte innerhalb anderthalb Jahren Österreich, die Tschecho
slowakei und Polen erobert. Was wäre wohl sein nächster Zug?
1
Hermann Rauschning: Gespräche mit Hitler. London 1939. S. 17-18.
59
II
DÄNEMARK UND NORWEGEN ÜBERRASCHT
1. DÄNEMARK
In den frühen Morgenstunden des 9. April 1940 wurden die Bewohner der
dänischen Hauptstadt Kopenhagen durch den Motorenlärm eines Flugzeugge
schwaders geweckt, das in geringer Höhe über die Dächer der Stadt flog. Was
konnte das bedeuten? Was war geschehen?
Schneller als sonst kleideten sich die Menschen an und gingen auf die Straße.
An allen wichtigen Straßenkreuzungen sahen sie Soldaten in unbekannten Uni
formen, die teilweise drohend aussehende Maschinengewehre bemannten.Deutsche!
Unglaublich! Woher kamen sie? War denn Krieg? Eine Invasion? Was sagte die Re
gierung dazu? Wo waren die eigenen Truppen? Wurde kein Widerstand geleistet?
Die Menschen standen in Gruppen zusammen, zuerst in unruhigem Verlangen
nach Aufklärung so verblüffender Vorgänge, später in schweigender Verzweiflung,
als sich das Gerücht verbreitete, Dänemark sei von deutschen Truppen besetzt
worden und die Regierung habe, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, an
gesichts der erdrückenden Übermacht kapituliert. Zuerst war das nur ein Gerücht,
aber gegen neun Uhr bestätigte der dänische Rundfunksender Kalundborg die
Nachricht.
Auf Anordnung
des
Oberbefehlshabers
der
deutschen
Besatzungsstreitkräfte
in Dänemark wurde eine Proklamation verbreitet, der zufolge Deutschland Däne
mark und Norwegen besetzt hatte, um einer britischen Invasion zuvorzukommen.
Dänemarks Freiheit solle jedoch respektiert werden, und die Bevölkerung wurde
aufgefordert, wie gewöhnlich an die Arbeit zu gehen und Ruhe zu bewahren. Un
mittelbar danach verbreitete der Rundfunk eine Botschaft König Christians und
der Regierung: Ja, so war es. In der Stadt wurden Plakate angeschlagen, die den
gedruckten Text der Proklamation General Kaupischs und des Königs trugen.
Kurz danach fuhr ein Lautsprecherwagen durch die Stadt und verkündete die
Proklamation General Kaupischs, die von den Häusern widerhallte.
Es war unbegreiflich. Wie konnten diese bewaffneten Deutschen in der Morgen
dämmerung in Kopenhagen eingedrungen sein? Hatten die Festungen, die ihre
Schiffe bestimmt passiert haben mußten, nicht einmal auf die Angreifer das Feuer
eröffnet? Was hatte die Regierung dazu bestimmt, sich dieser Schmach so schnell
zu unterwerfen? Hatten die Generalstäbe von Heer und Marine geschlafen?
60
Im Laufe des 9. April erfuhr man, daß nicht nur Kopenhagen bei Tagesanbruch
besetzt worden war. Alle für die Verteidigung des Landes wichtigen Punkte waren
den Deutschen in die Hände gefallen. Nicht überall hatten sich die dänischen
Truppen überraschen lassen. In Kopenhagen hatte das Garderegiment gegen die
Deutschen, die das Kastell, das alte Fort am Hafen, erobert hatten, einen Gegen
angriff unternommen, und auch im südlichen Jütland war es zu Gefechten gekom
men. Das schwache Feuer war eingestellt worden, nachdem die Nachricht von der
Kapitulation über den Rundfunk verbreitet worden war. Der Widerstand, zu dem
es hie und da gekommen war, änderte jedoch nichts an dem allgemeinen Eindruck
der völligen Überraschung: Dänemark war innerhalb eines Tages, nein, inner
halb einer Stunde überwältigt worden.
Rief man sich die Ereignisse der vergangenen Wochen in die Erinnerung zurück,
so mußte man zugeben, daß an beunruhigenden Anzeichen kein Mangel gewesen
war. Während des ganzen Winters 1939/40 war der skandinavische Raum der
Schauplatz internationaler Spannungen gewesen. Seitdem die Briten einige ihrer
Landsleute, die sich als Kriegsgefangene an Bord des deutschen Schiffes Altmark
befanden, in norwegischen Territorialgewässern gerettet hatten, war viel von
alliierten Plänen für eine Landung in Norwegen die Rede gewesen. Der zwischen
Finnland und Rußland geschlossene Friedensvertrag hatte keine wirkliche Ent
spannung zur Folge gehabt. London und Paris hatten allzu deutlich erkennen
lassen, sie würden den ungestörten Transport des Eisenerzes von den schwedischen
Ostseehäfen oder von Narvik nach deutschen Häfen nicht für alle Zeit ruhig mit
ansehen. Dieserhalb war sicher mit erheblichem Druck auf die norwegische und
schwedische Regierung zu rechnen. Wie würden dann die deutschen Gegenmaß
nahmen aussehen? Befürchtungen dieser Art waren jedoch durchweg allgemeiner
und theoretischer Natur. Die Dänen machten sich mehr Sorgen um das Schicksal
Norwegens und Schwedens als um ihr eigenes.
In der ersten Aprilwoche waren aus Berlin, London und Stockholm Nachrichten
gekommen, daß eine Krise bevorstehe. Der dänische Gesandte in Berlin hatte am
Sonntag, den 7. April, folgendes Chiffretelegramm geschickt: »Erfahre, daß Trans
portflotte Stettin am 4. April verlassen hat. Westlicher Kurs, Bestimmungsort
unbekannt, aber Eintreffen 11. April erwartet1.« Der dänische Außenminister
Dr. Munch hatte alsbald von den Stäben des Heeres und der Flotte nähere Aus
kunft verlangt. Die Marine hatte nichts Verdächtiges bemerkt — dabei sollte der
Transport seit drei Tagen unterwegs sein! Der Generalstab wußte nichts von deut
schen Truppenansammlungen an der Südgrenze Jütlands oder über ungewöhn
lichen Betrieb in deutschen Häfen, beispielsweise in Kiel. Also falscher Alarm?
Oder war doch etwas im Gange?
1 Betaenkning til Folketinget afgivet af den af Tinget under 15. Juni 1945 nedsatte Kom
mission i Henhold til Grundlovens § 45. (Denkschrift der Untersuchungskommission des
Dänischen Parlaments) 1. Band. Kopenhagen 1945. S. 24. — Dieser Bericht, der als Original
quelle größte Bedeutung hat, wird im folgenden als Dän. Pari. Ber. zitiert werden.
61
Am Morgen des 8. April wurde bekannt, daß die britische und französische Regie
rung in Oslo Noten überreicht hatten, worin erklärt wurde, in norwegischen Küsten
gewässern seien Minenfelder gelegt worden, um den Transport von Eisenerz nach
Deutschland zu verhindern. Was würden die Folgen dieses Unternehmens sein?
Das dänische Kabinett wußte nicht recht, was es tun sollte. Luftaufklärung hatte
gezeigt, daß ein deutsches Geschwader auf der Fahrt gen Norden begriffen war.
Sollte man die Mobilmachung verkünden? Der Außenminister sprach über seine
Befürchtungen mit dem deutschen Gesandten von Renthe-Fink. Dieser vertrat die
Ansicht, daß so weitreichende Vorsichtsmaßnahmen angesichts des zwischen beiden
Ländern bestehenden Nichtangriffspaktes in Berlin einen höchst unvorteilhaften
Eindruck machen würden.
Um acht Uhr abends hielten Ministerpräsident Stauning, der Außenminister,
der Verteidigungsminister und der Finanzminister mit den Führern der vier wich
tigsten Parteien eine Beratung ab. Sie waren der Ansicht, daß Deutschland im
Falle eines Konfliktes um Norwegen gegenüber Dänemark gewisse Forderungen
stellen würde. Angesichts der Tatsache, daß das Land nahezu unbewaffnet war,
werde man diesen Forderungen nachgeben müssen. Diese Auffassung wurde dem
deutschen Gesandten in vorsichtiger Form mitgeteilt.
Um vier Uhr morgens rief Renthe-Fink das Außenministerium an, um zu sagen,
er habe Weisung, für 4.20 Uhr um eine Unterredung mit dem Minister nachzusuchen.
Der diensttuende dänische Beamte nahm an, daß es sich um 4.20 Uhr nachmittags
handele, doch wurde ihm sein Irrtum rasch klargemacht. Weniger als eine halbe
Stunde später, als der deutsche Gesandte Dr. Munch das Ultimatum überreichte,
hatten die Operationen der deutschen Wehrmacht bereits begonnen. »Trotz der
frühen Stunde meines Besuches, die Ungewöhnliches erwarten ließ, war man
auf den Inhalt meiner Demarche in keiner Weise vorbereitet. Die Nachricht,
daß die deutschen Truppen bereits die dänische Grenze überschritten hätten
und noch dazu im Begriff seien, in Kopenhagen zu landen, wollten sie zunächst
nicht glauben1.«
Arme, verdutzte Regierung! Armes überraschtes Volk! Zumal die Bevölkerung,
die im Schlaf überrascht und überwältigt worden war, suchte nach einer Erklärung
für die verblüffende Schnelligkeit der Invasion. Daß die Regierung versagt hatte,
war allen klar und führte zu vielen bitteren Vorwürfen. Aber waren die Mittel,
deren sich diese schlauen Deutschen bedienten, überhaupt solcher Art, daß ein
gewöhnliches Gemeinwesen sich dagegen schützen konnte? Wie konnten die deut
schen Truppen so rasch zur Stelle sein? Das Gerücht lief um, sie seien in den Lade
räumen einiger deutscher Schiffe gewesen, die vor einigen Tagen in den Hafen von
Kopenhagen eingelaufen waren, und hätten sich auf der Fähre WarnemündeGjedser in einigen Güterwagen versteckt; sobald jedoch die Fähre auf See war,
1
Mitteilung von Renthe-Finks an Auswärtiges Amt, 15. 4. 1940. Dän. Pari. Ber. XII (Dok.)
S. 214
62
seien sie »wie die Griechen aus dem trojanischen Pferd1« hervorgekommen, um
sich des Schiffes zu bemächtigen.
In der Hauptstadt besetzten die Deutschen am Morgen des 9. April zahlreiche
dänische Büros. Deutsche Einwohner zeigten ihnen eifrig und begeistert den Weg
und dienten als Dolmetscher. In kürzester Zeit wurden Rundfunk, Post, Telegrafenund Telefonämter deutscher Aufsicht unterstellt. Die Deutschen wußten genau,
wohin sie zu gehen hatten. Das konnte nicht improvisiert sein! Es hatte Monate
sorgfältigster Vorbereitung erfordert!
Hin und wieder hatte die dänische Presse Meldungen über die Aufdeckung von
Spionage gebracht. Vor weniger als einem halben Jahr war eine Gruppe von neun
deutschen Staatsangehörigen verhaftet worden, die unter der Leitung des Korre
spondenten der »Berliner Börsenzeitung« Horst von Pflugk-Hartung Schiffahrts
spionage getrieben hatte. Diese eine Gruppe war entdeckt worden — aber wie viele
hatten ungestört arbeiten und damit als Fünfte Kolonne die Invasion Dänemarks
hilfreich vorbereiten können? Die volksdeutschen Nazi in Nordschleswig, die fast
in demselben Augenblick, als deutsche Truppen eintrafen, vollbewaffnet auf den
Straßen erschienen, hatten wahrscheinlich auch nichts Gutes im Sinne gehabt!
»Die Regierung übernimmt für das, was geschehen ist, die volle Verantwortung«,
erklärte der alte Ministerpräsident Stauning gebeugt in einer am selben Abend
stattfindenden Sitzung des Parlaments, die nur zwölf Minuten dauerte. Als die
Abgeordneten schweigend das Gebäude verließen, war der Himmel bewölkt, und
infolge der Verdunkelung war die Stadt so stockfinster, daß, wie ein Journalist
berichtet, »wir auf allen vieren die große Steintreppe vor dem Reichstag hinunter
kriechen mußten12 «.
Auf ähnliche Weise versuchte das dänische Volk einen Weg durch die ungewisse
Zukunft zu finden — verblüfft, traurig, voll Sorgen und Selbstvorwürfen, aber über
zeugt, daß die Deutschen, die sie in ihrer Mitte geduldet hatten, Vorhut und Ge
hilfen der deutschen Wehrmacht gewesen waren, die im Verlauf von wenigen
Stunden das Licht der Freiheit in Dänemark ausgelöscht hatte.
2. NORWEGEN
Was war an diesem 9. April 1940 in Norwegen geschehen?
Auch in diesem Lande waren die ersten drei Monate des Jahres nicht vergangen,
ohne den Bürgern ernste Sorgen zu bereiten. In der ersten Aprilwoche stieg die
Spannung.
Mit
vermehrter
Dringlichkeit
wiederholten
die
Regierungen
Frank
reichs und Großbritanniens ihr Verlangen, daß dem Zustand ein Ende bereitet
werde, unter welchem die Deutschen mit Hilfe der norwegischen Territorialge
1
The Times, 11. 4. 1940.
2
Knud Secher: Kampf ohne Waffen. Dänemark unter der Besetzung. Zürich 1945. S. 7.
63
wässer Eisenerz aus dem fernen Narvik erhalten konnten. Die norwegische Regie
rung wollte jedoch einen Verzicht auf die Neutralität des Landes nicht in Betracht
ziehen. Auch sie erhielt Berichte über deutsche Geleitzüge in der Ostsee, war aber
so wenig wie die dänische Regierung imstande festzustellen, wie wahr diese Be
richte waren und was sie genau bedeuteten. Dasselbe gilt von einer Nachricht des
norwegischen Gesandten in Berlin vom 5. April 1940 über Gerüchte hinsichtlich
einer Besetzung von Punkten in Südnorwegen.
An jenem Freitag, dem 5. April, war eine große Zahl höherer norwegischer Offi
ziere in die deutsche Botschaft eingeladen, den Film »Feuertaufe« anzusehen, der
auf Veranlassung von Hitler selbst gemacht worden war, um die Vernichtung der
polnischen Republik zu zeigen. Schweigend und niedergedrückt betrachteten die
Norweger den Film. Sie sahen, wie die deutsche Luftwaffe über das Land hinweg
brauste und Warschau zerstörte. Knapp drei Tage später neigten manche von
denen, die der Vorführung beigewohnt hatten, zu der Ansicht, daß die Einladung
nicht ohne Absicht ergangen sei.
Während Außenminister Professor Koth damit beschäftigt war, den Protest gegen
die am Morgen eingegangene Note der Alliierten über das Minenlegen vor der nor
wegischen Küste vorzubereiten, trafen Nachrichten ein, daß starke deutsche Ver
bände vor der dänischen Westküste gesichtet worden seien. Wenige Stunden
später erfuhr man durch die Nachrichtenagenturen, daß Rettungsboote mit Hunder
ten von deutschen Soldaten, die bis auf die Haut durchnäßt waren, in Südnor
wegen gelandet seien; die Soldaten gaben an, sie kämen von dem deutschen Schiff
»Rio de Janeiro«, das sich auf dem Wege nach Bergen befunden habe. Die nor
wegische Gesandtschaft in London schickte eine Warnung, daß nach Mitteilung der
britischen Admiralität ein deutscher Angriff auf Narvik zu erwarten sei.
Ministerpräsident Nygaardsvold rief um 9.15 Uhr abends das Kabinett zu
sammen, das für gewisse besonders gefährdete Gebiete die Teilmobilmachung
beschloß. Von Größe und Ausdehnung der bevorstehenden deutschen Landung
hatte das Kabinett jedoch keine Vorstellung.
Nachts um halb eins versammelte sich das Kabinett abermals, ließ die Brigaden
in Südnorwegen mobilmachen und beschloß, nicht ohne bewaffneten Widerstand
nachzugeben. Als der deutsche Gesandte Bräuer am frühen Morgen um 4.20 Uhr
den Außenminister aufsuchte, um Ribbentrops Forderungen zu übergeben, erhielt
er nach kurzer Beratung die Antwort der Regierung: »Wir werden uns nicht frei
willig unterwerfen; der Kampf ist bereits im Gange1.«
Obwohl die Norweger nicht in demselben Maße wie die dänische Regierung
überrascht wurden, war ihnen doch das volle Ausmaß der drohenden Gefahr erst
so spät bewußt geworden, daß sie das Land nicht mehr rechtzeitig wirksam in
1 Bräuer an Auswärtiges Amt, 9. 4. 1940. Innstilling fra Undersökelse-Kommisjonen av
1945, utgitt av Stortinget, Bilag. (Bericht der Untersuchungskommission des Norwegischen
Parlaments, Beiheft.) 2. Band, S. 319. — Diese Berichte sind weniger umfangreich als die
dänischen, bilden aber gleichfalls eine wichtige Quelle. Künftig zitiert als Norw. Pari. Ber.
64
Verteidigungszustand versetzen konnten. Das norwegische Volk jedoch wurde
genau wie die Dänen ein Opfer der Überraschung. Die Pressemeldungen über
Flottenbewegungen in der Nordsee hatte man gelesen, ohne über ihre wirkliche
Bedeutung richtig nachzudenken; man hatte gemeint, sie kündigten eine zweite
Schlacht im Skagerrak an. Krieg im eigenen Lande? Undenkbar!
Mitglieder der Reserveoffiziersvereinigung hatten an jenem Abend einen Vor
trag über das Thema »Tafelfreuden im alten Rom« gehört. Was das Geheul der
Sirenen kurz nach Mitternacht bedeuten sollte, wußte niemand. Vielleicht war die
Seeschlacht im Gange und hatten einige der beteiligten Flugzeuge die norwegische
Küste überflogen. »Als ein Leutnant der Luftwaffe, ein Jüngling noch, diese An
sicht mit dem vollen Gewicht seiner Autorität äußerte, gab ihm die Mehrheit
recht. Keiner von uns dachte im Traum an eine deutsche Landung in Norwegen.«
So beschrieb Sigrid Undset ihre und ihrer Gefährten Einstellung in dem damals
ungewohnten Milieu eines Luftschutzraumes, dessen Schlüssel man zuerst gar nicht
hatte finden können1. Im übrigen geschah nichts, und alle gingen wieder zu Bett.
Als die Menschen morgens aufwachten, lasen sie in der Zeitung, daß im Oslofjord
schwere Kämpfe im Gange seien und daß die Deutschen die beiden Flugplätze der
Hauptstadt, Fornebu und Kjeller, bombardiert hatten. Deutsche Bomber flogen
so niedrig über der Stadt, daß man, während die Maschinengewehre knatterten,
die Besatzungen erkennen konnte. Die Menschen gingen zur Arbeit, mochten sie
auch vor Furcht zittern: sie hatten auf Bildern das Schicksal Warschaus kennen
gelernt —
hörte man
die Stadt
Rundfunk
erwartete Oslo das gleiche Schicksal? Das Schießen dauerte an. Später
die lauteren Abschüsse von Flakkanonen. Allgemein lief das Gerücht um,
würde bombardiert werden. Gegen zehn Uhr vormittags forderte der
die Bevölkerung zum sofortigen Verlassen der Stadt auf. Immer noch
brausten deutsche Flugzeuge dicht über die Dächer hinweg. »An den Eingängen
zur Untergrundbahn drängten sich die Menschen verzweifelt, um hinunter zu ge
langen. Es gibt in Oslo keine anderen öffentlichen Schutzräume. Manche Leute
suchten Schutz in Torwegen, andere liefen in den Park in der Nähe des Schlosses,
alle waren von Furcht, Verzweiflung und Unruhe getrieben. Wieder andere flüch
teten aus der Stadt oder versuchten die Flucht, schoben Kinderwagen, saßen auf
Lastautos und stürmten die Bahnhöfe, wo jeder Wagen bis zum äußersten Fas
sungsvermögen beladen und aus der Stadt aufs Land geschickt wurde12 .«
Während ein Teil der Bevölkerung der Stadt in panischer Angst den Rücken
kehrte, sah man andere Männer kühl und geordnet ins Stadtzentrum marschieren :
die ersten deutschen Abteilungen befanden sich von den Flugplätzen unterwegs
ins Regierungsviertel. Gegen Mittag erreichten sie ihr Ziel, während man von
Süden her aus Richtung des Fjords immer noch fernes Geschützfeuer vernahm.
Niemand wußte, was er tun sollte. Wie konnte man begreifen, daß diese deutschen
5
1
Sigrid Undset: Return to the Future. New York 1942. S. 11.
2
Nieuwe Rotterdamsche Courant, 14. 4. 1940.
65
Truppen, fast 600 Kilometer vom nächsten deutschen Hafen entfernt, am hell
lichten Tage in die Hauptstadt einziehen und in aller Ruhe die Regierungsgebäude
besetzen konnten? Die zurückgebliebene Bevölkerung sah fassungslos zu.
Stunde auf Stunde verstrich in tatenloser Verwirrung, bis man am frühen Abend
aus den Lautsprechern eine neue Stimme vernahm: Vidkun Quisling. Vor etwa
zehn Jahren war dieser Mann für kurze Zeit Minister gewesen. Später hatte er
»Nasjonal Samling« gegründet, eine nationalsozialistische Partei, die bei der Wahl
von 1936 weniger als zwei Prozent der Stimmen erhalten hatte. Jetzt stellte er sich
als Ministerpräsident vor. Er gab bekannt, die Regierung Nygaardsvold habe die
allgemeine Mobilmachung verkündet, doch habe er, Quisling, diesen Beschluß auf
gehoben. Das Volk solle mit den Deutschen Zusammenarbeiten und sich zu diesem
Zweck um ihn, den Ministerpräsidenten Vidkun Quisling, sammeln.
Die Leute wollten ihren Ohren nicht trauen, doch standen ihnen noch weitere
Überraschungen bevor. Wo die Deutschen eigentlich gelandet waren, wußte man
zunächst nicht. Als jedoch einen Tag später das erste deutsche Kriegsschiff im
Hafen der Hauptstadt vor Anker lag, stand fest, daß die Deutschen nicht nur nach
Oslo eingedrungen waren, sondern auch in alle wichtigen Häfen der ganzen nor
wegischen Küste: Kristiansand, Egersund, Stavanger und Bergen im Süden,
Trondhijem in der Mitte und Narvik im äußersten Norden. Die Norweger saßen in
der Falle.
Wie war das geschehen? Wie hatten sie alle so unversehens überrascht werden
können? Vergeblich konnte man in der Geschichte nach dem Beispiel einer so um
fangreichen und erfolgreichen Überraschung suchen, die zugleich so bitter und so
demütigend war. Von einem fairen Kampf konnte keine Rede sein. Die Deutschen
mußten sich Tricks ausgedacht und angewendet haben, die jeden Widerstand
unmöglich machten. Fraglos mußten sie sich häufig solcher Helfershelfer und
Komplicen bedient haben, die wie Quisling am frühen Morgen des 9. April bereit
standen, um dem norwegischen Volk den Dolch in den Rücken zu stoßen. Alsbald
entstand ein ganzer Schwarm von Gerüchten, die alle darauf abzielten, das Wunder
der erfolgreichen deutschen Landung und das weitere Vordringen der deutschen
Truppen wenigstens teilweise zu erklären.
Es habe viel Sabotage gegeben, erzählten sich die Leute. Falsche Befehle seien
brieflich und telefonisch weitergeleitet worden, wodurch ein Teil der norwegischen
Truppen den Widerstand vorzeitig und zu Unrecht eingestellt habe. Die Verbin
dungsdrähte zur Minensperre im Oslofjord seien zerschnitten worden. In allen be
setzten Häfen hätten die Deutschen Truppen an Bord von Schiffen vorher einge
schmuggelt; diese seien dann am 9. April mit Waffen an Land gestürmt, die eben
falls vorher eingeschmuggelt worden seien. Andere Deutsche, die als Touristen
oder als Mannschaften der deutschen Handelsmarine verkleidet waren, hätten
schon seit einiger Zeit in den Häfen verweilt, die dann überraschend genommen
werden sollten.
In Oslo seien schon zahlreiche Deutsche in Bereitschaft gelegen, darunter Han
66
delsreisende und Agenten, die genau gewußt hätten, was sie am 9. April tun sollten.
Die in Oslo lebenden deutschen Staatsangehörigen, die jetzt als Dolmetscher und
ortskundige Führer dienten, seien bis zum letzten Mann in die Verschwörung ver
wickelt gewesen. Quisling und seine Parteifreunde hätten alle ihre Weisungen ge
habt. In Oslo habe Quisling seine Proklamation bereits fertig gehabt, während der
Stadtkommandant von Narvik, Oberstleutnant Sundlo, sein Angebot, sofort zu
kapitulieren, schon vorbereitet gehabt habe. Ja, und nun fiel es einem wieder ein:
vor vielen Jahren hatte jener einem deutschen Nazi erlaubt, militärische Ziele zu
fotografieren.
Und diese Deutschen schienen alles zu wissen. Ihre Kenntnis des Landes war
verblüffend. Seit Jahren mußten sie in wahrhaft gigantischem Ausmaß spioniert
haben. Was hatten auch diese deutschen Attachés, Konsuln, Handelsvertreter,
Reisende, Touristen, Seeleute und Wanderer anderes getan, als alles genau aufzu
schreiben und von allem Zeichnungen und Fotografien zu machen? Diese Infor
mationen, die Leute, welche die Norweger als Fremdlinge und Gäste willkommen
geheißen hatten, heimlich zusammengetragen, hatten als Grundlage der militäri
schen Operationen gedient. Und diese Soldaten kamen größtenteils aus Österreich,
wie ihre Sprache deutlich verriet. Da fiel den Norwegern ein, daß sie nach dem
ersten Weltkrieg Tausende von Wiener Kindern in Pflege genommen hatten. Wie
übel, wie gemein wurde ihnen ihre großzügige Gastfreundschaft nun vergolten!
Die »Wienerbarn« von 1920 waren 1940 wiedergekommen, weil sie ja bereits Land
und Leute kannten.
Es gab einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Die Leute fühlten sich ent
würdigt, sie glaubten sich in Pallen und Schlingen gefangen, die allenthalben aus
gelegt waren. Quisling war hervorgetreten und hatte seine Maske abgelegt; aber
wie viele trugen die ihrige noch?
Der Angriff auf Norwegen schlug in der ganzen westlichen Welt wie eine Bombe
ein. Abermals war Hitler zu schlau für England und Frankreich gewesen. Nicht
nur Oslo hatte er besetzt, sondern auch Bergen und Trondhijem, ja sogar Narvik,
und war glatt an der britischen Schlachtflotte vorbeigefahren. Zuerst wollten die
Leute nicht glauben, daß auch Narvik besetzt worden sei. Neville Chamberlain,
der erst wenige Tage vorher die Ansicht vertreten hatte, »Hitler werde den Omni
bus verpassen«, sagte im Unterhaus, vermutlich sei nicht Narvik, sondern Larvik
gemeint, ein kleiner Hafen am Eingang des Oslofjords.
An demselben Dienstagmorgen saß in Paris Ministerpräsident Reynaud mit
seinen engsten Mitarbeitern über eine Landkarte gebeugt und suchte mindestens
fünf Minuten lang vergeblich nach einem andern Narvik an der norwegischen
Küste, »da wir überzeugt waren, das Narvik, wo die deutschen Truppen angeblich
waren, könne unmöglich der Erzhafen im Norden sein1«.
Leider war das bis zum Abend zur Gewißheit geworden: Das richtige Narvik
1
Paul Baudouin: Neuf mois au gouvernement: avril-décembre 1940. Paris 1948. S. 22.
67
war den Deutschen in die Hände gefallen. Auch in Oslo hatten sie sich stark ver
schanzt. Alle wichtigen Häfen waren in ihrer Hand. Hitler war gelungen, was der
Kaiser nicht geschafft hatte: er war bis ans Eismeer vorgedrungen, als ob es die
britische Flotte und die französische Marine nicht gäbe. Wie konnte man dieses
unvorstellbar kühne Unterfangen anders erklären als durch die Vermutung, daß
Hitler an allen Orten, die er zu besetzen beabsichtigt hatte, über eine große Anzahl
von Werkzeugen verfügte, Deutsche sowohl als Dänen und Norweger.
Der Korrespondent der Londoner »Times« in Dänemark wußte nicht genau zu
sagen, in welchem Umfang die Operationen der Fünften Kolonne entscheidend ge
wesen waren. Tatsache war jedoch, daß »Mitglieder der großen deutschen Kolonie
zweifellos
vorher
verteilte
Rollen
spielten,
genau
wie
eine
Anzahl
deutscher
Reserveoffiziere in Zivilkleidung, die als Handelsreisende dänische Visa erhalten
hatten1«. Der »Sunday Express«, eine der größten englischen Sonntagszeitungen,
äußerte sich noch eindeutiger: »Alle in Dänemark lebenden Deutschen wurden für
staatsfeindliche Arbeiten verwendet... Die ganze deutsche Kolonie in Schweden
ist für Zwecke der Propaganda, Korruption und Spionage mobilgemacht worden2.«
Schließlich sehe man sich doch Norwegen an! Die falschen Befehle, die zerschnit
tenen Drähte, die Sabotage treibenden Offiziere, die eingeschmuggelten Soldaten
und Waffen, die deutschen Fischer, Handelsreisenden, Touristen und Pflegekinder,
die samt und sonders spioniert hatten — sie alle tauchten in beinahe allen Spalten
der Tagespresse auf, zuerst in den Nachrichten und nachher in den Leitartikeln.
Was Leland Stowe als Berichterstatter der »Chicago Daily News« nach seiner
Ankunft in Stockholm über Oslo zu melden hatte, machte tieferen Eindruck als
alles andere. Er hatte sich auf der Rückreise aus Finnland in Oslo aufgehalten.
Sein Bericht begann: »Ich glaube, daß dies die wichtigste Zeitungsmeldung ist, die
ich jemals zu schreiben Gelegenheit gehabt habe ... Sie schreit förmlich danach,
mitgeteilt zu werden.« Zum erstenmal fanden sich alle unheimlichen Meldungen
aus Norwegen in einem einzigen Artikel zusammengefaßt. Leland Stowe gab auch
die Lösung aller Rätsel: Verrat.
»Norwegens Hauptstadt und große Häfen wurden nicht mit Waffengewalt er
obert. Sie wurden in beispielloser Schnelligkeit mittels einer riesigen Verschwö
rung genommen, die zweifellos zu den kühnsten und am vollkommensten ange
legten politischen Verschwörungen der letzten hundert Jahre zählt. Durch Be
stechung und einzigartiges Einsickern seitens nazistischer Agenten und durch
Verrat seitens einiger hochgestellter norwegischer Beamten und Offiziere ist es dem
deutschen Diktator gelungen, sich innerhalb Norwegens ein trojanisches Pferd zu
bauen. Er benötigte dazu die unbedingte Kontrolle der Verwaltung und der Marine
durch ein paar Männer in Schlüsselstellungen; das genügte, und alles war makellos
vorbereitet. Zu etwa 90 Prozent lief die Verschwörung planmäßig ab.«
1
The Times, 22. 4. 1940.
2
Sunday Express, 14. 4. 1940.
68
Stowes Aufsatz wurde von der Weltpresse übernommen und mit Erstaunen und
Unruhe gelesen. Ein bejahrter amerikanischer Professor aus dem mittleren Westen
nannte das, was Stowe in Stockholm geschrieben hatte, »die einzig wirklich
informierenden Berichte1«.
Die Quelle aller dieser Berichte und Erzählungen versiegte nicht so schnell. Zehn
Tage nach Leland Stowe erzählte ein englischer Augenzeuge der Besetzung von
Bergen, er habe von einem deutschen Soldaten gehört, »daß dieser und seine
Kameraden die letzten vier Wochen vor der Invasion an Bord dieser Schiffe ver
steckt waren2«. Die britischen Truppen, die nach ihrem mißglückten Angriff auf
Trondhijem in den ersten Maitagen zurückkehrten, brachten ähnliche Nachrichten
mit. Auch sie hatten gegen einen Gegner, der mit teuflischen Mitteln arbeitete,
nichts ausrichten können. »Die Stadt war voll von Spionen«, klagte ein schotti
scher Soldat von den Königlichen Pionieren. »Jeder Schritt, den wir taten, war
den Deutschen unmittelbar nachher bekannt3.« Wo sonst noch lagen solche Ver
räter auf der Lauer?
Die Fünfte Kolonne in Polen war in Westeuropa und Amerika nur wenig be
achtet worden, aber mit seinem Angriff auf Dänemark und Norwegen stand Hitler
bereits auf der Schwelle der westlichen Zivilisation. Dort hatte er nicht eine »rück
ständige Nation wie die Polen« überrannt, sondern die wohlgeordneten, fried
fertigen Staatswesen der demokratischen Dänen und Norweger. Genau wie in
Österreich und der Tschechoslowakei hatte Hitler auch in Norwegen in dem Land,
das er erobern wollte, einen Bürger gefunden, der bereit war, den Judas zu spielen.
Außerdem war jedoch, wie die Leute glaubten, in den beiden skandinavischen
Ländern zum erstenmal die ganze Methode des militärischen Angriffs der Deut
schen sichtbar geworden: Spione, Saboteure, falsche Befehle und verborgene
Waffenlager. Gab es überhaupt einen einzigen deutschen Staatsangehörigen, dem
man trauen konnte? In jeder deutschen Firma im Ausland konnte sich ein Waffen
lager befinden, und jeder deutsche Reisende, der in Sofia oder Santiago, in Kairo
oder Brisbane, in Kapstadt oder Vancouver aus einem Flugzeug stieg, konnte in
seinem Gepäck die Bakterien haben, mit denen Hitler die Völker, die er zu unter
werfen beabsichtigte, zu infizieren hoffte.
Nicht nur die Völker wurden manchmal von solchen Befürchtungen heimge
sucht. Nach den Ereignissen in Dänemark und Norwegen fühlten sich viele Regie
rungen berechtigt und sogar verpflichtet, zur Sicherung im Innern weitreichende
Maßnahmen zu ergreifen. Die nervöse öffentliche Meinung ermutigte sie noch dazu.
In Schweden verbot man Ausländern, in Privatwagen oder Taxis zu fahren.
Fabriken und Kraftwerke wurden der Aufsicht zuverlässiger Arbeiter unterstellt.
1 Francis Neilson: The Tragedy of Europe. A Diary of the second World War. Vol. I
1938-1940. Appleton 1940. S. 443.
2
Daily Telegraph, 17. 4. 1940.
3
The Times, 8. 5. 1940.
69
In der Schweiz warnte die Regierung die Bevölkerung vor falschen Nachrichten
in Kriegszeiten. Sollte das Land angegriffen werden, so würde es sich verteidigen;
jede Nachricht über eine etwa vollzogene Kapitulation würde eine feindliche
Kriegslist darstellen.
Die rumänische Regierung verbot Ausländern den Besitz von Waffen und foto
grafischen Apparaten. Sie mußten ihre Pässe der Polizei aushändigen und wurden
widrigenfalls ausgewiesen.
In Jugoslawien, wo Berichten zufolge eine geheime Zentrale der Gestapo schon
im Februar 1940 entdeckt worden war, fand bei Reichsdeutschen und Volks
deutschen eine ganze Serie von Haussuchungen statt. Dabei kamen Papiere zu
tage, aus denen man schließen zu können glaubte, daß im Falle einer inneren
Krise 30.000 Menschen an bestimmten Stellen im ganzen Lande bereit standen,
»um auf Befehl bestimmte Posten und Gebäude zu besetzen1«.
Im fernen Niederländisch-Indien verursachten die Berichte über die deutsche
und norwegische Fünfte Kolonne solche Aufregung und wurden von der Regierung
so drastische Maßnahmen gegen deutsche Staatsangehörige und holländische Natio
nalsoziafisten gefordert, daß sich der Generalgouverneur in einer seiner seltenen
öffentlichen Reden gegen den Vorwurf verteidigte, daß die Regierung nichts tue.
Er sagte: »Die drohende Unruhe ist zwar psychologisch leicht zu erklären, jedoch
durch den Gang der Ereignisse nicht gerechtfertigt2.« Seine Zuhörer fragten sich
nur, warum dann kaum zwei Wochen später bei einer großen deutschen Firma
Haussuchung gehalten wurde. Warum lag das »Deutsche Haus« in Batavia Tür an
Tür mit dem Büro der Rundfunkgesellschaft? Warum sah das neue Bürohaus der
deutschen Firma Siemens & Halske, das aus Beton errichtet war, so aus, als könne
es im Handumdrehen in eine Festung verwandelt werden?
Solche und ähnliche Berichte, Erklärungen, Gerüchte, Fragen und Vermutungen
wurden von Presse und Rundfunk begierig aufgegriffen. Die Leute waren unruhig
geworden und wollten sich nicht hinters Licht führen lassen. Auf allen Seiten
wurden Maßnahmen geplant, um die nationalsozialistische Fünfte Kolonne zu
rückzudrängen, ehe sie ihren tödlichen Vormarsch fortsetzen würde. Diese Vor
kehrungen waren noch im Gange, als der 10. Mai 1940 anbrach.
1
Telegraaf (Amsterdam), 1. 5. 1940.
2
Nieuwe Rotterdamsche Courant, 24. 4. 1940.
70
III
DIE INVASION DER NIEDERLANDE
Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges hatte sich in dem friedlichen Leben des
holländischen Volkes nur wenig ausgewirkt. Die Menschen bedauerten Polen und
bewunderten Finnland. Es herrschte allgemeine Befriedigung darüber, daß Frank
reich und Großbritannien Deutschland den Krieg erklärt hatten, und man hoffte,
daß sie siegen würden. Wie? Das war eine andere Sache. Die meisten Menschen
sahen in dem Kriege nicht einen Konflikt, der auf den Gang ihres eigenen Lebens
unmittelbar
Einfluß gewinnen könnte.
Das Leben war während
des Brandes
1914—18 neutral geblieben; jetzt war es wieder neutral.
Trotzdem konnte man nicht ganz beruhigt sein. Im Winter 1939—40 hatte man
mehrmals eine deutsche Invasion befürchtet. Am 9. November 1939 und wiederum
am 15. Januar 1940 wurde beim Militär eine Urlaubssperre verhängt. Der erste
Alarm hing, wie man glaubte, mit einem Grenzzwischenfall bei Venlo zusammen,
wo einige Offiziere des britischen Geheimdienstes über die Grenze entführt wurden
und ein holländischer Offizier tödlich verwundet wurde. Der zweite Alarm wurde
mit der Notlandung eines deutschen Flugzeuges in Belgien in Verbindung gebracht,
das angeblich militärische Urkunden an Bord gehabt hatte.
Es gab auch andere Anzeichen, die vielleicht weniger wichtig waren als die volle
Besetzung der Verteidigungsanlagen, aber trotzdem die nervöse Spannung erhöhten.
In der ersten Novemberwoche 1939 entdeckte man, daß ein in der Nähe der Grenze
lebender Holländer versucht hatte, einige Koffer mit holländischen Uniformen
nach Deutschland zu schmuggeln. Die Presse war voll davon. Der Vater dieses
Mannes war als Mitglied der NSB (Nationaal Socialistische Beweging) bekannt,
der wichtigsten holländischen Nazi-Gruppe. Der Schmuggler hatte sich von einem
Althändler in Amsterdam zwei vollständige Uniformen, ferner die »ganz vollstän
dige« Uniform eines Postboten, »vollständige« Uniformen von Eisenbahnern und
die »ganz vollständige« Uniform eines Staatspolizisten besorgt1. Alle diese Gegen
stände fanden sich in dem Koffer.
Im Januar/Februar 1940 wurden in vielen Teilen des Landes verschiedenfarbige
Lichtsignale beobachtet. Polizei und Armee wurden alarmiert. Jeden Abend wur
1 Vooruit.
Den Haag, 4. 11. 1939.
71
den in allen Provinzen Streifen ausgeschickt, um Nachforschungen anzustellen.
Nirgends war ein Schuldiger zu entdecken. Der Kommandeur der Feldarmee Heß
die Signale anpeilen, doch ließ sich auch dadurch keine vernünftige Erklärung
finden. Übten vielleicht deutsche Agenten und deren Helfershelfer für den Tag,
an dem ihr Signalsystem benötigt würde, also etwa bei einer deutschen Invasion?
Oder versuchte der Gegner, der schließlich nicht so dumm war, ein künftiges
Opfer zu alarmieren, lediglich die Holländer nervös zu machen?
Der Uniformschmuggel, die Lichtsignale und die zahlreichen Fälle von Spionage
von Ausländern, meistens Deutsche (obwohl in einem sensationellen Fall ein hoher
Beamter des Sozialministeriums beteiligt war), brachten eine Anzahl von Hollän
dern zu der Erkenntnis, daß besondere Vorsicht geboten sei. Sie kannten in ihrer
nächsten Umgebung Mitglieder der NSB und Reichsdeutsche, die sie im Auge be
hielten. Sobald sie etwas Verdächtiges bemerkten, verständigten sie die Pohzei.
Der Generalstaatsanwalt in Amsterdam hörte die »phantastischsten Geschichten:
>Jetzt sind sie hier, kommen Sie bitte sofort!< Wenn einer der besten Detektive hin
geschickt wurde, konnte er nichts Ungewöhnliches feststellen. Vielleicht wurde
gerade ein Koffer mit Theaterutensilien verschickt und dergleichen mehr1.«
Die Besetzung Dänemarks und Norwegens am 9. April 1940 löste ungeheure
Bewegung aus. Jede neue Ausgabe der Zeitungen berichtete weitere widerwärtige
Einzelheiten über den Verrat Quislings und seiner Anhänger und über die Taten
deutscher Spione und Saboteure. Es wurde sofort beschlossen, bei einigen hollän
dischen Flugplätzen die Abwehr zu verstärken und andere aufzupflügen. Am 11.
April erließ die Regierung eine Warnung gegen die Verbreitung von Gerüchten,
»welche unbegründet sind und von unpatriotischen Elementen ausgestreut
werden12 «.
Wenige Tage nach der Invasion in den beiden skandinavischen Ländern fand
ein Spaziergänger in der Nähe von Den Haag einen großen, amtlich aussehenden
deutschen Briefumschlag, der an H. Cohrs bei der Auslandsorganisation der NSDAP
in Berlin adressiert war. Er enthielt offensichtlich zahlreiche Papiere. Um sicherzu
gehen, brachte der Finder den Briefumschlag auf eine Polizeiwache; wenige Stun
den später lag er, noch ungeöffnet, auf dem Schreibtisch des Polizeikommissars
von Den Haag. Dieser rief den Staatssekretär im Justizministerium an und sagte:
»>Ich habe eine ungewöhnliche Fundsache hier; es ist ein amtlicher deutscher
Brief.< Ich (Aussage des Staatssekretärs) antwortete: >Vielleicht ist eine Art von
Bombe darin. Sie müssen mit dergleichen immer vorsichtig sein3.<«
Man beschloß, den Umschlag zu öffnen. Zum Vorschein kamen acht verschiedene
Schriftstücke,
insgesamt
15 Seiten, größtenteils in Maschinenschrift, einige mit
1 Vernehmung des J. A. van Thiel. Tweede Karner der Staten-Generaal, Enquêtecommissie
»Regeringsbeieid 1940—1945«. Ic, S. 204. — Berichte etc. dieser Kommission, die eine be
sonders wichtige Quelle sind, werden künftig als Holl. Pari. Ber. zitiert werden.
2
Nieuwe Rotterdamsche Courant, 12. 4. 1940.
3
Aussage J. R. M. van Angeren. Holl. Pari. Ber. IIc, S. 180.
72
handschriftlichen
Bemerkungen;
mehrere
davon
standen
auf
Briefpapier
der
deutschen Gesandtschaft und waren von einem Attaché O. Butting unterzeichnet,
der zugleich Vorsitzender der »Reichsdeutschen Gemeinschaft« war. (Diese war
1934 gegründet worden, nachdem die holländische Regierung die Landesgruppe
der Auslandsorganisation der NSDAP verboten hatte.) Die Schriftstücke ent
hielten Dutzende von Berichten von Spionen im ganzen Lande: Beschreibungen
von
Befestigungsanlagen,
abgehörten
Flugplätzen
Telefongesprächen
und
und
Berichte
Straßensperren,
über
Aufzeichnungen
Truppenbewegungen.
von
Augen
scheinlich arbeiteten viele Agenten unter Aufsicht eines gewissen Jonathan, dessen
Unterschrift auf einigen Schriftstücken erschien.
Die holländischen Behörden hatten sich oft gefragt, was eigentlich Buttings
Aufgaben seien; in diplomatischen Kreisen sah man ihn kaum. Daß er der Draht
zieher der deutschen Spionage sein könnte, war »einfach niemandem eingefallen1«.
Jetzt lagen unwiderlegliche Beweise vor. Er wurde innerhalb weniger Stunden aus
gewiesen.
Am 19. April wurde für das ganze Land der Ausnahmezustand erklärt, um es
dem Oberkommando zu ermöglichen, angesichts dessen, was aus Norwegen be
richtet wurde, sofort einzugreifen, wenn es die Umstände verlangten. Die Regie
rung trug sich mit der Absicht, viele Personen von fragwürdiger Zuverlässigkeit zu
internieren. General H. G. Winkelman, der Oberbefehlshaber der Streitkräfte,
glaubte jedoch, daß vorläufig die Verhaftung von nur 21 solcher Personen genüge.
Die Behörden betrachteten Anton Mussert, den Führer der NSB, »als zu gering
fügig, um ihm die Ehre zu erweisen, daß er zu den 21 Personen gezählt würde, die
man ihrer Gefährlichkeit wegen einsperrte12 «. Zu den Verhafteten gehörte jedoch
M. M. Rost van Tonningen, ein fanatisches Mitglied der NSB und Hauptsprecher
der Partei im Parlament. In einer Rundfunkrede sagte der Ministerpräsident, viele
Leute seien nicht verhaftet worden, »weil keine genügenden Beweise für die Ge
fährlichkeit ihres Tuns vorlagen3«.
Augenscheinlich wurden mehr Leute verdächtigt! Insoweit dachte jedermann
an die Mitglieder der NSB. Über sieben Jahre hatte sich die NSB mit dem natio
nalsozialistischen Deutschland identifiziert. Warum, so fragten sich die Leute,
sollte man nicht von Mussert dasselbe wie von Quisling erwarten? Man erinnerte
sich, daß Quisling 1935 an einem Treffen der NSB teilgenommen hatte. Mussert
selbst hatte die allgemeine Vermutung, daß er verräterische Absichten hege,
durch die Haltung verstärkt, die er in einem Interview mit einer Korrespondentin
der amerikanischen Columbia-Rundfunk-Gesellschaft eingenommen hatte.
»Miss Breckinridge fragte: >Würden die holländischen Nazi im Falle eines deut
schen Angriffes auf die Niederlande deutsche Hilfe annehmen, um ihre Ziele in den
1
Aussage E. N. van Kleffens. Ebenda, S. 323.
2
Aussage J. A. van Thiel. Ebenda Ic, S. 202.
3
Nieuwe Rotterdamsche Courant, 4. 5. 1940.
73
Niederlanden zu fördern oder würden sie für ihre Königin kämpfen?< Miss Breckin
ridge zufolge gab der >Führer< hierauf zur Antwort, daß die Nazi jetzt, da sie nicht
mehr Offiziere in den Streitkräften sein dürften, nichts anderes tun würden, als so
dazusitzen — und dabei verschränkte er die Arme und lehnte sich in seinem Stuhl
zurück1.« Konnten seine verräterischen Absichten deutlicheren Ausdruck finden?
*
Am 10. Mai kam der Krieg als Überraschung. Das Ziel des deutschen Ober
kommandos war, die »Festung Holland« mit Panzer- und Infanteriedivisionen
durch die südlichen Landesteile zu erreichen und gleichzeitig als Teil einer allge
meinen Offensive an der Westfront nach Belgien herumzuschwenken. Zu diesem
Zweck war die sofortige Eroberung der Brücken über die Maas und den MaasWaal-Kanal unerläßlich. Bei Morgengrauen setzten von Maastricht bis in die
Nähe von Arnheim auf allen Brücken Angriffe ein, die von Personen vorgenom
men wurden, welche wie Zivilisten aussahen oder in Uniformen der holländischen
berittenen Polizei, Militärpolizei oder Eisenbahner gekleidet waren. An vielen
Orten wurde diese Kriegslist nicht rechtzeitig entdeckt, so daß die Befehlshaber,
die
über
diesen
Mißbrauch
von
Zivilkleidung
und
Uniformen
benachrichtigt
wurden — der Grund für den Uniformschmuggel im vergangenen November
wurde jetzt klar —, rasch handeln mußten, um die durch solche Rückschläge ge
schaffene Lage zu meistern.
Im Westen des Landes sah man sich einer noch kritischeren Lage gegenüber.
In der Nähe der Brücken von Moerdijk und Dordrecht waren Fallschirmtruppen
abgesetzt worden. In Rotterdam kletterten Soldaten aus Wasserflugzeugen, die
auf der Maas gelandet waren, und besetzten dort die Brücke. Der Flugplatz
Waalhaven südlich von Rotterdam wurde von Fallschirmjägern und Luftlande
truppen erobert. Schließlich versuchten die Deutschen, drei Flugplätze in der
Nähe von Den Haag auf ähnliche Weise zu nehmen, um dort das Regierungsviertel
zu besetzen und Königin Wilhelmina, das Kabinett und das Oberkommando
gefangenzunehmen.
Die Angriffe auf die drei Flugplätze bei Den Haag waren nur teilweise erfolg
reich; holländische Truppen leisteten heftigen Widerstand, und ein Flugplatz
war sumpfiger, als die Deutschen erwartet hatten. Vor sieben Uhr morgens
kreisten Flugzeuge der späteren deutschen Angriffswelle über den westlichen
Niederlanden und suchten nach brauchbaren Notflugplätzen. Manche landeten
auf dem Sandstrand, andere auf der Landstraße zwischen Den Haag und Rotter
dam, wieder andere auf den Wiesen bei Delft. Wenn auch die Leute die Fall
schirmjäger nicht selbst sahen, so mußten sie jedenfalls von ihnen hören. Die
Beobachtungsposten der zivilen Luftverteidigung, die keinen Kurzwellensender
zur Verfügung hatten, waren an die gewöhnlichen Rundfunksender angeschlossen,
1 Ebenda,
74
30. 4. 1940.
die ihre Meldungen Weitergaben. Immer wieder hörte die Bevölkerung, daß deut
sche Bomber, Jäger oder Transportflugzeuge sich näherten, kreisten oder Fall
schirmjäger absetzten — ungestört als Herren der Luft. Es nahm kein Ende. Eine
Schreckensbotschaft nach der anderen.
Bald vernahm man Gerüchte, nur ein Teil der Fallschirmjäger habe deutsche
Uniformen getragen, andere seien als Bauern, Polizisten, Postboten, Schaffner,
Priester oder gar als Frauen, zumal als Nonnen, gekleidet gewesen. Wer war
Freund, wer Feind? Der Bäckerjunge, der dort kam, mochte sehr wohl Hand
granaten in seinem Korb tragen!
In Rotterdam und Den Haag, die beide stark bevölkert und vom Feinde un
mittelbar bedroht waren, erreichte die Nervosität ihren Höhepunkt. Schon am
frühen Morgen befanden sich in Rotterdam der Flugplatz Waalhaven sowie die
Straßen- und Eisenbahnbrücken über die Maas in deutscher Hand. Die Eroberung
des Flugplatzes war dadurch erleichtert worden, daß der Kommandeur der
Einheit, die für die Sicherheit des Platzes verantwortlich war, seine Truppen in
Erwartung eines Angriffes holländischer Nazi teilweise in Richtung auf Rotter
dam eingesetzt hatte. Die Bewohner der südlichen Stadtteile von Rotterdam sahen,
wie Reichsdeutsche und zumal Schüler der deutschen Schule den Luftlande
truppen als Führer dienten. Deutsche Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft
fielen, hatten in ihrem Besitz »Skizzen eines Gebietes von 200 Metern im Quadrat,
in dem sie operieren sollten. Die Stellen, an denen sie sich melden sollten, waren
darauf markiert1.«
Solche Berichte und Gerüchte breiteten sich wie Lauffeuer aus. Ähnliche Dinge
wurden über die Maasbrücken erzählt. Auch dort war der Angriff völlig über
raschend gekommen. Als die ersten deutschen Soldaten, die in Gummibooten von
ihren Flugzeugen an Land gepaddelt waren, über die Brücke kamen, fragten
Zivilisten »mit aufgerissenem Mund« einen vorüberkommenden Botenjungen:
»Wer ist denn das nur?2« Die verfügbaren holländischen Truppen waren außer
stande, die Deutschen von den Brücken zu vertreiben; diese waren zu schwer
bewaffnet. Ein holländischer Hauptmann, dem es gelang, die Brücken noch zu
überqueren, als sie bereits von den Deutschen besetzt waren, hatte (und das
schien die Erklärung für die schweren Waffen zu sein) gesehen: »... daß von
einem schwedischen Schiff, das westlich der Maasbrücke lag, ... Mörser, Motor
räder mit Beiwagen, Funkgeräte und anderes Heeresgut an Land gebracht wurden3.«
1
Aussage Oberstleutnant J. D. Backer. Holl. Pari. Ber. Ic, S. 367.
2
Historisch overzicht betreffende afwijkingen van normale regelingen, extra getroffen
maatregelen, feiten, gebeurtenissen enz., welke zieh van 10 Mei t/m 30 Juni 1940 bij het
P. T.en T.-bedrijf hebben voorgedaan. Den Haag 1940. S. 625. — Künftig zitiert als: Historisch
overzicht PTT-1940.
3 Generalmajor V. E. Nierstrass: De strijd om Rotterdam, Mei 1940. Den Haag 1952.
S. 33 Anm. 2. — Dies ist einer der von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des holländischen
Generalstabes veröffentlichten Bände.
75
Auf der Maasinsel (die mit beiden Flußufern verbunden ist) hatten verschiedene
deutsche Firmen ihre Büros und Lagerhäuser. Man nahm allgemein an, daß
deutsches Heeresgut dort verborgen war, bis die deutschen Truppen es nutz
bringend verwenden konnten. Im Bezirkskommando Rotterdam des holländi
schen Heeres wußte man zunächst nicht, was man tun sollte, um die tödliche
Gefahr abzuwenden, die plötzlich aus dem Nichts entstanden war. Alarmierende
Nachrichten »liefen sowohl telefonisch wie auch durch Zivilisten ein und wollten
von Aktionen von Fallschirmjägern in verschiedenen Teilen der Stadt wissen;
auch hieß es, daß unbekannte Leute aus den Häusern schössen1«. Hunderte von
Häusern wurden durchsucht, zumal dort, wo man wußte, daß Mitglieder der
holländischen Nazipartei ihre Wohnung hatten. Soldaten stiegen in Keller und auf
Dächer und lieferten Verdächtige bei der Polizei ab.
Auch in Den Haag war die nervöse Spannung an diesem 10. Mai groß. Niemand
hatte erwartet, daß die königliche Residenz und der Sitz der Regierung so un
mittelbar bedroht würden. Die Verteidigung der Stadt war nicht vorbereitet,
und es fehlten klare Anweisungen. Die Truppen bestanden überwiegend aus
jungen Rekruten, die über mehrere Kasernen verteilt waren. Die Offiziere wußten
nicht, von welcher Seite aus die Deutschen, die aus der Luft rings um die Stadt
herum landeten, sich nähern würden. Schon vor sechs Uhr morgens wurden um
das
Stadtzentrum
Verteidigungslinien
gezogen.
Außenminister
van
Kleffens
mußte auf dem Wege in sein Ministerium, wo er das deutsche Ultimatum ent
gegennehmen sollte, zwanzig Minuten lang verhandeln und schließlich das
holländische Generalkommando anrufen, ehe ihn die nervösen und mißtrauischen
Posten passieren lassen wollten. Etwa um dieselbe Morgenstunde fiel dem Kom
mandeur der Luftverteidigung in Den Haag eine Akte in die Hand, die man in
dem Wrack eines mitten in der Stadt abgestürzten deutschen Transportflugzeuges
gefunden hatte. Kartenskizzen zeigten den kürzesten Weg von einem der Flug
plätze zum königlichen Schloß sowie nach Scheveningen, wo die Königin ein
Privathaus besaß. Am alarmierendsten war jedoch ein Bataillonsbefehl, in wel
chem sich unter, anderem folgende Feststellung befand: »Im Einsatzgebiet sind
deutsche Zivilpersonen mit Sonderaufträgen eingesetzt. Sie sind im Besitz eines
Ausweises nach untenstehendem Muster. Ihnen ist durch die Truppe jede ange
forderte Unterstützung zu gewähren. Eingehende Belehrung hierüber ist not
wendig.« Das Paßmuster fehlte, doch war offensichtlich, daß der Feind sich
ziviler Helfershelfer bediente.
Die Vorsichtsmaßregeln wurden aufs äußerste verstärkt. Einige Offiziere be
haupteten, sie seien auf dem Wege zu ihrem Posten beschossen worden. Andere
waren genötigt worden, sich Zivifisten, die sich ihrer bemächtigen wollten, mit
der Pistole vom Leibe zu halten. Das Gefühl der Unsicherheit nahm von Stunde
zu Stunde zu und wurde noch durch Gerüchte vermehrt, daß führende Männer
1
76
Ebenda, S. 49.
des öffentlichen Lebens — der Präsident der holländischen Luftverkehrsgesell
schaft und der Postminister — sich als Verräter erwiesen hätten.
Die allgemeine Nervosität wurde noch durch die relative Isolierung der Bevölke
rung gesteigert. Die meisten Telefonverbindungen waren abgeschnitten, der Post
betrieb war eingestellt worden. Nur Zeitungen wurden noch zugestellt. Sie ent
hielten jedoch alle nur dürftige und beunruhigende Nachrichten. Die Menschen
saßen an ihren Rundfunkgeräten und lauschten gierig den entmutigenden Be
richten der Luftschutzwarte. Außerdem warnte der Rundfunk vor Leuten, die
das Gerücht verbreiteten, das Trinkwasser sei vergiftet worden; diese Übeltäter
solle man verhaften.
Der mit Spannung erwartete erste Heeresbericht wurde am 11. Mai verbreitet und
klang noch hoffnungsvoll. Er erwähnte einen deutschen Panzerzug, in welchem hol
ländische Uniformen gefunden worden seien, meldete ferner, daß in Den Haag »ein
Versuch, die Polizeihauptwache durch Überraschungsangriff zu nehmen, vollstän
dig gescheitert« sei und bestätigte dadurch die Tätigkeit der Fünften Kolonne.
Ebenfalls am zweiten Tage des Krieges gab das Oberkommando bekannt, daß
deutsche Einwohner von Den Haag den Versuch gemacht hätten, von einem Haus
im westlichen Teil der Stadt das Zentrum zu erreichen. Sie seien in das Haus
zurückgetrieben und dort unter Geschützfeuer genommen worden, »worauf die
überlebenden Deutschen sich
ergaben«. Ferner
wurde amtlich bekanntgegeben,
eine Einheit des holländischen Heeres sei »von Personen beschossen worden, die
teils in Zivil, teils in holländische Heeresuniformen gekleidet waren«.
Offensichtlich war vor allem nötig, daß Reichsdeutsche und Mitglieder der NSB
alsbald beseitigt würden, um zu verhindern, daß sie weiteres Unheil anrichteten.
Seit 1938 hatte die holländische Polizei sorgfältig darauf geachtet, die Namen
und Adressen aller Personen zu registrieren, die als unzuverlässig galten; das
waren im ganzen Lande etwa 1500 Reichsdeutsche und 800 Holländer, über
wiegend Mitglieder der NSB. Am 10. Mai wurden um 5 Uhr morgens ChiffreTelegramme ausgesandt, mit denen die Staatsanwälte ermächtigt wurden, diese
2300 Personen zu verhaften. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte befahl, daß
alle andern Deutschen oder Ausländer deutscher Herkunft in ihren Wohnungen
zu bleiben hätten; dazu gehörten auch Zehntausende von Juden und anderen
politischen Flüchtlingen. Es wurden Streifen gebildet, und die Polizeiwagen be
gannen zu rollen.
Die Tatsache, daß alle für gefährlich erachteten Personen so bald verhaftet
wurden, war nicht allgemein bekannt. Was aber hieß schon gefährlich? War nicht
jedes Mitglied der NSB ein Verräter, und gehörte nicht jeder Reichsdeutsche zur
Fünften Kolonne? Wer immer sich für geeignet oder berufen hielt, half bei den
Verhaftungen. »Jedermann — Soldaten, Sergeanten, Leutnants und Bürger
meister — glaubte damals, er solle nur mit den Verhaftungen beginnen1.« Die
1
Aussage J. A. van Thiel a.a.O.
77
Behandlung war örtlich verschieden; manchmal war sie korrekt, manchmal auch
nicht. Vor allem in den großen Städten konnten viele ihre Gefühle nicht bezäh
men, als sie sahen, wie Adolf Hitlers und Anton Musserts Anhänger abgeführt
wurden. Am größten war jedoch der Haß gegen die holländischen Nazi:
»Es ertönt der Ruf: Hände hoch! Nationalsozialisten werden mit Frauen und
Kindern die Treppen hinuntergejagt. Dann müssen sie mit erhobenen Händen
vor ihren Türen warten, wo jedermann sie sehen kann, bis die Haussuchung
beendet ist. Geladene Revolver und Gewehre mit Bajonetten sind auf sie ge
richtet. Jede Bewegung gilt als Angriff. >Nehmt die Hände aus den Taschen!< —
>Halt’s Maul, oder du kriegst eine Kugel!< — >Dreckige Verräter! Haltet das Maul!<
>Man sollte euch alle ersäufen!<1«
So viele Leute wurden verhaftet, daß das ganze Vorhaben fehlschlug. Im Bezirk
Amsterdam, wo man mit 800 Internierten gerechnet hatte, stieg deren Zahl auf
über 6000. Hinzu kamen Tausende aus andern Landesteilen. »In jenen fünf
Tagen kam es zu unbeschreiblichen Szenen2.« Einige der Verhafteten wurden von
aufgeregten Soldaten niedergeschossen.
Merkwürdigerweise schufen die Verhaftungen an den beiden ersten Kriegs
tagen keinerlei Erleichterung. Vielmehr wurde die allgemeine Stimmung noch
nervöser. Das war auch auf die Tatsache zurückzuführen, daß keine guten Nach
richten eintrafen. Auch die Truppe litt darunter. Es war schlimm genug, auf die
Feuertaufe durch einen so furchtbaren Gegner zu warten! Jedes angebliche
Zeichen für eine Tätigkeit der Fünften Kolonne vermehrte noch die Spannung.
Die Soldaten hatten das Gefühl, daß allenthalben Fallschirmjäger gelandet seien
und daß es kein Dorf und keine Stadt gebe, wo nicht Einwohner aus den Häusern
schossen und nachts Lichtsignale gaben.
Auch im Heer gab es eine Fülle von Gerüchten: »Schon am ersten Tage trifft
das Gerücht ein, daß die Regierung geflohen sei. Angesehene Mitglieder der Ge
sellschaft seien ermordet. Die Deutschen seien an der Nordseeküste gelandet...
Nicht einen einzigen General der holländischen Armee kann man nennen, der
dem Gerücht zufolge nicht mindestens einmal getötet worden ist. Auf den Straßen,
über die unsere Truppen marschieren müssen, sei Giftgas beobachtet worden.
Wenn man Schokolade findet, solle sie vernichtet werden, weil sie bestimmt ver
giftet sei. Unsere Handgranaten enthielten Sand anstatt Schießpulver, und es
hieß, die Kasematten seien beim ersten Schuß eingestürzt, weil der Beton nichts
tauge3.«
Anderswo konnte man hören, daß die Handtaschen aller Frauen kontrolliert
werden müßten, weil sie Handgranaten enthalten könnten, oder daß man nach
deutschen Soldaten Ausschau halten müsse, die holländische Uniformen, aber
1
J. de Haas: Vijf dagen terreur. Amsterdam 1940. S. 13/4.
2
Aussage J. A. van Thiel a.a.O.
3
E. P. Weber: De vuurproef van het grensbataljon. Arnhem 1945. S. 195/6.
78
»ohne Gamaschen« trugen, oder daß ein Auto mit einem bestimmten Nummern
schild sofort beschossen werden solle. »Schließlich wußte man überhaupt nicht
mehr, was man glauben sollte1.«
Im allgemeinen kam die Truppe bald zu der Ansicht, die Rückschläge und der
Rückzug seien mit Verrat und Sabotage zu erklären. Wenn die Fünfte Kolonne
überall tätig war, warum dann nicht auch in der Armee? Mehrere Offiziere und
Mannschaften wurden der Zugehörigkeit zur Fünften Kolonne verdächtigt und
verhaftet. Mindestens zwei von ihnen wurden ohne weiteres erschossen.
Am größten war die Nervosität im Westen der Niederlande am 12. und 13. Mai.
Die Menschen hatten das Gefühl, sie seien der Gefahr der Fünften Kolonne nicht
gewachsen. Kaum war das Feuer an einer Stelle erstickt worden, so flammte es
an zehn andern auf. Wieder gab es eine Fülle von Gerüchten: Fleisch und Trink
wasser waren vergiftet; Leute von der Fünften Kolonne verteilten vergiftete
Schokolade und Zigaretten; ganze Städte waren bereits dem Erdboden gleich
gemacht worden. Unter denen, die diesen Gerüchten mißtrauten, glaubten gleich
wohl viele, daß sie von Werkzeugen des Feindes ausgestreut worden seien.
Am Pfingstsonntag, dem 12. Mai 1940, verbreitete sich in Amsterdam das
Gerücht, die Luftschutzsirenen seien außer Betrieb. Nach seiner Ankunft in
England schrieb ein holländischer Flüchtling: »Ich sehe noch den Mann vor mir,
der die Straße entlang lief und die beunruhigende Nachricht ausrief: >Wer hat
Ihnen das gesagt?< — >Eine Warnung von der Polizeiwache! Weitersagen!< Die
Verbreitung gerade dieses Gerüchts war von der Fünften Kolonne glänzend
organisiert worden. Es wurde etwa gleichzeitig an verschiedenen Stellen Amster
dams ausgegeben und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Es war natürlich völlig
unwahr, wirkte aber niederdrückend auf die allgemeine Stimmung12 .«
Weiter
wurde
behauptet,
verschiedene
deutsche
Fallschirmjäger
seien
nahe
Amsterdam gelandet, aber glücklicherweise gefaßt worden; in einem Zimmer des
»Hotel de l’Europe« habe man Magnesiumbomben gefunden, mit denen deutschen
Bombern Lichtsignale gegeben werden könnten; die Fünfte Kolonne habe auf den
Straßen und an Häuserwänden Striche gezogen, die geographische Hinweise
gaben — und in manchen Teilen der Stadt würden diese Zeichen bereits schleu
nigst abgekratzt.
Noch deutlicher trat die Furcht vor der Fünften Kolonne in Den Haag zutage.
Jedermann war sich der Nähe des Feindes bewußt. Am 11. Mai wurde auf den
Straßen so viel geschossen, daß die Truppen glaubten, sie bekämpften einen allge
meinen Aufstand der holländischen Nazi. »Auf Dächern und in Höfen gab es zahl
reiche Jagden auf Leute von der NSB3.« Am heftigsten war die Schießerei in
1 W. A. Poort und Th. N. J. Hoogvliet: Slagschaduwen over Nederland. Haarlem 1946.
S. 282.
2
L. de Jong: Holland fights the Nazis. S. 16/7.
3
Poort-Hoogvliet a.a.O., S. 63.
79
der Nähe eines auffallenden Wohnblocks im Stadtzentrum, wo sich, wie man
glaubte, Leute von der Fünften Kolonne verschanzt hatten. Aber auch sonst
sah man überall »Autos, aus deren Türen Karabiner hervorragten, und Poli
zisten, die mit der Pistole in der Hand >Hände hoch!< riefen1«.
Niemand wußte genau, wo der Feind war, doch vermutete man ihn überall.
Am Sonntag, dem 12. Mai, dem dritten Kriegstag, wurde die Lage in Den Haag
noch verworrener. Jetzt wurde auch die Polizei für unzuverlässig gehalten.
Junge Angehörige der Bürgerbrigade fingen an, die Polizei zu entwaffnen. Jetzt
kamen die Militärbefehlshaber zu der Erkenntnis, daß sie radikal vorgehen müß
ten, um ein allgemeines Chaos zu verhindern. Die Bevölkerung wurde angewiesen,
Türen und Fenster geschlossen zu halten. Niemand durfte auf der Straße stehen
bleiben. Die Truppe wurde härter angefaßt. Das Ergebnis war, daß sehr viel
weniger wilde Schießereien vorkamen.
Die militärischen Stellen hatten jedoch nach dem Fund deutscher Dokumente
vom 10. Mai eine ähnliche, aber viel umfangreichere Sammlung von Papieren
erhalten, wie sie am 12. Mai auf einem der Flugplätze um Den Haag bei einem
gefallenen Deutschen gefunden worden waren. Diese hatten dem Nachrichten
offizier der 22. deutschen Luftlandedivision gehört und enthielten eine ganze
Reihe von Spionageberichten, die zum großen Teil vom deutschen Militärattaché
in Den Haag stammten, ferner eine Liste von Leuten, die offenbar festgenommen
werden sollten, lange Verzeichnisse von Garagen in Den Haag sowie Karten, auf
denen nicht nur die wichtigsten Kraftwerke und dergleichen, sondern auch der
Schutzraum der königlichen Familie und die Wohnungen des Ministerpräsidenten
und des Verteidigungsministers mit Pfeilen eingezeichnet waren. Außerdem fand
sich ein Befehl bezüglich derjenigen »Bürger«, die »mit besonderen Aufträgen«
in den Kampf geworfen worden waren, und ein zugehöriger Paß, der folgender
maßen lautete:
»Der................. hat in der Ausführung von Sonderaufträgen die Berechtigung, die
deutschen Linien zu passieren. Alle Truppenteile werden ersucht, ihm jede Unter
stützung zu gewähren. Dieser Ausweis gilt nur in Verbindung mit einem mit Licht
bild versehenen Personalausweis.«
Das aufgefundene Exemplar, das von Graf Sponeck unterzeichnet war, trug
die hohe Nummer 206.
Ein weiterer Beweis für die Tätigkeit der Fünften Kolonne, mit der, wie die
Leute glaubten, das Militär in Den Haag kaum fertigwerden konnte!
Die Symptome, welche die Holländer bei der Invasion ihres Landes wahrzu
nehmen glaubten, ließen den Begriff Fünfte Kolonne seine volle Bedeutung er
langen. Seine spanische Herkunft war vergessen worden und seine Bedeutung
unbestimmt. Man faßte darin alles zusammen, was man als unvereinbar mit einer
normalen und anständigen Kriegsführung ansah: Spionage großen Umfangs, die
1
80
A. van Boven: Jan Jansen in bezet gebied. Kämpen 1946. S. 6.
Anwerbung von Mitläufern und das Anlegen militärischer Vorräte in dem Land,
das man erobern wollte. Während des eigentlichen Angriffs auch die Täuschung
des Gegners durch Benutzung seiner eigenen Uniformen oder durch Operationen
von Militär in Zivilkleidung oder auch durch Angriffe nicht nur an der Front,
sondern auch dahinter, indem man Fallschirmjäger zu Tausenden abwarf. Schließ
lich auch, indem man durch Vergiftung von Nahrungsmitteln eine Panik aus
löste
und
durch
falsche
Befehle,
Falschmeldungen
und
Gerüchte
Verwirrung
stiftete.
Alle diese Tätigkeiten der Fünften Kolonne betrachtete man nicht als beiläufige
Verstöße des Feindes, der sich im übrigen an die militärischen Spielregeln hielt,
sondern dieser Feind hielt sich an überhaupt keine Regel. Wehrlose Frauen und
Kinder und entwaffnete Kriegsgefangene trieb er vor sich her, wann immer das
in seine bösartigen Pläne paßte. Die Fünfte Kolonne war vor allem seine An
griffswaffe, die eigentliche Form militärischer Aggressionen durch die National
soziafisten.
Die Leute meinten, das sei in Holland noch deutlicher geworden als in Nor
wegen. In Norwegen hatten Quisling, Sundlo und ein paar hohe Beamte und
Offiziere das Land an Hitler verraten. Dort war, wie man hatte lesen können, der
Streich dank der absoluten Kontrolle gelungen, »die eine Handvoll Männer in
Schlüsselstellungen von Verwaltung und Marine ausgeübt hatten«. In Holland
hingegen hatte Hitler eine Fünfte Kolonne riesigen Umfangs mit Tausenden von
Mitgliedern in Marsch gesetzt. Reichsdeutsche und holländische Nazi hatten in
zahllosen Fällen aus dem Hinterhalt auf die Truppen geschossen und Hand in
Hand mit Fallschirmjägern gearbeitet, die sich unauffällig als Bäcker, Priester,
Bauern,
Straßenbahnschaffner
und
Postboten
ins
Getümmel
gestürzt
hatten.
Ja, es gab kein Gewerbe und keinen Beruf, dessen Kleidung sich die Fünfte
Kolonne nicht zunutze gemacht hatte. Jeder Freund konnte ein Feind sein.
So sah das Bild aus, das sich den verwirrten Blicken des holländischen Volkes
in jenen schicksalhaften Tagen des Mai 1940 darbot. Presse und Rundfunk, Briefe
und mündliche Berichte teilten es der freien Welt mit und lösten dort eine Welle
von Furcht und Spannung aus, die Herzen und Sinne von Millionen Menschen
überflutete.
81
IV
DIE DEUTSCHE OFFENSIVE
IN BELGIEN UND FRANKREICH
Die Niederlande waren im ersten Weltkrieg neutral gewesen. Das belgische
Volk dagegen erinnerte sich noch 1940 nur allzu gut des Alptraums vom August
1914, als der brutale Deutsche seine Armeen durch Belgien marschieren Heß.
Dörfer und Städte waren in Flammen aufgegangen, und Zivilisten, die man be
schuldigte, auf deutsche Truppen geschossen zu haben, wurden zu Hunderten
füsiliert. Jenem Vormarsch waren vier Jahre strenger deutscher Besatzung ge
folgt — Jahre des Unrechts, der moralischen Unterdrückung, des Elends und der
Zwangsverschickungen.
Am 10. Mai 1940 begann derselbe Feind wieder zu marschieren. Die Holländer
wußten nicht aus Erfahrung, was Krieg und Besatzung der Deutschen bedeutete.
Die Belgier wußten es! Ihre alte Furcht erwachte in vollem Umfange zu neuem
Leben. Gott sei Dank hatten mächtige Verbündete die deutsche Offensive voraus
gesehen und Gegenmaßnahmen vorbereitet!
Kaum hatte der Rundfunk den Kriegsausbruch gemeldet, kaum war nach dem
ersten Luftangriff die Entwarnung verklungen, als die Bevölkerung von den Ar
dennen bis zur Nordsee auf die Straßen stürzte, um die französischen und britischen
Truppen, die Kriegskameraden vom letzten Mal, jubelnd zu begrüßen. Diese
Truppen rollten in tadelloser Ordnung nach Belgien hinein, wo sie mit dem Gesang
der »Marseillaise« und von »Tipperary« von der Bevölkerung begeistert begrüßt
wurden. Ihr Anblick gab den Menschen das Vertrauen, daß es ihnen gelingen
werde, die deutschen Eindringlinge weit im Osten aufzuhalten und sie dann rasch
zurückzudrängen. On les aura!
Aber die Furcht war die Kehrseite dieses Vertrauens. Schon am ersten Tag
breiteten sich pessimistische Gerüchte aus: in Paris sollte Revolution sein, Italien
habe Frankreich angegriffen, die Maginotlinie sei durchbrochen, alle Dörfer um
Lüttich seien dem Erdboden gleichgemacht worden. Die Polizei und ein großer
Teil des Publikums waren davon überzeugt, daß feindliche Agenten planmäßig
solche Gerüchte ausstreuten. In Courtrai wurden schon am 10. Mai zwölf Personen
verhaftet, »die verdächtigt wurden, Spione zu sein und Gerüchte zu verbreiten1«.
1 René
82
de Chambrun: I saw France fall. Will she rise again? New York 1940. S. 119.
Die Bevölkerung hielt Ausschau nach Helfershelfern des Feindes — »La Cinquième
Colonne« nannten die Wallonen sie, die Flamen »De vijfde Kolom«.
Am 10. Mai wendete sich der Verteidigungsminister über den Rundfunk an die
Bevölkerung, sie möge den Militärbehörden oder der Polizei melden, falls sie in
der Nähe militärischer Anlagen oder strategischer Punkte »verdächtige Personen«
bemerke. Aus allen Automobilen mußten die Rundfunkempfänger entfernt wer
den: gab es etwa, so fragten sich die Leute, feindliche Agenten, die auf diesem
Wege ihre Weisungen erhalten hatten? Am dritten Kriegstag schufen neue War
nungen der Regierung abermals Unruhe. Die Sicherheitsorgane gaben bekannt,
»an mehreren Stellen Belgiens« seien deutsche Fallschirmjäger in Zivilkleidung
und im Besitz kleiner Rundfunksender gelandet, um Gerüchte zu verbreiten und
Sabotage zu üben. Am nächsten Tage wurde amtlich mitgeteilt, daß feindliche
Agenten »in hellbraunen Uniformen mit Hakenkreuzknöpfen und Abzeichen mit
den Buchstaben DAP« mehrmals die Polizei angegriffen hätten. Die Sicherheits
organe baten darum, daß alle Reklameschilder der Cichorie »Pascha« von Tele
grafenpfählen und dergleichen entfernt würden. Zur Erklärung wurde gesagt:
»Auf der Rückseite der Plakate hat man Zeichnungen gefunden, die dem Feind
wertvollen Aufschluß über Verkehrswege etc. geben können.«
Diese Deutschen hatten an alles gedacht! Nicht die kleinste Einzelheit war ihrer
Aufmerksamkeit entgangen! Vor wie langer Zeit waren doch diese Plakate noch
mitten im Frieden angebracht worden, die jetzt eiligst entfernt werden mußten,
um zu verhindern, daß Fallschirmjäger die nächste Eisenbahnbrücke fänden!
Woran konnte man diese Fallschirmjäger erkennen? Sie waren, wie die Regierung
am 13. Mai mitgeteilt hatte, »als Arbeiter, Priester oder belgische Soldaten ver
kleidet«, sogar Frauen wurden vom Gegner als Spitzel und Saboteure beschäftigt.
Vor allem die Hauptstadt Brüssel glich in jenen ersten Kriegstagen einem Bienen
korb, in dem es von Gerüchten und Befürchtungen summte. Es trafen keine Be
richte über militärische Erfolge ein. Vielmehr wurde bekannt, daß die Deutschen
drei entscheidend wichtige Brücken über den Albert-Kanal nordwestlich von
Lüttich genommen hatten. Wie war das möglich? Sie lagen doch unter dem Längs
feuer der Forts um Lüttich! Hatte man diese zum Schweigen gebracht? Es war
unheimlich. Verwendete Hitler Geheimwaffen, Gas oder Todesstrahlen? Oder han
delte es sich um Verrat? Wer konnte das sagen? Aber trotz des optimistischen Tons
amtlicher Verlautbarungen — »Unsere Lage bessert sich von Stunde zu Stunde«,
sagte König Leopold am 13. Mai — wußte die Bevölkerung, daß die eigenen Trup
pen ständig zurückgedrängt wurden.
Schon am 12. Mai hatte der französische Historiker Marc Bloch auf der Straße
bei Charleroi belgische Deserteure gesehen1. Am Abend desselben Tages hörte ein
englischer Kriegskorrespondent in Brüssel einen Soldaten an eine Tür klopfen
und rufen: »,Ich bin’s, Mutter!* Er war von der Front zurückgekehrt, wo es ihm
1 Marc
Bloch: L’étrange défaite. Témoignage écrit en 1940. Paris 1946. S. 31.
83
nicht gefiel1!« Vielleicht war die Zahl der Deserteure nicht sehr groß, aber jeder
einzelne unterstrich die Schilderung von der überwältigenden Macht des deutschen
Angriffs. Die erste Flüchtlingswelle vermehrte die traurige Kunde. In Südost
belgien verstopften die Flüchtlinge schon am 10. Mai die Straßen. Die Bahn- und
Postbeamten hatten Weisung erhalten, ihre Posten vor Ankunft des Feindes zu
verlassen, aber bald folgten Zehntausende, ja Hunderttausende aus der übrigen
Zivilbevölkerung aus freien Stücken ihrem Beispiel. Mindestens anderthalb Milli
onen Menschen flüchteten in den Westen des Landes, weil sie hofften, sie könnten
von dort aus nötigenfalls Frankreich erreichen — verzweifelte, aufgeregte und ent
wurzelte Menschen, die zusammenhanglos die barbarische Behandlung schilder
ten, die ihnen von Deutschen und Mitgliedern der Fünften Kolonne zuteil gewor
den sei, oder Geschichten darüber weitererzählten.
Welches Entsetzen, als sich herausstellte, daß der Fluchtweg versperrt war!
Fünf Tage lang hielten die Franzosen ihre Grenze geschlossen. Als sie sie öffneten,
war es fast zu spät. Deutsche Panzerdivisionen, von deren Operationen die Belgier
nichts wußten, näherten sich plötzlich bereits dem Kanal. Von der Mündung der
Somme rückten sie unaufhaltsam nordwärts vor. In den letzten zehn Maitagen
bildeten
Zivilbevölkerung,
Flüchtlinge
und
übermüdete
belgische,
französische
und britische Soldaten einen Menschenstrudel, der von dem deutschen Vormarsch
in Richtung auf die Küste und den einzigen Hafen Dünkirchen getrieben wurde.
Der Wechsel des Kriegsglücks wirkte sich vor allem auf die Truppen aus, die
Belgien zu Hilfe geeilt waren. Während sie zuversichtlich vorrückten, hatten sie
schon in den ersten Tagen ihr Äußerstes hergeben müssen, um dem schweren
deutschen Angriff standzuhalten. Eine Woche nach Beginn der Kämpfe hatte eine
Panzeroffensive, die niemand vorausgesehen hatte, ihre rückwärtigen Verbin
dungslinien im Süden abgeschnitten. So blieb nichts übrig, als langsam zurückzu
weichen und unnachgiebig gegen einen Gegner zu kämpfen, der alle Trümpfe in
Händen hielt. Die französischen und britischen Truppen fühlten sich unter Frem
den, zumal in Flandern, wo sie die Bevölkerung nicht verstehen konnten. Viele
französische Bataillone besaßen nicht einmal Generalstabskarten. So kam es ge
legentlich vor, daß zwei Bataillone dieselbe Straße in entgegengesetzter Richtung
benützten.
Die französischen Truppen verfügten nicht über eine Abwehrabteilung, die im
stande gewesen wäre, mit angeblichen Angehörigen der Fünften Kolonne fertigzu
werden. So gab es nur einen Ausweg: mit Spionen und Saboteuren kurzen Prozeß zu
machen. Es hieß, sie würden mit Fallschirmen von deutschen Flugzeugen abge
worfen, und man erzählte auch von Agenten, die sich als Flüchtlinge verkleidet
durch die Linien schlügen. Die Flüchtlinge zählten nach Hunderttausenden, und
das Problem, das sie schufen, war unlösbar. Aus anderen Bezirken trafen keine
Nachrichten bei den Truppen ein oder höchstens Berichte über die Tätigkeit der
1 J.
84
L. Hodson: Through the Dark Night. London 1941. S. 184.
Fünften Kolonne: Verräter schossen auf ihre Waffenbrüder, Agenten in Priester
rock oder Uniform, belgische Eisenbahner, die als Angehörige der Fünften Kolonne
planmäßig den Verkehr behinderten oder ein hoffnungsloses Durcheinander ver
ursachten.
Am 19. Mai warf sich in der Nähe von Dünkirchen der französische Soldat
René Balbaud flach auf den Erdboden. Schüsse kamen »aus den Fenstern eines
Gehöfts. Unsere Männer haben bereits das Gebäude erstürmt, um die Türen ein
zuschlagen. Fallschirmjäger? Fünfte Kolonne? Niemand weiß es. Wahrscheinlich
wird man wieder einmal nichts finden!« Einen Tag später hörte er ringsum Feuer
aus Maschinenwaffen. »Niemand weiß, was los ist, aber wir müssen an Fall
schirmjäger denken. Augenscheinlich sind alle Telefonverbindungen von Saboteu
ren zerstört worden.« Zwei Tage später wurde ein junger Bursche von 18 Jahren
»beim Spionieren ertappt« und sofort erschossen; »es lohnt sich nicht, hinzu
schauen1«.
Auch die britischen Truppen waren zu der Überzeugung gelangt, daß es eine
allgegenwärtige Fünfte Kolonne gäbe. Der Kriegskorrespondent J. L. Hodson ver
suchte am 12. Mai, auf dem Wege nach Brüssel mit einem englischen Gefreiten ins
Gespräch zu kommen; dieser »konnte mir nicht antworten, bis er meinen Ausweis
gesehen hatte«. Während sie miteinander sprachen, kam ein junges Paar in höch
ster Aufregung herbeigeradelt; sie hatten in dem nah gelegenen Wald einen Frem
den gesehen, »einen kleinen Mann mit rosa Augen«. Sie hatten ihn noch nie vorher
gesehen und »waren sicher, daß es ein Spion war«. Außerdem waren in der Gegend
zwei Fallschirmjäger mit Maschinengewehren abgesprungen, der eine in der Uni
form eines belgischen Polizisten, der andere in Zivil.
Am nächsten Tage traf Hodson in Brüssel eine Dame von Adel, die ihm mit ent
setztem Gesicht berichtete, die Deutschen würfen explosive Uhren und Bleistifte
ab; infolge einer deutschen Bombe sei »im Umkreis von 150 Metern12 « nicht ein
einziges Haus stehengeblieben. Am 14. Mai erzählte ihm ein schottischer Soldat,
er habe an der Gefangennahme einiger Fallschirmjäger in belgischer Uniform teil
genommen. Weiter verzeichnet Hodson: »Vier in Zivilkleidung landeten gestern
mitten in Brüssel. Einer von ihnen fiel auf ein Dach und brach sich ein Bein, ein
anderer ist noch in Freiheit3.«
In Löwen hörte er später, daß belgische Angehörige der Fünften Kolonne zu
Hunderten verhaftet worden seien. »Ein sehr verdächtiger Mann verbrannte auf
dem Marktplatz die belgische Fahne unter lauten Ausrufen, daß er diese den Deut
schen nicht in die Hände fallen lassen könne. War der Rauch ein Signal? Niemand
wußte es.« Von Soldaten des Schützenregiments Royal Ulster erfuhr Hodson, deut
sche Spitzel in britischen Uniformen seien in mehreren britischen Kommando
1
René Balbaud: Cette drôle de guerre. London 1941. S. 60/1 u. 67.
2
Hodson a.a.O. S. 181/2.
3
Ebenda, S. 187.
85
stellen eingedrungen und »auf einem frischgepflügten Feld war ein Pfeil der Art
gefunden worden, wie sie der Feind zur Kennzeichnung von Gefechtsständen be
nutzte — ein langer Stock, der in den Boden gepreßt war und an seinem rückwär
tigen Ende drei Grammophonplatten trug1«.
Am 21. Mai hielt sich Hodson in Boulogne auf: »Als heute abend der Bomben
angriff anfing, stand ich eine Weile am Fenster meines Schlafzimmers, das auf den
Hafen blickt. Man konnte zwei oder drei Lichter sehen, die kleinen unbeweglichen
Sternen glichen. Sie könnten, so dachten wir, Signale sein, die dem Gegner das zu
bombardierende Gebiet abgrenzten. Wir riefen daher zur Militärpolizei hinunter
und machten sie darauf aufmerksam. (Heute wird berichtet, daß Hakenkreuze mit
Kreide auf die Straßen gemalt wurden.) Dieser Krieg scheint mit Verrat getränkt
zu sein12 .«
»Mit Verrat getränkt« — diesen Eindruck hatten auch die Soldaten. Häufig
wurden höhere Offiziere verhaftet, weil man ihre Identität anzweifelte und diese
erst bestätigt haben wollte. »Jeder ungewöhnlich aussehende Zivilist wurde ver
dächtigt, ein feindlicher Agent zu sein3.«
Natürlich wurden auch in Belgien scharfe Maßnahmen gegen alle Personen ge
troffen, die als Mitglieder der Fünften Kolonne verdächtig waren, vor allem
Reichsdeutsche sowie Mitglieder des faschistischen »Vlaams Nationaal Verbond«
und der Rexisten. Den Gerichten war bekannt, daß der VNV finanziell aus Deutsch
land unterstützt wurde; die militärischen Stellen machten sich vor allem wegen
der defaitistischen Propaganda Sorge, die der VNV unter den Soldaten trieb. Die
Rexisten waren eine antidemokratische Bewegung und hatten ständig gegen Frank
reich und Großbritannien agitiert. Den reichsdeutschen Gästen konnte man
ohnehin nicht trauen; einige Mitglieder der Landesgruppe waren schon in den
ersten Kriegstagen 1939 bei Spionage ertappt worden. In dem deutschsprachigen
Gebiet von Eupen-Malmedy gab es Elemente, die man schief ansah. Die Truppen
aus diesem Gebiet waren vorsichtshalber nicht bewaffnet worden, sondern mach
ten Arbeitsdienst und hoben Gräben aus. Das Mißtrauen gegen sie versiegte nie
mals.
Am 10. Mai wurden die ersten Verhaftungen vorgenommen. Diejenigen Reichs
deutschen, Rexisten und Mitglieder des VNV, die eingesperrt werden sollten,
waren in Listen zusammengefaßt. Die Listen waren nicht alle gleichmäßig sorg
fältig aufgestellt worden. An manchen Orten hatte sich die Polizei bemüht, die
Rädelsführer ausfindig zu machen, während sie anderswo nur die Bezieher der
Wochenzeitung des VNV festgestellt hatte; an manchen Orten war auch über
haupt nichts geschehen. Léon Degrelle, der Führer der Rexisten, war am 10. Mai
1
Ebenda, S. 200.
2
Ebenda, S. 223.
3
Nigel Nicolson and Patrick Forbes: The Grenadier Guards in the war of 1939—1945. I,
S. 19.
86
verhaftet worden; dasselbe Schicksal war den maßgeblichen Führern des VNV
zuteil geworden, deren wichtigster, Staf de Clercq, am 12. Mai ohne Angabe der
Gründe entlassen wurde. Gleichzeitig wurde eine größere Anzahl führender Kom
munisten verhaftet, darunter fünf Parlamentsmitglieder.
Alle diese ersten Verhaftungen vollzogen sich relativ ordungsgemäß. Einige
Tage später kam es aber zu einer ungeheuren Welle neuer Verhaftungen, haupt
sächlich auf Betreiben der unruhigen Öffentlichkeit, die dazu führten, daß innerhalb
kurzer Zeit viele Gefängnisse überfüllt waren. Soldaten, die wegen kleinerer Vergehen
in Haft saßen, wurden zu ihren Einheiten zurückgeschickt, und auch andere Ge
fangene wurden nach Hause geschickt, um Platz für die Neuankömmlinge zu ge
winnen. Gleichzeitig wurde beschlossen, die Gefährlichsten von den Verdächtigten
nach Frankreich in Sicherheit zu bringen. Die Transporte dieser Art enthielten eine
seltsame Mischung von Menschen.
So verließ ein Zug Brüssel, in dem mehr als 1100 Verhaftete saßen, »fast alle
Reichsdeutsche, aber auch viele Juden«; aus dem wallonischen Teil waren dar
unter »Rexisten, Kommunisten, Verdächtige aus Eupen und den anderen deutsch
sprachigen Bezirken, Gastwirte und Polizisten«. Ferner befanden sich darunter »ein
persischer Student, der verdächtig und deshalb von der Universität entlassen
worden war«, und ein jugoslawischer Ingenieur, der in Antwerpen dadurch Ver
dacht erregt hatte, daß er im Lift eines Etagenhauses mehrmals auf- und abge
fahren war; er selbst sagte, er habe es getan, um seine Habe aus dem gefährdeten
Obergeschoß, wo er lebte, zu entfernen, die Bevölkerung jedoch hatte geglaubt,
er gebe den Deutschen Signale. Auch Priester wurden verhaftet, weil grundsätz
lich »alle Geistlichen im Verdacht standen, verkleidete Fallschirmjäger zu sein«.
In Brügge wurden am 15. Mai drei Autobusse mit 78 weiteren Gefangenen beladen,
von denen immer je zwei durch Handfesseln verbunden waren: »Deutsche, Hol
länder, Flamen ... außerdem Juden, Polen, Tschechen, Russen, Kanadier, Ita
liener, ein Däne, ein Schweizer und sogar Franzosen.«
Die Gefangenen wurden zunächst nach Bethune und dann nach Abbeville ins
Gefängnis gebracht. »Dort konnten keine mehr aufgenommen werden. Die Zellen
barsten von Angehörigen der Fünften Kolonne1.« Die Bevölkerung lebte in pani
scher Furcht, das Militär war am Ende seiner Weisheit angelangt — jeden Augen
blick konnten die Umrisse deutscher Panzer auf der Hügelkette im Osten auf
tauchen. 22 Gefangene wurden ohne weiteres in der Nähe des Konzertpavillons
erschossen.
In Tournai trafen zwei Transporte zusammen: Zweitausend Gefangene aus Ant
werpen, einige hundert aus Gent und Umgebung. Am 14. Mai wurden alle hier ver
sammelten Verdächtigen, insgesamt fast 3000, durch die Stadt geführt. Es war ein
Tag, an dem der verhängnisvolle Durchbruch durch die Verteidigungsanlagen am
Albert-Kanal bekannt wurde. Man hörte Rufe: »Schießt sie tot! Reißt ihnen die
1 René
Lagrou: Wij verdachten. Brüssel 1941, S. 24, 29, 47, 109, 145, 148.
87
Eingeweide heraus! Wozu habt ihr Bajonette? Lumpen! Schufte! Wo ist euer
Führer? Hunnen! Schweine! Abschaum! Laßt sie verhungern!«
»Frauen traten auf die Gefangenen zu, lachten und spuckten sie an. Männer
zückten Dolchmesser. Kinder machten das Zeichen des >Kopfab<1.« Die Bevölke
rung war außer sich vor Wut.
Wie viele der Zugehörigkeit zur Fünften Kolonne Verdächtige, die in Belgien
verhaftet wurden, ums Leben gekommen sind, läßt sich nicht genau feststellen.
Auch in anderen Orten als Abbeville kam es zu Erschießungen. Später wurde be
hauptet, daß von den 2000 Reichsdeutschen, die nach Frankreich gebracht wurden
— darunter vier Beamte der Deutschen Botschaft in Brüssel — 21 »ermordet wurden
oder an den erlittenen Mißhandlungen starben12 «.
Im allgemeinen kam es mehr zu Beschimpfungen und Mißhandlungen als zu
Totschlag oder Erschießungen. An den meisten Orten waren Polizei und Gesetz
imstande, die Gefangenen vor dem aufgebrachten Publikum in Schutz zu nehmen.
Außerdem wurden sehr viele Gefangene nach dem Süden gebracht, wie schon an
dem Transport aus Brüssel gezeigt wurde. Für sie war dies der Anfang ihrer
schlimmsten Leiden, als sie in verriegelten Viehwagen, auf die Wörter wie »Fünfte
Kolonne«, »Spione« und »Fallschirmjäger« geschmiert worden waren, unter einem
wolkenlosen Himmel nach Frankreich hineinrollten.
Über zwei Monate vorher war am 7. März 1940 der Staatssekretär im ameri
kanischen Außenministerium Sumner Welles nach einer Reise durch die wichtig
sten Hauptstädte Europas in Paris eingetroffen. Dort begegnete ihm ein mutloses
Volk. »Schon in den Häusern konnte man fast das Gefühl einer dumpfen Gleich
gültigkeit wahrnehmen, das die meisten Gesichter kennzeichnete, denen man in
den nahezu verlassenen Straßen begegnete. Allgemein herrschte das Gefühl des
Wartens, der Erwartung irgendeines dunklen Verhängnisses. Abgesehen von ein
paar Ministern erhielt ich nur in den seltensten Fällen bei den zahllosen Menschen,
mit denen ich sprach, den Eindruck der Hoffnung oder der Kraft oder auch nur,
was tragisch genug war, des Willens zum Mut3.« Ein müdes Frankreich, ein von
sozialen und politischen Kämpfen erschöpftes Frankreich hatte an jenem 3. Sep
tember 1939 Deutschland den Krieg erklärt. Die Mehrheit des Volkes erkannte
wohl, daß es nicht möglich war, Hitler seinen Willen zu lassen, und daß die ent
scheidende Frage bei Kriegsausbruch — Mourir pour Danzig? — überhaupt nicht
Danzig war. Aber wie sollte man den Krieg gewinnen?
In den frühen Morgenstunden des 10. Mai griffen die Deutschen an. Ein Gefühl
der Erleichterung flog durch das Land. Endlich. Die nervenzermürbende Spannung
war vorüber! Die Deutschen würden sich an der Maginotlinie verbluten! In Nord
frankreich und Belgien würde man sie fassen und zusammenschlagen. Die Pläne
1
Ebenda, S. 18.
2
Julius Reinhard: Kampfzeit im Ausland. Die Entwicklung der Auslandsorganisation der
NSDAP in Belgien. 1941. S. 46.
3
88
Sumner Welles: The Time for Decision. London 1944. S. 98.
lagen bereit: französische und britische Armeen sollten zusammen in Belgien ein
marschieren und im Gegensatz zu dem, was 1914 geschah, die vorrückenden Deut
schen weit vor der französischen Grenze aufhalten. Genau wie in Belgien fand der
Ruf »On les aura!« ein Echo. Er war Ausdruck des verzweifelten Verlangens, end
lich von dem verfluchten Boche erlöst zu sein. Die Zeitung »Le Temps« schrieb:
»Wir stehen am Vorabend einer sehr großen Schlacht, die sich in ihren Folgen über
einen langen Zeitraum erstrecken und zweifellos große Schwierigkeiten auslösen
wird. Schon jetzt aber läßt sich sagen, daß die Schlacht unter so günstigen Um
ständen begonnen hat, wie man sie nur erhoffen kann1.« Als die Leser diese Zeilen
am 12. Mai vor Augen hatten, war die Schlacht bereits verloren.
Von der Küste her waren am 10. Mai die französische VII. Armee, das britische
Expeditionskorps und die I. und IX. Armee der Franzosen nach Belgien hinein
gerollt. Die II. Armee bildete das Verbindungsglied mit der Maginotlinie bei Sedan.
Die II. und die IX. Armee sollten die Befestigungswerke an der Maas bis nach
Namur besetzen. Die Stäbe hatten berechnet, daß die Deutschen frühestens am
fünften Tage nach Beginn der Offensive an der Maas erscheinen würden, wo in
zwischen französische und britische Artillerie in Stellung gebracht sein würde und
wo sich die Truppen nach ihrem ermüdenden Marsch erholt hätten.
Schon am 10. und 11. Mai waren jedoch französische Patrouillen in den Ardennen
auf ungeordnete Flüchtlingskolonnen und auf rasch zurückweichende Soldaten
gestoßen, welche berichteten, daß endlose deutsche Panzerkolonnen auf dem Vor
marsch seien. Ein Teil der Flüchtlinge kam aus Luxemburg, wo, wie sie sagten, eine
Fünfte Kolonne der Deutschen von beispiellosem Ausmaß am Werke gewesen war.
Die Deutschen hatten mehr als 2000 »Touristen« ins Land geschmuggelt, darunter
ein sogenannter Zirkus, dessen gesamtes Personal aus Militärpersonen bestand.
Alle diese Leute und dazu die in Luxemburg ansässigen Reichsdeutschen seien in
der Nacht vom 9. auf den 10. Mai mobilgemacht und in Marsch gesetzt worden. Sie
hätten Grenzposten und Polizeiwachen überraschend besetzt und Telefonleitungen
zerschnitten. Geheimnisvolle Autos, aus denen Schüsse gefallen seien, hätten das
Land wie verrückt durchfahren. Sogar eine Frau habe man schießen gesehen, und
selbst Kinder hätten von den Fenstern aus deutschen Soldaten Signale gegeben.
Vor dem Druck der deutschen Panzer zogen sich die französischen Patrouillen
rasch auf die Maas zurück, die sie am 12. Mai wieder überquerten. Am linken
Ufer stießen sie auf die Vorhut der IX. Armee, die sich nach dem langen Marsch
von der französischen Grenze einzugraben begann. Am selben Tage noch, drei
Tage früher als berechnet, traten die Deutschen von Sedan bis Namur zum An
griff an. Mit heulenden Sirenen stürzten sich ihre Stukas in die Tiefe, wobei allein
das Geräusch genügte, um einem das Blut in den Adern gerinnen zu lassen. Ein
höllisches Geschützfeuer brach los. Infanterie begann den Fluß zu überqueren,
und noch vor Einbruch der Dunkelheit krochen die ersten deutschen Panzer den
1 Le
Temps, 12. 5. 1940.
89
westlichen Hang des Maastales hinauf. Einige französische Einheiten hielten tapfer
stand: mit Maschinengewehren und selbst mit Pistolen feuerten sie auf die Panzer
platten der schweren Ungetüme. Die Moral anderer Verbände war rasch ge
brochen. Nicht ein einziges französisches Flugzeug erschien am Himmel.
Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Deutschen bereits im Süden in der
Nähe von Sedan die Maas überquert hätten, daß Angehörige der Fünften Kolonne
weit hinter der Front ihr Werk der Zerstörung verrichteten, daß überall im Hinter
land Fallschirmjäger abgesetzt würden, daß falsche Befehle im Umlauf seien, daß
Offiziere, denen die Sprengung der Maasbrücke oblag, von deutschen Soldaten in
Zivil mit Maschinenpistolen niedergeschossen worden seien, und daß wieder andere
Mitglieder der Fünften Kolonne aus den Häusern geschossen hätten. Bei Nacht
sah man »Millionen von geheimnisvollen Lichtern, bald in der Ebene, bald wieder
im Wald1«. Auch wurde gesagt, daß die Deutschen bei ihren Angriffen Zivilisten
und Kriegsgefangene vor sich her trieben. An Material besaßen sie eine erdrückende
Übermacht.
Die Linien gerieten ins Wanken. Das Gros der Armee begann sich zurückzu
ziehen : wie konnte irgend jemand hoffen, einen solchen Feind zu meistern! Offiziere
versuchten, die fliehenden Soldaten aufzufangen und die Ordnung wiederherzu
stellen. Manchmal gelang es ihnen, häufiger mißlang es. Erst waren es Tausende,
dann Zehntausende aus den Divisionen an der Maas, die rückwärts strömten.
Fürchterliche Gerüchte eilten ihnen voraus und alarmierten Stäbe und Einheiten
der Reserven. Dort setzte der gleiche rasche Zerfall ein, genährt von den nerven
zermürbenden Sturzflügen der deutschen Bomber und den aufgeregten Schilde
rungen endloser Flüchtlingskolonnen, die sich, blaß vor Angst, verwirrt und furcht
sam über das holprige Pflaster weiterschoben: »Sie kommen!«
»Zurück zur französischen Grenze!« hieß die neue Devise. Ehe die demoralisier
ten Truppen in ihrer Angst die Grenzbefestigungen erreicht hatten, waren die
meisten dort liegenden Verbände bereits von der allgemeinen Panik angesteckt
worden. In den Abschnitten der II. und IX. Armee waren alle französischen Grenz
posten am 17. Mai verlassen. Die deutschen Panzerdivisionen rollten dröhnend
über das hügelige Ackerland Nordfrankreichs zum Kanal hin und schnitten den
französischen und britischen Armeen in Belgien den Nachschub ab. In dem Gebiet
zwischen diesen nach Westen verlaufenden Panzerdivisionen und Paris war ein
wildes Chaos entstanden. Hunderttausende von Franzosen suchten hier ihr Heil
in der Flucht. Dazu kamen die aus der Maginotlinie herbeigeführten Verbände, aus
denen man eine neue Armee zu bilden versuchte, und ferner die Offiziere und Mann
schaften, die am 12. Mai und den folgenden Tagen von der deutschen Offensive
über die Maas wie von einem Schmiedehammer getroffen worden waren. Die
IX. Armee und ein großer Teil der II. Armee hatten aufgehört zu bestehen.
Tagelang hatte man in Paris keine Ahnung von diesem Debakel. Das lag zum
1
90
Georges Kosak: Belgique et France 1940. Grenoble 1946. S. 93.
Teil an schlechten Verbindungen. Die militärische Organisation war mangelhaft.
General Gamelin, der Oberbefehlshaber und erste militärische Berater, war außer
stande, einen direkten Befehl zu erteilen, und empfing daher auch umgekehrt keine
unmittelbaren Nachrichten. Das Kriegsministerium versuchte, sich von dem
Standort der Deutschen eine ungefähre Vorstellung zu machen, indem es von Zeit
zu Zeit die Postämter anrief, in deren Nähe man die Deutschen vermutete. Ob
diese plumpe Art der Unterrichtung bis zu Gamelins Hauptquartier vordrang, ist
nicht eindeutig geklärt worden. Er hatte keine eigenen Nachrichtenmittel zur Ver
fügung. Es gab kein Funkgerät.
Die Nachrichten, die beim Oberbefehlshaber eintrafen, waren immer zwei Tage
alt. Die Regierung und die hohen Beamten konnten daher von dieser Seite keinen
Überblick über die Lage erwarten. Nach dem 10. Mai tappte jedermann im Dunkel.
In diesem Zustand nervöser Ungewißheit hatten die Berichte über die Tätigkeit
der Fünften Kolonne in Belgien und den Niederlanden, die über Presseagenturen
und auf anderen Wegen eintrafen, eine doppelt verwirrende Wirkung. Am 11. Mai
meldeten die Pariser Zeitungen, daß 200 Fallschirmjäger in britischer Uniform in
der Nähe von Den Haag gelandet seien. Am 13. Mai gab die französische Regierung
amtlich bekannt, daß jeder feindliche Kriegsteilnehmer, der gefangengenommen
würde, ohne seine nationale Uniform zu tragen, »ohne weitere Umstände er
schossen
würde«.
Die
Fallschirmjäger
nannte
der
belgische
Ministerpräsident
Pierlot am 14. Mai Deutschlands wichtigste Waffe. »Zehntausende von Deutschen,
welche die großzügige Gastfreundschaft des holländischen Volkes genossen haben,
sind jetzt schon angriffsbereit hervorgetreten«, sagte der französische Informa
tionsminister am Abend desselben Tages in einer Rundfunkrede. Im ganzen Land
herrschte große Empörung. Les salauds! Präsident Lebrun vermutete am 15. Mai,
daß »90.000 von den 300.000 holländischen Soldaten getötet wurden1«. In den
Abendzeitungen konnte man lesen, daß Fallschirmjäger in Holland als Postboten,
Polizisten und Frauen verkleidet waren. »Die Vielzahl der Verkleidungen ist un
glaublich«, sagte der holländische Botschafter in London dem Korrespondenten
von »Le Temps«; er hatte das von holländischen Ministern gehört. Am 16. Mai
teilte der holländische Außenminister van Kleffens der Presse in Paris mit, Fall
schirmjäger seien »zu Tausenden in französischen, belgischen und britischen Uni
formen, im Priestergewand und als Nonnen oder Krankenschwestern verkleidet«
abgesprungen.
Nach dem 15. Mai erreichten Gamelin zu all diesen beunruhigenden Nachrichten
die ersten Meldungen über den vollständigen Zusammenbruch der IX. Armee. Sie
erreichten ihn in der Festung Vincennes, wo das Hauptquartier untergebracht war,
in der Nacht vom 15. auf den 16. Mai und in den frühen Morgenstunden »an einem
düsteren und endlosen Tage, der nach Leichen roch12 «. Die Deutschen waren also
1
Paul Reynaud: Au coeur de la mêlée, 1930—1945. Paris 1951. S. 449.
2
Jacques Minart: P. C. Vincennes, secteur 4. Paris 1945. II, S. 163.
91
schon ganz nahe! Es wurde berichtet, daß zwei oder drei Panzerdivisionen im An
marsch seien. Vielleicht wären sie schon abends in Paris!
Reservedivisionen gab es nicht. »Die Menschen verlassen Paris. Taxi sind
schwer zu kriegen. Es liegt Panik in der Luft«, schrieb der englische Journalist
Alexander Werth in sein Tagebuch1.
In den folgenden Tagen nahm die deutsche Panzeroffensive zum Kanal hin
ihren Fortgang. Franzosen, Briten und Belgier waren bald umzingelt, doch
hofften die Menschen noch, sie würden gen Süden durchbrechen können. Es ver
ging jedoch ein Tag nach dem andern, ohne daß sich diese Hoffnung erfüllte. Ver
zweifelt setzte Reynaud den Kampf fort, weil er wußte, daß nach der Niederlage
in Belgien ein Debakel in Frankreich nahezu unvermeidlich sein würde. Er nahm
Marschall Petain, den »Helden von Verdun«, und Georges Mandel, einen engen
Mitarbeiter des »Tigers« Clemenceau, in sein Kabinett auf. Gamelin wurde als
Oberbefehlshaber von Weygand, dem Stabschef Marschall Fochs, abgelöst. Die
Stimmung besserte sich. Von den alten Namen erwartete man sich neuen Ruhm.
Das Kriegsglück ließ sich jedoch nicht mehr wenden. Bei allen Stäben herrschte
Verwirrung. Besuchte man das Hauptquartier von General Georges, dem Befehls
haber der Armee im Norden, so erhielt man den Eindruck »einer hoffnungslosen
Konsultation
von
hundert
benommenen
Spezialärzten,
die
an
das
Sterbebett
eines zum Tode verurteilten Kranken gerufen worden sind12 «.
»Die Lage ist ernst, aber keineswegs verzweifelt«, sagte Reynaud am 19. Mai
im Rundfunk. Als jedoch zwei Tage später im Senat sein klassischer Alarm
ruf erklang: »La patrie est en danger!«, gab es dort mindestens einen Zuhörer,
der seine Beine schwach werden fühlte. »Hätte dort nicht die rote Samtbank
gestanden«, so gestand er ein, »wäre ich der Länge nach zu Boden gestürzt3.«
Frankreich in Gefahr! In tödlicher Gefahr durch Hitler! Nur ein Wunder könne
es retten, hatte der Ministerpräsident erklärt.
Wie war das möglich? Wie hatte es so weit kommen können? Welch teuflisches
Spiel hatte man mit den höchsten Gütern des französischen Volkes gespielt?
Reynaud, so erschien es den Menschen, hob einen Zipfel des Schleiers in die Höhe.
Er sagte, daß infolge »unerklärlicher Versäumnisse« die Brücken über die Maas
nicht gesprengt worden waren. Er machte Andeutungen über unzutreffende
Meldungen und falsche Räumungsbefehle. Er sprach von Verrat, Sabotage und
Feigheit. Er nannte den Namen General Coraps, des Kommandierenden Generals
der IX. Armee, der in der vorigen Woche seines Kommandos enthoben worden war.
»Le traître!«
Es mußte aber noch mehr Verräter geben! Wo versteckten sich diese Leute
von der Fünften Kolonne? Wo war die Cinquième Colonne?
1 Alexander Werth: The Last Days of Paris. London 1940. S. 43. — Ein Buch, das noch
frisch ist wie am ersten Tage.
2
Minart a.a.O., II, S. 185.
3
Paul Crouzet: »Et c’est le même ciel bleu.« Paris 1950. S. 141.
92
Im ganzen Lande entstand schrankenlose Unruhe, ein rasch fortschreitender
Zerfall. Unter einem hinreißend, herausfordernd blauen Himmel, der jeden Tag
aufs neue strahlte, näherte sich als bohrender Gegensatz die unabwendbare
Katastrophe. Es gab im Rundfunk keine Musik mehr zu hören. Das Denken der
Menschen wurde auf einen immer kleineren und dunkleren Bereich zusammen
gedrängt. Die Zeitungen wurden zunächst auf vier, später auf zwei Seiten be
schränkt. Je weniger konkrete Nachrichten es gab, um so anfälliger wurden die
Menschen für Gerüchte.
Aus dem Nordosten des Landes wogte eine Flüchtlingswelle nach der anderen
heran. In den ersten Tagen vollzog sich die Räumung auf ordentliche Weise.
Nach dem 13. Mai entstand daraus ein unseliges »Sauve qui peut!« — Manchmal
ließen Präfekten ihre Departements und Bürgermeister ihre Gemeinden im Stich.
Mit Flüchtlingen überfüllte Züge schnauften gen Westen, Hunderttausende wur
den in Pariser Autobussen transportiert.
Wie viele Flüchtlinge sich auf die Straßen begeben hatten, wußte man nicht —
jedenfalls Millionen, vielleicht gar sechs oder sieben Millionen. Schon Mitte Mai
waren zwischen Paris und der Nordgrenze ganze Städte und Dörfer fast entvölkert.
Die Normandie, die Bretagne und Südfrankreich wurden überfüllt. Alle diese ent
wurzelten und verzweifelten Menschen steckten sich gegenseitig mit ihrer Furcht
an. Wenn der Rundfunk etwas über die Fünfte Kolonne meldete, erschraken sie;
Pressemeldungen ähnlich bedrohlicher Art schufen Alarmstimmung.
Das am 17. Mai geschaffene zivile Verteidigungscorps errichtete Straßensperren.
Dort standen die Angehörigen des Corps, ließen sich die Papiere zeigen, betrach
teten sie mißtrauisch, verglichen sie und zögerten: Freund oder Feind? Man wußte
das niemals genau.
Bald begann die Furcht vor der Fünften Kolonne auch unter den Soldaten eine
Rolle zu spielen. Jede fremde Erscheinung, die sie bemerkten, wurde dem ge
heimnisvollen Wirken feindlicher Agenten zugeschrieben. Ein Offizier schrieb:
»Die Fünfte Kolonne existiert wirklich; allnächtlich tauchen überall blaue, grüne
und rote Lichter auf1.« Die Truppe wurde höchst mißtrauisch. Stieß sie auf
Fremde, die ihren Aufenthalt in dem betreffenden Gebiet nicht erklären konn
ten, so nahm sie diese sofort als Spione fest. Es erging Befehl, daß solche auf der
Stelle zu erschießen seien. »Keinerlei Aufhebens oder Umstände, lediglich über
die Gesamtzahl der Fälle Buch führen«, erklärte ein Offizier12 . Ein junger fran
zösischer Soldat erklärte dem Korrespondenten der Zeitschrift »The New Yorker« :
»Das Spionageproblem haben wir gelöst; wir erschießen einfach alle Offiziere,
die wir nicht kennen3.«
Viele Ausländer, die für Angehörige der Fünften Kolonne gehalten wurden,
1
D. Barlone: A French Officer’s Diary (23. 8. 1939—1. 10. 1940). Cambridge 1943. S. 52.
2
Ebenda, S. 53.
3
A. J. Liebling: Paris Postscript. The New Yorker book of War Pieces. New York 1946.
S. 45.
93
hatten einige recht unangenehme Erlebnisse. Der Korrespondent der »New York
Times« Percy J. Philip wurde nach dem Zusammenbruch der Maasfront aus dem
Zuge geholt. Seine Uniform als Kriegskorrespondent, seine blauen Augen und
blonden Haare erschienen den Soldaten verdächtig. Man hörte den Ruf: »Du
bist ein dreckiger deutscher Fallschirmjäger!« Schon drängte sich eine wütende
Menge um ihn. »Als er ihnen zeigte, daß er das rote Band der Ehrenlegion trug,
waren sie entsetzt, daß selbst ein Deutscher die Frechheit so weit treiben sollte.
Als er ihnen seine Papiere zeigte, die in General Gamelins Hauptquartier mit
vielen Stempeln versehen worden waren, erwiderten sie ihm, er sei offenbar ver
dächtig, denn er habe zu viele Papiere1.« Um ein Haar wäre Philip neben dem
Bahndamm erschossen worden. Schließlich wurde er durch ein Späher von Bau
ern, die ihm »Boche! Mörder!« zuriefen, zu einer Polizeiwache gebracht, wo man
feststellte, daß seine Papiere in Ordnung waren.
Millionen von Franzosen lebten in dieser Atmosphäre von Terror und Ungewiß
heit, der Philip beinahe zum Opfer gefallen wäre. Die Stimmung in den großen
Städten, zumal in Paris, war von Anfang an nervös gewesen. Schon am 13. Mai
gerieten
Tausende
in
wilde
Erregung:
Ein
Fallschirmjäger
kam
herunter.
Es
handelte sich um einen Sperrballon, der sich losgerissen hatte und über die Dächer
trieb. Eine Woche später wiederholte sich das Schauspiel. Auf der Place de
l’Alma entstand eine Verkehrsstockung. »Jedermann scheint zu glauben, er habe
einen deutschen Fallschirmjäger gesehen, und jeder ruft >à mort!<2« Immer und
immer wieder lief das Gerücht um, es seien in den Parks von Paris Fallschirm
jäger gelandet: »Drei Kinder an vergifteter Schokolade gestorben! Gamelin hat
sich erschossen. Arras von Fallschirmjägern erobert, die nachts mit brennenden
Fackeln in der Hand abgesprungen sind.« Solche Behauptungen hatte sich Arthur
Koestler notiert3. Peter de Polnay, der in jenen Tagen von seinem Haus auf dem
Montmartre nachts die Stadt zu betrachten pflegte, sagte: Ȇberall in Paris
sah ich Morsesignale. Die Leute von der Fünften Kolonne waren an der Arbeit4.«
Diese Schurken!
Oft kam es vor, daß die Bevölkerung ihren Zorn an Personen ausließ, die im
Handumdrehen in den Verdacht gekommen waren, Werkzeuge des Feindes zu
sein. Zahlreiche Priester und Nonnen wurden belästigt. Die Engländerin Cecily
Mackworth, die vor den Deutschen auf der Flucht war, wurde fast gelyncht, als
sie im Gewand einer Krankenschwester in der Bretagne eintraf. Im Dorf SaintNicholas erzählte man ihr, die Priorin des dortigen Klosters sei von den Ein
wohnern bereits zweimal als Fallschirmjäger verdächtigt und verhaftet worden5.
1
Gordon Waterfield: What happened to France. London 1940. S. 48.
2
Arved Arenstad: Tapestry of a Debäcle. London 1941. S. 25.
3
Arthur Koestler: Scum of the Earth. London 1941. S. 172.
4
Peter de Polnay: Death and To-morrow. London 1942. S. 41.
5
Cecily Mackworth: I came out of France. London 1941. S. 52.
94
Barlone schrieb, im Gebiet um Rouen seien Hunderte verhaftet worden, weil sie
als Priester und Nonnen verkleidet waren — »und hoffentlich wurden sie er
schossen1«! Was immer vom Himmel fiel, war verdächtig. Es kam gelegentlich
vor, daß französische und britische Piloten, die mit ihrem Fallschirm absprangen,
von der Landbevölkerung fast totgeprügelt wurden.
»Das Trojanische Pferd hat Flügel bekommen«, sagte jemand12 .
In diesem Frankreich, in dem die Menschen vor Furcht und Empörung zitter
ten, rollten nun Viehwagen mit den in Belgien verhafteten Menschen gen Süden.
Der große Transport aus Brüssel brauchte sechs Tage, um bis nach Orleans zu
kommen. Die »Fünfte Kolonne« und »Spione«, die nach den Anschriften der
Wagen darin befördert wurden, bekamen hin und wieder einen Schluck Wasser
und einmal am Tage ein Stück Brot. Es war unerträglich heiß. Die Gefangenen
— Reichsdeutsche, flämische Nazi, Juden und Kommunisten — lagen kunter
bunt durcheinander. Mehrere starben, eine Frau gebar ein Kind. In Tours, wo der
Transport vor dem Bahnhof anhielt, sammelte sich eine aufgebrachte Menge.
»Öl!« schrien sie. »Wir brauchen Öl, um die Stinktiere zu verbrennen, diese
dreckige Bande3!«
Große
Teile
dieses
belgischen
Transports
erreichten
nach
vielen
Irrfahrten
endlich die Internierungslager in der Nähe der Pyrenäen. Die Lager waren schon
damals voll, weil man in Frankreich Zehntausende ihrer Freiheit beraubt hatte,
da sie möglicherweise Rekruten für die Fünfte Kolonne waren.
Bei Kriegsausbruch waren alle in Frankreich lebenden Reichsdeutschen inter
niert worden, zuerst nur die Männer, später auch Frauen und Kinder — im ganzen
etwa 5000 Menschen. Ein schwieriges Problem bildeten die etwa 30.000 Emigran
ten aus Deutschland und Österreich, die sich in Frankreich niedergelassen hatten.
Die meisten von ihnen hatten keinen größeren Wunsch, als den Kampf gegen den
Nationalsozialismus zu unterstützen. Man gab ihnen keine Gelegenheit dazu. Die
Männer wurden bereits im September 1939 zur Internierung aufgerufen und in
improvisierte Lager gesteckt, wo sie ihre Zeit gewöhnlich untätig verbrachten.
Man bedrängte sie ständig, in die Fremdenlegion oder in Arbeitsbataillone einzu
treten. Von Zeit zu Zeit wurden kleinere Gruppen entlassen. Man hatte in ihren
Akten nichts Nachteiliges gefunden.
Zusammen mit den Emigranten wurden zahlreiche Sozialisten und Kommuni
sten
nichtdeutscher,
aber
ausländischer
Staatsangehörigkeit,
größtenteils
Juden,
verhaftet und in das Lager von Le Vernet gebracht, wo Arthur Koestler, der dort
etwa bis Mitte Januar 1940 interniert war, die traurigen Überreste der inter
nationalen Brigade aus Spanien wiedersah. Koestler wurde »mit Antifaschisten
aus
1
ganz
Europa,
darunter
Anhänger
der
kroatischen
Bauernpartei,
spanische
Barlone a.a.O., S. 107.
2
Zitiert von Alfred Fabre-Luce: Journal de la France, mars 1939—juillet 1940. Paris 1941.
S. 302.
3
Lagrou a.a.O., S. 70.
95
Syndikalisten,
polnische
tschechische
Kommunisten,
Liberale,
unabhängige
italienische
Sozialisten
Sozialisten,
aus
ungarische
Deutschland
und
und
ein
1
Trotzkist«, verhaftet . Einige von ihnen hatten schwere Gefahren bestanden, um
nach Frankreich zu gelangen, wo sie an dem Krieg gegen Hitler teilnehmen wollten.
Die Nachrichten aus Holland, dort habe plötzlich eine gewaltige Fünfte Kolonne
der Deutschen ihr Haupt erhoben, hatten am 10. und 11. Mai verhängnisvolle
Folgen. Alle Personen deutscher Herkunft, auch wenn sie aus Danzig und dem
Saargebiet kamen, mußten sich, soweit sie 17 bis 55 Jahre alt waren, zur Inter
nierung melden, gleichgültig, ob es das erstemal war oder nicht. In Paris brachte
man die Männer zum Buffalo-Stadion und die Frauen zum Velodrome d’hiver.
Zehntausende verloren ihre Freiheit. Einige ließen sich zur Fremdenlegion an
werben, andere gingen zu den Arbeitsbataillonen, wieder andere wurden in
marokkanische Bergwerke und Steinbrüche geschickt. Einige Gruppen, die der
britischen Armee angegliedert wurden, wurden gut behandelt; andere, die von
mißtrauischen Franzosen kommandiert wurden, wurden schlecht behandelt.
Viele andere wurden in die Konzentrationslager in die Nähe der Pyrenäen ver
legt, wo, wie wir schon sahen, ein Teil der in Belgien Verhafteten ebenfalls landete.
Alle Personen, die in den Wochen, als die Bevölkerung überall Gefahr witterte,
verhaftet worden waren, fanden sich in eben diesen Lagern wieder. Mandel, der
am 18. Mai als Innenminister in die Regierung Reynauds eingetreten war, war ein
Mann von unbezähmbarer Energie und befürwortete radikale Maßnahmen (so
hatte man 1918 gesiegt!). Links und rechts ließ er die Menschen verhaften. In
Paris wurden in einer einzigen Woche 1000 Hotels nach Spionen durchsucht,
60.000 Personen vernommen und 500 verhaftet. Zahlreiche Beamte wurden ent
lassen. Etliche Menschen wurden auf Grund defaitistischer Bemerkungen zu
Gefängnisstrafen verurteilt. Jeden Abend untersuchten zehn Streifen die Kanali
sation in Paris, um nötigenfalls verdächtige Personen festzunehmen. Tausende
wurden verhaftet.
Auch diese wurden gewöhnlich in die Internierungslager im Süden geschickt. In
dem Lager Gurs gab es 12000 bis 13000 Gefangene, »Kommunisten, Anarchisten,
verdächtige Elsässer, Juden, Griechen, Russen, Armenier, Deutsche, Flamen,
Holländer und Ratten, Läuse und Flöhe12 «. In dem Lager Le Vernet saßen 6000
Menschen gefangen; als Italien Frankreich angriff, kamen Tausende Italiener
dazu, die eine Woche lang in Viehwagen gereist waren. Auch eine große Gruppe
polnischer Juden gelangte in jenes Lager; die polnischen Behörden in Frankreich
hatten sie an die Franzosen abgeschoben, die sie ihrerseits nach Le Vernet brachten.
»In diesem neuerrichteten Turm von Babel waren alle Völkerschaften des Bal
kans, des ehemaligen Polens und der früheren baltischen Randstaaten vollzählig
vertreten.«
Ein
belgischer
1
Koestler a.a.O., S. 80.
2
Lagrou a.a.O., S. 141.
96
Internierter
zählte
40
verschiedene
Nationalitäten,
»wenn man die Holländer, Dänen, Norweger, Schweden und später die Italiener
und sogar einen Annamiten mitrechnete1«.
Merkwürdigerweise ließ trotz der umfangreichen Verhaftungen die Furcht vor
der Fünften Kolonne nicht nach. Die Vorstellungen, die sich unter dem Druck
der Angst gebildet hatten, blieben die gleichen: der Feind verdankte seine Erfolge
»der Hilfe der Agenten«, und sobald etwas schiefging, »war Verrat geübt worden«.
Als König Leopold von Belgien Ende Mai nach einem Kampf von beinahe drei
Wochen kapitulierte, sprach Reynaud von »einer Tatsache, die in der Geschichte
ohne Vorgang ist«. Die Belgier in Frankreich nannten es Verrat: Leopold hatte
die Alliierten »nach Belgien hineingelockt«. Die Leute flüsterten sich zu, er habe
eine Freundin, die ihm die Gestapo besorgt habe. Umgekehrt sagten sich die
Franzosen gegenseitig auf der Straße: »Das ist aber noch nicht das Schlimmste.
Wahrscheinlich sind alle Flüchtlinge Spitzel12 .« Eine ganze Anzahl von Belgiern
wurde belästigt. Es gab Dörfer, wo man sie nicht aufnehmen wollte — »diese
Fünfte Kolonne«!
Alexander Werth trank auf seiner Flucht nach Bordeaux in Poitiers eine Tasse
Kaffee, als eine hitzige Diskussion auf der Straße seine Aufmerksamkeit erregte:
»Ein Hilfspolizist hat einen Unteroffizier der französischen Luftwaffe auf dem
Motorrad angehalten und um seine Papiere gebeten. Der Unteroffizier weigert
sich, diese zu zeigen. Der Hilfspolizist mit blauer Armbinde kriegt einen Wutanfall.
Er ist ein älterer Mann mit hohem Blutdruck, schreit und brüllt und schüttelt
die Fäuste und läuft im Gesicht rot an. Ich fürchte, er werde einen Schlag be
kommen. Eine große Menge sammelt sich, und einige Leute schreien, der Unter
offizier sei ein deutscher Fallschirmjäger. Schließlich wird er in einem Auto zur
Polizeiwache gebracht, wobei er französische Flüche in unverkennbar reinstem
Französisch ausstößt. Die Menschen sind nervös, aufgeregt und träumen nur
von Fallschirmjägern3.«
Als der britische Journalist dies am 14. Juni in sein Tagebuch einträgt, war die
Entscheidung bereits gefallen. Zwei Tage später bildete Marschall Petain die
Regierung, die den Deutschen die Unterwerfung Frankreichs anbot. Der Kampf
war zu Ende.
Dem französischen Volk jedoch schwirrten noch die Köpfe von Fragen. In
ihrer Erinnerung kochte ein wahrer Hexenkessel von Erscheinungen, die man
wahrgenommen hatte: Lichtsignale und falsche Befehle, Fallschirmjäger und
Saboteure,
Anschläge
und
Verschwörungen.
Überall
aber
tauchte
die
Fünfte
Kolonne auf, die nirgends nachgewiesen, aber überall gefürchtet wurde.
Gequält von solchen Fragen setzte eine Handvoll Flüchtlinge nach jener Insel
über, wo die Fahne der Freiheit immer noch im Westwind flatterte: nach England.
1 A. Mermans: De parachutisten van Orleans. Het verhaal der Vlaamsche weggevoerden
1940. Antwerpen 1941. S. 88.
7
2
Liebling a.a.O., S. 47.
3
Werth a.a.O., S. 185/6.
97
V
SPANNUNG IN ENGLAND
In England hatten die Berichte über das Wirken der Fünften Kolonne in
Norwegen außer Entrüstung nur ein unbestimmtes Unbehagen, nicht jedoch ein
Gefühl des Bedrohtseins ausgelöst. Schließlich lag Norwegen am Rande Europas.
Als jedoch Hitler die Niederlande, Belgien und Frankreich angriff, änderte man
die Haltung. Das Ergebnis dieses Kampfes würde das eigene Schicksal unmittel
bar berühren. Eifrig hörte man Rundfunk und las Zeitungen. In der ersten Woche
kamen von der Front nur wenige zuverlässige Nachrichten. Um so empfänglicher
war man für Einzelheiten über die Tätigkeit der Fünften Kolonne. Die ersten
Berichte kamen aus Holland.
Die Presse brachte amtliche Ankündigungen über die Art und Weise, wie sich
die Deutschen holländischer und sogar britischer Uniformen zu ihrem Vorteil
bedient hatten. Am 12. Mai veröffentlichte der »Observer« aus holländischer
Quelle eine Darstellung, derzufolge in Holland lebende Reichsdeutsche, die mit
besonderen Pässen ausgerüstet waren, die deutschen Fallschirmjäger erwartet
hatten. Britische Korrespondenten in Holland, die mit eigenen Augen gesehen
hatten, wie heftig die Holländer sich gegen den vermuteten inneren Feind in
Amsterdam, Rotterdam und Den Haag zur Wehr setzten, wurden nicht müde,
über die Anschläge und Kriegslisten der Fünften Kolonne zu berichten. Am
13. Mai meldeten die »Times« und der »Daily Telegraph«, in Den Haag seien an
einem einzigen Tage über hundert deutsche Staatsbürger bei Straßenkämpfen
getötet worden. Am 14. Mai konnte man im »Daily Express« lesen: »Vergiftete
Schokolade und Weine, Spitzel in der Verkleidung von Priestern, Postboten und
Hausmädchen und jeder Trick, der das Vertrauen untergräbt und Verwirrung
schafft, sind von den Nazi angewendet worden.«
Britische Staatsbürger, die im letzten Augenblick aus Holland entkommen und
nur zu bereit waren, ihre schrecklichen Erlebnisse zu berichten, wurden in den
Häfen von Reportern empfangen, die mit gespitzten Bleistiften bereit standen,
um aufzuschreiben, was »Engländer, die beim Verlassen Hollands bombardiert
wurden«, zu erzählen hatten: »Am ersten Tag der Invasion fielen Fallschirm
jäger wie ein riesiger Schwarm von Geiern vom Himmel. Die meisten waren in
alliierte und holländische Uniformen verkleidet, andere landeten als holländi
98
sche Polizisten
uniformiert und begannen, der Bevölkerung auf den Straßen
Weisungen zu geben und das Militär in die Irre zu führen. Ein >Polizist< erzählte
einer abgeschnittenen Gruppe holländischer Soldaten, ihre Freunde befänden sich
hinter der nächsten Ecke. Als die Soldaten um die Ecke kamen, wurden sie von
deutschen Truppen, die sich auf der Straße verbarrikadiert hatten, abgeschlachtet.
Der >Polizist< wurde von später kommenden Truppen erschossen. Am phanta
stischsten war jedoch, was der Steward des englischen Schiffes berichtete: er
und
einige
Leute
von
der
Mannschaft
hätten
Fallschirmspringer
in
Frauen
kleidung herunterkommen sehen. Sie trugen Rock und Bluse, und jeder hatte
eine Maschinenpistole bei sich. Der Steward wußte nicht zu sagen, ob es Frauen
oder verkleidete Männer waren. Mehrere Augenzeugen auf dem Schiff bestätigten
dies und sagten, andere seien als Priester, Bauern, und Zivilisten abgesprungen.. .
Während Maschinengewehre wie unnatürliche Blitze aus heiterem Himmel die
Straßen unten bestrichen, kamen die Mitglieder der Fünften Kolonne schwer
bewaffnet und in deutschen Uniformen aus ihren Wohnungen. Holland hatte seit
Wochen die Fünfte Kolonne durchgekämmt; als sich aber um drei Uhr morgens
die Türen öffneten, hielten die Männer, die als Antinazi und deutsche Flücht
linge gegolten hatten, Gewehre in den Händen1.«
Britische Geschäftsleute, die vom Kontinent geflüchtet waren, erzählten von
Metzger- und Bäckerjungen in holländischen Städten, die in ihren Körben unter
weißen Tüchern Handgranaten und andere Munition befördert hatten. Auch sie
hatten verkleidete Fallschirmjäger gesehen. »Als sie Frauen an den Fenstern in
die Hände klatschen hörten, gingen sie hin und nahmen mit den Spitzeln drinnen
Verbindung auf2.«
Dutzende
solcher
Geschichten
wurden
von
den
holländischen
Flüchtlingen
erzählt. Auf Grund dessen, was er selbst erfahren und von seinem einige Tage
später geflüchteten Kollegen gehört hatte, warnte der holländische Außen
minister, wie schon vorher die Franzosen so jetzt das britische Volk, vor den »ab
scheulichen Anschlägen« der Deutschen. Der britische Gesandte in Holland, der
aus Den Haag geflüchtet war, sprach über den britischen Rundfunk von der
»furchtbaren Zahl« von Deutschen, die man in Holland hatte frei herumgehen
lassen. Sie hätten »die Anweisungen aus Deutschland« ausgeführt.
Die Kämpfe in Belgien und Frankreich gaben Anlaß zu einer ganzen Kette
ähnlicher Berichte. Kein Journalist, kein Flüchtling, kein Soldat landete in Eng
land, der nicht erfüllt war von Geschichten über die Fünfte Kolonne und ihren
Verrat. Deutsche Fallschirmjäger waren überall gelandet, sogar im Garten der
belgischen Königinmutter! »Irgendwie denkt man bei den Franzosen niemals an
Quislinge«, schrieb ein Angestellter des britischen Rundfunks in sein Tagebuch,
als der französische Ministerpräsident Reynaud bekanntgegeben hatte, daß »die
1
Daily Express, 13. 5. 1940.
2
Daily Telegraph, 15. 5. 1940.
99
Brücken über die Maas verraten worden sind«. »Ich zweifle jedoch nicht, daß es der
deutschen Gründlichkeit
Kolonne zu schaffen*1 . «
gelungen
ist,
an
empfindlichen
Punkten
eine
Fünfte
Allein die Tatsache, daß in wenig mehr als einem Monat vier Länder rasch
zusammengebrochen waren, schien ein ausreichender Beweis dafür zu sein, daß
ungewöhnliche Mittel angewendet wurden. Ein normaler Krieg verlief nicht so! Die
Leute meinten, es könne unmöglich nur die Überlegenheit an Panzern und Flug
zeugen gewesen sein, die Hitler in zehn Tagen an den Kanal gebracht hatte. Das
Anormale war hier zum wesentlichen Bestandteil einer stürmischen Angriffsweise
geworden, wie es ja der »Führer« selbst in Rauschnings enthüllendem Buch be
schrieben hatte. Er hätte nicht einmal die Offensive riskiert, wenn er nicht sicher
auf die bereitwillige Hilfe hätte rechnen können, die ihm seine Werkzeuge in
Feindesland im Zusammenwirken mit den Fallschirmjägern leisten würden, die
allenthalben abgeworfen werden sollten.
Verschiedene britische Ministerien sammelten schleunigst weitere Einzelheiten
über die Form, in der diese Hilfe geleistet wurde. Hitlers Offensive war kaum eine
Woche alt, als das Informationsministerium der britischen Bevölkerung mitteilte,
daß Angehörige der Fünften Kolonne deutschen Flugzeugen Signale gäben, bei
spielsweise »durch das Anzünden von Heuhaufen oder durch das Ausbreiten von
Bettlaken oder sogar Zeitungen auf dem Boden«. Dadurch werde diesen Flug
zeugen »bei Tag und bei Nacht« die Navigation erleichtert2.
Achtung! Wie konnte man verhindern, daß England ebenso ein Opfer der
Fünften Kolonne würde, wie es Dänemark, Norwegen und Holland bereits wider
fahren war und Belgien und Frankreich zu widerfahren drohte? Waren auch nach
England Agenten hineingeschmuggelt worden? Gab es auch dort Angehörige der
Fünften Kolonne, die eines Tages ihre Türen öffnen und hinausstürmen würden,
um Hitlers Luftlandetruppen »um drei Uhr morgens mit dem Gewehr in der Hand«
zu begrüßen? Es schien kaum glaublich — aber waren nicht Länder wie die
skandinavischen Staaten oder auch ein Land wie Holland Opfer ihrer Leicht
gläubigkeit
geworden?
Und
hatte
nicht
übrigens
der
12. Mai einen Aufruf für Reservisten der Royal Air Force
Bekanntgabe widerrufen müssen? Der Rundfunk hatte
telefonisch vom Luftfahrtministerium erhalten. Nach
sich, so wurde jedenfalls behauptet, heraus, daß das
britische
Rundfunk
am
drei Stunden nach dessen
den Text des Aufrufes
der Bekanntgabe stellte
Luftfahrtministerium von
der Sache überhaupt keine Ahnung hatte. Es war also eine Falschmeldung, die
Verwirrung stiften sollte. Es war das erste Beispiel dieser Art. Würde es das
letzte sein?
Die Regierung ergriff auf allen Gebieten weitreichende Vorsichtsmaßnahmen.
1 Anthony Weymouth: Journal of the War Years and One Year Later. Worcester 1948.
I, S. 245.
2
The Times, 20. 5. 1940.
100
Am 11. Mai forderte das Innenministerium die Öffentlichkeit auf, vor Fallschirm
jägern auf der Hut zu sein — »eine gefährliche Pest«, deren Auftreten, wie
»Times« sagte, sofort gemeldet werden solle1. Beunruhigt über die Berichte
Holland, begannen Bauern und Bewohner von Landhäusern schon am 11.
12. Mai in verschiedenen Gebieten damit, kleine Mannschaften zu bilden, die
Jagdgewehren
und
anderen
Waffen
ausgerüstet
auf
Posten
standen.
die
aus
und
mit
Anthony
Eden, der in dem von Churchill am 10. Mai gebildeten neuen Kabinett Kriegs
minister war, forderte am Abend des 14. Mai — eben war die Nachricht von der
Kapitulation der holländischen Armee eingetroffen — zur Bildung einer besonde
ren Bürgergarde (Local Defence Volunteers) auf, die später Home Guard ge
nannt wurde. Innerhalb von 24 Stunden hatten sich bei den Gemeindebehörden
eine Viertel Million Männer gemeldet. Die Polizei wurde ermächtigt, in Waffen
handlungen die Bestände zu beschlagnahmen. Wo an Gewehren Mangel herrschte,
wurden Mistgabeln und Dreschflegel bereitgestellt. England würde sich nicht ohne
Kampf geschlagen geben! »Wir müssen jedenfalls damit rechnen, daß wir in
Kürze
nach
dem
holländischen
Muster
angegriffen
werden«,
schrieb
Winston
12
Churchill am 18. Mai an Präsident Roosevelt .
An demselben Pfingstwochenende, als die Local Defence Volunteers nach
deutschen Fallschirmjägern Ausschau zu halten begannen, setzte auf den Haupt
straßen die Verkehrskontrolle ein. Zehntausende von Autos wurden angehalten
und die Insassen um ihre Personalausweise gebeten. Alle Truppen waren alar
miert worden. Am 16. Mai warnte Informationsminister Duff Cooper die Be
völkerung davor, Gerüchte weiterzugeben. Am selben Tage begann der Schutz
von Regierungsgebäuden. Die Eingänge zu den Ministerien wurden mit Stachel
draht abgesperrt, und Soldaten übernahmen Tag und Nacht die Wache. An wich
tigen Punkten Whitehalls wurden Maschinengewehre in Stellung gebracht.
Auf den nach London führenden Hauptverkehrsstraßen wurden Stacheldraht
barrikaden
errichtet.
Polizeistreifen
kontrollierten
den
Schiffsverkehr
auf
der
Themse. Alle Besitzer von Autos und Garagen wurden angewiesen, darauf zu
achten, daß bei Tag und Nacht kein Angehöriger der Fünften Kolonne sich eines
Verkehrsmittels bemächtigen könne.
Gegen Ende Mai wurden unter dem Eindruck der unablässig vom Kontinent
einlaufenden Berichte neue Maßnahmen ergriffen. Schilder mit Ortsnamen und
Wegweiser
wurden
entfernt.
Rundfunkempfänger
in
Autos
wurden
verboten.
Ohne besondere Erlaubnis durfte niemand mehr Uniformen, amtliche Abzeichen
oder Embleme herstellen oder verkaufen. Polizei und Militär wurden ermächtigt,
jede Wohnung zu betreten, wenn sie annahmen, sie würden dort Geräte finden,
mit denen »absichtlich oder unabsichtlich« Signale gegeben werden konnten,
welche dem Feind Hilfe brachten. Alle Lagerhäuser an der Themse und alle auf
1 Ebenda,
2 W.
11. 5. 1940.
S. Churchill: The Second World War. II: Their Finest Hour. London 1949. S. 50.
101
dem Fluß liegenden Schiffe wurden sorgfältig nach Kisten mit Waffen und
Munition durchsucht: London sollte kein zweites Rotterdam werden!
Anfang Juni erhielten alle Polizisten und Militärpersonen das Recht, sich von
jedem Bürger die Kennkarte zeigen zu lassen. Das Recht, Verhaftungen vorzu
nehmen, wurde erweitert. Jedes Haus erhielt gedruckte Anweisungen, man solle
im Falle einer Invasion nicht fliehen und sich nicht von »falschen Gerüchten und
falschen Anweisungen« beeinflussen lassen, wie sie die Deutschen auf dem Konti
nent ausgestreut hatten, »um Verwirrung und Panik zu stiften1«.
Die Bewegungsfreiheit gewisser Personengruppen, die nicht als völlig zuver
lässig galten, wurde eingeschränkt. Am 30. Mai wurde verfügt, daß alle Aus
länder und Staatenlose künftig bei Nacht in ihren eigenen Häusern sein müßten.
Vor sechs Uhr morgens durften sie nicht die Straße betreten. Aus einem 30 Kilo
meter tiefen Gürtel an der Südostküste wurden alle Ausländer entfernt. Aus
ländische Flüchtlinge, die in großer Zahl eintrafen, wurden in Lagern auf ihre
Zuverlässigkeit geprüft, ehe sie Erlaubnis bekamen, sich nach Wohnung und
Arbeit umzusehen. Die Besatzungen ausländischer Schiffe in englischen Häfen
durften nicht an Land gehen, Offiziere durften es nur zu bestimmten Stunden.
Alle Funkanlagen an Bord wurden unter Bewachung gestellt.
Viele dieser Maßnahmen sollten dazu dienen, gegebenenfalls deutschen Fall
schirmjägern, ob nun in falscher Uniform oder nicht, die Bewegungsfreiheit zu
nehmen und sie zu hindern, mit Helfershelfern in England Verbindung aufzu
nehmen. Wer waren diese Helfershelfer? Waren es die einheimischen Faschisten,
die sich bereit hielten, wie es nicht anders die Mitglieder der holländischen Nazi
partei in den Niederlanden getan hatten?
Es wurden Vorkehrungen getroffen, die den herzlichen Beifall der Millionen
fanden, die überzeugt waren, daß Sir Oswald Mosley keinen Deut besser sei als
Vidkun Quisling oder Anton Mussert. Viele Leute fanden es empörend, daß die
»British
Union
of
Fascists«
immer
noch
öffentlich
demonstrieren
durfte.
In
Middleton sprengten wütende Arbeiter am 19. Mai eine Versammlung Mosleys.
Drei Tage später wurde der Verteidigungs-Verordnung 18 b ein neuer Paragraph
angefügt, welcher dem Innenminister das Recht gab, Personen zu internieren,
von denen er begründeterweise annehmen durfte, daß sie einer mit dem Feind
sympathisierenden Organisation angehörten. Ein paar Dutzend Führer faschisti
scher Organisationen, darunter Mosley, wurden alsbald verhaftet. Viele andere
Verhaftungen folgten, so daß gegen Ende des Jahres 1940 auf Grund dieser Be
stimmung fast 8000 Menschen interniert worden waren.
Unter dem Einfluß der Berichte vom Kontinent hatte die Regierung ferner
begonnen,
Zehntausende
von
Flüchtlingen
zu
internieren,
größtenteils
Juden,
die in den letzten Jahren vor der Verfolgung des Naziregimes aus Deutschland
und Österreich nach England geflohen waren. Ihre Anwesenheit hatte vom ersten
1
»Official Instruction to Civilians.« The Times, 19. 6. 1940.
102
Augenblick des Krieges an ein Problem geschaffen. Formell waren die weitaus
meisten Flüchtlinge immer noch deutsche Staatsbürger. Die meisten haßten das
Naziregime. Aber gab es vielleicht Ausnahmen? Hatte die Gestapo vielleicht auch
unter den Flüchtlingen ihre Agenten? Und gab es nicht umgekehrt unter den
Reichsdeutschen — keine Flüchtlinge, sondern teilweise seit Jahren in England
ansässig — viele, die bereit waren, den Kampf gegen ein Regime zu unterstützen,
das sie selbst als einen Schandfleck für Deutschland empfanden?
Die
Regierung
beschloß
vernünftigerweise,
alle
Ausländer,
die
feindliche
Staatsangehörige waren, über ihre politische Haltung zu vernehmen. Personen,
von denen die Polizei und die Abwehr wußten, glaubten oder annahmen, daß sie im
Dienst der deutschen Spionage standen oder aktive Nationalsozialisten waren,
fielen nicht unter diese Vernehmung; sie waren, etwa 2000, schon in den ersten
Septembertagen 1939 festgenommen und interniert worden. Dabei waren manch
mal schwere Fehler unterlaufen, weil sich in dieser ersten Gruppe, die ihrer Frei
heit beraubt wurde, viele hundert jüdische Emigranten befanden, deren Zuver
lässigkeit man niemals hätte in Zweifel ziehen sollen.
Am zweiten Kriegstag, den 4. September 1939, war verfügt worden, daß sich
alle Ausländer mit feindlicher Staatsangehörigkeit bei der Polizei zu melden
hatten, und daß jeder Fall durch ein besonderes Tribunal untersucht werden
sollte. Für die deutschen und österreichischen Emigranten war das eine vortreff
liche Nachricht; denn sie bezweifelten keinen Augenblick, daß sie die Unter
suchung erfolgreich bestehen würden.
Die Personen, die untersucht wurden, sollten in drei Kategorien eingeteilt
werden: A (unzuverlässig), B (absolute Zuverlässigkeit ungewiß), C (zuverlässig).
Wer unter A fiel, sollte interniert werden. Wer unter B fiel, wurde gewissen Be
schränkungen unterworfen. Wer unter C fiel, konnte seines Weges gehen und er
hielt sogar Erlaubnis, bei der Zivilverteidigung und in der Rüstungsindustrie
beschäftigt zu werden. »Es besteht nicht der geringste Anlaß für eine allgemeine
Internierung«, schrieb die »Times«1. Der »Manchester Guardian« war der An
sicht, »es würde ein Verbrechen sein, eine solche Fülle von Intelligenz, Wissen,
guten Absichten und edler Leidenschaft zu verschwenden2«. Anfang Oktober 1939
waren 120 Ausländer-Tribunale geschaffen. Als diese vier Monate später ihre
Arbeit beendeten, hatten sie nahezu
74.000
Fälle untersucht, darunter
55.000
Flüchtlinge. Fast 600 Personen (Kategorie A) wurden interniert, 6800 galten als
Kategorie B, und die übrigen wurden für zuverlässig erklärt. Von den 55.000
Flüchtlingen wurde 51.000 die Zuverlässigkeit bescheinigt.
Nimmt man die Flüchtlinge als Gruppe, so war das Urteil der Tribunale also
günstig, doch fand es nicht die Zustimmung aller Behörden und der öffentlichen
Meinung als Ganzes. Schon im Januar 1940 wurden das Innenministerium und
1
The Times, 14. 9. 1940.
2
Manchester Guardian, 15. 9. 1940.
103
das Kriegsministerium mit anonymen Briefen »überschüttet«, in denen deutsche
und österreichische Emigranten als Agenten der Gestapo denunziert wurden1.
»Werden wir etwa zu milde? Laufen wir zu viele Risiken?... Das ist die Frage,
die sich die Leute stellen«, schrieb der »Daily Express12 «. Aus einem Artikel
im »Daily Telegraph« ging hervor, daß die militärischen Abwehrstellen »über
die Milde der Ausländertribunale sehr betroffen sind3«. »Als Flüchtling in Eng
land zu leben, ist nicht nur angenehm, sondern gewinnbringend«, behauptete
der »Sunday Express4«. Anfang März behauptete dieselbe Zeitung, daß unter den
Emigranten bereits »der Kern einer Fünften Kolonne« geschaffen worden sei5.
Immer
mehr
Stimmen
forderten
die
allgemeine
Internierung.
Am
18.
März
forderte Oberst Burton, der Abgeordnete für Sudbury im Unterhaus, daß Aus
länder — »die zweifellos ein gut Teil an Informationen ausplaudern« — zwangs
weise aus der Umgebung der Häfen entfernt werden sollten6.
Im April 1940 trugen die Berichte über die deutsche Fünfte Kolonne in Nor
wegen dazu bei, die allgemeine Besorgnis zu vermehren. »Würde es nicht viel
besser sein, die ganze Gesellschaft zu internieren und dann die Braven heraus
zusuchen?« fragte Oberst Burton am 23. April7. Für viele Leute war das gar keine
Frage mehr. Der Druck der Öffentlichkeit war so stark geworden, daß die »Times«
von Hysterie sprach. Innenminister Sir John Anderson wurde, zumal von den
hinteren Bänken der Konservativen, immer schärfer angegriffen.
Die Berichte aus Holland gaben den Ausschlag. In den späten Abendstunden
des 10. Mai suchten Vertreter der Wehrministerien den Innenminister auf »und
legten dar, es sei angesichts der immittelbar drohenden Invasionsgefahr ihrer
Meinung nach von äußerster Wichtigkeit, daß alle männlichen Ausländer feind
licher Staatsangehörigkeit im Alter von 16 bis 70 Jahren sofort aus der Küsten
zone entfernt würden, welche ihrer Meinung nach derjenige Teil des Landes war,
der im Falle einer Invasion betroffen sein würde8«.
Auf diese Weise in die Ecke gedrängt, beschloß Sir John, alle feindlichen Aus
länder, die in der Küstenzone lebten, zu internieren, also auch die Kategorien
B und C. Die ganze Presse nahm diesen Entschluß beifällig auf, darunter auch
die liberalen Zeitungen; sogar der »Manchester Guardian« schrieb: »Mit halben
Maßnahmen ist es nicht getan9.« In Ipswich wurden vier Deutsche zur Polizei
1
Daily Herald, 24. 1. 1940.
2
Daily Express, 16. 1. 1940.
3
Daily Telegraph, 23. 1. 1940.
4
Sunday Express, 28. 1. 1940.
5
Ebenda, 3. 3. 1940.
6 England: House of Commons Debates, 5th series, Vol. 358, col. 1739. Künftig verkürzt
zitiert, also: 358 H. C. Deb., 5s, 1739.
7
360 H. C. Deb. 5s, 33.
8
Sir John Anderson am 22. 8. 1940. 364 H. C. Deb. 5s, 1543.
9
Manchester Guardian, 13. 5. 1940.
104
wache gebracht: es sammelte sich eine Menschenmenge an, und »obwohl nichts
darauf hindeutete, daß diese Leute etwas anderes als harmlose feindliche Aus
länder waren, konnte man aus der Menge laute Rufe gegen sie hören1«. In der
ganzen Küstenzone vom Norden Schottlands bis über Southampton hinaus
wurden 3000 Personen interniert.
Presse und Öffentlichkeit hielten diese erste Maßnahme jedoch nicht für aus
reichend. Die Briefkästen der Ministerien waren »voll von Briefen, die uns dräng
ten, weiterzugehen12
«. Churchill, der sich der antideutschen Unruhen von 1915
erinnerte, fürchtete, daß im Falle einer Krise die Flüchtlinge Opfer des Volks
zornes werden könnten. »Sollten Fallschirmlandungen versucht werden und im
Anschluß daran heftige Kämpfe entstehen, so würden diese unglücklichen Men
schen in ihrem eigenen wie in unserem Interesse viel besser vorher aus dem Wege
geräumt sein«, erklärte er in den ersten Junitagen3.
Das Kabinett beschloß, den bereits eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.
Am 16. Mai wurden im ganzen Lande die Männer der Kategorie B verhaftet.
In London wurden für diesen Zweck alle verfügbaren Polizeikräfte mobilisiert.
Die Männer, die aus ihren Häusern abgeholt worden waren, verließen die Polizei
wachen unter Geleit. »Das Land vom Dolchstoß der Fünften Kolonne errettet«,
jubelte der »Daily Herald«4. »Daily Mail« und »News Chronicle« bestanden dar
auf, daß auch die Frauen der Kategorie B interniert würden. Die Regierung er
griff diese Maßnahme Ende Mai. Ungefähr 3500 Frauen wurden mit ihren Kin
dern auf die Insel Man gebracht, darunter etwa 1000 aus London. »Von den
älteren Frauen waren viele in Tränen5.« Unterwegs kam es zu »einigen irregelei
teten Steinwürfen durch Angehörige des Publikums6«. In den ersten Junitagen
folgten die Sechzig- bis Siebzigjährigen aus der Kategorie B.
Viele Leute waren noch nicht zufrieden. Die große Mehrheit der Flüchtlinge,
die der Kategorie C angehörte, befand sich immer noch in Freiheit. Am 12. Juni
erhob Lord Marchwood im Oberhaus den alten Ruf: »Alle internieren7!« Eine
gute Woche später, am 21. Juni, drei Tage nach der französischen Kapitulation,
wurde beschlossen, die ganze Kategorie C zu internieren, und zwar, wie Sir
John Anderson im August mitteilte, »nach eingehender und ernstester Prüfung8«.
Innerhalb weniger Wochen wurde die ganze Gruppe »still vereinnahmt9.« Einige
1
New York Times, 13. 5. 1940.
2
Sir John Anderson a.a.O., col. 1544.
3
Winston Churchill am 4. 6. 1940. 361 H. C. Deb. 5s, 794.
4
Daily Herald, 17. 5. 1940.
5
The Times, 28. 5. 1940.
6
News Chronicle, 31. 5. 1940.
7
England: House of Lords, Debates, 5th series, Vol. 116, col. 548. Künftig verkürzt zitiert,
also: 116 H. L. Deb. 5s, 548.
8
364 H. C. Deb. 5s, 1545.
9
Manchester Guardian, 3. 7. 1940.
105
Flüchtlinge begingen Selbstmord. Weitaus die meisten jedoch fanden sich mit
ihrem Schicksal ab und verbrachten, von der übrigen Welt abgeschnitten, schwie
rige Monate in Lagern, wo — zumal in der ersten Zeit — die Verhältnisse viel zu
wünschen übrig ließen. Beinahe 8000 von ihnen wurden nach Kanada und Austra
lien gebracht; einer der Transporter, die »Arandora Star«, wurde Anfang Juni
torpediert und ging unter. Eine Anzahl deutscher internierter Pfarrer traf an
Bord der »Ettrick« in Kanada ein; bei ihrer Ankunft »nahm man an, sie seien
Fallschirmjäger der Nazi, die in dieser Verkleidung über Rotterdam abgeworfen
wurden, als jene Stadt durch einen furchtbaren Angriff nahezu vernichtet wurde.
Sie wurden dementsprechend behandelt und wurden wie auch andere mit höh
nischen Zurufen >Wie geht’s Hitler?< und Bemerkungen, die noch sehr viel weiter
gingen, begrüßt1.«
Nicht nur in England wurden in den beiden aufgeregten Monaten Mai und Juni
1940 Maßnahmen gegen die Fünfte Kolonne ergriffen. Fast die ganze Welt be
trachtete den Zusammenbruch Hollands, Belgiens und Frankreichs mit Furcht
und Schrecken. Das Echo der Meldungen in Presse und Rundfunk drang bis in die
fernsten Winkel der Erde und berichtete von dem umfangreichen Verrat, den
Reichsdeutsche gemeinsam mit den Faschisten begingen. Überall rüsteten sich
die Menschen gegen den inneren Feind.
In Schweden wurde die Bevölkerung aufgefordert, ihre Wachsamkeit zu ver
doppeln. Eine fünftausend Mann starke Bürgergarde wurde gebildet.
In der Schweiz, wo 70.000 Reichsdeutsche lebten, hielt man am Abend des
14. Mai eine deutsche Offensive für unmittelbar bevorstehend. Es wurde eine
Bürgerwehr geschaffen, die Saboteure und Fallschirmjäger bekämpfen sollte.
Gegen Ende Mai wurde die ganze Bevölkerung dringend ermahnt, nach ver
dächtig aussehenden Personen Ausschau zu halten, die sich in der Nähe von
Brücken, Eisenbahnkreuzungen oder Kraftwerken aufhielten. Wer falsche Ge
rüchte ausstreute, wurde verhaftet.
Die rumänische Regierung schob eine Anzahl von Deutschen über die Grenze
ab. In Jugoslawien war die Spannung am größten in den Landesteilen, wo die
deutschen Minderheiten lebten. In einem Flugblatt, das durch die Post verbreitet
wurde und wiedergab, »was alle Jugoslawen denken«, war zu lesen: »Jeder Deutsche
hier, was auch sein Beruf sein mag, beschäftigt sich bis zu einem gewissen Grade
mit Spionage. Jeder Deutsche im militärpflichtigen Alter kann als Mitglied der
Fünften Kolonne gelten2.«
Auch in der Türkei wurde die Öffentlichkeit vor den Deutschen gewarnt. So
schrieb die Zeitung »Yenisabah«: »Die älteren Deutschen sind Spitzel, die jünge
ren gehören der Fünften Kolonne an3.«
1
Alan Moorehead: The Traitors. London 1952. S. 77.
2
The Times, 16. 5. 1940.
3
Zitiert in: Le Temps, 19. 5. 1940.
106
Auf der Insel Zypern bereitete man die Internierung der Fünften Kolonne vor,
Die Benutzung von Rundfunkgeräten und fotografischen Apparaten wurde unter
Aufsicht gestellt.
In Ägypten verfügte der Militärgouverneur in Kairo am 20. Mai, daß alle
Bewohner der Stadt sofort ihre Waffen abzuliefern hätten. Für den Fall, daß
Fallschirmjäger landen sollten, wurden Vorkehrungen getroffen.
In Südafrika waren im Herbst 1939 etwa 150 deutsche Nazi interniert worden,
und weit über hundert andere im Mandatsgebiet von Südwestafrika. Im Mai 1940
wurden mehrere hundert andere interniert, darunter einige jüdische Emigranten.
Auch Faschisten wurden eingesperrt. »Südafrika macht sich die Erfahrungen in
Norwegen und Holland zunutze und hat nicht die Absicht, sich von Quislingen
meuchlings ermorden zu lassen«, erklärte der Innenminister1. Auch in anderen
Teilen Afrikas wurden Deutsche interniert.
Im Juni wies Australien alle Ausländer an, Waffen und Munition in ihrem
Besitz abzuliefern. Viele von ihnen, »größtenteils Deutsche«, wurden interniert,
nachdem die Bundesbehörden zu der Überzeugung gelangt waren, »daß es nötig
sei, gegen das Treiben der Fünften Kolonne äußerste Vorkehrungen zu treffen2«.
In Niederländisch-Indien wurden am 10. Mai, als das Mutterland angegriffen
wurde, mehrere tausend männliche Deutsche und Mitglieder der holländischen
Nazipartei in Internierungslager gebracht. Vielen der Verhafteten wurde übel
mitgespielt, und das Publikum demonstrierte gegen die Angehörigen der Fünften
Kolonne, die eingesperrt wurden. Die Frauen wurden später interniert.
Alle diese Maßnahmen erfolgten unter dem Eindruck der Berichte aus Europa.
Daß diese wahr waren, schien über jeden Zweifel erhaben. Minister und Bot
schafter, erfahrene Geschäftsleute und Journalisten hatten ihr Wort dafür ver
pfändet, und das, was sie gesagt oder geschrieben hatten, beruhte nicht etwa
auf Hörensagen, sondern sie waren ja Augenzeugen gewesen. Hitler, dieser Erz
lügner, hatte »das Gerede von der Fünften Kolonne dumm und phantastisch«
genannt, als er dem amerikanischen Journalisten Karl von Wiegand ein Inter
view gab, und hatte behauptet, »daß die ganze Geschichte das Phantasieprodukt
von Propagandisten war3«. Hierin aber sah man nur einen weiteren Beweis für die
Wirklichkeit einer Verschwörung, deren Verzweigungen augenscheinlich
ganzen Erdball umfaßten, einschließlich der amerikanischen Hemisphäre.
1
The Times, 1. 6. 1940.
2
Ebenda, 6. 6. 1940.
3
Ebenda, 17. 6. 1940.
den
107
VI
ALARM IN AMERIKA
Genau wie die britische Nation sah auch das amerikanische Volk in den Wo
chen, die auf den 10. Mai 1940 folgten, viele seiner Illusionen in Rauch aufgehen.
Wo holländische, belgische, britische und französische Truppen von der Nord
see bis ans Mittelmeer Wache gehalten hatten, gähnte fünf Wochen später ein
riesiges Nichts. Die Menschen wollten sich die Augen reiben und konnten die
Schicksalswende kaum begreifen. Das »große Erwachen1« war zu plötzlich und
zu schmerzhaft. Was war den Armeen der Alliierten widerfahren? Welche ge
heimnisvollen Mächte hatten die Widerstandskraft so vieler altgegründeter
Staaten unterminiert und vier von ihnen — die Niederlande, Belgien, Luxemburg
und Frankreich — in ebenso vielen Wochen zusammenbrechen lassen, während
England als fünfter am Rand des Abgrundes zu wanken schien?
Genau wie im Falle Dänemarks und Norwegens nahm man an, daß bei der
deutschen Offensive in Westeuropa die Fünfte Kolonne einen hervorragenden,
wenn nicht den hauptsächlichen Anteil gehabt hatte. Nur auf diese Weise schien
der Zusammenbruch Westeuropas mit der Vernunft erklärlich zu sein. Auch
Präsident Roosevelt sprach in seiner Sonderbotschaft an den Kongreß am 16. Mai
von »der verräterischen Verwendung der Fünften Kolonne, wobei Personen, die
als friedliche Bürger galten, in Wahrheit Bestandteil einer feindlichen Besatzungs
streitmacht waren«. Zehn Tage später, am 26. Mai, wies er alle Amerikaner, die
seinem Kamingespräch zuhörten, darauf hin, daß Amerikas Sicherheit nicht nur
durch militärische Waffen bedroht werde: »Wir kennen neue Angriffsmethoden:
das Trojanische Pferd, die Fünfte Kolonne, die eine Nation verrät, welche auf
Verrat nicht vorbereitet ist. Spione, Saboteure und Verräter sind die Schauspieler
in dieser neuen Tragödie.«
Bezeichnend für alle diese Gedanken war es, daß Otto D.Tolischus in der Artikel
serie, die er von Stockholm aus für das »New York Times Magazine« unter dem
Titel »Wie Hitler sich bereit machte« schrieb, den ersten Aufsatz der Fünften
Kolonne widmete. Nachdem er zunächst die Methode der Fünften Kolonne dar
gestellt hat, schilderte er das, was die Fünfte Kolonne in Polen, in den skandi
1
Langer and Gleason: The Challenge to Isolation 1937—1940. S. 435.
108
navischen Ländern und in Westeuropa getan hatte. Zum Schluß schrieb er: »Ihre
Tätigkeit und vor allen Dingen der von ihr ausgehende und nicht abreißende
Strom von Nachrichten ist weitgehend für die >nachtwandlerische Sicherheit< und
tödliche Genauigkeit verantwortlich, mit der Hitler bisher die Lage in jedem Lande
beurteilen konnte, wie auch für den erstaunlichen Vormarsch deutscher Armeen,
manchmal in kleinen, selbständig operierenden Abteilungen, der allen Gesetzen
militärischer Taktik zuwiderläuft1«.
Vor allem diese neuen Methoden der Aggression waren es, durch die sich das
amerikanische Volk bedroht fühlte. Gegen einen klassischen Angriff war eine
klassische Verteidigung möglich, aber welche Abwehrmethode eignete sich gegen
über dieser revolutionären Offensive, die ebenso unheimlich wie ungreifbar war?
Hitlers Phantasie schien unerschöpflich, sein Ehrgeiz grenzenlos zu sein. Welche
unangenehmen Überraschungen hatte er sich für Amerika aufgespart? John T.
Flynn schrieb am 27. Mai in der »New Republic«: »Unser Zustand der Wehrlosig
keit hat plötzlich zu einer Panik Anlaß gegeben, als ob jemand im Begriff stände,
bei uns einzufallen.« Fiorello La Guardia, Bürgermeister von New York, wurde die
Äußerung zugeschrieben, daß Amerika nicht einmal imstande sein würde, auch
nur Coney Island zu verteidigen12 .
Nervöses Mißtrauen überflutete das Land. Viele Leute trauten nicht mehr ihren
Nachbarn. Die Bundespolizei, die im ganzen Jahr 1939 1600 Anzeigen wegen
Spionage hatte untersuchen müssen, erhielt plötzlich »an einem einzigen Tage im
Mai3« fast 2900. Die Fünfte Kolonne war »ein Ausdruck in jedermanns Munde«
geworden4. Das »New York World Telegram« widmete ihr eine Artikelserie,
worin das ganze Thema des Faschismus in Amerika voll beleuchtet wurde.
Außer Mißtrauen und Sorge empfand man auch das Bedürfnis nach aktivem
Widerstand. In einem Städtchen in Pennsylvanien »rüstete sich ein Schützen
verein, um jeden Nazi-Fallschirmjäger, der vom Himmel käme, abzuschießen5«.
Die gesetzgebende Versammlung jenes Staates erörterte die Einführung von Luft
schutzmaßnahmen
für
die
Industrie.
In
Bloomington
wurde
eine
patriotische
»Amerikanische Kolonne« gegründet, in Albany eine »Erste Kolonne«. Bürger
meister Frank Hague von Jersey City drohte, »er werde alle unamerikanischen
Verschwörungen und Verschwörer ausrotten«. In den Staaten New York und
Massachusetts wurden die Zeughäuser der Nationalgarde Tag und Nacht bewacht.
Von New York aus rief die »National Legion of American Mothers« ihre zwei
Millionen Mitglieder auf, sich mit Gewehren auszurüsten: »Feindliche Fallschirm
jäger in Amerika werden den Tag bedauern, an dem sie den ersten Atemzug getan
1
Vgl. Anm. 1.
2
New York Times, 14. 5. 1940.
3
Shepardson and Scroggs: The United States in World Affairs 1940. New York 1941. S. 327.
4
New York World Telegram, 6. 6. 1940.
5
Time, New York, 27. 5. 1940.
109
haben1«. In Buffalo wurden 7000 Angehörige der Nationalgarde mobilgemacht,
»um verräterisches Treiben an der Niagara-Grenze zu verhindern2«.
Die Vereinigten Staaten hatten ihren unerschütterlichen Glauben an ihre unbe
dingte Sicherheit verloren. Das Schloß Prosperität schien auf Sand gebaut zu sein.
Immer noch war aber trotz allem das Verlangen, aus dem Krieg herauszubleiben,
stark. Nach dem Sturz Frankreichs hielten zwei Drittel es für sicher, daß Amerika
früher oder später in den Kampf hineingezogen werden würde, und ein ebenso
großer Prozentsatz war überzeugt, daß Hitler versuchen würde, einen Teil der
Neuen Welt zu erobern, aber nur ein Siebentel der Bevölkerung war dafür, daß sie
selbst die Initiative ergreifen und Deutschland und Italien den Krieg erklären soll
ten. Die Verwirrung und ein Unvermögen, sich für eine klare Stellungnahme zu ent
scheiden, bildeten zusammen einen fruchtbaren Boden für Gerüchte über geheim
nisvolle Waffen, die gegen England eingesetzt werden sollten. Es gab auch Witze,
die im Grunde das Vorzeichen eines beginnenden Glaubens waren, zunächst jedoch
ihrem Inhalt nach nur eine Mischung aus Selbstironie und Selbstmitleid darstellten.
»Der neueste Witz aus Wallstreet berichtete, Hitler habe bei General Motors
10.000 Panzer bestellt und auf die Frage, wohin sie geliefert werden sollten, ge
antwortet : >Keine Sorge! Wir werden sie unterwegs in Detroit abholen3<.«
»Jene Wochen im Mai und Juni«, schrieb Sumner Welles später in seinen Er
innerungen, »werden für manche von uns zeitlebens ein Alptraum der Hilflosigkeit
bleiben. Die amerikanische Regierung hatte nämlich, abgesehen von der Beteiligung
am Kriege, der sich die öffentliche Meinung zum weitaus größten Teil widersetzte,
keine Möglichkeit, die Weltkatastrophe und die lebensgefährliche Bedrohung
unseres Landes abzulenken oder aufzuhalten. Ich entsinne mich der Enttäuschung,
als wir vom Zusammenbruch der Festungen an der belgischen Ostgrenze hörten.
Damals erkannten wir zum erstenmal, in welchem Umfang die deutschen Armeen
von ihren verborgenen Helfershelfern in den mit Invasion bedrohten Ländern
Unterstützung erhielten. Am allerschlimmsten war die im Wachsen begriffene
Befürchtung, daß die deutsche Kriegsmaschine an Macht und Qualität, Strategie,
Material und Kampfmoral den verfügbaren Kräften der westeuropäischen Mächte
so himmelhoch überlegen war, daß Deutschland sehr wohl noch vor dem Ende des
Sommers unbestrittener Herr ganz Europas werden könnte4.«
Wirklich waren auch die Vereinigten Staaten, abgesehen von einer furchtge
bietenden Flotte, die größtenteils im Pazifik gebunden war, nahezu ungerüstet.
Die Armee bestand aus nur fünf dienstbereiten Divisionen und besaß nicht mehr
als 52 Bomber und 160 Jagdflugzeuge. Der Mangel an Geschützen war dem General
stabschef des Heeres General George C. Marshall zufolge »schrecklich«. Es gab
1
Newsweek, 10. 6. 1940.
2
New York Journal and American, 5. 6. 1940.
3
Life, 1. 7. 1940.
4
Sumner Welles a.a.O., S. 118/9.
110
keine Munition für die Luftabwehrgeschütze, und es würde mindestens sechs
Monate dauern, um den dringendsten Bedarf zu decken. Die Vorräte an Gummi und
Zinn — strategische Rohstoffe, für deren Bezug Amerika gänzlich auf die Einfuhr
angewiesen war — reichten höchstens für drei Monate.
Diese Tatsachen und Zahlen quälten Präsident Roosevelt und seine engsten
Ratgeber. Besonders besorgt waren sie im Hinblick auf Südamerika. Diese Sorge
war, wie wir schon gesehen haben, nicht neu. Seit dem Frühling 1938 hatte man
in Washington Bedenken gehabt, ob die mittel- und südamerikanischen Staaten
genügend innere Festigkeit und äußere Stärke besäßen, um der weltweiten Offen
sive der Achsenmächte standhalten zu können. Niemand zweifelte auch nur einen
Augenblick daran, daß diese Offensive auf die Unterstützung von Millionen Süd
amerikaner deutscher und italienischer Abkunft rechnen könne. Der Krieg hatte
diese Besorgnis nur noch gesteigert. In latein-amerikanischen Häfen lagen 80 deut
sche Schiffe vor Anker, die »sehr wohl als Nachschub für U-Boote der Achse dienen
oder auch Stoßtrupps zur Besetzung von Stützpunkten an abgelegenen Teilen der
Küste zur Verfügung stellen konnten1«.
Immer wieder gab es Gerüchte, die von verdächtig aussehenden U-Booten im
Karibischen Meer wissen wollten. In Mexiko erzählte man sich, daß deutsche
Schiffe in mexikanischen Häfen geheime Funkverbindung mit Berlin hätten. Die
amerikanische Regierung war besonders darauf bedacht, die deutschen Berater,
die in verschiedenen südamerikanischen Armeen Dienst taten, durch Amerikaner zu
ersetzen und der deutschen Kontrolle über einen Teil der südamerikanischen Luft
verkehrslinien ein Ende zu bereiten. Das war anscheinend besonders nötig in
Kolumbien, wo ein fanatischer Nazi Leiter der »Scadta« war, deren Flugzeuge eine
kurze Strecke zwischen dem Panamakanal einerseits und den wichtigsten Öl
raffinerien in Curaçao und Aruba andererseits bedienten. Erst Ende Februar 1940
kam es zu einer Vereinbarung, auf Grund derer das deutsche Personal der »Scadta«
durch Amerikaner und Kolumbier ersetzt wurde. Ferner hatte die amerikanische
Regierung noch vor Beginn der deutschen Offensive vom Mai 1940 die Zustimmung
Brasiliens erwirkt, daß ihr einige Flugplätze an der Nordostküste gegenüber dem
französischen Dakar zur Verfügung gestellt wurden.
Nachdem Hitlers Angriff begonnen hatte, verfaßten General Marshall und Admi
ral Stark, Chef des Marinestabes, eine Denkschrift, worin sie dafür eintraten, daß
alle lateinamerikanischen Regierungen unverzüglich zu vertraulichen Beratungen
darüber aufgefordert werden sollten, welche Hilfe die Vereinigten Staaten ihnen
anbieten könnten. Der Vorschlag wurde angenommen, eine Woche später gingen
die Einladungen hinaus, und in den ersten Junitagen reisten Offiziere der ameri
kanischen Armee und Flotte in die verschiedenen Hauptstädte, um mit den tech
nischen Verhandlungen zu beginnen.
Mittlerweile
1 Langer
hatte
man
beschlossen,
die
vorhandenen
Streitkräfte
für
die
and Gleason a.a.O., S. 207.
111
Verteidigung
Lateinamerikas
zurückzustellen.
Am
22.
Mai
unterbreitete
Major
Matthew B. Ridgway, der Leiter der Planungsabteilung im Kriegsministerium,
General Marshall eine Aufzeichnung, worin er Amerikas Möglichkeiten in einer
Welt, die sich erschreckend schnell wandelte, überprüfte. Ridgway meinte, nazi
stische Aufstände in Südamerika als Vorspiel einer deutschen Invasion seien
keineswegs unmöglich. Südamerika müsse geschützt und die europäischen Nieder
lassungen dort müßten nötigenfalls vorbeugend besetzt werden. Präsident Roose
velt, General Marshall, Admiral Stark und Staatssekretär Sumner Welles schlos
sen sich dieser Auffassung an: hier war wenigstens ein Plan, der positive Vorschläge
enthielt.
Kaum war der Plan angenommen, als außer den entsetzlichen Nachrichten über
Dünkirchen noch andere alarmierende Nachrichten eintrafen. Der britische Bot
schafter unterbreitete Außenminister Cordell Hull ein Bündel Berichte aus Uru
guay, aus denen hervorzugehen schien, daß dort eine nazistische Revolution be
vorstehe. Aus London traf zudem ein Telegramm ein mit der Warnung, »daß
6000 Nazi in Handelsschiffen möglicherweise nach Brasilien unterwegs sind, wo
sich ihnen andere deutsche Handelsschiffe in den Häfen anschließen und von
nazistischen Elementen
werden sollen1«.
in
Brasilien
als
Mittel
zur
Machtergreifung
verwendet
Das mußte verhindert werden! Präsident Roosevelt befahl, daß sofort Pläne
für eine vorbeugende Besetzung französischer, britischer und holländischer Be
sitzungen in Westindien entworfen würden, und daß Brasilien Hilfe angeboten
würde. Dorthin sollten höchstens 100.000 Mann entsendet werden, davon die
ersten 10.000 auf dem Luftwege. Die Flotte erhielt Befehl, falls wirklich Gefahr
drohe, vier Schlachtschiffe, zwei Flugzeugträger, neun Kreuzer und drei Zerstörer
flottillen in den Südatlantik zu schicken. Sumner Welles erhielt den Auftrag, eine
öffentliche Warnung zu äußern und in einer Rede zu erklären, »jede Angriffshand
lung einer nichtamerikanischen Macht, ob sie nördlich oder südlich des Äquators
begangen wird, ist eine Herausforderung an die Sicherheit aller und wird als solche
angesehen werden«. Die große Mehrheit des amerikanischen Volkes zollte dieser
kräftigen Sprache Beifall.
Noch vor Ende Mai waren die neuen militärischen Pläne in Washington ausge
arbeitet worden. Die deutsche Wirtschaftsoffensive in Südamerika hatte offensicht
lich begonnen. In Brasilien waren deutsche Firmen bereit zu garantieren, daß sie
in Deutschland bestellte Waren bis Ende September liefern könnten; denn Eng
land würde bis dahin entweder den Kampf aufgegeben haben oder zerstört worden
sein. Wer konnte mit Sicherheit behaupten, daß eine gemeinsame italienisch
deutsche militärische und politische Offensive nicht auch über Spanien und Fran
zösisch-Afrika einsetzen würde? Berichte aus Uruguay führten dazu, daß diese
Frage auf den Behörden in Washington mit zunehmendem Druck lastete.
1 Watson:
112
Chief of Staff. Prewar Plans and Preparations. S. 95.
In Uruguay gab es nicht mehr als 8000 Deutsche, einschließlich der Menschen
deutscher Abkunft, die noch Verbindung mit Deutschland hatten. Das war wahr
scheinlich einer der Gründe, aus denen die Regierung von Uruguay an den allge
meinen südamerikanischen Bestrebungen in den Jahren 1937—1939 keinen grö
ßeren Anteil genommen hatte, welche dazu dienten, den Nationalsozialismus
zurückzudrängen und die deutschen Einwanderer durch Zwangsmaßnahmen an
die lateinische Kultur zu assimilieren. Dieser Zwang war am stärksten in Brasilien
und Argentinien. Die Auslandsorganisation, die verboten worden war, aber unter
anderem Namen weiterbestand, hatte einen Teil ihrer Tätigkeit aus den beiden
großen Ländern in das benachbarte Uruguay verlegt.
Das veranlaßte mehrere Leute zu Gegenmaßnahmen. Einer von diesen war der
junge Philosophieprofessor Hugo Fernandez Artucio in Montevideo, ein Sozialist,
der 1938 an dem Weltjugendkongreß in Washington teilgenommen hatte. Er war
überzeugt, daß das Dritte Reich die Absicht habe, ganz Südamerika in seine
Gewalt zu bringen. Er hielt es für wahrscheinlich, daß sich die Offensive zunächst
gegen das kleine und schwache Uruguay richten werde, dessen Regierung seiner
Ansicht nach unerklärlich nachlässig war. Aus diesem Grunde beschloß er, das
Volk von Uruguay durch eine Rundfunkkampagne zur Wachsamkeit aufzurufen.
Am 1. Oktober 1939 begann er über den Rundfunksender Montevideo seine Auf
rufe gegen »die deutsche Gefahr«. Monat für Monat sprach er jeden Tag. Im
Dezember sorgte die Versenkung der »Graf Spee« vor der Küste von Uruguay
dafür, daß seine Aufrufe rasch wachsende Aufmerksamkeit fanden: war doch ein
deutsches Panzerschiff bis in den Rio de la Plata vorgedrungen! Fernandez
Artucio forderte seine Hörer dringend auf, ihm Berichte über verdächtiges Nazi
treiben zu schicken, das sie vielleicht beobachtet hatten. Innerhalb von zwei
Monaten »strömten Zehntausende von Anklagen, darunter viele mit Beweis
material, herein1«. Artucio wurde mehr und mehr davon überzeugt, daß er einer
großen und gefährlichen Verschwörung auf der Spur war. Die Enthüllungen über
die Fünfte Kolonne in Dänemark und Norwegen veranlaßten ihn zu dem Ent
schluß, sein Material zehn Tage nach der Besetzung Kopenhagens und Oslos der
Regierung zu unterbreiten.
Die Regierung antwortete nicht, worin Artucio eine in hohem Maße schuldhafte
Nachlässigkeit erblickte. Er hatte jedoch noch mehr Pfeile in seinem Köcher:
»Daraufhin reiste ich nach Buenos Aires und sprach dort mit den beiden großen
demokratischen Zeitungen Argentiniens >La Prensa< und >La Vanguardia<. Am
2. Mai 1940 veröffentlichten sie die Nachrichten über Uruguay. Die britische Rund
funkgesellschaft übernahm die Anklage aus den argentinischen Zeitungen und ver
breitete sie in der ganzen Welt. Jetzt erkannten die Zeitungen in Uruguay die
wirkliche Bedeutung der Lage und griffen die Kampagne auf. Überall im Lande
öffneten sie ihre Spalten für eine Erörterung der nazistischen Gefahr. Die öffent
1 F.
Artucio: The Nazi Octopus in South America. S. 95.
113
liche Meinung erwachte, Montevideo war voll von Gerüchten. Die Öffentlichkeit
wurde sich der Fünften Kolonne bewußt1.«
Später trafen die Berichte aus Holland, Belgien und Frankreich ein. Sie konnten
kaum verfehlen, auch den größten Skeptiker davon zu überzeugen, daß eine Ver
schwörung der Reichsdeutschen wirklich vorhanden sei.
Die Empörung gegen alles Deutsche wuchs. Ein sozialistischer Abgeordneter,
Doktor Josef Cardozo, der an Artucios privaten Untersuchungen beteiligt gewesen
war, warf der Regierung ihr Versagen vor. Er las im Repräsentantenhaus die Denk
schrift vor, die sein Freund Mitte April der Regierung unterbreitet hatte und die er
jetzt mit einigen neuen Urkunden ergänzen konnte. Ungeheure Sensation! »Keine
politische Gruppe wagte der Einsetzung eines Untersuchungsausschusses die Zu
stimmung zu versagen2.« Ihr Vorsitzender wurde Dr. Tomas Brena, ein Ange
höriger der katholischen Partei. Artucio wurde, obwohl er nicht im Parlament saß,
in den Ausschuß berufen. An dem Tage, als die Untersuchung begann (17. Mai
1940), flogen Steine in die Schaufenster deutscher Firmen, als in Montevideo eine
große Demonstration zugunsten der Alliierten stattfand. Die Atmosphäre war
gespannt.
Die Regierung hatte das Gefühl, sie könne nicht hinter dem Parlament zurück
stehen. Daher gab das Verteidigungsministerium zwei Tage nach Einsetzung des
parlamentarischen
Ausschusses
bekannt,
daß
Artucios
Denkschrift
überzeugend
sei und daß es wünschenswert erscheine, die Landesgruppe der Auslandsorganisa
tion zu verbieten. Man flüsterte sich zu, am 25. oder 26. Mai solle ein nazistischer
Putsch stattfinden. Nichts geschah. War der Aufstand verschoben worden? Die
Spannung hielt an.
Inmitten dieses Zustandes durchsuchte der Parlamentsausschuß unter Führung
von Dr. Tomas Brena und ausgerüstet mit einem Haussuchungsbefehl des Be
zirksgerichts das Haus des deutschen Staatsangehörigen Gero Arnulf Fuhrmann
in Salto, etwa 320 Kilometer flußaufwärts am Rio Uruguay. Fuhrmann, der allge
mein als aktiver Nazi galt, war, wie sich herausstellte, Fotograf. Man fand Auf
nahmen von »öffentlichen Gebäuden, Brücken, Kasernen und einem kleinen Fluß
hafen3«. Daraufhin untersuchte man seine Korrespondenz. Es fanden sich Briefe
vom Fichtebund in Hamburg, aber auch — und das erschien weitaus wichtiger —
ein ausgearbeiteter Plan für einen militärischen Handstreich, den offenbar Fuhr
mann selbst auf drei Seiten niedergeschrieben hatte, deren erste jedoch fehlte.
Aus den übrigen beiden Seiten verlas der Dolmetscher laut folgende Sätze :
»Die ganze sogenannte militärische Aktion würde binnen 15 Tagen abgeschlos
sen sein. Die Verteilung der Besatzungstruppen wäre folgende: Zwei Artillerieund Kavallerieregimenter in Montevideo, zwei Kompanien in Colonia, Fray
1
Ebenda, S. 10.
2
Ebenda.
3
Ebenda.
114
Bentos, Paysandú usw., ein Bataillon in Salto, ein weiteres in Bella Union, zwei
Kompanien in Artigas, zwei in Rivera und ein Bataillon in Jaguarao. Es ist zu ver
muten (ein Ruf zu den Waffen genügt), daß innerhalb von zwei Wochen tausend
Kämpfer aus Argentinien mobilgemacht werden und sich denen in Montevideo
anschließen könnten. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung wäre nur ein Bataillon
Scharfschützen erforderlich. Man möge bedenken, daß es im Lande 4000 bis 5000
Menschen gibt, denen die Schlüsselstellungen genau bekannt sind. Von den zwei
bis drei Millionen Einwohnern müßten alle Juden, politische Führer und Frei
maurer sofort ausgeschaltet werden. Die Archive der Logen sollten sofort durch
sucht und die Niederlassungen aller kleinen Organisationen unter Bewachung ge
stellt werden. Die Regierungsbeamten würden vorläufig in ihren Stellungen bleiben,
doch würden allen wichtigeren Ämtern deutsche Sekretäre zugeteilt werden. Es
würden sofort Maßnahmen ergriffen, um das Land in eine deutsche Bauernkolonie
umzuwandeln. Die Direktoren der Kolonie würden sofort das den Nationalbanken
(Nationale Hypothekenbank, Versicherungsbank und Bank der Republik) ge
hörende Land übernehmen. Als nächstes käme die Übernahme der Ländereien
abwesender Grundbesitzer und schließlich das Land derer, die nicht unter deut
scher Herrschaft leben wollen. Für Argentinien und Brasilien würde eine Finanz
gesellschaft gegründet werden, um das in jenen Ländern gelegene Land deutscher
Siedler so zu verwalten, daß die Verlagerung der Kolonisation ohne Kapitalverlust
ausgeführt werden könnte1.«
Selbigen Tages noch wurde Fuhrmann vor Gericht gestellt und gestand, das
belastende Schriftstück verfaßt zu haben, aber, wie er sagte, »es war nur ein
Scherz, ohne Bedeutung12 «. Seine Verteidigung machte auf den Richter keinen
Eindruck. Er kam hinter Schloß und Riegel, und seine Papiere wurden beschlag
nahmt. Brena und seine Kollegen eilten nach Montevideo zurück, um die Be
hörden zu warnen.
Auch der amerikanische Botschafter wurde gewarnt. Das war Edmund C. Wil
son, der schon seit einigen Monaten mit Artucio
seinen Warnungen Glauben zu schenken begonnen
öffentliche Meinung in Uruguay für die Alliierten
hört, daß es Politiker und Offiziere gäbe, die mit
in Verbindung gestanden und
hatte. Wilson wußte, daß die
war, doch hatte er auch ge
dem Dritten Reich sympathi
sierten. In einer Reihe von Telegrammen vom 13., 14. und 15. Mai — Tage, die
erfüllt waren von Nachrichten über die Fünfte Kolonne in Holland — wies
er Washington darauf hin, daß eine Handvoll entschlossener Männer Monte
video leicht besetzen könne. Wenn die Nazi versuchen würden, an irgendeiner
Stelle Südamerikas etwas zu unternehmen, dann wäre es am wahrscheinlichsten,
daß sie es an der »weichen Stelle«, nämlich in Uruguay, tun würden3. Nachdem
1 Nach dem englischen Text, wie er von Artucio a.a.O. veröffentlicht worden ist. Die Über
setzung in der New York Times vom 19. 6.1940 weist ein paar unerhebliche Abweichungen auf.
2
New York Times, 18. 6. 1940.
3
Zitiert in: Langer and Gleason a.a.O., S. 612.
115
Präsident Roosevelt diese Telegramme gelesen hatte, wies er Sumner Welles
an, er möge die Regierung von Uruguay wissen lassen, daß er über die Lage
beunruhigt sei. Von Wilson kam ein Alarmruf nach dem andern. Am 30. Mai,
dem Tage nach der Entdeckung von Fuhrmanns Plan, telegrafierte er, daß,
»sofern nicht die Vereinigten Staaten unverzüglich und tatkräftig handelten,
ernstlich die Gefahr bestehe, daß Länder wie Uruguay unter nazistische Herr
schaft fallen könnten1«. Einen Tag später empfahl er nach einer Beratung mit
Norman
Armour,
dem
amerikanischen Botschafter
in Buenos Aires, dringend
die Entsendung eines Geschwaders von 40 bis 50 Kriegsschiffen an die süd
amerikanische Ostküste.
Wilson verlangte viel mehr, als der Präsident, solange es die Not nicht zwin
gend gebot, zu geben wagte. Er faßte einen schnellen, aber begrenzten Entschluß:
der schwere Kreuzer »Quincy«, der vor dem Stützpunkt Guantanamo (Cuba)
vor Anker lag, erhielt Befehl, sofort nach Rio de Janeiro und Montevideo aus
zulaufen; ihm folgte wenige Tage später ein zweiter schwerer Kreuzer, die »Wi
chita«. Wie Japan auf Deutschlands phantastische Siege in Europa reagieren
würde, war noch nicht bekannt, doch hielten der Präsident und seine Flottenberater
es vorläufig noch nicht für gerechtfertigt, die Flotte im Pazifik zu schwächen.
Generalstabschef Marshall sah die Dinge in anderm Licht. Er hielt den Atlantik
für wichtiger als den Pazifik. Sollte die französische Flotte Hitler in die Hände
fallen, so würden die vereinigten deutschen, italienischen und französischen
Seestreitkräfte beträchtlich stärker sein als die Flotten Großbritanniens oder der
Vereinigten Staaten. »Es besteht die Möglichkeit«, so führte General Marshall aus,
»daß Japan und Rußland Zusammenarbeiten, um unsere Schiffe im Pazifik fest
zuhalten. Fällt die französische Flotte an Deutschland und Italien, so werden wir
im Südatlantik eine sehr ernste Lage vorfinden. Deutschland könnte dann die Lage
in Südamerika innerhalb weniger Wochen auf die Spitze treiben2.«
Um die Zeit, als General Marshall diese Ansichten darlegte, erreichte die
Spannung in Uruguay ihren Höhepunkt. Der Ausschuß unter Dr. Tomas Brena,
der mit Fuhrmanns Papieren nach Montevideo zurückgekehrt war, hatte eine
Geheimsitzung des Parlaments einberufen, um die sensationellen Putschpläne
bekanntzugeben. Alle Urkunden wurden gründlich untersucht. Dabei zeigte sich,
daß es eine seltsame, in enger Verbindung mit Deutschland stehende Organi
sation gab, welche »Führer« und »Stützpunkte« besaß. Die Abgeordneten,
denen alle Angaben in einer Übersetzung aus dem Deutschen vorlagen, gewannen
daraus den Eindruck, daß die Nazi einen geheimnisvollen Orden, sozusagen
eine geheime Loge von Braunhemden, gebildet hatten, deren Organisation drei
»Schlössern« unterstand. Ferner ging aus den Papieren hervor, »daß in den Augen
der Nazi die Welt nur in zwei Teile zerfällt, in den Gau Deutschland und den Gau
1
Ebenda.
2
Aufzeichnung über die Konferenz vom 16. 6. 1940. Watson a.a.O., S. 108.
116
Ausland. Uruguay war ebenso wie alle andern Länder, welche die Nazi ihrem
Weltreich einzuverleiben hoffen, lediglich ein Bezirk im Gau Ausland1«.
Außerdem wurde dem Ausschuß weiteres Beweismaterial vorgelegt, aus dem
hervorzugehen schien, daß schon vor Monaten verdächtige Reichsdeutsche
Grundbesitz gemietet oder gekauft hatten, »welcher dicht bei Kasernen, Polizei
wachen, Brücken, Eisenbahnstationen und -kreuzungen, wichtigen Straßenkreu
zungen oder Reparaturwerkstätten
gelegen war12 .«
von
Eisenbahn
und
Autobusgesellschaften
Zufällig verhaftete in jenen aufgeregten Tagen die Polizei einen reichsdeutschen
Kartographen, der eine Landkarte der Niederlande bei sich hatte, »auf der zu
sehen war, wie die Fünfte Kolonne vor der deutschen Invasion des Landes
Geschützstellungen für den Beschuß strategischer Ziele vorbereitet hatte3«.
Außerdem hatte dieser Mann in seinem Besitz einen Plan von Montevideo, auf
dem militärische Angaben über die Stadt und ihre Umgebung eingetragen waren.
Große Erregung bemächtigte sich der Behörden. Die Menschen hatten das
Gefühl, die deutsche Fünfte Kolonne stehe unmittelbar vor der Machtübernahme.
Am 7. Juni wurden alle Telegrafenämter unter militärische Bewachung gestellt.
Die Polizei begann mit Haussuchungen im ganzen Lande. In der Umgebung von
Montevideo »wurden drei deutsche Segelflugzeuge, ein Fallschirm und eine zer
legte Funkstation« entdeckt4. Aus Argentinien kam die Nachricht, daß im Hause
eines Reichsdeutschen in der Provinz Entre Rios — in der Nähe von Salto! —
Waffen gefunden worden waren. Nach allen Leuchttürmen, Häfen, Zollstationen
und Grenzübergängen wurden Soldaten entsandt. Auch die Hauptstraßen stan
den unter militärischer Bewachung. Am 13. Juni verabschiedete das Parlament
ein Gesetz, welches alle staatsfeindlichen Organisationen verbot. »Um Mißver
ständnissen vorzubeugen«, löste der deutsche Botschafter alle reichsdeutschen
Vereinigungen auf. Zu spät! »Unter gewaltiger Erregung der Bevölkerung5«
wurden 12 Reichsdeutsche verhaftet und stundenlang erbarmungslos verhört.
Am 17. Juni bewarfen 2000 Studenten die Deutsche Botschaft mit Steinen. An
diesem Tage trat das Parlament zu einer Geheimsitzung zusammen, um den
Bericht des Brena-Ausschusses anzuhören. Am Ende der zwanzig Stunden
dauernden Sitzung wurde der Chef der Kriminalpolizei, der »stets geleugnet
hatte, daß die Pläne der Nazi irgendwelche Bedeutung hätten«6, verhaftet. Der
Innenminister,
der
bis
zum
15.
Juni behauptet hatte, die
Bevölkerung habe
keinen Grund zur Aufregung, gab zu, daß er unrecht gehabt hatte. Der dritte
1
New York Times, 19. 6. 1940.
2
Artucio a.a.O., S. 41.
3
New York Times, 6. 6. 1940.
4
Ebenda, 13. 6. 1940.
5
Langer and Gleason a.a.O., S. 613.
6
New York Times, 20. 6. 1940.
117
Zweifler,
der
Verteidigungsminister,
erklärte
sich
nun
auch
für
bekehrt
und
rief die ganze Nation, Männer und Frauen auf, ein freiwilliges Hilfskorps zu
bilden.
Die Schießstände, wo man kostenlos üben konnte, waren bald bis auf den
letzten Platz besetzt. Mehr als drei Fünftel aller waffenfähigen Männer waren
dem Aufruf des Ministers gefolgt. Der amerikanische Kreuzer »Quincy«, der am
20. Juni auf der Reede vor Anker gegangen war, wurde begeistert begrüßt. Eine
ungeheure Menschenmenge wartete stundenlang im Regen und rief: »Es lebe
Roosevelt! Es leben die Vereinigten Staaten!« Die Erklärung des amerikanischen
Gesandten auf einem Bankett, daß Uruguay auf die Unterstützung der Ver
einigten Staaten rechnen könne, löste Begeisterung aus. Ein Brief des deutschen
Botschafters, der in allen Zeitungen abgedruckt wurde, fand nur ein höhnisches
Echo. Darin bestritt dieser, daß eine Verschwörung gegen Uruguay vorliege,
und sagte, daß Fuhrmann ihm völlig unbekannt sei. Die Masse der Bevölkerung
empfand eine starke Gemütsbewegung. Sie hatte das Gefühl, daß sie die Freiheit
ihres Landes mit großartiger Kühnheit und Solidarität gerettet hätte. »Unver
geßliche Tage« nannte Fernandez Artucio sie später, die niemals in Vergessen
heit geraten dürfen. Als die Krise vorüber war, eröffnete man in Montevideo ein
Museum der Fünften Kolonne.
In keinem andern südamerikanischen Land war die Furcht vor der deutschen
Fünften Kolonne in jenem Sommer 1940 so groß wie in Uruguay. Gleichwohl
wurden in fast allen Ländern Maßnahmen gegen die dort lebenden Reichsdeut
schen und gegen alle Personen deutschen Ursprungs ergriffen.
In Brasilien war die Lage vergleichsweise ruhig. Die Behörden erklärten, man
habe von der Fünften Kolonne nichts zu befürchten. Die Londoner »Times«
sah darin »gefährliche Vertrauensseligkeit1«.
In Argentinien wurden, wie bereits erwähnt, im Juni 1940 im Hause eines
Reichsdeutschen Waffen gefunden. Die Polizei glaubte, ein Aufstand werde vor
bereitet. Im Sommer 1941 tauchte nochmals Besorgnis auf. Im Juli setzte das
Parlament
einen
Untersuchungsausschuß
unter
dem
Vorsitz
von
Damonte
Taborda ein. Im August wurden über dreißig Reichsdeutsche verhaftet. Im Herbst
des Jahres veröffentlichte der Taborda-Ausschuß vier Berichte — ein fünfter Be
richt erschien im September 1942 —, worin nachgewiesen wurde, daß Teile der
Auslandsorganisation unter einem andern Namen weiterbestanden, halbmilitäri
sche Formationen unterhalten und den Lehrplan in deutschen Schulen im national
sozialistischen Sinne beeinflußt hatten.
In Chile wurden im Juli 1940 und Juni 1941 Versuche einheimischer Faschi
sten, die Macht zu übernehmen, vereitelt. Im August 1941 wurde bekannt
gegeben, daß in Südchile, dem Mittelpunkt deutscher Siedlungen, eine Ver
schwörung entdeckt worden sei. Eine Anzahl von Deutschen wurde verhaftet,
1
The Times, 3. 6. 1940.
118
12 Gewehre und 50.000 Schuß Munition beschlagnahmt und alle Naziorganisa
tionen aufgelöst.
Die bolivianische
Regierung
ordnete
im
Juni
1940
eine
Untersuchung
der
deutschen Schulen an. Im Juli 1941 wurde der deutsche Gesandte beschuldigt,
gemeinsam mit dem bolivianischen Militärattaché in Berlin, Major Elias Bel
monte, einen Staatsstreich vorbereitet zu haben. Für kurze Zeit wurde der Kriegs
zustand über das Land verhängt und der deutsche Diplomat rasch zur Abreise
gezwungen.
In Ekuador machte ein Generalstabsoffizier, Oberst Filemon Borjas, in einer
Tageszeitung im Juni 1940 »sensationelle Enthüllungen« und lenkte später die
Aufmerksamkeit des Senats auf »eine Zusammenstellung von Gerüchten, die seit
einiger Zeit in der Hauptstadt Quito im Umlauf waren1«. Er wies darauf hin, daß
die deutschen Piloten der Luftverkehrsgesellschaft »Sedta« wahrscheinlich alle
strategisch wichtigen Punkte in Landkarten eintrügen und daß viele Deutsche
führende Stellungen in lebenswichtigen Industriezweigen innehätten.
Auch
Columbien,
wo
ebenfalls
eine
Luftverkehrsgesellschaft
mit
deutschem
Personal aufgelöst worden war, blieb 1940 und 1941 auf der Hut vor den Deut
schen. Allerdings erschien die Wachsamkeit nicht allen groß genug. Der amerikani
sche Journalist Cornelius Vanderbilt war entsetzt über die Zahl von Flugplätzen,
die er in der Nähe von deutschen Besitzungen sah und die ihm als »erste Vorbe
reitungen für eine nazistische Invasion« erschienen12 .
In den mittelamerikanischen Staaten Costa Rica, Nikaragua und Guatemala
erging gegen Ende 1940 Weisung, daß auf deutschem Grundbesitz, soweit es sich
um ebenes Land handelte, Pfähle in den Boden zu treiben seien, weil dann die
Deutschen dort nicht mit Flugzeugen landen könnten.
Auch Mexiko schenkte im Sommer 1940 der Fünften Kolonne seine Aufmerk
samkeit. Eine der größten Wochenschriften des Landes, die »Estampa«, widmete
ihr eine Sondernummer. Dort konnte man unter anderem lesen, die Niederlande
seien von Deutschen untergraben worden, die in der Postverwaltung, als Geschäfts
leute, Handelsreisende, Hotelbesitzer, Dolmetscher, Taxichauffeure, Gepäckträger,
Hausmädchen und Köche, »im ganzen etwa 100.000«, gearbeitet hätten. Außerdem
habe es im östlichen Teil Hollands eine deutsche Nacktkolonie gegeben, deren
Mitglieder am 10. Mai, ausnahmsweise in Uniform gekleidet, Brücken und Flug
plätze besetzt hätten3. Gerüchte, denen zufolge die Deutschen in Mexiko Flugplätze
besaßen, tauchten nicht selten auf. »Etwa 5000 Familien von Nazi« lebten dort,
wie eine vielgelesene amerikanische Wochenschrift berichtete4. Der Presseattaché
der Deutschen Gesandtschaft wurde im Sommer 1940 ausgewiesen.
1
Artucio a.a.O., S. 194.
2
»Liberty«. New York, 23. 11. 1940.
3
Estampa. Mexiko, 29. 7. 1940.
4
Collier’s Weekly, 22. 6. 1940.
119
Solche und ähnliche Maßnahmen in den mittel- und südamerikanischen Staaten
waren den Behörden in Washington hochwillkommen. Auf jeder panamerikani
schen Konferenz betonten die Vertreter der Vereinigten Staaten die Notwendig
keit, gegen die Fünfte Kolonne vorzugehen. Der Abgeordnete Martin Dies, der
Vorsitzende des Ausschusses zur Untersuchung unamerikanischer Tätigkeit, er
klärte gegen September 1941, die Deutschen hätten in Südamerika »etwa eine
Million künftiger Soldaten, die nach Kompanien und Bataillonen eingeteilt
sind«. Allmählich begannen sich jedoch Präsident Roosevelt und seine wichtig
sten Ratgeber sicherer zu fühlen. Bis zum Sommer 1940 hatte Hitler in Süd
amerika nichts erreicht — würde er im Laufe der Zeit größeren Erfolg haben?
Wachsamkeit blieb jedenfalls nötig. Sie war der Preis, den man für die Sicher
heit zahlen mußte.
Das galt auch für die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten selbst. Auch dort
wurden vom Sommer 1940 an unter dem Eindruck der Nachrichten aus Europa
Maßnahmen ergriffen, welche die Gefahr einer Fünften Kolonne im Lande ab
wenden sollten. Gegen Ende Mai wurde beschlossen, Nazi, und zwar besonders
Mitglieder des Deutsch-Amerikanischen Bundes, vom Staatsdienst auszuschließen.
Einen Monat später (28. Juni 1940) unterzeichnete der Präsident ein Gesetz,
durch welches Ausländer verpflichtet wurden, besondere Meldebogen auszufüllen.
Es stellte sich heraus, daß in den Vereinigten Staaten fünf Millionen Menschen
lebten, die nicht amerikanische Staatsbürger waren. Im Oktober 1941 wurden
sie gezwungen, ihr Einkommen mitzuteilen. Das Justizministerium führte eine
Kartei über alle verdächtigen Deutschen. Außerdem hielt man gründlich Aus
schau nach etwa vorhandenen Spionen und Saboteuren.
Im September 1939 stellte die Bundespolizei 150 neue Detektive ein und im
Juni 1940 250 weitere. Am 28. Juni 1941 wurden der Bundespolizei (FBI) zu
folge zwei große deutsche Spionagenetze vereinnahmt. 49 Personen wurden ver
haftet. Die FBI machte sich Sorgen um die Zukunft. Im September 1941 ließ
sie wissen, daß »Spitzel und Saboteure der Achse« immer noch in amerikanischen
Schlüsselstellungen tätig seien, daß sie zahlreiche militärische Angaben gesam
melt hätten, und daß die deutsche Regierung Pläne für einen Sabotagefeldzug
gegen »Amerikas Rüstungsindustrie, Verkehrswesen und Schiffahrt« fertig
gestellt habe1.
Drei Monate später schlug Japan in Pearl Harbour zu und erklärte Deutsch
land den Vereinigten Staaten den Krieg. Das amerikanische Volk nahm diese
doppelte Herausforderung in der Gewißheit hin, daß es den Kampf schließlich
gewinnen werde, wie lange er auch dauern möge. Als deutlich wurde, daß Deutsch
lands
Kraft
durch
den
mörderischen
Kampf
in
der
Sowjetunion
geschwächt
wurde, empfanden die Menschen weniger Furcht vor einer großangelegten Offen
1
Zitiert in: M. Sayers and A. E. Kahn: Sabotage! The Secret War against America. New
York 1942. S. 23.
120
sive des Dritten Reichs gegen Amerika in Verbindung mit Machenschaften einer
Fünften Kolonne. Jedoch versuchten sie natürlich weiterhin Spionage und Sabo
tage zu verhindern. Vorsichtshalber wurde die Bewegungsfreiheit von deutschen
Staatsangehörigen beschränkt. Sie durften keine Waffen, Rundfunkempfänger
mit Kurzwellenteil, Sender, Codes, Kameras und illustrierte militärische Bücher
oder Landkarten besitzen. Von den 264.000 Reichsdeutschen wurden etwa 7000
interniert. In weniger als einem Jahr wurde auf Empfehlung besonderer Tribu
nale etwa die Hälfte von diesen wieder entlassen.
Gegenüber diesen Reichsdeutschen bestand jedoch großes Mißtrauen. Sie und
die nicht internierten italienischen Staatsbürger verloren in so großer Zahl ihre
Anstellungen, daß Präsident Roosevelt im Juli 1942 an Arbeitgeber und Arbeit
nehmer appellierte, sie sollten Menschen, die zwar feindliche Staatsangehörige,
aber Amerika wohlgesinnt seien, nicht das Leben unmöglich machen. Um die
selbe Zeit wurden 26 Führer des Deutsch-Amerikanischen Bundes unter An
klage gestellt. Kurz zuvor, im Juni 1942, waren acht deutsche Saboteure, die
von deutschen U-Booten nach Florida und Long Island gebracht worden waren,
verhaftet worden; zwei von ihnen waren amerikanische Staatsangehörige, und
die Mehrzahl hatte dem Bund angehört. Ihre Ausrüstung mit falschen Papieren
und Sabotagemitteln machte auf die Öffentlichkeit größeren Eindruck als die
Tatsache, daß die Bundespolizei diese Agenten sofort hatte verhaften können.
Viele Nachrichten, welche die Menschen seit 1933 gelesen hatten, hatten bei
ihnen den Eindruck erweckt, daß der deutsche Geheimdienst selbst dann, wenn
es an den Fronten für Deutschland nicht allzugut stand, jedenfalls in glänzender
Verfassung war und zumal in Amerika ein Spionagenetz aufgebaut hatte, welches
»wahrscheinlich das am besten organisierte und finanzierte, das geschickteste
und leistungsfähigste System war, welches die Welt je gesehen hat1«. In den
beiden Wochen, welche der Verhaftung der acht Saboteure folgten, wurden 400
Deutsche hinter Schloß und Riegel gebracht.
Auch in Mittel- und Südamerika blieb die Furcht vor der deutschen Fünften
Kolonne bestehen, nachdem im Dezember 1941 der zweite Weltkrieg den ganzen
Erdball zu erfassen begann. Als Ergebnis der im Januar 1942 in Rio de Janeiro
abgehaltenen panamerikanischen Konferenz wurden alle Diplomaten der Achsen
mächte zur Abreise gezwungen; eine Ausnahme bildeten nur Chile und Argen
tinien, wobei letzteres in zunehmendem Maße eifersüchtig auf die führende
Stellung der Vereinigten Staaten wurde. Selbst in diesen beiden südlichsten
lateinamerikanischen Staaten wurden jedoch Maßnahmen gegen die Deutschen
ergriffen. Personen, die als gefährlich galten, wurden interniert, und 1942 fand
in Argentinien ein großer Spionageprozeß gegen Reichsdeutsche statt. In Chile
und Mexiko untersuchten parlamentarische Ausschüsse deutsche Anschläge.
Fast die gesamte Kolonie in Costa Rica wurde 1942 nach Texas gebracht und dort
1 New
York Post, 18. 1. 1942.
121
interniert. Es war eine merkwürdige Sache, daß immer dann, wenn sich der Kriegs
schauplatz Mittel- oder Südamerika näherte, alsbald Anzeichen für eine Tätig
keit der Fünften Kolonne auftauchten. Als im Frühling und Sommer 1942 vor der
brasilianischen Küste Schiffe versenkt wurden, verbreitete sich bald die Ansicht,
daß Reichsdeutsche und Personen deutscher Herkunft den U-Booten geheime
Weisungen gegeben hätten. Am 22. August 1942 erklärte Brasilien Deutschland
den Krieg. Am nächsten Tag durchsuchte die Polizei ein Kloster im Staate Santa
Katharina in Südbrasilien. Die Priorin wurde verhaftet. Die Weltpresse berichtete:
»Nonnen hatten, während sie scheinbar beteten, vom Friedhof aus Funkver
bindung unterhalten. Sie waren deutscher Herkunft!«
122
VII
1941 - DEUTSCHLAND GREIFT WIEDER AN
Am 6. April 1941 fiel Deutschland in Jugoslawien und Griechenland ein, am
22. Juni in die Sowjetunion. Glaubten die Menschen in Jugoslawien, in Griechen
land und der Sowjetunion genau wie die Menschen in Nord- und Westeuropa,
daß eine Fünfte Kolonne wesentlicher Bestandteil des deutschen Angriffs sei?
Was Jugoslawien und die Sowjetunion angeht, so können wir die Frage bejahen,
wenn auch nur zögernd und mit unzulänglichen Beweisen. Was Griechenland
angeht, so sind die Angaben noch dürftiger. Wir werden dort beginnen.
In den wichtigsten Städten Griechenlands gab es kleine Kolonien von deutschen
Staatsangehörigen, von denen einige Mitglieder der üblichen Landesgruppe der
Auslandsorganisation der NSDAP geworden waren. In Athen wurden diese
Leute am 6. April 1941 zusammen mit andern, die als verdächtig galten, ver
haftet. Schließlich befanden sich im Polizeigebäude gegen tausend verhaftete
Personen, »ein wahres Durcheinander von Sprachen und Völkern«.
Die
Führer
der
reichsdeutschen
Kolonie
in
der
Hauptstadt
hatten
jedoch
mit der Polizei vereinbart, daß die reichsdeutschen Nazi im Falle eines Krieges
nicht hinter Stacheldraht gebracht, sondern in drei Häusern einquartiert wer
den sollten, die im voraus ausgewählt und vorbereitet worden waren. Die Polizei
hielt sich an diese Vereinbarung und ließ nach einem Gespräch mit einem der
deutschen Führer die betroffenen Deutschen aus dem Lager in die drei Häuser
umziehen. Dort ließ man sie — abgesehen von einer kleinen Demonstration
junger Leute, die »Nieder mit der Fünften Kolonne!« riefen — fast drei Wochen
lang in Frieden, bis das Hakenkreuz auf der Akropolis aufgepflanzt wurde
(27. April 1941). Das alles läßt nicht vermuten, daß die Fünfte Kolonne der
Deutschen in Athen in den Augen der Behörden und der Bevölkerung eine
größere Rolle spielte.
Anders stand es in Jugoslawien. Genau wie in andern Ländern hatte sich nach
dem ersten Weltkrieg eine Anzahl von Reichsdeutschen, hauptsächlich als Ge
schäftsleute, im Königreich Jugoslawien niedergelassen. Wichtiger war, daß es
im Norden des Landes große Bezirke gab, in denen insgesamt etwa 600.000 Men
schen deutscher Abkunft, Sprache und Sitte lebten. Im Westen, in Slowenien,
lebte die deutsche Minderheit in den Städten; sie war der Überrest einer früher
123
großen Gruppe, die jedoch seit 1800 unter dem Druck der Slowenen stark zu
rückgegangen war. Dort gab es ferner in der Gottschee inmitten des unfruchtbaren
Karstgebietes eine Enklave mit einer verarmten deutschsprachigen Bevölkerung.
Weiter ostwärts in den Tälern der Sau, Drau, Donau und Theiß gab es große
deutsche Bauernkolonien, die größtenteils aus dem 18. Jahrhundert stammten
und von den Habsburgern als Teil eines Verteidigungsgürtels aus wehrhaften
Siedlern gegründet worden waren, welcher Mitteleuropa vor den Türken schützen
sollte. Diese volksdeutschen Gruppen hatten in dem jungen Jugoslawien einen
schweren Stand. Ihre Schulen und Vereine waren das Ziel von Angriffen. Politi
sche Rechte wurden ihnen vorenthalten, und besonders in Slowenien wurde
schwerer Druck auf sie ausgeübt.
Unter diesen Umständen konnte man nicht erwarten, daß die Volksdeutschen
sich gleichgültig verhielten. Zumal die jüngere Generation suchte nach 1933 Unter
stützung beim Dritten Reich, und so entstand auch in Jugoslawien der tödliche
Kreislauf, den wir bereits in Polen geschildert haben: das Vorgehen der Unter
drücker und die Reaktion der Unterdrückten beeinflußten und steigerten sich
gegenseitig und riefen Haß und Angriffslust hervor, die sich nicht eindämmen
ließen. Beide Parteien sahen sich ständig durch die von den Gegnern begangenen
Taten gerechtfertigt. Der Anschluß Österreichs ließ die Spannung wachsen. Die
Annektion der sudetendeutschen Gebiete und später die Errichtung des Protek
torats vermehrten den Haß der Slowenen und Serben gegen das Deutschtum,
zumal jene sich als Slawen mit den Tschechen verwandt fühlten.
Jugoslawien reagierte besonders empfindlich auf die Nachrichten, die über die
deutsche Fünfte Kolonne im April 1940 aus Dänemark und Norwegen und im Mai
und Juni aus Holland, Belgien und Frankreich eintrafen. Die jugoslawischen Be
hörden stellten fest, daß volksdeutsche Rekruten häufig den Gestellungsbefehlen
nicht Folge leisteten, sondern verschwanden. Man vermutete, daß sie sich zum
Dienst im deutschen Heer gemeldet hätten, was nichts Gutes zu verheißen schien.
Zumal im Herbst 1940 waren solche Desertionen häufig. Der diplomatische Druck
auf Jugoslawien nahm von Monat zu Monat zu, und schließlich beschlossen
Prinzregent Paul und seine Regierung, dem zwischen Deutschland, Italien und
Japan bestehenden Antikominternpakt beizutreten. Ein diesbezügliches Ab
kommen wurde von zwei jugoslawischen Ministern am 25. März 1941 in Wien
unterzeichnet. Der serbische Patriotismus weigerte sich jedoch, diese Demütigung
zu schlucken. Am Morgen des 27. März übernahm eine Gruppe entschlossener
Offiziere unter Führung von General Simowitsch die Macht. Der Regentschaftsrat
wurde aufgelöst und der junge Sohn König Alexanders als Peter II. ausgerufen.
Die Serben wurden von ungeheurer Begeisterung gepackt. Die Schmach von
Wien war ausgelöscht! Jugoslawien hatte mit Hitler und Mussolini gebrochen!
Der Haß gegen die Deutschen erreichte beispiellose Höhen. In Belgrad wurden
im Handumdrehen die Fenster des deutschen Reisebüros eingeworfen, das Büro
zertrümmert, die Möbel auf die Straße geworfen und triumphierend in Brand
124
gesteckt. Der deutsche Luftattaché, der am Morgen des 27. März mit einer kleinen
Hakenkreuzflagge am Auto durch die Stadt fuhr, weigerte sich, auf Geheiß einer
aufgeregten Gruppe von Demonstranten anzuhalten; er wurde daraufhin so hart
angepackt, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Als der deutsche
Botschafter sich am 28. März in die Kathedrale begab, um an einer Feier zu Ehren
des jungen Königs teilzunehmen, wurde er mit lauten Hohnrufen begrüßt; ein
französischer
Journalist
hörte
an
demselben
Tage,
daß
man
dem
Botschafter
1
ins Gesicht gespuckt habe . Reichsdeutsche in Belgrad und anderswo wurden
belästigt. Viele von ihnen verließen Hals über Kopf das Land.
Zwei Tage später brach der deutsche Sturm los. In den frühen Morgenstunden
des 6. April wurden große Teile Belgrads durch Luftangriffe zerstört. Deutsche
Divisionen stürmten über die Grenzen. Im Süden des Landes drangen sie von
Bulgarien aus nach Mazedonien ein und schnitten die Verbindung nach Griechen
land ab. Im Norden umzingelten und vernichteten sie die jugoslawischen Armeen,
die viel zu unbeweglich waren und das ganze Grenzgebiet zu verteidigen ver
suchten.
Genau wie in Polen war es auch hier ein ungleicher Kampf, doch war die Über
legenheit der Deutschen noch drückender, die Schnelligkeit ihrer erfahrenen und
kampferprobten Divisionen noch größer. Bei den Jugoslawen müssen Verwirrung,
Desorganisation und Panik dementsprechend größer gewesen sein, zumal bei
denjenigen Truppen, die in den von unzuverlässigen Kroaten und Volksdeutschen
bewohnten Landesteilen der Vernichtung durch einen unwiderstehlichen Gegner
entgegensahen. Wiederum befiel Furcht vor Verrat die Gemüter der Menschen.
In einigen Teilen des Landes tauchten Gerüchte auf, daß das Trinkwasser ver
giftet worden sei.
Als sich am 10. April, dem fünften Tag des Feldzuges, der vorher zitierte
Franzose nach einer abenteuerlichen Reise in Sarajewo befand, hörte er, die
Deutschen hätten bereits den in der Nähe gelegenen Ort bombardiert, wo sich die
Regierung nach ihrer Flucht aus der Hauptstadt niedergelassen hatte. Seine erste
Reaktion auf diese Nachricht war Mißtrauen. »Diese Präzision der Operationen
scheint überraschend. Außer Furcht gibt es auch Mißtrauen. Wer informiert sie?
Wer ist der schändliche Verräter, der dem Feinde hilft? Je weiter man von Bel
grad entfernt ist, desto weniger vertrauenswürdig erscheinen Land und Leute12 .«
Natürlich richtete sich das Mißtrauen der Serben und Slowenen zuerst gegen
die Volksdeutschen. Das geht aus einem Bericht der jugoslawischen Kommission
für Kriegsverbrechen aus dem Dezember 1945 hervor, in dessen erstem Abschnitt
sich folgende schwere Anklage findet: »Die Regierung des Dritten Reiches und
Hitlers Partei haben insgeheim die deutsche Minderheit in Jugoslawien organi
siert.« Zur Begründung wird angeführt:
1
Jean Hussard: Vu en Yougoslavie 1939—1944. Lausanne 1945. S. 80.
2
Ebenda, S. 113.
125
»Seit 1920 hatten sie (d. h. die Volksdeutschen) ihre eigene völkische Organi
sation,
den
>Schwäbisch-deutschen-Kulturbund<.
Diese
Organisation
verwandelte
die Nazipartei insgeheim in politische und militärische Organe für den Angriff
auf Jugoslawien (und durch die Organisation erfaßte sie alle Deutschen in Jugo
slawien). Insgeheim wurden in Jugoslawien Nazi-Gaue gebildet und Gauleiter
ernannt. Unter dem Deckmantel verschiedener >Turn- und Sportvereine< wurden
halbmilitärische Hitler-Organisationen geschaffen. Aus dem Reich kamen zahl
lose >Touristen, Handlungsreisende und Verwandte<,
Organisationsleiter und Instrukteure der Nazi waren1.«
die
in
Wirklichkeit
nur
In einem Anhang zu diesem Bericht findet sich folgende Schilderung des Ver
haltens der Volksdeutschen während der Kämpfe: »Zur Zeit des deutschen An
griffs auf Jugoslawien im April 1941 leistete die gut organisierte deutsche Minder
heit in Jugoslawien der deutschen Armee ansehnliche Dienste. Die volksdeutschen
Rekruten verbreiteten in der Truppe wilde Gerüchte und beschleunigten die
Demoralisierung; wenn ihre Einheiten Fühlung mit der deutschen Armee be
kamen, liefen sie über und schufen dadurch unter den treuen Soldaten Verwirrung.
Wenn sie kapitulierten, riefen sie >Heil Hitler!< Die volksdeutschen Zivifisten
griffen die zurückweichenden jugoslawischen Truppen im Rücken an, entwaffneten
kleinere Einheiten, eroberten sich Waffen, bewachten Brücken und andere
wichtige Punkte und stellten sich bei erster bester Gelegenheit den deutschen
Befehlshabern zur Verfügung. Außerdem übernahmen sie gemäß einem vorher
aufgestellten Plan, wo immer sie konnten, die Macht von den Jugoslawen12 .«
Der Feldzug dauerte nicht lange. Eine Woche nach Beginn des Feldzuges zogen
die Deutschen in das immer noch rauchende Belgrad ein. Nach weiteren vier
Tagen hatte der organisierte Widerstand der Jugoslawen aufgehört.
Zehn Wochen später, am Sonntag, den 22. Juni 1941, schrillten wieder die Si
gnale zum Angriff. Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer begannen die Deut
schen ihren Vormarsch ins Herz der Sowjetunion und in ihren eigenen Untergang.
Bei unserem Rückblick auf die Entwicklung in den Jahren 1933 bis 1939 haben
wir in der Einleitung zum ersten Teil festgestellt, daß die Furcht vor der deut
schen Fünften Kolonne in hohem Maße eine internationale Erscheinung war. In
den bisher behandelten Gegenden — Deutschlands europäische Nachbarländer,
Nord-, West- und Südeuropa, die Kolonien dieser Länder, das britische Com
monwealth, sowie Nord- und Südamerika — konnten wir die freie Presse und den
Rundfunk als ein zusammenhängendes Ganzes behandeln. Verdächtiges Treiben
in einem Land wurde alsbald in allen anderen gemeldet. Wie wir aber schon frü
her bemerkten, nahm die Sowjetunion eine Sonderstellung ein: Dort hielten sich
Presse und Rundfunk streng an die Weisungen des Kreml, und inwieweit diese
ein Spiegel der öffentlichen Meinung waren, dürfte schwer zu sagen sein.
1 Yugoslav War Crimes Commission, Report to the International Military Tribunal, Nürn
berg 26. 12. 1945. USSR-036, IMT XXXIX, S. 273/4.
2
Anhang zu dem eben zitierten Bericht. NG-4630, S. 16.
126
In einer Demokratie ist das Verhältnis zwischen öffentlicher Meinung und
publizistischen Organen sehr kompliziert. Bestimmt glauben nicht alle Leser
alles, was ihnen Presse oder Rundfunk erzählen. Umgekehrt darf man bezweifeln,
ob die tiefsten Wünsche und Befürchtungen der Menschen jemals angemessenen
Ausdruck in dem finden, was in einer Zeitung erscheint oder über den Rund
funk gesprochen wird. Trotzdem stehen in jeder Gesellschaft, die durch relative
Gedankenfreiheit bestimmt wird, öffentliche Meinung und veröffentlichte Nach
richten und Kommentare in einer gesunden Wechselbeziehung.
In
einer
totalitären
Gesellschaft
hingegen,
in
welcher
systematisch
versucht
wird, dem Publikum gewisse Ansichten einzuflößen, werden mindestens diejenigen
Menschen, die sich des Druckes, unter welchem sie leben, irgendwie bewußt sind,
die Berichte und Ansichten, die von den Organen von Staat und Partei ausgegeben
werden, ständig anzweifeln oder sogar grundsätzlich für falsch halten. Die tödliche
Gleichförmigkeit solcher Publikationen ruft Skeptizismus hervor. Eine andere
Quelle des Mißtrauens ist die Plötzlichkeit, mit der die von den Machthabern ver
folgte Linie verändert wird; einem solchen Richtungswechsel gehorchen Presse und
Rundfunk in hohem Maße. Wie verbreitet jedoch das Mißtrauen gegenüber amt
lichen Nachrichten ist und zu welchen wirklichen Meinungen es führen mag, läßt
sich in einem totalitären Staat nicht ermessen, ja überhaupt kaum feststellen.
Es wäre nicht überraschend gewesen, wenn die Russen, als Hitler zur Macht
kam, Deutschland gefürchtet hätten. Der Eindringling kam traditionsgemäß
aus dem Westen nach Rußland, und die Deutschen hatten sich im ersten Welt
krieg in den von ihnen besetzten Teilen Rußlands als harte Gebieter gezeigt.
Der Friede von Brest-Litowsk war von einem Sieger mit steinernem Herzen dik
tiert worden. In den zwanziger Jahren hingegen hatte die Sowjetunion, die ins
geheim mit der Weimarer Republik zusammenarbeitete, weniger Deutschland als
Großbritannien als Beispiel für den Imperialismus hingestellt, der angeblich die
letzte Phase des Kapitalismus war, und hatte England als den Hauptgegner des
Sozialismus und des sowjetischen Staates geschildert.
Kurz nach Hitlers Machtergreifung wurde eine neue »Linie« entworfen und
alsbald dem russischen Volk beigebracht. Mehr und mehr wurden Deutschland
und Japan als die Erzfeinde der UdSSR dargestellt. Alles trug dazu bei: die Reden
angesehener Führer, Zeitungsartikel und Filme wie »Alexander Newski« (der die
Vernichtung
einer
deutschen
Invasionsarmee
im
13.
Jahrhundert
schilderte).
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Prozesse während der Säuberung von
1936—1938 die gleiche Aufgabe erfüllten, wenn wir feststellen, daß alle Gegner
Stalins mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammengearbeitet und dabei
keine Schandtat und keine Verworfenheit zu abgründig gefunden haben sollten.
Es wurde behauptet und galt als erwiesen, daß Sinowiew und Kamenew — die
zusammen mit 14 andern Angeklagten im August 1936 vor der Militärkammer des
Obersten Gerichtshofes standen — nach der Ermordung von Serge Kirow (1. De
zember 1934) die Ermordung Stalins, Woroschilows, Kaganowitschs, Schda
127
nows und anderer führender Funktionäre vorbereitet hatten. Eines der Mitglieder
der »Terrorgruppe« sollte zusammen mit einer Gruppe deutscher
Maßnahmen für die Ermordung Stalins getroffen haben.
Trotzkisten
Fünf Monate später, im Januar 1937, kam der Prozeß einer zweiten Gruppe
von »Trotzkisten«, darunter der bekannte Journalist Karl Radek. Dieser ge
stand, daß er und seine Mitangeklagten die Absicht gehabt hätten, die Ukraine
an Deutschland abzutreten. Pjatakow, ein anderer Angeklagter, gab zu, daß die
Trotzkisten bereit gewesen seien, deutschen Firmen wichtige Zugeständnisse zu ma
chen, und daß sie im Kriegsfalle als Saboteure gearbeitet haben würden; dies sollte
nach Plänen geschehen, die auf einer Konferenz zwischen Trotzki und »dem Stell
vertreter Hitlers, Heß, endgültig ausgearbeitet und angenommen« worden waren1.
Abermals fünf Monate später wurde im Juni 1937 bekanntgegeben, daß Mar
schall Tuchatschewki, der Generalstabschef der Roten Armee, nach einem ge
heimen Prozeß mit vier anderen hohen Offizieren hingerichtet worden war. Sie
hatten zugunsten einer ausländischen Macht Spionage und Verrat getrieben.
Abermals Deutschland?
Der letzte große Prozeß fand im März 1938 in derselben Woche statt, die den An
schluß Österreichs brachte. Auf der Anklagebank eines Militärgerichts saßen alte
Bolschewisten wie Bucharin, Rykow und Krestinsky neben dem Chef der Geheim
polizei Jagoda. Auch sie gestanden unter anderem, die Abtretung der Ukraine und
Weißrußlands vorbereitet zu haben. Krestinsky erklärte, er habe seit 1921 als Agent
der deutschen Geheimpolizei gearbeitet. Der Angeklagte Rosengoltz hatte 1923 mit
der Spionage für Deutschland begonnen, der Angeklagte Grinkow 1932.
Ein vierter Angeklagter namens Bessonow hatte »mit dem nächsten Mitarbeiter
Rosenbergs in der Außenpolitischen Abteilung der Faschistischen Partei12 « verhan
delt. Der Angeklagte Tschernow, der nach eigener Darstellung seit 1928 deutscher
Spion war, hatte von Paul Scheffer, dem Moskauer Korrespondenten des »Berliner
Tageblatts«, und von anderen Aufträge zur Sabotage bekommen. In seiner Eigen
schaft als Volkskommissar in der Landwirtschaft hatte er diese Aufträge dadurch
ausgeführt, daß er den Bau von Silos verlangsamte, Heereslieferungen mit Hilfe
von »Parasiten und Milben« verdarb, Mißerfolge bei der Pferdezucht herbeiführte
und die Schweine im Bezirk Leningrad »künstlich« mit Rotlauf und im Bezirk
von Woronesch und dem Schwarzen Meer mit der Schweinepest infizierte3.
1
Prozeßbericht über die Strafsache des sowjetfeindlichen trotzkistischen Zentrums, ver
handelt vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR vom 23.—30.1.1937,
gegen J. L. Pjatakow, K. B. Radek, G. J. Sokolnikow, L. P. Serebrjakow (und 13 andere).
Moskau 1937. S. 8.
2 Prozeßbericht über die Strafsache des anti-sowjetischen »Blocks der Rechten und Trotzki
sten«, verhandelt vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR vom
2.—13. 3. 1938, gegen N. I. Bucharin, A. I. Rykow, G. G. Jagoda, N. N. Krestinski (und 17
andere). Moskau 1938. S. 10.
3
Ebenda, S. 111/3.
128
Haben alle diese schrecklichen Einzelheiten auf die Massen des russischen
Volkes Eindruck gemacht? Wir wissen es nicht. Sollte das jedoch der Fall sein,
so müssen diese Massen durch den Pakt in Verwirrung gestürzt worden sein, den
Stalin im August 1939 mit den Anstiftern all dieser Schandtaten abschloß und
durch das Entgegenkommen, welches die Herren im Kreml während der näch
sten anderthalb Jahre gegenüber dem Dritten Reich zeigten — eine Haltung,
welche erst 1941 durch einige Warnungen an das russische Volk, die in die üblichen
Redensarten gekleidet waren, abgeschwächt wurde.
Für kein anderes Volk kam wohl der deutsche Angriff so unerwartet wie für
die Bewohner der Sowjetunion. Die russischen Grenztruppen waren völlig ahnungs
los, als sich die Deutschen in der Morgendämmerung des 22. Juni auf sie stürzten.
Die taktische Überraschung war vollständig. Die russischen Armeen in den
Grenzprovinzen wurden umzingelt, angegriffen und in völliger Verwirrung ver
nichtet. Offiziere und Mannschaften kämpften manchmal zäh, bis ihre Munition
erschöpft war, aber auf Wochen hinaus gab es nichts, was man eine vorbereitete
Gegenoperation hätte nennen können. Man fürchtete deutsche Fallschirmjäger.
Man glaubte, daß hinter der Front verdächtige Lichtsignale gegeben würden.
Häufig wurde erzählt, daß Deutsche oder deutsche Agenten, die russische Uni
formen trugen oder als Bauern oder gar als Frauen verkleidet waren, Dutzende
von
Kilometern
vor
den
vorrückenden
deutschen
Truppen
operierten,
russi
sche Verbindungslinien abschnitten, taktisch wichtige Punkte besetzten und mit
dem Feind in Funkverbindung ständen.
Selbst in Moskau, das durch mehrere Verteidigungsgürtel geschützt war,
fürchteten die Menschen sich bald vor Fallschirmjägern. Vierzehn Tage nach
Beginn des Angriffs hörte Alexander Werth, damals als Korrespondent der
»Sunday Times« und des britischen Rundfunks in Moskau, von den Schwierig
keiten, auf die drei britische Unteroffiziere gestoßen waren, als sie in einem
offenen Lastwagen vom Flughafen in die russische Hauptstadt fahren wollten,
wo sie als Berater wirken sollten. »An einer Straßenecke wurden sie von Poli
zisten angehalten. Verwundert über die unbekannten britischen Uniformen,
sammelte sich eine Menge um sie an, die, als einer >Fallschirmjäger< rief, wütend zu
schreien begann. Die drei Unteroffiziere wurden auf eine Polizeiwache gebracht.
Schließlich mußte ihnen jemand von der Botschaft zu Hilfe kommen1.« Werth
selbst wurde einen Tag später verhaftet, weil ihn jemand in einer fremden Sprache
reden gehört hatte. Als er am Abend des 12. Juli — die Deutschen waren damals
noch fünfhundert Kilometer vor Moskau — spazierenging, wurde er »alle paar
Minuten« nach seinen Papieren gefragt2.
11 Es ist kaum verwunderlich, daß der gewaltige Rückzug der russischen Armeen
von den Landesgrenzen bis vor die Tore von Moskau, Leningrad und Rostow,
1
Alexander Werth: Moscow 41. London 1942. S. 30.
2
Ebenda, S. 56.
129
der fünf Monate dauerte und mit blutigen Verlusten verbunden war, ein Gefühl
der Unsicherheit, Nervosität und stellenweise auch Panik auslöste, die durch
Gerüchte über die Macht des Feindes, seine Überlegenheit und mancherlei Listen
noch vermehrt wurden. Moskau erlebte solche Panik Mitte Oktober, als die
Menschen jeden Augenblick mit dem Einzug der Deutschen rechneten. Ein
russischer Offizier, der sich in jener wirren Zeit in der Hauptstadt aufhielt, war
davon überzeugt, daß der Wirrwarr von »deutschen Agenten, die sich unters
Volk mischten«, angestiftet werde1. Die Fünfte Kolonne!
Zur Zeit von Hitlers Angriffen lebten im europäischen Rußland noch mehrere
hunderttausend Menschen deutscher Herkunft, teilweise in geschlossenen Sied
lungen, die viele Generationen hindurch die deutsche Sprache beibehalten hatten
und daher Volksdeutsche genannt werden dürfen. Ihre Vorfahren waren in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
auf Einladung der Romanows eingewandert, die ihnen Grundbesitz und Privile
gien angeboten hatten. Sie siedelten sich in Wolhynien, in der Ukraine, im Schwarz
meergebiet, am Kaukasus und an der untern Wolga an. Viele von ihnen wurden
reiche Bauern, andere lebten in freien Berufen oder als Kaufleute in den russischen
Städten. Wieder eine andere Gruppe hatte seit vielen Generationen in den balti
schen Provinzen ihre Heimat gefunden. Von 1933 an hatte die russische Regierung
strenge Sicherungsmaßnahmen gegen viele Volksdeutsche in den ländlichen Ge
bieten eingeführt; in den Städten gab es nur noch wenige. Man traute ihnen nicht,
und Stalin war nicht der Mann, der ein vermeidbares Risiko einging. Kurz nach
1933 wurden die Missionare der deutschen evangelischen Kirche aus Rußland
ausgewiesen. Es wurde behauptet, daß ihre religiösen Schriften Nazipropaganda
enthielten und daß die Schauspieler von Wanderbühnen, die im Wolgagebiet
Aufführungen für die Volksdeutschen veranstalteten, in Wirklichkeit Spione seien.
Zunächst ließ Stalin die Einwohner der dortigen Sowjetrepublik noch in Ruhe.
Aus dem kaukasischen Gebiet wurden jedoch schon Menschen deportiert, und
aus den westlichen Teilen der Sowjetunion wurden in den Jahren 1935—1938 sehr
viele Volksdeutsche nach Nordrußland und nach Sibirien umgesiedelt. Die deut
schen Siedlungen, die weniger als hundert Kilometer von der Westgrenze der
Sowjetunion entfernt lagen, wurden praktisch entvölkert. Einem deutschen Be
richt zufolge12
flohen viele Volksdeutsche in die Städte der Ukraine und hielten
sich dort verborgen. In den Jahren 1937 und 1938 wurden viele Männer im wehr
1 Michel Koriakoff: Moscou ne croit pas aux larmes. Paris 1951. S. 105. — Über die Geistes
verfassung der Russen während dieser furchtbaren ersten sechs Kriegsmonate sind bisher fast
überhaupt keine Informationen veröffentlicht worden. Eines der wenigen vorhandenen Bücher
ist Theodor Pliviers Roman »Moskau«. Plivier lebte damals in der Sowjetunion. Stalin und
seine Nachfolger hatten es nicht besonders eilig mit der Veröffentlichung von Studien über eine
Periode, in der so viele Fehler begangen worden sind.
2
C. von Kügelgen: Von den deutschen Kolonisten in Wolhynien und in der Ukraine west
lich des Dnjepr. In: Deutsche Post aus dem Osten, XIII, 12. Berlin Dez. 1941. S. 2—6.
130
pflichtigen Alter aus den Siedlungen in der Ukraine und am Schwarzen Meer ost
wärts verschickt. Im Herbst 1939 und im Sommer 1940 willigte Moskau ein, daß
die Volksdeutschen, die noch in den baltischen Staaten und Wolhynien geblieben
waren, in den von Deutschland besetzten Teil Polens auswanderten.
Die Volksdeutschen in andern Teilen des Landes hatten es nach Ausbruch der
Feindseligkeiten im Sommer 1941 sehr schwer. In der Ukraine wurde verfügt, daß
alle männlichen Volksdeutschen im Alter von 16 bis 60 Jahren ostwärts verschickt
würden. Westlich des Dnjepr gelang es vielen, sich verborgen zu halten oder
während des Transports zu entfliehen; östlich des Flusses war die Zwangsver
schickung üblicher. Dasselbe gilt von den deutschen Siedlungen auf und bei der
Krim und weiter ostwärts an der Küste des Schwarzen Meeres. Auch aus dem
Gebiet nördlich des Kaukasus wurden Menschen deportiert. Im ganzen fanden
die deutschen Truppen in diesen Gebieten von den ursprünglich 600.000 Volks
deutschen nur etwa noch 250.000 vor1. Die übrigen waren verschwunden. Auf der
Krim war »nicht ein einziger Deutscher mehr12 «.
Vierzehn Tage nach Beginn der deutschen Invasion hatte die Sicherheitspolizei
die öffentlichen Gebäude in der Wolgarepublik besetzt. Die Bevölkerung durfte
ihre Dörfer nicht verlassen. Alle Verbindungen zwischen den einzelnen Dörfern
wurden
abgeschnitten
und
alle
Beamte
der
Republik
verhaftet.
Als
nächstes
wurde die volksdeutsche Bevölkerung benachrichtigt, daß sie sich zum Verlassen
des Landes zu rüsten habe. Vieh, Getreide und landwirtschaftliche Maschinen
mußte sie abliefern. Eine immer wachsende Unordnung breitete sich aus: die
Deutschen kamen! Als in den ersten Augusttagen russische Kommissionen ein
trafen, um sich um die noch lebenden, aber vernachlässigten Viehbestände zu
kümmern, deutete vieles darauf hin, daß die Volksdeutschen plötzlich hatten ab
reisen müssen. In manchen Bauernhäusern standen Schüsseln mit verschimmelter
Suppe noch auf dem Tisch. Ein großer Teil der Ernte verfaulte auf den Feldern.
Pferde und Schweine waren verschwunden, das Vieh brüllte auf den Wiesen.
Die Volksdeutschen, die sechs Generationen hindurch an der unteren Wolga
gelebt hatten, waren unterwegs nach Sibirien. Alexander Werth vermutete, daß es
dabei »recht rauh zuging3«. Maurice Edelman sah den Transport: »Ein trauriger
Flüchtlingszug drängte sich auf den Straßen nach den Bahnstationen an der mitt
leren Wolga. 400.000 waren es, mit Bettzeug beladen, Haustiere hinter sich her
ziehend, die Frauen in Tränen und alle mit dem bitteren Ausdruck derer, die aus
ihrer Heimat vertrieben worden sind4.«
1
J. B. Schechtman: European Population Transfers. New York 1946. S. 208. Kolarz nimmt
an, daß von den 1941 noch vorhandenen 480.000 Volksdeutschen »wahrscheinlich etwa 200.000
deportiert wurden«. (Walter Kolarz: Russia and her Colonies. London 1952. S. 75.)
2 Aussage A. E. Frauenfeldt, Greifelt-24. Prozeß gegen die maßgeblichen Führer des Rasseund Siedlungshauptamtes (Case VIII).
3
Werth: Moscow 41. S. 173.
4
Zitiert in: Schechtman a. a. O., S. 385.
131
Wir wissen nicht, wie diese Menschen, unter denen sich dem Kreml zufolge
»Tausende und Abertausende von Saboteuren und Spionen befanden«, in einem
Lande behandelt wurden, das in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt war.
Wir wissen nicht, wie sie den Ural überquert haben, im Gegenstrom zu den
nach Westen eilenden Militärtransporten, und wie sie zu Anfang eines früh ein
setzenden Winters in ungastlichen Gebieten untergebracht wurden. Wie diese
400.000 Männer, Frauen und Kinder oder doch die Überbleibsel davon in jenen
Jahren der Unterdrückung und Entbehrung sich ein neues Leben aufgebaut haben
oder
vielleicht,
vergessen
und
vernachlässigt,
allmählich
untergegangen
sind,
wissen wir nicht. Es heißt von einer Gruppe zwangsverschickter Volksdeutscher, daß
sie für eine Eisenbahnstrecke, die gewöhnlich einen Tag beanspruchte, zwei volle
Wochen benötigte, und daß schließlich einige Reisende in den überfüllten Güter
wagen vor Durst umgekommen seien. Ein zweiter Bericht meldet sechs Monate
später, daß ein Teil der Volksdeutschen in das Altai-Gebiet gebracht und dort
unter die Kollektivwirtschaften aufgeteilt worden sei, wo sie viel Hilfe gefunden
hätten1. Einem dritten Bericht zufolge waren viele Familien zerrissen worden12
.
1954 traf Harrison E. Salisbury, Moskauer Korrespondent der »New York Times«,
zufällig auf die Überbleibsel einer Gruppe von 20.000 Wolgadeutschen, die in
Zentralasien an der afghanischen Grenze entlang angesiedelt worden waren, wo
»Tausende an Krankheit und Entbehrungen zugrunde gingen3«.
Im übrigen besitzen wir weder Worte noch Zeichen. Alexander Werth, der den
heroischen Kampf des russischen Volkes mit tiefem Mitgefühl verfolgte, konnte
kein Wort des Mitleids mit dem Schicksal dieser Wolgadeutschen finden. Seine
Ansicht, die in dem größten Teil der westlichen Welt Zustimmung fand, ging dahin,
daß diese Zwangsverschickungen anzusehen seien als »eine realistische Behand
lung des Problems einer deutschen Minderheit; es ist ein Problem, dessen Natur
im Sudetenland und anderswo nur allzu deutlich dargelegt worden ist4«. So kam
es — und es war kaum überraschend, sondern begreiflich —, daß die schärfsten Maß
nahmen, die jemals während des zweiten Weltkrieges gegen eine vermeintliche
Gruppe der deutschen Fünften Kolonne getroffen wurden, alsbald mit dem Verrat
des Sudetendeutschen Konrad Henlein in Verbindung gebracht wurden. In den
Augen der Leute hatte die ganze Geschichte ja 1933 angefangen, als Hitler Kanzler
des Reiches wurde, das tausend Jahre dauern sollte.
1 W. Wolshanin: Das Ende der autonomen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen. In: Frei
heit 1,4, S. 24, München 1953. — Wolshanin gehörte einer der Kommissionen an, die sich um
das von den Volksdeutschen zurückgelassene Vieh kümmerten.
2
Helmut Gollwitzer: Und führen, wohin du nicht willst... München 1952. S. 300/1.
3
New York Times, 28. 9. 1954.
4
Werth: Moscow 41. S. 173.
132
VIII
DAS FIXIERTE BILD
Es ist nun an der Zeit, die Vorstellungen von der deutschen Fünften Kolonne zu
überprüfen, die seit 1933 — also bevor der Begriff selbst geprägt worden war — und
besonders in den Kriegsjahren in den Ländern außerhalb Deutschlands entstanden
waren. Wieweit diese Vorstellungen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, ist hier
noch gleichgültig. An dieser Stelle gilt es nicht zu untersuchen, sondern zusammen
zufassen.
Wir haben gesehen, daß der eigentliche Begriff allgemein erst nach der deutschen
Invasion in Dänemark und Norwegen verwendet wurde, hauptsächlich aber erst
nach der Invasion in Holland und Frankreich. Damals wurde das Hauptgewicht
auf die »militärische« Fünfte Kolonne gelegt, also die Touristen und jungen Wande
rer, die, wie man vermutete, Norwegen so gründlich ausspioniert hatten; die
reichsdeutschen Zivilisten, die Berichten zufolge das Regierungsviertel in Den
Haag mit Waffen angegriffen hatten; die deutschen Agenten, die in Belgien und
Frankreich falsche Befehle ausgegeben oder vergiftete Süßigkeiten verteilt hatten—
sie alle wurden Fünfte Kolonne genannt. So bezeichnete man auch die »Verräter«
in den angegriffenen Ländern: in Norwegen Quisling und seine Anhänger, die, wie
man glaubte, bereit gewesen waren, die Landesverteidigung zu stören und die
Macht zu ergreifen; in Holland die vielen Mitglieder der holländischen Nazi
bewegung, die, wie die Öffentlichkeit überzeugt war, aus ihren Häusern auf hollän
dische Truppen geschossen hatten; in Belgien die flämischen und wallonischen
Faschisten, von denen man berichtete, sie hätten falsche Gerüchte verbreitet, um
die Kampfmoral zu untergraben; in Frankreich schließlich die Politiker, die angeb
lich absichtlich die Kriegsanstrengung des Landes sabotiert hatten, um dadurch
so rasch wie möglich mit Hitler verhandeln zu können.
Nachdem der Begriff Fünfte Kolonne allgemein gebräuchlich geworden war,
verlegte man ihn auch in die Vergangenheit und bezeichnete damit alle Handlun
gen, die seit 1933 mit der großen aggressiven Verschwörung der Nationalsozialisten
zusammengehangen hatten. Man zögerte nicht, mit dem Begriff Fünfte Kolonne
diejenigen Reichsdeutschen zu bezeichnen, die im Ausland ihre Wühlarbeit getan
hatten, oder diejenigen Volksdeutschen, die als Bürger anderer Staaten trotzdem
in Hitler ihren wahren Führer sahen.
133
Die Art und Weise, wie dieses Bild von der Fünften Kolonne entstand, läßt sich
kaum genau beschreiben. Die bewußten und unbewußten Strömungen in den
Köpfen der Menschen lassen sich nicht präzise aufzeichnen. Im allgemeinen jedoch
waren es konkrete Ereignisse, die zuerst zu der allgemeinen Überzeugung führten,
daß es so etwas wie eine Fünfte Kolonne gebe. Die Ermordung von Dollfuß, der
Anschluß Österreichs, die Aufstellung von Henleins Sudetendeutscher Legion, aber
auch die Demonstrationen und Anschläge nationalsozialistischer Reichsdeutscher im
Ausland, die von Litauen bis nach Südwestafrika durch Haussuchungen und Pro
zesse ans Licht kamen — das alles waren unbestreitbare Tatsachen. Während der
deutschen Invasion erschien den Rolen der Massenverrat der Volksdeutschen und
den Holländern der Verrat deutscher und holländischer Nazi genauso unbestreitbar.
Das »internationale« Bild der Fünften Kolonne entwickelte sich aus den »natio
nalen« Bildern, die mehr oder minder unabhängig voneinander entstanden waren.
Das Vorgehen von Seyß-Inquart und Henlein machte aus der Fünften Kolonne eine
internationale Neuigkeit und ein Thema, das von Zeitungen und Rundfunk
stationen in aller Welt immer wieder unterstrichen wurde. Wieder und wieder
schrieb und sprach man davon, aber natürlich niemals so intensiv wie in dem Kata
strophenfrühling 1940, als man glaubte, daß die Fünfte Kolonne von Narvik bis
nach Montevideo und von Rotterdam bis nach Batavia aktiv geworden sei. Da
mals erst grub sich das Bild der Fünften Kolonne endgültig klar und deutlich in
die Köpfe von Hunderten von Millionen Menschen ein.
Was man später bei den deutschen und andern Nationalsozialisten an Taten er
lebte, trug nur dazu bei, jenes Bild zu fixieren. Daß die Reichsdeutschen und Volks
deutschen sich in den von Deutschland besetzten Ländern unter dem Hakenkreuz
versammelten und daß die »eingeborenen« Nationalsozialisten offensichtlich Hitlers
Partei ergriffen, galt als weiterer Beweis für die Auffassung, daß diese Gruppen im
Gewand der Fünften Kolonne das Kommen der Deutschen aktiv gefördert hätten.
Bei diesem Fixieren des Bildes spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle alles
das, was man über die Fünfte Kolonne lesen konnte, nachdem der deutsche Angriff
stattgefunden hatte. Schon im Oktober 1940 hatte Thomas Huntington, obwohl
er nur bis Kriegsausbruch zurückgeht, bereits 121 Artikel gesammelt, die sich mit
der europäischen Fünften Kolonne beschäftigen. Diese Artikel entstammen füh
renden amerikanischen Zeitungen1. Florence Hellman konnte 1943 eine Biblio
graphie über »Die Fünfte Kolonne der Nazi« zusammenstellen, in der nur
Bücher
und
wichtigere
Artikel
aus
amerikanischen
Zeitschriften
berücksichtigt
wurden; sie enthält 290 Titel12 .
In den Vereinigten Staaten verdient besondere Aufmerksamkeit eine Artikel
serie über die Fünfte Kolonne von Oberst William Donovan und Edgar Ansei
1
T. W. Huntington: The Trojan Horse bibliography. The European Fifth Column and
American morale-resistance. In: Bulletin of the New York Public Library XLIV, 10 (Oct. 1940).
S. 741/4.
2
134
F. S. Hellman: Nazi Fifth Column Activities. A list of References. Washington 1943.
Mowrer. Donovan war ein unternehmungslustiger und tapferer Mann, der die
Kämpfe in Abessinien und Spanien aus erster Hand kannte und sich schon im
ersten Weltkrieg einen Namen gemacht hatte. Er war ein persönlicher Freund des
Republikaners Frank Knox, des Herausgebers der »Chicago Daily News«. Mit
Billigung Roosevelts, der den pessimistischen Berichten seines Botschafters
Kennedy in London mißtraute, schickte Knox Donovan nach London, damit er
berichte, welche Aussichten Großbritannien habe, den Schlägen Hitlers zu wider
stehen, die unweigerlich kommen würden. Anfang August kehrte er mit sehr gün
stigen Eindrücken nach Washington zurück.
In London hatte er gleichzeitig Einzelheiten über die Tätigkeit der Fünften
Kolonne auf dem Kontinent gesammelt. Zu diesem Zweck hatte er sich mit Mowrer
zusammengetan, dem europäischen Vertreter der »Chicago Daily News«. Die von
Donovan und Mowrer gesammelten Eindrücke erschienen so wichtig, daß sie in vier
Aufsätzen durch Agenturen an praktisch alle amerikanischen Zeitungen verbreitet
wurden. Sie wurden vom 20. bis 23. August nacheinander veröffentlicht und ver
dienen, als typisches und einflußreiches Beispiel hier kurz wiedergegeben zu werden.
Donovan und Mowrer begannen mit einer Schilderung von Hitlers Siegen. Sie
sagten, seine Streitkräfte seien überlegen gewesen, hätten aber niemals so schnelle
und entscheidende Siege erringen können, wenn ihnen nicht deutsche und andere
Bundesgenossen
in
den
angegriffenen
Ländern
geholfen
hätten.
Die
Sudeten
deutschen hätten die Niederlage der Tschechoslowakei herbeigeführt. Volksdeut
sche unter Führung der Gestapo hätten Polen den Dolch in den Rücken gestoßen;
Zehntausende von ihnen seien als Agenten und Wegweiser der Invasionsarmeen
ausgebildet worden, während andere falsche Befehle erteilt und militärische Ziele
auf besondere Weise kenntlich gemacht hätten. In Dänemark hätten die Deut
schen die Demoralisierung gefördert, während Norwegen von deutschen Truppen
überrascht worden sei, die sich in Schiffen verborgen gehalten hatten. In Holland
hätten 120.000 Reichsdeutsche »wie wütende Derwische« auf ihre Gastgeber ge
schossen, während 60.000 Reichsdeutsche in Belgien die flämischen und wallo
nischen Faschisten finanziert hätten. In Frankreich hätten Agenten im Dienste
der Deutschen Botschaft die Saat der Kapitulation ausgestreut. England habe alle
gefährlichen Elemente einschließlich der Flüchtlinge interniert.
Wie Donovan und Mowrer weiter schreiben, habe es in der Tschechoslowakei und
Polen keine einheimische Fünfte Kolonne gegeben. In Norwegen hingegen habe
Quisling den deutschen Erfolg ermöglicht. In Holland hätten Mitglieder der holländi
schen Nazipartei Hitler geholfen. Flämische Nazi hätten die wichtigen Brücken
über den Albert-Kanal ausgeliefert. Französische Spitzel hätten Hitler die ganze
Zeit hindurch vortrefflich informiert, während die Oberschicht und die Intellek
tuellen in Frankreich seit Jahren von deutschen Propagandisten bearbeitet worden
seien. Vielleicht gäbe es sogar in England Defaitisten.
Für solche Organisationen und Propaganda im Ausland hatten die Deutschen
den Verfassern zufolge 200 Millionen Dollar ausgegeben. Ein Teil davon sei der
135
Auslandsorganisation der NSDAP zur Verfügung gestellt worden, die »nahezu vier
Millionen Mitglieder zählte, welche fast alle bewußt Agenten waren«. Ihr gehörten
Reichsdeutsche, naturalisierte Deutsche und Nichtdeutsche an. Neben der Aus
landsorganisation arbeiteten die Gestapo, das Propagandaministerium, die Ar
beitsfront, die Abwehr und das Auswärtige Amt mit insgesamt 30.000, von denen
5000 mit kleinen Funkgeräten ausgerüstet und für die Gestapo tätig waren. Deutsche
Studenten und Hausmädchen hätten oft als Agenten gearbeitet.
Die Demokratien seien dem allem gegenüber zu gleichgültig gewesen. Das gelte
auch für die Vereinigten Staaten, wo wahrscheinlich »die beste von den Nazi ge
schulte Fünfte Kolonne der Welt zu finden ist«. Große Wachsamkeit sei nötig, um
der Gefahr zu steuern. Nachdem die Presse diese Betrachtungen von Donovan und
Mowrer gebracht hatte, erschienen sie auch als Broschüre mit einem Vorwort von
Marineminister Knox, der diese »sorgfältige Studie, bei der den Verfassern alle
amtlichen Quellen zur Verfügung standen«, warm empfahl1.
Reichlich zwei Jahre später veranlaßte das amerikanische Außenministerium
1943 die Veröffentlichung eines gründlichen Werkes, das hauptsächlich auf Grund
von in Deutschland veröffentlichtem Material eingehend die Entwicklung der Be
ziehungen zwischen Deutschland und den Deutschen im Ausland schilderte. Darin
wurde auch die Fünfte Kolonne erörtert, teilweise auf Grund von vertraulichen
Informationen. Das wichtigste Beweismaterial waren Auszüge aus »einem ver
traulichen, zuverlässigen, durch andere Quellen bestätigten Bericht über die viel
seitige Tätigkeit der deutschen Fünften Kolonne in Holland vor der deutschen
Invasion12 «.
Diesem Bericht zufolge war die Reichsdeutsche Gemeinschaft, die Organisation
der in Holland lebenden deutschen Staatsangehörigen, die neutral zu sein vorgab,
in Wirklichkeit eine nationalsozialistische Körperschaft. Ihr Leiter Otto Butting
war »der ungekrönte König jedes deutschen Staatsangehörigen« in den Nieder
landen. Er besaß eine Kartei mit Einzelheiten über zahlreiche Nichtdeutsche und
über die hunderttausend Deutschen, die zum Eintritt in die »Arbeitsfront« ge
zwungen worden waren. Viele von diesen waren als Spione tätig. Mit der Hilfe
holländischer Nazi war es ihm gelungen, 80.000 arbeitslose Holländer in Deutsch
land unterzubringen, wo sie zu Parteigängern Hitlers bekehrt worden waren. Nach
ihrer Rückkehr waren diese Menschen »unter den Holländern hoher und niedriger
Gesellschaftsschichten gewesen, die dazu beitrugen,
jäger zu begrüßen, aufzunehmen und zurechtzuweisen3«.
die
deutschen
Fallschirm
Diese Veröffentlichung erregte Aufsehen durch die vielen Einzelheiten, die sie
enthielt und die offensichtlich auf amtlichen Informationen beruhten. Viele andere
1
W. Donovan and E. A. Mowrer: Fifth Column Lessons for America. Washington 1940, S.4.
2
Raymond E. Murphy and others: National Socialism. Basic principles, their application by
the Nazi party’s Foreign Organization and the use of Germans abroad for German aims.
Washington 1943, S. 132.
3
Ebenda, S. 137.
136
Veröffentlichungen, die auf persönlichen Erlebnissen beruhten, wurden als ebenso
authentisch hingenommen; zu den Verfassern gehörten Autoritäten wie der Präsi
dent des norwegischen Parlaments Carl Hambro1 und der holländische Außen
minister van Kleffens12
sowie Journalisten oder andere Augenzeugen, welche die
von Deutschland besetzten Gebiete verlassen hatten.
Andere Regierungen trugen ihr Teil dazu bei, das Bild der Fünften Kolonne zu
fixieren. Die Polen veröffentlichten eine Reihe von Berichten, deren Verfasser aus
Polen entkommene Militärs waren3, und die Tschechen eine große Anzahl von Doku
menten über die Henlein-Bewegung4. Außerdem verarbeiteten viele Schriftsteller,
jeder auf seine Weise, alle seit 1933 bekanntgewordenen Tatsachen zu Monographien.
Vor allem im Hinblick auf die zentrale Organisation der Fünften Kolonne
widersprechen sich diese Darstellungen oft. Manche von ihnen sahen in Bohle, dem
Leiter der Auslandsorganisation, eine äußerst wichtige Gestalt, die »99 Prozent
der Deutschen im Ausland kontrollierte5« und das Auswärtige Amt »unmittelbar
beaufsichtigte6«. Andere wiederum sahen in Wilhelm Canaris, Chef der deutschen
Abwehr, den Hauptübeltäter, weil er »nahezu unbeschränkte Macht« hatte7. Wieder
andere sahen in Ribbentrop den Mann, der die für einen Angriff ausersehenen
Staaten »durch Bestechung, schöne Worte und verführerische Frauen untergrub —
ja sogar Dienstmädchen und Hotelportiers importierte8«. Noch wieder andere be
richteten, der Volksbund für das Deutschtum im Ausland habe »über 10.000 gut
ausgebildete Agenten und Vertrauensmänner9« ausgesandt.
Nur wenige äußerten deutlichen Zweifel an der Allmacht der Fünften Kolonne.
Die belgische Regierung erklärte bald nach ihrer Ankunft in London, in ihrem
11
«. 1941 veröffent
Lande »bestehe die Fünfte Kolonne nur aus wenigen Personen10
lichte Professor David Mitrany seine Auffassung, daß die Aktionen der Nazi in
Nord- und Südamerika keine große Bedeutung gehabt hätten11. 1952 pflichtete
Arnold Toynbee dieser Auffassung bei12. Die Professoren Langer und Gleason
1
Carl J. Hambro: I saw it happen in Norway. London 1940.
2
E. N. van Kleffens: The Rape of the Netherlands. London 1940.
3
The German Fifth Column in Poland. London 1941.
4
B. Bilek: Fifth Column at Work. London 1945.
5
Heinz Pol: AO — Auslandsorganisation. Tatsachen aus Aktenberichten der 5. Kolonne.
Graz 1945. S. 87.
6
Artucio a.a.O., S. 24.
7
Kurt Singer: Duel for the Northland. The War of Enemy Agents in Scandinavia. London
1945. S. 37.
8
H. W. Blood-Ryan: The Great German Conspiracy. London o. D., S. 167.
9
Pol AO S. 44.
10
Belgie. Een officieel overzicht van de gebeurtenissen 1939—1940. London 1941. S. 37.
11
In: Toynbee and Boulter: Survey of International Affairs 1938. Vol. I. London 1941,
S. 586/7 und 672/4.
12
The World in March 1939. London 1952. S. 12.
137
hegten Zweifel an der Bedeutung der Fünften Kolonne in Norwegen und Frank
reich1, und T. K. Derry war geneigt, offen zuzugeben, daß die Wirkung von Quis
lings Handeln wesentlich überschätzt worden war12 .
Demgegenüber sehen wir, daß in anderen maßgeblichen Werken von hohem
Niveau die Fünfte Kolonne, wenn auch nur in kurzen Absätzen, wieder in ihrem
vollen faszinierenden Glanz erschien. So in den Absätzen, die Churchill in seinen
bewegenden Erinnerungen auf der Grundlage von Hambro Norwegen widmet3.
Hugh Seton-Watson sprach von der »beispielhaften Leistungsfähigkeit der Fünf
ten Kolonne der Volksdeutschen in Polen4«. In Louis L. Snyders meisterlicher
Analyse des nationalistischen Denkens der Deutschen findet sich ein Absatz über
die »Spione, Saboteure und mancherlei Verschwörer« der I. G. Farben, deren
Agenten Snyder zufolge »den Kern nazistischer Anschläge in andern Ländern«
bildeten5. Schließlich nennt Martin Wight in einer Veröffentlichung des König
lichen Instituts für internationale Angelegenheiten (London) die deutschen Minder
heiten in Osteuropa »eine internationale Fünfte Kolonne von einzigartiger Macht«
und gibt eine Schilderung der Auslandsorganisation und des Volksbundes für das
Deutschtum im Ausland, in der unter anderem wiederum von verkleideten Tou
risten, Technikern und Handelsreisenden die Rede ist.6
In Deutschland hingegen erklärten die Nationalsozialisten kategorisch, es habe
so etwas wie eine Fünfte Kolonne der Nazi überhaupt niemals gegeben. Im Nürn
berger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde eine eidesstattliche Er
klärung Bohles verlesen, worin dieser behauptet, weder die Auslandsorganisation
noch deren Mitglieder hätten jemals »auf irgendeine Weise Befehle erhalten,
deren Ausführung als Tätigkeit einer Fünften Kolonne betrachtet werden könnte«
— und zwar weder von Rudolf Heß, dessen unmittelbarer Untergebener Bohle war,
noch von ihm selbst. Auch habe Hitler niemals Weisungen dieser Art erteilt.
Bohle gab zu, daß es im Ausland Deutsche gegeben habe, die für Spionagezwecke
verwendet worden seien, daß aber dergleichen Arbeit von Franzosen und Eng
ländern auch für deren Geheimdienste ausgeführt worden sei. In jedem Falle habe
die Spionagetätigkeit dieser Deutschen niemals etwas mit ihrer Zugehörigkeit zur
Auslandsorganisation zu tun gehabt.
Danach richtete ein Vertreter der Anklage an Bohle einige Fragen, aus denen
hervorging, wie vollständig er die Glaubwürdigkeit von dessen Erklärung be
zweifelte :
»Oberstleutnant
1
Griffith-Jones:
>Ist
Ihnen
niemals
eingefallen,
daß,
wenn
Ihre
Langer and Gleason a.a.O., S. 420, 448.
2
T. K. Derry: The Campaign in Norway. London 1952, S. 244.
3
W. S. Churchill: The Second World War. I: The Gathering Storm. S. 478/9.
4 Hugh Seton-Watson: Eastern Europe between the Wars, 1918—1941. Cambridge 1946.
S. 283.
5
Louis L. Snyder: German Nationalism: the Tragedy of a People. Harrisburg 1952. S. 295.
6
The World in March 1939. S. 332 und 314/16.
138
Armee in ein Land einfiel, wo Sie eine gut aufgebaute Organisation hatten, diese
Organisation von größtem militärischem Wert sein würde?<
Bohle: >Nein. Das war weder Sinn noch Zweck der Auslandsorganisation, und
keine Amtsstellen sind jemals in dieser Hinsicht an mich herangetreten.<
Oberstleutnant Griffith-Jones: >Wollen Sie diesem Gericht jetzt erzählen, daß,
als die verschiedenen europäischen Länder tatsächlich von der deutschen Armee
angegriffen wurden, Ihre dortigen Organisationen nichts getan haben, um militäri
sche oder halbmilitärische Hilfe zu leisten?<
Bohle: >Ja, genau das1.<«
Eine eidesstattliche Erklärung von Alfred Heß, Rudolfs Bruder und stellver
tretender Leiter der Auslandsorganisation, wurde dann verlesen, aus der das
Gericht entnehmen konnte, daß der Ausdruck Fünfte Kolonne von der Auslands
organisation als »geschickter Bluff der antifaschistischen Propaganda galt und
große Heiterkeit erregte12 «.
Die von Heß und Bohle vorgebrachten Argumente wurden von der Weltpresse
nicht abgedruckt. Man glaubte, es lohne sich nicht. Wären sie erschienen, so hätten
die Leser in den meisten Ländern sie mit verärgertem Achselzucken abgetan. Noch
zwei Lügner! Leute wie Göring, Ribbentrop und Seyß-Inquart hatten auch die
Unschuldigen gespielt und waren trotzdem zum Tode verurteilt worden. Und was
waren im übrigen schon die meisten dunklen Geschichten über die deutsche Fünfte
Kolonne wert, wenn man sie mit der Wirklichkeit verglich, die über die Konzen
trationslager und Gaskammern ans Licht gekommen war?
Auf solche Weise wurde die Vorstellung von der Fünften Kolonne, die in den
Jahren 1933—1941 entstanden war, bei den meisten Menschen außerhalb Deutsch
lands aufrechterhalten. Dort bestand auch die verständliche Neigung, diese Vor
stellung
den
Generationen
weiterzureichen,
für
die
das
nationalsozialistische
Deutschland und seine Verbrechen hauptsächlich oder ausschließlich Geschichte
waren, die man in Büchern nachlas. Es ist beispielsweise bezeichnend für viele
angelsächsische Geschichtswerke über den zweiten Weltkrieg, daß sie die Ab
schnitte über die Invasion der Niederlande in hohem Maße auf Informationen aus
den Jahren 1940 gründen. Dort treffen wir dann wieder die in Rotterdam lebenden
Deutschen, die »Maschinengewehrnester errichteten und strategische Brücken
zerstörten3« oder »die als >Touristen<, >Handelsreisende< oder >Studenten< nach
Holland gelangt waren4«. Wir treffen wieder Mitglieder der Fünften Kolonne, die
»Luftschutzsirenen außer Betrieb setzten und die Wasserversorgung Amsterdams,
soweit sie noch vorhanden war, abschnitten5« oder »hinter den Linien Verwirrung
1 IMT
2
X, S. 15 und 19.
Ebenda, S. 76.
3 C. Grove Haines and Ross J. S. Hoffman: The Origin and Background of the Second World
War. New York 1947. S. 571.
4
6
W. C. Langsam: The World since 1914. New York 1948. S. 764.
F. T. Miller: History of World War II. Philadelphia 1945. S. 170.
139
und Schrecken stifteten1«. Wir hören von Fallschirmjägern, die mit »Spitzeln,
Verrätern, Leuten von der Fünften Kolonne und deutschen Touristen12 « zusammen
arbeiteten oder vom Himmel fielen, »viele in holländischer Uniform, die vortreff
lich holländisch sprachen und Zivilisten und Soldaten gleichermaßen verwirrten3«.
Selbst in einer »Miniaturgeschichte« des zweiten Weltkrieges fand man genügend
Raum, um zu erwähnen, daß die Deutschen in Holland »genau wie in Norwegen,
aber in größtem Umfang geschickten Gebrauch von Fallschirmjägern und Verrat
machten4«.
Warum sollte man an Mitteilungen zweifeln, die sich so allgemeiner Unter
stützung erfreuten und von so angesehenen Jüngern der Geschichtswissenschaft
herrührten? Tatsächlich war die Ansicht, daß in den Jahren der nationalsoziali
stischen Expansion eine mächtige deutsche Fünfte Kolonne am Werk gewesen sei,
sozusagen Bestandteil einer Denkweise, worin der Begriff Fünfte Kolonne als
solcher eine immer größere Rolle zu spielen begonnen hatte. Die westliche Welt
kam mehr und mehr unter den Eindruck der kommunistischen Fünften Kolonne
und umgekehrt. Kurz nach 1945 begann eine Zeit, in der man kaum eine Zeitung
lesen oder eine Nachrichtensendung hören konnte, ohne diesem furchtbeladenen
Ausdruck zu begegnen. Daß er aus einer prahlerischen Rede während des spani
schen Bürgerkrieges herrührte, wußten nur noch wenige. Die Menschen konnten
sich kaum noch eine Welt vorstellen, in der es nicht eine Fünfte Kolonne gab.
Wenn wir jetzt prüfen wollen, wieviel Wahrheit hinter den Vorstellungen steckte,
welche die Menschen von der deutschen Fünften Kolonne hatten, so erscheint es
vernünftig, ausdrücklich festzustellen, was der Ausdruck bedeutete.
Genaue Begriffsbestimmungen befriedigen nur selten gänzlich, zumal wenn es
sich dabei um einen Begriff handelt, der durch ständigen Gebrauch so abgenutzt
ist, daß ein scharf umrissenes Bild nicht mehr erkennbar ist. Fünfte Kolonne ist
ein solcher Begriff geworden — eine Wortverbindung, bei deren täglichem Gebrauch
von Anfang an eine gewisse Unbestimmtheit wesentlich gewesen ist.
Versuchen wir es einmal so: »Jede Gruppe außerhalb des nationalsozialistischen
Deutschlands galt als zugehörig zur deutschen Fünften Kolonne, wenn sie bewußt
und in Übereinstimmung mit geheimen Anweisungen deutscher Behörden Tätig
keiten förderte, die im Dienste der territorialen Expansion Deutschlands standen.«
Betrachten wir uns diese Definition etwas näher. Zunächst ist »deutsche Fünfte
Kolonne« eine mehrdeutige Vorstellung. Sie kann dazu dienen, entweder eine pro
deutsche Fünfte Kolonne oder eine aus Deutschen bestehende Kolonne zu be
schreiben. Die erste Beschreibung ist weiter als die zweite und umfaßt alle nicht
1
H. S. Commager: The Story of the Second World War. Boston 1945. S. 51.
2
F. L. Schuman: International Politics. The Western State System in Transition. New York
1941. S. 580.
3 W. P. Hall: Iron out of Calvary. An interpretative history of the Second World War. New
York 1946. S. 94.
4
R. C. K. Ensor: A Miniature History of the War. Oxford 1945. S. 25.
140
deutschen Gruppen, die in prodeutschem Sinne tätig waren. Im Vorwort haben
wir darauf hingewiesen, daß die Tätigkeit dieser nichtdeutschen Gruppen noch
nicht für eine wissenschaftliche Beschreibung von internationalem Rang reif ist.
Gleichwohl kann man sie nicht außer acht lassen. Die Länder, die sich vom Dritten
Reich bedroht fühlten, betrachteten die Fünften Kolonnen, soweit sie aus Deut
schen und soweit sie aus einheimischen Faschisten und Nationalsozialisten be
standen, als ein Ganzes. Die Frage, ob jene einheimischen Fünften Kolonnen die
deutsche Aggression militärisch unterstützten, kann nicht einfach beiseite ge
schoben werden; aber den politischen Hintergrund all jener faschistischen und
nationalsozialistischen
Bewegungen
in
Norwegen,
Holland,
Frankreich,
Groß
britannien, Nord- und Südamerika werden wir sich selbst überlassen.
Kehren wir zu unserer Definition zurück. Die Tätigkeit von Mitgliedern der
Fünften Kolonne wurde als bewußte Tätigkeit angesehen. Tatsächlich betätigten
sich andere vor und in dem Kriege objektiv »unabsichtlich« auf mancherlei Weise
zugunsten der territorialen Expansion Deutschlands. Wollte man auf sie den Be
griff Fünfte Kolonne anwenden, so würde man diesen zu einem sinnlosen politischen
Schimpfwort abwerten. Die subjektive Absicht muß gegeben sein.
Im Falle der deutschen Fünften Kolonne darf auch die organisatorische Ver
bindung mit deutschen Behörden (in Staat oder Partei) nicht fehlen. Die Fünfte
Kolonne galt als ein Werkzeug, welches Deutschland betätigte.
Ferner mußte die Tätigkeit dieser Fünften Kolonne ganz überwiegend im ge
heimen gelenkt werden. Man sah in ihr eine Verschwörung. Selbst dann, wenn
nationalsozialistische Einrichtungen — beispielsweise die Auslandsorganisation
oder das Propagandaministerium — im Ausland tätig waren, nahmen die Menschen
trotzdem an, daß sie dort ihre wirklichen Ziele nicht eingestanden, sondern daß
ihre wirkliche Arbeit darin bestand, geheimen deutschen Weisungen Folge zu
leisten. Diese Arbeit zeigt, wie die Leute sie sahen — Tolischus hatte das bereits
deutlich in Worte gekleidet —, in Friedenszeiten eine andere Natur als in Kriegs
zeiten. In Friedenszeiten kann man sie mit dem Begriff des Untergrabens zusam
menfassen: »Mittels der Fünften Kolonne untergrub das nationalsozialistische
Deutschland andere Staaten«. War das nicht der allgemeine Eindruck, wie er in den
Jahren 1933 bis 1939 entstanden war? Die Tätigkeit im Kriege bestand anderer
seits, wie man glaubte, darin, daß »einer militärischen Aggression, während sie im
Gange ist, durch Angriffe im Innern Beistand geleistet wird«. In diesem zweiten
Sinne werden wir künftig von der militärischen Fünften Kolonne im Gegensatz zur
politischen sprechen. Zwischen diesen beiden Fünften Kolonnen gab es natürlich
alle möglichen Übergänge. Die militärische Fünfte Kolonne galt in Wirklichkeit
als die logische Folge der politischen und als deren Vollendung.
Nun wollen wir neben das Bild dessen, was nach Ansicht der Leute diese mili
tärische Fünfte Kolonne zu verantworten hatte, im zweiten Teil ein anderes Bild
setzen: Das, was wirklich geschehen ist.
141
ZWEITER TEIL
WIRKLICHKEIT
IX
POLEN
In den Monaten zwischen dem Münchener Abkommen (29. September 1938)
und der Besetzung Prags (15. März 1939) war Polen seitens des Deutschen Rei
ches schwerem politischem Druck ausgesetzt. Es wurde deutlich, daß Deutsch
land den Status Danzigs geändert zu sehen und eine »Lösung« des KorridorProblems wünschte. Ob Hitler ganz davon überzeugt war, daß die polnische Re
gierung nachgeben werde, oder glaubte, sie werde sich bis zum äußersten wider
setzen, ist unbekannt. Wahrscheinlich rechnete er von Anfang an mit der zwei
ten Möglichkeit. Jedenfalls entschloß sich Hitler in der zweiten Märzhälfte, als
sich Polen mehr und mehr bedroht fühlte, einen Teil seiner Armee mobilmachte
und eine britische Garantie entgegennahm, die Vorbereitungen für einen ent
scheidenden militärischen Schlag zu beschleunigen. Die ersten Entwürfe für
einen Angriff auf Polen lagen um jene Zeit bereits vor. Am 3. April 1939
unterrichtete jedoch General Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehr
macht, die Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe (von Brauchitsch,
Raeder und Göring) von Hitlers Wunsch, die Pläne sollten so schnell aus
gearbeitet
werden,
daß
ihre
Ausführung
vom
ersten
September
an
jederzeit
1
möglich sei .
Für das Heer arbeitete General Halder, Chef des Generalstabes, unter Anlei
tung von General Brauchitsch die Pläne aus. Beide Männer dachten rein militärisch.
Da sie Deutschlands Überlegenheit kannten, beabsichtigten sie, die polnische
Armee durch eine doppelte Einkreisung zu vernichten, wobei das deutsche Heer
Polen nicht im Zentrum, sondern auf beiden Flügeln angreifen würde. Zunächst
blieb zweifelhaft, ob die Anordnung der polnischen Divisionen die Ausführung
dieses Planes begünstigen würde oder nicht. Noch am 14. und 28. Juni 1939
stellten die deutschen Offiziere, die den Feldzug bearbeiteten, fest, daß ihnen
zuverlässige
2
1
fehlten
1
Nachrichten
über
Mobilmachung
und
Operationspläne
der
Polen
. Später nahmen die Deutschen an, daß die polnischen Truppen im
C-120, IMT XXXIV, S. 380/1.
2
PS-2327 Nr. 6, IMT XXX, S. 190. Brief des Arbeitsstabes Rundstedt vom 28. 6. 1939.
NOKW-215.
10
145
Westen des Landes für eine Offensive in Richtung auf Berlin konzentriert werden
würden1.
In den Urkunden über den deutschen Operationsplan ist, soweit sie bekannt sind,
von dem Vorhandensein militärischer oder halbmilitärischer Verbände von Reichs
und Volksdeutschen zur Unterstützung der deutschen Operationen nicht die Rede12 .
Das rechtfertigt jedoch nicht den Schluß, daß die Reichs- und Volksdeutschen über
all untätig blieben. Vielmehr steht fest, daß Angehörige dieser Gruppen bei der
Vorbereitung und Ausführung der deutschen Operationen behilflich waren, in
manchen Fällen sogar beträchtlich. Bevor wir das im einzelnen schildern, empfiehlt
sich eine Bemerkung über die Reichs- und Volksdeutschen im allgemeinen.
Über die Reichsdeutschen weiß man nur wenig. 1938 lebten etwa 13.000 in
Polen3, davon die meisten in den polnischen Westprovinzen, die Deutschland
im Versailler Vertrag abgetreten hatte, und in Galizien. 1800 von ihnen waren
Mitglieder der Landesgruppe der Auslandsorganisation der NSDAP. Weitere
1200 gehörten den Untergliederungen für Arbeiter, Angestellte und Frauen an. Im
ganzen gab es also 1938 3000 organisierte Parteigenossen. Die Deutsche Botschaft
in Warschau versuchte, mit möglichst vielen Reichsdeutschen Fühlung zu halten,
und hatte 1939 gemeinsam mit dem Landesgruppenleiter ein geheimes Netz
aus ausgesuchten Männern gebildet, deren jedem eine Anzahl von Reichsdeut
schen anvertraut worden war. Der Sinn der Sache war, den Reichsdeutschen
im Kriegsfalle Schutz zu gewähren. Da man hierin keine ausreichende Gewähr
für ihre Sicherheit sah, erhielten die reichsdeutschen Männer im Sommer 1939
den Rat, ihre Frauen und Kinder nach Deutschland zu schicken. In der letzten
Augustwoche sollte außerdem die Botschaft die Beschäftigungslosen oder die
jenigen, die »als besonders gefährdet anzusehen sind«, warnen und zur Rückkehr
in die Heimat auffordern. Die übrigen sollten sich vor Verfolgungen zu schützen
versuchen, die als unvermeidlich galten. Parteifunktionäre und Journalisten sollten
Zuflucht in den Häusern von befreundeten Angehörigen neutraler Staaten suchen.
In den Grenzprovinzen lagen die Dinge wesentlich anders. Dort sollten die
Reichsdeutschen »in die dort zum
Maßnahmen miteinbezogen werden4«.
Schutze
der
Volksdeutschen
vorbereiteten
Am 24. August 1939 gab Gauleiter Bohle von der Auslandsorganisation tele
grafisch Weisung, daß die Amtsträger der Landesgruppe auf ihren Posten blei
1 Professor K. Rheindorf in Hiddesen bei Detmold zufolge wurden die polnischen Mobil
machungs- und Operationspläne den Deutschen von einem polnischen Generalstabsoffizier
verraten, der wegen seiner Homosexualität erpreßt wurde. Wann das genau geschah, steht
nicht fest.
2
C-120, IMT XXXIV, S. 380—422; C-126 ebenda, S. 428-58; C-142 ebenda, S. 493-500;
PS-2327, IMT XXX, S. 180-200.
3
Jahrbuch der Auslandsorganisation der NSDAP 1940. S. 278/9.
4
Aktennotiz von Schliep, einem Angehörigen der Deutschen Botschaft in Warschau, für
Auswärtiges Amt, 21. 8. 1939. NG-2427.
146
ben sollten. An demselben Tage wurden die Reichsdeutschen in Polen allgemein
von Berlin zum Verlassen des Landes aufgefordert1. Wie viele Personen dieser
rechtzeitigen Warnung gefolgt sind, weiß man nicht; daher bleibt auch ungewiß,
wie viele Reichsdeutsche zur Zeit des deutschen Angriffes wirklich in Polen waren.
Wahrscheinlich lag ihre Zahl beträchtlich unter den vorher erwähnten 13.000.
Ein Beweis dafür, daß diese Reichsdeutschen oder auch nur die National
sozialisten unter ihnen die deutschen militärischen Operationen irgendwie unter
stützt haben, liegt nicht vor, abgesehen von denjenigen Gebieten, in denen die
Reichsdeutschen »in die dort zum
Maßnahmen miteinbezogen wurden«.
Schutze
der
Volksdeutschen
vorbereiteten
Es ist unbekannt, wie viele Volksdeutsche es in Polen gab. Die Schätzungen
weichen erheblich voneinander ab. Die Polen nannten gewöhnlich etwa eine
Dreiviertelmillion, die Deutschen über eine Million. In der Einführung zum er
sten Teil haben wir gesehen, daß die Volksdeutschen einem ständig wachsenden
Druck der Polen ausgesetzt waren. Das hängt eng mit der Tatsache zusammen,
daß unter den Volksdeutschen nach 1933 diejenigen, die ein aggressives Vor
gehen begünstigten, zunehmend an Einfluß gewonnen hatten. Außer den national
sozialistisch Gesinnten gab es unter den Volksdeutschen auch liberale, katholische
und sozialistische Gruppen. Zum Ärger Berlins herrschten jedoch selbst zwischen
den mit dem Dritten Reich sympathisierenden Gruppen (Jungdt. Partei, Dt. Ver
einigung, Dt. Volksbund) scharfe Gegensätze. 1938 brütete deshalb die Volks
deutsche Mittelstelle einen Plan aus, demzufolge sie in einer Dachorganisation
zusammengefaßt werden sollten, deren Leiter man in Berlin ernennen würde.
Gegen Ende Mai 1938 wurde dieser Vorschlag den Führern der wichtigeren
Organisationen durch die deutschen Konsuln zugeleitet. Diese widersetzten sich
dem Vorschlag, einen »Führer« zu ernennen12 . Trotzdem wurde der sogenannte
»Bund der Deutschen in Polen« im August 1938 gegründet. Daß dessen Führer
enge Verbindung mit der Volksdeutschen Mittelstelle hatte, darf man als sicher
annehmen; weitere Beweise sind noch nicht veröffentlicht worden. Die liberalen,
katholischen und sozialistischen Gruppen haben vielleicht einen Teil ihrer aktiven
Mitglieder behalten können, aber auch darüber wissen wir nichts Bestimmtes.
Unter dem Einfluß von Hitlers Erfolgen 1938 und als Ergebnis sowohl des zu
nehmenden polnischen Druckes wie der aufreizenden Propaganda des deutschen
Rundfunks im Frühjahr und Sommer 1939 hatten sich Haltung und Stimmung
der Volksdeutschen weitgehend radikalisiert. Gleichzeitig wurden vom Reich aus
Schritte unternommen, um die bereits gespannten Beziehungen zwischen Volks
deutschen und Polen weiter zu verschlechtern.
Beispielsweise
1
entsandte
der
Himmler
unterstellte
deutsche
Sicherheitsdienst
NG-4154 und Jodis Tagebuch, PS-1780, IMT XXVIII, S. 390.
2
Aufzeichnung des Reichsaußenministers über ein Gespräch mit Gauleiter Forster, 31. 5. 38.
Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918—1945, Serie D, Band V, Baden-Baden 1953,
S. 44. Künftig zitiert als: AD AP. D.
147
vor dem Kriege Agenten nach Polen. Diese hatten die Aufgabe, Gesetzwidrig
keiten zu begehen, welche den Polen zur Last gelegt werden könnten und bei den
Volksdeutschen Empörung und Bitterkeit auslösen würden. Die Pläne für solche
Provokationen, die der Sicherheitsdienst sorgfältig ausgearbeitet hatte, hatten
beträchtlichen Umfang. Sie sahen 200 Einzelaktionen vor, die im August 1939,
möglichst in der zweiten Monatshälfte, von 12 Kommandos (die nur aus wenigen
Personen bestanden) mit der Unterstützung von in Polen ansässigen Volksdeut
schen ausgeführt werden sollten1.
Ob und in welchem Umfang
diese
Provokationen
tatsächlich
ausgeführt
worden sind, ist nicht festgestellt worden, doch ist kaum wahrscheinlich, daß der
Sicherheitsdienst es bei den Plänen bewenden ließ. Die Leitung der Abwehr
wußte, daß es einer Anzahl von agents provocateurs des Sicherheitsdienstes
gelungen war, nach Polen zu gelangen12 , um dort ihre Aufträge auszuführen; aus
einem Bericht vom August 1940 geht hervor, daß der Sicherheitsdienst die »Vor
bereitung des Krieges gegen Polen« mittels »Einsatzkräften für die Durchfüh
rung illegaler Aktionen« betrieb3.
Man darf jedoch nicht auf den Gedanken kommen, daß die Spannung zwischen
Volksdeutschen und Polen auf die Provokation des Sicherheitsdienstes zurück
zuführen sei; diese haben die Spannung nur verschärft. Viele Volksdeutsche
hatten schon lange gehofft, daß sie eines Tages wieder unter deutsche Herrschaft
zurückkehren würden. Beweise dafür, daß irgendeine wirtschaftliche oder politi
sche Organisation der Volksdeutschen solche Schritte unternommen habe, um
den militärischen Operationen der Deutschen Hilfe zu leisten, sind jedoch nicht
vorhanden. Es ist wahrscheinlich, daß die Volksdeutschen in manchen Gebieten
Maßnahmen ergriffen, um nötigenfalls auch mit Gewalt Angriffe abzuwehren,
die sie im Kriegsfalle befürchteten. Zu diesem Zweck wurden vielleicht an zahl
reichen Orten geheime Organisationen geschaffen, welche, zumal in den Grenz
bezirken,
mit
aus Deutschland eingeschmuggelten Waffen ausgerüstet gewesen
sein mögen. Möglicherweise waren Waffen seit den Kämpfen der Jahre 1918/19
versteckt worden. Genaues weiß man über alle diese Dinge nicht. Ein deutscher
Autor4 erwähnt, daß in einem Dorf im polnischen Korridor südlich von Danzig
die älteren volksdeutschen Einwohner spontan einen deutschen Schutzverband
gebildet hätten.
Ferner liegen Anzeichen dafür vor, daß Volksdeutsche an mehreren Orten den
vorrückenden
deutschen Truppen freiwillig
Hilfe leisteten. Das Blatt »Flieger,
Funker, Flak« der Luftwaffe berichtete bald nach dem Ende des Feldzuges,
die volksdeutschen Männer seien »die besten Kameraden unserer Soldaten« ge
1 Übersicht in Edmund Jan Osmanczyk: Dowody Prowokacji. Archiwum Himmlera (Be
weise für Provokationen. Die unbekannten Himmler-Archive). Krakau 1951. S. 35—48.
2
Mitteilung General Erwin von Lahousens, 1939—43 Chef der Abwehr II.
3
Aktennotiz über den Einsatz des SD im Ausland, 8. 8. 1940, NG-2316.
4
Hugo Landgraf: Kampf um Danzig. Dresden 1940. S. 62.
148
worden: »Sie haben auf den Wegen die Baumsperren und Steinhindernisse hinweg
räumen helfen. Sie haben gewußt und ausspioniert, wo die Polen irgendwelche
Fallen angelegt hatten. Sie haben Bäume gefällt, um zersprengte Brücken er
setzen zu helfen, ganz zur Freude unserer Pioniere. Sie sind durch die Scho
nungen und durch Gestrüpp gekrochen, um die Wälder zusammen mit den
Soldaten, so gut sie’s eben konnten, von den polnischen Wegelagerern freizu
machen1.«
In Pleß in Oberschlesien wurde am zweiten Tag der deutschen Offensive ein
deutscher Panzer von Volksdeutschen repariert. Dort diente auch ein Volks
deutscher als Führer und wurde dieserhalb in den Wagen des Regimentskomman
deurs gesetzt2. In der Nähe von Lemberg zeigte am 12. September ein Öster
reicher den Deutschen den Weg3. Wahrscheinlich sind solche Hilfeleistungen in
viel größerem Umfange vorgekommen. Wo immer die deutschen Truppen auf
tauchten, wurden sie von den Volksdeutschen herzlich willkommen geheißen
und oft festlich bewirtet4.
Die bisher geschilderten
Handlungen
von
Volksdeutschen
lassen
sich
er
klären, ohne daß man deshalb auf eine organisatorische Verbindung mit einer
deutschen Stelle zu schließen braucht. Außerdem wurden jedoch andere Aktionen
von Volksdeutschen, die den polnischen Widerstand untergraben sollten, vor und
während der deutschen Invasion fraglos von Deutschland aus organisiert. Es
gab reichsdeutsche Organisationen, die einen Krieg mit Polen für unvermeidlich
hielten und teilweise über die Verbindung zu einigen volksdeutschen Organisa
tionen die Bereitschaft ausnutzten, mit der ein Teil der volksdeutschen Jugend
zur »Befreiung« der Gebiete beitragen wollte, die bis 1918 deutsch gewesen waren.
Zu diesen Einrichtungen darf wohl die Volksdeutsche Mittelstelle gerechnet
werden und wahrscheinlich auch die Hitlerjugend. Einzelheiten fehlen. Die
Archive sind zerstört worden, und die Zeugen schweigen.
Mehr wissen wir hingegen über die Abwehr.
Die
Bereitschaft
eines
Teils
der
Volksdeutschen,
Deutschland
behilflich
zu
sein, machte es der Abwehr leicht, die Offensive gegen Polen auf vielerlei Weise
zu unterstützen.
Betrachten wir zuerst die Spionage. Von polnischer Seite ist mitgeteilt worden,
daß die Zahl der Spionageprozesse, die sich von 1935 bis 1938 auf 300 belief,
in den sechs Monaten von März bis August 1939 das Doppelte erreichte5. Man
darf sehr wohl annehmen, daß in den letzten sechs Monaten vor dem Signal zum
Angriff eifrig spioniert worden ist. Schon im Oktober 1938 hatte ein Beamter
1
Zitiert in Deutschtum im Ausland 1939. S. 528.
2
Die polnischen Greueltaten usw. S. 122 und 124.
3
Kampferlebnisse aus dem Feldzug in Polen. Berlin 1941. S. 68.
4
Beispiele in Leo Leixner: Von Lemberg bis Bordeaux. München 1941. S. 65, 74/5, 90.
5
The German Fifth Column in Poland. S. 37/8.
149
des Auswärtigen Amts festgestellt, daß die Volksdeutschen regelmäßig aufgefordert
wurden, Militärspionage zu betreiben. Er hielt es für besonders gefährlich, daß die
Menschen, die dazu herangezogen wurden, im Leben der Deutschen eine führende
Rolle spielten. Die Abwehr versprach Besserung und sicherte zu, sie würde
künftig so wenig Volksdeutsche wie möglich verwenden, erklärte jedoch, »es
würde nicht möglich sein, auf ihre Mitarbeit überhaupt zu verzichten1«. Zur
Unterstützung der deutschen Offensive war in Polen eine Anzahl von geheimen
Funkstationen
errichtet
worden,
doch
konnte
infolge
des
schnellen
deutschen
Vormarsches »keiner der eingebauten Funksender Wesentliches zu dem Vormarsch
beitragen12 «.
Vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten gaben die Abwehr und Gliederungen
der NSDAP unter den jungen Volksdeutschen die Parole aus, sie sollten sich
im Kriegsfalle nicht zur Mobilmachung melden. Falls das unvermeidlich sei,
sollten sie nicht auf deutsche Truppen schießen, sondern bei erster Gelegenheit
überlaufen3. Das geschah auch in einer Anzahl von Fällen4. Andere Volksdeutsche
wurden angewiesen, im Heer defaitistische Propaganda zu machen. Ähnliche
Weisungen wurden an Ukrainer ausgegeben, die gleichfalls eine von Polen unter
drückte Minderheit waren. Die Abwehr begnügte sich damit jedoch nicht. Einige
Volksdeutsche und Ukrainer waren im Dritten Reich für Störaktionen und Guerilla
kämpfe ausgebildet worden. Wahrscheinlich gab es verschiedene Arten von Lehr
gängen. Ein Ausbildungslager lag am Dachstein südöstlich von Salzburg. Schein
bar fand dort ein Sportkursus für Bauern aus dem Alpengebiet statt. In Wirk
lichkeit lernten nach dem 1. August 1939 etwa 250 Ukrainer5 die »selbständige
Durchführung kleiner, auf List und Überraschung aufgebauter Stoßtruppunter
nehmungen6«. Diese Ukrainer wurden nicht eingesetzt. Hitler fürchtete, daß die
Sowjetunion, mit der er sich gegen Ende August geeinigt hatte, durch den Einsatz
der Ukrainer unnötig gereizt werden würde7.
1
Aufzeichnung v. Heyden-Rynschs über ein Gespräch mit der Abwehr, 15. 11. 1938.
ADAP. D. V. S. 95 Anm. 1.
2
Paul Leverkühn: Der geheime Nachrichtendienst der deutschen Wehrmacht im Kriege,
Frankfurt/Main 1957.
3
Mitteilung v. Lahousens.
4
Kurt Lücks Buch »Volksdeutsche Soldaten unter Polens Fahnen« macht anschaulich, wie
stark unter den mobilgemachten Volksdeutschen der Wunsch zu desertieren war. Andere Bei
spiele in »Der Sieg in Polen« (S. 45) und bei Leixner a.a.O., S. 67.
5
Mitteilung v. Lahousens.
6
Befehl General v. Lahousens vom 4. 8.1939, NOKW-423. Das hektographierte Dokument
trägt die Unterschrift »Lehmann«. Daß dies Lahousen heißen soll, geht aus dem Protokoll des
Prozesses gegen deutsche Generäle vor einem der amerikanischen Gerichte in Nürnberg hervor
(Militärgerichtshof Nr. V, Fall XII, engl. Protokoll).
7 Lahousens Auszüge aus dem Kriegstagebuch der Abwehr II vom 28. 8., 1., 11. u. 17.9.1939.
Diese wichtige Quelle, die sich über die Zeit vom August 1939 bis April 1941 erstreckt, wird
künftig als KTB-Abwehr zitiert.
150
Andere Abteilungen solcher Art wurden jedoch sehr wohl eingesetzt. Im all
gemeinen bestand ihre Aufgabe darin, Straßensperren vor den vorrückenden
Deutschen zu beseitigen, die Polen an der Zerstörung von Brücken und Straßen
zu hindern, Kleinkrieg zu führen und die polnischen Verbindungslinien abzu
schneiden. Einige Angehörige dieser Verbände sollten als Zivilisten operieren;
dann hatten sie als Erkennungszeichen ein rotes Taschentuch mit einem großen
gelben Kreis in der Mitte und eine hellblaue Armbinde mit gelbem Mittelstück
oder auch eine Hakenkreuz-Armbinde. Andere sollten in sandfarbenen Overalls
mit gelben Abzeichen an Kragen und Ärmeln oder als Fallschirmjäger in grau
grünen Overalls, ebenfalls mit gelben Kennzeichen, operieren. Besondere Fall
schirmjäger sollten in Zivil abgesetzt werden1.
Wie umfangreich die Operationen dieser Agenten wurden, läßt sich nicht sagen.
Von deutscher Seite wird behauptet, daß infolge des schnellen Vorrückens der
deutschen Divisionen viele Anweisungen für Sabotage und Partisanenkrieg nicht
ausgeführt worden sind12 . Das ist nicht unwahrscheinlich, doch steht einwandfrei
fest, daß eine Anzahl von ihnen wirklich ausgeführt wurde, und das, was wir
im allgemeinen über die Vorbereitungen für die Ausführung dieser Anweisungen
wissen, vermittelt den Eindruck großer Betriebsamkeit.
Der Abwehr fiel es zu, dafür zu sorgen, daß bestimmte Gruppen der Volks
deutschen und Ukrainer rechtzeitig mit Waffen und Material für Störaktionen
ausgerüstet wurden3. Ein Teil der Waffen wurde von Rumänien aus nach Polen
eingeschmuggelt4. Außerdem wurden an bestimmten Frontabschnitten unmittel
bar vor oder gleichzeitig mit der Offensive ausgesuchte Kommandos der Abwehr
nach Polen geschickt, um Sabotage zu üben und Unruhe zu stiften; diese waren
vermutlich
verkleidet. Das geschah unter anderem von Ostpreußen aus5. Im
südlichen Polen wurde in der Nacht des 25. August der dicht an der tschechischen
Grenze gelegene Jablonka-Paß von einer von der Abwehr aufgestellten Abteilung
von etwa 360 Mann besetzt. Hitler hatte zunächst Polen in den Morgenstunden
des 26. August angreifen wollen. Als am Abend des 25. August Befehl gegeben
wurde, in die Quartiere zurückzukehren, war es nicht mehr möglich, mit der
Abteilung am Jablonka-Paß Verbindung aufzunehmen. Diese kämpfte mehrere
1 Diese Einzelheiten finden sich in dem oben S. 50 erwähnten »Merkblatt zur Bekannt
gabe an die gegen Polen eingesetzten Truppen«. Es gäbe gute Gründe dafür, diesem sorglos
maschinegeschriebenen Dokument zu mißtrauen, stimmte es nicht in maßgeblichen Absätzen
mit einem Dokument vom 23. 8. 1939 überein, in welchem General v. Lahousen Anweisungen
dafür gibt, wie die deutschen Kommandeure Personen aufnehmen sollen, die im Rücken des
Feindes operieren (NOKW-083). Ein Brief, den ich an den vermutlichen Unterzeichner des
Merkblattes geschrieben habe, wurde nicht beantwortet.
2
Mitteilung v. Lahousens.
3
KTB-Abwehr, 15. 8. 1939.
4
Ebenda, 16. 8. 1939.
5
Ebenda, 23. 8. 1939.
151
Tage lang gegen die polnischen Grenztruppen, wobei es ihr gelang, die Dynamit
ladungen zu entfernen, welche die Polen in dem Eisenbahntunnel in der Nähe
des Passes angebracht hatten1.
Nirgends war die Tätigkeit der Abwehr so ausgeprägt wie im östlichen Ober
schlesien. In diesem wichtigen Industriegebiet war dem Oberkommando der
Wehrmacht besonders daran gelegen, die Polen an Zerstörungen zu hindern2.
Dieserhalb wurde das große Kraftwerk in Chorzow so frühzeitig lahmgelegt, daß
die elektrischen Zünder der von den Polen gelegten Sprengladungen nicht funk
tionierten3. Die Breslauer Abwehrstelle hatte ferner eine 3000 bis 5000 Mann
starke
Abteilung
aus
sudetendeutschen
Nationalsozialisten
gebildet,
die
sich
in der Nacht vor der deutschen Offensive über die Grenze schlichen — einige
»als Bergleute und Arbeiter verkleidet« sogar schon ein paar Tage früher —, um
gemeinsam mit nationalsozialistischen Volksdeutschen, die ihnen den Weg
zeigten, die wichtigsten Fabriken und Gruben zu besetzen4.
Andere Volksdeutsche entfalteten noch regere Tätigkeit. Der eifrige Leiter der
Abwehrstelle Breslau hatte in verschiedenen Städten Ostoberschlesiens GeheimOrganisationen von Volksdeutschen geschaffen, die mit den aus Deutschland
kommenden Sudetendeutschen zusammenarbeiteten und bei sich bietender Ge
legenheit mit Waffengewalt gegen die Polen rebellieren sollten. Diese Kriegs
organisation
der
Abwehr
in
den
Industrieorten
Ostoberschlesiens
zählte
1200
Mitglieder5. 400 von ihnen nahmen den Polen die Stadt Kattowitz weg, ehe die
regulären deutschen Truppen dort eintrafen6.
Einen ähnlichen bewaffneten Aufstand hatte die Abwehr in den von Ukrainern
bewohnten Teilen Polens vorbereitet7. Zu diesem Zweck hatten sie Verbindung
mit Oberleutnant Andrej Melnyk, Leiter der ukrainischen Nationalisten (OUN),
aufgenommen8. Zuerst wollte Hitler den Aufstand der Ukrainer zulassen. Noch
am 12. September 1939 erhielt Admiral Canaris als Chef der Abwehr Befehl,
einen Aufstand in der polnischen Ukraine, »der auf die Vernichtung der Juden
und der Polen« abzielt, in Gang zu setzen9. Diese Erhebung durfte dann jedoch
nicht stattfinden, als am 17. September die Russen in Südostpolen einmarschierten,
wo die Ukrainer lebten. Alle Vorbereitungen wurden eingestellt, und am 23. Sep
tember befahl Hitler, Stalin zu Gefallen, daß die Ukrainer gehindert werden
1
Ebenda, 25., 26., 27. 8. 1939.
2
C-120/Nr. 13, IMT XXXIV., S. 408.
3
Kurt Franz: Erste Fahrt in die befreite Heimat. In: Deutschtum im Ausland 1939. S. 526.
4
Mitteilung v. Lahousens. Leverkühn a.a.O., S. 24.
5
KTB-Abwehr, 3. 9. 1939.
6
Ebenda, 5. 9. 1939.
7
Ebenda, 15. 8. 1939.
8
K. H. Abshagen: Canaris. Stuttgart 1949. S. 214/5.
9
Ebenda, S. 208/9.
152
sollten, aus dem von der Roten Armee besetzten Gebiet die deutsch-russische
Demarkationslinie zu überqueren1.
Noch einige deutsche Operationen, die den Rahmen einer »normalen« Kriegs
führung sprengten, verdienen Erwähnung. Im Freistaat Danzig wurden in den
frühen Morgenstunden des 1. September 1939 die polnischen Beamten und Trup
pen überraschend von Angehörigen der nach ihrem General benannten Brigade
Eberhardt angegriffen, die heimlich aus Angehörigen der SA, der SS und der
Polizei gebildet worden war2. Südlich des Freistaates hatte Hitler selbst den
Plänen für einen Überraschungsangriff auf zwei wichtige Brücken im polnischen
Korridor große Aufmerksamkeit geschenkt: die Eisenbahnbrücken bei Dirschau
und bei Graudenz, 20 und 80 Kilometer südlich von Danzig. Beide waren ent
scheidend wichtig, um rasch die Verbindung mit Ostpreußen herzustellen, von
wo aus die deutschen Armeen über Warschau hinaus vorstoßen sollten. Es war
geplant, die polnischen Garnisonen mit Fallschirmjägern und mit als Bahn
beamte verkleideten Soldaten zu überraschen. Der Angriff auf Graudenz fand
schließlich nicht statt, weil die Erfolgsaussicht zu gering erschien3. Dirschau hin
gegen wurde angegriffen. Zwölf Mitglieder der SS, welche die Örtlichkeit gut
kannten, und eine Pionierkompanie sollten sich der Eisenbahnbrücke in einem
Güterzug nähern, dem ein Panzerzug folgen sollte, während gleichzeitig die
polnische Garnison bombardiert würde. Der Angriff schlug jedoch fehl, und die
Polen konnten die Brücke rechtzeitig sprengen.
Wie viele Reichsdeutsche und Volksdeutsche insgesamt an den hier beschriebe
nen Operationen beteiligt waren, ist nicht bekannt. Es müssen mindestens
einige tausend gewesen sein. Angesichts der Art dieser Operationen ist das
eine große Zahl und ein Beweis für umfangreiche Tätigkeit. Es sind jedoch
keine
deutschen
Angaben
bekannt
geworden,
die
mit
der
Auffassung
im
Widerspruch stehen, daß die große Mehrheit der in Polen lebenden Reichs
deutschen und Volksdeutschen bis zum Eintreffen der deutschen Truppen eine
passive Rolle gespielt haben.
Viele der Anzeichen für eine Fünfte Kolonne, die von den Polen beobachtet
wurden und die wir im 1. Kapitel geschildert haben, stimmen mit den geheimen
Operationen überein, die, wie jetzt aus deutschen Quellen bewiesen ist, tatsäch
lich geplant und ausgeführt wurden.
Die polnischen Quellen jedoch erwähnen auch noch andere Operationen, bei
spielsweise :
Die Deutschen markierten ihre Dächer, strichen ihre Kamine mit bestimmten
Farben an, ordneten ihre Heuschober merkwürdig an, mähten ihr Gras »wei
sungsgemäß« und stampften oder pflügten Figuren in den Boden — alles mit dem
1
KTB-Abwehr, 23. 9. 1939.
2
Landgraf a.a.O., S. 10.
3
Mitteilung General Halders, der von 1939—42 Chef des Generalstabes war.
153
Ziel, den deutschen Streitkräften und besonders der Luftwaffe vorher verabredete
Signale zu geben.
Die Volksdeutschen zeigten der deutschen Luftwaffe den Weg dadurch, daß
sie in ihren Häusern das Licht brennen ließen, daß sie Licht durch die Kamine
scheinen ließen, daß sie Streichhölzer anzündeten oder mit Rauch, Spiegeln oder
weißem Stoff Zeichen gaben.
Die Volksdeutschen gaben sich gegenseitig mittels besonderer Knöpfe, Woll
jacken oder Halstücher als Agenten zu erkennen.
Die Volksdeutschen trieben als Priester und Mönche verkleidet Spionage.
Die Volksdeutschen standen mit den deutschen Truppen über zahlreiche Ge
heimsender in Verbindung, die teils in hohlen Bäumen oder in Gräbern verborgen
und teils so klein waren, daß sie in eine Schachtel paßten, die kaum größer war
als eine Streichholzschachtel.
Es fehlen Beweise dafür, daß diese von den Polen gemachten Beobachtungen
tatsächlich auf die Aktionen von Volksdeutschen zurückgehen, die auf irgend
eine
Weise
mit
deutschen
militärischen
Operationen
Verbindung
hatten.
Ver
geblich sucht man Beweise dieser Art in dem Buch »The German Fifth Column
in Poland«, aus dem wir viele ähnliche Beobachtungen zitiert haben. Über den
historischen Quellenwert dieser Veröffentlichung kann man streiten. Mindestens
500 Erklärungen wurden dafür gesammelt1, von denen nur 109, größtenteils in
fragmentarischer Form, gedruckt wurden. Diese Erklärungen erscheinen insoweit
zuverlässig, als die Zeugen, die ihre Ansicht wiedergeben, tatsächlich erklärt zu
haben scheinen, was sie mit eigenen Augen gesehen oder mit eigenen Ohren gehört
haben. Es ist jedoch bemerkenswert, daß bei vielen der berichteten Beobachtungen
keine bewiesene oder auch nur deutlich sichtbare Verbindung mit den deutschen
militärischen Operationen besteht.
1 Die
154
Erklärung Nr. 512 wird auf S. 60 des Buches zitiert.
X
DÄNEMARK UND NORWEGEN
1. DÄNEMARK
Die Deutschen sahen in der Besetzung Dänemarks nicht eine selbständige
Operation, sondern nur einen Teil der Besetzung Norwegens. Die Besetzung Nor
wegens, bei der Luftlandetruppen eine führende Rolle spielen sollten, müßte noch
gefährlicher sein als ohnehin schon, wenn Deutschland notfalls nicht imstande
wäre, den Kampf in Südnorwegen von den dänischen Flugplätzen in Nordjütland
aus zu unterstützen. »Luftwaffe fordert Dänemark. Kräfte bereitstellen!« notierte
sich General Halder am 21. März 1940 in seinem Tagebuch.
An demselben Tag wurde General von Falkenhorst von Hitler damit beauftragt,
einen eingehenden Plan für die Besetzung Dänemarks und Norwegens auszuar
beiten, nachdem ein kleiner Stab schon seit Mitte Dezember Vorarbeiten geleistet
hatte. Acht Tage später konnte er die Grundzüge seines Plans Hitler vorlegen, der
ihnen zustimmte, nur daß er, was Dänemark anging, in Kopenhagen eine »reprä
sentative Gruppe« mit augenscheinlich stärkeren Verbänden zu haben wünschte,
als Falkenhorst zunächst für nötig gehalten hatte1. Falkenhorst setzte seine Arbeit
fort und bestimmte General von Kaupisch zum Führer der Operationen in Däne
mark. Die Vorbereitungen wurden unter äußerster Geheimhaltung ins Werk gesetzt.
Der deutsche Angriffsplan war die Einfachheit selbst. Dänemark sollte völlig
überrascht und die Regierung in Kopenhagen in solchem Maße unter Druck ge
setzt werden, daß sie sofort kapitulieren würde. Dafür sollte ein Minimum an
Truppen verwendet werden, lediglich zwei verstärkte Divisionen und eine Brigade.
Mehr als die Hälfte davon, nämlich eine Division und eine Brigade, sollten Jütland
bis an dessen Nordspitze innerhalb eines Tages besetzen. Die zweite Division sollte
alle strategischen Punkte auf den Inseln Seeland, Fünen und Falster überraschend
besetzen.
Im Augenblick des Beginns der deutschen Offensive sollte die dänische Regie
rang zur Kapitulation aufgefordert werden. Am Morgen des Tages, an dem die
Operationen beginnen würden, sollte die deutsche Luftwaffe einen Demonstrations
flug über Kopenhagen ausführen und, falls dieser seine Wirkung verfehlte, die Stadt
bombardieren. Der deutsche Botschafter von Renthe-Fink sollte die deutsche Note
1 Jodl:
Tagebuch, 29. 2. 1940. PS-1809, IMT XXVIII, S. 409.
155
genau zur richtigen Stunde überreichen. Er sollte nicht lange vorher angewiesen
werden, wie das auch beim Außenminister von Ribbentrop nicht geschehen sollte.
Es war natürlich für die Militärs entscheidend zu wissen, wo und wie die Lan
dungsoperationen stattfinden könnten und wieviel Widerstand von den dänischen
Truppen zu erwarten sei. Falkenhorst und Kaupisch fanden viele Angaben bereits
in Berlin vor. »Die Unterlagen über Dänemark und dänische Wehrmacht waren
gut brauchbar«, schrieb Kaupisch nach dem erfolgreichen Unternehmen, »mußten
aber in Einzelheiten ergänzt werden1.« Hierfür wurde die Abwehr herangezogen.
Mit Hilfe von Agenten wurde von Ende Februar bis Ende März eine besondere
militärische Erkundung Dänemarks ausgeführt. Noch sind nicht alle Agenten der
Abwehr bekannt, die »ein V-Mann-Netz« auf dänischem Boden besaß12
. Einige
waren Deutsche, die zwecks Ausführung ihrer Aufträge nach Dänemark kamen und
unmittelbar danach nach Deutschland zurückkehrten3. Andere waren dänische
Staatsbürger. Nach dem Kriege konnten dänische Behörden die Namen von 16
dieser Agenten feststellen4. General von Kaupisch nannte die Unterlagen, die ihm
der deutsche Luftattaché Oberstleutnant Petersen aus Kopenhagen schickte,
»besonders wertvoll5«. Es gab jedoch noch andere Anschläge, die auf ihre Ausfüh
rung warteten, doch wird davon noch zu sprechen sein.
Am frühen Morgen des 9. April wurde die Offensive planmäßig eingeleitet. In
Nordschleswig überquerten Kolonnen rasch die Grenze. Hier war es vor allem
darauf angekommen, die Dänen an der Sprengung einiger Hauptstraßen und
Eisenbahnbrücken zu hindern. Zu diesem Zweck entsandte die Abwehr kleine
Kommandos, die am 8. April nachts heimlich über die Grenze gingen und die
ihnen bestimmten Ziele rechtzeitig erreichen konnten6. Im ganzen gehörten dazu
1 Offizier und 10 Mann7. Ihr Hauptziel jedoch, die Eisenbahnbrücke bei Padborg,
war gar nicht zur Sprengung vorbereitet worden; hier war die Aktion der Abwehr
völlig überflüssig8.
In Nordschleswig lebten etwa 30.000 Volksdeutsche9. 1932 war eine national
sozialistische Organisation entstanden. Viele wirtschaftliche und kulturelle Orga
1 Bericht über die Besetzung Dänemarks am 9. und 10. 4. 1940 und die dabei gemachten
Erfahrungen. Vom 30. 4. 1940. — Künftig zitiert als: Kaupisch, Bericht. Dän. Pari. Ber. XII
(Dok.), S. 248.
2
Notiz Major Herrlitz’, 11. 4. 1940. Ebenda, S. 203.
3
Leverkühn a.a.O., S. 53/60.
4
Mitteilung von Hauptmann C. J. Villumsen von der Nachrichtenabteilung des dänischen
Generalstabes.
5
Kaupisch, Bericht. Dän. Pari. Ber. XII, Dok., S. 248.
6
Ebenda, S. 249 und S. 203.
7
KTB-Abwehr, 9. 4. 1940.
8
Mitteilung Hauptmann Villumsens.
9
Holger Andersen: Le Danemark et la minorite allemande du Slesvig du Nord. In: Le Nord.
Kopenhagen 1938. Nr. 1—2, S. 69.
156
nisationen der Volksdeutschen unterstellten sich gegen Ende 1938 der Zentral
organisation »Deutsche Volksgruppe«, die in politischer Hinsicht von der NSDAP
Nordschleswig1 kontrolliert wurde, welche ihrerseits etwa 2000 Mitglieder hatte12 .
Diese Entwicklung wurde von Berlin aus gefördert, wo die NSDAP Nordschleswig
der Volksdeutschen Mittelstelle unterstand; zwischen diesem Amt und dem streit
süchtigen Dr. Jens Möller, Führer der kleinen Nazipartei, kam es jedoch zu häufigen
Konflikten3.
Wir haben bereits erwähnt, daß den Dänen 16 Leute als Agenten der deutschen
Spionage bekannt geworden sind. Die meisten von ihnen waren Volksdeutsche4,
darunter einige örtliche Führer der deutschen Minderheit5. Ihre Zusammenarbeit
mit der Abwehr war Dr. Möller unbekannt. Er kannte auch nicht das Datum der
deutschen Invasion, obwohl er und andere Leute zwei Tage früher Gerüchte ver
nommen hatten, daß etwas im Gange sei6. Die Tatsache, daß aus Deutschland
Sonderkommandos entsandt wurden, um ein paar Zerstörungen zu verhindern,
scheint die Auffassung zu stützen, daß die Volksdeutschen in Nordschleswig nichts
von einer Operation wußten, die Hitler mehr als andere geheimzuhalten wünschte.
Trotzdem wurden am Tage der Invasion von diesen Deutschen Dinge getan, welche
die Gefühle der Dänen tief verletzten. Viele von ihnen begrüßten die deutschen
Truppen mit überschäumender Begeisterung7. Andere erschienen mit geschulter
tem Gewehr8. Wieder andere9 begannen den Verkehr zu regeln, dänische Waffen
einzusammeln oder gar dänische Kriegsgefangene zu bewachen, und an einem Ort
wurde ein Mann, der im Verdacht stand, antideutsche Spionage getrieben zu haben,
von Volksdeutschen verhaftet.
Weiter nördlich in Jütland wurde Esbjerg an der Ostküste im Laufe des Mor
gens von den Besatzungen einiger deutscher Kriegsschiffe kampflos eingenommen.
Dasselbe geschah mit der Brücke, die in der Nähe von Middelfart über den kleinen
Belt führt; dort war frühmorgens ein deutsches Bataillon gelandet worden10.
Die Hafenstadt Nyborg an der Ostküste der Insel Fünen wurde im Morgen
grauen des 9. April von einer deutschen Abteilung besetzt, die aus 2 Offizieren,
1
Deutschtum im Ausland 1938, S. 694; 1940, S. 30.
2
Dän. Pari. Ber. XIV-2, Dok., S. 677.
3
Ebenda, S. 647/8, 650.
4
Mitteilung Villumsens.
5
Dän. Pari. Ber. XIV-1, Dok., S. 620 Anm. 3.
6
Ebenda, S. 31/2.
7
Hans Schmidt-Gorsblock: Der neunte April. Apenrade 1943. S. 29/30.
8
Photo in »Danmark under Besättelsen«. Kopenhagen 1946. I, S. 147.
9
Dän. Pari. Ber. XIV-2, Dok., S. 659/60.
10
Walter Hubatsch: Die deutsche Besetzung von Dänemark und Norwegen 1940. Göttingen
1952. S. 96. — Künftig zitiert als: Hubatsch, Besetzung. — Eine vorzügliche Studie, doch ver
gißt Hubatsch, daß Hitlers Angriff gegen Skandinavien nicht von der allgemeinen Aggressivität
geschieden werden kann, die ihn und seine Partei auszeichnete.
157
18 Unteroffizieren und 140 Mann bestand. Sie waren an Bord eines Torpedobootes
und zweier Minensuchboote in den Hafen eingedrungen. Das Torpedoboot wurde
von dem schläfrigen Posten eines dänischen Kriegsschiffes festgemacht, der keine
Ahnung hatte, daß es sich dabei um ein deutsches Schiff handelte. Der deutsche
Kommandant eilte in die noch schlafende Stadt und benutzte als Führer einen
gerade vorüberkommenden Bahnbeamten. Die Dänen wurden völlig überrascht1.
Auch in der kleinen Hafenstadt Korsör auf der Insel Seeland gegenüber von
Nyborg hatte der deutsche Plan Erfolg. Dort liefen zwei Dampfer mit deutschen
Truppen in den Hafen ein, was dadurch erleichtert wurde, daß alle Navigations
lichter und Straßenlaternen brannten, worin der deutsche Kommandeur »ein be
ruhigendes Zeichen dafür, daß man auf der Insel Seeland ahnungslos ist«, er
blickte. Die dänische Garnison hatte tags zuvor Manöver abgehalten, denen tat
sächlich eine deutsche Landung in Korsör zugrunde lag. Als die Deutschen wirk
lich an Land stürmten, schlief die Garnison12 .
Dem Angriff auf Gjedser, den dänischen Hafen für die Fährschiffe aus Warne
münde, hatten die Deutschen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die dortigen
Verhältnisse kannte man nicht genau, weshalb ein deutscher Offizier am 30. März
1940 die Hin- und Rückreise als gewöhnlicher Passagier auf der Fähre unternahm
und auf diese Weise Gjedser mit bloßem Auge und mit dem Fernrohr betrachten
konnte. Am 1. April meldete er nach Berlin, daß die Dänen »einen ahnungslosen,
recht bequemen, fast langweiligen Eindruck« machten3.
Am Abend des 8. April sollten die Angestellten und Zollbeamten auf der däni
schen Fähre, die von Warnemünde auslief, durch Offiziere der Abwehr4 interniert
werden. Einige Stunden später wurden die Telefonverbindungen von Gjedser nach
Norden von einem deutschen Kommando zerstört, das aus einem Offizier und vier
Mann bestand und von Warnemünde aus geradewegs nach der dänischen Küste
gefahren war5. Fast gleichzeitig liefen die beiden gewöhnlichen deutschen Fähren,
die »Mecklenburg« und die »Schwerin«, mit Hilfe der wie üblich brennenden
Leuchtfeuer in den Hafen von Gjedser ein, als ob alles in Ordnung sei. Sie machten
fest, und alsbald sprangen schwerbewaffnete Deutsche an Land, die teilweise in
Militärlastwagen nach der langen Brücke bei Vordingborg fuhren. Dort landeten
mehr als eine Stunde später deutsche Fallschirmjäger. Um 5.45 Uhr morgens be
fand sich die Brücke in deutscher Hand. Erst eine Viertelstunde vorher waren die
ersten dänischen Soldaten auf der Straße erschienen und hatten ihre Fahrräder
bestiegen. Die deutschen Wagen waren schneller6.
1
Bericht Hauptmann Kanzlers, 14. 4. 1940. Dän. Pari. Ber. XII (Dok.), S. 210—12.
2
Bericht Oberleutnant Schultz’, 17. 4. 1940. Ebenda, S. 225/9.
3
Bericht Erfurths, 30. 3. 1940. Ebenda, S. 111/2.
4
Befehl des OKW, 3. 4. 1940. Ebenda, S. 140/1.
5
KTB-Abwehr, 9. 4. 1940.
6
Bericht Oberstleutnant Bucks, 10. 4. 1940. Dän. Pari. Ber. XII (Dok.), S. 197/8.
158
Der Überraschungsangriff auf Kopenhagen stand in den deutschen Plänen voran.
Dort sollten alle wichtigen Punkte so schnell und so unwiderruflich genommen
werden, daß jedes Verlangen der dänischen Regierung, Widerstand zu leisten, im
Keim erstickt würde. Ein Bataillon und einige technische Einheiten sollten auf
dem Wasserwege nach der »Langelinie«, dem der Stadt nächstgelegenen Kai, ge
bracht werden. Die Deutschen mußten genau wissen, wo die »Hansestadt Danzig«,
die das Bataillon transportieren sollte, festgemacht und wie die Zitadelle erstürmt
werden könnte. Außerdem war entscheidend wichtig, daß sie alsbald in der Zita
delle, wo das vorläufige deutsche Hauptquartier eingerichtet werden sollte, eine
Funkstation zur Verfügung haben würden. Diese benötigte man für die Verbin
dung mit Deutschland, aber ganz besonders auch, um die erwartete Nachricht von
der Kapitulation öffentlich bekanntgeben zu können.
Die von der Abwehr gelieferten Angaben über die Lage um den Hafen und das
Port enthielten nicht genügend Einzelheiten. Daher erhielt der Bataillonskomman
deur Major Glein, dessen Truppe den Angriff übernehmen sollte, Befehl, eine gründ
liche Erkundung vorzunehmen. Am Spätnachmittag des 4. April 1940 reiste er
mit dem planmäßigen Flugzeug der Lufthansa nach Kopenhagen, wo er um 9 Uhr
eintraf. Er hatte die Papiere eines Beamten. Es schneite, und nur wenige Leute
waren auf der Straße.
Noch am selben Abend besichtigte Major Glein den Kai und die dorthin führen
den Straßen gründlich. Ein Polizist fragte ihn, was er dort zu suchen habe. Er
sagte, er habe sich verirrt, wurde zur Straßenbahnhaltestelle geleitet, kehrte aber,
als der Polizist verschwunden war, in den Hafen zurück, um die Straße nach der
Zitadelle gründlich zu betrachten. Um halb ein Uhr nachts traf er in seinem Hotel
ein. Um acht Uhr am nächsten Morgen war er wieder am Hafen. Dann ging er
an dem Posten vorüber in das Fort. Wir folgen ihm:
»Zur Tarnung schlug ich zunächst den Weg nach der Kirche ein. Dort angekom
men stellte ich fest, daß die Kirche verschlossen war. Dieser Vorgang wurde von
einem dänischen Sergeanten, der gleichzeitig an der Kirche vorbeiging, bemerkt.
Der Sergeant kam dann auf mich zu und frug mich, ob ich in die Kirche wolle. Als
ich ihm dies bejahte, sagte er mir, daß die Kirche nur sonntags geöffnet sei. Nach
einer weiteren kurzen Unterhaltung bat ich dann den Sergeanten, ob er mir nicht die
Sehenswürdigkeiten der alten Zitadelle zeigen und erklären könne. Meiner Bitte
kam der Sergeant bereitwilligst nach. Als erstes wurde ich von ihm in die Korporals
messe geführt, wo ich mit ihm ein Glas Bier trank. Gleichzeitig erzählte er mir dann
einiges über die Zitadelle, ihre Belegung und militärische Bedeutung. Nachdem ich
das Bier mit ihm getrunken hatte, zeigte er mir dann die Generalswohnungen,
die verschiedenen Kontore, die Fernsprechzentrale, die Wachen und die alten
Tore am Süd- und Nordeingang. Als ich alles gesehen hatte, was für mich von Wich
tigkeit war, verabschiedete ich mich von dem Sergeanten1.«
Am Nachmittag des 5. April flog Major Glein nach Berlin zurück. Am 7. April
1 Bericht
Major Gleins, 15. 4. 1940. Ebenda, S. 216/8.
159
begaben sich zwei andere Deutsche mit dem gewöhnlichen Passagierflugzeug nach
Kopenhagen. Der eine war Legationssekretär Dr. Schütter, der als diplomatischer
Kurier reiste. In seiner Tasche befanden sich die versiegelten Anweisungen für
Botschafter von Renthe-Fink. Der andere war Generalmajor Himer, Chef des
Stabes bei General von Kaupisch. Himer reiste als hoher Beamter. Seine Uniform
befand sich in dem Diplomatengepäck von Dr. Schlitter.
Am 8. April, dem Tag vor der Landung, unternahm General Himer zusammen
mit dem Luftattaché Oberst Petersen eine neue Erkundung in der Nähe des Hafens.
Das Eis war verschwunden. Es lagen viele Schiffe im Hafen, doch hörte Petersen,
daß zwei von ihnen im Laufe des Tages auslaufen würden, so daß es am Kai
mehr Platz geben würde. Sie betrachteten noch einmal die Zitadelle und kamen
zu dem Schluß, daß es leicht sein würde, von der Südostecke aus einzudringen.
Ihre Feststellungen wurden eiligst in einem Chiffre-Telegramm nach Berlin
gemeldet1.
Nur ein Problem war noch ungelöst: Wie würde man am frühen Morgen den
schweren Rundfunksender einige hundert Meter weit von der Langelinie nach dem
Kastell tragen können? Himer bat den deutschen Reserveoffizier von Zimmer
mann, der in Kopenhagen wohnte, zu sich und teilte ihm mit, daß früh am näch
sten Morgen ein deutsches Schiff an der Langelinie anlegen würde, »um einige
Kisten abzuladen2«. Würde es ihm wohl möglich sein, mit vier zuverlässigen
Parteimitgliedern und einem Lastwagen um vier Uhr morgens in den Hafen zu
kommen? Und könnte nicht vielleicht einer von ihnen unmittelbar danach in die
Artilleriekaserne eilen, um zu sehen, ob dort Alarm gegeben würde? In diesem
Falle müsse Oberstleutnant Petersen gewarnt werden. Die Angelegenheit sei streng
geheim. Sollten sie auf eine dänische Polizeistreife stoßen, so müsse diese aus dem
Wege geräumt werden.
Zimmermann übernahm den Auftrag. Zufällig hatte er unmittelbar anschlie
ßend eine Verabredung mit einem Funktionär der Ortsgruppe Kopenhagen der
Auslandsorganisation, Werner Thiele. Diesen fragte er, ob er sich im Hafen ein
stellen und den Besuch der Artilleriekaserne übernehmen könne. Thiele hielt das
für ein riskantes Unternehmen. Sollte die Sache schiefgehen, so würde es minde
stens das Verbot der NSDAP in Dänemark zur Folge haben. Er wagte nicht, sich
ohne Zustimmung des Landesgruppenleiters Schäfer zu entscheiden3. Zimmer
mann besuchte daher Schäfer, welcher selbst gerade krank gewesen war und
daher nicht mitmachen konnte. Schäfer gab ihm jedoch vier Namen an, darunter
auch Thiele.
Botschafter Renthe-Fink wurde um elf Uhr abends unterrichtet. Dr. Schlitter
übergab ihm den Briefumschlag mit den Anweisungen, und General Himer er
1
Bericht Oberarchivrat Goes 12. 8. 1940. Ebenda, S. 261/2.
2
Ebenda.
3
Brief Thieles an Schäfer, 12. 4. 1940. Dän. Pari. Ber. II (Dok.), S. 243.
160
läuterte die Pläne. Der Botschafter »war völlig überrascht1«, aber »hat sich in
ausgezeichneter Weise rasch in seine schwere Aufgabe hineingefunden2«.
Einer von den vier Parteimitgliedern, die Zimmermann ausgewählt hatte, be
mächtigte sich eines Lastwagens der deutschen Kohlenfirma, bei der er arbeitete,
ohne daß die Geschäftsleitung davon wußte, und fuhr damit kurz vor vier Uhr in
den Hafen. Kein Polizist war zu sehen. »Alles schlief und alles war ruhig in Kopen
hagen3«. Zimmermann und Thiele erschienen ebenfalls. Thiele hatte dafür gesorgt,
daß sich in seinem Hause keinerlei Parteikorrespondenz befand4. Was eigentlich
geschehen sollte, wußten sie nicht genau; als aber um 4.20 Uhr ein Schiff an der
Langelinie festmachte und bewaffnete Deutsche an Land sprangen, »wurden
unsere Vermutungen Wirklichkeit«, wie einer von ihnen später schrieb. Dieser
deutsche Staatsangehörige schrieb von sich selbst, er sei »glücklich, daß ich aktiv
an der Besetzung Kopenhagens teilnehmen durfte5«.
Die »Hansestadt Danzig« hatte unter Führung des deutschen Eisbrechers
»Stettin« ungehindert in den Hafen einlaufen können. Sie war von dem großen
Fort an der Hafeneinfahrt beobachtet und mit einem Scheinwerfer angestrahlt
worden. Die Dänen hatten einen Warnungsschuß abgeben wollen, aber infolge tech
nischer Schwierigkeiten die Granate nicht in den Geschützlauf bringen können6.
Die Polizeiwache und das Zollhaus am Hafen wurden von den Deutschen inner
halb von fünf Minuten genommen. Das nördliche Tor der Zitadelle, das der Lange
linie am nächsten lag, war geschlossen, wurde jedoch aufgesprengt. Das südliche
Tor war offen. Die Deutschen stürmten durch beide Tore hinein, überraschten die
Wache, zertrümmerten die Telefonzentrale und waren zehn Minuten nach der
Landung Herren des Kastells. Die überraschten dänischen Soldaten, denen das
alles völlig unversehens gekommen war, wurden entwaffnet und in einem Keller
der Zitadelle eingeschlossen. Der Chef des dänischen Generalstabes, der dänische
Innenminister und der britische Handelsattache, die auf der Straße verhaftet
worden waren, wurden ebenfalls dorthin gebracht. Ein schwacher Angriff der
Wache des königlichen Schlosses Amalienborg wurde abgeschlagen7.
Zimmermann hatte inzwischen den Sender in die Zitadelle gebracht, wo er bald
betriebsfertig gemacht wurde. Thiele fuhr in einem Taxi nach der Artilleriekaserne,
deren Adresse er am Abend vorher im Adreßbuch nachgeschlagen hatte, ging dort
bis halb sieben auf und ab, konnte aber nichts Beunruhigendes entdecken8. Infolge
11
1
Hubatsch: Besetzung, S. 142.
2
Dän. Pari. Ber. XII (Dok.), S. 262.
3
Brief Sporns’ an Thiele, 20. 4. 1940. Dän. Pari. Ber. III (Dok.), S. 254/5.
4
S. Anm. 348.
5
S. Anm. 351.
6
Hubatsch: Besetzung, S. 98.
7
Bericht Gleins a.a.O., S. 220/3.
8
S. Anm. 348.
161
der Unaufmerksamkeit der Dänen hatte General Himer inzwischen noch um sechs
Uhr morgens ungestört mit General von Kaupischs Hauptquartier telefonieren
können1. Daher hatte er Anweisung geben können, daß ein Bombengeschwader die
dänische Regierung unter Druck setzen solle. Diese kapitulierte kurz nach halb
sieben Uhr. Der Rimdfunksender Kalundborg arbeitete noch nicht, doch konnten
die Deutschen die Nachricht von der Kapitulation unmittelbar über den Sender
in der Zitadelle bekanntgeben. Deutsche Techniker, die mit dem Bataillon einge
troffen waren, besetzten die Funkstationen und das Hauptpostamt12 . Angehörige
der
Propagandastaffel
übernahmen
die
Nachrichtenagenturen
und
die
Presse3.
4
Ein Offizier und fünf Mann von der Abwehr , die ebenfalls an Bord der »Hanse
stadt
Danzig«
nach Kopenhagen gekommen
waren, versuchten, britische und
französische Agenten zu verhaften5. Kurzum, das Programm, das unmittelbar
nach dem Überraschungsangriff ausgeführt werden sollte, lief rasch ab.
Auf dänischer Seite gab es 36 Soldaten als Tote oder Verwundete6, auf deutscher
Seite »etwa zwanzig7«. General von Kaupisch konnte nach Abschluß der Opera
tionen allerdings feststellen, daß die Bevölkerung und die Streitkräfte Dänemarks
völlig überrascht worden seien: »Das deutsche Tempo benahm ihnen den Atem8«.
Über keine andere deutsche Offensive sind wir so gut unterrichtet wie über die
in Dänemark. Der hier wiedergegebene Bericht bietet, so scheint uns, eine be
friedigende und logische Erklärung für die völlige Überraschung, die den Deut
schen gelang, und für den überwältigend schnellen Erfolg, den sie errangen. Die
Hypothese, daß an dem Angriff auf Dänemark eine umfangreiche Fünfte Kolonne
beteiligt gewesen sei, ist überflüssig und findet in keinem der zahlreichen Doku
mente eine Unterstützung, welche die Untersuchungskommission des dänischen
Parlaments veröffentlicht hat.
Die Zahl der deutschen Staatsangehörigen, die 1940 in Dänemark lebten, ist
nicht genau bekannt. 1930 waren es 9400, von denen mehr als 3000 in Kopenhagen
lebten9. Schäfer schätzte, daß im April die Zahl der deutschen Staatsangehörigen
über 15 Jahre — möglicherweise meinte er nur die männliche Bevölkerung — in
Kopenhagen und auf den Inseln Seeland, Falster und Laaland etwa 1500 betrug.
1
Bericht Goes. a.a.O.
2
Bericht Gleins a.a.O., S. 223.
3
Bericht der Propagandastaffel D(änemark), 11. 4. 1940. Ebenda, S. 205/6.
4
Befehl Generalmajor Himers vom 5. 4. 1940. Ebenda, S. 153.
5
Mitteilung v. Lahousens.
6
Hubatsch: Besetzung, S. 94.
7
Bericht Goes a.a.O., S. 263.
8
Bericht Kaupisch. Ebenda, S. 251.
9 Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums. Breslau 1936-41. II, S. 78. Künf
tig als HWB zitiert. Ein wertvolles Handbuch, dessen Vorarbeiten 1925 begonnen haben. Fast
850 Gelehrte waren daran beteiligt. Leider waren bei Zusammenbruch des Dritten Reiches
erst zwei Bände (A-Fugger) erschienen.
162
Von diesen waren 120 Mitglieder der Auslandsorganisation1. Ein Beweis dafür,
daß diese Leute die deutschen Operationen, abgesehen von dem Überraschungs
angriff auf Kopenhagen, auf irgendeine Weise unterstützt haben, liegt nicht vor.
Ebensowenig gibt es Beweise dafür, daß die Fragen, welche Schäfer 1935 Mit
gliedern des Landeskreises vorlegte (beispielsweise: Besitzen Sie ein Auto? Haben
Sie eine Schreibmaschine? Können Sie stenographieren?), eine halbmilitärische Ge
heimsprache darstellten, die mit irgendeinem deutschen Angriffsplan zu tun hatte.
In einem Privatbrief, den Schäfer nach dem Angriff geschrieben hat, beklagt er
sich über die törichten Schlußfolgerungen, die manche Leute aus seinen Fragen
gezogen hatten12 .
Die von den Dänen geäußerte Vermutung, daß General von Kaupisch »im
November und Dezember 1939 unter falschem Namen in Dänemark weilte3«,
wird nirgends bestätigt. Dasselbe gilt von ihrer Behauptung, die Gründung deut
scher Kaffeehäuser in Kopenhagen habe »in größerem oder geringerem Umfang«
dazu gedient, politische, wirtschaftliche und militärische Spionage für Deutschland
zu ermöglichen4.
Was das Vergiften von Wasserleitungen in Nordschleswig angeht, so ist nichts
bewiesen worden. Schließlich ist auch das allgemein verbreitete und geglaubte Ge
rücht, daß deutsche Soldaten in den Laderäumen von Schiffen versteckt worden
seien, die schon längere Zeit in Kopenhagen gelegen hatten, nirgends bestätigt
worden. Hätte man sich dieser Kriegslist bedient, dann wäre sie fast sicher in den
militärischen Geheimberichten erwähnt worden. Kein Deutscher dachte damals
daran, daß die von ihm geschriebenen Berichte jemals in die Hände von Deutsch
lands Gegnern fallen könnten.
2. NORWEGEN
Auf deutscher Seite kam die erste Anregung zu dem Angriff auf Norwegen aus
hohen Marinekreisen. Dort kam jemand beim Studium des ersten Weltkrieges zu
dem Ergebnis, daß Deutschland den Seekrieg mit größerer Erfolgsaussicht hätte
führen können, wenn es an der norwegischen Küste Stützpunkte besessen hätte
und wenn es die Engländer hätte daran hindern können, bis vor die norwegische
Küste Minensperren zu legen. Der Befehlshaber Nordsee Admiral Carls war für
diesen Gedanken besonders zu haben. Er unterbreitete ihn dem Oberbefehlshaber
1
Karl Moeller: Hinter den Kulissen der dänischen antisemitischen Agitation. Apenrade
(1936 oder 1937). S. 20.
2 Anlage 2 zum Brief vom 25. 4. 1940 von Schäfer an den Stabsamtsleiter der Auslandsorga
nisation der NSDAP. Dän. Pari. Ber. III (Dok.), S. 268.
3 Denkschrift der dänischen Regierung an das Internationale Militär-Tribunal in Nürnberg.
D-628, IMT XXXV, S. 192.
4
Ebenda, S. 193/4.
163
der Kriegsmarine Admiral Raeder, der den Gedanken wichtig genug fand, um ihn
Hitler vorzutragen. Das geschah am 10. Oktober 1939. »Dem Führer leuchtete
sofort die Bedeutung des Norwegenproblems ein; er erklärte, er wolle sich mit der
Frage beschäftigen1.«
Innerhalb der deutschen Marine bestand jedoch über die Wünschbarkeit einer
solchen Operation keine Einigkeit. Raeder blieb fest. Er sicherte sich die Unter
stützung des deutschen Marineattachés in Oslo, Korvettenkapitän Schreiber. Auf
diesem Wege und ferner über das Außenpolitische Amt der NSDAP kam er mit Vid
kun Quisling in Verbindung und mit Albert Viljam Hagelin, der einer von Quislings
engsten Mitarbeitern und seit Jahren sein geheimer Vertreter in Deutschland war12 .
Schon im Dezember 1930 bat Quisling, der damals noch norwegischer Vertei
digungsminister war, einen deutschen Nationalsozialisten, der sich gerade in Oslo
auf hielt, er möge ihn insgeheim mit den Führern der NSDAP in Verbindung bringen.
Diese wollten jedoch nichts mit ihm zu tun haben3. 1933 gründete Quisling seine
eigene Bewegung »Nasjonal Samling«, und es besteht Grund zur Annahme, daß etwa
von jener Zeit an Himmler und die Abwehr4 eine gewisse Fühlung mit ihm hatten.
Einzelheiten darüber liegen nicht vor, hingegen wissen wir mehr über Rosenbergs
Verbindung zu Quisling.
Rosenberg, der im Baltikum geboren war, hatte sich schon früh für die skandi
navischen Länder interessiert. 1933 empfing er zum erstenmal Quisling zu einem
kurzen Gespräch5. 1933 richtete er eine Denkschrift an Hitler, in der er auf »die
politisch-strategische Wichtigkeit Norwegens« hinwies6. Durch seinen Privat
sekretär blieb er in Verbindung mit Quisling, der im Frühsommer 1939 nach Berlin
kam, um Rosenberg zu warnen, daß Großbritannien im Falle eines Krieges wahr
scheinlich versuchen würde, Skandinavien zu besetzen. Rosenberg glaubte,
Göring könne sich vielleicht für Quislings Erklärung interessieren; es gelang ihm,
eine Zusammenkunft zwischen dem Norweger und einem von Görings engsten
Mitarbeitern zu arrangieren, bei der Quisling um eine Unterstützung von 6 Millionen
Reichsmark bat.7 Rosenberg selbst warnte Hitler und schickte seinen Mitarbeiter
Scheidt vom Außenpolitischen Amt auf eine »Ferienreise« nach Norwegen; über
seine »Beobachtungen« dort verfaßte Scheidt einen Bericht. Quisling hatte ange
fragt, ob einige seiner führenden Parteimitglieder in dem Schulungshaus des Außen
politischen Amtes an einem Lehrgang teilnehmen dürften. Rosenberg erfüllte
diese Bitte, und so wurde im August 1939 für 25 Mitglieder von Nasjonal Samling
1 Denkschrift Admiral Raeders an Admiral Assmann, 30. 1. 1944. C-066, IMT XXXIV,
S. 281. Künftig zitiert als: Raeder an Assmann.
2
Aktennotiz von Rosenberg an Hitler, 22. 7. 1940. PS-992.
3
Brief Max Pferdekämpfers an Himmler, 19. 11. 1932. (Sammlung Skodvin.)
4
Auskünfte von Himmlers Arzt Felix Kersten und v. Lahousens.
5
Aussage Rosenbergs. IMT XI, S. 455.
6
Alfred Rosenberg: Tagebuch, 11. 4. 1940.
7
Norw. Pari. Ber. Beiheft I, S. 13.
164
ein Lehrgang veranstaltet1. »Ihnen wurde beigebracht, wie sie wirksamere Propa
ganda machen könnten12 .«
Um die Zeit des Kriegsausbruchs im September 1939 suchte Hagelin Rosenberg
auf, um ihn zu warnen, daß die Alliierten in Skandinavien ein Unternehmen
planten3. Als nach dem Ausbruch des finnisch-russischen Krieges die Spannung
in ganz Skandinavien zunahm und die öffentliche Meinung in England und mehr
noch in Frankreich verlangte, daß den Finnen ein Expeditionskorps zu Hilfe käme,
wuchs in Berlin die Bereitschaft, Quisling und Hagelin Gehör zu schenken.
Quisling war klar, daß er die militärische Unterstützung der Deutschen benö
tigte, um in Norwegen an die Macht zu kommen. Er glaubte, eine Anzahl von
hohen Offizieren würde, wenn er erst einmal an der Macht wäre, zur Zusammen
arbeit mit ihm bereit sein, und sogar der König würde ein Fait accompli hinneh
men. Wie sollte er aber an die Macht kommen? Sein Plan ging dahin, eine Anzahl von
sorgfältig ausgesuchten Mitarbeitern in Deutschland ausbilden zu lassen und sie dann
zusammen mit einigen erfahrenen deutschen Parteigenossen nach Norwegen zu
rückzuschmuggeln. Dann würden sie überraschend alle strategischen Schlüssel
stellungen in Oslo besetzen; er, Quisling, würde das Amt des Ministerpräsidenten
an sich reißen und — wie einst in Wien Seyß-Inquart — deutsche Hilfe herbeirufen.
Wenn zu jenem Zeitpunkt ein deutsches Geschwader mit Truppen an Bord zur Ein
fahrt in den Oslo-Fjord bereit läge, könnte der Staatsstreich Erfolg haben, ehe noch
irgend jemand in Norwegen, Großbritannien oder Frankreich wußte, was geschah4.
Es gibt Anzeichen dafür, daß Quisling sich schon seit einiger Zeit um Unter
stützung für diesen Plan bemüht hatte5. Am 10. Dezember, anderthalb Wochen nach
Ausbruch des finnisch-russischen Krieges, reiste er nach Berlin und wohnte in Rosen
bergs Schulungshaus. Mit einer Einführung von Rosenberg und in Begleitung
Hagelins besuchte er am 11. Dezember Admiral Raeder. Dieser kannte Rosenberg
nur flüchtig und hatte von Quisling überhaupt noch nichts gehört, erklärte sich aber
bereit, ihn anzuhören6. Quisling schilderte seine Absichten. Ihm zufolge hatte die
norwegische Regierung beschlossen, die Wahlen zu verschieben. Die Lebensdauer
des Parlaments, die am 11. Januar 1940 enden sollte, würde um ein Jahr verlängert
werden. Das wäre die gegebene Zeit für den Staatsstreich. Er machte viel Aufhebens
von seinen Anhängern in hohen Stellungen, beispielsweise bei der Eisenbahn.
1
Rosenbergs Bericht, 17. 6.1940: Die politische Vorbereitung der Norwegen-Aktion. PS-004
IMT XXV, S. 26/7. Künftig zitiert als: Rosenberg, Norwegen-Aktion.
2
S. Anm. 374.
3
Rosenberg. Norwegen-Akten a.a.O.
4 Am deutlichsten wird dieser Plan in Rosenbergs undatierter Aufzeichnung »Besuch des
Staatsrats Quisling-Norwegen«. C-065, IMT XXXIV, S. 273/5.
5
Am 11. 12. 1939 schreibt Rosenberg in sein Tagebuch, Quisling habe ihm den Plan »noch
mals« vorgelegt, und am 19.12., daß Quisling seinen Plan »verschiedenen« Leuten vorgetragen
habe.
6
Aussage Raeders. IMT XIV, S. 92.
165
Raeder hörte ihn an, traute jedoch dem Norweger nicht ganz. Am nächsten
Tage brachte er den Plan zu Hitlers Kenntnis und bemerkte dazu, »daß man bei
solchen Angeboten nie wissen kann, wieviel die betreffenden Personen die eigenen
Parteiabsichten fördern wollen und wie weit ihnen die deutschen Interessen wirk
lich am Herzen lägen. Daher Vorsicht geboten«. Eine britische Besetzung Nor
wegens müsse auf jeden Fall verhindert werden1.
Hitler hörte sich das an. Da er mit den Plänen für die große Offensive an der
Westfront beschäftigt war, stimmte er einer Ausweitung des Kriegsschauplatzes
nach Skandinavien nicht sofort zu. Immerhin war ihm Quislings Erklärung, daß
prominente
Norweger
aktiv
für
künftige
britische
Landungen
einträten,
nicht
gleichgültig. Es erschien ihm politisch zweckmäßig, Quisling in die Hand zu be
kommen und einstweilen die Ausführbarkeit des Planes zu untersuchen. Hierzu
entschloß er sich grundsätzlich am 13. Dezember. Das Oberkommando der Wehr
macht sollte die Angelegenheit prüfen12 .
Hier muß nun betont werden, daß die deutschen Militärs kein Zutrauen zu
Quislings Operationen hatten. Sie hielten Rosenberg für einen Narren, und Hitler
hatte ihnen nicht befohlen, mit Quisling zusammenzuarbeiten, sondern lediglich
die Durchführbarkeit von dessen Plänen zu prüfen. Bald ergaben sich ernsthafte
Zweifel. General Halder sagte, Quisling habe niemand hinter sich3. Der Marine
stab blieb skeptisch. Der wichtigste Einwand aber war: wie konnte eine solche
Operation, bei der es in erster Linie auf die Verschwiegenheit aller Beteiligten an
kam, geheimgehalten werden, wenn daran so viele Norweger teilnehmen sollten,
für deren Integrität allein Quisling gutsagen konnte4? Würde das Vorhaben
scheitern, so würde Deutschland damit wahrscheinlich den Krieg verlieren. Der
Plan
wurde
nicht
weiter
ernstlich
ausgearbeitet.
Die
militärischen
Fachleute
hielten die Operation für zu riskant5.
Der Beschluß, den Plan nicht auszuführen, wurde Rosenberg nicht mitgeteilt.
Ihn und seine Mitarbeiter benutzten Hitler und die Generäle, um Quisling bei der
Stange zu halten. Dieser bekam Geld. Scheidt besuchte Oslo abermals am 19.
Januar 1940 und hatte »das Nötige« bei sich6. Vier Wochen später hatte Quisling
bereits 100.000 Reichsmark in britischen Pfunden erhalten7.
1 Anmerkung Raeders zu seinem Bericht an Hitler, 12. 12. 1939. C-064, IMT XXXIV, S.
271/2.
2 Raeder an Assmann, S. 281. Jodis Tagebuch, 13. 12. 1939 in: Die Welt als Geschichte.
XIII, 1 S. 62.
3
Halder: Tagebuch, 1. 1. 1940.
4
Raeder an Assmann, S. 281.
5
Hubatsch: Besetzung, S. 25/6.
6
Rosenberg: Tagebuch, 19. 1. 1940.
7
Scheidts Bericht über seinen Aufenthalt in Norwegen vom 20. 1.—20. 2. 1940. Documents
on German Foreign Policy 1918-1945, Series D, Volume VIII, S. 757. Künftig zitiert als:
Doc. Ger. For. Pol. D.
166
Inzwischen hatte das Oberkommando der Wehrmacht sich an die Vorbereitung
eines rein militärischen Operationsplanes gemacht. Es entstand ein Entwurf nach
dem andern. Am 27. Januar 1940 befahl Hitler jedoch, daß die Angelegenheit von
einem kleinen, unmittelbar dem Führerhauptquartier verantwortlichen Stab
schneller bearbeitet würde1. Er hatte jedoch noch keineswegs beschlossen, ob der
Plan ausgeführt werden solle.
Drei Wochen später drang der britische Zerstörer »Cossack« in die norwegischen
Küstengewässer ein, um britische Kriegsgefangene auf dem deutschen Dampfer
»Altmark« zu befreien. Diesen Zwischenfall benutzten Hitler, erst recht aber
Rosenberg, Quisling und Hagelin als Beweis dafür, daß Großbritannien und Frank
reich, falls es ihnen nützen würde, nicht einen Augenblick zögern würden, Nor
wegen zu besetzen. Es lagen Anzeichen dafür vor, daß eine solche Besetzung be
reits beschlossen worden war. Hagelin teilte Scheidt mit, er wisse sicher, daß Nor
wegen sich nicht widersetzen würde. Rosenberg übermittelte diese Nachricht
eiligst an Hitler. Hitler sagte ihm am 19. und nochmals am 29. Februar, daß er
den »politischen Plan der Norweger« nicht mehr unterstütze, aber andererseits
bereit sei, ihnen mehr Geld zu geben12 .
Admiral Raeder schrieb später: »Im Auftrage Quislings drängte Hagelin mehr
fach darauf, man solle Quisling rechtzeitig einen Sturmtrupp geben, mit dessen
Hilfe er alsbald die Macht erobern und dann mit Zustimmung des Königs eine
neue Regierung einsetzen könnte. Diesem Ersuchen konnte leider nicht entspro
chen werden, da Quisling und Hagelin befehlsgemäß nicht von dem Zeitpunkt der
Operation und deren nahem Bevorstehen unterrichtet werden durften3«.
Es trifft zu, daß Rosenbergs Vertrauensmann Scheidt am 5. Januar 1940 be
richtete, Quisling wähle jetzt »aus seinen Sturmabteilungen eine angemessene Zahl
zuverlässiger Männer aus, die für eine eventuelle Überraschungsaktion in Betracht
kommen4«. Es gibt jedoch keinen Beweis dafür, daß Quisling einen solchen Stoß
trupp geschaffen hat. Scheidt ist während seines Aufenthalts in Norwegen über
haupt nicht mit Quisling zusammengekommen, dessen Namen Hagelin benutzte,
um seine eigenen ehrgeizigen Pläne zu fördern. Jede von ihm vorgeschlagene Ein
zelheit wurde von Scheidt in seinen Berichten nach Berlin ausgeschmückt, deren
Inhalt mit großer Vorsicht aufgenommen zu werden verdient5.
Hitler beschleunigte das Tempo. Am 21. Februar befahl er General von Falken
horst zu sich, der gegen Ende des ersten Weltkrieges in Finnland gekämpft hatte.
1
KTB-Seekriegsleitung, 29. 1. 1940. Dok. Woermann Nr. 24.
2
Rosenberg: Tagebuch, 19. u. 29. 2. 1940.
3
Beitrag zum KTB des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, 22.4.1940. Führer Conferences
on Naval Affairs 1940. London 1947. S. 39. — Künftig zitiert als: Führer Conferences. Absatz 1
dieses Stückes ist Dokument C-071.
4
Doc. Ger. For. Pol., D VIII, S. 626.
5
Auskunft von Magne Skodvin, Mitglied des Instituts für Norwegische Geschichte in Oslo,
und von Sverre Hartmann in Oslo.
167
Das war fünf Tage nach dem Zwischenfall mit der »Altmark«. Hitler sagte ihm,
er halte für möglich, daß Deutschland demnächst Norwegen besetzen müsse. Wie
lasse sich eine solche Operation ausführen? Falkenhorst solle am Nachmittag mit
endgültigen Vorschlägen wieder zu ihm kommen. Er könne damit rechnen, daß
er fünf Divisionen zur Verfügung haben werde. Der deutsche General verließ die
Reichskanzlei. Er selbst erzählte nach dem Kriege: »Ich ging in die Stadt und
kaufte mir einen Baedeker, um festzustellen, wie Norwegen aussieht. Ich hatte
keine Ahnung und mußte ausfindig machen, welches die Häfen waren, wie viele
Einwohner es hatte und was das überhaupt für ein Land war. Von der ganzen
Sache hatte ich keine Ahnung1«.
Mit dem Baedeker — einer anderen glaubwürdigen Darstellung zufolge kaufte
Falkenhorst Baedeker von verschiedenen Ländern, um nicht den Verdacht des
Buchhändlers zu erwecken12 — ging der General in sein Hotel, betrachtete die Land
karten, erwog und bedachte und konnte nachmittags um fünf Uhr einen Plan vor
legen, dessen Grundlage ein gleichzeitiger Überraschungsangriff auf alle wichti
geren Häfen war. Die Grundzüge des Planes waren folgende: Narvik, Trondhijem,
Bergen, Stavanger, Kristiansand und Oslo sollten am frühen Morgen eines künfti
gen Tages besetzt werden. In Oslo würde Falkenhorst unter Vorantritt einer
Militärkapelle zum königlichen Schloß marschieren, um dem König ein Ständchen
zu bringen3. Auf den Flugplätzen von Oslo und Stavanger sollten Luftlandetrup
pen landen. Deutsche Kriegsschiffe mit Truppen an Bord sollten in alle Häfen ein
dringen. Schwere Waffen und Vorräte würden nicht von den bereits überlasteten
Kriegsschiffen mitgenommen werden, sondern sollten, von Kohlen zugedeckt, auf
sieben als Neutrale getarnten Frachtschiffen so vorausgeschickt werden, daß sie
am Vorabend an ihrem Bestimmungsort einträfen: eines in Stavanger, je drei in
Narvik und Trondhijem und ein achtes Schiff, der Tanker »Jan Wellern«, sollte von
»Basis Nord«, einem deutschen Flottenstützpunkt in der Nähe von Murmansk,
nach Narvik geschickt werden. Wenn die Häfen und Flugplätze besetzt worden
waren, konnten in Reserve gehaltene Truppen ins Land gebracht werden.
Es würde eine sehr riskante Operation sein. Alle in Frage stehenden Häfen
waren durch Befestigungen geschützt. Ein großer Teil der Flotte, die der britischen
weit unterlegen war, würde hin und zurück Spießruten laufen. Absolute Geheim
haltung war daher wesentlich. Die Kommandeure der Truppen konnten erst im
letzten Augenblick unterrichtet werden.
Es ist nicht bekannt, ob Hitler ausdrücklich befahl, die Auslandsorganisation
von diesen Plänen genau so wenig zu unterrichten wie Quisling und Hagelin. Tat
sächlich jedoch findet sich in den zahlreichen militärischen Urkunden über Vor
kehrungen oder Ausführung des Planes nicht einmal eine Erwähnung der norwegi
1
Vernehmung v. Falkenhorsts am 24.10.1945. Dän. Pari. Ber. XII (Dok.), S. 284.
2
Bernhard von Lossberg: Im Wehrmachtsführungsstab. Hamburg 1949. S. 60.
3
Aussage Schreibers. Norw. Pari. Ber. Beiheft I, S. 25.
168
schen Nationalsoziafisten oder der in Norwegen lebenden deutschen Parteimitglie
der1. Unter den Papieren von Falkenhorsts Stab fand sich eine Notiz über Quisling:
»Deutschfreund spielt keine Rolle, gilt als Phantast12 «. Falkenhorst glaubte zuver
sichtlich, er werde sich mit dem norwegischen Außenminister Koth einigen können3.
Die ins einzelne gehende Ausarbeitung der Pläne wurde behindert, weil es in
Berlin kein genügendes Material über Norwegen gab. Operative und militärgeo
graphische Studien gab es nicht, über die Verteilung und Stärke der norwegischen
Truppen und Küstenbesfestigungen wußte man nur wenig, und »es gab nicht ein
mal eine brauchbare Landkarte4«. Landkarten und Reiseführer wurden in den
Berliner Buchhandlungen unauffällig erstanden5. Mit Hilfe dieses Materials wur
den bis Ende Februar neue Landkarten hergestellt6. Man muß annehmen, obwohl
keine Beweise vorliegen, daß die Abwehr angewiesen wurde, die Lücken durch
Beobachtung an Ort und Stelle auszufüllen. Diese Bemühungen waren jedoch
nicht sehr erfolgreich. Einige norwegische Küstenbatterien blieben den Deutschen
unbekannt, bei andern wurde die Stärke unterschätzt, und in wieder andern
Fällen rechnete man mit Batterien, die gar nicht vorhanden waren7. Ein Teil dieser
falschen Informationen stammte von Quisling. Als Hitler am 2. April 1940 — teil
weise als Ergebnis von Anzeichen, daß die Alliierten eine Landung vorbereiteten —
den Abend des 8. April als Zeitpunkt festsetzte, zu dem die deutschen Verbände
unter dem Schutz des Neumondes in die norwegischen Fjorde einlaufen sollten, fehl
ten immer noch entscheidend wichtige Informationen. Quisling wurde über Hagelin
eingeladen, sich in Kopenhagen mit Oberst Pieckenbrock, dem Chef der Spionage
abteilung der Abwehr, zu treffen8. Sie trafen sich am 4. April, als die für Narvik be
stimmten Schiffe bereits unterwegs waren. Quislings Antworten auf Pieckenbrocks
präzise Fragen waren »im allgemeinen ausweichend«. Er gab jedoch einige nützliche
Hinweise
auf
»Truppenstärke,
Lage
der
Flugplätze,
Flugbereitschaft
etc.«.
Er
glaubte nicht, daß die Küstenbatterien das Feuer eröffnen würden, ohne sich vorher
mit der Regierung in Verbindung zu setzen9. Hitler sagte später, Quisling habe in
jenem Gespräch von den Batterien in Narvik einen falschen Eindruck vermittelt10.
1
Hubatsch: Besetzung, S. 404—47.
2
Ebenda, S. 158.
3
KTB des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, 22.4.1940. Führer Conferences 1940, S. 41.
4
Hubatsch: Besetzung, S. 35.
5
Schriftliche Aussagen der Generäle v. Brauchitsch, v. Manstein, Halder, Warlimont und
Westphal, 19. 9. 1945. PS-3798.
6
Aussage Admiral Kranckes, 28. 3. 1948. Woermann 25.
7
Hubatsch: Besetzung, S. 35.
8
Rosenberg: Norwegen-Aktion, S. 33. Einzelheiten über die Befestigungen im Oslo-Fjord
erhielten die Deutschen von Hagelin. Anlage 18 zu Rosenberg: Norwegen-Aktion.
9
KTB-Seekriegsleitung, 4. 4. 1940.
10
Adolf Hitler, Libres propos sur la guerre et la paix recueillis sur l’ordre de Martin Bormann.
Paris 1952. S. 298 (9. 2. 1942).
169
Beweise dafür, daß Quisling in letzter Minute der Zeitpunkt der Landung mitgeteilt
worden ist, haben sich nicht gefunden1. Man darf jedoch als sicher annehmen, er
habe mindestens aus den ihm gestellten Fragen schließen können, daß die Stunde
nahe sei, in welcher sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Darin
hatte er recht.
In Narvik, wo einige Leuchtfeuer noch in Betrieb waren, konnte das deutsche
Geschwader nach einem scharfen Gefecht mit einem dort stationierten Kanonen
boot in den Hafen eindringen. Die drei von Deutschland unterwegs befindlichen
Frachter verfehlten alle ihr Ziel. Das gilt übrigens auch für die anderen vier Schiffe,
deren Bestimmungsorte Stavanger und Trondhijem waren. Nur die »Jan Wellern«
traf pünktlich in Narvik ein12 , wo neun andere deutsche Schiffe vor Anker lagen3.
Die Besatzungen dieser Schiffe hatten keine Ahnung, was wirklich vorging, und
eines der Schiffe wurde auf Strand gesetzt, weil die Besatzung überzeugt war, es
kämen britische Kriegsschiffe4.
Der Kampf um die Stadt ging schnell vorüber. Oberst Sundlo, der Kommandant
der Garnison, kapitulierte bald, doch zogen sich einige Truppen kämpfend aus
Narvik zurück. Sundlo wußte nichts von einem bevorstehenden deutschen Angriff.
Nach dem Kriege stellte das Kriegsgericht bei der Untersuchung seines Verhaltens
fest, daß Sundlo zwar unzweifelhaft pronazistisch war, daß es aber keinen Beweis
für bewußte Sabotage der militärischen Vorbereitungen oder für ungenügende
Abwehrbereitschaft gegenüber dem deutschen Angriff gab5.
Im Trondhijem-Fjord waren die Forts um ein Uhr morgens alarmiert worden.
Der deutsche schwere Kreuzer »Hipper« hatte versucht, ungestört zu passieren
und hatte signalisiert: »Habe Befehl der Regierung, nach Trondhijem zu laufen.
Keine feindlichen Absichten.« Der Trick als solcher hatte keinen Erfolg, aber die
norwegischen Batterien wurden durch die deutschen Scheinwerfer geblendet, und
ein Zufallstreffer einer deutschen Granate zerstörte das elektrische Kabel ihrer
eigenen Scheinwerfer. Punkt halb fünf Uhr machten die deutschen Schiffe im
Hafen fest; der Kommandant kapitulierte6.
In Bergen wurde einer der sich nähernden deutschen Kreuzer aufgefordert, seine
1
Straffesak mot Vidkun Abraham Jonssön Quisling. Oslo 1946. S. 373.
2
Hubatsch: Besetzung, S. 130.
3
Jacques Mordal: La Campagne de Norvege. Paris 1949. S. 221.
4
Hubatsch: Besetzung, S. 72.
5
Urteil gegen Sundlo vom 13. 5.1947. Scheidt berichtete am 5. 1. 1940, Quisling habe »eine
weitere Nachricht von Oberst Sundlo« erhalten, worin dieser wiederholt feststellte, »daß er aus
eigenem Antrieb in Narvik alle Vorkehrungen getroffen habe und jetzt nur auf Quislings Befehl
zum Angriff warte«. Doc. Ger. For. Pol., D VIII, S. 627. — Es gibt keine Beweise für die Rich
tigkeit dieser Erklärung, die als weitere Bemühung von Scheidt und Hagelin betrachtet werden
muß, die Bedeutung ihrer Intrigen zu übertreiben. (Mitteilung Magne Skodvins.)
6
Hubatsch: Besetzung, S. 75, 77,— T. K. Derry: The Campaign in Norway. London 1952.
S. 40. Künftig zitiert als: Derry: Norway.
170
Identität mitzuteilen, und erklärte, er sei das britische Kriegsschiff »Cairo«.
Einem vorüberkommenden Zerstörer teilte man auf englisch mit: »Laufen Bergen
zu kurzem Aufenthalt an.« Die Forts eröffneten trotz eines dritten irreführenden
Signals: »Feuer einstellen! Wir sind Freunde!« das Feuer, konnten aber den deut
schen Verband nicht aufhalten. Bergen wurde in den ersten Morgenstunden be
setzt, ehe die Bevölkerung merkte, wie ihr geschah. Einige Stunden später lief ein
deutsches Marinefahrzeug, das als Holzfrachter getarnt war, mit einer Ladung
Minen ein, die von den Deutschen alsbald zum Auslegen eines Minenfeldes be
nutzt wurden1.
In Stavanger wurde der nur von zwei Maschinengewehrnestern verteidigte
Flugplatz rasch von Luftlandetruppen genommen. Der Hafen wurde von der
Landseite aus besetzt12 .
In Kristiansand ging es für die Deutschen beinahe schief. Nebel und die Ports
hinderten den deutschen Verband mehrere Stunden lang am Einlaufen. Als das
um elf Uhr morgens möglich wurde, betrachteten die Norweger irrtümlich die
Flagge des Kreuzers »Karlsruhe« als die französische Kriegsflagge und stellten das
Feuer ein3.
Auch im Oslo-Fjord stießen die Deutschen auf ernste Hindernisse. Die Forts
waren alarmiert worden. Die beiden Außenforts konnten infolge des Nebels nicht
genau zielen. Das Minenfeld, das zwischen ihnen liegen sollte, war tatsächlich
niemals gelegt worden, »teilweise wegen der Hoffnung, daß die britische Flotte
Hilfe bringen würde«. Der Marinestützpunkt hinter den Außenforts wurde von
deutschen Landungstruppen genommen. Um 4.20 Uhr versenkten die Innenforts
den schweren deutschen Kreuzer »Blücher« durch Geschützfeuer, und das Ge
schwader saß in der Palle4.
In der Hauptstadt kannten nur wenige Deutsche die Stunde des Angriffs. Der
deutsche Marineattaché Schreiber und der Luftattaché Spiller waren einige Tage
vorher unterrichtet worden, während Scheidt, dem es erst am 8. April mitgeteilt
werden sollte, sich vorher eingehende Informationen über das Geheimnis zu ver
schaffen gewußt hatte5. Der deutsche Gesandte Bräuer wußte nichts. Wie sein
Kollege Renthe-Fink in Kopenhagen sollte er durch einen besonderen Geheim
kurier über den Angriffsplan und die ihm dabei zugedachte Rolle unterrichtet wer
den. Zu diesem Zweck war Oberstleutnant Pohlmann, einer von General Falken
horsts engsten Mitarbeitern, am 7. April in Zivil nach Oslo geflogen, begleitet von
einem Kurier des Auswärtigen Amtes, der den Briefumschlag mit den Anweisun
1
Ebenda, S. 81/2 bezw. S. 40.
2
Ebenda, S. 83 bezw. S. 40.
3
Ebenda, S. 83/5 bezw. S. 39.
4
Ebenda, S. 87-91 bezw. S. 35/6.
5
Norw. Pari. Ber. Beiheft I, S. 24. Brief Scheidts an Rosenberg, 26. 5. 1940. Anlage 29 zu
Rosenberg: Norwegen-Aktion.
171
gen für Bräuer bei sich hatte1. Pohlmann beriet sich am 8. April mit Schreiber,
welcher der Ansicht war, daß die norwegische Regierung wahrscheinlich keinen
Widerstand leisten werde; Pohlmann war jedoch weniger optimistisch und befahl
dem Luftattaché Spiller, jemanden nach dem Flugplatz Fornebu zu schicken, wo
deutsche Fallschirmjäger am frühen Morgen des 9. April landen sollten. Spiller
gab diesen Auftrag dem Vertreter der Lufthansa in Oslo, der mit der Abwehr in
Verbindung
stand.
Die
deutschen
Fallschirmjäger
konnten
jedoch
infolge
des
Nebels zuerst nicht landen. Als Spiller merkte, daß der Angriff trotzdem statt
finden sollte, kletterte er zusammen mit dem Mann von der Lufthansa über das
Tor zum Flugplatz. Während die norwegischen Soldaten noch überlegten, ob sie
schießen sollten, landeten bereits die ersten deutschen Flugzeuge. Die beiden
Deutschen auf dem Flugplatz konnten jetzt ihre Landsleute in die Stadt führen2.
Dort hatte Pohlmann den deutschen Gesandten Bräuer am 8. April um elf Uhr
abends über die kommenden Ereignisse unterrichtet. »Selten habe ich einen Mann
so überrascht gesehen«, schrieb Pohlmann später3. Bräuer wurde angewiesen, das
deutsche Ultimatum um 4.20 morgens der norwegischen Regierung zu übergeben.
Die Antwort war, wie wir wissen, daß Norwegen den Kampf aufnehmen werde.
Marineattaché Schreiber war um vier Uhr morgens auf seinem Posten im Hafen,
um dort die Deutschen zu treffen. Er hatte einen Gehilfen an Bord eines deutschen
Schiffes als Lotsen den Fjord hinunter geschickt, doch nützte das nichts: das
deutsche Geschwader erschien nicht. Schreiber kehrte in sein Büro zurück. Dort
wurden bereits Pistolen für die Verteidigung des Hauses ausgegeben, doch wurden
sie nicht benötigt. Am Nachmittag trafen die Luftlandetruppen aus Fornebu in
Oslo ein. Schreiber half ihnen »durch Verteilung von Stadtplänen und dergleichen4«.
Am Nachmittag desselben Tages erlebten Bräuer und Pohlmann eine große
Überraschung. Sie hörten, daß Vidkun Quisling einen Staatsstreich durchführe.
Was sollten sie tun? Hierfür hatten sie keine Befehle. »Da trat ein junger Mann
ins Zimmer«, schrieb Pohlmann später, »und stellte sich als SA-Standartenführer
vom Amt Rosenberg vor« — Scheidt!
»Er habe soeben mit Herrn Quisling verhandelt, dieser werde den Posten des Mi
nisterpräsidenten übernehmen und weitere Minister ernennen. Erstaunt blickte ich
zum Gesandten hinüber: >Wer macht denn nun eigentlich deutsche Außenpolitik,
der Reichsaußenminister oder der Reichsleiter Rosenberg?< Der Gesandte zuckt
die Schultern. — >Wie kommen Sie eigentlich hierher? Wann sind Sie eingetroffen?<
Der Standartenführer läßt die Frage unbeantwortet. >Sie sehen, meine Papiere
sind in Ordnung, Herr Oberstleutnant, mein Auftrag ist vom Reichsleiter Rosen
berg unterschrieben, das muß Ihnen genügen<.«
1
Hubatsch: Besetzung, S. 55/6.
2
Mitteilung Skodvins.
3
Hubatsch: Besetzung, S. 157
4
KTB-Schreiber. Führer Conferences 1940, S. 29.
172
»General Engelbrecht ruft an: >Was soll denn das? Im Hotel Continental, wo ich
mein Divisionsstabsquartier einrichte, erscheint ein Herr Quisling mit bewaffneter
Leibgarde und erklärt, er sei jetzt Ministerpräsident und bewohne den dritten Stock.
Ich weiß von dem Mann gar nichts. Kann ich ihn nicht verhaften? * — >Vor einer
Viertelstunde hätte ich Ihnen gesagt, schmeißen Sie den Kerl raus, Herr General,
aber jetzt sitzt ein Beauftragter von Rosenberg nebenan im Zimmer und erklärt
Quisling für dessen Schützling und Mittelsmann. Da können wir nichts machen. Wir
müssen warten, bis der Herr Befehlshaber kommt, vielleicht ist er orientiert*.«
An jenem Nachmittag telefonierte Pohlmann mit General von Falkenhorst in
dessen Hauptquartier in Hamburg. Die Antwort war: Hände weg1! Bräuer warnte
Berlin, kein Norweger sei bereit, mit Quisling zusammenzuarbeiten, und sein Griff
nach der Macht werde den Widerstandswillen ernstlich stärken. Über eine halbe
Stunde kämpfte er am Telefon, doch half es nichts12 . Hitler hatte beschlossen, sich
Quislings zu bedienen, und die Verwirrung in der norwegischen Hauptstadt war so
groß, die Bevölkerung so völlig außerstande, nach der Abreise der Regierung
irgend etwas Geschlossenes zu unternehmen, daß Quisling später am Tage unge
hindert seine erste Proklamation verkünden konnte.
Die Rolle der Auslandsorganisation in dieser ganzen Sache ist nicht völlig klar.
1930 lebten in Norwegen etwa 4500 deutsche Staatsangehörige3. Die Zahl für 1940
kennt man nicht4. Bohle meinte nach dem Kriege, es seien ungefähr nur 80 von
ihnen Mitglieder der Landesgruppe der Auslandsorganisation gewesen5, die nach
dem Januar 1940 von einem gewissen Carl Spanaus geführt wurde6. Während des
Krieges schrieb Spanaus einen Artikel, worin er erklärte, daß vom September 1939
ab »eine große Anzahl von Parteigenossen neue und oftmals gefährliche Aufträge«
erhielten. Nach dem Zwischenfall mit der »Altmark« traf er »in aller Stille orga
nisatorische Vorsorgen«. Als am 8. April bekannt wurde, daß Großbritannien und
Frankreich in norwegischen Territorialgewässern Minen legen würden, warnte er
seine Parteimitglieder, und »jeder bezog seinen Posten«, aber »dabei war noch der
Eindruck vorwiegend, daß der erste Schlag von England kommen würde«. Am
Abend des 8. April erließ Spanaus eine besondere Warnung. Am 9. April wurde er
morgens um drei Uhr auf die Deutsche Gesandtschaft gerufen, wo man ihm sagte :
»Es ist soweit.« Kurz nach vier Uhr ordnete er »höchsten Alarmzustand« an. Ein
Botendienst wurde eingerichtet. Spanaus blieb eine Weile in der Gesandtschaft und
ging dann nach Fornebu, um die Lage zu erkunden. Er kehrte als erster mit der
frohen Botschaft zurück, daß der Flugplatz genommen worden war. Danach sorgte
1
Pohlmanns Bericht in Hubatsch: Besetzung, S. 159.
2
Norw. Pari. Ber. II, S. 270.
3
Paul Lévy: Le Germanisme à l’Etranger. Strasbourg 1933. S. 75.
4
Auskunft des Sentralpasskontoret in Oslo.
5
Aussage Bohles. IMT X, S. 23.
6
Mitteilungsblatt der AO der NSDAP 1940, Nr. 1.
173
er dafür, daß eine Anzahl von Parteimitgliedern als Führer und Dolmetscher
auftraten1.
Was bedeuteten jene »neuen und oftmals gefährlichen Aufträge« und die ver
schiedenen »Alarmstufen« wirklich? Spanaus erwartete offenbar eine Krise und
handelte dementsprechend. Wahrscheinlich ordnete er Spionage an, doch sind Um
fang und Bedeutung solcher Aufträge unbekannt. Es dürfte unwahrscheinlich
sein, daß er und seine Untergebenen wirklich etwas über die deutschen Angriffs
pläne gewußt haben. Die Norweger wissen nichts über eine direkte Unterstützung
der deutschen Operationen am 9. April12 . Quislings Staatsstreich hat Spanaus voll
kommen überrascht. »Alles, alles ist über unseren Köpfen gemacht worden«,
klagte er in einem Telefongespräch mit Berlin am 16. April, das die Schweden in
Stockholm abhörten. Man sollte nicht die Möglichkeit ausschließen, daß Spanaus
sich 1941 durch seinen Artikel vor dem Publikum zur Schau stellen wollte und
deshalb seine militärischen Leistungen übertrieb.
Wir sollten jedoch einsehen, daß mehr vorgekommen sein kann, als aus den jetzt
vorhandenen Urkundenbeweisen hervorgeht. Das Oberkommando der Wehrmacht
hatte politische Gespräche mit Quisling bis Ende März geführt3 —Admiral Canaris hat
die norwegische Hauptstadt um jene Zeit besucht4 — und das einzige, was wir sicher zu
wissen scheinen, ist, daß eine persönliche Begegnung zwischen Canaris und Quisling
nicht stattgefunden hat5. Ebenso wissen wir nichts über die Spionagetätigkeit der
Abwehr, deren Hauptvertreter Berthold Bennecke, der Gehilfe des deutschen Han
delsattaches in Oslo, war. Wir wissen lediglich, daß in den wichtigsten Häfen an der
norwegischen Westküste »erfahrene Beobachter« postiert worden waren, »die in
einem täglichen Kontakt mit der sie führenden Stelle in Deutschland standen« und
dadurch »eine fast lückenlose Erfassung aller Dampfer gewährleistet6 wurde«.
Soweit unmittelbare Aktionen in Frage kamen, hatte die Sabotageabteilung der
Abwehr im März Pläne ausgearbeitet, die den Eisenbahnverkehr von und nach Nar
vik verhindern sollten und die Zerstörung der Kupfer- und Eisengruben durch Ge
heimagenten für den Fall vorsahen, daß die Alliierten in Norwegen landen sollten.
General von Lahousen, der Leiter dieser Abteilung, hatte hierüber am 11. März in
Deutschland mit Hermann Harris Aall verhandelt. Aall hatte ihm nützliche Infor
mationen gegeben und sogar versprochen, er würde Fühlung mit Quisling aufneh
men, um eine Schutzorganisation auszubauen, welche wahrscheinlich aus aktiven
Mitgliedern von Nasjonal Samling bestehen würde7. Es ist nicht sicher, ob diese
1 Die Arbeit des Landeskreises Norwegen der AO der NSDAP im Kriege. In: Jahrbuch der
Auslandsorganisation der NSDAP 1942. I, S. 37—43.
2
Mitteilung Skodvins.
3
Rosenberg: Tagebuch, 9. 4. 1940.
4
Norw. Pari. Ber. Beiheft I, S. 23.
5
Mitteilung v. Lahousens.
6
Leverkühn a.a.O., S. 82.
7
KTB-Abwehr, 11. u. 16. 3. 1940.
174
Schutzorganisation jemals zustande kam. Am 19. März schickte Lahousen einen
Hauptmann der Abwehr zu Aall als dessen Berater. Der Sprengstoff, den die
Saboteure verwenden sollten, lag jedoch drei Wochen später, am Tage der deut
schen Invasion, immer noch in der Deutschen Gesandtschaft in Stockholm1.
Eine norwegische Untersuchung der Frage, ob irgendein führendes Mitglied von
Nasjonal Samling bei der deutschen Invasion eine aktive Rolle gespielt habe, endete
ergebnislos: es gibt keine Beweise dafür, und weder Quisling noch Hagelin oder
Aall haben das Datum der Invasion gekannt12 . Hitler und die Generäle wünschten
ihre Pläne vollständig geheimzuhalten, und das schloß den vollen Einsatz irgend
einer militärischen Fünften Kolonne aus. Gewiß bestand bei Quisling, Spanaus und
ihren Gefolgsleuten genug Bereitschaft, ihr Teil beizutragen3. Man soll aber berück
sichtigen, daß die deutschen Streitkräfte in Narvik, Trondhijem, Bergen und
Stavanger innerhalb weniger Stunden Herren der Lage waren und daß sie in Oslo
trotz des dort herrschenden Chaos’ in einer Lage, die kurze Zeit hindurch vielleicht
kritisch genannt werden konnte, kaum Schwierigkeiten gehabt haben, die Dinge
in der Hand zu behalten. Angesichts der Tatsachen, wie wir sie jetzt kennen, und
unter Berücksichtigung des allzu geringen Mißtrauens der Norweger muß der
Erfolg der deutschen Invasion zweifellos in der Hauptsache der rein militärischen
Seite der deutschen Operationen zugeschrieben werden.
Betrachten wir jetzt die Ansichten, die im April 1940 und später bei Deutsch
lands Gegnern über den deutschen Angriff zu finden waren.
Nichts beweist, daß deutsche Attachés, Konsuln, Handelsreisende, Touristen,
Seeleute oder Wanderer jahrelang gründlich in Norwegen spioniert haben.
Nichts beweist, daß in allen eroberten Häfen deutsche Truppen und Waffen
vor dem Angriff in Verstecke gebracht worden sind; nur der Tanker »Jan Wel
lern« konnte Narvik planmäßig erreichen.
Ebenso hat sich nichts gefunden, was das Gerücht bestätigen konnte, daß eine
große Anzahl von Deutschen als Handlungsreisende und Touristen nach Nor
wegen gingen, um den Angriff zu unterstützen. Daß die deutschen National
sozialisten in Oslo eingeweiht waren, ist nicht sicher und wenig wahrscheinlich.
Die Norweger haben Sabotage durch deutsche oder norwegische Angehörige
einer Fünften Kolonne nicht nachweisen können4. Das Minenfeld im Oslo-Fjord,
1
Ebenda 19. 3. u. 9. 4. 1940.
2
Mitteilung Skodvins.
3
Am 21. 2.1940 berichtete Scheidt, auf seinen Vorschlag »und auf Ersuchen des deutschen
Marineattachés baut Quisling jetzt mit der Hilfe seiner Parteimitglieder an der norwegischen
Küste einen Nachrichtendienst auf... Soweit möglich, wird der Versuch gemacht, an Bord
jedes Schiffes einen Agenten zu haben, der regelmäßig an Quisling berichtet. Dinge, die für uns
von Interesse sind, werden dann von Quisling durch mich dem deutschen Marineattaché mit
geteilt werden.« Doc. Ger. For. Pol., D VIII, S. 797. — Es gibt keine Beweise dafür, daß dieser
Nachrichtendienst geschaffen wurde. (Mitteilung Skodvins.)
4
Mitteilung von Oberst Johannes Schiötz, vormals Leiter der kriegsgeschichtlichen Abtei
lung des norwegischen Generalstabes.
175
dessen
elektrische
Leitungen
angeblich
zerschnitten
worden
waren,
war,
wie
wir wissen, überhaupt nicht gelegt worden. Hambro hat das schon 1940 betont1.
Nicht in einem einzigen Fall ist bewiesen worden, daß das norwegische Militär
brieflich oder telefonisch falsche Befehle erhalten hat12 . Ebensowenig ist erwiesen,
daß in den Kämpfen unmittelbar nach der Landung deutscher Truppen unter
den norwegischen Truppen deutsche Spione in norwegischen Uniformen auf
getreten sind.
Es ist richtig, daß im Mai in Mittel- und Nordnorwegen ein paar heimtückische
Überraschungsangriffe auf norwegische Truppen und auf Objekte, die für ihre
Operationen wichtig waren, von militärischen Abteilungen der Abwehr aus
geführt wurden. Diese verkleideten sich wahrscheinlich in norwegische Uniformen
oder auf andere Weise. Die Deutschen setzten zu diesem Zweck etwa 100 Mann
ein, die zu einer besonderen Einheit gehörten, welche die Abwehr in Deutsch
land ausgebildet hatte3.
Es steht außer Frage, daß es unter den norwegischen Offizieren nicht zu Ver
rat in größerem Umfang gekommen ist. »Kaum ein halbes Dutzend« legten die
Waffen nieder, und selbst in diesen Fällen mag es sich eher um Mißverständnisse
gehandelt haben, die auf Quislings Demobilmachungsbefehl zurückgingen4.
Es ist nicht wahr, daß die deutschen Divisionen aus Wienern bestanden, die
als Kinder nach dem ersten Weltkrieg in Norwegen freundlich aufgenommen
worden waren; fünf der sieben Divisionen waren Deutsche, während die beiden
österreichischen Divisionen aus den bäuerlichen Provinzen Tirol, Kärnten und
Steiermark kamen5. Die Ansicht, die niemand deutlicher als der amerikanische
Journalist Leland Stowe bekundet hat, daß die deutsche Invasion ihren Erfolg
»der Bestechung und dem außergewöhnlichen Einsickern von nazistischen Agen
ten sowie dem Verrat seitens weniger hoher norwegischer Beamter und Offiziere«
verdanke, ist von der Wahrheit weit entfernt. Stowe, der ein guter Reporter und ein
hellsichtiger Gegner des Nationalsozialismus war (ein 1934 erschienenes Buch von
ihm heißt »Nazideutschland bedeutet Krieg«), gab noch vor Ende des Krieges groß
zügig zu, daß seine Berichte aus Stockholm kein wahrheitsgetreues Bild der Lage
gegeben hätten6. Allerdings war seine Darstellung zunächst von vielen Millionen
Lesern verschlungen worden, während sein eigenes Dementi kaum beachtet wurde.
1
Hambro: I saw it happen in Norway, S. 100.
2
Es sind nur zwei »authentische Fälle« bekannt geworden. In dem einen erhielt eine nor
wegische Jagdstaffel telegraphisch Weisung, eine Anzahl deutscher Schiffe am 9. April nicht zu
bombardieren. Sehr wahrscheinlich kam dieser Funkspruch von den deutschen Schiffen selbst.
Im zweiten Fall erhielt der Kommandant des Forts in Bergen Befehl, das Feuer einzustellen.
Die Herkunft dieses Befehls ist unbekannt geblieben. (Mitteilung Schiötz’.)
3
KTB-Abwehr, 13., 24. u. 29. 4.; 1. u. 9. 5.; 17. 6. 1940.
4
Mitteilung Schiötz’.
5
Hubatsch: Besetzung, S. 412/3.
6
Mitteilung Skodvins.
176
XI
HOLLAND, BELGIEN, LUXEMBURG UND FRANKREICH
1. HOLLAND
Als die deutschen Armeen am 10. Mai 1940 in Holland, Belgien, Luxemburg
und Frankreich einfielen, waren fast sechs Monate vergangen, seit Hitler seine
politische und militärische Strategie den Befehlshabern von Heer, Marine und
Luftwaffe in einer geheimen Ansprache dargelegt hatte. Er hatte damals gesagt:
»Ich habe lange gezweifelt, ob ich erst im Osten und dann im Westen losschlagen
sollte. Grundsätzlich habe ich die Wehrmacht nicht aufgestellt, um nicht zu
schlagen. Der Entschluß zum Schlagen war immer in mir... Zwangsläufig wurde
entschieden, daß der Osten zunächst zum Ausfall gebracht wurde1.«
An jenem 23. November 1939 hatte Hitler Polen bereits vernichtet. Seine
Worte verrieten die schrankenlose Angriffslust eines Mannes, der von Anfang
an fest entschlossen war, daß er der Angreifer sein würde; zugleich verrieten sie,
wie lange er geschwankt hatte, wo er anfangen sollte. Soweit man weiß, ist tat
sächlich vor 1938 von den deutschen Stäben kein einziger konkreter Angriffs
plan entworfen worden. Noch 1938 richtete sich Hitlers Interesse am Ausland
ausschließlich auf Österreich und später auf die Tschechoslowakei.
Er hatte jedoch seit den Anfängen seiner politischen Laufbahn die Revanche
an Frankreich für unvermeidlich gehalten. Holland und Belgien tauchten in
seinen Äußerungen erst auf, als der Würfel für den Angriff gegen Polen gefallen
war und er voraussah, daß das Ergebnis ein Konflikt mit Frankreich und Eng
land sein könne. Damals, am 23. Mai 1939, sagte er in einem Gespräch, an wel
chem unter anderen Göring, Raeder, von Brauchitsch und Keitel beteiligt waren,
daß im Kriegsfall Schlüsselstellungen für die Luftwaffe gewaltsam in den Nieder
landen erobert werden müßten.
Gegen Mitte Oktober befahl er die Ausarbeitung eines Angriffsplanes, auf Grund
dessen das deutsche Heer in Holland zunächst nicht die Grebbe-Linie, das heißt
die befestigte Zone in der Mitte des Landes, durchbrechen würde, welche die dicht
bewohnten westlichen Provinzen schützte2. Um die holländischen Linien jen
seits der Maas zu erreichen, erschien es weiter südlich wünschenswert, die Spren
12
1
PS-789, IMT XXVI, S. 330.
2
L-079, IMT XXXVII, S. 550/1; C-062, IMT XXXIV, S. 268/9.
177
gung der Brücken zu verhindern. Hitler meinte, daß seine Generäle nicht genug
Phantasie besäßen, und glaubte, er selbst habe einen guten Plan: eine Anzahl
kühner Freiwilliger sollten in Uniformen der holländischen Militärpolizei oder
Eisenbahn gesteckt werden und dann die Brücken im Überraschungsangriff
nehmen. Admiral Canaris wurde als Chef der Abwehr beauftragt, solche Uniform
muster zu besorgen1. Sein Vertreter in Den Haag mußte das erledigen12 . Dabei
wurde, wie wir im ersten Teil gesehen haben, einer der Transporte schon im No
vember 1939 entdeckt.
Zu jener Zeit spielte Hitler auch mit anderen Gedanken. Außer der Luftlande
division, die bereits an den Kämpfen in Polen teilgenommen hatte, wurde eine
Fallschirmjäger-Division bereitgestellt. Gegen Ende November erwog er, mit ihr
die Insel Walcheren zu besetzen3. Sechs Wochen später wieder ein anderer Plan:
Die Fallschirmjäger würden vielleicht mitten in der Festung Holland in der Nähe
von Amsterdam landen4, doch müßte in diesem Pall das deutsche Heer die GrebbeLinie so schnell wie möglich durchstoßen5. Am 17. Januar 1940 ging Hitler sogar
noch weiter: »Ganz Holland« sollte Ziel des Angriffs werden6. Wieder zwei Wochen
später wußte er noch genauer, was er wollte: Die Fallschirmjäger sollten das
Regierungsviertel in Den Haag besetzen, während gleichzeitig ein Sondergesandter
— hierfür fiel die Wahl auf den beim Militär befindlichen deutschen Diplomaten
Werner Kiewitz — Königin Wilhelmina einen Brief mit der üblichen Mischung
aus Drohungen und Schmeichelei überreichen sollte7.
Am Vorabend der deutschen Offensive mißglückte der Auftrag an Kiewitz.
Der Visumsantrag stieß in der holländischen Gesandtschaft in Berlin wie auch
im Außenministerium in Den Haag auf Mißtrauen, weil Anzeichen für das Bevor
stehen einer deutschen Offensive vorlagen. Kiewitz hatte ursprünglich mit der
Bahn fahren und später auf dem Luftwege reisen sollen. Die holländischen Be
hörden verweigerten die Landeerlaubnis und machten den Deutschen klar, daß
ein unter so seltsamen Begleitumständen angekündigter Gast aufs schärfste beob
achtet werden würde8. Am 9. Mai mußte Kiewitz unverrichteter Dinge zu seiner
Truppe zurückkehren9.
1
Im KTB-Abwehr wird dieser Plan eines Überraschungsangriffs zuerst am 26. 10. 1939
erwähnt.
2
Abshagen a.a.O., S. 238.
3
Brief des OKW an die Oberkommandos des Heeres, der Marine und der Luftwaffe,
28. 11. 1939. C-010, IMT XXXIV, S. 161/2.
4
KTB-Abwehr, 10. 1. 1940.
5
Brief des OKW an OKH, OKM und OKL, 11. 1. 1940. C-072, IMT XXXIV, S. 294/5.
6
Halder: Tagebuch, 17. 1. 1940.
7
Jodl: Tagebuch, 1. 2. 1940. PS-1809, IMT XXVIII, S. 397/8. Im gedruckten Text heißt es
»Kieritz«.
8
Aussage von J. G. de Beus. Holl. Pari. Ber. Ic, S. 628.
9
Vernehmung Werner v. Kiewitz’ durch Fred Rodell. Ebenda Hb, S. 130.
178
Mittlerweile hatten die Stäbe der deutschen Wehrmacht in den ersten Monaten
des Jahres 1940 ihre Pläne ausgearbeitet. Fallschirmjäger und Luftlandetruppen
sollten die drei Flugplätze Valkenburg, Ypenburg und Ockenburg in der Nähe
von Den Haag erobern und von dort aus zum Regierungsviertel marschieren, um
die Königin, die Regierung und das holländische Oberkommando gefangenzu
nehmen. Ausgehend von der Möglichkeit, daß dieser Plan scheitern oder daß
selbst im Erfolgsfalle die holländische Armee weiterkämpfen könnte, wurde eine
Offensive mit starken Kräften eingeleitet. Um ihr den Weg zu bahnen, sollte
eine Abteilung der Abwehr die Brücke über die Yssel bei Arnheim zu nehmen
versuchen, während andere Abteilungen die Brücken über den Maas-Waal-Kanal,
den Juliana-Kanal im südlichen Limburg und über die Maas zwischen Mook und
Maastricht in die Hand zu bekommen versuchen sollten. Um die Brücken bei
Nijmegen zu nehmen, sollten Kähne, in denen eine Infanterie-Kompanie ver
steckt war, zur Stunde des Angriffs in die Nähe der Brücken zu gelangen ver
suchen1. Eine starke Armee, unterstützt von vier Panzerzügen, würde zur Er
öffnung des Angriffes die Brücken überqueren. Die Deutschen würden dann
nördlich der großen Flüsse durch die Grebbe-Linie zu brechen und in einem wei
teren Vorstoß über die Brücken bei Moerdijk, Dordrecht und Rotterdam, Den
Haag vom Süden her zu erreichen versuchen.
Die Sonderabteilungen der Abwehr, welche die Brücken im Grenzgebiet er
obern sollten, zählten zusammen immerhin tausend Mann. Ihre Angehörigen
stammten größtenteils aus Oberschlesien2, doch gab es außerdem zwischen 100
und
200
holländische
Staatsbürger.
Um
diese
zu
gewinnen,
hatten
Abwehr
offiziere in Westdeutschland Verbindung mit Julius Herdtmann aufgenommen,
der von Geburt Reichsdeutscher und 1924 holländischer Staatsbürger geworden
war. Herdtmann war in den dreißiger Jahren nach Deutschland zurückgekehrt
und dort Anführer einer getarnten Nachfolgeorganisation der wichtigsten hollän
dischen Nazipartei geworden. (Nationaalsocialistische Bond van Nederlanders
in Duitsland.) Die meisten Mitglieder waren zwar formell Holländer, aber in
Deutschland geboren und aufgewachsen. Gewöhnliche Mitglieder des NSB, die
in Deutschland Arbeit gesucht hatten, waren jedoch ebenfalls Mitglieder des
Bond; dieser hatte eine Art von SA mit dem Decknamen »Sport und Spiel«.
Für sogenannte Polizeidienste und für den Einsatz als Dolmetscher und Weg
weiser wurden Mitglieder von »Sport und Spiel« mit Herdtmanns Hilfe gewonnen.
In aller Heimlichkeit erhielten sie in vier zwischen dem Rhein und der holländi
schen Grenze gelegenen Lagern militärische Ausbildung. Die Abteilungen, die —
als
Militärpolizei
mit
angeblichen
Kriegsgefangenen,
als Eisenbahnbeamte oder
auch als holländische Soldaten verkleidet — sich über die Grenze schleichen und
1
Halder: Tagebuch, 13. 3. u. 10. 5.1940 sowie weitere Mitteilungen Halders und von General
V. E. Nierstrass von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des holländischen Generalstabes.
2
Mitteilung v. Lahousens.
179
ihre Ziele nehmen sollten, verließen ihre Lager mitten in der Nacht auf den
10. Mai1. Die meisten dieser Überraschungsangriffe schlugen fehl. Der Angriff auf die
Brücke bei Arnheim scheiterte unter anderem deshalb, weil das Abwehrkommando
aus 25 Leuten mit seltsamen holländischen Uniformen und Papphelmen ausge
rüstet war12 . Bei einigen anderen Brücken hatte die Abwehr Erfolg, und besonders
wichtig war die Eroberung der Eisenbahnbrücke bei Gennep. Über diese fuhren
nacheinander ein deutscher Panzerzug und ein Transportzug nach Holland hinein,
die beide zu dem schnellen Zusammenbruch der vordersten Verteidigung bei
trugen. Bei all diesen Angriffen wurden einige holländische Soldaten hinterrücks
erschossen.
Der Versuch, die Brücken bei Nijmegen zu nehmen — die Operation hatte den
Decknamen
»Trojanisches
Pferd«
bekommen
—,
schlug
fehl.
Augenscheinlich
beobachteten die Holländer den Rhein so genau, daß die Deutschen es nicht
wagten, die Kähne mit den darin versteckten Truppen flußabwärts zu schicken3.
Bei den Brücken in Westholland hingegen hatten die Deutschen Erfolg. Bei
Moerdijk
und
Dordrecht
überwältigten
die
Fallschirmjäger
die
Holländer,
die
außerstande waren, die Anlagen zu zerstören. Das holländische Oberkommando
hatte diese Landung von Fallschirmjägern nicht vorausgesehen und wollte außer
dem die Straßen über Moerdijk und Dordrecht für die erwarteten französischen
Hilfstruppen offen halten. Aus diesem Grund waren an der Brücke keine Spreng
ladungen angebracht worden4. Bei Dordrecht warfen die Deutschen Puppen ab,
um dadurch die Verteidiger zu verwirren, was ihnen auch gelang: »Von überall
her liefen falsche Meldungen ein5.«
Ebensolche Störmanöver wurden bei Rotterdam angewendet, wo Puppen an
Fallschirmen in der Nähe der Flugplätze herunterkamen6. Dort wurden die Brücken
über die Maas von einer Kompanie, die in Wasserflugzeugen auf den Fluß nieder
gegangen war, ohne Schwierigkeit genommen. Die Soldaten kletterten bewaffnet
die Ufer hinauf. Die Brücken waren unbewacht.
Wir haben im 1. Teil gesehen, daß der Überraschungsangriff mit Fallschirm
jägern und Luftlandetruppen auf Den Haag fehlschlug. Die Deutschen konnten
zwar die Flugplätze in kurzer Zeit besetzen, infolge schneller Gegenbewegungen
der holländischen Reserven ihre Stellungen jedoch nicht befestigen und schon
gar nicht nach der Residenz marschieren. Der Angriff auf das Herzstück des
1 Prozeß gegen J. Herdtmann und H. Köhler. Nederland in oorlogstijd. Amsterdam 1950.
Nr. 3, S. 22-32.
2 De krijgsverrichtingen ten Oosten van de Yssel en in de Yssellinie, Mei 1940. Den Haag
1952. S. 13.
3
Mitteilungen der Generäle Nierstrass und Halder.
4
Beknopt overzicht van de krijgsverrichtingen der Koninklijke Landmacht 10—19 Mei 1940.
Leyden 1947. S. 29. Künftig zitiert als: Beknopt overzicht.
5
Vernehmung von Oberst M. R. H. Calmeijer. Holl. Pari. Ber. Ic, S. 309.
6
Nierstrass: Rotterdam, S. 20.
180
Landes hatte jedoch für die Deutschen den Vorteil, daß das holländische Ober
kommando außerstande war, starke Reserven in die östlichen Verteidigungs
linien zu werfen. Das Gegenteil geschah: Diese Befestigungen mußten am vierten
Tag der Offensive nach heftigen deutschen Angriffen aufgegeben werden. An
diesem Tage erreichten die ersten deutschen Panzer in Rotterdam das Südufer
der Maas. Am 14. Mai wurde das Zentrum der großen Hafenstadt von der Luft
waffe
bombardiert.
Angesichts
der
Androhung
ähnlicher
Bombardements
in
andern Städten und angesichts der Erkenntnis, daß Hilfe von den Alliierten
nicht zu erwarten war, beschloß General Winkelman, der Oberbefehlshaber der
holländischen Streitkräfte, zu kapitulieren.
Die besser ausgebildete, besser ausgerüstete und besser geführte deutsche
Wehrmacht hatte in einem Feldzug von nur fünf Tagen einen schnellen und
entscheidenden Sieg davongetragen. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß Reichs
deutsche, die in Holland lebten, oder holländische Nationalsozialisten diesen Feld
zug in organisierter Verbindung mit dem Militär oder in nennenswertem Umfang
aktiv unterstützt haben.
Zunächst verdient Beachtung, daß in keinem einzigen der deutschen Doku
mente, die mit der Vorbereitung der Offensive zu tun haben, auch nur in einem
einzigen Satz eine solche Fünfte Kolonne erwähnt wird1. Daß die Deutschen
Abwehrkommandos aus Deutschland entsenden mußten, um die Brücken an der
Grenze zu besetzen, beweist, daß sie an Ort und Stelle über solche Kommandos
nicht verfügten.
Wir erwähnten, daß bei diesen Operationen gegen die Brücken nachgemachte
holländische Uniformen verwendet wurden. Es ist nie bewiesen worden, daß die
Deutschen anderswo als in der Nähe der Grenze holländische Uniformen ver
wendet haben. Nicht in einem einzigen Fall ist einwandfrei festgestellt worden,
daß sie ihre Truppen in den westlichen Landesteilen in holländische, britische,
belgische oder französische Uniformen gekleidet haben. Ebensowenig gibt es
einen verbürgten Fall, in welchem ihre Fallschirmjäger, Luftlandetruppen oder
deren Gehilfen als Bauern, Polizisten, Postboten, Schaffner, Lieferjungen, Priester,
Nonnen, Dienstmädchen oder Krankenschwestern verkleidet operiert haben12 . Au
ßerdem gibt es keine greifbaren Beweise dafür, daß deutsche Fallschirmjäger
anderswo als bei Moerdijk, Dordrecht und Rotterdam sowie bei den drei Flug
plätzen in der Umgebung von Den Haag abgesprungen sind. Möglich ist hin
1 Außer den schon erwähnten Quellen sind zu nennen: 1. Akten des OKH zum »Fall Gelb«
vom 7. 10.-19. 11. 1939. PS-2329, IMT XXX, S. 200-36. 2. Befehle OKW zum »Fall Gelb«
vom 7. 11. 1939-7. 5. 1940. C-072, IMT XXXIV, S. 284-98. 3. Befehl an die Luftwaffe,
17. 11. 1939. TC-058a, IMT XXXIX, S. 61/7. — General Jodl spricht in seinem Tagebuch von
der Möglichkeit, besondere Agenten in Den Haag einzusetzen. (7. 3. 1940., a.a.O., S. 410.)
Keine weiteren Notizen dieser Art stammen von ihm oder von General Halder.
2
Beknopt overzicht, S. XIII. »Notities van lt.-gen. van Voorst tot Voorst over de mobilisatie
1939—40 en de Meidagen 1940« in Holl. Pari. Ber. Ib, S. 107.
181
gegen, daß Vorräte für die vorrückenden deutschen Truppen an andern Stellen
mit Fallschirmen abgeworfen worden sind.
Da fast alle Teile des Landes und zumal die großen Städte wie Amsterdam,
Den Haag und Rotterdam völlig ahnungslos überrascht wurden, glaubte man
dort überall, daß zahlreiche Helfershelfer des Feindes auf die holländischen
Truppen geschossen hätten. Auch hierfür haben sich keine Beweise gefunden.
»Eine kleine Schießerei mag hier oder da vorgekommen sein«, erklärte der Chef
der historischen Abteilung des holländischen Generalstabes nach dem Kriege,
»aber wir haben keine Beweise. Wir kennen keinen nachgewiesenen Pall, daß
irgendwo Soldaten in Häuser eingedrungen wären, wo die Bewohner in flagranti
mit Waffen oder dergleichen angetroffen wurden1.«
Für die ziemlich weit verbreiteten Geschichten von vergiftetem Wasser und
Fleisch und von Deutschen und deren Komplizen, die vergiftete Schokolade und
Zigaretten verteilt haben sollen, hat sich kein Beweis gefunden. Auch gibt es
keine Anzeichen dafür, daß solche Geschichten von feindlichen Agenten spontan
oder in Zusammenarbeit mit der Truppe verbreitet wurden, oder daß planmäßig
Lichtsignale
gegeben
wurden,
oder
daß
»große
Figuren
in
Hakenkreuzform«
verbrannt oder »an besonderen Stellen, die augenscheinlich demnächst von den
Deutschen angegriffen werden sollten«, in den Boden gegraben wurden, wie aus
verschiedenen Teilen des Landes berichtet wurde12 .
Was schließlich die Berichte angeht, daß deutsche Emigranten die deutsche
Offensive unterstützt hätten — solche Berichte führten dazu, daß Zehntausende
von Emigranten in England und Frankreich zum ersten oder zum wiederholten
Male interniert wurden — so läßt sich auch dafür wieder kein Anhalt finden3.
Es steht fest, daß den Deutschen bei ihrem Vorrücken vom Flugplatz Waalhaven südlich von Rotterdam der Weg von dort lebenden Reichsdeutschen gezeigt
wurde4, doch sollte man daraus nicht schließen, daß eine solche Zusammenarbeit
vorher vorbereitet worden war.
Es gibt Beweise dafür, daß sich in Den Haag am 10. Mai noch vor Beginn der
Offensive einige deutsche Agenten aufgehalten haben. Hitlers Absicht ging dahin,
im Augenblick des Beginns seiner Offensive diejenigen auszuschalten, welche
den bewaffneten Widerstand der Holländer zu leiten hatten. Die Königin, Minister
1
Vernehmung Generalmajor D. A. van Hiltens. Ebenda Ic, S. 320.
2
Poort und Hoogvliet: Slagschaduwen over Nederland, S. 283.
3 Die holländische Tages- und Wochenpresse hat diese negativen Ergebnisse beim ersten
Erscheinen dieses Buches Mitte November 1953 im ganzen Lande verbreitet. Die Folge waren
etliche Briefe an den Verfasser, in denen Beispiele dafür angeführt wurden, daß deutsche
Militärpersonen als Priester (Amsterdam) oder in holländischen Uniformen (Den Haag) aufge
treten seien, oder daß vergiftete Schokolade verteilt worden sei (Den Haag). Die Briefschreiber
versicherten, dies sei wirklich geschehen. Bei eingehender Untersuchung erwies sich keiner
dieser Berichte als stichhaltig.
4
Deutsche Schulpost (Rotterdam) Juli 1940.
182
Präsident
De
Geer,
Verteidigungsminister
Dijxhoorn
und der Oberbefehlshaber
von Heer und Marine, General Winkelman, sollten alsbald isoliert und das Haupt
quartier in Den Haag besetzt werden. Der deutsche Spionagedienst versuchte so
genau wie möglich zu ermitteln, wo sich diese Personen und Einrichtungen am Tage
des überraschenden Angriffs vermutlich befinden würden. Die deutschen Verbände,
die auf den Flugplätzen um Den Haag landen würden, sollten kleine Stoßtrupps in
die Wohnungen der Königin, der wichtigsten Minister und des Oberbefehlshabers
und ebenso in die Gebäude entsenden, in denen sich die verschiedenen Haupt
quartiere befanden. Es kam auf schnelles Handeln an. Auch die geringste Ver
zögerung konnte verhängnisvolle Folgen haben. Die Abwehr sorgte also dafür, daß
von Deutschland aus einige Agenten nach Den Haag entsandt wurden, die imstande
sein würden, diese Stoßtrupps unverzüglich an ihre Ziele zu führen. Diese Agenten
sollten Zivilkleidung tragen und als wegkundige Führer dienen1. Sie waren nicht
bewaffnet.
Abgesehen von den jüdischen und sonstigen deutschen Flüchtlingen lebten am
10. Mai 1940 52000 Reichsdeutsche in Holland12 . Nur eine Minderheit von ihnen
stand überhaupt mit nationalsozialistischen Organisationen in Verbindung. Zwei
Monate vor der deutschen Invasion nahmen an 38 Orten 6348 Männer, Frauen
und Kinder an den nationalsozialistischen Eintopfessen teil, für die viel Propaganda
gemacht worden war3. Am 24. Mai 1940 behauptete Bohle, daß er in Holland
3000 Parteigenossen habe4. Die Zahl ist wahrscheinlich zu hoch, aber ungefähr
richtig. Dr. Otto Butting, der die Führung der Reichsdeutschen Gemeinschaft
übernommen hatte, war von der Kampflust seiner relativ kleinen Schar von
Parteigenossen nicht allzu sehr angetan. Im Februar 1938 hatte er sie »größten
teils ängstlich und furchtsam« genannt5.
Angesichts dieser Zahlen schon erscheinen die nach der Invasion vertretenen
Auffassungen, daß »Zehntausende
von
Reichsdeutschen« plötzlich zum Angriff
übergegangen seien und »wie wütende Derwische« auf ihre Gastgeber geschossen
hätten, einigermaßen unwahrscheinlich. Daß Reichsdeutsche, die in Holland lebten,
als Partisanen oder Saboteure aufgetreten seien, ist nicht in einem einzigen Fall
bewiesen worden. Man hat nichts gefunden, was auf einen bewaffneten Widerstand
gegen ihre Internierung schließen läßt. Andererseits ist es fraglos eine Tatsache,
daß die nach Holland einrückenden deutschen Truppen von vielen Reichsdeutschen
herzlich begrüßt wurden, und daß sich unter diesen etliche fanden, die gleich nach
1
Mitteilung General von Lahousens und General Werner Ehrigs, des Stabschefs der bei Den
Haag gelandeten deutschen Division.
2 Angaben des Rijksvreemdelingendienst in Den Haag. Ferner Anlage zum Brief des General
kommissars für Verwaltung und Justiz an verschiedene deutsche Behörden vom 23. 3. 1941.
3
Rechenschaftsbericht über das Kriegswinterhilfswerk 1939/40, 7. 4. 1940.
4
Bericht vom 24. 5.1940 über seine Besprechungen mit Rudolf und Alfred Heß. NG-4314.
5
Aus den Akten des Reichsschatzmeisters der NSDAP Franz Xaver Schwarz geht hervor,
daß am 1. 2.1941 2341 reichsdeutsche Nationalsozialisten in Holland lebten.
183
den Kämpfen ihre Dienste als Dolmetscher oder Führer anboten oder Erfrischungen
reichen wollten1.
Butting war ein eifriger Anhänger der Partei und wurde verzehrt von dem Ver
langen, das nationalsozialistische Deutschland zu vergrößern.
Er verlangte von den führenden örtlichen Funktionären der Reichsdeutschen
Gemeinschaft, daß sie ihm alles mitteilten, was militärische Bedeutung haben
könne. Diese verarbeitete er zu Berichten an Heinz Cohrs, den Verbindungsoffizier
der Abwehr im Büro der Auslandsorganisation. Unter dem Schutz seiner diplo
matischen Immunität brachte er die Berichte über die Grenze nach Cleve und gab
sie dort zur Post. Butting besaß in Cleve einen privaten Briefkasten. SchulzeBernett, der Abwehrvertreter in Den Haag, erhielt von Buttings Berichten nach
Berlin Durchschriften. Einer dieser an Cohrs adressierten Briefumschläge wurde,
wie wir bereits erwähnten, anfangs April in der Nähe von Den Haag auf der Straße
gefunden. Der Inhalt dieses Umschlags läßt vermuten, daß die Zahl der Personen,
die Butting zu Spionagediensten veranlassen konnte, kaum größer als ein paar
Dutzend, vielleicht nicht mehr als zwanzig war.
Unser allgemeiner Eindruck, daß nur eine relativ kleine Zahl der in Holland
lebenden Reichsdeutschen an Spionage oder an Sabotage gegen ihr Gastland be
teiligt war, wird durch das bestätigt, was wir über die Abwehr wissen. Die nor
male Militärspionage gegen die Niederlande wurde von verschiedenen Abwehr
stellen von Westdeutschland aus geleitet. Nach der holländischen Mobilmachung
versuchten die Deutschen, unter den holländischen Staatsangehörigen in Deutsch
land, die zum Militärdienst einrücken mußten, Agenten zu werben. In einigen
Fällen hatten sie Erfolg; daraufhin begannen die holländischen Militärbehörden,
um dieses offenkundige Leck zu verstopfen, in den ersten Monaten des Jahres 1940
alle eingezogenen Männer dieser Kategorie nach Deutschland zurückzuschicken12 .
Die Spitzelberichte über Den Haag und seine Umgebung waren natürlich für
die Luftlandedivision, welche die Stadt erobern sollte, von größter Bedeutung.
Der Nachrichtenoffizier dieser Division bewahrte sie in einer Aktentasche auf,
die den Holländern in die Hände fiel. Man stößt in diesen Berichten auf etliche
Agenten. Die Zahl wird nicht genannt, doch erhält man den Eindruck, daß es
höchstens ein paar Dutzend waren. Außerdem findet man dort reichlich Beweise
dafür, daß ein großer Teil der Spionage von dem deutschen Militärattaché in
Den Haag, von seinem Gehilfen und dem Luftattaché betrieben wurde. Auf
Plänen, wie man sie in jeder Buchhandlung kaufen konnte, kennzeichneten diese
Männer die Häuser der beiden Minister de Geer und Dijxhoorn, den Luftschutz
bunker und die Residenz der Königin in Scheveningen, die wichtigsten Ver
sorgungsanlagen und das militärische Oberkommando. Es ist jedoch nicht ein
1
Brief an den Chef der Auslandsorganisation vom 11.2. 1938.
2
Die Erinnerungen eines dieser Agenten wurden vom 6. 10.—6. 11. 1951 in den »Aachener
Nachrichten« veröffentlicht. Er war u. a. am Uniformschmuggel und an dem Überraschungs
angriff auf eine Brücke in Südostholland beteiligt gewesen.
184
deutig festgestellt worden, daß irgendein Angehöriger der Deutschen Gesandt
schaft Tag und Stunde der deutschen Invasion gekannt hat.
Außerdem ist wichtig, daß die Holländer nicht immer etwas unternahmen,
vielleicht auch nichts unternehmen konnten, um die Deutschen an ihren Er
kundungen zu hindern. Die wichtigsten Befestigungen wurden, weil kein Aus
nahmezustand verhängt war, von »ganzen Gruppen, die manchmal vom Kom
mandeur herumgeführt wurden1«, besichtigt, und »etliche Deutsche« lebten in
der Befestigungszone oder besuchten diese12 . Schließlich unternahmen die Deut
schen über holländischem Gebiet noch bis zum 8. Mai 1940 zahlreiche Auf
klärungsflüge3.
Man kann also in großen Zügen die Ortskenntnis der Deutschen während ihrer
Offensive erklären, ohne zu der Theorie Zuflucht zu nehmen, daß Hunderte von
in Holland lebenden Reichsdeutschen eine spionierende Fünfte Kolonne gebildet
hätten — eine Theorie übrigens, die von den deutschen Originaldokumenten, die
man gefunden hat, nirgends bestätigt wird4.
Was Sabotage durch die Abwehr oder andere deutsche Stellen angeht, so hat
man mit Sicherheit nichts feststellen können. Als man am 7. Mai 1940 entdeckte,
daß eine Schleuse in der Nähe der holländischen Hauptverteidigungslinie zer
stört worden war, dachte man zunächst an Sabotage. Eine Untersuchung durch
Fachleute hat diese Vermutung nicht bestätigt5.
Was die holländischen Nationalsozialisten angeht, so haben wir vorher er
wähnt, daß 100 bis 200 Mitglieder der NSB, die in Deutschland lebten und
größtenteils dort aufgewachsen waren, an den heimtückischen Überraschungs
angriffen auf die Brücken am südlichen Teil der holländischen Grenze teilnahmen.
Als Anton Mussert, der Führer der NSB, später davon erfuhr, war er sehr ver
ärgert und sprach mehrmals von »einer schwarzen Seite in der Geschichte der
Bewegung«. Dieses Maß von Verrat ging ihm zu weit.
1
Holl. Pari. Ber. Ia, S. 25.
2
Ebenda Ib, S. 22.
3
Halder: Tagebuch, 8. 5. 1940.
4
Der oben S. 136 zitierte »zuverlässige Bericht«, den das State Department 1943 veröffentlicht
hat, besteht aus Auszügen eines längeren Berichts. Dieser war von einem amerikanischen Publi
zisten aufgrund von Aussagen Wolfgang v. Putlitz’ verfaßt worden, der Gesandtschaftsrat an
der Deutschen Gesandtschaft in Den Haag gewesen und am 14.9.1939 nach England geflohen
war. In Nürnberg im Zeugenstand konnte Putlitz nur einen nicht näher beschriebenen Fall
nennen, in welchem die Abwehr über Butting militärische Informationen erhalten hatte.
(Militärgerichtshof Nr. IV Fall XI, engl. Protokoll S. 3681) Sein Bericht ist eine Mischung von
Tatsachen und Phantasie. Hinsichtlich der Punkte, die für unsere Untersuchung wichtig sind,
erhält der Leser einen Eindruck, der nicht mit den Tatsachen übereinstimmt. Putlitz, der wie
jeder andere den Kampf in Holland nur in den Zeitungen verfolgt hat, gab dies am 7. 11. 1951
in einem Gespräch mit dem Verfasser zu.
5
Mitteilung General Nierstrass’. Der Untersuchungsausschuß des holländischen Parlaments
bestätigte die Sabotagetheorie aufgrund unzureichenden Materials. Holl. Pari. Ber. Ia, S. 27.
185
Hingegen hoffte der Führer der NSB, daß er nach einer militärischen Ausein
andersetzung in Westeuropa an die Macht kommen werde. Er sah die deutsche
Offensive voraus. Zwei Agenten derjenigen Abteilung der Abwehr, welche die
Verbindung zu unzufriedenen Minderheiten unterhielten, hatten im Januar 1940
bei ihm angefragt, was die NSB tun würde, falls die Deutschen die Grenze über
quert hätten. Mussert hatte erwidert, die NSB würde Holland nicht in den
Rücken fallen1. Das deutete auf die Möglichkeit passiven Verhaltens hin — eine
Möglichkeit, die Mussert in dem berüchtigten Interview Ende April öffentlich
andeutete12 . Privat ging der Führer der NSB weiter. Als ihn in der letzten April
woche ein Doktor Scheuermann als Vertreter der Abwehr besuchte, sagte er,
»er würde am liebsten mit den Waffen an deutscher Seite kämpfen... Bei einem
deutschen Einmarsch in Holland müsse man die Erfahrungen mit Kuusinen und
Quisling berücksichtigen, d. h. die neue Regierung müsse >als Retterin aus der
Not< erscheinen. Er verfügte über eine feste Organisation von 50.000 Mann.3«
Indessen gibt es keinerlei Anzeichen dafür, daß irgendeine amtliche deutsche
Stelle Mussert auf irgendeine Weise in die deutschen militärischen Pläne ein
geweiht hat. Butting hielt ihn für schwach und unentschlossen und nannte die
Mehrzahl der Mitglieder seiner Bewegung »Bürger, die ihre ruhige Bequemlich
keit nicht opfern, da es ihnen wirtschaftlich noch ziemlich gut geht4«.
Rost van Tonningen, Musserts Verbindungsmann zu den Deutschen, war aus
anderm Holze. Seit Mitte der dreißiger Jahre war er ständig mit Himmler in
Verbindung gewesen. Es gibt keinen Beweis dafür, daß er in die militärischen
Pläne der Deutschen verwickelt war. Rost fürchtete, daß eine deutsche Invasion
die Aussichten des Nationalsozialismus in Holland gründlich verderben werde.
Es gibt mehrere ähnlich klingende Äußerungen, welche zeigen, daß er diese
Ansicht Himmler selbst Anfang März 1940 vorgetragen hat5.
Es ist keineswegs undenkbar, daß es in der NSB einige Leute gab, die im Falle
kriegerischer Verwicklungen eine aktivere Rolle spielen wollten, als es Mussert
und Rost van Tonningen wünschenswert erschien. Es gibt einzelne Anzeichen
dafür,
daß
ähnliche
Gestalten
unter
den
extremen
Elementen
der
kleineren
nationalsozialistischen Bewegungen in Holland anzutreffen waren. Das alles
bedeutete jedoch nicht viel. Wie schon festgestellt wurde, haben sich keinerlei
Beweise dafür gefunden, daß holländische Nationalsozialisten in großer Zahl oder
in organisierten Gruppen auf holländische Truppen geschossen haben. Hinsicht
lich der Angehörigen der NSB, die zur Armee einberufen wurden, muß erwähnt
1 Brief Musserts an Generalkommissar Schmidt, 25. 11. 1940. Nederland in Oorlogstijd 1951.
Nr. 3, S. 36/7.
2
Vgl. oben S. 73-74
3
KTB-Abwehr, 9. 5. 1940.
4
Brief Buttings an den Gauleiter der AO, 2. 1. 1939.
5
Mitteilung von Frau E. Fraenkel-Verkade, die im Auftrage des Niederländischen Staats
instituts für Kriegsdokumentation Rost van Tonningens Korrespondenz herausgibt.
186
werden, daß »keine sicheren Angaben dafür bekannt geworden sind, daß Offiziere,
Unteroffiziere und Soldaten in der holländischen Armee Verrat begangen haben1*6.
Abgesehen von »der schwarzen Seite« an der Grenze werden auch in der Literatur
jener Zeit nur wenig Beispiele dafür genannt, daß Mitglieder der NSB den deut
schen Truppen als Wegweiser gedient haben12 .
2. BELGIEN
In den Vorstellungen der Menschen über die große deutsche Offensive in Bel
gien und Frankreich spielte die Fünfte Kolonne eine weniger wichtige Rolle als
in ihren Vorstellungen über die deutschen Operationen in Norwegen und Holland.
In der westlichen Welt galt vor allem Norwegen als das Opfer einer verschlage
nen und sorgfältig vorbereiteten Verschwörung, die den deutschen Truppen die
Tore weit geöffnet habe, so daß sie nur einzumarschieren brauchten. Auch in
Holland habe, meinten die Leute, Verrat, Spionage und Sabotage eine entschei
dende Rolle gespielt. Aus Belgien und Frankreich hingegen klangen zwar die
Nachrichten im Mai und Juni 1940 höchst verworren, doch lag der Akzent nicht
so sehr auf der schwer zu greifenden Fünften Kolonne als auf den militärischen
Operationen im eigentlichen Sinne. Viele Menschen erkannten, daß die Deutschen,
mochten sie auch, wie man glaubte, von Helfershelfern wichtige Unterstützung
bekommen, ihren Sieg dennoch ihrer militärischen Überlegenheit verdankten.
»Die Fünfte Kolonne bestand nur aus wenigen Personen, und ihre Operationen
kamen nicht zur Wirkung«, erklärte die belgische Regierung kurz nach ihrer An
kunft in London3. Schon am 1. Juni 1940 erschien in der Londoner »Times«
ein Aufsatz, dem die Erlebnisse mehrerer belgischer Offiziere zugrunde lagen,
die darin übereinstimmten, daß »die Tätigkeit der Fünften Kolonne im allge
meinen unbeachtlich war«.
Was Frankreich angeht, so fällt auf, daß man in seriösen Arbeiten über die
Kämpfe von 1940 nicht mehr auf die Fünfte Kolonne stößt, die im Mai und Juni
1940 in Presse und Rundfunk täglich erwähnt wurde. Schon am 24. Mai 1940 faßte
ein französischer Stabsoffizier, der dem französischen Kriegskabinett über seine
Eindrücke berichtete und sie zugunsten des schwerhörigen Marschalls Petain
wiederholen mußte, seine Eindrücke in den Satz zusammen: »Herr Marschall, die
deutsche Armee von 1939 hat die französische Armee von 1920 besiegt4.«
In den wichtigsten Arbeiten der Nachkriegszeit über die Kämpfe ist diese
Ansicht immer häufiger vertreten worden. Je mehr das französische Volk über
1
Beknopt overzicht, S. XIV.
2
In Goes. Nie. J. Karhof: Bezet, verzet, ontzet. Goes en omgeving in de bewogen jaren
1940—1944. Goes o. J. S. 20. — Ferner in Workum. Leixner: Lemberg bis Bordeaux, S. 142.
3
Belgie. Officieel overzicht van de gebeurtenissen 1939—1940. S. 29.
4
Jacques Mordal: La bataille de Dunkerque. Paris 1948. S. 102/3.
187
seine Niederlage nachdachte, um so mehr erkannte es, daß diese ihre Wurzeln
in Frankreichs Geschichte im 20. Jahrhundert hatte. Sie war eben das unver
meidliche Ergebnis einer Anzahl allgemeiner Mängel, die sich im gesamten Leben
der Nation eingenistet hatten. Raoul Dautry, der energische Versorgungsminister
im Kabinett Reynaud, erklärte vor der Untersuchungskommission des fran
zösischen Parlaments: »Ich bin überzeugt, daß es nur wenige Franzosen gibt, die
an der Niederlage und dem Waffenstillstand nicht mehr oder minder mitschuldig
sind1.«
Wie Frankreichs Kraft im Innern durch viele Faktoren geschwächt wurde,
und wie die Deutschen, die nach einem kühnen strategischen Plan mit besser
ausgerüsteten Truppen angriffen, in Westeuropa innerhalb von fünf Wochen den
Sieg erringen konnten — das alles wollen wir hier nicht näher behandeln. Es
würde zu weit führen. So einleuchtend es jedoch bereits sein mag, daß die öffent
liche Meinung 1940 und später die Bedeutung der Fünften Kolonne für die
deutsche Offensive in Westeuropa weit überschätzt hat, so fühlen wir uns doch
noch nicht von der Pflicht entbunden, das Beweismaterial für die Vorstellungen
von der Fünften Kolonne, wie sie 1940 in Belgien, Luxemburg und Frankreich
im Schwange waren, eingehend zu untersuchen.
Wir beginnen mit Belgien.
Nach dem ersten Weltkrieg mußte Deutschland die Grenzbezirke von Eupen
und Malmedy an Belgien abtreten, deren Bevölkerung größtenteils deutsch sprach.
In den zwanziger Jahren entstand dort aus verschiedenen Gründen eine prodeutsche
Bewegung, die sich nach Hitlers Machtergreifung »Heimattreue Front« nannte
und bei verschiedenen Wahlen, zuletzt im Sommer 1939, mehr als die Hälfte aller
abgegebenen Stimmen erhielt. In der »Heimattreuen Front« gab es einen Kern
von aktiven jungen Nationalsozialisten. Zur Tarnung hatten diese einen Segelflug
verein gegründet. Mitglieder dieses Vereins desertierten nach dem Ausbruch des
zweiten Weltkrieges nach Deutschland, wo sie von der Abwehr empfangen wurden.
Sie dienten als Wegweiser der deutschen Truppen und bildeten auch eigene Sturm
abteilungen, die stellenweise in heftige Kämpfe gegen die Belgier gerieten. Außer
dem versuchte in Eupen eine Gruppe von etwa 80 deutschen Kriegsteilnehmern
des ersten Weltkrieges, die wichtigsten Amtsgebäude in den Morgenstunden des
10. Mai zu besetzen. Angehörige des Segelflugvereins bemächtigten sich des
Rathauses12 .
1 Les événements survenus en France de 1933 à 1945. Témoignages et documents recueillis
par la Commission d’enquête parlementaire (Künftig zitiert als Franz. Pari. Ber.) Interrogations
VII, S. 2036. Die Veröffentlichungen der französischen Parlamentskommission sind etwas ent
täuschend: zu wenig Untersuchung, zu viel weitschweifige Apologie.
2
Organisations secrètes du pangermanisme et du nazisme dans les cantons rédimés avant le
10 mai 1940 (Auditorat-général, Service central de documentation, doc. Nr. 370). Dieser Bericht
enthält das Protokoll der Untersuchung gegen Dr. Peter Dehottay, Juli-September 1946.
Dehottay war der Sohn von Joseph D., der lange Zeit hindurch Führer der prodeutschen Be
wegung in Eupen und Malmedy gewesen war.
188
Über solche Unternehmungen wird aus andern belgischen Bezirken in der Nähe
von Luxemburg, wo ebenso wie in Eupen und Malmedy eine volksdeutsche
Minderheit lebte, nichts berichtet.
Ebensowenig gibt es zuverlässige Angaben über verräterisches Verhalten von
Nationalsozialisten unter den mehr als 10.000 Reichsdeutschen, die in Belgien
lebten. Nach dem Kriege haben sich keine klaren Hinweise dafür gefunden, daß
sie als Agenten »in hellbraunen Uniformen mit Hakenkreuzknöpfen und Ab
zeichen mit den Buchstaben DAP« operiert hätten, wie die amtliche Beschreibung
lautete. Es ist unwahrscheinlich, daß die Mitglieder einer geheimen Vereinigung,
falls diese existierte, sich so leicht erkennbar gemacht haben sollen.
Nach Beginn der Offensive schickte die Abwehr eine Anzahl von Agenten hinter
die Front der belgischen, französischen und britischen Armeen. Sie waren als
Flüchtlinge verkleidet und mischten sich unter die nach Westen ziehenden
Zivilisten. Im Schutze ihrer Verkleidung führten sie in Kinderwagen und Last
wagen oder unter Matratzen Maschinengewehre bei sich. Es waren insgesamt 100
bis 200 Mann. Sie waren in Gruppen aufgeteilt und sollten Objekte, die für die
deutschen Truppen wichtig waren — große Brücken und den Schelde-Tunnel bei
Antwerpen —, überraschend besetzen und ihre Zerstörung verhindern. In der
letzten Phase des Kampfes in Belgien wurden dieselben Kommandos verwendet,
um die Überschwemmung im Gebiet der Yser zu verhindern1. Mehrere dieser
Operationen waren erfolgreich. Über eine Zusammenarbeit deutscher Fallschirm
jäger mit reichsdeutschen Nationalsozialisten oder Agenten der Abwehr ist Zuver
lässiges nicht bekannt. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß solche als Arbeiter,
Priester, belgische Soldaten, Polizisten oder Frauen verkleidete Fallschirmjäger
mit oder ohne kleine Funkstationen tatsächlich im Hinterland operiert haben.
Hingegen haben sie wirklich nachgemachte Maschinengewehre, die das Geräusch
von Schüssen nachahmten, abgeworfen12 , und der Aussage des deutschen Fall
schirmgenerals Student zufolge wurde auch eine große Zahl von Puppen abge
worfen3. Das geschah besonders in den Ardennen4. Hierdurch wurde der Eindruck
verstärkt, es seien Fallschirmjäger überall und sogar im Schloßpark der Königin
mutter Elisabeth abgesprungen. Dieser Park wurde übrigens gründlich untersucht,
aber nichts Verdächtiges gefunden. Die Posten waren jedoch so nervös, daß einer
einen andern niederschoß, weil er ihn für einen deutschen Fallschirmjäger hielt5.
Hinsichtlich der Möglichkeit einer Zusammenarbeit der Deutschen mit belgi
schen
Faschisten
und
Nationalsozialisten
sollte
man
zunächst
beachten,
1
Mitteilung v. Lahousens. KTB-Abwehr, 31. 5. 1940.
2
Generalleutnant Oscar Michiels: Dix-huit jours de guerre en Belgique. Paris 1947. S. 58.
3
B. H. Liddell Hart: The Other Side of the Hill. London 1951. S. 163.
daß
4
Mitteilung von Oberst R. Lutens von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des belgischen
Generalstabes.
5
Henri de Man: Cavalier seul. Genf 1948. S. 221/2.
189
Léon Degrelles rexistische Bewegung, deren Anhänger sich vor allem im fran
zösischsprechenden Teil Belgiens befanden, mehr zu Mussolini als zu Hitler ten
dierte. Degrelle erhielt aus Rom beträchtliche Hilfsgelder1, was er auch nach dem
Kriege zugab12 . Außerdem trat er im Januar 1940 an den deutschen Botschafter
in Brüssel heran, um eine monatliche Unterstützung von annähernd 13.000
Reichsmark zu bekommen, die es ihm ermöglichen sollte, eine getarnte Abend
zeitung herauszugeben3. Bisher liegen keine Beweise dafür vor, daß seine Bitte
erfüllt wurde. Andererseits unterhielten die Deutschen Verbindung zu flämischen
Nationalsozialisten, was in der Hauptsache eine Frucht der Beziehungen war, die
während der deutschen Besetzung Belgiens im ersten Weltkrieg geknüpft worden
waren. Staf de Clercq, der Führer des »Vlaams Nationaal Verbond« stand ständig
mit Offizieren der Abwehr in Verbindung. Er wurde von ihnen unterstützt (seine
Wochenzeitung erhielt 1939 monatlich 800 Reichsmark aus Berlin)4. Nach Aus
bruch des Krieges schuf er in Verbindung mit der Abwehr in der belgischen
Armee eine Organisation, die defaitistische Propaganda trieb. Ein Teil des
Materials wurde in Deutschland gedruckt. Die erste Lieferung solchen Materials,
die auch schon Ansätze zu Sabotage erhielt, wurde Mitte Januar 1940 von einem
Offizier der Abwehr nach Belgien geschmuggelt und nach Brüssel gebracht5.
Im März und April hatte Staf de Clercq eine Unterhaltung mit Dr. Scheuer
mann, den wir bereits als Besucher der holländischen Nationalsozialisten kennen
gelernt haben6. Die Deutschen waren der Ansicht, die demoralisierende Propa
ganda der sogenannten Regimentsklubs des VNV habe ihre Wirkung getan. Daß
der VNV sich »gewisse Verdienste erworben hat«, wurde in einer amtlichen
deutschen Verlautbarung im Sommer 1940 anerkannt7.
Die entscheidend wichtigen Brücken über den Albert-Kanal gingen nicht,
wie damals behauptet wurde, infolge der Tätigkeit flämischer Nazi verloren,
sondern als Ergebnis des Überraschungsangriffs und eines unglücklichen Zufalls.
Der Offizier, der den Befehl zur Brückensprengung geben mußte, fiel in dem
Augenblick, als die deutschen Segelflugzeuge in der Nähe der Brücken landeten.
Die Boten, die sein Stellvertreter ausschickte, konnten nicht bis zu den Brücken
durchdringen, und die überraschend angegriffenen Wachtposten brachten die
1 Am 8. 9. 1937 schrieb Ciano in sein Tagebuch: »Ich habe beschlossen, den Rexisten noch
mals ihre Unterstützung zu zahlen (250.000 Lire monatlich).« Das waren in der Vorkriegszeit
etwa 37000 RM. Galeazzo Ciano: Journal Politique 1937—1938. Paris 1949. S. 28.
2
Léon Degrelle: La cohue de 1940. Lausanne 1950. S. 34.
3
Telegramm des deutschen Botschafters in Brüssel an Auswärtiges Amt, 1. 2. 1940. Doc.
Ger. For. Pol., D VIII, S. 724/5.
4
ADAP, D V, S. 537, Anm. 1.
5
Mitteilung v. Lahousens und KTB-Abwehr, 10. u. 16. 1. 1940.
6
KTB-Abwehr, 14. u. 17. 3. und 9. 5. 1940.
7
Bericht General v. Falkenhausens, Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich,
an das OKH über die politische Lage in Belgien, 31. 7. 1940. NG-2381.
190
Sprengladungen nicht zur Explosion, da die Deutschen sofort die Leitungsdrähte
zerschnitten hatten. »Es hat keinen Verrat gegeben1.«
Auch gibt es keinen Beweis dafür, daß belgische Bahnbeamte mit den Deut
schen zusammengearbeitet haben. Die Franzosen vermuteten Verrat besonders
angesichts der Unordnung, die am 16. Mai 1940 auf dem Güterbahnhof von
Soignies entstanden war und als deren Folge französische Panzer angeblich nicht
rechtzeitig ausgeladen worden waren. Eine genaue Untersuchung durch die belgi
schen Eisenbahnbehörden ergab, daß der in Frage stehende Schienenabschnitt
am 15. Mai von Bomben getroffen wurde, daß am 16. Mai die Strecke jedoch wie
der in Ordnung war. An eben diesem Tag waren französische Panzer wie gewöhn
lich ausgeladen worden. Von Sabotage war keine Rede12 .
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß König Leopolds Entschluß zu kapitu
lieren, nicht durch Eingreifen der Gestapo veranlaßt worden war, wie im Juni
1940 behauptet wurde. Diese Anschuldigung ist später nicht wiederholt worden.
Was das planmäßige Ausstreuen von Gerüchten angeht, so ist denkbar, daß
Mitglieder des VNV, soweit sie nicht verhaftet worden waren, unter der Zivil
bevölkerung dieselbe defaitistische Propaganda trieben wie früher bei der Truppe.
Schließlich wurde im Mai 1940 behauptet, daß auf der Rückseite der Plakate
für »Pascha«-Cichorie Geheimzeichen zur Unterstützung der deutschen Fall
schirmjäger angebracht worden waren; daß durch das Hin- und Herbewegen von
Vorhängen, durch das Anbringen von Vorhängen von verschiedener Farbe oder
durch Lichtsignale der deutschen Luftwaffe irgendwelche Hinweise gegeben
wurden; daß Helfershelfer des Feindes merkwürdige Pfeile »mit drei Grammo
phonplatten am Ende« auslegten, um den Sitz militärischer Stäbe mitzuteilen,
oder daß sie den Deutschen durch das Inbrandstecken bestimmter Heuschober
oder durch das Ausbreiten von Landkarten oder Papier in bestimmten Mustern
Hinweise gegeben haben.
Es haben sich keine Beweise dafür gefunden, daß diese von Belgiern, Fran
zosen oder Briten mitgeteilten Beobachtungen als Tätigkeit deutscher Agenten
oder Werkzeuge betrachtet werden müßten, die mit den deutschen militärischen
Operationen in Zusammenhang standen. Es ist bezeichnend, daß in der amtlichen
britischen Geschichte des Krieges in Flandern der Ausdruck »Fünfte Kolonne«
überhaupt nicht vorkommt und keinerlei Handlungen erwähnt werden, die 1940
jenen unheimlichen Gruppen feindlicher Agenten zugeschrieben wurden3.
1
Michiels a.a.O., S. 86.
2
Rapport aan de secretaris-generaal van de Nationale Maatschappij der Belgische Spoor
wegen. — Mitteilung von C. Pierard, Pressechef der Belgischen Staatsbahnen.
3
Major L. F. Ellis: The War in France and Flanders 1939—1940. London 1953.
191
3. LUXEMBURG
Für das deutsche Oberkommando war es überragend wichtig, daß das Gebiet
des Großherzogtums Luxemburg schnell durchquert würde: die deutschen Panzer
mußten zwischen Namur und Sedan so schnell wie möglich durch die Ardennen
hindurch an die Maas vorstoßen. Zu diesem Zweck wurden einige Agenten der
Abwehr in Zivilkleidung auf Motorrädern über die Grenze gebracht. Sie hatten die
Aufgabe, Telefonverbindungen außer Betrieb zu setzen und zu verhindern, daß
gewisse Objekte, die für die deutschen Operationen wichtig waren, zerstört wurden.
Ferner sollten sie dafür sorgen, daß das wichtigste Kraftwerk nicht gesprengt wurde1.
Eine luxemburgische Quelle erklärt, diese Agenten seien bei Tage an einem orange
farbenen Taschentuch — solche Taschentücher sind uns schon in Polen begegnet und bei Nacht durch grüne Lichtsignale einer Taschenlampe erkennbar gewesen12 . Es
Hegen Anzeichen dafür vor, daß ähnliche Handlungen, also Störung von Telefonan
schlüssen bei den Grenzposten, Überfälle auf solche Posten und die Verhinderung
von Straßensperren, von anderen Personen als Abwehragenten begangen wurden.
Eine nationalsozialistische Gruppe, die »Luxemburgische Volksjugend«, war
1936 entstanden. Im Januar 1940 erhielt sie aus Deutschland die Aufforderung, sie
möge ihre Propaganda einstellen, »da andere, nicht näher genannte Aufgaben
wichtiger
seien3«.
Es
ist
daher
wahrscheinlich,
daß
einige
deutschfreundliche
Luxemburger in diesen Dingen eine aktive Rolle gespielt haben. Andere traf man
am Morgen des 10. Mai in ihren Häusern an. Sie wurden verhaftet und nach
Frankreich gebracht4.
Die Kämpfe in Luxemburg dauerten nur sehr kurz und waren nicht sehr heftig;
nur 75 Angehörige der luxemburgischen Streitkräfte wurden gefangengenommen,
sechs Polizisten und ein Soldat wurden verwundet und niemand getötet5.
Nur eine Minderheit der in Luxemburg lebenden Reichsdeutschen — 1936 waren
es 17.000 — waren Nationalsozialisten. Über 2000 gehörten der Auslandsorgani
sation und deren Gliederungen an. 3700 machten sich am 29. März 1936 die kleine
Mühe, an den Wahlen in Deutschland teilzunehmen, die Hitler nach der Besetzung
des Rheinlandes angeordnet hatte6.
1
Mitteilung v. Lahousens. KTB-Abwehr, 23. 3. 1940.
2
Paul Weber: Geschichte Luxemburgs im zweiten Weltkrieg. Luxemburg 1946. S. 17.
Weber berichtet, diese Unternehmungen seien von der Gestapo organisiert worden.
3
»Die bisherige Arbeit und die zukünftige Zielsetzung der Luxemburger Volksjugend«.
Teil des Berichts von Prof. R. Csaki vom 12. 7. 1940: »Volkspolitische Grenzfahrt durch die
deutschbesiedelten Teile der besetzten Gebiete im Westen.« Dieser Bericht ist eine Anlage zu
dem Brief der Abwehrstelle Münster an das Amt Ausland-Abwehr vom 7. 8. 1940.
4
Hermann Bickler: Widerstand.
Jungmannschaft. Straßburg 1943. S. 255.
Zehn
Jahre
Volkstumskampf
der
Elsaß-Lothringischen
5
Livre d’or de la résistance luxembourgeoise de 1940—1945. Esch s. Alzette 1952. S. 480.
6
Wir Deutsche in der Welt 1937. Berlin 1936. S. 93/5.
192
Die Berichte, daß ein paar tausend deutsche Agenten als Touristen oder Ange
stellte eines deutschen Zirkus nach Luxemburg eingeschmuggelt worden seien,
haben sich nicht bestätigt, ebensowenig die Behauptungen, daß Frauen vom
Fenster aus auf französische Truppen geschossen oder daß Kinder deutschen
Soldaten Signale gegeben hätten. In Luxemburg ist hierüber nichts bekannt.1
4. FRANKREICH
Wenn wir in Frankreich wiederum mit der Arbeit der Abwehr beginnen, so
müssen wir zugeben, daß uns die Angaben fehlen, die eine angemessene Vorstel
lung von der Aufklärungs- und Spionagetätigkeit geben könnten, die vor und
nach Ausbruch des Krieges in Frankreich stattgefunden hat. Daß diese Tätigkeit
intensiv war, kann man jedoch aus der Tatsache schließen, daß das deutsche
Oberkommando schon im Herbst 1938 der deutschen Luftwaffe die notwendigen
Unterlagen für eventuelle Luftangriffe zur Verfügung stellen konnte. Dieses Mate
rial enthielt genaue Angaben über die in der Nähe von Paris gelegenen franzö
sischen Flugplätze, Ölraffinerien, Munitionsfabriken, Waffenlager, Kraftwerke
und Flugzeugmotorenwerke12 . Die Annahme, daß die Deutschen intensiv spioniert
haben müssen, wird weiter durch die Tatsache gestützt, daß das deutsche Ober
kommando über das französische Mobilmachungssystem völlig unterrichtet war3.
Eine Anzahl von deutschen Spionen wurde verhaftet und verurteilt; die Namen von
etwa dreißig von ihnen wurden von September 1939 bis Juni 1940 in der franzö
sischen Presse veröffentlicht.
In demselben Zeitraum wurde vor und nach Beginn der deutschen Offensive in
Frankreich Sabotage verübt, die von der Abwehr gelenkt wurde. Eine dieser
Operationen hatte die Brandstiftung in den Baumwollspeichern von Marseille zum
Ziel, die in Italien vorbereitet worden war4.
Genau wie in Belgien und Luxemburg waren in Frankreich nach Beginn der
deutschen Offensive kleine Agententrupps der Abwehr in Zivilkleidung durch die
Linien hindurchgeschickt worden. Sie sollten auf eigene Faust ins Hinterland ge
langen oder sich unter die Flüchtlinge mischen, um zu verhindern, daß die Fran
zosen Zerstörungen vornähmen, welche den deutschen Vormarsch hindern könn
ten, oder um Sabotage zu begehen. Aus deutschen Anweisungen, welche die Fran
zosen gefunden haben, geht hervor, daß diese Agenten sich bei Tage durch ein
gelbes Taschentuch und nachts durch ein grünes Licht zu erkennen geben sollten5.
1
Mitteilung von Prof. Paul Weber in Luxemburg.
2
Brief des Generalstabes an den Chef des Luftwaffe-Führungsstabes, 25. 8. 1938. PS-375,
IMT XXV, S. 386/7.
3
13
Peter Bor: Gespräche mit Halder. Wiesbaden 1950. S. 144.
4
KTB-Abwehr, 29. 3. 1940.
5
Le Temps, 6. 6. 1940.
193
Außerdem warf die Abwehr eine kleine Zahl von Agenten mit Fallschirmen ab.
Diese waren mit Mitteln zur Brandstiftung ausgerüstet1.
Ferner muß erwähnt werden, daß die Abwehr in Frankreich mit einer kleinen
Gruppe bretonischer Nationalisten Fühlung hatte, die schon seit Anfang der zwan
ziger Jahre gegen die französische Regierung Widerstand leisteten. Diese Bretonen
waren für den deutschen Nachrichtendienst deshalb wichtig, weil viele Angehörige
der französischen Marine aus bretonischen Fischerdörfern stammten. Die Ergeb
nisse waren jedoch enttäuschend12 . Es gibt keinen Beweis dafür, daß diese extremen
Elemente während der deutschen Offensive irgendwie tätig geworden sind.
Das gilt auch für die deutschfreundlichen Autonomisten im Elsaß, die seit
Versailles mit Deutschland Fühlung gehabt hatten. Als sich der aggressive Charak
ter des Nationalsozialismus deutlich abzeichnete, schmolz ihre Bewegung zu einer
Sekte von Fanatikern zusammen. Schon im April und Mai 1939 begannen die Fran
zosen damit, die Anführer der Autonomiebewegung zu verhaften. Nach Kriegs
ausbruch folgten weitere 300 Verhaftungen3. Irgendeine nennenswerte Unter
stützung der deutschen Truppen durch die elsässischen Autonomisten ist nicht zu
tage gekommen. Dabei sollte man auch bedenken, daß ein großer Teil der elsässi
schen Bevölkerung im Herbst 1939 evakuiert worden war, und daß die Deutschen
das Land erst besetzten, als der Kampf bereits entschieden war. In jener letzten
Phase kurz vor der Entscheidung waren Personen, die der Deutschfreundlichkeit
verdächtigt wurden, verhaftet und ins Innere Frankreichs transportiert worden.
Dasselbe Schicksal erlitten einige unschuldige Menschen. Es mag sein, daß in
einzelnen Fällen Autonomisten, die sich noch in Freiheit befanden, deutschen
Truppen den Weg gezeigt haben. Ein solcher Fall wird aus Colmar berichtet4.
Dort schien die deutsche Sicherheitspolizei auch eine Liste mit den Adressen der
angesehensten jüdischen Familien zu besitzen5. Die Abwehr hatte freundschaft
liche Beziehungen zu gewissen Autonomisten unterhalten, doch sind Einzelheiten
nicht bekannt6.
Hiervon abgesehen, weiß man nichts Genaues über die Tätigkeit der deutschen
militärischen Fünften Kolonne in Frankreich. Die dort lebenden Reichsdeutschen
hatten gar keine Möglichkeit, eine schädliche Tätigkeit zu entfalten. Wer am Vor
abend des Krieges der Aufforderung der Reichsregierung, Frankreich so schnell
wie möglich zu verlassen, nicht Folge geleistet hatte, wurde interniert. Die Ge
samtzahl der Reichsdeutschen ist nicht bekannt. 1931 waren es etwa 30.000, doch
1
Ebenda, 25. 5. 1940. Durch v. Lahousen bestätigt.
2
Mitteilung v. Lahousens. Daß es im April 1940 in Brest deutsche Agenten gab, erhellt
aus den »Meldungen der Wehrmacht über die Lage am 13. 4. abends«. Hubatsch: Besetzung
S. 284/5.
3
M. J. Bopp: L’Alsace sous l’occupation allemande 1940—45. Le Puy 1946. S. 42.
4
Ebenda, S. 47.
5
Ebenda, S. 50.
6
KTB-Abwehr, 4., 5., 17. 7. u. 30. 8. 1940.
194
ging die Zahl später zurück1. 1937 gehörten in ganz Frankreich knapp 3000 Per
sonen der »Deutschen Gemeinschaft« an, welche die Auslandsorganisation der
NSDAP für diejenigen Deutschen geschaffen hatte, die eine gewisse Verbindung
mit dem Dritten Reich aufrechterhielten12 . In demselben Jahr nahmen in Paris,
wo mehr als die Hälfte aller Reichsdeutschen lebte, etwa 130 Personen (Männer,
Frauen und Künder) an dem demonstrativen Eintopfessen teil3. Über eine Be
teiligung deutscher und österreichischer Flüchtlinge an der Tätigkeit einer Fünften
Kolonne ist nichts bekannt geworden.
Der im Mai 1940 entstandene Eindruck, daß der Verlust der wichtigsten Brücken
über die Maas zwischen Sedan und Namur auf den Verrat einer Fünften Kolonne
in der französischen Armee zurückzuführen sei, ist unzutreffend. Doumenc zu
folge, der die Geschichte der französischen IX. Armee geschrieben hat, sind alle
Brücken über die Maas rechtzeitig gesprengt worden4. Nördlich von Dinant konn
ten die Deutschen das Westufer über ein Wehr erreichen5. Überall sonst mußten
sie den Fluß in gewöhnlichen Fahrzeugen oder Gummibooten, auf Flößen oder
schwimmend überqueren6. Nach dem Kriege gab Reynaud offen zu, daß er General
Corap, den Kommandierenden General der IX. Armee, versehentlich im Zusammen
hang mit dem Bericht genannt hatte, daß die Brücken nicht zerstört worden seien7.
Schon 1940 hatte eine amtliche französische Untersuchung ergeben, daß Corap
nichts vorzuwerfen war8.
Nirgends hat sich gezeigt, daß die Fünfte Kolonne falsche Befehle ausgegeben
hat. Die Menschen brachten solche Befehle vor allem mit der überstürzten Evaku
ierung großer Teile der französischen Zivilbevölkerung in Verbindung. Tatsäch
lich haben die französischen Militär- und Zivilbehörden diese Evakuierung ange
ordnet. Sie wollten der nordfranzösischen Bevölkerung eine Wiederholung der
Leiden ersparen, welche diese während der deutschen Besetzung von 1914—18
erduldet hatte. Die Räumung eines beträchtlichen Teils dieses Gebietes wurde vom
französischen Oberkommando am Abend des 10. Mai 1940 angeordnet9. Nicht in
einem einzigen Fall haben wir Beweise dafür, daß die Flucht der Bevölkerung
durch falsche, von feindlichen Agenten verbreitete Befehle veranlaßt worden ist.
Eine gründliche Untersuchung nach dem Kriege hat lediglich ans Tageslicht ge
1
HWB II, S. 551.
2
Ebenda, S. 552.
3
Deutsche Zeitung in Frankreich (Paris), 15. 4. 1937.
4
A. Doumenc: Ilistoire de la neuvième armée. Grenoble 1945. S. 60.
5
Ebenda, S. 83.
6
Ebenda, S. 99, 102/3, 116.
7
Reynaud: La France a sauvé l’Europe. Paris 1947. II, S. 80.
8
Aussagen von General Georges. Franz. Pari. Ber. III, S. 717; von General Lacaille, ebenda
IV, S. 937/8; von General Véron. Ebenda V, S. 1289/90, 1293/4 und 1307.
9
M. Lerecouvreux: Huit mois d’attente, un mois de guerre. Paris 1946. S. 144.
195
bracht, daß in einem einzigen mittelfranzösischen Ort, Chaumont an der Loire, ein
Friseur, der die Bevölkerung mehrmals zur Flucht drängte, mit den Deutschen
tatsächlich
unmittelbar
nach
ihrem
Eintreffen
Verbindung
aufgenommen
hat1.
Vielleicht hat es auch noch andere Leute gegeben, die aus eigener Initiative oder
in Ausführung eines deutschen Planes die allgemeine Verwirrung zu vergrößern
versucht haben; Beweise dafür haben wir jedoch nicht12 .
Schließlich hatte man damals geglaubt, daß während des Feldzuges eine große
Zahl von Verrätern im Hinterland den Deutschen geholfen habe; daß feindliche
Agenten, die bereits in Frankreich waren oder als belgische Flüchtlinge einge
schmuggelt worden waren, den Deutschen an die Hand gegangen seien, und zwar
vornehmlich als Priester, Mönche oder Nonnen verkleidet; daß sie auf franzö
sische Truppen geschossen, umherspioniert, absichtlich alarmierende Gerüchte
verbreitet, der deutschen Luftwaffe Signale gegeben — die »Morsezeichen über
ganz Paris«, die ein englischer Romanschriftsteller bemerkt hatte — oder vergiftete
Süßigkeiten verteilt hätten.
Für keine dieser Vorstellungen haben sich irgendwelche Beweise gefunden. In
der französischen militärischen Literatur über die Kämpfe von 1940 wird nicht
ein einziger wirklich überzeugender Fall von Tätigkeit einer Fünften Kolonne
dieser Art beschrieben. Es ist typisch, daß diejenigen Offiziere, welche sich aus
der alles durchdringenden Atmosphäre der Panik heraushielten, nichts Verdäch
tiges bemerkt haben. Der ruhige Cheynel, der in seinem Tagebuch den Rückzug
seiner Einheit nach Mittelfrankreich beschreibt, hat selbst von der Fünften Kolonne
nur das eine bemerkt, daß er und seine Leute in der Gegend von Nancy von einem
Verrückten, den er sofort verhaften ließ, als Angehörige der Fünften Kolonne be
schimpft wurden3.
1 Prof. Jean Vidalenc: L’Exode de 1940. Méthodes et premiers résultats d’une enquête.
In: Revue d’histoire de la deuxième guerre mondiale. Paris Juni 1951. 1,3 S. 51—55. Durch
Mitteilungen des Verfassers ergänzt.
2
Mitteilung von Vidalenc.
3
Henri Cheynel: Carnet de route d’un médecin de l’avant. Paris 1946. S. 133.
196
XII
ENGLAND UND AMERIKA
1. ENGLAND
Soweit die Urkunden über die deutschen Pläne für eine Landung in England
bekanntgeworden sind, gibt keine zu der Vermutung Anlaß, daß Hitler dort eine
größere Zahl von Menschen anzutreffen glaubte, die ihm behilflich sein würden.
Am 21. Juli 1940 sagte er: »Wir können nicht darauf rechnen, daß uns in England
irgendwelche Vorräte zur Verfügung stehen werden1«. Es ist bezeichnend, daß
er in den Wochen, in denen er ernstlich an eine Invasion in England dachte, keiner
lei Vorstellung davon hatte, was er mit seinen Fallschirmjägern und Landungs
truppen machen sollte, die schließlich, wenn es eine Fünfte Kolonne gab, mit
dieser hätten Zusammenarbeiten müssen. Am 16. Juli und am 26. August bat er
zweimal die Wehrmachtsteile um Vorschläge, wie diese Sondereinheiten operieren
sollten12 . Ob solche Vorschläge gemacht wurden, ist nicht bekannt.
Selbst falls der große Angriff auf England nicht stattfinden würde, hatten die
deutschen Militärs vor dem Kriege sich doch große Mühe gegeben, um Nachrichten
über das Inselland zu sammeln, die ihnen im Falle eines Konflikts zustatten kom
men sollten. Im August 1938 waren über die meisten britischen Flugplätze, soweit
sie den Deutschen bekannt waren, Kartenskizzen angefertigt worden; auch hatte
der deutsche Generalstab Pläne sowie Luft- und Bodenfotografien von Häfen,
Dockanlagen, Lagerhäusern und Öltanks in der Nähe von London und Hull ge
sammelt. Man rechnete damals damit, daß die ganzen Bezirke von London und
Hull noch vor Ende September 1938 kartographisch erfaßt sein würden3.
Die Sammlung von Einzelheiten ging weiter. Im Juni 1939 wurde die Reichs
regierung aufgefordert, ihren Generalkonsul in Liverpool abzuberufen; er war als
Mittelsmann für deutsche Spionage aufgetreten, die ein Munitionsarbeiter be
trieben hatte, der mit einer deutschen Köchin in Manchester Verbindung aufge
nommen hatte. Ferner wurden noch vor dem Kriege drei Arbeiter in dem großen
Arsenal von Woolwich verurteilt, weil sie den Deutschen Mitteilungen gemacht
1
Führer Conferences 1940, S. 72.
2
Ebenda, S. 68 u. 86.
3
Brief vom Generalstab des Heeres an Luftwaffe-Führungsstab, 25. 8. 1938. PS-375, IMT
XXV, S. 387/8.
197
hatten. Man darf annehmen, daß andere Spitzel in Freiheit blieben. Als der große
Kampf begann, besaßen die britischen Sicherheitsbehörden eine Adressenliste von
350 Personen, die als verdächtig galten. Soweit sie noch in England waren, wurden
sie alle in den ersten Septembertagen interniert1.
Es gibt keine Anzeichen dafür, daß die deutsche Spionage sich vor Kriegsaus
bruch in größerem Umfang deutscher Touristen, der Besucher von Jugendherbergen
oder der Hausangestellten bedient hat. Es ist denkbar, daß sie in einzelnen Fällen
tatsächlich mit Hilfe solcher Personen Material zu sammeln versucht hat; nähere
Beweise fehlen jedoch, und die Schriftsteller, die insoweit verschwenderisch mit
Anklagen umgehen, widersprechen sich12 .
Aus den verfügbaren Angaben, die allerdings unvollständig sind, gewinnt man
nicht den Eindruck, daß die deutsche Spionage während des Krieges in England
großen Umfang gehabt hat. Soviel man weiß, war an dem größten Erfolg der Ab
wehr die Tätigkeit des amerikanischen Beamten Tyler Kent beteiligt. Dieser
Mann war ein fanatischer Faschist, der als Mitglied der amerikanischen Botschaft
in London vom Herbst 1939 bis zu seiner Verhaftung am 18. Mai 1940 der Abwehr
über die italienische Botschaft nicht weniger als 1500 chiffrierte Mitteilungen auf
Mikrofilmen zuspielte. Darunter befanden sich Noten, die Whitehall und Washing
ton ausgetauscht hatten, und Berichte des amerikanischen Botschafters Kennedy3.
Im übrigen war bis zum Ende des Krieges »die Zahl der deutschen Agenten in
Großbritannien klein, ihre Mitteilungen unzuverlässig und zudem wurden die
meisten ihrer Verbindungen überwacht4«. Auf verschiedenen Wegen wurden
Agenten nach England hineingeschmuggelt. 18 von ihnen wurden, größtenteils
sehr bald, verhaftet und gehängt5. In den Dokumenten, die über die Vorbereitun
gen für eine deutsche Landung veröffentlicht worden sind, findet man nur einen
einzigen Fall von Spionage mit den teilweise unzutreffenden Beobachtungen
»eines Geheimagenten6«. Die Qualität der Mitteilungen eines andern Agenten, die
Goebbels im September 1940 erreichten, war nicht besser. Diesem Mann zufolge
1
F. Lafitte: The Internment of Aliens. London 1940. S. 65.
2
Nach Kriegsausbruch wurde eine gewisse Mrs. Ingram verhaftet, eine deutschbürtige
Frau, die seit 1922 in England lebte und Sir Oswald Mosley glühend bewunderte. Sie hatte die
Absicht, den deutschen Truppen zu helfen. Sie war als Haushälterin bei einem Marineoffizier
beschäftigt. Diese impulsive Dame erzählte jedem, der es hören wollte, die Juden hätten den
Krieg angefangen und Churchill sei für England ein Unglück. Siehe bei E. H. Cookridge:
Secrets of the British Secret Service. S. 84.
3
Ebenda, S. 122-5.
4
Ian Colvin: Chief of Intelligence. London 1951. S. 75.
5
Cookridge a.a.O., S. 104.'
6
Führer Conferences 1940, S. 89. — Ciano schrieb am 11. 9. 1940 in sein Tagebuch: »Es
erscheint unglaublich, doch haben wir in Großbritannien nicht einen einzigen Informanten. Die
Deutschen hingegen haben viele. In London selbst befindet sich ein deutscher Agent, der bis
zu neunundzwanzigmal am Tage Funksprüche übermittelt. Das erklärt jedenfalls Admiral
Canaris.« Ciano: Tagebücher, S. 291.
198
herrschte in London eine solche Aufregung, daß adelige Damen ihre Bedürfnisse
im Hyde-Park verrichten mußten1.
Einige der hier erwähnten Agenten, die alle von der Abwehr ausgeschickt wur
den, hatten auch Aufträge zu Sabotageakten. Übrigens versuchten nicht nur
Deutsche, nach England zu gelangen. Im Herbst 1940 wurde ein spanischer Falangist
ausgebildet, der über Irland eingesetzt werden sollte12 , und kurze Zeit später ver
suchte ein Fischdampfer mit drei kubanischen Agenten an Bord, von Brest aus
England zu erreichen3.
Die Bemühungen der Abwehr richteten sich besonders darauf, die Aktivisten
nationalistischer Bewegungen anzuspornen, die sich gegen die britische Regierung
auflehnten. Im Frühling 1940 stellte sich eine Gruppe walisischer Nationalisten für
solche Störarbeit zur Verfügung. Sechs Monate später (am 14. November) stellte
man in Berlin »rege Tätigkeit im Sinne der von Abwehr II gestellten Aufgaben«
fest4. Die Abwehr versuchte auch mit schottischen Nationalisten Fühlung aufzu
nehmen, doch ist über den Erfolg nichts bekannt5. Hingegen hatten die Deut
schen Erfolg bei der Fühlungnahme mit Führern und Angehörigen der Irischen
Republikanischen Armee. Einige von diesen hatten in der Zeit vor Ausbruch des
Krieges Bombenanschläge verübt. Im Januar 1940 ereignete sich in einem elek
trischen Kraftwerk in Lancashire eine Explosion. Es handelte sich um Sabotage,
die, wie man in Berlin feststellte, »auf die mit derartigen Aufträgen betrauten
irischen Aktivisten zurückzuführen« war6. Ein Jahr später erfuhr die Abwehr über
Spanien, daß Angehörige der IRA einen Munitionszug in der Grafschaft Leicester
in die Luft gesprengt hatten7.
1940 gab sich die Abwehr große Mühe, um die Tätigkeit der IRA in Eire zu
steigern. Dort mußten die irischen Agenten rekrutiert werden, die in England und
Nordirland operieren sollten. Die Beziehungen, die Berlin zu den irischen Extre
misten unterhielt, rissen kurz nach Kriegsausbruch ab, wurden jedoch im Oktober
1939 wiederhergestellt8. Die Deutschen ließen den Extremisten aus Amerika einen
Rundfunksender schicken. Als diese nach einiger Zeit anfingen, den Sender für
Propaganda zu benutzen, wurde er bald ermittelt und beschlagnahmt9. Im Kriegs
tagebuch der Abwehr wird ein gewisser Jim O’Donovan als Führer dieser Extre
misten genannt. Anfang Mai schickten die Deutschen Leutnant Goertz als Ver
1
Wilfred von Oven: Mit Goebbels bis zum Ende. Buenos Aires 1950. II, S. 43.
2
KTB-Abwehr, 11. 9. 1940.
3
Ebenda, 6. 11. 1940.
4
Ebenda, 17. 2., 27. 4., 15. 8., 11. u. 14. 11. 1940.
5
Ebenda, 11. 11. 1940.
6
Ebenda, 27. 1. 1940.
7
Ebenda, 7. 1. 1941.
8
Ebenda, 30. 3. und 20. 4. 1940.
9
Ebenda, 4. 2. 1940.
199
bindungsoffizier, der einen neuen Sender und Geld mitbrachte. Das alles wurde von
der irischen Polizei sehr bald in dem Hause seines Gastgebers entdeckt1. Mitte
Januar berichtete Leutnant Goertz, seine Arbeit gehe gut voran, bat aber dringend
um mehr Hilfe12 . Einige Zeit später führten die Schwierigkeiten, auf die er stieß,
zu einem Nervenzusammenbruch, und bald darauf wurde er verhaftet3.
Inzwischen hatte sich die Abwehr energisch darum bemüht, ihre Zusammenar
beit mit Irland zu verbessern. Im Januar 1940 schlug Sean Russell, Adjudant des
früheren Führers der IRA (er war nach Amerika geflohen), über das deutsche
Konsulat in Genua der Abwehr vor, sie solle ihn nach Deutschland bringen, damit
er sich dort auf seine Tätigkeit in Irland vorbereiten könne. Russell hatte einen
Steward auf einem amerikanischen Schiff als Mittelsmann benützt. Die Abwehr
akzeptierte diesen Vorschlag, Russell wurde entsprechend unterrichtet und konnte
gegen Ende April als blinder Passagier nach Genua gelangen. In Berlin erhielt er
eine Notausbildung als Saboteur4. Es war geplant, daß er in einem U-Boot an die
irische Küste gebracht und dabei von Frank Ryan begleitet werden sollte. Dieser,
ebenfalls ein irischer Extremist, war schon seit einiger Zeit als Agent der Abwehr
tätig gewesen5. Sie sollten einige Begleiter erhalten, die sie unter den irischen Kriegs
gefangenen des britischen Expeditionskorps gefunden hatten, und ferner mit einem
Sender und Sabotagematerial ausgerüstet werden. Russell sollte keine bestimmten
Aufträge erhalten, sondern selbst entscheiden, was er am besten tun könne. Er
sollte jedoch vor allem versuchen, seine Aktionen mit einer eventuellen deutschen
Invasion in England abzustimmen. Wenn es dazu käme, sollte er im letzten Augen
blick »durch ein noch zu verabredendes Zeichen (z. B. roter Blumenstock in einem
bestimmten Fenster der Deutschen Gesandtschaft in Dublin)« unterrichtet werden.
Russells Unternehmen wurde vom Auswärtigen Amt finanziert, welches die Ab
wehr zu einer Einrichtung zu machen hoffte, die nur noch auf technische Hilfe
leistung beschränkt sein würde. Am 8. August 1940 ging ein U-Boot mit Russell
und Ryan in See. Das Unternehmen scheiterte kläglich. Noch ehe sie Irland erreich
ten, starb Ryan an einem Herzanfall, und daraufhin wurde das Unternehmen
abgeblasen6.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Deutschen außerdem Anschläge auf das
Leben Churchills, General de Gaulles und Präsident Beneschs planten, doch sind
dafür niemals eingehende Beweise veröffentlicht worden7.
1
Ebenda, 25. 5. 1940.
2
Ebenda, 13. 1. 1941.
3
Leverkühn a.a.O., S. 86.
4
KTB-Abwehr, 30. 1., 22. 2., 19. u. 30. 3., 26. 4., 1. u. 20. 5. 1940.
5
Ebenda, 13. u. 17. 7. 1940. Dazu Aussage von Kurt Haller in: Militärgerichtshof Nr. IV
Fall XI, engl. Protokoll, S. 20 u. 442/3.
6
KTB-Abwehr, 23. u. 25. 5., 3. 8. u. 15. 8. 1940. — Abshagen a.a.O., S. 275/8.
7
Cookridge a.a.O., S. 185.
200
Über das wirkliche Ausmaß der hier skizzierten Operationen — die Arbeit deut
scher Agenten und von Extremisten aus Wales, Schottland und Irland — gibt es
keine sicheren Nachrichten. Zudem endet unsere wichtigste Quelle, das Kriegs
tagebuch von Abwehr II, leider im April 1941. Aus dem vorhandenen Material
gewinnt man den Eindruck, daß bis zu diesem Zeitpunkt nur die Tätigkeit relativ
kleiner Gruppen von Fanatikern erwähnt worden ist. Im Jahre 1940 galten jedoch
in England drei große Gruppen als mögliche oder wirkliche Fünfte Kolonnen: die
Reichsdeutschen, die deutschen Emigranten und die britischen Faschisten. Wir
müssen die Tätigkeit und die Gesinnung dieser Gruppen etwas genauer schildern.
Über den Einfluß der Auslandsorganisation der NSDAP auf die Reichsdeut
schen sind keine Zahlen veröffentlicht worden. 1931 gab es in England, Schottland
und Wales 15 500 Reichsdeutsche, von denen fast zwei Drittel in London lebten1.
1934 gaben die Deutschen zu, daß die meisten Reichsdeutschen, die lange in Eng
land gelebt hatten, mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben wollten12 .
Berücksichtigen wir die allgemeinen Verhältnisse in Westeuropa, so dürfen wir
wohl annehmen, daß die Zahl der Reichsdeutschen, die etwas mit der Auslands
organisation und deren Gliederungen zu tun hatten, etwa bei tausend lag. Eine
Schätzung, daß bei Kriegsausbruch nicht weniger als 20.000 organisierte deutsche
Nationalsozialisten in England gelebt hätten, erscheint viel zu hoch3. Jedenfalls
wurden bei Kriegsausbruch nur 7400 deutsche Staatsangehörige von den Ausländer
tribunalen als nicht völlig zuverlässig angesehen, und von diesen behaupteten 4300,
sie seien richtige Emigranten4. Unter den übrigen 3100 befanden sich die in England
lebenden Reichsdeutschen, von denen man annahm, daß sie mit dem National
sozialismus sympathisierten. 350 von ihnen, die als Spitzel bekannt oder verdächtigt
waren, waren bei Kriegsausbruch verhaftet worden. Es ist nur wahrscheinlich, daß
sich unter ihnen Mitglieder der Auslandsorganisation befanden.
Unter den Emigranten aus Deutschland sind möglicherweise einige wenige ge
wesen, die wie Dr. Hans Wesemann bereit waren, der Gestapo auf mancherlei
Weise behilflich zu sein, beispielsweise durch Mitteilungen über Devisenschmuggel
aus Deutschland. Es ist jedoch eine Tatsache, daß zu der Zeit, als 30.000 Emigran
ten interniert wurden, zu ihren Ungunsten nicht mehr bekanntgeworden war als
»ein oder zwei kleine vereinzelte Fälle wie der des Studenten Solf, der ein brennen
des Flugzeug fotografiert hatte« (nicht ein Fall von Spionage, sondern von foto
grafischem Übereifer), »und ein oder zwei Verstöße gegen die Verdunkelung5«. In
einer Unterhausdebatte am 22. August 1940 gab der Staatssekretär im Innenmini
sterium abermals zu, daß ihm »kein ernsthafter Fall feindlichen Verhaltens« unter
1
Zahlenangaben des Central Office of Information in London.
2
C. R. Hennings: Vom Deutschtum in England. Der Auslandsdeutsche 1934. S. 508.
3
Churchill: The Gathering Storm. S. 313.
4
Lafitte a.a.O., S. 63.
5
Auskunft der Regierung im Unterhaus, 10. 7. 1940. 362 H. C. Deb. 5s, 1236.
201
den
Emigranten
bekanntgeworden
war.
Er
vermutete
jedoch,
daß
in
einigen
Fällen als Emigranten getarnte Deutsche nach England zu kommen versucht
hätten, weshalb es »nicht unmöglich« sei, daß auch ein paar wirkliche Emigranten
tatsächlich deutsche Agenten seien1. Es gibt keinen Beweis dafür, daß es sich tat
sächlich so verhalten hat. Die meisten Emigranten nahmen vielmehr, als sie nach
und nach entlassen wurden, begeistert an der allgemeinen Kriegsanstrengung teil.
Viele traten in militärische Hilfsorganisationen ein, und über tausend meldeten sich
zu den Kommando- und Luftlandetruppen. Nach dem Krieg wurden mehr als
34.000 von ihnen in rascher Folge naturalisiert12 .
Was die britischen Faschisten angeht, die in Organisationen wie der »British
Union of Fascists«, »Link« und dem »Right Club« organisiert waren, so kann man
annehmen, daß etliche von ihnen bereit gewesen wären, England in Hitlers »neue
Ordnung« einzugliedern. Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, daß der wichtigste
Faschistenführer Sir Oswald Mosley irgendeine enge Verbindung mit Berlin hatte.
Im Oktober 1936 besuchte er Goebbels3. Nach Ausbruch des Krieges verbreiteten
Mitglieder seiner Organisation und ähnliche Gruppen faschistische Propaganda,
aber »mit wenigen Ausnahmen gibt es kaum Beweise dafür, daß irgendeiner von
ihnen jemals wirklich versuchte, für die Nazi zu spionieren, oder sich bemühte,
nützliche militärische oder andere Nachrichten zugunsten des deutschen Geheim
dienstes außer Landes zu bringen4«.
Der Leser mag sich erinnern, daß im 1. Teil erwähnt wurde, der Britische Rund
funk habe am 12. Mai 1940 irrigerweise einen Gestellungsbefehl verbreitet. Das
galt damals als eine jener »Falschmeldungen«, wie sie von feindlichen Agenten ver
breitet wurden — Berichte jener Art, so meinte man, mit denen die Deutschen in
Holland, Belgien und Frankreich so große Erfolge errungen hatten. Woher der
fragliche Befehl kam, ist niemals entdeckt worden. Eine Untersuchung, die einge
leitet wurde, ergab, daß innerhalb des britischen Rundfunks die Zusammenarbeit
nicht klappte5. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es einfach ein Versehen war.
2. AMERIKA
Zur Zeit seiner großen Siege in Westeuropa verfügte Hitler nicht über einen
einzigen Angriffsplan gegen England. Das gilt um so mehr im Hinblick auf Amerika
— um so mehr, weil der »Führer«, den der Kanal von England trennte, zunächst
England besiegen und dann den Atlantik überqueren mußte, wenn er auf dem ame
1
364 H. C. Deb. 5s, 1579.
2
The Refugee in the Post-war World. Genf 1951. S. 352.
3
F. Mullaly: Fascism inside England. London 1946. S. 75.
4
Firmin: They came to Spy. S. 30.
5
Mitteilung des Leiters der Luftgeschichtlichen Abteilung im Britischen Luftfahrtministe
rium und der Britischen Rundfunkgesellschaft in London.
202
rikanischen Kontinent militärische Operationen vornehmen oder eine Fünfte
Kolonne unterstützen wollte, die in seinem Auftrag operieren sollte. Nicht als ob
Hitler eine Offensive gegen die Neue Welt für unmöglich gehalten hätte! Im
Herbst 1940 beschäftigte er sich »im Hinblick auf eine spätere Kriegsführung
gegen Amerika« mit der Frage einer Besetzung der Azoren und der Kanarischen
Inseln1.
»Amerika,
wenn
überhaupt,
nicht
vor
42«,
notierte
Generalstabschef
Halder am 4. November 1940 in seinem Tagebuch.
Einen Monat vor dem Angriff auf Rußland spielte Hitler immer noch mit dem
Plan, die Azoren zu besetzen, um sie als Stützpunkt für Bombenangriffe auf die
Vereinigten Staaten zu benutzen. »Die Gelegenheit dazu kann sich vor dem Herbst
ergeben«, sagte er hoffnungsvoll zu Raeder12 . Der Kampf in Rußland hatte kaum
drei Wochen gedauert, als Hitler seinen wichtigsten militärischen Mitarbeitern zu
verstehen gab, die deutsche Armee könne nach der völligen Besiegung der Sowjet
union sehr wohl verringert werden. Zu jener Zeit solle dann die Rüstung der
Flotte auf Maßnahmen beschränkt werden, »die unmittelbar der Kriegsführung
gegen England und eintretendenfalls gegen Amerika dienen3«.
Als nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour die Gelegenheit sich tat
sächlich bot und Hitler den Vereinigten Staaten den Krieg erklärte, war Deutsch
lands Kraft durch das tödliche Ringen im Osten so sehr beansprucht, daß für
einen offensiven Krieg größeren Umfangs gegen Amerika nichts mehr übrig war.
Den Gedanken, die Großstädte an der amerikanischen Ostküste zu bombardieren,
ließ Hitler im Sommer 1943 bedauernd fallen4. Nur durch den Einsatz von Sabo
teuren würde er imstande sein, seinen industriell stärksten Gegner im eigenen
Lande zu treffen.
Bald nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges hatte die Abwehr Pläne entworfen,
um durch Agenten in Amerika Sabotage zu üben und in der Armee defaitistische
Propaganda zu treiben. Ferner erörterte die Abwehr, ob es nicht möglich sein
würde, an Bord britischer Schiffe in amerikanischen Häfen Sprengstoff zu schmug
geln. Hitler widersetzte sich der Ausführung solcher und ähnlicher Pläne. Er war
der richtigen Ansicht, daß der materielle Vorteil, der dadurch zu erlangen war, die
politischen Nachteile nicht aufwiegen würde. Im April 1940 befahl er Admiral
Canaris, er solle die Vereinigten Staaten in Ruhe lassen. Der Befehl wurde im
Juni wiederholt, als zugleich Anweisung gegeben wurde, »die Rückberufung des
einzigen noch in Betracht kommenden V-Mannes zu veranlassen5«.
1 Brief des Majors i. G. Frhr. v. Falkenstein an einen unbekannten General, 29. 10. 1940.
PS-376, IMT XXV, S. 393.
2 Konferenz des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine mit dem Führer am 22. 5. 1941. Füh
rer Conferences 1941. S. 57.
3
Brief Hitlers an die Wehrmachtsteile, 14. 7. 1941. C-074, IMT, XXXIV, S. 299.
4
Protokoll der Konferenz des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine mit dem Führer, 8. 7.
1943. Führer Conferences 1943. S. 54.
5
KTB-Abwehr, 25. 4. u. 4. 6. 1940.
203
Als die Vereinigten Staaten im Herbst 1940 anfingen, England in ständig
wachsendem Maße militärisch zu unterstützen, wurden neue Sabotagepläne ent
worfen und diesmal auch ausgeführt. Ob das mit Hitlers Zustimmung geschah, ist
nicht bekannt. Der deutsche Agent Rekowski, der als Kaufmann auftrat und
damals gerade in Mexiko war, hatte mit einer Gruppe irischer Extremisten in den
Vereinigten Staaten Fühlung genommen1. Er war angewiesen, in Munitionsfabriken
und auf Schiffen Sabotage treiben zu lassen12
. Das Verbot, in den Vereinigten
Staaten selbst zu operieren, blieb in Kraft. Deutsche Agenten wie Rekowski
mußten ihre Vorbereitungen in Kanada oder Mexiko treffen3. Rekowski konnte
Berlin mitteilen, daß er mittels hoher Verbindungen einige Schiffe sprengen und
ein Gummilager in der Nähe von Cleveland und Ohio in Brand stecken konnte4.
Es hieß, er habe in Mexiko geradezu Sabotagelager errichtet5. Man traute Rekowski
in Berlin jedoch nicht, sondern hatte bei der Abwehr den Eindruck, seine »Erfolge«
beruhten hauptsächlich auf seinem Streben, von der Abwehr möglichst viel Geld
zu erhalten6. Außerdem geriet er gegen Ende April 1940 in Mexiko in Schwierig
keiten ; mexikanische und amerikanische Behörden waren ihm auf der Spur, so daß
er außer Landes floh. Sein Nachfolger wurde Carlos Vogt, ein 1934 in Mexiko
naturalisierter Deutscher7.
Inzwischen hatten Telegramme, die über den Fall Rekowski im Auswärtigen
Amt eintrafen, Ribbentrop beunruhigt. Er fürchtete, daß ein Fortdauern der
Sabotage Amerika an den Rand des Krieges führen könne, und ersuchte daher
Admiral Canaris, diese Tätigkeit einzustellen. Dieser ging, wenn wir seinem Bio
graphen Abshagen glauben wollen, mit Vergnügen darauf ein; sollten künftig
Parteifanatiker ihm vorwerfen, er habe die Vereinigten Staaten allzusehr in Ruhe
gelassen, würde er sich auf Argumente berufen können, die der Außenminister
selbst gebraucht hatte8.
Als Amerika in den Krieg eintrat, verlangte Hitler die Wiederaufnahme der
Sabotage. Im Januar 1942 erhielt Canaris Weisung, er solle die amerikanische
Aluminiumerzeugung lahmlegen. Da es eine deutsche Sabotageorganisation in den
Vereinigten Staaten nicht mehr gab, sollten Agenten aus Deutschland entsandt
werden. Canaris und Lahousen, der Chef der Sabotageabteilung der Abwehr, hatten
wenig Zutrauen zu dem Unternehmen, waren aber nicht in der Lage, Hitlers An
weisungen rückgängig zu machen. Es wurde befohlen, das Verzeichnis der Amerika
1
Ebenda, 5. 9.1940.
2
Telegramm der Deutschen Gesandtschaft in Mexiko an Auswärtiges Amt, 23. 4. 1941.
NG-4398.
3
KTB-Abwehr, 20. 9. 1940.
4
Zeuge Kurt Haller in: Militärgerichtshof Nr. IV, Fall XI, engl. Protokoll, S. 20, 432—42.
5
KTB-Abwehr, 14.1. 1941.
6
Abshagen a.a.O., S. 278/9.
7
Telegramm von »Richard« (Rekowski) an Haller, 2. 5. 1941. NG-4398.
8
Abshagen a.a.O., S. 280.
204
Deutschen im Deutschen Auslandsinstitut in Stuttgart sowie Pläne und Foto
grafien von amerikanischen Fabriken, Eisenbahnen, Kanälen und Häfen, die dort
aufbewahrt wurden, durchzusehen. Außerdem mußte man Agenten finden. Dieses
Problem wurde gelöst, als ein Offizier der Abwehr, Walter Kappe, der lange in
Amerika gelebt und dort im Deutsch-Amerikanischen Bund und dessen Vor
läufern eine führende Rolle gespielt hatte, sich meldete und sagte, daß einige Mit
glieder des Bundes, die nach Deutschland zurückgekehrt waren, bereit seien, den
Auftrag zu übernehmen. Admiral Dönitz war bereit, für diesen Zweck U-Boote
zur Verfügung zu stellen, so daß die Saboteure an der amerikanischen Ostküste
an Land gesetzt werden konnten1.
Neun Freiwillige erhielten eine gründliche Ausbildung. Ende Mai 1942 machten
sich acht von ihnen von Bordeaux aus auf die Reise. Sie wurden in zwei Gruppen
eingeteilt, deren eine auf Long Island und deren andere in Florida landen sollte.
Ein Mitglied der für Long Island bestimmten Gruppe, ein ehemaliger Sozialist,
hatte sich nur in der Absicht beteiligt, unmittelbar nach seiner Landung in den
Vereinigten Staaten die Behörden zu warnen. Er führte seine Absicht aus, und
innerhalb zwei Wochen saßen alle Saboteure hinter Schloß und Riegel. Mit Aus
nahme von zweien, die lange Freiheitsstrafen erhielten, starben alle auf dem
elektrischen Stuhl und zogen Dutzende von Verwandten und Freunden, mit denen
sie Fühlung aufgenommen hatten, mit sich ins Unglück12 .
Dieses war »der einzige Versuch einer aktiven Sabotagetätigkeit, der vom Amt
Ausland-Abwehr nach Kriegsausbruch in den Vereinigten Staaten unternommen
wurde3«. »Es war der größte Fehlschlag, der je in meiner Abteilung vorgekommen
ist«, sagte General von Lahousen seufzend nach dem Kriege.
Wir haben früher erwähnt, daß 1938 dem Spionagering von Dr. Ignaz Griebl, der
es besonders darauf abgesehen hatte, Angaben über die amerikanische Marine
zu sammeln, das Handwerk gelegt wurde. Wahrscheinlich hat die Abwehr auch
weiterhin Nachrichten über die Marine gesammelt, doch fehlen Einzelheiten.
Von der amerikanischen Luftwaffe wissen wir, daß der Leiter der Luftfahrt
abteilung der Abwehrstelle Hamburg, Nikolaus Ritter, lange als Ingenieur in
Amerika gearbeitet und 1937 mit dem Aufbau eines Agentennetzes in den Ver
einigten Staaten begonnen hatte. Das Auswärtige Amt hatte zwar Spionage jeg
licher Art verboten, doch hatte Admiral Canaris dem Druck des Generalstabes
der
Luftwaffe
nachgegeben.
Ritter
schickte
zunächst
Leute
zur
Untersuchung
nach Amerika; »das waren gewöhnliche Reisende, die ohne jeden Spionageauftrag
neben ihrer Berufsarbeit feststellen sollten, wo sich Leute befänden, mit denen ich
Verbindungen
anknüpfen
könnte«.
Gegen
Ende
1937
besuchte
Ritter
selbst
Amerika. Dort erwarb er unter anderem Zeichnungen von einem deutschen Arbei
1
v. Lahousen, zitiert in »Der Stern« (Hamburg), 22. 3. 1953, S. 12—14.
2
Jürgen Thorwald: Der Fall Pastorius. Stuttgart 1953.
3
Abshagen a.a.O., S. 283.
205
ter in der Norden-Fabrik, der seinem Vaterlande einen Dienst erweisen wollte. Es
waren Zeichnungen des geheimen Norden-Zielgerätes für Bomber1.
1939 wurde William G. Sebold für Ritters Agentennetz gewonnen. Sebold, der
als Techniker bei der Consolidated Aircraft Corporation in San Diego in Kalifor
nien beschäftigt war, verbrachte damals seine Ferien in Deutschland. Die Abwehr
nahm Verbindung mit ihm auf. Er erklärte sich bereit, als Agent zu arbeiten,
warnte aber gleichzeitig den amerikanischen Konsul in Köln. Die Bundespolizei
(FBI) forderte ihn über den Konsul auf, er solle scheinbar alle Aufträge der Deut
schen entgegennehmen. Sebold wurde als Agent in Hamburg ausgebildet und
reiste dann nach Amerika zurück. Er sollte auf Long Island einen geheimen
Sender errichten, der dann vom ersten Tage an von Beauftragten des FBI bedient
wurde. Das wußte man in Deutschland nicht und unterließ es auch, darauf zu
achten, ob die Sendungen in Sebolds chiffrierter »Handschrift« erfolgten. Alle
Besucher in Sebolds Büro wurden von einem benachbarten Raum aus fotografiert.
Jedes Wort, das sie sprachen, wurde aufgezeichnet. Unter den Besuchern befand
sich auch Ritters Verbindungsmann, der als Metzger verkleidet auf dem ameri
kanischen Passagierdampfer »America« durch die britische Blockade geschlüpft
war. Sebold war der einzige deutsche Agent, der mit Deutschland Funkverbindung
unterhielt. Daher wurden alle wichtigeren Mitglieder der andern deutschen Agen
tennetze in Amerika angewiesen, ihre Berichte über Sebold zu übermitteln12 .
Alle diese Agenten wurden in den vier letzten Junitagen 1941 vom FBI ver
haftet. Das Auswärtige Amt protestierte energisch, und die Abwehr rief ihren
»einzigen nicht ergriffenen Agenten« aus den Vereinigten Staaten zurück. Deutsch
land erhielt ferner ein paar Mitteilungen aus Kanada und Mexiko, »aber das be
deutete so gut wie nichts3«. Zwei Agenten wurden in Mexiko beschäftigt. Der eine
gab sich als Kaufmann aus und arbeitete gleichzeitig für die Japaner. Der andere,
ein »Bankangestellter«, hatte sich in einem Kaffeehaus, das von amerikanischen
Abwehragenten beobachtet wurde, unter den Tisch getrunken4.
Auch
der
Sicherheitsdienst
unterhielt
Agenten
in
den
Vereinigten
Staaten5.
1941 riefen einige von ihnen das deutsche Konsulat in Los Angeles um Hilfe an.
Einer von ihnen, der angewiesen wurde, nach Deutschland zurückzukehren, zog
es vor, mit einer Freundin nach Mexiko zu reisen. »Er sprach nur schlecht englisch
und hatte von den allgemeinen Verhältnissen in Los Angeles nicht die geringste
Ahnung.« Da konnte das deutsche Konsulat bessere Angaben machen! Der deutsche
Luftattaché in Washington erhielt täglich alles, was sich über die amerikanische
1
Nikolaus Ritter zitiert in »Der Stern«, 15. 3. 1953, S. 11/12.
2
Ebenda, S. 16.
3
v. Lahousen. Ebenda, 22. 3. 1953, S. 12.
4
S. Anm. 2 S. 204.
5
Fernschreiben Sonnleithners an Leg. Rat. Kramarz, 11. 7. 1941. PS-4053, IMT XXXIV,
S. 114.
206
Rüstung in der kalifornischen Presse fand. Seit 1941 pflegte ein Angehöriger des
Konsulats die in Betracht kommenden Flugzeugfabriken zweimal in der Woche zu
beobachten, um zu sehen, wie viele Exemplare von jedem Flugzeugtyp in Bau
waren. Das konnte von der öffentlichen Straße aus unschwer festgestellt werden.
Ähnliche Angaben wurden für den Marineattaché in Washington gesammelt, ob
wohl er nach einer Aufzeichnung des Auswärtigen Amts vom 4. November 1941
über einen eigenen Agenten in Südkalifornien verfügte1.
Einen Monat später befanden sich die Vereinigten Staaten im Kriege. Wir
haben keine Angaben über die deutsche Spionage während des Krieges. In den
veröffentlichten deutschen Urkunden findet man davon nicht eine Spur. Sie
scheint nicht sehr umfangreich gewesen zu sein, ganz zu schweigen davon, daß die
deutsche Spionage »wahrscheinlich über das bestorganisierte, das am besten
finanzierte, das einfallreichste und leistungsfähigste System verfügte, das die Welt
je gesehen hat«, wie eine New Yorker Zeitung 1942 schrieb.
Unser Eindruck, daß die deutsche Spionage in Amerika verhältnismäßig unbe
deutend war, deckt sich mit dem, was wir über den Anklang wissen, den der Natio
nalsozialismus unter den in den Vereinigten Staaten lebenden Reichsdeutschen
und unter Personen deutscher Abkunft fand. Die Zahl der Reichsdeutschen in der
Zeit vor dem Kriege ist nicht bekannt. Im Auswärtigen Amt in Berlin wußte man
nicht, ob es 100.000 oder 200.000 waren12 . Die Amerikaner selbst schätzten die
Zahl während des Krieges auf 264 0003. Die Ungewißheit über die Anzahl ame
rikanischer Staatsbürger deutscher Abkunft wurde niemals beseitigt. In Deutsch
land gefielen sich Leute in Berechnungen, denen zufolge einige Dutzend Millionen
Amerikaner mehr oder minder ausschließlich deutsches Blut in den Adern haben
sollten. Schätzungen von 25 Millionen waren nicht ungewöhnlich4.
Entscheidend war die Frage, wie viele von ihnen sich innerlich mit Deutschland
verbunden fühlten, doch nahm der deutsche Chauvinismus diese Frage leicht.
Wurde sie ernsthaft gestellt, so ergaben sich sofort sehr viel kleinere Zahlen. Die
Deutsch-Amerikaner, »die noch wirklich deutsch sprechen, lesen und schreiben,
deutsch denken und sich ihrer deutschen Abkunft voll bewußt sind«, schätzte der
deutsche Botschafter Dieckhoff 1938 auf 4 bis 5 Millionen5. Ein deutscher Schrift
steller, der die Vereinigten Staaten bereist hatte, schätzte die Zahl auf etwa zwei
Millionen6. Nur ein paar Prozent von ihnen waren an Organisationen wie dem
Deutsch-Amerikanischen Bund interessiert. Beispielsweise lebten 1938 in Chikago
1
PS-4054. Ebenda S. 115/16.
2
Denkschrift Wörmanns, 20. 11. 1938. ADAP. D IV, S. 567.
3
Ernest Puttkammer: Alien Enemies and Alien Friends in the United States. Chicago 1943.
S. 15.
4
So z. B. Hugo Grothe: Die Deutschen in Übersee. Berlin 1930. Karte 1.
5
Botschafter Dieckhoff an Ausw. Amt, 7. 1. 1938. ADAP. D I, S. 541.
6
H. Kloss: Gegenwart und Zukunft des Deutschtums in den Vereinigten Staaten. In:
Deutschtum im Ausland 1938. S. 490.
207
rund
700.000
Menschen
deutscher
Herkunft,
von
denen
40.000
irgendwelchen
deutschen Vereinen angehörten; nur 450 waren dem Bund beigetreten1. Das ame
rikanische Justizministerium schätzte die Mitgliederzahl des Bundes 1938 im
ganzen Land auf 650012 . Die höchste Schätzung von Anhängern belief sich auf weit
über 90 0003. 1942 galten etwa 7000 Mitglieder und Anhänger des Bundes als
staatsgefährlich und wurden interniert. Innerhalb eines Jahres wurde die Hälfte
von ihnen als Ergebnis weiterer Nachforschungen wieder in Freiheit gesetzt4.
Man würde zu weit gehen, wollte man behaupten, der Bund habe überhaupt
keine mögliche Gefahr dargestellt. Hier ist nur von Bedeutung, festzustellen, daß
er niemals in der Lage war, sich zu einer aktiven Fünften Kolonne von irgend
welchem Gewicht zu entwickeln. In diesem Zusammenhang verdient erwähnt
zu werden, daß sich die deutschen Emigranten in den Vereinigten Staaten ebenso
wie in England mit sehr wenigen Ausnahmen durch ihre unbedingte Loyalität
auszeichneten5 und daß, wie aus deutschen Urkunden hervorgeht, »die Zusam
menarbeit zwischem dem Dritten Reich und den amerikanischen Isolationisten
sehr begrenzt war6«.
Aus den hier genannten Zahlen und Tatsachen kann man schließen, daß es
dem
nationalsozialistischen
Deutschland
nicht
gelungen
ist,
in
Großbritannien
und den Vereinigten Staaten in größerem Umfang Fünfte Kolonnen einzusetzen.
Dieser Schluß gründet sich weiter auf die Tatsache, daß während des ganzen
Krieges die deutsche militärische Führung über die Operationen der
sehr schlecht unterrichtet war. In den westlichen Ländern waren die
jedoch von der Vortrefflichkeit der deutschen Spionage so überzeugt
daß man nach Deutschlands Kapitulation beinahe mit Entsetzen
Alliierten
Menschen
gewesen,
feststellte,
wie sehr man die Abwehr und den Sicherheitsdienst überschätzt hatte. Die
deutschen Dokumente und die deutschen Militärs selbst berichten alle dasselbe:
Hitler und seine Generäle waren im großen und ganzen über die in Washington
und London getroffenen Entscheidungen in Unkenntnis geblieben.
Sie waren ständig durch falsche Berichte, daß britische und amerikanische
Truppen in Südfrankreich oder Norwegen oder Holland oder Dänemark landen
würden, verwirrt und daher von den wirklichen Landungsoperationen immer
wieder überrascht worden. Die Geleitzüge, die Ende Oktober und Anfang No
vember 1942 nach Marokko und Algier unterwegs waren, sollten nach Ansicht
der Abwehr Malta anlaufen7. Die Landungen in Nordafrika kamen den führenden
1
Wie Anmerkung 5 S. 205, S. 670.
2
Dies Report 1939. S. 92.
3
Dies Report 1940. S. 1446.
4
Vgl. oben S. 121
5
G. L. Warren: The Refugee and the War. Annals of the American Academy of Political
and Social Sciences. Philadelphia Sept. 1942. S. 96.
6
H. L. Trefousse: Germany and American Neutrality 1939—1941. New York 1951. S. 133.
7
Colvin a.a.O., S. 157.
208
Männern des Dritten Reiches »als völlige Überraschung1«. Im Mai 1943 hatten
geschickte britische Fälschungen Hitler und seine militärischen Mitarbeiter zu der
Annahme veranlaßt, daß nach der Eroberung von Tunis Sardinien und der
Peloponnes als Ziel des nächsten alliierten Angriffs ausersehen seien2. Tatsäch
lich erfolgte dieser dann in Sizilien. Goebbels erfuhr in Berlin die Kapitulation
Italiens aus dem britischen Rundfunk3, und vier Monate später kam die alliierte
Landung in Anzio »für uns als große Überraschung4«.
Es ist zuzugeben, daß in einzelnen Fällen die Deutschen tatsächlich wichtige
Informationen erhielten, und zwar gewöhnlich durch Verrat unzufriedener Ele
mente im feindlichen Lager. Wir erinnern an den Fall Tyler Kent und ebenso an
die berüchtigte Operation Cicero, den Verrat des albanischen Kammerdieners
des britischen Botschafters in Ankara5. Dabei spielt keine Rolle, daß die Deut
schen in den Fällen, in denen ihnen die Tatsachen in den Schoß fielen, kaum etwas
damit anzufangen wußten. Hier mag genügen, daß alles, was über die deutsche
Spionage — und ebenso über die wenigen Sabotageversuche — in Großbritannien
und Amerika bekanntgeworden ist, der Auffassung widerspricht, es habe in diesen
beiden Ländern während des Krieges eine mächtige Fünfte Kolonne gegeben.
Damit kommen wir zu Südamerika. Es gibt nicht einen einzigen Hinweis
darauf, daß Hitler jemals konkrete Pläne für einen militärischen Angriff auf
Südamerika erwogen, geschweige denn ausgearbeitet hat. Seine konkreten Pläne
reichten nicht über die Azoren hinaus, und nicht einmal diese ließen sich ver
wirklichen. Nur mit U-Booten griff er nach dem August 1942 Länder wie Brasi
lien an, weil sie sich seinen Feinden angeschlossen hatten6. Soweit bekannt ist,
hat sich in keinem der deutschen Archive irgendein Beweis dafür gefunden, daß
sich in irgendeinem Lande Süd- oder Mittelamerikas eine deutsche Minderheit
allein oder mit Unterstützung des Dritten Reiches auf einen Staatsstreich vor
bereitet habe. Wahrscheinlich hätte Hitler solche Versuche angeregt, wenn es
ihm gelungen wäre, sich die Sowjetunion und Großbritannien zu unterwerfen.
Daher muß im Hinblick auf Uruguay gesagt werden, daß es keine Anzeichen
dafür gibt, daß die Menschen dort im Mai und Juni 1940 mit Recht um die Sicher
heit ihres Landes besorgt waren. Dort lebten etwa 8000 Reichsdeutsche. Wie
viele von ihnen Mitglieder der Auslandsorganisation waren, ist nicht bekannt.
Wenn die Verhältnisse in Uruguay etwa denjenigen in Argentinien, Brasilien
und Chile entsprachen, so waren es höchstens ein paar hundert. Das Schrift
stück, in welchem Gero Fuhrmann seinen Plan für die militärische Besetzung
1
14
Zeuge General Warlimont in: Militärgerichtshof Nr. V, Fall XII, engl. Protokoll, S. 6403.
2
Ewen Montagu: The Man who never was. London 1953.
3
Goebbels Tagebücher S. 393.
4
Zeuge General Westphal im Prozeß gegen die deutschen Generäle, S. 8866.
5
L. C. Moyzisch: Operation Cicero. London 1950.
6
Führer Conferences 1942, S. 45/6.
209
ganz Uruguays und für die Umwandlung des Landes in eine Agrarkolonie darlegt,
darf als ein Zeichen für die aggressive Veranlagung seines leicht pathologischen
Verfassers, nicht jedoch als Beweis für eine wirkliche Verschwörung angesehen
werden. Fuhrmann war nicht ein altbewährter Nazi, sondern erst 1937 Partei
mitglied geworden1. Von den beiden einzigen andern Dokumenten, »welche von
Deutschlands Fünfter Kolonne in Uruguay verwendet wurden«, war das eine eine
Quittung vom 28. Januar 1939 über einen halben Dollar zugunsten des Winter
hilfswerks und das andere eine Quittung über 1,10 Dollar, die im April 1939 an
die Deutsche Arbeitsfront als Mitgliedsbeitrag gezahlt worden waren.
Damit ist jedoch noch nicht alles gesagt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß
einige in Uruguay lebende Reichsdeutsche wirklich den Tag herbeisehnten, an
welchem sie die Macht ergreifen könnten. Die Auslandsorganisation förderte im
allgemeinen eine aggressive Geisteshaltung durch halbmilitärische Ausbildung
in Sportvereinen und Segelflugklubs. Solche Vereinigungen gab es auch in Uru
guay. Daraus darf man jedoch ohne sonstige Beweise nicht schließen, daß im
Mai und Juni 1940 ein Staatsstreich zu erwarten war. Solche Beweise fehlen.
Was der Untersuchungsausschuß des Parlaments von Uruguay hierüber berichtet
hat, ist nicht überzeugend12 .
Es wurde schon gesagt, daß keine überzeugenden Beweise dafür vorliegen,
daß in anderen Ländern Süd- oder Mittelamerikas während des Krieges Reichs
deutsche oder deutsche Einwanderer die Machtergreifung vorbereitet hätten.
Allerdings gab es Spionage für Deutschland und gegen England und Amerika
in mehreren Staaten, und vielerlei Intrigen wurden gesponnen. Auch gab es
Handlungen von Deutschen, die kaum mit den Verpflichtungen der ihnen gewähr
ten Gastfreundschaft oder ihren Bürgerrechten in Einklang zu bringen waren.
In Brasilien sammelten sie insgeheim Angaben über die alliierte Schiffahrt.
Wahrscheinlich wurden auch von dort aus bei verschiedenen Gelegenheiten Nach
richten
an
deutsche
U-Boote
gesandt,
die
im
südlichen
Atlantik
operierten.
Funktionäre der Auslandsorganisation sorgten dafür, daß Offiziere der »Graf
Spee«, die aus der Internierung in Uruguay entflohen waren, in Rio de Janeiro
mit falschen Pässen ausgerüstet wurden3.
In Argentinien setzte die Landesgruppe der Auslandsorganisation allen Ver
boten zum Trotz ihre Arbeiten fort. Abwehr und Sicherheitsdienst betrieben
1 Vgl. oben S. 114-115. Dazu das Mitgliederverzeichnis der NSDAP im amerikanischen Docu
ment Center in Berlin.
2
»Ich habe den damaligen amerikanischen Botschafter in Montevideo, Edwin C. Wilson,
und den Verfasser des Buches »The Nazi Octopus in South America«, den Publizisten Professor
H. F. Artucio, gefragt, ob sie, abgesehen von dem 1940 veröffentlichten Material, irgendwelche
Beweise kennen, welche neues Licht auf die Verschwörung4 in Uruguay werfen könnten. Aus
Mr. Wilsons Antwort ging hervor, daß dem nicht so ist. Professor Artucio hat nicht geantwortet.«
3
Telegramm der deutschen Botschaft in Rio de Janeiro an Auswärtiges Amt, 24. 9. 1940.
NG-2244.
210
Spionage in beträchtlichem Ausmaß. Das hing damit zusammen, daß deutsche
Agenten, denen der Boden in andern Teilen Südamerikas zu heiß geworden war,
in Argentinien gelandet waren. Dort besaßen die Deutschen geheime Sender und
schickten einen Teil ihrer Nachrichten über Spanien nach Deutschland. Militäri
sche, politische und wirtschaftliche Informationen sammelte man beispielsweise
»durch Abhören von Rundfunksendungen aus kriegführenden Ländern, durch
eine Analyse
schriften und
der amerikanischen Presse (Zeitungen, Illustrierte, Fachzeit
Wirtschaftsblätter), durch persönliche Beobachtung und durch
Spionage in der amerikanischen Botschaft1«. Außerdem unterstützte die Deutsche
Botschaft mehrere argentinische Zeitungen mit beträchtlichen Mitteln, die ihr
von deutschen Firmen in Argentinien zur Verfügung gestellt wurden12 . Schließ
lich bemühten sich einige Deutsche planmäßig darum, die antiamerikanischen
Kräfte in der argentinischen Regierung zu verstärken. Im Sommer 1943 veran
stalteten sie eine getarnte Friedenspetition zugunsten der Achse und versuchten,
Präsident Castillo dazu zu veranlassen, daß er sich mit Deutschland und Italien
verbündete und das argentinische Gebiet auf Kosten von Staaten vergrößerte,
die eng mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiteten. Castillo forderte
deutsche Waffen, die Berlin nicht entbehren konnte, und so wurde nichts daraus.
Zudem wurde im Herbst 1943 der deutsche Unterhändler, ein Agent von Himm
lers Sicherheitsdienst, von den Alliierten verhaftet und interniert. Ribbentrop
hatte gegen solche und ähnliche Unternehmungen des Sicherheitsdienstes heftig,
aber ohne Erfolg protestiert3.
Auch in Chile gab es dem damaligen deutschen Gesandten zufolge ein deut
sches Spionagenetz, für dessen Dienste Mitglieder der Auslandsorganisation
gewonnen worden waren. Der Gesandte durfte von alledem nichts wissen4. Er
war sogar oft selbst Gegenstand solcher Spionage und war davon überzeugt, daß
sich die Auslandsorganisation in Chile »unglaublich dumm« verhalten habe;
er hielt es jedoch für äußerst unwahrscheinlich, daß reichsdeutsche National
sozialisten oder Chilenen jemals an einen Staatsstreich gedacht haben5.
Es ist nicht unmöglich, daß sich die Abwehr der deutschen Luftverkehrs
gesellschaften bedient hat, um in einigen anderen lateinamerikanischen Staaten
von gewissen Objekten Luftaufnahmen zu machen. Urkundliche Beweise dafür
fehlen, und wahrscheinlich ist das Ausmaß solcher Vorkommnisse überschätzt
worden. Aus Kolumbien, einigen mittelamerikanischen Staaten und Mexiko wurde
1
Undatierter Bericht der argentinischen Polizei. Anlage zum Brief der Amerikanischen
Botschaft in Buenos Aires an State Department, 21. 2. 1944. NI-10922.
2
Consultation among the American Republics with respect to the Argentine Situation.
Memorandum of the United States Government (Department of State). Washington 1946.
S. 36/7, 49, 51.
3
Ebenda, S. 6/7, 16, 35.
4
Schriftliche Aussage Wilhelm v. Schoens. NG-3402.
5
Zeuge v. Schoen in: Militärgerichtshof Nr. IV, Fall VI, engl. Protokoll. S. 3204, 3212.
211
berichtet, daß Flugplätze oder ebenes Gelände bereits für den Fall von Landungs
operationen für die Deutschen vorbereitet worden seien. Es gibt keine Beweise dafür.
Hingegen gelang es der Abwehr tatsächlich, im Süden Südamerikas zwei Organi
sationen zu schaffen, welche Sabotageakte vorbereiten sollten. Wahrscheinlich soll
ten britische und in britischen Diensten fahrende Schiffe die wichtigsten Ziele sein.
Die eine dieser Organisationen hatte ihre Zentrale in Valparaiso, die andere in Rio
de Janeiro. Im August 1940 gingen die deutschen Anweisungen immer noch dahin,
Südamerika nicht zu beunruhigen. Am 13. August befahl Canaris hinsichtlich von
Sabotage: »Von Südamerika aus und in Südamerika darf nichts unternommen
werden1.« Es ist nicht sicher, daß später andere Anweisungen ergingen und aus
geführt wurden, doch wäre das zumal für 1942 und später einleuchtend.
Im Gegensatz zu dem, was
selbstverständlich hielten, hatte
in Mittel- und Südamerika und
Ländern nur geringen Einfluß.
Deutschlands Gegner vor und in
der Nationalsozialismus auf die
auf Personen deutscher Herkunft
Die antideutsche Presse brachte
dem Krieg für
Reichsdeutschen
in den meisten
oft Mitglieds
zahlen, die in die Zehntausende gingen: 43 626 Nationalsozialisten allein in Argen
tinien, 30.000 in Buenos Aires, von denen 20.000 zur SA gehören sollten. Im
Herbst 1941 sprach Martin Dies, Mitglied des amerikanischen Repräsentanten
hauses, von »etwa einer Million in Kompanien und Bataillonen zusammengefaßten
künftigen Soldaten«, auf die das Dritte Reich in Südamerika rechnen könne.
Es ist nicht leicht, diese Zahlen auf ihre wirklichen Größenverhältnisse zurück
zuführen. Unsere Angaben sind unvollkommen. Will man den Einfluß des National
sozialismus in Zahlen ausdrücken, so ergibt sich als erste Schwierigkeit, daß die
Statistik gewöhnlich die Frage, wie viele Menschen deutscher Abkunft in einem
bestimmten Lande lebten, ganz verschieden beantwortet.
Für
Argentinien
schwanken
die
Schätzungen
der
Volksdeutschen
zwischen
80.000 und 240 00012 . Die Zahl der Reichsdeutschen wurde von dem damaligen
deutschen
Botschafter
auf
50.000
geschätzt,
von
denen
2.000
Parteimitglieder
waren3. Im allgemeinen beteiligten sich an nationalsozialistischen Demonstrationen
weniger als 2000 Menschen, am 1. Mai 1934 jedoch über 12.000 und zwei Jahre
später 16 0004. Die Mitgliederzahl der Gewerkschaft der Auslandsorganisation
wurde von dem Taborda-Ausschuß 1941 mit 11.000 angegeben, wobei Reichs
deutsche und Volksdeutsche zusammen gezählt wurden5. Nationalsozialistische
Elemente hatten den »Deutschen Volksbund für Argentinien«, der seit 1916
bestand, in die Hand bekommen, um Einfluß auf die Volksdeutschen zu gewinnen.
Sie benutzten ihn, um unter Personen deutscher Abkunft, die im ganzen Lande
1
KTB-Abwehr, 10. 2., 10. u. 17. 6., 23. 11. 1940. Ferner 13. 8. 1940.
2
HWB I, S. 125.
3
Schriftliche Aussage Botschafter v. Thermanns, 22. 10. 1947.
4
Der Auslandsdeutsche 1938. S. 37. Dazu W. Lütge: Deutsche Kulturarbeit in Argen
tinien. In: Wir Deutsche in der Welt 1935. S. 119.
5
212
The Times, 26. 11. 1941. — Gemeint ist vermutlich die DAF (D.Übers.).
lebten, NS-Propaganda zu vertreiben. Man gründete Ortsgruppen, die ihre eige
nen Zeitschriften veröffentlichten. Gegen Ende der zwanziger Jahre zählte der
Volksbund fast 5000 Mitglieder, 1935 noch 2800 und 1938 weniger als 40001.
In Brasilien waren von 80.000 Reichsdeutschen etwa 1700 Parteimitglieder2.
Der »Verband deutscher Vereine« hatte unter seinen 15.000 Mitgliedern (1935)
Reichsdeutsche und Volksdeutsche3. Insgesamt schätzte man die Volksdeutschen
gewöhnlich auf 600.000.
In Chile lebten während des Krieges rund 7000 Reichsdeutsche. Die Schätzun
gen
chilenischer
Staatsbürger
deutscher
Herkunft
schwankten
zwischen
15.000
und 50.000. Der damalige deutsche Gesandte hielt 30.000 für eine zuverlässige
Zahl. Von den Reichsdeutschen waren etwa 600 Parteimitglieder4. 1940 waren
2600 von den 30.000 Deutsch-Chilenen dem Deutsch-Chilenischen Bund beige
treten, der etwa dem Deutschen Volksbund für Argentinien verglichen werden kann5.
In Paraguay lebten etwa 9000 Menschen deutscher Abkunft, von denen 1937
1700 Mitglieder des Deutschen Volksbundes für Paraguay waren6.
Diese Zahlen zeigen, daß gewöhnlich nur eine kleine Minderheit der Reichs
deutschen in Südamerika Mitglieder der NSDAP war und daß von der großen
Anzahl
Volksdeutscher
nur
eine
kleine
Minderheit
den
nationalsozialistischen
Organisationen beigetreten war. In Argentinien waren es 1,7 bis 5 Prozent, in
Brasilien höchstens 2,5 Prozent, in Chile 9 Prozent. Die deutsche »Fünfte Kolonne«
in Südamerika bestand aus relativ kleinen Gruppen und Einzelpersonen, die für
den Erfolg ihrer vielfältigen Bemühungen viel mehr von den internationalen und
nationalen Gegensätzen in jenem Teil der Welt abhingen als von der Unter
stützung und der Sympathie, die ihnen aus Kreisen der Reichsdeutschen und
Volksdeutschen zuteil wurden. Das zeigte sich am deutlichsten in Argentinien,
wo während des Krieges die deutschen Diplomaten und die Agenten von Abwehr
und Sicherheitsdienst sich den Neid gegenüber den Vereinigten Staaten und die
Furcht
vor
Brasilien
zunutze
machen
konnten,
die
beide
in
argentinischen
Regierungskreisen eine wichtige Rolle spielten. Aus den bisher veröffentlichten
Dokumenten geht nicht hervor, daß es ihnen gelungen ist, die große »deutsche«
Minderheit in Argentinien für ihre Ziele zu interessieren. Organisatorisch hatte
das Dritte Reich die große Masse der vielen hunderttausend in Südamerika
lebenden »Deutschen« genauso wenig in der Hand wie die paar Millionen in den
Vereinigten Staaten.
/
Otto Boelitz: Das Grenz- und Auslandsdeutschtum. Seine Geschichte und seine Bedeu
tung. München 1930. S. 228. Dazu: Der Auslandsdeutsche 1936, S. 860, sowie Deutschtum im
Ausland 1938, S. 605.
1
2
Schriftliche Aussage von Hans Harnisch. NG-2548.
3
Das Braune Netz, S. 297.
4
Wie S. 211 Anm. 5.
5
Deutschtum im Ausland 1941. S. 134.
6
Vgl. Anm. 590. Dazu: Der Auslandsdeutsche 1938. S. 39.
213
XIII
JUGOSLAWIEN, GRIECHENLAND UND
DIE SOWJETUNION
1. JUGOSLAWIEN
Die Jugoslawen behaupteten 1945, daß einige Führer des »Kulturbundes«, einer
volksdeutschen Organisation in Slowenien, Hitler bei dessen Besuch in Graz im
März 1938 vorgeschlagen hätten, er solle, falls es zwischen Deutschland und
Jugoslawien zum Krieg käme, die gesamte slowenische Bevölkerung aus Slowe
nien deportieren1. Das Dokument über diese Begegnung, das dem Archiv der
Gestapo in Breslau entstammt, ist niemals veröffentlicht worden.
Die Behauptung ist nicht unwahrscheinlich und stimmt jedenfalls mit einem
Brief des »Steierischen Heimatbundes« vom August 1941 überein, der eine bald
nach der Besetzung Sloweniens geschaffene Organisation der Volksdeutschen war.
In diesem Brief wird berichtet, daß Deportationen von Slowenen aus dem frag
lichen Gebiet, die bald nach dem Einmarsch der Deutschen begannen, hauptsäch
lich mit Hilfe von Namenslisten stattfanden, »die lange vor der Besetzung von volks
deutschen Agenten und andern vertraulichen Quellen in Untersteiermark auf Grund
jahrelanger Beobachtungen und politischer Erfahrungen aufgestellt worden
waren12 «. Ein Teil dieser Listen wurde von dem Südostdeutschen Institut in Graz
auf dem laufenden gehalten. Dort fand man nach dem Kriege Listen aus den Jahren
1938—41, in denen man hinter den slowenischen Namen Bemerkungen fand wie
»muß sofort verhaftet werden«, »Feind Deutschlands«, »muß beobachtet wer
den3«. Ferner gab es in Graz und Klagenfurt die sogenannten Gaugrenzland
ämter, die unter anderem mit Hilfe von den in Jugoslawien lebenden Volksdeut
schen Angaben sammelten. Das Reichssicherheitshauptamt in Berlin erhielt aus
Graz eine Liste mit den Namen und Adressen von etwa 4000 jugoslawischen
Staatsangehörigen, die im Falle einer deutschen Besetzung sofort verhaftet
werden sollten. Außerdem stand der Sicherheitsdienst von Graz aus mit kroatischen
Faschisten, den sogenannten »Ustaschi« unter Ante Pawehtsch, in Verbindung4.
1
Auszug aus dem Ber. der amtl. jugoslawischen Kommission f. Kriegs verbrechen. NG-4557.
2
Zitiert in: Report on the crimes of Austria and the Austrians against Yugoslavia and her
peoples. Belgrad 1947. S. 21.
3
4
Ebenda, S. 16.
Ebenda, S. 19/20. Das Original dieser Liste ist dem IMT in Nürnberg vorgelegt, jedoch, so
weit bekannt, nicht veröffentlicht worden.
214
Angesichts alles dessen besteht hinreichender Grund für die Vermutung, daß
die Aufstellung von Listen mit den Namen von Slowenen, die deportiert werden
sollten, tatsächlich 1939 begonnen hat. Das Jahr 1939 brachte den Beginn einer
weiteren neuen Entwicklung. Junge Volksdeutsche, die zur jugoslawischen
Armee einberufen wurden, überquerten heimlich die Grenze und meldeten sich
als Freiwillige »bei verschiedenen Wehrmachtstruppenteilen1«. Weder 1939
noch 1940 legte die Wehrmacht auf diese ausländischen Freiwilligen besonderen
Wert;
sie
machten
viele
Sondervorschriften
erforderlich,
und
die
Wehrmacht
hatte Soldaten genug.
Anders die SS, die bei ihrem seit dem Herbst 1939 energisch vorangetriebenen
Aufbau der Waffen-SS volksdeutsche Freiwillige sehr gut gebrauchen konnte. Im
Herbst 1940 begab sich »eine ganze Gruppe Freiwilliger« heimlich zum Dienst in der
Waffen-SS und in der »Leibstandarte Adolf Hitler« nach Deutschland12 . Unter
ihnen befanden sich junge Volksdeutsche, die in der jugoslawischen Armee 1941
wehrdienstpflichtig wurden.
Neben den Stellen der SS war auch die Abwehr 1939 und in den ersten Mo
naten des Jahres 1940 in Jugoslawien tätig gewesen. Im Frühling 1940 wurde
eine Geheimorganisation geschaffen, welche die für Deutschland im Kriegsfalle
entscheidend wichtige Donauschiffahrt schützen sollte. Der Leiter Major Fried
rich wurde zur Tarnung im deutschen Konsulat in Agram beschäftigt. Im März
1940 nahm der Abwehroffizier in Belgrad hundert Pistolen »als plombiertes
Kuriergepäck im eigenen Wagen« mit. Diese Waffen sollten in Notzeiten zum
»Transportschutz« dienen. Ende Mai baten Vertreter der volksdeutschen Organi
sationen aus Furcht, daß ein Krieg von blutigen Ausschreitungen begleitet sein
würde, Berlin über die Abwehr, sie mit Waffen zu versorgen. Im Hinblick auf die
damalige politische Lage wurde diesem Ersuchen nicht stattgegeben3.
Im Herbst 1940 und im nachfolgenden Winter setzte Deutschland Jugosla
wien mehr und mehr unter Druck, um seine politische Mitarbeit, beispielsweise
durch Beitritt zum Antikomintern-Pakt, zu erreichen. Die Spannung wuchs. Im
Dezember 1940 und Januar 1941 begannen die Volksdeutschen, halbmilitärische
Verbände nach dem Muster der SA zu bilden, um im Falle eines Konflikts ihre
Dörfer zu schützen.
Gegen Ende März kam die Krise. Am 25. März unterzeichneten Prinzregent
Paul und seine Regierung in Wien den Vertrag, durch den sich Jugoslawien der
Achse Berlin-Rom-Tokio anschloß. Zwei Tage später wurden der Prinzregent und
seine Regierung gestürzt. Hitler war wütend, rief sofort seine wichtigsten politi
schen und militärischen Ratgeber zusammen und teilte ihnen mit, er habe, ohne
weiterhin
auf Treuekundgebungen
der
Regierung
1
Deutschtum im Ausland 1944. S. 33.
2
Ebenda.
3
KTB-Abwehr, 28. 12. 1939, 29. 2., 13. 3. u. 30. 5. 1940.
Simowitsch
zu
warten, be
215
schlossen, »alle Vorbereitungen zu treffen, um Jugoslawien militärisch und als
Staatsgebilde zu zerschlagen«,
einem Blitzuntemehmen1«.
und
zwar
»mit
unerbittlicher
Härte«
und
»in
Über fünf Monate vorher hatte General Halder Weisung bekommen, eine
Offensive gegen Jugoslawien auszuarbeiten12 . Seither hatten jedoch die militäri
schen Vorstellungen der Deutschen eine ganz andere Wendung genommen;
alle Vorbereitungen richteten sich auf eine Invasion der Sowjetunion, der ein
schneller Angriff auf Griechenland durch Bulgarien hindurch vorausgehen soll
te. Mussolini hatte seit Oktober 1940 vergeblich versucht, Griechenland zu über
wältigen, und mußte Hilfe bekommen. Für Jugoslawien war noch nichts vor
bereitet. Es gab nicht einmal genügend Generalstabskarten und auch keinen
Operationsplan. Am 27. März 1941 trug Halder in der Reichskanzlei einen im
provisierten Plan vor, demzufolge man von Österreich und Bulgarien aus in
Jugoslawien eindringen und damit die jugoslawische Armee in beiden Flanken
packen wollte. Hitler billigte den Plan3, doch mußten, wie General Keitel sagte,
alle daraus sich ergebenden Truppenbewegungen in Österreich, Ungarn und
Bulgarien »vollständig improvisiert« werden4. Der Plan wurde ferner dadurch
behindert, daß die Kenntnisse der deutschen Militärs über die jugoslawische
Armee unvollständig waren. Sie hatten keine klare Vorstellung von den Mobil
machungsplänen und überschätzten die zahlenmäßige Stärke bei weitem5.
In Kroatien war es am 27. März ruhig geblieben. Die kroatischen Mitglieder
der Regierung befürworteten eine Abmachung mit Hitler. Widerstand gegen
Deutschland erschien ihnen sinnlos. Das war auch die Meinung des kroatischen
Bauernführers Matschek. Der Reichsdeutsche Dorffier hatte am 28. März eine
Unterhaltung mit ihm, in der Matschek fragte, was Deutschland von einer
kroatischen
Unabhängigkeitsbewegung
hielte,
und
ob
er
auf
Unterstützung
hoffen dürfe. Dorffier konnte darauf keine Antwort geben, reiste jedoch mit der
Bahn nach Wien und von dort auf dem Luftwege nach Berlin, wo er am Abend
des 29. März eintraf. Dort erhielt er noch am selben Abend von einem Beamten des
Auswärtigen Amts die Mitteilung: »Für seinen Freimd lagen keine Bestellungen
vor.« Dies mußte er Matschek berichten, setzte jedoch hinzu, daß er glaube,
weitere Nachrichten seien zu erwarten. Matschek erkannte, daß Deutschland
ihn nur hinhalten wolle, und war dann angesichts der abschlägigen Antwort
»seelisch vollkommen zusammengebrochen«. Schließlich konnte er einen Auf
stand nicht allein mit seiner schwachen Leibwache ins Werk setzen, die mit
1 Bericht vom 27. 3. 1941: Besprechung über Lage Jugoslawiens. PS-1746. IMT XXVIII,
S. 21-23.
2
Halder: Tagebuch, 18. 10. 1940.
3
Peter Bor a.a.O., S. 180.
4
Aussage Keitels. IMT X, S. 524.
5
Helmuth Greiner: Die Oberste Wehrmachtführung 1939—1943. Wiesbaden 1951. S. 278.
216
Waffen zu beliefern Deutschland bisher abgelehnt hatte! Zudem hatte Belgrad
gerade begonnen, Kroatien mit zuverlässigen serbischen Truppen zu besetzen1.
So verpaßten die Deutschen die Gelegenheit, in Kroatien einen Aufstand an
zuzetteln. Sie versuchten, Matschek in der Hand zu behalten. Rosenberg schickte
Malletke, und Ribbentrop entsandte Veesenmeyer am 1. April als ihre beson
deren Beauftragten nach Jugoslawien, damit sie gemeinsam mit dem deutschen
Konsul in Agram Matschek überredeten, er möge nicht mit der Regierung Simo
witsch Zusammenarbeiten12 . Matschek verschloß sich Malletkes Argumenten3,
reiste nach Belgrad und rief die kroatischen Reservisten auf, sie sollten der
Mobilmachung Folge leisten4.
Deutschland bewies jedoch, daß es mehr Pfeile im Köcher hatte. Veesenmeyer
nahm sofort Verbindung mit Pawelitsch auf. Gemeinsam mit ihm sollte nach
Beginn des deutschen Angriffs die Unabhängigkeit Kroatiens proklamiert wer
den5.
Inzwischen gab Ribbentrop Weisung, »Hilferufe aus Jugoslawien, und zwar
von Volksdeutschen, Kroaten, Mazedoniern und Slowenen zu organisieren«. Das
sollte ohne Wissen des Sicherheitsdienstes und der Volksdeutschen Mittelstelle
geschehen, obwohl dieses Amt in den letzten Märztagen »die Organisation solcher
Hilferufe angeboten« hatte6.
Auf eine Frage aus Jugoslawien antwortete Hitler, diejenigen Volksdeutschen,
die mobilgemacht wurden, sollten sich verstecken, »da sie sonst angegriffen oder
erschlagen werden könnten«. Die Volksdeutsche Mittelstelle übernahm es, diese
»Führerweisung« den Volksdeutschen zur Kenntnis zu bringen, hatte aber keinen
Erfolg7. Die Verbindungen waren unterbrochen worden. Die Abwehr sprang dafür
ein. Ihre Geheimorganisation in Jugoslawien, die unter dem Namen »Jupiter«
operierte, besaß in Agram eine Funkstation mit Empfänger und Sender. Auf
diesem Wege wurde Hitlers Anweisung nach Agram gefunkt, wo sie dem deutschen
Konsul und den Volksdeutschen zur Kenntnis gebracht wurde8.
Die Abwehr entwickelte überhaupt während der jugoslawischen Krise beträcht
liche Tätigkeit. General von Lahousen flog am 28. März nach Budapest, um den
Waffenschmuggel über die ungarisch-jugoslawische Grenze zu organisieren, was
ihm innerhalb von drei Tagen gelang. Gleichzeitig bereitete man in Jugoslawien
1 Undatierter Bericht des Parteigenossen Malletke über seine Reise nach Agram. Anlage zu
Rosenbergs Bericht an den Chef der Reichskanzlei Dr. Lammers vom 23. 4. 1941. NG-2449.
2 Telegramm von Auswärtigem Amt an Deutsches Konsulat Agram, 1. 4. 1941, sowie Tele
gramm von AA an Deutsche Gesandtschaft Belgrad vom selben Tag. NG-3260.
3
Vgl. Anm. 635.
4
Constantin Fotitch: The War We Lost. New York 1948. S. 98.
5
KTB-Abwehr, 6. u. 10. 4. 1941.
6
Brief Gottlob Bergers an Himmler, 3. 4. 1941. NO-5615.
7
Denkschrift an Staatssekretär v. Weizsäcker, 28. 3. 1941. NG-3243.
8
KTB-Abwehr, 2. 4.1941.
217
selbst Maßnahmen vor, um die Mobilmachung zu verzögern. Es wurde in großem
Umfang spioniert. Marschall Göring hatte befohlen, an den modernen Messer
schmitt-Jägern, die Deutschland kurz zuvor an Jugoslawien geliefert hatte,
Sabotage zu üben. Einige von diesen Jägern waren auf einem Flugplatz bei
Agram stationiert, schienen jedoch verschwunden zu sein. Andere befanden sich
auf dem Flugplatz Semlin unmittelbar nördlich von Belgrad. Gründliche Nach
forschungen galten auch dem Standort der Donauflottille der jugoslawischen
Marine.
Alle
diesbezüglichen
Meldungen
wurden
über
den
Jupiter-Sender
in
Agram nach Deutschland gefunkt. Schließlich wurden Vorkehrungen getroffen,
um die jugoslawische Seite des Eisernen Tores an der Donau überraschend mit
einem Teil der Truppe der Abwehr zu besetzen, welche in Rumänien zum Schutz
der Ölfelder gegen Sabotage der Alliierten aufgestellt worden war. Dies wurde
vorgesehen, weil die Jugoslawen an jener Stelle die Donauschiffahrt leicht unter
brechen konnten1.
Als die Deutschen am 6. April 1941 ohne Warnung angriffen, weigerte sich ein
Teil der kroatischen Truppen zu kämpfen. »Mehrere kroatische Verbände gingen
einfach nach Hause oder griffen sogar die serbischen Einheiten an, die mit den
Deutschen im Kampf lagen.« Das Hauptquartier der nördlichen Heeresgruppe
der Jugoslawen wurde von kroatischen Soldaten besetzt. Anderswo riefen kom
munistische
Flugblätter
zum
»Aufstand
gegen
die
serbischen
Chauvinisten«
auf12 . An wieder anderen Orten griffen die Volksdeutschen ein. Ehe noch die
deutschen Truppen kamen, bemächtigten sie sich in mehreren Städten des
slowenischen
Grenzgebietes
wichtiger
Punkte
mit
Waffengewalt3.
In Marburg
glaubten die Volksdeutschen, sie könnten am Morgen des zweiten Kriegstages die
Macht übernehmen. Um halb drei Uhr in der Frühe begannen sie, die öffentlichen
Gebäude zu besetzen. Es kam zu Kämpfen mit jugoslawischen Truppen, die von
der nahe gelegenen Grenze zurückfluteten. Die deutsche Hauptstreitmacht, die
bald eintraf, entschied den Kampf. An andern Orten Sloweniens waren die
jugoslawischen
Abteilungen,
welche
rechtzeitig
die
Brücken
sprengen
sollten,
überraschend von volksdeutschen Stoßtrupps angegriffen und beseitigt worden.
Weiter ostwärts in den schon im 18. Jahrhundert besiedelten Gebieten war
die »politische Auslese der Volksgruppe« überall auf dem Posten4. Am 6. April
hatte Dr. Janko, der Führer der deutschen Minderheit, »die Volksgruppe in
militärischer Hinsicht der Organisation Jupiter unterstellt«. Volksdeutsche
Männer wurden mobilgemacht und »gewaltsame Vorstöße zu S(abotage)-zwecken
und zur Beunruhigung unternommen«. Am 7. April drangen weitere Mitglieder
der Organisation Jupiter von Ungarn her in das Gebiet ein, verteilten Waffen an
1
Ebenda, 28., 29., 31. 3., 1. u. 3. 4. 1941.
2
Fotitch a.a.O., S. 100.
3
Vgl. S. 214 Anm. 2, S. 120.
4
Deutschtum im Ausland 1944. S. 33.
218
die Volksdeutschen und verübten Störmanöver. »Sie erhielten Zulauf von teil
weise schon bewaffneten Volksdeutschen.« Sie kämpften gegen serbische Trup
pen1. Zwei große Brücken über die Drau wurden genommen und gehalten, bis
die ersten deutschen Truppen eintrafen, und der Flugplatz Semlin mit den wert
vollen Messerschmitts wurde von Volksdeutschen angegriffen und erobert12 .
Es ist nicht sicher, daß die in Jugoslawien lebenden Reichsdeutschen, deren
Zahl nicht bekannt ist, zu dem raschen Zusammenbruch des Königreichs bei
getragen
haben.
In
Belgrad
blieb
von
dem
Gesandtschaftspersonal
nur
der
Militärattaché zurück. Er hatte Befehl, sich zu verstecken. Als die ersten deut
schen Soldaten die schwer bombardierte Stadt erreichten, trat er als Bürger
meister auf und konnte die Übergabe der Stadt bewirken3. Viele Reichsdeutsche
hatten Jugoslawien kurz vor dem Blitzunternehmen verlassen, das Hitler am
27. März angeordnet hatte.
2. GRIECHENLAND
Bei Griechenland, das ebenfalls am 6. April 1941 von der deutschen Wehr
macht angegriffen wurde, können wir uns kurz fassen. Die Abwehr besaß dort
eine Organisation, um auf alliierten Fahrzeugen, die griechische Häfen anliefen,
Sprengladungen anzubringen4. Außerdem wurden 1940 zwei Abwehroffiziere
nach Griechenland geschickt, »die als Geschäftsleute getarnt mehrere Wochen
in einem führenden Athener Hotel zubrachten. Ihre Aufgabe bestand darin, In
formationen zu sammeln und mit eventuellen Agenten Verbindung aufzunehmen5.«
Drei Tage vor Beginn der deutschen Offensive wurden drei Sabotagekommandos
der Abwehr, insgesamt 16 Mann, aus Bulgarien nach Griechenland eingeschmug
gelt. Sie sollten im Grenzgebiet Brände legen und telegraphische Verbindungen
zerstören6.
Weil der deutsche Gesandte die Offensive kommen sah — wer tat es nicht? —
hatte er Vorkehrungen getroffen, um die Arbeit der Gesandtschaft im Kriegs
fälle in seinem Privathaus fortzusetzen. Dorthin hatte er auch die Funkstation
des Militärattaches gebracht. Die Reichsdeutschen in Athen sollten in drei
deutschen Gebäuden Wohnung nehmen7.
1
KTB-Abwehr, 6., 7. u. 9. 4. 1941.
2
Vgl. S. 218, Anm. 4.
3
Mitteilung Halders und Fernschreiben von SS-Gruppenführer Heydrich an Auswärtiges
Amt, 13. 4. 1941 NG 2315.
4
KTB-Abwehr, 9. 12. 1939. Ferner Mitteilung v. Lahousens.
5
Leverkühn a.a.O., S. 113.
6
KTB-Abwehr, 4. 4. 1941.
7 Telegramm
des deutschen Gesandten Prinz Erbach an AA, 11. 3. 1941. NG-3519.
219
Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen wurden zunächst alle Mitglieder der
Auslandsorganisation herangezogen, um der Wehrmacht als ortskundige Führer und
Dolmetscher zu dienen. Knaben und Mädchen der Hitlerjugend fuhren »stolz und
strahlend« auf Motorrädern und Lastwagen der deutschen Truppe mit1.
3. DIE SOWJETUNION
Im Februar 1938 mußten die letzten deutschen Konsulate in der Sowjetunion
geschlossen werden. Für den deutschen Militärattaché in Moskau, zu dessen Auf
gaben es gehörte, sich ein Urteil über das russische Militärpotential zu bilden,
war das ein Unglück; denn mit ihnen verschwand, wie er sagte, »eine seiner
letzten Informationsquellen«. Was der diplomatische Kurier, der einmal im
Monat zwischen Berlin und Tokio hin und her reiste, »unterwegs sah und ihm
dann berichten würde, war unter den jetzigen Umständen tatsächlich die letzte
verbleibende Informationsquelle außerhalb Moskaus12
«. Natürlich machten der
Militär- und der Marineattaché selbst die Augen auch weiterhin auf. So konnte
der Marineattaché im September 1940 über »wertvolle Beobachtungen« berichten,
die er auf den Werften bei Leningrad gemacht hatte3. Die Deutschen versuchten,
auch Angaben über die Sowjetunion in den an Rußland angrenzenden neutralen
Staaten zu sammeln4, besonders in Finnland und in der Türkei5. Im Frühjahr
1941 hatten sie in den baltischen Staaten und in dem östlichen Teil Polens, den
die Sowjetunion besetzt hatte, einige Agenten6. Um dieselbe Zeit gelang es
ihrem Vertreter in Teheran dadurch, daß er Fühlung mit Gegnern des Sowjet
regimes in Armenien und Aserbeidschan aufnahm, wertvolle Informationen über
die Ölfelder von Baku zu erhalten. Auf seinen Reisen durch die Sowjetunion
hatte dieser Vertreter auch mit eigenen Augen wertvolle Beobachtungen machen
können7.
Schließlich versuchten die Deutschen mit schnellen Flugzeugen, die in großer
Höhe in sowjetisches Gebiet einflogen, Luftaufnahmen zu machen, vor allem von
wichtigen militärischen Objekten, von Verkehrsverbindungen und Grenzbefesti
gungen. Diese Flugzeuge gehörten zum Geschwader »Rowehl«, das auf den Flug
1
Wrede: Unser Kriegstagebuch. In: Jahrbuch der AO der NSDAP 1942. I. S. 66.
2
Aktennotiz von Staatssekretär v. Mackensen, 22.2.1938. ADAP. D I, S. 743.
3
Admiral Assmann: Die Seekriegsleitung und die Vorgeschichte des Feldzuges gegen Ruß
land (August 1943). C—170, IMT XXXIV, S. 690. Künftig zitiert als: Assmann: Seekriegs
leitung.
4
Ebenda, S. 680.
5
Aussage Halders im Prozeß gegen Weizsäcker u.a., S. 20., 718.
6
Assmann: Seekriegsleitung, S. 700 und Mitteilung v. Lahousens.
7
Schultze-Holthus: Frührot in Iran. Abenteuer im deutschen Geheimdienst. Eßlingen 1952.
S. 9-47.
220
platzen um Budapest stationiert war1. Die Generäle von Brauchitsch und Halder
wollten mit diesen Aufnahmen schon im September 1940 anfangen, doch lehnte
Hitler das ab, weil die Russen dann seine Pläne zu früh durchschauen könnten12 .
So begann die Aktion erst 1941. Die Ergebnisse waren nicht ohne Bedeutung.
Im März verzeichnete Halder, daß, nach diesen Aufnahmen zu urteilen, das
russische Verkehrsnetz viel besser war, als die Deutschen vermutet hatten. Zu
nächst wagte sich das Geschwader »Rowehl« nicht sehr weit nach Rußland hinein;
erst 14 Tage vor der Invasion begann es mit Langstreckenflügen3.
Im allgemeinen
Sowjetunion und
waren die Deutschen über die damalige Militärmacht der
ihre Entwicklungsmöglichkeiten erstaunlich schlecht unter
richtet. 1941 rechneten die Deutschen mit 200 russischen Divisionen. Sechs
Wochen nach Beginn des Feldzuges waren sie bereits auf 360 Divisionen gestoßen.
Ebenso hatten sie die russische Luftwaffe erheblich unterschätzt4. Über die Stärke
der russischen Panzerwaffe hatte Hitler überhaupt keine Vorstellungen. Später
sagte er zu einem deutschen Diplomaten: »Als wir nach Rußland zogen, erwartete
ich ungefähr 4000 Panzer, aber wir trafen auf 12 0005.« Allerdings hatte der
deutsche Panzerfachmann Guderian schon 1937 von 10.000 russischen Panzern
gesprochen, doch hatte ihm niemand geglaubt6. Es besteht Grund für die Ver
mutung, daß die deutsche Abwehr 1941 eine vernünftige Vorstellung von der
Größe der russischen Panzerproduktion hatte7, doch maß Hitler ihren Berichten
ebenso wenig Wert bei wie den Warnungen des deutschen Botschafters in Moskau,
Graf von der Schulenburg, und des Militärattaches General Köstring — zwei von
den wenigen Deutschen, welche die Sowjetunion aus eigener Anschauung kannten
und eine richtige Vorstellung von ihrer militärischen Macht hatten.
Nicht nur Hitler, sondern die Mehrzahl seiner führenden Generäle empfanden
tiefe Verachtung für die Slawen. Vermutlich hätten selbst die ausführlichsten
Einzelheiten Hitlers Vorurteil nicht zu erschüttern vermocht. Was jedoch Männer
wie Brauchitsch und Halder angeht, die hervorragende Militärtechniker und
kühle, ja kalte Rechner waren, so kann man sich nicht dem Eindruck entziehen,
daß ihre völlig falschen Urteile über die Sowjetunion mit der relativen Dürftig
keit an zuverlässigem Tatsachenmaterial zusammenhingen, das die Deutschen
hatten sammeln können. Es gibt keine Angaben, die den Schluß rechtfertigen
würden, daß die deutsche Spionage in der Sowjetunion vor Ausbruch des Krieges
umfangreich und wirksam gewesen sei.
1
Aussage v. Lahousens. IMT II, S. 467.
2
Greiner a.a.O., S. 312/3.
3
Halder: Tagebuch, 11. 3. u. 7. 6. 1941.
4
Ebenda, 1. 7. u. 11. 8. 1941.
5
Rudolf Rahn: Ruheloses Leben. Düsseldorf 1949. S. 190.
6
Heinz Guderian: Erinnerungen eines Soldaten. Heidelberg 1949. S. 171/2.
7
The Goebbels Diaries. S. 246.
221
Als die Deutschen in der Sowjetunion einmarschierten, wurde es für Hitler
und seine Generäle äußerst wichtig, genau zu erfahren, was hinter der russischen
Front vorging. Zu diesem Zweck wurden den Hauptquartieren der deutschen
Heeresgruppen mehrere sogenannte V-Mann-Kolonnen attachiert. Sie bestanden
jeweils aus 25 oder mehr Angehörigen der einheimischen Bevölkerung, also
Russen, Polen, Ukrainer, Grusinier, Kosaken, Finnen, Esten usw. Jede dieser
Kolonnen unterstand einem deutschen Offizier. Offiziere und Mannschaften trugen
russische Uniformen. Sie benutzten eroberte russische Militärfahrzeuge und
hatten zur Aufgabe, 50 bis 300 km vor der deutschen Front in die Sowjetunion
einzudringen
Straßennetz
und
und
ihre
Beobachtungen
»sämtliche
Maßnahmen,
über
russische
die
vom
Reserven,
Feinde
Eisenbahnen,
getroffen
werden«,
auf dem Funkwege zu melden1.
Während der ersten Kriegsphase, als von einer zusammenhängenden russischen
Front nicht gesprochen werden konnte, gelang es diesen V-Mann-Kolonnen tat
sächlich, weit über das Kampfgebiet hinaus vorzudringen und wertvolle Angaben
zu sammeln. Die Lastwagen erhielten manchmal das Aussehen von Verwundeten
transporten. Diejenigen Männer, die nicht oder nur schlecht russisch sprachen,
lagen mit Verbänden stöhnend da; so brauchten sie gegebenenfalls keine Fragen
zu
beantworten.
Die
Unteroffiziere
waren
Ruthenien
sowie
Einwanderer
aus
und
größtenteils
dem
Ukrainer
kaukasischen
aus
Bergland.
Galizien
Für
die
Ausbildung dieser Leute war schon 1938 in Bayern ein Lager geschaffen worden,
in dem sich etwa 50 Männer befanden. Diese vorbereitende Arbeit war von Hitler
nach der Unterzeichnung des deutsch-russischen Nichtangriffspaktes offiziell ver
boten worden, wurde jedoch von den Japanern mit finanzieller Unterstützung
von deutscher Seite fortgesetzt12 .
Neben diesen spionierenden V-Mann-Kolonnen schuf Abwehr II kleine Kampf
gruppen, die dem Lehrregiment »Brandenburg« angehörten und, wiederum in
russischen Uniformen und weit vor den deutschen Truppen, Brücken, Tunnels
und Ausrüstungslager erobern sollten. Sie bestanden hauptsächlich aus Deut
schen3. Im Oktober 1941 sprach der Stabschef der Heeresgruppe Nord mit
höchster Anerkennung von der Tätigkeit dieses Lehrregiments4. In Lettland hatte
es die wichtige Brücke über die Düna schützen können5.
Ebenfalls Abwehr II war es, die mit Nationalsozialisten in den baltischen
Staaten und der Ukraine Fühlung aufnahm, um dadurch im Rücken der russi
schen
1
Armeen
Aufstände
anzuzetteln6.
In
den
baltischen
Staaten
nahm
Vortragsnotiz von Admiral Canaris, 4. 7. 1941. PS-882.
2
Mitteilung v. Lahousens und KTB-Abwehr, 25. 10. u. 21. 12. 1939.
3
Schriftliche Aussage von Oberst Erwin Stolze, 25. 12. 1945. USSR-231, IMT VII, S. 273.
4 Bericht v. Lahousens über seine Dienstreise an die Ostfront, 24.—30. 10. 1941. NOKW
3146 (26. 10. 1941).
5
Leverkühn a.a.O., S. 134.
6
Halder: Tagebuch, 21. 2. u. 17. 5. 1941. Dazu Anm. 671.
222
die
Abwehr im Frühling 1941 mit dem früheren lettischen Gesandten in Berlin und
dessen Militärattaché und mit dem früheren Nachrichtenchef des estnischen General
stabs Verbindung auf. In der Ukraine arbeiteten die Deutschen mit Männern wie
Andrej Melnyk und Stepan Bandera zusammen, was General Lahousen nach dem
Krieg »ein wahres Martyrium« nannte. Seine Klagen sind begreiflich. Alle Versuche
der Deutschen, zwischen den beiden Nationalistenführern in der Zeit vor der
Invasion eine Versöhnung herbeizuführen, führten zu nichts1. Kaum hatten die
Deutschen Lemberg erobert, als Bandera dort auf eigene Faust eine ukrainische
Regierung bildete und gleichzeitig eine eigene Streitmacht aufzustellen versuchte.
Melnyk tat dasselbe von Kiew aus. Die Tätigkeit beider Parteien, die gegenseitig ihre
Führer zu ermorden versuchten, wurde von den Deutschen nach kurzer Zeit ver
boten12 . Diese versuchten dann zwar, Agenten unter den ukrainischen Nationalisten
zu gewinnen, doch liefen viele von diesen wie übrigens auch andere Agenten zu den
Russen über. Das galt besonders für die russischen Kriegsgefangenen, die im
weiteren Verlauf des Krieges von Abwehr und Sicherheitsdienst für die Arbeit in
der Sowjetunion ausgebildet wurden3.
In deutschen Quellen wird hin und wieder erwähnt, daß Agenten aus Rußland
wissenswerte Dinge berichtet hätten. Halders Nachfolger General Zeitzler konnte
Hitler am 7. November 1942, eine Woche vor Beginn der großen russischen
Gegenoffensive bei Stalingrad, mitteilen, daß »nach Agentenmeldungen« der
Kreml am 4. November beschlossen habe, noch vor Ende des Jahres 1942 ent
weder an der Don-Front oder in der Mitte anzugreifen4. Gegen Ende November
1943 erhielt Goebbels Agentenberichte aus Moskau, die eine Vorstellung von den
schwierigen Verhandlungen zwischen Cordell Hull, Eden und Molotow gaben und
eine »elektrisierende Wirkung« auf ihn hatten5. Man hat den Eindruck, daß solche
Neuigkeiten selten waren, und wird darin von der Tatsache bestätigt, daß während
des ganzen zweiten Vierteljahres 1942 nur an einer einzigen Stelle des Kriegstage
buches des Oberkommandos der Wehrmacht mit einiger Sicherheit Nachrichten er
wähnt werden, die Hitler von hinter der russischen Front gelegenen Stellen erhalten
hatte. Dort ist die Rede von »Nachrichten aus Kuibyschew, denen zufolge die
Russen den Plan verfolgen, unsere Angriffsabsichten zu durchkreuzen, indem sie
selbst überall die Offensive ergreifen6«. Diese Nachricht war übrigens unzutreffend.
1
KTB-Abwehr, 18. 10., 3. u. 7. 11. 1940; 15. 2. u. 12. 3. 1941.
2
Tätigkeits- und Lagebericht Nr. 2 der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD
in der UdSSR (Berichtszeit 1. 1.—31. 1. 1942). PS-3876. S. o.: Jlnytzkji, Deutschland und die
Ukraine 1939-1945, Osteuropa-Institut München 1956, Bd. II, insbes. S. 173 ff, 238 ff; ferner:
Alexander Dallin, German Rule in Russia 1941-1945, London 1957, S. 119 ff.
8 Mitteilung v. Lahousens. Ferner Zeuge Walter Schellenberg im Prozeß gegen Weizsäcker
u. a» S. 5147-54.
4
Greiner a.a.O., S. 417.
5
Von Oven a.a.O. I, S. 153/5.
6
PS-1807 (12. 5.1942).
223
Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß die Abwehr bei keiner der ziemlich
eingehend
beschriebenen
Operationen
die
Mitwirkung
der
Volksdeutschen
er
reicht hat. Diese lebten so tief im Innern Rußlands, daß es unmöglich gewesen
wäre, mit ihnen in Verbindung zu treten. Zudem waren manche von ihnen, be
sonders die Jüngeren, dem Kommunismus wohlgesonnen1. Was man in Berlin
über die Volksdeutschen wußte, war sehr unvollkommen; man kannte nicht ein
mal mit Sicherheit die Dörfer, in denen sie lebten12 . Zwar befahl Himmler drei
Wochen nach Beginn des Feldzuges der Volksdeutschen Mittelstelle, »alle Maß
nahmen zu treffen, um das Volksdeutschtum in der besetzten Sowjetunion zu
erfassen
und
durch
Aufstellung
nicht-bolschewistischer
Vertrauensmänner
den
Grundstein zu einer deutschen Führung zu legen3«, doch waren die praktischen
Ergebnisse gering.
Zuerst schenkte überhaupt niemand den Volksdeutschen in der Ukraine beachtung. Gauleiter Koch, der dort das Zepter schwang, duldete keine Einmischung.
Im August 1942 wurde die Lage der Volksdeutschen in der Ukraine folgender
maßen beschrieben: »Sie hungerten. Sie wurden mit einer doppelten Steuer
belegt. Die bereits eröffneten Schulen wurden geschlossen. Jedes völkische Leben
ist tot4.«
Etwas günstiger war die Lage der Volksdeutschen im östlichen Teil Wolhy
niens und in Transnistrien, dem 1941 von Rumänien annektierten Gebiet am
Schwarzen Meer. Dort wurden neue Schulen eröffnet und ein Teil der waffen
fähigen Männer in einer sogenannten volksdeutschen Mannschaft zusammen
gefaßt, damit sie ihre Dörfer gegen Angriffe von Partisanen verteidigen konnten5.
In Transnistrien sah ein reisender deutscher Nationalsozialist, daß die volks
deutschen Bauern kurz nach der Ankunft der deutschen und rumänischen Trup
pen »überall« aus den Sowjetfahnen Hakenkreuzfahnen gemacht hatten, die von
ihren Häusern wehten6. Augenscheinlich gefiel es ihnen unter dem neuen Regime
besser als unter dem alten. Man sollte hierin jedoch nicht einen Beweis dafür
sehen, daß vorher irgendeine Verbindung mit einer amtlichen Stelle im Dritten
Reich bestanden hatte. Im Oktober 1941 wurde aus diesem Gebiet ein amtlicher
Bericht erstattet, demzufolge die Volksdeutschen, auch soweit sie nicht Kom
munisten waren, »ein vollkommen verzerrtes Bild von den Verhältnissen im Reich
und von der nationalsozialistischen Führung« hatten; »z.B. kennt ein großer Teil
1
Mitteilung v. Lahousens.
2
Die deutschen Siedlungen in der Sowjetunion. Ausgearbeitet und herausgegeben von der
Sammlung Georg Leibbrandt. Berlin 1941. S. 4.
3
Brief Himmlers an die SS-Gruppenführer Lorenz u. Heydrich, 11. 7. 1941. NO-4274
4
Aktennotiz über Besprechung im Führerhauptquartier, 17. 8. 1942. NO-2703.
5
Ebenda.
6
C. v. Kügelgen: Von den deutschen Kolonisten in Wolhynien und in der Ukraine westlich
des Dnjepr. In: Deutsche Post aus dem Osten. Dez. 1941, S. 5. — Der Artikel enthält einen
Bericht über die Reisen Dr. Karl Stumpps.
224
von ihnen den Führer kaum dem Namen nach.« Die Angehörigen der Intelligenz
— Lehrer, Techniker, Beamte — hatten angeblich keinerlei politisches Bewußtsein
oder Urteilsvermögen. Sie standen den Juden »überwiegend indifferent« gegen
über. »Bezeichnend für dieses Moment ist die Tatsache«, so heißt es bedauernd,
»daß die Volksdeutschen nach dem Einmarsch der deutschen Truppen gegen die
verbliebenen Juden keinerlei Maßnahmen ergriffen und sie als harmlose Leute
und ungefährliche Menschen bezeichnet hatten1.«
Es gibt keine Angaben, aus denen hervorginge, daß Volksdeutsche in der
Ukraine oder im Wolgagebiet die russischen Truppen im Rücken angegriffen
oder zu diesem Zweck insgeheim Vorbereitungen getroffen hätten. Ebensowenig
sind Beweise dafür veröffentlicht worden, daß es unter den Wolgadeutschen
»Tausende und Zehntausende von Saboteuren und Spionen« gegeben habe. Die
Sowjetunion schweigt, und aus deutschen Archiven sind bisher keine Urkunden
veröffentlicht worden, aus denen man schließen könnte, daß es zwischen dem
Dritten Reich und den Volksdeutschen am Dnjepr, am Schwarzen Meer, am Don
oder an der Wolga Verbindungen zum Zwecke einer Verschwörung gegeben habe.
1
Tätigkeits- und Lagebericht Nr. 6 der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD
in der UdSSR (Berichtszeit 1.-31.10.1941). R-102, IMT S. 301.
15
225
XIV
DIE MILITÄRISCHE FÜNFTE KOLONNE
Die hier zusammengetragenen Tatsachen, die, wie wir sagten, die Frage auf
klären könnten, ob es eine militärische Fünfte Kolonne der Deutschen gegeben
hat und wie mächtig und wichtig sie gegebenenfalls gewesen ist — diese Tatsachen
sind nicht vollständig. Sie können nicht vollständig sein. Nur ein Teil der deutschen
Akten ist gefunden worden, und bisher sind nur Bruchstücke davon veröffent
licht worden. In allen Ländern sind nicht genügend Berichte erstattet und zu
verlässige Studien angefertigt worden, um daraus endgültige Schlüsse ziehen zu
können. Manche Zeugen sind für immer vom Schauplatz abgetreten, andere
hüllen sich in undurchdringliches Schweigen. Gleichwohl scheint uns, daß sich
aus dem gesamten Tatsachenmaterial, das hier vorliegt, ein Bild ergibt, das zwar
keineswegs vollständig, aber doch in seinen wichtigsten Zügen alles andere als
willkürlich ist. Es ergibt sich die merkwürdige Tatsache, daß diese Angaben, die aus
den verschiedensten Quellen stammen und niemals auf vollständige Akten zurück
gehen, sondern meistens nur auf verstreute Stücke und Fetzen von Dokumenten,
manchmal sogar nur auf kleine Ausschnitte, trotzdem eine gewisse innere Über
einstimmung besitzen und sich im Einklang miteinander befinden, wenn jedes
Land für sich allein betrachtet wird. Sie berichten uns immerhin in großen Zügen,
was geschehen ist.
Ehe wir uns insoweit an eine Betrachtung jedes einzelnen Landes machen, mag
es nützlich sein, einen Blick auf das zu werfen, was uns als die wesentlichen
Charakterzüge des ursprünglichen Bildes der militärischen Fünften Kolonne der
Deutschen erscheint, wie es große Teile der Bevölkerung in allen Ländern ge
sehen haben.
Diese Fünfte Kolonne wurde als eine riesige Verschwörung angesehen, die von
den Führern des Dritten Reiches nach einem festen Plan geleitet wurde. Man glaubte,
daß nahezu alle Einrichtungen von Partei und Staat in Deutschland aktiv daran
teilhatten und eng miteinander zusammenarbeiteten. Ferner vermutete man, daß diese
Verschwörung außerhalb Deutschlands alle oder doch wenigstens sehr viele Reichs
deutsche, Volksdeutsche und einheimische Nationalsozialisten und Faschisten um
faßte. (Diese beiden letzten Gruppen werden wir der Einfachheit halber in diesem
Kapitel »Faschisten« nennen.) Dieser Apparat von Verschwörern würde, so glaubte
226
man, gleichzeitig mit der Aggression von außen auf breiter Front als Teil jener
Aggression von innen her zum Angriff übergehen.
Daß diese Vorstellung von der deutschen Fünften Kolonne sich mit der Wirk
lichkeit deckte, hat unsere Untersuchung nicht ergeben.
Hingegen hat sich ergeben, daß Hitler selbst von Anfang an geradewegs auf
den Krieg zugegangen ist. (»Der Entschluß zum Schlagen war immer in mir.«)
Es hat sich nicht ergeben, daß er bei der Verwirklichung dieses Zieles irgend
einem festen Plan gefolgt ist. Er hat lange gezögert, ob er im Osten oder im Westen
anfangen sollte. Seine Strategie war ohne System und infolge seiner impulsiven
Art häufig voreilig und eigensinnig. Für die Vorbereitung einer Offensive gegen
Polen nahm er sich fünf Monate Zeit. Unmittelbar danach forderte er eine Offen
sive, um Frankreich, Belgien und einen Teil der Niederlande zu besetzen. Als
nächstes ließ er sich durch eine hastig vorbereitete Offensive gegen Dänemark und
Norwegen ablenken. Für eine Invasion in England war im entscheidenden Augen
blick nichts vorbereitet. Nord- und Südamerika lagen außerhalb seiner Reich
weite. Griechenland griff er an, um seinen italienischen Verbündeten zu ent
lasten. Der Angriff auf Jugoslawien mußte in anderthalb Wochen improvisiert
werden. Die Offensive gegen die Sowjetunion war zwar gründlich, aber mit so
geringer Kenntnis des Gegners und so geringem Verständnis für die Schwierig
keiten, die ihn erwarteten, vorbereitet worden, daß Hitler vier Monate nach
ihrem Beginn zugab, er würde sie vielleicht niemals angefangen haben, wenn er
gewußt hätte, was ihm bevorstand1.
Es hat sich ergeben, daß in Deutschland verschiedene Stellen von Partei und
Staat daran beteiligt waren, die militärische Widerstandskraft anderer Länder zu
untergraben. Es hat sich nicht ergeben, daß das für die meisten Behörden gilt.
Außer zwei einigermaßen regulären Stellen — dem Amt Ausland-Abwehr des Ober
kommandos der Wehrmacht und dem Auswärtigen Amt — sind wir insbesondere
auf vier Einrichtungen von wesentlich politischem Charakter gestoßen: die Aus
landsorganisation der NSDAP, das Außenpolitische Amt der NSDAP, die Volks
deutsche Mittelstelle und den Sicherheitsdienst. Diese vier Einrichtungen waren
besonders typisch für das nationalsozialistische Deutschland. Außenministerien
und militärische Stellen für Spionage, Spionageabwehr und Sabotage gab es auch
bei allen andern kriegführenden Mächten.
Es hat sich nicht ergeben, daß zwischen den eben erwähnten sechs deutschen
Stellen eine enge und harmonische Zusammenarbeit bestanden hat, bei der sich
aus gemeinsamen Beratungen bestimmte Aufgaben ergeben hätten. Die Beziehun
gen zwischen ihnen waren gespannt, häufig arbeiteten sie sich entgegen, und sie
mißgönnten sich gegenseitig jeden Erfolg. Auch Hitler förderte nicht die harmo
nische Zusammenarbeit.
1
Bericht über ein Gespräch zwischen Hitler und Ciano, 25. 10. 1941. Ciano’s Diplomatic
Papers. London 1948. S. 455.
227
Es hat sich ergeben, daß im Ausland lebende Reichsdeutsche, größtenteils Mit
glieder der Auslandsorganisation, in mehreren Fällen die deutsche Aggression
mitvorbereitet oder unterstützt haben. Es hat sich nicht ergeben, daß diese ver
hältnismäßig zahlreich waren. Nur ein kleiner Prozentsatz der Reichsdeutschen
waren Mitglieder der Auslandsorganisationen: in Brasilien 2 Prozent, in der
Schweiz 3 Prozent, in Norwegen und Argentinien 4 Prozent, in Holland 6 Prozent,
in Chile 9 Prozent, in Luxemburg 12 Prozent und in Polen 15 Prozent.
Die Gesamtzahl der außerhalb Deutschlands lebenden Reichsdeutschen war vor
dem Kriege nicht zuverlässig bekannt. 1937 schwankten die deutschen Schätzun
gen zwischen zwei und drei Millionen1. Eine niedrigere und wahrscheinlich ge
nauere Schätzung aus dem Jahre 1929 nennt anderthalb bis zwei Millionen12 . Wie
dem auch sein mag, so gehörten zu Beginn des Jahres 1933 nur 3300 Reichs
deutsche im Ausland der Auslandsorganisation an3. Am 30. Juni 1937 waren es
30 203, am 30. Juni 1938 30 289 und am 31. März 1939 30 2734. Spätere Zahlen
liegen nicht vor.
Es hat sich ergeben, daß Angehörige volksdeutscher Minderheiten in mehreren
Fällen die deutsche Aggression aktiv unterstützt haben. Es hat sich nicht ergeben,
daß ihre Tätigkeit, abgesehen von Polen und Jugoslawien, irgendeinen größeren
Umfang gehabt hat. In den beiden genannten Ländern wurde das Gemeinschafts
leben der Volksdeutschen nach 1938 von nationalsozialistischen Elementen be
herrscht. In Nord- und Südamerika hatte der Nationalsozialismus auf die Ein
wohner deutscher Abkunft wenig oder überhaupt keinen Einfluß gewonnen. Mit
den Volksdeutschen der Sowjetunion hat überhaupt keine Verbindung bestanden.
Es hat sich ergeben, daß sich in mehreren Fällen »Faschisten« der deutschen
Aggression als Werkzeuge zur Verfügung gestellt haben. Es hat sich nicht er
geben, daß diese zahlreich waren. Manchmal waren es nur die Anführer oder einige
führende Leute (bei den norwegischen, flämischen, bretonischen, irischen, kroa
tischen und ukrainischen »Faschisten«), die zu diesem Zwecke regelmäßige Ver
bindungen zu deutschen Stellen in Staat oder Partei unterhielten. Manchmal
waren diese Stellen mit bestimmten Mitgliedern in Verbindung getreten, ohne daß
dies deren Führern bekannt war (Dänemark, Holland).
Es hat sich nicht ergeben, daß diese Reichsdeutschen, Volksdeutschen und
»Faschisten«, soweit sie die deutsche Aggression aktiv unterstützt haben, plan
mäßig gehandelt und eng zusammengearbeitet haben. Man braucht nur an Nor
wegen zu denken, wo weder Quisling noch der Landesgruppenleiter genau wußten,
was geschehen würde.
Es zeigt sich also, daß die militärische Fünfte Kolonne der Deutschen sehr viel
1
Ehrich: Die Auslandsorganisation der NSDAP. S. 7.
2
H. W. Herold: Die deutschen Kolonien im Auslande und das Einwanderungsdeutschtum.
Jahrbuch des Bundes der Auslandsdeutschen. Berlin 1929. S. 42.
3
Bohles Aussage in Nürnberg. IMT X, S. 12.
4
Aus verschiedenen Statistiken des Reichsschatzmeisters der NSDAP.
228
weniger umfangreich und wichtig war, als man außerhalb Deutschlands in und
nach dem Kriege geglaubt hat. Es hat sich aber auch gezeigt, daß diese Fünfte
Kolonne tatsächlich existiert hat. Dementis führender Personen im national
sozialistischen Deutschland sollte insoweit keinerlei Bedeutung beigemessen wer
den. Uns scheint es vielmehr eine bemerkenswerte Tatsache zu sein, daß es dem
Dritten Reich gelungen ist, eine solche Fünfte Kolonne in nur sechs oder sieben
Jahren aufzubauen. Verrat
und Mißbrauch
der Gastfreundschaft wurden vom
Dritten Reich in bemerkenswertem Umfang gefördert. Noch vor den deutschen
Aggressionsakten
haben
sich,
wie
wir
gesehen
haben,
Reichsdeutsche,
Volks
deutsche und »Faschisten« dem bewaffneten Kampf auf Seiten des Angreifers zur
Verfügung gestellt; sie haben Spionage und Sabotage getrieben, haben dazu bei
getragen, den Widerstand von Armee und Nation im angegriffenen Lande zu unter
graben, und haben dem Angreifer während der Kämpfe und nachher unmittelbar
Beistand geleistet.
Dieses Tätigwerden der militärischen Fünften Kolonne ist jedoch, wie wir ge
sehen haben, in den verschiedenen Ländern in verschiedener Gestalt und wechseln
dem Ausmaß aufgetreten. Die Fünfte Kolonne hat nicht immer auf dieselbe Weise
operiert. Für das angegriffene Volk war es gleichgültig, ob die Sprengung einer für
die Deutschen wichtigen Brücke von Volksdeutschen verhindert wurde, welche
bereits vor Beginn des Angriffs in dem anzugreifenden Lande gewesen waren, oder
ob das durch Angehörige der Abwehr geschah, die in Zivilkleidung, aber mit Kenn
zeichen ausgerüstet und als Einheit organisiert, von der deutschen Seite unbemerkt
durch die Front an ihren Bestimmungsort gelangt waren. In beiden Fällen spra
chen die überfallenen Völker von Angehörigen der Fünften Kolonne.
Wir möchten hier hervorheben, daß der Begriff dieser Fünften Kolonne offenbar
zwei verschiedene Dinge umfaßte. Man könnte von einer inneren und einer äußeren
Fünften Kolonne sprechen. Die innere Kolonne war im Augenblick des Angriffs
bereits in dem Lande, das angegriffen werden sollte, vorhanden, während die äußere
Kolonne erst im Augenblick des Angriffs oder nachher das betroffene Land betrat.
Die Angehörigen der inneren Kolonne verrieten den Staat, dessen Bürger oder Gäste
sie waren. Sie waren die wirkliche Fünfte Kolonne, wie sie dem geschichtlichen
Ursprung des Begriffes entsprach.
In der äußeren Fünften Kolonne fehlt das Element des Verrats, soweit ihre
Mitglieder Deutsche und nicht Bürger des anzugreifenden Landes waren. Gewiß
verstieß diese äußere Fünfte Kolonne oft gegen die allgemeinen Gesetze und
Bräuche des Krieges, doch handelte es sich dabei eher um unerlaubte Schachzüge
oder unerlaubte Arten der Kriegführung. Auf dem Gebiet des Völkerrechts sind
viele Schriftsteller sogar der Meinung, daß es bis zum Beginn der eigentlichen
Kämpfe erlaubt sei, sich als Kriegslist der Symbole und Uniformen eines Gegners
zu bedienen1. Das ist auf deutscher Seite wiederholt vorgekommen, doch wurden
1
L. Oppenheim: International Law. A treatise (7th edition, edited by H. Lauterpacht).
II: Disputes, war and neutrality. London 1952. S. 429.
229
solche Kriegslisten auch von andern Mächten im zweiten Weltkrieg verwendet.
Die Operationen britischer und amerikanischer Kommandotruppen zeigten ähn
liche Elemente wie die äußere Fünfte Kolonne. Sabotageversuche durch Agenten
wurden auf beiden Seiten unternommen.
Es überrascht jedoch nicht, daß die Völker, die Opfer eines Angriffs wurden,
zwischen der inneren und äußeren Fünften Kolonne nicht unterschieden und sich
nicht um die Frage gekümmert haben, was völkerrechtlich erlaubt oder verboten
sei. In gewissem Sinne war diese Gleichgültigkeit gerechtfertigt. Schließlich waren
innere und äußere Fünfte Kolonne verräterische Kundgebungen eines unzweifel
haft aggressiven Deutschlands. Während des Krieges wurden jedoch die innere
und äußere Fünfte Kolonne häufig in einen Topf geworfen und Handlungen der
zweiten wurden der ersten, der »wirklichen« Fünften Kolonne zur Last gelegt.
Es erscheint fragwürdig, die Tätigkeit im Sinne der Fünften Kolonne, soweit sie
von reichsdeutschen Beamten im Ausland mit gewöhnlichem diplomatischem
Status verübt wurde, als wirkliche Handlungen einer Fünften Kolonne anzu
sehen. Solche Fälle trafen wir in Dänemark (Luftattaché), Norwegen (Marine
attache, Luftattaché, Gehilfe des Handelsattaches), Holland (Militärattaché und
sein Gehilfe, Luftattaché), Großbritannien (Generalkonsul in Liverpool), in den Ver
einigten Staaten (Marineattaché, Generalkonsul in San Franzisko), Jugoslawien
(Konsulatsangestellter und Konsul in Agram) und in der Sowjetunion (Konsulate,
Militärattaché, Marineattaché). Sehr wahrscheinlich war die Spionage durch Diplo
maten viel verbreiteter als durch die vorhandenen Urkunden nachgewiesen werden
kann, doch sollte man das unserer Meinung nach, so ungesetzlich und unerträglich
es sein mag, als normale Erscheinung ansehen.
Es bleibt die innere Fünfte Kolonne, die aus gewöhnlichen Reichsdeutschen,
Volksdeutschen und »Faschisten« bestand. Das wichtigste Kennzeichen für das
Vorhandensein einer größeren inneren Fünften Kolonne war deren Teilnahme am
bewaffneten Kampf und die Bildung von Kampfgruppen, die der Armee des ange
griffenen Landes in den Rücken fielen. Anzeichen dafür, daß dies tatsächlich ge
schehen ist, haben wir nur in Polen und Jugoslawien feststellen können. In diesen
beiden Ländern besaß der Nationalsozialismus starken Einfluß auf die volks
deutschen Organisationen. Ferner war in Polen der Anteil der Reichsdeutschen,
die Mitglieder der Auslandsorganisation waren, mit 15 Prozent höher als in
irgendeinem andern Lande. Andererseits liegen keine Beweise dafür vor, daß die
innere militärische Fünfte Kolonne in Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien
(mit Ausnahme von Eupen-Malmedy), Luxemburg, Frankreich, England, den Ver
einigten
Staaten,
Lateinamerika,
Griechenland
und
der
Sowjetunion
nennens
werten Umfang gehabt hat.
Der Gegensatz ist bemerkenswert. Augenscheinlich hatten die Volksdeutschen
und die Deutschen überhaupt in Polen und Jugoslawien eine ganz andere Stellung
als in Ländern wie Norwegen, Holland, Uruguay und der Sowjetunion. Die Tat
sachen, die wir über die Tätigkeit der Fünften Kolonne in Kriegszeiten dargelegt
230
haben, möchten wir des besseren Verständnisses halber noch in ihren geschicht
lichen Zusammenhang bringen. Es wird ferner noch nötig sein, die organisatori
schen Einrichtungen sowohl der inneren wie der äußeren Fünften Kolonne näher
zu betrachten.
Aus zwei verschiedenen Gründen wäre es falsch, bei dieser näheren Untersuchung
die politische Fünfte Kolonne außer acht zulassen. Zunächst ist es nur natürlich,
anzunehmen, daß die Bereitwilligkeit reichsdeutscher und volksdeutscher Gruppen
und Parteien zur Unterstützung der militärischen Aggression der Deutschen nur
die Folge, vielleicht die letzte Folge ihrer politischen Entwicklung war. Zum
andern war die sichtbare Tätigkeit der politischen Fünften Kolonne vor dem
Kriege eine wichtige Quelle der Furcht vor der militärischen Fünften Kolonne, die
während des Krieges Millionen von Menschen befiel.
Damit berühren wir ein weiteres Problem, das unsere Aufmerksamkeit verlangt.
Es besteht ein auffallender Unterschied zwischen den Vorstellungen von der deut
schen Fünften Kolonne, die wir im ersten Teil dieses Buches geschildert haben, und
der wirklichen Tätigkeit jener Fünften Kolonne, wie wir sie hier im zweiten Teil
darzustellen
versucht
haben.
Jene
Vorstellungen
enthielten,
wie
sich
heraus
stellte, gewisse Elemente, die mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Es hat sich
jedoch gezeigt, daß sie viele andere Elemente enthielten, für die wir bei unserer
Untersuchung nicht die Spur eines Beweises gefunden haben, oder deren Irrigkeit
wir bereits haben nachweisen können. Ganz allgemein ist in fast allen Ländern der
Umfang der deutschen militärischen Fünften Kolonne enorm überschätzt worden.
Warum?
231
DRITTER TEIL
ANALYSE
XV
DIE EINGEBILDETE FÜNFTE KOLONNE
Jedesmal, wenn Deutschland in den Jahren 1939—41 eine neue Aggression be
ging, tauchte im Fühlen und Denken der tatsächlich angegriffenen oder sich
unmittelbar bedroht fühlenden Menschen folgendes Leitmotiv auf:
»In unserem Lande gibt es zahlreiche feindliche Agenten, von denen manche
schon so lange unter uns gelebt haben, daß sie sehr wohl unauffällig durch
Spionage und scheinbar harmlose Mittel dem Angriff, dessen Opfer wir nun
geworden sind, den Weg hätten bereiten können. Außerdem gibt es feindliche
Soldaten,
die
jetzt,
da
der
Angriff
begonnen
hat,
unsere
Uniformen
oder
Zivilkleidung angezogen oder sich als Geistliche oder Frauen verkleidet haben.
Die eine wie die andere Gruppe dieser Agenten spioniert und versucht
außerdem, unsere Verteidigung auf mancherlei Weise, beispielsweise durch
Vergiften unserer Nahrungsmittel, zu stören. Schließlich versuchen sie dadurch,
daß sie bestimmte, scheinbar harmlose Handlungen vornehmen, die für den
eindringenden Feind Signale oder Mitteilungen enthalten, mit diesem Verbindung
aufzunehmen.«
Das Merkwürdigste ist nun, daß in völlig andersartigen geschichtlichen Situa
tionen, in denen von einer nationalsozialistischen Fünften Kolonne der Deutschen
keine Rede sein konnte, dieses Leitmotiv trotzdem im Fühlen und Denken des
Gemeinwesens wiederkehrt, das tatsächlich angegriffen wurde oder sich unmittel
bar bedroht fühlte.
So behauptete der amerikanische Marineminister nach dem Angriff auf Pearl
Harbour am 7. Dezember 1941, daß etwa 160.000 auf Hawaii lebende Japaner (von
denen die meisten amerikanische Staatsbürger waren) »vielleicht mit Ausnahme
von Norwegen die wirksamste Arbeit einer Fünften Kolonne im ganzen Krieg ge
leistet« hätten1. Man berichtete, sie hätten auf amerikanische Soldaten geschossen,
Straßensperren errichtet und in die Zuckerrohrfelder große Pfeile eingeschnitten,
die auf militärische Einrichtungen hinwiesen. Außerdem hätten ihre Gemüsehänd
ler sorgfältig die Einkäufe der amerikanischen Flotte notiert, um deren Bewegun
1
Zitiert von Generalmajor J. F. C. Fuller in: The Second World War 1939—1945. London
1948. S. 124.
235
gen daraus ableiten zu können1. Der Abgeordnete Rankin »verfluchte« sie im
Repräsentantenhaus ausdrücklich12 .
Bald nachdem die Japaner Amerika angegriffen hatten, wurden ähnliche An
schuldigungen gegen die etwa 110.000 in Kalifornien lebenden amerikanischen
Staatsbürger japanischer Abkunft, die sogenannten Nisei, erhoben. Es wurde be
hauptet, daß sie Nacht für Nacht japanischen U-Booten, die vor den Häfen auf der
Lauer lägen, Hunderte von Lichtsignalen gäben; daß sie mittels geheimer Funk
stationen Fühlung mit diesen U-Booten hätten; daß sie Blumenbeete oder Toma
tenpflanzen oder Heuschober als Hinweise auf Flugplätze und Flugzeugfabriken
angelegt und daß sie das Gemüse, das sie amerikanischen Hausfrauen verkauften,
vergiftet hätten. Die Stimmung gegen die Nisei wurde so erregt, daß die Behörden
sie im Frühjahr 1942 ihrer Freiheit gänzlich beraubten und in Lagern im Landesinnern internierten3.
Betrachten wir die Zeiten der Spannung vor dem zweiten Weltkrieg, so treffen
wir auf ähnliche Vorstellungen. Als 1938 die Tschechoslowakei einen Krieg mit
Deutschland für wahrscheinlich hielt, erzählte man sich in Prag, die Deutschen
hätten in ihrem dortigen Krankenhaus Tausende von Typhuskulturen angelegt,
um bei Kriegsausbruch das Trinkwasser zu vergiften. Weiter wurde behauptet, daß
Angehörige der Henlein-Bewegung den Namen der Hauptstadt mit Leuchtfarbe
auf das Dach der deutschen Universität geschrieben hätten, um den deutschen
Bombern den Weg zu weisen4. Im spanischen Bürgerkrieg sah ein ausländischer
Besucher, daß in der Nähe von Saragossa hinter der Front der Regierungstruppen
dem Gegner Lichtsignale übermittelt wurden. Das geschah, wie er gehört hatte,
»jede Nacht5«. Kurz vor Ausbruch des Krieges wurden Hunderte von Frauen in
Madrid von einer Panik erfaßt, als sie das Gerücht vernahmen, »daß Nonnen an die
Madrider Kinder vergiftete Süßigkeiten verteilt hätten und daß die Krankenhäuser
der Stadt eben jetzt mit den kleinen Opfern überfüllt seien6«.
Wie war es im ersten Weltkrieg gewesen? Überall stoßen wir auf unser Leitmotiv.
Im August 1914 hörte man in Frankreich das Gerücht, viele deutsche Offiziere in
französischer Uniform hielten sich in Paris und Umgebung auf, um Brücken zu
zerstören. Eine besondere Kampagne richtete sich gegen die Schweizer Firma
»Maggi«, die teilweise mit deutschem Kapital arbeitete und beschuldigt wurde,
vergiftete Milch zu liefern. Als im Herbst 1914 die starke Festung Maubeuge an der
belgischen Grenze fiel, suchte man das damit zu erklären, daß die deutschen Ge
1 Das wurde auf Grund eines Berichts von United Press am 30. u. 31. 12. 1941 in fast
der gesamten amerikanischen Presse gemeldet. Morton Grodzins: Americans Betrayed.
Politics and the Japanese Evacuation. Chicago 1949. S. 399.
2
Am 19. 2. 1942. Ebenda, S. 86.
3
Ebenda, S. 139, 193, 290, 402/3.
4
Alexander Henderson: Eyewitness in Czechoslovakia. London 1939. S. 102.
5
Franz Borkenau: The Spanish Cockpit. London 1937. S. 99.
6
John Langdon-Davies: Fifth Column. London 1940. S. 5.
236
schütze, welche die Festung bombardiert hatten, in Betonstellungen gebracht
worden waren, die von dort lebenden Deutschen lange vor dem Kriege unauffällig
in Gestalt von Tennisplätzen oder Garagenböden angelegt worden waren1.
Die Geschichte von den Betonanlagen in Maubeuge fand auch in England
bereitwillig Glauben. Dort meinten die Menschen überall ähnliche Vorberei
tungen scheinbar harmloser Art zu erkennen, die in Wirklichkeit äußerst ge
fährlich
seien:
Einfahrten
aus
Beton,
Tennisplätze
aus
Beton,
Hofplätze
aus
Beton. Außerdem waren viele Leute davon überzeugt, daß die Deutschen seit
Jahren in England planmäßig in großem Stile Spionage getrieben hatten. Ebenso
glaubte man, daß das Wasserleitungsnetz in London »von einer Musikantentruppe,
die zwar auf den Straßen traurige Weisen spielte, aber in Wirklichkeit eine Gruppe
sehr aufmerksamer deutscher Offiziere war«, erkundet worden sei. Deutsche
Friseure und Juweliere hatten allenthalben im Lande, auch dort, wo sie vermutlich
niemals ihr Brot verdienen konnten, Läden eröffnet. Die Zahl der deutschen Kellner
war beunruhigend groß: Spione! Allgemein nahm man an, daß alle diese Leute ihr
heimtückisches Geschäft nach Ausbruch des Krieges fortsetzen würden. An Hun
derten von Stehen hatte man Lichtsignale beobachtet. Ein geheimnisvoller Wagen,
so behaupteten die Leute, fuhr durchs Land und verbreitete Funkmeldungen. Im
schottischen Hochland hatten die Deutschen angeblich Benzinlager angelegt, um
ihre Zeppeline mit Treibstoff versorgen zu können. Die Behörden setzten Be
lohnungen dafür aus, daß ihnen Mitteilungen gemacht würden, die zur Entdeckung
solcher Lager führen würden. In jener ersten Phase des Krieges wurden zahllose
Menschen als feindliche Agenten verdächtigt, darunter ganz gewöhnliche Eng
länder, »nur weil sie ungewöhnlich aussahen«, weil man sie flüstern hörte oder
weil sie »Stimmen wie Deutsche« hatten12 .
In Deutschland glaubte man in den ersten Augusttagen 1914, es befänden sich
viele französische und russische Agenten im Lande, teils in deutschen Uniformen,
teils als Priester oder Nonnen verkleidet, um zu spionieren oder Überfälle auszu
führen. »Zahllose deutsche Offiziere und Soldaten wurden belästigt und verhaftet,
weil man sie für verkleidete Spione hielt3.« In Berlin und anderswo wurden Priester
und Nonnen auf der Straße belästigt und von der Menge verfolgt. Berichte, denenzufolge große Goldtransporte aus Frankreich quer durch Deutschland nach Ruß
land unterwegs waren, führten dazu, daß allenthalben Autos angehalten und durch
sucht wurden. Der gesamte Militärverkehr drohte zum Stillstand zu kommen4.
Ein paar Offiziere und Bürger, die sich weigerten, ihre Wagen anzuhalten, wurden
1
Vincent Baracs-Deltour: Pariser Selbsterlebnisse während des Krieges. München 1917.
S. 46/48.
2
William Le Queux: German Spies in England. London 1915, S. 89.
3
Wilhelm Mühlon: Die Verheerung Europas. Aufzeichnungen aus den ersten Kriegsmonaten.
Zürich 1918. S. 21.
4
W. Nicolai: Nachrichtendienst, Presse und Volksstimmung im Weltkrieg. Berlin 1920.
S. 31.
237
erschossen
oder
verwundet.
»Die
harmlosesten
Persönlichkeiten
wurden
für
Spione gehalten, wenn sie in ihrem Aussehen von dem ihrer Nachbarn etwas ab
weichen«, schrieb die englische Frau eines deutschen Adeligen1.
Die Jagd nach französischen Agenten, welche in unauffälligen Wagen Gold nach
Rußland transportierten, griff auch nach Österreich über.
In Rußland wurden die Volksdeutschen verdächtigt, daß sie mit dem Feinde in
Verbindung ständen. Der Eindruck, daß die einberufenen Volksdeutschen Verrat
begingen, war so stark, daß sie 1915 aus der russischen Westfront herausgezogen
und in den Kaukasus geschickt wurden, um dort schwere und gefährliche Arbeiten
im Hochgebirge zu verrichten. Jede neue russische Niederlage galt als Folge ihrer
ausgedehnten Spionage12 .
In den Vereinigten Staaten fanden während des ersten Weltkrieges viele Ge
schichten Glauben, die sich mit den finstern Machenschaften der Deutschen im
Ausland beschäftigten. Als der Krieg mit Deutschland im April 1917 Tatsache ge
worden war, wurde die Öffentlichkeit allmählich überzeugt davon, »daß alle Deut
schen, die sich von 1914 bis 1917 in Amerika aufgehalten hatten, nur Anschläge,
nichts als Anschläge geschmiedet hatten3«. In Lateinamerika sprachen die Men
schen damals bis in den brasilianischen Dschungel hinein von der deutschen Ge
fahr. »Die deutschen Siedler wurden als verkleidete Soldaten angesehen, die als
wohlorganisierte Einheit eines Tages imstande sein würden, ihr neues Vaterland
zu erobern und dem deutschen Reich zu unterwerfen4.« In Uruguay wurden alle
Deutschen, die in Fleischkonservenfabriken arbeiteten, entlassen, weil man fürch
tete, daß sie das für England bestimmte Fleisch vergiften würden5.
Das Leitmotiv, das im ersten Weltkrieg so deutlich erklang (»Der Feind hat
unter uns Verräter und getarnte Agenten!«), ist nicht erst eine Erscheinung des
20. Jahrhunderts. Man stößt schon früher darauf. Während des deutsch-franzö
sischen Krieges von 1870/71 begann in Paris eine wahre Jagd auf preußische Spione,
welche man allenthalben zu sehen glaubte. Häuser wurden gestürmt, aus denen
angeblich dem Feind Lichtsignale gegeben wurden. Der »Figaro« berichtete, eine
Sendung französischer Uniformen, die an den König von Preußen adressiert und
für den Gebrauch seiner Agenten bestimmt gewesen sei, sei entdeckt und im letzten
Augenblick festgehalten worden6. Droschkenkutscher und Kohlenträger wurden
als Spitzel verdächtigt — »den einen erkannte man daran, daß er mit der Linken
1
Evelyn Blücher von Wahlstatt: Tagebuch. München 1924. S. 13.
2
Adolf Eichler: Die Deutschen in Kongreßpolen. Berlin 1919. S. 9.
3
F. v. Rintelen: The Dark Invader. London 1933. S. 204. Zitiert nach der Penguin Edition
von 1940.
4
W. von Hauff: Auslandsdeutschtum. Karlsruhe 1925. S. 4. Zitiert von Georg Schreiber
in: Das Auslandsdeutschtum als Kulturfrage. Münster 1929. S. 106.
5
W. Nelke: Das Deutschtum in Uruguay. Stuttgart 1921. S. 142.
6
Le siege de Paris, 19. 9. 1871. Zitiert von L. Graux: Les fausses nouvelles de la grande
guerre. Paris 1918. I, S. 170.
238
leitete, wie ein Deutscher; den andern, weil seine Hände zu schwarz waren1«.
Einige Menschenalter zuvor hieß es am Vorabend der Massenmorde vom Septem
ber 1792, daß Paris erfüllt sei von als Priester getarnten Aristokraten und von als
Bürger getarnten Soldaten. Am Tage vor dem Sturm auf die Bastille wurde das
Kartäuserkloster erobert, weil man glaubte, daß die Mönche unter ihren Kutten
Waffen versteckt hielten. Es wurde jedoch nichts gefunden12 .
Während wir im 1. Teil die Vorstellungen der Menschen über das vermeintliche
Treiben der militärischen Fünften Kolonne der Deutschen aufgezeichnet haben,
um dann die Tatsachen über das wirkliche Treiben jener militärischen Fünften
Kolonne im 2. Teil aufzuführen, können wir jetzt daran gehen, die mehr oder
minder ähnlichen Anschuldigungen zu untersuchen, die während des zweiten
Weltkrieges und einiger früherer Kriege gegen gänzlich anders geartete Gruppen
gerichtet worden sind. Wir werden uns dabei jedoch sehr kurz fassen.
Den japanischen Bürgern auf Hawaii hat weder vor noch während oder nach
dem Angriff auf Pearl Harbour ein einziger Akt von Spionage, Sabotage oder
anderer Art nachgewiesen werden können, der als Tätigkeit einer Fünften Kolonne
gelten könnte. Spionage trieben nur die Konsulate. Ebensowenig ist etwas darüber
bekanntgeworden, daß die in Kalifornien lebenden Nisei Spionage und Sabotage
getrieben oder den Versuch gemacht hätten, Widerstandsgruppen zu bilden. Alle
Personen, in deren Häuser die Bundespolizei »Waffen« (oftmals nur Schrotflinten)
oder Sprengstoff beschlagnahmt hatte, konnten deren Besitz befriedigend erklären.
Ferner zeigte sich bei Untersuchungen, daß die Gerüchte über Lichtsignale und
geheime Funkstationen ausnahmslos unbegründet waren. Schließlich hat sich
nirgends bestätigt, daß amerikanische Landwirte japanischer Abkunft auf ihren
Besitzungen »Zeichen« zugunsten der japanischen Luftwaffe gemacht hätten3.
Die Geschichten aus dem ersten Weltkrieg darf man ebenso unbegründet nennen.
Deutsche wie Alliierte überschätzten zu Beginn der Feindseligkeiten Ausmaß und
Wirkung der gegen sie gerichteten Spionage bei weitem. Vor Kriegsausbruch hatte
der deutsche Geheimdienst jährlich höchstens eine halbe Million Reichsmark zur
Verfügung. Immerhin konnte man selbst mit diesen bescheidenen Mitteln den
Ablauf der russischen und französischen Mobilmachung feststellen. Ebenso wur
den insgeheim Tatsachen über die britische Flotte gesammelt4. Das deutsche
Spionagenetz in England, das von den Engländern seit Jahren sorgfältig beobach
tet worden war, wurde jedoch am Tage der Kriegserklärung liquidiert. Für Sabo
tageakte von in England lebenden Reichsdeutschen oder anderen Personen deut
scher Abkunft haben sich keine Beweise gefunden5.
1
Tagebuch des Francisque Sarcey. Zitiert von Baracs-Deltour a.a.O., S. 86.
2
Graux a.a.O., S. 72 u. 90.
3
Grodzins a.a.O., S. 130/2.
4
Nicolai a.a.O., S. 6.
5
Erklärung des Innenministeriums, zitiert von Le Queux a.a.O., S. 100, 174/5, 183. Ferner
Churchill: The World Crisis 1911—1918. S. 170/1. Zitiert nach der zweibändigen Ausg. von 1939.
239
»Die bewußten und unbewußten Strömungen in den Köpfen der Menschen
lassen sich nicht genau aufzeichnen«, haben wir weiter oben einmal geschrieben.
Vielleicht lohnt es sich, den Leser jetzt daran zu erinnern, wenn wir zu der Frage
kommen, wie die Vorstellung von einer allgegenwärtigen, überall tätigen Fünften
Kolonne überhaupt entstehen, und wieso diese Vorstellung in verschiedenen Län
dern und zu verschiedenen Zeiten ähnliche Gestalt annehmen kann.
Vielleicht läßt sich das folgendermaßen erklären: Der Ausbruch eines Krieges
ruft bei den meisten Menschen eine starke Furchtempfindung hervor. Niemand
weiß genau, was der Krieg ihm bringen wird. Das Leben selbst steht auf dem Spiel.
Vielleicht wird man auf dem Schlachtfeld fallen oder bei einem Luftangriff schwer
verwundet werden. Vielleicht wird man Verwandte und Freunde verlieren. Das
gewohnte tägliche Leben, das in festen Bahnen verläuft, wird plötzlich abgeschnit
ten. Eine gewaltige Umwälzung, eine unermeßliche Katastrophe steht bevor.
Welche Waffen wird der Feind verwenden? Alles, was man von Kindertagen an
über die Schrecken des Krieges gehört oder gelesen hat, alle Berichte, Vermutun
gen und was man in den Jahren vor dem Kriege sich vorgestellt, aus Zeitungen
oder Büchern entnommen hat — Kämpfe mit Flammenwerfern, Bakterien und
»Todesstrahlen« — das alles und mancherlei ähnliche Erinnerungen steigen auf
und drohen das Bewußtsein zu überfluten. Nicht nur die Quantität, sondern auch
die Qualität solcher Befürchtungen ist geistig schwer zu bewältigen; sie sind einiger
maßen unbestimmt und verschwommen. Niemand weiß, welches Unheil einem
wirklich droht und welche Katastrophe wirklich eintreten wird.
Neben die Furcht tritt von Anfang an eine aggressive Haltung. Der Feind ist der
Angreifer. Er hat den Krieg begonnen. Sein Fehler ist es, daß der Friede des täg
lichen Lebens zerstört worden ist. Er verbreitet Unheil und Zerstörung. Der Haß
wächst ständig. Alle aggressiven Gefühle, die innerhalb einer Gruppe vorhanden
sind, richten sich gegen den Feind. Nur zu gern würden die Menschen sich auf ihn
stürzen, ihn schlagen, zerschmettern und vernichten!
Zu Furcht und Aggressivität tritt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Im Kriege wird
ein gigantischer Mechanismus in Bewegung gesetzt, neben dem der einfache
Mensch ein Nichts ist. Die Arbeit, die man im Frieden getan hat, fortzusetzen, er
scheint nutzlos, aber was kann man Nützliches tun? Außerdem herrscht Ungewiß
heit. Niemand weiß, was an der Front geschieht oder vielleicht schon geschehen
ist. Die Nachrichten sind dürftig und wenig aufschlußreich.
Die innere Spannung, die von den heftigen und dennoch unbestimmten Be
fürchtungen, von der Aggressivität, die doch kein unmittelbares Ziel hat, und von
dem Gefühl der Hilflosigkeit und Ungewißheit erzeugt wird, könnte sich lösen,
sobald man im eigenen Kreise eine Person entdecken würde, die als feindlich abge
stempelt werden könnte. Dann würde die Furcht ihren geheimnisvollen und unbe
stimmten Charakter verlieren, die unbestimmte Aggressivität würde ein Ziel
finden, und Hilflosigkeit und Ungewißheit würden durch eine unmittelbare Auf
gabe aufgeschoben werden: durch einen Angriff auf den Feind in den eigenen
240
Reihen. Mit einem solchen Angriff würde man »etwas tun«, »den Krieg gewinnen
helfen«.
Die starke Neigung, dadurch ein Ventil und einen Ausgleich für die innere
Spannung zu finden, daß man ohne weiteres an das Vorhandensein von Feinden
im eigenen Kreise glaubt, ist unter solchen Umständen bei vielen Menschen vor
handen. Es brauchen zunächst nur wenige zu sein, die den angeblichen Feind
namhaft machen. Der Ruf eines einzigen wird von Tausenden aufgegriffen und
rasch an Zehntausende weitergegeben. Presse und Rundfunk sorgen dafür, daß ihn
Milhonen zu hören bekommen. Der auslösende Funke springt von einer Person auf
die andere über. Viel wichtiger ist jedoch, daß die meisten Menschen so gespannt
sind, daß sie gleichsam auf den Funken warten. Daher entzünden sich die Funken
an vielen Orten zugleich und verbreiten sich ungeheuer schnell, so daß das, was
ein Mensch nur vermutet, vom nächsten bereits als absolute Gewißheit weiterge
geben wird. Ist es dann erst einmal gedruckt oder vom Rundfunk gesendet worden,
so hat es die Endgültigkeit eines Dogmas angenommen1. Die meisten Menschen
empfinden gar nicht das Bedürfnis, Dinge, die sie hören, ruhig und kritisch ab
zuwägen. Zudem ist die Nachprüfung unmöglich, da die Verbindungen unter
brochen worden sind, so daß niemand eine verläßliche Vorstellung von den Kämpfen
hat.
Das Namhaftmachen, die »Schöpfung« von »Feinden im eigenen Kreis« ist eine
Methode, ein inneres Bedürfnis im Sinne der hier skizzierten Gedankenreihe zu
befriedigen. Es ist ein irrationaler, aber natürlicher Prozeß; ja, eine verständliche
Art und Weise, eine als unerträglich empfundene Wirklichkeit innerlich zu ver
arbeiten. Es ist ein Prozeß, der in Zeiten starker Spannung beinahe unvermeidlich
ist. Es scheint, als ob das Gemeinwesen, das angegriffen wird, seine Lage dadurch
noch schwieriger macht, daß es annimmt, es gebe Feinde in seiner Mitte; in Wirk
lichkeit geschieht jedoch in dem Augenblick, in dem diese Feinde erschaffen werden,
das Gegenteil.
Welchen Inhalt die Anschuldigungen haben — Gerüchte, Behauptungen und
Verlautbarungen, welche die innere Spannung lösen und die Feinde im eigenen
Kreise aussondern — ist von zweitrangiger Bedeutung. Bis zu einem gewissen
Grade wird dieser Inhalt sich jeweils nach der besonderen geschichtlichen Situation
richten. Geht man davon aus, daß die Menschen von dem Vorhandensein feind
licher Helfershelfer in ihren Reihen überzeugt sein wollen, so ist es nur natürlich,
daß sie annehmen, solche Gehilfen verübten Spionage und Sabotage und schössen
auf die Truppen ihres Gastlandes. Dann wird diese Auffassung in die Vergangenheit
1 Die Empfindungen, die den hier beschriebenen Prozeß auslösen, brauchen keineswegs nur
Furcht, Aggressivität, Hilflosigkeit oder dergleichen zu sein. Innige Sehnsucht, innig-freudige
Erwartung können die gleiche Reaktion auslösen. Man braucht, was Holland angeht, nur
an den »verrückten Dienstag« (5. 9. 1944) zu denken, als in nahezu allen von den Deutschen
besetzten Städten auf Grund eines Berichts, daß Breda im Süden des Landes befreit worden
sei, das Gerücht aufkam, daß die Befreiungsarmee nahe sei.
16
241
übertragen: diese Spitzel müssen natürlich seit Jahren dort gewesen sein, nur
waren sie unsichtbar — genau so unsichtbar, wie die feindlichen Agenten werden,
sobald der Angriff begonnen hat. Das kann aber kaum anders geschehen als da
durch, daß sie Zivilkleidung oder die Uniformen der angegriffenen Truppen anlegen.
Alle Anschuldigungen dieser Art sind ohne weiteres einleuchtend. Das hängt
mit der Tatsache zusammen, daß die Zahl der von der Wirklichkeit gebotenen
Möglichkeiten begrenzt ist. Manchmal tauchen alte, längst vergessene Anschul
digungen wieder auf. Das konnte man in Belgien feststellen, wo die Menschen im
ersten Weltkrieg die Reklameschilder von Maggi und im zweiten Weltkrieg die
Pascha-Plakate daraufhin untersuchten, ob der Feind in ihren Reihen geogra
phische Angaben darauf angebracht hatte. Häufiger noch bringen die Menschen
Bestandteile von neueren Erlebnissen hinein, die dann die Anschuldigungen wesent
lich einleuchtender oder sogar völlig selbstverständlich erscheinen lassen. So
wurde in Holland die Meinung, daß Mitglieder der holländischen Nazipartei über
all auf die eigenen Truppen schössen, wesentlich dadurch untermauert, daß Mussert
nur zwei Wochen vorher angekündigt hatte, seine Anhänger würden im Falle einer
Invasion keinen Widerstand leisten.
Die Frage, warum dem Feind in den eigenen Reihen so oft Anschläge mit Gift
zugeschrieben werden, wollen wir nicht beantworten. Wahrscheinlich spielen dabei
viele verschiedene Faktoren mit. Wollten wir sie im einzelnen in psychologischer,
ethnologischer und historischer Hinsicht untersuchen, so wäre das eine Arbeit für
sich. Das gilt vielleicht bis zu einem gewissen Grade auch für die ebenso auffällige
Tatsache, daß die Menschen oft geglaubt haben, sie hätten den Feind in den eige
nen Reihen als Priester, Mönche und Nonnen verkleidet gesehen. Diese alle tragen
Kleidungsstücke, unter denen sich Waffen besonders leicht verbergen lassen.
Wahrscheinlich spielt der Umstand eine Rolle, daß in den Augen vieler Menschen
die Diener der Kirche stets mit einem Furcht und Ehrerbietung weckenden Ge
heimnis umgeben sind1.
Solche Zusammenhänge mit der Vergangenheit sind jedoch nicht wesensnot
wendig. Eine völlig unwichtige, alltägliche Kleinigkeit genügt, damit einer als
Feind in den eigenen Reihen betrachtet werde. Wer auf irgendeine Weise auffällt,
ist manchen Menschen verdächtig. Sofort richtet sich dann weiterer Verdacht
gegen ihn. 1914 galten in Deutschland ganz gewöhnliche Menschen als Spitzel,
wenn sie sich äußerlich ein wenig von ihren Mitmenschen unterschieden. In Eng
land widerfuhr dasselbe Personen, die ungewöhnlich aussahen, flüsterten oder
Stimmen wie Deutsche hatten. 1940 wurden viele Leute verhaftet, die, soweit man
feststellen kann, nur deshalb festgenommen wurden, weil in ihrer äußeren Er
scheinung etwas Auffälliges, Ungewohntes war, was sie von der großen Menge
unterschied; ungewohnt war aber dasselbe wie feindlich geworden. Gegen Ende
1 In ihrer Studie »Myths of War« (London 1947, S. 84/7), in der sie auch einiges über die
Fünfte Kolonne schreibt, spricht Prinzessin Marie Bonaparte von dem »in den Massen stets
latent vorhandenen Antiklerikalismus«.
242
Mai 1940 wurde ein französischer Leutnant von einigen Mitbürgern mißhandelt,
»weil er etwas rötliches Haar hatte, was ihnen verdächtig vorkam1«. Als in jenen
Maitagen 1940 in Brüssel einige Gefangene in der Straßenbahn unter Bewachung
von drei Soldaten und einem Leutnant zum Bahnhof gebracht wurden, sah der
Offizier einen Mann mit seiner Frau, die ein Kind erwartete, auf der Straße gehen.
Beide waren brünette Typen. Ausländer! Die Straßenbahn muß halten, und der
Mann wird vor den Leutnant gebracht. In der Tat, es waren Ausländer. Befehl:
Der Mann soll mit den übrigen Gefangenen mitkommen. Protest: »Ich wohne hier
so und solange und hier sind meine Papiere. Alles ist in Ordnung!« — »Papiere?«
Der Leutnant lacht. »Ja, und meine Frau ist bald soweit!« — »Das alles müssen Sie
dort erklären, wohin Sie kommen werden12 !«
Der Verdacht kann sich also auf vergleichsweise zufällige Personen richten.
Begreiflicherweise richtet sich der Verdacht häufiger auf Personen oder Personen
gruppen, die bereits in der Zeit vor dem feindlichen Angriff in gewissem Umfang
Furcht und Aggressivität ausgelöst haben. Diese früheren Empfindungen mögen
andere Motive gehabt haben und unabhängig voneinander oder auch gemeinsam
aufgetreten sein. Manchmal sind sie sozialer und wirtschaftlicher Art, häufiger
aber
politischer
Natur.
Wenn
ein
Gemeinwesen
vom
nationalsozialistischen
Deutschland angegriffen wird und das Bedürfnis entsteht, Spitzel und Saboteure
in den eigenen Reihen zu suchen — was ist dann natürlicher als die Vermutung, daß
Spionage und Sabotage von denen verübt werden, die sich seit Jahren zu dem
nationalsozialistischen
Deutschland
bekannt
haben:
Reichsdeutsche,
Volks
deutsche und »Faschisten«, die allesamt die bestehende Ordnung planmäßig
untergraben haben? Nachdem nun der Krieg gekommen ist, wissen plötzlich
manche und vermuten viele andere, daß diejenigen, welche dem politischen Geg
ner in Friedenszeiten geholfen haben, ihm jetzt auch auf militärische Weise helfen
werden. Die Mitglieder der politischen Fünften Kolonne werden angeklagt, inter
niert, verurteilt und häufig auch hingerichtet. »Allesamt Verräter!« Die Schimpf
wörter, mit denen sie überschüttet werden, und die Schläge, die auf sie niederfallen,
sind die Mittel, mit denen Menschen in ihrer Ratlosigkeit Furcht und Zorn abzu
reagieren suchen.
Nicht alle Angehörigen des angegriffenen Gemeinwesens sind davon in gleichem
Maße betroffen. Viele persönliche Faktoren spielen dabei eine Rolle. Manche
können, obwohl die allgemein herrschende Spannung auch in ihnen selbst vor
handen ist, trotzdem immer noch den Geboten von Vernunft und Commonsense
und den Forderungen des Gewissens Folge leisten: In Polen wurde die Erschießung
von
Volksdeutschen
als
Mitglieder
der
Fünften
Kolonne
verschiedentlich
von
polnischen Offizieren verhindert. Ihr Mut verdient Bewunderung; denn wer immer
in einem solchen Augenblick höchster Spannung für einen »Verräter« eintritt, läuft
1
R. Lefèvre: Raz de maree. Paris 1944. S. 90.
2
Das wurde ein französisches Konzentrationslager am Fuß der Pyrenäen. Lagrou: Wij
verdachten. S. 51.
243
Gefahr, selbst als Verräter angesehen und behandelt zu werden. Erfahrungen in einem
Amt und auch Pflichtgefühl spielen eine Rolle: häufig verteidigt die Polizei die ver
hafteten Mitglieder der Fünften Kolonne unter großen Schwierigkeiten und eigener
Lebensgefahr gegen die aufgebrachte Menge. In jener Menge aber finden sich häufig
Leute, die sozusagen als Werkzeuge der kollektiven Furcht und Aggressivität auf
treten. Sie beginnen, um sich zu stechen und totzuschlagen, und diese Handlungen
werden in diesem Augenblick von vielen Angehörigen der Gruppe, die sich bedroht
fühlt, geduldet, von manchen sogar bewundert und beifällig aufgenommen.
Sobald jedoch die angegriffene Gruppe Rückschläge erleidet, setzt die Suche
nach einem Sündenbock ein, durch die neue Feinde in den eigenen Reihen ge
schaffen werden. Die Erkenntnis, daß sie, die Angehörigen der Gruppe selbst,
ebenfalls für die Mängel und Fehler verantwortlich sind, aus denen die Rück
schläge hervorgehen, darf nicht ins Bewußtsein treten: besondere Personen werden
mit der allgemeinen Schuld beladen. Ihre Nachlässigkeit hat dem Feind den Sieg
geschenkt. War das nicht wahrscheinlich beabsichtigt? In kürzester Zeit nimmt
die Anschuldigung ernsteren Charakter an; sie haben »Verrat begangen«. Das
Ausfindigmachen von Sündenböcken — das wiederum ursprünglich Sache einiger
weniger ist, obwohl Hunderttausende sich blitzschnell »die Anklagen« zu eigen
machen — hat noch einen weiteren Vorzug: daß nämlich die Rückschläge nicht
mehr
als
Ergebnis
tief
verwurzelter,
relativ
dauerhafter
Faktoren
wirtschaft
licher und politischer Art angesehen zu werden brauchen. Nein, jetzt kann
sie ausschließlich als die Folgen des zeitweiligen Wirkens einer begrenzten
von Personen ansehen, die nun, nachdem man sie entdeckt hat, leicht aus
Wege geräumt werden können. Die Namen bekannter Männer — Politiker,
man
Zahl
dem
be
kannte Generäle, führende Industrielle — liegen in der Luft: sie sind die Ver
räter. Kennt man sie erst einmal, so werden auf die alten Anklagen neue gehäuft.
So geschah es im Mai 1940 in Frankreich, als im Norden die Brücken über die
Maas angeblich infolge böser Nachlässigkeit — »des Verrats« — einiger weniger
französischer Offiziere von den Deutschen genommen worden waren und die
Front zusammengebrochen war. Da hieß es von General Corap, dem Komman
dierenden General der IX. Armee, den Reynaud als einzigen namentlich genannt
hatte, »daß er sich in dem kritischen Augenblick in die Luxusvilla eines stein
reichen Industriellen zurückgezogen und dort seine Gebebte einquartiert hatte,
um sich selbst vergnügte Stunden zu bereiten1«.
Kein Tier hat einen breiteren Rücken als der Sündenbock.
Kehren wir für einen Augenblick zu dem Zeitpunkt zurück, in welchem der
Feind in unseren Reihen zum erstenmal namhaft gemacht wird. Vernünftiges
Denken spielt bei dem inneren Prozeß, der zu diesem Namhaftmachen führt,
eine sehr untergeordnete Rolle. Es spielt sozusagen die Rolle des Staatsanwaltes,
der vom Richter Befehl bekommen hat, Beweise zu beschaffen, welche das
1
Zitiert vom früheren Minister Landry. Franz. Pari. Ber. Vernehmungen VIII, S. 2433.
244
schärfste Urteil rechtfertigen werden. Diesen Beweis liefert es im entscheidenden
Augenblick. Dazu ist nichts weiter nötig, als daß vergleichsweise belanglose
Sinneswahrnehmungen als verdächtig abgestempelt werden. Alle Signale für den
Feind, denen wir im Laufe unserer Untersuchung so oft begegnet sind — Zeichen
auf den Dächern, angemalte Kamine, Kornfelder, die in Mustern oder in Gestalt
von Pfeilen gesät oder gemäht wurden, Licht- und Rauchsignale, Spiegel, Vor
hänge, Kreidestreifen, Landkarten und Zeitungen, Aufschriften auf der Rück
seite von Reklameschildern und Plakaten — sie alle waren Beobachtungen, die
objektiv überhaupt keine Beziehungen zu den Operationen des Feindes hatten,
die aber subjektiv von demjenigen, der die Beobachtung machte, mit elemen
tarer Gewalt als verdächtig abgestempelt wurden. Sie waren die phantomartigen
Beweise, welche das Gefühl benötigte1.
In Kriegszeiten, oder wann immer ernste Gefahr droht, erscheinen viele nor
male Sinneswahrnehmungen plötzlich verdächtig. »Ein anfahrendes Auto ist
eine Sirene, eine zuschlagende Tür eine Bombe12 .« Um wieviel verdächtiger sind
dann Wahrnehmungen im Zusammenhang mit Personen, gegen die bereits eine
gewisse Animosität besteht, oder wenn solche Wahrnehmungen zu einer Zeit
gemacht werden, da der Feind jederzeit auftauchen kann. Jeder Schuß, den man
hört, ist dann vom Feinde abgefeuert worden; falls er nicht in der Nähe ist,
müssen es seine Helfershelfer gewesen sein. Der Eindruck, daß diese Helfers
helfer von allen Seiten auf einen schießen, ist besonders stark, wenn in den
Straßen einer Stadt Kämpfe stattfinden, so daß die Querschläger allenthalben
umherfliegen. Offiziere und Mannschaften steigern sich gegenseitig in Aufregung
hinein und schießen, um ihre Furcht zu überwinden. Gewöhnlich schießen sie
aufeinander, was auch zu Beginn eines Krieges häufig an der Front vorkommt.
Jeder Schuß, den man hört, ist ein neuer Beweis dafür, daß ein Angehöriger der
Fünften Kolonne hinter der nächsten Ecke lauert.
In einer solchen Lage kam es während der deutschen Invasion im Mai 1940 vor
allem in den westholländischen Großstädten zu ungeheurer Verwirrung. Diese
Verwirrung wurde noch vermehrt durch Berichte, daß der Feind holländische
Uniformen mißbrauche (ein Bericht, der sich nur für einen bestimmten Abschnitt
1 Es hat sich herausgestellt, daß neun Zehntel der Lichtsignale, die in Holland im Februar
und März 1940 in großer Zahl beobachtet wurden, ganz natürliche Erklärungen gefunden
haben: Autoscheinwerfer, die infolge einer Straßensteigung für einen Augenblick in die
Höhe schienen, Flackern von Lichtreklamen usw. In ein paar Fällen machten sich Halb
wüchsige einen Spaß daraus, ihre Nachbarn durch Lichtsignale zu beunruhigen, in andern
Fällen geschah desgleichen durch Neurotiker, die sich interessant machen wollten. Für eine
kleine Zahl von Fällen hat sich keine Erklärung gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß
an ihnen Leute beteiligt waren, die Interesse daran hatten, die Nervosität in Holland zu stei
gern. Ferner haben wir die merkwürdige Tatsache, daß die deutschen Behörden während der
ersten Zeit der deutschen Besetzung die holländischen Militärbefehlshaber aufforderten,
sie sollten sofort damit aufhören, den Engländern in großem Umfang Lichtsignale zu geben.
2
Fabre-Luce: Journal de la France, S. 319.
245
der Front als richtig erwies). In Den Haag gab es Soldaten, die daraufhin von
ihren Uniformen die Rangabzeichen entfernten. Darauf würden die Deutschen
bestimmt nicht vorbereitet sein! Die Folge war jedoch, daß sie von andern
Soldaten, die das nicht getan hatten, für verkleidete Deutsche gehalten wurden.
Die Ordnung wurde erst wieder hergestellt, als die Truppen am vierten Tage des
Krieges aus den Straßen zurückgezogen wurden. Kein Wunder: damit hörte das
Aufeinanderschießen auf.
Es brauchen nur sehr wenige zu sein, die zuerst den Feind in den eigenen
Reihen namhaft machen. Dasselbe gilt, wenn es darum geht, Beweise in Worte
zu fassen. Einer formuliert — alle greifen es auf. Das kann sich in einer kleinen
Gruppe ereignen (»Hier ist eine deutsche Zeitung! Also ist dieser Volksdeutsche
ein Spitzel!«). Es kann auch im ganzen Lande vor sich gehen. Berichte, die
gefühlsbetont sind, ungenügend nachgeprüft werden oder ganz oder teilweise um
Schlußfolgerungen bereichert werden und von unten her Militär- und Zivilbehörden
erreichen, werden in öffentliche Ankündigungen, Verlautbarungen und Heeres
berichte verwandelt, die mit fürchterlichen Ungenauigkeiten gespickt sind und
nun ihrerseits wieder die Neigung fördern, neue »Verbrechen« zu entdecken.
Besteht erst einmal der Verdacht, daß das Wasser vergiftet sei, so schmeckt es
alsbald merkwürdig, dann ist es auch vergiftet. Die allgemeine Furcht erzeugt
immer wieder neue Beweise. So bemerkte während der Kämpfe in Rotterdam ein
Gasoffizier einer Gruppe, die ein Schulgebäude besetzte, Gasgeruch: »Andere
meinten, sie hätten das Gas schon vorher gerochen. Wer Granatsplitter anfaßte,
empfand an den Fingern sofort ein Jucken: Senfgas! Das Wort Gas rief eine
schreckliche Wirkung hervor, sofort tauchten Gasmasken auf. Die Leute, deren
Finger juckten, bekamen riesige Verbände mit chlorsaurem Kali um ihre Hände1.«
Der Verdacht erwies sich als grundlos12 .
Während der Kämpfe in Den Haag schenkte ein hoher Regierungsbeamter dem
Militärposten hundert Zigaretten, die sein Monogramm trugen. Der Posten sollte
das Regierungsgebäude (in welchem die Minister voll Spannung den Gang der
Ereignisse verfolgten) gegen die Fünfte Kolonne verteidigen. »Ein paar Stunden
später kamen die Zigaretten zurück und dazu das Gerücht: sie sind vergiftet.
Ich sagte darauf, ich würde sie gern sehen. Daraufhin zeigte man mir Zigaretten
mit meinem eigenen Monogramm3!« Wie gänzlich absurd solche Beweise sind,
1 Die Erinnerungen des Heereskaplans R. Verhoeven in B. Mol: Vrij! Utrecht 1945. S. 89.
— Wir sind geneigt, auch den oben auf S. 54 erwähnten Fall des polnischen Leutnants Ko
walski für Einbildung zu halten; er erhielt von einer Volksdeutschen Wasser »mit Senfgas,
glücklicherweise in verdünnter Form«.
2 An dem Tag, als die Deutschen Rotterdam besetzten, waren ihre militärischen Stellen
so fest überzeugt, daß das Trinkwasser vorsätzlich vergiftet worden sei, daß ein Polizei
inspektor schriftlich das Gegenteil versichern mußte. Auch in ihnen lebte die Furcht. De
Jong: De Rotterdamse politie gedurende de oorlogsjaren 1939—1945. S. 155.
3
Vernehmung von Dr. H. M. Hirschfeld. Holl. Pari. Ber. IIc, S. 367.
246
läßt sich manchmal auf diese Art nachweisen. Lichtsignale erweisen sich bei
näherer Prüfung als das Flackern einer Kerze, als Folge eines im Wind flattern
den Vorhangs, als eine Lampe, die aus ganz harmlosen Gründen ein paarmal
an- und ausgeschaltet wurde, oder vielleicht auch als Spiegelung der Sonne in
einem offenen Fenster, das sich bewegt. Oder man besetzt ein Haus und stellt
fest, daß das vermeintliche Maschinengewehr eine Fahnenstange ist. »Stoff
streifen zur Warnung von Flugzeugen« sind ganz gewöhnliche Bettbezüge.
Häufig kommt es jedoch vor, daß Personen, welche ein bestimmtes Beweis
stück als absurd erkannt haben, trotzdem nicht sofort bereit sind, andere Be
weisstücke für ebenso absurd zu halten. Das kritische Denkvermögen der meisten
Menschen treibt auf dem Strom der Empfindungen und Überzeugungen dahin.
Sehr häufig kommt es vor (zumal unter Zivilisten und Soldaten, viel seltener
bei Richtern und Polizisten), daß jede kritische Nachprüfung von Beweisen von
vornherein abgelehnt wird. Es gibt keine Berufung gegen das Urteil, welches
die Gefühle auf Grund einiger verstreuter Beobachtungen gefällt haben. Häufig
ist eine Verteidigung dagegen unmöglich. Schlimmer noch: alle Argumente,
welche die verdächtige Person als Beweis ihrer Unschuld vorbringt, werden in
neue Beweise für die Anklage umgewandelt. Man braucht sich nur des Korre
spondenten der »New York Times« zu erinnern, der in Frankreich fast erschossen
worden wäre, nachdem er wegen seiner blauen Augen und blonden Haare ver
haftet worden war.
Anklagen gegen eine eingebildete Fünfte Kolonne sind keineswegs eine Er
scheinung, der wir nur in Kriegszeiten begegnen. Dann ist sie allerdings besonders
hartnäckig und verbreitet. Daß wenige Personen solche erdichteten Anklagen
vorbringen, und daß viele andere sie bereitwillig aufgreifen, geschieht jedoch auch
in Friedenszeiten. Ähnliche Zusammenhänge kann man bei allen Verfolgungen
von Menschen und Gruppen in Zeiten internationaler Spannungen beobachten.
Man braucht sich nur der Hexenprozesse und Judenpogrome zu erinnern.
Dabei handelt es sich um primitive Verhaltensweisen, denen man nicht wirklich
auf den Grund kommt, wenn man nur darauf hinweist, daß die vorgebrachten
Anklagen absurd sind. In dem jeweiligen Augenblick erscheinen solche Anklagen
als die Ursache der Verfolgung, doch liegen die wirklichen Ursachen viel tiefer.
Die Opfer können meistens diese tieferen Ursachen nicht begreifen. Sie fühlen
die Schläge und fragen sich nicht, was es sei, das ihre Verfolger so handeln läßt.
Oft sind sie völlig unschuldig, man denke nur an die Nisei im zweiten Weltkrieg
in Kalifornien. Anders lagen die Dinge bei den »Faschisten«, die in Westeuropa
verhaftet und häufig hart angefaßt wurden. Mußten sie nicht, wenn sie nach
dachten, zugeben, daß sie nicht ohne eigenes Zutun in diese Lage geraten waren?
Aber die wenigsten ließen zu, daß diese Frage in ihr Bewußtsein eindrang. Sie
hatten weder aus Häusern geschossen, noch beabsichtigten sie, das zu tun: daher
hielten sie sich für unschuldig. Sie verstanden nicht die Verfolgungen, denen sie
ausgesetzt wurden.
247
Ebensowenig begriffen die Deutschen die psychologischen Zusammenhänge,
die den Anschuldigungen bezüglich einer umfangreichen militärischen Fünften
Kolonne der Deutschen zugrunde lagen. Es entging ihnen, daß die Menschen
ehrlich daran glaubten. Sie betrachteten die Meldungen über eine solche Fünfte
Kolonne als den teuflisch schlauen, bewußt ausgedachten Plan ihrer Gegner, eine
»Waffe der englisch-französischen Kriegsführung1« oder auch als »eine Propa
ganda- und Abwehrthese, welche vom englischen Informationsministerium in
kritischen Augenblicken der Kriegsführung unter geschickter Spekulation auf
die stets vorhandene Furcht vor Spionage und >aliens< aufgeworfen wird12 «.
Die Tatsache, daß die wirklichen Ursachen für die Anschuldigung und Ver
folgung einer solchen eingebildeten Fünften Kolonne im Gefühlsbereich liegen,
ist einer der wichtigsten Gründe dafür, daß es so schwierig war, die Verfolger auch
nur einen Augenblick darüber nachdenken zu lassen, ob nicht viele Anklagen
vielleicht imaginär seien. Ein weiterer Grund scheint uns zu sein, daß es nicht
immer möglich ist, die objektive Unrichtigkeit dieser Anklage zu beweisen oder
auf rationale Weise einleuchtend zu machen. Wenn es darum geht, nachzuweisen,
daß es nicht wahr ist, »daß die Hexe nichts wiegt«, dann braucht man eine gute
Waage. Die Anklagen bezüglich der militärischen Fünften Kolonne der Deutschen
waren jedoch Teil eines unendlich verwirrten und verwickelten Ganzen, welches
aus Tatsachen und Ereignissen auf politischem, militärischem, wirtschaftlichem,
sozialem und kulturellem Gebiet bestand, die dem menschlichen Verstand in
Gestalt von Gerüchten, Erzählungen, Nachrichten, Aufsätzen und Büchern zur
Kenntnis kamen. Es war also ein wahrer Rattenkönig äußerer und innerer Fak
toren, die sich gegenseitig auf alle mögliche Art und Weise beeinflußten und ins
gesamt die »menschliche Geschichte« bilden, die schon nicht in Friedenszeiten,
geschweige denn im Kriege, hinlänglich überschaubar ist.
Nun werden jedoch diese Anschuldigungen nicht
immer
aufrechterhalten,
sondern verschwinden oft zusammen mit den Gefühlen, deren Ausdruck sie sind.
Der Mensch versteht sich dem Kriege anzupassen. Er stellt fest, daß die Wahr
scheinlichkeit, ihm zum Opfer zu fallen, relativ klein ist. Die Kämpfe an der Front
nehmen einen klareren Verlauf. Ein großer Teil des täglichen Lebens verläuft
auf verhältnismäßig normale Weise. Das führt dazu, daß seine Furcht abnimmt
und an Unbestimmtheit verliert. Seine Aggressivität findet ein bestimmtes
Ziel: den Feind, dessen Macht sich als keineswegs schrankenlos erweist. Jeder
mann erhält eine nützliche Aufgabe. Auf solche Weise gewinnt das Gemeinwesen
allmählich seinen Gleichmut zurück, was natürlich nichts daran ändert, daß im
späteren Verlauf des Krieges Situationen eintreten können, in denen die allge
meine Unsicherheit des täglichen Lebens wieder unerträglich groß wird.
1
Hans Gracht: Die Fünfte Kolonne. Berlin 1941. S. 44.
2
Einführung zur Übersetzung von Auszügen aus F. Lafitte: The Internment of Aliens.
Verfaßt vom Rundfunkreferat, Vertreter des Auswärtigen Amtes im Stabe des Reichskommissars in den Niederlanden.
248
Wie rasch die normalen Bedingungen zurückkehren, hängt von einer ganzen
Reihe von Umständen ab. Das kann ziemlich schnell geschehen. Ein schönes Bei
spiel dafür liefert England, das einem Teil der deutschen Emigranten, die im
Sommer 1940 als ausgebildete Angehörige einer Fünften Kolonne interniert
worden waren, schon nach wenigen Monaten die Freiheit zurückgab. Die übrigen
konnten die Lager später in Etappen verlassen. Viel hängt in solchen Fällen von
der Macht der Zivilbehörden ab, die, wie die Erfahrung gelehrt hat, in manchen
Ländern viel besser imstande sind, die wirkliche Gefahr einer Fünften Kolonne
zu erkennen, als die Militärbehörden. In Großbritannien und den Vereinigten
Staaten wurden die zivilen Stellen gegen ihre bessere Erkenntnis von den Militär
behörden (die zeitweilig die öffentliche Meinung hinter sich hatten) gezwungen,
bei der Internierung der Flüchtlinge und der Nisei mitzuwirken.
Die allgemein übertriebene Vorstellung von der deutschen Fünften Kolonne
im zweiten Weltkrieg hielt die Menschen auch in den späteren Phasen des Krieges
und nach dem Kriege gefangen. Wie läßt sich das erklären?
Außer den schon genannten Umständen möchten wir auf zwei weitere Faktoren
hinweisen. Im ersten Weltkrieg verloren sich die Berichte über die eingebildete
Fünfte Kolonne ziemlich bald in den überwältigenden Nachrichten von einem
blutigen Kampf, der vier Jahre dauern sollte und bei dem Sieg oder Niederlage
offensichtlich von ganz andern Kräften als von spionierenden Dienstmädchen,
Sabotage treibenden Mönchen und »mit Gold beladenen, pfeilschnellen Autos«
bestimmt wurden. Der Verlauf des Krieges selbst zeigte, wie töricht die Berichte
über die Fünfte Kolonne gewesen waren, die in den ersten Tagen und Wochen
die Schlagzeilen aller Zeitungen beherrscht hatten.
Anders war es im zweiten Weltkrieg. In Polen, Skandinavien und Westeuropa
blieb den Menschen keine Zeit, die Unrichtigkeit der meisten Berichte zu er
kennen. Dort trafen die deutschen Feldzüge zeitlich mit der Entstehung der
übertriebenen Vorstellungen von der Fünften Kolonne in den Köpfen der ange
griffenen Völker zusammen. Die Deutschen hatten schon gesiegt und mit der
Besetzung begonnen, ehe noch irgendeine Richtigstellung möglich gewesen war.
Danach wurde es doppelt schwierig, das Bild in den Köpfen zu korrigieren. Hatten
nicht Quisling, Mussert und Degrelle, die mit dem deutschen Unterdrücker zu
sammenarbeiteten, ihm wahrscheinlich auch militärische Hilfe geleistet? Ein
Narr, nein schlimmer noch: ein Verräter war jeder, der das nicht glaubte!
Noch wichtiger war vielleicht ein anderer Faktor. So übertrieben die allgemeine
Vorstellung von der militärischen Fünften Kolonne auch gewesen war, so war
sie doch teilweise zutreffend. In Polen hatten Volksdeutsche auf polnische Truppen
geschossen, in Dänemark hatten deutsche Nationalsozialisten den Invasions
truppen geholfen, in Holland hatten die Deutschen holländische Uniformen zu
ihrem Vorteil benutzt, in Belgien hatten Deutsche als Flüchtlinge getarnt ope
riert, in Amerika waren Saboteure gelandet. Daß die Menschen diese und ähn
liche Unternehmungen im Stil der Fünften Kolonne nicht in ihren wirklichen
249
Proportionen sahen, sondern nur als den sichtbaren Teil eines zweifellos viel
größeren Ganzen, kann uns nicht überraschen.
Die Gruppe, die als eingebildete Fünfte Kolonne verfolgt wird, braucht in
Wirklichkeit gar nichts getan zu haben, um ein Opfer der Volkswut zu werden.
Uns scheint jedoch, daß man die Macht und die Hartnäckigkeit des Glaubens
an eine übertriebene militärische Fünfte Kolonne der Deutschen nicht von den
wirklichen Unternehmungen trennen kann, die wir im einzelnen untersucht haben.
So begrenzt die Tätigkeit jener militärischen Fünften Kolonne der Deutschen
verhältnismäßig auch gewesen sein mag, so trug sie doch in außerordentlich
starkem Maße dazu bei, die anfänglichen Vorstellungen von der Fünften Kolonne
zu verewigen. Die Kraft und Dauerhaftigkeit jenes Bildes sollte uns ein Beweis
dafür sein, wie sehr sich Millionen von Menschen von dem nationalsozialistischen
Deutschland bedroht fühlten, auf welch teuflische Weise die Gestalt Hitlers sie
berührte, und wie beunruhigt sie von den Intrigen beispielsweise der AuslandsOrganisation der NSDAP waren. In der Geschichte mancher Nationen waren das
neue Empfindungen, aber für andere Völker war es nur ein neuer Ausdruck tief
eingewurzelter Gefühle, die schon seit Generationen oder schon gar seit Jahr
hunderten den Kampf gegen die Deutschen begleitet hatten. Die Furcht der
Menschen vor der Fünften Kolonne beruhte in beträchtlichem Umfang auf wirk
lichen Tatsachen. Dem können wir auch nur in geschichtlicher Perspektive ge
recht werden, und von den geschichtlichen Voraussetzungen her wird auch erst
vollends verständlich, daß sich einer Fünften Kolonne der Deutschen in einigen
Ländern sehr reale, in anderen dagegen nur sehr geringfügige Ansatzpunkte boten.
250
XVI
GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK
Die Furcht vor der deutschen Fünften Kolonne wurde während der Zeit der
nationalsozialistischen Herrschaft in starkem Maße durch die Tatsache vermehrt,
daß fast überall in der Welt größere oder kleinere Gruppen von Deutschen an
sässig waren. In den baltischen Staaten, in Polen, der Tschechoslowakei, in
Ungarn,
Rumänien,
Jugoslawien,
Dänemark,
Holland,
Belgien,
Frankreich,
in
der Schweiz, der Sowjetunion, in Palästina, Kanada, den Vereinigten Staaten,
in Mexiko, Brasilien, Argentinien, in Chile, Australien, Neuseeland, SüdwestAfrika — in allen diesen Ländern befanden sich beträchtliche Gruppen von Deut
schen — entweder reichsdeutsche Staatsangehörige oder (in viel größerer Zahl)
Menschen deutscher Abstammung und Sprache. Das Schicksal und die teilweise
bis ins frühe Mittelalter zurückreichende Geschichte dieser verschiedenen aus
landsdeutschen und volksdeutschen Gruppen im einzelnen zu verfolgen, kann
nicht unsere Aufgabe sein.
Betrachtet man den Prozeß der sich durch Jahrhunderte hinziehenden Aus
wanderung und Kolonisation der Deutschen insgesamt, so läßt sich jedoch eine
grundlegende Unterscheidung zwischen der deutschen Ostkolonisation, den
Volksdeutschen in Osteuropa einerseits und der westlichen, meist überseeischen
Auswanderung und Ansiedlung von Deutschen andererseits treffen.
In letzterem Fall siedelten die Deutschen in einer Umwelt an, oder wurden
(durch Grenzverschiebungen) Teil einer staatlich-kulturellen Umwelt, deren
wirtschaftliches und zivilisatorisches Niveau im allgemeinen nicht niedriger war
als in Deutschland. Die nach Übersee ausgewanderten Deutschen ebenso wie die
Deutschen in Dänemark, im Elsaß, in Holland, Belgien oder der Schweiz nahmen
folglich auch in sozialer Hinsicht als Deutsche nicht eine höhere, privilegierte
Stellung gegenüber der übrigen Gesellschaft ein, sondern paßten sich im allge
meinen ihrer neuen Umgebung rasch an, und nicht selten verloren sie schon nach
wenigen Generationen ihre deutsche Eigenart, oft auch die deutsche Sprache. Von
diesem »Assimilationstyp« der Auslandsdeutschen unterschieden sich die im
Laufe einer langen Geschichte im Osten Deutschlands weit bis nach Rußland
hinein entstandenen und mehr oder weniger geschlossenen deutschen Siedlungen
und Siedlungsgebiete.
251
Wo immer hier Deutsche aus eigener Initiative als Eroberer (Deutscher Orden)
oder auf Einladung örtlicher Fürsten in dem weiten Gebiet, das sich vom finnischen
Meerbusen in einem großen Bogen zur Adria erstreckt, siedelten, kamen sie
gewöhnlich als Träger einer überlegenen Kultur. Sie hatten bessere Waffen, sie
verstanden sich auf den Erzbergbau, sie hatten landwirtschaftliche Geräte aus
Eisen, sie wußten, wo und wie man Dörfer baut und wie man Städte plant. Ganz
natürlich nahmen sie eine privilegierte Stellung ein, sei es als bevorrechtigte
Gruppe (Polen, Wolgagebiet, Südrußland und Siebenbürgen) oder als harte Ge
bieter (Baltikum, Krain). In beiden Fällen fühlten sie sich der einheimischen
Bevölkerung überlegen. Sie schlossen sich von den »rückständigen« Esten, Letten,
Tataren, Kosaken, Ukrainern, Polen, Slowaken, Rumänen und Serben ab. Es
entstand ein traditionelles, von Generation zu Generation vererbtes Überlegen
heitsgefühl: sie waren tüchtiger, wohlhabender und begabter, die geborenen
Kolonisatoren und Herren. Der soziale Kontrast zwischen den Deutschen und
der einheimischen, meist slawischen Bevölkerung bewirkte auch psychologisch
auf beiden Seiten eine tiefverwurzelte Trennung und Gegensätzlichkeit. In der
stürmischen und revolutionären Nationalbewegung der kleinen slawischen
Nationen in Osteuropa, die im 19. Jahrhundert einsetzte, entlud sich schließlich
mit der nationalen auch die lang aufgestaute soziale Dynamik und führte zum
Kampf gegen die fremden »Eindringlinge«, zur Beseitigung ihrer ständischen
Privilegien und zur Parzellierung ihres Großgrundbesitzes. Es handelte sich hier
bei um einen allgemeinen Prozeß, von dem nicht nur die Deutschen betroffen
wurden. Er richtete sich z. B. in Litauen und der Ukraine auch gegen die dortige
privilegierte polnische Aristokratie, in Estland und Lettland auch gegen schwe
dische und russische Besitz- und Rechtstitel, gegen die magyarische Herrschafts
stellung in Siebenbürgen, die Italiener in Slowenien.
Erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Deutschen in den
ethnischen Grenz- und Mischgebieten der Donaumonarchie und Preußens wie
den entfernten deutschen »Volksinseln« sich in ihrer bisherigen Stellung, ihrer
sprachlichen und kulturellen Eigenart bedroht fühlten, begann sich allmählich bei
ihnen ein volksdeutsches politisches Gemeinbewußtsein und zugleich das Bedürfnis
nach staatlichem Schutz durch das »Reich« herauszubilden. Das Gefühl der Zu
sammengehörigkeit zwischen den Volksdeutschen jenseits der Grenzen und dem
Mutterland, das vordem kaum nennenswert bestanden hatte, wurde dann entschei
dend intensiviert durch die Ereignisse des ersten Weltkrieges und seiner Folgen.
Es ist unmöglich, die Ereignisse nach 1933 und zumal die Tatsache zu verstehen,
daß manche deutsche Volksgruppen sich von Hitler als dessen politische oder
gar militärische Werkzeuge benutzen ließen, wenn man nicht mit einigen Einzel
heiten schildert, wie sich nach dem Ende dieses Weltkrieges die Lage in den
verschiedenen Ländern und Gebieten entwickelte, in denen deutsche Volksgrup
pen lebten. Wir werden uns dabei kurz fassen und nur den Allgemeinzustand der
fraglichen Gruppen schildern.
252
Im Frieden von Versailles mußte Deutschland vier Grenzgebiete abtreten, die
überwiegend oder ausschließlich deutsch waren: das Saargebiet, Eupen-Malmedy,
Danzig und Memel. Bei Abhaltung freier Wahlen würden sich das Saargebiet
mit etwa 800.000 Deutschen1, Danzig mit 350.000 Deutschen und das Memel
gebiet mit 150.000 Einwohnern schon zu Beginn der zwanziger Jahre mit über
wältigender Mehrheit für den Anschluß an Deutschland erklärt haben. Im Grenz
gebiet von Eupen-Malmedy, das Belgien annektiert hatte, war die deutsche Volks
gruppe von 50.000 Personen, die zunächst die Mehrheit gehabt hatte, infolge der
vielen belgischen Einwanderer zur Minderheit geworden.
Im Elsaß war die Bevölkerung nach Herkunft und Sprache überwiegend deutsch,
fühlte jedoch französisch. Mit Freuden hatten sie die »Preußen« 1918 abziehen
gesehen. Ihre Freude blieb jedoch nicht ungetrübt. Die französische Regierung
förderte, ermutigt von der ultra-französischen Partei unter den Elsässern, den
französischen Unterricht mit aller Macht. Proteste ließen nicht lange auf sich
warten. Etwa von 1925 an entstand eine starke Bewegung für kulturelle Auto
nomie.
Von sehr viel größerem Umfang waren jedoch die Grenzgebiete mit gemischt
nationaler Bevölkerung, welche Deutschland nach dem ersten Weltkrieg an seine
Nachbarn abtreten mußte: Nordschleswig an Dänemark und — vor allem — West
preußen, Posen und Ostoberschlesien an Polen. Die rund 30.000 Menschen zählende
deutsche Minderheit in Dänemark erfuhr in diesem Staat eine im allgemeinen
korrekte Behandlung. Die Deutschen Nordschleswigs waren zwar mit ihrem Los
nicht einverstanden, eine gewisse Unzufriedenheit war daher auch unvermeidlich,
doch sie nahm nicht die heftige Form des erbitterten Volkstumskampfes an, wie
z. B. in Polen. Dort, in den Abtretungsgebieten in Posen, Westpreußen und Ober
schlesien hatte sich die deutsche Bevölkerung mit Händen und Füßen gegen die
Einverleibung in den polnischen Staat gewehrt. In Oberschlesien und vorher
schon in kleinerem Umfang in Posen war es zu erbitterten Kämpfen gekommen,
bei denen Hunderte von einheimischen Deutschen und Freiwillige aus dem Reich
getötet worden waren. Nach der Annexion dieser Gebiete ging der Kampf mit
anderen Mitteln weiter. Innerhalb von zehn Jahren waren mehr als drei Fünftel
der deutschen Stadtbevölkerung Westpreußens, Posens und Ostoberschlesiens,
teils freiwillig, teils unter dem Druck wirtschaftlichen Boykotts in das Reich
abgewandert. Vier Fünftel der deutschen Landgüter waren verstaatlicht worden.
Daß diejenigen Volksdeutschen, die trotz aller Unterdrückung in Polen geblieben
waren, von einem Geist der Auflehnung und Verbitterung beseelt wurden, ist zu
verstehen.
Noch eine andere Gruppe von Deutschen hatte infolge des Friedensvertrages
von Versailles die Verbindung mit Deutschland verloren: die Kolonialdeutschen
in Südwestafrika (ca. 12.000). Auch sie waren unzufrieden, weil sie ihre bevor
1
Hier und im folgenden werden stets die gezählten oder geschätzten Bevölkerungszahlen
etwa für das Jahr 1930 angegeben.
253
rechtigte
Stellung
als
Siedler
mit
weißen
Einwanderern
aus
Südafrika
teilen
mußten, denen sie in vieler Beziehung untergeordnet wurden. Sie waren der An
sicht, daß Südafrika erntete, was Deutschland gesät hatte.
Bei allen diesen Volksdeutschen lebte, schon ehe Hitler zur Macht kam, der
Wunsch, auf Wiederherstellung der deutschen Herrschaft.
In ähnlicher psychologischer Verfassung befanden sich die deutschen Volksgrup
pen, die Teile der österreichisch-ungarischen Monarchie gewesen waren, also in
Österreich selbst, im Sudetengebiet und in Südtirol. Die Vereinigung des nach der
Auflösung des Habsburger Reiches verbleibenden deutsch-österreichischen Rest
staates mit dem Deutschen Reich war nach dem Zusammenbruch von 1918 in
beiden deutschen Staaten von allen großen Parteien spontan gefordert und erstrebt
worden. Daß dieser Anschluß von den Alliierten verboten wurde, rief insbesondere
in Österreich, wo man auch wirtschaftlich durch eine Union mit dem Deutschen
Reich zu gewinnen hoffte, starke Verbitterung und nationale Ressentiments her
vor. Ihnen verdankte die spätere nationalsozialistische Bewegung in Österreich
ein gut Teil ihrer Stärke und Werbekraft.
Nicht minder war bei den Sudetendeutschen das Gefühl lebendig, gegen den
eigenen Willen einem Staat einverleibt worden zu sein, dessen Existenz man nie
gewollt hatte. Die Begründung der Tschechoslowakei erschien ihnen als ein Akt des
»Verrats«, und spätere tschechische Maßnahmen, wie die Aufteilung deutschen
Großgrundbesitzes — allerdings gegen angemessene Geldentschädigung — oder die
fortgesetzte Einschleusung tschechischer Beamter und Angestellter in die sudeten
deutschen Randgebiete, schufen zahlreiche Konflikte und Reibungsflächen. Wenn
dennoch ein erheblicher Teil der mehr als drei Millionen Sudetendeutschen in den
20er Jahren allmählich begann, sich mit seinem Schicksal abzufinden und die
politische Protesthaltung aufzugeben, so geschah dies doch eher aus Resignation
als aus innerem Loyalitätsgefühl gegenüber dem tschechischen Staat.
Noch unvergleichlich schlechter erging es den Deutschen in Südtirol. Schon die
Abtretung dieses gesamten ehemals österreichischen Landesteiles an Italien war
mit dem nationalen Selbstbestimmungsrecht schwerlich in Einklang zu bringen.
Sie wurde von den Deutschen Südtirols jedoch erst vollends als unerträglich
empfunden, als mit der faschistischen Herrschaft eine rücksichtslose und gewalt
same Italienisierung einsetzte.
Die 280.000 Deutschen bildeten nach Mussolinis Ansicht »nicht eine Minderheit,
sondern ein völkisches Überbleibsel, den Rest barbarischer Invasionen in früheren
Kriegen1«. Ihre Behandlung entsprach dieser Auffassung.
Aber nicht nur für die Grenzlanddeutschen, die erst durch die Abtretungen nach
dem ersten Weltkrieg aus dem staatlichen Zusammenhang mit Deutschland oder
Österreich herausgelöst worden waren, bedeutete das Jahr 1918 eine spürbare
Wende. Auch diejenigen Volksdeutschen, die schon seit Generationen und teils
1
Rede vom 6. 2. 1926. Zitiert in: Die Nationalitäten in den Staaten Europas. Wien 1931.
S. 512.
254
seit Jahrhunderten im Baltikum und im Südosten in fremdnationaler Umgebung
gelebt hatten, fühlten sich in erhöhtem Maße in ihrer nationalen und sozialen
Stellung bedroht, seit sie als Minderheiten den neu entstandenen Nationalstaaten
in Ostmitteleuropa angehörten.
In Estland (18.000 Deutsche) und Lettland (65.000 Deutsche) wurden ihre
gesellschaftlichen und politischen Vorrechte beseitigt. In Lettland hatte sich
etwa die Hälfte des Bodens im Besitz von ungefähr tausend Großgrundbesitzern
befunden. Die junge Republik begann die Güter in großem Umfang aufzulösen
und das Land an lettische Landarbeiter zu verteilen. Deutsche Barone, die 1000
oder auch 10.000 Hektar besessen hatten, konnten sich glücklich schätzen, wenn
sie als Besitzer von 50 Hektar in ihrem Kutscherhaus wohnen bleiben durften.
Auch das deutsche Bürgertum in den Städten verlor seine Privilegien. Viele
Deutsche zogen fort, und die Zurückbleibenden fügten sich resigniert, aber un
glücklich in die neue Lage.
In Ungarn litten die 550.000 Volksdeutschen unter dem kulturellen Druck,
der auf sie ausgeübt wurde. Man billigte ihnen keine Minderheitsrechte zu. Sie
besaßen ein paar eigene Volksschulen, aber keine höheren Schulen. Eine besondere
politische Vertretung wurde ihnen nicht gewährt.
Auch in Rumänien mußten die 750.000 Volksdeutschen Opfer bringen. Ein Teil
ihres Landbesitzes wurde ihnen genommen, und der Unterricht in deutscher
Sprache stieß auf Schwierigkeiten.
Ähnlich verhielt es sich bei den 600.000 Volksdeutschen in Jugoslawien. Zwar
gab es noch Volksschulen, in denen in deutscher Sprache unterrichtet wurde, aber
keine deutschen höheren Schulen oder Lehrerseminare. Die Volksdeutschen
kämpften um »jede Klasse, jeden Lehrer, jedes Kind, jedes Lehrbuch und selbst
um jede Deutschstunde1«. Zu besonders heftigen Auseinandersetzungen kam es in
Slowenien, wo die Slowenen, die lange Zeit unter der sozialen und politischen
Vorherrschaft einer kleinen deutschen Minderheit gestanden hatten, alle deutschen
Einrichtungen zu beseitigen versuchten, zumal da sie darüber empört waren, daß
der slowenischen Minderheit jenseits der österreichischen Grenze keine Kultur
autonomie gewährt wurde.
In der Sowjetunion waren es die Ereignisse der Revolution und ihre Folgen, die
tief in das Leben und die Struktur der volksdeutschen Siedlungsgebiete eingriffen.
Aus den Städten verschwanden zahlreiche Angehörige des deutschen Mittelstan
des, viele flohen nach Deutschland. Die wohlhabenden deutschen Bauernsiedlun
gen in der Ukraine und im Wolgagebiet standen dem Kommunismus in der Mehr
zahl ablehnend gegenüber. Im Bürgerkrieg kämpften nicht wenige Volksdeutsche
auf Seiten der Gegenrevolutionäre. Die reservierte Haltung gegenüber dem
Kommunismus blieb bestehen. So gab es in der Wolgarepublik unter den Russen
siebenmal soviel Kommunisten wie unter den Deutschen. Der schließliche Sieg
1
Richard Bahr: Volk vor den Grenzen. Hamburg 1933. S. 444.
255
der Roten Armee brachte deshalb harte Bedrängnis für sie. Später folgten Hun
gersnöte und die gewaltsame Kollektivierung der Landwirtschaft.
Von den 1,1 Millionen Volksdeutschen an Wolga, Don, Dnjepr und Schwarzem
Meer waren 1926 noch 760.000 übrig, als der Kampf gegen die Kulaken begann,
in dessen Verlauf zahllose Volksdeutsche nach Sibirien verbannt wurden; einem
englischen Reisenden zufolge, der 1936 das Gebiet besuchte, ein Fünftel der
ganzen Bevölkerung1.
Betrachten wir nun, wie sich die Stellung der Deutschen in den Gebieten ent
wickelt hat, in denen sie sich im allgemeinen ihrer Umwelt angepaßt haben.
In den Vereinigten Staaten war die Zahl der Deutschen, die noch deutsch
sprachen, in raschem Abnehmen begriffen. In der Mehrzahl der deutschen Vereine
wurde Englisch die gebräuchliche Sprache. 1890 hatte es noch 1000 deutsche
Zeitungen und Zeitschriften gegeben, 1926 waren es nur 275. Schon nach dem
ersten Weltkrieg gab es Deutsche, die betrübt prophezeiten, daß nach hundert
Jahren in Amerika nur noch die Grabsteine deutsch sprechen würden. Die Deut
schen, die vor 1914 eingewandert waren, hatten sich in der Tat weitgehend ameri
kanisiert. Dagegen sollte die Amerikanisierung der neuen deutschen Einwan
derer, die in der Weimarer Republik ihr Auskommen nicht gefunden hatten, erst
noch beginnen.
In Südamerika vollzog sich die Assimilierung langsamer. Mit dem Beginn der
Wirtschaftskrise sahen sich Zehntausende deutscher Einwanderer vor große
Schwierigkeiten gestellt. Als enttäuschte und gescheiterte Kolonisten zogen sich
viele in die großen Städte (Buenos Aires, Rio de Janeiro) zurück. Aus ihnen rekru
tierten sich später die ersten Auslands-Ortsgruppen der NSDAP.
Es konnte kaum ausbleiben, daß das Schicksal der Auslandsdeutschen, das vor
1914 in Deutschland nur wenig Beachtung gefunden hatte, infolge der Gebiets
abtrennungen und der allgemeinen sozialen, kulturellen und nationalen Bedroht
heit der Deutschen jenseits der Grenzen, das nationale Gefühl und Denken auch
innerhalb des Deutschen Reiches nach 1918 in stärkstem Maße beschäftigte. Die
Grenzkämpfe in Oberschlesien und in Slowenien mobilisierten Tausende von jun
gen Freiwilligen aus Deutschland und Österreich. Mit brennendem Interesse
nahmen Millionen am Ausgang der Abstimmungen Anteil, die in den Jahren
1920—1922 in einigen umstrittenen Gebieten abgehalten wurden. Man fühlte sich
den Grenzdeutschen verbunden, beklagte ihr Los und bedauerte ihren Verlust. Die
Verbreitung des Auslandsdeutschtums über die Welt galt als Reflex vergangener
deutscher Größe und wurde zugleich zum Anspruch auf künftige Revision der
Grenzen. Die Vorstellung, von der Weltgeschichte benachteiligt und bei der »Ver
teilung der Welt« zu spät gekommen zu sein, fand hierbei neue Nahrung. Die
jenigen, welche aus den Abtretungsgebieten nach Deutschland gekommen waren,
verstärkten dieses Gefühl noch. Sie schlossen sich zusammen und warben für die
1
The Times, 25. 11. 1936.
256
Heimat und die finanzielle und politische Unterstützung ihrer Brüder jenseits der
Grenze. Auch die Wissenschaft wurde mobilisiert, um den historischen »Rechts
anspruch« auf die verlorenen Gebiete zu unterbauen. An den Universitäten be
gannen Volkstumskunde und Studien zum deutschen Grenz- und Auslands
deutschtum erheblichen Raum einzunehmen. Das Deutsche Auslandsinstitut in
Stuttgart, das 1917 gegründet worden war und 60 Angestellte hatte, war am
aktivsten und hatte schon 1932 gegen fünfzig Veröffentlichungen drucken lassen.
Der 1881 gegründete Verein für das Deutschtum im Ausland erlebte eine bei
spiellose Blüte. Er gab jährlich 2,5 Millionen Reichsmark aus. Die Bücher und
Broschüren, die sich mit dem Schicksal der Auslandsdeutschen beschäftigten,
gingen in die Tausende.
In all diesem Interesse steckte ein Teil aufrichtigen Mitgefühls mit dem Schick
sal der Minderheiten, ein Teil wirkliche Empörung über die Gleichgültigkeit des
Völkerbundes, der die anständige Behandlung dieser Minderheiten garantiert
und ihre Beschwerden und Proteste untersucht hatte — eine Untersuchung, die
wegen der widerspenstigen Haltung der beteiligten Regierungen fast niemals zu
etwas führte. Wie können Deutsche jemals Chauvinisten sein, fragte der Histori
ker Oncken 1926. Gegenüber den Zerrbildern eines engstirnigen Nationalismus
sei es die Aufgabe der Deutschen, die unsterbliche Sache der Gerechtigkeit, der
Kulturautonomie und der Rechte der Minderheiten zu vertreten und dadurch
eine sittliche Mission unter den Völkern der Welt zu übernehmen1.
Doch solches Maßhalten war nicht jedermanns Sache. Für große Teile des
deutschen Volkes wurde die stark emotionale und in aggressiver Form geführte
Auseinandersetzung über das deutsche Volkstum jenseits der Grenzen und seine
mißliche Lage, Ausgangspunkt einer einseitig völkisch-nationalen Ideologie und
Quell eines zügellosen Nationalismus. Man gewöhnte sich daran, vom Hundert
milhonenvolk der Deutschen zu sprechen und die 35 Millionen Auslandsdeutschen
gleichsam als politische Potenz zu betrachten. Hinzu kam noch, daß man unter
den deutschen Nationalisten begann, Volkstumskampf und Grenzkampf zu ver
absolutieren und somit im Kampf die einzige erfolgreiche Art des Verhältnisses der
Völker zu sehen. Nicht zufällig hatten führende Männer der NSDAP, die selbst
Grenz- oder Auslandsdeutsche waren, ihre geistige Heimat in der provinziellen
Stickluft nationalistischer Überheblichkeit und Leidenschaften, die durch den
Volkstumskampf erweckt worden waren. Hitler selbst war entscheidend von den
alldeutsch-völkischen und antisemitischen Sektierern geprägt worden, die um die
Jahrhundertwende
staates
fruchtbaren
in
der
Boden
Wiener
der
Metropole
Verbreitung
des
fanden.
Habsburger
Sein
Nationalitäten
Stellvertreter
Rudolf
Heß war in Ägypten als Sohn eines Kaufmanns aufgewachsen, der seine ganze
Habe im Weltkrieg verloren hatte. Hermann Göring hatte seine Jugend zur
Hälfte in Österreich verbracht, sein Vater war Gouverneur von Deutsch-Südwest1
Hermann Oncken: Nation und Geschichte. Reden und Aufsätze 1919—1935. Berlin 1935.
S. 303.
17
257
afrika gewesen. Alfred Rosenberg stammte aus dem baltischen Reval. Walter Darre
der nationalsozialistische Landwirtschaftsexperte, war in Argentinien geboren. Sein
Rivale und Nachfolger Herbert Backe erblickte im Kaukasus das Licht der Welt.
Wenn auch der Nationalsozialismus in Deutschland ein Konglomerat aus sehr
verschiedenen ideologischen Strömungen war und seine ihm eigentümliche Aus
prägung erst unter Hitler und unter den besonderen Bedingungen der Nach
kriegszeit und der Weimarer Republik erfuhr, so hatte er doch in der österreichisch
ungarischen Monarchie, vor allem in Wien und den Sudetenländern, in der bereits
seit 1903 bestehenden Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP)
erste deutliche Vorläufer1. Hier wurden Vorstellungen und Programme, die dem
späteren Nationalsozialismus eng verwandt waren, erstmals zur Kampfideologie
einer Minderheit, die sich national und sozial in ihrer bisherigen Stellung bedroht
fühlte. Es war eine Ideologie, welche Millionen von Deutschen in ihren Bann zog,
als diese sich in einer ähnlichen gefühlsmäßigen Lage befanden wie die öster
reichischen und sudetendeutschen Handwerker und Kaufleute um die Jahr
hundertwende. Zu Beginn der zwanziger Jahre waren nationalsozialistische
Bestrebungen sowohl in Österreich wie auch im Sudetengebiet stärker als in
Deutschland. Als Hitlers Partei nach dem Scheitern des Münchner Putsches im
November 1923 zerbrochen war, kamen erste Mittel für den Wiederaufbau von
sudetendeutschen Nationalsozialisten12 .
Der Nationalsozialismus hatte aber auch in anderen deutschen Volksgruppen
Wurzeln geschlagen, ehe Hitler an die Macht kam. Im Saargebiet bildeten die
Mitglieder der NSDAP einen kleinen, aber aktiven Kern. Nicht anders war es
in Eupen-Malmedy. Im Freistaat Danzig hatte die NSDAP im Herbst 1932 ein
Sechstel aller Stimmen erobert. 1928 waren im Memelgebiet erste Zellen einer
nationalsozialistischen Bewegung entstanden, die auf Weisung der deutschen
Parteiführung bis 1933 im geheimen arbeiteten. Im Elsaß standen die jungen
Führer der Autonomiebewegung schon 1925 mit der deutschen NSDAP in Ver
bindung. Auch in Südwestafrika waren ein paar Ortsgruppen der NSDAP ge
gründet worden. In Österreich war nach der Spaltung der alten DNSAP 1926 eine
hitlertreue Zweigorganisation der NSDAP entstanden, die ihre Weisungen aus
München erhielt. 1932 hatte sie etwa den fünften Teil der österreichischen Be
völkerung hinter sich. In Südtirol fanden nationalsozialistische Bestrebungen
zwar ebenfalls Widerhall. Doch mit Rücksicht auf das faschistische Italien, in dem
Hitler von Anfang an einen potentiellen Bundesgenossen sah, wurde hier auf eine
stärkere nationalsozialistische Aktivität der Volksdeutschen verzichtet.
Im Baltikum, in Polen, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien bildeten sich seit
dem sensationellen Aufstieg der NSDAP in Deutschland im Jahre 1930 ebenfalls
erste
Ansätze
sogenannter
nationalsozialistischer
Erneuerungsbewegungen
1
inner
Darauf hat Elizabeth Wiskemann bereits 1939 hingewiesen: Undeclared War. London
1939. S. 220/1, 311.
2
Vgl. G. W. Luedecke: I knew Hitler. London 1938. S. 175—179.
258
halb der einzelnen deutschen Volksgruppen. Sie fanden vornehmlich bei der
jungen Generation Anklang und vermochten sich dank der Fernwirkung von
Hitlers Machtergreifung und infolge aktiver Unterstützung von Berlin aus nach
1933 rasch nach vorn zu spielen.
Unter der halben Million Reichsdeutscher, die nach Deutschlands Niederlage
in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren, gab es viele jüngere Männer, die
eine gefestigte bürgerliche Stellung in der Gesellschaft nicht erreichen konnten
oder wollten. Manche von ihnen waren Angehörige der Freikorps gewesen. Da die
große Gruppe der deutschen Vorkriegseinwanderer gegenüber allen Versuchen,
Begeisterung für die NSDAP oder ähnliche Bewegungen zu wecken, wenig Inter
esse zeigten, schufen sich die rechtsradikalen Nachkriegseinwanderer ihre eigenen
Organisationen, beispielsweise 1924 in Chikago die »Teutonia«, die in kleinem
Kreise nationalsozialistische Propaganda trieben. Ihr Führer Fritz Gissibl, ein
Anhänger von Julius Streicher, wurde 1926 Mitglied der NSDAP. Dieses Unter
nehmen fand in anderen Städten ein gewisses Echo. Als Hitler im Herbst 1930
plötzlich als Führer der zweitstärksten Partei in Deutschland hervortrat, wuchs die
Bewegung noch weiter. Im September 1932 ernannte Hitler einen gewissen Heinz
Spanknoebel zum Führer der nationalsozialistischen Bewegung in den Vereinigten
Staaten. Diese war damals noch klein und hatte Reichsdeutsche sowie naturalisierte
Amerikaner als Mitglieder. Sie hatte den Charakter einer fanatischen Sekte.
Ungefähr 1930 waren auch in Südamerika nationalsozialistische Gruppen ent
standen. 1928 gründeten zwölf Reichsdeutsche in Paraguay eine Ortsgruppe der
NSDAP. 1931 schlossen sich verschiedene Ortsgruppen zu einer Landesgruppe
zusammen, welche die erste ihrer Art in der Welt war.
Solche Ortsgruppen wurden auch in andern Ländern gegründet, so in der
Schweiz, in Spanien, Belgien und anderswo. Gewöhnlich blieben sie auf eine kleine
Zahl beschränkt, da die große Masse der Deutschen im Ausland sich für Hitler
nicht interessierte. Es gab jedoch in der NSDAP Leute, die begriffen, daß ihre
politischen Freunde im Ausland ihnen wichtige Dienste leisten könnten. Im Herbst
1930 hatte ein Reichsdeutscher, Willy Grothe, in Hamburg ein Büro gegründet,
welches mit allen reichsdeutschen Parteigenossen im Ausland Fühlung halten
sollte. Grothe hatte zwanzig Jahre lang in Afrika gelebt und war dort im ersten
Weltkrieg von den Briten interniert worden. Sein Büro wurde am 1. Mai 1931 von
der
Parteiführung
anerkannt
und
erhielt
den
Namen
Auslandsabteilung
der
Reichsleitung der NSDAP. Zur Zeit von Hitlers Machtergreifung waren in dem
kleinen Stab dieses Büros etwa 3000 Mitglieder der NSDAP im Ausland erfaßt.
Das Büro hatte keine große Bedeutung, da die Parteiführung keine klare Vor
stellung davon hatte, welchen Nutzen die Mitglieder im Ausland haben könnten.
Hitler interessierte sich damals nicht für diese Sache, sondern richtete seine ganze
Aufmerksamkeit auf die Festigkeit seiner Macht in Deutschland. Die Parteileitung
in München erwog sogar die Auflösung der Auslandsabteilung, doch ein junger
Funktionär der Abteilung, Ernst Wilhelm Bohle, konnte das verhindern.
259
Bohle war durch Geburt britischer Sohn eines deutschen Lehrers und späteren
Professors der Elektrotechnik, der 1906 als Professor nach Kapstadt ging. Der Sohn
wuchs also in Südwestafrika auf. Vater Bohle war entschiedener Nationalist.
Er erlaubte seinen Kindern nicht, zu Hause auch nur ein Wort Englisch zu
sprechen. Während des ersten Weltkrieges war der junge Bohle der einzige deutsche
Junge in der Schule und bezog aus diesem Grunde von seinen Mitschülern häufig
Prügel. Nach dem Friedensschluß bot man ihm die Teilhaberschaft in einer
Familienfirma in England an, die ein gutes Einkommen versprach. Er lehnte ab
und ging nach Deutschland, wo er Volkswirtschaft studierte und von 1924 an für
verschiedene Firmen tätig war. 1931 las er eine Zeitungsanzeige, durch welche die
Auslandsabteilung einen Mitarbeiter für ihr Afrikareferat suchte. Das war reizvoll!
Wenn es nur gelänge, den Reichsdeutschen im Auslande das Gefühl nationaler
Zusammengehörigkeit und angeborener Überlegenheit zu verleihen, das er an den
Briten so neidvoll bewunderte. Er bewarb sich und wurde angestellt. Am 1. März
1932 wurde er Mitglied der NSDAP. Ihm gelang es, die Führer der Partei von den
Möglichkeiten der Auslandsabteilung zu überzeugen. Damals gab es bereits 160
Ortsgruppen, und es bestanden, wie er im April 1933 schrieb, große Ausbaumög
lichkeiten ; die Organisation sei unzweifelhaft in der Lage, den Parteistellen wert
volles Material zu besorgen, »besonders politische Informationen und Spionage
berichte1«.
Vielleicht hätte Bohle niemals etwas ausgerichtet, wenn es ihm nicht möglich
gewesen wäre, mit Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß durch dessen Bruder Alfred
in Verbindung zu kommen. Es folgte eine Konferenz in der Parteileitung, bei der
die Entscheidung fiel, die Auslandsabteilung beizubehalten und sogar zu ver
größern. Alle Parteistellen im Ausland mit Ausnahme derer in Österreich, Dan
zig und Memel sollten ihr unterstellt werden. Im März 1934 wurde auch die Zu
ständigkeit für die Parteimitglieder unter den deutschen Seeleuten der Auslands
abteilung übertragen.
Die Auslands-Organisation der NSDAP oder AO, wie sie nach 1935 gewöhnlich
genannt wurde, wuchs rasch. Aus 3300 Mitgliedern zu Anfang des Jahres 1933
waren vier Jahre später 28.000 geworden, zu denen die 23.000 Mitglieder der Ab
teilung Seefahrt hinzukamen. 1937 gab es Stützpunkte mit mindestens 6 oder
Ortsgruppen mit mindestens 12 Mitgliedern an mehr als 500 Orten im Ausland. Die
Zentralverwaltung in Berlin beschäftigte über 700 Personen, einen Funktionär für je
75 Mitglieder. Das war ein stattlicher Stab, doch gab es mehr als genug Arbeit.
Seit 1933 hatte die AO systematisch versucht, die politische Führung der Reichs
deutschen im Ausland in die Hand zu bekommen. Diejenigen Reichsdeutschen, die
sich gegenüber dem Dritten Reich reserviert oder feindlich verhielten, wurden aus
ihren Ämtern in deutschen Vereinen herausgedrängt. Häufig wurde eine ganze
deutsche Kolonie gezwungen, sich neu zu organisieren, wobei eine neue »nationale«
1
Brief Bohles an Schmeer, 4. 4. 1933. NG-5557.
260
Organisation geschaffen wurde, deren wirkliche Führer hinter den Kulissen die
Mitglieder der AO waren. Bohles Meinung war, man müsse taktvoll vorgehen.
Trotzdem gab es in vielen deutschen Kolonien Schwierigkeiten. Nicht wenige
Deutsche, die seit Jahren Vorstandsmitglieder in deutschen Schulen, Kranken
häusern oder Vereinen gewesen waren, weigerten sich, zugunsten der Fanatiker
von der AO abzudanken, die häufig gescheiterte Existenzen waren und jetzt auf
der gesellschaftlichen Stufenleiter emporsteigen wollten. Innerhalb weniger Jahre
jedoch hatte die AO fast überall ihr Ziel erreicht.
Die AO legte es darauf an, die deutschen Kolonien im Ausland mit national
sozialistischem Geist zu erfüllen. Alle deutschen Staatsangehörigen im Ausland
mußten sich geschlossen hinter den »Führer« stellen. Daher bestand ein großer
Teil der Tätigkeit der AO in Schulung und Propaganda.
Ein anderer Teil ihrer Arbeit war geheim. Die Funktionäre der AO überwach
ten die Überzeugung und das Verhalten deutscher Diplomaten und Journalisten.
Sie bespitzelten deutsche Emigranten, sammelten deren Publikationen und ver
suchten festzustellen, ob sie an Devisenschmuggel beteiligt waren. Sie verfaßten
Berichte über Deutsche oder andere Personen, die Deutschland besuchen oder dort
Arbeit suchen wollten. Sie meldeten die Namen deutscher Emigranten, die gegen
das Naziregime auftraten, damit diese ihrer deutschen Staatsbürgerschaft beraubt
würden. Sie berichteten über abfällige Äußerungen, die Deutsche im Ausland über
Hitler oder das Dritte Reich machten. Gelegentlich übernahm die AO auch aktive
Gestapoaufträge. Sie wurden im Ausland entweder von den dortigen höchsten
Funktionären der AO oder von besonderen Amtswaltern ausgeführt, die häufig
dieselben waren, welche für die Verbindung zu nationalsozialistischen Gruppen
unter
deutschen
Schiffsbesatzungen
verantwortlich
waren.
Für
diesen
letzten
Zweck wurde mit dem Hafendienst eine besondere Abteilung innerhalb der AO
geschaffen. Die Angehörigen dieses Dienstes schmuggelten verbotenes Propaganda
material durch den Zoll, hielten Fühlung mit der Gestapo und halfen in gewissen
Fällen mit, um politisch aktive deutsche Emigranten oder andere Gegner des
Naziregimes gewaltsam an Bord heimkehrender deutscher Schiffe zu bringen und
damit auf den Weg ins Konzentrationslager1.
1 Über einzelne Fälle, wo deutsche Emigranten mit Hilfe des Hafendienstes der AO
»heimgeschafft« wurden, berichten: das Schwarz-Rot-Buch. Dokumente über den HitlerImperialismus (Barcelona 1937), S. 122 und Frank Spielhagen, Spione und Verschwörer in
Spanien (Paris 1936), S. 37 f. — Auch aus den »streng vertraulichen« Mitteilungsblättern der
AO, die den Leitern der einzelnen AO-Gruppen zugesandt wurden, ist ersichtlich, daß die AO
dergleichen Aufträge erhielt. So wird z. B. in Folge 27 (Anfang Juni 1935) dieses Blattes
mitgeteilt: »Einige Landes- und Ortsgruppen unterhalten einen ausgezeichneten Warnungs
dienst, wodurch es uns gelungen ist, einen größeren Prozentsatz von vagabundierenden und
das Deutschtum im Ausland schädigenden Volksgenossen festzustellen, abzuschieben oder ding
fest zu machen.« In Folge 29 (Anfang August 1935) werden die politischen Leiter der AO auf
gefordert, eine Gruppe aus Frankfurt emigrierter Studenten zu lokalisieren und »mit Hilfe der
zuständigen Reichsvertretung die Heimschaffung auf sicherem Wege« einzuleiten.
261
Die Zentrale der AO, die offiziell als »Gauleitung« firmierte, hatte ein besonderes
Außenhandelsamt, das mit Hilfe örtlicher Funktionäre Informationen über die
Auslandsvertreter deutscher Firmen sammelte. Waren diese Vertreter hin
reichend aktiv? Annoncierten sie genug in deutschen Zeitungen oder zuviel in anti
deutschen Blättern? Beschäftigten sie Juden? 1939 gab es Akten über 110.000
Handelsvertreter im Ausland. Eine andere Abteilung verrichtete dieselbe Arbeit
für ausländische Anwaltsbüros, damit deutsche Staatsangehörige oder Gesellschaf
ten, die im Ausland Rechtsbeistand benötigten, lediglich den »Weltverband
arischer Juristen« beschäftigten. Schließlich wurde 1937 der Gauleitung der AO
eine Verbindungsstelle der Abwehr angegliedert, deren Leiter Heinz Cohrs war,
damit die vielen Zweige der AO auch für die Sammlung von Nachrichten für die
militärische Spionage verwendet werden könnten.
Alle solchen Angaben wurden insgeheim
gesammelt.
Proteste
ausländischer
Regierungen wurden ignoriert. Wurde eine Landesgruppe verboten, so setzte sie
ihre Arbeit unter anderem Namen fort. So geschah es in Holland, in Südwest
afrika, in Ungarn und in Venezuela. In einzelnen Fällen gelang es, deutsche Kon
suln oder Gesandte zu Landesgruppenleitern der AO zu machen, in anderen Fällen
teilte man Funktionäre der AO den deutschen Gesandtschaften oder Konsulaten
zu, wodurch sie diplomatischen Status bekamen. Bedenkliche Akten wurden nach
Möglichkeit ebenfalls in Diplomatenbüros untergebracht.
Es überrascht nicht, daß schon vor dem zweiten Weltkrieg viele Länder sich
durch das Treiben der AO bedroht fühlten. In nahezu allen reichsdeutschen
Kolonien im Ausland schien die Gleichschaltung innerhalb von zwei Jahren voll
zogen zu sein. Sie waren bis zu einem gewissen Grade Stützpunkte des Dritten
Reiches geworden. Die Gleichgültigkeit vieler Angehöriger fiel Außenstehenden
nicht auf. Ebensowenig bemerkte man, daß beispielsweise viele große deutsche
Firmen zwar die AO unterstützten, aber gar keinen Wert darauf legten, daß sich die
Partei um ihre Geschäfte kümmerte; einige von ihnen ließen ihre jüdischen Ver
treter noch nach Kriegsausbruch Weiterarbeiten. Durch die immer wiederholte
Behauptung, daß sie und nur sie allein für die im Ausland wohnenden Staatsbürger
sprechen können, vermochte die AO jedoch vor der Außenwelt zu verbergen, wie
es im Innern der deutschen Kolonien wirklich aussah. In Wirklichkeit hatte die
AO verhältnismäßig wenige Mitglieder. Nur die eigentlichen Funktionäre waren
wirklich gefährlich, und deren Arbeit richtete sich im allgemeinen mehr gegen ihre
eigenen Landsleute als gegen fremde Staaten. Nur in wenigen Fällen hat die AO
außenpolitisch als Fünfte Kolonne mit einigem Erfolg größere Aktivität entwickelt
z. B. in Spanien, wo Funktionären der AO bei der geheimen Unterstützung
Francos während des Bürgerkrieges eine Mittlerrolle zufiel. Auch sprechen ge
wisse Anzeichen dafür, daß Angehörige der AO in Brasilien die Anschläge der
faschistischen Integralisten 1937/38 unterstützten1. Im übrigen hat die AO, soweit
1 Vgl. Bericht Botschafter Ritters v. 18. 3. 38 in Akten zur Dt. Ausw. Politik 1918-1945,
Serie D, Bd. V, Seite 709
262
man weiß, wenig getan, was die Welt erschüttern konnte. Ihr Gauleiter Bohle hatte
in Deutschland nur begrenzten Einfluß. Seine Ernennung zum Staatssekretär be
deutete sehr wenig; Freiherr von Neurath hatte gehofft, er werde durch Fragen
der AO weniger belästigt werden, wenn er Bohle ins Auswärtige Amt nähme. Sein
Nachfolger Ribbentrop wollte nichts mit Bohle zu tun haben, und in kurzer Zeit
standen sich die beiden wie Kampfhähne gegenüber. Ribbentrop hängte Bohle den
diplomatischen Brotkorb höher und erlaubte nicht, daß ihm irgendwelche Schrift
stücke von Bedeutung zu Gesicht kamen. Die anderen Gauleiter, alte Haudegen
der Partei, schätzten Bohle nicht, weil seine Art zu reden ihnen zu intellektuell
und der ganze Mann zu fein war. Mit Hitler hat Bohle niemals privat gesprochen.
Der »Führer« interessierte sich für ihn und seine Organisation nicht.
Das Außenpolitische Amt der NSDAP, dem wir bei der Beschreibung der mili
tärischen Fünften Kolonne ebenfalls begegnet sind, unterschied sich grundlegend
von der AO, die eine Massenorganisation mit 50.000 Mitgliedern und einer Zentral
verwaltung war, wo es wie in einem Bienenkorb zuging. Das Außenpolitische Amt
unter Leitung von Alfred Rosenberg war ein relativ kleines Institut mit einem
jährlichen Haushalt von einer halben Million Mark. Es war am 1. April 1933 ge
gründet worden. Rosenberg hatte Außenminister werden wollen, und die Erlaub
nis, das Außenpolitische Amt zu gründen, war Hitlers Trostpreis für ihn gewesen.
Krupp von Bohlen und Halbach hatte sich mit anderen Mühe gegeben, Geld
mittel für das neue Amt aufzutreiben. 1933 waren die deutschen Industriekapitäne
ebenso wie unter der Weimarer Republik mit Stiftungen großzügig: wer links und
rechts Geschenke machte, war sicher. Innerhalb weniger Wochen hatte Rosenberg
eine halbe Million beisammen und machte sich an die Arbeit.
Er richtete ein Büro ein, engagierte sprachkundige Leute und ließ aus 300 aus
ländischen Zeitungen Auszüge machen. Er sammelte Material über die wichtigeren
Ausländskorrespondenten. Er gab Gesellschaften und beschäftigte Assistenten
damit, Berichte über die Entwicklung des Außenhandels zu verfassen. Er gründete
ein Schulungshaus und richtete Abteilungen ein, die das politische Leben in be
stimmten Ländern sorgfältig beobachten sollten: zuerst in England, Skandinavien,
auf dem Balkan und im mittleren Osten, später auch in der übrigen Welt. Er ver
suchte einflußreiche Ausländer zum Besuch Berlins anzuregen und schickte seine
engen Mitarbeiter, darunter viele Volksdeutsche aus Rußland, ins Ausland, um
dort die Segnungen des Dritten Reichs bekanntzumachen und von England bis
Afghanistan mit faschistischen Kreisen Fühlung aufzunehmen.
So weitgesteckt seine Ziele auch waren, so gering war doch im allgemeinen
die Wirkung seiner Tätigkeit. Nur bei Quisling gewann sie wirkliche Bedeutung,
und auch dann nur infolge einer merkwürdigen Verknüpfung von Umständen. Im
allgemeinen hatte Rosenberg zu wenig Einfluß, als daß er wichtige Anregungen
geben oder auch nur entgegennehmen konnte. Er selbst hielt sich für einen zweiten
Bismarck, für einen Staatsmann von einzigartigem Wissen und Feingefühl und
zudem mit einer Gabe für geschickte Intrigen, die kaum ihresgleichen hatte. Die
263
führenden Männer in Partei und Staat betrachteten ihn als einen wunderlichen
Wirrkopf, diesen Verfasser von Büchern und Berichten, die alle Welt laut pries,
die aber niemand las. Die Militärs hielten ihn für einen Träumer, Ribbentrop haßte
seine Anmaßung (der Haß beruhte auf Gegenseitigkeit), nur Hitler machte sich
nichts daraus, ihm hin und wieder für eine halbe Stunde zuzuhören. Dann pflegte
Rosenberg seine eigenen Verdienste aufzuzählen, das Auswärtige Amt zu kritisieren
und zu beweisen, daß er selbst alles viel besser gemacht haben würde. Danach
durfte er gehen.
Wichtiger war die Volksdeutsche Mittelstelle. Nach dem Ende des ersten Welt
krieges hatte die Reichsregierung deutsche Einrichtungen und Vereine in den
Grenzbezirken, die Deutschland auf Grund des Vertrages von Versailles abtreten
mußte, heimlich unterstützt. Das war teilweise über die Deutsche Stiftung und ihre
hierfür gegründeten Firmen geschehen. Außerdem ließen auch Verbände wie der
Verein für das Deutschtum im Ausland viel Geld ins Ausland fließen.
Hitler beschloß 1936, die Aufsicht über die Unterstützung volksdeutscher Ein
richtungen und Vereine sowie über alle mit volksdeutschen Fragen befaßten Insti
tutionen und Verbände zusammenzufassen. Für diesen Zweck gründete die Partei
die Volksdeutsche Mittelstelle als besonderes Amt, das zunächst von einem hohen
Beamten des Kultusministeriums geleitet wurde und Rudolf Heß unterstellt war.
1937 gelang es Himmler, das Amt seinem wachsenden Reich als neue Provinz
einzuverleiben. Die Leitung übernahm damals SS-Gruppenführer Werner Lorenz.
Lorenz war zwar äußerlich eine imposante Erscheinung, aber hatte in volks
deutschen Angelegenheiten keine Ahnung. Doch das war kein Hindernis, da
Himmler auf seine Bitten den damaligen Rechtsanwalt Dr. Hermann Behrends
zu seinem Stellvertreter machte. Behrends war ein erfahrener Jurist, ein gründ
licher Kenner von Volkstumsfragen und verrichtete die eigentliche Arbeit. Die
Volksdeutsche Mittelstelle (Vomi) begann ihre Tätigkeit zunächst mit 30 Mann
und bescheidenen Mitteln als bloße Koordinierungsstelle. Mit der Beseitigung des
Reichsführers des VDA, Dr. Steinacher, im Juli 1938 und der Ernennung eines
Vomi-Angehörigen zum Geschäftsführer des VDA begann sie jedoch energisch die
gesamte Volkstumsarbeit gleichzuschalten und in eigene Regie zu nehmen. Auch
der Bund Deutscher Osten kam 1938 unter Vomi-Leitung und wurde 1941 als
eigener Verband aufgelöst. War die Subventionspolitik des VDA und der Deut
schen Stiftung gegenüber den Volksdeutschen bisher noch einigermaßen liberal
gewesen, so degenerierten die Beziehungen zwischen den volksdeutschen Organi
sationen und der Vomi immer mehr zu einem reinen Befehlsverhältnis. Im Herbst
1940 fuhr Lorenz persönlich nach Siebenbürgen, setzte den bisherigen Führer der
Rumäniendeutschen ab, um an seiner Stelle einen fast unbekannten Siebenbürger
Sachsen, der bei den Berliner Dienststellen der SS den nötigen Rückhalt hatte,
ohne Befragen der Volksdeutschen zum Volksgruppenführer zu ernennen. Auch
schon vor dem Krieg hatte die Vomi wesentlich dazu beigetragen, in den deutschen
Volksgruppen der benachbarten osteuropäischen Staaten entschiedene National
264
Sozialisten in die maßgeblichen Stellen der Volkstumsorganisationen zu bringen
und so die Gleichschaltung zu fördern. Bisweilen wurden auch das Auswärtige
Amt und (mehr noch) der Auslandsnachrichtendienst des SD hierbei vermittelnd
eingesetzt. Mit dem Beginn der Umsiedlung von Volksdeutschen in die eroberten
polnischen Gebiete, deren Durchführung ebenfalls unter die Kompetenz der Vomi
fiel, und der Betreuung der Rußlanddeutschen durch spezielle Kommandos der
Vomi (seit Sommer 1941) wuchsen der ursprünglich kleinen Dienststelle immer
größere Aufgaben zu. 1941 zum Hauptamt der SS erhoben, verfügte sie zuletzt
allein in der Berliner Zentrale über elf Unterabteilungen.
Die Monopolstellung der Vomi in allen volksdeutschen Angelegenheiten be
wirkte schließlich, daß die Volksdeutschen in wachsendem Maße in den Bann und
die Abhängigkeit der SS gerieten. Die Bildung von Waffen-SS-Einheiten aus den
volksdeutschen Wehrpflichtigen Ungarns, Rumäniens, Jugoslawiens und der
Slowakei in den letzten Kriegsjahren war die äußerste Konsequenz dieser Entwick
lung. An Wirksamkeit als politische Fünfte Kolonne war die volksdeutsche Mittel
stelle zweifellos der AO und dem Außenpolitischen Amt der NSDAP weit über
legen.
Dies gilt nicht minder für jene andere Organisation aus dem Machtbereich
Himmlers, die im Ausland aktiv wurde: dem Sicherheitsdienst des Reichsführers
SS (SD). — Der SD war aus kleinen Spitzelgruppen entstanden, welche die SS
schon in den zwanziger Jahren gehabt hatte, um dadurch über die Tätigkeit der
Gegner der NSDAP und hauptsächlich der Kommunisten auf dem laufenden zu
bleiben. 1931 hatte Himmler diese Gruppen aus ihrer regionalen Bindung an die
SS gelöst und dadurch den zentral geleiteten Sicherheitsdienst geschaffen. Sein
Leiter war Reinhold Heydrich, ein ehemaliger Marineoffizier, der aus dem Dienst
entlassen worden war. Zur Zeit der Machtergreifung hatte der Sicherheitsdienst
nur ein paar Dutzend Angehörige, doch wuchs er schnell. Im Juli 1934 bestimmte
Hitler, daß alle anderen inländischen Nachrichtendienste der NSDAP — beispiels
weise besaß Rosenbergs Außenpolitisches Amt einen solchen inneren Spionage
dienst — im Sicherheitsdienst aufgehen sollten. Um 1937 beschäftigte der SD
zwischen 3000 und 4000 Agenten.
Neben dem SD/Inland stand der Auslandsnachrichtendienst des SD, die spätere
Abt. VI im Reichssicherheitshauptamt. Ihr letzter Chef seit Juni 1941 war SSBrigadeführer Schellenberg, dessen Memoiren1 über das weitgespannte Feld der
Tätigkeit des SD im Ausland Einblick geben. Als politischer Geheimdienst neben
dem militärischen Geheimdienst der Wehrmacht übernahm der SD außer der
üblichen
Spionagetätigkeit
bei
einer
Reihe
von
Gelegenheiten
hochpolitische
Spezialaufträge, durch die er entscheidend mithalf, die Außen- und Kriegspolitik
Hitlers in das gewünschte Geleis zu bringen. Hierzu gehörten z. B. die im Auftrag
Hitlers durchgeführten Verhandlungen von Vertretern des SD mit führenden
1
The Schellenberg Memoirs. London 1956.
265
slowakischen Politikern der Hlinkapartei im Februar/März 1939. Sie erbrachten
termingerecht den bestellten Hilferuf der Slowakenführer Tiso und Tuka an Hitler
und lieferten diesem damit den gewünschten Vorwand zur Zerschlagung der
Resttschechoslowakei Mitte März 1939. Auch der vorgetäuschte Angriff polnischer
Truppen auf den Sender Gleiwitz in der Nacht zum 1. September 1939, der Hitler
vor der Welt eine letzte Rechtfertigung für den längstgeplanten Angriff auf Polen
verschaffen sollte, stand unter der Regie des SD1. Von sehr viel größerem Gewicht
als die Aktivität des Rosenbergschen Außenpolitischen Amtes war auch die Wirk
samkeit des SD bei der Kontaktaufnahme mit faschistischen oder sonst kollabo
rationsbereiten Kräften in den Nachbarstaaten des Dritten Reiches. So geht z. B.
die revolutionäre Tätigkeit der Eisernen Garde in Rumänien in den Jahren 1939/40,
die Anfang September 1940 zum Sturz König Carols und zum achsentreuen
Kurs unter Antonescu führte, nicht unwesentlich auf das Konto des SD zurück.
Ähnliches gilt für die Inthronisierung des ungarischen Pfeilkreuzlerführers am
15. Oktober 1944 nach dem Sturz des Reichsverwesers Horthy. Aus der Agenten
tätigkeit des SD gingen auch die »Schwarzen Listen« hervor, nach denen beim Ein
marsch deutscher Truppen in Polen, Frankreich, Jugoslawien und der Sowjetunion
die Festnahme politischer Gegner und gefährlich erscheinender Personen erfolgte.
Eine besonders verderbliche Rolle hat der SD hierbei im Rußlandfeldzug übernom
men, wo unter der Leitung alter SD-Führer die Liquidierung von Juden und Kom
missaren durch die »Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD« stattfand.
Neben dem SD ist ferner das Amt Ausland-Abwehr im Oberkommando der
Wehrmacht als Träger unterirdischer Aktivität im Ausland zu nennen. Es war
aus dem militärischen Spionagedienst entstanden, der bereits in den ersten Jahren
der Weimarer Republik geschaffen worden war. Nach 1933 wuchs diese Abteilung
entsprechend der Vermehrung der deutschen Streitkräfte. Ihre Leitung wurde am
1. Januar 1935 dem Seeoffizier Wilhelm Canaris anvertraut. 1938 wurde Canaris
dem neu geschaffenen Oberkommando der Wehrmacht unterstellt. Das Amt hatte
eine Abteilung Ausland, welche die Beziehungen zum Auswärtigen Amt, zu den
deutschen Militärattaches in anderen Ländern und zu den ausländischen Militär
attaches in Deutschland pflegte. Außerdem gab es drei Abwehrabteilungen:
I—Spionage, II—Sabotage, III—Spionageabwehr. In Deutschland hatte jeder
Wehrkreis seine Abwehrstelle. Im Ausland hatte die Abwehr in den meisten
deutschen Botschaften und Gesandtschaften einen Vertreter. Bei Kriegsausbruch
gehörten der ganzen Organisation 3000 bis 4000 Offiziere an12 . Die Spionage bezog
sich auf militärische, wirtschaftliche und politische Dinge. Zwar hatte Canaris
mit Heydrich verabredet, daß er sich auf Militärspionage beschränken würde, doch
hielt er sich nicht an diese Verabredung. Zuständigkeitsgrenzen bestanden im
Dritten Reich nur auf dem Papier.
1
Vgl. hierzu Schellenberg Memoirs, S. 68 ff. sowie Aussage von Helmut Naujocks, IMT
XXXI, S. 90-92.
2
Laut Mitteilung von General a. D. Lahousen v. 2. 8. 1952 an den Verfasser.
266
Chef der Abteilung I war Oberst Piekenbrock, dem wir begegnet sind, als er im
letzten Augenblick vor der Invasion Norwegens alles Mögliche aus Quisling heraus
zuholen versuchte. Oberst Erwin von Lahousen wurde Anfang 1939 Chef der
Abteilung II. Lahousen war vorher Chef des österreichischen Geheimdienstes ge
wesen und hatte mit Canaris zusammen gegen die Tschechen gearbeitet. Im sude
tendeutschen Gebiet hatte Abwehr II zahlreiche Freiwillige geworben, die eine
deutsche Offensive gegen die Tschechoslowakei durch umfangreiche Sabotage
unterstützen sollten. Es stellte sich dann heraus, daß man sie nicht benötigte.
Lahousen behielt sie jedoch und bildete daraus die Kampf- und Sabotagetrupps,
die in Polen als äußere Fünfte Kolonne tätig wurden. Es waren verwegene Gestal
ten, über die während der ersten Phase der deutschen Besetzung Polens viele Be
schwerden einliefen. Aus diesem Grunde beschloß Abwehr II, sie in einer dauern
den militärischen Einheit zusammenzufassen. Zu diesem Zweck wurde im Herbst
1939 die sogenannte Bau- und Lehrkompanie Brandenburg gegründet, die nach
ihrer Garnison benannt wurde. Aus der Kompanie wurde ein Regiment und 1942
sogar eine Division. Angehörige dieser Einheit haben wir in vielen Ländern als
Vertreter der äußeren Fünften Kolonne angetroffen. Viele von ihnen waren Volks
deutsche.
Im allgemeinen stand die Abwehr nicht in politischer Verbindung mit den volks
deutschen Gruppen, den anderen unzufriedenen Minderheiten (Ukrainer, Kauka
sier, Bretonen) und den nationalsozialistischen und faschistischen Bewegungen in
anderen Ländern. Gewöhnlich beschränkten sich ihre Bemühungen darauf, unter
Ausnutzung der Beziehungen zu jenen Gruppen ein eigenes Agentennetz aufzu
bauen. Sie vermochte allerdings einen Informationsaustausch und enge Zusammen
arbeit mit den Geheimdiensten befreundeter oder verbündeter Länder herzustellen
(Rumänien, Ungarn u. a.). Ein zusammenfassendes Urteil über die Tätigkeit der
Abwehr zu fällen, ist besonders schwierig. Sie hat unter Canaris’ Leitung einerseits
mit Bravour zahlreiche Einzelaufträge ausgeführt, die Hitlers Expansion und
Kriegsführung zugute kamen. Andererseits stellte sie ein Zentrum der aktiven
Verschwörung gegen Hitler dar und arbeitete in einigen Fällen — man denke nur
an Oberst Osters Mitteilung an den holländischen Militärattaché über den bevor
stehenden Westfeldzug — auch außenpolitisch und sogar auf die Gefahr hin, des
Landesverrats bezichtigt zu werden, den Kriegsplänen Hitlers direkt entgegen.
Am Falle der Abwehr wird in besonders sinnfälliger Weise der tragische Konflikt
sichtbar, vor dem Staatsorgane eines verwerflichen Regimes stehen, wenn sie zum
Widerstand entschlossen sind. Nur als Träger wichtiger Staatsfunktionen haben
sie ein Fundament, um mit Aussicht auf Erfolg Widerstand leisten zu können.
Aber um diese Machtstellung zu behaupten, müssen sie dem insgeheim bekämpften
Regime fortlaufend treue Dienste leisten, und — im Falle der Abwehr — als Fünfte
Kolonne des Dritten Reiches tätig werden.
Schließlich bleibt die Frage zu beantworten, ob nicht auch der diplomatische
Dienst der offiziellen deutschen Auslandsmissionen selbst sich in nationalsozia
267
listischer Zeit zu einer Art politischer Fünften Kolonne entwickelte. Gewiß haben
nicht wenige Auslandsvertreter des Dritten Reiches ihren diplomatischen Status
insofern verletzt, als sie direkt oder indirekt konspirativ tätig waren, oder es
nolens volens zuließen, daß die staatliche Institution der Diplomatie für Propa
ganda der NSDAP benutzt und die deutschen Gesandtschaften zu Agenturen des
Nationalsozialismus im Ausland wurden. Dieser Gesichtspunkt ist allerdings
außerhalb Deutschlands vielfach überbewertet worden. Man vergißt allzu leicht,
daß der Stamm von Hitlers Diplomaten nur zu einem minimalen Teil aus alten
Nationalsozialisten bestand. 1933 gab es noch nicht ein Dutzend Pg’s im Auswär
tigen Amt. Bekannt ist, daß Hitler von den Beamten der Wilhelmstraße eine
denkbar schlechte Meinung hatte; sie seien »ein wahrer Müllhaufen der Intelli
genz«,
ein
»Haufen
seltsamer
Gestalten«1
und
wenig
talentiert,
seine
Politik
durchzuführen. Hitlers außenpolitische Erfolge trotz aller sachlichen und berech
tigten Einwände der zur Vorsicht mahnenden Fachdiplomaten übten allerdings
auf die Dauer eine korrumpierende Wirkung auch auf altgediente Beamte der
Wilhelmstraße aus. Ein weiteres Einschwenken des Auswärtigen Amtes auf den
Stil Hitlerscher Außenpolitik und ihrer unbedenklichen Methoden brachte die
Ablösung v. Neuraths durch v. Ribbentrop im Februar 1938 mit sich. Als ehe
maliger Chef des »Büros Ribbentrop«, das gleichsam ein zweites Außenpolitisches
Amt der NSDAP darstellte, brachte der neue Leiter des Auswärtigen Amtes eine
Garnitur von neugebackenen Diplomaten in Amt und Würden, die schon eher
Hitlers Wünschen entsprochen haben mögen. Eigens zu ihrer Verwendung schuf
Ribbentrop ein Ministerbüro unter seiner direkten Leitung. Auch die Einsetzung
eines Staatssekretärs »zur besonderen Verwendung« (W. Keppler) diente dem
Zweck, unter Ausschaltung des normalen Geschäftsganges zuverlässige National
sozialisten mit außenpolitischen Sonderaufträgen zu versehen, die ihrem Charak
ter nach mitunter der Arbeit des SD bedenklich nahe kamen. Gleichzeitig wurde
im Jahre 1939 mit der Schaffung der Sonderreferate »Deutschland« und »Partei«,
sowie einer besonderen Informationsabteilung das Aufgabengebiet des Auswärti
gen Amtes auf NS-Propaganda, Judenpolitik und Parteiarbeit im Ausland aus
geweitet. Die Ernennung von alten Haudegen der SA zu Gesandten bei den mehr
oder weniger von Berlin abhängigen Regierungen in der Slowakei, Rumänien,
Ungarn, Kroatien und Bulgarien (Ludin, v. Killinger, v. Jagow, Kasche, Beckerle)
wirkte in die gleiche Richtung einer Vermischung von diplomatischen und partei
politischen Punktionen. Die Tatsache, daß schließlich in Preßburg, Agram und
Bukarest Experten des Reichssicherheitshauptamtes als Berater in Judenfragen
oder als Polizeiattaches bei den deutschen Gesandtschaften akkreditiert waren,
macht deutlich, daß die Diplomatie des Dritten Reiches für Zwecke eingespannt
wurde, die über den normalen Aufgabenbereich von Auslandsvertretungen weit
hinausgingen. Auch hier muß jedoch davor gewarnt werden, die Gradlinigkeit
1
Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941—1942, S. 106, 365.
268
der nationalsozialistischen Außenpolitik zu überschätzen. Wie in Bohles Auslands
organisation, so sah Ribbentrop auch im Reichssicherheitshauptamt, das vielfach
mit dem SD Außenpolitik auf eigene Faust zu treiben versuchte, einen lästigen
Rivalen. Wie in zahlreichen innerpolitischen Bereichen des nationalsozialistischen
Staates, bewirkte der Kompetenzhunger rivalisierender Staats- und Partei
ämter auch auf außenpolitischem Gebiet vielfach ein ständiges Gegeneinander
arbeiten,
das
letztlich
die
Effektivität
auch
der
konspirativen
Auslandspolitik
erheblich beeinträchtigt hat.
In diesem Zusammenhang ist es auch angebracht, auf ein technisches Faktum
hinzuweisen,
das
die
spezielle Frage der Beschaffung
von Geheimnachrichten
betrifft, welche man fälschlich fast immer irgendwelchen »Fünften Kolonnen«
zugeschrieben hat. Wenn bei einer deutschen Invasion Soldaten oder Zivilisten
des angegriffenen Landes bemerkten, daß die Deutschen den Aufenthalt ihrer
Verstärkungen, ihre Truppenansammlungen und die Lage ihrer Hauptquartiere
kannten, so nahmen sie gewöhnlich an, die Deutschen hätten die Kenntnis dieser
Tatsachen mittels dessen erlangt, was man »altmodisch« Spione nennen könnte.
Diese Vorstellung muß berichtigt werden.
Seit Beginn des ersten Weltkrieges ist das Sammeln geheimer militärischer
Informationen zum großen Teil ein mechanischer Vorgang geworden. Jede Groß
macht hat Einrichtungen, welche in Friedenszeiten die Telefonleitungen auslän
discher Vertreter anzapfen und deren Telegramme abfangen und im Kriege dann
dasselbe mit dem politischen und militärischen Funkverkehr des Feindes tun. Was
man auffängt, versucht man zu entziffern. Manchmal mißlingt das, aber oft hat
man Erfolg. Schon die Weimarer Republik hatte für diese Aufgaben eine besondere
Dienststelle, und das Dritte Reich hatte deren fünf, die sich alle gegenseitig das
Leben möglichst schwer machten. Die größte von ihnen, Görings Forschungsamt,
war 1933 gegründet worden und beschäftigte schließlich mehr als 3000 Menschen.
Während der Kämpfe in Rußland gelang es ihm täglich, von den hunderttausend
Funksprüchen, die zwischen dem russischen Oberkommando und Heeresgruppen,
Armeen, Divisionen und kleineren Einheiten ausgetauscht wurden, 20.000 zu ent
ziffern. Hitler brauchte nicht einen einzigen Spion in der Sowjetunion zu haben,
um genau zu wissen, welche Einheiten ihn angriffen oder angreifen würden. Dieses
Dechiffrieren von aufgefangenen Funksprüchen war für die gesamte deutsche
Kriegführung äußerst wertvoll. Die Deutschen hatten fast alle feindlichen Codes
»erbrochen«. »Militärische Informationen über den Feind gründeten sich größten
teils, zu gewissen Zeiten sogar überwiegend, auf die Beobachtung des feindlichen
Funkverkehrs1. «
Wichtig war auch die Luftaufklärung. Andere Angaben geographischer und
historischer oder militärischer und wirtschaftlicher Art erhielt man durch die
Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie dem Deutschen Auslandsinstitut oder mit
Mitteilung Halders.
269
großen deutschen Firmen wie IG-Farben, Krupp, Zeiss und Rheinmetall-Borsig.
Manchmal waren diese Firmen bereit, Agenten der Abwehr zum Schein in ihre
Dienste zu nehmen, damit diese im Ausland ihre Arbeiten verrichten konnten.
Im allgemeinen taten sie das jedoch nicht gern, da es ihnen zu gefährlich erschien.
Häufiger kam es vor, daß die politischen und wirtschaftlichen Berichte, welche
diese Firmen für ihren Hausgebrauch bekamen, der Abwehr zur Verfügung ge
stellt wurden oder daß die Verfasser dieser Berichte Sonderberichte für die Ab
wehr anfertigten, wobei sie jedoch Angaben verwerteten, die in wissenschaftlichen
Organen oder Fachzeitschriften veröffentlicht worden waren. Dies hat mit Spio
nage im üblichen Sinne nichts mehr gemein.
Hitler dachte nicht daran, diese Institute oder Firmen in seine Pläne einzu
weihen. Ferner muß erwähnt werden, daß das Sammeln von Informationen, wie
wir es hier geschildert haben, keineswegs typisch deutsch war. Die öffentliche
Meinung jedoch hatte von dieser ganzen mechanischen und offenen Nachrichten
arbeit keine Ahnung. Sie sah deutsche Spione, wo in Wirklichkeit häufig Tat
sachen nur durch Funkempfänger und schnelle Jagdflugzeuge, aus Börsenberichten
und vergilbten Fachzeitschriften zusammengetragen worden waren.
Die Wirkung, welche die Tätigkeit einzelner Funktionäre der Auslandsorgani
sation, einzelner Diplomaten und Agenten des Außenpolitischen Amtes des SD
und der Abwehr gehabt hat, läßt sich schwerlich konkret umreißen. Daß diese
Tätigkeit Hitlers Zwecke in den Jahren bis 1939 begünstigt hat, versteht sich von
selbst. Die politische Fünfte Kolonne der Deutschen war keine Sage.
Auch viele einheimische nationalsozialistische und faschistische Gruppen und
Bewegungen von unzufriedenen, nichtdeutschen Minderheiten haben Hitlers
Politik gefördert. Im allgemeinen betrieben sie jedoch ihre Agitation selbständig.
Ihre Beziehungen zu Deutschland waren weniger eng, als man oft glaubte. Hitler
persönlich
zeigte
gegenüber
seinen
ausländischen
Nachahmern
eine
deutliche
Zurückhaltung und Mißtrauen. Nicht zu Unrecht fürchtete er wohl, er könne durch
solche Nachahmer allzusehr verpflichtet werden, während er lieber freie Hand be
halten und Europa und die Welt nach seinem Beheben beherrschen wollte. Und
schließlich: was waren diese Leute schon wert, diese Clausen, Quisling, Mussert,
Degrelle, de la Rocque, Pawelitsch, Codreanu, Mosley und Kuhn? Sie waren
Anfänger, die nicht einmal in ihrem eigenen Lande an die Macht zu kommen ver
mocht hatten! Die Protektion und Förderung der faschistischen Hilfstruppen aus
den benachbarten Ländern ging vielfach ohne, z. T. sogar gegen Hitlers Willen
vom Außenpolitischen Amt und vor allem dem SD aus. Sie hatte deshalb letztlich
keine volle Durchschlagskraft, sie blieb zwiespältig und widerspruchsvoll und
verstimmte damit nicht selten gerade die ideologisch dem Nationalsozialismus am
nächsten stehenden politischen Kräfte in anderen Ländern.
Sehr viel mehr gelang es — im ganzen gesehen — die deutschen Minderheiten im
Ausland zu Werkzeugen der Politik des Dritten Reiches zu machen. Von den
besonderen, seit 1918 bestehenden Bedingungen ihrer Lage, die zu dieser Ent
270
wicklung beitrugen, ist schon die Rede gewesen. Im Rahmen dieses Überblicks ist
es unmöglich, alle jene Faktoren genau zu analysieren, die bei den einzelnen Grup
pen von Volksdeutschen nach 1933 den Prozeß der Gleichschaltung begünstigten,
bremsten oder auch verhinderten.
Für den überwiegenden Teil der Volksdeutschen gilt, wie bereits dargelegt
worden ist, daß sie sich schon vor 1933 infolge nationaler und sozialer Deklassie
rung gleichsam als Deutsche in der Diaspora fühlten. Sie werteten den Machtauf
stieg Hitlers in Deutschland vornehmlich unter dem Gesichtspunkt ihrer eigenen
Hilfs- und Erlösungsbedürftigkeit. Die vielfach ganz unpolitische Haltung ins
besondere
bei
der
überwiegend
agrarischen
Bevölkerung
der
Volksdeutschen
begünstigte solche illusionäre Verkennung des Nationalsozialismus nicht unwesent
lich. Dort, wo größere Teile der deutschen Volksgruppen politisch profiliert waren
und parteipolitische Traditionen bestanden, wie in Danzig, in Ostoberschlesien
oder im Sudetenland, wurde der ideologischen Gleichschaltung in nationalen
Einheitsfronten und nationalsozialistischen Erneuerungsbewegungen erheblicher
Widerstand geleistet. Auch der Einfluß der — nicht an Nationalitäten gebundenen
— katholischen Kirche wirkte vielfach in ähnlicher Weise, etwa bei den Donau
schwaben in Ungarn oder im Banat.
Anders als in Westeuropa und Übersee, wo die Gleichschaltung der Volks- und
Auslandsdeutschen infolge ganz anderer Umweltsbedingungen kaum irgendwo
recht gelang, gab es unter den deutschen Minderheiten in Osteuropa (mit Ausnah
me der gänzlich isolierten Rußlanddeutschen) vor Ausbruch des zweiten Welt
krieges überall genügend starke Gruppen, die als Fünfte Kolonne des Dritten
Reiches in größerem oder geringerem Maßstab brauchbar und geeignet waren. Ob
und in welcher Weise sie tatsächlich politisch oder militärisch als Fünfte Kolonne
aktiv und von Bedeutung wurden, hing letztlich vor allem von der jeweiligen Lage
sowie davon ab, ob Hitler sie als dergleichen Werkzeuge in sein Kalkül eingesetzt
hatte oder nicht.
Beim Anschluß von Österreich und bei der tschechischen Krise operierte Hitler
noch ganz unter Berufung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht. Der öster
reichischen NSDAP und Henleins Sudetendeutscher Partei fielen deshalb als
Motor für Hitlers Politik wichtige Aufgaben zu, wobei hinzukam, daß es sich hier
auch rein zahlenmäßig um die weitaus größten und deshalb gewichtigsten deut
schen Gruppen außerhalb des Reiches handelte. Aber auch bei der Rückgliederung
des Memelgebietes spielte die seit Ende 1938 ungehindert agierende nationalsozia
listische Führungsgruppe der Memeldeutschen eine erhebliche Rolle. Zwischen ihr
und dem Auswärtigen Amt waren alle Schritte der gemeinsamen Prozedur gegen
über der eingeschüchterten litauischen Regierung genauestens abgesprochen.
Gegenüber Polen und Jugoslawien, wo es nicht um politisches Aushandeln von
Gebietsansprüchen sondern um militärische Gewaltlösungen ging, spielten Teile
der Volksdeutschen als militärische Fünfte Kolonne eine — allerdings wenig ent
scheidende — Rolle. — Seit 1940, als Hitler die politische Vormundschaft im ganzen
271
ostmitteleuropäischen
Raum
erlangt
hatte,
wurden
die
noch
nicht
»befreiten«
oder umgesiedelten deutschen Volksgruppen in Ungarn, Rumänien, Jugoslawien
und der Slowakei in zunehmendem Maße und immer ausschließlicher von Berlin
aus domestiziert und organisiert, so daß von »Fünften Kolonnen« im eigentlichen
Sinne dann kaum mehr gesprochen werden konnte. Die betreffenden deutschen
Volksgruppen waren schließlich selbst nur noch Objektiv und Potential unter
Hitlers und Himmlers Verfügungsgewalt.
272
SCHLUSSBETRACHTUNG
Die Furcht vor einer weltumfassenden Fünften Kolonne breitete sich, wie
wir in der Einleitung zum 1. Teil schon erwähnten, über den größten Teil des
Erdballs erst nach dem Anschluß Österreichs und der sudetendeutschen Gebiete,
und zwar wegen dieser Ereignisse, aus. Sie waren die beiden größten und eigent
lich die beiden einzigen wichtigen Erfolge, die Hitler dadurch errang, daß er auf
Massenbewegungen in anderen Ländern Einfluß nahm. In beiden Fällen waren die
Ursachen sowohl geographische als auch soziale, wirtschaftliche und geschicht
liche Faktoren. Diese hatten besonderes Gewicht im sudetendeutschen Gebiet.
Außerhalb Deutschlands hatten die Menschen kaum einen Blick
für
diese
Faktoren. Wenige nur verspürten das Bedürfnis, sich in die komplizierten Be
ziehungen zwischen Deutschen und Slawen in Mitteleuropa zu vertiefen. Ein
einziges, alles überragendes Ereignis war eingetreten: in einem bestimmten Staat
hatte sich eine Gruppe von Bürgern als Hitlers Werkzeug und Brecheisen be
nutzen lassen. Diese Bürger waren Deutsche und Nationalsozialisten. Es ist nicht
verwunderlich, daß die Menschen in allen Ländern anfingen, gegen Deutsche und
Nationalsozialisten Verdacht zu hegen zumal der Umstand, daß diese Gruppen
Hitler ständig und stetig unterstützten, dem Verdacht immer neue Nahrung gab.
Man beachtete weder die verschiedenen geschichtlichen Bedingungen der volks
deutschen Gruppen noch die relative Gleichgültigkeit, mit der viele im Ausland
lebende Reichsdeutsche dem Nationalsozialismus gegenüberstanden. Die Menschen
konnten die Verhältnisse, unter denen alle die deutschen Ämter und Institutionen
arbeiteten, die wir im vorigen Kapitel geschildert haben, nicht mehr im richtigen
Maßstab sehen. Sie fühlten sich bedroht, und das mit Recht! Hitlers Politik
bestand aus einer Mischung von politischer und militärischer Aggression. Die
innere militärische Fünfte Kolonne verwendete er weniger, als außerhalb Deutsch
lands im allgemeinen angenommen wurde. Das war auch nicht anders möglich,
weil hier die erforderliche Geheimhaltung enge Grenzen des Erreichbaren setzte.
Hingegen benutzte er die Waffe der inneren politischen Fünften Kolonne seit
1933 mit höchster Meisterschaft, teuflischer Phantasie und gänzlicher Verachtung
für Verträge und Gebote des Anstandes. Wenn er sein Ziel nicht immer erreichte,
so lag das nicht an ihm, sondern an dem Widerstand, den seine Bestrebungen
18
273
hervorriefen. So sehr die Vorstellungen über eine politische Fünfte Kolonne der
Deutschen, die in den Jahren 1933 bis 1939 entstanden, auch übertrieben oder im
einzelnen verkehrt gewesen sein mögen, so hatten sie doch einen erheblichen
Wahrheitskern.
War es daher nicht unvermeidlich, daß die Menschen, nachdem Hitler den
Krieg einmal entfesselt hatte, bei jeder neuen Aggression annahmen, jene Grup
pen, die ihn so lange politisch unterstützt hatten, würden ihn bestimmt nicht
im Stiche lassen, wenn es darauf ankäme, ihm militärische Hilfe zu leisten?
Die militärische Fünfte Kolonne, welche die Menschen wahrzunehmen meinten,
war oft ganz oder doch wenigstens größtenteils eine verwandelte politische Fünfte
Kolonne. Man verhaftete und verfolgte Gegner, von denen man oft mit Recht
annahm, daß sie mit dem Feind im besten Einvernehmen ständen und grund
sätzlich bereit wären, ihm zu helfen. Die Furcht vor der militärischen Fünften
Kolonne war übertrieben, aber nicht gänzlich abwegig.
Argwohn und Kopflosigkeit führten gewiß in manchen Ländern zu bedauerlichen
Fehlgriffen, so z. B. gegenüber den Emigranten aus Deutschland und Österreich.
Viele französische Behörden behandelten sie, nachdem der Krieg begonnen hatte,
mit kaum verhüllter Feindseligkeit. Die Engländer machten sich die Mühe, die
politische Einstellung dieser Menschen zu untersuchen; die Untersuchung be
mühte sich, fair zu sein, und war ein kostspieliges und langwieriges Verfahren. Daß
dann die Untersuchungsergebnisse in einem Augenblick tödlichster Gefahr, als die
Engländer durch unzutreffende Berichte vom europäischen Kontinent irregeführt
wurden, schließlich doch über Bord geworfen wurden, war für die Betroffenen ein
harter Schlag. Wenn solches Versagen nicht verschwiegen werden soll, so muß
jedoch auch gebührend berücksichtigt werden, in welcher gespannten Situation
die Behörden, die für die Internierung der Flüchtlinge verantwortlich waren, im
Sommer 1940 die Arbeit zu verrichten hatten. Wieviel leichter sind solche Dinge
für den Historiker, der nach Jahren, wenn die Gefahr vorüber ist, in der Stille
seines Arbeitszimmers das Für und Wider gewisser Unternehmungen abwägen
kann — wieviel leichter sind die Dinge für ihn als für den Staatsmann, der aller
Ungewißheit zum Trotz und von tausend Drohungen umgeben in dem geschicht
lichen Augenblick selbst Entscheidungen treffen muß, von denen Wohl und Wehe
eines ganzen Volkes abhängt!
Es wäre aber ebenso unfair, wollten wir nicht auch auf das hinweisen, was bei
spielsweise die Haltung der Sudetendeutschen und der Volksdeutschen in Polen
und Jugoslawien verständlich machen kann. Sie wurden als Minderheit unter
drückt und manchmal kleinlich oder sogar hart behandelt. Das war das Ergebnis
einer Entwicklung von Jahrhunderten, deren einzelne Stadien häufig dem Blick
dieser Minderheiten entzogen waren. Für Nationen gilt ebenso wie für einzelne
Menschen, daß das, was den einen tief bewegt, vom anderen gewöhnlich nur sehr
wenig verstanden wird. Was kümmerte schon die Geschichte der Tschechen, der
Polen und der Slowenen die Sudetendeutschen oder die Volksdeutschen in Polen
274
oder Jugoslawien? Sie fühlten nur sich bedroht und vernachlässigt, und in ihrem
Zorn waren sie nur zu bereit, auf Führer zu hören, die ihnen die Wiederkehr ihrer
bevorrechtigten oder führenden Stellung versprachen.
Im Glauben, daß sie das ihnen zugefügte Unrecht beseitigen könnten, rüsteten
sie sich, um anderen noch größeres Unrecht zuzufügen. Alte und verständige
Führer erhoben ihre Stimme und warnten vor dem gefährlichen Weg, auf den
Hitler die volksdeutschen Gruppen zu locken versuchte. Auch in den volksdeut
schen Kolonien in Südamerika fehlte es nicht an Warnungen. Schließlich lag auf
der Hand, daß alle diese Gruppen und Gemeinschaften, kleine Inseln in einem
Meer andersdenkender Völker, eine Welle von Haß auslösen würden, wenn sie sich
in den Dienst einer Ideologie stellen würden, die von jenen Völkern als tödliche
Bedrohung empfunden wurde; diese Welle aber würde sie selbst als erste ver
schlingen. Die Warnungen nützten nichts. Gewiß waren jene einfachen deutschen
Bauern, Industriearbeiter und Handwerker aus dem Korridor, Ostoberschlesien,
aus dem Sudetengebiet, Rumänien und Slowenien wahrhaftig nicht Mann für
Mann Spione, politische Agitatoren oder Partisanen. In der Regel waren es viel
leicht nur ganz wenige von ihnen, die in solchen Rollen auftraten. Die Gesamtheit
jedoch geriet in den Verdacht der Mittäterschaft, weil sie die wenigen ihr Treiben
unbehindert fortsetzen ließ. Aus diesem Grunde identifizierte man sie — und das
selbe gilt für die im Ausland lebenden Reichsdeutschen — mehr und mehr mit
Anführern, welche der Treupflicht entsagten, die sie der Gemeinschaft schuldeten,
in deren Mitte sie als Bürger oder Gäste lebten.
Viele Angehörige der auslandsdeutschen Gruppen haben diese Vorgänge nie
recht begriffen. Sie waren in soziale Verhältnisse hineingeboren, die sie nicht selbst
geschaffen hatten und wurden in einen Kampf mitgerissen, der ihr Verständnis
überstieg und daher erst recht ihrer Kontrolle entzogen war. Das ist die Tragik
der Geschichte.
275
INDEX
Aall, Hermann Harris 174, 175
Abbeville (Gefängnis) 87
Abshagen, Karl Heinz 204
»Abwehr« (Amt Ausland-Abwehr des Ober
kommandos der Wehrmacht) 136, 137,
149-152, 156, 169, 174, 176, 180, 184-186,
188, 190, 192-194, 199-201, 212, 217, 219,
221-224, 227, 229, 262, 266, 267, 270
Accao Integralista Brasileira 39
Ägypten 31, 107
Afghanistan 263
Albany 109
Albert-Kanal 83, 135, 200
»Altmark« 61, 167
Amsterdam 79
Anderson, John 104, 105
Antonescu, Jon 266
»Arandora Star« 106
Argentinien 31, 38, 40, 118, 121, 210-213
Armour, Norman 116
Artuccio, Hugo Fernandez 113—115, 118
Athen 123, 219
Ausländer-Tribunale (England) 103
Auslandsorganisation der NSDAP (AO) 18,
21, 24, 25, 26, 30, 31, 33, 37, 41, 72, 73,
114, 118, 123, 136, 137, 138, 139, 141, 146,
163, 168, 173, 184, 195, 201, 210, 220, 227,
228, 250, 260, 261, 262, 263, 265
Außenpolitisches Amt der NSDAP 24, 164,
227, 263, 265, 270
Australien 19, 107
Auswärtiges Amt 136, 137, 150, 227, 264,
265, 266, 268, 271
Azoren 203
Backe, Gerhart 258
Balbaud, René 85
Baltische Staaten 220
Bandera, Stepan 223
Barcelona 25
Barlone, D. 95
Beals, Carleton 35
Beck, Josef 44
Beckerle, Adolf Heinz 268
Behrends, Hermann 264
Belgien 31, 82ff., 137, 187-191
Belgrad 125, 126, 218, 219
Belmonte, Elias 119
Benesch, Eduard 250
Bennecke, Berthold 174
Bergen 66, 69, 170
Bessonow 128
Bismarck, Otto von 263
Bloch, Marc 83
Bloomington 109
Bohle, Ernst Wilhelm 26, 30, 137—139, 146,
173, 183, 259-261, 263, 269
Bolivien 41, 119
Borjas, Filemon 119
Boulogne 86
Brasilien 35, 39, 118, 122, 210, 262
Brauchitsch, Walter von 145, 177, 221
Bräuer, Kurt 64, 171—173
»Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror« 22
Breckinridge 73, 74
Brena, Tomas 114—117
Bretonische Faschisten (Frankreich) 20
Britischer Rundfunk (BBC) 100, 113, 129,
202
British Union of Fascists 102, 202
Brüssel 83, 85
Bucharin, Nikolai Iwanowitsch 128
Buenos Aires 38
277
Buffalo 110
Bulgarien 219
Bund der Deutschen in Polen 147
Bund des Deutschtums in Australien und
Neuseeland 19
Burton 104
Busch, German 41
Butting, Otto 73, 136, 183, 184, 186
Canaris, Wilhelm 137, 152, 174, 178, 203205, 212, 266, 267
Cardozo, Josef 114
Carls, Rolf 163
Carlson, John Roy 34
Carol II., König v. Rumänien 266
Castillo, Ramon S. 211
Chamberlain, Arthur Neville 67
Cheynel, Henri 196
Chicago 259
»Chicago Daily News« 68, 135
Chile 41, 118, 121, 211, 213
Christian X., König von Dänemark 60
Churchill, Winston 101, 105, 138, 200
Clausen 270
Clemenceau, Georges 92
Clercq, Staf de 87, 190
Cleveland (Ohio) 204
Codreanu, Zelea 270
Cohrs, Heinz 72, 184, 262
Cooper, Alfred Duff 101
Corap, General 92, 195, 244
»Cossack« 167
Cossel, von 38
Costa Rica 119, 121
Courtrai 82
Dänemark 20, 25, 58ff., 155ff"
»Daily Express« 98, 104
»Daily Herald« 105
»Daily Mail« 105
»Daily Telegraph« 98, 104
Danmarks National Socialistika Arbejder
Parti (Dänemark) 20
Danzig 18, 43, 50, 153, 253, 258
Darre, Walter 258
Dautry, Raoul 188
Degrelle, Léon 20, 86, 190, 249, 270
Derry, Thomas Kingston 138
»Deutsch-Amerikanischer Bund« 33, 120,
121, 205, 207
278
Deutsch-Chilenischer Bund 213
Deutsche Akademie 24
Deutscher Volksbund für Argentinien 212, 213
Deutscher Volksbund für Paraguay 213
Deutsches Auslandsinstitut (Stuttgart) 24, 269
Dickmann, Enrique 40
Dickstein, Samuel 34
Dieckhoff, Hans Heinrich 207
Dies, Martin 34, 120, 212
Dijxhoorn 183, 184
Dirschau (Brücke von) 153
Dönitz, Karl 205
Dollfuß, Engelbert 17, 20, 134
Dono van, William 134, 135, 136
Dorffier 216
Doumenc, A. 195
Edelman, Maurice 131
Eden, Robert Anthony 101, 223
Egersund 66
»Eiserne Garde« (Rumänien) 20, 266
Ekuador 119
Elsaß 31, 194, 253, 258
Engelbrecht, General 173
Esbjerg 157
»Estampa« 119
Estland 255
Eupen-Malmedy 18, 86, 188, 189, 253, 258
Falkenhorst, Nikolaus von 155, 156, 167—
169, 171, 173
Fichtebund, Hamburg 34, 114
»Figaro« 31
Finnland 220
Florida 121, 205
Flynn, John T. 109
Foch, Marschall 92
»Forschungsamt« 269
Forster, Albert 59
Franco, Francisco 15, 16, 262
Frankfurter, David 22
Frankreich 20, 29, 31, 82ff., 193-196
»Freikorps« 259
Friedrich, Major 215
Fuhrmann, Gero Arnulf 114—116, 118, 209,
210
Gamelin, General 91, 92, 94
Gaulle, Charles de 200
Geer, Jan Dirk de 183, 184
Geheime Staatspolizei (Gestapo) 22, 23, 25,
35, 44, 97, 103, 104, 135, 136, 261
Georges, General 92
Gissibl, Fritz 259
Gjedser 158
Gleason, S. Everett 137
Glein, Major 159
Gleiwitz 266
Goebbels, Joseph 33, 45, 202, 209, 223
Göring, Hermann 139, 145, 164, 177, 218,
257, 269
Goertz, Leutnant 199, 200
Graudenz (Brücke von) 153
Griebl, Ignaz 32, 205
Griechenland 123, 219, 220
Grinkow 128
Grothe, Willy 259
Guatemala 119
Guderian, Heinz 221
Gustloff, Wilhelm 22
Den Haag 76ff., 79, 80, 182, 184, 246
Hagelin, Albert Viljam 164, 165, 167-169, 175
Hague, Frank 109
Halder, Franz 145, 155, 166, 203, 216, 221,
223
Hambro, Carl 137, 138, 176
Hellman, Florence 134
Henlein, Konrad 18, 28, 29, 31, 35, 132, 134,
137, 236, 271
Herdtmann, Julius 179
Hess, Alfred 139, 260
Hess, Rudolf 24, 33, 128, 138, 257, 260, 264
Heydrich, Reinhard 265, 266
Himer, General 160, 162
Himmler, Heinrich 23, 35, 147, 164, 186, 211,
224, 264, 265, 272
Hitler, Adolf 9-11, 17-19, 24-30, 32, 33, 35,
39, 40, 45-47, 52, 54, 57-59, 64, 67-69, 78,
92, 96, 100, 106-111, 116, 120, 127, 128,
130, 132-135, 138, 145, 147, 150-153, 155,
157, 164, 166-169, 173, 175, 177, 178, 182,
190, 192, 197, 202-204, 208, 209, 214-217,
221-223, 227, 250, 252, 254, 257-261,
263-275
Hitlerjugend 21, 149, 220
Hodson, J. L. 85
Holland 20, 71 ff, 136, 139, 177-187
Holzweber 17
Horthy, Admiral Mikles v. 266
Hull, Cordell 112, 223
Huntington, Thomas W. 134
I. G. Farben 138, 270
Imperial Fascist League (England) 20
Internationaler Rat für philosophische und
humanistische Studien 9
Irische Republikanische Armee (IRA) 199, 200
Irland 199, 200
Jacob, Berthold 20
Jagoda 128
Jagow, Dietrich von 268
Janko, Dr. 218
Jersey City 109
Jugoslawien 18, 70, 106, 123ff, 214ff, 255
Jungdeutsche Partei (Polen) 44
Jürges, Enrique 40
Kamenew, Leo Borissowitsch 127
Kanarische Inseln 36, 203
Kappe, Walter 205
Kasche, Siegfried 268
Kattowitz 50, 152
Kaupisch, General 60, 155, 156, 160, 162, 163
Keitel, Wilhelm 145, 177, 216
Kennedy, Joseph 135, 198
Kent, Tyler 198, 209
Keppler, Wilhelm 268
Kiewitz, Werner von 178
Killinger, Manfred von 268
Kirow, Serge 127
Kleffens, E. N. van 76, 91, 137
Knox, Frank 135, 136
Koch, Erich 224
Koestler, Arthur 94, 95
Köstring, General 221
Kolumbien 111, 119
Koht, Halvdan 64, 169
Kopenhagen 60ff., 159ff.
Korsör 158
Kowalski, Leutnant 54
Krestinsky 128
Krim 131
Kristiansand 66, 171
Kroatien 216—219
Krupp von Bohlen und Halbach, Alfred 263
Ku-Klux-Klan 34
Kuhn, Fritz 270
»Kulturbund« 214
279
La Guardia, Fiorello 109
Lahousen, Erwin von 174, 175, 204, 205,
217, 223, 267
Langer, William L. 137
La Pasionaria 16
Lebrun, Albert 91
Leopold III., König von Belgien 83, 97, 191
Lessing, Theodor 17
Lettland 20, 222, 255
»Link« 202
Litauen 21
Llano, Queipo de 16
Lodz 46
Löwen 85
Long Island 121, 205
Lorenz, Werner 264
Ludin, Hans 268
Lufthansa 172
Luxemburg 89, 192
Mackworth, Cecily 94
Malletke, Walther 217
»Manchester Guardian« 58, 103, 104
Mandel, Georges 92, 96
Marburg (Kroatien) 218
Marchwood, Lord 105
Marseille 193
Marshall, George C. 110—112, 116
Massachusetts 109
Matschek, Ivar 216, 217
McCallum, R. B. 12
McCormack 34
Melnyk, Andrej 152, 223
Memel 18, 21, 253, 258
Mexiko 111, 119, 121, 204
Miklas, Wilhelm 28
Mitrany, David 137
Möller, Jens 157
Mola, Emilio 15, 16, 19
Molotow, Wladislaw 223
Montevideo 113, 116, 117, 118
Moskau 129
Mosley, Oswald 20, 102, 202, 270
Mowrer, Edgar Ansei 135, 136
Müller, Alfred 40
Munch, Peter 62
»Mundo Obreso« 15
Mussert, Anton 20, 73, 78, 102, 185, 186, 242,
249, 270
Mussolini, Benito 25, 190, 216, 254
280
Narvik 66, 67, 168, 169, 170
Nasjonal Samling 164, 174, 175
Nationaal Socialistische Beweging (NSB) 71,
72, 73, 77, 79, 185, 186
Nationaalsocialistische Bond van Nederlan
ders in Duitsland 179
Nationaalsocialistische Nederlandse Arbeiderspartij (Holland) 20
»Netz, Das braune« 23, 25
Neumann, Ernst 21
Neurath, Konstantin von 26, 263, 268
Neuseeland 19
»New Republic« 109
New York 109
»New York Times« 94, 108, 132, 247
»New York World Telegram« 109
»New Yorker« 93
»News Chronicle« 105
Niederländisch-Indien 70, 107
Nikaragua 117
Norwegen 26, 63ff., 163—176
Nyborg 157
Nygaardsvold, Johan 64, 66
»Observer« 98
O’Donovan, Jim 199
Österreich 17, 27, 28, 254, 258
Oncken, Hermann 257
Operation Cicero 209
Oslo 65ff., 171 ff.
Oster, Hans 267
Palästina 31
Panamakanal 36
Paraguay 259
Paris 94
Patagonien 40
Paul, Prinzregent von Jugoslawien 124, 215
Pawelitsch, Ante 214, 270
Pennsylvanien 109
Peru 37
Petain, Philippe 92, 187
Peter II., König von Jugoslawien 124
Petersen, Oberstlt. 156, 160
»Petit Parisien« 23
Pflug-Hartung, Horst von 63
Philip, Percy J. 94
Pieckenbrock, Oberst 169, 267
Pierlot, Hubert 91
Pjatakow, J. L. 128
Planetta 17
Pohlmann, Oberstlt. 171—173
Polen 42ff., 47ff., 145ff., 266
Polnay, Peter de 94
Posen 50, 51, 53
Quisling, Vidkun 26, 66, 72, 81, 102, 133, 135,
138, 164-169, 172-176, 228, 249, 263, 267,
270
Radek, Karl 128
Raeder, Erich 145, 164-167, 177, 203
Rankin 236
Rauschning, Hermann 27, 100
Reichsdeutsche Gemeinschaft 73, 136, 183,
184, 195
Reichssicherheitshauptamt 214
Rekowski 204
Renthe-Fink, Cecil von 62, 155, 160, 171
Reuß, Prinz 51
Rexisten 86, 87, 190
Reynaud, Paul 67, 92, 96, 97, 99, 188, 195,
244
Ribbentrop, Joachim von 44, 64, 137, 139,
156, 204, 211, 217, 263, 264, 268, 269
Ridgway, Matthew B. 112
Right Club 202
Rio de Janeiro 38
Ritter, Nikolaus 205
Rocque, Francois de la 20, 270
Rollins, Richard 34
Roos, Karl 31
Roosevelt, Franklin D. 16, 33, 37, 101, 108,
111, 112, 116, 118, 120, 121, 135
Rosenberg, Alfred 24, 34, 128, 164-167, 172,
173, 217, 258, 263-266
Rosengoltz 128
Rost van Tonningen, Meinoud Marinus 73,
186
Rotterdam 75, 76, 180, 182, 246
Rumänien 18, 70, 106, 255, 258
Russell, Sean 200
Rykow 128
Ryan, Frank 250
Saargebiet 18, 253, 258
Salgado, Plinio 39
Salisbury, Harrison E. 132
Sandler, Karl 31
Sarajewo 125
Saß, Frh. v. 21
Schäfer 26, 160, 162
Schdanow, Andrei 128
Scheidt, Wilhelm 164, 166, 167, 171, 172
Scheffer, Paul 128
Scheuermann, Dr. 186, 190
Schlitter, Leg.-Sekr. 160
Schreiber, Marine-Attaché 164, 171, 172
Schubert 40
Schulenburg, Werner von der 221
Schulze-Bernett 184
Schuschnigg, Kurt von 27, 28, 36
»Schwarz-Rotbuch-Dokumente über den
Hitler-Imperialismus« 25
Schweden 20, 30, 69, 106
Schweiz 21, 22, 30, 70, 106
Sebold, William G. 206
Sedan 89, 90
Seton-Watson, Hugh 138
Seyss-Inquart, Arthur 27, 28, 31, 35, 134, 139,
165
Sicherheitsdienst (SD) 147, 148, 206, 211,
217, 223, 227, 265, 266, 268, 269, 270
Simowitsch, Durchan 215, 217
Simoview 127
Snyder, Louis L. 138
Solf 201
Sowjetunion 126ff., 220—225, 255, 256
Spanien 15, 25, 236, 262
Spanknoebel, Heinz 259
Spanaus, Carl 173—175
Spiller, Luftwaffen-Attaché 171, 172
Sponeck, Graf 80
Stalin, Josef 25, 127, 128, 129, 130, 152
Stark, Admiral 111, 112
Stauning, Thorwald 62, 63
Stavanger 66, 175
Steirischer Heimatbund 214
Steinacher, Hans 264
Stowe, Lelard 68, 69, 176
Streicher, Julius 259
Student, Kurt 189
Sudetendeutsche 28, 152, 254, 258, 267,
274
Südafrika 107, 254
Südtirol 254, 258
Südwestafrika 18, 21, 253, 258, 260
»Sunday Express« 68, 104
»Sunday Times« 129
Sundlo, Oberstlt. 26, 67, 81, 170
281
Taborda, Damonte 118
»Temps« 31, 89, 91
»Teutonia« 259
Thiele, Werner 160, 161
»The Times« 58, 68, 98, 101, 103, 118
Tiso, Josef 266
Tolischus, Otto D. 9, 10, 108, 141
Toynbee, Arnold Joseph 137
Trondhijem 67, 170
Trotzki, Leo 128
Tschechoslowakei 18, 28, 236
Tschernow 128
Tuchatschewski, Marschall 128
Türkei 106, 220
Tuka, Bela 266
Undset, Sigrid 65
UNESCO 9
Ungarn 18, 20, 218, 255
Urugay 41, 113ff., 209, 210
USA 29, 31, 33 ff., 36, 108ff., 202ff, 235, 236,
239, 256, 259
Vanderbilt, Cornelius 119
Vargas, Getulio 39
Veesenmayer, Edmund 217
Venezuela 262
Vlaams Nationaal Verbond (VNV) 86, 190
Vogt, Carlos 204
Volksbund für das Deutschtum im Ausland
24, 137, 138, 264
Volksdeutsche 18, 19, 34, 43-56, 130-135
146-154, 156, 157, 212-215, 217, 218, 224226, 228-230, 238, 243, 246, 251, 253-257
263-265, 267, 271
Volksdeutsche Mittelstelle 149, 217, 224, 227
264, 265
Waffen-SS 215
Warschau 52
Welles, Sumner 36, 88, 110, 112, 116
Werth, Alexander 92, 97, 129, 131, 132
Wesemann, Hans 22, 23, 201
Weygard, Maxime 92
Wiegand, Karl von 107
Wight, Martin 138
Wilhelmina, Königin der Niederlande 74, 178
182-184
Wilson, Edmund C. 115, 116
Winkelman, H. G. 73, 181, 183
Woroschilow, Kliment 127
Zeitzler, Kurt 223
Zimmermann, von 160, 161
Zypern 107