Автор: Birgit Beck  

Теги: geschichte   zweiter weltkrieg  

ISBN: 3-506-71726-X

Год: 2004

Текст
                    KRIEG IN DER GESCHICHTE
(KRiG)

HERAUSGEGEBEN VON
STIG FÖRSTER • BERNHARD R. KROENER • BERND WEGNER

BAND 18

WEHRMACHT
UND SEXUELLE GEWALT
Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten
1939-1945

FERDINAND SCHONINGH
Paderborn • München • Wien • Zürich


Birgit Beck Wehrmacht und sexuelle Gewalt Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939-1945 FERDINAND SCHONINGH Paderborn • München • Wien • Zürich
Die Autorin. Birgit Beck, Dr. phil., geb. 1971, promovierte 2002 mit der vorliegenden Arbeit an der Universität Bern und ist am dortigen Historischen Institut Oberassistentin für Neueste Geschichte. Titelbilder: Feld-Urteil des Feldkriegsgerichts der 95. Inf.Div., Frankreich, April 1941 (Bundcsarchiv-Zentralnachweisstelle Kornelimünster, Sign.: Ostbestand S 248 / Gericht der 95. Inf.Div.). Hintergrund: Deutsche Soldaten durchkämmen Bromberg, 4. September 1939 (aus: Janusz Piekalkiewicz, Polenfeldzug. Hitler und Stalin zerschlagen die Polnische Republik, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1982). Reibensignet: Collage unter Verwendung eines Photos von John Heartfield. © The Heartfield Community of Heirs/VG Bild-Kunst, Bonn 1998. Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Umschlaggestaltung: Evelyn Ziegler, München Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem und alterungsbeständigem Papier 0 ISO 9706 O 2004 Ferdinand Schöningh, Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH, Jühcnplatz 1, D-33098 Paderborn) Internet: www.schocningh.de Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages nicht zulässig. Printcd in Germany. Herstellung: Ferdinand Schöningh, Paderborn ISBN 3-506-71726-X C?H /7i/i Bayerisch^ Staatsbibliothek München
INHALTSVERZEICHNIS VORWORT ZUR REIHE 9 VORWORT 11 EINLEITUNG: E I N FALL VON SEXUELLER GEWALT 13 I. SEXUELLE GEWALT IM KRIEG 17 1. Vergewaltigungen als Kriegsstrategie? Zum Forschungsstand . 17 2. Sexuelle Gewalt im Krieg: Ein historischer Überblick 33 3. Sexuelle Gewalt als Kriegsverbrechen: Zur Entwicklung des Völkerrechts 62 SEXUALVERBRECHEN DEUTSCHER SOLDATEN 1939-1945 69 1. Zum Forschungsstand 69 2. Fragestellung und methodische Überlegungen 91 3. Quellenbasis 94 II. 4. Quellenproblematik: Grenzen und Möglichkeiten bei der Auswertung von Militärgerichtsakten III. SEXUALITÄT, PROSTITUTION UND WEHRMACHT IV. D I E MILITÄRGERICHTSBARKEIT UND SEXUELLE STRAFTATEN NACH DEM REICHSSTRAFGESETZBUCH 100 105 117 1. Justiz und Rechtsauffassung im Dritten Reich 117 2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 2.1 Inhaltliche Zielsetzungen der Militärjustiz: Zum Forschungsstand 2.2 Die rechtlichen Grundlagen 2.3 Das Strafverfahren 2.4 Die Strafen 126 126 130 133 139
Inhaltsverzeichnis 6 2.5 Der Strafvollzug 2.6 Die zentralen militärischen Straftaten 3. Sexuelle Straftatbestände nach dem Reichsstrafgesetzbuch . . . V. 143 149 154 SEXUALVERBRECHEN U N D IHRE A H N D U N G DURCH MILITÄRGERICHTE 1939-1945 166 1. Deutsche Herrschaftsstrukturen in den besetzten Ländern . . . 166 2. Von der Anzeige eines Sexualverbrechens bis zur Anklageverfügung 170 3. Die Bedeutung des Gerichtsbarkeitserlasses „Barbarossa" für die gerichtliche Verfolgung von Sexualverbrechen 177 4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 186 4.1 Die Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand 186 4.2 Objektive und subjektive Kriterien für den Nachweis eines Sexualverbrechens 197 4.3 Physische und psychische Folgen sexueller Gewalt 205 5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 5.1 Täter und Tatumstände 5.2 Sexualverbrechen mit tödlichem Ausgang 5.3 „Kameradschaft" der besonderen Art: Gruppenvergewaltigungen 5.4 Verteidigungsstrategien der Angeklagten 217 217 230 236 241 6. Die Bedeutung von Sexualverbrechen aus Sicht der Wehrmachtrichter 6.1 Das „Ansehen der Wehrmacht" 6.2 Heeresführung und Sexualverbrechen 6.3 Alkohol als Strafmildcrungsgrund 6.4 Die „Geschlechtsnot" der Soldaten 6.5 Sexualverbrechen und „Rassenschande" 6.6 Exkurs: Doppelte Moral an der „Heimatfront" 6.7 Die „Geschlechtsehre" der Frauen 6.8 Abschreckung und Prävention 6.9 Die Beurteilung der Angeklagten 247 251 260 266 272 277 281 285 292 297 7. Urteilsbestätigung und Strafvollstreckung 301 8. Todesurteile 308
Inhaltsverzeichnis VI. 7 D U L D U N G , BAGATELLISIERUNG, BESTRAFUNG: D E R UMGANG DER W E H R M A C H T MIT SEXUELLER GEWALT 326 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 336 Q U E L L E N - UND LITERATURVERZEICHNIS 339 1. Ungedruckte Quellen 339 2. Gedruckte Quellen 340 3. Veröffentlichungen vor 1945 342 4. Veröffentlichungen nach 1945 343 5. Zeitungsartikel/Andere Medien 368 PERSONENREGISTER 369

VORWORT ZUR REIHE „Der Krieg ist nichts als die Fortsetzung der politischen Bestrebungen mit veränderten Mitteln. [...] Durch diesen Grundsatz wird die ganze Kriegsgeschichte verständlich, ohne ihn ist alles voll der größten Absurdität." Mit diesen Sätzen umriß Carl von Clausewitz im Jahre 1827 sein Verständnis vom Krieg als historisches Phänomen. Er wandte sich damit gegen die zu seiner Zeit und leider auch später weit verbreitete Auffassung, wonach die Geschichte der Kriege in erster Linie aus militärischen Operationen, aus Logistik, Gefechten und Schlachten, aus den Prinzipien von Strategie und Taktik bestünde. Für Clausewitz war Krieg hingegen immer und zu jeder Zeit ein Ausfluss der Politik, die ihn hervorbrachte. Krieg kann demnach nur aus den jeweiligen politischen Verhältnissen heraus verstanden werden, besitzt er doch allenfalls eine eigene Grammatik, niemals jedoch eine eigene Logik. Dieser Einschätzung des Verhältnisses von Krieg und Politik fühlt sich Krieg in der Geschichte grundsätzlich verpflichtet. Die Herausgeber legen also Wert darauf, bei der Untersuchung der Geschichte der Kriege den Blickwinkel nicht durch eine so genannte militärimmanente Betrachtungsweise verengen zu lassen. Doch hat seit den Zeiten Clausewitz' der Begriff des Politischen eine erhebliche Ausweitung erfahren. Die moderne Historiographie beschäftigt sich nicht mehr nur mit Außen- und mit Innenpolitik, sondern auch mit der Geschichte von Gesellschaft, Wirtschaft und Technik, mit Kultur- und Mentalitätsgeschichte und, nicht zuletzt, mit der Geschichte der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. All die diesen unterschiedlichen Gebieten eigenen Aspekte haben die Geschichte der Kriege maßgeblich mitbestimmt. Die moderne historiographische Beschäftigung mit dem Phänomen Krieg kann deshalb nicht umhin, sich die methodologische Vielfalt der gegenwärtigen Geschichtswissenschaft zunutze zu machen. In diesem Sinne ist Krieg in der Geschichte offen für die unterschiedlichsten Ansätze in der Auseinandersetzung mit dem historischen Sujet. Diese methodologische Offenheit bedeutet jedoch auch, dass Krieg im engeren Sinne nicht das alleinige Thema der Reihe sein kann. Die Vorbereitung und nachträgliche „Verarbeitung" von Kriegen gehören genauso dazu wie der gesamte Komplex von Militär und Gesellschaft. Von der Mentalitätsund Kulturgeschichte militärischer Gewaltanwendung bis hin zur Alltagsgeschichte von Soldaten und Zivilpersonen sollen alle Bereiche einer modernen Militärgeschichte zu Wort kommen. Krieg in der Geschichte beinhaltet demnach auch Militär und Gesellschaft im Frieden. Geschichte in unserem Verständnis umfasst den gesamten Bereich vergangener Realität, soweit sie sich mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft erfassen läßt. In diesem Sinne ist Krieg in der Geschichte (abgekürzte Zitierweise: KRiG) grundsätzlich für Studien zu allen historischen Epochen offen, vom Altertum bis unmittelbar an den Rand der Gegenwart. Darüber hinaus
10 Vorwort zur Reihe ist Geschichte für uns nicht nur die vergangene Realität des so genannten Abendlandes. Krieg in der Geschichte bezieht sich deshalb auf Vorgänge und Zusammenhänge in allen historischen Epochen und auf allen Kontinenten. In dieser methodologischen und thematischen Offenheit hoffen wir den spezifischen Charakter unserer Reihe zu gewinnen. Stig Förster Bernhard R. Kroener Bernd Wegner
VORWORT Diese Studie stellt die überarbeitete Fassung meiner Dissertation dar, die im November 2002 von der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern angenommen und mit dem Moritz-Lazarus-Preis ausgezeichnet wurde. Sie entstand während meiner Tätigkeit als Assistentin bei Prof. Dr. Stig Förster, der die Anregung für die Beschäftigung mit dieser Thematik lieferte. Ihm gilt mein besonderer Dank, da er mich in seiner Funktion als Doktorvater stets unterstützte und die Entwicklung der Arbeit mit großem Interesse verfolgte. Darüber hinaus ermöglichte er es mir, einige Ergebnisse dieses Forschungsprojektes bereits in einem frühen Stadium auf verschiedenen Tagungen vorzustellen. Die dabei erhaltenen kritischen Anregungen flössen in die Arbeit ein und trugen wesentlich zu meinem Umgang mit der Materie bei. Als Zweitgutachterin hat sich Prof. Dr. Marina Cattaruzza intensiv mit der vorliegenden Arbeit beschäftigt und mir wertvolle Hinweise für die Drucklegung gegeben, wofür ich ihr sehr zu Dank verpflichtet bin. Den Kolleginnen und Kollegen sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Historischen Institut der Universität Bern verdanke ich einerseits ein angenehmes und freundschaftliches Arbeitsklima, andererseits auch nützliche Tipps und fachliche Hilfe. Namentlich erwähnen möchte ich an dieser Stelle zum einen meinen ehemaligen Bürokollegen Dr. Dierk Walter, von dessen Fachkompetenz ich jederzeit profitieren konnte. Ein herzlicher Dank geht zum anderen an Dr. Giulia Brogini Künzi, die als Kollegin und vor allem als Freundin den Entstehungsprozess der Arbeit hautnah miterlebt hat. Obwohl sie zeitgleich ihre Dissertation verfasste, hatte sie stets ein offenes Ohr für meine Fragen und wurde nie müde, mich durch „Arbeitskontrollen" zu motivieren. Ursula Rettinghaus schließlich hat die Endfassung akribisch und zugleich kritisch korrigiert, wofür ich ihr sehr herzlich danke. Darüber hinaus danke ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bundesarchivs Berlin-Lichterfclde, des Bundesarchiv-Militärarchivs Freiburg sowie des Bundesarchivs-Zentralnachweisstelle Kornelimünster für ihre Unterstützung bei der Qucllenbeschaffung. Zu nennen sind hier vor allem Roland Meentz und sein Mitarbeiterstab, deren Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft die Aktensuche und die Auswertung in Kornelimünster wesentlich vereinfacht haben. Mein Dank geht darüber hinaus an den Verlag Ferdinand Schöningh sowie an die Herausgeber für die Aufnahme der Arbeit in die Reihe „Krieg in der Geschichte" und insbesondere an Prof. Dr. Bernhard R. Kroener für sein Gutachten. Dem Lektor des Verlages, Herrn Michael Werner, danke ich für die stets freundliche Betreuung im Rahmen der Drucklegung. Meine Familie hat mich bei diesem Vorhaben immer tatkräftig unterstützt und zudem die undankbare Aufgabe übernommen, die erste Fassung der Arbeit zu korrigieren. Nicht nur dafür möchte ich ihr bei dieser Gelegenheit ganz
12 Vorwort herzlich danken. Dieser Dank gilt auch und in besonderem Maße Ulrich Heppner, der durch seine kritischen Kommentare und seinen unerschütterlichen Optimismus viel zu diesem Buch beigetragen hat. Bern, im September 2003 Birgit Beck
EINLEITUNG: EIN FALL VON SEXUELLER GEWALT Am 29. Mai 1943 fand in der ukrainischen Stadt Charkow eine öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts der 6. Panzer-Division statt. Als Richter fungierten ein Kriegsgerichtsrat sowie ein Oberleutnant und ein Obergefreiter, angeklagt waren der Obergefreite Johann D. und der Kanonier Georg S., die beide dem Panzer-Artillerie-Regiment 76 angehörten. Darüber hinaus waren ein Hauptfeldwebel sowie ein ukrainischer Hilfspolizist als Zeugen geladen. Die zu verhandelnde Strafsache lautete auf „Volltrunkenheit", beide Beschuldigte seien „hinreichend verdächtig [...], sich fahrlässig durch den Genuß geistiger Getränke in einen die Zurechnungsfähigkeit ausschließenden Rausch versetzt und in diesem Zustand eine mit Strafe bedrohte Handlung begangen zu haben, indem sie am 21.5.1943 in Besruki in betrunkenem Zustand mit Gewalt unzüchtige Handlungen an 2 russischen Frauenspersonen vorgenommen haben".1 Zunächst wurden die Angeklagten zu ihren persönlichen Verhältnissen befragt. Dabei stellte sich heraus, dass der Obergefreite D. verheiratet war, keine gerichtlichen Vorstrafen aufwies und sich freiwillig zur Front gemeldet hatte. Im Dienst war er bereits zweimal disziplinarisch mit geschärftem Arrest bestraft worden, sein Vorgesetzter bezeichnete ihn jedoch als einen „im allgemeinen fleißigen und willigen, allerdings manchmal auch sprunghaften und hastigen Charakter". Der Kanonier S. war als Bessarabiendeutscher 1940 im Zuge der Umsiedlungen nach Deutschland gekommen und diente seit Oktober 1942 bei der Wehrmacht. Er hatte bereits wegen „Erpressung und Amtsanmaßung" eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und wegen eines militärischen Vergehens eine Arreststrafe erhalten. Seine Beurteilung fiel ungünstiger aus, er wurde als ein „unselbständiger und wenig intelligenter Mensch" beschrieben, der zudem einen „völlig unsoldatischen Eindruck" mache. Die Verhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Beide Männer waren am 21. Mai 1943 in die ukrainische Ortschaft gefahren, um für ihre Einheit Eier und Kartoffeln zu beschaffen. In einem der Häuser, die sie aufsuchten, tranken sie zusammen mit dem Bewohner eine nicht genauer definierte Menge an Schnaps, „der ziemlich hochprozentig war". Danach gingen sie, offenbar schon betrunken, in ein anderes Dorf, wo sie sich bei einer 33 Jahre alten Frau Einlass verschafften. Der Kanonier bedrohte sie mit seiner Pistole und beide Soldaten vergewaltigten die Frau nacheinander; darüber hinaus zwang der Obergefreite Bundesarchiv-Zentralnachweisstelle Kornelimünster (BA-ZNS) Gericht der 6. Pz.Div./19, Bl. 28: Anklage zum Hauptverhandlungsprotokoll, 29. Mai 1943. Die handschriftliche Einfügung hinter „vorgenommen" lautet: „bezw. diese zur Duldung des außerehelichen Beischlafs genötigt".
14 Einleitung sie laut Urteilsschrift noch dazu, „seinen [sie] Geschlechtsteil in den Mund zu nehmen". Der Ukrainerin gelang es anschließend, sich zu einer Nachbarin zu flüchten, die Soldaten verließen unterdessen das Haus und nahmen dabei noch einige Kleidungsstücke mit. Sie drangen in eine weitere Wohnung ein, in der sich eine 65 Jahre alte Ukrainerin mit ihrer 27-jährigen Tochter aufhielt, und bedrohten die Frauen mit der Waffe. Johann D. vergewaltigte die jüngere von beiden, „wobei er besondere Gewalt anwandte und die Frau heftig drückte". Ihre Mutter wurde von Georg S. dazu genötigt, „mit ihrem Kopf seinen Geschlechtsteil zu berühren". In der Zwischenzeit war es dem ersten Opfer gelungen, einen Hauptfeldwebel vom Panzer-Grenadier-Regiment 4 über die Vorfälle zu informieren, so dass schließlich beide Täter festgenommen werden konnten und in ein Arrestlokal gebracht wurden. Bei einer Gegenüberstellung am nächsten Tag konnte eine der Zivilistinnen die Männer „einwandfrei" wieder erkennen, dieser Zeugin wurde auch attestiert, dass sie selbst „einen durchaus glaubwürdigen Eindruck" mache.2 Bei der Gerichtsverhandlung wollten die beiden Angeklagten die sexuelle Gewaltanwendung gegenüber den ukrainischen Zivilistinnen jedoch nicht eingestehen. Johann D. erklärte, er hätte damals so viel getrunken, dass ihm schlecht geworden sei, er habe jedenfalls „in dieser Nacht keine Frau angefaßt wie überhaupt noch nicht in Rußland". Und Georg S. behauptete, er könne sich nicht daran erinnern, noch in anderen Häusern als in dem ersten gewesen zu sein, und verneinte, „auch nur einer Frau lästig gefallen zu sein". Der als Zeuge geladene Hauptfeldwebel bestätigte, dass der Obergefreite D. „sehr frech und restlos betrunken" gewesen sei, als er ihn gesehen habe. Das Feldurteil lautete schließlich auf „Volltrunkenheit", der Obergefreite Johann D. wurde mit drei Jahren Gefängnis und Rangverlust bestraft, der Kanonier Georg S. erhielt vier Jahre Gefängnis.3 In ihrer Urteilsbegründung betonten die Richter, aufgrund der Aussagen der Zeugen seien die Männer eindeutig als Täter überführt worden, der Angeklagte D. habe sich in zwei Fällen der „vollendeten Notzucht" schuldig gemacht, der Angeklagte S. habe einmal eine Vergewaltigung begangen, und in einem Fall erfülle sein Vorgehen den Tatbestand „der gewaltsamen Vornahme unzüchtiger Handlungen an einer Frauensperson". Es sei „möglich und auch wahrscheinlich, daß die beiden Angeklagten, als sie diese Taten begingen, sich in einem ihre Zurechnungsfähigkeit ausschließenden Rausch befanden. Sie konnten zwar noch handeln, haben aber, selbst wenn sie noch das Unerlaubte ihrer Tat eingesehen haben sollten, vielleicht nicht mehr die Fähigkeit besessen, nach dieser Einsicht zu handeln". Die Verurteilung habe daher wegen „Volltrunkenheit" zu erfolgen, es gebe jedoch strafmildernde Umstände zu berücksichtigen. So seien die Straftaten „unter den besonderen Kriegsverhältnissen begangen" worden, und insbesondere der Obergefreite D. werde von seinen Disziplinarvorgesetzten relativ günstig bewertet. Für die Strafhöhe sei aber ausschlaggebend, dass 2 3 Ebd., Bl. 29-31: Feldurteil vom 29. Mai 1943, Zitate ebd. Ebd., Bl. 23-27: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 29. Mai 1943, Zitate Bl. 23, 2527.
Einleitung 15 „sich die beiden Angeklagten doch in einer recht gemeinen Weise benommen haben und daß ihr Verhalten geeignet war, das Ansehen der deutschen Wehrmacht schwer zu schädigen. Sie haben auch in erheblichem Maße gegen die Manneszucht verstoßen". Aus Gründen der Abschreckung müssten darüber hinaus vor allem Straftaten, die unter dem Einfluss von Alkohol stattgefunden hätten, besonders schwer geahndet werden. Nach dem Urteilsspruch nahmen die beiden Wehrmachtangehörigen die Strafe an und baten darum, sich an der Front bewähren zu dürfen.4 Der Verfasser des Rechtsgutachtens konnte keine Mängel am Verfahren feststellen, er kritisierte jedoch, dass die Verurteilung sich „in entscheidenden Teilen auf die lediglich von der Feldgendarmerie durchgeführten schriftlichen Vernehmungen der Russinnen" stütze. Die Tatsache, dass die Angeklagten die Strafe akzeptiert hätten, könne jedoch als klares „Geständnis" angesehen werden, so dass er keine Bedenken gegen das Urteil habe. Dementsprechend bestätigte der Gerichtsherr der 6. Panzer-Division am 5. Juni das Urteil und ordnete an, dass die Vollstreckung in einer Feldstrafgefangenenabteilung der Wehrmacht zu erfolgen habe. Wie die Akten dokumentieren, wurde einer der Verurteilten im April 1944, also fast ein Jahr nach dem Verfahren, zwecks „Feindbewährung" wieder zur Truppe versetzt, da er während des Strafvollzugs „Besserungswillen" gezeigt habe. Über sein weiteres Schicksal sowie das des anderen Straftäters geben die Verfahrensunterlagen keine Auskunft.5 Das hier geschilderte Militärgerichtsverfahren verweist auf einige der zentralen Kriterien wie die „Abschreckung", etwaigen „Alkoholeinfluss", das „Ansehen der Wehrmacht", die „Charakterisierung der Täter", die „Glaubwürdigkeit der Zeugen" oder die „Manneszucht", die bei der Bestrafung von Sexualverbrechen im Zweiten Weltkrieg zum Tragen kamen. Diese und weitere Elemente werden in der vorliegenden Studie im Rahmen der Auswertung von Gerichtsakten analysiert, um den Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt zu untersuchen. Dieses Thema liegt trotz der Debatte um die Beteiligung deutscher Soldaten an Verbrechen in den okkupierten Ländern noch weitgehend im Dunkeln. Der derzeitige Forschungsstand wird noch detailliert dargelegt, zunächst folgt jedoch ein ausführliches Einführungskapitcl zum Themenkomplex „Krieg und sexuelle Gewalt". Um die Fragestellung entwickeln zu können, war es notwendig, sich in einem ersten Schritt mit den Arbeiten zu dieser Problematik, bei der die Frage nach dem strategischen Charakter dieses Phänomens im Mittelpunkt steht, zu befassen. Darüber hinaus wird auf die bisherigen Forschungsergebnisse zu anderen historischen Beispielen, wie den Amerikanischen Bürgerkrieg oder den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, eingegangen, um die unterschiedlichen Formen von sexueller Ge4 5 Ebd., Bl. 29-31: Feldurteil vom 29. Mai 1943, Zitate Bl. 31. Ebd., Bl. 34: Rechtsgutachten vom 3. Juni 1943; Bl. 35: Gerichtsherr d. 6. Pz.Div.: Urtcilsbestätigung, 5. Juni 1943; Bl. 44: Gericht d. Korpsabteilung F an Gericht d. 123. Inf.Div., Verfügung vom 17. April 1944.
16 Einleitung walt im Krieg zu beleuchten. Ergänzt wird dieser Teil um einen kurzen Ausblick auf die internationale Ächtung solcher Verbrechen im Rahmen des Völkerrechts, da insbesondere die von deutschen Soldaten verübten Sexualdelikte auch bei den Nürnberger Prozessen thematisiert wurden. Das erste Kapitel ist bewusst umfangreich gehalten, da es die Grundlagen aufzeigen soll, auf denen die Analyse beruht. Nach diesem Einstieg werden im zweiten Kapitel die bisherigen Thesen über das Auftreten von Sexualdelikten deutscher Soldaten sowie über deren strafrechtliche Verfolgung dargelegt. Darauf aufbauend und die Ergebnisse des ersten Kapitels mit einbeziehend, folgt die Erläuterung der Fragestellung und der methodischen Vorgehensweise. Ein Überblick zu den untersuchten Archivbeständen sowie einige Überlegungen zu den spezifischen Problemen bei der Auswertung von Rechtsquellen runden diese Ausführungen ab. Um bei der Auswertung der Gerichtsakten den Umgang der Militärrichter mit sexuellen Delikten einordnen zu können, wird im dritten Kapitel das Prostitutionssystem der Wehrmacht untersucht. Die militäreigenen Bordelle sollten einerseits die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten verhindern, andererseits die Entstehung homosexueller Beziehungen unterbinden. Die militärischen Ansichten zu diesem Bereich verweisen auf grundsätzliche Auffassungen über männliche Sexualität, wie sie auch in den Gerichtsurteilen auftauchen. Die Kenntnis derartiger Überlegungen erleichtert die Analyse bestimmter Urteilsbegründungen und trägt damit zu einem besseren Verständnis bei. Das vierte Kapitel widmet sich der Militärjustiz sowie den rechtlichen Grundlagen für die Bestrafung von Sexualdelikten während des Zweiten Weltkrieges. Um die spezifische Ausrichtung und die Zielsetzung der Wehrmachtgerichtsbarkeit nachvollziehen zu können, werden dabei zunächst die Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie auf das Rechtswesen im Dritten Reich sowie deren praktische Umsetzung im Bereich der Militärjustiz untersucht. Anschließend werden die strafrechtlichen Voraussetzungen für eine Verurteilung von Sexualstraftätern genauer in den Blick genommen. Im Hauptkapitel erfolgt die Auswertung der Gerichtsverfahren nach den eingangs erwähnten Kriterien. Das Augenmerk richtet sich dabei insbesondere auf die Tatumstände sowie auf den Umgang der Richter mit den Zeugen und mit den Angeklagten. Die Zusammenfassung im sechsten Kapitel stellt zum einen die gewonnenen Ergebnisse im Hinblick auf die militärgerichtliche Strafverfolgung vor, zum anderen werden diese mit den bisherigen Forschungen über sexuelle Gewalt verglichen.
I. SEXUELLE GEWALT IM KRIEG 1. VERGEWALTIGUNGEN ALS KRIEGSSTRATEGIE? ZUM FORSCHUNGSSTAND „Angesehene Historiker haben sich nur selten damit abgegeben, Vergewaltigungen in Kriegszeiten zu dokumentieren [...]", beklagte sich Susan Brownmiller in ihrem 1975 zunächst auf Englisch erschienenen Werk zur Geschichte der Vergewaltigung.1 Als sie sich damals als eine der ersten mit diesem Thema im historischen Kontext auseinander setzte und dabei nicht nur die Situation von vergewaltigten Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika in den 1970er Jahren untersuchte, sondern auch zahlreiche Beispiele aus der Vergangenheit vorstellte, traf ihr Vorwurf noch zu. Ihre Arbeit selbst wurde dann nur von sehr wenigen aus der historischen Zunft zur Kenntnis genommen und die kleine Gruppe der - zumeist männlichen - Kritiker2 urteilte überwiegend abschätzig über ihre feministisch geprägten Thesen. 3 In den vergangenen über 25 Jahren hat sich jedoch nicht nur im Hinblick auf die Perzeption ihres Werkes, sondern auch bezüglich neuer historischer und soziologischer Arbeiten zu dieser Thematik einiges getan, so dass mittlerweile zahlreiche Untersuchungen aus dem angelsächsischen und dem deutschsprachigen Raum vorliegen.4 Eine wahre Publikationsflut setzte im Rahmen des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien ein, nachdem die Weltöffentlichkeit erstmals im Winter 1992/93 von sexuellen Übergriffen auf muslimische und serbische Frauen erfahren hatte. 5 Vor allem das Schlagwort von der Vergewal1 Susan Brownmiller, Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft, Frankfurt/Main 21980, S. 47. Auch die weniger „angesehenen" Historiker und Historikerinnen zeigten zu diesem Zeitpunkt noch kaum Interesse für diese Thematik. Vgl. auch Roy Porter, Rape - Does it have a Historical Meaning?, in: ders./Sylvana Tomaselli (I Ig.), Rape, New York 1989, S. 216-236, hier S. 216. 2 Die männliche Form von Begriffen wie Kritiker, Historiker, Autoren oder Zeugen gilt in dieser Arbeit - mit Ausnahme der Militärrichter und der Soldaten - ausdrücklich immer für beide Geschlechter. ' Stephen P. Pistono, Susan Brownmiller and the history of rape, in: Women's Studies 14 (1988), S. 265-276, hier S. 265f. 4 Eine gute Übersicht bieten Regina Mühlhäuser/Ingwcr Schwensen, Sexuelle Gewalt in Kriegen. Auswahlbibliographie, in: Mittelweg 36, 10 (2001) 5, S. 21-32. 5 Die ersten Berichte des amerikanischen Journalisten Roy Gutmann erschienen bereits im August 1992. Siehe Alexandra Stiglmayer, Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, in: dies. (Hg.), Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen, Freiburg/Br. 1993, S. 19-55, hier S. 54. „Bosnien-Herzegowina: Vergewaltigung als Kriegsstrategie. Der Aufschrei der zerstückelten Seelen", in: Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 1992; „'Wir tun es, weil dein Vater ein Kämpfer ist'. Serbinnen und Musliminnen teilen das gleiche Schicksal - sie wurden vergewaltigt", in: Süddeutsche Zeitung, 3. Februar 1993; Cheryl Bernard/Edit Schlaffer, Kleiner als ein Stück Dreck, in: Der Spiegel, Nr. 50, 1992, S. 184-190.
IS I. Sexuelle Gewalt im Krieg tigung als „Kriegsstrategie" machte damals die Runde, um sexuelle Gewalt im Krieg charakterisieren zu können. Da die Publikationen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen kommen und dementsprechend die Thematik „Kriegsvergewaltigungen" auch unter sehr vielen Aspekten und Fragestellungen untersucht wird, soll im Folgenden ein kleiner Überblick die theoretische Vielfalt aufzeigen. Die Autorinnen und Autoren, deren Arbeiten und Thesen vorgestellt werden, forschen mehrheitlich zu den Wissenschaftsbereichen Soziologie, Philosophie sowie Frauen- und Geschlechtergeschichte. 6 Nur wenige Werke wurden im Umfeld der Militärgeschichtsschreibung verfasst. Denn gerade die Vertreter dieses Zweiges haben sich lange davor gescheut, die Problematik sexuelle Gewalt und Krieg aufzugreifen, obwohl diese auf das engste mit deren eigentlichen Forschungsobjekten, eben Militär und Krieg, zusammenhängt. Dies ist auch auf die sehr zögerliche Bereitschaft zurückzuführen, die Methoden und Fragestellungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte bei den eigenen Forschungen zu berücksichtigen. 7 Zwar hat Rainer Wohlfeil schon 1967 darauf hingewiesen, dass im Zentrum der Militärgeschichte „der Soldat in allen seinen Lebensbereichen" 8 stehe. Dennoch wurde weiterhin ein ganz wesentlicher Aspekt, nämlich die Sexualität, von der militärgeschichtlichen Forschung ausgeklammert. Auch das zunehmende Interesse für die sich in den frühen 1990er Jahren etablierende „Militärgeschichte von unten", die es sich zum Ziel machte, den Krieg aus der Sicht des einfachen Soldaten zu schildern und diesen in seiner „Doppelrolle des Täters und Opfers" 9 darzustellen, hat an dieser Forschungslücke zunächst nur wenig geändert. Zwar boten militärgeschichtliche Arbeiten nun nicht mehr 6 Vgl. Tanja Hommen, Sittlichkeitsverbrechen. Sexuelle Gewalt im Kaiserreich, Frankfurt/Main 1999, S. 9. ' Über Inhalte und Postulate der Frauengeschichte sowie der „Gender Studics" siehe Gerda Lerner, Frauen finden ihre Vergangenheit. Grundlagen der Frauengeschichte, Frankfurt/Main 1995; Gisela Bock, Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozial Wissenschaft 14 (1988), S. 364-391; Uta G. Schmidt, Vom Rand zur Mitte. Aspekte einer feministischen Perspektive in der Geschichtswissenschaft, Zürich 1994, v.a. S. 101-118. Zur Kategorie Gender: Joan W. Scott, Gender. A Useful Category of Historical Analysis, in: The American Historical Review 5 (1986), S. 1053-1075. 8 Rainer Wohlfeil, Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?, in: Ursula von Gersdorff (Hg.), Geschichte und Militärgeschichte. Wege der Forschung, Frankfurt/Main 1974, S. 165-175, hier S. 175. Zum Stand der militärhistorischen Forschung zu Beginn des 21. Jahrhunderts siehe den Sammelband von Thomas Kühne/Benjamin Ziemann (Hg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, insbesondere die Einleitung: dies., Militärgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen, Interpretationen, Konzepte, in: ebd., S. 9-46; Stig Förster, „Vom Kriege". Überlegungen zu einer modernen Militärgeschichte, in: ebd., S. 265-281. Aktuelle Forschungsvorhaben wie Dissertations- oder Habilitationsprojekte aus dem Bereich der Militärgeschichtc werden im „newsletter" des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V. regelmäßig vorgestellt. ' Wolfram Wette, Militärgeschichte von unten. Die Perspektive des „kleinen Mannes", in: ders. (Hg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München 21995, S. 947, hier S. 14. Kritische Äußerungen dazu bei Bernd Ulrich, „Militärgeschichte von unten". Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft 4 (1996), S. 473-503.
1. Zum Forschungsstand 19 eine reine Ereignisgeschichte mit Schlachtenbeschreibungen oder Strategiediskussionen, sondern sie bezogen verstärkt sozial-, alltags- und mentalitätsgeschichtliche Ansätze in ihre Analysen mit ein.10 Aber obwohl beispielsweise das Alltagsleben von Soldaten sehr detailliert geschildert wurde, stellten Themen wie Bordellbesuche, Verhältnisse zu Frauen in den besetzten Ländern und auch Sexualverbrechen für die meisten Militärhistoriker offenbar weiterhin ein Tabu dar oder galten als nebensächlich. Auch die so genannte „Männergeschichte", die von den anglo-amerikanischen „Men's Studies" angeregt wurde, hat sich bislang bei ihrer Erforschung der Konstruktion von „Männlichkeit" kaum damit auseinander gesetzt.11 Erst durch die Forschungen über Militär und Krieg in der Frühen Neuzeit sind zahlreiche neue Arbeiten entstanden, die diese Themen aufgreifen.12 Bislang unbeachtete Bereiche wie Prostitution, Paarbeziehungen und sexuelle Gewalt werden anhand der Auswertung von Bildern und zeitgenössischer Literatur anschaulich dargestellt.13 So dokumentiert die Bestandsaufnahme von Christa Hämmerle über „Militärgeschichte und Geschlechtergeschichte" eindrücklich, dass seit den achtziger Jahren viele Arbeiten in beiden Wissenschaftszweigen entstanden sind, die dazu beigetragen haben, die in der Realität nicht vorhandene, jedoch in den Köpfen der Wissenschaftler lange Zeit existierende Trennlinie zwischen den kämpfenden Männern an der Kriegsfront und den Frauen in der Heimat aufzuheben. Die Anwesenheit von Frauen im Krieg sowohl im Rahmen ihrer unterschiedlichen Tätigkeiten an der „Heimatfront" als auch ihre Beteiligung am Kampfgeschehen und an Gewalthandlungen von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert hinein sind mittlerweile Gegenstand der Forschung. Gerade das Thema der sexuellen Gewalt bedürfe jedoch laut Hämmerle weiterer Forschungen sowie einer Historisierung, um den Zusammenhang von Kriegen, militarisierter Männlichkeit und gewaltvollen Geschlechterbeziehungen erfassen zu können. 14 10 Wie sich die Darstellung von Schlachten mit diesen Methoden und Fragestellungen verbinden lässt, zeigt der Sammelband von Stig Förster/Markus Pöhlmann/Dierk Walter (Hg.), Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai, München 2001. 11 Zur Entwicklung und den Inhalten siehe Hanna Schissler, Männerstudien in den USA, in: Geschichte und Gesellschaft 18 (1992), S. 204-220; Ute Frevert, Männergeschichte oder die Suche nach dem „ersten" Geschlecht, in: Manfred Hettling/Claudia Huerkamp/Paul Nolte/HansWalter Schmuhl (Hg.), Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen, Themen, Analysen, München 1991, S. 31-43; Thomas Kühne (Hg.), Männergeschichte- Geschlechtergeschichte. Männlichkeit im Wandel der Moderne, Frankfurt/Main 1996; Christiane Eifert u.a. (Hg.), Was sind Frauen? Was sind Männer? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel, Frankfurt/Main 1996. 12 Karen Hagemann/Ralf Prövc (Hg.), Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel, Frankfurt/Main 1998. " Solche Bildbeispiele finden sich bei Matthias Rogg, Landsknechte und Reisläufer: Bilder vom Soldaten. Ein Stand in der Kunst des 16. Jahrhunderts, Paderborn 2002, S. 33-66. 14 Christa Hämmerle, Von den Geschlechtern der Kriege und des Militärs. Forschungseinblicke und Bemerkungen zu einer neuen Debatte, in: Kühne/Ziemann (Hg.), Was ist Militärgeschichte, S. 229-262, Zitat S. 229, Hervorhebung i.O. Über die Vernetzung von Militär- und Geschlech-
20 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Ein Grund für das sich erst langsam entwickelnde Interesse für sexuelle Gewalt im Krieg liegt neben der späten Öffnung der Militärgeschichte für Theorien und Ansätze aus der Frauen- und Geschlechterforschung auch in ihrer Hinwendung zu einem ganz bestimmten Quellenkorpus - den Feldpostbriefen. Sie gelten als zuverlässige Auskunftshalde für das Alltagsleben von Soldaten. Da verständlicherweise in den Briefen von der Front an die Heimat, also vom einzelnen Soldaten an seine Eltern, seine Frau, seine Freundin oder an die Kinder, kaum über Beziehungen zu anderen Frauen oder über Bordellbesuche berichtet wird, gingen diese Aspekte bei der Auswertung von Briefen für die Alltagsgeschichte weitgehend unter.15 Eine weitere mögliche Ursache für die fehlende Beschäftigung der Militärgeschichtsschreibung mit sexueller Gewalt könnte auch die Tatsache sein, dass bei der universellen Definition von Krieg an erster Stelle das Töten von Menschen beziehungsweise das Getötetwerden steht, während viele andere Elemente, die im Krieg noch zusätzlich zu Tod und Verletzung auftauchen können, in der Definition nicht enthalten sind. Neben Vertreibungen, Plünderungen oder dem Entstehen von Seuchen zählt dazu auch sexuelle Gewalt. Diese Zusammenhänge sind „für die Analyse und Beschreibung von konkreten Kriegen unerläßlich", während für das Gesamtphänomen Krieg der Aspekt Töten im Mittelpunkt steht.16 Die Vernachlässigung der Thematik in der Militärgeschichtsschreibung hat dazu geführt, dass sich zunächst vorwiegend Wissenschaftler aus anderen Bereichen damit auseinander setzten und dementsprechend auch unterschiedliche Fragen an ihren Untersuchungsgegenstand richteten. Die folgende Zusammenstellung soll einen knappen Überblick zum bisherigen Stand der Forschung bieten, wobei nicht versucht wird, dem Anspruch auf Vollständigkeit gerecht zu werden. Die Auswahl soll die bekanntesten Thesen sowie einzelne Schwerpunkte vorstellen und somit die aufgeworfenen Argumente auf ihre Anwendbarkeit und Plausibilität hin überprüfen. Den zentralen Ausgangspunkt dafür bildet das Werk der amerikanischen Journalistin Susan 15 16 tergeschichte siehe dies., Militärgeschichte als Geschlechtergeschichte? Von den Chancen einer Annäherung, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 9 (1998), S. 124-131; Karen Hagemann, „We need not concern ourselves..." Militärgeschichtc - Geschlechtergeschichte - Männergeschichte: Anmerkungen zur Forschung, in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte 5 (1998) 1, S. 75-93; dies., Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse. Untersuchungen, Überlegungen und Fragen zur Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, in: Ralf Pröve(Hg.), Klioin Uniform? Probleme und Perspektiven einer modernen Militärgeschichtc der Frühen Neuzeit, Köln 1997, S. 35-88; dies., Von Männern, Frauen und der Militärgeschichte, in: L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 12 (2001), S. 144-153; speziell zum 20. Jahrhundert dies., Heimat - Front. Militär, Gewalt und Gcschlechtcrverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, in: dies./Stefanie Schüler-Springorum (Hg.), Heimat - Front. Militär und Gcschlechtcrverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt/Main 2002, S. 13-52. Im zweiten Kapitel wird auf das Fehlen entsprechender Studien für die Zeit des Zweiten Weltkrieges noch detaillierter eingegangen. Martin Hoch, Vater aller Dinge? Zur Bedeutung des Kriegs für das Menschen- und Geschichtsbild, in: Mittelweg 36, 8 (1999/2000) 6, S. 30-48, hier S. 38-40, Zitat S. 40. Hervorhebung i.O.; Panajotis Kondylis, Theorie des Krieges. Clausewitz - Marx - Engels - Lenin, Stuttgart 1988, S. 14.
1. Zum Forschungsstand 21 Brownmiller, die wie bereits erwähnt als Pionierin auf diesem Gebiet gilt und deren Forschungsergebnisse eine Vielzahl der späteren Arbeiten maßgeblich beeinflusst haben. Susan Brownmiller listet in ihrem Buch über Vergewaltigungen eine Fülle an historischen Beispielen auf, angefangen beim Trojanischen Krieg über den Zweiten Weltkrieg und Vietnamkrieg bis hin zu den Ereignissen in Bangladesh 1971. Obwohl sie das Auftreten von sexueller Gewalt in Kriegen und im Rahmen von Revolutionen oder Pogromen in den historischen Kontext einzuordnen versucht hat, läuft ihre Analyse letztlich auf eine allgemein gültige und ahistorische These hinaus. So würden Frauen „im Krieg nicht deswegen zum Opfer von Vergewaltigungen, weil sie zum Feindeslager gehören, sondern weil sie Frauen und deshalb Feinde sind". Vergewaltigung habe, so Brownmiller, sowohl im Krieg als auch im Frieden eine besondere Funktion inne. Sie sei eine „Methode bewußter systematischer Einschüchterung, durch die alle Männer alle Frauen in permanenter Angst halten".17 Ihre Deutung geht von einem biologistischen und patriarchalischen Ansatz aus, indem sie zum einen die Männer rein von deren Anatomie ausgehend zu potentiellen Tätern macht und gleichzeitig den Frauen den Status potentieller Opfer zuweist.18 Unabhängig von den unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und militärischen Rahmenbedingungen im historischen Kontext ist für Brownmiller die Bedrohungssituation für Frauen im „Frieden" 19 und im Krieg gleichermaßen gegeben. Da ihrer Ansicht nach ein universeller Frauenhass der Männer existiert, seien Frauen immer der Gefahr männlicher Übergriffe ausgesetzt. Neben dieser fragwürdigen These bietet Brownmiller auch Erklärungen für die besondere Bedeutung von sexueller Gewalt in Kriegen an. Der Krieg selbst liefere den Männern „den perfekten psychologischen Freibrief, um ihrer Verachtung für Frauen Luft zu machen" .20 Darüber hinaus hätten Übergriffe aber auch eine wichtige militärische Funktion, indem sie nicht nur die vergewaltigte Frau demütigen, sondern vor allem dem männlichen Gegner eine Botschaft vermitteln: „Vergewaltigung durch erobernde Soldaten zerstört bei den Männern der unterlegenen Seite alle verbliebenen Illusionen von Macht und Besitz. Der Körper der 17 18 19 :: Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 69 u. 22. Hervorhebungen i.O. In einem Interview soll Brownmiller den zweiten Satz später dahin gehend abgeschwächt haben, dass alle Männer von den Taten von Vergcwaltigern profitieren würden, da allein das Wissen um solche Taten bei den Frauen Angst hervorrufe und ihr Verhalten beeinflusse. Siehe Pistono, Susan Brownmiller, S. 273, Anm. 3. Kritik an diesem Ansatz äußert Rolf Pohl, Massenvergewaltigung. Zum Verhältnis von Krieg und männlicher Sexualität, in: Mittelweg 36, 11 (2002) 2, S. 53-75, hier S. 65f. Angesichts der Tatsache, dass zu jeder Zeit militärische Konflikte in verschiedenen Gebieten der Erde ausgetragen werden, erscheint die Verwendung des Begriffs „Friede" problematisch. Er wird hier als Gegenpol zu Krieg verstanden. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 39.
22 I. Sexuelle Gewalt im Krieg geschändeten Frau wird zum zeremoniellen Schlachtfeld, zum Platz für die Siegesparade des Überlegenen. Und die Tat, die an der Frau verübt wird, ist eine Botschaft unter Männern - deutlicher Siegesbeweis für den einen, Dokument der Niederlage für den anderen."21 Diese pauschalisierende Interpretation muss hinterfragt werden, denn Brownmiller deutet sexuelle Gewalt losgelöst vom jeweiligen Kontext und den gesellschaftlichen Normen als ein Faktum, das in der Geschichte immer gleich bewertet wurde - was sicherlich nicht der Fall war. Wenn Ralf Pröve bezüglich der historischen Erforschung von Gewalt und des Gewaltbegriffs darauf hinweist, dass „die häufig praktizierte Gleichsetzung zeitgenössischer Haltungen mit der früherer Jahrhunderte methodisch höchst problematisch ist"22, dann gilt dies ganz besonders für die Analyse von sexueller Gewalt. Es ist daher notwendig, die jeweilige gesellschaftliche, politische und militärische Situation, in der Sexualverbrechen auftreten, zu untersuchen. So wie die persönlichen Erfahrungen der Frauen individuell sind, so unterscheiden sich auch die Motive der Täter. Dies gilt vor allem für die politischen und militärischen Zielsetzungen sowie die Mittel, mit denen Kriege geführt werden. Brownmiller verweist zwar auf die strategische Funktion von sexueller Gewalt im Krieg, aber ihrer Überzeugung nach brauchten Männer sowohl im Frieden als auch im Krieg „zum Begehen von Vergewaltigungen keine Befehle, keine Erlaubnis und kein besonderes nationales Erbe". 23 Damit steht ihre Bewertung in deutlichem Kontrast zu den Erklärungen, die für die Vergewaltigungen im Krieg im ehemaligen Jugoslawien angeführt werden. Denn viele Autorinnen, die für ihre Analyse gern die Arbeit von Brownmiller heranziehen, charakterisieren diese Sexualdelikte im Rahmen der „ethnischen Säuberung" als ein von der militärischen Führung angeordnetes oder zumindest gebilligtes Mittel. Dagegen sieht Brownmiller den zentralen Auslöser für Vergewaltigungen in Kriegen zunächst einmal in einer männlichen Grundeinstellung begründet. Die generelle Verachtung von Männern gegenüber Frauen stelle, so der Tenor ihres Buches, das Hauptmotiv für sexuelle Gewalt im Krieg dar - je nach historischem Kontext können dann noch weitere Beweggründe und Ursachen für das Auftreten von sexueller Gewalt existieren. Diese würden aber, so Brownmiller, nur die bereits vorhandene männliche Haltung gegenüber Frauen verstärken, sie seien demnach die Multiplikatoren und nicht die eigentlichen Wurzeln möglicher Sexualverbrechen. Dieser Erklärungsansatz wird einer historischen Darstellung und Aufarbeitung nicht gerecht, weil ihm eine für alle Zeiten gültige Bedeutung zugrunde liegt. Trotz ihrer teilweise polemischen Argumentationsweise liefert die Arbeit von Brownmiller jedoch gute Ansätze, um sich mit der Thematik von sexueller Gewalt im Krieg zu beschäftigen. Die Autorin hat es verstanden, die 21 Ebd.,S.44f. Ralf Pröve, Gewalt und Herrschaft in der Frühen Neuzeit. Formen und Formcnwandel von Gewalt, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), S. 792-806, hier S. 792. Ähnlich argumentiert auch Porter, Rape, S. 220. 2 ' Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 76. 22
1. Zum Forschungsstand 23 unterschiedlichen historischen Beispiele trotz der in den 1970er Jahren noch sehr prekären Forschungslage zusammenzustellen und zu beleuchten. Brownmillers Werk hat ohne Zweifel sehr viele Autorinnen und Autoren beeinflusst, was sich schon allein daran feststellen lässt, dass der Hinweis auf ihr Buch fast immer auftaucht und ihre Thesen nicht selten wörtlich übernommen werden. Problematisch ist hierbei allerdings, dass diese Werktreue manchmal sehr unkritisch ist. Noch vor den Informationen über sexuelle Gewaltverbrechen in Jugoslawien und den dadurch ausgelösten Kontroversen hat sich die Neuzeithistorikerin Claudia Opitz 1992 mit dem Geschlechterverhältnis im Militärwesen und im Krieg auseinander gesetzt. Neben der Rolle und dem Alltag von Frauen in diesen Bereichen untersucht sie auch das Auftreten von sexueller Gewalt. Ihre Argumentationsweise ist eng an Brownmiller angelehnt, denn auch Opitz verweist auf die strategische Funktion von Kriegsvergewaltigungen. Diese sollen nicht nur die Opfer demoralisieren, sondern sie würden auch die Gegner einschüchtern. Die Ausnahmesituation Krieg, in der sonst gültige Regeln und Verhaltensnormen im Auflösen begriffen seien, begünstige das verbreitete Auftreten von sexuellen Übergriffen. Diese würden wiederum zu propagandistischen Zwecken ausgenützt. Ihrer Einschätzung zufolge seien die vergewaltigten Frauen immer ein Symbol „für etwas anderes als für sich selbst - für den Feind, das besiegte Territorium, die Männlichkeit der Sieger f...]".24 So läuft es auch bei Opitz trotz der von ihr angeführten Beispiele aus unterschiedlichen Epochen letztlich auf eine ahistorische Schlussfolgerung hinaus, die der von Brownmiller gleicht. Angesichts der zu Beginn der 1990er Jahre noch mangelnden Forschungen in diesem Bereich erstaunt dies nicht, auch andere Autorinnen charakterisieren Vergewaltigungen in Anlehnung an Brownmiller und an deren historische Querverweise als geplante und die Kultur zerstörende Handlungen. 25 Grundlegende Anregungen für die Forschung über sexuelle Gewalt im Krieg bieten dagegen die Arbeiten der Soziologin Ruth Seifert. Sie hat sich in zahlreichen Aufsätzen sehr intensiv mit der Thematik beschäftigt und wertvolle Analysen aus dem Bereich der Militärsoziologie geliefert.26 Zum besseren Ver24 Claudia Opitz, Von Frauen im Krieg zum Krieg gegen Frauen. Krieg, Gewalt und Geschlechterbezichungen aus historischer Sicht, in: L'Homme. Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft 3 (1992), S. 31-44, besonders S. 41-44, Zitat S. 44. 2 ' Vgl. Hilde Schmölzer, Der Krieg ist männlich. Ist der Friede weiblich?, Wien 1996, v.a. Kapitel 8: Vergewaltigung und Prostitution als kriegsförderndc Mittel, S. 207-228. 26 Ruth Seifert, Vergewaltigung im Krieg. Geschlechtsspezifische Gewalt und die kulturelle Konstruktion des Krieges, in: Widerspruch. Beiträge zur sozialistischen Politik 30 (1995), S. 17-31; dies., Die zweite Front - Zur Logik sexueller Gewalt in Kriegen, in: S + F. Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden 11 (1993), S. 66-71; dies., Militär, Nation und Geschlecht: Analyse einer kulturellen Konstruktion, in: Wiener Philosophinnen Club (Hg.), Krieg/War. Eine philosophische Auseinandersetzung aus feministischer Sicht, München 1997, S. 41-49; dies., Destruktive Konstruktionen. Ein Beitrag zur Dekonstruktion des Verhältnisses von Militär, Nation und Geschlecht, in: Erika Haas (Hg.), „Verwirrung der Geschlechter". Dekonstruktion und Feminismus, München 1995, S. 157-185; dies./Christine Eifler (Hg.), Soziale Konstruktionen - Militär und Geschlechterverhältnis, Münster 1999.
24 I. Sexuelle Gewalt im Krieg ständnis muss betont werden, dass ihre Forschung offenbar stark von den Ereignissen im Krieg im ehemaligen Jugoslawien geprägt ist und die Vergewaltigungen vor allem bosnischer muslimischer Frauen durch serbische Militärangehörige und Freischärler als Ausgangspunkt für ihre Deutung von sexueller Gewalt im Krieg zu sehen sind. Bei Ruth Seifert steht die kulturelle Bedeutung des weiblichen Körpers im Zentrum ihrer Argumentation. Sie verweist darauf, dass dieser in zahlreichen Gesellschaften ein Symbol für den „Volkskörper" darstelle, erkennbar zum Beispiel in der Figur der französischen „Marianne", der bayerischen „Bavaria" oder auch der amerikanischen Freiheitsstatue. Die Vergewaltigung von Frauen einer bestimmten Nation oder Ethnie könne demnach als „symbolische Vergewaltigung des Volkskörpers verstanden werden". 27 Durch diese Gleichsetzung bedeute der Angriff auf die Frauen einer religiös, ethnisch oder politisch definierten Gemeinschaft immer auch den Angriff auf die Gruppe selbst. Sexuelle Gewalt im Krieg diene, so Seifert, in erster Linie der Vernichtung der gegnerischen Kultur. Werde Vergewaltigung von Seiten des Militärs nicht unterbunden, dann komme noch eine strategische Wirkung hinzu, durch die sexuelle Gewalt zum Mittel der Kriegführung werde. Damit stellten sexuelle Gewalt oder Folter im Krieg „kulturzerstörerische Akte mit strategischer Zielsetzung" 28 dar. Diese These, die auch von einer Studie 29 im Auftrag der Vereinten Nationen übernommen wurde, ist meiner Ansicht nach zu allgemein gehalten und erscheint aus historischer Sicht nicht gerechtfertigt. Sie setzt nämlich voraus, dass in allen Kulturen und zu allen Zeiten ein Angriff auf den weiblichen Körper in der geschilderten Art und Weise verstanden wird und er demnach diese Wirkung entfalten kann. Wie bereits bezüglich Brownmillers Ansatz erwähnt, müsste jedoch die Annahme eines „kulturzerstörerischen" Charakters von Kriegsvergewaltigungen erst anhand verschiedener historischer Beispiele auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden. 30 Seifert, Die zweite Front, S. 69; Zitat in dies., Vergewaltigung im Krieg, S. 23. Siehe auch dies., Der weibliche Körper als Symbol und Zeichen. Geschlcchtsspczifische Gewalt und die kulturelle Konstruktion des Krieges, in: Andreas Gestrich (Hg.), Gewalt im Krieg. Ausübung, Erfahrung und Verweigerung von Gewalt in Kriegen des 20. Jahrhunderts, Münster 1996, S. 1333. Seifert, Vergewaltigung im Krieg, S. 29. Diese Thesen finden sich auch bei Hans-Christian Harten, Sexualität, Mißbrauch, Gewalt. Das Gcschlcchterverhältnis und die Sexualisicrung von Aggressionen, Opladen 1995, S. 200f. United Nations. Economic and Social Council, E/CN.4/Sub.2/1996/26: Contemporary Forms of Slavery. Preliminary report of the Special Rapporteur on the Situation of systematic rape, sexual slavcry and slavery-like practices during periods of armed confhet, Ms. Linda Chavez. Der Bericht übernimmt für die Beispiele Erster und Zweiter Weltkrieg die Angaben von Brownmiller und kommt trotz fehlender Belege überwiegend zu pauschalierenden Bewertungen. Ausgehend von den Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee zieht auch Christine Eifler den Schluss, sexuelle Gewalt gegen den weiblichen Körper versinnbildliche „sowohl die militärische Niederlage des unterlegenen militärischen Kollektivs als auch die des einzelnen Mannes. Die Entehrung der Frauen wird zur symbolischen Kastration der Männer". Christine Eifler, Nachkrieg und weibliche Verletzbarkeit. Zur Rolle von Kriegen für die Konstruktion von Geschlecht, in: dies./Seifert (Hg.), Soziale Konstruktionen, S. 155-186, hier S. 162.
1. Zum Forschungsstand 25 Darüber hinaus kritisiert Susanne Kappeier- in diesem Fall ausgehend von der Berichterstattung über die Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien - eine derartige Erklärung der Ereignisse als eine ausschließlich von der Sicht der Täter beeinflusste Denkweise. Sie bemängelt, dass die Gewalt gegen Frauen nicht mehr nur als direkter Angriff auf das einzelne Individuum wahrgenommen werde, sondern die Bedeutung und Auswirkung von sexueller Gewalt vor allem über dessen Herkunft und Volkszugehörigkeit definiert sei. Bezüglich der sexuellen Übergriffe in Bosnien-Herzegowina gäbe es eine „Interpretation von Vergewaltigung als einer Verletzung des Besitzrechts eines anderen Mannes und der Interessen seines Staates". Eine Vergewaltigung stelle jedoch in erster Linie eine Verletzung des weiblichen Körpers dar und werde individuell erfahren und empfunden. Aus feministischer Sicht dürfe daher sexuelle Gewalt nicht als Angriff gegen ein Volk oder eine Nation interpretiert werden, sondern primär als ein Verbrechen an der Frau.31 Auffällig an diesen theoretischen Auseinandersetzungen ist, dass sie sich bislang kaum auf Studien stützen können, in denen die Empfindungen von Angehörigen vergewaltigter Frauen ausgewertet wurden. Die von Heike Sander und Barbara Johr zitierten Äußerungen von deutschen Männern über die sexuellen Übergriffe durch Soldaten der Roten Armee deuten jedoch darauf hin, dass die geschilderte Wirkung von solchen Gewalttaten auf Ehemänner, Väter oder Freunde in der Realität durchaus zum Tragen kommt. 32 Ruth Seifert übernimmt auch die These Brownmillers, Vergewaltigungen seien ein Ausdruck von Frauenhass. Sexuelle Gewalt habe „eine kulturell verankerte Mißachtung von Frauen als Hintergrund, die in Extremzeiten ausgelebt" 33 werde. Seifert unterscheidet dabei grundsätzlich so genannte „vergewaltigungslastige" und „vergewaltigungsarme" Gesellschaften, wobei sie zu den erstgenannten alle westlichen Gesellschaften zählt. In diesen sei die jahrhundertelange männliche Machtposition durch die Forderungen von Frauen nach mehr Gleichberechtigung gefährdet, die immer brüchiger werdende Vorrangstellung der Männer führe deshalb zu verstärkter Gewalt gegen die als Konkurrentinnen angesehenen Frauen. Die Historikerin Irmtraud Götz von Olenhusen kritisiert dies als eine bislang noch nicht empirisch abgesicherte Aufteilung. Ihrer Ansicht nach seien vor allem aufgrund der hohen Dunkelziffern Vergleiche über das Ausmaß von sexueller Gewalt sowohl im Alltag als auch in Kriegen, Bürgerkriegen und bei Völkermord „problematisch, wenn nicht unmöglich". 34 Dieser Einwand ist durchaus berechtigt und sollte ent31 Susanne Kappelcr, Massenverrat an den Frauen im ehemaligen Jugoslawien, in: dies./Mira Renka/Melanie Beyer (Hg.), Vergewaltigung. Krieg. Nationalismus. Eine feministische Kritik, München 1994, S. 30-53, hier S. 41-51, Zitat S. 41. ,2 Heike Sander/Barbara Johr (Hg.), BcFrcier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder, München 21992, S. 172f. " Ruth Seifert, Krieg und Vergewaltigung. Ansätze zu einer Analyse, in: Alexandra Stiglmayer (Hg.), Masscnvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen, Freiburg/Br. 1993, S. 85-108, hier S. 100. 34 Irmtraud Götz von Olenhusen, Sexualisicrte Gewalt. Eine historische Spurensuche vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, in: Peter Burschel/Götz Distelrath/Sven Lembke (Hg.), Das Quälen des Körpers. Eine historische Anthropologie der Folter, Köln 2000, S. 217-236, hier v.a. S. 227-229, Zitat S. 222.
26 I. Sexuelle Gewalt im Krieg sprechend berücksichtigt werden. Denn das Wissen über das Auftreten von sexueller Gewalt wird maßgeblich durch die öffentliche Akzeptanz geprägt. In Gesellschaften, in denen die Meldung einer solchen Tat keine größeren Auswirkungen hat, werden die Statistiken zu Vergewaltigungen wesentlich niedriger ausfallen als in Gesellschaften, in denen vergewaltigte Frauen damit rechnen können, dass derartige Übergriffe als Verbrechen angesehen und geahndet werden. Zudem spielt die öffentliche Einstellung gegenüber den Opfern eine bedeutende Rolle für die Entstehung offizieller Zahlen. Gilt eine Frau nach einer Vergewaltigung als „entehrt", dann dürfte die Bereitschaft der Betroffenen für eine Anzeige eher gering sein. Ein weiterer Ansatz von Seifert gründet sich auf die Analyse des Militärs und dessen Konstruktion von Männlichkeit. 35 In den meisten Armeen werde den Soldaten ein Männlichkeitsbild vorgelebt und geprägt, das auf Heterosexualität und Gewalt aufbaue. Dies begünstige wiederum das Auftreten von sexueller Gewalt gegenüber Frauen. Der Soldat sei weltweit das Symbol für Männlichkeit, was sich auch durch den vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollzogenen Ausschluss von Frauen aus der Armee zunehmend verfestigt habe.36 Das Militär sei die maßgebliche Institution, durch die eine bestimmte Definition von „Mannsein" erfolge.37 Auch wenn es bezüglich dieser Thesen historisch und kulturell bedingte Unterschiede gibt, so ist Seifert zuzustimmen, dass das Militär für eine besondere Konstruktion von Männlichkeit verantwortlich ist. Beispielhaft hierfür sind die Stilisierung von Waffen sowie die Diskriminierung homosexueller Männer in der Armee. 38 In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie sich die zunehmende Präsenz von Frauen beispielsweise in der amerikanischen, israelischen oder sowjetischen Armee und ihre Beteiligung an Kriegen auf das eben geschilderte Männlichkeitsbild auswirkt. 39 Eine Analyse von sexueller Gewalt im Krieg sollte daher " Ruth Seifert, Militär - Kultur - Identität. Individualisierung, Geschlechterverhältnissc und die soziale Konstruktion des Soldaten, Bremen 1996; dies., Der innere Gral der Männlichkeit: Zur männlichkeitskonstituierenden Funktion des Militärs, in: Ingo Bieringcr/Waltcr Buchacher/Edgar J. Forster (Hg.), Männlichkeit und Gewalt. Konzepte für die Jungenarbeit, Opladen 2000, S. 156-161; dies., Identität, Militär und Geschlecht. Zur identitätspolitischen Bedeutung einer kulturellen Konstruktion, in: Karen Hagemann/Stefanie Schüler-Springorum (Hg.), Heimat Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt/Main 2002, S. 53-66. 36 Ute Frevert, Das Militär als „Schule der Männlichkeit". Erwartungen, Angebote, Erfahrungen im 19. Jahrhundert, in: dies. (Hg.), Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1997, S. 145-173; dies., Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001, S. 39-49, 228-245. 37 Seifert, Krieg und Vergewaltigung, S. 92-96; dies., Militär, S. 41-49; dies., Frauen, Männer und Militär, v.a. S. 12-15. Vgl. auch Nira Yuval-Davis, Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse, in: Eifler/Seifert (Hg.), Soziale Konstruktionen, S. 18-43, hier S. 18-27. 38 Am Beispiel der Schweiz zeigt dies Thomas Wanger, Männerherrschaft ist Krieg. Waffenkult und politischer Frauenausschluß, in: L'Homme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 3 (1992), S. 45-63; Porter, Rape, S. 232; Schmölzer, Krieg, S. 174-177. 39 Martin van Crevcld, Frauen und Krieg, München 2001, S. 203-252. Obwohl der israelische Militärhistoriker in diesem Werk der Rolle von Frauen im Krieg als „Ursachen, Ziele und Opfer" ein eigenes Kapitel gewidmet hat, findet darin keine fundierte Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt in Kriegen statt.
1. Zum Forschungsstand 27 ihr Augenmerk auf die jeweilige Armee und auf die von ihr propagierte Konstruktion von Männlichkeit, der ja zugleich bestimmte Frauenbilder zugrunde liegen, richten. Die Historikerin Christa Hämmerle hat diesbezüglich dazu aufgefordert, die bislang gewonnenen Einsichten, denen zufolge Frauen aufgrund ihres Geschlechts immer ein Angriffsziel in Kriegen sind, durch weitere Forschungen zu belegen und vor allem zu fragen, „ob und inwieweit sich gerade in Kriegszeiten - als Zeiten der Kulmination militarisierter Männlichkeit - ein besonders ausgeprägtes Gewaltverhältnis zwischen den Geschlechtern konstituierte".40 Ähnlich argumentiert auch Stefan Gose, einer der wenigen männlichen Autoren, die sich mit Vergewaltigung in Kriegen auseinander gesetzt haben. Er untersucht das Auftreten von sexueller Gewalt vor allem mittels einer Analyse männlichen Rollenverhaltens. Dieses setze sich im Krieg nur in zugespitzter Form fort. Im Männerbund „Militär" werde der Konkurrenzkampf unter Männern fortgeführt und Soldaten erzwängen „ihre Selbstbestätigung dort, wo sie sie auch im Zivilleben suchen: von Männern durch hierarchische .Unterwerfung', von Frauen durch uneingeschränkte Verfügungsgewalt über den weiblichen Körper".41 Die Institutionalisierung der Machtverhältnisse erfolge im Krieg durch die Einrichtung von Arbeitslagern für Männer und durch die Zwangsprostitution von Frauen. Letztlich sei der Krieg eine Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern und gegen die Frauen gerichtet, um patriarchale Machtstrukturen zu verfestigen. Gose unterstellt - ähnlich wie Brownmiller und Seifert - allen Männern identische Verhaltensweisen und bringt seine Thesen auch nicht in einen historischen Zusammenhang, sondern verallgemeinert vor allem. Die hier vorgestellten Theorien und Thesen zu Kriegsvergewaltigungen bauen im Wesentlichen auf drei zentralen Elementen oder Argumentationslinien auf, die entweder einzeln und ausschließlich gelten oder in Verbindung miteinander gebracht werden. Ausgehend von einem patriarchalisch geprägten Geschlechterverhältnis sehen einige Autorinnen und Autoren sexuelle Gewalt im Krieg lediglich als eine logische Fortsetzung der alltäglichen Unterdrückung von Frauen in „friedlichen" Zeiten. Die Zementierung der Machtverhältnisse erfolge im Falle kriegerischer oder revolutionärer Auseinandersetzungen gerade durch sexuelle Übergriffe auf Frauen, weil dann die sonst gültigen Normen und Verhaltensweisen ganz oder teilweise aufgehoben seien. Eng damit verbunden ist das zweite Argument, bei dem vor allem die Stilisierung von Gewalt und die Betonung von heterosexuellem Verhalten im Mittelpunkt stehen. Die in den meisten Armeen zu findende Diskriminierung 4: 41 Hämmerle, Von den Geschlechtern, S. 257-262, Zitat S. 261. Stefan Gose, Männlichkeit, Militär und Vergewaltigung. Männliches Rollenverhalten als Ausgangsbasis sexueller Übergriffe in Kriegen, in: Alexander Dickmann u.a. (Hg.), Gewohnheitstäter. Männer und Gewalt, Köln 1994, S. 78-104, hier v.a. S. 80-92, Zitat S. 92. Ähnlich auch Pohl, Massenvergewaltigung, S. 67-69.
28 I. Sexuelle Gewalt im Krieg von homosexuellen Männern und der jahrhundertelang praktizierte Ausschluss von Frauen begünstige, so Autoren wie Seifert und Gose, das vermehrte Auftreten von Sexualverbrechen durch Soldaten. Im Mittelpunkt fast aller Arbeiten zu Kriegsvergewaltigungen steht jedoch die These von sexueller Gewalt als einem strategischen Bestandteil der militärischen Kriegführung. Sie findet sich bereits in der Pionierarbeit von Susan Brownmiller und wurde dann von zahlreichen Autorinnen und Autoren übernommen. Wesentliche Grundlage für diese Argumentation ist die Annahme, der weibliche Körper symbolisiere den „Volkskörper". Jeder Angriff gegen eine Frau richte sich demnach nicht nur gegen das jeweilige Individuum, sondern gegen die gesamte Gesellschaft oder Gemeinschaft und deren Werte. Im Krieg erhalte die Ausübung von sexueller Gewalt gegen die feindliche Bevölkerung somit ihren militärischen Sinn und ihre spezifische Funktion. Die Ereignisse im jugoslawischen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren waren maßgebend für die Verbreitung und Akzeptanz dieser Interpretation. Problematisch ist dabei grundsätzlich, dass die unterschiedlichen Auswirkungen von Sexualverbrechen auf die jeweiligen Opfer und insbesondere auf die Gesellschaften, denen sie angehören, automatisch mit militärischen Zielsetzungen im Krieg gleichgesetzt werden. Es wird nur selten kritisch hinterfragt, ob das Auftreten von sexueller Gewalt wirklich in allen Fällen von der militärischen Führung beabsichtigt ist, ob die Duldung solcher Taten tatsächlich eine bewusste Strategie darstellt oder ob es auch Beispiele für Sanktionen gibt. Etwaige Änderungen oder Abweichungen im Vorgehen einer Armee werden ebenso wenig in den Blick genommen. Als Referenz dienen zahlreiche historische Ereignisse, die zumeist unter Vernachlässigung des geschichtlichen Kontextes aneinander gereiht sind. So werden zwar die politischen Ziele der kriegführenden Parteien differenziert aufgezeigt, demgegenüber erscheinen aber die militärischen Interessen als eine stetige und immer gleiche Größe. Die Gefahr bei einer derartigen Vorgehensweise liegt in der groben Pauschalisierung, bei der historische und damit kulturell, religiös, gesellschaftlich oder militärisch bedingte Unterschiede unbeachtet bleiben. So nachvollziehbar der Wunsch ist, für die immer wieder auftretende sexuelle Gewalt in Kriegen eine gültige Erklärung zu finden, so problematisch ist die Aufstellung einer These. Es drängt sich der Eindruck auf, dass in den meisten Fällen versucht wird, eine Theorie zu entwickeln, ohne dass die entsprechenden empirischen Belege dafür vorliegen. Heikel ist dies vor allem dann, wenn diese Deutungen zeitlich und geographisch übergreifend gelten sollen. Im Hinblick auf eine historisch adäquate Analyse sind die jeweiligen Erklärungsmodelle nur dann brauchbar, wenn diese Thesen auf die unterschiedlichen Ereignisse und Kriege individuell angewandt und untersucht werden. Zudem entspricht die Reduzierung der meisten Darstellungen auf Vergewaltigungen nicht der Realität. Bis 1997 galt beispielsweise nach dem deutschen Strafgesetzbuch (StGB) nur der erzwungene vaginale Geschlechtsverkehr als Vergewaltigung, während dagegen der orale oder anale Geschlechtsverkehr unter den Tatbestand der „sexuellen Nötigung" fiel und mit niedrigeren Strafen belegt war. Diese Auslegung hängt eng mit der Fort-
1. Zum Forschungsstand 29 pflanzungsfähigkeit der Frau zusammen. Eine Schwangerschaft kann in der Regel nur aufgrund des vaginalen Verkehrs eintreten - ein ungewollter Verkehr birgt also zugleich die Gefahr der ungewollten Zeugung eines Kindes in sich. Erst mit einer entsprechenden Änderung des § 177 StGB ist seit 1997 Vergewaltigung in der Ehe strafbar und der Tatbestand auch um die anale sowie orale Vergewaltigung erweitert. Die sexuelle Integrität von Frauen bildet nun die Grundlage der Definition.42 Damit sind aber bei weitem nicht alle sexuellen Übergriffe angesprochen, die sich in Kriegen ereignen können. So gibt es versuchte Vergewaltigungen, Angriffe gegen Kinder, die unter einen anderen Straftatbestand fallen, sowie Formen von sexueller Folter, die in rechtlicher Hinsicht nicht als Vergewaltigungen bezeichnet werden. Sexuelle Gewalt oder Sexualverbrechen sind daher adäquatere Begriffe, um die unterschiedlichen Formen benennen zu können. Vor allem psychiatrische und sexualpsychologische Forschungen zu diesem Thema gehen davon aus, dass es sich bei einem Sexualdelikt nicht um einen rein sexuellen Akt handelt, sondern um die Ausübung von sexualisierter Gewalt. Dieser Definition zufolge stellt sexuelle Gewalt somit in erster Linie eine bestimmte Form von Aggression dar, deren Ziel die Demütigung, Erniedrigung und Unterwerfung der angegriffenen Frau ist.43 In den meisten Fällen wird dies auch von den Frauen selbst so empfunden. Gemäß ihren eigenen Aussagen erleben sie eine Vergewaltigung weniger als einen sexuellen Akt, sondern in erster Linie als eine brutale Machtdemonstration. 44 Das Erleiden eines solchen Angriffs kann sowohl zu akuten wie auch lang anhaltenden psychischen Problemen führen, da es sich um ein „schwerwiegendes psychotraumatisches Ereignis"45 handelt. Der Grad der Traumatisierung hängt auch davon ab, welcher Art das Sexualverbrechen ist. Zusätzliche Misshandlungen oder die Bedrohung mit Waffengewalt sowie mehrfache Vergewaltigungen, zum Beispiel durch eine Gruppe von Männern, können die Folgen für Frauen noch verstärken. 46 Darüber hinaus ist es vor allem für die psychische Verarbeitung eines solchen Erlebnisses nicht unerheblich, ob das Sexualdelikt unbeobachtet oder absichtlich vor den Augen anderer, im schlimmsten Fall im Beisein der Familie des Opfers, stattfindet. Während sexuelle Gewalt im Alltag zumeist ein Verbrechen ist, das vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wird, zeigen mehrere historische Beispiele, dass demgegenüber im Krieg sexuelle Gewalt offenbar zielgerichtet vor Zeugen ausgeübt wird, um auch die 42 Susanne Heynen, Vergewaltigt. Die Bedeutung subjektiver Theorien für Bewältigungsprozesse nach einer Vergewaltigung, Weinheim 2000, S. 16-18. 43 Seifert, Die zweite Front, S. 66; dies., Krieg und Vergewaltigung, S. 86-89. Ulrike Brockhaus/Maren Kolshorn, Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Mythen, Fakten, Theorien, Frankfurt/Main 1993, S. 85; Heynen, Vergewaltigt, S. 19. Zur Definitionsproblematik vgl. auch Christine Künzel, Vergewaltigungslektüren. Zur Codierung sexueller Gewalt in Literatur und Recht, Frankfurt/Main 2003, S. 268-271. 44 Flarald Fcldmann/Joachim Westenhöfer, Vergewaltigung und ihre psychischen Folgen. Ein Beitrag zur posttraumatischen Bclastungsreaktion, Stuttgart 1992, S. 6f. ^ Ebd., S. 32. Hervorhebung i.O.; Heynen, Vergewaltigt, S. 22f. 46 Heynen, Vergewaltigt, S. 71, 77-81.
30 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Angehörigen zu demütigen. Wie eine solche Tat wahrgenommen wird, welche Auswirkungen sie auf die einzelne Frau und auf die Gesellschaft hat, ist ganz wesentlich von kulturellen Einflüssen und Bedingungen abhängig. Zudem kann sich sexuelle Gewalt gegen beide Geschlechter richten, sowohl gegen Frauen als auch gegen Männer, und dies unabhängig von Alter, Aussehen oder sozialem Status der betreffenden Person. Obwohl zumeist die Meinung vorherrscht, in Kriegszeiten würden „bevorzugt junge Frauen und Mädchen vergewaltigt"47, zeigen genauere Untersuchungen der Ereignisse etwa in Jugoslawien oder auch in Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges, dass diese These nicht haltbar ist. In beiden Fällen kam es zu Vergewaltigungen von Frauen aller Altersgruppen. Der auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheinende Hinweis auf Männer als potentielle Opfer sollte nicht unberücksichtigt bleiben, da das Auftreten von sexueller Gewalt gegen Männer häufig vernachlässigt oder oftmals schlicht nicht erwähnt wird. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Sexualverbrechen im Krieg in Zusammenhang mit Theorien oder Thesen über eine allgemeine Frauenverachtung untersucht werden. Diese eingeengte Sichtweise resultiert freilich aus der Tatsache, dass nicht nur in Kriegszeiten, sondern auch im „friedlichen" Alltag in der Mehrzahl Mädchen und Frauen von Sexualdelikten betroffen sind.48 Eine besondere Opfergruppe im Krieg stellen Kinder dar, über deren Schicksal bislang noch relativ wenig geforscht wird, auch wenn sich mittlerweile neuere Arbeiten speziell mit diesem Gebiet beschäftigen.49 Wie eine Studie von UNICEF belegt, sind in zahlreichen militärischen Konflikten Kinder von Vergewaltigungen, Prostitution und sexueller Ausbeutung bedroht. 50 Viele Arbeiten operieren darüber hinaus mit den zwei Begriffen „Massenvergewaltigung" und „Kriegsstrategie", ohne dass diese genauer definiert werden. Susanne Kappeier verweist jedoch darauf, dass „Massenvergewaltigungen" als „etwas ernster zu Nehmendes" interpretiert würden im Vergleich zu einzelnen Fällen von sexueller Gewalt. „Masse" werde hier in Verbindung gebracht mit der Gruppe oder Nation, der die betroffenen Frauen angehören. 47 48 49 50 Hans Peter Duerr, Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, 4 Bde., Frankfurt/Main 1988-1997, Bd. 3: Obszönität und Gewalt, Frankfurt/Main 1997, S. 439. Kelly Dawn Askin, War Crimes against Women. Prosccution in International War Crimes Tribunals, Den Haag 1997, S. xvi, 13; Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 173-187. Brownmiller beschreibt hier Vergewaltigungen von Männern durch ihre Mitgefangenen in amerikanischen Gefängnissen und kommt zu dem Ergebnis, dass in diesen Fällen vor allem die Machtdemonstration des stärkeren Häftlings gegenüber dem schwächeren die Ursache für die sexuelle Gewaltausübung ist. Dagegen scheint das Fehlen heterosexueller Beziehungen nicht der primäre Auslöser zu sein. Siehe auch Gaby Zipfel, „Blood, sperm and tears". Sexuelle Gewalt in Kriegen, in: Mittelweg 36, 10 (2001) 5, S. 3-20, hier S. 9. Dittmar Dahlmann, Einleitung, in: ders. (Hg.), Kinder und Jugendliche in Krieg und Revolution. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Kindersoldatcn Afrikas, Paderborn 2000, S. IXXVIII. United Nations, Promotion and Protection of the Rights of Children. Impact of Armed Conflict on Children. Note by the Secretary-General, A/51/306,26. August 1996. Bericht von Graca Machel.S. 19-22.
1. Zum Forschungsstand 31 Deshalb symbolisiere „Masse" nicht eine hohe Anzahl von vergewaltigten Frauen, sondern bedeute „eine hohe Zahl als Prozentsatz einer anderen Zahl, der Gesamtheit der .Ethnie' oder des .Volkes'".51 Auch wird bei solchen Angaben zwischen der Anzahl von Vergewaltigungen und der Anzahl der davon betroffenen Frauen nicht unterschieden, was bei Schätzungen und Berechnungen zu Abweichungen führen kann. Das zweite Element vieler Analysen ist der Hinweis auf die Systematik und damit die militärische Strategie von sexueller Gewalt. Laut Martin van Creveld ist Strategie „jene Lehre [...], welche die Führung eines Konflikts sowohl beschreibt als auch vorschreibt", und eine Komponente ist ihr Einsatz gegen den Gegner.52 Folgt man dieser Definition, dann sind im Rahmen einer Untersuchung von Sexualdelikten die Art des Krieges, die militärischen und politischen Zielsetzungen und ebenso der Blick auf andere Kriegsverbrechen für die Analyse von eminenter Bedeutung. Gaby Zipfel weist zu Recht darauf hin, dass „Strategie" nicht bedeute, „militärische Strategen würden am grünen Tisch konzipieren", wie sexuelle Gewalt im Krieg eingesetzt werden könne. 53 Auch Stefan Gose bezweifelt eine solche Vorgehensweise: „Trotz manch vollmundiger Propaganda und unbestreitbar kalkulierter Duldung von Kriegsvergewaltigungen kann dennoch nicht davon ausgegangen werden, daß Kriegsvergewaltigungen jemals als offizielle Militärstrategie befohlen wurden."54 Auch wenn es ohne ausreichende empirische Arbeiten verfrüht erscheint, entsprechende Befehle über den „Einsatz" von Vergewaltigungen gänzlich auszuschließen, liegt Gose mit dem Hinweis auf die kalkulierte Duldung wohl weitaus näher an den historischen Gegebenheiten in vielen Kriegen als diejenigen Autorinnen und Autoren, die die Anwendung von sexueller Gewalt als Kriegsstrategie sowohl für die Vergangenheit als auch für die Zukunft bereits als erwiesen ansehen. Es ist zu vermuten, dass es keinen „Vergewaltigungsplan" als Quelle zu finden gibt, in dem eine Armee durch ihren Oberbefehlshaber explizit die Erlaubnis erhält, sexuelle Gewalttaten zu verüben. Umso mehr kommt es deshalb darauf an, genau die jeweiligen militärischen Abläufe und Handlungen zu untersuchen. So kann sich eine Duldung darin äußern, dass eine Armee die Scxualstraftäter nicht gerichtlich zur Verantwortung zieht. Diese Unterlassung vermittelt den übrigen Soldaten, dass ein solches Tun quasi erlaubt sei. Im Sinne einer langfristigen strategischen Überlegung kann es selbstverständlich immer wieder Brüche und Änderungen eines Konzeptes geben. So können sexuelle Übergriffe in gewissen Situationen in das militärische Kalkül passen, zu anderen Zeiten aber kontraproduktiv wirken. Dann kann es Versuche seitens der Armeeführung geben, solche Ausschreitungen einzudämmen. Es ist daher notwendig, sexuelle Gewalt im Krieg nicht als statisches Moment zu untersuchen, sondern die Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg zu analysieren. 51 52 53 34 Kappeier, Massenverrat, S. 46. Martin van Creveld, Die Zukunft des Krieges, München 1998, S. 176, Zitat S. 179. Zipfel, „Blood",S. 10. Gose, Männlichkeit, S. 94. Vgl. dazu auch Pohl, Massenvergewaltigung, S. 70.
:^2 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Geht man davon aus, dass sexuelle Übergriffe in größerem Ausmaß während eines Krieges eine militärische Funktion haben, weil sie die Erreichung bestimmter militärischer und politischer Ziele unterstützen, dann wird damit der Blick auf die höheren Entscheidungsträger und Verantwortlichen gelenkt. Die Beweggründe der jeweiligen Soldaten, die diese Verbrechen begehen, sind damit noch nicht erklärt und sie können auch nicht automatisch mit denen der Führung als identisch angesehen werden. Brownmiller unterstellt den Männern einen natürlichen Frauenhass, der sich in Friedenszeiten äußere und dann in Kriegen - je nach Situation und Zweck des Krieges - noch kulminieren könne. Im Rahmen kriegerischer Konflikte werden Frauen aber schon deshalb zu bevorzugten Angriffszielen, weil sie in der Regel die Mehrheit der Zivilisten an der Heimatfront bilden. Die zunehmende Verlagerung des Kriegsgeschehens von der eigentlichen militärischen Front, dem Schlachtfeld, auf die Heimatfront und die damit verbundenen Angriffe auf die Zivilbevölkerung bedeuten eine erhöhte Gefahr für Frauen und Mädchen. Die lange aufrechterhaltene und gängige Definition von Krieg als einer Auseinandersetzung zweier oder mehrerer Armeen ist angesichts der ständigen Ausweitung der Kriegshandlungen und der Bedrohung der Zivilbevölkerung ad acta zu legen.55 Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang vor allem die massive Einbeziehung der Zivilbevölkerung im Rahmen des „totalen Krieges". 56 Zwar bedarf dieser Terminus noch immer weiterer wissenschaftlicher Klärung, und die Debatte um die Charakterisierung dieses Phänomens kann hier nicht wiedergegeben werden. Als wesentliche Kriterien für eine Definition gelten jedoch bislang die Intensität solcher Konflikte, die Grenzenlosigkeit der Kriegsziele und der Versuch, alle verfügbaren materiellen sowie personellen Ressourcen für den Krieg zu nutzen. Für die vorliegende Ruth Seifert, Frauen, Männer und Militär (II): Vier Thesen zur Männlichkeit (in) der Armee, SOWI-Arbeitspapier, Nr. 61, München 1992, S. 14f. Stig Förster, Das Zeitalter des totalen Kriegs, 1861-1945. Konzeptionelle Überlegungen für einen historischen Strukturverglcich, in: Mittelweg 36, 8 (1999) 6, S. 12-29. Siehe zu diesem weitreichenden Komplex die Serie des Deutschen Historischen Institutes - Washington, D.C., die sich auf insgesamt fünf Konferenzen mit dem Thema befasst hat und dieses Phänomen ausgehend vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis hin zum Zweiten Weltkrieg länderübergreifend untersucht. Stig Förster/Jörg Nagler (Hg.), On the Road to Total War. The American Civil War and the German Wars of Unification, 1861-1871, Cambridge 1997; Manfred F. Bocmeke/Roger Chickering/Stig Förster (Hg.), Anticipating Total War. The German and American Experiences, 1871-1914, Cambridge 1999; Roger Chickering/Stig Förster (Hg.), Great War, Total War. Combat and Mobilization on the Western Front, 1914-1918, Cambridge 2000; dies. (Hg.), The Shadows of Total War. Europe, East Asia, and the United States, 1919-1939, Cambridge 2003. Der fünfte Band, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst, war zum Zeitpunkt der Drucklegung noch nicht erschienen. Zur Begriffsdefinition Roger Chickering, Total War: The Use and Abuse of a Concept, in: ders./Boemeke/Förster (Hg.), Anticipating Total War, S. 13-28. Die zeitgenössischen Diskussionen in Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich, den USA und der Schweiz finden sich im Sammelband von Stig Förster (Hg.), An der Schwelle zum Totalen Krieg. Die militärische Debatte über den Krieg der Zukunft 1919-1939, Paderborn 2002. Für Einzelstudien siehe Daniel Marc Segesser, Empire und Totaler Krieg: Australien 1905-1918, Paderborn 2002; Giulia Brogini Künzi, Italien und der Abessinienkrieg 1935/36. Ein Kolonialkrieg oder ein Totaler Krieg?, Diss., Bern 2002.
2. Ein historischer Überblick 33 Fragestellung ist jedoch von Bedeutung, dass ein weiteres und zugleich zentrales Merkmal des „totalen Krieges" die Auflösung der vor allem noch im 18. Jahrhundert herrschenden strikten Trennung zwischen der Zivilgesellschaft und dem Militär darstellt. Vor allem während des Ersten Weltkrieges und dann insbesondere im Zweiten Weltkrieg bestand diese Grenzlinie nicht mehr. Vielmehr wurden Zivilisten zu bevorzugten Angriffszielen, um die beabsichtigte vollständige Niederlage des Gegners erreichen zu können. Mit der Ausweitung der Kriegsziele auf die umfassende Niederwerfung des Gegners wird die Demoralisierung der feindlichen Zivilbevölkerung zum wesentlichen Element der Kriegsanstrengungen. Es ist daher künftig auch zu fragen, ob es eine Verbindung zwischen der Entwicklung hin zum „totalen" Krieg und dem verstärkten Auftreten von Sexualverbrechen gibt. 2. SEXUELLE GEWALT IM KRIEG: EIN HISTORISCHER ÜBERBLICK „Der ewige, universale Soldat: ob in der Roten Armee oder der SS, in der US-Army oder der Französischen Fremdenlegion, in der Irakischen Armee oder bei den Serbischen Freischärlern vergewaltigt und plündert er unschuldige Frauen; Frauen sind als universelle Opfer die Beute aller Kriege, die verkannten und ungesühnten Zielscheiben von Kriegsverbrechen."57 Die Aufzählung der amerikanischen Historikerin Atina Grossmann macht zum einen auf die historische Dimension von sexueller Gewalt im Krieg aufmerksam, zum anderen vermittelt sie den Eindruck, diese sei ein verbreiteter Bestandteil von militärischer Kriegführung sowie die gängige Verhaltensweise von Soldaten der unterschiedlichsten Armeen. Sie stelle demnach ein sich zu jeder Zeit ähnelndes und vergleichbares Phänomen dar. Anders als das Zitat jedoch suggeriert, lassen sich sexuelle Gewaltverbrechen durch Militärangehörige im historischen Rückblick keineswegs so einfach und analog einordnen. Der folgende thematische Überblick konzentriert sich auf einige der bekanntesten Fälle von Sexualverbrechen in Kriegen.58 Darüber hinaus werden Atina Grossmann, Eine Frage des Schweigens: Die Vergewaltigung deutscher Frauen durch Besatzungssoldatcn, in: Frauen und Film 54/55 (1994), S. 15-28, hier S. 17. Eine überarbeitete englische Fassung dieses Aufsatzes ist 1999 erschienen: dies., A Question of Silence. The Rape of German Women by Soviet Occupation Soldiers, in: Nicole Ann Dombrowski (Hg.), Women and War in thcTwentieth Century. Enlisted with or without Consent, New York 1999, S. 162183. Für die Antike liegen zu diesem Aspekt kaum Arbeiten vor. Einige Angaben finden sich bei Georg Doblhofer, Vergewaltigung in der Antike, Stuttgart 1994, S. 1-7, 22, 26. Vgl. auch Askin, War Crimes, S. 21, und Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 41. Die Ereignisse in Bangladesh 1971 und während des Bürgerkrieges in Ruanda 1994 werden hier ebenfalls nicht erwähnt, da
34 I. Sexuelle Gewalt im Krieg auch Beispiele aus Epochen herangezogen, die bislang kaum in den Blick genommen wurden, bei denen sich aber zukünftige Forschungen durchaus ergiebig erweisen dürften. Aufgrund zumeist fehlender empirischer Arbeiten zu einigen Kriegen ist es nicht möglich, ein differenziertes und detailliertes Bild zu zeichnen. Während das 20. Jahrhundert relativ gut dokumentiert ist, existieren nur wenig aussagekräftige Analysen für das 18. und 19. Jahrhundert. Hier steht die Forschung erst am Anfang. Trotz ihres geringen Erkenntniswertes sollen sie aber vorgestellt werden, weil anhand dieser Fälle einzelne Facetten von sexueller Gewalt in Kriegen beleuchtet werden können, die für die Entwicklung der Fragestellung dieser Arbeit von Bedeutung sind. Dabei wird dem Ausmaß der Gewalt, der Strategie, der Verantwortung der militärischen Führung, den Auswirkungen sowie der strafrechtlichen Verfolgung besondere Beachtung geschenkt. Sexuelle Gewalt in der Frühen Neuzeit Als Zeitzeugnisse für den Kriegsalltag sind vor allem die Schriften von Hans Jakob Christoffel von Grimmeishausen berühmt, der in „Simplicissimus" und in der „Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin" 59 zahlreiche Grausamkeiten und Verbrechen, die von den Soldaten an der Zivilbevölkerung begangen wurden, in vielen Details anschaulich beschrieben hat. So berichtet er davon, dass in einer eroberten Stadt neben der Ermordung der männlichen Bewohner und Plünderungen die „Weibsbilder genohtzüchtiget" worden seien.60 John Theibault, der sich mit sexueller Gewalt im Dreißigjährigen Krieg beschäftigt hat, hat 1998 jedoch auf die immer noch dürftige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema hingewiesen, was vor allem mit der Quellenlage zusammenhänge. So seien Darstellungen über derartige Verbrechen in der gesamten frühneuzeitlichen Geschichtsschreibung zum einen unterrepräsentiert, zum anderen stammten die Zeitzeugnisse überwiegend von männlichen Autoren, die die Kriegsereignisse aus ihrer Sicht schilderten und dabei die vor allem für Frauen relevante Bedrohung durch Sexualübergriffe weniger berücksichtigten.61 Geoffrey Mortimer hat in diesem Zusammenhang darauf aufdie Literaturlage äußerst mangelhaft ist. Laut Brownmiller sollen im ersten Fall zwischen 200.000 und 400.000 Frauen durch pakistanische Soldaten vergewaltigt worden sein. Als Beleg zitiert sie überwiegend amerikanische Zeitungen aus dieser Zeit. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 83-90. Hans Jakob Christoffel von Grimmeishausen, Der Abenthcurliche Simplicissimus Teutsch und Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi, hg. von Rolf Tarot, Abdruck der beiden Erstausgaben (1669) mit den Varianten der ihnen sprachlich nahestehenden Ausgaben, 2. durchgesehene u. erweiterte Aufl., Tübingen 1984, u.ders., Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzenn Courasche, hg. von Wolfgang Bender, Abdruck der Erstausgabe (1670) mit den Lesarten der späteren unrechtmäßigen und der zweiten rechtmäßigen Ausgabe, Tübingen 1967. Grimmclshausen, Courasche, Zitat S. 18, vgl. S. 62-65. John Theibault, Landfrauen, Soldaten und Vergewaltigungen während des Dreißigjährigen Krieges, in: Werkstatt Geschichte 19 (1998), S. 25-39, hier S. 27 u. 30; Martin Scheutz, „... im Rauben und Saufen allzu gierig." Soldatenbilder in ausgewählten Selbstzeugnissen katholischer
2. Ein historischer Überblick 35 merksam gemacht, wie stark sich regionale Erfahrungsberichte von Zeitgenossen hinsichtlich bestimmter Ereignisse unterscheiden können. So gehen einige Quellen auf sexuelle Übergriffe als gängige Begleiterscheinungen ein, andere wiederum nehmen sie als Ausnahmen von der Regel zur Kenntnis. 62 Da sich bislang nur wenige Forscher und Forscherinnen empirisch mit Sexualverbrechen im Krieg während der Frühen Neuzeit auseinander gesetzt haben, lassen sich bislang keine konkreten Aussagen treffen, in welchem Ausmaß diese Delikte auftraten und welchen Stellenwert sie hatten. Quellenbelege wie die folgende lapidare Bemerkung aus einem hessischen Ort nach dem Durchmarsch der kaiserlichen Soldaten lassen jedoch darauf schließen, dass sexuelle Gewalt ein weit verbreitetes Phänomen war: „Ferner haben sie fast alle Weibspersonen und Jungfrauen, welche nicht ausgerissen, geschändt und übel zerschlagen." 63 Dementsprechend häufig wird geschlechtsspezifische Gewalt zwar nicht in der Geschichtsschreibung, dafür aber in der zeitgenössischen Literatur, in Tagebüchern und Briefen erwähnt oder durch Bilder sowie Radierungen dargestellt. Diese bewusste Sichtbarmachung von Themen, die in Friedenszeiten tabuisiert wurden, ist ein Hinweis auf die Verbreitung dieses Phänomens in den Kriegen der Frühen Neuzeit. 64 So war die Angst vor körperlichen Übergriffen wie auch vor anderen Erscheinungen des Krieges wie Plünderungen und dem Verlust des Eigentums offenbar sehr prägend für die Menschen. 65 Ausgehend von einer geschätzten Anzahl von mehr als 5.000 Kriegen im 17. Jahrhundert hat Ralf Pröve die Bedeutung von Gewalt als „Strukturmerkmal" für diese Zeit hervorgehoben. Bezüglich der Strafbarkeit von Vergewaltigung muss zwischen den damaligen rechtlichen Grundlagen und deren Handhabung in der Praxis unterschieden werden. Sexualdelikte galten sowohl im Zivilrecht als auch innerhalb der Militärgerichtsbarkeit als schwere Verbrechen, die zum Teil mit dem Tode geahndet werden konnten. 66 Allerdings hing die Beurteilung der Tat neben der Person des Täters in besonderem Masse von der gesellschaftlichen Stellung und dem Ansehen des Opfers ab. Denn die Strafwürdigkeit einer Vergewaltigung 62 63 M 63 66 Geistlicher aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: L'FIomme. Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 12 (2001), S. 51-72, hier besonders S. 69f. Geoffrey Mortimer, Individual Experiencc and Perception of the Thirty Years War in Eyewitness Personal Accounts, in: German History 20 (2002), S. 141-160, v.a. S. 152-155. Zit. nach Johannes Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt/Main 1992, S. 234. Bernhard R. Kroener, „... und ist der Jammer nit zu beschreiben". Geschlechterbeziehungen und Überlebensstrategien in der Lagergesellschaft des Dreißigjährigen Krieges, in: Hagemann/Pröve (Hg.), Landsknechte, S. 279-296, hier S. 279-282; Rogg, Reisläufer, S. 54-58. Pröve, Gewalt und Herrschaft, S. 794f. Rogg, Reisläufer, S. 102f.; Karin Jansson, Soldaten und Vergewaltigung im Schweden des 17. Jahrhunderts, in: Benigna von Krusenstjern/Hans Medick (Hg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, Göttingen 1999, S. 195-225, hier S. 197. Die Verfasserin dieses Aufsatzes hat Gerichtsuntcrlagen des schwedischen Militärs durchgesehen und fand dort keine Quellen, die sexuelle Übergriffe auf Frauen in den Kriegsgebieten thematisierten. Grundlage ihrer Analyse bilden daher 26 Fälle von Vergewaltigungen schwedischer Frauen, davon sechs Taten begangen durch schwedische Soldaten.
36 I. Sexuelle Gewalt im Krieg basierte auf dem Angriff gegen die weibliche Ehre, die nicht nur in Bezug auf voreheliche Jungfräulichkeit, sondern auch anhand des Rufs der Frau in ihrer Wohngemeinde definiert wurde. Diese Voraussetzungen erschwerten somit die strafrechtliche Verfolgung eines Sexualdeliktes erheblich, da nicht nur die Aussagen des Opfers denen des Täters gegenüberstanden, sondern die Frauen auch noch etwaige Zweifel an ihrer Unbescholtenheit widerlegen mussten. Wie Theibault belegt, führten diese Voraussetzungen bei vielen Vergewaltigungsprozessen vor Zivilgerichten zu Freisprüchen oder nur zu geringen Strafen.67 In Kriegszeiten kam noch erschwerend hinzu, dass ein scheinbares Recht des Siegers auf Beute bestand und diese nicht nur materielle Güter beinhaltete, sondern ganz selbstverständlich die sexuelle Verfügbarkeit der Frauen der unterlegenen Kriegspartei mit einschloss.68 Die Soldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg unterschieden dabei nicht zwischen verbündeten oder neutralen Gebieten, sondern behandelten die Zivilbevölkerung allgemein als ihren natürlichen Feind, „to bc despoiled and tortured at will". 69 Obwohl dem Armeetross auch Frauen angehörten, die als Ehefrauen und Marketenderinnen, aber auch als Prostituierte den Soldaten hinterher zogen und neben den alltäglichen Arbeiten die „sexuellen Bedürfnisse"70 der Männer erfüllten, kam es zu sexuellen Gewaltdelikten bei der Belagerung von Städten oder dem Durchzug durch einzelne Ortschaften. Wie die folgenden historischen Beispiele noch zeigen werden, bietet die Anwesenheit von Frauen in der gegnerischen Armee, sei es als Prostituierte in einem militäreigenen Bordell oder als Soldatinnen, der weiblichen Zivilbevölkerung keinen Schutz vor sexuellen Übergriffen. Denn bei derartigen Taten handelt es sich nicht um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse, sondern in erster Linie um eine Machtdemonstration. 71 67 Theibault, Landfraucn, S. 31 f. '•" Christine Künzel, Raum - Gewalt - Vergewaltigung: Anmerkungen zu einer Topographie sexueller Gewalt. Grenzgänge zwischen Recht und Literatur, in: Gabi Löschper/Gerlinda Smaus (Hg.), Das Patriarchat und die Kriminologie, Kriminologisches Journal, 7. Beiheft (1999), S. 99111, hier S. 104f. w Ronald G. Asch, 'Wo der soldat hinkömbt, da ist alles sein': Military Violence and Atrocities in the Thirty Years War Re-examined, in: German History 18 (2000), S. 291-309, hier S. 293. Siehe auch Pröve, Gewalt und Herrschaft, S. 801. 70 Bernhard R. Kroener, „Kriegsgurgcln, Freireuter und Merodebrüder." Der Soldat des Dreißigjährigen Krieges. Täter und Opfer, in: Wolfram Wette (Hg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Fiine Militärgeschichtc von unten, München 1992, S. 51-67, hierS. 62. Matthias Rogg, „Wol »uff mit mir, du schoenes weyb". Anmerkungen zur Konstruktion von Männlichkeit im Soldatenbild des 16. Jahrhunderts, in: Hagemann/Pröve (Hg.), Landsknechte, S. 51-73, hier S. 56-65; Rogg, Rcisläufer, S. 58-62; Christiane Andersson, Von „Mctzen" und „Dirnen". Frauenbilder in Kriegsdarstellungen der Frühen Neuzeit, in: Hagemann/Pröve (Hg.), Landsknechte, S. 171198, hier S. 172-183, 188-195. 71 Laut Ronald Asch stellten die Gewalttätigkeiten auch einen Versuch der Soldaten dar, ihre Position innerhalb der Gesellschaft, die sie verachtete, zu stärken. Asch, ,Wo der soldat hinkömbt', S. 297-299. Zu den von allen Armeen im 17. Jahrhundert angeworbenen Soldaten gehörten vor allem Angehörige der ärmeren Schichten sowie Nichtsesshafte. Kroener, „Kriegsgurgeln", S. 54.
2. Ein historischer Überblick 37 Sexuelle Gewalt zur Zeit der Antinapoleonischen Kriege Heinrich von Kleist hat 1808 in seiner berühmten Novelle „Die Marquise von O..." 72 die versuchte Vergewaltigung einer jungen Adeligen durch fünf russische Soldaten literarisch umgesetzt, die Napoleonischen Kriege sowie die Befreiungskriege wurden jedoch bislang im Zusammenhang mit sexueller Gewalt kaum beachtet.73 Ute Planert, die sich mit der Erfahrungsgeschichte der Napoleonischen Kriege in Baden, Württemberg und Bayern beschäftigt, nennt sexuelle Gewalttaten zu dieser Zeit ein „Massenschicksal" und begründet dies einerseits mit der Zunahme von unehelichen Geburten, andererseits mit Quellen, in denen explizit Vergewaltigungen durch Soldaten erwähnt werden. 74 Es erscheint jedoch problematisch, den Anstieg der Geburtenrate mit dem massenhaften Auftreten von sexueller Gewalt zu verbinden. So müsste zunächst der zeitliche Zusammenhang zwischen der Zunahme der Geburten und den jeweiligen Truppenstationierungen untersucht werden - auch wenn Übereinstimmungen wiederum nicht automatisch die These bestätigen würden. Helga Schnabel-Schüle hat bei ihrer Auswertung von Gerichtsakten aus dem 18. Jahrhundert festgestellt, dass unverheiratete schwangere Frauen manchmal vorgaben, von einem Soldaten sexuell missbraucht worden zu sein, um so der Sanktion für einen nichtkonformen vorehelichen Geschlechtsverkehr zu entgehen. Dass diese Begründung vor Gericht akzeptiert wurde, deutet wiederum laut Ute Frevert auf die Verbreitung von sexueller Gewalt durch Armeeangehörige hin.75 Auch Karen Hagemann verweist darauf, dass während der antinapoleonischen Kriege in Preußen die Vergewaltigung deutscher Mädchen und Frauen thematisiert wurde und sich eine Diskussion über die mögliche „Entehrung" der Frauen und damit auch der Männer im Zusammenhang mit der nationalen Krise entwickelte. 76 Heinrich von Kleist, Die Marquise von O..., in: Helmut Sembdner (Hg.), Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe, 2 Bde., München 9 1993, Bd. 2, S. 104-143. Vgl. dazu Christine Künzel, Heinrich von Kleists Die Marquise von O...: Anmerkungen zur Repräsentation von Vergewaltigung, Recht und Gerechtigkeit in Literatur und Literaturwissenschaft, in: Figurationen. Gender - Literatur - Kunst 1 (2000), S. 65-81. Eine ausführliche Analyse dieser Erzählung wird in ihrem jüngst erschienenen Buch geliefert: dies., Vergewaltigungslektüren, S. 23-89. Ich danke Christine Künzel für die Kopie des Aufsatzes. Der Hinweis auf die Novelle von Kleist und die daraus abgeleitete These, dass „solche Vergewaltigungen damals als selbstverständliche Begleiterscheinung von Kriegen galten", findet sich bei Götz von Olenhusen, Sexualisierte Gewalt, S. 228. Zu den militärischen Auseinandersetzungen Paul Kennedy, Aufstieg und Fall der grossen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärischer Konflikt von 1500 bis 2000, Frankfurt/Main 21989, S. 189-225. Ute Planert, Wessen Krieg? Welche Erfahrung? Oder: Wie national war der „Nationalkrieg" gegen Napoleon?, in: Dietrich Beyrau (Hg.), Der Krieg in religiösen und nationalen Deutungen der Neuzeit, Tübingen 2001, S. 111 -139, hier S. 118. Helga Schnabel-Schüle, Überwachen und Strafen im Territorialstaat. Bedingungen und Auswirkungen des Systems strafrechtlicher Sanktionen im frühneuzeitlichen Württemberg, Köln 1997, S. 291, und Frevert, Die kasernierte Nation, S. 24. Ich danke Dierk Walter, Hamburg, für den Hinweis auf diese Stelle. Karen Hagemann, „Mannlicher Muth undTeutsche Ehre". Nation, Militär und Geschlecht zur Zeit der Antinapoleonischen Kriege Preußens, Paderborn 2002, S. 219-222, 248-250.
38 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Zeitgenössische Äußerungen lassen darauf schließen, dass neben Plünderungen auch sexuelle Gewaltverbrechen an einheimischen Frauen von Seiten der Armeen nicht unterbunden wurden. ,„We loaded the wagons with all we could find [...] the peasants were abused, sometimes killed; the women raped; everything was permitted.'" 77 So beschrieb 1793 ein französischer Offizier das Vorgehen seiner Männer in deutschen Ortschaften. Nicht weniger gewalttätig benahmen sich auch britische Soldaten unter dem Befehl des Herzogs von Wellington, als sie 1812 in der spanischen Stadt Bajadoz ihre Aggressionen an der Bevölkerung „in three days of looting, murder, and rape" ausließen.78 Demzufolge erscheint die von Planert aufgestellte These vom „Massenschicksal" Vergewaltigung durchaus nachvollziehbar. Zwar besteht für das endende 18. und beginnende 19. Jahrhundert noch erheblicher Forschungsbedarf, es gibt jedoch Quellenmaterial wie Gerichtsakten und Geburtsstatistiken, die in Zukunft speziell für die Frage nach dem Auftreten von sexueller Gewalt herangezogen werden können. Für einen weiteren Krieg im 19. Jahrhundert lassen sich dagegen bereits interessante Aussagen über die Verbreitung von Vergewaltigungen treffen. Die im Amerikanischen Bürgerkrieg verübten Sexualverbrechen fügen sich nicht in die gängigen Thesen ein, im Krieg bestehe für Frauen ungeachtet ihrer Herkunft oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit die Gefahr, vergewaltigt zu werden. Sexuelle Gewalt während des Amerikanischen Bürgerkriegs Im Zuge der theoretischen Auseinandersetzung mit dem „totalen Krieg" rückt vor allem der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 ins Blickfeld. Denn hier lösten sich die Grenzen zwischen der eigentlichen militärischen Front und der Heimatfront zunehmend auf, und die Zivilbevölkerung, die sich vor allem aus Frauen, Kindern und nicht kriegsdiensttauglichen Männern zusammensetzte, wurde immer stärker in den Konflikt involviert. Dies geschah zunächst durch die wirtschaftliche Einbeziehung 79 , zum anderen aber verlagerte sich das Schlachtfeld durch Guerillakämpfe immer mehr auf die Dörfer, so dass die dort lebenden Familien direkt bedroht waren. Nicht zuletzt der berühmte Marsch des Nordstaatlers General Sherman durch Georgia hindurch bis nach Savannah sollte vor allem durch massiven Terror den Widerstandswillen der Südstaaten brechen und die Macht der Unionsarmee mit aller Eindrücklichkeit demonstrieren. Dabei stellten Plünderungen, das Requirieren von Lebensmitteln, Vieh und Material für die Truppe sowie die Zerstörung 77 78 79 Zit. nach Geoffrey Wawro, Warfare and Society in Europe, 1792-1914, London 2000, S. 5. Günther Rothenberg, The Age of Napoleon, in: Michael Howard/George J. Andreopoulos/Mark R. Shulman (Hg.), The Laws of War. Constraints on Warfare in the Western World, New Haven 1994, S. 86-97, hier S. 93. Donna Rebecca D. Krug, Women and War in the Confederacy, in: Förster/Nagler (Hg.), On the Road, S. 413-448; Catherine Clinton/Nina Silber (Hg.), Divided Houses. Gender and the Civil War, New York 1992.
2. Ein historischer Überblick 39 der Gebäude zentrale Vorgehensweisen von Shermans Soldaten dar.80 Wie der kanadische Historiker Michael Fellman betont, habe Sherman zwar diese Maßnahmen angeordnet, jedoch zugleich die Vergewaltigung von Frauen und das Töten von Zivilisten verboten. Bei seinem Ziel, Terror zu verbreiten, ging er nicht so weit, die letzte Schranke zwischen dem militärischen Gegner und der Zivilbevölkerung niederzureißen. 81 Fellman sieht diese Begrenzung der Kriegführung im amerikanischen Wertesystem begründet, demzufolge es nicht erlaubt gewesen sei, weiße Zivilisten zu töten. Diese Grundprinzipien habe Sherman seiner militärischen Möglichkeiten und seiner persönlichen Hassgefühle zum Trotz respektiert. Für alle Menschen, die außerhalb der Gemeinschaft standen, galt diese moralische Hemmschwelle jedoch nicht. So bildet die erkennbare Rücksichtnahme auf weiße Südstaatenfrauen einen scharfen Kontrast zur Behandlung der schwarzen und indianischen Bevölkerung. Sie galten als „alien savages" und durften getötet werden. Gerade hinsichtlich der Indianer gingen Sherman und seine Soldaten bis an die Grenze der Auslöschung eines ganzen Volkes.82 Auch die Guerillakämpfer hielten sich an gewisse Regeln, die die Integrität von Frauen schützen sollten. So kamen sexuelle Übergriffe und Morde an weißen Frauen wohl nur in Ausnahmefällen vor.83 Grundsätzlich waren Vergewaltigungen in der amerikanischen Armee verboten. Nach dem so genannten „Lieber Code" von 1863, auch bekannt als „General Orders No. 100", der vom Politikwissenschaftler Francis Lieber verfasst worden war, stand darauf die Todesstrafe.84 Auch hier ist es aufgrund der dürftigen Forschungslage aber nicht möglich, konkrete Aussagen zum Ausmaß solcher Übergriffe sowie zur juristischen Ahndung zu machen. Die unsichtbare Schranke der Zurückhaltung der Männer bei weißen Frauen und die Gewaltbereitschaft gegenüber Außenseitern der amerikanischen Gesellschaft scheinen ein Spezifikum dieses Krieges zu sein. Wie andere Beispiele belegen und wie es auch für den Zweiten Weltkrieg kennzeichnend ist, waren kulturelle oder ethnische Gemeinsamkeiten zwischen feindlichen Soldaten und Zivilistinnen kein Hinderungsgrund für sexuelle Übergriffe.85 Da80 81 82 83 84 85 James M. McPherson, Battle Cry of Freedom. The Civil War Era, New York 1989, S. 807-830. Michael Fellman, At the Nihilist Edge: Reflections on Gucrrilla Warfare during the American Civil War, in: Förster/Nagler (Hg.), On the Road, S. 519-540, hier S. 535 u. S. 538. Fellman, At the Nihilist Edge, S. 536. Vgl. auch Robert M. Utley, Total War on the American Indian Frontier, in: Bocmeke/Chickenng/Förster (Hg.), Anticipating Total War, S. 399-414, v.a. S. 410-412. Vgl. auch Joseph T Glatthaar, The March to the Sea and Beyond. Sherman'sTroops in the Savannah and Carolinas Campaigns, New York 1985, S. 63. Fellman, At the Nihilist Edge. Auch Susan Brownmiller weist in ihrem historischen Überblick darauf hin, dass Vergewaltigungen im Amerikanischen Bürgerkrieg nur selten auftraten. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 92. Jörg Nagler, Kinder im Amerikanischen Bürgerkrieg, in: Dittmar Dahlmann (Hg.), Kinder und Jugendliche in Krieg und Revolution. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Kindersoldaten Afrikas, Paderborn 2000, S. 43-71, hier S. 56; Glatthaar, The March to the Sea, S. 52-65 u. S. 73. Askin, War Crimes, S. 35f. Die Ereignisse im jugoslawischen Bürgerkrieg haben gezeigt, dass Verwandtschaftsbeziehungen oder persönliche Kontakte mit den Frauen der gegnerischen Seite das Auftreten von sexuellen Übergriffen nicht verhindern.
40 I. Sexuelle Gewalt im Krieg gegen ist die erhöhte Gewaltakzeptanz gegenüber den Angehörigen unterschiedlicher Gesellschaften oder aufgrund herrschender Ideologien als „andersartig" definierten Bevölkerungen ein Phänomen, das sich in mehreren Kriegen zeigt. Zu erwähnen sind hier beispielsweise die Kolonialkriege, der Vietnamkrieg oder die Ereignisse an der Ostfront während des Zweiten Weltkrieges. Sexuelle Gewalt im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 Trotz des bislang geringen Interesses für die Frage nach dem Auftreten von sexueller Gewalt im Deutsch-Französischen Krieg lassen sich einige Überlegungen dazu anstellen. So hat Frank Kühlich anhand von Briefen, Tagebüchern, Erinnerungen und Kriegsberichterstattungen die Erfahrungen der deutschen Soldaten in diesem Krieg nachgezeichnet und auch das Verhältnis der Soldaten zur französischen Zivilbevölkerung untersucht. Die Angst vor Sexualverbrechen schien bei den Franzosen bereits vorhanden gewesen zu sein, bevor das deutsche Heer überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, Zivilisten anzugreifen.86 Durch die Einquartierungen der Soldaten bei der französischen Bevölkerung war der direkte Kontakt zwischen beiden von vornherein sehr groß. Dennoch weisen die Berichte von französischer und neutraler Seite darauf hin, dass „die Deutschen sich im allgemeinen sehr korrekt und diszipliniert verhalten hätten". 87 Diese Feststellung wird auch von anderen Autoren im Wesentlichen bestätigt. Thomas Rohkrämer betont zwar, dass es Situationen gab, in denen deutsche Soldaten es auch genossen hätten, gewaltsam aufzutreten und andere Menschen zu quälen oder zu töten. Dies sei aber die Ausnahme gewesen.88 Laut Kühlich ist es vor allem aufgrund der sprachlichen Umschreibungen und unklaren Begriffe in den zeitgenössischen Quellen schwierig, „sexuelle Übergriffe als solche zweifelsfrei festzustellen [...]".89 Er spricht hier ein grundsätzliches Problem an, das bei der Erforschung von sexueller Gewalt in Kriegen auftritt. Die genaue Rekonstruktion der Ereignisse ist gerade bei Themen wie der Sexualität je nach historischem Kontext und zeitgenössischem Diskurs äußerst problematisch, wenn als Quellen private Berichte und Aussagen herangezogen werden. Möglicherweise kann hier die Auswertung anderer Materialien, wie zum Beispiel Statistiken der Sanitätsdienste, weitere nützliche Informationen bieten. So weist Alfred Kelly in ei86 87 88 89 Alfred Kelly, Whose War? Whose Nation? Tensions in the Memory of theFranco-German War of 1870-1871, in: Boemeke/Chickering/Förster (Hg.), Anticipating Total War, S. 281-305. Zit. nach Frank Kühlich, Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. Eine Darstellung der Situation und der Erfahrungen der deutschen Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg, Frankfurt/Main 1995, S. 320. Thomas Rohkrämer, Daily Life at the Front and the Concept of Total War, in: Förster/Nagler (Hg.), On the Road, S. 497-518, hier S. 513; Dierk Walter, Preußische Heeresreformen 18071870. Militärische Innovation und der Mythos der „Roonschen Reform", Paderborn 2003, S. 176f. Kühlich, Die deutschen Soldaten, S. 294-303, Zitate S. 300, 302.
2. Ein historischer Überblick 41 nem Aufsatz über den Deutsch-Französischen Krieg unter Bezugnahme auf deutsche Sanitätsberichte darauf hin, dass ein Landwehrmann eher damit rechnen musste, sich mit einer Geschlechtskrankheit zu infizieren als im Kampf verwundet zu werden. 90 Nun lässt sich aufgrund dieser Erkenntnis noch keine direkte Verbindung zu Vergewaltigungen herstellen. Gerade bei der Forschung über das Auftreten von sexueller Gewalt erscheint es jedoch je nach historischem Kontext und Quellenbasis von Vorteil, unterschiedliche zeitgenössische Zeugnisse und offizielle Dokumente auszuwerten. Sexuelle Gewalt im Ersten Weltkrieg „When life is held so cheap, it is not surprising that honour and property are not held more dear. Outrages upon the honour of women by German soldiers have been so frequent that it is impossible to escape the conviction that they have been condoned and indeed encouraged by German officers."91 Diese Klagen über den Verlust von Werten und die Auflösung bestimmter Regeln wurden 1916 von J. H. Morgan geäußert, einem Professor für Verfassungsrecht an der Londoner Universität, der im Auftrag des britischen Innenministeriums von November 1914 bis März 1915 in Frankreich unterwegs war, um die Völkerrechtsverletzungen der deutschen Armee im Krieg gegen Frankreich zu untersuchen. 92 Liest man seinen offiziellen Bericht über deutsche „atrocities", den er aufgrund von Zeugenaussagen britischer Soldaten verfasste, so entsteht schnell der Eindruck, dass es im Ersten Weltkrieg zu zahlreichen Sexualverbrechen kam, die weder von den verantwortlichen Vorgesetzten unterbunden noch in irgendeiner Weise geahndet wurden. Die von alliierter Seite schon kurz nach dem deutschen Angriff auf Belgien lancierte „Gräuelpropaganda" enthielt eine Vielzahl von Kriegsverbrechen, darunter auch zahlreiche Berichte über Vergewaltigungen belgischer sowie französischer Frauen und Mädchen. Bald richteten die einzelnen Länder Kommissionen ein, die Beweismaterial über die Kriegsrechtsverletzungen seitens des Gegners sammeln und auflisten sollten. Hinter dem eifrigen Bemühen, verschiedenen Verbrechen nachzugehen, standen mehrere Motive. Zum einen galt es, möglichst viele Menschen für die in Bezug auf die Finanzierung des Krieges wichtige Zeichnung von Kriegsanleihen zu gewinnen, zum anderen sollten durch Hinweise auf die Brutalität und Gefährlichkeit der deutschen Soldaten auch Freiwillige mobilisiert und die Moral in der bereits kämpfenden Truppe gestärkt werden. 93 Mit dem so genannten „Bryce Report on Alleged German Outrages" erreichte diese Form der Propaganda ihren Höhepunkt und die Metapher „Rape 9C 91 92 93 Kelly, Whose War?, S. 291. J. H. Morgan, German Atrocities. An Official Investigation, London 1916, S. 57. John Horne/Alan Kramer, German Atrocities, 1914. A History of Denial, New Haven 2001, S. 185,231. Walter Schwengler, Völkerrecht, Versailler Vertrag und Auslieferungsfrage. Die Strafverfolgung wegen Kriegsverbrechen als Problem des Friedensschlusses 1919/20, Stuttgart 1982, S. 56f.
42 I. Sexuelle Gewalt im Krieg of Belgium" war in aller Munde. Im Dezember 1914 hatte die britische Regierung eine Kommission eingesetzt, die die Kriegsverbrechen der deutschen Armee in Belgien untersuchen sollte. Anhand von 1.200 Zeugenaussagen, die überwiegend von belgischen Flüchtlingen, aber auch von britischen und belgischen Soldaten stammten, und mittels der Analyse von Tagebüchern gefallener oder gefangen genommener deutscher Soldaten kam die Kommission zu dem Schluss, die Streitkräfte des Deutschen Kaiserreiches hätten sich bei dem Überfall auf Belgien der verschiedensten Ausschreitungen schuldig gemacht.94 Problematisch an der Arbeit ist vor allem, dass nur die bereits vorhandenen schriftlichen Zeugnisse ausgewertet wurden und darüber hinaus keine Befragung der Zeugen oder andere Untersuchungen stattfanden. Auffallend ist hierbei, dass zwar in den Berichten der belgischen Flüchtlinge zahllose Fälle von sexueller Gewalt auftauchen, sich aber in den Tagebüchern der deutschen Soldaten über diese speziellen Vorfälle keine Hinweise finden lassen. Demgegenüber beschrieben die Soldaten aber sehr freimütig die Erschießungen von Zivilisten und die Plünderungen. 95 Nun lässt sich hier einwenden, dass diese Taten als gewöhnliche Begleiterscheinungen von Kriegen galten und die Soldaten deswegen offen darüber Auskunft gaben und das Thema sexuelle Gewalt tabuisierten. Andererseits ist klar erkennbar, dass in der alliierten Propaganda gerade die Ausschreitungen gegen Frauen die Hauptrolle spielten, und es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Zeugenaussagen auch im Hinblick auf ihre propagandistische Nutzung gemacht wurden. 96 Vor allem der Überfall auf das neutrale Belgien und die im Anschluss daran erfolgten Gewalttätigkeiten gegen Zivilisten wurden von amerikanischer, britischer und französischer Seite als massive Völkerrechtsverletzungen angesehen und verurteilt. 97 Im Zentrum der Kritik standen die angeblichen Angriffe gegen Frauen und Kinder, die von sexuellen Gewaltdelikten über abgeschnittene Gliedmassen bis hin zu Ermordungen reichten. Doch nicht allein die realen Fälle von sexueller Gewalt wurden thematisiert, vielmehr wurden alle Rechtsbrüche der deutschen Armee und ihrer politischen Führung als Angriffe auf die Familie und die Gesellschaft interpretiert. Dies drückte sich besonders deutlich in der Metapher „Rape of Belgium" aus, in den propagandistisch aufgemachten Artikeln in der Presse und vor allem in zahlreichen Plakaten so94 95 96 97 Horne/Kramer, German Atrocities, S. 231-237. Der Bericht ist nach dem britischen Botschafter in Washington, Lord Brycc, benannt, der den Vorsitz der Kommission innehatte. In der Untersuchung von Joseph Bedier, Les crimes allemands d'aprcs des tcmoignages allemands, Paris 1915, S. 15-19, S. 24-26, findet sich nur ein Fiinweis auf einen Vergewaltigungsversuch. Die Tat wurde von einem anderen Soldaten beschrieben, der das Verhalten seines Kameraden kritisierte. Das Bändchen erschien im gleichen Jahr auch auf Deutsch unter dem Titel „Deutsche Verbrechen durch deutsche Dokumente bewiesen". Beispielsweise erwiesen sich Angaben über belgische Mädchen, die nach einer Vergewaltigung schwanger geworden waren, als falsch. Trevor Wilson, Lord Bryce's Investigation into Alleged German Atrocities in Belgium, 1914-15, in: Journal of Contemporary History 14 (1979), S. 369383. Nicoletta F. Gullace, Sexual Violence and Family Honor: British Propaganda and International Lawduring the First World War, in: American Historical Review 102 (1997), S. 714-747, hierS. 718; Schwengler, Völkerrecht, S. 66.
2. Ein historischer Überblick 43 wie in Zeitungsbildern. 98 So wurde die französische Nation durch eine Frau symbolisiert, die von angriffslustigen und gewalttätigen „Hunnen" bedroht wird - die sexuelle Konnotation des Angriffs sollte die Gefährlichkeit und Bedrohung verstärken. 99 Es erstaunt daher nicht, dass in den offiziellen Berichten über Ausschreitungen deutscher Soldaten insbesondere Vergewaltigungen einen bedeutenden Platz einnehmen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das Vertrauen in die Aussagen der Opfer, denn häufig wird Frauen bei der Verfolgung von Sexualstraftaten wenig Glaubwürdigkeit zugestanden und es werden nicht nur ihre Aussagen, sondern auch ihr bisheriger Lebenswandel einer genauen Überprüfung unterzogen. Dies geschah auch von Seiten der deutschen Wehrmachtgerichtsbarkeit im Zweiten Weltkrieg, wie noch aufzuzeigen ist.100 John Hörne und Alan Kramer weisen zwar darauf hin, dass Vergewaltigungen in Belgien und Frankreich sehr verbreitet gewesen seien, es sollen einige Gruppenvergewaltigungen vorgekommen sein und meist wären die Taten mit Waffengewalt erfolgt. Jedoch sei die Einschätzung der Gesamtzahl unmöglich im Vergleich zu zahlreichen anderen „atrocities" wie dem Niederbrennen von Dörfern oder dem Ermorden von Zivilisten.101 Dies resultiere zum einen aus der Tatsache, dass vergewaltigte Frauen aus Angst und Schamgefühl eher dazu geneigt hätten, das Erlebte zu verschweigen. Dagegen seien viele Berichte von Männern derart sensationslüstern aufgemacht, dass sie den Anschein männlicher Phantasiegebilde erweckten, in denen die eigene Machtlosigkeit angesichts der Invasion zum Ausdruck komme. Dies zeige sich vor allem in Erzählungen über verstümmelte Brüste von Frauen - oftmals eine Metapher für sexuelle Gewalt - die sich jedoch ebenso wie die weit verbreiteten Geschichten über abgeschnittene Kinderhände nicht durch entsprechende medizinische Nachweise belegen ließen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass vor allem die im Bryce Report vorgelegten Fälle von Sexualdclikten glaubwürdig erscheinen, diese Ausschreitungen aber nicht als offizielle militärische Politik oder Strategie angesehen werden könnten. Hörne und Kramer betonen, es könne nicht bewiesen werden, dass überhaupt eine Armee, also auch die russische oder die österreichische, 1914 sexuelle Gewalt als Taktik eingesetzt hätHorne/Kramer, German Atrocities, S. 204-213, 302; siehe auch Porter, Rape, S. 232. Vgl. die Thesen zur Symbolik des weiblichen Körpers in diesem Kapitel. Siehe entsprechende Bildbeispiclc bei Ruth Harris, The "Child of the Barbarian": Rape, Race and Nationalism in France during the First World War, in: Past and Present 141 (1993), S. 170206, hier S. 171, 181, 189, und bei Magnus Hirschfcld (Hg.), Sittengeschichte des Weltkrieges, bearb. v. Andreas Gaspar, 2 Bde., Leipzig 1930, Bd. 1: S. 331, 361, 391; Bd. 2: S. 173, 181, 185, 188f., 191, 193,301. Auch in den USA spielte eine derartige Symbolik in der Kriegspropaganda gegen das Deutsche Reich eine Rolle. Jörg Nagler, Pandora's Box. Propaganda and War Hysteria in the United States During World War I, in: Chickering/Förster (Hg.), Great War, Total War, S. 485-500, hier S. 495. Morgan, German Atrocities, S. 67, 71, 74, 78, 105, Zitat S. 57. Zur Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen allgemein Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 276-283; für die französischen Verhältnisse Harris, Child, S. 176. Vgl. auch Stephane Audoin-Rouzeau, L'enfant de l'ennemi (1914-1918). Viol, avortement, infantieide pendant la Grande Guerre, Paris 1995, S. 33-98. Horne/Kramer, German Atrocities, S. 75, 199.
44 I. Sexuelle Gewalt im Krieg te.102 Die von anderen Kriegsschauplätzen gemeldeten Ausschreitungen gegenüber der Zivilbevölkerung, wie Plünderungen, Verstümmelungen, Mord und auch Vergewaltigungen, wurden den Soldaten der russischen Armee in Ostpreußen, Galizien und der Bukowina angelastet sowie Angehörigen der Österreich-ungarischen Armee in Serbien und Bosnien. Bezüglich dieser Berichte weisen Hörne und Kramer aber darauf hin, dass bei vielen dieser Vorwürfe der entsprechende Nachweis auf wackligen Beinen stand.103 Als mögliche Ursache für die Übergriffe in Frankreich benennen sie die Angst vor Angriffen der so genannten „Franktireure", die sich bei den deutschen Soldaten zu einer regelrechten Phobie ausgeweitet habe, so dass bereits harmlose Begebenheiten zu Gewalttaten gegen französische Zivilisten führten.104 Anhand der bisherigen Untersuchungen scheint die Annahme berechtigt, dass es vor allem zu Beginn des Krieges zu Sexualverbrechen in größerem Umfang kam, diese jedoch nicht das Ausmaß erreichten, das die Presse und die Propaganda zu dieser Zeit suggerierten. Denn zu den Mitteln der Einschüchterung der gegnerischen Bevölkerung zählten in erster Linie das rücksichtslose Erschießen von angeblichen „Heckenschützen" und die Praxis der Kollektivhaftung, nicht jedoch in erster Linie sexuelle Gewalt. Die Vergewaltigungen - propagandistisch überzeichnet - zogen aber erstmalig in einem Krieg in hohem Maße die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Sexuelle Gewaltverbrechen während des japanischen Krieges in Ostasien 1937 bis 1945 Zwischen 1931, als das japanische Militär in die Mandschurei einrückte, und 1945, dem Jahr der bedingungslosen Kapitulation Japans, verübten japanische Soldaten unzählige Verbrechen an gegnerischen Soldaten, Kriegsgefangenen und insbesondere auch an der Zivilbevölkerung der angegriffenen Länder.105 Neben medizinischen und bakteriellen Versuchen an Menschen, Bombardierungen, Plünderungen und Ermordungen spielten auch Sexualverbrechen eine bedeutende Rolle - die Vorfälle bei der Einnahme der chinesischen Haupt102 103 104 105 Ebd., S. 71, 196-202,232. Ebd., S. 79-86, Zitat S. 79; John FIorne/Alan Kramer, War Between Soldiers and Encmy Civilians, 1914-1915, in: Chickering/Förster (Hg.), Great War, Total War, S. 153-168. John Horne/Alan Kramer, German "Atrocities" and Franco-German Opinion, 1914: The Evidence of German Soldiers' Diaries, in: The Journal of Modern History 66 (1994) 1, S. 1-33. Siehe auch Barbara Tuchmann, August 1914, Frankfurt/Main 1990, S. 184f., 242f., 332-334. Zur „Franktireurpsychose" Lothar Wieland, Belgien 1914. Die Frage des belgischen Franktireurkrieges und die deutsche öffentliche Meinung, Frankfurt/Main 1984, S. 10-31. Vgl. auch Alan Kramer, „Greueltaten". Zum Problem der deutschen Kriegsverbrechen in Belgien und Frankreich 1914, in: Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumcich/Inna Renz (Hg.), Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch... Erlebnis und Wirkung des Firsten Weltkrieges, Essen 1993, S. 85-114. Yuji Ishida, Der „totale Krieg" und die Verbrechen des japanischen Militärs 1931 -1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), S. 430-444, v.a. S. 436-444; ders., Die japanischen Kriegsverbrechen in China 1931-1945, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 327-342.
2. Ein historischer Überblick 45 Stadt Nanking im Dezember 1937 sind daher auch als „Rape of Nanjing" 106 publik geworden. Die westliche Öffentlichkeit war vor allem über die Vergewaltigungen von 20.000 bis 80.000 chinesischen Frauen und Mädchen durch die einrückenden japanischen Soldaten schockiert. Die große Zahlendiskrepanz weist bereits darauf hin, dass auch in diesem Fall konkrete Einschätzungen des Ausmaßes problematisch und bis heute umstritten sind.107 Dennoch sind dank der Berichte von Augenzeugen sowie der Vernehmungen vor dem Kriegsverbrechertribunal von Tokio 108 und der seit den 1980er Jahren intensiveren Beschäftigung mit diesem Geschehen die ungefähren Abläufe bekannt. 109 Häufig endete die sexuelle Gewalttat mit der Ermordung oder Verstümmelung des Opfers. Es sollten offenbar keine Zeuginnen überleben, da Vergewaltigungen offiziell verboten waren. 110 Uwe Makino geht bei seiner Frage nach dem „systematischen Charakter" der Verbrechen davon aus, dass diese aufgrund einer „mehr oder weniger deutlich signalisierten Straffreiheit" stattfanden, zumal bei diesen Taten auch Offiziere anwesend waren, die sich entweder selbst an den Verbrechen beteiligten oder nicht einschritten und ihre Männer gewähren ließen. Auch die Tatsache, dass die Militärpolizei in Nanking nicht gesichtet wurde, unterstützt diese Vermutung. Während die Massenexekutionen angeordnet gewesen seien, sieht Makino die Vergewaltigungen als individuelle Ausschreitungen der japanischen Soldaten an.111 Dies wird durch die Zeugenaussagen und Erinnerungen von Soldaten durchaus bestätigt. Ähnlich verhielt es sich auch am Ende des Krieges, als japanische Soldaten in Manila gegen die ameri106 Die sprachliche Eingrenzung auf die Stadt Nanking ist nicht ganz korrekt, da bereits im Vorfeld der Einnahme ähnliche Verbrechen durch das japanische Militär begangen wurden. Die Ereignisse in Nanking und Umgebung stellten jedoch eindeutig den schrecklichen Höhepunkt dar. Uwe Makino, Terrorgenozid Nanking 1937/38. Zum systematischen Charakter der japanischen Verbrechen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 48 (2000), S. 525-540, hier S. 527. Der Aufsatz liegt auch in gekürzter Fassung vor: ders., Terror als Eroberungsund FIcrrschaftstechnik. Zu den japanischen Verbrechen in Nanking 1937/38, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ucberschär (Hg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 343-355. 107 Katsuichi Honda, The Nanjing Massacrc. A Japanese Journalist Confronts Japan's National Shame, hg. von Frank Gibney, Armonk, N.Y., 1999, S. xi-xiv. Das Buch enthält eine Vielzahl von Interviews mit Augenzeugen und Überlebenden sowie Erinnerungen von japanischen Soldaten oder militärinterne Schreiben, in denen das brutale Vorgehen der Armee detailliert geschildert wird. Die traditionelle japanische Schreibweise nennt den Nachnamen zuerst. In dieser Arbeit habe ich jedoch zugunsten der Einheitlichkeit die europäische Schreibweise angewandt, den Vornamen also vorangestellt. 108 Bekannt sind vor allem die Aufzeichnungen von John Rabe: Erwin Wickert, John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking, Stuttgart 1997; zum Tribunal siehe Kapitel 3. 109 Es existieren auch Berichte von beteiligten japanischen Soldaten, die nach dem Krieg mit den begangenen Verbrechen prahlten. Honda, Nanjing Massacre, S. 119-122. 110 Iris Chang, The Rapcof Nanking. The Forgotten Holocaust of World War II, New York 1997, S. 49f., 89-99. Yuki Tanaka, Hidden Horrors. Japanese War Crimes in World War II, Boulder, Col., 2 1996, S. 219, Anm. 17; Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 62-67; zwei besonders eindrückliche Beschreibungen solcher Massaker bei Honda, Nanjing Massacre, S. 154-161, zum Verbot ebd., S. 121. 1 '' Makino, Terrorgenozid Nanking, S. 532-537, Zitat S. 532.
46 I. Sexuelle Gewalt im Krieg kanische Armee kämpften und offenbar im Bewusstsein der kommenden Niederlage nicht nur die Stadt weitgehend zerstörten, sondern auch zahlreiche Filipinas vergewaltigten.112 Als Erklärungsgrund für diese Ausbrüche von Gewalt werden die brutalen Ausbildungsmethoden der japanischen Armee angeführt, die ein derartiges Verhalten geradezu provoziert hätten. Zudem hat Yoshiaki Yoshimi anhand militärischer Quellen herausgearbeitet, dass die Mehrheit der militärischen Disziplinarvorgesetzten bei Sexualverbrechen nicht einschritt und in den wenigen Fällen, in denen ein Gerichtsverfahren stattfand, die Strafen niedrig ausfielen.113 Darüber hinaus gestand die militärische Führung den Soldaten ein Recht auf Geschlechtsverkehr zu und suggerierte ihnen durch ein gut organisiertes Bordellsystem, Frauen seien ein jederzeit verfügbares „Objekt". 114 Seit Anfang der 1990er Jahre hat dieses militäreigene Bordellwesen zunächst das öffentliche japanische und dann auch das internationale Interesse geweckt. Damals brachen die euphemistisch als „Comfort Women" bezeichneten ehemaligen Prostituierten erstmals ihr Schweigen und forderten eine Entschädigung für die Jahre im Dienste der japanischen Armee sowie eine offizielle Entschuldigung durch die Regierung. 115 Bereits 1932 waren die ersten militäreigenen Bordelle in der Mandschurei und in Shanghai eingerichtet worden, vor allem um venerische Erkrankungen einzudämmen und den Soldaten eine Ablenkung vom Frontalltag zu bieten. Der forcierte Ausbau des „Comfort Women"-Systems nach 1937 hing jedoch auch mit den zahlreichen Sexualverbrechen in Nanking zusammen. 116 Betroffen vom System der japanischen Militärbordelle waren nach Schätzungen zwischen 80.000 und 200.000 Frauen. Etwa 80% der Frauen stammten aus Korea, die übrigen aus Taiwan, China, den Philippinen, Indonesien und Vietnam. Bei der sexuellen Ausbeutung dieser Frauen spielte Rassismus eine wesentliche Rolle, denn die Mehrheit von ihnen wurde nach der Eroberung und Besetzung ihrer südostasiatischen Heimatländer gegen ihren Willen von der japanischen Armee verschleppt und musste unter massivsten Gewaltandrohungen in den Bordellen 112 113 114 113 116 Gerhard L. Weinberg, A World at Arms. A Global History of World War II, Cambridge 1994, S. 860-863. Zu den Ereignissen in Nanking und Manila siehe auch Sandra Hüberli, Vergewaltigungen in Kriegen am Beispiel der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg, Liz.Phil.hist., Universität Bern, 2001. Yoshiaki Yoshimi, Comfort Women. Sexual Slavery in the Japanese Military during World War II, New York 2000, S. 66-68. Sayoko Yoneda, Sexual and Racial Discrimination. A Historical Inquiry into the Japanese Military's "Comfort" Women System of Enforced Prostitution, in: Ruth Roach Pierson/Nupur Chaudhuri (Hg.), Nation, Empire, Colony. Historicizing Gender and Race, Bloomington, Ind., 1998, S. 237-250, hier S. 244f. Ein ziemlich abstrus anmutender Versuch, die Verbrechen auf die Kindheitserfahrungen der japanischen Soldaten zurückzuführen, findet sich bei Stanley Rosenman, The Spawning Grounds of the Japanese Rapists of Nanking, in: The Journal of Psychohistory 28 (2000) 1, S. 2-23. Die japanische Bezeichnung lautet „jugun ianfu" und bedeutet in etwa „Trostfrau". George Hicks, The Comfort Women. Japan's Brutal Regime of Enforced Prostitution in the Second World War, New York 1995, S. 7; Yoshimi, Comfort Women, S. 23. Ustinia Dolgopol/Snehal Paranjape, Comfort Women - a n unfinished ordeal. Report of a Mission, Genf 1994, S. 11. Siehe auch Yoshimi, Comfort Women, S. 43-49.
2. Ein historischer Überblick 47 Dienst tun. In einigen Fällen gerieten auch australische, holländische und britische Frauen als Sanitätshelferinnen der alliierten Streitkräfte in die Hände der Japaner. Sie wurden meist als Prostituierte für Offiziere in „comfort houses" gebracht. 117 Die Zusammenarbeit der Militärs mit Regierungsstellen wie dem Außenministerium beweist, dass es sich hier um eine Form von sexueller Gewalt handelt, die von höchster Stelle autorisiert, organisiert und institutionalisiert war.118 Die Zwangsrekrutierung von Frauen für Militärbordelle muss deshalb auch im Zusammenhang mit den Sexualverbrechen in Nanking oder Manila gesehen werden, auch wenn es sich hier um zwei unterschiedliche Tatbestände handelt. Die Niederlage der japanischen Armee und die Besetzung großer Teile Japans durch die amerikanischen Truppen bedeuteten noch nicht das Ende des Systems der „Comfort Women". Es wurde einfach den veränderten Bedürfnissen angepasst: Um Vergewaltigungen japanischer Frauen durch U.S.-Soldaten sowie der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten vorzubeugen, wurde von der japanischen Regierung die „Recreation and Amüsement Association" (RAA) gegründet. Gegen Ende 1945 arbeiteten bereits 20.000, hauptsächlich professionelle, japanische Prostituierte in Bordellen und Nachtclubs für die Besatzungstruppen - zu Spitzenzeiten waren es sogar an die 70.000. Um diese Größenordnung gewährleisten zu können, wurden von der RAA schließlich auch japanische Frauen und Mädchen gegen ihren Willen in Bordelle gebracht. Genaue Zahlen über Zwangsprostituierte liegen nicht vor - fest steht jedoch, dass es sich auch hier um die Ausübung von sexueller Gewalt gehandelt hat. Wie schon bei den japanischen Soldaten konnte die Einrichtung der Bordelle für die Besatzungssoldaten Übergriffe auf einheimische Frauen nicht verhindern, da die Begehung solcher Taten nicht rein sexuell motiviert ist.119 Die Sexualverbrechen japanischer Soldaten während des Zweiten Weltkrieges können nicht mit dem System der „Comfort Women" gleichgesetzt werden. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass es in Kriegen zu verschiedenen Arten von sexueller Gewalt kommen kann und dass institutionalisierte Formen, wie sie die „comfort houses" darstellten, in die Analyse solcher Ereignisse mit einbezogen werden müssen. Das japanische Beispiel ist für eine historische 117 118 119 Tanaka, Hidden Horrors, S. 81-92. Einen solchen Fall beschreibt Tanaka anhand der Ereignisse auf Banka Island, die später von der einzigen Überlebenden, einer australischen Krankenschwester, berichtet wurden. Yoshimi geht bei seinen Schätzungen von einer Mindestanzahl von 50.000 und einer Höchstzahl von 200.000 betroffenen Frauen aus. So genannte „comfort stations" gab es in China, Hongkong, Französisch-Indochina, auf den Philippinen, in Malaysia, Singapur, Britisch-Borneo, Niederländisch-Ostindien, Burma, Thailand, Neu-Guinea, Okinawa und auf weiteren Inseln im Pazifischen Ozean. Yoshimi, Comfort Women, S. 29, 91-93. Tanaka, Hidden Horrors, S. 92-100; Yoneda, Discrimination, S. 246-249; Hicks, Comfort Women, S. 44, 57-65; Yoshimi, Comfort Women, S. 65. Zur Frage der Entschädigungen, einem bislang einmaligen Fall, siehe: Won Soon Park, Japanese Reparations Policies and the "Comfort Women" Question, in: Positions. East Asia Cultures Critique 5 (1997), S. 107-134. Tanaka, Hidden Horrors, S. 103-105; Hicks, Comfort Women, S. 158-162; Yoshimi, Comfort Women, S. 179-184.
48 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Aufarbeitung von großer Bedeutung, da in diesem Fall eindeutiges Quellenmaterial vorliegt, das die direkte Verantwortlichkeit des Militärs sowie zentraler Stellen in der Regierung für die zwangsweise sexuelle Ausbeutung von Frauen während eines Krieges und zu militärischen Zwecken dokumentiert. Die Berichte über die Vorfälle in Nanking und Manila weisen zudem darauf hin, dass Sexualverbrechen geduldet wurden und militärische Vorgesetzte nicht einschritten, um sie zu unterbinden. Auch auf dem europäischen Kriegsschauplatz kam es gegen Ende des Krieges zu Vergewaltigungen in hohem Ausmaß, wieder offenbar mit Duldung durch die militärische Führung und wieder stand eine Hauptstadt dabei im Mittelpunkt. Sexuelle Gewalt in Deutschland bei Kriegsende 1945 Bereits lange vor dem Vorrücken der Roten Armee an die Grenzen des Deutschen Reiches arbeitete das Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels gezielt darauf hin, der deutschen Bevölkerung die kommenden Schrecken zu verdeutlichen. In den Wochenschauen und in der Presse wurde das Bild von russischen „Untermenschen" gezeichnet, die nur darauf aus seien, deutsche Frauen und Mädchen zu vergewaltigen. Eine Bewohnerin Berlins erinnerte sich: „Vier Jahre lang hat uns Goebbels erzählt, daß uns die Russen vergewaltigen würden. Daß sie schänden und plündern, morden und brandschatzen." 120 Die nationalsozialistische Führung griff zu diesem Mittel, um einerseits den Widerstandswillen der Heimatfront zu stärken, zum anderen aber auch, um die Gegenwehr der zurückweichenden deutschen Truppen an der Ostfront zu mobilisieren.121 So erging am 15. April 1945 ein Befehl Hitlers an die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen, in dem er die drohende Gefahr mit drastischen Worten schilderte: „Zum letzten Mal ist der jüdisch-bolschewistische Todfeind mit seinen Massen zum Angriff angetreten. Er versucht Deutschland zu z e r t r ü m m e r n und unser Volk Ruth Andreas-Friedrich, Schauplatz Berlin. Tagebuchaufzeichnungen 1945 bis 1948, Frankfurt/Main 1984, S. 22; Regina Mühlhäuser, Massenvcrgewaltigungen in Berlin 1945 im Gedächtnis betroffener Frauen. Zur Verwobenheit von nationalistischen, rassistischen und geschlechtsspezifischen Diskursen, in: Veronika Acgerter u.a. (Hg.), Geschlecht hat Methode. Ansätze und Perspektiven in der Frauen- und Geschlechtergeschichte. Beiträge der 9. Schweizerischen Historikerinnentagung 1998, Zürich 1999, S. 235-246, hier S. 237f. Auch in der ungarischen Propaganda erschien der sowjetische Soldat als potentieller Vergewaltiger: Andrea Petö, Stimmen des Schweigens. Erinnerungen an Vergewaltigungen in den Hauptstädten des „ersten Opfers" (Wien) und des „letzten Verbündeten" Hitlers (Budapest) 1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), S. 892-913, S. 905; dies., Memory and the Narrative of Rape in Budapest and Vienna in 1945, in: Richard Bessel/Dirk Schumann (Hg.), Life after Death. Approaches toaCultural and Social History of Europe During the 1940s and 1950s, Cambridge 2003, S. 129-148, S. 143. Vgl. Heinz Boberach (Hg.), Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945, 17 Bde., Herrsching 1984, Bd. 17: 4. Mai 44 - März 45, Bericht aus Akten der Geschäftsführenden Reichsregierung Dönitz von Ende März 1945, S. 6734-6740, Zitat S. 6739.
2. Ein historischer Überblick 49 auszurotten. Ihr Soldaten aus dem Osten wißt zu einem hohen Teil bereits selbst, welches Schicksal vor allem den deutschen Frauen, Mädchen und Kindern droht. Während die alten Männer und Kinder ermordet werden, werden Frauen und Mädchen zu Kasernenhuren erniedrigt. Der Rest marschiert nach Sibirien."122 Es entstand eine „Vergewaltigungserwartung", die sich auf verschiedene Gruppen von Soldaten bezog und die letztlich auch nach 1945 die Erinnerungen an das Kriegsende und die Besatzungszeit prägte. Während im Westen Deutschlands der „Neger" als bedrohlich galt, konzentrierte sich im Osten die Angst auf den „Mongolen". Die spätere Erfahrung mit sexueller Gewalt wurde also „vorstrukturiert". 123 Dies lässt sich auch an der nach dem Krieg vom Bundesministerium für Vertriebene herausgegebenen Sammlung über die „Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa" ablesen. Diese Dokumentation setzt sich überwiegend aus Erlebnisberichten und aus Tagebüchern oder Privatbriefen zusammen und schildert die unterschiedlichen Erfahrungen von Deutschen während des Vorrückens der Roten Armee. 124 Kritisch anzumerken ist, dass diese Erzählungen in vielen Fällen erst einige Jahre nach dem tatsächlichen Geschehen niedergeschrieben oder zu Protokoll gegeben wurden und die Herausgeber deren Wahrheitsgehalt nicht immer durch den direkten Vergleich mit anderen Berichten überprüfen konnten. 125 Dementsprechend vorsichtig ist diese Sammlung heranzuziehen, zumal die Interpretation durch die Bearbeiter noch sehr stark von ideologischen Vorgaben aus der Zeit des Dritten Reiches geprägt war. Doch auch Norman Naimark, der für sein Buch über die sowjetische Besatzungszone umfangreiches deutsches und vor allem auch sowjetisches Archivmaterial ausgewertet hat, kommt zu dem Schluss, die Angaben über sexuelle Gewalt in Ostpreußen seien „viel zu zahlreich, als daß man sie als isolierte Vorfälle betrachten könnte". 126 122 Walther Hubatsch (Hg.), Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939-1945. Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht, 2. erg. Aufl., Koblenz 1983, S. 310f., Dok. 75: Abschrift eines Führerbefehls vom 15. April 1945 an die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen. Die Veröffentlichung in der Tagespresse war verboten, der Befehl sollte aber jedem Soldaten an der Ostfront bekannt gegeben werden. Zitat S. 310f. 123 Grossmann, Question, S. 165-167; Lutz Niethammer, Privat-Wirtschaft. Erinnerungsfragmente einer anderen Umerziehung, in: ders. (Hg.), Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960, 3 Bde., Berlin 1983-1985, Bd. 2: „Hinterher merkt man, daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist." Nachkriegserfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin 1983, S. 17105, hier S. 22-34; Regina Mühlhäuser, Vergewaltigungen in Deutschland 1945. Nationaler Opferdiskurs und individuelles Erinnern betroffener Frauen, in: Klaus Naumann (Hg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 384-408, hier S. 394. 124 Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, hg. vom Bundesministcrium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, bearbeitet von Theodor Schieder u.a., 8 Bde., Bonn 1953-1961. Zu Entstehung und Wirkung dieser Dokumentation im Klima des Kalten Krieges und ihrer politischen Vernetzung siehe Mathias Beer, Die Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa. Hintergründe - Entstehung - Ergebnis - Wirkung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 2 (1999), S. 99-117. 123 Dokumentation der Vertreibung, Bd. 1/1, Bonn 1953, S. III. I2 '' Norman M. Naimark, Die Russen in Deutschland. Die sowjetische Besatzungszone 1945-1949, Berlin 1997, S. 96. Die Studie enthält ein ganzes Kapitel, das sich ausführlich und kritisch mit den Vergewaltigungen in der sowjetischen Besatzungszone beschäftigt. Ebd., S. 91-179.
30 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Neben Plünderungen und Mord ereigneten sich den Erzählungen zufolge fast immer kollektive Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen und dies unabhängig von deren Alter, Aussehen oder körperlichem Zustand. Auch Schwangere, Kranke und Mütter mit Neugeborenen oder Kleinkindern sollen das Ziel sexueller Gewalttaten gewesen sein, häufig fanden diese vor den Augen der Familienangehörigen oder anderer Zeugen statt.127 Die vielen Erlebnisberichte können nicht allein aufgrund ihrer Fülle als ausreichende Belege für die damaligen Geschehnisse herangezogen werden. Trotz gewisser Kritikpunkte lässt sich jedoch festhalten, dass in den deutschen Ostgebieten zahlreiche Übergriffe auf die dortige weibliche Bevölkerung erfolgten und es sich dabei „nicht etwa um Einzelfälle, sondern um ein Massenvergehen" handelte.128 Nach einer Schätzung des Statistikers Gerhard Reichling sollen 1,4 Millionen Frauen und Mädchen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten durch Soldaten der Roten Armee vergewaltigt worden und in der Folge mehr als 290.000 Kinder geboren worden sein. Da keinerlei Informationen dazu geliefert werden, wie diese Berechnung entstanden ist und auf welchen Grundlagen sie beruht, ist es sehr problematisch, sie heranzuziehen. 129 Als Erklärung für die Ausschreitungen wird überwiegend das Verhalten der Führungsspitze der Roten Armee angeführt, die bei Gewalttaten ihrer Soldaten gegenüber deutschen Zivilisten nicht eingeschritten sei und in den ersten Monaten derartige Übergriffe sogar ausdrücklich gebilligt habe. Zwar bestraften einzelne Kommandeure sexuelle Gewaltverbrechen mit dem Auspeitschen der Täter oder mit dem Tode, doch erst 1949 sei laut Naimark durch eine Direktive aus Moskau das Strafmaß für Vergewaltigungen grundsätzlich drastisch erhöht worden und damit ein erstes klares Signal an die sowjetischen Truppen in Deutschland ergangen, dass Übergriffe gegen deutsche Frauen hart bestraft werden konnten. 130 Noch ganz in der nationalsozialistischen Ideolo127 Die Erzählungen ähneln sich mehr oder weniger - dies ist zum einen ein Hinweis darauf, dass sich die Ereignisse tatsächlich an unterschiedlichen Orten in vergleichbarer Weise abspielten, zum anderen muss auch berücksichtigt werden, dass Jahre nach Kriegsende die Vergewaltigungserfahrung vennnerheht worden war und Erzählungen zum Teil auch stereotyp abliefen. Siehe die Schilderungen in Dokumentation der Vertreibung, Bd. 1 / l , S. 30,63, 100f., 198f., 470f., 475-479; Bd. 1/2: S. 160f., Dok. Nr. 198, S. 224-232, Erlebnisbericht einer Frau aus Bärwalde (Pommern), vom 15. Juli 1952; S. 302f., S. 448f. Weitere Berichte in: Vertreibung und Vertrcibungsverbrechen 1945-1948. Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974. Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte, hg. von der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen, Bonn 1989, Dok. 7, S. 196-198, Dok. 9, S. 203-205, Dok. 11, S. 208-212, Dok. 12, S. 212f. 128 Vertreibung und Vertreibungsverbrechen, S. 32f. Vgl. auch Lew Kopelew, Aufbewahren für alle Zeit!, München 21980, S. 13, 19, 50f., 102, 130; und Alexander Solschenizyn, Ostpreußische Nächte. Eine Dichtung in Versen, Darmstadt 1976 (Originalausgabe Paris 1974, vertasst 1950), S. 35, 43-55, 79-87. Allerdings ähneln sich einige Textpassagen in beiden Werken fast wörtlich. Es stellt sich hier die Frage, ob oder inwieweit der eine Autor beim anderen Beschreibungen übernommen hat. Kopelew, Aufbewahren, S. 106-109, 112f., und Solschenizyn, Nächte, S. 31, 41, 45-47. 129 Sander/Johr, BeFreier, S. 58-60. Siehe Abb. 8 und Abb. 9 auf S. 59f. Zur Kritik an der Vorgehensweise Grossmann, Question, S. 163f. Auch Naimark zieht diese Berechnungen heran, betont aber, dass genaue Angaben nicht möglich seien. Naimark, Russen, S. 169f. 130 Dokumentation der Vertreibung, S. 62 E; Bericht Nr. 15, S. 62-64, hier S. 63; Bericht Nr. 131, S. 478-480, 478f. Naimark, Russen, S. 20, 103, 124f.
2. Ein historischer Überblick 51 gie verhaftet sind dagegen die A r g u m e n t e , die die Bearbeiter der D o k u m e n tation der Vertreibung ihren Lesern für das Auftreten von sexueller Gewalt bieten. D a ähnliche rassistische Vorwürfe gerne aufgegriffen werden, um in Kriegen die Verbrechen des Gegners anzuklagen, sollen sie im vollen Wortlaut wiedergegeben werden: „Es läßt sich erkennen, daß hinter den Vergewaltigungen eine Verhaltensweise und Mentalität stand, die für europäische Begriffe fremd und abstoßend wirkt, und man wird sie teilweise auf jene, besonders in den asiatischen Gebieten Rußlands noch nachwirkenden Traditionen und Vorstellungen zurückführen müssen, nach denen die Frauen im gleichen Maße eine dem Sieger zustehende Beute sind, wie Schmuckstücke, Wertgegenstände und die Sachgüter in Wohnungen und Magazinen. Ohne eine solche unter den sowjetischen Truppen verbreitete Grundhaltung wären die Formen und die massenhaften Fälle von Vergewaltigungen nicht denkbar. Die Tatsache, daß sowjetische Soldaten asiatischer Herkunft sich dabei durch besondere Maßlosigkeit und Wildheit hervortaten, bestätigt, daß gewisse Züge asiatischer Mentalität wesentlich zu jenen Ausschreitungen beigetragen haben." 131 Bereits Brownmiller wies in diesem Z u s a m m e n h a n g darauf hin, dass Sexualverbrechen in Kriegen nicht A u s d r u c k von länderspezifischen Besonderheiten sind. 1 3 2 In der Erinnerung vieler Deutscher blieben jedoch vor allem die „mongolisch" aussehenden Russen haften u n d in den Erzählungen ist auffallend häufig von Soldaten die Rede, die Mongolen gewesen seien. 133 Auch in Wien u n d Budapest, w o es nach dem Einmarsch der Roten A r m e e ebenfalls zu zahlreichen sexuellen Gewalttaten kam, war der „asiatische Charakter, die rassische Fremdheit der sowjetischen Soldaten [...] der meistgenannte Faktor wie auch Gegenstand der Angst". 1 3 4 N e b e n diesen beiden Städten ist vor allem das Beispiel Berlin bekannt - einerseits aufgrund seiner quantitativen D i mension, andererseits wegen der vielen Selbstzeugnisse von Frauen. 1 3 5 Die Möglichkeiten, die sich durch diese historischen D o k u m e n t e ergeben, sind allerdings erst in den letzten Jahren in ihrer Bedeutung erkannt w o r d e n , da die sexuellen Übergriffe nach dem Krieg schon bald tabuisiert w u r d e n und eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse nicht stattfand. Auch in der sowjetischen Memoirenliteratur und Geschichtsschreibung w u r d e diese T h e m a tik weitgehend ausgeblendet. 1 3 6 131 132 133 134 135 136 Dokumentation der Vertreibung, S. 61 E. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 73-76; Niethammer, „Hinterher merkt man...", S. 28. Sander/Johr, BeFreier, S. 110; Naimark, Russen, S. 142t. Petö, Stimmen des Schweigens, S. 907. Aufgrund mangelnder Quellen sind für diese beiden Städte Zahlenangaben schwierig - in Budapest sollen zehn Prozent der Einwohnerinnen vergewaltigt worden sein. Dies., Memory, S. 132. Anonyma, Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, Frankfurt/Main 72003 (dt. Erstausgabe Genf 1959); Andreas-Friedrich, Berlin; Margret Boveri, Tage des Überlebens: Berlin 1945, München 41985; Agnes-Marie Grisebach, Eine Frau Jahrgang 13. Roman einer unfreiwilligen Emanzipation, Stuttgart 21988. Hsu-MingTeo, The Continuum of Sexual Violence in Occupied Germany, 1945-1949, in: Women's History Review 5 (1996), S. 191 -218, hier S. 21 lf.; Mühlhäuser, Vergewaltigungen, S. 390; Naimark, Russen, S. 111.
52 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Umstritten ist bis heute, wie viele Frauen in den ersten Monaten nach dem Fall Berlins vergewaltigt wurden. Bei Cornelius Ryan schwanken die Angaben von 20.000 bis zu 100.000 Frauen, errechnet anhand der Befragung von Berliner Ärzten, die mit den Frauen aufgrund von Schwangerschaften, Abtreibungen und der Behandlung von Geschlechtskrankheiten in Kontakt standen.137 Den Berechnungen der Filmemacherin Heike Sander und der Historikerin Barbara Johr zufolge sollen mehr als 110.000 Berlinerinnen vor allem im April, Mai und Juni 1945 vergewaltigt worden sein und von den dabei gezeugten 11.000 Kindern seien mehr als 1.100 geboren.138 Auch wenn diese Hochrechnungen problematisch sind und die einzelnen Zahlenangaben differieren, verdeutlichen sie, dass sexuelle Übergriffe in einem erheblichen Ausmaß vorkamen. Sie traten in den ersten Monaten nach dem Einmarsch am häufigsten auf, doch auch in der Zeit der sowjetischen Besatzung gab es noch derart viele Vorkommnisse, dass sowjetische Politoffiziere darüber berichteten. Nicht nur im Großraum Berlin, sondern in vielen ostdeutschen Städten zeigten sich laut Naimark noch in den Jahren 1946 und 1947 regelrechte Ausbrüche von sexueller Gewalt durch russische Besatzungssoldaten.139 Die aus Vergewaltigungen entstandenen Schwangerschaften konnten im Rahmen einer für kurze Zeit geänderten Abtreibungspraxis abgebrochen werden. Nach einem geheimen Erlass von Leonardo Conti, dem Reichsgesundheitsführer und Verantwortlichen für das Gesundheitswesen im Reichsinnenministerium, konnte seit September 1940 neben der „ethischen" Indikation eine Abtreibung auch aus „rassischen" Gründen erfolgen. Laut Gisela Bock wurde dieser Erlass seit Ende Februar 1945 wieder in den Ostgebieten des Deutschen Reiches herangezogen, um Schwangerschaftsabbrüche nach Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten zu genehmigen. Handelte es sich bei den Tätern um Angehörige der westalliierten Armeen wurde die Abtreibung nur dann erlaubt, wenn die Schwangerschaft oder die Geburt Lebensgefahr für die Frau bedeuteten. Ein Erlass des Reichsinnenministeriums vom 14. März 1945 sollte eine möglichst unbürokratische Handhabung der 137 138 139 Cornelius Ryan, Der letzte Kampf, München 1966, S. 419. Etwas niedriger sind die Angaben bei Erich Kuby, der von einigen zehntausend Fällen spricht. Erich Kuby, Die Russen in Berlin 1945, München 1965, S. 309. Ingrid Schmidt-Harzbach, Eine Woche im April. Berlin 1945. Vergewaltigung als Massenschicksal, in: Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 21-45, hier S. 26f., 32; Kuby, Russen, S. 131 f.; Sander/Johr, BeFreier, Filmteil 1, S. 48-57, besonders S. 54, Abb. 5: Hochrechnung anhand der Berliner Bevölkerungsstatistiken, S. 125-127. Als Grundlagen dienten Sander und Johr darüber hinaus Krankenakten der Berliner Charite und einer Kinderklinik. Die Schätzungen sind jedoch problematisch, unter anderem wurde das gebärfähige Alter entsprechend der Patientinnen der Charite auf 18 bis 45 Jahre eingegrenzt. Vgl. die Kritik von Gertrud Koch, Blut, Sperma, Tränen. BeFreier und Befreite - ein Dokumentarfilm von Heike Sander, in: Frauen und Film 54/55 (1994), S. 3-14; Mirjam Rederlechner, Der objektive Faktor. Ein Film von Heike Sander, in: Susanne Kappcler/Mira Renka/Melanie Beyer (Hg.), Vergewaltigung. Krieg. Nationalismus. Eine feministische Kritik, München 1994, S. 64-73, hier S. 67-70. Norman M. Naimark, Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland und die Frage des Stalinismus. Veränderte Sichtweisen auf der Grundlage neuer Quellen aus russischen Archiven, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43 (1995), S. 293-307, hier S. 294-296; ders., Russen, S. 108-116.
2. Ein historischer Überblick 53 Abbruche sicherstellen, damit keine „Russenkinder" geboren würden - diese Vorgabe wurde sowohl in den sowjetisch als auch in den von den Westalliierten besetzten Gebieten in der ersten Zeit nach Kriegsende befolgt.140 Zwar spielte dabei wohl ein gewisses Verständnis für die Situation der Frauen eine Rolle, im Mittelpunkt stand jedoch die verinnerlichte nationalsozialistische Rassenideologie, die eindeutig über das Ende des Systems hinaus wirkte. 141 Bei der Beschäftigung mit dem Vorgehen der Roten Armee in Deutschland gilt es noch einen weiteren Aspekt zu berücksichtigen. Die in einigen Analysen zu Kriegsvergewaltigungen vertretenen Thesen 142 , eine rein männlich aufgebaute Armee begünstige das Auftreten von sexueller Gewalt, beziehungsweise die Anwesenheit weiblicher Soldaten könne diese eindämmen, sind im Hinblick auf die Verhältnisse bei der Roten Armee nicht haltbar. Fast eine Million Frauen diente in der Roten Armee und bei den Partisanen während des Zweiten Weltkriegs, etwa die Hälfte von ihnen war an der Front im Einsatz. 143 Dabei arbeiteten die Frauen eng mit ihren männlichen Kameraden zusammen. Dennoch konnte ihre Präsenz Ausbrüche von sexueller Gewalt beim Vormarsch und dann später in Berlin nicht verhindern. 144 Es lassen sich also auch in Bezug auf Frauen in Armeen keine allgemein gültigen Regeln aufstellen, vielmehr zeigt dieses Beispiel, dass sexuelle Gewalt immer am konkreten Fall untersucht werden muss. Im Gegensatz zu den doch relativ gut dokumentierten Ereignissen in Berlin bei Kriegsende sind sowohl die Situation in anderen Städten wie auch sexuelle Straftaten durch Soldaten der westalliierten Armee weitgehend unerforscht. Sander und Johr haben in ihrer Arbeit darauf hingewiesen, dass zu Übergriffen britischer Soldaten so gut wie kein Material existiert, während über die Verhältnisse unter französischer Besatzung zumindest einige Berichte von Ärzten oder Mitarbeitern des Gesundheitswesens vorliegen. Dem140 ,41 142 143 144 In Wien galt ebenfalls noch der Paragraph 144 zur „Reinhaltung der Rasse", der bei einer durch einen Slawen verursachten Schwangerschaft die Abtreibung vorsah. Petö, Stimmen des Schweigens, S. 897. Kuby, Russen, S. 317f.; Gisela Bock, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik, Opladen 1986, S. 437f.; Kirsten Poutrus, Von den Massenvergewaltigungen zum Mutterschutzgesetz. Abtreibungspolitik und Abtreibungspraxis in Ostdeutschland, 1945-1950, in: Richard Bcssel/Ralph Jessen (Hg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996, S. 170-198, v.a. S. 179-184. Wie Atina Grossmann betont, waren hier noch sozialhygienische und sexualrcformensche Diskurse aus der Weimarer Zeit maßgebend. Atina Grossmann, Reforming Sex. The German Movement for Birth Control and Abortion Reform, 1920-1950, New York 1995, S. 193-197; Kirsten Poutrus, „Ein Staat, der seine Kinder nicht ernähren kann, hat nicht das Recht, ihre Geburt zu fordern." Abtreibung in der Nachkriegszeit 1945 bis 1950, in: Gisela Staupe/Lisa Vieth (Hg.), Unter anderen Umständen. Zur Geschichte der Abtreibung. Eine Publikation des Deutschen HygieneMuseums, Dresden 1996, S. 73-85. Siehe die Ausführungen zu Seifert und Brownmiller im Kap. I, 1. Reina Pennington, Offensive Women: Women in Combat in the Red Army, in: Paul Addison/Angus Calder (Hg.), Time to Kill. The Soldier's F.xperience of War in the West 1939-1945, London 1997, S. 249-262, hier S. 249-252. Den Hinweis auf diesen Aufsatz verdanke ich Frank Lenggenhager. Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 114-137.
54 I. Sexuelle Gewalt im Krieg nach soll es in Städten wie Freudenstadt, Pforzheim oder Stuttgart in mehreren hundert Fällen zu sexuellen Gewalttaten gekommen sein. Auffällig an diesen Berichten ist, dass ähnlich wie in Berlin den „Mongolen" diese Übergriffe häufig den marokkanischen Einheiten in der französischen Armee zugeschrieben wurden, obwohl sich manchmal diese Truppenteile nachweislich nicht in der betreffenden Region aufgehalten hatten. Rassische Stereotype und durch jahrelange Propaganda bereits verinnerlichte Vorurteile entfalteten auch hier ihre Wirkung über das Ende des Dritten Reiches hinaus.145 Bezüglich der amerikanischen Soldaten stützen sich die meisten Darstellungen auf die Untersuchungen von Brownmiller, die für ihre Arbeit die Akten der Militärgerichte für die Zeit von 1942 bis 1947 einsehen konnte und eine bedeutende Zunahme von „Notzuchtdelikten" vor allem von Juli 1945 bis Juni 1946 feststellte. Vergewaltigung zählte damals zu den Kapitalverbrechen, die mit dem Tode bestraft werden konnten: Von den insgesamt 971 wegen „Notzucht" verurteilten Soldaten wurden 52 hingerichtet. In den anderen Fällen bleibt das Strafmaß im Dunkeln. 146 Weitere Indizien für sexuelle Übergriffe könnten die gehäuft auftretenden Geschlechtskrankheiten sowie die Geburten der so genannten „Besatzungskinder" darstellen. So stiegen die Fälle von Syphilis, Gonorrhöe und anderer sexuell übertragbarer Infektionen zwischen 1944 und 1945 um 20% an.147 Und einer Studie von 1960 zufolge stammten im Jahr 1955 von insgesamt 66.730 Kindern mehr als 4.700 aus Beziehungen mit farbigen Soldaten der alliierten Besatzungstruppen. 148 Diese Zahlen sind jedoch letztlich eine viel zu schmale Ausgangsbasis, um das Thema Sexualverbrechen zu erhellen. Wie die Berichte betroffener Frauen aus Berlin zeigen, waren die Übergänge zwischen sexuellen Übergriffen und Selbstprostituierung aufgrund der zum Teil katastrophalen wirtschaftlichen Lage fließend.149 Dies galt vor allem für die Beziehungen zwischen deutschen Frauen und amerikanischen, aber auch britischen oder französischen Soldaten.150 Ohne hier auf die Geschichte der so genannten „Fräuleins" eingehen zu wollen, muss be145 146 147 148 149 150 Ebd., S. 61-65; Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 77-79; Kirsten Poutrus, Ein fixiertes Trauma - Massenvergewaltigungen bei Kriegsende in Berlin, in: Feministische Studien 13 (1995) 2, S. 120-129, hier S. 126. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 80-83, Tabelle S. 81. Vgl. auch Crcveld, Zukunft, S. 125. Sein Flinweis, in der Mehrheit der Fälle seien schwarze Soldaten die Täter gewesen, ist kritisch zu betrachten. Dieses Ergebnis könnte auch damit zusammenhängen, dass diese Männer eher vor Gericht gestellt wurden. Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 64, Abb. 12 u. 13. Klaus Eyferth/Ursula Brandt/Woltgang Hawel, F'arbige Kinder in Deutschland. Die Situation der Mischlingskinder und die Aufgaben ihrer Eingliederung, München 1960, S. 11-14; Naimark, Russen, S. 159. Zum Begriff „Mischlingskinder" siehe Heide Fehrenbach, „Ami-Liebchen" und „Mischlingskinder". Rasse, Geschlecht und Kultur in der deutsch-amerikanischen Begegnung, in: Klaus Naumann (Hg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 178-205, hierS. 181f. Vgl. Anonyma, Frau, S. 130-132. Harold Zink, The United States in Germany 1944-1955, Princeton, N.J., 1957, S. 137f. Zink schätzte die Zahl von Vergewaltigungen durch amerikanische Soldaten gering ein und sah einen Grund dafür in der Bereitschaft deutscher Frauen, freiwillig Beziehungen zu Amerikanern einzugehen.
2. Ein historischer Überblick 55 tont werden, dass gerade zu Zeiten der Besatzung Grauzonen zwischen physischer und struktureller Gewalt existieren und selbstverständlich auch Liebesbeziehungen entstehen können. 151 Sexuelle Gewalt während des Vietnamkrieges Für viele ist der Vietnamkrieg untrennbar mit dem berüchtigten Massaker von My Lai verbunden, wenn es um die Verbrechen an der vietnamesischen Zivilbevölkerung geht. Dieses Massaker, bei dem die „Americal-Division" am 16. März 1968152 zwischen 200 und 500 vietnamesische Zivilisten, überwiegend alte Menschen, Frauen und Kinder ermordete, steht auch für das Auftreten von sexueller Gewalt in diesem Konflikt. Das Platoon von Leutnant William Calley 153 vergewaltigte einige der Dorfbewohnerinnen, erschoss sie anschließend ebenso wie deren Familienangehörige und verbrannte die Hütten. Einige der vergewaltigten Frauen wurden verstümmelt oder vor ihrer Ermordung noch sadistisch gequält. Zum Teil beteiligten sich mehrere Männer an diesen Gewalttaten, während andere dabei zusahen und nicht eingriffen. Berichten zufolge waren Sexualverbrechen in der „Charlie Company", zu dem das Platoon von Calley gehörte, an der Tagesordnung und wurden auch nicht disziplinarisch oder gerichtlich verfolgt. Die Übergriffe gegen Zivilisten wurden von den Kommandeuren toleriert, so dass die Soldaten, ohne einen direkten Mordbefehl erhalten zu haben, davon ausgehen konnten, eine „licence to kill" und in diesem Falle auch eine „licence to rape" zu besitzen.154 Für die Kombination aus beidem existiert der Begriff „double veteraning": Eine Gruppe von Soldaten, zumeist Angehörige der Spezialeinheiten oder der Infantcricpatrouillen, vergewaltigte vietnamesische Frauen und tötete sie danach, um keine unliebsamen Zeuginnen zu haben. Überdies war die Ermordung von gegnerischen Zivilisten bereits zur alltäglichen Routine geworden. 155 Ein ähnliches Vorgehen bei anderen Einsätzen wird aus den Schilderungen ame- 131 132 133 134 133 Teo, Continuum, S. 191-193; Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 79f.; Annemarie Tröger, Between Rape and Prostitution. Survival Strategies and Chances of Emancipation for Berlin Women after World War II, in: Judith Friedlander/Blanche Wiesen Cook/Alice Kessler-Harris/Carol Smith-Rosenberg, Women in Culture and Politics. A Century of Change, Bloomington 1986, S. 97-117; Susanne zur Nieden, Geschichten vom „Fräulein", in: Feministische Studien 13 (1995) 2, S. 25-33; Fehrenbach, „Ami-Liebchen", S. 187. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 106-108, gibt fälschlicherweise den 16. Mai 1968 an. Nähere Informationen zu den einzelnen Platoon-Angehörigcn bei Michael Bilton/Kevin Sim, Four Hours in My Lai, New York 1993, S. 47-56. Zum Krieg allgemein: Marc Frey, Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, 5. durchges. Aufl., München 2000. Bilton/Sim, Mv Lai, S. 81f.; Bernd Greincr, „A Licence to Kill". Annäherungen an die Kriegsverbrechen von My Lai, in: Mittelweg 36, 6 (1998), S. 4-24, hier S. 11-17. Michael Hochgeschwender, „Mired in Stalemate": Zur Geschichte vietnamesischer und amerikanischer Kinder und Jugendlicher im Vietnamkrieg (1964-1975), in: Dittmar Dahlmann (Hg.), Kinder und Jugendliche in Krieg und Revolution. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den Kindersoldaten Afrikas, Paderborn 2000, S. 169-202, hier S. 186.
56 I. Sexuelle Gewalt im Krieg rikanischer Vietnam-Veteranen ersichtlich.' 56 „Rape, torture and murder were frequently reported", hat dementsprechend Joanna Bourke in ihren Ausführungen über Kriegsverbrechen in Vietnam festgestellt.157 Sie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Vietnam-Veteranen grundsätzlich eher bereit waren, über Kriegsverbrechen zu berichten und diese einzugestehen, als dies noch bei der Kriegsgeneration des Zweiten Weltkrieges der Fall gewesen sei. Zudem hätten die Kriegsziele der amerikanischen Regierung und die zunehmende Ablehnung des Einsatzes durch die Bevölkerung zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Art der Kriegführung in Vietnam geführt.158 Publik wurden die Vorfälle von My Lai unter anderem durch einen Prozess vor dem Militärgericht im Jahr 1970, bei dem der Zugführer Calley für das Verhalten seiner Einheit zur Verantwortung gezogen wurde. Bei der gerichtlichen Untersuchung wurden die Morde, Vergewaltigungen und tätlichen Angriffe anhand von Zeugenaussagen rekonstruiert. Calley wurde schließlich wegen der Ermordung von Zivilisten zunächst zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die in zehn Jahre Haftzeit umgewandelt wurde. Nach Verbüßung von einem Drittel seiner Strafe - größtenteils in Form von Hausarrest - kam er 1974 frei.159 Eine ähnliche Entwicklung schilderte auch der Journalist Daniel Lang anhand einer Gruppenvergewaltigung in Vietnam, die ebenfalls vor Militärgerichten verhandelt wurde, weil sich ein Soldat der Patrouille geweigert hatte, sich zu beteiligen und anschließend die Täter anzeigte. Auch hier wurden die anfangs hohen Strafen schließlich gemildert.160 Wie Brownmiller bei ihren Nachforschungen zum Vietnamkrieg festgestellt hat, sollen bei einer Höchsttruppenstärke von 543.000 Soldaten161 während des Krieges zwischen 1965 und 1973 insgesamt 36 Soldaten wegen Vergewaltigung angeklagt und 24 von ihnen verurteilt worden sein. Angesichts dieser niedrigen Zahl und der gleichzeitig umfangreichen Berichte über solche Ausschreitungen kommt sie zu dem Ergebnis, die Militärgerichte in Vietnam seien dieser Art von Delikten nicht sehr forciert nachgegangen.162 O b diese Nachlässigkeit allein im Falle von sexuellen Gewalttaten auftrat, muss bei ei136 Detaillierte Beschreibungen von Vergewaltigungen bei Bilton/Sim, My Lai, S. 128-132, 152f., und Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 106-113. 157 Joanna Bourke, An Intimate History of Killing. Facc-to-Facc Killing in Twenticth Century Warfare, London 2000, S. 179. 158 Ebd., S. 180f. 139 Bilton/Sim, My Lai, S. 315-357; Bourke, Intimate History, S. 171-175. 160 Daniel Lang, Casualties of War, London 1989. 161 Zehn Prozent aller Männer im einberufungsfähigen Alter, also 2,7 Millionen, kamen nach Vietnam. Von diesen wiederum war jeder Fünfte, insgesamt 540.000 Mann, direkt in Kampfhandlungen involviert. Hans Joas, Sprayed and Betrayed. Gewalterfahrung im Vietnamkrieg und ihre Folgen, in:ders./Wolfgang Knöbl (Hg.), Gewalt in den USA, Frankfurt/Main 1994,S. 330313, hier S. 30lf. "'2 Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 102f. Diese Angaben sind mit Vorsicht zu betrach:en, da Brownmiller als Quellen mündliche Telefonate mit einzelnen Militärangehörigen angibt. Gerade im Zusammenhang mit Zahlen und Statistiken wären schriftliche Materialien besser überprüfbar. Angesichts der geringen Verurteilungszahlen lässt sich jedoch vermuten, dass sich Jas Militär in diesem Fall auch nicht genauer in die Karten blicken lassen wollte.
2. Ein historischer Überblick 57 ner Gesamtzahl von nur 280 amerikanischen Soldaten, die wegen schwerwiegender Verbrechen an der vietnamesischen Zivilbevölkerung verurteilt wurden, doch stark bezweifelt werden. 163 Demgegenüber steht ein erheblich großer Prozentsatz von Soldaten, bei denen die Erlebnisse in Vietnam nicht ohne psychische Folgen blieben und die das erstmals 1979 als „Post-Traumatic Stress Disorder" (PTSD) 164 qualifizierte Krankheitsbild aufwiesen. Wie Untersuchungen über die unterschiedlichen Formen der Gewalterfahrung gezeigt haben, trat bei Soldaten, die Verbrechen an Kriegsgefangenen oder an Zivilisten selbst verübt oder als Augenzeugen erlebt hatten, eine höhere Quote an Traumatisierungen auf als bei Soldaten mit schweren Kampferfahrungen. Die beträchtliche Zahl an Veteranen, die am Posttraumatischen Stresssyndrom leiden und die demgegenüber geringe Anzahl von militärgerichtlichen Untersuchungen von Kriegsverbrechen lassen den Schluss zu, dass nur ein minimaler Teil der tatsächlich erfolgten Gewalttaten zur Anklage kam.165 Auch im Falle des Vietnamkrieges liegen keine konkreteren Angaben zum Ausmaß von sexueller Gewalt vor. Gerade das für Vietnam offensichtlich typische Vorgehen in kleinen Kampfeinheiten, die einen besonders strikten Kameradschaftskodex aufrechterhielten, erschwerte das Eingreifen und später auch die Meldung solcher Verbrechen durch Zeugen. So ist demnach bislang noch umstritten, ob Sexualdelikte durch amerikanische Soldaten im Vietnamkrieg häufiger vorkamen als zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg. Was ähnliche Übergriffe durch die vietnamesische Seite betrifft, so gibt es auch hier nur wenig Belege. Brownmiller zufolge kam es durch Soldaten der südvietnamesischen Armee häufiger zu solchen Verbrechen als durch Mitglieder des Vietcong. Vor allem die südvietnamesische Armee soll unter dem Vorwand der Suche nach Vietcongspitzeln bei Frauen sexuelle Folter angewandt haben.166 Neben der offensichtlich nachlässigen Strafverfolgung ist für das Beispiel Vietnamkrieg die brutale Art der Vorgehensweise, die sich in sexueller Folter und in Verstümmelungen zeigte, von Bedeutung. Ihre Ursache lag zu einem beträchtlichen Maß in der Einstellung der amerikanischen Soldaten gegenüber den Vietnamesen. Zahlreiche Äußerungen von Soldaten und später auch noch von Veteranen verweisen auf die mit rassischen Stereotypen versetzte Abneigung gegen die vietnamesische Bevölkerung, die sich zum radikalen Hass steigern konnte. 167 163 Hochgeschwender, „Mired in Stalemate", S. 187, Anm. 93. Über die Kriterien zur Erstellung der Diagnose PTSD siehe Jonathan Shay, Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust, Hamburg 1998, S. 224-246. 163 Hans-Joachim Schubert, Die Folgen des Vietnamkrieges für die USA. Hollywood und das posttraumatischc Streßsyndrom, in: Andreas Gestrich (Hg.), Gewalt im Krieg. Ausübung, Erfahrung und Verweigerung von Gewalt in Kriegen des 20. Jahrhunderts, Münster 1996, S. 174192, hier S. 184-187; Shay, Achill, S. 190. 166 Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 90-96; Hochgcschwendcr, „Mired in Stalemate", S. 184. "'7 Bourke, Intimate History, S. 204-208; Hochgeschwender, „Mired in Stalemate", S. 190-193; Greiner, „Licence to Kill", S. 10. 1M
58 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Sexuelle Gewalt während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien Die wissenschaftliche Beschäftigung mit sexueller Gewalt in Kriegen wurde, einmal abgesehen von Brownmillers Pionierarbeit, eigentlich erst durch den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien ausgelöst.168 Schon bald nach dem Beginn der militärischen Auseinandersetzungen berichteten zunächst amerikanische und dann auch europäische Medien wochen- und monatelang über „Massenvergewaltigungen", die serbische Männer in Bosnien-Herzegowina an bosnischen Frauen begehen würden. In diesem Zusammenhang wurde auch das politische Ziel der serbischen Führung, die so genannte „ethnische Säuberung", genauer in den Blick genommen. Die wesentliche Intention einer solchen Politik ist es, durch Terror und Erniedrigung eine bestimmte ethnisch einheitliche Gruppe so weit zu bringen, dass sie aus einem Gebiet flieht und dort dann nur noch die erwünschte Ethnie lebt. Bei der „ethnischen Säuberung" geht es vorrangig um die Vertreibung der diffamierten Gruppe und nicht um deren vollständige physische Zerstörung. 169 Um dieses Ziel zu erreichen, sollen Frauen des bosnischen, überwiegend muslimischen Bevölkerungsanteils gezielt sexuell misshandelt worden sein, um dadurch nicht ausschließlich die betroffenen Frauen zu terrorisieren, sondern auch ihre Angehörigen und damit die ganze Gruppe. 170 Darüber haben unzählige Medienbeiträge und Zeitungsartikel in den vergangenen Jahren detailliert und oftmals auch sehr voyeuristisch berichtet. Es ist daher zum einen eine Fülle an Informationsmaterial zu diesem speziellen Aspekt des Krieges vorhanden, zum anderen erschwert diese Art der Berichterstattung aber auch eine unvoreingenommene Analyse der Ereignisse. Fest steht, dass das Thema sexuelle Gewalt in einer bis dahin noch nicht bekannten Art und Weise in den Medien präsent war.171 Das immer wieder aufs Neue angefachte Interesse führte darüber hinaus auch zu einer breiten Auseinandersetzung in der historischen, soziologischen und politischen Forschung. Dies stellt in der Tat ein Novum in der bisherigen Beschäftigung mit der Problematik dar. Die zentrale Frage im Herbst 1992 kreiste zunächst um die Anzahl der vergewaltigten muslimischen Frauen. Die amerikanische Historikerin Norma von Ragenfeld-Feldman beschäftigte sich in einem Aufsatz172 mit der deutschen Einen guten Überblick zum „Jugoslawien-Krieg" bietet Dunja Melcic (Hg.), Der JugoslawienKrieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, Opladcn 1999. Erich Rathfelder, Der Krieg an seinen Schauplätzen, in: Melcic (Hg.), Jugoslawien-Krieg, S. 345-363; Matthias Vetter, Vom Kosovo zum Kosovo: Chronik von Krise und Krieg 1986-1999, in: Melcic (Hg.), Jugoslawien-Krieg, S. 542-568. Vgl. auch Stiglmayer, Krieg, S. 41-46. Askin, War Crimes, S. 262f.; Karl Käser, Das ethnische „engineering", in: Melcic (Hg.), Jugoslawien-Krieg, S. 408-422, v.a. S. 414-420. Askin, War Crimes, S. 267-273; Azra Zalihic-Kaurin, Über die moslemische Frau, in: Alexandra Stiglmayer (Hg.), Massenvcrgewaltigung. Krieg gegen die Frauen, Freiburg/Br. 1993, S. 217-221. Kappcler, Massenverrat, S. 30. Norma von Ragenfeld-Feldman,The Victimizationof Women: Rape and the Rcportingof Rape in Bosnia-Herzegovina, 1992-1993, in: Dialog. Internationale Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft 6 (1997) 21, S. 3-26.
2. Ein historischer Überblick 59 und amerikanischen Berichterstattung, bei der es vor allem um diese Berechnungen ging. Auch wurden in den ersten Artikeln ausnahmslos die bosnischen Frauen als Opfer und die serbischen Soldaten oder die Angehörigen der paramilitärischen Streitkräfte als Täter beschrieben. Bezüglich der Bewertung dieser Gewalttaten standen sich bald zwei verschiedene Lager gegenüber. Während einige der zumeist weiblichen Kommentatoren und Autoren das Auftreten von sexueller Gewalt in diesem Krieg nur als einen weiteren Beleg für die Universalität des Problems der Gewalt von Männern gegenüber Frauen ansahen, wollten andere die Einzigartigkeit der Ereignisse betonen, indem sie die Vergewaltigungen als systematische serbische Politik gegenüber der muslimischen Bevölkerungsgruppe interpretierten. 173 Aufgeschreckt durch die massiven Vorwürfe von Seiten der Medien setzten auch die Vereinten Nationen sowie die Europäische Gemeinschaft Kommissionen ein, die vor Ort die Meldungen über sexuelle Gewalt, „Vergewaltigungslager" und erzwungene Schwangerschaften überprüfen sollten. Zwar waren sich sowohl Medienschaffende, Reporter und private Organisationen wie auch die offiziellen Delegationen einig darin, dass es sich bei den sexuellen Gewalttaten um eine weit verbreitete Erscheinung handelte und dass sie systematisch angewandt wurden, um die bosnischen Frauen zu terrorisieren. So zeigte sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in seiner Resolution 827 vom Mai 1993 alarmiert durch die Berichte über organisierte und systematische Vergewaltigungen von Frauen, die sich vor allem im Gebiet von Bosnien-Herzegowina ereignen würden. 174 Bezüglich der Bewertung des Ausmaßes von sexueller Gewalt differierten die unterschiedlichen Organe jedoch stark. Während die Angaben von Journalisten, Wissenschaftlern und politischen Kommentatoren zwischen 50.000 und 60.000 Fällen schwankten, sanken die Zahlen der internationalen Gruppierungen von 20.000 im Januar 1993 auf schließlich 330 dokumentierte Fälle herab. 175 Zu beachten ist, dass einerseits die Zahl der vergewaltigten Frauen geschätzt wurde, andererseits aber die Obrad Kcsie, Women and Gender Imagery in Bosnia: Amazons, Sluts, Victims, Witchcs, and Wombs, in: Sabrina R. Ramet (Hg.), Gender Politics in the Western Balkans. Women and Society in Yugoslavia and the Yugoslav Successor States, University Park, Pennsylvania, 1999, S. 187-202, hier S. 194. United Nations, Resolution 827 (1993). Adopted by the Security Council at its 3217th meeting, on 25 May 1993, S/RES/827 (1993). Durch diese Resolution wurde ein Ad-hoc-Straftribunal für das ehemalige Jugoslawien geschaffen, um die Verbrechen gegen das Völkerrecht und „gegen die Menschlichkeit" zu ahnden. Ragenfeld-Feldman, Victimization, S. 5; der so genannte „Warburton-Bcricht" geht von 20.000 vergewaltigten Frauen aus. „Warburton"-Bericht. Bericht der Delegation zur Untersuchung der Behandlung moslemischer Frauen im früheren Jugoslawien im Auftrag des Europäischen Rates, in: Materialien zur Frauenpolitik 27 (1993), S. 4. Der Bericht wurde nach der Leiterin der Delegation, Dame Anne Warburton, benannt. Alexandra Stiglmayer nennt in ihrem Buch ebenfalls die Zahlen 20.000 bis 50.000. Alexandra Stiglmayer, Vergewaltigungen in BosnienHerzegowina, in: dies. (Hg.), Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen, Freiburg/Br. 1993, S. 109-216, hier S. 111. Ein SPIEGEL-Artikcl von 1992 gab 60.000 vergewaltigte Frauen und Mädchen an: Benard/Schlatfer, Kleiner als ein Stück Dreck, S. 1881. Die niedrigste Zahl von 330 Vergewaltigungen findet sich im Bericht der Delegation der Vereinten Nationen unter der Leitung von Tadeusz Mazowiecki.
60 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Summe der Vergewaltigungsfälle. Es ist nicht immer ersichtlich, ob sich die Autoren solcher Angaben über den Unterschied ihrer Berechnungen im Klaren sind. Die Schwierigkeiten bei der Datenerhebung resultierten vor allem aus der Tatsache, dass zwar Zeugenberichte über sexuelle Übergriffe relativ leicht, Aussagen von den Opfern selbst dagegen äußerst schwer zu bekommen waren. Vor allem die Medien schienen aber immer höhere Zahlen anzustreben, um damit den Serben die Politik der „ethnischen Säuberung" überzeugender anlasten zu können. 176 Im Rahmen der Berichterstattung kursierten auch Meldungen über so genannte „Vergewaltigungslager", in denen mehrere tausend Frauen und Mädchen festgehalten würden und die gezwungen seien, bei einer durch eine Vergewaltigung entstandenen Schwangerschaft das Kind auszutragen.' 77 Auffällig war die eindeutige Parteinahme für die bosnische Seite. Obwohl schon bald Informationen auftauchten, dass auch kroatische und bosnisch-muslimische Soldaten sexuelle Gewalt gegenüber serbischen Frauen verübten, fand dieser Aspekt des Krieges nur wenig Aufmerksamkeit. Die Serben, so wurde durch die Medien weiter unverdrossen vermittelt, waren und blieben die Schuldigen, die für die „Massenvergewaltigungen" und die „ethnische Säuberung" verantwortlich seien.178 Schließlich wurden neben der gesamten Darstellung besonders die Hinweise auf „Vergewaltigungslager" in Zweifel gezogen. 179 Bezüglich der Sexualverbrechen während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien ergibt sich für diejenigen, die sich mit der Thematik auseinander setzen, der einmalige Fall, dass vor dem „Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien" erstmals in der Geschichte des Völkerrechts Vergewaltigungen als Kriegsverbrechen eingestuft und als „Kriegsstrategie" definiert und untersucht werden. 180 Im März 2000 wurden mehrere serbische ehemalige Milizenführer explizit aufgrund dieses Kriegsverbrechens angeklagt und Ende Februar 2001 erfolgte der Urteilsspruch in diesem Verfahren, der die Beschuldigten mit hohen Haftstrafen belegte. Drei bosnische Serben 176 177 178 179 180 Ragenfeld-Feldman, Victimization, S. 6. Kritik an dem Versuch, die Vergewaltigungen vor allem anhand von Zahlen und Statistiken zu analysieren, übt auch Kappelcr, Massenverrat, S. 3840. Heidrun Graupner, Bosnien-Herzegowina: Vergewaltigung als Kriegsstrategie. Der Aufschrei der zerstückelten Seelen, in: Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 1992, S. 3; Ernst Levy, „Den Menschenrechtsorganisationen fehlt die Kraft zu tatkräftigem Flandeln. Die Untaten in Bosnien-Hercegovina bleiben ungesühnt", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 1992, S. 15. Stiglmayer, Vergewaltigungen, S. 149-168. Stiglmayer, Vergewaltigungen, S. 180-190. Der Beitrag beruht nicht auf eigenen Recherchen von Stiglmayer, sondern ist eine Zusammenfassung der Arbeit von zwei Journalistinnen. Er enthält eine Reihe von Sätzen, die klar machen, dass Stiglmayer den Berichten über Vergewaltigungen von serbischen Frauen nicht allzu viel Bedeutung beimisst. Ebd., S. 180, 183, Anm. 4, S. 185. Siehe die Kritik bei Ragenfeld-Feldman, Victimization, S. 13. Detlef Drewes, „Alle hören etwas, keiner weiß etwas Genaues." Geschichten über Vergewaltigungslager mit Empfängnis- und Gebärzwang als Kriegsstrategie der Serben haben Nachprüfungen nicht standgehalten, in: Augsburger Allgemeine Zeitung, 17. März 1994.S. 3;ders., „Gefecht um die Greuel des Krieges. Beispiel Massenvergewaltigungslager: Wer weiß, was wirklich passiert in Bosnien?", in: Augsburger Allgemeine Zeitung, 17. Juni 1994, S. 3. Siehe dazu Kap. I, 3.
2. Ein historischer Überblick 61 wurden wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 12 bis 28 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Männer hätten, so die Richterin, 1992 in der bosnischen Stadt Foca systematisch Mädchen und Frauen vergewaltigt, um so die Vertreibung der dort ansässigen muslimischen Bevölkerung zu forcieren. Zwar wurde damit zum ersten Mal sexuelle Gewalt in einem kriegerischen Konflikt als individuelles Kriegsverbrechen eingestuft und geahndet. Allerdings hat das UNO-Tribunal damals klar festgehalten, dass aufgrund der Beweislage sexuelle Übergriffe kein bewusst eingesetztes Mittel der serbischen Kriegführung gewesen seien.181 Dieser ausführliche Überblick zu Sexualverbrechen in Kriegen dient dazu, die bislang veröffentlichten Daten und Thesen zu verschiedenen historischen Beispielen aufzuzeigen. Die unterschiedlich intensive Beschäftigung mit den einzelnen Ereignissen hat dazu geführt, dass je nach Zielsetzung und Fragestellung differierende Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Der Forschungsbedarf ist in zahlreichen Einzelfragen noch erheblich, das Problem der quantitativen Bewertung stellt sich jedoch in allen aufgeführten Fällen von Sexualverbrechen. Selbst bei genaueren Berechnungen, wie sie Sander und Johr für Berlin vorgenommen haben, bleiben derart viele unbestimmbare Faktoren, dass der Nutzen solcher Zahlenangaben zweifelhaft erscheint. Da genaue Statistiken nicht zu erstellen sind, sollte sich das Interesse weniger auf Zahlen konzentrieren als vielmehr auf den Rahmen, innerhalb dessen sich die Sexualverbrechen abspielen. Da bislang noch kein Konsens in der Forschung über den Begriff „Massenvergewaltigung" herrscht, sollte auch damit äußerst vorsichtig umgegangen werden. Zudem müssen die militärisch-politischen Umstände genauer berücksichtigt werden, um die Bedeutung und die Auswirkungen von sexueller Gewalt ermessen zu können. Dabei sollten die bisher vor allem für Hochrechnungen verwendeten Quellen wie Gerichtsakten, Geburtsstatistiken sowie Angaben über die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten nicht nur für die Erhebung von Zahlen, sondern auch für die weitere Analyse der Thematik herangezogen werden. Auch bezüglich der Frage nach der strategischen Bedeutung solcher Ereignisse hat die Forschung bislang Schwierigkeiten damit, das Verhalten und vor allem die Absichten der militärischen Führung bis ins Detail nachzuweisen. Zumindest deuten in einigen Fällen wie Nanking oder Berlin das Nichteingreifen und die fehlende Strafverfolgung darauf hin, dass sexuelle Gewalt geduldet wurde. O b sie beabsichtigt war, lässt sich damit allerdings nicht belegen. Grundlegende Erkenntnisse lassen sich diesbezüglich dann gewinnen, wenn sich das Forschungsinteresse verstärkt auf die militärische Führung und die Armee konzentriert. Dabei gilt es auch, bestimmte Formen von sexueller Gewalt zu untersuchen, bei denen die direkte Einflussnahme des Militärs aktenkundig ist. Das japanische Beispiel der „comfort women" zeigt, wie die Armeeführung bewusst Frauen als Zwangsprostituierte für ihre Zwecke missbraucht hat und dabei Rassismus eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Auch „Kriegsverbrechen Vergewaltigung", in: Tages-Anzeiger, 23. Februar 2001, S. 3.
62 I. Sexuelle Gewalt im Krieg einige der anderen historischen Ereignisse wie der Amerikanische Bürgerkrieg oder der Vietnamkrieg verweisen auf den Zusammenhang zwischen Sexualverbrechen und rassistischen Denkweisen. Wie die historische Übersicht gezeigt hat, waren in verschiedenen Epochen insbesondere Vergewaltigungen nach den jeweiligen Armeegesetzen strafbar, sie wurden jedoch nicht immer dementsprechend geahndet. Es stellt sich nun abschließend die Frage, wie sexuelle Gewalt im Krieg nach dem Völkerrecht bewertet wurde und wird. 3. SEXUELLE GEWALT ALS KRIEGSVERBRECHEN: ZUR ENTWICKLUNG DES VÖLKERRECHTS 182 Am 17. Juli 1998 beschlossen in Rom die Mitgliedstaaten der U N O mehrheitlich die Einrichtung eines „Ständigen Internationalen Strafgerichtshofes", das entsprechende Statut trat am 1. Juli 2002 in Kraft.183 Mehrere Artikel dieses Statuts verweisen darauf, dass in Zukunft Sexualverbrechen vor diesem Gerichtshof zur Anklage gebracht und verurteilt werden können. Denn so genannte „Verbrechen gegen die sexuelle Integrität", darunter Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, Zwangsprostitution, erzwungene Schwangerschaft oder auch zwangsweise Sterilisation gelten dann als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit", wenn ihr systematischer Charakter nachweisbar ist.184 Das Völkerrecht in seiner jetzigen Form sieht also eine Ahndung von Sexualverbrechen in Kriegen vor185, der Weg dorthin war allerdings lang, wie der folgende kurze Überblick dokumentiert. Bereits in der Antike wurde der Schutz von Frauen in kriegerischen Konflikten diskutiert, allerdings setzte sich die Ansicht, der Sieger habe ein Recht auf Beute und damit auch auf die Frauen des Gegners, weitgehend durch. Dementsprechend wurden Soldaten oder Kriegsherren für diese Taten nicht zur Vgl. Birgit Beck, Massenvergewaltigungcn als Kriegsverbrechen. Zur Entwicklung des Völkerrechtes, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Flg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 406-418. Dieses Kapitel stellt eine leicht veränderte und aktualisierte Fassung des Aufsatzes dar. „Weltgericht kommt", in: Tages-Anzeiger, 11. April 2002, S. 3. Vgl. auch die offizielle Website des International Criminal Court (ICC): http:/www.icc-cpi.int/php/indcx/php. Pascal Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat und die strafrechtliche Verfolgung von Individuen. Die ad hoc Tribunale zur Verfolgung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda sowie das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, Basel 1999, S. 147-181, Zitat S. 168. Siehe zur Entwicklung seit 1945 den Sammclband von Gerd Hankel/Gerhard Stuby (Hg.), Strafgerichte gegen Menschheitsverbrechen. Zum Völkerstrafrecht 50 Jahre nach den Nürnberger Prozessen, Hamburg 1995.
3. Zur Entwicklung des Völkerrechts 63 Rechenschaft gezogen. Auch im Mittelalter thematisierten Juristen, Philosophen und Theologen die üblichen Kriegspraktiken und widmeten sich dem Recht im Kriege, dem „ius in bello". Dabei ging es jedoch vor allem um den Einsatz von Waffen sowie die Bekämpfung der feindlichen Soldaten und weniger um den Schutz der Zivilbevölkerung. Erst Hugo Grotius, ein niederländischer Naturrechtler, schuf 1625 mit seinem Werk „De iure belli ac pacis" die eigentliche Grundlage des Völkerrechts. Er plädierte damals dafür, auch Soldaten, die Vergewaltigungen während eines Krieges begingen, zu bestrafen.186 Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Bestimmungen über die Behandlung des Gegners, der Verwundeten sowie der Zivilisten ausgeweitet, sie blieben allerdings noch ungeschriebenes Recht. Die Kodifizierung der internationalen Kriegsregeln erfolgte erst 1863 während des Amerikanischen Bürgerkrieges durch den so genannten „Lieber Code". Dieser wurde von Francis Lieber, einem Rechtsprofessor, für die amerikanische Armee als Regelwerk über die Landkriegführung verfasst und sah für Vergewaltigung die Todesstrafe vor. Seine Grundsätze wurden auch von anderen Armeen übernommen.187 Es folgten weitere Bemühungen, international gültige Vereinbarungen über Kriegsbräuche zu treffen, auch diese bezogen sich aber überwiegend auf den Einsatz von Waffen oder den Umgang mit Verwundeten. Auf den beiden Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 wurden schließlich mit der Verabschiedung der „Haager Landkriegsordnung" wesentliche Grundlagen für das Kriegsvölkerrecht geschaffen, die bis heute Bestand haben.188 Auch der Schutz von Zivilistinnen fand in der Anlage zum Landkriegsreglement Eingang. So sollten im Krieg die „Ehre und die Rechte der Familie, das Leben der Bürger und das Privateigentum [...] geachtet werden". 189 Dieser Passus konnte ausreichen, um auch sexuelle Übergriffe auf Frauen zu bestrafen. Demzufolge stand bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine Regelsammlung zur Verfügung, die die körperliche Unversehrtheit von Zivilistinnen zumindest implizit unter Schutz stellte. Während dieses Krieges wurde von den Alliierten die „Enquiry into Breaches of the Lawsof War" eingerichtet, die die für eine Verurteilung erforderlichen Anklagcpunkte und Beweisstücke zusammenstellen sollte. Auf der Pariser Friedenskonferenz im Januar 1919 wurden zwei Ausschüsse gebildet, die Verstöße gegen die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges zu ermitteln hatten. Der abschließende Kommissionsbericht vom März 1919 listete insgesamt 32 Kriegsverbrechen auf, unter denen nach Delikten wie Mord und dem Töten von Geiseln auch die Straf186 187 188 189 Vgl. den historischen Überblick bei Askin, War Crimes, S. 19-30; Reinhard Merkel, Der Nürnberger Prozeß, in: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), 200 Tage und 1 Jahrhundert. Gewalt und Destruktivität im Spiegel des Jahres 1945, Hamburg 1995, S. 105-137, hier S. 108f. Askin, War Crimes, S. 35f. RGBl. I 1910, S. 107-151: „Abkommen, betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs. Vom 18. Oktober 1907"; Petra Weitz, Der Begriff des Nichtkombattanten in historischen Dokumenten, E.ntwürfen und völkerrechtlichen Verträgen, Berlin 1999, S. 69-71. Jost Dülffer, Regeln im Krieg? Kriegsverbrechen und die Haager Friedenskonferenzen, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 35-49. „Abkommen", Art. 46, S. 147f.
64 I. Sexuelle Gewalt im Krieg tatbestände „Notzucht" und „Verschleppung von Mädchen und Frauen, um sie zur Prostitution zu zwingen", auftauchten.190 Zwar wurde der geplante Strafgerichtshof nicht mehr eingerichtet, aber immerhin war dieser Kriegsverbrechenskatalog der erste des 20. Jahrhunderts, in dem Delikte gegen Frauen explizit erwähnt wurden. 191 Auch im Zweiten Weltkrieg führte das Wissen um die unzähligen Kriegsverbrechen bereits 1942 und 1943 zu verstärkten Forderungen von alliierter Seite, die Verantwortlichen für diese Taten vor ein internationales Kriegsverbrechertribunal zu stellen. Im Oktober 1943 einigten sich die Regierungschefs Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Josef Stalin darauf, die Hauptkriegsverbrecher durch ein alliiertes Gericht zu verurteilen. Die USA übernahmen die Führung bei der Planung des Gerichtshofes und der Definition des internationalen Strafrechts. Das am 8. August 1945 verabschiedete „Londoner Viermächte-Abkommen" beinhaltete das Statut für den Internationalen Militärgerichtshof und damit die wesentlichen Bestimmungen über den Ablauf und die zur Anklage stehenden drei Tatbestände „Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit".192 Obwohl auch Sexualverbrechen bekannt waren, wurden sie unter den „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" wie Mord, Ausrottung und Versklavung nicht explizit aufgeführt. Allenfalls konnten sie unter „andere unmenschliche Handlungen" eingeordnet werden. 193 Darüber hinaus erwähnte das Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945, das die rechtliche Grundlage für die nachfolgenden amerikanischen Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg bildete, im Abschnitt „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" Vergewaltigungen ausdrücklich. Dies ist ein Hinweis darauf, dass diese Delikte bereits implizit im Statut für das internationale Militärtribunal enthalten waren.194 Dementsprechend trugen auch die französischen und sowjetischen Ankläger während des Prozesses mehrere Beispiele für Sexualverbrechen deutscher Soldaten vor.195 Trotzdem wurden '''° Schwengler, Völkerrecht, S. 100f.; Ellinor von Puttkamer, Die Haftung der politischen und militärischen Führung des Firsten Weltkriegs für Kriegsurheberschaft und Kriegsverbrechen, in: Archiv des Völkerrechts 1 (1948/1949), S. 424-449. 191 Schwengler, Völkerrecht, S. 322-343; Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 6-8. Zum Scheitern siehe Alan Kramer, Versailles, deutsche Kriegsverbrechen und das Auslieferungsbegehren der Alliierten 1919/1920, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 72-84. 192 Über die Einrichtung des Militärgerichtshofes in Nürnberg und seine Rechtsgrundlagen siehe Merkel, Nürnberger Prozeß, S. 119-124; Christopher Simpson, Die seinerzeitige Diskussion über die in Nürnberg zu verhandelnden Delikte, in: Hankcl/Stuby (Hg.), Strafgerichte, S. 3972; Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 15-53. 193 Telford Taylor, Die Nürnberger Prozesse. Hintergründe, Analysen und Erkenntnisse aus heutiger Sicht, München 21994, S. 742-754, besonders S. 746f. ,94 Askin, War Crimes, S. 124f.; Copelon, Surfacing Gender, S. 340f. 193 Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg vom 14. November 1945 - 1. Oktober 1946. Amtlicher Text in deutscher Sprache, 42 Bde., Nürnberg 1947-1949, von nun an abgekürzt IMT, Bd. 6, Verhandlungsniederschriften 22. Januar 1946 bis 4. Februar 1946, S. 445-448. Die Beispiele werden auch erwähnt bei Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 60-62.
3. Zur Entwicklung des Völkerrechts 65 diese Straftaten nicht gesondert verurteilt. Der Verzicht auf die Verfolgung derartiger Verbrechen ist neben gesellschaftspolitischen und ideologischen Gründen wohl auch damit zu erklären, dass es seitens der alliierten Armeen ebenfalls zu sexuellen Übergriffen auf Frauen in den besiegten Ländern gekommen war.' % Ähnlich wie bei den Nürnberger Prozessen verhielt es sich bei dem „Internationalen Militärtribunal für den Fernen Osten", das am 3. Mai 1946 in Tokio seine Arbeit aufnahm. Im Gegensatz zur Nürnberger Richterbank waren dort auch drei Frauen als „Assistant Prosecution Counsel" beteiligt.197 Inwieweit dies die Ausrichtung der Anklagepunkte beeinflusst hat, ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Immerhin wurden beim Tokioter Tribunal einige Angeklagte explizit mit den Übergriffen auf Frauen konfrontiert und belastet.198 Als Verantwortlicher für das Massaker in Nanking und damit auch für die dort stattgefundenen Sexualverbrechen wurde General Iwane Matsui für schuldig befunden und hingerichtet.199 Dagegen kam das System der Zwangsbordelle trotz ausreichender Beweislage nicht zur Sprache. Dies ist angesichts der nach der Besetzung Japans eingerichteten „Recreation and Amüsement Association" für die Besatzungstruppen nicht erstaunlich. Denn damit hatte sich auch die amerikanische Armee am Bordellsystem der Japaner beteiligt. Hinsichtlich der „Comfort Women" wurde erst im März 1948 im Rahmen des „Batavia Military Tribunal" ein eigener Prozess geführt, um die Zwangsprostitution von 35 niederländischen Frauen durch die japanische Armee in Semarang im ehemaligen Niederländisch-Ostindien zu untersuchen. Von den aufgrund dieser Taten angeklagten 13 Armeeangehörigen und zivilen Beschäftigten des Militärs wurden elf schließlich schuldig gesprochen und vier von ihnen explizit wegen der begangenen Vergewaltigungen verurteilt.200 Fest steht, dass hier, anders als bei den Tribunalen in Nürnberg und in Tokio, explizit Zwangsprostitution als Kriegsverbrechen vor Gericht verhandelt wurde. Eine symbolische „Wiedergutmachung" für die betroffenen Frauen fand im Dezember 2000 in Tokio statt. Dort befasste sich ein von asiatischen Frauengruppen organisiertes, inoffizielles Kriegsverbrechertribunal mit den von Japan begangenen Verbrechen an den Zwangsprostituierten und erklärte den ehemaligen Kaiser Hirohito als Verantwortlichen für schuldig.201 I9 '' Die amerikanischen Militärgerichte verhängten, wie erwähnt, in einigen Fällen bei Vergewaltigung die Todesstrafe. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 79-83; Aryeh Neier, War Crimes. Brutality, Genocide, Terror, and the Struggle for Justice, New York 1998, S. 180f. 197 Askin, War Crimes, S. 164-167. Chang, Vergewaltigung, S. 183. Siehe auch R.JohnPritchard/SoniaMagbanuaZaide(Hg.), The Tokyo War Crimes Trial, 22 Bde., 5 Bde. Index, New York 1981. 198 Rhonda Copelon, Surfacing Gender. Reengraving Crimes Against Women in Humanitarian Law, in: Nicole Ann Dombrowski (Hg.), Women and War in the Twenticth Century. Enlisted with or without Consent, New York 1999, S. 332-359, hier S. 332; Askin, War Crimes, S. 180-185. 199 Ishida, Der „totale Krieg", S. 444. 200 Yoshimi, Comfort Women, S. 163-176. Da die Akten dieses Tribunals noch bis zum Jahr 2025 unter Verschluss gehalten werden, ist die Informationslage dazu dürftig. Hicks, Comfort Women, S. 168f., Dolgopol/Paranjape, Comfort Women, S. 135-137. 201 Tages-Anzeiger, 13. Dezember 2000, S. 3: „Der Kaiser war ein Kriegsverbrecher"; NZZ, 13. Dezember 2000: „Japanisches Tribunal verurteilt Kaiser Hirohito".
66 I. Sexuelle Gewalt im Krieg Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten 1949 die Genfer Konventionen bezüglich des Schutzes von Frauen die bedeutendste Errungenschaft im Bereich des humanitären Rechts. Von den vier Genfer Konventionen, die 1950 in Kraft traten und 1977 durch zwei Zusatzprotokolle erweitert wurden, ist hinsichtlich des expliziten Verbotes von sexuellen Gewaltverbrechen in internationalen und nicht-internationalen bewaffneten Konflikten das „Genfer Abkommen zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten" das wichtigste und zugleich eindeutigste. So sollen „Frauen [...] besonders vor jedem Angriff auf ihre Ehre und namentlich vor Vergewaltigung, Nötigung zur gewerbsmäßigen Unzucht und jeder unzüchtigen Handlung geschützt" werden. 202 Auch die beiden Zusatzprotokolle verbieten neben Folter und Verstümmelung zugleich „Angriffe auf die Würde der Person, insbesondere demütigende und herabsetzende Behandlung, zwangsweise Prostitution und jede Form unzüchtigen Angriffs". Sexualverbrechen werden nach dieser Rechtsauslegung nicht als schwere physische und psychische Gewaltakte, sondern vielmehr als Angriffe auf die Würde und Ehre einer Frau definiert.203 Dabei können nicht nur die jeweiligen Täter angeklagt werden, sondern auch Vorgesetzte, die entweder ein solches Verbrechen befohlen haben oder trotz Kenntnis darüber nicht dagegen eingeschritten sind.204 Auch die politischen Verantwortlichen können vom Tribunal belangt werden, wie der Prozess gegen Slobodan Milosevic vor dem Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien zeigt.205 Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen setzte sich seit September 1991 mit den dortigen Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte auseinander und bildete eine eigene Kommission, um die zahlreichen Verbrechen der jeweiligen Kriegsparteien untersuchen zu lassen. Bereits in den Berichten der Kommission wurde neben Verbrechen wie Massenmord, „ethnischen Säuberungen" und Plünderungen auch auf Vergewaltigungen als Verletzungen des humanitären Völkerrechts hingewiesen.206 Mit der Resolution 827 207 beschloss der Sicherheitsrat am 25. Mai 1993, einen internationalen Strafgerichtshof einzurichten, um schwere Missachtungen der Genfer Konventionen, Verstöße gegen die Haager Landkriegsordnung, Völkermord 202 203 204 205 206 207 OttoTrifftcrcr, Bestandsaufnahme zum Völkerstrafrecht, in: Hankel/Stuby (Hg.), Strafgerichte, S. 169-269, hier S. 177-186; Thomas Bucrgenthal u.a., Grundzüge des Völkerrechts, Heidelberg 22000, S. 132-135. Women, Law and Development International, Gender Violence: The Hidden War Crime, hg. von Anne Ticrney Goldstein und Margaret A. Schuler, Washington, D.C., 1998, S. 27; Copelon, Surfacing Gender, S. 335f. Horst Fischer, Grundlagen der völkerstrafrechtlichen Verfolgung von Vergewaltigungen im bosnischen Krieg, in: S + F. Vierteljahresschrift für Sicherheit und Frieden 11 (1993), S. 71-77, hier S. 72. Ebd., S. 76. Über die einzelnen Resolutionen siehe ebd., S. 75f. U N Doc. S/RES/827,25. Mai 1993. Die Art und Weise, wie der Sicherheitsrat das Tribunal einrichtete, war ungewöhnlich und erstmalig in der Geschichte der Vereinten Nationen. Paul Kennedy/George J. Andrcopoulos, The Laws of War: Some Concluding Rcflections, in: Michael Howard/George J. Andreopoulos/Mark R. Shulman (Hg.), The Laws of War. Constraints on Warfare in the Western World, New Haven 1994, S. 214-225, hierS. 223.
3. Zur Entwicklung des Völkerrechts 67 und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ahnden zu können. 208 Im Statut des Gerichtshofes wird im fünften Artikel über die „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" auch sexuelle Gewalt aufgelistet. Darüber hinaus sind sexuelle Übergriffe noch nach weiteren Gesichtspunkten strafbar, wenn sie als Folter, unmenschliche Behandlung oder Verletzung der Landkriegsordnung definiert werden. 209 Um diese Taten verfolgen zu können, beschäftigt der Gerichtshof eigens eine Beauftragte für Sexualstraftaten.210 Der erstmaligen juristischen Behandlung von diesen Delikten als Kriegsverbrechen wird darüber hinaus mit besonderen Verfahrensregeln für die Beweisführung Rechnung getragen. Diese Vorschriften sollen den betroffenen Frauen das Erzählen ihrer Erlebnisse erleichtern und sie vor Bloßstellung und einer Retraumatisierung schützen. Dazu dient auch die Sicherung der Anonymität der Opfer und Zeugen, deren Namen durch Zahlencodes ersetzt werden. Es hat sich allerdings bereits gezeigt, dass die Umsetzung dieser Regeln in die Praxis nicht immer gelingt. 2 " Problematisch ist beispielsweise, dass die Frauen nach ihrer Aussage vor dem Tribunal nicht weiter unter Schutz stehen, was die Bereitschaft für eine entsprechende Mithilfe bei der Überführung von Tätern nicht gerade unterstützt. 212 Die Vergewaltigungen durch einzelne Soldaten gelten nicht per se als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und damit als Kriegsverbrechen. Um sie als solche bestrafen zu können, muss der Nachweis erbracht werden, dass diese Einzeltaten Teil eines größeren oder gar systematischen Angriffs auf die Zivilbevölkerung waren. 213 Im bereits erwähnten Foca-Prozess wurden die Ver208 209 210 211 212 213 Wolff Heintschel v. Heinegg, Die Errichtung des Jugoslawien-Strafgerichtshofes durch Resolution 827(1993), in: Horst Fischer/Sascha Rolf Lüder (Hg.), Völkerrechtliche Verbrechen vor dem Jugoslawien-Tribunal, nationalen Gerichten und dem Internationalen Strafgerichtshof. Beiträge zur Entwicklung einer effektiven internationalen Strafgerichtsbarkeit, Berlin 1999, S. 63-86; Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 59-84. Askin, War Crimes, S. 298-300; Statut des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien, in: Horst Fischer/Sascha Rolf Luder (Hg.), Völkerrechtliche Verbrechen vor dem Jugoslawien-Tribunal, nationalen Gerichten und dem Internationalen Strafgerichtshof. Beiträge zur Entwicklung einer effektiven internationalen Strafgerichtsbarkeit, Berlin 1999, S. 221-238, hier S. 224; Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 108-112. Hildegard Uertz-Retzlaff, Über die praktische Arbeit des Jugoslawien-Strafgerichtshofes, in: Horst Fischer/Sascha Rolf Lüder (Hg.), Völkerrechtliche Verbrechen vor dem JugoslawienTribunal, nationalen Gerichten und dem Internationalen Strafgerichtshof. Beiträge zur Entwicklung einer effektiven internationalen Strafgerichtsbarkeit, Berlin 1999, S. 87-100, hier S. 92. Siehe den Bericht über ein Verfahren vor dem Tribunal, in dem es um Folter und Beihilfe zur Vergewaltigung ging: Gabriela Mischkowski, Furundzija-Prozeß. Abschlußbericht, Medica mondiale e.V., Köln 1999. Ich danke Beate Ziegler von Medica mondiale, dass sie mir den Bericht zur Verfügung gestellt hat. Verfahrensordnung und Bewcisregeln des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien, in: Horst Fischer/Sascha Rolf Lüder (Hg.), Völkerrechtliche Verbrechen vor dem Jugoslawien-Tribunal, nationalen Gerichten und dem Internationalen Strafgerichtshof. Beiträge zur F'ntwicklung einer effektiven internationalen Strafgerichtsbarkeit, Berlin 1999, S. 301. Siehe auch Ucrtz-Rctzlaff, Über die praktische Arbeit, S. 97. Women, Law and Development International, Gender Violence, S. 98f.; Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 109, Anm. 528. Uertz-Retzlaff, Über die praktische Arbeit, S. 94.
68 I. Sexuelle Gewalt im Krieg gewaltigungen und Fälle von Zwangsprostitution als derartige Gewaltakte charakterisiert und dementsprechend verurteilt.214 Nach den im April und Mai 1994 stattgefundenen Massakern in Ruanda, bei denen schätzungsweise 500.000 bis eine Million Menschen auf grausame Art und Weise ermordet wurden, hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen durch Resolution 955 am 8. November 1994 die Errichtung eines weiteren Ad-hoc-Tribunals beschlossen, um den Völkermord der Gruppe der Hutu an den Tutsi zu untersuchen und zu ahnden.215 Im Statut dieses Gerichtshofes wird ebenfalls Vergewaltigung explizit als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und als Verletzung von Artikel drei der Genfer Konventionen definiert. Die Regeln für die Beweisführung in Fällen von sexueller Gewalt gleichen denjenigen des Jugoslawien-Tribunals. 216 Allerdings sind die Voraussetzungen für eine strafrechtliche Ahndung weitaus schlechter. Zu berücksichtigen sind die prekäre personelle und finanzielle Ausstattung des Tribunals sowie die Schwierigkeiten, die sich infolge der mangelnden Infrastruktur ergeben. Aufgrund ihrer bisherigen Vorgehensweise ist zudem der Eindruck entstanden, dass einige Richter in diesem Tribunal die spezifischen Verbrechen gegen Frauen im Vergleich zu den zahllosen anderen verübten Grausamkeiten als weniger schwerwiegend einstufen.217 Es wird letztlich auch sehr stark vom Einfühlungsvermögen und vom Verständnis der jeweiligen Richter und Richterinnen abhängen, ob Frauen vor Gericht offen über Sexualverbrechen berichten werden und solche Taten geahndet werden können. Wie bereits bei den Nürnberger Prozessen und dem Tokioter Tribunal geschehen, werden die Arbeiten der Ad-hoc-Tribunale wie auch des Internationalen Strafgerichtshofes aber dazu beitragen, Material über sexuelle Gewaltverbrechen in Kriegen zu sammeln und auszuwerten. In Zukunft dürfte deshalb die historische Aufarbeitung dieser Thematik erleichtert werden. 214 215 216 217 The Prosecutor of the Tribunal against Dragan Gagovic, Gojko Jankovic, Janko Janjic, Radomir Kovac, Zoran Vukovic, Dragan Zelenovic, Dragoljub Kunarac, Radovan Stankovic. Indictment, Den Haag 2000 (http://www.un.org/icty/indictment/). Zum Ruanda-Tribunal siehe Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 125-145. Ebd.,S. 138f. Women, Law and Development International, Gender Violence, S. 102-105; Arnold, Der UNO-Sicherheitsrat, S. 142-145. Im April 2002 waren mehrere Zeuginnen nicht mehr zu einer Aussage bereit, nachdem die Richter bei der Schilderung einer Vergewaltigung gelacht hatten: „Opfer verweigern Aussage vor Tribunal", in: Tages-Anzeiger, 5. April 2002, S. 3.
IL SEXUALVERBRECHEN DEUTSCHER SOLDATEN 1939-1945 1. ZUM FORSCHUNGSSTAND „Auch Soldaten des nationalsozialistischen Deutschlands vergewaltigten massenhaft."1 Mit dieser lapidaren Feststellung weist Ruth Seifert darauf hin, dass sich Angehörige der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges im Hinblick auf sexuelle Gewaltdelikte ähnlich verhalten hätten wie die Soldaten anderer Armeen in anderen Kriegen. Ihre Aussage bildet keine Ausnahme von der Regel - vielmehr kann sie als exemplarisch für die gängige Ansicht zahlreicher Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gelten, die sich mit der theoretischen Analyse von sexueller Gewalt in Kriegen beschäftigen oder dieses Phänomen Epochen übergreifend untersuchen. Der Verweis auf die Sexualverbrechen deutscher Soldaten sowie die gleichzeitige Betonung ihres systematischen Charakters finden sich in den meisten der bereits im ersten Kapitel vorgestellten Arbeiten. In auffälligem Kontrast dazu steht die fehlende Beschäftigung mit dieser Thematik in den historischen oder militärgeschichtlichen Untersuchungen über das Verhalten der Wehrmacht gegenüber der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten. Der folgende Überblick soll daher den derzeitigen Forschungsstand wiedergeben und die Gründe für das unterschiedliche Interesse darlegen. Susan Brownmiller hat in ihrer oft zitierten Studie dem Zweiten Weltkrieg ein Kapitel gewidmet und geht darin nicht nur den Vergewaltigungen durch die japanische Armee, durch Angehörige der Roten Armee und durch Soldaten der alliierten Streitkräfte nach, sondern auch deutschen Sexualdelikten. Ihre Analyse gründet sich vor allem auf einige Hinweise in den Nürnberger Prozessakten, auf Arbeiten über die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung sowie auf belletristische Darstellungen über jene Zeit. Die in Nürnberg von den sowjetischen und französischen Anklägern vorgelegten Dokumente beziehen sich auf mehrere Fälle von Sexualverbrechen. Erwähnt werden ein Zwangsbordell in Smolensk, Vergewaltigungen in sowjetischen Dörfern sowie in Weißrussland und einige der 1944 im Rahmen der Bekämpfung der französischen Widerstandsbewegung erfolgten Übergriffe.2 Trotz dieser relativ dürftigen Quellenbasis und der Tatsache, dass in den genannten Beispielen stellenweise nur allgemein von den „Faschisten" die Rede ist und nicht zwischen 1 2 Seifert, Krieg und Vergewaltigung, S. 99. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 60-62. Diese Hinweise sowie weitere, von Brownmiller nicht erwähnte Beispiele finden sich in den Akten der Nürnberger Prozesse. IMT, Bd. 7, S. 499, 500-503, 514, 543f. und ebd., Bd. 6, S. 445-448.
70 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Angehörigen der Wehrmacht und der SS unterschieden wird, fällt ihre Schlussfolgerung eindeutig aus. Ihren Ausführungen zufolge sei es „im Rahmen des Faschismus nur zu logisch, wenn der deutsche Soldat durch Vergewaltigungen zu beweisen suchte, daß er ein Herrenmensch sei, ja es wäre geradezu unlogisch gewesen, wenn der deutsche Soldat Vergewaltigung nicht in sein Waffenarsenal aufgenommen hätte". Zudem würden selbst deutsche Dokumente belegen, dass „systematisch vergewaltigt wurde, um Terror zu verbreiten". 3 Ihre These, Sexualverbrechen deutscher Soldaten seien als Kriegsstrategie zu bewerten, wurde und wird von vielen Autorinnen und Autoren meist unkritisch übernommen, und sie prägt die vorherrschende Meinung über solche Taten seitens der Soldaten der Wehrmacht und auch der SS. Vor allem im Krieg gegen die osteuropäischen Länder sei sexuelle Gewalt ein übliches Mittel der Kriegführung gewesen, wie auch Christine Eifler mit folgender Darstellung verdeutlichen will: „Gewalt gegen Frauen, sexuelle Folter und Terror waren Teil der nationalsozialistischen F.roberungszüge des zweiten [sie] Weltkrieges. In allen besetzten Gebieten kam es zu sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen. Die systematische sexuelle Erniedrigung und Gcwaltausübung erreichte vor allem in den besetzten Teilen Osteuropas ihren Höhepunkt. [...] Ob in Wehrmachtsbordellen gezwungen oder als symbolischer Akt militärische Aktionen begleitend, fungierte Vergewaltigung in diesem Zusammenhang als Gewaltdemonstration und Machtausübung."4 Der Hinweis auf die Systematik und der Bezug zu militärischen Unternehmungen erfolgt in diesem Fall ohne eine entsprechende Angabe von Belegen oder ohne genauere Erläuterungen dazu, welcher Art diese „militärischen Aktionen" eigentlich waren. Auch über das Ausmaß der sexuellen Gewalt lässt sich anhand solcher Aussagen wenig erfahren. Die im Auftrag der Vereinten Nationen erstellte Studie über sexuelle Gewalt im Krieg charakterisiert ebenfalls allein aufgrund von Brownmillers Thesen sexuelle Übergriffe deutscher Soldaten als Instrumente des Terrors und als strategisches Mittel.5 Etwas intensiver haben sich dagegen Heike Sander und Barbara Johr mit dem Verhalten von Wehrmachtund SS-Angehörigen gegenüber Frauen an der Westfront, vor allem aber an der Ostfront auseinander gesetzt. In ihrer Analyse der Ereignisse, die sich neben Vergewaltigungen auch mit deutsch-sowjetischen Kindern, Geschlechtskrankheiten und Bordellbesuchen befasst, stellen sie zunächst fest, dass Angehörige der SS häufiger vergewaltigt hätten als Soldaten der Wehrmacht. Insgesamt sei aber das Ausmaß sexueller Gewaltausübung von deutscher Seite nicht vergleichbar mit den von russischen Soldaten an deutschen Frauen begangenen Verbrechen. Diese Behauptung wird allerdings durch folgenden Hinweis bereits 1 4 5 Brownmiller, Gegen unseren Willen, Zitate S. 55 u. 59. Hervorhebung i.O. Eifler, Nachkrieg, S. 162. United Nations, Contemporary Forms of Slavery, S. 4. Nach Protesten von Seiten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam wurde diese Behauptung zurückgenommen. Wolfgang Petter, Militärische Massengesellschaft und Entprofessionalisierung des Offiziers, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 359-370, hier S. 370, Anm. 50.
1. Z u m Forschungsstand 71 wieder ad absurdum geführt: „Wie groß die Zahl der Vergewaltigungen im Laufe des Krieges war, wissen wir nicht." Der historische Überblick im ersten Kapitel hat bereits gezeigt, wie problematisch eine Berechnung beziehungsweise eine Schätzung von Sexualdelikten in Kriegen ist. Umso erstaunlicher ist, dass die Autorinnen einen Vergleich anstellen, obwohl für die Sexualverbrechen deutscher Soldaten noch keine entsprechenden Hochrechnungen vorliegen. Zwar liefert die Historikerin Johr noch genauere Informationen über die deutsche Militärgerichtsbarkeit in Fällen von sexueller Gewalt, allerdings genügen diese nachvollziehbaren Kriterien nur bedingt, da aus den Anmerkungen nicht ersichtlich wird, woher die Zahlen stammen. Auch der Hinweis, für die Ostfront sei nur ein Gerichtsurteil wegen Vergewaltigung bekannt, wird nicht genauer verifiziert.6 Vermutlich stammen die Angaben aus dem Buch von Otto Peter Schweling über die deutsche Militärjustiz, in dem er mehrere Fälle aus Frankreich, aber auch aus der Sowjetunion zitiert. Da im Folgenden auf Schweling noch detaillierter eingegangen wird, soll an dieser Stelle die Bemerkung genügen, dass er in seiner Arbeit bemüht war, ein positives Bild von der Wehrmachtgerichtsbarkeit zu vermitteln und dass der Rückgriff auf seine Darstellung nicht unproblematisch ist.7 Trotz der dürftigen Quellengrundlage kommt Johr unter Berufung auf die damalige rechtliche Situation zu dem Schluss, dass vor allem an der Ostfront ein Soldat nach Verübung eines Sexualdeliktes damit rechnen konnte, „straffrei zu bleiben".8 Diese These vertritt auch Hans Peter Duerr in seinem „Mythos zum Zivilisationsprozeß", wenn er darauf hinweist, viele Frauen und Mädchen seien von deutschen Soldaten vergewaltigt worden und „nicht selten wurden solche Kriegsverbrechen gar nicht oder mit wenig Nachdruck verfolgt".9 Trotzdem seien diese Taten mit den Verbrechen der Roten Armee nicht zu vergleichen: „Wie menschenverachtend und brutal das Vorgehen der Wehrmachts- und SS-Angehörigen gegen die slawischen Frauen auch war, so hält es doch keinen Vergleich aus mit den Massenvergewaltigungen, die fünf Jahre danach von den Rotarmisten vor allem an deutschen Frauen begangen wurden."10 Der Ethnologe Duerr stellt hier eine ähnliche Behauptung wie Sander und Johr auf, ohne entsprechend aussagekräftige Belege anbringen zu können. Die von ihm unkommentiert aneinander gereihten Darstellungen von Vergewaltigungsszenen muten eher wie eine pornographische Zitatensammlung als wie ein wissenschaftlicher Nachweis an." 6 Barbara Johr, Die Ereignisse in Zahlen, in: Sander/Johr(Hg), BeFreier, S. 46-73, hierS. 65f., Zitat S. 65. 7 Otto Peter Schweling, Die deutsche Militärjustiz in der Zeit des Nationalsozialismus, bearb., eingel. und hg. von Erich Schwinge, Marburg 1977, S. 79, 130f., 253, 291, 332, 369, 373. K Johr, Ereignisse, S. 70. Ähnlich auch Grossman, Question, S. 181, Anm. 18. Christa Paul, Zwangsprostitution. Staatlich errichtete Bordelle im Nationalsozialismus, Berlin 1994, S. 102, betont die „faktische Straffreiheit" bei Vergewaltigungen durch Wehrmachtsoldaten. 9 Duerr, Mythos, Bd. 3: Obszönität und Gewalt, Frankfurt/Main 1993, S. 416. 10 Ebd., S. 417. " Siehe die Besprechung von „Obszönität und Gewalt" unter dem Titel: Der Mensch - das ewige Tier, in: Der Spiegel, Nr. 24, 1993, S. 188-194, hier S. 188.
72 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Die Reihe der Zitate mit ähnlichen und vielfach gleich lautenden Thesen ließe sich weiter fortsetzen, sie würde jedoch an der grundlegenden Erkenntnis kaum etwas ändern. 12 Die Literatur suggeriert, dass über sexuelle Gewaltverbrechen deutscher Soldaten genügend Material vorliegt und sie sogar „relativ ausführlich dokumentiert sind [...]".13 Die meisten der Autorinnen und Autoren, die sich mit der Frage nach dem Auftreten und dem Umgang mit sexueller Gewalt durch die Wehrmacht auseinander setzen, kommen zu dem Schluss, dass solche Verbrechen systematisch erfolgten und vor allem in den besetzten Gebieten der Sowjetunion ein Mittel der deutschen Kriegführung bildeten. Folglich hätten die Soldaten, die solche Delikte verübten, auch nicht mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen. Einige strengen, wie bereits erwähnt, zudem den Vergleich mit der Roten Armee an und stellen die These auf, die Sexualverbrechen deutscher Soldaten seien weniger zahlreich gewesen. Problematisch an dieser Vorgehensweise ist zum einen, dass nicht selten Wehrmachtsoldaten und SS-Angehörige in einem Atemzug genannt werden, zum anderen, dass die Behauptungen nur ungenügend durch entsprechende Quellen untermauert sind. Wie bei den anderen historischen Beispielen über sexuelle Gewalt im Krieg auch, dient dann häufig allein der Rückgriff auf Brownmillers Arbeit als Begründung. Nur selten werden, so bei Sander und Johr, Quellen wie Urteile der Wehrmachtgerichtsbarkeit oder militärhistorische Darstellungen zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges mit einbezogen. Dies liegt auch daran, dass gerade in den letztgenannten Werken die Hinweise auf sexuelle Übergriffe durch Wehrmachtsoldaten nur vereinzelt zu finden sind - die Gründe dafür sind auf mehreren Ebenen angesiedelt, die nun kurz vorgestellt werden. Die Geschichtswissenschaft und insbesondere die Militärgeschichtsschreibung haben sich erst spät für kritische Fragen in Bezug auf die Kriegführung der Wehrmacht geöffnet. Prägend war zunächst die Memoirenliteratur in den fünfziger Jahren, als ehemalige Generale und Offiziere ihre schönfärbende Sicht des Krieges - auch desjenigen gegen die Sowjetunion - der Öffentlichkeit zu vermitteln suchten. Vor allem die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung und an Zivilisten in den besetzten Gebieten wurden lange Zeit nur den Angehörigen der SS angelastet und die militärische Niederlage im Wesentlichen dem Unvermögen Hitlers als militärischer Führer zugeschrieben. Die Verantwortlichen für die Kriegführung blieben meist von unangenehmen Nachfragen verschont.14 Erst Mitte der 1960er Jahre erfolgte auch unter dem Eindruck des Standardwerkes von Andreas Hillgruber über die verbrecheri12 13 H Vgl. auch Askin, War Crimes, S. 53-59; Stefan Maiwald/Gerd Mischlcr, Sexualität unter dem Hakenkreuz. Manipulation und Vernichtung der Intimsphäre im NS-Staat, Hamburg 1999, S. 152. Schmölzer, Krieg, S. 212. Friedrich Gerstenberger, Strategische Erinnerungen. Die Memoiren deutscher Offiziere, in: Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 620-629, v.a. S. 624f.; Klaus Naumann, Nachkrieg: Vernichtungskrieg, Wehrmacht und Militär in der deutschen Wahrnehmung nach 1945, in: Mittelweg 36, 6 (1997) 3, S. 11-26.
1. Zum Forschungsstand 73 sehen Kriegsziele Hitlers ein Umbruch in der Historiographie über den Krieg gegen die UdSSR.15 Die detaillierte Beschreibung von Kriegsverbrechen, wie zum Beispiel der schonungs- und rücksichtslose Umgang mit den Kriegsgefangenen, und die zum Teil rassistisch geprägten Denkweisen und Handlungen deutscher Soldaten gerieten zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung.16 Das Interesse gilt nun vor allem der Geschichte der Mannschaftssoldaten, die Wolfram Wette 1992 in seinem Plädoyer für eine „Militärgeschichte von unten" noch als eine weitgehende „terra incognita" bezeichnet hatte. 17 Dennoch blieb ein nicht unwesentlicher Bereich des Alltagslebens im Krieg zunächst unerforscht, da die ersten Arbeiten meist „geschlechterindifferent" ' 8 betrieben wurden. Mittlerweile hat es die Geschichtswissenschaft nicht mehr mit einem gänzlich unbekannten, dafür aber einem weitgehend „geschlechtslosen" Soldaten zu tun. Zwar gibt es nun Analysen über das Zusammenleben der Männer an der Front und über die Bedeutung der Kameradschaft als eine „Art Familienersatz". 19 Doch Themen wie Sexualität, etwaige Beziehungen der deutschen Soldaten zu Frauen in den besetzten Gebieten 20 , mit Frauen in den eroberten Gebieten gezeugte Kinder, das Verhältnis zu den mehr als 500.000 Frauen im Wehrmachtgefolge21, homosexuelle Beziehungen zu anderen Soldaten, Bordellbesuche und Geschlechtskrankheiten22 wurden lange Zeit entweder gar nicht oder häufig nur am Rande 13 Andreas Hillgrubcr, Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941, Frankfurt/Main 1982. Rudolf Boch, Der Krieg im Osten 1941-1945. Bilanz und Perspektiven der bundesdeutschen Forschung, in: Manfred I lettling/Claudia Huerkamp/Paul Nolte/Hans-WalterSchmuhl (Hg.), Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen, Themen, Analysen, München 1991, S. 248-258. Wette, Militärgeschichte von unten, S. 13. Vgl. auch den Sammelband von Rolf-Dieter Müller/Hans-Erich Volkmann (Hg.), Die Wehrmacht. Mythos und Realität, München 1999. Kühne/Ziemann, Militärgeschichte in der Erweiterung, S. 16. Thomas Kühne, Kameradschaft - „das Beste im Leben des Mannes". Die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs in erfahrungs- und gcschlechtergeschichtlichcr Perspektive, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 504-529, hier S. 522. Siehe Rolf-Dieter Müller, Liebe im Vernichtungskrieg. Antrittsvorlesung an der Humboldt-Universität Berlin, November 2001. Ich danke Prof. Müller, dass er mir eine Kopie der Vorlesung zur Verfügung gestellt hat. Es existieren vor allem ältere Untersuchungen wie die von Ursula von Gersdorff, Frauen im Kriegsdienst 1914-1945, Stuttgart 1969; Franz W Seidler, Blitzmädchen. Die Geschichte der Helferinnen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, Koblenz 1979. Siehe auch Gaby Zipfel, Wie führen Frauen Krieg?, in: Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 460-474, hier S. 462-467; Karen Hagemann, „Jede Kraft wird gebraucht." Militäreinsatz von Frauen im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: Bruno Thoß/Hans-Erich Volkmann (Hg.), Erster Weltkrieg - Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland, Paderborn 2002, S. 79-106, hierS. 92-106. Ilse Schmidt, Die Mitläufenn. Erinnerungen einer Wehrmachtsangehörigen, Berlin 1999, schildert die Erlebnisse einer Stabsangehörigen im Zweiten Weltkrieg. Die Arbeit von Franz W Seidler, Prostitution, Homosexualität, Selbstverstümmelung. Probleme der deutschen Sanitätsführung 1939-1945, Neckargemünd 1977, war die erste auf diesem Gebiet und ist wegen ihrer stellenweise unwissenschaftlichen Darstellung kritisch zu bewerten. Dagegen stützt sich Insa Meinen in ihrer Dissertation auch auf Quellen in französischen Archiven ab und kann so den Alltag der Prostituierten in den Wehrmachtbordellen dokumentieren. Insa Meinen, Wehrmacht und Prostitution im besetzten Frankreich, Bremen 2002. Eine Zusammenstellung über Bordelle in Konzentrationslagern sowie bei der Wehrmacht findet sich in Paul, Zwangsprostitution. 2 16 17 18 19 20 21 22
74 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten gestreift. Wenn sie doch im Zentrum der Forschung stehen, dann sind die überwiegend weiblichen Autoren meist keine Historikerinnen. Eine „Amnesie" bezüglich des Sexuallebens von Soldaten hat die Linguistin Ebba Drolshagen festgestellt, als sie sich erstmals im deutschsprachigen Raum mit den Beziehungen deutscher Soldaten der Wehrmacht sowie der SS- und Polizeiverbände zu Frauen in Dänemark und Norwegen auseinander gesetzt hat.23 Das Interesse, die genannten Themenfelder als Forschungsgebiete zu entdecken, ist mittlerweile durchaus geweckt worden, es bedarf jedoch noch zahlreicher und grundlegender empirischer Arbeiten, um den Forschungsrückstand aufzuholen, wie Birthe Kundrus in ihrem Bericht über die „Frauen im Umfeld der Wehrmacht" 24 zu Recht betont hat. Eine wesentliche Ursache für die Vernachlässigung solcher Themen liegt in der bisherigen Vorgehensweise zur Erforschung der Alltagsgeschichte von Soldaten. Sie beruht hauptsächlich auf der Befragung ehemaliger Wehrmachtsoldaten mit den Methoden der Oral History sowie auf der Auswertung von Feldpostbriefen - beides erscheint auf den ersten Blick wenig geeignet, um mehr über sexuelle Gewalt im Krieg zu erfahren. So hat Thomas Kühne im Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen der Wehrmacht darauf aufmerksam gemacht, dass die Erinnerung der Veteranen „die verbrecherische Dimension des Krieges als Ausnahme von der Regel" verzeichnete. Entweder weisen ehemalige Soldaten darauf hin, dass Ausschreitungen in der eigenen Einheit nur ganz selten vorkamen, also besondere Einzelfälle darstellten, oder sie verdrängen sie schlicht.25 Die Erinnerung an eine „saubere" Wehrmacht wird in eigenen Publikationen aufgefrischt und bezüglich des Auftretens von sexueller Gewalt loben einige ehemalige Wehrmachtangehörige die im Vergleich zu anderen Armeen „anständigen" deutschen Soldaten. Historische Arbeiten zu diesem Thema werden als reine „Diffamierungskampagne" von „Feministinnen" angeprangert. 26 Ein von Sander und Johr interviewter Wehrmachtsoldat kann sich ebenfalls keiner Sexualdelikte entsinnen: „Ich habe es nicht erlebt, daß ein Deutscher eine Frau vergewaltigt hat. Ich kann dazu verbindlich sagen, wenn wir sowohl in Polen als auch in Frankreich als auch in Rußland, wenn da von der F r o n t t r u p p e jemand eine Angehörige dieser Völker vergewaltigt hätte, der wäre mit Sicherheit, absoluter Sicherheit, vor das Kriegsgericht g e k o m m e n . " 2 7 23 24 23 26 27 Ebba D. Drolshagen, Nicht ungeschoren davonkommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten, Ffamburg 1998, S. 28f. Birthe Kundrus, Nur die halbe Geschichte. Frauen im Umfeld der Wehrmacht zwischen 1939 und 1945 - Ein Forschungsbericht, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 719-735. Thomas Kühne, Zwischen Vernichtungskrieg und Freizeitgesellschaft. Die Veteranenkultur der Bundesrepublik (1945-1995), in: Klaus Naumann (Hg.), Nachkrieg in Deutschland, I Limburg 2001, S. 90-113, Zitat S. 103. Siehe auch Gabriele Rosenthal, Vom Krieg erzählen, von den Verbrechen schweigen, in: Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 651-663. Vgl. Hannes Heer, Tote Zonen. Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront, Hamburg 1999, S. 180-203, 222-256. Eine solche Schrift ist die von Fritz Lachenmaier, Zeitgeschichte wider den Zeitgeist. Alte Soldaten klagen die ganze Wahrheit ein, Selbstverlag Schwäbisch Gmünd 31997, S. 68. Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 170. Siehe auch das Filminterview mit einem ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht, der das Auftreten von Vergewaltigungen mit der Begründung bestreitet, die
1. Zum Forschungsstand 73 Ähnliche Aussagen finden sich auch in einem Buch von Ruth Beckermann, die während der vom Hamburger Institut für Sozialforschung in Wien gezeigten Ausstellung über die „Verbrechen der Wehrmacht" ehemalige Kriegsteilnehmer zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen befragt hat. Selbst die Veteranen, die über die Verfolgung der Juden und die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen selbstkritisch und ungeschönt berichteten, verneinten das Auftreten von sexueller Gewalt. Als Begründung gab einer der Befragten an: „Dort, wo ich war, gab es, glaube ich, nie eine Vergewaltigung. Wegen des Hungers in der Bevölkerung war das auch gar nicht nötig. Verstehen Sie mich: Wenn die Frauen am Leben bleiben wollten, mussten sie sich eigentlich prostituieren."28 Dass diese Frauen wegen einer durch den Krieg hervorgerufenen Zwangslage zu sexuellen Kontakten bereit waren, wird von dem ehemaligen Soldaten zum Teil realisiert und eingestanden. Allerdings führt er diesen Zustand an, um das Nichtauftreten von sexueller Gewalt zu belegen. Er gibt sexuelle Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und Soldaten zu, betont aber deren gewaltfreien Charakter. Die beiden zitierten Antworten auf die Frage nach sexueller Gewalt stellen wohl nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel dar. 1998 berichtete ein ehemaliger Teilnehmer des Ostfeldzuges in einem Werk, dessen Zielsetzung sich unter anderem darauf erstreckte, die Wehrmachtangehörigen vor „Verunglimpfung" zu bewahren, über seine Erfahrungen bei der Fronttruppe im Osten. Bezüglich des Verhältnisses zur Zivilbevölkerung erklärte er, zu intimen Kontakten zu russischen Frauen sei „es nur in ganz seltenen Fällen" gekommen. Als Grund nannte er unter anderem die „Regel, daß Vergewaltigung als Verbrechen von den Kriegsgerichten streng geahndet wurde [...]".29 Hans Joachim Schröder hat in seinem Buch über die Erinnerungen früherer Mannschaftssoldaten an den Zweiten Weltkrieg ein eigenes Kapitel dem Bereich „Frauen" gewidmet und betont darin, dass nur einige Männer bereit gewesen seien, ausführlicher über die Beziehungen zwischen Soldaten und Frauen zu berichten. Obwohl also nur eine sehr kleine Gruppe derartige Informationen mitteilte, kommt in den wenigen Erzählungen trotzdem fast die gesamte Bandbreite von Kontakten zum weiblichen Geschlecht zur Sprache. Dazu gehören neben Berichten über das Kennenlernen der späteren Ehefrau im Krieg auch solche über Verhältnisse zu Frauen in Norwegen, über die Soldaten hätten ein solches Verhalten nicht nötig gehabt, denn sie seien in der Ukraine mit offenen Armen empfangen worden. Hartmut Kaminski, Liebe im Vernichtungskrieg, gezeigt bei Arte, 30. Mai 2001. Ruth Beckermann, Jenseits des Krieges. Ehemalige Wehrmachtssoldaten erinnern sich, Wien 1998, S. 102f., ZitatS. 102. Joachim von Schwerin, „Bewährung, Bedrängnis und Verhalten der Fronttruppc". Ein Bericht aus eigenem Erleben am Beispiel des Ostfeldzuges, in: Hans Poeppel/Wilhelm-Karl Prinz von Preußen/Karl-Günther von Hase (Hg.), Die Soldaten der Wehrmacht, München 21998, S. 159177, hier S. 173. Der Band ist apologetisch angelegt und versucht insbesondere, die Ereignisse im Krieg gegen die Sowjetunion zu beschönigen. Ein Aufsatz betont die harte Haltung der Wehrmachtgerichtsbarkeit bei Sexualverbrechen: Alfred de Zayas, Die Wehrmacht und die Nürnberger Prozesse, in: ebd., S. 461-499, hier S. 491 f.
76 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Liebschaften von Offizieren, über so genannte „Bratkartoffelverhältnisse" mit Frauen von Kameraden, über die mangelnde „Attraktivität" von russischen Frauen sowie über Besuche in Bordellen. Schröder beobachtet zwar bei diesen Erzählungen die Tendenz der Männer, gerade die Frauen in der Sowjetunion häufig nur als „,Sexualobjekte'" zu betrachten. Inwieweit eine derartige Einstellung auch zu sexuellen Übergriffen geführt haben könnte, thematisiert er jedoch nicht und scheint auch die Zeitzeugen dazu nicht näher befragt zu haben. Die Interviews könnten, so Schröders Eingeständnis, dem Aspekt Frauen „nur in Andeutungen und Ausschnitten gerecht werden". 30 Dies trifft auch auf andere Auswertungen von solchen Befragungen zu. In der Darstellung von Ludger Tewes über die Besatzungszeit in Frankreich finden sich ausführliche, überwiegend positive Berichte über das alltägliche Zusammenleben von Soldaten und französischen Zivilisten. Ein ehemaliger Unteroffizier meinte beispielsweise, deutsche Soldaten hätten sich in Paris und Umgebung grundsätzlich ,„wie die zwölf Apostel'" verhalten und er hätte weder .„randalierende noch alkoholisierte Gruppen'" erlebt. Nur vereinzelt werden dagegen Vergewaltigungen erwähnt und die Erzähler weisen dabei auf deren harte Ahndung durch die Militärgerichte hin. Genauere Informationen zu den jeweiligen Tatumständen und der Vorgehensweise der Justiz fehlen jedoch. 31 Womöglich würde eine intensivere Betonung solcher Fragen, nämlich zunächst derjenigen nach etwaigen Beziehungen zu Frauen in den besetzten Gebieten, noch Interessantes zutage fördern. O b dies allerdings auch auf den Bereich sexuelle Gewalt zuträfe, ist mehr als fraglich. Ausgehend von den genannten Ergebnissen erscheint eine Annäherung an diese Thematik mittels Interviews mit Soldaten wenig ergiebig, auch wenn es von einigen Zeitzeugen zumindest Andeutungen zu sexuellen Gewalttaten gibt.32 Ähnlich verhält es sich auch mit den Feldpostbriefen deutscher Soldaten von der Front an die Heimat und damit an die Eltern, die Ehefrau oder die Freundin. Diese Zeugnisse wirken auf den ersten Blick ebenfalls nicht als geeignete Quellen, um mehr über sexuelle Themen zu erfahren. Wie Kühne betont, sind Feldpostbriefe als „vermeintlich authentische Quellengattung besonders verfänglich, wenn sie nicht mit anderen Quellengruppen kontrastiert werden, da sie vielfach mehr Aufschlüsse über die Erwartungen u. Vorstellungen der Heimat (denen die Briefschreiber ge30 31 32 Hans Joachim Schröder, Die gestohlenen Jahre. Erzählgeschichten und Geschichtserzählung im Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht ehemaliger Mannschaftssoldaten, Tübingen 1992, S. 386-404, Zitat S. 403. Ludger Tewes, Frankreich in der Besatzungszeit 1940-1943. Die Sicht deutscher Augenzeugen, Bonn 1998, S. 207f., 211, 242f., 268, 301, 307, Zitat S. 310. Der Autor hat Zeitzeugen befragt sowie Filme, Tagebücher, Briefe oder Notizen von ehemaligen Wehrmachtangehörigen und Akten der Militärverwaltung ausgewertet. Gabriele Rosenthal, Sexuelle Gewalt in Kriegs- und Verfolgungszeiten: Biographische und transgenerationelle Spätfolgen bei Überlebenden der Shoah, ihren Kindern und Enkelinnen, in: Medica mondiale e.V./Marhes W. Fröse/Ina Volpp-Teuscher (Hg.), Krieg, Geschlecht und Traumatisierung. Erfahrungen und Reflexionen in der Arbeit mit traumatisierten Frauen in Kriegsund Krisengebieten, Frankfurt/Main 1999, S. 25-55, hier S. 28.
1. Zum Forschungsstand 77 recht zu werden bemüht waren) geben als über das, was die Soldaten tatsächlich erlebten u. beschäftigte".33 Diese Erkenntnis lässt sich auch auf die Arbeit von Klaus Latzel über Feldpostbriefe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg übertragen. In den Briefen an die Eltern, Freundin, Verlobte oder Ehefrau berichteten die Soldaten zwar häufig über ihren „unblutigen" militärischen Alltag wie die Versorgungs- und Unterkunftssituation sowie die Anforderungen durch den Dienst. Demgegenüber gering sind jedoch Themenbereiche wie Kriegsverbrechen und Judenverfolgung.34 Auch sexuelle Wünsche kamen nur selten zur Sprache, in diesen wenigen Fällen dann jedoch in deutlicher Form. Kaum zu erwarten sei aber, dass „Söhne ihren Eltern oder Ehemänner ihren Frauen etwa von Wehrmachtbordcllen schreiben würden", wie Latzel selbst betont. Das weitgehende Fehlen solcher Informationen in seiner Briefauswahl thematisiert er jedoch nicht weiter, obwohl auch das Schweigen über bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse einiges „aussagen" kann.35 Inge Marszolek vermutet als mögliche Ursachen für den Mangel an sexuellen Themen neben einer „zeitspezifischen Sprachlosigkeit" zusätzlich eine „Härtung und Panzerung", die der Krieg bei den Soldaten bewirkt habe.36 Inwieweit diese Erklärung zutrifft, kann hier nicht beantwortet werden. Einige Zweifel an ihrer generellen Gültigkeit sind jedoch angebracht, wenn man bedenkt, dass gerade über körperliche Beschwerden und Befindlichkeiten häufig und detailliert in Feldpostbriefen berichtet wurde. Die geforderte Härte wurde zwar nach außen hin gewahrt, die Briefe waren jedoch nicht selten ein wichtiges Ventil, um mit den unterschiedlichsten Schwierigkeiten fertig zu werden und um sich die Fronterlebnisse von der Seele schreiben zu können. 37 33 34 33 M 37 Kühne, Kameradschaft - das Beste, S. 522, Anm. 77. Vgl. auch Klara Löffler, Aufgehoben: Soldatenbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Studie zur subjektiven Wirklichkeit des Krieges, Bamberg 1992, S. 58. Zur Quellengattung Feldpostbriefe siehe Bernd Ulrich, „Militärgeschichte von unten". Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 473-503. Klaus Latzel, Vom Kricgserlebnis zur Kriegserfahrung. Theoretische und methodische Überlegungen zur erfahrungsgeschichtlichen Untersuchung von Feldpostbriefen, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 56 (1997) 1, S. 1-30. Klaus Latzel, Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis - Kriegserfahrung 1939-1945, Paderborn 1998, S. 35, 111, 123f. Vgl. dagegen die Darstellung des Krieges an der Ostfront durch einen Soldaten, der nicht nur Briefe und Tagebucheinträge verfasste, sondern seine Erfahrungen auch in einem Buchmanuskript niederschrieb. Ein Vergleich der unterschiedlichen Schriftstücke zeigt, dass er in den Briefen wenig Informationen zum Kriegsgeschehen lieferte, im Manuskript dagegen auch Verbrechen schilderte. Willi Peter Reese, Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1941-44, hg. von Stefan Schmitz, München 2003, S. 22f. Latzel, Deutsche Soldaten, Zitat S. 139, vgl. S. 332,339; ders., Kriegsbriefe und Kriegserfahrung: Wie können Feldpostbriefe zur crfahrungsgeschichtlichen Quelle werden?, in: Werkstatt Geschichte 8 (1999) 22, S. 7-23, hier S. 20. Inge Marszolek, „Ich möchte Dich zu gern mal in Uniform sehen." Geschlechterkonstruktionen in Feldpostbriefen, in: Werkstatt Geschichte 8 (1999) 22, S. 41-59, hier S. 52. Siehe die peniblen Schilderungen des Soldaten Oltc über Läuse, Kälte, mangelnde Hygiene, den ständigen Hunger sowie über seine psychische Verfassung in Latzel, Deutsche Soldaten, S. 6063, 67.
7S II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Darüber hinaus lassen sich in den bislang veröffentlichten Feldpostbriefen durchaus einige Hinweise auf sexuelle „Bedürfnisse" und auch auf sexuelle Gewalttaten finden. In der Edition von Ortwin Buchbender und Reinhold Sterz ist der Bericht eines Gefreiten vom Juni 1940 abgedruckt, der den Fall eines Unteroffiziers, der mehrere Vergewaltigungen und Vergewaltigungsversuche in Polen und Frankreich begangen hatte, erwähnt und die in seinen Augen milde Bestrafung des Täters kritisiert.38 Auch einige Feldpostbriefe, die in sowjetischen Archiven ausgewertet wurden, thematisieren zum einen Sehnsüchte der Soldaten nach körperlicher Nähe zur Ehefrau oder Freundin, erwähnen zum anderen allgemein das Verhältnis zwischen Soldaten und Frauen in den besetzten Gebieten oder benennen ganz konkret Bordellbesuche. So beschrieb ein Soldat seinem Freund im Zusammenhang mit dem Kriegseinsatz in einem französischen Hafenort die kurze Wegstrecke zum Bordell und beklagte dann, auch in Russland könne er seinen Sold nicht sparen, denn dort gäbe es ebenfalls „ein art Buff [sie]".39 Interessanterweise finden sich in dieser Edition von Anatoly Golovchansky nicht nur Briefe zwischen Soldaten und ihren Ehefrauen oder Freundinnen, sondern auch Schreiben an Kameraden oder an männliche Verwandte - der Adressatenkreis unterscheidet sich also in diesem Fall von den sonst üblichen Briefsammlungen. Stephen G. Fritz geht in seiner Analyse von Briefen und Tagebüchern ehemaliger Frontsoldaten relativ ausführlich auf Themen wie „Liebe", „Erotik" und „Zärtlichkeit" ein und weist darauf hin, dass viele Soldaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion in Bezug auf die Erfüllung derartiger Bedürfnisse die Lösung darin sahen, „bei ortsansässigen Frauen sexuelle Entlastung zu suchen". Ob es sich dabei um Beziehungen auf freiwilliger Basis oder aber um erzwungenen Geschlechtsverkehr handelte, wird von Fritz nicht weiter thematisiert, obwohl eine von ihm angeführte Quelle auf eine Gruppenvergewaltigung hindeutet. 40 Es ist durchaus denkbar, dass zukünftige Auswertungen von Feldpostbriefen mit unterschiedlichen Adressatengruppen zu neuen Ergebnissen hinsichtlich der Bedeutung von sexuellen Themenbereichen gelangen werden. Es sei an dieser Stelle auf einen Aufsatz von Ulrike Jureit hingewiesen, in dem die Korrespondenz eines Ehepaares während des Zweiten Weltkrieges analysiert wird. Die Briefserie enthält nicht nur zahlreiche, offen ausgesprochene sexuelle Wünsche und Intimitäten zwischen den Eheleuten, sondern liefert auch Hinweise auf Bordellbesuche in Frankreich.41 Auch bei Ortwin Buchbender/Reinhold Sterz (Hg.), Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945, München 1982, S. 62, Brief Nr. 77, Gefreiter H.K., 27. Juni 1940. Auffällig an dieser Edition ist, dass nur die Absender angegeben und keine Informationen über die Adressaten enthalten sind. Zudem bewegen sich die ausgewählten Briefe fast durchgängig auf einem hohen sprachlichen Niveau. Anatoly Golovchansky u.a. (Hg.), „Ich will raus aus diesem Wahnsinn". Deutsche Briefe von der Ostfront 1941 -1945. Aus sowjetischen Archiven, Wuppertal 1991, Zitat S. 82, Brief von „Alfred" an „Freund", 28. Mai 1942, und S. 128-131, 256-258. Stephen G. Fritz, Hitlers Frontsoldaten. Der erzählte Krieg, Berlin 1998, S. 100-102, Zitat S. lOOf. Ulrike Jureit, Zwischen E^he und Männerbund. Emotionale und sexuelle Beziehungsmuster im Zweiten Weltkrieg, in: Werkstatt Geschichte 8 (1999) 22, S. 61-73.
1. Zum Forschungsstand 79 den Feldpostprüfstellen der Wehrmacht wurden Briefe mit derartigen Themen häufiger entdeckt, wie eine entsprechende Bemerkung der zuständigen Prüfstelle beim Armeeoberkommando 2 im März 1942 verdeutlicht.42 Möglicherweise sind also die bislang getroffenen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Bedeutung von Sexualität und Körperlichkeit in Feldpostbriefen laut Jureit „nur als vorläufig" zu betrachten, da solche Inhalte bisher nicht im Zentrum des Interesses standen. 43 Während der Forschungsstand zu Interviews mit ehemaligen Soldaten oder zu Feldpostbriefen noch einigermaßen überschaubar ist, stellt ein Forschungsüberblick zum Zweiten Weltkrieg generell angesichts der Vielzahl an Publikationen 44 ein aussichtsloses Unterfangen dar. Das Interesse konzentriert sich daher im Folgenden auf einige der zentralen, vor allem zwischen 1990 und 2003 entstandenen Arbeiten, die sich konkret mit der Wehrmacht, deren Art der Kriegführung sowie der Behandlung der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten befassen. In diesem Zeitraum fanden die Forschungsansätze und -postulate einer „Militärgeschichte von unten" sowie der Frauen- und Geschlechtergeschichte Eingang in die Untersuchungen zum Zweiten Weltkrieg, und es ist davon auszugehen, dass diese trotz der erwähnten Einschränkungen die Frage nach sexuellen Gewaltverbrechen noch am ehesten aufgegriffen haben. Die Situation in den besetzten Gebieten der Sowjetunion wird dabei aufgrund des dortigen verbrecherischen Charakters der Kriegführung im Mittelpunkt stehen. In Bezug auf den Frankreichfeldzug und die Zeit nach dem Sieg herrschte lange das Bild von einer korrekt auftretenden deutschen Besatzungsmacht vor. Eine Ausnahme bildete diesbezüglich vor allem das Massaker von Oradour, begangen durch die 2. SS-Panzer-Division „Das Reich". Im Hinblick auf die Bekämpfung der französischen Widerstandsbewegung und auf die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung ist die allzu positive Bewertung der Okkupationszeit mittlerweile korrigiert worden. Hinweise auf sexuelle Gewaltdelikte gegenüber französischen Zivilistinnen sind vorhanden, wenn auch wenig konkrete. Ahlrich Meyer erwähnt im Zusammenhang mit der Bandenbekämpfung gegen den französischen „Maquis" im Juli 1944 verschiedene Verbrechen, die Angehörige einer deutschen Division begangen hätten. Neben Erschießungen, Plünderungen und dem Anzünden von Ortschaften sei es „erstmals auch zu Massenvergewaltigungen durch Wehrmachtangehörige" gekommen.45 Ein entsprechender 42 43 44 41 BA-MA RH 20-2/1152, Anlagen zum Kriegstagebuch AOK 2 Ic/A.O., 1.2.-18.3.1942, Anl. 212, Nr. 819/42g, 8. März 1942, Feldpostprüfstclle beim AOK 2, „Tätigkeitsbericht" vom 1. März 1942. Jureit, Ehe, S. 62. Birthe Kundrus hat bezüglich der frauen- und geschlechtergeschichtlichen Auswertung von Feldpostbriefen darauf hingewiesen, dass bislang die Briefe von Wehrmachthelferinnen überhaupt nicht untersucht worden sind. Kundrus, Nur die halbe Geschichte, S. 726-730. Einen fundierten Einstieg bietet die Bibliographie von Rolf-Dieter Müller/Gerd R. Ueberschär, I litlers Krieg im Osten 1941-1945. Elin Forschungsbericht, Darmstadt 2000. Ahlrich Meyer, Kriegs- und Besatzungsverbrechen in Frankreich 1940-1944, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 274-
80 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Beleg für diese Ereignisse findet sich wiederum in den Akten der Nürnberger Prozesse. Die dort von der französischen Anklage vorgelegten Dokumente verweisen auf mehr als 50 vergewaltigte Französinnen.46 Christoph Rass berichtet in seiner detaillierten Untersuchung über die 253. Infanterie-Division, die 1940/41 in Frankreich Besatzungsdienst leistete, ebenfalls über Fälle von sexuellen Gewaltverbrechen. So seien zwischen Juli 1940 und April 1941 neun Angehörige dieser Division wegen Sexualstraftaten vor dem zuständigen Kriegsgericht angeklagt gewesen. Die genaueren Umstände der Vorfälle schildert er in diesem Zusammenhang jedoch nicht.47 Eine Auswertung von Interviews mit ehemaligen Besatzungssoldaten verweist auf vereinzelte Todesurteile bei Vergewaltigungen und grundsätzlich auf die „beispiellose Härte" der Militärgerichte gegenüber Armeeangehörigen, die in Frankreich Kapitalverbrechen begingen. Derartige Übergriffe werden jedoch nicht genauer erläutert.48 Mehr Informationen über sexuelle Gewaltdelikte liegen dagegen für Polen und für die Sowjetunion vor. Bereits 1994 wiesen Rolf-Dieter Müller und Gerd R. Ueberschär darauf hin, „daß Teile der Wehrmacht und Waffen-SS eine menschenverachtende Besatzungsherrschaft ausübten. Plünderungen, Vergewaltigungen, willkürliche Erschießungen und andere Verbrechen wurden dabei von eigenen Dienststellen registriert".49 Als solche Schriftstücke lassen sich die so genannten „Ereignismeldungen UdSSR" der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD einordnen. Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm haben diese „Truppe des Weltanschauungskrieges" und auch deren Verhältnis zur Wehrmacht genauer untersucht. 50 Das Aufgabengebiet der Einsatzgruppen und die entsprechenden Aktionen im Baltikum, in Weißrussland, in der Ukraine, Bessarabien, in Kaukasien und auf der Krim sind bis ins Detail bekannt, da sie selbst über ihre Tätigkeit mittels der „Ereignismeldungen" dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler Bericht erstatteten. Die Meldungen sind insofern mit Vorsicht zu lesen und als Quelle zu 46 47 48 49 30 287, hier S. 285. Vgl. auch ders., Die deutsche Besatzung in Frankreich 1940-1944. Widerstandsbekämpfung und Judenverfolgung, Darmstadt 2000, S. 145. IMT, Bd. 6, Verhandlungsniederschriften 22. Januar 1946 bis 4. Februar 1946, S. 445-448. Auf diese Dokumente verweist auch Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 61f. Christoph Rass, „Menschenmaterial": Deutsche Soldaten an der Ostfront. Innenansichten einer Infanteriedivision 1939-1945, Paderborn 2003, S. 264f. Dagegen werden Fälle von sexueller Gewalt in der Sowjetunion ausführlicher dargestellt - auf sie wird im Kapitel V noch eingegangen. Tewes, Frankreich, S. 207f., 211, 221, 307. Rolf-Dieter Müller/Gerd R. Ueberschär, Kriegsende 1945. Die Zerstörung des Deutschen Reiches, Frankfurt/Main 1994, S. 112. Die von den Autoren aufgeführte Literatur bietet einen Überblick über einige der genannten Verbrechen, Hinweise auf sexuelle Gewalt kommen dagegen nicht vor. Auffällig ist, dass dieses Zitat in der neuen Bibliographie nicht mehr das Wort „Vergewaltigungen" enthält. Ueberschär/Müller, Hitlers Krieg, S. 141: „Plünderungen, rücksichtslose und willkürliche Erschießungen und andere Verbrechen wurden dabei sogar von eigenen Dienststellen der Wehrmacht registriert." Helmut Krausnick, Die Einsatzgruppen vom Anschluß Österreichs bis zum Feldzug gegen die Sowjetunion. Entwicklung und Verhältnis zur Wehrmacht, in: ders./Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1981, S. 13-278, hier S. 147.
1. Zum Forschungsstand 81 benutzen, da sie eine Art Rechenschaftsrapport an die zuständigen Ämter in Berlin darstellten und möglicherweise bestimmte Ereignisse keine Erwähnung fanden, um kein schlechtes Licht auf die Einsatzgruppen zu werfen.51 Wie Wilhelm betont, können sie aber vor allem hinsichtlich der reinen Fakten „ein ungewöhnlich hohes Maß an Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen". 52 In beiden Teilen des Buches über die Einsatzgruppen finden sich im Zusammenhang mit der Schilderung der Kriegführung im Osten vereinzelt Hinweise auf Vergewaltigungen, begangen durch Angehörige der Wehrmacht. So hatte die Wehrmachtführung im September 1939 nicht nur das Handeln und das Auftreten der Einsatzgruppen kritisiert, sondern der Oberbefehlshaber der 14. Armee sah sich selbst gezwungen, die Kommandeure darauf hinzuweisen, gegen Disziplinlosigkeiten in der eigenen Truppe vorzugehen und die sich scheinbar häufenden Angriffe gegen die Zivilbevölkerung wie „willkürliche Erschießungen, Mißhandlung Wehrloser, Vergewaltigungen und Niederbrennen von Synagogen" zu unterbinden. 53 Auch der Oberbefehlshaber des Heeres (ObdH), Walther von Brauchitsch, sowie andere Truppenführer gaben im September und Oktober Befehle zur Aufrechterhaltung der Disziplin heraus, in denen auf die verschiedensten Vorfälle aufmerksam gemacht wurde. Darunter finden sich immer wieder Klagen über das Auftreten von sexueller Gewalt. Auch im Zusammenhang mit dem Amnestie-Erlass Hitlers vom 4. Oktober 1939, durch den die Strafen sowie laufende Verfahren gegen Soldaten, die Verbrechen an Zivilisten begangen hatten, aufgehoben wurden, tauchen Sexualverbrechen auf. Brauchitsch schränkte den Erlass ein, indem er jene Taten von der Amnestie ausnahm, die aus Eigennutz oder Eigensucht erfolgt waren. Dazu zählte er unter anderem Vergewaltigungen. Wie Krausnick betont, konnte das Eingreifen des Oberbefehlshabers des Heeres aber nicht verhindern, dass solche Täter auch ohne Strafe davonkamen.54 Hermann Graml schreibt dagegen in einem Aufsatz über die Wehrmacht im Polenfeldzug, bei „Morden und vereinzelten Vergewaltigungen" sei „in der Regel die Todesstrafe verhängt" worden. 55 Auch in der Sowjetunion ereigneten sich sexuelle Übergriffe - und dies in einem Ausmaß, das offenbar nicht mehr tolerierbar erschien. Der Oberbe31 32 33 34 33 Zum Umgang mit dieser Quelle allgemein siehe Peter Longerich, Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München 1998, S. 322f. Hans-Heinrich Wilhelm, Die Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD 1941/42 - Eine exemplarische Studie, in: ders./Helmut Krausnick, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1981, S. 281 -636, hier S. 333-341, ZitatS. 337. Krausnick, Einsatzgruppen, S. 53. Vgl. auch Gerhard Schreiber, Der Zweite Weltkrieg, München 2002, S. 27f. Krausnick, Einsatzgruppen, S. 76-78, 82. Hermann Graml, Die Wehrmacht im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 365-384, hier S. 373. Hinweise auf Vergewaltigungen jüdischer Frauen in Polen finden sich auch bei Karl Heinz Janßen, Mit dem Überfall auf Polen, listig eingefädelt und brutal ausgeführt, begann die deutsche Schreckensherrschaft im Osten. „Vorwärts mit Gott für Deutschland!", in: Theo Sommer (Hg.), Gehorsam bis zum Mord? Der verschwiegene Krieg der deutschen Wehrmacht-Fakten, Analysen, Debatte, Zeit-Punkte 3 (1995), S. 7-12, S. 12, sowie bei Istvän Deäk/JanT Gross/Tonyjudt (Hg.),ThePoliticsof Retribution in Europe. World War II and its Aftermath, Princeton, N.J., 2000, S. 95f.
82 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten fehlshaber der 4. Armee, Generalfeldmarschall Günther von Kluge, beklagte in einem Befehl zur Aufrechterhaltung der „Manneszucht" im September 1941 die Verbreitung von Verbrechen, auch sexueller Art, an der Zivilbevölkerung. Aus Weißruthenien wurden sexuelle Gewaltdelikte gegen jüdische Frauen durch Angehörige der spanischen „Blauen Division" bekannt, gegen die laut Wilhelm nicht eingeschritten wurde. 56 Vor allem die SS-Gerichtsbarkeit soll bei Disziplinverletzungen nachsichtig geurteilt haben und auch nicht gegen Fälle des verbotenen Geschlechtsverkehrs mit „Andersrassigen" vorgegangen sein, da „sie sonst schätzungsweise jeden zweiten SS-Mann hätte belangen müssen". 57 An dieser Stelle muss offen bleiben, ob es sich bei diesen Delikten auch um gewaltsam erzwungenen Geschlechtsverkehr gehandelt hat; dies ist aber bei der Größenordnung der Übertretungen durchaus anzunehmen. Auch die Beschreibungen der Verhörpraxis und der Foltermethoden, mit denen die deutsche Besatzungsmacht lettische Männer und Frauen zu Aussagen zwingen wollte, enthalten mehrere Hinweise, dass es dabei zur Anwendung von sexueller Gewalt kam. 58 Bei den Mordaktionen an der jüdischen Bevölkerung sollen neben zahlreichen anderen Demütigungen und Quälereien ebenfalls sexuelle Übergriffe aufgetreten sein. In diesem Zusammenhang werden als Täter jedoch vor allem die Kommandos der Sicherheitspolizei und des SD genannt, die mit der Ermordung der Juden beauftragt waren. 59 Sie hätten laut Wilhelm „allen Rassenvorurteilen zum Trotz, auch ihrem Geschlechtstrieb keine Zurückhaltung" auferlegt.60 Die von Krausnick und Wilhelm geschilderten Fälle beziehen sich zwar mehrheitlich auf die Angehörigen der Einsatzgruppen und auf deren einheimische Hilfsmannschaften. Dennoch verweisen einige der zitierten Belege auf ähnliche Erscheinungen bei der Wehrmacht, die zu Beginn des Polenfeldzuges und dann später im Krieg gegen die Sowjetunion vermehrt auftraten. Bezüglich der Wehrmacht führt Krausnick zumeist Befehle an, die auf ein verschärfteres Vorgehen seitens der Heeresführung und einzelner Armeeoberbefehlshaber gegen solche Taten hinweisen. Hingegen stellt Wilhelm die These 36 37 58 39 60 Wilhelm, Einsatzgruppe A, S. 479, 486. Elreignismeldung Nr. 136 vom 21. November 1941. Die „Blaue Division", so benannt nach der Flcmdfarbe der Soldaten, war eine mehr als 17.000 Mann umfassende spanische Infanterie-Division, die seit September 1941 als Teil der Heeresgruppe Nord im Einsatz war. Jürgen Förster, Freiwillige aus West- und Südosteuropa, in: DRZW, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 911-926, hier S. 911-915. Vgl. auch Hans Werner Neulen, An deutscher Seite. Internationale Freiwillige von Wehrmacht und Waffen-SS, München 1985, S. 116-125. Wilhelm, Einsatzgruppe A, S. 480. Vgl. dazu den Bericht einer Zeitzeugin aus dem Rigaer Ghetto: „,Man setzte den Rasseparagraphen, durch den Tausende von Menschen in Deutschland die Zuchthäuser und Konzentrationslager bevölkerten, stillschweigend außer Kraft, und schöne, junge Jüdinnen mußten der SS die rassereine Verbindung ersetzen.'" Zit. nach Klaus-Michael Mallmann/Volker Rieß/Wolfram Pyta (Hg.), Deutscher Osten 1939-1945. Der Weltanschauungskrieg in Photos und Texten, Darmstadt 2003, S. 93. Wilhelm, Einsatzgruppe A, S. 500, 503, 505. Zum Aufgabenbereich der Einsatzgruppen vgl. Ralf Ogorreck, Die Einsatzgruppen und die „Genesis der Endlösung", Berlin 1996. Wilhelm, Einsatzgruppe A, S. 560 u. S. 540.
1. Zum Forschungsstand 83 auf, die Männer der Einsatzgruppen und der SS hätten nicht mit besonderen Konsequenzen zu rechnen gehabt. Vielmehr sei bei offensichtlichen Verstößen gegen die Disziplin und die eigenen Gesetze zur „Rassereinheit" nicht eingeschritten worden. Damit wird das verbreitete Bild bestätigt, vor allem die Angehörigen der SS hätten im Osten Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen. Dagegen hat sich das Hamburger Institut für Sozialforschung explizit mit den „Verbrechen der Wehrmacht" auseinander gesetzt.61 In der ersten, 1995 eröffneten und bald schon umstrittenen Ausstellung wurden zahllose Gewalttaten von deutschen Soldaten gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen und vor allem gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung anhand von Photos dokumentiert. Trotz der Fülle an unterschiedlichsten Übergriffen wurde sexuelle Gewalt kaum thematisiert. Dies hängt sicherlich in erster Linie mit der Konzeption der Ausstellung zusammen, die sich vorrangig auf private Photographien und Bilder von der Propagandatruppe der Wehrmacht stützte. Es ist nicht anzunehmen, dass sich darunter viele Hinweise auf sexuelle Gewaltdelikte finden, allerdings gibt es in der Tat solche Bilder, die entsprechende Verbrechen zumindest erahnen lassen. Die Kritik, die einige Historiker an einzelnen Photos und den dazugehörigen Unterschriften äußerten, hat gezeigt, wie problematisch die richtige Zuordnung und Erläuterung von Photos grundsätzlich ist. Dies dürfte erst recht für einen bildlichen Nachweis von Vergewaltigungen oder sexueller Folter gelten, der weitaus schwieriger, wenn nicht gar unmöglich zu erbringen ist.62 Trotzdem fällt auf, dass der Problembereich Sexualverbrechen von den Organisatoren der Ausstellung nicht deutlicher angesprochen wurde. 63 Auch der im Rahmen der überarbeiteten Ausstellung Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Ausstellungskatalog, Hamburg 21997, S. 100; dass. (Hg.), Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", Hamburg 1999; Kulturrcfcrat der Landeshauptstadt München (Hg.), Bilanz einer Ausstellung. Dokumentation der Kontroverse um die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" in München, Galerie im Rathaus: 25.2. bis 6.4.1997, München 1998. Vgl. dazu den Aufsatz von Bernhard Fisch, Nemmersdorf 1944 - nach wie vor ungeklärt, in: Gerd R. Ueberschär (Hg.), Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 155-167. Nach dem Rückzug der sowjetischen Einheiten aus dem ostpreußischen Dorf erstellten deutsche Bildberichterstatter Photographien. Sie zeigen unter anderem weibliche Leichen, bei denen der Unterleib sichtbar ist. Das Aussehen der Frauen wurde „manipuliert", um Vergewaltigungen vorzutäuschen. Ebd., S. 159. So zeigt ein anderer Ausstellungskatalog mit Photos deutscher Soldaten das Bild einer toten Frau auf einem Strohbett. Rock und Unterrock der Frau sind hochgezogen, die Beine angewinkelt. Die Darstellung lässt eine Vergewaltigung oder eine versuchte Vergewaltigung vermuten. Es fällt auf, dass alle Bilder auf der entsprechenden Seite mit Unterschriften oder Erklärungen über die gezeigte Situation versehen sind - mit Ausnahme der Aufnahme, die die tote Frau darstellt. Peter Jahn/Ulrike Schmiegelt (Hg.), Foto-Feldpost. Geknipste Kriegserlebnisse 1933-1945, Ausstellungskatalog, Berlin 2000, S. 121. Ich danke Gudrun Schwarz, Hamburg, herzlich für den Hinweis und die Kopie dieses Photos. Eine tote nackte Frau ist abgebildet bei Jürgen Engert (Hg.), Soldaten für Hitler. Das Buch zur ARD-Serie, Berlin 1998, S. 131. Die Unterschrift lautet „Vergewaltigt und erschossen, eine Russin im besetzten Gebiet." Ohne zusätzliche Informationen ist eine solche Aussage sehr kritisch zu bewerten. Die beiden Beispiele sollen ]e-
84 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten konzipierte Katalog untersucht „sechs Dimensionen des Vernichtungskrieges", greift aber das Thema geschlechtsspezifische Gewalt durch Angehörige der Wehrmacht nicht auf, obwohl einige der abgedruckten Dokumente auf solche Vorfälle hindeuten. 64 Der unter anderem auch von Mitarbeitern der Ausstellung gestaltete Aufsatzband über die „Verbrechen der Wehrmacht" 65 versucht mit unterschiedlichen Beiträgen an bislang nicht näher charakterisierte Opfer des Krieges der Wehrmacht, wie zum Beispiel „Angehörige der Zivilbevölkerung und Geiseln, Frauen und Kinder" 66 , zu erinnern. In den 29 Aufsätzen, von denen einige explizit in das Kapitel „Verbrechen" eingeordnet sind, wird sexuelle Gewalt nicht detailliert thematisiert. Allenfalls in den beiden Beiträgen von Hannes Heer finden sich knappe Hinweise. So spricht er im Zusammenhang mit der Judenverfolgung in Weißrussland von „Mordlust und Sadismus, Gefühlskälte und sexuelle[n] Perversionen", die „große Teile der Truppe" 67 in sich getragen hätten. Was Heer unter „Perversionen" versteht, definiert er ebenso wenig wie deren quantitative Verbreitung. Ähnlich vage bleibt auch seine Bemerkung im zweiten Aufsatz über den Partisanenkrieg. Im Bereich der Heeresgruppe Mitte im rückwärtigen Heeresgebiet sei das eigenständige Plündern und „Organisieren" von Lebensmitteln durch die Soldaten eine ständige Erscheinung gewesen. Vergewaltigungen dagegen würden nur dann in den Berichten des Befehlshabers des rückwärtigen Heeresgebietes erwähnt, „wenn ganze Einheiten darin verwickelt sind". Heer folgert daraus die „individuelle Verbreitung" von sexueller Gewalt. 68 Ohne weitere Ausführungen dazu und auch ohne entsprechende Informationen, wie denn die zuständigen Befehlshaber auf das Auftreten von sexuellen Übergriffen reagierten, vermittelt die zitierte Passage den Eindruck, im Bereich der Heeresgruppe Mitte seien sexuelle Gewalttaten nur dann negativ registriert worden, wenn zu viele Männer daran beteiligt waren. Konkrete Erläuterungen für diese Einstellung finden sich nicht. So gilt auch für diesen Band, was Omer Bartov in seinem kritischen Beitrag über die deutsche Mili- 64 63 66 67 68 doch zeigen, dass eine gründliche und speziell auf solche Aufnahmen ausgerichtete Recherche möglicherweise noch mehr zutage fördern könnte. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944. Ausstellungskatalog, Hamburg 2002, Zitat S. 9, Dokumente S. 153, 568. Auf S. 124 findet sich ein Bericht über Vergewaltigungen ukrainischer Frauen in der Stadt Dubno durch Angehörige des sowjetischen Geheimdienstes. Hannes Heer/Klaus Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 19411944, Hamburg 1995. Dies., Einleitung, in: dies. (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 25-36, hier S. 34. Hannes Heer, Killing Fields. Die Wehrmacht und der Holocaust, in: ders./Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 57-77, hier S. 64. Ders., Die Logik des Vernichtungskrieges. Wehrmacht und Partisanenkampf, in: ders./Naumann (Flg.), Vernichtungskrieg, S. 104-138, hier S. 122. In der von ihm herausgegebenen Sammlung von Aussagen deutscher Kriegsgefangener finden sich ebenfalls vereinzelt Hinweise auf sexuelle Gewaltdelikte. Hannes Heer (Hg.), „Stets zu erschießen sind Frauen, die in der Roten Armee dienen." Geständnisse deutscher Kriegsgefangener über ihren Einsatz an der Ostfront, Hamburg 1995, S. 37, 78f., 81.
1. Z u m Forschungsstand 85 tärgeschichte konstatiert: Mangels ausreichender sozial- und kulturgeschichtlicher Ansätze bei der Analyse des Zweiten Weltkrieges sei das Wissen über „Vergewaltigung und Prostitution, Fraternisierung und Brutalität gegen die Bevölkerungen besetzter Länder" noch sehr gering.69 Er selbst hat sich in mehreren Veröffentlichungen vor allem mit der Rolle der deutschen Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion beschäftigt und dabei insbesondere die Indoktrination der Soldaten mit nationalsozialistischen Ideen und Zielen untersucht. In seinem Buch über „Hitlers Wehrmacht" widmet er ein ganzes Kapitel der „Pervertierung der Disziplin" und führt zahlreiche Beispiele an, denen zufolge deutsche Soldaten die militärische Ordnung verletzten und Verbrechen an der gegnerischen Zivilbevölkerung verübten. In seinen Ausführungen finden sich auffallend viele Hinweise auf sexuelle Vergehen, die er überwiegend anhand von Quellen der 12. Infanterie-Division ermittelt hat. Diese Division war zuerst im Krieg gegen Polen, dann gegen Frankreich und schließlich auch beim Angriff gegen die Sowjetunion im Einsatz und Bartov listet zu allen Kriegsschauplätzen die Übergriffe gegen Zivilisten auf. Die sich innerhalb der 12. Infanterie-Division häufenden Klagen über das disziplinlose Verhalten der Soldaten, das sich in Form von Trunkenheit, Ungehorsam, Plünderungen und auch Sexualdelikten zeigte, sowie die erfolgten militärgerichtlichen Verurteilungen lassen nach Bartov den Schluss zu, dass die Situation in den besetzten Gebieten zwar beunruhigend gewesen sei, aber „daß sie quantitativ und juristisch im Rahmen dessen blieb, was unter den Bedingungen einer militärischen Besetzung zu erwarten war". 70 Ohne auf diesen „Rahmen" näher einzugehen, betont Bartov weiter, dass sich die Verhältnisse an der Ostfront eindeutig von denen im Westen unterschieden hätten. Durch die Anpassung des Rechtssystems an die nationalsozialistische Ideologie und aufgrund der Durchdringung mit rassistischen sowie sozialdarwinistischen Konzepten seien offensichtliche Verbrechen an der Zivilbevölkerung wie Raub, Folter, sexuelle Gewalt und Mord legalisiert worden. Die Militärgerichte hätten derartige Übergriffe nur dann verfolgt, wenn sie eine schwere Verletzung der militärischen Disziplin darstellten. Nach Bartov bot die Vernichtungspolitik des Regimes unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung „dem Landser zahllose Gelegenheiten, mit oder ohne Erlaubnis zu morden und zu zerstören, zu rauben und zu plündern, zu vergewaltigen und zu foltern. Vergehen, für die er selten bestraft und nicht selten von seinen Vorgesetzten gelobt wurde".71 Insbesondere der Hinweis auf die zurückhaltende Strafverfolgung ist hier von großer Bedeutung, allerdings weist Bartov eine derartige Nichtsanktionierung nicht nach. Seinen Quellenbelegen zufolge hat er selbst keine größeren Aktenbeständc der Wehrmachtgerichtsbarkeit ausgewertet. 69 70 71 Omer Bartov, Wem gehört die Geschichte? Wehrmacht und Geschichtswissenschaft, in: Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 601-619, hier S. 613. Ders., Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Rcinbek bei Hamburg 1995, S. 107. Ebd., S. 143.
86 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Im Gegensatz zu Bartov thematisiert Christian Gerlach in seinem umfangreichen und die Verbrechen in Weißrussland penibel auflistenden Werk sexuelle Gewaltdelikte nicht. Zwar ist im Rahmen der Beschreibung von Mordaktionen an Juden und Kriegsgefangenen sowie bei der gewaltsamen Rekrutierung von Zwangsarbeitern für das Deutsche Reich auch von Frauen die Rede. Gerlach betont in diesem Zusammenhang die frauenverachtende Ideologie und den besonderen „Haß" deutscher Soldaten gegen die weiblichen Angehörigen der Roten Armee. Die Frage, ob eine derartige Grundeinstellung auch zu Sexualverbrechen geführt haben könnte, stellt Gerlach jedoch nicht.72 Die geschilderten Gewaltexzesse und Grausamkeiten, die sich im Rahmen der Partisanenbekämpfung vor allem durch Polizeieinheiten ereigneten, umfassten neben Tötungsarten wie Verbrennen, Erhängen oder Ersticken auch das Ertränken von Frauen in Teichen oder das Aufspießen von Kindern auf Bajonette. Gerlach zufolge wurden vor allem die Kinder bei solchen Aktionen besonders gequält. Seine Auflistung ist lang und schrecklich - sexuelle Gewalt wird dagegen nicht explizit erwähnt, auch nicht die Frage, ob es bei derartigen Taten etwa zu Fällen von sexueller Folter kam.73 Entweder ordnet Gerlach sexuelle Übergriffe stillschweigend in diese Arten der Gewaltausübung mit ein oder sie tauchen in den von ihm herangezogenen Qellen nicht auf. Der einzige Hinweis auf Vergewaltigung findet sich bei ihm erstmals im Zusammenhang mit der Ansiedlung von kaukasischen und kosakischen Einheiten in weißrussischen Gebieten. Angehörige dieser Gruppen hätten die dort ansässige Bevölkerung terrorisiert und einige Frauen vergewaltigt.74 Auch bezüglich des Auftretens von Geschlechtskrankheiten bei deutschen Soldaten taucht der Begriff sexuelle Gewalt bei Gerlach nicht auf. Es erscheint bei all den zuvor geschilderten Zuständen jedoch nicht sehr plausibel, dass deutsche Soldaten mit weißrussischen Frauen nur „liiert" waren.75 Im Hinblick auf die von Wehrmachtangehörigen mit einheimischen Frauen gezeugten Kinder vermittelt seine Darstellung ebenfalls den Eindruck, die Kontakte seien durchweg auf freiwilliger Basis entstanden. Dabei könnten einige Kinder auch die Folgen eines gewaltsam erfolgten Geschlechtsverkehrs sein.76 Bernhard Chiari, der sich ebenfalls mit Weißrussland unter der deutschen Besatzung beschäftigt hat, erwähnt in seinem Buch zwar Vergewaltigungen, allerdings nur im Zusammenhang mit einheimischen, also weißrussischen Polizeieinheiten sowie Partisanenverbänden. So stellten in den Gefängnissen sexuelle Übergriffe durch weißrussische Aufseher „keine Seltenheit" dar, und jüdische Frauen, die bei den Partisanen Schutz vor der deutschen Verfolgung 72 Christian Gerlach, Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 22000, S. 104, 472-479, 560, 777, 938. 73 Ebd., S. 930-968, 1108. 74 Ebd., S. 1054. Der Verweis auf Verbrechen von Angehörigen anderer Nationen und die sich im Vergleich dazu besser verhaltenden deutschen Truppen findet sich in einem Aufsatz über che Verfolgung der Juden in Rumänien. Dort hätten rumänische Soldaten und Gendarmen zahlreiche Sexualdelikte verübt. Armin Heinen, Gewalt - Kultur. Rumänien, der Krieg und die Juden (Juni bis Oktober 1941), in: Mariana Hausleitner/Brigitte Mihok/Juliane Wetzcl (Hg.), Rumänien und der Holocaust. Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941-1944, Berlin 2001, S. 33-51, hier S. 38, 44-46. 75 Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 1073. * Ebd.,S. 1080f.
1. Zum Forschungsstand 87 suchten, seien dort vor allem als „Sexualobjekte begehrt" gewesen.77 Als ein Beispiel für sexuelle Gewalt nennt er die Vergewaltigung einer 15-jährigen Weißrussin, an der 16 Soldaten beteiligt waren. 78 Auch die von dem Journalisten Paul Kohl gesammelten sowjetischen Aussagen zum Krieg und zu den Verbrechen durch Angehörige der Wehrmacht sowie der Sicherheitspolizei oder des SD, vor allem im Bereich der Heeresgruppe Mitte, beinhalten nur vereinzelt Hinweise auf Sexualverbrechen, unter anderem die offenbar systematischen Vergewaltigungen von Mädchen in der Stadt Gschatsk.79 Obwohl Kohl auch mit mehreren Zeitzeuginnen sprach, spielt sexuelle Gewalt in dieser Zusammenstellung von Berichten - im Vergleich zur Beschreibung der Ermordung von Juden, zu der Verhörpraxis gegenüber Zivilisten sowie zu den Leiden und dem Sterben der Kriegsgefangenen - nur eine untergeordnete Rolle. Weitere einzelne Beispiele über Vergewaltigungen oder versuchte Vergewaltigungen sowohl in Polen als auch in der Sowjetunion stehen in der von Ernst Klee und Willi Dreßen herausgegebenen Sammlung von sowjetischen und deutschen Dokumenten über den Krieg im Osten. 80 In Bezug auf den Krieg in Italien, der seitens der Wehrmacht und der SS auch „gegen Frauen und Kinder" geführt wurde, wie Friedrich Andrae in seinem gleichnamigen Buch betont hat, sind ebenfalls Hinweise auf sexuelle Ausschreitungen bekannt. Bei Andrae findet sich eine Vielzahl solcher Informationen, allerdings erscheinen sie zumeist im Zusammenhang mit anderen Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung und werden nicht detaillierter untersucht. Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 nahmen Andrae zufolge nicht zur zahllose Fälle von Plünderungen zu, „Vergewaltigung oder der Versuch dazu scheinen ebenfalls häufiger vorzukommen, [...]". Die Militärbehörden hätten wie auch im Falle von Plünderungen bei Sexualdelikten die Todesstrafe verhängt.81 Die von Andrae aufgeführten Beispiele werden zumeist in enge Beziehung zu den von der deutschen Wehrmacht angeordneten Vergeltungsmaßnahmen gesetzt. So sollen Familienangehörige von Italienerinnen versucht haben, diese vor Übergriffen deutscher Soldaten zu schützen, was in einigen Fällen dazu führte, dass die Angreifer getötet wurden. Diese Art von Notwehr und Selbstverteidigung habe dann wiederum massive Vergeltungsschläge zur Folge gehabt. Als Sühne für getötete oder verletzte deutsche Soldaten wurden unbeteiligte und wahllos zusammengesuchte Zivilisten ermordet.82 '7 Bernhard Chiari, Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Düsseldorf 1998, S. 167, 192f., 255f. 78 Ebd., S. 146. 79 Paul Kohl, Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941-1944. Sowjetische Überlebende berichten, Frankfurt/Main 1995, S. 52, 183, 280. 80 Ernst Klee/Willi Dreßen (Hg.), „Gott mit uns". Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 19391945, Frankfurt/Main 1989, S. 18, 48f., 195, 218, 220. 81 Friedrich Andrae, Auch gegen Frauen und Kinder. Der Krieg der deutschen Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung in Italien 1943-1945, München 1995, S. 70. 82 Ebd., S. 89, 112f., 178, 216. In einem Fall habe die „Sühnemaßnahme" die Vergewaltigung und anschließende Ermordung mehrerer Frauen bei Arezzo beinhaltet - die genaue Anzahl wird nicht genannt. Ebd., S. 196.
SS II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten In Neapel hätten im September 1943 Soldaten „geplündert und vergewaltigt", gegen das Vorgehen schienen „alle Befehle, Offiziers- und Feldgendarmeriestreifen machtlos zu sein".83 Es sei hier dahingestellt, ob die letztgenannten Stellen tatsächlich nicht über ausreichende Sanktions- und Disziplinierungsmittel verfügten oder ob sie eventuell dieses Verhalten bis zu einem gewissen Maße tolerierten, um die neapolitanische Bevölkerung zu terrorisieren und einzuschüchtern. Festzuhalten bleibt, dass sich für den italienischen Kriegsschauplatz mehrere Hinweise auf sexuelle Gewalt finden. Diese werden allerdings wiederum, wie in anderen Veröffentlichungen auch, im Zusammenhang mit weiteren Ausschreitungen und Verbrechen erwähnt, jedoch nicht gesondert thematisiert oder analysiert.84 Von Bedeutung für die vorliegende Arbeit ist vor allem die Angabe über die Verhängung der Todesstrafe bei bekannt gewordenen Vergewaltigungsfällen, allerdings liefert Andrae kein entsprechendes Urteil als Beleg, sondern nur einen Divisionsbefehl.85 In anderen Fällen, in denen kosakische Verbände im Adriatischen Küstenland sexuelle Gewaltverbrechen begingen, wurde zwar von deutscher Seite Kritik laut, jedoch kam es laut Michael Wedekind zu keinen abschreckenden Strafen.86 Der Militärhistoriker Gerhard Schreiber führt in seinem Buch über Kriegsverbrechen in Italien ebenfalls sexuelle Übergriffe an, die sich vor allem nach dem von der italienischen Regierung unter Marschall Pietro Badoglio geschlossenen Waffenstillstand mit den Alliierten ereigneten. Vergewaltigungen seien, so eine Bemerkung in einem Gerichtsurteil der 16. Panzer-Division, ,„an der Tagesordnung'" gewesen.87 Im Kontext der Partisanenbekämpfung und der so genannten Repressionsmaßnahmen wegen der Tötung oder Verwundung deutscher SS- oder Wehrmachtangehöriger kam es offenbar zu versuchten und vollendeten Vergewaltigungen sowie zu sexuellen Verstümmelungen an Frauen, von denen einige danach ermordet wurden. Auch einen Fall von Nekrophilie erwähnt Schreiber. Die Täter der genannten Verbrechen gehörten nicht nur SS-Einheiten an, sondern auch der Wehrmacht.88 Die Ausführungen bei Andrae und Schreiber werden noch durch eine zeitgenössische Darstellung gestützt. 89 83 84 83 86 87 88 89 Ebd., S. 81. Michael Wedekind, Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945. Die Operationszonen „Alpenvorland" und „Adriatisches Küstenland", München 2003, S. 460. Hier wird als ein Beispiel für deutsche „Vergeltungsmaßnahmen" die Vergewaltigung und anschließende Tötung einer 19-jährigen Italienerin im Ort Castello Tcsino cr« ahnt. Andrae, Frauen und Kinder, S. 262, Anm. 3. Wedekind, Besatzungs- und Annexionspolitik, S. 344. Seit 1944 wurden im Adriatischen Küstenland auch Waffenverbände von Kosaken sowie von Georgiern, Osseten, Armeniern und Aserbaidschanern, den so genannten „Kaukasiern", zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Zit. nach Gerhard Schreiber, Deutsche Kriegsverbrechen in Italien. Täter-Opfer-Strafverfolgung, München 1996, S. 53. Siehe auch ebd., S. 54. Beispiele ebd., S. 116, 140f., 155, 174, 178, 184, 187, 193, 204f., 217. Iris Origo, Toskanisches Tagebuch 1943/44. Kriegsjahre im Val d'Orcia, München 1991, S. 198, 220, 225, 232, 240, 263.
1. Zum Forschungsstand 89 Die vereinzelten Hinweise auf militärgerichtliche Verurteilungen wegen sexueller Straftaten in den verschiedenen besetzten Gebieten werden schließlich in einem Aufsatz von Wolfgang Petter konkretisiert. Er erwähnt im Zusammenhang mit Sexualdelikten einen Befehl des Oberkommandos des Heeres vom Juli 1940, demzufolge Vergewaltigungen grundsätzlich bestraft werden sollten, allerdings mit Milde und nicht mit den härtesten Strafen. Ingesamt seien für die Zeit des Krieges „etwa 5000 Verurteilungen mit dem Strafmaß von drei Tagen Arrest bis zur Todesstrafe bekannt". 90 Petter bezieht sich mit dieser Angabe offensichtlich auf die einzigen bislang publizierten und einigermaßen gesicherten Zahlen über Urteile wegen sexueller Gewaltdelikte. Bereits 1966 hat Manfred Hennicke in der „Zeitschrift für Militärgeschichte" Auszüge aus der offiziellen Wehrmachtkriminalstatistik veröffentlicht.91 Neben Tabellen über militärische Verbrechen wie Fahnenflucht oder auch unerlaubte Entfernung erscheint dort auch eine Auflistung über die rechtskräftig gewordenen Fälle von „Sittlichkeitsverbrechen". Die absoluten Zahlen für die Wehrmacht beliefen sich danach für die Zeit von Ende August 1939 bis zur zweiten Jahreshälfte 1944 auf insgesamt 5.349 Verurteilte.92 Über die Entstehung dieser Statistik sowie die darin enthaltenen Fehlerquellen wird in den folgenden Kapiteln detaillierter eingegangen. Zum besseren Verständnis und der Bedeutung der Daten muss aber bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass unter „Sittlichkeitsvergehen" nicht nur Vergewaltigungen fielen, sondern mehrere Straftatbestände gemäß dem Reichsstrafgesetzbuch (RStGB) erfasst wurden. 93 Auch weist diese Übersicht allein auf die rechtskräftig gewordenen Urteile hin und spiegelt damit nur einen Teil der militärgerichtlichen Praxis in Bezug auf Sexualverbrechen wider. Trotzdem ist sie angesichts der teilweise in der Literatur aufgeführten ungenauen Informationen über sexuelle Gewalt eine stichhaltige Quelle. Zusammenfassend lassen sich folgende Ergebnisse aus diesem nicht repräsentativen Überblick zum Forschungsstand festhalten: Vor allem in den Arbeiten, die sich hauptsächlich mit sexueller Gewalt in Kriegen auseinander setzen und die häufig nicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Geschichte oder Militärgeschichte stammen, wird die deutsche Wehrmacht und ihre Beteiligung an Sexualdelikten überwiegend thematisiert. Aufgrund der nationalsozialistischen Ideologie und der verbrecherischen Kriegsziele sowie der Art der Kriegführung habe, so der Tenor, sexuelle Ge90 p e t t er, Militärische Massengesellschaft, S. 369f., Anm. 49. Auf den OKH-Erlass wird im Kap. V, 6.2 eingegangen. 91 Otto Hennicke, Auszüge aus der Wehrmachtkriminalstatistik, in: Zeitschrift für Militärgeschichte 5 (1966), S. 438-456. Die Wehrmachtkriminalstatistik von August 1939 bis März 1942 ist im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg einsehbar: BA-MA RW 6/v. 129; BA-MA RW 6/v. 130. 92 Hennicke, Auszüge, S. 454, Tabelle „Sittlichkeitsvergehen". 93 Die homosexuellen Delikte nach den §§ 175, 175a RStGB sind in dieser Tabelle nicht enthalten, sie wurden gesondert aufgelistet. Hennicke, Auszüge, S. 453, Tabelle „Unzucht zwischen Männern". Die „Sittlichkeitsvergehen" nach dem RStGB werden in Kap. IV, 3 aufgeführt.
90 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten walt vor allem an der Ostfront eine wesentliche Rolle gespielt - einige Autorinnen und Autoren sprechen in diesem Zusammenhang explizit von Strategie. Adäquate Belege für diese Behauptung, wie etwa Einschätzungen über das quantitative Ausmaß oder entsprechende Quellen, werden allerdings nicht geliefert. Die angegebenen Verweise beziehen sich zumeist auf die von Susan Brownmiller geleistete Arbeit und das von ihr ausgewertete Material. In den wenigsten Fällen, wie zum Beispiel bei Sander und Johr, stützen sich die Bewertungen auf eigene Archivforschungen. Anders als in den Untersuchungen über die Vergewaltigungen in Nanking etwa oder über die sexuellen Gewaltverbrechen in Berlin 1945, in denen von mehreren zehntausend Übergriffen die Rede ist, lassen sich aus diesen Arbeiten zur Wehrmacht und zum Zweiten Weltkrieg keine Angaben entnehmen, dass sexuelle Gewalt in einem ähnlichen Ausmaß in einer von deutschen Soldaten eroberten Stadt vorkam. Die in den Nürnberger Prozessen aufgeführten detaillierten Beschreibungen von sexuellen Gewaltdelikten mit entsprechenden Zahlenangaben lassen sich auf etwa über 150 Fälle zusammenzählen. Einzig der sowjetische Ankläger Smirnow spricht in seinem Bericht in Bezug auf Vergewaltigungen auch von Größenordnungen wie „Hunderte" oder er verwendet gänzlich ungenaue Begriffe wie „viele", so dass es hier nicht möglich ist, genauere Berechnungen vorzunehmen.94 Die These, Sexualverbrechen deutscher Soldaten hätten einen systematischen und damit strategischen Charakter und seien in dieser Hinsicht vergleichbar mit Taten seitens der Angehörigen der Roten Armee oder der Japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg, ist bislang empirisch nicht belegt und somit Spekulation. Etwas konkreter sind die Angaben von Historikern, die sich speziell mit der Wehrmacht und deren Kriegführung beschäftigen. Dabei fällt die Bewertung bezüglich der jeweiligen Kriegsschauplätze unterschiedlich aus. Für Frankreich sind Fälle von sexueller Gewalt sowie deren gerichtliche Sanktionierung bekannt, laut Ahlrich Meyer hätten solche Übergriffe aber erst seit 1944 in größerem Ausmaß stattgefunden. In Bezug auf die Ostfront überwiegt bei Heer und Bartov der Eindruck, sexuelle Gewalttaten seien dort eine häufige Erscheinung gewesen, die einher ging mit anderen militärischen Disziplinlosigkeiten wie Plünderungen - beides sei durch eine überwiegend untätig gebliebene Militärjustiz begünstigt worden. Demgegenüber steht die These von anderen Autoren wie Wilhelm, Graml oder Andrae, die bezüglich der Kriegsschauplätze Polen und Italien betonen, sexuelle Übergriffe von Soldaten seien hart geahndet worden, zum Teil mit der Todesstrafe. Hier zeigt sich, dass für eine Untersuchung solcher Verbrechen mehrere der besetzten Gebiete in den Blick genommen werden müssen. Insbesondere im Rahmen des Krieges gegen die Sowjetunion gilt es, die Auswirkungen der eigens dafür konzipierten „verbrecherischen Befehle" wie den Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" näher zu untersuchen. 95 Für die eben erwähnten Autoren aus der Geschichtswissenschaft gilt jedoch ähnlich wie für die eingangs zitierte Gruppe, dass die 94 95 IMT, Bd. 7, S. 502f.; 543f. Vgl. dazu Kap. V, 3.
2. Fragestellung 91 Quellenbasis dürftig ist und die Informationen häufig nicht durch entsprechende Belege untermauert werden. Einigermaßen aussagekräftig ist hier vor allem die von Hennicke vorgelegte Wehrmachtkriminalstatistik in Bezug auf Sexualverbrechen, die aber bislang kaum von der Forschung für diese spezielle Thematik herangezogen wurde. Einerseits bestehen also noch erhebliche Forschungslücken, andererseits müssen die bisher aufgestellten Thesen auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden. Insbesondere die sich widersprechenden Angaben über eine angebliche Nichtsanktionierung von Sexualverbrechen beziehungsweise deren harte Ahndung durch die Todesstrafe verweisen darauf, dass sich für die Analyse des Umgangs der Wehrmacht mit sexueller Gewalt das Forschungsinteresse auf die Militärgerichtsbarkeit richten muss. 2. FRAGESTELLUNG UND METHODISCHE ÜBERLEGUNGEN Wie der Überblick zu den historischen Beispielen über sexuelle Gewalt in Kriegen aufgezeigt hat, ist es sehr schwierig, Berechnungen oder Schätzungen über das Ausmaß solcher Delikte anzustellen. Unter Berücksichtigung dieser Problematiken geht es in der vorliegenden Studie nicht darum, die Anzahl sexueller Gewaltverbrechen deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu ermitteln. Angesichts der mehr als 17 Millionen Wehrmachtangehörigen, von denen allein 13 Millionen beim Heer eingesetzt waren 96 , angesichts einer Kriegsdauer von fast sechs Jahren und angesichts der Vielzahl an Kriegsschauplätzen von Norwegen bis Afrika wäre dieses Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Allein die geographischen Dimensionen sind immens. Eines der untersuchten Kriegs- und Besatzungsgebietc, nämlich die Ostfront, dehnte sich beispielsweise 1942 über eine Länge von ungefähr 3.000 Kilometern aus. Zu dieser Zeit waren dort mehr als 180 Divisionen eingesetzt, von denen einzelne bis zu 16.000 Mann umfassen konnten. 97 Vielmehr gilt es, die in bisherigen Untersuchungen gelieferten Informationen und aufgestellten Thesen zu überprüfen und den Forschungsstand zu erweitern. Ausgehend von der theoretischen Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt im Krieg, in deren Zentrum die systematische und strategische Ausübung von Sexualverbrechen durch Soldaten steht, richtet sich das Augenmerk deshalb auf die Wehrmachtführung und deren Umgang mit sexuellen GewaltRüdiger Overmans, Deutsche militärische Verluste im Zweiten Weltkrieg, München 1999, S. 215. Christian Hartmann, Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur 1933 bis 1945, in: Horst Möller/Udo Wengst (Hg.), 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz, München 1999, S. 281 -299, hier S. 287. Alex Buchner, Das Handbuch der deutschen Infanterie 1939-1945. Gliederung - Uniformen - Bewaffnung- Ausrüstung- Einsätze, Friedberg 21989, S. 9.
92 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten verbrechen. Für diese Analyse bieten sich zwei zentrale Bereiche an. Zum einen sollen entsprechende Anweisungen und Richtlinien bezüglich des Verhaltens der Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung herangezogen werden, zum anderen stellt die Militärgerichtsbarkeit als Hauptinstrument für die Aufrechterhaltung von Disziplin und „Manneszucht" 98 das zweite geeignete Forschungsfeld dar. Als wichtigste Quellen dienen deshalb Strafverfahren der Wehrmacht, in denen sexuelle Gewaltverbrechen deutscher Soldaten untersucht und gegebenenfalls geahndet wurden. Die Studie geht bewusst nicht nur auf Vergewaltigungen ein, sondern bezieht auch andere Fälle von „Sittlichkeitsdelikten", wie beispielsweise „Unzucht mit Minderjährigen", in die Auswertung mit ein. Der Charakter von sexueller Gewalt im Krieg kann nur erfasst werden, wenn der Fokus nicht zu eng ausgerichtet wird. Für die Einordnung dieser spezifischen Delikte ist es notwendig, zunächst die rechtlichen Grundlagen und verfahrenstechnischen Vorschriften der Wehrmachtjustiz zu erläutern und die Tätigkeit der Militärgerichte in Bezug auf militärische Vergehen zu untersuchen. Durch die Analyse der Akten und Urteile soll jedoch nicht nur die Reaktion der Militärjustiz auf solche Delikte aufgezeigt werden. Vielmehr geben die Vernehmungsprotokolle mit Zeugenaussagen und die Beschreibungen der Tathergänge detaillierte Informationen darüber, wo, wann und in welcher Form sexuelle Gewalt im Zweiten Weltkrieg in Einzelfällen verübt wurde das „Warum" kann dagegen anhand des Quellenmaterials nicht beantwortet werden. Denn die entsprechenden Aussagen der angeklagten Soldaten bildeten im Wesentlichen eine Verteidigungsstrategie vor Gericht, um ein mildes Urteil oder sogar einen Freispruch zu erhalten. Sie werden zwar in dieser Form bei der Auswertung präsentiert - sie können und sollen aber nicht dazu dienen, die jeweiligen individuellen Beweggründe der Männer für die Verübung eines Sexualverbrechens zu ermitteln. Obwohl die Akten im Hinblick auf die genannten Aspekte statistisch ausgewertet wurden, soll die Arbeit insgesamt weniger quantitative, als vielmehr qualitative Erkenntnisse liefern. „Die Antwort der Opfer sexueller Gewalt ist eine andere als die der Täter" 99 , hat Gaby Zipfel in einem Aufsatz über derartige Übergriffe im Krieg zutreffend bemerkt - diese Prämisse gilt vor allem, wenn im Mittelpunkt einer Analyse Gerichtsurteile der Wehrmacht stehen. Aufgrund der besonderen Quellengattung, deren Möglichkeiten und Grenzen noch im Einzelnen aufgeführt werden, kann die Arbeit die Erfahrungen der Frauen, die sexuelle Übergriffe erleiden mussten, nur in Ansätzen nachzeichnen. 100 Die Angaben der Zeuginnen vor Gericht und die Einstellung der männlichen Richter gegenüber den Angehörigen der besetzten Gebiete allgemein werden jedoch eingehend erörtert. Dabei stellt sich zum einen grundsätzlich die Frage, wie sich die Situation für Frauen als Opfer von sexuellen Verbrechen in Prozes98 99 00 Wesen und Zweck der Militärgerichtsbarkeit werden im vierten Kapitel erörtert Zipfel, „Blood", S.U. Vgl. dagegen Sander/Johr (Hg.), BeFreier.
2. Fragestellung 93 sen darstellt, zum anderen ist es bezüglich der besonderen Situation während eines Krieges von wesentlichem Interesse, wie sich die Machtverhältnisse zwischen Besatzern und unterlegener Zivilbevölkerung in den okkupierten Gebieten vor Gericht auswirkten. Zentral ist in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung der durch die nationalsozialistische Ideologie geprägten, unterschiedlichen Verhältnisse in den jeweiligen besetzten Ländern. Von Bedeutung sind hier vor allem bezüglich der Sowjetunion die Auswirkungen von Kriegführung und Besatzungspolitik, die sich mit dem Stichwort „verbrecherische Befehle" und insbesondere mit dem Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" umreißen lassen. Wie die Übersicht zu den Quellenbeständen noch aufzeigen wird, existieren zwar zu verschiedenen europäischen Ländern Urteile, die überwiegende Anzahl stammt jedoch aus Frankreich und den besetzten Gebieten der Sowjetunion, so dass sich dementsprechend die Analyse im Wesentlichen darauf konzentriert. Die militärischen Rahmenbedingungen sowie die spezifische Besatzungssituation werden dabei jeweils anhand einzelner Urteile genauer in den Blick genommen. Unter Berücksichtigung weiteren Quellenmaterials aus dem Bereich des Heeressanitätswesens sollen auch mögliche Folgen von Vergewaltigungen wie die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten sowie die Zeugung von Kindern ebenfalls kurz angerissen werden. Neben den eigentlichen Tatumständen und den Auswirkungen der Übergriffe stehen bei der Auswertung die verschiedenen Kriterien im Mittelpunkt, nach denen Militärrichter ein Sexualdelikt beurteilten. Hier gilt es, die wichtigsten Strafbemessungsgründe aufzuzeigen und zu untersuchen, welche Rolle die Verbrechen an Zivilisten innerhalb der Wehrmachtjustiz spielten. Darüber hinaus soll die Form der Strafvollstreckung bei Sexualdelikten vorgestellt werden, um die Auswirkungen eines Urteils einordnen zu können. Die Arbeit beschäftigt sich in einem weiteren Kapitel mit der Bedeutung der Prostitution im Zweiten Weltkrieg. Die von der Wehrmacht eingerichteten Bordelle sollten einerseits die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten verhindern, zum anderen aber auch die Entstehung homosexueller Beziehungen unterbinden. Ein Blick auf diese militäreigene Institution bietet Erkenntnisse über den grundsätzlichen Umgang der militärischen Führung mit der Sexualität von Soldaten, was wiederum die Art und Weise, wie Militärgerichte sexuelle Gewaltverbrechen interpretierten, besser erklären hilft. Wie der folgende Überblick zu den Quellenbeständen verdeutlichen soll, erhebt diese Studie kei nen Anspruch auf Repräsentativität. Angesichts der wenigen Anhaltspunkte über Sexualverbrechen deutscher Soldaten, die bislang vorliegen, versteht sie sich vielmehr als eine exemplarische Untersuchung zu Beginn weiterer Forschungen zu diesem Thema. An einem konkreten Beispiel, der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, und an einer bestimmten Quellengattung, den militärgerichtlichen Urteilen, kann zum einen die Informationsgrundlage über die Sexualverbrechen deutscher Soldaten erweitert werden, zum anderen soll auch aufgezeigt werden, welche Ergebnisse sich durch die Auswertung bestimmter Quellen ergeben, die bislang nicht im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses standen. Künftige Forschungsarbeiten, die an-
94 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten dere Quellen und Materialien auswerten, können diese ersten Ergebnisse stützen, aber auch revidieren.101 3 . QUELLENBASIS Die Auswertung von Quellen konzentrierte sich der Fragestellung entsprechend auf die von der Wehrmacht selbst überlieferten Dokumente, die im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg im Breisgau, teilweise im Bundesarchiv Berlin sowie in der Zentralnachweisstelle des Bundesarchivs in Kornelimünster bei Aachen aufbewahrt werden. Im Militärarchiv wurden die Akten einzelner Armeeoberkommandos und Divisionen sowie der Heeres-Sanitäts-Inspektion durchgesehen, im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde waren es die Bestände des Persönlichen Stabes Reichsführer-SS sowie der SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Das Schriftgut im Militärarchiv enthält zum einen Vorschriften und Befehle über das Verhalten der Soldaten in den besetzten Gebieten, zum anderen auch Tätigkeitsberichte der Divisionsgerichte. Die Unterlagen der Sanitätsdienste wurden vor allem für die Darstellung der Wehrmachtprostitution sowie für die Frage nach der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten herangezogen. Die in Berlin ausgewerteten Akten liefern Informationen über den Umgang der Wehrmacht wie auch der SS mit den von deutschen Soldaten in den besetzten Gebieten gezeugten Kindern. Im Wesentlichen stützt sich die vorliegende Untersuchung auf die militärgerichtlichen Unterlagen der Zentralnachweisstelle des Bundesarchivs. Dort werden neben den Personalunterlagen von Angehörigen der Wehrmacht, des Wchrmachtgefolges und der Waffen-SS auch Verfahrensakten der Militärjustiz sowie weitere Materialien zur Wehrmachtgerichtsbarkeit aufbewahrt.102 Von der Heeresjustiz allein sind in Kornelimünster die Akten von 671 Kriegsgerichten mit 44.000 Verfahren und 1.800 so genannte Strafsachenlisten vorhanden. Für die Zeit von 1939 bis 1945 geht die Forschung von 1.200 Heeresgerichten und bis zu 1.300 Gerichten für alle Waffengattungen aus, an denen ungefähr 3.000 Wehrmachtjuristen tätig waren. Demnach sind im Hinblick auf ihr Schriftgut mehr als die Hälfte aller während des Zweiten Weltkrieges existenten Gerichte in Kornelimünster vertreten.101 Die überlieferten Bestände für das Heer und die Luft101 102 103 Vgl. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 112. Weitere Informationen über die Zentralnachwcisstelle bei Georg Dillgard, Die Zentralnachweisstelle des Bundesarchivs und die Abwicklung wehr- und militärrechtlicher personeller Angelegenheiten aus der Zeit bis 8. Mai 1945, in: Friedrich P. Kahlcnberg (Hg.), Aus der Arbeit der Archive. Beiträge zum Archivwesen, zur Quellenkunde und zur Geschichte. Festschrift für Hans Booms, Boppard am Rhein 1989, S. 257-269. Lothar Walmrath, „Iustitia et diseiplina". Strafgerichtsbarkeit in der deutschen Kriegsmarine 1939-1945, Frankfurt/Main 1998, S. 23, 45, geht von 1.200 Wehrmachtgerichten aus. Manfred Messerschmidt/Fritz Wüllner, Die Wehrmachtjustiz, im Dienste des Nationalsozialismus. Zer-
3. Quellenbasis 95 waffe bilden aber im Vergleich zu den vorhandenen Akten der Kriegsmarine nur noch Restbestände. Dies wird anhand der Hochrechnungen von Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner deutlich, die für die mehr als 17 Millionen Angehörigen der Wehrmacht sowie für das Wehrmachtgefolge104 von 2,5 Millionen Strafverfahren während des Krieges ausgehen. Von diesen Prozessen führten etwa 800.000 bis 900.000 zu Urteilen, die übrigen zu Strafverfügungen oder Freisprüchen und Einstellungen des Verfahrens. Von der Zahl der Urteile auf die Anzahl der verurteilten Soldaten zu schließen ist problematisch, da in einem Verfahren auch mehrere Männer wegen gemeinschaftlich begangener Straftaten vor Gericht stehen konnten und somit ein Urteilsspruch für mehrere Angeklagte erging. Wüllner geht bei seinen Hochrechnungen und Schätzungen von einer Zahl von 1,5 Millionen verurteilten Soldaten und Angehörigen des Wehrmachtgefolges aus.105 Wie er selbst betont, kann „bei so großen Zahlenwerten keine Genauigkeit auf 10.000 oder 20.000 oder 30.000, vielleicht sogar nicht einmal auf 50.000 bis 100.000 [...] erreicht werden".106 Die Tatsache, dass allein schon für die Anzahl der insgesamt von der Militärgerichtsbarkeit verurteilten Soldaten keine konkreteren Daten vorliegen, weist bereits darauf hin, dass die Auswertung einzelner Aktenbestände in Kornelimünster nur Ausschnitte von der Tätigkeit einiger Gerichte bieten kann. Das Fehlen von Gerichtsmaterialien hängt mit dem System der Aktenabgabe im Zweiten Weltkrieg und den Zerstörungen bei Kriegsende zusammen. Die Heeresgerichte waren seit 1939 verpflichtet, alle erledigten Verfahren und damit das nicht mehr benötigte Schriftgut an das Heeresarchiv in Potsdam abzuliefern. Dazu zählten Akten von Prozessen, die ohne Urteil beziehungsweise ohne Strafverfügung eingestellt worden waren oder die zu einem Freispruch geführt hatten, Akten von verurteilten Soldaten nach vollständiger Verbüßung der Strafe, Akten mit Todesurteilen, deren Vollstreckung erfolgt war und Verfahren, die aufgrund des natürlichen Todes des Angeklagten abgeschlossen worden waren. Am 14. April 1945 wurde das Heeresarchiv in Potsdam fast vollständig durch Bombenangriffe zerstört. Dadurch sind die Unterlagen der bereits erledigten Verfahren, die bis zu diesem Zeitpunkt dort aufbewahrt wurden, nicht mehr existent und auch nicht in Kornelimünster oder in anderen Archiven vertreten. Hinweise auf diese Prozesse finden sich vor allem in den Strafsachenlisten der jeweiligen Gerichte, die auch die Verzeichnisse der wegzulegenden Akten enthalten. Die darin aufgeführten An- 1C4 103 106 störung einer Legende, Baden-Baden 1987, S. 48f., nennen die Zahl von 1.300 Gerichten ebenfalls für alle drei Waffengattungen. Fritz Wüllner, Die NS-Militärjustiz und das Elend der Geschichtsschreibung. Ein grundlegender Forschungsbcricht, Baden-Baden 1991, S. 104f. Wie viele Personen zum Wehrmachtgefolge zählten, ist nicht bekannt. Overmans, Verluste, S. 215f. Die Gesamtzahl der Urteile und Strafverfügungen liegt bei 1,3 bis 1,5 Millionen. Unter Einberechnung der Verfahren der Militärjustiz gegen Zivilisten in den besetzten Gebieten und gegen Kriegsgefangene ergibt sich eine Gesamtzahl von drei Millionen Strafverfahren. Wüllner, NSMilitärjustiz, S. 91 -116. Diese Zahlen finden sich auch bei Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 50f. und wurden übernommen von Walmrath, „lustitia", S. 80. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 116.
96 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten gaben sind jedoch nicht so umfangreich wie etwa die Verfahrensunterlagen selbst, da sie im günstigsten Fall den Namen des Verurteilten, seine Einheit, das Delikt sowie das Urteil und eventuell noch Mitteilungen zur Strafvollstreckung aufweisen.107 Sie eignen sich aufgrund der fehlenden Hintergrundinformationen über den Verurteilten sowie die Tat weniger für die Charakterisierung einzelner Delikte, sondern vor allem für eine quantitative Erhebung. Neben den Beständen einzelner Gerichte stehen in Form der etwa drei Millionen in Kornelimünster aufbewahrten Wehrstammbücher zusätzlich noch die Personalunterlagen von Wehrmachtangehörigen zur Verfügung, die neben den gerichtlich verhängten Strafen auch die Disziplinarstrafen aufführen.108 Da diese Einträge aber in der Regel nur das Delikt und die Art der verhängten Strafe, wie zum Beispiel Arrest, angeben, dienen sie weniger einer qualitativen Auswertung. Denn hier lassen sich nur die durch einen Disziplinarvorgesetzten individuell getroffenen Entscheidungen nachzeichnen, nicht aber die eigentlichen Ereignisse rekonstruieren, wie dies zum Beispiel anhand der Zeugenvernehmungen bei Gerichtsverhandlungen möglich ist.109 Positiver für die Forschung sieht die Quellenlage im Falle der Marine aus. Die Verfahren und Urteile wurden während des Krieges an das Gerichtsaktenarchiv der Marine in Gettorf bei Kiel und später dann in Rieseby bei Schleswig geschickt. Da es keine Kriegsschäden erlitt, konnte das erhaltene Schriftgut 1955 nach Kornelimünster überführt werden. Es finden sich dort mehr als 72.000 Verfahren aus dem Bereich der Marine, die Bestände sind also bei weitem vollständiger und damit repräsentativer als diejenigen von Heer und Luftwaffe.110 Neben den erwähnten Einschränkungen bezüglich der in der Zentralnachweisstelle aufbewahrten Quellen gestaltet sich das Auffinden bestimmter Materialien je nach Fragestellung und Zielobjekt aufwendig. So sind die Akten in Kornelimünster im Wesentlichen nach den jeweiligen Gerichten geordnet. Der Zugang kann einerseits über den ganzen erhaltenen Bestand eines Gerichts erfolgen, zum anderen über die Namenskarteien der mit der Justiz in Konflikt geratenen Angehörigen der Wehrmacht sowie über die so genannten Strafsachenlisten." 1 Eine deliktspezifische Suche nach Verfahren erweist sich als schwierig, da die durch das Archiv vorgenommene Erfassung der Akten nach Straftatbeständen im Bereich der Divisionsgerichte erst am Anfang steht.112 107 So enthalten zum Beispiel die Strafsachenlisten des Gerichts der 86. Inf.Div. ein Verzeichnis der Akten, die an das Heeresarchiv Potsdam gingen, darunter fünf Verfahren wegen „Notzucht", die zwischen 1939 und 1942 stattgefunden hatten. BA-ZNS RH 26-86 G/13; RH 2686G/14. los Overmans, Verluste, S. 100. 109 Vgl. die Ausführungen von Rass über den Informationswert solcher Pcrsonalunterlagen. Rass, „Menschenmaterial", S. 26-31. Overmans, Verluste, S. 16. 110 Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 143-152; Walmrath, „Iustitia", S. 36-46. 1 '' BA-ZNS, Wchrmachtgerichte - Summarische Übersicht, S. I. 112 Es wurden die Erfassungsbögcn für die Gerichte der 6. Inf.Div. bis 26. Inf.Div. durchgesehen. Vom Gericht der 26. Inf.Div. waren zum damaligen Zeitpunkt 274 Akten erfasse Daraus konn-
3. Quellenbasis 97 Der einzige Bestand, der einen schnellen Zugriff auf Gerichtsdossiers zu „Sittlichkeitsdelikten" erlaubt, ist der so genannte „Ostbestand S"113, dessen Abkürzung für „Sittlichkeit" steht. Dieser Bestand enthält 411 Akten und gelangte 1990 vom Militärarchiv Potsdam nach Kornelimünster.114 Die Sammlung umfasst Schriftgut der unterschiedlichsten Infanterie- und Panzer-Divisionsgerichte des Heeres und auch einige Akten von Gerichten der Luftwaffe und der Marine. Das einzige Auswahlkriterium, das diesen Bestand auszeichnet, ist die Deliktgruppe „Sittlichkeit" nach dem Reichsstrafgesetzbuch115, die von „Notzucht", „Nötigung zur Unzucht", „Unzucht mit Männern", „widernatürliche Unzucht mit Tieren", „Verführung Minderjähriger", „Beischlaf zwischen Verwandten" bis hin zur verbotenen Abtreibung oder „Kuppelei" und weiteren strafbaren Handlungen im Bereich der Sexualität reicht. Die Verfahren beziehen sich sowohl auf Taten, die deutsche Soldaten im Deutschen Reich, aber auch in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten wie Frankreich, Italien, Norwegen, Polen oder der Sowjetunion begangen hatten. Sie wurden daher für eine erste Analyse über den Umgang der Militärgerichtsbarkeit mit sexueller Gewalt ausgewertet. Trotz der offenbar unsystematischen Zusammenstellung 116 ist der „Ostbestand Sittlichkeit" von zentraler Bedeutung, da die Breite der darin enthaltenen Akten sowohl hinsichtlich der Divisionsgerichte, der Frontabschnitte, der unterschiedlichen Alters- und Dienstgradstrukturen der Angeklagten sowie der zeitlichen Dimension einen fundierten Einblick bietet und insofern auch ein kleines Maß an Repräsentativität beanspruchen kann. Da die Ergebnisse aus diesem Bestand zu Recht als „Zufallsfunde" kritisiert werden können, wurde zur Überprüfung der erhaltenen Informationen die Suche nach Akten gezielt ausgeweitet. Anhand des Ostbestandes S kristallisierte sich bereits eine deutliche Gewichtung der Verfahren aus den besetzten Gebieten in Frankreich und der Sowjetunion heraus, daher konzentrierte sich die folgende Suche auf Divisionsgerichte, die an diesen Kriegsschauplätzen tätig waren. Da von den in Kornelimünster vertretenen Gerichten nur einige wenige noch einen relativ großen Bestand mit mehreren hundert Akten aufweisen" 7 und erst bei einer 113 114 113 116 117 ten folgende Einzelfallakten ermittelt werden: RH 69/1099, RH 69/3619, RH 69/3762, RH 69/3765, RH 69/3779, RH 69/3974, RH 69/4057. BA-ZNS Gerichtsakten Ostbestand S, zitiert als BA-ZNS S mit der jeweiligen Nummer. Vgl. Rass, „Menschenmaterial", S. 33, Anm. 60. Strafrecht der deutschen Wehrmacht. Militärstrafgesetzbuch, Kriegssondcrstrafrechtsverordnung, Kriegsstrafverfahrensordnung, Wehrmachtdisziphnarstrafordnung, Beschwerdeordnung, Sondergerichtsbarkeit für Angehörige der SS und Polizeiverbände, Reichsstrafgesetzbuch und zahlreiche andere Bestimmungen. Textausgabe mit Verweisungen und Sachverzeichnis, 7. veränderte Aufl., München 1944, S. 101-106: „Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit", §§ 173-184b RStGB. Neben diesen Straftatbeständen waren auch einige wenige Akten wegen anderer Delikte wie „Vergehen gegen das Tierschutzgesetz" dabei, die sich nicht in die genannten Gruppen einordnen lassen. BA-ZNS S 96. Die Akten wurden offenbar nicht nach bestimmten Kriterien ausgewählt und zusammengestellt. Freundliche Auskunft von Herrn Ronald Meentz, Leiter der Zentralnachweisstelle Kornelimünster, 27. März 2002. So existieren nur bei 66 Gerichten mehr als 100 Akten pro Gericht, bei 22 Gerichten sind es 500 und mehr Akten. Die einzelnen Akten wiederum variieren bezüglich Umfang und Infor- Baycrischq, Staatsbibliothek München
98 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten gewissen Größenordnung damit zu rechnen war, Sexualstrafverfahren zu finden, wurden nur diejenigen Gerichte von Infanterie-Divisionen ausgewählt, die sowohl am Krieg gegen Frankreich als auch am Krieg gegen die Sowjetunion teilgenommen hatten und die zugleich umfangreiches Verfahrensmaterial besitzen." 8 Darüber hinaus fand eine Durchsicht der Gerichte statt, die mit einzelnen Urteilen bereits im Ostbestand vertreten sind. Aus dem S-Bestand konnten von 411 Akten 91 für die Auswertung verwendet werden, davon lauteten bei 89 die Anklagen oder Urteile auf „Notzucht", „versuchte Notzucht", „Unzucht mit Minderjährigen" oder „Erregung geschlechtlichen Ärgernisses"." 9 Die Grundlage für die Heranziehung eines Falles bildete nicht ausschließlich der jeweilige Urteilsspruch, der die genannten Tatbestände betraf, sondern auch die Anklage oder der Tatbericht, die zu einem Verfahren geführt hatten. Andernfalls hätten diejenigen Akten bei der Untersuchung nicht berücksichtigt werden können, bei denen die Verurteilung wegen „Volltrunkenheit" erfolgte, die Urteilsbegründung sowie die weiteren Prozessakten aber eindeutig darauf hinweisen, dass ein Sexualverbrechen stattgefunden hatte.120 Daneben wurden die Bestände der Gerichte von 27 Infanterie-Divisionen und 6 Panzer-Divisionen mit einer Gesamtanzahl von 6.196 Akten durchgesehen. Hieraus konnten weitere 87 Gerichtsverfahren in die Analyse mit einbezogen werden. 121 Darüber hinaus fand eine Auswertung der Strafsachenlisten von fünf Infanterie-Divisions-Gerichten und zwei Armeegerichten statt.122 Insgesamt wurden für die Arbeit 178 Verfahren beziehungsweise 232 Urteile herangezogen. Die Differenz zwischen der Anzahl der Prozesse und der Anzahl der Urteile resultiert zum einen aus der Tatsache, dass in einigen Akten mehrere Urteilssprüche zum gleichen Fall enthalten waren, zum anderen wur- 118 119 120 121 122 mationsgehalt. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 136. Die Anzahl der Verf.ihrcnsaktcn ist im BAMA in den Findbüchcrn für die Divisionen vermerkt. Diese Annahme lässt sich durch die Ergebnisse von Christoph Rass erhärten. Das von ihm untersuchte Gericht der 253. Inf.Div. weist eine sehr gute Aktcnüberlieferung auf. Von den insgesamt 2.121 dokumentierten Verfahren sind ganze 16 den Tatbeständen „Vergewaltigung" oder „versuchte Vergewaltigung" zuzuordnen, fünf Fälle betreffen „Kindesmissbrauch". Rass, „Menschenmaterial", S. 32f., 289, Anm. 304. Die beiden übrigen Verfahren behandelten die Straftaten Abtreibung sowie die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten. Auch wenn in einer Akte mehrere Urteile wegen des gleichen Deliktes vorhanden waren, weil das erste oder zweite nicht bestätigt worden war, wurden alle Urteile mit einbezogen. Siehe die Angaben zur Aktenanzahl in der Summarischen Übersicht in Kornelimünster. Neben den Erfassungsbögen für die 6. Inf.Div., 7. Inf.Div., 8. Inf.Div., 9. Inf.Div., I 1. Inf.Div., 12. Inf.Div., 14. Inf.Div., 15. Inf.Div., 16. Inf.Div., 17. Inf.Div., 18. Inf.Div., 19. Inf.Div., 20. Inf.Div., 22. Inf.Div., 23. Inf.Div., 24. Inf.Div. und 26. Inf.Div. (teilweise erfasst), wurden die Bestände folgender Gerichte durchgesehen: 3. Pz.Div., 6. Pz.Div., 7. Pz.Div., 9. Pz.Div., 16. Pz.Div., 21. Pz.Div. sowie 26. Inf.Div., 58. Inf.Div., 64. Inf.Div., 86. Inf.Div., 96. Inf.Div., 211. Inf.Div., 227. Inf.Div., 253. Inf.Div., 254. Inf.Div., 299. Inf.Div., 336. Inf.Div. Strafsachenlisten des Gerichts der 6. Inf.Div., 86. Inf.Div., 106. Inf.Div., 253. Inf.Div., 299. Inf.Div. sowie Gericht AOK 2 und AOK 6.
3. Quellenbasis 99 den anhand der Strafsachenlisten noch zusätzliche Verurteilungen mit einbezogen. Von den insgesamt 232 Urteilen entfallen 46 auf Frankreich, 31 auf die besetzten Gebiete der Sowjetunion, 29 auf Deutschland 123 , 19 auf Polen und 9 auf Italien. Die übrigen verteilen sich auf die baltischen Staaten, auf Belgien, Bulgarien, Griechenland, die britischen Kanalinseln, die Niederlande, Norwegen, Serbien, die Slowakei, Tschechien und auf die Ukraine. Bei 73 Urteilen war die Nationalität der Frauen oder Kinder nicht rekonstruierbar, insgesamt fünf Fälle bezogen sich auf den sexuellen Missbrauch von Jungen. Aufgrund dieser Verteilung handelt es sich bei der Analyse vor allem um einen Vergleich der militärgerichtlichen Tätigkeit der Wehrmacht in Frankreich und in der UdSSR, auch wenn die Verfahren aus anderen Ländern in die Untersuchung mit einfließen. Zwar wurde insgesamt ein relativ breites Spektrum an Divisionsgerichten ausgewertet, dennoch ist die Anzahl der ermittelten Urteile und damit die vorliegende Datenbasis angesichts der geschätzten Zahl aller Verurteilungen durch die Wehrmachtjustiz gering. In den Beständen der ausgewerteten Divisionsgerichte überwiegen die Verfahren, die wegen Wachverfehlungen, unerlaubter Entfernung, militärischem Diebstahl, Ungehorsam und unvorsichtigem Umgang mit Waffen eingeleitet wurden. Dagegen waren Urteile wegen sexueller Übergriffe auf Frauen oder Kinder eindeutig im einstelligen Zahlenbereich zu finden.124 Dies weist bereits darauf hin, dass dieser Straftatbestand im Rahmen der Militärgerichtsbarkeit eine untergeordnete Rolle spielte. Eine weitere Einschränkung hinsichtlich der Aussagekraft ergibt sich aufgrund der unterschiedlichen Beschaffenheit der Quellen. So weisen die Gerichtsdossiers Abweichungen bezüglich ihres Umfanges und somit auch ihres Informationsgehaltes auf. Beispielsweise konnte das Alter der Opfer sowie der Täter nicht in allen Fällen ermittelt werden. Zum Teil sind nur die rechtskräftig gewordenen Urteile vorhanden, in anderen, weitaus gewichtigeren Akten sind die Kriegsstammrollen, Vernehmungen der Angeklagten wie der Zeugen, ärztliche Untersuchungsberichte, Verfahrensprotokolle, das Urteil, die Stellungnahme des Gerichtsherrn und manchmal auch ausführliche Gnadenakten einsehbar.125 In einigen Fällen waren der Akte eines Verurteilten noch Hinweise 123 124 123 Im Ostbestand S befinden sich weitaus mehr Fälle, die sich auf das Deutsche Reich bezichen. Da es in der vorliegenden Arbeit jedoch in erster Linie um die Analyse der Urteile in den besetzten Gebieten geht, wurden nur einige der vorhandenen „deutschen" Verfahren ausgewertet. Das Ergebnis deckt sich mit der Untersuchung von Christoph Rass über die 253. InfanterieDivision. Er rechnet die erwähnten militärischen Delikte zu den primären, die Sexualstraftaten nach den §§ 175-177 RStGB dagegen zu den sekundären Delikten. Rass, „Menschenmaterial", S. 283-290. Das Verfahren beim Gericht BA-ZNS Kdt. d. rückw. Armeeg. 580/132 umfasst beispielsweise zwei Aktenbändc mit insgesamt 274 paginierten Seiten. Darin enthalten sind umfangreiche Vcrnehmungsprotokollc von Zeugen, ärztliche Untersuchungsberichte sowie Skizzen des Tatortes. Demgegenüber ist für einen Fall des Gerichts der 299. Infanterie-Division nur mehr eine E.rsatzaktc erhalten, anhand derer zwar das Delikt „versuchte Notzucht" und die Strafe ersichtlich wird, aber nicht rekonstruierbar ist, wo die Tat verübt wurde. BA-ZNS S 378.
100 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten auf weitere Verurteilungen wegen sexueller Delikte zu entnehmen. Es muss an dieser Stelle deshalb nochmals betont werden, dass aufgrund der Zusammensetzung der Aktenbestände in Kornelimünster wie auch angesichts der Summe der ermittelten Verfahren die vorliegende Studie keinesfalls die ganze Bandbreite an verübten Sexualstraftaten und deren militärgerichtliche Ahndung abdecken, sondern nur einen kleinen Ausschnitt bieten kann. Die Grenzen und Möglichkeiten, die sich im Rahmen dieser Quellengrundlage für die Analyse von sexueller Gewalt im Krieg ergeben, werden im Folgenden aufgezeigt. 4. QUELLENPROBLEMATIK: GRENZEN UND MÖGLICHKEITEN BEI DER AUSWERTUNG VON MILITÄRGERICHTSAKTEN Vor allem Historikerinnen haben in den letzten Jahren Rechtsquellen zur Untersuchung von abweichendem Sozialverhalten oder von gewalttätigen Geschlechterbeziehungen in „Friedenszeiten" herangezogen und ausgewertet. Dabei wurden die Besonderheiten dieser Quellengattung analysiert und auf die nötigen Einschränkungen für eine sinnvolle Bearbeitung hingewiesen.126 Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich zunächst einmal grundsätzlich auf den Umgang mit Sexualstrafverfahren vor deutschen Militärgerichten übertragen, auch wenn sich in diesem Fall wegen der besonderen Funktion der Wehrmachtgerichtsbarkeit, der nationalsozialistischen Ideologie sowie wegen des Krieges selbst zusätzliche Problematiken ergeben, die berücksichtigt werden müssen. Zentrales Merkmal von Rechtsquellen ist, dass diese nicht die realen Gewaltverhältnisse widerspiegeln, sondern nur auf die von Polizei und Justiz erfassten und durch Gerichte sanktionierten Formen von Gewalt verweisen. Sie beleuchten damit nur einen kleinen Teil der tatsächlich stattgefundenen Delikte, die übrigen bleiben im Dunkeln. Mit dem Begriff „Dunkelziffer" werden diejenigen Fälle von sexueller Gewalt umschrieben, die nicht gemeldet oder zur Anzeige gebracht werden - gerade bei Vergewaltigungen wird diese Zahl sehr hoch eingestuft.127 Darüber hinaus geben die Ereignisbeschreibungen in den Justizak126 127 Vgl. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen; Ulrike Gleixner, „Das Mensch" und „der Kerl". Die Konstruktion von Geschlecht in Unzuchtsverfahren der Frühen Neuzeit (1700-1760), Frankfurt/Main 1994, S. 16-25; Sabine Kienitz, Sexualität, Macht und Moral. Prostitution und Geschlechterbeziehungen Anfang des 19. Jahrhunderts in Württemberg. Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichtc, Berlin 1995; Claudia Töngi, Geschlechterbeziehungen und Gewalt. Eine empirische Untersuchung zum Problem von Wandel und Kontinuität alltäglicher Gewalt anhand von Urner Gerichtsakten des 19. Jahrhunderts, Bern 2002. Hans Schultz, Von der dreifachen Bedeutung der Dunkelziffer, in: Claus Roxin (Hg), Grundfragen der gesamten Strafrechtswissenschaft. Festschrift für Heinrich Henkel, Berlin 1974, S. 239-251, hier S. 241. Die Dunkelziffer für dieses Delikt wird auf 1 zu 20 oder sogar 1 zu 50 in
4. Quellenproblematik 101 ten das Geschehen auch nicht authentisch wieder. Zum einen orientieren sich die Darstellungen an den Fragen des Gerichts, das in erster Linie nach den strafrechtlichen Charakteristiken und Beweisen für eine sexuelle Gewalttat sucht. Zum anderen finden zeitgenössische Auffassungen von Sexualität, die geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen sowie die Diskurse über rechtswidriges Verhalten von Frauen und Männern in unterschiedlichem Ausmaß Eingang in die Gerichtsakten. In diesem Zusammenhang spielt auch der Bildungsstand eines Menschen hinsichtlich seiner Fähigkeiten, bestimmte Ereignisse und Erlebnisse zu schildern, eine nicht unerhebliche Rolle. Gleichzeitig ist die Art der Darstellung seitens aller Beteiligten an einem Verfahren, also der Täter, der Opfer wie auch der Zeugen, von individuellen Beweggründen abhängig.128 So wird ein wegen Vergewaltigung Angeklagter in der Regel versuchen, die ihm vorgeworfene Tat abzuschwächen, den Geschlechtsverkehr demnach als einen nicht gewaltsamen Akt beschreiben, um einer Strafe ganz zu entgehen oder mildernde Umstände zu erhalten. Dies schließt natürlich nicht aus, dass Beschuldigte in bestimmten Situationen - zum Beispiel aufgrund einer erdrückenden Beweislage oder weil sie sich ihrer Schuld bewusst sind und dazu stehen - von vornherein zu einem umfassenden Geständnis bereit sind und ihr gesetzwidriges Verhalten ohne Beschönigung darlegen. Wie jedoch Tanja Hommen in ihrer Untersuchung über „Sittlichkeitsverbrechen" im Kaiserreich festgestellt hat, bemühten sich die vor Gericht stehenden Männer überwiegend, das Geschehene nicht als Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch im strafrechtlichen Sinne erscheinen zu lassen. Grundsätzlich kann es deshalb bei der Auswertung von Gerichtsakten nicht darum gehen, „herauszufinden, was wirklich geschehen ist - herausgearbeitet werden die unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Personen auf die Tat sowie die Werte und Einstellungen, auf die ihre Darstellungen verweisen".129 Übertragen auf die vorliegende Studie bedeutet dies vor allem, die Perspektive der Wehrmachtjustiz und ihren Umgang mit Sexualdelikten während des Zweiten Weltkrieges zu untersuchen. Sexuelle Gewalt wird dabei vor allem aus der Sicht von Männern, und zwar - mit Ausnahme der zivilen männlichen Zeugen - von Soldaten geschildert. So waren nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Richter Angehörige der Wehrmacht und damit Teil der Besatzungsarmee in den verschiedenen eroberten Gebieten. Oftmals waren als Zeugen auch weitere Soldaten geladen, die zugunsten oder zuungunsten ihrer Kameraden aussagten. Anhand der Prozessakten wird also insbesondere die so genannte „Täterperspektive" sichtbar. Die Opfer sexueller Gewalttaten treten in den Quellen 128 129 Deutschland und in den USA eingeschätzt. Brockhaus/Kolshorn, Sexuelle Gewalt, S. 47; Harten, Sexualität, S. 10. Ludger Hoff mann, Einleitung: Recht - Sprache - Diskurs, in: ders. (Hg.), Rechtsdiskurse. Untersuchungen zur Kommunikation in Gerichtsverfahren, Tübingen 1989, S. 9-38, hier S. 12f.; Kienitz, Sexualität, S. 62. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 100-103, Zitat S. 102. Zum Problem der „Wahrheit" auch Kienitz, Sexualität, S. 62-66.
102 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten dagegen meist in den Hintergrund. Die betroffenen Frauen und Kinder sowie teilweise deren Familienangehörige kommen zwar als Zeugen manchmal zu Wort, allerdings bleibt der Eindruck von ihnen schemenhaft. Das Schriftgut bietet selten über Alter, Familiensituation und Beruf hinausreichende Informationen. Des Weiteren wurden die Aussagen der italienischen, französischen, polnischen oder sowjetischen Zeugen übersetzt, was die Gefahr einer veränderten Darstellung in sich birgt. Für die Auswertung steht in den meisten Fällen nicht die Originalaussage zur Verfügung, sondern eine Übersetzung, die möglicherweise eine gekürzte Version bietet oder nur die - nach Meinung des Dolmetschers - für das Gericht wichtigen Erkenntnisse hervorhebt. Wie eine sexuelle Gewalttat von den Betroffenen erlebt wurde, was sie für direkte Folgen hatte und welche weitreichenden körperlichen sowie seelischen Auswirkungen sie mit sich brachte - diese Fragen lassen sich anhand der Akten ebenfalls nicht klären. In den Verfahren vor deutschen Militärgerichten ging es in erster Linie darum, die geschilderten Ereignisse dahin gehend zu prüfen, ob etwa eine Vergewaltigung oder ein Vergewaltigungsversuch im strafrechtlichen Sinne, also gemäß der im Dritten Reich geltenden Bestimmungen des Strafgesetzbuches, vorlag. Daneben wurde die Bedeutung einer derartigen Straftat für die Rolle der Wehrmacht als Besatzungs- oder kämpfender Armee in den jeweiligen Gebieten hinterfragt und die Schwere des Falls danach bemessen. Die Beschäftigung mit sexueller Gewalt erstreckte sich also vor allem auf die Ermittlung des genauen Tathergangs. Die mit einem solchen traumatischen Erlebnis verbundenen Folgen für die betroffenen Frauen und Kinder waren, wie noch dargelegt werden wird, nur für sehr wenige Richter von Belang. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang ein Merkmal, das der Wehrmachtjustiz inhärent ist. Im Gegensatz zu der Vorgehensweise der zivilen Kriminalpolizei, der seit 1926 für die Vernehmung von Kindern und Frauen bei Sexualdelikten auch Beamtinnen der Weiblichen Kriminalpolizei zur Verfügung standen130, wurden die weiblichen Zeugen in Militärgerichtsverfahren stets durch Männer befragt und gegebenenfalls auch von Männern ärztlich untersucht. Zudem waren die Richter, die Dolmetscher und meistens auch die Ärzte Angehörige einer feindlichen Besatzungsmacht und die von den Zeuginnen vorgebrachten Vorwürfe richteten sich gegen Soldaten dieser Armee. Diese besondere Konstellation und die daraus entstehenden Machtverhältnisse wurden den Zeuginnen durchaus drastisch vor Augen geführt. Eine daraus eventuell resultierende Befangenheit der Frauen bezüglich ihrer Aussage ist bei der Analyse der Akten zu berücksichtigen, ihre tatsächliche Bedeutung und Auswirkung auf das Gesagte ist im Nachhinein jedoch nicht mehr zu rekonstruieren. Da die Studie vor allem den Umgang der Wehrmacht mit sexuellen Gewalttaten untersucht und die Folgen solcher Übergriffe für die Betroffenen einen Teilaspekt darstellen, sind die erwähnten Einschränkungen bezüglich des Quellenwertes aber vertretbar. Vgl. Patrick Wagner, Volksgemeinschaft ohne Verbrecher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Hamburg 1996, S. 108-110, 272. Der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Kriminalbeamten war jedoch verschwindend gering. 1938 waren bei der Weiblichen Kripo 180 Beamtinnen beschäftigt.
4. Quellenproblematik 103 Im Hinblick auf die zentralen Fragen an die Thematik überwiegen die Möglichkeiten, die sich aus der Auswertung von Militärgerichtsakten ergeben. Sie wurden insbesondere deswegen herangezogen, weil sie in Bezug auf Sexualverbrechen weitgehend stichhaltiges Material und detaillierte Informationen enthalten. Wie der Überblick zum Forschungsstand gezeigt hat, beschränken sich die meisten Hinweise auf sexuelle Gewalt bislang darauf, das Auftreten von Übergriffen allgemein zu erwähnen. Eventuell erfolgen noch zusätzliche Angaben dazu, wo die Taten verübt wurden, wie viele Männer beteiligt waren, ob die Frauen jung oder alt waren und in welchem Kontext sich die Gewalt äußerte. Nicht selten werden dabei Angehörige der Wehrmacht und der SS in einem Atemzug genannt, so dass nicht immer ersichtlich ist, um welche Gruppe von Soldaten es sich gehandelt hat. Insgesamt sind die meisten Schilderungen ungenau und wenig aussagekräftig. Anhand von Gerichtsverfahren lassen sich dagegen konkretere Zuordnungen vornehmen. Von den angeklagten Männern sind überwiegend Namen, Alter und Familienstand bekannt. Teilweise kann anhand der beigefügten Auszüge aus den Kriegsstammrollen der gesamte bisherige militärische Werdegang einschließlich eventueller Vorstrafen nachvollzogen werden. Demgegenüber sind die Angaben über die betroffenen Frauen und Kinder spärlicher, aber in den meisten Fällen lassen sich ebenfalls Alter, Familienstand und Nationalität feststellen. Darüber hinaus werden der Ort des Geschehens und die Tatumstände überwiegend detailliert geschildert. Urteile der Militärgerichtsbarkeit vermögen es also, Sexualdelikte sichtbar zu machen und individuelle Verbrechen und die darin involvierten Personen zu rekonstruieren. Damit können die bislang üblichen und eher allgemeinen Hinweise auf „Vergewaltigungen" oder ein Sammelbegriff wie „sexuelle Gewalt" mit konkreten Inhalten versehen werden. Denn die in den Akten geschilderten Tatvorgänge verweisen auf versuchte und vollendete Vergewaltigungen, auf den sexuellen Missbrauch von Kindern, auf Gruppenvergewaltigungen sowie auf den Gebrauch von Waffen oder die Anwendung zusätzlicher Gewaltmittel. Die Verfahrensdokumente besitzen demnach nicht nur eine Fülle an Informationen unterschiedlichster Art, sie sind auch die unmittelbareren Zeugnisse als die meisten der bislang verwendeten Quellen. So werden beispielsweise im Rahmen von Oral-History-Untersuchungen zum Zweiten Weltkrieg Ereignisse erst Jahrzehnte später von Zeitzeugen in Interviews erzählt. Die Problematiken dieser Methode, die sich vor allem aufgrund der verzögerten Wiedergabe von Erlebnissen ergeben, sind bei Gerichtsakten gemindert, obwohl auch in diesen Fällen zwischen der Tat und der Verhandlung vor Gericht ein mehr oder weniger langer Zeitraum liegt. Die dort gemachten Aussagen sind jedoch nicht in dem Ausmaß von Veränderungen und Einflüssen betroffen wie dies etwa die Erinnerungen von Frauen sind, die nach jahrelangem Schweigen zum ersten Mal über erlebte Gewalt sprechen. Derartige Rückblicke unterliegen einem Wandel, der durch die persönliche Biographie, den gesellschaftlichen Kontext und die öffentliche oder historische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hervorgerufen wird.131 Über die „Zuverlässigkeit des autobiographischen Gedächtnisses" und „Erinnerungen im Alter" siehe Barbara Keller, Rekonstruktion von Vergangenheit. Vom Umgang der „Kriegsgene-
104 II. Sexualverbrechen deutscher Soldaten Schließlich lässt sich anhand der Urteilsbegründungen und der darin aufgelisteten Argumente für die Art und Höhe der Strafe der konkrete Umgang der Wehrmachtjustiz mit Sexualverbrechen aufzeigen. Gerichtsurteile zu Sexualdelikten weisen trotz der erwähnten Einschränkungen zwei wesentliche Vorzüge auf: Zum einen können sie präzisere Angaben über den Charakter sexueller Gewalt und insbesondere über die Täter liefern, als dies etwa Interviews mit Zeitzeugen leisten. Zum anderen sind die durch die bisherigen Forschungen aufgestellten und sich widersprechenden Thesen über die strategische Funktion einerseits und die drakonische Bestrafung andererseits durch die Wehrmachtjustizakten - unter Hinzunahme weiterer militärischer Quellen am ehesten zu überprüfen. ration" mit Lebenserinnerungen, Opladen 1996, S. 32-48,62-70. Speziell zur Beschäftigung mit dem Dritten Reich siehe Theresa Wobbe, Das Dilemma der Überlieferung. Zu politischen und theoretischen Kontexten von Gedächtniskonstruktionen über den Nationalsozialismus in: dies. (Hg.), Nach Osten. Verdeckte Spuren nationalsozialistischer Verbrechen, Frankfurt/Main 1992, S. 13-43.
III. SEXUALITÄT, PROSTITUTION UND WEHRMACHT Der Umgang der Wehrmachtgerichte mit sexuellen Straftaten kann nicht ohne eine vorherige Analyse der militärischen Konzepte über die sexuellen Bedürfnisse von Soldaten und das Bordellsystem untersucht werden. Wie die Urteilsbegründungen belegen, spielte beides für die Richter eine nicht unwesentliche Rolle bei der Strafzumessung.1 Auch Hitler betonte 1942 bei einem seiner berüchtigten Tischgespräche, man solle den Soldaten „eine gesunde Lebensfreude ermöglichen. Wenn der deutsche Mann als Soldat bereit sein solle, bedingungslos zu sterben, dann müsse er auch die Freiheit haben, bedingungslos zu lieben. Kampf und Liebe gehörten nun einmal zusammen".2 Diese Auffassung von soldatischer „Kampfmoral" war ein Motiv für die Einrichtung von militäreigenen Bordellen. Im Wesentlichen ging es jedoch darum, die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten einzudämmen und die Entstehung homosexueller Beziehungen innerhalb der Armee zu verhindern. Trotz der relativ günstigen Quellenlage wurden die deutschen Wehrmachtbordelle von der Forschung lange Zeit kaum thematisiert. Franz Seidler beschäftigte sich 1977 in seinem Buch über „Probleme der deutschen Sanitätsführung" in einem Kapitel auch mit dem Bereich „Prostitution" und wertete dazu die im Militärarchiv in Freiburg gelagerten Bestände der Heeres-Sanitätsinspektion aus. Allerdings gab er dabei überwiegend die „Optik der Wehrmacht" wieder, ohne diese kritisch zu hinterfragen.3 Darüber hinaus legte Christa Paul 1994 eine Studie über „Zwangsprostitution" und Bordelle im Dritten Reich vor, in der sie vor allem das Prostitutionssystem in den Konzentrationslagern untersucht, jedoch auch Beispiele für die Wehrmacht anführt. Da sich die Autorin aber in dieser Hinsicht vor allem auf die Arbeit von Seidler stützt, werden keine wesentlich neuen Erkenntnisse präsentiert. 4 Erst mit der im Jahr 2002 erschienenen Dissertation von Insa Meinen liegt nun eine grundlegende Arbeit über das Bordellsystem der Wehrmacht im besetzten Teil Frankreichs vor, für die die Autorin neben den Beständen des Militärarchivs auch französische Archive ausgewertet hat.5 Im Mittelpunkt der Analyse ste1 2 3 4 5 Vgl. Kap. V, 6.4. Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-1942, hg. von Percy Ernst Schramm, Stuttgart 1963, S. 288, Gespräch vom 23. April 1942, Wolfsschanze. Seidler, Prostitution. Zitat bei Meinen, Wehrmacht, S. 13. Paul, Zwangsprostitution. Meinen, Wehrmacht. Einige Ergebnisse ihrer Forschung sind in zwei Aufsätzen publiziert: dies., daß der Geschlechtsverkehr mit nicht kontrollierten weiblichen Personen unterbunden wird". Zur Reglementierung der Prostitution durch die Wehrmacht in Frankreich 1940-1944, in: Martens/Vaisse (Hg.), Frankreich und Deutschland, S. 235-250; dies., Wehrmacht und Prostitution - Zur Reglementierung der Geschlechterbeziehungen durch die deutsche Militär-
106 III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht hen die Regelung der Geschlechterbeziehungen zwischen deutschen Soldaten und Französinnen sowie die Verfolgung von Prostituierten oder als solche verdächtigten Frauen durch die Wehrmacht und durch die französischen Behörden. Entsprechende Forschungen über die Bordelle in den von der Wehrmacht okkupierten Gebieten Ost- und Südosteuropas liegen dagegen noch nicht vor, diese Einrichtungen bilden aber die Grundlage eines Projektes an der Universität von Minnesota. 6 Deutsche Militärbordelle sind nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch bereits aus dem Krieg von 1914 bis 1918 bekannt. Während es beispielsweise im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 noch keine entsprechenden, von der Armeeführung initiierten und von Armeemedizinern überwachten Bordelle gab7, wurden solche Einrichtungen im Ersten Weltkrieg aufgrund des Anstieges der Infektionen mit Geschlechtskrankheiten von deutschen Militärärzten propagiert und in der Etappe geschaffen.8 Daneben sollte durch die Verteilung von Schutzmitteln sowie durch eine intensive Aufklärung anhand von Merkblättern und Vorträgen9 die Verbreitung der venerischen Krankheiten unterbunden werden. Da die Behandlung und Ausheilung von Gonorrhöe und Lues, auch Tripper und Syphilis genannt, einige Wochen oder sogar Monate dauern konnte, lag es im eigenen Interesse des Militärs, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um die Kampfkraft der Truppe zu bewahren. 10 Ausgehend von den Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg beschäftigte sich die Wehrmacht noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dieser Problematik. Bereits 1936 gab es entsprechende Überlegungen, innerhalb der Armee Bordelle einzurichten." Dies muss vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Politik gegenüber dem Prostitutionswesen allgemein betrachtet werden. Zwar galt die Prostitution öffentlich als verpönt, sie wurde aber im Dritten Reich nicht verboten, da ihr vor allem nach Ansicht des Reichsführers-SS k 7 8 9 13 11 Verwaltung im besetzten Frankreich 1940-1944, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 14 (1999) 2, S. 35-55. Eine andere, eher positive Einschätzung des Wehrmachtbordellwesens, verbunden mit deutlicher Kritik an Meinens Darstellung, findet sich bei Max Plassmann, Wehrmachtbordclle. Anmerkungen zu einem Quellenfund im Universitätsarchiv Düsseldorf, in: Militärgeschichtlichc Zeitschrift 62 (2003), S. 157-173, v.a. S. 171. Zur Prostitution in Frankreich allgemein: Alain Corbin, Les filles de noce. Misere sexuelle et Prostitution (19 l et 20c siecles), Paris 1978. Die Zeit unter der deutschen Besatzung ebd., S. 502-505. Dort arbeitet Wendy Jo Gertjejanssen an einer Dissertation speziell über Wehrmachtbordelle im Osten. Kühlich, Die deutschen Soldaten, S. 292. Lutz Sauerteig, Militär, Medizin und Moral: Sexualität im Ersten Weltkrieg, in: Wolfgang U. Exkart/Christoph Gradmann (Hg.), Die Medizin und der Erste Weltkrieg, Pfaffenweilcr 1996, S. 197-226, hier S. 201, 215f. Der Aufsatz geht auch auf die F'ntwicklung in der britischen und in der amerikanischen Armee ein. Ebd., S. 218-221; Lutz Sauerteig, Krankheit, Sexualität, Gesellschaft. Geschlechtskrankheiten und Gesundheitspolitik im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Stuttgart 1999, S. 392-396. Sauerteig, Krankheit, S. 28-37. Michael Hcpp, Vorhof zur Hölle. Mädchen im „Jugendschutzlager" Uckermark, in: Angelika Ebbinghaus (Hg.), Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1996, S. 239-270, hier S. 251.
III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht 107 aus gesundheitspolitischen Überlegungen heraus und zur Vermeidung der kriminalisierten homosexuellen Beziehungen eine bedeutende Rolle zukam. 12 Allerdings wurden Prostituierte einer strengen Kontrolle unterworfen. Sie sollten von der Polizei erfasst werden, nur in entsprechend deklarierten Häusern arbeiten und regelmäßig ärztlich untersucht werden. Ziel war es, insbesondere die Straßenprostitution durch diese Vorschriften zu unterdrücken und so die diesem Gewerbe nachgehenden Frauen den Augen der Öffentlichkeit zu entziehen.13 Zur Durchsetzung dieser Politik wurden rigorose Maßnahmen ergriffen. So befanden sich unter den von 1934 bis 1939 aufgrund der Bestimmungen des Gewohnheitsverbrechergesetzes in Arbeitshäuser eingewiesenen 7.503 Personen auch Frauen, die wegen ihrer Tätigkeit als Prostituierte verurteilt worden waren.14 Darüber hinaus ist belegt, dass einige Frauen, die als Prostituierte gearbeitet hatten oder die nach Ansicht der Behörden einen moralisch nicht einwandfreien Lebenswandel aufwiesen, in Konzentrationslagern inhaftiert wurden. Dort zählten sie zur Gruppe der „Asozialen", die mit dem schwarzen Winkel gekennzeichnet waren.15 Während also im Deutschen Reich mitunter rücksichtslos gegen Prostituierte vorgegangen wurde, erachtete das Oberkommando des Heeres deren Beschäftigung für das Militär als notwendigen Schritt, um während des Krieges die Zahl der Ausfälle durch Geschlechtskrankheiten so niedrig wie möglich zu halten und gleichzeitig das Aufkommen homosexueller Beziehungen zu verhindern. Bereits wenige Tage nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden daher im Operationsgebiet der Wehrmacht Bordelle eingerichtet.16 Als Begründung für das im Laufe des Krieges ausgebaute Prostitutionswesen diente unter anderem der Hinweis, die Soldaten hätten grundsätzlich ein regelmäßiges Bedürfnis nach Ausübung des Geschlechtsverkehrs. Dies verdeutlicht ein Schreiben des Oberbefehlshabers des Heeres, Walther von Brauchitsch, im Juli 1940, in dem er betonte, mit dem zunehmendem Aufenthalt der deutschen Soldaten in den bislang besetzten Gebieten bedürfe „auch die 12 Zur Geschichte der Homosexuellen im Dritten Reich siehe Burkhard Jellonnek, Homosexuelle unter dem Hakenkreuz. Die Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich, Paderborn 1990; ders./Rüdiger Lautmann (Hg.), Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt, Paderborn 2002. " Paul, Zwangsprostitution, S. 11-13; Sauerteig, Krankheit, S. 417f. 14 Christian Müller, Das Gewohnheitsverbrechergesetz vom 24. November 1933. NS-Strafrecht zwischen Reformtradition und rassistischer Neubestimmung, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), S. 965-979, hier S. 972. 15 Wolfgang Ayaß, „Asoziale" im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995, S. 165-175. Beispiele für die Verfolgung von Prostituierten bei Wagner, Volksgemeinschaft, S. 367-373. In einigen der Konzentrationslager für Juden existierten Bordelle sowohl für Häftlinge als auch für die Aufseher. So gab es in der SS-Siedlung beim Konzentrationslager Auschwitz neben Fußballplatz und Schwimmbad auch ein Bordell. Gudrun Schwarz, Eine Frau an seiner Seite. Ehefrauen in der „SS-Sippengemeinschaft", Hamburg 1997, S. 112, 119. Über die Verhältnisse in den I agerbordellcn Paul, Zwangsprostitution, S. 13, 23-79. "' Sauerteig, Krankheit, S. 417. Es handelte sich um eine Verfügung aus dem Reichsministcrium des Innern, unterzeichnet von Reinhard Hcydrich, 9. September 1939.
108 III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht sexuelle Frage in all ihren Umständen und Folgerungen ernster Beachtung". Der Soldat müsse an der Front unter besonderen Bedingungen seinen Dienst verrichten und dabei sei es nicht zu verhindern, dass im sexuellen Bereich „da und dort Spannungen und Nöte auftreten" 17 , die die Wehrmacht zur Kenntnis nehmen solle. Darüber hinaus würde, so das Schreiben, ein generelles Verbot von geschlechtlichen Beziehungen mit einheimischen Frauen zum einen die Zahl von Vergewaltigungen im deutschen Machtbereich erhöhen, zum anderen eine Zunahme der homosexuellen Kontakte unter den Soldaten bewirken. Die vom O b d H angesprochenen „Nöte" tauchten auch unter dem Begriff der „Sexualnot" bei den Sanitätsdiensten auf und spielten, wie im fünften Kapitel aufgezeigt werden wird, eine wesentliche Rolle in Verfahren wegen Sexualverbrechen.18 Bereits einen Monat nach dem Waffenstillstand mit Frankreich am 22. Juni 1940 waren unter Leitung des Generalquartiermeisteramts im O K H entsprechende Maßnahmen ausgearbeitet und eingeleitet worden, um das besetzte Frankreich und auch das okkupierte Belgien mit nur für die Wehrmachtsoldaten zugänglichen Bordellen zu überziehen. Detaillierte Vorschriften über die Ausstattung der Bordelle, über die Rekrutierung sowie die medizinische Überwachung der französischen Prostituierten trugen dazu bei, „eine Art Standardbordell für Besatzungszwecke" zu schaffen, das später auch in anderen eroberten Territorien zum Einsatz kam. Die Wehrmacht übernahm die Kontrolle über bereits existierende französische Bordelle, reservierte sie für deutsche Soldaten und untersagte französischen Männern den Zutritt. Sie begnügte sich aber nicht damit, schon etablierte Häuser für sich zu nutzen, sondern erweiterte das Netz noch durch die Einrichtung zusätzlicher Bordelle.19 Dort erfolgte in den so genannten „Sanierstuben", die von Sanitätsdiensten der Wehrmacht geführt wurden, die prophylaktische Behandlung des männlichen Geschlechtsteils mit chemischen Mitteln nach dem Geschlechtsverkehr. Seit Januar 1943 war diese Schutzbehandlung zur Vermeidung von Geschlechtskrankheiten, auch „Sanierung" genannt, durch das O K H vorgeschrieben.20 Ein ungeschützter außerehelicher Geschlechtsverkehr ohne nach17 18 19 20 BA-MA RH 53-7/v. 233a/167: Anlage 1 zu ObdH, 6.9.41 („Betr. Selbstzucht"), ObdH, GcnQu, GenStdH, 31. Juli 1940, gez. von Brauchitsch. Hervorhebung i.O. gesperrt gedruckt. BA-MA H 20/479: Vortragsvermerk für Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Handloser, Geheim, 4. November 1942. Die Ausführungen enthalten Überlegungen zum Umgang der Wehrmacht mit Homosexualität. BA-MA H 20/479: Geheim, Aide-Memoire, „Betr.: Verbrechen und Vergehen 5 175 RStGB. Statistische und andere Bemerkungen vorgelegt von Oberstarzt Prof. Dr. O. Wuth", o.D. BA-MA H 20/825: O K H , GenStdH/GenQu, Az. 265 IV b, Nr. 11244/40 geh., Absch., „Betr.: Prostitution und Bordellwesen in Belgien und im besetzten Gebiet Frankreichs", 29. Juli 1940; BA-MA H 20/143: Ministere de l'interieur. Secrctariat General de la Familie et de la Same, Directeur de l'Assistance et de l'Hygiene an Prefet de Police, 14. Januar 1941, in der Anlage „Vorschlag eines Präfektoralerlasses über die Regelung der Prostitution"; Meinen, Wehrmacht, S. 1724, Zitat S. 22. Die Leitung der Bordelle lag weiterhin in den Händen französischer Bordellbetreiberinnen. BA-MA H 20/2372: „Der Sanitätssoldat", o.O., o. D., Abschnitt IV über die Schutzbehandlung; BA-MA FI 20/63: Merkblatt „Deutscher Soldat!", hg. vom OKH; Meinen, Wehrmacht, S. 28f.; Seidler, Prostitution, S. 108f., 160-163.
III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht 109 folgende „Sanierung" konnte als militärischer Ungehorsam disziplinarisch mit mehreren Wochen geschärftem Arrest geahndet werden, bei der Infizierung mit einer venerischen Krankheit drohte eine Urlaubssperre. 21 In besonders schweren Fällen sollte der zuständige Arzt sogar einen Tatbericht wegen „Selbstverstümmelung" einreichen, was zu einer Verurteilung wegen „Wehrkraftzersetzung" hätte führen können. 22 Diese Androhung war aber offenbar nicht geeignet, um Wehrmachtangehörige dazu anzuhalten, sich der angeordneten Behandlung zu unterziehen. 23 Da eine große Anzahl von Soldaten entgegen den Vorschriften und Weisungen versuchte, eine Geschlechtskrankheit selbst zu heilen und nicht wie vorgeschrieben zu einem Arzt der Wehrmacht ging, blieben dementsprechend auch viele Infektionen unentdeckt. 24 Bereits nach der Besetzung von Teilen Frankreichs war die Zahl der Soldaten, die sich mit einer Geschlechtskrankheit infiziert hatten, massiv angestiegen. Im Juli 1940 wuchsen die Erkrankungen mit Lues im Feldheer um 170%, diejenigen mit Gonorrhöe um 100%, wobei von der Ausbreitung vor allem die in Paris und Umgebung sowie die im Südosten Frankreichs stationierten Einheiten betroffen waren. 25 Auch für das Generalgouvernement vermeldete der Leitende Sanitätsoffizier beim Militärbefehlshaber im Oktober desselben Jahres eine merkliche Zunahme von Infektionen, die er auf Soldaten der Ersatztruppen und neu hinzugekommene Einheiten zurückführte. 26 Im März 1942 wies der Heeresarzt beim Generalquartiermeister im O K H , Generaloberstabsarzt Siegfried Handloser, in einem Schreiben über die Einrichtung von Bordellen in der Sowjetunion darauf hin, dass in den dortigen Städten wie auch in den ländlichen Gegenden Geschlechtskrankheiten sehr häufig seien. Es müsse daher unbedingt einer entsprechenden Verbreitung bei der Wehrmacht entgegengewirkt werden. 27 Ein Jahr später, im Januar und April 1943, wurden erneut Klagen über 21 22 21 24 25 2,1 27 Im Bestand des Gerichts der 227. Infanterie-Division befinden sich elf Urteile gegen Soldaten, die wegen unterlassener „Sanierung" bestraft wurden. Diese Fälle standen aber offenbar nicht im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung. BA-ZNS Gericht der 227,Inf.Div./63; ebd./165; ebd./260; ebd./274; ebd./306; ebd./330; ebd./334; ebd./375; ebd./390; ebd./407; ebd./507. Zur Bestrafung allgemein siehe Meinen, Wehrmacht, S. 48; Scidler, Prostitution, S. 97f. Als schwerwiegende Fälle galten zum Beispiel wiederholte Verstöße gegen die „Sanierungspflicht" oder die Ansteckung von weiteren Personen mit der Krankheit. BA-MA H 20/63: Stellv. Generalkommando VII.A.K., Az. 49 r 10/12 IV b (H), Nr. 15067/43, 20. April 1943, „Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten". BA-Berlin/Lichterfeldc NS 7/266, Bl. 1: Gericht der 256. Volks-Gren.-Division an Hauptamt SS-Gericht Prien am Chiemsee, SS-Richter beim RF-SS, Bezug: „RF-SS vom 6.11.44", 26. Dezember 1944. Meinen, Wehrmacht, S. 33-37. Vgl. auch Tewes, Frankreich, S. 194-197. BA-MA H 20/63: Beratender Dermatologe im Wehrkreis VII, Dr. Julius Mayr, an den Korpsarzt, Stellv.Gen.Kdo. VII, A.K., „Vierteljahresbericht", 3. Juli 1944. Seidler, Prostitution, S. 64. Über Geschlechtskrankheiten als „Etappenerscheinungen" siehe auch Bernhard R. Kroener, „Frontochsen" und „Etappenbullen". Zur Idcologisierung militärischer Organisationsstrukturen im Zweiten Weltkrieg, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 371 384, hier S. 376. BA-MA H 20/840: Leitender San.Offizier b. Militärbefehlshaber im Generalgouvernement, 2. Oktober 1940, „Bericht über Bordelle für Fleeresangehörige im Gen.-Gouv." BA-MA H 20/825: Der Heeresarzt im Oberkommando des Heeres, Gen StdH/GenQu. Nr. 1/13017/42, 20. März. 1942, „Prostitution und Bordellwesen im besetzten Gebiet in Sowjetruß-
110 III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht die Zunahme solcher Infektionen laut. Der Stellvertretende Kommandierende General des VII. Armeekorps und Befehlshaber im Wehrkreis VII betonte in einem Schreiben vom 20. April 1943 das Ansteigen dieser Krankheiten im Deutschen Reich, in Frankreich, den südosteuropäischen Ländern und in der Sowjetunion. Bezüglich der Infektionsquellen gestand er ein, dass die deutschen Soldaten an der Verbreitung „nicht unwesentlich beteiligt [...]" seien.28 Im Januar 1944 wurde in einem Erfahrungsbericht der „Beratenden Hygieniker" darauf hingewiesen, dass die Ermittlung der Ansteckungsquellen gerade im Falle der im Osten eingesetzten Soldaten und „Hilfswilligen" problematisch sei.29 Noch 1945 war die offenkundige und beharrliche Weigerung der Männer, sich einer Schutzbehandlung zu unterziehen, ein Thema unter den Dermatologen des Heeres. 30 Dagegen wurden Frauen, die als geschlechtskrank galten, von der Wehrmacht rigoros verfolgt. Der Sanitätsdienst richtete dabei sein Augenmerk sowohl auf die registrierten und nicht gemeldeten Prostituierten sowie auf die Frauen, denen nachgesagt wurde, häufigen Geschlechtsverkehr mit wechselnden Männern auszuüben. Sie alle wurden als mögliche Überträgerinnen von Geschlechtskrankheiten angesehen - ein Vorurteil vor allem gegenüber Prostitu- 28 29 ,0 land", gez. Dr. Handloser. Ähnlich BA-MA H 20/840: OKH/GenStdH/GenQu Az. 1271 IV b (IIa), 20. März 1942, „Prostitution und Bordellwesen in den besetzten Ostgebieten", gez. Wagner. Handloser wurde im Juni 1942 auch zum „Chef des Wehrmachtssanitätswesens" ernannt. Zu seiner Person siehe Wolfgang U. Eckart, Generaloberstabsarzt Prof. Dr. med. Siegfried Handloser, in: Gerd R. Ueberschär (Hg.), Hitlers militärische Elite, 2 Bde., Darmstadt 1998, Bd. 2: Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende, S. 88-92. BA-MA H 20/63: Stellv. Generalkommando VII. A.K., Az. 49 r 10/12 IV b (H), Nr. 15067/43, 20. April 1943, „Betr.: Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten". Vgl. auch BA-MA H 20/840: OKW Tgbnr. 71/42 Ch W San, 27. Januar 1943, „Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten", gez. Dr. Handloser. BA-MA H 20/143: 3. Sammelbericht über Kriegserfahrungen der Beratenden Hygieniker, I I.San.Insp. 49 s A 5 wig (I a II), 707/44, 22. Januar 1944. Zu den „Beratenden Ärzten", unter ihnen auch Hygieniker, siehe Seidler, Prostitution, S. 48-53. BA-MA H 20/447: Beratender Dermatologe beim Heeresgruppenarzt Süd, „Vierteljahresbcricht", 12. Januar 1945, und BA-MA H 20/152: Beratender Dermatologe beim Heeres-San.Inspekteur an Heeres-San.Inspekteur, „Sanierung und diseiplinare Würdigung bei Uebertretung des Befehls zu Pflichtsanierung, Infektionsquellenforschung", 20. Januar 1945. Auch in der SS wurden die Gefahren, die durch Geschlechtskrankheiten drohten, diskutiert. Helmut Heiber (Hg.), Reichsführer!... Briefe an und von Himmler, Stuttgart 1986, S. 178f., Dok. 186a: Brief Himmlers an SS-Brigadeführer Carl Oberg, HSSPF Frankreich, 5. Januar 1943, u. S. 179, Dok. 186b: Brief Himmlers an SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich, Kdr. SS-Panzergrenadicr-Division Leibstandarte „Adolf Hitler". Zunächst war von 7.000 Erkrankungen bei der SS in Frankreich die Rede, dann nur noch von 244. Für die Entwicklung von Behandlungsmethoden ließ I limmler medizinische Versuche an Konzentrationslagerhäftlingen durchführen. Siehe ebd., S. 84, Dok. 73: Brief Himmlers an SS-Brigadeführer Dr. Ernst-Robert Grawitz, 3. Februar 1941, und seinen Brief an den gleichen Empfänger am 11. November 1942 auf S. 168, Dok. 171. Grawitz wurde 1943 zum Reichsarzt-SS und Polizei ernannt und war in dieser Funktion mitverantwortlich für die Humanexpcnmente in den Konzentrationslagern. Wolfgang U. Eckart, SSObergruppenführer und General der Waffen-SS Prof. Dr. med. Ernst Grawitz, in: Gerd R. Ueberschär (Flg.), Fuders militärische Elite, 2 Bde., Darmstadt 1998, Bd. 2: Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsendc, S. 63-71.
III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht 111 ierten, das historische Wurzeln hat. Die Verknüpfung von gesundheitspolitischen Überlegungen zur Eindämmung von venerischen Krankheiten einerseits mit der sittenpolizeilichen Kontrolle von Frauen andererseits hatte in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang genommen und im Deutschen Reich mit dem 1927 verabschiedeten „Reichsgesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" ihre legislative Grundlage erfahren. Damit wurden die ärztliche Überwachung von Prostituierten gesetzlich verankert und Möglichkeiten für Zwangsmaßnahmen gegen Geschlechtskranke geschaffen.31 Vor allem in Frankreich spürten die Sanitätsoffiziere der Wehrmacht aufgrund von Angaben geschlechtskranker deutscher Soldaten diejenigen Frauen auf, die verdächtigt wurden, für die Ansteckung verantwortlich zu sein, und ließen sie gegebenenfalls zwangsweise für eine Behandlung ins Krankenhaus einliefern. Aufgrund von detailliert ausgearbeiteten Fragekatalogen sollten die Soldaten die Frauen benennen oder beschreiben können, mit denen sie verkehrt hatten. Das Merkblatt „Deutscher Soldat!" warnte den einzelnen Wehrmachtangehörigen, dass bei außerehelichem Geschlechtsverkehr eine Ansteckung überwiegend durch die Frauen erfolge. Besondere Vorsicht sei im „Umgang mit leichtfertigen Frauenspersonen" geboten, denn diese seien meist infiziert.32 Die Fahndung nach den möglichen „Ansteckungsquellen" war also geschlechtsspezifisch und richtete sich grundsätzlich gegen Frauen, denen hohe Strafen drohten. In einem Fall wurde eine Französin zu drei Jahren Zuchthaus wegen „Verbrechens gegen eine Anordnung über Massnahmen zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten" verurteilt. Die Frau arbeitete als Putzfrau für die Wehrmacht und hatte sich nach Feststellung einer Geschlechtskrankheit dem Feldkommandanturarzt gegenüber schriftlich dazu verpflichtet, keinen intimen Kontakt mit deutschen Soldaten zu pflegen. Da sie offenbar dennoch zwei Soldaten ansteckte, kam es zu einem Verfahren vor dem Gericht der Feldkommandantur 595 und zu der erwähnten Strafe.33 Neben einem Gerichtsprozess mussten Frauen, wie noch dargelegt werden wird, auch die Einweisung in ein Internierungslager befürchten. Allein zwischen September 1940 und Mai 1942 befassten sich die Feldgendarmerietrupps der Militärverwaltung mit über 14.000 Anzeigen gegen Französinnen, die als geschlechtskrank oder als amtlich nicht gemeldete Prostituierte galten.34 Wie Insa Meinen herausgearbeitet hat, verband die deutsche Sanitätsführung mit der Verfolgung bestimmter Französinnen sowie mit der Einrichtung von medizinisch beaufsichtigten Bordellen nicht nur unmittelbare Ziele wie die Vermeidung von Erkrankungen und damit die Erhaltung der Kampfkraft der Truppe. Von Interesse war 31 ,2 33 34 Sauerteig, Krankheit, S. 360-368, 409; Meinen, Wehrmacht, S. 37-45. Die Soldaten sollten durch ihren Truppenoffizier und den Sanitätsoffizier anhand dieses Merkblattes über Geschlechtskrankheiten informiert werden. BA-MA H 20/63: Merkblatt „Deutscher Soldat!", o.D., hg. vom O K H . Vgl. auch Meinen, Wehrmacht, S. 31f. u. 56f. BA-ZNS S 170, Gericht der Feldkommandantur 595, Feldurteil vom 26. Oktober 1943. Über gerichtliche Maßnahmen gegen Frauen, die verdächtigt wurden, deutsche Soldaten mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt zu haben, siehe Meinen, Wehrmacht, S. 98-100. Meinen, Wehrmacht, S. 26f., 92-100.
112 III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht darüber hinaus die Bewahrung der Gesundheit der „Volksgemeinschaft", die bei einer Verbreitung von Geschlechtskrankheiten durch die Soldaten im Reich als gefährdet angesehen wurde. 35 Die rigorose Verfolgung von Frauen, bei denen die Wehrmacht befürchtete, sie könnten geschlechtskrank sein und Soldaten infizieren, ist auch von den Kanalinseln und Norwegen bekannt. 36 Weitaus dramatischer war jedoch die Lage an der Ostfront. So kam es im besetzten Weißrussland im Rahmen der Bekämpfung von Infektionskrankheiten sogar zur Ermordung geschlechtskranker Frauen durch die Sicherheitspolizei und den SD. 37 Neben dieser Politik baute die Wehrmacht das militäreigene Bordellwesen während des Krieges kontinuierlich innerhalb des deutschen Machtbereichs aus. Bislang liegen jedoch zu diesem Komplex noch keine umfassenden Berechnungen und damit auch keine Gesamtzahlen vor. Für Paris gibt Meinen 40 Wehrmachtbordelle an und schätzt die Anzahl in den nördlichen Gebieten Frankreichs auf mehrere Hundert. 38 Seidler nennt dagegen für das Jahr 1942 die Zahl von 500 Bordellen für alle von der Wehrmacht besetzten Gebiete, ohne jedoch dafür entsprechende Belege anzuführen. 39 Die Akten der Heeres-Sanitätsinspektion verweisen auf Bordelle in Neapel, Venedig, Udine und Triest40, auf ähnliche Einrichtungen in Belgrad und Oslo sowie in Rumänien, in Griechenland 41 , im Generalgouvernement und in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Am 2. Oktober 1940 meldete der Leitende Sanitäts-Offizier beim Militärbefehlshaber im Generalgouvernement, dass dort „in den meisten größeren Städten" Bordelle eingerichtet worden seien, teilweise würden dafür „Judenhäuser" oder „jüdische Studentenhäuser" benutzt. Als Prostituierte arbeiteten polnische Frauen, die bereits vorher als solche registriert waren oder „durch Bekanntgabe zur Meldung für die Bordelle gewonnen" werden konnten. 42 In den besetzten Territorien der UdSSR wurden die Bordelle durch die Ortskommandanturen eingerichtet, dabei sollten wie schon in Polen und Frankreich keine jüdischen Frauen als Prostituierte beschäftigt werden und eine regelmäßige ärztliche Aufsicht gewährleistet 33 ik 37 38 39 40 41 42 Ebd., S. 45-49. Drolshagen, Nicht ungeschoren davonkommen, S. 132f. Gcrlach, Kalkulierte Morde, S. 1073, Anm. 100. Meinen, Wehrmacht, S. 197. Vgl. auch Plassmann, Wehrmachtbordelle, S. 161. Er nennt die Zahl von elf Bordellen für Wehrmachtangehörige am Standort Bordeaux im September 1943. Seidler, Prostitution, S. 186. BA-MA H 20/143: Oberstarzt Gen.Qu./IV b, „Bericht über die Dienstreise Oberstarzt Schreiber zum Deutschen Afrikakorps", 25. Juli 1941. Der Arzt suchte verschiedene Wehrmachtbordelle in Neapel sowie Lazarette in Tripolis und Dcrna auf; BA-MA H 20/63: Beratender Dermatologe beim Heeresgruppenarzt C, „Tätigkeitsbericht für den Monat November 1944", 4. Dezember 1944. B A-M A H 20/447: Generalarzt Prof. Lohe an Lehrgruppe C, Militärärztliche Akademie, „Betr.: Stellungnahme zu dem Thema: Bekämpfung der Geschlcchtskrankh.", 9. Januar 1945. Vgl. auch Meinen, Wehrmacht, S. 2l3f. BA-MA H 20/840, Bl. 6-8: Leitender San.Offizier b. Militärbefehlshaber im Generalgouvernement, „Bericht über Bordelle für Heeresangehörige im Gen.-Gouv.", 2. Oktober 1940.
III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht 113 sein.43 Offenbar gab es vor allem im Osten Probleme mit der nicht kontrollierten Prostitution, was auf die „fortschreitenden Ernährungsschwierigkeiten bei der Zivilbevölkerung" zurückgeführt wurde. Dieser Entwicklung sollte die Geheime Feldpolizei entgegenwirken, da sich zum einen die Geschlechtskrankheiten weiter ausbreiten würden, zum anderen aber auch Gefahren durch Spionage drohten. 44 Die Anzahl der für das deutsche Militär arbeitenden Frauen ist bislang nicht bekannt. Allein für Frankreich erweist sich eine genaue Berechnung als schwierig, da sowohl die Zahl der Bordelle wie auch die der dort tätigen Prostituierten schwankten. Laut Insa Meinen sollen es jedoch mehrere tausend Frauen gewesen sein.45 Für die anderen Bordellangestellten, vor allem in den östlichen Gebieten, liegen dagegen noch überhaupt keine gesicherten Angaben vor. Etwas konkreter ist der Forschungsstand bezüglich der Rekrutierung von Prostituierten und der Anwerbungsmethoden der Wehrmacht. Wie schon erwähnt, wurden zu Beginn der Besatzungsverwaltung in Frankreich bereits existierende örtliche Bordelle unter die Aufsicht des deutschen Sanitätsdienstes gestellt und die dort beschäftigten Prostituierten dessen Kontrolle unterworfen. Daneben erklärten sich auch Frauen - aus unterschiedlichen Beweggründen - freiwillig zur Arbeit in einem Wehrmachtbordell bereit.46 Den professionellen, jedoch außerhalb von Bordellen tätigen Prostituierten ließen die deutschen Maßnahmen gegen die freie oder heimliche Prostitution häufig keine andere Wahl, da sie sonst fortwährend Verfolgung und Verhaftung fürchten mussten. Bereits in diesem Zusammenhang kam es zu regelrechten Zwangsrekrutierungen. 47 Ins Visier der Militärverwaltung gerieten jedoch auch Frauen, die nur schon verdächtigt wurden, dieses Gewerbe auszuüben. Im Rahmen der Prostitutionsüberwachung wurden solche Französinnen aufgrund entsprechender Direktiven seitens der deutschen Kommandanturärzte in Internierungslager eingewiesen. Insa Meinen begründet die Motive dafür folgendermaßen: „Insgesamt betrachtet diente die Lagerinternicrung von Prostituierten und prostitutionsverdächtigen Frauen einem Hauptzweck: Die Besatzer suchten ihre Verfügungsgewalt darüber zu behaupten, welche Frauen privat oder beruflich mit deutschen Soldaten verkehrten, beziehungsweise den deutschen Truppenangehörigen zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden, indem sie diejenigen Französinnen, deren sexuelle Dienstleistungen sie prinzipiell oder zeitweilig nicht in 43 44 43 4h 47 BA-MA H 20/825: Der Heeresarzt im O K H , GenStdH/GenQu, Az. 1271 (IIa),Nr. 1/13017/42, „Betr.: Prostitution und Bordellwesen im besetzten Gebiet in Sowjetrußland", 20. März 1942, gez. Dr. Handloser. BA-MA H 20/840, Bl. 13f.: O K H , GenStdH/GenQu, Az. 1271IV b (IIa), Nr. 1/13016/42, „Betr.: .Prostitution und Bordellwesen in den besetzten Ostgebieten'", 20. März 1942, gez. Wagner. Meinen, Wehrmacht, S. 109, 206. Detaillierte Angaben für die Bordelle in Bordeaux bei Plassmann, Wehrmachtbordelle, S. 161f. Plassmann, Wehrmachtbordelle, S. 171. Meinen, Wehrmacht, S. 204f. Siehe auch Plassmann, Wehrmachtbordellc, S. 169: „Naturlich hat die Not der Kriegszeit vielfach dazu geführt, daß sich die Frauen nicht wirklich freiwillig verpflichteten."
114 III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht Anspruch nehmen wollten, aus dem öffentlichen Leben verbannten und hinter Stacheldraht festsetzten." Die hygienischen Zustände sowie die Versorgung der Inhaftierten mit Nahrungsmitteln und Kleidung waren mehr als unzureichend, so dass Fälle von Unterernährung und Typhus auftraten. Darüber hinaus wurden die Frauen zu verschiedenen Arbeiten angehalten, eine Verweigerung derselben konnte eine zusätzliche Gefängnisstrafe nach sich ziehen.48 Eine Entlassung aus den Lagern war an bestimmte Auflagen geknüpft. So nennen die im Herbst 1942 aufgestellten Richtlinien über die Beendigung der Internierung im Lager Jargeau als mögliche Voraussetzungen eine Eheschließung oder die erfolgreiche Vermittlung einer bezahlten Arbeit. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, sich für einen „Arbeitseinsatz" im Deutschen Reich zu melden oder sich in einem Wehrmachtbordell anstellen zu lassen. Anhand dieser Kriterien lässt sich deutlich ersehen, dass die deutsche Besatzungsverwaltung versuchte, auch aus der Freilassung der Internierten noch einen Nutzen zu erzielen. Einige Frauen wurden demnach „auf dem Umweg über die Lagerinternierung zur Arbeit in Wehrmachtbordellen" genötigt, so dass diese Form der Rekrutierung einen „gewaltsamen Charakter" erhielt.49 Trotz dieser Bewertung schlussfolgert Insa Meinen, die „Prostitutionsüberwachung der Wehrmacht in Frankreich" sei „nicht in die Geschichte sexueller Gewalt gegen Frauen im Krieg einzuordnen", da die Militärverwaltung die Frauen nicht in erster Linie mit dem Ziel verfolgt habe, sie zum Geschlechtsverkehr mit Soldaten zu zwingen. Vielmehr sei es ihr darauf angekommen, die Gruppe der Frauen, die mit Wehrmachtangehörigen intimen Kontakt hatten, selbst zu bestimmen und den Umgang zu kontrollieren. 50 Ihre Einschätzung resultiert offenbar auch aus der Tatsache, dass in den von ihr geschilderten Fällen keine körperliche Gewalt angewendet wurde, um Frauen zur Prostitution zu nötigen. Unabhängig von der eigentlichen Intention der Wehrmacht, die Meinen zutreffend beschreibt, weisen jedoch die von ihr geschilderten Maßnahmen gegen Prostituierte und gegen die Frauen, die nur aufgrund ihres Sexualverhaltens und ihres Lebenswandels als solche angesehen wurden, auf vereinzelte Fälle von zwangsweiser Prostitution hin.51 Bereits die Lagerinternierung von Frauen stellte eine massive Form der Freiheitsberaubung dar, die ohne die deutsche Besatzung in dieser Form nicht erfolgt wäre. Die Praxis der Wehrmacht, dann aus dem Internierungslager Jargeau heraus Frauen für Wehrmachtbordelle zu rekrutieren, verweist weiter auf den Einsatz von Druckmitteln. Denn wie Meinen schildert, versuchten einige Frauen erfolglos, den unwürdigen Verhältnissen im Lager zu entfliehen und willigten erst in die Bordellarbeit ein, als keine andere 48 49 50 51 Meinen, Wehrmacht, S. 165-169, Zitat S. 163. Ebd., S. 176, ZitateS. 179 u. 184. Ebd., S. 214. Vgl. Plassmann, Wehrmachtbordclle, S. 168. Er spricht ebenfalls von der „Ausübung des direkten Zwanges auf Frauen" in einigen Fällen, interpretiert dies aber wiederum als ein Zeichen für die „Zwangslage" der Wehrmacht, denn diese habe nicht „ohne weiteres [...] die notwendige Anzahl von Frauen gleichsam als Kriegsbeute in die Bordelle" abkommandieren können.
III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht 115 Möglichkeit mehr für sie bestand, eine Freilassung zu erwirken. 52 In den Bordellen waren alle Prostituierten wiederum verschiedenen Reglementierungen unterworfen, unter anderem aus Gründen der gesundheitlichen Überwachung einer von den Kommandanturärzten eingeführten „Zwangsaufenthaltsklausel", die eine Mindestaufenthaltsdauer zwischen vier Wochen und drei Monaten vorschrieb. Dies führte dazu, dass einige Frauen „gegen ihren Willen in Bordellen festgehalten wurden". 53 Insofern erscheint der Begriff „Zwangsprostitution" für diese individuellen Fälle gerechtfertigt und damit auch die Diskussion über die Erfahrungen solcher Frauen im Rahmen der Geschichte von sexueller Gewalt in Kriegen. Denn diejenigen Französinnen, die zur Arbeit in einem Wehrmachtbordell genötigt wurden, waren damit einer institutionalisierten Form von sexueller Gewalt ausgesetzt.54 In Bezug auf die Situation in den Wehrmachtbordellen an der Ostfront ist nur sehr wenig bekannt, vereinzelte Aussagen deuten jedoch auch hier auf Formen von Zwangsrekrutierung. Zwar meinte ein ehemaliger Wehrmachtangehöriger in diesem Zusammenhang: „Natürlich richtete man in den größeren Ortschaften Bordelle ein. [...] Das waren russische Frauen [die Prostituierten, B.B.] und zum Teil... ja. Sie wurden nicht gezwungen, das war ihr Beruf."55 Die Auslassung im Original kann nicht gedeutet werden, möglicherweise dachte er an dieser Stelle an jüdische Frauen. Auffällig erscheint zumindest sein Hinweis, diese Frauen hätten freiwillig und als professionelle Prostituierte für die Wehrmacht gearbeitet. Offenbar war ihm bewusst, dass bei diesem Thema auch die Gewaltproblematik angesprochen werden könnte. Dagegen betont Franz Seidler, die Feldkommandanturen seien „oft zwangsweise vorgegangen" und die ausgewählten Frauen hätten sich zwischen dem Arbeitsdienst im Deutschen Reich oder dem Dienst im Wehrmachtbordell „entscheiden" müssen. Allerdings führt er zu dieser These keine Belege an.56 Alexander Werth hat in seinem Buch über den Krieg in der Sowjetunion vermerkt, dass zur Versorgung der Bordelle mit Prostituierten in der Ukraine „die gutaussehenden Frauen einfach aus den Schlangen herausgepickt [wurden], die sich vor den Arbeitsämtern anstellten".57 Auch in der literarischen Verarbei32 Meinen, Wehrmacht, S. 202. Ebd., S. 208f., Zitat S. 209. Eine derartige, von Seiten der Behörden erlassene Bestimmung über die Beschäftigungsdauer gab es vor der deutschen Besatzung noch nicht. Vgl. auch Plassmann, Wehrmachtbordelle, S. 168. 34 Vgl. die Ausführungen im Kap. I, 2 über die „comfort houses" der japanischen Armee. Zwar waren die Formen der Rekrutierung wie auch die alltägliche Situation für die Prostituierten in diesen Einrichtungen ungleich brutaler und menschenverachtender. Trotzdem ähneln sich zumindest in einem Punkt die Zielsetzungen der japanischen wie der deutschen Armee: Die Aufgabe der Frauen bestand ihrer Ansicht nach in der Befriedigung von sexuellen Bedürfnissen der Soldaten. 33 Beckermann, Jenseits des Krieges, S. 134. Interview mit einem ehemaligen Kriegsteilnehmer bei der Ausstellung des Hamburger Institutes für Sozialforschung. Vgl. auch Schröder, Die gestohlenen Jahre, S. 400-402. ^ Seidlcr, Prostitution, S. 154. 37 Alexander Werth, Rußland im Krieg 1941-1945, München 1965, S. 415. 53
116 III. Sexualität, Prostitution und Wehrmacht tung wird Zwangsprostitution seitens der Wehrmacht thematisiert. So schildert der Roman „Kaputt" des italienischen Schriftstellers Curzio Malaparte die zwangsweise Beschäftigung von jüdischen Mädchen in Bessarabien.58 Untersuchungen über die Konzentrationslager sowie über den Holocaust verweisen schließlich darauf, dass offenbar trotz der erwähnten Verbote auch deutsche Jüdinnen aus den Lagern heraus in verschiedene Wehrmacht- und SS-Bordelle gebracht wurden. 59 Angesichts der bisherigen Erkenntnisse über das deutsche Bordellwesen in Frankreich und der dortigen Form der Rekrutierung von Prostituierten ist anzunehmen, dass in den anderen besetzten oder verbündeten Ländern und insbesondere in der Sowjetunion neben den herkömmlichen Anstellungen auch unterschiedliche Formen von Zwangsprostitution existierten. Der bisherige Forschungsstand ist jedoch zu gering, um hier weiterführende Aussagen machen zu können. Wesentlich für die Einschätzung von sexueller Gewalt im Zweiten Weltkrieg ist, dass die Wehrmacht aus gesundheitspolitischen und ideologischen Überlegungen heraus an ihren Einsatzorten Bordelle mit einheimischen Frauen als Prostituierte übernahm, neue Einrichtungen schuf und alle streng kontrollierte. Der Wehrmachtsanitätsdienst übernahm in dieser Hinsicht „regelrechte Zuhälterfunktionen". 60 Grundsätzlich kann in diesem Zusammenhang von struktureller Gewalt gesprochen werden, denn die französischen, polnischen, italienischen oder sowjetischen Frauen mussten den Anordnungen und Vorschriften seitens der deutschen Besatzungsmacht nachkommen. Die von Insa Meinen vorgelegten Ergebnisse insbesondere zu den französischen Internierungslagern verweisen darüber hinaus auf vereinzelte Fälle von direktem Zwang, für die anderen Länder gibt es ähnlich quellengestützte Nachweise noch nicht, doch lässt sich vor allem für die Ostfront eine solche Vorgehensweise vermuten. Ausgehend von der Annahme, deutsche Soldaten hätten das Bedürfnis nach und zugleich ein Anrecht auf Gelegenheiten zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs, ließ die Wehrmacht ein streng durchorganisiertes Bordellsystem aufbauen. Sie nutzte dabei mitunter ohne Skrupel ihre Rolle als Besatzungsmacht aus, um Frauen für ihre Zwecke auszubeuten. Das dadurch auch den Soldaten vermittelte Gefühl von Überlegenheit gegenüber einheimischen Zivilistinnen findet sich in den Verfahren wegen Sexualverbrechen ebenso wieder wie die Auffassung, ein Mann müsse auch im Krieg seine Sexualität ausleben können. 38 39 60 Curzio Malaparte, Kaputt, Frankfurt/Main 1979, S. 365-379. Vgl. auch Paul, Zwangsprostitution, S. 104f. Rosenthal, Sexuelle Gewalt, S. 25-55; Janet Anschütz/Kerstin Meier/Sanja Obajdin, „... dieses leere Gefühl und die Blicke der anderen ..." Sexuelle Gewalt gegen Frauen, in: Claus FüllbergStolberg u.a. (Hg.), Frauen in Konzentrationslagern. Bergen-Belsen. Ravensbrück, Bremen 1994, S. 123-133, hier S. 130f. Meinen, Wehrmacht, S. 205.
IV. DIE MILITÄRGERICHTSBARKEIT UND SEXUELLE STRAFTATEN NACH DEM REICHSSTRAFGESETZBUCH 1. JUSTIZ UND RECHTSAUFFASSUNG IM DRITTEN REICH Über die Umgestaltung und Ausrichtung der Justiz im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, die treffender als „Ideengemisch" 1 bezeichnet werden kann, sowie über die weitreichenden Auswirkungen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen existiert mittlerweile eine stattliche Anzahl an Untersuchungen.2 Ähnliches gilt auch für die Wehrmachtjustiz, wie der Überblick im nächsten Kapitel zeigen wird. Um die spezifische Ausrichtung der Militärgerichtsbarkeit analysieren zu können, ist es jedoch notwendig, den Blick zuerst auf die zivile Justiz zu lenken. Die enge Verbindung zwischen militärischer und ziviler Gerichtsbarkeit lässt sich bereits anhand der personellen Kontinuitäten ablesen. Wie Lothar Walmrath in Bezug auf die Marinejustiz ermittelt hat, hatten mehr als 80% der während des Krieges an Marinegerichten tätigen Richter bereits zuvor als Rechtsanwälte, Notare oder zivile Richter gearbeitet. Sie stellten somit einen „repräsentativen Ausschnitt der gesamten Justiz in der NS-Zeit" dar und waren durch ihre gemeinsame Ausbildung an den Universitäten zur Zeit der Weimarer Republik geprägt. Walmrath charakterisiert sie als eine „für das System einsetzbare und in der Wirkung regimestabilisierendc Funktionselite" 3 , was sich auch in ihrer Einbindung in die politischen Organisationen des Dritten Reiches widerspiegelt. Von den zwischen 1933 und 1936 anerkannten Rechtsreferendaren mit zweitem Staatsexamen waren 99% Parteimitglieder, die Mehrheit war schon vor der Machtergreifung beigetreten. Bereits 1938 gehörte mehr als die Hälfte aller deutschen Richter der NSDAP oder einer ihrer 1 2 3 Klaus Anderbrügge, Völkisches Rechtsdenken. Zur Rechtslehre in der Zeit des Nationalsozialismus, Berlin 1978, S. 37. Michael Stolleis, Recht im Unrecht. Studien zur Rechtsgeschichte des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1994; Uwe Wesel, Geschichte des Rechts. Von den Frühformen bis zur Gegenwart, 2. erw. Aufl., München 2001, S. 479-500; Ulrich von Hehl, Nationalsozialistische Herrschaft, München 22001, S. 78-80, Litcraturüberblick ebd., S. 128f.; Hinrich Rüping, Grundriß der Strafrcchtsgeschichte, 3. Überarb. Aufl., München 1998, S. 94-106, bietet eine sehr knappe Zusammenfassung sowie eine Auswahl von Quellen und Literatur zu dieser Thematik. Siehe vor allem das Standardwerk von Lothar Gruchmann, Justiz im Dritten Reich 1933-1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner, 3. verbesserte Aufl., München 2001. Walmrath, „Iustitia", S. 293-296, Zitate S. 295f. Zur Ausbildung im Dritten Reich siehe die Regionalstudie von Andrea Pientka, Juristenausbildung zur Zeit des Nationalsozialismus dargestellt am Beispiel der Universität Tübingen und des OLG-Bezirks Stuttgart, Diss. jur., Freiburg/Breisgau 1990.
118 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten Gruppierungen wie der SA, der SS oder dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps an.4 Nun stellt ein Mitgliedsausweis allein noch keinen ausreichenden Beleg für die nationalsozialistische Einstellung und Überzeugung seines Inhabers dar. Der Nachweis über die Parteizugehörigkeit war in vielen Fällen die unabdingbare Voraussetzung für den beruflichen Aufstieg, was sicherlich für einige das zentrale Motiv bildete. Wer sich jedoch schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihrer Partei anschloss, ohne dass deren Erfolg bereits in seiner ganzen Dimension absehbar war, legte doch zumindest eine gewisse Zustimmung für die von dieser Gruppierung geäußerten politischen Ziele an den Tag. Wie Diemut Majer betont, kann davon ausgegangen werden, dass die „überwältigende Mehrzahl" der Richter und auch der Beamten der nationalsozialistischen Regierung „loyal, wenn nicht sogar positiv gegenüberstand". Sie nahmen die Entlassung ihrer jüdischen Kollegen aufgrund des Berufsbeamtengesetzes vom April 1933 sowie die zunehmende Entrechtung der jüdischen Bevölkerung im Gefolge der Nürnberger Rassengesetze von 1935 überwiegend kritiklos oder ohne Anzeichen größerer Proteste hin. 5 Die breite Akzeptanz der nationalsozialistischen Ideologie innerhalb der Justiz resultierte aus der homogenen Mittelschichtherkunft ihrer Angehörigen und ging einher mit der weitgehenden Ablehnung der Weimarer Republik. Weitere begünstigende Faktoren waren die Art der Ausbildung und die herrschende Rechtsprechung, die bereits vor 1933 durch autoritäres, konservatives, nationales und oftmals antidemokratisches sowie antisemitisches Gedankengut geprägt war.6 Darüber hinaus machte die Gleichschaltungspolitik des Regimes gegenüber den Gewerkschaften, Vereinen und anderen Einrichtungen auch vor der Justiz nicht halt.7 Neben dem NS-Lehrerbund und dem NS-Ärztebund gab es seit 1928 den „Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen" (BNSDJ), der 1936 in „NS-Rechtswahrerbund" umbenannt wurde. 1935 zählte dieser mehr als 80.000 Mitglieder, davon waren über 17.000 als Richter und Staatsanwälte tätig.8 Dennoch veranschlagt Ralph Angermund den Einfluss dieses Organs auf die Richter als relativ gering, was die ideologische Indoktrination und Schulung betrifft. Weitaus größeren Einfluss auf die Rechtsprechung im Dritten Reich nahmen die Partei und die SS durch ihr direktes Eingreifen in Verfahren oder die Gestapo, die ohne eine vorherige Gerichtsverhandlung Kri4 3 6 ' 8 Gruchmann, Justiz, S. 220; Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, hg. von Gert Schäfer, Frankfurt/Main 1993, S. 442. Majer, Grundlagen, S. 235; Ralph Angermund, Deutsche Richterschaft 1919-1945. Krisenerfahrung, Illusion, politische Rechtsprechung, Frankfurt/Main 1990, S. 50-52, 248. Über die einzelnen Maßnahmen zur Entfernung jüdischer Justizbeamter, Anwälte und Richter siehe Gruchmann, Justiz, S. 124-189. Zur antijüdischen Gesetzgebung: Leni Yahil, Die Shoah. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden, München 1998, S. 105-119; Cornelia Essner, Die „Nürnberger Gesetze" oder Die Verwaltung des Rassenwahns 1933-1945, Paderborn 2002. Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 22, 31-40; Gruchmann, Justiz, S. 1113-1115. Zur Gleichschaltung allgemein Hans-Ulrich Thamer, Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Münster 1994, S. 282-309. Der BNSDJ wurde von Hans Frank gegründet. Gruchmann, Justiz, S. 221.
1. Justiz u n d Rechtsauffassung im D r i t t e n Reich 119 minelle, straffällig gewordene Zwangsarbeiter und so genannte „Asoziale" geradewegs in ein Konzentrationslager brachte. Die Übernahme von genuinen Justizaufgaben durch Polizeiorgane weitete sich vor allem seit Kriegsbeginn immer stärker aus und gipfelte 1940 in der generellen Verfolgung der Straftaten von polnischen oder sowjetischen Zwangsarbeitern durch die Gestapo. 9 Eine weitere Aufweichung der Rechtsstaatlichkeit erfolgte seit 1933 durch die Einrichtung von Sondergerichten und die Schaffung des berüchtigten Volksgerichtshofs 1934. Diese Gerichte waren zunächst für die Aburteilung politischer Delikte zuständig, erfüllten dann aber zunehmend auch die Aufgaben der ordentlichen Gerichte und wandelten sich vor allem seit 1942 mehr und mehr zu reinen Instrumenten der politischen Zielsetzungen. 10 Der Volksgerichtshof war unter anderem zuständig in Fällen von Hoch- und Landesverrat oder bei Angriffen gegen Hitler." Die konkrete Beeinflussung der Richter durch das Justizministerium und die Justizverwaltung fand auf Tagungen statt, bei denen bestimmte Leitlinien vorgegeben wurden, und mit Hilfe der so genannten „Richterbriefe". In Letzteren wurden Fallbeispiele knapp zusammengefasst vorgestellt und deren Urteilsbegründungen mit einem Kommentar versehen, damit sie als negatives oder positives Beispiel für ähnliche Verfahren dienen konnten. Sie wurden im Oktober 1942 durch Reichsjustizminister Otto Georg Thierack eingeführt und bis zum Dezember 1944 als Anschauungsmaterial jeden Monat an alle deutschen Richter und Staatsanwälte sowie an einzelne Ministerien und Parteidienststellen ausgegeben. Trotz einiger Bedenken von Seiten der Gerichte, diese Art der Willenslenkung gefährde die Unabhängigkeit der Richter, trafen die „Richterbriefe" doch mehrheitlich auf Zustimmung. 12 Im Bereich der Militärgerichtsbarkeit gab es vergleichbare Schulungsmittel in Form des „Wehrmachtlehrbriefes". Die bereits während der Beschäftigung bei der zivilen Justiz verinnerlichten nationalsozialistischen Grundsätze wirkten weiter fort, als einige dieser Richter in den Dienst der Wehrmacht wechselten und dort das Militärstrafrecht dementsprechend anwandten. Dies wird in zahlreichen Formulierungen deutlich, die im Einzelnen noch genauer vorgestellt werden. Nach dem Krieg wurde die Mehrheit der im Dritten Reich tätigen Richter auch in den bundesrepublikanischen Justizdienst übernommen, was die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Justiz im Nationalsozialismus in den Anfangsjahren praktisch unmöglich gemacht hat und bis in die siebziger Jahre hinein erheblich erschwerte. Die Mitwirkung der Juristen an der Ausgestal' 13 11 12 Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 59-61, 93f.; Gruchmann, Justiz, S. 675-689. „Verordnung über die Zuständigkeit der Strafgerichte, die Sondergerichte und sonstige strafverfahrensrechtliche Vorschriften. Vom 21. Februar 1940", RGBl. I 1940, S. 405-411; Gruchmann, Justiz, S. 944-980. „Verordnung über die Zuständigkeit der Strafgerichte", S. 405-411. Heinz Boberach (Hg.), Richterbriefe. Dokumente zur Beeinflussung der deutschen Rechtsprechung 1942-1944, Boppard am Rhein 1975, S. XIX-XXIV; Bernhard Wahl, Die Richterbriefe. E!in Beitrag zur Geschichte der nationalsozialistischen Justizpolitik, Diss. jur., Heidelberg 1981, S. 17-26, 161-168; Gruchmann, Justiz, S. 1091-1112.
120 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten tung des nationalsozialistischen Rechts haben die Beteiligten selbst wie auch einige Autoren anfangs massiv bestritten und jede direkte Verantwortung für den damals in verschiedenen Bereichen herrschenden Justizterror unter Hinweis auf die vorgegebene Gesetzesbindung, die eine unabhängige Position verhindert hätte, weit von sich gewiesen.13 Einige der Wesensmerkmale nationalsozialistischer Rechtsauffassung werden nun vorgestellt, da sie für die Bewertung der Militärgerichtsbarkeit und für das Verständnis der Verfahrensakten unerlässlich sind.14 Gemäß dem neu geschaffenen Grundsatz „Nullum crimen sine poena" wurde nach der Machtergreifung 1933 eine Vielzahl von neuen Gesetzen geschaffen, um politische und gesellschaftliche Ziele mittels eines erweiterten Strafrechtes realisieren zu können. 15 Damit kam die Justiz der von Hitler bereits 1933 in einer Regierungserklärung geforderten „Elastizität der Urteilsfindung zum Wohl der Gesellschaft" nach.16 Ihre konkrete Umsetzung erfuhr diese Doktrin durch das „Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuchs" vom Juni 1935. Laut § 2 StGB war die Verurteilung derjenigen Person möglich, die „eine Tat begeht, die das Gesetz für strafbar erklärt oder die nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes und nach gesundem Volksempfinden Bestrafung verdient". 17 Als Verstoß gegen das Gesetz oder als Unrecht konnten nun alle Äußerungen sowie Handlungen interpretiert werden, die sich gegen die Interessen des deutschen Volkes richteten, auch wenn zeitgenössische Kommentatoren die Anwendungsmöglichkeiten dieses Paragraphen als weitaus geringer einschätzten. 18 Eine derartige Gesetzesänderung bot jedoch genügend Raum für eine willkürliche Auslegung des Rechts durch die Justiz und schuf insbesondere für einzelne Richter eine nahezu unbegrenzte Handlungsfreiheit, solange sie die politischen Intentionen berücksichtigten. Im Falle der Militärgerichtsbarkeit fand diese Auffassung von Recht und Unrecht ihre spezifische 13 Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 8-15; Joachim Pereis, Das juristische Erbe des „Dritten Reiches". Beschädigungen der demokratischen Rechtsordnung, Frankfurt/Main 1999, S. 23,6268. 14 Für einen Überblick zur zeitgenössischen Literatur siehe Hinrich Rüping, Bibliographie zum Strafrecht im Nationalsozialismus. Literatur zum Straf-, Strafverfahrens- und Strafvollzugsrecht mit ihren Grundlagen und einem Anhang: Verzeichnis der veröffentlichten Entscheidungen der Sondergerichte, München 1985. 13 Franz Gürtner, Der Gedanke der Gerechtigkeit in der deutschen Strafrechtserneuerung. Vortrag, gehalten auf dem XI. Internationalen Strafrechts- und Gefängniskongreß am 19.8.1935 in Berlin, in: ders./Roland Freisler, Das neue Strafrecht. Grundsätzliche Gedanken zum Geleit, Berlin 1936, S. 19-31, hier S. 22, Hervorhebung i.O.; Gruchmann, Justiz, S. 850f. "' Hitlers Regierungserklärung zum Ermächtigungsgesetz vor dem Reichstag am 23. März 1933, in: Max Domarus (flg.), Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, 2 Bde., Würzburg 1962/63, Bd. 1: Triumph (1932-1938), Würzburg 1962, S. 229-237, hier S. 233. 17 Otto Schwarz, Strafgesetzbuch. Nebengesetze, Verordnungen und Kriegsstrafrecht, München ''1940, § 2, S. 16-25, Zitat S. 16. Vgl. auch Gruchmann, Justiz, S. 847-852. 18 Leopold Zimmer!, Zur Auslegung des § 2 StGB, in: Georg Dahm u.a., Gegenwartsfragen der Strafrechtswissenschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Graf W. Gleispach, Berlin 1936, S. 173-187.
1. Justiz und Rechtsauffassung im Dritten Reich 121 Ausprägung darin, dass alles, was den Anliegen der Wehrmacht in irgendeiner Weise entgegenstand, bestraft werden konnte. Es ging im Dritten Reich weniger darum, das Delikt oder die strafbare Handlung an sich zu bestrafen, als vielmehr den Täter und seinen Willen zur Tat.19 Wie Frank Neumann in seinem zeitgenössischen Werk Behemoth exakt beschreibt, definieren die Vertreter einer solchen Rechtstheorie „niemals ein Verbrechen, sondern beschreiben lediglich Typen von Verbrechern wie brutaler Verbrecher, gefährlicher Verbrecher, Jugendlicher, Kriegsgewinnler und bestrafen sie dementsprechend".20 Die Strafrechtswissenschaftler und die mit der Schaffung eines neuen Strafgesetzbuches beauftragte Kommission entwickelten vor allem hinsichtlich der Person des Täters eine neue Doktrin, die so genannte „Tätertyplehre", die auch von der Militärjustiz übernommen wurde. 21 Wie sehr dabei das eigentliche gesetzwidrige Verhalten in den Hintergrund rückte, wird in den folgenden Ausführungen des Reichsjustizministers Franz Gürtner zu diesem Thema offensichtlich: „Die Tat und ihre Folgen sind vielmehr darauf zu prüfen, welche Schlüsse sie auf Art, Umfang und Stärke des verbrecherischen Willens und die Art der Persönlichkeit des Täters gestatten; nur als Erkenntnismittel für die Täterpersönlichkeit und den Grad der Willensschuld behält die Eigenart der Tat und ihrer Folgen ihre Bedeutung."22 Der überhöhte Wert, den ein Gericht dem Charakter und der Abstammung eines Angeklagten beimaß, ist Ausdruck einer Entwicklung, die in den 1920er Jahren während der Weimarer Republik im Rahmen einer erbbiologischen Ausrichtung der Kriminologie ihren unheilvollen Anfang genommen hatte. In diesen Jahren tauchten bereits Begriffe wie „minderwertig" und „Schädling" bei der Beurteilung von Straftätern auf, und bei einigen der damaligen Kriminologen, Gerichtspsychiater und auch Juristen traf die Idee von der dauerhaften Ausschaltung solcher Menschen durch ihre physische Vernichtung durchaus auf Zustimmung. 23 Laut Monika Frommel sei es daher nicht verwunderlich, dass dann später „die Strafrechtswissenschaftler der NS-Zeit ihr jeweiliges Straftatsystem den politischen Gegebenheiten anpassen konnten [...]".24 19 20 21 22 23 24 Diemut Majer, Grundlagen des nationalsozialistischen Rechtssystems. Führerprinzip, Sonderrecht, Einheitspartei, Stuttgart 1987, S. 175-177; Neumann, Behemoth, S. 524f. Neumann, Behemoth, S. 529. Eine besondere Gruppe stellten hier die so genannten „Psychopathen" dar. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 227-259. Gürtner, Gedanke der Gerechtigkeit, S. 29. Vgl. auch Gottfried Boldt, Rechtspolitische Wandlungen unter der Herrschaft des Reichsstrafgesetzbuches, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 96 (1936), S. 475-509, hier S. 502. Richard F. Wetzell, InventingtheCnminal. A History of German Criminology, 1880-1945, Chapcl Hill 2000, S. 125-128, 144-178; Richard J. Evans, Rituale der Vergeltung. Die Todesstrafe in der deutschen Geschichte 1532-1987, Berlin 2001, S. 641-646. Monika Frommel, Verbrechensbekämpfung im Nationalsozialismus, in: Michael Stolleis u.a. (Hg.), Die Bedeutung der Wörter. Studien zur europäischen Rechtsgeschichtc. Festschritt für Sten Gagner zum 70. Geburtstag, München 1991, S. 47-64, hier S. 63.
122 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten Mit dem „Führerprinzip" 25 muss ein weiteres zentrales Kennzeichen der so genannten nationalsozialistischen „Weltanschauung" angesprochen werden, dessen Umsetzung nicht nur im politischen und gesellschaftlichen Bereich erfolgte, sondern auch in der Rechtslehre. Die Richter sollten, so Reichsjustizminister Franz Gürtner, „sowohl am Führerwillen wie auch am Volksempfinden Orientierungspunkte" finden, um die neu geschaffenen Inhalte im Strafrecht und im Justizalltag zu verwirklichen.26 Konsequent dem uneingeschränkten Autoritätsanspruch des „Führerprinzips" folgend, nahm Hitler auch im judikativen Bereich die höchste Funktion ein und wurde zur letzten und alleinigen Entscheidungsinstanz. Die praktischen Auswirkungen dieser Machtposition zeigten sich im Dritten Reich zunehmend darin, dass Recht nicht mehr allein durch die von der Regierung erlassenen Gesetze geschaffen und gesprochen wurde, sondern an ihre Stelle mehr und mehr Verordnungen, Verfügungen und schließlich auch nur noch Äußerungen Hitlers zu bestimmten Themen traten. 27 Den „Führerwillen" in rechtlichen Fragen herauszufinden und zu definieren, war jedoch für die Justizangehörigen nicht immer einfach. Hitler griff in einigen Fällen, offenbar angeregt durch Presseberichte, persönlich in laufende oder bereits abgeschlossene Verfahren ein, um das Strafmaß zu ändern. Sein direkter Einfluss wirkte sich schließlich auch hinsichtlich des geplanten neuen Strafgesetzbuches aus. 1933 war unter dem Vorsitz von Reichsjustizminister Gürtner eine Gesetzgebungskommission gebildet worden, die ein den nationalsozialistischen Grundsätzen angepasstes Gesetzeswerk ausarbeiten sollte. Im Dezember 1936 konnte die Kommission dem Kabinett den Entwurf vorlegen, der die Rechte des Einzelnen gegenüber der „Volksgemeinschaft" einschränkte, die Todesstrafe auf mehrere Tatbestände ausdehnte und sich am Tätertypenprinzip orientierte. Nach mehreren Verzögerungen und Umarbeitungen, die aufgrund von Einwänden der Parteiführung stattfanden, scheiterte die Verabschiedung des neuen Strafgesetzbuches schließlich am Veto Hitlers. 28 Vor allem seit 1942 führte jedoch die wachsende Beanspruchung durch die sich verschlechternde militärische Lage dazu, dass er die Beschäftigung mit rechtlichen Problemen und Fragen zunehmend mied.29 Er hatte darüber hinaus, wie zahlreiche seiner Äußerungen belegen, grundsätzlich für Juristen nicht sehr viel übrig und zeigte seine Verachtung auch offen. So sei für ihn „jeder, der Jurist sei, entweder von Natur defekt" oder werde es irgendwann. 30 23 26 27 28 29 30 Hanna Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München 31996, S. 767f., 786-790. Gürtner, Gedanke der Gerechtigkeit, S. 25. Der ehemalige bayerische Justizminister Gürtner war von Februar 1933 bis Januar 1941 Reichsjustiz minister. Über seinen politischen Werdegang siehe Gruchmann, Justiz, S. 9-83. Anderbrügge, Völkisches Rechtsdenken, S. 58-68. Gruchmann, Justiz, S. 753-822. Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 107, 238, 240, 250. Picker, Hitlers Tischgespräche, S. 175f., 199,222-225, Zitat S. 225: Gespräch am 29. März 1942; Domarus, Hitler, Bd. 2: Untergang (1939-1945), Würzburg 1963, S. 1865-1877, Rede am 26. April 1942 vor den Abgeordnetendes Reichstags, in der er ein zu mildes Urteil kritisierte und drohte, in ähnlichen Fällen künftig die Richter zu entlassen.
1. Justiz und Rechtsauffassung im Dritten Reich 123 Neben dem „Führerwillen" hatten sich die Richter auch mit dem Wohl der „Volksgemeinschaft" auseinander zu setzen. Mit der prägnanten zeitgenössischen Formel „Recht ist nicht, was dem Einzelnen nützt, sondern was der Gemeinschaft dient" 31 , wird diese veränderte Intention des Strafrechtes exakt beschrieben. Die „Volksgemeinschaft" - ein zentraler Begriff nationalsozialistischer Propaganda 32 - basierte zunächst auf der „rassischen" Gleichheit der Bürger. All diejenigen, die aufgrund ihrer Herkunft als nicht der „arischen Volksgemeinschaft" zugehörig galten, konnten nicht an deren Rechten partizipieren. Der Schutz des Einzelnen vor Verletzung seiner Interessen gründete sich auf seine Verbindung zum deutschen Volk. Erst die Anerkennung als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft gewährte ihm auch die Hilfe durch das Gesetz. Das Individuum, dem allein aufgrund seiner Existenz schon bestimmte Menschenrechte zugestanden werden, gab es in der nationalsozialistischen Rechtsauffassung nicht mehr. Dies betonte der Verfassungsrechtler Ernst Rudolf Huber 1936 in einem Aufsatz über die Rechtsstellung des deutschen Bürgers. So gebe es keine „private staatsfreie Sphäre mehr" und die Grund- und Freiheitsrechte der Weimarer Verfassung seien als „Verfassungsbestandteile endgültig beseitigt worden, weil sie den Grundsätzen der völkischen Weltanschauung entgegenstehen". 33 Bereits im Februar 1933 waren nach dem Brand des Reichstagsgebäudes durch die „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat", auch Reichstagsbrandverordnung genannt, diese Grundrechte außer Kraft gesetzt worden. 34 Individuelle Ansprüche des Einzelnen hatten immer dann zurückzustehen, wenn sie mit den Zielen und Wünschen der Mehrheit des Volkes nicht vereinbar waren. Die Definition und die Charakterisierung dieser Gemeinschaftsinteressen gehörten im nationalsozialistischen Staat zu den Aufgaben der politischen Führung. 35 Letztlich waren auch die Begriffe „Gemeinschaft" und „Volksgemeinschaft", die in inflationärer Weise während des Dritten Reiches gerade im Bereich des Rechts verwendet wurden, nicht klar und eindeutig definiert. Sie standen jedoch im Strafrecht als Gegensatzpaar zum Individuum und dessen Freiheiten und Rechtsansprüchen. 36 Diese 31 Ernst Rudolf Fluber, Die Rechtsstellung des Volksgenossen. Erläutert am Beispiel der Eigentumsordnung, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 96 (1936), S. 438-474, hier S. 469. 32 Arendt, Elemente und Ursprünge, S. 760f. 33 Huber, Rechtsstellung, S. 440, 445. Am Beispiel des Schutzes der Ehre des Einzelnen und der Gemeinschaft finden sich solche Überlegungen auch bei Georg Dahin, Der Ehrenschutz der Gemeinschaft, in: ders. u.a., Gegenwartsfragen der Strafrechtswissenschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Graf W. Gleispach, Berlin 1936, S. 1 -49, hier S. 28,34f. Vgl. Martin Hirsch/Diemut Majer/Jürgen Meinck (Hg.), Recht, Verwaltung und Justiz im Nationalsozialismus. Ausgewählte Schriften, Gesetze und Gerichtsentscheidungen von 1933 bis 1945, Köln 1984, S. 236f., S. 245-247: Auszüge aus einem Aufsatz von Karl Larenz, „Rechtsperson und subjektives Recht. Zur Wandlung der Rechtsgrundbegriffe", von 1935. 34 Thamer, Verführung, S. 251-253. 33 Anderbrügge, Völkisches Rechtsdenken, S. 151-157. "' Michael Stolleis, Gemeinschaft und Volksgemeinschaft. Zur juristischen Terminologie im Nationalsozialismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 20 (1972), S. 16-38, besonders S. 2638; Anderbrügge, Völkisches Rechtsdenken, S. 76-78.
124 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten besondere Stellung des Einzelnen sollte laut Huber auf alle Lebensbereiche übertragen werden, folglich auch auf das Militär. Statt Anspruch auf Rechtssicherheit im Sinne der Grundrechte der Weimarer Verfassung hatte der einzelne Bürger im Dritten Reich vor allem Pflichten zu erledigen, nicht nur im beruflichen Alltag, sondern auch und gerade als Angehöriger der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft" durch die Erfüllung der Wehrpflicht oder der Arbeitsdienstpflicht.37 Nur derjenige durfte profitieren, der sich dementsprechend für das Wohl der Gemeinschaft einsetzte.38 Diese Politik sollte durch das „Gesetz über die Behandlung Gemeinschaftsfremder" umgesetzt werden. Der Entwurf zu diesem Gesetz, der gegen Ende des Dritten Reiches erstellt und letztlich nicht mehr verwirklicht wurde, sah die polizeiliche und strafrechtliche Verfolgung derjenigen Menschen vor, die aufgrund ihres Charakters, ihrer Lebensweise und wegen mangelndem Arbeitseinsatz als störend oder gefährlich für die „Volksgemeinschaft" angesehen wurden. Es ist offensichtlich, dass durch dieses Gesetz mit seinen äußerst ungenauen und weit gefassten Bestimmungen vielen Interpretationen Tür und Tor geöffnet gewesen wären.39 Was hier auf den ersten Blick nur als eine rechtliche Sonderstellung bestimmter Personen erscheint, führte laut Diemut Majer in der Praxis zur Rechtlosigkeit und dem Ausschluss zahlreicher Menschen aus der „Rechtsgemeinschaft". Die so genannten „Artfremden" wurden durch damalige Staatsrechtslehrer wie Carl Schmitt als Feinde des deutschen Volkes charakterisiert, die es zu bekämpfen gelte.40 Diese Auffassungen bezogen sich in erster Linie auf die völlige rechtliche Diskriminierung von Juden sowie Sinti und Roma. Neben den 1935 in Kraft getretenen „Nürnberger Gesetzen" 41 wurden bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges insgesamt 2.490 Bestimmungen und Gesetze, die die Unterdrückung und Entrechtung vor allem der jüdischen Staatsangehörigen zum Ziel hatten, erlassen. Damit wurde der Ausschluss der Juden aus Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur im nationalsozialistischen Sinne legitimiert, die entsprechenden Richtlinien waren vielfältig und umfassten die ganze Breite des privaten und öffentlichen Lebens. 42 Während des Krieges gerieten zunehmend auch die Gruppen der ausländischen Kriegsgefangenen und der „Fremdarbeiter" ins Visier der Justiz. So lässt sich zwar hinsichtlich der zivilen Rechtsprechung im Dritten Reich allgemein eine Zunahme von harten Strafen im Krieg - auch bei Bagatelldelikten - konstatieren sowie ein „inflationärer Gebrauch der Todesstrafe".43 Dabei diffc37 38 39 43 41 42 43 Majer, Grundlagen, S. 154-156. Alwin Kunze, Zur Strafbemessung bei den Wehrmachtgerichten, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 116-135, hier S. 128. Der volle Wortlaut des Gesetzesentwurfes ist abgedruckt in Hirsch/Majer/Meinck (Hg.), Recht, S. 536-539. Ausführungen dazu auch bei Ayaß, „Asoziale" , S. 202-209. Majer, Grundlagen, S. 158f. Yahil, Shoah, S. 112, 119; Ian Kershaw, Hitler. 1889-1936, Stuttgart 1998, S. 702-721; zur Behandlung der Sinti und Roma siehe Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage", Hamburg 1996. Die Bestimmungen sind aufgeführt in Hirsch/Majer/Meinck (Hg.), Recht, S. 252-258. Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 205-208, Zitat S. 208.
1. Justiz und Rechtsauffassung im Dritten Reich 125 rierte die Bereitschaft der einzelnen Richter für die Verhängung dieser Strafe je nach Delikt, Beurteilung des Angeklagten und in Bezug auf die jeweilige politische und militärische Situation. Kennzeichnend für die Durchdringung der Strafrechtsorgane mit fremdenfeindlichen und rassistischen Ansichten ist jedoch die Tatsache, dass besonders häufig Ausländer und die so genannten „Fremdvölkischen" die ganze Härte der Gerichte zu spüren bekamen. Im Jahr 1942 betrug der Anteil dieser Gruppe an den zum Tode Verurteilten 55%. 44 Die wesentlichen Merkmale des nationalsozialistischen Rechtssystems und Strafrechts lassen sich wie folgt zusammenfassen: Durch entsprechende Änderungen des Strafgesetzbuches sowie zusätzliche Verordnungen und Verfügungen schuf sich das nationalsozialistische Regime ein Strafrecht, das seinen Bedürfnissen und Zielen angepasst war. Mit dem schlichten Hinweis auf das „gesunde Volksempfinden" konnten Handlungen als Straftatbestände deklariert werden, die bis dahin noch nicht als solche im Strafgesetzbuch aufgeführt waren. Hinsichtlich der Bestrafung galt das Hauptaugenmerk aber nicht der Tat an sich, sondern es richtete sich im Sinne der „Tätertyplehre" auf die Person des Beschuldigten und seine Stellung innerhalb der „Volksgemeinschaft". Grundsätzlich bestand die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, wie sie bis zur Machtergreifung 1933 - zumindest auf dem Papier - durch die Weimarer Verfassung gewährleistet war, im Dritten Reich nicht mehr. Stattdessen entwickelte sich ein System „der allgemeinen Ungleichheit", mit unterschiedlichen Rechten und vor allem Anforderungen an die Angehörigen der deutschen „Volksgemeinschaft". Das NS-Regime bestimmte aus zweckmäßigen Überlegungen heraus oder häufig geradezu willkürlich, wer aufgrund seiner „rassischen" Herkunft und politischen Einstellung ein vollwertiges Mitglied dieser Gemeinschaft sein durfte. Diejenigen, die außerhalb der „Volksgemeinschaft" standen, sei es wegen ihrer Zugehörigkeit zu „artfremden" Völkern, sei es, weil sie nach Auffassung der nationalsozialistischen Führung Gegner des Regimes waren, hatten in beiden Fällen keinen Anspruch auf Schutz durch das deutsche Recht. Sie waren vielfältigen Formen der Diskriminierung und Kriminalisierung ausgesetzt und praktisch rechtlos. Hanna Arendt hat dies zutreffend mit der „Tötung der juristischen Person" umschrieben. 45 Diese traf Juden, Sinti und Roma, die politische Opposition, die psychisch Kranken, Homosexuelle, die „Asozialen" 46 , eine Gruppe, zu der eine Vielzahl von Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen gezählt wurde, sowie die „Fremdvölkischen". Für die Mehrheit der jüdischen Bürger, der Mitglieder der Sinti und Roma sowie für zahlreiche Bewohner der während des Krieges besetzten osteuropäischen Länder bedeutete diese Entrechtung auch den Verlust des Rechtes auf Leben. Der mittels einer Vielzahl von Verordnungen und Gesetzen „le44 43 46 Ebd., S. 217. Arendt, Elemente und Ursprünge, S. 922-929, Zitat S. 928. Ayaß, „Asoziale", S. 105. Zur Gruppe der Homosexuellen siehejellonnek, Homosexuelle;John C. Fout, Homosexuelle in der NS-Zeit: Neue Forschungsansätze über Alltagsleben und Verfolgung, in: Jellonnek/Lautmann (Hg.), Terror, S. 163-172.
126 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten gitimierten" Ausstoßung aus der Gemeinschaft in rechtlicher wie in gesellschaftlicher Hinsicht folgten bereits vor Kriegsbeginn im Rahmen der „Aktion T4" die Tötung von Geisteskranken und dann seit 1939 die physische Vernichtung der anderen Gruppen. 47 Bereits in den ersten Jahren nach der Machtergreifung hatte also, so Gruchmanns These, „die Gesetzgebung unter Beseitigung aller rechtsstaatlichen Sicherungen somit ein materielles Strafrecht geschaffen, das [...] in nahezu vollendeter Weise dem Schutz des nationalsozialistischen Regimes und der Ausübung seiner Herrschaft diente".48 2. D I E MILITÄRGERICHTSBARKEIT DER WEHRMACHT 2.1 INHALTLICHE ZIELSETZUNGEN DER MILITÄRJUSTIZ: ZUM FORSCHUNGSSTAND Die Einbindung der Militärgerichtsbarkeit in die Ziele der nationalsozialistischen Kriegführung und die daraus resultierenden weitreichenden Folgen für zahlreiche Soldaten sind mittlerweile in der Forschung nicht mehr umstritten. Allerdings dominierte in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg noch die Ansicht von einer autonom handelnden und nicht politisch beeinflussten Wehrmachtjustiz. Verantwortlich für dieses Bild war im Wesentlichen das Werk des früheren Luftwaffenrichters Otto Schweling, das nach dessen Tod von Erich Schwinge, einem ehemaligen Heeresrichter und Verfasser von einschlägigen Kommentaren zum Militärstrafgesetzbuch (MStGB), überarbeitet und herausgegeben wurde. Beide Autoren bestreiten zum einen, dass die deutsche Militärjustiz „übermäßig viel kriegsgerichtliche Verfahren" eingeleitet habe, zum anderen vermitteln sie den Eindruck von einer teilweise harten, aber in der Gesamtheit doch den militärischen Erfordernissen angepassten und damit gerechten Gerichtsbarkeit, die darüber hinaus dem Eindringen nationalsozialistischer Ideologien und Ansichten standhalten konnte. 49 Bei dem Versuch, die Rolle der Wehrmachtjustiz zu rechtfertigen und zu rehabilitieren, kam beiden 47 48 49 Udo Reifner, Justiz und Faschismus, in: ders./Bernd-Rüdeger Sonnen (Hg.), Straf Justiz und Polizei im Dritten Reich, Frankfurt/Main 1984, S. 9-40, hier S. 14. Lothar Gruchmann, Euthanasie und Justiz im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 20 (1972), S. 235-279; I lans-Waltcr Schmuhl, Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens", 1890-1945, Göttingen 1987, S. 190-214; Yahil, Shoah, S. 426-443. Gruchmann, Justiz, S. 925. Schweling, Militärjustiz, S. 142. Erich Schwinge, Verfälschung und Wahrheit. Das Bild der Wehrmachtgerichtsbarkeit, 2. überarbeitete Aufl., Tübingen 1992. Zur Person Erich Schwinge siehe Detlef Garbe, „In jedem Einzelfall... bis zur Todesstrafe". Der Militärstrafrechtler Erich Schwinge. Ein deutsches Junstcnleben, Hamburg 1989.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 127 die Tatsache entgegen, dass ehemalige Militärrichter in der Bundesrepublik nicht juristisch belangt wurden und deshalb keine grundlegende Aufarbeitung ihrer Tätigkeit stattfand.50 Wie die Standardwerke von Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner gezeigt haben, bietet die Monographie von Schweling und Schwinge eine stark verfälschte und manipulierte Sicht auf die Militärjustiz, um deren Beeinflussung durch nationalsozialistisches Gedankengut zu verharmlosen und zu beschönigen. Im Gegensatz dazu sei, so Messerschmidt und Wüllner, die Wehrmachtjustiz in das politische und militärische System eingebettet gewesen und habe den entsprechenden Vorgaben und Forderungen gemäß schonungslos und das Recht des Einzelnen zugunsten der „Volksgemeinschaft" missachtend gehandelt. 51 Neben diesen Arbeiten, die die gesamte Funktion der Wehrmachtgerichtsbarkeit thematisieren52, sind vor allem in den 1990er Jahren zahlreiche Darstellungen zu Einzelaspekten oder mit regionalen Bezügen entstanden. Daneben existieren einige Untersuchungen zum System des Strafvollzuges in der Wehrmacht.53 Neueren Datums ist die Analyse von Lothar Walmrath über die Strafgerichtsbarkeit bei der Kriegsmarine, der zwar einen Norbert Haase, Wehrmachtangehörige vor dem Kriegsgericht, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 474-485, hier S. 482-485. Mcsserschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz.; Wüllner, NS-Militärjustiz. Wüllner wurde nach eigenen Angaben erst durch das Buch von Schweling und Schwinge zur Beschäftigung mit der Wehrmachtgerichtsbarkeit angeregt. Seine Monographie ist denn auch Antwort, Anklageschrift, Korrektur und Widerlegung der Thesen der beiden anderen Autoren in einem. Siehe dazu seine Ausführungen im Vorwort: ebd., S. 17-26. Vgl. auch Stolleis, Recht, S. 221-232. Erwähnt werden müssen hier auch die Arbeiten von Franz Seidler, die jedoch wegen offenkundiger Neigung zur Vcrharmlosung und der nicht immer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Darstellung kritisch zu sehen sind. Franz W Seidler, Die Militärgerichtsbarkeit der Deutschen Wehrmacht 1939-1945. Rechtsprechung und Strafvollzug, München 1991; ders., Fahnenflucht. Der Soldat zwischen Eid und Gewissen, München 1993. Seine Forschungsergebnisse sind als Aufsatz auch in dem bereits erwähnten apologetischen Buch über die Wehrmacht zusammengefasst. Ders., Das Justizwesen der Wehrmacht, in: Hans Poeppcl/Wilhclm-Karl Prinz von Preußen/Karl-Günther von Hase (Hg.), Die Soldaten der Wehrmacht, München 2 1998,S. 361-404. Einen Eorschungsüberblick bietet Walmrath, „Iustitia", S. 72-84. Otto Gritschneder, Furchtbare Richter. Verbrecherische Todesurteile deutscher Kriegsgerichte, München 1998. Das Buch enthält eine Sammlung von 28 Todesurteilen, die in Fällen von „Wehrkraftzersetzung", „Fahnenflucht" oder „Selbstverstümmelung" verhängt wurden. Fietje Ausländer (Hg.), Verräter oder Vorbilder? Deserteure und ungehorsame Soldaten im Nationalsozialismus. Mit Dokumenten, Bremen 1990; Norbert Haase, „Gefahr für die Manneszucht". Verweigerung und Widerstand im Spiegel der Spruchtätigkeit von Marinegerichten in Wilhelmshaven (1939-1945), Hannover 1996; ders./Gerhard Paul (Hg.), Die anderen Soldaten. Wehrkraftzersetzung, Gehorsamsverweigerung und Fahnenflucht im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt/Main 1995; Wolfram Wette (Hg.), Deserteure der Wehrmacht. Feiglinge - Opfer - Floffnungsträger? Dokumentation eines Meinungswandels, E.ssen 1995. Zum Strafvollzug: Hans-Peter Klausch, Die Bewährungstruppe 500. Stellung und Funktion der Bewährungstruppe 500 im System von NS-Wehrrecht, NS-Militärjustiz und Wehrmachtstrafvollzug, Bremen 1995; Erich Kosthorst/Bernd Walter, Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Dritten Reich. Beispiel Emsland. Zusatzteil: Kriegsgefangenenlager. Dokumentation und Analyse zum Verhältnis von NS-Regime und Justiz. Mit historisch-kritischen Einführungstexten sowie statistisch-quantitativen Erhebungen und Auswertungen zum Strafvollzug in Arbeitslagern, 3 Bde., Düsseldorf 1983.
128 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten Teilbereich der Militärjustiz aufzeigt, jedoch darüber hinausgehend allgemeine Aussagen über diese trifft und somit nützliche Anregungen bietet.54 Allen diesen Monographien und Sammelbänden ist gemeinsam, dass sie überwiegend solche Delikte und deren strafrechtliche Verfolgung untersuchen, die sich direkt gegen das militärische System und den Krieg richteten oder Kritik am nationalsozialistischen Regime darstellten.55 Das Forschungsinteresse richtete sich bislang vor allem auf die von der Wehrmachtgerichtsbarkeit als besonders schwerwiegende Straftaten eingeschätzten Delikte wie „Fahnenflucht", „unerlaubte Entfernung", „Wehrkraftzersetzung" und „Selbstverstümmelung". Diese Handlungen von Soldaten stellten eine ernsthafte Gefährdung für die Einsatzfähigkeit und den Zusammenhalt der Wehrmacht dar, auf die die Militärjustiz unerbittlich und mit harten Urteilen reagierte. So wurde die Mehrheit aller Todesurteile in Verfahren wegen Fahnenflucht und „Wehrkraftzersetzung" gefällt.56 Das von der Wissenschaft bisher gezeichnete Bild der Wehrmachtjustiz ist stark durch die Analyse und Auswertung solcher Verfahren geprägt.57 Dagegen kommen Straftaten von deutschen Soldaten, die sich gegen die Zivilbevölkerung der besetzten Länder richteten, so zum Beispiel Plünderung und auch sexuelle Gewalt, entweder gar nicht oder nur ganz am Rande zur Sprache. Die entsprechenden Akten zu diesen Delikten wurden von der Forschung noch kaum beachtet.58 Im Rahmen seiner Dissertation über die Angehörigen der 253. Infanterie-Division im Zweiten Weltkrieg hat neuerdings Christoph Rass erstmals alle verfügbaren Gerichtsakten eines Divisionsgerichtes sowie des zuständigen Gerichts des Ersatzheeres ausgewertet und dabei die Deliktverteilung herausgearbeitet. Seine Arbeit zeigt, welche Aussagekraft Justizakten besitzen und welche Informationen sich daraus zum Kriegs- und Besatzungsalltag gewinnen lassen.59 Während in der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Militärgerichtsbarkeit als eine „nur an den Erfordernissen der Disziplin ausgerichtete, mit regimekritischen Juristen besetzte Rechtsprechung präsentiert" 60 wurde, wan34 Walmrath, „Iustitia". Haase, Wehrmachtangehörige, S. 478. 36 Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 90. 37 Einen guten Überblick über den Stand der Forschung zu Fahnenflucht und Selbstverstümmelung bietet Benjamin Ziemann, Fluchten aus dem Konsens zum Durchhalten. Ergebnisse, Probleme und Perspektiven der Erforschung soldatischer Verweigerungsformen in der Wehrmacht 1939-1945, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 589-613; daneben Dieter Knippschild, Deserteure im Zweiten Weltkrieg: Der Stand der Debatte, in: Ulrich Bröckling/Michael Sikora (Hg.), Armeen und ihre Deserteure. Vernachlässigte Kapitel einer Militärgeschichte der Neuzeit, Göttingen 1998, S. 222-251. 38 Bei Schweling, Militärjustiz, S. 253, 291, 369 und 373, werden einige Fälle von „Notzucht" und „Homosexualität" geschildert. Allerdings dient die Darstellung der Urteile hauptsächlich dazu, das milde Vorgehen der Wehrmachtrichter zu betonen. Hintergründe der Taten oder weiterführende Überlegungen zu diesem Themenkomplex werden dagegen nicht geliefert. Walmrath hat für seine Untersuchung fünf Deliktgruppen herangezogen, darunter auch Eigentumsdelikte. Diese beschränkten sich bei der Marine vor allem auf militärischen Diebstahl und „Kameradendiebstahl". Walmrath, „Iustitia", S. 34. 39 Rass, „Menschenmaterial", S. 276-307. ''° Walmrath, „Iustitia", S. 77. 35
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 129 delten sich angefangen mit den Arbeiten von Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner und den daran anschließenden Werken die Ansichten über die Militärjustiz grundlegend. Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf die Leitgedanken der militärischen Gerichtsbarkeit, die sich an der Aufrechterhaltung der „Manneszucht", der Notwendigkeit der Abschreckung, dem Schutz der „Volksgemeinschaft" vor Verbrechern und schließlich den jeweiligen militärischen Erfordernissen orientierten. 61 Schon gemäß der nationalsozialistischen Rechtsauffassung für den zivilen Bereich hatte der Einzelne seine Individualrechte zugunsten der Interessen der „Volksgemeinschaft" unterzuordnen, denn das „Recht endet an dem Schutze der Volksgemeinschaft, bei der Verletzung ihrer Belange beginnt das Unrecht [...]".62 Auf das Militärrecht übertragen bedeutete dies, dass Verstöße in erster Linie im Hinblick auf die jeweiligen Bedürfnisse und militärischen Zielsetzungen der Wehrmacht charakterisiert wurden und dementsprechend auch die Strafzumessung sich ganz nach diesen Kriterien zu richten hatte. Als Leitmotive des Militärstrafrechts, die für die Anwendung der Gesetze ausschlaggebend sein sollten, zählte der bekannte Kommentator zum Militärstrafgesetzbuch. Erich Schwinge, „Treue, Mannszucht, Ehre und Kameradschaft" auf. Dabei sollte der Idee der „Mannszucht" als „oberstes Gebot alles [sie] militärischen Lebens" eine Schlüsselrolle zukommen. Der „Mannszucht als beherrschendem militärstrafrechtlichen Auslegungsrichtpunkt" widmete Schwinge bereits vor dem Krieg einen Aufsatz, in dem er vehement für das Primat dieses Prinzips gegenüber anderen Werten wie Kameradschaft und Ehre plädierte. 63 Doch nicht nur er, auch andere Autoren, die sich mit der Wehrmachtgerichtsbarkeit auseinander setzten, unterstrichen die Bedeutung der „Mannszucht" für die Militärjustiz. Unter diesen Begriff wurden in erster Linie Disziplin, Gehorsam und Unterordnung von Seiten der Soldaten, aber auch gegenseitige soziale Kontrolle gefasst.64 Die Bewahrung dieser Grundvoraussetzungen für das Zusammenhalten einer Armee sollte das Hauptziel der Militärgerichtsbarkeit sein, daher wurde auch der Abschreckung und Prävention eine wesentliche Bedeutung zugemessen.65 Vor allem mit dem warnenden Hinweis auf die Ereignisse während des Ersten Weltkrieges hoben die Verfasser rechtswissenschaftlicher Beiträge die Rolle der Disziplin hervor. Der Militärgerichtsbarkeit falle während des Krieges die Aufgabe zu, aufkommendem Widerstand und Auflösungserscheinungen in der Truppe durch eine schnelle und strenge gerichtliche Bestrafung ent61 Ebd., S. 132-160; Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 24f., 588-611. Zit. nach Majer, Grundlagen, S. 152. ''' Erich Schwinge, Militärstrafgesetzbuch einschließlich Kriegsstrafrecht, Berlin41940, S.5f.; ders., Mannszucht, Ehre und Kameradschaft als Auslegungsrichtpunkte im Militärstrafrecht, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 29-35, Zitat S. 29. M Manfred Messerschmidt, Deserteure im Zweiten Weltkrieg, in: Wette (Hg.), Deserteure, S. 5873. Über das Wesen militärischer Disziplin siehe Ulrich Bröckling, Disziplin. Soziologie und Geschichte militärischer Gehorsamsproduktion, München 1997, insbesondere S. 9-55. 63 Kunze, Strafbemessung, S. 126f.; Walmrath, „Iustitia", S. 132, 155-157. 62
130 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten gegenzuwirken. Das nach Ansicht von Autoren wie Schwinge zu späte, zögerliche und zu nachsichtige Eingreifen der Kriegsgerichte zwischen 1914 und 1918 habe seit Mitte 1917 zu einer Zunahme von Fahnenflucht, Plünderungen und schließlich zu Meutereien geführt. Einer ähnlichen Entwicklung in einem zukünftigen Krieg gelte es deshalb unbedingt vorzubeugen. 66 Diese deutliche Betonung der „Manneszucht" wirkte sich später in der gerichtlichen Praxis verhängnisvoll aus, da die meisten Verbrechen und Delikte von Soldaten vor allem hinsichtlich ihrer möglichen negativen Folgen für den Zusammenhalt und die Disziplin gesehen wurden und der eigentliche Tatbestand bei der Strafverfolgung in den Hintergrund trat. Darüber hinaus wurden die Angeklagten der „Tätertyplehre" entsprechend auf ihre charakterlichen Eigenschaften oder auch körperlichen Fähigkeiten hin überprüft und ihr weiterer Nutzen für die Wehrmacht dementsprechend beurteilt. Bei einer ungünstigen Bewertung, die sich manchmal nur auf eine nicht besonders positive Beurteilung durch den eigenen Vorgesetzten oder auf eventuelle Vorstrafen gründete, mussten die zeitgenössisch als „Versager", „Asoziale", „Minderwertige" oder als „Psychopathen" stigmatisierten Soldaten trotz kleinerer Vergehen mit hohen Strafen, manchmal sogar mit dem Tode, rechnen.67 Während des Zweiten Weltkrieges bestanden also die vorrangigen Ziele der Militärjustiz darin, die sich in der Truppe nicht konform verhaltenden Soldaten herauszufiltern, potentielle Täter durch hohe Strafandrohungen abzuschrecken und generell die deutsche „Volksgemeinschaft" vor den bei der Wehrmacht straffällig gewordenen Straftätern dauerhaft zu schützen. Für diese Aufgaben standen den Richtern neben dem Militärstrafgesetzbuch weitere rechtliche Mittel zur Verfügung, die im Folgenden dargestellt werden. 2.2 D I E RECHTLICHEN GRUNDLAGEN Das Militärstrafgesetzbuch sowie die Disziplinarstrafordnung bildeten die wesentlichen Erziehungsinstrumente der Wehrmacht, um den Zusammenhalt und die Einsatzfähigkeit der Truppe aufrechtzuerhalten. Während die Militärgerichte vor allem schwere Verstöße gegen die „Manneszucht" ahnden sollten, war das Disziplinarrecht dazu gedacht, kleinere Übertretungen und Vergehen auf direkte sowie zügige Weise zu bestrafen.68 Die Militärgerichtsbarkeit war 66 ,,; 68 Erich Schwinge, Die Entwicklung der Mannszucht in der deutschen, französischen und britischen Wehrmacht seit 1914, in: Zeitschrift für Wehrrecht 5 (1940/41), S. 72-125, v.a. S. 98-108; siehe auch ders., Die Militärgerichtsbarkeit im Kriege, in: Zeitschrift für Wchrrecht 2 (1937/38), S. 247-258, ders., Soldatischer Gehorsam und Verantwortung, Marburg 21939, S. 17. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 227-259. Zur Militärpsychiatrie im Zweiten Weltkrieg siehe Karl Heinz Roth, Die Modernisierung der Folter in den beiden Weltkriegen: Der Konflikt der Psychotherapeuten und Schulpsychiater um die deutschen „Kriegsneurotiker" 1915-1945, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 3 (1987), S. 875; Gerhard Berger, Die Beratenden Psychiater des deutschen Heeres 1939 bis 1945, Frankfurt/Main 1998, S. 107-130, 172-177, 238. Rudolf Absolon, Die Wehrmacht im Dritten Reich. Aufbau, Gliederung, Recht, Verwaltung, 6 Bde., Boppard 1969-1995, hier Bd. 6, Boppard 1995, S. 561f.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 131 nach dem Ersten Weltkrieg am 1. Oktober 1920 per Gesetz aufgehoben worden, sie wurde jedoch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wiederum per Gesetz zum 1. Januar 1934 auf der Grundlage der Militärstrafgerichtsordnung von 1898 und des Militärstrafgesetzbuches von 1872 eingeführt.69 Sie war sowohl für das Heer, die Marine als auch für die Luftwaffe zuständig und ihre Verfügungsgewalt erstreckte sich auf die Offiziere und Unteroffiziere, auf die Mannschaften, Wehrmachtbeamten und auf das Gefolge. Während des Krieges waren der Wehrmachtjustiz auch die ausländischen Truppenangehörigen, die Kriegsgefangenen sowie je nach Art der Besatzungsverwaltung teilweise auch die Zivilbevölkerung der okkupierten Gebiete unterstellt. Die Gerichte der Wehrmacht verhandelten und beurteilten nicht nur militärische Delikte nach dem Militärstrafgesetzbuch, sondern auch zivile Straftatbestände nach dem Reichsstrafgesetzbuch vom 15. Mai 1871 in der Fassung vom 26. Februar 1896. Nach § 3 MStGB wurden strafbare „Handlungen der Wehrmachtangehörigen, die keine militärischen Verbrechen oder Vergehen sind, [...] nach den allgemeinen Strafgesetzen beurteilt". 70 Grundsätzlich sollte jedoch bei allen militärischen Straftaten allein das Militärstrafrecht zur Anwendung kommen, während das allgemeine Straf recht nur die notwendige Ergänzung darstellte. Wie Schwinge in seinem Kommentar zum MStGB betonte, müsse die Benützung des Strafgesetzbuches mit den besonderen Anliegen der Wehrmacht, insbesondere mit der Wahrung der „Manneszucht", vereinbar sein.71 Eine derartige zweckorientierte Rechtsauffassung bot entsprechend viel Spielraum für den individuellen Gebrauch und die Auslegung des Strafgesetzbuches durch die Militärrichter. Am 10. Oktober 1940 kam eine neue Fassung des Militärstrafgesetzbuches heraus, die den veränderten Erfordernissen - vor allem in Bezug auf eine Vereinfachung der Rechtsprechung - gerecht werden sollte.72 Diese Version war eigentlich nur als Übergangsregelung gedacht, doch die geplante vollständige Überarbeitung des Militärstrafgesetzbuches konnte dann aufgrund der politischen Entwicklung nicht mehr durchgeführt werden. Mit der „Kriegsstrafverfahrensordnung" (KStVO) und der „Verordnung über das Sonderstrafrecht im Kriege und bei besonderem Einsatz-Kriegssonderstrafrechtsverordnung" (KSSVO) vom 17. August 1938 waren deshalb bereits zwei ergänzende Weisungen geschaffen worden. Beide Verordnungen traten am 26. August 1939, also noch vor dem Angriff auf Polen, in Kraft.73 Die KStVO ersetzte die vor '•9 RGBl. I 1933, S. 264, 921. Walmrath, „Iustitia", S. 118f. 70 Strafrecht der deutschen Wehrmacht, 71944, § 3. Zwischen militärischen Verbrechen und Vergehen wurde unterschieden: Gemäß § 1 MStGB waren militärische Verbrechen „mit dem Tode, mit Zuchthaus oder mit Gefängnis oder Festungshaft von mehr als fünf Jahren bedroht", militärische Vergehen dagegen „mit Freiheitsstrafe (§ 16) bis zu fünf Jahren". Siehe auch Schwarz, Strafgesetzbuch, S. 37, § 10: Militärpersonen. 71 Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 25-29. 72 „Verordnung über die Neufassung des Militärstrafgesetzbuchs. Vom 10. Oktober 1940", RGBl. I 1940, S. 1347-1362. Das MStGB trat in dieser Fassung am 1. Dezember 1940 in Kraft. 73 „Verordnung über das Inkrafttreten der Verordnung über das Sonderstrafrecht im Kriege und bei besonderem Einsatz und der Verordnung über das militärische Strafverfahren im Kriege und bei besonderem Einsatz. Vom 26. August 1939", RGBl. I 1939, S. 1482.
132 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten dem Krieg gültig gewesene Militärstrafgerichtsordnung von 1936 und regelte die verfahrensrechtlichen Grundlagen. Sie sollte vor allem ein beschleunigtes Verfahren im Kriege ermöglichen, wie es zeitgenössische Richter und Rechtswissenschaftler schon vor 1939 gefordert hatten. So beklagte der Berliner Reichskriegsgerichtsrat Ulrich Stock in einem Aufsatz über die Militärjustiz das „viel zu langsame Arbeitstempo" der Kriegsgerichte im Ersten Weltkrieg und mahnte wie andere Autoren auch für den nächsten Krieg die „Schnelligkeit" des kriegsgerichtlichen Verfahrens an.74 Mit Hilfe der KSSVO und der zahlreichen späteren Ergänzungsverordnungen erfolgten die Aufnahme neuer Straftatbestände und die Ausweitung des Strafrahmens.75 Von grundsätzlicher Bedeutung für die vorliegende Arbeit ist die Regelung über die Anwendung des Strafgesetzbuches für Taten außerhalb des Deutschen Reiches. Gemäß § 1, Abs. 2 KSSVO galt das Strafrecht für alle Delikte, die im Ausland von Angehörigen der Wehrmacht beziehungsweise von Personen, die dem Militärstrafgesetzbuch unterstellt waren, begangen worden waren. Aufgrund dieser Bestimmung fiel also die Strafverfolgung etwaiger von deutschen Soldaten später in Polen, Frankreich, Italien oder auch in der Sowjetunion verübten Sexualstraftaten in den Zuständigkeitsbereich der Wehrmachtgerichte. 76 Von besonderer Tragweite ist überdies die erste Ergänzung der KSSVO vom 1. November 1939. Unter § 5a wurden nun die Möglichkeiten zur „Überschreitung des regelmäßigen Strafrahmens" definiert. Aufgrund dieses Paragraphen konnten die Wehrmachtrichter bei strafbaren Handlungen gegen die „Manneszucht" oder gegen „das Gebot soldatischen Mutes unter Überschreitung des regelmäßigen Strafrahmens" Zuchthausstrafen von bis zu 15 Jahren, lebenslanges Zuchthaus oder die Todesstrafe verhängen, wenn dies für „die Aufrechterhaltung der Mannszucht oder die Sicherheit der Truppe" erforderlich sei.77 Da74 Ulrich Stock, Über die Militärstrafrechtspflcge im Kriege, in: Zeitschrift für Wchrrecht 2 (1937/38), S. 356-368, hier S. 360-362, Zitat S. 360, Hervorhebung i.O. Ähnlich auch Hclmuth Mayer, Militärjustiz im neuzeitlichen Krieg, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 329356, hier S. 339; Werner Hülle, Die Stellung des Militärrichters und seine Aufgaben im künftigen Verfahrensrecht, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 3-17, hier S. 16. 73 RGBl. I 1939, S. 1455-1457 (KSSVO) u. S. 1457-1476 (KStVO). Im Laufe des Krieges wurden beide Verordnungen ergänzt, die KSSVO sieben Mal: 1. November 1939 (RGBl. I 1939, S. 2131), 27. Februar 1940 (RGBl. I 1940, S. 445), 10. Oktober 1940 (RGBl. I 1940, S. 1362), 15. August 1942 (RGBl. I 1942, S. 536), 31. März 1943 (RGBl. I 1943, S. 261), 5. Mai 1944 (RGBl. I 1944, S. 115) und 10. Oktober 1944 (RGBl. I 1944, S. 252). Die KStVO erfuhr insgesamt elf Mal Ergänzungen, am 19. und 26. September 1938 (RGBl. I 1939, S. 1477,1479), 11. August 1939 (RGBl. I 1939, S. 1482), 1., 11. und 21. November 1939 (RGBl. 11939, S. 2132,2264,2267), 18. Mai 1940 (RGBl. I 1940, S. 787), 4. Juli 1942 (RGBl. I 1942, S. 449), 12. Juli 1943 (RGBl. 1 1943, S. 392), 23. Juni 1944 (RGBl. 1 1944, S. 145) und am 11. Januar 1945 (RGBl. I 1945, S. 13). Die Ergänzungen sind teilweise abgedruckt bei Rudolf Absolon (Hg.), Das Wehrmachtstrafrecht im Zweiten Weltkrieg. Sammlung der grundlegenden Gesetze, Verordnungen und Erlasse, Kornelimünster 1958, S. 57-62 u.S. 191-216. 76 § 1, Abs. 2 KSSVO 1938. Erläuterungen dazu bei Weber, Der Geltungsbereich des deutschen Strafrechts im Kriege, in: Zeitschrift für Wehrrecht 5 (1940/41), S. 315-325. ' 7 „Erste Verordnung zur Ergänzung der Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Vom 1. November 1939", RGBl. I 1939, S. 2131.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 133 mit war der Justiz ein Instrument zur Verfügung gestellt worden, mit dem sie zahlreiche strafbare Handlungen, für die laut Militärstrafgesetzbuch die Todesstrafe nicht vorgesehen war, dennoch auf diese Weise sanktionieren konnte.78 Der rechtliche Spielraum für die individuelle Entscheidung eines Militärgerichts wurde durch Regelungen wie die des § 5a KSSVO und durch weitere Ergänzungen, beispielsweise die „Verordnung gegen Volksschädlinge", beträchtlich ausgeweitet. Letztere schrieb die Todesstrafe bei Plünderungen im besetzten Gebiet sowie bei gemeingefährlichen Verbrechen vor, die die militärische Widerstandsfähigkeit der deutschen Bevölkerung schwächen könnten. Mit § 4 der „Volksschädlingsverordnung", der die „Ausnutzung des Kriegszustandes als Strafschärfung" beinhaltete, war darüber hinaus noch eine weitere Basis geschaffen worden, um auch andere, nicht genauer definierte Handlungen mit Zuchthaus oder mit dem Tode ahnden zu können, wenn dies durch das „gesunde Volksempfinden wegen der besonderen Verwerflichkeit" der Tat notwendig erschien.79 Wie Wüllner in seinen Urteilsbeispielen aufzuzeigen vermag, wurden die sich daraus ergebenden Möglichkeiten durch die Wehrmachtrichter nicht nur regelmäßig genutzt, vielmehr herrschte in zahlreichen Fällen „grober Mißbrauch" vor.80 Sowohl das Militärstrafgesetzbuch als auch die KSSVO und die anderen erwähnten Verordnungen bildeten die formalen Grundlagen für die Tätigkeit der Militärrichter. Da die darin enthaltenen Richtlinien aber in vielen Fällen unklar oder weit gefasst waren und genügend Raum für eigene Interpretationen offen ließen, hing in der Verfahrenspraxis die Auslegung eines Paragraphen letztlich sehr von der persönlichen Einstellung und der politischen Überzeugung des jeweiligen Richters ab. 2.3 DAS STRAFVERFAHREN Für das Strafverfahren im Krieg, sowohl das zivile wie das militärische, galten vor allem zwei Kriterien. Zum einen kam es auf eine insgesamt zügige Durchführung und Abwicklung an, zum anderen sollten für einen Prozess so wenig personelle Ressourcen wie möglich eingesetzt werden, um der Armee nicht dringend benötigte Männer zu entziehen. 81 Diese Ziele suchte die Wehrmacht vor allem mittels der erwähnten Kriegsstrafverfahrensordnung zu verwirklichen. Sie regelte die Zusammensetzung des Gerichtes, den Ablauf der Verhandlung sowie das Bestätigungsverfahren, damit ein Urteil rechtskräftig wurde. Im Allgemeinen besaß jeder militärische Verband ein Kriegsgericht, das entsprechend seiner Zugehörigkeit bezeichnet wurde - die Divisionsgerichte 78 79 80 81 Walmrath, „Iustitia", S. 172f. „Verordnung gegen Volksschädlinge. Vom 5. September 1939", RGBl. I 1939, S. 1679. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 393. Fallbeispiele zur Anwendung von § 5a KSSVO und der „Volksschädlingsverordnung" ebd., S. 390-393, 406-414. Wenzeslaus Graf von Gleispach, Das Kriegsstrafrecht, 3 Teile, Berlin 1940-41, Teil II: Das allgemeine Strafverfahrensrecht im Kriege und das Strafrecht und Strafverfahrensrecht der Wehrmacht im Kriege, Berlin 1940, S. 13.
134 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten nannten sich beispielsweise nach ihrer jeweiligen Infanterie- oder Panzer-Division. Auch beim Ersatzheer sowie bei den Kommandanturen gab es Militärgerichte. 82 Ein Kriegsgericht bestand aus drei Richtern, von denen nur einer ein Jurist sein musste, der die Verhandlung auch leitete. Die beiden anderen Wehrmachtangehörigen waren in der Regel Laien und fungierten als Beisitzer.83 In Verfahren, in denen Mannschaftsdienstgrade oder Unteroffiziere angeklagt waren, sollte einer der Laienrichter den gleichen Rang wie der Beschuldigte besitzen, der andere musste Offizier sein. Die Beteiligung der Laien begrüßte ein Autor der „Zeitschrift für Wehrrecht" als einen „Akt des Vertrauens", der jegliche „Willkür" ausschalte.84 Es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass vor allem derjenige Richter, der denselben Dienstgrad wie der Angeklagte aufwies, gegenüber dem Militärjuristen und dem Offizier nur wenige Einflussmöglichkeiten besaß. Grundsätzlich waren die Richter in der Wehrmacht bei ihren Sachentscheidungen keinen Weisungen unterworfen, sie sollten bei der Urteilsfindung jedoch „soldatische Grundsätze und eine von nationalsozialistischer Weltanschauung getragene Rechtsauslegung" einbeziehen.85 Für die eigentlichen Ermittlungen und Untersuchungen waren die Gerichtsoffiziere zuständig. Sie führten die Vernehmungen der Zeugen sowie der eventuell herbeigezogenen Sachverständigen durch und konnten als „Untersuchungsführer" auch Hausfahndungen einleiten oder Gegenstände beschlagnahmen. 86 Während der eigentlichen Hauptverhandlung konnten der oder die Angeklagten, die Zeugen und etwaige Sachverständige gehört werden. Für die Übersetzung der Zeugenaussagen wurden Dolmetscher herangezogen. 87 Die drei Richter trafen dann gemeinsam das Urteil nach Stimmenmehrheit, das auf Freispruch, auf eine Strafe, auf die Einstellung des Verfahrens oder auf die Anordnung über eine Verwahrung des Beschuldigten lauten konnte. Dieses so genannte „Feldurteil" musste schriftlich niedergelegt werden und die entsprechenden Begründungen und Überlegungen über die Höhe des Strafmaßes aufweisen.88 Rechtskräftig wurde es jedoch erst durch die Bestätigung des dafür zuständigen Gerichtsherrn. Ihm kam innerhalb des ganzen militärgerichtlichen Verfahrens eine herausragende Stellung zu. 82 83 84 85 86 87 88 Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 104-108; Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 48f.; Walmrath, „Iustitia", S. 45. Die Anzahl der beim Heer beschäftigten Militärjuristen wird auf 1.800 bis 2.000 geschätzt. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 105f.; Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 48f. Walmrath, „Iustitia", S. 23f., mit detaillierten Angaben über die Marinegerichte. § 9 KStVO vom 17. August 1938; Kunze, Strafbemessung, S. 121. „Verordnung über die Wehrmachtrichter im Truppensonderdienst", RGBl. I 1944, S. 135f., Zitat S. 136. §§ 8 u. 22 KStVO vom 17. August 1938. Als Beispiel BA-ZNS S 248, Bl. 33: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts der 95. Inf.Div. vom 23. April 1941. Hier war als Dolmetscher für die vier geladenen französischen Zeuginnen ein Leutnant aus dem Stab der 95. Inf.Div. tätig. Die Bestimmungen über den Ablauf der Hauptverhandlung und die Urteilsfindung sind in den §§ 52-68 KStVO aufgeführt.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 135 Oberster Gerichtsherr der Wehrmacht war Adolf Hitler, der zugleich die höchste Befehlsgewalt innehatte. Hier kommt einer der Grundgedanken der nationalsozialistischen Ideologie, das „Führerprinzip", durch die Übertragung judikativer Gewalt auf Hitler explizit zum Ausdruck. In seiner Stellung als übergeordneter Gerichtsherr konnte er ein bereits rechtskräftig gewordenes Urteil aufheben und die Wiederaufnahme des Verfahrens anordnen. Darüber hinaus übte er das Gnadenrecht aus. Als übrige Gerichtsherren fungierten der Präsident des Reichskriegsgerichts sowie die Befehlshaber und Kommandeure der einzelnen Heeresgruppen, Armeen und Divisionen. Wie Messerschmidt und Wüllner betonen, war dabei der „Grundsatz der Trennung der Gewalten [...] von vornherein nicht zugelassen [...]".89 Diese Besonderheit der militärischen Justiz zeigte sich darin, dass die jeweiligen Vorgesetzten der Gerichtsherren in der Lage waren, diese mit der Einleitung oder Fortsetzung eines Verfahrens zu beauftragen. Sie entschieden nach der Einreichung eines Tatberichtes oder eines Straf antrages darüber, ob die Ermittlungen weitergeführt wurden, ein Verfahren eingeleitet werden musste oder ob die Sache bereits durch eine disziplinarische Ahndung zu erledigen sei. Durch eine Verordnung vom 11. November 1939 wurden die Disziplinarvorgesetzten dazu ermächtigt, Unteroffiziere und einfache Soldaten nach der Disziplinarordnung zur Verantwortung zu ziehen, wenn die Beweislage zu den begangenen Straftaten ausreichend war und die disziplinarische Strafe als angemessene Sühne angesehen wurde. In diesem Falle war jedoch immer die Einreichung eines Tatberichtes an den zuständigen Gerichtsherrn erforderlich.90 N u r die Gerichtsherren selbst oder die höheren Befehlshaber waren in der Lage, ein durch ein Militärgericht gefälltes Urteil auch rechtskräftig werden zu lassen. Sie konnten es in der vorliegenden Form bestätigen, die Strafe abmildern oder das Urteil ganz aufheben und das Verfahren an ein anderes Gericht übergeben. Die Grundlage für ihre Entscheidung bildete das jeweilige schriftliche Rechtsgutachten eines Militärjustizbeamten, das immer dann angefordert werden musste, wenn das Urteil auf Todesstrafe lautete, die ausgesprochene Freiheitsstrafe mehr als ein Jahr betrug oder wenn die Entscheidung des Gerichts fragwürdig erschien.91 Der getroffene Beschluss war für den Verurteilten selbst mit „Rechtsmitteln nicht anfechtbar", das heißt, der im zivilen Recht mögliche Weg über mehrere Instanzen existierte bei der Militärjustiz während des Krieges nicht.92 Hier konnte eine Veränderung des Strafmaßes oder die Umwandlung von einer Zuchthaus- in eine Gefängnisstrafe nur mit Hilfe des Gnadenrechts er89 90 91 92 Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 298. „Fünfte Verordnung zur Durchführung und Ergänzung der Verordnung über das militärische Strafverfahren im Kriege und bei besonderem Einsatz. Vom 11. November 1939", RGBl. I 1939, S. 2264. Siehe die entsprechenden §§ 1, 4-6, 15-21, 46-48d, 77-90 KStVO. Diese sind auch abgedruckt bei Absolon (Hg.), Wehrmachtstrafrecht, S. 136-154, 163-167. Darüber hinaus Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 38-41; Walmrath, „Iustitia", S. 178-180. § 76 KStVO vom 17. August 1938, RGBl. I 1939.
136 IV. D i e Militärgerichtsbarkeit u n d sexuelle Straftaten reicht werden. Nach § 112 KStVO war es grundsätzlich dem zuständigen Gerichtsherrn erlaubt, selbständig oder nach Einholung weiterer Auskünfte die Strafe „ganz oder teilweise zu erlassen, umzuwandeln, auszusetzen oder zu unterbrechen [...]".93 Einzig bei Todes- und Zuchthausstrafen konnten nicht die Gerichtsherren selbst, sondern nur die ihnen übergeordneten Befehlshaber eine Änderung vornehmen, da sie neben dem Bestätigungs- auch das Aufhebungsrecht besaßen.94 Die Entscheidung des Gerichtsherrn wurde auf dem Urteil verzeichnet und dem angeklagten Soldaten mitgeteilt. Wurde ein Urteil aufgehoben, kam es zu einer zweiten oder dritten Hauptverhandlung vor einem weiteren, mit anderen Richtern besetzten Gericht. Sowohl rechtskräftig gewordene Urteile durch die Wehrmachtgerichtsbarkeit als auch Disziplinarstrafen mussten ins Strafbuch eingetragen werden. 95 Eine relevante Frage für die Beurteilung der Wehrmachtjustiz ist, inwieweit die Gerichtsherren durch ihre weitreichenden Kompetenzen den Ausgang eines Verfahrens beeinflussten. Über ihre Tätigkeit und die Auswirkungen ihrer Machtbefugnisse ist jedoch trotz der bedeutenden Stellung bislang nur wenig bekannt. Seidler weist in seiner Arbeit darauf hin, dass es „zahlreiche Urteile von Kriegsgerichten" gab, die zwar nicht die Zustimmung der Gerichtsherren fanden, bei denen aber die Richter auch nach mehrmaliger Verhandlung noch auf ihren Entscheidungen beharrten. Letztlich hätten dann die Gerichtsherren die stärkere Position innegehabt und durch ihr Recht zur Aufhebung des Urteils ihre Ansicht durchsetzen können. 96 Auch bei Messerschmidt und Wüllner finden sich zu dieser Problematik nur wenig konkrete Aussagen. So seien Urteile nicht bestätigt worden und dann höhere Strafmaße in den nachfolgenden Verhandlungen „häufiger vorgekommen", andererseits seien auch „viele Fälle" durch die zuständigen Gerichtsherren gemildert worden.97 Erst Walmrath hat mit seiner Forschung über die Marinegerichtsbarkeit genaue statistische Ergebnisse vorgelegt. Anhand von fast 700 Strafverfahren konnte er ermitteln, dass im Durchschnitt mehr als 86% der zur Prüfung vorgelegten Strafverfügungen und Urteile durch die Gerichtsherren bestätigt wurden. Dies weist auf eine erhebliche Übereinstimmung zwischen den Gerichten und den zuständigen Gerichtsherren hin. Die von ihm ausgewertete hohe Bestätigungsquote steht im Gegensatz zu der These von Messerschmidt und Wüllner über die „häufigen" Aufhebungen. Bezüglich der nicht bestätigten Urteile bezogen sich die Gründe mehrheitlich auf ein zu mildes Strafmaß, danach folgten formale Beanstandungen und erst zum Schluss die Kritik an den als zu hoch eingeschätzten Strafen.98 Damit liegt Walmrath mit seinen Daten hinsichtlich der Einmischung der Gerichtsherren bei den ihrer Ansicht nach zu gemäßigten Urteilen auf der gleichen Linie wie Seidler, Messerschmidt und Wüllner. Zu berücksichtigen ist hier, dass Walmraths Ana93 94 93 % 97 98 $S 112 u. 116 KStVO vom 17. August 1938. §§ 79 u. 81 KStVO vom 17. August 1938; Seidler, Militärgerichtsbarkeit, S. 34. Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 3-5. Seidler, Militärgerichtsbarkeit, S. 36-38, Zitat S. 36. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 290, 294-299, Zitat S. 294. Walmrath, „Iustitia", S. 568f.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 137 lyse nur für den Wehrmachtteil Marine gültig ist und nicht verallgemeinernd interpretiert werden kann. Ohne ähnlich spezifische Arbeiten für das Heer bleibt also die Einschätzung der Gerichtsherren weiter problematisch. Über die Arbeit der einzelnen Gerichte war das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) durch das System der so genannten „Tätigkeitsberichte" und der Kriegszählkarten gut informiert. In den monatlich verfassten Rapporten listeten die Gerichte die Anzahl der angefallenen Straftaten auf, erteilten Auskunft über die ergangenen Urteile und hoben besondere Vorfälle, wie zum Beispiel eine erhöhte Anzahl von Fahnenfluchtfällen, hervor.99 Die Zählkarten mussten ausgestellt werden, nachdem eine Strafverfügung oder ein Urteil rechtskräftig geworden waren. Sie enthielten den Namen und den Truppenteil des Verurteilten, Angaben über die begangene Tat und das Urteil sowie eine Mitteilung über die Art der Strafvollstreckung. Die Zählkarten aller Gerichte wurden zum OKW nach Berlin geschickt und bildeten die Grundlage für die Erstellung der Wehrmachtkriminalstatistik, die bereits erwähnt wurde. 100 Grundsätzlich ist bei der Heranziehung dieser Statistik Skepsis angebracht, wie Manfred Messerschmidt und Fritz Wüllner in ihrem gemeinsam verfassten Buch zur Wehrmachtjustiz betonen. 101 Wüllner hat dann in seinem Werk über die Militärgerichtsbarkeit diese Bedenken noch konkretisiert und im Detail erläutert. Zunächst einmal sind in dieser offiziellen Statistik nur Angaben über die Tätigkeit der Militärgerichte von 1939 bis zur zweiten Jahreshälfte von 1944, also nicht bis zum Kriegsende, enthalten. Vor allem die in den letzten Monaten des Krieges durch Standgerichte verhängten Todesurteile sind nicht in der Wehrmachtkriminalstatistik aufgeführt. Neben dieser Einschränkung des zeitlichen Rahmens beruhen die Zahlenangaben in dieser amtlichen Quelle auf mehreren Kriterien, die bei der Analyse ebenfalls berücksichtigt werden müssen. So fanden alle laufenden gerichtlichen Untersuchungen oder diejenigen Verfahren, bei denen das Urteil vom Gerichtsherrn nicht bestätigt worden war und ein neuer Prozess stattfand, keinen Eingang in die Statistik. Damit fehlt in den Übersichten bereits ein wesentlicher Teil der Fälle, mit denen die Militärgerichte während eines Jahres beschäftigt waren. Darüber hinaus muss beachtet werden, dass die zeitlichen Daten einem Verspätungsfaktor unterliegen, denn aufgrund des bürokratischen Ablaufes dauerte es einige Zeit, bis die Karten überhaupt beim OKW eintrafen. Je nach militärischer Situation und dem Zustand der Postwege konnte auch ein Teil dieses Schriftguts verloren gehen. Diese Urteile tauchten dann ebenfalls nicht mehr in der Statistik auf, die „Verlustquote" ist nicht mehr ermittelbar.102 Die Angaben 99 00 01 02 Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 286-293; Wüllner, NS-Militärjustiz, S. lOOf. Zu den Mängeln des Kriegszählkartensystcms Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 265-311. Eine solche Zählkarte ist jeweils am Anfang der Wehrmachtkriminalstatistik abgedruckt, vgl. BA-MA RW 6/v. 129: Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 1940, Berlin 1941. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 64. Ebd., S. 64-70, 86-89. Wüllner widmet der Wehrmachtkriminalstatistik ein ganzes Kapitel. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 263-311.
138 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten sind also immer als Mindestwerte zu verstehen. Unter Berücksichtigung der erwähnten Kritikpunkte bietet diese offizielle Statistik aber zumindest einen ersten Einblick in die Urteilspraxis der Militärjustiz. Im Rahmen des ganzen Untersuchungs- und Verhandlungsprozesses besaß der beschuldigte Soldat generell nur wenig Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten. Dies zeigt sich vor allem in der Art und Weise, wie die Militärgerichtsbarkeit den Nutzen eines juristischen Beistands für Angeklagte bewertete. So war die Anwesenheit eines Verteidigers gemäß § 49 Abs. 1 KStVO nur in solchen Verfahren zwingend vorgeschrieben, bei denen für die begangene Tat die Todesstrafe drohte sowie bei Prozessen, die vor dem Reichskriegsgericht stattfanden. Darüber hinaus konnte auf Anweisung des Gerichtsherrn oder des tagenden Gerichts selbst ein Verteidiger beigezogen werden, wenn es beiden zweckmäßig erschien. Dies ist nach heutigem Forschungsstand jedoch nur vereinzelt vorgekommen. Wie Messerschmidt und Wüllner betonen, wurde sogar bei einigen Verfahren, in denen laut Gesetz ein Verteidiger vorgesehen war, schlicht auf diesen verzichtet. 103 Die Militärjustiz beschritt damit einen ähnlichen Weg wie die zivile Justiz, die bereits im September 1939 durch eine entsprechende Verordnung zur Gerichtsverfassung die Möglichkeiten für eine Verteidigung eingeschränkt hatte. 104 Dagegen hat Walmrath bei seiner Untersuchung von Strafverfahrenslisten und Prozessakten festgestellt, dass die gesetzlich vorgeschriebene Mitwirkung eines juristischen Beistands in den genannten Fällen bei der Marinejustiz im Allgemeinen gegeben war. Allerdings gesteht auch er ein, dass letztlich der Einfluss der Verteidigung sehr begrenzt blieb. So waren die Verteidiger an den Ermittlungen und Zeugenbefragungen nicht beteiligt und sie hatten aufgrund der knappen Frist zwischen Anklageerhebung und Hauptverhandlung nur wenig Zeit für die Akteneinsicht. Sie konnten meist nur versuchen, durch etwaige Anträge medizinische Gutachten über die eventuelle Unzurechnungsfähigkeit des Angeklagten erstellen zu lassen, auf mildernde Umstände zu plädieren und auf die Umwandlung einer Zuchthaus- in eine Gefängnisstrafe hinzuwirken. Insgesamt gesehen könne jedoch, so Walmrath, von „einer intensiven juristischen Begleitung und einem fundierten, professionellen Rechtsschutz" nicht die Rede sein. Die Erfolgsaussichten der Verteidigungsarbeit blieben im Endeffekt minimal. Nicht selten schienen einzelne Vertreter der Angeklagten auch wenig Interesse daran zu haben, sich für ihre Mandanten einzusetzen, und stellten sich kritiklos hinter die Strafanträge der Anklage. 105 Der Beschuldigte hatte, das zeigen die bisherigen Arbeiten, also von vornherein eine schwache Position im Gerichtsverfahren. Er selbst konnte sich nur zur Anklage und dem Tatablauf äußern und in einem Schlusswort noch einmal seine Sicht der Din103 § 49, 1 KStVO vom 17. August 1938: Der Gerichtsherr „bestellt bei strafbaren Handlungen, die mit dem Tode bedroht sind, stets, in anderen Fällen, wenn er es für sachdienlich hält, dem Angeklagten einen Verteidiger". Messerschmidt/Wüllner, Wchrmachtjustiz, S. 41. 104 Gruchmann, Justiz, S. 1069f. >°3 Walmrath, „Iustitia", S. 429-444, Zitat S. 436; Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 364-368.
2. Die Militärgerichtsbarkeit d e r W e h r m a c h t 139 ge mitteilen. 106 Hinsichtlich einer Änderung des gefällten Urteils bestand für ihn, wie schon erwähnt, nur über den Gnadenweg Aussicht auf Erfolg. Dabei war es für einen Verurteilten und sein weiteres Schicksal von zentraler Bedeutung, ob es sich um eine Zuchthaus- oder eine Gefängnisstrafe handelte und welche Form der Strafvollstreckung vom Gerichtsherrn angeordnet worden war. 2.4 D I E STRAFEN „Die Strafe kann ihren Sinn nur aus der Gemeinschaft empfangen. Sie ist ihrem Wesen nach die Minderung oder Vernichtung der Gliedstellung des Täters in der Gemeinschaft als die innerlich notwendige Folge der von ihm zu verantwortenden Gemeinschaftswidrigkeit."107 Mit dieser für die damalige Zeit typischen gespreizten Erläuterung verwies ein zeitgenössischer Autor in der „Zeitschrift für Wehrrecht" auf die Hauptziele sowohl der zivilen als auch der militärischen Gerichtsbarkeit im Hinblick auf die Strafzumessung. Galt der Beschuldigte als geeignet, wieder ein „nützliches" Mitglied der „Volksgemeinschaft" zu werden, musste die Strafe darauf ausgerichtet sein, diese Besserung und Entwicklung zu bewirken. Dem straffällig Gewordenen sollte Gelegenheit gegeben werden, sich zu bewähren. Wurde er aber aufgrund seiner politischen Gesinnung, seiner Abstammung oder seiner angeblichen negativen Charaktereigenschaften als „Schädling" stigmatisiert, vor dem die deutsche Bevölkerung geschützt werden sollte, kam gemäß nationalsozialistischer Logik nur die „Ausmerzung" und damit der Tod desjenigen in Betracht. Die Anwendung der Todesstrafe wurde damit auch zu einem Instrument der „Rassenhygiene", das je nach gesellschaftspolitischer Intention unterschiedliche Gruppen von Menschen treffen konnte. 108 Neben der Todesstrafe standen der deutschen Militärgerichtsbarkeit im Zweiten Weltkrieg „Zuchthaus, Freiheitsstrafen und die militärischen Ehrenstrafen" zur Verfügung. Die Freiheitsstrafen, zu denen Arrest, Gefängnis und die Festungshaft zählten, mussten mindestens einen Tag umfassen, ihre maximale Dauer lag bei 15 Jahren. 109 Seit 1939 war es den Wehrmachtgerichten auch möglich, wegen kleinerer Delikte Geldbußen oder Strafen mit einer Höchstdauer von drei Monaten durch eine so genannte „Strafverfügung" anstatt eines Urteils zu verhängen. 110 Die militärischen Ehrenstrafen nach § 30 MStGB beinhalteten für Soldaten und Wehrmachtbeamte zum einen den „Verlust der Wehrwürdigkeit", zum anderen die Dienstentlassung oder bei Armee106 107 108 109 1,0 § 1 KStVO vom 17. August 1938. Boldt, Rechtspolitische Wandlungen, S. 503. Hervorhebung i.O. Siehe auch Bernd-Rüdeger Sonnen, Strafgerichtsbarkeit - Unrechtsurteile als Regel oder Ausnahme?, in: ders./Udo Reifner (Hg.), Strafjustiz und Polizei im Dritten Reich, Frankfurt/Main 1984, S. 41-58, hier S. 50f. Evans, Rituale, S. 758-760, 844. Die Arreststrafe konnte „Stubenarrest, gelinden Arrest und geschärften Arrest" beinhalten. § 19 MStGB 1940. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 50.
140 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten angehörigen im Kriegseinsatz den Verlust des militärischen Ranges. 1 '' Sowohl bei einer Zuchthaus- als auch bei einer Todesstrafe wurde der Verurteilte „wehrunwürdig". Dies war nicht nur für den jeweiligen Soldaten, sondern auch für dessen Angehörige von weitreichender Bedeutung. Da der „Verlust der Wehrwürdigkeit" den Ausschluss aus der Wehrmacht nach sich zog und somit der Anspruch auf Wehrsold, Familienunterhalt sowie Fürsorgemittel erlosch, waren auch die Ehefrau oder die Familie des zu einer solch „entehrenden Strafe" Verurteilten direkt davon betroffen. 112 Bei der Strafzumessung sollten sich die Militärgerichte an mehreren Kriterien orientieren. Im Vordergrund stand dabei die Frage, inwieweit das „Ansehen der Wehrmacht" und auch dasjenige des „Wehrstandes" des Täters durch die Tat beschädigt worden sei und ob der Soldat gegen die „Manneszucht" oder das Prinzip der Kameradschaft gehandelt habe. Ferner waren der Charakter, eventuelle Vorstrafen sowie die Beurteilung durch die Vorgesetzten zu berücksichtigen. Eine Strafmilderung sollte dann in Betracht gezogen werden, wenn der Täter sich reuig zeigte und für die strafbare Handlung büßen wollte. 113 Weitere Gründe, die eine Herabsetzung der Strafe hätten bewirken können, wie zum Beispiel das Alter des Angeklagten oder seine religiösen Überzeugungen, wurden durch entsprechende Bestimmungen im MStGB von vornherein ausgeschlossen. 114 Jugendliche Straftäter, die über 16 Jahre alt waren, konnten grundsätzlich wie Erwachsene bestraft werden. Der Vollzug fand dann in den Haftanstalten für Volljährige statt, wenn der Angeklagte durch das Gericht als erwachsen eingestuft worden war und durch die „besonders verwerfliche verbrecherische Gesinnung" oder zum „Schutz des Volkes" eine derartige Vorgehensweise erforderlich sei. Gemäß dieser Auffassung konnten Jugendliche auch mit dem Tode bestraft werden. 115 Während Schweling und Schwinge in ihrem Buch versuchten, die Bedeutung der Todesstrafe im Rahmen der Wehrmachtgerichtsbarkeit zu bagatellisieren 1 '' Kurt Kalbcrlah, Die Ehrenstrafen des Militärstrafgesetzbuches, in: Zeitschrift für Wehrrecht 5 (1940/41), S. 517-537. 112 §§ 31 u. 32 MStGB 71944. Die Versorgung der Wehrmachtangehörigen und ihrer Familien war nach dem „Einsatz-Wehrmachtgebührnisgesetz" geregelt. RGBl. I 1939, S. 1531-1533: „Gesetz über die Besoldung, Verpflegung, Unterbringung, Bekleidung und Hcilfürsorge der Angehörigen der Wehrmacht bei besonderem Einsatz. Vom 28. August 1939". Siehe auch RGBl. I 1939, S. 1217-1223: „Fürsorge- und Versorgungsgesetz für die ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht bei besonderem Einsatz und ihre Hinterbliebenen. Einsatzfürsorge- und -versorgungsgesetz. Vom 6. Juli 1939." Zur Frontzulage bei Soldaten siehe RGBl. I 1940, S. 1234: „Vierte Verordnung zum Gesetz über die Besoldung, Verpflegung, Unterbringung, Bekleidung und Heilfürsorge der Angehörigen der Wehrmacht bei besonderem Einsatz. Vom 9. September 1940." Zusammenfassung bei Rudolf Absolon, Sammlung wehrrechtlichcr Unterlagen und Vorschriften, 22 Hefte mit Gesamtsachregister, Kornelimünster 1963-1985, Hft. 4, Kornelimünster 1966, S. 33. 113 Kunze, Strafbemessung, S. 124f. 114 §§48-50 MStGB 1940. 115 „Verordnung zum Schutz gegen ]ugendlichc Schwerverbrecher. Vom 4. Oktober 1939", RGBl. I 1939, S. 2000. Über die Auslegung siehe Schwarz, Strafgesetzbuch, Sonderteil Kriegsstrafrecht, Nr. 6, S. 1028; Gruchmann, Justiz, S. 910f.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 141 und den Anschein zu erwecken, die deutsche Militärjustiz habe diese im Vergleich zur Anzahl der Todesurteile bei den alliierten Armeen nur selten verhängt, spricht schon die Kriminalstatistik der Wehrmacht eine ganz andere, deutliche Sprache. 116 So wurden 1940 mehr Menschen durch die Militärjustiz zum Tode verurteilt als durch den Volksgerichtshof und die Sondergerichte.'' 7 Messerschmidt und Wüllner gehen in ihrer Hochrechnung von insgesamt 38.600 Todesurteilen durch die Wehrmachtgerichte aus, davon sollen bis zum Jahresende 1944 etwa 18.500 an Soldaten und Wehrmachtgefolge tatsächlich vollstreckt worden sein.118 Besonders nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Juni 1941 kam es zu einem drastischen Anstieg der Todesstrafen. Die Verurteilungen wegen Fahnenflucht, „Wehrkraftzersetzung" oder „Selbstverstümmelung" machten hierbei den größten Anteil aus. 119 Während die von zivilen Gerichten verhängten Todesurteile aufgrund einer Entscheidung Hitlers seit 1936 durch die Guillotine vollstreckt werden sollten, musste laut Kriegsstrafverfahrensordnung der Tod bei militärgerichtlich verurteilten Männern durch Erschießen, bei Frauen dagegen generell durch Enthaupten herbeigeführt werden. Ausgenommen von der Vollstreckung waren dagegen psychisch Kranke und Schwangere. Durch einen Befehl Hitlers vom 4. März 1943 wurde der bestätigungsberechtigte Befehlshaber allerdings ermächtigt, über die Todesart wie Erhängen, Enthaupten oder Erschießen selbst zu entscheiden. Die Exekution sollte sofort nach der Bestätigung des Urteils erfolgen, und aus Gründen der Prävention und Abschreckung war die Truppe davon in Kenntnis zu setzen. 120 So wies Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, im April 1942 darauf hin, dass das Oberkommando des Heeres künftig besonders relevante Gerichtsurteile zu „Belehrungs- und Abschreckungszwecken" im Heer veröffentlichen werde. Damit sollten die Soldaten einen Eindruck von der Militärjustiz und den möglichen Folgen bei rechtswidrigem Verhalten bekommen. 121 In der Regel wurde die Hinrichtung jedoch nicht durch Erschießungskom116 117 118 119 120 121 Schweling, Militärjustiz, S. 183,241-243,280. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 155. Wesel, Geschichte des Rechts, S. 486; Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 77, 79. Wüllner schätzt die Zahl der Todesurteile durch die zivilen Gerichte auf über 20.000. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 271. Angermund, Deutsche Richterschaft, geht für die Zeit von 1933 bis 1944 von „weit über 16.500" Todesurteilen durch die zivilen Gerichte aus. Ebd., S. 7, 214, Zitat S. 7. Die unterschiedlichen Zahlenangaben bei einzelnen Autoren resultieren zum Teil auch daraus, dass offenbar zwischen gefällten und dann tatsächlich vollstreckten Urteilen nicht immer sauber unterschieden wird. So gibt Evans, Rituale, S. 832f., die Zahl von 20.000 verhängten Todesurteilen durch Militärgerichte an und verweist auf Messerschmidt und Wüllner. Diese beziehen sich aber, wie oben erwähnt, mit dieser Zahl auf die erfolgten Exekutionen. Haase, Wehrmachtangehörige, S. 479. Eine Sammlung solcher Urteile findet sich bei Gritschneder, Furchtbare Richter. Allerdings werden die Verfahren ohne Bewertung oder Einordnung in den militär- und kriegsgeschichtlichen Zusammenhang vorgestellt. Evans, Rituale, S. 791; § 103 KStVO vom 17. August 1938; Walmrath, „Iustitia", S. 225, Anm. 135. BA ZNS RH 15a G/10 Disziplin und Rechtspflege, Bl. 56: O K H , Heerwesen-Abteilung b. Gen zbV, III Nr. 390/4.42 geh., 22. April 1942. Abschrift.
142 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten mandos von der eigenen Truppe des Verurteilten durchgeführt, sondern durch Soldaten von anderen Einheiten. Auch waren bis 1944 bei solchen Erschießungen keine „Zuschauer" anwesend.122 Eine ähnliche Geheimhaltung von Exekutionen strebte die NS-Regierung auch im Reich an, wenn der zu tötende Delinquent von einem zivilen Gericht verurteilt worden war. Um so wenig wie möglich an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, wurde deshalb bei Hinrichtungen im Gefängnis die „Armensünderglocke" nicht mehr geläutet und auch das Beisein von nicht unmittelbar mit dem Ereignis befassten Zeugen unterbunden. Diese Atmosphäre des Verbergens und Vertuschens galt nicht für die Hinrichtungen von Häftlingen in den Konzentrationslagern, die sich eines Fluchtversuchs oder eines sonstigen schwerwiegenden Verstoßes gegen die Lagerordnung schuldig gemacht hatten. Sie wurden in der Regel vor den Augen ihrer Mithäftlinge getötet. Und auch die Angehörigen der „Volksgemeinschaft" wurden schließlich Zeugen von öffentlichen Erhängungen, als sich der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes nicht mehr abwenden ließ und die von Hitler ermächtigten Schnellgerichte willkürliche Todesurteile aussprachen. 123 Für den Vollzug der übrigen Strafarten standen der Wehrmacht zahlreiche Einrichtungen zur Verfügung, die sich sowohl hinsichtlich ihrer Aufgaben als auch bezüglich der Lebensbedingungen teilweise deutlich unterschieden. Beeinflusst durch die Erfahrungen mit Strafeinheiten aus dem Ersten Weltkrieg stimmten die meisten Autoren der „Zeitschrift für Wehrrecht" bereits vor dem Beginn des Krieges bezüglich der zukünftigen Strafverbüßung überein. Die Vorstellung, Soldaten könnten sich durch die Begehung von Straftaten dem gefährlichen Einsatz an der Front entziehen und den Krieg in „sicheren, sauberen und trockenen" Gefängnissen im Heimatgebiet überleben, führte zur Forderung nach speziellen Strafkompanien.124 Zum einen sollte die Bewährung an der Front eine abschreckende Wirkung zeigen, zum anderen war dies natürlich eine einfache Maßnahme, um möglichst viele straffällig gewordene Soldaten weiter bei der Armee einzusetzen. Im Zuge des für die Wehrmacht zunehmend verlustreichen Kriegsverlaufs wurde der Strafvollzug immer enger den militärischen Bedürfnissen angepasst und die Möglichkeiten zur Verbüßung der Strafe in Kampfeinheiten entsprechend ausgedehnt. 125 Um die Auswirkungen der diversen Strafmaße bewerten zu können, wird im Folgenden kurz aufgezeigt, was einen durch die Militärjustiz rechtskräftig Verurteilten nach dem Verfahren erwartete. Denn was auf dem Papier als Zuchthaus- oder Gefängnisstrafe beschrieben wurde, das führte in der Realität für den Soldaten - abhängig vom Einzelfall, der jeweiligen Kriegssituation 122 123 124 123 Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 600-602. 1944 ordnete Himmler in seiner Funktion als Befehlshaber des Ersatzheeres die Anwesenheit der Truppe bei Hinrichtungen an. Evans, Rituale, S. 791-798, 876-880. Mayer, Militärjustiz im neuzeitlichen Krieg, S. 342. Rass, „Menschenmaterial", S. 292, Anm. 314, hat für das Gericht der 253. Inf.Div. errechnet, dass bei den dort verhängten Gefängnisstrafen über drei bis zwölf Monate die Hälfte teilvollstreckt und bei ungefähr einem Viertel die Strafe sofort zur Bewährung ausgesetzt wurde.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 143 und dem Stand der personellen Ressourcen der Wehrmacht - zu ganz unterschiedlichen Konsequenzen. 2.5 DER STRAFVOLLZUG Über die Vollstreckung von Freiheitsstrafen entschied grundsätzlich der Gerichtsherr. Er konnte den Vollzug der ganzen oder eines Teils der Strafe „aussetzen, um dem Verurteilten Gelegenheit zur Bewährung zu geben [...]", oder einen Soldaten in ein Straflager der Wehrmacht einweisen lassen. Wenn von einer Gefängnisstrafe nicht mehr als sechs Wochen teilvollstreckt werden sollten, war dies in Form des schärfsten Arrestes durchzuführen. 126 Generell können die heute üblichen Vorstellungen über den „Vollzug" und damit die entsprechende Verbüßung von Strafen nicht auf die Art der Strafvollstreckung bei der Wehrmacht übertragen werden. Denn gemäß den Erläuterungen zur KStVO von 1938 war der Vollzug von Freiheitsstrafen „grundsätzlich für die Dauer des Krieges ausgesetzt, wenn nicht besondere Gründe die sofortige Verbüßung der Strafe erfordern (§ 104)".127 Diese Regelung betraf zunächst nur solche Urteile, bei denen die Soldaten weiterhin Angehörige der Wehrmacht waren, also keine Zuchthausstrafe erhalten hatten. Allerdings wurde auch für die Zuchthaushäftlinge bald darauf eine Vorschrift mit entsprechend folgenreicher Wirkung geschaffen. Die Verordnung vom 11. Juni 1940 besagte, dass bei Zuchthausstrafen oder Gefängnisstrafen, die zusätzlich den „Verlust der Wehrwürdigkeit" oder der „bürgerlichen Ehrenrechte" nach sich zogen, die „in die Zeit des Kriegszustandes fallende Vollzugszeit in die Strafzeit nicht eingerechnet" werde. 128 Dies bedeutete konkret, dass alle militärgerichtlich verurteilten Soldaten ihre Strafe erst nach Beendigung des Krieges im eigentlichen Sinne verbüßen sollten und die Zeit bis dahin besser als „Verwahrung" bezeichnet wird.129 Damit wollten das nationalsozialistische Regime und die Wehrmachtführung verhindern, dass Soldaten straffällig wurden, um sich dem Dienst an der Front zu entziehen. So mussten teilweise selbst jene zu kurzen Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen Verurteilten, die zugleich vom Wehrdienst ausgeschlossen oder denen die Ehrenrechte abgesprochen worden waren, die Zeit bis 1945 dennoch in Straflagern oder Bewährungsbataillonen verbringen, da ihre Strafverbüßung erst nach dem Krieg beginnen sollte. In der eben erwähnten Verord126 127 128 129 „Siebente Verordnung zur Durchführung und Ergänzung der Verordnung über das militärische Strafverfahren im Kriege und bei besonderem Einsatz. Vom 18. Mai 1940", RGBl. I 1940, S. 787-789, hier S. 788f. Absolon (Hg.), Wehrmachtstrafrecht, S. 188. „Verordnung über die Vollstreckung von Freiheitsstrafen wegen einer während des Krieges begangenen Tat. Vom 11. Juni 1940", RGBl. I 1940, S. 877. Fritz. Wüllner hat in seiner Arbeit massive Kritik an Schweling und Schwinge geübt, weil diese die Art der Strafvollstreckung nicht thematisierten und ihre Ausführungen den Eindruck erwecken, als ob die Strafen noch während des Krieges verbüßt wurden. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 650-653, 667-680; Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 51.
144 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten n u n g w u r d e zugleich festgelegt, die genannten Freiheitsstrafen unter verschärften Bedingungen durchzuführen, also bei harter körperlicher Arbeit u n d einem gekürzten Verpflegungssatz. Bereits 1935 hatte Reichsjustizminister G ü r t n e r für den zivilen Strafvollzug eine entsprechende F o r d e r u n g e r h o b e n , damit eine Strafe auch ihren Zweck erfülle: „Soll das Strafrecht Sühne für ein Unrecht an der Gesamtheit darstellen und so die Volksgemeinschaft gegen Schädlinge verteidigen und vor ihnen schützen, so ergibt sich als Folgerung für den Strafvollzug die Forderung nach Strenge in der Behandlung der Gefangenen, damit sie die Strafe als ein Übel empfinden, und damit die Strafe Hemmungen in dem Gefangenen hervorruft, die ihn verhindern, später in der Freiheit erneut straffällig zu werden." 130 Die Truppe sollte gemäß einer Verfügung des O K H v o m 13. N o v e m b e r 1939 mittels des Militärstrafgesetzbuches sowie der KSSVO und der K S t V O regelmäßig über diese Bestimmungen informiert werden. Das Schreiben des O K H verwies dabei nochmals auf die besonderen Verhältnisse, die in den Straflagern herrschen w ü r d e n . Die Soldaten seien d o r t „bei schwerer u n d gefährlicher Arbeit u n d bei schmaler Kost strengster Behandlung unterworfen". 1 3 1 Auch in den anderen Straf einrichtungen war der Alltag von Entbehrungen u n d Q u a l e n gekennzeichnet. Wehrmachtgefängnisse D e m O b e r k o m m a n d o der Wehrmacht waren die acht deutschen W e h r m a c h t gefängnisse Torgau-Fort Zinna u n d Torgau-Brückenkopf, Anklam, Glatz, G r a u d e n z , Bruchsal, Freiburg und Germersheim unterstellt. Ihnen angegliedert waren 22 „Wehrmachtgefangenenabteilungen". W ä h r e n d des Krieges kamen in den besetzten Gebieten noch die Kriegswehrmachtgefängnisse Wilna, Borissow und D u b n o sowie Bordeaux, Rouen, A n t w e r p e n , Arras, Brügge, Lille und Athen hinzu, die die verurteilten Soldaten des Feldheers aufnahmen und dann an die jeweils zuständigen Straflager oder Vollzugsanstalten im Reichsgebiet aushändigten. 1 3 2 Torgau bildete im R a h m e n des Strafvollzugsystems eine Art „ D r e h k r e u z " , durch das die Gefangenen geschleust w u r d e n , u m Gürtner, Gedanke der Gerechtigkeit, S. 30. „Belehrung der Truppe über Strafen und Strafvollstreckung im Kriege und bei besonderem Einsatz, HM. 1939, Nr. 808, OKH, 13. November 1939", in: Absolon (Hg.), Wehrmachtstrafrecht, S.102L, ZitatS. 103. Scidlcr, Militärgerichtsbarkeit, S. 117-122. Seidler beschreibt den Alltag in den verschiedenen Haftanstalten und Lagern allzu beschönigend und schiebt die Verantwortung für die menschenverachtenden Zustände zum Teil auf die Insassen selbst. Aussagen wie diese, dass „der Gesundheitszustand der Gefangenen im Laufe des Krieges rapide abnahm", weil „viele ihre Verpflegung gegen Rauchwaren tauschten und außerhalb des Lagers rohe Kartoffeln aßen", erwecken, wie Kosthorst und Walter mit ihrer Sammlung von Dokumenten über die Lager gezeigt haben, einen falschen Eindruck von den eigentlichen Zuständen. Die Bewertungen resultieren aus dem Bemühen Seidlers, ein überwiegend positives Bild von Wehrmachtjustiz und Strafvollzug zu zeigen. Ebd., S. 127.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 145 sie hinsichtlich ihrer Eignung für eine Bewährungseinheit zu überprüfen. Über die Tauglichkeit der Gefangenen für einen solchen Fronteinsatz hatte der zuständige Kommandant von Torgau zu urteilen, bei einer ungünstigen Einschätzung über das Verhalten und die „Erziehbarkeit" des betreffenden Soldaten konnte dessen Aufenthalt ohne weitere Begründung einfach verlängert werden. Die Gesamtzahl der in Torgau während des Krieges Internierten wird auf 60.000 bis 70.000 geschätzt.133 Emslandlager Diejenigen Soldaten, die aufgrund eines kriegsgerichtlichen Urteils mit Zuchthaus und dem Verlust der „Wehrwürdigkeit" bestraft worden waren, wurden den Behörden der Reichsjustizverwaltung übergeben, da die Vollstreckung von Zuchthausstrafen in speziell dafür eingerichteten Lagern erfolgen sollte. Für 25.000 bis 30.000 ehemalige Wehrmachtangehörige bedeutete dies die Verschickung in eines der sechs so genannten „Emslandlager". 134 Dort fand, wie bereits betont, keine Strafverbußung statt, diese sollte erst nach dem Krieg beginnen, ohne dass die Aufenthaltsdauer in den Lagern selbst angerechnet wurde. Die Lager Börgermoor, Neusustrum und Esterwegen im Emsland waren 1933 zunächst als Konzentrationslager für politische Gefangene eingerichtet worden - das letztgenannte ist vor allem wegen der Inhaftierung des Friedensnobelpreisträgers Carl von Ossietzky bekannt. Da die Strafanstalten des Dritten Reiches zwischen 1933 und 1938 zunehmend Probleme bei der Unterbringung von Gefangenen zu bewältigen hatten, kamen bald Inhaftierte des zivilen Strafvollzuges in die Lager. Die Häftlinge sollten dort durch den Bau von Straßen, Entwässerungsanlagen und Dränagen die Moore kultivieren - diese harte Arbeit war gemäß der nationalsozialistischen Auffassung vom Nutzen des Strafvollzuges als besonders abschreckende Maßnahme gedacht. Von 1939 an saßen dann auch durch Wehrmachtgerichte Verurteilte in den Emslandlagern ein, darüber hinaus Untersuchungshäftlinge, zahlreiche Kriegsgefangene sowie die im Rahmen des „Nacht und Nebel"-Erlasses aus Belgien und Nordfrankreich verschleppten Gefangenen.135 Insgesamt sollen von 1934 bis 1945 etwa 69.000 Menschen in den Lagern gewesen sein, von 1940 bis 1945 betrug allein der Anteil der aufgrund eines militärgerichtlichen Urteils Inhaftierten 133 134 135 Fietje Ausländer, „Zwölf Jahre Zuchthaus! Abzusitzen nach Kriegsende!" Zur Topographie des Strafgefangenenwesens der Deutschen Wehrmacht, in: Haase/Paul (Hg.), Die anderen Soldaten, S. 50-65, hier S. 52-55, 61, Zitat S. 54. Walmrath, „Iustitia", S. 215, Anm. 77. Vgl. auch BA-ZNS S 411, Gericht der 29. Div., Bl. 67: Schreiben des Wehrmachtgefängnisses Torgau, Fort Zinna, 27. August 1941. Ein sehr detailliertes Werk ist das von Kosthorst/Walter, Konzentrations- und Strafgefangenenlager. Die Autoren haben unter anderem Prozesse ausgewertet, die nach dem Krieg gegen ehemaliges Wachpersonal in den Emslandlagern geführt wurden. Kosthorst/Walter, Konzentrations- und Strafgefangenenlager, Bd. 1, S. 65-98, 527-553, 635640.
146 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten 45%. 1 3 6 Der Alltag in den berüchtigten Emslandlagern war mit ungenügenden Essensrationen, äußerst mangelhaften sanitären Verhältnissen, harter körperlicher Arbeit sowie häufigen Repressalien durch das Wachpersonal verbunden. Dementsprechend hoch waren die Ausbruchsversuche von Gefangenen sowie die Zahl der Selbstmorde und der durch schwere Krankheiten verursachten Todesfälle.137 Feldstraflager und Feldstrafgefangenenabteilungen Ab April 1942 änderte sich das System des Wehrmachtstrafvollzuges in wesentlichen Punkten. Den Anlass dafür bildete die sich zunehmend verschlechternde personelle Entwicklung der Armee seit dem Angriff auf die Sowjetunion. Bereits im Winter 1941/42 hatten der Beginn der Winteroffensive der Roten Armee und die damit verbundenen Rückzugsbewegungen der Wehrmacht zu immensen Verlusten bei der Truppe geführt. Vor allem die Infanterie-Divisionen verzeichneten erhebliche Ausfälle aufgrund von Verwundungen, Infektionskrankheiten sowie Erfrierungen - bis Ende April 1942 hatte das Ostheer mehr als 400.000 Mann verloren. 138 Daher benötigte die Wehrmacht vor allem an der Ostfront dringend weitere Soldaten, so dass nun auch die bereits straffällig gewordenen Männer möglichst im Frontbereich und dort bei gefährlichen Unternehmungen zum Einsatz kommen sollten. Zur Durchsetzung dieser Ziele wurden noch im April nach einem entsprechenden Erlass Hitlers die so genannten „Feldstraflager" und Anfang Mai 1942 die „Feldstrafgefangenenabteilungen" gebildet. Die drei Feldstraflager der Wehrmacht waren von nun an für die Verwahrung von Soldaten zuständig, die vor 1942 in den Wehrmachtgefängnissen und ihren angegliederten Einrichtungen inhaftiert worden waren. In die Straflager sollten vor allem diejenigen zu Gefängnis verurteilten Männer gebracht werden, die der damaligen „Tätertyplehre" entsprechend als schädlich für die Truppe oder als Kriminelle ohne Aussicht auf Besserung eingeschätzt wurden. Sie waren schwerer Arbeit unter härtesten Bedingungen ausgesetzt, was wiederum der Abschreckung dienen sollte. 139 Laut Walmrath waren in den 136 Ebd., Bd. 3, S. 2348. Zu den „Nacht und Nebel"-Gefangenen sowie den Kriegsgefangenen siehe ebd., S. 2848-2862 u. 3308-3314. 137 Ausländer, Topographie, S. 59f.; Walmrath, „Iustitia", S. 214. Über die Art der Misshandlungen siehe exemplarisch das Urteil des Schwurgerichtes Oldenburg gegen mehrere Angehörige des Wachpersonals im März 1949 in Kosthorst/Walter, Konzentrations- und Strafgefangenenlager, Bd. 2, S. 1985-2035. 138 Overmans, Militärische Verluste, S. 277-279; Bernhard R. Kroener, Die personellen Ressourcen des Dritten Reiches im Spannungsfeld zwischen Wehrmacht, Bürokratie und Kriegswirtschaft 1939-1942, in: DRZW, Bd. 5/1: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen, Stuttgart 1988, S. 693-1001, hier S. 871-913, 957-966; Absolon, Wehrmacht, Bd. 6, S. 277. 139 BA-ZNS R H 15a G/10 Disziplin und Rechtspflege, Bl. 70f: Chef OKW, 14 u 16 Beih. l . W R (I 3/4), 10. Juni 1942, Abschrift, „Entwurf von Richtlinien für die Vollstreckung von Freiheitsstrafen in der Wehrmacht."
2. Die Militärgerichtsbarkeit der W e h r m a c h t 147 Feldstraflagern die „Überlebenschancen noch geringer als in einem Emslandlager oder KZ [...]", und selbst Seidler bezeichnet diese Form des Strafvollzuges als „die schärfste Maßnahme, die gegen verurteilte Soldaten ergriffen werden konnte". 140 Wer sich während seines Aufenthaltes in einem Feldstraflager etwas zu Schulden kommen ließ, der musste mit rigoroser Bestrafung rechnen. Einige Männer wurden deshalb auch aus der Wehrmacht ausgestoßen und in ein Konzentrationslager eingewiesen. 141 Durch einen Erlass des O K H vom 5. Mai 1942 kam es zur Aufstellung der Feldstrafgefangenenabteilungen, von denen es bis zum Kriegsende 22 gab. In ihnen sollten vor allem diejenigen Soldaten in frontnahen Bereichen eingesetzt werden, die Gefängnisstrafen mit einer Dauer von mehr als drei Monaten verbüßen mussten. Auch in diesen Einheiten waren die Lebensbedingungen äußerst beschwerlich und risikoreich, bei Fluchtversuchen oder sonstigen Anzeichen von Widerstand war das Wachpersonal autorisiert, sofort zu schießen. Die Quote an Vermissten, Verwundeten und Toten war daher wie bei den Feldstraflagern erheblich. 142 Eine Möglichkeit zum vorzeitigen Verlassen der Feldstrafgefangenenabteilungen bestand dann für die dort kämpfenden Soldaten, wenn sie für eine Abkommandierung zur „Bewährungstruppe 500" geeignet schienen.143 Bewährungstruppe 500 und Bewährungstruppe 999 Über diese beiden Bewährungseinheiten existieren mitunter sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung wie auch in der Literatur unterschiedliche Auffassungen, und häufig kommt es zu Verwechslungen oder Gleichsetzungen, obwohl sie in Bezug auf ihre Zusammensetzung wie auch hinsichtlich ihrer Einsatzgebiete differieren. Die so genannte „Bewährungstruppe 500", die genau genommen die „Infanterie-Bataillone z.b.V." 500, 540, 550, 560 und 561 bezeichnet, geht zurück auf einen Befehl Hitlers. Er ordnete am 21. Dezember 1940 an, dass verurteilte Soldaten sich bei der Truppe bewähren sollten, nach Möglichkeit bei der eigenen Einheit. Ansonsten habe dies in einem eigens dafür geschaffenen Bataillon zu erfolgen. Für die Dauer des Aufenthaltes in einer solchen Truppe gelte der Soldat wieder als „wehrwürdig", denn der dortige Dienst sei genauso ein „Ehrendienst" wie in anderen Einheiten der Wehrmacht. Die daraufhin gebildeten Bataillone wiesen eine Gesamtstärke von 33.000 Soldaten auf, davon gehörten 6.000 Männer zum festen Personal. Sie nahmen militärgerichtlich Verurteilte des Heeres, der Marine und der Luftwaffe auf, die zuvor in Torgau-Fort Zinna auf ihre Tauglichkeit hin erfolgreich geprüft worden waren. An der Ostfront wurden die Angehörigen der Batailu: 141 142 143 Walmrath, „Iustitia", S. 216f., Zitat S. 223; Seidler, Militärgerichtsbarkeit, S. 135. Den Ablauf dieser Odyssee eines „Unangepassten" schildert Robert Stein, Vom Wehrmachtsstraflager zur Zwangsarbeit bei Daimler-Benz. Ein Lebensbericht, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 2 (1987) 4, S. 20-51. Beispiele in Walmrath, „Iustitia", S. 250f. Ebd.,S. 221f.,245.
148 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten lone in besonders gefahrvollen Bereichen, beispielsweise als Spähtrupp, eingesetzt und hatten eine dementsprechend hohe Verlustquote, die nach Seidler 50% betrug. Wer sich nicht tadellos verhielt oder bei wem eine Bewährung an der Front nicht aussichtsreich erschien, wurde wieder der Reichsjustizverwaltung zur weiteren Verwahrung übergeben. 144 In einem Schreiben vom 17. Februar 1941 wies Generalrichter Hans Bockelberg jedoch darauf hin, dass mehr als 90% derjenigen Soldaten, denen eine solche Frontbewährung gestattet worden war, diesen Einsatz zur vollen Zufriedenheit absolviert hätten und deswegen diese Form der Strafvollstreckung auf Wunsch Hitlers künftig noch auszuweiten sei.145 In der berüchtigten „Bewährungstruppe 999" wurden Kriminelle und damit ebenfalls „Wehrunwürdige" an der Front eingesetzt. Von Oktober 1942 bis zum September 1944 landeten insgesamt 28.000 Männer bei der 999er Truppe, unter ihnen gehörten 30% zu den wegen politischer Aktivitäten Verurteilten und 70% zu den eigentlich Kriminellen, die wegen ziviler Delikte bestraft worden waren. Allerdings muss in diesem Zusammenhang betont werden, dass die nationalsozialistische Definition von „Kriminalität" breit gefasst und somit die Grundlage für die willkürliche Einstufung von Menschen als Schwerverbrecher oder als „Asoziale" gegeben war.146 Entgegen der weit verbreiteten Ansicht kämpften nur wenige Angehörige der „Bewährungstruppe 999" an der Ostfront. Im September 1944 schließlich wurde diese Einheit durch Heinrich Himmler in seiner Funktion als Befehlshaber des Ersatzheeres aufgelöst.147 Der kurze Überblick verdeutlicht, dass im Hinblick auf den Strafvollzug bei der Wehrmacht mit zunehmender Dauer des Krieges die bestmögliche Ausnutzung der menschlichen Ressourcen zum zentralen Kriterium wurde. Sowohl diejenigen Soldaten, die wegen Bagatellen vor einem Militärgericht gestanden hatten, als auch die wegen schwerer militärischer Vergehen Verurteilten gerieten dabei gleichermaßen in ein „System von Erziehung und Strafe", das für viele von ihnen sogar den Tod bedeutete. 148 Ein zu Zuchthaus bestrafter Soldat konnte in die gleiche Bewährungseinheit gelangen wie einer, der „nur" eine Gefängnisstrafe erhalten hatte. Das schriftlich niedergelegte Urteil eines Militärgerichtes gibt zwar Aufschluss darüber, wie die Richter die Schwere eines bestimmten Deliktes einschätzten. Ohne die Analyse der auf die Strafverkündung folgenden weiteren Anordnungen über die Art der Voll- 144 145 146 147 148 Hans-Peter Klausch, „Erziehungsmänner" und „Wehrunwürdige". Die Sonder- und Bewährungseinheiten der Wehrmacht, in: Haase/Paul (Hg.), Die anderen Soldaten, S. 66-82, hier S. 72-75; Walmrath, „Iustitia", S. 219f.; Scidler, Militärgerichtsbarkeit, S. 67-74. Seidler geht von insgesamt 82.000 Angehörigen der Bewährungstruppe z.b.V. 500 aus. Ebd., S. 73. BA-ZNS RH 15a G/8 Disziplin und Rechtspflege, Bl. 12: OKH Ch H Rüst u BdE, Az. G. 14g 15 HRIVa, 17. Februar 1941. Siehe auch Absolon, Sammlung wehrrechtlicher Unterlagen, Hft. 3, Kornelimünster 1965, S. 73. Klausch, „Erziehungsmänner", S. 76f. Ebd., S. 78-80. Haase, Wehrmachtangehörige, S. 482.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der W e h r m a c h t 149 Streckung bleibt jedoch das tatsächliche Schicksal des Verurteilten im Dunkeln. 2.6 D I E ZENTRALEN MILITÄRISCHEN STRAFTATEN U m die Bedeutung von Sexualstraftaten im Bereich der Wehrmachtjustiz bewerten zu können, wird kurz auf die Straftatbestände eingegangen, deren gerichtliche Ahndung während des Zweiten Weltkrieges im Vordergrund stand. Dem Wesen und den primären Aufgaben der militärischen Gerichtsbarkeit als Disziplinierungsinstanz entsprechend, rückten militärische Delikte wie Fahnenflucht, unerlaubte Entfernung oder die „Zersetzung der Wehrkraft" in das Zentrum der Ermittlungs- und Verfahrenstätigkeit.149 Dies lässt sich deutlich an der offiziellen Kriminalstatistik der Wehrmacht ablesen, die bis Mitte 1944 Angaben über die Straftaten und die Verurteilten liefert. Insgesamt lag die Anzahl der Schuldsprüche wegen militärischer Verbrechen und Vergehen seit 1942 bis Anfang 1944 um ein Dreifaches höher als die wegen Verstößen gegen das RStGB. Im zweiten Quartal 1944 betrug die Differenz sogar das Vierfache. 150 Laut dieser Statistik machte dabei die „unerlaubte Entfernung" nach den §§ 64 und 65 MStGB innerhalb der militärischen Delikte den größten Anteil aus. Sie konnte sowohl mit Arrest als auch mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zehn Jahren bestraft werden.151 Die Definition des Tatbestandes erklärt, warum so viele Soldaten mit den entsprechenden Paragraphen des Militärstrafgesetzbuches in Konflikt gerieten. Als „unerlaubt entfernt" galten diejenigen, die eigenmächtig länger als einen Tag von der Truppe fern blieben oder es unterließen, sich innerhalb von drei Tagen wieder dort zu melden, wenn sie ohne eigenes Verschulden von ihrer Einheit getrennt worden waren. Durch die Änderung der KSSVO am 10. Oktober 1944 wurde die Rückmeldefrist für versprengte Soldaten auf nur noch einen Tag verkürzt, was für viele eine kaum mehr zu erfüllende Bedingung darstellte, so dass sie schnell in die Mühlen der Militärjustiz geraten konnten.152 Während dieses Delikt mit Freiheitsstrafen geahndet wurde, bildeten die „Fahnenflucht" nach den §§ 69 und 70 MStGB153 und die „Zersetzung der Wehrkraft" nach § 5 KSSVO die beiden Straftatbestände, aufgrund derer die Wehrmachtgerichte während des Zweiten Weltkrieges mehr als 70% aller Todesurteile verhängten.154 Angesichts dieser Dimension wird daher nicht selten vom „Terror der Militärjustiz" gesprochen.155 149 150 151 132 153 134 153 §§ 64, 65, 69, 70 MStGB 71944, § 5 KSSVO vom 17. August 1938. Hennicke, Auszüge, S. 449. Übersicht „Militärische Verbrechen und Vergehen" sowie die Übersicht „Bürgerliche Verbrechen und Vergehen". Die angegebenen Werte beziehen sich auf die pro 100.000 Mann berechneten Fälle, sie spiegeln also nicht die absoluten Zahlen wider. Ebd., S. 449. §§ 64 u. 65 MStGB 1940, RGBl. I 1940, S. 1353; Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 185-193; Absolon (Hg.), Wehrmachtstrafrecht, S. 19, 62. Fahnenflucht wurde als „Treuebruch" gegenüber Hitler charakterisiert. Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 185. Messerschmidt/Wüllner, Wchrmachtjustiz, S. 90. Bröckling, Disziplin, S. 274-277; Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 591-593, 628.
150 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten Der Fahnenflucht schuldig machte sich ein Soldat, wenn er „in der Absicht, sich der Verpflichtung zum Dienst in der Wehrmacht dauernd zu entziehen [...] seine Truppe oder Dienststelle verläßt oder ihnen fernbleibt". Dies konnte mit Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft werden. Über die weitere Anwendung der gesetzlichen Vorschriften orientierten darüber hinaus die „Richtlinien des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht für die Strafzumessung bei Fahnenflucht" vom 14. April 1940. Die Zuchthausstrafe erschien demnach angemessen in Fällen, in denen „jugendliche Unüberlegtheit, falsche dienstliche Behandlung, schwierige häusliche Verhältnisse oder andere nicht unehrenhafte Beweggründe" ausschlaggebend gewesen waren. Dagegen sollte aber auf die Todesstrafe erkannt werden, wenn der Angeklagte aus Feigheit gehandelt hatte oder die Tat eine Gefährdung der „Manneszucht" darstellte. Weitere strafverschärfende Gründe lagen vor, wenn die Fahnenflucht zum wiederholten Male oder mit anderen Soldaten gemeinsam verübt worden war, eine Absetzung ins Ausland stattgefunden hatte, der Täter bereits vorbestraft war oder weitere Delikte während seiner Desertion beging.' 56 Vor allem nach dem Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion wurden diese Richtlinien, die genügend Raum für eigenmächtige Auslegungen und Interpretationen boten, für die Begründung von Todesurteilen herangezogen. 157 Die offizielle Statistik, die ja nur die rechtskräftig gewordenen Urteile wegen Fahnenflucht von 1939 bis Mitte 1944 beinhaltet, verweist auf mehr als 13.000 wegen dieses Deliktes verurteilte Soldaten, der weitaus größte Anteil entfiel dabei mit über 11.000 Fällen auf das Heer. Diese Zahlen geben nur einen ungefähren Einblick in die tatsächlich erfolgten Verhandlungen und gefällten Urteile. Wie Otto Hennicke bereits in seinen Erläuterungen zur Wehrmachtkriminalstatistik ausgeführt hat, müssen die Zahlen der nicht gefassten Soldaten noch addiert werden. Diese Fälle wurden an die Wehrmachtgerichte gemeldet, es konnte jedoch in der Regel ohne die Anwesenheit des Beschuldigten kein Verfahren eröffnet werden. Diese Strafsachen blieben unerledigt, solange die Deserteure nicht vor ein Kriegsgericht gestellt werden konnten. 158 Fritz Wüllner hat bei seinen Hochrechnungen darauf hingewiesen, dass die in der Statistik erfassten Verurteilten wegen Fahnenflucht eigentlich nur die Situation bis Ende 1943 widerspiegeln und aufgrund der Verluste beim Transport der Akten von den einzelnen Gerichten zum Heeresarchiv in Potsdam ein weiterer Anteil nicht registriert werden konnte. Bezüglich der auf der Flucht befindlichen Soldaten, derer die Gerichte nicht habhaft werden konnten, gelten ähnliche Einschränkungen hinsichtlich der Aussagekraft der Statistik. Er schätzt daher die Zahl der bis Ende 1944 wegen Fahnenflucht an die Gerichte gemeldeten Soldaten auf 300.000, die Anzahl aller wegen dieses Deliktes An154 157 138 §§69u. 70 MStGB 71944. Walmrath, „Iustitia", S. 168-171; Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 165. Hennicke, Auszüge, S. 440, Tabelle 4, S. 444 u. Übersicht „Fahnenflucht", S. 449. Bezüglich der Zahl der „flüchtigen Beschuldigten" muss darauf hingewiesen werden, dass bei Desertionen auch eine Verurteilung trotz Abwesenheit des Verdächtigen erfolgen konnte, wenn der Nachweis über die Fahnenflucht durch Zeugenaussagen oder Feindberichte erbracht worden war. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 453.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 151 geklagten auf annähernd 50.000 und schließlich die durch Wehrmachtgerichte verurteilten Soldaten auf mehr als 40.000 ein. Aufgrund der Dunkelziffer und der vor allem gegen Ende des Krieges stellenweise chaotischen Zustände beim Rückzug wird die Zahl der Deserteure wohl nie rekonstruiert werden können. Auch wenn die Hochrechnungen Wüllners und seine Ergebnisse hinsichtlich ihrer nicht immer nachvollziehbaren Variablen durchaus kritisch zu betrachten sind, bleiben sie wegen der insgesamt noch dürftigen Forschungslage die maßgeblichen Werte.159 Wie Lothar Walmrath anhand seiner Auswertung von Marinegerichtsakten festgestellt hat, gerieten fahnenflüchtige Soldaten fast zwangsläufig in eine Spirale der Rechtsbrüche. Die meisten von ihnen begingen Eigentumsdelikte, um an Lebensmittel, Ausweise, zivile Kleidungsstücke oder Geld zu gelangen. Dagegen scheinen Kapitalverbrechen wie Mord und Raub nur vereinzelt vorgekommen zu sein. Die sich vor allem im Winter 1942/43 verschlechternde Kriegssituation und die seit dem Sommer 1943 ansteigenden Fälle von Desertionen bewirkten ein rigoroses Durchgreifen der Wehrmachtjustiz.160 Die Verhängung der Todesstrafe wurde nun als wirksamstes Mittel zur Abschreckung und Prävention bewertet.161 Gemäß Wüllner lautete bei 60% bis 70% aller wegen Fahnenflucht für schuldig befundenen Soldaten das Urteil auf Todesstrafe, und den bisherigen Untersuchungen zufolge wurden von diesen mehr als 60% vollstreckt. Die übrigen wurden in Freiheitsstrafen umgewandelt oder es kam zu einer Begnadigung.162 Eine der wichtigsten Fragen, mit denen sich die Forschung zum Thema Fahnenflucht auseinander setzt, zielt auf die Motive der Deserteure. 163 Aufgrund der Vielzahl von unterschiedlichen Beweggründen, um sich dem Einsatz an der Front und dem Dienst in der Wehrmacht zu entziehen, ist eine klare Bewertung und Zuordnung nicht möglich. Weder das „apodiktische Abqualifizieren" der Deserteure, das sich an die Charakterisierung solcher Soldaten durch die Wehrmachtjustiz anlehnt, noch das „pauschal-idealisierende Hochstilisieren", mit dem alle Fahnenflüchtigen zum politischen Widerstand gezählt werden, tragen zur Analyse des Phänomens bei.164 Konkretere Ergebnisse lassen sich vielmehr anhand von Fallbeispielen erbringen. Wie Christoph Rass 139 Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 444-446,461. Über die Schwierigkeiten bei der Schätzung der Zahlen siehe Zicmann, Fluchten, S. 594-596. 160 Hennicke, Auszüge, S. 449, Tabelle „Fahnenflucht"; Ziemann, Fluchten, S. 594f.; Bröckling, Disziplin, S. 277. "•' Walmrath, „Iustitia", S. 484-512, v.a. S. 508-512. Weitere Beispiele bei Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 464-473; Jörg Kammler, Ich habe die Metzelei satt und laufe über ... Kasseler Soldaten zwischen Verweigerung und Widerstand (1939-1945). Eine Dokumentation, 3. erweiterte Aufl., Fuldabrück 1997. 162 Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 446-452. Über die Verteilung und Vollstreckung von Todesurteilen bei Fahnenflucht in der 253. Inf.Div. vgl. Rass, „Menschenmaterial", S. 445f., Tabelle-A 40 und Tabelle-A 41. 163 Zum Forschungsstand Zicmann, Fluchten, S. 590-594. Vgl. auch Bröckling, Disziplin, S. 277281. "'4 Walmrath, „Iustitia", S. 492; Messerschmidt, Deserteure, S. 68-72; Knippschild, Deserteure, S. 224; Volker Ullrich, „Ich habe mich ausgestoßen ..." Das Los von Zehntausenden deutscher Deserteure im Zweiten Weltkrieg, in: Wette (Hg.), Deserteure, S. 107-122, hier S. 112-114.
152 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten bei seiner Untersuchung über die 253. Infanterie-Division ermittelt hat, waren auch dort Abwesenheitsdelikte am häufigsten vor Gericht vertreten. Dabei überwogen die „unerlaubten Entfernungen", die vor allem mit der eigenmächtigen Verlängerung des Urlaubes zusammenhingen oder sich ergaben, wenn Soldaten länger als geplant für ihren Weg vom Ersatz- zum Feldtruppenteil brauchten. Bei dieser Division gefährdeten derartige Straftaten die Einsatzfähigkeit der Feldtruppe offenbar nicht gravierend, so dass in weniger schweren Fällen nur eine Teilvollstreckung der Strafe angeordnet wurde. Auslöser für solche Verweigerungshaltungen der Soldaten waren Rass zufolge weniger politische Überlegungen als vielmehr seelische und körperliche Erschöpfungszustände sowie einzelne deprimierende militärische Ereignisse.165 Um dieses Phänomen noch besser einordnen zu können, erscheint es notwendig, in Zukunft weitere Fallbeispiele über einen längeren Zeitraum hinweg zu analysieren. Wie bereits erwähnt, stellte die so genannte „Zersetzung der Wehrkraft" nach § 5 KSSVO neben der Fahnenflucht den zweiten zentralen Straftatbestand dar, auf den die Wehrmachtjustiz mit der Todesstrafe reagierte. Während des Krieges wurden aufgrund dieses Delikts etwa 35.000 Soldaten verurteilt, zwischen 5.000 und 6.000 von ihnen erhielten die Höchststrafe. 166 Die öffentliche Aufforderung, „die Erfüllung der Dienstpflicht in der deutschen oder einer verbündeten Wehrmacht zu verweigern" oder auch Äußerungen und Handlungen, die den Willen der deutschen Bevölkerung zur „wehrhaften Selbstbehauptung" untergraben konnten, bildeten einige der als „Zersetzung" charakterisierten Vergehen.167 Nach § 5 Abs. 1 Nr. 3 KSSVO zählte auch die „Selbstverstümmelung" dazu, die bereits nach § 81 MStGB als militärisches Delikt geahndet werden konnte. Von den durch Militärgerichte verhängten Todesurteilen wegen „Wehrkraftzersetzung" entfielen mehr als 3.000 auf diese Form der Selbstbeschädigung. In diesem Zusammenhang ist allerdings die Zahl von nicht entdeckten „Selbstverstümmelungen" zu berücksichtigen. Die Dunkelziffer dürfte bei diesem Delikt wie auch bei den so genannten „zersetzenden" Äußerungen sehr hoch gewesen sein. Ob sie, wie Seidler vermutet, bei 80% lag, kann hier nicht verifiziert werden, denn bislang ist im Hinblick auf dieses Phänomen noch kaum repräsentatives Quellenmaterial ausgewertet worden. 168 Zwar liegen genauere Informationen über die vielfältigen Ar- Rass, „Menschenmaterial", S. 169-178; Motive auch bei Knippschild, Deserteure, S. 229-238. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 502f. Messerschmidt/Wüllner, Wchrmachtjustiz, S. 143, nennen 30.000 bis 40.000 Fälle. Alle Angaben beruhen auf Schätzungen und rechnen die Urteile, die wegen „Wehrkraftzersetzung" von zivilen Gerichten verhängt wurden, nicht mit ein. Beispiele für Fälle von „Wehrkraftzersetzung" bei Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 132-168. Seidler kommt in seiner Hochrechnung, ohne nachvollziehbare Belege, auf insgesamt 1O.CO0 Verurteilungen wegen „Selbstverstümmelung", davon etwa 6.200 zum Tode verurteilte Soldaten. Seidler, Prostitution, S. 233-275, Dunkelziffer S. 255. Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 506511, 553-555, Zahlenangabe S. 541; einen Überblick zum Forschungsstand und den derzeitigen Defiziten bietet Ziemann, Fluchten, S. 604-613.
2. Die Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht 153 ten der absichtlich verursachten Verwundungen vor. So benutzten die Soldaten häufig ihre eigene Waffe, um sich Schussverletzungen an den Gliedmaßen beizubringen, sie brachen sich einzelne Knochen oder nutzten diverse Mittel wie Petroleum für das künstliche Hervorrufen von Entzündungen. Ähnlich wie bei den Fluchtdelikten sind jedoch bei der absichtlichen Selbstverwundung die Motive und konkreten Anlässe für die Soldaten bislang nur wenig erforscht. Kritische Situationen an der Front und die damit verbundene besondere physische und psychische Belastung der Soldaten waren jedoch von ausschlaggebender Bedeutung. Die Militärjustiz reagierte auf dieses Verhalten innerhalb der Truppe mit drakonischen Maßnahmen und verhängte mehrjährige Zuchthausstrafen oder Todesurteile, um damit eine möglichst abschreckende Wirkung bei den anderen Wehrmachtangehörigen zu erzielen.169 Neben den erwähnten Straftaten machten weitere soldatische Verweigerungsformen wie „Ungehorsam", „Gehorsamsverweigerung", „Widersetzung oder tätlicher Angriff" gegen einen Vorgesetzten, die sich gegen die Pflicht zur militärischen Unterordnung gemäß den §§ 92, 94, 96 und 97 MStGB richteten, einen hohen Anteil an den von Soldaten begangenen Delikten aus.170 Laut der Wehrmachtkriminalstatistik waren bis zum zweiten Quartal 1944 bereits annähernd 31.000 Soldaten beim Heer wegen eines dieser Vergehen verurteilt worden. 171 Für die vorliegende Untersuchung ist vor allem der militärische „Ungehorsam" von Belang, da sowohl eine unterlassene „Sanierung" nach einem außerehelichen Geschlechtsverkehr wie auch die Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit unter diesen Tatbestand fielen.172 Laut Walmrath hielten sich solche Verurteilungen bei der Marine in „einem begrenzten Rahmen", obwohl mehr als sieben Prozent der aktenkundig gewordenen Fälle von Geschlechtskrankheiten diesen Wehrmachtteil betrafen. In den von ihm untersuchten 39 Verfahren wegen Ungehorsam, Gehorsamsverweigerung und Widersetzung war die Mehrheit der Soldaten aufgrund der Missachtung von dienstlichen Befehlen angeklagt worden, an zweiter Stelle stand jedoch schon die fehlende Schutzbehandlung beziehungsweise eine Infektion.173 Diese marinespezifische Auswertung verweist zum einen darauf, dass eine erhebliche Anzahl von Soldaten mit dem Militärgesetz in Konflikt geriet, weil sie die von der Wehrmachtführung zur Eindämmung von venerischen Krankheiten erlassenen Vorschriften weitgehend ignorierte. Zum anderen deutet das Ergebnis darauf hin, dass die in solchen Fällen übliche Arreststrafe wohl keine abschreckende Wirkung zeigte. Auch Seidler betont, dass die Militärjustiz in dieser Hinsicht we169 17C 171 172 173 Rass, „Menschenmaterial", S. 178-185. §§92, 94, 96, 97 MStGB 71944. Hennicke, Auszüge, S. 450f. An der Spitze lagen die Verurteilungen wegen „militärischen Ungehorsams" und wegen „Gehorsamsverweigerung". Auch diese Deliktgruppe ist noch weitgehend unerforscht, siehe Ziemann, Fluchten, S. 607. BA-MA H 20/840: OKW B 49, Tgbnr. 71/42 Ch W San, 27. Januar 1943, „Betr. Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten". Die „Sanierung" war auch dann vorgesehen, wenn der Soldat Kondome oder andere Schutzmittel benutzt hatte. Walmrath, „Iustitia", S. 516f., Zitat S. 524.
154 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten nig Einfluss auf die Soldaten erzielte und die von der Wehrmacht beabsichtigte Steuerung des sexuellen Verhaltens der Soldaten an ihre Grenzen stieß. 174 Die hier vorgestellten Straftatbestände nahmen vor allem gegen Ende des Krieges zu. Sie wurden, so Ulrich Bröckling, zu einem „Massenphänomen" soldatischer Verweigerung, auch wenn die sich so der Disziplinierung entziehenden Soldaten letztlich - bezogen auf die gesamte Wehrmacht - nur eine Minderheit darstellten. Das Gros der Wehrmachtangehörigen ordnete sich der vorgeschriebenen Gehorsamspflicht unter und befolgte die erteilten Befehle. Die Militärgerichte selbst bekämpften etwaige Auflösungserscheinungen und die in ihren Augen die „Manneszucht" gefährdenden Verhaltensweisen bis zum Schluss mit drakonischer Härte, und sie versuchten vor allem durch die Verhängung von Todesstrafen präventiv zu wirken. 175 Im Gegensatz zu diesen militärischen Verbrechen und Vergehen spielte die strafrechtliche Verfolgung von Tatbeständen aus dem Reichsstrafgesetzbuch nur eine untergeordnete Rolle. Dazu zählten auch die entsprechenden „Sittlichkeitsvergehen", die im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen. 3. SEXUELLE STRAFTATBESTÄNDE NACH DEM REICHSSTRAFGESETZBUCH „Unter Sittlichkeitsdelikten versteht das Strafrecht nur solche Taten, die auf sexueller Basis beruhen, es ist dabei keineswegs Voraussetzung, daß diese Handlungen im Verkehr der Geschlechter begangen sein müssen, sondern der Begriff umfaßt auch alle auf das Geschlechtsleben sich beziehende Handlungen [...]."176 Aufbauend auf dieser Interpretation führte das während des Dritten Reiches gültige Strafgesetzbuch 177 im Abschnitt „Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit" eine Vielzahl von Tatbeständen auf, die im weitesten Sinne mit Sexualität zu tun hatten. Neben Delikten wie „Beischlaf zwischen Verwandten", „Kuppelei" oder „Verbreitung unzüchtiger Werke" 178 waren dort auch die Straftaten aufgeführt, die im Rahmen der Militärgerichtsbarkeit eine Rolle spielten. Berüchtigt sind in erster Linie die §§ 175 und 175a RStGB, die die „Unzucht mit Männern" betrafen. Sie wurden vor allem während des Krieges einer Vielzahl von Soldaten zum Verhängnis, da die Wehrmacht homosexu174 175 ,n 177 178 Seidler, Prostitution, S. 114f. Bröckling, Disziplin, S. 278. Rudolf Quanter, Die Sittlichkeitsvcrbrechcn im Laufe der Jahrhunderte und ihre strafrechtliche Beurteilung, Aalen 1970 (Neudruck der 8. Aufl., Berlin 1925), S. 2. Es galt das Reichsstrafgesetzbuch vom 15. Mai 1871 in der Fassung vom 26. Februar 1896 mit den seither vorgenommenen Änderungen. MStGB 71944, Abschnitt RStGB, S. 45-161. §§173, 180, 184 RStGB, MStGB 71944, S. 101-106.
3. Sexuelle Straftatbestände 155 eile Beziehungen unnachgiebig verfolgte und streng bestrafte. 179 Wie die Akten des Bestandes „Sittlichkeit" in Kornelimünster ergeben haben, wurden auch Wehrmachtangehörige aufgrund der „widernatürlichen Unzucht" mit Tieren nach § 175b RStGB zum Teil zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. 180 Die Straftatbestände „Nötigung zur Unzucht" und „Notzucht" nach den §§ 176 und 177 RStGB 181 werden im Folgenden ausführlich vorgestellt, um die strafrechtlichen Grundlagen für die Ahndung von Sexualverbrechen deutscher Wehrmachtangehöriger aufzuzeigen. Nach § 176 RStGB drohten demjenigen bis zu zehn Jahre Zuchthaus, der gewaltsam an einer Frau „unzüchtige Handlungen" verübte oder durch massive Drohungen die Duldung dafür erzwang. Strafbar war auch eine solche Vorgehensweise gegen Jungen und Mädchen unter 14 Jahren, wobei es dabei nicht von Bedeutung war, ob diese mit Hilfe von Gewalt oder im gegenseitigen Einverständnis stattgefunden hatte. Die grundsätzliche Strafbarkeit in Bezug auf Kinder resultierte aus der Ansicht, diese würden bis zu einem bestimmten Alter den entsprechenden Willen oder auch das dazu nötige Urteilsvermögen in sexuellen Belangen nicht besitzen. 182 Ebenfalls unter den § 176 fiel die Ausnutzung des Zustandes von ohnmächtigen, willenlosen oder geisteskranken Frauen zum „außerehelichen Beischlafe". Als Täter der nicht genauer definierten „unzüchtigen" Handlungen konnten sowohl Männer als auch Frauen in Betracht kommen, das Alter und der „Ruf" des erwachsenen Opfers ebenso wie dessen Zivilstand sollten für die Heranziehung des Paragraphen irrelevant sein. Auch bei Vorliegen mildernder Umstände war generell eine Gefängnisstrafe von mindestens sechs Monaten vorgesehen. 183 Wesentlich höher lag die Strafandrohung dagegen bei einer Vergewaltigung nach § 177 RStGB. Die zeitgenössisch als „Notzucht" bezeichnete Tat konnte mit einer Zuchthaus- oder im Falle mildernder Umstände mit einer mindestens einjährigen Gefängnisstrafe geahndet werden. Widerrechtlich handelte, wer „durch G e w a l t o d e r d u r c h D r o h u n g mit gegenwärtiger Gefahr für Leib o d e r L e ben eine F r a u e n s p e r s o n z u r D u l d u n g des außerehelichen Beischlafs nötigt, o d e r w e r eine F r a u e n s p e r s o n z u m außerehelichen Beischlafe m i ß b r a u c h t , n a c h d e m er 179 Seidler, Prostitution, S. 193-226; Jellonnck, Homosexuelle, S. 110-117. 180 [)j e j n Jpp Akten aufgeführten Fälle von Sodomie beziehen sich auf zahlreiche Tiere, darunter Gänse, Schafe, Kühe und Pferde. BA-ZNS S 399, S 273, S 264, S 212, S 169, S 159, S 142, S 133, S 106, S 102, S98, S44, S 36. 181 Daneben wurden auch die §§ 178 und 183 RStGB mit einbezogen. § 178 RStGB behandelte Fälle, bei denen aufgrund der in § 176 oder § 177 durchgeführten Handlungen der Tod des Kindes oder der Frau verursacht worden war. § 183 RStGB betraf die „Erregung öffentlichen Ärgernisses", ein Delikt, das jedoch bei den untersuchten Akten ebenso wie § 178 RStGB nur einen minimalen Anteil ausmachte. 182 § 176, 1 u. 3 RStGB. Vgl. auch Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 28f. 183 § 176, 2 RStGB; Schwarz, Strafgesetzbuch, § 176, S. 285-288.
156 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten sie zu diesem Zwecke in einen willenlosen oder bewußtlosen Zustand versetzt hat".184 Um die strafrechtliche Bedeutung dieses Paragraphen und seine Anwendung in der Praxis beurteilen zu können, müssen die entsprechenden Kommentare dazu berücksichtigt werden. Das als rein sachlich mit „Gegenstand der Tat" bezeichnete Opfer einer Vergewaltigung konnte nach der Rechtsauslegung von Otto Schwarz nur eine Frau sein, deren Alter oder Leumund für die Anwendung des Gesetzes unerheblich sein sollten. Wesentlich für eine Verurteilung wegen „Notzucht" war die Definition des Begriffes „Beischlaf". Als solcher galt nur die Art des Geschlechtsverkehrs, bei der das männliche Glied in die Vagina der Frau eingeführt wird. Laut Schwarz musste die für eine Verurteilung ausschlaggebende Gewaltanwendung am Anfang des Geschlechtsverkehrs erfolgen, ein etwaiges danach gezeigtes Einverständnis der Frau sei nicht mehr von Bedeutung. Die Gewalt des Täters wurde als eine rein physische interpretiert und insbesondere anhand des Widerstandes und der Gegenwehr der angegriffenen Frau bemessen.' 85 Noch Ende des 19. Jahrhunderts war unter Juristen die Ansicht verbreitet, eine Vergewaltigung könne bei entsprechend starker Abwehr des Opfers gar nicht stattfinden. In dieser Auffassung spiegeln sich die von der Sexualwissenschaft an der Wende zum 20. Jahrhundert geprägten Vorstellungen von weiblichem und männlichem Sexualverhalten wider. Dem Mann wurde der aktive und in gewissem Maße auch aggressive Part zugesprochen, während die Frau diesen Ansichten zufolge eine passive Rolle einnahm. Darüber hinaus vertraten die Wissenschaftler die These, dass eine Frau anfänglich immer eine zurückweisende Haltung zeige, auch wenn sie den Geschlechtsverkehr selber wünsche. 186 Als „Notzucht" wurde ausdrücklich nur die sexuelle Gewalttat außerhalb der Ehe anerkannt, eine stark eingrenzende Bestimmung, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in Kraft blieb. Erst seit der Strafrechtsreform von 1997 stellt auch Vergewaltigung in der Ehe einen Straftatbestand dar, da die Voraussetzungen für eine strafbare Handlung nun vor allem in der Verletzung der sexuellen Integrität der Frau und ihres Rechts auf Selbstbestimmung gesehen werden. 187 Im Dritten Reich galt Vergewaltigung als schweres Gewaltverbrechen, in einer Reihe genannt mit Straßen- oder Bankraub. 188 Diese auf den ersten Blick unverständlich erscheinende Verbindung zu Eigentumsdelikten verweist auf die historisch gewachsene Rechtsauffassung von „Notzucht". Eine Vergewaltigung wurde vor allem als Verletzung der männlichen Verfügungsgewalt von Ehemännern über ihre Frauen oder von Vätern über ihre 184 183 186 187 188 §177 RStGB. Schwarz, Strafgesetzbuch, §§ 177, 178, S. 288f. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 35-42. Heynen, Vergewaltigt, S. 16-18. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 47, datiert diese Änderung zu früh. Schwarz, Strafgesetzbuch, Sonderteil Kriegsstrafrecht, Nr. 7, S. 1029. Christine Künzel hat in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung des englischen Begriffs „rape" hingewiesen, der eine Vergewaltigung, aber auch einen Raub oder eine Entführung bezeichnen kann. Künzel, Vergewaltigungslcktüren, S. 120, Anm. 55.
3. Sexuelle Straftatbestände 157 Töchter angesehen. Demzufolge besaß ein verheirateter Mann lange Zeit ein „natürliches" Recht auf Geschlechtsverkehr innerhalb der Ehe, unabhängig davon, ob dieser auf gegenseitigem Einvernehmen beruhte oder gewaltsam erzwungen wurde. 189 Die Verstöße gegen die §§ 176 und 177 RStGB galten als so genannte „Offizialdelikte", die von Amts wegen strafrechtlich verfolgt werden mussten, auch wenn dafür kein Strafantrag vorlag. Bereits seit 1876 waren Polizei und Justiz aufgrund der damals erfolgten Novelle zum Strafgesetzbuch verpflichtet, solchen Taten nachzugehen, sobald sie darüber informiert wurden, und sie gegebenenfalls zu ahnden. 190 Von den insgesamt 19 Tatbeständen, die im Reichsstrafgesetzbuch im Abschnitt „Verbrechen und Vergehen wider die Sittlichkeit" aufgeführt waren, zählten dagegen nur der Ehebruch (§ 172), die „Erschleichung des außerehelichen Beischlafs" (§ 179) sowie die „Verführung" (§ 182) von Mädchen unter sechzehn Jahren zu den so genannten „Antragsdelikten". Der Hinweis darauf ist in den jeweiligen Paragraphen explizit enthalten. 191 Gemäß § 61 RStGB waren diese Taten nicht strafrechtlich zu verfolgen, „wenn der zum Antrag Berechtigte es unterläßt, den Antrag binnen drei Monaten zu stellen". Eine Anzeige erstatten konnten in erster Linie die geschädigte oder verletzte Person selbst oder ein gesetzlicher Vertreter.192 Für die Einteilung einiger Straftaten in Antragsdelikte nannte ein Kommentar zum Strafgesetzbuch zwei Gründe: So könne eine Tat so geringfügig sein, dass eine strafrechtliche Ahndung im allgemeinen Interesse nicht notwendig erscheine und diese erst auf den ausdrücklichen Wunsch der oder des Betroffenen hin stattfinde. Auf der anderen Seite könne aber auch das Opfer der Straftat möglicherweise kein Interesse daran haben, eine Anzeige zu erstatten. In diesem Fall müsse also die Verpflichtung für einen Strafantrag als Schutzfunktion angesehen werden. 193 Gemäß § 127 MStGB in der Fassung von 1935 war die Aufnahme von Ermittlungen nach solchen Taten zunächst noch unabhängig vom Antrag der betroffenen Person oder einem anderen dazu Berechtigten. Bei der Neufassung des Militärstrafgesetzbuches im Oktober 1940 wurde dieser Artikel jedoch gestrichen, die juristische Ahndung der genannten drei Delikte Ehebruch, „Erschleichung des außerehelichen Beischlafs" sowie Verführung war damit wieder an eine entsprechende Strafanzeige gebunden. 194 Die ausführliche Beschreibung der Antragsdelikte ist insofern notwendig, als bislang diese Bestimmungen falsch ausgelegt und dementsprechend unhaltbare Thesen aufgestellt wurden. So interpretiert Franz Seidler die Gesetzes189 190 191 192 193 194 Porter, Rape, S. 217; Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 46. Boldt, Rechtspolitische Wandlungen, S. 477-480; Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 48f. Schwarz, Strafgesetzbuch, S. 277, 289, 297. Eduard Kohlrausch, Strafgesetzbuch mit Nebengesetzen und Erläuterungen, Berlin 341938, S. 176-181. Reinhard Frank (Hg.), Das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich nebst dem Einführungsgesetz, 18. neubearb. Aufl., Tübingen 1931, S. 200-207. Der Wortlaut von § 127 MStGB samt Erläuterung bei Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 326f. Die Streichung gemäß „Verordnung über die Neufassung des Militärstrafgesetzbuchs. Vom 10. Oktober 1940.", RGBl. I 1940, S. 1358.
158 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten änderung von 1940 dahin gehend, dass von diesem Zeitpunkt an auch Vergewaltigungen nur noch auf einen Antrag hin strafrechtlich verfolgt worden seien. Deshalb habe sich die Zahl der wegen Vergewaltigung verurteilten Soldaten verringert. 195 Die genaue Analyse der Quellen zeigt jedoch, dass sich Seidler bei der Gleichsetzung von „Sittlichkeitsdelikten" mit Vergewaltigungen geirrt hat.196 Die von ihm erwähnte Wehrmachtkriminalstatistik weist tatsächlich einen Rückgang im vierten Quartal von 1940 auf.197 Doch seine Erklärung dafür ist in zweierlei Hinsicht unzutreffend. Zwar ist im § 127 MStGB allgemein von „Verbrechen oder Vergehen wider die Sittlichkeit" die Rede, deren strafrechtliche Verfolgung unabhängig von der Strafanzeige der betroffenen Person sei. Diese Regelung konnte sich aber nur auf diejenigen Delikte beziehen, die laut Strafgesetzbuch überhaupt zu den Antragsdelikten zählten. Die Ahndung von Taten nach den §§ 176 und 177 StGB war jedoch weder 1935 noch 1940 von einem Strafantrag abhängig, da beide als Offizialdelikte galten. Somit hatte die Streichung des § 127 MStGB 1940 keine Auswirkung auf sie, wie Schwinge in seinem zeitgenössischen Kommentar dazu auch ausdrücklich betont. 198 Darüber hinaus können die in der Statistik für die letzten drei Monate des Jahres 1940 aufgeführten Verurteilten nicht in Zusammenhang mit der Neufassung des MStGB gebracht werden. Denn die diesbezügliche Verordnung trat erst am 1. Dezember 1940 in Kraft und konnte keine unmittelbaren Auswirkungen mehr auf das letzte Quartal von 1940 haben. Auch hat Fritz Wüllner detailliert die Verspätungsfaktoren aufgezeigt, die bei der Erstellung der Wehrmachtkriminalstatistik eine Rolle spielten. Demnach können die im Dezember 1940 erfolgten Verfahren und erlassenen Urteile in der Zählung für dieses Jahr nicht berücksichtigt worden sein. Christa Paul hat in ihrem Buch über die Bordelle im Dritten Reich die Fehlinterpretation von Seidler übernommen. Beide führen den Hinweis auf die Antragspflicht im Hinblick auf die Aufweichung der Strafbestimmungen in Fällen von sexueller Gewalt an. Paul spricht in diesem Zusammenhang davon, dass eine „faktische Straffreiheit" geherrscht habe, da „Vergewaltigungen von der Heeresleitung toleriert, gedeckt und sogar erwünscht waren". 199 Auf diese These soll hier nicht weiter eingegangen werden, festzuhalten bleibt jedoch, dass sie zumindest nicht durch eine angebliche Antragspflicht begründet werden kann.200 Neben den erwähnten Paragraphen zur „Sittlichkeit" im Reichsstrafgesetzbuch konnten für die Aburteilung von Sexualverbrechen im Dritten Reich 193 I% 197 198 199 200 Seidler, Prostitution, S. 141. Seine Angaben wurden zunächst auch von mir ohne Nachprüfung in einem Aufsatz zitiert. Birgit Beck, Sexuelle Gewalt und Krieg. Geschlecht, Rasse und der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion, 1941-1945, in: Veronika Aegerter u.a. (Hg.), Geschlecht hat Methode. Ansätze und Perspektiven in der Frauen- und Geschlechtergeschichte. Beiträge der 9. Schweizerischen Historikerinnentagung 1998, Zürich 1999, S. 223-234, hier S. 226. Hennicke, Auszüge, S. 454. Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 326f. Paul, Zwangsprostitution, S. 102 u. S. 115, Anm. 11. Vgl. Kap. II, 1.
3. Sexuelle Straftatbestände 159 noch weitere Gesetze und Verordnungen herangezogen werden, die teilweise auch eine erhebliche Strafverschärfung im Vergleich zu den oben erwähnten Bestimmungen beinhalteten. So erlaubte seit 1939 die bereits erwähnte erste Ergänzung der KSSVO nicht mehr nur die Verhängung von Zuchthaus- und Gefängnisstrafen, sondern auch von Todesurteilen. Mit dem so genannten „Gewohnheitsverbrechergesetz" vom 24. November 1933, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat, wurde zunächst die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, die Kastration bei „Sittlichkeitsverbrechern" durchführen zu können. 201 Das Gesetz richtete sich in erster Linie gegen Wiederholungstäter wie Einbrecher oder Sexualstraftäter, darüber hinaus auch gegen geisteskranke und nicht mehr zurechnungsfähige Menschen, denen Gemeingefährlichkeit unterstellt wurde, und schließlich gegen die so genannten „Asozialen". Zur letztgenannten Gruppe wurden im Dritten Reich Alkoholiker, Obdachlose, Bettler, Fürsorgeempfänger und Prostituierte gezählt.202 Der Ermessensspielraum für die Justiz bei der Anwendung und Auslegung des Gesetzes war insofern besonders groß, als der „gefährliche Gewohnheitsverbrecher" nicht näher definiert war und letztlich der jeweils zuständige Richter über die Wiederholungsgefahr bei Kriminellen sowie über deren persönliche Veranlagung zur Straffälligkeit zu entscheiden hatte.203 Das Gesetz ging noch auf Pläne aus der Weimarer Republik zurück und wurde dann vor allem aufgrund der Forderungen Hitlers nach gesetzlichen Möglichkeiten zur Sterilisation von Kriminellen ausgearbeitet. Die Zielsetzungen verweisen auf die „rassenhygienische" Politik der nationalsozialistischen Regierung, wie sie sich unter anderem in dem nur wenige Monate zuvor erlassenen „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" 204 widerspiegelte. Während der Anteil der „gutrassigen" und damit gesunden „arischen" Bevölkerung erhöht werden sollte, dienten Sterilisation und Abtreibung dazu, kranke und „minderwertige" Menschen an der Fortpflanzung zu hindern. 205 Im Sinne der nationalsozialistischen Rechtsauffassung, dass die Rechte des Einzelnen zugunsten des Wohls der Gemeinschaft zurückzutreten hätten, konnten aufgrund dieses Gesetzes die als „Gewohnheitsverbrecher" typisierten Verurteilten in Heil- oder Pflegeanstalten gebracht, ein Berufsverbot oder 201 202 203 204 203 RGBl. I 1933, S. 995: „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung. Vom 24. November 1933". Über Entstehung und Auswirkungen siehe Müller, Gewohnheitsverbrechergesetz., S. 965-979; Gruchmann, Justiz, S. 838-844. Die zeitgenössischen Auffassungen und Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen sozialem Status und Kriminalität beschreibt Wetzeil, Criminal, S. 219-231. Gruchmann, Justiz, S. 838f. Über die Verfolgung von „asozialen" Menschen im Dritten Reich siehe Ayaß, „Asoziale". Zu den Debatten in der Weimarer Republik vgl. Wetzeil, Criminal, S. 237-254. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", auch kurz „Stcrilisationsgesetz" genannt, wurde am H.Juli 1933 dem Kabinett vorgelegt und von diesem gebilligt. Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Über die Hintergründe und die Bedeutung dieses „antinatalistischen" Gesetzes siehe Bock, Zwangssterilisation, S. 80-94. Müller, Gewohnheitsverbrechergesetz, S. 966 u. 969. Zur Begrifflichkeit, der Geschichte und den Inhalten der „Rassenhvgienc" siehe vor allem Schmuhl, Rassenhygiene, S. 29-105,151 -172; Bock, Zwangssterilisation, S. 28-41. Gabriele Czarnowski, Das kontrollierte Paar. Ehe- und Sexualpolitik im Nationalsozialismus, Weinheim 1991, S. 23-37.
160 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten die Anordnung zur Sicherungsverwahrung ausgesprochen werden. Wenn eine Belehrung und damit eine positive Entwicklung des Täters durch die üblichen Strafen vom Gericht als nicht erfolgversprechend angesehen wurden, konnte es nach damaliger Überzeugung als Alternative nur eine der „Persönlichkeit des Rechtsbrechers angepaßte[n] Sonderbehandlung" geben.206 In das Strafgesetzbuch wurde deshalb ein eigener Abschnitt über „Maßregeln der Sicherung und Besserung" eingefügt. Demnach sollte bei den erwähnten Straffälligen neben die eigentliche Bestrafung des Verbrechens zugleich die Sicherungsverwahrung oder die „Erziehung" in bestimmten Einrichtungen treten, um zukünftige Straftaten zu verhindern. 207 Zu diesen „Maßregeln" gehörte auch die „Entmannung" bei Männern, die wegen „Unzucht mit Kindern" oder „Notzucht" zu mindestens sechs Monaten Freiheitsentzug rechtskräftig verurteilt worden waren. Auch in Fällen von Mord oder Totschlag, die im Zusammenhang mit dem Geschlechtstrieb standen, konnte die Kastration angeordnet werden. Der Begriff „Entmannung" deutet bereits an, dass sich diese Maßnahmen nur gegen männliche Täter richteten, denn die für die Ausarbeitung des Gesetzes zuständigen Vertreter des Reichsjustiz- und des Reichsinnenministeriums sowie des Reichsgesundheitsamts und der Ärzteschaft sahen die Fälle, in denen Frauen wegen „Sittlichkeitsverbrechen" auffielen, als äußerst gering an.208 Der Kommentar zu diesem Paragraphen führte aus, dass es sich bei einer „Entmannung" nicht um eine Sterilisation, also den Eingriff in die Fortpflanzungsfähigkeit, sondern um eine Kastration und damit zugleich um die Ausschaltung des Geschlechtstriebs handelte. Bis Ende 1939 wurden mehr als 1.800 Männer aufgrund dieses Gesetzes kastriert, um einen Rückfall zu verhindern und die „Volksgemeinschaft" zu schützen. 209 Zugleich wurden derartige Kastrationen als willkommenes „eugenisches" Mittel begrüßt, da die so behandelten Sexualstraftäter keine Kinder mehr zeugen könnten. 210 Wenn ein Angehöriger der Wehrmacht zu einer „Entmannung" verurteilt worden war, dann bedeutete dies zugleich den Ausschluss aus der Wehrmacht.211 Bis 1943 nahm die Zahl der Kastrationen jedoch ab, an ihre Stelle trat die Sicherheitsverwahrung, die oftmals die Einweisung in ein Konzentrationsoder Vernichtungslager bedingte. Ende 1938 waren bereits mehr als 12.000 Menschen in deutschen Konzentrationslagern interniert, weil sie in den Au206 207 208 209 210 211 Boldt, Rechtspolitische Wandlungen, S. 493-496, Zitat S. 495; Franz Gürtner, Von der Entstehung des nationalsozialistischen Strafrechts. Ein Rückblick, in: ders./Roland Freisler, Das neue Strafrecht. Grundsätzliche Gedanken zum Geleit, Berlin 1936, S. 15-18, hier S. 16f. Zur Sicherungsverwahrung siehe Gruchmann, Justiz, S. 719-745. Kohlrausch, Strafgesetzbuch, § 42k, S. 104f., Zitat S. 104. Bock, Zwangssterilisation, S. 94f. Müller, Gewohnheitsverbrechergesetz, S. 972; Boldt, Rechtspolitische Wandlungen, S. 493-496; Bock, Zwangsstenlisation, S. 95. Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 162, gibt für die Zeit bis Ende 1942 eine Mindestzahl von 2.000 „Entmannungen" an. Bei Gruchmann, Justiz, S. 844, werden für den Zeitraum 1934 bis 1939 1.826 gerichtlich angeordnete Kastrationen aufgeführt. Ähnliche Größenordnung bei Jellonnek, Homosexuelle, S. 146-150. Freisler, Das neue Strafrecht, S. 148; Frank, Strafgesetzbuch, S. 66-128. § 31 MStGB 71944; BA-MA H 20/490: Abschrift HVBL. v. 15.3.43 Teil C Bl. 8, Nr. 126: „Wehrdienst von Unfruchtbargemachten", OKW, 26. Februar 1943.
3. Sexuelle Straftatbestände 161 gen von SS und Polizei sowie der Justiz als so genannte „Asoziale" und „Gewohnheitsverbrecher" galten. Seit September 1942 wurden auch sie zunehmend und geplant Opfer der Aktion „Vernichtung durch Arbeit", die zwischen dem Reichsjustizminister Otto Thierack und Heinrich Himmler als Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei vereinbart worden war.212 Gegenüber der Öffentlichkeit wurde der Zweck des Gesetzes mit dem Schutz der Bevölkerung vor Wiederholungstätern begründet, die eigentlichen Ziele lagen aber vor allem auf der „rassenhygienischen" Ebene. Dies zeigen die Begründungen, mit denen Menschen als „Gewohnheitsverbrecher" eingestuft wurden. So konnten neben dem Vorstrafenregister immer häufiger auch angeblich „asoziales" Verhalten oder nicht der nationalsozialistischen Norm entsprechende Familienverhältnisse den Ausschlag für eine Verurteilung und die anschließende Sicherungsverwahrung geben. Trotz seiner schwerwiegenden Inhalte blieb das „Gewohnheitsverbrechergesetz" auch nach dem Ende des Dritten Reiches noch bis 1970 in Kraft - einzig die Möglichkeiten zur zwangsweisen Kastration wurden nach 1945 gestrichen.213 Sechs Jahre nach dem Erlass dieses Gesetzes schuf das nationalsozialistische Regime die rechtlichen Voraussetzungen, um Plünderungen sowie Eigentumsoder Körperverletzungsdelikte und Sexualstraftaten mit dem Tode ahnden zu können. Zunächst wurde die „Verordnung gegen Volksschädlinge" am 5. September 1939 eingeführt, die neben hohen Zuchthausstrafen auch die Todesstrafe vorsah, wenn eine Tat unter Ausnutzung der Kriegsmaßnahmen verübt worden war.214 Dazu zählten beispielsweise die Verdunkelung oder der Fliegeralarm sowie nicht genauer definierte, durch den Krieg verursachte Umstände. Bei dieser Verordnung lag es ähnlich wie beim zuvor erwähnten Gesetz im subjektiven Ermessen des zuständigen Gerichts, ob es einen Angeklagten als „Volksschädling" klassifizierte und damit einem Tätertyp zuordnete, dem die Todesstrafe drohte. Die individuellen Auslegungsmöglichkeiten führten dazu, dass auch bei Bagatelldelikten die höchste Strafe verhängt wurde. Insbesondere seit Ende 1942 und im Rahmen der zunehmenden Bombenangriffe seitens der Alliierten wurden kleinere Diebstähle, Plünderungen und sonstige Eigentumsdelikte rücksichtslos und unnachgiebig bestraft.215 Nur drei Monate nach der „Volksschädlingsverordnung" wurde am 5. Dezember 1939 eine weitere Rechtsgrundlage gebildet, aufgrund derer Sexualverbrechen mit dem Tode bestraft werden konnten. Die „Verordnung gegen 212 213 214 213 Bruno Blau, Die Kriminalität in Deutschland während des zweiten [sie] Weltkrieges, in: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 64 (1952), S. 31-81, hier Tabelle 11 auf S. 73 u. 79; Müller, Gewohnheitsverbrechergesetz, S. 973f.; entsprechende Zahlen auch bei Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 164-167. Von 1934 bis 1942 sollen 16.000 Menschen in „Sicherungsverwahrung" genommen worden sein. Siehe dazu Frommel, Verbrechensbekämpfung, S. 56. Müller, Gewohnheitsverbrechergesetz., S. 974-978. „Verordnung gegen Volksschädlinge. Vom 5. September 1939", RGBl. I 1939, S. 1679; siehe auch MStGB 71944, S. 174-176: „Verordnung gegen Volksschädlinge" vom 5. September 1939 sowie die beiden Verordnungen zur Durchführung vom 7. und 27. September 1939. Gruchmann, Justiz, S. 906-909; Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 210-213.
162 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten Gewaltverbrecher" richtete sich gegen Straftäter, die eine Vergewaltigung, einen Raub oder ein anderes schweres Verbrechen unter Anwendung von Schuss- oder Stichwaffen begangen oder andere damit massiv bedroht hatten.216 Laut dem entsprechenden Kommentar von Otto Schwarz sollte der Begriff der Waffe nicht zu eng definiert werden, es genüge bereits für die Heranziehung der Verfügung, wenn der Täter einen Gegenstand zur Gewaltausübung benützt habe. In der Rechtspraxis führte dies dazu, dass auch ein Teppichklopfer oder ein Faustschlag als „Waffen" interpretiert wurden. 217 Die genannten Bestimmungen richteten sich gegen einen spezifischen Tätertyp, den „Gangstertyp nach amerikanischem Muster", der sein Verbrechen schonungslos und kaltblütig ausführe. Eine Handlung im Affekt sollte dagegen nicht als derart kriminell eingestuft werden. 218 Neben diesen beiden Verordnungen sowie dem § 5a KSSVO, die bereits durch ihre diffusen Inhalte den Richtern große Interpretationsfreiheit boten, stand seit dem 4. September 1941 mit dem „Gesetz zur Änderung des Reichsstrafgesetzbuchs" ein weiteres, folgenreiches Instrumentarium zur Verfügung. Denn es setzte nationalsozialistische Rechtsgrundsätze radikal um und lieferte den Gerichten, vor allem den zivilen, den größtmöglichen Handlungsspielraum. Laut Änderungsgesetz drohte nicht nur dem gefährlichen „Gewohnheitsverbrecher", sondern auch dem „Sittlichkeitsverbrecher" die Todesstrafe, „wenn der Schutz der Volksgemeinschaft oder das Bedürfnis nach gerechter Sühne es erfordern". 219 Der Passus entsprach einem Prinzip des nationalsozialistischen Rechtssystems, wonach die Ahndung eines Verbrechens sich an diesen zwei Motiven orientieren sollte.220 Wie beim „Gewohnheitsverbrechergesetz" wurde auch bei diesem Gesetz mit der Todesstrafe vordergründig der Schutz der „Volksgemeinschaft" vor solchen Tätern angestrebt, zugleich sollten dadurch eugenische Zielsetzungen verwirklicht werden. So habe das Strafrecht nach Ansicht des Reichsjustizministers der „Reinigung des Volkskörpers" zu dienen, was „durch fortgesetzte organische Ausschließung des unverbesserlichen asozialen Verbrechers" bewirkt werde.221 Ganz im Sinne dieser Überlegungen wurde 1943 aufgrund der Bestimmungen der „Gewaltverbrecherverordnung" sowie des erwähnten Änderungsgesetzes zum Strafgesetzbuch in 114 Verfahren wegen „Notzucht" die Todesstrafe verhängt.222 Das Reichsministerium der Justiz begrüßte in seiner Stellungnahme zu ähnlichen Prozessen dieses Strafmaß ausdrücklich, denn „der Schutz der Volksgemeinschaft verlangt, daß die 216 217 218 219 220 221 222 „Verordnung gegen Gewaltverbrecher. Vom 5. Dezember 1939", RGBl. I 1939, S. 2378. Gruchmann, Justiz, S. 913f. Gruchmann, Justiz, S. 913. Schwarz, Strafgesetzbuch, Sonderteil Kriegsstrafrecht, Nr. 7, S. 1030. Ausführungen zu dieser Verordnung auch bei Gleispach, Kriegsstrafrecht, Teil I, S. 25-30. RGBl. I 1941, S. 549f. Kunze, Zur Strafbemessung, S. 124. Boberach (Hg.), Richterbriefe, S. 56f.: Richterbriefe Nr. 4 vom 1. Januar 1943, Stellungnahme des Reichsministers der Justiz. Ebd., S. 9, Anm. 7.
3. Sexuelle Straftatbestände 163 Strafe im Kriege in derartigen Fällen vor allem der Abschreckung dient". Jegliche Milde sei fehl am Platz, ein Täter müsse wissen, dass die Gerichte auch an der Heimatfront rücksichtslos durchgreifen würden. 223 Bereits bei den Beratungen zu einem neuen Strafgesetzbuch war das Kabinett mit Reichsjustizminister Franz Gürtner darin übereingekommen, für schwerwiegende Fälle von Vergewaltigungen neben der Zuchthaus- auch die Todesstrafe gesetzlich zu verankern. Da die Umsetzung der Strafrechtsreform letztlich scheiterte, wurden diese Pläne für eine Strafverschärfung schließlich durch die erwähnten Verordnungen und das Änderungsgesetz verwirklicht.224 Wie Richard Evans betont, diente die Androhung der Todesstrafe während des Krieges „der Terrorisierung der Bevölkerung, die zur Disziplin an der Heimatfront gezwungen werden sollte".225 Die Idee von der „Volksgemeinschaft", in der der Einzelne nur auf den Nutzen für die anderen Mitglieder hinarbeiten und seine eigenen Interessen zurückstellen sollte, konnte nicht mehr allein durch die ideologische Überzeugungsarbeit aufrechterhalten werden. Drakonische Strafen, insbesondere die rücksichtslose Anwendung der Todesstrafe gegenüber den „nichtangepassten" Mitgliedern traten an ihre Stelle. Auch die Militärgerichtsbarkeit bediente sich der neu geschaffenen Rechtsgrundlagen. Im Juni 1940 wies das OKH ausdrücklich die Oberbefehlshaber der Armeen darauf hin, dass die „Gewaltverbrecherverordnung" für Wehrmachtangehörige und für das Heeresgefolge auch dann gelte, wenn die Tat außerhalb des Deutschen Reiches begangen worden sei. Zwar hatten im Sommer 1940 bereits mehrere Militärgerichte Soldaten nach verübten Vergewaltigungen zum Tode verurteilt, indem sie diese Verordnung zur Verschärfung des Strafmaßes herangezogen hatten. Bei einigen Richtern herrschte aber offenbar noch Unklarheit über die Modalitäten, so dass das O K H die entsprechende Stellungnahme herausgab.226 Insgesamt lässt sich die Bedeutung der jeweiligen Paragraphen und Verordnungen zu „Sittlichkeitsdelikten" im Dritten Reich noch kaum erfassen, da eine neuere und empirische Untersuchung, wie sie etwa Tanja Hommen für das Deutsche Kaiserreich vorgelegt hat, noch aussteht. Zwar liegen Arbeiten zur „Sittengeschichte" vor, doch sind sie überwiegend älteren Datums und auch hinsichtlich ihrer Methode und Darstellung als populärwissenschaftlich zu bewerten. Darüber hinaus wird die Strafverfolgung selten thematisiert.227 Trotz bestehender Forschungslücken soll aber anhand der verfügbaren Anga223 224 223 226 227 Ebd., S. 10: Richterbriefe Nr. 1 vom 1. Oktober 1942, Stellungnahme des Rcichsministers der Justiz. Gruchmann, Justiz, S. 804. Über das Scheitern der Reform nach sechs Jahren siehe die detaillierte Schilderung in ebd., S. 753-822. Evans, Rituale der Vergeltung, S. 832. BA-ZNS RH 15 a G/8 Disziplin und Rechtspflege, Bl. 24: O K H 458 GenQu (III) GenStdH Nr. 14709/40, vom 19. Juni 1940, „Betr. Anwendung der Verordnung gegen Gewaltverbrecher vom 5.12.39", gez. Generalquartiermeister Müller. Siehe in der vorliegenden Arbeit auch das Kapitel über die Todesurteile. Hans Peter Bleuel, Das saubere Reich. Theorie und Praxis des sittlichen Lebens im Dritten Reich, Bern 1972, beschäftigt sich in einem Kapitel mit „Sexualdelikten" und greift darin die Verfolgung der Homosexuellen, den Umgang deutscher Frauen mit Kriegsgefangenen sowie
164 IV. Die Militärgerichtsbarkeit und sexuelle Straftaten ben aus der Reichskriminalstatistik noch kurz auf die Größenordnung sexueller Straftaten eingegangen werden. In diese Datensammlung fanden nur diejenigen Strafsachen Eingang, die Verbrechen und Vergehen gegen die Reichsgesetze darstellten und die von ordentlichen Gerichten als solche rechtskräftig verurteilt worden waren. Bestimmte Delikte, wie zum Beispiel Straftaten von Personen, die der Militärgerichtsbarkeit oder der Sondergerichtsbarkeit der SS unterstanden, Urteile des Volksgerichtshofes sowie Straftaten von so genannten „Rassejuden" wurden dagegen nicht in die Statistik aufgenommen. Erfasst wurden nur die verurteilten Personen, nicht jedoch die erfolgten strafbaren Handlungen. Wenn in einem Verfahren ein Angeklagter wegen mehrerer Delikte verurteilt worden war, wurde das Verbrechen registriert, für das die schwerste Strafe vorgesehen war. Die Statistiken wurden bis zum Juni 1940 veröffentlicht, danach erschienen die Zahlen bis Anfang Juni 1943 nur noch in einer geheimen Denkschrift des Statistischen Reichsamtes und für die Zeit danach bis zum Ende des Krieges liegen keine Daten mehr vor. Wie auch bezüglich der Wehrmachtkriminalstatistik gilt es zu beachten, dass Akten einzelner Gerichte bereits an Ort und Stelle durch Kriegseinwirkung vernichtet wurden oder auf dem Transportweg Informationen verloren gingen. Vor allem für die erste Hälfte des Jahres 1943 muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei den Zahlen um Mindestangaben handelt. 228 Von 1932 bis 1938 stieg im Rahmen der Verurteilungen nach dem Reichsstrafgesetzbuch der Anteil der wegen Verübung von „Sittlichkeitsdelikten" belangten Personen. Er lag grundsätzlich während des Zweiten Weltkrieges höher als im Ersten Weltkrieg, was vor allem auf die verschärfte Strafverfolgung und die entsprechende Zunahme der Urteile aufgrund der §§ 175 und 175a RStGB, also der „Unzucht zwischen Männern", zurückzuführen ist.229 Zum einen wurde die gerichtliche Ahndung von Straftaten intensiviert, zum anderen stieg aber auch die Bereitschaft der Bevölkerung, solche Taten überhaupt anzuzeigen. Irmtraud Götz von Olenhusen hat in diesem Zusammenhang zu Recht darauf hingewiesen, dass sich „an der Zunahme bestimmter Delikte nicht das vermehrte Vorkommen bestimmter Delikte ablesen [lässt], sondern vielmehr der Wandel einer Rechtskultur". 230 228 229 230 die Prostitution und die Abtreibungsfrage auf. Ebd., S. 242-281; Sittengeschichte des Zweiten Weltkrieges. Die tausend Jahre von 1933-1945. In Fortsetzung der von Magnus Hirschfeld verfaßten „Sittengeschichte des Ersten Weltkrieges", unter Mitarbeit von Andreas Caspar u.a., Nachdr. der 2. neubearb. Aufl., Hanau 1978. Das Buch enthält ein Kapitel über „Sex und Erotik im Krieg" mit zahlreichen Bildern, es ist jedoch ohne wissenschaftlichen Apparat, ebd., S. 307-401; neueren Datums ist das Buch der Publizisten Maiwald/Mischler, Sexualität. Die Autoren verweisen allerdings selbst darauf, dass ihre Arbeit „keine wissenschaftliche, akademische Studie" ist. Ebd., S. 9. Blau, Kriminalität, S. 35-42; Reinhard Schütz, Kriminologie im Dritten Reich. Erscheinungsformen des Faschismus in der Wissenschaft vom Verbrechen, Mainz 1972, S. 27-30. Blau, Kriminalität, Tabelle 11, S. 64; Seidler, Prostitution, S. 199. Götz von Olenhusen, Sexualisierte Gewalt, S. 223. Vgl. auch Wagner, Volksgemeinschaft, S. 217,297.
3. Sexuelle Straftatbestände 165 Zwischen 1937 und 1943 wurden mehr als 1,8 Millionen Menschen wegen Verbrechen im Sinne des Reichsstrafgesetzbuchs verurteilt, davon 2.623 aufgrund von „Notzucht" nach § 177 RStGB. Die Fälle von „Nötigung zur Unzucht" oder „Unzucht mit Minderjährigen" nach § 176 RStGB beliefen sich dagegen auf über 26.000.231 Im Vergleich dazu wie auch zu anderen Delikten, beispielsweise „widernatürliche Unzucht" oder „Kuppelei", bildeten die Verurteilungen wegen „Notzucht" mit knapp mehr als 2.600 also den kleinsten Nenner. Sie stellten gegenüber den Gesamtverurteilungen nach dem Reichsstrafgesetzbuch insgesamt nur 0,14% dar. In diesem Zusammenhang muss erneut auf die Dunkelziffer hingewiesen werden, die bei Sexualstraftaten eine wesentliche Rolle spielt.232 Zeitgenössische Autoren, die sich mit der Problematik der Dunkelziffer bei verschiedenen Straftaten beschäftigten, legten zwar bezüglich der strafbaren homosexuellen Handlungen sowie der durchgeführten Abtreibungen unterschiedliche Schätzungen vor. So wurde das Verhältnis zwischen den statistisch erfassten und den tatsächlich durchgeführten Abtreibungen auf 1 zu 100 vermutet, eine gleiche Dunkelziffer nahm Kurt Meyer für die Fälle von Homosexualität an. Für die Fälle nach den §§ 176 und 177 RStGB wurden dagegen keine entsprechenden Berechnungen angestellt.233 Es bleibt daher festzuhalten, dass Vergewaltigungen im Rahmen der Verurteilungen von „Sittlichkeitsdelikten" durch zivile Gerichte eine untergeordnete Rolle spielten und demgegenüber die „unzüchtigen Handlungen" oder auch die „Unzucht" mit Kindern stärker vertreten waren. Das nächste Kapitel untersucht, welchen Stellenwert Sexualverbrechen innerhalb der Militärjustiz besaßen. 231 232 233 Blau, Kriminalität, S. 50. Vgl. auch Schütz, Kriminologie, S. VIII, X. Schultz, Dunkelziffer, S. 241; Jörg-Martin Jchle, Strafrechtspflege in Deutschland. Fakten und Zahlen, hg. vom Bundesministerium der Justiz, Bonn 1997, S. 10f.; Brockhaus/Kolshorn, Sexuelle Gewalt, S. 47; Harten, Sexualität, S. 10; Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 139. Kurt Meyer, Die unbestraften Verbrechen. Kriminalistische Abhandlungen Hft. 47, Leipzig 1941.
V. SEXUALVERBRECHEN UND IHRE AHNDUNG DURCH MILITÄRGERICHTE 1939-1945 1. DEUTSCHE HERRSCHAFTSSTRUKTUREN IN DEN BESETZTEN LÄNDERN Am 1. September 1939 brach in den frühen Morgenstunden mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Krieg in Europa aus, mit dem Adolf Hitler seine bereits in „Mein Kampf" dargelegten machtpolitischen, rassistischen und expansionistischen Ideen zu verwirklichen suchte. Auf dem Weg hin zur Erringung europäischer Hegemonie und Weltmachtstellung für das Deutsche Reich, der Erlangung wirtschaftlicher Autarkie, der Gewinnung von „Lebensraum" im Osten sowie der Vernichtung der Juden wurden nun nach der bereits erfolgten Angliederung Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei Schritt für Schritt weitere Länder in „Blitzkriegen" der deutschen Herrschaft unterworfen. Auf Polen folgten im Frühjahr und Sommer 1940 die Angriffe gegen Dänemark, Norwegen, die Beneluxstaaten, die britischen Kanalinseln sowie gegen Frankreich, ein Jahr später wurden Griechenland und Jugoslawien besetzt. Verbündet mit dem von Benito Mussolini faschistisch geführten Italien und vernetzt mit dessen ebenfalls expansionistischer Kriegszielpolitik im Mittelmeerraum kämpften deutsche Soldaten auch in Nordafrika und in Ägypten. 1 Exakt auf den Tag genau ein Jahr nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit Frankreich begann schließlich am 22. Juni 1941 mit dem „Unternehmen Barbarossa" 2 der Krieg gegen die Sow' 2 Die Literatur zum Zweiten Weltkrieg ist kaum mehr überschaubar. An dieser Stelle sollen daher nur einige zentrale Arbeiten genannt werden, die sich zum einen mit den nationalsozialistischen Kricgszielen, zum anderen mit der konkreten Entwicklung auf den jeweiligen Kriegsschauplätzen befassen. Zum ersten Punkt siehe Andreas Hillgruber, Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941, München 2 1982; Martin Broszat, Der Nationalsozialismus. Weltanschauung, Programm und Wirklichkeit, Stuttgart 1960; Wolfgang Michalka (Hg.), Der Zweite Weltkrieg. Analysen, Grundzüge, Forschungsbilanz, München 1989; Wilhelm Deist/Manfred Messerschmidt/Hans-Erich Volkmann/Wolfram Wette, Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges, Frankfurt/Main 21989. Zum zweiten Punkt siehe vor allem die auf zehn Bände angelegte Reihe: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, hg. vom Militärgcschichtlichen Forschungsamt, 7 Bde., Stuttgart 1979-2001, abgekürzt DRZW; Weinberg, World; Lothar Gruchmann, Der Zweite Weltkrieg. Kriegführung und Politik, München l01995. Zur Vernichtungspolitik siehe Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, 3 Bde., Frankfurt/Main 1990; Ulrich Herbert (Hg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt/Main 1998; Götz Aly, „Endlösung". Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt/Main 1998; Longerich, Politik. Die deutsche Wehrmacht rückte mit den drei Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd und mehr als drei Millionen Soldaten in sowjetisches Territorium ein. Gruchmann, Weltkrieg, S. 124-130. Ernst Klink, Die Landkriegführung, in: DRZW, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stutt-
1. Herrschaftsstrukturen in den besetzten Ländern 167 jctunion, der aufgrund seiner von Beginn an rassenideologisch motivierten Ziele als „Vernichtungskrieg" in die Geschichte einging.3 Die von der deutschen Wehrmacht eroberten und dann teilweise besetzten Gebiete wurden auf unterschiedliche Art und Weise verwaltet, die Form der Besatzungspolitik unterschied sich dabei in Ost-, Nord- und Westeuropa stark. So wurden Teile Polens in das Reich eingegliedert, während die übrigen Regionen das „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete" bildeten. Länder wie Norwegen oder Holland erhielten eine Zivilverwaltung unter der Leitung von deutschen Reichskommissaren, und einige Regionen Belgiens sowie zunächst die nördlichen Gebiete Frankreichs mit mehr als 21.000 Gemeinden und 23 Millionen Bewohnern standen unter deutscher Militärverwaltung mit einem Militärbefehlshaber an der Spitze. Dagegen blieb die so genannte französische Südzone bis November 1942 unbesetzt, in dem dort gelegenen Kurort Vichy richtete sich die Regierung unter Marschall Henri Philippe Petain ein.4 Als „Militärbefehlshaber in Frankreich" war seit Oktober 1940 General Otto von Stülpnagel zuständig für die Verwaltung, Exekutive und die innere Sicherheit. Die Durchführung dieser Aufgaben wurde in den einzelnen Provinzen und Kommunen nach der Einrichtung von Oberfeld-, Feld- und Ortskommandanturen überwiegend durch Angehörige des Militärs wahrgenommen. 3 Daneben erledigte die deutsche Feldgendarmerie polizeiliche Aufgaben im Bereich des Eleeres, wie zum Beispiel die Verkehrsregelung, aber auch die Überwachung der Wehrmachtangehörigen in Bezug auf Disziplinlosigkeiten 3 4 3 gart 1983, S. 190-275, Aufmarschanweisung und Kräfteverteilung beim Angriff ebd., S. 246, 270. Für einen ersten Einstieg in die Fülle an Literatur siehe die Bibliographie von Müller/Ueberschär, Hitlers Krieg. Daneben Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette (Hg.), „Unternehmen Barbarossa". Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941. Berichte, Analysen, Dokumente, Paderborn 1984; Krausnick/Wilhelm, Truppe des Weltanschauungskricges; Bernd Wegner (Hg.), Zwei Wege nach Moskau. Vom Hitler-Stalin-Pakt zum „Unternehmen Barbarossa", München 1991; Peter Jahn/Reinhard Rürup (Hg.), F'robcrn und Vernichten. Der Krieg gegen die Sowjetunion, Berlin 1991. Einen detaillierten Einblick in die Verwaltungsstrukturen in den einzelnen Ländern bietet Hans Umbreit, Auf dem Weg zur Kontincntalherrschaft, in: DRZW, Bd. 5/1: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1939-1941, Stuttgart 1988, S. 3-345, hier S. 3-135. Vgl. auch Flans Werner Neulen, Deutsche Besatzungspolitik in Westeuropa - zwischen Unterdrückung und Kollaboration, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hg.), Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn 21993, S. 404-425. Rita Thalmann, Gleichschaltung in Frankreich 1940-1944, Hamburg 1999, S. 16-30, Organigramm der Militärverwaltung ebd., S. 346f.; Eberhard Jäckcl, Frankreich in Hitlers Europa. Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1966, S. 59-66. E^ine Karte mit den Feld- und Kreiskommandanturen im März 1941 ist abgebildet bei Umbreit, Kontinentalherrschaft, S. 204f. Die nordfranzösischen Departements Nord und Pas-de-Calais unterstanden dem „Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich", General Alexander von Falkenhausen. Wolfram Weber, Die innere Sicherheit im besetzten Belgien und Nordtrankreich 1940-1944. Ein Beitrag zur Geschichte der Besatzungsverwaltungen, Düsseldorf 1978, S. 19-26. Die britischen Kanalinseln Jersey, Guernsey, Sark und Alderney waren ebenfalls der Militärverwaltung in Frankreich zugeordnet.
168 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 und sonstige Regelverstöße. Gegenüber der Zivilbevölkerung war sie verantwortlich für die Abwehr von Spionage und Sabotageakten. Die in der Sowjetunion besetzten Gebiete wurden teilweise zu zivil verwalteten Reichskommissariaten wie die Ukraine und die baltischen Staaten mit Teilen Weißrusslands, andere Regionen unterstanden weiter einer Militärverwaltung. Alfred Rosenberg, der selbst aus dem Baltikum stammte, wurde zum „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" ernannt. 6 Die eigentlich vollziehende Gewalt lag in den Händen der Oberbefehlshaber der Heeresgruppen und Armeen, indem das Operationsgebiet des Heeres in ein unmittelbares Kampfgebiet, in ein rückwärtiges Armeegebiet sowie in ein rückwärtiges Heeresgebiet unterteilt wurde. 7 Eigentlich war diese Form der Militärverwaltung nur als eine vorübergehende Maßnahme gedacht gewesen - es sollten weitere Reichskommissariate mit ziviler Verwaltung etabliert werden -, doch die Entwicklung an der Front verlief nicht wie von der politischen und militärischen Führung erwartet. Auf der regionalen Ebene bildeten deshalb auch hier, wie bereits in Frankreich, die an Verkehrsknotenpunkten oder Versorgungsstellen eingerichteten Oberfeld-, Feld-, Orts- oder Kreiskommandanturen zentrale Organe der Besatzungsmacht. Für die Aufrechterhaltung der militärischen Sicherheit waren neben der Feldgendarmerie und der Geheimen Feldpolizei auch Ordnungspolizei, Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD sowie einheimische Hilfskräfte zuständig. 8 Wie Hans Umbreit betont hat, bedeutete der Krieg für die meisten Europäer im Wesentlichen eine „mehrjährige deutsche Fremdherrschaft". 9 Dabei differierte die Behandlung der jeweiligen einheimischen Bevölkerung in den umkämpften und später dann besetzten Gebieten auf eklatante Weise aufgrund langfristiger politischer und „rassenideologischer" Zielsetzungendes nationalsozialistischen Regimes, sie hing aber zugleich eng mit der jeweiligen militärischen Lage sowie mit den verschiedenen Formen der Kollaboration und der Dimension des Widerstandes vor Ort zusammen. 10 So blieben in den okkupierten nord- und westeuropäischen Ländern wie Belgien, Dänemark, Norwegen oder Frankreich die meisten Bewohner auch nach der Besetzung durch die deutschen Truppen weiterhin Bürger mit gewissen Rechtsgarantien. Ausgeschlossen von diesem Status waren freilich auf6 7 8 9 0 Czesfaw Madajczyk, Deutsche Besatzungspolitik in Polen, in der UdSSR und in den Ländern Südosteuropas, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funkc/Hans-Adolf Jacobsen (Hg.), Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn 21993, S. 426-439; Umbreit, Kontinentalherrschaft, S. 77-95. Jürgen Förster, Die Sicherung des »Lebensraumes", in: DRZW, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 1030-1078, hier S. 1030f.; Umbreit, Kontinentalherrschaft, S. 100102. Umbreit, Kontinentalherrschaft, S. 183-186; ders., Die Verantwortlichkeit der Wehrmacht als Okkupationsarmee, in: Müllcr/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 743-753, hier S. 750f. Ders., Verantwortlichkeit, S. 743. Hagen Fleischer, Nationalsozialistische Besatzungsherrschaft im Vergleich: Versuch einer Synopse, in: Wolfgang Benz/Johannes Houwink ten Cate/Gerhard Otto (Hg.), Anpassung - Kollaboration - Widerstand. Kollektive Reaktionen auf die Okkupation, Berlin 1996, S. 257-302.
1. Herrschaftsstrukturen in den besetzten Ländern 169 grund der Rassenideologie die Juden und aus politischen Gründen die Mitglieder des Widerstandes oder Menschen, die als Sympathisanten des Gegners verdächtigt wurden. Sie traf die ganze Härte der deutschen Besatzungsherrschaft. Generell galten die erwähnten Nationen aber nach nationalsozialistischer Auffassung als so genannte „artverwandte" Völker und bildeten laut Diemut Majer „Verbündete oder potentielle Verbündete" im Krieg gegen die Sowjetunion und den Bolschewismus." Auch sollten die nordeuropäischen Staaten im Rahmen des von Hitler angestrebten „Großgermanischen Reiches"12 unter deutscher Führung einen, wenn auch untergeordneten, Platz einnehmen. Frankreich war dagegen vor allem der Status als „Reiseland" innerhalb Europas zugedacht. 13 Demgegenüber stand die rechtliche Situation für die Bevölkerung im Osten von Beginn an unter gänzlich anderen Vorzeichen. Bereits während des Krieges gegen Polen wurden dort durch die „Einsatzgruppen" von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst jüdische Bewohner, die politische Führungsschicht, Angehörige der Intelligenz sowie der Kirche ermordet, darüber hinaus auch viele Zivilisten vertrieben oder als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. H Die Sowjetunion sollte wirtschaftlich ausgebeutet und zum Kolonial- beziehungsweise „Lebensraum" der „arischen Rasse" werden. Ein Großteil der slawischen Bevölkerung sollte unterjocht und dessen Arbeitskraft ausgenutzt werden, während den Juden, den Funktionären der kommunistischen Partei sowie den Volkskommissaren, also der laut nationalsozialistischer Propaganda so genannten „jüdisch-bolschewistischen" Führungsschicht, die Ermordung drohte. Die weitgehende Umsetzung dieser Ziele führte letztendlich zum Tod von etwa 25 bis 28 Millionen Menschen. 15 Mehr als zwei Drittel von ihnen waren Zivilisten, die aufgrund der allgemeinen Kampfhandlungen, an Hunger und Seuchen sowie im Rahmen der Vernichtung der Juden 16 und bei Aktionen zur Partisanenbekämpfung starben. Bis August 1944 wurden darüber hinaus mehr als 2,8 Millionen Menschen, darunter überwiegend 11 Majer, Grundlagen, S. 172. Hervorhebung i.O. Neulen, Besatzungspolitik, S. 409. 1 ' Marlis G. Steinen, Hitlers Krieg und die Deutschen. Stimmung und Haltung der deutschen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf 1970, S. 140. 14 Richard Breitman, Der Architekt der „Endlösung". Himmler und die Vernichtung der europäischen Juden, Paderborn 1996, S. 90-114; Krausnick, Einsatzgruppen; Tomasz Szarota, Polen unter deutscher Besatzung, 1939-1941: Vergleichende Betrachtungen, in: Wegner (Hg.), Zwei Wege, S. 40-55. Zu den polnischen „Fremdarbeitern" siehe Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Neuaufl., Bonn 1999, S. 77-110; ders., Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001, S. 130-136. 13 Kohl, Krieg, S. 13; Weinberg, World, S. 894. Zum Gesamtkomplex siehe Jürgen Förster, Das Unternehmen „Barbarossa" als Eroberungs- und Vernichtungskrieg, in: DRZW, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 413-447. "' Yahil, Shoah, S. 359-401, 600-606; Peter Klein, Die Erlaubnis zum grenzenlosen Massenmord - Das Schicksal der Berliner Juden und die Rolle der Einsatzgruppen bei dem Versuch, Juden als Partisanen „auszurotten", in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 923-947; Jürgen Förster, Wehrmacht, Krieg und Holocaust, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 948-963, hier S. 953-963. 12
170 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Frauen und Kinder, als so genannte „Fremdarbeiter" 17 in das Deutsche Reich gebracht, wo sie in der Rüstungsindustrie oder in der Landwirtschaft zum Teil unter härtesten Bedingungen arbeiten mussten. Die Vielfalt der unterschiedlichen - hier nur ansatzweise geschilderten Herrschaftsstrukturen spiegelt sich auch in den Verfahren der Wehrmachtgerichtsbarkeit wider, die sich mit Sexualverbrechen deutscher Soldaten befassten. So weisen nicht nur die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich sexuelle Übergriffe ereigneten, sondern auch die rechtlichen Grundlagen, auf die sich die militärgerichtliche Ahndung stützte, je nach Besatzungsgebiet sowie Zeitpunkt des Geschehens durchaus Ähnlichkeiten, aber auch erhebliche Abweichungen auf. Beide gilt es in der folgenden Analyse zu berücksichtigen, bei der zum einen die Sexualverbrechen selbst in den Blick genommen werden, zum anderen anhand des Prozessablaufs, der Strafmaße und der Urteilsbegründungen der Umgang der Militärgerichtsbarkeit mit solchen Delikten untersucht wird. 2. V O N DER ANZEIGE EINES SEXUALVERBRECHENS BIS ZUR ANKLAGEVERFÜGUNG Am 22. Juni 1940, als im Wald von Compiegne an historischer Stätte das Waffenstillstandsabkommen' 8 zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich unterzeichnet wurde, meldete die 12. Kompanie des Infanterie-Regiments 317 dem für sie zuständigen Gericht die zweifache Vergewaltigung einer 56 Jahre alten Französin durch einen Feldwebel der Wehrmacht. Der Vorfall war bekannt geworden, nachdem sich die Frau im Anschluss an die Tat an einen französischen Polizeibeamten gewandt hatte und dieser daraufhin mündlich bei der Wehrmacht Anzeige erstattete.19 Die Vorgehensweise der Zivilistin kann als charakteristisch dafür bezeichnet werden, wie sexuelle Gewaltverbrechen deutscher Soldaten im besetzten Frankreich aufgedeckt wurden. So wurden solche Taten häufig der jeweils ansässigen französischen Gendarmerie gemeldet, die dann die entsprechenden Informationen und gegebenenfalls Aussagenproto17 18 19 Herbert, Fremdarbeiter, S. 11,158-208; Bernhard R. Kroener, „Menschenbewirtschaftung", Bevölkerungsverteilung und personelle Rüstung in der zweiten Kriegshälfte (1942-1944), in: DRZW, Bd. 5/2: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1942-1944/45, Stuttgart 1999, S. 777-1001, hier S. 800-815,928-944. Durch die Wahl des Ortes und des gleichen Salonwagens, in dem im November 1918 mit der Unterzeichnung der Waffcnstillstandsurkunde die deutsche Niederlage besiegelt worden war, wollte Hitler diese deutsche „Schmach" tilgen. Gruchmann, Weltkrieg, S. 63-75; Jäckel, Frankreich, S. 31-44. BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./58, Bl. 1: 12. Komp. Inf.Rcgt. 317, Tatbericht mit acht Anlagen, 22. Juni 1940.
2. Von der Anzeige bis zur Anklage 171 kolle20 an die deutschen Stellen, zum Beispiel die Feldgendarmerie21, weiterleitete. Die örtliche französische Polizei hatte einen wesentlichen Anteil an der Einleitung eines Verfahrens und, wie später noch dargelegt werden wird, auch an der Urteilsfindung. Vor allem in ländlichen Gebieten diente sie der deutschen Feldgendarmerie „als Auge und Ohr" 2 2 - einerseits bei der Überwachung der einheimischen Bevölkerung, andererseits aber auch zur Kontrolle des Verhaltens der deutschen Soldaten, die sich in Frankreich aufhielten.23 In der Sowjetunion gelangten dagegen Meldungen über sexuelle Gewalttaten teilweise direkt über die militärischen Ortskommandanten 24 an die Gerichte. So erstattete im Dezember 1941 eine Frau selbst beim zuständigen Ortskommandanten Anzeige gegen zwei deutsche Gefreite, nachdem sie in ihrem Haus von den beiden geschlagen und vergewaltigt worden war.25 Nicht nur diese Stellen erhielten direkte Informationen über Sexualverbrechen, offenbar wandten sich einige Frauen auch an die Dolmetscher der Wehrmacht. Die zeitgenössisch „Sprachmittler" genannten Soldaten waren oftmals die einzigen, die aufgrund ihrer Sprachkenntnisse nähere Kontakte zur einheimischen Bevölkerung knüpfen konnten und dann nach Übergriffen durch andere Soldaten zu den ersten Ansprechpartnern gehörten oder selbst entsprechende Beobachtungen machten.26 Darüber hinaus konnte es vorkommen, dass eine Frau eine Sexualstraftat einem anderen Wehrmachtangehörigen meldete, den sie wegen einer Einquartierung bereits länger kannte, oder von dem sie annahm, er sei aufgrund seiner Stellung geeignet für eine solche Mitteilung.27 22 BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 3f.: Gendarmerie Nationale in Beaumont la Rouce; BA-ZNS S 227, Gericht des XV Armeekorps, Bl. 26. 21 BA-MA RH 26-6/17: 6. Inf.Div., Anlagenband 2 zum KTB Nr. 5, Anlage 2, Abt. Ia, „Aufgaben und Einsatz der Feldgendarmerie im Div.Bereich", 28. November 1941. Siehe auch Bernd Kasten, „Gute Franzosen". Die französische Polizei und die deutsche Besatzungsmacht im besetzten Frankreich 1940-1944, Sigmaringen 1993, S. 18f. 22 Kasten, „Gute Franzosen", S. 19. 23 Ihre Anzahl variierte zwischen 1940 und 1944 stark. Im Dezember 1941 waren noch mehr als 101.000 deutsche Offiziere und Soldaten in Frankreich, im März 1942 war ihre Anzahl im Zuge des Krieges gegen die Sowjetunion bereits auf gut 40.000 gesunken und erst gegen Ende 1943 stieg die Truppenstärke wieder an, bis im Juni 1944 auf über 1.800.000 Mann. Birgit Kletzin, Trikolore unterm Hakenkreuz. Deutsch-französische Collaboration 1940-1944 in den diplomatischen Akten des Dritten Reiches, Opladen 1996, S. 180; Detlef Vogel, Deutsche und alliierte Kriegführung im Westen, in: DRZW, Bd. 7: Das Deutsche Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943-1944/45, Stuttgart 2001, S. 419-639, hier S. 426-435, 475-478. 24 Zur Untcrgliederung des besetzten Gebietes und der Verteilung von Feld- und Ortskommandanturen siehe die Grafik bei Förster, Sicherung des „Lebensraumes", S. 1032. 23 BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./125, Bl. 5-7: Feldurteil vom 6. Januar 1942. Ebenfalls Meldung bei der Ortskommandantur in BA-ZNS S 355, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 12: Vernehmungsniederschrift; BA-ZNS S 262, Gericht der 52. Inf.Div., Bl. 4: Mitteilung des Gerichts-Offiziers über eine entsprechende Meldung bei der Ortskommandantur. -"• BA-ZNS S 334, Gericht der 339. Inf.Div., Bl. 10: Feldgendarmerietrupp (mot.) 27,20. April 1942, Nachtragsanzeige; BA-ZNS S 269, Bl. 3: Meldung Oberleutnant u. Rgt.Adj. beim Stab S.R. 6; BA-ZNS S 243, Gericht der 7. Pz.Div.. Bl. 29-38: Feldurteil vom 27. August 1941, hier Bl. 34. 27 BA-ZNS S 402, Bl. 4. Dieser Akte liegt kein Urteil bei; BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./155, Bl. 1: Tatbericht vom 7. März 1944; BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./106, Bl. 4.
172 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Die Art und Weise, wie eine Anzeige oder eine Meldung zustande kamen, konnte in manchen Fällen in einem späteren Verfahren durchaus von Belang sein. Als zwei russische Frauen erst bei der Befragung durch einen Angehörigen der Stabsbatterie beim Artillerie-Regiment 195 von den gegen sie gerichteten Gewaltakten erzählten, wurde ihnen dies später in der Gerichtsverhandlung als Zeichen der Glaubwürdigkeit zugute gehalten. Die Richter bewerteten es positiv, dass sie nicht von sich aus einen deutschen Soldaten beschuldigt hatten.28 Auch eine 16 Jahre alte Norwegerin, die von einem Stabsgefreiten vergewaltigt worden war, hatte zunächst keine Meldung erstattet, da die Mutter ihr davon abgeraten hatte. Diese befürchtete, dass aufgrund fehlender Zeugen die Beweisführung schwierig sein könnte. Erst nachdem der Freund des O p fers von der Vergewaltigung erfahren hatte, ging die Jugendliche zur Feldgendarmerie und beschuldigte den betreffenden Wehrmachtsoldaten.29 Beide Beispiele verweisen darauf, dass manchen Zivilistinnen die Entscheidung, einen Soldaten wegen einer sexuellen Gewalttat anzuzeigen, nicht leicht fiel. Sie waren sich offenbar der Tatsache bewusst, dass die zuständigen Stellen der Besatzungsarmee ihre Aussagen sehr kritisch aufnehmen würden. Wie entsprechende Vermerke in den Akten zeigen, wurden einige Frauen bei der Meldung einer Tat auch eingehend darüber belehrt, dass es schwere Auswirkungen haben könnte, einen deutschen Soldaten zu Unrecht eines Verbrechens zu bezichtigen. 30 Im Falle der Französin Marthe G. und ihrer Tochter Jeanne kam es wegen angeblich falscher Anschuldigung sogar zu einem Verfahren beim Gericht des Chefs der Militärverwaltung Nordostfrankreich. Jeanne G. hatte dem Obergefreiten Arnulf W vorgeworfen, sie am 18. Januar 1941 vergewaltigt zu haben. Weil mehreren Zeugenaussagen und dem Dienstplan zufolge W zum angegebenen Tatzeitpunkt überhaupt nicht in der Wohnung der Französin gewesen sein konnte, kam es gegen beide Frauen zu einem Prozess wegen Falschaussage. Dieser endete aber nicht mit ihrer Verurteilung, stattdessen erging aufgrund einer neuen Beweislage eine zweite Anklageverfügung gegen den Obergefreiten.31 Für die Opfer von sexueller Gewalt bestand also durchaus die Gefahr, selbst auf die Anklagebank zu kommen, was sicherlich nicht dazu beigetragen hat, die Bereitschaft für die Meldung von Sexualverbrechen zu erhöhen. 28 29 30 31 BA-ZNS S 317, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 15-19: Feldurteil vom 26. Februar 1944, hier Bl. 18. Eine ähnliche Begründung auch bei BA-ZNS S 243, Gericht der 7. Pz.Div., Feldurteil vom 27. August 1941, Bl. 34. BA-ZNS S 107, Gericht der 702. Inf.Div., Bl. 2 u. 4. Zu einer Gerichtsverhandlung kam es nicht, weil der beschuldigte Stabsgefreite einige Tage nach seiner Vernehmung offenbar flüchtete. Die Akte weist eine entsprechende Meldung über „unerlaubte Entfernung" auf. Ebd., Bl. 13. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./4, Bl. 21f.: Feldurteil vom 23. Oktober 1943, hier Bl. 22; BAZNS S 248, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 18-22: Vernehmungsniederschriften vom 4. April 1941, Bl. 25: Bericht des Ordonanz-Offiziers III/I.R. 280 vom 7. April 1941. BA-ZNS S 300, Bl. 28: Gericht Chef d. Mil. Verw. Bez. C, 14. März 1941. Aufgrund weiterer französischer Zeuginnen konnte W. dann doch noch überführt werden und erhielt wegen „vollendeter Nötigung zur Unzucht" ein Jahr und sechs Monate Gefängnis. Bl. 43-46: Feldurteil der 52. Inf.Div. vom 9. Mai 1941.
2. Von der Anzeige bis zur Anklage 173 Die der Wehrmacht zugänglich gemachten Hinweise auf solche Delikte wurden von der Feldgendarmerie meist sehr genau überprüft. Sie leitete Ermittlungen ein, um den Straftaten genauer auf den Grund zu gehen, um eventuell vorhandene Spuren zu sichern und um die mutmaßlichen Täter zu finden.32 So wurden beispielsweise Besichtigungen des Tatortes vorgenommen, um die Vorwürfe von Seiten der Zivilisten besser beurteilen zu können. Im November 1941 meldete ein Pole auf dem Polizeirevier in Posen 33 die Vergewaltigung seiner neun Jahre alten Tochter durch einen deutschen Soldaten. Daraufhin wurden nicht nur das Mädchen selbst und dessen Familie verhört, sondern auch eine Skizze des Tatortes erstellt sowie die Wohnung und die mit Blut verschmierte Bettwäsche photographiert. 34 Im Falle eines Gefreiten, der im Juli 1940 eine französische Wirtin beinahe vergewaltigt hatte und dabei ejakulierte, konnte die Frau einen Tag später bei ihrer Vernehmung dem dafür zuständigen Wehrmachtoffizier als sichtbaren Beweis für ihre Angaben die „besudelten Bettzubehörteile" zeigen.35 Zur genauen Ermittlung des Täters wurden auch Gegenüberstellungen zwischen Zeugen und deutschen Soldaten anberaumt. Dabei führte die Feldgendarmerie entweder einzelne Tatverdächtige vor oder die betroffene Person sah sich mit dem Anblick von mehreren, in einem Fall von 100 Männern, konfrontiert.36 Wenn dabei die Zeugin einen Mann als Täter wieder erkennen konnte, war dies für eine Verurteilung bei leugnenden Angeklagten durchaus von erheblicher Bedeutung. 37 Teilweise waren aber auch die Personenbeschreibungen der Zivilisten detailliert genug, damit die Einheiten selbst den oder die mutmaßlichen Täter feststellen und einen Tatbericht für das zuständige Gericht anfertigen konnten. 38 In den wenigsten Fällen verlief allerdings das Aufspüren des Schuldigen so eindeutig und schnell wie bei einem Verfahren vor dem Gericht der 346. Infanterie-Division. Der Angeklagte war einen Tag vor dem Versuch, eine 19 Jahre alte Französin zu vergewaltigen, in einem Bordell der Wehrmacht gewesen und hatte sich danach wie vorgeschrieben der „Sanierung" unterzogen. Bei seiner Tat ließ er dann seinen „Sanierschein", der die 12 BA-MA RH 26-6/22: 6. Inf.Div., Anlagcnband 7 zum KTB Nr. 5, Anlage 174 b, Abt. IIa, „Tagesbefehl Nr. 7/42", 31. März 1942. 33 Nach dem Krieg gegen Polen war Posen als neuer „Reichsgau Wartheland" in das Deutsche Reich eingegliedert worden. Umbreit, Kontinentalherrschaft, S. 37, 44. 34 BA-ZNS S 33, Gericht d. Kommandierenden Generals u. Befehlshabers im Luftgau II, Außenstelle Posen, Bl. 17: Tatbericht mit Skizze. Das Verfahren wurde eingestellt, weil der beschuldigte Oberleutnant Selbstmord beging. Siehe auch BA-ZNS Gericht des Marinebefehlshabers Westfrankreich, Zweigstelle Lorient/F 444; Bl. 27a-27d enthalten Schwarz-Weiß-Aufnahmcn des Tatortes. 33 BA-ZNS S 388, Gericht der 15. Division, Bl. 22-26: Feldurteil vom 6. August 1940, hier Bl. 25. Vgl. auch BA-ZNS S 227, Gericht des XV. Armeekorps, Bl. 29. In diesem Fall hatte die Vergewaltigung in einem Zugabteil stattgefunden. Bei der anschließenden Tatortbesichtigung wurden Blut- und Samenspuren festgestellt. * BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./4, Bl. 21f.: Feldurteil vom 23. Oktober 1943. Solche Berichte über Gegenüberstellungen zitiert auch Tewes, Frankreich, S. 208, 344. 37 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./19, Bl. 29-31: Feldurteil vom 29. Mai 1943, hier Bl. 31. 38 BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 2: Schützenregiment 1, 2. Kompanie, Tatbericht mit 12 Anlagen an Gcrichtsherrn der 1. Pz.Div., 20. August 1940.
174 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 erfolgte Schutzbehandlung im Bordell bestätigte, in der Wohnung der Französin zurück. 39 Da die Sanitätsdienste in den Sanierstuben Kontrollbücher führten und dort die Erkennungsmarken sowie die Feldpostnummern der jeweiligen Bordellbesucher notierten, gelang in diesem Fall die Identifizierung des Soldaten dementsprechend problemlos und zügig.40 Lagen insgesamt genügend Informationen zu einem Fall vor, leitete die Feldgendarmerie oder die ermittelnde Einheit einen Tatbericht an den Gerichtsherrn des zuständigen Infanterie- oder Panzer-Divisionsgerichtes weiter. Je nach Kriegsschauplatz konnten also die Bereitschaft für die Meldung eines Sexualverbrechens und die sich anschließende Vorgehensweise unterschiedlich ausfallen. Von zentraler Bedeutung ist jedoch, ob diese Berichte oder Strafanzeigen überhaupt zu einer Verhandlung vor einem Militärgericht der Wehrmacht führten. Rein rechtlich gesehen war die Erhebung einer Anklage zunächst von der Art der Beweislage abhängig. Der zuständige Gerichtsherr musste aufgrund des Tatberichts, der ihm von einer Feldgendarmerie oder einer anderen Einheit zugestellt worden war, genügend Verdachtsmomente besitzen, um ein Verfahren einleiten zu können. In der Anklageverfügung wurden der Tatbestand sowie der Sachverhalt kurz geschildert und die entsprechenden Paragraphen des Reichsstrafgesetzbuches sowie des Militärstrafgesetzbuches angegeben, nach denen die Einleitung eines kriegsgerichtlichen Verfahrens notwendig erschien. Darüber hinaus konnte bereits der Termin der Hauptverhandlung festgesetzt werden, teilweise wurden auch die Namen der Zeugen aufgelistet, die dort auszusagen hatten.41 Doch diese Verfügung allein garantierte noch nicht, dass der betreffende Soldat dann wegen einer begangenen Straftat tatsächlich vor Gericht landete. Denn wenn einem Richter die Angaben der Beteiligten oder der Informanten für eine Verhandlung nicht ausreichend genug erschienen, konnte das Ermittlungsverfahren auch wieder eingestellt werden. Mit der Begründung, die Angaben der Angehörigen „feindlicher Staaten" seien unglaubwürdig und nicht übereinstimmend, ordnete das Feldgericht des Kommandierenden Generals des XIV. Fliegerkorps im Juli 1944 die Beendigung der Untersuchungen gegen einen Oberfeldwebel und einen Unteroffizier an.42 Beide waren von einem serbischen Zivilisten beschuldigt worden, seine neun Jahre alte Tochter vergewaltigt zu haben. In einer Stellungnahme zu den Zeugenaussagen wurde darauf hingewiesen, dass der Ort des angeblichen Geschehens „Bandengebiet" sei und die Bewohner von süd- und südosteuropäischen Staaten grundsätzlich zu Übertreibungen neigen würden. 39 40 41 42 Vgl. Kap. III. BA-ZNS S 379, Gericht der 346. Inf.Div., Bl. 16-19: Feldurteil vom 29. Januar 1943. Ähnlich naiv und offenbar ohne jegliches Schuldbewusstsein verhielt sich ein Gefreiter im Mai 1944, als er einer Französin sein Soldbuch und Feldpostbriefe zeigte, nachdem er sie vergewaltigt hatte. BA-ZNS Gericht der 9. Pz.Div./54, Bl. 5. BA-ZNS S 374, Gericht des Pz.A.O.K. 3, Bl. 10: Anklageverfügung vom 27. Mai 1944. BA-ZNS S 88, Gericht des Kommandierenden Generals des XIV. Fliegerkorps, Bl. 32: Verfügung vom H.Juli 1944.
2. Von der Anzeige bis zur Anklage 175 Daher seien die Beschuldigungen von vornherein kritisch zu bewerten. 43 Offenbar genügten diese Behauptung und das Fehlen weiterer Zeugen für die Einstellung der gerichtlichen Ermittlungen. Mit Blick auf die deutsche Besatzungspolitik in Serbien und auf die rücksichtslose Bekämpfung von Widerstandsgruppen, die Terror gegen Zivilisten mit einschloss, erscheint diese Vorgehens weise des Gerichts in einem klareren Licht. So verweisen die Charakterisierungen der einheimischen Zeugen auf das nationalsozialistisch geprägte Bild von der serbischen Bevölkerung. Im Rahmen der gegen sie gerichteten Vorwürfe wurde beispielsweise verkündet, der Serbe sei „,der geborene Verschwörer'". 44 Dieser Fall zeigt, dass es in der Gerichtspraxis für die Erhebung einer Anklage durchaus von Bedeutung war, in welchem der besetzten Länder sich die Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff ereignet hatten und welcher Nation die Frau oder das Mädchen angehörten. Fand der zuständige Gerichtsherr die vorgebrachten Beschuldigungen unzureichend, konnte er ein Verfahren schlicht ablehnen. Dabei spielte es eine wesentliche Rolle, welche Einstellung er, möglicherweise beeinflusst durch eine entsprechende nationalsozialistische Propaganda, gegenüber der Zivilbevölkerung der besetzten oder auch der verbündeten Länder hegte. In diesem Zusammenhang lassen sich, wie die folgenden Kapitel noch zeigen werden, bezüglich der einzelnen Gebiete deutliche Unterschiede festmachen. Für die Anklage und eventuell spätere Verurteilung eines Soldaten war es von Belang, welche Delikte in der Anklageverfügung eines Gerichtes aufgeführt worden waren. Denn wurden bestimmte Straftaten, die sich im Zusammenhang mit einer Vergewaltigung ereignet hatten, nicht in dieser Verfügung aufgelistet, dann entfielen sie auch später bei der Verurteilung und Bestrafung eines Angeklagten. So hatten bei einem Verfahren vor dem Gericht der 82. Infanterie-Division die Zeugenvernehmung sowie die Verhandlung zwar ergeben, dass der Angeklagte eine russische Frau vergewaltigt und ihr danach noch sechs Eier gestohlen hatte. Die Richter betonten aber in ihrer Urteilsbegründung ausdrücklich, dass eine Verurteilung wegen Plünderung nicht möglich sei, da der Gerichtsherr die entsprechende Strafverfolgung dieses Deliktes nicht angeordnet habe. Die verhängte Strafe bezog sich deshalb ausschließlich auf die begangene Sexualstraftat.45 Im Zusammenhang mit einem sexuellen Gewaltverbrechen erscheint die Entwendung von Lebensmitteln auf den ersten Blick irrelevant. Im Hinblick auf die Lage der Zivilbevölkerung in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges, die von Hunger gekennzeichnet war, konnte das Plündern von Grundnahrungsmitteln bereits in geringer Menge schwerwiegende 41 44 43 Ebd., Bl. 22f.: Stellungnahme des Staffelkapitäns 5./Transportfliegcrgcschwader 5 vom 13. Juni 1944. Zit. nach Walter Manoschek, „Serbien ist judenfrei". Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/1942, München 1993, S. 33. Über die Tötung von Zivilisten siehe ebd., S. 155-168. BA-ZNS S 355, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 19f.: Feldurteil vom 8. Juni 1943.
176 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 Folgen haben. Auf manchen Höfen in Weißrussland war 1942 teilweise nur noch ein Huhn vorhanden, Gras bildete einen Bestandteil der Nahrung, und aufgrund der chronischen Unterernährung, verbunden mit Eiweiß- und Vitaminmangel, waren Hungerödeme bei der Zivilbevölkerung keine Seltenheit. Während die Nahrungsrationen im Frühjahr 1942 für Deutsche noch wöchentlich 2.000 Gramm Brot sowie einige 100 Gramm Fleisch und Fett enthielten, lag der Wochensatz für Brot in den besetzten Ostgebieten zwischen 200 und 300 Gramm, die beiden anderen Produkte waren für Einheimische überhaupt nicht vorgesehen.46 Ob der zuständige Gerichtsherr im erwähnten Fall absichtlich keine Anordnung zur Strafverfolgung wegen Plünderung erlassen oder dieses Detail im Tatbericht schlicht übersehen hatte, kann im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass diese Form des Diebstahls die Interessen der Wehrmacht im besetzten Gebiet nicht ernsthaft beeinträchtigte und somit eine Strafverfolgung nicht angebracht schien. Zwar gab es hier und dort Ausnahmen von der Regel, die sich auch in den untersuchten Urteilen finden lassen.47 Das Beispiel weist aber bereits auf die Verbindung zwischen Sexualverbrechen und Eigentumsdelikten hin, wie sie vor allem in den besetzten Gebieten der Sowjetunion häufiger verübt wurden. Die Entscheidung, als Angehörige eines okkupierten Landes ein Sexualverbrechen eines deutschen Soldaten zu melden, ist nicht ohne weiteres als selbstverständlich anzusehen. Allein in Bezug auf die Dunkelziffern für Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch in „Friedenszeiten" gehen Schätzungen davon aus, dass von 20 oder sogar 50 solcher Taten nur eine bei der Polizei aktenkundig wird. Dies weist darauf hin, dass nur wenige Frauen - aus den unterschiedlichsten Gründen - sich dazu entschließen können, ein Sexualdelikt publik zu machen. Umso ungewöhnlicher erscheint angesichts dieser Zahlen die Tatsache, dass während des Zweiten Weltkrieges einige der betroffenen Frauen selbst von den sexuellen Übergriffen berichteten. Schließlich unterstanden sie als Zivilistinnen der besetzten Gebiete der deutschen Verwaltung und ihre Beschuldigungen richteten sich nicht gegen einen Landsmann, sondern gegen einen Angehörigen der Besatzungsarmee. Schon diese Machtkonstellation dürfte sich auf das Anzeigeverhalten bei Sexualverbrechen hemmend ausgewirkt haben. Im besetzten Frankreich oder in den nordeuropäischen Ländern konnten sich die Frauen vor allem an die örtliche Polizei wenden, in Polen und in der Sowjetunion gingen einige zur jeweiligen Ortskommandantur oder vertrauten sich einem anderen Angehörigen der Wehrmacht an. Aufgrund der negativen ErChiari, Alltag, S. 140. Für die Zahlenangaben siehe Hans Umbreit, Die deutsche Herrschaft in den besetzten Gebieten 1942-1945, in: DRZW, Bd. 5/2: Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 19421944/45, Stuttgart 1999, S. 3-272, hier S. 230. So erhielt in einem Fall eine sowjetische Zivilistin ihre von einem deutschen Soldaten gestohlene Decke wieder zurück. Der Mann wurde wegen Plünderung, Nötigung und wegen Vergewaltigung einer anderen Frau verurteilt. BA-ZNS S 243, Gericht der 7. Pz.Div., Feldurteil vom 27. August 1941.
3. Der Gcrichtsbarkeitserlass „Barbarossa" 177 fahrungen, die ein Großteil der sowjetischen Bevölkerung nicht nur mit Angehörigen der Einsatzgruppen und der SS-Einheiten, sondern auch mit Wehrmachtsoldaten machte, konnten die Frauen nicht unbedingt damit rechnen, dass das ihnen widerfahrene Unrecht zur Kenntnis genommen und auch geahndet werden würde. Die daraus resultierende Zurückhaltung lässt sich teilweise an der Anzeigepraxis ablesen. So wurden im Osten sexuelle Gewalttaten häufiger durch Angehörige der deutschen Wehrmacht selbst aufgedeckt und weitergeleitet - bei diesen handelte es sich zum einen um Dolmetscher, die durch entsprechende Gespräche mit Dorfbewohnern diesbezügliche Informationen erhalten hatten, oder auch um Soldaten, die selbst Zeugen eines Verbrechens geworden waren. Erst auf direktes Nachfragen hin äußerten sich dann auch in diesen Fällen die betroffenen Frauen zu dem Geschehen. Die Ergebnisse bezüglich der Meldung von sexuellen Übergriffen weisen darauf hin, dass gerade an der Ostfront schon deswegen weitaus weniger Sexualstraftaten in den Akten der Militärgerichte auftauchen, weil sie von den Frauen oder Mädchen oftmals nicht angezeigt wurden und solche Vorfälle nur dann an Gerichte übermittelt werden konnten, wenn sich Dritte zu einer Meldung entschlossen. Der Hauptgrund für die geringere Strafverfolgung ist jedoch im berüchtigten „Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet ,Barbarossa' und über besondere Massnahmen der Truppe" vom 13. Mai 1941 zu suchen.48 Dieser war, wie im Folgenden aufgezeigt werden wird, das zentrale Kriterium für die unterschiedliche Ahndung von Sexualverbrechen in den jeweiligen Besatzungsgebieten. 3. DIE BEDEUTUNG DES GERICHTSBARKEITSERLASSES „BARBAROSSA" FÜR DIE GERICHTLICHE VERFOLGUNG VON SEXUALVERBRECHEN Der Feldzug gegen Polen stellte bereits eine Art Probelauf für den Krieg gegen die Sowjetunion dar, bei dem dann sowohl der völkerrechtliche wie auch der kriegsgerichtliche Ausnahmezustand herrschten. Lange vor dem Angriff auf die Sowjetunion hatte Hitler seine Vorstellungen über den Charakter der Kriegführung sowie über die angestrebten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen entwickelt und sie auch gegenüber den zuständigen Spitzen von Wehrmacht und SS geäußert. Durch entsprechende Anweisungen und Befehle hat er dabei den „Kriegsvorbereitungen auf politischvölkerrechtlichem Gebiet den Stempel eines rassenideologischen Vernichtungskrieges aufgedrückt", der dann sowohl gegen Angehörige der Roten Ar48 IMT, Bd. 34, Nürnberg 1949, S. 249-255, Dok. 050-C, „Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet .Barbarossa' und über besondere Massnahmen der Truppe", 13. Mai 1941, gez. Chef OKW, Keitel.
178 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 mee wie auch gegen Zivilisten geführt wurde. 49 Einige der wesentlichen Anordnungen sind als die so genannten „verbrecherischen Befehle" bekannt geworden, ihre weitreichenden Folgen sind mittlerweile von der Forschung im Detail dokumentiert. 50 So regelten die am 6. Juni 1941 vom OKW erlassenen „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare", kurz „Kommissarbefehl" genannt, im Wesentlichen die Ermordung dieser politischen Funktionäre innerhalb der Roten Armee und sie trugen mit dazu bei, die Zahl der sowjetischen Kriegsgefangenen zu dezimieren.51 Die Mehrheit, nämlich 3,3 Millionen von insgesamt 5,7 Millionen Gefangenen, kam um. Die Soldaten wurden wegen ihrer militärischen Stellung erschossen oder sie starben aufgrund der äußerst unzureichenden Versorgung, der katastrophalen hygienischen Zustände, der geforderten Arbeitsleistungen und bei den Transporten, die unter härtesten Bedingungen durchgeführt wurden. 52 Auch die „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland" vom 19. Mai 1941 riefen im Rahmen des von Hitler geforderten Weltanschauungskrieges zur unnachgiebigen und rücksichtslosen Behandlung der gegnerischen Soldaten sowie der politischen Feinde und der jüdischen Bevölkerung auf.53 Von zentraler Bedeutung für die vorliegende Arbeit ist jedoch der berüchtigte „Kriegsgerichtsbarkeitserlass", da er eine „präventive Amnestie für Verbrechen von Soldaten gegenüber Sowjetbürgern" beinhaltete.54 Die Entwürfe für diesen Erlass waren nach einer Rede Hitlers vor hochrangigen Militärs am 30. März 1941 ausgearbeitet worden. In seinen dortigen Ausführungen zum Krieg gegen die UdSSR, die vom Chef des Generalstabes des Heeres Franz Halder notiert wurden, hatte er explizit den Vernichtungscharakter des kommenden Krieges betont, da dieser die Auseinandersetzung zweier unterschiedlicher Ideologien darstelle. Den Zuhörern konnte nicht ent49 30 31 32 33 54 Gerd R. Ueberschär, Hitlers Fintschluß zum „I.ebensraum"-Krieg im Osten. Programmatisches Ziel oder militärstrategisches Kalkül?, in: ders./Wette (Hg.), „Unternehmen Barbarossa", S. 83110, hier S. 107. Vgl. auch Jürgen Förster, Hitlers Wendung nach Osten. Die deutsche Kriegszielpolitik 1940-1941, in: Wegner (Hg.), Zwei Wege, S. 113-132, hier S. 114,127f.; ders., Der historische Ort des Unternehmens „Barbarossa", in: Michalka (Hg.), Der Zweite Weltkrieg, S. 626-640, hier S. 634f. Helmut Krausnick, Kommissarbefehl und „Gerichtsbarkeitserlaß Barbarossa" in neuer Sicht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 25 (1977), S. 682-738. Hans-Adolf Jacobsen, Kommissarbefehl und Massenexekutionen sowjetischer Kriegsgefangener, in: ders./Hans Buchheim/Martin Broszat/Helmut Krausnick, Anatomie des SS-Staates, 2 Bde., München 31982, Bd. 2, S. 137-232. Die Richtlinien sind abgedruckt als Dok. 12, ebd., S. 188-191. Zur Durchführung des Kommissarbefehls: Christian Streit, Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Bonn 1991, S. 83-105. Vgl. auch Alfred Streim, Das Völkerrecht und die sowjetischen Kriegsgefangenen, in: Wegner (Hg.), Zwei Wege, S. 291-308; Manfred Messerschmidt, Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination, Hamburg 1969, S. 402-409. Die einzelnen Gründe für das Massensterben werden detailliert geschildert in Streit, Keine Kameraden, S. 128-187, Zahlenangaben ebd., S. 10, 244-246. Oberkommando der Wehrmacht WFSt/Abt. L (IV/Qu), Nr. 44560/41 g.K.Chefs., Besondere Anordnungen Nr. 1 zur Weisung Nr. 21 (Fall „Barbarossa"), Anlage 3: „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland", 19. Mai 1941, abgedr. in: Ueberschär/Wette (Hg.), „Unternehmen Barbarossa", Dok. 7, S. 312. Förster, Hitlers Wendung, S. 127.
3. D e r Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" 179 gehen, dass sich die Art der Kriegführung im O s t e n von der im Westen drastisch unterscheiden würde. 5 5 Nach mehreren Konzepten, die in den Rechtsabteilungen der Wehrmacht entwickelt und z u n e h m e n d radikaler wurden, lag am 13. Mai 1941 schließlich die endgültige Fassung vor. 56 D e r „Erlass über die A u s ü b u n g der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet .Barbarossa' u n d über besondere Massnahmen der T r u p p e " betont gleich zu Beginn, dass die Wehrmachtgerichtsbarkeit „in erster Linie der Erhaltung der Mannszucht" diene. 5 7 In einem ersten Teil wird der militärgerichtliche U m gang mit Straftaten geregelt, die Zivilisten der besetzten Gebiete der Sowjetunion gegenüber der Wehrmacht begehen w ü r d e n . D e r zweite, hier ausschlaggebende Abschnitt des Erlasses enthält Richtlinien für die A h n d u n g von Straftaten, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegenüber der einheimischen Zivilbevölkerung verübten. Bezüglich dieser Delikte heißt es im Wortlaut: „1. Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist. [...] Der Gerichtsherr ordnet die Verfolgung von Taten gegen Landeseinwohner im kriegsgerichtlichen Verfahren nur dann an, wenn es die Aufrechterhaltung der Mannszucht oder die Sicherung der Truppe erfordert. Das gilt z. B. für schwere Taten, die auf geschlechtlicher Hemmungslosigkeit beruhen, einer verbrecherischen Veranlagung entspringen oder ein Anzeichen dafür sind, dass die Truppe zu verwildern droht." 58 D e r O b d H , Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, leitete das Schriftstück noch mit einem Zusatz, dem so genannten „Disziplinarbefehl", an insgesamt 340 Kommandostellen weiter. 59 Bezug nehmend auf den U m g a n g mit Verbrechen von Soldaten an Zivilisten wies er darauf hin, dass die Vorgesetzten „willkürliche Ausschreitungen einzelner" Soldaten verhindern und „einer Verwilderung der T r u p p e " entgegenwirken sollten. Das Ziel eines jeden Offiziers müsse es sein, die „Manneszucht" zu bewahren. 6 0 A m 10. und 11. Juni 1941 erläuterten der General z.b.V. beim Oberbefehlshaber des Heeres, Generalleutnant Eugen Müller, und Oberstkriegsgerichtsrat Erich Lattmann, Leiter der G r u p p e Rechtswesen, den Erlass vor den 3. 33 36 37 38 39 60 Franz Halder, Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939-1942, bearb. von Hans-Adolf Jacobsen, hg. vom Arbeitskreis für Wehrforschung, 3 Bde., Stuttgart 1962-1964, hier Bd. 2: Von der geplanten Landung in England bis zum Beginn des Ostfeldzuges (1.Juli 1940-21. Juni 1941), Stuttgart 1963, S. 335-337. Über die Entstehung des Erlasses siehe Förster, Unternehmen „Barbarossa", S. 426-443; Streit, Keine Kameraden, S. 33-41. IMT, Bd. 34, Gerichtsbarkeitserlass, Zitat S. 252, Hervorhebung i.O. E'bd., S. 254, Hervorhebung i.O. Gerald Reitlinger, Ein Hausauf Sand gebaut. Hitlers Gewaltpolitik in Rußland 1941-1944, Hamburg 1962, S. 95. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Gen. z.b.V. b. Ob.d.H. (Gr. R. Wes.), Nr. 80/41 g. Kdos Chefs., „Betr.: Behandlung feindlicher Zivilpersonen und Straftaten Wehrmachtsangehöriger gegen feindliche Zivilpersonen", 24. Mai 1941, gez. von Brauchitsch, abgedr. in: Ueberschär/Wette (Hg.), „Unternehmen Barbarossa", Dok. 6, S. 307f., Zitate S. 307, Hervorhebung i.O.
180 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Generalstabsoffizieren und den Heeresrichtern der Armeen sowie der Heeres- und Panzergruppen. Sie betonten dabei, dass nicht die Soldaten selbst über die mögliche Straffreiheit bei Verbrechen an der Zivilbevölkerung informiert werden sollten, sondern nur die Heeresrichter und die Gerichtsherren. Letztere sollten ein Verfahren vor allem dann anordnen, wenn eine Verrohung der Truppe drohe - „'insbesondere bei Sexualverbrechen'".61 Straftaten sollten aber, soweit möglich, auf disziplinarischem Wege geahndet werden. Durch diese Bestimmungen sei, so Jürgen Förster, das Kriegsrecht „unter tatkräftiger Mithilfe von Juristen in eine Hilfsfunktion der politischen und militärischen Absichten umgedeutet" 62 worden. Die Entscheidung darüber, ob ein Gerichtsherr und damit das zuständige Militärgericht wegen eines militärischen Vergehens oder wegen eines Verbrechens nach dem Reichsstrafgesetzbuch einschritten, hing letztlich- neben dem individuellen Kenntnisstand über einen Vorfall und der jeweiligen militärischen Situation - von der persönlichen Einstellung des zuständigen Kompaniechefs zum Krieg gegen die Sowjetunion, vom Grad seiner nationalsozialistischen Überzeugungen sowie von seiner Ideologietreue ab. Von Seiten einiger Militärs, wie dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generalfeldmarschall Fedor von Bock, sowie dem Oberbefehlshaber der 4. Armee, Generalfeldmarschall Günther von Kluge, wurden Einwände gegen die weitreichenden Inhalte dieses Erlasses erhoben. Diese richteten sich jedoch nicht gegen die bewusst eingeplante völkerrechtswidrige Behandlung der sowjetischen Zivilbevölkerung, sondern sie waren überwiegend von der Sorge um die Wahrung der Disziplin und der „Manneszucht" bestimmt. 63 Um die Bedeutung des Erlasses einschätzen zu können, ist es von Interesse, wie weit die einzelnen Soldaten von dieser in Aussicht gestellten Straffreiheit wussten beziehungsweise genauere Kenntnisse vom Inhalt hatten. Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. So geht Manfred Messerschmidt davon aus, dass die Truppe die Bestimmungen nicht im Detail kannte, sondern nur anhand anderer Befehle oder Richtlinien über die grundsätzliche Art der Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung informiert wurde. 64 Demgegenüber weisen vereinzelte Aussagen von Soldaten darauf hin, dass einige von ihnen den Erlass offenbar doch durch Vorgesetzte mitgeteilt bekamen.65 Unabhängig vom Wissen oder Unwissen der einzelnen Wehrmachtsoldaten erhielten diese aber vor allem durch die Tätigkeit der Militärjustiz einen Eindruck davon, welches Verhalten gegenüber Zivilisten toleriert beziehungsweise sanktioniert wurde. 66 61 62 63 64 63 66 Zit. nach Förster, Unternehmen „Barbarossa", S. 434. Ebd., S. 432. Messerschmidt, Wehrmacht, S. 256-258,410; Streit, Keine Kameraden, S. 44; Förster, Unternehmen „Barbarossa", S. 432-435. Messerschmidt, Wehrmacht, S. 408. IMT, Bd. 7, S. 537: Aussage des Hauptmanns Julius Rcichhof, Vorsitzender des Kriegsgerichts der 267. Schützen-Division, die enthalten ist in einem Bericht der sowjetischen Außerordentlichen Staatlichen Kommission. Alfred Opitz, Die Stimmung in der Truppe am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion, in: Wolfram Wette (Hg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München 21995, S. 230-239, hier S. 236-238.
3. Der Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" 181 Untersucht werden muss deshalb, wie die Wehrmachtgerichtsbarkeit diesen Erlass in die Praxis umsetzte. Wie der zitierte Wortlaut bereits verdeutlicht, war der Spielraum für die Gerichtsherren für die Einleitung eines gerichtlichen Verfahrens wegen sexueller Gewalt sehr groß. So ist zwar in diesem Zusammenhang von „geschlechtlicher Hemmungslosigkeit" die Rede, genauere Ausführungen dazu fehlen jedoch. Mit diesem reichlich diffusen Begriff können beispielsweise mehrfach begangene Sexualverbrechen gemeint sein oder aber Übergriffe, die aufgrund der Tatumstände als besonders schwerwiegend angesehen werden. Für einen ersten Einblick in den Umgang der Militärjustiz mit dem Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" bietet sich die bereits erwähnte Wehrmachtkriminalstatistik an, die von Otto Hennicke in gekürzter Form veröffentlicht wurde. 67 Sie ist trotz der beschriebenen Mängel ein hilfreiches Instrument, um die Auswirkungen des Erlasses beurteilen zu können. 68 Wesentliche Delikte stellen in dieser Hinsicht Plünderungen und Sexualverbrechen dar. Beide Strafarten richteten sich gegen das Eigentum oder gegen die körperliche Integrität der Zivilbevölkerung und betrafen somit die im Erlass aufgeführten Richtlinien für den „Verfolgungszwang" bei Straftaten gegen „Landeseinwohner". 69 Für beide Deliktgruppen lässt sich in Bezug auf die von der Justiz geahndeten Fälle nach dem Beginn des Krieges gegen die UdSSR ein klarer Rückgang feststellen. Die Anzahl der wegen „eigenmächtigem Beutemachen" verurteilten Wehrmachtsoldaten war von 1941 bis 1943 jeweils niedriger als noch 1940. Erst für das Jahr 1944 ist wieder ein deutlicher Anstieg sichtbar.70 Bei den „Sittlichkeitsvergehen", die die strafbaren homosexuellen Handlungen nicht mit einbezogen, sank die Zahl der Schuldsprüche ebenfalls nach dem Angriff auf die Sowjetunion. So fielen ab dem zweiten Halbjahr 1941 die Verhältnisangaben für das Heer geringer aus als in den ersten sechs Monaten des Jahres 1940.71 Von 1942 an bis zur zweiten Hälfte des Jahres 1943 gingen die Verurteilungen weiter zurück, erst danach ist wieder eine leichte Zunahme zu erkennen. 72 Wenn für diese zeitlichen Angaben berücksichtigt wird, dass es einige Zeit dauerte, bis ein abgeschlossenes Verfahren als „weglagereif" galt und somit Ein1,7 Hennicke, Auszüge. <'8 Vgl. Kap. IV. 69 IMT, Bd. 34, Gerichtsbarkeitserlass, S. 254. 70 Hennicke, Auszüge, S. 452, Tabelle „Eigenmächtiges Beutemachen, Plündern, Fledderei". 71 Vgl. BA-MA RW6/v. 129: Kricgskriminalstatistikfürdie Wehrmacht für die Zeit vom 1. Januar bis zum 31. März 1940, Berlin 1940, Tabelle XVI: Wehrmachtteil Heer: Übersicht über die bürgerlichen Verbrechen und Vergehen; BA-MA RW 6/v. 129: Kricgskriminalstatistikfürdie Wehrmacht für die Zeit vom 1. April bis zum 30. Juni 1940, Berlin 1940, Tabelle XVI: Wchrmachtteil Heer: Übersicht über die bürgerlichen Verbrechen und Vergehen. In diesem Zeitraum gab es 80 Verurteilungen wegen „Nötigung zur Unzucht" nach § 176, 1 u. 2 RStGB, 153 Verurteilungen wegen „Unzucht mit Kindern" nach § 176, 3 RStGB sowie 218 Verurteilungen wegen „Sittlichkeitsverbrechen und -vergehen" nach den §§ 177-184b RStGB. Hier sind die jeweiligen Straftatbestände nicht einzeln aufgelistet. "2 Die Statistik nennt 5.349 Verurteilte für die gesamte Wehrmacht von 1939 bis 1944. Für das Heer ergibt sich eine Anzahl von 4.161 Verurteilten. I lennicke, Auszüge, S. 4S4.
182 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 gang in die Statistik fand, dann zeigen die Daten eindeutig, dass die Strafverfolgung für beide Deliktarten nachließ und immer weniger individuelle Straftaten von Wehrmachtangehörigen gegenüber Zivilisten der besetzten Ostgebiete geahndet wurden. Die Ursache dafür ist zweifellos im Gerichtsbarkeitserlass und in seiner Handhabung in der militärgerichtlichen Praxis zu sehen. 73 Dass nicht die Straftaten selbst abnahmen, wie ebenfalls vermutet werden könnte, sondern nur die gerichtliche Strafverfolgung zurückging, lässt sich folgendermaßen begründen: Während des gesamten Weltkrieges kämpften die meisten Soldaten der Wehrmacht an der Ostfront. So wurden beim Angriff gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 allein 135 von insgesamt 208 Divisionen - also über die Hälfte - an der Ostfront eingesetzt. 74 Auch in den nächsten Jahren blieb diese der „wichtigste Einzelkriegsschauplatz", was sich bereits an der Häufigkeit der Todesfälle ablesen lässt. Die Verluste der Wehrmacht, der SS und der paramilitärischen Einheiten beliefen sich auf über fünf Millionen Menschen, davon starb die Mehrheit im Osten. 75 Schon diese quantitative Präsenz an der Ostfront und die zunehmende Personalstärke der Wehrmacht hätten zu einem Ansteigen oder zumindest zu ähnlichen Werten wie zur Zeit der Kriege gegen Polen oder Frankreich und nicht zu einem Absinken der Zahl der Verurteilten führen müssen. Denn die Forschungen über die Kriegführung an der Ostfront verweisen auf das im Vergleich zur Westfront brutalere Verhalten vieler Wehrmachtsoldaten gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung und erwähnen in diesem Zusammenhang entsprechende Fälle von sexuellen Übergriffen sowie von Plünderungen. Die Bereitschaft zu solchen Gewalttaten war also nicht weniger, sondern stärker ausgeprägt als noch 1939/40. Omer Bartov hat diesbezüglich betont, dass bei Sexualverbrechen, Eigentumsdelikten oder Überfällen an der Westfront harte Urteile verhängt wurden, im Osten seien dagegen ähnliche Vorfälle nur gemeldet und geahndet worden, wenn sie eine Verletzung der militärischen Disziplin dargestellt hätten. Im Rahmen der, wie er es nennt, „Pervertierung der Disziplin" seien die Soldaten an der Ostfront „durch eine Kombination aus eiserner Disziplin im Feld und einer allgemeinen Lizenz zur barbarischen Behandlung des Feindes zusammengehalten" worden. 76 Die These von einer nachlassenden Tätigkeit der Militärgerichte bei Verbrechen gegenüber der einheimischen Zivilbevölkerung lässt sich durch die Forschung von Christoph Rass in Bezug auf die 253. Infanterie-Division noch erhärten. Er weist nach, dass in diesem Verband bereits im Sommer 1941 zahlreiche Verfahren wegen Plünderungsdelikten eingestellt und in den folgenden Jahren nur noch ganz vereinzelt Soldaten wegen solcher Taten bestraft 73 Darauf hat bereits Otto Hennicke verwiesen. Ebd., S. 440. Kroener, Ressourcen, S. 874f. Die Wehrmachtkriminalstatistik selbst gibt keine Auskunft darüber, wo die Straftaten verübt worden waren. 75 Overmans, Verluste, S. 316-318, S. 336: Tabelle 73e: Tote nach Kriegsschauplatz, Zitat S. 318. " Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 96, 110-113. Zitate S. 93, 113; ders., Von unten betrachtet: Überleben, Zusammenhalt und Brutalität an der Ostfront, in: Wegner (Hg.), Zwei Wege, S. 326-344, hierS. 33lf. 74
3. Der Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" 183 wurden. Auch die Zahl der Sexualstraftaten, die vor diesem Divisionsgericht verhandelt wurden, ging im Vergleich zum Westfeldzug nach 1941 zurück, zudem wurden einige der ausgesprochenen Strafen nur teilvollstreckt. Ausgehend von diesen Ergebnissen kommt auch Rass zum Schluss, im besetzten sowjetischen Gebiet habe ein „weitgehend rechtsfreier Raum" bestanden, in dem nur „existentielle Interessen der Wehrmacht", darunter die Wahrung der militärischen Ordnung, zur Strafverfolgung von Verbrechen an Zivilisten geführt hätten. 77 Ein direkter Bezug auf das Bemühen der politischen und militärischen Führung, bestimmte Verbrechen deutscher Soldaten nicht gerichtlich zu ahnden, solange sich diese nicht kontraproduktiv auf die Interessen der Wehrmacht auswirkten, fand sich explizit nur in einer Akte. Der Obergefreite Josef M. war im November 1941 wegen Beleidigung und „Nötigung zur Unzucht", begangen an mehreren sowjetischen Frauen, zu drei Jahren Gefängnis und Rangverlust verurteilt worden. 78 Das Rechtsgutachten zum Urteil bemängelte das Strafmaß als zu hoch und verwies auf den „bekannten Führererlass", demzufolge Straftaten gegen sowjetische Zivilisten nur mit der Zustimmung des Gerichtsherrn zu verfolgen seien. In dieser Regelung komme, so der mit dem Gutachten beauftragte Gerichtsoffizier, „zweifellos der Wille des Führers zum Ausdruck, an Straftaten im hiesigen Feindesland andere, nämlich mildere Maßstäbe anzulegen". Darüber hinaus würde es sich um keine schwerwiegende Tat handeln und auch zur Abschreckung sei eine niedrigere Strafe ausreichend. Der Gutachter plädierte deshalb für eine Herabsetzung des Strafmaßes von drei Jahren auf ein Jahr Gefängnis. 79 Der Befehlshaber - und somit zugleich Gerichtsherr - der Panzergruppe 3, General der Panzertruppe Georg-Hans Reinhardt, übernahm diesen Vorschlag und bestätigte einen Tag später das Urteil mit der Verfügung, die Strafe auf ein Jahr zu mildern und die Vollstreckung für zunächst drei Monate auszusetzen. 80 Der Erlass hatte also im Nachhinein noch direkte Auswirkungen zugunsten des Verurteilten, der offenbar durch diese Verurteilung nicht von der Begehung weiterer Delikte abgeschreckt wurde. Denn im Oktober 1943 erhielt er an der Ostfront erneut wegen „Nötigung zur Unzucht" eine einjährige Gefängnisstrafe, und im Juni 1944 verhängte das Gericht der 2. Panzer-Armee eine Strafe von zwei Jahren Gefängnis und fünf Jahren „Ehrverlust", weil er in Belgrad vor deutschen Nachrichtenhelferinnen onaniert hatte. 81 Neben diesem Verfahren verweisen weitere der für die vorliegende Arbeit herangezogenen Quellen darauf, dass den Bestimmungen des Gerichtsbarkeits77 Rass, „Menschenmaterial", S. 267-272, Zitat S. 271f. BA-ZNS S 152, Gericht der Panzergruppe 3, Bl. 14-17: Feldurteil vom 3. November 1941. 79 Ebd., Bl. 19f.: Rechtsgutachten vom 5. November 1941, Zitat Bl. 20, Hervorhebung i.O. 8 - E'bd., Bl. 21: Befehlshaber der Panzergruppe 3, Verfügung vom 6. November 1941. 81 Ebd., Gericht der 35. Division, Bl. 9f.: Feldurteil vom 24. Oktober 1943; Gericht der 2. Panzerarmee, Bl. 19f.: Feldurteil vom 31. Mai 1944. 78
184 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 erlasses entsprechend Sexualstraftatcn nur auf disziplinarischem Weg bestraft oder überhaupt nicht geahndet wurden, wenn sie die „Manneszucht" nicht ernsthaft gefährdeten. Im Tätigkeitsbericht des Gerichts der 12. Infanterie-Division wurden zwischen April und Dezember 1941 zwar „Sittlichkeitsdelikte" erwähnt, diese bezogen sich aber auf Taten, die in Holland und im Deutschen Reich verübt worden waren. Auch in der Zeit von Dezember 1941 bis Februar 1943 wurden offenbar vor diesem Gericht nur vier Fälle von Plünderung verhandelt und überhaupt keine Prozesse wegen sexueller Straftaten geführt.82 Die 6. Infanterie-Division berichtete im November 1941, dass einige ihrer Soldaten unerlaubt Lebensmittel und Vieh entwendet hätten und derartige Taten noch zunähmen. Bislang seien sie nur auf disziplinarischem Wege geahndet worden, was aber nicht die erwünschte Abschreckung gezeigt habe. 83 Auch wenn etwa durch Heeresstreifen ein „ungebührliches Verhalten" von Soldaten gemeldet worden sei, würden die zuständigen Disziplinarvorgesetzten darauf überhaupt nicht reagieren oder nur Verwarnungen aussprechen.84 Entsprechende Auszüge aus den Strafbüchern von Soldaten weisen ebenfalls darauf hin, dass einige sexuelle Übergriffe nur auf disziplinarischem Wege, beispielsweise mit mehreren Tagen Arrest, bestraft wurden. 85 Die erwähnten Delikte traten zwar in einem Maße auf, das offenbar nicht mehr tolerierbar erschien, sie wurden aber, wie die Beispiele belegen, trotzdem nicht durch Militärgerichte geahndet, was dementsprechend zu weitaus geringeren Sanktionen führte. Den Zielsetzungen des Gerichtsbarkeitserlasses entsprechend wurde offenbar nur dann von Seiten der zuständigen Vorgesetzten eingeschritten, wenn die „Manneszucht" und damit die Aufrechterhaltung der Disziplin gefährdet schienen. So legte im Dezember 1943 der Führer der Motorboot-Staffel beim Armeeoberkommando 17 einen Tatbericht zur Weiterleitung an das Gericht der 336. Infanterie-Division vor, damit dieses gegen vier Angehörige der Staffel ein Verfahren wegen versuchter „Notzucht" und wegen rechtswidrigen Waffengebrauchs einleite. Denn er sah eine disziplinarische Bestrafung angesichts des „zutage getretenen charakterlichen Tiefstandes der außerdem verheirateten Hauptschuldigen, [...]" als nicht ausreichend an.86 Da die Tat offenbar durch einen daran beteiligten Unteroffizier 82 83 84 83 86 BA-MA RH 26-12/131: 12. Inf.Div., Abt. III, Tätigkeitsbericht vom 1. April 1941 bis 15. Dezember 1941, 25. Dezember 1941; BA-MA RH 26-12/139: 12. Inf.Div., Abt. III, Tätigkeitsbericht vom 16. Dezember 1941 bis 28. Februar 1943, 4. Mai 1943. Die Mehrzahl der Strafsachen machten in diesem Zeitraum militärische Eigentumsdelikte wie Feldpostdiebstahl sowie Wachverfehlungen aus. BA-MA RH 26-6/17:6. Inf.Div., Anlagenband 2 zum KTB Nr. 5, Abschrift Generalkommando VI.A.K, Abt. IIa, Korpstagesbefehl, 21. November 1941. BA-MA RH 26-6/28: 6. Inf.Div., Anlagenband 4 zum KTB Nr. 6, Anlage 68a, Abt. IIa, Tagesbefehl Nr. 10/42, 7. Juni 1942. BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./9, Bl. III: Auszug aus dem Strafbuch von August A. Der Unteroffizier hatte zehn Tage geschärften Arrest erhalten, weil er im September 1941 in betrunkenem Zustand in einem russischen Haus versucht hatte, eine dort anwesende Frau zu vergewaltigen. BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./153, Bl. 6: Motorboot-Staffel an Pion.Batl. 336, 1. Dezember 1943. Vgl. zur Bedeutung des Disziplinarstrafrechts im Verlauf des Krieges Rass, „Menschenmaterial", S. 279-281.
3. Der Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" 185 und Gruppenführer angeregt worden war, wurde hier wohl vor allem aus Gründen der militärischen Ordnung ein gerichtliches Vorgehen für notwendig erachtet. Ähnlich verhielt es sich in einem Fall vor dem Gericht der 254. Infanterie-Division im Mai 1942. Der zuständige Gerichtsherr erhielt Informationen darüber, dass ein Unteroffizier einen Untergebenen tätlich angegriffen sowie einen Ortsbewohner im russischen Luban schwer misshandelt hätte - bis hin zum Tötungsversuch. Darüber hinaus habe der Mann eine weitere Zivilistin geschlagen und es bestand der Verdacht, dass die Frau auf diese Weise zum Geschlechtsverkehr hätte gezwungen werden sollen. Aufgrund dieser Sachlage ordnete der Gerichtsherr ein Ermittlungsverfahren an und zwar ausdrücklich auch „soweit es sich um strafbare Handlungen des Beschuldigten gegen die russische Zivilbevölkerung handelt". Diese deutliche Aufforderung verweist bereits darauf, dass diese Straftaten ebenso im Sinne des Gerichtsbarkeitserlasses auf disziplinarischem Wege hätten bestraft werden können - oder überhaupt nicht. Das Urteil lautete schließlich auf „Volltrunkenheit", einen Vergewaltigungsversuch sahen die Richter als nicht erwiesen an.87 Sie hätten grundsätzlich mit Rückgriff auf den Erlass die Möglichkeit gehabt, nur das militärische Delikt zu ahnden und den Täter wegen der Übergriffe auf die russischen Zivilisten nicht zu belangen. Möglicherweise war in diesem Fall die Kombination aus mehreren Straftaten dafür ausschlaggebend, dass die Militärrichter einen „Verfolgungszwang" als gegeben erachteten. Im Hinblick auf die besetzten Gebiete der Sowjetunion muss an dieser Stelle nochmals ausdrücklich betont werden, dass mit dem Gerichtsbarkeitserlass grundlegende und schwerwiegende Richtlinien für den Umgang mit Straftaten deutscher Soldaten gegen Zivilisten vorgegeben waren. Nicht nur anhand der rückläufigen Zahlen von Verurteilten, wie sie in der offiziellen Wehrmachtkriminalstatistik dargestellt sind, sondern auch anhand anderer Quellen lässt sich ein Nachlassen der militärgerichtlichen Tätigkeit sowohl bei Eigentumsdelikten als auch bei Sexualverbrechen dokumentieren. Dies bedeutet wiederum, dass einige dieser Taten nicht mehr anhand von Justizakten rekonstruierbar sind. Diejenigen sexuellen Übergriffe, die zwar gemeldet, aber letztlich nicht weiter militärgerichtlich verfolgt wurden, sind möglicherweise noch durch Hinweise auf eine disziplinarische Bestrafung, wie sie in den Strafbüchern von Wehrmachtangehörigen vermerkt wurde, zu ermitteln. Darüber hinaus könnten einige Taten eventuell anhand entsprechender Quellen bei den Orts- oder Feldkommandanturen und bei der Feldgendarmerie in den jeweiligen okkupierten Gebieten untersucht werden. Da sich aber grundsätzlich das Problem der Dunkelziffer stellt, die schlicht nicht abschätzbar ist, erscheint der Versuch einer quantitativen Erfassung letztlich wenig erfolgversprechend. Es ist vielmehr von Interesse, wie die Wehrmachtgerichte bezüglich der eingeleiteten Verfahren ein Sexualverbrechen be- und verurteilten. Dies soll zunächst anhand ihres Umgangs mit zivilen Zeugen analysiert werden. 87 BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./305, Bl. 48-50: Feldurteil vom 19. Juni 1942; Bl. 2: Tatbericht vom 29. April 1942; Zitat Bl. 13: Anordnung des Ermittlungsverfahrens, 10. Mai 1942.
186 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 4. ZIVILE ZEUGEN VOR DEM KRIEGSGERICHT 4.1 D I E GLAUBWÜRDIGKEIT AUF DEM PRÜESTAND Die Vernehmung von Zeugen ist prinzipiell eine gängige und akzeptierte Methode in Gerichtsverfahren, damit ein Richter den Sachverhalt möglichst genau und detailliert nachvollziehen kann. Eventuelle Einschränkungen bei der Vereidigung oder sonstige Einwände gegen Zeugen hängen im Allgemeinen von deren Beziehung zu dem oder den Beschuldigten ab, richten sich nach der grundsätzlichen Aussagefähigkeit oder nach dem jeweiligen Grad der Beteiligung an den zu verhandelnden Delikten. Bezüglich der Verfahren vor Militärgerichten der Wehrmacht, die wegen Sexualverbrechen deutscher Soldaten eingeleitet worden waren, lagen von vornherein andere Voraussetzungen vor. Zum einen tagten hier Gerichte, die mit militärischen Richtern und Laien besetzt waren, und die unter Heranziehung weiterer Verordnungen oder Erlasse vorrangig nach den Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches und des deutschen Reichsstrafgesetzbuches urteilten. Zum anderen waren die geladenen Zeuginnen und Zeugen mehrheitlich Angehörige der Zivilbevölkerung der besetzten, teilweise auch der verbündeten Länder, es sei denn, andere deutsche Soldaten wurden ebenfalls befragt. Es standen sich also Armeeangehörige und Zivilisten der Länder gegenüber, mit denen sich das Deutsche Reich noch im Kriegszustand befand oder die bereits der deutschen Besatzungsverwaltung unterworfen waren. Diese besondere Konstellation führte dementsprechend von Beginn an zu einem spezifischen Umgang der Gerichte mit den Zeugen. Von Seiten des Oberkommandos der Wehrmacht wurden explizite Anweisungen an das Oberkommando des Heeres erteilt, wie bei solchen Verfahren vorzugehen sei. Gemäß einem Befehl des Führers müsse bei der Vernehmung von „Angehörigen der Feindstaaten" Folgendes beachtet werden: „Jede Möglichkeit, ohne solche Zeugen auszukommen, ist zu ergreifen. Ihre Aussagen sind mit grösster Zurückhaltung zu bewerten; das gilt besonders, wenn andere Beweismittel fehlen. Sie sind nicht zu vereidigen, wenn - was in der Regel vorauszusetzen ist - wegen feindlicher Einstellung gegenüber dem deutschen Volk und der deutschen Wehrmacht Befangenheit zu besorgen ist."88 Auch der Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" wies darauf hin, dass bei „der Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Aussagen feindlicher Zivilpersonen [...] äusserste Vorsicht geboten" sei.89 Wie entsprechende Äußerungen in den Urteilen zeigen, wurden diese Richtlinien von den Militärrichtern durchaus ernst genommen und berücksichtigt. Im Januar 1943 tagte das Gericht der 346. Infanterie-Division wegen „versuchter Notzucht", verübt von einem deutschen 88 89 BA-ZNS RH 15 aG/10, Bl. 47: Oberkommando der Wehrmacht, 14 n 16WR(I/3), 1560/41 an O K H , 15. Juli 1941, gez. Chef OKW, Keitel. IMT, Bd. 34, Gerichtsbarkeitserlass, S. 254, Hervorhebung i.O.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 187 Familienvater an einer 19 Jahre alten Französin. Zu den von ihr vorgebrachten Beschuldigungen bemerkten die Richter in ihrer Urteilsbegründung abschließend: „Das Gericht ist sich darüber klar, daß die Aussage einer franz. Staatsangehörigen im besetzten Gebiet gegenüber einer Straftat eines deutschen Soldaten und zumal bei dem vorliegenden Sachverhalt mit Vorsicht zu bewerten ist."90 Auch die Richter der 129. Infanterie-Division, die 1942 gegen einen Obergefreiten wegen der versuchten Vergewaltigung eines sowjetischen Mädchens verhandelten, betonten in ihrem Urteil explizit, die Aussagen von zwei als Zeuginnen befragten Russinnen hätten allein nicht für eine Verurteilung genügt, da sie „Angehörige eines Feindstaates" seien und ihre Angaben schon deshalb kritisch bewertet werden mussten. Zu der Gefängnisstrafe von sechs Monaten kam es letztlich nur deshalb, weil vier andere deutsche Soldaten die Darstellung der Frauen bestätigten. Der Angeklagte selbst hatte die Tat bestritten.91 Wegen des erwähnten Misstrauens gegenüber den Zivilisten entfiel in vielen Fällen die Vereidigung sowjetischer92, mitunter aber auch französischer 93 Zeugen. Dagegen mussten deutsche Soldaten, die in einigen Verfahren ebenfalls als Zeugen vernommen wurden, den Eid ablegen.94 Auch die teilweise beigezogenen Wehrmachtdolmetscher wurden vor ihrer Übersetzung vereidigt.95 Derartige grundsätzliche Bestimmungen über den Umgang mit zivilen Zeugen in militärgerichtlichen Verfahren weisen bereits darauf hin, dass es diese in der Praxis nicht sehr leicht hatten, ihre Anliegen vor den Richtern zu vertreten und ausreichend Gehör zu erhalten. In Prozessen, die wegen Sexualverbrechen deutscher Soldaten geführt wurden, mussten die weiblichen Zeugen aber darüber hinaus noch eine Vielzahl von Kriterien erfüllen, damit sie ernst genommen wurden. Dieser spezifische Argwohn gegenüber vergewaltigten oder sexuell misshandelten Frauen weist „eine lange Tradition" auf, die unter anderem auf der historischen Entwicklung des Rechts und auf der häufig umstrittenen Stellung der Frau als Zeugin vor Gericht beruht. 96 Die Entscheidung darüber, ob eine Frau nach Ansicht des Militärgerichts die Wahrheit sagte und zu Recht einen deutschen Soldaten wegen eines Verbrechens beschuldigte, konnte von ihrer Nationalität, ihrem äußeren Erscheinungsbild, ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, ihrem Alter, ihrem Zivilstand oder aber 90 91 92 93 94 93 w BA-ZNS S 379, Gericht der 346. Inf.Div., Bl. 16-19: Feldurteil vom 29. Januar 1943, hier Bl. 18. Die Zeugin wurde trotz der zitierten Bedenken als glaubwürdig angesehen und der Soldat zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. BA-ZNS S 182, Gericht der 129. Inf.Div., Bl. 19-21: Feldurteil vom 15. November 1942, hier Bl. 20. Ebd., Bl. 19. BA-ZNS S 137, Gericht der 709. Inf.Div., Bl. 13-15: Öffentliche Sitzung des Fcldkriegsgerichts, 27. Juli 1942. BA-ZNS S 243, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 17-26: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts, 27. August 1941, hier Bl. 25. §32 KStVO 1938. Künzel, Vergewaltigungslektüren, S. 210-227, Zitat S. 221.
188 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 von ihrer Charakterisierung durch Dritte abhängig sein. So erschien dem Gerichtsherrn der 227. Infanterie-Division im Mai 1941 die Angabe der Französin L., sie sei in der Nacht vom 21. auf den 22. April 1941 durch den Schützen Wilhelm L. vergewaltigt worden, nicht plausibel genug. Die Aussagen der Zeugin seien „[...] ungenau und unglaubhaft. Sie wird auch von der französischen Behörde als sehr unglaubhaft beurteilt. [...] Sie ist als Verbreiterin von Gerüchten bekannt, bestreitet aber, zur Verantwortung gezogen, nichts oder etwas anderes gesagt zu haben".97 Die Französin hatte offenbar bereits bei ihrer Vernehmung durch den Dolmetscher keinen überzeugenden Eindruck hinterlassen. Dessen Bericht zufolge habe sie sich „in ununterbrochenen Schwätzereien, die sie mit den unmöglichsten Gesten begleitete", zum Tathergang geäußert und sie hätte keinerlei Beweise dafür erbringen können, dass sie durch den Beschuldigten gewaltsam zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden sei. Der Soldat selbst hatte bei seiner Befragung angegeben, mit der Französin intim geworden zu sein, allerdings betonte er, dies sei in gegenseitigem Einverständnis geschehen und er habe keine Gewalt angewendet. Aufgrund dieser Sachlage wollte der zuständige Kriegsgerichtsrat die Anschuldigungen der Zeugin zwar nicht einfach auf sich beruhen lassen. Da aber auch er die Ehrlichkeit der Frau anzweifelte, beauftragte er einen deutschen Wachtmeister damit, weitere Nachforschungen über den Charakter und den Ruf der Zeugin anzustellen.98 Dieser befragte daraufhin den Bürgermeister des Wohnortes samt dessen Sekretär sowie einige Polizeibeamte - in den Augen des Ermittlers wie des Gerichts waren dies offenbar diejenigen Personen, die selbst einen untadeligen Lebenswandel aufwiesen und für derartige Auskünfte über ausreichende Kenntnisse in Bezug auf Frau L. verfügten. Das Ergebnis der Ermittlungen bestätigte dem Richter seine bereits geäußerte Vermutung. Die Zeugin L. sei zwielichtig, sie rede viel und arbeite aufgrund einer chronischen Krankheit nicht. Diese Angaben genügten dem Gericht, um das Verfahren wegen Vergewaltigung schließlich einzustellen.99 Es soll an dieser Stelle nicht hinterfragt werden, ob diese Entscheidung aufgrund der aus den Akten noch zu entnehmenden Hinweise richtig oder falsch war. Denn ein der historischen Realität entsprechender Sachverhalt kann, wie bereits im Kapitel zur Quellenproblematik erläutert, mit Hilfe solcher Quellen nicht rekonstruiert werden.100 Von Interesse sind vielmehr die Begründungen, mit denen Frau L. die Vertrauenswürdigkeit 97 BA-ZNS Gericht der 227. Inf.Div./281, Bl. 18: Verfügung vom 6. Mai 1941. Ebd., Bl. 14f.: Verfügung vom 30. April 1941, Zitat Bl. 15. 99 Ebd., Bl. 16 u. Bl. 18. Das Verfahren wegen „Notzucht" wurde zwar eingestellt. Der Schütze Wilhelm L. wurde aber gemäß Strafverfügung vom 6. Mai 1941 wegen Rauschzustand nach § 51 Abs. 1 RStGB zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er an der 13 Jahre alten Tochter von Frau L. „unzüchtige Handlungen" vorgenommen hatte. Dieser Sachverhalt war durch einen entsprechenden ärztlichen Untersuchungsbericht bestätigt worden. BA-ZNS Gericht der 227. Inf.Div./281, Bl. 9 (Untersuchungsbericht) u. Bl. 19 (Strafverfügung). • ° Vgl. Kapitel II, 4. 98
4. Zivile Zeugen vor d e m Kriegsgericht 189 abgesprochen wurde. Ihre angebliche Neigung zu Geschwätzigkeit und damit ihre Vorliebe für Klatsch und Tratsch sowie die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit reichten bereits aus, um das Gericht ihre Ausführungen anzweifeln zu lassen.101 Ihre Beziehung zu Männern, sonst ein gängiges Kriterium in Vergewaltigungsprozessen, wurde hier nicht thematisiert. Der zitierte Fall aus Frankreich ist jedoch in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Art und Weise, wie Militärgerichte in den besetzten französischen Gebieten mit den Zeugen und deren Angaben umgingen. In diesem Verfahren war die Französin zunächst durch ihren Redestil negativ aufgefallen. Da der beschuldigte Soldat eine Vergewaltigung bestritt und sie die einzige Hauptbelastungszeugin war, stand für das Gericht während des Verfahrens die Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit im Mittelpunkt. Es wurden daher keine Mühen gescheut, um bestimmte Auskünfte über sie einzuholen. Die aufgesuchten Informanten, bezeichnenderweise nur Männer, waren Amtspersonen, die schon aufgrund ihrer beruflichen Stellung prädestiniert schienen, um dem Gericht die gewünschten Angaben zu liefern. Das Befragen dieser spezifischen Gruppe ist auch aus anderen Prozessen bekannt und diese Methode wurde ebenfalls angewandt, wenn es sich um sexuelle Gewalt gegen deutsche Mädchen und Frauen handelte. 102 So sollten eventuelle Vorstrafen der Zeugen oder sonstige Auffälligkeiten in Bezug auf die Polizei schnell ermittelt werden. Darüber hinaus galten Polizisten oder Bürgermeister offenbar auch als geeignet, um etwaige Männerbekanntschaften der Frauen, ihre Arbeitsweise und selbst ihre Fähigkeiten als Mütter und Hausfrauen zu beurteilen. 103 Es konnte sogar vorkommen, dass der Bürgermeister des Ortes, aus dem die betreffende Frau stammte, selbst als Garant für deren Leumund vor Gericht geladen und für seine Aussage vereidigt wurde. 104 Dies offenbart eine direkte Zusammenarbeit zwischen den französischen Behörden und der deutschen Wehrmacht. Bereits im Waffenstillstandsabkommen von 1940 war die grundsätzliche Kooperation zwischen französischen Dienststellen und der deutschen Militärverwaltung festgehalten worden - und sie funktionierte im eben erwähnten Bereich der Informationsbeschaffung über Zeugen offenbar reibungslos, auch wenn sie mit zunehmender Besatzungsdauer und je nach Region unterschiedlich ausfiel.105 101 102 103 104 105 Künzel, Vergewaltigungslektürcn, S. 220f., verweist auf den „Topos der weiblichen Geschwätzigkeit" in Bezug auf die Zeugenaussagen von Frauen. BA-ZNS S 274, Gericht der 29. Inf.Div. (mot.), Bl. 1: Bericht des Stabsfeldwebels der Feldgendarmeric vom 30. April 1943; BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 18-20: Feldurteil vom 29. August 1940; BA-ZNS S 55, Feldgericht des Kommandierenden Generals und Befehlshaber im Luftgau III/IV. In diesem Fall hatte ein Obergefreiter ein Mädchen in Dresden sexuell genötigt. Zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit des Mädchens wurde ein polizeiliches Leumundszeugnis über sie und ihre Eltern eingeholt sowie der Klassenlehrer befragt. BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 20: Feldurteil vom 29. August 1940. Der Chef der französischen Gendarmeric hatte in diesem Fall ausgesagt, die Frau sei „sauber und arbeitsam" und ihren beiden Kindern eine gute Mutter. BA-ZNS RH 69/3974, Gericht der 26. Inf.Div., Bl. 12-15: Öffentliche Sitzung des Kriegsgerichts, 4. Juli 1940. Jäckel, Frankreich, S. 63; Thalmann, Gleichschaltung, S. 239; Kasten, „Gute Franzosen", S. 59. Kasten verweist darauf, dass vor allem in Südfrankreich und in der Bretagne die Zusammenar-
190 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Damit bildete diese Form der Unterstützung einen weiteren kleinen Baustein der Kollaboration auf anderen Gebieten, die weitaus schwerwiegendere Folgen aufwies. Bei der Rekrutierung von mehr als 1,3 Millionen französischen Arbeitskräften für den Einsatz im Deutschen Reich, bei der Bekämpfung der Widerstandsbewegung und vor allem bei der Verhaftung und der Deportation von mehr als 80.000 Juden französischer und ausländischer Herkunft in die osteuropäischen Konzentrations- und Vernichtungslager arbeiteten die französischen Behörden teilweise eng mit der deutschen Militärverwaltung zusammen. I06 Auch bei der Überwachung der französischen Prostituierten und der Frauen, die als solche galten, fiel das Engagement der einheimischen Organe, insbesondere der französischen Sittenpolizei, zur Zufriedenheit der Wehrmacht aus.107 Wie im zweiten Kapitel bereits ausgeführt wurde, war die ortsansässige Polizei in vielen Fällen die erste offizielle Stelle, die von sexuellen Gewalttaten deutscher Soldaten erfuhr. Danach wirkte sie durch diverse Auskünfte über ihre französischen Landsleute konkret an den weiteren Ermittlungen mit und konnte so den Verlauf eines Verfahrens beeinflussen, indem sie eine Charakterisierung der Frauen lieferte. Wenn ein Polizeibeamter eine vergewaltigte Französin als „une dame tres respectable et honnete" 108 bezeichnete und diese darüber hinaus noch die Ehefrau eines französischen Reserveoffiziers war, konnte sie eher damit rechnen, dass das Gericht ihren Aussagen trauen würde. Eine weitaus schlechtere Position hatte dagegen eine Zeugin, wenn wie in einem Fall ein französischer Polizeikommissar bei seiner Befragung über den Leumund der Frau angab, sie sei zwar „keine Dirne", er habe jedoch den Eindruck, dass sie sich „ganz gerne 3 Stunden lang bedrohen lasse, damit der Mann bei ihr bliebe". Beweise für diese Behauptung konnte der Mann laut dem mit der Vernehmung beauftragten Stabsfeldwebel der Feldgendarmerie nicht vorweisen.109 Dennoch hatte diese Einschätzung schlussendlich einen wesentlichen Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens: Der beschuldigte Unteroffizierwurde zunächst wegen „Notzucht, Plünderung und Hausfriedensbruchs" zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil er der Französin im Anschluss an die Tat noch persönliche Gegenstände und Toilettcnartibeit zwischen der deutschen Besatzungsmacht und der französischen Polizei auf verschiedenen Gebieten weitaus schwieriger verlief und sie dort eher den Charakter direkter Konfrontation annahm. Ebd., S. 142-158. 106 Serge Klarsfcld, Vichy-Auschwitz. La „Solution finale" de la question juive en France, Paris 2001. Über die tatkräftige Mithilfe der französischen Polizei bei der „Endlösung der Judenfrage" in Frankreich siehe Meyer, Besatzung, S. 34-53. Zur Kollaboration allgemein Gerhard Hirschfeld/Patrick Marsh (Hg.), Kollaboration in Frankreich. Politik, Wirtschaft und Kultur während der nationalsozialistischen Besatzung 1940-1944, Frankfurt/Main 1991, sowie der Sammelband von Stefan Martens/Maurice Vaisse (Hg.), Frankreich und Deutschland im Krieg (November 1942-Herbst 1944). Okkupation, Kollaboration, Resistance, Bonn 2000; Kletzin, Trikolore. Zahlenangabe für die Arbeiter ebd., S. 208. 107 Meinen, Wehrmacht, S. 25, 85-90; Kasten, „Gute Franzosen", S. 94. 108 BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./58, Bl. 2: 12. Komp./Inf.Regt. 317, Tatbericht mit acht Anlagen, Aussage des Polizeibeamten Michel M., 22. Juni 1940. 109 BA-ZNS S 251, Gericht der 159. Res.Div., Bl. 17-19: Feldgend.Trupp 563, Befragung der Beteiligten am 6. November 1942, hier Bl. 19.
4. Zivile Z e u g e n v o r d e m Kriegsgericht 191 kel wie Parfüm, Creme und Puder gegen ein viel zu geringes Entgelt abgenommen hatte. 110 Dieser Richterspruch wurde aber vom Gerichtsherrn nicht bestätigt, weil der Rechtsgutachter im Falle der Vergewaltigung eine Zuchthausstrafe für angebracht hielt." 1 In dem anschließenden zweiten Prozess wurde eine „Notzucht" dann als nicht mehr erwiesen angesehen, denn die Zeugin habe sich in der Darstellung der Geschehnisse widersprochen. Zudem sei sie „nicht glaubwürdig", da sie außereheliche Beziehungen pflege. Die Aussage des Kommissars bestätige den Eindruck des Gerichts von der Zeugin durchaus, es wäre, so die Urteilsbegründung, „auch merkwürdig, wenn eine Amtsperson in einem schwebenden Verfahren leichtfertig eine unbegründete Meinung äussern würde". 112 Derart diskriminierende und offenbar vor allem individuelle Sexualphantasien widerspiegelnde Äußerungen wie diejenige des französischen Polizisten konnten die Position von Frauen in Vergewaltigungsprozessen nachhaltig schwächen oder die Zeuginnen gar als Lügnerinnen erscheinen lassen, wenn die Militärrichter bereits selbst voreingenommen waren. Das Interesse der Richter galt dem Lebenswandel und dem Ruf der Frauen in „moralischer" Hinsicht. Offenbar in dem Wissen, dass dieses Kriterium vor Gericht eine wesentliche Rolle spielen würde, schlug in einem anderen Verfahren die 16 Jahre alte Französin Andree M., die von einem deutschen Obergefreiten vergewaltigt worden war, bei ihrer Vernehmung selbst vor, man könne „im Ort überall fragen und es wird jeder bestätigen können, dass ich mich nicht viel mit Männern abgebe". Auch ihre Chefin trat als Zeugin auf und bestätigte, dass ihre Angestellte kaum Männerbekanntschaften habe. Beide Frauen wurden vereidigt, was darauf schließen lässt, dass das Gericht hier keinen besonderen Argwohn gegenüber den Französinnen hegte. Aufgrund ihrer Angaben und da der Beschuldigte ein gewaltsames Vorgehen teilweise eingestanden hatte, erfolgte eine Verurteilung wegen „Notzucht". 113 Der so genannte, aber dabei nicht genauer spezifizierte „gute" Ruf wurde nicht nur von den Frauen und Mädchen selbst, sondern auch von deren Ehemännern, Vätern oder der gesamten Familie erwartet. Er stellte einen weiteren Prüfstein für die Richtigkeit der gemachten Zeugenaussagen dar." 4 Offensichtlich wa- 110 111 112 113 114 Ebd., Bl. 2: Feldgend.-Trupp 563, Tatbericht vom 23. Oktober 1942. Während des Krieges stellten solche Konsumgüter Luxusartikel dar und ihre Aneignung gehörte ganz allgemein und ohne Zusammenhang mit Sexualdelikten zum Besatzungsalltag deutscher Soldaten, die dies auch in Feldpostbriefen offen thematisierten. Vgl. Latzel, Deutsche Soldaten, S. 135-138. BA-ZNS S 251, Gericht der 159. Res.Div., Bl. 32-39: Feldurteil vom 16. November 1942, Bl. 43: Gericht des Chefs des Militacrverwaltungsbezirks C (Nordostfrankreich), Rechtsgutachten vom 23. November 1942. Ebd., Bl. 63-65: Feldurteil vom 6. Januar 1943, Zitate Bl. 64f. BA-ZNS RH 69/3762, Gericht der 16. Inf.Div. (mot.), Bl. 21 -23: Vernehmung der Zeugen, Zitat Bl. 22; Bl. 46-49: Feldurteil vom 21. August 1940. Der Obergefreite erhielt die Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis, weil das Gericht ihm mildernde Umstände wegen Trunkenheit zugestand und seinen Einsatz als Soldat würdigte. BA-ZNS RH 69/3974, Gericht der 26. Inf.Div., Bl. 18. Auch im Deutschen Reich war die Untersuchung der wirtschaftlichen und familiären Verhältnisse des Opfers oder von dessen Fami-
192 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 ren bei den Richtern ähnliche Einschätzungen bezüglich französischer Frauen vorhanden, wie sie auch in den Feldpostbriefen von Soldaten oder Jahrzehnte später noch in Interviews mit ehemaligen Kriegsteilnehmern auftauchen. So wurde Französinnen eine grundsätzlich lockere Lebensweise nachgesagt und ihnen unterstellt, dass sie sich auf Flirts oder Bekanntschaften eher einlassen würden als deutsche Frauen und Mädchen.115 Gerade die Ehefrauen der etwa 1,6 Millionen französischen Kriegsgefangenen waren unter dem Vichy-Regime hinsichtlich ihres Verhaltens und ihres Auftretens in der Öffentlichkeit einer direkten sozialen „Überwachung [...] im Dorf, im Betrieb oder in Familien" ausgesetzt, da sowohl von einigen Männern als auch von der Regierung befürchtet wurde, die lange räumliche Trennung der Ehepartner könnte die Frauen zu außerehelichen Beziehungen oder gar zu Scheidungen verleiten." 6 Bei einem Verfahren wegen Vergewaltigung vor dem Gericht der 159. Reserve-Division wurde einer Französin die Glaubwürdigkeit abgesprochen, da sie eigenen Angaben zufolge ein Verhältnis mit einem Landsmann unterhielt, während ihr Mann in deutscher Gefangenschaft war. Die Militärrichter warfen ihr deshalb vor, sie sei „charakterlich minderwertig", und begründeten den Freispruch für den Angeklagten unter anderem damit, nur aufgrund der Aussage dieser französischen Zeugin sei eine Verurteilung nicht möglich." 7 Die Militärgerichte der Wehrmacht konnten bezüglich der Einschätzung von Zeuginnen teilweise auf eine bereits innerhalb der französischen Gesellschaft vorhandene Bereitschaft zur gegenseitigen Bespitzelung und mitunter auch zur Denunziation zurückgreifen. Das hier geschilderte Augenmerk auf das Sexualverhalten von allein stehenden Frauen oder jenen Französinnen, die vorübergehend ohne Ehemann lebten, weil sich dieser in Gefangenschaft befand oder für das Deutsche Reich arbeitete, muss auch im Zusammenhang mit der Verfolgung von freien, also nicht behördlich registrierten Prostituierten 113 116 117 lie ein gängiges Mittel in solchen Verfahren. Vgl. BA-ZNS S 55, Gericht des Kommandierenden Generals und Befehlshaber im I.uftgau III/IV, Bereich Dresden, Bl. 39f. Klara Löfflcr, Zurechtgerückt. Der Zweite Weltkrieg als biographischer Stoff, Berlin 1999, S. 308f. Helene Eck, Die Französinnen unter dem Vichy-Regime. Frauen in der Katastrophe - Bürgerinnen dank der Katastrophe?, in: Georges Dubv/Michelle Perrot (Hg.), Geschichte der Frauen, 5 Bde., Frankfurt/Main 1997, Bd. 5: 20. Jahrhundert, hg. von Franchise Thebaud, S. 223255, hier S. 237. Die Zahl der französischen Kriegsgefangenen, die bis Kriegsende 1945 in deutschem Gewahrsam waren, belief sich auf ungefähr 950.000 Männer. Bernd Zielinski, Der „Reichseinsatz" von Franzosen und die Fintwicklung der Kollaborationspolitik, in: Martens/Vaisse (Hg.), Frankreich und Deutschland, S. 379-396, hier S. 380; Patrice Arnaud/Michel Fabreguet, Les prisonniers de guerre, les travailleurs civils et les concentrationnaires frani;ais entre repression et travail force (novembre 1942 - automne 1944), in: Martens/Vaisse (Hg.), Frankreich und Deutschland, S. 419-435, hier S. 419. Vgl. auch Meinen, Wehrmacht, S. 82f. BA-ZNS S 251, Gericht der 159. Res.Div., Bl. 63-65: Feldurteil vom 6. Januar 1943, hier Bl. 65. Der angeklagte Unteroffizier war bereits im November 1942 wegen „Notzucht", Plünderung und Hausfriedensbruch verurteilt worden. Das Urteil wurde nicht bestätigt, da der Rechtsgutachter ein höheres Strafmals gefordert hatte. Bei der Neuverhandlung wurde dann der Vorwurf der Vergewaltigung fallen gelassen und die Zeugin für unglaubwürdig erklärt. F,bd., Bl. 32-39: Feldurteil vom 16. November 1942.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 193 gesehen werden. Initiiert von der deutschen Militärverwaltung wurden während der Besetzung Frankreichs polizeiliche Kontrollen und regelrechte Razzien durchgeführt, um die als geschlechtskrank geltenden Prostituierten ausfindig zu machen. Hierbei konnte sowohl die französische Polizei als auch die deutsche Feldgendarmerie mit der Kooperation der Zivilbevölkerung rechnen. Wie sehr insbesondere Ehefrauen von Kriegsgefangenen einer sozialen Kontrolle ausgesetzt waren, zeigt sich auch anhand der gängigen Praxis, prostitutionsverdächtige und deshalb in Internierungslagern inhaftierte Französinnen so lange nicht zu entlassen, wie deren Ehemänner noch in deutschem Gewahrsam waren und deshalb nicht als Familienoberhaupt und damit als männliche „Disziplinierungsinstanz" fungieren konnten." 8 Angesichts dieser Rahmenbedingungen lässt sich erahnen, welche schwerwiegenden Auswirkungen in einigen Fällen die polizeilichen Nachforschungen über Zeuginnen bei Nachbarn oder Behörden mit sich bringen konnten. Die Überwachung des Sexualverhaltens und des Privatlebens von Frauen nahm während des Zweiten Weltkrieges nicht nur in Frankreich diese Ausmaße an. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich für die USA und auch für Deutschland belegen." 9 Die „Ehrbarkeit" von Zeuginnen spielte aber nicht nur in Strafverfahren in Frankreich oder beispielsweise in Italien120 eine wichtige Rolle. Auch in Urteilen aus den osteuropäischen Ländern finden sich entsprechende Äußerun gen über und Bewertungen von Zeuginnen, die zum einen auf das Frauenbild einiger Richter verweisen, zum anderen aber auf deren Auffassungen von der Bedeutung einer sexuellen Gewalttat.121 Im Mai 1944 verhandelten die Richter des Gerichts der 6. Panzer-Division gegen insgesamt neun Soldaten wegen Vergewaltigung und Beihilfe zur Vergewaltigung einer Polin und einer Ukrainerin im Generalgouvernement - das Urteil lautete schließlich für alle Beteiligten auf Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen. Eine der Frauen wurde von den Angeklagten während des Verfahrens als Prostituierte hingestellt, um so den Vorwurf der „Notzucht" zu entkräften. Wie der folgende Passus über die Zeugin in der Urteilsbegründung zeigt, führte diese Taktik zunächst nicht zum gewünschten Erfolg: 118 1 9 ' 120 121 Meinen, Wehrmacht, S. 90-92, 101-103, 178. Zu den USA siehe Karen Anderson, Wartime Women: Sex Roles, Family Relations, and the Status of Women during World War II, Westport, Conn., 1981, S. 103-111; Susan Gubar, "This Is My Rifle, This Is My Gun": World War II and the Blitz on Women, in: Margaret Randolph Higonnet u.a. (Hg.), Bchind the Lines. Gender and theTwo World Wars, New Haven 1987, S. 227259, v.a. S. 238-240. Zu Deutschland siehe Birthe Kundrus, Kriegerfrauen. Familienpolitik und Geschlcchtcrverhältnisse im Ersten und Zweiten Weltkrieg, Hamburg 1995. Auf die deutsche Situation wird noch im Rahmen der Verfolgung von „Rassenschandc" detaillierter eingegangen. BA-ZNS S 60, Gericht des Kommandeurs der Luftflottcntruppe 2, Bl. 6: Verfügung vom 16. August 1944. Das Verfahren wurde eingestellt, weil sich nach Ansicht des Gerichts die Angaben der Zeugin nicht erhärten ließen. Die Tatsache, dass sie den angeklagten Soldaten mit in ihre Wohnung genommen hatte, obwohl sie ihn kaum kannte, genügte den Richtern, um der Frau die Glaubwürdigkeit abzusprechen. BA-ZNS S 392, Gericht der Oberfeldkommandantur 379, Bl. 34: Feldgendarmerie-Gruppe Ortskommandantur 1/408 an Gericht der Oberfeldkommandantur 379,24. Januar 1942. In diesem Fall wurden bei den Nachbarn einer polnischen Frau Erkundigungen über etwaige Männerbesuche eingezogen.
194 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 „Auch wenn sie nicht mehr als unbescholtenes Mädchen anzusprechen ist, so ist sie doch keinesfalls eine sog. Hure, wie einige der Angeklagten vorbrachten, wobei sie diese Beurteilung lediglich auf die Rede anderer Leute stützen konnten. Aber selbst wenn sie eine Dirne wäre, so würde dies den Tatbestand der Notzucht keinesfalls ausschließen."122 Die Tatsache, dass diese und auch andere Richter123 auf die Rechtswidrigkeit der Vergewaltigung einer Prostituierten explizit hinwiesen, dokumentiert, wie stark die traditionellen und in die Vergangenheit zurückreichenden Vorurteile über so genannte „ehrbare" und „ehrlose" Frauen in den Köpfen dieser Männer verankert waren.124 In diesem Fall hatte das Gericht keine Zweifel an der Strafwürdigkeit der Tat, auch wenn sie die Frau ebenfalls hinsichtlich ihres Sexualverhaltens als nicht mehr „unbescholten" ansahen. Trotzdem entfalteten die von den Soldaten vorgebrachten Beschuldigungen gegen die Frau schließlich doch noch die beabsichtigte Wirkung. So erhob der Verfasser des Rechtsgutachtens schwere Bedenken gegen das Urteil und schlug die Aufhebung vor. Der Gerichtsherr folgte dieser Empfehlung und bestätigte das Urteil nicht. Es kam zu einer zweiten Verhandlung, das nun mit anderen Richtern besetzte Gericht bewertete den Fall nach neuen Kriterien und verhängte schließlich wesentlich mildere Strafen und sprach sogar einige der Männer frei. Die Richter hatten zugunsten der Angeklagten nicht nur deren alkoholisierten Zustand bei der Tat berücksichtigt, sondern auch deren abfällige Bemerkungen über die Zeugin akzeptiert. So sei „ihnen zugute zu halten, dass sie auf Grund der Kriegsverhältnisse verständlicher Weise zu der Auffassung gekommen sind, dass es sich bei der Zeugin Lola um ein Mädchen handele, die [sie] mehr oder weniger das Leben einer Dirne führe".125 Im Rechtsgutachten zu diesem zweiten Urteil wurde die zitierte Beurteilung der ukrainischen Frau ebenfalls als Strafmilderungsgrund für die Angeklagten begrüßt, da es sich bei ihr „um eine trotz ihrer Jugend moralisch verdorbene Frau" handle.126 Diese diskriminierende und äußerst abschätzige Ansicht rührte offenbar daher, dass die Ukrainerin bereits eine Beziehung zu einem 122 123 124 123 126 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./173, Bl. 47-53: Feldurteil vom 13. Mai 1944, hier Bl. 50. BA-ZNS S 208, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 13f.: Feldurteil vom 21. Juni 1940. Dieses Verfahren wegen „Notzucht" fand in Frankreich statt. Der Angeklagte hatte als Entschuldigung vorgebracht, er hätte die Frau für eine Prostituierte gehalten. Die Richter verurteilten ihn wegen Vergewaltigung zu einer fünfjährigen Zuchthausstrafe und betonten in der Urteilsbegründung, auch eine Prostituierte dürfe nicht gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen werden. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 52; Kienitz, Sexualität, S. 235-238. Über stereotype Vorstellungen von einer Prostituierten als der „scxualisierten Frau" an sich, wie sie bereits im 19. Jahrhundert entwickelt wurden, siehe Sander L. Gilman, Rasse, Sexualität und Seuche. Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 133-154. Auch in heutigen Gerichtsverfahren kommt der Frage nach eventuell häufigen Partnerwechscln der vergewaltigten Frau noch wesentliche Bedeutung zu. Künzel, Vcrgewaltigungslektüren, S. 157f. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./173, Bl. 67f.: Rechtsgutachten vom 2. Juni 1944, Bl. 91-94: Feldurteil des Gerichts der Ersatz-Brigade 999 vom 12. September 1944, hier Bl. 94. Ebd., Bl. 115: Rechtsgutachten vom 8. Oktober 1944.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 195 Hauptfeldwebel der Wehrmacht unterhalten hatte und bei Tanzveranstaltungen mit deutschen Soldaten häufiger angetroffen worden war. Derartige Kontakte wurden ihr im Nachhinein vom Gericht vorgehalten, als es um die Einschätzung ihres Rufs ging. In den Akten aus nord- oder westeuropäischen Ländern oder, wie im erwähnten Fall, aus Polen sind die Bemühungen der Richter erkennbar, den „Leumund" oder die „Ehrbarkeit" einer Zeugin festzustellen. Sie fanden sich in dieser deutlichen Form jedoch nicht in den Urteilen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Insbesondere die aufwendigen Nachforschungen bei örtlichen Amtsinhabern oder Nachbarn über den Lebenswandel der vergewaltigten oder angegriffenen Frauen wurden nicht durchgeführt. Zwar wurden die Betroffenen mit Hilfe von Dolmetschern vernommen und in einigen Verfahren waren sie auch als Zeuginnen bei der Gerichtsverhandlung selbst zugegen. Bestimmte Ausführungen in den Urteilen weisen jedoch darauf hin, dass bezüglich der Glaubwürdigkeit von sowjetischen Frauen weniger der Lebenswandel und das Verhalten in Bezug auf Männer von Interesse waren, sondern vielmehr von Anfang an schwerwiegende Bedenken grundsätzlicher Natur gegenüber ihren Aussagen bestanden. Das Gericht der 6. Panzer-Division befand im Oktober 1943 in einem Verfahren wegen versuchter Vergewaltigung, die „Angaben der Zeugin sind sehr bestimmt und an Eides statt [sie] gemacht. Die Russin ist Lehrerin und daher als intelligent anzusprechen. Ihre Aussage hat also mehr Gewicht als die einer Durchschnittsrussin".127 Die „Durchschnittsrussin" war zur damaligen Zeit entweder in der Landwirtschaft oder als Industriearbeiterin in der Stadt beschäftigt.128 Dieses Feldkriegsgericht sah demnach die Mehrheit der sowjetischen Frauen von vornherein als weniger gebildet und damit als weniger bedeutsame Zeuginnen an. Mit dieser Ansicht stand das Gericht der 6. Panzer-Division nicht alleine da. 129 Es finden sich Äußerungen in anderen Urteilen, die zum Teil noch wesentlich drastischer in ihrer Einschätzung sind. Die Richter beim Panzer-Armeeoberkommando 3 betonten beispielsweise in einer Anklageverfügung bezüglich der Zeuginnen, dass sowjetischen Frauen mit „einem gewissen Mißtrauen" zu begegnen sei.130 Ähnlich lautete der Befund des Gerichts der 95. Infanterie-Di127 128 129 130 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./4, Bl. 21f.: Feldurteil vom 23. Oktober 1943, hier Bl. 22. So waren zum Beispiel vor Ausbruch des Krieges in Wcißrussland etwa 70% der Arbeitnehmer in der Landwirtschaft tätig. Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 231. Im Jahr 1940 lag in der Sowjetunion der Frauenanteil in der Arbeiterschaft bei 43%, und nach Kriegsausbruch 1941 stellten die Frauen mehr als 70% der in der Landwirtschaft Beschäftigten. Francoise Navailh, Das sowjetische Modell, in: Georges Duby/Michelle Perrot (Hg.), Geschichte der Frauen, 5 Bde., Frankfurt/Main 1997, Bd. 5: 20. Jahrhundert, hg. von Francoise Thebaud, S. 257-283, hier S. 274, 277. Ausführungen zum „Intelligenzniveau des Durchschnittsrussen" im Zusammenhang mit der Roten Armee finden sich bei Joseph Goebbels, Die Tagebücher. Sämtliche Fragmente, Teil I. Aufzeichnungen 1924-1941, hg. von Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Bundesarchiv, 9 Bde., München 1987-1998, hier Bd. 3, S. 640-642, Eintrag vom 14. November 1939. BA-ZNS S 103, Gericht des Pz.A.O.K. 3, Bl. 11: Anklageverfügung vom 2. Dezember 1944.
196 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 vision im März 1944 bezüglich der Aussagen zweier russischer Frauen. So bestehe eine bekannte „Neigung russischer Zivilisten zu Übertreibungen und unwahren Darstellungen". 131 Und die Richter des Gerichts der 201. SicherungsDivision unterstellten im Mai 1944 einer russischen Frau, deren Tochter bei einem Vergewaltigungsversuch durch einen deutschen Soldaten erschossen worden war, „daß sie aus Rache lügt, zumal sie Russin ist und seither im Bandengebiet gelebt hat".132 Laut Wolfram Wette vermittelte die nationalsozialistische Propaganda von der Sowjetunion und ihrer Bevölkerung im Wesentlichen ein „Feindbild". Die zahlreichen Vorurteile und Stereotype, die sich auch bei Militärrichtern zeigten, stützten sich dabei selten auf gründlichere Kenntnisse über das Land oder auf eigene Erfahrungen.' 33 Die eben aufgeführten Zitate verweisen darauf, dass diese Vorstellungen auch in den Prozessen zum Tragen kamen, obwohl beispielsweise das so genannte „Untermenschentum" der slawischen „Rasse" in den Verfahrensschriften nicht explizit erwähnt wurde. Möglicherweise kam es in den Fällen, in denen der zuständige Gerichtsherr von dieser Ideologie überzeugt war, überhaupt nicht zu einem Verfahren. Die Übertragung bestimmter Klischees auf die gesamte Bevölkerung lässt sich auch an einem weiteren Detail aus den Akten festmachen. Zwar wurden in den besetzten Ostgebieten die Zeuginnen wie die nord- oder westeuropäischen Frauen auch mitunter individuell mit ihrem Namen angesprochen. 134 Viel häufiger tauchen jedoch in den Urteilen und Anklageverfügungen von der Ostfront unpersönliche Kollektivbezeichnungen wie „Russenfrau"' 35 oder „Russenmädchen" 136 auf. Ähnliche Ausdrücke hat Klaus Latzel in Soldatenbriefen entdeckt. Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg hätten die Soldaten der Wehrmacht gegenüber den Zivilisten der eroberten und besetzten Gebiete weitaus diskriminierendere Bezeichnungen verwendet. In seiner Auflistung erscheinen Begriffe wie „Huren" und „Russenweiber", die sich in Briefen aus der Zeit von 1914 bis 1918 nicht fanden.137 Auch in Erzählungen ehemaliger Wchrmachtangehöriger, die am Krieg gegen die Sowjetunion teilgenommen hatten, fallen noch Jahrzehnte später entsprechende Worte. Darüber hinaus sind Photos deutscher Soldaten, die sowjetische Frauen zeigen, beispielsweise mit „Banditenweiber" beschriftet.138 Der zum Teil übereinstimmende Sprach131 BA-ZNS S 317, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 30-34: Feldurteil vom 13. März 1944, hier Bl. 34. BA-ZNS S 283, Gericht der 201. Sich.-Division, Bl. 58-62: Feldurteil vom 22. Mai 1944, hier Bl. 60. 133 Wolfram Wette, Das Rußlandbild in der NS-Propaganda. Ein Problemaufriß, in: Hans-Erich Volkmann (Hg.), Das Rußlandbild im Dritten Reich, Köln 21994, S. 55-78, hier S. 73f.; Jürgen Förster, Zum Rußlandbild der Militärs 1941-1945, in: Hans-Erich Volkmann (Flg.), Das Rußlandbild im Dritten Reich, Köln 21994, S. 141-163. 134 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./19, Bl. 29-31: Feldurteil vom 29. Mai 1943, hier Bl. 30. 133 BA-ZNS S 317, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 15-19: Feldurteil vom 26. Februar 1944, hier Bl. 18; BA-ZNS S 374, Gericht des Pz.A.O.K. 3, Bl. 15: Anklageverfügung vom 27. Mai 1944. ' * BA-ZNS S 254, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. lf.: Feldurteil vom 23. Juli 1942, hier Bl. 2. 137 Latzel, Deutsche Soldaten, S. 177f. 138 Schröder, Die gestohlenen Jahre, S. 398; Löffler, Zurechtgerückt, S. 313. Die entsprechenden Photos sind abgedruckt bei Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 316f. 132
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 197 stil lässt darauf schließen, dass Militärrichter und Soldaten gleichermaßen bestimmte Stereotype verinnerlicht hatten. Vor Gericht hatten deswegen die Angehörigen einer als unzivilisiert geltenden Bevölkerung von vornherein einen schweren Stand. In einigen Fällen, die sich in der Sowjetunion ereignet hatten, war eine Befragung der Frauen aufgrund der verschobenen Fronten und des Rückzugs der deutschen Wehrmacht aus bestimmten Gebieten überhaupt nicht mehr durchführbar. So meldete der Feldgendarmerietrupp 57 im Oktober 1943 dem zuständigen Kriegsgerichtsrat, eine Vernehmung der Zeugin sei nicht mehr möglich, da ihr Heimatdorf evakuiert worden sei. Über den Verbleib der Bewohner gebe es keine Informationen. 139 Diese knappe Mitteilung verweist auf die Praxis der Wehrmacht, im Rahmen der militärisch erforderlichen Rückzugsbewegungen und bei der teilweisen Räumung der besetzten Gebiete im Osten in zunehmendem Maße die dortigen Bewohner mitzunehmen. Im Juli 1943 war die letzte deutsche Offensive der Wehrmacht an der Ostfront, das Unternehmen „Zitadelle", bei Kursk gescheitert. Die Rote Armee setzte ihre Angriffe an mehreren Frontabschnitten massiv fort und zwang die deutschen Verbände zum Rückzug. 140 Anfangs gingen dabei zahlreiche Zivilisten noch freiwillig mit, doch immer mehr offenbarte sich auch der zwangsweise Charakter der im militärischen Sprachgebrauch euphemistisch „Evakuierungen" genannten Maßnahmen. Sie zielten zum einen darauf ab, mittels Selektion gesunde und arbeitsfähige Kinder, Frauen und Männer weiter als Arbeitskräfte für die Wehrmacht oder für die Wirtschaft im Reich zu erhalten, zum anderen sollte die Rote Armee nicht die Möglichkeit haben, zusätzliche Soldaten in diesen Gebieten zu rekrutieren. Die alten und kranken Menschen sowie Mütter mit Kleinkindern wurden - als „nutzlose Esser" eingestuft - zurückgelassen oder in Auffanglager gebracht, wo viele von ihnen aufgrund der verheerenden hygienischen Bedingungen und der katastrophalen Ernährungslagc starben. Im Herbst 1943 fanden diese Aktionen vor allem im Osten Weißrusslands statt - bis zum Sommer 1944 sollen etwa eine Million Menschen in ganz Weißrussland von der „Evakuierungspolitik" betroffen gewesen sein.141 4.2 OBJEKTIVE UND SUBJEKTIVE KRITERIEN FÜR DEN NACHWEIS EINES SEXUALVERBRECHENS Auch wenn in einem Sexualstrafverfahren das zuständige Gericht die als Zeugin auftretende Frau als ehrlich einstufte und der Tathergang aufgrund der Beweislage eindeutig war, reichte dies für eine Verurteilung des oder der Ange- 139 140 141 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./4, Bl. 11: Feldgend.Trupp (mot.), 12. Oktober 1943. Gruchmann, Weltkrieg, S. 251 f.; Kroener, „Menschenbewirtschaftung", S. 944-948. Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 497-501,1092-1101; Rass, „Menschenmaterial",S. 381-385. Siehe auch Latzel, Deutsche Soldaten, S. 74, mit einem entsprechenden Feldpostbrief.
198 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 klagten noch nicht aus. Damit ein sexueller Übergriff als „Notzucht", „versuchte Notzucht" oder „unzüchtige Handlung" im Sinne des Reichsstrafgesetzbuches definiert wurde, mussten weitere Kriterien von Seiten der betroffenen Frauen oder Mädchen erfüllt werden. So orientierten sich einige Militärrichter bei der Ahndung eines Sexualverbrechens am Alter, am Aussehen oder an der körperlichen Verfassung der Opfer. Viele der Urteilsbegründungen verweisen diesbezüglich auf traditionelle, überwiegend von Männern gepflegte Klischees, die in den Verfahren zum Tragen kamen. Als einen Ausdruck der „völlig triebhaften Unbeherrschtheit" des Angeklagten bezeichnete ein Gericht im August 1941 die Vergewaltigung sowie die anschließende Ermordung einer Französin, es betonte in diesem Zusammenhang aber vor allem, dass das Opfer eine „unansehnliche alte Frau von mehr als 60 Jahren" gewesen sei. Trotz des fortgeschrittenen Alters und trotz des angeblich unattraktiven Äußeren der Frau habe der Mann seinen Geschlechtstrieb nicht zügeln können, er sei „absolut hemmungslos und daher eine Gefahr für die Umwelt". Er wurde deswegen gemäß der nationalsozialistischen Auffassung von einer wirksamen Verbrechensbekämpfung als „Gewaltverbrecher" zum Tode verurteilt.142 Die Richter bewerteten also die Unrechtmäßigkeit des Geschehens nicht nur nach den weitgehend objektiv überprüfbaren Handlungen des Soldaten, sondern auch mittels rein subjektiver Kriterien. Mit ihrer abschätzigen Bemerkung reihen sich diese Militärrichter in die Gruppe all derer ein, die davon ausgehen, dass nur gut aussehende und vor allem junge Frauen Sexualverbrechen zum Opfer fallen. Ähnlich verhielt es sich auch in einem Verfahren vor dem Gericht der 7. Panzer-Division. Der Schütze Johann T wurde im Oktober 1940 der versuchten Vergewaltigung einer 61 Jahre alten Französin beschuldigt. Laut Urteil war ihm der eigentliche Geschlechtsakt nicht gelungen, deswegen habe er die Frau zum Oralverkehr gezwungen. Er selbst gestand in der Verhandlung zwar den Sachverhalt ein, entschuldigte sich aber mit dem Hinweis auf seinen damaligen alkoholisierten Zustand. Die Richter sahen eine „Volltrunkenheit" als nicht erwiesen an, da der Mann sich noch an gewisse Einzelheiten des Vorfalls erinnern konnte. Andererseits ergaben für sie die „ganzen Tatumstände, insbesondere der Umstand, dass er sich an einer alten Frau vergriff", den Beweis für eine erheblich verminderte „Zurechnungsfähigkeit" des Soldaten. Von einer Zuchthausstrafe wurde deswegen abgesehen, zumal der Soldat nicht vorbestraft war und durch seinen Vorgesetzten positiv beurteilt wurde. Die Strafe von eineinhalb Jahren Gefängnis resultiere jedoch, so die Urteilsbegründung, unter anderem aus der Tatsache, dass das Vorgehen des Mannes „eine ganz unglaubliche Schweinerei" darstelle.143 Das Alter diente in einigen 142 143 BA-ZNS Gericht des Marinebefehlshabers Westfrankreich, Zweigstelle Lorient/F 444, Bl. 4450: Fcldurteil vom 7. August 1941, hier Bl. 49f. Der Fall wird im Kap. V, 8 über die Todesurteile noch ausführlich vorgestellt. Die Bemerkung „unansehnlich" fiel auch gegenüber einem 15 Jahre alten deutschen Mädchen. BA-ZNS RH 69/3765, Gericht der 16. Inf.Div., Bl. 4: Tatbericht vom 20. September 1939. BA-ZNS S 280, Gericht der 7. Pz.Div., Feldurteil vom 21. Oktober 1940. Bei der Festsetzung des Strafvollzuges stellte sich heraus, dass der Soldat doch vier Vorstrafen aufzuweisen hatte, der Gerichtsherr ordnete deswegen die Verwahrung des Verurteilten in einem Straflager der Wehrmacht an. Ebd., Verfügung des Gerichtsherrn der 7. Pz.Div., 4. Dezember 1940.
4. Zivile Zeugen vor d e m Kriegsgericht 199 Fällen auch als beweiskräftiges Argument für einen gewaltsam erfolgten Geschlechtsverkehr beziehungsweise für den Versuch dazu. So sei bei einer 67-jährigen Französin aufgrund ihrer Lebensjahre nicht davon auszugehen, dass sie „freiwillig mit dem Angeklagten verkehrt hat [...]", befand das Gericht der 211. Infanterie-Division im Februar 1941 und verurteilte einen verheirateten Gefreiten wegen „Volltrunkenheit" zu zwei Jahren Gefängnis.144 Auch bei einer knapp 90 Jahre alten Polin, der ältesten Frau, die in den untersuchten Urteilen als Opfer sexueller Gewalt genannt wird, konnten sich die Richter deren Vergewaltigung durch einen 44-jährigen Familienvater nur mit dessen Vollrausch erklären. Denn im nüchternen Zustand könnte ein „Mann mit normalen Sinnen" kaum dazu kommen, „sich an einer derart gebrechlichen Greisin von fast 90 Jahren derart zu vergreifen".145 Neben diesem Argument konnte auch die körperliche Verfassung eines Opfers als Beleg für ein Sexualverbrechen angeführt werden. So erschien es einem Militärgericht sehr unwahrscheinlich, dass eine Frau während ihrer Menstruation freiwillig mit einem deutschen Soldaten intim geworden sei. Die Richter sahen die Aussage der Zeugin, sie sei vergewaltigt worden, deshalb als wahr an und erkannten gegen den Angeklagten auf „Notzucht". 146 Bei einer im achten Monat schwangeren Norwegerin gingen die Richter des Gerichts der 210. Infanterie-Division ebenfalls davon aus, dass der „Annäherungsversuch" eines verheirateten Gefreiten von der Frau in diesem Zustand nicht „erwünscht" gewesen sei.147 Angesichts der zahlreichen Liebesbeziehungen, die sich zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Frauen während der Besatzungszeit entwickelten, und angesichts der Tatsache, dass diese gemäß der nationalsozialistischen Ideologie über die germanischen „Rassen" von der Wehrmachtführung auch weitgehend toleriert wurden 148 , waren die Richter offenbar zunächst der Ansicht, dass intime Kontakte zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Zivilistinnen aus Zuneigung entstehen würden. Nicht allein die Aussage der Zeugin, sondern auch ihre sichtbare Schwangerschaft 144 143 146 147 148 BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./350, Bl. 20-24: Feldurteil vom 8. Februar 1941, hier Bl. 22. Die Anklage hatte in diesem Fall auf „versuchte Vergewaltigung" gelautet, das Gericht sah dies aber letztlich als nicht erwiesen an. Die Angaben der Frau reichten hierfür nicht aus. BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./28, Bl. 26-29: Feldurteil vom 18. Juli 1940. In diesem Fall war die angegriffene Frau 67 Jahre alt, was von den Richtern als Begründung für eine Strafverschärfung angeführt wurde. BA-ZNS S 247, Gericht der 214. Inf.Div., Bl. 22-24: Feldurteil vom 28. Dezember 1944, hier Bl. 23. BA-ZNS S 227, Gericht des XV. Armeekorps, Bl. 47-51: Feldurteil vom 2. November 1940. BA-ZNS S 359, Gericht der 210. Inf.Div., Feldurteil vom 30. Dezember 1942 wegen „Erregung geschlechtlichen Ärgernisses". Durch entsprechendes Aktenmaterial belegt ist die Zahl von 9.000 Kindern aus Beziehungen zwischen Norwegerinnen und deutschen Männern. Ebba Drolshagen weist aber zu Recht darauf hin, dass sich allein danach keine Aussagen über die Anzahl der Frauen treffen lassen, die näheren Kontakt mit einem Wchrmachtsoldaten hatten. Drolshagen, Nicht ungeschoren davonkommen, S. 92-96. Über den Charakter der deutschen Besatzungspolitik in Norwegen siehe Frank Meyer, Norwegen: nationalsozialistische Revolution von oben, in: Wolfgang Benz/Johannes Houwink ten Cate/Gcrhard Otto (Hg.), Anpassung - Kollaboration - Widerstand. Kollektive Reaktionen auf die Okkupation, Berlin 1996, S. 43-86.
200 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 diente in diesem Verfahren als Begründung für das rechtswidrige Verhalten des Soldaten. Die Entscheidung darüber, ob Geschlechtsverkehr je nach Alter, Aussehen oder körperlicher Verfassung einer Frau als ungewöhnlich und gegebenenfalls auch als gewaltsam anzusehen war, richtete sich nach der individuellen Einschätzung sowie der subjektiven Betrachtung der Richter. Beispielsweise war eine klare Definition der Altersgrenze aus den Urteilen insgesamt nicht herauszulesen. Offensichtlich erschien aber den meisten Militärjuristen und den beisitzenden Laien gerade die sexuelle Gewalt gegenüber älteren Frauen ab 50 Jahren als eine besonders atypische, verwerfliche und damit strafbare Verhaltensweise. In einigen Fällen wurden vor allem aufgrund dieser Einstellungen die Beschuldigungen von Frauen gegen deutsche Soldaten für überzeugend gehalten und bei der Verurteilung berücksichtigt. In Bezug auf die betroffenen Frauen und Kinder waren in den Verfahren alle Altersklassen vertreten. So war das jüngste Opfer zum Zeitpunkt der Tat vier Jahre alt, das älteste fast 90. Für die 149 Frauen und Mädchen, bei denen das Alter anhand der Akten berechnet werden konnte, ergab sich ein Mittelwert von 27 Jahren. Zahlreiche Frauen waren zudem verheiratet und Mütter von einem oder mehreren Kindern, die nicht selten Zeugen des Verbrechens wurden. 149 Während bei älteren Frauen schon allein deren Alter ausreichen konnte, um die vorgebrachte Anklage wegen eines Sexualverbrechens zu untermauern, griffen die Militärgerichte vor allem in Verfahren, bei denen junge Mädchen aussagten, zusätzlich auf ärztliche Gutachten zurück, um stichfestes Beweismaterial zu erhalten. Solche Untersuchungen wurden entweder durch einen Wehrmachtarzt oder einen vor Ort ansässigen Mediziner150 durchgeführt, um zu überprüfen, ob überhaupt ein Geschlechtsverkehr stattgefunden hatte. Die Aufmerksamkeit der Ärzte galt hier insbesondere eventuellen Verletzungen des Hymens. 151 Auch wenn Jungen von einem Wehrmachtangehörigen sexuell missbraucht worden waren, gab es solche ärztlichen Berichte.152 Nach § 43 KStVO waren diese auch „ohne Einwilligung des Betroffenen zulässig, wenn sie zur Wahrheitsermittlung unerlässlich sind und keinen Nachteil für die Gesundheit des Betroffenen" bedeuteten. 153 Die Begutachtung durch einen Arzt erfolgte in der Regel nach einer entsprechenden Anzeige wegen eines Sexualdelikts und konnte den Ausschlag da149 130 131 132 153 BA-ZNS S 4, BA-ZNS S 294. BA-ZNS S 242, Gericht der 299. Inf.Div., Bl. 5: Ärztliches Gutachten eines polnischen Arztes. BA-ZNS S 250, Gericht des IX. Armeekorps, Bl. 4: Truppenarzt II./A.R. 61, Ärztlicher Untersuchungsbefund, 9. November 1941; BA-ZNS S 88, Gericht des Kommandierenden Generals des XIV. Fliegerkorps, Bl. 11: Untersuchung durch den Stabsarzt; BA-ZNS S 84, Gericht der 208. Inf.Div., Bl. 7: Ärztliches Gutachten vom 24. Oktober 1944. Über die Bedeutung dieser Untersuchungen in Verfahren wegen sexueller Delikte vgl. auch Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 70-73. BA-ZNS Gericht der 227. Inf.Div./5, Bl. 31 -37: Feldurteil vom 13. Juni 1941. Die Aussage des elf Jahre alten Jungen wurde aufgrund der ärztlichen Untersuchung nicht vom Gericht angezweifelt, obwohl dessen Familie von der französischen Polizei negativ beurteilt worden war. § 43 KStVO vom 17. August 1938.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 201 für geben, ob überhaupt ein Verfahren in Gang gesetzt wurde. Gerade in den Fällen, bei denen es sich um jüngere Kinder handelte, wurden die Anklagen meist von den Eltern vorgebracht, und dann sollte die medizinische Abklärung deren Vorwürfe überprüfen. Als im Dezember 1940 der Soldat Franz B. verdächtigt wurde, ein viereinhalbjähriges französisches Mädchen missbraucht zu haben, wurde dieses von einem Unterarzt der 16. motorisierten InfanterieDivision untersucht. Sein Befund lautete dahin gehend, dass die „Geschlechtsteile durch äußere Einwirkung gereizt worden" seien. Zusammen mit dem ärztlichen Bericht und den Aussagen der Eltern des Kindes wurde ein Tatbericht an das Kriegsgericht weitergereicht. Dieses erwirkte einen Haftbefehl sowie die Anklageverfügung, so dass es zu einer Verhandlung und der anschließenden Verurteilung des Soldaten wegen „Unzucht mit Kindern" kam.154 Auch hinsichtlich der Vergewaltigung der 15 Jahre alten Polin Emilie T war die Beweislage nach den Untersuchungen durch einen Stabsarzt der Wehrmacht eindeutig, da er eine Verletzung des Hymens feststellte. Zudem hatte der angeklagte Obergefreite die Tat eingestanden, so dass das Gericht der 208. Infanterie-Division den nicht vorbestraften und als guten Soldaten bewerteten Mann wegen „Notzucht" zu zwei Jahren Gefängnis sowie zum Verlust seines militärischen Ranges verurteilte. Der Bericht des Sanitätsunteroffiziers über die körperliche Verfassung des Mädchens verdeutlicht, wie brutal Sexualdelikte sich in der Realität abspielten. Sein Eindruck lautete lapidar: „Dem Mädel, 15 Jahre alt, ziemlich stark entwickelt, war offensichtlich Gewalt angetan. Die Kleider waren zerrissen [sie] der ganze Körper mit Blut beschmiert. Der Geschlechtsteil war aufgerissen und blutete noch stark."155 Neben ihrer Aufgabe, einen Geschlechtsverkehr medizinisch nachzuweisen, wurden die Wehrmachtärzte auch als Sachverständige beigezogen, wenn es darum ging, Spuren von Gewalt am Körper der Frauen zu ermitteln. Beschädigte oder blutige Kleider bildeten ebenso wie Verletzungen in mehreren der untersuchten Prozesse die Merkmale, die zusätzlich zu den Aussagen der Zeuginnen den Tatbestand der gewaltsamen sexuellen Handlungen untermauerten. Derartige Untersuchungsberichte liegen vor allem in Akten aus dem besetzten Teil Frankreichs vor, aber auch aus Polen und der Sowjetunion.156 Die übliche Praxis der Militärjustiz, bei jüngeren Opfern in den besetzten Gebieten medizinische Abklärungen vornehmen zu lassen, beruhte nicht speziell auf der Tatsache, dass diese Angehörige von „Feindstaaten" waren. Denn 134 135 136 BA-ZNS RH 69/3619, Gericht der 16. Inf.Div. (mot.), Bl. 2-4,26-30: Feldurteil vom 27. Januar 1941, Zitat Bl. 4. BA-ZNS S 84, Gericht der 208. Inf.Div., Bl. 5 u. 7: Ärztliches Gutachten, 24. Oktober 1944, Zitat Bl. 5, Bl. 12f.: Feldurteil vom 28. Oktober 1944. BA-ZNS S 362, Gericht der 52. Inf.Div., Bl. 4: Bescheinigung des Ass.Arztes I/A.R. 152, 9. Mai 1943; BA-ZNS S 274, Gericht der 29. Inf.Div. (mot.), Bl. 1: Bericht des Stabsfeldwebels der Feldgcndarmerie über einen Arztbesuch der französischen Zeugin; BA-ZNS S 227, Gericht des XV Armeekorps, Bl. 13: Truppenarzt, Wchrmachtärztliche Bescheinigung. Über die Bedeutung von Verletzungen als Beweis für eine Vergewaltigung vgl. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 65-70.
202 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 die Angaben von Kindern wurden in Sexualstrafverfahren grundsätzlich mit Skepsis bewertet. So sahen die Richter auch in Prozessen, in denen Soldaten wegen sexueller Übergriffe auf deutsche Kinder angeklagt waren, die kindlichen Aussagen sehr kritisch.157 Darüber hinaus lassen sich diese Vorbehalte nicht erst für die Zeit des Zweiten Weltkrieges nachweisen, sie spielten bereits im Kaiserreich in entsprechenden „Sittlichkeitsverfahren" eine Rolle.158 Neben dem Alter, der allgemeinen körperlichen Verfassung und dem Grad der Verletzung der weiblichen Geschlechtsorgane bildete das Verhalten einer Frau unmittelbar vor und während des Geschehens ein weiteres, wesentliches Kriterium für die Aufklärung eines Sexualverbrechens. Über die angebrachten oder nicht adäquaten Reaktionen in einer solchen Situation herrschten bei den Militärjuristen mehr oder weniger klare Vorstellungen. „So benimmt sich eine genotzüchtigte Frau nicht", befand das Gericht des Kommandierenden Generals des IX. Fliegerkorps im März 1942 und sprach zwei deutsche Unteroffiziere frei, die von einer Niederländerin der Vergewaltigung bezichtigt worden waren. Für diese knappe und zugleich eindeutige Bewertung waren zwei Punkte ausschlaggebend gewesen. Zum einen wurde die verheiratete Zeugin offenbar häufiger in Lokalen gesehen, in denen auch deutsche Soldaten einkehrten, was in den Augen der Richter bereits auf einen lockeren Lebenswandel schließen ließ und die Eignung der Frau als Hauptbelastungszeugin stark einschränkte. Zum anderen habe sie, so die Urteilsbegründung, bei der angeblichen Vergewaltigung weder um Hilfe geschrieen noch auf eine andere Weise ihre Ablehnung gegen den Geschlechtsverkehr deutlich zum Ausdruck gebracht.159 Die Richter versuchten also zu rekonstruieren, ob eine vergewaltigte Frau nicht vielleicht durch entsprechende Äußerungen, Handlungen oder Gesten den Soldaten zu der Tat verleitet und animiert hatte. Wenn sich beispielsweise während der Ermittlungen herausstellte, dass sich der beschuldigte Soldat und die Frau bereits gekannt hatten oder eine Frau einen Wehrmachtangehörigen in ihre Wohnung mitnahm, konnte dies von den Richtern als eine Verhaltensweise interpretiert werden, die gegen eine sexuelle Misshandlung oder eine Vergewaltigung im Sinne des Reichsstrafgesetzbuches sprach.160 Die Ansichten darüber, wie eine Frau im Falle eines Übergriffs männlichen Vorstellungen und Rollenbildern entsprechend „richtig" zu reagieren hatte, ähnelten sich und waren bei den verschiedenen Militärgerichten in den besetzten Gebieten Frankreichs, der Sowjetunion oder beispielsweise in Italien gleichermaßen anzutreffen. So fragten die meisten Richter in den Prozessen detailliert nach, ob eine Frau sich verbal gesträubt oder sich körperlich gewehrt hätte und durch Schreien und Weinen dem Täter ihre Abneigung unmissverständlich signalisiert habe. 137 138 139 ",0 BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./275, Bl. 15. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 92-97. BA-ZNS S 58, Gericht des Kommandierenden Generals des IX. Fliegerkorps, Bl. 24-31: Feldurteil vom 10. März 1942, hier Bl. 30. BA-ZNS S 60, Gericht des Kommandeurs der Luftflottentruppe 2, Bl. 6.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 203 Insbesondere lautes „Hilferufen" war ein wesentliches Kriterium, welches in den Augen der Militärrichter für einen gewaltsamen Geschlechtsverkehr sprach161, weil diese Art des Widerstandes angeblich „mehr als die übliche weibliche Zurückhaltung bedeutete". 162 Das Interesse, das die Justiz für den Widerstand einer Frau im Falle eines Sexualverbrechens zeigte, weist eine lange Tradition auf. So mussten bereits in der Frühen Neuzeit für den Nachweis einer Vergewaltigung zusätzliche Zeugen bekunden, dass das Opfer sich durch Schreien und Alarmschlagen deutlich für andere vernehmbar gewehrt hatte. Wenn die Tat sich an einem einsamen Ort ohne Beisein von Dritten ereignet hatte, war es für die davon Betroffene äußerst schwierig, das Sexualverbrechen zu beweisen.163 Auch in Verfahren im Deutschen Kaiserreich wurde eine gewaltsame sexuelle Handlung vor allem anhand der Reaktionen der Frauen und Mädchen definiert. Nicht nur die vom Täter angewandte Gewalt, sondern vor allem der Protest des Opfers und dessen deutlich signalisierte Absicht zur Abwehr des Angriffs bildeten die Grundlagen für die gerichtliche Bewertung eines Sexualdeliktes.164 Stellte sich anhand der Zeugenbefragungen heraus, dass sich eine Frau weder beim Angriff noch während des eigentlichen Geschlechtsaktes zur Wehr gesetzt hatte, und waren keinerlei Zeichen von Widerwillen zu erkennen, sahen einige Wehrmachtrichter eine Duldung des Geschlechtsverkehrs als erwiesen an und verneinten eine „Notzucht" im rechtlichen Sinne. In einem Fall, der sich im März 1944 an der Ostfront ereignet hatte, gab die russische Zeugin an, sie habe sich aus Angst nicht gegen den Soldaten und die Vergewaltigung gewehrt. Denn zum einen sei er betrunken gewesen, zum anderen habe er eine Pistole mit sich geführt. Das Gericht wollte in dem Verhalten des Unteroffiziers und in dem bloßen Vorhandensein der Waffe keine Einschüchterung oder Drohung erkennen und wertete die Tat nicht als „Notzucht", sondern als ein Volltrunkenheitsdelikt nach § 330a RStGB. Da der Angeklagte ein „im Kampf hervorragend bewährter Soldat" sei, mehrere Auszeichnungen erhalten habe und sich die Tat selbst nicht erklären könne, gestanden ihm die Richter mildernde Umstände zu und verhängten so die äußerst niedrige Strafe von sechs Wochen geschärftem Arrest. 165 Die als notwendig erachtete Stärke des Widerstandes wurde, wie folgendes Beispiel zeigt, manchmal auch entsprechend dem körperlichen Zustand der angegriffenen Frau definiert. Im Dezember 1943 verhandelte das Feldkriegsgericht der 253. Infanterie-Division gegen den Obergefreiten Wolfgang G. und 161 162 163 164 163 BA-ZNS Gericht der 227. Inf.Div./533, Feldurteil vom 27. Juni 1940; BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./153, Bl. 2-5. BA-ZNS S 262, Gericht der 52. Inf.Div., Bl. 10f.: Feldurteil vom 6. Januar 1942, hier B i l l . Elisabeth Koch, Die Frau im Recht der Frühen Neuzeit. Juristische Lehren und Begründungen, in: Ute Gerhard (Hg.), Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, S. 73-93, hier S. 86; Künzel, Vergewaltigungslektüren, S. 185190. Hommen, Sitthchkeitsverbrcchen, S. 35-42. Ähnlich auch Töngi, Geschlechterbeziehungen, S. 66. BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./155, Bl. 14-16: Feldurteil vom 15. März 1944, Zitat Bl. 16.
204 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 den Gefreiten Arthur D., beide Angehörige der Nachschubkompanie 253. Ihnen wurde vorgeworfen, eine 30-jährige russische Frau, Mutter von drei Kindern, aus ihrem Haus unter einem Vorwand weggelockt und sie dann mit Gewalt in die Zelle der Ortskommandantur gebracht zu haben. Dort sei es zur Vergewaltigung der Frau durch Wolfgang G. gekommen. In der Verhandlung gestand dieser den Geschlechtsverkehr zwar ein: „Er habe das aber nicht als Notzucht aufgcfasst, die Zeugin [...] habe sich nur soviel gesträubt, wie das Frauen und Mädchen zunächst immer täten und dann den Vollzug des Geschlechtsverkehrs freiwillig gestattet."166 Diese Behauptung des Angeklagten - die in vergleichbarer Form häufiger in den Stellungnahmen von deutschen Soldaten vor Gericht auftauchte 167 ließ das Gericht aber nicht als Entschuldigung gelten. Die Voraussetzungen für ein Verbrechen der „Notzucht" nach § 177 RStGB seien gegeben, denn die Frau habe sich so gewehrt, wie es ihr in dieser Situation überhaupt möglich gewesen sei. Da sie selbst eher von kleiner Statur sei und zudem die Verschleppung in die Zelle sie sehr aufgeregt habe, hätte man von ihr eine kraftvollere Reaktion nicht erwarten können. Beide Angeklagten wurden verurteilt, der Obergefreite G. wegen „Notzucht" zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Die Richter sahen zwar von einer Zuchthausstrafe ab, da beide Männer bis auf eine Vorstrafe noch nicht gerichtlich belangt worden waren, sie betonten aber, durch die Strafzumessung solle den Männern auch vor Augen geführt werden, „dass der deutsche Soldat kein Landsknecht" sei. In diesem Fall hatte das Gericht offensichtlich auch aufgrund der besonderen Tatumstände, also hinsichtlich der Entführung und des Tatortes, den Ausflüchten des beschuldigten Soldaten keinen Glauben geschenkt. Zudem stuften sie die russische Zeugin als ehrliche Person ein.168 Üblicherweise wurde jedoch das Fehlen einer entschiedenen und deutlichen Gegenwehr von den Militärrichtern äußerst misstrauisch aufgcfasst. Besonders genau nahm es der Kriegsgcrichtsrat des Gerichts der 159. Reserve-Division, der im Zusammenhang mit einer Vergewaltigungsklage einen eigenen Fragenkatalog für die Vernehmung aller Beteiligten vorlegte. Anhand der Antworten sollte geklärt werden, ob sich die betreffende Französin „den Schlafanzug gutwillig" habe ausziehen lassen, sich „freiwillig auf das Bett" gelegt habe und welcher Art die Drohungen des Soldaten gewesen seien. Da die Frau kein Deutsch könne und der Soldat kein Französisch, habe die Verständigung, so die Ansicht des Richters, auf der nonverbalen Ebene stattgefunden. Des166 167 168 BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./126, Bl. 11 -15: Feldurteil vom 14. Dezember 1943, hier Bl. 12. Eine ähnliche Aussage im Vernchmungsprotokoll ebd., Bl. 2. Vgl. die Interpretation dieses Falles bei Rass, „Menschenmatcrial", S. 269. Vgl. Kap. V, 5.4. BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./126, Bl. 11 -15: Feldurteil vom 14. Dezember 1943, hier Bl. 14. Der Angeklagte D. wurde wegen „versuchter Notzucht und Beihilfe zur Notzucht" zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Darüber hinaus wurden beide Soldaten wegen „Ungehorsams" bestraft.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 205 halb könnten nur etwaige gewalttätige Handlungen und gegebenenfalls deren Abwehr auf ein Sexualdclikt hindeuten. 169 Das Augenmerk der Richter auf das Alter, die körperliche Verfassung sowie auf das Verhalten der Frauen und Mädchen während der Tat richtete sich - im Gegensatz zu den vorgenommenen Charakterisierungen der Zeuginnen nicht danach, welcher Nation diese angehörten. Insbesondere das gezielte Nachfragen über einen etwaigen Widerstand taucht sowohl in Verfahrensprotokollen von der West- als auch von der Ostfront auf und findet sich auch in den Fällen, in denen ein Soldat wegen der Vergewaltigung einer deutschen Frau oder eines deutschen Mädchens angeklagt worden war.170 Je nach Tatgeschehen und abhängig von den spezifischen Tatumständen wurden die Reaktionen der Frauen unterschiedlich bewertet und zugunsten oder zuungunsten des oder der Beschuldigten ausgelegt. Die untersuchten Urteilsakten weisen bezüglich der Interpretationen der einzelnen Gerichte eine große Bandbreite auf - ein grundsätzlicher Befund lässt sich daher nicht treffen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Frage nach dem konkreten Verhalten der Frauen während eines Sexualverbrechens in der überwiegenden Zahl der herangezogenen Gerichtsverfahren gestellt wurde. Dann standen die Aussagen der Frauen gegen die der angeklagten Soldaten, weil sich Letztcrc häufig darum bemühten, das angebliche Einverständnis der Frauen zum Geschlechtsverkehr nachzuweisen. 4.3 PHYSISCHE UND PSYCHISCHE FOLGEN SEXUELLER GEWALT Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, sollte die Befragung der Frauen und Mädchen, der weiteren Zeugen sowie gegebenenfalls auch der ärztlichen Sachverständigen dem Militärgericht dabei helfen, die Rechtswidrigkeit einer sexuellen Handlung gemäß den relevanten Paragraphen des Reichsstrafgesetzbuches anzuerkennen oder zu verneinen. Dabei spielten die längerfristigen körperlichen und seelischen Auswirkungen der Tat auf das Opfer so gut wie keine Rolle. Denn wie der entsprechende Abschnitt im Reichsstrafgesetzbuch verdeutlicht, handelte es sich bei Sexualstraftaten nach zeitgenössischer Rechtsauffassung nicht um Angriffe auf die physische und psychische Unversehrtheit, sondern um Delikte gegen die „Sittlichkeit" und damit in erster Linie um die Verletzung der weiblichen „Ehre" 171 . Aufgrund dieser Auslegung lässt sich anhand militärgerichtlicher Akten kaum etwas über die Folgen sexueller Gewalt erfahren. Die vergewaltigten oder sexuell misshandelten Frauen und Kinder äußerten sich vor Gericht nur selten und dann sehr knapp über das Erlebte. Hier muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Ver"• '' BA-ZNS S 251, Gericht der 159. Res.Div., Bl. 11: Verfügung vom 31. Oktober 1942. BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./424. Das Gericht warf dem angeklagten Kanonier vor, trotz des erkennbaren Widerstandes des Mädchens den Geschlechtsverkehr weiter erzwungen zu haben. 171 Über die rechtliche Entwicklung siehe Kap. IV sowie Flommcn, Sittlichkeitsverbrechen, S. 4853. 170
206 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 nehmungsprotokolle größtenteils übersetzt wurden und möglicherweise nur die für eine strafrechtliche Ahndung notwendigen Angaben dabei aufgezeichnet wurden und in die Verfahren mit einflössen. Einige der dort von den Richtern gemachten Äußerungen verweisen darauf, dass manche von ihnen die Tragweite eines Sexualverbrechens entweder überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen oder bagatellisierten. So wurde zwei angeklagten Soldaten vom Gericht der 253. Infanterie-Division in einem Verfahren wegen „Notzucht" strafmildernd zugute gehalten, „dass bei der missbrauchten Frau ein nachhaltiger Schaden oder eine starke seelische Belastung nicht hervorgerufen worden ist". Diese Behauptung offenbart erst bei genauerer Betrachtung der Tatumstände, wie ungerührt die Richter den Vorfall in Bezug auf das Opfer aufnahmen. Die Russin war in ihrem Haus von zwei Soldaten vergewaltigt worden, ein weiterer Soldat hatte zunächst die gleiche Absicht gehabt, nahm aber dann davon Abstand. Zuvor hatte einer der Männer sie vor den Augen ihres 14 Jahre alten Sohnes so ins Gesicht geschlagen, dass sie noch „erhebliche Verletzungen" aufwies, als sie die Tat beim Ortskommandanten meldete. Trotzdem wertete das Gericht dies nicht als strafverschärfend, sondern gestand den Angeklagten mildernde Umstände zu, weil sie die „Tat in einer Zeit langer geschlechtlicher Enthaltsamkeit begangen" hätten und einer der Soldaten ein Geständnis ablegte. Zwei Männer wurden wegen der Vergewaltigung zu Gefängnisstrafen verurteilt, der Dritte freigesprochen.172 Ebenfalls zugunsten eines Angeklagten wertete das Gericht der 299. Infanterie-Division im Herbst 1940 den „Umstand, dass bei der geistig ziemlich stumpfen Maria [...] nicht zu befürchten ist, dass der Vorfall irgend welche [sie] schädigenden Folgen für ihre weitere sittliche Entwicklung haben wird". Die dreizehnjährige Polin, über die die Richter hier so abschätzig urteilten, wurde nach Aussage der Mutter von einem deutschen Soldaten unter Drohung mit dem Seitengewehr dazu gezwungen, ihn mit der Hand zu befriedigen. Zuvor hatte der Soldat versucht, das Kind zu vergewaltigen. Dabei habe es, so ergab die Vernehmung, starke Schmerzen verspürt. Die Charakterisierung des Mädchens beruhte offenbar allein auf seinem Auftreten während der Befragung, und dieser kurze Moment genügte dem Gericht, um die Folgen der Tat und damit das Delikt an sich abzuschwächen. Der Soldat wurde wegen „Hausfriedensbruch" und „Unzucht" mit zehn Monaten und einer Woche Gefängnis bestraft. Zugute kam dem Unteroffizier unter anderem auch, dass er noch nicht vorbestraft war, sein Tun zugab und sich reuig zeigte.173 Die 172 173 BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./125, Bl. 5-7: Feldurteil vom 6. Januar 1942, 2. Fertigung, Zitate Bl. 6f. Der eine Gefreite wurde als „Anführer" der Tat eingestuft und erhielt ein Jahr und drei Monate Gefängnis, bei dem anderen Gefreiten lautete das Urteil auf ein Jahr Gefängnis. Ähnliche Äußerungen des Gerichts auch bei BA-ZNS S 390, Gericht der 7. Pz.Div., Feldurteil vom 13. Oktober 1942. Hier blieb es beim Versuch der Vergewaltigung eines 14-jährigen französischen Mädchens. BA-ZNS S 242, Gericht der 299. Inf.Div., Bl. 3: Strafanzeige bei der Schutzpolizeidienstabteilung Krzepice, 23. September 1940, BI.4: Vernehmung am 23. September 1940, Bl. 23-25: Feld-
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 207 Richter handelten jedoch bezüglich der Bewertung der Tat entgegen der Gesetzesauslegung, wonach es bei der Heranziehung des § 176 RStGB nicht von Bedeutung sei, ob das Kind die an ihm vorgenommene oder von ihm erzwungene Handlung als „unzüchtig" erkennen oder begreifen könne. 174 Die Entwicklung des Kindes wie auch seine geistige Reife hätten demnach nicht zur Diskussion stehen dürfen. Selbst wenn einige Richter Einfühlungsvermögen zeigten, bezog sich dieses häufig nicht auf das Opfer. So beklagten in einem Verfahren in Frankreich die Richter den „Seelenschmerz des Ehemannes" sowie das „Weh der Tochter" aufgrund der mehrfachen Vergewaltigung der Ehefrau und Mutter, die traumatische Erfahrung der Frau selbst und ihre Verarbeitung des Erlebten wurden jedoch nicht explizit erwähnt. „Roh, brutal und viehisch" habe der Gefreite „alle menschlichen Gefühle bei der Familie" verletzt, deswegen erachtete das Gericht eine Zuchthausstrafe von zehn Jahren für notwendig. 175 Ausnahmen bestätigen aber, was die Einstellung mancher Militärrichter betrifft, auch hier die Regel. Nach der Gruppenvergewaltigung eines jungen italienischen Mädchens durch drei Soldaten hob das Gericht der 29. Panzer-Grenadier-Division in seiner Urteilsbegründung deutlich die schwerwiegende körperliche und seelische Schädigung des Mädchens hervor, die durch diese Tat entstanden sei, und berücksichtigte diesen Umstand bei der Strafzumessung.176 Ein derartig erkennbarer Bezug zu den Auswirkungen von sexueller Gewalt taucht allerdings nur selten in den Urteilen auf. Wie bereits erwähnt, befassten sich die Militärrichter zwar im Vorfeld bei der Beweisaufnahme zum Teil sehr genau mit den jeweiligen Frauen und ihren Lebensumständen, um ihre Glaubwürdigkeit als Zeuginnen einschätzen zu können. Die möglicherweise langfristigen Folgen eines sexuellen Übergriffs waren aber für die Mehrheit von ihnen im Rahmen des Verfahrens nicht von Interesse und spielten bei der Festlegung des Strafmaßes kaum eine Rolle. Dies gilt auch hinsichtlich der Infektion mit einer Geschlechtskrankheit oder der Zeugung eines Kindes - beide sind mögliche Folgen einer Vergewaltigung, dennoch wurde diese Problematik in den hier vorliegenden Strafakten ebenfalls kaum zur Sprache gebracht.177 Eine Französin wies bei ihrer Vernehmung zwar ausdrücklich darauf hin, dass der deutsche Soldat bei der zweifachen Vergewaltigung kein Kondom benutzt habe und sie deshalb befürchten müsse, 174 173 174 177 urteil, Zitat B1.25. Ähnliche Einschätzung des entstandenen „Schadens" in BA-ZNS S 231, Gericht der 319. Inf.Div., Feldurteil vom S.Januar 1943. Kohlrausch, Strafgesetzbuch, § 176, S. 325. BA-ZNS S 294, Gericht des Kommandanten des Armeegebietes 590, Feldurtcil vom 11. Juli 1940. BA-ZNS S 161, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Feldurteil vom 9. Februar 1944. Alle drei Männer wurden wegen gemeinschaftlich begangener „Notzucht" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. BA-ZNS S 205, Gericht der 319. Inf.Div.: Der Angeklagte hatte ein 7-jähriges Mädchen auf der englischen Insel Guernsey mit Gonorrhöe angesteckt und wurde wegen „fortgesetzter Vornahme von unzüchtigen Handlungen an einem Kinde" zu einer Zuchthausstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt.
208 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 dass „der Verkehr zu irgendwelchen Komplikationen führen" könnte. 178 Ihre Bemerkung tauchte dann auch im Feldurteil nochmals auf, allerdings scheint sie keinerlei Auswirkungen auf das Strafmaß gehabt zu haben. Das Gericht nahm hierzu nicht weiter Stellung.179 In einem anderen Prozess, in dem ein verheirateter Gefreiter wegen der Vergewaltigung zweier Französinnen angeklagt war, gab eine der Frauen unter Eid stehend zu Protokoll, sie hätte während des gewaltsamen Geschlechtsverkehrs „viel [sie] Schmerzen" gehabt. Anschließend habe sie einen Arzt aufgesucht, weil ihr übel wurde und sie dachte, mit einer Geschlechtskrankheit infiziert worden zu sein.180 Der Mediziner stellte dann auch eine Verletzung des Hymens sowie „eine völlige Entzündung der Scheide" fest. Die Richter berücksichtigten bei der Strafhöhe zwar vor allem die Tatsache, dass der Soldat bereits wegen einer versuchten Vergewaltigung im Januar 1939 verurteilt worden war und im vorliegenden Fall die Taten leugnete. Sie betonten aber in ihrer Urteilsbegründung auch, dass er seinen „regen Geschlechtstrieb" ausgelebt habe, „ohne Rücksicht auf die Frauen zu nehmen [...]".181 Eine Ukrainerin, die von drei deutschen Soldaten in Anwesenheit weiterer Wehrmachtangehöriger zum Teil mehrfach vergewaltigt worden war, hatte laut Urteilsschrift aus Angst vor einer Schwangerschaft einen der Männer gefragt, ob er wenigstens ein Kondom dabei habe. Offenbar reagierte dieser aber nicht auf die Bitte.182 Und in einem Verfahren vor dem Gericht der 254. Infanterie-Division verwies der Dolmetscher im Vernehmungsbericht darauf, dass noch nicht feststehe, ob bei der befragten russischen Frau möglicherweise eine Schwangerschaft durch die Vergewaltigung entstanden sei.183 Diese Beispiele stellen aber eindeutig eine Ausnahme dar. In der Mehrheit der untersuchten Akten wurden Geschlechtskrankheiten oder eventuelle Schwangerschaften von den Richtern nicht thematisiert, obwohl nur wenige Soldaten entsprechende „Schutzmittel" mit sich führten, wenn sie eine Sexualstraftat begingen.184 Es bestand also durchaus die Gefahr, dass sich Frauen durch eine Vergewaltigung mit einer Geschlechtskrankheit wie Gonorrhöe oder Lues infizierten.185 Wie im dritten Kapitel über die Prostitution aufge- 178 179 180 181 182 183 184 183 BA-ZNS S 251, Gericht der 159. Res.Div., Bl. 3: Vernehmung von Gabrielle D. Ebd., Bl. 32-39: Feldurteil vom 16. November 1942, hier Bl. 35. BA-ZNS S 248, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 33-37: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts, 23. April 1941, hier Bl. 34. Ebd., Bl. 39-47: Feldurteil vom 26. April 1941, hier Bl. 41 u. 47. Das Urteil lautete auf drei Jahre Zuchthaus und beinhaltete den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für fünf Jahre. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./l 73, Bl. 47-53: Feldurteil vom 13. Mai 1944, hier Bl. 49. In diesem Fall kam es zu einem zweiten Verfahren, bei dem am F.nde die Männer ein niedrigeres Strafmaß erhielten. Die Richter hielten ihnen zugute, dass sie betrunken gewesen seien und die Ukrainerin als „Dirne" eingeschätzt hätten. Ebd., Bl. 91-94: Feldurteil vom 12. September 1944. BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./31, Bl. 5: Bericht des Dolmetschers beim Gen.Kdo. XXXXVI. Pz.Korps, 28. Februar 1944. BA-ZNS Gericht der 96. Inf.Div./77. Während Gonorrhöe fast nur durch Geschlechtsverkehr übertragen wird, können die Erreger der Lues darüber hinaus auch durch kleinste Verletzungen an der Haut oder Schleimhaut in
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 209 zeigt wurde, waren trotz der von den Sanitätsdiensten eingerichteten „Sanierstuben" zahlreiche Soldaten geschlechtskrank. Anfang August 1944 vermerkte der Beratende Neurologe beim Panzer-Armeeoberkommando 3, Stabsarzt Professor Haug, in seinem Tagebuch, dass sich unter den Verwundeten immer wieder Soldaten mit einer frischen Tripper-Infektion befänden. Angesichts der militärischen Lage und der Rückzugsbewegungen 186 fand er dies doch erstaunlich, denn es wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass „weder Gelegenheit, noch Zeit noch Lust zur Befriedigung des Trieblebens übrig bleibt [...]". Die Geschlechtskrankheiten hätten sich die Soldaten, so seine Erklärung, „sozusagen im Vorbeigehen in kleinen Städtchen und Dörfern geholt". 187 Ob er dabei an gewaltsame Übergriffe dachte oder an intime Kontakte, die in gegenseitigem Einvernehmen oder auch aus materieller Not heraus entstanden waren, muss offen bleiben. Einige Beobachter des Rückzugs berichteten jedenfalls über undiszipliniert auftretende und zugleich verwahrlost aussehende Soldaten, in deren Begleitung sich oftmals Frauen aufhielten.188 Während Seidler die Verbreitung der venerischen Krankheiten unter sowjetischen Frauen euphemistisch mit dem „Beischlaf als Willkommensgruß bis zum Beischlaf aus Not, um Lebensmittel zu bekommen" 189 zu deuten versucht, erscheint angesichts von mehr als 51.000 geschlechtskranken Soldaten in den Jahren 1942/43 und im Hinblick auf die erwähnte Beobachtung des Stabsarztes die Vermutung nicht allzu abwegig, dass sich Frauen und Männer auch infolge eines gewaltsam erfolgten Geschlechtsverkehrs gegenseitig ansteckten.190 Der Raum für Interpretationen ist zumindest groß. Grundsätzlich sind bei Frauen die ersten Anzeichen für eine Infektion mit Gonorrhöe oder Lues schwieriger zu erkennen als bei Männern, so dass einige der davon betroffenen Frauen zum Zeitpunkt der Vernehmung oder bei der Gerichtsverhandlung eventuell noch gar nichts von der Erkrankung bemerkt hatten und so dieses Thema nicht erwähnten. 191 Zu beachten ist in diesem Zusammenhang auch eine mögliche Scham, überhaupt darüber vor einem nur mit Männern besetzten Gericht zu sprechen. Hatte sich dagegen ein Soldat bei einer Vergewaltigung infiziert, so tat er im eigenen Interesse gut daran, ,u 187 188 189 190 191 den Körper eindringen. Die Lues ist aufgrund ihrer möglichen langwierigen Spätfolgen die gefährlichere Geschlechtskrankheit von beiden. Sowohl im Feldheer als auch im Ersatzheer waren die Erkrankungen an Gonorrhöe mit über 70% am verbreitetsten. Seidler, Prostitution, S. 68, 79. Siehe auch BA-MA H 20/825: Zugänge nach den Truppenkrankennachwciscn, Kr.Nw. Nr. 13 und Kr.Nw. Nr. 14 für Tripper und Syphilis. Zu den Krankheiten und ihrer Behandlung siehe auch Sauerteig, Krankheit, S. 28-37. Durch die sowjetische Sommeroffensive im Juni 1944 wurden die Heeresgruppen Mitte und Südukraine zerschlagen. Dies führte in den Monaten Juli und August 1944 zu Verlusten von 300.000 bis 400.000 Mann auf deutscher Seite. Overmans, Verluste, S. 278: Abb. 4, S. 318; Gruchmann, Weltkrieg, S. 264-266. BA-MA H 20/468: Stabsarzt Prof. Dr. Haug, Berat. Neurologe bei Armeearzt Pz.AOK. 3, 4. September 1944 (Abschrift), „Betrifft: Tagebuchauszug für August 1944". Kroener, „Frontochsen", S. 379. Beispiele auch bei Müller, Liebe, S. 21. Seidler, Prostitution, S. 64f. Ebd., S. 68. Meinen, Wehrmacht, S. 117f.
210 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 dies nicht zu melden. So konnte ihm eventuell eine zusätzliche Bestrafung durch den Disziplinarvorgesetzten wegen „Ungehorsams" und eine Urlaubssperre erspart bleiben. Wie die im historischen Rückblick erwähnten Beispiele über Sexualverbrechen durch Angehörige der Roten Armee oder auch durch jugoslawische Soldaten gezeigt haben, spielen nicht nur Geschlechtskrankheiten, sondern auch das Thema Schwangerschaft eine Rolle bei der Analyse von sexueller Gewalt im Krieg. Ähnlich wie im Falle der Infektionskrankheiten taucht in den Urteilen der Wehrmachtgerichtsbarkeit diese mögliche Folge einer Vergewaltigung jedoch nicht auf. Denn die Aufgabe des Gerichtes bestand in erster Linie darin, eine Anklage wegen „Notzucht" zu untersuchen und bei Vorliegen einer Straftat im Sinne des § 177 RStGB diese entsprechend zu sanktionieren. Für eine Verurteilung war es aber unerheblich, ob die betreffende Frau infolge des gewaltsamen Geschlechtsverkehrs schwanger geworden war oder nicht. Im Rahmen der nationalsozialistischen „Rassen-" und Bevölkerungspolitik stellten jedoch von deutschen Soldaten gezeugte Kinder durchaus ein Problem dar, das innerhalb der Wehrmacht, der SS sowie auf höchster politischer Ebene zu Diskussionen Anlass gab und für dessen Bewältigung verschiedene Maßnahmen ergriffen wurden. So erließ Hitler am 28. Juli 1942 eine „Verordnung über die Betreuung von Kindern deutscher Wehrmachtangehöriger in den besetzten Gebieten" und regelte damit die Tätigkeit der von Heinrich Himmler 1935 ins Leben gerufenen Organisation „Lebensborn e.V." in Belgien, Frankreich, in den Niederlanden und in Norwegen. 192 Das Ziel der nationalsozialistischen „Rassenpolitik" war es zum einen, den „gutrassigen" und „arischen" Anteil innerhalb der Bevölkerung zu erhöhen, zum anderen, „minderwertige" Menschen und „Erbkranke" an der Fortpflanzung zu hindern. 193 Während Letzteres mittels Schwangerschaftsabbrüchen und durch eine rigide Sterilisationspolitik umgesetzt werden sollte, dienten zur Verwirklichung des ersten Vorhabens neben Abtreibungsverboten und Familienförderungen auch die Heime des „Lebensborn", damit „arische" Frauen dort ihre unehelichen Kinder ohne Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung und mit entsprechender finanzieller Unterstützung zur Welt bringen konnten. 194 In den erwähnten okkupierten Ländern sollte dagegen laut Himmler die Institution dazu dienen, Georg Lilienthal, Der „Lebensborn e.V." Ein Instrument nationalsozialistischer Rassenpolitik, Stuttgart 1985, S. 35-53, 169-203. Eine graphische Übersicht zu den Heimen in den angegliederten und besetzten Gebieten befindet sich in ebd., S. 256-258; Isabel Heinemann, „Rasse, Siedlung, deutsches Blut". Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas, Göttingen 2003, S. 101-109, 525-528. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Bock, Zwangssterilisation, S. 442. Siehe zu „Pronatahsmus" und „Antinatalismus" im Dritten Reich vor allem die Studie von Bock, Zwangsstcrilisation; zum Frauenbild und Mutterkult auch Irmgard Weyrathcr, Muttertag und Mutterkreuz. Der Kult um die „deutsche Mutter" im Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1993; Dorothee Klinksiek, Die Frau im NS-Staat, Stuttgart 1982, S. 68-93.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 211 „jedes zu erwartende Kind deutschen Blutes von des Vaters Seite her zu erfassen, es selbst sowie seine Mutter rassisch zu bewerten und darauf zu sehen, daß in [sie] einem geeigneten Zeitpunkt das Kind allein oder mit seiner Mutter als Träger deutschen Blutes [...] in das Reich hereinkommt".195 Die Pariser Einwandererzentralstelle schätzte im Oktober 1943 die Anzahl der von Angehörigen der deutschen Besatzungsmacht mit französischen Frauen gezeugten Kinder auf 85.000. Deshalb weitete die Organisation „Lebensborn" 1944 ihre Aktivitäten verstärkt auf Frankreich aus, um die im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie „wertvollen" Kinder für das Deutsche Reich auszuwählen.196 Unterhaltsansprüche gegenüber den deutschen Vätern konnten von französischen Frauen nicht eingeklagt werden, sie waren hier einzig und allein auf freiwillige Zahlungen angewiesen.197 Die erwähnten Beziehungen zwischen Deutschen und Französinnen beruhten wohl in der überwiegenden Mehrheit auf gegenseitiger Zuneigung und waren freiwilliger Natur198, doch gab es daneben sicherlich auch Fälle von direkter physischer Gewaltanwendung. Darüber hinaus muss mit berücksichtigt werden, dass einige Frauen im Rahmen der durch die Besatzungssituation veränderten Machtstrukturen, der verschlechterten wirtschaftlichen Situation und infolge des gesellschaftlichen Wandels Kontakte zu deutschen Soldaten knüpften, weil sie sich davon bestimmte Vorteile erhofften. Während die von deutschen Soldaten in nord- und westeuropäischen Ländern gezeugten Kinder gemäß der nationalsozialistischen „Rassenlehre" zur erhofften Zunahme der „germanischen" Bevölkerung beitragen konnten, waren in Bezug auf die besetzten Gebiete der Sowjetunion ähnliche Bevölkerungsentwicklungen unerwünscht. So wies Generalfeldmarschall Keitel am 12. September 1942 in einem Schreiben über das Verhalten der deutschen Soldaten gegenüber der Zivilbevölkerung der Ostgebiete explizit darauf hin, dass sich infolge der Bcsatzungsdauer der Kontakt zwischen Deutschen und sowjetischen Frauen intensiver entwickeln würde, als dies erstrebenswert oder erlaubt sei. Insbesondere die „Gefahr der Zeugung von Mischlingen, an der Deutschland keinerlei Interesse hat", mache eine Beschäftigung mit dieser Problematik notwendig. Grundsätzlich, so seine Ansicht, würde ein Verbot des Geschlechtsverkehrs zwischen Soldaten und einheimischen Zivilistinnen nicht viel nützen, angebracht sei dagegen die Schaffung von Bordellen in Orten, die eine dauerhafte Stationierung von Truppen aufwiesen.199 193 Heiber (Hg.), Reichsführer!, S. 228f., Dok. 261: Brief Himmlers an sämtliche Hauptämter, neun IISSPF und sieben weitere Adressaten, 8. August 1943. ,9 '' Jäckel, Frankreich, S. 313; Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 71; Lilienthal, „Lebensborn", S. 201. Die Schätzungen für Belgien belaufen sich auf 40.000, für Norwegen und Dänemark auf 12.000 Kinder. Marc Hillel/Clarissa Henry, Lebensborn e.V. Im Namen der Rasse, Wien 1975, S. 209; Drolshagen, Nicht ungeschoren davonkommen, S. 93f., nennt 5.500 Kinder für Dänemark und für Norwegen 9.000 Kinder. 197 Meinen, Wehrmacht, S. 70f. 198 Vgl. die Erzählungen ehemaliger Bcsatzungssoldaten in Frankreich bei Tewes, Frankreich, S. 192-201. 199 BA-MA RH 26-6/67: 6. Div., Anlage 68: Oberkommando des Heeres Az. 533 Gen.z.b.V. beim O K H , Nr. II 1004/42g., 12. September 1942, Abschrift, „Betr.: Verkehr des deutschen Soldaten mit der Zivilbevölkerung in den besetzten Ostgebieten", gez. Keitel.
212 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 Als weitere Maßnahme zur Verhinderung von unerwünschtem Nachwuchs regte Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti im November 1942 in einem Schreiben an Himmler die Verteilung von Kondomen an deutsche Militärangehörige in den besetzten Gebieten an. Da jedoch eine Erweiterung der Produktion von Kondomen angesichts der schlechten Versorgungslage mit Kautschuk nicht möglich sei, sollten darüber hinaus chemische Verhütungsmittel in großem Umfang hergestellt und an Zivilisten abgegeben werden, um ein Anwachsen der einheimischen Bevölkerung zu unterbinden. 200 Auch im „Generalplan Ost" wurde darauf verwiesen, dass zur Vermeidung des Bevölkerungszuwachses in der Sowjetunion zum einen empfängnisverhütende Mittel verfügbar sein mussten, zum anderen sollten Abtreibungen und freiwillige Sterilisationen propagiert werden. 201 Wie realitätsfern die Vorschläge bezüglich der Verwendung von Präservativen waren, dokumentiert ein Bericht der „Beratenden Hygieniker" vom Januar 1944. Dort wurde festgehalten, dass von 153 gemeldeten geschlechtskranken Soldaten 136 keine „Schutzmittel" benutzt und insgesamt 149 nicht die vorgeschriebene „Sanierung" hatten durchführen lassen.202 Auch hinsichtlich der Bordellbesuche von Soldaten beklagte sich der Sanitätsdienst häufiger über die Weigerung der Männer, die vorgeschriebenen Kondome zu benutzen. Das zeigt, wie erfolglos die Bemühungen des Heeres waren, die Soldaten in Bezug auf deren Intimleben zu kontrollieren und die Einhaltung bestimmter Verhaltensweisen zu erzwingen. Bei Frauen im gebärfähigen Alter bestand deshalb im Falle einer Vergewaltigung neben der Gefahr einer Infizierung mit Krankheiten prinzipiell die Möglichkeit, schwanger zu werden, wenn sie sich nicht selbst ausreichend schützten. 203 In einem der untersuchten Verfahren aus dem S-Bestand sind Hinweise auf den grundsätzlichen Umgang mit unerwünschtem Nachwuchs enthalten. Im Dezember 1944 war ein Stabsarzt der Wehrmacht auf der Kanalinsel Guernsey angeklagt worden, weil er bei einer Engländerin eine Abtreibung durchgeführt hatte. Bei seiner Vernehmung sagte er aus, er sei sich keiner strafbaren Handlung bewusst, denn solche Schwangerschaftsabbrüche hätten „im Osten ohne weiteres vorgenommen werden" können. 204 Er verwies damit auf eine Praxis, die auf Anordnung des Reichsführers-SS in den besetzten Ostgebieten üblich war. Dort hatte sich im Sommer 1942 die Militärverwaltung mit den von deutschen Soldaten gezeugten Kindern befasst. Am 8. September rechnete der Kommandeur der 2. Panzerarmee, Generaloberst Rudolf Schmidt, die Zahl dieser Kinder auf 1,5 Millionen pro Jahr hoch.205 Aufge200 201 202 203 204 205 BA-Berlin/Lichterfelde NS 19/1886: Der Reichsgesundheitsführer an den Reichsführer SS, Geheim, 9. November 1942. Bock, Zwangssterilisation, S. 440f. BA-MA H 20/143: 3. Sammelbericht über Kriegserfahrungen der Beratenden Hygieniker. H.San.Insp. 49 s A 5 Wi G (I a II) 704/44, 22. Januar 1944. Meinen, Wehrmacht, S. 21 Of. BA-ZNS S 301, Gericht des Festungskommandanten Guernsey, Bl. 24: Vernehmungsprotokoll, 4. Dezember 1944. Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 1080. Vgl. auch Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 69-71; Heinemann, „Rasse", S. 528f.
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 213 schreckt durch diese Dimensionen entwickelte Himmler daraufhin seine eigenen Vorstellungen über das zukünftige Vorgehen. Am 16. September 1942 hielt er in der Feldkommandostelle Hegewald bei Shitomir eine Rede vor SSund Polizeiführern und erläuterte ihnen dabei unter anderem, dass die „rassisch wertvollen Kinder [...] den Müttern weggenommen und nach Deutschland gebracht" werden sollten. Die übrigen Kinder mussten dagegen in der Sowjetunion bleiben. Die Selektionen sollten mittels einer „Grobauslese" und einer „Feinauslese" erfolgen, wobei sich die erste mit den Müttern und die zweite mit den Kindern zu befassen hätte. Prinzipiell sollte aber die Zeugung von deutsch-sowjetischen Kindern verhindert werden, indem die Soldaten Verhütungsmittel bekämen. Er warnte die Teilnehmer der Tagung ausdrücklich davor, gegen Abtreibungen bei russischen oder ukrainischen Frauen vorzugehen, denn das sei „eine Sache, die uns garnichts angeht". Sollte sich ein deutscher Richter mit solchen Vorgängen befassen, dann würde er persönlich einschreiten.206 Diese Ausführungen verweisen auf den, so Gisela Bock, vom nationalsozialistischen Regime geführten „Geburtenkrieg im Weltkrieg".207 Während zur Steigerung der Geburtenrate bei „gutrassigen" deutschen Frauen die Gesetze für eine erlaubte Abtreibung massiv verschärft wurden, schuf das Regime gleichzeitig die rechtlichen Grundlagen dafür, bestehende Schwangerschaften bei „fremdvölkischen" Frauen zu unterbrechen. Bereits seit Januar 1941 waren im Deutschen Reich Abtreibungen bei polnischen „Fremdarbeiterinnen" erlaubt, 1942 wurde diese Regelung auch auf die dort beschäftigten Frauen aus der Sowjetunion ausgedehnt.208 Am 26. März 1943 ließ Himmler dann in einem Schreiben an mehrere SS-Gerichte, an das Sanitätsamt sowie an weitere Stellen mitteilen, dass Schwangerschaften, die aufgrund des Geschlechtsverkehrs zwischen Angehörigen der SS sowie der Polizei und Frauen der Ostgebiete entstanden seien, generell ärztlich zu beenden seien. Ausnahmen seien nur dann zulässig, wenn eine entsprechende Untersuchung den Nachweis erbracht hätte, dass die Frau „gutrassig" sei.209 Während der Umgang mit den Kindern von Wehrmachtangehörigen und Norwegerinnen oder Niederländerinnen bereits im Sommer 1942 geregelt 206 207 208 209 Hans-Adolf Jacobsen/Werner Jochmann (Hg.), Ausgewählte Dokumente zur Geschichte des Nationalsozialismus 1933-1945, IV, Bielefeld 1961, Dokument DGH: Rede des ReichsführersSS am 16. September 1942 in der Feldkommandostelle I Icgcwald vor Teilnehmern an der SSund Polizeiführer-Tagung, einberufen von SS-Obergruppenführer Prützmann, HSSPF Rußland-Süd, S. 1-13, hier S. 4. Über die Höheren SS-und Polizeiführer siehe Ruth Bettina Birn, Die Höheren SS- und Polizeiführer. Himmlers Vertreter im Reich und in den besetzten Gebieten, Düsseldorf 1986. Die Anwendung dieser Grundsätze in Bezug auf die Kinder „fremdvölkischer" Arbeiterinnen im Deutschen Reich schildern Bock, Zwangssterilisation, S. 449-451; sowie Heinemann, „Rasse", S. 501-507. Bock, Zwangssterilisation, S. 435; vgl. auch Wcyrather, Muttertag, S. 12-17. Herbert, Fremdarbeiter, S. 287-291. Vgl. auch Klinksiek, Frau, S. 70-74. BA-Berlin/Lichterfelde NS 7/6: Der Reichsführer SS, Hauptamt SS-Gericht, 1115 Tgb. Nr. 4/43 g.Kdos., „Betr. Geschlechtsverkehr mit andersrassigen Frauen", 26. März 1943. Vgl. auch Schwarz, Ehefrauen, S. 187f. Die Gesamtzahl der an „Ostarbeiterinnen" vorgenommenen Schwangcrschaftsabbrüche ist nicht bekannt, ebenso wenig die Anzahl der geborenen Kinder. Detaillierte Angaben zu einzelnen Regionen finden sich bei Heinemann, „Rasse", S. 505f.
214 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 worden war 210 , traten grundsätzliche Bestimmungen über die Versorgung der von Deutschen gezeugten und bereits geborenen Kinder in den besetzten Gebieten der Sowjetunion erst durch einen Erlass Hitlers am 11. Oktober 1943 in Kraft. Diese unehelichen Kinder sollten in den ländlichen Regionen durch die Gebietskommissare und in den Städten durch die SS- und Polizeiführer ermittelt und auf entsprechenden Listen registriert werden. Danach sollten sie mit Hilfe der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in „rassischer" Hinsicht begutachtet werden. Bei einer positiven Bewertung hatte das Deutsche Reich die „Fürsorge" für die Kinder zu übernehmen. Die genaueren Abläufe und Details sollten der „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" Alfred Rosenberg, Himmler in seiner Funktion als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" 2 " und als Chef der deutschen Polizei sowie der Chef des O K W und der Leiter der Parteikanzlei vereinbaren. 212 Während des Krieges wurde die anfänglich geschätzte Zahl von über einer Million Kinder immer weiter verringert, für das Reichskommissariat Ukraine rechneten die zuständigen Stellen beispielsweise nur noch mit „höchstens 10.000", und im Mai 1944 bezifferte der Oberquartiermeister der Heeresgruppe Mitte, Oberst i.G. Georg von Unold, die Gesamtzahl aller Kinder, ,„die 50% deutscher Abstammung sind'", auf ungefähr 500.000.213 O b tatsächlich weniger Kinder geboren wurden oder nur weniger Meldungen eingingen, so dass einige statistisch nicht erfasst werden konnten, muss hier offen bleiben.214 Die Pläne für die Registrierung stießen wohl vor allem dann an ihre Grenzen, wenn ein Kind durch eine Vergewaltigung gezeugt worden war. Vermutlich hatten die Mütter kein Interesse daran, diese Geburten den deutschen Stellen gegenüber zu melden, denn in diesen Fällen war ja auch der Nachweis der Vaterschaft des deutschen Soldaten weitaus schwieriger und beispielsweise noch am ehesten über ein Gerichtsverfahren möglich. Es lassen sich beim derzeitigen Forschungsstand und trotz entsprechender Berechnungen für andere historische Beispiele keine Aussagen darüber machen, wie viele Kinder letztlich durch deutsche Soldaten in der Sowjetunion gezeugt wurden. Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die hohe Dunkelziffer bei Abtreibungen. 215 So 210 211 212 2,3 214 213 Heinemann, „Rasse", S. 525, Anm. 164. Ebd., S. 190-195. BA-MA FPF-01/7840: Der Reichsminister und Chef der Reichskanzlei, Rk 851 Dg. Geheim, 18. Oktober 1943, beglaubigte Abschrift: „Erlaß des Führers über die Betreuung der unehelichen Kinder von Deutschen in den besetzten Ostgebieten vom 11. Oktober 1943." Es wurde auf Anweisung Himmlers ein Kinderheim im Bereich des HSSPF Russland-Mitte in Bobruisk eingerichtet, das aber nicht dem Verein „Lebensborn" unterstand, denn dieser war überhaupt nicht in der Sowjetunion tätig. Lilienthal, „Lebensborn", S. 228-230. Vgl. auch Heinemann, „Rasse", S. 528f. Zit. nach Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 1081. Heinemann geht von „deutlich mehr als 10.000" so genannten „Soldatenkindern" aus, die in Ost- und Westeuropa durch nationalsozialistische Institutionen erfasst wurden. Heinemann, „Rasse", S. 530. Der Kenntnisstand zu diesem Thema ist noch sehr dürftig, am Hamburger Institut für Sozialforschung arbeitet jedoch Regina Mühlhäuser an einer Studie über die Kinder von deutschen Soldaten und einheimischen Frauen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Im Falle der Vergewaltigungen der Bewohnerinnen Berlins bei Kriegsende 1945 durch Angehörige der Roten Armee hat Barbara Johr anhand von Krankenhausakten folgende „Grund-
4. Zivile Zeugen vor dem Kriegsgericht 215 hat Bernhard Chiari für Weißrussland generell festgestellt, dass dort während des Krieges und den damit verbundenen harten Lebensbedingungen die „Abtreibung die wichtigste Form der Geburtenkontrolle" gewesen sei.216 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten die Militärgerichte in der Regel versuchten, die von Sexualdelikten betroffenen Frauen oder bei Kindern deren Eltern als Zeugen zu vernehmen und sie auch zu den öffentlichen Sitzungen des Gerichts zu laden. Dieses Bemühen, den formalen Kriterien, die an ein Verfahren gestellt waren, nachzukommen, hat auch Walmrath in seiner Untersuchung über die Gerichtsbarkeit der Kriegsmarine dokumentiert. 217 Die hier für die Analyse herangezogenen Urteile und Verfahrensakten belegen, dass in den Fällen, in denen die Meldungen über sexuelle Übergriffe zu einer Ermittlung und zu einem Gerichtsverfahren führten, die direkt am Tatgeschehen beteiligten Personen mehrheitlich einem Prozess beiwohnten. Die meisten Frauen wurden, ebenso wie die beschuldigten Soldaten, zunächst zu ihrer Sicht der Ereignisse vernommen und sie hatten häufig auch Gelegenheit, ihre Aussagen vor den Richtern nochmals zu wiederholen. Allerdings war ihr Einfluss letztlich äußerst gering, da ihnen und ihren Erklärungen mit Misstrauen begegnet wurde. Das besondere Interesse der Richter für den Ruf, das Alter, das Aussehen und für das Verhalten der Frauen und Mädchen stellt dabei kein Spezifikum der Militärgerichte der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges dar. Auch heutige Sexualstrafprozesse hinterlassen nicht selten den Eindruck, dass die O p fer gleichsam selbst auf der Anklagebank sitzen, wenn sie über etwaige sexuelle Beziehungen mit Männern Auskunft geben müssen und ihr Lebenswandel oder ihr äußeres Erscheinungsbild zur Diskussion stehen. 218 Ebenso haben die Untersuchungen über solche Verfahren in der Frühen Neuzeit 219 und jüngst auch für das 19. und beginnende 20. Jahrhundert 220 ähnliche Ergebnisse hervorgebracht. Sie verweisen auf eine historisch gewachsene Kontinuität im Umgang mit den Opfern sexueller Gewalt. Die Wehrmachtrichter bildeten dabei keine Ausnahme, sie waren in ihrem Denken und Handeln teilweise in denselben Klischees verhaftet und gingen bei ihrer Bewertung der Tat von konkreten Vorstellungen über weibliches Wohl- oder Fehlverhalten aus. Die bezüglich der Frauen herrschenden „Vergewaltigungsmythen", aufgrund derer versucht wurde, die Auswirkung der Tat abzuschwächen oder sexuelle Ge- 216 217 218 219 220 annahmen" vorgelegt: 20% der vergewaltigten Frauen sollen schwanger geworden sein, von diesen hätten etwa 90% einen Abbruch vornehmen lassen. Die Übertragung dieser Angaben auf die Sowjetunion erscheint problematisch, da die Verhältnisse in beiden Ländern doch sehr unterschiedlich waren. Johr, Ereignisse, S. 52. Chiari, Alltag, S. 197. Walmrath, „Iustitia", S. 403-406. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 41, 54, betonen dagegen im Zusammenhang mit der Stellung des Angeklagten die häufige „Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit" der Verfahren und kritisieren das „Tempo" der Militärjustiz. Heynen, Vergewaltigt, S. 258-262; Künzel, Vergewaltigungslektüren, S. 176-178. Jansson, Soldaten und Vergewaltigung, S. 210-212; Hüll, Sexualstrafrecht, S. 230-232. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen; Kienitz, Sexualität.
216 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 walt vor allem anhand der Reaktion des Opfers zu definieren, wurden auch innerhalb der Militärjustiz gepflegt.221 Der bedeutende Unterschied zu den genannten zivilen Prozessen liegt jedoch darin, dass im Falle der Militärgerichtsverfahren jeweils Zivilistinnen in den von der Wehrmacht besetzten oder umkämpften Gebieten einen deutschen Soldaten eines Verbrechens beschuldigten. Damit erhielten diese Vorwürfe ein besonderes Gewicht, denn die Frauen wurden von vornherein mit Argwohn betrachtet. Sie mussten nicht nur die üblichen Vorurteile in Bezug auf Sexualverbrechen ausräumen, sondern waren als Angehörige einer „feindlichen" Bevölkerung zusätzlichen und mitunter tief greifenden Vorbehalten hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit als Zeuginnen ausgesetzt. Dabei lassen sich auf den ersten Blick keine wesentlichen Unterschiede in der Behandlung von Frauen oder auch Kindern aus nord-, west- oder osteuropäischen Ländern erkennen. Als Angehörige der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete wurden sie zunächst alle verdächtigt, angesichts des Krieges einen deutschen Soldaten zu Unrecht zu bezichtigen. Dennoch existierten Abweichungen hinsichtlich der Art und Weise, wie stark ausgeprägt diese Zweifel waren und in welcher Form sie sich äußerten. So legten die Militärgerichte im besetzten Teil Frankreichs ein deutlich größeres Gewicht darauf, die französischen Frauen eher individuell nach ihrem Auftreten, ihrem Charakter und in Bezug auf ihren Lebensstil zu beurteilen. Die Überprüfung des „moralischen" Aspekts war in dieser Form in den übrigen Akten aus ost- oder südosteuropäischen Ländern nicht erkennbar. Die dortigen Zeuginnen wurden zwar auch als Individuen wahrgenommen, sie galten aber vor allem als typische Vertreterinnen ihrer Nation. Deswegen wurden etwa in der Sowjetunion propagandistisch gefärbte oder traditionelle Vorstellungen über „die Russen" allgemein einfach auf sie übertragen. Die möglichen Folgen einer Vergewaltigung, etwa die Infizierung mit Geschlechtskrankheiten oder eine Schwangerschaft, wurden wie die seelischen und körperlichen Verletzungen nur selten thematisiert. Erst durch die Einbeziehung zusätzlicher Quellen lassen sich hierzu einige Aussagen treffen. Wie die entsprechenden Akten der Sanitätsdienste zeigen, bildeten venerische Erkrankungen ein ständiges Problem für die Wehrmacht, da die davon betroffenen Soldaten einige Zeit im Lazarett verbrachten und damit für den Einsatz an der Front ausfielen.222 Auch die von deutschen Soldaten mit einheimischen Frauen gezeugten Kinder beschäftigten die Wehrmacht und die SS. Dabei lassen sich eindeutig unterschiedliche Vorgehensweisen gemäß der nationalsozialistischen Rassenideologie nachweisen. Grundsätzlich sollte bei der Erforschung dieser beiden Themenbereiche der Aspekt der sexuellen Gewalt mit berücksichtigt werden, auch wenn sich konkrete Aussagen über das Ausmaß und die Verbreitung derzeit nicht treffen lassen. Heynen, Vergewaltigt, S. 39f.; Harten, Sexualität, S. 16f. Seidler, Prostitution, S. 87.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 217 5. DEUTSCHE SOLDATEN VOR DEM KRIEGSGERICHT 5.1 TÄTER UND TATUMSTÄNDE Aus den Verfahrensakten lassen sich nicht nur zu den Opfern, sondern auch zu den Angeklagten verschiedene Informationen wie beispielsweise das Alter, der Familienstand oder der Dienstgrad entnehmen. Letzterer konnte bei 176 von den insgesamt 194 Männern, die in den Dokumenten als Beschuldigte genannt sind, ermittelt werden. Nur 2 % von ihnen gehörten dem Offizierkorps an, 2 1 % dem Unteroffizierkorps, und die deutliche Mehrheit, nämlich über 68%, zählte zu den Mannschaften.223 Damit stellten die Angehörigen der Mannschaften „den bedeutendsten Täterkreis" dar, wie ein Rechtsautor bereits 1937 bemerkt hatte.224 Hinsichtlich des Familienstandes betrug der Anteil der geschiedenen oder verwitweten Männer 2%, derjenige der Ledigen 38%, und 60% der Angeklagten waren verheiratet. Zum Tatzeitpunkt war der jüngste Täter 19 und der älteste 55 Jahre alt - der Mittelwert lag bei knapp über 27 Jahren. Damit waren die Soldaten, die Sexualverbrechen begingen, im Durchschnitt kaum älter als ihre Opfer.225 Die zwischen 1910 und 1920 geborenen Soldaten bildeten die Mehrheit der Angeklagten, was wiederum der wesentlichen Altersstruktur einer Wehrmachtdivision entspricht. 226 Die Akten weisen eine große Bandbreite bezüglich der Tatumstände und der unterschiedlichen Vorgehensweisen der Männer auf. Anhand einzelner Beispiele wird deshalb untersucht, in welchen Situationen solche Delikte während des Krieges oder zum Zeitpunkt der Besatzung auftraten. Als geradezu typisch für zahlreiche Sexualdelikte, die in Frankreich verübt wurden, kann der folgende Fall bezeichnet werden, der sich im Juli 1940 in der französischen Ortschaft Manlay ereignete. Der Gefreite Helmut B. war dort mit seinem Truppenteil, einer Fahrkolonne der 15. Division, untergebracht und besuchte am 21. Juli zusammen mit anderen Soldaten mehrere Wirtshäuser. Nachdem sie „beträchtliche Mengen Alkohol" konsumiert hatten, gingen B. und ein Be223 224 223 226 Bei 15 Angeklagten konnte der Dienstgrad nicht ermittelt werden, drei der Beschuldigten waren Angestellte. Die Diskrepanz zwischen der Gesamtzahl der Urteile und der niedrigeren Anzahl an Angeklagten ergibt sich aus der Tatsache, dass bei einem oder mehreren Angeklagten wegen eines Deliktes mitunter bis zu drei Verfahren stattfanden und entsprechend auch drei verschiedene Urteile verhängt wurden. Kunze, Strafbemessung, S. 122. Vgl. auch die Ergebnisse aus der Kriminalstatistik für den Tatbestand „Notzucht" - der Anteil der Offiziere und Unteroffiziere ist hier jedoch niedriger. BA-MA RW 6/v. 129: Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 1940, Berlin 1941, Tabelle V: Nach Weisung über einzelne Straftaten von Soldaten, „9. Notzucht, §§ 177, 178". Siehe Kap. V, 4.2. Rass, „Menschenmaterial", S. 90-96, hat dies für die 253. Inf.Div. ermittelt. Walmrath hat für die Marinegerichte anhand von fünf Deliktgruppen, die keine Straftaten gegenüber Zivilisten behandelten, ebenfalls die Altersstruktur berechnet und kam zu dem Ergebnis, dass hier die 17 bis 20 Jahre alten Marineangehörigen überrepräsentiert waren. Walmrath, „Iustitia", S. 346.
218 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 kannter zu einem Lokal in der Nähe des Bahnhofs, das jedoch schon geschlossen hatte. Die französische Wirtin weigerte sich zunächst, den beiden zu öffnen, gab aber nach, als die Soldaten gegen die Fenster schlugen und ihr einer von ihnen mit dem Gewehr drohte. Als die Frau anschließend in die Küche gehen wollte, um den Männern das gewünschte Bier auszuschenken, „stand plötzlich im Hausgang der Angeklagte vor ihr, versetzte dieser zwei heftige Schläge ins Gesicht gegen die Schläfen, sodass [sie] die Zeugin zu Boden fiel, umfasste sie weiterhin über den Rücken am Hals, zog sie in ein Zimmer, warf sie dort auf ein Bett, [...] und versetzte ihr, als sie zu schreien anfing, mehrere heftige Schläge auf den Mund. Anschliessend riss ihr der Angeklagte das Oberkleid vom Leibe, kniete sich auf den Leib der Zeugin, zerriss deren Strümpfe und deren Strumpfbänder, schlug abermals wahllos auf diese ein und versuchte auch die Unterwäsche der Zeugin zu entfernen".227 Da sich die Frau heftig wehrte und schließlich auch Nachbarn durch ihr Rufen auf die versuchte Vergewaltigung aufmerksam wurden, gelang dem Soldaten sein Vorhaben nicht. Er flüchtete zusammen mit dem anderen Mann, der sich während des ganzen Geschehens „passiv verhalten hatte". Beide konnten ausfindig gemacht werden und es kam zu einem Verfahren vor dem Gericht der 15. Division. Dort gab der Gefreite, den seine Vorgesetzten als einen „unbeständigen, manchmal auflehnenden Menschen" charakterisierten, die Tat nur teilweise zu, konnte aber aufgrund der Zeugenaussagen überführt werden. Er wurde schließlich wegen „Nötigung zur Unzucht" und wegen versuchter Vergewaltigung zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und dem Verlust seines militärischen Ranges verurteilt. Die Richter hielten ihm zugute, dass er keine Vorstrafen aufwies und einige Monate lang „keinerlei Geschlechtsverkehr mehr hatte", sie werteten aber die brutale Vorgehensweise als strafverschärfend. Zudem sei, so die Urteilsbegründung, der Vorfall in der Öffentlichkeit bekannt geworden, was sich nachteilig auf das „Ansehen" der Wehrmacht auswirke.228 Das Aufsuchen französischer Gastwirtschaften und der damit verbundene Genuss von Alkohol spielten in Bezug auf das Auftreten von sexuellen Übergriffen häufiger eine Rolle, wie zwei weitere Verfahren zeigen. Im August 1940 verhandelte das Gericht der 254. Infanterie-Division gegen einen Unteroffizier vom Artillerie-Regiment 254, der laut Tatbericht an einem zehn Jahre alten französischen Mädchen „unzüchtige Handlungen" vorgenommen hatte.229 Wie die Sitzung des Gerichts ergab, hatte der Mann am 24. Juli mit anderen Soldaten in einer Wirtschaft „gezecht" und anschließend sein Quartier bei einer französischen Familie aufgesucht. Er ging dort in das Zimmer des Mädchens und legte sich zu ihm ins Bett. Dann habe er, so die Urteilsschrift, mit dem Kind „beischlafsähnliche Bewegungen ausgeführt". Die Richter stuften das Verhalten des bislang un- 227 228 229 BA-ZNS S 388, Gericht der 15. Division, Bl. 23-26: Feldurteil vom 6. August 1940, Zitat Bl 25. Ebd., Bl. 23-26: Feldurteil vom 6. August 1940, Zitate Bl. 24-26. BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./180, Bl. 2: Bericht der Feldgendarmerie, 29. Juli 1940.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 219 bestraften und als vorbildlich beurteilten Unteroffiziers als einen „einmaligen Fehltritt" ein und verhängten wegen „Unzucht mit Kindern" eine Gefängnisstrafe von 18 Monaten einschließlich Rangverlust.230 Zwei Angehörige der 253. Infanterie-Division verließen im Juni 1940 ohne Erlaubnis ihre französische Unterkunft mit der Absicht, sich in der nächsten Ortschaft mit Frauen zu „amüsieren". Sie besuchten mehrere Gastwirtschaften, konsumierten Bier sowie Schnaps und nahmen dann in einem weiteren Gasthaus einen Imbiss zu sich. Dort wurden sie auf drei französische Mädchen aufmerksam, von denen zwei mit dem Gastwirtsehepaar verwandt waren. Die Soldaten fragten die Wirtsleute mehrmals explizit, „ob sie mit den beiden älteren Mädchen geschlechtlich verkehren könnten", dies wurde ihnen aber entschieden untersagt. Um Zudringlichkeiten seitens der Männer zu unterbinden, gingen die Französinnen in ihre Zimmer. Nach einer weiteren Trinkrunde mit drei anderen Soldaten versuchte der Gefreite F. abermals, zu den Mädchen zu gelangen, drohte dabei auch mit seiner Pistole und konnte nur dank des Widerstandes der Wirtsleute und durch das Erscheinen der anderen Wehrmachtangehörigen an einer versuchten Vergewaltigung gehindert werden. Das Urteil lautete auf fünf Monate Gefängnis wegen „versuchter Nötigung", da er das französische Ehepaar mit der Waffe eingeschüchtert, die Mädchen selbst jedoch nicht attackiert hatte.231 Die genannten Fälle verweisen zum einen darauf, dass zahlreiche der geplanten oder tatsächlich verübten sexuellen Übergriffe unter dem Einfluss von Alkohol stattfanden - auf dessen Bedeutung als Strafmilderungsgrund wird deshalb in einem eigenen Kapitel noch gesondert eingegangen.232 Zum anderen beinhalten zwei der Beispiele ein typisches Merkmal vieler Sexualstraftaten: Unabhängig vom jeweiligen Ort des Geschehens waren die angegriffenen Frauen oder Kinder häufig reine „Zufallsopfer", die die Soldaten nicht kannten. Dies machte auch der Unteroffizier Alfred K. deutlich, als er im März 1944 wegen der versuchten Vergewaltigung einer Italienerin angeklagt war, und während der Verhandlung sein Vorgehen genauer erläuterte. Er habe sich „keine bestimmte Frau" ausgesucht, denn er sei „an dem Abend durchgedreht" und hätte „unbedingt eine Frau haben" müssen.233 Auch der Obergefreite Armin Z., verheiratet und Vater eines Kindes, griff im April 1943 in Südfrankreich eine ihm völlig fremde Frau an. Er hatte in einer Ortschaft Einkäufe getätigt und befand sich auf dem Rückweg zu seiner Unterkunft, als ihm eine 36 Jahre alte Französin auf dem Fahrrad entgegen kam. Laut Urteilsbegründung wollte er ihr zunächst einfach das Rad stehlen, dann überfiel ihn plötzlich das Verlangen, „die Frau geschlechtlich zu gebrauchen". Er riss die Frau in den Straßengraben und würgte sie am Hals. Aufgrund ihrer heftigen Gegenwehr gab er nach ein paar Minuten sein Vorhaben auf, und die Französin kam mit dem Schrecken und einigen Kratz- und Bisswunden davon.234 230 2(1 232 233 234 BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./180, Bl. 18f.: Feldurteil vom 12. August 1940. BA-ZNS Gericht der 253. lnf.Div./168, Bl. 23-26: Feldurteil vom 6. Juli 1940, Zitate Bl. 24. Vgl. Kap. V, 6.3. BA-ZNS S 249, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 8: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 7. März 1944. BA-ZNS S 274, Gericht der 29. Inf.Div. (mot.), Bl. 7f.: Feldurteil vom 13. Mai 1943, Zitat Bl. 8.
220 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 Mehrere der Verfahrensakten weisen darauf hin, dass auch andere Soldaten im Rahmen der Beschaffung von Grundnahrungsmitteln wie Eiern 235 oder Kartoffeln236 Dörfer in der Nähe ihres Quartiers aufsuchten und dabei Frauen oder Mädchen überfielen, die ihnen zufällig begegneten. Darüber hinaus ereigneten sich einige sexuelle Übergriffe im Umfeld von Wehrmachtbordellen, die seit dem Sommer 1940 im besetzten Teil Frankreichs in den größeren Städten und Ortschaften eingerichtet worden waren. Ein Schütze des Infanterie-Regiments 584 war im September 1941 nach erheblichem Alkoholkonsum in ein französisches Bordell gegangen und schlief dort offenbar ziemlich betrunken ein. Nachdem er wieder erwacht war, begab er sich ohne ersichtlichen Grund in das Nachbarhaus. Dort traf er auf eine ihm unbekannte 53 Jahre alte Frau, die er zu vergewaltigen versuchte und dabei verletzte. Ein noch im Bordell anwesender anderer Wehrmachtangehöriger bekam den Überfall mit und schritt rechtzeitig ein. Der Täter, der bereits wegen „Volltrunkenheit" vorbestraft war, wurde vom Gericht der 319. Infanterie-Division erneut wegen dieses Delikts nach § 330a RStGB zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. 237 Während diese Fälle Beispiele für eher spontane Aktionen darstellen, auch wenn einzelne Soldaten vielleicht schon länger mit dem Gedanken gespielt hatten, einen Geschlechtsverkehr gewaltsam zu erzwingen, verweisen mehrere Urteile darauf, dass einige Sexualverbrechen gezielt geplant worden waren und sich die Soldaten einen bestimmten Ablauf für die Tat überlegt hatten. Ein Obergefreiter des Artillerie-Regiments 208 suchte im Oktober 1944 in Czekaj das Haus einer polnischen Familie auf, weil er laut Vernehmungsprotokoll dort ein Mädchen vermutete, das sich „bereits mit Soldaten eingelassen" hatte. Er behauptete gegenüber der 15-jährigen Polin, sie müsse ihn wegen einer Verwaltungsangelegenheit in die Schule begleiten. Angesichts dieser Begründung und wohl hauptsächlich aufgrund der Tatsache, dass der Mann eine deutsche Uniform trug, kam sie der Aufforderung nach. Außerhalb der elterlichen Wohnung wurde sie dann von dem Wehrmachtsoldaten brutal vergewaltigt, wie der entsprechende Bericht des Sanitätsunteroffiziers zeigt.238 Ebenfalls unter einem Vorwand und mit dem Ziel, eine Frau zu vergewaltigen, verschaffte sich im Dezember 1940 ein Soldat der 15. Infanterie-Division Zugang zu einem Haus im französischen Chätillon. Er gab sich als Arzt aus, der angeblich eine körperliche Untersuchung bei der 41-jährigen Bewohnerin vornehmen müsse. Da er befürchten musste, dass der Ehemann auftauchen würde, blieb es bei einer „versuchten Notzucht". 239 233 236 237 238 239 BA-ZNS S 152, Gericht der Panzergruppe 3, Bl. 14-17: Feldurteil vom 3. November 1941. BA-ZNS S 161, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 1: Vernehmung des Gefreiten V., 31. Dezember 1943. BA-ZNS S 335, Gericht der 319. Inf.Div.; vgl. Meinen, Wehrmacht, S. 21 f. Meinen zitiert eine Quelle, die über Vergewaltigungen französischer Prostituierter berichtet, ebd., S. 20. Seidler, Prostitution, S. 145f. BA-ZNS S 84, Gericht der 208. Inf.Div., Bl. 3: Vernehmung des Vaters des polnischen Mädchens am 24. Oktober 1944, Bl. 5: Feststellung durch San.-Uffz. am 24. Oktober 1944, Zitat Bl. 6: Vernehmung des Obergefreiten J. Z., 24. Oktober 1944. Er wurde wegen „Notzucht" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. E_bd., Bl. 12f.: Feldurteil vom 28. Oktober 1944. BA-ZNS S 162, Gericht der 15. Div., Bl. 16-18: Feldurtcil vom 17. Januar 1941.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 221 Andere Soldaten nutzten ihre Position als Besatzungssoldaten aus, indem sie den Frauen erzählten, sie mussten für die deutsche Wehrmacht arbeiten. So verlangte ein Kanonier des 1. Artillerie-Regiments 299 im November 1944 von einer 32-jährigen Polin, dass sie in seiner Einheit Kartoffeln schälen sollte. Nachdem er sie mit dieser Begründung aus dem Haus gelockt hatte, vergewaltigte er sie dann in einem nahe gelegenen Waldstück.240 Ähnlich verhielten sich im Januar 1943 vier Angehörige der Panzer-Jäger-Abteilung 41. Sie beschlossen laut Feldurteil nach einer gemeinsamen Zecherei, russische Frauen aufzusuchen, um mit ihnen Geschlechtsverkehr zu haben. Nachdem sie in einem Haus vier Frauen aufgeweckt hatten, bedrohten sie zwei von ihnen mit der Waffe und gaben noch vor, die Frauen hätten einen Arbeitsauftrag für die Wehrmacht zu erfüllen. Vermutlich diente diese Behauptung vor allem dazu, die Frauen zunächst einzuschüchtern. Noch an Ort und Stelle vergewaltigte jeder der vier Männer jeweils eine Frau.241 Der Arbeitseinsatz der einheimischen Bevölkerung war seit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion vorgesehen, wie die „Richtlinien für die Führung der Wirtschaft" vom Juni 1941 zeigen. So sollten Zivilisten schon während des Vormarsches von der Truppe für die „Wiederherstellung der Verkehrsverbindungen, Beseitigung von Kadavern" und „Aufräumung von Ortschaften, die durch Kriegseinwirkungen gelitten haben", herangezogen werden. 242 Den Ausbau der Verteidigungsstellung einer ukrainischen Ortschaft nahm wiederum ein Kanonier zum Anlaß, um eine dort wohnende Frau gewaltsam zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Da er gestört wurde, blieb es beim Versuch der „Notzucht", der Soldat fügte der Ukrainerin jedoch mehrere Verletzungen zu.243 Die eben erwähnten Beispiele deuten darauf hin, dass sich diese Wehrmachtangehörigen ihrer Machtstellung gegenüber der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten in Frankreich, in Polen oder in der Sowjetunion offenbar sehr genau bewusst waren und die ihnen als Repräsentanten der Wehrmacht verliehene Autorität skrupellos ausnutzten. Die deutsche Uniform und - in vielen Fällen - das gleichzeitige Mitführen einer Waffe trugen bereits dazu bei, die Frauen zu verunsichern und einen eventuellen Widerstand von vornherein abzuschwächen oder ganz zu brechen.244 Vor allem in den besetzten Ostgebieten ergaben sich im Rahmen der so genannten „Partisanenbekämpfung" weitere Möglichkeiten für einige Soldaten, um Frauen zu überfallen und 240 241 242 243 244 BA-ZNS Gericht der 299. Inf.Div./l 08, Bl. 3: Armee-Oberkommando 2, Rechtsgutachten vom 16. Dezember 1944. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./158, Bl. 2f.: Begl. Absch. v. Absch., Feldurteil vom 28. Januar 1943. Die Männer wurden jeweils zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. BA-MA RH 3/v. 369, Bl. 24: Der Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches, Richtlinien für die Führung der Wirtschaft (Grüne Mappe), Teil I. Aufgaben und Organisation der Wirtschaft, Berlin,Juni 1941. BA-ZNS S 110, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 5: Vernehmungsprotokoll vom 15. Januar 1944. Das Urteil selbst blieb nicht erhalten. BA-ZNS S 152, Gericht der Panzergruppe 3. Über die „Teilhabe an der Macht" siehe Rass, „Menschenmaterial", S. 263-272; Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 96, 109-125; Gefühle von Überheblichkeit und Autorität lassen sich auch in Feldpostbriefen nachweisen. Latzel, Deutsche Soldaten, S. 133-156, 171-182.
222 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 ihnen gegenüber Gewalt anzuwenden. Im Verfahren gegen einen Angehörigen des 9. Panzer-Grenadier-Regiments 4 ging es um die versuchte Vergewaltigung der 22 Jahre alten Russin Ekaterina G. Der angeklagte Obergefreite hatte die Frau unweit seines Quartiers angetroffen und sie aufgefordert, ihm ihre Papiere zu zeigen. Sie weigerte sich aber zunächst, woraufhin der Obergefreite ihr vorwarf, sie sei eine Partisanin, wenn sie keine amtlichen Dokumente vorweisen könne. Danach zwang er sie mit vorgehaltener Waffe dazu, sich auszuziehen, und versuchte, sie zu vergewaltigen. Da die Frau sich wehrte, kam es zu einem Kampf, dabei verletzte der Soldat sie durch einen Schuss, so dass sie bewusstlos wurde. Ob der Mann dann den Geschlechtsverkehr mit der ohnmächtigen Frau vollzog, ließ sich später bei der Gerichtsverhandlung nicht mehr feststellen, der Angeklagte selbst stritt den ganzen Vorfall ab. Die Richter verurteilten ihn wegen „versuchter Notzucht" zu drei Jahren Gefängnis und betonten unter anderem, er habe „gemein gehandelt und besondere Gewalt angewandt". 245 Auch ein Gefreiter der Divisions-Nachschubtruppe 129 hatte laut Aussage einer Zeugin im November 1942 versucht, eine russische Frau dadurch gefügig zu machen, indem er die Gültigkeit ihres Ausweises anzweifelte und sie beschuldigte, eine Partisanin zu sein. In diesem Fall blieb es ebenfalls beim Versuch der „Notzucht", allerdings wurde die Frau noch zusätzlich mit einem Brett geschlagen.246 Offenbar wandten diese Soldaten Methoden an, die sie im alltäglichen Umgang mit der Zivilbevölkerung bereits verinnerlicht hatten. In einem Merkblatt für den Ortskommandanten bezüglich der Behandlung von Partisanen wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass einheimische Frauen sich nicht aus den Dörfern entfernen sollten und Zivilistinnen, die außerhalb von Ortschaften angetroffen würden, grundsätzlich überprüft werden mussten.247 Für die 6. Infanterie-Division gab es konkrete Anweisungen darüber, wie solche Untersuchungen abzulaufen hätten. So seien Leibesvisitationen durchaus angebracht, denn gerade junge Mädchen würden die Nachweise für ihre Spionagetätigkeit in der Unterwäsche verstecken.248 Angesichts solcher Vorgaben und der entsprechenden Umsetzung gingen einige Wehrmachtangehörige zum einen wohl davon aus, dass der Vorwurf, den Partisanen anzugehören, sowjetische Frauen aus Angst vor etwaigen Repressalien willfährig mache. Zum anderen konnten sie bei einem Verfahren die Tat im Nachhinein bagatellisieren und darauf hinweisen, sie hätten im Rahmen der „Bandenbekämpfung" gehandelt. Der Partisanenkrieg in Osteuropa wurde, so Lutz Klinkhammer, 243 246 247 248 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./4, Bl. 21f.: Feldurteil vom 23. Oktober 1943, Zitat Bl. 22. Auch in Italien forderte ein Soldat eine Frau auf, mit zur Kommandantur zu kommen, weil sie keinen Ausweis bei sich habe: BA-ZNS S 249, Gericht der 29. Pz.Gren.Div. BA-ZNS S 182, Gericht der 129. Inf.Div., Bl. 8: Stab, Kdr. Div. Nachsch. Tr. 129, Vernehmung vom 10. November 1942. BA-MA RH 26-12/245: Anlage zu LR. 27, Abt. Ia, Merkblatt für den Ortskommandanten, 26. November 1941. BA-MA RH 26-6/28: Anlagenband IV zu KTB Nr. 6, 6. Div., Anlage 63, Abt. Ic, Nr. 141/42 geh., 2. Juni 1942. Vgl. Timm C. Richter, Die Wehrmacht und der Partisanenkrieg in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 837-857, hier S. 845.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 223 nicht nur von der SS und den Einsatzgruppen, sondern auch von Teilen der Wehrmacht „viel blutiger und totaler" als im Westen geführt. Er „scheint den täglichen Massenmord an der Zivilbevölkerung beinhaltet zu haben", auch wenn Gesamtschätzungen über die getöteten Zivilisten in der Sowjetunion nicht vorliegen.249 Die Bewohner der besetzten Gebiete wurden grundsätzlich verdächtigt, die Partisanen zu unterstützen, und die Anschuldigung, ein „Helfer" oder Sympathisant zu sein, genügte in den Augen zahlreicher Befehlshaber vor allem der rückwärtigen Gebiete bereits für die Ermordung von Zivilisten. Im Rahmen des Holocaust wurden solche Aktionen auch genutzt, um insbesondere an der jüdischen Bevölkerung Massenliquidierungen vorzunehmen, bei denen sich manchmal auch Soldaten der Wehrmacht beteiligten.250 Angesichts dieser Ausgangslage und den eben erwähnten Urteilsbeispielen stellt sich die Frage, inwieweit Sexualverbrechen bei dem Vorgehen gegen Partisanen oder gegen als solche verdächtigte Zivilisten eine Rolle spielten und ob insbesondere Frauen, die sich aktiv am Widerstand beteiligten, Opfer von sexueller Gewalt wurden. Bereits 1942 hatte Keitel als Chef des OKW angeordnet, dass kein mit der Bandenbekämpfung beauftragter Deutscher „wegen seines Verhaltens im Kampf gegen die Banden und ihre Mitläufer disziplinarisch oder kriegsgerichtlich zur Rechenschaft gezogen werden" dürfe. Vielmehr sei die Truppe „berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt. Rücksichten, gleich welcher Art, sind ein Verbrechen gegen das deutsche Volk und den Soldaten an der Front, der die Folgen der Bandenanschläge zu tragen hat und keinerlei Verständnis für irgendwelche Schonung der Banden und ihrer Mitläufer haben kann".251 In diesem Zusammenhang weist Wolfgang Petter darauf hin, dass solche Richtlinien „von einschlägigen Charakteren fälschlich als Ermächtigung zur Vergewaltigung von Frauen aufgefaßt" wurden. 252 Es muss dahingestellt bleiben, ob sich nur bestimmte Männer durch diese und ähnliche Wortlaute zu sexuellen Übergriffen ermuntert fühlten oder ob diese Formulierungen nicht vielmehr eine willkommene Ausrede bildeten. Der Forschungsstand zu diesem Themenkomplex ist insgesamt sehr dürftig. Dies hängt sicherlich auch damit zu- 249 250 231 232 Lutz Klinkhammer, Der Partisanenkrieg der Wehrmacht 1941-1944, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 815-836, hier S. 822, Zitat S. 832. Klinkhammer, Partisanenkrieg, S. 817,833; Richter, Wehrmacht, S. 845-849; Ruth Bettina Birn, Zweierlei Wirklichkeit? Fallbeispiele zur Partisanenbekämpfung im Osten, in: Wegner (Hg.), Zwei Wege, S. 275-290; zum Partisanenkrieg in Weißrussland siehe Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 870-974, 996-1007. IMT, Bd. 39, S. 128f., Dokument 066-UK: Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Nr. 004870/42 g. Kdos. WFSt./Op (N), „Betr.: Bandenbekämpfung", 16. Dezember 1942, gez. Keitel, Zitat S. 129. Hervorhebung i.O. gesperrt gedruckt. Über die Anordnungen für die Partisanenbekämpfung siehe Richter, Wehrmacht. Petter, Militärische Massengesellschaft, S. 370, Anm. 50.
224 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 sammen, dass die Beteiligung von Frauen in der Roten Armee und bei den Partisanen nach dem Krieg in der sowjetischen Öffentlichkeit verschwiegen oder marginalisiert wurde. Erst allmählich werden die Erfahrungen dieser Frauen überhaupt thematisiert. 253 So erwähnte beispielsweise eine ehemalige russische Ärztin der Roten Armee in einem Bericht über ihren Dienst während des Zweiten Weltkrieges die sexuellen Belästigungen durch Offiziere der eigenen Truppe, sprach aber mögliche sexuelle Übergriffe durch deutsche Soldaten nicht an. Anspielungen auf solche Delikte waren jedoch vor allem in der offiziellen sowjetischen Kriegspropaganda verbreitet. 254 Zwar existieren Thesen wie diejenige von Duerr, dass „vor allem Partisaninnen oder Frauen, die man für solche hielt, geradezu habituell vergewaltigt oder zumindest sexuell gequält und gedemütigt" wurden, doch an entsprechenden Quellenbelegen mangelt es. 255 Den Angaben von Reina Pennington zufolge waren 1944 schätzungsweise 26.000 Frauen als aktive Partisaninnen im Einsatz. Sie weist auf die weit verbreitete Meinung hin, dass vor allem diese Frauen Opfer sexueller Gewalt wurden, wenn sie in Gefangenschaft gerieten. Doch die Realität, so Pennington, hätte anders ausgesehen: „Though Westerners seem to regard the possibility of rape as one of the most horrific things that might befall a woraan prisoner-of-war, they overlook two things: women are not the only victims of rape, and there are things to happen to prisoners that are worsc than rape."256 Sie spielt damit auf Folterungen an und zitiert als Beispiel den Bericht einer Partisanin, die von deutschen Soldaten gefangen genommen und mit Peitschen sowie der so genannten „faschistischen Maniküre" gequält wurde. Dabei wurden gleichzeitig unter alle Fingernägel Nadeln getrieben, was ungeheure Schmerzen hervorrief, so dass die derart Gequälten meist ohnmächtig wurden. 257 Auch Gerlach hat im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Partisanen in Weißrussland Befehle und Weisungen genannt, denen zufolge für die Vernehmung von weiblichen Partisanen die Wahl der Mittel freistehe. Darunter befinden sich Vorschläge aus dem Bereich der Heeresgruppe Mitte vom April 1943, Foltermethoden auch bei Frauen anzuwenden. 258 Gerlach geht bei seiner Schilderung der Aktionen zur Partisanenbekämpfung zwar ausführlich auf individuelle Grausamkeiten und sadistische Handlungen von SS-Soldaten 233 254 233 236 237 238 Pennington, Offensive Women, S. 250f.; Barbara Alpern Engel, The Womanly Face of War. Soviet Women Remember World War II, in: Nicole Ann Dombrowski (Hg.), Women and War in the Twentieth Ccnturv. Enlisted with or without Consent, New York 1999, S. 138-159, hier S. 139. Engel, Womanly Face, S. 144f., 149. Duerr, Obszönität, S. 416. Pennington, Offensive Women, S. 255, Zitat S. 260. Gegen Ende 1943 dienten bereits mehr als 800.000 Frauen in der Roten Armee und bei den Partisanen. Engel, Womanly Face, S. 139. Pennington, Offensive Women, S. 260. Diese Form der Folter wird auch beschrieben bei Kohl, Krieg, S. 134,268. Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 873, 954, 1108. Die Vorschläge wurden vom Führungsoffizier der Heeresgruppe Mitte, Henning von Tresckow, an das O K H weitergeleitet. Zu einzelnen Grausamkeiten ebd., S. 964-971.
5. D e u t s c h e Soldaten vor d e m Kriegsgericht 225 sowie von Angehörigen der Wehrmacht ein, das Thema sexuelle Gewalt erwähnt er aber nicht. Dies könnte darauf hinweisen, dass derartige sexuelle Übergriffe eher selten waren und dagegen andere, wie die von Pennington beschriebenen Formen von Gewalt auftraten. Belegt ist dagegen der regelrechte Hass deutscher Soldaten auf die so genannten „Flintenweiber", also uniformierte und bewaffnete Frauen bei der Roten Armee. Sie sollten einem Befehl von Generalfeldmarschall von Kluge zufolge grundsätzlich erschossen werden und wurden offenbar „mit ungeheurer Brutalität bekämpft". 259 Auch die Interviews mit ehemaligen Wehrmachtsoldaten und einige Feldpostbriefe weisen auf eine entsprechend stark ausgeprägte feindselige Haltung gegenüber den Rotarmistinnen hin. So erzählte ein in der Sowjetunion eingesetzter Veteran über die Einstellung seiner Truppe gegenüber diesen Frauen: „Die verachteten wir sehr. Wir verabscheuten sie. Das ist doch kein Geschäft für Frauen." Freimütig berichtete er auch über die gängige Praxis, solche Frauen einfach als „Partisaninnen" zu erschießen. 260 Inwieweit nun die offiziellen Weisungen von Seiten der Wehrmachtführung und einzelner Kommandeure sowie die unter den Soldaten verbreitete Grundeinstellung gegenüber bewaffneten Frauen auch zu verstärkten sexuellen Übergriffen führten, kann angesichts der momentanen Forschungslage nicht beantwortet werden. Zu vermuten ist jedoch, dass angesichts dieser Voraussetzungen jene Soldaten, die Sexualverbrechen gegenüber den als „Partisaninnen" oder als „Flintenweiber" charakterisierten Frauen begingen, entweder nicht angezeigt wurden oder bei einem Verfahren mit einem eher milden Urteil rechnen konnten. In den besetzten Gebieten der Sowjetunion kam es auch im Rahmen von Requirierungsaktionen und eigenmächtigen Plünderungen zu sexuellen Gewaltverbrechen. So wurde gegen den Obergefreiten Helmuth K. vom Artillerie-Regiment 182, der zusammen mit einem Kameraden aufgrund der Vergewaltigung einer 25-jährigen Russin angeklagt war, auch im Zusammenhang mit Körperverletzung und „gewaltsamer Betreibung" ermittelt. Er berichtete diesbezüglich bei seiner Vernehmung, wie er im Dezember 1943 in BendjugowkaWest Hafer, Heu und Schlitten bei den Dorfbewohnern beschaffen sollte. Wenn diese die geforderten Sachen nicht sofort freiwillig gegeben hätten, habe er sie geschlagen. Eine russische Frau, die er geohrfeigt habe, hätte „geschimpft 239 260 BA-MA R H 26-45/22: Anlagenband la zum KTB der 45. Div., Korpsbefehle vom 21.6.27.9.1941, Höheres Kommando XXXV, Abt. Ia, Geheim, Korpsbefehl Nr. 1, 29. Juni 1941; Gcrlach, Kalkulierte Morde, S. 777f., Zitat S. 778. Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 143-145, weist ebenfalls darauf hin, dass die Soldaten bei Verhören von Kindern und Frauen teilweise sadistisch vorgingen. Siehe auch die Aussagen von deutschen Kriegsgefangenen in: Heer (Hg.), „Stets zu erschießen", S. 10, 81. Zur Darstellung der „Flintenweiber" in der Freikorps-Literatur während der Weimarer Republik vgl. Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2 Bde., Frankfurt/Main 1986, Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, S. 96-105. Beckermann, Jenseits des Krieges, S. 135, 64-66. Latzel, Deutsche Soldaten, S. 190, 195; Beispiele auch in: Heer, Tote Zonen, S. 78, 114f., 122, 143; und bei Rass, „Menschenmaterial", S. 337. Reese, Unmenschlichkeit, S. 197, berichtet darüber, dass seine Truppe eine russische Gefangene „Nackttänze" vorführen ließ.
226 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 und gesagt dass wir ihr alles wegnähmen, auch ihre Tochter wäre nach Deutschland geschafft worden". 261 Diese freimütige Aussage des Beschuldigten vor Gericht belegt, dass deutsche Soldaten der ansässigen Bevölkerung wichtige landwirtschaftliche Erzeugnisse wegnahmen, um der Vorgabe, sich aus dem Lande zu versorgen, nachzukommen. Schon im Oktober 1940 waren in der Abteilung Generalquartiermeister beim O K H die Planungen und Entwürfe für die Versorgung der Wehrmacht während des Krieges gegen die Sowjetunion konzipiert worden. Aufgrund der Größe des Operationsgebietes und der ungünstigen Transportsituation stand von vornherein fest, dass im Osten die Belieferung der deutschen Soldaten mit Lebensmitteln und Material auf dem Nachschubweg nicht funktionieren würde. Die so genannte „Versorgung aus dem Lande" bildete damit einen wichtigen Teil eines breit angelegten Hunger- und Ausbeutungsprogramms von OKW, O K H , dem Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt sowie dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Der Hungertod von „zweifellos zig Millionen Menschen" 262 der einheimischen Bevölkerung wurde von den zuständigen Planern ohne größere Bedenken von Beginn an einkalkuliert, wie entsprechende Denkschriften und detaillierte Berechnungen dokumentieren. 263 Teilweise kam die Truppe der Umsetzung dieses Hungerplans in die Praxis nach, bei dem nach einem hierarchisch abgestuften System erst die kämpfenden Soldaten, dann die Truppen im besetzten Gebiet und die nicht zur Wehrmacht gehörenden Deutschen sowie am Schluss die einheimische Bevölkerung und die sowjetischen Kriegsgefangenen versorgt werden sollten.264 Dabei gingen einige Soldaten oftmals brutal und skrupellos vor. Die eben zitierte Aussage des Angeklagten, der zugab, die Bewohner geschlagen zu haben, verweist auf das selbstherrliche und nicht selten gewaltsame Verhalten bei Requirierungen, das nicht auf Befehl erfolgte. Die Arbeiten von Omer Bartov oder von Christian Gerlach speziell für Weißrussland haben darüber hinaus gezeigt, dass eigenmächtige Plünderungen bereits kurz nach dem Einmarsch begannen und häufig auch toleriert wurden. 265 Das Vernehmungsprotokoll in dem erwähnten Fall offenbart zudem die Politik des Fremdarbeitereinsatzes für das Deutsche Reich. Bis Juni 1944 wurden mehr als 2,5 Millionen Zivilisten aus den besetzten Gebieten der UdSSR als Arbeitskräfte nach Deutschland deportiert, darunter befanden sich vor al2M 262 2W 264 2ft3 BA-ZNS S 313, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 16: Vernehmung von Helmuth K., Dezember 1943. Ebenfalls im Zusammenhang mit der Beschaffung von Heu stand die versuchte Vergewaltigung einer russischen Frau, die sich beim 1. Pionier-Batl. 505 ereignete: BA-ZNS S 374, Gericht Pz. A.O.K. 3. IMT, Bd. 31, S. 84, Dokument 2718-PS: „Aktennotiz über Ergebnis der heutigen Besprechung mit den Staatssekretären über Barbarossa", 2. Mai 1941. Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 46-76; Boch, Krieg, S. 251 f.; Rolf-Dieter Müller, Von der Wirtschaftsallianz zum kolonialen Ausbeutungskrieg, in: DRZW, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 98-189, hier S. 143-150; ders., Das Scheitern der wirtschaftlichen „Blitzkriegstrategie", in: DRZW, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 9361029, hier S. 959-1000. Müller, Scheitern der „Blitzkriegstrategie", S. 996. Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 114-123; Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 260-265.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 227 lern Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren. Die Bemerkung der russischen Frau im Zusammenhang mit der erfolgten „Betreibung" deutet auf eine solche Zwangsverschickung ihrer Tochter hin. Ab 1944 wurden in zunehmendem Maße die 10- bis 14-Jährigen ins Deutsche Reich verschleppt, dies erfolgte zum Beispiel im Rahmen der so genannten „Heu-Aktion", mit der „heimatlose, eitern- und unterkunftslose Kinder" angeblich „versorgt" werden sollten. 266 Zwar konnten aufgrund der schlechten Versorgungslage der Zivilbevölkerung anfangs noch Freiwillige mittels deutscher Propaganda als „Ostarbeiter" gewonnen werden. Aber die überwiegende Mehrheit der ins Deutsche Reich gebrachten Menschen wurde unter Zwang rekrutiert. Dabei fanden, so Gerlach, „regelrechte Treibjagden" statt, bei denen vor allem junge Menschen und auch Kinder unter zehn Jahren von der Straße weg Richtung Westen transportiert wurden, ohne dass in vielen Fällen die Familienangehörigen überhaupt einen Bescheid darüber erhielten.267 Auch Christoph Rass hat festgestellt, dass die willkürlichen Handlungen gegenüber der Zivilbevölkerung, sowohl körperliche Angriffe wie auch Eigentumsdelikte, bei der 253. Infanterie-Division im Jahr 1941 kontinuierlich zunahmen. Als Ursache benennt Rass zum einen die ideologische Indoktrination der Soldaten, zum anderen die Sanktionierung der völkerrechtswidrigen Kriegführung durch die „verbrecherischen Befehle" wie Gerichtsbarkeitserlass, Kommissarbefehl und die „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland". Das auf diese Weise von der Wehrmachtführung legitimierte rücksichtslose Vorgehen gegen den militärischen Gegner und die bewusste Entrechtlichung der Zivilbevölkerung wirkten sich verstärkt auf das individuelle Verhalten der einzelnen Soldaten aus. Die Verhaltensweisen einiger Wehrmachtangehöriger hätten, so Rass, „häufig das institutionelle Handeln in seiner Brutalität" reflektiert.268 In einem Verfahren vor dem Gericht der 253. Infanterie-Division wegen der Vergewaltigung einer jungen russischen Frau bestritt der angeklagte Obergefreite zunächst die Tat und erklärte den gegen ihn gerichteten Verdacht damit, dass er des Öfteren bei der Beschaffung von Lebensmitteln dabei gewesen sei: „Dabei bin ich nicht immer sehr rücksichtsvoll vorgegangen und ich bin ohnedies dafür bekannt gewesen, Russen gegenüber oft brutal zu sein. Vielleicht hat man mir deshalb auch jene Vergewaltigung zugetraut." Ein als Zeuge geladener Soldat äußerte in diesem Zusammenhang die Vermutung, dass der Beschuldigte „das Requirieren nur betreibe, um bei dieser Ge266 Dallin, Deutsche Herrschaft, S. 465; Herbert, Fremdarbeiter, S. 299f.; Babette Quinkert, Terror und Propaganda: Die „Ostarbeitcranwerbung" im Generalkommissariat Weißruthenien, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47 (1999), S. 700-721, hier S. 704, 718f. Zur „HeuAktion" siehe auch Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 1087-1089. 2h7 Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 464-476, Zitat S. 469. Gcrlach schätzt die Zahl der Kinder und Jugendlichen unter den sowjetischen Zwangsarbeitern in Deutschland auf mehr als eine Million ein. Ebd., S. 476. Siehe auch Rolf-Dieter Müller, Menschenjagd. Die Rekrutierung von Zwangsarbeitern in der besetzten Sowjetunion, in: Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 92-103; Quinkert, Terror und Propaganda, S. 721. 2 8 '' Rass, „Menschenmaterial", S. 331-347, Zitat S. 385.
228 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 legenheit an Frauen heranzukommen". 269 Wie die Ermittlung der Tatumstände ergab, waren der Angeklagte und ein anderer Soldat in einem Dorf auf der Suche nach Esswaren gewesen und hatten dabei die Russin in einem der Häuser zufällig angetroffen. Obwohl noch eine weitere Frau anwesend war, vergewaltigte der mit einem Karabiner bewaffnete Mann die jüngere von beiden. Die Richter verurteilten ihn wegen „Notzucht" zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis, weil das Verhalten des verheirateten und bereits vorbestraften Obergefreiten „unwürdig" sei. Eine schärfere Strafe erachteten sie dagegen nicht für notwendig, da durch die Straftat keine „besondere Schädigung des Ansehens der deutschen Wehrmacht" eingetreten sei.270 Offenbar waren die Requirierungen mitunter günstige Anlässe für manche Soldaten, gegenüber Frauen gewalttätig zu werden. So erwähnte im November 1943 ein Referent der Hauptabteilung Ernährung in einem Schreiben an den Reichskommissar für die Ukraine Plünderungen durch deutsche Soldaten sowie die Vergewaltigung einiger „Mädchen" in Machnowka. Ob dagegen disziplinarisch oder gerichtlich eingeschritten wurde, ist aus diesem Dokument nicht ersichtlich.271 Der Bericht ist jedoch als Kritik an den herrschenden Zuständen zu verstehen, die es in Zukunft besser zu regeln gelte. Es ist daher zu vermuten, dass gegen diese Soldaten zunächst nicht ermittelt worden war. Im Rahmen der Untersuchung von Übergriffen deutscher Soldaten gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten, wie zum Beispiel eigenmächtige Plünderungen, ist bislang die geschlechtsspezifische Gewalt kaum thematisiert worden. 272 Die ausgewerteten Urteile sowie entsprechende Einträge in den Strafsachenlisten und Gnadenlisten verschiedener Gerichte belegen jedoch, dass im Zusammenhang mit solchen Aktionen auch Sexualverbrechen auftraten.273 Das Ausmaß der Vernetzung von Requirierungen und sexueller Gewalt kann in dieser Arbeit nicht ermittelt werden, da hier nur die vor Gericht verhandelten Fälle als Beleg dienen können. Die genannten Straftaten, die sich gegen das Eigentum der Bewohner der besetzten Gebiete richteten, wurden jedoch häufig entweder nur auf disziplinarischem Wege geahndet, die Verfahren eingestellt oder sie wurden überhaupt nicht gemeldet und die verantwortlichen Soldaten gingen letztlich straffrei aus. Es ist anzunehmen, dass derartige Delikte meist nur dann gerichtlich verfolgt wurden, wenn sie zugleich die Wahrung der militärischen Disziplin oder die Interessen der Wehrmacht im Okkupationsgebiet gefährdeten.274 Dementsprechend wurden wohl 2 9 '' BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./106, Bl. 6-8: Vernehmungsprotokoll, Zitate Bl. 7f. Ebd., Bl. 16f.: Feldurteil vom 6. Januar 1944, Zitate Bl. 17. 271 IMT, Bd. 25, Nürnberg 1947, S. 324-329, Dok. 288-PS: Anlage zum Schreiben des Beauftr. d. RMfdbO. b. Okdo. d. HGr. Süd vom 24.12.1943: „Auszüge aus Berichten an Reichskommissar für die Ukraine und Generalkommissar Shitomir", S. 328: „Aus dem Bericht des Referenten Winkler von der Hauptabteilung Ernährung an den RKU vom 20.11.43". 272 Chiari, Alltag, S. 200, verweist auf die Situation von weißrussischen Kindern, von denen einige bei Requirierungsaktionen Plünderungen und sexuelle Gewaltdelikte mit ansehen mussten. 273 BA-ZNS RH 20-6 G/5, Nr. 161, 162, 174; BA-ZNS RH 20-6 G/6, Nr. 56, 57. 274 Rass, „Menschenmaterial", S. 267f., hat für die 253. Infanterie-Division festgestellt, dass dort die Zielsetzungen des Kriegsgerichtsbarkcitserlasses in der Sowjetunion in die Praxis umgesetzt wurden. Vgl. auch Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 110, 120. 270
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 229 auch einige der sexuellen Übergriffe, die sich im Rahmen von solchen Plünderungen und Diebstählen ereigneten, nicht geahndet. Eine weitere Möglichkeit zu Kontakten mit der Bevölkerung ergab sich durch die Einquartierungen in sowjetische Häuser, die häufig nur aus einem einzigen Raum bestanden.275 Wie das Verfahren gegen den Kanonier Heinz B. vor dem Gericht der 339. Infanterie-Division zeigt, kam es auch dabei zu sexuellen Gewalttaten. Der Angeklagte war Ende März 1942 zusammen mit anderen Soldaten in den Ort Suglitz gefahren, um Heu und Kartoffeln zu besorgen. Für die Beschaffung waren einige Tage vorgesehen, deswegen quartierten sich die Soldaten in der Hütte einer älteren Frau ein, bei der auch deren Tochter sowie das spätere Opfer, eine 23-jährige, aus Moskau evakuierte Russin wohnten. Während seines Aufenthaltes vergewaltigte B. diese Frau mehrmals, nachdem er alle Hausbewohnerinnen zunächst mit seiner Waffe massiv bedroht und sie entsprechend eingeschüchtert hatte. Gegenüber den anderen Männern hatte er bereits angekündigt, dass er eine der Frauen zum Geschlechtsverkehr zwingen werde, und sie aufgefordert, sich ebenfalls Frauen zu diesem Zweck zu suchen. Die Soldaten folgten zwar diesem Vorschlag nicht, sie unternahmen jedoch auch keine Anstrengungen, um ihren Kameraden an seinem Vorhaben zu hindern, sondern suchten sich schlicht ein anderes Quartier. 276 Die räumliche Nähe zwischen Soldaten und Zivilistinnen führte offenbar zu einem Ausmaß von intimen - auch gewaltlosen - Kontakten, das dem OKW nicht mehr tolerierbar erschien. So kritisierte Keitel als Chef des OKW im September 1942 in einem Erlass die „teilweise festen Verhältnisse[n] zwischen deutschen Soldaten und einheimischen Frauen", die sich aufgrund von Einquartierungen ergeben hätten. Derartige Beziehungen würden die Zunahme von Geschlechtskrankheiten begünstigen, förderten die Spionage und führten zu einem „völligen Verwischen des notwendigen Abstandes zu den Menschen der besetzten Ostgebiete". Sie dürften daher nicht geduldet werden. Entweder seien solche Belegungen von Zivilhäusern zu vermeiden oder, falls sie sich nicht umgehen ließen, sollten die Bewohner ihrer Häuser „rücksichtslos" verwiesen werden. 277 Wie ein Bericht der „Beratenden Hygieniker" vom Januar 1944 zeigt, konnte die gewünschte Trennung zwischen Truppe und Zivilbevölkerung trotz dieser Vorgaben nicht erreicht werden. Zu groß seien, so das Schreiben, die je273 276 277 Die Beschreibung eines typischen weißrussischen Holzhauses bei Bernhard Chiari, Die Büchse der Pandora. Ein Dorf in Weißrußland 1939 bis 1944, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 879-900, hier S. 884. BA-ZNS S 334, Gericht der 339. Inf.Div., Bl. 19-25: Feldurteil vom 28. April 1942. Ebenfalls im Rahmen einer Einquartierung in Russland ereignete sich die versuchte Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens: BA-ZNS S 250, Gericht des IX. Armeekorps. Eine Bewohnerin Weißrusslands wurde durch fünf Wchrmachtangehörige vergewaltigt, die bei ihr Quartier bezogen hatten: BA-ZNS S 150, Gericht der 95. Inf.Div. BA-Berlin/Lichterfelde NS 7/5: Chef d. Hauptamtes SS-Gericht, „Betr. Unerwünschter Verkehr deutscher Soldaten mit Einwohnern der besetzten Ostgebiete", OKW, Nr. 02560/42 g./WFSt./Qu. (II), 15. September 1942, gez. Keitel. Vgl. zur Umsetzung solcher Anweisungen Reese, Unmenschlichkeit, S. 62f.
230 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 weiligen Vorteile wie das Vorhandensein von Lebensmitteln und die Dienstleistungen für die Soldaten, die sich aus dem gemeinsamen Wohnen ergeben würden. 278 Nicht selten führte dies auch dazu, dass sich Soldaten ganz von ihrer Einheit entfernten. So enthält eine Sammlung über „typische Fahnenfluchtfälle", die Keitel im August 1942 an die Wehrkreiskommandos und an die Wehrmachtbefehlshaber versandte, auch Beispiele von Soldaten, die sich bei ukrainischen oder russischen Frauen über einen längeren Zeitraum hinweg aufgehalten und teilweise mit diesen in „wilder Ehe" gelebt hatten. Nach ihrer Festnahme wurden diese Soldaten mit dem Tode bestraft.279 Zwar beziehen sich die Ausführungen vor allem im letztgenannten Schriftstück wohl eher auf nicht gewaltsam erzwungene Kontakte, doch die erwähnten Urteile weisen darauf hin, dass es auch zu sexuellen Übergriffen im Rahmen der Einquartierungen kam. Zudem bleibt angesichts der damals herrschenden wirtschaftlichen Not und der Machtposition der deutschen Besatzer die grundsätzliche Frage bestehen, aus welcher Situation heraus diese engeren Kontakte überhaupt entstanden waren. Die Grenzen zwischen Vergewaltigung, Prostitution aus materieller Not und freiwilligem Geschlechtsverkehr können, wie auch andere historische Beispiele aus dem Besatzungsalltag zeigen, manchmal fließend sein.280 Insgesamt deuten die Verfahren darauf hin, dass vor allem in den rückwärtigen Gebieten - und damit nicht unmittelbar in den Frontabschnitten, in denen gekämpft wurde - derartige Gewalttaten auftraten, weil dort die Soldaten eher die Gelegenheit und auch die Zeit für Übergriffe unterschiedlichster Art hatten. Schon im August 1941 mahnte beispielsweise das AOK 9 an, die Disziplin der Soldaten wegen der ansteigenden Zahl von Sexualdelikten besser zu überwachen. 281 Und im Februar 1942 wurde von der 6. Infanterie-Division kritisiert, dass bei denjenigen Einheiten, die in den „rückwärts gelegenen Ortschaften" untergebracht seien, allgemein die „Disziplin im Gegensatz zu den vorn eingesetzten Teilen, sehr zu wünschen übrig" lasse. Als Reaktion darauf wurde ein spezieller Streifendienst in Rshcw eingerichtet, um Verstöße gegen die „Manneszucht" besser kontrollieren zu können. 282 5.2 SEXUALVERBRECHEN MIT TÖDLICHEM AUSGANG Im historischen Überblick über sexuelle Gewalt fiel insbesondere bei den Beispielen Nanking und Vietnam auf, dass die dort verübten Sexualdelikte in vielen Fällen mit der Ermordung der Frauen endeten. Für Vietnam existiert in 278 279 280 281 282 BA-MA H 20/143: 3. Sammelbericht über Kriegserfahrungen der Beratenden I Ivgieniker, H. San. Insp. 49 s A 5 Wi G (I a II) 707/44, 22. Januar 1944. BA-MA RH 53-7/v. 233a/86: Anlage zu Stellv. Gen.Kdo. VII. A.K., Az. B 14 II b/M, Nr. 14499/42 geh., 29. September 1942, Hervorhebung i.O. Vgl. Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 13. Siehe auch die Aussage eines ehemaligen Soldaten im Kap. II. Rass, „Menschenmaterial", S. 268, Anm. 239, S. 270, Anm. 244. BA-MA RH 26-6/20:6. Inf.Div., Anlagenband 5 zum KTB Nr. 5, Anlage 130 Abt. IIa, Az.Allg. Betr.: „Einrichtung eines besonderen Streifendienstes", 15. Februar 1942.
5. Deutsche Soldaten v o r dem Kriegsgericht 231 diesem Zusammenhang der Begriff des „double veteraning", um die Tateinheit von Vergewaltigung und Mord zu benennen. 283 Demgegenüber lässt sich anhand des bisherigen Forschungsstandes kein vergleichbares Phänomen für die von deutschen Soldaten begangenen Sexualverbrechen belegen, auch wenn einige Hinweise auf Tötungen existieren.284 Die Auswertung von Urteilen kann speziell zu dieser Problematik nur einen kleinen Beitrag leisten, denn unter allen untersuchten Verfahren befanden sich nur zwei Fälle, in denen deutsche Soldaten wegen eines Sexualdeliktes in Verbindung mit Mord oder Totschlag angeklagt worden waren. Im Folgenden soll detaillierter auf das in Weißrussland stattgefundene Verbrechen eingegangen werden, während das Beispiel aus Frankreich aufgrund der Verhängung der Höchststrafe im letzten Kapitel über die Todesurteile analysiert wird. Wegen „versuchter Notzucht" und Totschlag stand im Mai 1944 der 22 Jahre alte Sonderführer David N. von der Ostreiterschwadron 201 in der weißrussischen Kleinstadt Lepel vor dem Gericht der 201. Sicherungs-Division.285 Seine Lebensgeschichte weist einige interessante und für die spätere Urteilsbegründung durch das Gericht bedeutsame Details auf. Er war laut eigener Aussage in Sibirien als Sohn eines Volksdeutschen Gutsbesitzers geboren worden. Sein Vater wurde 1929 enteignet und in die Verbannung geschickt, von dort gelang ihm zunächst die Flucht. Nach seiner Auslieferung an Russland wurde der Vater jedoch erschossen. Die Mutter flüchtete mit den Kindern nach Mandschukuo und später nach Shanghai. Dort trat N. 1934 der Hitlerjugend bei und kam 1938 mit Hilfe der Auslandsorganisation der NSDAP nach Deutschland. 1942 wurde er zur Wehrmacht einberufen und wurde schließlich Dolmetscher bei der Ostreiterschwadron 201. Anfang Mai 1944 war David N. mit seiner Einheit zur Bekämpfung von Partisanen in der Ortschaft Glybotschka eingesetzt. Dorthin waren auch die Bewohner der umliegenden Dörfer zur Bewachung gebracht worden, so dass sich hier insgesamt etwa 500 Zivilisten aufhielten. David N. hatte nach einer Zechrunde mit anderen Soldaten, bei der aus Anlass von Hitlers Geburtstag am 20. April noch nachträglich Schnaps verteilt worden war, ein Haus aufgesucht, in dem sich mehrere Zivilisten, darunter eine 17-Jährige, befanden. Er forderte die junge Frau auf, ihm zu folgen und ein anderes Haus zu säubern. In einem unbewohnten Gebäude versuchte er dann die Weißrussin zu vergewaltigen. Diese wehrte sich, es kam zu einer Rangelei, in deren Verlauf N. die Frau aus nächster Nähe mit zwei Schüssen in den Kopf tötete. Ihre Mutter war den beiden gefolgt und hatte das Geschehen durch ein Fenster beobachtet, was schließlich auch dem 283 284 283 Vgl. Kapitel I; Hochgeschwender, „Mired in Stalemate", S. 186. Die im Nürnberger Prozess vorgelegten Dokumente verweisen darauf, dass in einigen Fällen die Frauen nach der Vergewaltigung ermordet wurden. Die Sicherungs-Divisionen waren laut Gerlach als Teil der Militärverwaltung im rückwärtigen Heeresgebiet „die entscheidenden Instrumente zur Durchführung bewaffneter Aktionen [...], den großen Partisancnbekämpfungsaktionen 1942-1944 und anderen Repressionsakten". Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 134-142, Zitat S. 138. Vgl. auch die Graphik bei Müller, Wirtschaftsallianz, S. 133.
232 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Soldaten auffiel. Trotz seines Wissens um die Augenzeugin ging er nach der Tat zurück zu seinen Kameraden, unterhielt sich noch mit ihnen und legte sich dann scheinbar unbeeindruckt von dem Ereignis schlafen. Die Erzählung von der Ermordung machte jedoch schnell die Runde innerhalb der Reiterschwadron, und auf Anfrage seines Zugführers gab David N . die Tat zu. Bei der öffentlichen Sitzung des Kriegsgerichts am 22. Mai 1944 gestand er ein, von Beginn an geplant zu haben, „mit dem Mädchen geschlechtlich zu verkehren [...]." Als es sich wehrte, habe ihn „die Wut über die ganzen Russen" gepackt.286 Der Grund hierfür sei die Erinnerung an seinen Vater sowie die Tatsache, dass so viele Soldaten schon durch den Einsatz von Minen ums Leben gekommen seien, auch sei ein Soldat „massakriert" aufgefunden worden. Nach den Aussagen des Angeklagten und des Führers der Schwadron forderte der Vertreter der Anklage die Todesstrafe, während der Verteidiger, der gemäß § 49 Abs. 1 KStVO in diesem Verfahren beizuziehen war, für eine Verurteilung wegen Totschlags nach § 212 RStGB 287 und damit für eine Zuchthausstrafe plädierte. Das Urteil lautete schließlich wegen „Totschlags in Tateinheit mit versuchter Notzucht" auf zehn Jahre Zuchthaus, den „Verlust der Wehrwürdigkeit" und den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte für zehn Jahre. Die Richter sahen in N . nicht einen Täter, der aus „Mordlust" oder aus ähnlichen Beweggründen gehandelt habe. Dagegen spreche seine Beurteilung durch den Schwadrons-Chef, der N . bescheinigte, er habe sich sonst gegenüber Zivilisten „sehr weich" verhalten. Dieser Charakterzug fiel offenbar in der von Härte und von schonungslosem Vorgehen gegen Zivilisten geprägten Kriegführung, wie sie auch von einzelnen Armeeoberbefehlshabern immer wieder unmissverständlich eingefordert wurde, auf.288 Vielmehr habe N . in einem plötzlichen Anfall von Zorn und ohne spezielle Hintergedanken geschossen. Dabei habe möglicherweise die Ermordung seines Vaters durch die „Bolschewisten" eine Rolle gespielt. Als strafmildernde Gründe zählten die Richter darüber hinaus die besonderen Umstände an der Ostfront auf. Es sei bekannt, „daß die Russen zahlreiche G r a u s a m k e i t e n gegen deutsche Wehrmachtangehörige verübt haben u n d noch verüben u n d selbst ihrer eigenen Bevölkerung gegenüber in äusserst brutaler Weise vorgehen". 2 8 9 286 287 288 289 BA-ZNS S 283, Gericht der 201. Sich.-Division, Bl. 49-55: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 22. Mai 1944, Zitat Bl. 51. § 212 RStGB in: Strafrecht der deutschen Wehrmacht, S. 111: „Wer einen Menschen vorsätzlich tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit lebenslangem Zuchthaus oder mit Zuchthaus nicht unter fünf Jahren bestraft." Entsprechende Meldungen wegen zu freundlichen Verhaltens bei Müller, Scheitern der „Blitzkriegstrategie", S. 1009. Siehe auch den Befehl des Oberbefehlshabers der 6. Armee, Genendfeldmarschall Walter von Reichenau, über das „Verhalten der Truppe im Ostraum" vom 10. Oktober 1941, abgedruckt bei Ueberschär/Wette (Hg.), „Unternehmen Barbarossa", Dok. 20, S. 339f., u. ebd., Dok. 21, S. 341-343: Armeebefehl des Oberbefehlshabers der 17. Armee, Generaloberst Hoth, über das „Verhalten der deutschen Soldaten im Ostraum", 17. November 1941. BA-ZNS S 283, Gericht der 201. Sich.-Division, Bl. 58-62: Feldurteil vom 22. Mai 1944, Zitat Bl. 61 f. Auf die „gewisse Verrohung", die der Krieg gegen die Sowjetunion bewirke, wurde auch in anderen Verfahren hingewiesen: BA-ZNS RH 69/4057, Gericht der 26. Inf.Div., Bl. 1923: Feldurteil vom 17. April 1942, hier Bl. 23.
5. Deutsche Soldaten vor d e m Kriegsgericht 233 Hier übernahm das Gericht den Topos der angeblich hinterhältigen und sadistischen sowjetischen Kriegführung, wie er vom Oberkommando der Wehrmacht noch vor dem Krieg gegen die Rote Armee in verschiedenen Anordnungen und Merkblättern verbreitet wurde und auch in den „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare" zum Ausdruck kam. 290 Das Urteil wurde am 6. Juni 1944 durch den Oberbefehlshaber der 3. Panzerarmee, Generaloberst Georg-Hans Reinhardt, bestätigt und damit rechtskräftig. Reinhardt verfügte die Vollstreckung der Strafe in einer Feldstrafgefangenenabteilung, so dass David N . für diese Zeit wieder als „wehrwürdig" und als Angehöriger der Wehrmacht galt. Die Zuchthausstrafe wurde unter dieser Einschränkung als Gefängnisstrafe wirksam. 291 Die Richter waren offenbar bereit gewesen, die vom Angeklagten vorgebrachte Begründung für sein Verhalten ernst zu nehmen. So sei angesichts seiner persönlichen Erfahrungen mit dem sowjetischen System und mit dem Verhalten der Roten Armee anderen deutschen Soldaten gegenüber die während der Tat aufgetretene Wut nachvollziehbar. Das Gericht hätte diese Gründe auch für eine noch wesentlich niedrigere Strafe heranziehen können. Denn das Urteil über zehn Jahre Zuchthaus erscheint im Hinblick auf die damaligen Rechtsverhältnisse und hinsichtlich der Kriegführung im besetzten weißrussischen Gebiet eher ungewöhnlich. Wie während der Verhandlung festgestellt wurde, war die Einheit des Soldaten zum Zeitpunkt der Tat im „Bandeneinsatz". Dieser muss im Zusammenhang mit der Partisanenbekämpfung in Weißrussland gesehen werden, wie sie Christian Gerlach detailliert geschildert hat. Die dortige Widerstandsbewegung, die von 1941 bis 1944 mehr als 370.000 Personen umfasste, davon mehr als 280.000 bei den kämpfenden Einheiten292, versuchte die deutsche Besatzungsmacht durch die Zerstörung von Verkehrswegen und durch das Blockieren der landwirtschaftlichen Verwaltung zu schwächen und ihr die Ausbeutung des Landes zu erschweren. Die Wehrmacht sowie der SD reagierten darauf mit drakonischen Maßnahmen, die im Verlauf der Okkupation noch verschärft wurden. Bei den berüchtigten großen Unternehmungen wie „Bamberg" im März und April 1942, „Erntefest" im Januar und Februar 1943 sowie „Cottbus" im Mai und Juni 1943 kamen vor allem Bauern mit ihren Familien, Flüchtlinge sowie Juden um, die in den Meldungen der am Kampf beteiligten Einheiten als Sympathisanten, „bandenverdächtig" oder einfach als Partisanen aufgelistet wurden. Hochrechnungen zufolge sollen der deutschen Partisanenbekämpfung in Weißrussland etwa 345.000 Menschen zum Opfer gefallen sein.293 290 291 292 293 Siehe „Besondere Anordnungen Nr. 1 zur Weisung Nr. 21 (Fall .Barbarossa') vom 19. Mai 1941, Anlage 3 zu OKW/WFSt/Abt. L. IV/Qu: Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland", abgedruckt bei Ueberschär/Wette(Hg.), „Unternehmen Barbarossa", Dok. 7, S. 312, sowie ebd., Dok. 10, Merkblätter „Warnung vor heimtückischer Sowjetkriegsführung" und „Kennt ihr den Feind?" vom Juni und Juli 1941. BA-ZNS S 283, Gericht der 201. Sich.-Division, Bl. 70f.: Verfügung vom 12. Juni 1944. Der Frauenanteil bei den Partisanengruppen betrug etwa 12%. Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 861 f. Ebd., S. 957. Über die Problematik bei der Ermittlung von Zahlen siehe Klinkhammer, Partisanenkrieg, S. 822-826.
234 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Der im vorliegenden Verfahren zur Sprache gebrachte „Bandeneinsatz" war offensichtlich Teil der Operationen „Frühlingsfest" und „Regenschauer", die vom 17. April bis zum 12. Mai 1944 in der Region Polozk-Uschatschi unter der Beteiligung der Kampfgruppe von Gottberg, der 3. Panzerarmee, der 95. Infanterie-Division sowie der 201. Sicherungs-Division stattfanden. Dabei kamen mehr als 7.000 Menschen ums Leben und über 11.000 wurden als Arbeitskräfte deportiert. 294 Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Mehrheit der ermordeten Menschen Frauen und Kinder waren 295 , erscheint das Verfahren wegen der versuchten Vergewaltigung und der Tötung einer jungen Weißrussin in einem anderen Licht. Auch dieser Mord hätte unter Hinweis auf eine mögliche „Bandentätigkeit" oder eine vermutete Zusammenarbeit mit den Partisanen vom zuständigen Führer der Schwadron und dann auch vom darüber informierten Kriegsgerichtsrat ignoriert werden können, zumal sich die Einheit des Soldaten exakt zum Tatzeitpunkt in einer solchen Aktion gegen Partisanen befand. Die Gründe für die Einleitung eines Gerichtsverfahrens und für die anschließende Verurteilung lassen sich in Ansätzen aus den erhaltenen Akten entnehmen. Offenbar äußerten andere Soldaten lautstark ihren Unmut über die Tat, sie sprachen „vom Waffen niederlegen" und davon, „daß sie sich beschweren wollten und daß sie keinen Krieg gegen Frauen und Kinder führten". 296 Zudem war anfangs noch das Gerücht verbreitet worden, der Soldat habe sich nach der Tötung an der weiblichen Leiche vergangen. Der zuständige Leutnant, der den Täter ermitteln konnte, versprach den anderen Männern deswegen, dass die Sache vor Gericht verhandelt werden würde. Der Eindruck des Geschehens auf die Angehörigen der Ostreiterschwadron wurde als strafverschärfender Grund in der Urteilsbegründung auch erwähnt. Möglicherweise waren die Umstände des Mordes, das schnelle Bekanntwerden der Tat und die Empörung der Truppe ausschlaggebend für die Verurteilung und die Zuchthausstrafe. Hinsichtlich seines Verhaltens und seiner militärischen Führung wurde David N . gut beurteilt, er war gerichtlich noch nicht vorbestraft und hatte bislang nur einen disziplinarischen Verweis erhalten, so dass er keinem negativen „Tätertyp" entsprach. O b seine Volksdeutsche Abstammung eine Rolle spielte, bleibt unklar. Der Fall belegt, dass es zu sexuell konnotierten Übergriffen im Rahmen solcher Operationen kommen konnte und diese vor Gericht verhandelt wurden. Allerdings endete die versuchte Vergewaltigung mit Mord, was der wesentliche Grund dafür gewesen sein dürfte, das Ganze militärgerichtlich zu ahnden. O b die Tatsache, dass in den untersuchten Akten nur ein Verfahren dabei war, bei dem eine direkte Verbindung zwischen Partisanenbekämpfung und sexueller Gewalt besteht, bereits auf die Ausnahmeerscheinung solcher Fälle hinweist oder ob nicht im Gegenzug davon auszugehen ist, dass gerade bei die294 293 296 Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 903. Ebd.,S. 1001. BA-ZNS S 283, Gericht der 201. Sich.-Div., Bl. 52: Öffentliche Sitzung des Kriegsgericht.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 235 sen Aktionen mit ihrer brutalen und schonungslosen Vorgehensweise sexuelle Übergriffe von Soldaten und Angehörigen der Einsatzkommandos nicht weiter beachtet wurden, muss offen bleiben. In diesem Zusammenhang ist jedoch die Aussage eines Obergefreiten auffällig, die er als Kriegsgefangener gegenüber der sowjetischen „Außerordentlichen Kommission", einer Stelle zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in der Sowjetunion, machte. Der Mann war als Angehöriger des Regiments 601 ebenfalls bei der 201. Sicherungs-Division eingesetzt gewesen und berichtete bei seiner Vernehmung unter anderem über Schüsse in einem russischen Haus Anfang März 1943. Seine Kameraden und er hätten damals vermutet, „daß da ein Sittlichkeitsverbrechen begangen wurde und nachher Frau und Lehrerinn [sie] erschossen wurden". 297 In diesem Fall kam es offenbar zu keiner Verurteilung oder Ahndung, zumindest machte der Obergefreite keine entsprechenden Angaben dazu. Es ist bezeichnend, dass dieser Soldat allein aufgrund seiner Kenntnisse darüber, dass in dem Haus zwei Frauen wohnten, ein Major und ein Leutnant dort übernachteten und am nächsten Morgen Schüsse fielen und das Haus angezündet wurde, an ein Sexualdelikt dachte. Ob er ähnliche Begebenheiten bereits miterlebt hatte und deswegen zu dieser Schlussfolgerung gelangte, kann selbstverständlich nicht belegt werden, es erscheint aber nicht völlig abwegig. Exzesse und individuelle Gewalttätigkeiten gegenüber Zivilisten wurden oftmals erst anhand der Strafprozesse gegen Teilnehmer der „Bandenbekämpfung" nach dem Krieg geschildert. Sexuelle Gewalt stand dabei aber nicht im Mittelpunkt. Möglich ist, dass bei aller Bereitschaft zu Geständnissen gerade dieses Thema tabuisiert wurde und deshalb in den Aussagen kaum auftaucht. Im Kapitel über den Forschungsstand wurde bereits darauf hingewiesen, dass auch Jahrzehnte nach dem Krieg ehemalige Kriegsteilnehmer die Frage nach eventuell stattgefundenen Sexualverbrechen weit von sich weisen. Für die Tatsache, dass sich unter allen ausgewerteten Quellen nur das hier erwähnte und ein weiteres Verfahren auf sexuelle Gewaltdeliktc in Tateinheit mit Mord beziehen, kann es mehrere Ursachen geben. Nahe liegend ist zunächst, dass solche Verbrechen schlicht nicht angezeigt wurden, weil die Hauptbelastungszeugin dies nicht mehr selbst tun konnte. Allerdings würde dies bedeuten, dass auch nähere Angehörige kein Interesse daran gehabt hätten, einen solchen Vorfall zu melden. Das Fehlen entsprechender Urteile und Akten beim Heer ließe sich auch damit erklären, dass nach einer erfolgten Anzeige die militärgerichtlichen Ermittlungen eingestellt wurden, weil Zeugen für die Tat fehlten und sich keine Hinweise auf den oder die Täter ergaben. Solche Verfahren, die mit der Einstellung endeten, können in Kornelimünster kaum vorhanden sein, da die erledigten Fälle an das bei Kriegsende zerstörte Heeresarchiv in Potsdam weitergereicht wurden. 298 Zudem sollten Informationen darüber auch in den Archiven der jeweiligen besetzten Länder enthal2,7 298 Heer (Hg.), „Stets zu erschießen", S. 78f., Zitat S. 79, Vgl. Kap. IV.
236 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 ten sein und es mussten sich Einträge in den Strafverfahrenslisten oder in den Tätigkeitsberichten der Militärgerichte finden lassen. Schließlich bleibt als Erklärung noch die Annahme, dass die von deutschen Soldaten verübten Sexualdelikte in der Regel nicht mit der Ermordung der Opfer endeten. Interessant ist hierzu die Aussage eines ehemaligen Heeresrichters der 18. Armee vor dem Amerikanischen Militärgerichtshof im Verfahren gegen Generalfeldmarschall Georg von Küchler.299 Zu dessen Rolle als Gerichtsherr befragt gab der Richter an, von Küchler habe bei vereinzelt auftretenden Plünderungen und „Sittlichkeitsverbrechen" grundsätzlich streng reagiert und für hohe Strafen plädiert. Als Beleg verwies er auf ein Todesurteil wegen eines Sexualmordes zu Beginn des Ostfeldzuges, das Küchler bestätigt habe.300 Es ist bemerkenswert, dass der Heeresrichter als Beispiel für das nach seiner Auffassung korrekte Verhalten Küchlers als Gerichtsherr ausgerechnet diesen Prozess erwähnt. Entweder waren die Tat und das Urteil in diesem Fall so außergewöhnlich, dass sie dem Richter in Erinnerung blieben, oder derartige Sexualverbrechen waren bei der 18. Armee durchaus verbreitet und das Gericht hatte sich des Öfteren damit auseinander zu setzen. Diese Fragen müssen allerdings angesichts der momentanen Forschungslage unbeantwortet bleiben, die Aufstellung etwaiger Thesen zu diesem Themenkomplex ist zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht. 5.3 „KAMERADSCHAFT" DER BESONDEREN ART: GRUPPENVERGEWALTIGUNGEN Wie die entsprechenden Beispiele, darunter vor allem Vietnam, im historischen Überblick gezeigt haben, werden in Zeiten militärischer Auseinandersetzungen Sexualverbrechen häufig von zwei oder mehreren Männern gemeinsam verübt. Als Erklärung für das im Vergleich zu „Friedenszeiten" prozentual öfter auftretende Phänomen im Krieg nennt die Forschung die Ausbildung der Soldaten in kleinen Kampfgruppen sowie den späteren gemeinsamen Einsatz, was beides zur Entwicklung einer engen Kameradschaft führe. Laut Brownmiller vermittle eine Gruppenvergewaltigung dem einzelnen Soldaten grundsätzlich ein Gefühl von Anonymität und Sicherheit.301 Zugleich könnte dadurch die eigene Männlichkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl unter Beweis gestellt werden.302 Inwieweit diese überwiegend soziologisch und psycholo- 299 300 301 302 Zu Küchlcr und seiner Rolle im OKW-Prozess siehe John McCannon, Generalfeldmarschall Georg von Küchler, in: Gerd R. Ueberschär (Hg.), Hitlers militärische Edite, 2 Bde., Darmstadt 1998, Bd. 1: Von den Anfängen des Regimes bis Kriegsbeginn, S. 138-145. BA-MA N 184/4: Amerikanischer Gerichtshof Va Nürnberg/Fall 12 gegen Georg v. Küchler, Dokumentenbuch II, Eidesstattliche Erklärung Nr. 101 von Fritz K. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 151. Seifert, Krieg und Vergewaltigung, S. 87f., 92-96. Pohl, Massenvergewaltigung, S. 67f. Pohl nennt für Kriege einen Anteil von 70% Gruppenvergewaltigungen, allerdings ohne entsprechende Belege.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 237 gisch geprägten Thesen und Deutungsmuster zutreffen und ob sie sich auch auf Gruppenvergewaltigungen durch deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg übertragen lassen, soll hier nicht überprüft werden. Zum einen ist dazu das verwendete Quellenmaterial nicht aussagekräftig genug, zum anderen steht die Motivation der Männer nicht im Vordergrund der vorliegenden Arbeit. Grundsätzlich lässt sich jedoch in Bezug auf die von Wehrmachtangehörigen verübten Sexualverbrechen untersuchen, was Thomas Kühne im Hinblick auf die Bedeutung der Kameradschaft innerhalb der Wehrmacht hervorgehoben hat: Sie habe einerseits neben dem militärischen Drill ein wesentliches „Instrument der Kampffähigkeit" der Soldaten gebildet, andererseits seien „Kameradschaft und Verbrechen an Zivilisten [...] zwei Bereiche, die durchaus miteinander zusammenhängen". 303 Letzteres zeigt sich bereits am Anteil der Gruppenvergewaltigungen bei den hier analysierten Sexualverbrechen - er betrug mehr als ein Drittel. In der Mehrheit dieser Fälle waren jeweils zwei Männer angeklagt, es standen aber teilweise auch bis zu vier oder einmal sogar neun Männer vor Gericht. Ein gemeinsam verübtes Sexualverbrechen beinhaltete entweder, dass sich alle Beteiligten einer Vergewaltigung schuldig gemacht hatten, oder dass ein Mann eine Frau gewaltsam zum Geschlechtsverkehr zwang, während die anderen Soldaten Wache standen und dann wegen Beihilfe angeklagt wurden. Eine Kombination aus beiden Varianten stellt dagegen die Vorgehensweise von zwei Gefreiten im Juni 1940 in Frankreich dar. Am 21. Juni, also einen Tag vor dem Waffenstillstand, drangen die Männer in das Haus einer französischen Familie mit fünf Kindern ein und bedrohten das anwesende Ehepaar mit der Waffe. Dann vergewaltigten sie nacheinander die Frau und wechselten sich dabei in der Bewachung und Einschüchterung des Ehemannes ab.304 Ähnlich verhielt es sich bei einem Fall in Italien im Dezember 1943. Zwei Kanoniere und ein Gefreiter, zwischen 19 und 21 Jahre alt, waren in Cervaro unterwegs, um Kartoffeln für ihre Einheit zu besorgen, und trafen in einem Haus auf ein etwa 15-jährigcs italienisches Mädchen. Alle drei zwangen es gewaltsam zum Geschlechtsverkehr, dabei standen sie gegenseitig Wache vor dem Gebäude, um ein etwaiges Eingreifen von Zeugen oder sonstige Störungen zu unterbinden. Da der Bruder des Mädchens die Tat dennoch mitbekam und einen zufällig vorbeikommenden deutschen Leutnant darauf aufmerksam machte, mussten sich die Männer dann vor dem Gericht der 29. Panzer-GrenadierDivision verantworten. 305 Neben dieser Form von eher indirekter Beihilfe 303 304 303 Thomas Kühne, aus diesem Krieg werden nicht nur harte Männer heimkehren." Kriegskameradschaft und Männlichkeit im 20. Jahrhundert, in: ders. (Hg.), Männergeschichte, S. 174192, Zitate S. 181 u. 187; ders., Kameradschaft; ders., Imaginierte Weiblichkeit und Kriegskameradschaft. Geschlechterverwirrung und Geschlechterordnung, 1918-1945, in: Karen Hagemann/Stefanie Schüler-Springorum (Hg.), Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt/Main 2002, S. 237-257, hier S. 250-252. Vgl. auch Fritz, Frontsoldaten, S. 192-226. BA-ZNS S 4, Gericht des Höheren Kommandeurs der Fest.-Flak.Art. III, Feldurteil vom 4. November 1940. BA-ZNS S 161, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 16-20: Feldurteil vom 9. Februar 1944. Sie wurden wegen „gemeinschaftlicher Notzucht" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
238 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 durch das Bewachen des Tatortes sind auch Sexualverbrechen dokumentiert, bei denen einige Männer das Opfer festhielten, während ein anderer Soldat aus der Gruppe die Frau vergewaltigte. Als Beispiel für einen solchen Tathergang kann ein Verfahren vor dem Gericht der 95. Infanterie-Division dienen. Dort wurde im Februar 1944 gegen fünf Angehörige der Stabsbatterie IV beim Artillerie-Regiment 195 wegen „gemeinschaftlicher Notzucht" verhandelt. Die vier Obergefreiten und ein Gefreiter waren Anfang Februar nach Witebsk, eine der fünf größten Städte in Weißrussland306, verlegt worden und hatten sich, einem entsprechenden Befehl folgend, bei einer Weißrussin einquartiert. Nachdem sie an einem Abend gemeinsam Schnaps getrunken hatten, vergewaltigten drei der Angeklagten nacheinander die Frau, während die anderen die sich Wehrende auf das Bett drückten. Vor Gericht wurde § 47 RStGB herangezogen, demzufolge „jeder als Täter bestraft" werden konnte, wenn mehrere Personen zusammen eine Straftat begangen hatten. 307 Mit Rückgriff auf diese Bestimmung wurden deshalb auch die beiden Soldaten, die die Frau nicht selbst vergewaltigt hatten, als „Mittäter" schuldig gesprochen und zusammen mit den anderen Soldaten nach § 177 RStGB verurteilt. Laut Urteilsbegründung sei „ihr verbrecherischer Wille [...] genau derselbe wie der der anderen Angeklagten". Vier Männer erhielten jeweils eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren, während gegen einen Obergefreiten aufgrund seiner zahlreichen Disziplinarstrafen und seiner negativen Beurteilung durch den Vorgesetzten eine Zuchthausstrafe verhängt wurde. 308 Ein besonders krasses Beispiel für ein gemeinschaftlich begangenes Sexualverbrechen wurde vor dem Gericht der 6. Panzer-Division im Mai 1944 verhandelt. Es waren insgesamt neun Männer aus einer Kompanie angeklagt sieben Unteroffiziere, ein Hauptfeldwebel sowie ein Feldwebel - , einige von ihnen waren verheiratet und Familienväter. Die Soldaten hatten im April 1944 im Generalgouvernement im Abstand von drei Tagen zwei Frauen vergewaltigt, wobei einige Männer jeweils nur bei einer Tat aktiv beteiligt gewesen und bei der anderen als Zuschauer anwesend waren. Einige von ihnen traten dagegen in beiden Fällen als Täter auf. Anscheinend standen die meisten dabei unter erheblichem Alkoholcinfluss, an einem der Abende waren auf einer Beförderungsfeier gemeinsam Liköre konsumiert worden. Das Gericht wertete es als strafverschärfend, dass es sich „um zwei Fälle einer Notzucht handelte, bei der eine ganze Reihe von Männern hinter- und miteinander beteiligt wa306 307 308 Gerlach, Kalkulierte Morde, S. 39. Straf recht der deutschen Wehrmacht 1944, S. 61, § 47 RStGB. BA-ZNS S 150, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 15-17: Feldurteil vom 25. Februar 1944, Zitat Bl. 17, u. Bl. 36f.: Feldurteil vom 20. März 1944. Da von den fünf Angeklagten einer bei der ersten Verhandlung nicht anwesend war, tagte das Gericht nochmals. Ebenfalls unter tatkräftiger Mithilfe eines Kameraden vergewaltigte ein deutscher Unteroffizier Anfang Februar 1942 in einem Haus, in dem beide in Verteidigungsstellung lagen, ein russisches Mädchen. Sieben weitere Soldaten bekamen die Tat mit, griffen aber nicht ein. BA-ZNS RH 69/4057, Gericht der 26. Inf.Div., Bl. 19-23: Feldurteil vom 17. April 1942. Die Vergewaltigung zweier russischer Mädchen durch jeweils fünf Soldaten ist Bestandteil des Verfahrens in BA-ZNS S 258, Gericht der Korps-Abteilung E.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 239 ren" und keiner der Augenzeugen die Vergewaltigungen verhindert hatte. Vielmehr hätten alle „offenbar in ihrem betrunkenen Zustand in beiden Fällen geglaubt, sich über alle Hemmungen hinwegsetzen zu können und in den beiden Frauen nur noch einen ihrer Willkür ausgelieferten Gegenstand zur geschlechtlichen Befriedigung erblickt". Das Gericht verhängte daher wegen „Notzucht" und „Beihilfe zur Notzucht" Zuchthaus- und Gefängnisstrafen von sechs Monaten bis hin zu acht Jahren. 309 Alle Verurteilten stellten daraufhin Anträge auf mildere Urteile und begründeten dies, zum Teil mit ähnlichem Wortlaut, mit der mangelnden Glaubwürdigkeit einer der vergewaltigten Frauen. Wie die Wiederaufnahme des Verfahrens belegt, hatten sie damit Erfolg. In einer zweiten Verhandlung, die vor einem anderen Gericht stattfand, wurden einige der Männer freigesprochen, für die anderen gab es nur noch Strafen bis zu maximal zwei Jahren Gefängnis.310 Hier zeigte sich ein offenbar funktionierender Kameradschaftskodex darin, dass die Soldaten sich nicht etwa gegenseitig beschuldigten oder die Hauptverantwortung auf einzelne abschieben wollten, sondern alle stattdessen die betreffende Frau und ihre Aussage in Zweifel zogen. Eine Gruppensolidarität, die während des Verbrechens aufrechterhalten wurde, konnte aber auch vor Gericht auseinander brechen.311 Ein Angeklagter, der mit vier anderen Soldaten wegen zweier gemeinsam begangener Vergewaltigungen vor Gericht stand, sagte zu seiner Entschuldigung aus: „Ich habe das Mädchen deswegen gebraucht, weil die anderen zu mir sagten: .Wenn wir sie schon gebrauchen, dann wollen wir sie auch alle gebrauchen'." 312 Dies verweist zum einen auf das Bemühen des Mannes, seine eigene Rolle bei der Straftat abzuschwächen und die wesentliche Schuld den anderen anzulasten. Zum anderen deutet der Satz aber auch auf einen „Konformitätsdruck" hin, wie er entsprechenden Untersuchungen zufolge gerade bei der Verübung von Verbrechen an Zivilisten oder an Kriegsgefangenen wirksam war.313 Inwieweit dieses Zitat einen real existierenden Gruppenzwang widerspiegelt, dem der Angeklagte ausgesetzt war, ob es nur eine Verteidigungsstrategie darstellte oder letztlich beides von Bedeutung war, lässt sich im Nachhinein nicht mehr analysieren. Derartige Begründungen konnten immerhin erfolgreich sein, wie der folgende Fall zeigt. So versuchte der Obergefreite Wilhelm K., der im August 1943 wegen Beihilfe zur „Notzucht" angeklagt worden war, die eigentliche Verantwortung auf seinen Kameraden abzuschieben. Dieser hätte ihn zu der ganzen Sache gedrängt, weil er während seines letzten Heimaturlaubs keine Gelegenheit zum 309 310 311 312 313 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./173, Bl. 47-53: Feldurteil vom 13. Mai 1944, Zitate Bl. 50, 52 Ebd., Bl. 91-94: Feldurteil des Gerichts der Ersatz-Brigade 999 vom 12. September 1944. Kühne, Kameradschaft, S. 518f. BA-ZNS S 258, Gericht der Korps-Abteilung E, Bl. 13-17: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 5. Mai 1944, hier Bl. 16. Kühne, Kameradschaft, S. 519.
240 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Geschlechtsverkehr gehabt hätte. Die Richter schenkten ihm diesbezüglich Glauben, weil sie K. als „einen geistig sehr langsamen und phlegmatischen Menschen" einschätzten. Er sei vom Haupttäter völlig beeinflusst gewesen und hätte das Verbrecherische seiner Tat nicht erkennen können, was ihm schließlich strafmildernd zugute kam.314 In den Strafsachenlisten einzelner Divisionsgerichte finden sich weitere Hinweise auf Anklagen oder Urteile wegen Gruppenvergewaltigungen mit zwei 315 , drei316 oder vier317 Tätern. Da die Einträge in den Strafsachenlisten oftmals nur den Namen, den Rang und das Geburtsdatum der jeweiligen Verurteilten sowie das Delikt enthalten, lassen sich anhand dieser Unterlagen keine weiteren Aussagen darüber treffen, in welcher Form die Genannten in die Sexualverbrechen involviert waren. Neben den in Kornelimünster aufbewahrten Gerichtsurteilen deuten zudem noch andere Quellen auf ein vermehrtes Vorkommen von gemeinsam verübten Sexualverbrechen hin. In einem Schreiben des Allgemeinen Wehrmachtamts im OKW an den SS-Obergruppenführer Karl Wolff im August 1943 wurde eine Vielzahl von Übergriffen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung aufgelistet, die vor allem von Angehörigen der Waffen-SS, aber auch von Wehrmachtsoldaten verübt worden waren. Neben dem Requirieren von Nutztieren, der Plünderung von Lebensmitteln sowie verschiedenen Drohungen gegen Zivilisten spielte auch sexuelle Gewalt eine Rolle. So sei die „Zahl von Vergewaltigungen [...] gross". Bei zwölf von insgesamt 18 Verbrechen wurden als Schuldige SS-Soldaten festgestellt, in den übrigen sechs Fällen konnten die Täter nicht ermittelt werden, offenbar wurden aber auch Angehörige der Wehrmacht verdächtigt. Dem Schreiben gemäß seien bei den meisten Vergewaltigungen mehrere Männer, „in einem Falle bis zu 12 daran beteiligt gewesen" .318 Die dem Bericht beigefügte Aufzählung enthält noch Hinweise auf zwei weitere Gruppenvergewaltigungen durch je acht und neun SS-Männer. Die Zusammenstellung verweist mehrheitlich auf strafbare Handlungen von Angehörigen der Waffen-SS, darunter sexuelle Übergriffe, bei denen eine auffallend große Anzahl von Männern involviert war. Im Vergleich dazu war in den für die vorliegende Arbeit ausgewerteten Akten nur ein bereits erwähnter Fall in vergleichbarer Größe mit insgesamt neun Tätern beziehungsweise Anwesenden bei der Vergewaltigung von zwei Frauen enthalten. 3 ' 9 Ob dies 314 BA-ZNS S 196, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 13-16: Öffentliche Sitzung des Gerichts am 28. August 1943, Zitat Bl. 16. 313 BA-ZNS RH 26-6 G/l (1940): Ersatz-Strafliste Gericht der 6. Inf.Div., Nr. 299; BA-ZNS RH 20-6 G/9: Gnadenlisten AOK 6, Nr. 49, Nr. 56, Nr. 58; BA-ZNS RH 20-6 G/5: Bestätigungslisten AOK 6, Nr. 128, Nr. 154. 3 "' BA-ZNS RH 26-86 G/13 (1943): Strafsachenliste 86. Inf.Div., Nr. 130/42; BA-ZNS RH 20-6 G/6: Gnadenlisten AOK 6, Nr. 57; BA-ZNS RH 20-6 G/5: Bestätigungslisten AOK 6, Nr. 174. 317 BA-ZNS RH 26-6 G/2 (1941): Ersatz-Strafliste Gericht der 6. Inf.Div., Nr. 177. 318 BA-Berlin/Lichterfelde NS 19/3717: Chef des Allgemeinen Wehrmachtamts im Oberkommando der Wehrmacht an SS-Obergruppenführer Wolff, RSHA, 2. August 1943, Hervorhebung i.O. unterstrichen. Das Schreiben ist auszugsweise abgedruckt bei Sander/Johr (Hg.), BeFreier, S. 67. 319 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./173.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 241 bereits auf einen höheren Anteil von Gruppenvergewaltigungen bei der SS hindeutet, muss angesichts des bisherigen dürftigen Forschungsstandes offen bleiben. Zu beachten ist bei dieser Quelle überdies die Intention des Absenders, vor allem auf Delikte bei der Waffen-SS hinzuweisen und eine entsprechende Stellungnahme zu erhalten. Die Beispiele können also auch aus dem Aspekt ausgewählt worden sein, die Wehrmacht in einem besseren Licht als die SS erscheinen zu lassen. Von Bedeutung ist vor allem der Umgang der Wehrmacht- wie auch der SS-Gerichtsbarkeit mit den genannten Verbrechen gegenüber ukrainischen Zivilisten. So wurden von den im Brief genannten 151 Straftaten nur sieben Anklageverfügungen bei Heeresgerichten und 20 bei SSGerichten eingereicht. Zwar konnten für 79 Vorkommnisse die Schuldigen nicht durch die Geheime Feldpolizei festgestellt werden, so dass von vornherein kein Gerichtsverfahren eingeleitet wurde. Die letztlich geringe Zahl von gerichtlichen Untersuchungen trotz Kenntnis der Verantwortlichen weist aber erneut darauf hin, dass Diebstähle, unerlaubtes Requirieren von Vieh und Grundnahrungsmitteln sowie sexuelle Gewalt entweder überhaupt nicht oder nur auf disziplinarischem Wege geahndet wurden. 320 Das Beispiel zeigt zudem einmal mehr, dass eine quantitative Erfassung von Verbrechen an der Zivilbevölkerung kaum möglich ist, da nur ein verschwindend geringer Anteil der verübten Delikte, hier 27 von 151, durch ein Militärgericht geahndet und damit auf diese Weise aktenkundig wurde. Daneben bleibt das Problem der Dunkelziffer für jene Fälle, die nicht einmal der Geheimen Feldpolizei gemeldet und demnach nicht bekannt wurden. 5.4 VERTEIDIGUNGSSTRATEGIEN DER ANGEKLAGTEN Die Verhandlungsniederschriften und Urteilsbegründungen der einzelnen Verfahren geben Aufschluss darüber, wie sich die angeklagten Soldaten vor Gericht verhielten und wie sie mit den ihnen angelasteten Taten umgingen. Dabei lässt sich feststellen, dass sie mehrheitlich versuchten, die sexuellen Delikte entweder ganz zu leugnen oder zumindest zu verharmlosen. Um diese Ziele zu erreichen, bedienten sich die Beschuldigten der unterschiedlichsten Ausreden und Ausflüchte, im Zentrum stand jedoch überwiegend das Bemühen, das ihnen vorgeworfene Delikt nicht als eine Vergewaltigung oder als eine sexuelle Nötigung im strafrechtlichen Sinne erscheinen zu lassen. Diese Verhaltensweise kann unabhängig vom militärischen Kontext als charakteristisch für Sexualstrafverfahren bezeichnet werden. 321 Einige Soldaten gaben an, sie hätten den gewaltsam erfolgten Geschlechtsverkehr gar nicht als Vergewaltigung aufgefasst, weil sich die jeweiligen Frauen oder Mädchen dabei nicht gewehrt hätten. Sie griffen damit auf die zeitge320 321 Vgl. BA-MA RH 26-6/17: 6. Inf.Div., Anlagenband 2 zum KTB Nr. 5, Abschrift Generalkommando VI.A.K., Abt. IIa, Korpstagesbefehl, 21. November 1941. Amerikanischen Untersuchungen in den 1980er Jahren zufolge sahen nur zwölf Prozent der Männer, die nach juristischer Definition eine Vergewaltigung verübt hatten, ihre Tat als solche an. Harten, Sexualität, S. 14.
242 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 nössische juristische Definition von „Notzucht" zurück, derzufolge für den Nachweis eines gewaltsam erfolgten Geschlechtsverkehrs ein gewisser Widerstand von Seiten der Frau erkennbar sein müsse.322 Aufgrund der Aussagen in den Urteilen, die von den Frauen selbst oder von anderen Zeugen stammen, lässt sich klar belegen, dass die Angaben der Männer in diesen Fällen reine Schutzbehauptungen darstellten. Auch ein vor dem Gericht der 253. Infanterie-Division angeklagter Obergefreiter versuchte sich mit dieser traditionellen männlichen Begründung zu verteidigen. Er habe seine Tat nicht als „Notzucht" empfunden, denn die betreffende Frau habe sich nur in der üblichen Weise am Anfang etwas gewehrt und dann freiwillig mit ihm verkehrt. 323 O b die Äußerung des Angeklagten laut Rass bereits auf eine Verbreitung von sexueller Gewalt durch deutsche Soldaten hinweist oder ob sie nicht grundsätzlich auf gängige männliche Vorstellungen von weiblichem Verhalten hindeutet, muss dahingestellt bleiben. Es ist aber zu vermuten, dass herkömmliche Rollenbilder und Stereotype, denen zufolge sich bei Frauen die Bereitschaft zum Geschlechtsverkehr prinzipiell durch ein anfängliches Zurückweisen äußert, das vom Mann überwunden werden muss, auch in den Köpfen der beschuldigten Soldaten verankert waren. Sie dienten ihnen als willkommene Ausreden, um den Geschlechtsverkehr mit Zivilistinnen als einvernehmlich darzustellen.324 In einem Verfahren gegen fünf Angehörige des Artillerie-Regiments 251, die alle wegen der gemeinsam begangenen Vergewaltigung zweier weißrussischer Mädchen angeklagt waren, wurde ebenfalls auf den angeblich fehlenden Widerstand der Frau verwiesen. Die Männer waren bei Einbruch der Dunkelheit zu verschiedenen Gehöften gegangen, um sich Eier und Fett zu besorgen. Dabei trafen sie in einem Haus eine 16-Jährige an, die von allen fünf Soldaten zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde. Anschließend ging die Gruppe zu einem weiteren Haus, in dem sich ebenfalls Zivilisten aufhielten, darunter erneut ein 16 Jahre altes Mädchen. Auch diese Weißrussin wurde vergewaltigt, nachdem die Männer sie aus dem Bett gezerrt hatten. Da sie sich heftig widersetzte, wurde sie, auf dem Boden liegend, von jeweils zwei der Soldaten festgehalten. Bei ihrer Vernehmung durch die Richter gaben die Beschuldigten den Tathergang im zweiten Fall mehr oder weniger zu, sie behaupteten aber alle übereinstimmend, sie hätten bei dem ersten Mädchen keine Gewalt angewendet. Einer der Männer erklärte hierzu: „Ich kann nur sagen, dass sich das Mädchen nicht gewehrt hat, es schlang sogar noch seine Beine um meine Beine." Auch einer seiner mitangeklagten Kameraden beteuerte, dass die Zivilistin freiwillig bei der Sache mitgemacht habe, denn sie habe sich „nicht gewehrt". Und ein Dritter hatte schon bei der ersten Befragung durch einen Gerichtsoffizier diesbezüglich angegeben, er hätte anhand der „Körperbewegungen" des Opfers erkannt, dass es „mit dem Geschlechtsverkehr einverstan322 323 324 Vgl. Kap. IV, 3. BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./126, Bl. 11-15: Feldurteil vom H.Dezember 1943. Rass, „Menschenmaterial", S. 269. Über die Verbreitung dieses Bildes in der Sexualwissenschaft siehe Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 36-39.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 243 den war". 325 Diese Aussagen der Soldaten erschienen jedoch dem Gericht angesichts der gesamten Tatumstände nicht glaubwürdig. Denn das Mädchen habe die Männer nicht gekannt und deshalb lasse es „sich nicht ohne weiteres von 5 Soldaten hintereinander gebrauchen, noch dazu im Hause seiner Eltern und in Anwesenheit erwachsener Angehöriger". Ein freiwillig erfolgter Verkehr in dieser Situation würde „jeglicher Lebenserfahrung" widersprechen. Die Richter charakterisierten die Gruppenvergewaltigungen als „besonders verwerfliche Fälle der Notzucht", die den Widerstand der Zivilbevölkerung gegen die deutschen Besatzer erhöhen würden, und verhängten gegen jeden Angeklagten eine Zuchthausstrafe von drei Jahren. Strafmildernd kamen diesen dabei ihre bisherige gute Führung, ihre militärischen Auszeichnungen sowie die Tatsache zugute, dass sie alle noch nicht gerichtlich vorbestraft waren.326 Mit der seltsam anmutenden Begründung, die Frau habe während des Geschlechtsverkehrs gelacht, versuchte sich ein Obergefreiter des Schützen-Regiments 6 im August 1941 von der Anklage wegen „Notzucht" an einer 29 Jahre alten sowjetischen Frau freizusprechen.327 Diese wurde als Zeugin an der Sitzung des Kriegsgerichts der 7. Panzer-Division gehört, wo der Richter ihr durch einen Dolmetscher auch die Äußerung des Angeklagten vorhielt. Sie verneinte ein entsprechendes Verhalten und betonte, sie hätte „doch dazu gar keinen Grund gehabt". 328 Trotz der - wie es aufgrund der Urteilsbegründung scheint - klaren Beweislage kam der Täter mit einem vergleichsweise milden Urteil davon. Unter Hinweis auf die unterschiedlichen Auffassungen über die „Geschlechtsehre" von deutschen und russischen Frauen, auf die noch gesondert eingegangen wird, und die gute Führung des Soldaten verhängte das Gericht wegen „Nötigung zur Unzucht" eine Strafe von acht Monaten Gefängnis. 329 Offenbar hatten die Richter dem Angeklagten aufgrund ihrer eigenen ideologischen Grundeinstellung seine Ausflüchte nicht negativ ausgelegt und kamen ihm soweit als möglich entgegen. Neben diesen Versuchen, den Geschlechtsverkehr oder die sexuellen Handlungen unter Hinweis auf die angeblich „entgegenkommenden" Reaktionen der Frauen als freiwillige und damit nicht strafbare Intimkontakte erscheinen zu lassen, bemühten sich wiederum andere Angeklagte, die Frauen selbst zu diffamieren. So stellte der Oberstabsarzt Walther R., ein Lagerarzt bei der Armee-Gefangenen-Sammelstelle 44, der angeklagt war, an russischen Frauen 323 326 327 328 329 BA-ZNS S 258, Gericht der Korps-Abteilung F., Bl. 13-17: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 5. Mai 1944, Zitate Bl. 15f., BI.2-7: Vernehmungsprotokoll vom 13. April 1944, Zitat Bl. 6. Ähnliche Argumentation in BA-ZNS S 167, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 1: Vernehmung des Kanoniers Ludwig D., 13. Juli 1940. BA-ZNS S 258, Gericht der Korps-Abteilung E, Bl. 18-24: Feldurteil vom 5. Mai 1944, Zitate Bl. 23f. BA-ZNS S 269, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 9: Vernehmung des Obgefr. Heinz P, 17. August 1941. Ebd., Bl. 12-16: Öffentliche Sitzung des Kriegsgerichts, 19. August 1941, hier Bl. 14. Ebd., Bl. 18-23: Feldurteil vom 19. August 1941, Bl. 26: Bestätigung des Gerichtsherrn, 31. August 1941, Bl. 37: 1. Schützen-Regiment: Beurteilung von Heinz. P, 21. Februar 1942.
244 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 „unzüchtige Handlungen", unter anderem mit einer Reitpeitsche, vorgenommen zu haben, das Ganze lediglich als einen Wutausbruch dar. Als er eine der Russinnen wegen des Verdachts auf eine Geschlechtskrankheit hin untersucht habe, hätte diese ihn angelogen und dabei „auch noch hurenhaft [...]" gelacht.330 Zum einen versuchte er, den Vorfall insgesamt zu bagatellisieren und eine etwaige sexuelle Komponente gänzlich abzustreiten. Zum anderen wollte er die Verantwortung für das Geschehen auf das Opfer abschieben sowie dessen Ansehen und damit dessen Glaubwürdigkeit erschüttern. Inwieweit sich das Gericht davon beeinflussen ließ, ist schwer nachzuzeichnen. Das Urteil lautete jedenfalls auf drei Monate Gefängnis wegen „gefährlicher Körperverletzung", denn der Vorwurf des „unzüchtigen" Verhaltens hätte sich, so die Begründung der Richter, nicht erhärten lassen - er sei vielmehr bei der Vernehmung der Frau durch Verständigungsprobleme mit dem Dolmetscher entstanden. Dennoch habe sich der Arzt als Offizier unwürdig benommen, selbst „ein Russenmädchen" dürfe nicht „aus blinder Wut heraus" geschlagen werden.331 Das Stereotyp von der sexuell freizügigen und zugleich „ehrlosen" Prostituierten fand sich im eben zitierten Fall im Vorwurf der „Hurenhaftigkeit" wieder. Ähnlich argumentierte auch ein Soldat in einem anderen Verfahren, als er betonte, er hätte sich eine Frau ausgesucht, von der bekannt gewesen sei, dass sie sich „bereits mit Soldaten eingelassen" hätte. Er gab allerdings zu, dass die damit gemeinte 15-jährige Polin mit dem Geschlechtsverkehr nicht einverstanden gewesen sei.332 Seine Erklärung verweist auf die bis in die Gegenwart hinein gängige Verteidigungsmethode in Sexualstrafverfahren, das Verbrechen mit dem Hinweis zu beschönigen, das Opfer habe häufige Partnerwechsel.333 Eine weitere Rechtfertigungsstrategie der vor Gericht stehenden Männer bestand darin, den Frauen zu unterstellen, sie hätten durch ihr Verhalten oder ihr Aussehen den Geschlechtsverkehr provoziert. 334 So sagte der Gefreite Erwin H. bei seiner Verhandlung wegen Vergewaltigung einer Russin aus, ihn habe die Lust überkommen, als die Frau halb nackt vor ihm lag. Sie habe dies wahrscheinlich mit Absicht getan, um ihn herauszufordern und ihn danach „hereinzulegen". Da ihn aber „Ekel erfasst" habe, sei es letztlich nicht zur Ausführung des Geschlechtsaktes gekommen. Aufgrund der gesamten Tatumstände hatte er mit seiner reichlich konstruiert wirkenden Erklärung beim Gericht keinen Erfolg. Die Richter befanden ihn „im höchsten Grade unglaubwürdig", zumal Zeugenaussagen ergeben hatten, dass die Frau von dem Beschuldigten brutal ins Gesicht geschlagen worden war. Er wurde deshalb wegen „Notzucht" verurteilt.335 Auch nicht um Ausreden verlegen wa330 331 332 333 334 335 BA-ZNS S 103, Gericht des Pz.A.O.K. 3, Bl. 14-19: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 5. Dezember 1944, hier Bl. 15. Ebd., Bl. 20-24: Feldurteil vom 5. Dezember 1944, Zitat Bl. 24. BA-ZNS S 84, Gericht der 208. Inf.Div., Bl. 6: Vernehmung des Obgefr. Josef Z., 24. Oktober 1944. Künzel, Vergewaltigungslektüren, S. 157f. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 128f. BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./125, Bl. 5-7: 2. Fertigung, Feldurteil vom 6. Januar 1942, hier Bl. 6.
5. Deutsche Soldaten vor dem Kriegsgericht 245 ren zwei Angeklagte in einem Prozess beim Gericht der 95. Infanterie-Division, bei dem vier Obergefreite und ein Gefreiter wegen einer gemeinschaftlich begangenen Vergewaltigung vor Gericht standen. Einer der Soldaten gab an, er hätte wegen seines Rausches den Geschlechtsakt gar nicht ausüben können, weil er befürchtet habe, sich dabei erbrechen zu müssen. Und ein Mitangeklagter erklärte selbstbewusst, er müsse überhaupt keine Gewalt anwenden, um mit einer Frau intim zu werden. Aufgrund seiner russischen Sprachkenntnisse würden ihm „viel bessere Möglichkeiten geboten". Das Gericht bewertete diese Aussagen jedoch klar als „Leugnen" sowie als „Schutzbehauptung" und betonte, die Männer hätten „ganz genau gewusst, dass sie eine Straftat begehen, f...]". 336 Es gab also verschiedene Strategien, mit denen die wegen eines Sexualverbrechens angeklagten Soldaten versuchten, einer Verurteilung zu entgehen oder zumindest niedrige Strafen zu erhalten. Entweder wurde das Vorgefallene schlicht geleugnet, die sexuelle Gewalttat bagatellisiert oder die Verantwortung eventuellen Mittätern sowie den Opfern selbst angelastet. Wie die Ausführungen über den Umgang der Militärgerichte mit weiblichen Zeugen dokumentieren, konnten die Soldaten gerade bei der letztgenannten Variante damit rechnen, dass diese Beschuldigungen bei vielen Richtern auf Gehör stießen. Die erwähnten Methoden scheinen jedoch nicht spezifisch für die Verfahren vor Militärgerichten während des Zweiten Weltkrieges zu sein, sondern spiegeln vielmehr das übliche und auch schon in früheren Zeiten angewandte Vorgehen zur Verteidigung wider.337 Eher selten anzutreffen sind dagegen Geständnisse von angeklagten Soldaten, die ohne Einschränkungen oder Ausreden das ihnen vorgeworfene Verbrechen unumwunden zugaben. Der Obergefreite Willi R. bekannte sich bei seiner Vernehmung durch die Feldgendarmerie nicht nur dazu, eine Litauerin vergewaltigt zu haben, sondern er zeigte sich auch überhaupt nicht schuldbewusst. So gab er zu Protokoll: „Ich mache mir in keiner Beziehung Gewissensbisse und bereue meine Tat nicht." Trotz dieser skrupellosen Einstellung wurde ihm das Schuldbekenntnis bei der Verurteilung zugute gehalten, er erhielt nur die gesetzliche Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis und Rangverlust.338 In einem anderen Fall wurden zwei Kanoniere und ein Gefreiter nur aufgrund ihres eigenen Geständnisses verurteilt, da das vergewaltigte italienische Mädchen selbst nicht vernommen worden war. Dessen Bruder hatte die Tat beobachtet und sich an einen vorbeikommenden Leutnant der Wehrmacht ge336 337 338 BA-ZNS S 150, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 10-14: Öffentliche Sitzung des Gerichts am 25. Februar 1944, hier Bl. 11: Aussagen von G. T und J. L., Bl. 15-17: Feldurteil vom 25. Februar 1944, Zitat Bl. 17. Die Männer wurden wegen „gemeinschaftlicher Notzucht" zu Gefängnisund Zuchthausstrafen verurteilt. Vgl. Kap. V, 6.8. Siehe die Beispiele bei Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 133-137; Harten, Sexualität, S. 16. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./133, Bl. 2: Vernehmung von Willi R., 1. August 1944, Bl. 6: Feldurteil vom 9. August 1944; ähnlich auch BA-ZNS S 84, Gericht der 208. Inf.Div., Bl. 6: Vernehmung des Obgefr. Josef Z., 24. Oktober 1944.
246 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 wandt. Dieser nahm daraufhin die Personalien der drei Täter auf und meldete die Sache dem zuständigen Kompanie-Führer. Bei ihrer Befragung leugneten sie die Tat nicht, sie lieferten aber keine Erklärung für ihr Verhalten. 339 Auch zwei Angehörige des Infanterie-Regiments 78 gaben vor Gericht offen zu, eine 18 Jahre alte russische Frau mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Die Vergewaltigung hatte sich im Keller eines Hauses ereignet, in dem noch sieben andere Soldaten anwesend waren, die das Geschehen aufgrund der Schreie der Frau mitbekamen und trotzdem nicht einschritten - sei es aus „Kameradschaft", sei es aus einem mangelnden Unrechtsbewusstsein heraus, da es sich bei dem Opfer um eine sowjetische Zivilistin handelte. Offenbar selbst unbeeindruckt von der Strafbarkeit seiner Handlung hatte sich einer der Täter gegenüber den übrigen Männern noch damit gebrüstet, er hätte endlich .„wieder einmal eine anständige Nummer gebaut'". 340 Möglicherweise war diese Selbsteinschätzung der eigenen Potenz der Grund dafür, dass der Mann dann später vor Gericht nicht versuchte, das Sexualverbrechen abzustreiten. Nicht nur dieses Beispiel dokumentiert, wie einige der Soldaten die Straftaten selbst auffassten und welche generellen Vorstellungen sie von Sexualität und vom Geschlechterverhältnis besaßen. So erscheint des Öfteren in den Vernehmungsprotokollen sowie in den Feldurteilen in Bezug auf Frauen oder Mädchen der Begriff „gebrauchen". 341 Ein Obergefreiter, der zusammen mit einem weiteren Soldaten im August 1943 wegen der Vergewaltigung einer Weißrussin befragt wurde, sagte aus, ihm sei beim Anblick von vier Zivilistinnen in der örtlichen Sauna die Idee gekommen, die „Frauen evtl. zu gebrauchen". Laut Urteilsschrift hatte er dann dem anderen Mann gegenüber geäußert, dass er eine von ihnen, „die besonders gut gewachsen war, wohl noch am selben Abend umlegen möchte". 342 Auch der Unteroffizier Alfred K., der wegen versuchter Vergewaltigung einer Italienerin im März. 1944 vor Gericht stand, schilderte bei den Ermittlungen seine Pläne mit der Frau. So hätte sie nicht nur mit ihm den Geschlechtsverkehr ausüben, sondern auch „für die anderen Kameraden in unserer Unterkunft zur Verfügung stehen" sollen. 343 Derartige Bekenntnisse verweisen auf traditionelle Betrachtungsweisen, die einer Frau in Bezug auf die Sexualität das Recht auf Selbstbestimmung absprechen und sie letztlich zu einem Sexualobjekt degradieren, das zur Befriedigung der eigenen Wünsche „gebraucht" werden kann. 344 Im Dritten Reich ließ 339 340 341 342 343 344 BA-ZNS S 161, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 16-18: Feldurteil vom 9. Februar 1944. BA-ZNS RH 69/4057, Gericht der 26. Inf.Div., Bl. 19-23: Feldurteil vom 17. April 1942, Zitat Bl. 21. BA-ZNS S 258, Gericht der Korps-Abteilung E, Bl. 13-17: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 5. Mai 1944; BA-ZNS S 190, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 7: Vernehmung vom 5. August 1944. BA-ZNS S 196, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 5: Vernehmung vom 23. März. 1943; Bl. 17: Feldurteil vom 28. August 1943. Der Obergefreite flüchtete vor dem Prozess. Der Begriff „umlegen" ist in diesem Zusammenhang nicht als „töten" zu verstehen. BA-ZNS S 249, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 8f.: Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 7. März 1944, hier Bl. 8. Kienitz, Sexualität, S. 221-225; Flommen, Sittlichkeitsvcrbrcchen, S. 137-139.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichtcr 247 sich diese Auffassung auch in der Kunst und vor allem in der Aktmalerei wieder finden, bei der Frauen nicht nur der nationalsozialistischen Ideologie entsprechend als „Mütter" dargestellt wurden, sondern auch als „Objekt" für Männer.345 Inwieweit deshalb die zitierten Äußerungen nur eine grundsätzliche Einstellung zu den Geschlechterbeziehungen widerspiegeln oder ob sie spezifisch auf Zivilistinnen in den besetzten Gebieten ausgerichtet sind und so die zwischen Besatzern und unterworfener Zivilbevölkerung herrschenden Machtverhältnisse demonstrieren, kann anhand der untersuchten Quellen nicht abschließend beantwortet werden. Allerdings liegt doch die Vermutung nahe, dass die täglich erfahrene herausgehobene Position als „Repräsentant des deutschen Reiches und seiner Macht [...]"346 bei einigen Soldaten durchaus das Gefühl der Überlegenheit den Frauen gegenüber verstärkte. 347 So wurde laut Insa Meinen in Frankreich der Ausdruck „Frauen gebrauchen" von Wehrmachtangehörigen benutzt, um damit allgemein den nicht gewalttätigen Umgang mit französischen Zivilistinnen, vor allem mit Prostituierten, zu beschreiben. 348 Auch Äußerungen in Feldpostbriefen über die Lage in der Sowjetunion, wie diejenige, es sei erfreulich, dass ,„man die Weiber zum Waschen anstellen kann'", sowie die Beschreibungen der Hilfsdienste durch einheimische Frauen vermitteln durchaus den Eindruck, dass sich einige Soldaten ihrer hierarchischen Stellung gegenüber diesen Menschen sehr wohl bewusst waren und sie nutzten. 349 So deutet die Art und Weise, wie manche Angeklagte die ihnen vorgeworfenen Sexualdelikte schilderten, darauf hin, dass sie, ausgehend von den erwähnten Erfahrungen, vor allem in den okkupierten Gebieten der Sowjetunion sexuelle „Dienstleistungen" von Frauen ebenfalls als eine Selbstverständlichkeit auffassten. 6. D I E BEDEUTUNG VON SEXUALVERBRECHEN AUS SICHT DER WEHRMACHTRICHTER Ausgehend von den Aussagen der zivilen Zeugen und der Wehrmachtangehörigen, die das Vorgefallene meist unterschiedlich interpretierten, mussten sich die zuständigen Militärrichter ein Bild vom Ablauf des Geschehens machen und die einzelnen Angaben auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. 343 346 347 348 349 Klinksiek, Frau, S. 129f. BA-MA RH 26-6/67: Anlage 62 zu 6. Div., Abt. Ic, Nr. 169/42 geh., 26. Juni 1942, „Merkblatt für das Verhalten der deutschen Soldaten in den besetzten Ostgebieten". Über sexuelle Gewalt als „Machtdemonstration" vgl. Kap. I. Meinen, Wehrmacht, S. 57f. Zit. nach Latzel, Deutsche Soldaten, S. 154. Siehe auch die Erzählung einer russischen Frau über ihre Erfahrungen mit deutschen Soldaten in: Werth, Russland, S. 364f.
248 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Der Umgang der Militärjustiz mit der Anklage eines Sexualverbrechens richtete sich zunächst grundsätzlich danach, ob im Sinne der entsprechenden Paragraphen im Reichsstrafgesetzbuch ein Tatbestand als erwiesen anzusehen war. Wenn dieses der Fall war, standen den Gerichten verschiedene Strafmaße zur Verfügung, die zum einen im Reichsstrafgesetzbuch aufgeführt waren, zum anderen durch die bereits erwähnten Verordnungen noch ergänzt werden konnten. 350 Das breite Spektrum an Möglichkeiten wurde, das belegen die ausgewerteten Akten, auch ausgeschöpft. Bereits in Bezug auf die Urteilspraxis eines einzelnen Gerichtes lassen sich dabei aufschlussreiche Vorgehensweisen festmachen, wie die zwei folgenden Verfahren zeigen: Am 22. Juni 1940 reichte die 12. Kompanie des Infanterie-Regiments 317 beim zuständigen Gericht der 211. Infanterie-Division einen Tatbericht mit acht Anlagen über die Vergewaltigung einer Französin durch den deutschen Feldwebel Karl B. ein. Aufgrund der Aussagen des Beschuldigten, des Opfers sowie des französischen Polizeibeamten, der die Anzeige erstattet hatte, fand bereits einen Tag später die öffentliche Sitzung des Kriegsgerichts statt, bei der neben den bereits genannten Zeugen auch der Regimentsarzt als Sachverständiger sowie ein Dolmetscher geladen waren. Wie die Erhebung der persönlichen Daten ergab, hatte der 43 Jahre alte Angeklagte bereits am Ersten Weltkrieg als Soldat teilgenommen und für seine damaligen Leistungen das Eiserne Kreuz I. Klasse sowie das Hamburger Hanseatenkreuz erhalten. Er war zum Zeitpunkt des Gerichtsprozesses weder disziplinarisch noch gerichtlich vorbestraft, gehörte der NSDAP an und übte die Funktion eines Blockleiters aus. Laut Urteilsschrift hatte er am 21. Juni das Haus der Französin M. aufgesucht, weil er ein Quartier brauchte. Zufällig entdeckte er dort eine Handgranate und drohte der Frau, indem er ihr gegenüber „eine Geste des Halsabschneidens" machte. Dann verlangte er von ihr durch entsprechende Zeichen, „mit ihm den Beischlaf auszuüben". Die Französin wehrte sich dagegen, der Feldwebel zwang sie jedoch zum analen Geschlechtsverkehr. Zwar gelang es ihr kurzzeitig, das Haus zu verlassen, sie kehrte aber zurück, um einige Sachen mitzunehmen. Bei dieser Gelegenheit vergewaltigte sie der Mann ein zweites Mal anal, dabei benutzte er auch ein Thermometer. Um sie einzuschüchtern, schlug er sie zudem auf den Rücken und deutete ihr durch Gesten an, sie zu töten. Dieses Vorgehen stellte nach Ansicht des Gerichts, bei dem der Kriegsgerichtsrat Dr. vom Endt als Verhandlungsleiter fungierte, eindeutig ein Verbrechen nach § 177 RStGB dar. Es verurteilte den Angeklagten wegen „Notzucht" zu sechs Jahren Zuchthaus und zum Verlust der „Wehrwürdigkeit". Die Richter sahen keinen Anlass für die Gewährung mildernder Umstände, denn als Angehöriger des Unteroffizierkorps hätte der Feldwebel über die gerichtliche Ahndung von Sexualstraftaten Bescheid gewusst. Ausschlaggebend für die Strafhöhe sei zum einen, dass er die Tat „gegenüber einer Frau von 56 Jahren begangen" habe, die mit einem Reserveoffizier verheiratet sei, und er dabei „mit Hartnäckigkeit vorgegangen" sei. Strafverschärfend sei zum anderen, „die Gemeinheit, mit der der Angeklagte seine perversen Gelüste an der Zeu'° Vgl. die Ausführungen dazu im Kap. IV.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 249 gin ausgelassen" habe, als Feldwebel und Mitglied der NSDAP hätte er sich besser unter Kontrolle haben müssen. Er habe das „Ansehen der deutschen Wehrmacht, deren korrektes Verhalten in Feindesland sprichwörtlich ist, [...]" erheblich beschädigt, und da die Division noch einige Zeit in Frankreich bleiben werde, müsse die Strafe abschreckend wirken.351 Der Verfasser des Rechtsgutachtens schlug die Bestätigung des Urteils vor und bemerkte noch, angesichts des Verhaltens des Täters hätte die Strafe auch die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte beinhalten können. Am 27. Juni 1940 wurde das Urteil rechtskräftig, der Verurteilte wurde jedoch knapp einen Monat später bereits wieder „wehrwürdig", als der O b d H auf dem Gnadenwege die Zuchthaus- in eine Gefängnisstrafe umwandelte. 352 Nur vier Wochen nach diesem Prozess hatte Richter vom Endt am 18. Juli 1940 wieder den Vorsitz in einem Sexualstrafverfahren inne. Der 22-jährige Kanonier Josef B. vom Artillerie-Regiment 211 war wegen „Notzuchtsversuchs" angeklagt. Die Sitzung des Gerichts der 211. Infanterie-Division, bei der der Beschuldigte und drei andere Soldaten als Zeugen erschienen waren, ergab zusammen mit den schriftlich vorliegenden Aussagen zweier französischer Zeuginnen folgenden Sachverhalt: Der Kanonier hatte am 10. Juli gemeinsam mit einem Gefreiten seine Unterkunft verlassen und eine nahe gelegene Ortschaft aufgesucht. In mehreren Gasthäusern tranken sie bis in die Nacht hinein Alkohol und fanden dann den Rückweg zu ihrer Einheit nicht mehr. Deshalb baten sie zwei Französinnen, 67 und 69 Jahre alt, um eine Übernachtungsgelegenheit, was diese ihnen auch gewährten. In der Küche des Hauses warf Josef B. die 67-Jährige auf den Boden und versuchte sie zu vergewaltigen. Als sich die Frau wehrte, würgte er sie, „kniete auf ihrer Brust und gab ihr heftige Faustschläge ins Gesicht", so dass sie stark blutete. Wegen der Hilfeschreie des Opfers suchte die andere Hausbewohnerin einen deutschen Obergefreiten auf, der sich in der Nachbarschaft aufhielt und auf ihre Bitten hin mitkam. Dadurch konnte eine Vergewaltigung gerade noch verhindert werden. Während der Gerichtsverhandlung berief sich der Angeklagte auf Erinnerungslücken als Folge des Alkohols. Die Richter glaubten ihm jedoch nicht, denn laut den Zeugenaussagen habe er sich nicht „in einem Zustand der Unzurechnungsfähigkeit" befunden - er „wusste, was er tat". Außerdem habe er den Obergefreiten angelogen, als dieser ihn nach seinem Soldbuch gefragt hatte, und diesen gebeten, „er möge einen Kameraden nicht reinreißen". Dies deute ebenfalls darauf hin, dass der Mann sich der Strafbarkeit seiner Handlung bewusst gewesen sei. Das Gericht kam zu dem Entschluss, dass der Tatbestand der „versuchten Notzucht" vorliege, und verurteilte den Angeklagten zu sechs Jahren Zuchthaus und dem Verlust der „Wehrwürdigkeit". Bei der Strafhöhe berücksichtigten die Richter zwar zugunsten des Kanoniers, dass er unter dem Einfluss von Alkohol gestanden sei und noch nicht lange als Sol331 352 BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./58, Bl. I: Kriegsstammrollenauszug, Bl. 1: 12. Komp. Inf Rgt 317, Tatbericht vom 22. Juni 1940; Bl. 14-17: Feldurteil vom 23. Juni 1940, Zitate Bl. 15 u. 17. Ebd., Bl. 20: Rechtsgutachten Gericht A.O.K. 9, 26. Juni 1940; Bl. 21: Oberbefehlshaber der 9. Armee, Urteilsbestätigung vom 27. Juni 1940; Bl. 32: OKH, GenStdH, GenQu, 20. Juli 1940.
250 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 dat diene, er habe daher „noch nicht die gefestigte innere Haltung, die man von einem aktivgedienten Soldaten verlangen kann". Strafverschärfend sei jedoch die Tatsache, dass er eine „alte Frau von 67 Jahren in dieser Weise" angegriffen und verletzt habe, was sich negativ auf die Einstellung der französischen Zivilbevölkerung gegenüber der Wehrmacht auswirke. „Derartige Schädigungen des Ansehens des deutschen Soldaten durch minderwertige Charaktere" mussten daher streng bestraft werden, zumal der Angeklagte bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei. 1938 hatte er wegen „Einbruchdiebstahls" eine Gefängnisstrafe von vier Monaten und eine Disziplinarstrafe von fünf Tagen geschärften Arrests erhalten.353 Der Oberbefehlshaber der 6. Armee bestätigte am 23. Juli 1940 das Urteil und ordnete die Vollstreckung an. Die daraufhin eingereichten Gnadengesuche seitens der Schwester und der Mutter des Verurteilten wurden vom O b d H abschlägig beschieden, so dass der Soldat im November 1940 ins Gefängnis nach Landau und dann später in das Strafgefangenenlager Esterwegen überführt wurde. Noch im April 1942 wurde ein Gnadenerweis vom Vorstand des Strafgefangenenlagers Oberems als zu verfrüht abgelehnt.354 Beiden zitierten Fällen ist gemeinsam, dass sie im Sommer 1940 in Frankreich stattgefunden hatten, derselbe Kriegsgerichtsrat als Verhandlungsleiter des Gerichts auftrat und am Ende das jeweilige Urteil auf sechs Jahre Zuchthaus lautete. Dennoch unterscheiden sie sich im Hinblick auf die Angeklagten, auf die Tatumstände sowie auf den jeweiligen Tatbestand. Dabei erscheint vor allem das gleiche Strafmaß für eine vollendete mehrmalige „Notzucht" und eine versuchte „Notzucht" klärungsbedürftig. Die Urteilsfindung der Richter lässt sich nur dann annähernd nachvollziehen, wenn die einzelnen Gründe beleuchtet werden, die bei der Strafbemessung berücksichtigt wurden. Strafverschärfend wertete das Gericht nämlich im zweiten Prozess vor allem, dass der Angeklagte bereits gerichtlich vorbestraft war. Diese Tatsache und sein Auftreten vor Gericht genügten bereits, um ihn in den Augen der Juristen zu einem „minderwertigen" Menschen werden zu lassen. Eine ähnliche Einschätzung des Verurteilten durch die Strafanstalten führte dann offensichtlich auch dazu, dass verschiedene Gnadengesuche nicht akzeptiert wurden und er - im Gegensatz zu dem Feldwebel - keine Umwandlung der Zuchthausstrafe erreichen konnte, sondern weiter „wehrunwürdig" blieb. Die Verfahren dokumentieren zugleich, dass neben der Charakterisierung des Beschuldigten auch Kriterien wie das „Ansehen" der Wehrmacht, der Einfluss von Alkohol, die präventive Wirkung des Urteils und die jeweilige militärische Lage bei der Festlegung der Strafart sowie der Strafhöhe von Bedeutung waren. Je nach Gewichtung dieser Prüfsteine wurden Straftaten wie „Notzucht", „versuchte Notzucht" oder „Nötigung zur Unzucht" von den einzelnen Ge333 334 BA-ZNS Gericht der 21 l.Inf.Div./28,Bl. 26-29: Feldurteil vom 18. Juli 1940, Zitate Bl. 27-29. Ebd., Bl. 36: 211. Inf.Div., Abt. III an Abt. IIa, 25. August 1940; Bl. 42: O K H an Oberstkriegsgerichtsrat AOK 6 und an Gericht der 211. ID, 24. Oktober 1940; Bl. 44: Gericht 211. Inf.Div. an Oberstaatsanwalt beim Landgericht in Landau, 23. November 1940; Bl. 53: Vorsteher des Strafgefangencnlagers VII Esterwegen, 18. April 1941; Bl. 74: Vorstand des Strafgefangcnenlagers Oberems in Gütersloh, 16. April 1942.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 251 richten unterschiedlich bewertet und dementsprechend von Gericht zu Gericht oder auch von demselben Richter anders bestraft. Das Strafmaß konnte sich dabei im Falle einer Vergewaltigung ausgehend von der Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis355 über mehrjährige Zuchthausstrafen 356 bis hin zur Todesstrafe erstrecken.357 Bei einer versuchten „Notzucht" lagen die Strafmaße zwischen drei Monaten Gefängnis358, ein- oder mehrjährigen Gefängnis- und Zuchthausstrafen359 und ebenfalls der Todesstrafe. Darüber hinaus waren noch niedrigere Strafen wie einige Wochen Arrest möglich, wenn das Delikt nicht in erster Linie als „Sittlichkeitsverbrechen", sondern als Rauschtat im Sinne des Reichsstrafgesetzbuches beurteilt wurde. Was die untersuchten Urteile mit Zuchthausstrafen betrifft, so wurde die Mehrheit von ihnen durch Militärgerichte in Frankreich verhängt. Die übrigen Zuchthausurteile verteilen sich auf Polen und auf die Sowjetunion, vereinzelt finden sie sich für Gerichte auf den Britischen Kanalinseln, in Italien und in Griechenland. Auch im Verhältnis der pro Land vorhandenen Urteile und der verhängten Zuchthausstrafen überwog dieses Strafmaß bei den in Frankreich tätigen Gerichten. Angesichts der Vielzahl von unterschiedlichen Strafen bei gleichem Straftatbestand ist jedoch ein quantitativer Vergleich zwischen den verschiedenen besetzten Gebieten allein wenig aussagekräftig, da mehrere Kriterien den Ausgang eines Verfahrens beeinflussten. Sinnvoller als eine rein statistische Auswertung erscheint es deshalb, im Folgenden einige der wichtigsten Strafbemessungsgründe wie das „Ansehen der Wehrmacht", den Einfluss von Alkohol, die „Geschlechtsnot" sowie die „Geschlechtsehre" aufzuführen und ihre Bedeutung im Rahmen der militärgerichtlichen Verurteilung von Sexualverbrechen zu analysieren. Die zentrale Frage lautet zunächst, aus welchen Gründen die Wehrmacht diese Übergriffe auf die Zivilbevölkerung strafrechtlich verfolgen ließ. 6.1 DAS „ANSEHEN DER WEHRMACHT" Im Juni 1943 verhandelte das Gericht der 82. Infanterie-Division gegen den Gefreiten Philipp W, nachdem eine sowjetische Zivilistin bei der deutschen Ortskommandantur gemeldet hatte, der Soldat habe sie mit seiner Pistole bedroht und vergewaltigt. In der Urteilsbegründung betonten die Richter, der Soldat habe durch sein Verhalten „das Ansehen der deutschen Wehrmacht bei der Zivilbevölkerung schwer geschädigt. Dies ist der Hauptgrund, weshalb seine Tat eine schwere Strafe verdient". 360 Das Urteil lautete auf zwei Jahre und sechs Monate Gefängnis sowie Rangverlust wegen „Notzucht". Die Grund333 BA-ZNS Gericht der 253. Inf.Div./125, Bl. 5-7: Feldurteil vom 6. Januar 1942. ' " BA-ZNS S 294; BA-ZNS S 4; BA-ZNS Gericht der 9. Pz.Div./54. 337 Unter den ausgewerteten Akten befinden sich neun Urteile, die auf die Todesstrafe lauten. Sie werden im Kap. V, 8 detaillierter vorgestellt. 338 BA-ZNS S 362. 339 BA-ZNS S 379. 3M BA-ZNS S 355, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 19f.: Feldurteil vom 8. Juni 1943, hier Bl. 20.
252 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 läge für die Verurteilung bildete zwar die nachgewiesene Sexualstraftat im Sinne des § 177 RStGB. D e r eigentliche H i n t e r g r u n d für eine strafrechtliche A h n d u n g durch die Wehrmachtjustiz erschließt sich jedoch vor allem aus dem zitierten Satz. Dieser verweist explizit auf das Hauptziel der militärgerichtlichen Strafverfolgung von Sexualdelikten. G a n z im Sinne der zeitgenössischen Auffassung v o m Militärstrafrecht als d e m „Inbegriff aller N o r m e n , die den Schutz der materiellen und geistigen Wehrkraft z u m Ziele haben [...]" 361 , w u r d e die Straftat hinsichtlich ihrer direkten Folgen und möglicherweise längerfristigen Auswirkungen auf die Interessen und die Einsatzfähigkeit der Wehrmacht b e urteilt. Das auf den ersten Blick reichlich diffus erscheinende „Ansehen der Wehrmacht" war in diesem Z u s a m m e n h a n g von erheblichem Gewicht, was sich bereits in der häufigen Verwendung dieses Ausdrucks in den ausgewerteten Urteilen zeigt. Wie die folgenden Ausführungen eines Autors z u m Wehrrecht belegen, erlaubte die H e r a n z i e h u n g dieses Leitgedankens dem Richter eine individuelle Auslegung und lieferte ihm eine breite Auswahl an Strafmaßen: „Wie nun die Wehrhoheit Schutz ihres Ansehens gegenüber dem der Wehrmacht Fernstehenden fordert und genießt, so ergeben sich in der Praxis wiederholt solche Fälle, in denen der Wehrmachtangehörige selbst durch eine strafbare Handlung oder ihre Folgen das Ansehen der Wehrmacht nach der Öffentlichkeit hin schädigen kann. Diese Schädigung kann lediglich nach der Öffentlichkeit hin eintreten, niemals durch eine militärische Straftat, das [sie] innere Angelegenheit der Wehrmacht bleibt und von dem die Öffentlichkeit nichts erfährt. [...] Die Schädigung des Ansehens der Wehrmacht durch einen Wehrmachtangehörigen ist ein reiner Strafbemessungsgrund. Das geltende Militärstrafgesetzbuch führt keinen derartigen Straftatbestand auf, ein Umstand, der dem Militärrichter weitgehendes freies Ermessen einräumt, der gleichwohl aber gesetzgeberische Beachtung verdient."362 Zahlreiche Urteilsbegründungen dokumentieren, dass dementsprechend auch viele Militärrichter in Sexualstrafvcrfahren in stereotyper Art u n d Weise auf diese Auslegung zurückgriffen. Die folgenden Beispiele sollen die spezifischen Deutungen dieses Begriffs, die je nach Zeitpunkt, O r t des Geschehens sowie militärischer Lage variierten, erläutern. Im Juli 1940 hatte ein Gefreiter versucht, eine französische Wirtin zu vergewaltigen, und sie dabei durch Schläge misshandelt. Die Richter der 15. Division warfen dem Angeklagten in ihrer Urteilsbegründung sein brutales Vorgehen vor u n d „weiterhin, dass er durch sein Verhalten das Ansehen der deutsehen Wehrmacht, insbesondere der Besatzungsarmee in erheblichem Masse geschädigt hat, denn es muss angenommen werden, dass dieser Vorfall den weitesten Kreisen der Bevölkerung zur Kenntnis gebracht wird". 363 3 ''' Schwinge, Militärstrafgesetzbuch, S. 5. Kunze, Strafbemessung, S. 125f. Hervorhebung i.O. 363 BA-ZNS S 388, Gericht der 15. Division, Bl. 23-26: Feldurteil vom 6. August 1940, hier Bl. 26. 362
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 253 Auch im Falle eines Unteroffiziers, der am 24. Juli 1940 ein zehn Jahre altes französisches Mädchen sexuell belästigt hatte, wies das Gericht der 254. Infanterie-Division auf die schwere Schädigung des „Ansehens" der Wehrmacht hin und betonte, der Angeklagte habe durch sein Vorgehen „der feindlichen Greuelpropaganda, die sich mit Vorliebe auf Dinge erstreckt, die die Truppen gegenüber Frauen und Kinder [sie] begangen haben sollen, zweifellos Nahrung gegeben".364 Dies verweist auf Befürchtungen innerhalb der Wehrmacht, bestimmte Verhaltensweisen der Soldaten könnten durch die gegnerische Propaganda aufgegriffen werden und die bereits vorhandenen diversen „Feindbilder" noch verstärken. Im Rahmen des historischen Überblicks zu sexueller Gewalt im Krieg wurde bereits auf den Zusammenhang zwischen Sexualverbrechen und der propagandistischen Ausnutzung solcher Taten hingewiesen. Vor allem im Ersten Weltkrieg spielte der Verweis auf sexuelle Gewalttaten deutscher Soldaten eine wesentliche Rolle in dem Bemühen Frankreichs, Unterstützung von Seiten des Auslands und möglichst viele Freiwillige für den Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich zu gewinnen.365 Darauf nahm auch das Gericht der 95. InfanterieDivision Bezug, als es im April 1941 einen Gefreiten wegen der Vergewaltigung zweier Französinnen zu drei Jahren Zuchthaus verurteilte. So habe der Mann durch sein Vorgehen „der Feindpropaganda in der schlimmsten Art Vorschub geleistet. Er ist auch alt genug, um zu wissen, dass im Weltkrieg gerade gelegentliche Sittlichkeitsdelikte deutscher Soldaten von der feindlichen Propaganda in der übelsten Form zur Hetze gegen das gesamte deutsche Volk ausgeschlachtet wurden".366 Im Gegensatz zur damaligen Hysterie in Frankreich in Bezug auf deutsche „Gräueltaten", die sich schon nach dem Überfall Belgiens entwickelte, herrschte offenbar nach dem Westfeldzug 1940 zunächst noch ein relativ günstiger Eindruck von den deutschen Wehrmachtangehörigen bei der Mehrheit der französischen Bevölkerung und insbesondere auch der Frauen vor. Zumindest nahmen die deutschen Besatzungsstellen entsprechende Bemerkungen über deren korrektes und diszipliniertes Verhalten zur Kenntnis.367 Denn obwohl die Angst vor Übergriffen und auch vor Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten gerade beim Einmarsch in Paris verbreitet gewesen war, was sich in der Flucht eines Großteils der Bevölkerung aus der Stadt und der Umgebung äußerte, ereigneten sich dann anscheinend die erwarteten Straftaten nicht in erheblicher Zahl - und auch nicht in einem Ausmaß, das etwa Ähnlichkeiten mit Nanking und Berlin beim Eintreffen der japanischen und sowjetischen Armee aufweisen würde.368 Das bisherige, noch verhältnismäßig gute „Ansehen" bei 364 BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./180, Bl. 18f.: Feldurteil vom 12. August 1940, hier Bl. 19. Vgl. Kap. I, 2. 366 BA-ZNS S 248, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 39-47: Feldurteil vom 26. April 1941, hier Bl. 47. 367 Siehe die Erinnerungen ehemaliger deutscher Soldaten an ihren Aufenthalt in Frankreich: Tewes, Frankreich, S. 179-188. <68 N ] C 0 l e Ann Dombrowski, Surviving the German Invasion of France. Women's Stories of the Exodus of 1940, in: dies. (Hg.), Women and War in the Twentieth Century. Enlisted with or 363
254 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 der Zivilbevölkerung sollte deshalb, wie mehrere Urteilsbegründungen vom Juni und Juli 1940 belegen, nicht durch Sexualstraftaten beschädigt werden: Ein 23-jähriger Kanonier wurde am 18. Juli 1940 vom Gericht der 211. Infanterie-Division zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er versucht hatte, eine 67 Jahre alte Französin in ihrem Haus zu vergewaltigen. Die Richter begründeten das hohe Strafmaß damit, die Wehrmacht genieße durch das bisherige „korrekte Verhalten" ihrer Soldaten in Frankreich einen guten Ruf, der durch derartige Verbrechen, verübt durch „minderwertige Charaktere", nicht gefährdet werden dürfe.369 Offenbar führte die deutliche Zunahme von Vergewaltigungen370 französischer Frauen in den Sommermonaten 1940 zu einem eindringlichen Aufruf des Oberbefehlshabers der 4. Armee, Generaloberst Günther von Kluge, derartige Verbrechen schärfstens zu ahnden, da die Disziplin und das „Ansehen" der Wehrmacht dadurch erheblich bedroht seien. „Sofortiges Durchgreifen aller Vorgesetzten" sei notwendig, um eine weitere Ausweitung von Sexualverbrechen, bei denen oftmals die „näheren Umstände geradezu bestialisch" seien, zu unterbinden. Bei schwerwiegenden Fällen forderte von Kluge die Verhängung von Zuchthaus- und Todesstrafen. Darüber hinaus sollten die Soldaten wiederholt „über das eines deutschen Soldaten Unwürdige eines solchen Verhaltens" instruiert und durch die Unteroffiziere verstärkt kontrolliert werden.371 In einem Entwurf über die richtige Erziehung von Offizieren und Mannschaften wies von Kluge zudem darauf hin, dass sich die Haltung des deutschen Siegers „in der Achtung vor der französischen Frau" zeige. Gerade die Zeit der Besatzung berge in dieser Hinsicht Gefahren in sich.372 369 370 371 372 without Consent, New York 1999, S. 116-135, hier S. 122, 125f., 130f.; David Pryce-Jones, Paris unter der deutschen Besatzung, in: Hirschfeld/Marsh (Hg.), Kollaboration, S. 23-42, hier S. 24f.; Jäckel, Frankreich, S. 60; Thalmann, Gleichschaltung, S. 67; Meyer, Besatzung, S. 18. BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./28, Bl. 26-29: Feldurteil vom 18. Juli 1940, Zitate Bl. 28f. Vgl. BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./58, Bl. 14-17: Feldurteil vom 23. Juni 1940. Zwischen Anfang Januar und Ende März 1940 betrug die Anzahl der strafbaren Handlungen nach den §§ 177 bis 184b RStGB (also ohne „Nötigung zur Unzucht" und „Unzucht mit Kindern" nach § 176 RStGB) 125 Fälle, von April bis Ende Juni 1940 waren es 219 Fälle und von Juli bis September wurden 361 Fälle erfasst. Siehe BA-MA RW6/v. 129: Kricgskriminalstatistikfürdie Wehrmacht für die Zeit vom 1. Januar bis zum 31. März 1940, Berlin 1940; ebd., Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. April bis zum 30. Juni 1940, Berlin 1940; ebd., Kricgskriminalstatistikfürdie Wehrmacht für die Zeit vom 1. Juli bis zum 30. September 1940, Berlin 1940, jeweils Tabelle III: Übersicht über die bürgerlichen Verbrechen und Vergehen. Vergewaltigungen nach § 177 RStGB sind in der Statistik nur für den letzten Zeitabschnitt gesondert aufgelistet. Sie dürften aber im Bereich der „Sittlichkeitsverbrechen und -vergehen" nach den §§ 177 bis 184b RStGB für den gesamten Zeitraum den größten Anteil ausgemacht haben: BA-MA RW 6/v. 129: OKW, Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht. Zusammenfassung der kriminalstatistischcn Ergebnisse des ersten Kricgsjahrcs, Berlin 1941: „12. Sittlichkeitsdelikte''. Vom 1. Juli 1940 bis 30. September 1940 wurden insgesamt 557 „strafbare Handlungen" nach den §§ 176 bis 184b RStGB, also einschließlich der „Nötigung zur Unzucht" und der „Unzucht mit Kindern", vor Gericht verhandelt, 280 davon waren „Notzuchtsverbrechen". Bei diesen kam es in 204 Fällen zu einer Verurteilung. BA-MA RH 26-12/274: Der Oberbefehlshaber der 4. Armee, Abschr. v. Abschr.,27.Juni 1940, gez. von Kluge. BA-MA RH 26-6/3, Bl. 10: 6. Inf.Div., Aniagenband I zum KTB Nr. 3, Anlage 3, Abschrift, AOK 4, la, Betr. „Vorläufige Richtlinien für Erziehung und Ausbildung", 27. Juni 1940.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 255 Diese Ermahnungen, die Disziplin und damit das „Ansehen der Wehrmacht" aufrechtzuerhalten, stehen in engem Zusammenhang mit den Bemühungen der Militärführung, generell die Beziehungen zwischen Soldaten und französischen Frauen bis ins kleinste Detail zu kontrollieren und sie soweit als möglich einzuschränken. Angefangen bei Verboten, Französinnen unterzuhaken, sie in Kinos oder Lokale mitzunehmen bis hin zu Klagen über eheähnliche Verhältnisse von Offizieren mit einheimischen Frauen verweisen zahlreiche Schreiben des O K H und der deutschen Militärverwaltung auf deren mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, die als „Etappenunsitte" kritisierten Erscheinungen einzudämmen. Neben der bereits erwähnten Angst vor der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten steckten dahinter mit zunehmender Besatzungsdauer auch Befürchtungen, die Sicherheit der Besatzungstruppe könnte beeinträchtigt werden. Den Anlass dafür bildeten die Anschläge auf deutsche Soldaten und auch auf Wehrmachthelferinnen. 373 Denn unter dem Einfluss der Judendeportationen, der Aushebung von Arbeitskräften für das Deutsche Reich und der Bekämpfung des Widerstandes verkehrte sich bis 1942 das zunächst noch weitgehend ungetrübte Bild über die Besatzungsmacht ins Gegenteil. Die Deutschen galten nun als „terrorists, recruiters of forced labor, racists, and torturers of the Resistance".374 Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1941 kam es zu Überfällen und Sprengstoffattentaten auf die Wehrmacht, auf die der deutsche Militärbefehlshaber, General Otto von Stülpnagel, drakonisch mit der Erschießung von französischen Geiseln reagierte. Diese Maßnahmen waren jedoch in Bezug auf die Loyalität der Bevölkerung geradezu kontraproduktiv. Im Februar 1942 machte sich eine zunehmend antideutsche Stimmung bemerkbar, es wurden verbreitet Anschläge auf Einrichtungen der Besatzungsarmee oder gegen die Wehrmachtsoldaten selbst unternommen. Auch zu Jahresbeginn 1943 stieg die Zahl der Sabotageakte und Attentate wieder.375 Offenbar unter dem Eindruck dieser Situation kam das Urteil gegen zwei Unteroffiziere durch das Gericht der 21. Panzer-Division im Oktober 1943 zustande. Beide wurden wegen mehrmaliger Vergewaltigungen und Vergewaltigungsversuche zum Tode verurteilt. Die Urteilsbegründung weist explizit auf die bereits erwähnte Furcht vor weiteren, für die Besatzungsmacht folgenschweren Reaktionen hin. Denn die Taten selbst hätten sich nicht nur in der Truppe, sondern auch schnell in der Bevölkerung herumgesprochen, sie lieferten „das beste Material für die Auslandspropaganda und stärken die Kreise der im Hintergrund wirkenden Saboteure, die im geheimen [sie] gegen die Wehrmacht wirken". 376 Seit Anfang 1944 verschärfte sich die Bekämpfung des französischen Widerstandes von Seiten der Wehrmacht und der SS. Im Rahmen der so genannten „Bandenbekämpfung" wurden Mitglieder der als „Maquis" bezeichneten 373 374 373 376 Meinen, Wehrmacht, S. 58-66; Tewes, Frankreich, S. 216-219. Dombrowski, German Invasion, S. 131. Meyer, Kriegs- und Besatzungsverbrechen, S. 274-276; Kletzin, Trikolore, S. 233-245; Weber, Sicherheit, S. 101-119, 133-152. BA-ZNS Gericht der 21. Pz.Div. (neu)/275, Bl. 58-69: Feldurteil vom 1. Oktober 1943, hier Bl. 68. Das Urteil wird im Kapitel über die Todesurteile noch detaillierter behandelt.
256 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 Widerstandsgruppen sowie als deren Anhänger beschuldigte Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, erschossen. Das von der 2. SS-Panzer-Division „Das Reich" im Juni 1944 verübte Massaker an den Bewohnern des Dorfes Oradour-sur-Glane ist wohl das bekannteste Beispiel für die Radikalisierung der deutschen Besatzungspolitik in Frankreich. 377 Bei einer anderen, im Juli 1944 stattgefundenen Aktion gegen den Maquis im Departement Ain soll es laut Ahlrich Meyer „erstmals auch zu Massenvergewaltigungen durch Wehrmachtangehörige" gekommen sein.378 Meyer definiert „Massenvergewaltigungen" nicht genauer, entsprechende Hinweise mit Zahlenangaben finden sich jedoch in den Akten der Nürnberger Prozesse, die bereits von Susan Brownmiller zitiert wurden. 379 Auch vom Sommer 1944 gibt es ein Verfahren, in dem angesichts der bereits erfolgten Invasion der Westalliierten in Frankreich auf die Verbindung zwischen Sexualverbrechen und der feindlichen Propaganda sowie der Widerstandsbewegung hingewiesen wurde. 380 Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass über die Hälfte der 46 Urteile aus Frankreich im Jahr 1940 verhängt wurden und von diesen wiederum die Mehrheit in den Monaten Mai bis August 1940. Dagegen liegen für das Jahr 1944 nur noch zwei Urteile in den untersuchten Beständen vor. Inwieweit dies bereits auf eine nachlassende Strafverfolgung durch die Wehrmachtgerichte im Rahmen der radikalisierten Besatzungspolitik hindeutet oder nur Ausdruck der Quellenlage im Archiv Kornelimünster ist, konnte nicht verifiziert werden. Grundsätzlich muss die wechselnde Stärke der deutschen Armee zwischen 1940 und 1945 berücksichtigt werden, die neben anderen Faktoren Einfluss auf das Vorkommen von Straftaten nahm. Da aber gegen Ende 1943 die Truppenstärke wieder anstieg, kann zumindest ab 1944 eine niedrige Verurteilungsrate nicht mit einem geringeren Ausmaß an Delikten erklärt werden.381 Die Vermutung liegt nahe, dass der Wehrmacht und folglich den Militärgerichten tatsächlich daran gelegen war, kurz nach dem Waffenstillstand die Situation in Frankreich zu beruhigen und die Bevölkerung nicht gegen die Besatzungsmacht aufzubringen. Erhärtet wird diese Annahme durch die Arbeit von Rass, der auch für das Gericht der 253. Infanterie-Division eine verstärkte Strafverfolgung bei Verbrechen deutscher Soldaten gegenüber Zivilisten kurz nach dem Frankreichfeldzug festgestellt hat.382 Die Gefahren für die Besatzungsarmee, die durch die gegnerische Propaganda und die regionalen Widerstandsgruppen drohten, wurden auch bei Verhandlungen wegen Sexualverbrechen an italienischen Zivilistinnen thematisiert. Die Richter der 29. Panzer-Grenadier-Division warfen zwei Stabsgefreiten im Sep377 378 379 380 381 382 Die männlichen Bewohner wurden erschossen, die Frauen und Kinder verbrannten in der Kirche. Meyer, Kriegs- und Besatzungsverbrechen, S. 282-284; Umbreit, Deutsche Herrschaft, S 175-178. Meyer, Kriegs- und Besatzungsvcrbrechen, S. 285. Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 61f.; IMT, Bd. 6, S. 445-448. BA-ZNS Gericht der 9. Pz.Div./54, Bl. 27-29: Feldurteil vom 27. Juni 1944, hier Bl. 29. Kletzin, Trikolore, S. 180. Rass, „Menschenmaterial", S. 265f.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 257 tember 1944 vor, durch die von ihnen begangene „gemeinschaftliche Notzucht" hätten sie nicht nur das „Ansehen der deutschen Wehrmacht schwer geschädigt", sondern auch das „Partisanenunwesen" begünstigt. So müsse damit gerechnet werden, dass „durch solche Untaten, wie die Angeklagten sie begangen haben, den ital. Banden neue Anhänger zugeführt werden, was zur Folge hat, dass andere anständige deutsche Soldaten noch stärker unter dem Bandenwesen zu leiden haben".383 Ähnliche Befürchtungen gaben vor allem in den besetzten Gebieten der UdSSR manchmal überhaupt erst den Ausschlag für eine Strafverfolgung. Der Oberbefehlshaber der 11. Armee, General der Infanterie Erich von Manstein, machte am 20. November 1941 in einem Befehl auf die Bedeutung des individuellen Verhaltens der Wehrmachtangehörigen aufmerksam. So werde „die Haltung jedes Soldaten [...] dauernd beobachtet. Sie macht eine feindliche Propaganda zur Unmöglichkeit oder gibt Ansatzpunkte für sie".384 Auch in einem Bericht der Abteilung Ic der 6. Infanterie-Division, zuständig für Feindaufklärung und Abwehr, wurde im Juli 1941 darauf hingewiesen, dass neben Plünderungen die „Anwendung von Gewalt oder andere Disziplinlosigkeiten [...] sich sehr schnell in der Bevölkerung herumsprachen". 385 Dadurch würde die anfänglich noch positive Einstellung der weißrussischen Zivilisten zur Wehrmacht ungünstig beeinflusst, die Truppe sei jedoch auf deren Loyalität angewiesen. Ein Merkblatt des O K H über das Benehmen der Soldaten in der Sowjetunion enthielt die Warnung, dass eigenmächtige Gewaltdelikte gegen die Bevölkerung der Wehrmacht selbst schaden könnten. So schaffe das „Mißachten des Ehrgefühls der Frauen und Mädchen" eine ablehnende Haltung gegenüber der Besatzungsarmee, was dann wiederum zur Unterstützung der Partisanenbewegung, zu Sabotage und insgesamt zu einer Beeinträchtigung der Lage der Wehrmacht in den rückwärtigen Gebieten führen könne. 386 Einige Militärrichter an der Ostfront übernahmen derartige Befürchtungen über eventuell nachteilige Folgen der gegnerischen Agitation für die eigene Truppe explizit in ihren Urteilsbegründungen.387 In einem Fall, der vor dem Gericht der 339. Infanterie-Division verhandelt wurde, kam es aufgrund dieser 383 384 385 386 387 BA-ZNS S 190, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 15-17: Feldurteil vom 11. September 1944, Zitat Bl. 17. IMT, Bd. 34, S. 129-132, Dokument 4064-PS: Armeeoberkommando 11, Abt. Ic/AO Nr. 2379/41 geh., 20. November 1941, gez. von Manstein, hier S. 131. Mit den Auswirkungen des individuellen Verhaltens von Soldaten auf die Propaganda beschäftigt sich auch BA-MA RH 20-2/1152: Anlagen zum Kriegstagebuch AOK 2 Ic, Anlage 182: Abt. Ic, A.O. Nr. 694/42 geh., 28. Februar 1942, „II. Richtlinien für die propagandistische Beeinflussung der Zivilbevölkerung", gez. Hartcncck, Chef d. Generalstabcs. BA-MA RH 26-6/63: 6. Inf.Div., Tätigkeitsberichte IIa und Ic zum KTB Nr. 4, Anlage 2g Abt. Ic, 25. Juli 1941, Zitat Bl. 29. Ähnlich ebd., 6. Inf.Div., Abt. Ic Nr. 484/41 geh., 17. August 1941. BA-MA RH 26-6/67: Anlage 62 zu 6. Div., Abt. Ic, Nr. 169/42 geh., 26. Juni 1942, „Merkblatt für das Verhalten der deutschen Soldaten in den besetzten Ostgebieten". BA-ZNS S 374, Gericht des Pz.A.O.K. 3, Bl. 14f.: Feldurteil vom 31. Mai 1944, hier Bl. 15. Ähnlich auch BA-ZNS S 355, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 19f.: Feldurteil vom 8. Juni 1943.
258 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Überlegungen auch zu einem - für die Sowjetunion - auffällig hohen Strafmaß. Der angeklagte Kanonier hatte eine russische Frau mehrfach vergewaltigt und wurde aufgrund seines bisherigen Lebensweges vom Gericht von vornherein als eine „grosse Gefahr für die Zucht und Ordnung" eingestuft. Er war in vier Fällen gerichtlich sowie neun Mal disziplinarisch vorbestraft und erhielt auch von seinem Disziplinarvorgesetzten ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt. So sei er ein Mensch „mit stark verschlossenem Charakter, der zu allem fähig ist, [...]". Auch während der Verhandlung zeigte er sich offenbar wenig einsichtig und „versuchte, sich durch grobe Lügen herauszureden". In der Urteilsschrift verwiesen die Richter darauf, dass neben diesen Kriterien für die Verurteilung der durch die Tat entstandene Schaden für die Wehrmacht entscheidend gewesen sei. Denn der Ort des Geschehens liege in einem „stark partisanenverseuchten Gebiet", und aufgrund solcher sexuellen Übergriffe würden die Bewohner verstärkt zu den Partisanen überlaufen. Der Soldat Heinz B. habe durch „seine Tat mit dazu beigetragen, dass die Befriedungsarbeit in einem Gebiet, das durch seine Frontnähe von besonderer Bedeutung ist, nicht unbeträchtlich gefährdet wurde. Die darin liegende Schädigung nicht nur des Ansehens der deutschen Wehrmacht bei der Zivilbevölkerung sondern auch unmittelbar kriegswichtiger Interessen gebietet eine strenge Bestrafung". Aufgrund dieser Bewertung sowie angesichts seines Vorstrafenregisters und seiner charakterlichen Beurteilung wurde der Kanonier zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.388 Die Interessen der Wehrmacht in ihrem Kampf gegen die Rote Armee und gegen die Partisanengruppen waren hier nach der Auffassung des Gerichts so stark bedroht, dass ihm eine Zuchthausstrafe für den Beschuldigten angebracht erschien. Offenbar wurden nur unter solchen Umständen Übergriffe gegen sowjetische Zivilisten hart geahndet, was ganz im Sinne des Gerichtsbarkeitserlasses war. Dieser forderte bei Straftaten gegenüber der Zivilbevölkerung ein kriegsgerichtliches Verfahren explizit nur für die Aufrechterhaltung der Disziplin und eine etwaige notwendige „Sicherung der Truppe" an. Letzteres war im eben zitierten Fall durch die befürchtete Zunahme der Partisanenunterstützung gegeben.389 Zwar betonten auch die Richter der 82. Infanterie-Division im Juli 1942 das Interesse der Wehrmacht, mit der Zivilbevölkerung Russlands „in ein möglichst vertrauenvolles [sie] Verhältnis zu gelangen", und warfen einem Reiter bei der Veterinärkompanie vor, durch die Vergewaltigung eines 16-jährigen russischen Mädchens dieses Anliegen verletzt zu haben. Trotzdem verhängten sie ein eher mildes Urteil. Sie hielten zwei Jahre Gefängnis für ausreichend, da, so die relativierende Begründung, bezüglich sexueller Gewaltverbrechen „wesentlich gemeinere und rohere Formen denkbar" seien. Zudem sei dies der erste Fall von „Notzucht" innerhalb der Division.390 Obwohl der Soldat durch 388 389 390 BA-ZNS S 334, Gericht der 339. Inf.Div., Bl. 19-25: Feldurteil vom 28. April 1942, Zitate Bl 19u.25. Siehe ähnliche Ergebnisse für das Gericht der 253. Infanterie-Division bei Rass, „Menschenmaterial", S. 266-268. BA-ZNS S 254, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 1 f.: Feldurteil vom 23. Juli 1942, Zitate Bl. 2.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 259 seinen Vorgesetzten negativ beurteilt worden war und er darüber hinaus bereits acht Disziplinarstrafen erhalten hatte, kam es in diesem Fall nicht zu einer Zuchthausstrafe. Die Urteilsbegründung lässt neben den eben erwähnten Ausführungen darauf schließen, dass die Nationalität des Mädchens eine Rolle gespielt haben könnte. Denn die Versicherung des Gerichts, die Strafe solle abschreckend wirken und den anderen Soldaten vermitteln, dass bei Vergewaltigungen „im Interesse der Reinerhaltung des Ehrenschildes des deutschen Soldaten mit aller Schärfe eingeschritten" werde, klingt angesichts der zweijährigen Gefängnisstrafe nicht sehr überzeugend. 391 Die erwähnten Beispiele verweisen darauf, dass im Zentrum der militärgerichtlichen Verfolgung von Sexualverbrechen nicht die strafbare Handlung an sich stand, sondern den Aufgaben der Militärjustiz gemäß die direkten und auch die längerfristigen Auswirkungen der Tat auf die Wehrmacht und auf die militärische Lage berücksichtigt wurden. Zumeist beschrieben die Richter mit dem Begriff „Ansehen der Wehrmacht" das Interesse der Armee, in den verschiedenen besetzten Gebieten die Ruhe unter der Zivilbevölkerung so weit als möglich zu wahren und so die Unterstützung für Widerstands- und Partisanenbewegungen einzudämmen. Es galt, die Disziplin aufrechtzuerhalten und eigenmächtige Übergriffe von Soldaten zu unterbinden, wenn sie zu negativen Konsequenzen für die Sicherheit und Einsatzfähigkeit der eigenen Truppe führen konnten. Vor allem an der Ostfront befand sich die Wehrmachtspitze dabei in dem grundsätzlichen und eigentlich nicht lösbaren Konflikt, den Krieg mit allen Mitteln „ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder" 392 führen zu wollen und zugleich kontraproduktive Ausschreitungen einzelner Wehrmachtangehöriger zu verhindern. Die durch die „verbrecherischen Befehle", insbesondere durch den Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" bewusst angestrebte Radikalisierung der Kriegführung nicht nur gegen die Rote Armee, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung, verlief deshalb nicht ohne einschränkende Maßnahmen. Sie erfuhr in einigen Fällen dann eine - zumindest beabsichtigte - Begrenzung durch eine militärgerichtliche Ahndung, wenn Soldaten durch Sexualstraftaten die militärische Sicherheitslage zu gefährden drohten oder im Falle von individuellen Plünderungen der Wehrmacht notwendige Ressourcen entzogen. 393 Das Einschreiten der Militärjustiz hing folglich maßgeblich von der jeweiligen Situation an den einzelnen Fronten beziehungsweise in den besetzten Gebieten ab. Grundsätzlich stellten aber sexuelle Delikte aus Sicht der Heeresführung keine besonders schwerwiegende Verletzung der militärischen Disziplin dar. Dies zeigen die Vorgaben an die Militärgerichte über den Umgang mit Sexualstraftätern. 391 392 393 Ebd., Bl. 2. IMT, Bd. 39, S. 128f., Dokument 066-UK: Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Nr. 004870/42 g. Kdos. WFSt./Op (N), „Betr.: Bandenbekämpfung", 16. Dezember 1942, gez. Keitel, hier S. 129. Vgl. Rass, „Menschenmaterial", S. 266-272.
260 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 6.2 HEERESFÜHRUNG UND SEXUALVERBRECHEN Am 19. Juni 1940, noch vor Abschluss des Waffenstillstandes mit Frankreich, befasste sich ein Erlass des O K H mit der Anwendung der „Verordnung gegen Gewaltverbrecher" durch die Militärgerichte. Den Anlass dafür bildeten einige Todesurteile gegen Soldaten, die im Juni 1940 Vergewaltigungen verübt und dabei die Frauen mit ihrer Waffe bedroht hatten. Nach der „Gewaltverbrecherverordnung" wie auch nach § 5a KSSVO konnte in diesen Fällen der im Reichsstrafgesetzbuch vorgesehene Strafrahmen überschritten und auf Todesstrafe erkannt werden. Diese Vorgehensweise einiger Gerichte im Zusammenhang mit Sexualstraftaten ging dem Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, zu weit. Ihm missfiel vor allem, dass die Soldaten nur deswegen als Gewaltverbrecher zum Tode verurteilt worden waren, weil sie eine Waffe benutzt hatten. Diese Interpretation widerspreche jedoch, so seine Ausführungen, der grundlegenden Intention der Verordnung, die vor allem gegen den „Gangster" in der Heimat gerichtet sei. Darüber hinaus lebe ein Soldat während des Krieges und in den besetzten Gebieten „unter eigen gearteten Bedingungen". Er als Oberbefehlshaber des Heeres könne „daher nicht anerkennen, dass Soldaten, die während des Einsatzes eine Notzucht unter Anwendung der Waffe begehen, in jedem Fall nach der GewaltverbrecherVerordnung bestraft werden. Ein Soldat, der sich derartig vergeht, verdient selbstverständlich eine harte Bestrafung. Eine Schuld des Angeklagten im Sinne eines Gewaltverbrechers muss aber stets besonders sorgfältig und eingehend geprüft und einwandfrei nachgewiesen werden".394 Auch bei der Anwendung des § 5a KSSVO in Fällen von Vergewaltigung oder Raub sei „eine gewisse Zurückhaltung angebracht", denn hier müsse erst eine „schwere Schädigung der Mannszucht" belegt werden. 395 Diese Ausführungen weisen zum einen darauf hin, dass einige Wehrmachtgerichte im Sommer 1940 rigoros gegen Sexualstraftäter vorgingen, indem sie die rechtlichen Grundlagen für eine Verhängung der Todesstrafe ausnutzten. Zum anderen verdeutlichen sie, dass die Heeresführung diese Entwicklung und die entsprechenden Urteile nicht befürwortete, sondern im Gegenteil für eine gründlichere Überprüfung der Sachverhalte und für eine nachsichtigere Haltung plädierte. Während in diesem Schreiben die härteste Strafe im Mittelpunkt stand, erläuterte der ObdH nur etwa zwei Wochen später im Detail, wie er sich die strafrechtliche Ahndung von Sexualdelikten vorstellte. Dieser Erlass vom 5. Juli 1940 war an die Oberbefehlshaber der Armeen, an die MilitärbefehlshaBA-ZNS RH 15a G/8 Bestimmungsakten Disziplin und Rechtspflege: Der Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres 14 g 15 HR III, 1924/40, „Betr.: .Bestrafung von Notzuchtvcrbrcchen und Anwendung der Verordnung gegen Gewaltverbrecher v. 5.12.39 bei Wehrmachtangehörigen'", 13. Juli 1940, Bl. 24.: Oberkommando des Heeres, 458 Gen Qu (III) GenStdH, Nr. 14709/40, „Anwendung der Verordnung gegen Gewaltverbrecher vom 5.12.39", 19. Juni 1940, gez. Müller. Hervorhebung i.O. unterstrichen. Ebd., Hervorhebung i.O. unterstrichen.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 261 ber und an den Chef der Militärverwaltung in Frankreich gerichtet und betraf explizit „Notzuchtverbrechen". Den Auslöser bildeten wohl auch diesmal entsprechende Urteile in Sexualstrafverfahren, die von Brauchitsch als zu hart empfand. Er sei zwar grundsätzlich der Auffassung, dass Vergewaltigungen durch „angemessene Strafen" verurteilt werden sollten, doch gelte es dabei verschiedene Kriterien zu berücksichtigen. So würden „während der Operationen und der Besatzungszeit für den Soldaten Verhältnisse bestehen, die von denen in der Heimat wesentlich abweichen. Das Leben unter völlig veränderten Bedingungen, starke seelische Eindrücke und zuweilen auch übermässiger Alkoholgenuss führen zu gelegentlichem Wegfall von sonst vorhandenen Hemmungen bei bisher bewährten und einwandfreien Soldaten. Der Mangel an Gelegenheit zur Befriedigung des Geschlechtstriebes hat sexuelle Spannungen zur Folge, auf die der einzelne je nach seiner Eigenart und Veranlagung verschieden reagiert".396 Angesichts dieser Voraussetzungen forderte er, dass bei Verurteilungen das Strafmaß besonders sorgfältig durchdacht werde. Es erscheine insbesondere nicht zulässig, „einmalige Entgleisungen auf sittlichem Gebiete stets so zu ahnden, wie es bei normalen Verhältnissen angebracht ist". Von Brauchitsch bezog sich hier vor allem auf die Verhängung von Zuchthausstrafen, die ja den Verlust der „Wehrwürdigkeit" implizierten. Er schlug vor, die „gewöhnlichen" Fälle von Vergewaltigung nur mit Gefängnis zu bestrafen, eine Zuchthausstrafe aber nur dann in Erwägung zu ziehen, wenn bei der Straftat „Gemeinheit, brutales Verhalten und Roheit" von Seiten des Soldaten mitgespielt hätten. Für die Anwendung der Todesstrafe verwies er auf seinen Erlass vom 19. Juni und betonte, diese sei nur im Einzelfall zu verhängen, wenn der Täter sich „unmenschlich und tierisch" verhalten habe.397 Diese Ausführungen stellen eine Kritik an den Wehrmachtgerichten dar, da sie offenbar in den Augen des Oberbefehlshabers des Heeres zu rigoros gegen Sexualstraftäter vorgingen. Die von Rass im Hinblick auf das Gericht der 253. Infanterie-Division konstatierte „große Toleranz" gegenüber Soldaten, die während des Westfeldzuges 1940 gegen Zivilisten gerichtete Straftaten verübt hatten, lässt sich demnach nicht verallgemeinern. Einige Militärrichter hatten bereits während der bestehenden Kämpfe und kurz nach dem Waffenstillstand so hart durchgegriffen, dass von Brauchitsch sich zum Einschreiten veranlasst sah.398 Die Urteilspraxis ist auch anhand einiger Verfahren aus dem Ostbestand S und durch Verfahren der einzelnen Divisionsgerichte zu belegen.399 Darüber hinaus finden sich Hinweise auf entsprechend hohe Strafmaße ** BA-ZNS RH 15a G/8 Bestimmungsakten Disziplin und Rechtspflege, Bl. 23: Oberbefehlshaber des Heeres, 458 Gen Qu (III) Gen StdH, Nr. 16098/40, „Betr.: Notzuchtverbrechen", 5. Juli 1940, gez. von Brauchitsch. 397 Ebd., Hervorhebung i.O. unterstrichen. 398 Rass, „Menschenmaterial", S. 265f., Zitat S. 278. 399 BA-ZNS S 208, Gericht der 1. Pz.Div., Feldurteil vom 21. Juni 1940: Das Urteil wegen „Notzucht" lautete auf fünf Jahre Zuchthaus; BA-ZNS S 226, Gericht der 251. Inf.Div., Feldurteil vom 4. Juni 1940: Der Angeklagte wurde wegen Vergewaltigung zu vier Jahren Zuchthaus ver-
262 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 in den Strafsachenlisten400, in den Bestätigungslisten sowie in den Gnadenlisten, die das jeweilige Urteil für „Sittlichkeitsdelikte" benennen.401 Sie verweisen auf mehrjährige Zuchthausstrafen wegen Vergewaltigung oder wegen „unzüchtiger" Handlungen. Zwar sind in den Listen über abgeschlossene Strafverfahren diese Straftaten nicht einzeln, sondern nur allgemein als „Sittlichkeitsdelikte" aufgeführt, sie können also unterschiedliche Tatbestände umfassen. Angesichts der in den anderen Urteilen enthaltenen Hinweise auf die Verbreitung von Sexualstraftaten und der bereits erwähnten Reaktion des Oberbefehlshabers des Heeres im Juli 1940 kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Listen auch Urteile wegen sexueller Gewalt gegen Frauen und Kinder enthalten und sich beispielsweise nicht nur auf strafbare homosexuelle Handlungen beziehen. Dieser erkennbar strengen Vorgehensweise der Justiz im Sommer 1940 steht das deutliche Bemühen des O K H entgegen, Sexualverbrechen als kriegsbedingte „Ausrutscher" zu bagatellisieren und die Militärgerichte bei der Ahndung von Vergewaltigungen zur Mäßigung und zu eher milden Urteilen anzuhalten. An beiden Schreiben lässt sich klar das Eingreifen der militärischen Führung bezüglich sexueller Straftaten während eines Krieges erkennen. Soldaten, die solche Delikte begangen hatten, sollten zwar nicht straffrei ausgehen, von einer Duldung kann also nicht die Rede sein. Aber die Forderungen des Oberbefehlshabers des Heeres, nachsichtig zu urteilen und die äußeren Bedingungen als strafmildernde Gründe anzuerkennen, dienten nicht gerade der Abschreckung und der Prävention. Offenbar sah von Brauchitsch Sexualverbrechen auch nicht als Taten an, die die militärische Disziplin oder die „Manneszucht" ernsthaft gefährden könnten. Diese Haltung steht in einem auffälligen Kontrast zum Umgang mit anderen Delikten wie unerlaubter Entfernung oder „Selbstverstümmelung", bei denen die Todesstrafe zum üblichen Abschreckungsmittel wurde. 402 Die zitierten Ausführungen hinterlassen dagegen den Eindruck, dass das O K H im Vergleich zu militärischen Vergehen Sexualdelikte an Zivilistinnen der besetzten Gebiete als nicht besonders schwerwiegend, vielleicht sogar als Bagatellen einstufte. Zudem erscheinen vor allem die im zweiten Dokument vorgenommenen Unterscheidungen von der Schwere einer Tat aus heutiger Sicht und angesichts der 400 401 402 urteilt; BA-ZNS S 294, Gericht des Kommandanten des Armeegebietes 590, Feldurteil vom 11. Juli 1940: Die Strafe für „Notzucht" betrug zehn Jahre Zuchthaus; BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./28, Feldurteil vom 18. Juli 1940: Der Angeklagte wurde wegen einer versuchten Vergewaltigung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. BA-ZNS RH 20-2 G/Li 4, Übersichten über abgeschlossene Strafverfahren, AOK 2: Gericht der 2. Armee, Juni 1940: drei „Sittlichkeitsdelikte", eines davon mit Zuchthaus geahndet; Gericht der 1. Pz.Div., Juni 1940: einmal Zuchthaus; Gericht der 19. Inf.Div.: von fünf Delikten dreimal Zuchthaus; Gericht der 8. Pz.Div., Juli 1940: dreimal Zuchthaus. Neben den Zuchthausstrafen finden sich auch Einträge über Freisprüche und riinstellungen von Verfahren. BA-ZNS 20-6 G/6, Nr. 54 (Urteil vom 23. Juni 1940), Nr. 58 (Urteil vom 10. Juli 1940), Nr. 64 (Urteil vom 18. Juli 1940), Nr. 68 (Urteil vom 8. Juli 1940); BA-ZNS RH 20-6 G/5, Nr. 135 (Urteil vom 30. Mai 1940), Nr. 140 (Urteil vom 31. Mai 1940). Vgl. Kap. IV.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 263 Kenntnisse über die traumatischen Erfahrungen von vergewaltigten Frauen mehr als grotesk. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch, ob und gegebenenfalls wie die Wehrmachtgerichte diese Anleitungen zur Strafminderung umsetzten. Die folgenden Beispiele zeigen, dass einige der Richter nicht nur die vom O b d H vorgebrachte Argumentation explizit in ihren Urteilen übernahmen, sondern sie auch bei der Strafzumessung berücksichtigten. Trotzdem kam es aufgrund der jeweiligen Tatumstände und der unterschiedlichen Beurteilungen der Angeklagten nicht immer zu der vom O K H eigentlich angestrebten Gefängnisstrafe. Am 21. Juni 1940 hatten zwei Gefreite im französischen Ort Vierzon eine Mutter von fünf Kindern nacheinander vergewaltigt und den anwesenden Ehemann mit der Waffe bedroht, um ihre Taten ausführen zu können. Das Feldgericht des Höheren Kommandeurs der Festungs-Flak-Artillerie III verurteilte die beiden im November 1940 wegen Hausfriedensbruch, rechtswidrigem Waffengebrauch und „vollendeter Notzucht" zu je 15 Jahren Zuchthaus. Hinsichtlich der Benutzung der Waffe zur Einschüchterung des französischen Ehepaares hatte das Gericht zu prüfen, ob nicht die „Gewaltverbrecherverordnung" für das Strafmaß heranzuziehen sei. Ganz im Sinne des Schreibens vom O K H verneinte das Gericht diese Möglichkeit jedoch. Die Verordnung würde sich, so die Richter, hauptsächlich auf Zivilisten im Deutschen Reich beziehen, die mit Waffengewalt schwere Straftaten begingen. Die angeklagten Soldaten seien jedoch im „Feindesland" tätig und mussten ihre Waffen von Berufs wegen tragen. Zwar sei die Ausweitung der Verordnung gegen Gewaltverbrecher „auf die Soldaten im Kriege nicht grundsätzlich ausgeschlossen", doch solle sie „nach dem Willen des Gesetzgebers den gewalttätigen Verbrechertyp, der besonders durch sein Vorleben bereits zum Gangster gestempelt ist, treffen". Die Beschuldigten seien keine solchen typischen Verbrecher, sie könnten daher auch nicht im Sinne dieser Bestimmung bestraft werden. Die „Roheit und Schamlosigkeit der Begehung, sowie die Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit des verbrecherischen Willens [...]" und die „Rücksichtslosigkeit gegenüber der ehelichen Gemeinschaft und einer Mutter von 5 Kindern" wertete das Gericht jedoch als strafverschärfend im Sinne der „Verordnung gegen Volksschädlinge". Die Soldaten hätten die Kriegsverhältnisse ausgenutzt und daher sei eine harte Strafe im Sinne des „gesunden Volksempfindens" angebracht.403 Im Falle des Gefreiten Karl T , der Anfang Juli 1940 in Frankreich eine Mutter von sieben Kindern im Beisein ihres Mannes mit vorgehaltener Waffe bedroht und drei Mal vergewaltigt hatte, lehnten sich die Richter in ihrer Urteilsbegründung ebenfalls eng an die Interpretation des O b d H an. Obwohl der Beschuldigte seine Pistole zur Einschüchterung des Opfers benutzt hatte, sah das Gericht des Kommandanten des Armeegebietes 590 eine Verurteilung 403 BA-ZNS S 4, Gericht des Höheren Kommandeurs der Fest.-Flak.Art. III, Bl. 2-10: Feldurteil vom 4. November 1940, Zitate Bl. 8f.
264 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 und damit die Verhängung der Todesstrafe nach § 1 der „Verordnung gegen Gewaltverbrecher" als „nicht für ganz vollbegründet" an, da dies mit Rücksicht auf die bestehenden „aussergewöhnlichen Umstände" nicht zu rechtfertigen sei. Aufgrund der brutalen Vorgehensweise und der Tatsache, dass unter dem Geschehen die ganze Familie zu leiden hätte, erkannte das Gericht jedoch auf eine Zuchthausstrafe von zehn Jahren. Das Urteil wurde nur wenige Tage danach von Generaloberst Erwin von Witzleben in seiner Funktion als Oberbefehlshaber der 1. Armee und damit als zuständiger Gerichtsherr bestätigt.404 Die Anlehnung an die Richtlinien vom 19. Juni 1940 ist hier deutlich erkennbar, obwohl die Richter letztendlich ein sehr hohes Strafmaß verhängten. Damit stuften sie das Verbrechen im Sinne des O b d H als einen ungewöhnlichen Fall von sexueller Gewalt ein. Ähnlich wie die Erlasse argumentierte auch ein Rechtsgutachter im Juli 1940, als es um die Bewertung eines Urteils wegen Vergewaltigung einer 15 Jahre alten Französin ging. Er plädierte für eine mildere Strafe als die verhängten 18 Monate Gefängnis, da aufgrund der Kriegsverhältnisse selbst und des sich erst kurze Zeit in Kraft befindlichen Waffenstillstands405 solche „Sittlichkeitsdelikte" weniger streng zu ahnden seien. Das Gericht der 7. Panzer-Division hatte zwar auch die Kriegssituation als strafmildernd gewertet, aber demgegenüber die Beendigung der Kampfhandlungen und den Beginn der Besatzungszeit als strafverschärfende Faktoren angesehen. Das Gutachten zeigte jedoch Wirkung, der Gerichtsherr der 7. Panzer-Division setzte die Strafe auf ein Jahr Gefängnis herab. 406 Im September 1940 verwies der ObdH selbst im Zusammenhang mit dem Verhalten der Wehrmachtangehörigen gegenüber der polnischen Zivilbevölkerung erneut auf seine Verfügung vom 5. Juli, diese sollte bei „Notzuchtfällen" grundsätzlich berücksichtigt werden. 407 Noch im Mai 1944 wurde auf den Erlass vom Juli 1940 Bezug genommen. Vor dem Gericht der Korps-Abteilung E. hatte gegen vier Obergefreite und einen Stabsgefreiten vom Artillerie-Regiment 251 ein Verfahren wegen einer Gruppenvergewaltigung an zwei weißrussischen Mädchen stattgefunden. Alle fünf wurden zu je drei Jahren Zuchthaus und dem Verlust der „Wehrwürdigkeit" verurteilt. In einem ersten Rechtsgutachten wurden diese Strafen jedoch als nicht „schuldangemessen" kritisiert: „Die Täter sind mit kaum überbietbarer Bestialität vorgegangen und haben sich nicht wie deutsche Soldaten, sondern wie eine entmenschte Soldateska benom404 403 406 407 BA-ZNS S 294, Gericht des Kommandanten des Armeegcbietes 590, Feldurteil vom 11. Juli 1940, Hervorhebung i.O. unterstrichen. Witzleben wurde einige Tage später zum Generalfeldmarschall ernannt. Er gehörte dem militärischen Widerstand gegen Hitler an und wurde als Beteiligter des Attentats vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Wolfgang Schieder, Zwei Generationen im militärischen Widerstand gegen Hitler, in: Jürgen Schmädeke/Peter Steinbach (Hg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, München 31994, S. 436-459. Gruchmann, Weltkrieg, S. 75. BA-ZNS S 167, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 13: Rechtsgutachten vom 21. Juli 1940, Bl. 11 f.: Feldurteil vom 16. Juli 1940, Bl. 20: Gerichtsherr der 7. Pz.Div., Urteilsbestätigung vom 31. August 1940. BA-MA RW 6/v. 130: Kriegskriminalstatistik vom 1. April bis 30. Juni 1941, Beilage: ObdH, Heerwesen Abt. im GenStdH, Nr. 250/9.40 geh., 26. September 1940.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 265 men. Eine Notzuchthandlung eines Einzeltäters kann von geschlechtlicher Triebhaftigkeit und unglücklichen äusseren Umständen gefördert sein und dadurch in milderem Lichte erscheinen. Eine gemeinschaftliche Notzucht, die kurz darauf wiederholt wird, lässt sich aber nicht aus einem unwiderstehlichen Geschlechtsdrang erklären, sondern kann nur gemeinster Gesinnung entsprungen sein und stellt die schwerste Form dieses Verbrechens dar."408 O b w o h l die Soldaten alle keine gerichtlichen Vorstrafen aufwiesen u n d ihre bisherige militärische Laufbahn keinen Anlass zu Klagen gab, erschien dem Verfasser des Gutachtens eine sehr viel höhere Strafe angebracht - er stellte die Todesstrafe gemäß § 5a KSSVO zur Diskussion. Daraufhin w u r d e eine zweite Bewertung des Urteils angefordert, u n d der dafür zuständige O b e r kriegsgerichtsrat beim A r m e e o b e r k o m m a n d o 2 kam zu einem ganz anderen Ergebnis. Er sah zwar die Tat ebenfalls als einen schwerwiegenden Fall an, war jedoch der Meinung, dass eine Todesstrafe nur dann in Betracht g e k o m m e n wäre, wenn sich die Täter „unmenschlich und tierisch" verhalten hätten. Dies sei aber nicht geschehen, zudem könnten von den Männern in einem Feldstraflager „nach erzieherischer E i n w i r k u n g noch brauchbare soldatische Leistungen erwartet werden". Die Zuchthausstrafen seien somit ausreichend und das Urteil k ö n n e in dieser F o r m bestätigt werden. Wie das Zitat zeigt, bezog sich der zweite Gutachter also bei seiner Argumentation wortwörtlich auf den Erlass - und hatte damit auch Erfolg. D e r Oberbefehlshaber der 2. A r m e e verfügte n u r zwei Tage später die U m w a n d l u n g der Z u c h t h a u s - in Gefängnisstrafen und die Einweisung der Verurteilten in ein Straflager der Wehrmacht. 4 0 9 Auch das Kriegsgericht der 9. Panzer-Division begründete in einem Urteil vom 27. Juni 1944 das Strafmaß unter Berufung auf die Richtlinien des O K H vom Sommer 1940. D e r beschuldigte Gefreite hatte eine 45 Jahre alte F r a n z ö sin mit vorgehaltenem G e w e h r bedroht und sie dann vergewaltigt. Da er bereits mehrfach vorbestraft war, auch wegen sexueller Delikte, w u r d e er zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Richter werteten sein Vorgehen mit der Waffe ausdrücklich nicht im Sinne der „Gewaltverbrecherverordnung", was die Todesstrafe bedeutet hätte, da „der Angeklagte sich als Soldat vor dem Feinde bewährt [...] und [...] sich nicht an einer deutschen Volksgenossin vergriffen" habe. D a r ü b e r hinaus gestanden sie dem Täter mit Rücksicht auf die Richtlinien des Oberbefehlshabers des Heeres noch weitere mildernde U m stände zu. Z u m einen sei Alkohol im Spiel gewesen, z u m anderen habe er keine Möglichkeit z u r A u s ü b u n g des Geschlechtsverkehrs, etwa in einem Wehrmachtbordell, gehabt. Er erhielt zwar eine sehr h o h e Strafe, die Urteilsb e g r ü n d u n g zeigt jedoch, dass die Richter hauptsächlich wegen der Vorstrafen und der B e n u t z u n g der Waffe eine Gefängnisstrafe als nicht ausreichend ansahen. 4 1 0 408 409 410 BA-ZNS S 258, Gericht der Korps-Abteilung E., Bl. 18-24: Feldurteil vom 5. Mai 1944, Zitat Bl. 26: Gericht der 3. Kav.Brigade, Rechtsgutachten vom 8. Mai 1944. Zu den genauen Tatumständen vgl. die Darstellung des Falles im Kap. V, 5.4. Ebd., Bl. 34: Gericht A.O.K. 2, Rechtsgutachten vom 20. Mai 1944, Bl. 34 (Rückseite): Der Oberbefehlshaber der 2. Armee, Verfügung vom 22. Mai 1944. BA-ZNS Gericht der 9. Pz.Div./54, Bl. 27-29: Feldurteil vom 27. Juni 1944, Zitat Bl. 28.
266 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 Wie diese Beispiele dokumentieren, übernahmen mehrere Gerichte bei der Festlegung der Strafhöhe die im Erlass vom 5. Juli 1940 aufgeführten Milderungsgründe wie die besonderen Kriegszustände, den Alkohol als auslösendes Moment sowie fehlende Intimkontakte. In den meisten Fällen wurde das Schreiben zwar nicht explizit erwähnt, aber die Urteilsbegründungen verweisen darauf, dass die Sichtweise der Heeresführung durchaus von einigen Richtern akzeptiert und im militärgerichtlichen Alltag umgesetzt wurde. Damit wird deutlich, dass der Oberbefehlshaber des Heeres 1940 nicht nur versucht hat, einen direkten Einfluss auf die Rechtsprechung in Sexualstrafverfahren zu nehmen, indem er die Verhängung von Todes- oder hohen Zuchthausstrafen nur in Ausnahmefällen für angebracht hielt, sondern dass seine Vorstellungen über ein gemäßigtes Vorgehen durchaus Eingang in die Praxis fanden. Sexuelle Gewalt gegenüber Zivilistinnen der besetzten Gebiete galt beim O K H und einigen Militärgerichten im Vergleich zu militärischen Vergehen als nicht besonders schwerwiegende Straftat, sondern wurde eher als „Kavaliersdelikt" eingestuft. Dies schloss jedoch nicht aus, dass es in einigen Verfahren trotz der Berücksichtigung der Richtlinien zu langjährigen Zuchthausstrafen und demnach zu gravierenden Folgen für die Verurteilten kam. In diesen Fällen spielten jedoch meist weniger der sexuelle Übergriff, sondern vielmehr die Person des Angeklagten sowie die äußeren Umstände die entscheidende Rolle für die Strafhöhe. Zudem zogen die Militärrichter zur Abwendung der Todesstrafe Gründe heran, die sie bei Straftaten wie Fahnenflucht oder „Selbstverstümmelung" häufig nicht gelten ließen.411 Wie die folgenden Abschnitte über einige der zentralen Kriterien für die Strafzumessung zeigen, konnten demgegenüber viele Angeklagte in Sexualstrafverfahren durchaus mit verständnisvollen Richtern rechnen. 6.3 ALKOHOL ALS STRAFMII DERUNGSGRUND In zahlreichen der untersuchten Verfahren kamen erhöhter Alkoholkonsum und die damit verbundene verminderte Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten zum Zeitpunkt der Straftat zur Sprache. Viele Soldaten versuchten vor Gericht die Zubilligung mildernder Umstände zu erreichen, indem sie behaupteten, sie seien völlig betrunken gewesen und könnten sich an das Geschehen nicht mehr erinnern, oder sie hätten die sexuelle Gewalttat nur aufgrund ihres Rauschzustandes begangen. Da bei dem Nachweis von Trunkenheit eine Verurteilung nach § 330a RStGB412 erfolgen konnte, was zu wesentlich niedrigeren Strafmaßen als bei der Ahndung von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung führte, liegt die Vermutung nahe, dass der Hinweis auf Alkoholkonsum und die ent4,1 412 Vgl. Rass, „Menschenmaterial", S. 293-304. § 330a StGB, in: Strafrecht der deutschen Wehrmacht 1944, S. 143: „Wer sich vorsätzlich oder fahrlässig durch den Genuß geistiger Getränke oder durch andere berauschende Mittel in einen die Zurechnungsfähigkeit (§ 51 Abs. 1) ausschließenden Rausch versetzt, wird mit Gefängnis oder mit Geldstrafe bestraft, wenn er in diesem Zustand eine mit Strafe bedrohte Handlung begeht."; Schwarz, Strafgesetzbuch, § 330a, S. 533-535.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 267 sprechende Wirkung meist in dieser Absicht geschah. Der § 330a RStGB sah als Sanktionen entweder Gefängnishaft oder in ganz leichten Fällen sogar nur eine Geldbuße vor. Grundsätzlich durfte die wegen „Volltrunkenheit" verhängte Strafe nicht höher ausfallen als diejenige, die für die nüchtern begangene Tat vorgeschrieben war. Während aber ein Gericht beispielsweise für eine Vergewaltigung, verübt im nüchternen Zustand, eine Zuchthaus- oder sogar die Todesstrafe aussprechen konnte, musste ein Sexualstraftäter bei erwiesener „Volltrunkenheit" nur mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Erhebliche Zweifel an der von den Angeklagten vorgebrachten Unzurechnungsfähigkeit aufgrund von Alkohol tauchen vor allem dann auf, wenn sich die Soldaten selbst auf ihren Rausch beriefen, die dazu gehörten zivilen Zeugen aber einen solchen Zustand verneinten. Trotz einer derartigen Unvereinbarkeit der Aussagen waren aber die Militärrichter eher geneigt, den Soldaten Glauben zu schenken und sie aufgrund von „Volltrunkenheit" zu bestrafen. Besonders deutlich wird dies an einem Urteil des Gerichts der 96. InfanterieDivision. Die Richter bemühten sich regelrecht, alle Indizien für einen Rausch zusammenzutragen, um den angeklagten Unteroffizier nach § 330a RStGB verurteilen zu können. Ihm wurde vorgeworfen, am 24. Juni 1940 in zwei französische Häuser eingedrungen zu sein und dort versucht zu haben, drei Frauen zu vergewaltigen. Die Richter betonten in ihrer Urteilsbegründung, es sei nicht vorstellbar, dass eine solche Tat im nüchternen Zustand begangen werden könne. Schließlich sei der Mann verheiratet, Vater von fünf Kindern und außerdem bislang disziplinarisch noch nicht vorbestraft. Es würden also keinerlei Anzeichen für eine Veranlagung als „notorischer Sittlichkeitsverbrecher" vorliegen. Die Tatsache, dass über den Zustand des Angeklagten unterschiedliche Aussagen existierten, ignorierte das Gericht mit folgender aufschlussreichen Erklärung: Der Mann müsse, „so ist das Feldkriegsgericht überzeugt, die Taten in seinem Alkoholrausch, mithin in Volltrunkenheit begangen haben. Dem steht nicht entgegen, daß die Aussagen der Soldatcnzeugen über den Grad seiner Trunkenheit im einzelnen voneinander abweichen und daß die französischen Zeugen fast einheitlieh erklären, sie hätten bei dem Angeklagten von einer Alkoholwirkung nichts wahrgenommen. Aussagen über den Trunkenheitsgrad sind immer subjektiv, und wo der eine Zeuge erst eine Trunkenheit beobachtet hat, spricht der andere schon von einer Volltrunkenheit. Die Franzosenzeugen befanden sich sämtlich in einer verständlichen lebhaften Erregung und haben schon aus diesem Grunde keine klaren und objektiven Beobachtungen über den Trunkenheitsgrad des Angeklagten machen können. Ihren Aussagen kann daher in dieser Beziehung kein entscheidender Beweiswert beigemessen werden".413 Offenbar genügten hier für die Verurteilung nach § 330a RStGB das subjektive Empfinden des Angeklagten selbst sowie der positive Eindruck, den das Gericht von ihm hatte. Die Richter entschieden hier zugunsten des Soldaten und sahen die Angaben der französischen Zeugen in diesem Punkt schlicht als belanglos an. Ein deutliches Entgegenkommen zeigten auch die Richter bei 413 BA-ZNS Gericht der 96. Inf.Div./77, Feldurteil vom 1. Juli 1940, Zitat Bl. 6f. Er wurde wegen „Volltrunkenheit" zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
268 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 der 129. Infanterie-Division, als sie einen Obergefreiten wegen der versuchten Vergewaltigung zweier sowjetischer Mädchen verurteilten. Zwar hatte der Mann selbst angegeben, nicht betrunken gewesen zu sein, trotzdem stützte sich das Gericht in diesem Fall auf die Aussage der beiden Zeuginnen, der Soldat habe eine halbe Flasche Schnaps getrunken. Obwohl die Richter in ihrer Urteilsbegründung zunächst betonten, die Frauen seien „Angehörige eines Feindstaates" und ihre Angaben mussten deshalb vorsichtig bewertet werden, griffen sie deren Information über den Alkoholkonsum dennoch gerne auf und gingen bei der Strafzumessung davon aus, „daß der Angeklagte die Tat unter dem Einfluß des genossenen Alkohols begangen hat, der seine Hemmungen beseitigte".414 Das sonst in den Urteilen erkennbare Misstrauen und die Zurückhaltung der Richter bezüglich der Äußerungen von einheimischen Zeuginnen kamen hier nicht zum Tragen, da die Auskünfte über den Schnapskonsum zugunsten des Soldaten ausgelegt werden konnten. Nicht immer verhalf es einem Angeklagten jedoch zum gewünschten Erfolg, wenn Zeugen seinen betrunkenen Zustand ebenfalls bemerkt hatten. Bei einem Fall, der sich im Juli 1940 ereignet hatte, berief sich der beschuldigte Kanonier auf seinen Rausch, und auch die französische Zeugin sagte bei ihrer Vernehmung aus, der Mann sei angeheitert gewesen. Die Richter des Gerichts der 211. Infanterie-Division berücksichtigten bei der Strafzumessung zwar den Alkoholeinfluss, sie verurteilten den Soldaten aber letztlich nicht wegen „Volltrunkenheit", sondern wegen „versuchter Notzucht" zu der vergleichsweise hohen Strafe von sechs Jahren Zuchthaus. 415 Im Falle eines Gefreiten des 6. Panzer-Grenadier-Regiments 10, der wegen „Notzucht" vor Gericht stand und nach eigenen Angaben zusammen mit drei Kameraden vor der Tat sieben Liter Rotwein getrunken hatte, half der Hinweis auf Vollrausch ebenfalls nicht. So äußerte sich der als Sachverständige geladene Stabsarzt dahin gehend, dass ein derart betrunkener Mann gar keinen Geschlechtsverkehr mehr mit Gewalt herbeiführen könne. Er bezweifelte also die vom Angeklagten vorgebrachte Alkoholmenge. Das Gericht schenkte sowohl dem Gutachter als auch der Überfallenen Französin mehr Glauben als dem Angeklagten, sah eine Vergewaltigung als erwiesen an und verurteilte ihn deswegen zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe. 416 Diese Verfahren zeigen, dass ein Soldat im Falle einer vom Gericht anerkannten Trunkenheit von einer Verurteilung nach § 330a tatsächlich profitieren konnte - so erhielt der Angeklagte im ersten Beispiel, der drei Frauen überfallen hatte, „nur" eine Gefängnisstrafe, während der Soldat im dritten erwähnten Verfahren, der eine Frau sexuell belästigt hatte, mit Zuchthaus und einer wesentlich längeren Haftzeit bestraft wurde. 417 414 413 416 417 BA-ZNS S 182, Gericht der 129. Inf.Div., Bl. 19-21: Feldurteil vom 15. November 1942, hier Bl. 20f. BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./28, Bl. 26-29: Feldurteil vom 18. Juli 1940. BA-ZNS Gericht 9. Pz.Div./54, Bl. 27-29: Feldurteil vom 27. Juni 1944. Vgl. auch BA-ZNS RH 69/1099: Gericht der 18. Armee, Feldurteil vom 30. Juni 1940. In diesem Fall gab der Angeklagte an, er sei betrunken gewesen, die Richter verurteilten ihn aber wegen „versuchter Notzucht" zu drei Jahren Gefängnis.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 269 Wie zahlreiche Prozessakten dokumentieren, griffen die Militärrichter die Angaben über zu starken Alkoholgenuss durch die Soldaten auf, um ihnen mildernde Umstände zu gewähren oder sie wegen „Volltrunkenheit" zu verurteilen, obwohl die dazu befragten zivilen Zeugen keinerlei Anzeichen dafür hatten erkennen können oder auch der gesamte Tatablauf dagegen sprach.418 Vor dem Gericht der 29. Panzer-Grenadier-Division hatten der Unteroffizier Josef K. und der Gefreite Leo L. im Oktober 1944 behauptet, sie hätten die Vergewaltigung einer 30 Jahre alten italienischen Frau in Bagnarolo di Sotti Ende September 1944 in betrunkenem Zustand begangen. K. verwies darauf, dass er nüchtern so eine Straftat niemals verübt hätte, und L. beanspruchte für sich, „total betrunken" gewesen zu sein, so dass er das Verbrecherische seiner Handlung nicht hätte realisieren können. 419 Die Richter fanden diese Angaben glaubwürdig und berücksichtigten sie bei der Urteilsbegründung und bei der Festsetzung des Strafmaßes. Der eigentliche Sachverhalt kann heute selbstverständlich nicht mehr überprüft werden, die im Urteil geschilderten Tatumstände lassen jedoch aus heutiger Sicht eine rauschbedingte Unzurechnungsfähigkeit eher zweifelhaft erscheinen. Denn die beiden Soldaten gingen nach dem Abendessen in ihrem Quartier gezielt zu Bunkern, in denen sich, wie sie wussten, italienische Zivilisten aufhielten. Dort bedrohten sie eine Frau mit der Waffe und zwangen sie zum Geschlechtsverkehr. Nach der Tat kehrten die beiden zu ihrer Unterkunft zurück und ließen sich dort umgehend „sanieren". 420 Gerade diese Vorgehensweise lässt auf ein überlegtes Handeln schließen. Denn beide Männer waren sich der Gefahr einer Ansteckung mit einer Geschlechtskrankheit bewusst und nahmen die Gelegenheit zur Vorbeugung direkt im Anschluss an das Verbrechen wahr. Die Strategie, ein Sexualverbrechen mit dem Hinweis auf übermäßigen Alkoholkonsum zu bagatellisieren, scheint kein spezielles Merkmal von Wehrmachtgerichtsverfahren zu sein. So hat beispielsweise Tanja Hommen für „Sittlichkeitsprozesse" im Kaiserreich feststellen können, dass damals Trunkenheit die am häufigsten angegebene Begründung der Angeklagten für ihr Vorgehen war.421 Für den Zweiten Weltkrieg ist der Umgang der Wehrmachtgerichte mit dem § 330a RStGB zum Teil anhand der Wehrmachtkriminalstatistik nachvollziehbar. So wurden von 1939 bis zum ersten Halbjahr 1944 mehr als 18.000 Angehörige der Wehrmacht aufgrund von „Volltrunkenheit" ver418 419 420 421 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./122, Bl. 24f.: Feldurteil vom 25. Oktober 1944. Die Anklage lautete auf versuchte Vergewaltigung, das Urteil auf „Volltrunkcnhcit". Ebenso BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./120, Bl. 15: Trotz „versuchter Notzucht" erging nur eine Strafverfügung wegen „Volltrunkenheit", 4. Februar 1944. BA-ZNS RH 26-6 G/l, Ersatz-Strafliste des Gerichts der 6. Inf.Div., Nr. 254: der Tatbericht lautete auf „versuchte Notzucht", das Urteil erging wegen „Volltrunkenheit". Ähnlich BA-ZNS RH 26-6 G/4 (1943), Nr. 270; BA-ZNS RH 26-299 G/2 (1944), Strafsachenliste 299. Inf.Div., Nr. 31. BA-ZNS S 263, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Öffentliche Sitzung des Feldkriegsgerichts am 14. Oktober 1944, Aussagen der beiden Angeklagten. Ebd., Bl. 1 lf.: Feldurteil vom 14. Oktober 1944, Zitat Bl. 12. Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 204.
270 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 urteilt.422 Daran lässt sich freilich nicht ablesen, welche Straftaten die Verurteilten in diesem Zustand begangen hatten. Im Tätigkeitsbericht der Abteilung Gericht beim Armeeoberkommando 2 für Januar bis März 1943 wurde beispielsweise auf die zahlreichen Straftaten, die sich im Zusammenhang mit dem Genuss von ukrainischem Schnaps ereignet hatten, gesondert hingewiesen.423 Dies deutet auf eine Häufung von Delikten hin, die nach § 330a RStGB abgeurteilt wurden. Darüber hinaus verweisen Warnungen wie diejenige des Gerichts des Marinebefehlshabers Westfrankreich im August 1941, dass im besetzten Gebiet „Gewaltakte im Zustand der Trunkenheit [...] in ganz erschreckendem Masse" zunähmen, grundsätzlich auf den engen Zusammenhang zwischen Straffälligkeit und Alkoholgenuss. 424 Dies galt insbesondere für die Marine, wie die bei Walmrath angeführten Verfahrensbeispiele sowie die in der Wehrmachtkriminalstatistik genannten Verhältniszahlen für Heer und Kriegsmarine eindrücklich belegen.425 Ähnliche Zustände herrschten bei der SS. Hier war offenbar bei zahlreichen Strafsachen und Disziplinarangelegenheiten Alkohol im Spiel, so dass Himmler sogar „Entwöhnungsaufenthalte" für SS-Angehörige in Konzentrationslagern anregte.426 Nicht alle der bei der Wehrmacht im Rausch begangenen und einem Gericht gemeldeten Delikte fanden jedoch Eingang in die Kriminalstatistik. Das Gericht der 36. Infanterie-Division meldete in seinem Bericht für Juli 1940 eine Zunahme von Straftaten, die unter Alkoholeinfluss erfolgt seien. Dazu zählten auch eine versuchte Vergewaltigung sowie ein Fall von sexueller Belästigung - die erste Tat wurde mit einer Gefängnisstrafe, das zweite Delikt auf disziplinarischem Wege geahndet.427 Letzteres wurde also nicht in die Wehrmachtkriminalstatistik aufgenommen, da dort nur die rechtskräftigen Entscheidungen aus gerichtlichen Strafverfahren aufgelistet wurden. 428 Statistische Angaben bezüglich der Verbreitung von Sexualverbrechen, die sich in Verbindung mit Alkohol ereigneten, lassen sich wegen der problematischen Quellenlage nicht treffen. Aufgrund entsprechender Vermerke in den Strafsachenlisten, in den Tätigkeitsberichten der Gerichte und wegen der Hinweise auf alkoholbedingte Straftaten in den Urteilen liegt aber die Vermutung sehr nahe, 422 423 424 423 426 427 428 Hennicke, Auszüge, S. 454, Tabelle „Volltrunkcnhcit". BA-MA RH 20-2/1594: A.O.K. 2, „Tätigkeitsbericht Abt. III, 1.1.43-31.3.43", 29. Mai 1943. BA-ZNS Gericht des Marincbefehlshabers Westfrankreich, Zweigstelle I.orient/F 444, Bl. 4450: Feldurteil vom 7. August 1941, Zitat Bl. 50. Walmrath, „Iustitia", S. 514f., 518f., 521 f., 524-527; Hennicke, Auszüge, S. 454, Tabelle „Volltrunkcnhcit". Die Zahlen auf 100.000 Mann gerechnet liegen für die Marine von 1939 bis 1944 immer höher als diejenigen von Heer und Luftwaffe. Vgl. auch BA-MA RW 6/v. 129: Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 1940, Berlin 1941, Anhang: Vergleichende Übersicht über die Kriminalität in den einzelnen Wehrmachtteilen. BA-Berlin/Lichterfelde NS 7/245-2, Bl. 9: SS-Richter beim RF-SS, Tgb. Nr. 106/41 geh., an Hauptamt SS-Gericht, 21. Juli 1941. BA-ZNS RH 20-2 G/Li 4, AOK 2, Abt. III: Sammelakten - Übersichten über abgeschlossene Strafverfahren von September 1939 bis 31. Dezember 1940, hier Gericht der 36. Inf.Div., Erfahrungsbericht Nr. 11 für Monat Juli 1940. BA-MA RW6/v. 129: Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. Januar bis zum 31. März 1940, Berlin 1940. Vgl. die Ausführungen zur Zählung.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 271 dass sich hinter zahlreichen Bestrafungen nach § 330a RStGB auch sexuelle Gewaltdelikte verbergen. Das zeigt letztlich, wie wenig aussagekräftig die in der Wehrmachtkriminalstatistik aufgeführten Zahlen über „Sittlichkeitsverbrechen" bezüglich der tatsächlich vor Gericht verhandelten Fälle von sexueller Gewalt gegenüber Frauen und Kindern sind. Denn wenn bei derartigen Straftaten am Ende das Urteil auf „Volltrunkenheit" nach § 330a RStGB lautete, wurden sie als Rauschdelikte in der Statistik aufgeführt und nicht als strafbare Handlungen gemäß der §§ 176 und 177 RStGB. Das Verständnis der Richter für diejenigen Soldaten, die angaben, unter dem Einfluss von Alkohol Sexualdelikte begangen zu haben, steht in einem auffälligen Kontrast zu den Verfahren, in denen Soldaten wegen anderer Delikte zu hohen Strafen verurteilt wurden. Vor allem in den Fällen, in denen sich Soldaten militärischer Delikte wie Ungehorsam, Widersetzung oder tätlicher Angriff auf einen Vorgesetzten schuldig gemacht und damit eindeutig gegen die militärische Disziplin und die „Manneszucht" verstoßen hatten, brachte der Hinweis auf eine alkoholbedingte Unzurechnungsfähigkeit weniger Erfolg.429 Auch die Entwürfe für ein neues nationalsozialistisches Strafgesetzbuch, die vor dem Krieg von einer Strafrechtskommission erarbeitet worden waren, sahen grundsätzlich eine schärfere Gangart bei Rauschdelikten vor. So einigte sich das Kabinett bei den Beratungen zum Strafgesetzbuch im März 1937 darauf, dass eine selbst verschuldete Trunkenheit keinen Grund für eine Strafmilderung darstellen, sondern im Gegenteil zu einem schärferen Urteil führen sollte.430 Hitler, der selbst Abstinenzler war431, ließ in einem Schreiben vom 7. Juli 1940 wissen, dass sich die Angehörigen der deutschen Besatzungsmacht gegenüber der französischen Bevölkerung tadellos zu benehmen hätten und Straftaten, die nach Alkoholgenuss erfolgt seien, unnachgiebig geahndet werden sollten.432 Entsprechende Merkblätter des O K H warnten ebenfalls vor maßlosem Trinken und den damit verbundenen Folgen.433 Das weist zum einen erneut darauf hin, dass Delikte von Soldaten häufiger im Zusammenhang mit Rauschzuständen auftraten, zum anderen sollten solche Täter aber deswegen nicht mit niedrigen Strafen davonkommen. Während diese Vorgaben aber in Bezug auf militärische Delikte zumeist umgesetzt wurden, handelten nicht alle Militärrichter auch bei der Ahndung von Sexualverbrechen mit einer ähnlichen Konsequenz und Strenge. Einige von ihnen akzeptierten einen Rauschzustand als willkommene Begründung, um einem angeklagten Solda429 430 431 432 433 Walmrath, „Iustitia", S. 527, nennt ein Verfahren, in dem ein angetrunkener Matrose gegenüber einem Unteroffizier und einem Polizeibeamten handgreiflich geworden war. Er erhielt drei Jahre und vier Monate Zuchthaus. Weitere Beispiele für eine strenge Bestrafung trotz Alkoholrausch ebd., S. 529f., Falldarstcllung Nr. 28, S. 622, Fall Nr. 31, S. 623, Fall Nr. 40, S. 626f. Gruchmann, Justiz, S. 798f. Kershaw, Hitler 1889-1936, S. 82. BA-MA RH 26-6/3: 6. Inf.Div., Anlagenband I zum KTB Nr. 3, 25.6.1940 bis 24.12.1940, Bl. 38: Anlage 9, Der Führer u. Oberste Befehlshaber der Wehrmacht 14 g/W OKW/WFA/Abt. L(IIc), 2314/40, 7. Juli 1940. BA-MA 26-6/67: Anlage 62 zu 6. Div., Abt. Ic, Nr. 169/42 geh., 26. Juni 1942, „Merkblatt für das Verhalten der deutschen Soldaten in den besetzten Ostgebieten".
272 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 ten entgegenzukommen und nicht als schwerwiegend eingeschätzte Übergriffe auf Zivilistinnen auf diesem Wege bagatellisieren zu können. 6.4 D I E „GESCHLECHTSNOT" DER SOLDATEN Wie die Institution der Wehrmachtbordelle belegt, ging die militärische Führung davon aus, dass Männer ein grundsätzliches Bedürfnis nach sexueller Betätigung hätten und dieses auch während des Krieges regelmäßig gestillt werden musste. Zahlreiche Militärrichter griffen diese Überlegungen auf und bewerteten ein Sexualdelikt im Zusammenhang mit der so genannten „Geschlechtsnot" des Soldaten. Abhängig von den jeweiligen militärischen Rahmenbedingungen, von der Situation in den besetzten Gebieten und von der allgemeinen Charakterisierung des Angeklagten konnte der Hinweis auf den Geschlechtstrieb als ausschlaggebender Grund für die Begehung der Tat strafmildernd wirken oder aber auch zuungunsten des Beschuldigten ausgelegt werden. Noch vor dem Krieg gegen die Sowjetunion, der für viele Soldaten unter anderem ein dauerhaftes Fernbleiben von zu Hause mit sich brachte, kam bereits in Sexualstrafverfahren in Frankreich die angeblich „lange geschlechtliche Enthaltsamkeit" der Wehrmachtangehörigen zur Sprache. In einem Verfahren beim Gericht der 7. Panzer-Division billigten die Richter dem wegen „Notzucht" angeklagten Oberkanonier im Juli 1940 deswegen mildernde Umstände zu. Die erzwungene Askese sei eine Folge der Kriegsverhältnisse, sie wirke sich bei „stark erotischen Männern in ungestümem Geschlechtsdrang" aus und reiße sie zu „unüberlegten Handlungen" hin. Da der Mann bis dahin noch nicht gerichtlich belangt worden war und außerdem die Vergewaltigung an der 15-jährigen Französin eingestanden hatte, stuften die Richter die Tat als nicht besonders schwerwiegenden Fall ein und verhängten eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten gegen ihn.434 Ebenfalls zugunsten des Beschuldigten wertete das Gericht der 52. Infanterie-Division noch Anfang Mai 1941 die Bedingungen, unter denen der Obergefreite Arnulf W. sich als Besatzungssoldat in Frankreich aufhielt. Durch seinen militärischen Einsatz sei er von seiner Frau mehrere Monate lang getrennt, was „die Annahme eines gewissen Notstandes auf geschlechtlichem Gebiete im Einzelfall gerechtfertigt" erscheinen lasse.435 Deshalb sei für den Soldaten wegen der „Nötigung zur Unzucht", begangen an einer 16-jährigen Französin, eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten trotz der Vorstrafen ausreichend. Der hier vom Gericht vermutete „Sexualnotstand" und das damit verbundene Bemühen, für die Tat des Angeklagten weitgehend Verständnis aufzubringen, fallen angesichts weiterer Informationen zu diesem 434 433 BA-ZNS S 167, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 11 f.: Feldurteil vom 16. Juli 1940, Zitat Bl. 12. BA-ZNS S 300, Gericht der 52. Inf.Div., Bl. 43-46: Feldurteil vom 9. Mai 1941, hier Bl. 46
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 273 Fall besonders auf: Die Tat hatte sich im französischen Ort Auxonne ereignet, in dem es auch ein Wehrmachtbordell gab. Nachdem die Mutter des Mädchens von dem Übergriff erfahren hatte, suchte sie den deutschen Militärarzt auf, der das Bordell kontrollierte, und berichtete ihm davon. Die Tatsache, dass der Soldat die Gelegenheit gehabt hätte, in ein Bordell zu gehen, wurde in diesem Verfahren nicht thematisiert, vielmehr attestierten ihm die Richter das Vorliegen einer „Geschlechtsnot" und akzeptierten diese als Begründung für die Straftat.436 In einem anderen Verfahren vor dem Gericht der Ortskommandantur Riga, bei dem die versuchte Vergewaltigung von zwei lettischen Frauen verhandelt wurde, konnte dagegen der betreffende Soldat aufgrund einschlägiger Vorstrafen von Beginn an nicht mit einer ähnlichen Nachsicht von Seiten der Richter rechnen. Sie diskutierten zwar auch eventuell nicht erfüllte sexuelle Bedürfnisse als Auslöser für die Übergriffe, stellten aber dann in ihrer Urteilsbegründung dazu fest: „Es kann auch keine Rede davon sein, dass der Angeklagte aus einem sexuellen Notstand heraus gehandelt hat. In Riga sind von der Wehrmacht Sanierungsanstaltcn eingerichtet, ausserdem kann jeder Soldat leicht in Riga, wie in fast allen Großstädten, Geschlechtsverkehr ausüben."437 In diesem Fall interpretierten die Richter also die Existenz von Bordellen zum Nachteil des Angeklagten. Auch der 24 Jahre alte Gefreite Werner K., der im August 1940 eine verheiratete Französin vergewaltigt hatte, deren Mann sich zum Tatzeitpunkt in deutscher Kriegsgefangenschaft befand, konnte sich nicht auf mangelnde Gelegenheiten berufen. Bei seiner Vernehmung sagte er aus, er könne für sein Verhalten keine ausreichende Begründung angeben, er hätte jedoch nicht aus einer „Sexualnot" heraus gehandelt. Denn fünf Tage vor der Tat sei er in Paris gewesen und hätte dort Geschlechtsverkehr gehabt. Bei der Strafzumessung hielten ihm die Richter zwar sein jugendliches Alter und seine Leistungen als Soldat zugute, da aber andere Angehörige der Division bereits mehrere Sexualverbrechen verübt hatten, wollten sie durch das Urteil auch eine abschreckende Wirkung erzielen. Sie verurteilten ihn deswegen zu drei Jahren Gefängnis und Rangverlust.438 Um einschätzen zu können, wie groß das Bedürfnis nach Geschlechtsverkehr zum Tatzeitpunkt gewesen war, thematisierten die Richter in einigen Verfahren das Vorhandensein oder das Fehlen von Wehrmachtbordellen, in anderen Prozessen überprüften sie dagegen, wann die angeklagten Soldaten zum letzten Mal Urlaub und damit eine Gelegenheit zu intimen Kontakten crhal• "'• BA-ZNS S 300, Gericht des Chefs des Mil. Verw. Bez. C, Nordostfrankreich, Bl. 28-30. Die Akte enthält zwei Verfahren von unterschiedlichen Gerichten, weil die beiden Französinnen zunächst wegen des Verdachts auf falsche Anschuldigung selbst vernommen worden waren. 437 BA-ZNS Gericht der Wehrmacht-Ortskommandantur Riga/264, Bl. 31-38: Feldurteil vom 13. April 1944, hier Bl. 37. DerTäter wurde als „Sittlichkeitsverbrecher" zum Tode verurteilt, weil er bereits bei seinem Einsatz in Frankreich Frauen angegriffen hatte. Vgl. auch Kap. V, 8 über die Todesurteile. 438 BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 7f.: Aussage von Werner K., Zitat Bl. 7; Bl. 18-20: Feldurteil vom 29. August 1940.
274 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 ten hatten. Einem verheirateten Angeklagten, der 1943 versucht hatte, eine Französin zu vergewaltigen, gestanden die Richter der 29. Infanterie-Division keine „sexuelle Notlage" als Auslöser für die Tat zu. Denn der Soldat hatte diese einen Tag vor Antritt seines Heimaturlaubs begangen. Das Gericht war offenbar der Ansicht, dass in diesem Fall - also dem baldigen Zusammentreffen mit der Ehefrau - Selbstbeherrschung möglich gewesen wäre. 439 Vor dem Gericht der 29. Panzer-Grenadier-Division versuchten zwei der insgesamt drei Angeklagten die Vergewaltigung einer italienischen Frau ebenfalls mit dem Hinweis auf eine längere Zeit der Enthaltsamkeit zu erklären. Das Verbrechen hatte sich Ende Juli 1944 ereignet und zwei Beteiligte gaben an, sie hätten im Januar beziehungsweise im März 1944 zuletzt Geschlechtsverkehr gehabt. Das Gericht ging auf diese Feststellungen jedoch nicht konkreter ein, sondern hielt den Tätern in erster Linie ihre soldatischen Auszeichnungen, ihre positive Beurteilung durch den Vorgesetzten sowie die Tatsache, dass sie nicht vorbestraft waren, zugute. Das Urteil wegen „gemeinschaftlicher Notzucht" lautete auf drei Jahre Gefängnis, da die Soldaten durch die Straftat militärische Interessen verletzt und insbesondere den Widerstand von Seiten der Partisanen gefördert hätten. 440 Dagegen konnten an der Ostfront eingesetzte Soldaten eher damit rechnen, dass ihnen die Militärrichter das Bestehen einer „Geschlechtsnot" zubilligten und dies bei der Strafbemessung berücksichtigten. Im Januar 1944 tagte das Gericht der 82. Infanterie-Division gegen einen Obergefreiten. Er hatte laut Tatbericht eine 25 Jahre alte und verheiratete Russin im Dezember 1943 zusammen mit einem Kameraden vergewaltigt. Die Richter stellten zwar fest, dass gemäß der Aussage der Frau und der Umstände ein Verbrechen nach § 177 RStGB eindeutig vorliege, dennoch gewährten sie beiden Angeklagten mildernde Umstände und verzichteten auf die Verhängung einer Zuchthausstrafe. Grund dafür sei, „dass die in Deutschland geltenden harten Vorschriften zum Schutz der Frauenehre doch nicht ohne weiteres in gleicher Härte auf die Verhältnisse, unter denen der deutsche Soldat in Russland bereits seit langem eingesetzt ist, anzuwenden sind".441 So hätte der im Osten kämpfende Soldat meist keine Möglichkeit zur sexuellen Betätigung, was die „Gefahr einer gewaltsamen Auswirkung des Geschlechtstriebes" mit sich bringe. Angesichts dieser besonderen Situation sei statt einer Zuchthausstrafe bereits eine Gefängnisstrafe ausreichend.442 Tatsächlich mussten im Gegensatz zum Westfeldzug die Soldaten an der Ostfront 439 440 441 442 BA-ZNS S 274, Gericht der 29. Inf.Div. (mot.), Bl. 7f.: Feldurteil vom 13. Mai 1943, Zitat Bl. 8. BA-ZNS S 190, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 15f.: Feldurteil vom 11. September 1944. BA-ZNS S 313, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 21-23: Feldurteil vom 30. Januar 1944, hier Bl. 23. Ebd. Helmuth K. wurde wegen Vergewaltigung, zweifacher leichter Körperverletzung und rechtswidrigem Waffengebrauch zu einer Gesamtstrafe von drei Jahren Gefängnis und Rangverlust verurteilt, sein Mitangeklagter Anton S. erhielt wegen „Notzucht" ein Jahr Gefängnis und Rangverlust.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 275 sehr lange auf Heimaturlaub warten. So ist der „Urlauber-Stärkemeldung" der 6. Infanterie-Division mit Stand vom September 1943 zu entnehmen, dass zwei der Wehrmachtangehörigen zwei Jahre oder länger keinen Urlaub mehr erhalten hatten, 81 von ihnen zwischen einem und eineinhalb Jahren sowie mehr als 490 Männer zwischen neun und zwölf Monaten ununterbrochen im Einsatz gestanden waren.443 Auch in den Feldpostbriefen war die Auszeit von der Front ein zentrales Thema. Die Feldpostprüfstelle beim Armeeoberkommando 2 meldete im März 1942, dass aufgrund der fehlenden Urlaubszuteilungen und der dadurch bewirkten kontinuierlichen Trennung von Ehepaaren „Schwierigkeiten aller Art", darunter das „Sexualproblem", zunehmen würden. Der zuständige Dienststellenleiter der Prüfstelle sah in Letzterem sogar eine Gefahr für die Kriegführung: „Durch die erzwungene lange Enthaltsamkeit zeigen sich bedenkliche Anzeichen, die zu einem allmählichen Sittenverfall führen können und sich nur nachteilig auf den Kampfgeist der Truppe auswirken würden."444 Angesichts solcher Überlegungen konnten Wehrmachtangehörige damit rechnen, dass zahlreiche Richter im Zusammenhang mit Sexualstraftaten grundsätzlich Verständnis für die sexuellen „Nöte" der Männer aufbringen würden. Bei der Einrichtung der Wehrmachtbordelle im besetzten Teil Frankreichs und in den meisten der von den deutschen Truppen okkupierten Gebiete war auch für das O K H die Überlegung ausschlaggebend gewesen, dass die Soldaten ein Anrecht auf die regelmäßige Ausübung von Geschlechtsverkehr hätten und dass das Militär selbst zur Vermeidung von Geschlechtskrankheiten adäquate Möglichkeiten für „sexuelle Zerstreuungen" schaffen musste. 445 In den Fällen, in denen nach Ansicht der Militärgerichte keine solchen Gelegenheiten für eine sexuelle Betätigung bestanden hatten - sei es durch das Fehlen von Bordellen, sei es durch das Fernbleiben von der Heimat - wurde dies einigen Sexualstraftätern bei der Strafzumessung zugute gehalten. Offenbar orientierten sich einige Richter bei der Bewertung eines Sexualdeliktes an der so genannten „Dampfkesseltheorie". 446 Diese besagt, dass der männliche Geschlechtstrieb nicht auf Dauer unterdrückt werden könne, sondern sich nach einer gewissen Zeit „entladen" müsse. Wenn dies beispielsweise bei einer Vergewaltigung auf gewaltsamem Wege geschehe, sei dies zwar grundsätzlich strafbar, so der Tenor einiger Urteile, aber den Täter dürfe dann nicht die ganze Härte des Gesetzes treffen, denn er sei in diesem Fall selbst ein „Opfer" seines Körpers. Gestützt wurden solche Ansichten auch von ärztlicher Seite. Im April 1943 hielt Dr. Joachim Rost, Oberfeldarzt der Wehrmacht, bei einem Lehrgang über Gesundheitsführung einen Vortrag über „Sexuelle Probleme im Felde", der 443 444 443 446 BA-MA RH 26-6/72: Tätigkeitsbericht IIa zum KTB Nr. 7, 6. Div., Abt. IIa, 16. Oktober 1943. BA-MA RH 20-2/1152: Anlagen zum KTB AOK 2, Ic, Anl. 212: Ic/A.O./Abw. Offz. Nr. 819/42 g, 8. März 1942, Betr. „Feldpostprüfstellen". Siehe entsprechende Briefbeispiele bei Latzel, Deutsche Soldaten, S. 329-332, 337-339. Meinen, Wehrmacht, S. 72-77, Zitat S. 72. Seifert, Krieg und Vergewaltigung, S. 86.
276 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 dann auch in der „Zeitschrift für Wehrmedizin" abgedruckt wurde. Darin betonte er zum einen, dass sich der männliche „Fortpflanzungstrieb" teilweise als >yAggressionstrieb" äußere, und ging zum anderen auch auf die „Sexualspannung" ein, die im Krieg entstehe. Die Unterdrückung oder Beherrschung dieser Bedürfnisse sei in der Regel schwierig, denn: „Triebstarke männliche Naturen, wie sie unter den guten Soldaten häufig sind, empfinden naturgemäß eine Beschränkung der sexuellen Betätigung als drückend. [...] Der unkomplizierte Mann löst das Problem ohne viele Bedenken. Er folgt seinem Triebe, und es ist lediglich eine Frage der Disziplin, in welcher Form er es tut."447 Entsprechend solcher, hier von einem Militärmediziner vertretenen Auffassungen interpretierten auch Wehrmachtrichter häufig ein Sexualverbrechen nur als den zwangsläufigen Ausdruck eines „gesunden" männlichen Geschlechtstriebes und bagatellisierten es zugleich. Dagegen wurden für Frauen im Hinblick auf eine eventuelle „Geschlechtsnot" nicht die gleichen Maßstäbe angelegt wie für Männer. Das Reichsjustizministerium verlangte bei Verfahren, in denen deutsche Frauen wegen des Umgangs mit ausländischen Arbeitern oder mit Kriegsgefangenen angeklagt waren, mit diesem Begriff zurückhaltend umzugehen. Ein Richter sollte „bei dem Motiv der Geschlechtsnot sehr vorsichtig sein, denn es muß von der deutschen Frau verlangt werden, daß sie sich beherrscht, zumal wenn es sich um Geschlechtsverkehr mit Kriegsgefangenen handelt".448 Die militärgerichtlichen Urteile belegen, dass einige Wehrmachtrichter diese Form der Selbstkontrolle auf sexuellem Gebiet nicht von den deutschen Soldaten einforderten. Der Hinweis auf die fehlende Gelegenheit zur Ausübung des Geschlechtsverkehrs tauchte auch dann als Erklärung in Urteilsbegründungen auf, wenn ein Wehrmachtsoldat eine Deutsche vergewaltigt hatte. 449 Dies verweist darauf, dass dieses Motiv bei Sexualstrafverfahren unabhängig von der Nationalität der Frau und dem Ort des Geschehens zum Tragen kam. Denn eine Vergewaltigung wurde beispielsweise von den Wehrmachtrichtern als eine ausschließlich sexuell motivierte Handlung verstanden und bewertet, die aufgrund ihrer gewaltsamen Ausprägung juristisch zu ahnden sei. Die damalige Interpretation unterscheidet sich markant von der heutigen Deutung von sexuellen Übergriffen, bei der die solchen Taten innewohnenden Elemente wie Aggression, Machtausübung, das Bedürfnis nach Unterwerfung und die 447 448 449 BA-Berlin/Lichterfelde NS 7/267, Bl. 1-6: SS-Sturmbannführer Bartels an Standartenführer Bender, 11. Juni 1944, als Beilage Auszug aus „Medizinische Welt Nr. 15/16, Wehrmedizin, Dr. Joachim Rost, Oberfeldarzt im Stabe eines Befehlshabers, .Sexuelle Probleme im Felde' vom 14. April 1943". Hervorhebung i.O. unterstrichen. Richterbriefe Nr. 6 vom 1. März 1943, Stellungnahme des Reichsministers der Justiz, in: Boberach (Hg.), Richterbriefe, S. 93. BA-ZNS S 265, Gericht der Division 159, Feldurteil vom 13. Juni 1941, BA-ZNS S 31, Gericht der 30. Division, Feldurteil vom 17. April 1943. In diesem Fall gestand das Gericht dem Angeklagten mildernde Umstände zu, weil er zwei Jahre lang keinen Heimaturlaub erhalten hatte.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 277 damit verbundene Demonstration von Geschlechterhierarchien stärker betont werden als der Sexualtrieb.450 6.5 SEXUALVERBRECHEN UND „RASSENSCHANDE" Die These von Stephen G. Fritz, ein deutscher Soldat sei bei intimen Kontakten mit russischen Frauen das Risiko eingegangen, wegen „Rassenschande" bestraft zu werden, lässt sich zumindest anhand der untersuchten Urteile zu Sexualdelikten nicht belegen.451 In keinem der Verfahren, in denen der gewaltsam erzwungene Geschlechtsverkehr mit einer sowjetischen Frau gerichtlich geahndet wurde, spielte dieses Vergehen eine Rolle. Mögliche Zuwiderhandlungen gegen die Gesetze zur „Rassereinheit" wurden von den Militärrichtern nicht thematisiert. Dies lässt sich zunächst mit einem Blick auf die entsprechenden rechtlichen Grundlagen genauer nachvollziehen. Das auf dem Nürnberger Parteitag beschlossene „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935 stellte sowohl Eheschließungen als auch den Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen „deutschen oder artverwandten Blutes" unter Gefängnis- oder Zuchthausstrafe.452 Obwohl in den Beratungen und Verhandlungen zu diesem Gesetz zunächst noch allgemein von „fremden" Rassen und vor allem von „farbigen" Menschen die Rede gewesen war, richtete sich das 1935 verabschiedete so genannte „Blutschutzgesetz" explizit nur gegen die Beziehungen zwischen „arischen" und jüdischen Personen. 453 Es war demnach bei Verhältnissen deutscher Soldaten mit Zivilistinnen in den besetzten Gebieten Frankreichs, Polens oder in der Sowjetunion nur anwendbar, wenn es sich bei den betreffenden Frauen um Jüdinnen handelte. Darauf hatte auch das O K H im Juni 1942 in einem Merkblatt über das Benehmen der Soldaten in den besetzten Ostgebieten hingewiesen. So müsse das „Verhalten gegenüber den Juden" nicht detaillierter erörtert werden, denn der „Geschlechtsverkehr mit Jüdinnen verstößt gegen das Rassegesetzt [sie] und 433 431 432 433 Vgl. zur gegenwärtigen Diskussion um die Fragenach „Sexual- und/oder Gezivj/'delikt?" Künzel, Vergewaltigungslektüren, S. 268-271. Fritz, Frontsoldaten, S. 100. Auch Birthe Kundrus betont, dass Soldaten, die mit sowjetischen Frauen intim wurden, „harte Strafen" drohten. Kundrus, Kriegerfrauen, S. 377. RGBl. I 1935, S. 1146f. Da Hitler grundsätzlich dem Mann die aktive und damit verantwortliche Rolle im Bereich der Sexualität zuschrieb, waren die Strafen nur für Männer vorgesehen, die Frauen sollten dagegen straffrei ausgehen. Allerdings sah die Praxis dann durch die an der Justiz vorbei eingeleiteten Schutzhaftmaßnahmen der Gestapo in vielen Fällen anders aus. Gruchmann, Justiz, S. 864-886; Hirsch/Majer/Meinck (Hg.), Recht, S. 350-360; Kershaw, Hitler 1889-1936, S. 702-721. Zur Umsetzung des Gesetzes siehe auch Essner, „Nürnberger Gesetze", S. 174-186,197-201,215-240. Bezüglich des Verbots von Eheschließungen zwischen Deutschen und „Personen [...] artfremden Blutes" wurden allerdings in einem Schreiben des Reichsministers des Innern, Wilhelm Frick, an die Landesregierungen sowie an die preußischen Standesämter am 3. Januar 1936 „Zigeuner" und Personen mit einem „Einschlag von Negerblut" aufgeführt. Zit. nach Horst Möller/Volker Dahm/Hartmut Mehringer (Hg.), Die tödliche Utopie. Bilder, Texte, Dokumente, Daten zum Dritten Reich, München 32001, S. 229.
278 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 zieht gerichtliche Ahndung nach sich".454 Aus diesem Grund sollten gemäß einer Anweisung des Heeresarztes beim O K H bei der Einrichtung von Wehrmachtbordellen in der Sowjetunion jüdische Frauen nicht als Prostituierte zugelassen werden - was selbstverständlich nicht ausschloss, dass dies doch manchmal geschah.455 Die einzigen Fälle aus den ausgewerteten Akten, bei denen die Bestimmungen des „Blutschutzgesetzes" verletzt worden waren, bezogen sich jedoch nicht auf die besetzten Gebiete der Sowjetunion, sondern auf Polen und auf das Deutsche Reich. Beim Gericht des Armeeoberkommandos 6 wurde ein Gefreiter wegen „Rassenschande" angeklagt, weil er sich im Februar 1941 mit Gonorrhöe infiziert hatte und als mögliche „Infektionsquelle" eine polnische Jüdin ermittelt wurde. Das Verfahren gegen den Mann wurde aber schließlich eingestellt, weil er dem Gericht glaubhaft machen konnte, dass die Frau nicht als Jüdin zu erkennen gewesen sei und er stattdessen angenommen habe, sie sei eine Volksdeutsche.456 Eine andere Anklage richtete sich gegen einen Gefreiten bei der 331. Infanterie-Division. Ihm wurde vorgeworfen, im Januar 1942 in einer polnischen Ortschaft in mehrere Wohnungen von Juden eingedrungen zu sein und eine jüdische Frau vergewaltigt zu haben. Das Urteil lautete schließlich auf vier Jahre Gefängnis wegen „Volltrunkenheit" nach § 330a RStGB, zuvor war der Soldat noch auf seinen Geisteszustand hin untersucht worden. 457 Die Straftatbestände „Notzucht" und „Rassenschande" nach § 2 des „Blutschutzgesetzes" wurden neben weiteren Vergehen wie Plünderung und rechtswidrigem Waffengebrauch zwar in der Urteilsbegründung aufgeführt, aber nicht gesondert geahndet, da sie nach Ansicht des Gerichts im Rauschzustand erfolgt seien. Bei der Heranziehung der entsprechenden Bestimmungen hätten die Richter sowohl für die Vergewaltigung wie auch für die „Rassenschande" eine Zuchthaus- oder sogar die Todesstrafe verhängen können. Der Rückgriff auf § 330a RStGB bedeutete also auch in diesem Fall eine Verringerung des Strafmaßes zugunsten des Angeklagten. Neben diesem Beispiel finden sich im „Ostbestand S" noch weitere Verfahren, in denen es um „Rassenschande" wegen des Geschlechtsverkehrs mit jüdischen Frauen ging, allerdings beziehen sich diese Akten auf nicht gewaltsame sexuelle Kontakte zwischen Soldaten und deutschen Jüdinnen. 458 Darüber hinaus sind in den Gnaden- und Bestätigungslisten einzelner Gerichte entspre434 455 436 437 438 BA-MA RH 26-6/67: Anlage 62 zu 6. Div., Abt. Ic, Nr. 169/42 geh., 26. Juni 1942, „Merkblatt für das Verhalten der deutschen Soldaten in den besetzten Ostgebieten". Hervorhebung i.O. unterstrichen. BA-MA H 20/825: Heeresarzt im O K H GenStdH/GenQu Nr. 1/13017/42, 20. März 1942, „Prostitution und Bordellwesen im besetzten Gebiet in Sowjetrußland", gez. Dr. Handloser, Punkt 5: „Jüdinnen sind auszuschließen." Die Bestimmung galt seit 1940 auch schon für Bordelle im besetzten Frankreich. BA-MA H 20/825: Heeresarzt im OKH, GenStdFI/GenQu Nr. 17150/40, 16. Juli 1940, „Prostitution und Bordellwesen im besetzten Gebiet Frankreichs." BA-ZNS RH 69/908, Gericht AOK 6, Akte Josef L. BA-ZNS S 391, Gericht der Oberfeldkommandantur 379, Feldurteil vom 23. Juni 1942, Bl. 3739: Gutachten der Neurolog. Abt., Res. Kriegslazarett 1 Lublin, 15. Juni 1942. BA-ZNS S 13, BA-ZNS S 17, BA-ZNS S 396.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 279 chende Einträge zu finden, die auf Verfahren wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit „Rassenschande" hinweisen. Da jedoch nur der Name, der Dienstgrad sowie das jeweilige Strafmaß angegeben sind, lassen sich anhand dieser Vermerke keine weiteren Erkenntnisse dazu gewinnen. Insbesondere kann anhand dieser Daten nicht geklärt werden, ob die Taten in einem der besetzten Gebiete oder während eines Heimaturlaubes im Deutschen Reich verübt worden waren.459 Eine Bestrafung unabhängig von der Anwendung des „Blutschutzgesetzes" war auch möglich, wenn zusätzliche militärische Vorschriften über Kontakte zur Zivilbevölkerung erlassen worden waren. So wurde beispielsweise bereits nach dem Sieg gegen Frankreich in einer Anordnung der 6. Infanterie-Division über das Verhalten der Besatzungsarmee „jeder gleichwie geartete Verkehr mit Andersrassigen (Juden, Negern, Mischlingen)" für tabu erklärt. Die Nichtbeachtung der Anweisung, so der Tenor des Schriftstücks, könne hart geahndet werden.460 Daneben existierten sowohl bei der Wehrmacht als auch insbesondere bei der SS Richtlinien eher grundsätzlicher Natur, die intime Kontakte deutscher Soldaten mit Frauen der besetzten Gebiete unterbinden sollten oder auch konkret untersagten.461 Das Gericht der 1. Panzer-Division warf im August 1940 einem Gefreiten in der Urteilsbegründung wegen „Notzucht" vor, er hätte sich trotz der „wiederholten Belehrungen der Truppe über korrektes Verhalten in sexueller Beziehung der französischen Zivilbevölkerung gegenüber" nicht davon abhalten lassen, eine Frau zu vergewaltigen.462 Und ein Unteroffizier, ebenfalls Angehöriger dieser Division, der im Juni 1940 eine 30 Jahre alte Französin mit der Waffe bedroht und vergewaltigt hatte, musste vor Gericht eingestehen, dass ihm „das strenge Verbot, mit Frauen des feindlichen Auslands geschlechtlich zu verkehren, bekannt" gewesen sei.463 Ähnliche Bestimmungen existierten auch für die Sowjetunion. Bereits im Mai 1941 hatte das OKW in 439 460 461 462 463 BA-ZNS RH 20-6 G/4, Bl. 10, Nr. 200/41: Hier lauten die Einträge „Notzucht" und „Rassenschande"; BA-ZNS RH 20-6 G/3, Nr. 67/41, Nr. 150/41. Diese beiden Urteile enthalten nur den Hinweis auf „Rassenschande". Bis 1940 wurden 1.911 Personen im Deutschen Reich aufgrund dieses Gesetzes verurteilt. Gruchmann, Justiz, S. 879. BA-MA RH 26-6/3, Bl. 61:6. Div., Kommandeur, Nr. 205/40 geh., „Verhalten der Besatzungstruppe in der Öffentlichkeit", 12. Juli 1940. Für SS-Angehörige bestanden zusätzlich zum „Blutschutzgesetz" noch weitere Bestimmungen, die Rcichsführer-SS Heinrich Ffimmler erlassen hatte. Im April 1939 verbot er den Angehörigen von SS und Polizei „jede geschlechtliche Verbindung mit Frauen und Mädchen einer anderrassigen [sie] Bevölkerung". Auch in einem Sammelerlass vom August 1942 kam er auf das Problem zu sprechen. So sollte Geschlechtsverkehr mit einer Polin als „militärischer Ungehorsam" gerichtlich bestraft werden. Wenn ein SS-Mann in den besetzten Gebieten im Osten mit einer Frau Intimkontakt habe, so sollten ihm derartige Vorfälle zur persönlichen Entscheidung vorgelegt werden. BA-Berlin/Lichterfelde NS 7/3, Bl. 9-20: RFSS, Hauptamt SS-Gericht, SS-Reichsamt, 4. Sammelerlaß, 1. April 1940, Befehl vom 19. April 1939, Zitat Bl. 15; BA-Berlin/Lichterfelde NS 7/5, Bl. 84-129: RFSS u. Chef der Deutschen Polizei, Hauptamt SS-Gericht Ib 153/12 Tgb. Nr. 517/42, Zwölfter Sammclcrlaß, 1. August 1942, Zitat Bl. 90. BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 18-20: Feldurteil vom 29. August 1940, hier Bl. 20. Ähnlich auch BA-ZNS S 162, Gericht der 15. Div., Bl. 16-18: Feldurteil vom 17. Januar 1941. BA-ZNS S 208, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 13f.: Feldurteil vom 21. Juni 1940, Zitat Bl. 14. Da er durch seine Tat das „Ansehen der Wehrmacht" schwer beschädigt habe, wurde er trotz seiner
280 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Anordnungen zur Weisung Nr. 21 Vorschriften über das Auftreten der Soldaten in Russland bekannt gegeben. Vor allem im Kontakt mit Zivilisten und im „Verhalten gegenüber Frauen" sei „größte Vorsicht geboten", denn einige Russen verstünden die deutsche Sprache.464 In diesem Zusammenhang war vor allem an die Gefahr von Spionage gedacht worden, deswegen waren der Wehrmacht solche Beziehungen ein Dorn im Auge.465 So berichtete die Abteilung Ic der 6. Infanterie-Division im März 1943 über Verhältnisse zwischen deutschen Soldaten und Zivilistinnen und beklagte sich, diese nähmen „stellenweise Formen an, die einmal das Ansehen der Wehrmacht schädigen, zum anderen aber auch eine sehr große Gefahr für die Geheimhaltung in sich bergen". 466 Exemplarisch nannte der Bericht Soldaten, die einheimischen Frauen Informationen zur Frontsituation oder Angaben über die Zahl der Verwundeten weitergegeben hatten. Offenkundig wurden also Weisungen wie die des Oberbefehlshabers der 11. Armee, General der Infanterie Erich von Manstein, nicht befolgt. Dieser hatte am 20. November 1941 in einem Befehl über die Art der Kriegführung gegen die Sowjetunion und über die künftige Nutzung des Landes auch zur „Zurückhaltung gegenüber [...] dem anderen Geschlecht" aufgefordert und ein unerbittliches Eingreifen bei „Verwilderung und Undisziplin" verlangt.467 Zwar richteten sich einige Militärrichter danach und verwiesen auch in ihren Urteilsbegründungen darauf, dass solche Regeln von den Angeklagten nicht befolgt worden seien.468 Insgesamt wurde aber die Tatsache, dass deutsche Soldaten durch die Verübung eines Sexualverbrechens die gebotene „Zurückhaltung" verletzt und mit französischen, polnischen oder sowjetischen Frauen geschlechtlich verkehrt hatten, nicht als ein besonders schwerwiegender Verstoß gegen die militärische Disziplin angesehen. Auch Verfehlungen gegen das „Blutschutzgesetz" in den besetzten Gebieten wurden laut der hier untersuchten Akten nur zwei Mal Gegenstand von militärgerichtlichen Verhandlungen. Unabhängig von der Möglichkeit, dass die erwähnten Einträge in den Straflisten ebenfalls auf solche Verfahren hinweisen und sich damit die Zahl noch erhöhen würde, deutet die letztlich überaus geringe Zahl der gefundenen Urteile darauf hin, dass bisherigen guten Leistungen als Soldat zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Richter erkannten ihm darüber hinaus noch die bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre ab und versetzten ihn in den niedrigsten Mannschaftsgrad. 4M Oberkommando der Wehrmacht WFSt/Abt. L (IV/Qu), Nr. 44560/41 g. K. Chefs., Besondere Anordnungen Nr. 1 zur Weisung Nr. 21 (Fall „Barbarossa"), Anlage 3: Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Rußland, 19. Mai 1941, abgedr. in Ueberschär/Wette (Hg.), „Unternehmen Barbarossa", Dok. 7, S. 312. 463 Kundrus, Kriegerfrauen, S. 377. 4( * BA-MA RH 26-6/70: Anlagenband zum Tätigkeitsbericht der Abt. Ic, KTB Nr. 7, Anlage 95, 6. Div., Abt. Ic Nr. 142/43 geh., 31. März 1943. 467 IMT, Bd. 34, S. 129-132, Dokument 4064-PS: Armeeoberkommando II, Abt. Ic/AO Nr. 2379/41 geh., 20. November 1941, gez. von Manstein, Zitat S. 132. 468 BA-ZNS S 313, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 2: Tatbericht Art.-Rgt. 182, 12. Battr. an Gerichtsherrn der 82. Inf.Div., 18. Dezember 1943. Ähnlich auch BA-ZNS S 152, Gericht der Panzergruppc 3, Bl. 14-17: Feldurteil vom 3. November 1941, hier Bl. 17: „Er [der Angeklagte, B.B.] wusste, nach seinem eigenen Geständnis, dass jeder nähere Verkehr mit der russ. Zivilbevölkerung verboten war."
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 281 die Wehrmachtgerichtsbarkeit das Delikt „Rassenschande" und allgemein auch die intimen Kontakte mit Frauen vor allem in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und Polens nicht besonders intensiv verfolgte.469 Die offenbar zurückhaltende Tätigkeit der Gerichte in diesen Bereichen erscheint besonders auffällig, wenn ein Vergleich mit der Situation im Deutschen Reich und der Ahndung solcher Beziehungen im Zusammenhang mit den „Fremdarbeitern" gezogen wird. 6.6 EXKURS: DOPPELTE MORAL AN DER „HEIMATFRONT" Während des Zweiten Weltkrieges wurden schätzungsweise zwischen neun und zehn Millionen ausländische Arbeiter und Arbeiterinnen sowie Kriegsgefangene aus Belgien, Frankreich, Italien, Polen und aus der Sowjetunion im Deutschen Reich vor allem in der Rüstungsindustrie, im Bergbau und in der Landwirtschaft eingesetzt. Allein aus den eroberten Gebieten der UdSSR wurden bis 1944 ungefähr 2,8 Millionen Menschen als so genannte „Ostarbeiter" ins Reich verschleppt, dazu kamen noch 2,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene.470 Trotz der negativen und abwertenden Propaganda über die als „Feinde" und als „Untermenschen" charakterisierten Zwangsarbeiter musste die nationalsozialistische Führung bald erkennen, dass sich das Verhältnis zwischen der deutschen Bevölkerung und ihnen - insbesondere das der Frauen zu den ausländischen Männern - enger entwickelte, als ihr recht war.471 Sie schritt deshalb mit drakonischen Maßnahmen ein und erließ verschiedene Gesetze, um den Umgang und insbesondere sexuelle Beziehungen mit Kriegsgefangenen und „Fremdarbeitern" ahnden zu können. Laut § 4 der „Verordnung zur Ergänzung der Strafvorschriften zum Schutz der Wehrkraft des Deutschen Volkes" konnte derjenige mit Gefängnis oder sogar mit Zuchthaus bestraft werden, der „mit einem Kriegsgefangenen in einer Weise Umgang pflegt, die das gesunde Volksempfinden gröblich verletzt". 472 Diese diffuse und für eine willkürliche Auslegung sehr geeignete Vorschrift führte dementsprechend in vie'''' Dieses Ergebnis stimmt auch mit den Untersuchungen von Rass bezüglich der Deliktstruktur beim Gericht der 253. Infanterie-Division überein. Unter allen bei diesem Gericht verzeichneten strafbaren Handlungen findet sich kein Verfahren wegen „Rassenschande" beziehungsweise wegen Verletzung des „Blutschutzgcsetz.es". Rass, „Menschenmatcrial",S. 443f., Tabelle-A 37. '° Bis August 1944 liegen konkrete Daten vor, die Zahl der Zwangsarbeiter belief sich zu diesem Zeitpunkt auf mehr als 7,6 Millionen. Für die gesamte Kriegszeit gibt es nur eine Hochrechnung. Herbert, Fremdarbeiter, S. 315, 430; ders., Geschichte, S. 145; Rolf-Dieter Müller, Die Zwangsrckruticrungvon „Ostarbeitern". 1941-1944, in: Michalka(Hg.), Der Zweite Weltkrieg, S. 772-783, Zahlen S. 774f. Über den Einsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen in den einzelnen Bereichen im Deutschen Reich siehe Streit, Keine Kameraden, S. 191-288. 71 Steinen, Hitlers Krieg, S. 103, 426f., 592. Der SD meldete 1943 einen vermehrten Anstieg solcher Fälle. Bobcrach (Hg.), Meldungen, Bd. 14, S. 5337-5341, SD-Berichte zu Inlands-Fragen vom 10. Juni 1943. 72 „Verordnung zur Ergänzung der Strafvorschriften zum Schutz der Wehrkraft des Deutschen Volkes. Vom 25. November 1939, RGBl. I 1939, S. 2319.
282 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 len Fällen zu Verurteilungen von Deutschen wegen des Kontakts zu einem Kriegsgefangenen. Hitler selbst war eigentlich gegen die Bestrafung von Frauen wegen dieses Deliktes, da diese seiner Auffassung zufolge grundsätzlich nicht zur Verantwortung gezogen werden könnten, wenn es um sexuelle Dinge gehe. Allerdings wurden diese Vorstellungen nicht von der Justiz übernommen, die in Verfahren wegen solcher Delikte anders verfuhr.473 Die Straflosigkeit der beteiligten Frau hatte Hitler zuvor bei den Vergehen gegen das „Blutschutzgesetz" durchsetzen können, allerdings umging die Gestapo auch diese Bestimmung, indem sie die betreffenden Frauen einfach ohne ein gerichtliches Verfahren in Schutzhaft nahm.474 Auch bei kleineren Verstößen gegen die erwähnte Ergänzungsverordnung zum „Schutz der Wehrkraft" wurden vergleichsweise harte Strafen von den Gerichten ausgesprochen. So mussten Frauen, die aus Mitleid Lebensmittel an Kriegsgefangene abgaben oder ihnen sonst in irgendeiner Art und Weise behilflich waren, damit rechnen, zu einer Geld- oder sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. In den Fällen, in denen der verbotene Geschlechtsverkehr mit englischen oder französischen Männern nachgewiesen worden war, verhängten die zuständigen Richter ein- oder mehrjährige Zuchthausstrafen.475 Die Stellungnahmen des Reichsministers der Justiz, Otto Georg Thierack, zu derartigen Beziehungen verdeutlichen die Intention, die hinter dem Gesetz stand: „Der Geschlechtsverkehr einer deutschen Frau mit einem Kriegsgefangenen ist wegen seiner besonderen Würdelosigkeit und Ehrvergessenheit, vor allem aber wegen der sich daraus erfahrungsgemäß ergebenden persönlichen Abhängigkeit und Hörigkeit als Vorläufer von Flucht und Spionage der Gefangenen stets besonders schmachvoll und gefährlich und muß deshalb - sofern nicht besondere Milderungsgründe vorliegen - grundsätzlich als schwerer Fall mit Zuchthaus bestraft werden. In solchen Fällen wird auch regelmäßig auf Ehrverlust zu erkennen sein. [...] Der Geschlechtsverkehr einer verheirateten Frau, deren Ehemann oder Angehörige im Felde sind, wiegt im allgemeinen deshalb besonders schwer, weil zu der Würdelosigkeit gegenüber der Volksgemeinschaft noch der Treubruch gegenüber dem Ehemann und der Verrat an den auch für diese Frau kämpfenden Soldaten hinzukommt."476 Allerdings zeigten die harten Strafen nicht die beabsichtigte abschreckende Wirkung: die offizielle Zahl der wegen dieses Deliktes verurteilten Personen stieg allein von 1.909 im Jahr 1940 auf 4.345 im Jahr 1941.477 Einige Autorinnen gehen von jährlich bis zu 10.000 Frauen aus, denen der verbotene Um473 474 475 476 477 Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 238f. Gruchmann, Justiz, S. 881-886. Boberach (Hg.), Richterbriefe, S. 81-87. Richterbriefe Nr. 6 vom 1. März 1943, Stellungnahme des Reichsministers der Justiz, in: ebd., S. 92f. Siehe auch Wahl, Richterbriefe, S. 43-45, der die Ausführungen als widersprüchlich bezeichnet. Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 218. Allein im dritten Quartal 1942 wurden mehr als 2.460 Urteile ausgesprochen, in acht Fällen wurde die Todesstrafe verhängt. Boberach (Hg.), Richterbriefe, S. 82, Anm. 1.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 283 gang mit Kriegsgefangenen vorgeworfen wurde. 478 Dies dokumentiert zum einen, wie wenig der nationalsozialistische Staat trotz einer massiven Strafandrohung und Strafpraxis im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen letztlich regulierend eingreifen konnte. Zum anderen verweisen diese Zahlen auch auf die permanente Überwachung und Kontrolle des Privatlebens deutscher Frauen während des Krieges. Denn oftmals wurden Beziehungen zu Gefangenen oder ausländischen Zwangsarbeitern nur aufgrund der Denunziationen von Seiten der Nachbarschaft oder der Arbeitskollegen bekannt. 479 Insbesondere die Fürsorgerinnen „fühlten sich verpflichtet, über die sittliche Moral der .Krieger- und Soldatenfrauen' zu wachen, damit die Männer an der Front nicht durch das Verhalten ihrer Frauen demoralisiert würden und ihre Kampfmoral verlören".480 Während die erwähnten Zuchthausstrafen für Frauen vor allem für Beziehungen zu westeuropäischen Männern galten, ergingen in Bezug auf die polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter eigene „Polenerlasse" sowie Anordnungen Himmlers zur Überwachung der „Ostarbeiter", die noch weitaus schärfere Maßnahmen vorsahen.481 Polnische Männer, die sexuelle Beziehungen zu deutschen Frauen unterhielten, unterlagen seit dem Sommer 1940 der so genannten „Sonderbehandlung" und damit der Ermordung durch die Gestapo.482 Ihren Partnerinnen drohte dagegen eine Zuchthausstrafe oder im schlimmsten Fall die Einweisung als „Bettpolitische" in ein Konzentrationslager. War eine Frau schwanger, so sollte „bei fehlender rassischer Eignung" das Kind abgetrieben werden.483 Auch weibliche Jugendliche waren strengen Vorschriften ausgesetzt. So wurden minderjährige Mädchen, die mit „Fremdarbeitern" intime Kontakte pflegten, in das „Jugendschutzlager" Uckermark gebracht. In einigen Fällen wurden sie wie auch die erwachsenen Frauen vorher noch öffentlich an den Pranger gestellt, indem ihnen der Kopf kahl geschoren wurde und sie mit einem Schild, das den entsprechenden Hinweis auf die verbotene Beziehung enthielt, durch ihren Heimatort laufen mussten.484 Ge478 479 483 481 482 483 484 Bock, Zwangssterilisation, S. 439; Elisabeth D. Heineman, What Differcnce Does a Husband Make? Women and Marital Status in Nazi and Postwar Germany, Berkeley 1999, S. 59. Heineman, Women and Marital Status, S. 57f.; Herbert, Fremdarbeiter, S. 1441. Zit. nach Angelika Ebbinghaus, Dokumentation. Stimmungsberichte der Oberfürsorgerinnen im Krieg 1939-1943, in: dies. (Hg.), Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1996, S. 142-187, Zitat S. 144. Vgl. auch ebd., S. 152; Weyrather, Muttertag, S. 112-117. Die Überwachung der „Moral" von Frauen fand bereits im Ersten Weltkrieg statt. Kundrus, Kriegerfrauen, S. 162f., 200-203. Ausführungen zum Zweiten Weltkrieg ebd., S. 374-393. Über die „Polenerlasse" Herbert, Fremdarbeiter, S. 85-95. IMT, Bd. 31, S. 500-512. Dok. 3040PS: Erlass Himmlers über verschärfte Maßnahmen der SP zur Überwachung der Ostarbeiter. Siehe auch Bock, Zwangssterilisation, S. 438f. Die entsprechenden Anweisungen waren durch Himmler ergangen. Gruchmann, Justiz, S. 689694; Herbert, Fremdarbeiter, S. 148-150. In den Fällen, in denen „Rasseexperten" des Rasseund Siedlungshauptamtes der SS einen Polen als „,eindeutschungsfähig"' ansahen, erfolgte die Einweisung in ein Konzentrationslager. Zit. nach Heinemann, „Rasse", S. 489-493, Zitat S. 493. Bock, Zwangssterilisation, S. 439; Heinemann, „Rasse", S. 488, 499f., Zitat S. 499. Hepp, Vorhof, S. 249; Wagner, Volksgemeinschaft, S. 376-384. Zur Bedeutung des „Scherens" als Bestrafung für nicht konformes weibliches Verhalten siehe Drolshagen, Nicht ungeschoren
284 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 maß einem Erlass Himmlers vom Januar 1940 sollten derartige Aktionen der Bevölkerung nicht durch die Polizei unterbunden werden.485 Auch polnischen sowie sowjetischen „Fremdarbeiterinnen", die mit deutschen Männern Geschlechtsverkehr hatten, drohte auf unbestimmte Zeit die Inhaftierung in einem Konzentrationslager oder in einem Zuchthaus. Darüber hinaus wurden einige polnische Frauen aufgrund dieses Vergehens in eines der Lagerbordelle für Zwangsarbeiter gebracht, die auf Anregung des Reichsführers-SS eingerichtet worden waren. Da Himmler befürchtete, dass „diese Millionen Ausländer" Kontakte zu deutschen Frauen aufnehmen würden, sprach er sich für die Prostituierten und ihre „zwar im deutschen Interesse nützliche, sonst aber wenig erfreuliche Betätigung" aus.486 Bis Ende 1943 existierten bereits an die 60 solcher Bordelle für ausländische Arbeiter.487 Zwar waren auch für deutsche Männer, die mit „fremdvölkischen" Arbeiterinnen Beziehungen unterhielten, drei Monate Haft in einem Konzentrationslager vorgesehen, offenbar kam es aber in den ersten Jahren des Krieges nicht zu zahlreichen Verurteilungen.488 Laut Angermund wurden erst im Winter 1944 einige Männer wegen dieses Vergehens ohne vorheriges Gerichtsverfahren durch die Gestapo in Konzentrationslager verschleppt.489 Der Zeitpunkt verweist darauf, dass dieses harte Vorgehen gegen männliche Bürger maßgeblich durch die sich immer weiter verschlechternde militärische Lage beeinflusst war. Die Maßnahmen zur Disziplinierung der eigenen „Volksgenossen" wurden nun verschärft. Die unterschiedliche Bestrafung deutscher Frauen und Männer wegen ihrer intimen Beziehungen oder auch nur wegen persönlicher Kontakte zu ausländischen Arbeitern und Arbeiterinnen an der „Heimatfront" zeigt, dass Frauen grundsätzlich einer strengeren Sexualmoral unterworfen waren als ihre männlichen Mitbürger. Dies gilt in noch stärkerem Ausmaß, wenn die Verhältnisse im Deutschen Reich mit denen an der Front verglichen werden. Während für Angehörige der Wehrmacht Bordelle eingerichtet und ihnen von politischer wie militärischer Führung das Ausleben sexueller Bedürfnisse weitgehend zugestanden wurde, sollten verheiratete Frauen auch bei lang andauernden Trennungen prinzipiell die Treue wahren und ledige Frauen oder davonkommen, S. 35-55. Beispiele auch bei Margarete Dörr, „Wer die Zeit nicht miterlebt hat ..." Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach, 3 Bde., Frankfurt/Main 1998, Bd. 2: Kriegsalltag, S. 162f. Gerhard Wysocki, Lizenz zum Töten. Die ,Sonderbchandlungs'-Praxis der Stapo-Stclle Braunschweig, in: Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann (Hg.), Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. „Heimatfront" und besetztes Europa, Darmstadt 2000, S. 237-254, hier S. 240. Heibcr (Hg.), Rcichsführer!, S. 135, Dok. 132: Himmler an SS-Gruppcnführcr Flerbert Backe, Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, 30. Juli 1942. In dem Schreiben ging es um Lcbensmittelzulagen für diese Prostituierten. Zur Einrichtung der Bordelle siehe BA-MA H 20/840: Abschrift, OKW, Nr. 2675/41 geh., AWA/WV (IV b) an OKH (Ch H Rüst u. BdE), OKM, RdL u. ObdL, „Schaffung von Bordellen für fremdländische Arbeiter", 27. Januar 1942. Vgl. auch Bock, Zwangssterilisation, S. 4391. Herbert, Fremdarbeiter, S. 236; Paul, Zwangsprostitution, S. 117-130. Herbert, Fremdarbeiter, S. 148, 236; Dörr, Frauenerfahrungen, Bd. 2, S. 169. Angermund, Deutsche Richterschaft, S. 185.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 285 Mädchen die „Kampfmoral" der Truppe nicht durch einen lockeren Lebenswandel untergraben. Kam es dennoch zu Kontakten mit „fremdländischen" Männern, dann wurde die Einhaltung der nationalsozialistischen „Rassengesetze" unnachsichtig überwacht und bei nichtkonformem Verhalten dementsprechend drakonisch geahndet.490 6.7 D I E „GESCHLECHTSEHRE" DER FRAUEN In einigen Urteilen zitierten die Richter nicht nur den Wortlaut der §§ 176 und 177 RStGB, um die Verurteilung oder das Strafmaß zu begründen, sondern sie gingen darüber hinaus noch konkreter auf das durch die Straftat verletzte „Rechtsgut"491 ein: die so genannte weibliche „Geschlechtsehre". Zwar sollte das deutsche Strafgesetzbuch grundsätzlich ohne Einschränkung herangezogen werden, wenn Wehrmachtangehörige sich im Ausland eines Verbrechens oder Vergehens nach den Bestimmungen des Reichsstrafgesetzbuches schuldig gemacht hatten.492 Dennoch blieb den Militärgerichten bei einer entsprechend individuellen Auslegung und Deutung des Begriffs „Geschlechtsehre" noch ein großer Spielraum für die Bewertung und damit auch für die Bestrafung von Sexualverbrechen. Wie der Vergleich von Verfahren aus unterschiedlichen Ländern ergab, stellte in diesem Zusammenhang die Nationalität einer vergewaltigten oder sexuell misshandelten Frau in den Augen einiger Wehrmachtrichter ein wesentliches Kriterium dar, um die Schwere einer Tat zu definieren. Das Konstrukt der weiblichen „Geschlechtsehre" als Gegensatz zur männlichen Ehre und ihre Konzeption im Sinne einer Sozialdisziplinierung reichen weit in die Vergangenheit zurück. Bereits in der Frühen Neuzeit wurden der gesellschaftliche Status und die Identität einer Frau über ihr sexuelles Verhalten definiert und bestimmt. Im Wesentlichen bezeichnete dieser Begriff die sexuelle Integrität, die sich teilweise in der Bewahrung der „Jungfräulichkeit" bis zur Ehe äußerte, die aber zumindest durch eine voreheliche Enthaltsamkeit und im Falle einer Heirat durch die Treue der Frau ihrem Ehemann gegenüber gekennzeichnet war. Wurde eine Frau Opfer einer Vergewaltigung, bestand das Verbrechen weniger in der Zufügung von körperlichen oder seelischen Verletzungen als vielmehr im Verlust ihrer „Ehre". So genannten „ehrlosen" Frauen, wie zum Beispiel Prostituierten, konnte dieses „Gut" durch eine Sexualstraftat nicht genommen werden, deshalb gingen in diesen Fällen die Täter häufig straffrei aus. Grundsätzlich war es die Aufgabe der Frau, ihre „Geschlechtsehre" zu wahren und die entsprechenden Moralvorschriften einzuhalten.493 490 491 492 493 Zum Gesamtkomplex Bock, Zwangssterilisation, S. 438-451; Gruchmann, Justiz, S. 689-694; Kundrus, Kriegerfrauen, S. 384-393. Beispiele auch bei Bleuel, Reich, S. 265-272. Kunze, Strafbemessung, S. 123. Siehe Kapitel IV. Zur historischen Entwicklung und Deutung des Begriffs siehe Hommen, Sittlichkeitsverbrechen, S. 48-53; Isabel V. Hüll, Sexualstrafrecht und geschlechtsspezifische Normen in den deut-
286 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 Wie stark diese historisch gewachsene Sichtweise auch in den Verfahren vor Militärgerichten im Zweiten Weltkrieg noch zum Tragen kam, zeigt sich bereits in der Art und Weise, wie die Zeuginnen zum Teil bezüglich ihres moralischen Rufs überprüft wurden. In der nationalsozialistischen Rechtsauffassung wurde der Begriff der „Geschlechtsehre" aber noch wesentlich weiter gefasst, wie der Exkurs über die Beziehungen deutscher Frauen mit „fremdländischen" Männern verdeutlicht hat. Sexuelle Kontakte wurden vom Regime als „deutschfeindliches Verhalten" charakterisiert und zugleich kriminalisiert, weil das „ehrlose" Benehmen der Frauen in dessen Augen einen Angriff auf die „arische Volksgemeinschaft" darstellte. Als „Hüterin der Art" oblag es der deutschen Frau, den „Volkskörper" rein zu halten und für „rassisch" wertvollen Nachwuchs zu sorgen.494 In den Verfahren, in denen es um Sexualverbrechen an italienischen oder französischen Frauen ging, wurde die Verletzung der weiblichen „Geschlechtsehre" dagegen im traditionellen Sinne interpretiert. So bemerkte das Militärgericht der 29. Panzer-Grenadier-Division im Februar 1944, die italienische Bevölkerung sei sehr darauf bedacht, junge Mädchen vor allzu frühzeitigen Intimkontakten zu schützen. Die dreifache Vergewaltigung einer etwa 15-jährigen Italienerin durch drei Angehörige der Wehrmacht stelle unter diesem Gesichtspunkt also eine besonders schwerwiegende Tat dar und beeinträchtige das bislang einvernehmliche Verhältnis zwischen den Zivilisten und der deutschen Armee. 495 Das gleiche Gericht wies einige Monate später in einem anderen Verfahren wegen „Notzucht" nochmals auf die Verletzung dieses Rechtsgutes hin. So sei es notwendig gewesen, eine hohe Strafe zu verhängen, denn die Soldaten hätten unter anderem „in höchst eigennütziger Weise die Geschlechtsehre der Italienerin verletzt [...]".4% Diese Betonung der sexuellen Integrität italienischer Frauen durch ein Militärgericht reiht sich einerseits in die bereits erwähnten Konzepte von vorehelicher Keuschheit ein. Sie steht aber andererseits in einem auffälligen Kontrast zu der brutalen Behandlung der Zivilbevölkerung nach der Besetzung Italiens durch deutsche Truppen im September 1943. Im Rahmen der Repressionsmaßnahmen und bei der so genannten „Bandenbekämpfung" kamen 494 493 494 sehen Staaten des 17. und 18. Jahrhunderts, in: Ute Gerhard (Hg.), Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 1997, S. 221-234, hier S. 230; Koch, Frau im Recht, S. 85-90; Ute Frevert, „Mann und Weib, und Weib und Mann". Geschlechter-Differenzen in der Moderne, München 1995, S. 187-212; Susanna Burghartz, Rechtejungfrauen oder unverschämte Töchter? Zur weiblichen Ehre im 16. Jahrhundert, in: Karin Hausen/Heide Wunder (Hg.), Frauengeschichte - Geschlechtergeschichte, Frankfurt/Main 1992, S. 173-183. Zit. nach Bock, Zwangssterilisation, S. 121. Vgl. auch ebd., S. 116-140; Herbert, Fremdarbeiter, S. 93. Über die Prüfungen zur Ehetauglichkeit und damit auch Gebärfähigkeit siehe Czarnowski, Ehe- und Sexualpolitik, S. 173-215; Majer, Grundlagen, S. 607. BA-ZNS S 161, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Feldurteil vom 9. Februar 1944. Das Mädchen wurde vom Gericht nicht vernommen, das genaue Alter ist daher nicht bekannt. BA-ZNS S 190, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 15f.: Feldurteil vom 11. September 1944, hier Bl. 16.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 287 zahlreiche italienische Männer, Frauen und Kinder um, die zum Teil vor ihrer Ermordung noch sadistischen Grausamkeiten nicht nur seitens der Angehörigen der SS, sondern auch seitens der Wehrmachtsoldaten ausgesetzt waren. Dabei kam es zu Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen.497 In diesen Fällen wurde also einigen Zivilisten nicht nur jegliche Ehre, sondern auch das Anrecht auf Leben abgesprochen, während in dem zitierten Gerichtsverfahren die Richter die Verletzung der „Geschlechtsehre" einer Italienerin als einen wesentlichen Strafbemessungsgrund interpretierten. Diese Rechtsauslegung stellte jedoch eher eine Ausnahme dar. Denn zahlreiche andere Verfahren deuten darauf hin, dass die Wehrmachtgerichte durchaus die Strafhöhe bei der Ahndung von Sexualverbrechen unter anderem von der Nationalität der Opfer abhängig machten. So nahmen die Richter bei der 7. Panzer-Division in einem Verfahren wegen „Notzucht" zwar nicht explizit auf die „Geschlechtsehre" der Frau Bezug, begründeten aber die Zubilligung mildernder Umstände damit, „daß bei den Franzosen das Sittlichkeitsempfinden nicht so scharf ausgeprägt ist als bei den Deutschen [...]".498 Diese Ausführungen verweisen zum einen auf die bereits im Zusammenhang mit der Charakterisierung von französischen Zeuginnen relevanten Klischees über die angeblich frivole Lebensart der Franzosen, zum anderen deuten sie an, dass die Vergewaltigung im Vergleich zu einem deutschen Fall als weniger schwerwiegend angesehen wurde. Im Rechtsgutachten zum Urteil wurde die verhängte Strafe von 18 Monaten Gefängnis jedoch noch als zu hoch eingeschätzt, aufgrund der Kriegs- und Besatzungsverhältnisse und im Hinblick auf „die niedrigere Moral des frz. Volkes" würden „derartige Sittlichkeitsdelikte in etwas milderem Licht erschei'< 4 9 ' ) nen . Auch das Gericht der 709. Infanterie-Division erwähnte in einem Prozess wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses durch unzüchtige Handlungen" die weibliche Ehre nicht konkret, berief sich aber bei der Festlegung der Strafhöhe explizit darauf, dass es sich bei der Geschädigten nicht um eine Deutsche, sondern um eine Französin handle. Dies wurde dem Angeklagten ebenso zugute gehalten wie die Tatsache, dass er acht Kinder hatte.500 In diesen und anderen Verfahren in Frankreich wurden teilweise die Angriffe auf die weibliche sexuelle Integrität bagatellisiert, indem auf angeblich lockere Moralvorstellungen verwiesen wurde. Zwar wurde die „Ehre" deutscher Frauen von den Richtern grundsätzlich als ein höherwertigeres und bedeutsameres Gut eingestuft, doch vermitteln die Ausführungen dazu den Eindruck, dass westoder südeuropäischen Frauen das Vorhandensein einer „Geschlechtsehre" 497 498 499 300 Siehe die zahlreichen und detaillierten Schilderungen in Schreiber, Deutsche Kriegsverbrechen, S. 93-213. Vgl. auch die Ausführungen dazu im Kap. IL BA-ZNS S 167, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. llf.: Feldurteil vom 16. Juli 1940, hier Bl. 12. Ebd., Bl. 13: Rechtsgutachten vom 21. Juli 1940. Die Strafe wurde auf ein Jahr Gefängnis herabgesetzt. Ebd., Bl. 20: Bestätigung des Gerichtsherrn vom 31. August 1940. BA-ZNS S 137, Gericht der 709. Inf.Div., Bl. 16-21: Feldurteil vom 27. Juli 1942, hier Bl. 21. Der Angeklagte erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr.
288 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 und das Anrecht auf Verteidigung derselben prinzipiell zugestanden wurde. In den besetzten Gebieten der Sowjetunion galten diese Voraussetzungen nicht, wie die folgenden Beispiele zeigen: Im August 1941 waren zwei Angehörige des Schützen-Regiments 6 vor dem Gericht der 7. Panzer-Division wegen „Notzucht", rechtswidrigem Waffengebrauch und Plünderung angeklagt. In der Verhandlung ergab sich aufgrund der Zeugenaussagen, dass einer der beiden, der Obergefreite Heinz P, eine 29 Jahre alte Russin mit der Pistole bedroht hatte und sie hinter ihrem Haus laut Tatbericht dazu zwang „mit ihm den Beischlaf auszuüben". Der andere Soldat wartete in der Zwischenzeit vor dem Gebäude und passte offenbar auf, dass sein Kamerad nicht gestört wurde. Die Frau selbst hatte bei ihrer Vernehmung angegeben, dass beide Männer bewaffnet gewesen seien, deswegen hätte sie „wohl oder übel den Vorgang stattfinden lassen" müssen.501 All dies sowie die weiteren Tatumstände lassen wenig Zweifel daran, dass es zu einer Vergewaltigung gekommen war und der Obergefreite die Frau mit seiner Waffe entsprechend eingeschüchtert hatte. Auch der Vertreter der Anklage forderte in der Verhandlungssitzung zwei Jahre Gefängnis wegen „Notzucht". Das Gericht kam jedoch zu einer ganz anderen Einschätzung des Geschehens, dabei spielte die Tatsache, dass die Frau der sowjetischen Zivilbevölkerung angehörte, eine zentrale Rolle. Zunächst wurde der Tatbestand der Vergewaltigung nach § 177 RStGB bestritten, denn Heinz P. habe die Pistole nicht mehr auf die Frau gerichtet, als er sie aufforderte, mit ihm hinter das Haus zu gehen. Sie habe, so das Gericht, keinerlei Zeichen von Widerstand gezeigt, sondern sich „dort ohne weiteres von ihm gebrauchen lassen". Zwar sei der Geschlechtsverkehr nur aufgrund der vorausgegangenen Bedrohung mit der Waffe erfolgt. Aber dem Angeklagten könne nicht mehr nachgewiesen werden, dass ihm dieser Zusammenhang bewusst gewesen sei. Er könne deshalb nicht wegen einer Vergewaltigung, sondern wegen „Nötigung zur Unzucht" nach § 176,1 RStGB belangt werden. Nach dieser schon reichlich bemüht wirkenden Rekonstruktion der Ereignisse, bei der das Wohlwollen des Gerichts dem Obergefreiten gegenüber deutlich erkennbar ist, zeigte sich bei der Strafzumessung noch die Geringschätzung der Frau seitens der Richter. Sie sahen von einer Zuchthausstrafe ab und bezeichneten eine Gefängnisstrafe von acht Monaten als „angemessen", da „der Angeklagte sonst ein ordentlicher Soldat ist, geständig ist, und seine Pflicht sowohl im Westeinsatz wie im gegenwärtigen Einsatz bisher voll erfüllt hat. Auch musste strafmildernd berücksichtigt werden, dass die hohe Strafdrohung des § 176 RStGB in der deutschen Auffassung über die Geschlechtsehre der deutschen Frau seine Rechtfertigung findet, dass aber dieses Strafmass dann nicht voll zur Anwendung kommen kann, wenn, wie es hier der Fall ist, die verletzte Frauensperson einem Volk angehört, dem der Begriff der Geschlechtsehre der Frau nahezu völlig entschwunden ist".502 501 302 BA-ZNS S 269, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 2: Schützen-Regiment 6, Tatbericht vom 18. August 1941, Bl. 5: Regimentsstab, Vernehmung von Maria M., 16. August 1941. Ebd., Bl. 18-23: Feldurteil vom 19. August 1941, Zitate Bl. 21-23.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 289 Die Richter verwiesen also zunächst ebenfalls darauf, dass ein Sexualverbrechen an einer Deutschen grundsätzlich rigoroser zu bestrafen sei als eine vergleichbare Tat, die an einer ausländischen Frau begangen werde. Während aber ihre Kollegen im Falle der italienischen Zivilistin die spezifisch nationale Bedeutung der „Geschlechtsehre" berücksichtigten und bezüglich der Französin das „Sittlichkeitsempfinden" als weniger deutlich „ausgeprägt" interpretierten, wurde die Gültigkeit entsprechender Moralbegriffe bei der sowjetischen Bevölkerung unverblümt bestritten. Eine ähnliche Charakterisierung von nationalen Eigenheiten wurde bereits im Ersten Weltkrieg vorgenommen. Robert L. Nelson hat deutsche Soldatenzeitungen aus dieser Zeit ausgewertet und eine klare Hierarchisierung in der Darstellung von Frauen an der West- und an der Ostfront festgestellt. So sei zwar bereits damals den Französinnen ein „Mangel an Sittlichkeit und Treue" unterstellt worden, doch habe ihnen gegenüber letztlich noch ein gewisses Maß an Respekt bestanden. Dagegen würden die Beschreibungen polnischer und russischer Frauen eindeutig abwertende Merkmale aufweisen. Diese reichten von der Behauptung, „Slawinnen" seien schmutzig und arbeitsscheu, bis hin zu der Unterstellung, sie wären „zu jeglicher Hurerei" bereit.503 Diese traditionellen und durch die nationalsozialistische Propaganda noch stärker rassistisch gefärbten Stereotype von der „Minderwertigkeit" der slawischen Bevölkerung tauchten in den Urteilsbegründungen bezüglich der moralischen Werte wieder auf. Die dortigen Ausführungen ähneln in gewisser Weise einigen Äußerungen, die am Anfang des Krieges von Seiten militärischer Befehlshaber bezüglich der Kriegführung an der Ostfront gemacht wurden. Im November 1941 erließ der Oberbefehlshaber der 17. Armee, Generaloberst Hermann Hoth, einen Befehl über das Verhalten der Wehrmachtsoldaten im Osten. Er betonte darin die Gegensätze zwischen der deutschen und der sowjetischen Armee, warnte vor „Mitleid" gegenüber der Zivilbevölkerung und hob in diesem Zusammenhang das deutsche „Ehr- und Rassegefühl" hervor. In der Sowjetunion herrsche dagegen die „Mißachtung sittlicher Werte". 504 Auch die Richter der 35. Infanterie-Division hingen offenbar einer ähnlichen ideologischen Denkweise an. Sie verhandelten im Oktober 1943 gegen einen Gefreiten, der laut Tatbericht und späterem Urteil in zwei russischen Ortschaften mehrere Frauen und Mädchen durch Drohung mit seiner Pistole dazu gezwungen hatte, sich vor ihm auszuziehen. Unter dem Vorwand, er sei ein Arzt, tastete er dann die nackten Frauen ab. Diese Handlungen erfüllten laut Gericht den Tatbestand der „Nötigung zur Unzucht" nach § 176, 1 RStGB. Bei der Strafbemessung gestanden die Richter dem Soldaten mil303 504 Robert L. Nelson, Deutsche Kameraden - Slawische Huren. Geschlechterbildcr in den deutschen Feldzeitungen des Ersten Weltkrieges, in: Karen Hagemann/Stefanie Schüler-Springorum (Hg.), Heimat - Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt/Main 2002, S. 91 -107, Zitate S. 101. Armee-Oberkommando 17, la Nr. 0973/41 geh., „Verhalten der deutschen Soldaten im Ostraum", Oberbefehlshaber Hoth, 17. November 1941,abgedr. in Ueberschär/Wettc(Hg.), „Unternehmen Barbarossa", Dok. 21, S. 341-343, Zitate S. 341. Vgl. Förster, Sicherung des „Lebensraumes", S. 1052f.
290 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 dernde Umstände zu, weil er unter anderem seit Dezember 1942 keinen Heimaturlaub mehr erhalten hatte. Die Strafe von einem Jahr Gefängnis und Rangverlust ergab sich jedoch aus der folgenden Überlegung heraus: „Die sehr hohe Strafandrohung des § 176 RStGB. soll deutsehe Frauen vor verbrecherischen Angriffen gegen ihre Frauenehre schützen. Dieser Gesichtspunkt fällt bei Vergehen gegenüber russischen Frauen fort. Sie sind nicht so zart, dass durch ein Erlebnis, wie der Angeklagte es ihnen bereitet hat, dauernder seelischer Schaden entstehen könnte. Das Gericht hat daher bei der Festsetzung der Strafhöhe ausschliesslich die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der Disziplin im Auge gehabt."505 Explizit erklärten auch diese Richter den Anspruch einer sowjetischen Frau auf die rechtliche Ahndung eines Sexualdelikts für nichtig und erkannten ihr damit das Recht auf den Schutz ihrer sexuellen Integrität ab.506 Der Verweis auf die scheinbare Robustheit der Frauen erinnert wiederum an Klischees, wie sie innerhalb des deutschen Militärs bereits vor und während des Krieges über die Rote Armee verbreitet wurden. Dort war in Bezug auf den russischen Soldaten ebenfalls von dessen angeblicher Härte die Rede, er sei ,„sehr genügsam, wenig blut- und verlustscheu'". 507 Die Art und Weise, wie die Bestimmungen des Strafgesetzbuches in den beiden zitierten Verfahren von der Ostfront ausgelegt wurden, erscheint aus damaliger Sicht und im Lichte des Gerichtsbarkeitserlasses nur konsequent. Dieser erklärte die sowjetische Bevölkerung grundsätzlich für vogelfrei, indem das O K W die Strafbarkeit von Verbrechen deutscher Soldaten im Wesentlichen von militärischen Interessen abhängig machte. Die Ansicht, dass sich sowjetische Frauen bezüglich der Auffassungen von Sexualität und Moral von deutschen oder auch französischen Frauen unterschieden, war nicht nur bei den Militärrichtern an der Front verbreitet. In einem Gnadengesuch zugunsten eines Panzerschützen, der wegen Vergewaltigung, Nötigung und Plünderung in Russland zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, versuchte der eingeschaltete zivile Rechtsanwalt das Sexualverbrechen abzuschwächen, indem er auf das angeblich zwanglose Verhältnis zwischen deutschen Soldaten und russischen Frauen verwies. Es sei „wohl richtig [...], dass die russische Frau in geschlechtlicher Hinsicht von deutschen Soldaten an sich für zugänglich gehalten werden kann, so dass eine eigentliche Gewaltanwendung nicht nötig fiel, um den Geschlechtsverkehr zu erreichen".508 303 506 307 308 BA-ZNS S 152, Gericht der 35. Inf.Div., Bl. 9f.: Feldurteil vom 24. Oktober 1943, hier Bl. 9. Der Mann fiel mehrmals gerichtlich auf, in seiner Akte finden sich noch zwei weitere Verurteilungen. Vgl. Kap. V, 3. Ähnlich auch BA-ZNS S 182, Gericht der 129. Inf.Div., Bl. 19-21: Feldurteil vom 15. November 1942, hier Bl. 21: „Wäre die Tat gegenüber einem deutschen Mädchen begangen worden, so hätte der Angeklagte eine schwere Strafe zu erwarten gehabt." Zit. nach Andreas Hillgruber, Das Rußland-Bild der führenden deutschen Militärs vor Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion, in: Hans-Erich Volkmann (Hg.), Das Rußlandbild im Dritten Reich, Köln 21994, S. 125-140, hier S. 137. Schriftliche Stellungnahme des Chefs des Generalstabes der 4. Armee, Blumentritt, am 8. Mai 1941. BA-ZNS S 243, Gericht der 7. Pz.Div., Gnadenheft Alfred M., Bl. lf.: Schreiben von Rechtsanwalt E.W. an die Direktion der Strafanstalten/Männerzuchthaus Bruchsal, 28. September
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 291 Er befürworte deshalb eine Umwandlung der Zuchthausstrafe in eine Gefängnisstrafe. Die Äußerung des Anwalts erscheint angesichts der Tatumstände äußerst anmaßend. Denn das Gericht hatte in der Verhandlung festgestellt, dass der Soldat in dem russischen Dorf Worotyschino mehrere Frauen unter vorgehaltener Pistole dazu gezwungen hatte, sich vor ihm auszuziehen. Auch bei der Vergewaltigung einer der Frauen hatte er offenbar seine Waffe stets griffbereit neben sich. Die Gewaltanwendung war in diesem Falle also keine körperliche, etwa durch Schläge, doch wurden die Frauen von einem deutschen Soldaten, erkennbar auch an dem Stahlhelm, den er trug, mit einer Schusswaffe bedroht. 509 Die Richter selbst hatten in ihrer Urteilsbegründung auf die weibliche „Geschlechtsehre" angespielt. Diese werde zwar „nach russischen Begriffen anders gewertet [...] als nach deutscher Anschauung", dennoch seien die Taten des Soldaten auch von den russischen Frauen „als in höchstem Grade schamverletzend empfunden" worden. 510 Die angeblich unterschiedliche Bedeutung der „Geschlechtsehre" wurde von den Militärrichtern dann auch bei der Bemessung der Strafhöhe mit berücksichtigt. Für die letztlich ausgesprochene Zuchthausstrafe waren jedoch andere Faktoren ausschlaggebend gewesen. Der Angeklagte hatte von vornherein aufgrund seiner schlechten militärischen Beurteilung und der ihm vom Gericht unterstellten charakterlichen Mängel eine ungünstige Position inne. Da er kein Geständnis ablegte, die Beweislage aber hauptsächlich aufgrund der Aussagen von „Angehörigen des Feindstaates" erdrückend war und er so als Täter eindeutig überführt werden konnte, sprach ihm das Gericht die soldatische Würde ab.511 Die eingangs zitierten Beispiele aus Urteilen von der Westfront zeigen, dass auch hinsichtlich der sexuellen Gewaltverbrechen an französischen und deutschen Frauen einige Militärrichter von diversen Klischees beeinflusst waren und die in den besetzten Gebieten verübten Taten als weniger schwerwiegend einstuften. Daneben verweist die Häufung von abwertenden Äußerungen über die sowjetische Auffassung von „Geschlechtsehre" darauf, dass zwischen West- und Ostfront entsprechend einer „rassischen" Hierarchisierung nochmals differenziert wurde. Grundsätzlich sahen die Richter den eigentlichen Sinn der entsprechenden Paragraphen des Strafgesetzbuches darin, Sexualverbrechen gegen deutsche Frauen „angemessen" bestrafen zu können. Bei den weiblichen Angehörigen von „Feindstaaten" erachteten sie es deshalb nicht für notwendig, denselben Maßstab anzulegen. Ausgehend von bestimmten nicht nur spezifisch nationalsozialistischen - Vorurteilen und Stereotypen in Bezug auf die einzelnen Länder, bewerteten sie das Recht von Frauen auf die Wahrung und den Schutz ihrer sexuellen Integrität unterschiedlich. In nord-, west- oder südeuropäischen Ländern erkannten die Wehrmachtgerichte das 1942, hier Bl. 1. Das Gnadengesuch wurde abgelehnt. Ebd., Bl. 18: Schreiben des Gerichtsherrn vom 18. Januar 1943. 309 BA-ZNS S 243, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 29-38: Feldurteil vom 27. August 1941. 510 Ebd., Bl. 37. 31 ' Vgl. auch BA-ZNS S 334, Gericht der 339. Inf.Div., Bl. 19-25: Feldurteil vom 28. April 1942.
292 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Bestehen einer weiblichen „Ehre" im Wesentlichen an. Dagegen befanden sie diese bei russischen Frauen nicht für besonders schützenswert, und einige der Juristen bestritten sogar gänzlich die Existenz eines solchen Rechtsguts in der Sowjetunion. 6.8 ABSCHRECKUNG UND PRÄVENTION In den Urteilsbegründungen verwiesen manche Richter auf ihre Absicht, durch ein hohes Strafmaß eine abschreckende Wirkung zu erzielen, um andere Soldaten von ähnlichen Taten abzuhalten. Teilweise bildeten dabei bereits kurze Zeit vorher verübte Sexualverbrechen im Zuständigkeitsbereich des Gerichts den Anlass, deren Verbreitung zu betonen und die präventive Zielsetzung des Urteils zu verdeutlichen.512 Trotz einer ähnlichen Begründung von Seiten der Gerichte konnte aber je nach Tatumständen, militärischer Lage und abhängig von der Person des Angeklagten die Strafe unterschiedlich hoch und damit ungleich exemplarischer ausfallen. Anfang Juni 1940 stand ein Kanonier des Artillerie-Regiments 251 vor dem Gericht der 251. Infanterie-Division in Lille. Er hatte eine Französin, Mutter von zwei Kindern, in deren Haus im Beisein des Ehemannes geschlagen und im Ehebett vergewaltigt. Der Angeklagte leugnete zunächst, dass er überhaupt am Tatort gewesen sei und berief sich dann auf Erinnerungslücken wegen „Volltrunkenheit". Aufgrund der Aussagen der französischen Familie und eines anderen deutschen Kanoniers wurde er aber der „Notzucht" für schuldig befunden. In Bezug auf die Strafhöhe betonten die Richter, sie könnten dem Soldaten keine mildernden Umstände gewähren, obwohl er bisher noch nicht „einschlägig" vorbestraft sei. Aber er habe eine „kaum zu überbietende Rohheit und Hemmungslosigkeit an den Tag gelegt" und zudem das „Ansehen der Wehrmacht im Feindesland erheblich geschädigt". Angesichts der Tatsache, „daß in letzter Zeit derartige Fälle von Vergewaltigungen mehrfach vorgekommen sind, mußte auch aus Abschreckungsgründen eine erhebliche Freiheitsstrafe verhängt werden". Da der Mann schon drei Disziplinarstrafen erhalten hatte, sah das Gericht letztlich eine Zuchthausstrafe von vier Jahren für notwendig an, die der zuständige Gerichtsherr in dieser Form bestätigte.513 Das Verfahren verweist zum einen darauf, dass noch während der Kampfhandlungen in Frankreich mehrere ähnliche Sexualverbrechen durch deutsche Soldaten verübt worden und zumindest auch bekannt geworden waren - ob in diesen Fällen auch Gerichtsverfahren eingeleitet wurden, ist anhand der Akte nicht ersichtlich. Zum anderen lassen die Ausführungen des Gerichts erkennen, dass die Militärrichter gewillt waren, neben den anderen zitierten Gründen auch deswegen ein hartes Urteil zu fällen. 312 313 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./179, Bl. 1 lf.: Feldurteil vom 8. September 1944. Das Gericht berief sich hier auf weitere Fälle von Vergewaltigung, die jedoch nicht geahndet werden konnten, weil die Verantwortlichen nicht zu ermitteln gewesen waren. BA-ZNS S 226, Gericht der 251. Inf.Div., Bl. 12-14: Feldurteil vom 4. Juni 1940, Zitate Bl. 13.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 293 Als Beispiel für ein besonders hohes Strafmaß kann das Urteil gegen zwei Unteroffiziere durch das Gericht der 21. Panzer-Division gesehen werden. Beide hatten wegen mehrfach begangener Vergewaltigungen und Vergewaltigungsversuche an Französinnen zunächst die Todesstrafe erhalten, die dann auf dem Gnadenwege in eine 12-jährige und eine 10-jährige Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. Der zuständige Kriegsgerichtsrat hob in seiner Begründung unter anderem die beträchtliche Straffälligkeit innerhalb der neu gebildeten Panzer-Division hervor. Neben den zwei Angeklagten hatten noch drei weitere Angehörige dieser Division „schwere Sittlichkeitsverbrechen" an französischen Frauen begangen. Die Gefahr einer Nachahmung sei deshalb gegeben, wenn nur ein mildes Urteil gesprochen werde. 514 Im Vergleich zu den mehrjährigen Zuchthausstrafen, die insbesondere in Frankreich verhängt wurden, erscheinen jedoch einige Urteile und die darin geäußerte Intention, durch ein rigoroses Durchgreifen und entsprechend schwere Sanktionen solche Straftaten künftig zu verhindern, nicht sehr überzeugend, wenn letztlich nur kurze Gefängnisstrafen ausgesprochen wurden. So wies das Gericht der 1. Panzer-Division im August 1940 zwar auf sein Bemühen hin, mit der Strafe „andere durch ihre Härte wirksam abzuschrecken und vor ähnlichem Verhalten zu bewahren", da im Bereich der Division bereits mehrere Fälle von „Notzuchtverbrechen" vorgekommen seien. Es verhängte jedoch für die von einem 24 Jahre alten Gefreiten verübte Vergewaltigung drei Jahre Gefängnis und keine Zuchthausstrafe, weil diesem sein jugendliches Alter und seine bisherige soldatische Führung zugute gehalten wurden. Der zuständige Gerichtsherr bestätigte dieses Urteil und verfügte darüber hinaus noch, dass von der Strafe zunächst sechs Monate zu vollstrecken seien.515 Auch die im Juli 1940 gegen einen Oberkanonier verhängte Strafe von einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis wegen „Notzucht" erscheint vergleichsweise niedrig, wenn sie laut dem Gericht der 7. Panzer-Division „als ausreichende Sühne und zugleich als Abschreckung für die häufiger werdenden Sittlichkeitsverbrechen" dienen sollte.516 Zumal der Gerichtsherr die Strafe in ein Jahr Gefängnis abmilderte, von der wiederum nur drei Monate Haftzeit vollzogen werden sollten. Hier waren ebenfalls mildernde Umstände angenommen worden, unter anderem die bestehenden Kriegsverhältnisse sowie die Tatsache, dass es sich beim Opfer um eine Französin handelte.517 Noch deutlicher wird der krasse Unterschied zwischen der im Urteil geäußerten Absicht, eine präventive Wirkung auf andere Soldaten zu erzielen, und den tatsächlichen direkten Folgen für die Verurteilten anhand eines Verfahrens in Weißrussland. 314 513 316 317 BA-ZNS Gericht der 21. Pz.Div. (neu)/275, Bl. 58-69: Feldurteil vom 1. Oktober 1943, Zitat Bl. 66. Das Verfahren wird im Kapitel über die Todesurteile noch detailliert vorgestellt. BA-ZNS S 233, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 18-20: Feldurteil vom 29. August 1940, hier Bl. 20. BA-ZNSS 167, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 11 f.: Feldurteil vom 16. Juli 1940, hier Bl. 12. E.bd., Bl. 20: Gerichtsherr der 7. Pz.Div., Bestätigung vom 31. August 1940. Da der Verurteilte für zwei Monate in ein Lazarett eingeliefert worden war, erhöhte der Gerichtsherr im Januar 1941 die Vollstreckungszeit auf fünf Monate. Ebd., Bl. 36: Gerichtsherr der 7. Pz.Div., Verfügung vom 14. Januar 1941.
294 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Das Gericht der 95. Infanterie-Division hatte vier Obergefreite und einen Gefreiten, alle beim Artillerie-Regiment 195, wegen einer Gruppenvergewaltigung in Witebsk schuldig gesprochen. Vier Männer erhielten je eine zweijährige Gefängnisstrafe, der Gefreite wurde aufgrund seiner negativen Beurteilung durch den Vorgesetzten und seiner Vielzahl von Disziplinarstrafen als nicht mehr „wehrwürdig" angesehen und deshalb mit zwei Jahren Zuchthaus bestraft. In ihrer Urteilsbegründung hoben die Richter hervor: „Diese Gefängnisstrafe musste aber deutlich die Ablehnung für ein derartiges Verhalten der Angeklagten zum Ausdruck bringen. Des weiteren musste durch die Strafe den anderen Soldaten gezeigt werden, dass ein solches Verhalten nicht gebilligt werden kann. In der Stabsbatterie sind in letzter Zeit mehrfach gewalttätige Ausschreitungen gegenüber russischen Frauen vorgekommen, sodass Milde fehl am Platze zu sein scheint."518 Sie nahmen dabei auf andere Fälle Bezug, die verschiedenen Tatberichten zufolge wenige Tage vor und nach der verhandelten Straftat in zwei weiteren Orten aufgetreten waren. Dabei hatten mehrere Soldaten und zwei „Hilfswillige", bezeichnenderweise „Iwan I und Iwan III" genannt, zwei „Russenmädchen" vergewaltigt. Eine weitere russische Zivilistin war in einem Bunker das Opfer eines Vergewaltigungsversuchs durch zwei Männer geworden, die nur durch andere Anwesende an der vollständigen Ausführung ihres Vorhabens gehindert werden konnten. Die Straftaten hatten sich unter Alkoholeinfluss und zudem nach einer Unterweisung durch den Batterie-Führer ereignet, der das Aufsuchen von Häusern der einheimischen Bevölkerung strikt untersagt hatte.519 Trotz dieser Verbreitung von Sexualdelikten, die sich in einem Abstand von nur wenigen Tagen abgespielt hatten, kamen vier der Soldaten im Vergleich zu ihrem Mittäter noch glimpflich davon. Denn der Gerichtsherr ordnete an, dass die zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Soldaten Gelegenheit erhalten sollten, sich an der Front zu bewähren. Die Vollstreckung ihrer Strafen wurde ausgesetzt. Da der Führer der Stabsbatterie und der Kommandeur des Artillerie-Regiments 195 den fünften Soldaten hinsichtlich seiner charakterlichen Eigenschaften äußerst geringschätzig beurteilten, verfügte der Oberbefehlshaber der 3. Panzerarmee die Umwandlung von dessen Zuchthaus- in eine Gefängnisstrafe und die anschließende Einweisung des Mannes in ein Feldstraflager.520 Damit bekam dieser die ganze Härte des Strafvollzugs der Wehrmacht 318 319 320 BA-ZNS S 150, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 15-17: Feldurteil vom 25. Februar 1944, hier Bl. 17; Bl. 36f.: Feldurteil vom 20. März 1944. Da einer der Beschuldigten bei der ersten Verhandlung nicht anwesend sein konnte, kam es gegen ihn erst im März zu einem Verfahren. Ebd., Bl. 7f.: IV Art.Rgt. 195, „Stellungnahme zu den vorstehenden Tatberichten", 23. Februar 1944, Zitat Bl. 7. Der zweite Fall ist durch eine entsprechende Akte im S-Bestand dokumentiert, vgl. BA-ZNS S 317, Gericht der 95. Inf.Div.: Zwei Männer wurden in einem ersten Verfahren wegen „Nötigung zur Unzucht" zu 6 Monaten Gefängnis beziehungsweise zu 6 Wochen geschärftem Arrest verurteilt. Das Urteil wurde aufgehoben, da die Strafen nicht der gesetzlichen Mindeststrafe entsprachen. Anschließend lauteten die Strafmaße ein Jahr Gefängnis beziehungsweise 6 Monate Gefängnis. BA-ZNS S 150, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 19,23f., 26 u. 40. Vgl. auch BA-ZNS S 84, Gericht der 208. Inf.Div.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 295 zu spüren, denn die Straflager waren vor allem für .„Wehrmachtsschädlinge'" oder ,„Verbrechertypen'" gedacht, bei denen eine erzieherische Wirkung durch andere Formen des Strafvollzugs als nicht Erfolg versprechend erschien.521 Obwohl der Kriegsgerichtsrat der 6. Panzer-Division im Januar 1943 in seiner Urteilsbegründung wegen „gemeinschaftlicher Notzucht" an vier russischen Frauen darauf verwies, dass bei weiteren solchen Fällen eine Gefahr für den Zusammenhalt der Truppe bestehe und angesichts der Situation an der Front eine solche Entwicklung unbedingt zu verhindern sei, blieb er beim Strafmaß an der unteren Grenze. Denn er verhängte nur die gesetzliche Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis und zugleich Rangverlust. Das Urteil wurde von General der Infanterie Karl Hollidt, Befehlshaber der Armeeabteilung Hollidt, bestätigt. Er setzte bei allen vier Verurteilten die Strafen zur Bewährung an der Front aus.522 Im Vergleich zu den eingangs beschriebenen Zuchthausurteilen erscheint die durch dieses Strafmaß beabsichtigte abschreckende Wirkung mehr als zweifelhaft. Die kurze Strafzeit und die sofortige Aussetzung derselben zur Bewährung sowie die Ausführungen des Gerichts, die Vergewaltigungen könnten die Sicherheit und Kampfkraft beeinträchtigen, müssen im Hinblick auf die militärische Lage gesehen werden. Zum Zeitpunkt des Gerichtsverfahrens waren es nur noch wenige Tage bis zur endgültigen Zerschlagung der 6. Armee in Stalingrad, die Wehrmacht benötigte also dringend Soldaten für die weiteren Winterschlachten, so dass dieses Militärgericht vor allem den zukünftigen militärischen Einsatz der Verurteilten im Auge hatte. 523 Bezüglich der präventiven Ausstrahlung solcher Urteile stellt sich die Frage, inwieweit die Wehrmachtangehörigen über die Verurteilungen anderer Soldaten im Zusammenhang mit Sexualverbrechen überhaupt Bescheid wussten. Immerhin gab es entsprechende Anweisungen der militärischen Führung, besonders schwere Fälle zur Abschreckung bekannt zu geben. Im April 1942 wurde ein solches Schreiben bis auf Divisionsebene verteilt. Keitel kündigte darin an, dass das O K H in Zukunft Gerichtsurteile zur Belehrung an die Truppe weitergeben würde, damit die Soldaten über die möglichen strafrechtlichen Folgen von Delikten und über die „Härte der Kriegsgesetze" Kenntnis erhielten. Dafür sollten vor allem Urteile ausgewählt werden, die für die Aufrechterhaltung von Disziplin und „Manneszucht" von besonderem Interesse seien.524 Die Sammlung von entsprechendem Material wurde auch auf Regi321 322 323 324 Zit. nach Walmrath, „Iustitia", S. 216, weitere Ausführungen dazu ebd., S. 224. Wüllner, NSMilitärjustiz, S. 708f., 785-796; Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 51. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./158, Begl. Abschrift von Abschrift, Bl. 2f.: Feldurteil vom 28. Januar 1943, Bestätigung am 13. Februar 1943. Zu Stalingrad siehe die operative Studie von Manfred Kehrig, Stalingrad. Analyse und Dokumentation einer Schlacht, Stuttgart 1974; zu den Winterschlachten 1942/1943 und Stalingrad siehe Bernd Wegner, Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43, in: DRZW, Bd. 6: Der globale Krieg. Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941 -1943, Stuttgart 1990, S. 761-1102, hier S. 962-1093. BA-ZNS RH 15 a G/10, Bl. 56: Abschrift O K H Heerwesen-Abteilung b. Gen zbV III Nr. 390/4.42, geh. vom 22. April 1942, gez. Keitel.
296 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 mentsebene durchgeführt, besonders relevante Urteile wurden in den Tagesbefehlen einzelner Divisionen verlesen.525 Bereits im Juni 1940 hatte ein Richter im Rahmen einer Verhandlung gegen einen Feldwebel, der wegen „Notzucht" zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, betont: „Dem Angeklagten, der Portepeeträger ist und dem aus den Bekanntmachungen der früheren Verurteilungen, die in der Division wegen Notzucht erfolgt sind, die schwere Strafbarkeit seiner Handlungsweise genau bewußt war, waren mildernde Umstände nicht zuzubilligen."526 Dies belegt, dass bei dieser Division zumindest dem Unteroffizierkorps die richterlichen Entscheidungen in Sexualstrafverfahren mitgeteilt wurden. Andererseits erwähnen ehemalige Angehörige der Wehrmacht, wie im Kapitel zum Forschungsstand aufgezeigt, im Zusammenhang mit sexueller Gewalt kaum solche Urteile, sondern neigen eher dazu, das Auftreten derartiger Übergriffe überhaupt zu verneinen.527 Zu berücksichtigen ist bei der Frage nach dem Abschreckungscharakter zudem, dass bei entsprechenden Verlautbarungen eventuell nur das Strafmaß mitgeteilt wurde und die Soldaten nicht erfuhren, was nach dem Verfahren mit dem Verurteilten weiter geschah. Da jedoch einige Straftäter ihre Strafe innerhalb der Division bei einem Strafvollstreckungszug verbüßten oder nach der Haftzeit wieder zu ihren Einheiten zurückkehrten, bekamen die Soldaten auch auf diese Weise einen Einblick in die Tätigkeit der Militärjustiz. O b sie dadurch jedoch, wie es die Militärgerichte in ihren Urteilen hervorhoben, von der Begehung diverser Delikte abgehalten werden konnten, muss letztlich offen bleiben.528 Obwohl die Gerichte ihre präventiven Absichten betonten, fielen die jeweiligen Strafmaße abhängig von der Beurteilung des Angeklagten, von den Tatumständen, vom Ort des Geschehens sowie von der militärischen Gesamtsituation unterschiedlich aus. Im Vergleich zu Prozessen wegen militärischer Vergehen, also wegen primärer Delikte, die die Interessen der Wehrmacht direkt bedrohten, wurde in Sexualstrafverfahren das Ziel der Abschreckung jedoch mit weniger drakonischen Mitteln verfolgt. Denn nicht nur in Fällen wie Fahnenflucht oder „Wehrkraftzersetzung", sondern auch beim Feldpostpäckchendiebstahl versuchte die Militärjustiz eine exemplarische Wirkung vor allem durch die Todesstrafe zu erzielen. „Manneszucht" und Abschreckung bildeten hier das „Idealpaar juristischer Begriffsautomatik".529 Zwar wurden 323 526 327 328 329 BA-ZNS S 269, Gericht der 7. Pz.Div., Bl. 24; BA-ZNS Gericht der 16. Pz.Div./427, Bl. 25: Armee-Oberkommando 10 an Gericht 16. Pz.Div., 15. November 1943. Das Urteil gegen drei Angehörige der Division, die wegen Vergewaltigung zu sieben und vier Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren, sollte auf Anordnung des Oberbefehlshabers bekannt gegeben werden. Vgl. auch Buchbender/Sterz (Hg.), Gesicht, S. 62, Brief 77. Ein Gefreiter berichtet hier über einen Unteroffizier, der für die Verübung mehrerer Sexualverbrechen zwei Jahre Gefängnis erhielt. BA-ZNS Gericht der 211. Inf.Div./58, Bl. 14-17: Feldurteil vom 23. Juni 1940, hier Bl. 17. Vgl. Kap. II, 1. Rass, „Menschenmaterial", S. 290-293. Messerschmidt/Wüllner, Wchrmachtjustiz, S. 98, 117f., Zitat S. 117. Vgl. auch die Beispiele bei Rass, „Menschenmaterial", S. 296-299.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 297 Todesurteile auch gegen Sexualstraftäter verhängt. Wie die Analyse dieser Verfahren aber noch aufzeigen wird, spielte im Hinblick auf die Höchststrafe der Gedanke der Prävention dabei nur eine untergeordnete Rolle, hier waren andere Faktoren ausschlaggebend. 6.9 D I E BEURTEILUNG DER ANGEKLAGTEN Oftmals stellten vor Gericht neben den bisher genannten Gesichtspunkten die Charakterisierung des Angeklagten und sein Auftreten in der Verhandlung die entscheidenden Kriterien für die Festlegung der Strafart sowie der Strafhöhe dar. Wenn die Soldaten einer bestimmten militärischen Norm entsprachen und bezüglich ihres bisherigen Kampfeinsatzes, ihrer disziplinarischen Führung und im Hinblick auf ihre Einfügung in die Truppe gute Beurteilungen aufzuweisen hatten, konnten sie eher damit rechnen, dass ihnen eine Sexualstraftat weniger stark angelastet wurde als jenen Männern, die aufgrund ungünstiger Bewertungen seitens ihrer Vorgesetzten oder aufgrund eines Vorstrafenregisters schon von vornherein eine schlechte Position inne hatten. So konnten beispielsweise Einsätze an vorderster Front und dabei erlittene Verwundungen auf die Kampfbereitschaft eines Soldaten verweisen und ihn als einen brauchbaren Mann auszeichnen, der nicht durch eine zu hohe Strafe und schon gar nicht durch eine Zuchthausstrafe aus der Wehrmacht entfernt werden sollte. Deutlich wird dies im Falle eines 30 Jahre alten Unteroffiziers, der im N o vember 1944 vor dem Gericht der 16. Panzer-Division stand. Er war beschuldigt worden, eine 48 Jahre alte polnische Bäuerin in einem Schützengraben vergewaltigt zu haben. In der Hauptverhandlung stellte sich nach Ansicht der Richter heraus, dass es beim Versuch der „Notzucht" geblieben war und sie verurteilten ihn schließlich wegen „Gewaltunzucht". Obwohl der Angeklagte selbst diese Tat hartnäckig bestritt und durch sein Auftreten bei den Richtern einen negativen Eindruck hinterließ, bekam er trotzdem aufgrund seiner militärischen Biographie mildernde Umstände zugestanden. Er hatte bereits am Einmarsch in Österreich im Frühjahr 1938 und später am Polenfeldzug teilgenommen. Danach wurde er an der Ostfront sowie beim Afrika-Korps eingesetzt und erlitt insgesamt fünf Verwundungen, darunter auch den Verlust eines Auges. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem das Verwundetenabzeichen in Gold, und wurde wegen „Tapferkeit vor dem Feinde" befördert. Zudem war er zum Zeitpunkt der Anklage nicht vorbestraft. Dies alles wies in den Augen der Richter darauf hin, dass der Angeklagte sich „als Soldat tapfer geschlagen" habe. Deshalb könne man keine Zuchthausstrafe gegen ihn verhängen, denn das würde den Ausschluss aus der Wehrmacht implizieren und der Armee ginge somit ein wertvoller Kämpfer verloren. Folglich lautete die Strafe auf ein Jahr und sechs Monate Gefängnis, obwohl der Anklagevertreter eine Zuchthausstrafe beantragt hatte.530 Zwar hatte der Un330 BA-ZNS Gericht der 16. Pz.Div./254, Bl. 15-17: Feldurteil vom 22. November 1944, Zitat Bl. 17.
298 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 teroffizier aufgrund seines Verhaltens und durch sein Leugnen vor Gericht nicht den Vorstellungen der Richter entsprochen, letztendlich gaben jedoch seine bisherigen militärischen Leistungen und sein Nutzen als menschliche „Ressource" den Ausschlag für das Urteil. Denn die militärische Lage gegen Ende 1944 machte es nach Ansicht des Gerichts offenbar notwendig, alle verfügbaren Kräfte an der Front einzusetzen. Die Rote Armee rückte zu dieser Zeit nach Ostpreußen vor, Frankreich war befreit worden und die alliierten Truppen befanden sich bei Aachen schon auf deutschem Territorium. Bis Ende Juli 1944 waren bereits 2,7 Millionen Soldaten umgekommen, im Herbst starben allein an der Ostfront täglich 5.000 Soldaten.531 Im September 1944 befahl Hitler angesichts der personellen Notlage die Aufstellung des „Deutschen Volkssturms", von nun an sollten alle Jungen und Männer von 16 bis 60 Jahren für die Verteidigung des Deutschen Reiches mobilisiert werden. 532 In einem anderen Fall war neben der positiven Bewertung des Angeklagten vermutlich ebenfalls die Kriegssituation ausschlaggebend für das niedrige Strafmaß. Ein Unteroffizier stand im März 1944 wegen Vergewaltigung einer russischen Frau vor dem Gericht der 336. Infanterie-Division und wurde nach § 330a RStGB, also wegen „Volltrunkenheit" verurteilt. Er wurde mit sechs Wochen Arrest unter verschärften Bedingungen bestraft, weil ihm das Gericht sein einwandfreies militärisches Verhalten, den Besitz des Eisernen Kreuzes I. Klasse und seine bisherige Straflosigkeit anrechnete. Diese an sich schon geringfügige Strafe wurde noch ausgesetzt, damit der Verurteilte sofort wieder an der Front eingesetzt werden konnte. 533 Inwieweit die Tatsache, dass es sich im ersten zitierten Prozess bei der angegriffenen Frau um eine Polin gehandelt hatte, ebenfalls zu der niedrigen Strafe beitrug, lässt sich nicht einschätzen. Auffällig ist aber, dass der gleiche Richter als Verhandlungsleitcr in einem anderen Verfahren gegen drei Angehörige der 16. Panzer-Division trotz einer ähnlich guten militärischen Beurteilung der Männer zu einem wesentlich höheren Strafmaß gelangte. Ein Unteroffizier und zwei Obergefreite waren für schuldig befunden worden, Ende Oktober 1943, als Italien bereits auf der Seite der Alliierten gegen Deutschland kämpfte 534 , eine 25 Jahre alte Italienerin nacheinander vergewaltigt zu haben. Zwei von ihnen erhielten eine Strafe von sieben Jahren, der dritte von vier Jahren Zuchthaus, weil das Gericht keinen Anlass für mildernde Umstände sah. Auch die Auszeichnungen und Beförderungen, die die Männer bei ihrer Teilnahme am Krieg gegen Polen, Frankreich und gegen die Sowjetunion erhalten hatten, konnten die Richter nicht zu einer Senkung des Strafmaßes be331 532 333 3,4 Overmans, Verluste, S. 319-321. lan Kershaw, Hitler. 1936-1945, Stuttgart 32000, S. 920-932. Zur Aufstellung des „Volkssturms" siehe Müller/Ueberschär, Kriegsende 1945, S. 42-51. BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./155, Bl. 14-16: Feldurteil vom 15.März 1944; Bl. ^ B e s t ä tigung des Gerichtsherrn vom 17. März 1944. Die Regierung unter Marschall Pietro Badoglio hatte Deutschland am 13. Oktober 1943 den Krieg erklärt. Gruchmann, Weltkrieg, S. 235-240. Über die deutsche Besatzung in Italien siehe Umbreit, Deutsche Herrschaft, S. 69-82.
6. Die Sicht der Wehrmachtrichter 299 wegen.535 Zwar handelte es sich hier um den Tatbestand „Notzucht", während es im ersten Fall laut Urteil beim Versuch blieb. Trotzdem hätte das Gericht auch dieses Delikt mit einer Zuchthausstrafe ahnden können, wie es der Anklagevertreter gefordert hatte. Vermutlich zeigten sich die Richter im zweiten Verfahren unnachgiebiger, weil die Taten keine Ausnahme darstellten, sondern sich zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Übergriffe gegen italienische Zivilisten ereignet hatten. So hatten andere Juristen dieser Division ebenfalls im Oktober 1943 darauf hingewiesen, dass Plünderungen und sexuelle Gewaltdelikte „an der Tagesordnung" seien und sich deutsche Soldaten ähnlich wie im Dreißigjährigen Krieg verhielten.536 Der Grund für die besondere Strafhöhe könnte hier also in der Absicht liegen, eine abschreckende Wirkung auf andere Soldaten zu erzielen. Zwar betonte auch das Gericht der 82. Infanterie-Division im Juni 1943 seinen Willen, mit der Verurteilung des Gefreiten Philipp W wegen „Notzucht" andere Soldaten von ähnlichen Taten abzuhalten, dennoch verhängte es keine Zuchthaus-, sondern eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren. Dabei brachte der Angeklagte auf den ersten Blick eher nachteilige Voraussetzungen mit. Er war wegen Eier- und Gelddiebstahls bereits zwei Mal mit Arrest bestraft worden, darüber hinaus hatte er offenbar wegen „fahrlässiger Körperverletzung" einer Russin schon einmal vor Gericht gestanden. Die Beschreibungen dieses Vorfalls weisen auf einen Vergewaltigungsversuch hin, die Akten gingen jedoch beim Rückmarsch verloren, so dass die Strafe nicht vollstreckt werden und auch das mit dem neuen Fall beschäftigte Gericht den genauen Sachverhalt nicht mehr nachvollziehen konnte. Der Gefreite wurde von der Sanitätskompanie, bei der er als Krankenträger im Einsatz war, als „primitiver, haltloser, asozialer Typ" beschrieben, der sich aber zugleich darum bemühe, „dienstwillig und fleissig" zu sein.537 Laut Urteilsbegründung berücksichtigten die Richter zwar die Vorstrafen und sein bisheriges Verhalten der russischen Zivilbevölkerung gegenüber. Sie fanden aber dennoch Gründe für die Zubilligung mildernder Umstände, weil der Angeklagte bereits vier Verwundungen erlitten hatte und ihrer Ansicht nach seinen Dienst bisher zur Zufriedenheit erfüllt habe. Zudem hatte er ein „offenes Geständnis" abgelegt, was die widersprüchlichen und zugleich ausgesprochen abfälligen Bemerkungen über seinen Charakter anscheinend relativierte.538 Wie diese Beispiele dokumentieren, bildeten für einen Soldaten seine bisherigen guten Leistungen und eine erkennbare Einsatzbereitschaft zwar nicht von vornherein eine Garantie dafür, eine niedrige Strafe zu erhalten. Grundsätzlich konnte ein Soldat aber seine Aussichten auf ein gemäßigtes Urteil verbessern, wenn er von seinem Vorgesetzten günstig beurteilt wurde und er zudem bei seiner Einheit beliebt war. Dagegen werteten die Militärgerichte etwaige Vorstrafen, schlechte Führungszeugnisse sowie ein uneinsichtiges Be333 336 337 338 BA-ZNS Gericht der 16. Pz.Div./427, Bl. 19-21: Feldurteil vom 1. November 1943. Zit. nach Schreiber, Deutsche Kriegsverbrechen, S. 53. BA-ZNS S 355, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. II: Auszug aus dem Strafbuch, Bl. III: Beurteilung durch San-Kp. (mot) 2/182, Zitate Bl. III. Ebd., Bl. 19f.: Feldurteil vom 8. Juni 1943, Zitate Bl. 20.
300 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 nehmen der Angeklagten manchmal als Argumente für eine Strafverschärfung. Besonders deutlich lässt sich das im Falle einer bereits erwähnten Gruppenvergewaltigung aufzeigen, bei der vier Obergefreite und ein Gefreiter vor dem Gericht der 95. Infanterie-Division wegen „gemeinschaftlicher Notzucht" angeklagt waren. Während die Obergefreiten überwiegend zufrieden stellende militärische Beurteilungen vorzuweisen hatten und nicht vorbestraft waren, galt der Gefreite als „verschlagen, frech und dickfellig". Er hinterließ vor Gericht insgesamt einen ziemlich ungünstigen Eindruck und „zeigte eine unsoldatische Haltung, wie man sie selten antrifft", was sich dann auf die Strafzumessung auswirkte. So wurden die Obergefreiten jeder zu zwei Jahren Gefängnis und Rangverlust verurteilt, der Gefreite erhielt jedoch für die gleiche Tat zwei Jahre Zuchthaus und damit eine wesentlich härtere Strafe als seine Kameraden. Während die als nützlich eingestuften Soldaten weiter „wehrwürdig" blieben, sollte der als nicht zur Unterordnung und Anpassung fähig eingeschätzte Mann im Sinne der „Tätertyplehre" der Truppe nicht mehr länger angehören. Die ihm vorgeworfenen charakterlichen Schwächen sollten offenbar im Rahmen der entehrenden Strafe korrigiert werden. 539 Denn auch die menschlichen „Qualitäten" eines Angeklagten sollten bei der Strafzumessung berücksichtigt werden. So hatte ein Autor der „Zeitschrift für Wehrrecht" bereits 1937 betont: „Die Eigenart des militärischen Täters, also seine Individualität, sein Charakter und Intellekt, aber auch seine körperliche Beschaffenheit, soll durch die Strafe sowohl getroffen, wie auch geschont werden. [...] Bei der Strafbemessung kommt es darauf an, wie der Charakter des Täters zur Zeit der Tat beschaffen ist, nicht, wie er so geworden ist. [...] Da aber dem Strafzweck auch der Besserungsgedanke vorschwebt, so darf die Strafbemessung auch Gleichungen anstellen, wieweit das Strafmaß hinreicht, charakterliche Auswüchse abzuschleifen. Das ist in militärischen Verhältnissen ganz besonders wichtig."540 Angesichts solcher Zielvorgaben trugen Charakterisierungen wie „innerlich haltlos", „unaufrichtig, rücksichts- und skrupellos" 541 , oder „unsauber, bei Kameraden unbeliebt" 542 sowie „zu allem fähig und unverbesserlich" 543 oftmals dazu bei, dass einige Richter im Vergleich zu anderen Verfahren wenig Entgegenkommen zeigten. Der „Tätertyplehre" entsprechend wurden aufgrund solcher Bewertungen auch Todesurteile verhängt, um die als „Schädlinge" eingeschätzten Soldaten nicht nur aus der Wehrmacht, sondern auch 339 340 341 342 343 BA-ZNS S 150, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 15-17: Feldurteil vom 25. Februar 1944, hier Bl. 16, sowie Bl. 36f.: Feldurteil vom 20. März 1944. Da einer der Angeklagten bei der ersten Verhandlung auf Urlaub war, wurde er in einem eigenen Verfahren verurteilt. Kunze, Strafbemessung, S. 129. BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./153, Bl. 20-24: Feldurteil vom 17. Dezember 1943, hier Bl. 21. BA-ZNS S 374, Gericht des Pz.A.O.K. 3, Bl. 14f.: Feldurteil vom 31. Mai 1944, hier Bl. 15. Der Angeklagte erhielt wegen versuchter Vergewaltigung einer russischen Frau als Strafe ein Jahr Gefängnis und Rangverlust. BA-ZNS S 334, Gericht der 339. Inf.Div., Bl. 19-25: Feldurteil vom 28. April 1942, hier Bl. 23.
7. Urteilsbestätigung und Strafvollstreckung 301 aus der „Volksgemeinschaft" zu entfernen. Diese Fälle bilden den Gegenstand des achten Kapitels; zunächst sollen jedoch die konkreten Auswirkungen der Urteile mit ihren unterschiedlichen Strafmaßen für die Verurteilten aufgezeigt werden. 7. URTEILSBESTÄTIGUNG UND STRAFVOLLSTRECKUNG Das schriftliche Urteil wies zwar darauf hin, wie ein Militärgericht die Schwere einer sexuellen Gewalttat mitsamt ihren Auswirkungen auf die Wehrmacht einstufte und wie es den „Wert" eines Angeklagten als Soldaten einschätzte. Es sagte aber in Bezug auf die Umsetzung der Strafe und das weitere Schicksal des Verurteilten nach dem Verfahren sehr wenig aus. 544 Denn es kam zunächst darauf an, ob das Strafmaß in dieser Form von dem zuständigen Gerichtsherrn überhaupt bestätigt wurde und welche Art der Strafvollstreckung er anordnete. Wie im Kapitel über die Militärgerichtsbarkeit ausgeführt, erhielt die Frage nach der Einsatzfähigkeit der Wehrmacht und damit nach der Verfügbarkeit von Soldaten mit zunehmender Dauer des Krieges immer mehr Gewicht. Die zahlreichen frontnahen und mobilen Strafeinrichtungen der Wehrmacht wie Feldstrafgefangenenabteilungen, Feldstraflager oder Bewährungsbataillone dienten in erster Linie dazu, die von der Militärgerichtsbarkeit verurteilten Soldaten möglichst schnell wieder dem Heer als „Menschenmaterial" 545 zuzuführen. Wehrmachtführung und Militärjustiz mussten dabei die „Faktoren Abschreckung, Wahrung der Disziplin und Kampfbereitschaft, Sühne und Ausschöpfen bzw. Erhalten der personellen Ressourcen" 546 gegeneinander abwägen. Während sich bei einigen der untersuchten Verfahren die Realisierung des Urteils genau zurückverfolgen lässt, da die Einstellungs- sowie Entlassungsscheine der Wehrmachtgefängnisse oder Straflager vorliegen, existieren für andere Fälle nur noch das Bestätigungsschreiben des zuständigen Gerichtsherrn und darüber hinaus keine weiteren Hinweise auf die Art der Strafvollstreckung. Die Bedeutung des Strafmaßes für die Soldaten kann daher nur exemplarisch für einige Fälle beleuchtet werden. Dabei kann zunächst die Schnelligkeit der militärgerichtlichen Tätigkeit, die Walmrath der Marinejustiz attestiert, also die relativ kurze Zeitdauer zwischen Tatbericht, Hauptverhandlung und Bestätigung des Urteils, durch die ausgewerteten Urteile in „Sittlichkeitsverfahren" bestätigt werden. 547 Dies verdeutlichen zwei Verfahren vor dem Gericht der 6. Infanterie-Division. Im ersten 344 343 546 547 Wüllner, NS-Wehrmaehtjustiz, S. 647-649 Rass, „Menschcnmaterial", S. 290f. Walmrath, „Iustitia", S. 210. Ebd., S. 383-393.
302 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Fall wurde gegen einen Gefreiten des Infanterie-Regiments 58 am 19. August 1940 ein Tatbericht wegen versuchter „Notzucht" eingereicht. Der Haftbefehl gegen den Soldaten erging am 22. August, nur einen Tag danach fand bereits die Hauptverhandlung sowie die Urteilsverkündung wegen „Volltrunkenheit" statt, und am 27. August 1940 erlangte das Urteil durch die Bestätigung des Gerichtsherrn Rechtskraft. 548 Innerhalb von nur acht Tagen war das gesamte Verfahren also abgeschlossen worden. Ähnlich zügig wurde gegen vier Unteroffiziere verhandelt. Der Tatbericht wegen „Notzucht" und wegen anderer Delikte wurde am 6. Juni 1941 erstattet, die Sitzung des Kriegsgerichts sowie der Urteilsspruch erfolgten am 14. Juni und einen Tag später wurde das Urteil bereits bestätigt. 549 Mehrheitlich belegen die Verfahren die „auf Tempo abgestellte" Vorgehensweise der Militärjustiz, was von Messerschmidt und Wüllner kritisch bemerkt wird. 550 O b sich diese Eile allerdings überwiegend zum Nachteil der Angeklagten auswirkte, wie die beiden Autoren meinen, lässt sich in Bezug auf Sexualstrafverfahren nur schwer einschätzen. Immerhin zeigen zahlreiche Prozesse, dass Zeugen verhört und beispielsweise in Frankreich Erkundungen über die Frauen eingezogen wurden. Auch medizinische Abklärungen durch Ärzte fanden - trotz der Kürze der Verfahren - in einigen Fällen statt. Diese dienten dazu, die mit Misstrauen aufgenommenen Aussagen der Angehörigen von „Feindstaaten" zu überprüfen, und sie konnten die Vorwürfe erhärten, was dann wiederum zuungunsten der Soldaten ausgelegt wurde. Wie die Übersicht zu den einzelnen Kriterien bei der Strafzumessung gezeigt hat, hatten die Richter jedoch noch zusätzliche Möglichkeiten, um ein Sexualverbrechen zu bagatellisieren und Milderungsgründe anzuführen, was einzelnen Angeklagten wieder zugute kam. Im Hinblick auf die Rolle der Gerichtsherren bleibt festzustellen, dass diese überwiegend die ihnen vorgelegten Urteile bestätigten. N u r in einigen Fällen kam es nach einem kritischen Rechtsgutachten zu einer zweiten oder gar zu einer dritten Verhandlung. 551 Mit der Billigung des Urteils erfolgte zugleich die Anordnung zur Strafvollstreckung, die je nach Täterprofil, Zeitpunkt, Frontsituation und militärischer Gesamtlage unterschiedlich ausfallen konnte. Für die meisten der Angeklagten resultierte sie jedoch in einer Teilverbüßung der Strafe und der Bewährung an der Front. 552 Christoph Rass hat für die von ihm untersuchte 253. Infanterie-Division nachgewiesen, dass tendenziell die kurzzeitigen Strafen von einigen Monaten ganz oder teilweise ausgesetzt worden seien, während die Gerichtsherren bei den langen Haftstrafen entweder die Vollstreckung der ganzen oder eines Großteils der Strafe angeordnet hätten. 553 Ein ähnliches Bild weisen auch die Bestimmungen für die Strafvollstreckung bei Urteilen wegen Sexualverbrechen auf. So wurde ein 348 349 350 331 352 333 BA-ZNS RH 26-6 G / l , Ersatz-Strafliste Gericht 6. Inf.Div., Nr. 254. Vgl. auch ebd., Nr. 299. BA-ZNS RH 26-6 G/2, Ersatz-Strafliste Gericht 6. Inf.Div., Nr. 177. Messerschmidt/Wüllner, Wehrmachtjustiz, S. 54-56. BA-ZNS S 317; BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./173, BA-ZNS S 213. Walmrath, „Iustitia", S. 568, hat für die Marinegerichte eine Bestätigungsquote des ersten Urteils von mehr als 86% ermittelt. Vgl. zur „Verbüßung" von Freiheitsstrafen Kap. IV. Rass, „Menschenmaterial", S. 285f.
7. Urteilsbestätigung und Strafvollstreckung 303 Schütze, der am 8. Juli 1940 durch das Gericht der 6. Panzer-Division wegen Plünderung und versuchter „Notzucht" zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war, zunächst in das Wehrmachtgefängnis Freiburg im Breisgau überführt und von da in die Wehrmachtgefangenenabteilung Leipheim. Dort blieb er bis zum September 1942, eine vorzeitige Strafaussetzung wurde wegen schlechter Führung nicht befürwortet. Erst am 9. April 1943, also zwei Jahre und neun Monate nach seiner Verurteilung, wurde die Vollstreckung der Strafe zugunsten der Bewährung an der Front ausgesetzt. 554 Diese Haftdauer verweist auf das Bemühen der Militärjustiz, hier die Strafzeit weitgehend zu realisieren. Vermutlich war in diesem Fall die Charakterisierung des Angeklagten von ausschlaggebender Bedeutung. Der Mann hatte in angetrunkenem Zustand versucht, eine Französin im Beisein ihrer drei Kinder zu vergewaltigen, und führte sein Vorhaben laut Urteilsschrift nur deshalb nicht zu Ende, weil die Frau zum Tatzeitpunkt ihre Menstruation hatte. Obwohl er nicht vorbestraft war, betonten die Richter im Prozess die „außerordentlich schlechte Beurteilung" des Schützen durch seine Vorgesetzten. Offensichtlich hatten auch die Leiter der Haftanstalten einen ähnlich ungünstigen Eindruck von ihm, so dass die Versetzung an die Front relativ spät erfolgte.555 Auch für andere Verfahren, die in Frankreich stattgefunden hatten, sind lange Vollstreckungszeiten dokumentiert. Der Obergefreite Armin Z. wurde im Mai 1943 wegen versuchter Vergewaltigung einer Französin zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis sowie Rangverlust verurteilt. Der zuständige Gerichtsherr ordnete den Vollzug der Strafe in einer Feldstrafgefangenenabteilung an.556 Am 17. Mai 1943 wurde Z. in das Wehrmachtgefängnis Freiburg im Breisgau eingeliefert und gelangte von dort als Panzergrenadier zum 1. Heeresgruppen-Bewährungs-Bataillon III, wo er bis zum 30. April 1944 blieb. Zehn Tage zuvor hatte der Gerichtsherr die Einstellung der Strafverbußung verfügt. Für die „Bewährung an der Front" wurde Z. dann zur 87. InfanterieDivision in Marsch gesetzt. Damit hatte er von seiner 18-monatigen Strafe mehr als elf Monate in der Feldstrafgefangenenabteilung verbracht. 557 Die Freistellung zur Frontbewährung erfolgte vergleichsweise spät, über die Gründe dafür liegen jedoch keine Hinweise vor. Ähnlich erging es dem Reiter Walter U. von der Veterinärkompanie 182, der Ende Juli 1942 vom Gericht der 82. Infanterie-Division wegen Vergewaltigung eines russischen Mädchens zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war.558 Der Gerichtsherr bestätigte das Urteil und bestimmte, dass die Strafe in einer Feldstrafgefangenenabtei- 334 333 536 337 358 BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./145, Bl. 25: Wehrmachtgefängnis Freiburg i.Br., 15. Juli 1940; Bl. 45: Wehrmachtgefangenenabteilung Leipheim III, 27. Januar 1942; Bl. 71: Gericht der Division Nr. 155 (mot), 9. April 1943. Ebd., Bl. 14f.: Feldurteil vom 8. Juli 1940, Zitat Bl. 15. BA-ZNS S 274, Gericht der 29. Inf.Div. (mot.), Bl. 7f.: Feldurteil vom 13. Mai 1943, Bl. 9: Bestätigung des Gerichtsherrn vom H.Mai 1943. Ebd., Bl. 15: Einliefcrungsbestätigung Wehrmachtgefängnis Freiburg i.Br, 19. Mai 1943; Bl. 16: Teilvollstreckungsbescheinigung und Entlassungsschein, 22. Mai 1944. BA-ZNS S 254, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 1 f.: Feldurteil vom 23. Juli 1942.
304 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 lung zu verbüßen sei. Nach Ablauf von vier Monaten sollte geprüft werden, ob eine Aussetzung der Strafe angebracht sei. Am 26. August 1942 wurde der Verurteilte in das Kriegswehrmachtgefängnis Borissow und von dort Anfang April 1943 in das Wehrmachtgefängnis Smolensk eingeliefert. Elf Monate nach dem Prozess verfügte der Gerichtsherr im Juni 1943 die Aussetzung der Strafe, damit U. sich an der Front bewähren könne. Die „Teil-Verbüßungsanzeige" der Feldstrafgefangenenabteilung 9 weist darauf hin, dass Walter U. vom 26. August 1942 bis zum 19. Juli 1943, also fast ein Jahr, seine Strafe absaß. Wie weitere Schreiben in der Akte vermerken, wurde U. bald nach seiner Versetzung zur Front wieder straffällig und in ein Straflager gebracht, wo eine verschärfte Form des Strafvollzugs herrschte. 559 Auch andere Verfahrensakten enthalten Hinweise darauf, dass einige der wegen sexueller Gewaltdelikte verurteilten Soldaten nach ihrer Abkommandierung zu einer Bewährungstruppe erneut mit der Militärjustiz in Konflikt gerieten. Der Soldat Wilhelm H. wurde im März 1942 wegen Vergewaltigung und Plünderung zu drei Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Im April 1943 erhielt er die Gelegenheit zur Frontbewährung und bereits ein halbes Jahr später wurde er wieder durch ein Kriegsgericht verurteilt. Der Grund für die fünfjährige Zuchthausstrafe ist aus den Akten nicht ersichtlich, das hohe Strafmaß verweist aber auf ein schwerwiegendes Delikt.560 Offenbar waren die extremen Verhältnisse in den Bewährungsbataillonen verantwortlich dafür, dass die Soldaten häufiger vor Gericht standen. Bezüglich der Strafvollstreckung war es auch von wesentlicher Bedeutung, an welchem Frontabschnitt und zu welchem Zeitpunkt die Tat begangen worden war. Das Gericht der 7. Infanterie-Division meldete beispielsweise im November 1941, dass die Freiheitsstrafen, die in Frankreich und Polen verhängt worden waren, in Standortarrestanstalten oder in den divisionseigenen Arrestlokalcn verbüßt werden konnten. Dagegen sei in Russland der Vollzug aller Strafen ausgesetzt worden, da infolge des Vormarsches oder des Kampfeinsatzes ein ähnliches Verfahren wie in den anderen Gebieten nicht möglich gewesen wäre. Als Konsequenz daraus hätten sich einige Soldaten nach kurzer Zeit wieder etwas zu Schulden kommen lassen.561 Dieses Schreiben verweist darauf, dass je nach militärischer Lage die Strafe in der Praxis gar nicht unmittelbar auf den Täter wirken konnte und dann dementsprechend auch der Abschreckungseffekt solcher Verurteilungen gering war. Darüber hinaus lässt sich in zahlreichen Verfahren aus den Jahren 1943 und 1944, bei denen die Strafvollstreckung und das weitere Vorgehen der Militärgerichtsbarkeit in den Akten dokumentiert sind, eine klare Tendenz zur frühzeitigen Aussetzung der Strafen zur Bewährung erkennen. Von den mehrjährigen Gefängnisstrafen mussten viele Soldaten nur wenige Monate oder sogar nur Wochen verbüßen, 339 360 361 Ebd., Bl. 3-5, 10, 18f., 21-28. BA-ZNS S 246, Gericht der Oberfeldkommandantur 379. BA-MA RH 26-7/84: 7. Inf.Div., TB der Abt. III, 1.1.41-30.11.41, Abschrift, Erfahrungsberichte an den Oberstkriegsgerichtsrat der Panzergruppe 4, 30. November 1941.
7. Urteilsbestätigung und Strafvollstreckung 305 bevor sie zu einer Bewährungseinheit versetzt wurden oder der zuständige Gerichtsherr den Rest der Strafe ganz aufhob. Der im Januar 1944 zu drei Jahren Gefängnis verurteilte Helmuth K. wurde am 18. September 1944, also acht Monate nach seinem Aufenthalt in einer Feldstrafgefangenenabteilung, bereits aus dem Strafvollzug entlassen, um bei der Bewährungstruppe, dem Infanterie-Bataillon 500 zbV., eingesetzt zu werden. Er hatte am 5. September 1944 eine Erklärung unterschrieben, mit der er sich „freiwillig" für diesen Einsatz verpflichtete.562 Weitere Akten aus dem Jahr 1944 verweisen noch deutlicher auf das Bemühen der Gerichte, angesichts der militärischen Lage möglichst viele Soldaten zurück an die Front zu bringen. So ordnete der Gerichtsherr der 1. Panzer-Division ebenfalls im Januar 1944 an, die Strafvollstreckung bei einem Kanonier bis zum Kriegsende auszusetzen und ihn sofort wieder an die Front zu schicken. Der Soldat war wegen der versuchten Vergewaltigung einer Ukrainerin zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden. Wie der Auszug aus seinem Strafbuch belegt, hatte er bereits zuvor drei Arreststrafen erhalten, die alle nicht vollzogen werden konnten, weil wegen zu vieler Straffälliger keine freien Arrestzellen zur Verfügung standen.563 Ein Obergefreiter, der im August 1944 wegen „Notzucht" eine Strafe von einem Jahr Gefängnis erhalten hatte, musste davon sechs Wochen in Form des geschärften Arrests beim Strafvollstreckungszug verbringen, der Rest der Strafe wurde ebenfalls zur Bewährung bei der eigenen Truppe ausgesetzt.564 Für die vorzeitige Beendigung der Haftzeit spielte wie bereits bei der Strafzumessung auch die charakterliche Beurteilung des Soldaten durch die Vorsteher der Zuchthäuser oder der Strafgefangenenabteilungen eine wesentliche Rolle. Wenn sie sehr ungünstig ausfiel und der Soldat einem bestimmten „Tätertyp" zugeordnet wurde, konnte dies eine frühzeitige Aufhebung des Strafvollzugs verhindern. Bei dem Gefreiten Christian S., der wegen der Vergewaltigung zweier französischer Frauen im April 1941 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und bereits vor dem Krieg eine Haftstrafe wegen „Sittlichkeitsdelikten" verbüßt hatte, nahm der Vorsteher des Zuchthauses Amberg zum eingereichten Gnadengesuch mit deutlichen Worten Stellung. Der Mann müsse seines Erachtens „unter allen Umständen wehrunwürdig" bleiben, weil er ein „skrupelloser, unverbesserlicher" Mensch und ein „Berufsverbrecher" sei. Außerdem hätte er sich im Zuchthaus schlecht geführt. Auf eine entsprechende Nachfrage des Richters hin, ob der Verurteilte nicht doch für eine Bewährung im Kampfeinsatz geeignet sei, schließlich habe er von seiner Einheit hinsichtlich seiner soldatischen Fähigkeiten ein gutes Zeugnis ausgestellt bekommen, sprach sich der Leiter des Zuchthauses erneut dagegen aus. Der Häftling habe sich seine Opfer bewusst für die „verbrecherische Befriedigung seiner schmutzigen Instinkte" ausgesucht, es müsse verhindert wer362 543 364 BA-ZNS S 313, Gericht der 82. Inf.Div., Bl. 21 -23: Feldurteil vom 30. Januar 1944, Bl. 41 u. 49. BA-ZNS S 110, Gericht der 1. Pz.Div., Bl. 8: Bestätigungs- und Vollstreckungsanordnung, 30. Januar 1944; Bl. II: Auszug aus dem Strafbuch. BA-ZNS Gericht der 6. Pz.Div./133, Bl. 6: Feldurteil vom 9. August 1944. Der Mann hatte eine Litauerin vergewaltigt.
306 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 den, dass ein solcher Mann wieder „den Ehrenrock des Soldaten trägt". 565 O b wohl im Sommer 1944, zum Zeitpunkt der Ablehnung des Gesuchs, die militärische Lage für die Wehrmacht schon mehr als aussichtslos war566 und alle personellen Ressourcen ausgeschöpft werden mussten, gestattete der Gerichtsherr im vorliegenden Fall die Frontbewährung nicht, weil Christian S. im Rahmen der nationalsozialistischen Ideologie als nicht mehr „wehrwürdig" und damit auch nicht geeignet erschien, sein Verbrechen durch einen militärischen Einsatz zu sühnen. Wenn der Gerichtsherr nicht Anderweitiges anordnete, konnte die Bewährung bei der eigenen Truppe erfolgen, so dass einige der verurteilten Soldaten nach der Verbüßung von einem Teil der Strafe in einem Strafvollstreckungszug oder in einer Feldstrafgefangenenabteilung wieder zu ihrer Einheit zurückkehren konnten. 567 Im Februar 1941 berichtete das O K H über insgesamt positive Erfahrungen mit der Praxis, die Strafvollstreckung zugunsten der Frontbewährung auszusetzen. So hätten mehr als 90% der wegen unterschiedlicher Delikte verurteilten 2.762 Soldaten, die sich aufgrund solcher Anordnungen wieder an der Front befanden, den erforderlichen Kampfeinsatz gezeigt. Daher habe sich „der Führer" für den weiteren Ausbau dieser Möglichkeiten ausgesprochen.568 Hier muss betont werden, dass die „Bewährung" für den Einzelnen mit erheblichen Strapazen, mit Schikanen seitens der Vorgesetzten und - aufgrund der besonderen Rahmenbedingungen - auch mit vielfältigen Gefahren verbunden war. Einige Akten, in denen das Schicksal der Verurteilten auch nach dem Richterspruch noch dokumentiert ist, verweisen auf Verwundungen oder Todesfälle nur kurze Zeit nach der Rückversetzung an die Front. 569 So wurden zwei Angehörige des Infanterie-Regiments 78 am 17. April 1942 wegen einer gemeinsam begangenen Vergewaltigung einer 18 Jahre alten Russin zu Gefängnisstrafen verurteilt, die Vollstreckung aber zugunsten der „Bewährung vor dem Feind" ausgesetzt. Bereits am 25. April wurde einer der beiden bei einem Angriff schwer verwundet, der andere Soldat fiel vier Wochen später am 28. Mai 1942.570 Drei Angehörige der Motorboot-Staffel beim Ar363 BA-ZNS S 248, Gericht der 95. Inf.Div., Bl. 5: Gericht der Division Nr. 413, Stellungnahme vom Vorstand Zuchthaus Amberg, 9. Juli 1944; Bl. 7: Stellv. Generalkommando XIII A.K., Korpsrichter an den Vorstand des Zuchthauses, 21. Juli 1944, Vorstand Zuchthaus Amberg an den Korpsrichter, 28. Juli 1944. 566 Overmans, Verluste, S. 278, Abb. 4. Durch den Zusammenbruch der Heeresgruppen Mitte und Südukraine erlitt das Ostheer massive Verluste. 367 BA-ZNS S 122, Gericht der 29. Pz.Gren.Div., Bl. 15: Verbüßungsanzeige vom 18. Juni 1944. Der Obergefreite Herbert M. war wegen versuchter Vergewaltigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden, davon verbrachte er drei Monate beim Strafvollstreckungszug und wurde dann zu seiner Einheit in Marsch gesetzt. 368 BA-ZNS RH 15a G/8 Bestimmungsakten Disziplin und Rechtspflege, Bl. 12: OKH, Ch H Rüstu BdE, Az. G. 14g 15 HR IVa 102/41g, 17. Februar 1941, gez. Bockelberg. 369 Beispiele für Todesfälle nach einer Verurteilung und Zuweisung zu Bewährungs- oder Strafeinheiten finden sich bei Wüllner, NS-Wehrmachtjustiz, S. 670f. 370 BA-ZNS RH 69/4057, Gericht der 26. Inf.Div., Bl. 19-23: Feldurteil vom 17. April 1942, Bl. 28: 3./Inf.Rgt. 78 an Gericht 26. Inf.Div., 18. Mai 1942, u. Bl. 29: 9./Inf.Rgt. 78.
7. Urteilsbestätigung und Strafvollstreckung 307 meeoberkommando 17, die im Dezember 1943 vom Gericht der 336. Infanterie-Division wegen versuchter „Notzucht" verurteilt worden waren, kamen imjanuar 1944 zum Strafvollstreckungszug der Division. Bereits im März 1944 waren zwei der Verurteilten verwundet worden und der dritte gefallen.571 Unabhängig von der Tatsache, dass die Situation für die Bewährungseinheiten besonders gefährlich war, stellte die Ostfront grundsätzlich den Kriegsschauplatz dar, auf dem die meisten Wehrmachtsoldaten starben. Im ersten Halbjahr 1944 lag hier die tägliche Verlustrate bei über 2.500 Mann. Statistisch gesehen kam dort also innerhalb einer Woche umgerechnet eine ganze Division ums Leben.572 Es ist daher leicht nachzuvollziehen, dass insbesondere die für riskante Einsätze ausgewählten „Straftäter" unter den Soldaten relativ schnell verwundet wurden, in Gefangenschaft gerieten oder starben.573 Insgesamt lässt sich feststellen, dass die zuständigen Gerichtsherren vor allem die langjährigen Freiheitsstrafen und insbesondere die Zuchthausstrafen zur Vollstreckung anordneten. In einigen Fällen wurde nach mehreren Monaten überprüft, ob der Verurteilte sich für die Frontbewährung eignen könnte, bei einem positiven Bescheid bedeutete dies eine Verkürzung der Haftzeit. Dagegen wurde bei den ein- bis zweijährigen Gefängnisstrafen überwiegend die Teilvollstreckung bestimmt und der Rest der Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Gerade bei den kurzzeitigen Strafen unter einem Jahr, wie sie vor allem in den besetzten Gebieten der Sowjetunion ab 1943 und 1944 verhängt wurden, erfolgte teilweise die sofortige Aussetzung der Vollstreckung, ansonsten mussten die Soldaten die Strafe in Form einer mehrwöchigen Arreststrafe verbüßen, die übrige Strafzeit wurde ebenfalls nicht vollzogen. Diese Ergebnisse stimmen im Wesentlichen mit den von Rass für die 253. Infanterie-Division und von Walmrath für die Marine vorgenommenen Auswertungen überein. Sie verweisen darauf, dass mit zunehmender Kriegsdauer das Ziel, möglichst viele Soldaten an der Front einzusetzen, die Realisierung von Urteilen maßgeblich beeinflusste. So wurden Zuchthausstrafen in Gefängnisstrafen umgewandelt, damit der Verurteilte „wehrwürdig" blieb und bei der Truppe nicht ausfiel, sondern in einer Bewährungseinheit oder im Strafvollstreckungszug weiter am Krieg teilnahm.574 Die Tatsache, dass die Militärgerichte vor allem in den besetzten Gebieten der Sowjetunion kürzere Strafen verhängten und diese kaum mehr zur Vollstreckung angeordnet wurden, hängt 371 BA-ZNS Gericht der 336. Inf.Div./153, Bl. 20-24: Feldurteil vom 17. Dezember 1943; Bl. 30 u. 47f. Ähnlich BA-ZNS RH 69/3765, Gericht der 16. Inf.Div., Bl. 54: Der wegen Vergewaltigung verurteilte Schütze erhielt im April 1942 Frontbewährung, kam im Juni zum Infanterie-Regiment 306 und fiel im September 1942 als „Freiwilliger" bei einem Stolkruppunternehmen in Russland. 372 Overmans, Verluste, S. 276-284, v.a. S. 279. '3 BA-ZNS Gericht der 254. Inf.Div./308. In diesem Fall wurde der zu einer Gefängnisstrafe verurteilte Gefreite imjanuar 1945 zwecks Frontbewährung der Bewährungskompanie der 1. Panzerarmee zugeteilt, bereits Mitte Februar 1945 galt er als vermisst. Der Strafzug meldete, dass er vermutlich in Gefangenschaft geraten war. 374 Walmrath, „Iustitia", S. 606f.; Rass, „Menschenmaterial", S. 285f., 290-292.
308 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 wohl vor allem mit der militärischen Situation zusammen. Da aber die Militärjustiz ihrer zentralen Aufgabe gemäß gegen bestimmte militärische Delikte wie Fahnenflucht oder unerlaubte Entfernung weiterhin rigoros und mit hohen Strafen vorging, verweist dies einschließlich der Erkenntnisse über die Bewertung der „Geschlechtsehre" wiederum darauf, dass im Vergleich zu diesen Vergehen Sexualverbrechen, zumal an sowjetischen Frauen begangen, grundsätzlich als weniger schwerwiegend angesehen wurden. 8. TODESURTEILE Gemäß dem bisherigen Forschungsstand zu Sexualverbrechen und deren militärgerichtlicher Ahndung wurden in einigen der von der Wehrmacht besetzten Gebiete auch Todesurteile verhängt. Allerdings beschränken sich die jeweiligen Ausführungen in der Literatur meist darauf, mit der Erwähnung dieser Höchststrafe auf die unerbittliche Strafverfolgung durch die Militärjustiz hinzuweisen. Vor allem die Bilanz von insgesamt 30.000 bis 35.000 Todesurteilen, die wegen unterschiedlicher Delikte gegen Wehrmachtangehörige und das Gefolge ausgesprochen und von denen etwa 20.000 vollstreckt wurden, hat dieses Bild geprägt. Während die Forschung sich im Zusammenhang mit der Todesstrafe bislang vor allem auf militärische Vergehen wie Fahnenflucht, „Wehrkraftzersetzung" und „Selbstverstümmelung" konzentrierte 575 , wurde noch nicht detaillierter analysiert, nach welchen Kriterien und gestützt auf welche gesetzlichen Grundlagen die Richter dieses Strafmaß bei Sexualdelikten heranzogen. Ein schneller Zugriff auf solche Gerichtsverfahren ist durch die so genannte „Todesurteilskartei" in Kornelimünster möglich, in der mehr als 12.000 Todesurteile verzeichnet sind.576 Angegeben sind in der Regel das zuständige Gericht, das Delikt, der Name des Verurteilten und die Einheit, der er angehörte. O b die Strafe auch vollstreckt wurde, kann anhand der Karteikarten nicht in jedem Fall eruiert werden. Ausgehend von den wenigen Daten ist es jedoch möglich, weitere Unterlagen zu den einzelnen Fällen im Bestand des Archivs ermitteln zu lassen. Insgesamt waren von den über zehntausend Fällen ganze 31 Karteikarten eindeutig dem Delikt „Notzucht" zuzuordnen. Fast die Hälfte bezog sich auf 373 376 Vgl. Kapitel IV. Diese Kartei wurde nicht systematisch erstellt, sondern ist genau genommen ein „Zufallsprodukt". Die Angaben über Todesurteile wurden über Jahre hinweg in Kornelimünster gesammelt und in dieser Kartei vermerkt. Die genaue Anzahl der Karten ist nicht bekannt, die Kartei wird auch nicht mehr ergänzt. Neu aufgefundene Todesurteile werden stattdessen per EDV erfasst. Freundliche Auskunft von Herrn Ronald Meentz, BA-ZNS, 27. März 2002.
8. Todesurteile 309 Verfahren, die 1940, also noch vor dem Angriff auf die Sowjetunion, stattgefunden hatten. Von den 31 Fällen waren jedoch nur noch für acht Prozesse entsprechende Akten vorhanden. 577 Darüber hinaus fand sich im S-Bestand ein weiteres Urteil, das zunächst auf Todesstrafe gelautet hatte. 578 Damit lagen für die Auswertung insgesamt nur neun Verfahren vor. Von den Gerichten gehörten drei der Marine und eines der Luftwaffe an, somit blieben letztlich fünf Verfahren im Zuständigkeitsbereich des Heeres übrig. Darüber hinaus war in zwei Fällen die sexuelle Gewalttat im Reichsgebiet und nicht in einem der von der Wehrmacht besetzten Gebiete verübt worden. Aufgrund der insgesamt minimalen Aktenanzahl wurden jedoch alle Urteile in die Analyse miteinbezogen, und im Folgenden werden einige dieser Verfahren detaillierter vorgestellt. So soll zumindest ein erster Eindruck über die Todesurteilspraxis in Verfahren wegen sexueller Gewalt vermittelt werden - jeglicher Anspruch auf Repräsentativität entfällt aber angesichts dieser Quellenlage. Der erste hier beschriebene Fall ist bezüglich der gängigen Verfahrensweise ungewöhnlich, da es zu insgesamt drei Gerichtsverhandlungen kam und zwei der Gerichte Todesurteile verkündeten. Im Mai 1940 wurde der 27-jährige ledige Schütze Viktor G. angeklagt, der bei der Korps-Kartenstelle 415 des Korps-Kommandos XV diente. Er hielt sich mit seiner Einheit am 20. Mai 1940 in dem französischen Ort Favril auf. Nachdem G. alleine zwei Flaschen Wein konsumiert hatte, ging er mit seinem Gewehr bewaffnet durch die Ortschaft. Nach Aussage des Gerichts tat er dies in der Absicht, „um sich geschlechtlich betätigen zu können". Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen er mit seiner Waffe zwei französische Familien bedrohte und Schüsse abgab, landete er schließlich im Haus einer Familie mit vier Töchtern. Er vergewaltigte dort eine 16-Jährige und schlief danach in deren Bett ein. So konnte er von einer Wehrmachtstreife ohne Schwierigkeiten noch direkt am Tatort festgenommen werden. Das am 22. Mai 1940, also bereits zwei Tage später einberufene Gericht verurteilte G. aufgrund der Aussagen der vereidigten französischen Zeugen wegen „Notzucht" zum Tode, erklärte ihn für „wehrunwürdig" und erkannte ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit ab. Da laut § 177 RStGB für eine Vergewaltigung als Höchststrafe maximal 15 Jahre Zuchthaus vorgesehen waren, zog das Gericht zur Strafverschärfung den § 5a KSSVO heran. Ausschlaggebend war hierfür die Beurteilung des Angeklagten durch die Richter. Ihrer Auffassung nach sei er „ein so übler Schädling für die Manneszucht in der Truppe, dass er rücksichtslos ausgemerzt werden" müsse. Die negative Charakterisierung des Täters stand also zunächst im Vordergrund. Darüber hinaus betonte das Gericht auch seine Absicht, durch ein solches Todesurteil eine abschreckende Wirkung auf andere potentielle Sexualstraftäter erzielen zu wollen. Dies sei vor allem aufgrund der militärischen Lage erforderlich, 377 378 Das von Bartov, Hitlers Wehrmacht, S. 107, zitierte Urteil gegen vier Angehörige der 12. Infanterie-Division ist ebenfalls verzeichnet. BA-ZNS S 213.
310 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 da neue Operationen anstünden. 579 Das nur einen Tag später erstellte Rechtsgutachten beim Gericht des Armeeoberkommandos 4 schlug jedoch die Aufhebung des Urteils vor, da der Täter alkoholisiert gewesen sei und seine Tat die Todesstrafe nicht rechtfertige. Zudem bemängelte der Gutachter die nicht vorschriftsmäßige Zusammensetzung des Gerichts. 580 Der zuständige Gerichtsherr folgte der Empfehlung und bestätigte das Urteil nicht, so dass es schon am 24. Mai 1940 zu einer zweiten Verhandlung mit anderen Richtern und zu einem neuen Urteil kam. Diesmal lautete das Strafmaß wegen „Notzucht" und Hausfriedensbruch sowie Nötigung auf zehn Jahre und sechs Monate Zuchthaus. Die bürgerlichen Ehrenrechte sollten dem Schützen G. für sechs Jahre aberkannt werden. Auch das zweite Gericht verurteilte die Tat als ein „verabscheuungswürdiges Verbrechen", verwies aber darauf, dass in der Einheit des Angeklagten ein solches Delikt zum ersten Mal vorgekommen sei. Strafmildernd seien zudem seine bisherige militärische Führung und sein tadelloses Verhalten berücksichtigt worden. Als Abschreckung und als „sehr harte Sühne" sei demnach auch eine Zuchthausstrafe ausreichend.581 Der Gerichtsherr beim Gericht des XV. Armeekorps leitete das Urteil an das Gericht des Armeeoberkommandos 4 mit der Bitte weiter, der Oberbefehlshaber möge eine Entscheidung treffen. Ihm selbst sei das zweite Urteil nun doch zu milde. Das nun verfasste Rechtsgutachten wies auf einen neuen Tatbestand hin. Da der Täter die Zivilisten mit einem Gewehr bedroht habe, komme die „Verordnung gegen Gewaltverbrecher" vom 5. Dezember 1939 zur Anwendung. Diese sehe als Strafe nur die Todesstrafe vor, daher müsse das zweite Urteil ebenfalls aufgehoben werden. Am 28. Mai 1940 folgte Generaloberst Günther von Kluge als Oberbefehlshaber der 4. Armee diesem Vorschlag und es kam zu einer dritten Verhandlung. 582 Zwei Tage später verurteilte das wiederum mit anderen Richtern zusammengesetzte Feldkriegsgericht den Schützen G. als „Gewaltverbrecher" zum Tode. Neben dieser Verordnung hätte nach Ansicht des Gerichts auch der § 5a KSSVO als Begründung für die Todesstrafe herangezogen werden können. Das dritte Rechtsgutachten vom 1. Juni befürwortete die Bestätigung des Urteils, allerdings mit der Anregung, gnadenhalber die Todes- in eine Zuchthausstrafe umzuwandeln. Als Begründung wies der Verfasser auf den alkoholisierten Zustand des Täters hin. 583 Trotz dieser Erklärungsversuche für eine Strafmilderung ließ sich der zuständige Oberbefehlshaber der 4. Armee nicht umstimmen. Er bestätigte das Urteil, ohne den Gnadenerweis zu gewähren, denn seiner Ansicht nach sei die 379 380 381 382 383 BA-ZNS S 213, Gericht des XV. Armeekorps, Bl. 9-12: Feldurteil vom 22. Mai 1940. Zu diesem Zeitpunkt hatte die deutsche Wehrmacht bereits die Spaltung der alliierten Armeen erreicht, die britische Armee zog sich nach Dünkirchen zurück. Gruchmann, Weltkrieg, S. 65f. Hans Umbreit, Der Kampf um die Vormachtstellung in Westeuropa, in: DRZW, Bd. 2: Die Errichtung der Hegemonie auf dem Europäischen Kontinent, Stuttgart 1979, S. 235-327, hier S. 290-293. BA-ZNS S 213, Bl. 16. Als Richter hatte ein „Sonderführer" fungiert, der nicht als Soldat galt. Ebd., Bl. 20-24: Feldurteil vom 24. Mai 1940, Gericht des XV. Armeekorps. Ebd., Bl. 27-29. Ebd., Bl. 46: Rechtsgutachten.
8. Todesurteile 311 Beschädigung des „Ansehens" der Wehrmacht zu groß, dementsprechend hart müsse auch die Strafe sein. Damit war das Todesurteil rechtskräftig geworden. Dennoch wurde es nicht vollstreckt. Am 17. Juni 1940, also bereits fünf Tage nach der Urteilsbestätigung, wurde in einem Schreiben des O K H dem Gericht des XV. Armeekorps mitgeteilt, dass der Oberbefehlshaber des Heeres die Todesstrafe in eine fünfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt habe. Die Tat sei nicht mit dem Tode zu ahnden, da die Voraussetzungen für die Anwendung der „Gewaltverbrecherverordnung" wie auch für den § 5a KSSVO nicht vorlägen.584 Es ist offensichtlich, dass hier die Intention des OKH-Erlasses vom 19. Juni 1940 über den Umgang der Gerichte mit Sexualdelikten bereits zum Tragen kam. Dieser Fall kann darüber hinaus als exemplarisch für die Art und Weise angesehen werden, wie bei Sexualdelikten Todesurteile begründet wurden. 585 Die für das Strafmaß herangezogenen Verordnungen, jene gegen „Gewaltverbrecher" sowie der § 5a KSSVO, tauchen auch in fünf der anderen Verfahren auf.586 Im Strafverfahren gegen den Gefreiten P, der bei der Fliegerhorstkompanie Tarnwitz diente, entschied das Gericht des Kommandeurs der Flakbrigade VIII am 30. Juni 1942, den Angeklagten wegen versuchter „Notzucht" und „gefährlicher Körperverletzung" zum Tode zu verurteilen. Der 28-Jährige hatte versucht, eine deutsche „Kriegsdienstmaid" zu vergewaltigen, und sie dabei mit einem Holzpfahl misshandelt. Das Todesurteil wurde von Reichsmarschall Hermann Göring in seiner Funktion als Oberbefehlshaber der Luftwaffe bestätigt und am 1. Oktober 1942 auf seine Anweisung hin durch Enthaupten vollstreckt.587 Obwohl es sich um einen „Notzuchtsversuch" handelte, konnte das Gericht aufgrund § 4 der „Gewaltverbrecherverordnung" auf Todesstrafe erkennen, da auch bereits für den Versuch oder die Beihilfe die gleiche Strafe wie für eine vollendete Tat zulässig war.588 Ob in diesem Verfahren das höchste Strafmaß angewendet wurde, weil das Opfer eine Deutsche war, die zugleich im Kriegseinsatz stand, ist anzunehmen, allerdings durch die Aktenlage nicht eindeutig zu belegen. Auch der 24-jährige Pionier Z. wurde gegenüber einer Deutschen gewalttätig. Er war imjanuar 1944 straffällig geworden und sollte einen Teil der Strafe in Form von Arrest in der Wehrmachthaftanstalt in Germersheim verbüßen. Während seines dortigen Aufenthaltes wollte er eine Angestellte der Standortvermittlung vergewaltigen und verletzte sie am Kopf, indem er mit einer gusseisernen Ofentür auf sie einschlug. Die Frau, die zu diesem Zeitpunkt schwanger war, erlitt mehrere Platzwunden, so dass auch hier die „Ge384 Ebd., Bl. 52. Vgl. Walmrath, „Iustitia", S. 568. 38( - BA-ZNS, Gericht Kdrs. FlakBrig. VIII/4 (RL 42/5042); Gericht der Div. 172/1723; Gericht Admiral Ägäis/7297; Gericht Marinebefehlshaber Westfrankreich/F 444; Gericht der 21. Pz.Div./275. 387 BA-ZNS Gericht Kdrs. FlakBrig. VIII/4 (RL 42/5042), Bl. 4f., 10, 14. 388 „Verordnung gegen Gewaltverbrecher", RGBl. I 1939, S. 2378. Ausführungen dazu bei von Gleispach, Kriegsstrafrecht, Teil I, S. 25-30. 383
312 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 waltverbrecherverordnung" für das Strafmaß herangezogen wurde. Z. wurde vom Gericht der Division Nr. 172 am 15. August 1944 wegen versuchter Vergewaltigung als „Gewaltverbrecher" zum Tode verurteilt. Strafverschärfend wirkten sich in diesem Fall wohl vor allem die Charakterisierung und die Bewertung der Persönlichkeit des Täters durch das Gericht aus. Als Hilfsarbeiter, der bereits in den 1930er Jahren schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten und dem darüber hinaus „Schwachsinn" attestiert worden war, wurde er als einer der Tätertypen eingestuft, die als „Schädlinge" aus der „Volksgemeinschaft" ausgeschlossen werden sollten. O b das Urteil tatsächlich vollstreckt wurde, ist aus den vorliegenden Akten nicht ersichtlich. Die eingereichten Gnadengesuche wurden zumindest von seinem Kompaniechef, vom Bataillonskommandeur und vom Gerichtsherrn befürwortet - sie hatten offenbar ein besseres Bild vom Angeklagten als die Richter. Es ist daher zu vermuten, dass das Todesurteil in eine Zuchthausstrafe umgewandelt wurde. 589 Der folgende Prozess wird wiederum ausführlicher dargestellt, weil er nicht nur detaillierte Informationen über die sexuelle Gewalttat und deren strafrechtliche Ahndung liefert, sondern auch Hinweise auf die Kriegführung der Wehrmacht in Griechenland enthält. Es handelt sich um ein sexuelles Gewaltverbrechen, das bei der Kriegsmarine vor dem Gericht Admiral Ägäis verhandelt wurde. Angeklagt waren die beiden Gefreiten Nikolaus D. und Peter M., beide verheiratet und Angehörige der 3. Kompanie, Marine-Festungs-Pionier-Bataillon 330. Der ältere der beiden Soldaten war Vater von sieben Kindern und laut Auszug aus der Strafliste zwischen 1921 und 1931 schon über 20 Mal straffällig geworden - unter anderem wegen Diebstahls, Amtsanmaßung, schwerer Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und auch wegen eines „Sittlichkeitsverbrechens" in Form von sexueller Belästigung. Die Gefreiten sollten am 22. November 1942 zusammen mit dem Obergefreiten Wilhelm F. griechische Arbeiter für einen Arbeitseinsatz rekrutieren. Sie suchten das Dorf Kato-Kerdilion auf, hatten allerdings laut Urtcilsschrift dort wenig Glück mit ihrem Vorhaben, da „gerade dieses Dorf zufolge weiter zurückliegender Ereignisse den größten Teil der männlichen Bewohner verloren hatte". 590 Nachdem nur drei Männer ausfindig gemacht werden konnten, bei denen Wilhelm F. zur Bewachung blieb, setzten D. und M. ihre Suche fort und tranken dabei, sowohl nach eigenen Angaben als auch laut Zeugen, eine größere Menge Alkohol. Sie verwüsteten einige Häuser und vergewaltigten dann in einer dieser Hütten jeder zwei Mal hintereinander ein 16-jähriges griechisches Mädchen. Als deren Mutter zu Hilfe eilen wollte, wurde sie von D. mit einem Holzscheit geschla389 390 BA-ZNS Gericht der Division Nr. 172/1723 und Gericht der Division Nr. 172/RH 15aG/71. In dem letztgenannten Aktenbestand finden sich zum einen Akten zu einem Fahnenfluchtfall, ab Bl. 50 jedoch noch weitere Angaben zum Verfahren des Pioniers Z. Sie verweisen jedoch nur darauf, dass das Todesurteil offenbar durch den Gerichtsherrn bestätigt wurde, denn die Kriegszählkarte wurde mit diesem Vermerk versehen. Über die Ausstellung der Kriegszählkarten siehe Wüllner, NS-Militärjustiz, S. 266-275, 282-287. BA-ZNS Gericht Admiral Ägäis/Nr. 7297, Bl. 41: Feldurteil vom 18. März 1943.
8. Todesurteile 313 gen. Die Soldaten überfielen darüber hinaus eine 70-jährige Griechin und verletzten sie durch ein brennendes Stück Holz schwer im Gesicht. Zwei Dorfbewohner meldeten die Taten am 27. November dem Ortskommandanten in Kato-Stavros. Daraufhin wurden von der Geheimen Feldpolizei 621 zwei Tage später drei griechische Zeugen vernommen sowie das vergewaltigte Mädchen Chrisula P. Sie gab an, von den beiden Deutschen mehrere Male vergewaltigt worden zu sein. Noch am gleichen Tag untersuchte der Bataillonsarzt die 70-jährige Griechin und stellte bei ihr Verletzungen im Gesicht sowie am Arm fest. Bei der Vernehmung der Beschuldigten am 14. Dezember beriefen sich beide auf Erinnerungslücken, weil sie zum Tatzeitpunkt betrunken gewesen seien.591 Im Schlussbericht des zuständigen Feldwebels der Geheimen Feldpolizei wurde darauf hingewiesen, dass das Dorf Kato-Kerdilion noch überwiegend von Frauen, Kindern und alten Menschen bewohnt werde, da 1941 durch eine „deutsche Strafaktion [...] eine Anzahl maennlicher Einwohner" erschossen worden sei. Nach dem nun erfolgten Überfall der beiden deutschen Soldaten seien die Bewohner erneut geschockt und aufgewühlt. 592 Erst am 18. März 1943, also fast vier Monate nach der Tat, kam es in Saloniki zur Verhandlung vor dem Feldkriegsgericht. Dieses stellte zwar fest, dass sich beide Männer der mehrmaligen „Notzucht" sowie der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht hätten, die Taten seien aber im Vollrausch geschehen. Deshalb seien die Angeklagten nach § 330a RStGB zu verurteilen. Aufschlussreich ist die Begründung, die die Richter für die Anwendung dieses Paragraphen lieferten. Obwohl die Männer einen wenig sympathischen Eindruck auf sie machten, könne das „geradezu tierische Verhalten [der Angeklagten, B.B.] gar nicht anders als mit Volltrunkenheit erklärt werden". Der Gefreite Peter M. erhielt zwei Jahre Gefängnis sowie Rangverlust, von einer zusätzlichen Strafverschärfung wurde aufgrund seiner bisherigen guten Führung abgesehen. Dagegen wurde der Angeklagte Nikolaus D. wegen seiner langen Vorstrafenliste und der Tätertypenlehre gemäß als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher mit durchaus asozialer Einstellung" eingestuft. Für einen solchen Soldaten kam nach Ansicht des Gerichts nur eine Zuchthausstrafe in Betracht. Es verhängte deswegen unter Anwendung des § 5a KSSVO eine zweijährige Zuchthausstrafe und erkannte ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre ab. 593 Die Annahme einer „Volltrunkenheit" ermöglichte es dem Gericht, vor allem im Falle von Peter M. ein relativ mildes Urteil nach § 330a RStGB zu verkünden. Die vierfache Vergewaltigung und die Misshandlungen der beiden älteren griechischen Frauen wurden im Verfahren nur noch als „Verirrungen" bagatellisiert. Dass diese Auffassung auch mit der Nationalität der Opfer zu- 591 392 593 Ebd., Bl. 3: Bericht des Ortskommandanten; Bl. 16: Gericht der Dienststelle; Bl. 19: Verneh mung der Zeugen durch Geh. Feldpolizei; Bl. 22: Truppenarzt - Ärztlicher Befund. Ebd., Bl. 23f.: Schlussbericht vom 12. Dezember 1942. Ebd., Bl. 39-47: Feldurteil vom 18. März 1943, Zitate Bl. 45f.
314 V. Sexualverbrechen und ihre A h n d u n g 1939-1945 sammenhing, wird in der Urteilsbegründung deutlich. So erklärte das Gericht die Gefängnisstrafe bei M. aufgrund der besonderen Situation im besetzten Gebiet für ausreichend. Darüber hinaus seien die betroffenen Frauen „Wallachen [sie]", die „unter Nomadenverhältnissen" lebten. Die Charakterisierung der Opfer weist darauf hin, dass die von der nationalsozialistischen Ideologie vermittelte Hierarchisierung von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und ihren Lebensgewohnheiten auch Eingang in die Gedanken des Marinekriegsgerichtsrat K. gefunden hatte. Die Einstufung der deutschen, aber insbesondere der in den besetzten Gebieten Osteuropas lebenden Sinti und Roma als „Nomaden" diente unter anderem als Rechtfertigung für ihre Verfolgung und die angestrebte Vernichtung.594 Analog schien der Richter deshalb den mehrfachen gewaltsamen Geschlechtsverkehr mit einer minderjährigen Angehörigen einer ähnlich lebenden griechischen Bevölkerungsgruppe als kein schwerwiegendes Vergehen anzusehen. Diese Sichtweise fügt sich nahtlos in die Behandlung griechischer Zivilisten durch die deutsche Wehrmacht im Rahmen der so genannten „Sühnemaßnahmen" ein. Obwohl die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in Griechenland durch die nachlässige Strafverfolgung seitens der deutschen Staatsanwaltschaften wie auch seitens der griechischen Behörden lange Zeit erschwert war, gibt es mittlerweile grundlegende Arbeiten über das System der deutschen Vergeltungsmaßnahmen an der Zivilbevölkerung. Nach Sabotageakten oder der Tötung von Wehrmachtsoldaten wurden als „Sühne" griechische Zivilisten hingerichtet. Dabei traf es zunächst die männlichen Dorfbewohner, in zunehmendem Maß wurden aber auch Kinder und Frauen zu Opfern dieser Aktionen. Bekannt sind etwa die Ermordungen der Einwohner der griechischen Dörfer Kalavryta, Klissura, Kommeno und Distomon. Bei einigen dieser Massaker kam es auch zu Vergewaltigungen und Verstümmelungen von Frauen. 595 Bezüglich der Ereignisse von Kommeno sind Aussagen von beteiligten Soldaten über individuelle Misshandlungen erhalten, die in Richtung Nekrophilie weisen ein Bericht erwähnt etwa die Einführung von Bierflaschen in die Vagina weiblicher Toter. Derartige Verhaltensweisen erinnern an ähnliche Szenen aus dem Vietnamkrieg oder an die Vergewaltigungen in Nanking. 596 394 393 396 Zitate ebd., Bl. 46. Vgl. Zimmermann, Rassenutopie, S. 61-65, 79f., 147-155, 369-383. Eberhard Rondholz, „Schärfste Maßnahmen gegen die Banden sind notwendig..." Partisanenbekämptung und Kriegsverbrechen in Griechenland. Aspekte der deutschen Okkupationspolitik 1941-1944, in: Guus Meershoek u.a., Repression und Kriegsverbrechen. Die Bekämpfung von Widerstands- und Partisanenbewegungen gegen die deutsche Besatzung in West- und Südeuropa, Berlin 1997, S. 130-170, bes. S. 162, Anm. 5. Zu Distomon vgl. auch Dieter Begemann, Distomo 1944, in: Gerd R. Ueberschär (Hg.), Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2003, S. 30-36, hier S. 30. Die Schreibweise des Ortes ist in der Literatur nicht einheitlich. Hagen Fleischer, Schuld ohne Sühne: Kriegsverbrechen in Griechenland, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hg.), Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001, S. 238221, Hinweise auf sadistische Verhaltensweisen ebd., S. 219, Anm. 22; Rondholz, Partisanenbekämpfung, S. 138f. Entsprechende Dokumente zu Kommeno und Kalavryta sind auch abgedruckt in: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Dimensionen, S. 566-578; Brownmiller, Gegen unseren Willen, S. 64-66, 110, 113. Einen Fall von Nekrophilie in Italien erwähnt Schreiber, Deutsche Kriegsverbrechen, S. 187.
8. Todesurteile 315 Der vorliegende Fall vor dem deutschen Marinegericht deutet auf eine solche „Strafaktion" der Wehrmacht hin, bei der die Mehrzahl der Männer aus Kato-Kerdilion erschossen worden war. Im Rahmen dieser Vorgeschichte erhellt das Urteil, das einmal auf Gefängnis und einmal auf Zuchthaus lautete, die darin eingeflossenen nationalsozialistisch geprägten Überlegungen. Die begangenen Gewalttaten wurden angesichts der Zugehörigkeit der Frauen zu einer spezifischen Bevölkerungsgruppe als nicht besonders gravierend angesehen. Dementsprechend verhängten die Richter die Zuchthausstrafe nicht aufgrund der brutalen Vergewaltigung, sondern weil einer der Täter wegen seiner Vorstrafen als ein gefährliches Mitglied der „Volksgemeinschaft" eingestuft wurde und ihnen eine besonders harte erzieherische Maßnahme angebracht schien. Aber das Urteil wurde in dieser Form nicht bestätigt. Das beim Marinegruppenkommando Süd am 28. April 1943 erstellte Gutachten bemängelte mehrere der Urteilsgründe. Die bezüglich der Strafzumessung stärkste Kritik richtete sich gegen die Annahme einer alkoholbedingten Unzurechnungsfähigkeit der Verurteilten. Der Gutachter bezweifelte, ob in dem Dorf tatsächlich so viel Alkohol vorhanden gewesen sei, um den angeblichen Trunkenheitsgrad zu erlangen. Er warf den Soldaten vor, sie hätten durch übertriebene Angaben über ihren Zustand die Anwendung des § 330a RStGB und damit niedrige Strafen erreichen wollen. Die Taten hätten jedoch negative Auswirkungen auf die Einstellung der griechischen Bevölkerung gegenüber der deutschen Wehrmacht, dies gelte es durch ein schärferes Urteil zu berücksichtigen. Auch dieses Gutachten verdeutlicht, dass der wiederholten Vergewaltigung einer jungen Griechin letztlich nicht viel Bedeutung beigemessen wurde. Denn der Verfasser wies auf die drohende Gefahr hin, dass Soldaten, die während des Krieges wegen derartiger Delikte nur milde bestraft würden, dann später auch im Deutschen Reich sexuelle Straftaten begehen und sich dabei auf ihren Rausch berufen könnten. Das Ziel einer hohen Strafe liege demnach hauptsächlich in der abschreckenden Wirkung auf die Soldaten selbst, um der Vergewaltigung deutscher Frauen vorzubeugen. Die Möglichkeit, dass potentielle Sexualstraftäter ihre Opfer weiterhin vor allem unter der Bevölkerung der besetzten Gebiete suchen könnten, schien dieser Gutachter nicht in Erwägung zu ziehen. Hier stand die deutsche „Volksgemeinschaft" im Mittelpunkt, die einen Anspruch auf Schutz vor Gewalttätern hatte, den es durch die Militärgerichtsbarkeit auch bei Verbrechen im Ausland zu wahren galt. Noch am gleichen Tag hob der Oberbefehlshaber und zuständige Gerichtsherr beim Marinegruppenkommando Süd, Admiral Kurt Fricke, das Urteil auf.597 Am 23. September 1943 tagte in Saloniki wieder ein Feldkriegsgericht in der Strafsache gegen Peter M. und Nikolaus D., das zu einer neuen Einschätzung der Tat gelangte. So hätten die beiden Soldaten „die Ortseinwohner terrorisiert", sich zweifelsfrei eines Verbrechens nach § 177 RStGB schuldig gemacht, und Nikolaus D. habe zusätzlich eine schwere Körperverletzung 397 BA-ZNS Gericht Admiral Ägäis/Nr. 7297, Bl. 49f. Zur Einteilung der Gerichtsherren siehe Walmrath, „Iustitia", S. 286.
316 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 begangen. Beide Angeklagten seien zwar betrunken gewesen, sie hätten aber nicht im „Vollrausch" gemäß § 330a RStGB gehandelt. Daher wurde Peter M. wegen Vergewaltigung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine solche Tat verdiene laut Gericht „eine exemplarische Strafe" und Milderungsgründe lägen nicht vor.598 Nikolaus D. wurde dagegen als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher", als „Gewaltverbrecher" und als „Sittlichkeitsverbrecher" zum Tode verurteilt. 599 Auch dieses Gericht betonte, dass die deutsche „Volksgemeinschaft" vor solchen Tätern geschützt werden müsse, und stufte D. als einen „Asozialen" ein, der immer wieder Verbrechen begehen würde. Das Militärgericht handelte bei seiner Einschätzung von Nikolaus D. ganz auf der Linie der Entscheidungen ziviler Gerichte, die Wiederholungstäter besonders dann zu Zuchthausstrafen, zu Sicherungsverwahrung oder zur Höchststrafe verurteilten, wenn ihrer Ansicht nach die Angeklagten die gängigen Normen hinsichtlich des Familien- und Berufslebens sowie des sozialen Umfelds nicht einhielten. 600 Die Militärrichter kamen also trotz einer ähnlichen Bewertung der Soldaten zu einem wesentlich höheren Strafmaß als ihre Kollegen. Der Amtsgruppenchef der Marinerechtsabteilung beim Oberkommando der Kriegsmarine, Dr. Joachim Rudolphi, teilte dem Gericht Admiral Ägäis am 15. Oktober die Bestätigung des Urteils durch den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine mit. Die Vollstreckung des Urteils wurde nun angeordnet, ein Gnadenerweis abgelehnt. 601 Der Gefreite Nikolaus D. wurde am 4. November 1943 erschossen und auf einem griechischen Friedhof beerdigt. Die erhaltenen Akten weisen darauf hin, dass der Fall auch nach Kriegsende noch nicht ganz abgeschlossen war. Im Februar 1946 entschied die Marinegerichte-Auffangstelle Flensburg-Mürwik, dass der von M. verbüßte Freiheitsentzug seit November 1942 auf die sechsjährige Zuchthausstrafe anzurechnen sei. Eine Vollstreckung der Reststrafe sei jedoch nicht mehr möglich, da M. nun im polnisch besetzten Gebiet wohne. Diese Mitteilung verweist auf die personelle Kontinuität im Bereich des NS-Justizwesens über das Kriegsende hinaus. Denn die Verfügung wurde von Admiralstabsrichter Rudolphi unterzeichnet, demselben Richter also, der bereits während des Krieges mit diesem Verfahren betraut gewesen war, und der auch nach dem Krieg weiter in einer richterlichen Funktion tätig sein konnte. Der Wechsel von der nationalsozialistischen Vergangenheit in die Nachkriegszeit gelang hier offenbar ohne größere Probleme oder einen beruflichen Karriereeinbruch. 602 Die bereits mehrmals erwähnte „Gewaltverbrecherverordnung" spielte auch bei der Verurteilung der Sexualverbrechen zweier Soldaten im besetzten 398 BA-ZNS Gericht Admiral Ägäis/Nr. 7297, Bl. 72-81: Feldurteil vom 23. September 1943. Die entsprechenden Paragraphen lauteten § 20a RStGB, § 1 des Gesetzes vom 4. September 1941 und § 1 der „Verordnung gegen Gewaltverbrecher". Siehe dazu Kap. IV. 600 Vgl. Müller, Gewohnheitsverbrechergesetz., S. 974-978. 601 BA-ZNS Gericht Admiral Ägäis/Nr. 7297, Bl. 89. 602 Zu Rudolphi siehe Walmrath, „Iustitia", S. 264, Anm. 2. Die Marincgerichtc-Auffangstelle stand unter Kontrolle der Alliierten und war noch vor Ende des Krieges aufgebaut worden. Sie sollte laufende Verfahren von nicht mehr existenten Gerichten aus den ehemaligen besetzten Gebieten abschließen. Ebd., S. 41, Anm. 97. 399
8. Todesurteile 317 Frankreich eine Rolle. Die Strafsache gegen die Unteroffiziere Ernst T. und Gerhard T wurde vordem Gericht der 21. Panzer-Division im Oktober 1943 in Rennes verhandelt. Beide hatten am 16. September 1943 in einer Wirtschaft zusammen mit anderen Soldaten erhebliche Mengen Alkohol zu sich genommen und suchten dann, so ihre eigene Aussage, eine Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr. Um ihr Ziel zu erreichen, verschafften sie sich den Zugang zu insgesamt sieben Gehöften und bedrohten dort die anwesenden französischen Familien mit der Waffe. Einer der beiden, Ernst T , versuchte auch, vier Frauen zu vergewaltigen, was nur an der Gegenwehr der Französinnen scheiterte. Schließlich landeten sie im Haus der Familie S. Dort schüchterten sie den Ehemann der 26-jährigen Anna S. ein, und Ernst T vergewaltigte die Frau zweimal hintereinander, Gerhard T. zwang sie einmal zum Geschlechtsverkehr.603 Die Taten wurden bei der Gendarmerie angezeigt, Anna S. stellte einen Strafantrag wegen Vergewaltigung und auch die Mädchen, die von Ernst T sexuell belästigt worden waren, gaben ihre Aussagen dort zu Protokoll. 604 Die französische Gendarmerie meldete die Vorfälle dann dem deutschen Feldgendarmerie-Trupp 759. Zur Verhandlung erschienen zwölf französische Zeugen, darunter auch das Ehepaar S., dem sowohl der Gendarm als auch der Bürgermeister einen guten Leumund attestierten. Beide Soldaten gaben die ihnen vorgeworfenen Delikte zu, beriefen sich aber auf die enthemmende Wirkung des Alkohols. Die Anklage forderte für Ernst T die Todesstrafe, für Gerhard T. zehn Jahre Zuchthaus wegen „vollendeter Notzucht". 6 0 5 Das Gericht verhängte jedoch gegen beide die Todesstrafe unter Heranziehung des § 5a KSSVO, der bei schweren Verstößen gegen die Disziplin die Überschreitung des Strafmaßes vorsah. Ernst T erhielt zusätzlich wegen der Fälle von versuchter Vergewaltigung neun Jahre Zuchthaus. Die Richter sahen in der Verletzung der „Manneszucht" die schwerwiegendste Verfehlung, da es sich bei beiden Angeklagten um Unteroffiziere und damit um Vorgesetzte handelte und sie von diesen eine besondere Berücksichtigung von Disziplin und Ordnung erwarteten. Die Todesstrafe hätte aber nach Meinung des Gerichts aufgrund der Tatumstände auch nach § 4 der „Volksschädlingsverordnung", nach § 1 der „Verordnung gegen Gewaltverbrecher" und nach § 1 des „Gesetzes zur Änderung des Reichsstrafgesetzbuches" verhängt werden können. Gründe für eine Strafmilderung hätten zwar angesichts der bisherigen guten militärischen Führung sowie der Beurteilung der Unteroffiziere vorgelegen, angesichts der Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der Disziplin könnten diese aber nicht geltend gemacht werden. Der zuständige Gerichtsherr empfahl die Bestätigung des Urteils, die Vollstreckung der Todesstrafe sei aber zugunsten des eingereichten Gnadengesuchs noch aufzuschieben. Der Armeerichter beim A O K 7 wies auf die Richtlinien des bereits erwähnten Erlasses vom 5. Juli 1940 hin, demzufolge nur in ganz seltenen Fällen die Todesstrafe angebracht sei, und betonte, die Taten seien eine 603 BA-ZNS Gericht der 21. Pz.Div./Nr. 275, Bl. 58-69: Feldurteil vom 1. Oktober 1943. Ebd., Bl. 5-27. «» Ebd., Bl. 50-56. 604
318 V. Sexualverbrechen u n d ihre A h n d u n g 1939-1945 Folge des Alkohols gewesen. 606 In diesem Fall bezog sich der Gutachter also explizit auf die vom Oberbefehlshaber des Heeres damals aufgeführten Gründe, die ein nicht allzu strenges Vorgehen bei Sexualstraftätern rechtfertigen sollten. Die Absichten der militärischen Führung hatten hier einen direkten Einfluss auf die Militärgerichtsbarkeit und damit konkrete Auswirkungen auf die Soldaten selbst, denn Generalfeldmarschall Keitel wandelte die Todesstrafen im Auftrag Hitlers als O b d H in eine 12-jährige und eine 10-jährige Zuchthausstrafe um. 607 Im Mittelpunkt der Strafbemessung stand die Wahrung der Disziplin, die hier vor allem von den Angehörigen des Unteroffizierkorps eingefordert wurde. Wie die Urteilsbegründung belegt, spielten zudem besatzungspolitische Überlegungen eine Rolle. So sollte die französische Zivilbevölkerung gegenüber den deutschen Besatzern nicht feindlich gestimmt auftreten und sich an bestimmte Regeln halten. Im Gegenzug hätte sie aber einen Anspruch auf Schutz vor „Ausschreitungen der Besatzungstruppe". Der für das Urteil zuständige Kriegsgerichtsrat beurteilte die Tat sogar unabhängig von der Nationalität der Opfer, denn es seien „nicht Franzosen, sondern Mütter; [sie] Väter und Kinder" angegriffen worden. Für ähnliche Verbrechen, begangen im Deutschen Reich, wäre seiner Ansicht nach ebenfalls die Todesstrafe am Platze gewesen.608 Auch bei diesem Urteil standen also die militärischen Interessen der Wehrmacht eindeutig im Vordergrund. Um die Verhängung der Todesstrafe zu begründen, lieferten die Richter jedoch noch weitere Erklärungen, aus denen deutlich wird, dass die französische Bevölkerung in einem anderen Licht gesehen wurde als die griechischen Einwohner in dem zuvor erwähnten Beispiel. Möglich ist, dass nach Meinung des Gerichts für französische Verhältnisse ein besonders schwerwiegender Fall vorlag. Darüber hinaus zeigt die Erwähnung des Erlasses vom Sommer 1940 im Rechtsgutachten einmal mehr, dass die Empfehlungen von Seiten des O K H bei der Wehrmachtjustiz, zur Kenntnis genommen und entsprechend berücksichtigt wurden. Ähnliche Überlegungen spielten auch im folgenden Fall eine Rolle. Das Gericht der Feldkommandantur 754 tagte am 6. Dezember 1940 im französischen Caen und verurteilte den Obersoldaten Werner M. wegen „Notzucht" und „Verleitung zum Meineide" zum Tode und zu zwei Jahren Zuchthaus. 609 Ausschlaggebend für die Verhängung der Todesstrafe war der Rückgriff auf § 4 der „Verordnung gegen Volksschädlinge" - einerseits wegen der Tatumstände, andererseits aufgrund der einschlägigen Vorstrafe des Angeklagten. Werner M., verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern, war bereits im Februar 1936 wegen einer versuchten und einer vollendeten Vergewaltigung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Eingesetzt in Frankreich bei der Pferde"*> Ebd., Bl. 72. 607 608 609 Ebd., Bl. 82. Beglaubigte Abschrift vom 25. Oktober 1943. Ebd., Bl. 67f., Zitate S. 68. BA-ZNS Gericht Kdt. d. rückw. Armeeg. 580/132, Bl. 132-139: Urteil vom 6. Dezember 1940.
8. Todesurteile 319 transportkolonne überfiel er im Juni 1940 eine Mutter von zwei Kindern, die zum Tatzeitpunkt im sechsten Monat schwanger war.610 M. bedrohte die Frau mit seiner Waffe und vergewaltigte sie vor den Augen ihres zehn Jahre alten Sohnes. Bei einer späteren Gegenüberstellung mit beiden und aufgrund mehrerer Zeugenaussagen konnte M. eindeutig als Täter überführt werden. Er leugnete zwar zunächst noch das Verbrechen, legte dann aber am 4. Oktober 1940 ein Geständnis ab. Die Richter verurteilten ihn aufgrund der „Verordnung gegen Volksschädlinge", weil er die „Straftat unter vorsaetzlicher Ausnutzung der durch den Kriegszustand verursachten aussergewoehnlichen Verhaeltnisse begangen" habe. 611 Sie hätten auch eine Zuchthausstrafe verhängen können, entschieden sich aber aus mehreren Gründen für die Todesstrafe: So sei der Täter bereits wegen „Notzucht" bestraft worden, die Tat hätte im Beisein von Kindern stattgefunden und schließlich verlange das „gesunde Volksempfinden" wegen der unmenschlichen Begleitumstände die härteste Bestrafung.612 Die Richter folgten in ihrer Argumentation ganz der Intention der entsprechenden Verordnung, wonach den „Volksschädling" ausschließlich „die schwersten Strafen treffen müssen, und die allerschwerste, die Todesstrafe, im Vordergrund steht". 613 Der zuständige Gerichtsherr schloss sich dieser Auffassung an und betonte, die Wahrung der Disziplin erfordere die höchste Strafe. Die Bestätigung des Urteils erfolgte am 11. Dezember 1940 durch den Militärbefehlshaber in Frankreich, General der Infanterie Otto von Stülpnagel, der Vollzug wurde allerdings bis zur Entscheidung über das eingereichte Gnadengesuch aufgeschoben. 614 Bereits acht Tage später entschied der Oberbefehlshaber des Heeres, die Todes- in eine Zuchthausstrafe von sieben Jahren umzuwandeln. 615 Trotz einer Vorstrafe wegen Vergewaltigung, trotz der Tatsache, dass Werner M. unter Drohung mit einer Waffe eine schwangere Frau vor den Augen ihres Sohnes vergewaltigt hatte, und trotz des anfänglichen Leugnens billigte von Brauchitsch das Gnadengesuch und änderte die Strafe ab. Er setzte damit in seiner Funktion als übergeordneter Gerichtsherr seine Vorstellungen über die Anwendung der Todesstrafe, wie er sie bereits im Juni 1940 ausformuliert hatte, direkt in die Praxis um. Ebenfalls in Frankreich ereignete sich die Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens durch einen Wachmann beim Marinegruppenkommando West6io j ) j c Vergewaltigung scheint auf den Verlauf der Schwangerschaft keine schwerwiegenden physischen Auswirkungen gehabt zu haben. Die Feldkommandantur 754 ließ am 23. September 1940 die Vernehmungsfähigkeit von Renee H. durch einen Arzt untersuchen, da die Frau nun im 9. Monat schwanger war und die Geburt des Kindes bevorstand. BA-ZNS Gericht Kdt. d. rückw. Armeeg. 580/132, Untersuchungsaktenband, Bl. 29. 611 Ebd., Bl. 138. 612 Ebd., Bl. 139. 6,3 Von Gleispach, Kriegsstrafrecht, Teil I, S. 3. M4 BA-ZNS Gericht Kdt. d. rückw. Armeeg. 580/132, Bl. 144: Militärbefehlshaber in Frankreich, A.L.I. Nr. 930/40, 11. Dezember 1940, General der Infanterie, Stülpnagel. Otto von Stülpnagel war von Oktober 1940 bis Februar 1942 Militärbefehlshaber in Frankreich. Thalmann, Gleichschaltung, S. 22. 613 BA-ZNS Gericht Kdt. d. rückw. Armeeg. 580/132, Bl. 165: Oberkommando des Heeres, Az. 467 Gr. R. Wes, 19.12.1940.
320 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Oberwerftstab. Er musste sich im Juli 1944 beim Gericht des Höheren Kommandeurs der Marinedienststellen Groß-Paris wegen unerlaubter Entfernung und wegen „Notzucht" sowie „Unzucht mit Kindern" verantworten. 616 G. war am 30. Mai 1944 von Paris nach Nancy unterwegs, als der Eisenbahntransport in Brienne-Le-Chäteau ungeplant und für mehrere Tage anhalten musste. Am 5. Juni begab sich G. in ein Dorf, um Eier und Milch zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit traf er auf die junge Französin und vergewaltigte sie. Gegenüber der Feldgendarmerie gestand G. den Geschlechtsverkehr zwar, er behauptete aber, das Mädchen sei damit einverstanden gewesen. Dieser Erklärung schenkte das Gericht keinen Glauben, denn ein Kind würde sich nicht mit einem ihm unbekannten Mann einlassen. Das Mädchen selbst sei trotz seines Alters vertrauenswürdig, denn „Phantastereien oder besonders rege Einbildungskraft" seien bei ihr nicht erkennbar. Zudem wurde durch ein ärztliches Zeugnis der Geschlechtsverkehr bestätigt, so dass das Gericht den Wachmann neben unerlaubter Entfernung, versuchten Betruges und Volltrunkenheit wegen eines „Verbrechens gegen § 1 des Gesetzes zur Änderung des RStGB. vom 4.9.1941 in Verbindung mit Notzucht und gleichzeitiger Unzucht mit Kindern als Sittlichkeitsverbrecher" zum Tode verurteilte. Die bürgerlichen Ehrenrechte und die „Wehrwürdigkeit" wurden ihm auf Lebenszeit aberkannt. 617 Die Heranziehung des „Änderungsgesetzes" wurde vom Gericht mit dem notwendigen Schutz der deutschen „Volksgemeinschaft" begründet. Der Angeklagte habe durch seine Tat gezeigt, dass er auch in Deutschland Kinder sexuell misshandeln würde, wenn ihm die entsprechende Gelegenheit dazu geboten werde. Hier ist zu beachten, dass laut der offiziellen Kriminalstatistik Verbrechen gegen den § 176 RStGB im Vergleich zum § 177 RStGB bei weitem überwogen. 618 Obwohl G. keine gerichtlichen oder disziplinarischen Vorstrafen aufzuweisen hatte, war er nach Meinung des Gerichts aufgrund der nun verübten verschiedenen Straftaten zum „Volksschädling" geworden, der weder in der Wehrmacht noch in der „Volksgemeinschaft" gebraucht werde. Mit unverhohlener Verachtung und der nationalsozialistischen Täterlehre gemäß wurde der Wachmann zum „asozialen Untermenschen" degradiert - die Merkmale dafür seien in seinem Äußeren sowie in seinem Auftreten vor Gericht erkennbar.619 Am 8. August 1944 wurde das Urteil durch den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine bestätigt, ein Gnadenerweis abgelehnt.620 Laut 616 6,7 618 619 620 BA-ZNS Gericht des Höheren Kommandeurs der Marinedienststellen Gross-Paris/Fr. 7294, Feldurteil vom 18. Juli 1944. Ebd. Die Aussagen des Mädchens und ihrer Mutter sowie das Arztzeugnis liegen den Akten nicht bei, sie dienten aber dem Gericht laut der Anklagevcrfügung vom 4. Juli 1944 als Beweismittel. Von 1937 bis Juni 1943 beliefen sich im Deutschen Reich die Fälle von „Unzucht mit Personen unter vierzehn Jahren" auf mehr als 26.000. Vgl. Kap. IV, 3. BA-ZNS Gericht des Heiheren Kommandeurs der Marinedienststellen Gross-Paris/Fr. 7294, Feldurteil vom 18. Juli 1944. Ebd., Oberkommando der Kriegsmarine, Mar Wehr/R III Nr. 13212, 8. August 1944.
8. Todesurteile 321 einem entsprechenden Vermerk in der Todesurteilskartei wurde der Verurteilte durch Erschießen hingerichtet. Zwar hob das Gericht in seiner Urteilsbegründung auch die negativen Auswirkungen der Straftat für das „Ansehen" der Wehrmacht hervor, schlussendlich verfügte es aber die Todesstrafe, weil der Wachmann aufgrund seiner Persönlichkeit und wegen der Verübung mehrerer Delikte nach nationalsozialistischer Rechtsauffassung kein Anrecht mehr darauf hatte, ein Mitglied der deutschen „Volksgemeinschaft" zu sein. Dass sich die Tat in Frankreich ereignet hatte und ein französisches Kind davon betroffen gewesen war, scheint für die Verhängung der Todesstrafe nicht von zentraler Bedeutung gewesen zu sein. Im Mittelpunkt der richterlichen Entscheidung stand allein die Person des Angeklagten. Ebenfalls in Frankreich und im Zuständigkeitsbereich der Marine fand das Verfahren gegen den Kraftfahrer Karl F. statt. Neben dem bereits erwähnten Fall aus Weißrussland ist dies das zweite Verfahren vor einem Militärgericht, bei dem ein Sexualverbrechen in Verbindung mit Mord stand. Aufgrund einer Meldung der französischen Gendarmerie erfuhr die Feldkommandantur 750 am 20. Mai 1941, dass eine 64 Jahre alte Frau vergewaltigt und danach mit Messerstichen getötet worden war. Als Täter verdächtigt wurde Karl F., der als Kraftfahrer bei der Reichspostomnibusstaffel in Lorient diente. 621 Bei der am nächsten Tag erfolgten Vernehmung von F. gestand dieser die Tat, es kam jedoch erst am 7. August 1941 zur Gerichtsverhandlung. Der Angeklagte wurde „als Gewaltverbrecher wegen Notzucht mit Todesfolge" zum Tode verurteilt. Nach § 178 RStGB wäre die Mindeststrafe dafür zehn Jahre Zuchthaus 622 gewesen, das Gericht zog jedoch zur Strafverschärfung die „Gewaltverbrecherverordnung" von 1939 heran. Begründet wurde dieses Vorgehen mit dem verbrecherischen Charakter des Angeklagten, der sich „mit solch viehischer Rohheit und mit solch hemmungsloser Sinnenlust [...] an einer Frau vergangen" habe, dass er eine Gefährdung für die Öffentlichkeit darstelle.623 Im Bemühen, den „Schädlingscharakter" von Karl F. und die sich daraus ergebende notwendige Todesstrafe möglichst einleuchtend zu schildern, griffen die Militärrichter auf Argumente im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie zurück. So sei es „kaum vorstellbar, dass eine Notzucht mit noch stärkerer Gewaltanwendung gegen eine hilflose Frau begangen werden kann, wenn man nicht ausgesprochene, ''21 BA-ZNS Gericht des Marinebefehlshabers Westfrankreich, Zweigstelle Lorient/F 444, Bl. 5: Kreiskommandantur 735 an Feldkommandantur 750, Vannes, 20. Mai 1941; Bl. 11-13: deutsche Übersetzung des Berichts der Gendarmerie sowie Zeugenaussagen und Vernehmungen; Bl. 27a-27d: Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Tatortes sowie der Leiche. 622 § 178 RStGB 1944: „Ist durch eine der in den §§ 176 und 177 bezeichneten Handlungen der Tod der verletzten Person verursacht worden, so tritt Zuchthausstrafe nicht unter zehn Jahren oder lebenslängliche Zuchthausstrafe ein." 623 BA-ZNS Gericht des Marinebefehlshabers Westfrankreich, Zweigstelle Lorient/F 444, Bl. 4450: Feldurteil vom 7. August 1941, Zitat Bl. 50.
322 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 besonders tierische Fälle bei tiefstehenden Völkern zum Vergleich heranziehen will".624 Die inhaltliche Nähe zu Sexualmorden, die das von Julius Streicher herausgegebene nationalsozialistische und „quasi pornographische" Hetzblatt „Der Stürmer" besonders gerne den Juden anzulasten versuchte, ist offensichtlich.625 Mit dieser Urteilsbegründung scheint das Marinegericht nicht auf Kritik gestoßen zu sein. Denn das Urteil wurde, zwar mit einiger Verspätung erst, im Oktober 1941 durch den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Erich Raeder, bestätigt und die sofortige Vollstreckung angeordnet. Diese erfolgte am 12. November 1941 in Lorient. 626 Das einzige anhand der Kartei ermittelte Verfahren, das wegen einer im Osten verübten Vergewaltigung mit einem Todesurteil endete, stammt vom Gericht der Wehrmacht-Ortskommandantur Riga. Aufschlussreich ist, dass hier einmal mehr auf den Erlass des O K H vom 19. Juni 1940 Bezug genommen wurde. Der Schütze Franz J. geriet im April 1944 nicht zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt. Noch vor dem Waffenstillstand mit Frankreich war er bereits wegen Belästigung mehrerer Frauen aufgefallen und disziplinarisch bestraft worden. Im November 1941 hatte ihn das Gericht des Chefs der Militärverwaltung, Bezirk C Nordostfrankreich, wegen eines Vergewaltigungsversuches an einer 17-jährigen Französin zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Mit dieser Vorgeschichte galt er für das Gericht in Riga als einschlägiger Krimineller und dementsprechend richtete es ein besonderes Augenmerk auf die Höhe der Bestrafung.627 Am 6. Februar 1944 hatte J. in Riga versucht, zwei lettische Frauen zu vergewaltigen und dabei jedes Mal die Frauen „in der brutalsten Weise von hinten [...] niedergeschlagen", wie das Gericht in seiner Urteilsbegründung bemerkte. 628 Da er die „versuchte Notzucht" in Frankreich auf ähnliche Art verübt hatte, stuften ihn die Richter als Wiederholungstäter und als „Sittlichkeitsverbrecher" ein und verurteilten ihn nach „§ 1 des Gesetzes zur Änderung des RStGB" zum Tode. Das „Ansehen der Wehrmacht" sei schwer beschädigt worden, und gerade im Krieg sei „die Strafe nicht nur mit Rücksicht auf die Person des Täters, sondern vor allem in Hinblick auf das Gemeinwohl festzusetzen". Zu bedenken sei zudem, dass Lettland sich im 624 Ebd., Bl. 50. Kershaw, Hitler 1889-1936, S. 704. Zu Streicher siehe Jay W Baird, Julius Streicher - Der Berufsantisemit, in: Ronald Smelser/Enrico Syring/Rainer Zitelmann (Hg.), Die braune Elite IL 21 weitere biographische Skizzen, Darmstadt 1993, S. 231-242. 62 '' BA-ZNS Gericht des Marinebefehlshabers Westfrankreich, Zweigstelle Lorient/F 444, Bl. 56: Oberkommando der Kriegsmarine, AMA/MR III Nr. 9145 gez. Warzecha, Bl. 64. Zu Raeder und Warzecha vgl. Walmrath, „Iustitia", S. 263f. 627 BA-ZNS Gericht der Wehrmacht-Ortskommandantur Riga/264, Bl. I: Auszug aus dem Strafbuch. Von den drei Jahren Gefängnis hatte J. ein Jahr verbüßt, die Reststrafe war bis zum Kriegsende ausgesetzt worden und J. befand sich zur Bewährung beim Ldsch.Batl. 861. 628 Ebd., Bl. 31-38: Feldurteil vom 13. April 1944, hier Bl. 36. 623
8. Todesurteile 323 Kampf gegen die Sowjetunion auf der Seite des Deutschen Reiches befinde, es müsse daher gegen solche Ausschreitungen eines deutschen Soldaten in Riga hart vorgegangen werden. 629 Das militärische Interesse hinter einer schonungslosen Bestrafung von J. bestand demnach in dem Bemühen, die Wehrmacht gegenüber der lettischen Bevölkerung in einem positiven Licht erscheinen zu lassen. Wenn lettische Männer im Krieg an der Seite deutscher Soldaten kämpften, dann, so der Tenor der Urteilsbegründung, hätten die lettischen Frauen auch ein Anrecht auf Schutz vor Übergriffen. Das in solchen Fällen übliche Rechtsgutachten für den Gerichtsherrn hob ebenfalls diese Bedeutung der Strafe hervor. Zwar sei das Deutsche Reich nicht mit Lettland verbündet, aber angesichts der militärischen Hilfe der Letten seien Taten wie die von J. ein „besonders schwerer Rechtsbruch". Der Gutachter bemängelte einige Details des Urteils und verwies darauf, dass das Gericht sich zum Schreiben des O K H vom 19. Juni 1940 hätte äußern müssen. Schließlich sollten bei Vergewaltigungen generell nicht die höchsten Strafen ausgesprochen werden. Trotzdem sei aber im vorliegenden Fall die Todesstrafe gerechtfertigt, da der Soldat ein Wiederholungstäter und ein „Wehrmachtschädling" sei. Im Gegensatz zu den anderen Urteilen, in denen der Schutz der deutschen „Volksgemeinschaft" explizit betont wurde, verwies das Rechtsgutachten darauf, dass eine solche Begründung nicht stichhaltig sei. Denn die Letten seien nicht Angehörige der deutschen Bevölkerung.630 Das Urteil wurde am 28. April 1944 bestätigt, die Vollstreckung aber ausgesetzt, da sowohl von der Ehefrau wie auch vom Verurteilten selbst Gnadengesuche eingereicht worden waren. Am 12. Mai 1944 wurde die Todesstrafe dann durch Hitler in seiner Funktion als Oberbefehlshaber des Heeres in eine Zuchthausstrafe von zehn Jahren umgewandelt. Der Strafvollzug wurde zugunsten der Verwahrung in einem Feldstraflager der Wehrmacht verschoben, der Verurteilte galt für diese Zeit wieder als „wehrwürdig". Deutlich wird, dass die Floskel vom „Schutz der Volksgemeinschaft" auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert werden konnte. 631 Einige Richter bewerteten die Gefährlichkeit von Sexualverbrechern nicht nur im Hinblick auf deren Verhalten im Krieg und in den besetzten Gebieten, sondern sahen darin eine grundsätzliche Frage nach der Sicherheit. Sie waren der Ansicht, dass auch deutschen Kindern und Frauen sexuelle Gewaltübergriffe durch Soldaten drohten, die nicht für immer aus der „Volksgemeinschaft" ausgeschlossen würden. 629 630 631 Ebd., Bl. 38. Lettland gehörte zum „Reichskommissariat für das Ostland". Im Frühjahr 1944 wurde dort die Generalmobilmachung befohlen. Umbreit, Deutsche Herrschaft, S. 48-54. BA-ZNS Gericht der Wehrmacht-Ortskommandantur Riga/264, Bl. 44: Der Oberstkriegsgerichtsrat beim Wehrmachtbefehlshaber Ostland, BAL 16/44, Rechtsgutachten vom 22. April 1944. BA-ZNS Gericht der 9. Pz.Div./54, Bl. 27-29: Feldurteil vom 27. Juni 1944. Das Gericht zog beim Strafmaß nicht § 1 des „Gesetzes zur Änderung des RStGB" heran, weil es sich bei der vergewaltigten Frau um eine Französin und nicht um eine „deutsche Volksgenossin" gehandelt habe.
324 V. Sexualverbrechen und ihre Ahndung 1939-1945 Neben den geschilderten neun Verfahren wurden weitere Hinweise auf Todesurteile wegen „Notzucht" den Strafsachenlisten beziehungsweise den Gnadenlisten verschiedener Gerichte entnommen. 632 In den meisten Fällen hatten sich diese Soldaten wegen mehrerer Delikte zu verantworten, unter anderem wegen Plünderung, Anwendung von Waffen, aber auch wegen Fahnenflucht und Mord; aus den Listen ist aber nicht immer ersichtlich, für welche der begangenen Straftaten die Todesstrafe verhängt wurde. Anhand dieser Informationen und mittels der Prozesse, in denen wegen eines Sexualverbrechens die Todesstrafe verkündet wurde, können keine endgültigen Schlussfolgerungen über den Umgang der Wehrmachtjustiz mit der Höchststrafe gezogen werden. Dies ist angesichts der äußerst geringen Zahl sowie der in keinster Weise repräsentativen Verteilung nicht möglich. Es fällt zunächst auf, dass mit Hilfe der Todesurteilskartei kein ähnliches Aktenmaterial in Bezug auf die Sowjetunion auffindbar war, für Italien ebenfalls nicht, wo es laut Friedrich Andrae zu Todesurteilen kam.633 Dies muss nicht zwangsläufig darauf hinweisen, dass es bei Vergewaltigungen im Osten nicht zu solchen Urteilen kam, sondern es kann schlicht an der Auswahl der Fälle liegen, die in der Todesurteilskartei nach nicht mehr zu ermittelnden Kriterien aufgeführt sind. Da gemäß der §§ 176,177 und 178 RStGB bei Vergewaltigungen die Todesstrafe nicht vorgesehen war, mussten die Gerichte zur Begründung ihrer Urteile weitere strafverschärfende Bestimmungen heranziehen. In den Verfahren kam in fünf Fällen die „Verordnung gegen Gewaltverbrecher", dreimal der § 5a KSSVO sowie zweimal der § 1 des „Gesetzes zur Änderung des RStGB" vom 4. September 1941 und einmal die „Verordnung gegen Volksschädlinge" zur Anwendung. Die Bedeutung der ersten beiden Verordnungen wird auch aus der Wehrmachtkriminalstatistik ersichtlich, derzufolge diese bei der überwiegenden Zahl der Todesurteile wegen „Notzucht" zum Tragen kamen.634 Aufschlussreich sind die Todesurteile darüber hinaus noch wegen der Erwähnung des Erlasses des O K H vom 19. Juni 1940 sowie bezüglich der Inter632 633 634 BA-ZNS RH 20-6 G/6 Gnadenlisten, Nr. 49, BA-ZNS RH 20-2 G/6, Nr. 56, 57; BA-ZNS RH 20-6 G/5, Nr. 154, 157, 160, 161, 162, 182. Vgl. Kap. II. Vgl. zum Beispiel BA-MA RW 6/v. 129: Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. April bis zum 30. Juni 1940, Berlin 1940, Tabelle XIX (Heer): Zusammenstellung der verhängten Todesstrafen: Zwölf Todesurteile wegen „Notzucht", in neun Fällen wurde die „Verordnung gegen Gewaltverbrecher" und in drei Fällen der § 5a KSSVO herangezogen. BAMA RW 6/v. 129: Kriegskriminalstatistik für die Wehrmacht für die Zeit vom 1. Juli bis zum 30. September 1940, Berlin 1940, Tabelle XIX (Heer): Zusammenstellung der verhängten Todesstrafen: 18 Todesurteile wegen „Notzucht", dabei wurde 14 Mal der § 5a KSSVO, zweimal die „Gewaltverbrecherverordnung" und zweimal § 4 der „Verordnung gegen Volksschädlinge" angewendet. Letztere kam auch noch in einem Fall der „Unzucht mit Kindern" zum Tragen. BA-MA RW6/v. 130: Kriegskriminalstatistik für die Zeit vom 1. Januar bis zum 31. März 1941, Berlin 1941: Tabelle VI (Wehrmacht): Zusammenstellung der verhängten Todesstrafen: Ein Todesurteil wegen „Notzucht" nach § 4 der „Verordnung gegen Volksschädlinge". Aus der Statistik lässt sich jedoch grundsätzlich nicht ersehen, ob sich die Verbrechen im Deutschen Reich oder im Ausland ereignet hatten.
8. Todesurteile 325 pretationen über den „Schutz der Volksgemeinschaft". Das Oberkommando des Heeres war offensichtlich gewillt, sexuelle Gewalt gegenüber Zivilistinnen der besetzten Gebiete als minderschweres Delikt durch die Militärjustiz aburteilen zu lassen, und hielt die Todesstrafe nur bei ganz besonders drastischen Vorkommnissen für angebracht. O b und inwieweit sich die Wehrmachtgerichtsbarkeit hinsichtlich der Todesurteile davon beeinflussen und steuern ließ, kann hier aufgrund der unzureichenden Quellenlage nicht abschließend beantwortet werden. Immerhin finden sich bereits in diesen wenigen Akten Hinweise auf eine Umsetzung, und die Erwähnung des Erlasses in den Verfahrensunterlagen zeigt zumindest, dass die Absichten der militärischen Führung auf Justizseite bekannt waren und diskutiert wurden. 635 Die nationalsozialistische Rechtfertigung der Todesstrafe beruhte auf der gängigen Formel vom „Schutz der Volksgemeinschaft". Im Hinblick auf die Verbrechen deutscher Soldaten, die im Ausland gegenüber Angehörigen anderer Nationen begangen wurden, verwundert der Rückgriff auf dieses Argument zunächst. Da die Richter aber bei der Bemessung der Strafhöhe der „Tätertyplehre" entsprechend die Person des Angeklagten mit einbezogen, konnte ihnen auch die Sicherheit der deutschen Bevölkerung als Begründung dienen. Ob die Gewalttat in Frankreich oder in Griechenland verübt worden war, spielte dann eine eher untergeordnete Rolle. Denn ein als gefährlicher Sexualverbrecher eingestufter Mann könne, so die damalige Logik, aufgrund seiner Veranlagung auch im Deutschen Reich derartige Verbrechen verüben und sei nicht auf die besonderen Umstände des Krieges angewiesen. Solche Menschen mit ihrer kriminellen Energie mussten daher für immer an der Begehung von Verbrechen gehindert werden. In einem Verfahren bezog sich der Rechtsgutachter explizit auf den Erlass vom 5. Juli 1940, um die Verhängung einer Zuchthaus- anstelle der Todesstrafe zu rechtfertigen. BA-ZNS S 258, Bl. 34: Gericht A.O.K. 2, Rechtsgutachten vom 20. Mai 1944.
VI. DULDUNG, BAGATELLISIERUNG, BESTRAFUNG: DER UMGANG DER WEHRMACHT MIT SEXUELLER GEWALT „Auch Soldaten des nationalsozialistischen Deutschlands vergewaltigten [...]"' - und einige von ihnen wurden deswegen von Militärgerichten der Wehrmacht mit Arrest, mit Gefängnis, mit Zuchthaus oder mit dem Tode bestraft. Die vorliegende Studie hatte zum Ziel, die rechtlichen Grundlagen, Mechanismen und Kriterien, die zu einer Strafverfolgung von Sexualverbrechen während des Zweiten Weltkrieges führten, exemplarisch aufzuzeigen. Anhand der ausgewerteten Verfahren und Urteile aus verschiedenen Ländern Europas sowie der Sowjetunion wurde zum einen versucht, sexuelle Gewalt im Krieg „sichtbar" zu machen, die daran Beteiligten und davon Betroffenen sowie die jeweiligen Tatumstände näher zu beleuchten. Zum anderen galt es, den Umgang der Wehrmacht und insbesondere der Militärjustiz mit diesen Delikten in den jeweiligen Besatzungsgebieten zu analysieren und dabei vor allem die für die West- und Ostfront spezifischen Charakteristika herauszuarbeiten. Die Vielzahl der Kriegsschauplätze sowie der jeweiligen Gerichte, die sich verändernde militärische Lage und die individuellen Merkmale der einzelnen Sexualdelikte bedingen, dass sich die gewonnenen Ergebnisse nicht in ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema pressen lassen. Sowohl für die in der Forschung vertretene These, in Bezug auf Sexualstraftäter habe bei der Wehrmacht eine „faktische Straffreiheit"2 geherrscht, als auch für die gegenteilige Aussage, die Militärjustiz sei überwiegend „hart" gegen solche Soldaten vorgegangen, lassen sich entsprechende Beispiele aus Urteilen und anderen Quellen erbringen. Beide Behauptungen können also nicht für sich allein stehen, sondern spiegeln erst in ihrer Kombination und unter Einbezug der zusätzlichen Resultate die Praxis der militärgerichtlichen Strafverfolgung wider. Von den über 17 Millionen Angehörigen der Wehrmacht, die während des Krieges an der Front kämpften oder die in den rückwärtigen oder okkupierten Gebieten eingesetzt waren, wurden laut der offiziellen Wehrmachtkriminalstatistik bis 1944 nur 5.349 Männer wegen „Sittlichkeitsvergehen" verurteilt. Als gesetzliche Grundlage für die gerichtliche Strafverfolgung dienten unter anderem die jeweiligen Paragraphen zu „Notzucht", „versuchter Notzucht" oder „unzüchtigen Handlungen" nach dem Reichsstrafgesetzbuch, das auch für deutsche Soldaten während des Krieges gültig war und von der Militärjustiz bei Straftaten im Ausland herangezogen wurde. Insgesamt beSeifert, Krieg und Vergewaltigung, S. 99. Vgl. Kap. II Paul, Zwangsprostitution, S. 73.
VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt 327 trachtet stellte jedoch die Ahndung von Straftatbeständen nach dem Reichsstrafgesetzbuch kein zentrales Aufgabenfeld der Militärgerichte dar. Sie verurteilten weitaus mehr Soldaten, die militärische Vergehen und Verbrechen gemäß dem Militärstrafgesetzbuch begangen hatten. Bei einer geschätzten Anzahl von insgesamt 1,5 Millionen Soldaten und Angehörigen des Wehrmachtgefolges, die durch Wehrmachtgerichte verurteilt wurden, verweist bereits die geringe Zahl von geahndeten Sexualdelikten darauf, dass diese im Rahmen der Militärgerichtsbarkeit nur eine untergeordnete Rolle spielten, sie waren keine „primären" Vergehen. Als solche galten im Hinblick auf das Wesen und die Zielsetzung der Militärjustiz Delikte wie Fahnenflucht, unerlaubte Entfernung, „Selbstverstümmelung" oder „Zersetzung der Wehrkraft". In ihrer Funktion als Disziplinierungsinstanzen gingen die Wehrmachtgerichte rigoros und mit zunehmender Dauer des Krieges immer unerbittlicher gegen Soldaten vor, die derartige, nicht systemkonforme Handlungen verübten. Im Vordergrund ihrer Tätigkeit stand dabei die Wahrung der „Manneszucht", um den Zusammenhalt der Truppe und damit die Einsatzfähigkeit der Wehrmacht gewährleisten zu können. Aus diesen grundsätzlichen militärischen Interessen heraus wurden auch Sexualverbrechen strafrechtlich verfolgt. Die Intensität der militärgerichtlichen Arbeit fiel jedoch vor allem an West- und Ostfront unterschiedlich aus, da aus politischen, militärischen und ideologischen Gründen sowohl die rechtlichen Grundlagen für die Kriegführung wie auch für die Art der Besatzung deutlich voneinander abwichen. Während in den nord- und westeuropäischen Gebieten das Völkerrecht zumindest teilweise berücksichtigt wurde und die dortigen Zivilisten - abgesehen von Juden, Mitgliedern der Widerstandsgruppen und sonstigen Gegnern des deutschen Regimes - ein Mindestmaß an Schutz, vor Ausschreitungen der Besatzungsmacht beanspruchen konnten, waren die Menschen im Generalgouvernement und in den besetzten Teilen der Sowjetunion mehr oder weniger rechtlos. Vor allem im Krieg gegen die Sowjetunion herrschte von Beginn an der völkerrechtliche wie kriegsgerichtliche Ausnahmezustand. Die gezielte Ermordung der politischen Funktionäre innerhalb der Roten Armee sowie Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung wurden mittels der so genannten „verbrecherischen Befehle" gleichsam legitimiert, um die langfristigen Kriegsziele wie die Erweiterung des „Lebensraumes", die wirtschaftliche Autarkie, die Versklavung der slawischen Bevölkerung und die Ermordung vor allem der jüdischen Bewohner zu verwirklichen. Insbesondere der Gerichtsbarkeitserlass „Barbarossa" vom 13. Mai 1941 bildete durch die Aufhebung des „Verfolgungszwanges" bei Straftaten deutscher Soldaten gegenüber den Bewohnern der besetzten Gebiete die entscheidende Grundlage für den Umgang mit Sexualdelikten. Es stand im individuellen Ermessen der jeweiligen Disziplinarvorgesetzten innerhalb der Truppe wie auch der militärischen Gerichtsherren, Straftaten deutscher Soldaten gegenüber den Bewohnern der besetzten Gebiete entweder überhaupt nicht zu ahnden, sie nur auf disziplinarischem Wege zu bestrafen oder ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Für Letzteres sollte allein die Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der „Manneszucht" aus-
328 VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt schlaggebend sein. Die tatsächliche Umsetzung des Erlasses lässt sich deutlich an der Wehrmachtkriminalstatistik ablesen. Denn nach dem Angriff gegen die Sowjetunion sanken die Verurteilungen wegen Plünderungen wie auch wegen Sexualstraftaten und stiegen erst 1943 wieder leicht an. Die Tätigkeit der Militärjustiz steht hier in einem erkennbaren Gegensatz zur Realität an der Front: So haben die bisherigen Arbeiten zum Zweiten Weltkrieg das teilweise brutale Verhalten von Wehrmachtangehörigen gegenüber sowjetischen Zivilisten beschrieben und darüber hinaus nachgewiesen, dass dieses nicht in allen Fällen auf entsprechende Befehle hin erfolgte. Solche individuellen Verbrechen wurden also weitgehend geduldet, so lange sie nicht direkte Interessen der Wehrmacht zu gefährden schienen. Erst dann kam es zu einer Sanktionierung. Die wenigen noch erhaltenen Verfahrensakten der Infanterie- oder Panzer-Divisionsgerichte geben zum einen über die jeweiligen Zielsetzungen, die mit einer gerichtlichen Ahndung verknüpft waren, detailliert Auskunft. Zum anderen dokumentieren sie die jeweiligen Tatumstände in den besetzten Gebieten und liefern konkrete Angaben über die Opfer sowie insbesondere über die Täter. Sie verweisen darüber hinaus auf die bestehenden Machtverhältnisse zwischen militärischen Richtern, Soldaten und zivilen Zeugen. Die Sexualverbrechen deutscher Soldaten richteten sich gegen Kinder beiderlei Geschlechts, vor allem aber gegen weibliche Jugendliche und Erwachsene, unabhängig von deren Alter, Aussehen oder Familienstand. Oftmals waren diese Zivilistinnen reine „Zufallsopfer", denen die Soldaten in der Nähe ihrer Unterkunft, beispielsweise in einer französischen Ortschaft oder in einem italienischen Dorf, begegneten. In den okkupierten Gebieten der Sowjetunion ereigneten sich solche Delikte auch im Rahmen der Einquartierungen in zivile Häuser, bei angeordneten Requirierungen oder im Zusammenhang mit Plünderungen. Darüber hinaus gingen auch einige Militärangehörige gezielt auf die Suche nach Mädchen oder Frauen und wandten diverse Methoden an, um deren Widerstand und Gegenwehr schon von vornherein im Keim zu ersticken. An der Ostfront demonstrierten einige Soldaten ihre Machtstellung gegenüber der Zivilbevölkerung beispielsweise, indem sie den Vorwurf der Zugehörigkeit zu den Partisanen zur Einschüchterung der Frauen benutzten. Entsprechend groß ist die Bandbreite an unterschiedlichen Formen von sexuellen Übergriffen, die in den Gerichtsakten beschrieben werden. Gruppenvergewaltigungen durch zwei oder mehrere Männer kamen ebenso vor wie die Anwendung von zusätzlicher brutaler Gewalt gegenüber den Opfern. Nicht selten benutzten die Soldaten auch ihre Waffe, um die Zivilbevölkerung zu bedrohen. Sexualdelikte in Tateinheit mit Mord wurden offenbar kaum vor Gericht verhandelt, so fanden sich in den untersuchten Akten nur zwei Verfahren, die sich damit beschäftigten. Es lässt sich jedoch beim derzeitigen Forschungsstand nicht eruieren, ob sich tatsächlich nur wenige solcher Sexualmorde ereigneten oder ob dieses Ergebnis vielmehr das Anzeigeverhalten und die militärgerichtliche Praxis der Strafverfolgung widerspiegelt. Ein ähnliches Vorgehen wie das von japanischen Soldaten bei der Eroberung von Nanking oder das so genannte „double veteraning" von amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg, bei dem sexuelle Übergriffe häufig mit der Tötung des Opfers
VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt 329 endeten, ist bezüglich deutscher Wehrmachtsoldaten in der Literatur derzeit nicht dokumentiert. Grundsätzlich existiert in Bezug auf sexuelle Gewalttaten eine hohe Dunkelziffer, da Schätzungen zufolge schon in „Friedenszeiten" nur eines von 20 oder sogar von 50 solcher Delikte aktenkundig wird. Umso bemerkenswerter ist, dass trotz der besonderen Situation des Krieges und der Tatsache, dass ein Angehöriger der Besatzungsarmee die Tat begangen hatte, viele der Frauen bereit waren, das an ihnen verübte Sexualverbrechen selbst zu melden. In Frankreich wandten sie sich in der Regel an die örtliche französische Polizei, die die Anzeige an die deutschen Militärstellen weiterleitete. Vor allem in den besetzten Gebieten der Sowjetunion suchten die Zivilistinnen die Feld- oder Ortskommandanturen auf oder teilten das Geschehen einem Dolmetscher der Wehrmacht mit. Kam es aufgrund der Verfügung eines Gerichtsherrn zu einem Prozess, wurden die Opfer in der Regel als Zeugen geladen. Vor dem Militärgericht war ihr Einfluss allerdings mehr als gering, da ihre Glaubwürdigkeit in zweierlei Hinsicht überprüft wurde. Zum einen wurde - wie allgemein in Sexualstrafverfahren üblich - vor allem in nord- und westeuropäischen Ländern der Ruf der Zeuginnen in moralischer Hinsicht, ihr Lebenswandel, ihr Aussehen sowie insbesondere ihr Verhalten während der Tat von den Richtern genau beurteilt. Diese orientierten sich dabei teilweise an historischen „Vergewaltigungsmythen", die Frauen grundsätzlich eine gewisse Mitschuld an Sexualverbrechen geben. Auch die Aussagen von Kindern wurden äußerst kritisch bewertet, die Richter zogen in diesen Fällen medizinische Gutachten als weiteres Beweismaterial heran. Mögliche direkte Folgen einer Vergewaltigung, wie die Infizierung mit einer Geschlechtskrankheit oder eine Schwangerschaft, wurden dagegen meist ebenso wenig thematisiert wie seelische und körperliche Verletzungen. Zum anderen hatten alle Zeugen als Angehörige von „Feindstaaten" von Beginn an einen schweren Stand vor Gericht. Denn der wesentliche Unterschied zu Sexualstrafverfahren in „Friedenszeiten" lag in der Tatsache, dass jeweils ausländische Zivilistinnen in einem der besetzten oder umkämpften Gebiete einen deutschen Soldaten eines Verbrechens beschuldigten. Dadurch erhielten die Vorwürfe ein besonderes Gewicht und die Frauen hatten gegen das grundsätzliche Misstrauen der Richter anzukämpfen - dies galt insbesondere für osteuropäische und sowjetische Frauen, die nur selten vereidigt wurden. Dies schloss jedoch nicht aus, dass in einigen Verfahren deutsche Soldaten nur aufgrund der Zeugenaussagen eines Deliktes überführt und verurteilt wurden. Die Soldaten, die wegen eines Sexualverbrechens angeklagt wurden, waren meistens verheiratet, teilweise auch Familienväter und im Durchschnitt mit 27 Jahren nicht sehr viel älter als die Zivilistinnen. Während des Prozesses versuchten die Männer in der Regel, die ihnen vorgeworfene Tat entweder ganz zu leugnen oder sie zu bagatellisieren, indem sie auf die fehlende Gegenwehr seitens der Opfer verwiesen. Im Falle einer Gruppenvergewaltigung wälzten einige auch die Verantwortung auf ihre Mittäter ab, andere wiederum lasteten die Schuld an dem Geschehenen den Frauen oder Mädchen an. Seltener wa-
330 VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt ren dagegen die Verfahren, in denen Soldaten sich zu ihrem Vorgehen bekannten und ein Geständnis ablegten. Zum Teil resultierte dies aus der erdrückenden Beweislage oder aus dem prinzipiellen Gefühl heraus, nichts Verbotenes getan zu haben. Die Begründungen, die die Angeklagten für ihr Verhalten lieferten, lassen sich selbstverständlich nicht dazu verwenden, deren individuelle Motive herauszufinden oder die eigentlichen Hintergründe für das Auftreten von sexueller Gewalt aufzudecken. Einige Äußerungen der Soldaten vor Gericht verweisen jedoch auf traditionelle männliche Auffassungen über die Frau als „Sexualobjekt", das zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse „gebraucht" werden könne. Es liegt die Vermutung nahe, dass sich bei manchen der Wehrmachtangehörigen durch die täglich erfahrene Machtposition als Repräsentanten der Besatzungsarmee das Gefühl der Überlegenheit Frauen gegenüber durchaus noch verstärkte. Dies traf insbesondere für die Ostfront zu, wie unter anderem auch entsprechende Feldpostbriefe belegen. Ein ähnliches Bewusstsein herrschte bei zahlreichen Richtern vor, die bei der Beurteilung eines Sexualverbrechens zwar mehrere Kriterien berücksichtigten, aber häufig die Kriegssituation und die damit verbundenen Umstände zugunsten der Soldaten auslegten. Im Zentrum der Strafverfolgung stand die Frage, inwieweit der Angeklagte durch das verübte Sexualverbrechen die Interessen und das „Ansehen" der Wehrmacht gefährdet sowie die Disziplin verletzt hatte. Dies wurde je nach militärischer Situation, Kriegsschauplatz und abhängig von der Person des oder der Soldaten sehr unterschiedlich bewertet. So interpretierten vor allem im Sommer 1940, kurz nach dem Waffenstillstand mit Frankreich, zahlreiche Gerichte Sexualdelikte an französischen Frauen im Hinblick auf mögliche negative Auswirkungen auf das „Ansehen der Wehrmacht" und damit als Gefahr für die zukünftige Besatzungstätigkeit der Armee. Sie verhängten deshalb mehrjährige Zuchthausstrafen und bei nachgewiesener Anwendung von Waffengewalt auch Todesstrafen, was schließlich zum Eingreifen des Oberkommandos des Heeres führte. Dessen Erlasse vom 19. Juni und vom 5. Juli 1940 sind ein klarer Beleg dafür, dass Sexualverbrechen in den Augen der Heeresführung im Vergleich zu militärischen Straftaten keine besonders schwerwiegenden Verstöße gegen die „Manneszucht" darstellten. Sie sollten zwar grundsätzlich bestraft werden, aber zugleich sollte die „gewöhnlichen" Sexualstraftäter unter den Soldaten in der Regel nicht die volle Härte des Gesetzes treffen. Vielmehr plädierte der Oberbefehlshaber des Heeres dafür, den Krieg sowie die Besatzungszeit und die damit verbundenen Schwierigkeiten für die Soldaten bei der Ahndung von Sexualverbrechen stets zu berücksichtigen. Diese Vorgaben wurden von einigen Gerichten direkt umgesetzt, zum Teil unter expliziter Berufung auf das O K H , indem sie das geforderte Verständnis für die „aussergewöhnlichen Umstände" aufbrachten. Die wesentlichen Kriterien für die Strafbemessung lassen sich dabei neben dem „Ansehen der Wehrmacht" mit den Stichworten „Alkoholrausch", „Geschlechtsnot", „Geschlechtsehre" und „Prävention" benennen. Obwohl diese nicht in jedem
VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt 331 Einzelfall als strafmildernde Gründe herangezogen wurden, lässt sich doch als Tendenz erkennen, dass sie einigen Richtern dazu dienten, Sexualverbrechen zu bagatellisieren. Unter Verweis auf eine alkoholbedingte Unzurechnungsfähigkeit oder einen durch die Kriegszustände verursachten „Drang" nach Geschlechtsverkehr wurde die eigentliche Verantwortung des Soldaten für die Tat abgeschwächt und er dementsprechend weniger streng bestraft. Bezüglich der „Geschlechtsnot" von Soldaten gingen die Wehrmachtjuristen grundsätzlich davon aus, dass ein Mann auch im Krieg regelmäßig die Gelegenheit zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse erhalten müsse. Diese Auffassung von männlicher Sexualität war bereits für die Einrichtung der Wehrmachtbordelle durch die militärische Führung zu Beginn des Krieges ausschlaggebend gewesen. Während nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Prostituierte kriminalisiert und teilweise als so genannte „Asoziale" in Konzentrationslager gebracht wurden, befasste sich das O K H schon 1936 mit der Organisation der Militärprostitution in einem zukünftigen Krieg. Zum einen sollte die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten verhindert werden, zum anderen wollte die Heeresführung der Entstehung homosexueller Beziehungen vorbeugen. Während des Krieges wurden dann in den meisten der besetzten Gebiete entsprechende Einrichtungen geschaffen oder bereits vorhandene Etablissements durch den deutschen Sanitätsdienst übernommen. Dieser reglementierte streng bürokratisch die Benutzung und sorgte für medizinische Kontrolluntersuchungen der in den Bordellen tätigen Frauen sowie für die „Sanierung" der Soldaten. Dabei lassen sich beim bisherigen Stand der Forschung für Frankreich auch Fälle von Zwangsprostitution konkret nachweisen, für die anderen Kriegsschauplätze und Besatzungsgebiete liegen noch keine grundlegenden Arbeiten vor. Die Tatsache, dass einige Französinnen aus Internierungslagern in Wehrmachtbordellc gebracht wurden, um dort gegen ihren Willen als Prostituierte zu arbeiten, verweist auf eine strukturelle und institutionalisierte Form von sexueller Gewalt im Krieg. Der Anspruch auf die „Verfügbarkeit" von Frauen wurde sowohl im Bereich der Wehrmachtprostitution als auch von einigen Soldaten geltend gemacht. In diesem Zusammenhang hat der Exkurs über die „Heimatfront" die herrschende Doppelmoral bezüglich weiblicher und männlicher Sexualität aufgezeigt. Während deutschen Männern sowohl von der nationalsozialistischen Führung wie auch durch das O K H außerehelicher Geschlechtsverkehr während des Krieges in den besetzten Gebieten zugestanden wurde, unterlagen deutsche Frauen einer strengen Kontrolle ihres Lebenswandels. Den rein freundschaftlichen und insbesondere den intimen Kontakten mit „fremdvölkischen" Arbeitern versuchte das Regime durch drakonische Strafen entgegenzuwirken. Denn die „Ehre" der deutschen Frau, so die nationalsozialistische Interpretation, äußere sich in der „Reinhaltung" der „arischen Rasse". Sowohl im Bereich der Wehrmachtprostitution wie auch bezüglich des Umgangs mit ausländischen Zwangsarbeitern zeigen sich jedoch letztlich die Grenzen eines totalitären und autoritären Regimes, das individuelle Verhaltensweisen nicht in dem erwünschten Ausmaß reglementieren kann. So hielten sich einige Wehrmacht-
332 VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt angehörige weder daran, nur in den von der Armee kontrollierten Bordellen Geschlechtsverkehr auszuüben, noch konnte das Vorgehen der Gerichte an der „Heimatfront" das Entstehen zahlreicher Beziehungen zwischen Deutschen und „Fremdvölkischen" unterbinden. Neben den bereits erwähnten Kriterien spielte die weibliche „Geschlechtsehre" eine nicht unwesentliche Rolle für die Bewertung eines Sexualverbrechens durch die Militärgerichte und damit auch für die strafrechtliche Ahndung. Zahlreiche Richter vertraten die Ansicht, nur im Falle eines sexuellen Übergriffs gegen eine deutsche Frau könne die ganze Härte des Gesetzes für die Verurteilung herangezogen werden. Grundsätzlich galt der Anspruch einer „Arierin" auf den Schutz ihrer sexuellen Integrität höherwertig als derjenige einer Französin, Italienerin, Polin oder einer Russin. Bezüglich der ausländischen Zivilistinnen ist noch eine weitere Hierarchisierung feststellbar: Im Rahmen der von der nationalsozialistischen Ideologie propagierten Diskriminierung der osteuropäischen und slawischen Bevölkerung wurde von einigen Richtern die Bedeutung der weiblichen „Geschlechtsehre" bei diesen Nationen abgeschwächt oder das Vorhandensein eines solchen Rechtsgutes gänzlich bestritten. Trotz dieser klaren Abwertung und der damit verbundenen Bagatellisierung von Sexualverbrechen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion kam es aber auch dort zu hohen Strafen, da die Strafzumessung grundsätzlich zweckorientiert war und den jeweiligen Interessen der Wehrmacht angepasst wurde. Daher variierten die Urteile stark in Fällen von Vergewaltigung, versuchter „Notzucht" oder anderen Formen sexueller Gewalt. Unabhängig vom Zeitpunkt und Ort des Geschehens sowie des jeweiligen Gerichts selbst finden sich in den Aktenbeständen der Militärjustiz für gleiche Tatbestände alle Strafarten, ausgehend von Arrest und wenigen Monaten Gefängnis über langjährige Zuchthausstrafen bis hin zur Todesstrafe. Neben den bereits erwähnten Kriterien waren die unmittelbaren und langfristigen Zielsetzungen der Wehrmacht für die Strafzumessung von zentraler Bedeutung. Die militärische Gesamtsituation spielte dabei ebenso eine Rolle wie die spezifische Lage vor Ort. In den Verfahren wurden als Begründung für langjährige Haftstrafen mögliche Gefahren für die Armee und deren „Ansehen" durch eine negative Propaganda oder durch den Zulauf der Bevölkerung zu regionalen Widerstandsgruppierungen genannt. Für ein Zuchthausurteil konnte eine ungünstige Charakterisierung des Angeklagten durch seinen Vorgesetzten ebenso ausschlaggebend sein wie gegebenenfalls ein Vorstrafenregister. Die entsprechend der „Tätertyplehre" als „schädlich" für die Truppe eingestuften Soldaten sollten durch harte Strafen zunächst von der Wehrmacht ausgeschlossen oder im Falle eines Todesurteils auch für immer aus der „Volksgemeinschaft" entfernt werden. Die Todesstrafe wurde zum einen gegen Sexualstraftäter verhängt, die bei ihrer Tat eine Waffe oder zusätzliche körperliche Gewalt angewendet hatten. Hier zogen die Gerichte zur Strafverschärfung die „Gewaltverbrecherverordnung" von 1939 heran. Zum anderen drohte die Todesstrafe jenen Angeklagten, die bereits straffällig geworden waren und somit als Wiederholungstäter und als „Gewohnheitsverbrecher" galten. Die Richter griffen für
VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt 333 die Überschreitung des Strafmaßes in diesen Fällen meist auf den § 5a KSSVO, die „Verordnung gegen Volksschädlinge" oder auf das „Gesetz zur Änderung des Reichsstrafgesetzbuches" zurück und rechtfertigten die Höchststrafe mit dem „Schutz der Volksgemeinschaft". Es ging also weniger darum, die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten zu schützen, als vielmehr einen einschlägig vorbestraften und als gefährlichen Sexualverbrecher eingestuften Mann daran zu hindern, auch gegenüber deutschen Kindern oder Frauen ähnliche Delikte zu begehen. Die Strafvollstreckung von Gefängnis- und Zuchthausstrafen orientierte sich mit zunehmender Dauer des Krieges an der unmittelbaren Einsatzfähigkeit der Truppe. Durch die Schaffung diverser Vollstreckungsinstitutionen wie Feldstraflager oder Feldstrafgefangenenabteilungen sollten auch die straffällig gewordenen Soldaten wieder an der Front - meist unter extrem gefährlichen Bedingungen - eingesetzt werden. Deshalb wandelten in allen besetzten Gebieten einige Gerichtsherren auch Zuchthausstrafen in Gefängnisstrafen um, damit die Männer weiter „wehrwürdig" blieben, oder ordneten nur für einen Teil der Strafzeit die Vollstreckung an. Hier lässt sich als Tendenz feststellen, dass vor allem die kurzzeitigen Strafen immer weniger vollzogen wurden. An ihre Stelle trat geschärfter Arrest oder die sofortige „Bewährung" an der Front. Das auf dem Urteil vermerkte Strafmaß gibt somit zwar wieder, wie ein Militärgericht die Schwere und die Folgen eines Sexualverbrechens bewertete. Daraus allein lassen sich jedoch die direkten und längerfristigen Folgen für den Soldaten nicht abschätzen. Die Umsetzung der gerichtlichen Entscheidung in die Praxis hing letztlich von den Anordnungen des Gerichtsherrn, den verfügbaren Strafvollzugseinrichtungen und der militärischen Lage an der Front ab. Diese Ergebnisse in Bezug auf die Ahndung von Sexualverbrechen spiegeln allerdings nur eine Seite der Militärjustiz wider. Der Vergleich mit anderen Delikten zeigt, dass trotz der zunehmenden Pcrsonalnot und der Verschlechterung der militärischen Situation bei Vergehen, die als Auflösungserscheinung, „Zersetzung" oder als Gehorsamsverweigerung interpretiert wurden, keine Milderungsgründe zugunsten einer Bewährung im Kampfeinsatz herangezogen wurden. So stieg die Zahl der rechtskräftig gewordenen Todes- wie auch der Zuchthausurteile bei diesen militärischen Straftaten vor allem 1943 und 1944 deutlich an. Dies verweist darauf, dass für die Bewertung und Einschätzung der Arbeit der Militärgerichte in ihrer Gesamtheit in Zukunft weitere Straftatbestände, insbesondere Verbrechen gegenüber Zivilisten der besetzten Länder, in die Forschung mit einbezogen werden müssen. Die derzeitige Beurteilung der Wehrmachtjustiz als drakonisches Disziplinierungsinstrument soll damit nicht in Frage gestellt werden. Möglicherweise fällt aber das Bild durch die Berücksichtigung anderer Deliktgruppen differenzierter aus. Abschließend bleibt die Frage, wie sich die gewonnenen Erkenntnisse über den Umgang der Wehrmacht mit Sexualverbrechen in die Forschungen über sexuelle Gewalt in Kriegen, die im ersten Kapitel vorgestellt wurden, einordnen lassen.
334 VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt Bei der Bewertung solcher Übergriffe auf Angehörige der gegnerischen Bevölkerung stehen bislang zwei Kriterien im Mittelpunkt. So betonen entsprechende Arbeiten einerseits die quantitative Dimension und andererseits, meist eng mit dem ersten Argument verknüpft, die strategische Funktion solcher Verbrechen im Rahmen der Kriegführung. Die vorliegende Studie beruht neben der Auswertung von militärischen Quellen über die Besatzungstätigkeit der Wehrmacht im Wesentlichen auf der Analyse von Rechtsquellen. Diese verweisen jedoch nur auf die sanktionierten Fälle von sexueller Gewalt und sagen über das Ausmaß der tatsächlich erfolgten Verbrechen nichts aus. Zwar lassen sich einigen Urteilen sowie weiteren Quellen aus dem Bereich der Heeresführung oder des Sanitätsdienstes Hinweise auf die Verbreitung von Sexualverbrechen im Zweiten Weltkrieg entnehmen, wenn beispielsweise als Strafverschärfung das Motiv der Abschreckung erwähnt wird oder ein Gericht explizit andere Fälle auflistet. O b diese bekannt gewordenen Übergriffe disziplinarisch oder gerichtlich geahndet wurden, kann jedoch nicht überprüft werden, da zu wenige Informationen dazu vorliegen. Gemäß der vorhandenen Literatur und der bislang ausgewerteten Quellen sind zwar Ereignisse in einer Größenordnung wie in Nanking oder in Berlin für die Wehrmacht nicht belegt. Grundsätzlich ist jedoch ausgehend von dieser Materialbasis und aufgrund der Dunkelziffer derzeit keine Schätzung über die Anzahl der stattgefundenen Sexualverbrechen möglich. Auch die Daten über Geschlechtskrankheiten und über die von deutschen Soldaten in den besetzten Gebieten gezeugten Kinder erlauben keine Hochrechnung. Denn allein diese Angaben sagen noch nichts darüber aus, welcher Anteil der intimen Beziehungen gewaltsamer Natur war. Hier sind noch grundlegende Forschungen nötig. Ein Vergleich mit anderen historischen Beispielen sollte deshalb nicht hinsichtlich der quantitativen Dimension angestellt werden, sondern vielmehr bezüglich der spezifischen Formen sexueller Gewalt und ihrer Bedeutung im Rahmen der deutschen Kriegführung. Dies betrifft zwangsläufig das zweite Kriterium, nämlich die Frage nach der Strategie. Ausgehend von den verwendeten Quellen und dem bisherigen Forschungsstand lassen sich keine abschließenden Thesen aufstellen. Zwar liegen die Zahlen aus der Wehrmachtkriminalstatistik sowie Gerichtsakten unterschiedlicher Wchrmachtgerichte vor, die klar belegen, dass sexuelle Gewalt im Krieg bestraft wurde. Da aber das gesamte Ausmaß der tatsächlich verübten Verbrechen nicht bekannt ist und somit auch nicht die Zahl derer, die straffrei ausgingen, lässt sich damit allein noch wenig über den Stellenwert von Sexualverbrechen in der Kriegführung aussagen. Dazu sind weitere Informationen über den Umgang der militärischen Führung mit diesen Delikten erforderlich, wie sie etwa die Erlasse des O K H darstellen. Die Schreiben des Oberbefehlshabers des Heeres müssen als eine konkrete Einmischung in die Tätigkeit der Gerichte gewertet werden. Sexuelle Straftaten sollten zwar bestraft werden, aber nur in außergewöhnlichen Fällen mit dem höchsten dafür vorgesehenen Strafmaß. Dies deutet auf eine Bagatellisierung von sexueller Gewalt hin, wie sie auch innerhalb der Militärjustiz teilweise zum Tragen kam. Schließlich verweist das Absinken der Verurteilungen aufgrund des Gerichtsbarkeitserlasses
VI. Der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt 335 darauf, dass im Vergleich zur Westfront im Krieg gegen die Sowjetunion mehr Fälle von sexueller Gewalt nicht gemeldet oder trotz einer Anzeige nicht gerichtlich verfolgt und mitunter geduldet wurden. Es muss also zwischen den einzelnen Kriegsschauplätzen und Besatzungsgebieten klar differenziert werden, denn in der Sowjetunion galten von vornherein andere Voraussetzungen für die gerichtliche Verfolgung von sexuellen Straftaten. Die politischen wie militärischen Zielsetzungen und die Art der Kriegführung hatten schwerwiegende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und führten zu zahlreichen Verbrechen. Diese wiederum ereigneten sich teils aufgrund entsprechender Anordnungen und Befehle, teils waren sie Ausdruck einer individuellen Brutalisierung. Es steht außer Frage, dass diese Rahmenbedingungen und das nachlassende Einschreiten der Militärjustiz bei Übergriffen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung im Zuge des Gerichtsbarkeitserlasses das Auftreten von Sexualdelikten begünstigt haben. Grundsätzlich können die Hintergründe und die Motive der einzelnen Soldaten für ihr Verhalten jedoch nicht einfach als identisch mit den sich verändernden Absichten der Armeeführung angesehen werden. Und es lässt sich aus den beschriebenen Verhältnissen an der Ostfront nicht automatisch der Schluss ziehen, die Wehrmachtführung habe dort sexuelle Gewalt als Mittel der Kriegführung akzeptiert oder sie gleichsam bewusst als Strategie angewendet, um die gegnerische Zivilbevölkerung zu demütigen und zu demoralisieren. Schließlich gibt es für alle Fronten und durch die ganze Kriegszeit hindurch Verurteilungen von Sexualstraftätern, da diese durch ihr Vorgehen entweder militärische Zielsetzungen der Wehrmacht beeinträchtigten oder als Soldaten nicht den Anforderungen bezüglich der „Manneszucht" entsprachen. Unter Berücksichtigung der Wehrmachtprostitution, die teilweise auf der zwangsweisen Rekrutierung von Frauen beruhte, lässt sich der Umgang der Wehrmacht mit sexueller Gewalt daher folgendermaßen charakterisieren: Sexuelle Gewalt wurde sanktioniert und bestraft, aber auch bagatellisiert, geduldet und teilweise im Rahmen der Bordelle für militärische Zwecke institutionalisiert. Da sich letztlich alles an den Interessen der Wehrmacht wie auch des nationalsozialistischen Regimes orientierte und auf die Kriegführung hin ausgerichtet wurde, war der Umgang der Armee und auch der Militärjustiz mit sexueller Gewalt funktional und zweckorientiert. Für die systematische Anwendung wie auch für die strategische Funktion solcher Übergriffe und damit für deren Einordnung als deutsche Kriegsstrategie ist trotz gleich lautender Thesen bislang aber noch kein wissenschaftlicher Nachweis erbracht.
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS A.K. Absch. Abt. AMA AOK Art.Rgt. Ass.Arzt Az Armeekorps Abschrift Abteilung Allgemeines Marinehauptamt Armeeoberkommando Artillerie-Regiment Assistenz-Arzt Aktenzeichen BA-MA Bau. BA-ZNS BdE BNSDJ Bundesarchiv-Militärarchiv Batterie Bundesarchiv-Zentralnachweisstelle Befehlshaber des Ersatzheeres Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen Ch H Rüst u. BdE Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres Chef des Wehrmachtsanitätswesens Chef W San DRZW Sammelbände „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg" Feldgend. Fest.Btl. Flak Fcldgendarmeric Festungs-Bataillon Flugabwehrkanonen g-> geh. g.Kdos. Gen. Gen.Gouv. Gen.Kdo Gen.z.b.V. GenQu GenStdH Gestapo gez. Gren. geheim geheime Kommandosache General Generalgouvernement Generalkommando General zur besonderen Verwendung Generalquartiermeister Generalstab des Heeres Geheime Staatspolizei gezeichnet Grenadier H.Dv. H.San.Insp. HgHGr. HR HSSP!-' HVBL. Heeresdienstvorschrift Heeressanitätsinspektion Herausgeber Heeresgruppe Heeresrechtsabteilung Höherer SS- und Polizeiführcr Heeresverordnungsblatt
Abkürzungsverzeichnis ICC i.G. i.O. LR. IMT 337 Inf.Div. Inf.Regt. International Criminal Court im Generalstab im Original Infanterie-Regiment International Military Tribunal (Internationaler Militärgerichtshof) Infanterie-Division Infanterie-Regiment Korück Kr.Nw KSSVO KStVO KTB Kommandant des rückwärtigen Armeegebiets Kranken-Nachweis Kriegssonderstrafrechtsverordnung Kriegsstrafverfahrensordnung Kriegstagebuch Mil.Bef. Mil.Verw.Bez. mot. MStGB Militärbefehlshaber Militärverwaltungsbezirk motorisiert Militärstrafgesetzbuch NSDAP NSV NZZ Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Nationalsozialistische Volkswohlfahrt Neue Zürcher Zeitung ObdH ObdL Obgefr. OKH OKM OKW Op Oberbefehlshaber des Heeres Oberbefehlshaber der Luftwaffe Obergefreiter Oberkommando des Heeres Oberkommando der Marine Oberkommando der Wehrmacht Operation Pion.Batl. Pz.Div. Pz.Gren. Pz.Gren.Div. Pionier-Bataillon Panzer-Division Panzergrenadier Panzergrenadier-Division RAA RdL Res.Div. RF-SS RGBl. Rgt. Rk RKU RMfdbO RSHA Recreation and Amüsement Association Reichsminister der Luftfahrt Reserve-Division Reichsführer-SS Reichsgesetzblatt Regiment Reichskanzlei Reichskommissar für die Ukraine Reichsminister(ium) für die besetzten Ostgebiete Reichssicherheitshauptamt San. San.-Uffz. SD Sanität Sanitäts-Unteroffizier Sicherheitsdienst
338 Abkürzungsverzeichnis Sich.-Div. SS Sicherungs-Division Schutzstaffel WFS WiG WR Wehrmachtführungsstab Abteilung Wissenschaft und Gesundheitsführung der Heeressanitätsinspektion Weißruthenien zbV zur besonderen Verwendung Kurzbezeichnung für Abteilungen in den Führungsstäben des Heeres la Ic IIa III IVa IVb Führungs-Abteilung Feindaufklärung und Abwehr, geistige Betreuung 1. Adjutant (Offizierpersonalien) Gericht Intendant (Verwaltung) Arzt
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS 1. UNGEDRUCKTE QUELLEN BUNDESARCHIV-ZENTRALNACHWEISSTELLE KORNELIMÜNSTER Ostbestand „ Sittlichkeit" S l -411 Aktenbestände der Panzer- und Gericht der 3. Pz.Div. Gericht der 6. Pz.Div. Gericht der 9. Pz.Div. Gericht der 16. Pz.Div. Gericht der 21. Pz.Div. Gericht der 26. Inf.Div. Gericht der 86. Inf.Div. Gericht der 96. Inf.Div. Gericht der 211. Inf.Div. Gericht der 227. Inf.Div. Gericht der 253. Inf.Div. Gericht der 254. Inf.Div. Gericht der 299. Inf.Div. Gericht der 336. Inf.Div. Infanterie-Divisionsgenchte Einzelfallakten nach Erfassungsbögen RH 69/1099 RH 69/3619 RH 69/3762 RH 69/3765 R H 69/3779 R H 69/3974 R H 69/4057 Strafsachenlisten RH 20-2 G RH 20-6 G RH 26-6 G RH 26-86 G RH 26-106 G RH 26-253 G RH 26-299 G Todesurteilskartei Marine F 444 Gericht Gericht Gericht Gericht Gericht Gericht Gericht AOK 2 AOK 6 der 6. Inf.Div. der 86. Inf.Div. der 106. Inf.Div. der 253. Inf.Div. der 299. Inf.Div. (BA-ZNS)
Quellen- und Literaturverzeichnis 340 Gericht Gericht Gericht Gericht Gericht Gericht Gericht Admiral Ägäis/7297 des Kdt. d. rückw. Armeeg. 580/132 der Wehrmacht-Ortskomandantur Riga/264 Kdrs. Flakbrigade VIII/4 Höherer Kdr. Marinedienststellen Gross-Paris/Fr. 7294 Div. 172/1723 der 21. Pz.Div./275 Bestimmungsakten RH15aG/8 RH15aG/10 Disziplin und Rechtspflege BUNDESARCHIV-MILITÄRARCHIV FREIBURG/BR. (BA-MA) H20 R H 20-2 R H 26-6 R H 26-7 R H 26-12 R H 26-45 R H 53-7 RW6 N184 Heeressanitätsinspektion Armeeoberkommando 2 6. Inf.Div. 7. Inf.Div. 12. Inf.Div. 45. Inf.Div. Wehrkreiskommando VII OKW/Allgemeines Wehrmachtamt Nachlass Georg v. Küchler Filmsammlung FPF-01 Reichsministerium für die besetzter BUNDESARCHIV BERLIN/LICHTERFELDE (BA-BERLIN/LICHTERFELDE) NS 7 NS 19 SS- und Polizeigerichtsbarkeit Persönlicher Stab Reichsführer-SS 2. GEDRUCKTE QUELLEN Absolon, Rudolf (Hg.), Das Wehrmachtstrafrecht im 2. Weltkrieg. Sammlung der grundlegenden Gesetze, Verordnungen und Erlasse, Kornelimünster 1958 Ders., Sammlung wehrrechtlicher Unterlagen und Vorschriften, 22 Hefte mit Gesamtsachregister, Kornelimünster 1963-1985 Boberach, Heinz (Hg.), Meldungen aus dem Reich 1938-1945. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS, 17 Bde., Herrsching 1984 Ders. (Hg.), Richterbriefe. Dokumente zur Beeinflussung der deutschen Rechtsprechung 1942-1944 (Schriften des Bundesarchivs 21), Boppard am Rhein 1975 Buchbender, Ortwin/Sterz, Rcinhold (Hg.), Das andere Gesicht des Krieges. Deutsehe Feldpostbriefe 1939-1945, München 1982
2. Gedruckte Quellen 341 Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg vom 14. November 1945 - 1. Oktober 1946. Amtlicher Text in deutscher Sprache, 42 Bde., Nürnberg 1947-1949 Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, hg. vom Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, bearbeitet von Theodor Schieder u.a., 8 Bde., Bonn 1953-1961 Domarus, Max (Hg.), Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, 2 Bde., Würzburg 1962/63 Frank, Reinhard (Hg.), Das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich nebst dem Einführungsgesetz, 18. neubearb. Aufl., Tübingen 1931 Goebbels, Joseph, Die Tagebücher. Sämtliche Fragmente. Teil I. Aufzeichnungen 19241941, hg. von Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte in Verbindung mit dem Bundesarchiv, 9 Bde., München 1987-1998 Golovchansky, Anatoly u.a. (Hg.), „Ich will raus aus diesem Wahnsinn". Deutsche Briefe von der Ostfront 1941-1945. Aus sowjetischen Archiven, Wuppertal 1991 Grimmeishausen, Hans Jakob Christoffel von, Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch und Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi, hg. von Rolf Tarot, Abdruck der beiden Erstausgaben (1669) mit den Varianten der ihnen sprachlich nahestehenden Ausgaben, 2. durchgesehene u. erweiterte Aufl., Tübingen 1984 Ders., Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstortzerin Courasche, hg. von Wolfgang Bender, Abdruck der Erstausgabe (1670) mit den Lesarten der späteren unrechtmäßigen und der zweiten rechtmäßigen Ausgabe, Tübingen 1967 Halder, Franz, Kriegstagebuch. Tägliche Aufzeichnungen des Chefs des Generalstabes des Heeres 1939-1942, bearb. von Hans-Adolf Jaeobsen, hg. vom Arbeitskreis für Wehrforschung, 3 Bde., Stuttgart 1962-1964 Heer, Hannes (Hg.), „Stets zu erschießen sind Frauen, die in der Roten Armee dienen." Geständnisse deutscher Kriegsgefangener über ihren Einsatz an der Ostfront, Hamburg 1995 Heiber, Helmut, Reichsführer!... Briefe an und von Himmler, Stuttgart 1968 Hubatsch, Walther (Hg.), Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939-1945. Dokumente des Oberkommandos der Wehrmacht, 2. erg. Aufl., Koblenz 1983 Jaeobsen, Hans-Adolf/Jochmann, Werner (Hg.), Ausgewählte Dokumente zur Geschichte des Nationalsozialismus 1933-1945, IV, Bielefeld 1961 Klee, Ernst/Dreßen, Willi (Hg.), „Gott mit uns". Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939-1945, Frankfurt/Main 1989 Kleist, Heinrich von, Die Marquise von O..., in: Helmut Sembdner (Hg.), Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe, 2 Bde., München 91993, Bd. 2, S. 104-143 Picker, Henry, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-1942, hg. von Percy Ernst Schramm, Stuttgart 1963 Pritchard, R. John/Zaide Magbanua, Sonia (Hg.), The Tokyo War Crimes Trial, 22 Bde., 5 Bde. Index, New York 1981 Reichsministerium des Innern (Hg.), Reichsgcsetzblatt Jahrgang 1933, Berlin 1933; Jahrgang 1935, Berlin 1935; Jahrgänge 1939-1945, Berlin 1939-1945 Statut des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien, in: Horst Fischer/Sascha Rolf Lüder (Hg.), Völkerrechtliche Verbrechen vor dem JugoslawienTribunal, nationalen Gerichten und dem Internationalen Strafgerichtshof. Beiträge zur Entwicklung einer effektiven internationalen Strafgeriehtsbarkeit, Berlin 1999, S. 221-238 Strafrecht der deutschen Wehrmacht. Militärstrafgesetzbuch, Kriegssonderstrafrechtsverordnung, Kriegsstrafverfahrensordnung, Wehrmachtdisziplinarstrafordnung, Be-
342 Quellen- und Literaturverzeichnis schwerdeordnung, Sondergerichtsbarkeit für Angehörige der SS und Polizeiverbände, Reichsstrafgesetzbuch und zahlreiche andere Bestimmungen. Textausgabe mit Verweisungen und Sachverzeichnis, 7. veränderte Aufl., München 1944 Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945-1948. Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974. Archivalien und ausgewählte Erlebnisberichte, hg. von der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen, Bonn 1989 3. VERÖFFENTLICHUNGEN VOR 1945 Bedier, Joseph, Les crimes allemands d'apres des temoignages allemands, Paris 1915 Boldt, Gottfried, Rechtspolitische Wandlungen unter der Herrschaft des Reichsstrafgesetzbuches, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 96 (1936), S. 475-509 Dahm, Georg, Der Ehrenschutz der Gemeinschaft, in: ders. u.a., Gegenwartsfragen der Strafrechtswissenschaft. Festschrift zum 60. Geburtstag von Graf W. Gleispach, Berlin 1936, S. 1-49 Frank, Reinhard, Das Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich. Nachtrag zur achtzehnten Auflage. Die Strafgesetzgebung der Jahre 1931 bis 1935, hg. u. erläutert von Ernst Schäfer und Hans von Dohnanyi, Tübingen 1936 Gleispach, Wenzeslaus Graf von, Das Kriegsstrafrecht, 3 Teile, Berlin 1940-41, Teil II: Das allgemeine Strafverfahrensrecht im Kriege und das Strafrecht und Strafverfahrensrecht der Wehrmacht im Kriege, Berlin 1940 Gürtner, Franz, Der Gedanke der Gerechtigkeit in der deutschen Strafrechtserneuerung. Vortrag, gehalten auf dem XL Internationalen Strafrechts- und Gefängniskongreß am 19.8.1935 in Berlin, in: ders./Roland Freisler, Das neue Strafrecht. Grundsätzliche Gedanken zum Geleit, Berlin 1936, S. 19-31 Ders., Von der Entstehung des nationalsozialistischen Strafrechts. Ein Rückblick, in: ders./Roland Freisler, Das neue Strafrecht. Grundsätzliche Gedanken zum Geleit, Berlin 1936, S. 15-18 Hirschfcld, Magnus (Hg.), Sittengeschichte des Weltkrieges, bearb. v. Andreas Caspar, 2 Bde., Leipzig 1930 Huber, Ernst Rudolf, Die Rechtsstellung des Volksgenossen. Erläutert am Beispiel der Eigentumsordnung, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 96 (1936), S. 438-474 Hülle, Werner, Die Stellung des Militärrichters und seine Aufgaben im künftigen Verfahrensrecht, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 3-17 Kalberlah, Kurt, Die Ehrenstrafen des Militärstrafgesetzbuches, in: Zeitschrift für Wehrrecht 5 (1940/41), S. 517-537 Kohlrausch, Eduard, Strafgesetzbuch mit Nebengesetzen und Erläuterungen (Guttentagsche Sammlung Deutscher Reichsgesetze, Nr. 2), Berlin 141938 Kunze, Alwin, Zur Strafbemessung bei den Wehrmachtgerichten, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 116-135 Mayer, Helmuth, Militärjustiz im neuzeitlichen Krieg, in: Zeitschrift für Wehrrecht 2 (1937/38), S. 329-356 Meyer, Kurt, Die unbestraften Verbrechen. Kriminalistische Abhandlungen Hft. 47, Leipzig 1941 Morgan, J. H., German Atrocities. An Official Investigation, London 1916 Quanter, Rudolf, Die Sittlichkeitsverbrechen im Laufe der Jahrhunderte und ihre strafrechtliche Beurteilung, Aalen 1970 (Neudruck der 8. Aufl., Berlin 1925)
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4. Veröffentlichungen nach 1945 367 Wobbe, Theresa, Das Dilemma der Überlieferung. Zu politischen und theoretischen Kontexten von Gedächtniskonstruktionen über den Nationalsozialismus, in: dies. (Hg.), Nach Osten. Verdeckte Spuren nationalsozialistischer Verbrechen, Frankfurt/Main 1992, S. 13-43 Wohlfeil, Rainer, Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?, in: Ursula von Gersdorff (Hg.), Geschichte und Militärgeschichte. Wege der Forschung, Frankfurt/Main 1974, S. 165-175 Women, Law and Development International, Gender Violence: The Hidden War Crime, hg. von Anne Tierney Goldstein und Margaret A. Schuler, Washington, D.C., 1998 Wüllner, Fritz, Die NS-Militärjustiz und das Elend der Geschichtsschreibung. Ein grundlegender Forschungsbericht, Baden-Baden 1991 Wysocki, Gerhard, Lizenz zum Töten. Die ,Sonderbehandlungs'-Praxis der Stapo-Stelle Braunschweig, in: Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann (Hg.), Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. „Heimatfront" und besetztes Europa, Darmstadt 2000, S. 237254 Yahil, Leni, Die Shoah. Überlebenskampf und Vernichtung der europäischen Juden, München 1998 Yoneda, Sayoko, Sexual and Racial Discrimination. A Historical Inquiry into the Japanese Military's "Comfort" Women System of Enforced Prostitution, in: Ruth Roach Pierson/Nupur Chaudhuri/Beth McAuley (Hg.), Nation, Empire, Colony. Historicizing Gender and Race, Bloomington, Ind., 1998, S. 237-250 Yoshimi, Yoshiaki, Comfort Women. Sexual Slavery in the Japanese Military During World War II, New York 2000 Yuval-Davis, Nira, Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse, in: Eifler/Seifert (Hg.), Soziale Konstruktionen, S. 18-43 Zalihic-Kaurin, Azra, Über die moslemische Frau, in: Alexandra Stiglmayer (Hg.), Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen, Freiburg/Br. 1993, S. 217-221 Zayas, Alfred de, Die Wehrmacht und die Nürnberger Prozesse, in: Hans Poeppcl/Wilhelm-Karl Prinz von Preußen/Karl-Günther von Hase (Hg.), Die Soldaten der Wehrmacht, München 21998, S. 461-499 Zielinski, Bernd, Der „Reichseinsatz" von Franzosen und die Entwicklung der Kollaborationspolitik, in: Martens/Vaisse (Hg.), Frankreich und Deutschland, S. 379396 Zicmann, Benjamin, Fluchten aus dem Konsens zum Durchhalten. Ergebnisse, Probleme und Perspektiven der Erforschung soldatischer Verweigerungsformen in der Wehrmacht 1939-1945, in: Müller/Volkmann (Hg.), Wehrmacht, S. 589-613 Zimmermann, Michael, Rassenutopic und Genozid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfrage" (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Bd. 33), Hamburg 1996 Zink, Harold, The United States in Germany 1944-1955, Princeton, N.J., 1957 Zipfel, Gaby, „Blood, sperm and tears". Sexuelle Gewalt in Kriegen, in: Mittelweg 36, 10(2001)5, S. 3-20 Dies., Wie führen Frauen Krieg?, in: Heer/Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg, S. 460474
368 Quellen- und Literaturverzeichnis 5. ZEITUNGSARTIKEL/ANDERE MEDIEN ,„Wir tun es, weil dein Vater ein Kämpfer ist'. Serbinnen und Musliminnen teilen das gleiche Schicksal - sie wurden vergewaltigt", in: Süddeutsche Zeitung, 3. Februar 1993 „Der Kaiser war ein Kriegsverbrecher", in: Tages-Anzeiger, 13. Dezember 2000, S. 3 „Japanisches Tribunal verurteilt Kaiser Hirohito", in: NZZ, 13. Dezember 2000 „Kriegsverbrechen Vergewaltigung", in: Tages-Anzeiger, 23. Februar 2001, S. 3 „Opfer verweigern Aussage vor Tribunal", in: Tages-Anzeiger, 5. April 2002, S. 3 „Der Mensch - das ewige Tier", in: Der Spiegel, Nr. 24, 1993, S. 188-194 Bernard, Cheryl/Schlaffer, Edit, Kleiner als ein Stück Dreck, in: Der Spiegel, Nr. 50, 1992, S. 184-190 Drewes, Detlef, „Alle hören etwas, keiner weiß etwas Genaues." Geschichten über Vergewaltigungslager mit Empfängnis- und Gebärzwang als Kriegsstrategie der Serben haben Nachprüfungen nicht standgehalten, in: Augsburger Allgemeine Zeitung, 17. März 1994, S. 3 Ders., „Gefecht um die Greuel des Krieges. Beispiel Massenvergewaltigungslager: Wer weiß, was wirklich passiert in Bosnien?", in: Augsburger Allgemeine Zeitung, 17. Juni 1994, S. 3 Graupner, Heidrun, Bosnien-Herzegowina: Vergewaltigung als Kriegsstrategie. Der Aufschrei der zerstückelten Seelen, in: Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 1992, S. 3 Levy, Ernst, „Den Menschenrechtsorganisationen fehlt die Kraft zu tatkräftigem Handeln. Die Untaten in Bosnien-Hercegovina bleiben ungesühnt", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 1992, S. 15 „Liebe im Vernichtungskrieg", Film von Hartmut Kaminski, Ausstrahlung: Arte, 30. Mai 2001 International Criminal Court (http:/www.icc-cpi.int/php/index/php) The Prosecutor of the Tribunal against Dragan Gagovic, Gojkojankovic, Janko Janjic, Radomir Kovac, Zoran Vukovic, Dragan Zelenovic, Dragoljub Kunarac, Radovan Stankovic. Indictmcnt, Den Haag 2000 (http://www.un.org/icty/indictmcnt/)
PERSONENREGISTER Das Register bezieht die Fußnoten nicht mit ein. Andrae, Friedrich 87, 90, 324 Angermund, Ralph 118, 284 Arendt, Hanna 125 Badoglio, Pietro 88 Bartov, Omer 84f., 90, 182, 226 Beckermann, Ruth 75 Bock, Fedor von 180 Bock, Gisela 52,213 Bockelberg, Hans 148 Bourke, Joanna 56 Brauchitsch, Walther von 81, 107f., 179, 249f., 260-266, 311, 318f., 330, 334 Bröckling, Ulrich 154 Brownmiller, Susan 17, 21 -25, 27f., 32, 51, 54, 56-58, 69f., 72, 90, 236,256 Bryce, James 41,43 Buchbender, Ortwin 78 Calley, William L. 55f. Chiari, Bernhard 86,215 Churchill, Sir Winston Leonard Spencer 64 Conti, Leonardo 52,212 Creveld, Martin van 31 Dreßen, Willi 87 Drolshagen, Ebba D. 74 Duerr, Hans Peter 71,224 Eifler, Christine 70 Endt, Felix vom 248f. Evans, Richard J. 163 Fellman, Michael 39 Förster, Jürgen 180 Frevert, Ute 37 Fricke, Kurt 315 Fritz, Stephen G. 78,277 Frommel, Monika 121 Gerlach, Christian 86, 224, 226f., 233 Goebbels, Joseph 48 Golovchansky, Anatoly 78 Göring, Hermann 311 Gose, Stefan 27f., 31 Gottberg, Curt von 234 Graml, Hermann 81, 90 Grimmeishausen, Hans Jakob Christoffel von 34 Grossmann, Atina 33 Grotius, Hugo 63 Gruchmann, Lothar 126 Gürtner, Franz 121f., 144, 163 Hagemann, Karen 37 Halder, Franz 178 Hämmerle, Christa 19,27 Handloser, Siegfried 109 Haug 209 Heer, Hannes 84,90 Hennicke, Manfred 89, 91, 150, 181 Hillgruber, Andreas 72 Himmler, Heinrich 80, 94, 106, 148, 161, 210, 212-214, 270, 283f. Hirohito, Kaiser von Japan 65 Hitler, Adolf 48, 72f., 81, 85, 105, 119f., 122, 135, 141f., 146-148, 150,159, 166,169,177f., 210,214,231,271, 282, 298, 306, 318, 323 Hollidt, Karl Adolf 295 Hommen, Tanja 101,163,269 Hörne, John 43f. Hoth, Hermann 289 Huber, Ernst Rudolf 123f. Johr, Barbara 25, 52f., 61, 70-72, 74, 90 Jureit, Ulrike 78f. Kappeier, Susanne 25, 30 Keitel, Wilhelm 141, 211, 223, 229f., 295, 318 Kelly, Alfred 40 Klee, Ernst 87 Kleist, Heinrich von 37 Klinkhammer, Lutz. 222 Kluge, Günther von 82, 180, 225, 254, 310 Kohl, Paul 87 Kramer, Alan 43f. Krausnick, Helmut 80-82 Küchler, Georg von 236 Kühlich, Frank 40 Kühne, Thomas 74, 76, 237 Kundrus, Birthe 74 Lang, Daniel 56 Lattmann, Erich 179
370 Personenregister Latzel, Klaus 77, 196 Lieber, Francis 39, 63 Rudolphi, Joachim 316 Ryan, Cornelius 52 Majer, Diemut 118,124,169 Makino, Uwe 45 Malaparte, Curzio 116 Manstein, Erich von 257, 280 Marszolek, Inge 77 Matsui, Iwane 65 Meinen, Insa 105, 11 lf., 116, 247 Messerschmidt, Manfred 95,127,129,135-138, 141,180,302 Meyer, Ahlrich 79, 90, 256 Meyer, Kurt 165 Milosevic, Slobodan 66 Morgan, J. H. 41 Mortimer, Geoffrey 34 Müller, Eugen 179 Müller, Rolf-Dieter 80 Mussolini, Benito 166 Sander, Heike 25, 52f., 61, 70-72, 74, 90 Schmidt, Rudolf 212 Schmitt, Carl 124 Schnabel-Schüle, Helga 37 Schreiber, Gerhard 88 Schröder, Hans Joachim 75f. Schwarz, Otto 156,162 Schweling, Otto Peter 71, 126f., 140 Schwinge, Erich 126f., 129-131, 14C, 158 Seidler, Franz W 105, 112, 115, 136, 147f., 152f., 157f., 209 Seifen, Ruth 23-28,69 Sherman, William T 38f. Smirnow, L. N. 90 Stalin, Josef 64 Sterz, Reinhold 78 Stock, Ulrich 132 Stülpnagel, Otto von 167,255,319 Naimark, Norman 49f., 52 Nelson, Robert L. 289 Neumann, Frank 121 Tewes, Ludger 76 Theibault, John 34,36 Thierack, Otto Georg 119, 161, 282 Olenhusen, Irmtraud Götz von 25, 164 Opitz, Claudia 23 Ossietzkv, Carl von 145 Ueberschär, Gerd R. 80 Umbreit, Hans 168 Unold, Georg von 214 Paul, Christa 105,158 Pennington, Reina 224f. Petain, Henri Philippe 167 Petter, Wolfgang 89,223 Planert, Ute 37f. Pröve, Ralf 22,35 Raeder, Erich 322 Ragenfeld-Feldman, Norma von 58 Rass, Christoph 80, 128, 151f., 182f.,227,242, 256,261,302,307 Reichling, Gerhard 50 Reinhardt, Georg-Hans 183,233 Rohkrämer, Thomas 40 Roosevelt, Franklin D. 64 Rosenberg, Alfred 168,214 Rost, Joachim 275 Walmrath, Lothar 117, 127, 136, 138,146,151, 153,215,270,301,307 Wedekind, Michael 88 Wellington, Arthur Herzog von 38 Werth, Alexander 115 Wette, Wolfram 73,196 Wilhelm, Hans-Heinrich 80-82, 9C Witzleben, Erwin von 264 Wohlfeil, Rainer 18 Wolff, Karl 240 Wüllner, Fritz 95, 127, 129, 133, 135-138, 141, 150f., 158,302 Yoshimi, Yoshiaki 46 Zipfel, Gaby 31,92 Bayerische. Staatsbibliothek München ^ -*
Krieg in der Geschichte Bd. 20 KERSTIN VON L I N G E N Kesselrings letzte Schlacht Vergangenheitspolitik zwischen Kriegsverbrecherprozess und Wiederbewaffhung: das Beispiel Albert Kesselrings 2004. 336 Seiten. Festeinband ISBN 3-506-71749-9 Bd. 15 RENE SCHILLING »Kriegshelden« Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1934-1945 2003. 436 Seiten, Festeinband ISBN 3-506-74483-0 Bd. 14 BERND W E G N E R ( H R S G . ) Bd. 19 UWE T R E S P Söldner aus Böhmen Im Dienst deutscher Fürsten: Kriegsgeschäff und Heeresorganisation im 15. Jahrhundert 2004. 488 Seiten, Festeinband ISBN 3-506-71744-8 Bd. 17 C H R I S T O P H RASS »Menschenmaterial«: Deutsche Soldaten an der Ostfront Innenansichten einer Infateriedivision 1939-1945 2003. 486 Seiten, Festeinband ISBN 3-506-74486-0 Bd. 16 DIERK WALTER Preußische Heeresreformen 1807-1870 Militärische Innovation und der Mythos der »Roonschen Reform« Wie Kriege enden Wege zum Frieden von der Antike bis zur Gegenwart 2002. 411 Seiten, Festeinband ISBN 3-506-74485-2 Bd. 13 STIG FÖRSTER An der Schwelle zum Totalen Krieg Die militärische Debatte über den Krieg der Zukunft 1919-1939 2002. 495 Seiten. Festeinband ISBN 3-506-74482-8 Bd. 12 MARKUS P Ö H L M A N N Kriegsgeschichte und Geschichtspolitik: Der erste Weltkrieg Die amtliche deutsche Militärgeschichtsschreibung 1914-1956 2002. 421 Seiten, Festeinband ISBN 3-506-74481-X 2003. 486 Seiten. Festeinband ISBN 3-506-74484-4 Verlag Ferdinand Schöningh GmbH - Postf. 2540 • D-33055 Paderborn • Tel. o 52 51 / 127-5 " T*x 127-860 e-mail: tafb@schoeningh.de • Internet: www.schoeningh.de
Enzyklopädie Erster Enzyklopädie Erster Weltkrieg Weltkrieg Herausgegeben von Gerhard Hirschfeld. Gerd Krumeich und Irina Renz in Verbindung mit Markus Pöhlmann Mit ü b e r 100 größtenteils unveröffentlichten Fotos u n d 23 Karten! 2.. durchges. Auflage 2004. 1002 Seiten im Großformat, farbiger Festeinband ISBN 3-506-73913-1 »Der Erste Weltkrieg hat seine Enzyklopädie bekommen. Die besten Weltkriegsexperten beider Hemisphären haben zu diesem Werk beigetragen.« Franziska Augstein. Süddeutsche Zeitung »Eine Konzeption, deren Ergebnis überzeugt. Ein unverzichtbares Werk.« Dieter Langewiesche, DIE ZEIT »Die sicher wichtigste Neuerscheinung zum Thema. Wer sich künflig mit dem Ersten Weltkrieg befassen will, kommt an dieser Enzyklopädie nicht vorbei.« Sven F. KellerhofT, DIE WELT MICHAEL SALEWSKI DER ERSTE WELTKRIEG Der Erste Weltkrieg 2. durchges. Auflage 2004. X + 415 Seiten. 52 s/w Abb.. Leinen mit Schutzumschlag ISBN 3-506-77403-4 Erster Weltkrieg - Zweiter Weltkrieg: Ein Vergleich Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben von Bruno Thoß und Hans-Erich Volkmann 2002. 900 Seiten. 16 Seiten farbiger BUdteü. Leinen mit Schutzumschlag ISBN 3-506-79161-3 Verlag Ferdinand Schöningh GmbH • Postf. 2540 • 0-53055 Paderborn Tel. o 52 51 / 127-5 ' ^ÄX '27-860 e-mail: inib'asthoeniiigb.de • Internet: www.schoeningh.de