Автор: Rjazanov D.  

Теги: geschichte   marxismus   kapitalismus  

Год: 1927

Текст
                    Tafel I
Der gefesselte Prometheus
Zeitgenössische Allegorie auf das Verbot
der Rheinischen Zeitung


MARX/ENGELS GESAMTAUSGABE GLIEDERUNG: ERSTE ARTEILUNG: SÄMTLICHE WERKE UND SCHRIFTEN MIT AUSNAHME DES «KAPITAL» ZWEITEARTEILUNG: DAS «KAPITAL» MIT VORARBEITEN DRITTE ABTEILUNG: BRIEFWECHSEL VIERTE ABTEILUNG: GENERALREGISTER
MARX / ENGELS GESAMTAUSGABE ERSTE ABTEILUNG BAND 1 MARX: WERKE UND SCHRIFTEN BIS ANFANG 1844 NEBST BRIEFEN UND DOKUMENTEN ERSTER HALB BAND WERKE UND SCHRIFTEN
KARL MARX FRIEDRICH ENGELS HISTORISCH-KRITISCHE GESAMTAUSGARE WERKE / SCHRIFTEN / RRIEFE IM AUFTRAGE DES MARX-ENGELS-INSTITUTS MOSKAU HERAUSGEGEBEN VON D. RJAZANOV MARX-ENGELS-ARCHIV VERLAGSGESELLSCHAFT MBH. FRANKFURT A. M.
KARL MARX WERKE UND SCHRIFTEN BIS ANFANG 1844 NEBST BBIEFEN UND DOKUMENTEN MARX/ENGELS GESAMTAUSGABE ERSTE ABTEILUNG BAND 1 ERSTER HALBBAND MARX-ENGELS-ARCHIV VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H. FRANKFURT A. M. 1927
Druck: J. B. Hirschfeld (Amo Pries), Leipzig Einband : Carl Einbrodt, Großbuchbinderei C. in. b. H., Leipzig
VORWORT ZUR GESAMTAUSGABE UND EINLEITUNG ZU BAND 1, ERSTER HALBBAND
VORWORT ZUR GESAMTAUSGABE Die Veranstaltung einer Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels ist ein so dringendes Bedürfnis, daß die Notwendigkeit eines solchen Unternehmens nicht ausführlich nachgewiesen werden muß. Die Grundideen Marxens und Engels’ haben die gesamte internatio¬ nale Arbeiterbewegung befruchtet. In allen zivilisierten Ländern, in denen sich eine Klassenorganisation des Proletariats entwickelt, geschieht dies mehr oder weniger ausdrücklich unter dem Banner des Marxismus. Marx und Engels haben der geistigen Entwicklung mehrerer Geschlechter in verschiedenen Landern, bis jetzt in erster Linie in Deutschland und Ru߬ land, einen unaustilgbaren Stempel aufgedrückt. Kein Gebiet der gesell¬ schaftlichen und historischen Wissenschaften, das nicht den mächtigen Einfluß der beiden großen Denker erfahren hätte, deren Theorien nach ihrem Tode mehrmals „vernichtet“ wurden, aber stets zu neuem Leben auferstanden. Um aber die Entstehung und Ausbildung der Ideen, die Marx und Engels in den historischen Prozeß hineingebracht haben und die ihrer¬ seits zu mächtigen ideellen Triebkräften dieses Prozesses selbst geworden sind, genau verfolgen und von dem Wirken der beiden Forscher und Kämpfer ein Gesamtbild erhalten zu können, müssen wir sämtliche Zeug¬ nisse sowohl ihrer theoretischen Arbeit als auch ihrer praktischen und organisatorischen Tätigkeit vor uns haben. Daß eine vollständige Ausgabe der Werke der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, der Verkünder und Wegweiser des prole¬ tarischen Emanzipationskampfes, bis auf den heutigen Tag noch aussteht, wird immer fühlbarer bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen, die auf das Verständnis ihrer Weltanschauung, auf die Erfassung ihrer Lehren gerichtet sind. Ein allseitiges wissenschaftliches Studium ihrer theore¬ tischen und praktischen Lebensarbeit wird erst möglich sein, 'wenn ihre gesamte geistige Hinterlassenschaft in einer kritischen Gesamtausgabe reproduziert und zusammengefaßt vorliegen wird. Trotz der ungemein reichen und immer noch wachsenden Literatur, die sich direkt mit der Weltanschauung und den Theorien von Marx und Engels befaßt, sind ihre Werke noch immer nur in einzelnen, verschiedene Zwecke verfolgenden Teileditionen verstreut — ja ein großer Teil ihres Lebenswerkes ist unbekannt und der Forschung unzugänglich.
X Vorwort Allerdings hat es an Versuchen, gewisse Stücke des literarischen Nach¬ lasses von Marx oder von Marx und Engels herauszugeben, nicht gefehlt. Schon vor 75 Jahren tauchte der Plan auf, Marxens „gesammelte Auf¬ sätze“ aus dem Zeitraum von 1842 bis 1851 herauszugeben. Dieser erste Versuch rührt von dem ehemaligen Revolutionär und Kommunisten Her¬ mann Becker her (dem sogenannten „roten Becker“, dem späteren nationalliberalen Oberbürgermeister von Köln). Nach Eingehen seiner „Westdeutschen Zeitung“ (im Juli 1850) und gleich darauf des „Westdeutschen Anzeigers“ schlägt Becker — damals Mitglied der von London nach Köln verlegten Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten — Marx vor, seine Aufsätze aus den vierziger Jahren herauszugeben. Marx akzeptiert den Plan, und die Vorarbeiten beginnen etwa November 1850. Ende dieses Jahres schreibt Becker an Marx nach London : „Gern hätte ich Dir zu Weihnachten den ersten Bogen geschickt. Die schändliche Misere, in die ich hineingeraten bin, hat mich auf¬ gehalten. Mein wahres Faktotum, Baute, hat mir die Polizei ausgewiesen, eben weil es mein alter ego ist. Ich mußte übrigens auch noch Durch¬ schüsse machen lassen, die erst gegen Neujahr fertig werden. Vom ersten Januar an werden aber zwei Setzer kontinuierlich an den ,Gesammelten Aufsätzen* arbeiten.“ Was für Schwierigkeiten — nicht nur technischer und finanzieller Natur — dem Unternehmen im Wege standen, sieht man aus den übrigen Briefen von Becker an Marx: „Vorwärts gehts — so lesen wir in einem Briefe vom 27. Januar 1851 — aber verzweifelt langsam. Köln, das große Dorf, ist für den Buchverkehr ein schändlicher Ort. Drei Bogen stehen in Formen, können aber nicht gedruckt werden, weil es kein Papier gibt. Seit ersten Januar bis jetzt liegt meine Druckerei fast still . . . Anliegend ein Korrektur¬ blättchen, was mir gerade zur Hand ist. Auf Andringen von Daniels und Bürgers habe ich das Format etwas geändert, wie die beiden sagen, an¬ sehnlicher gemacht. Übrigens ist ein Mangel an einem Exemplar der Alten Rheinischen Zeitung sehr fatal.“ Und erst am 1. März teilt er Marx mit: „Das Beiblatt zu Nr. 125 der Alten Rheinischen Zeitung ist mit un¬ endlichen. Mühen bei Dagobert Oppenheim auf getrieben.“ x) Die Öffentliche Ankündigung — ein Prospektblatt — wird unter dem 15. April ausgegeben. Daraus erfahren wir die Einzelheiten des Verlags¬ plans: „Marx’ Arbeiten sind teils in besonderen Flugschriften, teils in perio¬ *) Auch wir haben dieses Beiblatt nur mit großen Schwierigkeiten erwerben können.
Vorwort XI dischen Schriften erschienen, jetzt aber meistens gar nicht mehr zu be¬ kommen, wenigstens im Buchhandel vergriffen. Der Herausgeber glaubt deshalb, dem Publikum einen Dienst zu er¬ weisen, wenn er mit Bewilligung des Verfassers diese Arbeiten, welche gerade ein Dezennium fassen, zusammenstellt und wieder zugänglich macht. Der Plan ist auf zwei Bände berechnet; der Band wird 25 Bogen um¬ fassen. Dem zweiten Bande wird Marx’ Porträt beigegeben. Die, welche bis zum 15. Mai 1851 auf diese Bände subskribieren, erhalten solche in 10 Heften à 8 Silbergroschen. Nach diesem Termin tritt der Ladenpreis, 1 Thaler 15 Silbergroschen, ein. Der erste Band wird Marx’ Beiträge zu den ,Anekdota‘ von Ruge, der (alten) ,Rheinischen Zeitung* (namentlich über Preßfreiheit, Holzdieb¬ stahlsgesetz, Lage der Moselbauern usw.), den ,Deutsch-Französischen Jahrbüchern*, dem ,Westfälischen Dampfboot*, dem »Gesellschaftsspiegel* usw. und eine Reihe von Monographien enthalten, die vor der März¬ revolution erschienen, aber ,leider* heute noch passen.“ Nur die erste Lieferung des ersten Bandes, das „1. Heft“, ist, fünf Bogen stark, erschienen. Sie enthält die Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion aus den Anekdota, aus der Rheinischen Zei¬ tung zum größten Teil die Kritik der Pressedebatten auf dem 6. Rheini¬ schen Landtag, die mitten in einem Satze abbricht. Wenn wir sagen: erschienen, so ist dies vielleicht zuviel gesagt. Sicher ist nur, daß diese erste Lieferung, heute zu den größten Seltenheiten ge¬ hörig — wir wissen nur von einigen Exemplaren —, Ende April gedruckt und geheftet vorlag. Ob sie überhaupt richtig in den Verkehr gebracht wurde, ist zweifelhaft, und daß dies nicht in größerem Ausmaße geschah, ist bestimmt. Marx erhielt am 3. Mai ein Exemplar. „Ein Heft von meinem Dreck ist hierher gelangt“, schrieb er an Engels. Bald nach der Druck¬ legung, am 10. Mai, wurde Noth jung, der Emissär des Bundes der Kom¬ munisten, von der Polizei in Leipzig gefaßt, und kurz darauf, am 19. Mai, auch Becker, der noch zu Anfang des Monats von einer Erweiterung des ursprünglichen Planes, von der Aufnahme einer deutschen Ausgabe des Anti-Proudhon in die „Gesammelten Aufsätze“ geträumt hatte, in Köln gleichfalls verhaftet. Eine „große Menge“, wohl der größte Teil der ersten Lieferung, lag damals noch bei dem Buchbinder Hartmann, wo sie von der Polizei konfisziert worden ist. Die auf Fortsetzung dieser Ausgabe gerichteten Anstrengungen des Notariatskandidaten Bermbach — eines geheimen Anhängers von Marx und Vermittlers zwischen ihm und den verhafteten Bundesmitgliedern — blieben ebenso fruchtlos wie Lassalles gleichartige Bemühungen.
XII Vorwort So scheiterte der erste Versuch, Marxens gesammelte Aufsätze in Deutschland herauszugeben, zugleich und zusammen mit dem Versuch, den Bund der Kommunisten nach der Niederlage der Revolution von 1848/49 wieder aufzurichten. Es vergingen mehr als fünfzehn Jahre, bis der alte Plan wieder auf* tauchte. Den Anlaß gab die Fertigstellung des ersten Bandes des „Kapi* tal“. Schon einige Monate vor dessen Erscheinen, am 27. April 1867, schreibt Engels an Marx: „Die gesammelten Aufsätze wird Meissner dann schon gern nehmen, und damit ist wieder Geld und ferner auch ein neuer literarischer Erfolg geschaffen. Die Sachen aus der Neuen Rheinischen Zeitung, der 18. Bru* maire usw. werden dem Philister jetzt enorm imponieren, und haben wir auf dieser Basis erst wieder etwas Terrain gewonnen, so finden sich auch bald noch allerhand andere erträgliche Geschichten.“ Die Hoffnungen Engels’ gingen nicht in Erfüllung. Mit Meissner wurde nur über die Herausgabe des „18. Brumaire“ ein Abkommen erzielt. Für die russische Ausgabe des „Kapital“, die 1872 erschien, fertigte Marx eine Übersicht der Hauptarbeiten an, die er allein oder gemeinsam mit Engels bis 1867 geschrieben hatte. In dem Briefe an seinen Über¬ setzer N. Danielson bemerkt er, daß er sie selbst nicht in vollständiger Sammlung besitze. Nach dem Gothaer Vereinigungskongreß der deutschen Sozialdemo¬ kratie wurde 1876/77 der Gedanke einer Sammelausgabe erneut auf¬ genommen; sie sollte diesmal außer Aufsätzen von Marx auch Arbeiten von Engels, der gerade seine Artikel gegen Dühring schrieb, enthalten. Adolf Hepner, damals Buchhändler in Breslau, macht um 1877 Engels den Vorschlag, seine und Marxens Artikel gemeinsam herauszugeben und dazu auch die „Heilige Familie“, die „Lage der arbeitenden Klassen in England“ und den Anti-Proudhon zu nehmen. Das Sozialistengesetz verhinderte die Verwirklichung dieses Plans, noch bevor er bestimmtere Formen angenommen hatte. Es ist dann Marxens Tod, der die Herausgabe seiner Werke wiederum auf die Tagesordnung stellt. Die ersten russischen Sozialdemokraten — Plechanov, Axelrod, Zasulië — schlagen in ihrer Begrüßungsadresse an den Kopenhagener Kongreß (Ende März 1883) der deutschen Sozial¬ demokratie vor, „die Initiative . . . zur Sammlung eines Fonds für eine Volksausgabe sämtlicher Schriften“ von Marx zu ergreifen. Ein Jahr nachher (27. April 1884) bemühte sich auch Rudolf Meyer, Engels zur Veröffentlichung einer „Gesamtausgabe von Marxens zer¬ streuten Aufsätzen“ zu veranlassen. Im Mai 1885 trägt sich Hermann Schlüter, damals administrativer
Vorwort XIII Leiter des Züricher „Sozialdemokrat“, mit dem Plan, in der bekannten von ihm redigierten Serie „Sozialdemokratische Bibliothek“ ein Bändchen mit dem Titel „Kleine Schriften und Aufsätze von Marx“ herauszugeben. Er erbittet dazu Engels’ Einwilligung und Hilfe. Engels, der gleich nach Marxens Tod sich an die Bearbeitung der „Kapital“-Manuskripte gemacht hatte, erklärt jedoch nur den gesonderten Abdruck einzelner kleinerer Schriften für zeitgemäß; einige davon sind dann mit Vorreden von ihm tatsächlich im Höttingen-Züricher Parteiverlag erschienen. Sofort nach dem Fall des Sozialistengesetzes hielten es führende Mit¬ glieder der deutschen Partei für notwendig, außer der Gesamtausgabe der Werke von Lassalle, die im Auftrage des Partei Vorstands, besorgt von Eduard Bernstein, 1891—1893 erschien, auch die Werke von Marx ge¬ sammelt herauszugeben. Engels wird von allen Seiten bestürmt, einer Auswahlausgabe zuzustimmen und solche Bestrebungen zu unterstützen. Zunächst will sich Wilhelm Liebknecht in Gemeinschaft mit Paul Ernst der Sache annehmen. Engels äußert sich jedoch auf das entschiedenste gegen den Plan: „Entweder willst Du alles drucken — schreibt er an Liebknecht am 18. Dezember 1890 — worauf der Name Marx steht, oder aber — soll es der Anfang der von Dir mit Paul Ernst geplanten »Gesamtausgabe* in Bro¬ schüren, resp. Heften sein? Dagegen protestiere ich schon hier und werde es auch fernerhin tun.“ Er bittet weiter, ihn in Ruhe zu lassen, bis er mit der Arbeit am dritten Bande des „Kapital** fertig sei. Engels betrachtet die Veranstaltung einer „Gesamtausgabe“ der Werke von Marx als seine ureigenste Aufgabe, die er aber bis zum Abschluß des „Kapital“ zurückzustellen gezwungen ist. Darum weist er auch 1891/92 die Anfragen und Vorschläge Paul Singers und Richard Fischers ab, die im Berliner Parteiverlag die kleineren Arbeiten Marxens gesammelt herauszugeben planen, und eine nicht minder entschiedene Abfertigung holt sich der Leiter des Stuttgarter Verlags J. H. W. Dietz. Die Wünsche Victor Adlers (in seinen Briefen an Engels vom 25. August und 22. Sep¬ tember 1892) vermögen Engels ebensowenig zu einer Aufgabe seines Standpunktes in dieser Frage zu bewegen. Er arbeitet rastlos weiter am „Kapital“ und unterstützt nur die Einzelausgaben einiger Schriften. Kaum wurde bekannt, daß Engels endlich den dritten Band des „Ka¬ pital** in Druck gegeben hatte, als Richard Fischer, der damalige Leiter des Vorwärts-Verlags Engels wiederum (am 27. Januar 1894) den Vor¬ schlag machte, seine und Marxens Werke in einer großen Ausgabe — in Lieferungen — an die Öffentlichkeit zu bringen. Engels fand den Vorschlag in dieser Form nicht zeitgemäß und nicht annehmbar. Den Plan einer großen Ausgabe — dies seine Antwort —
XIV Vorwort möge Fischer bis auf weiteres ruhen lassen, schon weil zu befürchten sei, daß bei einer Annahme der Umsturzvorlage mit Zensurschwierigkeiten ge¬ rechnet werden müsse. „Am allerwenigsten könnte ich mich dazu ver¬ stehen, an Marx’ und meinen alten Arbeiten eine wenn auch noch so geringe Kastrierungsprozedur behufs Anpassung an momentane Pre߬ verhältnisse zuzulassen. Da wir aber sehr ungeniert geschrieben haben und alle Augenblicke Dinge gerechtfertigt, die in kaiserlich deutschen Landen Vergehen und Verbrechen sind, wäre ein Neudruck in Berlin nach Annahme jenes Mustergesetzes keineswegs ohne viel Streicherei möglich“ (Engels an Fischer, 15. April 1895). „Zweitens aber“ — heißt es weiter im selben Briefe — „habe ich den Plan, Marx’ und meine kleineren Sachen in einer Gesamtausgabe wieder ins Publikum zu bringen, und zwar nicht in Lieferungen, son¬ dern gleich in ganzen Bänden. Ich habe darüber auch schon mit August [Bebel] korrespondiert, und sind wir wegen der Sache noch in Ver¬ handlung.“ Vorläufig wollte Engels sich nur auf die Herausgabe einiger Marxscher Artikel aus der „vorsozialistischen Periode“ seiner Tätigkeit beschränken. Bei der Sammlung dieser Arbeiten half ihm übrigens auch Mehring1), dem nach dem Tode von Engels die Herausgabe der Werke der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus übertragen wurde. Die Ausgabe Mehrings war im vollen Sinne des Wortes epochemachend für die Geschichte der Marxforschung. Vortreffliche Kommentare brachten zum erstenmal aus den verschiedensten Quellen das wichtigste Material für die Biographie von Marx und Engels. Das, was Mehring für seine vornehmste Aufgabe gehalten hatte — „das historische Milieu, in dem Marx und Engels wirkten, zu schildern, Farbe und Ton der Zeit wieder heraufzubeschwören, worin diese Schriften einmal gelebt haben“ — war ihm glänzend gelungen. Für den Zeitraum von 1841 bis 1850 galt bis vor kurzem die Mehringsche Ausgabe als das eigentliche Quellenwerk für die Kenntnis von Marx und Engels. Und doch, bei all ihrem literarischen Wert war diese Ausgabe sogar für jene Periode, deren Erfassung sie sich zum Ziele gesetzt hatte, nicht vollständig. Lassen wir Mehring das Wort: „Eine wissenschaftliche Gesamtausgabe der Schriften, die Karl Marx und Friedrich Engels hinterlassen haben, wäre eine so wünschenswerte Sache, wie sie in absehbarer Zeit eine unmögliche Sache ist. Für ihre 0 „Engels beabsichtigte nicht lange vor seinem Tode, die Aufsätze von Marx aus der Rheinischen Zeitung neu herauszugeben, ich hatte die Freude, sie für ihn zu¬ sammenzustellen. Leider starb er, als eben das Material beisammen war.“ Meh¬ ring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. 2. Aufl. 1903 I, 382.
Vorwort XV würdige Herstellung ist noch eine Reihe von Vorarbeiten notwendig, die von keinem einzelnen, und selbst von mehreren nicht binnen kurzer Frist erledigt werden können. Eine dieser Vorarbeiten, und nicht mehr, soll die vorliegende Samm¬ lung der Arbeiten sein, die Marx und Engels in den vierziger Jahren ver¬ öffentlicht haben. Ich sage: veröffentlicht, denn was sie im ersten Jahr¬ zehnt ihrer öffentlichen Wirksamkeit geschrieben, aber freiwillig oder ge¬ zwungen im Schreibtische zurückbehalten haben, ist mit einer Ausnahme nicht berücksichtigt worden. Diese eine Ausnahme bildet die Doktor¬ dissertation von Marx, die auf seine bisher so gut wie unbekannten An¬ fänge ein zu helles Licht wirft, als daß sie übergangen werden durfte. Was mir sonst aber von dem schriftlichen Nachlaß beider Männer aus vormärz¬ licher Zeit bekannt ist und zur Verfügung gestanden hat, gibt nur eine Er¬ gänzung und, soweit ich darüber zu urteilen vermag, eine nicht eben bedeutsame Ergänzung zu dem, was sie veröffentlicht haben; es gehört unzweifelhaft in eine Gesamtausgabe ihrer Schriften oder in eine beson¬ dere Publikation, aber nicht in eine Sammlung, die zunächst einmal die Kundgebungen zusammenfassen will, mit denen Marx und Engels tat¬ sächlich in die historische Entwicklung der vierziger Jahre eingegriffen haben“ (Mehring, Nachlaß, Bd. I, S. VII). Die Ausnahme, von der Mehring spricht, ist die Arbeit Marxens über Epikur und Demokrit. Aber bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen der Mehringschen Ausgabe veröffentlicht Bernstein aus dem literarischen Nachlaß von Marx und Engels ein so bedeutsames Werk wie den „Sankt Max“, das zudem erst einen Teil des großen Manuskripts darstellt, in welchem die deutsche Ideologie der vierziger Jahre der Kritik unterzogen wurde. Das, was Mehring nur als „eine nicht eben bedeutsame Ergänzung“ angesehen hatte, erwies sich gerade deshalb als überaus wichtig, weil es ein „helles Licht auf bisher so gut wie unbekannte“ Momente des Über¬ gangs vom „realen Humanismus“ zum wissenschaftlichen Sozialismus wirft. Aber die Mehringsche Ausgabe war auch von dem Standpunkte aus unvollständig, den Mehring selbst bei der Sammlung der „literarischen Kundgebungen“ Marxens und Engels’ eingenommen hatte. Man kann noch jene Erwägungen verstehen, die ihn veranlaßten, aus seiner Samm¬ lung Arbeiten wie das „Elend der Philosophie“ oder das „Kommunistische Manifest“ auszuschließen. Mehring mußte mit den Forderungen eines so eigensinnigen Verlegers wie Dietz rechnen, der auf möglichst große Be¬ schränkung des Umfangs eines jeden Bandes bestand und sich weigerte, auf dem Büchermarkt bereits vorhandene Werke wieder abzudrucken. Auf keinen Fall jedoch kann man mit dem Prinzip einverstanden sein, durch
XVI Vorwort das sich Mehring bei der Auswahl solcher Werke von Marx und Engels leiten ließ, die seit 50 Jahren nicht wieder abgedruckt waren. Hören wir wieder Mehring selbst: Auch aus dem verbleibenden Reste, erklärt er, „mußte eine Auswahl getroffen werden. Ich gestehe gern, daß mir dieser Teil meiner Arbeit am schwersten gefallen ist; es ist peinlich genug, an den hinterlassenen Schriften solcher Männer den Zensor zu spielen. Allein hier lag eine un¬ erbittliche Notwendigkeit vor, wenn diese Sammlung nicht unmäßig be¬ schwert und gerade der Zweck vereitelt werden sollte, um dessentwillen sie unternommen worden ist, nämlich der Zweck, das Lebenswerk von Marx und Engels in helleres Licht zu stellen.“ Wenn Mehring sich darauf beruft, daß besonders in den von Marx und Engels redigierten Zeitungen „manchmal schwer zu entscheiden ist, was sie verfaßt haben und was nicht, aber manchmal noch schwerer, was sie selbst gedacht oder nur für den Druck überarbeitet, verbessert, zurecht¬ gestutzt haben“, so hat er damit gewiß recht. Wenn es sich nicht um eine vollständige Ausgabe handelt, dürfen die „Dubiosa“ gewiß nicht gebracht werden. Nur hätte Mehring an der Eigenart des Stils und des Inhalts und mit Hilfe von indirekten Beweismomenten die Autorschaft von Marx oder Engels bei vielen von ihm abgelehnten Artikeln feststellen können. Indes selbst bei der Zusammenstellung der Marxschen Beiträge aus der „Rheinischen Zeitung“ sind sehr wichtige Artikel, deren Urheberschaft ihm nicht nur von Engels, sondern auch von einer Reihe anderer Zeugen bestätigt worden war, Artikel, die ein „helles Licht auf das Lebenswerk von Marx“ werfen, von Mehring ohne triftige Begründung ausgelassen worden. Aber auch eine andere Regel hielt Mehring bei seiner Editionstätigkeit für zulässig, trotzdem sie ihn mit dem Hauptziel seiner Ausgabe — näm¬ lich : dem Leser alle Wurzeln zu zeigen, aus denen der historische Materia¬ lismus und der wissenschaftliche Kommunismus sich entwickelt haben — in Widerpruch brachte. Es handelt sich darum, daß Mehring nicht nur unzweifelhaft von Marx und Engels stammende Artikel zuweilen aus¬ sondert, sondern Artikel wie größere Schriften redaktionell be¬ arbeitet. Vor allem verkürzt er sie mitunter sehr beträchtlich. Am meisten leiden darunter die polemischen Exkursionen. Marx und Engels haben, so meint Mehring, „um ihrer großen Ziele willen mit sehr kleinen Leuten um sehr kleine Fragen streiten müssen, ohne daß diese kleinen Leute und diese kleinen Fragen dem heutigen Leser vergegenständlicht werden könnten, es sei denn mit einem unbilligen Aufwand an Raum und Zeit.“ Mehring vergaß, was er an einer anderen Stelle seines Vorworts ge-
Tafel II Gerammelte jhfW ton Äarl herauSgegeben x>on bemann ÿedter. 1. ^eft. Umschlagseite der ersten Sammelausgabe der Schriften von Marx (s. S. XI)
Vorwort XVII schrieben hatte: ,Jede Rücksicht auf eine populäre Massenwirkung scheidet der Natur der Sache nach von vornherein aus.“ Im Widerspruch zu diesem Prinzip versucht Mehring in dem für die russische Übersetzung seiner Nachlaß-Ausgabe geschriebenen Vorwort (1907) sein Kürzungsverfahren gerade mit Rücksichten auf eine „popu¬ läre Massenwirkung“ zu rechtfertigen. Indem er aber dabei begründen will, warum er nicht noch weiter gegangen sei, weist er selbst die Unzu¬ länglichkeit seines Verfahrens am treffendsten nach. Er schreibt: „Den Jugendarbeiten Karl Marx’ und Friedrich Engels’ ist häufig der Vorwurf einer galligen, zu händelsüchtigen und zu weitschweifigen Pole¬ mik gemacht worden. Diese Anschauung haben auch den beiden Schrift¬ stellern durchaus nicht feindlich gesinnte Kritiker geteilt Insbesondere richtete sich dieser Vorwurf gegen das umfangreichste dieser Werke, die „Heilige Familie“, und man kann nicht leugnen, daß der Vorwurf etwas Zutreffendes hat oder wohl wirklich begründet ist. Ich selbst habe mich bemüht, die langweiligen oder für den modernen Leser sogar unverständ¬ lichen polemischen Stellen auszulassen, wenngleich auch hierbei natürlich gewisse Grenzen zu beobachten waren. Nur ein völlig verweichlichter Ge¬ schmack, den jedes kritische Wort kalt anweht, kann nicht bemerken, daß die ersten Keime des historischen Materialismus und des wissenschaft¬ lichen Kommunismus gerade in den polemischen Teilen der Jugendwerke von Marx und Engels am klarsten zum Durchbruch kommen. Das ist auch bei der „Heiligen Familie“ der Fall, wo neben vielen händelsüchtigen Stellen die glänzendsten Seiten dessen, was der junge Marx geschrieben, enthalten sind. Es ist also unmöglich, sie voneinander zu trennen, weil so vor uns tatsächlich bis in die kleinsten Einzelheiten sich der Prozeß jener Selbstverständigung enthüllt, die Marx und Engels mit der flammenden Begeisterung einer nach den höchsten Zielen strebenden Jugend gesucht haben. Ein solcher Prozeß ist immer ein Gären des Geistes und kann des¬ halb nicht von trüben, unklaren Elementen frei sein. Dabei können wir unendlich mehr lernen, wenn wir den vor unseren Augen sich vollziehen¬ den Prozeß beobachten, als wenn Marx und Engels uns die Resultate ihrer Forschungen sozusagen in fertigen Kristallen überliefert hätten.“ x) Das Verfahren, am literarischen Nachlaß von Marx und Engels Kür¬ zungen vorzunehmen, kann man kaum entschiedener verurteilen, als dies Mehring selbst hier getan hat. Änderungen und Kürzungen hat nicht nur Marxens Dissertation erlitten, sondern auch eine Reihe anderer Arbeiten von Marx und Engels aus der „Rheinischen Zeitung“ wie aus anderen Zeitschriften der vierziger Jahre. Neben solcher Ausschaltung oder Kürzung vieler Artikel hat Mehring M Aus dem Russischen rückübersetzt. Marx*Engels*GeMmtauBgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 2
xvni Vorwort noch eine dritte Methode, Änderungen anzuhringen. Marx und Engels — der erstere in stärkerem Maße — hatten eine besondere Vorliebe für Sperrungen, Anführungszeichen, Kursiv- und Fettschrift. Mehring be¬ schloß, diese typographische „Unsauberkeit“ zu beseitigen. Statt alle Anführungszeichen und Hervorhebungen, Fettauszeichnungen, Sperrungen etc. wiederzugeben, tut dies Mehring nur in solchen Fällen, wo sie ihm nicht überflüssig erscheinen. So werden nicht etwa solche Worte unter¬ strichen oder in Anführungszeichen gebracht, die — mit Recht oder Un¬ recht — Marx zu unterstreichen oder in Anführungszeichen zu setzen für notwendig hielt, sondern solche, bei denen Mehring diese „Auszeich¬ nungen“ angebracht findet. Mit anderen Worten, einem derartigen Verfahren entspräche es, wenn etwa jemand bei einer Neuausgabe von Beethovens Werken sich erlauben würde, alle musikalischen Ausdruckszeichen fortzulassen oder sie nur da zu setzen, wo sie ihm selbst vernünftig schienen. Alle diese Methoden, die bei der Edition von Autoren geringeren Aus¬ maßes als Marx und Engels nicht erlaubt wären, machen die Mehringsche Ausgabe zu einer überaus subjektiven und zwingen, in allen Fällen, wo dies möglich, das Original zu Hilfe zu ziehen. Selbst für eine nicht voll¬ ständige, ja nur das Wichtigste umfassende Sammlung der Werke Marxens und Engels’ könnte die Mehringsche Ausgabe schon einfach aus dem Grunde nicht als Basis und Anleitung dienen, weil sie die Hauptbedingung jeder Redaktions- und Editions-Arbeit nicht erfüllt: sie gibt den Originaltext nicht getreu wieder. Am „subjektivsten“ von allen drei Bänden, die Mehring herausgegeben hat, ist der dritte, der die literarische und publizistische Tätigkeit von Marx und Engels aus den Jahren 1848—1850 umfaßt. In Wirklichkeit stellt er eine Auswahl und willkürliche Gruppierung von manchmal be¬ deutend gekürzten Aufsätzen Marxens und Engels’ dar. Schon die erste Durcharbeitung aller Nummern der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zeigte, daß aus diesen oder jenen Gründen von Mehring viele Artikel weggelassen worden sind. In einem Falle spielten auch preß gesetzliche Rücksichten eine Rolle. Marxens berühmter Artikel „Die Taten der Hohenzollern“ konnte 1902 in Deutschland nicht wieder abgedruckt werden, da dies dem Verleger einen Majestätsbeleidigungs-Prozeß zugezogen hätte. Völlig aus¬ gelassen sind mehrere Artikel von Engels über Frankreich, Italien und Ungarn. Zahlreiche Artikel von Marx, die für die Beurteilung seiner Rolle in der Revolutionsepoche von 1848/49 sehr große Bedeutung haben, sind gleichfalls unbeachtet geblieben.
Vorwort XIX Allein es gibt noch einen weiteren Grund, der die Mehringsche Aus¬ gabe sogar für die Periode von 1841 bis 1850 zu einer vollständig veralteten macht: in den 25 Jahren, die seit der Publikation des „Literarischen Nach¬ lasses von Marx und Engels“ vergangen sind, hat die Marxforschung nicht wenige Entdeckungen gemacht. Schon Georg Adler zitiert in seiner „Ge¬ schichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland“ (1885) einen Artikel aus der „Barmer Zeitung“, worin mitgeteilt wird, daß Engels in seinen jungen Jahren in Gutzkows „Telegraph“ „Briefe aus dem Wuppertal“ veröffentlichte, Verfasser einer Broschüre gegen Schel¬ ling, die gewöhnlich Bakunin zugeschrieben wurde, und ferner eines satirischen „christlichen Heldengedichts“ war. Obwohl der Artikel, auf den sich Adler bezieht, im „Berliner Volksblatt“ (dem späteren „Vorwärts“), d. h. im sozialdemokratischen Organ, im Auszug wiedergegeben wurde, haben sich Kautsky und später Mehring, die Adlers Buch einer vernich¬ tenden Kritik unterzogen, bei Engels nicht erkundigt, wie weit die Mit¬ teilungen der „Barmer Zeitung“ der Wahrheit entsprechen. Wir sind so der einzigen Gelegenheit verlustig gegangen, von Engels selbst noch Aus¬ führliches über seine „vorsozialistische“ Entwicklungsperiode zu erfahren; damit ist es uns auch wesentlich schwerer gemacht, die Wurzeln von Engels’ geistiger Entwicklung festzustellen und ihren Zusammenhang mit der deutschen Literatur und Philosophie, mit der Entwicklung der deut¬ schen „bürgerlichen Intelligenz“, die zu republikanischen und kommu¬ nistischen Anschauungen vorwiegend aus ideologischen Motiven gelangte, genauer zu fixieren. Inzwischen hat sich die Mitteilung der „Barmer Zeitung“ als wahr er¬ wiesen. Hauptsächlich dank den Arbeiten Gustav Mayers, die ein neues und helles Licht auf Engels’ Jugendjahre von 1839 bis 1842 warfen, sind uns jetzt die — Mehring zur Zeit seiner Nachlaß-Ausgabe noch völlig un¬ bekannten — umfangreichen Jugendarbeiten Engels’ erschlossen.1) Aber auch für die von Mehring am besten bearbeitete Zeit von 1844 bis 1848 haben neue Nachforschungen, die ich in alten Zeitschriften, ins¬ besondere französischen, englischen, selbst deutschen vomahm, mehrere Artikel von Marx und Engels zum Vorschein gebracht, ohne die es schwer ist, alle jene Übergangsstadien zu bestimmen, die ihren bürgerlichen Radikalismus mit ihrem revolutionären Kommunismus verbinden. Völlig unbearbeitet geblieben waren so wichtige Perioden der litera¬ rischen Tätigkeit von Marx und Engels wie die Zeit von 1852 bis 1862 und die Epoche der I. Internationale. Im Zusammenhang mit der von mir 1908 O Auf diese Frage werde ich in meiner Einleitung eu Band 2 der Gesamt¬ ausgabe, der die Arbeiten von Engels bis 1844 enthalten wird, ausführlich zurück¬ kommen. 2*
XX Vorwort durchgeführten kritischen Untersuchung der Anschauungen Marxens und Engels’ über die slavische und Orientfrage habe ich zum erstenmal die amerikanischen, englischen und auch die deutschen Zeitschriften und Zei¬ tungen der fünfziger Jahre einer genauen Durchsicht unterzogen. Es ergab sich hierbei, daß die von Eleanor Marx-Aveling veranstaltete Sammlung der englischen Aufsätze von Marx ebenfalls an großen Unzulänglichkeiten leidet.1) Als dann 1909 die Anton-Menger-Bibliothek in Wien mich mit der Herausgabe der Dokumente zur Geschichte der I. Internationale beauf¬ tragte, mußte ich zur genauen Feststellung der ideologischen und organi¬ satorischen Vorläufer der Internationale wiederum eine Reihe von Zeit¬ schriften und Zeitungen, an denen Marx und Engels mitgearbeitet haben, durchsehen. Insgesamt gelang es mir, einige hundert Artikel von Marx und Engels aufzufinden, darunter zahlreiche geradezu glänzende Arbeiten. Diese Artikel aus der Zeit von 1852 bis 1862 hatte ich in vier Bänden zu publizieren beabsichtigt, aber meine Tätigkeit wurde durch die Revo¬ lution von 1917 unterbrochen. Es gelang mir nur, zwei Bände heraus¬ zubringen.9) Aber schon der ihr gestellten Aufgabe nach konnte diese Edition nicht vollständig sein. Bei der Auswahl mußte ich besonders darauf Rücksicht nehmen, daß die Ausgabe in erster Linie für den deutschen Leser veranstaltet wurde. Ich wählte die Aufsätze aus, die für die Charakteristik der Anschauungen Marxens und Engels’ über die wichtigsten Ereignisse der europäischen Geschichte von 1852 bis 1857 das unentbehrliche Ma¬ terial liefern. So sind in diesen Bänden hauptsächlich die Aufsätze zur Geschichte Englands und Frankreichs, weiter auch zur Geschichte des orientalischen Krieges von 1853 bis 1856 enthalten. Von den großen historischen Arbeiten, die nicht zur Geschichte der fünfziger Jahre ge¬ hören, publizierte ich nur Marxens Aufsätze über Palmerston und Russel, ferner die hervorragende Arbeit über die spanischen Revolutionen. Meine Materialsammlung zur Charakteristik der politischen und publi¬ zistischen Tätigkeit Marxens und Engels’ — Aufsätze, Reden, Manifeste, Aufrufe — während der Epoche der I. Internationale blieb mit einigen Ausnahmen unveröffentlicht. Etwas besser stand es mit dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels und ihrer Korrespondenz mit den einzelnen Vertretern der internationalen revolutionären und proletarischen Bewegung. Aber nur etwas besser. An erster Stelle steht der formell von Bebel und Bernstein unter Mehrings und 1) Einige Ergebnisse habe ich in meiner Arbeit: „Karl Marx über den Ursprung der Vorherrschaft Rußlands in Europa*4, 1909 publiziert. *) Gesammelte Schriften von K Marx und F. Engels, 1852—1862. 2 Bände. Ver¬ lag J. H. W. Dietz, Stuttgart 1917.
Vorwort XXI meiner Beteiligung herausgegebene, aber in Wirklichkeit nur von Bernstein und Mehring redigierte, vier Bände starke Briefwechsel von Marx und Engels. Leider ist diese Ausgabe als historisches Dokument radikal ver¬ dorben durch die enorme Zahl keineswegs gerechtfertigter, dazu nicht ein¬ mal kenntlich gemachter Auslassungen und Kürzungen. Dasselbe ist von den Briefen Engels’ und Marxens an Sorge und den Briefen Marxens an Weydemeyer und Freiligrath zu sagen. Fast kein Brief, der nicht aus diesem oder jenem Grunde gekürzt worden wäre. Am wenigsten ist dies noch der Fall bei den Briefen Marxens an Kugelmann; aber auch aus dieser Gruppe wurde der große Brief Marxens über Lassalle erst vor nicht allzu langer Zeit publiziert Eine Ausnahme machen nur die Briefe Marxens und Engels’ an Lassalle, die Gustav Mayer herausgegeben hat, und ihre Briefe an Nikolai-on (N. Danielson), die in russischer Sprache erschienen sind. Die Herausgeber dieser Briefe hatten nicht jene Rücksichten zu nehmen, durch die Bernstein, Kautsky und Mehring gebunden waren oder sich ge¬ bunden fühlten. Als ich 1922 die Herausgabe der gesammelten Werke von Marx und Engels in russischer Sprache unternahm, standen mir nur die bereits neu abgedruckten und von mir gesammelten zahlreichen Artikel aus den ver¬ schiedensten Zeitschriften und Zeitungen zur Verfügung. Indes war es notwendig, auch das ganze handschriftliche Material auszunützen, das nach Marxens und Engels’ Tod erhalten geblieben war. Ich wandte mich daher an Eduard Bernstein, der sich bereit erklärte, die bei ihm befindlichen Manuskripte mir zur Verfügung zu stellen. Aufmerksame Sortierung dieses Materials und wiederholte Untersuchung des ungedruckten Nachlasses von Marx und Engels, der im Archiv der deutschen Sozialdemokratischen Partei aufbewahrt wird, erbrachte soviel Neues und Interessantes, daß ich meinen ursprünglichen Editionsplan zu ändern genötigt war. Es wäre un¬ zweckmäßig gewesen, die ungeheure Arbeit einer planmäßigen Ordnung und Entzifferung des Materials ausschließlich für die Übersetzung ins Rus¬ sische durchzuführen. Dieser Umstand also gab mir den unmittelbaren Anlaß dazu, eine internationale Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels in Angriff zu nehmen, die alles Unbekannte gleichwie alles zer¬ streut und zum Teil ungenau oder unvollständig Veröffentlichte der Wis¬ senschaft allgemein zugänglich machen soll. Die Sowjetregierung stimmte dem von mir vorgelegten Plan einer solchen Herausgabe der Werke von Marx und Engels zu und bewilligte alle dafür notwendigen Mittel. So konnte der weitaus größte Teil des bei Bernstein und im Archiv der deutschen Sozialdemokratischen Partei be¬ findlichen Nachlasses von Marx und Engels photographiert werden; außer¬
XXII Vorwort dem wurden alle Briefe und sonstigen Manuskripte von Marx und Engels photographiert, die im British Museum, in der New York Public Library, in der Preußischen Staatsbibliothek, im Historischen Archiv Köln, im Friedr ich-Wilhelm-Gymnasium Trier, im Archiv der Universität Jena etc. aufbewahrt sind; desgleichen viel anderes Material, das in unmittelbarer Beziehung zur Tätigkeit der beiden Männer steht und aus den verschiedenen deutschen Archiven stammt. Zwar ist noch nicht alles beigebracht, zwar sind noch nicht alle Hindernisse beseitigt, die einer vollständigen Samm¬ lung des gedruckten und ungedruckten literarischen Nachlasses von Marx und Engels im Wege stehen, aber wir hoffen, daß es uns im Laufe unserer Arbeit noch gelingen wird, auch dasjenige Material, das uns bis jetzt noch nicht zugänglich, dessen Fundstellen uns aber bekannt sind, zur Aus¬ wertung zu erhalten. Zwar tauchen auch jetzt noch von Zeit zu Zeit Briefe von Marx oder Engels auf dem Markte auf, aber die Zahl dieser bei ein¬ zelnen Personen verborgenen Materialien ist verschwindend im Vergleich zu jenem Grundstock, der von mir schon erfaßt werden konnte. Unsere Ausgabe will vor allem die objektive Grundlage für jede Marx- und Engels-Forschung bieten, d. h. die gesamte geistige Hinter¬ lassenschaft Marxens und Engels’ in übersichtlicher Anordnung zuver¬ lässig reproduzieren. Wir bringen nicht nur die Werke im engeren Sinn, nicht nur die im Druck erschienenen Artikel, sondern auch sämtliche im Manuskript hinter¬ lassene unveröffentlichte Arbeiten, sämtliche unveröffentlichte Artikel und Bruchstücke. Die Vorarbeiten der beiden Autoren (Stoffsammlungen, Ent¬ würfe, Skizzen, Rohschriften, in die einzelnen Werke nicht aufgenommene Bruchstücke) werden ebenfalls in reichstem Maße verwertet und, wo dies nötig scheint, auch beigegeben werden. Wir bringen ferner außer sämt¬ lichen Briefen von Marx und Engels selbst auch alle jene Briefe an sie, die für die Beleuchtung ihrer Persönlichkeit, insbesondere ihrer praktisch¬ politischen Tätigkeit, irgendein Interesse bieten können. Sämtliche Werke und Briefe werden in der Sprache des Originaltextes gegeben. Bei der Anordnung der Werke von Marx und Engels verzichteten wir auf ein streng chronologisches Prinzip. Ebensowenig ging es an, den Stoff nach der logischen Zusammengehörigkeit, nach einzelnen Disziplinen oder Themen zu gliedern. Eine gewisse Kombination der beiden Kriterien war geboten, wobei trotz Abweichungen von der streng chronologischen Reihenfolge der entwicklungsgeschichtliche Standpunkt in erster Linie zur Geltung gebracht wurde. Wie die meisten Gesamtausgaben trennen auch wir die Mehrzahl der Briefe von den Schriften. Die chronologische Einordnung des Lebens-
Vorwort XXIII Werkes von Marx, des „Kapital“, an dein er während des weitaus größten Teils seiner Schaffensperiode gearbeitet hat, ist natürlich nicht möglich; darum mußte auch dieses Werk mit allen dazugehörigen, sehr umfang* reichen Materialien von den übrigen Schriften getrennt werden. Wir bringen also das gesamte Material in drei Abteilungen. Selbst in der ersten, auf siebzehn Bände berechneten Abteilung, der alle philosophi* sehen, ökonomischen, historischen und politischen Werke mit Ausnahme des „Kapital“ zugehören sollen, muß die chronologische Folge innerhalb der einzelnen Bände mitunter durchbrochen werden. Wir müssen ge¬ gebenenfalls manche Schriften und Artikel, die durch die Einheit ihres Gegenstandes oder ihrer Publikations*Bedingungen miteinander eng ver¬ bunden sind, gruppenweise zusammenfassen, auch dann, wenn dadurch die zeitliche Folge gestört wird. Im großen und ganzen bleibt jedoch in dieser Abteilung der entwicklungsgeschichtliche Standpunkt das bestimmende Prinzip der Anordnung. Wenn wir auch nur annähernd den Zeitpunkt bestimmen können, an dem die persönliche Bekanntschaft Marxens und Engels’ beginnt, ist es doch unzweifelhaft, daß ihrer gemeinsamen Arbeit eine Periode vorangeht, in der sie völlig selbständig und voneinander unabhängig am Umgestaltungs¬ prozeß der ideellen Erbschaft der deutschen klassischen Philosophie und Literatur arbeiten, um erst von einer gewissen Etappe an ihr Werk gemein¬ sam fortzuführen. Wir wissen jetzt, daß Engels die literarische Laufbahn früher als Marx betreten hat; trotzdem, als sie Anfang 1844 in unmittel¬ baren Ideenkontakt traten, war es Marx, der als erster den Gedanken des proletarischen Kommunismus formulierte: daß, mit Engels zu sprechen, „die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bour¬ geoisie) befreien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien.“1) Aus jener Gruppe der linken Hegelianer und Feuerbachianer, der Marx und Engels gleicherweise bereits 1841/42 angehören, tritt Engels früher als alle in den Ideenbund mit Marx, um auf der von Marx gewonnenen Basis mit ihm gemeinsam die neue Weltanschauung auszuarbeiten. Mit den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ beginnt auch die geistige Ein¬ wirkung Engels’ auf Marx. Um das Studium jener „Anteile“ zu erleichtern, die Marx und Engels zum gemeinsamen Werke beigesteuert haben, widmen wir die zwei ersten Bände unserer Gesamtausgabe der literarischen Leistung beider je gesondert, bis zu den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ einschlie߬ lich. Als Ausnahme — um diese Periode mit den beiden Bänden ganz ab¬ *) „Kommunistisches Manifest.“ Engels* Vorrede vom 28. Juni 1883.
XXIV Vorwort zuschließen — geben wir hier auch eine Anzahl von Dokumenten und samt* liehe chronologisch hierher gehörigen, übrigens verhältnismäßig nicht zahlreichen Briefe von und an Marx bei. Vom dritten Bande ab bringen wir für jede Periode alle dahingehörigen Arbeiten Marxens und Engels9 zusammen. Im dritten Bande werden alle Werke und Aufsätze enthalten sein, die Marx und Engels nach den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ bis zum Frühling 1845 geschrieben haben. Sie gruppieren sich alle um die „Hei* lige Familie“ und die „Lage der arbeitenden Klasse in England“. In die* ser Periode basiert der Kommunismus von Marx und Engels noch immer auf der Philosophie des „realen Humanismus“; sie sind insofern noch beide Feuerbachianer. Der vierte Band wird die 1845/46 geschriebene „Deutsche Ideologie“ enthalten, die erste von Marx und Engels gemeinsam geschriebene Ar¬ beit, worin sie, wie Marx im Vorwort „Zur Kritik der politischen Öko¬ nomie“ schreibt, „beschlossen, den Gegensatz ihrer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten“. Diese Schrift wurde nicht gedruckt und ist bis heute nur in Bruchstücken bekannt. Indes hat sie eine ganz außerordentliche Bedeutung nicht nur für die Geschichte der geistigen Entwicklung von Marx und Engels, son¬ dern auch für die Geschichte der deutschen Ideologie allgemein. Nur sie ermöglicht uns, alle Abschnitte jenes Weges genau festzustellen, den Marx und Engels von Hegel über Feuerbach, über den französischen Sozialis¬ mus, über die Anschauung des sich vor ihren Augen entfaltenden prole¬ tarischen Klassenkampfs bis zum dialektischen Materialismus zurückgelegt haben. Der fünfte Band — von der zweiten Hälfte des Jahres 1846 bis zur Revolution von 1848 — umfaßt alle Arbeiten Marxens und Engels’, worin und womit sie den „wahren Sozialismus“ in allen seinen Formen, die bürgerliche Demokratie und den kleinbürgerlichen Sozialismus Proudhons bekämpfen, für die neue internationale proletarische Organisation die Basis legen und diese dann auch direkt in Form des „Bundes der Kom¬ munisten“ organisieren. Diese Periode endet mit dem „Kommunistischen Manifest“. Die Aufsätze und Broschüren aus der Revolution von 1848/49 und aus den Jahren ihrer Liquidierung bis kurz vor die Auflösung des Bundes der Kommunisten (1848—1852) bilden den Hauptinhalt des fünften, sechsten und siebenten Bandes. Die Aufsätze, Bücher und Broschüren Marxens und Engels’ aus den Jahren nach der Revolution (1852—1862) sind so zahlreich, daß ihnen nicht weniger als sieben Bände zu widmen sind.
Vorwort XXV Die von Marx und Engels stammenden Aufsätze, Manifeste und Reso¬ lutionen aus der Zeit der I. Internationale (1864—1876) werden im fünf¬ zehnten Band enthalten sein. Die Aufsätze und Bücher Engels9 von 1876 bis zu seinem Tode werden mindestens zwei Bände ausmachen. Die zweite Abteilung ist Marxens ökonomischer Hauptarbeit, dem „Ka¬ pital“, gewidmet. Es werden dabei auch bisher nicht berücksichtigte um¬ fangreiche Teile des Marxschen Manuskripts mit veröffentlicht werden, ferner alle Vorarbeiten für das „Kapital“. Die Textherstellung bietet für die Bände dieser Abteilung die größten Schwierigkeiten. Der Vergleich der letzten Autor-Ausgaben mit den früheren und mit den Manuskripten, unter denen sich mitunter mehrere Fassungen derselben Abschnitte befinden, der Nachweis der von Engels am Marxschen Text vorgenommenen Umarbeitungen, die große Masse der noch überhaupt unveröffentlichten ökonomischen Arbeiten, die Verwertung der in den zahlreichen ökonomischen Exzerptheften von Marx zerstreuten eigenen Ausführungen, kritischen Anmerkungen und Literaturüber- sichten — all dies heischt eine Mühe, die auch bei starker Arbeits¬ teilung mehrere Jahre beanspruchen würde, wenn einer solchen nicht von vornherein durch den innigen Konnex der Materialien ziemlich enge Grenzen gesetzt wären. Diese Abteilung wird aus nicht weniger als dreizehn Bänden bestehen. In der dritten Abteilung werden die Briefe Marxens und Engels’ ge¬ bracht werden, in erster Linie ihre gegenseitige Korrespondenz, dann ihre Briefe an Lassalle, Weydemeyer, Kugelmann, Freiligrath, Sorge, Lieb¬ knecht, Bebel, Adler, Nikolai-on, Conrad Schmidt — um nur die wichtig¬ sten Gruppen zu nennen —, ferner alle anderen Briefe, die mit den ein¬ zelnen Werken oder Lebensperioden von Marx und Engels nicht so eng verknüpft sind, daß sie den entsprechenden früheren Bänden einverleibt werden konnten. Eine streng chronologische Anordnung war auch in dieser Abteilung nicht zu treffen, sollte — und dies ist der Hauptgrund — der vollstän¬ dige Briefwechsel zwischen Marx und Engels möglichst schnell ver¬ öffentlicht werden. Die Bernsteinsche Ausgabe ist derart lückenhaft, daß die ausgelassenen Briefe und Briefstellen zusammen ungefähr einen wei¬ teren Band von der Stärke der jetzigen füllen. Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels gehört jedenfalls zu den historischen Dokumenten, deren vollständige Veröffentlichung in authentischer Form eine dringende wis¬ senschaftliche Notwendigkeit ist1). Durch die gesonderte Gruppierung die- *) Die exzeptionelle Bedeutung des Marx-Engels-Briefwechsels — die beim Er¬ scheinen der Bernsteinschen Ausgabe auch von H. Oncken und G. Schmöller an-
XXVI Vorwort ser Korrespondenz, die den übrigen Briefen vorangeht, wird also auch hier das streng chronologische Prinzip durchbrochen. Als vierte Abteilung werden wir in den beiden letzten Bänden ein aus¬ führliches Sach- und Namenregister zu allen Bänden der Gesamtausgabe der Werke K. Marx’ und F. Engels’ bringen. Wir beabsichtigen dieses Re¬ gister zu einem Handwörterbuch zu gestalten, in dem alle in den Werken von Marx und Engels erwähnten und behandelten Gegenstände, Termini, Grundbegriffe und Probleme auf geführt werden sollen, und zwar so, daß alles zu einem Stichwort Gehörige jeweils an einer Stelle in chronologi¬ scher Reihenfolge gebracht wird. Im Namenregister werden alle histo¬ rischen Persönlichkeiten und die von Marx und Engels zitierten Autoren angeführt werden, um so von der Entwicklung ihres Urteils über einzelne Personen ein Bild zu geben und für die Feststellung des Grades ihrer Be¬ einflussung durch andere Denker das Material zu liefern. Das Register wird sicherlich jedem Forscher, der sich mit der Geschichte und Theorie des Marxismus befassen will, die Arbeit wesentlich erleichtern und zu immer intensiverer Bearbeitung der Werke von Marx und Engels weitere Anregungen geben. Diese Register-Abteilung kann natürlich erst nach Abschluß der ge¬ samten eigentlichen Editionstätigkeit erscheinen. Bis dahin wird jedem Einzelbande der Gesamtausgabe ein knappes orientierendes Register bei¬ gegeben werden. Die Einleitungen zu den einzelnen Bänden werden im allgemeinen An¬ laß und Entstehungsgeschichte der einzelnen Schriften beleuchten, über den Stand der Forschung Bericht geben und über das bei der Edition be¬ folgte Verfahren Rechenschaft ablegen. Historische und theoretische Ein¬ führungen und Untersuchungen, ausführliche Kommentare fallen aus dem Rahmen dieser Aufgabe: ihre vornehmste Bestimmung, wie schon betont, besteht ja darin, die erste und wichtigste objektive Grundlage für die Zwecke einer allseitigen Marx- und Engels-Forschung zu schaffen, d. h. das literarische Gesamtwerk der beiden Klassiker in wissenschaftlich einwand¬ freier Form und Ordnung wiederzugeben. Auch die Anmerkungen und sonstigen Beigaben, mit denen die Bände der ersten Abteilung ausgestattet werden, sollen sich demnach im großen und ganzen darauf beschränken, aus dem mit den Texten unmittelbar zusammenhängenden zeitgenössischen Material das wichtigste — falls nicht mühelos zugänglich — mit¬ zuteilen und durch reichliche Quellen- und Literaturnachweise die Auf- erkannt wurde — hat vor kurzem der Direktor des Reichsarchivs in Potsdam, Emst Müsebeck, in einem Vortrag hervorgehoben, worin er im übrigen gerade aus* führte, daß in Hinsicht auf die große Masse des vorhandenen Materials der Wert der Quellenpublikationen zur neuesten Geschichte im allgemeinen immer problematischer werde. (Archiv f. Politik u. Geschichte. Jg. IV, 1926. S. 316.)
Vorwort XXVII findimg näherer Angaben über Personen, Zustände und Ereignisse zu erleichtern. Da der Hauptzweck unserer Ausgabe darin besteht, den vollständigen Ideenkomplex von Marx und Engels in seiner ganzen Eigenart der wissen¬ schaftlichen Forschung zur Verfügung zu stellen, legen wir bei der Wieder¬ gabe der Texte das Hauptgewicht darauf, sie dem Sinne nach exakt zu bringen, — frei von jeder subjektiven Einmischung und Deutung. Wir wähl¬ ten als Schriftsatz die Antiqua. Die Rechtschreibung der Vorlagen buch¬ stäblich zu reproduzieren, hielten wir für überflüssig; bei den gedruckten Vorlagen haben wir es übrigens gar nicht mit der Rechtschreibung von Marx und Engels selbst zu tun. Wir zogen es vor, die Orthographie tun¬ lichst zu modernisieren. Wo wir — bei handschriftlichen Vorlagen — manchmal davon abweichen, geben wir in den Einleitungen oder in den Anmerkungen Rechenschaft Um aber dem Leser und dem Forscher einen Begriff von der jeweiligen Schreibung und den verschiedenen Eigentüm¬ lichkeiten der Handschriften von Marx und Engels zu geben, werden wir für verschiedene Perioden faksimilierte Seiten aus entsprechenden Manu¬ skripten beifügen. Offenbare Druck- und Schreibfehler, wie sie vor allem die aus deut¬ schen, englischen und französischen Zeitschriften und Zeitungen ent¬ nommenen Artikel in Menge aufweisen, werden von uns stillschweigend korrigiert. In allen zweifelhaften Fällen wird über die Korrektur in den textkritischen Fußnoten oder in den Anmerkungen berichtet. Zum Schluß erfülle ich die angenehme Pflicht, all derer zu gedenken, die den Beginn dieses Unternehmens ermöglicht haben. Für die Marx-Engels-Gesamtausgabe hat Eduard Bernstein unter Verzicht auf eigene Herausgeberpläne die bei ihm aufbewahrten Teile des Marx-Engels-Nachlasses dem Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Berlin übergeben, und durch Vermittlung von Frau Luise Kautsky, Dr. Rudolf Hilferding und Dr. Adolf Braun, dem Vorsteher des Archivs, ist der weitaus größte Teil des Nachlasses dem Herausgeber zugänglich gemacht worden. Prof. Dr. Joseph Hansen stellte uns das im Historischen Archiv der Stadt Köln befindliche Material bereitwilligst zur Verfügung und förderte unsere Arbeit auch sonst durch wertvolle Aufschlüsse. Prof. S. Perlman (Madison, Wisconsin) danken wir für die Vermittlung der reichen Materialien zur Geschichte der Internationalen Arbeiter-Assoziation, die in der State Historical Society of Wisconsin, Madison, aus dem Nachlaß von F. A. Sorge aufbewahrt sind. H. M. Lydenberg, Oberbibliothekar der New York Public Library, gestattete die photographische Aufnahme der Originale der im
XXVIII Vorwort „Sorge-Briefwechsel“1) mit nicht wenigen Lücken veröffentlichten Brief¬ sammlung. Dr. Wilhelm Pappenheim - Wien schulden wir Dank für Dokumente zur Familiengeschichte von Marx und für die Briefe von Bruno Bauer an Marx und Ruge. Durch die Bemühungen von Prof. Dr. J. Schaxel - Jena um die Auffindung der Originalhandschrift der Dis¬ sertation Marxens kam zwar die Dissertation selbst nicht zum Vorschein, doch gelang es ihm, manche interessante Universitätsdokumente von Marx ausfindig zu machen. Der Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt a. M., Prof. Dr. Carl Grünberg, und sein nächster Mitarbeiter, Dr. Friedrich Pollock, ferner Dr. Felix Weil, Vorstand der Gesellschaft für Sozialforschung, Frankfurt a. M., haben unserem Unternehmen fortwährend vielerlei Förderung, auch bei der Be¬ schaffung der Texte, zukommen lassen. Aber die Erfassung des Materials ist nur eine der vielen Vorbedingungen einer kritischen Ausgabe des literarischen Gesamtwerkes von Marx und Engels. Was die Bearbeitung des Materials betrifft, so ist zwar ein sehr starkes Interesse für den Marxismus vorhanden, aber es gibt verhältnis¬ mäßig sehr wenige Wissenschaftler, die sich ganz dem Marxstudium wid¬ men, und es gibt wenig Arbeiten, welche dem noch unveröffentlichten Nachlaß gewidmet wären. Jede objektive Kritik an unserem Unternehmen muß diesen Umstand berücksichtigen. Ohne das Marx-Engels-Institut in Moskau, ohne seine Einrichtungen, seinen Apparat, seinen Mitarbeiter¬ stab unter der bewährten Leitung von E. C z ô b e 1, wäre auch an die Ausführung der die Arbeitskraft eines einzelnen weit übersteigenden Auf¬ gabe überhaupt nicht zu denken gewesen. Die Veranstaltung einer Marx- Engels-Gesamtausgabe erheischte die Schaffung einer großen wissenschaft¬ lichen Organisation. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion, indem sie sich zu jeglicher Unterstützung und Förderung des Werkes verpflichtet hielt, war sich bewußt, was sie dem Geist von Karl Marx und Friedrich Engels schuldet. Moskau, im April 1927. D. Rjazanov *) Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh. Phil. Becker, Jos. Dietzgen, Friedrich Engels, Karl Marx u. a. an F. A. Sorge u. a. Stuttgart, Dietz, 1906.
EINLEITUNG ZUM ERSTEN BANDE (ERSTER HALBBAND) Besondere Schwierigkeiten bei der Ordnung, Entzifferung, Bearbeitung und Reproduktion der großenteils neuen Materialien, die der erste Band unserer Gesamtausgabe umfaßt, erklären das etwas verspätete Erscheinen. Der über Erwarten anschwellende Umfang bestimmte uns zu einer Trennung dieses ersten Bandes in zwei Hälften. Von den 39 Textbogen des vorliegenden Halbbandes enthalten 15 Bogen hier zum ersten Male aus dem Manuskript wiedergegebene Schriften ; weiter sind auf rund sechs Bogen von der Forschung bisher größtenteils unberücksichtigte Erstdrucke hier zuerst wieder veröffentlicht. Auf Grund des neuen Materials, worunter sich sehr wertvolle theoretische und publizistische Arbeiten befinden, wird das bekannte Bild des jungen Marx zweifellos mit vielen und wesentlichen neuen Zügen bereichert, seine Entwicklung viel genauer verfolgt werden können. In dieser Einführung beabsichtigen wir jedoch — gemäß dem Programm unserer Edition — weder einen Abschnitt der Biographie von Marx, noch eine Darstellung seiner geistigen Entwicklung zu geben. Wir wollen im folgenden nur über die Zusammensetzung dieses Bandes Rechenschaft ablegen und über unser editionstechnisches Ver¬ fahren berichten. Eine Kommentierung oder Analyse der einzelnen Schrif¬ ten ginge über den Rahmen dieser Einführung hinaus: wir begnügen uns im großen und ganzen mit Hinweisen auf historisch oder theoretisch wichtige Probleme — vor allem im Zusammenhänge mit den neu ver¬ öffentlichten Schriften. Die D o k t o r d i s s e r t a t i o n Der vorliegende Band beginnt mit der Doktordissertation, obgleich diese nicht die erste literarische Arbeit von Marx darstellt; er erscheint vielmehr zum ersten Male als Autor zweier Gedichte, der „Wilden Lieder“, vor der Öffentlichkeit. Aber die Dissertation ist, auch ungeachtet dessen, daß sie für den Druck bestimmt war, das erste reife Produkt seiner geistigen Schaffenskraft. Sie wurde von ihm der philosophischen Fakultät der Universität Jena eingereicht; auf Grund dieser Arbeit erhielt er am 15. April 1841 den Titel eines Doktors der Philosophie. Das Manuskript, das sich im Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands befindet, besteht aus zehn Heften, die von einem
XXX Einleitung unbekannten Kopisten abgeschrieben sind. Sechs Hefte bilden den eigent¬ lichen Text der Dissertation, vier enthalten „Anmerkungen“, die vor allem Zitate, Belegstellen, Quellennachweise geben; außerdem finden sich hier noch einige — zum Teil von Marx selbst geschriebene — Ergänzungen, die mit dem eigentlichen Thema der Dissertation nicht unmittelbar Zu¬ sammenhängen, vielmehr Probleme der zeitgenössischen Philosophie be¬ handeln. Mehring publizierte nur den Text der Dissertation und aus den An¬ merkungen nur die längeren Ausführungen, die er als „Bruchstücke“ bei¬ gab. Wir bringen die „Anmerkungen“ genau nacji dem Manuskript, also vollständig. Die zehn erhalten gebliebenen Hefte stellen jedoch nicht die ganze Arbeit Marxens dar. Aus dem der Dissertation beigegebenen Inhalts¬ verzeichnis (S. 11) geht hervor, daß das 4. und 5. Kapitel des ersten Teils und der ganze Anhang fehlen. Den vollständigen Text der Dissertation aufzufinden, gelang auch uns nicht. Wir bemühten uns — wie seinerzeit Mehring —, im Archiv der Jenaer Universität das von Marx übersandte Exemplar der Dissertation ausfindig zu machen. Die von uns veranlaßten Nachforschungen brachten aber nur einige die Einreichung und Annahme der Dissertation betref¬ fende Dokumente und Briefe zum Vorschein x). Das Manuskript der Dissertation enthält zahlreiche kleinere Ver¬ besserungen und einige größere Zusätze von Marxens Hand. Es fällt auf, daß diese Marxschen Korrekturen mit zweierlei Tinte geschrieben sind, wovon die eine die gleiche ist, die auch der Kopist benutzt hat, die andere eine etwas dunklere Farbe auf weist. Es liegt auf der Hand, daß Marx das Manuskript zweimal durchsah und kor¬ rigierte: einmal sofort nach Beendigung der Abschrift, das andere Mal später, ohne Zusammenhang mit dem Kopisten. Auch der inhaltliche Charakter der mit verschiedener Tinte vorgenommenen Korrekturen ist verschieden. Das erste Mal macht Marx nur unwesentliche, rein orthogra¬ phische oder grammatikalische Verbesserungen; beim zweiten Mal han¬ delt es sich um Änderungen mehr stilistischer Art, weiter um eine Reihe von Einschaltungen und Ergänzungen, dann um den Entwurf zu einem neuen Vorwort. Es ist zweifellos, daß Marx das Manuskript zum ersten Male noch vor der Absendung an die Universität, zum zweiten bereits nach der An¬ nahme überprüft hat. Wir halten es für ziemlich wahrscheinlich, daß das erhalten gebliebene Manuskript eine Kopie ist, die bei Marx zurück- J) Wir veröffentlichen diese im zweiten Halbband unter den „Briefen und Doku¬ menten“ (Nr. 11, 35, 37, 38, 40, 41).
Einleitung XXXI geblieben, die zudem nicht vollständig und nicht in die endgültige Form gebracht ist (es finden sich z. B. viele leere Seiten). Der Universität mag eine andere Kopie übersandt worden sein, und zwar ohne das erste Vorwort, das nach Ansicht des mit Marx damals befreundeten Bruno Bauer nur die Professoren der Jenaer Universität chokiert und unnötige Schwierigkeiten hervorgerufen hätte. Eine andere Erklärung für den Unterschied in Tinte und Charakter der Korrekturen gäbe die Auffassung, daß das vorliegende Manuskript eben das in Jena eingereichte Exemplar sei, das Marx dann nach erfolgter Promotion zurückverlangt hätte, um den erneut geplanten — allerdings nicht erfolgten — Druck vorzubereiten; dabei wären dann die inhaltlich bedeutsamen Änderungen angebracht und der Entwurf zu einem neuen Vorwort niedergeschrieben worden. Hierdurch wäre zugleich die Unauf¬ findbarkeit des Manuskripts im Universitätsarchiv Jena erklärt. DieseAuf- fassung hat manches für sich — dagegen spricht hauptsächlich die un¬ ordentliche äußere Form des Manuskripts. Wie dem auch sei, wir sind jedenfalls in der Lage, das Mehring be¬ kannte Manuskript mit bedeutenden Ergänzungen zu geben. Zunächst fan¬ den sich in einem Heft unter den Manuskripten zwei Blätter (vier Seiten), die von dem uns bereits bekannten Kopisten geschrieben sind. Es stellte sich heraus, daß dieses Bruchstück ein Teil des An¬ hangs über Plutarch ist. Wir bringen es auf Seite 55f.; den Titel haben wir dem von Marx stammenden Inhaltsverzeichnis entnommen. Eine unvergleichlich wichtigere Ergänzung zur Dissertation, teilweise einen Ersatz für manche nicht vorhandenen Stücke der Reinschrift, bieten sieben Foliohefte, die bisher unbeachtet geblieben sind. Auf den ersten Blick scheinen sie nur Exzerpte aus den antiken Autoren zu enthalten. Bei einer aufmerksamen Durchsicht ergab sich jedoch, daß sie wesent¬ liche Teile der Vorarbeiten sind, die Marx im Zusammenhang mit seinem Studium der epikureischen Philosophie unternommen hat. Ihr Inhalt be¬ stätigt vollkommen Marxens Mitteilung im Vorwort und im ersten Ka¬ pitel der Dissertation: er arbeite an einer „größeren Schrift“, worin er „ausführlich den Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie in ihrem Zusammenhänge mit der ganzen griechischen Spe¬ kulation“ darzustellen beabsichtige. Diese sieben Hefte behandeln zwar nicht alle Themen der Dissertation — woraus ersichtlich, daß wir in ihnen nicht die Gesamtheit der in Be¬ tracht kommenden Vorarbeiten von Marx vor uns haben —, anderseits aber ist ihr Studiengebiet bedeutend weiter als das der Dissertation. Was zunächst die Themen der Dissertation betrifft, so behandeln die
XXXII Einleitung sieben Hefte ausführlich die epikureische Philosophie und die Kritik der Plutarchischen Kritik, nicht aber die demokritische Philosophie, also auch nicht die Differenz der epikureischen und demokritischen Naturphilo* sophie. Die immanente Dialektik der Philosophie Epikurs, seine Ansicht über die Meteore, seine Atomlehre (das Klinamen) werden hier mehr oder minder ausführlich untersucht, es finden sich viele fast wörtliche Kon¬ gruenzen mit dem Text der Dissertation, aber auf Demokrit bezügliche Studienhefte sind offenbar verlorengegangen. Und so bieten die erhalten gebliebenen Hefte keinen Ersatz für die zwei verlorenen Kapitel des ersten Teils der Dissertation x). Der Inhalt dieser beiden Kapitel ist im wesent¬ lichen eher aus dem zweiten Teil der Dissertation selbst rekonstruierbar, worin die nicht erhaltene Ausführung der „allgemeinen prinzi¬ piellen Differenz zwischen demokritischer und epikureischer Naturphilo¬ sophie“ „im einzelnen“ nachgewiesen wird. Viel ausgiebiger erwiesen sich diese Hefte in bezug auf den bis auf vier Seiten verloren gegangenen Anhang der Dissertation, der die Kritik der Plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie enthielt. In den Vorarbeiten findet sich fast der ganze verlorene Anhang. Das dritte Heft enthält eine Kritik der Plutarchischen Pole¬ mik gegen Epikur, und obwohl der Text durch keine Überschriften ge¬ gliedert ist, ließen sich darin die im Inhaltsverzeichnis angedeuteten Themen in derselben Reihenfolge erkennen2). Die zufällig erhalten ge¬ bliebenen vier Seiten der Reinschrift des Anhangs stimmen mit der Roh¬ schrift fast buchstäblich überein. Außer der vollständigen Identität des Gedankengangs spricht auch dieser Umstand dafür, daß die Vorarbeiten die verlorene Abschrift des Anhangs im wesentlichen ersetzen, daß wir somit im Besitz der Marxschen Kritik jener Polemik sind, die nach seinem Ausdruck „das Verhältnis des theologisierenden Verstandes zur Philo¬ sophie sehr treffend an sich darstellt“ (S. 10). Die Vorarbeiten bieten jedoch, wie schon gesagt, nicht nur Entwürfe und Ergänzungen zu den Ausführungen der Dissertation selbst, sondern auch vieles ganz Neue, vieles, was Marx gewiß schon im Hin¬ blick auf die nicht fertiggestellte „größere Schrift“, auf die „Gesamt¬ darstellung“, ausarbeitete. Von den Ausführungen, die in der Disserta¬ tion entweder überhaupt nicht oder nur ganz beiläufig berührte Fragen behandeln, seien hervorgehoben: die Darstellung der epikureischen Welt¬ konstruktion (S. 94—96), die Untersuchung über das Verhältnis der epi¬ kureischen Philosophie zum Skeptizismus (S. 96—99), die geschichtliche Übersicht über den Begriff des Weisen in der griechischen Philosophie 0 Vgl. Inhaltsverzeichnis auf S. 11. ’) Vgl. S. 110-118.
Einleitung XXXIII (S. 100—106), die Kritik der Plutarchischen Ansichten über Plato (S. 118 — 120), die Parallele zwischen Plutarch und Lukrez (S. 121—122), die Untersuchungen über das Christliche im Platonismus im Anschluß an Chr. F. Baur’s Buch (S. 134—138) und über die Aufgaben der philo¬ sophischen Geschichtsschreibung (S. 143—144)x). Wir weisen noch auf die Stellen hin, an denen Marx sich über die zeitgenössischen philosophischen und theologi¬ schen Richtungen äußert : über den Kampf der „modernen“ (Hegelschen) gegen die „christliche“ Philosophie (S. 99); über die Dif¬ ferenz der griechischen und der Hegelschen Philosophie in bezug auf ihr Verhältnis zum Leben (S. 104) ; über die Pietisten und Supranaturalisten (S. 127); über die geschichtliche Stellung der Hegelschen Philosophie, und über das Weltlichwerden der Philosophie überhaupt (S. 131—133). Die Entstehungsumstände der Dissertation sind schon durch Mehring’) auf Grund der Briefe Bruno Bauers an Marx dargestellt worden8). Hier sei noch festgestellt, daß Marx die Vor¬ arbeiten — laut Überschrift auf dem Umschlagblatt des ersten Heftes — „Winter 1839“, d. h. Wintersemester 1838/39, also in seinem 7. Semester begonnen hatte; dies könnte auch Ende 1838 bedeuten, doch ist es viel wahrscheinlicher, daß Marx erst gegen Schluß des 7. Semesters, also An¬ fang 1839, die Arbeit in Angriff genommen hatte, da die folgenden drei Hefte schon „Sommersemester 1839“ datiert wurden. Zum Vorwurf seiner Dissertation wählte Marx ursprünglich offenbar die Philosophie Epikurs. Der Plan einer „Gesamtdarstellung“, einer „größeren Schrift“ *) entstand dann erst im Laufe der Arbeit und vermutlich erst gegen Ende des Jahres 1839, auch wohl nicht ohne Einfluß von Friedrich Köppen, in dessen Marx gewidmeter, gegen Ende des Jahres 1839 verfaßter Schrift über „Friedrich den Großen und seine Widersacher“ Marx „eine tiefere An¬ deutung über den Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Systeme“ fand 5). Die Erweiterung des ursprünglichen Plans, das Eingehen in immer tiefere Untersuchungen, war gewiß einer der Gründe, derentwegen sich die Fertigstellung der Arbeit in die Länge zog. Das heftige Drängen von Bruno Bauer und noch mehr „äußere Umstände“, das Zerwürfnis mit M Auf Grund des Inhaltsverzeichnisses dürfen wir mit Bestimmtheit annehmen, daß diese Fragen auch in den verlorengegangenen Kapiteln nicht behandelt werden konnten. ’) Nachlaß I, 57—62. ’) Vgl. im zweiten Halbband in der Abteilung „Briefe und Dokumente“ die Nr. 16, 27, 28, 29, 34, 36, 39; auch Nr. 25. «) Vgl. S. 9 und 15. 5) S. 9, in der Vorrede. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 3
XXXIV Einleitung seiner Familie, die Rücksicht auf die Braut, waren nötig, um Marx An¬ fang 1841 endlich zu bewegen, aus diesen weitläufigen Studien die Disser¬ tation in der in Jena eingereichten Form, bestehend aus zwei Aufsätzen über Teilprobleme, auszusondern. Die ursprünglich geplante Drucklegung der Arbeit unterblieb, wohl im Interesse der Beschleunigung der Pro¬ motion. Nicht sehr lange nach der Promotion, etwa um die Jahreswende 1841/42, plante Marx erneut die Drucklegung, wie dies aus dem Kon¬ zept einer neuen „Vorrede“ hervorgeht, die er — wie schon oben bemerkt — bei der zweiten Durchsicht des kopierten Manu¬ skripts am Ende des zweiten Teils mit eigener Hand entwarf. Es heißt da: „Die Abhandlung, die ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, ist eine alte Arbeit und sollte erst in einer Gesamtdarstellung der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie ihren Platz finden, an deren Aus¬ führung mich politische und philosophische Beschäftigungen ganz anderer Art jetzt nicht denken lassen. Es ist erst jetzt die Zeit gekommen, in der man die Systeme der Epikureer, Stoiker und Skeptiker verstehen wird. Es sind die Philosophen des Selbstbewußtsein s.“ Dieser Vorrede-Entwurf ist im Manuskript sehr stark korrigiert. Statt „politische und philosophische Beschäftigungen“ schrieb Marx ursprüng¬ lich „Berufsgeschäfte“, „Berufstätigkeit“. Diese gestrichenen Worte deu¬ ten wohl auf seine begonnene oder vielleicht erst beabsichtigte Tätigkeit in der Rheinischen Zeitung. Die gleichzeitig mit diesem Vorrede-Entwurf geschriebene Anmerkung gegen Schelling (S. 80 f.) war ein kleiner Beitrag zu der Polemik der linken Hegelianer gegen die mit der Berufung Schellings nach Berlin inaugurierte Philosophie der Offenbarung. Die Umstände scheinen für den Plan der Herausgabe nicht günstig gewesen zu sein, oder aber Marx hatte zu dieser Zeit, da er sich schon der politisch-publizistischen Laufbahn zuwandte, auf die Veröffentlichung kein so großes Gewicht gelegt, — auch diesmal unterblieb die Druck¬ legung. Die Dissertation geben wir genau nach der Reinschrift, nur mit moderner Orthographie. Die Anmerkungen lassen wir, wie im Manuskript, auf den Text folgen (S. 57—81) ; ihre kapitelweise Numération ist bei¬ behalten. Die von Marxens Hand herrührenden Korrekturen und Ein¬ fügungen haben wir im Texte durchgeführt, jedoch (sofern sie nicht ein¬ fach Schreibfehler des Kopisten richtigstellten) in Fußnoten vermerkt. Aus den Heften der Vorarbeiten geben wir, wie schon eingangs be¬ merkt, im wesentlichen nur Marxens eigene Ausführungen und Bemerkun-
Einleitung XXXV gen, während wir die Zitate nur durch genaue Stellenangabe bringen. Die volle Wiedergabe der von Marx ausgewählten und abgeschriebenen, größtenteils griechischen, zum kleineren Teil lateinischen Stellen hätte mindestens ebensoviel Raum beansprucht wie der von Marx selbst stam¬ mende deutsche Text. Wir glaubten, von der wörtlichen Wiedergabe dieses Quellenmaterials, das Marx im Falle einer Drucklegung gewiß nur zum kleinen Teil in vollem Wortlaut aufgenommen hätte, in dieser ersten Aus¬ gabe absehen zu dürfen1), haben jedoch sämtliche zitierten Stellen in Fußnoten verzeichnet, und zwar, um ihre Auffindung zu erleichtern, nicht nur nach der von Marx selbst benutzten Ausgabe, sondern dazu nach einer modernen, maßgebenden Edition. Dabei haben wir jeden Satz oder Absatz, den Marx mit einer Stellenangabe (Seite, Punkt, Paragraph) ver¬ sah, als separates Zitat behandelt, auch dann, wenn die nacheinander an¬ geführten Zitate lückenlos untereinander Zusammenhängen. Wo sich ein Zitat inmitten eines Satzes von Marx befand, ferner, wo in seinen Ausführungen ein Hinweis auf eine bestimmte, vorhergehende oder nachfolgende Stelle stand, endlich, wo das Verständnis des Marxschen Textes sonst überhaupt nicht möglich gewesen wäre, haben wir ausnahms¬ weise die griechischen bzw. lateinischen Belegstellen im Text beibehalten. Den griechischen Zitaten ist in diesen Fällen die lateinische Übersetzung in eckigen Klammern beigefügt. Manche verbindende Ausdrücke und ganz kurze Notizen von Marx bringen wir in den Fußnoten inmitten des Verzeichnisses der zitierten Stellen. Zur Erleichterung der Übersicht haben wir den Text der Vorarbeiten durch Überschriften gegliedert, die in eckige Klammern gesetzt sind. Auf S. 110—118 übernahmen wir die Titel des Anhangs nach dem Marxschen Inhaltsverzeichnis. Von einer Wiedergabe der im Text vorkommenden Streichungen haben wir hier, vor allem wegen besonders großer Schwierigkeiten der Text¬ herstellung *), im allgemeinen abgesehen; doch sind wenigstens die wich¬ tigsten vermerkt. An mehreren Stellen der Vorarbeiten wird in Fußnoten auf Parallelstellen in der Dissertation verwiesen. Seitdem die Dissertation in Mehrings Nachlaßausgabe mit seinem aus¬ führlichen kritischen Kommentar erschienen ist, wird sie in der Literatur x) Eine Aufgabe der „Vorarbeiten“ mit vollständiger Wiedergabe der exzerpierten bzw. zitierten Stellen und mit beigegebener russischer Übersetzung ist im Marx- Engels-Institut in Vorbereitung. ’) Das Manuskript der Vorarbeiten befindet sich in recht schlechtem Zustand, zuweilen ist der Text durch klecksige oder verschmierte Stellen verunstaltet, die eiligen Schriftzüge stellen die Entzifferung häufig vor schwer lösbare Rätsel. — Die beigehefteten Faksimile-Tafeln — vor allem die klecksige Tafel IV — mögen von alledem eine Vorstellung geben. 3*
XXXVI Einleitung über Marx immer als ein durchaus hegelisch-idealistisches, später von Marx völlig überwundenes Werk angesehen. Auch die Darstellung und Ein* Schätzung der epikureischen und der demokritischen Philosophie wird als von Grund aus verfehlt betrachtet. Wir glauben, die nunmehr von uns veröffentlichten Vorarbeiten werden das Auge dafür schärfen, daß Marx schon damals, obwohl er sich durchaus in Hegels Bahnen zu bewegen wähnte, mindestens in manchen Ausführungen die Hegelsche Philosophie mit spezifisch junghegelischer Tendenz, in einem stark realistischen Sinne, mit einem enthusiastischen Drang nach der sinnlichen und lebendigen Welt aufgefaßt hat, und daß Ansätze dazu, wenngleich in einer weniger offenen Form, auch in der Dissertation selbst — also vor allem in dem Exkurs über die Schule Hegels (S. 63—66) — zu finden sind. Dies näher zu untersuchen, wird jedenfalls eine wichtige Aufgabe der Marxforschung sein. Hier glauben wir nur darauf hinweisen zu müssen, daß Marx selbst die Ergebnisse seiner Dissertation in späterer Zeit gar nicht als überwun¬ den betrachtete. Er kam auf das Grundproblem seiner Universitätsschrift des öfteren zurück und wiederholte oder bestimmte noch weiter die darin entwickelte Auffassung. So vor allem in dem 1845/46, also schon nach der Herausarbeitung des historischen Materialismus geschriebenen „Sankt Max“ x). In einem Briefe an Lassalle vom 16. Juni 1862 beruft er sich auf diese zu seinen Lebzeiten ebenfalls unveröffentlichte Arbeit ’). Ferner sind noch die durch Lassalles „Heraklit“ veranlaßten Äußerungen aus den Jahren 1857/58 in den Briefen an Lassalle zu vergleichen: vom 21. De¬ zember 1857, vom 22. Februar 1858 und vom 31. Mai desselben Jahres ’). Wilde Lieder An zweiter Stelle bringen wir zwei Gedichte von Marx, zwei „Wilde Lieder“, die in der Berliner Wochenschrift „Athenäum“ in Nr. 4 vom 23. Januar 1841 erschienen sind. Sie stellen die ersten literarischen Er¬ zeugnisse dar, mit denen Marx vor die Öffentlichkeit trat, und die ein¬ zigen poetischen Versuche, die noch zu seinen Lebzeiten in den Druck gelangt sind. Daß Marx in seiner Jugend Gedichte schrieb, wurde erst bekannt aus seinem großen Briefe an den Vater vom 10. November 1837 und aus den Angaben, die seine Tochter Eleanor der Veröffentlichung dieses Briefes als Einführung vorausschickte*). Weitere Aufschlüsse über *) Documente des Socialismus, IH, 70 ff. ’) Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften. Herausgegeben von Gustav Mayer, Berlin 1922. III, 393. ») Ebenda. HI, 111, 115, 123. *) Oktober 1897, Neue Zeit 16/1, 4—12.
Einleitung XXXVII poetische Pläne und Versuche enthalten die zuerst von Mehring1 y be¬ nutzten, in vollem Umfange zum ersten Male von uns veröffentlichten Briefe des Vaters an Marx’). Aus diesen Mitteilungen geht hervor, daß Marx während des ersten Semesters in Berlin, im Oktober und Novem¬ ber 1836, eine Reihe von Gedichten schrieb, die er in drei Heften im Dezember 1836 seiner Braut nach Trier sandte. Die beiden ersten Hefte waren betitelt „Buch der Liebe“, I. und II. Teil, das dritte nannte sich „Buch der Lieder“. Alle drei Hefte waren gewidmet: „Meiner teuren, ewiggeliebten Jenny von Westphalen“. Mehring hatte diese Gedichthefte, die sich nach Marxens Tode im Besitz der Lafargues befanden, noch durchlesen können; er berichtet über sie ausführlich in der Nachlaßausgabe. Leider ist es uns nicht gelungen, die drei Hefte für unsere Ausgabe zu erfassen. Im Jahre 1911, als ich bei Lafargues zu Besuch war, um Marxens Nachlaß — in Hinsicht auf die Geschichte der Ersten Internationale — zu durchstöbern, zeigte mir Frau Laura Lafargue die Gedichte ihres Vaters. Seitdem sind sie aber verschwunden. Jean Longuet, in dessen Besitz sie nach dem Tode der Lafargues übergingen, erklärte mir im Sommer 1925, daß er die Hefte jemandem ausgeliehen und nicht zurückerhalten habe; den Namen des Betreffenden habe er vergessen und besitze darüber auch keinerlei Notizen. Bis ein glücklicher Zufall die derzeit unauffindbaren Hefte wieder zum Vorschein bringt, haben wir also vorläufig nur die spärlichen Zitate, die Mehring in seiner Nachlaßausgabe brachte. Kein einziges Gedicht ist dort vollständig abgedruckt; um diesen Band nicht mit solchen Bruch¬ stücken zu beginnen, verwiesen wir sie in die Anmerkungen. Daß Marx trotz der strengen Selbstkritik, die er in dem Briefe an den Vater an den der Braut gewidmeten Gedichten und anderen während des ersten Berliner Studienjahres entstandenen poetischen Erzeugnissen übte, der Poesie nicht ganz Valet sagte, zeigen die Anfang 1841 abgedruckten „Wilden Lieder“. Es ist nicht wahrscheinlich, daß sie kurz vor ihrer Veröffentlichung verfaßt sind, vielleicht stammen sie sogar noch aus dem¬ selben Jahre 1837 ; Marx hätte sie dann aus seinen alten Papieren als Bei¬ trag für das „Athenäum“ hervorgesucht, — die Zeitschrift, an der jener Kreis von jungen Literaten, dem auch Marx seit Ende seines ersten Berliner Studienjahres angehörte, so stark beteiligt war. Eine Berliner Korrespondenz des „Frankfurter Konversationsblattes“ vom 3. März 1841 (Nr. 62) äußerte sich über die zwei Gedichte mit An¬ erkennung: sie seien zwar „in der Tat sehr wild“, doch verrieten sie ein i) Nachlaß, I, 10-28. a) Siehe zweiten Halbband, Briefe, insbesondere Nr. 5, 6, 9,13,14,15,16, 18.
XXXVIII Einleitung „originelles Talent“. Mehring fand diesen „poetischen Lorbeer“ — Bauers Ausdruck in einem Briefe an Marxx) — unverdient und meinte, die Wild¬ heit der Gedichte werde durch kein originelles Talent gemildert. „Sie heute nachzudrucken, würde eine herbe Unbill gegen den Verfasser sein.“ ’) Wir stimmen dem Urteil Mehrings zwar bei, doch ist es selbstver¬ ständlich, daß eine Gesamtausgabe der Marxschen Werke auch diese Ge¬ dichte nicht unberücksichtigt lassen kann, und zwar schon darum, weil in ihnen Marxens Verbindung mit dem Kreise des „Athenäum“ zum Aus¬ druck kommt. Gehörte doch zu diesem Kreise — allerdings erst nach Marxens Abgang von Berlin — auch der junge Engels, der in derselben Zeitschrift über seine „Lombardischen Streifzüge“ berichtete. Dieser Kreis der „Athenienser und Freunde des Volks“8) oder Kreis der Athenäer bildet nämlich das Bindeglied zwischen dem Doktorklub aus den Jahren 1837—1840 und dem Verein der „Freien“ vom Jahre 1842. Obwohl Marx schon Anfang April 1841, also im dritten Monat des Bestehens der Zeit¬ schrift, Berlin verließ, blieb er mit diesem Kreise auch weiterhin in Kon¬ takt. Aus dem Zirkel der Athenäer rekrutierten sich die Berliner Mit¬ arbeiter der mit dem 1. Januar 1842 zum ersten Male erscheinenden „Rhei¬ nischen Zeitung“, und ihr zweiter Redakteur, Adolf Rutenberg — eines der angesehensten Mitglieder des Doktorklubs und der Athenäer — wurde gerade von Marx für den Posten eines Redakteurs den Leitern des Blattes empfohlen. Aus den „A n e k d o t a“ Anfang Juni 1841 reiste Marx nach Bonn, wo sein Freund Bruno Bauer als Privatdozent an der Universität Vorlesungen hielt. Marx machte sich gleichfalls Hoffnungen auf einen Lehrstuhl. Aber die Lage Bruno Bauers war zu jener Zeit stark erschüttert. Seine Vorlesungen und noch mehr seine „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker“ hatten in orthodoxen Kreisen starke Erregung hervorgerufen. Die rechten Hegelianer, die seit ihrer Protektion durch den Minister Altenstein auf den preußischen Universitäten eine feste Stellung einnahmen, beeilten sich, von dem wilden Lizentiaten abzurücken. Es begann ein neues Trei¬ ben gegen die Hegelsche Philosophie, das Erfolg hatte. Während die Hegelianer 1838 noch solidarisch gegen die Orthodoxie aufgetreten waren, i) Vom 28. März 1841. 2) Nachlaß, III, 481. Erst E. Drahn hat sie wieder abgedruckt; siehe „Die Glocke“, Jg. IV, H. 5 vom 4. Mai 1918, S. 162-163. s) So genannt im Briefwechsel zwischen Bruno Bauer und Edgar Bauer während der Jahre 1839—1842 aus Bonn und Berlin. Verl. v. Edgar Bauer, Charlottenburg 1844.
Einleitung XXXIX begann jetzt die endgültige Scheidung der linken von den rechten Hegelianern, die die Junghegelianer des Verrats an der Hegelschen Lehre beschuldigten. Zu jener Zeit taucht bei den Junghegelianern der Gedanke auf, die Praktiken anzuwenden, die in der polemischen Literatur des 16. und 18. Jahrhunderts üblich gewesen waren, d. h. mit maskiertem Ernst die Waffen der Ironie und Parodie gegen die ideellen Feinde zu richten. So hatte Marx noch in Berlin vor, auf Karl Ph. Fischers Buch über „Die Idee der Gottheit“ mit einer Farce „Fischer vapulans“ zu antworten. Als er mit Bauer in Bonn wieder zusammenkam, wo als Hauptvertreter des speku¬ lativen Theismus I. H. Fichte lehrte, beschlossen die Freunde — sie trugen sich damals mit dem Gedanken eines neuen Journals, das offen das Banner des Atheismus tragen sollte — in Form einer Verteidigung der Orthodoxie zu beweisen, daß gerade Hegel nicht nur ein Tadler des Christentums, sondern auch Atheist gewesen sei. Diese Absicht wurde in dem anonymen Pamphlet „Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel, den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum“ (Leipzig 1841) aus¬ geführt. Wir halten es für sehr wahrscheinlich, daß Marx an diesem Pamphlet als stiller Mitarbeiter aktiven Anteil genommen hat. Georg Jung in Köln schreibt sogar in einem Briefe an Ruge, daß die „Posaune“ gemeinsames Produkt von Bauer und Marx sei. Dennoch verzichteten wir auf unseren ursprünglichen Plan, die Schrift im vorliegenden Bande abzudrucken. Marxens Anteil ist jedenfalls nicht mehr feststellbar, und seine Arbeit an der „Posaune“, die seit der Enthüllung der Anonymität immer als spezi¬ fisches Produkt von Bauer figurierte, konnte im besten Falle die eines Helfers sein. Wir halten es für zweckmäßiger, die Schrift im zweiten Bande zu bringen, worin die analogen Pamphlete Engels’ enthalten sein werden. Sie gehören alle der gleichen Periode an und bilden eine gemein¬ same Gruppe. Im Herbst 1841 war es Marx bereits klar, daß für ihn kein Platz an einer preußischen Hochschule sei. Bauer und er hatten auch den Plan einer eigenen Zeitschrift aufgeben müssen. Wenn sie früher mit der ge¬ mäßigten Taktik Ruges, der ja das Hauptorgan der linken Hegelianer redigierte, unzufrieden gewesen waren und eine besondere „Zeitschrift des Atheismus“ hatten gründen wollen, so durften sie nach der Übersiedlung der in „Deutsche Jahrbücher“ umbenannten „Hallischen Jahrbücher“ von Halle nach Dresden im Juli 1841 mit Recht hoffen, daß Ruge einen radi¬ kaleren Ton anschlagen werde. Wie Bauer, der seit dieser Zeit eifrig für die „Deutschen Jahrbücher“
XL Einleitung zu arbeiten begann, stand auch Marx in direkten Beziehungen zu Ruge. Ihre Bekanntschaft war durch Köppen vermittelt worden, der schon seit Anfang 1838 einer der fleißigsten Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war. Oktober 1839 ersucht Ruge in einem Brief an Köppen, für die Jahrbücher „neue jüngere Mitarbeiter“ „aufzufangen“1). Wenn über¬ haupt jemanden, so hat Köppen gewiß Karl Marx, seinen besten Freund von damals, an Ruge empfohlen. Wie aus dem ersten der erhalten ge¬ bliebenen Briefe Marxens an Ruge9) hervorgeht, schrieb Marx Anfang Februar 1842 für die „Deutschen Jahrbücher“ eine Kritik der unlängst veröffentlichten neuesten preußischen Zensurinstruktion. Zu dieser Zeit trat aber eine Verschärfung der sächsischen Zensur ein, die Ruge ver¬ anlaßte, einen Teil der in seiner Hand befindlichen Manuskripte im zensur¬ freien Auslande herauszubringen. So entstanden die „Anekdota zur neuesten deutschen Literatur und Publicistik“, die infolge zufälliger Um¬ stände, nicht zuletzt aber auch durch Ruges Schuld, da er immer neue Beiträge forderte und entgegennahm, erst um die Mitte Februar 1843 er¬ schienen sind. Die „Anekdota“ enthielten die von Marx schon am 10. Fe¬ bruar 1842 gelieferten „Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktio n“. Sie sind aus der Mehring- schen Nachlaßausgabe gut bekannt. Unsere Ausgabe bringt aber aus den „Anekdota“ noch einen andern Beitrag von Marx, der sich zwar an Bedeutung mit den „Bemerkungen“ nicht messen kann, aber doch einiges Interesse bietet. Auch dieser Artikel — „Luther als Schiedsrichter zwi¬ schen Strauß und Feuerbach“ — erschien wie die „Be¬ merkungen“ ohne Namensnennung. Der Verfaser der „Bemerkungen“ nennt sich einen „Rheinländer“, der Verfasser dieser Notiz verrät nur soviel, daß er „kein Berliner“ ist. Dennoch ist die Autorschaft Marxens als sicher anzunehmen. Aus einem Briefe Ruges an Marx vom 8. März 1843 geht nämlich hervor, daß Marx den „Anekdota“ zwei Beiträge lieferte und für zwei Beiträge Honorar zugesandt bekam. Von den drei nicht mit Namen gezeichneten Aufsätzen, die in den „Anekdota“ enthalten sind, kommt aber nur die Notiz „Luther als Schiedsrichter“ als Marxsche Arbeit in Betracht. Marx schrieb seinen Beitrag zu der „neulich angeregten Frage des Wunders“ bei Strauß und Feuerbach wahrscheinlich Anfang 1842 nieder; er schloß sich dabei an drei Aufsätze aus den „Deutschen Jahrbüchern“ O Original des Briefes im Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin. 9) Siche zweiten Halbband, Brief Nr. 50.
Einleitung XLI (1841/42) an, die die philosophische Entwicklung von Strauß zu Feuer* bach und Bauer behandelten1). Die Verfasser der beiden ersten Auf* sätze9), die die Notwendigkeit des Übergangs von Strauß zu Feuerbach nicht begreifen und die immer neue Auflösung der zuletzt gewonnenen Resultate fürchten, unterschreiben sich als „Ein Berliner“ und „Auch ein Berliner“, was wohl Marx Anlaß gab, seinen entschieden für Feuerbach eintretenden Aufsatz „Kein Berliner“ zu zeichnen. Ebenso nennt er sich in Anspielung auf den dritten Aufsatz „Christentum und Antichristen* tum“ einen „Antichrist“. Der Verfasser dieses „Ein Philosoph“ gezeich¬ neten Aufsatzes, in dem Gustav Mayer wohl mit Recht Stirner vermutet8), wirft das Problem des Wunders auf und führt dabei die einzige Stelle an, an der Strauß gegen Feuerbach polemisiert1), auf die sich dann auch Marx bezieht Während „Ein Philosoph“ die Widersprüche im Strauß- schen Wunderbegriff nachweist, rechtfertigt Marx die Definition Feuer¬ bachs dirrch Zitate aus Luther. Er wendet dabei die Methode der „Po¬ saune“ an, durch eine orthodoxe Autorität radikale Wahrheiten zu be¬ weisen; sie mußte ihm besonders nahe liegen zu einer Zeit, wo er — Winter 1841/42 — gerade am zweiten Teil der „Posaune“ arbeitete; übrigens verfällt er am Schlüsse des Artikels selbst in den „Posaunen“-Stil. Obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach der Artikel schon Anfang 1842 geschrieben war, sandte ihn Marx, wie dies aus einem Briefe von Moritz Fleischer an Georg Jung vom 16. Dezember 18425) hervorgeht, kaum vor November 1842 an Ruge, vielleicht als kleinen Ersatz für die größeren Beiträge, die er für die „Anekdota“ versprochen hatte. Aus den Deutschen Jahrbüchern. In Ruges Jahrbüchern selbst findet sich von Marx nur ein kleiner Artikel, der schon während seiner Redaktionstätigkeit für die Rheinische Zeitung erschien. Es ist dies eine Rezension der Schrift von O. F. Gruppe über „Bruno Bauer und die akade¬ mische Lehrfreihei t“, ursprünglich sicher für die Rheinische 0 „Vorläufiges über ,Bruno Bauer, Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker*“ in: Deutsche Jahrbücher, Nr. 105 v. 1. Nov. 1841, p. 417—420 (mit einer Nachschrift von Ruge). „Zwei Vota über das Zerwürfnis zwischen Kirche und Wissen¬ schaft. I. Über die Anstellungsfähigkeit der neuesten Kritiker: Strauß, Feuerbach, Bruno Bauer. U. Christentum und Antichristentum.** Nr. 7/8 v. 10. u. 11. Jan. 1842. 2) „Vorläufiges über Bruno Bauer . . .“ und „Über die Anstellungsfähigkeit . . .“ 9) Gustav Mayer, Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärzlichen Preußen (Mit einem Anhang: Unbekanntes von Stirner). In: Zeitschr. f. Politik. Hrsg. v. Rich. Schmidt u. Ad. Grabowsky. Bd. VI, 1913, Heft 1, p. 1—113. — Auch als Sonderdruck erschienen. *) Christliche Glaubenslehre, I, 20/21. ®) Joseph Hansen, Rheinische Briefe und Akten z. Gesch. d. politischen Be¬ wegung 1830—1850. I, 347.
XLII Einleitung Zeitung bestimmt. Wahrscheinlich erhielt Marx erst nach Fertigstellung des Artikels die viel ausführlichere Kritik derselben Gruppeschen Schrift aus Karl Nauwercks Feder, die in Nr. 251 der Rheinischen Zeitung vom 8. September 1842 im Beiblatt veröffentlicht wurde. Eine zweite Kritik über dasselbe Buch zu bringen, erübrigte sich, und wohl darum sandte Marx seine Arbeit an Ruge, dem er vor seinem Eintritt in die Redaktion so viele Beiträge in Aussicht gestellt hatte. So erschien der etwa in der ersten September-Woche entstandene Artikel in Nr. 273 der „Deutschen Jahrbücher“ vom 16. November 1842, gezeichnet mit den Initialen K. M., hinter denen zuerst Wilhelm Pappenheim den Namen von Marx ver¬ mutete 1). Seitdem wir — vor allem aus den Briefen von Bruno Bauer an Marx — wissen, wie eng er mit Bauer während dessen erster evangelien- kritischer Periode verbunden war, kann uns der Umstand, daß der Artikel Vertrautheit mit evangelienkritischen Fragen voraussetzt, keinen Anlaß zu Bedenken gegen die Marxsche Verfasserschaft mehr geben. Gruppe, gegen den Marx die ganze Schärfe seines Angriffs richtet, war ein sehr vielseitiger, sehr fruchtbarer und damals sehr bekannter Schrift¬ steller, der zu Anfang der dreißiger Jahre mit heftigen Streitschriften gegen Hegel und die ganze Hegelsche Philosophie auftrat. Obwohl er späterhin auch in Ruges Jahrbüchern mitgearbeitet hatte — er war persönlich be¬ freundet sowohl mit Echtermeyer wie mit Ruge — wurde er, der Hegel- bekämpfer, im Sommer 1842, als das Ministerium Eichhorn den litera¬ rischen Kampf gegen das „destruktive“ Junghegeltum aufzunehmen be¬ schloß9), von der Regierung in Sold genommen und mit polemisch¬ publizistischen Arbeiten beauftragt. So entstand seine etwa Ende Juni erschienene Broschüre gegen Bruno Bauer. Dies offiziöse Pamphlet war das bedeutendste Erzeugnis der im Regierungssinne gehaltenen polemischen Publizistik über den Fall Bauer; in den Schutz- und Streitschriften der Brüder Bauer selbst wurde es — neben Marheinekes Separatvotum — der ausführlichsten Replik gewürdigt. Auch von der Rheinischen Zeitung wurde die Broschüre des öfteren behandelt, nicht ohne Anspielungen auf eine dienstliche und finanzielle Abhängigkeit ihres Verfassers von der Regierung. Übrigens wurde Gruppe, nachdem er im folgenden Jahre noch eine ähnliche Broschüre gegen Bruno Bauer veröffent¬ licht hatte — worin er mit höchster Entrüstung über den anonymen K. M.- Artikel herfällt —, im Juni 1844 vom Minister Eichhorn zum außerordent¬ lichen Professor der Philosophie an der Universität Berlin ernannt. 9 Documente des Socialisants, I, 399. ’) Siehe unten unsere Ausführungen zur „frivolen Introduktion“ von Marx über die Preußische Staatszeitung.
Einleitung XLIII Von den vielen, theologische und kirchliche Fragen betreffenden Ar¬ beiten, die Marx in seiner Jugend geplant, zum Teil ausgeführt hat (über Hermesianismus, über den Kölner Kirchenstreit, über christliche Kunst, über Religion und Kunst mit besonderer Beziehung auf christliche Kunst) liegen uns somit nur zwei kleine Arbeiten vor, und zwar die Notiz über Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach und eben die Abfertigung Gruppes, die zugleich Marxens einziger Artikel ist, worin er für seinen lange Jahre hindurch so intimen Freund Bauer öffentlich Partei ergreift. Aus der Rheinischen Zeitung Der Hauptgrund, weshalb Marx die Ruge in Aussicht gestellten grö¬ ßeren und mehr theoretischen Aufsätzex) über christliche Kunst, über die Romantiker, über die positiven Philosophen etc. nicht ausführte, war gewiß seine starke Inanspruchnahme durch die Mitarbeit an der Rheinischen Zeitung; sie datiert seit etwa Mitte April. In Mehrings Nachlaßausgabe umfassen die aus der Rheinischen Zei¬ tung wieder abgedruckten Artikel etwa 7 Bogen, in unserer Ausgabe nehmen sie den doppelten Raum ein. Erstens druckte Mehring auch die auf genommenen Artikel nicht vollständig ab, ließ vielmehr da und dort kürzere oder längere Stellen aus. Zweitens veröffentlichte er einige von ihm selbst schon festgestellte Marx-Artikel nicht, weil er sie nicht für wichtig oder interessant genug hielt. Drittens konnte er nicht sämtliche Artikel von Marx feststellen, zum Teil, weil er bei einigen die durch äußere Umstände nahegelegte Verfasserschaft von Marx aus verschie¬ denen Gründen in Zweifel zog, zum Teil, weil er bei anderen Marxens Autorschaft überhaupt nicht vermutete. Endlich — viertens — bringen wir zwei Stücke aus dem Manuskript von Marx, wovon das eine Fragment geblieben und deshalb in der Rheinischen Zeitung nicht erschienen, das andere durch die Zensur aus einem Artikel weggestrichen worden ist9). Für die Feststellung der Autorschaft Marxens bei den Artikeln der Rheinischen Zeitung, die sämtlich anonym erschienen sind, standen Mehring wie uns verschiedene Anhaltspunkte zur Verfügung. Als Ausgangspunkt und erste Quelle dienen Äußerungen von Marx selbst (vor allem das Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“), ferner Briefe von und an Marx, ebenso Dokumente über Marx, — unter den letz¬ teren auch die von Joseph Hansen zuerst veröffentlichten Materialien zur O Siehe zweiten Halbband, Briefe Nr. 52, 54, 56, 60. ’) Der Artikel über die Zentralisationsfrage (S. 230 f.) und das Kapitel von der Ehe im Aufsatz über das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule (S. 251 ff.).
XLIV Einleitung Geschichte der Rheinischen Zeitung. Eine wichtige, obschon summarische Quelle stellen auch Engels’ verschiedene biographische Skizzen über Marx dar. Als weitere Anhaltspunkte kommen Autorsignaturen, Korrespondenz* Zeichen in Betracht, die, einmal bei einem Artikel als von Marx herrührend festgestellt, oft zugleich für seine Autorschaft bei anderen, mit den gleichen Chiffren versehenen Artikeln sprechen können. Marxens charakteristi¬ scher, in Antithesen sich bewegender Stil, von dem Engels in einem Briefe an Richard Fischer erklärt, daß er ihn stets unfehlbar zu erkennen ver¬ möge, ist auch ein wichtiger Anhaltspunkt in solchen Fällen, wo die übrigen auf Marx hinweisenden Umstände für sich allein noch gewisse Zweifel zulassen würden. Dies trifft besonders da zu, wo wir in den von der „Redaktion“ gezeichneten Anmerkungen hinter „Redaktion“ Marx selbst vermuten *). Herangezogen wurde noch ein Artikel der „Mannheimer Abend¬ zeitung“ vom 28. Februar 1843 (Nr. 49), datiert aus Köln, 25. Februar. Wenn nicht von Marx selbst inspiriert, stammt er gewiß aus Kreisen, die der Redaktion der Rheinischen Zeitung sehr nahe standen a). Es handelt sich um den zusammenfassendsten und treffendsten zeitgenössischen Be¬ richt über Marxens Tätigkeit für die Rheinische Zeitung. Diese Mitarbeit an der Rheinischen Zeitung begann erst Anfang Mai 1842 mit einem Aufsatz, der die Debatten des 6. Rheinischen Landtags über Presse und Öffentlichkeit dei Landtagsverhandlungen zum Gegenstände hat. Den in Köln schon seit mehreren Jahren vorhandenen Bestrebungen, als Gegengewicht zu der „Kölnischen Zeitung“ ein zweites politisches Tageblatt zu gründen, hatten diese Verhandlungen des 6. Rheinischen Landtags einen neuen und starken Antrieb gegeben. Im Anschluß an sie begannen Vorbesprechungen zur Schaffung eines solchen neuen poli¬ tischen Organs in Köln. An den Organisations- und Propagandaarbeiten beteiligten sich am aktivsten Georg Jung und Moses Heß. Sie traten zur Gewinnung von Mitarbeitern mit dem Berliner Kreise der „Athenäer“ in Fühlung, dem ja, wie gesagt, auch Marx während seiner Berliner Studien¬ zeit angehört hatte und mit dessen einzelnen Mitgliedern er wohl auch noch während seines Bonner Aufenthaltes in Verbindung stand. Ende August oder Anfang September wohnte Marx den Beratungen über die Gründung der Rheinischen Zeitung in Köln bei, und sein Rat über die Be- 1) Die redaktionellen Anmerkungen, bei denen die Autorschaft Marxens nicht mit völliger Sicherheit angenommen werden konnte, bringen wir, samt einer Über¬ sicht über die andern, aus Marxens Redaktionszeit stammenden Fußnoten, als Bei¬ lage im zweiten Halbband. ’) Wir drucken ihn in den Anmerkungen im zweiten Halbband ab.
Einleitung XLV Setzung der Redaktionsposten war beachtet worden, sowohl im Novem¬ ber 1841, wie auch nach dem Austritte Höfkens am 18. Januar 1842, wobei Marxens Gutachten für Rutenberg stark ins Gewicht fiel. Im Vergleich zu der lebhaften Teilnahme, mit der Marxens Freunde für die Rheinische Zeitung vom Anbeginn ihres Erscheinens tätig waren, begann er selbst seine Mitarbeit auffallend spät. Bruno Bauer fragt schon am 26. Januar aus Bonn an, warum Marx noch immer nicht für die Rhei¬ nische Zeitung arbeite, und aus einem Briefe von Jung an Marx wissen wir, daß Eduard Meyen, der ehemalige Redakteur des „Athenäums“, Mitte Mai sich schon ironisch bei Jung erkundigte, ob Marx nicht bald hervortreten werde, um zu zeigen, „was denn eigentlich an ihm ist“. Zu Anfang des Jahres 1842 brachte Marx, gehindert durch die drei¬ monatige Krankheit des am 3. März 1842 verstorbenen Vaters seiner Braut und auch — im Januar desselben Jahres — durch eigene Krankheit, nur die Kritik der Zensurinstruktion für Ruges „Anekdota“ fertig; zugleich machte er sich an die Umarbeitung der Abhandlung über christliche Kunst, die ursprünglich für den zweiten Teil der „Posaune“ bestimmt war. Noch Ende März befaßte er sich mit den ständig sich erweiternden Plänen für die „Anekdota“, die zwar nichts Fertiges ergaben, ihn aber von der Zeitungspublizistik wohl abhalten konnten. Die schließliche Hinwendung zu einem aktuellen politischen Thema, wie es die Debatten des 6. Rheini¬ schen Landtags — das politische Hauptereignis des letzten Jahres in den Rheinlanden — waren, geschah etwa Ende März. Zwar teilte Marx erst am 17. April Ruge die Absendung seines „langen Aufsatzes“ mit, doch wurde er dazu offenbar durch jene drei Artikel der Allgemeinen Preu¬ ßischen Staatszeitung angeregt, die u. a. darauf hingewiesen hatten, daß die Verhandlungen der Stände in der Tagespresse debattiert werden dürften x). Diesen damals große Sensation machenden offiziösen Artikeln — der letzte war am 26. März erschienen — widmete Marx die Einleitung, die „frivole Introduktion“’) seines Aufsatzes; es ist demnach wahr¬ scheinlich, daß er mit dessen Ausarbeitung schon Ende März begann. Der in sechs Fortsetzungen gedruckte Artikel begann am 5. Mai zu erscheinen. Mehring hat in der Nachlaßausgabe die „frivole Introduk¬ tion“ über die Preußische Staatszeitung nicht abgedruckt ’). Er meinte, daß das darin von Marx Gesagte nicht „wohlverständlich ist ohne eine O Siehe darüber S. 183. ’) So Marx im Brief an Ruge vom 27. April (zweiter Halbband, Brief Nr. 56). 9) In der italienischen Ausgabe: Marx-Engels-Lassalle Opere, ist die „frivole Introduktion“ jedoch aufgenommen (Carlo Marx, Le discussioni del sesto Landtag delle province renane. Roma 1899. — Opere vol. I, p. 3sq.).
XLVI Einleitung ausführliche Analyse der offiziellen Albernheiten“, deren Ausgrabung er für eine „zwecklose Raumverschwendung“ hielt. Gewiß, bei Heran¬ ziehung der behandelten Artikel aus der Preußischen Staatszeitung ge¬ winnt die Introduktion erhöhtes Interesse, doch ist sie auch für sich allein verständlich genug. Marx hatte mit seiner Polemik, wie schon gesagt, an Äußerungen angeknüpft, die zu dieser Zeit als politisches Ereignis galten. Die Artikel der Allgemeinen Preußischen Staatszeitung waren am 16., 19. und 26. März 1842 erschienen1). Mit ihnen begann die Regierung einen publizistischen Kampf gegen die liberale Opposition. Der Minister Eich¬ horn insbesondere war es, der als Gegengewicht zu den gewährten Presse¬ erleichterungen auf aktives Auftreten der offiziösen Presse drängte. Zu diesem Zwecke wurde die Allgemeine Preußische Staatszeitung reorgani¬ siert; am 16. Januar 1842 gab Friedrich Wilhelm IV. den Befehl, die den wichtigen Gesetzesbestimmungen vorangeschickten Erläuterungen in der Staatszeitung abzudrucken, „um das Publikum über die wahren Absichten der Regierung aufzuklären3). Die drei von Marx aufgegriffenen Ar¬ tikel wurden durch die gesamte Tagespresse sehr eifrig besprochen. Bruno Bauer behandelte sie noch vier Jahre später in seinem kritisch-geschicht¬ lichen Rückblick auf das Jahr 1842 in ausführlicher Weise3). Wahrscheinlich noch vor Abschluß der Kritik der Rheinischen Presse¬ debatten, d. h. noch vor dem 19. Mai, an welchem Tage der letzte Teil er¬ schienen ist, machte sich Marx an einen polemischen Artikel gegen den in der Rheinischen Zeitung am 17. Mai (Nr. 137) erschienenen Aufsatz über die Zentralisationsfrage. In einem Bonner Exzerpten¬ heft aus dem Jahre 1842 fand sich die von uns auf S. 230 f. abgedruckte, Fragment gebliebene Polemik. Der Artikel in der Rheinischen Zeitung führte die Chiffre von Moses Heß: —— und den Titel: „Deutschland und Frankreich in bezug auf die Zentralisationsfrage“4). Daß auch Marx mit seiner Polemik keinesfalls gegen die Zentralisation Stellung nehmen wollte, steht außer Zweifel. Es bedarf keiner besonderen Erörterung, daß er ebenso wie die Rheinische Zeitung und zu dieser Zeit noch alle Junghegelianer den Standpunkt der Zentralisation vertrat. Seine O Der erste behandelte „die Wirkungen der Zensurverfügung vom 24. Dezem¬ ber 1841“, darauf folgte der Artikel über „die Besprechung inländischer Angelegen¬ heiten, ihre Ausdehnung und natürlichen Bedingnisse“, und der letzte führte den Titel „Die inländische Presse und die Statistik“. ’) Stölzel, Brandenburg-Preußens Rechtsverwaltung und Rechtsverfassung, II, 526. 9) Bruno Bauer, Der Aufstand und der Fall des deutschen Radikalismus. 1846, I, 41-51. *) Abgedruckt in: Moses Heß. Sozialistische Aufsätze 1841—1847. Hrsg, von Th. Zlocisti. Berlin 1921. S. 13ff.
Einleitung XLVII scharfe kritische Stellungnahme gegenüber dem Heß-Artikel wurde wohl durch ebendieselben Motive bestimmt, die er ein Vierteljahr später gegen die Juste-milieu-Artikel Edgar Bauers1) in seinem Briefe an Dagobert Oppenheim vom 25. August 1842 anführte: „Die wahre Theorie muß innerhalb konkreter Zustände und an bestehenden Verhältnissen klar ge¬ macht und entwickelt werden“ ’). Auch für ihn war die Zentralisations¬ frage gewiß eine „Zeitfrage“. Wogegen er sich wandte, war die abstrakte Weise der Stellung und Behandlung dieser Frage durch Heß; sein Fragment gebliebener Artikel sollte ein Protest werden gegen die Ver¬ wechslung der Philosophie mit der „Imagination“. „Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Z e i t u n g“, eine Polemik gegen den Leitartikel des Redakteurs Karl Heinrich Hermes, ist zwischen dem 29. Juni und dem 2. Juli 1842 in Trier geschrieben worden. Am 4. Juli bestätigt Dagobert Oppenheim in einem Brief an Marx den Empfang des „vortrefflichen Artikels“, für den er Streichungen durch die Zensur fürchtet. Am 9. Juli berichtet Marx an Ruge, daß die Polemik, „falls der Zensor nicht einen Streich spiele“, im nächsten Beiblatt erscheinen solle. Tatsächlich wurde der Abdruck im Beiblatt vom 10. Juli in Nr. 191 begonnen (der zweite und dritte Teil erschienen am 12. und 14. Juli in den Nr. 193 und 195). Allem Anschein nach hat die Zensur von dem Aufsatze nichts ge¬ strichen. Mehring brachte in der Nachlaßausgabe8) allerdings nur den letzten grundsätzlichen Teil (mit Ausnahme des letzten Absatzes, S. 249/250), da die Polemik gegen Hermes seiner Meinung nach „heute ungenießbar geworden oder doch nur mit verhältnismäßiger Weit¬ schweifigkeit genießbar zu machen“ sei*). Wir geben den Aufsatz ohne jede Kürzung wieder. Die Polemik gegen Hermes war von großer Bedeutung. Es handelte sich um den ersten offenen Zusammenstoß zwischen den beiden Kölner Tageszeitungen, die eine so entgegengesetzte politische Richtung vertraten, — zwischen der Kölnischen und der Rheinischen Zeitung. Der damalige Redakteur der ersteren, Karl Heinrich Hermes, war von dem Verleger Dumont für den politischen Leitartikel vom 1. Januar 1842 an gerade dazu angestellt, um dem Konkurrenzblatt, der Rheinischen, die Wage zu halten. Eine be¬ stimmte Weltanschauung vertrat die Kölnische überhaupt nicht, doch O Erschienen in den Beiblättern der Rheinischen Zeitung vom 5. Juni bis zum 23. August 1842. a) Joseph Hansen, Rheinische Briefe und Akten ... I, 357; in unserem zweiten Halbband Brief Nr. 62. ’) 1,259—267. *) 1,235.
XL VIII Einleitung stand sie in ausgesprochenem Gegensatz zu der junghegelianischen Rich¬ tung, die in der Konkurrentin vom Anfang an stark zur Geltung kam. Die Rheinische Zeitung, die unter ihren Mitarbeitern eine Reihe von bekannten Junghegelianern aufwies, setzte sich für Bruno Bauer ein, ver¬ höhnte die Berliner Rolle Schellings, polemisierte gegen die zum Regie¬ rungsorgan erhobene Berliner „Literarische Zeitung“, begleitete mit ihren Sympathien die Kämpfe der „Deutschen Jahrbücher“ gegen die Zensur, hatte kein gutes Wort für den „christlichen Staat“ und betonte in mehreren Artikeln und Korrespondenzen entschieden den Gegensatz zwischen Philo¬ sophie und Religion, — einige Wochen vor der Polemik zwischen Hermes und Marx hieß es sogar in einem Artikel von Max Stirner: „Dem Philo¬ sophen ist Gott so gleichgültig als ein Stein; er ist der ausgemachteste Atheist. . .“ 1). Nicht dieser Ausspruch, sondern wohl die berühmte Korrespondenz der Königsberger Zeitung vom 17. Juli, wonach die Mitglieder des neu¬ begründeten Vereins „Die Freien“ aus der Kirche demonstrativ auszu¬ treten beabsichtigten, bot Hermes den Anlaß, die junghegelianische Ten¬ denz der Rheinischen Zeitung in einem gewundenen Artikel zu denun¬ zieren; das rief Marx in die Schranken. Trotz oder gerade infolge des Konkurrenzverhältnisses, in dem die beiden Blätter von Anfang an zueinander gestanden hatten, war es bis zu dem Hermes-Artikel in Nr. 179 nie zu einer offenen Auseinandersetzung gekommen. Auf beiden Seiten vermied man es, selbst dann einander beim Namen zu nennen, wenn es gelegentlich ein Geplänkel gab. Der offene Kampf wird erst durch den Artikel heraufbeschworen, worin Hermes einen Generalangriff auf das Junghegeltum und auf die — wiederum nicht bei Namen genannte — Rheinische Zeitung macht und die schärfsten Zensur¬ maßregeln gegen die „ekelerregenden Auswüchse“ der Presse fordert. Den Trumpf bildet der Hinweis auf die erwähnte Korrespondenz in der Königs¬ berger Zeitung über die „Freien“. Außer Marx war es namentlich Heß, der die Polemik der Rheinischen Zeitung gegen Hermes führte und sie schon vor Marx geführt hatte. In seinem die Polemik abschließenden Ar¬ tikel (Nr. 196 vom 15. Juli) faßt Heß die Stellung der Rheinischen Zei¬ tung bei der Behandlung religiöser und philosophischer Fragen dahin zu¬ sammen, sie sei „ein politisches Journal und jede religiöse und theologische Frage liege als solche gewiß außerhalb ihres Bereichs“. Weil aber die Gegner die Religion mit der Wissenschaft und den Staat mit der Religion identifizieren wollen, müsse die Rheinische Zeitung der Theorie vom christlichen Staate die Theorie der Vernunft entgegenstellen und für die Gründung des Staats auf Vernunft und Sittlichkeit, nicht auf 1) „Kunst und Religion**. Nr. 165 vom 14. Juni 1842, Beiblatt.
Einleitung XLIX lie Religion eintreten. Was die Philosophie betrifft, „insofern sie die illgemein menschliche Vernunft ist“, kann die Rhei- lische Zeitung dieser „sich so wenig entschlagen, als der Staat dies kann, tvenn er anders nicht auf Vernunft fußen will“. „Das philosophische Manifest der historischen Elechtsschule“ brachte Mehring aus der Rheinischen Zeitung ohne ECürzung. Trotzdem enthält unsere Ausgabe einen Abschnittt mehr. Pro¬ fessor Joseph Hansen in Köln ist es geglückt, das Originalmanuskript des Artikels in Köln aufzufinden; es enthält außer dem in der Rheinischen Zeitung veröffentlichten Text noch einen von der Zensur gestrichenen Ab¬ schnitt über die Ehe. Professor Hansen hatte die Freundlichkeit, diesen Abschnitt uns für unsere Ausgabe zur Verfügung zu stellen und außer¬ dem den Text des ganzen Artikels an Hand des Originals zu überprüfen1). Der Artikel gehört in die Reihe jener Aufsätze, die Marx im Früh¬ jahr 1842 für Ruges „Anekdota“ ankündigte. In seinem Briefe vom 27. April 1842 hieß es: „Ich werde Ihnen vier Aufsätze einsenden: 1. Über religiöse Kunst, 2. Über die Romantiker, 3. Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule, 4. die positiven Philosophen . . . Die Auf¬ sätze hängen dem Inhalt nach zusammen.“ Die aufgeführten Themen haben zum Objekt die wesentlichen ideo¬ logischen Grundlagen jener christlich-germanischen Richtung, die mit dem Namen Friedrich Wilhelms IV. verknüpft ist. Der erste der vier Aufsätze war ursprünglich als „Abhandlung über christliche Kunst“ 9) gedacht. Ihm sollte ein „Epilog de Romanticis“ beigegeben werden, der sich jedoch nachher zum Plan einer eigenen Darstellung über die Romantiker ver¬ selbständigte. Im vierten Aufsatz hatte Marx die „positiven Philosophen“ auf seine Feder genommen — oder beabsichtigt, es zu tun —, die er schon in den Anmerkungen zu seiner Doktordissertation „gekitzelt“9) hatte. Wie aus der Dissertation, ersehen wir auch aus dieser Briefstelle, daß Marx sich eine Zeitlang mit der Absicht trug, in dem Kampf gegen die speku¬ lativen Theisten überhaupt, gegen den Schelling der Berliner Periode insbesondere, ein ernstes Wort zu sprechen. Zu einer tatsächlichen Be¬ handlung des Themas ist es wahrscheinlich so wenig gekommen wie zur Ausführung des ersten und zweiten Gegenstandes. Nur der dritte Aufsatz, der über das „philosophische Manifest der historischen Rechtsschule“, liegt vor. Er erschien aber nicht in den „Anekdota“, trotz Ruges Drängen am M Die Vergleichung ergab einige Korrekturen von Bedeutung, die wir in unserer Wiedergabe durchführten. Die Anmerkungen im zweiten Halb band geben darüber Rechenschaft. *) Marx an Ruge am 5. März und 20. März 1842. 3) So Marx in dem obengenannten Brief an Ruge vom 27. April. Marx-Engels-Geaamtaasgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 4
L Einleitung 14. Mai und Marxens neuerlicher Entschuldigung am 9. Juli, sondern in der Rheinischen Zeitung, am 9. August (Nr. 221). In den erwähnten Briefen finden wir für diese Abweichung vom ur¬ sprünglichen Plan keine Erklärung. Unmittelbaren Anlaß zu diesem Thema gab nicht, wie Mehring irrtüm¬ lich annimmt1), Hugos fünfzigjähriges Doktorjubiläum, das schon am 10. Mai 1838 stattgefunden hatte. Viel näher lag zweifellos die Ende Februar 1842 durch Friedrich Wilhelm IV. erfolgte Berufung Savignys zum Minister für Gesetzgebung. Der Artikel richtete sich eigentlich nicht gegen Hugo, vielmehr gegen Savigny, „den berühmtesten historischen Juristen“. Marx wollte die Erwartungen, die im Zusammenhang mit Sa¬ vignys Berufung sich an die geplante Gesetzesrevision knüpften, als von vornherein illusorisch nachweisen. Er tat dies, indem er auf „die Quelle“ der historischen Schule zurückging, auf deren „Ältervater und Schöpfer“, den Ritter v. Hugo. Der aus der Mehringschen Ausgabe bekannte polemische Artikel gegen die Augsburger Allgemeine Zeitung über den Kommunismus ist der erste, den Marx nach Übernahme der Redaktion — sie erfolgte am 15. Okto¬ ber — in der Rheinischen Zeitung veröffentlichte. In der Inhaltsübersicht der Nummer führt er den Titel : „Der Kommunismus und die ,Augsburger Allgemeine Zeitung4“. Die von Mehring in der Nachlaßausgabe willkürlich gegebene Bezeichnung — „Über Kom¬ munismus44 — traf so ziemlich das Richtige. Zur Redaktion der AAJgemeinen Zeitung gehörte zu dieser Zeit Gustav Höfken, ein gemäßigter liberaler Publizist und eifriger Verfechter der Zollvereinsinteressen, der vorher bei der Rheinischen Zeitung als erster den Posten eines leitenden Redakteurs bekleidet hatte; wegen Differenzen mit den Junghegelianern, speziell wegen eines Artikels von Bruno Bauer, war er schon nach einigen Wochen (am 18. Januar) von der Redaktion zurückgetreten. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Höfken — wie dies schon Bruno Bauer vermutete*) — der Anstifter der Polemik, die von der Allgemeinen Zeitung gegen die Rheinische schon im März eröffnet wurde. Das Cottasche Blatt beschuldigte die Kölner Rivalin wegen eines von Bauer stammenden Artikels über die französische Revolution der Hin¬ neigung zum jakobinischen Terrorismus*). Bruno Bauers Replik hat dann den Kampf der Rheinischen Zeitung mit der Augsburger eingeleitet4). i) Nachlaß, I, 326. *) In einem Briefe an Dagobert Oppenheim vom 25. März 1842; siehe Han¬ sen, a. a. O., I, 323f. •) In der Nummer vom 21. März, Korresp. v. 15. März „Aus Rhein preußen“. «) Rheinische Zeitung Nr. 86 vom 27. März; vgl. Bauers zitierten Brief bei H a n - sen, a. a. O., I, 323f.
Einleitung LI Von da an lagen die beiden Blätter in ständiger Fehde. Gerade einige Tage vor dem Artikel von Marx brachte die Rheinische Zeitung einen Auf: satz über „Deutsche Zeitungen“, worin die „faule Unparteilichkeit“ der Augsburger Allgemeinen, dieser „Deckmantel salopper Indolenz oder hinterlistigen Parteitreibens“, wiederum scharf angegriffen wurde: das Blatt sei reaktionär, soweit ihm dies die Furcht vor dem Liberalismus ge¬ statte; während es „die Augen des Publikums an französischem Leichtsinn und französischer Zerrissenheit, an den Intriguen Rußlands und den Krisen Englands“ weide, behandle es die deutschen Verhältnisse „mit der größten Salopperie“, es beschränke sich darauf, durch Klatschereien, begeisterte Schilderung von Paraden, Empfängen, Festivitäten, durch wichtigtuendes Auf tischen lokaler Begebenheiten diese Verhältnisse zu verherrlichen1). In ähnlichem Sinne hatte die Rheinische Zeitung noch früher zu wieder¬ holten Malen das Augsburger Blatt der Prinzipienlosigkeit bezichtigt — dieses wiederum holte nach längerem, vornehmem Schweigen zu einem großen Hiebe aus: in einem langen Artikel über „Die Kommunisten¬ lehren“ wurde am 11. Oktober (in Nr. 284) gegen die Rheinische Zeitung der Vorwurf des Kommunismus geschleudert9). Obwohl die Rheinische Zeitung keine bestimmte, konsequente Stellung zur sozialen Frage und zum Sozialismus einnahm, behandelte sie diese Fragen dennoch in der Tat eifriger als andere große Blätter. Mehrere Mit¬ glieder des Aufsichtsrates beschäftigten sich mit der sozialen Frage seit Sommer 1842 in regelmäßigen wöchentlichen Zusammenkünften9). Be¬ sonders viele Nachrichten brachte man über die chartistischen Bewegungen in England. Die Ideen des französischen Sozialismus wurden gelegentlich von Moses Heß „eingeschwärzt“4). Marx selbst resümiert diese Polemik und zugleich sein Urteil über den sozialistischen Einschlag der Rheinischen Zeitung später, 1859, im Vor¬ wort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ mit den Worten: „Zu jener Zeit, wo der gute Wille, »weiter zu gehen4, Sachkenntnis vielfach aufwog, hatte ein schwach philosophisch gefärbtes Echo des französischen Sozia¬ lismus und Kommunismus sich in der ,Rheinischen Zeitung4 hörbar ge¬ macht. Ich erklärte mich gegen diese Stümperei, gestand aber zugleich in einer Kontroverse mit der »Allgemeinen Augsburger Zeitung4 rund heraus, daß meine bisherigen Studien mir nicht erlaubten, irgend ein Urteil über den Inhalt der französischen Richtungen selbst zu wagen.“ x) Rheinische Zeitung Nr. 286 vom 13. Oktober 1842. ’) Über den Artikel der Augsburger Allgemeinen Zeitung und die von ihr als Beweismaterial benutzten Artikel der Rheinischen Näheres bei Mehring, Nach¬ laß, I, 188 ff. 9) Vgl. Joseph Hansen, Gustav von Mevissen. Berlin 1906. Bd. I, S. 264. *) So erklärt Heß selbst 1845; vgl. Moses Heß, Sozialistische Aufsätze. Hrsg. v. Dl Zlocisti. Berlin, 1921. S. 119.
LU Einleitung Die Allgemeine Zeitung reagierte vorläufig auf die Replik der Rhei¬ nischen überhaupt nicht, es bedurfte eines neuen Vorstoßes, um das Schweigen der „Augsburgerin“ zu brechen. Marxens Antwort1) auf die aufgebauschte Richtigstellung der Augsburger Gegnerin enthält eine schneidende Charakteristik des großen Philisterblattes, dieser wahren „In¬ korporation“ der Restaurationsepoche. Wir fügen dem Artikel über Kommunismus eine redaktionelle Er¬ klärung vom Schlüsse des Hauptblattes der Rheinischen Zeitung (Nr. 296 vom 23. Oktober 1842) bei, die wohl Marx zuzuschreiben ist, da es sien um einen kleinen Nachtrag zu der Polemik mit der Allgemeinen Zeitung handelt. Am 19. Oktober hatte die Rheinische Zeitung aus der Mann¬ heimer Abendzeitung einen von der „Pfalz, 12. Oktober“ datierten Artikel übernommen, worin der Korrespondent seiner Überraschung Ausdruck gibt, in der Allgemeinen Zeitung einen „aus Aachener Blättern entlehnten Artikel“ abgedruckt zu finden; obgleich kein Bekenner sozialistischer Ideen, ist er doch der Meinung, daß „die Ansichten und Bestrebungen von Männern, die so wahrhaftig für das Wohl der arbeitenden Klasse, ja der ganzen Menschheit bedacht sind, ernstere Berücksichtigung und reif¬ lichere Würdigung verdienen“. — Darauf antwortete die Aachener Zeitung in ihrer Nummer 293 vom 22. Oktober und in einem besonderen Schreiben an die Redaktion der Rheinischen Zeitung9), und auf beides zusammen wieder entgegnete die Rheinische Zeitung mit eben dieser redaktionellen Erklärung vom 23. Oktober (S. 264f.). Von Marx stammt, dem Stile nach zu urteilen, außer der Notiz in der Nummer 3 vom 3. Januar 1843 (S. 313) unzweifelhaft auch das Nachwort der Redaktion zu einer Münchener Korrespondenz in der Nummer 12 vom 12. Januar 1843 (S. 313f.) : der Falstaff-Vergleich, den Marx später noch so oft, am ausgiebigsten im „Herm Vogt“ anwendet, taucht hier bei ihm zum ersten Male auf; dasselbe gilt von der Zitierung der Witwe Hurtig8). Bemerkenswert ist die Erwähnung Dezamys und Cabets. Der Artikel über die Pressedebatten des 6. Rheinischen Landtags bil¬ dete nur den ersten Teil einer auf fünf große Artikel geplanten Kritik an den Hauptgegenständen, die auf dem von so vielen Erwartungen be¬ gleiteten Landtag zur Verhandlung gekommen waren. Marx gedachte in vier folgenden Aufsätzen die „erzbischöfliche Geschichte“, dann die De¬ M Siehe den S. 310ff. abgedruckten Artikel: „Die polemische Taktik der Augs* burger Zeitung“ (Nr. 334 der Rheinischen Zeitung vom 30. November 1842). ’) Vgl. Redaktionelle Erklärung der Rheinischen Zeitung vom 23. Oktober: „infolge eines speziellen Wunsches von Seiten der Redaktion dieser [d. h. der Aachener] Zeitung*4. ’) Vgl. Das Kapital, Bd. I, Kap. I.
Einleitung LUI batten über das Holzdiebstahlsgesetz, über die Jagdpolizeiordnung und die „eigentlich irdische Frage in ihrer Lebensgröße“, die Frage der Par¬ zellierung des Grundbesitzes, zu behandeln. Von diesem Programm sind außer dem über die Pressedebatten noch zwei Artikel ausgeführt, die Kritik an der Stellungnahme des Landtags zum Kölner Kirchenstreit und zum zweiten an den Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz. Es ist jedoch nur der zweite Artikel bekannt, der in der Rheinischen Zeitung vom 25. Oktober bis 3. November 1842 in fünf Fortsetzungen erschienen ist. Der Aufsatz über die „erz¬ bischöfliche Geschichte“ ist uns nicht überliefert. Mitte Mai 1842 hören wir Jung bei Marx anfragen: „Arbeiten Sie schon an der erzbischöflichen Geschichte?“ Etwa gegen Ende Juni dürfte Marx dann mit dem Aufsatz fertig geworden sein, denn am 9. Juli 1842 teilt er Ruge mit, sein zweiter Artikel über den Landtag, der die kirchlichen Wirren be¬ handle, sei vom Zensor gestrichen worden. Aus diesem Briefe und aus den einleitenden Worten zum Aufsatz über die Holzdiebstahlsdebatten erfahren wir einiges über die Stellungnahme, die Marx in dem von der Zensur nicht zugelassenen Artikel zum Ausdruck brachte. Er habe, schreibt er an Ruge, darin nachgewiesen, „wie die Verteidiger des Staats sich auf kirchlichen und die Verteidiger der Kirche sich auf staatlichen Standpunkt gestellt“ haben. Aus denselben Mitteilungen geht hervor, daß Marx an dem Ver¬ halten der Regierung, an den „niederträchtigen“ „Gewaltleuten“ und an der für die Regierung plädierenden und stimmenden Landtagsmehrheit — sie hatte mit 47 gegen 31, bzw. mit 43 gegen 35 Stimmen den Antrag zu¬ gunsten des Erzbischofs abgelehnt — scharfe Kritik geübt hat. Er äußert nämlich in dem Briefe an Ruge, daß die Streichung des Artikels auch deshalb der Rheinischen Zeitung sehr unlieb komme, weil „die dummen Kölner Katholiken in die Falle gelaufen und die Verteidigung des Erz¬ bischofs Abonnenten gelockt hätte“. Zur Rekonstruierung des Standpunkts, von dem aus in dem verloren gegangenen Aufsatz an beiden streitenden Parteien, aber gewiß mit der Spitze gegen die preußischen „Gewalthaber“ Kritik geübt worden ist, lassen sich außer dem schon Erwähnten — Brief an Ruge und Holz¬ diebstahlsartikel — noch einige beiläufige Marxsche Äußerungen aus dieser Zeit heranziehen. In den Bemerkungen über die Zensurinstruktion spricht Marx von der Konfusion des politischen und christlich-religiösen Prinzips und erklärt dabei mit offenbarer Anspielung auf die Kölner Wirren, daß „einzelne Regierungsbeamte die Grenzen zwischen Religion und Welt, zwischen Staat und Kirche, nicht ziehen können“ (S. 161 f.). Auf den Artikel gegen Hermes hat schon Mehring hingewiesen 1). In i) Nachlaß, I, 184.
LIV Einleitung der Antwort an den Oberpräsidenten von Schaper, vom 17. November 1842, beruft sich Marx darauf, daß die Rheinische Zeitung die kirchlichen Doktrinen und Zustände nur insofern berührt habe, „als andere Zeitungen die Religion zum Staatsrecht machen und aus ihrer eigenen Sphäre in die Sphäre der Politik versetzen wollten“ x). In der „Judenfrage“ wieder heißt es u. a. : „Der sogenannte christliche Staat verhält sich . . . politisch zur Religion und religiös zur Politik“ (S. 588). Am Schlüsse des erwähnten Briefes an Ruge meint Marx, wenn der Aufsatz über die erzbischöfliche Geschichte das Imprimatur von der „höheren Zensurpolizei“ nicht erhalte, so müsse er anderswo gedruckt werden ; er bittet Ruge um Rat und denkt selbst an eine mögliche Heraus¬ gabe durch Hoffmann & Campe. Der Aufsatz ist jedoch nirgends er¬ schienen und auch bis jetzt aus den Akten der Staatsarchive nicht zum Vorschein gekommen. Der Aufsatz über die Holzdiebstahlsdebatten ist nun der erste große Beitrag Marxens, der während seiner Redaktionszeit in der Rheinischen Zeitung erschienen ist. Er berührt ein wichtiges Teil¬ gebiet jener ökonomischen und sozialen Krise, die durch das Aufkommen des Kapitalismus im vormärzlichen Preußen heraufbeschworen wurde. Der Entwurf eines Holzdiebstahlsgesetzes, den die Regierung dem 6. Rheinischen Landtag vorgelegt hatte, war durch die außerordentliche Zunahme des Holzfrevels auch in den rheinischen Forsten veranlaßt Die Häufigkeit der Holzdiebstähle, ihr Überwiegen über alle anderen Arten von Diebstahl, blieb in den Rheinlanden hinter den entsprechenden Ver¬ hältnissen im Gesamtgebiete der preußischen Monarchie nicht zurück. In ganz Preußen betrafen z. B. im Jahre 1836 fast 77 Prozent sämtlicher Strafuntersuchungen (207 478) Holzdiebstahl und andere Forst- oder Jagdvergehen. Entsprechend stand es in den Rheinprovinzen, besonders in den waldreichen und fast ganz agrarischen, speziell durch den damals schon notleidenden Weinbau gekennzeichneten Bezirken Trier und Koblenz, wo die Holzdiebstähle ungefähr das zwanzig- bzw. dreißigfache des ge¬ wöhnlichen Diebstahls ausmachten. Es ist also in der Tat eine höchst „irdische“, materielle Frage, die Marx in einem Aufsatz behandelt Er selbst bemerkt, daß das Gesetz „ebensosehr in bezug auf sich selbst be¬ sprochen zu werden“ verdiene. Die Tendenz aber, auf die es ihm ankommt, ist, durch die Kritik der Landtags-Verhandlungen darzutun, „wie wenig die Provinzialstände zu einer Beteiligung an der Gesetzgebung berufen sind“ ’). 1) Hansen, a. a. O., 379; von uns wiedergegeben im zweiten Halbband unter Nr. 64. *) So Marx in einem andern Artikel, in Nr. 354 der Rheinischen Zeitung vom 20. Dezember 1842; in diesem Bande S. 328.
Einleitung LV Er beschränkt sich ausdrücklich auf eine Besprechung des Gesetzes „nur in bezug auf den Landtag“. Dementsprechend untersucht er die Holzdieb¬ stahlsfrage weder vom wirtschaftspolitischen noch vom sozialen, vielmehr vom politisch-rechtlichen Gesichtspunkt Es mag eine Art von Selbstkritik Marxens aus jener schon erwähnten Korrespondenz der Mannheimer Abendzeitung hervorscheinen, wo es über die Holzdiebstahlartikel heißt: „Mit der bloßen abstrakten Vernunft läßt sich nicht alles plötzlich neu konstruieren.“ Bemerkenswert ist am Schlüsse des Aufsatzes die Vergleichung der rheinischen Landstände mit den Wilden von Kuba, die das Gold für den Fetisch der Spanier hielten. Wenn wir von einer analogen Stelle in der „Posaune“ absehen, so treffen wir bei Marx hier zuerst den Fetischbegriff zur Kennzeichnung von sozialen Verhältnissen. Marx entnahm damals seine Kenntnisse über den Fetischismus dem berühmten Buche von Des Brosses, Du culte des dieux fétiches (Paris, 1760), und zwar der deutschen Über¬ setzung von C. W. H. Pistorius (Über den Dienst der fetischen Götter, Berlin und Stralsund, 1785), die er, wie ein aus „Bonn 1842“ datiertes Zitatenheft zeigt, um diese Zeit gründlich exzerpierte. Aus diesem Buche stammt weiter auch die Bemerkung über die Samojeden: sie beteuerten dem von ihnen getöteten Tiere auf das ernstlichste, daß bloß die Russen dieses Übel verursachten (S. 278 f.). Die letzten zwei Themen der geplanten Artikelserie über den 6. Rhei¬ nischen Landtag (Jagdgesetz und Parzellierungsfrage) hat Marx aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht ausgearbeitet. Mehring sucht den Grund darin *), daß Marx bereits in seinem dritten Artikel, nämlich mit der Behandlung der ständischen Privatinteressen, hart an die Grenzen des Sozialismus gelangt sei, ohne sie zu überschreiten. Darnach habe er, wie in dem polemischen Artikel gegen die Augsburger Allgemeine Zei¬ tung angekündigt, „lange, anhaltende und tiefgehende Studien“ über die sozialistischen Theoretiker begonnen, die Resultate dieser Studien seien für die Behandlung des Jagdgesetzes nicht unwichtig, für die der Par¬ zellierungsfrage aber unerläßlich gewesen. Aus diesem Grunde sei die Ausführung der noch ausstehenden zwei Artikel zurückgestellt worden. — Gegen Mehrings Erklärung spricht jedoch entscheidend der Umstand, daß Marx noch Mitte Januar 1843 mit der Publikation der Moselartikel begann, worin er wieder eine ganz materielle, soziale Frage und zudem noch spe¬ ziell die Parzellierungsbeschränkung mit Bezug auf die Moselbauern be¬ handelte. Viel näherliegende Gründe für die Nichtausführung der beiden O Mehring, Nachlaß, I, 184ff. und: Karl Marx, Geschichte seines Lebens. S. 45ff.
LVI Einleitung Artikel sind einmal die nahe bevorstehenden Wahlen zum neuen Landtag, die schon Ende des Jahrs 1842 das öffentliche Interesse an den Verhand¬ lungen des verflossenen 6. Rheinischen Landtags stark zurückdrängten, und weiter der Zusammentritt der ständischen Ausschüsse in Preußen, wo¬ durch die vor mehr als anderthalb Jahren stattgefundenen Verhandlungen ebenfalls stark in den Schatten gestellt wurden. Die Holzdiebstahlsartikel sind die letzten, die Mehring aus der Rheinischen Zeitung veröffentlicht hat. In unserer Ausgabe folgt noch eine ganze Reihe anderer Beiträge, die bestimmt von Marx stammen, die aber Mehring nicht abgedruckt hat, teils weil er Marx als den Ver¬ fasser nicht erkannte oder nicht anerkennen wollte, teils weil sie ihm nicht genügend wichtig schienen. Es handelt sich aber hier um eine Reihe von Artikeln, die für Marxens redaktionelle Tätigkeit höchst charakte¬ ristisch sind. Ein sehr wichtiges Dokument zur Beurteilung der Motive, die Marx ebenso wie die Geranten des Blattes gerade bei den Verhandlungen über die Übernahme der Redaktion leiteten, haben wir in dem von Joseph Hansen entdeckten und veröffentlichten Brief Marxens an Oppenheim vom 25. August 1842, worin gegen die Gefährdung der Zeitung durch Edgar Bauers Juste-milieu-Artikel scharfer Protest erhoben wird: „Eine so deut¬ liche Demonstration gegen die Grundpfeiler der jetzigen Staatszustände“, erklärt Marx, könne „Schärfung der Zensur, selbst Unterdrückung des Blattes zur Folge haben“; außerdem verstimme man dadurch „eine große und zwar die größte Menge freigesinnter praktischer Männer, welche die mühsame Rolle übernommen haben . . ., innerhalb der konstitutionellen Schranken die Freiheit zu erkämpfen.“1) Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß dieser programmatische Brief bei den genannten Verhandlungen, also unmittelbar vor Übernahme der Redaktion durch Marx, eine sehr bedeutsame Rolle gespielt hat. Die von Marx zu diesem Zeitpunkt vertretene, an den Erfahrungen seiner Redaktionszeit weiter entwickelte Taktik gründete sich unzweifel¬ haft auf die Ansicht, die Rheinische Zeitung müsse allen politischen Fesseln, Zensurschwierigkeiten und Schikanen zum Trotz erhalten wer¬ den, solange dies unter gegebenen Verhältnissen überhaupt noch möglich sei, d. h. solange man in der Zwangsjacke der Zensur den entschiedenen prinzipiellen Charakter des Blattes wahren könne. Worauf es Marx in allererster Linie ankommen mußte, war die Aus¬ bildung des Blattes zu einem wirklichen Sammelpunkt und vorwärts füh¬ renden zentralen Organ aller ernsthaft oppositionellen und entwicklungs- x) Hansen, a. a. O., I, 356ff.
Einleitung LVII fähigen Kräfte, also im wesentlichen der beiden Richtungen, die bei ihm später, nach den Erfahrungen eines weiteren Jahres, „die praktische politische Partei“ und „die theoretische, von der Philosophie her datierende politische Partei“ heißen x). Die Existenz des Blattes, dessen bloße Erhaltung als realer politischer Erfolg auf gefaßt werden mußte, war bedroht. Davon mußte zunächst ausgegangen werden. Aber es war überhaupt an die gegebenen, an die realen und konkreten Umstände an* zuknüpfen. Dieser allgemeine Leitsatz der Marxschen Taktik, hier zum ersten Male und zwar gerade im Gegensatz zur bloß abstrakten, von den wirklichen Verhältnissen wegsehenden Kritik der Berliner „Freien“ auf¬ gestellt, ist entscheidend für die Erkenntnis der praktischen und politischen Linie, die Marx während seiner ganzen Redaktionstätigkeit und speziell bei Übernahme der Redaktion vertritt. In der Leitung der Rheinischen Zeitung, des theoretisch-praktischen Organs der aufstrebenden radikalen Bourgeoisie, erweist sich Marx — in dieser Periode noch bürgerlicher Demokrat — schon als der künftige Meister revolutionärer Taktik des Proletariats. Marx weiß den Spielraum, der ihm jeweils gelassen ist, ebenso vor¬ sichtig wie entschieden auszunützen. Die Erfahrung selbst muß zeigen, wie weit und wie lange ein Auftreten in dieser Form überhaupt möglich sein wird. In der Tat sehen wir, daß Marx vom ersten Tage seiner Re¬ daktionsführung an seine allgemeinen und taktischen Grundsätze zur Geltung bringt. Von dem Artikel über den Kommunismus (also dem ersten nach Übernahme der Redaktion), von der Ablehnung des Kommunismus ist Näheres schon gesagt worden. Die vom 25. Oktober bis zum 3. November veröffentlichten Artikel über die Holzdiebstahlsdebatten des Landtags enthalten eine Kri¬ tik der ständischen Gesetzgebung an Hand von konkreten sozialen Zu¬ ständen oder von konkreten juristischen Problemen. Die redaktionelle Fußnote über die Opposition in Hannover (erschienen in Nr. 312 vom 8. November 1842) führt jene „Abstraktion“ ad absurdum, die das Prädikat „liberal“ einer politischen Bewegung ab¬ sprechen will, weil sie die Wiederherstellung eines früheren, durch Gewalt zerstörten Rechtszustandes zum Ziel habe. Anläßlich der königlichen Kabinettsordre, worin die Staats¬ behörden verpflichtet wurden, von den Zeitungen gebrachte Unwahrheiten oder entstellte Tatsachen in denselben Blättern zu berichtigen, macht Marx in seinen, der Veröffentlichung dieser Ordre sich anschließenden B e - O Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 613.
LVIII Einleitung merkungen (Nr. 320 vom 16. November 1842) von der auch sonst nicht unbekannten oppositionellen Taktik Gebrauch, eine Regierungs¬ maßnahme durch Anerkennung als ein Zugeständnis zu deuten bzw. sie zur Forderung weiterer Zugeständnisse auszuwerten. In seiner rück¬ schauenden Kritik an den Bewegungen des Jahres 1842 verfehlt Bruno Bauer nicht, auch diese Bemerkungen als Beispiel der Urteilslosigkeit der Rheinischen Zeitung anzuführen x). In der redaktionellen Fußnote zu einem schutzzöllne- rischen Artikel (im Beiblatt zu Nr. 326 vom 22. November 1842) äußert Marx prinzipielle Bedenken gegen den Schutzzoll, anerkennt aber — offenbar mit Rücksicht auf den preußischen Zollverein — die Unmög¬ lichkeit, daß ein einzelner Staat das Prinzip der Handelsfreiheit zur Geltung bringen könne. Der Redakteur Marx brachte nun seine neue Taktik nicht nur in den von ihm selbst geschriebenen Aufsätzen und Bemerkungen zur Geltung, sondern auch darin, daß er fremde Artikel selbst unterdrückte, wo sie seine Taktik gefährden konnten. Er überließ also, wie er in seinem Brief an Ruge über die „Freien“ ’) berichtet, die Streichung provozierender Ar¬ tikel nicht allein dem Zensor, sondern strich selbst; dies, weil die Zensur — wie wir insbesondere aus verschiedenen Berichten des Zensors St.-Paul wissen — öfters an und für sich unzulässige Artikel zu dem Zwecke frei¬ gab, um das Blatt in den Augen gewisser Bevolkerungs-, d. h. Abonnenten¬ schichten, zu kompromittieren. Aus dem zitierten Briefe an Oppenheim entnehmen wir, daß Marx mit einer Verstimmung gewisser Kreise durch philosophisch-hochmütige, bloß abstrakt-radikale Kritik rechnete; aus seinen Briefen an Ruge ist uns bekannt, daß er mit seinem von der Zensur gestrichenen Artikel über den Kölner Kirchenstreit — also unter besonderen Umständen — auch die Gewinnung von Sympathien in solchen Kreisen im Auge hatte, die, wenn vielleicht nicht unmittelbar politisch, so doch in anderer Hinsicht zu den Prinzipien der Rheinischen Zeitung im Gegensatz standen ’). Diese taktischen Grundsätze brachten Marx sehr bald in einen schar¬ fen Konflikt mit den meisten der Berliner Korrespondenten, die dem einige Monate vorher straffer zusammengeschlossenen Kreise der „Freien“ an¬ gehörten. Die unmittelbaren Ursachen und näheren Umstände dieses Zu¬ sammenstoßes sind in der Literatur, besonders durch Mehring und Mayer, schon ausführlich behandelt worden; wir gehen hier nicht näher darauf ein, auch aus dem Grunde, weil wir die Geschichte der „Freien“ ausführ- 1 ) Br. Bauer, Vollst. Gesch. d. Parteikämpfe in Deutschland während d. J. 1842—1846. 3 Bde. Charlottenburg 1847. Bd. I, S. 68f. ’) Am 30. November. Der Brief trägt in unserem zweiten Halbband die Nr. 65. •) Marx an Ruge am 9. Juli 1842. — Vgl. oben, S. LUI.
Einleitung LIX lieh im zweiten Bande unserer Ausgabe zu behandeln gedenken: im Zu¬ sammenhang mit den Friihschriften von Engels, der den „Freien“ gerade zu der Zeit sehr nahe stand, als Marx sich von ihnen öffentlich lossagte1). Trotz der vorsichtigen Taktik kam es bald nach Übernahme der Re¬ daktion durch Marx zu einem scharfen Konflikt mit der Regierung, und zwar infolge der am 20. Oktober in Nr. 293 der Rheinischen Zeitung er¬ folgten Veröffentlichung des Ehescheidungs-Gesetzentwurfs, den die Re¬ gierung vorbereitete, aber noch streng geheim hielt Er hatte in den Augen der Regierung wie auch der Öffentlichkeit eine ganz besondere Bedeutung: einmal sollte die Reform der Ehegesetzgebung die erste große gesetzgeberische Tat der Regierung Friedrich Wil¬ helms IV. sein; des weiteren war der Entwurf die erste Leistung des Ministeriums Savigny, dessen legislativer Tätigkeit der König ebenso große Hoffnungen entgegenbrachte, wie die liberalen Kreise Zweifel ; zum dritten war allgemein bekannt, daß an der Ausarbeitung des Entwurfs den Löwen¬ anteil einer der Hauptführer des christlich-germanischen Kreises hatte, nämlich Ludwig v. Gerlach, der auf speziellen Wunsch des Königs mit dem Auftrag einer solchen Teilnahme an der längst geplanten Ehereform im Juni 1842 in das Ministerium Savigny eingetreten war. Wie Engels sich in seiner Charakteristik Friedrich Wilhelms IV.’) aus¬ drückte, gehörte die „beabsichtigte Verschärfung des Ehescheidungs¬ gesetzes“ zu jenen Maßregeln, mit denen der König anstrebte, „das Christentum unmittelbar in den Staat wieder einzuführen, die Gesetze des Staates nach den Geboten der biblischen Moral einzurichten“, „den fast heidnisch gewordenen rationalistischen Beamtenstaat mit christlichen Ideen zu durchdringen“. Eine Berliner Korrespondenz, datiert vom 7. September, die zuerst in der Leipziger Allgemeinen Zeitung, von dort übernommen auch in der Rheinischen Zeitung (Nr. 258 vom 15. September) erschien, sieht die ent¬ scheidende Wichtigkeit der geplanten Ehereform darin, daß sie „auf den Charakter unserer ganzen Gesetzgebung schließen läßt“. In diese gespannte Atmosphäre fiel am 20. Oktober die Veröffent¬ lichung des Ehescheidungs-Gesetzentwurfes, fünf Tage, nachdem Marx die 0 Die öffentliche Absage an die „Freien“ erfolgte in einer aus Berlin, 25. Novem¬ ber datierten Korrespondenz, die Marx in Nr. 333 der Rheinischen Zeitung brachte (S. 308f.). Inhalt und Wortlaut sind im wesentlichen einem Briefe Herweghs vom 22. November an den Kreis der Rheinischen Zeitung entnommen, den Hansen a. a. O., I. 382ff. publiziert hat. — Auch auf Marxens Verhältnis zu Herwegh gehen wir hier nicht weiter ein; einiges darüber in den Anmerkungen des zweiten Halbbandes. *) Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz. Zürich u. Winterthur 1843. S. 191.
LX Einleitung Redaktion übernommen hatte1). Die Veröffentlichung war im höchsten Grade überraschend. Treitschke nennt ihre Wirkung „furchtbar“ ’). Für die Rheinische Zeitung entstanden schwere Komplikationen. Der Konflikt mit den Regierungsstellen wurde aber noch verschärft durch einen Artikel in Nr. 301 über die ständischen Ausschüsse, in dem die Zensurminister laut einer Verfügung vom 3. November „eine Auf¬ reizung zum Mißvergnügen mit den bestehenden ständischen Einrich¬ tungen“ erblickten. Sie forderten die Einsetzung eines neuen Zensors und stellten in Aussicht, daß „in Beziehung auf die Zeitung selbst in kurzer Frist entscheidende Schritte geschehen werden müssen“ 3). Am 12. November wird dem nominellen Geranten der Rheinischen Zeitung, dem Buchhändler Renard, durch den Regierungspräsidenten Ger¬ lach protokollarisch mitgeteilt, daß ein neuer Redakteur bestellt und die Tendenz des Blattes geändert werden müsse. — Die Existenz des Blattes ist aufs Spiel gesetzt, das Verbot angedroht. Am 13. November erscheint der erste Artikel eines „rheinischen Ju¬ risten“ (der sich mit W. zeichnet) über den „Entwurf zu einem neuen Ehegesetz“, worin eine scharfe Kritik auch des preußischen Landrechts enthalten ist, gegen das ja von der andern Seite vor allem der Gerlachsche Kreis kämpfte. Der am 15. November erschienenen Fortsetzung dieses Ar¬ tikels fügt dann Marx eine längere redaktionelle Fußnote (S. 315ff.) an. Er kritisiert die Stellung sowohl der rheinischen, wie der altpreußischen Jurisprudenz zu dem Gesetzentwurf ; er weist der ersten „ihre zwiespältige Weltanschauung“, der zweiten ihre „gänzliche Haltlosigkeit“ nach; — allein indem er beide mit aller Schärfe angreift und von der Kritik selbst¬ kritisches Verhalten fordert, kritisiert er bei beiden Standpunkten inhalt¬ lich nur die Halbheit, die Inkonsequenz, den „unzureichenden“ Charakter der Argumente. Die ganze Fußnote richtet sich ausdrücklich und fast durchgängig gegen jene beiden Richtungen der Kritik, allein sie erklärt sich selbst gleich zu Eingang für „eine dritte Kritik, die Kritik des vor¬ zugsweise allgemeinen, des rechtsphilosophischen Stand¬ punktes“, deren Entwicklung sie sich „vorbehält“. Wird die Auseinander¬ setzung somit vom Boden der bloß juristischen und „praktischen“ Betrach¬ tung auf den „rechtsphilosophischen“ übergeführt, so ist damit nur die tiefere, die „vorzugsweise“ theoretische und prinzipielle Behandlung ge¬ O Es ist heute noch unaufgeklärt, wie die Rheinische Zeitung zu dem Entwurf kam. Man verdächtigte von Seiten der Regierung den Sohn des Oberpräsidenten Flottwell, den jungen Eduard Flottwell, der mit dem Kreise der Königsberger und Berliner „Freien“ in näherer Verbindung stand. Die Redaktion der Rheinischen weigerte sich, den Einsender zu nennen. Die eingeleitete Untersuchung führte ru keinem Ergebnis. 2) Treitschke, Deutsche Geschichte im 19.Jh. Bd.5, 4.Auf!., 1899. S.251. s) Hansen, a. a. O. I, 353.
Einleitung LXI fordert, aber anderseits wird durch die ganze Form dieser Stellungnahme der Eindruck erweckt, als gedenke man der Diskussion die aktuelle und politische Schärfe zu nehmen. Auch diese Art des Auftretens wird von Bruno Bauer in seinem schon erwähnten Rückblick auf das Jahr 1842 der Rheinischen Zeitung als „opportunistisch“ angekreidet; es heißt bei ihm geradezu, die Rheinische Zeitung habe „seit dem Frühjahr gemeinschaftlich mit anderen liberalen Blättern gegen die beabsichtigte Reform des Eherechts opponiert“, aber von Mitte November an „auf die Erfüllung ihrer Forderungen, Wünsche und Ideale selbst Verzicht“ geleistetx). Zur Unterstützung seiner Taktik fand es Marx geboten, den Artikel der offiziösen Preußischen Staatszeitung über die „preußische Eherechts* reform“, den Savigny selbst in das Blatt hatte einrücken lassen3), auch in der Rheinischen Zeitung zu veröffentlichen; aber gleichzeitig, im Leit* artikel derselben Nummer, nahm er selbst ausführlicher Stellung. Dieses Expose des Marxschen Standpunktes in Nummer 353 des Blat¬ tes vom 19. Dezember 1842 (S. 317ff.) präzisiert nur näher, was in der vorhergehenden Fußnote angedeutet war; es führt inhaltlich und formell, prinzipiell und taktisch die begonnene Linie fort. Wiederum „vorzugs¬ weise allgemeine“ Ausführungen über das „Wesen“, über den „Begriff“ der Sache; wiederum Kritik der juristischen Opposition, gegen deren indi¬ vidualistischen und „eudämonistischen“ Standpunkt die Ehe als „sittliche Substanz“, d. h. ihre wesentlich gesellschaftliche Natur, verfochten wiyd. Aber die Marxsche Kritik richtet sich nach dieser Seite ausdrücklich nur gegen die „unbedingte Apologie des früheren Systems“ und wird durch¬ geführt erst, nachdem gegen die andere Seite, gegen den Regierungs¬ entwurf, in fünf Punkten die „Haupteinwendungen“ — in der gebotenen Kürze und unter der Form scheinbarer bloßer Vorbehalte — formuliert sind. Faktisch handelt es sich bei diesen „Haupteinwendungen“ um eine durchaus grundsätzliche Kritik des Gesetzentwurfs, aber der Form nach werden sie als scheinbar bloße Vorbehalte vorgebracht. Die Schlußsätze des Artikels resümieren faktisch mit schneidender Schärfe noch einmal, was zu Eingang (in Punkt 2) gesagt und schon in der redaktionellen Fu߬ note angedeutet war: der Gesetzentwurf „verkenne“ das „weltliche Wesen der Ehe“, er behandle sie „als religiöse und kirchliche Institution“ (S. 317), er verlange „statt der bewußten Unterwerfung unter sittlich-natürliche Mächte einen bewußtlosen Gehorsam gegen eine über¬ sittliche und übernatürliche Autorität“ (S. 320). Das hieß allerdings fak- M Br. Bauer, a. a. O., I, 93—96. ’) Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wir¬ ken, 1795—1877. I, 323.
LXII Einleitung tisch wieder aufheben, was formell erklärt worden war: die bedingte — „Übereinstimmung mit dem Entwürfe“. Es war einerseits nur eine tatsächliche Feststellung, anderseits eine böse Ironie, wenn Marx mit Hinblick auf diesen Artikel in seinen Rand* glossen vom 12. Februar 1843 zu den Anklagen des Ministerial-Reskripte betonte, daß die Rheinische Zeitung „allein in Widerspruch zu fast allen anderen Blättern den Hauptgrundsatz des neuen Ehescheidungsgesetzes verteidigt hat“ x). Die vom 11. bis 31. Dezember erschienenen dreiArtikelüberdic ständischen Ausschüsse in Preußen (S. 321ff.) weisen, wie schon erwähnt, ebenso deutlich die Merkmale derselben vorsichtigen und manövrierenden Taktik, derselben überlegenen Ironie auf. Sie ent¬ halten die grundsätzliche demokratische Zielsetzung in jener eigentüm¬ lichen philosophischen Sprache; sie antizipieren bereits einiges aus der später durchgeführten Kritik des Hegelschen Staatsrechts. Marx kritisiert die Institution der ständischen Ausschüsse, da sie ebenso „besondere Pro¬ vinzialinteressen“ und „besondere Staatsinteressen“ vertreten wie die Provinzial landtage selbst. Er verfehlt dabei nicht zu betonen, daß er nur wiederhole, was in den Spalten der Rheinischen Zeitung — von ihm selbst — schon über die Beteiligung der Provinzialstände an der Gesetz¬ gebung ausgeführt worden war (S. 328). Auch diese in Ton und Form vorsichtige Stellungnahme versucht er dadurch genehmer zu machen, daß er zum formellen Gegenstand seiner kritischen Ausführungen zwei Ar¬ tikel der Augsburger Allgemeinen Zeitung über die ständischen Aus¬ schüsse wählt; einleitend betont er, daß eine Polemik gegen die Dar¬ stellung einer Staatsinstitution noch nicht eo ipso eine Polemik gegen diese Staatsinstitution selbst sei, daß es sich um „einen Kampf der Theorie, des Verstandes, der Form“ handle. Die vorsichtige und offenen Konflikten ausweichende Taktik des Re¬ dakteurs Marx hat zunächst unzweifelhaften Erfolg. Eine Kölner Korre¬ spondenz in der Leipziger Allgemeinen Zeitung erklärt schon am 21. No¬ vember, daß „die Rheinische Zeitung früher der Regierung weitaus lästiger gewesen ist als in neuester Zeit“, und am 22. Dezember konstatieren auch die Zensurminister in einem Bericht an den König, daß „im Vergleich zu früheren Perioden der Ton der Zeitung . . . ohne Zweifel bedeutend ruhiger geworden ist . . . Die Gesellschaft hat gerade jetzt zu zeigen be¬ gonnen, daß sie den Wünschen der Regierung hinsichtlich der Verände¬ rung der bisherigen Bahn entgegenzukommen nicht abgeneigt sei“. Aus *) Hansen, a. a. O., I, 435.
Einleitung LXIII der Redaktion der Rheinischen Zeitung selbst faßt Moses Heß die um diese Zeit sich ergebende Lage in einem Briefe an B. Auerbach vom 6. De¬ zember 1842 dahin zusammen: „Die Stellung der Rheinischen Zeitung ist jetzt, dem Publikum sowohl als der Regierung gegenüber, eine gesicherte. Wir hatten in jüngster Zeit einen kleinen Sturm mit der Regierung, aber es ist nun alles gütlich und ohne daß wir uns etwas vergaben, geschlichtet.“ Und zum Erweis, daß die Wendung mit Marxens Eintritt in die Redaktion im Zusammenhang steht, berichtet Heß anschließend: „An die Stelle Rutenbergs ist Marx getreten, schon bevor die Regierung die Entfernung Rutenbergs verlangte.“ Aber der Erfolg konnte nicht von allzulanger Dauer sein. Die Jahres¬ wende 1842/43 brachte Regierungsmaßnahmen, die keinen Zweifel über den weiteren Kurs der Regierung zuließen, die einem jeden kundtaten, daß die „neue Ära“ schon zu Ende sei. Die Regierung war nicht gewillt, weitere liberale Zugeständnisse zu machen, im Gegenteil, sie ließ nunmehr die „staatsgefährlichen, umstürzlerischen“ Elemente die „Strenge des Ge¬ setzes“ fühlen. Im Laufe und fast bis Ende des Jahres 1842 erfolgte in Preußen kein einziges Bücher- oder Zeitschriften verbot wegen radikaler, umstürz¬ lerischer Tendenzen. Mitte Dezember wurde zwar die Zeitschrift von Lud¬ wig Buhl, „Der Patriot“, unterdrückt, aber das war ein unbedeutendes und wenig bekanntes Organ. Dann folgten jedoch zwei Schläge, die in ganz Preußen und über Preußen hinaus in ganz Deutschland ungeheures Auf¬ sehen erregten und einen Wendepunkt in der Haltung der Regierung gegen¬ über den oppositionellen Bewegungen bedeuteten: Ende Dezember wurde die „Leipziger Allgemeine Zeitung“ in den preußischen Staaten, Anfang Januar von der sächsischen Regierung, aber auf preußischen Druck, die gleichfalls in Leipzig verlegten „Deutschen Jahrbücher“ verboten. Die Unterdrückung des Leipziger Blattes war die erste, eindeutig aggressive Maßregel der preußischen Regierung gegen die oppositionelle Presse seit Erlaß der Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841. Die un¬ mittelbare Handhabe bot die Veröffentlichung des bekannten Briefes von Herwegh an den König, aber es ist erwiesen, daß die Regierung schon seit mehreren Wochen sich zu einem Schlage gegen das — unter der Leitung von Gustav Julius radikal gewordene — Blatt vorbereitet hatte und die Angelegenheit des Herwegh-Briefes nur als passende Gelegenheit zur Aus¬ führung eines längst gefaßten Planes nahm. Die im Brockhaus’schen Ver¬ lag in Leipzig erscheinende Zeitung war kein sächsisches Provinzblatt, vielmehr ein allgemeines deutsches Organ, das die freieren Zensurverhält¬ nisse Sachsens zu schärferer Kritik der deutschen und insbesondere der preußischen Verhältnisse ausnützen konnte. Von allem Anfang an war auch
LXIV Einleitung Preußen das stärkste Absatzgebiet. Besonders viel wurde die Zeitung in Berlin gelesen. Das preußische Verbot war für das Blatt gleichbedeutend mit Vernichtung seiner Existenzgrundlage. Das kurz darauf, am 3. Januar, auf preußischen Druck hin erfolgte Verbot der „Deutschen Jahrbücher“ vernichtete das theoretisch-kritische Zentralorgan der junghegelianischen Richtung. Die beiden Repressivmaßregeln sprachen eine klare Sprache. Es war dies eine allgemeine Kampfansage an die gesamte oppositionelle Presse, also auch an die Rheinische Zeitung, die trotz der Marxschen Taktik gegen Ende Dezember erneut das Mißfallen der hohen Regierungsstellen erregt hatte; — wie aus den archivalischen Quellen feststellbar1), waren für das Blatt die eine Zeitlang in den Hintergrund getretenen Verbotsabsichten wiederum ernsthafter und gefährlicher geworden. Die ersten Verbote wirkten wie Scheidewasser auf das liberale Lager, auf die gesamte mehr oder weniger oppositionell auftretende Presse. Es wurde klar: die Regierung war entschlossen, mit jeder ernsten Opposition aufzuräumen, und es hieß nun Farbe bekennen: ob man sich dem neuen Kurs der Regierung fügen, oder ob man den Kampf gegen sie riskieren wolle. Von Marx jedenfalls wurde gleich die Unterdrückung der Leipziger Allgemeinen Zeitung als unzweideutige Kriegserklärung auf gefaßt. Nun¬ mehr nimmt er den offenen Kampf auf. Im Aufsichtsrat der Rheinischen Zeitung tritt eine „gemäßigte“ Richtung auf, die gesonnen ist, den Re¬ pressivmaßnahmen der Regierung sich durch weitgehende opportunistische Haltung zu fügen. Marx weigert sich, dies mitzumachen, er weiß, daß nun¬ mehr die weitere Fortführung seiner manövrierenden Taktik zu einem prinzipienlosen Opportunismus führen, im besten Falle eine bloße Schein¬ opposition erlauben würde. Seine Antwort auf das aggressive Auftreten der Regierung fällt desto entschiedener aus, je mehr die Erfolglosigkeit der alten Taktik auf dem Boden der neuen Sachlage ihm klar werden mußte. Und so eröffnet er die Neujahrsnummer der Rheinischen Zeitung mit einem Leitartikel über das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung (S. 336ff.), worin er entschiedenen Pro¬ test gegen das Verbot erhebt, die Vorwürfe gegen das unterdrückte Blatt „als Vorwürfe gegen die junge Volkspresse, also gegen die wirkliche Presse“ überhaupt bezeichnet und den Kampf begrüßt: denn „nur der Kampf kann sowohl die Regierung als das Volk als die Presse selbst von der wirklichen und notwendigen Berechtigung der Presse überzeugen“, nur der Kampf „kann zeigen, ob sie eine Konzession oder eine Notwendig¬ keit, eine Illusion oder eine Wahrheit ist“ (S. 338). 9 Vgl. Hansen, a. a. O., I, 402.
Einleitung LXV In der Form von Polemiken gegen eine Reihe rhein¬ ländischer Blätter (Kölnische, Elberfelder, Düsseldorfer Zei¬ tung, Rhein- und Moselzeitung) und gegen die Augsburger Allgemeine Zeitung setzte dann Marx noch in weiteren sieben Artikeln1) die Kampagne gegen das Verbot fort, obwohl am 9. Januar der Aufsichtsrat der Rheinischen Zeitung beschlossen hatte, „jeden Anstoß der Regierung gegenüber ... zu vermeiden“ ’). Die Befürchtungen des Aufsichtsrates waren nicht unbegründet. Die Artikel erregten in Berlin solchen Anstoß und schienen den Zensur¬ ministern so gesetzwidrig, daß sie über die Fähigkeiten des am 29. De¬ zember angestellten neuen Zensors Wiethaus sehr in Zweifel gerieten. Am 12. Januar führten die Zensurminister bei dem Ober Präsidenten von Scha¬ per Klage: die Zeitung komme wieder auf ihre alte Tendenz zurück, ins¬ besondere die Artikel über das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung seien Belegstücke dafür. Diese Marxschen Artikel haben in der Tat auch ihr Teil dazu beigetragen, das in Berlin schon geschriebene Todesurteil der Rheinischen Zeitung zu besiegeln, worauf Marx selbst in seinem Brief an Ruge vom 25. Januar 1843 hinweist. Ebenso entschieden wie in der Affäre der Leipziger Allgemeinen Zei¬ tung nahm Marx den Kampf gegen die Regierung in einer anderen An¬ gelegenheit auf, die ihrem Gegenstände nach eine zwar bedeutende, aber doch nur lokale, provinzielle, eine wirtschaftliche und soziale Frage betraf, dem unmittelbaren Anlaß und den Umständen nach aber ebenfalls mit der Frage der Freiheit der Publizistik, der oppositionellen Kritik in engstem Zusammenhänge stand: in der Angelegenheit der notleidenden bäuer¬ lichen Winzer an der Mosel. Daß die vom 15. bis zum 20. Januar 1843 erschienenen fünf Artikel — sie figurierten in den Inhaltsübersichten als „Rechtfertigung des ff - K o r r e s p o n d e n t e n von der Mosel (S. 355 ff.) — von Marx herrühren, wurde von Mehring lange in Zweifel gezogen. Ob¬ wohl die Verfasserschaft restlos nachweisbar ist, hat es vom literatur¬ historischen und methodischen Gesichtspunkt Interesse, die Gestaltung dieses von Mehring geschaffenen „Problems“ zu verfolgen. Die Artikel erschienen unter einer fremden Signatur, mit dem Doppelkreuzzeichen des Mosel-Korrespondenten der Rheinischen Zei¬ tung. Entscheidende Zeugnisse für die wirkliche Autorschaft gibt es jedoch, wie gesagt, übergenug. Bereits im Februar 1843 wird Marx öffentlich als ihr Verfasser bezeichnet, und zwar in der schon wiederholt erwähnten 9 Siehe S. 338—354. ’) Hansen, a. a. O., I, 401. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 5
LXVI Einleitung Kölner Korrespondenz der Mannheimer Abendzeitung Nr. 49 vom 28. Fe¬ bruar 1843. In seinem Briefe an Ruge vom 25. Januar 1843 erklärt Marx dasselbe, und Ende März scheint er schon ganz offen über diese Verfasser¬ schaft gesprochen zu haben; wenigstens berichtet am 31. März der Zensor St.-Paul nach Berlin, Marx habe ihm vor einem Tage mitgeteilt, „daß e r der Verfasser der Entgegnung von der Mosel auf Aufforderung des Ober¬ präsidenten v. Schaper sei“1). Als im Jahre 1851 Hermann Becker in Köln die „gesammelten Aufsätze“ von Marx mit dessen Genehmigung herauszugeben plante3), sollten auch die Moselartikel, wie dies aus der gedruckten Ankündigung hervorgeht, in die Ausgabe auf genommen werden. Zu der Zeit, als Mehring seine „Geschichte der deutschen Sozialdemo¬ kratie“ schrieb und die Nachlaßausgabe veranstaltete, lagen ihm diese Zeugnisse allerdings nicht vor. Allein, die Moselartikel wurden von Engels schon im Jahre 1892 in der ersten Auflage des Handwörterbuchs der Staatswissenschaften unter den Marxschen Beiträgen in der Rheinischen Zeitung auf gezählt’). Engels hatte keinen dokumentarischen Beweis da¬ für, er stützte sich nur auf seine Erinnerungen an Äußerungen von Marx. Als er kurz vor seinem Tode die von Marx verfaßten Aufsätze der Rhei¬ nischen Zeitung neu herauszugeben plante, nahm er auch die Artikel „Über die Lage der Weinbauern an der Mosel“ in sein Programm auf, wie dies aus einem Brief vom 5. April 1895 an Richard Fischer *) hervorgeht; als Fischer mit Berufung auf Mehring dagegen Bedenken äußerte, blieb er zwar bei seiner Auffassung5), wollte jedoch „die Möglichkeit eines Mi߬ verständnisses nicht ausschließen“: er müsse zuerst die Artikel vor Augen haben, dann könne er sich „absolut nicht mehr irren“. In der Folge korrespondiert dann Mehring mit Engels über dieses von ihm aufgewor¬ fene Problem, und nach seiner Mitteilung gelang es ihm, Engels in seiner völlig richtigen Meinung irre zu machen, ja von ihr abzubringen. Mehring berichtet in den Anmerkungen zu seiner „Geschichte der deutschen Sozial¬ demokratie“, er habe sich mit Engels über die Frage der Moselartikel da¬ hin verständigt: es handle sich nicht um eine Marxsche Arbeit über die Moselwinzer, „sondern“, sagt Mehring, „die Sache hat den von mir im Texte dargelegten Zusammenhang®), d. h. der Moselkorrespondent ist „selbst der Verfasser einer eigenen Rechtfertigung, wobei die Redak- 9 Hansen, a. a. O., I, 489f. ’) Vgl. unser Vorwort, S. Xff. ’) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 1. Aufl., Bd. IV, S. 1130; 4. Aufl., Bd. VI, S. 496. *) Ungedruckt, Archiv der SPD, Berlin. 8) Brief an Fischer vom 15. April 1895. e) Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 1. Aufl., H, 554; 2. Aufl., I, 382.
Einleitung LXVII tion seine Antwort aus anderen Quellen noch ergänzte und vervoll¬ ständigte“ x). Bei der Herausgabe des ersten Nachlaßbandes war Mehring — trotz der gelungenen Bekehrung von Engels — seiner Sache schon nicht mehr so ganz sicher. Auf Grund eines Briefes von Dr. Claessen ’) meint er in seiner Einleitung, daß die Antwort des Moselkorrespondenten „bis zu einem gewissen Grade redaktionelle Arbeit gewesen“; in seinen Anmer¬ kungen geht er noch einen Schritt weiter, indem er zugibt, Marx habe an den Artikeln „mitgearbeitet“, aber „ohne daß sich sicher erkennen läßt, in welcher Art und in welchem Umfange, vermutlich jedoch nur durch Sammlung und Gruppierung des Tatsachenmaterials“. Ein Wiederabdruck, meint Mehring, lohnte sich jedenfalls nicht8). Erst das Bekanntwerden des schon erwähnten Briefes von Marx an Ruge4) veranlaßte Mehring zu notgedrungener Anerkennung der Marx¬ schen Verfasserschaft8). Er beharrte aber bei seiner früheren Gering¬ schätzung des literarischen und historischen Wertes der Artikel. Abgesehen von den Ausfühungen über die Bürokratie — meinte er — enthielten die Artikel „so viele heute ungenießbare Details, daß ihre Aufnahme in die gesammelten Jugendarbeiten von Marx sich nicht wohl rechtfertigen“ ließe. Obwohl das „Material“ und die „Details“ tatsächlich einen sehr großen Raum in den Moselartikeln einnehmen, kann man diesem Urteil keinesfalls beipflichten; es entspricht nicht ihrer Bedeutung für die Ge¬ schichte der Rheinischen Zeitung, nicht ihrem Wert als Beitrag zur poli¬ tischen und ökonomischen Geschichte des Moselgebiets und insbeson¬ dere nicht ihrer Wichtigkeit für die geistige Entwicklung von Marx. Darüber berichtet Engels in dem schon erwähnten Briefe an Richard Fischer: er habe „von Marx immer gehört, gerade durch seine Beschäf¬ tigung mit dem Holzdiebstahlsgesetz und der Lage der Moselbauern sei er von der bloßen Politik auf ökonomische Verhältnisse verwiesen worden und so zum Sozialismus gekommen“. Engels wiederholt damit im wesent¬ lichen dasselbe, was Marx selbst schon in der Vorrede „Zur Kritik der O Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 1. Aufl., I (1897), S. 115; 2. Aufl., I (1903), S. 153. 3) Der Brief Claessens vom 21. Dezember 1842 (in unserem zweiten Halbband Nr. 70) befindet sich im Nachlab von Marx. Mehring zitiert ihn in der Nachlaßausgabe (I, 201), ohne die Unterschrift entziffert zu haben. Wir verdanken es der freundlichen Hilfe Prof. J. Hansens, daß wir den Schreiber des Briefes — einen angesehenen Kölner Arzt, Aufsichtsratsmitglied der Rheinischen Zeitung und speziell Vertrauens¬ mann von Ludwig Camphausen — identifizieren konnten. ’) Nachlaß, I, 324. «) Doc. d. Soc., Bd. I, Maiheft 1902, S. 394. ®) Doc. d. Soc., Bd. I, 401; Neue Zeit 20/2, Juli 1902, S. 418-421; Nachlaß, III, 487. 5*
Lxvin Einleitung politischen Ökonomie“ erklärt hatte; unter den Momenten, die ihm den ersten Anlaß zu seiner Beschäftigung mit ökonomischen Fragen gegeben haben, wird dort angeführt „die amtliche Polemik, die Herr v. Schaper, damals Oberpräsident der Rheinprovinz, mit der Rheinischen Zeitung über die Zustände der Moselbauern eröffnete“. Wie es zu dieser Polemik kam und wie sie verlief, darüber alle nötigen Angaben in den Anmerkungen im zweiten Halbband. Die Rheinische Zei¬ tung, d. h. der Redakteur Marx, griff in den Moselartikeln ein aktuelles ökonomisch-politisches Problem an, das damals und noch lange Zeit darnach, des öfteren auch in neuerer Zeit, von großer Bedeutung war. Die Not der Moselwinzer, unmittelbar hervorgerufen durch die Zoll¬ vereinspolitik, zugleich aber verschärft durch den Gegensatz zwischen Kleinwinzern und Weingutsbesitzern, auf dem Grunde der auch hier sich entwickelnden kapitalistischen Verhältnisse, bildete eines der bedeuten¬ den, obwohl lokal begrenzten sozialen Probleme des vormärzlichen Preußen. In der zeitgenössischen Publizistik wurde die Notlage der bäuerlichen Winzer an der Mosel häufig in eine Linie mit den übrigen, bekannteren so¬ zialen Notständen jener Zeit gestellt. In diesem Sinne erwähnt Engels im Jahre 1845 in seinem zu Elberfeld gehaltenen Vortrag über Kommunismus das Moselproblem, indem er, die soziale Lage im damaligen Deutschland schildernd, neben dem Notstand im westfälischen Leinengebiet und in der Senne, dem schlesischen Weberelend und den Arbeiterunruhen in Böhmen in einem Atem auf die Moselnot und zugleich auf die Rolle der Rhei¬ nischen Zeitung hinweist: „Von der Armut der Mosel- und Eifelgegenden wußte die Rheinische Zeitung viel zu erzählen“ *). Einen ähnlichen Hin¬ weis finden wir auch bei Karl Heinzen, der in seinem berühmten Pamphlet gegen die „preußische Bürokratie“ (Darmstadt 1845) das Kapitel über den „schlesischen Aufruhr“ mit der Mahnung beschließt: „Hoffentlich wird die Mosel und die Wupper keine ähnliche Veranlassung bringen, die Rechnung der Bürokraten zu vergrößern“ (S. 252) ’). Marx konnte seine Artikelserie nicht zu Ende führen. Statt der ge¬ planten fünf Themen behandeln die erschienenen Artikel nur zwei. Aus den Zensurakten geht klar hervor, worauf auch die Inhaltsübersicht der *) Rheinische Jahrbücher zur gesellschaftlichen. Reform. Hrsg. v. H. Pütt¬ mann, Darmstadt 1845. I, 71f. ’) Marxens Artikel sind äußerst wertvolle Beiträge zur Geschichte des Pauperis¬ mus an der Mosel, und die beiden neueren historischen Untersuchungen, die den Mosel¬ notstand im Vormärz am ausführlichsten behandeln, die noch ungedruckte Doktor¬ dissertation von Karl Breuer über „Ursachen und Verlauf der Revolution von 1848/49 im Moseltale . . .“ (Bonn 1920) und die auch in Buchform erschienene Dissertation von Felix Meyer: „Weinbau und Weinhandel an der Mosel, Saar und Ruwer . . .“ (Koblenz 1926) haben die Artikel von Marx und die darin angeführten Quellen herangezogen.
Einleitung LXIX Rheinischen Zeitung vom 10. Februar 1843 (Nr. 41) hinweist, daß das dritte Thema über die „Krebsschäden an der Mosel“ von Marx gleichfalls ausgearbeitet, der Artikel jedoch vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz, v. Schaper, selbst unterdrückt worden ist. Daraufhin unterließ Marx sicherlich die Ausarbeitung des vierten Themas, das die „Vampire der Mosel“, also wohl den Wucher, und die „Vorschläge zur Abhilfe“ hätte behandeln sollen. Es war ein Stück großen sozialen Elends, das die Rheinische Zeitung und Marx aufdecken wollten. Es stellte im Moselgebiet den hauptsäch¬ lichsten Nährboden für die revolutionäre Bewegung von 1848/49 dar, woran die bäuerlichen Winzer unter Führung des von Marx gerecht¬ fertigten ft-Korrespondenten der Rheinischen Zeitung, Peter Coblenz x), mit außerordentlicher Energie und Ausdauer teilgenommen haben. Der letzte Teil der Moselartikel erschien am 20. Januar 1843. Tags darauf wurde das Verbot der Rheinischen Zeitung für den 1. April ver¬ hängt. Wie aus seinem Brief an Ruge vom 25. Januar 1843 hervorgeht, empfand Marx diese Wendung als eine Erleichterung. Er ist „der Heu¬ chelei, der Dummheit, der rohen Autorität“ und des „Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde“ geworden, die Re¬ gierung hat ihn „wieder in Freiheit gesetzt“. Von diesem Moment an denkt Marx schon an literarische Pläne und Unternehmungen außerhalb Deutschlands. Auf deutschem Boden kann er seine Kämpfe nicht ausfechten. Noch nimmt er teil an den Versuchen der Aktionäre der Rheinischen-Zeitungs-Gesellschaft, das Blatt zu retten, jedoch streng darauf achtend, daß die von einzelnen Aktionärgruppen erstrebte Verleugnung der bisher vertretenen Prinzipien nicht Realität werde. In seinen Randglossen zu dem Ministeriaireskript, worin das Ver¬ bot ausgesprochen war, weist er alle Vorwürfe der Regierung zurück, aber nicht unter irgend einer Verleugnung des Standpunktes der Rhei¬ nischen Zeitung, sondern in der Form, daß er ihre allgemeine Tendenz und Stellungnahme zu besonderen Fragen als übereinstimmend mit den richtig begriffenen Interessen des preußischen Staates darstellt. Es verstand sich von selbst, daß in den fast zwei Monaten zwischen der Verhängung des Todesurteils und dem 18. März 1843, dem Tage, an dem er die Redaktion öffentlich niederlegte, Marx für das Blatt keine größeren Arbeiten mehr übernahm. Er ist schon voller Pläne, die zukünftige lite¬ rarische Unternehmungen betreffen, zugleich beschäftigt mit persönlichen Angelegenheiten; er will die endliche Heirat ermöglichen. In diesen letzten Wochen seiner Redaktionszeit weilt er viel in Trier bei der Familie *) Näheres über ihn bei H. Stahl, Die Revolution von 1848/49 an der Mittel¬ mosel. S. 9, 16ff.
LXX Einleitung seiner Braut und überläßt die Redaktionsgeschäfte den beiden Geranten Jung und Oppenheim, ferner Karl Heinzen. Von den drei Artikeln, die er während dieser Zeit noch schrieb, ist der erste — über die Landtagsabgeordnetenwahl in Köln (S. 384ff.) — insofern bemerkenswert, als auch er von jenem er¬ wachenden Interesse für ökonomische Fragen zeugt, über das Marx im Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ berichtet. Die Duplik — „Stilistische Übungen der ,R h e i n - und Moselzeitung‘“ (S. 388ff.) — ist bezeichnend für Marxens Vorliebe, in Polemiken nicht nur die Argumentation des Gegners, son¬ dern auch seinen Stil zu zergliedern und jeden unechten Ton — als sicheres Zeichen mangelnder Wahrhaftigkeit — zu notieren und zu persiflieren. Im Artikel über „Die ,Rhein- und M o s e 1 z e i t u n g‘ als Großinquisitor“ (S. 391 ff.) ist die Polemik viel mehr gegen die „Trier’sche Zeitung“ als gegen die „Rhein- und Moselzeitung“ gerichtet. Es war dies das erste Mal, daß Marx gegen ein Organ des Radikalismus, gegen ein linkes Organ, auftrat. Der Artikel, worin er — nach dem Aus¬ druck des Zensors St.-Paulx) — den „Dichter Sallet gegen den ehren¬ rührigen Vorwurf, er sei ein Christ“, in Schutz nahm, wurde von der Zensur gewiß nur zu dem Zwecke zugelassen, um das Blatt vor religiös gesinnten Lesern zu kompromittieren. Wenn auch Marx in diesen Wochen schon kein so intensives Interesse an der Zeitung mehr hatte, wäre es immerhin selbstverständlich gewesen, die Redaktion, wenn er sie nicht sofort nach dem Verbotserlasse nieder¬ gelegt hatte, noch bis zur Endfrist der Zeitung, also bis zum 31. März, weiterzuführen. Marx legte aber mit einer vom 17. März datierten und am 18. März erschienenen kurzen Erklärung wegen der „jetzigen Zensur¬ verhältnisse“ die Redaktion nieder. Den unmittelbaren Anlaß zu diesem Schritte kennen wir nicht. Am wahrscheinlichsten ist es, daß sein Rück¬ tritt durch opportunistische Rettungsversuche der Aktionäre beschleunigt wurde. Marx selbst sagte darüber in dem von uns oft erwähnten Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“: „Ich ergriff . . . begierig die Illusion der Geranten der Rheinischen Zeitung2), die durch schwächere Haltung des Blattes das über es gefällte Todesurteil rückgängig machen zu können glaubten, um mich von der öffentlichen Bühne in die Studier¬ stube zurückzuziehen.“ 1) In einem Bericht an das Innenministerium vom 29. März 1843; Hansen, a. a. O., I, 501. *) Dies bezieht sich wohl vor allem auf Oppenheim und nicht auf Jung.
Einleitung LXXI Kritik des Hegelschen Staatsrechts Zu den Arbeiten, die Marx bald nach dem Untergang der Rheinischen Zeitung in der „Studierstube“ schuf, gehören die beiden in den „Deutsch- Französischen Jahrbüchern“ erschienenen Aufsätze „Zur Judenfrage“ und „Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie, Einleitung“. Aber diese „Einleitung“ zur Hegelkritik wurde erst geschrieben, nachdem die „kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie“, unternommen zur Lösung der Zweifel, die ihn um diese Zeit bestürmten1), schon durch¬ geführt und in einer großen, ungedruckt gebliebenen Arbeit nieder¬ gelegt war. Mehring, ebenso wie den anderen, die im Marx-Nachlaß Forschungen gemacht haben, ist diese Schrift völlig entgangen, obwohl aus mehreren Briefen bekannt war, daß Marx eine Untersuchung dieses Themas sich vorgenommen hatte. Das Manuskript, um das es sich handelt, besteht aus lose aneinander¬ gereihten Foliobogen. Der erste vorhandene Bogen trägt die Nummer II, folglich ist der erste Bogen — vier Seiten stark — verloren gegangen. Wohl aus diesem Grunde fehlen Titel und Datierung. Mit Bogen II be¬ ginnt die Analyse des § 261 der Hegelschen Rechtsphilosophie. Der verlorengegangene erste Bogen enthielt offenbar die Kritik der Para¬ graphen 257 bis 260, die bei Hegel den Abschnitt über den Staat einleiten. Die Bogen sind von Marx durchgängig mit römischen Ziffern numeriert, außerdem sind 87 Seiten von ihm paginiert. Von Bogen II an sind alle, insgesamt 39, bis zum letzten Bogen lückenlos vorhanden. Demnach müßte das Manuskript 156 Seiten haben, da aber einige Bogen nur aus einem Blatt (das sind zwei Seiten) bestehen, mehrere Seiten auch unbeschrieben geblieben sind, weist das erhalten gebliebene Manuskript insgesamt 131 beschriebene Folioseiten auf. Der Anfang eines von Marx begonnenen Inhaltsverzeichnisses findet sich auf der letzten Seite. Daß Marx sich mit einer Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie befaßte, geht aus einigen seiner Briefe hervor. Schon am 5. März 1842 schreibt er an Ruge2) über eine für die Deutschen Jahrbücher bestimmte „Kritik des Hegelschen Naturrechts, soweit es innere Verfassung betrifft“: „Der Kern ist die Bekämpfung der konstitutionellen Monarchie als eines durch und durch sich widersprechenden und aufhebenden Zwitterdings.“ Aus dem Briefe vom 20. März 8) an den¬ 1) Zur Kritik der politischen Ökonomie. Vorwort. 9) Siehe Brief Nr. 52 im zweiten Halbband. *) Siehe Brief Nr. 54 im zweiten Halbband.
LXXII Einleitung selben Ruge geht hervor, daß er diese Kritik ursprünglich für die „Po¬ saune“ schrieb oder schreiben wollte; da ihm aber inzwischen der „Posaunenton“ lästig wurde, hatte er den im März begonnenen Aufsatz offenbar wieder beiseite gelegt; obwohl es im Briefe vom 5. März heißt, daß es nur noch der Reinschrift und teilweise der Korrektur bedürfe, wissen wir nicht das geringste, wie weit die Arbeit tatsächlich gediehen ist. Das Thema beschäftigte Marx weiter. Durch die Juste-milieu-Artikel von Edgar Bauer auf den Plan gerufen, wünscht er laut seinem Brief vom 25. August 1842 an Dagobert Oppenheim gegen diese „Demonstra¬ tion“ in einem polemischen Artikel in der Rheinischen Zeitung aufzu¬ treten; wenn Oppenheim die Spalten der Zeitung für eine solche Polemik nicht für geeignet halte, so würde er sie seinem für die „Anekdota“ be¬ stimmten „Aufsatz gegen Hegels Lehre von der konstitutionellen Mon¬ archie“ als Anhang beigeben. Aus dieser Stelle wird ersichtlich, daß Marx noch immer an eine Arbeit über Hegels Rechtsphilosophie dachte, obwohl im Briefe vom 27. April an Ruge in der Aufzählung der vier in Arbeit befindlichen Aufsätze einer solchen Kritik der Rechtsphilosophie keine Erwähnung ge¬ tan war. Gerade der Brief an Oppenheim stand aber, wie schon erwähnt, mit Marxens Eintritt in die Redaktion der Rheinischen Zeitung in Zusammen¬ hang. Die Redaktionszeit war nun gewiß nicht dazu geeignet, größere theoretische Arbeiten zur Ausführung kommen zu lassen. Wenn auch aus den erwähnten Briefstellen unzweideutig hervorgeht, daß Marx sich schon seit März 1842 mit einer Kritik des Hegelschen Staatsrechts trug, so ist doch nachweisbar, daß mit der Niederschrift des vorliegenden Manu¬ skripts nicht früher als März 1843, d. h. ein gutes Jahr später, begonnen wurde. Die Marxsche Kritik des Hegelschen Staatsrechts weist einen unmittel¬ baren, ja bis zu einem gewissen Grade entscheidenden Einfluß von Feuer¬ bachs „Vorläufigen Thesen zur Reformation der Philosophie“ auf, sie konnte daher in der vorliegenden Form erst nach deren Erscheinen ge¬ schrieben werden. Die Feuerbachschen Thesen sind nun bekanntlich in denselben „Anekdota“ enthalten, die Marxens „Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion“ gerade mit einem Jahre Ver¬ spätung brachten. Der am 13. Februar 1843 herausgekommene Doppel¬ band wurde Marx von Ruge mit einem Begleitbrief vom 26. Februar zu¬ gesandt. Im Brief vom 13. März, worin Marx den Empfang bestätigt, macht er zugleich kurze kritische Bemerkungen über den Inhalt des Ban¬ des; über die „Vorläufigen Thesen“ äußert er sich ausführlicher: „Feuer¬ bachs Aphorismen sind mir nur in dem Punkt nicht recht, daß er zu sehr
Einleitung LXXIII auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden kann.“ x) Feuerbach erklärt nun gleich zu Anfang, in seiner siebenten These: „Die Methode der reformatorischen Kritik der spekulativen Phi¬ losophie überhaupt unterscheidet sich nicht von der bereits in der Religionsphilosophie angewandten. Wir dürfen nur im¬ mer das Prädikat zum Subjekt, und so als Subjekt zum Objekt und Prinzip machen — also die spekulative Philosophie nur umkehren, so haben wir die unverhüllte, die pure, blanke Wahrhei t.“ a) Dieses methodische Prinzip zur Kritik der „spekulativen Philosophie“ im allgemeinen, das Feuerbach bis zu einem gewissen Grade bereits im „Wesen des Christentums“ auf die Religion und Religionsphilosophie angewandt hatte, ohne es dort in der programmatischen Form der „Thesen“ hervorzuheben, führt Marx nun an seinem besonderen Gegen¬ stand, in der Kritik von Hegels Rechtsphilosophie, speziell seines Staats¬ rechts durch. Dies wird in der ganzen Arbeit durchgängig sichtbar. Marx formuliert sein Verfahren zuweilen fast mit wörtlicher Anlehnung an die Feuer- bachsche These. Er spricht von „Umkehrung“ des Verhältnisses von Familie und bür¬ gerlicher Gesellschaft zum Staat (S. 406), von der Hegelschen „Mysti¬ fikation“, „überall die Idee zum Subjekt“ und „das eigentliche wirkliche Subjekt zum Prädikat“ (S. 410ff.), die Bedingung zum Bedingten, das Bestimmende zum Bestimmten, das Produzierende zum Produkt seines Produkts zu machen (S. 407, 519 etc.). Nicht die Logik der Sache, son¬ dern die Sache der Logik sei bei Hegel das philosophische Moment: „Die Logik dient nicht zum Beweis des Staates, sondern der Staat dient zum Beweis der Logik“ (S. 418) ; „der wahre Weg wird auf den Kopf ge¬ stellt . . . Was Ausgang sein sollte, wird zum mystischen Resultat, und was rationelles Resultat sein sollte, wird zum mystischen Ausgangspunkt“ (S. 447). Marx reduziert das Phänomen dieser „Umkehrung“ darauf, daß Hegel „das Wesen des Menschen für sich, als eine imaginäre Einzelheit, statt in seiner wirklichen, menschlichen Existenz“ wirken lasse (S. 446) ; — Feuerbach hatte ganz ähnlich erklärt, Hegel habe „d a s Wesen des Menschen außer den Menschen“ gesetzt, „den Menschen sich selbst entfremdet“’). 0 Siehe Brief Nr. 77 im zweiten Halbband. a) Anekdota, II, 63f. ’) Anekdota, II, 67.
LXXIV Einleitung Außer der Übereinstimmung des methodologischen Prinzips sind weiter noch Hinweise auf Feuerbach als den Religionskritiker besonders in einer Reihe von ausdrücklichen Analogien zwischen der Kritik der Politik und der Kritik der Religion unverkennbar, obwohl Feuerbachs Name nie genannt ist. Diese wenigen Hinweise auf den Einfluß der „Vorläufigen Thesen“ verdeutlichen schon — und es kann uns hier nur auf diese Feststellung an¬ kommen — daß Marx das vorliegende Manuskript erst nach dem Studium dieser „Thesen“, also frühestens gegen Ende März 1843 beginnen konnte. Für den Zeitpunkt des Abschlusses findet sich ein mehr mittelbarer Anhaltspunkt, und zwar in einem Marxschen Exzerpthefte des Jahres 1843 *). Laut Überschrift datiert dieses Heft aus Kreuznach im Juli- August 1843. Gegen Ende der Hegelkritik ist von der modernen französischen Kon¬ stitution, speziell von der in ihr „zur reinen Nichtigkeit herabgesetzten“ Pairskammer die Rede: „Die Pairskammer unter der Restauration war eine Reminiszenz, die Pairskammer der Julirevolution ist ein wirkliches Geschöpf der konstitutionellen Monarchie“ (S. 536). Im erwähnten Exzerptheft — es ist das vierte der Kreuznacher Hefte und enthält Aus¬ züge aus der Historisch-Politischen Zeitschrift von Ranke, Band I (1832), Heft 1, aus Rankes anonymem Aufsatz „Über die Restauration in Frank¬ reich“ — findet sich nun mitten in den ausgezogenen Zitaten folgende von Marx stammende Bemerkung, die durchweg auf das engste mit den zitier¬ ten Sätzen (wie noch mit anderen Ausführungen) des Manuskripts zu¬ sammenhängt : „Bemerkung. Unter Ludwig XVIII. die Konstitution Gnade des Königs (oktroyierte Charte vom König), unter Ludwig Philipp der König Gnade der Konstitution (oktroyiertes Königtum). Wir können überhaupt bemerken, daß die Verwandlung des Subjekts in das Prädikat und des Prädikats in das Subjekt, die Vertauschung des Bestimmenden und Bestimmten, immer die nächste Revolution ist. Nicht nur auf der revolutionären Seite. Der König macht das Gesetz (alte Monarchie), das Gesetz den König (neue Monarchie). Ebenso mit der Konstitution. Auch die Reaktionäre. Das Majorat ist Gesetz des Staats. Der Staat will Majoratsgesetz. Dadurch, daß Hegel daher die2) Momente der Staatsidee zum Subjekt und die alten Staats¬ existenzen zum Prädikat macht, während in der historischen Wirklich- i) Über Marxens Exzerpthefte aus dieser Periode berichtet der zweite Halbband. a) Folgen zwei gestrichene Worte: allgemeine angebliche
Bauleitung LXXV keit die Sache sich umgekehrt verhielt, die Staatsidee immer Prädikat jener Existenzen war, spricht er nur den allgemeinen Charakter der Zeit aus, ihre politische Teleologie. Es ist dasselbe wie mit seinem philosophisch-religiösen Pantheismus. Alle Gestalten der Un¬ vernunft werden dadurch Gestalten der Vernunft. Aber im Prinzip ist hier in der Religion die Vernunft, im Staat die Staatsidee zum Be¬ stimmenden gemacht. Diese Metaphysik ist der metaphysische Aus¬ druck der Reaktion, der alten Welt als Wahrheit der neuen Welt¬ anschauung.“ Diese Übereinstimmung erweist ausschlaggebend, daß zumindest die letzten Teile des Manuskripts etwa gleichzeitig mit der „Bemerkung“ des Exzerptheftes entstanden sind. Nun ist aber aus dem gegenseitigen Zu¬ sammenhang der vorhandenen fünf Kreuznacher Exzerpthefte, die alle im Zeitraum Juli-August geschrieben worden sind, wie aus der Stellung der Ranke-Exzerpte im vierten dieser Hefte mit ziemlicher Sicherheit zu schließen, daß die Exzerpierung Rankes samt der erwähnten Bemerkung von Marx nicht mehr in den Juli, sondern schon in den August 1843 fällt. Die Niederschrift der letzten Bogen des Manuskripts ist also nicht vor August 1843 und auch kaum nach diesem Monat zu datieren. Unsere Untersuchung wird wiederum vollauf bestätigt durch die so oft heran¬ gezogenen autobiographischen Mitteilungen Marxens im Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“: er habe, heißt es dort, nach seinem Austritt aus der Redaktion der Rheinischen Zeitung und Rückzug in die „Studierstube“ vor allem eine „kritische Revision der Hegelschen Rechts¬ philosophie“ unternommen. Und als Marx im Nachwort zur zweiten Auf¬ lage des „Kapital“ am 24. Januar 1873 schrieb: „Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinahe 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war“, hatte er sicherlich auch seine Kritik des Hegelschen Staatsrechts im Auge. Deutsc h - Französische Jahrbücher Entstehung und Untergang und die zeitgenössische Wirkung dieser seinerzeit berühmten, dann jahrzehntelang in fast völlige Vergessenheit untergetauchten Zeitschrift ist aus den Arbeiten von Mehring und Gustav Mayer in großen Umrissen hinlänglich bekannt. In dem zweiten Halbband wird ihre Geschichte an Hand einer Fülle von zeitgenössischen Doku¬ menten und Pressenachrichten ausführlich dargestellt. An erster Stelle bringen wir den „Briefwechsel von 1843“ (S. 557ff.). Ebenso wie Mehring drucken wir ihn vollständig ab, ohne
LXXVI Einleitung die Briefe von Ruge, Bakunin und Feuerbach auszuschließen. Ob der Gedanke, diesen Briefwechsel den Deutsch-Französischen Jahrbüchern einzuverleiben, wirklich Marx allein gehört, wie dies Mehring glaubt, ist schwer zu sagen. Wir halten es für wahrscheinlich, daß der Plan von Ruge stammt, der die zentrale Figur dieses Briefwechsels dar stellt. Ein indirekter Beweis dafür mag in dem Umstand erblickt werden, daß Ruge in seinen „Sämmtlichen Werken“ 1847 nicht nur den von ihm ver¬ faßten „Plan der Deutsch-Französischen Jahrbücher“1), sondern auch den „Briefwechsel von 1843“ 2) wieder abdruckte. Wenn er dabei den zweiten Brief von Marx an einigen Stellen änderte, so erklärt sich diese „Verstümmelung“ aus den Zensurverhältnissen. Anders steht es aber mit dem letzten Marx-Brief, den er vom Wiederabdruck ausschloß. In diesem „September“-Brief war von Marx eigentlich ein Programm der Zeitschrift entworfen worden, das sich von Ruges Programmartikel jedenfalls stark unterschied: mit der Unterdrückung eines solchen Briefes wollte Ruge gewiß unterstreichen, daß er mit dessen Inhalt keineswegs einverstanden sei. Der wirkliche Tatbestand ist unseres Erachtens jedoch ein anderer. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Marx nach Empfang der von Ruge zu¬ sammengestellten Briefe — sie berichten über die Vorgeschichte der neuen Zeitschrift als Nachfolgerin der Deutschen Jahrbücher — eben diesen Schlußbrief, „M. an R. Kreuznach, im September 1843“ (S. 572ff.), stark abgeändert hat. Im September 1843 war Marxens Anschauung doch wohl nicht so fest und scharf umrissen, wie sie in diesem Brief niedergelegt ist; eben darum besteht zwischen diesem Programmbrief und dem Inhalt der Zeitschrift noch nicht die scharfe Diskrepanz, die zwischen Ruges „Plan“ und den Beiträgen von Marx und Engels hervortritt, die den Rugeschen Programmartikel in ein überflüssiges Anhängsel ver¬ wandelt. Selbstverständlich stellen auch die Ruge, Bakunin und Feuer¬ bach gehörigen Briefe nicht eine genaue Reproduktion der wirklichen Briefe dar, aber die hier vorliegenden redaktionellen Änderungen sind offenbar von Marx und Ruge nach vorheriger Verabredung gemacht worden. Daß ferner in bezug auf den Kommunismus zwischen Marx und Ruge damals — im November und Dezember — noch kein so aus¬ gesprochener Gegensatz bestand, wie einige Monate später, erweist am besten der Artikel, den Engels am 18. November 1843 in „New Moral World“ veröffentlicht hat; es heißt darin: „Communism, however, was such a necessary conséquence of New Hegelian philosophy, *) Arnold Ruge’s sämmtliche Werke. Bd. IX, Polemische Briefe. S. 145—160. ’) Ebd. S. 113—141.
Einleitung LXXVII that no opposition could keep it down, and, in the course of this present year, the originators of it had the satisfaction of seeing one republican after the other join their ranks. Besides Dr. Hess, one of the editors of the now suppressed Rhenish Gazette, and who was, in fact, the first Communist of the party, there are now a great many others; as Dr. Ruge, editor of the German Annals, the scientific periodical of the Young Hegelians, which has been suppressed by resolution of the German Diet; Dr. Marx, another of the editors ofthe Rhenish Ga¬ zette; George Herwegh, the poet whose letter to the King of Prussia was translated, last winter, by most of the English papers, und others: and we hope that the remainder of the republican party will, by-and-by, corne over too.“ Dieser Optimismus Engels’ war in Hinsicht Ruges freilich nur durch mangelhafte Information begründet. Der gewesene Herausgeber der „Deutschen Jahrbücher“ war zu dieser Zeit dem Kommunismus gegenüber nichts als ein wohlwollender Beobachter. In dem Programmartikel ver¬ pflichtete er sich nur, „Ausführungen über Menschen und Systeme, die von Einfluß und Bedeutung sind, zu bringen“1), also auch über den Kommunismus und Sozialismus. Aber nicht mehr. Marx dagegen war tatsächlich schon ein „philosophischer Kommunist“, entschiedener Geg¬ ner des Privateigentums, wie Engels selbst. Ausdrücklich erklärte er sich nur gegen den Versuch, den damals in Frankreich herrschenden Kom¬ munismus zum endgültigen Dogma zu machen: „So ist namentlich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht irgend einen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existie¬ renden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dezamy, Weitling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andere sozialistische Lehren, wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern not¬ wendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine besondere, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.“ (S. 573.) Gerade dieser Marx-Brief — datiert aus „Kreuznach, im Septem¬ ber 1843“, aber wohl ohne Ruges Vorwissen von Marx beträchtlich abgeändert — gibt also das wirkliche Programm der neuen Zeitschrift, die in den Marxschen und Engels’schen Aufsätzen sich in das erste Organ des deutschen „philosophischen Kommunismus“ verwandelt. Dies war auch von Anfang an die Auffassung von Engels, der in dem- *) Deutsch-Französische Jahrbücher, herausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx. 1. und 2. Lieferung. Paris 1844. S. 3.
LXXVIII Einleitung selben englischen Artikel schrieb: „. . . every necessary step is taken to bring about a successful agitation for Social Reform, to establish a new periodical, and to secure the circulation of all publications advocating Communism.“ Es unterliegt keinem Zweifel, daß Marx noch in Kreuznach seinen kommunistischen Mauserungsprozeß begann. Dies beweist am besten sein Artikel „Zur Judenfrag e“, der im Rohen unstreitig noch in Kreuz¬ nach geschrieben wurde und nur die endgültige Bearbeitung in Paris er¬ hielt. Auf jeden Fall geht der Aufsatz „Zur Judenfrage“ nicht nur chronologisch, sondern auch seinem ganzen Inhalt nach der „Einleitung“ „Zur Kritik der Hegelschen Rechts¬ philosophie“ vorher ; und eben deshalb weichen wir von der in den „D eutsch-Französischen Jahrbüchern“ gegebenen Reihenfolge ab. Wir stellen die „Judenfrage“ vor die „Einleitung“. Diese Anordnung entspricht dem inneren Zusammenhang der beiden Marxschen Aufsätze untereinander wie mit der oben behandelten Kritik des Hegelschen Staatsrechts. Wir begnügen uns hier mit der Hervor¬ hebung einiger entscheidender Momente. Die „J u d e n f r a g e“ — deren besonderer Inhalt am glänzendsten von Marx selbst in der „Heiligen Familie“ resümiert worden ist — steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Staatsrechtskritik, der gegen¬ über sie einen weiteren Schritt in dem theoretischen Entwicklungsgänge Marxens darstellt. In der Staatsrechtskritik hatte Marx das Verhältnis von politischem Staat und bürgerlicher Gesellschaft schon als eigentliches Hauptthema der Kritik an Hegel, zugleich an bestimmten politischen und historischen Bei¬ spielen bis zu einem gewissen Punkte entwickelt. Das zentrale Thema der „Judenfrage“ bildet „die weltliche Spaltung zwischen dem politischen Staate und der bürger¬ lichen Gesellschaft“ (S. 585, 591 etc.). Das neue Moment gegenüber der Staatsrechtskritik ist die Kritik des in Bruno Bauers Schrift verfochtenen Emanzipationsbegriffs. In der Staatsrechts¬ kritik ist von „Emanzipation“ noch nirgends die Rede; hier dagegen wird auf Basis des Feuerbachschen „realen Humanismus“ in der Auseinander¬ setzung mit Bauer die spezifische Differenz und Gegensätzlichkeit der be¬ schränkt politischen Emanzipation und der allgemeinen, der menschlichen Emanzipation gefaßt. Die Marxschen Untersuchungen über den Charakter der politischen Emanzipation haben ferner durchgängig die in der Staatsrechtskntik gegebene Analyse des allgemeinen Verhältnisses zwischen dem poli¬ tischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft zur Voraussetzung;
Einleitung LXXIX dasselbe gilt von den dort gemachten Ausführungen über die Stände (S. 437, 444f., 487f., 530f.), über die französische Revolution etc.; man vergleiche dazu die entsprechenden Ausführungen in der „Judenfrage“ (S. 596ff.). Daß in der „Judenfrage“ die ganze Entwicklung schon einen bedeut¬ samen Schritt weitergeführt ist, wird ferner sichtbar beim Vergleich der in beiden Arbeiten gegebenen Analogie zwischen dem Himmel der poli¬ tischen Welt und dem irdischen Dasein der Sozietät (S. 436f. und S. 497), vor allem aber in den folgenden Thesen über die politische Demokratie bzw. die politische Emanzipation: Es heißt in der Staatsrechtskritik S. 436: „Der Streit zwischen Mon¬ archie und Republik ist selbst noch ein Streit innerhalb des abstrakten Staats. Die politische Republik ist die Demokratie innerhalb der abstrak¬ ten Staatsform. Die abstrakte Staatsform der Demokratie ist daher die Republik; sie hört hier aber auf, die nur politische Verfassung zu sein.“ In der „Judenfrage“ S. 585f.: „Die politische Emanzipation ist allerdings ein großer Fortschritt, sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzte Form der menschlichen Emanzipation innerhalb der bisherigen Welt¬ ordnung. Es versteht sich: wir sprechen hier von wirklicher, von prak¬ tischer Emanzipation.“ Marx geht aber in seiner Kritik des Staats noch einen bedeutenden Schritt weiter. Er stellt die Frage schon nach Aufhebung des Staats als notwendiger Folge der kommunistischen Umwandlung der Gesellschaft: „Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhält¬ nissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine forces propres als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“ (S. 599). Er kommt schon zum Schluß, daß „das Geld das dem Menschen ent¬ fremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins“ (S. 603), daß die bürgerliche Gesellschaft die Welt des bellum omnium contra omnes ist, die Welt des Privateigentums, in der alles verschachert, ja das Gattungs¬ verhältnis selbst zu einem Handelsgegenstand wird, etc. In dieser Marx¬ schen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft hören wir schon die Töne des Kommunistischen Manifests1). O „Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natiir-
LXXX Einleitung Es ist zwar nur erst „philosophischer Kommunismus“, ein Kommunis¬ mus, wie er nach den Worten des jungen Engels eine logische Konsequenz der deutschen Philosophie bildet. Marx sagt hier noch nichts vom Pro* letariat als dem Träger und Verfechter des kommunistischen Prinzips, der menschlichen Emanzipation. Aber der Fortschritt der „Judenfrage“ gegenüber der Staatsrechtskritik liegt auf der Hand. Der Nachweis des engen Zusammenhangs beider Schriften, und zwar in der von uns behaupteten Aufeinanderfolge, wird noch unterstützt durch den Umstand, daß ein großer Teil der von Marx in der „Judenfrage“ ver¬ wendeten Zitate — die aus Rousseau, Wachsmuth, Ranke und Hamilton — in denselben, Juli und August 1843 geschriebenen Kreuznacher Exzerpt¬ heften zu finden ist, von denen das vierte die — für die Datierung der Staatsrechtskritik in Betracht kommende — oben wiedergegebene „Be¬ merkung“ enthält. Auch dieses äußerliche Moment deutet darauf hin, daß die Entstehungszeiten der beiden Schriften eng aneinander grenzen, daß die „Judenfrage“ unmittelbar nach der Kritik des Hegelschen Staats¬ rechts geschrieben worden ist. Im Artikel „Zur Judenfrage“ finden sich nun auch Zitate aus dem berühmten Quellenwerk von Bûchez und Roux über die französische Re¬ volution; daß aber Marx dieses Werk im Monat August noch nicht in Händen gehabt hat, dafür liegt ein gewisser Anhaltspunkt vor. Unter den Exzerpten aus Wachsmuth befindet sich eine Liste von zahlreichen Werken über die französische Revolution, die Marx sich aus Wachsmuth zusammenstellte. An der ersten Stelle dieses Verzeichnisses figuriert der volle Titel des Werkes von Bûchez und Roux1) mit Angabe der Bandzahl, des Verlags, des Erscheinungsortes etc., mit einer bibliographischen Ge¬ nauigkeit, wie sie bei allen übrigen hier vermerkten Buchtiteln nicht zu finden ist. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß der Aufsatz über die „Judenfrage“ zwar noch in Kreuznach, wie wir schon oben sagten, von Marx angefangen worden ist, daß er aber erst in Paris die endgültige Fassung erhalten hat. Als Marx die Hegelsche Lehre von den Ständen einer gründlichen Kritik unterwarf, konnte es scheinen, als vergäße er das Proletariat. Ja noch im Aufsatz „Zur Judenfrage“ wird dieser Klasse kein einziges Mal liehen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ,bare Zahlung1. — Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ (Das Kom¬ munistische Manifest) i) Histoire parlementaire de la Révolution française, ou Journal des Assemblées nationales, depuis 1789 jusqu’en 1815. Par B.-J.-B. Bûchez et P.-C. Roux. 40 T. Paris 1834—1836. Chez Paulin.
Einleitung LXXXI Erwähnung gétan, obwohl die Analyse der „bürgerlichen Gesellschaft“ ihn auf die Frage stoßen lassen mußte: wodurch das Proletariat sich von den übrigen Schichten dieser Gesellschaft unterscheide? Dies Problem wird gestellt und gelöst erst in der „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtphilosophi e“. Sie bildet nur eine weitere Etappe in der Entwicklung der Ansichten, die wir schon in der Kritik des Staatsrechts und in der „Judenfrage“ verfolgt haben. Allein welch ein mächtiger Fortschritt im Vergleich mit der „Judenfrage“, wiewohl chronologisch nur eine sehr kurze Spanne Zeit beide Schriften voneinander trennt! Die „Kritik der Hegelschen Rechts¬ philosophie“ kann offensichtlich nur um die Jahreswende 1843/44 ge¬ schrieben worden sein. Sie betitelt sich „Einleitung“, sie klingt aber wie ein Kampfruf, wie das Manifest einer neuen Richtung, einer neuen Partei. Das Problem, das aus der Behandlung der „Judenfrage“ sich logisch ergab, ist nunmehr gelöst. Die bürgerliche Gesellschaft führt zur Schaf¬ fung einer neuen Klasse: des Proletariats. Die proletarische Klasse formiert sich mit der „hereinbrechenden industriellen Bewegung“, sie wird gebildet nicht durch „die naturwüchsig entstandene, sondern die künstlich produzierte Armut“, sie ist Resultat der Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft. „Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben, was in ihm als negatives Resultat der Ge¬ sellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist“ (S. 620). Zur geistigen Waffe dieser Klasse proklamiert Marx die Philosophie, und zwar gerade die Philosophie, die das anthropologische Prinzip zu ihrem Eckstein gemacht hatte, — die Philosophie Ludwig Feuerbachs. „Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Be¬ freiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt“ (S. 620). In der Ausdrucks¬ weise der Feuerbachschen Thesen sagt Marx: der Kopf der Emanzi¬ pation des Menschen ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. So hat denn die Philosophie, die bisher vergeblich nach einer Partei gesucht, auf die sie als auf ihre materielle Basis sich hätte stützen können, nunmehr diesen festen Boden unter den Füßen; die Philosophie wendet sich, zur höchsten Unzufriedenheit der alten Freunde Marxens, an die Masse. Erinnern wir uns, daß sogar Engels noch im November 1843 in Sachen der Verwirklichung des Kommunismus alle seine Hoffnungen auf die Intelligenz und auf die Bourgeoisie richtete. „It will appear very singulär to Englishmen, that a party which aims at the destruction of private pro- perty, is chiefly made up by those who have property ; and yet this is the Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 6
LXXXII Einleitung case in Germany. W e can recruit oui ranks f r o m those classes only which hâve enjoyed a pretty good édu¬ cation; that is, from the universities and from the commercial class; and in either we have not hitherto met w i t h any considérable difficulty.“ Die neue Umwelt, in die Marx geriet, gab seinem Denken einen mäch¬ tigen Impuls. Nach der Übersiedelung nach Paris im November 1843 machte er sich, zugleich mit dem Studium der französischen Revolutions¬ geschichte und des Sozialismus, mit der Arbeiterbewegung bekannt, die ihm jetzt zum ersten Male leibhaftig vor Augen trat. Er besuchte eifrig die Versammlungen der deutschen und französischen Arbeiter. In einer noch unveröffentlichten Marxschen Handschrift aus dem Jahre 1844 finden wir dazu folgende höchst interessante Darlegung: „Wenn die kommnni- stischen Handwerker sich vereinen, so gilt ihnen zunächst die Lehre, Pro¬ paganda etc. als Zweck. Aber zugleich eignen sie sich dadurch ein neues Bedürfnis, das Bedürfnis der Gemeinschaft, an, und was als Mittel er¬ scheint, ist zum Zweck geworden. Diese praktische Bewegung kann man in ihren glänzendsten Resultaten anschauen, wenn man sozialistische fran¬ zösische ouvriers vereinigt sieht. Rauchen, Trinken, Essen etc. sind nicht mehr da, als Mittel der Verbindung, oder als verbindende Mittel. Die Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung, die wie¬ der die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin, die Brüderlichkeit der Menschen ist keine Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen, und der Adel der Menschheit leuchtet uns aus den von der Ar¬ beit verhärteten Gestalten entgegen.“ Die Marxsche Schrift, mit der wir unseren Band beschließen, die Ein¬ leitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, ist Ende Februar 1844 erschienen. Wir machen also zwischen diesem und dem dritten Bande, der die fol¬ genden Schriften von Marx enthalten wird, ebendort eine Zäsur, wo auch Mehring sie in seiner Nachlaßausgabe macht. Es handelt sich dabei um keinerlei willkürliche, von äußeren, etwa technischen Umständen be¬ stimmte Anordnung, sie entspricht vielmehr ebenso dem Abschnitt, den die Übersiedelung nach Paris im literarischen Schaffen von Marx bedeutet, wie seinem geistigen Entwicklungsgänge: die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie mit ihren in der „Einleitung“ entwickelten Resultaten schließt in der Tat eine Phase ab, der Aufenthalt in Paris, die neue soziale und politische Welt, die er dort kennen lernte, das nunmehr beginnende intensive Studium der französischen Revolution, des französischen So-
Einleitung LXXXIII zialismus, der politischen Ökonomie — all dies eröffnet und bezeichnet schon eine neue und höhere Stufe. Es vergehen, von der Übersiedelung nach Paris an gerechnet, fast drei Vierteljahre, bis Marx — mit seinem Artikel gegen Ruge im Pariser „Vor¬ wärts“, August 1844 — wieder an die Öffentlichkeit tritt; bis dahin arbeitet er, nach Ruges Ausdruck1), „mit ungemeiner Intensivität“, stürzt sich „immer von neuem in ein endloses Büchermeer“, vertieft sich in philosophische, historische und ökonomische Studien. Einige Wochen nach dem Erscheinen der Deutsch-Französischen Jahr¬ bücher erfolgt der prinzipielle und persönliche Bruch mit Ruge. In Paris beginnt die kritische Auseinandersetzung mit den politischen Öko¬ nomen : die Kritik der Politik verwandelt sich in die Kritik der Ökonomie. Die Einsicht, daß in der politischen Ökonomie „die Anatomie der bürger¬ lichen Gesellschaft“ zu suchen sei, war das Ergebnis jener Untersuchun¬ gen, die später im Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ zu¬ sammenfassend bezeichnet sind. Eine bestimmte Rolle bei Erarbei¬ tung dieser Einsicht kam sicherlich auch den „Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie“ zu, — dieser „genialen Skizze zur Kritik der öko¬ nomischen Kategorien“, wie sie Marx später nennt1) ; sie war gleichfalls in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern erschienen. Auch diese in¬ tellektuelle Begegnung von Marx und Engels bezeichnet den Abschluß einer früheren, den Anfang einer neuen Phase in Marxens Entwicklung: es beginnt die gegenseitige Einwirkung der beiden großen Geister, der ein Jahr später die mit der „Heiligen Familie“ begründete unmittelbare Ar¬ beitsgemeinschaft folgt. Wir beschließen daher unsern ersten Halbband mit den Marxschen Arbeiten aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern. Die mit den Werken und Schriften des ersten Bandes verbundenen Briefe und Dokumente, manche Beilagen und die Anmerkungen des ersten Bandes samt Register mußten aus technischen Gründen in einem separaten zweiten Halbband vereinigt werden. Über die Auswahl der Briefe und Dokumente, über die Beilagen, ferner über die Richtlinien, die bei der Anfertigung der Anmerkungen maßgebend waren, wird die Einleitung des zweiten Halbbandes Rechenschaft geben. Dort bringen wir auch einige Manuskripte von Marx zum Abdruck, die infolge ihrer ursprüng¬ lichen Bestimmung sich nicht gut dazu eigneten, unter die Schriften und Brief Ruges an Feuerbach vom 15.Mai 1844; siehe P. Nerrlich, Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebuchblätter. Berlin 1886. Bd. I, S. 342ff. *) Im Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. 6e
LXXXIV Einleitung Werke auf genommen zu werden, so drei Abiturientenaufsätze und zwei von ihm entworfene Antwortschreiben an die Zensurbehörden über die Tendenz der Rheinischen Zeitung, ebenso einige Notizen aus den Deutsch- Französischen Jahrbüchern, die wahrscheinlich von Marx geschrieben sind. Die beiden Halbbände werden also, dem Gesamtplan unserer Ausgabe gemäß, nicht nur die Werke und Schriften, sondern auch alle sonstigen schriftlich niedergelegten Zeugnisse des Bildungsganges und geistigen Schaffens von Marx bis Anfang 1844 enthalten. Die Mitarbeiter, die an den Anmerkungen und Beilagen arbeiteten, seien hier schon erwähnt ; es sind dies in erster Linie F. Schiller, K. Schmückle, Frau G. Biehahn, H. Stein, G. Röber; ferner seien auch W. Biehahn, P. H a j d u, W. Rohr für ihre Mithilfe genannt. Unser Berliner Korrespondent, B. Nikolaj evskij, war un¬ ermüdlich im Sammeln von Materialien und Angaben aller Art. Die Textherstellung der beiden großen, erstmalig aus dem Manuskript veröffentlichten Stücke ist im wesentlichen die Arbeit von A. W o d e n (Vorarbeiten zur Dissertation) und K. Schmückle (Vorarbeiten und Kritik des Hegelschen Staatsrechts) ; von Wert war hierbei die Mitarbeit von G. Bammel und A. Rubin. Frau S. Senilova war beim Entziffern, Frau A. Bernfeld und H. Jaeger (Frankfurt a. M.) beim Korrekturenlesen behilflich.
DIE DOKTORDISSERTATION
Die Dissertation Titel, Widmung, Zueignung, Vorrede, Inhalt .... 3—11 Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 13—52 Fragment aus dem Anhang: Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie 53—56 Anmerkungen zur Dissertation 57— 81 Aus den Vorarbeiten zur Geschichte der epikureischen, sto¬ ischen und skeptischen Philosophie 83—144 Geschrieben Anfang 1839—März 1841 In der Dissertation weisen die hochgestellten Ziffern auf die mit jedem Kapitel neu beginnende Numerierung der Anmerkungen von Marx, Sternchen * und Kreuze t auf die textkritischen Fußnoten des Herausgebers hin. In den Vorarbeiten verweisen die hochgestellten Ziffern auf die Fußnoten des Herausgebers.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie nebst einem Anhänge von Karl Heinrich Marx Doktor der Philosophie
Seinem teuren väterlichen Freunde, dem Geheimen Regierungsrate Herrn LUDWIG VON WESTPHALEN zu Trier widmet diese Zeilen als ein Zeichen kindlicher Liebe der Verfasser
Sie verzeihen, mein teurer väterlicher Freund, wenn ich Ihren mir so heben Namen einer unbedeutenden Broschüre vorsetze. Ich bin zu ungeduldig, eine andere Ge¬ legenheit abzuwarten, um Ihnen einen kleinen Beweis « meiner Liebe zu geben. Möchten Alle, die an der Idee zweifeln, so glücklich sein, als ich, einen jugendstarken Greis zu bewundern, der jeden Fortschritt der Zeit mit dem Enthusiasmus und der Beson¬ nenheit der Wahrheit begrüßt und mit jenem überzeugungs- i» tiefen, sonnenhellen Idealismus, der allein das wahre Wort kennt, vor dem alle Geister der Welt erscheinen, nie vor den Schlagschatten der retrograden Gespenster, vor dem oft finsteren Wolkenhimmel der Zeit zurückbebte, sondern mit göttlicher Energie und männlich sicherm Blick stets durch is alle Verpuppungen hindurch das Empyreum schaute, das im Herzen der Welt brennt. Sie, mein väterlicher Freund, waren mir stets ein lebendiges argumentum ad oculos, daß der Idealismus keine Einbildung, sondern eine Wahrheit ist. io Körperliches Wohlsein brauche ich für Sie nicht zu er¬ flehen. Der Geist ist der große zauberkundige Arzt, dem Sie sich an vertraut haben *). ♦) Ursprünglich lautete der dritte Absatz folgendermaßen: Ich hoffe, diesem Liebesboten, den ich Ihnen sende, auf dem Fuße nachzufolgen und an ihrer Seite unsre wunderbar pittoresken Berge und Wälder wieder zu durchirren. Körper¬ liches Wohlsein brauche ich für S i e nicht zu erflehen. Der Geist und die Natur sind die großen zauberkundigen Ärzte, denen Sie sich anvertraut haben. Sämt¬ liche Korrekturen und Streichungen stammen von Marxens Hand. — Am Rand der Seite steht noch die typographische Instruktion: Nebenstehende Widmung ist mit größerer Schrift zu drucken.
Vorrede Die Form dieser Abhandlung würde einesteils streng wissen¬ schaftlicher, andererseits in manchen Ausführungen minder pe¬ dantisch gehalten sein, wäre nicht ihre primitive Bestimmung die 5 einer Doktordissertation gewesen. Sie dennoch in dieser Gestalt dem Druck zu übergeben, bin ich durch äußere Gründe bestimmt. Außerdem glaube ich in ihr ein bis jetzt ungelöstes Problem aus der Geschichte der griechischen Philosophie gelöst zu haben. Sachverständige wissen, daß für den Gegenstand dieser Ab- 10 handlung keine irgendwie brauchbaren Vorarbeiten existieren. Was Cicero und Plutarch geschwatzt haben, ist bis auf die heutige Stunde nachgeschwatzt worden. Gassendi, der den Epikur aus dem Interdikt befreite, mit dem die Kirchenväter und das ganze t. Mittelalter, die Zeit der realisierten Unvernunft, ihn belegt hatten, is bietet in seinen Darstellungen nur ein interessantes Moment dar. Er sucht sein katholisches Gewissen mit seinem heidnischen Wissen und den Epikur mit der Kirche zu akkommodieren, was freilich verlorene Mühe war. Es ist, als wollte man der griechischen Lais . einen christlichen Nonnenkittel um den heiter blühenden Leib so werfen. Gassendi lernt vielmehr aus dem Epikur Philosophie, als daß er uns über Epikurs Philosophie belehren könnte. Man betrachte diese Abhandlung nur als Vorläufer einer größeren Schrift, in der ich ausführlich den Zyklus der epiku¬ reischen, stoischen und skeptischen Philosophie in ihrem Zu- w sammenhange mit der ganzen griechischen Spekulation darstellen werde. Die Mängel dieser Abhandlung in Form und dergleichen werden dort wegfallen. Hegel hat zwar das Allgemeine der genannten Systeme im Ganzen richtig bestimmt, allein bei dem bewunderungswürdig w großen und kühnen Plane seiner Geschichte der Philosophie, von der überhaupt erst die Geschichte der Philosophie datiert werden kann, war es teils unmöglich, in das Einzelne einzugehen, teils hinderte den riesenhaften Denker seine Ansicht von dem, was er par excellence spekulativ nannte, in diesen Systemen die hohe Be¬ as deutung zu erkennen, die sie für die Geschichte der griechischen Philosophie und den griechischen Geist überhaupt haben. Diese Systeme sind der Schlüssel zur wahren Geschichte der griechi¬ schen Philosophie. Über ihren Zusammenhang mit dem griechi¬ schen Leben findet sich eine tiefere Andeutung in der Schrift
10 Die Doktordissertation meines Freundes Köppen „Friedrich der Große und seine Widersacher“. Wenn als Anhang eine Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie hinzugefügt ist, so geschah dies, weil diese Polemik nichts Einzelnes ist, sondern Repräsentant einer espèce, $ indem sie das Verhältnis des theologisierenden Verstandes zur Philosophie sehr treffend an sich darstellt. In der Kritik bleibt unter anderem auch das unberührt, wie falsch Plutarchs Standpunkt überhaupt ist, wenn er die Philo¬ sophie vor das Forum der Religion zieht. Darüber genüge, statt io alles Räsonnements, eine Stelle aus David Hume: „Es ist gewiß eine Art Beschimpfung für die Philosophie, wenn man sie, deren souveränes Ansehen allent¬ halben anerkannt werden sollte, zwingt, bei jeder Gelegen¬ heit sich wegen ihrer Folgen zu verteidigen und sich bei 10 jeder Kunst und Wissenschaft, die an ihr Anstoß nimmt, zu rechtfertigen. Es fällt einem dabei ein König ein, der des Hochverrats gegen seine eigenen Untertanen beschuldigt wird.“ Die Philosophie, solange noch ein Blutstropfen in ihrem weit- 29 bezwingenden, absolut freien Herzen pulsiert, wird stets den Geg¬ nern mit Epikur zurufen: aaeß^Q èè ov% d tovç tcov mAAcov âeo^ç àvaigœv, dÂÂ’ 6 xàç vœv noAAœv ôo^aç {teoîç nQoo&mœv. Die Philosophie verheimlicht es nicht. Das Bekenntnis des Prometheus : 20 ànXÿ) Âôyq) to^q ndvraç èx&alQO) Oeodç ist ihr eigenes Bekenntnis, ihr eigener Spruch gegen alle himm¬ lischen und irdischen Götter, die das menschliche Selbstbewußt¬ sein nicht als die oberste Gottheit anerkennen. Es soll Keiner neben ihm sein. 30 Den tristen Märzhasen aber, die über die anscheinend ver¬ schlechterte bürgerliche Stellung der Philosophie frohlocken, ent¬ gegnet sie wieder, was Prometheus dem Götterbedienten Hermes: aÿç XaxQElaQ zyv èfi^v ôvajtQaÇlav, aaqpœç ènlaraa, äv àAAdfaip* èyw. 35 hqeïooqv yàç olp,ai TfjÔE XaTQE^ElV JtéTQÇ y naTQÏ tpvvai Zyvl nunov ûyyEkov. Prometheus ist der vornehmste Heilige und Märtyrer im philo¬ sophischen Kalender. Berlin, im März 1841. 40
Inhalt Vorrede. Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie ôErsterTeil: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie im Allgemeinen. I. Gegenstand der Abhandlung. II. Urteile über das Verhältnis der demokritischen und epikureischen Physik. III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität demokritischer und epikureischer 10 Naturphilosophie. IV. Allgemeine prinzipielle Differenz zwischen demokritischer und epikureischer Naturphilosophie. V. Resultat. Zweiter Teil.· Differenz der demokritischen und epikureischen 15 Naturphilosophie im Einzelnen. Erstes Kapitel. Die Deklination des Atoms von der geraden Linie. Zweites Kapitel. Die Qualitäten des Atoms. Drittes Kapitel. Άτομοι άρχαί und άτομα στοιχεία. Viertes Kapitel. Die Zeit. 20 Fünftes Kapitel. Die Meteore. Anhang: Kritik der Plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie Vorbemerkung. I. Das Verhältnis des Menschen zu Gott. 25 1. Die Furcht und das jenseitige Wesen. 2. Der Kultus und das Individuum. 3. Die Vorsehung und der degradierte Gott. II. Die individuelle Unsterblichkeit. 1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels. 30 2. Die Sehnsucht der Vielen. 3. Der Hochmut der Auserwählten.
Erster Teil Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie im Allgemeinen I. Gegenstand der Abhandlung Der griechischen Philosophie scheint zu begegnen, was einer guten Tragödie nicht begegnen darf, nämlich ein matter Schluß *). Mit**) Aristoteles, dem mazedonischen Alexander der griechi¬ schen Philosophie, scheint die objektive Geschichte der Philo¬ sophie in Griechenland aufzuhören ***) und selbst den männlich- 10 starken Stoikern nicht zu gelingen, was den Spartanern in ihren Tempeln gelang, die Athene1) an den Herakles festzuketten, so daß sie nicht davonfliehen konnte. Epikureer, Stoiker, Skeptiker werden als ein fast ungehöriger Nachtrag betrachtet, der in keinem Verhältnis stehe zu seinen ge- 15 waltigen Prämissentf). Die epikureische Philosophie sei ein syn¬ kretistisches Aggregat aus demokritischer Physik und cyrenaischer Moral, der Stoizismus eine Verbindung heraklitischer Natur¬ spekulation, cynisch-sittlicher Weltanschauung, etwa auch aristo¬ telischer Logik, endlich der Skeptizismus das notwendige Übel, 20 das diesen Dogmatismen entgegengetreten. Man verbindet diese Philosophien so unbewußt mit der alexandrinischen, indem man sie zu einem nur einseitigen und tendenziösen Eklektizismus macht. Die alexandrinische Philosophie endlich wird als gänz¬ liche Schwärmerei und Zerrüttung betrachtet, — eine Verwirrung, 25 in der höchstens die Universalität der Intention anzuerkennen sei. Nun ist es zwar eine sehr triviale Wahrheitm) : Entstehen, Blühen und Vergehen sind der eherne Kreis, in den jedes Mensch¬ liche gebannt ist, den es durchlaufen muß. So hätte es nichts Auf¬ fallendes, wenn die griechische Philosophie, nachdem sie in 3o Aristoteles die höchste Blüte erreicht, dann verwelkt wäre. Allein der Tod der Helden gleicht dem Untergang der Sonne, nicht dem Zerplatzen eines Frosches, der sich aufgeblasen hat. *) Nach Schluß gestrichen ein inkohärentes Finale. **) Von Marx korr. aus Nach *·*) scheint . . . aufzuhören von Marx korr. aus scheinen der Eule der Minerva die Fittiche zu sinken. t) Von Marx korr. aus Minerva tt) Prämissen von Marx korr. aus Antezedentien. ttt) eine . . . Wahrheit von Marx korr. aus nicht abzulehnen Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 7
14 Die Doktordissertation Und dann: Entstehen, Blühen und Vergehen sind ganz allge¬ meine, ganze vage Vorstellungen, in die zwar Alles einrangiert werden kann, mit denen aber Nichts zu begreifen ist. Der Unter¬ gang selbst ist im Lebendigen präformiert; seine Gestalt wäre daher ebenso in spezifischer Eigentümlichkeit zu fassen wie die 5 Gestalt des Lebens. Endlich, wenn wir auf die Historie einen Blick werfen, sind Epikureismus, Stoizismus und Skeptizismus partikulare Erschei¬ nungen? Sind sie nicht die Urtypen des römischen Geistes? Die Gestalt, in der Griechenland nach Rom wandert? Sind sie nicht so 10 charaktervollen, intensiven und ewigen Wesens, daß die moderne Welt selbst ihnen volles geistiges Bürgerrecht einräumen mußte? Ich hebe dies nur hervor, um die historische Wichtigkeit dieser Systeme ins Gedächtnis zu rufen; hier aber handelt es sich nicht um ihre allgemeine Bedeutung für die Bildung überhaupt, es han- 15 delt sich um ihren Zusammenhang mit der älteren griechischen Philosophie. Hätte es nicht in Beziehung auf dies Verhältnis wenigstens zur Nachforschung anreizen müssen, die griechische Philosophie mit zwei verschiedenen Gruppen eklektischer Systeme, deren eine der 20 Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie, die andere unter dem Namen der alexandrinischen Spekulation zusammengefaßt ist, enden zu sehen? Ist es ferner nicht ein merk¬ würdiges Phänomen, daß nach den platonischen und aristote¬ lischen, zur Totalität sich ausdehnenden Philosophien neue 25 Systeme auf treten, die nicht an diese reichen Geistesgestalten sich anlehnen, sondern, weiter rückblickend, zu den einfachsten Schulen — was die Physik angeht, zu den Naturphilosophen, was die Ethik betrifft, zu der sokratischen Schule — sich hin¬ wenden? Worin ist es ferner begründet, daß die Systeme, die auf 30 Aristoteles folgen, gleichsam ihre Fundamente fertig in der Ver¬ gangenheit vorfinden? Daß Demokrit mit den Cyrenaikem, Heraklit mit den Cynikem zusammengebracht wird? Ist es Zu¬ fall, daß in den Epikureern, Stoikern und Skeptikern alle Momente des Selbstbewußtseins vollständig, nur jedes Moment 35 als eine besondere Existenz, repräsentiert sind? Daß diese Systeme zusammengenommen*) die vollständige Konstruktion des Selbst¬ bewußtseins bilden? Endlich der Charakter, mit dem die grie¬ chische Philosophie mythisch in den sieben Weisen beginnt, der sich, gleichsam als ihr Mittelpunkt, in Sokrates verkörpert, als ihr 40 Demiurg, ich sage, der Charakter des Weisen — des σοφός — wird er zufällig in jenen Systemen als die Wirklichkeit der wahren Wissenschaft behauptet? *) Nach zusammengenommen gestrichen gleichsam
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 15 Es scheint mir, daß, wenn die früheren Systeme für den In¬ halt, die nacharistotelischen, und vorzugsweise der Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Schulen, für die sub¬ jektive Form, den Charakter der griechischen Philosophie bedeut- 5 samer und interessanter sind. Allein eben die subjektive Form, der geistige Träger der philosophischen Systeme, ist bisher fast gänzlich über ihren metaphysischen Bestimmungen vergessen worden. Ich behalte es einer ausführlicheren Betrachtung vor, die epi- 10 kureische, stoische und skeptische Philosophie in ihrer Gesamt¬ heit und ihrem totalen Verhältnis zur früheren und späteren grie¬ chischen Philosophie darzustellen. Hier genüge es, an einem Beispiel gleichsam, und auch nur nach einer Seite hin, nämlich der Beziehung zur früheren Speku- is lation, dies Verhältnis zu entwickeln. Als ein solches Beispiel wähle ich das Verhältnis der epiku¬ reischen zur demokritischen Naturphilosophie. Ich glaube nicht, daß es der bequemste Anknüpfungspunkt ist. Denn einerseits ist es ein altes eingebürgertes Vorurteil, demokritische und epiku- 2o reische Physik zu identifizieren, so daß man in den Verände¬ rungen Epikurs nur willkürliche Einfälle sieht; andererseits bin ich gezwungen, was das Einzelne betrifft, in scheinbareMikrologien einzugehen. Allein eben weil jenes Vorurteil so alt ist als die Geschichte der Philosophie, weil die Unterschiede so versteckt 25 sind, daß sie gleichsam nur dem Mikroskope sich entdecken, wird es um so wichtiger sein, wenn eine wesentliche, bis ins kleinste durchgehende Differenz der demokritischen und epiku¬ reischen Physik trotz ihres Zusammenhanges sich nachweisen läßt. Was sich im kleinen nachweisen läßt, ist noch leichter zu zeigen, 3o wo die Verhältnisse in größeren Dimensionen gefaßt werden, während umgekehrt ganz allgemeine Betrachtungen den Zweifel zurücklassen, ob das Resultat im Einzelnen sich bestätigen werde. II. Urteile über das Verhältnis der demo¬ kritischen und epikureischen Physik 35 Wie meine Ansicht sich im Allgemeinen zu den früheren ver¬ hält, wird in die Augen springen, wenn man die Urteile der Alten über das Verhältnis der demokritischen und epikureischen Phy¬ sik flüchtig durchmustert. Posidonius der Stoiker, Nikolaus und Sotiοn 40 werfen dem Epikur vor, er habe die demokritische Lehre von den Atomen und die des Aristipp vom Vergnügen für sein Eigentum 7·
16 Die Doktordissertation ausgegeben1). Cotta der Akademiker fragt bei Cicero: „Was wäre wohl in der Physik des Epikur, das nicht dem Demokrit ge¬ hörte? Er verändert zwar einiges, das meiste aber spricht er jenem nach *)So sagt Cicero selbst: „In der Physik, in der Epikur am meisten prahlt, ist er ein vollkommener Fremdling. Das meiste s gehört dem Demokrit ; wo er von ihm abweicht, wo er verbessern will, da verdirbt und verschlechtert er3).“ Obgleich aber von vielen Seiten dem Epikur Schmähungen gegen den Demokrit vor¬ geworfen werden, so behauptet dagegen Leonteus nach Plutarch, Epikur*) habe den Demokrit geehrt, weil dieser**) vor ihm 10 zur wahren Lehre sich bekannt, weil er***) früher die Prin¬ zipien der Natur entdeckt habe3). In der Schrift De placitis phi- losophorum wird Epikur ein nach Demokrit Philosophierender genannt“). Plutarch in seinem Kolotes geht weiter. Indem er den Epikur der Reihe nach mit Demokrit, Empedokles, Parme- a nides, Plato, Sokrates, Stilpo, den Cyrenaikem und Akademikern vergleicht, sucht er das Resultat zu gewinnen, „Epikur habe aus der ganzen griechischen Philosophie sich das Falsche zugeeignet, das Wahre nicht verstanden’)“, wie auch diet) Abhandlung De eo, quod secundum Epicurum non beate vivi possit, von feind- 20 seligen Insinuationen ähnlicher Art angefüllt ist. Diese ungünstige Ansicht der älteren Schriftsteller bleibt die¬ selbe bei den Kirchenvätern. Ich führe in der Anmerkung nur eine Stelle des Clemens Alexandrinus an7), eines Kirchenvaters, der in bezug auf Epikur vorzugsweise Erwähnung verdient, weil er 2« die Warnung des Apostels Paulus vor der Philosophie überhaupt in eine Warnung vor epikureischer Philosophie umdeutet, als welche nicht einmal über Vorsehung und dergleichen phantasiert habe“). Wie geneigt man aber überhaupt war, dem Epikur Plagiate zur Last zu legen, zeigt am auffallendsten S e x t u s 20 Empiricus, der einige ganz ungehörige Stellen aus Homer und Epicharmus zu Hauptquellen epikureischer Philosophie um¬ stempeln will’). Daß die neueren Schriftsteller im Ganzen ebenfalls den Epikur soweit er Naturphilosoph, zu einem bloßen Plagiarius des Demo- 35 krit machen, ist bekannt. Ihr Urteil im Allgemeinen repräsentiere hier ein Ausspruch von Leibniz: „Nous ne savons presque de ce grand homme (Démocrite) que ce qu’Epicure en a emprunté, qui n’était pas capable d’en prendre toujours le meilleur10).“ Wenn also Cicero den Epikur die demokritische Lehre ver- schlechtem läßt, wobei ihm wenigstens der Wille bleibt, sie zu °) Epikur von Marx korr. aus er (Epikur) *·) Von Marx korr. aus er *·*) Von Marx korr. aus er (Demokrit) t) die von Marx korr. aus seine
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 17 verbessern, und das Auge, ihre Mängel zu sehen, wenn Plutarch ihm Inkonsequenz11) und eine prädeterminierte Neigung für das Schlechtere zuschreibt, also auch seinen Willen verdächtigt, so spricht ihm Leibniz sogar die Fähigkeit ab, den Demokrit auch 5 nur geschickt zu exzerpieren. Alle aber kommen darin überein, daß Epikur seine Physik von Demokrit entlehnt habe. III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität demokritischer und epikureischer 10 Naturphilosophie Außer den historischen Zeugnissen spricht vieles für die Iden¬ tität demokritischer und epikureischer Physik. Die Prinzipien — Atome und Leere — sind unstreitig dieselben. Nur in einzelnen Bestimmungen scheint willkürliche, daher unwesentliche Ver- 15 schiedenheit zu herrschen. Allein so bleibt ein sonderbares, nicht zu lösendes Rätsel. Zwei Philosophen lehren ganz dieselbe Wissenschaft, ganz auf dieselbe Weise, aber — wie inkonsequent! — in Allem stehen sie sich diametral entgegen, was Wahrheit, Gewißheit, Anwendung dieser 20 Wissenschaft, was das Verhältnis von Gedanken und Wirklichkeit überhaupt betrifft. Ich sage, sie stehen sich diametral entgegen, und werde es jetzt zu beweisen suchen. A) Das Urteil des Demokrit über Wahrheit und Ge¬ wißheit des menschlichen Wissens scheint schwer 25 zu ermitteln. Es liegen widersprechende Stellen vor, oder viel¬ mehr nicht die Stellen, sondern Demokrits Ansichten wider¬ sprechen sich. Denn Trendelenburgs Behauptung im Kommentar zur aristotelischen Psychologie, erst spätere Schriftsteller, nicht aber Aristoteles wisse von solchem Widerspruch, ist faktisch un- 3o richtig. In der Psychologie*) des Aristoteles heißt es nämlich: „Demokrit setzt Seele und Verstand als ein und dasselbe, denn das Phänomen sei das Wahre1)“, in der Metaphysik dagegen: „Demokrit behauptet, nichts sei wahr, oder uns sei es ver¬ borgen2).“ Widersprechen sich diese Stellen des Aristoteles 35 nicht? Wenn das Phänomen das Wahre ist, wie kann das Wahre verborgen sein? Die Verborgenheit beginnt erst, wo sich Phä¬ nomen und Wahrheit trennen **). Diogenes Laertius aber berichtet, man habe Demokrit zu den Skeptikern gezählt. Es wird *) Von Marx korr. aus Physiologie ·*) Die letzten zwei Sätze von Marx eingefügt.
18 Die Doktordiesertation sein Spruch angeführt: „In Wahrheit wissen wir nichts, denn im Abgrund des Brunnens liegt die Wahrheit8).“ Ähnliches findet sich bei Sextus Empiricus4). Diese skeptische, unsichere und innerlich sich widersprechende Ansicht des Demokrit ist nur weiter entwickelt in der Weise, 5 wie das Verhältnis des Atoms und der sinnlich erscheinenden Welt bestimmt wird. Einerseits kommt die sinnliche Erscheinung nicht den Atomen selbst zu. Nicht objektive Erscheinung ist sie, sondern subjektiver Schein. „Die wahrhaften Prinzipien 10 sind die Atome und das Leere; alles andere ist Meinung, Schein6).“ „Nur der Meinung nach ist das Kalte, der Meinung nach das Warme, in Wahrheit aber die Atome und das Leere®).“ Es wird daher in Wahrheit nicht eins aus den vielen Atomen, sondern „durch die Verbindung der Atome scheint jedes eins 15 zu werden7).“ Durch die Vernunft zu schauen sind daher allein die Prinzipien, die schon wegen ihrer Kleinheit dem sinnlichen Auge unzugänglich sind, daher heißen sie sogar Ideen8). Allein andererseits ist die sinnliche Erscheinung das allein wahre Objekt, und die αϊσΰησίς ist die φρόνησις, dies Wahre aber ist wechselnd, 20 unstät, Phänomen. Daß aber das Phänomen das Wahre sei, wider¬ spricht sich *). Es wird also bald die eine Seite, bald die andere zum Subjektiven und zum Objektiven gemacht. So scheint der Widerspruch auseinander gehalten, indem er an zwei Welten ver¬ teilt wird. Demokrit macht daher die sinnliche Wirklichkeit zum 25 subjektiven Schein; allein die Antinomie, aus der Welt der Objekte verbannt, existiert nun in seinem eigenen Selbstbewußtsein, in dem der Begriff des Atoms und die sinnliche Anschauung feindlich Zusammentreffen. Demokrit entrinnt also der Antinomie nicht. Sie zu erklären 30 ist hier noch nicht der Ort. Genug, daß ihre Existenz nicht zu leugnen ist. Hören wir dagegen Epikur. Der Weise, sagt er, verhält sich dogmatisch, nicht skeptisch10). Ja, eben das ist sein Vorzug vor Allen, daß er mit Überzeugung weiß 11 ). „Alle Sinne 35 sind Herolde des Wahren1’).“ „Nichts kann die sinn¬ liche Wahrnehmung widerlegen; weder die gleich¬ artige die gleichartige wegen der gleichen Gültigkeit, noch die ungleichartige die ungleichartige, denn sie urteilen nicht über das¬ selbe, noch der Begriff, denn der Begriff hängt ab von den sinn- 40 liehen Wahrnehmungen18)“, heißt es im Kanon. Während aber Demokrit die sinnliche Welt zum subjektiven Schein macht, macht sie E p i k u r zur objektiven Er¬ scheinung. Und mit Bewußtsein unterscheidet er sich hierin, denn er behauptet, dieselben Prinzipien zu teilen, nicht«
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 19 aber die sinnlichen Qualitäten zum Nur-Gemeinten zu machen 14). War also einmal sinnliche Wahrnehmung das Kriterium des Epikur, entspricht ihr die objektive Erscheinung, so kann man nur 5 als richtige Konsequenz betrachten, worüber Cicero die Achsel zuckt. „Die Sonne scheint dem Demokrit groß, weil er ein wissen¬ schaftlicher und in der Geometrie vollendeter Mann ist; dem Epikur etwa von zwei Fuß Größe, denn er urteilt, sie sei so groß, als sie scheint15).“ 10 B) Diese Differenz in den theoretischen Ur¬ teilen des Demokrit und des Epikur über Sicherheit der Wissen¬ schaft und Wahrheit ihrer Objekte verwirklicht sich in der disparaten wissenschaftlichen Energie und Pra¬ xis dieser Männer. 15 Demokrit, dem das Prinzip nicht in die Erscheinung tritt, ohne Wirklichkeit und Existenz bleibt, hat dagegen als reale und in¬ haltsvolle Welt die WeltdersinnlichenWahrnehmung sich gegenüber. Sie ist zwar subjektiver Schein, allein eben da¬ durch vom Prinzip losgerissen, in ihrer selbständigen Wirklich- 2o keit belassen ; zugleich einziges reales Objekt, hat siealssolche Wert und Bedeutung. Demokrit wird daher in empirische Beobachtung getrieben. In der Philosophie unbefriedigt, wirft er sich dem positiven Wissen in die Arme. Wir haben schon gehört, daß Cicero ihn einen vir eruditus nennt. In der 25 Physik, Ethik, Mathematik, in den enzyklischen Disziplinen, in jeder Kunst ist er bewandert16). Schon der Bücherkatalog bei Diogenes Laertius zeugt für seine Gelehrsamkeit17). Wie es aber der Charakter der Gelehrsamkeit ist, in die Breite zu gehen und zu sammeln und von außen zu suchen: so sehen wir den Demokrit 30 die halbe Welt durchwandern, um Erfahrungen, Kennt¬ nisse, Beobachtungen einzutauschen. „Ich“, rühmt er von sich selbst, „habe von meinen Zeitgenossen den größten Teil der Erde durchirrt, das Entlegenste durchforschend; und die meisten Him¬ melsstriche und Lande sah ich, und die meisten gelehrten Männer 35 hörte ich; und in der Linienkomposition mit Beweis übertraf mich Niemand, auch nicht der Ägypter sogenannte Arsepedonapten18).“ Demetrius in den ομωνύμοις und Antisthenes in den δια&οχαϊς erzählen, daß er gewandert sei nach Ägypten zu den Priestern, um Geometrie zu lernen, und zu den Chaldäern nach 4o Persien, und daß er gekommen zum Roten Meere. Einige be¬ haupten, er sei auch zusammengetroffen mit den Gymnosophisten in Indien und habe Äthiopien betreten19). Es ist einerseits die Wissenslust, die ihm keine Ruhe läßt; es ist aber zugleich die Nichtbefriedigung im wahren, das ist phil¬ osophischen Wissen, die ihn in die Weite treibt. Das
20 Bi® Doktordissertation Wissen, das er für wahr hält, ist inhaltlos; das Wissen, das ihm Inhalt gibt, ist ohne Wahrheit. Mag sie eine Fabel sein, aber eine wahre Fabel, weil sie das Widersprechende seines Wesens schil¬ dert, ist die Anekdote der Alten. Sich selbst habe Demokrit ge¬ blendet, damit das sinnliche Augenlicht nicht die s Geistesschärfe verdunkle20). Es ist derselbe Mann, der, wie Cicero sagt, die halbe Welt*) durchwandert. Aber er hatte nicht gefunden, was er suchte. Eine entgegengesetzte Gestalt erscheint uns in Epikur. Epikur ist befriedigt und selig in der Philosophie. 10 „Der Philosophie“, sagt er, „mußt du dienen, damit dir die wahre Freiheit zufalle. Nicht zu harren braucht der, der sich ihr unter¬ warf und übergab; sogleich wird er emanzipiert. Denn dies selbst, der Philosophie dienen, ist Freiheit21).“ „Weder der Jüngling“, lehrt er daher, „zögere zu philosophieren, noch lasse ab der Greis is vom Philosophieren. Denn Keiner ist zu unreif, Keiner zu überreif, um an der Seele zu gesunden. Wer aber sagt, entweder noch nicht da sei die Zeit des Philosophierens, oder vorübergegangen, sei sie, der ist ähnlich dem, der behauptet, zur Glückseligkeit sei noch nicht die Stunde, oder sie sei nicht mehr22).“ Während Demokrit, 20 von der Philosophie unbefriedigt, sich dem empirischen Wissen in die Arme wirft, verachtet Epikur die positiven Wissenschaften; denn nichts trügen sie bei zur wahren Vollendung23). Ein Feind der Wissenschaft, ein Verächter der Grammatik wird er genannt24). Unwissenheit selbst 25 wird ihm vorgeworfen; „aber“, sagt ein Epikureer bei Cicero, „nicht Epikur war ohne Erudition, sondern diejenigen [sind] un- gelehrt, die glauben, was dem Knaben Schande macht, nicht zu wissen, sei noch vom Greise herzusagen25).“ Während aber Demokrit von ägyptischen Prie- 30 stern, persischen Chaldäern und indischen Gym¬ nosophisten zu lernen sucht, rühmt Epikur von sich, er habe keinenLehrer gehabt, er sei Autod id akt2e). Einige, sagt er nach Seneca, ringen nach Wahrheit ohne jegliche Beihilfe. Unter diesen habe er sich selbst den Weg gebahnt. Und sie, die 35 Autodidakten, lobt er am meisten. Die anderen seien Köpfe zweiten Ranges27). Während es den Demokrit in alle Weltgegenden treibt, verläßt Epikur kaum zwei- oder dreimal seinen Garten zu Athen und reist nach Jonien, nicht um Forschungen anzustellen, sondern um Freunde zu besuchen28). Während endlich **) Demokrit, am 40 Wissen verzweifelnd, sich selbst blendet, steigt Epikur, als er die Stunde des Todes nahen fühlt, in ein warmes Bad und begehrt ·) halbe Welt von Marx korr. aus ganze Unendlichkeit ··) Nach endlich gestrichen der vielgewanderte
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 21 reinen Wein und empfiehlt seinen Freunden, der Philosophie treu zu sein20). C) Die eben entwickelten Unterschiede sind nicht der zu¬ fälligen Individualität beider Philosophen zuzuschreiben; es sind 5 zwei entgegengesetzte Richtungen, die sich verkörpern. Wir sehen als Differenz der praktischen Energie, was oben als Unterschied des theoretischen Bewußtseins sich ausdrückt. Wir betrachten endlich die Reflexionsform, die die Beziehung des Gedankens auf das Sein, das Ver- johältnis derselben darstellt. In dem allgemeinen Ver¬ hältnis, das der Philosoph der Welt und dem Gedanken zuein¬ ander gibt, verobjektiviert er sich nur, wie sein besonderes Bewußt¬ sein sich zur realen Welt verhält. Demokrit nun wendet als Reflexionsform der Wirklichkeit die 15 Notwendigkeit an80). Aristoteles sagt von ihm, er führe Alles auf Notwendigkeit zurück81). Diogenes Laertius berichtet, der Wirbel der Atome, aus dem Alles entstehe, sei die demokri¬ tische Notwendigkeit82). Genügender spricht hierüber der Autor De placitis philosophorum : die Notwendigkeit sei nach Demokrit 20 das Schicksal und das Recht und die Vorsehung und Welt¬ schöpferin. Die Substanz aber dieser Notwendigkeit sei die Anti- typie und die Bewegung und der Schlag der Materie88 ). Eine ähn¬ liche Stelle findet sich in den physischen Eklogen des Stobäus84) und im sechsten Buch der Praeparatio evangelica des Euse- 25 b i u s85). In den ethischen Eklogen des Stobäus ist folgende Sen¬ tenz des Demokrit aufbewahrt80), die im vierzehnten Buch des Eusebius fast ebenso wiederholt wird37), nämlich: die Menschen fingierten sich das Scheinbild des Zufalls, — eine Manifestation ihrer eigenen Ratlosigkeit ; denn mit einem starken D e n - wken kämpfe der Zufall. Ebenso deutet Simplicius eine Stelle, in der Aristoteles von der alten Lehre spricht, die den Zufall aufhebt, auf den Demokrit38). Dagegen Epikur*): „Die Notwendigkeit, die von einigen als die Allherrscherin eingeführt**) ist, ist nicht, 35 sondern Einiges ist zufällig, Anderes hängt von unserer Willkür ab. Die Notwendigkeit ist nicht zu überreden, der Zufall dagegen unstet. Es wäre besser, dem Mythos über die Götter zu folgen, als Knecht zu sein der ειμαρμένη der Physiker. Denn jener läßt Hoffnung der Erbarmung wegen der Ehre der 40 Götter, diese aber die unerbittliche Notwendigkeit. Der Zufall aber, nicht Gott, wie die Menge glaubt, ist anzunehmen80). Es ist ein Unglück, in der Notwendigkeit zu leben, aber in der Notwendigkeit zu leben, ist keine Notwendigkeit. Offen stehen *) Von Marx korr. aus Hören wir dagegen den Epikur: **) Von Marx korr. aus angeführt
22 Die Doktordissertation überall zur Freiheit die Wege, viele, kurze, leichte. Danken wir daher Gott, daß niemand im Leben festgehalten werden kann. Zu bändigen die Notwendigkeit selbst, ist gestattet40).“ Ähnliches spricht der Epikureer Vellejus bei Cicero über die stoische Philosophie: „Was soll man von einer Philosophie s halten, welcher, wie alten und zwar ungelehrten Vetteln, Alles durch das Fatum zu geschehen scheint?... vom Epikur sind wir erlöst, in Freiheit gesetzt worden41).“ So leugnet Epikur selbst das disjunktive Urteil, um keine Notwendigkeit anerkennen zu müssen42). 10 Es wird zwar auch von Demokrit behauptet, er habe den Zu¬ fall angewandt; allein von den beiden Stellen, die sich hierüber beim Simplicius finden43), macht die eine die andere verdächtig, denn sie zeigt offenbar, daß nicht Demokrit die Kategorien des Zufalls gebraucht, sondern Simplicius sie ihm als Konsequenz bei- is gelegt. Er sagt nämlich: Demokrit gebe von der Weltschöpfung im Allgemeinen keinen Grund an; er scheine also den Zufall zum Grunde zu machen. Hier handelt es sich aber nicht um die Inhaltsbestimmung, sondern um die Form, die Demo¬ krit mit Bewußtsein angewandt hat. Ähnlich verhält es sich 20 mit dem Bericht des Eusebius: Demokrit habe den Zufall zum Herrscher des Allgemeinen und Göttlichen gemacht und be¬ hauptet, hier geschehe Alles durch ihn, während er ihn vom menschlichen Leben und der empirischen Natur femgehalten, seine Verkünder aber sinnlos gescholten habe44). 25 Teils sehen wir hierin eine bloße Konsequenzmacherei des christlichen Bischofs Dionysius, teils wo das Allgemeine und Göttliche anfängt, hört der demokritische Begriff der Notwendig¬ keit auf, vom Zufall verschieden zu sein. Soviel ist also historisch sicher: Demokrit wendet die Not- 30 Wendigkeit, Epikur den Zufall an; und zwar verwirft jeder die entgegengesetzte Ansicht mit polemischer Gereiztheit. Die Hauptkonsequenz dieses Unterschiedes erscheint in der Erklärungsweise der einzelnen physischenPhänomene. 35 Die Notwendigkeit erscheint nämlich in der endlichen Natur als relative Notwendigkeit, als Determinismus. Die relative Notwendigkeit kann nur deduziert werden aus der realen Möglichkeit, das heißt, es ist ein Umkreis von Bedingungen, Ursachen, Gründen usw., durch welche sich jene 40 Notwendigkeit vermittelt. Die reale Möglichkeit ist*) die Ex¬ plikation der relativen Notwendigkeit. Und sie finden wir vom Demokrit angewandt. Wir führen einige Belege aus Simplicius an. *) Nach ist gestrichen gleichsam
Differenz der dennokritischen und epikureischen Naturphilosophie 23 Wenn einer dürstcet und trinkt und gesund wird: so wird De¬ mokrit nicht den ZufFall als die Ursache*) angeben, sondern das Dürsten. Denn wenm er auch bei der Weltschöpfung den Zufall zu gebrauchen schiem: so behauptet er doch, daß dieser im Ein- 5 zelnen von Nichts dite Ursache sei, sondern führt auf andere Ur¬ sachen zurück. So sœi zum Beispiel das Graben die Ursache des Schatzfindens oder dlas Wachsen des Ölbaums45). Die Begeisterung und der Emst, mit dem Demokrit jene Er¬ klärungsweise in die Betrachtung der Natur einführt, die Wichtig- w keit, die er der Begründungstendenz beilegt, spricht sich naiv**) in dem Bekenntnis aus: „Ich will lieber eine neue Ätiologie finden als die persisœhe Königswürde erlangen45)!“ Epikur steht dem Demokrit wiederum direkt gegenüber. Der Zufall ist eine Wirkliichkeit, welche nur den Wert der Möglichkeit iS hat, die abstrakte Möglichkeit aber ist gerade der Antipode der re alen. Die letztere ist beschränkt in scharfen Grenzen, wie der Verstand; die erstere schrankenlos, wie die Phantasie. Die reahe Möglichkeit sucht die Notwendigkeit und Wirklichkeit ihres O)bjektes zu begründen; der abstrakten ist es 2o nicht um das Objektt zu tun, das erklärt wird, sondern um das Subjekt, das erklärt. Es soll der Gegenstand nur möglich, denk¬ bar sein. Was abstralkt möglich ist, was gedacht werden kann, das steht dem denkenden Subjekt nicht im Wege, ist ihm keine Grenze, kein Stein des Anstoißes. Ob diese Möglichkeit nun auch wirklich 25 sei, ist gleichgültig, denn das Interesse erstreckt sich hier nicht auf den Gegenstand als (Gegenstand. Epikur verfährt daher mit einer grenzenlosen Nonchalance in der Erklärung de;r einzelnen physischen Phänomene. Näher wird dies aus dem Briefe an den Pythokles erhellen, 3o den wir später zu betrachten haben. Hier genüge es, auf sein Ver¬ hältnis zu den Meiinungen früherer Physiker aufmerksam zu machen. Wo der Aintor De placitis philosophorum und Stobäus die verschiedenen Ansichten der Philosophen über die Substanz der Sterne, die Grölße und Figur der Sonne und ähnliches an- 35 führen, heißt es immer vom Epikur: Er verwirft keine dieser Meinungen, alle könnten richtig sein, er halte sich am Möglichen47). J<a, Epikur polemisiert sogar gegen die verständig bestimmende und eben daher einseitige Erklärungs¬ weise aus realer Möglichkeit. 4o So sagt Seneca in seinen Quaestiones naturales: Epikur be¬ hauptet, alle jene Ursachen könnten sein, und versucht dazu noch mehrere andere Erklärungen und tadelt diejenigen, die be¬ haupten, irgendeine bestimmte von diesen finde statt, da es gewagt *) Im Ms. steht statt Ursache überall Ursach. ··) Nach naiv gestrichen auch
24 Die Doktordissertation sei, über das, was nur aus Konjekturen zu folgern, apodiktisch zu urteilen "). Man sieht, es ist kein Interesse vorhanden, die Realgründe der Objekte zu untersuchen. Es handelt sich bloß um eine Beruhigung des erklärenden Subjekts. Indem alles Mögliche als möglich zu- s gelassen wird, was dem Charakter der abstrakten Möglichkeit entspricht, wird offenbar der Zufall des Seins nur in den Zufall des Denkens übersetzt. Die einzige Regel, die Epikur vorschreibt, „nicht widersprechen dürfe die Er¬ klärung der sinnlichen Wahrnehmung“, versteht sich von selbst; 10 denn das Abstrakt-Mögliche besteht eben darin, frei von Wider¬ spruch zu sein, der also zu verhüten ist"). Endlich gesteht Epikur, daß seine Erklärungsweise nur die A t a r a x i e des Selbst¬ bewußtseins bezwecke, nicht die Naturerkenntnis an und für sich“). u Wie ganz entgegengesetzt er sich also auch hier zu Demokrit verhalte, bedarf wohl keiner Ausführung mehr. Wir sehen also beide Männer sich Schritt für Schritt entgegen¬ stehen. Der eine ist Skeptiker, der andere Dogmatiker; der eine hält die sinnliche Welt für subjektiven Schein, der andere für 20 objektive Erscheinung. Derjenige, der die sinnliche Welt für sub¬ jektiven Schein hält, legt sich auf empirische Naturwissenschaft und positive Kenntnisse und stellt die Unruhe der experimentie¬ renden, überall lernenden, in die Weite schweifenden Beobachtung dar. Der andere, der die erscheinende Welt für real hält, ver- 25 achtet die Empirie; die Ruhe des in sich befriedigten Denkens, die Selbständigkeit, die ex principio interno ihr Wissen schöpft, sind in ihm verkörpert. Aber noch höher steigt der Widerspruch. Der Skeptiker und Empiriker, der die sinnliche Natur für subjektiven Schein hält, betrachtet sie unter dem Gesichts- 30 punkte der Notwendigkeit und sucht die reale Existenz der Dinge zu erklären und zu fassen. Der Philosoph und Dog¬ matiker dagegen, der die Erscheinung für real hält, sieht über¬ all nur Zufall, und seine Erklärungsweise geht vielmehr da¬ hin, alle objektive Realität der Natur aufzuheben. Es scheint eine 35 gewisse Verkehrtheit in diesen Gegensätzen zu liegen. Kaum aber kann man noch vermuten, daß diese Männer, in allem sich widersprechend, einer und derselben Lehre anhangen werden. Und doch scheinen sie aneinander gekettet. Ihr Verhältnis im Allgemeinen zu fassen, ist die Aufgabe des « nächsten Abschnittes * ). *) Die im Inhaltsverzeichnis angeführten Kapitel IV und V sind nicht erhalten.
Zweiter Teil Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Physik im Einzelnen Erstes Kapitel Die Deklination des Atoms von der geraden Linie Epikur nimmt eine dreifache Bewegung der Atome im Leeren an1). Die eine Bewegung ist die des Falles in ge¬ rader Linie; die andere entsteht dadurch, daß das Atom von der geraden Linie abweicht; und die dritte wird ge- 10 setzt durch die Repulsion der vielen Atome. Die An¬ nahme der ersten und letzten Bewegung hat Demokrit mit dem Epikur gemein, die Deklination des Atoms von der ge¬ raden Linie unterscheidet ihn von demselben1). Über diese deklinierende*) Bewegung ist viel gescherzt wor- 15 den. Cicero vor Allen ist unerschöpflich, wenn er dies Thema berührt. So heißt es unter anderem bei ihm: „Epikur behauptet, die Atome würden durch ihr Gewicht abwärts getrieben in gerader Linie; diese Bewegung sei die natürliche der Körper. Dann aber fiel es auf, daß, wenn alle von oben nach unten getrieben würden, 20 nie ein Atom das andere treffen könne. Der Mann nahm daher zu einer Lüge seine Zuflucht. Er sagte, das Atom weiche ganz wenig aus, was aber durchaus unmöglich ist. Daher entständen Kom¬ plexionen, Kopulationen und Adhäsionen der Atome unter sich, und aus diesen die Welt und alle Teile der Welt und, was in is ihr ist. Außerdem, daß die Sache knabenhaft fingiert ist, er¬ reicht er nicht einmal, was er will3).“ Eine andere Wendung finden wir bei Cicero im ersten Buche der Schrift »Über die Natur der Götter*. „Da Epikur einsah, daß, wenn die Atome durch ihr eigenes Gewicht abwärts getrieben würden, nichts in unserer Ge- so walt stände, weil ihre Bewegung bestimmt und notwendig ist: erfand er ein Mittel, der Notwendigkeit zu entgehen, was dem Demokrit entgangen war. Er sagt, das Atom, obgleich es durch Gewicht und Schwere von oben nach unten getrieben wird, weiche ein klein wenig aus. Dies zu behaupten, ist schmählicher, als das, 35 was er will, nicht verteidigen zu können*).“ *) Von Marx korr. aus letzte
26 Die Doktordissertation Ähnlich urteilt Pierre Bayle. „Avant lui (c.-à-d. Epicure) on n'avait admis dans les atomes que le mouvement de pesanteur et celui de réflexion. Epicure supposa, que même au milieu du vide les atomes déclinaient un peu de la ligne droite; et de là venait la liberté, disait-il . . . Remarquons en passant que ce ne fut le seul motif, qui le porta à inventer ce mouve- 5 ment de déclinaison; il le fit servir aussi à expliquer le rencontre des atomes, car il vit bien, qu'en supposant, qu'ils se mouvaient avec une égale vitesse par des lignes droites, qui tendaient toutes de haut en bas, il ne ferait jamais comprendre qu'ils eussent pu se rencontrer, et qu'aussi la production du monde aurait été impossible. Il fallut donc, qu’ils s'écartaient de la ligne droite 5) *).“ jq Ich lasse einstweilen die Bündigkeit dieser Reflexionen dahin¬ gestellt. Soviel wird jeder im Vorbeigehen bemerken können, daß der neueste Kritiker des Epikur, Schaubach, den Cicero falsch auf gefaßt hat, wenn er sagt: „Die Atome würden alle durch die Schwere abwärts, also nach physischen Gründen parallel ge- 15 trieben, bekämen aber durch gegenseitiges Abstoßen**) eine andere Richtung, nach Cicero (de Nat. Deor. I, 25) eine schräge Bewegung durch zufällige Ursachen, und zwar von Ewigkeit here)Cicero macht in der angeführten Stelle erstens nicht das Abstoßen zum Grunde der schrägen Richtung, 20 sondern vielmehr die schräge Richtung zum Grunde des Abstoßens. Zweitens spricht er nicht von zufälligen Ursachen, sondern tadelt vielmehr, daß gar keine Ursachen angegeben werden, wie es denn an und für sich widersprechend wäre, zugleich das Abstoßen und nichtsdestoweniger zufällige Ursachen als Grund der schrägen 25 Richtung anzunehmen. Höchstens könnte dann noch von zufälligen Ursachen des Abstoßens, nicht aber der schrägen Richtung die Rede sein. Eine Sonderbarkeit in Ciceros und Bayles Reflexionen ist übrigens zu augenfällig, um sie nicht sogleich hervorzuheben. Sie so schieben nämlich dem Epikur Beweggründe unter, von denen der eine den anderen aufhebt. Einmal soll Epikur die Deklination der Atome annehmen, um die Repulsion, das andere Mal, um die Freiheit zu erklären. Treffen sich aber die Atome nicht ohne Deklination: so ist die Deklination zur Begründung der Freiheit überflüssig; denn das Gegenteil der Freiheit beginnt, wie wir aus Lukrez7) ersehen, erst mit dem deterministischen und gewalt¬ samen Sich-Treffen der Atome. Treffen sich aber die Atome ohne Deklination, so ist sie zur Begründung der Repulsion überflüssig. Ich sage, dieser Widerspruch entsteht, wenn die to Gründe der Deklination des Atoms von der geraden Linie so äußerlich und zusammenhanglos auf gefaßt werden, wie es von Cicero und Bayle geschieht. Wir werden bei Lukrez, der über- *) Die Abschrift des Zitats aus Bayle enthalt mehrere sinnstörende Fehler. Wir geben den Text nach der Ausgabe letzter Hand: Rotterdam, Leers, 1702. Tome II, p. 1142, — aber in moderner Rechtschreibung. **) Bei Schaubach (p. 549) Anstoßen (ictu)
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 27 haupt von allen Alten die epikureische Physik allein begriffen hat, eine tiefere Darstellung finden. Wir wenden uns jetzt zur Betrachtung der Deklination selbst. s Wie der Punkt in der Linie aufgehoben ist: so ist jeder fallende Körper in der geraden Linie aufgehoben, die er beschreibt. Hier kommt es gar nicht auf seine spezifische Qualität an. Ein Apfel beschreibt beim Falle so gut eine senkrechte Linie als ein Stück Eisen. Jeder Körper, sofern er in der Bewegung des Falles auf- jo gefaßt wird, ist also nichts als ein sich bewegender Punkt, und zwar ist er ein unselbständiger Punkt, der in einem gewissen Da¬ sein — der geraden Linie, die er beschreibt — seine Einzelheit auf gibt. Aristoteles bemerkt daher mit Recht gegen die Pytha¬ goreer: „Ihr sagt, die Bewegung der Linie sei die Fläche, die des iS Punktes die Linie; also werden auch die Bewegungen der Monaden Linien sein ’).“ Die Konsequenz hiervon sowohl bei den Monaden als den Atomen wäre also, da sie in steter Bewegung sind*), daß weder Monade noch Atom existieren, sondern vielmehr in der ge¬ raden Linie untergehen; denn die Solidität des Atoms ist noch 20 gar nicht vorhanden, sofern es nur als in gerader Linie fallend aufgefaßt wird. Zunächst, wenn die Leere als räumliche Leere vorgestellt wird, ist das Atom die unmittelbare Nega¬ tion des abstrakten Raumes, also ein räumlicher Punkt. Die Solidität, die Intensivität, die sich gegen das Außer- 25 einander des Raumes in sich behauptet, kann nur durch ein Prin¬ zip hinzukommen, das den Raum seiner ganzen Sphäre nach negiert, wie es in der wirklichen Natur die Zeit ist. Außerdem, wollte man dies selbst nicht zugeben, ist das Atom, soweit seine Bewegung gerade Linie ist, rein durch den Raum bestimmt, ihm 3o ein relatives Dasein vorgeschrieben und seine Existenz eine rein materielle. Aber wir haben gesehen, das eine Moment im Begriff des Atoms ist, reine Form, Negation aller Relativität, aller Be¬ ziehung auf ein anderes Dasein zu sein. Wir haben zugleich be¬ merkt, daß Epikur beide Momente, die sich zwar widersprechen, 35 die aber im Begriff des Atoms liegen, sich verobjektiviert. Wie kann Epikur nun die reine Formbestimmung des Atoms, den Begriff der reinen Einzelheit, der jedes durch Anderes be¬ stimmte Dasein negiert, verwirklichen? Da er sich im Felde des unmittelbaren Seins bewegt, so sind » alle Bestimmungen unmittelbare. Also werden die entgegen¬ gesetzten Bestimmungen als unmittelbare Wirklichkeiten sich entgegengesetzt. Die relative Existenz aber, die dem Atom gegenüber¬ tritt, das Dasein, das es zu negieren hat, ist die «gerade Linie. Die unmittelbare Negation dieser Bewegung
28 Die Doktordissertation ist eine andere Bewegung, also, selbst räumlich vor¬ gestellt, die Deklination von der geraden Linie. Die Atome sind rein selbständige Körper, oder vielmehr der Körper, in absoluter Selbständigkeit gedacht, wie die Himmels¬ körper. Sie bewegen sich daher auch, wie diese, nicht in geraden, 5 sondern in schrägen Linien. Die Bewegung des Falles ist die Bewegung der Unselbständigkeit. Wenn also Epikur in der Bewegung des Atoms nach gerader Linie die Materialität desselben darstellt, so hat er in der Dekli¬ nation von der geraden Linie seine Formbestimmung realisiert; 10 und diese entgegengesetzten Bestimmungen werden als unmittel¬ bar entgegengesetzte Bewegungen vorgestellt. Lukrez behauptet daher mit Recht, daß die Deklination die fati foedera durchbricht10); und, wie er dies sogleich auf das Bewußtsein anwendet11), so kann vom Atom gesagt werden, die 15 Deklination sei das Etwas in seiner Brust, was entgegenkämpfen und widerstehen kann. Wenn Cicero aber dem Epikur vorwirft, „er erreiche nicht einmal das, weswegen er dies erdichtet habe; denn deklinierten alle Atome, so würden sich nie 20 welche verbinden, oder einige würden ausweichen, andere würden durch ihre Bewegung geradeaus getrieben werden. Man müßte also gleichsam den Atomen bestimmte Posten zuweisen, welche geradeaus und welche schräg sich be¬ wegen sollten12)“, 25 so hat dieser Einwurf darin seine Berechtigung, daß beide Mo¬ mente, die im Begriff des Atoms liegen, als unmittelbar ver¬ schiedene Bewegungen vorgestellt werden, also auch verschiedenen Individuen zufallen müßten; — eine Inkonsequenz, die aber kon¬ sequent ist, denn des Atoms Sphäre ist die Unmittelbarkeit. 30 Epikur fühlt recht gut den Widerspruch, der darin liegt. Er sucht daher die Deklination soviel als möglich unsinnlich darzustellen. Sie ist nec regione loci certa nec tempore certo 18) sie geschieht im möglichst kleinsten Raume14). 3S Ferner tadelt Cicero15) und, nach Plutarch, mehrere Alten16), daß die Deklination des Atoms ohne Ursache ge¬ schehe; und etwas Schmählicheres, sagt Cicero, kann einem Phy¬ siker nicht passieren17). Allein erstens würde eine physische Ur¬ sache, wie sie Cicero will, die Deklination des Atoms in die Reihe 40 des Determinismus zurückwerfen, aus dem sie gerade erheben soll. Dann aber ist das Atom noch gar nicht voll¬ endet, ehe es in der Bestimmung der Deklination gesetzt ist. Nach der Ursache dieser Bestimmung fragen
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 29 5 io 15 20 25 30 35 40 heißt also, nach der Ursache fragen, die das Atom zum Prinzip macht, — eine Frage, die offenbar für den sinnlos ist, dem das Atom Ursache von Allem, also selbst ohne Ursache ist. Wenn endlich Bayle18), auf die Autorität des Augusti¬ nus gestützt19), nach dem Demokrit den Atomen ein spirituelles Prinzip zugeschrieben hat — eine Autorität, die übrigens bei dem Gegensatz zu Aristoteles und den anderen Alten gänzlich unbe¬ deutend ist —, dem Epikur vorwirft, statt dieses spirituellen Prin¬ zips die Deklination ersonnen zu haben: so wäre im Gegenteil mit der Seele des Atoms bloß ein Wort gewonnen, während in der Deklination die wirkliche Seele des Atoms, der Begriff der ab¬ strakten Einzelheit, dargestellt ist. Ehe wir die Konsequenz der Deklination des Atoms von der geraden Linie betrachten, ist noch ein höchst wichtiges, bis jetzt gänzlich übersehenes Moment hervorzuheben. Die Deklination des Atoms von der geraden Linie ist nämlich keine besondere, zufällig in der epikureischen Physik vorkommmende Be¬ stimmung. Das Gesetz, das sie ausdrückt, geht vielmehr durch die ganze epikureische Philo¬ sophie hindurch, so allerdings, wie sich von selbst versteht, daß die Bestimmtheit seiner Erscheinung von der Sphäre abhängig ist, in der es angewandt wird. Die abstrakte Einzelheit kann nämlich ihren Begriff, ihre Formbestimmung, das reine Fürsichsein, die Unabhängigkeit von dem unmittelbaren Dasein, das Aufgehobensein aller Rela¬ tivität, nur so betätigen, daß sie von dem Dasein, das ihr gegenübertritt, abstrahiert; denn um es wahrhaft zu überwinden, müßte sie es idealisieren, was nur die Allgemeinheit vermag. Wie also das Atom von seiner relativen Existenz, der geraden Linie, sich befreit, indem es von ihr abstrahiert, von ihr ausbeugt: so beugt die ganze epikureische Philosophie überall da dem be¬ schränkenden Dasein aus, wo der Begriff der abstrakten Einzel¬ heit, die Selbständigkeit und Negation aller Beziehung auf Anderes, in seiner Existenz dargestellt werden soll. So ist der Zweck des Tuns das Abstrahieren, das Ausbeugen vor dem Schmerz und der Verwirrung, die Ataraxie20). So ist das Gute die Flucht vor dem Schlechten21), so ist die Lust das Ausbeugen vor der Pein22). Endlich, wo die abstrakte Einzelheit in ihrer höchsten Freiheit und Selbständigkeit, in ihrer Totalität erscheint, da ist konsequenterweise das Dasein, dem ausgebeugt wird, alles Dasein; und daher beugen die Götter Marx-Engels*Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 8
30 Die Doktordissertation der Welt aus, und bekümmern sich nicht um dieselbe, und wohnen außerhalb derselben”). Man hat gespottet über diese Götter des Epikur, die, Menschen ähnlich, in den Intermundien der wirklichen Welt wohnen, keinen Körper, sondern einen Quasikörper, kein Blut, sondern Quasi- s blut”) haben und, in seliger Ruhe verharrend, kein Flehen er¬ hören, unbekümmert um uns und die Welt, wegen ihrer Schönheit, ihrer Majestät und ihrer vorzüglichen Natur, keines Gewinnes wegen, verehrt werden. Und doch sind diese Götter nicht Fiktion des Epikur. Sie haben 10 existiert. Es sind die plastischen Götter der grie¬ chischen Kunst. Cicero, der Römer, persifliert sie mit Recht”); aber Plutarch, der Grieche, hat alle grie¬ chische Anschauung vergessen, wenn er meint, Furcht und Aber¬ glaube hebe diese Lehre von den Göttern auf, Freude und Gunst is der Götter gebe sie nicht, sondern sie leihe uns zu ihnen das Ver¬ hältnis, das wir zu den hyrkanischen Fischen haben, von denen wir weder Schaden noch Nutzen erwarten”). Die theoretische Ruhe ist ein Hauptmoment des griechischen Göttercharakters, wie auch Aristoteles sagt: „Was das Beste ist, bedarf keiner Hand- 20 lung, denn es selbst ist der Zweck27).“ Wir betrachten jetzt die Konsequenz, die aus der Dekli¬ nation des Atoms unmittelbar hervorgeht. Es ist in ihr aus¬ gedrückt, daß das Atom alle Bewegung und Beziehung negiert, worin es als ein besonderes Dasein von einem anderen bestimmt 25 wird. Es ist dies so dargestellt, daß das Atom abstrahiert von dem Dasein, das ihm gegenübertritt, und sich demselben entzieht. Was aber hierin enthalten ist, seine Negation aller Be¬ ziehung auf Anderes, muß verwirklicht, positiv gesetzt werden. Dies kann nur geschehen, indem das D a - 30 sein, auf das es sich bezieht, kein anderes als es selbst ist, also ebenfalls ein Atom und, da es selbst unmittelbar bestimmt ist, viele Atome. So ist die Re¬ pulsion der vielen Atome die notwendige Ver¬ wirklichung der lex atomi, wie Lukrez die Dekli- 35 nation nennt. Weil hier aber jede Bestimmung als ein besonderes Dasein gesetzt wird: so kommt die Repulsion als dritte Bewegung zu den früheren hinzu. Mit Recht sagt Lukrez, wenn die Atome nicht zu deklinieren pflegten, wäre weder Gegenschlag noch Treffen derselben entstanden, und niemals die Welt erschaffen 40 worden”). Denn die Atome sind sich selbst ihr einziges Objekt, können sich nur auf sich selbst be¬ ziehen, also, räumlich ausgedrückt, sich treffen, indem jede relative Existenz derselben, in der sie auf Anderes sich be¬ zögen, negiert ist; und diese relative Existenz ist, wie wir gesehen 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 31 haben, ihre ursprüngliche Bewegung, die des Falles in gerader Linie. Also treffen sie sich erst durch Deklination von derselben. Um die bloß materielle Zersplitterung ist es nicht zu tun”). Und in Wahrheit: die unmittelbar seiende Einzelheit ist erst 5 ihrem Begriff nach verwirklicht, insofern sie sich auf ein Anderes bezieht, das sie selbst ist, wenn auch das Andere in der Form un¬ mittelbarer Existenz gegenübertritt. So hört der Mensch erst auf, Naturprodukt zu sein, wenn das Andere, auf das er sich bezieht, keine verschiedene Existenz, sondern selbst ein einzelner Mensch io ist, ob auch noch nicht der Geist. Daß der Mensch als Mensch sich aber sein einziges wirkliches Objekt werde, dazu muß er sein relatives Dasein, die Macht der Begierde und der bloßen Natur, in sich gebrochen haben. Die Repulsion ist die erste Form des Selbstbewußtseins; sie entspricht daher dem 15 Selbstbewußtsein, das sich als Unmittelbar-Seiendes, Abstrakt- Einzelnes erfaßt. In der Repulsion ist also der Begriff des Atoms verwirklicht, wonach es die abstrakte Form, aber nicht minder das Gegenteil, wonach es abstrakte Materie ist; denn das, auf das es sich bezieht, so sind zwar Atome, aber andere Atome. Verhalte ich mich aber zu mir selbst als zu einem Unmittelbar- Anderen, so ist mein Verhalten ein materielles. Es ist die höchste Äußerlichkeit, die gedacht werden kann. In der Repulsion der Atome ist also die Materialität derselben, die im 25 Falle nach gerader Linie, und die Formbestimmung derselben, die in der Deklination poniert war, synthetisch vereinigt. Demokrit im Gegensatz zu Epikur macht zu einer gewalt¬ samen Bewegung, zu einer Tat der blinden Notwendigkeit, was jenem Verwirklichung des Begriffs des Atoms ist. Schon oben so haben wir gehört, als Substanz der Notwendigkeit gebe er den Wirbel (δίνη) an, der aus dem Repeliieren und Aneinander¬ stoßen der Atome entsteht. Er faßt also in der Repulsion nur die materielle Seite, die Zersplitterung, die Veränderung, nicht die ideelle, wonach darin alle Beziehung auf Anderes negiert und 35 die Bewegung als Selbstbestimmung gesetzt ist. Dies sieht man klar daraus, daß er sich ganz sinnlich einen und denselben Kör¬ per durch den leeren Raum in viele geteilt denkt, wie Gold, das in Stücke gebrochen ist80). Er faßt also kaum das Eins als Be¬ griff des Atoms. 4o Mit Recht polemisiert Aristoteles gegen ihn: „Deswegen wäre dem Leukipp und Demokrit, die behaupten, immer bewegten sich die ersten Körper im Leeren und im Unendlichen, zu sagen, welcher Art die Bewegung sei, und welche die ihrer Natur adäquate Bewegung. Denn wenn jedes der Elemente von dem 45 anderen durch Gewalt bewegt wird, so ist es doch notwendig, daß 8·
32 Die Doktordissertation jedes auch eine natürliche Bewegung habe, außer welcher die gewaltsame ist; und diese erste Bewegung muß nicht gewaltsam, sondern natürlich sein. Sonst findet der Progreß ins Unendliche statt31).“ Die epikureische Deklination des Atoms hat also die ganze 5 innere Konstruktion des Reiches der Atome verändert, indem durch sie die Bestimmung der Form geltend gemacht und der Widerspruch, der im Begriff des Atoms liegt, verwirklicht ist. Epikur hat daher zuerst, wenn auch in sinnlicher Gestalt, das Wesen der Repulsion erfaßt, während Demokrit nur ihre mate-10 rielle Existenz gekannt hat. Wir finden daher auch*) konkretere Formen der Repulsion von Epikur angewandt; im Politischen ist es der Vertrag32), im Sozialen die Freundschaft33), die als das Höchste ge¬ priesen wird **). 15 Zweites Kapitel Die Qualitäten des Atoms Es widerspricht dem Begriffe des Atoms, Eigenschaften zu haben; denn, wie Epikur sagt, jede Eigenschaft ist veränderlich, die Atome aber verändern sich nicht1). Allein es ist nichtsdesto- 20 weniger eine notwendige Konsequenz, ihnen dieselben beizulegen. Denn die vielen Atome der Repulsion, die durch den sinnlichen Raum getrennt sind, müssen notwendig unmittel¬ bar voneinander und von ihrem reinen Wesen verschieden sein, das heißt Qualitäten besitzen. 25 Ich nehme daher in der folgenden Entwicklung gar keine Rücksicht auf Schneiders und Nürnbergers Behaup¬ tung, Epikur habe den Atomen keine Qualitäten beigelegt, die §§44 und 54 in dem Brief an Herodot bei Diogenes Laertius seien untergeschoben. Wäre wirklich an dem, wie wollte man die 30 Zeugnisse des Lukrez, des Plutarch, ja aller Schriftsteller, die über Epikur berichten, entkräften? Dazu erwähnt Diogenes Laertius die Qualitäten des Atoms nicht in zwei, sondern in zehn Paragraphen, nämlich den §§ 42, 43, 44, 54, 55, 56, 57, 58, 59 und 61. Der Grund, den jene Kritiker angeben, „sie wüßten die 35 Qualitäten des Atoms mit seinem Begriffe nicht zu vereinigen“, ist sehr seicht. Spinoza sagt, die Ignoranz sei kein Argument. Wollte jeder die Stellen in den Alten, die er nicht versteht, aus¬ streichen, wie bald hätte man tabula rasa! ·) Nach auch gestrichen die höheren ··) Dieser Absatz von Marxens Hand geschrieben.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 33 Durch die Qualitäten erhält das Atom eine Existenz, die seinem Begriffe widerspricht, wird es als entäußertes, von seinem Wesen unterschiedenes Dasein gesetzt. Dieser Wider¬ spruch ist es, der das Hauptinteresse des Epikur bildet. Sobald 5 er daher eine Eigenschaft poniert und so die Konsequenz der materiellen Natur des Atoms gezogen hat: kontraponiert er zu¬ gleich Bestimmungen, welche diese Eigenschaft in ihrer eigenen Sphäre wieder vernichten, und dagegen den Begriff des Atoms geltend machen. Er bestimmt daher alle Eigen- /öschaften so, daß sie sich selbst widersprechen. Demokrit dagegen betrachtet nirgends die Eigenschaften in bezug auf das Atom selbst, noch verobjektiviert er den Widerspruch zwischen Begriff und Existenz, der in ihnen liegt. Vielmehr geht sein ganzes Interesse darauf, die Qualitäten in bezug auf die 15 konkrete Natur, die aus ihnen gebildet werden soll, darzustellen. Sie sind ihm bloß Hypothesen zur Erklärung der erscheinenden Mannigfaltigkeit. Der Begriff des Atoms hat daher nichts mit ihnen zu schaffen. Um unsere Behauptung zu erweisen, ist es zuvörderst nötig, so uns mit den Quellen zu verständigen, die sich hier zu wider¬ sprechen scheinen. In der Schrift Deplacitis ph ilo soph orum heißt es: „Epi kur behauptet, den Atomen komme dies Dreifache zu: Größe, Gestalt, Schwere. Demokrit nahm nur zweierlei an: Größe 25 und Gestalt; Epikur setzte diesen als Drittes die Schwere hin¬ zu2). “ Dieselbe Stelle findet sich, wörtlich wiederholt, in der Praeparatio evangelica des Eusebius3). Sie wird bestätigt durch das Zeugnis des Simplicius4) und Philoponus8), nach dem Demokrit den Atomen nur den 30 Unterschied der Größe und der Gestalt zugeteilt hat. Direkt ent¬ gegen steht Aristoteles, der im ersten Buche De gene- ratione et corruptione den Atomen des Demokrit ver¬ schiedenes Gewicht beilegt8). An einer anderen Stelle (im ersten Buche De caelo) läßt Aristoteles unentschieden, ob Demo- 35 krit den Atomen Schwere beigelegt habe oder nicht; denn er sagt: „So wird keiner der Körper absolut leicht sein, wenn alle Schwere haben; wenn aber alle Leichtigkeit haben, wird keiner schwer sein7).“ Ritter in seiner „Geschichte der alten Philosophie“ ver¬ wirft, auf das Ansehen des Aristoteles sich stützend, die Angaben 4o bei Plutarch, Eusebius und Stobäus8) ; die Zeugnisse des Sim¬ plicius und Philoponus berücksichtigt er nicht. Wir wollen zusehen, ob sich jene Stellen wirklich so sehr wider¬ sprechen. In den angeführten Zitaten spricht Aristoteles von den Qualitäten des Atoms nicht ex professo. Dagegen heißt es im 45 siebenten Buch der Metaphysik: „Demokrit setzt drei Unter¬
34 Die Doktordissertation schiede der Atome. Denn der zugrundeliegende Körper sei der Materie nach einer und derselbe; er sei aber unterschieden durch den ρυαμός^ das die Gestalt, durch die τροπή, das die Lage, oder durch die διαϋιγή, das die Ordnung bedeutet*).“ Soviel folgt so¬ gleich aus dieser Stelle*) : die Schwere wird nicht als eine Eigen- 5 schäft der demokritischen Atome erwähnt. Die zersplitterten, durch die Leere auseinandergehaltenen Stücke der Materie müs¬ sen besondere Formen haben, und diese werden ganz äußerlich aus der Betrachtung des Raumes aufgenommen. Noch deutlicher geht dies aus folgender Stelle des Aristoteles hervor: „Leukipp 10 und sein Genosse Demokrit sagen, die Elemente seien das Volle und das Leere. . . . Diese seien Grund des Seienden als Materie. Wie nun diejenigen, die eine einzige Grundsubstanz setzen, das Andere aus deren Affektionen erzeugen, indem sie das Dünne und das Dichte als Prinzipien der Qualitäten unterstellen: auf dieselbe 15 Weise lehren auch jene, daß die Unterschiede der Atome Ursachen des Anderen seien; denn das zum Grunde liegende Sein unter¬ scheide sich allein durch ρυσμός, διαΰιγή und τροπή .... Es unterscheide sich nämlich A von N durch die Gestalt, AN von NA durch die Ordnung, Z von N durch die Lage10).“ 20 Es folgt aus dieser Stelle evident, daß Demokrit die Eigen¬ schaften der Atome nur in bezug auf die Bildung der Unterschiede der Erscheinungswelt, nicht in bezug auf das Atom selbst be¬ trachtet. Es folgt ferner, daß Demokrit die Schwere nicht als eine wesentliche Eigenschaft der Atome hervorhebt. Sie versteht sich 25 ihm von selbst, weil alles Körperliche schwer ist. Ebenso ist selbst die Größe nach ihm keine Grundqualität. Sie ist eine akzi- dentielle Bestimmung, die den Atomen schon mit der Figur gegeben ist. Nur die Verschiedenheit der Figuren — denn weiter ist in Gestalt, Lage, Stellung nichts enthalten — interessieren den 30 Demokrit. Größe, Gestalt, Schwere, indem sie zusammengestellt werden, wie es vom Epikur geschieht, sind Differenzen, welche das Atom an sich selbst hat; Gestalt, Lage, Ordnung, Unterschiede, die ihm in bezug auf ein Anderes zukommen. Während wir also bei Demokrit bloße hypothetische Bestimmungen zur Erklärung 35 der Erscheinungswelt finden, wird sich uns bei Epikur die Konse¬ quenz des Prinzips selbst darstellen. Wir betrachten daher seine Bestimmungen der Eigenschaften des Atoms im Einzelnen. Erstens haben die Atome Größe11). Anderseits wird auch die Größe negiert. Sie haben nämlich nicht jede Größe12 ), son- 40 dem es sind nur einige Größenwechsel unter ihnen anzunehmen12). Ja es ist nur die Negation des Großen ihnen zuzuschreiben, das Kleine14 ) und auch nicht das Minimum, denn dies wäre eine rein ·) Nach Stelle gestrichen Demokrit setzt nicht den Widerspruch zwischen der Qualität des Atoms und seinem Begriff.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 35 räumliche Bestimmung, sondern das Unendlichkleine, das den Widerspruch ausdrückt15). Rosinius in seinen Adnotationen zu den Fragmenten des Epikur übersetzt daher eine Stelle falsch und übersieht die andere gänzlich, wenn er sagt: 5 „huius modi autem tenuitatem atomorum incredibili parvitate argucbat Epi- curus, utpote quas null a magnitudine praeditas aiebat teste Laertio X, 44ie).“ Ich will nun keine Rücksicht darauf nehmen, daß nach Eusebius erst Epikur unendliche Kleinheit den Atomen zu¬ geschrieben17), Demokrit aber auch die größten Atome — ^Stobäus sagt sogar18), von Weltgröße — angenommen habe. Einerseits widerspricht dies dem Zeugnis des Aristoteles1*), anderseits widerspricht Eusebius oder vielmehr der alexandri¬ nische Bischof Dionysius, den er exzerpiert, sich selbst; denn in demselben Buche heißt es, Demokrit habe als Prinzipien der 15 Natur unteilbare, durch die Vernunft anschaubare Körper unter¬ stellt20). Allein soviel ist klar, Demokrit bringt sich den Wider¬ spruch nicht zum Bewußtsein; er beschäftigt ihn nicht, während er das Hauptinteresse Epikurs bildet. Die zweite Eigenschaft der epikureischen Atome ist die so Gestalt21). Allein auch diese Bestimmung widerspricht dem Begriffe des Atoms, und es muß ihr Gegenteil gesetzt werden. Die abstrakte Einzelheit ist das Abstrakt - Sich - Gleiche und daher gestaltlos. Die Unterschiede der Gestalt der Atome sind daher zwar unbestimmbar22), allein sie sind nicht absolut unendlich2’). 25 Vielmehr ist es eine bestimmte und endliche Anzahl von Gestalten, durch die die Atome unterschieden werden24). Es ergibt sich hieraus von selbst, daß es nicht so viel verschiedene Figuren als Atome gibt25 ), während Demokrit unendlich viele Figuren setzt28 ). Hätte jedes Atom eine besondere Gestalt, so müßte es Atome von 30 unendlicher Größe geben27), denn sie hätten einen unendlichen Unterschied, den Unterschied von allen übrigen an sich, wie die Leibnizischen Monaden. Die Behauptung von Leibniz, daß nicht zwei Dinge sich gleich seien, wird daher umgekehrt, und es gibt unendlich viele Atome von derselben Gestalt28), womit offenbar 35 die Bestimmung der Gestalt wieder negiert ist, denn eine Gestalt, die [sich] nicht mehr von anderen unterscheidet, ist nicht Gestalt*). Höchst wichtig ist es endlich**)·, daß Epikur als dritte Qualität die Sch wer e anführt2*) ; denn im Schwerpunkt besitzt 40 die Materie die ideale Einzelheit, die eine Hauptbestimmung des ·) Nach Gestalt folg. Absatz vertikal gestrichen Epikur hat sich also auch hier den Widerspruch verobjektiviert, während Demokrit, nur die materielle Seite fest¬ haltend, in den weiteren Bestimmungen keine Konsequenz des Prinzips mehr erkennen läßt. H) Dieses Wort von Marx eingefügt.
36 Die Doktorditsertalion Atoms bildet. Sind also die Atome einmal in das Reich der Vor¬ stellung versetzt, so müssen sie auch schwer sein. Allein die Schwere widerspricht auch direkt dem Begriffe des Atoms; denn sie ist die Einzelheit der Materie als ein idealer Punkt, der außerhalb derselben liegt. Das Atom ist aber selbst s diese Einzelheit, gleichsam der Schwerpunkt, als eine einzelne Existenz vorgestellt. Die Schwere existiert daher für den Epikur nur alsverschiedenesGewicht, und die Atome sind selbst substanziale Schwerpunkte, wie die Himmelskörper. Wendet man dies auf das Konkrete an, so ergibt sich von selbst, 10 was der alte Brucker so wunderbar findet80) und was uns Lukrez versichert81), nämlich daß die Erde kein Zentrum hat, nach dem alles strebt, und daß es keine Antipoden gibt. Da die Schwere ferner nur dem von anderen unterschiedenen, also ent¬ äußerten und mit Eigenschaften begabten Atome zukommt: so 15 versteht es sich, daß, wo die Atome nicht als viele in ihrer Differenz voneinander, sondern nur in Beziehung zur Leere gedacht werden, die Bestimmung des Gewichtes fortfällt. Die Atome, so verschieden sie an Masse und Form sein mögen, bewegen sich daher gleich schnell im leeren Raum82). Epikur wendet daher die Schwere 20 auch nur in der Repulsion und den Kompositionen an, die aus der Repulsion hervorgehen, was Veranlassung gegeben hat*), zu be¬ haupten, nur die Konglomerationen der Atome, nicht aber sie selbst, seien mit Schwere begabt88). Gassendi lobt schon **) den Epikur, daß er, rein durch Ver- 25 nunft geleitet, die Erfahrung antizipiert habe, wonach alle Körper, obgleich an Gewicht und Last höchst verschieden, dennoch gleich schnell sind, wenn sie von oben nach unten fallen84) ***). Die Betrachtung der Eigenschaften der Atome liefert uns also dasselbe Resultat wie die Betrachtung der Deklination, nämlich, so daß Epikur den Widerspruch im Begriff des Atoms zwischen Wesen und Existenz verobjektiviert und so die Wissenschaft der Atomistik geliefert hat, während beim Demokrit keine Realisie¬ rung des Prinzips selber stattfindet, sondern nur die materielle Seite festgehalten und Hypothesen zum Behufe der Empirie bei- 55 gebracht werden. *) Nach hat gestrichen sie als Ursache dieser zu betrachten, und ··) schon von Marx eingefügt. m) Hier folgender Satz gestrichen Wir haben diesem Lobe die Verständigung aus dem Prinzip des Epikur hinzugefügt.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 37 Drittes Kapitel Ατο μοι άρχαί und άτομα στ οιχεία Schaubach behauptet in seiner schon oben angeführten Ab¬ handlung über die astronomischen Begriffe des Epikur: „E p i k u r <5 habe mit Aristoteles einen Unterschied gemacht zwischen Anfängen (άτομοι άρχαί, Diogen. Laert. X, 41) und Elemen¬ ten (άτομα στοιχεία, Diogen. Laert. X, 86). Jene sind die nur durch den Verstand erkennbaren Atome, erfüllen keinen Raum1) . . . Dieselben heißen Atome, nicht als die io kleinsten Körper, sondern weil sie im Raume nicht geteilt werden können. Nach diesen Vorstellungen sollte man also glauben, daß Epikur den Atomen keine Eigenschaften, welche sich auf den Raum beziehen, beigelegt habe2). In dem Briefe an den Herodot aber (Diogen. Laert. X, 44, 54) gibt er den Atomen nicht nur 15 Schwere, sondern auch Gestalt und Größe. . . . Ich rechne daher diese Atome zu der zweiten Gattung, welche aus jenen ent¬ standen sind, aber doch wieder als Elementarteilchen der Körper angesehen werden’).“ Betrachten wir uns die Stelle, die Schaubach aus dem Dio- 20 genes Laertius zitiert, genauer. Sie heißt: olov δτι το παν σώμα καί άναφης φύσις έστίν ή δτι άτομα στοιχεία καί πάντα τά τοιαϋτα. Epikur belehrt hier den Pythokles, an den er schreibt, die Lehre von den Meteoren unterscheide sich von allen übrigen physischen Doktrinen, zum Beispiel, daß *) Alles Körper und Leeres sei, 25 daß**) es unteilbare Grundstoffe gebe. Man sieht, es ist hier durchaus kein Grund vorhanden, anzunehmen, es sei von einer sekundären Gattung Atome die Rede***). Vielleicht scheint es, daß die Disjunktion zwischen το πάν σώμα καί άναφης φύσις und δτι τά άτομα στοιχεία einen Unterschied zwischen σώμα und 30 άτομα στοιχεία poniere, wo dann etwa σώμα die Atome der ersten Art im Gegensatz zu den άτομα στοιχεία bedeute. Allein daran ist gar nicht zu denken. Σώμα bedeutet das Körperliche im Gegensatz zum Leeren, das daher auch άσώματον heißt5). In σώμα sind daher ebensowohl die Atome als die zusammen- 35 gesetzten Körper einbegriffen. So wird z. B. in dem Briefe an den Herodot gesagt: το παν ίστι σώμα ... εΐ μή ήν δ κενόν καί χώραν καί άναφή φύσιν δνομάζομεν . . . Τών σωμάτων τά ·) daß von Marx korr. aus von der Lehre, nach der ··) sei, daß ... gebe von Marx korr. aus ist, aber nach der... gibt. ···) Nach Rede folgender Satz gestr. Mit demselben Recht und Unrecht könnte man aus dieser Stelle αρχή δε τούτων ούκ έστιν, αίτιων [bei Usener αΓό/ών] τών άτόμων σναων^) schließen, Epikur habe eine dritte Art — άτομα αίτια — angenommen.
38 Die Doktordissertation άεν έστι συ γ κρ ίσε ι ς, τά δ’έξ ών cd συγκρίσεις πεποίηνται. τ a ύτ a με έστιν άτομα και αμετάβλητα . . . ώστε τάς άρχάς άτόμους δναγκαίον είναι σωμάτων φύσεις9). Epikur spricht also in der oben erwähnten Stelle zuerst vom Körperlichen überhaupt im Unterschiede vom Leeren, dann von dem besonderen Kör- 5 perlichen, den Atomen*). Schaubachs Berufung auf den Aristoteles beweist ebenso¬ wenig. Der Unterschied zwischen αρχή und στοιχειον, den vor¬ zugsweise die Stoiker urgieren7), findet sich zwar auch bei Aristo¬ teles8), allein nicht minder gibt er auch die Identität beider Aus- 10 drücke an®). Er lehrt sogar ausdrücklich, στοιχεΐον bezeichne vorzugsweise das Atom10). Ebenso nennen auch Leukipp und Demokrit das πλήρες καί κενόν „στοιχεϊον* Μ). Bei Lukrez, in den Briefen des Epikur bei Diogenes Laertius, im Kolotes des Plutarch12), vom Sextus Empiricus1’) werden die 15 Eigenschaften den Atomen selbst beigelegt, weshalb sie eben als sich selbst aufhebend bestimmt wurden. Wenn es aber für eine Antinomie gilt, daß bloß durch die Ver¬ nunft wahrnehmbare Körper mit räumlichen Qualitäten begabt sind: so ist es eine viel größere Antinomie, daß die räumlichen 20 Qualitäten selbst nur durch den Verstand perzipiert werden können14 ). Endlich führt Schaubach zur weiteren Begründung seiner An¬ sicht folgende Stelle des Stobäus an: ’Επίκουρος . . . τά πρώτα (sc. σώματα) μεν άπλά, τα δό έξ έκείνων συγκρίματα πάντα βάρος Ιχείν. 25 Dieser Stelle bei Stobäus könnten noch folgende hinzugefügt wer¬ den, in denen άτομα στοιχεία als eine besondere Art Atome er¬ wähnt werden: (Plutarch) De placitis philosopho- rum I, 246 und 249, und Stob. Ec log. phys. I, p. 516). Übrigens wird keineswegs in diesen Stellen behauptet, die ur- 30 sprünglichen Atome seien ohne Größe, Gestalt und Schwere. Es wird vielmehr nur von der Schwere als einem differenten Merk¬ male der άτομοι άρχαί und άτομα στοιχεία gesprochen. Wir be¬ merkten aber schon im vorigen Kapitel, daß diese nur bei der Repulsion und den aus ihr entstehenden Konglomerationen an- 35 gewandt wird. Mit der Erdichtung der άτομα στοιχεία wird auch nichts gewonnen. Es ist ebenso schwierig, aus den άτομοι άρχαί zu den άτομα στοιχεία überzugehen, als ihnen direkt Eigenschaften bei¬ zulegen. Nichtsdestoweniger leugne ich nicht durchaus jene Unter- io Scheidung. Ich leugne nur zwei verschiedene fixe Arten von ·) Nach Atomen folg. Satz vertikal gestrichen Άτομα στοιχεία hat daselbst keine andere Bedeutung als die άτομοι φύσεις, von denen gesagt wird, sie seien άρχαί in der zuletzt allegierten Stelle.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 39 Atomen. Es sind vielmehr unterschiedene Bestimmungen einer und derselben Art. Ehe ich diesen Unterschied auseinandersetze, mache ich noch aufmerksam auf eine Manier des Epikur. Er setzt nämlich die 5 verschiedenen Bestimmungen eines Begriffes gern als verschiedene selbständige Existenzen. Wie sein Prinzip das Atom ist, so ist die Weise seines Wissens selbst atomistisch. Jedes Moment der Ent¬ wicklung verwandelt sich ihm unter der Hand sogleich in eine fixe, von ihrem Zusammenhänge gleichsam durch den leeren Raum 10 getrennte Wirklichkeit; alle Bestimmung nimmt die Gestalt der isolierten Einzelheit an. Aus folgendem Beispiel wird diese Manier klar werden. Das Unendliche, το άπειρον 9 oder die infinitio, wie Cicero übersetzt, wird zuweilen als eine besondere Natur vom Epikur 15 gebraucht; ja gerade in denselben Stellen, in denen wir die στοιχεία als eine fix zugrunde liegende Substanz bestimmt finden, finden wir auch das Απειρον verselbständigt18). Nun ist aber das Unendliche nach den eigenen Bestimmungen des Epikur weder eine besondere Substanz noch etwas außer den 20 Atomen und dem Leeren, sondern vielmehr eine akzidentielle Be¬ stimmung derselben. Wir finden nämlich drei Bedeutungen des Απειρον. Erstens drückt das Απειρον dem Epikur eine Qualität aus, die den Atomen und dem Leeren gemein ist. So bedeutet es die Un- 25 endlichkeit des Alls, das unendlich ist durch die unendliche Viel¬ heit der Atome, durch die unendliche Größe des Leeren17). Das andere Mal ist απειρία*) die Vielheit der Atome, so daß nicht das Atom, sondern die unendlich vielen Atome dem Leeren entgegengesetzt werden18). 30 Endlich, wenn wir vom Demokrit auf den Epikur schließen dürfen, bedeutet Απειρον auch gerade das Gegenteil, die unbe¬ grenzte Leere, die dem in sich bestimmten und durch sich selbst begrenzten Atom opponiert wird19). In allen diesen Bedeutungen — und sie sind die einzigen, so- 35 gar die einzig möglichen für die Atomistik — ist das Unendliche eine bloße Bestimmung der Atome und des Leeren. Nichtsdesto¬ weniger wird es zu einer besonderen Existenz verselbständigt, so¬ gar als eine spezifische Natur neben die Prinzipien gestellt, deren Bestimmtheit es ausdrückt **). <o Mag daher Epikur selbst die Bestimmung, in der das Atom στοιχεϊον wird, als eine selbständige, ursprüngliche Art Atom fixiert haben, was übrigens, nach der historischen Prävalenz der einen Quelle vor der anderen zu schließen, nicht der Fall ist; oder *) Vor Απειρία gestrichen Απειρον oder *·) Nach ausdrückt gestr. Dies Beispiel ist überzeugend.
40 Die Doktordissertation mag Metrodor, der Schüler des Epikur, was uns wahrscheinlicher dünkt, erst die unterschiedene Bestimmung in eine unterschiedene Existenz verwandelt haben20) : wir müssen der subjektiven Weise des atomistischen Bewußtseins die Verselbständigung der ein¬ zelnen Momente zuschreiben. Dadurch, daß man verschiedenen 5 Bestimmungen die Form verschiedener Existenz verleiht, hat man ihren Unterschied nicht begriffen. Das Atom hat dem Demokrit nur die Bedeutung eines στοιχεϊον, eines materiellen Substrats. Die Unterscheidung zwischen dem Atom als αρχή und στοιχεϊον, als Prinzip und Grundlage, gehört 10 dem Epikur. Ihre Wichtigkeit wird aus folgendem erhellen. Der Widerspruch zwischen Existenz und Wesen, zwischen Ma¬ terie und Form, der im Begriff des Atoms liegt, ist am einzelnen Atom selbst gesetzt, indem es mit Qualitäten begabt wird. Durch die Qualität ist das Atom seinem Begriff entfremdet, zugleich aber 15 in seiner Konstruktion vollendet. Aus der Repulsion und den da¬ mit zusammenhängenden Konglomerationen der qualifizierten Atome entsteht nun die erscheinende Welt. Bei diesem Übergange aus der Welt des Wesens in die Welt der Erscheinung erreicht offenbar der Widerspruch im Begriff des 20 Atoms seine grellste Verwirklichung. Denn das Atom ist seinem Begriff nach die absolute, wesentliche Form der Natur. Diese absolute Form ist jetzt zur absoluten Materie, zum formlosen Substrat der erscheinenden Welt degradiert. èè Die Atome sind zwar Substanz der Natur21), aus der Alles sich erhebt, in die Alles sich auflöst22); aber die stete Vernich¬ tung der erscheinenden Welt kommt zu keinem Resultat. Es bilden sich neue Erscheinungen; das Atom selbst aber bleibt immer als Bodensatz zu Grunde liegen28). Soweit also das Atom 30 seinem reinen Begriff nach gedacht wird, ist der leere Raum, die vernichtete Natur, seine Existenz; soweit es zur Wirklichkeit fort¬ geht, sinkt es zur materiellen Basis herab, die, Träger einer Welt von mannigfaltigen Beziehungen, nie anders als in ihr gleich¬ gültigen und äußerlichen Formen existiert. Es ist dies eine 35 notwendige Konsequenz, weil das Atom, als Abstrakt - Ein¬ zelnes und Fertiges vorausgesetzt, nicht als idealisierende und übergreifende Macht jener Mannigfaltigkeit sich zu betätigen vermag. Die abstrakte Einzelheit ist die Freiheit vom Dasein, nicht die 40 Freiheit im Dasein. Sie vermag nicht, im Licht des Daseins zu leuchten. Es ist dies ein Element, in welchem sie ihren Charakter verliert und materiell wird. Daher tritt das Atom nicht in den Tag der Erscheinung24) oder sinkt zur materiellen Basis herab, wo es in sie tritt. Das Atom als solches existiert nur in der Leere. 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 41 So ist der Tod der Natur ihre unsterbliche Substanz geworden; und mit Recht ruft Lukrez aus: *) mortalem vitam mors [quum] immortalis ademit. Daß aber Epikur den Widerspruch in dieser seiner höchsten 5 Spitze faßt und vergegenständlicht, also das Atom, wo es zur Basis der Erscheinung wird, als στοιχεϊον vom Atom, wie es im Leeren existiert, als άρχή unterscheidet, ist sein philosophischer Unterschied vom Demokrit, der nur das eine Moment vergegen¬ ständlicht. Es ist dies derselbe Unterschied, der in der Welt des io Wesens, dem Reiche der Atome und des Leeren, den Epikur vom Demokrit trennt. Da aber erst das qualifizierte Atom das voll¬ endete ist, da erst aus dem vollendeten und seinem Begriff ent¬ fremdeten Atom die erscheinende Welt hervorgehen kann: so drückt dies Epikur so aus, daß erst das qualifizierte Atom ία στοιχεϊον werde oder erst das άτομον στοιχεϊον mit Qualitäten begabt sei. Viertes Kapitel Die Zeit Da im Atom die Materie als reine Beziehung auf sich aller 20 Veränderlichkeit und Relativität enthoben ist: so folgt unmittel¬ bar, daß die Zeit aus dem Begriffe des Atoms, der Welt des Wesens, auszuschließen ist. Denn die Materie ist nur ewig und selbständig, insofern von dem zeitlichen Moment in ihr abstrahiert wird. Hierin stimmen auch Demokrit und Epikur überein. Sie 25 differieren aber in der Art und Weise, wie die Zeit, die aus der Welt der Atome entfernt ist, nun bestimmt, wohin sie verlegt wird. Dem Demokrit hat die Zeit keine Bedeutung, keine Notwendig¬ keit für das System. Er erklärt sie, um sie aufzuheben. Als ewig wird sie bestimmt, damit, wie Aristoteles1) und Simplicius’) 30 sagen, Entstehen und Vergehen, also das Zeitliche, von den Atomen entfernt werde. Sie selbst, die Zeit, biete den Beweis dar, daß nicht Alles einen Ursprung, einen Moment des Anfangs haben müsse. Es ist hierin ein Tieferes anzuerkennen. Der imaginierende 35 Verstand, der die Selbständigkeit der Substanz nicht begreift, fragt nach ihrem zeitlichen Werden. Es entgeht ihm dabei, daß, indem er die Substanz zu einem Zeitlichen**), er zugleich die Zeit zu einem Substanziellen macht und damit ihren Begriff aufhebt; denn die absolut gemachte Zeit ist nicht mehr zeitlich. ·) HI, 882; bei Diels 869. ··) Nach Zeitlichen gestrichen macht
42 Die Doktordissertation Allein andererseits ist diese Lösung unbefriedigend. Die Zeit, aus der Welt des Wesens ausgeschlossen, wird in das Selbst¬ bewußtsein des philosophierenden Subjekts verlegt, berührt aber nicht die Welt selbst. Anders Epikur. Aus der Welt des Wesens ausgeschlossen, wird 5 ihm die Zeit zur absoluten Form der Erschei¬ nung. Sie wird nämlich bestimmt als Akzidens des Akzidens. Das Akzidens ist die Veränderung der Substanz überhaupt. Das Akzidens des Akzidens ist die Veränderung als in sich reflek¬ tierende, der Wechsel als Wechsel. Diese reine Form der erschei- 10 nenden Welt ist nun die Zeit8). Die Zusammensetzung ist die bloß passive Form der kon¬ kreten Natur, die Zeit ihre aktuose Form. Betrachte ich die Zu¬ sammensetzung ihrem Dasein nach: so existiert das Atom hinter ihr, im Leeren, in der Einbildung; betrachte ich das Atom seinem 15 Begriffe nach: so existiert die Zusammensetzung entweder gar nicht oder nur in der subjektiven Vorstellung; denn sie ist eine Beziehung, in welcher die selbständigen, in sich verschlossenen, gegeneinander gleichsam interesselosen Atome ebenso sehr nicht aufeinander bezogen sind. Die Zeit dagegen, der Wechsel des 20 Endlichen, indem er als Wechsel gesetzt wird, ist ebenso sehr die wirkliche Form, die die Erscheinung vom Wesen trennt, sie als Erscheinung setzt, als sie in das Wesen zurückführt. Die Zu¬ sammensetzung drückt nun die Materialität sowohl der Atome aus, als der Natur, die aus ihnen sich erhebt. Die Zeit dagegen 25 ist in der Welt der Erscheinung, was der Begriff des Atoms in der Welt des Wesens ist, nämlich die Abstraktion, Vernichtung und Zurückführung alles bestimmten Daseins in das Fürsichsein. Aus diesen Betrachtungen ergeben sich folgende Konsequenzen. Erstens macht Epikur den Widerspruch zwischen Materie und 30 Form zum Charakter der erscheinenden Natur, die so das Gegen¬ bild der wesentlichen, des Atoms, wird. Dies geschieht, indem dem Raume die Zeit, der passiven Form der Erscheinung die aktive entgegengesetzt wird. Zweitens wird erst bei Epikur die Erscheinung als Erscheinung aufgefaßt, das heißt als eine Ent- 35 fremdung des Wesens, die sich selbst in ihrer Wirklichkeit als solche Entfremdung betätigt. Bei Demokrit dagegen, dem die Zusammensetzung die einzige Form der erscheinenden Natur ist, zeigt die Erscheinung nicht an sich selbst, daß sie Erscheinung, ein vom Wesen Unterschiedenes ist. Also ihrer Existenz nach be- 40 trachtet, wird das Wesen gänzlich mit ihr konfundiert, ihrem Be¬ griff nach gänzlich von ihr getrennt, so daß sie zum subjektiven Schein herabsinkt. Die Zusammensetzung verhält sich gleich¬ gültig und materiell gegen ihre wesentlichen Grundlagen. Die Zeit dagegen ist das Feuer des Wesens, das die Erscheinung ewig ver- 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 43 zehrt und ihr den Stempel der Abhängigkeit und Wesenlosigkeit aufdrückt. Endlich, indem nach Epikur die Zeit der Wechsel als Wechsel, die Reflexion der Erscheinung in sich ist, wird mit Recht die erscheinende Natur als objektiv gesetzt, mit Recht die 5 sinnliche Wahrnehmung zum realen Kriterium der konkreten Natur gemacht, obgleich das Atom, ihr Fundament, nur durch die Vernunft geschaut wird. Weil nämlich die Zeit die abstrakte Form der sinnlichen Wahr¬ nehmung ist: so ist nach der atomistischen Weise des epikureischen 10 Bewußtseins die Notwendigkeit vorhanden, daß sie als eine be¬ sonders existierende Natur in der Natur fixiert werde. Die Ver¬ änderlichkeit der sinnlichen Welt nun als Veränderlichkeit, ihr Wechsel als Wechsel, diese Reflexion der Erscheinung in sich, die den Begriff der Zeit bildet, hat ihre gesonderte Existenz in der 15 bewußten Sinnlichkeit. Die Sinnlichkeit des Menschen ist also die verkörperte Zeit, die existierende Reflexion der Sinnenwelt in sich. Wie dies aus der Begriffsbestimmung der Zeit bei Epikur unmittelbar sich ergibt, so läßt es sich auch ganz bestimmt im 2o Einzelnen nachweisen. In dem Briefe des Epikur an den Herodot*) wird die Zeit so bestimmt, daß sie entstehe, wenn die von den Sinnen perzipierten Akzidenzen der Körper als Akzidenzen ge¬ dacht werden. Die in sich reflektierte Sinnenperzeption ist hier also die Quelle der Zeit und die Zeit selbst. Daher ist nicht nach 25 Analogie die Zeit zu bestimmen noch ein Anderes von ihr aus¬ zusagen, sondern die Enargie selbst festzuhalten; denn, weil die in sich reflektierte Sinnenperzeption die Zeit selbst ist, ist nicht über sie hinauszugehen. Dagegen bei Lukrez, Sextus Empiricus und Sto- jobäus*) wird das Akzidens des Akzidens, die in sich reflektierte Veränderung, als Zeit bestimmt. Die Reflexion der Akzidenzen in der Sinnenperzeption und ihre Reflexion in sich selbst werden daher als Eines und Dasselbe gesetzt. Durch diesen Zusammenhang zwischen der Zeit und der Sinn¬ es lichkeit erhalten auch die είδωλα, die ebenso bei Demokrit sich finden, eine konsequentere Stellung. Die είδωλα sind die Formen der Naturkörper, die sich als Oberflächen gleichsam von ihnen abhäuten und sie in die Er¬ scheinung tragen*). Diese Formen der Dinge strömen beständig 4o von ihnen aus und dringen in die Sinne und lassen eben dadurch die Objekte erscheinen. Im Hören hört daher die Natur sich selbst, im Riechen riecht sie sich selbst, im Sehen sieht sie sich selbst7). Die menschliche Sinnlichkeit ist so das Medium, in dem, als in einem Fokus, die Naturprozesse sich reflektieren und zum Lichte 45 der Erscheinung entzünden.
44 Die Doktordissertation Bei Demokrit ist dies eine Inkonsequenz, da die Erschei¬ nung nur subjektiv ist; bei Epikur eine notwendige Folge, da die Sinnlichkeit die Reflexion der erscheinenden Welt in sich, ihre verkörperte Zeit ist. Endlich zeigt sich der Zusammenhang der Sinnlichkeit und s der Zeit so, daß die Zeitlichkeit der Dinge und ihre Erscheinung für die Sinne als eins an ihnen selbst gesetzt wird. Denn eben dadurch, daß die Körper den Sinnen erscheinen, vergehen sie8). Indem nämlich die είδωλα sich beständig von den Körpern abtrennen und in die Sinne 10 strömen, indem sie ihre Sinnlichkeit außer sich als eine andere Natur haben, nicht an sich selbst, also nicht aus der Diremtion zurückkehren: lösen sie sich auf und vergehen. Wie also das Atom nichts als die Naturform des abstrakten, einzelnen Selb stbewuß ts eins 15 ist: so ist die sinnliche Natur nur das ver¬ gegenständlichte empirische, einzelne Selbst¬ bewußtsein, und dies ist das sinnliche. Die Sinne sind daher die einzigen Kriterien in der konkreten Natur, wie die abstrakte Vernunft?# in der Welt der Atome. Fünftes Kapitel Die Meteore Demokrits astronomische Ansichten mögen scharfsinnig sein für den Standpunkt seiner Zeit. Philosophisches Interesse 2.5 ist ihnen nicht abzugewinnen. Weder verlassen sie den Kreis empirischer Reflexion, noch stehen sie in bestimmterem inneren Zusammenhang mit der Atomenlehre. Dagegen Epikurs Theorie von den Himmelskörpern und den mit ihnen zusammenhängenden Prozessen oder von den Μ e - 30 teoren (in welchem einen Ausdruck er dies zusammenfaßt) steht im Gegensatz nicht nur zur Meinung Demokrits, sondern zur Meinung der griechischen Philosophie. Die Verehrung der Himmelskörper ist ein Kultus, den alle griechischen Philosophen feiern. Das System der Himmelskörper ist die erste naive und 35 naturbestimmte Existenz der wirklichen Vernunft. Dieselbe Stel¬ lung hat das griechische Selbstbewußtsein im Reich des Geistes. Es ist das geistige Sonnensystem. Die griechischen Philosophen beteten daher in den Himmelskörpern ihren eigenen Geist an. Anaxagoras selbst, der zuerst den Himmel physisch er- 40 klärte und ihn so in einem anderen Sinne, als Sokrates, auf die
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 45 Erde herabzog, antwortete, als man ihn fragte, wozu er geboren sei: εις θεωρίαν ήλίου καί σελήνης καί ουρανού1). Xenophanes aber schaute zum Himmel und sagte: Das Eine sei der Gott’). Von den Pythagoreern und Plato, von Aristoteles 5 ist die religiöse Beziehung zu den Himmelskörpern bekannt. Ja, der Anschauung des ganzen griechischen Volkes tritt Epikur entgegen. Es scheint manchmal, sagt Aristoteles, der Begriff für die Phänomene zu zeugen, und die Phänomene für den Begriff. io So haben alle Menschen eine Vorstellung von den Göttern und schreiben dem Göttlichen den obersten Sitz zu, sowohl Barbaren als Hellenen, überhaupt alle, so viele an das Dasein der Götter glauben, offenbar das Unsterbliche dem Unsterblichen ver¬ knüpfend; denn anders ist es unmöglich. Wenn also ein Gött- liches ist — wie es denn wirklich ist: so ist auch unsere Behaup¬ tung über die Substanz der Himmelskörper richtig. Es entspricht dies aber auch der sinnlichen Wahrnehmung, um für menschliche Überzeugung zu sprechen. Denn in der ganzen vergangenen Zeit scheint, nach der wechselseitig überlieferten Erinnerung, sich so nichts verändert zu haben, weder an dem ganzen Himmel noch an irgendeinem seiner Teile. Auch der Name scheint von den Alten überliefert zu sein bis zur Jetztwelt, indem sie dasselbe annahmen, was auch wir sagen. Denn nicht einmal, nicht zwei¬ mal, sondern unendlichmal sind dieselben Ansichten zu uns ge- u langt. Weil nämlich der erste Körper etwas anderes ist, außer der Erde und dem Feuer und der Luft und dem Wasser: benannten sie den obersten Ort „Äther“ von θεϊν άεί, die ewige Zeit ihm als Beinamen gebend *). Den Himmel aber und den oberen Ort teilten die Alten den Göttern zu, weil er allein imsterblich ist. Die jetzige so Lehre bezeugt aber, daß er unzerstörbar, unentstanden, unteil- haft ist alles sterblichen Mißgeschicks. Auf diese Weise ent¬ sprechen zugleich unsere Begriffe der Wahrsagung über den Gott*). Daß aber ein*) Himmel ist, ist offenbar. Überliefert ist von den Vorfahren und Alten, zurückgeblieben in der Gestalt 35 des Mythos der Späteren, daß die Himmelskörper Götter sind und daß das Göttliche die ganze Natur umfängt. Das Andere wurde mythisch hinzugetan für den Glauben der Vielen, als nützlich für die Gesetze und das Leben. Denn menschenähnlich und einigen der anderen Lebendigen ähnlich machen sie die Götter, 40 und erdichten dergleichen hiermit Zusammenhängendes und Ver¬ wandtes. Wenn jemand hiervon das Übrige abtrennt und nur das Erste festhält, ihren Glauben, daß die ersten Substanzen Götter seien: so muß er es für göttlich gesagt halten, und daß, nachdem, *) Von Marx korr. aus einer der Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 9
46 Die Doktordissertation wie es sich traf, jede mögliche Kunst und Philosophie erfunden und wieder verlorengegangen war, diese Meinungen, Reliquien gleich, auf die Jetztwelt gelangt seien5). Epikur dagegen: Zu diesem allen ist das hinzuzudenken, daß die größte Verwirrung der menschlichen Seele dadurch ent- 5 steht, daß sie die Himmelskörper für selig und unzerstörbar halten und ihnen entgegengesetzte Wünsche und Handlungen haben, und Verdacht schöpfen nach den Mythen*). Was die Meteore betrifft, muß man glauben, daß in ihnen Bewegung und Lage und Eklipsis und Aufgang und Niedergang und diesen Ver-10 wandtes nicht entsteht, indem Einer regiert und anordnet oder angeordnet hat, der zugleich alle Seligkeit neben der Unzerstör¬ barkeit besäße. Denn nicht stimmen Handlungen mit der Selig¬ keit überein, sondern, der Schwäche, der Furcht und dem Be¬ dürfnis am meisten verwandt, geschehen sie. Noch ist zu meinen, n daß einige feuerartige Körper, die Seligkeit besitzen, willkürlich diesen Bewegungen sich unterziehen. Stimmt man nun hiermit nicht überein: so bereitet dieser Gegensatz selbst die größte Ver¬ wirrung den Seelen7). Wenn Aristoteles daher den Alten vorgeworfen hat * ), 20 sie glaubten, der Himmel bedürfe zu seiner Stütze des Atlas8), der ) προς έσπέρους τόπους εστηκε κίον ουρανού τε και χ^ονός ώμοιν έρείδων (Aischyl. Prometh. 348 sq ) 25 so tadelt Epikur dagegen die, die glauben, der Mensch bedürfe des Himmels; und den Atlas selbst, auf den sich der Himmel stützt, findet er in der menschlichen Dummheit und dem Aber¬ glauben. Auch die Dummheit und der Aberglaube sind Titanen. • Der ganze Brief des Epikur an den Pythokles handelt von der 30 Theorie der Himmelskörper, die letzte Sektion ausgenommen. Sie beschließt die Epistel mit ethischen Sentenzen. Und pas¬ send ***) werden der Lehre von den Meteoren sittliche Maximen angehängt. Diese Lehre ist dem Epikur eine Gewissensangelegen¬ heit. Unsere Betrachtung wird sich daher hauptsächlich auf dies 3s Schreiben an den Pythokles stützen. Wir werden es ergänzen aus dem Brief an den Herodot, auf den sich Epikur selbst beim Pythokles beruft*). Erstens ist nicht zu glauben, daß ein ander Ziel aus der Erkenntnis der Meteore, werde sie im Ganzen oder im Besonderen « gefaßt, sich erreichen lasse als die Ataraxie und feste Zuversicht, *) den Alten vorgeworfen hat von Marx korr. aus die Alten getadelt hat. **) Das griech. Zitat von Marx korr. aus der lateinischen Übersetzung axem humero torqueat stellis fulgentibus aptam. *··) passend von Marx korr. aus nicht zufällig
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 47 wie aus der übrigen Naturwissenschaft10). Nicht der Ideologie und der leeren Hypothesen hat unser Leben not, sondern des, daß wir ohne Verwirrung leben. Wie es das Geschäft der Physiologie überhaupt ist, die Gründe des Hauptsächlichsten zu erforschen: 5 so beruht auch hierin die Glückseligkeit in der Erkenntnis der Meteore. An und für sich enthält die Theorie vom Untergang und Aufgang, von der Lage und Eklipsis keinen besonderen Grund der Glückseligkeit; nur daß Schrecken die innehat, die dies sehen, ohne seine Natur zu erkennen und seine Hauptursachen n). 10 Bis hierher wird nur der Vorrang verneint, den die Theorie der Meteore vor den anderen Wissenschaften haben sollte, und sie in dasselbe Niveau gestellt. Allein die Theorie der Meteore unterscheidet sich auch spezifisch, sowohl von der Weise der Ethik als den 15 übrigen physischen Problemen, zum Beispiel, daß es unteilbare Elemente gibt und dergleichen, wo nur eine einzige Erklärung den Phänomenen entspricht. Denn dies findet bei den Meteoren nicht statt12). Diese haben keine einfache Ursache der Entstehung und mehr als eine Kategorie des Wesens, welche den Phänomenen ent· 2o spricht. Denn nicht nach leeren Axiomen und Gesetzen ist die Physiologie zu betreiben18). Es*) wird stets wiederholt, daß nicht απλώς (einfach, absolut), sondern πολλαχώς (vielfach) die Meteore zu erklären seien. So über Aufgang und Untergang von Sonne und Mond14), über das Wachsen und Abnehmen des ^Mondes15), über den Schein des Gesichts im Monde10), über den Wechsel der Tag- und Nachtlänge17) und die übrigen zölestischen Erscheinungen. Wie soll denn nun erklärt werden? Jede Erklärung genügt. Nur der Mythos sei entfernt. Er wird 3o aber entfernt sein, wenn man, den Phänomenen folgend, von ihnen auf das Unsichtbare schließt18). An die Erscheinung ist sich festzuhalten, an die sinnliche Wahrnehmung. Die Analogie ist daher anzuwenden. So kann man sich die Furcht wegerklären und sich von derselben befreien, Gründe angebend über die Metéore 35 und das Übrige, was immer zutrifft und die anderen Menschen am meisten bestürzt19). Die Masse der Erklärungen, die Vielheit der Möglichkeiten soll nicht nur das Bewußtsein beruhigen und die Gründe der Angst entfernen, sondern zugleich die Einheit, das sich gleiche μ und absolute Gesetz in den Himmelskörpern selbst negieren. Bald so, bald anders könnten sie sich verhalten; diese gesetzlose Möglichkeit sei der Charakter ihrer Wirklichkeit; alles in ihnen sei unbeständig und unstät”). Die Vielheit der Erklä¬ *) Von Marx korr. aus Dies 9·
48 Die Doktordissertation rungen soll zugleich die Einheit des Objektes aufheben. Während also Aristoteles in Übereinstimmung mit den anderen griechischen Philosophen die Himmelskörper ewig und imsterblich macht, weil sie immer auf dieselbe Weise sich ver- 5 halten; während er ihnen selbst ein eigenes, höheres, der Macht der Schwere nicht unterworfenes Element zuschreibt: behauptet Epi kur im direkten Gegensatz, gerade umgekehrt verhalte es sich. Dadurch sei die Theorie der Meteore spezifisch unterschieden von aller übrigen physischen Doktrin, daß in ihnen alles mehrfach 10 und ungeregelt geschehe, daß alles in ihnen durch mannigfaltige, unbestimmt viele Gründe zu erklären sei. Ja, erzürnt und heftig eifernd, verwirft er die Gegenmeinung: die sich an einer Erklä¬ rungsweise halten und alle anderen ausschließen, die ein Einiges, daher Ewiges und Göttliches in den Meteoren annehmen, verfallen 15 in eitle Erklärerei und den sklavischen Kunststücken der Astro¬ logen; sie überschreiten die Grenzen der Physiologie und werfen sich dem Mythos in die Arme; Unmögliches suchen sie zu voll¬ bringen, und mit Sinnlosem mühen sie sich ab; nicht einmal wissen sie, wo die Ataraxie selbst in Gefahr kommt. Ihr Geschwätz ist zu 20 verachten21). Fern muß man sich halten von dem Vorurteil, als sei die Forschung über jene Gegenstände nicht gründlich und subtil genug, soweit sie nur auf unsere Ataraxie und Glückselig¬ keit hinzielt22). Absolute Norm dagegen ist, daß nichts einer un¬ zerstörbaren und ewigen Natur zukommen kann, was die Ataraxie u störe, was Gefahr hervorbringe. Das Bewußtsein muß fassen, daß dies ein absolutes Gesetz ist28). Epikur schließt also: Weil die Ewigkeit der Him¬ melskörper die Ataraxie des Selbstbewußtseins stören würde, ist es eine notwendige, stringentem Konsequenz, daß sie nicht ewig sind. Wie ist nun diese eigentümliche Ansicht des Epikur zu be¬ greifen? Alle Autoren, die über epikureische Philosophie geschrieben, haben diese Lehre als inkohärent mit der übrigen Physik, mit 35 der Atomenlehre, dargestellt. Der Kampf gegen die Stoiker, den Aberglauben, die Astrologie seien zureichende Gründe. Und wir haben gehört, Epikur selbst unterscheidet die Me¬ thode, die in der Theorie der Meteore angewandt wird, von der Methode der übrigen Physik. Allein in welcher Bestimmung 40 seines Prinzips liegt die Notwendigkeit dieser Unterscheidung? Wie kommt er auf den Einfall? Und nicht nur gegen die Astrologie, gegen die Astronomie selbst, gegen das ewige Gesetz und die Vernunft im Himmels¬ system kämpft er an. Endlich der Gegensatz gegen die Stoiker 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 49 erklärt nichts. Ihr Aberglaube und ihre ganze Ansicht war schon widerlegt, wenn die zölestischen Körper als zufällige Kom- plexionen der Atome, ihre Prozesse als zufällige Bewegungen derselben ausgesprochen wurden. Ihre ewige Natur war damit 5 vernichtet — eine Konsequenz, die aus jener Prämisse zu ziehen Demokrit sich begnügte”). Ja, ihr Dasein selbst war damit auf¬ gehoben25). Es bedurfte also für den Atomistiker keiner neuen Methode. Dies ist noch nicht die ganze Schwierigkeit. Eine rätselvollere 10 Antinomie erhebt sich *). Das Atom ist die Materie in der Form der Selbständigkeit, der Einzelheit, gleichsam die vorgestellte Schwere. Die höchste Wirk¬ lichkeit aber der Schwere sind die Himmelskörper. In ihnen sind alle Antinomien zwischen Form und Materie, zwischen Begriff is und Existenz, die die Entwicklung des Atoms bildeten, gelöst, in ihnen alle Bestimmungen, die gefordert wurden, verwirklicht. Die zölestischen Körper sind ewig und unveränderlich; ihren Schwer¬ punkt haben sie in sich, nicht außer sich; ihr einziger Akt ist die Bewegung, und, getrennt durch den leeren Raum, beugen sie aus 20 von der geraden Linie, bilden ein System der Repulsion und Attraktion, in dem sie ebenso sehr ihre Selbständigkeit bewahren, und erzeugen endlich die Zeit, als die Form ihrer Erscheinung, aus sich selbst. Die Himmelskörper sind also die wirklich gewordenen Atome. In ihnen hat die Materie 25 in sich selbst die Einzelheit empfangen. Hier also mußte Epikur die höchste Existenz seines Prinzips, den Gipfel und Schlußpunkt seines Systems erblicken. Er gab vor, die Atome zu unterstellen, damit unsterbliche Fundamente der Natur zugrunde lägen. Er gab vor, daß es ihm um die substanziale Einzelheit der Materie 30 zu tun sei. Wo er aber die Realität seiner Natur — denn er kennt keine andere als die mechanische — vorfindet, die selbständige, unzerstörbare Materie, in den Himmelskörpern, deren Ewigkeit und Unveränderlichkeit der Glaube der Menge, das Urteil der Philosophie, das Zeugnis der Sinne bewies: da ist es sein einziges os Streben, in die irdische Vergänglichkeit sie hinabzuziehen; da wendet er sich eifernd gegen die Verehrer der selbständigen, den Punkt der Einzelheit in sich besitzenden Natur. Dies ist sein größter Widerspruch. Epikur fühlt daher, daß seine früheren Kategorien hier zu· oo sammenbrechen, daß die Methode seiner Theorie**) eine andere wird. Und es ist die tiefste Erkenntnis seines Systems, die durchgedrungenste Konsequenz, daß er dies fühlt und bewußt ausspricht. *) Nach sich gestrichen die man bisher nicht geahnt hat. **) Von Marx korr. aus Theorie seiner Methode
50 Die Doktordiseertation Wir haben nämlich gesehen, wie die ganze epikureische Natur¬ philosophie durchströmt ist von dem Widerspruch zwischen Wesen und Existenz,zwischen Form und Materie. In den Himmels· körpern aber ist dieser Widerspruch ausgelöscht, sind die widerstreitenden Momente versöhnt. In dem zölestischen 3 System hat die Materie die Form in sich empfangen, die Einzel¬ heit in sich aufgenommen und so ihre Selbständigkeit erreicht. Auf diesem Punkt aber hört sie auf, Affirma¬ tion des abstrakten Selbstbewußtseins zu sein. In der Welt der Atome wie in der Welt der Erscheinung kämpfte u die Form mit der Materie; die eine Bestimmung hob die andere auf, und gerade in diesem Widerspruch fühlte das abstrakt-einzelne Selbstbewußtsein seine Natur vergegenständlicht. Die abstrakte Form, die mit der ab¬ strakten Materie unter der Gestalt der Materie kämpfte, war es w selbst. Jetzt aber, wo die Materie sich mit der Form versöhnt hat und verselbständigt ist, tritt das einzelne Selbstbewußtsein aus seiner Verpuppung heraus und ruft sich als das wahre Prinzip aus und befeindet die selbständig gewordene Natur. Nach einer anderen Seite hin drückt sich dies so aus: Indem 2c die Materie die Einzelheit, die Form, in sich empfangen, wie es in den zölestischen Körpern der Fall ist, hat sie aufgehört, abstrakte Einzelheit zu sein. Sie ist konkrete Einzelheit, Allgemeinheit, geworden. In den Meteoren glänzt also dem abstrakt-einzelnen Selbstbewußtsein 2« seine sachlich gewordene Widerlegung entgegen — das Existenz und Natur gewordene Allgemeine. Es erkennt daher in ihnen seinen tödlichen Feind. Ihnen schreibt es also, wie Epikur es tut, alle Angst und Verwirrung der Menschen zu; denn die Angst und Auflösung des Abstrakt-Einzelnen ist das Allgemeine. Hier ver- M birgt sich also das wahre Prinzip des Epikur, das abstrakt-einzelne Selbstbewußtsein, nicht länger. Es tritt hervor aus seinem Ver¬ steck, und, befreit von materieller Vermummung, sucht es, durch die Erklärung nach abstrakter Möglichkeit — was möglich ist, kann auch anders sein ; von dem Möglichen ist auch das Gegenteil 33 möglich — die Wirklichkeit der selbständig gewordenen Natur zu vernichten. Daher die Polemik gegen die, άΐβάπλώς, das ist auf eine bestimmte Weise, die Himmelskörper erklären ; denn das Eine ist das Notwendige und In-sich-Selbständige. Solange also die Natur als Atom und Er·« scheinung das einzelne Selbstbewußtsein und seinen Widerspruch ausdrückt, tritt die Sub¬ jektivität des letzteren nur unter der Form der Materie selbst hervor; wo sie dagegen selb¬ ständig wird, reflektiert es sich in sich, tritt «
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 51 es ihr in seiner eigenen Gestalt als selbstän¬ dige Form gegenüber. Es war von vornherein zu sagen, daß, wo das Prinzip des Epikur sich verwirklicht, es aufhören werde, Wirklichkeit für ihn 5 zu haben. Denn würde das einzelne Selbstbewußtsein realiter unter der Bestimmtheit der Natur oder die Natur unter seiner Bestimmtheit gesetzt: so hätte seine Bestimmtheit, das heißt seine Existenz aufgehört, da nur das Allgemeine im freien Unterschiede von sich zugleich seine Affirmation wissen kann. o In der Theorie der Meteore erscheint also die Seele der epikureischen Naturphilosophie. Nichts sei ewig, was die Ataraxie des einzelnen Selbstbewußtseins vernichtet. Die Himmelskörper stören seine Ataraxie, seine Gleichheit mit sich, weil sie die existierende Allgemeinheit sind, 5 weil in ihnen die Natur selbständig geworden ist. Nicht also die Gastrologie des Archestratus, wie Chrysippus meint”), sondern die Absolutheit und Freiheit des Selbstbewußtseins ist das Prinzip der epikureischen Philo¬ sophie, wenn auch das Selbstbewußtsein nur unter der Form der ?o Einzelheit gefaßt wird. Wird das abstrakt-einzelne Selbstbewußtsein als absolutes Prinzip gesetzt: so ist zwar alle wahre und wirkliche Wissenschaft insoweit aufgehoben, als nicht die Einzelheit in der Natur der Dinge selbst herrscht. Allein zusammenstürzt auch alles, was w gegen das menschliche Bewußtsein sich transzendent verhält, also dem imaginierenden Verstände angehört. Wird dagegen das Selbstbewußtsein, das sich nur unter der Form der abstrakten Allgemeinheit weiß, zum absoluten Prinzip erhoben: so ist der abergläubischen und unfreien Mystik Tür und Tor geöffnet. Der 30 historische Beweis davon findet sich in der stoischen Philosophie. Das abstrakt-allgemeine Selbstbewußtsein hat nämlich den Trieb in sich, in den Dingen selbst sich zu affirmieren, in denen es nur affirmiert wird, indem es sie negiert. Epikur ist daher der größte griechische Aufklärer, und ihm 35 gebührt das Lob des Lukrez ’7) : human a ante oculos foede quam vita iaceret, in terris oppressa gravi sub religione, quae caput a caeli regionibus ostendebat, horribili super aspectu mortalibus instans, 40 primum Graius homo mortalis tollere contra est oculos ausus primusque obsistere contra; quem nec fama Deum nec fulmina nec minitanti murmure compressit caelum quare religio pedibus subiecta vicissim 45 opteritur, nos exaequat Victoria caelo.
52 Die Doktordissertation Der Unterschied zwischen demokritischer und epikureischer Naturphilosophie, den wir am Schlüsse des allgemeinen Teils auf¬ gestellt, hat sich in allen Sphären der Natur weiter entwickelt und bestätigt gefunden. Bei Epikur ist daher die Atomi¬ stik mit allen ihren Widersprüchen als die N a tu r w is sen- 5 schäft des Selbstbewußtseins, das sich unter der Form der abstrakten Einzelheit absolutes Prinzip ist, bis zur höchsten Konsequenz, welches ihre Auflösung und bewußter Gegensatz gegen das Allgemeine ist, durchgeführt und vollendet. Dem Demokrit dagegen ist das Atom nur der allgemein 20 objektive Ausdruck der empirischen Natur¬ forschung überhaupt. Das Atom bleibt ihm daher reine und abstrakte Kategorie, eine Hypothese, die das Resultat der Erfahrung, nicht ihr energisches Prinzip ist, die daher ebensowohl ohne Realisierung bleibt, wie die reale Naturforschung nicht 15 weiter von ihr bestimmt wird.
[Fragment aus dem Anhang:] [Kritik der plutarchisdien Polemik gegen Epikurs Theologie]
[Π. Die individuelle Unsterblichkeit] [1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels] Die Betrachtung wird wieder eingeteilt in das Verhältnis τών 5 αδίκων καί πονηρών, dann der πολλών καί ιδιωτών und endlich der έπιεικών καί νουν έχόντων (S. 1104 l.c.) zu der Lehre von der Fortdauer der Seele. Schon diese Einteilung in feste, qualitative Unterschiede zeigt, wie wenig Plutarch den Epikur versteht, der als Philosoph das wesentliche Verhältnis der menschlichen Seele io überhaupt betrachtet. Für die Ungerechten wird nun wieder die Furcht als Bes¬ serungsmittel angeführt, und ist der Schrecken der Unterwelt für das sinnliche Bewußtsein gerechtfertigt. Wir haben diesen Ein¬ wurf schon betrachtet. Indem in der Furcht, und zwar einer 15 inneren, nicht zu erlöschenden Furcht der Mensch als Tier be¬ stimmt ist, so ist es bei einem Tiere überhaupt gleichgültig, wie es in Schranken gehalten wird. Wir kommen jetzt zur Ansicht der πολλοί, obgleich es sich am Ende zeigt, daß wenige davon ausgenommen sind, ja um eigent- 20 lieh zu reden alle, δέω λέγειν πάντας, zu dieser Fahne schwören. [XXVI.] τοις δε πολλοϊς καί άνευ φόβου περί τών έν $δου ή παρά τό μυθώδες τής αϊδιότητος έλπίς, καί ό πό&ος του είναι, πάντων έρώτων πρεσβύτατος ών καί μέγιστος, ήδονή υπερβάλλει καί γλυκυ- &υμίφ τό παιδικόν έκεϊνο δέος, ή καί τέκνα καί γυναίκας καί φίλους 25 άποβάλλοντες, είναι που μάλλον έ&έλουσι καί διαμένειν κακοπα- Πούντας, ή παντάπασιν έζηρήσ&αι καί διεφ&άρ&αι καί γεγονέναι τό μηδέν · ήδέως δε τών δνομάτων του με&ίστασΰαι τον ^νήσκοντα καί μεταλλάττειν, καί δσα δηλοϊ μεταβολήν δντα τής ψυχής, ου φθοράν, τον θάνατον, άκροώνται. [Plutarch. de eo quod sec. Epie. 1104. 30 Didot 1350, 32—42.] καί προς τό άπόλωλε, καί τό άνήρηται, καί τό ουκ εστι, ταράσσονται. . . XXVII. ή καί προσεπισφάττουσιν οι ταυτί λέγοντες, δπαξ άνθρωποι γεγόναμεν, δίς δ9ουκ εστι γενέσ&αΐ . . . . . . καί γάρ τό παρόν, ως μικρόν, μάλλον δέ μηδοτιοϋν πρός τά σύμπαντα άτιμήσαντες άναπόλαυστον προίενται, καί όλιγωροϋσιν άρετής 35 καί πράζεως, olov έζα&νμοΰντες, καί καταφρονοϋντες εαυτών, ώς έφημέρων καί άβεβαίων καί πρός ούδέν άξιόλογον γεγονότων, τό γάρ «άναισ&ητεϊν τό λυ&έν καί μηδέν είναι πρός ήμας τό άναισ&η- τοΰν», ουκ άναιρεϊ το τού θανάτου δέος, άλλ9 ώσπερ άπόδειζιν αυτού προστί&ησιν* αυτό γάρ τούτό έστιν, δ δέδοικεν ή φύσις . . .
56 Die Doktordissertation την είς το μη φρονούν μηδ9 αίσ&ανόμενον διάλυσιν τής ψυχής* ήν Επίκουρος είς κενόν και άτόμους διασποράν ποιων, ετι μάλλον έκκόππει την έλπίδα τής άφ&αρσίας · δι ήν ολίγου δέω λέγειν πάν- τας είναι και πάσας προθύμους τω Κερβέρω διαδάκνεσ&αι, και φορεϊν είς τον τρητόν, δπως έν τώ είναι [μόνον]διαμένωσι, μηδ* άναιρε&ώσι. 5 [Plutarch. 1. c. 1104—1105. Didot 1351, 10—12, 19—38.] Der qualitative Unterschied von der vorhergehenden Stufe existiert eigentlich nicht, sondern was früher in der Gestalt der tierischen Furcht erschien, erscheint hier in der Gestalt der menschlichen Furcht, der Gefühlsform. Der Inhalt bleibt der- io selbe. Es wird uns gesagt, daß der Wunsch des Seins die älteste Liebe ist; allerdings, die abstrakteste und daher älteste Liebe ist die Selbstliebe, die Liebe seines partikularen Seins. Doch das war eigentlich die Sache zu sehr herausgesagt, sie wird wieder zurück-15 genommen und ein veredlender Glanz um sie geworfen durch den Schein des Gefühls. Also, wer Weib und Kinder verliert, wünscht eher, daß sie irgendwo seien, wenn es ihnen auch schlecht geht, als daß sie gänzlich aufgehört haben. Wenn es sich bloß um Liebe handelte, 20 so ist das Weib und das Kind des Individuums am reinsten auf¬ bewahrt in seinem Herzen, ein viel höheres Sein als das der empi¬ rischen Existenz. Allein die Sache steht anders. Weib und Kind sind als solche bloß in empirischer Existenz, insofern das Indi¬ viduum, dem sie angehören, selbst empirisch existiert. Daß es sie also lieber irgendwo, in räumlicher Sinnlichkeit, gehe es ihnen auch schlecht, wissen will, als nirgends, heißt weiter nichts, als daß das Individuum das Bewußtsein seiner eigenen empirischen Existenz haben will. Der Mantel der Liebe war bloß ein Schatten, das nude empirische Ich, die Selbstliebe, die älteste Liebe ist der 30 Kem, hat in keine konkretere, idealere Gestalt sich verjüngt. Angenehmer, meint Plutarch, klingt der Name der Verände¬ rung als des gänzlichen Aufhörens. Allein die Veränderung soll keine qualitative sein, das einzelne Ich in seinem einzelnen Sein soll verharren, der Name ist also bloß die sinnliche Vorstellung 35 dessen, was er ist, und soll das Gegenteil bedeuten. Die Sache soll nicht verändert, sondern nur in einen dunkeln Ort gestellt werden, das Zwischenschieben phantastischer Feme soll den qualitativen Sprung, und jeder qualitative Unterschied ist ein Sprung, ohne dies Springen keine Idealität, soll ihn verhüllen, 40 Ferner meint Plutarch, dies Bewußtsein . . .*) *) Hier endet die letzte Seite des Fragments.
Anmerkungen
Erster Teil Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie im Allgemeinen II. Urteile über das Verhältnis demokritischer und epikureischer Physik s Ό Diocen. Laert. X, 2·). άλλά καί ol περί Ποσειδώνιον τον Στωϊκον κα Νικόλαος καί Σωτίων ... τά δέ Δημοκρίτου περί άτόμων καί Αριστίππου περί ήδονής, ώς ίδια λέγειν (Επίκουρον). *) Cic. de Nat. Deor. I, 26. quid est in physicis Epicuri non a Democrito? nam et si quaedam commutavit . . . tarnen pleraque dicit eadem. jq 8) Id. de Fin. I, 6. ita, quae mutât, ea corrompit, quae sequitur, sunt tota Democriti. Ib.... in physicis, quibus maxime gloriatur, primum totus est alienus. Democrito adicit, perpauca mutans, sed ita, ut ea, quae corrigere volt, mihi quidem depravare videatur . . in quibus sequitur Democritum, non fere labitur. 15 4) Plutarch. C ο 1 o t. (ed. Xyl.) p. 1108. Λεοντευς . . . τιμάσθαί φησι τόν Δημόκριτον ύπό Επικούρου διά τά πρότερον άψασθαι τής όρθής γνώσεως . . . διά τό περιπεσεΐν αυτόν πρότερον ταϊς άρχαΐς περί φύσεως. Cf. i b. p. 1111. e) Id. de Placit. Philos. T. V. p. 235. ed. Tauchn. "Επίκουρος, Νεο- κλέους, Αθηναίος, κατά Δημόκριτον φιλοσοφήσας. 20 ·) Id. Colot p. 1111, 1112, 1114, 1115, 1117, 1119, 1120 sqq. 7) Clemens Alex. Strom. VI. p. 629. ed. Col. άλλά καί "Επίκουρος παρά Δημοκρίτου τά προηγούμενα έσκευώρηται δόγματα. ·) Id. ρ. 295. βλέπετε ούν μή τις έσται ύμάς συλαγωγών διά τής φιλο¬ σοφίας καί κενής άπάτης, κατά τήν παράδοσιν των άνθρωπων, κατά τά στοιχεία 25 του κόσμου, καί ου κατά Χριστόν φιλοσοφίαν μέν ού πάσαν, άλλά τήν "Επι- κουρειον, ής καί μέμνηται έν ταϊς πράξεσι των Αποστόλων ό Παύλος, διαβάλλων πρόνοιαν άναιρούσαν... καί εΐ δη τις άλλη στοιχεία έκτετίμηκεν, μή έπιστήσασα τήν ποιητικήν αιτίαν τούτοις, μηδέ έφαντάσθη τόν δημιουργόν. ·) Sext. Empir. adv. Math. (ed. Col. Allobrog.) ό δέ "Επίκουρος φωράται 30 τά κράτιστα των δογμάτων παρά ποιητών άνηρπακως. τόν τε γάρ άρον τού μεγέθους των ήδονων, δτι ή παντός έστι τού άλγούντος ύπεξαίρεσις, έξ ένός στίχου δέδεικται λαβών αύτάρ έπεί πόσιος καί έδητύος έξ έρον έντο τόν δέ θάνατον, δτι ούδέν έστι πρός ήμάς "Επίχαρμος, αύτφ προομεμήνυκεν, είπών 35 άποθανεϊν ή τεθνάναι ού μοι διαφέρει, ώςαύτως δέ καί τά νεκρά των σωμάτων άναισθητείν, παρ" 'Ομήρου κέκλοφε, γράφοντος· κωφήν γάρ δή γαίαν άεικίζει μενεαίνων. [I, 13.1 10) Lettres de Leibnitz a Mr. des Maizeaux, contenant éclair¬ cissements sur l’explication etc. v. 2. p. 66 éd. Dutens. 40 11 ) Plutarch. Colot. p. 1111. έγκλητέος ό Δημόκριτος, ούχί τά συμ- βαίνοντα ταϊς άρχαϊς όμολογών, άλλά λαμβάνων άρχάς αίς ταύτα συμβέβη- κεν . . . εί μέν ούν τούτφ ού λέγειν τοιούτόν έστιν, ούχ όμολογεϊ ("Επίκουρος) των είθισμένων τι ποιεί· καί γάρ τήν πρόνοιαν άναιρων, ευσέβειαν άπολιπεϊν *) Bei Cobet (Didot), X, 4.
Anmerkungen 59 λέγει· καί τής ήδονής ένεκα τήν φιλίαν Αναιρούμενος, ύπέρ των φίλων τάς με- γίοτας Αλγηδόνας Αναδέχεσθαι καί τό μέν παν Απειρον ύποτίθεσθαι, τό δ9 Ανω καί κάτω μή οναιρεϊν. III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität 5 demokritischer und epikureischer Naturphilosophie i) Aristot. de Anima. I, p. 8 (ed. Trendel.) έκεϊνος (sc. Δημόκριτος) μέν γάρ απλώς ταύτό ψυχήν καί νουν· τό γάρ αληθές είναι τό φαινόμενον. 2) Id. Metaph. IV, 5. διό Δημόκριτός γέ φησιν, ήτοι ούδέν είναι αληθές, ή ήμϊν άδηλον, δλως δέ διά τό ύπολαμβάνειν φρόνησιν μέν τήν αϊσθησιν, τούτην 10 δ' είναι άλλοίωσιν, τό φαινόμενον κατά τήν αϊσθησιν, κατ ανάγκης, Αληθές είναί φασιν. έκ τούτων γάρ καί 'Εμπεδοκλής μεταβάλλοντας τήν έξιν μεταβάλλειν φησί τήν φρόνησιν, καί Δημόκριτος, καί των Αλλων, ώς έπος είπεϊν έκαστος τοιαύταις δόξαις γεγένηνται ένοχοι. Übrigens ist in dieser Stelle der Metaphysik selbst der Widerspruch ausgesprochen *). 25 3) Diocen. Laert. IX, 72. ου μήν άλλα καί Ξενοφάνης καί Ζήνων ό Έλεά- της καί Δημόκριτος κατ' αυτούς σκεπτικοί τυγχάνουσιν. .. Δημόκριτος. . . καί πάλιν, αίτίη**) δέ ούδέν ϊδμεν έν βυθω γάρ ή Αλήθεια. *) Cf. Ritter’s Gesch. d. alt. Philos. I. Th. S. 571. s) Diocen. Laert. IX, 44. δοκεϊ δ' αύτφ (sc. Δημοκρίτφ) τάδε· Αρχάς είναι 20 των Αλών ατόμους καί κενόν, τά δ' Αλλα πάντα νενομίσθαι, δοξάζεσθοα. ·) Id. ib. 72. Δημόκριτος δέ τάς ποιότητας έκβάλλων, Ινα φησί, νόμφ ψυχρόν, νόμφ θερμόν αίτίη***) δέ Ατομα καί κενόν. 7) Simplic. in Scho 1. ad Aristot. (coli. Brandis) p. 488. φύσιν μέντοι μίαν έξ έκείνων κατ Αλήθειαν, ούδ' ήντιναούν γεννφ (sc. Δημόκριτος)· κομιδή 25 γάρ εύηθες είναι τό δύο ή τά πλείονα γίνεσθαι Αν ποτέ έν. Ρ. 514. και διά τούτο ούδ' έξ ένός πολλά γίνεσθαι έλεγον (sc. Δημόκριτος καί Λεύκιππος) ούτε έκ πολλών έν κατ Αλήθειαν συνεχές, Αλλά τή συμπλοκή των Ατόμων έκαστον έν δοκεϊ γίνεσθαι. ·) Plutarch. Colot p. 1111. τάς Ατόμους Ιδέαςΐ) ύπ αύτοϋ (sc. Δημο· 30 κρίτου) καλούμενος. ·) Cf. Aristot. 1. c. 10) Diocen. Laert. X, 121. δογματιείν τε (sc. σοφόν), και ούκ Απορήσειν ιι) Plutarch. Colot. p. 1117. έν γάρ έστι των 'Επικούρου δογμάτων τό μηδέν Αμεταπείστως πεπεϊσθαι μηδένα, πλήν τόν σοφόν. 35 12) Cic. de Nat. Deor. 1,25. omnes sens us veri nuntios dixit (sc. Epicurus) esse. Cf. Id. de Fin. 1,4. (Plutarch.) de Placit. Philos. IV, p. 287tt). 'Επίκουρος πάσαν aï- σθησιν καί πάσαν φαντασίαν Αληθή. 40 18) Diocen. Laert. X, 31. έν τοίνυν τφ κανόνι λέγει ό 'Επίκουρος, κριτήρια τής άληθείας είναι τάς αισθήσεις καί τάς προ λήγεις καί τά πάθη ούδ' έστι τό δυνάμενον αύτάς διελέγξαι. 32. ούτε γάρ ή όμοιογενής αϊσθησις τήν όμοιογενή διά τήν ϊσοσθένειαν ούθ' ή Ανομοιογενής τήν Ανομοιογενή. ου γάρ τών αυτών είσι κριτικοί, ούθ' ή έτέρα τήν έτέραν πάσαις γάρ προςέχομεν. 45 ούτε μήν λόγος· πας γάρ λόγος Από τών αισθήσεων ήρτηται. 14 ) Plutarch. Colot 1. c. τό γάρ νόμφ χροιήν είναι καί νόμφ γλυκύ καί νόμφ σύγκρισιν . . . τάς Ατόμους είρημένον φησιν ύπό Δημοκρίτου ταΐς αίσθήσεσι . . . προς τούτον αντειπεϊν μέν ούδέν έχω τόν λόγον, είπεϊν δέ, Ατι τούτα τών ·) Der deutsche Satz nachträglich von Marxens Hand an den Rand geschrieben. ··) Bei Cobet (Didot) έτεή ···) Bei Cobet (Didot) έτεή t) Bei Dübner (Didot) Ιδίωε tt) Bei Dübner (Didot), 899
60 Die Doktordissertation Επικούρου δογμάτων ούτως ά χωριστά έστιν, ώς τό σχήμα καί τό βάρος αυτοί τής άτόμου λέγουσιν. τίγάρ λέγει Δημόκριτος; ούσίας άπειρους τό πλήθος, άτόμους δέ καί άδιαφόρους, έτι δ9 όποιους καί άπαθείς έν τφ κενφ φέρεσθαι διεσπαρ¬ μένος' όταν δέ πελάσωσιν άλλήλαις, ή συμπέσωσιν, ή περιπλακώσι φαίνεσθαι τών άθροιζομένων τό μέν πύρ, τό δέ ύδωρ, τό δέ φυτόν, τό δ9 άνθρωπον είναι δέ 5 πάντα τάς άτόμους Ιδέας*) ύπ9 αυτού καλουμένας, έτερον δέ μηδέν, έκ μέν γάρ τού μή δντος ούκ είναι γένησιν έκ δέ τών δντων μηδέν άν γενέσθαι τφ μήτε πάσχειν μήτε μεταβάλλειν τάς άτόμους ύπό στε^ότητος· δθεν ούτε χρόαν έξ άχρώστων, ούτε φύσιν ή ψυχήν έξ άποίων ύπάρχειν. έγκλητέος ούν ό Δημόκριτος, ούχί τά συμβαίνοντα ταις άρχαϊς όμολογών, άλλά λαμβάνων άρχάς, 10 αίς ταύτα συμβέβηκεν δ Επίκουρόν φησιν, άρχάς μέν ύποτί- θεσθαι τάς αύτάς, ού λέγειν δέ νόμφ. χροιήν καί τάς άλλας ποιότητας. 18 ) Cic. de Fin. I, 6. sol Democrito magnus videtur, quippe homini erudito in geometriaque perfecto; huic (sc. Epicuro) bipedalis fortasse; tantum enim esse 15 censet, quantus videtur. Cf. (Plutarch.) de Placit. Philos. Π, p. 265. le) Diogen. Laert. IX, 37. τά γάρ φυσικά καί τά ήθικά, άλλά καί τά μαθη¬ ματικά καί τούς έγκυκλίους λόγους και περί τεχνών πάσαν εϊχεν (sc. Δημό¬ κριτος) έμπειρίαν. 17 ) Cf. Diogen. Laert. IX, S 46 seq. 22 18 ) Euseb. Praepar. evang. X, p. 472. καί που σεμνυνόμένος περί τού¬ του φησιν (sc. Δημόκριτος)· . . . έγώ δέ τών κατ έμαυτόν άνθρώπων πλείστην γήν διεπίανησάμην, Ιστορέων τά μήκιστα, καί άέρας καί γαίας πλείστας είδον, καί λογιών άνθρωπων πλείστων έπήκουσα· καί γραμμέων συνθέσιος μετ’ άπο- δείξεως ούδείς κώ με παρήλλαξεν, ούτε Αιγυπτίων οΐ καλούμενοι 'Αρσεπεδονάπ- 25 ται, οίς έπί πάσιν έπ έτεα όγδοήκοντα έπί ξένης έγενήθην . .. έπήλθε γάρ ούτος Βαβυλώνά τε καί τήν Περσίδα καί Αίγυπτον, τοίς Αίγυπτίοις Ιερεύσι μαθητ^ύων. 1β) Diogen. Laert. IX, 35. φησί δέ Δημήτρι'ος έν όμωνύμοις, καί Αντισθέ¬ νης έν διαδοχαις, άποδημήσαι αύτόν (sc. Δημόκριτον) καί εις Αίγυπτον πρός τούς Ιερέας, γεωμετρίαν μαθησόμενον, καί πρός Χαλδαίους εις τήν Περσίδα 30 καί εις τήν Ερυθρόν θάλασσαν γενέσθαι. τοίς δέ Γυμνοσοφισταίς φασί τινες συμμίξαι αύτόν έν Ίνδίρ., καί εις Αιθιοπίαν έλθείν. ™) Cic. Quaest. T use. V, 39. Democritus, luminibus amissis, . . . atque hic vir, impediri animi etiam aciem adspectu oculorum arbitrabatur, et, quum alii saepe, quod ante pedes esset, non vidèrent, ille infinitatem peregrinabatur, ut nulla 35 in extremitate consisteret Id. de Fin. V, 29. Democritus . . . ., qui . . . dicitur oculis se privasse, certe ut quam minime animus a cogitationibus abduceretur. 21 ) Luc. Ann. Senec. Op. Π. epist. 8, p. 24. (ed. Amstel. 1672.) adhuc Epi· curum replicamus . . . philosophiae servias oportet, ut tibi contingat vera libertas. 40 Non differtur in diem qui se illi subiecit et tradidit, statim circumagitur. Hoc enim ipsum, philosophiae servire, libertas est. 22) Diogen. Laert. X, 122. μήτε νέος τις ών μελλέτω φιλοσοφεϊν μήτε γέ¬ ρων υπάρχων κοπιάτω φιλοσοφών ούτε γάρ άωρος ούδείς έστιν, ούτε πάρωρος πρός τό κατά ψυχήν ύγιαίνειν. ό δέ λέγων, ή μήπω τού φιλοσοφεϊν ύπάρχειν ώραν, 45 ή παρεληλυθέναι τήν ώραν, δμοιός έστι τφ λέγοντι πρός ευδαιμονίαν ή μήπω παρείναι τήν ώραν, ή μηκέτι είναι, ώςτε φιλοσοφητέον καί γέροντι καί νέφ· [τφ μέν] δπως γεράσκων νεάζη τοίς όγαθοίς διά τήν χάριν τών γεγονότων, τφ δέ, δπως νέος άμα καί παλαιός ή, διά τήν άφοβίαν τών μελλόντων. Cf. Clemens Alex. IV, p. 501. so 2S) Sext. Emp. a d v. Μ ath. p. 1 et 2. τήν πρός τούς άπό τών μαθημάτων άντίβ^ησιν καινότερον μέν διατεθείσθαι δοκούσιν οι περί τόν 'Επίκουρον καί οι άπό τού Πύ^ωνος, ούκ άπό τής αύτής διαθέσεως, άλλά οι μέν περί τόν Επίκουρον, ώς τών μαθημάτων μηδέν συνεργούντων πρός σοφίας τελείωσιν. ♦) Bei Dübner (Didot) Ιδίως
Anmerkungen zu Teil 1, Kap. 3 61 *<) Id. p. 11. έν οίς θετέον καί τόν "Επίκουρον, εΐ καί δοκεϊ [τοϊς] από μα¬ θημάτων διεχθραίνειν. Id. ρ. 54. τους . . . γραμματικής κατηγόρους, Πύ^^ωνά τε καί "Επίκουρον. Cf. Plutarch.*) de eo, quod sec. Epieur. non beate vivi poes. 5 p. 1059. 35) Cic. de Fin. I, 21. non ergo Epicurus ineruditus, sed ii indocti, qui, quae pueros non didicisse turpe est ea putent usque ad senectutem esse discenda. M) Diocen. Laert. X, 13. τούτον (sc. "Επίκουρον} "Απολλόδωρος έν Χρονι- κοίς Ναυσιφάνους άκούοαί φηοι καί Πραξιφάνους' αύτός δ" ού φηοιν, άλλ" 10 έαυτού, έν τή πρός Εύρύδικον**) έπιοτολή. Cic. de Nat. D e ο r. I, 26. quum quidem gloriaretur (sc. Epicurus) se ma· gistrum habuisse nullum, quod et non praedicanti, tarnen facile crederem. ,7) Senec. Epist. 52. p. 177. quosdam, ait Epicurus, ad veritatem sine ullo adiutorio contendere; ex iis se fecisse sibi ipsum viam. Hos maxime laudat, quibus 15 ex se impetus fuit, qui se ipsi protulerunt. Quosdam indigere ope aliéna, non ituros, si nemo praecesserit, sed bene secuturos. Ex his Metrodorum ait esse. Egre- gium hoc quoque, sed secundae sortis ingenium. ,e) Diocen. Laert.. X, 10. και χαλεπωτάτων δέ καιρών καταοχόντων τηνι- καύτα τήν 'Ελλάδα, αυτόθι καταβιώναι, δίς ή καί τρίς έπΐ τους περί τήν "Ιωνίαν 20 τόπους διαδραμόντα πρός τούς φίλους, οΐ καί πανταχόθεν πρός αύτόν άφικνούντο, καί συνεβίουν αύτφ έν τώ κήπφ, καθά φηοι καί "Απολλόδωρος · δν καί όγδοή- κοντα μνών πρίασθαι. ί·) Id. X, 15 δτε καί φηοιν *Ερμιππος έμβάντα αύτόν εις πύελον χαλκήν, κεκραμένην ύδατι θερμφ, καί αίτήααντα άκρατον ροφήοαι. $ 16. τοΐς 25 δέ φίλοις παραγγείλαντα τών δογμάτων μεμνήαθαι, οϋτω τελευτήσαι. 80 ) Cic. de Fat ο. X. Epicurus . . . vitari fati necessitatem,. . . Democritus accipere maluit, necessitate omnia fieri. Cic. de Nat. D e o r. I, 25. invenit, quomodo necessitatem effugeret, quod videlicet Democritum fugerat. 30 Euseb. Praepar. evang. I, p. 23 sqq. Δημόκριτος ό "Αβδηρίτης .... άνωθεν δέ δλως έξ απείρου χρόνου προκατέχεοθαι τή ανάγκη πάνθ" απλώς τά γεγονότα καί δντα καί έοόμενα. 81 ) Aristot. de Gen. An. V, 8. Δημόκριτος πάντα ανάγει εις άνάγκην. 35 88 ) Diocen. Laert. IX, 45. πάντα τε κατ" άνάγκην γίνεσθαι, τής δίνης αιτίας ούοης τής γενέοεως πάντων, ήν άνάγκην λέγει (sc. Δημόκριτος). 88 ) (Plutarch.) de Placit. Philos. I, p. 352. Παρμενίδης καί Δημό¬ κριτος πάντα κατ" άνάγκην, τήν δ" αύτήν είναι ειμαρμένην καί δίκην καί πρόνοιαν καί κοομοποιόν. 40 »<) Stob. Eclog. phys. I, 2. [cap. V. 7.]. Παρμενίδου καί Δημοκρίτου***), ούτοι πάντα κατ" άνάγκην τήν δ" αύτήν είναι είμαρμένην καί δίκην καί πρόνοιαν [καί κοομοποιόν]. Λευκίππου^) πάντα κατ" άνάγκην τήν δ" αύτήν ύπάρχειν είμαρμένην λέγει γάρ ούδέν χρήμα μάτην γίγνεται, άλλα πάντα έκ λόγου τε καί ύπ" άνάγκης. 45 88 ) Euseb. Praepar. evang., VI, p. 257. ειμαρμένη, πεπρωμένη τφ (sc. Δημοκρίτω) δέ έκ τής τών μικρών έκείνων σωμάτων, τών φερομένων κάτω καί άναπολλυμένων καί διισταμένων καί παρατιθεμένων έξ άνάγκης. 8β) Stob. Eclog. et h. Π. άνθρωποι τύχης είδωλον έπλαοθαν, πρό- φαοιν Ιδίης άβουλίης- βαιφ γάρ φρονήσει τύχη μάχεται. [5 346.] 50 *7) Euseb. Praepar. evang. XIV. p. 782 sqq. καί τήν τύχην τών μέν ·) Bei Dübner (Didot) Disputatio qua docetur ne suaviter quidem ▼ i ▼ i posse secundum Epicuri décréta. **) Bei Cobet (Didot) Ενρνλοχον ***) Bei Heeren und bei Meineke Παρμενίδης xai Δημόκριτος t) Bei Heeren und bei Meineke Λεύκιππος Marx-Engels-Gesamtausgabe. I. Abt.. Bd. 1, 1. Hbd. 10
62 Die Doktordissertation καθόλου και τών θείων δέσποιναν έφιστάς (sc. Δημόκριτος) και βασιλίδα, και πάντα γίνεσθαι κατ αύτήν άποφαινόμενος- τοϋ δέ τών Ανθρώπων αύτήν άπο- κηρύττων βίου και πρεσβεύοντας αύτήν έλέγχων Αγνώμονας... τών γ' ούν ύπο- θηκών Αρχόμενος λέγει· Ανθρωποι τύχης είδωλον έπλάσαντο πρόφασιν Ιδίης Ανοίης. φύσει γάρ γνώμη τύχη μάχεται· και τήν έχθίστην τή φρονήσει ταύτην g αύτήν έφασαν κρατεϊν μάλλον δέ καί ταύτην άρδην Αναιροϋντες καί Αφανίζοντες έκείνην Αντικαθιστάσιν αύτής. ου γάρ εύτυχή τήν φρόνησιν, Αλλ' ευφρονεστά- την ύμνοϋσι τήν τύχην. 18 ) Simplic. 1. c. ρ. 351. τό «καθάπερ ό παλαιός λόγος Αναιρων τήν τύχην» πρός Δημόκριτον έοικεν εΐρήοθαι. jq ") Diocen. Laert. X, 133 τήν δ1 ειμαρμένην, ύπό τινων δεσπότιν είςαγομένην, πάντων [Ανάγκην], Αγγέλλοντας (sc. Δημοκρίτου) μή είναι· Αλλά τά μέν Από τύχης, τά δέ παρ' ήμάς, διά τό τήν μέν Ανάγκην άνυπεύθυνον είναι, τήν δέ τύχην Αστατον όράν. τό δέ παρ' ήμας, Αδέσποτον φ και τό μεμπτόν καί τό έναντίον παρακολουθεϊν πέφυκεν; 134. έπεί κρεϊττον ήν τφ περί θεών μύθφ 15 κατακολουθεϊν, ή τή τών φυσικών ειμαρμένη δουλεύειν. ό μέν γάρ έλπίδα πα- ραιτήσεως ύπογράφει θεών διά τιμής, ή δ' Απαραίτητον έχει τήν Ανάγκην, τήν δέ τύχην ούτε θεόν, ώς οΐ πολλοί νομίζουσι, ύπολαμβάνων 40 ) Senec. Epi s toi. XII, p. 42. malum est in neceesitate vivere, sed in necessitate vivere, nulle nécessitas est . . . patent (indique ad libertatem viae multae, 20 brèves, faciles, agamus Deo gratias, quod nemo in vita teneri potest. calcare ipsas nécessitâtes licet . . . Epicurus . . . dixit. 41) Cic. de Nat. Deor. I, 20. quanti autem haec philosophie (sc. Stoice) aestimanda est, cui, temquem eniculis, et iis quidem indoctis, feto fieri videantur omnia .. . [hie terroribus] ab Epicuro soluti et in libertatem vindicati.... 25 49 ) Id. i b. cap. 25. idem facit (sc. Epicurus) contra dialecticos, a quibus quum traditum sit, in omnibus disiunctionibus, in quibus „aut etiam, eut non“ poneretur, alterutrum verum esse; pertimuit, ne, si concessum esset huiusmodi aliquid, „aut vivet c r a s, aut non vivet Epicuru s“, alterutrum fieret necessarium, totum hoc „aut etiam, aut non“ negavit esse necessariuin. 30 °) Simplic. 1. c. p. 351 άλλα καί Δημόκριτος, έν οίς φησί δεϊν Από τίνος Αποκρίνεσθαι παντοίων ε Ιδέων, πώς δέ καί ύπό τίνος αιτίας μή λέγει, έοικεν Από ταύτομάτου καί τύχης γεννάν αυτά. Id. 1. c. ρ. 351. καί γάρ ούτος (sc. Δημόκριτος) κάν έν τή κοσμοποιίρ XÜ τΰχη κέχρηται. 35 44) Cf. Euseb. 1. c. XIV, ρ. 781 sqq καί ταύτα μάτην έναντίως*) αίτιολογών (sc. Δημόκριτος) ώς Αν Από κενής Αρχής καί ύποθέσεως πλανώμέν η ς όρμώμενος, καί τήν φίζαν και τήν κοινήν Ανάγκην τής τών δντων φύσεως ούχ όρων, σοφίαν δέ μεγίοτην ήγούμενος τήν τών άσόφως συμβαινόντων κατανόησιν. 40) Simplic. 1. c. ρ. 351. διψήσας γάρ καί πιών τις ψυχρόν ύδωρ 40 γέγονεν ύγιής. άλΓ Ισως ού φησι Δημόκριτος τήν τύχην αΙτίαν είναι, Αλλά τό διψήσαι. Id. ρ. 352. έκεϊνος (sc. Δημόκριτος) γάρ κάν έν τή κοσμοποιία έδόκει τή τύχη χρήσθαι- Αλλ' έν τοϊς μερικωτέροις ούδενός φησιν είναι τήν τύχην αιτίαν, Αναφέρων εις Αλλας αιτίας, olov τοϋ θησαυρόν εύρεϊν τό σκάπτειν, ή τήν φυτείαν τής έλαίας. 45 Cf. Id. 1. c. ρ. 74. αλλ’ έν τοϊς κατά μέρος ούδενός φησιν (sc. Δημό¬ κριτος) είναι τήν τύχην [αιτίαν]. 4β) Euseb. 1. c. XIV, ρ. 781. Δμηόκριτος γοϋν αυτός, ώς φασιν, έλεγε βουλεσθαι μάλλον μίαν[εύρεϊν] αίτιολογίαν ή τών Περσων οΐ βασιλείαν γίνεσθαι. 47) (Plutarch.) de Plac. Philosoph. II, p. 26L 'Επίκουρος ούδέν 50 Απογιγνωσκει τούτων (d. i. Meinungen der Philosophen über die Substanz der Natur), [έχόμενος] τοϋ ένδεχομένου. Id. 1. c. p. 265. 'Επίκουρος πάλιν φησιν ένδέχεσθαι τά προειρημένα πάντα. *) Bei Dindorf Avait ίως
Anmerkungen zu Teil 1 63 Id. ib. "Επίκουρος έσδέχεσθαι τά προειρημένα πάντα. Stob. Eclog. phys. I, p. 54. "Επίκουρος ούδέν άπογιγνωσκει τούτων, έχόμενος του ένδεχομένου. 48 ) Senec. Natural. Quaest. [Liber sextus] XX, p. 802. t. IL omnes istas 5 esse posse causas Epicurus ait, pluresque alias tentât; et alios, qui aliquid unum ex istis esse affirmaverunt, corripit, quum sit arduum, de iis quae coniectura sequenda eint, aliquid certi promittere. «) Π. Π. Teil, 5. Kap. Diocen. Laert. X, 88. τό μέντοι φάνταομ" έκάοτων τηρητέον, και έπι τά 10 συναπτόμενα τούτφ διαιρετέον, d ούκ άντιμαρτυρεϊται τοΐς παρ' ήμίν γινο- μένοις πλεοναχώς συντελεϊο&αι πανταχώς γάρ ένδέχεται' τών γάρ φαινο¬ μένων ούδέν άντιμαρτυρεϊ 50) Diocen. Laert. X, 80. καί ού δει νομίζειν τήν ύπέρ τούτων χρείας πραγματείαν*) μή άπειληφέναι, δαη πρός τό άτάραχον καί μακάριον ήμών συν- 15 τείνει. IV. Allgemeine prinzipielle Differenz zwischen demokritischer und epikureischer Natur¬ philosopie x) Wie diese moralische Manier alle theoretische und praktische Un- 20 eigennützigkeit vernichtet, dazu liefert einen abschreckenden historischen Beleg Plutarch in seiner Biographie des Marius. Nachdem er den schreck¬ lichen Untergang der Cimbern beschrieben : wird erzählt, so viele Leichen seien gewesen, daß die Massalioten ihre Weinberge damit düngen konnten. Darauf sei Regen gekommen, und dies sei das fruchtbarste Wein- und 25 Obstjahr geworden. Welche Reflexionen stellt nun der edle Historiker bei dem tragischen Untergange jenes Volkes an? Plutarch findet es mora¬ lisch von Gott, daß er ein ganzes, großes, edles Volk umkommen und verfaulen ließ, um den Marseiller Philistern eine fette Obsternte zu ver¬ schaffen. Also selbst die Verwandlung eines Volkes in einen Misthaufen 30 gibt erwünschte Gelegenheit zu moralischem Schwärmereivergnügen! *) Auch in betreff Hegels ist es bloße Ignoranz seiner Schüler, wenn sie diese oder jene Bestimmung seines Systems aus Akkommodation und dergleichen, mit einem Worte moralisch erklären. Sie vergessen, daß sie vor einer kaum abgelaufenen Zeitspanne, wie man ihnen aus 35 ihren eigenen Schriften evident beweisen kann, allen seinen Einseitig¬ keiten begeistert anhingen. Waren sie wirklich so affiziert von der fertig empfangenen Wissen¬ schaft, daß sie derselben mit naivem, unkritischem Vertrauen sich hin¬ gaben: wie gewissenlos ist es, dem Meister eine versteckte Absicht hinter 40 seiner Einsicht vorzuwerfen, dem die Wissenschaft keine empfangene, sondern eine werdende war, bis an deren äußerste Peripherie sein eigenstes geistiges Herzblut hinpulsierte. Vielmehr verdächtigen sie damit sich selbst, als sei es ihnen früher nicht Ernst gewesen, und diesen ihren *) Bei Cobet (Didot) χρείαν άκρίβειΛν 10·
64 Die Doktordissertation eigenen früheren Zustand bekämpfen sie unter der Form, daß sie ihn Hegel zuschreiben, vergessen aber dabei, daß er in unmittelbarem, sub- stanzialem, sie in reflektiertem Verhältnis zu seinem System standen. Daß ein Philosoph diese oder jene scheinbare Inkonsequenz aus dieser oder jener Akkommodation begeht, ist denkbar; er selbst mag dieses in 5 seinem Bewußtsein haben. Allein was er nicht in seinem Bewußtsein hat, daß die Möglichkeit dieser scheinbaren Akkommodation in einer Unzu¬ länglichkeit oder unzulänglichen Fassung seines Prinzips selber ihre innerste Wurzel hat. Hätte also wirklich ein Philosoph sich akkommodiert, so haben seine Schüler aus seinem inneren wesentlichen 10 Bewußtsein das zu erklären, was für ihn selbst die Form eines exoterischen Bewußtseins hatte. Auf diese Weise ist, was als Fortschritt des Gewissens erscheint, zugleich ein Fortschritt des Wissens. Es wird nicht das partikulare Gewissen des Philosophen ver¬ dächtigt, sondern seine wesentliche Bewußtseinsform konstruiert, in 15 eine bestimmte Gestalt und Bedeutung erhoben und damit zugleich darüber hinausgegangen. Ich betrachte übrigens diese unphilosophische Wendung eines großen Teiles der Hegelschen Schule als eine Erscheinung, die immer den Über¬ gang aus der Disziplin in die Freiheit begleiten wird. 20 Es ist ein psychologisches Gesetz, daß der in sich frei gewordene theo¬ retische Geist zur praktischen Energie wird, als Wille aus dem Schattenreiche des Amenthes hervortretend, sich gegen die weltliche, ohne ihn vorhandene Wirklichkeit kehrt (Wichtig aber ist es in philosophischer Hinsicht, diese Seiten mehr zu spezifizieren, weil aus der bestimmten Weise w dieses Umschlagens rückgeschlossen werden kann auf die immanente Be¬ stimmtheit und den weltgeschichtlichen Charakter einer Philosophie. Wir sehen hier gleichsam ihr curriculum vitae aufs Enge, auf die subjektive Pointe gebracht ) Allein die Praxis der Philosophie ist selbst theo¬ retisch. Es ist die Kritik, die die einzelne Existenz am Wesen, die 30 besondere Wirklichkeit an der Idee mißt. Allein diese unmittel¬ bare Realisierung der Philosophie ist ihrem innersten Wesen nach mit Widersprüchen behaftet, und dieses ihr Wesen gestaltet sich in der Erscheinung und prägt ihr sein Siegel auf. Indem die Philosophie als Wille sich gegen die erscheinende Welt 35 herauskehrt, ist das System zu einer abstrakten Totalität herabgesetzt, das heißt, es ist zu einer Seite der Welt geworden, der eine andere gegen¬ übersteht. Sein Verhältnis zur Welt ist ein Reflexionsverhältnis. Be¬ geistert mit dem Trieb, sich zu verwirklichen, tritt es in Spannung gegen Anderes. Die innere Selbstgenügsamkeit und Abrundung ist gebrochen. 40 Was innerliches Licht war, wird zur verzehrenden Flamme, die sich nach außen wendet. So ergibt sich die Konsequenz, daß das Philosophisch- Werden der Welt zugleich ein Weltlich-Werden der Philosophie, daß ihre Verwirklichung zugleich ihr Verlust, daß, was sie nach außen bekämpft, ihr eigener innerer Mangel ist, daß gerade im Kampfe sie selbst in die 45
Anmerkungen zu Teil 1, Kap. 4 65 Schäden verfällt, die sie * ) am Gegenteil als Schäden bekämpft, und daß sie diese Schäden erst aufhebt, indem sie in dieselben verfällt Was ihr entgegentritt und was sie bekämpft, ist immer dasselbe, was sie ist, nur mit umgekehrten Faktoren. δ Dies ist die eine Seite, wenn wir die Sache rein objektiv als unmittelbare Realisierung der Philosophie betrachten. Allein sie hat, was nur eine andere Form davon ist, auch eine subj ektive Seite. Dies ist das Verhältnis des philosophischen Systems, das verwirklicht wird, zu seinen geistigen Trägern, zu den einzelnen io Selbstbewußtsein, an denen ihr Fortschritt erscheint. Es ergibt sich aus dem Verhältnis, das in der Realisierung der Philosophie selbst der Welt gegenüberliegt, daß diese einzelnen Selbstbewußtsein immer eine zweischneidige Forderung haben, deren die eine sich gegen die Welt, die andere gegen die Philosophie selbst kehrt. Denn, was als io ein in sich selbst verkehrtes Verhältnis an der Sache, erscheint an ihnen als eine doppelte, sich selbst widersprechende Forderung und Handlung. Ihre Freimachung der Welt von der Unphilosophie ist zugleich ihre eigene Befreiung von der Philosophie, die sie als ein bestimmtes System in Fesseln schlug. Weil sie selbst erst im Akt und der unmittelbaren 20 Energie der Entwicklung begriffen, also in theoretischer Hinsicht noch nicht über jenes System hinausgekommen sind: empfinden sie nur den Widerspruch mit der plastischen Sichselbstgleichheit des Systems und wissen nicht, daß, indem sie sich gegen dasselbe wenden, sie nur seine einzelnen Momente verwirklichen. 25 Endlich tritt diese Gedoppeltheit des philosophischen Selbstbewußt¬ seins als eine doppelte, sich auf das extremste gegenüberstehende Rich¬ tung auf, deren eine, die liberale Partei, wie wir sie im Allgemeinen bezeichnen können, den Begriff und das Prinzip der Philosophie, die andere ihren Nichtbegriff, das Moment der Realität, als Haupt- 30 bestimmung festhält. Diese zweite Richtung ist die positive Philo¬ sophie. Die Tat der ersten ist die Kritik, also gerade das Sich-nach- außen-wenden der Philosophie, die Tat der zweiten der Versuch zu philo¬ sophieren, also das In-sich-wenden der Philosophie, indem sie den Mangel als der Philosophie immanent weiß, während die erste ihn als Mangel der Welt, die philosophisch zu machen, begreift. Jede dieser Parteien tut gerade das, was die andere tun will und was sie selbst nicht tun will. Die erste aber ist sich bei ihrem inneren Widerspruch des Prinzips im All¬ gemeinen bewußt und ihres Zwecks. In der zweiten erscheint die Ver¬ kehrtheit, sozusagen die Verrücktheit, als solche. Im Inhalt bringt es so nur die liberale Partei, weil die Partei des Begriffs, zu realen Fortschritten, während die positive Philosophie es nur zu Forderungen und Tendenzen, deren Form ihrer Bedeutung widerspricht, zu bringen imstande ist. Was also erstens als ein verkehrtes Verhältnis und feindliche Diremp- ·) sie von Marx eingejügt.
66 Die Doktordissertation tion der Philosophie mit der Welt erscheint, wird zweitens zu einer Di- remption des einzelnen philosophischen Selbstbewußtseins in sich selbst und erscheint endlich als eine äußere Trennung und Gedoppeltheit der Philosophie, als zwei entgegengesetzte philosophische Richtungen. Es versteht sich, daß außerdem noch eine Menge untergeordneter, 5 quengelnder, individualitätsloser Gestaltungen auf tauchen, die sich ent¬ weder hinter eine philosophische Riesengestalt der Vergangenheit stellen, — aber bald bemerkt man den Esel unter der Löwenhaut, die weinerliche Stimme eines Mannequin von heute und gestern greint komisch kontrastierend hervor hinter der gewaltigen, Jahrhunderte durchtönenden 10 Stimme, etwa des Aristoteles, zu deren unwillkommenem Organe sie sich gemacht; es ist, als wenn ein Stummer sich durch ein Sprachrohr von enormer Größe zu Stimme verhelfen wollte — oder aber, mit doppelter Brille bewaffnet, steht irgendein Liliputaner, auf einem Minimum vom posterius des Riesen, verkündet der Welt nun ganz verwundert, welche 15 überraschend neue Aussicht von seinem punctum visus aus sich darbiete, und müht sich lächerlich ab, darzutun, nicht im flutenden Herzen, sondern im soliden kernigen Revier, auf dem er steht, sei der Punkt des Archimedes gefunden, που στώ, an dem die Welt in Angeln hängt. So entstehen Haar-, Nägel-, Zehen-, Exkrementenphilosophen und andere, die einen noch 20 schlimmeren Posten im mystischen Weltmenschen des Swedenborg zu repräsentieren haben. Allein ihrem Wesen nach fallen alle diese Schleim- lierchen den beiden Richtungen, als ihrem Element, anheim, die an¬ gegeben sind. Was diese selbst betrifft, werde ich an einem anderen Orte ihr Verhältnis teils zueinander, teils zur Hegelschen Philosophie und die 25 einzelnen historischen Momente, in denen diese Entwicklung sich dar¬ stellt, vollständig explizieren. 8) Diocen. Laert. IX, 44. . . . μηδέν τ' έκ τοϋ μή δντος γίνεσθαι μηδ' είς τό μή δν φθείρεσθαι (Democritus). Id. X, 38. πρώτον μέν δτι ούδέν γίνεται έκ τοϋ μή δντος· παν γάρ έκ 30 παντός εγένετ' Αν . . . 39. καί εΐ έφθείρετο δέ τό Αφανιζόμενον είς τό μή δν, πάντ' Αν άπολώλει τά πράγματα, ούκ δντων τών εις A διελύετο. καί μήν καί τό παν Αεί τοιοϋτον ήν olov καί νϋν έστι και Αεί τοιοϋτον έσται. ούδέν γάρ έστιν εις δ μεταβάλλει (Epicurus). 4) Aristot. Phys. I, 4. εί γάρ παν μέν τό γιγνόμενον Ανάγκη γίνεσθαι ή 35 έξ δντων ή έκ μή δντων γίνεσθαι Αδύνατον (περί γάρ ταύτης όμογνωμονοϋσι τής δόξης Απαντες . . .). ®) Themist. Schol. ad Aristot. (coli. Brandis.) c. 42. p. 383. ωςπερ γάρ τοϋ μηδενός ούδεμία έστί διαφορά, οϋτω καί τοϋ κενοϋ. τό γάρ κενόν μή δν τι καί στέρησιν λέγει κ. τ. λ. 40 ·) Aristot. Metaphys. I, 4. Λεύκιππος δέ καί ό έταϊρος αύτοϋ Δημό¬ κριτος στοιχεία μέν τό πλήρες καί τό κενόν είναί φασι, λέγοντες οίον τό μέν δν τό δέ μή δν, τούτων δέ τό πλήρες καί τό στερεόν τό δν, τό δέ κενόν γε καί μανόν τό μή δν. διό καί ούδέν μάλλον τό δν τοϋ μή δντος είναί φασι, δτι όύδέ τό κενόν τοϋ σώματος. 45 7) Themist. 1. c. 326. καί Δημόκριτος τό πλήρες και τό κενόν, ών τό μέν ώς δν τό δέ ώς ούκ δν είναί φησιν. ®) Simplic. 1. c. ρ. 488. Δημόκριτος ήγείται τήν τών άϊδίων φύσιν είναι μικράς ουσίας, πλήθος Απείρους, ταύταις δέ τόπον Αλλον ύποτίθησιν Απειρον τφ με-
Anmerkungen zu Teil 1, Kap. 4 67 γέθει, προσαγορεύει δέ τόν μέν τόπον τοΐς δέ όνόμασι, τφ δέ κενφ καί τφ ονδενί καί τφ άπείρφ, τών δέ ουσιών έκάστην τφ τφδε καί τφ ναστφ καί τφ δντι. ·) Vgl. Simpuc. 1. c. p. 514. έν καί πολλά. 10) Diocen. Laert. 1. c- 40. εί μή ήν δ κενόν καί χώραν καί άναφή 5 φύσιν όνομάζομεν. Stob. Ecl. phys. I p. 39. "Επίκουρος όνόμασι πάσι παραλλάττειν κενόν, τόπον, χώραν. ιι) Stob. EcL phys. X, p. 27. εϊρηται δέ άτομος, ούχ δτι έστίν έλαχίστη. ι>) Simpl. 1. c. ρ. 405. οί δέ τής έπ" άπειρον τομής άπεγνωκότες, ώς 10 ού δυναμένου ήμών έπ" άπειρον τέμνειν, καί έκ τούτου πιστώσασθαι τό άκατάληκτον τής τομής, έξ άδιαιρέτων έλεγαν ύφίστασθαι τά σώματα καί είς άδιαίρετα διαιρεΐσθαι. πλήν δτι Λεύκιππος καί Δημόκριτος ού μόνον τήν άλήθειαν αιτίαν τοΐς πρώτοις σώμασι τού μή διαιρεΐσθαι νομίζουσιν, άλλα καί τό σμικρόν καί τό άμερές, "Επίκουρος δέ ύστερον άμερή ούχ ήγεΐται, άτομα δέ 15 αύτά διά τήν άπάθειαν εΐναί φησιν. καί πολλαχού μέν τήν Δημοκρίτου δόξαν καί Λευκίππου ό "Αριστοτέλης διήλεγξεν, καί δι" έκείνους Ισως τούς έλέγχους πρός τό άμερές ένισταμένους ό "Επίκουρος ύστερον γενόμενος, συμπαθών δέ τή Δημοκρίτου καί Λευκίππου δόξη περί τών πρώτων σωμάτων, άπαθή μέν έφύλαξεν αύτά 20 18 ) Aristot. de Gener. etCorrupt. I, 2. αίτιον δέ τού έπ" έλαττον δύνασθαι τά όμολογούμενα συνοράν ή άπειρία. διό, δσοι συνφκήκασι μάλλον έν τοΐς φυσικοΐς, μάλλον δύνανται ύποτίθεσθαι τοιαύτας άρχάς, aiέπίπολύ δύναν· ται συνείρειν · οι δ" έκ τών πολλών λόγων άθεώρητοι τών ύπαρχόντων δντες, πρός όλίγα έπιβλέφαντες, άποφαίνονται ^φον. ϊδοι δ" άν τις καί έκ τούτων δσον δια- 25 φέρουσιν οί φυσικώς καί λογικώς σκοπούντες · περί γάρ τού άτομα είναι μεγέθη οί μέν φασιν, δτι τό αύτοτρίγωνον πολλά έσται. Δημόκριτος δ" άν φανείη οίκείοις καί φυσικοΐς λόγοις πεπεΐσθαι. 14 ) Diocen. Laert. IX, 40. 'Αριστόξενος δ" έν τοΐς Ιστορικοΐς ύπομνήμασί φησι, Πλάτωνα θελήσαι συμφλέξαι τά Δημοκρίτου συγγράμματα όπόσα ήδυνήθη 50 συναγαγεΐν, "Αμύκλαν δέ καί Κλεινίαν τούς Πυθαγορικούς κωλύσαι αύτόν, ώς ούδέν δφελος· παρά πολλοΐς γάρ είναι βιβλία ήδη. καί δήλον δέ· πάντων γάρ σχεδόν τών άρχαίων μεμνημένος όΠλάτων ούδαμού Δημοκρίτου διαμνημο· νεύει, άλλ" ούδ" ένθα άντειπεΐν τι αύτφ δέοι, δήλον δτι είδώς ώς πρός τόν άριστον ούτω τών φιλοσόφων έσοιτο.
Zweiter Teil Über die Differenz der demokritischen und Epikureischen Physik im einzelnen Erstes Kapitel Die Deklination des Atoms von der geraden Linie 5 Stob. Eclog. phys. I. p. 33. 'Επίκουρος κινείοθαι δέ τά άτομα τότεμέν κατά στάθμην τότε δέ κατά παρέγκλισιν τά δέ άνω κινούμενα κατά πληγήν καί άποπαλμόν. Cf. Cic. de Fin. I, 6. (Plutarch.) de Plac. Philosoph, p. 349. Stob. 1. c. p. 40. 10 2) Cic. d e N a t. Deor. I, 26 quid est in physicis Epicuri non a Democrito? nam et si quaedam commutavit, ut, quod paullo ante de incli- natione atomorum dixi, s) Cic. d e F i η. I, 6 censet (sc. Epicurus) enim, eadem ilia individua, et solida corpora ferri suo deorsum pondéré ad lineam: hune naturalem esse omnium 15 corporum motum. Deinde ibidem homo acutus, quum illud occurreret, si omnia deorsum e regione ferrentur, et, ut dixi, ad lineam, nunquam fore, ut atomus altera alteram posset attingere; itaque attulit rem commenticiam ; declinare dixit atomum perpaullum (quo nihil posset fieri minus); ita effici complexiones et copulationes et adhaesiones atomorum inter se; ex quo efficeretur mundus omnesque partes mundi, 20 quaequae in eo essent. 4) Cic. de Nat. Deor. I, 25 Epicurus, quum videret, si atomi ferrentur in locum inferiorem suopte pondéré, nihil fore in nostra potestate, quod esset earum motus certus et necessarius; invenit, quo modo necessitatem effugeret, quod videlicet Democritum fugerat; ait, atomum, quum pondéré et gravitate directe deorsum feratur, 25 declinare paullulum. Hoc dicere turpius est, quam illud, quod vult, non posse defen- dere. Cf. Cic. d e F a t ο. X. e) Bayle, Dict. hist. >Epicure«. ·) Schaubach „Über Epikur’s astronomische Begriffe“ im Archiv für Philologie und Pädagogik von Seebode, Jahn und Klotz. Bd. V, H. IV, 1839, p. 549. 30 7) Lucbet. de Rer. Nat. Π, 251 sqq. denique si semper motus connectitur omnis et vetere exoritur semper novus ordine certo, unde est haec, inquam, fatis advolsa voluntas *). ·) Aristot. d e A n i m a. I, 4, 14. πώς γάρ χρή νοήσαι μονάδα κινουμένην, καί υπό τίνος καί πώς, άμερή καί άδιάφορον ούσαν; εΐ γάρ έστι κινητική καί κινητή διαφέρειν δει. έτι δ' έπεί φασι κινηθείοαν γραμμήν καί al τών μονάδων κινήσεις γραμμαί έσονται. 40 ·) Diogen. Laert. X, 43. κινοΰνταί τε συνεχώς ai άτομοι. Simplic. 1. c. ρ. 425. /οι περί] 'Επίκουρον τήν κίνησιν άίδιον. *) Bei Diels potestu.
Anmerkungen 69 10) Lucret. de Rer. Nat. Π 253. eqq. si nec declinando faciunt primordia motus principium quoddam, quod fati foedera rumpat, 5 ex infinito ne causam causa sequatur. 11 ) Id. 1. c. 279 sqq. esse in pectore nostro quiddam, quod contra pugnare obstareque posait. 12) Cic. de Fin. I, 6. nec tarnen id, cuius causa haec finxerat, assecutus est; 10 nam, si omnes atomi declinabunt, nullae unquam cohaerescent, sive aliae declinabunt, aliae suo nutu recte ferentur. primum erit hoc quasi provincias atomis dare, quae recte, quae oblique ferentur. 18 ) Lucret. 1. c. Π, 293 sq. i·) Cic. de Fato. X. déclinât atomus intervallo minimo, id appellat έλάχιστον. 15 18 ) Id. i b. quam declinationem sine causa fieri, si minus verbis, re cogitur confiteri. i®) Plutarch. de Anim, procréât. VI (T. IV. p. 8. ed. ster.) Έπι· κούρω μέν γάρ ούδ' άκαρές έγκλίνειν τήν δτομον συγχωροϋσιν,ώς άναίτιον έπεις- άγοντι κίνησιν έκ τοϋ μή δντος. 20 17) Cic. de Fin. I, 6. nam et ipsa declinatio ad libidinem fingitur (ait enim declinare atomum sine causa, quo nihil turpius physico, quam fieri sine causa qu id quam dicere); et ilium motum naturalem omnium ponderum, ut ipse constituit, e regione inferiorem locum petentium, sine causa eripuit atomis. 25 i®) BAyLE 1. c. 19) August. Epist. 56. 90) Diocen. Laert. X, 128. τούτου γάρ χάριν άπαντα πράττομεν, δπως μήτε άλγώμεν, μήτε ταρβώμεν. 2ΐ) Plutarch. de eo, quod sec. Epieur. non beate vivi poss. 30 p. 1091. δμοια δέ καί τά 'Επικούρου, λέγοντος *τήν τοϋ άγαθοϋ φύσιν έξ αύτής τής φυγής τοϋ κακού». ") Clem. Alex. Strom. Π. ρ. 415 (c. XXI, 3127). ό δέ'Επίκουρος καί τήν τής άλγηδόνος ύπεξαίρεσιν ήδονήν είναι. 98) Senec. de Benef. IV, ρ. 699. itaque non dat deus bénéficia, sed securus 35 et negligens nostri, aversus a mundo, nec magis ilium bénéficia quam iniuriae tangunt. 94) Cic. d e N at. D e or. I, 24 ita enim dicebas, non corpus esse in deo, sed quasi corpus, nec sanguinem, sed quasi sanguinem. 95 ) Cic. d e N a t. D e o r. I, 38 *) quem cibum igitur, aut quas potiones aut quas vocum aut florum varietates, aut quos tactus, quos odores adhibebis ad deos, 40 ut eos perfundas voluptatibus? 39 **) quid est enim cur deos ab hominibus colendos dicas, quum dii non modo homines non colant, sed omnino nihil curent, nihil agant? at est eorum eximia quaedam praestansque natura, ut ea debeat ipsa per se ad se colendam elicere ***) sapientem. an quidquam eximium potest esse in ea natura, quae, sua voluptate laetans, nihil nec actura sit unquam [neque agat], rf^neque egerit? 2®) Plutarch. de eo, quod sec. Epieur. non beate vivi pose, p. 1101. ό λόγος αύτών φόβον άφαιρεί καί δεισιδαιμονίαν, εύφροσύνην δέ καί χαράν άπδ τών θεών ούκ ένδίδωσιν άλλ' ούτως έχειν ποιεί πρός αύτούς τό μή ταράττεσθαι, μηδέ χαίρειν, ώς πρός τούς Ιρκανοϋς Ιχθϋς^) έχομεν, ούτε 30 χρηστόν ούδέν ούτε φαϋλον απ' αύτών προςδοκώντες. ·) Bei Orelli, 40. ··) Bei Orelli, 41. ”*) Bei Orelli, allieere t) Bei Dübner Ç Σχύθαβ
70 Die Doktordissertation 27) Aristot. de Caelo. II, 12. τώ δ" ώς άριστα έχοντι ούδέν δει πράξεως· έστι γάρ αυτό τό ού ένεκα. 28) Lucret. d e R e r. N a t. II, 221 sqq. .... quod nisi declinare solerent (sc. atomi) .... nec foret offensus natus, nec plaga creata 5 principiis, ita nil umquam [natura] creasset. 29 ) Lucret. de R e r. Nat. II, 284 sqq. quare in seminibus quoque fateare necesse est esse aliam praeter plagas et pondéra causam motibus, unde haec est nobis innata potes tas. io ne plagis omnia fiant extema quasi vi. sed ne mens ipsa necessum intestinum habeat, cunctis in rebus agendis, et, devicta quasi, cogatur ferre patique, 15 id facit exiguum clinamen principiorum. 30) Aristot. de Caelo. I, 7. εί δέ μή συνεχές τό παν, άλλ', ώςπερ λέγει Δημόκριτος καί Λεύκιππος, διωρισμένα τω κενω, μίαν άναγκαϊον πάντων είναι τήν κίνησιν .... τήν δέ φύσιν αυτών είναι μίαν, ώςπερ άν, εί χρυσός έκαστον ειη κεχωρισμένον. 20 81) Aristot. de Caelo. III, 2. διό και Λευκίππω καί Δημοκρίτω, τοΐς λέγουσιν άεί κινείσθαι τά πρώτα σώματα έν τω κενω καί τω άπείρω λεκτέον τίνα κίνησιν καί τίς ή κατά φύσιν αύτών κίνησις. εί γάρ άλλο ύπ' άλλου κινείται βία τών στοιχείων, άλλα καί κατά φύσιν άνάγκη τινά είναι κίνησιν έκαστου, παρ' ήν ή βίαιός έστιν- καί δει τήν πρώτην κινούσαν μή βίρ κινεΐν, αλλά κατά φύσιν 25 εις άπειρον γάρ είσιν, εί μή τι έσται κατά φύσιν κινούν πρώτον, άλλ’ άεί τό πρό¬ τερον βίρ κινούμενον κινήσει. 82) Diocen. Laert. X, 150. όσα τών ζωων μή ήδύνατο συνθήκας ποι- εϊσθαι τάς ύπέρ τού μή βλάπτειν άλληλα μηδέ βλάπτεσθαι, πρός ταϋτα ούδέν έστιν ούδέ δίκαιον, ούδ' άδικον, ώςαύτως δέ καί τών έθνών όσα μή 30 ήδύνατο, ή μή έβούλετο τάς συνθήκας ποιεΐσθαι τάς ύπέρ τού μή βλάπτειν άλλήλους μηδέ βλάπτεσθαι. ούκ ήν τι καθ' έαυτό δικαιοσύνη, άλλ’ ή έν ταϊς μετ' άλλήλων συστροφαϊς, καθ' όπηλίκους δήποτ' άεί τόπους συνθήκην τινά ποιεΐσθαι ύπέρ τού μή βλάπτειν ή βλάπτεσθαι.*) 35 Zweites Kapitel Die Qualitäten des Atoms O Diocen. Laert. X, 54. ποιότης γάρ πάσα μεταβάλλει- αί δ' άτομοι ούδέν μεταβάλλουσιν. Lucret. de Rer. Nat. II, 861 sqq. 40 omnia sint a principiis seiuncta, necesse est, immortalia si volumus subiungere rebus fundamenta, quibus nitatur summa salutis. 2) (Plutarch.) dePlac. Philosoph. [I, 28 sqq.] "Επίκουρος . .. έφη . .. συμβεβηκέναι τοΐς σώμασι τρία ταύτα, σχήμα, μέγεθος, βάρος. Δημόκριτος 45 μέν γάρ δύο* μέγεθος καί σχήμα- ό δ' "Επίκουρος τούτοις καί τρίτον, τό βάρος, έπέθηκεν- άνάγκη γάρ κινεϊσθαι τά σώματα τή τού βάρους πληγή. Cf. Sext. Empir. adv. Math. p. 421. 8) Euseb. Praepar. evang. XTV, p. 749. ·) Anmerkung 32 von Marx geschrieben, ebenso die Anmerkungsziffer 33, die aber ohne Text blieb.
Anmerkungen zu Teil 2 71 *) Simplic. L c. p. 362. τήν διαφοράν αυτών (άτόμων) κατά μέγεθος καί όχημα τιθείς (sc. Δημόκριτος). ®) Philopon. ibid. . . .μίαν μέντοι κοινήν φύσιν ύποτίθησιν (ec. ό Δημό¬ κριτος) σώματος τοίς σχήμασι πάσι, τούτου δέ μόρια είναι τάς άτόμους 5 μεγέθει καί οχήματι διαφέρουσας άλλήλων- ου μόνον γάρ άλλο καί άλλο σχήμα έχουσιν, άλΓ [είσίν] αυτών αί μέν μείζους, al δέ έλάττους. ·) Aristot. de Gen. et Corrupt. I, 8. καίτοι βαρύτερόν (sc. άτομον) γε κατά τήν ύπεροχήν φησιν είναι. 7) Aristot. de Caelo. I, 7. τούτων δέ, καθάπερ λέγομεν, άναγκαίον 10 είναι τήν αυτών κίνησιν . . . ώςτε ούτε κούφον άπλώς ούδέν έσται τών σωμάτων, εί πάντ' έχει βάρος · εί δέ κουφότητα, ούδέν βαρύ, έτι εί βάρος έχει ή κουφότητα, έσται ή έσχατόν τε τού παντός, ή μέσον . . . 8) Ritter. Geschichte d. alt. Philosophie. I. Teil, S. 568. Anm. 2. ·) Aristot. Metaphys. VII (VIII), 2. Δημόκριτος μέν ούν τρεις Ôia- 15 φοράς έοικεν οίομένφ είναι, τό μέν γάρ ύποκείμενον σώμα τήν ύλην έν καί τό αυτό, διαφέρειν δέ ή $υσμφ, δ έστι σχήμα, ή τροπή, δ έστι θέσις, ή διαθιγή, δ έστι τάξις. 10 ) Aristot. Metaphys. I, 4. Λεύκιππος δέ καί ό έταίρος αυτού Δημό¬ κριτος στοιχεία μέν τό πλήρες καί τό κενόν είναί φασι, λέγοντες οίον, τό μέν 20 δν, τό 0έ μή δν, τούτων δέ τό πλήρες καί τό στερεόν τό δν, τό δέ κενόν γε καί τό μανόν τό μή δν. διό καί ούδέν μάλλον τό δν τού μή δντος είναί φασιν, δτι ούδέ τό κενόν τού σώματος, αίτια δέ τών δντων ταύτα, ώς ύλην, καί καθάπερ οί έν ποιούντες τήν ύποκειμένην ουσίαν, τά άλλα τοίς πάθεσιν αυτής γεννώσι, τό μανόν καί τό πυκνόν άρχάς τιθέμενοι τών παθημάτων, τόν αύτόν τρόπον 25 καί ούτοι τάς διαφοράς αΙτίας τών άλλων είναί φασιν. ταύτας μέντοι τρεις είναι λέγουσι σχήμά τε καί τάξιν καί θέσιν. διαφέρειν γάρ φασι τό δν φυσμφ καί διαθιγή καί τροπή μόνον- τούτων δέ ό μέν φυσμός σχήμά έστιν, ή δέ διαθιγή τάξις, ή δέ τροπή θέσις. διαφέρει γάρ τό μέν A τού Ν οχήματι, τό δέ A Ν τού ΝΑ τάξει, τό δέ Ζ τού Ν θέσει. 10 u) Diogen. Laert. X, 44 . . ,μηδέ ποιότητά τινα περί τάς άτόμους είναι πλήν σχήματος καί μεγέθους καί βάρους . . . παν τε μέγεθος μή είναι περί αύτάς · ουδέποτε γούν άτομος ώφθη αίσθήσει. 12) Id. X, 56. παν δέ μέγεθος ένυπάρχον ούτε χρήσιμόν'έστι πρός τάς τών ποιοτήτων διαφοράς- άφίχθαι άμέλει*) καί πρός ήμάς όρατάς άτόμους. δ ού 35 θεωρείται γινόμενον ούθ* δπως άν γένοιτο όρατή άτομός έστιν έπινοήσαι. 18) Id. X, 55 . . . αλλά μηδέ δεί νομίζειν, παν μέγεθος έν ταϊς άτόμοις ύπάρ¬ χειν . . . παραλλαγάς δέ τινας μεγεθών ν ο μιστέ ον είναι. 11 ) Id. X, 59. έπείπερ καί δτι μέγεθος έχει ή άτομος κατά τήν ένταύθα άναλογίαν κατηγορήσαμεν, μικρόν τι μόνον, μακρόν έκβάλλοντες. 40 1Β) Cf. Id. X, 58. Stob. Eclog. phys. I, p. 27. ie) Epicuri fragm. (d e N a t. Π et XI) coli, a Rosinio ed. Orelli, p. 26. 17) Euseb. Praepar. evang. XIV. p. 773. (ed. Paris.) τοσούτον δέ διε- φώνησαν δσον ό (sc. Επίκουρος) μέν έλαχίστας πάσας καί διά τούτο άνεπαισθή- τους, ό δέ Δημόκριτος καί μεγίστας είναί τινας άτόμους ύπέλαβεν. 45 1β) Stob. Eclog. phys. I, 17. Δημόκριτός γέ φησι... δυνατόν είναι κοσμιαίαν ύπάρχειν άτομον. Cf. (Plutarch.) de Placit. Philosoph. I, p. 235sqq. 18 ) Aristot. de G en er. et Corrupt. I, 8. άόρατα διά μικρότητα τών δγκων. 10 ) Euseb. Praepar. evang. XIV p. 749. Δημόκριτον . .. άρχάς τών δντων 50 σώματα άτομα λόγφ θετορητά. Cf. (Plutarch.) d e P1 a c. Philos. I, p. 235 sqq. 81) Diogen. Laert. X, 54. καί μήν καί τάς άτόμους, νομιστέον, μηδεμίαν ποιότητα τών φαινομένων προςφέρεσθαι, πλήν σχήματος καί βάρους καί μεγέ¬ θους καί δσα έξ άνάγκης σχήματος συμφυή έστιν. cf. 44. *) Bei Cobet τε μέλλει
72 Die Doktordissertation **) Id. X, 42 . . . πρός τε τούτοις τά άτομα . . . άπερίληπτά έστι ταϊς δια- φοραϊς τών σωμάτων*). Μ) Id. ib . . . ταϊς δέ διαφοραϊς ούχ άπλώς άπειροι, άλλά μόνον άπε- ρίληπτοι. Μ) Lucret. Π, 513 sqq. g fateare necesse est materiem quoque finitis differre figuris. Euseb. Praepar. evang. XIV. p. 749 [14, 5.] "Επίκουρος . . . είναι... τά σχήματα αύτών άτόμων περιληπτά, ούκ άπειρα. Cf. (Plutarch.) de Plac. Philosoph. 1. c. jp 88 ) Diocen. Laert. X, 42 . . . καί καθ’ έκάστην δέ σχημάτισιν άπλώς άπει- οί είσιν άτομοι . . . Lucret. d e R e r. N a 1.1. c. [Π] 525 sqq. etenim distantia quum sit formarum finita, necesse est quae similes sint 15 esse infinités, aut summam materiai finitam constare, id quod non esse probavi. 88 ) Aristot. de Caelo. IV, 3 [ΙΠ, 4] άλλα μήν ούδ", ώς έτεροί τινες λέγουσιν, οϊον Λεύκιππός τε καί Δημόκριτος ό "Αβδηρίτης, εύλογα τά συμβαί- νοντα . . . καί πρός τούτοις, έπεί διαφέρει τά σώματα σχήμασιν, άπειρα δέ τά 20 σχήματα, άπειρα καί τά απλά σώματά φασιν είναι, ποιον δέ καί τί έκάστου τό σχήμα τών στοιχείων, ούδέν έπιδιώρισαν, άλλά μόνον τφ πυρί τήν σφαίραν άπέδωκαν, άέρα δέ και τά άλλα . . . Philopon. 1. c. ... ού μόνον άλλο καί άλλο σχήμα έχουσιν . . . 87) Lucret. de Rer. Nat. 1. c. 479sqq. 25 primordia rerum finita variare figurarum ratione. quod si non ita sit, rursum iam semina quaedam esse infinito debebunt corporis auctu. nam quod eadem una **) cuiusvis in brevitate 30 corporis inter se multum variare figurae non possunt si forte voles variare figuras, addendum partis alias erit 35 ergo formarum novitatem corporis augmen subsequitur, quare non est, ut credere possis, esse infinitis distantia semina formis. 88) Cf. Not. 25. 29 ) Diocen. Laert. X, 44 et 54. 40 *·) Bruckeri Instit. histor. phil. p. 24. w) Lucret. de R er. Nat. I, 1051. illud in his rebus longe fuge credere, Memmi, in medium summae, quod dicunt, omnia niti. 88) Diocen. Laert. X, 43 . . . καί Ισοταχώς αύτάς κινείσθαι του κενού τήν 45 Ιξιν όμοίαν παρεχομένου καί τή κουφοτάτη καί τή βαρυτάτη είς τόν αΙώνα. 61. καί μήν καί Ισοταχείς άναγκαϊον τάς άτόμους είναι, δταν διά τού κενού είςφέρων- τα», μηδέν ός άντικόπτοντος· ούτε γάρ τά βαρέα θάττον αίσθήσεται τών μικρών καί κουφών, δταν γε δή μηδέν άπαντφ αύτοϊς. ούτε τά μικρά τών μεγάλων, πάντα πόρον σύμμετρον έχοντα, δταν μηδέν μηδ' έκείνοις άντικόπτη. 50 *) Bei Cobet σχημάτων. ··) Bei Diel» namque (in) eadem unius
Anmerkungen zu Teil 2 73 Lucret. de Rer. Nat. Π, 235 sqq. at contra nulli inane potest vacuum eubsistere rei, omnia, qua propter debent per inane quietum, 5 aeque, ponderibus non aequis concita fern. «) Vgl. Kap. 3. 34) Feuerbachs Geschichte d. neuerenPhilosophie. 1833. ΧΧΧΙΠ, 7. [Zitat aus] Gassendi: Epicurus, tametsi forte de hac experientia nunquam cogitarit, ratione tarnen ductus, illud censuit de atomis, quod experientia nos nuper docuit, 20 scilicet ut corpora omnia, tametsi eint tarn pondéré, quam mole summe inaequalia, aequivelocia tarnen sunt, quum superne deorsum cadunt, sic ille censuit, atomos omnes, licet eint magnitudine gravitateque summe inaequales, esse nihilominus inter se ipsos suo motu aequiveloces. Drittes Kapitel 15 Άτομοι άρχαί und άτομα στοιχεία i) αμέτοχα κενού heißt durchaus nicht „erfüllenkeinen Rau m“, sondern „sind unteilhaftig des Leeren“, es ist dasselbe, als wenn anderswo bei Diogenes Laertius gesagt wird < διάλειψιν δέ μέρων ούκ έχουσιν». Ebenso ist dieser Ausdruck zu erklären (Plutarch.) de Placit. Philosoph. I, p. 286 20 und Simplicius p. 405. *) Auch dies ist falsche Konsequenz. Was nicht im Raum geteilt werden kann, ist deswegen nicht außerhalb des Raums und ohne räumliche Beziehung. 3) Schaubach 1. c. p. 550. ®) Diocen. Laert. X, 44. 25 ®) Id. X, 67. καθ' έαυτό δέ ούκ έστι νοήσαι τό άσώματον, πλήν έπΐ τοϋ κενού. ·) Id. X, 39, 40 und 4L 7) Id. VII, 1. δ 134. διαφέρειν δέ φασιν (sc. Στωϊκοί) αρχάς καί στοιχεία· τάς μέν γάρ είναι Αγενήτους και άφθαρτους, τά δέ στοιχεία κατά τήν έκπύρωσιν 30 φθείρεσθαι. ·) Aristot. Metaphys. IV, 1 u. 3. ·) Cf. 1. c. 10) Aristot. 1. c. 3. όμοίως δέ καί τά τών σωμάτων στοιχεία λέγουσιν οί λέγοντες, είς A διαιρείται τά σώματα έσχατα, έκείνα δέ μηκέτ' είς Αλλα ειδει 35 διαφέροντα σώματα . . . διό καί τό μικρόν και άπλοϋν καί Αδιαίρετον στοιχεϊον λέγεται. 11 ) Aristot. Metaphys. I, 4. 13 ) Diocen. Laert. X, 54. (Plutarch.) Colot. p. 1111. ταϋτα τών 'Επικούρου δογμάτων ούτως 40 Αχώριστά έστιν, ώς τό σχήμα και τό βάρος αύτοι (sc. Επικούρειοι) τής Ατόμου λέγουσιν. 13) Sext. Emp. adv. Math. ρ. 411. 14) Euseb. Praepar. e ν a η g. XIV, ρ. 773. 'Επίκουρος . . . Ανεπαίσθητους (Ατόμους) Ρ. 749. ίδια δέ έχειν (sc. Ατόμους) σχήματα λόγω θεωρητά. 45 1β) (Plutarch.) de Placit. Philosoph. I, p. 246 [VII, 1074]. ό δ' αύτός (sc. Επίκουρος) Αλλας τέσσαρας φύσεις κατά γένος αφθάρτους τάςδε, τά ατομα, τό κενόν, τό Απειρον, τάς όμοιότητας. αύται δέ όμοιομέρειαι καί
74 Die Doktordissertation στοιχεία, p. 249. [XII] Επίκουρος όέ άπερίληπτα είναι τά σώματα· καί τά πρώτα ôè άπλά, τά ό’ έξ έκείνων συγκρίματα, πάντα βάρος έχειν. Stob. Eclog. phys. I, p. 52. Μητρόδωρος ό καθηγητής*) Επικούρου αίτια Ô' ήτοι al άτομοι καί τά στοιχεία, ρ. 5. 'Επίκουρος . . . τέσσαρας φύσεις κατά γένος άφθάρτους τάςόε· τά άτομα, τό κενόν, τό άπειρον, τάς όμοιότητας. αύται 5 ôè όμοιομέρειαι λέγονται καί στοιχεία. ι·) Cf. 1. c. Cic. de Fin. I, 6. quae sequitur . . . atomi inane . . . infinitio ipsa, quam άπειρίαν vocant. Diogen. Laert. X, 41. άλλά μήν καί τό πάν άπειρόν έστι . . . καί μήν καί ίο τφ πλήθει τών σωμάτων άπειρόν έστι τό πάν, καί τφ μεγέθει του κενού. 18 ) Plutarch. Co lot. p. 44 [ΧΠΙ]. δ φαμεν**) ούν οίας πρός γένεσιν άρχάς, άπειρίαν και κενόν ών τό μέν άπρακτον, άπαθές, άσώματον ή ό' άτακτος, άλογος, άπερίληπτος, αυτήν άναλύουσα καί ταράττουσα, τφ μή κρατείσθαι μηόέ όρίζεσθαι ôià πλήθος. is 18 ) Simplic. 1. c. p. 488. >0) (Plutarch.) de Placit. Philos, p.239 [Lib. I, cap.V]. Μητρόόωρος όέ φησιν . . . δτι Ô1 άπειρος κατά τό πλήθος, όήλον έκ τού άπειρα τά αίτια είναι . . . αίτια όέ ήτοι αί άτομοι ή τά στοιχεία. Stob. Eclog. phys. I, p. 52. Μητρόόωρος ό καθηγητής*) 'Επικούρου, 20 αίτια Ô' ήτοι αί άτομοι καί τά στοιχεία. 81 ) Lucret. de Rer. Nat. I, 820 sqq. namque eadem caelum, mare, terras, flumina, solem constituant, eadem fruges, arbuste, animantis. Diogen. Laert. X, 39· καί μήν καί τό πάν άεί τοιούτον ήν, οίον νύν έστι 25 καί άεί τοιούτον έσται. ούόέν γάρ έστιν, εις δ μεταβάλλει, παρά γάρ τό πάν ούόέν έστιν, εις δ άν είςελθόν αυτό τήν μεταβολήν ποιήσαιτο . . . τό πάν έστι σώμα . . . ταύτα Ô' έστιν άτομα καί άμετάβλητα, είπερ μή μέλλει πάντα εις τό μή δν φθαρήσεσθαι· άλλ' Ιοχύοντα ύπομένειν έν ταίς όιαλύσεσι τών συγκρί¬ σεων, πλήρη τήν φύσιν δντα και ούκ έχοντα, δπη ή δπως όιαλυθήσεται. 30 88 ) Diogen. Laert. X, 73 . . . καί πάλιν όιαλύεσθαι πάντα, τά μέν θάττον, τά όέ βραόύτερον · καί τά μέν υπό τοιώνόε, τά <5’ υπό τοιώνόε τούτο πάσχοντα. 74. όήλον ούν, ώς καί φθαρτούς φησι τούς κόσμους, μεταβαλλόντων τών μερών. Lucret. V, 108 sqq. et ratio potius, quam res persuadeat ipsa, 35 succidere horrisono posse omnia victa fragore. Id. V, 374. haud igitur leti praeclusa est ianua caelo, nec soli terraeque neque altis aequoris undis sed patet immani, et vasto respectât hiatu. 40 88 ) Simplic. 1. c. p. 425. 84 ) Lucret. Π, 796. neque in lucem existunt primordia rerum. Viertes Kapitel Die Zeit 45 x) Aristot. Phys. VIII, 1. καί ôià τούτο Δημόκριτός τε ώς άόύνατον πάντα γεγονέναι· τόν γάρ χρόνον άγέννητον είναι. 8) Simplic. 1. c. p. 426. μέντοι Δημόκριτος ούτως àtôiov έπέπειοτο είναι *) Im Ms. versehentlich καθήτης **) Bei Dübner (Didot) δρα μήν
Anmerkungen zu Teil 2 75 τόν χρόνον, δτι βουλό μένος δεϊξαι μή πάντα γεννητά, ώς έναργεϊ τφ τόν χρόνον μή γεγονέναι προςεχρήσατο. ·) Lucret. I, 459 sqq. tempus per se non est 5 nec per se quemquam tempus sentire fatendum est semotum a rerum motu placidaque quiete. Id. I, 479 sqq. non ita, uti corpus per se constare neque esse, jo nec ratione cluere eadem, qua constet inane, sed magie ut merito possis eventa vocare corporis atque loci Sext. Empir. a d v. Math. p. 420 nennt Epikur die Zeit σύμπτωμα συμπτω¬ μάτων. 15 Stob. Ecl ο g. phys. I, 9. "Επίκουρος (nennt die Zeit) σύμπτωμα τούτο δ' έστι παρακολούθημα κινήσεων. *) Diogen. Laert. X, 72. καί μήν καί τόδε γε δει προςκατανοήσαι σφοδρώς. τόν γάρ δή χρόνον ου ζητητέον, ώςπερ καί τά λοιπά, δσα έν ύποκειμένφ ζητούμεν, άνάγοντες έπί τάς βλεπομένας παρ" ήμϊν αύτοϊς προλήψεις· άλλ' αυτό τό ένάργημα, 20 καθ' Ö τόν πολύν ή όλίγον χρόνον άναφωνούμεν, συγγενικώς τούτο περιφέροντες, άναλογιστέον. καί ούτε διαλέκτους ώς βελτίους μεταληπτέον, άλλ' αύταΐς ταϊς ύπαρχούσαις κατ' αύτού χρηστέον. ούτ' άλλο τι καθ' έαυτου κατηγορητέον, ώς τήν αύτήν ούσίαν έχοντος τφ Ιδιώματι τούτφ {καί γάρ τούτο ποιούσι τινές), άλλά μόνον, ώς συμπλέκομεν τό Ιδιον τούτω, καί παραμετρούμεν, μάλιστα έπιλο- 25 γιοτέον. 73. καί γάρ τούτ' ούκ άποδείξεως προςδεϊται, άλλ’ έπιλογισμού· δτι ταϊς ήμέραις καί ταϊς νυξί συμπλέκομεν χρόνον, καί τοΐς τούτων μέρεσιν ώςαύτως δέ καί τοΐς πάθεσι καί ταϊς άπαθείαις καί κινήσεσι καί στάσεσιν, ϊδιόν τι σύμ¬ πτωμα περί ταύτα πάλιν αύτό τούτο έννοούντες καθ' 6 χρόνον όνομάζομεν. φησί δέ καί έν τή β' τούτο περί φύσεως καί έν τή μεγάλη έπιτομή. 30 Β) Lucret. de Rer. Nat 1. c. Sext. Empir. adv. Math. p. 420 sqq. σύμπτωμα συμπτωμάτων δθεν καί έπειδάν λέγη ό "Επίκουρος τό σώμα νοεΐν κατ' έπισύνθεσιν μεγέθους καί σχήματος καί άντιτυπίας καί βάρους, έκ μή δντων σωμάτων βιάζεται τό δν σώμα νοεΐν ώσθ' ϊνα ή χρόνος, συμπτώ¬ ματα είναι δει, ϊνα δέ τά συμπτώματα ύπάρχη, συμβεβηκός τι ύποκείμενον 35 ούδέν δέ έστι συμβεβηκός ύποκείμενον τοίνυν ουδέ χρόνος δύναται ύπάρχειν.... ούκ ούν έπεί ταύτά έστι χρόνος, ό δέ "Επίκουρος συμπτώματά φησιν αύτών είναι, έσται κατά τόν "Επίκουρον ό χρόνος αύτός έαυτού σύμπτωμα. Cf. Stob. 1. c. ·) Diocen. Laert. X, 46. καί μήν καί τύποι όμοιοσχήμονες τοΐς στερεμνίοις εϊσί, ληπτότησιν άπέχοντες μακράν τών φαινομένων ... τούτους δέ τούς τύπους 40 είδωλα προςαγορεύομεν. 48. ... ή γένεσις τών ειδώλων άμα νοήματι συμβαίνει· ... ούκ έπίδηλος αίσθήσει διά τήν άνταναπλήρωσιν, σώζουσα τήν έπί στερεμνίου θέσιν καί τάξιν τών άτόμων. Lucret. IV, 30 sqq. rerum simulacre 45 quae, quasi membranae summo de corpore rerum dereptae volitant ultro citroque per auras. Id. IV, 52 sqq. quod speciem ac formam similem gerit eius imago, cuius .... cluet de corpore fusa vagari. 50 7) Diocen. Laert. X, 49. δει δέ καί νομίζειν, έπειςιόντος τινός άπό τών έξωθεν, τάς μορφάς όράν ή μάς καί διανοεϊσθαι. ού γάρ άν άλλως άποσφραγίσαιτο τά έξωθεν τήν έαυτών φύσιν ώςτε όράν ή μάς, τύπων τινών έπειςιόντων ήμϊν άπό τών πραγμάτων, άπό χροών τε καί όμοιομόρφων κατά τό έναρμόττον μέγεθος, εις τήν δψιν .... 50. εΐτα διά ταύτην τήν αιτίαν τού ένός καί συνεχούς 55 τήν φαντασίαν άποδιδόντες, καί τήν συμπάθειαν άπό τού ύποκειμένου σώζοντας ·..
76 Die Doktordissertation 52. άλλά μήν καί τό άκούειν γίνεται πνεύματός*) τίνος φερομένου Από τοϋ φωνοϋντος ή ήχοϋντος ή ψοφοϋντος ή όπωςδήποτ' ακουστικόν πάθος παρασκευάζοντος. τό δέ £εϋμα τοϋτο είς όμοιομερείς δγκους διασπείρεται, Αμα τινά διασώζοντας συμπάθειαν πρός αλλήλους ... 53. καί μέν καί τήν Ασμήν νομιστέον, ώςπερ καί τήν ακοήν ούκ Αν ποτέ πάθος ούδέν έργάσασθαι, εΐ μή 5 όγκοι τινές ήσαν Από τοϋ πράγματος αποφερόμενοι, σύμμετροι πρός τό τοϋτο αίοθητήριον κινεϊν. β) Lucret. de Rer. Nat. II, 1139. iure igitur pereunt, quum rarefacta fluendo sunt ίο Fünftes Kapitel Die Meteore x) Diocen. Laert. Π, 3. 10. *) Aristot. Μ e t a p h y s. I, 5. τό έν είναί [φησι (sc. Ξενοφάνης)] τόν θεόν. ίο 8) Aristot. de Caelo. I, 3. έοικε δ' δ τε λόγος τοϊς φαινομένοις μαρτυ- ρεϊν καί τά φαινόμενα λόγφ. πάντες γάρ Ανθρωποι περί θεών έχουσιν ύπόληψιν, καί πάντες τόν Ανωτάτω τφ θείφ τόπον Αποδιδόασι, καί βάρβαροι καί 9 Ελληνες, δσοι περ είναι νομίζουσι θεούς, δήλον δτι ώς τφ Αθανάτφ τό Αθάνατον αυνηρτη- μένον Αδύνατον γάρ Αλλως, εϊπερ ούν έστι τι θειον, ώςπερ καί έστι, καί τά Μ νϋν είρημένα περί τής πρώτης ουσίας τών σωμάτων εϊρηται καλώς· συμβαίνει δέ τοϋτο καί διά τής αίσθήσεως Ικανώς, ώς γε πρός Ανθρωπίνην είπεϊν πίστιν. έν Απαντιγάρ τφ παρεληλυθότι χρόνφ κατά τήν παραδεδομένην άλλήλοις μνήμην ούδέν φαίνεται μεταβεβληκός ούτε καθ' δλον τόν έσχατον ουρανόν ούτε κατά μόριον αύτοϋ τών οικείων ούδέν. έοικε δέ καί τούνομα παρά τών Αρχαίων διαδε- 85 δόσθαι μέχρι καί τοϋ νϋν χρόνου, τούτων τόν τρόπον ύπολαμβανόντων, δπερ καί ήμεϊς λέγομεν. ού γάρ Απαξ ούδέ δίς Αλλ' Απειράκις δεϊ νομίζειν τάς αύτάς Αφικνείσθαι δόξας είς ήμας. διόπερ ώς έτέρου τινός δντος τοϋ πρώτου σώματος, παρά γήν καί πϋρ καί Αέρα καί ύδωρ, «αιθέρα» προςωνόμασαν τόν Ανωτάτω τόπον, Από τοϋ «θείν Αεί» τόν άίδιον χρόνον θέμενοι τήν άπωνυμίαν αύτφ. 39 *) Id. i b. I, 3 und II, 1. τόν δ' ούρανόν καί τόν Ανω τόπον οί μέν Αρχαίοι τοϊς θεοϊς άπένειμαν, ώς δντα μόνον Αθάνατον ό δέ νϋν μαρτυρεί λόγος ώς Αφθαρτος καί Αγέννητος, έτι δέ Απαθής πάσης θνητής δυςχερείας έστίν ού μόνον αύτοϋ περί τής Αϊδιότητος ούτως ύπολαβεϊν έμμελέστερον, άλλά καί τή μαντείφ τή περί τόν θεόν μόνως Αν έχομεν ούτως όμολογ θυμένους Απο- u φαίνεσθαι συμφώνους λόγους. β) Aristot. Metaphys. XI, 8. δτι δέ εϊς ουρανός, φανερόν . . . παρα- δέδοται δέ ύπό τών Αρχαίων καί παλαιών έν μύθου σχήματι παραλελειμμένα τοϊς ύστερον, δτι θεοί τέ είοιν ούτοι καί περιέχει τό θειον τήν δλην φύσιν· τά δέ λοιπά μυθικώς ήδη προςήχθη πρός τήν πειθώ τών πολλών καί πρός τήν είς 49 τούς νόμους καί τό συμφέρον χρήσιν. Ανθρωποειδείς τε καί γάρ τούτους καί τών Αλλων ζφων όμοίους τισί λέγουσι, καί τούτοις έτερα Ακόλουθα καί παρα¬ πλήσια τοϊς είρημένοις· ών εϊ τις χωρίσας αύτό λάβοι μόνον τό πρώτον, δτι θεούς φοντο τάς πρώτας ουσίας είναι, θείως Αν εΐρήσθαι νομίσειεν, καί κατά τό είκός πολλάκις εύρημένης είς τό δυνατόν έκάστης καί τέχνης καί φίλο- 45 σοφίας καί πάλιν φθειρομένων καί ταύτας τάς δόξας έκείνων οίον λείψανα, περισεσώσθαι μέχρι τοϋ νϋν. *) Bei Cobet ÿsvuaros
Anmerkungen zu Teil 2 77 ·) Diogen. Laert. X, 81. έπί ôè τούτοις δλως άπασιν έκείνο δει κατανοεί?, δτι ό τάραχος ό κυριώτατος ταίς άνθρωπίναις ψνχαίς γίνεται έν τφ ταϋτα μα¬ κάριά τε δοξάζειν καί άφθαρτα καί ύπεναντίας έχειν τούτοις βουλήσεις καί πράξεις . . . και ύποπτεύειν κατά τούς μύθους. S i) Id. ib. 76. καί μήν έν τοίς μετεώροις φοράν καί τροπήν καί έκλειψιν καί άνατολήν καί δύσιν καί τά σύστοιχα τούτοις μήτε λειτουργοϋντός τίνος νομίζειν όεί γίνεσθαι, καί όιατάττοντος ή όιατάξαντος, καί άμα τήν πάσαν μακαριότητα έχοντος μετ αφθαρσίας. 77. ού γάρ συμφωνούσι πραγματείαι μακαριότητι, άλλ' άσθενείφ καί φόβφ καί προςόεήσει τών πλησίον ταϋτα γίνεται, μητ' αύ 10 πυριώδη τινά συνεστραμμένα, τήν μακαριότητα κεκτημένα, κατά βούλησιν τάς κινήσεις ταύτας λαμβάνειν εί όέ μή, τόν μέγιστον τάραχον έν ταίς ψυχαίς αυτή ύπεναντιότης παρασκευάσει. 8) Aristot. de Caelo. Π, 1. όιόπερ ούτε κατά τόν τών παλαιών μύθον άποληπτέον έχειν, οϊ φασιν Ατλαντός τίνος αύτφ προςδείσθαι τήν σωτηρίαν. 15 ·) Diogen. Laert. X, 85. καλώς δή αυτά διάλαβε (sc. ώ Πυθόκλεις) καί διά μνήμης έχων οξέως αύτά περιόδευε κατά τών λοιπών, ών έν τή μικρφ έπιτομή πρός Ηρόδοτον άπεστείλαμεν. 10 ) Id. ib. 85. πρώτον μέν ούν μή άλλο τι τέλος έκ τής περί τών μετεώρων γνώσεως, είτε κατά συναφήν λεγομένων είτ* αύτοτελώς, νομίζειν δει είναι ήπερ 20 άταραξίαν καί πίστιν βέβαιον, καθάπερ έπί τών λοιπών. Id. ib. 82. ή δέ άταραξία «τό τούτων πάντων άπολελύσθαι καί συνεχή μνήμην έχειν τών δλων καί κνριωτάτων». 11 ) Id. ib. 87. ού γάρ Ιδιολογίας καί κενής δόξης ό βίος ήμών έχει χρείαν, άλλά τού άθορύβως ή μάς ζήν. 25 Ib. 78. καί μήν καί τήν ύπέρ τών κύριωτάτων αιτίαν έξακριβώσαι φυσιο¬ λογίας έργον είναι δει νομίζειν, καί τό μακάριον έν τή περί τών μετεώρων γνώοει ένταύθα πεπτωκέναι. Ib.79. τό δ' έν τή Ιστορίρ. πεπτωκός τής δύσεως καί άνατολής καί τροπής καί έκλείψεως καί δσα συγγενή τούτοις, μηδέν έτι πρός τό μακάριον τής γνώσεως 30 συντείνειν, άλλ’ όμοίως τούς φόβους έχειν τούς ταϋτα κατιδόντας, τίνες δ' αί φύσεις άγνοούντας καί τίνες αί κυριώταται αίτίαι, καί εί μέν προήδεισαν ταϋτα, τάχα δέ καί π λείους. 13) Id. i b. 86. μήτε τό άόύνατον παραβιάζεσθαι μήθ' όμοίαν κατά πάντα τήν θεωρίαν έχειν ή τοίς περί βίων λόγοις, ή τοίς κατά τήν τών άλλων φυσικών 35 προβλημάτων κάθαρσιν, οίον δτι τό παν σώμα καί άναφής φύσις έστιν ή δτι άτομα στοιχεία καί πάντα τά τοιαϋτα ή δσα μοναχήν έχει τοίς φαινομένοις συμφω¬ νίαν, δπερ έπί τών μετεώρων ούχ ύπάρχει. 18) Id. ib. 86. άλλα ταϋτά γε πλεοναχήν έχει καί τής γενέσεως αιτίαν καί τής ουσίας ταίς αίσθήσεσι σύμφωνον κατηγορίαν, ού γάρ κατ' άξιωματα καινά 40 καί νομοθεσίας φυσιολογητέον, άλλ' ώς τά φαινόμενα έκκαλείται. 14 ) Id. i b. 92. i®) Id. ib. 94. 18) Id. i b. 95 und 96. 17) Id. ib. 98. 45 ie) Id. ib. 104. καί κατ' άλλους δέ τρόπους πλείονας ένδέχεται (sc. Επί¬ κουρος) κεραυνούς άποτελείσθαι, μόνον ό μύθος άπέστω· άπέσται δέ, έάν τις καλώς τοίς φαινομένοις άποκολουθών περί τών άφανών σημειώται. 1β) Id. ib. 80. ώςτε μή παραθεωρούντας ποσαχώς παρ' ήμίν τό δμοιον γίνεται, αίτιο λογητέον ύπέρ τε τών μετεώρων καί παντός τού άδήλου. 50 Ib. 82 . . . ή δ' άταραξία τό τούτων πάντων άπολελύσθαι . . . δθεν τοίς πάσι προςεκτέον τοίς παροϋσι καί ταίς αίσθήσεσι, κατά μέν τό κοινόν ταίς κοιναίς, κατά δέ τό ίδιον ταίς ίδίαις καί πάση τή παρούση καθ' έκαστον τών κριτηρίων ένεργείρ.. άν γάρ τούτοις προςέχωμεν, τό δθεν ό τάραχος καί ό φόβος έγίνετο, έξαιτιολογήσομεν όρθώς, καί άπολύσομεν, ύπέρ τε μετεώρων αίτιο λογούντες καί 55 τών λοιπών τών άεί περιπιπτόντων, καί δσα φοβεί τούς λοιπούς άνθρώπους εσχάτως. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 11
78 Die Doktordiesertation Ib. 87. σημεία δέ τινα τών έν τοΐς μετεωροις συντελουμένων φέρειν δει παρ' ήμϊν τινα φαινομένων, ά θεωρείται ή ύπάρχει, και ού τά έν τοΐς μετεωροις φαινόμενα, ταϋτα γάρ ούκ ένδέχεται πλεοναχώς γίνεσθαι. [88] τό μέντοι φάν- τασμ' έκαστον τηρητέον καί έπί τά συναπτόμενα τούτφ διαιρετέ ον, ά ούκ άντι- μαρτυρεϊται τοΐς παρ' ήμϊν γινομένοις πλεοναχώς ουντελείσθαι. 5 30) Id. ib. 78. έτι δέ καί τό πλεοναχώς έν τοΐς τοιούτοις είναι καί τό ένδεχομένως καί άλλως πως έχειν. I b. 86. άλλά ταϋτά γε πλεοναχήν έχει καί τής γενέσεως αιτίαν. I b. 87. πάντα μέν ούν γίνεται άσείστως έπί πάντων μετεώρων κατά πλεο- ναχόν τρόπον δταν τις τό πιθανόλογούμενον υπέρ αύτών δεόντως 10 καταλίπη. 31 ) Id. ib. 98. οί δέ τό έν λαμβάνοντες τοΐς δέ φαινομένοις μάχονται καί τού *τί δυνατόν άνθρώπφ θεωρήσαι* διαπεπτώκασιν. Ib. 113. τό δέ μίαν αιτίαν τούτων άποδιδόναι, πλεοναχώς τών φαινομέ¬ νων έκκαλουμένων, μανικόν καί ού καθηκόντως πραττόμενον ύπό τών τήν μα- 15 ταίαν άστρολογίαν έζηλωκότων καί εις τό κενόν αιτίας άποδιδόντων, δταν τήν θείαν φύσιν μηδαμή λειτουργιών άπολύωσιν. I b. 97. έτι τε τάξις περιόδου καθάπερ ένια καί παρ' ήμϊν τών τυχόντων γίνεται, λαμβανέσθω, καί ή θεία φύσις πρός ταύτα μηδαμή προςαγέσθω, άλλ' άλειτούργητος διατηρείσθω καί έν τή πάση μακαριότητι, ώς εί τούτο μή πραχθή- 20 σεται, άπασα ή τών μετεώρων αιτιολογία ματαία έσται· καθάπερ τιοίν ήδη έγίνετο ού δυνατού τρόπου έφαψαμένοις, είς δέ τό μάταιον έκπεσούοι τφ καθ' ένα τρόπον μόνον οΐεοθαι, γίνεσθαι, τούς δ' άλλους άπαντας τούς κατά τό ένδεχόμενον έκβάλλειν εις τε τό άδιανόητον φερομένοις καί τά φαινόμενα ά δει σημεία άποδέχεσθαι μή δυναμένοις συνθεωρεϊν. 25 Ib. 93 · . . · μή φοβούμενος τάς άνδραποδώδεις τών άστρολόγων τεχνι- τείας. Ib. 87 δήλον δτι έκ παντός έκπίπτει φυσιολογήματος, έπί δέ τόν μύθον καταβρεϊ. Ib. 80. ώςτε . . . αίτιολογητέον ύπέρ τε τών μετεώρων καί παντός τού 30 άδήλου, καταφρονούντας ούτε τό μοναχώς έχον ή γινόμενον γνωριζόντων, ούτε τό πλεοναχώς ουμβαϊνον κατά τήν έκ τών άποοτημάτων φαντασίαν παραδι- δόντων, έτι δ' άγνοούντων καί έν ποίοις ούκ έστιν άταρακτήσαι. 33 ) Id. ib. 80. καί ού δει νομίζειν τήν ύπέρ τούτων χρείας πραγματείαν άκρίβειαν μή άπειληφέναι, δση πρός τό άτάραχον καί μακάριον ήμών συντείνει. 35 38 ) Id. ib. 78 . . . .άπλώς μή είναι έν άφθάρτφ καί μακαρίφ φύσει τών διάκρισιν ύποβαλλόντων ή τάραχον μηδέν, καί τούτο καταλαβεϊν τή διανοίφ έστιν απλώς ούτως είναι. ><) Cf. Aristot. de Caelo I. 10. 38 ) Id.ib. (I, 10). εί δέ πρότερον έξ άλλως έχόντων συνέστη ό κόσμος, εί 40 μέν άεί ούτως έχόντων καί άδυνάτων άλλως έχειν, ούκ άν έγένετο. 38 ) Athen. D e i ρ η ο s. ΠΙ, 104. είκότως άν έπαινέσειεν τόν καλόν Χρύσιππον κατιδόντα άκριβώς τήν "Επικούρου φύσιν, καί είπόντα μητρόπολιν είναι τής φιλοσοφίας αύτού τήν Άργεστράτον γαστρ ο λόγιαν. 37) Lucret. de Rer. Nat. I, 63—80. 45
Anmerkungen zum Anhang 79 5 10 15 20 25 30 35 40 45 Anhang Kritik der plutarchisdien Polemik gegen Epikurs Theologie I. Das Verhältnis des Menschen zu Gott 1. Die Furcht und das jenseitige Wesen. i) Plutarch. De eo, quod sec. Epie, non beate vivi possit (ed.XyL). T.IL p. 1101. αλλά περί ήδονής μεν εϊρηται (sc. ύπό τοϋ Επικούρου) σχεδόν, ώς ό λόγος αύτών φόβον άφαιρεϊ τινα καί δεισιδαιμονίαν, ευφροσύνην δέ καί χαράν άπό τών θεών ούκ ένδίδωσιν. 2) Système de la nature (Londres 1770) IL Part. p. 9. L’idée de ces agents si puissants fut toujours associée a celle de la terreur, leur nom rappela toujours à l’homme ses propres calamités ou celles de ses pères; nous tremblons aujourd’hui, parce que nos aïeux ont tremblé il y a des milliers d’années· L’idée de la Divinité réveille toujours en nous des idées affligeantes . . . nos craintes actuelles et des pensées lugubres s’élèvent dans notre esprit toutes les fois, que nous entendons prononcer son nom. Vgl. p. 78. En fondant la morale sur le caractère peu moral d’un Dieu qui change de conduite, l’homme ne peut jamais savoir à quoi s’en tenir ni sur ce qu’il doit à Dieu, ni sur ce qu’il se doit à lui même, ni sur ce qu’il doit aux autres. Rien ne fut donc plus dangereux que de lui persuader, qu'il existait un être supérieur à la nature devant qui la raison devait se taire, à qui, pour être heureux, l’on devait tout sacrifier ici bas. ’) Plutarch. 1. c. p. 1101. δεδιότες γάρ ώςπερ Αρχοντα χρηστοϊς ήπιον, άπέχθη δέ φαύλοις, ένί φόβφ, δι' δν ού δέουσι πολλών, έ λευθερούντων έπί τό άδικεϊν, καί παρ' αύτοϊς άτρέμα τήν κακίαν έχοντες olov άπομαραινομένην, ήττον ταράττονται τών χρωμένων αύτή και τολμώντων, είτ' εύθύς δεδιότων καί μεταμελομένων. 2. Der Kultus und das Individuum. *) Plutarch. L c. p. 1101. άλλ' όπου μάλιστα δοξάζει καί διανοείται παρείναι τόν θεόν, έκεϊ μάλιστα λύπας καί φόβους καί τό φροντίζειν άπωσαμένη (sc. ή ψυχή) τφ ήδομένφ μέχρι μέθης καί παιδιας καί γέλωτος άφίησιν έαυτήν έν τοϊς έρωτικοϊς . . . 8) Plutarch. 1. c. ·) Plutarch. 1. c. p. 1102. ού γάρ οϊνου πλήθος ουδ' Απτησις κρεών τό εύφραϊνόν έστιν έν ταϊς έορταϊς, άλλα καί έλπίς άγαθή καί δόξα τοϋ παρεϊναι τόν θεόν εύμενή, καί δέχεσθαι τά γινόμενα κεχαρισμένως. 3. Die Vorsehung und der degradierte Gott. 7) Plutarch. ib. p. 1102. έν ήλίκαις ήδοναις, καθαραϊς περί θεοϋ δόξης συνόντες, ώς πάντων μέν ήγεμών άγαθών, πάντων δέ πατήρ καλών έκεϊνος έστι καί φαϋλον ούδέν ποιειν αύτώ θέμις, ώςπερ ούδέ πάσχειν* άγαθός γάρ έστιν, άγαθφ δέ περί ούδενός έγγίγνεται φθόνος, ούτε φόβος, οϋτ' όργή, οϋτε μίσος- ούτε γάρ θερμοϋ τό ψύχειν, άλλά τό θερμαίνειν, ώςπερ ούδ' άγαθοϋ τό βλάπτειν όργή δέ χάριτος, καί χόλος εύμενείας, καί τοϋ φιλάνθρωπου καί φιλόφρονος τό δυςμενές καί ταρακτικόν άπωτάτω τή φύσει τέτακται· τά μέν γάρ άρετής καί δυνάμεως, τά δ' άσθενείας έστι καί φαυλότητος· ού τοίνυν όργαϊς καί χάρισι συνάγεται τό θειον, άλλ' Ατε μέν χαρίζεσθαι καί βοηθεϊν πέφυκεν, όργίζεσθαι δέ καί κακώς ποιειν ού πέφυκεν. ·) Ib. Αρα γε δίκης έτέρας οϊεσθε τούς άναιροϋντας τήν πρόνοιαν; καί ούχ ικανήν έχειν, έκκόπτοντας έαυτών ήδονήν καί χαράν τοσαύτην. 11·
80 Die Doktordissertation 9. *) „Schwache Vernunft aber ist nicht die, die keinen objek¬ tiven Gott erkennt, sondern die einen erkennen w i 11.“ Schelling, Phil. Briefe über Dogmatismus und Kritizismus in den Philosophischen Schriften, Erster Band, Landshut 1809, p. 127, Brief II. Es wäre dem Herm Schelling überhaupt zu raten, seiner ersten Schriften sich wieder zu 5 besinnen *·). So heißt es z. B. in der Schrift über das Ich als Prinzip der Philosophie: „Man nehme z. B. an, daß Gott, insofern er als Objekt bestimmt ist, Realgrund unseres Wesens sei, so fällt er ja, insofern er Objekt ist, selbst in die Sphäre unseres Wissens, kann also für uns nicht der letzte Punkt sein, an dem diese ganze Sphäre hängt.“ io p. 5, 1. c. Wir erinnern Herm Schelling schließlich an die Schlußworte seines oben zitierten Briefes: „Es ist Zeit, der besseren Mensch¬ heit die Freiheit der Geister zu verkünden und nicht länger zu dulden, daß sie den Verlust ihrer Fesseln be¬ weine***).“ p. 129 1. c. Wenn es schon anno 1795 Zeit war, wie im is Jahre 1841? Um hier bei Gelegenheit eines fast berüchtigt gewordenen Themas zu gedenken, der Beweise für das Dasein Gottes, so hat Hegel diese theologischen Beweise sämtlich umgedreht, das heißt ver¬ worfen, um sie zu rechtfertigen. Was müssen das für Klienten sein, die der 20 Advokat nicht anders der Verurteilung entziehen kann, als indem er selbst sie totschlägt? Hegel interpretiert z. B. den Schluß von der Welt auf Gott in die Gestalt: „Weil das Zufällige nicht ist, ist Gott oder das Abso¬ lute.“ Allein der theologische Beweis heißt umgekehrt: „Weil das Zu¬ fällige wahres Sein hat, ist Gott“ Gott ist die Garantie für die zufällige 25 Welt. Es versteht sich, daß damit auch das Umgekehrte gesagt ist Die Beweise für das Dasein Gottes sind entweder nichts als hohle Tautologien — z. B. der ontologische Beweis heißt nichts als: „was ich mir wirklich (realiter) vorstelle, ist eine wirkliche Vorstellung für mich“, das wirkt auf mich, und in diesem Sinne haben alle Götter,^ sowohl die heidnischen als christlichen, eine reelle Existenz1*) besessen. Hat nicht der alte Moloch geherrscht? ) War nicht der delphische Apollo eine wirkliche Macht im Leben der Griechen? Hier heißt auch Kants Kri¬ tik nichts. Wenn jemand sich vorstellt, hundert Taler zu besitzen, wenn diese Vorstellung ihm keine beliebige, subjektive ist, wenn er an sie glaubt,** so haben ihm die hundert eingebildeten Taler denselben Wert wie hundert wirkliche. Er wird z. B. Schulden auf seine Einbildung machen, sie wird wirken, wie die ganze Menschheit Schulden auf ihre Götter gemacht hat. Im Gegenteil. Kants Beispiel hätte den ontologischen Beweis bekräftigen können. Wirkliche Taler haben die- 40 *) Diese Anmerkung von Marx geschrieben. **) Die letzten vier IT orte korr. aus vorzunehmen. *·*) In diesem Satz ist bei Schelling nur besseren gesperrt, alle übrigen Sperrungen stammen von Marx. t) korr. aus Macht ttj Nach geherrscht gestrichen dem die Menschenopfer fielen.
Anmerkungen zum Anhang 81 selbe Existenz, die*) eingebildete Götter. Hat ein wirklicher Taler anders¬ wo Existenz als in der Vorstellung, wenn auch in einer allgemeinen oder vielmehr gemeinschaftlichen Vorstellung der Menschen? Bringe Papier¬ geld in ein Land, wo man diesen Gebrauch des Papiers nicht kennt, und 5 jeder wird lachen über deine subjektive Vorstellung. Komme mit deinen Göttern in ein Land, wo andere Götter gelten, und man wird dir beweisen, daß du an Einbildungen und Abstraktionen leidest Mit Recht. Wer einen Wendengott den alten Griechen gebracht, hätte den Beweis von der Nicht¬ existenz dieses Gottes gefunden. Denn für die Griechen existierte er nicht. 10 Was ein bestimmtes Land für bestimmte Götter aus der Fremde, das ist das Land der Vernunft für Gott überhaupt, eine Gegend, in der seine Existenz a u f h ö r t "). — Oder die Beweise für das Dasein Gottes sind nichts als Beweise 15 für das Dasein des wesentlichen menschlichen S e 1 b s t b e w u ß t s e i n s, logische Explikationen des¬ selben. Zum Beispiel der ontologische Beweis. Welches Sein ist un¬ mittelbar, indem es gedacht wird? Das Selbstbewußtsein. In diesem Sinne sind alle Beweise für das Dasein Gottes Beweise für 20 sein Nichtdasein, Widerlegungen aller Vorstellungen von einem Gott. Die wirklichen Beweise müßten umgekehrt lauten : „Weil die Natur schlecht eingerichtet ist, ist Gott.“ „Weil eine unvernünftige Welt ist, ist Gott.“ „Weil der Gedanke nicht ist, ist Gott.“ Was besagt dies aber, als, wem die Welt unvernünftig, wer daher 3*selbst unvernünftig ist, dem ist Gott? Oder die Unvernunft ist Has Dasein Gottes. „Wenn ihr die Idee eines objektiven Gottes voraussetzt, wie könnt ihr von Gesetzen sprechen, die die Vernunft aus sich selbst hervorbringt, da doch Autonomie allein einem 30 absolut freien Wesen zukommen kann ***) ?“ Schelling 1. c. p. 198. „Es ist Verbrechen an der Menschheit, Grundsätze zu verbergen, die allgemein mitteilbar sind.“ Derselbe 1. c. p. 199. *) korr. aus als ·♦) Existenz aufhört korr. aus Nichtexistenz bewiesen wird. ***) Idee . . . objektiven Gottes . . . Vernunft . . . Autonomie . . . freien Wesen von Marx gesperrt.
Aus den Vorarbeiten zur Geschichte der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie
[iiui dem I. Heft] *) [Epikur über den Staat] Folgende Stellen bilden die Ansicht Epikurs von der geistigen Natur, dem Staate. Der Vertrag, συνθήκη, ist ihm die Grundlage, und konsequent ist auch nur das συμφέρον, das Nützlichkeitsprinzip, der Zweck:*)·) [Epikur als der Philosoph der Vorstellung] Es ist wichtig, daß Aristoteles in seiner Metaphysik dieselbe Bemer¬ kung«) über die Stellung der Sprache zum Philosophieren macht. Da ··. ? A“!dem Umschlag des I. Heftes befindet sich folgende Aufschrift: Epiku¬ reische Philosophie. Erstes Heft. K. Marx. st. j. Berlin. 1839. Winter. In diesem Heft schließen sich die sämtlichen Notizen und Ausführungen in Form von Glossen an Diogenes Laertius: De clarorum philosophorum vitis, dogmatibus et apophtegmatibus libri decem, 10. Buch an, das Marx — wie wieder aus der Über¬ schrift auf dem Umschlag ersichtlich — in der Ausgabe Gassendis benutzt hat: Petri Gassendi Animadversiones in decimum librum Diogenis Laertii, qui est de Vita, Moribus, Placitisque Epicuri. Lugduni 1649. Das Heft beginnt mit einer langen Reihe von Zitaten aus Diogenes Laertius. Hier folgt ihre genaue Zusammenstellung, wobei wir nach der Angabe der Paragraphen des 10. Buches von Diogenes Laertius die Stellen nach H. Usener, Epicurea, Leipzig,. 1887, geben und danach noch die von Marx angeführten (von uns verifizier¬ ten) Seitenzahlen der Gassendischen Ausgabe. Vo die Stelle bei Usener nicht zitiert ist, haben wir Diogenis Laertii de clarorum philosophorum vitis, dogmatibus et apophtegmatibus libri decem, recens. Co bet, Parisiis, Didot, 1862, herangezogen. Aus Cobets Ausgabe stammen auch die nach den wörtlich wiedergegebenen griechi¬ schen Zitaten gegebenen lateinischen Übersetzungen. Diog. X, 2 Us. p. 360, 3—4 Gass. p. 10; Diog. X, 4 Us. p. 360,15—18 Gass. p. 11; Diog. X, 2 Us. p. 360, 22—361, 1 Gass. p. 11; Diog. X, 6 Us. p. 361, 18—362, 1 Gass. p. 12; Diog. X, 12 Us. p. 365, 16—17 Gass. p. 16; Diog. X, 29 Us. p. 370, 14 Gass. p. 25; Diog. X, 31—34 Us. p. 371, 6—373, 5 Gass. p. 26—29; Diog. X, 123—25 Us. p. 59, 16—61, 11 Gass. p. 82—84; Diog. X, 126 Us. p. 61, 17—21 Gass. p. 84; Diog. X, 127—30 Us. p. 62, 4—63, 22 Gass. p. 84—87; Diog. X, 131—32 Us. p. 64, 8 . . . 11-17, 18-24 Gass. 87-88; Diog. X, 133-35 Us. p. 65, 1—77, 66,1—9 Gass. p. 88—89; Diog. X, 135 Us. p. 100, 3—4, 1—2 Gass. p. 90; Diog. X, 136 Us. p. 91, 1—11; Diog. X, 137—38 Cobet p. 284, 48—285, 3 . . . 7—8, 10—12; Diog. X, 139—40 Us. p. 71, 3—72, 12 Gass. p. 91—92; Diog. X, 141 Us. p. 73, 7—9 Gass. p. 93; Diog. X, 142 Us. p. 73, 10—13 Gass. p. 93; Diog. X, 142—44 Us. p. 73, 20—74,16 Gass. p. 94—95; Diog. X, 144—45 Us. p. 75, 5—20 Gass. p. 95; Diog. X, 146 Us. p. 76, 5—10 Gass. p. 95; Diog. X, 148 Us. p. 77, 3—6 Gass. p. 95; Diog. X, 149 Us. p. 77, 18—78, 2 Gass. p. 96; Diog. X, 148 Us. p. 77, 14—17 Gass. p. 97. *) Danach folgen die Zitate; Diog. X, 150 Us. p. 78,8—17 Gass. p. 98; Diog. X, 151 Us. p. 79, 1—3 . . 6—11 Gass. p. 98; Diog. X, 152 Us. p. 79, 12—80, 1 Gass. p. 99; Diog. X, 152—54 Us. p. 80,1—16 Gass. p. 99. ·) Vergleiche Dissertation p. 32. «) Marx meint hier die unmittelbar vor diesen Ausführungen zitierte Stelle Diog. X, 37-38 Us. p. 4, 14-15, 6 Gass. p. 30-31.
Aus den Vorarbeiten 85 die alten Philosophen alle von Voraussetzungen des Bewußtseins, die Skeptiker nicht ausgenommen, beginnen, so bedarf es eines festen Haltes. Das sind dann die Vorstellungen, wie sie im allgemeinen Wissen vor¬ handen sind. Epikur als der Philosoph der Vorstellung ist hierin am 5 genauesten und bestimmt daher näher diese Bedingungen der Grundlage. Er ist auch am konsequentesten und vollendet ebenso wie die Skeptiker von der anderen Seite die alte Philosophie1). [Die Verlegung der Idealität in die Atome und die immanente Dialektik der epikureischen 10 Philosophie] Siehe S. 44 Schluß und Anfang Seite 452), wo eigentlich das atomistische Prinzip gebrochen und in die Atome selbst eine innere Not¬ wendigkeit gelegt wird. Da sie irgendeine Größe haben, so muß es etwas Kleineres als sie geben. Dies sind die Teile, aus denen sie zusammen- 15 gesetzt sind. Diese sind aber notwendig zusammen als eine κοινότης ένυπάρχουσα [Diog. X, 59]3). Die Idealität wird so in die Atome selbst verlegt. Das kleinste in ihnen ist nicht das kleinste der Vorstellung, aber es hat Analogie damit, und es wird nichts Bestimmtes dabei gedacht. Die Notwendigkeit und Idealität, die ihnen zukömmt, ist selbst eine bloß 20 fingierte, zufällige; ihnen selbst äußerlich. Erst damit ist das Prinzip der epikureischen Atomistik ausgesprochen; daß das Ideelle und Not¬ wendige nur in sich selbst äußerlicher vorgestellter Form, in der Form des Atoms ist4). Soweit geht also die Konsequenz Epikurs, καί μήν καί Ισοταχείς Αναγκαίον τάς Ατόμους είναι, όταν διά τοϋ κενοϋ είςφέρωνται μηδενός 25 Αντικόπτοντος. [verum enim et aequa celeritate atomos esse necesse est, 9 Nach dieser Stelle folgen die Zitate: Diog. X, 38 Us. p. 5, 6—13 Gass. p. 31; Arist. phys. 1. I cap. 4 commentai*. Collegii Coimbrici p. 124; Arist. de gen. et corr. 1. I. cap. 3 ed. Bekkeri acad. Berol. 1831, I, 317 b. 15—18 Commentai*. Col. Coimbr. p. 26 ; Diog. X, 39 Us. p. 6, 1—2 Gass. p. 31 ; Diog. X Gass. p. 32, 5—6 (weder von Cobet noch von Usener auf genommene Stelle); Diog. X, 40 Us. p. 6,14—16 Gass. p. 32; Diog. X, 41 Us. p. 6, 16—17, 2 Gass. p. 32—33; Diog. X, 41 Us. p. 7, 6—7 Gass. p. 33; Diog. X, 41 Us. p. 7, 10—11 Gass. p. 33; Arist. phys. 1. ΙΠ cap. 5 ed. Bekkeri p. 204 b, 18—19; Diog. X, 42 Us. p. 7,19 Gass. p. 33—34; Diog. X, 43 Us. p. 8, 1—2 Gass. p. 34; Diog. X, 44 Us. p. 8, 10—11 Gass. p. 35; Diog. X, 44 Us. p. 8, 19—9, 18 (Scholion) Gass. p. 35; Diog. X, 44 Us. p. 9, 19—20 (Schouon) Gass. p. 35; Diog. X, 45 Us. p. 9, 4 Gass. p. 35; Diog. X, 46 Us. p. 9,11—13 Gass. p. 36 ; Diog. X, 46 Us. p. 10, 2—3 Gass. p. 36; Diog. X, 48 Us. p. 11, 2—5 Gass. p. 37; Diog. X, 48 Us. p. 11, 9-13 Gass, p.38; Diog. X, 49 Us. p. 11, 14—15 Gass. p. 38; Diog. X, 50 Gass. p. 39, 9—19 Us. p. 12, 10—11, 19—21 Cobet p. 266, 5—9 (Gass. p. 39, 9—12 weder von Cobet noch von Usener auf genommene Stelle) ; Diog. X, 51 Us. p. 13,1—6 Gass. p. 39; Diog. X, 52 Us. p. 13, 10—11 Gass. p. 39—40; Diog. X, 53 Us. p. 14, 8—9 Gass. p. 41; Diog. X, 54 Us. p. 14, 17 Gass. p. 41; Diog. X, 55 Us. p. 15, 11—15 Gass. p. 42—43; Diog. X, 56 Us. p. 16, 1—2 Gass. p. 43; Diog. X, 60 Us. p. 18, 8—10 Gass. p. 45. 9 Diog. X, 60. Die im Marxschen Text angeführten Seitenzahlen beziehen sich natürlich auf die Gasséndische Ausgabe. 9 Bei Usener und bei Cobet: ή ύπάρχουσα (commune illud quod eis intercedit). ·) Vergl. Diss. p. 32, 40.
86 Die Doktordissertation quum per inane invehuntur nullo reluctante. — Diog. X, 61 Us. p. 18, 15—16 Gass. p. 46.] Wie wir gesehen haben, daß das Notwendige, der Zusammenhang, die Unterscheidung in sich selbst in das Atom verlegt oder vielmehr aus¬ gesprochen wird, daß die Idealität hier nur in dieser sich selbst äußer- 5 liehen Form vorhanden ist, so geschieht es auch in Beziehung der Be¬ wegung, welche notwendig zur Ruhe kommt, sobald die Bewegung des Atoms mit der Bewegung der κατά τάς συγκρίσεις [per concretiones, Diog. X, 61, Us. p. 19,5] Körper, d. i. des Konkreten verglichen wird. Die Bewegung der Atome ist prinzipiell gegen diese absolut, d. i. io alle empirischen Bedingungen sind in ihr auf gehoben, sie ist ideell. Über¬ haupt ist zur Entwicklung der epikureischen Philosophie und der ihr immanenten Dialektik wesentlich dies festzuhalten, daß, indem das Prinzip ein vor gestelltes, in der Form des Seins sich verhaltendes gegen die kon¬ krete Welt ist, die Dialektik, das innere Wesen dieser ontologischen Be- 15 Stimmungen, als einer in sich selbst nichtigen Form des Absoluten, nur so hervorbrechen kann, daß sie als unmittelbare in notwendige Kollision mit der konkreten Welt geraten und in ihrem spezifischen Verhalten zu derselben es offenbaren, wie sie nur die fingierte, sich selbst äußerliche Form ihrer Idealität sind und vielmehr nicht als Vorausgesetzte, sondern 20 nur als Idealität des Konkreten sind. Ihre Bestimmungen selbst sind so an sich unwahre, sich aufhebende1). Es wird nur der Begriff der Welt ausgesprochen, daß ihr Boden das Voraussetzungslose, das Nichts ist’). Die epikureische Philosophie ist wichtig wegen der Naivität, mit welcher die Konsequenzen ausgesprochen werden ohne die moderne Be- 25 fangenheit’). Zu betrachten, woher das Prinzip der sinnlichen Gewißheit auf¬ gehoben und welche abstrahierende Vorstellung als das wahre Kriterium aufgestellt wird, ή ψυχή σωμά έστι λεπτομερές, παρ' δλον τό άθροισμα (corpus) παρεσπαρμένον (diffusum). [Gass.] S. 47. [quod anima sit corpus 30 tenuibus partibus per totam congregationem seminatum. — Diog. X, 63 Us. p. 19, 17-18.] Interessant ist hier wieder der spezifische Unterschied von Feuer und Luft gegen die Seele, um das Adäquate der Seele zum Körper zu be¬ weisen, wo die Analogie angewandt, aber ebenso aufgehoben wird, was 35 überhaupt die Methode des fingierenden Bewußtseins ist; so brechen alle konkreten Bestimmungen in sich selbst zusammen und ein bloß eintöniges Echo ersetzt die Stelle der Entwicklung4)5). *) Vergl. Diss. p. 33, 36, 41, 50. ’) Vergl. Diss. p. 40. 8) Hier zitiert Marx folgende Stellen: Diog. X, 62 Us. p. 19, 4—6 Gass. p. 46; Diog. X, 62 Us. p. 19, 8—14 Gass. p. 47. 4) Hier zitiert Marx folgende Stelle: Diog. X, 63—64 Us. p. 20, 7—18 Gass. p. 48. B) Vergl. Diss. p. 40.
Aus den Vorarbeiten 87 Wie wir gesehen, daß die Atome, abstrakt unter sich genommen, nichts anderes sind als seiend vorgestellte überhaupt und erst in Kollision mit dem Konkreten ihre fingierte und daher in Widersprüche verwickelte Idealität entwickeln, so weisen sie nach, indem sie die eine Seite des Ver- 5 hältnisses werden, d. h. indem an Gegenstände herangetreten wird, die an sich selbst das Prinzip und seine konkrete Welt tragen (das Lebendige, Seelenhafte, Organische), daß das Reich der Vorstellung einmal als frei, das andermal als die Erscheinung eines Ideellen gedacht wird. Diese Freiheit der Vorstellung ist also auch bloß eine gedachte, unmittelbare, 10 fingierte, das in seiner wahren Form das Atomistische ist. Beide Bestim¬ mungen können daher verwechselt werden, jedes für sich betrachtet ist dasselbe als das andere, aber auch gegeneinander müssen ihnen, je aus welcher Rücksicht betrachtet wird, dieselben Bestimmungen zugeschrieben werden. Die Lösung ist daher wieder der Rückfall in die einfachste erste is Bestimmung, daß das Ich der Vorstellung als ein freies fingiert wird. Indem dieser Rückfall hier an einer Totalität geschieht, an dem Vorgestellten, das wirklich an sich selbst das Ideelle hat und es selbst ist in seinem Sein1), so ist hier das Atom gesetzt, wie es wirklich ist, in der Totalität seiner Widersprüche; zugleich tritt der Grund [?] dieser 20 Widersprüche hervor, die Vorstellung auch als das freie Ideelle fassen zu wollen, aber selbst nur vorstellend. Das Prinzip der absoluten Willkür erscheint daher hier mit all seinen Konsequenzen. In der untergeord¬ netsten Form ist dies an sich schon beim Atom der Fall. Indem es viele gibt, so hat das eine an sich selbst den Unterschied gegen die Vielheit, 25 es ist also an sich ein Vieles. Es ist aber zugleich in der Bestimmung des Atoms, also ist das Viele in ihm notwendig und immanent ein Eines9), es ist so, weil es ist. Allein es sollte eben in der Welt erklärt werden, wie sie aus einem Prinzip sich frei in Vieles auftut. Was gelöst werden soll, ist also unterstellt, das Atom selbst ist das, was erklärt werden soll. Der 30 Unterschied der Idealität kömmt dann erst durch Vergleichung hinein, für sich sind beide Seiten in derselben Bestimmung, und die Idealität selbst wird wieder darin gesetzt, daß diese vielen Atome wirklich sich verbinden, daß sie die Prinzipien dieser Zusammensetzungen sind. Prinzip dieser Zusammensetzung ist also das ursprünglich in sich grundlos Zu- 35 sammengesetzte, d. h. die Erklärung ist das Erklärte selbst, das in die Worte und in den Nebel der fingierenden Abstraktion gestoßen ist. Wie gesagt, in seiner Totalität tritt dies erst bei der Betrachtung des Organi¬ schen hinzu. [Zufall und Möglichkeit bei Epikur] so Zu bemerken ist, daß, wie die Seele etc. untergeht und nur einer zu¬ fälligen Mixtur ihr Dasein verdankt, damit überhaupt ausgesprochen ist die Zufälligkeit aller dieser Vorstellungen, z. B. Seele *) Vergl. Diss. p. 29. 9) Vergl. Diss. p. 30, 31.
88 Die Doktordissertation etc., die, wie sie im gewöhnlichen Bewußtsein, keine Notwendigkeit haben, bei Epikur auch als zufällige Zustände substantiiert werden1), die als gegebene auf gefaßt, deren Notwendigkeit, die Not¬ wendigkeit ihrer Existenz, nicht nur nicht bewiesen, sondern im Gegen¬ teil als nicht beweisbar, als nur mögliche bekannt werden. Das Ver- 5 harrende dagegen ist das freie Sein der Vorstellung, das erstens das an- sichseiende Freie überhaupt, zweitens aber als der Gedanke der Freiheit des Vorgestellten eine Lüge und Fiktion und damit [?] ein in sich selbst inkonsequentes Ding, ein Schattenbild ist, eine Gaukelei. Es ist vielmehr die Forderung der konkreten Bestimmungen der Seele etc. als immanenter 10 Gedanken. Das Verharrende und das Große des Epikur ist, daß er den Zuständen keinen Vorzug vor den Vorstellungen gibt und sie ebenso¬ wenig zu retten sucht. Das Prinzip der Philosophie bei Epikur ist, die Welt und den Gedanken als denkbar, als möglich nachzuweisen; sein Beweis und das Prinzip, woraus dies nachgewiesen und wohin zurück-15 geführt wird, ist wieder die für sich seiende Möglichkeit selbst, deren natürlicher Ausdruck das Atom, deren geistiger der Zufall und die Will¬ kür ist3). Näher zu betrachten ist, wie Seele und Körper alle Bestim¬ mungen austauschen und jedes dasselbe ist wie das andere im schlechten Sinne, daß überhaupt weder eine noch die andere Seite begriffsmäßig 20 bestimmt ist. [Die größere Konsequenz Epikurs im Vergleich mit den Skeptikern] S. 48 Schluß und S. 49 Anfang: Epikur steht darin über den Skep¬ tikern, daß bei ihm nicht nur die Zustände und Vorstellungen in nichts 25 zurückgeführt, sondern daß ihre Aufnahme, das Denken über sie und das Räsonnieren über ihre Existenz, die von einem Festen beginnt, eben¬ falls ein nur mögliches ist9) *). *) Vergl. Diss. p. 23, 24. *) Vergl. Diss. p. 22-23. ·) Hier folgt das Zitat aus Diog. X, 67 Us. p. 22, 2—3 Gass. p. 49; κα&έαντό δέ ούκ έστι νοήσαι τό άσώματον πλήν έπΐ τον κενόν, [incorporeum autem per se cogitare non possumus nisi de vacuo], das von Marx gleich übersetzt wird: Das Unkörper¬ liche denkt die Vorstellung nicht: ihre Vorstellung davon ist das Leere und leer. Danach zitiert Marx: τό δέ κενόν ούτε ποιήσαι ούτε παθεϊν δύναται, άλλά κίνησιν μόνον δΐ έαντον τοϊς σώμασι παρέχεται, ώσθ'οΐ λέγοντες άσώματον είναι τήν γνχήν ματάζονσιν. [porro vacuum neque facere aliquid neque pati potest, sed motum tantum per se corporibus praebet. itaque qui incorpoream dicunt esse animam desipiunt. — Diog. X, 67 Us. p. 22, 3—6 Gass. p. 49—50.] Zu diesem Zitat bemerkt Marx noch: Die Stelle S. 50 und Anfang 51 zu untersuchen, wo Epikur über die Bestimmungen der konkreten Körper spricht und das Atomistische um¬ gestoßen scheint, indem er sagt und zitiert dann folgende Stellen aus Diog. X, 69—70 Us. p. 23, 3—19 Gass. p. 50—51; Diog. X, 71 Us. p. 24, 7—11 Gass. p. 52. 4) Vergl. Diss. p. 23.
Aus den Vorarbeiten 89 [Das Atom als unmittelbare Form des Begriffs; die Deklination] Daß die Repulsion mit dem Gesetze des Atoms, dem Ausbiegen von der geraden Linie gesetzt sei, hat Epikur auf das bestimmteste im Be- 5 wußtsein. Daß dies nicht in dem oberflächlichen Sinn zu nehmen, als wenn die Atome nur so in ihrer Bewegung sich treffen können, spricht Lucretius wenigstens aus. Nachdem er in der oben zitierten Stelle gesagt: Ohne dies clinamen atomi sei weder „offensus natus nec plaga creata“ [Lucr. 1. II. v. 223], heißt es bald darauf: io denique si semper motus connectitur omnis et vetere exoritur η o v a s ordine certo, nec declinando faciunt primordia motus principium quoddam, quod fati foedera rumpat, ex infinito ne causam causa sequatur: 15 libéra . . etc. 251 sqq. lib. II.1). Hier ist eine andere Bewegung statuiert, in der sich die Atome treffen können, als eine durch das clinamen bewirkte. Ferner ist sie strikt als das absolut Deterministische, also Aufheben des Selbst; so daß jede Be- 20 Stimmung ihr Dasein in ihrem unmittelbaren Anderssein, dem Auf¬ gehobensein, was gegen das Atom die gerade Linie ist, findet. Erst aus dem clinamen geht die selbstische Bewegung hervor, die Beziehung, die ihre Bestimmtheit als Bestimmtheit ihres Selbst und nicht im anderen hat9). Lukrez mag diese Ausführung aus Epikur geschöpft haben oder nicht 25 Das tut nichts zur Sache. Was sich in der Entwicklung der Repulsion ergeben, daß das Atom als die unmittelbare Form des Begriffs sich nur in der unmittelbaren Begriffslosigkeit vergegenständlicht, dasselbe gilt von dem philosophischen Bewußtsein, dem dieser Zwang sein Wesen ist Dies dient zugleich zur Rechtfertigung, wenn ich eine total ver- 30 schiedene Einteilung von der des Epikur getroffen habe. *) Marx zitiert Lukrez nach der Ausgabe T. Lucretius Carus, De rerum natura, vol. I. ed. Eichstaedt, Leipzig 1801. ’) Vergl. Diss. p. 27.
[Jus dem IL Heft] [Die epikureische Philosophie der Meteore]1) Epikur wiederholt im Beginn seiner Abhandlung über die Meteore9) als Zweck dieser γνώσεως [scientiae] die άταραξίαν καί πίοτιν βέβαιον, καθάπερ καί έπί τών λοιπών [perturbationis vacationem ac probationem * certain, sicuti et in reliquis. — Diog. X, 85 Us. p. 36, 1—4 Gass. p. 59.] Allein die Betrachtung dieser Himmelskörper unterscheidet sich auch wesentlich von der anderen Wissenschaft.3) Wichtig ist es für die ganze Vorstellungsweise Epikurs, daß die zölestischen Körper als ein Jenseits der Sinne nicht auf denselben Grad io von Evidenz Anspruch machen können wie die übrige moralische und sinnliche Welt.4) Bei ihnen tritt Epikurs Lehre von der disiunctio prak¬ tisch ein, daß es kein aut aut gebe5), daß also die innere Determination In diesem Heft knüpfen alle Notizen und Ausführungen bis zur Seite 12 des Heftes (in der vorliegenden Ausgabe bis zur Seite 96) ebenfalls an Gassendis Ausgabe des 10. Buches von Diogenes Laertius an, wie aus der Überschrift auf dem Umschläge des Heftes ersichtlich ist. Wie im ersten Heft beginnt auch hier Marx mit einer langen Reihe von Zitaten. Er zitiert folgende Stellen: Diog. X, 72—73 Us. p. 24, 13—25, 10 Gass. p. 52—53; Diog. X, 73 Us. p. 25, 15—16 Gass. p. 53; Diog. X, 74 Us. p. 25, 20—26, 9 Scholion Gass. p. 53; Diog. X, 74 Us. p. 25, 17— 26, 2 und 26, 11 Scholion Gass. p. 53; Diog. X, 74—75 Us. p. 26, 2—27, 4 Gass. p. 53—54. Nach diesem Zitat schreibt Marx: Siehe Seite 54 Schluß und 55 Anf., wo über die άρχαί τών όνομάτων [Diog. X, 75] gesprochen wird, καί μήν καί έν τοίς μετεώροις φοράν καί τροπήν καί έκλειψιν [καί άνατολήν] καί δύσιν καί τά σύστοιχα τούτοις μήτε λειτουργοϋντός τίνος νομίζειν δει γίνεσθαι καί διατάττον- τος καί άμα τήν πάσαν μακαριότητα έχοντος (hier ist das zu vergleichen, was Simplicius vom Anaxagoras über den die Welt ordnenden νους sagt) μετά άφθαρσίας [en im ver o in meteoris motum et conversionem ac defectum ortumque et occasum et his similia neque ministerio cuiuspiam fieri existimandum est et ordinatione sive imperio qui omnem simul beatitudinem et immortalitatem habeat. — Diog. X, 76 Us. p. 27, 17—28, 3 Gass. p. 54—55.] Danach zitiert Marx folgende Stelle: Diog. X, 76—77 Us. p. 27, 17—28, 15 Gass. p. 55—56. Unmittelbar danach bemerkt er: Hier das Prinzip des Denkbaren, um die Freiheit des Selbst¬ bewußtseins einerseits zu behaupten, andererseits dem Gott die Freiheit von jeder Determination zuzuschreiben. — Danach zitiert Marx Diog. X, 78, Us. p. 28, 17—29, 6 Gass. p. 56. Dann folgt die Bemerkung: Epikur spricht sich ferner S. 56—57 gegen das stupende bloße Anstaunen der Himmelskörper als einem be¬ schränkenden, Furcht einflößenden aus: er macht die absolute Freiheit des Geistes geltend. — Dann folgen die Stellen: Diog. X, 80 Us. p. 29, 17—21 Gass. p. 57; Diog. X, 81 Us. p. 30, 8—31, 6 Gass. p. 57—58. ·) Marx meint Epicuri ad Pythoclem epist. sec., wie aus dem unmittel¬ bar vorhergehenden Untertitel in der Handschrift ersichtlich ist. ·) Hier zitiert Marx folgende Stelle: Diog. X, 86 Us. p. 36, 5—13 Gass. p. 60. 4) Vgl. Diss. p. 47. ®) Vgl. Diss. p. 22.
Aus den Vorarbeiten 91 geleugnet wird und das Prinzip des Denkbaren, des Vorstellbaren, des Zufalls, der abstrakten Identitas und Freiheit sich als das, was sie ist, manifestiert, als das Bestimmungslose, das eben deswegen von einer ihm äußerlichen Reflexion bestimmt wird. Es zeigt sich hier, daß die Methode 5 des fingierenden, vorstellenden Bewußtseins sich nur mit ihrem eigenen Schatten schlägt; was der Schatten ist, hängt davon ab, wie er gesehen wird, wie das Spiegelnde sich aus ihm in sich zurückreflektiert. Wie bei dem Organischen an sich, versubstantiiert, der Widerspruch der atomi- stischen Anschauung hervorbricht, so gesteht das philosophierende Be- 10 wußtsein jetzt, wo der Gegenstand selbst in die Form der sinnlichen Gewißheit und des vorstellenden Verstandes tritt, ein, was es treibt. Wie dort das vorgestellte Prinzip und seine Anwendung sich als eines vergegenständlicht finden und die Widersprüche dadurch zu den Waffen gerufen werden als ein Widerstreit 15 der substantiierten Vorstellungen selbst, so bricht hier, wo der Gegen¬ stand gleichsam über den menschlichen Köpfen hängt, wo er durch die Selbständigkeit, durch die sinnliche Unabhängigkeit und mysteriöse Ferne seiner Existenz das Bewußtsein herausfordert, — so bricht hier das Be¬ wußtsein in ein Bekenntnis seines Treibens und Tuns aus, es schaut an, was 20 es tut, Vorstellungen, die in ihm präexistieren, zur Verständlichkeit herabzurufen und als sein Eigentum zu vindizieren, wie sein ganzes Tun nur das Kämpfen mit der Ferne ist, die wie ein Bann das ganze Altertum umstrickt, wie es nur die Möglichkeit, den Zufall zu seinem Prinzip hat und eine Tautologie zwischen sich und seinem Objekt auf irgendeine Art 25 zu bewerkstelligen sucht; so gesteht es dies, sobald diese Ferne in gegen¬ ständlicher Unabhängigkeit als Himmelskörper ihm gegenübertritt. Es ist ihm gleich, wie es erklärt; es behauptet, daß nicht eine Erklärung, sondern daß mehre, d. i. daß jede ihm genügt1); es gesteht so sein Tun als tätige Fiktion ein. Die Meteore und die Lehre von denselben 30 sind deshalb im Altertum überhaupt, dessen Philosophie nicht voraus¬ setzungslos ist, das Bild, worin es seinen Mangel anschaut, selbst Aristo¬ teles. Epikur hat es ausgesprochen, und das ist sein Verdienst, die eiserne Konsequenz seiner Anschauungen und Entwicklungen9). Die Meteore trotzen dem sinnlichen Verstand, aber er überwindet ihren Trotz und will 35 nichts als sich über dieselben klingen zu hören: ού γάρ κατ άξιώματα κενά καί νομοθεσίας φυσιολογητέον, άλλ" ώς τά φαινόμενα έκκαλεΐται . . . {ό βίος) του άθορύβως ή μάς ζην. [neque enim secundum enuntiationes vanas legumque décréta de natura disserendum, sed sicut ea quae videntur hortantur . . . sed ut tranquille et secure vivamus. — Diog. X, 86 Us. 40 p. 36, 13—16 Gass. p. 61.] Hier bedarf es keiner Grundsätze und Vor¬ aussetzungen mehr, wo die Voraussetzung selbst sich dem wirklichen Bewußtsein schreckend entgegensetzt. Im Schrecken geht die Vorstellung aus. Ό Vgl. Diss. p. 47. 2) Vgl. Diss. p. 44,46.
92 Die Doktordissertation Epikur spricht daher wieder, gleichsam, als wenn er sich selbst darin fände, wieder den Satz aus: πάντα μέν ούν γίνεται άσείστως καί πάντων κατά πλεοναχόν τρόπον έκκαθαιρουμένων συμφωνως τοϊς φαινομένοις, δταν τις τό πιθανολογούμενον ύπέρ αύτών δεόντως κατ a λίπη' όταν δέ τις τό μέν άπολίπη, τό δέ έκβάλη, όμοίως σύμφοωον δν τφ φαινομένφ, δήλον δτι καί έκ παντός 5 έκπίπτει φυσιολογήματος, έπί δέ τόν μύθον κατα^εϊ. [omnia igitur immobili ac stabili ratione Hunt in omnibus, quando multiplici ratione iis quae apparent concorditer explicantur, quum quis quod probabiliter de iis dicitur ut oportet reliquerit. quum vero quispiam hoc quidem omiserit, hoc autem eiecerit, quod aeque ei quod videtur consonum 19 est, eum profecto constat omni naturae excidisse ratione atque ad fabulas esse devolutum. — Diog. X, 87 Us. p. 36, 16—22 Gass. p. 61.] Es fragt sich nun, wie dann das Erklären einzurichten ist: σημεία δέ τινα τών έν τοϊς μετεωροις συντελουμένων φέρειν τών παρ' ήμϊν τινα φαινομέ¬ νων, â θεωρείται ή ύπάρχει, ώς καί1) τά έν τοϊς μετεωροις φαινόμενα ταύτα 16 γάρ1) ένδέχεται πλεοναχώς γενέσθαι, τό μέντοι φάντασμα έκάστου τηρητέον καί έπί1) τά συναπτόμενα τοντφ διαιρετέον, ά ούκ άντιμαρτυρεϊται τοϊς παρ' ήμϊν γινομένοις πλεοναχώς συντελεϊσθαι. [signa vero quaedam eorum quae in supemis consummantur, ferunt quaedam ex iis quae nobis apparent, quae quidem inspiciuntur aut sunt; non autem ea quae in 20 supemis apparent: haec enim non possunt multis modis fieri. sin- gulorum vero visum observandum est atque in ea quae illi coniuncta sunt dividendum, quibus minime reclamatur per ea quae apud nos fiunt quin plurimis modis perficiantur. — Diog. X, 87 Us. p. 36, 22— 37, 6 Gass. p. 61.] Der Klang seiner selbst überdonnert oder über- U blitzt der epikureischen Anschauungsweise Donner und Blitz des Him¬ mels. Wieviel Epikur sich unter [ ? ] seiner neuen Erklärungsweise weiß, wie er darauf ausgeht, das Wunderhafte abzustreifen, wie er immer darauf dringt, nicht eine, sondern mehre Erklärungen anzuwenden, wovon er uns selbst höchst leichtsinnige Proben bei jeder Sache gibt, wie 30 er es fast geradezu ausspricht, daß, indem er die Natur frei läßt, es ihm nur um die Freiheit des Bewußtseins zu tun ist, kann man schon aus der eintönigen Wiederholung entnehmen. Der einzige Erklärungsbeweis ist nicht άντιμαρτυρεϊσθαι [minime reclamari Diog. X, 88, Us. p. 37, 5—12] durch die sinnliche Evidenz und Erfahrung; durch die Phänomene, den 36 Schein, wie es überhaupt nur um den Schein der Natur zu tun ist4). 9 Bei Us. und bei Cobet καί ού 9 Bei Cobet ούκ ·) Bei Us. έτι 9 Hier folgt eine Reihe von Zitaten, die Marx mit einzelnen Überschriften zu¬ sammenstellt: Über die Entstehung von Sonne und Mond: Diog. X, 90 Us. p. 39, 1—2 Gass. p. 63. Über die Größe der Sonne und Gestirne: Diog. X, 91 Us. p. 39, 6—8 Gass. p. 36. Über Auf- und Untergang der Gestirne: Diog. X, 92 Us. p. 40, 2—3 Gass. p. 64. Über die Tropen der Sonne und des Mondes: Diog. X, 93 Us. p. 40, 14—19 Gass. p. 64—65. Über die Ab- und Zunahme des Mondlichtes: Diog. X, 94 Us. p. 41, 3—8 Gass. p. 65. Über die species vultus im Monde: Diog. X, 95—96 Us. p. 41, 18—
Aus den Vorarbeiten 93 [Gassendi und Epikur] Man kann daraus beiläufig sehen, wie Peter Gassendi, der die gött¬ liche Einwirkung retten, die Fortdauer der Seele etc. behaupten und dennoch Epikureer sein will (siehe z. B. Esse animos immortales, s contra Epicurum, Pet. Gassendi animadversiones in L. X. Diog. Laert. S. 549—602, oder Esse deum auctorem mundi, contra Epicurum, S. 701—738; gerere deum hominum curam, contra Epicurum, 738 bis 751 etc. Vergl. Feuerbach, Geschichte der neuern Philosophie: Peter Gassendi, S. 127—150), den Epikur durchaus nicht verstanden hat, noch io weniger uns über ihn belehren kann. Bei Gassendi ist vielmehr nur das Bestreben, uns aus dem Epikur zu belehren, nicht über ihn. Wo er diese eiserne Konsequenz bricht, geschieht es, um sich nicht mit seinen religiösen Voraussetzungen zu Überwerfen. Dieser Kampf ist das Be¬ deutende in Gassendi, wie überhaupt die Erscheinung, daß die neuere 15 Philosophie darin aufersteht, worin die ältere untergeht, einesteils mit Cartesius im universellen Zweifel, während die Skeptiker die griechische Philosophie zu Grabe läuten, andrerseits in der rationalen Naturbetrach¬ tung, während die antike Philosophie im Epikur gebrochen wird, konse¬ quenter noch als bei den Skeptikern. Das Altertum wurzelte in der Natur, 20 im Substantiellen. Ihre Degradation, ihre Profanierung bezeichnet gründ¬ lich den Bruch des substantiellen, gediegenen Lebens; die moderne Welt wurzelt im Geist, und er kann frei sein Anderes, die Natur, aus sich ent¬ lassen. Aber ebenso ist umgekehrt, was bei den Alten Profanierung der Natur war, bei den Modernen Erlösung aus den Fesseln der Glaubens- 42, 3 Gass. p. 66. Dazu bemerkt Marx: Besonders die Verbannung einer göttlichen, teleologischen Wirksamkeit über den ordo periodicus, wo es rein hervortritt, daß das Erklären bloß ein Sichvernehmen des Bewußtseins und das Sachliche vorgespiegelt ist. Folgen die Zitate: Diog. X, 97 Us. p. 42, 10—43, 5 Gass. p. 66—67. Dann schreibt Marx: Dieselben Betrachtungen wiederholen sich oft, fast wörtlich. Über die wechselnde Länge von Tag und Nacht, bei den μήκη νυκτών καί ήμερων παραλλάττοντα Us. p. 43, 6 Gass. p. 67 [noctium ac dierum prolixitates immutari], bei den έπισημααίαι [significationes] Diog. X, 98, Us. p.43,12 Gass, p.68, bei der Gene¬ sis der νέφη [nubes] Diog. X, 99, Us. p. 44, 3 Gass. p. 68, der βρονται [tonitrus] Diog. X, 100, Us. p. 44, 13 καί άοτραπαί [coruscationes item] Diog. X, 101, Us. p. 45, 4 Gass, p. 69; so sagt er bei den κεραυνοί [fulmina] : Hier zitiert Marx Diog. X, 104, Us. p. 47, 3—6 Gass. p. 70. Danach bemerkt Marx: Nachdem er viele Erklärungen der αειομοί, terrae motus, Diog. X, 105, Us. p. 47, 3 beigebracht, wird wie immer hinzugefügt καί κατ" άλλους τρόπους etc. [aliis item modis] Diog. X, 106, Us. p. 48, 9 Gass. p. 71. Dann folgt eine Stelle über die Kometen: Diog. X, 111 Us. p. 52, 18—20 Gass. p. 75, ferner de stellis fixis et errantibus: Diog. X, 112 Us. p. 53, 10—14 Gass. p. 76. Dann setzt Marx die Bemerkung fort: Ja er beschuldigt selbst diejenigen, die simpliciter άπλώς Diog. X, 114 über dergleichen urteilen καθήκον έοτι τοΐς τερατεύεοθαί τι πρόςτούςπολλούς βουλομένοις. [portentosum quidpiam coram multitudine ostentare affectant. — Diog. X, 114 Us. p. 53, 21—22 Gass. p. 76]. Er sagt bei Gelegenheit der έπισημααίαι, der Vorherahnung der tempestas in den Tieren, welche einige mit Gott in Beziehung setzten: ουδέ γάρ εις τό τυχόν ζωον κάν μικρώ χαριέστερον ή, ή τοιαύτη μωρία έμπέοη [bei Cobet έκπέοοι], μηκέτι [bei Us. und bei Cobet μή 5τι] είς τό παντελή εύδαιμονίαν κεκτημένον [neque enim in animal quodlibet, modo id sit paullo elegantius, huiusmodi fatuitas cadet, nedum in id quod plenissi- mum obtinet felicitatem. — Diog. X, 116 Us. p. 54, 17—20 Gass. p. 77]. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 12
94 Die Doktordissertation dienerschaft, und wovon die alte jonische Philosophie wenigstens dem Prinzip nach beginnt, das Göttliche, die Idee in der Natur verkörpert zu sehen, dazu muß die moderne rationale Naturanschauung erst aufsteigen. Wer wird sich nicht hier der begeisterten Stelle des Aristoteles, des Gipfels alter Philosophie, in seiner Abhandlung περί τής ζωικής φύσεως s (de animante natura) [Arist. De partibus animalium, ed. Bekkeri I, 645*] erinnern, die ganz anders klingt als Epikurs nüchterne Eintönigkeit! [Die epikureische Weltkonstruktion] Merkwürdig für die Methode der epikureischen Anschauung ist die Schaffung der Welt, ein Problem, aus dem immer der Stand- 10 punkt einer Philosophie ersehen werden kann ; denn er bezeichnet, wie der Geist in ihm die Welt schafft, das Verhältnis seiner Philosophie zur Welt, die schöpferische Potenz einer Philosophie. Epikur sagt (S. 61 und 62): „Die Welt ist eine zölestische Komplexion (περιοχή τις ουρανού), Gestirne, Erde und alle Erscheinungen umfassend, einen Aus· zu g (Abschnitt άποτομήν) [Diog. X, 88 Us. p. 37, 7—8] der Unend¬ lichkeit enthaltend und aufhörend in einer Grenze, sei diese ätherisch oder fest (durch deren Aufhebung alles in ihr in ein Chaos zusammenfällt), sei diese ruhend, rund, dreieckig oder von irgendeiner be¬ liebigen Gestalt. Denn auf allerlei Art ist dies möglich, 20 da keine dieser Bestimmungen durch Phänomene widerlegt wird. Worin die Welt endet, ist nämlich nicht zu kapieren; daß es aber der Zahl nach unendliche Welten gibt, ist einzuseheili“ [Diog. X, 88—89 Us. p. 37, 11-14.] Jedem wird nun gleich die Dürftigkeit dieser Weltkonstruktion ins 25 Auge fallen. Daß die Welt eine Komplexion der Erde, Sterne etc. ist, heißt nichts, da später erst die Entstehung des Mondes etc. vor sich geht und erklärt wird. Komplexion überhaupt ist jeder konkrete Körper, nämlich nach Epikur Komplexion der Atome. Die Bestimmtheit dieser Komplexion, 30 ihr spezifischer Unterschied liegt in ihrer Grenze, und deswegen ist es überflüssig, wenn die Welt einmal ein Ausschnitt aus der Unendlichkeit genannt, das andere Mal als nähere Bestimmung die Grenze hinzugefügt wird, denn ein Ausschnitt scheidet sich von Anderem aus und ist ein kon¬ kret Unterschiedenes, also gegen Anderes Begrenztes. Die Grenze ist aber 35 nun gerade zu bestimmen, denn begrenzte Komplexion überhaupt ist noch keine Welt. Nun heißt es aber weiter, die Grenze könne auf jede Art bestimmt werden, πανταχώς [omnibus modis, — Diog. X, 88 Us. p. 37,11], und endlich wird gar gestanden, es sei unmöglich, ihre spezifische Diffe¬ renz zu bestimmen, daß es aber eine gebe, sei begreifbar. 40 Es ist also weiter nichts gesagt, als daß es die Vorstellung der Rück¬ kehr einer Totalität von Unterschieden in unbestimmte Einheit, d. h. die Vorstellung „Welt“ im Bewußtsein gebe, im gemeineren Denken sich
Aus den Vorarbeiten 95 vorfinde. Die Grenze, der spezifische Unterschied, damit die Immanenz und Notwendigkeit dieser Vorstellung sei nicht begreifbar; daß diese Vorstellung da sei, könne begriffen werden, nämlich tautologiae halber, weil sie da ist. Für das Unbegreifbare wird also das, was erklärt werden 5 soll, die Schaffung, die Entstehung und inwendige Reduktion einer Welt durch den Gedanken, und für die Erklärung wird das Dasein dieser Vor¬ stellung im Bewußtsein ausgegeben. Es ist dasselbe, als wenn man sagt, es sei beweisbar, daß es einen Gott gebe, aber seine differentia specifica, quid sit, das Was dieser Bestimmung 10 sei unerforschlich. Wenn ferner Epikur sagt, die Grenze könne auf jede Art gedacht werden, d. h. jede Bestimmung, die wir sonst an einer wirklichen Grenze unterscheiden, könne ihr zugelegt werden, so ist die Vorstellung Welt nichts als die Rückkehr in eine unbestimmte, also auf jede Weise bestimm- 15 bare sinnliche Einheit, oder allgemeiner, da die Welt eine unbestimmte Vorstellung des halb sinnlich, halb reflektierenden Bewußtseins ist, so ist also die Welt in diesem Bewußtsein mit allen anderen sinnlichen Vor¬ stellungen zusammen und von ihnen begrenzt, ihre Bestimmtheit und Grenze ist also so vielfach als diese sie umlagernden sinnlichen Vor- 20 Stellungen, jede derselben kann als ihre Grenze und so als ihre nähere Bestimmung und Erklärung angesehen werden. Das ist das Wesen aller epikureischen Erklärungen und um so wichtiger, da es das Wesen aller Erklärungen des vor stellenden, in Voraussetzungen gefangenen Bewußt¬ seins ist. 25 Ebenso verhält es sich bei den Modernen mit Gott, wenn ihm Güte, Weisheit etc. zugeschrieben wird. Jede dieser Vorstellungen, die bestimmt sind, kann als Grenze der unbestimmten Vorstellung Gott, die zwischen ihnen liegt, betrachtet werden. Das Wesen dieser Erklärung ist also, daß eine Vorstellung aus dem 30 Bewußtsein genommen wird, die erklärt werden soll. Die Erklärung oder nähere Bestimmung ist dann, daß als bekannt angenommene Vorstellungen aus derselben Sphäre in Beziehung zu ihr stehen, also, daß sie überhaupt im Bewußtsein, in einer bestimmten Sphäre liegt. Hier gesteht Epikur den Mangel seiner und der ganzen alten Philosophie, zu wissen, daß Vor- 35 Stellungen im Bewußtsein sind, aber nicht ihre Grenze, ihr Prinzip, ihre Notwendigkeit zu wissen. Allein Epikur ist nicht zufrieden, den Begriff seiner Weltschöpfung gegeben zu haben, er führt das Drama selbst auf, er verobjektiviert sich, was er eben getan hat, und erst jetzt beginnt eigentlich seine Schöpfung. 40 Es heißt nämlich weiter: „Es kann auch eine solche Welt entstehen in einem Intermundium (so nennen wir nämlich den Zwischenraum von Welten), in einem weithin leeren Raum, in einer großen durchsichtigen Leere, nämlich so, daß hier¬ zu taugliche Samen aus einer Welt oder einem Intermundium oder von 45 mehreren Welten ausströmen und allmählich Zusammensetzungen, Glie- 12·
96 Die Doktordissertation derungen, wie es sich trifft, auch Verwandlungen des Ortes bilden und von außen so viel Zuströmungen in sich aufnehmen, als die zugrunde liegen¬ den Substrate die Zusammensetzung ertragen können. Denn wenn im Leeren eine Welt entsteht, so genügt nicht die Bildung eines Haufens, noch eines Strudels, noch einer Vermehrung, solange er mit anderen zu- 5 sammentrifft, wie einer von den Physikern behauptet. Denn das wider¬ streitet den Phänomenen.“ [Diog. X, 89—90 Us. p. 37, 13—38, 11.] Hier sind also erstens zur Schaffung der Welt Welten vorausgesetzt; der Ort, worin sich dies Ereignis zuträgt, ist die Leere. Also, was oben im Begriff der Schöpfung lag, daß das, was geschaffen werden soll, voraus-10 gesetzt ist, wird hier substantiiert Die Vorstellung ohne ihre nähere Bestimmung und Verhältnis zu den anderen, also, wie sie einstweilen vor¬ ausgesetzt wird, ist leer oder verkörpert, ein Intermundium, ein leerer Raum. Wie nun ihre Bestimmung hinzukömmt, wird so angegeben, daß sich zu einer Weltschöpfung taugliche Sonnen so verbinden, wie es zu is einer Weltschöpfung notwendig ist, d. h. es wird keine Bestimmung an¬ gegeben, keine Differenz. Im ganzen haben wir wieder nichts als das Atom und das κενόν [vacuum], so sehr sich Epikur selbst dagegen sträubt, etc. Aristoteles hat schon auf eine tiefe Weise die Oberflächlichkeit der 20 Methode kritisiert, die von einem abstrakten Prinzip ausgeht, ohne dies Prinzip selbst in höheren Formen [?] sich aufheben zu lassen. Nachdem er an den Pythagoreern gelobt, daß sie zuerst die Kategorien von ihren Substraten befreit, nicht als eine besondere Natur, wie sie dem Prädikat zukommen, betrachtet, sondern als immanente Substanz selbst aufgefaßt haben: Ατι τό πεπερασμένον άπειρον [καί τό έν] ούχ έτέρας τινάς φήθησαν είναι φύσεις, οίον πυρ ή γην ή τι τοιοϋτον έτερον, άλΧ αυτό τό άπειρον καί αυτό τό έν ουσίαν είναι τούτων ών κατηγοροϋνται [quod finitum et infinitum et unum non putarunt ullas alias esse naturas, utputa ignem aut terram aut aliud simile sed ipsum infinitum et ipsum unum substantiam horum esse so de quibus praedicantur. — Arist. Met. lib. I, cap. 5, 987a], tadelt er an ihnen, daß sie φ πρωτω ύπάρξειεν ό λεχθείς Αρος τοϋτ είναι τήν ουσίαν τοϋ πράγματος ένόμιζον. [cui primo dicta definitio inesset, hoc esse substantiam rei putarunt. — Arist. Met. lib. I, cap. 5, 987a.] [Die epikureische Philosophie und der 35 Skeptizismus]1) Wir gehen jetzt zum Verhältnis der epikureischen Philosophie zum Skeptizismus über, soweit sich dieses aus Sext. Empiricus ergibt. Vorher *) Von hier ab knüpfen die Ausführungen von Marx an Stellen von Sextus Empiricus an. Wir zitieren Sextus Empiricus nach der Ausgabe Em. B e k · keri, Berolini, 1842. Marx zitiert Sextus Empiricus nach der Genfer Ausgabe, 1621 (Colon. Allobrogum). Die lateinische Übersetzung geben wir nach der Aus¬ gabe Sexti Empirici opéra graece et latine. Castig., vert., emend. supplevitque et toti operi notas add. Jo. Alb. Fabricius, Lipsiae, 1718.
Aus den Vorarbeiten 97 muß aber noch eine Grundbestimmung des Epikur selbst aus dem Diog. Laertius lib. 10 bei der Beschreibung des Weisen zitiert werden : σοφόν δογματιεΐν τε καί ούκ άπορήσειν [dogmata quoque illaturum, non quaestiones dubias. — Diog. X, 121 Us. p. XXX, 46 Gass. p. 81]. Aus der ganzen 5 Darstellung des epikureischen Systems, worin ihr wesentliches Verhältnis zur alten Philosophie gegeben ist, sein Prinzip der Denkbarkeit, was er über die Sprache, über die Entstehung der Vorstellungen sagt, sind wich¬ tige Dokumente und enthalten implicite seine Stellung zu den Skeptikern. Es ist einigermaßen interessant zu sehen, welche Ursache Sext. Empiricus io von dem Philosophieren Epikurs angibt *) : τήν πρός τούς από τών μαθημάτων άντίβρησιν κοινότερον μεν διατεθείσθαι δοκούσιν οι τε περί τόν Επίκουρον καί οι άπό του Πύ$£ωνος, ούκ άπό τής αύτής δέ διαθέσεως, άλλ' οι μέν περί τόν 'Επίκουρον ώς τών μαθημάτων μηδέν συνεργουντων πρός σοφίας τελείωσιν* [contradictionem adversus discipli- 15 narum prof essores communiter instituisse videntur Epicurei et Pyrrho- nei; non est autem eadem utrisque ratio, nam Epicurus quidem hoc facit, quod ad perfectionem sapientiae nihil illas putavit conferre] (d. h. die Epikureer halten das Wissen von den Dingen, als ein Anders¬ sein des Geistes, für impotent, seine Realitas zu erhöhen: die Pyrrho- 20 niker halten die Impotenz des Geistes, die Dinge zu kapieren, für sein wesentliches Fach, für eine reale Energie desselben. Es ist, wenn auch beide Seiten degradiert, nicht in der philosophischen antiken Frische erscheinen, ein ähnliches Verhältnis zwischen den Frömmlern und Kantianern in ihrer Stellung zur Philosophie. Die ersten ent- 25 sagen aus Gottseligkeit dem Wissen, d. h. sie glauben mit den Epiku¬ reern, daß das Göttliche im Menschen das Nichtwissen, daß diese Gött¬ lichkeit, welche Faulheit ist, gestört werde durch den Begriff. Die Kantianer hingegen sind sozusagen die angestellten Priester des Nicht¬ wissens, ihr tägliches Geschäft ist, einen Rosenkranz abzubeten über ihre 3o eigene Impotenz und die Potenz der Dinge. Die Epikureer sind konse¬ quenter: wenn das Nichtwissen im Geiste liegt, so ist das Wissen kein Zu¬ wachs der geistigen Natur, sondern ein gleichgültiges für denselben und das Göttliche für den, der nicht weiß, und nicht die Bewegung des Wissens, sondern die Faulheit) ή ως τινες εϊκάζουσι τούτο προκάλυμμα 35 τής έαυτών άπαιδευσίας είναι νομίζοντες. έν πολλοΐς γάρ άμαθής 'Επίκουρος έλέγχεται, ούδέ έν ταίς κοιναίς όμιλίαις καθαρεύων. [vel, ut nonnullis videtur, *) Hier zitiert Marx folgende Stellen: Sext. Emp. adv. dogmat. IV (math. X) 18—19 Bek. p. 480, 3-12. Col. ΑΠ. p. 383; Sext. Emp. hypotyp. Π, 23—25, Bek. p. 61, 24—65, 12; Sext. Emp. adv. dogmat. ΙΠ (math. IX) 64, Bek. p. 406, 19—23, C. All. p. 320; id. ib. III (math. IX), 71, Bek. p. 407, 28-408, 5, C. All. p. 321; id. ib. III (math. IX), 58, Bek. p. 405, 14—16, C. All. p. 319; id. ib. I (math. VII), 267, Bek. p. 249, 1—9, C. All. p. 187; id. adv. math. I, 49, Bek. p. 610, 1—3, C. All. p. 11; id. adv. math. I, 54, Bek. p. 611, 21—23, C. All. p. 12; id. adv. math. I, 272—73, Bek. p. 661, 5-21, C. AU. p. 54; id. adv. dogm. I (math. VII), 14—15, Bek. p. 193, 18—21, C. AU. p. 41; id. adv. dogm. I (math. VII), 22, Bek. p. 194, 26—29, C. All. p. 42. Hierauf folgt die obige Stelle.
98 Die Doktordissertation hoc praetextu existimavit suam se contegere posse inscitiam: in multis enim Epicurus arguitur indoctus, nec in communi sermone satis punis. — Sext. Emp. adv. math. I, 1 Bek. 599 Col. All. p. 1 Fahr. p. 215.] Nachdem Sextus Empiricus noch einige Klatschgeschichten bei¬ gebracht, die deutlich seine Verlegenheit beweisen, statuiert er folgender- 5 maßen den Unterschied des skeptischen Verhaltens zur Wissenschaft gegen das epikureische: ol δέ άπό Πύ^ωνος ούτε διά τό μηδέν σννεργεϊν αύτά πρός σοφίαν, δογματικός γόρ ό λόγος· ούτε διά τήν προζονσαν αύτοίς άπαιδευ- σίαν ...[άλλά] τοιούτόν τι έπί τών μαθημάτων παθόντες, όποιον έφ όλης έπαθον τής φιλοσοφίας. [Pyrrhonei autem, neque propterea quod eas existi- io ment nihil conferre ad sapientiam — hoc enim affirmare dogmaticum esset — neque propterea, quod sint ipsi ineruditi . . . sed eodem modo in disciplinis atque in tota versantur philosophie. — Sext. Emp. adv. math. I, 5—6 Bek. p. 600 Col. Ail. p. 2 Fabr. p. 216.] (Man sieht hier, wie μαθήματα und φιλοσοφία zu unterscheiden und daß die Geringschätzung 15 Epikurs gegen μαθήματα sich auf das erstreckt, was wir Kenntnisse nennen, wie genau mit suo systemati omni diese assertio consentit)1) In den Pyrrhonischen Hypotyposen’), liber I, caput XVII, wird auf treffende Art die Aitiologie, die besonders Epikur anwendet, widerlegt, so daß jedoch ebenso die eigene Impotenz der Skeptiker hervorsieht 20 τάχα δ" άν καί ol πέντε τρόποι τής έποχής άπαρκοϋσι πρός τάς αιτιολογίας, ήτοι γόρ σύμφωνον πάσαις ταϊς κατά φιλοσοφίαν αίρέσεσι καί τή σκάψει καί τοΐς φαινομένοις, αιτίαν έρεϊ τις ή ον. καί σύμφωνον μέν Ισως ούκ έν δέχεται. [sed enim ipsi etiam quinque assensus suspensionum suadentes modi ad causarum redditiones evertendas fortasse sufficiant, nam aut afferet 25 aliquis rationem, quae consentiat cum omnibus philosophiae sectis et cum consideratione rei atque sensui apparentibus, aut non. verum ita consen- tientem afferre forte haud possit — Sext Emp. Pyrrh. hyp. I, 185 Bek p. 41 Fabr. p. 45—46.] (Allerdings: einen Grund angeben, der erstens durchaus nichts ist als Phänomen, ist deswegen unmöglich, weil der so Grund die Idealität des Phänomens, das auf gehobene Phänomen ist Ebensowenig kann ein Grund mit der Skepsis übereinstimmen, weil die Skepsis der fachmäßige Widerspruch gegen alle Gedanken ist, das Auf¬ heben des Bestimmens selbst. Naiv wird die Skepsis, die die φαινόμενα zusammengestellt, denn dies Phänomen ist das Verlorensein, das Nichtsein ss des Gedankens: die Skepsis ist dasselbe Nichtsein desselben, als in sich reflektiert, aber das Phänomen ist an sich selbst verschwunden, es scheint nur, die Skepsis ist das sprechende Phänomen und verschwindet mit seinem Verschwinden, ist auch nur ein Phainomenon.) τά τε γάρ φαινόμενα καί τά άδηλα πάντα διαπεφώνηται. εί δέ διαφωνεί, άπαιτηθήσεται καί ταύτης τήν αιτίαν 40 [nam et sensui apparentia et obscura controverse sunt. at si minime consentiat, postulabitur ab eo huius rationis ratio. — Sext Emp. adv. math. I, 186 Bek. p. 41] (d. h. der Skeptiker will einen Grund, der selbst 9 Hier zitiert Marx: Sext. Emp. adv. math. I, Bek. p. 600, 14—19, C. All. p. 2 8) Bei Marx steht versehentlich Hypothesen
Aus den Vorarbeiten 99 nur Schein, ist also nicht Grund) καί φαινομένην μέν φαινομένης, ή Αδηλον Αδήλου λαμβάνων είς Απειρον έκπεοεϊται. [et si quidem sensui apparentem apparentis, aut obscuram obscurae afferat, in infinitum delabetur. — Sext. Emp. Pyrrh. hyp. I, 185—186 Bek. p. 41.] (d. h. weil der Skeptiker 5 nicht aus dem Schein heraus und diesen als solchen festhalten will, kommt er nicht aus dem Schein heraus und dies Manöver kann ins Unendliche festgehalten werden. Epikur will zwar vom Atom zu weiteren Bestimmungen, aber weil er das Atom als solches nicht auf lösen lassen will, kommt er nicht heraus über atomistische, sich selbst äußerliche und io willkürliche Bestimmungen; der Skeptiker dagegen nimmt alle Bestim¬ mungen auf, aber in der Bestimmtheit des Scheines; seine Beschäftigung ist also ebenso willkürlich und enthält überall dieselbe Dürftigkeit. Er schwimmt so zwar im ganzen Reichtum der Welt, aber er bleibt bei der¬ selben Armut und ist selbst die lebendige Impotenz, die er in den Dingen 15 sieht; Epikur entleert von vornherein die Welt, aber er endet so bei dem ganz Bestimmungslosen, der in sich ruhenden Leere, dem otiosen Gotte.) Ιατάμενος δέ που, ή δοον έπί τοϊς είρημένοις λέξει τήν αιτίαν ουνεοτάναι, καί είςάγει τδ πρός τι, Αναιρων τά πρός τήν φυοιν [quod si alicubi subsistât, aut quantum adeo usque dicta aiet rationem consistere, attamen inducet rela¬ ie tionem ad aliquid, illud vero quod secundum naturam est, tollet,] (gerade beim Schein, beim Phänomen ist das πρός τι das πρός τήν φυοιν), ή έξ ύποθέσεως τι λαμβάνων έπιοχεθήοεται. [aut si per suppositionem sumas aliquid, nos ei obstabimus. — Sext Emp. Pyrrh. hyp. 186 Bek. p. 41 Fahr. p. 46.] Wie den alten Philosophen die Meteore, der sichtbare ^Himmel das Symbol und die Anschauung ihrer substantiellen Be¬ fangenheit, so daß selbst ein Aristoteles die Sterne für Götter nimmt1), sie wenigstens in unmittelbare Verbindung mit der höchsten Energie bringt, so ist der geschriebene Himmel, das versiegelte Wort des im Lauf der Weltgeschichte sich offenbar gewordenen Gottes, so das Losungswort zum Kampfe der christlichen Philosophie. Die Voraus¬ setzung der Alten ist Tat der Natur, die der Modernen Tat des Geistes. Der Kampf der Alten konnte nur enden, indem der sichtbare Himmel, das substantielle Band des Lebens, die Schwerkraft der politischen und religiösen Existenz zertrümmert ward, denn die Natur muß entzwei¬ te geschlagen werden, damit der Geist sich in sich selbst eine. Griechen zerbrachen sie mit dem kunstreichen hephaistischen Hammer, schlugen sie in Statuen auseinander; der Römer tauchte sein Schwert in ihr Herz, und die Völker starben: aber die moderne Philosophie entsiegelt das Wort, läßt es verrauchen im heiligen Feuer des Geistes, und als Kämpfer 40 des Geistes mit dem Geiste, nicht als vereinzelter aus der Schwerkraft der Natur gefallener Apostat wirkt sie allgemein und zerschmilzt die Formen, die das Allgemeine nicht hervorbrechen lassen. x) Vgl. Diss. p. 44—45.
100 Die Doktordiseertation [Plutarchs Verständnislosigkeit gegenüber E p i ku r] Es versteht sich, daß von vorliegender Abhandlung des Plutarch nur wenig benutzt werden kann. Man muß nur die Einleitung lesen, die plumpe Renommisterei und krasse Auffassung der epikureischen Philo- 5 sophie, um über die gänzliche Impotenz Plutarchs zur philosophischen Kritik keinen Zweifel übrig zu behalten.9) Es ist klar, daß Plutarch Epikurs Konsequenz nicht versteht. Die höchste voluptas des Epikur ist das Freisein vom Schmerz, der Differenz, wie die Voraussetzungs¬ losigkeit; der Körper, der keinen anderen voraussetzt in der Empfindung, 10 der diese Differenz nicht empfindet, ist gesund, positiv. Diese Position, die im otiosen Gotte des Epikur8) ihre höchste Form erhält, ist in der anhaltenden Krankheit von selbst da, indem durch die Dauer die Krank¬ heit aufhört Zustand zu sein, sozusagen familiär und eigentümlich wird. Wir haben gesehen in der Naturphilosophie des Epikur, daß er diese is Voraussetzungslosigkeit, dieses Wegschieben der Differenz ebenso im Theoretischen als Praktischen erstrebt.*) Das höchste Gut des Epikur ist die άταραξία, denn der Geist, um den es sich handelt, ist der empirisch einzelne. Plutarch faselt in Gemeinplätzen, er räsonniert wie ein Hand¬ werksbursche. 5 ) 20 [Der Begriff des Weisen in der griechischen Philosophie] Beiläufig können wir über die Bestimmung des οοφός reden, da er gleichmäßig ein Objekt der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie ist.®) Aus seiner Betrachtung wird sich ergeben, daß er 25 am konsequentesten in die atomistische Philosophie des Epikur gehört und daß auch von dieser Seite her der Untergang der antiken Philosophie in vollständiger Objektivierung bei Epikur sich darstellt. x) Hier folgen die Ausführungen über das Werk Plutarchs de eo quod sec. Epicurum non suaviter vivi possit. ΟΤΙ ΟΥΔΕ ΖΗΝ ΕΣΤΙΝ Η Δ ΕΩΣ ΚΑΤ' ΕΠΙΚΟΥΡΟΝ. Marx zitiert eine Ausgabe von G. Xylander, die wir nicht mit Sicherheit bestimmen konnten. Die Seitenangaben stimmen mit zwei Xylanderschen Ausgaben zusammen, wovon die eine im I. 1599, die andere im I. 1620 erschienen ist. (Beide in Frankfurt, bei A. Wechel.) Wir geben die Stellen von Plutarch nach der Ausgabe Frederici D ü b n e r i : Plutarchi scripta moralia, vol. Π, Parisiis, Firmin-Didot, 1856. 9) Hier bemerkt Marx: Mag er mit Metrodors Ansicht immerhin übereinstimmen: Folgt das Zitat: Plut. 1087 Did. p. 1330, 33—39. Weiter Marx: so ist dies minime Epikurs Lehre. Selbst Sextus Empiricus findet seinen Unterschied von der cyre- neischen Schule darin, daß er die voluptas als voluptas animi festsetzt. Zitat: Plut. 1088 Didot, p. 1331, 32—36. 3) Vgl. Diss. p. 30. *) Vgl. Der heilige Max, in: Doc. d. Soc. Bd. III (1903), p. 72. 8) Hier unterbricht Marx die Kritik Plutarchs und erörtert „beiläufig^ den Be¬ griff des Weisen in der griechischen Philosophie. Die Kritik Plutarchs wird erst im 3. Heft wieder aufgenommen. (Siehe u. p. 107 sqq.) ·) Vgl. Der heilige Max, l. c. p. 70 und Diss. p. 14.
Aus den Vorarbeiten 101 Dter Weise, ό σοφός, ist nach zwei Bestimmungen in der alten Philo- sophiie zu begreifen, die aber beide eine Wurzel haben. Was theoretisch in der Betrachtung der Materie erscheint, erscheint prakttisch in der Bestimmung des σοφός. Die griechische Philosophie be- 5 ginntt mit sieben Weisen, unter denen der jonische Naturphilosoph Thales sich Ibefindet, und sie schließt mit dem Versuch, den Weisen begrifflich zu porträtieren. Anfang und Ende, aber nicht weniger das Zentrum, die Mitte;, ist ein σοφός, nämlich Sokrates. Das ist kein exoterisches Faktum, daß mm diese substantiellen Individuen die Philosophie sich bewegt, io geradlesowenig, als daß Griechenland politisch untergeht zu der Zeit, wo Alexander seine Weisheit in Babylon verliert. Dia das griechische Leben und der griechische Geist zu ihrer Seele die Substtanz haben, die in ihnen zuerst als freie Substanz erscheint, so fällt das Wissen von derselben in selbständige Existenzen, Individuen, die als 15 merkwürdige einerseits den anderen äußerlich gegenüberstehen, deren Wissen andrerseits das inwendige Leben der Substanz und so ein den Bedinigungen der Wirklichkeit, die sie umgibt, innerliches ist. Der grieclhische Philosoph ist ein Demiurgos, seine Welt ist eine andere als die im der natürlichen Sonne des Substantiellen blüht. 20 Diie ersten Weisen sind nur die Behälter, die Pythia, aus denen die SubsUanz in allgemeinen, einfachen Geboten hervorklingt, ihre Sprache ist nuir noch die der Substanz, die zu Worten gekommen ist, die einfachen Mächtte des sittlichen Lebens, die sich offenbaren. Sie sind daher erst teilweise tätige Werkmeister des politischen Lebens, Gesetzgeber. 25 Diie jonischen Naturphilosophen sind ebenso vereinzelte Erscheinun¬ gen, ails die Formen des Naturelements erscheinen, unter welchen sie das All zui fassen suchen. Die Pythagoreer bilden sich ein innerliches Leben im Staate; die Form, in der sie ihr Wissen von der Substanz verwirklichen, steht ün der Mitte zwischen der gänzlichen bewußten Isolierung, die nicht 3o bei den Joniem ist, deren Isolierung vielmehr die unreflektierte, naive der elememtarischen Existenzen ist, und deren vertrauensvollem Hinleben in der sittlichen Wirklichkeit. Die Form ihres Lebens ist selbst die substan¬ tielle,, politische, nur abstrakt gehalten, in ein Minimum von Extension und naturihaften Grundlagen gebracht, wie ihr Prinzip, die Zahl, in der Mitte 35 zwischen der farbigen Sinnlichkeit und dem Ideellen steht. Die Eleaten als dite ersten Entdecker der idealen Formen der Substanz, die selbst noch in reim innerlicher und abstrakter, intensiver Weise die Innerlichkeit der Substanz begreifen, sind die vom Pathos begeisterten, prophetischen Ver- kündor der auf gehenden Morgenröte. In das einfache Licht versunken, U wenden sie sich unwillig vom Volke ab und von den alten Göttern. Aber in Amaxagoras wendet sich das Volk selbst von dem alten Gott gegen den eiinzelnen Weisen und erklärt ihn als solchen, indem es ihn von sich aussclheidet. Man hat dem Anaxagoras in neuerer Zeit (siehe z. B. Ritter: Geschachte der alten Philosophie, erster Band) Dualismus vorgeworfen. 4i Aristoteles sagt im ersten Buche der Metaphysik, daß er den νους wie
102 Die Doktordissertation eine Maschine gebrauche und nur da anwende, wo ihm natürliche Er¬ klärungen ausgehen. Allein dieser Schein des Dualismus ist einerseits das Dualistische selbst, das das innerste Herz des Staats zu Anaxagoras’ Zeit zu zerspalten anfängt, andrerseits muß er tiefer gefaßt werden. Der νους ist da tätig und wird da angewandt, wo die natürliche Bestimmtheit nicht 5 ist. Er ist selbst das non ens des Natürlichen, die Idealität. Ferner aber tritt die Tätigkeit dieser Idealität nur da ein, wo dem Philosophen der physische Blick ausgeht, d. h. der νους ist der eigene νους des Philosophen, der sich da an die Stelle setzt, wo er seine Tätigkeit nicht mehr zu objek¬ tivieren weiß. Damit ist der subjektive νους hervorgetreten als Kern des 10 fahrenden Scholasten, und in seiner Macht als Idealität der reellen Be¬ stimmtheit erweist er sich einerseits in den Sophisten, andrerseits im Sokrates. Wenn die ersten griechischen Weisen der eigene Spiritus, das ver¬ körperte Wissen von der Substanz sind, wenn ihre Aussprüche ebenso in it gediegener Intensität sich halten als die Substanz selbst, wenn[,] je nach¬ dem die Substanz mehr und mehr idealisiert wird, die Träger ihres Fort¬ schrittes ein ideelles Leben in ihrer partikularen Wirklichkeit gegen die Wirklichkeit der erscheinenden Substanz, des wirklichen Volkslebens geltend machen, so ist die Idealität selbst nur noch in der Form der 20 Substanz. Es wird nicht gerüttelt an den lebendigen Mächten, die ideellsten dieser Periode, die Pythagoreer und Eleaten, preisen das Staatsleben als die wirkliche Vernunft; ihre Prinzipien sind objektiv, eine Macht, die über sie selber übergreift, die sie halb mysteriös, in poetischer Begeiste¬ rung, verkünden, d. i. in der Form, welche die natürliche Energie zur 25 Idealität heraufbildet, sie nicht verzehrt, sondern bearbeitet und das Ganze in der Bestimmtheit des Natürlichen läßt Diese Verkörperung der idealen Substanz geschieht in den Philosophen selbst, die sie verkünden, nicht nur ihr Ausdruck ist das Plastisch-Praktische, ihre Wirklichkeit ist diese Person, und ihre Wirklichkeit ist ihre eigene Erscheinung, sie selbst so sind die lebendigen Bilder, die lebendigen Kunstwerke, die das Volk in plastischer Größe aus sich hervorgehen sieht; wo ihre Tätigkeit, wie bei den ersten Weisen, das Allgemeine bildet, da sind ihre Aussprüche die wirklich geltende Substanz, Gesetze. Diese Weisen sind daher ebenso wenig populär wie die Statuen der ss olympischen Götter; ihre Bewegung ist die Ruhe in sich selbst, ihr Ver¬ halten zum Volke ist dieselbe Objektivität wie ihr Verhalten zur Sub¬ stanz. Die Orakelsprüche des delphischen Apollo waren nur so lange gött¬ liche Wahrheit für das Volk, nur so lange in das Helldunkel einer unbe¬ kannten Macht gehüllt, solange die eigene offenbare Macht des griechischen 4t Geistes vom pythischen Dreifuß erklang; nur so lange verhielt sich das Volk theoretisch zu ihnen, als sie die eigene tönende Theorie des Volkes waren, sie waren nur so lange populär, als sie unpopulär waren. Ebenso diese Weisen. Allein mit den Sophisten und Sokrates, der δυναμις nach in Anaxagoras, kehrt sich die Sache um. Jetzt ist es die Idealität selbst, 44
Aus den Vorarbeiten 103 die in ihrer unmittelbaren Form, dem subjektiven Geiste, das Prinzip der Philosophie wird. Wenn in den früheren griechischen Weisen die ideale Form der Substanz, ihre Identität sich offenbarte gegen das bunte, aus verschiedenen Völkerindividualitäten gewirkte Gewand ihrer 5 erscheinenden Wirklichkeit, wenn daher diese Weisen einerseits das Absolute nur in den einseitigsten, allgemeinsten ontologischen Bestim¬ mungen fassen, andrerseits selbst die Erscheinung der in sich abgeschlos¬ senen Substanz in der Wirklichkeit an sich darstellen und so, wie sie aus¬ schließend gegen die πολλοί sich verhalten, wie sie das redende Mysterium 10 ihres Geistes sind, andrerseits gleich den plastischen Göttern auf den Marktplätzen in ihrer seligen Insichgekehrtheit zugleich die eigenen Zierden des Volkes sind und in ihrer Einzelnheit in es zurückfallen, so ist es jetzt hingegen die Idealität selbst, die reine für sich gewordene Abstraktion, die der Substanz gegenübertritt; die Subjektivität, die sich u als Prinzip der Philosophie hinstellt. Weil sie unpopulär ist, diese Sub¬ jektivität, gegen die substantiellen Mächte des Volkslebens gekehrt, ist sie populär, d. h. sie kehrt sich nach außen gegen die Wirklichkeit, ist prak¬ tisch in sie verwickelt und ihre Existenz ist die Bewegung. Diese beweg¬ lichen Gefäße der Entwicklung sind die Sophisten. Ihre innerste, von BO den unmittelbaren Schlacken der Erscheinung gereinigte Gestalt ist Sokrates, den das delphische Orakel den σοφωτατον nennt. Indem ihre eigene Idealität der Substanz gegenübersteht, ist diese in eine Masse akzidentieller beschränkter Existenzen und Institutionen ver¬ fallen, deren Recht, die Einheit, die Identitas, ihr gegenüber in die sub- 25 jektiven Geister entwichen ist. Der subjektive Geist selbst ist so als solcher der Behälter der Substanz, aber weil diese Idealität der Wirklich¬ keit gegenübersteht, ist sie objektiv als ein Sollen in den Köpfen vor¬ handen, subjektiv als Streben. Der Ausdruck dieses subjektiven Geistes, der die Idealität in sich selbst zu haben weiß, ist das Urteil des Begriffs, 30 das zum Maß stab des Einzelnen das in sich selbst Bestimmte, den Zweck, das Gute hat, das hier aber noch ein Sollen der Wirklichkeit ist. Dieses Sollen der Wirklichkeit ist ebenso ein Sollen des Subjekts, das dieser Idealität sich bewußt geworden, denn es steht selbst in der Wirklichkeit, und die Wirklichkeit außer ihm ist sein. Die Stellung dieses Subjekts ist 35 damit ebenso bestimmt wie sein Schicksal. Erstens, daß diese Idealität der Substanz in den subjektiven Geist getreten, von ihr selbst abgefallen ist, ist ein Sprung, ein in dem substantiellen Leben selbst bedingter Abfall von demselben. Damit ist diese seine Bestimmung dem Subjekt selbst ein Geschehen, eine 40 fremde Macht, als deren Träger es sich vor findet, das Daimonion des Sokrates. Das Daimonion ist die unmittelbare Erscheinung davon, daß dem griechischen Leben die Philosophie ebensowohl ein nur Innerliches als nur Äußerliches ist. Durch die Bestimmung des Daimonions ist das Subjekt als empirisch einzelnes bestimmt, weil es das naturhafte Ab- 45 brechen von dem substantiellen, also naturbedingten Leben in diesem
104 Die Doktordissertation Leben ist, denn das Daimonion erscheint als Naturbestimmung. Die Sophisten sind selbst diese Dämonen, die sich noch nicht von ihrem Tun unterscheiden. Sokrates hat das Bewußtsein, das Daimonion in sich zu tragen. Sokrates ist die substantielle Weise, in der die Substanz sich selbst im Subjekt verliert. Er ist daher ein ebenso substantielles Individuum wie 5 die früheren Philosophen, aber in der Weise der Subjektivität, nicht ab¬ geschlossen, kein Götterbild, sondern ein menschliches, nicht mysteriös, sondern hell und licht, kein Seher, sondern ein leutseliger Herr. Die zweite Bestimmung ist dann, daß dieses Subjekt ein Urteil des Sollens, des Zwecks fällt. Die Substanz hat ihre Idealität in den sub- 10 jektiven Geist verloren, er ist so ihre Bestimmung in sich selbst geworden, ihr Prädikat, während sie selbst ihm gegenüber zur unmittelbaren, un¬ berechtigten, nur seienden Verbindung von selbständigen Existenzen herabgesunken ist. Das Bestimmen des Prädikats, da es sich auf ein Seiendes bezieht, ist daher selbst unmittelbar, da dies Seiende der lebendige 15 Volksgeist, so ist es praktisches Bestimmen der einzelnen Geister, Erziehung und Belehrung. Das Sollen der Substantialität ist die eigene Bestimmung des subjektiven Geistes, der es ausspricht; der Zweck der Welt ist also sein eigener Zweck, die Lehre von demselben ist sein Beruf. Er stellt den Zweck, das Gute also sowohl in seinem Leben wie in seiner Lehre an sich 20 selbst dar. Er ist der Weise, wie er in praktische Bewegung getreten ist Endlich aber, indem dies Individuum das Urteil des Begriffs über die Welt fällt, ist es in sich selbst geteilt und verurteilt, denn es wurzelt einesteils selbst im Substantiellen, es hat das Recht seiner Existenz nur im Recht seines Staates, seiner Religion, kurz aller substantiellen Bedin- 25 gungen, die an ihm als seine Natur erscheinen. Andrerseits hat er in sich selbst den Zweck, der der Richter jener Sub¬ stantialität ist. Seine eigene Substantialität ist also in ihm selbst verurteilt, und somit geht er zugrunde, eben weil der substantielle und nicht der freie Geist, der alle Widersprüche erträgt und überwältigt, der keine Natur- 30 Bedingungen als solche anzuerkennen hat, die Stätte seiner Geburt ist. Sokrates ist deswegen so wichtig, weil sich das Verhältnis der grie¬ chischen Philosophie zum griechischen Geiste t?]1) und daher ihre innere Schranke in sich selbst in ihm darstellt. Wie töricht es war, wenn in neuester Zeit das Verhältnis der Hegelschen Philosophie zum Leben 35 mit ihm verglichen und daher die Berechtigung zu ihrer Verurteilung deduziert worden ist, ergibt sich von selbst. Das ist gerade das spezifische Übel der griechischen Philosophie, daß sie in einem Verhältnis zum nur substantiellen Geiste steht; in unserer Zeit sind beide Seiten Geist und wollen beide als solcher anerkannt sein. 40 Die Subjektivität tritt in ihrem unmittelbaren Träger als sein Leben und sein praktisches Wirken hervor, als eine Bildung, durch die er die *) Dieses schwer leserliche Wort korr. aus Leben
Aus den Vorarbeiten 105 einzelnen Individuen aus den Bestimmtheiten der Substantialität in die Bestimmung in sich selbst führt; diese praktische Tätigkeit abgerechnet, hat seine Philosophie keinen Inhalt als die abstrakte Bestimmung des Guten. Seine Philosophie ist sein Hinüberführen aus den substantiell be- 5 stehenden Vorstellungen, Unterschieden etc. in die In-sich-selbst-Bestim- mung, die aber weiter keinen Inhalt hat, als das Gefäß dieser auflösenden Reflexion zu sein ; seine Philosophie ist daher wesentlich seine eigene Weisheit, sein eigenes Gutsein; in bezug auf die Welt ist die alleinige Erfüllung seiner Lehre vom Guten eine ganz andere Subjektivität, 10 als wenn Kant seinen kategorischen Imperativ aufstellt. Da ist es gleich¬ gültig, wie er als empirisches Subjekt sich zu diesem Imperativ verhält Die Bewegung wird bei Plato eine ideelle; wie Sokrates das Bild und Lehrer der Welt, so Platos Ideen, seine philosophische Abstraktion, die Urbilder derselben. 15 In Plato wirft sich diese abstrakte Bestimmung des Guten, des Zwecks, in eine extensive, die Welt umfassende Philosophie auseinander. Der Zweck, als die Bestimmung in sich, das wirkliche Wollen des Philosophen ist das Denken, die realen Bestimmungen dieses Guten sind die immanenten Gedanken. Das wirkliche Wollen des Philosophen, die in ihm tätige 20 Idealität ist das wirkliche Sollen der realen Welt. Plato schaut dies sein Verhältnis zur Wirklichkeit so an, daß ein selbständiges Reich der Ideen über der Wirklichkeit (und dies Jenseits ist die eigene Subjektivität des Philosophen) schwebt und in ihr sich verdunkelt abspiegelt. Wenn Sokrates nur den Namen der Idealität, die aus der Substanz in das Sub- 25 jekt übergetreten ist, entdeckt hat und selbst noch diese Bewegung mit Be¬ wußtsein1) war, so tritt die substantialeWelt der Wirklichkeit nun wirklich idealisiert in das Bewußtsein Platos ein, aber damit ist diese ideale Welt selbst ebenso einfach in sich gegliedert, wie es die ihr gegenüberstehende wirklich substantiale Welt ist, wovon Aristoteles aufs trefflichste bemerkt : 30 σχεδόν γάρ ίσα ή ούκ έλάττω τά είδη έστί τούτων περί ών ζητοϋντες τάς αΙτίας έκ τούτων έπ έκεϊνα προήλθον. [fere etenim species aequales aut non pauciores iis sunt, ex quibus dum de eis causas quaererent, ad illas processerunt. — Arist. Met. lib. I, cap. 9, 990b.] Ihre Bestimmtheit und Gliederung in sich ist daher dem Philosophen selbst ein Jenseitiges, die Bewegung ist 35 aus dieser Welt hinausgefallen, καίτοι τών ειδών δντων δμως ού γίγνεται τά μετέχοντα, δν μή ή τό κινήσον. [quamquam speciebus existentibus non tarnen participantia fiunt, si non sit quod moveat. — Arist. Met. lib I, cap. 9, 991b.] Der Philosoph als solcher, d. i. als der Weise, nicht als die Bewegung des wirklichen Geistes überhaupt, ist also die jenseitige Wahr- 40 heit der substantialen Welt, die ihm gegenübersteht Plato bringt schon dies aufs bestimmteste zur Anschauung, wenn er sagt, entweder müßten die Philosophen Könige, oder die Könige Philosophen werden, damit der Staat seine Bestimmung erreiche. In seiner eigenen Stellung zu einem Tyrannen ist ein solcher Versuch seinerseits gemacht worden. Sein Staat x) Korr, aus diese bewußte Bewegung
106 Die Doktordissertation hat noch als besonderen obersten Stand den Stand der Wissenden. Zwei andere Bemerkungen, die Aristoteles macht, will ich hier noch erwähnen, weil sie über die Form des platonischen Bewußtseins die wichtigsten Auf¬ schlüsse geben und Zusammenhängen mit der Seite, nach welcher wir es in bezug auf den σοφός betrachten. & Aristoteles sagt von Plato: έν δέ τφ Φαίδωνι ούτως λέγεται, ώς καί τού είναι καί τού γίγνεσθαι αίτια τά είδη έστιν. [in Phaedone ita dicitur, quod cum ipsius esse tum ipsius fieri species causae sunt. — Arist. Met lib. I, cap. 9, 991b.] Es sind nicht nur Seiende, es ist die Sphäre des Seins, die Plato in die Idealität hinaustragen will: diese Idealität ist ein ver- io schlossen es, spezifisch unterschiedenes Reich im philosophierenden Be¬ wußtsein selbst: weil es dies ist, fehlt ihm die Bewegung. Dieser Widerspruch im philosophierenden Bewußtsein muß sich ihm selbst objektivieren, es muß diesen Widerspruch aus sich herauswerfen. έτι ού μόνον τών αίσθητών παραδείγματα τά είδη, άλλα καί αύτών τών Ιδεών, 15 οίον τό γένος, ώς γένος εΙδών ώςτε τό αυτό έσται παράδειγμα και εϊκών. [item non solum sensibilium exemplaria species erunt, verum etiam ipsarum, utputa genus tanquam genus specierum, quare idem erit exemplar et imago. — Arist Met. lib. I, cap. 9, 991®, 29—991b, 1.]x) [Die wesentlichen Bestimmungen der epiku- 20 reischen Philosophie] Wesentlich zur Bestimmung der epikureischen Naturphilosophie ist: 1. Die Ewigkeit der Materie, die damit zusammenhängt, daß die Zeit als Akzidenz der Akzidenzen, als nur den Zusammensetzungen und ihren zufälligen eventis zukommend betrachtet, also außerhalb des 25 materiellen Prinzips, des Atoms selbst verlegt wird.’) Dies hängt weiter damit zusammen, daß die Substanz der epikureischen Philosophie das nur äußerlich Reflektierende, die Voraussetzungslosigkeit, Willkür und Zu¬ fälligkeit ist. Die Zeit ist vielmehr das Schicksal der Natur, des Endlichen. Die negative Einheit mit sich, ihre innerliche Notwendigkeit. w 2. Das Leere, die Negation, ist nicht das Negative der Materie selbst, sondern da, wo sie nicht ist. Sie ist also auch in dieser Beziehung in sich selbst ewig. Die Gestalt, die wir am Schlüsse aus der Werkstätte des griechisch- philosophischen Bewußtseins hervortreten sehen, aus dem Dunkel der Ab- 35 straktion und in ihre dunkle Tracht gehüllt, ist dieselbe, in welcher die griechische Philosophie lebendig über die Weltbühne schritt, dieselbe Gestalt, die selbst im brennenden Kamin Götter sah, dieselbe, die den Gift¬ becher trank, dieselbe, die als der Gott des Aristoteles der höchsten Selig¬ keit, der Theorie, genießt. 10 *) Hierzu merkte Marx an: Lucretius über die alten jonischen Philosophen. Zitat: Lucret. de rerum natura, I, 736—40. *) Vgl, Diss, p. 42,
[Aus dem III. Hefty)') [Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikur] [Die Ataraxie] 5 Dies ist eine wichtige Bemerkung für die epikureische Dialektik des Vergnügens, obgleich Plutarch sie falsch kritisiert Nach Epikur ist der Weise selbst in diesem schwankenden Zustande, der als die Bestim¬ mung άαήδονή erscheint. Die μακαριότης, die reine Ruhe des Nichts in sich, die völlige Entleerung aller Bestimmtheit, ist erst Gott; weswegen er auch no nicht wie der Weise innerhalb der Welt, sondern außerhalb derselben wohnt.8) Wenn Plutarch dem Epikur vorwirft, daß wegen der Möglichkeit des Schmerzes die Freiheit in einer gesunden Gegenwart nicht vorhanden sein könne, so ist erstens der epikureische Geist kein solcher, der sich mit ns dergleichen Möglichkeiten herumtreibt, sondern weil die absolute Rela¬ tivität, die Zufälligkeit der Beziehung an sich nur Beziehungslosigkeit ist, so nimmt der epikureische Weise seinen Zustand als beziehungslos, und insofern ist er ihm ein sicherer. Die Zeit ist ihm ja nur das Akzidens O Auf dem Umschlag des dritten Heftes befindet sich folgende Aufschrift: Epikureische Philosophie. Drittes Heft. K. H. Marx st. j. Berlin. Sommersemester 1839. — In diesem Heft setzt Marx seine Kritik an Plutarch fort. (Siehe oben p. 100, Fußnote 5.) Sämtliche Notizen und Ausführungen schließen sich an zwei Werke von Plutarch an, und zwar bis p. 59 inkl. (in dieser Ausgabe bis p. 118) an de eo Zu o d secundum Epicurum non beate vivi possit, und von p. 60 is Ende des Heftes (p. 66) an adversus Coloten. Marx gibt die Titel dieser Werke sowohl im Heft selbst, wie auf der Umschlagseite an, wobei er Plutarch als den dritten herangezogenen Autor mit III. bezeichnet. ’) Das Heft beginnt mit folgenden Zitaten aus Plutarch: Plut, de eo . . . 1088 Didot p. 1331, 38—47. Danach folgt dieses Zitat: eh ’ ου καλώς δοκοϋσΐ σοι ποιειν ol άνδρες, άρχόμενοι μέν άπό τοϋ οώματος, έν φ πρώτον έφάνη γένεσις, έπί δέ τήν ψυχήν ώς βεβαιοτέραν, καί τό παν έν αυτή τελειοϋντες; [itane non tibi recte videntur isti facere homines, qui initio facto a corpore, in quo primus ortus voluptatis conspicitur, inde ad animam transeunt, remque in ea absolvant? Plut, de eo . . . 1088 Didot p. 1332, 2—5]. Dazu bemerkt Marx: Die Antwort darauf ist: dieser Übergang sei recht, aber . . . Danach folgt das Zitat: id. ib. 1088 Did. p. 1332, 8—16; zu dieser Stelle bemerkt Marx: Auch hier versteht Plutarch die Kon¬ sequenz des Epikur nicht; daß er einen spezifischen Übergang von der voluptas corporis ad voluptatem animi vermißt, ist immer wichtig und näher zu bestimmen, wie sich dies beim Epikur verhält. Danach zitiert Marx folgende Stellen: id. ib. 1088 Didot p. 1332, 17—20; id. ib. 1089 Didot p. 1332, 23—34; id. ib. 1089 Didot p. 1332, 52— 1333, 2; id. ib. 1089 Didot p. 1333, 2—17. Im Anschluß an diese Stellen folgt der oben wieder gegebene Text. ») Hier zitiert Marx Plut. ib. 1089 Did. p. 1333, 35—38.
108 Die Doktordissertation der Akzidenzen1), wie sollte ihr Schatten eindringen in die feste Phalanx der Αταραξία? Wenn er aber die nächste Voraussetzung des individuellen Geistes, den Körper, als gesund voraussetzt, so ist dies nur die Beziehungs¬ losigkeit dem Geiste in die Nähe gerückt, seine angeborene Natur, d. h. ein gesunder, nicht nach außen differenzierter Körper. Wenn ihm im 5 Leiden diese seine Natur als Phantasien und Hoffnungen einzelner Zu¬ stände vorschwebt, in denen jener charakteristische Stand seines Geistes sich offenbarte, so heißt das nichts, als daß das Individuum als solches seine ideale Subjektivität auf individuelle Art anschaut, eine vollständig richtige Bemerkung. Nach Epikur heißt Plutarchs Einwendung nichts als: 10 die Freiheit des Geistes im gesunden Körper ist nicht vorhanden, weil sie vorhanden ist; denn die Möglichkeit außerhalb schieben, ist überflüssig, eben weil die Wirklichkeit nur als Möglichkeit, als Zufall bestimmt ist.2) Wird dagegen die Sache in ihrer Allgemeinheit betrachtet, so ist es eben Aufgeben der Allgemeinheit, wenn der wahre positive geistige Zustand 15 durch zufällige Einzelheiten sich soll umdüstern lassen; das heißt ja gerade im reinen Äther an die einzelnen Mixturen denken, an den Atem giftiger Pflanzen, an das Einatmen kleiner Tiere, das heißt nicht leben, weil man sterben kann etc.; das heißt, sich den Genuß der Allgemeinheit nicht gewähren, um aus ihr heraus in Einzelheiten zu fallen. Ein solcher 20 Geist treibt sich bloß mit dem Allerkleinsten herum, er ist so vorsichtig, daß er nicht sieht. Will endlich Plutarch sagen, man müsse Sorge tragen, die Gesundheit des Körpers zu erhalten, so sagt auch diese Trivialität Epikur, aber genialer: wer den allgemeinen Zustand als den wahren empfindet, der 25 sorgt am besten dafür, ihn zu erhalten. So ist der gemeine Menschen¬ verstand. Er glaubt, seine albernsten Pinseleien und Gemeinplätze den Philosophen als eine terra incognita gegenüberhalten zu dürfen. Er glaubt, wenn er Eierschalen auf die Köpfe wirft, ein Kolumbus zu sein. Darin hat Epikur, abgesehen von seinem System (denn dieses ist sein 30 summum ius) überhaupt recht, daß der Weise die Krankheit als ein Nichtsein betrachtet, aber der Schein verschwindet. Ist er daher krank, so ist ihm dies ein Verschwinden, das keine Dauer hat; ist er gesund, in seinem wesentlichen Bestehen, so existiert nicht für ihn der Schein, und er hat mehr zu tun, als dran zu denken, daß dieser sein könne. Ist er 35 krank, so glaubt er nicht an die Krankheit, ist er gesund, so ehrt er sie, als sei das sein ihm gebührender Zustand, d. h. er handelt als ein Ge¬ sunder. Wie jämmerlich ist gegen dies entschlossene, gesunde Individuum ein Plutarch, der an den Aischylos, den Euripides und gar an den Doktor Hippokrates sich erinnert, um nur nicht der Gesundheit froh zu werden! 40 Die Gesundheit, als der identische Zustand, vergißt sich von selbst, da ist gar keine Beschäftigung mit dem Körper; diese Differenz beginnt erst in der Krankheit. x) Vgl. Diss. p.42. 2) Vgl. Diss. p. 23.
Aus den Vorarbeiten 109 Epikur will ja kein ewiges Leben: wieviel weniger kann ihm daran liegen, daß der erste Augenblick ein Unglück bergen kann. Ebenso falsch ist folgender Vorwurf des Plutarch: τούς γάρ άδικοϋν- τας καί παρανομονντας άθλίως, φασί, περιφόβως ζην τόν πάντα χρόνον 5 δτι κάν λαθεϊν δύνωνται, πίστιν περί τον λαθεϊν λαβεϊν άδύνατόν έστιν. δθεν ό τον μέλλοντος άεί φόβος έγκείμενος ουκ έφ χαίρειν, ουδέ θα^εϊν έπί τοίς παρονσι. ταϋτα δέ καί πρός έαντσύς είρηκότες λελήθασιν, ενσταθεϊν μέν γάρ έστι καί ύγιαίνειν τφ σώματι πολλάκις, πίστιν δέ λαβεϊν περί τον διαμένειν άμήχανον. άνάγκη δή ταράττεσθαι καί ώδίνειν άεί πρός τό μέλλον ύπέρ τον ίο σώματος, [flagitiosos omne tempus vitae misere et in metu exigere; quod, etsi fallere possint, tarnen spem latendi certam atque indubitatam sibi sumere nullo modo possint; itaque futuri metum identidem incumbentem non sinere eos gaudere, aut praesentibus confidere. non animadvertunt hoc adversum se ipsos esse ab ipsis dictum, saepe enim potest corpus bono in 16 statu esse, ac sanitate frui; explorata spes, fore ut semper eo in statu maneat, fieri potest nulla, necesse est ergo, semper ut perturbere anxiusque sis de corpore propter futura. — Plut, de eo. . . . 1090 Didot p. 1334, 9-18.] Die Sache verhält sich gerade umgekehrt, wie Plutarch meint. Sobald 20 der einzelne das Gesetz bricht und die allgemeine Sitte, so fangen sie erst an, Voraussetzung für ihn zu werden, er tritt in Differenz mit ihnen, seine Rettung aus dieser Differenz wäre nur die πίστις, die aber durch nichts verbürgt ist. [Zufall und Notwendigkeit] 25 Es ist überhaupt das Interessante am Epikur, wie er in jeder Sphäre den Zustand entfernt, wodurch die Voraussetzung als solche zu erscheinen gereizt wird, und den Zustand als den normalen preist, in dem die Vor¬ aussetzung verhüllt ist. Von der bloßen σάρξ ist überhaupt nirgends die Rede. In der strafenden Gerechtigkeit tritt gerade der innere Zusammen- 30 hang, die stumme Notwendigkeit hervor, und diese entfernt Epikur, wie aus der Logik ihre Kategorie, so aus dem Leben des Weisen den Schein ihrer Wirklichkeit. Der Zufall dagegen, daß ein Gerechter leidet, ist nie äußere Beziehung, reißt ihn nicht aus seiner Beziehungslosigkeit heraus. Wie falsch daher auch folgender Einwurf des Plutarch, ergibt sich. 35 τό δέ μηδέν άδικεϊν, ούδέν έστι πρός τό θα$εϊν ού γάρ τό δικαίως παθεϊν, άλλα τό παθεϊν φοβερόν, [iam nihil peccare non eo facit, ut bonus sis animo et rebus tuis fidas. non enim hoc formidamus, ne quid iuste patiamur, sed ne quid omnino patiamur. — Plut de eo . . . 1090 Didot p. 1334, 20—21.] Plutarch meint nämlich, so müsse Epikur seinen Grundsätzen nach io räsonnieren. Es fällt ihm nicht ein, daß Epikur vielleicht andere Grund¬ sätze hat, als er ihm zuschiebt.1) *) Nach dieser Stelle zitiert Marx: Plut. ib. 1090—91 Didot p. 1334, 31—39; id. ib. 1091 Didot p. 1334, 42—45; id. ib. 1091 Didot p. 1334, 49—1335, 2. Zu diesem Zitat bemerkt Marx: Plutarch ruft hier pfui aus! Danach Zitat: id. ib. 1091 Didot p. 1335, 10—22. Marx-Engels-Gesamtauagabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 13
110 Die Doktordiesertation τό γάρ άναγκαίον ούκ άγαθόν έστιν, άλΧ έπέκεινα τής φυγής τών κακών κεϊται τό έφετόν καί τό αίρετόν. (quod enim necessarium est1), id bonum non est, sed ultra fugam mali situm est id quod appeti et deligi débet — PI. ibid. 1091 Didot 1335, 23—25.) Plutarch hat eigenste [?] Weisheit zu reden, wenn er sagt, das Tier suche außer der Notwendigkeit, welche die 5 Flucht vom Übel ist, das Gute, das jenseits der Flucht liegende Gute. Daß das Tier noch ein Gutes jenseits sucht, ist gerade das Tierische an ihm. Bei Epikur gibt es nichts Gutes, was für den Menschen außer ihm läge; das einzige Gute, was er in der Beziehung auf die Welt hat, ist die negative Bewegung, frei von ihr zu sein.2) io Daß dies alles bei Epikur individuell gefaßt ist, liegt im Prinzip seiner Philosophie, die er in allen ihren Konsequenzen ausspricht; die synkretistische gedankenlose Manier Plutarchs kann dagegen nicht auf¬ kommen.3) [Das Verhältnis des Menschen zu Gott] is [1. Die Furcht und das jenseitige Wesen] Eher der Betrachtung wert als die vorhergehenden seichten mora¬ lischen Einwürfe des Plutarch ist seine Polemik gegen die epiku¬ reische Theologie, nicht ihrer selbst wegen, sondern weil es sich zeigt, wie das gewöhnliche Bewußtsein, im ganzen auf epikureischem Boden 20 stehend, sich nur scheut vor der philosophischen offenen Konsequenz. Und dabei muß man immer im Auge halten, daß es dem Epikur weder um die voluptas, noch um die sinnliche Gewißheit, noch um irgend etwas zu tun ist, außer um die Freiheit und Bestimmungslosigkeit des Geistes. Wir gehen daher die einzelnen Betrachtungen des Plutarch 25 durch.4) Die Furcht vor Gott im Sinne Epikurs versteht Plutarch überhaupt nicht, er begreift nicht, wie das philosophische Bewußtsein sich davon zu befreien wünscht. Der gewöhnliche Mensch kennt das nicht. Plutarch 1) Dazu macht Marx am Rande folgende Bemerkung: So ganz andere Anschau¬ ung hat hiervon Aristoteles, der in der Metaphysik lehrt, bei den Freien herrsche die Notwendigkeit mehr als bei den Sklaven! *) Vgl. Diss. p. 22, 31, 40. 3) Danach zitiert Marx folgende Stellen: Plut. ib. 1092 Didot p. 1335, 37—1336, 8; id. ib. 1092 Didot p. 1336, 14—21; id. ib. 1092 Didot p. 1336, 22—30. Dazu bemerkt Marx: Daß die Epikureer die Mathematik zu fliehen gebieten, und zitiert Plut, ib. 1094 Didot p. 1339, 1—3. Dann fährt Marx fort: Ebenso Geschichte etc. Siehe Sextus Empiricus. Was Plutarch zu einem schweren Verbrechen des Metrodorus macht, daß er schreibt: Folgen die Stellen: Plut. ib. 1094 Did. p. 1339, 6—8; id. ib. 1095 Did. p. 1339, 43—48. Dann folgt die Stelle: αύτοί δέ δήπου λέγουσιν ώς τό εύ ποιειν ήδιόν [έστι τοϋ πάσχειν. [ceterum ipsi hoc [Epicurei] dicunt, suavius esse afficere quam affici beneficio. Plut. ib. 1097 Didot p. 1341, 41—42.] Diese αυτοί sind die qui in haeresim Epicuri illapsi καί μήν από δόξης γίνεοΟαί τινας 'Επίκουρος όμολογεϊ (sc. ήδονάς) [porro a gloria etiam quasdam proficisci voluptates Epicurus fatetur. — Plut. ib. 1099 Didot p. 1345, 17—18]. . 4) Marx zitiert hier: Plut. ib. 1101 Did. p. 1346, 23—39 und bemerkt zu μηδέ χαίρειν: d. h. beziehungslos sein.
Aus den Vorarbeiten 111 bringt uns daher triviale Beispiele aus der Empirie, wie wenig schrecklich dieser Glaube dem Publikum ist. Plutarch betrachtet, im Gegensatz zu Epikur, zuerst den Glauben der πολλοί an Gott und sagt, bei diesen habe allerdings von einer Seite diese 5 Richtung die Gestalt der Furcht, nämlich die sinnliche Furcht ist die einzige Form, unter welcher er die Angst des freien Geistes vor einem persönlichen allmächtigen, die Freiheit in sich absorbierenden, also von sich ausschließenden, Wesen begreifen kann. Nun meint er: 1. Diese Fürchtenden δεδιότες γάρ ώςπερ άρχοντα χρηστοΐς ήπιον, απεχθή ίο δέ φαύλοις, ένΐ φόβφ, δι' δν ού δέουσι πολλών, έλευθεροϋνταί τε του αδικειν και παρ' αύτοϊς άτρέμα τήν κακίαν έχοντες οίον άπομαραινομένην, ήττον ταράττονται τών χρωμένων αύτή και τολμωντων, είτ' ευθύς δεδιότων καί μεταμελομένων. [qui autem eum timent ut princîpem bonis benignum, malis infestum, per unum ilium metum, per quem non opus habent pluribus 15 a peccando liberantur, ipsi intra se continent malitiam sensim conta- bescentem, itaque minus animo conturbantur, quam qui ei indulgent audentque scelera ac statim deinde metu et poenitentia corripiuntur. — Plut. ib. 1101 Didot p. 1347, 5-11.] Also durch diese sinnliche Furcht werden sie beschützt vor dem 20 Bösen, als wenn diese immanente Furcht nicht das Böse wäre? Was ist denn der Kern des empirisch Bösen? Daß der Einzelne in seine empi¬ rische Natur gegen seine ewige Natur sich verschließt; aber ist das nicht dasselbe, als wenn er seine ewige Natur von sich ausschließt, sie in der Form des Beharrens der Einzelheit in sich, der Empirie faßt, also als 25 einen empirischen Gott außer sich anschaut? Oder soll auf der Form der Beziehung der Akzent liegen? So ist der Gott bestrafend den Bösen, mild dem Guten, und zwar ist das Böse hier das dem empirischen Indi¬ viduum Böse, und das Gute das dem empirischen Individuum Gute, denn wo sollte sonst diese Furcht und Hoffnung herkommen, da es dem Indi- 30 viduum um das ihm Gute und Böse zu tun ist ? Gott ist in dieser Beziehung nichts als die Gemeinschaftlichkeit aller Folgen, die empirische böse Handlungen haben können. Also aus Furcht, daß durch das Gute, welches das empirische Individuum in böser Tat sich erwirbt, größere Übel folgen und größeres Gutes entgehe, handelt es nicht böse, also damit die Kon- 55 tinuität seines Wohlseins nicht gestört wird durch die immanente Mög¬ lichkeit, aus derselben herausgerissen zu werden? Ist das nicht dasselbe, was Epikur mit glatten Worten lehrt: handle echt und ernst, damit du nicht die stete Furcht behältst, bestraft zu werden. Diese immanente Beziehung des Individuums zu einer άταραξία wird nun 40 hergestellt als die Beziehung zu einem außer ihm seienden Gott, der aber wieder keinen Inhalt hat als eben diese αταραξία, die hier Kontinuität des Wohlseins ist. Die Furcht vor der Zukunft, dieser Zustand der Unschuld wird hier eingeschoben in das ferne Bewußtsein Gottes, als ein Zustand betrachtet, der in ihm schon präexistiert, aber auch erst als Drohung, 46 also gerade wie im individuellen Bewußtsein. 13·
112 Die Doktordissertation [2. Der Kultus und das Individuum] Zweitens sagt Plutarch, daß diese Richtung auf Gott auch voluptas gewähre.1) Ferner erzählt er, daß Greise, Frauen, Kaufleute, Könige sich an festlichen religiösen Tagen freuen«9) 5 Es ist etwas näher zuzusehen, wie Plutarch diese Freude, diese voluptas, beschreibt. Erstens sagt er, daß die Seele dann am meisten befreit ist von Trauer, Furcht und Sorge, wenn Gott gegenwärtig ist. Also ist die Gegenwart Gottes bestimmt als die Freiheit der Seele von Furcht, Trauer, Sorge. 10 Diese Freiheit äußert sich im ausgelassenen Jubel, denn das ist die positive Äußerung der individuellen Seele von diesem ihrem Zustand. Ferner: Die zufällige Verschiedenheit der individuellen Stellung fällt bei dieser Freude weg. Also ist die Entleerung des Individuums von seinen anderweitigen Bestimmungen, das Individuum als solches in dieser Feier 15 bestimmt, und das ist eine wesentliche Bestimmung. Endlich ist es nicht der separate Genuß, sondern die Sicherheit, daß der Gott nichts Getrenntes ist, sondern den Inhalt hat, sich zu freuen an der Freude des Individuums, wohlwollend auf sie herabzusehen, also selbst in der Bestimmung des sich freuenden Individuums zu sein. Was also hier vergöttert und gefeiert 20 wird, ist die vergötterte Individualität, als solche, von ihren gewöhn¬ lichen Leiden befreit, also der σοφός des Epikur mit seiner Αταραξία. Es ist das Nichtdasein des Gottes als Gott, sondern als das Dasein der Freude des Individuums, die gebetet wird. Weiter hat dieser Gott keine Bestimmung. Ja, die wirkliche Form, in der diese Freiheit des Indi- 25 viduums hier hervortritt, ist der Geist, und zwar der einzelne, der sinn¬ liche, der Geist, der erst gestört wird. Diese Αταραξία schwebt also als das allgemeine Bewußtsein über den Köpfen; aber ihre Erscheinung ist die sinnliche voluptas, wie bei Epikur, nur ist dort totales Bewußtsein des Lebens, was hier lebendiger einzelner Zustand, daß aus diesem Grunde so bei Epikur die einzelne Erscheinung gleichgültiger und beseelter von ihrer Seele, der αταραξία, dort sich dies Element mehr in die Einzelheit verliert und beides sich unmittelbar vermischt, also auch unmittelbar geschieden ist. So traurig steht es mit der Unterscheidung des Göttlichen, die Plutarch gegen den Epikur geltend macht, und wenn, um noch eine 35 Bemerkung zu machen, Plutarch sagt, daß Könige sich nicht so sehr an ihren publicis conviviis et viscerationibus als an den Opfcrmahlzeiten freuen, so heißt das nichts, als daß dort der Genuß als etwas Mensch¬ liches, Zufälliges, hier aber als Göttliches, der individuelle Genuß als Göttliches angeschaut wird; was also gerade epikureisch ist. 40 Ό Marx zitiert Plut. ib. 1101 Did. p. 1347, 24—28. ’) Marx zitiert Plut. ib. 1102 p. 1347, 42—46.
Aus den Vorarbeiten 113 [3. Die Vorsehung und der degradierte Gott] 3. In diesem Verhältnis der πονηροί und πολλοί [mali et vulgus homi- num] zu Gott unterscheidet Plutarch das Verhältnis des βέλτιστον άνθρώπων καί Οεοφιλέστατον γένος [hominum praestantissimum et diis amicissimum s genus — Plut ib, 1102 Didot p. 1348, 20—21]. Wir wollen sehen, was er hier dem Epikur abgewinnt.1) Der philosophische Sinn davon, daß Gott der ήγεμών άγαθών [bonorum princeps] und der Vater πάντων καλών [omnium pulchrarum rerum] ist, ist der, daß dieser nicht ein Prädikat Gottes, sondern daß die Idee des io Guten das Göttliche selbst ist Allein in der Bestimmung des Plutarch liegt ein ganz anderes Resultat. Das Gute wird im strengsten Gegensatz gegen das Böse genommen, denn das erste ist eine Manifestation der Tugend und der Macht, das andere der Schwäche, der Privation und der Schlechtigkeit. Aus Gott ist also das Urteil, die Differenz entfernt, und das ist gerade ein 15 Hauptsatz des Epikur, der deswegen konsequent diese Differenzlosigkeit im Menschen sowohl theoretisch als praktisch in seiner unmittelbaren Identität, der Sinnlichkeit findet, in Cott als Leere, reines otium.2) Der Gott, der als das Gute durch Wegschieben des Urteils bestimmt ist, ist das Leere, denn jede Bestimmtheit trägt eine Seite an sich, die sie gegen 20 anderes erhält und in sich verschließt, offenbart also im Gegensatz und Widerspruch ihre όργή, ihr μίσος, ihren φόβος, sich aufzugeben. Plutarch hat also dieselbe Bestimmung wie Epikur, nur als Bild, als Vorstellung, was dieser bei seinem begrifflichen Namen nennt und das menschliche Bild wegstreift. 25 Schlecht klingt daher die Frage: άρά γε δίκης έτέραι οϊεσθε δεϊσθαι τούς άναιρονντας τήν πρόνοιαν; καί ούχ Ικανήν έχειν, έκκόπτοντας έαυτών ήδονήν καί χαράν τοσαύτην. [ergo ne aliam mereri poenam putemus eos qui providentiam tollunt? non satis hoc ipso puniri, quod tantum sibi voluptatis atque gaudii adimunt. — Plut. ib. 1103 Didot p. 1348, 44—46.] 3o Denn es ist im Gegenteil zu behaupten, daß der mehr Wollust in der Betrachtung des Göttlichen fühle, der es als die reine Seligkeit in sich, ohne alle begrifflos anthropomorphischen Beziehungen anschaut, als um¬ gekehrt. Es ist schon die Seligkeit selbst, den Gedanken reiner Seligkeit zu haben, sei sie noch so abstrakt gefaßt, was wir an den indischen 35 Mönchen sehen. Ohnedem hat Plutarch die πρόνοια aufgehoben, indem er das Böse, die Differenz Gott gegenüber gesetzt hat. Seine weiteren Ausmalungen sind rein begriffslos und synkretistisch; ohnehin zeigt er in allem, daß es ihm bloß um das Individuum, nicht um Gott zu tun ist Epikur ist daher so ehrlich, Gott sich auch nicht um das Individuum 40 bekümmern zu lassen. Die innere Dialektik seiner Gedanken führt daher den Plutarch not¬ x) Marx gibt hier die Stelle: Plut. ib. 1102 Did. p. 1348, 21—34, mit den ein? leitenden Worten: Plutarch sagt: . . . 2) Vgl. Diss. p. 30.
114 Die Doktordissertation wendig darauf zurück, statt vom Göttlichen von der individuellen Seele zu sprechen, und er kommt auf den λόγος περί ψυχής. Von Epikur wird gesagt: ώςτε ύπερχαίρειν τό πάνσοφον τούτο δόγμα και θειον παραλαβούσαν, δτι τού κακώς πράττειν πέρας έστιν αύτή τό άπολέσθαι καί φθαρήναι καί μηδέν είναι, [adeo ut summo afficiatur gaudio sapiens hoc et divinum 5 decretum arripiens, miseriarum sibi finem esse interire, perdi, nihil esse. — Plut. ib. 1103 Didot p. 1349, 48-51.] Man muß sich ja nicht durch die salbungsvollen Worte des Plutarch irremachen lassen. Wir werden sehen, wie er jede seiner Bestimmungen aufhebt. Schon der künstliche Fallschirm του καλώς πράττειν πέρας, in dem 10 das άπολέσθαι und φθαρήναι und μηδέν είναι im Gegensatz, zeigt, wo der Schwerpunkt liegt, wie dünn die eine Seite und wie dreifach intensiv die andere. [Die individuelle Unsterblichkeit] [1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels] 15 Die Betrachtung wird wieder eingeteilt in das Verhältnis τών άδικων και πονηρών [iniustorum et malorum], dann der πολλών καί Ιδιωτών [vulgi et rudium] und endlich der έπιεικών καί νούν έχόντων [bonorum et prudentum] Plut. ib. 1104 [Didot p. 1350, 17—19] zu der Lehre von der Fortdauer der Seele. Schon diese Einteilung in feste qualitative 20 Unterschiede zeigt, wie wenig Plutarch den Epikur versteht, der als Philosoph das Verhältnis der menschlichen Seele überhaupt betrachtet, und wenn er trotz ihrer Bestimmung als einer vergänglichen der ήδονή gewiß bleibt, so hätte Plutarch sehen müssen, daß jeder Philosoph un¬ willkürlich eine ήδονή preist, die ihm fremd ist in seiner Borniertheit. 25 Für die Ungerechten wird nun wieder die Furcht angeführt als Besserungs¬ mittel. Wir haben diesen Einwurf schon betrachtet. Indem in der Furcht, und zwar einer inneren, nicht zu löschenden Furcht, der Mensch als Tier bestimmt ist, so ist es bei einem Tiere überhaupt gleichgültig, wie es in Schranken gehalten wird. 30 Hält ein Philosoph es nicht für das Schimpflichste, den Menschen als Tier zu betrachten, so ist ihm überhaupt nichts mehr begreiflich zu machen.1) Wir kommen jetzt zur Ansicht der πολλοί, obgleich es sich am Ende zeigt, daß wenige davon ausgenommen sind, ja, um eigentlich zu reden, 35 alle, δέω λέγειν πάντας [dicere ausim omnes] Plut. ib. 1105 [Didot, p. 1351, 35], zu dieser Fahne schwören. Der qualitative Unterschied von der vorhergehenden Stufe existiert eigentlich nicht, sondern was früher in der Gestalt der tierischen Furcht erschien, erscheint hier in der Gestalt der menschlichen Furcht, der Ge- 40 fühlsform. Der Inhalt bleibt derselbe. Ό Hier zitiert Marx folgende Stellen: Plut. ib. 1104 Did. p. 1350, 32—42; id. ib. 1105 Did. p. 1351, 10-38.
Aus den Vorarbeiten 115 Es wird uns gesagt, daß der Wunsch des Seins die älteste Liebe ist; allerdings, die abstrakteste und daher älteste Liebe ist die Selbstliebe, die Liebe seines partikularen Seins. Doch , das war eigentlich zu sehr die Sache herausgesagt, sie wird wieder zurückgenommen und ein veredelter 5 Glanz um sie geworfen durch den Schein des Gefühls. Also wer Weib und Kinder verliert, wünscht eher, daß sie irgendwo seien, wenn es ihnen auch schlecht geht, als daß sie gänzlich aufgehört haben. Wenn es sich bloß um Liebe handelte, so ist das Weib und das Kind des Individuums als solches am tiefsten und reinsten auf bewahrt im jo Herzen dieses Individuums, ein viel höheres Sein als das der empi¬ rischen Existenz. Allein die Sache steht anders. Das Weib und Kind ist bloß als Weib und Kind in empirischer Existenz, insofern das Individuum selbst empirisch existiert. Daß es sie also lieber irgendwo, in räumlicher Sinnlichkeit, gehe es ihnen auch schlecht, wissen will, als gar nicht, heißt 15 weiter nichts, als daß das Individuum das Bewußtsein seiner eigenen empirischen Existenz haben will. Der Mantel der Liebe war bloß ein Schatten, das nude empirische Ich, die Selbstliebe, die älteste Liebe ist der Kern, hat in keine konkretere, idealere Gestalt sich verjüngt. Ange¬ nehmer, meint Plutarch, klingt der Name der Veränderung als des gänz- 20 liehen Aufhörens. Allein die Veränderung soll keine qualitative sein, das einzelne Ich in seinem einzelnen Sein soll verharren, der Name ist also bloß die sinnliche Vorstellung dessen, was er ist, und soll das Gegenteil bedeuten. Er ist also eine lügenhafte Fiktion. Die Sache soll nicht ver¬ ändert, sondern nur in einen dunklen Ort gestellt werden, das Zwischen- 25 schieben phantastischer Ferne soll den qualitativen Sprung, und jeder qualitative Unterschied ist ein Sprung, ohne dies Springen keine Idealität, soll ihn verhüllen. [2. Die Sehnsucht der Vielen] Ferner meint Plutarch, dies Bewußtsein der Endlichkeit mache un- 30 kräftig und tatlos, [. ? ,]1) Verstimmung gegen das gegenwärtige Leben; allein das Leben vergeht ja nicht, sondern dies einzelne Sein. Betrachtet sich dies einzelne Sein als ausgeschlossen von diesem verharrenden all¬ gemeinen Leben, kann es dadurch reicher und voller werden, daß es seine Winzigkeit eine Ewigkeit fortträgt? Ändert diese sein Verhältnis, 35 oder bleibt es vielmehr nicht in seiner Unlebendigkeit verknöchert? Ist es nicht dasselbe, ob es heute in diesem indifferenten Verhältnis zum Leben sich befindet oder ob dies hundert Jahrtausende dauert? Endlich spricht Plutarch es geradezu heraus, daß es nicht auf den Inhalt, auf die Form, sondern auf das Sein des einzelnen ankommt. 40 Sein, wenn auch vom Cerberus zerfleischt werden’). Welches ist also der Inhalt seiner Unsterblichkeitslehre? Daß das Individuum, von der x) Unleserliches Wort. Etwa verursache ’) Dieser Satz ist nachträglich zwischen zwei Zeilen eingeschoben.
116 Die Doktordissertation Qualität abstrahiert, die ihm hier seine individuelle Stellung gibt, nicht als das Sein von einem Inhalt, sondern als die atomistische Form des Seins verharrt; ist das nicht dasselbe, was Epikur sagt, daß die indi¬ viduelle Seele aufgelöst wird und in die Form der Atome zurückfällt? Diesen Atomen als solchen Gefühl zuschreiben, obgleich zugegeben 5 wird, daß der Inhalt dieses Gefühls gleichgültig ist, ist bloß eine inkonse¬ quente Vorstellung. Plutarch trägt also in seiner Polemik gegen Epikur die epikureische Lehre vor; er vergißt jedoch nicht, überall das μή είναι als das Schrecklichste darzustellen. Dieses reine Fürsichsein ist das Atom. Wenn überhaupt dem Individuum nicht in seinem Inhalt, der, 10 insofern er allgemeiner ist, an sich selbst allgemein existiert, insofern er Form ist, sich ewig individualisiert, wenn ihm als individuellem Sein die Unsterblichkeit zugesichert wird, so fällt der konkrete Unterschied des Fürsichseins, und es ist bloß die Behauptung, daß das Atom als solches ewig ist und das Beseelte in diese seine Grundform zurückgeht. 25 Epikur trägt insofern diese Unsterblichkeitslehre vor, aber er ist philosophisch und konsequent genug, es bei seinem Namen zu nennen, zu sagen, daß dies Beseelte in die atomistische Form zurückkehrt. Es hilft da keine Halbheit. Muß irgend ein konkreter Unterschied des Indi¬ viduums fallen, was dies Leben selbst zeigt, so müssen alle fallen, die 20 nicht an sich allgemein und ewig sind. Soll das Individuum nichtsdesto¬ weniger gegen diese μεταβολή [mutatio] gleichgültig sein, so bleibt bloß diese atomistische Hülse des früheren Inhalts, das ist die Lehre von der Ewigkeit der Atome. Wem Ewigkeit ist wie Zeit 25 Und Zeit wie Ewigkeit, Der ist befreit Von allem Streit sagt Jacobus Boehmius, denn der Unterschied heiße nicht, daß das Indi¬ viduum fortbestehe, sondern daß das Ewige gegen das Vergängliche 30 besteht. [3. Der Hochmut der Auserwählten] Wir kommen jetzt zu der Klasse der έπιεικών καί νουν έχόντων [bonorum et prudentum]. Es versteht sich, daß durchaus nicht über das frühere hinausgegangen wird, sondern was zuerst als tierische Furcht, dann als 35 menschliche Furcht, als bange Klage, als das Sträuben vor dem Auf geben des atomistischen Seins erschien, erscheint jetzt in der Form der Arroganz, der Forderung und der Berechtigung. Dieser Klasse geht daher, wie Plutarch sie bestimmt, am meisten der Verstand aus. Die unterste macht keine Prätensionen, die zweite weint und will sich alles 40 gefallen lassen, um das Atomistische zu retten, die dritte ist der Philister, der ausruft: mein Gott, das wäre aber noch schöner! So ein kluger, ehrlicher Kerl sollte zum Teufel müssen!
Aus den Vorarbeiten 117 διό τή δόξη τής άθανααίας συναιροϋσιν τάς ήδίατας έλπίόας καί με- γίοτας τών πολλών, [ita Epicureorum ratio cum immortalitatis opinione iucundissimas plurorumque hominum et maximas spes tolliL — Plut, ib. 1105 Didot p. 1352, 1—2.] Wenn also Plutarch sagt, daß Epikur mit 5 der Unsterblichkeit die schönsten Hoffnungen der Menge hinwegnimmt, so hätte er viel richtiger gesagt, was er anders meinend sagt: ουκ άναιρεϊ, άλλ9 ώςπερ άπόδειξιν αν τον προςτίθησι. [non tollit mortis metum, sed quasi demonstrationem eius adiicit. — Plut. ib. 1105 Didot p. 1351, 28-29]. io Epikur hebt diese Ansicht nicht auf, er erklärt sie, er bringt sie auf ihren begriffsmäßigen Ausdruck.1) Also diese guten und klugen Männer erwarten den Lohn des Lebens nach dem Leben, allein wie inkonsequent ist es in diesem Fall, wieder als Lohn das Leben zu erwarten, da ihnen doch der Lohn des Lebens ein 15 qualitativ vom Leben Unterschiedenes ist. Dieser qualitative Unterschied wird wieder in eine Fiktion eingekleidet, das Leben wird in keine höhere Sphäre aufgehoben, sondern an einen anderen Ort getragen. Sie stellen sich also nur, als verachteten sie das Leben, es ist ihnen um nichts Besseres zu tun, sie kleiden nur ihre Hoffnung in eine Forderung ein. 2o Sie verachten das Leben, aber ihre atomistische Existenz ist das Gute in demselben, und die Ewigkeit ihrer Atomistik, die das Gute ist, begehren sie. Wenn ihnen das ganze Leben als Schattenbild, als ein Schlechtes vor¬ kam, woher haben sie das Bewußtsein, gut zu sein? Bloß in dem Wissen von sich, als dem atomistischen Sein; und Plutarch geht so weit, daß sie 25 fast zufrieden sind mit diesem Bewußtsein, daß — weil das empirisch Einzelne nur ist, insofern es von einem anderen gesehen wird — diese guten Männer sich nun freuen, daß nach dem Tode diejenigen, die sie bis dato verachtet haben, nun wirklich sie sehen als die Guten und anerkennen müssen und gestraft werden, weil sie sie nicht für das Gute halten. Welche 30 Forderung! Die Schlechten sollen sie anerkennen im Leben als die Guten, und sie erkennen selbst die allgemeinen Mächte des Lebens nicht als das Gute an! Ist das nicht den Stolz des Atoms auf die höchste Spitze geschraubt? Ist es da nicht mit dürren Worten gesagt, wie übermütig und dünkelhaft das Ewige und wie ewig das trockene Fürsichsein ohne allen 35 Inhalt gemacht wird! Es hilft nichts, das unter Floskeln zu verbergen, zu sagen, daß keiner hier seine Wißbegierde befriedigen könne. Diese Forderung drückt weiter nichts aus, als daß das Allgemeine in der Form der Einzelheit, als Bewußtsein sein müsse, und diese Forderung erfüllt das Allgemeine ewig. Insofern aber wieder verlangt wird, daß io es in diesem empirischen ausschließenden Fürsichsein vorhanden sei, so heißt das nichts, als daß es nicht um das Allgemeine, sondern um das Atom zu tun ist. O Hier zitiert Marx Plut. ib. 1105 Did. p. 1352, 2—22.
118 Die Doktordissertation Wir sehen also, wie Plutarch in seiner Polemik gegen Epikur Schritt vor Schritt dem Epikur sich in die Arme wirft; nur daß dieser einfach, abstrakt, wahr und dürr die Konsequenzen entwickelt und weiß, was er sagt, während Plutarch überall etwas anderes sagt, als er zu sagen meint aber im Grund auch etwas anderes meint, als er sagt. Das ist überhaupt 5 das Verhältnis des gewöhnlichen Bewußtseins zum philosophischen. [Kritik der Plutarchischen Ansichten über ändere Philosophen, namentlich über Plato]1) Hat im vorigen Dialog Plutarch dem Epikur nachzu weisen gesucht, quod non beate vivi posait nach seiner Philosophie, so sucht er jetzt 10 die δόγματα der übrigen Philosophen gegen diesen Vorwurf von Seiten der Epikureer zu rechtfertigen. Wir werden sehen, ob diese Aufgabe ihm besser gelingt als die vorige, deren Polemik eigentlich ein Panegyrikos auf Epikur genannt werden kann. Wichtig ist dieser Dialog für das Ver¬ hältnis des Epikur zu den anderen Philosophen. Es ist ein guter Witz 15 des Colotes, wenn er dem Sokrates statt Brot Heu anbietet und ihn fragt, warum er die Speise nicht ins Ohr, sondern in den Mund steckt. Sokrates trieb sich in ganz Kleinem herum, eine notwendige Folge seiner geschicht¬ lichen Stellung.’) Plutarch fühlt überall ein Jucken, wo die philosophische Konsequenz 20 des Epikur hervorbricht. Der Philister meint, wenn einer bestreite, daß das Kalte nicht kalt, das Warme nicht warm sei, je nachdem es die Menge nach ihrem Sensorium beurteilt, so täusche er sich selbst, wenn er nicht behaupte, es sei weder das eine, noch das andere. Der Mann sieht nicht ein, daß damit der Unterschied bloß aus der Sache in das Bewußtsein 25 geschoben ist. Will man diese Dialektik der sinnlichen Gewißheit in ihr selbst lösen, so muß es heißen, die Eigenschaft sei in dem Zusammen, in der Beziehung des sinnlichen Wissens auf das Sinnliche, also, da diese Be¬ ziehung eine unmittelbar verschiedene ist, unmittelbar verschieden. Es wird damit weder in die Sache, noch in das Wissen der Fehler geschoben, 30 sondern das Ganze der sinnlichen Gewißheit wird als dieser schwankende Prozeß betrachtet Wer nicht die dialektische Macht hat, diese Sphäre total zu negieren, wer sie stehen lassen will, der muß auch mit der Wahr¬ heit zufrieden sein, wie sie sich innerhalb ihrer vorfindet. Plutarch ist zu dem einen zu impotent, zu dem anderen ein zu ehrlicher kluger Herr.3 ) 35 Also, sagt Plutarch, müßte man von jeder Eigenschaft sagen, daß sie nicht mehr ist als nicht ist; denn das ändert sich, je nachdem einer affiziert O Die folgenden Ausführungen knüpfen an die Abhandlung Plutarchs ad ver¬ sus Coloten an. Marx zitiert zuerst folgende Stelle: Plut. adv. Coloten, 1107 Did. p. 1354, 29—32. ’) Hier zitiert Marx folgende Stellen: Plut. ib. 1108 Did. p. 1356, 5—10; id. ib. 1110 Did. p. 1357, 38—41. ’) Hier zitiert Marx: Plut. ib. 1110 Did. p. 1358, 18—20.
Aus den Vorarbeiten 119 wird. Allein seine Frage zeigt schon, daß er die Sache nicht versteht. Er spricht von dem festen Sein oder Nichtsein als Prädikat. Aber das Sein des Sinnlichen ist vielmehr, kein solches Prädikat zu sein. Kein festes Sein oder Nichtsein. Wenn ich diese also trenne, so trenne ich 5 gerade, was in der Sinnlichkeit nicht getrennt ist. Das gewöhnliche Denken hat immer abstrakte Prädikate fertig, die es trennt von dem Subjekt. Alle Philosophen haben die Prädikate selbst zu Subjrieten gemacht.1) Wenn Plutarch über die Ideenlehrer, Plato, sagt, ον παρορώ ro αίσθητόν, άλλά τό νοητόν είναι λέγει [bei Didot ον παρορώ τό αίσθητόν ονδέ παρορφ τό ίο νοητόν neque sensibilia negligit, neque negligit intelligibilia — Plut. adv. Coloten 1116 Didot p. 1365, 6—7], so sieht der dumme Ekletiker nicht, daß eben dies dem Plato vorgeworfen ist. Er hebt das Sinnliche nicht auf, aber er behauptet vom Gedachten das Sein. Das sinnliche Sein kömmt so nicht zu Gedanken, und das Gedachte fällt auch in ein Sein, so daß zwei 15 seiende Reiche nebeneinander bestehen. Man kann hier sehen, welchen An¬ klang der platonische Pedantismus besonders leicht beim gemeinen Mann findet, und Plutarch können wir hinsichtlich seiner philosophischen Ein¬ sichten zu dem gemeinen Mann rechnen. Versteht sich, was bei Plato originell, notwendig, auf einer gewissen Stufe der allgemeinen philosophi- 20 sehen Bildung prächtig erscheint, das ist bei einem Individuum, das an der Schwelle der alten Welt sitzt, die schale Erinnerung an den Rausch eines Toten, eine Lampe aus der antediluvianischen Zeit, die Widerlichkeit eines alten Mannes, der in das Kindesalter zurückgefallen ist. Besser kann man den Plato nicht kritisieren, als Plutarch ihn lobt: 25 ουδέ άναιρεΐ τά γινόμενα και φαινόμενα περί ήμάς τών παθών άλλά δτι βε¬ βαιότερα τούτων έτερα καί μονιμώτερα (lauter begriffslose, aus der Sinn¬ lichkeit abstrahierte Vorstellungen) πρός ονσίαν έστί, τό μήτε γίνεσθαι, μήτ άπόλλνσθαι, μήτε πάσχειν (man bemerke μήτε-μήτε-μήτε — 3 negative Bestimmungen) μηδέν ένδείκννται τοΐς έπομένοις, καί διδάσκει καθαρωτερον Μ τής διαφοράς άπτομένονς τοΐς όνόμασι (richtig, der Unterschied ist ein nomineller), τά μέν δντα, τά δέ γινόμενα προςαγορεύειν. [neque tollit eas affectiones, quae nobis accidunt et sensu percipiuntur; sed his firmiora et *) Hier folgt eine lange Reihe von Zitaten, gegliedert durch Überschriften: a) Epikur und Demokrit Plut. adv. Col. 1111 Did. p. 1358, 29—1359, 43; b) Epi- kur und Empedokles. Plut. ib. 1112 Did. p. 1359, 43—1360, 33; id. ib. 1112 Did. p. 1360, 35—1361, 2; id. ib. 1112 Did. p. 1361, 6—8. Empedokles wird angeführt: Plut. ad. Col. 1113, Didot p. 1361, 18—1362, 12; c) Epikur und Parmenides. Plut. adv. Col. 1114 Did. p. 1362, 22—1363, 20; id. ib. 1114 Did. p. 1363, 26—29. Dann folgen genauere Ausführungen über d) Epikur und Plato. Sie be¬ ginnen mit der Bemerkung: Als ein Beweis des unphilosophischen Sinns des Plutarch kann z. B. folgende Stelle über den Aristoteles dienen: Plut adv. Col. 1115 Did. p. 1364, 2—9; id. ib. 1115 Did. p. 1364, 22—31. Dazu bemerkt Marx: Wieder eine Stelle, aus der man die immanente, selbstgefällige Dummheit beati Plutarchi er¬ kennen kann. Nach Beendigung des Zitats Plut. ib. 1115 Did. p. 1364, 31—34, folgen zusammenhängendere Ausführungen, die wir oben geben. Die danach folgende Fortsetzung der Exzerpte aus Plutarch über einzelne griechische Philosophen und philos. Schulen registrieren wir in der Fußnote 4, nächste Seite.
120 Die Doktordissertation constantioris esse alia ostendit naturae, eo quod neque oriantur neque intereant neque perpetiantur quicquam: ac discrimen illud subtilius ver- bis exprimere docet successores, ut alia entia, alia fientia appellent — Plut ib. 1116 Didot p. 1365, 7-13.] 9 Nun wendet sich Plutarch an den Colotes und fragt, ob sie nicht selbst 5 den Unterschied zwischen festem und vergänglichem Sein machen, etc.’) Es ist amüsant, dieser gespreizten, sich klug dankenden Ehrlichkeit zu¬ zuhören. Er selbst, nämlich Plutarch, bringt die platonische Differenz des Seins auf zwei Namen herab, und dennoch sollen von der anderen Seite die Epikureer Unrecht haben, wenn sie beiden Seiten ein festes Sein zu- no schreiben (sie unterscheiden indes recht gut das άφθαρτον und Αγέννητο? von dem, was durch Zusammensetzung ist): tut dies nicht auch Plato, wenn das είναι fest auf der einen Seite, auf der anderen das γενέσθαι sitzt?’)4) O Hier zitiert Marx: Plut. adv. Col. 1116 Did. p. 1365, 13—20. 2) Danach bemerkt Marx: Jetzt wird Plutarch schalkhaft und spricht wie folgt. Zitat: Plut. ib. 1116 Didot p. 1365, 35—45. 9 Das letzte Blatt des Heftes ist abgerissen. 4) Fortsetzung und Schluß der auf p. 119, Fußnote 1, registrierten Exzerpte, zugleich der Schluß der an Plutarchus adversus Coloten anschließenden Notizen befinden sich schon im IV. Heft von Marx, wo sie die ersten zwei Seiten einnehmen. Marx führt dort zuerst die Stellen aus Plutarch über e) Epikur und Sokrates an. Er zitiert folgende Stelle: έν γάρ έστι τών 'Επικούρου δογμάτων τό μηδέν Αμετα- πείοτως πεπεΐσθαι μηδένα πλήν τόν σοφόν [est enim unum de Epicuri decretis, nihil cuiquam de certo persuasum esse, ut de sententia deduci non possit, excepto sapiente. — PI. adv. Col. 1117 Didot p. 1367, 12—14]. Dazu bemerkt er: Eine wichtige Stelle für das Verhältnis Epikurs zur Skepsis. Dann zitiert er noch: Plut. adv. Col. 1118 Didot p. 1367, 33—39; ib. 1118 Didot p. 1367, 43—47. Danach führt Marx die Stellen über f) Epikur und Stilpo an: Plut. 1119 Didot p. 1369, 11—15. Dazu bemerkt Marx: Während man vom Colotes wirklich gestehen muß, daß er die Schwächen des Gegners herauszufühlen weiß, gehen dem Plutarch so sehr alle philo¬ sophischen Fühlhörner ab, daß er nicht einmal weiß, worum es sich handelt, sondern wenn der Satz der abstrakten Identität als Tod alles Lebens ausgesprochen und ge¬ rügt wird, folgende pinselhafte, des dümmsten Dorfschulmeisters würdige Replik entgegenwirft. Folgen die Zitate: ib. 1119 Didot p. 1369, 17—31; ib. 1120 Didot p. 1369, 44— 54. Dazu bemerkt Marx: Eine sehr gute und wichtige Auseinander¬ setzung von Stilpo. Dann folgen Stellen über g) EpikurunddieCyrenaiker: ib. 1120 Didot 1370, 34—50 ib. 1121; Didot 1371, 4-17; zu h) Epi kur und dieAkademiker (Arkesilaos) führt Marx folgendes aus: Was Plutarch hierüber sagt, beschränkt sich darauf, daß die Akademiker drei Bewegungen φανταστικού καί όρμητικοϋ καί συγκαταθετικοϋ [tria animi motuum généra, imaginans, appe- tens, assentiens, — PI. adv. Col. 1121 Didot p. 1372, 31—32] annehmen, in der letzten ist der Irrtum; so fällt nicht das Sinnliche praktisch und theoretisch fort, sondern die Meinung. Den Epikureern sucht er nachzuweisen, daß sie viel Evidentes be¬ zweifeln.
[Aus dem IV. Heft]') [Plutarch und Lukrez] 5 10 15 20 25 Wie die Natur im Frühling sich nackt hinlegt und gleichsam sieg¬ bewußt alle ihre Reize zur Schau stellt, während sie im Winter ihre Schmach und Kahlheit verdeckt mit Schnee und Eis, so verschieden ist Lucretius, der frische, kühne, poetische Herr der Welt vom Plutarch, der im Schnee und Eis der Moral sein kleines Ich zudeckt. Wenn wir ein ängstlich-zugeknöpftes, in sich geducktes Individuum sehen, so greifen wir unwillkürlich nach Rat und Hilfe, sehen, ob wir auch noch da sind, und fürchten uns gleichsam zu verlieren. Aber beim Anblick eines bunten Luftspringers vergessen wir uns und fühlen wir uns über unsere Haut erhaben als allgemeine Mächte und atmen kühner. Wem ist es sittlicher, freier zumute, einem, der eben aus der Schulstube des Plutarch kömmt, über die Ungerechtigkeit nachdenkend, daß die Guten mit dem Tode die Frucht ihres Lebens verlieren, oder einem, der die Ewigkeit erfüllt sieht, das kühne donnernde Lied des Lucretius: — — — — — — — — — — acri percussit thyrso laudis spes magna meum cor et simul incussit suavem mi in pectus amorem Musarum, quo nunc instinctus mente vigenti avia Pieridum peragro loca nullius ante trita solo, iuvat integros accedere fontis atque haurire, iuvatque novos decerpere flores insignemque meo capiti petere inde coronam, unde prius nulli velarint tempora Musae; primum quod magnis doceo de rebus et artis *) Die Umschlagseite dieses Heftes trägt zwei Überschriften. Die erste lautet: Philosophische Aphorismen. K. H. Marx. st. j. Berlin. Sommer 1839. Tatsächlich aber enthält das Heft die Fortsetzung der Vorarbeiten zur Dissertation, was die zweite und wirklich gültige Überschrift anzeigt: Epikureische Philosophie. 4tes Heft. K. Marx. 1839. Sommersemester. III. PI ut archus 2) Colotes. IV. Lucretius de rerum natura (libri très 1. 2. 3.). Die ersten zwei Seiten bilden den Schluß der Polemik gegen Plutarch. (Siehe die vorige Anmerkung.) Die übrigen 15 Seiten des Heftes sind Lucretius gewidmet. Marx zitiert Lucretius de rerum natura nach der Aus¬ gabe von H. C. A. Eichstädt, Leipzig, 1801. Wir geben die Verszählung nach der Ausgabe von Diels (T. Lucretius Carus, de rerum natura, laL u. deutsch von Hermann Diels, Bd. 1. Berlin, 1923). Marx beginnt mit einer Vorbemerkung: Es versteht sich, daß Lucretias nur wenig benutzt werden kann. Dann folgt eine lange Reihe von Zitaten: Lucretius I. 63—79, 150, 159—60, 267—68, 328—30, 339—46, 382—83, 419—20, 461—63, 479—82, 503—09, 540, 600—03, 684—89, 763—66, 783—87. Dazu bemerkt Marx: (nämlich: die Erhebung des Feuers in Luft, dann wird Regen, dann Erde, und von der Erde kehrt wieder alles zurück.) Folgen weiter die Zitate: ib. 788-93, 814—16, 820—22, 847—56, 871—95, 907—14, 958—64, 984—97, 1009—13, 1035—41. Im Anschluß an diese Stellen folgt der oben gegebene Text.
122 Die Doktordissertation religionum animum nodis exsolvere pergo, deinde quod obscura de re tam lucida pango carmin a musaeo contingens cuncta lepore. I, 922—934. Wem es nicht mehr Vergnügen macht, aus eigenen Mitteln die ganze Welt zu bauen, Weltschöpfer zu sein, als in seiner eigenen Haut sich ewig 5 herumzutreiben, über den hat der Geist sein Anathema ausgesprochen, der ist mit dem Interdikt belegt, aber mit einem umgekehrten, er ist aus dem Tempel und dem ewigen Genuß des Geistes gestoßen und darauf hin¬ gewiesen, über seine eigene Privatseligkeit Wiegenlieder zu singen und nachts von sich selber zu träumen. io Beatitudo non virtutis praemium, sed ipsa virtus. [Spinoza, Eth. pars. V, prop. XLIL] Wir werden auch sehen, wie unendlich philosophischer Lucretius den Epikur auf faßt als Plutarch. Die erste Grundlage philosophischer Forschung ist ein kühner freier Geist. 15 [Die lukrezische Kritik der früheren Naturphilosophie] Zuerst ist die treffliche Kritik der früheren Naturphilosophen vom epikureischen Standpunkt aus anzuerkennen. Sie ist um so eher zu be¬ trachten, da sie das Spezifische der epikureischen Lehre meisterhaft her- 20 vorhebt. Wir betrachten hier besonders, was über den Empedokles und Anaxagoras gelehrt wird, da dies noch mehr von den übrigen gilt 1. Es sind keine bestimmten Elemente für die Substanz zu halten, denn wenn in sie alles gelegt wird und alles aus ihnen entsteht, 25 wer gibt uns das Recht, in diesem Wechselprozeß nicht vielmehr die Totalität der anderen Dinge für ihre Prinzipien zu halten, da sie selbst nur eine bestimmte, beschränkte Art der Existenz neben den anderen sind und ebenso durch den Prozeß dieser Existenzen hervorgebracht werden? Wie umgekehrt (I, 764-68) [763-767]1). 30 2. Werden mehre bestimmten Elemente für die Substanz gehalten, so offenbaren diese einerseits ihre natürliche Einseitigkeit, indem sie im Konflikt sich gegeneinander erhalten, ihre Bestimmtheit geltend machen und so im Gegensatz sich auflösen, andererseits geraten sie in einen natür¬ lichen mechanischen oder andersartigen Prozeß und offenbaren ihre Bil- 35 dungsfähigkeit als eine auf ihre Einzelnheit beschränkte. Wenn wir die jonischen Naturphilosophen damit historisch entschul¬ digen, daß ihnen Feuer, Wasser etc. nicht dies Sinnliche, sondern ein Allgemeines waren, so hat Lukrez als Gegner durchaus recht, ihnen dies zur Last zu legen. Werden offenbare, dem sinnlichen Tageslicht offenbare *0 Elemente als die Grundsubstanzen angenommen, so haben diese ihr Kri- *) Marx zeigt nur — nach Eichstädts Ausgabe — die Zeilen an, zitiert sie aber nicht. — Wo die Verszählung von Diels von der Eichstädtschen abweicht, fugen wir sie in eckigen Klammern bei.
Aus den Vorarbeiten 123 teriüm an der sinnlichen Wahrnehmung und den sinnlichen Formen ihrer Existenz« Sagt man, es sei eine anderweitige Bestimmung derselben, wenn sie die Prinzipien des Seienden sind, so ist es also eine ihrer sinnlichen Einzelnheit verborgene, nur innerliche, also äußerliche Bestimmung, in 5 der sie Prinzipien sind, d. h. sie sind es erst als dies bestimmte Element, gerade in dem nicht, was sie von anderen unterscheidet als Feuer, Wasser etc. v. 773 sqq. [771 sqq.]. 3. Aber drittens widerstreitet nicht das der Ansicht, besondere be¬ stimmte Elemente als Prinzipien anzusehen, ihr beschränktes Dasein neben io den anderen, aus deren Zahl sie willkürlich herausgenommen sind, also auch keine andere Differenz gegen sie haben als die Bestimmtheit der Zahl, welche aber als beschränkte vielmehr durch die Vielheit, Unendlichkeit der anderen prinzipiell bestimmt zu werden scheint; nicht nur ihr Ver¬ halten gegen sich wechselseitig in ihrer Besonderheit, die ebensowohl 15 Exklusion als eine in natürliche Grenzen eingeschlossene Bildungsfähig¬ keit offenbart, sondern der Prozeß selbst, in welchem sie die Welt hervor¬ bringen sollen, weist an ihnen selbst ihre Endlichkeit und Wandelbarkeit nach. Da sie in besondere Natürlichkeit eingeschlossene Elemente sind, so kann ihr Schaffen nur ein besonderes sein, d. h. ihr eigenes Um- 20 geschaffen-werden, das auch wieder die Gestalt der Besonderheit, und zwar der natürlichen Besonderheit hat; d. h. ihr Schaffen ist ihr natür¬ licher Verwandlungsprozeß. So lassen diese Naturphilosophen das Feuer sich in der Luft wälzen, so entsteht der Regen, der fällt nieder, so die Erde. Was sich hier zeigt, ist also ihre eigene Wandelbarkeit und nicht 25 ihr Bestehen, nicht ihr substantielles Sein, das sie als Prinzipien geltend machen; denn ihr Schaffen ist vielmehr der Tod ihrer besonderen Existenz, und das Hervorgegangene ist so vielmehr in ihrem Nichtbestehen, v. 783 sqq. Die wechselseitige Notwendigkeit der Elemente und natürlichen Dinge 3o zu ihrem Bestehen ist nichts, als daß ihre Bedingungen als eigene Mächte ebensowohl außer ihnen, als in ihnen sind. 4. Lukrez kömmt jetzt auf die Homöomerien des Anaxagoras. Er wirft ihnen vor, daß es zu: inbecilla nimis primordia .. . sunt, [I, 847.] 35 denn da die Homöomerien dieselbe Qualität haben, dieselbe Substanz sind wie das, wessen Homöomerien sie sind, so müssen wir ihnen dieselbe Vergänglichkeit zuschreiben, die wir vor Augen sehen in ihren konkreten Ausdrücken. Birgt sich im Holz Feuer und Rauch, so ist es also ex alienigenis gemischt. Bestünde jeder Körper aus allen sinnlichen Samen, io so müßte er, zerbrochen, nachweisen, daß er sie enthält. [Die Atome als Substanz] Es kann sonderbar scheinen, daß eine Philosophie wie die epiku¬ reische, die von der Sphäre des Sinnlichen ausgeht und sie wenigstens in der Erkenntnis als das höchste Kriterium preist, ein so Abstraktes, eine
124 Die Doktordissertation so caeca potestas, wie das Atom ist, als Prinzip hinstellt Darüber v. L. I, 773 sqq. 783 sqq. ; wo es sich nachweist, daß das Prinzip ein selbständiges Bestehen ohne irgendeine besondere sinnliche, physische Eigenschaft sein muß.1) Es ist Substanz: eadem caelum, mare, terras, flumina, solem * constituant, etc. I, 820. Es kömmt ihm Allgemeinheit zu. Über das Verhältnis des Atoms und der Leere eine wich¬ tige Bemerkung. Lukrez sagt von dieser duplex natura : esse utramque sibi per se, puramque necesse est J0 I, 507 [506]. Sie schließen sich ferner aus: nam quacumque vacat spatium . . . corpus ea non est, etc. I, 508 sqq. Jedes ist selbst das Prinzip, also ist weder das Atom, noch das Leere is Prinzip, sondern ihr Grund, das, was jedes als selbständige Natur aus¬ drückt. Diese Mitte wird sich am Schlüsse der epikureischen Philosophie auf den Thron setzen. Das Leere als Prinzip der Bewegung, v. L. I, 363 [362] sqq., und zwar als immanentes Prinzip, v. 383 [382] sqq. τό κενόν καί τό άτομον der 20 objektivierte Gegensatz von Denken und Sein.’) [Der Krieg der Atome] Das Hervorgehen der Bildungen aus den Atomen, ihre Repulsion und Attraktion ist geräuschvoll. Ein lärmender Kampf, eine feindliche Spannung bildet die Werkstätte und Schmiedestätte der Welt. Die Welt 25 ist im Innern zerrissen, in deren innerstem Herzen es so tumultuarisch zugeht. Selbst der Strahl der Sonne, der in die Schattenplätze fällt, ist ein Bild dieses ewigen Krieges.8) Man sieht, wie die blinde, unheimliche Macht des Schicksals in die 30 Willkür der Person, des Individuums übergeht und die Formen und Sub¬ stanzen zerbricht*) [Das Klinamen] Die declinatio atomorum a via recta5) ist eine der tiefsten, im innersten Vorgang der epikureischen Philosophie begründete 35 *) Vgl. Diss. p. 40 sq. 8) Hier folgen Zitate aus dem II. Buche: II, 7—8, 14—16, 55—61, 83—85, 90—94, 95—97. Danach folgt der obige Text. 8) Hier zitiert Marx folgende Stelle: de rer. nat. Π, 116—22. *) Hier folgen die Zitate: de rer. nat. Π, 125—30, 133—41, 157—62, 177—81, 185-86. 5) Vgl. Diss. p. 25 sqq.
Tafel III Aus den Vorarbeiten zur Dissertation Spalte einer Seite des λ I. Heftes (Etwa Hälfte der Originalgröße) (s. S. 135)
Aus den Vorarbeiten 125 Konsequenz. Cicero hat gut darüber lachen, ihm ist die Philosophie ein so fremdes Ding, wie der Präsident der nordamerikanischen Freistaaten. Die gerade Linie, die einfache Richtung, ist Aufheben des unmittel¬ baren Fürsichseins, des Punktes, sie ist der auf gehobene Punkt1). Die 5 gerade Linie ist das Anderssein des Punktes. Das Atom, das punktuelle, welches das Anderssein aus sich ausschließt, absolutes unmittelbares Fürsichsein ist, schließt also die einfache Richtung aus, die gerade Linie, es beugt von ihr aus. Es weist nach, daß seine Natur nicht die Räumlich¬ keit, sondern das Fürsichsein ist. Das Gesetz, dem es folgt, ist ein anderes 10 als das der Räumlichkeit. Die gerade Linie ist nicht nur das Aufgehobensein des Punktes, sie ist auch sein Dasein. Das Atom ist gleichgültig gegen die Breite des Daseins, es geht nicht in seiende Unterschiede auseinander, aber ebenso ist es nicht das bloße Sein, das Unmittelbare, das gleichsam nicht neidisch auf sein 15 Sein ist, sondern es ist gerade im Unterschiede vom Dasein, es verschließt sich in sich gegen dasselbe, d. h. sinnlich ausgedrückt: es beugt aus von der geraden Linie. Wie das Atom von seiner Voraussetzung ausbeugt9), seiner quali¬ tativen Natur sich entzieht und darin nach weist, daß dies Entziehen, dieses 20 voraussetzungslose, inhaltlose Insichbeschlossensein für es selbst ist, daß so seine eigentliche Qualität erscheint, so beugt die ganze epikureische Phi¬ losophie den Voraussetzungen aus9), so ist z. B. die Lust bloß das Aus¬ biegen vom Schmerze, also dem Zustande3), worin das Atom als ein diffe¬ renziertes, daseiendes, mit einem Nichtsein und Voraussetzungen behaftetes 25 erscheint. Daß der Schmerz aber ist, etc., daß diese Voraussetzungen, denen ausgebeugt wird, sind für den Einzelnen, das ist seine Endlichkeit, und darin ist er zufällig. Zwar finden wir schon, daß an sich diese Vor¬ aussetzung für das Atom ist, denn es beugt nicht der geraden Linie aus, wenn sie nicht für es wäre. Aber das liegt in der Stellung der epikureischen 30 Philosophie; sie sucht das Voraussetzungslose in der Welt der substan- tialen Voraussetzung, oder logisch ausgedrückt: indem ihr das Fürsichsein das ausschließliche, unmittelbare Prinzip ist, so hat sie das Dasein sich unmittelbar gegenüber9), sie hat es nicht logisch überwunden. Dem De¬ terminismus wird so ausgebeugt, indem der Zufall, die Notwendigkeit, in- 35 dem die Willkür zum Gesetz erhoben wird; der Gott beugt der Welt aus, sie ist nicht für ihn, und drum [ ? ] ist er Gott. Man kann daher sagen, daß die declinatio atomi a recta via das Gesetz, der Puls, die spezifische Qualität des Atoms ist4); dies ist es, warum Demokrits Lehre eine ganz verschiedene, nicht Zeitphilosophie, 40 wie die epikureische war. quod nisi declinare solerent, omnia deorsum, . . . caderent per inane profundum, υ Vgl. Diss. p. 27. 2) Vgl. Diss. p. 29. *) Bei Μ. des Zustandes *) Vgl. Diss. p. 29, 32. MarX'Encels.CesAmtausffabe. I. Abt.. Bd. 1. 1. Hbd. 14
126 Die Doktordissertation nec offensus natus nec p 1 a g a creata principiis: ita nihil umquam natura creasset. Lucr. II, 221 sqq. Indem die Welt geschaffen wird, indem das Atom sich auf sich, d. i. auf ein anderes Atom bezieht, so ist seine Bewegung also nicht die, die * ein Anderssein unterstellt, die der geraden Linie, sondern die ausbeugt davon, sich auf sich selbst bezieht Sinnlich vorgestellt1), kann das Atom sich nur auf das Atom beziehen, indem jedes derselben der geraden Linie ausbeugt.9) Die declinatio a recta via ist das arbitrium, die spezifische Substanz, 10 die wahre Qualität des Atoms.’) Diese declinatio, dies clinamen ist weder regione loci certa, noch tempore certo, es ist keine sinnliche Qualität, es ist die Seele des Atoms. In der Leere fällt die Differenz des Gewichts fort4), denn sie ist keine äußere Bedingung der Bewegung, sondern die fürsichseiende, /* immanente, absolute Bewegung selbst.5) Lukrez macht dies geltend gegen die durch sinnliche Bedingungen eingeschränkte Bewegung.·) Diese potestas, dies declinare ist der Trotz, die Halsstarrigkeit des Atoms, das quiddam in pectore desselben, sie bezeichnet nicht ihr Ver¬ hältnis zur Welt, wie das Verhältnis der entzweigebrochenen mechani- 20 sehen Welt zum einzelnen Individuum. Wie Zeus unter den tosenden Waffentänzen der Kureten aufwuchs, so hier die Welt unter dem klingenden Kampf spiel der Atome. Lukrez ist der echtrömische Heldendichter, denn er besingt die Sub¬ stanz des römischen Geistes; statt der heiteren, kräftigen, totalen Gestalten 25 des Homer haben wir hier feste, undurchdringlich gewappnete Helden, denen alle anderen Qualitäten abgehen ; den Krieg omnium contra omnes, die starre Form des Fiirsichseins, eine entgötterte Natur und einen ent- welteten Gott. [Die äußeren Qualitäten des Atoms] 30 Wir kommen jetzt zu der Bestimmung der äußeren Qualitäten des Atoms; ihre innere, immanente spezifische Qualität, die aber vielmehr ihre Substanz ist, haben wir gesehen. Diese Bestimmungen sind sehr schwach bei Lukrez, wie überhaupt einer der willkürlichsten und daher schwierigsten Teile der ganzen epikureischen Philosophie.7) 35 Ό Vgl. Diss. p. 30. 9) Dann folgen die Zitate: ib. II, 243—45, 251—58, 281—82. ’) Hier zitiert Marx: ib. II, 284—93. *) Vgl. Diss. p. 36. 5) Hier zitiert Marx: ib. Π, 235—39. e) Hier folgende Stelle zitiert: ib. II, 230—34. 277—80; dazu macht Marx fol¬ gende Anmerkung: Siehe die oben zitierten Verse. (Siehe Anm. 2, 3, 5J 7) Hier eine Reihe von Zitaten, mit einzelnen Überschriften versehen: 1. Be¬ wegung der Atome: II, 284—303, 308—16. 2. Figur: II, 333—41, 442—43, 479-99.
Aus den Vorarbeiten 127 Dies epikureische Dogma, daß die figurarum varietas nicht infinita ist, wohl aber die corpuscula eiusdem figurae infinita sint, e quorum perpetuo concursu mundus perfectus est usque gignuntur, ist die wichtigste, immanenteste Betrachtung der δ Stellung, welche die Atome zu ihren Qualitäten haben, zu sich als Prin¬ zipien einer Welt1). Die Distanz, die Differenz der Atome ist endlich; nähme man sie nicht endlich an, so wären die Atome in sich selbst vermittelte, enthielten in sich eine ideale Mannigfaltigkeit. Die Unendlichkeit der Atome als 10 Repulsion, als negative Beziehung auf sich, zeugt unendlich viel ähnliche, quae similis sint infinites, ihre Unendlichkeit hat mit ihrem qualitativen Unterschied nichts zu schaffen. Nimmt man die Unendlichkeit der Ver¬ schiedenheit der Form des Atoms an’), so enthält jedes Atom das andere in sich aufgehoben, und es gibt dann Atome, die die ganze Unendlichkeit 13 der Welt vorstellen, wie die Leibnizschen Monaden’). Man kann sagen, daß in der epikureischen Phi¬ losophie das Unsterbliche der Tod ist1). Das Atom, die Leere, Zufall, Willkür, Zusammensetzung sind an sich der Tod*). [Parallele zwischen den Epikureern und den 20 Pietisten und S u p r a n a t u r a 1 i s t e n] Es ist bekannt, daß bei den Epikureern der Zufall die herrschende Kategorie ist Eine notwendige Konsequenz davon ist, daß die Idee nur als Zu st and angeschaut wird; der Zustand ist das an sich zufällige Bestehen. Die innerste Kategorie der Welt, das Atom, seine Ver- 25 knüpfung etc. ist deswegen in die Ferne geschoben, wird als ein ver¬ flossener Zustand betrachtet. Dasselbe findet man bei den Pietisten und Supranaturalisten. Die Schöpfung der Welt, die Erbsünde, die Erlösung, all dieses und alle ihre gottseligen Bestimmungen, wie das Paradies etc., ist nicht eine ewige, an keine Zeit gebundene, immanente Bestimmung der so Idee, sondern ein Zustand. Wie Epikur die Idealität seiner Welt, die Leere, aus ihr hinausschiebt in die Weltschöpfung, so verkörpert der Supranaturalist die Voraussetzungslosigkeit, die Idee der Welt im Paradies. i) Hier folgende Zitate: ib. II, 507—10, 512—14, 522—27. ’) Vgl. Diss. p. 35. >) Hier folgende Zitate: II, 567—68, 573—80, 586-88, 646—51, 796, 842—46, 861—64, 967—72, 973—74; dazu bemerkt Marx: die Antwort darauf ist: Zitat: ib. II, 980—82. Dann folgen Zitate aus dem dritten Buch des Lukrez: III, 179—82, 186—87, 193—95, 201—02; danach bemerkt Marx: Aufheben der Kohäsion, der spezifischen Schwere: Zitat: ib. III, 229—34, 237—44, 256—57, 867—69. *) Vgl. Diss. p. 40 sq. ö) Hier zitiert Marx: ib. III, 888—93, 1053—59. 14·
[Λικ dem V. Heft} *) Luc. Annaei Senecae operum t. III. Amstelodami 1672’) [Joh. Stobaei sententiae et eclogae etc. Genf 1609. fol.]3) *) Das fünfte Heft ist nicht vollständig erhalten. Sechs Blätter (darunter auch das Umschlagblatt) fehlen, und sechs beschriebene Blätter liegen vor. Von diesen enthalten die ersten zwei Blätter Stellen aus Seneca. Danach scheint ein Blatt zu fehlen. Dann folgen zwei Blätter mit Stellen aus Stobaeus und Clemens Alexandrinas. Danach sind ein bis zwei Blätter verloren gegangen. Wahr¬ scheinlich enthielten sie Zitate sowohl aus dem auf dem vorhergehenden Blatte be¬ handelten Clemens Alexandrinus, wie aus dem auf dem nachfolgenden Bruchstück wieder behandelten Seneca. Dieses Bruchstück besteht aus zwei Blättern, mit Stellen aus Seneca auf dem ersten, mit solchen aus Stobaeus auf dem zweiten. 2) Marx zitiert Seneca nach der oben in der Überschrift angegebenen Ausgabe vom Jahre 1672; wir geben die Stellen nach der Ausgabe: L. Annaei Senecae Opera, recognovit Fridericus Haase, Lipsiae, Teubner, 1852; ep. 9, 1. Amst. t. II, p. 25 Teub. III, p. 15; ep. 9, 20 Amst. II, p. 30 Teub. ib. p. 19; ep. 79, 15 Amst. II, p. 317 Teub. ib. 203; de otio, VII, 3 Amst. I, p. 582 Teub. I, p. 169—70; ep. 66, 18 Amst. t. II, 235 Teub. III, p. 145; danach verweist Marx auf den Brief 67 Amst. t. II. 248 (Teubner ΙΠ, 154 Us. p. 339, 5—7); nach diesem Hinweis folgen weiter die Stellen: ep. 66, 45 Amst. t. II, p. 241 Teub. t. III, p. 150; ep. 66, 47 Amst. t. II, p. 242 Teub. t. III p. 150 ep. 21, 9—11 Amst. t. Π, p. 80 Teub. t. ΠΙ p. 47 de Constantia sapientis, XV, 4 Amst. t. I, p. 416 Teub. t. I, p. 30; ep. 24, 22—23 Amst. t. II, p. 95 Teub. t. III, p. 57; de vita beata, XIII, 1—2 Amst. t. I, p. 542 Teub. t. I, p. 149; ep. 107, 1 Amst. t. II, p. 526 Teub. t. HI, p. 348; ep. 9, 20 Amst. t. Π, 30 Teub. t. ΙΠ, p. 19; ep. 81, 11 Amst. t. II, 326 Teub. t. III, p. 208; ep. 52, 3 Amst. t. II, p. 177 Teub. t. III, p. 107; ep. 52, 4 Amst. t. II, p. 177; Teub. t. III p. 107; ep. 18, 9—10 Amst. t. II, p. 67 Teub. t. III, p. 39—40; ep. 21, 7—8 Amst. t. II, p. 79 Teub. t. III, p. 46; danach weist Marx auf Stobaeus Serm. XVII [Stob. flor. XVII, 24 (Us. p. 142, 22—23)] hin; dann folgen weiter die Zitate aus Seneca: ep. 12, 10 Amst. t. II, p. 42 Teub. t. III, p. 24; ep. 13, 16—17 Amst. t. II, p. 47 Teub. t. III, p. 28; ep. 14, 17 Amst. t.JI, p. 53 Teub. t. III, p. 31; ep. 16, 7 Amst. t. II, p. 60 Teub. t. III, p. 35; ep. 17,11, Amst. t. II, p. 64 Teub. t. III, p. 38; ep. 18, 14—15 Amst. t. II, p. 69 Teub. t. III, p. 40 ; ep. 19, 10 Amst. t. II, p. 72 Teub. t. III, p. 42; ep. 22, 15 Amst. t. II, p. 84 Teub. t. III, p. 50; ep. 23, 9 Amst. t. II, p. 87 Teub. t. III, p. 52; ep. 25, 4 Amst. t. II, p. 97 Teub. t. III, p. 58—59; hier macht Marx einen Hinweis auf ep. 110 Amst. t. II, p. 548 Teub. t. III, p. 364; danach zitiert er weiter: ep. 26, 8 Amst. t. II, p. 101 Teub. t. III, p. 61; ep. 27, 9 Amst. t. II, p. 105 Teub. t. III, p. 63; ep. 28, 9 Amst. t. III, p. 107 Teub. t. III, p. 64; ep. 7, 11 Amst. t. II, p. 21 Teub. t. ΙΠ, p. 13; ep. 8, 7 Amst. t. II, p. 24 Teub. t. III, p. 14—15 ; ep. 6, 6 Amst. t. II, p. 16 Teub. t. III, p. 11; ep. 97, 13 Amst. t. II, p. 480 Teub. t. III, p. 315; ep. 22, 5—6 Amst. t. II, p. 82 Teub. t. III, p. 49; de beneficiis lib. IV cap. 19 Amst. t. I, p. 719 Teub. t. II, p. 71. 3) Marx benutzte die Genfer Ausgabe von 1609 (Joh. Stobaei Sententiae ex The- sauris Graecorum delectae . . . Eclogarum libri duo . . . Aureliae Allobrogum, Fr. Faber, 1609). Wir geben die Stellen nach der Ausgabe: J. Stobaei Eclogarum physi- carum et ethicarum libri duo, recens. Aug. Meineke, Lipsiae, Teubner, 1864: Stobaeus Ecl. phys. (15) [206] Teub. p. 54, 10—11; ibid. (19) [252] Teub. p. 63,
Aus den Vorarbeiten 129 Clementis Alexandrini opéra. Coloniae. Anno 1688.1) [Luc. Annaei Senecae opéra. Amstelodami 1672.] s) 7—8; ibid. (27) [306] Teub. p. 81, 15—20; ibid. (33) [346] Teub. p. 93, 13—17; ibid. (35) [366] Teub. p. 98, 18—19; ibid. (38) [380] Teub. p. 103, 18—20; ibid. (39) [388] Teub. p. 107, 2—3; ibid. (40) [394] Teub. p. 108, 22—23; hier macht Marx einen Hinweis auf: Diog. 40 (Gass. p. 32 ad Herodotum); dann folgen weiter die Zitate aus Stobaeus EcL phys. lib. I (44) [418] Teub. p. 116, 17—18; ibid. lib. I (47) [442] Teub. p. 124, 12—15; ibid. lib. I (51) [490] Teub. p. 135, 8—10; dazu bemerkt Marx: Folgende Stelle aus Stobaeus, die nicht dem Epikur gehört, ist viel¬ leicht mit das Erhabenste. Dann folgen die Zitate: ibid. (50) [480] Teub. p. 133, 10—12; ibid. (52) [496] Teub. p. 136, 19—26; ibid. (52) [496, 498] Teub. p. 136, 31—137, 4; 'Επίκουρος ούδέν άπογιγνώσκει τούτων (nämlich der Ansichten über die Sterne) έχόμενος του ένδεχομένου. [Epicurus horum nihil improbat, ei quod fieri potest inhaerens. — ibid. (54) [514] Teub. p. 141, 1—2.] ibid. (56) [532] Teub. p. 145, 11—13. Danach bemerkt Marx: Mehr als die von Schaubach angeführte Stelle scheint die oben zitierte Ecl. phys. L. I S. 5 [Teub. p. 16, 26—31] die Ansicht von zweierlei Atomen zu bestätigen, wo als unsterbliche Prinzipien neben den Atomen und dem Leeren die όμοιότητες angeführt werden, die nicht die είδωλα sind, sondern erklärt werden: al δέ λέγονται όμοιομέρειαι καί στοιχεία, wo es also allerdings die Atome, die der Erscheinung zugrunde liegen, als Elemente ohne Homöomerien sind, die Eigenschaften der Körper haben, denen sie zugrunde liegen. Dies ist jedenfalls falsch. Ebenso werden vom Metrodor als Ursache angeführt αί Ατομοι καί τά στοιχεία 1. I. S. 52. [Vgl. Dissertation, Zweiter Teil, Drittes Kapitel, p^ 38 und dazu die Anmerkung 15, p. 73 sq.] 1) Marx benutzte die Ausgabe: Clementis Alexandrini opéra, Coloniae, anno 1688; wir zitieren nach der Ausgabe: Clementis Alexandrini opéra ex recensione Guilelmi Dindorfii, Oxonii 1869. Die von Marx wörtlich angeführten Stellen sind: Stromaton Lib. VI cap. 2 Col. p. 629 Dind. III, p. 149, 10—11; ib. L. V cap. 14 Col. p. 604 Dind. III p. 96, 19—21; ib. L. II cap. 2 Col. p. 415 Dind. II, p. 227, 15—18, 27—29; ib. L. II cap. 21, 22 Col. p. 417 Dind. Π, p. 230, 12—19; ib. L. IV cap. 22 Col. p. 532 Dind. II, p. 400, 17—20; dazu bemerkt Marx: dem Clemens entgeht es nicht, daß die Hoffnung auf die zukünftige Welt noch nicht rein sei vom Nützlichkeitsprinzip: Dann folgen die Stellen: Strom. L. IV cap. 22 Col. p. 532 Dind. II, p. 400, 21—25; ib. L. II cap. 4 Col. p. 365—66 Dind. Π, p. 155, 5—10; ib. L. II cap. 23 Col. p. 421 Dind. II, p. 236, 5—9; ib. L. I cap. 15 Col. p. 302 Dind. II, p. 55, 10—11; ib. L. IV cap. 8 Col. p. 508 Dind. II, p. 356, 7—12; hier macht Marx einen Hinweis auf: Diog. ad Menoeceum ep. Danach zitiert er weiter Cl. Alex. ib. L. V cap. 9 Col. p. 575 Dind. III, p. 45, 20—23. Nach der Bemerkung: Nach Clemens Alexandrinus hat der Apostel Paulus den Epikur gemeint, wenn er sagt: zitiert Marx: Strom. L. I cap. 2 Col. p. 295 Dind. II, p. 43, 5—14, — eine Stelle, die in den Anmerkungen zu der Dissertation von Marx in vollem Umfange angeführt wurde. (Erster Teil, II, An¬ merkung 8. Siehe p. 58 in diesem Band.) Dazu macht Marx die Bemerkung: Gut, daß die Philosophen verworfen werden, die nicht phantasierten über Gott. Jetzt ver¬ steht man die Stelle besser und weiß, daß Paulus alle Philosophen gemeint hat. ’) Hier folgt die in der 1. Fußnote erwähnte Fortsetzung der Exzerpte aus Seneca, die keine eigenen Ausführungen von Marx enthalten, sondern nur aus folgen¬ den Zitaten bestehen: Seneca, natur, quaest. Lib. VI cap. 20, 5—7 Amst. t. II, p. 802 Teub. t. II, p. 286—87; id. de otio cap. 30 Amst. t. I, p. 579 Teub. L I, p. 165; id. de vita beata cap. 12, 4—5 Amst. t. I, p. 541 Teub. t. I, p. 149; id. ibid. cap. 18, 1 Amst. 1.1, p. 550 Teub. 1.1, p. 153; id. de beneficiis Lib. IV cap. 4, 1 Amst. 1.1, p. 699 Teub. t. II, p. 61; id. ibid. Lib. III cap. 4, 1 Amst. t. I, p. 699 Teub. t. II, p. 38; id. de brevit. vitae cap. 14, 2 Amst. 1.1, p. 512 Teub. t. I, p. 211; id. de benef. Lib. IV cap. 2, 1 Amst. t. I, p. 697 Teub. t. II, p. 60; id. de vita beata cap. 11, 2 Amst. t. I, p. 538 Teub. t. I, p. 48; id. de benef. Lib. IV cap. 13, 1—2 Amst. t. I, p. 712 Teub. t. II, p. 67; id. ep. 72, 9 Amst. t. II p. 174 Teub. t. III p. 172; id. ep. 89, 11 Amst. t. II, p. 397 Teub. t. III, 257; Seneca de morte Cl. Caesaris VIII, I Amst. t. II, p. 851 Teub. t. I p. 269; ep. 68, 10 Amst. t. II, p. 251 Teub. t. III, p. 156; ep. 24, 18 Amst. t. IL d. 93 Teub. t. III. d. 56. Danach setzt Marx den Vermerk Finis.
130 Die Doktordissertation Joh. Stobaei sententiae et eclogae etc. Genf 1609. fol.1) *) Hier folgt die p. 128 in der 1. Fußn. erwähnte Fortsetzung der Exzerpte aus Stobaeus: sermo XVII, p. 157 Us. p. 300, 26—28, 142, 22—23; sermo XVI, p. 155; Us. p. 162, 4—8; sermo XVII Us. p. 156, 4—6; p. 283, 3—7; de re publica sermo XU, p. 270; de morte sermo CXVII p. 599; sermo XVII p. 158 Us. p. 302, 24; p. 339, 16—18; de assiduitate sermo XXIX p. 206 Us. p. 328, 17—22; de amore sermo LXI p. 393 Us. p. 284, 1—4; de intemper. sermo VI p. 81—82; ecL phys. L. I, p. 5 Teub. p. 16 [661, 27—31.
[Aus dem VI. Heft] ’) [Knotenpunkte in der Entwicklung der Philosophie] Wie der νους des Anaxagoras in Bewegung tritt in den Sophisten (hier wird der νους realiter das Nichtsein der Welt) und diese unmittelbare £ dämonenhafte Bewegung als solche objektiv wird in dem Daimonion des Sokrates, so wird wieder die praktische Bewegung des Sokrates eine allgemeine und ideelle im Plato, und der νους erweitert sich zu einem Reiche von Ideen. Im Aristoteles wird dieser Prozeß wieder in die Einzelnheit befaßt, die jetzt aber die wirkliche begriffliche Einzeln- 10 heit ist Wie es in der Philosophie Knotenpunkte gibt, die sie in sich selbst zur Konkretion erheben, die abstrakten Prinzipien in eine Totalität be¬ fassen und so den Fortgang der geraden Linie abbrechen, so gibt es auch Momente, in welchen die Philosophie die Augen in die Außenwelt kehrt, 15 nicht mehr begreifend, sondern als eine praktische Person gleichsam Intriguen mit der Welt spinnt, aus dem durchsichtigen Reiche des Amenthes heraustritt’) und sich ans Herz der weltlichen Sirene3) wirft. Das ist die Fastnachtszeit der Philosophie; kleide sie sich nun in eine Hundetracht wie der Cyniker, in ein Priestergewand wie der Alexandriner 20 oder in ein duftig Frühlingskleid wie der Epikureer. Es ist ihr da wesent¬ lich, Charaktermasken anzulegen. Wie uns erzählt wird, daß Deukalion bei Erschaffung der Menschen Steine hinter sich geworfen, so wirft die Philosophie ihre Augen hinter sich (die Gebeine ihrer Mutter sind leuch¬ tende Augen), wenn ihr Herz zur Schaffung einer Welt erstarkt ist; aber 25 wie Prometheus, der das Feuer vom Himmel gestohlen, Häuser zu bauen und auf der Erde sich anzusiedeln anfängt, so wendet sich die Philo¬ sophie, die zur Welt sich erweitert hat, sich gegen die erscheinende Welt. So jetzt die Hegelsche4). Ό Die Umschlagseite des VI. Heftes fehlt. Das erste Blatt enthält — ohne irgendwelche Notizen von Marx — folgende Zitate aus Lucretiusde rerum natura L. IV, 30—32, 52—55, 191—98, 216—38 ; 251—55 ; 279-88 L. V, 95—96; 108—09; 240—46; 306—10 ; 351—63; 373—75; 1169—82. Danach folgen die oben gegebenen Ausführungen von Marx. ’) Vgl. Diss. p. 64. 3) weltlichen Sirene korr. aus gegenwärtigen Weltdime 4) Die ersten Worte des Satzes sind schwer leserlich. Der übrige Teil der Seite enthalt einen Versuch von Marx, den vorhergehenden Absatz lateinisch wieder¬ zugeben.
132 Die Doktordissertation Indem die Philosophie zu einer vollendeten, totalen Welt sich ab¬ geschlossen hat, die Bestimmtheit dieser Totalität ist bedingt durch ihre Entwicklung überhaupt, wie sie die Bedingung der Form ist, die ihr Um¬ schlagen1) in ein praktisches Verhältnis zur Wirklichkeit annimmt, so ist also die Totalität der Welt überhaupt dirimiert in sich selbst, und 5 zwar ist diese Diremption auf die Spitze getrieben, denn die geistige Existenz ist frei geworden, zur Allgemeinheit bereichert. Der Herzschlag ist in sich selbst der Unterschied geworden auf konkrete Weise, welche der ganze Organismus ist. Die Diremption der Welt ist nicht kausal, wenn ihre Seiten Totalitäten sind. Die Welt ist also eine zerrissene, die einer 10 in sich totalen Philosophie gegenübertritt Die Erscheinung der Tätigkeit dieser Philosophie ist dadurch auch eine zerrissene und widersprechende; ihre objektive Allgemeinheit kehrt sich um in subjektive Formen des einzelnen Bewußtsein [s], in denen sie lebendig ist Gemeine Harfen klingen unter jeder Hand; Aeols Harfen nur, wenn der Sturm sie schlägt, is Man darf sich aber [durch] diesen Sturm nicht irren lassen, der einer großen, einer Weltphilosophie folgt. Wer diese geschichtliche Notwendigkeit nicht einsieht, der muß kon¬ sequenterweise leugnen, daß überhaupt nach einer totalen Philosophie noch Menschen leben können, oder er muß die Dialektik des Maßes als 20 solche für die höchste Kategorie des sich wissenden Geistes halten und mit einigen unseren falsch verstehenden Hegelianern behaupten, daß die Mittelmäßigkeit die normale Erscheinung des absoluten Geistes ist; aber eine Mittelmäßigkeit, die sich für die reguläre Erscheinung des Absoluten ausgibt, ist selbst ins Maßlose verfallen, nämlich in eine maß- 25 lose Prätension.2) Ohne diese Notwendigkeit ist es nicht zu begreifen, wie nach Aristoteles ein Zeno, ein Epikur, selbst ein Sextus Empiricus3), wie nach Hegel die meistenteils bodenlos dürftigen Versuche neuerer Philosophen ans Tageslicht treten konnten. Die halben Gemüter haben in solchen Zeiten die umgekehrte Ansicht 30 ganzer Feldherrn. Sie glauben durch Verminderung der Streitkräfte den Schaden wiederherstellen zu können, durch Zersplitterung, durch einen Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen, während Themistokles, als Athen Verwüstung drohte, die Athener bewog, es vollends zu verlassen und zur See, auf einem anderen Elemente, ein neues Athen zu gründen. 35 Auch dürfen wir nicht vergessen, daß die Zeit, die solchen Kata¬ strophen folgt, eine eiserne ist, glücklich, wenn Titanenkämpfe sie be¬ zeichnen, bejammernswert, wenn sie den nachhinkenden Jahrhunderten großer Kunstepochen gleicht, denn diese beschäftigen sich, in Wachs, Gips und Kupfer abzudrücken, was aus karrarischem Marmor, ganz wie 40 Pallas Athene aus dem Haupt des Göttervaters Zeus, hervorsprang. Titanenartig sind aber diese Zeiten, die einer in sich totalen Philosophie 9 Vgl. Diss. p. 64. ’) Vgl. Diss. p. 66. 3) Vgl. Diss. p. 13.
Tafel IV Aus den Vorarbeiten zur Dissertation Spalte einer Seite des VI. Heftes (Etwa Hälfte der Originalgröße) (s. s. 132)
Aus den Vorarbeiten 133 und ihren subjektiven Entwicklungsformen folgen, denn riesenhaft ist der Zwiespalt, der ihre Einheit ist. So folgt Rom auf die stoische, skep¬ tische und epikureische Philosophie. *) Unglücklich und eisern sind sie, denn ihre Götter sind gestorben und die neue Göttin hat unmittelbar noch 5 die dunkle Gestalt des Schicksals, des reinen Lichts oder der reinen Finsternis. Die Farben des Tages fehlen ihr noch. Der Kern des Unglücks aber ist, daß dann die Seele der Zeit, die geistige Monas, in sich ersättigt, in sich selbst nach allen Seiten ideal gestaltet, keine Wirklichkeit, die ohne sie fertig geworden ist, anerkennen darf. Das Glück in solchem Unglücke 10 ist daher die subjektive Form, die Modalität, in welcher die Philosophie als subjektives Bewußtsein sich zur Wirklichkeit verhält. So war z. B. die epikureische, stoische Philosophie das Glück ihrer Zeit; so sucht der Nachtschmetterling, wenn die allgemeine Sonne unter¬ gegangen, das Lampenlicht des Privaten. a Die andere Seite, die für den Geschichtsschreiber der Philosophie die wichtigere ist, ist diese, daß dieses Umschlagen der Philosophen, ihre Transsubstantiation in Fleisch und Blut verschieden ist, je nach der Be¬ stimmtheit, welche eine in sich totale und konkrete Philosophie als das Mal ihrer Geburt an sich trägt. Es ist zugleich eine Erwiderung für die- 2o jenigen, die glauben, daß, weil Hegel die Verurteilung des Sokrates für recht, d. h. für notwendig hielt, weil Giordano Bruno auf dem rauchi- schen Feuer des Scheiterhaufens sein Geistesfeuer büßen mußte, in ihrer abstrakten Einseitigkeit nun schließen, daß z. B. die Hegelsche Philo¬ sophie sich selbst das Urteil gesprochen habe. Wichtig aber ist es in 25 philosophischer Hinsicht, diese Seite hervorzukehren, weil aus der be¬ stimmten Weise dieses Umschlagens rückgeschlossen werden kann auf die immanente Bestimmtheit und den weltgeschichtlichen Charakter des Ver¬ laufs einer Philosophie. Was früher als Wachstum hervortrat, ist jetzt Bestimmtheit, was an sich seiende Negativität, Negation geworden. Wir 30 sehen hier gleichsam das curriculum vitae’) einer Philosophie aufs Enge, auf die subjektive Pointe gebracht, wie man aus dem Tode eines Helden auf seine Lebensgeschichte schließen kann 3). Da ich das Verhältnis der epikureischen Philosophie für eine solche Form der griechischen Philo¬ sophie halte, mag dies hier zugleich zur Rechtfertigung dienen, wenn ich, 35 statt aus den vorhergehenden griechischen Philosophien Momente als Be¬ dingungen im Leben der epikureischen Philosophie voranzustellen, viel¬ mehr rückwärts aus dieser auf jene schließe und so sie selbst ihre eigen¬ tümliche Stellung aussprechen lasse. 9 Vgl. Diss. p, 14. 2) Vgl. Diss. p. 64. 9 wie man . . . kann korr. aus wie man aus dem, (was ein) wie ein Held ge¬ storben ist. seine Lebensgeschichte entwickeln kann.
134 Die Doktordissertation [Über die subjektive Form der platonischen Philosophie und Kritik der Schrift Baur’s „Das Christliche im Platonismu s“] Um die subjektive Form der platonischen Philosophie in einigen Zügen noch weiter zu bestimmen, will ich einige Ansichten des Herrn Prof. Baur 5 aus seiner Schrift „Das Christliche im Platonismus“ näher betrachten. So erhalten wir ein Resultat, indem zugleich gegenseitige Ansichten be¬ leuchtet werden. „Das Christliche des Platonismus oder Socrates und Christus.“ Von D. F. C. Baur. Tübingen, 1837. ig Baur sagt Seite 24: „Sokratische Philosophie und Christentum verhalten sich demnach, in diesem ihrem Ausgangspunkte betrachtet, zueinander wie Selbst¬ erkenntnis und Sündenerkenntnis.“ S. 24. Es scheint uns, als wenn die Vergleichung von Sokrates und Christus, 15 so dargestellt1), gerade das Gegenteil von dem beweise, was bewiesen werden soll, nämlich das Gegenteil einer Analogie zwischen Sokrates und Christus. Selbsterkenntnis und Sündenerkenntnis verhalten sich aller¬ dings wie Allgemeines und Besonderes, nämlich wie Philosophie und Re¬ ligion. Diese Stellung hat jeder Philosoph, gehöre er der alten oder neuen 20 Zeit an. Das wäre eher die ewige Trennung beider Gebiete als ihre Ein¬ heit, allerdings auch eine Beziehung, denn jede Trennung ist Trennung eines Einen. Das hieße weiter nichts, als der Philosoph Sokrates ver¬ halte sich zu Christus, wie sich ein Philosoph zu einem Lehrer der Religion verhält. Wird nur gar eine Ähnlichkeit, eine Analogie zwischen 25 der Gnade und der sokratischen Hebammenkunst, der Ironie, herein¬ gebracht, so heißt dies nur den Widerspruch, nicht die Analogie auf die Spitze treiben. Die sokratische Ironie, wie sie Baur auffaßt und wie sie mit Hegel aufgefaßt worden ist, nämlich die dialektische Falle, wodurch der gemeine Menschenverstand nicht in ein wohlbehäbiges Besserwissen, 30 sondern in die ihm selbst immanente Wahrheit aus seiner buntscheckigen Verknöcherung hineingestürzt wird, diese Ironie ist nichts als die Form der Philosophie, wie sie subjektiv zum gemeinen Bewußtsein sich verhält. Daß sie in Sokrates die Form eines ironischen Menschen, Weisen hat, folgt aus dem Grundcharakter und dem Verhältnisse griechischer Philo- 35 sophie zur Wirklichkeit: bei uns ist die Ironie in Friedrich von Schlegel als allgemeine immanente Formel gleichsam als Philosophie gelehrt wor¬ den. Aber der Objektivität, dem Inhalt nach ist ebenso gut Heraklit, der auch den gemeinen Menschenverstand nicht nur verachtet, sondern haßt, ist selbst Thales, der lehrt, alles sei Wasser, während jeder Grieche 40 9 Nach dargestellt gestrichen schon in der Wurzel eine gwz beliebige, ganz äußerliche Beziehung sei. Sie deutet allerdings auf einen richtigen Unterschied, aber auf keine Gleichheit.
Aus den Vorarbeiten 135 wußte, daß er vom Wasser nicht leben könnte, ist Fichte mit seinem welt¬ schöpferischen Ich, während selbst Nikolai einsah, daß er keine Welt schaffen könne, ist jeder Philosoph, der die Immanenz gegen die empi¬ rische Person geltend macht, ein Ironiker. 5 In der Gnade dagegen, in der Sündenerkenntnis, ist nicht nur das Subjekt, das begnadigt, zur Sündenerkenntnis gebracht wird, sondern selbst dasjenige, welches begnadigt, und dasjenige, welches aus der Sündenerkenntnis sich aufrichtet, eine empirische Person. Ist also hier eine Analogie zwischen Sokrates und Christus, so wäre 10 es die, daß Sokrates die personifizierte Philosophie, Christus die perso¬ nifizierte Religion ist. Allein von einem allgemeinen Verhältnis zwischen Philosophie und Religion handelt es sich hier nicht, sondern die Frage ist vielmehr, wie sich die inkorporierte Philosophie zur inkorporierten Reli¬ gion verhalte. Daß sie sich zueinander verhalten, ist eine sehr vage Wahr- 15 heit oder vielmehr die allgemeine Bedingung der Frage, nicht der be¬ sondere Grund der Antwort. Wie nun in diesem Streben, Christliches in Sokrates nachzuweisen, das Verhältnis der voranstehenden Persönlich¬ keiten, Christus und Sokrates, nicht weiter bestimmt wird, als zum Ver¬ hältnis eines Philosophen zu dem eines Religionslehrers überhaupt, so 20 bricht dieselbe Leerheit hervor, wenn die allgemeine sittliche1) Gliede¬ rung der sokratischen Idee9), der platonische Staat, mit der allgemeinen Gliederung der Idee, [und]9) Christus als historische Individualität vor¬ nehmlich mit der Kirche, in Beziehung gebracht wird. (Sogleich wird der wichtige Umstand übersehen, daß Platos Republik ((ihm)) ((sein)) 25 ein von ihm erzeugtes Produkt, die Kirche dagegen etwas total von Christus Verschiedenes ist.) (Sogleich [?] ist [?] die platonische Republik)*) Wenn der Hegelsche Ausspruch, den Baur akzeptiert, richtig ist, daß Plato die griechische Substantialität gegen das einbrechende Prinzip der Subjektivität in seiner Republik geltend machte, so steht ja gerade Plato 30 Christus schnurstracks gegenüber, da Christus dies Moment der Subjek¬ tivität gegen den bestehenden Staat geltend machte, den er als ein nur Weltliches und so Unheiliges bezeichnete. Daß die platonische Republik ein Ideal blieb, die christliche Kirche Realität erlangte, war noch nicht der wahre Unterschied, sondern verkehrte sich darin, daß die platonische 35 Idee als Realität nachfolgte, während die christliche ihr voranging. Überhaupt hieße es denn viel richtiger, daß platonische Elemente im Christentum, als christliche im Plato sich finden, besonders da die ältesten Kirchenväter historisch teilweise aus der platonischen Philo¬ sophie hervorgingen, z. B. Origenes, Herennius. Wichtig in philo- 40 sophischer Hinsicht ist, daß in der platonischen Republik der erste Stand sittliche nachträglich eingefügt. der sokratischen Idee nachträglich eingefügt. 9) Bei Marx steht die 4) Dieser Absatz ist durch mehrere Vertikalstriche getilgt.
136 Die Doktordiesertation der Stand der Wissenden oder Weisen ist. Ebenso verhält es sich mit dem Verhältnisse der platonischen Ideen zum christlichen Logos (S. 38), mit dem Verhältnis der platonischen Wiedererinnerung zur christlichen Er¬ neuerung des Menschen zu seinem ursprünglichen Bilde (S. 40), mit dem platonischen Fall der Seelen und dem christlichen Sündenfall 5 (S. 43), Mythus von der Präexistenz der Seele. Verhältnis des Mythus zum platonischen Bewußtsein, platonische Seelenwanderung, Zusammenhang mit den Gestirnen. Baur sagt Seite 83: „Es gibt keine andere Philosophie des Altertums, in welcher die Philo- io sophie so sehr wie im Platonismus den Charakter der Religion an sich trägt.“ S. 83. Dies soll auch daraus hervorgehen, daß Plato die „Aufgabe der Philosophie“ (S. 86) bestimmt als eine λύσις, απαλλαγή, χωρισμός der Seele vom Leibe, als ein Sterben und ein μελετάν άποθνήσκειν. j5 „Daß diese erlösende Kraft in letzter Beziehung immer wieder der Philosophie zugeschrieben wird, ist allerdings das Einseitige des Pla¬ tonismus.“ S. 89. Einerseits könnte man den Ausspruch Baurs akzeptieren, daß keine Philosophie des Altertums mehr den Charakter der Religion an sich so trägt als die platonische. Allein die Bedeutung wäre nur die, daß kein Philosoph die Philosophie mit mehr religiöser Begeisterung gelehrt habe, daß keinem die Philosophie mehr die Bestimmtheit und die Form gleich¬ sam eines religiösen Kultus hatte. Den intensiveren Philosophen wie Aristo¬ teles, Spinoza, Hegel hatte ihr Verhalten selbst eine allgemeinere, weniger 25 in das empirische Gefühl versenkte Form, aber deswegen ist die Begeiste¬ rung des Aristoteles, wenn er die θεωρία als das Beste, τό ήδιστον καί άριστον, preist, oder wenn er die Vernunft der Natur in der Abhandlung περί τής φυσεως ζωικής [de animante natura] [Arist. de partibus animalium. ed. Bek. 645a] bewundert, und erst die Begeisterung Spinozas, wenn er von 30 der Betrachtung sub specie aeternitatis, von der Liebe Gottes oder der libertas mentis humanae spricht, darum ist die Begeisterung Hegels, wenn er die ewige Verwirklichung der Idee, den großartigen Organismus des Geisteruniversums entwickelt, gediegener, wärmer, dem allgemeinen ge¬ bildeten Geist wohltuender, darum ist jene Begeisterung zur Ekstase, als 35 ihrer höchsten Spitze, diese zum reinen idealen Feuer der Wissenschaft fortgebrannt; darum war jene nur die Wärmflasche einzelner Gemüter, diese der beseelende Spiritus weltgeschichtlicher Entwicklungen. Kann man daher auch andererseits zugeben, daß gerade in der christ¬ lichen Religion als der höchsten Spitze rel[igiöser] Entwicklung mehr io Anklänge an die subjektive Form der platonischen Philosophie sich finden müssen als an die anderer alter Philosophien, so muß umgekehrt aus dem¬ selben Grunde ebenso gut behauptet werden, daß in keiner Philosophie der Gegensatz des Religiösen und Philosophischen sich deutlicher aus-
Aus den Vorarbeiten 137 sprechen könne, weil hier die Philosophie in der Bestimmung der Reli¬ gion, dort die Religion in der Bestimmung der Philosophie erscheint. Ferner, die Aussprüche des Plato von der Erlösung der Seele etc. be¬ weisen gar nichts, denn jeder Philosoph will die Seele von ihrer empi- 5 rischen Verschränkung befreien; das Analoge mit der Religion wäre nur der Mangel an Philosophie, nämlich dies als die Aufgabe der Philosophie zu betrachten, während es bloß die Bedingung zur Lösung derselben, bloß der Anfang des Anfangs ist. Endlich ist es kein Mangel Platos, keine Einseitigkeit, wenn er diese 10 erlösende Kraft in letzter Beziehung der Philosophie zuschreibt, sondern es ist die Einseitigkeit, welche ihn zu einem Philosophen und keinem Glaubenslehrer macht. Es ist nicht Einseitigkeit der platonischen Philo¬ sophie, sondern das, wodurch sie einzig und allein Philosophie ist. Es ist das, wodurch er die eben gerügte Formel von einer Aufgabe der Philo- 15 sophie, die nicht sie selbst wäre, wieder aufhebt. „Hierin also, in dem Bestreben, dem durch Philosophie Erkannten eine von der Subjektivität des Einzelnen unabhängige [objektive] Grund¬ lage zu geben, liegt auch der Grund, warum Plato gerade dann, wenn er Wahrheiten entwickelt, die das höchste sittlich-religiöse Interesse haben, 20 sie zugleich auch in mythischer Form darstellt.“ S. 94. Ob wohl auf diese Weise irgend etwas bestimmt ist? Enthält diese Antwort nicht inklusive als Kern die Frage nach dem Grund dieses Grundes? Es fragt sich nämlich, wie kommt es, daß Plato das Bestreben fühlte, dem durch Philosophie Erkannten eine positive, zunächst mythische 25 Grundlage zu geben? Ein solches Bestreben ist das Verwunderungs¬ würdigste, was von einem Philosophen gesagt werden kann, wenn er die objektive Gewalt nicht in seinem System selbst, in der ewigen Macht der Idee findet. Aristoteles nennt daher das Mythologisieren Gnomologisieren. Äußerlich kann man die Antwort hierauf in der subjektiven Form des 30 platonischen Systems, der dialogischen nämlich, finden und in der Ironie. Was Ausspruch eines Individuums ist und als solcher sich geltend macht, im Gegensatz gegen Meinungen oder Individuen, das bedarf eines Halts, wodurch die subjektive Ungewißheit zur objektiven Wahrheit wird. Allein es fragt sich weiter, warum dies Mythologisieren in den Dia- 35 logen sich findet, die vorzugsweise sittlich-religiöse Wahrheiten ent¬ wickeln, während der rein methaphysische Parmenides frei davon ist, es fragt sich, warum die positive Grundlage eine mythische und ein An¬ lehnen an Mythen ist? Und hier springt1) der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklungen 40 bestimmter, sittlicher, religiöser oder selbst naturphilosophischer Fragen, wie im Timäus, langt Plato nicht aus mit seiner negativen Auslegung des Absoluten, da ist es nicht genügend, alles in den Schoß der einen Nacht, worin, wie Hegel sagt, alle Kühe schwarz sind, zu versenken; da greift Plato zur positiven Auslegung des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr 1) springt korr. aus ist
138 Die Doktordissertation selbst gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie. Wo das Abso¬ lute auf der einen Seite, die abgegrenzte positive Wirklichkeit auf der anderen steht und das Positive dennoch erhalten werden soll, da wird es zum Medium, wodurch das absolute Licht scheint, da bricht sich das absolute Licht in ein fabelhaftes Farbenspiel, und das Endliche, Positive £ deutet ein Anderes als sich selbst, hat in sich eine Seele, der diese Ver¬ puppung wunderbar ist; die ganze Welt ist eine Welt der Mythen ge¬ worden. Jede Gestalt ist ein Rätsel. Auch in neuester Zeit ist dies wieder* gekehrt, durch ein ähnliches Gesetz bedingt Diese positive Auslegung des Absoluten und ihr mythisch-allegorisches 10 Gewand ist der Springquell, der Herzschlag der Philosophie der Transzen¬ denz, einer Transzendenz, die zugleich wesentliche Beziehung auf die Im¬ manenz hat, wie sie wesentlich dieselbe zerschneidet. Hier ist also aller¬ dings Verwandtschaft platonischer Philosophie, wie mit jeder positiven Religion, so vorzugsweise mit der christlichen, die die vollendete Philo- 25 sophie der Transzendenz ist Hier ist also auch einer der Gesichtspunkte, aus denen eine tiefere Anknüpfung des historischen Christentums an die Geschichte der alten Philosophie bewerkstelligt werden kann. Mit dieser positiven Auslegung des Absoluten hängt es zusammen, daß dem Plato ein Individuum als solches, Sokrates, der Spiegel, gleichsam der Mythus 20 der Weisheit war, daß er ihn den Philosoph des Tode« und der Liebe nennt. Damit ist nicht gesagt, daß Plato den historischen Sokrates aufhob; die positive Auslegung des Absoluten hängt zusammen mit dem subjektiven Charakter der griechischen Philosophie, mit der Bestimmung des Weisen. Tod und Liebe sind die Mythe von der negativen1) Dialektik’), denn 25 die Dialektik ist das innere einfache Licht, das durchdringende Auge der Liebe, die innere Seele, die nicht erdrückt wird durch den Leib der materialischen Zerspaltung, der innere Ort des Geistes. Der Mythus von ihr ist so die Liebe; aber die Dialektik ist auch der reißende Strom, der die Vielen und ihre Grenze zerbricht, der die selbständigen Gestalten so umwirft, alles hinabsenkend in das eine Meer der Ewigkeit Der Mythus von ihr ist daher der Tod. Sie ist so der Tod, aber zugleich das Vehikel der Lebendigkeit, der Entfaltung in den Gärten des Geistes, das Schäumen in den sprudelnden Becher von punktuellen Sonnen, aus welchen die Blume’) des einen S5 Geistesfeuers hervorsprießt Plotinus nennt sie daher das Mittel zur änkaaiQ der Seele, zur unmittelbaren Vereinigung mit Gott, ein Ausdruck, in dem beides und zugleich die dangia des Aristoteles mit der Dialektik des Plato vereint sind. Wie aber diese Bestimmungen in Plato und Aristo¬ teles gleichsam prädeterminiert, nicht aus immanenter Notwendigkeit ent- 20 wickelt sind, erscheint ihre Versenkung in das empirisch einzelne Bewußt¬ sein bei Plato als Zustand, der Zustand der Ekstase. 1) Könnte auch heißen von [der] damaligen 2) Korr. aus Damit hängt selbst die negative Dialektik zusammen, 3) Korr. aus das Bouquet
Aus den Vorarbeiten 139 [Gegen Ritters Auffassung des Atomismus]1) Ritter (in seiner „Geschichte der Philosophie alter Zeit“, Erster Teil, Hamburg, 1829) spricht mit einer gewissen widrig moralischen Schön¬ tuerei über den Demokrit und Leukipp, überhaupt über die atomistische 5 Lehre (später ebenso über den Protagoras, Gorgias etc.). Es ist nichts leichter, als den Genuß seiner moralischen Vortrefflichkeit sich an jedem Stoffe zu geben ; am leichtesten an den Toten. Selbst Demokrits V i e 1 - wissen wird zu einem moralischen Vorwurf (S. 563); es wird da¬ von gesprochen, wie grell der hohe Begeisterung heuchelnde io Schwung der Rede gegen die niedrige Gesinnung, welche seiner Ansicht des Lebens und der Welt zugrunde liegt, „abstechen mußte“. S. 564. Das soll doch keine historische Bemerkung sein! Warum soll gerade die Gesinnung der Ansicht und nicht vielmehr umgekehrt die be¬ stimmte Weise der Ansicht und Einsicht seiner Gesinnung zugrunde ge- io legen haben? Das letztere Prinzip ist nicht nur historischer, sondern auch das einzige, wodurch die Betrachtung der Gesinnung eines Philo¬ sophen Platz in der Geschichte der Philosophie nehmen darf. Wir sehen da, was als System sich uns auseinandergelegt, in der Gestalt geistiger Persönlichkeit, wir sehen gleichsam den Demiurgos lebendig in der Mitte 20 seiner Welt stehen. „Von gleichem Gehalt ist auch der Grund des Demokritos, daß ein Ursprüngliches, Ungewordenes angenommen werden müsse, denn die Zeit und das Unendliche seien ungeworden, so daß nach ihrem Grunde zu fragen, heißen würde, den Anfang des Unendlichen suchen. Man kann 25 hierin nur ein sophistisches Abweisen der Frage nach dem ersten Grunde aller Erscheinungen erblicken.“ S. 567. Ich kann in dieser Erklärung Ritters bloß ein moralisches Abweisen der Frage nach dem Grund dieser demokritischen Bestimmung erblicken; das Unendliche ist im Atom als Prinzip gesetzt. Das liegt in dessen Be- 30 Stimmung. Nach einem Grund derselben fragen, würde allerdings seine Begriffsbestimmung aufheben. „Nur eine physische Beschaffenheit legt Demokrit den Atomen bei, die Schwere Man kann auch hierin das mathematische Inter¬ esse wieder erkennen, welches die Anwendbarkeit der Mathematik auf die 35 Berechnung des Gewichts zu retten sucht.“ S. 568. „Daher leiteten die Atomisten auch die Bewegung von der Notwendig¬ keit ab, indem sie sich diese als die Grundlosigkeit der in das Unbestimmte zurückgehenden Bewegung dachten.“ S. 570.’) *) Die folgenden Ausführungen beginnen im Manuskript auf einer neuen Seite und nehmen drei Seiten ein. Danach folgt auf fünf Seiten, bis zum Schlüsse des Heftes, ein ganz neuer Text — mit der Überschrift: Schema der Naturphilosophie — der einen dreimaligen, äußerst gedrängten schematischen Auszug aus Hegels Enc. d. phil. Wiss. i. Grundr. §§ 253—349 darstellt. Wir bringen dieses Schema im zweiten Halbband. *) Danach zitiert Marx — zum kleinen Teil in eigener deutscher Übersetzung, größtenteils aber griechisch — folgende Stellen: Sext. Emp. adv. dogm. III (math. IX)
140 Die Doktordissertation [Das Urteil Hegels über die epikureische Naturphilosophie] Ist der epikureischen Naturphilosophie nun auch nach Hegel (siehe Gesamtausgabe, Band 14, S. 492) kein großes Lob beizulegen, wenn man den objektiven Gewinn als Maßstab der Beurteilung geltend macht, so 5 ist von der anderen Seite, nach welcher historische Erscheinungen keines solchen Lobes bedürfen, die offene, echt philosophische Konsequenz zu bewundern, mit welcher der ganzen Breite nach die Inkonsequenzen seines Prinzips an sich selbst ausgelegt werden. Die Griechen werden ewig unsere Lehrer bleiben wegen dieser grandiosen objektiven Naivität, die jede Sache io gleichsam ohne Kleider im reinen Lichte ihrer Natur, sei es auch ein ge¬ trübtes Licht, leuchten läßt. Unsere Zeit vor allem hat selbst in der Philo¬ sophie sündhafte Erscheinungen hervor getrieben, behaftet mit der größten Sünde, der Sünde gegen den Geist und die Wahrheit, indem eine versteckte Absicht hinter der Einsicht und eine versteckte Einsicht hinter der Sache 15 sich logiert. 19—21 Bek. p. 394, 28—395, 22 Col. AU. p. 311 sqq.; ib. 25 Bek. p. 396. 9—14 C. All. p. 312 ib. 58 Bek. p. 405, 14—16 C. All. p. 319. Danach schreibt Marx: a) anima mit einem Hinweis auf adv. math. p. 321; in Bekkers Ausgabe ib. 71—72, p. 407—408; danach zitiert Marx: Sext. Emp. hypotyp. III, 218 Bek. p. 172, 21—27 Col. All. p. 153. Sext. Emp. adv. dogm. IV (math. X) 219-21 Bek. p. 521, 8-24 C. All. p. 417 [Diese Stelle gibt Marx in gekürzter Übersetzung wieder} ib. 240—41 Bek. p. 524, 30—525, 12 C. All. p. 420 ib. 244 Bek. p. 525, 23—26 C. All. p. 421. — Dann folgen die obigen Ausführungen über Hegel.
Tafel V Entwurf einer späteren Vorrede (s. Einleitung S. XXXIV)
[Jus dem VIL Heft}*) [Das Verhältnis der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie zur früheren griechi¬ schen Philosophie]’) 5 Es ist eine wesentlich merkwürdige Erscheinung, daß der Zyklus der drei griechischen philosophischen Systeme, die den Schluß der reinen griechischen Philosophie bilden, das epikureische, stoische, skeptische System die Hauptmomente ihrer Systeme aufnehmen als vorgefundene in der Vergangenheit.8) So ist die stoische Naturphilosophie großenteils 10 heraklitisch, ihre Logik analog mit Aristoteles, so daß schon Cicero be¬ merkt, „Stoici cum Peripateticis re concinere videntur, verbis discrepare“ (de nat. deorum L. I c. VII). Die Naturphilosophie des Epikur ist den Grundzügen nach demokritisch, die Moral analog mit den Cyrenaikern. Die Skeptiker endlich sind die Gelehrten unter den Philosophen, ihre Ar- it Leit ist das Entgegenstellen, also auch das Aufnehmen der vorgefundenen, verschiedenen Behauptungen. Sie haben einen gleichmachenden, applanie¬ renden gelehrten Blick auf die Systeme hinter sich geworfen und damit den Widerspruch und Gegensatz herausgestellt. Auch ihre Methode hat an der eleatischen, sophistischen und vorakademischen Dialektik den all- 1) Auf dem Umschlag des VII. Heftes befindet sich folgende Aufschrift: Epiku* reische Philosophie. 7tes Heft. Cicero I) de natura deorum II) Tusculanarum quaestionum libri V. Ein Datum, wie auf der Umschlagseite der ersten vier Hefte, ist hier nicht vermerkt. Von den angeführten Schriften Ciceros ist im Heft nur die erste bearbeitet, aus der zweiten finden sich keine Zitate. Dagegen sind Stellen aus Cicero, de finibus bonorum et malorum herangezogen. ’) Das Heft beginnt mit einer Reihe von Stellen aus Cicero, de natura deorum. Marx gibt die Ausgabe, die er benutzt hat, nicht an. IVir zitieren nach der Ausgabe: M. Tulli Ciceronis Opera ex recensione Jo. Casp. Orelli, Turici, 1845—62, vol. IV, 1861. Marx zitiert zuerst Cic. de nat. deor. L. I. c. VIII, 18 (Orel. p. 375, 6—8), danach weist er auf c. XIII hin, mit der Bemerkung: Sehr schön ist die Stelle des Antisthenes „in eo libro, qui Physicus inscribitur, populäres deos multos, naturalem u n u m esse dicens.“ (Or. p. 379, 1—3) ; danach zitiert er: ib. c. XIV, 36 (Or. p. 380, 6—10), mit der Vorbemerkung: Heißt es vom Stoiker Zeno: danach Zitat: ib. c. XV (Or. 381, 12—18), mit der Vorbemerkung: Heißt es von dem Stoiker Chrysippus: danach folgende Stellen: ib. c. XVI, 43 (Or. 381, 31—37) ib. c. XVII, 44—45 (Or. p. 381, 40—382, 17) ib. c. XVIII, 46-XX, 56 (Or. p. 382, 23—384, 22) ib. c. XXI, 58. Dazu schreibt Marx: Nun kommt Cottas Entgegnung (Or. p. 384, 38—385, 3) ib. c. XXIII, 62—64 (Or. p. 385, 34-386, 8) ib. c. XXIV, 66—68 (Or. p. 386, 23— 387, 14) ib. c. XXV, 69—70 (Or. p. 387, 15—24). Auf einer neuen Seite beginnen dann die oben wiedergegebenen Ausführungen. 3) Vgl. Diss. p. 14. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 15
142 Die Doktordissertation gemeinen Prototyp. Und dennoch sind diese Systeme originell und eil Ganzes.1 ) Aber nicht nur, daß sie vollständige Baustücke zu ihrer Wissenschaft vorfanden; die lebendigen Geister ihrer Geisterreiche sind diesen selbst gleichsam als Propheten vorhergegangen. Die Persönlichkeiten, die zi 5 ihrem System gehören, waren historische Personen, System war den System gleichsam das Inkorporierte. So Aristipp, Antisthenes, die So¬ phisten u. a. Wie dies zu begreifen?’) [Das Atom als die allgemeinste Form des Begriffet 10 in der epikureischen Naturphilosophie] Was Aristoteles bei der „ernährenden Seele“ bemerkt: de animi L. IL c. II. xojqI&o&ol dé tovto fièv xœv âllœv ôvvaxôv, xà ô’ 5AÂa xovxon àôvvaxov èv xoïç ûvrfxoïç [atque de nonnullis quidem istorum videre discernereque facile possumus, nonnulla autem dubitationem habent. — 15 Arist. De anima, lib. II, cap. 2 413a], ist ebenso bei der epikureischer Philosophie ins Auge zu fassen, teils sie selbst zu begreifen, teils Epikun eigene scheinbare Absurditäten, wie die Ungeschicklichkeit seiner späterer Beurteiler. Die allgemeinste Form des Begriffs ist bei ihm das Atom3); ab 20 dies allgemeinste Sein desselben, das aber in sich konkret und Gattung ist, selbst eine Art gegen höhere Besonderungen in concretionem des Begriffs seiner Philosophie. Das Atom bleibt also das abstrakte Ansichsein, z. B. der Person, da Weisen, Gottes. Dies sind höhere qualitative Fortbestimmungen desselber 25 Begriffs. Es ist also bei der genetischen Entwicklung dieser Philosophie nicht Bayles und Plutarchs u. a. ungeschickte Frage aufzuwerfen, wie kann eine Person, ein Weiser, ein Gott aus Atomen entstehen und zu¬ sammengesetzt werden? Andererseits scheint diese Frage durch Epiku? selbst gerechtfertig zu werden, denn bei hohen Entwicklungen, z. B. Gott, 30 wird er sagen, dieser bestehe aus kleineren und feineren Atomen. Hier¬ über ist zu bemerken, daß sein eigenes Bewußtsein zu dessen Entwick¬ lungen, zu den ihm auf gedrungen en Weiterbestimmungen seines Prinzipt [sich] verhält, wie das unwissenschaftliche Bewußtsein der Späteren zi seinem System. 35 Wenn z. B. bei Gott etc., abstrahiert von der weiteren Formbestim¬ mung, die er als ein notwendiges Glied im System hat, nach seinem Bestehen, seinem Ansichsein gefragt wird, so ist das allgemeine Bestehen überhaupt Vgl. Diss. p. 14. s) Zwischen dieser Frage und dem danach folgenden Text ist im Manuskript en langer Trennungsstrich. 8) Vgl. Diss. p. 39.
Aus den Vorarbeiten 143 das Atom und die vielen Atome; aber eben in dem Begriff Gottes, des Weisen ist dies Bestehen untergegangen in eine höhere Form. Sein spezi¬ fisches Ansichsein ist eben seine weitere Begriffsbestimmung und Not¬ wendigkeit im Ganzen des Systems. Wird noch ein Sein außer diesem 5 gefaßt, so ist dies ein Rückfall in die untere Stufe und Form des Prinzips. Epikur muß aber stets so zurückfallen, denn sein Bewußtsein ist ein atomistisches, wie sein Prinzip. Das Wesen seiner Natur ist auch das Wesen seines wirklichen Selbstbewußtseins. Der Instinkt, der ihn treibt, und die weiteren Bestimmungen dieses instinktmäßigen Wesens sind ihm 10 ebenso wieder eine Erscheinung neben anderem, und aus der hohen Sphäre seines Philosophierens sinkt er in die allgemeinste zurück, vorzüglich, da das Bestehen, als Fürsichsein überhaupt, ihm die Form alles Bestehens überhaupt ist.1) Dies wesentliche Bewußtsein des Philosophen trennt sich von seinem 15 eigenen erscheinenden Wissen, aber dies erscheinende Wissen selbst in seinen Selbstgesprächen gleichsam über sein eigentliches inneres Problem, ü^er den Gedanken, den es denkt, ist bedingt, bedingt durch das Prinzip, was das Wesen seines Bewußtseins ist. [Die Aufgaben der philosophischen 20 Geschichtsschreibung] Die philosophische Geschichtsschreibung hat es nicht sowohl damit zu tun, die Persönlichkeit, sei es auch die geistige des Philosophen, gleich¬ sam als den Fokus und die Gestalt seines Systems zu fassen, noch weniger in psychologisches Kleinkramen und Klugsein sich zu ergehen; sondern 25 sie hat in jedem Systeme die Bestimmungen selbst, die durchgehenden wirklichen Kristallisationen von den Beweisen, den Rechtfertigungen in Gesprächen, der Darstellung der Philosophen, soweit diese sich selbst kennen, zu trennen; den ständig fortwirkenden Maulwurf des wirklichen philosophischen Wissens von dem gesprächigen, exoterischen, sich man- J0nigfach gebärdenden phänomenologischen Bewußtsein des Subjekts, das das Gefäß und die Energie jener Entwicklungen istu In der Trennung dieses Bewußtseins ist eben seine Einheit. Dies kritische Moment bei der Darstellung einer historischen Philosophie ist ein durchaus not¬ wendiges, um die wissenschaftliche Darstellung eines Systems mit seiner 55 historischen Existenz zu vermitteln, eine Vermittlung, die erst zu geben ist, eben weil die Existenz eine historische ist, zugleich aber als eine philosophische behauptet, also ihrem Wesen nach entwickelt worden ist. Am wenigsten darf bei einer Philosophie auf Autorität und guten Glauben angenommen werden, daß sie eine Philosophie sei, sei auch die Autorität /oein Volk und der Glaube der von Jahrhunderten. Der Beweis kann aber nur durch Exposition ihres Wesens geliefert werden; diese beiden trennt’) 9 Vgl. Diss. p. 50. ’) Die drei letzten Worte undeutlich. 15*
144 Die Doktordissertation ja jeder, der Geschichte der Philosophie schreibt, Wesentliches und Un¬ wesentliches, Darstellung und Inhalt, er dürfte sonst nur abschreiben, kaum übersetzen, noch weniger dürfte er selbst mitsprechen oder aus¬ streichen etc. Er wäre bloßer Kopist einer Kopie. Es ist also vielmehr zu fragen, wie kommt der Begriff einer Person, 5 eines Weisen, Gottes, und die spezifischen Bestimmungen dieser Begriffe in das System hinein, wie entwickeln sie sich aus ihm?1) [Die Freiheit des Bewußtseins als das Prinzip der epikureischen Philosophie] *) Indem wir die Natur als vernünftig erkennen, hört unsere Abhängig- 10 keit von derselben auf. Sie ist kein Schrecken unseres Bewußtseins mehr, und gerade Epikur macht die Form des Bewußtseins, in ihrer Unmittel¬ barkeit, das Fürsichsein zur Form der Natur.8) Nur indem die Natur ganz frei gelassen wird von der bewußten Vernunft, als Vernunft in ihr selber betrachtet wird, ist sie ganz Eigentum der Vernunft. Jede Beziehung 15 zu ihr, als solche, ist zugleich ein Entfremdetsein derselben.4) 1) Dann folgt — durch einen Strich von den obigen Ausführungen getrennt — eine Reihe Zitate aus Cicero de finibus bonorum et malorum: L. I, c. VI, 17—21 (Or. p. 80, 16—81, 22); ib. I, VII, 22—23 (Or. p. 81, 25—34) ib. I, IX, 29-30 (Or. p. 83, 34—84, 8); ib. I, XI, 37—38 (Or. p. 86, 6—10); ib. I, XII, 40-42 (Or. p. 86, 33-87, 15); ib. I, XIII, 45 (Or. p. 88, 1—10); ib. I, XVIII, 57-58 (Or. p. 91, 15-20); ib. I, XIX, 62-63 (Or. p. 92, 12-34). 2) Diese Ausführungen knüpfen an die Zitate aus de finibus bonorum et malorum an, welche in der vorigen Anmerkung auf gezahlt sind. ’) Vgl. Diss. p. 51. 4) Nach diesen Ausführungen befinden sich im Hefte noch folgende Zitate aus Cicero de fin. bon. et mal.: I, XIX, 64 (Or. p. 92, 37—93, 5); ib. I, XX, 65—68 (Or. 93, 11—94, 9) ; ib. XXI, 71—72 (Or. p. 94, 27—95, 11). Dann folgen die Zitate aus dem II. Buch desselben Werkes: II, Û, 4 (Or. p. 97, 9); danach zitiert Marx eine Stelle aus den xvqluli öd^cu des Epikur ib. II, VII, 21 (Or. p. 102,17—21) ; ib. II, XXVI, 82 (Or. p. 120, 15-18); II, XXXI, 100 (Or. p. 125, 26-30). Dann folgt das Zitat aus dem III. Buch: III, I, 3 (Or. p. 131, 16—17). Mit diesem Zitat endet das siebente Heft.
Aus: ATHENÄUM Zeitschrift für das gebildete Deutschland Berlin 1841
Erschienen 23. Januar 1841
Wilde Lieder I. Der Spielmann Spielmann streicht die Geigen, s Die lichtbraunen Haare sich neigen, Trägt einen Säbel an der Seit’, Trägt ein weites, gefaltet Kleid. „Spielmann, Spielmann, was streichst Du so sehr, Spielmann, was blickest Du so wild umher? io Was springt das Blut, was kreist’s in Wogen? Zerreiß’t Dir ja deinen Bogen.“ „„Was geig’ ich Mensch! Was brausen Wellen? Daß donnernd sie am Fels zerschellen, Daß’s Aug’ erblind’t, daß der Busen springt, n Daß die Seele hinab zur Hölle klingt!““ „Spielmann, zerreiß’t Dir das Herz mit Spott, Die Kunst, die lieh Dir ein lichter Gott, Sollst’ ziehn, sollst sprühn auf Klangeswellen, Zum Stementanz hinanzuschwellen!“ 20 „ „Was, was! Ich stech’, stech’ ohne Fehle Blutschwarz den Säbel in Deine Seele, Gott kennt sie nicht, Gott acht’ nicht der Kunst; Die stieg in den Kopf aus Höllendunst, Bis das Hirn vernarrt, bis das Herz verwandelt: 2s Die hab’ ich lebendig vom Schwarzen erhandelt. Der schlägt mir den Takt, der kreidet die Zeichen; Muß voller, toller den Todtenmarsch streichen, Muß spielen dunkel, muß spielen licht, Bis’s Herz durch Sait’ und Bogen bricht.“ “ Spielmann streicht die Geigen, Die lichtbraunen Haare sich neigen, Trägt einen Säbel an der Seit’, Trägt ein weites, gefaltet Kleid.
148 Wilde Lieder IL Nachtliebe Preßt sie krampfhaft an’s Herz, Schaut so dunkel in’s Auge: „Viellieb, brennt Dich Schmerz, & Bebst, bebst meinem Hauche!“ „Hast getrunken die Seele Mein! mein, Deine Gluth! Glänz’, meine Juwele, Glänz’, glänz’ Jugendblut!“ » „„Holder, schaust so bleich, Sprichst so wunderselten, Sieh’, wie sangesreich Zieh’n am Himmel Welten!““ „Ziehen, Liebchen, ziehen, u Gliih’n Sterne, gliih’n! Hinauf! hinauf dann entfliehen, Seelen zusammenspriihn!“ Spricht dumpf leise flüsternd, Schaut entsetzt umher, !0 Blicke flammenknistemd Gliih’n sein Auge leer. „Liebchen, hast Gift getrunken, Mußt fort mit mir gehn, Nacht ist herabgesunken, ts Kann den Tag nicht mehr sehn.“ Preßt sie krampfhaft ans Herz, Tod in Brust und Hauche, Sticht sie tiefinnerer Schmerz, Öffnet nie mehr das Auge. so K. Marx.
Aus: ANEKDOTA zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistik Zürich und Winterthur 1843
Erschienen in den am 13. Februar 1843 ausgegebenen Anekdota zur neuesten deutschen Pilosophie und Publicistik von Bruno Bauer, Ludwig Feuerbach, Friedrich Köppen, Karl Nauwerck, Arnold Ruge und einigen Ungenannten. Herausgegeben von Arnold Ruge. I—II. Zürich und Winterthur Verlag des Literarischen Comptoirs. 1843. — Die Bemerkungen Bd. I, p. 56—88, der Beitrag über Luther Bd. II, p. 206—208. Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion . 151—173 Geschrieben Mitte Januar bis 10. Februar 1842 Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach . . 174—175 Geschrieben Anfang 1842
Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion Von einem Rheinländer Wir gehören nicht zu den Malkontenten, die schon vor der Er- 5 scheinung des neuen preußischen Zensuredikts ausrufen: Timeo Danaos et dona ferentes. Vielmehr da in der neuen Instruktion die Prüfung schon erlassener Gesetze, sollte sie auch nicht im Sinne der Regierung ausfallen, gebilligt wird, so machen wir so¬ gleich einen Anfang mit ihr selbst. Die Zensur ist die o f f i - w z i e 11 e Kritik; ihre Normen sind kritische Normen, die also am wenigsten der Kritik, mit der sie sich in ein Feld stellen, ent¬ zogen werden dürfen. Die im Eingang der Instruktion ausgesprochene allgemeine Tendenz wird gewiß jeder nur billigen können: „Um schon js j e t z t die Presse von unstatthaften, nicht in der allerhöchsten Ab¬ sicht liegenden Beschränkungen zu befreien, haben Se. Majestät der König durch eine an das Kgl. Staatsministerium am 10. d. M. erlassene allerhöchste Ordre jeden ungebührlichen Zwang der schriftstellerischen Tätigkeit ausdrücklich zu mißbilligen und, 20 unter Anerkennung des Wertes und des Bedürfnisses einer frei¬ mütigen und anständigen Publizität, uns zu ermächtigen geruht, die Zensoren zur angemessenen Beachtung des Art. 2 des Zensur¬ edikts vom 18. Oktober 1819 von neuem anzuweisen.“ Gewiß! Ist die Zensur einmal eine Notwendigkeit, so ist die 2s freimütige, die liberale Zensur noch notwendiger. Was sogleich ein gewisses Befremden erregen dürfte, ist das Datum des angeführten Gesetzes; es ist datiert vom 18. Oktober 1819. Wie? Ist.es etwa ein Gesetz, welches die Zeitumstände zu derogieren zwangen? Es scheint nicht; denn die Zensoren werden io nur „von neuem“ zur Beachtung desselben angewiesen. Also bis 1842 war das Gesetz vorhanden, aber es ist nicht befolgt wor¬ den, denn „um schonjetzt“ die Presse von unstatthaften, nicht in der allerhöchsten Absicht liegenden Beschränkungen zu be¬ freien, wird es ins Gedächtnis gerufen. 35 Die Presse — eine unmittelbare Konsequenz dieses Eingangs — unterlag bis jetzt trotz dem Gesetze unstatthaften Be¬ schränkungen. Sämtliche Sperrungen in den Zitaten von Marx vorgenommen.
152 Aus den Anekdota Spricht dies nun gegen das Gesetz oder gegen die Zensoren? Das letztere dürfen wir kaum behaupten. Zweiundzwanzig Jahre durch geschahen illegale Handlungen von einer Behörde, welche das höchste Interesse der Staatsbürger, ihren Geist,« unter Tutel hat, von einer Behörde, die, noch mehr als die römi¬ schen Zensoren, nicht nur das Betragen einzelner Bürger, son¬ dern sogar das Betragen des öffentlichen Geistes reguliert. Sollte in dem wohleingerichteten, auf seine Administration stolzen preußischen Staate solch gewissenloses Benehmen der 10 höchsten Staatsdiener, eine so konsequente Illoyalität möglich sein? Oder hat der Staat in fortwährender Verblendung die un¬ tüchtigsten Individuen zu den schwierigsten Stellen gewählt? Oder hat endlich der Untertan des preußischen Staates keine Möglich¬ keit, gegen ungesetzmäßiges Verfahren zu reklamieren? Sind is alle preußischen Schriftsteller so ungebildet und unklug, mit den Gesetzen, die ihre Existenz betreffen, nicht bekannt zu sein, oder sind sie zu feig, die Anwendung derselben zu verlangen? Werfen wir die Schuld auf die Zensoren, so ist nicht nur ihre eigene Ehre, sondern die Ehre des preußischen Staats, der 20 preußischen Schriftsteller kompromittiert. Es wäre ferner durch das mehr als zwanzigjährige gesetzlose Benehmen der Zensoren trotz den Gesetzen das argumentum ad hominem geliefert, daß die Presse anderer Garantien bedarf als solcher allgemeiner Verfügungen für solche unverantwortliche « Individuen; es wäre der Beweis geliefert, daß im Wesen der Zen¬ sur ein Grundmangel liegt, dem kein Gesetz abhelfen kann. Waren aber die Zensoren tüchtig, und taugte das Gesetz nicht, warum es von neuem zur Abhilfe der Übel aufrufen, die es veranlaßt hat? 30 Oder sollen etwa die objektivenFehler einer Institution den Individuen zur Last gelegt werden, um ohne Verbesserung des Wesens den Schein einer Verbesserung zu erschleichen? Es ist die Art des Scheinliberalismus, der sich Konzessionen abnötigen läßt, die Personen hinzuopfem, die Werkzeuge, und die w Sache, die Institution festzuhalten. Die Aufmerksamkeit eines oberflächlichen Publikums wird dadurch abgelenkt. Die sachliche Erbitterung wird zur persönlichen. Mit einem Personenwechsel glaubt man den Wechsel der Sache zu haben. Von der Zensur ab richtet sich der Blick auf einzelne Zensoren, und 30 jene kleinen Schriftsteller des befohlenen Fortschritts handhaben minutiöse Kühnheiten gegen die ungnädig Behandelten, als ebenso viele Huldigungen gegen das Gouvernement. Noch eine andere Schwierigkeit hemmt unsere Schritte. Einige Zeitungskorrespondenten halten die Zensurinstruktion «
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 153 für das neue Zensuredikt selbst. Sie haben geirrt; aber ihr Irrtum ist verzeihlich. Das Zensuredikt vom 18. Oktober 1819 sollte nur provisorisch bis zum Jahre 1824 dauern, und — es wäre bis auf den heutigen Tag provisorisches Gesetz geblieben, wenn wir nicht s aus der vorliegenden Instruktion erführen, daß es nie in Anwen¬ dung gekommen ist. Auch das Edikt von 1819 war eine interimistische Ma߬ regel, nur daß hier der Erwartung die bestimmte Sphäre von fünf Jahren angewiesen war, während sie in der neuen Instruktion be- io liebigen Spielraum hat, nur daß der Gegenstand der damaligen Erwartung GesetzederPreßfreiheit, die der jetzigen Gesetze der Zensur sind. Andere Zeitungskorrespondenten betrachten die Zensurinstruk¬ tion als eine Wiederauffrischung des alten Zensuredikts. Ihr Irr- is tum wird durch die Instruktion selbst widerlegt werden. Wir betrachten die Zensurinstruktion als den antizipierten Geist des mutmaßlichen Zensurgesetzes. Wir schließen uns darin strenge dem Geist des Zensuredikts von 1819 an, worin Landes¬ gesetze und Verordnungen als gleichbedeutend für die oo Presse hingestellt werden. (Siehe das angeführte Edikt Art. XVI, Nr. 2.) Kehren wir zur Instruktion zurück. „Nach diesem Gesetz, nämlich dem Art. 2, soll die Zensur keine ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit hindern, noch den Schriftstellern ungebührlichen Zwang auflegen, noch den freien Verkehr des Buchhandels hemmen.“ Die Untersuchung der Wahrheit, die von der Zensur nicht ge¬ hindert werden soll, ist näher qualifiziert als eine ernsthafte und bescheidene. Beide Bestimmungen weisen die Unter- 30 suchung nicht auf ihren Inhalt, sondern vielmehr auf etwas, das außer ihrem Inhalt liegt. Sie ziehen von vornherein die Unter¬ suchung von der Wahrheit ab und schreiben ihr Aufmerksam¬ keiten gegen einen unbekannten Dritten vor. Die Untersuchung, die ihre Augen beständig nach diesem durch das Gesetz mit einer 35 gerechten Irritabilität begabten Dritten richtet, wird sie nicht die Wahrheit aus dem Gesicht verlieren? Ist es nicht erste Pflicht des Wahrheitsforschers, direkt auf die Wahrheit loszugehen, ohne rechts oder links zu sehen? Vergesse ich nicht die Sache zu sagen, wenn ich noch weniger vergessen darf, sie in der vorgeschriebenen oo Form zu sagen? Die Wahrheit ist so wenig bescheiden als das Licht, und gegen wen sollte feie es sein? Gegen sich selbst? Verum index sui et falsi. Also gegen dieUnwahrheit? Bildet die Bescheidenheit den Charakter der Untersuchung, so is ist sie eher ein Kennzeichen der Scheu vor der Wahrheit als vor
154 Aus den Anekdota der Unwahrheit. Sie ist ein niederschlagendes Mittel auf jedem Schritt, den ich vorwärts tue. Sie ist eine der Unter¬ suchungvorgeschriebene Angst, das Resultat zu finden, ein Präservativmittel vor der Wahrheit. Ferner: die Wahrheit ist allgemein, sie gehört nicht mir, sie 5 gehört Allen, sie hat mich, ich habe sie nicht. Mein Eigentum ist die Form, sie ist meine geistige Individualität. Le style c’est l’homme. Und wie! Das Gesetz gestattet, daß ich schreiben soll, nur soll ich einen anderen als meinen Stil schreiben! Ich darf das Gesicht meines Geistes zeigen, aber ich muß es vorher in v o r • 10 geschriebene Falten legen! Welcher Mann von Ehre wird nicht erröten über diese Zumutung und nicht lieber sein Haupt unter der Toga verbergen? Wenigstens läßt die Toga einen Jupiter- kopf ahnen. Die vorgeschriebenen Falten heißen nichts als: bonne mine à mauvais jeu. is Ihr bewundert die entzückende Mannigfaltigkeit, den uner¬ schöpflichen Reichtum der Natur. Ihr verlangt nicht, daß die Rose duften soll wie das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist soll nur auf eine Art existieren dürfen? Ich bin humoristisch, aber das Gesetz gebietet, ernsthaft zu schreiben. Ich bin keck, aber das Ge- 20 setz befiehlt, daß mein Stil bescheiden sei. Grau in Grau ist die einzige, die berechtigte Farbe der Freiheit. Jeder Tautropfen, in den die Sonne scheint, glitzert in unerschöpflichem Farbenspiel, aber die geistige Sonne, in wie vielen Individuen, an welchen Gegenständen sie auch sich breche, soll nur eine, nur die o f f i • « zielle Farbe erzeugen dürfen! Die wesentliche Form des Geistes ist Heiterkeit, Licht, und ihr macht den Schat¬ ten zu seiner einzigen entsprechenden Erscheinung; nur schwarz gekleidet soll er gehen, und doch gibt es unter den Blumen keine schwarze. Das Wesen des Geistes ist die Wahrheit immer30 selbst, und was macht ihr zu seinem Wesen? Die Beschei¬ denheit. Nur der Lump ist bescheiden, sagt Goethe, und zu solchem Lumpen wollt ihr den Geist machen? Oder soll die Be¬ scheidenheit jene Bescheidenheit des Genies sein, wovon Schiller spricht, so verwandelt zuerst alle eure Staatsbürger und vor allem 3s eure Zensoren in Genies. Dann aber besteht die Bescheidenheit des Genies zwar nicht darin, worin die Sprache der Bildung be¬ steht, keinen Akzent und keinen Dialekt, wohl aber den Akzent der Sache und den Dialekt ihres Wesens zu sprechen. Sie besteht darin, Bescheidenheit und Unbescheidenheit zu vergessen und die 40 Sache herauszuscheiden. Die allgemeine Bescheidenheit des Gei¬ stes ist die Vernunft, jene universelle Liberalität, die sich zu jeder Natur nach ihrem wesentlichen Charakter verhält. Soll ferner die Ernsthaftigkeit nicht zu jener Definition «
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 155 des Tristram Shandy passen, wonach sie ein heuchlerisches Be¬ nehmen des Körpers ist, um die Mängel der Seele zu verdecken, sondern den sachlichen Emst bedeuten, so hebt sich die ganze Vorschrift auf. Denn das Lächerliche behandle ich ernsthaft, 5 wenn ich es lächerlich behandle, und die ernsthafteste Unbeschei¬ denheit des Geistes ist, gegen die Unbescheidenheit bescheiden zu sein. Ernsthaft und bescheiden! Welche schwankenden, relativen Begriffe! Wo hört der Emst auf, wo fängt der Scherz an? Wo 10 hört die Bescheidenheit auf, wo fängt die Unbescheidenheit an? Wir sind auf die Temperamente des Zensors angewiesen. Es wäre ebenso unrecht, dem Zensor das Temperament, als dem Schriftsteller den Stil vorzuschreiben. Wollt ihr konsequent sein in eurer ästhetischen Kritik, so verbietet auch, allzu ernst- whaft und allzu bescheiden die Wahrheit zu untersuchen, denn die allzu große Ernsthaftigkeit ist das Allerlächerlichste, und die allzu große Bescheidenheit ist die bitterste Ironie. Endlich wird von einer völlig verkehrten und abstrakten An¬ sicht der Wahrheit selbst ausgegangen. Alle Objekte der so schriftstellerischen Tätigkeit werden unter der einen allgemeinen Vorstellung „W a h r h e i t“ subsumiert. Sehen wir nun selbst vom Subjektiven ab, nämlich davon, daß ein und derselbe Gegen¬ stand in den verschiedenen Individuen sich verschieden bricht und seine verschiedenen Seiten in ebenso viele verschiedene geistige iS Charaktere umsetzt; soll denn der Charakter des Gegen¬ standes gar keinen, auch nicht den geringsten Einfluß auf die Untersuchung ausüben? Zur Wahrheit gehört nicht nur das Resul¬ tat, sondern auch der Weg. Die Untersuchung der Wahrheit muß selbst wahr sein, die wahre Untersuchung ist die entfaltete Wahr- 3o heit, deren auseinander gestreute Glieder sich im Resultat zusam¬ menfassen. Und die Art der Untersuchung sollte nicht nach dem Gegenstand sich verändern? Wenn der Gegenstand lacht, soll sie ernst aussehen, wenn der Gegenstand unbequem ist, soll sie be¬ scheiden sein. Ihr verletzt also das Recht des Objekts, wie ihr das 35 Recht des Subjekts verletzt. Ihr faßt die Wahrheit abstrakt und macht den Geist zum Untersuchungsrichter, der sie trocken protokolliert. Oder bedarf es dieser metaphysischen Quälerei nicht? Ist die Wahrheit einfach so zu verstehen, daß Wahrheit sei, was jo die Regierung anordnet, und daß die Untersuchung als ein überflüssiger, zudringlicher, aber der Etikette wegen nicht ganz abzuweisender Dritter hinzukomme? Es scheint fast so. Denn von vornherein wird die Untersuchung im Gegensatz gegen die Wahrheit gefaßt und erscheint daher in der verdäch- 45 tigen offiziellen Begleitung der Ernsthaftigkeit und Bescheiden-
156 Aiu den Anekdota heit, die allerdings dem Laien dem Priester gegenüber geziemen. Der Regienmgsverstand ist die einzige Staatsvemunft. Dem an¬ deren Verstand und seinem Geschwätz sind zwar unter gewissen Zeitumständen Konzessionen zu machen, zugleich aber trete er mit dem Bewußtsein der Konzession und der eigentlichen Recht-t losigkeit auf, bescheiden und gebeugt, ernsthaft und langweilig. Wenn Voltaire sagt: tous les genres sont bons, excepté le genre ennuyeux, so wird hier das ennuyante Genre zum exklusiven, wie schon die Hinweisung auf „die Verhandlungen der Rheinischen Landstände“ zur Genüge beweist. Warum nicht lieber den guten 10 alten deutschen Kurialstil? Frei sollt ihr schreiben, aber jedes Wort sei zugleich ein Knicks vor der liberalen Zensur, die eure ebenso ernsten als bescheidenen Vota passieren läßt. Das Bewußt¬ sein der Devotion verliert ja nicht! Der gesetzlicheTon liegt nicht auf der Wahrheit, sondern « auf der Bescheidenheit und Ernsthaftigkeit. Also alles erregt Be¬ denken, die Ernsthaftigkeit, die Bescheidenheit und vor allem die Wahrheit, unter deren unbestimmter Weite eine sehr bestimmte, sehr zweifelhafte Wahrheit verborgen scheint. „Die Zensur“, heißt es weiter in der Instruktion, „soll also 00 keineswegs in einem engherzigen, über dieses Gesetz hinausgehen¬ den Sinn gehandhabt werden.“ Unter diesemGesetz ist zunächst der Art. 2 des Edikts von 1819 gemeint, allein später verweist die Instruktion auf den „Geis t“ des Zensuredikts überhaupt. Beide Bestimmungen sind 0s leicht zu vereinen. Der Art. 2 ist der konzentrierte Geist des Zensuredikts, dessen weitere Gliederung und Spezifikation sich in den anderen Artikeln findet. Wir glauben den zitierten Geist nicht besser charakterisieren zu können als durch folgende Äußerungendess eiben: 30 Art. VII. „Die der Akademie der Wissenschaften und den Universitäten bisher verliehene Zensur¬ freiheit wird auf fünf Jahre hiermit suspendiert.“ § 10. „Der gegenwärtige einstweilige Beschluß soll vom heutigen Tage an fünf Jahre in Wirksamkeit bleiben. Vor 3s Ablauf dieser Zeit soll am Bundestage gründlich untersucht wer¬ den, auf welche Weise die im 18. Artikel der Bundesakte i n A n - regung gebrachten gleichförmigen Verfügungen über die Preßfreiheit in Erfüllung zu setzen sein möchten, und demnächst ein Definitivbeschluß über die regelmäßigen Gren-« zen der Preßfreiheit in Deutschland erfolgen.“ Ein Gesetz, welches die Preßfreiheit, wo sie noch exi¬ stierte, suspendiert, und wo sie zur Existenz gebracht werden sollte, durch die Zensur überflüssig macht, kann nicht gerade ein der Presse günstiges genannt werden. Auch gesteht § 10 ge- ts
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 157 radezu, daß anstatt der im 18. Artikel der Bundesakte in Anre¬ gung gebrachten und vielleicht einmal in Erfüllung zu setzenden Preßfreiheit provisorisch ein Zensurgesetz gegeben werde. Dies quid pro quo verrät zum wenigsten, daß der Cha- 5 rakter der Zeit Beschränkungen der Presse gebot, daß das Edikt dem Mißtrauen gegen die Presse seinen Ursprung verdankt. Diese Verstimmung wird sogar entschuldigt, indem sie als provisorisch, als nur für fünf Jahre geltend — leider hat sie 22 Jahre gewährt — bezeichnet wird. io Schon die nächste Zeile der Instruktion zeigt uns, wie sie in den Widerspruch gerät, der einerseits die Zensur in keinem über das Edikt hinausgehenden Sinn gehandhabt wissen will und ihr zu gleicher Zeit dies Hinausgehen vorschreibt: „Der Zensor kann eine freimütige Besprechung auch der inneren Angelegenheiten 15 sehr wohl gestatten.66 Der Zensor k a n n , er muß nicht, es ist keine Notwendigkeit, allein schon dieser vorsichtige Liberalismus geht nicht nur über den Geist, sondern über die bestimmten Forde¬ rungen des Zensuredikts sehr bestimmt hinaus. Das alte Zensur¬ edikt, und zwar der in der Instruktion zitierte Art. 2, gestattet nicht 20 nur keine freimütigeBesprechung der preußischen, son¬ dern nicht einmal der chinesischen Angelegenheiten. „Hier¬ her“, nämlich zu den Verletzungen der Sicherheit des preußischen Staats und der deutschen Bundesstaaten1), wird kommentiert, „ge¬ hören alle Versuche, in irgendeinem Lande bestehende 25 Parteien, welche am Umsturz der Verfassung arbeiten, in einem günstigen Lichte darzustellen.“ Ist auf diese Weise eine freimütige Besprechung der chinesischen oder türkischen Landesangelegenheiten gestattet? Und wenn schon so entlegene Beziehungen die irritable Sicherheit des deutschen Bundes ge- 30 fährden, wie nicht jedes mißbilligende Wort über innere An¬ gelegenheiten? Geht auf diese Weise die Instruktion nach der liberalen Seite hin über den Geist des Art. 2 des Zensuredikts hinaus — ein Hin¬ ausgehen, dessen Inhalt sich später ergeben wird, das aber 36 formell schon insofern verdächtig ist, als es sich zur Konse¬ quenz des Art. 2 macht, von dem in der Instruktion weislich nur die erste Hälfte zitiert, der Zensor aber zugleich auf den Artikel selbst angewiesen wird, — so geht sie ebenso sehr nach der illiberalen Seite hin über das Zensur- ^edikt hinaus und fügt neue Preßbeschränkungen zu den alten hinzu. In dem oben zitierten Art. 2 des Zensuredikts heißt es: „Ihr Zweck (der Zensur) ist, demjenigen zu steuern, was den all¬ gemeinen Grundsätzen der Religion, ohne Rfick&lcht x) Im Original Druckfehler Landesstaaten Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 16
158 Aas den Anekdota auf die Meinungen und Lehren einzelner Religionsparteien und im Staate geduldeter Sekten, zuwider ist.“ Im Jahr 1819 herrschte noch der Rationalismus, welcher unter der Religion im Allgemeinen die sogenannte Vemunftreligion ver¬ stand. Dieser rationalistische Standpunkt ist auch der 5 Standpunkt des Zensuredikts, welches allerdings so inkonsequent ist, sich auf den irreligiösen Standpunkt zu stellen, während es die Religion zu beschützen bezweckt. Es widerspricht nämlich schon den allgemeinen Grundsätzen der Religion, ihre allgemeinen Grundsätze von ihrem positiven Inhalt und von ihrer Bestimmtheit 10 zu trennen, denn jede Religion glaubt sich von den anderen beson¬ deren eingebildeten Religionen eben durch ihr besonde¬ res Wesen zu unterscheiden und eben durch ihre Bestimmt¬ heit die wahre Religion zu sein. Die neue Zensurinstruk¬ tion läßt in der Zitation des Art. 2 den beschränkenden is Nachsatz aus, durch welchen die einzelnen Religionsparteien und Sekten von der Inviolabilität ausgeschlossen wurden, aber sie bleibt nicht hierbei stehen, sie liefert den folgenden Kom¬ mentar: „Alles was wider die christliche Religion im Allge¬ meinen oder wider einen bestimmten Lehrbegriff auf20 eine frivole, f ein d selige Weise gerichtet ist, darf nicht ge¬ duldet werden.“ Das alte Zensuredikt erwähnt mit keinem Wort der christlichen Religion, im Gegenteil, es unterscheidet die Religion von allen einzelnen Religionsparteien und Sekten. Die neue Zensurinstruktion verwandelt nicht nur Religion in c h r i s t - 2s liehe Religion, sondern fügt noch den bestimmten Lehr¬ begriff hinzu. Köstliche Ausgeburt unserer christlich gewor¬ denen Wissenschaft! Wer will noch leugnen, daß sie der Presse neue Fesseln geschmiedet hat? Die Religion soll weder im Allgemeinen noch im Besonderen angegriffen werden, 30 Oder glaubt ihr etwa, die Worte frivol, feindselig machten die neuen Ketten zu Rosenketten? Wie geschickt geschrieben: frivol, feindselig! Das Adjektivum frivol richtet sich an die Ehr¬ barkeit des Bürgers, es ist das exoterische Wort an die Welt, aber das Adjektivum feindselig wird dem Zensor ins Ohr geflüstert, es 35 ist die gesetzliche Interpretation der Frivolität. Wir werden in dieser Instruktion noch mehrere Beispiele von diesem feinen Takte finden, der ein subjektives, das Blut ins Gesicht treibendes Wort an das Publikum und ein objektives, das Blut dem Schrift¬ steller aus dem Gesicht treibendes Wort an den Zensor richtet. 40 Auf diese Weise kann man lettres de cachet in Musik setzen. Und in welchen merkwürdigen Widerspruch verfängt sich die Zensurinstruktion! Nur der halbe Angriff, der sich an einzelnen Seiten der Erscheinung hält, ohne tief und ernst genug zu sein, um das Wesen der Sache zu treffen, ist frivol, eben die Wendung 45
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 159 gegen ein nur Besonderes als solches ist frivol. Ist also der Angriff auf die christliche Religion im allgemeinen verboten, so ist nur der frivole Angriff auf sie gestattet. Umgekehrt ist der Angriff auf die allgemeinen Grundsätze der Religion, auf ihr 5 Wesen, auf das Besondere, insofern es Erscheinung des Wesens ist, ein feindseliger Angriff. Die Religion kann nur auf eine feindselige oder frivole Weise angegriffen wer¬ den, ein Drittes gibt es nicht. Diese Inkonsequenz, in welche sich die Instruktion verfängt, ist allerdings nur ein Schein, denn 10 sie ruht in dem Scheine, als sollte überhaupt noch irgendein Angriff auf die Religion gestattet sein ; aber es bedarf nur eines unbefangenen Blickes, um diesen Schein als Schein zu erkennen. Die Religion soll weder auf eine feindselige noch auf eine frivole Weise, weder im Allgemeinen noch im Besonderen, also gar is n i c h t angegriffen werden. Doch wenn die Instruktion in offenem Widerspruch gegen das Zensuredikt von 1819 die philosophische Presse in neue Fesseln schlägt, so sollte sie wenigstens so konsequent sein, die religiöse Presse aus den alten Fesseln zu befreien, in die 20 jenes rationalistische Edikt sie geschlagen hat. Es macht näm¬ lich auch zum Zweck der Zensur: „dem fanatischen Herüber¬ ziehen von religiösen Glaubenssätzen in die Politik und der da¬ durch entstehenden Begriffsverwirrung entgegenzutreten“. Die neue Instruktion ist zwar so klug, dieser Bestimmung in ihrem 25 Kommentar nicht zu erwähnen, aber sie nimmt dieselbe nichts¬ destoweniger in die ZitationdesArt. 2 auf. Was heißt fana¬ tisches Herüberziehen von religiösen Glaubenssätzen in die Poli¬ tik? Es heißt, die religiösen Glaubenssätze ihrer spezifischen Natur nach den Staat bestimmen lassen, es heißt, das beson- aodere Wesen der Religion zum Maß des Staates machen. Das alte Zensuredikt konnte mit Recht dieser Begriffs¬ verwirrung entgegentreten, denn es gibt die besondere Religion, den bestimmten Inhalt derselben der Kritik anheim. Doch das alte Edikt stützte sich auf den seichten, oberflächlichen, von euch selbst 35 verachteten Rationalismus. Ihr aber, die ihr den Staat auch im einzelnen auf den Glauben und das Christentum stützt, die ihr einen christlichen Staat wollt, wie könnt ihr noch der Zensur dieser Begriffsverwirrung vorzubeugen anempfehlen? io Die Konfusion des politischen und christlich-religiösen Prin¬ zips ist ja offizielle Konfession geworden. Diese Kon¬ fusion wollen wir mit einem Wort klar machen. Bloß von der christlichen als der anerkannten Religion zu reden, so habt ihr in eurem Staate Katholiken und Protestanten. Beide machen gleiche 35 Ansprüche an den Staat, wie sie gleiche Pflichten gegen ihn haben. 16*
160 Aus den Anekdota Sie sehen ab von ihren religiösen Differenzen und verlangen auf gleiche Weise, daß der Staat die Verwirklichung der politischen und rechtlichen Vernunft sei. Ihr aber wollt einen christlichen Staat. Ist euer Staat nur lutherisch-christlich, so- wird er dem Katholiken zu einer Kirche, der er nicht angehört, die 5 er als ketzerisch verwerfen muß, deren innerstes Wesen ihm widerspricht. Umgekehrt verhält es sich ebenso, oder macht ihr den allgemeinen Geist des Christentums zum be- sonderen Geist eures Staates, so entscheidet ihr doch aus eurer protestantischen Bildung heraus, was der allgemeine Geist des 10 Christentums sei. Ihr bestimmt, w a s christlicher Staat sei, obgleich euch die letzte Zeit gelehrt hat, daß einzelne Regierungs¬ beamte die Grenzen zwischen Religion und Welt, zwischen Staat und Kirche nicht ziehen können. Nicht Zensoren, sondern Diplomaten hatten über diese Begriffsverwirrung« nicht zu entscheiden, sondern zu unterhandeln. End¬ lich stellt ihr euch auf den ketzerischen Standpunkt, wenn ihr das bestimmte Dogma als unwesentlich verwerft. Nennt ihr euren Staat allgemein christlich, so bekennt ihr mit einer diplomatischen Wendung, daß er unchristlich sei. Also ver- 2« bietet entweder, die Religion überhaupt in die Politik zu ziehen, — aber das wollt ihr nicht, denn ihr wollt den Staat nicht auf freie Vernunft, sondern auf den Glauben stützen, die Religion gilt euch als die allgemeine Sanktion des Positiven — oder erlaubt auch das fanatische Herüberziehen der Religion in 2« die Politik. Laßt sie auf ihre Weise politisieren, aber das wollt ihr wieder nicht: die Religion soll die Weltlichkeit stützen, ohne daß sich die Weltlichkeit der Religion unterwirft. Zieht ihr die Religion einmal in die Politik, so ist es eine untrügliche [unerträgliche], ja eine irreligiöse Anmaßung, w e 111 i ch be- « stimmen zu wollen, wie die Religion innerhalb der Politik auf¬ zutreten habe. Wer sich mit der Religion verbünden will aus Reli¬ giosität, muß ihr in allen Fragen die entscheidende Stimme ein¬ räumen, oder versteht ihr vielleicht unter Religion den Kultus eurer eigenenUnumschränktheit und Regierungs-35 Weisheit? Noch auf andere Weise gerät die Rechtgläubigkeit der neuen Zensurinstruktion in Konflikt mit dem Rationalismus des alten Zensuredikts. Dieses subsumiert unter den Zweck der Zensur auch die Unterdrückung dessen, „was die Moral und « guten Sitten beleidigt“. Die Instruktion führt diesen Passus als Zitat aus dem Art. 2 an. Allein wenn ihr Kommentar in bezug auf die Religion Zusätze machte, so enthält er Weglassungen in bezug auf die Moral. Aus der Beleidigung der Moral und der guten Sitten wird eine Verletzung von „Zucht und Sitte und «
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 161 äußerer Anständigkeit“. Man sieht: die Moral als Moral, als Prinzip einer Welt, die eigenen Gesetzen gehorcht, verschwindet, und an die Stelle des Wesens treten äußer¬ liche Erscheinungen, die polizeiliche Ehrbarkeit, der «konventionelle Anstand. Ehre, dem Ehre gebührt, hier erkennen wir wahre Konsequenz. Der spezifisch christliche Gesetz¬ geber kann die M o r a 1 als in sich selbst geheiligte unabhängige Sphäre nicht anerkennen, denn ihr inneres allgemeines Wesen vindiziert er der Religion. Die unabhängige Moral beleidigt 10 die allgemeinen Grundsätze der Religion, und die besonderen Begriffe der Religion sind der Moral zuwider. Die Moral erkennt nur ihre eigene allgemeine und vernünftige Religion und die Reli¬ gion nur ihre besondere positive Moral. Die Zensur wird also nach dieser Instruktion die intellektuellen Heroen der Moral, wie 15 etwa Kant, Fichte, Spinoza als irreligiös, als die Zucht, die Sitte, die äußere Anständigkeit verletzend, verwerfen müssen. Alle diese Moralisten gehen von einem prinzipiellen Widerspruch zwischen Moral und Religion aus, denn die Moral ruhe auf der Auto¬ nomie, die Religion auf der Heteronomie des mensch- 2o liehen Geistes. Von diesen unerwünschten Neuerungen der Zensur — einerseits der Erschlaffung ihres moralischen, andererseits der rigurösen Schärfung ihres religiösen Gewissens — wenden wir uns zu dem Erfreulicheren, zu den Konzessionen. Es „folgt insbesondere, daß Schriften, in denen die Staatsver- «« Wallung im Ganzen oder in einzelnen Zweigen gewürdigt, erlas¬ sene oder noch zu erlassende Gesetze nach ihrem inneren Werte geprüft, Fehler und Mißgriffe auf gedeckt, Verbesserungen ange¬ deutet oder in Vorschlag gebracht werden, um deswillen, weil sie in einem anderen Sinne als dem der Regierung geschrieben, nicht 3o zu verwerfen sind, wenn nur ihre Fassung anständig und ihre Tendenz wohlmeinend ist“. Bescheidenheit und Ernst¬ haftigkeit der Untersuchung: diese Forderung teilt die neue In¬ struktion mit dem Zensuredikt, allein ihr genügt die anstän¬ dige Fassung ebensowenig wie die Wahrheit des Inhalts. Die 35 Tendenz wird ihr zum Hauptkriterium, ja sie ist ihr durch¬ gehender Gedanke, während in dem Edikt selbst nicht einmal das Wort Tendenz zu finden ist. Worin sie bestehe, sagt auch die neue Instruktion nicht; wie wichtig ihr aber die Tendenz sei, möge noch folgender Auszug beweisen: „Es ist dabei eine unerläßliche 40 Voraussetzung, daß die Tendenz der gegen die Maßregeln der Regierung ausgesprochenen Erinnerungen nicht gehässig und bös¬ willig, sondern wohlmeinend sei, und es muß von dem Zensor der gute Wille und die Einsicht verlangt werden, daß er zu unter¬ scheiden wisse, wo das eine und das andere der Fall ist. Mit Rück- 45 sicht hierauf haben die Zensoren ihre Aufmerksamkeit auch be¬
162 Aus den Anekdota sonders auf die Form und den Ton der Sprache der Druckschriften zu richten und, insofern durch Leidenschaftlichkeit, Heftigkeit und Anmaßung ihre Tendenz sich als eine verderbliche dar¬ stellt, deren Druck nicht zu gestatten.“ Der Schriftsteller ist also dem furchtbarsten Terrorismus, der Jurisdiktion« des Verdachts anheimgefallen. Tendenzgesetze, Gesetze, die keine objektiven Normen geben, sind Gesetze des Terrorismus, wie sie die Not des Staats unter Robespierre und die Verdorben¬ heit des Staats unter den römischen Kaisern erfunden hat. Gesetze, die nicht die Handlung als solche, sondern die Gesin-10 nun g des Handelnden zu ihren Hauptkriterien machen, sind nichts als positive Sanktionen der Gesetzlosigkeit. Lieber wie jener Zar von Rußland jedem den Bart durch offizielle Kosaken abscheren lassen, als die Meinung, in der ich den Bart trage, zum Kriterium des Scherens machen. 15 Nur insofern ich mich ä u ß e r e , in die Sphäre des Wirklichen trete, trete ich in die Sphäre des Gesetzgebers. Für das Gesetz bin ich gar nicht vorhanden, gar kein Objekt desselben, außer in meiner Tat. Sie ist das einzige, woran mich das Gesetz zu halten hat; denn sie ist das einzige, wofür ich ein Recht der Exi- 20 stenz verlange, ein Recht der Wirklichkeit, wodurch ich also auch dem wirklichen Rechte anheimfalle. Allein das Tendenzgesetz bestraft nicht allein das, was ich tue, sondern das, was ich a u ß e r der Tat meine. Es ist also ein Insult auf die Ehre des Staatsbürgers, ein Vexiergesetz gegen meine Existenz. 25 Ich kann mich drehen und wenden, wie ich will, es kommt auf den Tatbestand nicht an. Meine Existenz ist verdächtig, mein innerstes Wesen, meine Individualität wird als eine schlechte betrachtet, und für diese Meinung werde ich bestraft. Das Gesetz straft mich nicht für das Unrecht, was ich tue, sondern 30 für das Unrecht, was ich nicht tue. Ich werde eigentlich dafür gestraft, daß meine Handlung nicht gesetzwidrig ist, denn nur dadurch zwinge ich den milden, wohlmeinenden Richter, an meine schlechte Gesinnung, die so klug ist, nicht ans Tageslicht zu treten, sich zu halten. 35 Das Gesinnungsgesetz ist kein Gesetz des Staates für die Staatsbürger, sondern das Gesetz einer Partei gegen eine andere Partei. Das Tendenzgesetz hebt die Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetze auf. Es ist ein Gesetz der Schei¬ dung, nicht der Einung, und alle Gesetze der Scheidung sind 49 reaktionär. Es ist kein Gesetz, sondern ein Privilegium. Der eine darf tun, was der andere nicht tim darf, nicht weil diesem etwa eine objektive Eigenschaft fehlte, wie dem Kinde zum Kontra¬ hieren von Verträgen, nein, weil seine gute Meinung, seine Gesin¬ nung verdächtig ist. Der sittliche Staat unterstellt in seinen h
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 163 Gliedern die Gesinnung des Staats, sollten sie auch in Opposition gegen ein Staatsorgan, gegen die Regie¬ rung treten; aber die Gesellschaft, in der ein Organ sich alleini¬ ger, exklusiver Besitzer der Staatsvemunft und Staatssittlichkeit s dünkt, eine Regierung, die sich in prinzipiellen Gegensatz gegen das Volk setzt und daher ihre staatswidrige Gesin¬ nung für die allgemeine, für die normale Gesinnung hält, das üble Gewissen der Faktion erfindet Tendenzgesetze, Gesetze derRache, gegen eine Gesinnung, die nur in den Regierungs- 10 gliedern selbst ihren Sitz hat. Gesinnungsgesetze basieren auf der Gesinnungslosigkeit, auf der unsittlichen, materiellen Ansicht vom Staat. Sie sind ein indiskreter Schrei des bösen Gewissens. Und wie ist ein Gesetz der Art zu exekutieren? Durch ein Mittel, empörender als das Gesetz selbst, durch Spione, oder durch is vorherige Übereinkunft, ganze literarische Richtungen für ver¬ dächtig zu halten, wobei allerdings wieder auszukundschaften bleibt, welcher Richtung ein Individuum angehöre. Wie im Ten¬ denzgesetz die gesetzliche Form dem Inhalt wider¬ spricht, wie die Regierung, die es gibt, gegen das eifert, so was sie selbst ist, gegen die staatswidrige Gesinnung, so bildet sie auch im besonderen gleichsam die verkehrte We-lt zu ihren Gesetzen, denn sie mißt mit doppeltem Maß. Nach dereinen Seite ist Recht, was das Unrecht der anderen Seite ist. Ihre Gesetze schon sind das Gegenteil von dem, was sie zum & Gesetz machen. In dieser Dialektik verfängt sich auch die neue Zensur¬ instruktion. Sie ist der Widerspruch, alles das auszuüben und den Zensoren zur Pflicht zu machen, wras sie an der Presse als staatswidrig verdammt. so So verbietet die Instruktion den Schriftstellern, die Gesinnung einzelner oder ganzer Klassen zu verdächtigen, und in einem Atem gebietet sic dem Zensor, alle Staatsbürger in verdächtige und unverdächtige einzuteilen, in wohlmeinende und übel¬ meinende. Die der Presse entzogene Kritik wird zur täglichen 35 Pflicht des Regierungskritikers; allein bei dieser Umkehrung hat es nicht einmal sein Bewenden. Innerhalb der Presse erschien das Staatswidrige seinem Gehalte nach als ein besonderes, [nach]1) seiner Form war es allgemein, das heißt dem allgemeinen Urteil preisgegeben. *o Allein nun dreht sich die Sache um. Das Besondere erscheint jetzt in bezug auf seinen Inhalt als das Berechtigte, das Staatswidrige als Meinung des Staats, als Staatsrecht, in bezug auf seine Form als Besonderes, unzugänglich dem allgemeinen Licht, aus dem freien Tage der Öffentlichkeit in die Aktenstube des 9 Im Original steht hier Seite wohl statt nach oder vielleicht statt nach der Seite
164 Aus den Anekdota Regierungskritikers verbannt. So will die Instruktion die Religion beschützen, aber sie verletzt den allgemeinsten Grundsatz aller Religionen, die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der subjektiven Gesinnung. Sie macht den Zensor an Gottes Statt zum Richter des Herzens. So untersagt sie beleidigende Äußerungen und ehren- 5 kränkende Urteile über einzelne Personen, aber sie setzt euch jeden Tag dem ehrenkränkenden und beleidigenden Urteil des Zensors aus. So will die Instruktion die von übelwollenden oder schlecht unterrichteten Individuen herrührenden Klatschereien unterdrücken, und sie zwingt den Zensor, sich auf solche Klatsche-10 reien, auf das Spionieren durch schlecht unterrichtete und übel¬ wollende Individuen zu verlassen und zu verlegen, indem sie das Urteil aus der Sphäre des objektiven Gehalts in die Sphäre der subjektiven Meinung oder Willkür herabzieht. So soll die Absicht des Staats nicht verdächtigt werden, aber die Instruktion geht vom is Verdacht gegen den Staat aus. So soll unter gutem Schein keine schlechte Gesinnung verborgen werden, aber die Instruktion selbst ruht auf einem falschen Schein. So soll das Nationalgefühl er¬ höht werden, und auf eine die Nationen erniedrigende Ansicht wird basiert. Man verlangt gesetzmäßiges Betragen und Achtung 20 vor dem Gesetze, aber zugleich sollen wir Institutionen ehren, die uns gesetzlos machen und die Willkür an die Stelle des Rechts setzen. Wir sollen das Prinzip der Persönlichkeit so sehr anerken¬ nen, daß wir trotz dem mangelhaften Institut der Zensur dem Zensor vertrauen, und ihr verletzt das Prinzip der Persönlichkeit w so sehr, daß ihr sie nicht nach den Handlungen, sondern nach der Meinung von der Meinung ihrer Handlungen richten laßt. Ihr fordert Bescheidenheit, und ihr geht von der enormen Unbeschei¬ denheit aus, einzelne Staatsdiener zum Herzensspäher, zum All¬ wissenden, zum Philosophen, Theologen, Politiker, zum delphi- 30 sehen Apollo zu ernennen. Ihr macht uns einerseits die Anerken¬ nung der Unbescheidenheit zur Pflicht und verbietet uns anderer¬ seits die Unbescheidenheit. Die eigentliche Unbescheidenheit be¬ steht darin, die Vollendung der Gattung besonderen Individuen zuzuschreiben. Der Zensor ist ein besonderes Individuum, aber 35 die Presse ergänzt sich zur Gattung. Uns befehlt ihr Vertrauen, und dem Mißtrauen leiht ihr gesetzliche Kraft. Ihr traut euren Staatsinstitutionen so viel zu, daß sie den schwachen Sterblichen, den Beamten, zu Heiligen und ihm das Unmögliche möglich machen werden. Aber ihr mißtraut eurem Staatsorganismus so 40 sehr, daß ihr die isolierte Meinung eines Privatmanns fürchtet; denn ihr behandelt die Presse als einen Privatmann. Von den Beamten unterstellt ihr, daß sie ganz unpersönlich, ohne Groll, Leidenschaft, Borniertheit und menschliche Schwäche verfahren werden. Aber das Unpersönliche, die Ideen, verdächtigt ihr, 43
Uber die neueste preußische Zensurinstruktion 165 voller persönlicher Ränke und subjektiver Niederträchtigkeit zu sein. Die Instruktion verlangt unbegrenztes Vertrauen auf den Stand der Beamteten, und sie geht von unbegrenztem Mißtrauen gegen den Stand der Nichtbeamteten aus. Warum sollen wir nicht 5 Gleiches mit Gleichem vergelten? Warum soll uns nicht eben die¬ ser Stand das Verdächtige sein? Ebenso der Charakter. Und von vornherein muß der Unbefangene dem Charakter des öffentlichen Kritikers mehr Achtung zollen als dem Charakter des geheimen. Was überhaupt schlecht ist, bleibt schlecht, welches Individuum 10 der Träger dieser Schlechtigkeit sei, ob ein Privatkritiker oder ein von der Regierung angestellter, nur daß im letzteren Fall die Schlechtigkeit autorisiert und als eine Notwendigkeit von oben betrachtet wird, um das Gute von unten zu verwirklichen. Die ZensurderTendenz und die Tendenz der Z e n - 15 sur sind ein Geschenk der neuen liberalen Instruk¬ tion. Niemand wird uns verdenken, wenn wir mit einem ge¬ wissen Mißtrauen zu ihren weiteren Bestimmungen uns hinwenden. „Beleidigende Äußerungen und ehrenkränkende Urteile über einzelne Personen sind nicht zum Druck geeignet.“ Nicht zum 2o Druck geeignet! Statt dieser Milde wäre zu wünschen, daß das beleidigende und ehrenkränkende Urteil objektive Bestimmungen erhalten hätte. „Dasselbe gilt von der Verdächtigung der Gesinnung einzelner oder (inhaltsschweres Oder) ganzer Klassen, vom Gebrauch von Parteinamen und sonstigen1) Persönlichkeiten.“ Also auch die Rubrizierung unter Kategorien, der Angriff auf ganze Klassen, der Gebrauch von Parteinamen — und der Mensch muß Allem wie Adam einen Namen geben, damit es für ihn vorhanden sei —, Parteinamen sind notwendige Kategorien für die politische Presse, 30 „Weil jede Krankheit zuvörderst, wie Doktor Sassafras meint, „Um glücklich sie kurieren zu können, „Benamset werden muß.“ Dies alles gehört zu den Persönlichkeiten. Wie soll man es nun anfangen? Die Person des Einzelnen darf man nicht an- 35 greifen, die Klasse, das Allgemeine, die moralische Person eben¬ sowenig. Der Staat will — und da hat er recht — keine Injurien dulden, keine Persönlichkeiten; aber durch ein leichtes „oder“ wird das Allgemeine auch unter die Persönlichkeiten subsumiert. Durch das „oder“ kommt das Allgemeine in die Mitte, und durch 4o ein kleines „und“ erfahren wir schließlich, daß nur von Persön¬ lichkeiten die Rede gewesen. Als eine ganz spielende Konsequenz aber ergibt sich, daß alle Kontrolle der Beamten wie solcher x) Bei Marx dergleichen
166 Aus den Anekdota Institutionen, die als eine Klasse von Individuen existiert, der Presse untersagt wird. „Wird die Zensur nach diesen Andeutungen in dem Geiste des Zensuredikts vom 18. Oktober 1819 ausgeübt, so wird einer an¬ ständigen und freimütigen Publizität hinreichender Spielraum 5 gewährt, und es ist zu erwarten, daß dadurch eine größere Teil¬ nahme an vaterländischen Interessen erweckt und so das National¬ gefühl erhöht werden wird.“ Daß nach diesen Andeutungen der anständigen, im Spinne der Zensur anständigen, Publizität ein mehr als hinreichender Spielraum gewährt sei — auch das io Wort Spielraum ist glücklich gewählt, denn der Raum ist für eine spielende, an Luftsprüngen sich genügende Presse berechnet — gestehen wir zu; ob für eine freimütige Publizität, und wo ihr der freie Mut sitzen soll, überlassen wir dem Scharfblick des Lesers. Was die Erwartungen der Instruktion betrifft, is so mag allerdings das Nationalgefühl in der Weise erhöht werden, wie die zugesandte Schnur das Gefühl der türkischen Nationalität erhöht; ob aber gerade die ebenso bescheidene als ernsthafte Presse Teilnahme an den vaterländischen Interessen erwecken wird, überlassen wir ihr selbst; eine magere Presse ist 20 nicht mit China aufzufüttem. Allein vielleicht haben wir die an¬ geführte Periode zu ernsthaft begriffen. Vielleicht treffen wir besser den Sinn, wenn wir sie als bloßen Haken in der Rosenkette betrachten. Vielleicht hält dieser liberale Haken eine Perle von sehr zweideutigem Wert. Sehen wir zu. Auf den Zusammenhang kommt alles an. Die Erhöhung des Nationalgefühls und die Er¬ weckung der Teilnahme an vaterländischen Interessen, die in dem angeführten obligaten Passus als Erwartung ausgesprochen werden, verwandeln sich unter der Hand in einen Befehl, in dessen Munde ein neuerPreßzwang unserer armen schwind- 30 süchtigen Tagesblätter liegt. „Auf diesem Wege darf man hoffen, daß auch die politische Literatur und die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen, mit dem Gewinn eines reicheren Stoffes auch einen würdigeren Ton sich aneignen und es künftig verschmähen werden, durch Mit- 35 teilung gehaltloser, aus fremden Zeitungen entlehnter, von übel¬ wollenden oder schlecht unterrichteten Korrespondenten her¬ rührenden Tagesneuigkeiten, durch Klatschereien und Persön¬ lichkeiten auf die Neugierde ihrer Leser zu spekulieren — eine Richtung, gegen welche einzuschreiten die Zensur den unzweifel- 40 haften Beruf hat.“ Auf dem angegebenen Weg wird gehofft, daß die poli¬ tische Literatur und die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen werden usw. Allein die bessere Erkenntnis läßt sich nicht anbefehlen; auch ist sie eine erst noch zu erwartende 45
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 167 Frucht, und Hoffnung ist Hoffnung. Die Instruktion aber ist viel zu praktisch, um sich mit Hoffnungen und frommen Wünschen zu begnügen. Während der Presse die Hoffnung ihrer künftigen Bes¬ serung als neues Soulagement gewährtwird, wird ihr zugleich 5 von der gütigen Instruktion ein gegenwärtiges Recht genommen. Sie verliert, was sie noch hat, in Hoffnung ihrer Besserung. Es geht ihr wie dem armen Sancho Pansa, dem sein Hofarzt alle Speise vor seinen Augen entzog, damit kein verdorbener Magen ihn zur Er¬ füllung der vom Herzog auf erlegten Pflichten untüchtig mache. 10 Zugleich dürfen wir die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, den preußischen Schriftsteller zur Aneignung dieser Art von an¬ ständigem Stil aufzufordem. Im Vordersatz heißt es: „Auf diesem Wege darf man hoffen, d a ß.“ Von diesem daß wird eine ganze Reihe von Bestimmungen regiert, also, daß die politische Lite- 15 ratur und die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen, daß sie einen würdigeren Ton, etc. etc., daß sie Mitteilungen gehalt¬ loser, aus fremden Zeitungen entlehnter Korrespondenzen etc. verschmähen werden. Alle diese Bestimmungen stehen noch unter dem Regiment der Hoffnung; aber der Schluß, der sich durch 20 einen Gedankenstrich an das Vorhergehende anschließt: „eine Richtung, gegen welche einzuschreiten die Zensur den un¬ zweifelhaften Beruf hat“, überhebt den Zensor der langweiligen Aufgabe, die gehoffte Besserung der Tagespresse abzuwarten, und ermächtigt ihn vielmehr, das Mißfällige ohne weiteres wegzu- 25 streichen. An die Stelle der inneren Kur ist die Ampu¬ tation getreten. „Damit diesem Ziele nähergetreten werde, ist es aber erforder¬ lich, daß bei Genehmigung neuer Zeitschriften und neuer Redak¬ teure mit großer Vorsicht verfahren werde, damit die Tagespresse so nur völlig unbescholtenen Männern anvertraut werde, deren wis¬ senschaftliche Befähigung, Stellung und Charakter für den Emst ihrer Bestrebungen und für die Loyalität ihrer Denkungsart Bürg¬ schaft leisten.“ Ehe wir auf das Einzelne eingehen, zuvor eine allgemeine Bemerkung. Die Genehmigung neuer Redakteure, also 35 überhaupt der künftigen Redakteure, ist ganz der „großen V o r s i c h t“, versteht sich der Staatsbehörden, der Zensur anheimgestellt, während das alte Zensuredikt wenigstens unter gewissen Garantien die Wahl des Redakteurs dem Belieben des Unternehmers überließ: „Art. IX. Die Oberzensur- 40 behörde ist berechtigt, dem Unternehmer einer Zeitung zu er¬ klären, daß der angegebene Redakteur nicht von der Art sei, das nötige Zutrauen einzuflößen, in welchem Falle der Unternehmer verpflichtet istr entweder einen anderen Redakteur anzunehmen oder, wenn er den ernannten beibehalten will, für ihn 45 eine von Unseren oben erwähnten Staatsministerien auf den Vor¬
168 Aus den Anekdota schlag gedachter Oberzensurbehörde zu bestimmende Kaution zu leisten.“ In der neuen Zensurinstruktion spricht sich eine ganz andere Tiefe, man kann sagen Romantik des Geistes aus. Während das alte Zensuredikt äußerliche, prosaische, daher gesetzlich be- 5 stimmbare Kautionen verlangt, unter deren Garantie auch der mißliebige Redakteur zuzulassen sei, nimmt dagegen die Instruk¬ tion dem Unternehmer einer Zeitschrift jeden Eigenwillen und verweist die vorbeugende Klugheit der Regierung, die große Vorsicht und den geistigen Tiefsinn der Behörden auf innere, sub-10 jektive, äußerlich unbestimmbare Qualitäten. Wenn aber die Un¬ bestimmtheit, die zartsinnige Innerlichkeit und die subjektive Überschwänglichkeit der Romantik in das rein Äußer¬ liche umschlägt, nur in dem Sinn, daß die äußerliche Zufällig¬ keit nicht mehr in ihrer prosaischen Bestimmtheit und Begren-15 zung, sondern in einer wunderbaren Glorie, in einer eingebildeten Tiefe und Herrlichkeit erscheint, — so wird auch die Instruktion diesem romantischen Schicksal schwerlich entgehen können. Die Redakteure der Tagespresse, unter welche Kategorie die 20 ganze Journalistik fällt, sollen völlig unbescholtene Männer sein. Als Garantie dieser völligen Unbescholtenheit wird zunächst die „wissenschaftliche Befähigung“ angegeben. Nicht der leiseste Zweifel steigt auf, ob der Zensor die wissenschaftliche Befähigung besitzen kann, über wissenschaftliche Befähigung jeder 2$ Art ein Urteil zu besitzen. Lebt in Preußen eine solche Schar der Regierung bekannter Universalgenies — jede Stadt hat wenigstens einen Zensor —, warum treten diese enzyklopädistischen Köpfe nicht als Schriftsteller auf? Besser als durch die Zensur könnte den Verwirrungen der Presse ein Ende gemacht werden, wenn 30 diese Beamten, übermächtig durch ihre Anzahl, mächtiger durch ihre Wissenschaft und ihr Genie, auf einmal sich erhöben und mit ihrem Gewicht jene elenden Schriftsteller erdrückten, die nur in einem Genre, aber selbst in diesem einen Genre ohne offiziell er¬ probte Befähigung agieren. Warum schweigen diese gewiegten 35 Männer, die wie die römischen Gänse durch ihr Geschnatter das Kapitol retten könnten? Es sind Männer von zu großer Zurück¬ haltung. Das wissenschaftliche Publikum kennt sie nicht, aber die Regierung kennt sie. Und wenn jene Männer schon Männer sind, wie sie kein Staat 40 zu finden wußte, denn nie hat ein Staat ganze Klassen gekannt, die nur von Universalgenies und Polyhistoren eingenommen werden können, um wieviel genialer müssen noch die Wähler dieser Männer sein! Welche geheime Wissenschaft müssen sie besitzen, um Beamten, die in der Republik der Wissenschaft unbekannt^
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 169 sind, ein Attest über ihre universalwissenschaftliche Befähigung ausstellen zu können! Je höher wir steigen in dieser Büro¬ kratie der Intelligenz, um so wundervollere Köpfe be¬ gegnen uns. Ein Staat, der solche Säulen einer vollendeten Presse 5 besitzt, lohnt es dem der Mühe, handelt der zweckmäßig, diese Männer zu Wächtern einer mangelhaften Presse zu machen, das Vollendete zum Mittel für das Unvollendete herabzusetzen? So viele dieser Zensoren ihr anstellt, so viele Chancen der Besse¬ rung entzieht ihr dem Reich der Presse. Ihr entzieht eurem Heer 10 die Gesunden, um sie zu Ärzten der Ungesunden zu machen. Stampft nur auf den Boden wie Pompejus, und aus jedem Re¬ gierungsgebäude wird eine geharnischte Pallas Athene hervor¬ springen. Vor der offiziellen Presse wird die seichte Tagespresse in ihr Nichts zerfallen. Die Existenz des Lichts reicht io hin, die Finsternis zu widerlegen. Laßt euer Licht leuchten und stellt es nicht unter den Scheffel. Statt einer mangelhaften Zensur, deren Vollgültigkeit euch selbst problematisch dünkt, gebt uns eine vollendete Presse, die ihr nur zu befehlen habt, deren Vorbild der chinesische Staat schon seit Jahrhunderten liefert. ^o Doch die wissenschaftliche Befähigung zur ein¬ zigen, zur notwendigen Bedingung für die Schriftsteller der Tages¬ presse machen, ist das nicht eine Bestimmung des Geistes, keine Begünstigung des Privilegiums, keine konventionelle Forderung, ist das nicht eine Bedingung der Sache, keine Bedingung der U Person? Leider unterbricht die Zensurinstruktion unsere Panegyrik. Neben der Bürgschaft der wissenschaftlichen Befähigung findet sich die der Stellungund desCharakters. Stellung und Charakter! so Der Charakter, der so unmittelbar der Stellung folgt, scheint beinahe ein bloßer Ausfluß derselben zu sein. Die Stellung laßt uns vor Allem ins Auge fassen. Sie steht so eingeengt zwischen der wissenschaftlichen Befähigung und dem Charakter, daß man beinahe versucht wird, an ihrem guten Gewissen zu zweifeln. 36 Die allgemeine Forderung der wissenschaftlichen Befähi¬ gung, wie liberal! Die besondere Forderung der Stellung, wie illiberal! Die wissenschaftliche Befähigung und die Stel¬ lung zusammen, wie scheinliberal! Da wissenschaftliche Befähigung und Charakter sehr unbestimmt, die Stellung dagegen 4o sehr bestimmt ist, warum sollten wir nicht schließen, daß das Un¬ bestimmte nach notwendigem logischen Gesetze sich an das Be¬ stimmte anlehnen und an ihm Halt und Inhalt erhalten werde? Wäre es also ein großer Fehlschluß des Zensors, wenn er die In¬ struktion so auslegte, die äußere Form der wissenschaftlichen 45 Befähigung und des Charakters, in der Welt aufzutreten, sei die
170 Aus den Anekdota Stellung, um so mehr, da sein eigener Stand ihm diese Ansicht als Staatsansicht verbürgt? Ohne diese Auslegung bleibt es wenigstens völlig unbegreiflich, warum wissenschaftliche Befähi¬ gung und Charakter nicht hinreichende Bürgschaften des Schrift¬ stellers sind, warum die Stellung das notwendige Dritte ist. Käme 5 der Zensor nun gar in Konflikt, fänden sich diese Bürgschaften selten oder nie zusammen, wohin soll seine Wahl fallen, da ein¬ mal gewählt werden, da doch irgend wer Zeitungen und Journale redigieren muß? Die wissenschaftliche Befähigung und der Cha¬ rakter ohne Stellung können dem Zensor ihrer Unbestimmtheit 10 wegen problematisch sein, wie es überhaupt seine gerechte Ver¬ wunderung erregen muß, daß solche Qualitäten getrennt von der Stellung existieren. Darf dagegen der Zensor den Charakter, die Wissenschaft bezweifeln, wo die Stellung vorhanden ist? Er traute in diesem Fall dem Staat weniger Urteil zu als sich selbst, 10 während er in dem entgegengesetzten dem Schriftsteller mehr als dem Staat zutraute. Sollte ein Zensor so taktlos, so übelmeinend sein? Es steht nicht zu erwarten und wird gewiß nicht erwartet. Die Stellung, weil sie im Zweifelsfall das entscheidende Kriterium ist, ist überhaupt das absolut Entscheidende. 20 Wie also früher die Instruktion durch ihre Rechtgläubig¬ keit mit dem Zensuredikt in Konflikt gerät, so jetzt durch ihre Romantik, die immer zugleich Tendenz poesie ist. Aus der Geldkaution, die eine prosaische, eigentliche Bürgschaft ist, wird eine ideelle, und diese ideelle verwandelt sich in die 25 ganz reelle und individuelle Stellung, die eine magische fingierte Bedeutung erhält. Ebenso verwandelt sich die Bedeutung der Bürgschaft. Nicht mehr der Unternehmer wählt einen Redak¬ teur, für den er der Behörde bürgt, sondern die Behörde wählt ihm einen Redakteur, für den sie sich bei sich selbst verbürgt. Das so alte Edikt erwartet die Arbeiten des Redakteurs, für welche die Geldkaution des Unternehmers einsteht. Die Instruktion hält sich nicht an die Arbeit, sondern an die Person des Redakteurs. Sie verlangt eine bestimmte persönliche Individualität, die ihr das Geld des Unternehmers verschaffen soll. Die neue In- so struktion ist eben so äußerlich als das alte Edikt; aber statt daß dieses das prosaisch Bestimmte seiner Natur gemäß ausspricht und begrenzt, leiht sie der äußersten Zufälligkeit einen imaginären Geist und spricht das bloß Individuelle mit dem Pathos der Allge¬ meinheit aus. so Wenn aber die romantische Instruktion in bezug auf den Re¬ dakteur der äußerlichsten Bestimmtheit den Ton der gemütvollsten Unbestimmtheit gibt, so gibt sie in bezug auf den Zensor der vag¬ sten Unbestimmtheit den Ton der gesetzlichen Bestimmtheit. „Mit gleicher Vorsicht muß bei Ernennung der Zensoren verfahren wer- so
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 171 den, damit das Zensoramt nur Männern von erprobter Gesinnung und Fähigkeit übertragen werde, die dem ehrenvollen Ver¬ trauen, welches dasselbe voraussetzt, vollständig entsprechen; Männern, welche, wohldenkend und scharfsichtig zugleich, die 5 Form von dem Wesen der Sache zu sondern verstehen und mit sicherem Takte sich über Bedenken hinwegzusetzen wissen, wo Sinn und Tendenz einer Schrift an sich diese Bedenken nicht rechtfertigen.“ An die Stelle der Stellung und des Charakters beim Schriftsteller tritt hier die erprobte Gesinnung, da die Stel- 10 lung von selbst gegeben ist. Bedeutender ist dies, wenn bei dem Schriftsteller wissenschaftliche Befähigung, bei dem Zensor Fähigkeit ohne weitere Bestimmung gefordert wird. Das alte, die Politik ausgenommen, rationalistisch gesinnte Edikt erfordert in Art. 3 „wissenschaftlich gebildete“ und is sogar „aufgeklärte“ Zensoren. Beide Prädikate fallen in der In¬ struktion fort, und an die Stelle der Befähigung des Schrift¬ stellers, die eine bestimmte, ausgebildete, zur Wirklichkeit ge¬ wordene Fähigkeit bedeutet, tritt bei dem Zensor die Anlage der Befähigung, die Fähigkeit überhaupt. Also die An- 2o läge der Fähigkeit soll die wirkliche Befähigung zensieren, wie sehr auch der Natur der Sache nach offenbar das Verhältnis umzukehren ist. Nur im Vorbeigehen bemerken wir endlich, daß die Fähigkeit des Zensors dem sachlichen Inhalt nach nicht näher bestimmt ist, wodurch ihr Charakter aller- 25 dings zweideutig wird. Das Zensoramt soll ferner Männern übertragen werden, „die dem ehrenvollen Vertrauen, welches dasselbe voraussetzt, voll¬ ständig1) entsprechen“. Diesepleonastische Scheinbestim¬ mung, Männer zu einem Amt zu wählen, denen man vertraut, daß 30 sie dem ehrenvollen Vertrauen, welches ihnen geschenkt wird, vollständig entsprechen (werden?), ein allerdings sehr vollständiges Vertrauen, — ist nicht weiter zu erörtern. Endlich sollen die Zensoren Männer sein, „welche, wohl¬ denkend und scharf sichtig zugleich, die Form von dem Wesen 35 der Sache zusondern verstehen und mit sicheremTakte sich über Bedenken hinwegzusetzen wissen, wo Sinn und Tendenz einer Schrift an sich diese Bedenken nicht recht¬ fertigen“. Mehr oben dagegen schreibt die Instruktion vor: 4o „Mit Rücksicht hierauf“ (nämlich die Untersuchung der Ten¬ denz) „haben die Zensoren ihre Aufmerksamkeit auch besonders auf die Form und den Tonder Sprache der Druckschriften zu richten und, insofern durch Leidenschaftlichkeit, Heftigkeit 1) Bei Marx erfordert, vollkommen
172 Aus den Anekdota und Anmaßung ihre Tendenz sich als eine verderbliche darstellt, deren Druck nicht zu gestatten.“ Einmal also soll der Zensor die Tendenz aus der Form, das andere Mal die Form aus derTendenz beurteilen. War vorhin schon der Inhalt ganz verschwunden als Kriterium des Zensierens, so verschwindet jetzt 5 auch die Form. Wenn nur die Tendenz gut ist, so hat es mit den Verstößen derForm nichts auf sich. Mag die Schrift auch nicht gerade sehr ernsthaft und bescheiden gehalten sein, mag sie heftig, leidenschaftlich, anmaßend scheinen, wer wird sich die rauhe Außenseite schrecken lassen? Man muß das For-10 melle vom Wesen zu unterscheiden wissen. Jeder Schein der Bestimmungen mußte auf gehoben, die Instruktion mußte mit einem vollkommenen Widerspruch gegen sich selbst enden; denn alles, woraus die Tendenz erkannt werden soll, empfängt vielmehr erst seine Qualifizierung aus der Tendenz 15 und muß vielmehr aus der Tendenz erkannt werden. Die Heftig¬ keit des Patrioten ist heiliger Eifer, seine Leidenschaftlichkeit ist die Reizbarkeit des Liebenden, seine Anmaßung eine hingebende Teilnahme, die zu maßlos ist, um mäßig zu sein. Alle objektiven Normen sind weggefallen, die per- 20 s ö n 1 i c h e Beziehung ist das Letzte, und der Takt des Zensors darf eine Bürgschaft genannt werden. Was kann also der Zensor verletzen? Den Takt. Und Taktlosigkeit ist kein Verbrechen. Was ist auf Seite des Schriftstellers bedroht? Die Existenz. Welcher Staat hat je die Existenz ganzer Klassen vom Takt einzelner Be- 25 amten abhängig gemacht? Noch einmal, alle objektiven Normen sind weg¬ gefallen; von Seite des Schriftstellers ist die Tendenz der letzte Inhalt, der verlangt und vorgeschrieben wird, die formlose Mei¬ nung als Objekt; die Tendenz als Subjekt, als Meinung von der 30 Meinung, ist der Takt und die einzige Bestimmung des Zensors. Wenn aber die Willkür des Zensors — und die Berechtigung der bloßen Meinung ist die Berechtigung der Willkür — eine Konsequenz ist, die unter dem Schein sachlicher Bestimmungen verbrämt war, so spricht die Instruktion dagegen mit vollem Be- 35 wußtsein die Willkür des Oberpräsidiums aus; diesem wird ohne weiteres Vertrauen geschenkt, und dieses dem Oberpräsidenten geschenkte Vertrauen ist die letzte Garantie der Presse. So ist das Wesen der Zensur überhaupt in der hochmütigen Einbildung des Polizeistaates auf 40 seine Beamten gegründet. Selbst das Einfachste wird dem Ver¬ stand und dem guten Willen des Publikums nicht zugetraut; aber selbst das Unmögliche soll den Beamten möglich sein. Dieser Grundmangel geht durch alle unsere Institutionen hin¬ durch. So z. B. sind im Kriminalverfahren Richter, Ankläger und 45
Über die neueste preußische Zensurinstruktion 173 Verteidiger in einer Person vereinigt. Diese Vereinigung widerspricht allen Gesetzen der Psychologie. Aber der Beamte ist über die psychologischen Gesetze erhaben, wie das Publikum unter demselben steht. Doch ein mangelhaftes Staatsprinzip kann 5 man entschuldigen; aber unverzeihlich wird es, wenn es nicht ehr¬ lich genug ist, um konsequent zu sein. Die Verantwortlich¬ keit der Beamten müßte so unverhältnismäßig über der des Pu¬ blikums stehen wie die Beamten über dem Publikum, und gerade hier, wo die Konsequenz allein das Prinzip rechtfertigen, es inner- 10 halb seiner Sphäre zum rechtlichen machen könnte, wird es auf¬ gegeben, und gerade hier wird das entgegengesetzte angewandt. Auch der Zensor ist Ankläger, Verteidiger und Richter in einer Person ; dem Zensor ist die Verwaltung des Geistes an- vertraut; der Zensor ist unverantwortlich. 15 Die Zensur könnte nur einen provisorisch loyalen Cha¬ rakter erhalten, wenn sie den ordentlichen Gerichten unterworfen würde, was allerdings unmöglich ist, solange es keine objektiven Zensurgesetze gibt. Aber das allerschlechteste Mittel ist, die Zensur wieder vor Zensur zu stellen, etwa vor einen Ober- 20 Präsidenten oder ein Oberzensurkollegium. Alles, was von dem Verhältnis der Presse zur Zensur, gilt wie¬ der vom Verhältnis der Zensur zur Oberzensur und vom Verhält¬ nis des Schriftstellers zum Oberzensor, obgleich ein Mittel¬ glied eingeschoben ist. Es ist dasselbe Verhältnis, auf eine 25 höhere Staffel gestellt, der merkwürdige Irrtum, die Sache zu lassen und ihr ein anderes Wesen durch andere Personen geben zu wollen. Wollte der Zwangsstaat loyal sein, so höbe er sich auf. Jeder Punkt erforderte denselben Zwang und denselben Gegendruck. Die Oberzensur müßte wieder zensiert werden. Um 3o diesem tödlichen Kreis zu entgehen, entschließt man sich, illoyal zu sein, die Gesetzlosigkeit beginne nun in der dritten oder neun- undneunzigsten Schichte. Weil dies Bewußtsein dem Beamtenstaat unklar vorschwebt, sucht er wenigstens die Sphäre der Gesetzlosig¬ keit so hoch zu stellen, daß sie den Blicken entschwindet, und 35 glaubt dann, sie sei verschwunden. Die eigentliche RadikalkurderZensur wäre ihre A b - Schaffung; denn das Institut ist schlecht, und die Institutionen sind mächtiger als die Menschen. Doch, unsere Ansicht mag richtig sein oder nicht. Jedenfalls gewinnen die preußischen Schrift- *o steiler durch die neue Instruktion, entweder an ree 1 - lerFreiheit, oder an ideeller, an Bewußtsein. Rara temporum félicitas, ubi quae velis sentire et quae sentias dicere licet. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt.. Bd. 1, 1. Hbd. 17
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach Strauß und Feuerbach! Wer von beiden hat recht in der neulich angeregten Frage vom Begriffe des Wunders? St., der auf den Gegenstand noch als Theolog, darum befangen, oder F., der ihn als 5 Nicht-Theolog, darum frei betrachtet? St., der die Dinge ansieht, wie sie in den Augen der spekulativen Theologie erscheinen, oder F., der sie sieht, wie sie sind? St., der es zu keinem ent¬ scheidenden Urteil über das Wunder bringt noch eine besondere, vom Wunsche unterschiedene Macht des Geistes durch das Wim- 10 der hindurch ahndet — gleich als wäre nicht der Wunsch eben diese von ihm aus geahndete Macht des Geistes oder Menschen, nicht z. B. der Wunsch, frei zu sein, der erste Aktus der Frei¬ heit — oder F., der kurzen Prozeß macht und sagt: das Wunder ist die Realisation eines natürlichen oder menschlichen Wunsches 15 auf supranaturalistische Weise? Wer von beiden hat recht? Luther — eine sehr gute Autorität, eine Autorität, die alle pro¬ testantischen Dogmatiken samt und sonders unendlich über¬ wiegt, weil die Religion bei ihm eine unmittelbare Wahr¬ heit, sozusagen Natur war — Luther entscheide. 2o Luther sagt zum Beispiel — denn es ließen sich unzählige ähnliche Stellen aus ihm anführen — über die Erweckung der Toten bei Lucas 7: „Unsers Herm Jesu Christi Werk sollen wir anders und höher ansehen, denn der Menschen Werk, denn um der Ursachen willen sind sie auch uns fürgeschrieben, daß wir an n denselben Werken erkennen sollen, was er für ein Herr sei, näm¬ lich ein solcher Herr und Gott, der helfen kann, da sonst niemand vermag zu helfen, also daß kein Mensch so hoch und tief gefallen sei, dem er nicht aushelfen könne, es sei auch die Noth, wie sie wolle.“ „Und was ist bei 30 unserm Herrn Gott unmöglich, daß wir’s nicht getrost auf ihn wagen wollten? Er hat ja aus nichts Himmel und Erden und alles geschaffen. Er macht noch alle Jahre die Bäume voll Kirschen, Spillinge, Aepfel und Birnen, und bedarf nichts dazu. Unmöglich ist’s unser einem, wenn im Winter 35 der Schnee liegt, daß er ein einiges Kirschlein aus dem Schnee bringen sollte. Aber Gott ist der Mann, der alles kann zu¬ recht bringen, der da lebendig machen kann, was todt ist, und r uff en dem, das nicht ist, daß es sei, Summa, es sei so tieff gefallen, wie es wolle, so ist’s unserm Herm
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach 175 Gott nicht zu tieff gefallen, daß er’s nicht könnte empor heben und aufrichten. Das ist noth, daß wir solche Werke an Gott erkennen und wissen, daß ihm nichts unmöglich ist, auf daß, wenn es übel zugeht, wir lernen auf seine All- smächtigkeitunerschrocken sein. Es komme der Türke oder ein ander Unglück, daß wir denken, es sei ein Helfer und Retter da, der eine Hand habe, die allmächtig ist und helffen könne. Und das ist der rechte, wahrhaff- tige Glaube.“ „An Gott soll man keck sein und nicht /overzagen. Denn was ich und andere Menschen nicht können und vermögen, das kann und vermag er. Kann ich und andere Leutemehrnichthelffen,sokannermirhelffen und mich auch vom Tode erretten, wie der 68. Psalm sagt: WirhabeneinenGott,derdahilfft, und den Herrn 15 Herrn, der vom Tode errettet. Daß also unser Herz im¬ mer keck und getrost sei und an Gott festhalte. Und das sind Herzen, die Gott recht dienen und ihn lieben, nämlich die unver¬ zagt und unerschrocken sind.“ „In Gott und seinem Sohn Jesu Christo sollen wir keck sein. Denn was wir nicht zökönnen, das kann er; was wir nicht haben, das hat er. Können wir uns nicht helffen, so kann er helffen und will es sehrgern und willig th un, wie man hier siehet.“ (Luthers Werke. Leipzig 1732. [Bd. XVL] S. 442 bis 445.) In diesen wenigen Worten habt ihr eine Apologie der 25 ganzen Feuerbachschen Schrift — eine Apologie von den Defini¬ tionen der Vorsehung, Allmacht, Kreation, des Wun¬ ders, des Glaubens, wie sie in dieser Schrift gegeben sind. 0 schämt euch, ihr Christen, ihr vornehmen und gemeinen, gelehrten und ungelehrten Christen, schämt euch, daß ein so Antichrist euch das Wesen des Christentums in seiner wahren unverhüllten Gestalt zeigen mußte! Und euch, ihr spekulativen Theologen und Philosophen, rate ich: macht euch frei von den Be¬ griffen und Vorurteilen der bisherigen spekulativen Philosophie, wenn ihr anders zu den Dingen, wie sie sind, d. h. zur Wahrheit 35 kommen wollt. Und es gibt keinen anderen Weg für euch zur Wahrheit und Freiheit, als durch den Feuer — bach. Der Feuerbach ist das Purgatorium der Gegenwart. Kein Berliner. 17e
Aus: RHEINISCHE ZEITUNG für Politik, Handel und Gewerbe Köln
Die Artikel sind in der Zeit vom 5. Mai 1842 bis 18. März 1843 in der RhZ veröffentlicht worden, mit Ausnahme des als Manuskript vor¬ handenen Fragments über die Zentralisationsfrage (p. 230—31) und des von der Zensur gestrichenen Abschnitts über die Ehe (p. 255—56) in dem Artikel „Das philosophische Manifest der historischen Rechts¬ schule“, dessen Manuskript erhalten ist.
Tafel VI Spottbild auf das Verbot der Rheinischen Zeitung Anfang Februar 1843
Die Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags Von einem Rheinländer Erster Artikel Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen [RhZ 5. Mai 1842. Nr. 125, Beiblatt] ♦** Zum Erstaunen des ganzen schreibenden und lesenden Deutschlands publizierte die preußische „Staatszei¬ tung“ an einem schönen Berliner Frühlingsmorgen ihre io Selbstbekenntnisse. Allerdings wählte sie eine vornehme, diplomatische, nicht eben kurzweilige Form der Beichte. Sie gab sich den Schein, ihren Schwestern den Spiegel der Erkenntnis vorhalten zu wollen; sie sprach mystischerWeise nur von anderen preußischen Zeitungen, während sie eigentlich von der preußi- 15 sehen Zeitung par excellence, von sich selbst redete. Diese Tatsache läßt mancherlei Erklärung zu. Cäsar sprach von sich als einer dritten Person. Warum sollte die preußische „Staatszeitung“ nicht von dritten Personen als sich selbst sprechen? Kinder, die von sich selbst sprechen, pflegen sich nicht „Ich“, 2o sondern „Georg“ etc. zu nennen. Warum sollte die preußische „Staatszeitung“ für ihr „Ich“ die „Vossische“, „Spenersche“ oder irgendeinen anderen Heiligennamen nicht gebrauchen dürfen? Die neue Zensurinstruktion war erschienen. Unsere Zeitungen glaubten das Aussehen und die Konventionsbildung der Freiheit 25 adoptieren zu müssen. Auch die preußische „Staatszeitung“ war gezwungen, zu erwachen und irgendeinen liberalen — wenigstens selbständigen — Einfall zu haben. Die erste notwendige Bedingung der Freiheit ist aber Selbst¬ erkenntnis, und Selbsterkenntnis ist eine Unmöglichkeit ohne so Selbstbekenntnis. Man halte daher fest, daß die preußische „Staatszeitung“ Selbstbekenntnisse geschrieben hat; man vergesse nie, daß wir hier das erste Erwachen des halboffiziellen Preßkindes zum Selbstbewußtsein erblicken, und alle Rätsel werden sich 35 lösen. Man wird sich überzeugen, daß die preußische „Staats¬ zeitung“ „manches große Wort gelassen ausspricht“, und nur unschlüssig bleiben, ob man mehr die Gelassenheit der Größe oder die Größe der Gelassenheit bewundern soll.
180 Aus der Rheinischen Zeitung Kaum war die Zensurinstruktion erschienen, kaum hatte sich die Staatszeitung von diesem Schlage erholt, als sie in die Frage ausbricht: „Was hat euch preußischen Zeitungen die größere Zensurfreiheit genützt?“ Offenbar will sie sagen: Was haben mir die vielen Jahre 5 strikter Zensurobservanz genützt? Was ist aus mir, trotz sorgfäl¬ tigster und allseitigster Beaufsichtigung und Bevormundung, ge¬ worden? Und was soll nun gar jetzt aus mir werden? Das Gehen habe ich nicht gelernt, und ein schaulustiges Publikum erwartet Entrechats von der Lendenlahmen! So wird’s euch auch sein, w meine Schwestern! Laßt uns dem preußischen Volke unsere Schwächen bekennen, doch laßt uns diplomatisch in unserem Be¬ kenntnis sein. Wir sagen ihm nicht geradezu, daß wir uninteressant sind. Wir sagen ihm, daß, wenn die preußischen Zeitungen un¬ interessant für das preußische Volk, der preußische Staat un-is interessant für die Zeitungen ist. Die kühne Frage der „Staatszeitung“, die noch kühnere Ant¬ wort sind bloße Präludien ihres Erwachens, traumartige Andeu¬ tungen des Textes, den sie durchführen wird. Sie erwacht zum Be¬ wußtsein, sie spricht ihren Geist aus. Lauscht dem Epimenides! 20 Es ist bekannt, daß die erste theoretische Tätigkeit des Ver¬ standes, der noch halb zwischen Sinnlichkeit und Denken schwankt, das Zählen ist. Das Zählen ist der erste freie theo¬ retische Verstandesakt des Kindes. Laßt uns zählen, ruft die preußische „Staatszeitung“ ihren Schwestern zu. Die 25 Statistik ist die erste politische Wissenschaft! Ich kenne den Kopf eines Menschen, wenn ich weiß, wieviel Haare er produziert. Was du willst, daß dir geschehe, das tue anderen. Und wie könnte man uns selbst und gar mich, die preußische „Staatszei- tung“, besser würdigen als statistisch! Nicht nur, daß ich so oft 30 erscheine wie irgendeine französische oder englische Zeitung, so wird die Statistik nachweisen, daß ich weniger gelesen werde als irgendeine Zeitung der zivilisierten Welt. Zieht die Beamten ab, die sich halb mißliebig für mich interessieren müssen, rechnet die öffentlichen Lokale ab, denen ein halboffizielles Organ nicht 35 fehlen darf, wer liest mich, ich frage, wer? Berechnet, was ich koste; berechnet, was ich einnehme, und ihr werdet gestehen, daß es kein einträgliches Amt ist, große Worte gelassen auszusprechen. Seht ihr, wie schlagend die Statistik ist, wie das Zählen weit¬ läufigere geistige Operationen überflüssig macht! Also zählt! 40 Zahlentabellen instruieren das Publikum, ohne seinen Affekt zu erregen. Und die Staatszeitung stellt sich mit ihrer statistischen Wich¬ tigkeit nicht nur dem Chinesen, nicht nur dem Weltstatisten Pythagoras zur Seite! sie zeigt, daß sie von dem großen Natur-«
Debatten über Preßfreiheit 181 Philosophen jüngster Zeit affiziert ist, der die Unterschiede der Tiere etc. einst in Zahlenreihen darstellen wollte. So ist die „preußische Staatszeitung“ nicht ohne moderne philosophische Grundlagen, wenn sie auch ganz positiv scheint. 5 Die „Staatszeitung“ ist allseitig. Sie bleibt nicht bei der Zahl, der Zeitgröße stehen. Sie treibt ihre Anerkennung des quantitativen Prinzips weiter, sie spricht auch die Berech¬ tigung der Raumgröße aus. Der Raum ist das erste, dessen Größe dem Kinde imponiert. Es ist die erste Größe der Welt, 10 die das Kind erfährt. Es hält daher einen großgewachsenen Mann für einen großen Mann, und die kindliche „Staatszeitung“ erzählt uns, daß dicke Bücher unverhältnismäßig besser sind wie dünne, und nun gar einzelne Blätter, Zeitungen, die täg¬ lich nur einen Druckbogen liefern! is Ihr Deutschen könnt euch nun einmal nur umständlich aus¬ sprechen! Schreibt recht weitläufige Bücher über Staatseinrich¬ tung, recht grundgelehrte Bücher, die niemand liest als der Herr Verfasser und der Herr Rezensent, aber bedenkt, daß eure Zei¬ tungen keine Bücher sind. Bedenkt, wie viel Bogen auf ein gründ- 2o liches Werk von drei Bänden gehen! Sucht also den Geist des Tages und der Zeit nicht in den Zeitungen, die euch statistische Tabellen liefern wollen, sondern sucht ihn in den Büchern, deren Raumgröße schon für ihre Gründlichkeit bürgt. Bedenkt, ihr guten Kinder, daß es sich hier um „gelehrte“ 25 Dinge handelt, geht in die Schule der dicken Bücher, und ihr werdet uns Zeitungen schon liebgewinnen wegen unseres luftigen Formats, wegen unserer weltmännischen Leichtigkeit, die wahr¬ haft erquickend sind, nach den dicken Büchern. Allerdings! Allerdings! Unsere Zeit hat nicht mehr jenen so realen Sinn für Größe, den wir am Mittelalter bewundern. Seht unsere winzigen pietistischen Traktätlein, seht unsere philosophi¬ schen Systeme in kleinem Oktav, und nun wendet euren Blick auf die 20 Riesenfolianten des Duns Scotus. Ihr braucht die Bücher nicht zu lesen ; schon ihr abenteuerlicher Anblick rührt euer Herz, 35 schlägt eure Sinne, wie etwa ein gotisches Gebäude. Diese natur¬ wüchsigen Riesenwerke wirken materiell auf den Geist; er fühlt sich erdrückt unter der Masse, und das Gefühl der Gedrücktheit ist der Anfang der Ehrfurcht. Ihr habt die Bücher nicht, sie haben euch. Ihr seid ein Accidens zu ihnen, und so, meint die preu- ßische „Staatszeitung“, solle das Volk ein Accidens zu seiner poli¬ tischen Literatur sein. So ist die „Staatszeitung“ nicht ohne historische, der gedie¬ genen Zeit des Mittelalters angehörige Grundlagen, wenn sie auch ganz modern redet. *5 Ist aber das theoretische Denken des Kindes quantitativ:
182 Aus der Rheinischen Zeitung so ist sein Urteil wie sein praktisches Denken zunächst praktisch¬ sinnlich. Die sinnliche Beschaffenheit ist das erste Band, das es mit der Welt verknüpft. Die praktischen Sinne, vorzugs¬ weise Nase und Mund, sind die ersten Organe, mit denen es die Welt beurteilt. Die kindliche preußische „Staatszeitung“ be- 5 urteilt daher den Wert der Zeitungen, so ihren eigenen Wert, mit der Nase. Wenn ein griechischer Denker die trockenen Seelen für die besten hält, so hält die „Staatszeitung“ die „wohl¬ riechenden“ Zeitungen für die „guten“ Zeitungen. Sie weiß nicht genug den „literarischen Parfüm“ der „All-10 gemeinen Augsburger“ und des „Journal des Débats“ anzu¬ preisen. Lobenswerte, seltene Naivität! Großer, allergrößter Pompejus! Nachdem die „Staatszeitung“ uns so durch einzelne, dankens¬ werte Äußerungen tiefe Blicke in ihren Seelenzustand erlaubt is hat, faßt sie schließlich ihre Staatsansicht in eine große Reflexion zusammen, deren Pointe die große Entdeckung ist: „daß in Preu¬ ßen die Staatsverwaltung und der ganze Organismus des Staates getrennt seien vom politischen Geiste, daher weder für Volk noch für Zeitungen politisches Interesse haben könnten.“ 20 Nach der Ansicht der preußischen „Staatszei¬ tung“ hätte also die Staatsverwaltung in Preußen nicht den po¬ litischen Geist, oder der politische Geist hätte die Staatsverwal¬ tung nicht. Undelikate „Staatszeitung“, zu behaupten, was der ärgste Gegner nicht schlimmer wenden könnte, zu behaupten, daß 25 das wirkliche Staatsleben ohne politischen Geist sei und daß der politische Geist nicht im wirklichen Staate lebe! Doch wir dürfen den kindlich-sinnlichen Stand¬ punkt der preußischen „Staatszeitung“ nicht vergessen. Sie er¬ zählt uns, daß man bei Eisenbahnen bloß an Eisen und Bahnen, 30 bei Handelsverträgen bloß an Zucker und Kaffee, bei Leder¬ fabriken bloß an Leder zu denken habe. Allerdings, das Kind bleibt bei der sinnlichen Wahrnehmung stehen, es sieht bloß das Einzelne, und die unsichtbaren Nervenfäden, die dieses Besondere mit dem Allgemeinen verknüpfen, die, wie überall, 35 so im Staate, die materiellen Teile zu beseelten Gliedern des geistigen Ganzen machen, sind für das Kind nicht vorhanden. Das Kind glaubt, die Sonne drehe sich um die Erde; das Allge¬ meine drehe sich um das Einzelne. Das Kind glaubt daher nicht an den Geist, aber es glaubt an Gespenster. 40 So hält die preußische „Staatszeitung“ den politischen Geist für ein französisches Gespenst; und sie denkt das Gespenst zu beschwören, wenn sie ihm Leder, Zucker, Bajonette und Zahlen an den Kopf wirft. Doch, wird unser Leser einfallen, wir wollten über die „rhei- 45
Debatten über Preßfreiheit 183 nischen Landtagsverhandlungen“ debattieren, und statt dessen führt man uns den „unschuldigen Engel“, das greisen¬ hafte Preßkind, die „Preußische Staatszeitung“ vor und repetiert die altklugen Wiegenlieder, mit denen sie sich und ihre Schwestern 5 in gedeihlichen Winterschlaf wieder und wieder einzulullen sucht. Aber sagt nicht Schiller: „Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.“ Die preußische „Staatszeitung“ hat uns „in aller 10 E i n f a 11“ daran erinnert, daß wir in Preußen so gut wie in Eng¬ land Landstände besitzen, deren Verhandlungen die Tages¬ presse ja debattieren dürfe, wenn sie könne; denn die „Staatszeitung“ in großem klassischen Selbstbewußtsein vermeint, es fehle den preußischen Zeitungen nicht an dem Dürfen, son- 15 dem am Können. Das letztere gestehen wir ihr vorzugsweise als Privilegium zu, indem wir uns zugleich, ohne weitere Expli¬ kation über ihre Potenz, die Freiheit nehmen, den Einfall, den sie in aller Einfalt hatte, zu verwirklichen. Die Veröffentlichung der landständischen Verhandlun- 20 gen wird erst eine Wahrheit, wenn dieselben als „öffentliche Tatsachen“ behandelt, d. h. Gegenstand der Presse werden. Der letzte rheinische Landtag liegt uns am nächsten. Wir beginnen mit seinen „Debatten über Preßfrei¬ heit“ und müssen vorläufig bemerken, daß, während in dieser 25 Frage unsere eigene positive Ansicht zuweilen als Mitspieler auf¬ tritt, wir in den späteren Artikeln mehr als historische Zuschauer den Gang der Verhandlungen begleiten und darstellen werden. Die Natur der Verhandlungen selbst bedingt diesen Unter¬ schied der Darstellung. In allen übrigen Debatten finden wir 30 nämlich die verschiedenen Meinungen der Landstände auf glei¬ chem Niveau. In der Preßfrage dagegen haben die Gegner der freien Presse manches voraus. Abgesehen von den Stichworten und Gemeinplätzen, die in der Atmosphäre liegen, finden wir bei diesen Gegnern einen pathologischen Affekt, eine 35 leidenschaftliche Eingenommenheit, die ihnen eine wirkliche, nicht imaginäre Stellung zur Presse gibt, deren Verteidiger auf diesem Landtag im Ganzen kein wirkliches Verhält¬ nis zu ihrem Schützling haben. Sie haben die Freiheit der Presse nie als Bedürfnis kennen gelernt. Sie ist ihnen eine Sache io des Kopfes, an der das Herz keinen Teil hat. Sie ist ihnen eine „exotische“ Pflanze, mit der sie durch bloße „Liebhaberei“ in Konnex stehen. Es geschieht daher, daß ein zu allgemeines vages Räsonnement den besonderen „guten“ Gründen der Gegner ent¬
184 Aus der Rheinischen Zeitung gegengestellt wird, und der bornierteste Einfall hält sich für be¬ deutend, so lange ihm seine Existenz nicht genommen ist. Goethe sagt einmal, dem Maler glückten nur solche weiblichen Schönheiten, deren Typus er wenigstens in irgendeinem lebendigen Individuum geliebt habe. Auch die Preßfreiheit ist eine Schön- 5 heit — wenn auch gerade keine weibliche — die man geliebt haben muß, um sie verteidigen zu können. Was ich wahrhaft liebe, des¬ sen Existenz empfinde ich als eine notwendige, als eine, deren ich bedürftig bin, ohne die mein Wesen nicht erfülltes, nicht be¬ friedigtes, nicht vollständiges Dasein haben kann. Jene Vertei-10 diger der Preßfreiheit scheinen vollständig da zu sein, ohne daß die Preßfreiheit da wäre. [RhZ 8. Mai 1842. Nr. 128, Beiblatt] Die liberale Opposition zeigt uns den Höhestand einer politischen Versammlung, wie die Opposition überhaupt15 den Höhestand einer Gesellschaft. Eine Zeit, in welcher es philo¬ sophische Kühnheit ist, an Gespenstern zu zweifeln, in welcher es Paradoxie ist, sich gegen Hexenprozesse aufzulehnen, eine solche Zeit ist die legitime Zeit der Gespenster und Hexenprozesse. Ein Land, welches, wie das alte Athen, Speichellecker, Parasiten, w Schmeichler als Ausnahmen von der Volksvemunft, als V o 1 k s - narren traktiert, ist das Land der Unabhängigkeit und Selb¬ ständigkeit. Ein Volk, welches, wie alle Völker der besten Zeit, das Recht, die Wahrheit zu denken und auszusprechen, den Hof¬ narren vindiziert, kann nur ein Volk der Abhängigkeit und 25 Selbstlosigkeit sein. Eine Ständeversammlung, in welcher die Opposition versichert, daß die Willensfreiheit zum Wesen des Menschen gehöre, ist wenigstens nicht die Ständeversammlung der Willensfreiheit. Die Ausnahme zeigt uns die Regel. Die libe¬ rale Opposition zeigt uns, was liberale Position, wie weit die Frei- heit Mensch geworden ist. Wenn wir daher bemerkt haben, daß die landständischen Ver¬ teidiger der Preßfreiheit sich keineswegs auf der Höhe ihres Gegenstandes bewegen, so gilt dies noch mehr von dem ganzen Landtag überhaupt. 55 Und dennoch nehmen wir die Darstellung der landständischen Verhandlungen an diesem Punkte auf, nicht nur aus besonderem Interesse für die Preßfreiheit, sondern ebensowohl aus allgemei¬ nem Interesse für den Landtag. Wir finden nämlich den spe¬ zifisch ständischen Geist nirgends klarer, entschiedener *0 und voller ausgeprägt als in den Debatten über die Presse. Vor¬ zugsweise gilt dies von der Opposition gegen die Pre߬ freiheit, wie überhaupt in der Opposition gegen eine a 11 -
Debatten über Preßfreiheit 185 gemeine Freiheit der Geist der bestimmten Sphäre, das individuelle Interesse des besonderen Standes, die natürliche Ein¬ seitigkeit des Charakters sich am schroffsten und rücksichts¬ losesten herauswenden und gleichsam ihre Zähne zeigen. 5 Die Debatten bringen uns eine Polemik des Fürstenstandes gegen die freie Presse, eine Polemik des Ritterstandes, eine Po¬ lemik des Standes der Städte, so daß nicht das Individuum, sondern der Stand polemisiert. Welcher Spiegel könnte also den inneren Charakter des Landtags treuer zurückgeben als die 10 Preß-Debatten? Wir beginnen mit den Opponenten gegen die freie Presse, und zwar wie billig mit einem Redner aus dem Fürstenstand. Auf den ersten Teil seines rednerischen Vortrags, nämlich: io „daß Preßfreiheit und Zensur beides Übel seien usw.“, gehen wir nicht sachlich ein, da dieses Thema von einem anderen Redner gründlicher durchgeführt wird; nur die eigene Argumen¬ tation des Redners dürfen wir nicht übergehen. „Die Zensur“ sei „ein geringeres Übel als der Unfug der Presse“. „Diese Überzeugung befestigte sich nach und nach so in unserem Deutschland (es fragt sich, welcher Teil von Deutschland das ist), daß auch von Bundes wegen Ge¬ setze darüber erlassen wurden, welche Preußen mit gab und sich ihnen mit unterwarf“. Der Landtag verhandelt über die Befreiung der Presse von ihren Banden. Diese Bande selbst, ruft der Redner, die Ketten, an denen die Presse liegt, beweisen, daß sie nicht zu freier Bewegung be¬ stimmt ist. Ihre gefesselte Existenz zeugt gegen ihr Wesen. Die Gesetze gegen die Preßfreiheit widerlegen die Preßfreiheit. 30 Ein diplomatisches Argument gegen alle Reform, wel¬ ches am entschiedensten die klassische Theorie einer ge¬ wissen Partei ausspricht. Jede Freiheitsschranke ist ein faktischer, ein unumstößlicher Beweis, daß bei den Machthabern die Über¬ zeugung einmal vorhanden war, man müsse die Freiheit beschrän- 35 ken, und diese Überzeugung dient dann als Regulativ für die späteren Überzeugungen. Man hatte einmal befohlen, daß die Sonne sich nicht um die Erde bewege. War Galilei widerlegt? So hatte sich auch in unserem Deutschland die Reichs- 40 Überzeugung, welche die einzelnen Fürsten teilten, gesetzlich ge¬ bildet, daß die Leibeigenschaft eine Eigenschaft gewisser mensch¬ licher Leiber sei, daß die Wahrheit am evidentesten durch chirur¬ gische Operationen, wir meinen die Folter, ermittelt werde, daß die Flammen der Hölle dem Ketzer schon durch die Flammen 45 der Erde zu demonstrieren seien.
186 Aus der Rheinischen Zeitung War die gesetzliche Leibeigenschaft nicht ein faktischer Be¬ weis gegen die rationelle Grille, daß der menschliche Leib kein Objekt der Behandlung und des Besitzes sei? Widerlegte die naturwüchsige Folter nicht die hohle Theorie, daß man mit Ader¬ lässen nicht die Wahrheit herauszapft, daß die Spannung des « Rückens auf der Marterleiter nicht rückhaltlos macht, daß Krämpfe keine Bekenntnisse sind? So, meint der Redner, widerlegt das Faktum der Zensur die Preßfreiheit, was seine faktische Richtigkeit hat, was eine Wahr¬ heit von solcher Faktizität ist, daß die Topographie ihre Größe 10 abmessen kann, indem sie bei gewissen Schlagbäumen aufhört, faktisch und wahr zu sein. „Weder in Rede noch in Schrift,“ werden wir weiter belehrt, „weder in unserer Rheinprovinz noch im ganzen Deutschland er¬ scheine die wahre und edlere geistige Entwicklung gefesselt.“ is Der edle Wahrheitsschmelz unserer Presse sei eine Gabe der Zensur. Wir kehren zunächst die frühere Argumentation des Redners gegen ihn selbst; wir geben ihm statt eines rationalen Grundes eine Verordnung. In der neuesten preußischen Zensurinstruktion 20 wird offiziell bekanntgemacht, daß die Presse bisher übergroßen Beschränkungen unterlegen, daß sie wahren nationalen Gehalt erst zu erringen habe. Redner sieht, daß die Überzeugungen in unserem Deutschland wandelbar sind. Aber welch unlogisches Paradoxon, die Zensur als Grund 25 unserer besseren Presse zu betrachten! Der größte Redner der französischen Revolution, dessen voix toujours tonnante noch in unsere Zeit herüber tönt, der Löwe, den man selbst brüllen hören mußte, um ihm mit dem Volke zuzu¬ rufen: „Gut gebrüllt, Löwe!“, Mirabeau, hat sich in Gefäng- 30 nissen gebildet. Sind deswegen Gefängnisse die Hochschulen der Beredtsamkeit? Es ist ein wahrhaft fürstliches Vorurteil, wenn trotz aller geistigen Mautsysteme der deutsche Geist ein Großhändler ge¬ worden ist, zu meinen, die Zollsperren und1) Kordons hätten ihn 35 zum Großhändler gemacht. Die geistige Entwicklung Deutschlands ist nicht durch , sondern trotz der Zensur vor sich gegangen. Wenn die Presse innerhalb der Zensur verkümmert und ver¬ elendet, so führt man dies als Argument gegen die freie Presse an, obgleich es nur gegen die unfreie zeugt. Wenn die Presse trotz der Zensur ihr charaktervolles Wesen bewährt, so führt man dies für die Zensur an, obgleich es nur für den Geist und nicht für die Fessel spricht. Im Original Druckfehler in
Debatten über Preßfreiheit 187 Übrigens hat es mit der „wahren edleren Entwick¬ lung“ seine Bewandtnis. In der Zeit der strikten Zensurobservanz von 1819—1830 (spä¬ ter wurde die Zensur, wenn auch nicht in „unserem Deutschland“, 5 so doch in einem großen Teile Deutschlands von den Zeitverhält¬ nissen und seltsamen Überzeugungen, die sich gebildet hatten, zensiert) erlebte unsere Literatur ihre „Abendblattszeit“, die man mit demselben Recht „wahr und edel und geistig und entwicklungsreich“ nennen kann, als sich der Redakteur der io Abendzeitung, ein geborener „Wink 1 er“, humoristischer¬ weise „H e 11“ benamste, obgleich wir ihm nicht einmal die Hel¬ ligkeit der Sümpfe um Mitternacht nachrühmen dürfen. Dieser „Krähwinkler“ mit der Firma „Hell“ ist der Prototyp der da¬ maligen Literatur, und jene Fastenzeit wird die Nachwelt über- 15 zeugen, daß, wenn wenige Heilige 40 Tage ohne Speise ausharren konnten, ganz Deutschland, welches nicht einmal heilig war, über zwanzig Jahre ohne alle geistige Konsumption und Produktion zu leben verstand. Die Presse war niederträchtig geworden, und man schwankt nur, ob der Mangel an Verstand den Mangel 2o an Charakter, ob die Formlosigkeit die Inhaltslosigkeit übertraf, oder ob umgekehrt. Für Deutschland würde die Kritik das Höchste erreichen, wenn sie beweisen könnte, daß jene Periode nie existiert hat. Das einzige Literaturgebiet, in welchem damals noch lebendiger Geist pulsierte, das philosophische, hörte 25 auf, deutsch zu sprechen, weil die deutsche Sprache aufgehört hatte, die Sprache des Gedankens zu sein. Der Geist sprach in unverständlichen, mysteriösen Worten, weil die verständlichen Worte nicht mehr verständig sein durften. Was mm gar das Beispiel der rheinischen Literatur so betrifft — und allerdings liegt dies Beispiel einem rheinischen Landstande ziemlich nahe —, so könnte man mit der Diogenes- lateme alle fünf Regierungsbezirke durchwandern, und nirgends würde man „diesem Menschen“ begegnen. Wir halten dies nicht für einen Mangel der Rheinprovinz, sondern vielmehr für einen 35 Beweis ihres praktisch-politischen Sinnes. Die Rheinprovinz kann eine „freie Presse“ zeugen, aber zu einer „unfreien“ fehlt es ihr an Gewandtheit und an Illusionen. Die eben erst abgelaufene Literaturperiode, die wir als „die Literaturperiode der strikten Zensur“ bezeichnen können, ist also 40 der evidente, der geschichtliche Beweis, daß die Zensur allerdings die Entwicklung des deutschen Geistes auf eine heillose, unver¬ antwortliche Art beeinträchtigt hat und daß sie also keineswegs, wie dem Redner dünkte, zum magister bonarum artium bestimmt ist. Oder verstand man etwa unter der „edleren wahren Presse“ 45 eine Presse, die ihre Ketten mit Anstand trägt?
188 Aus der Rheinischen Zeitung Wenn sich der Redner „erlaubt, an ein bekanntes Sprichwort vom kleinen Finger und der ganzen Hand“ zu erinnern, so nehmen wir uns die Gegenerlaubnis, zu fragen, ob es der Würde einer Re¬ gierung nicht am meisten gezieme, dem Geiste ihres Volkes nicht nur eine ganze Hand, sondern beide Hände ganz zu geben? 5 Unser Redner hat, wie wir gesehen, die Frage über das Ver¬ hältnis von Zensur und geistiger Entwicklung auf nachlässig vor¬ nehme, diplomatisch nüchterne Weise beseitigt. Noch entschie¬ dener repräsentiert er die negative Seite seines Standes in seinem Angriff auf die historische Gestaltung der Preß-w f reih eit. Was die Existenz der Preßfreiheit bei anderen Völkern betreffe, so könne „England keinen Maßstab abgeben, da dort schon seit Jahrhunderten auf historischem Wege sich Verhältnisse ausgebildet hätten, die in keinem anderen Lande durch Anwendung u von Theorien hervorgerufen werden könnten, sondern in Eng¬ lands eigentümlicher Lage ihre Begründung gefunden hätten“. „In Holland habe Freiheit der Presse nicht vor er¬ drückender Nationalschuld bewahren können und größtenteils zur Herbeiführung einer Revolution 20 mitgewirkt, die den Abfall der Hälfte dieses Landes zur Folge gehabt habe.“ Frankreich übergehen wir, um später darauf zu¬ rückzukommen. „In der Schweiz endlich, sollte man dort wohl ein durch Freiheit der Presse beglücktes Eldorado finden können? Gedenke man nicht mit Ekel der rohen, in dortigen Blättern25 verhandelten Parteistreitigkeiten, in welchen die Namen der Par¬ teien, im richtigen Gefühl ihrer geringen menschlichen Würde, sich nach Teilen des tierischen Körpers in Horn- und Klauenmänner sonderten und durch platte Schmäh¬ reden sich bei allen Nachbarn verächtlich machten!“ 30 Die englische Presse spricht nicht für die Preßfreiheit überhaupt, weil sie auf historischen Grundlagen be¬ ruht. Die Presse in England hat nur Verdienst, weil sie historisch ist, nicht als Presse überhaupt, denn sie hätte sich ohne histo¬ rische Grundlagen machen müssen. Die Historie hat hier das 35 Verdienst und nicht die Presse. Als wenn die Presse nicht auch zur Historie gehörte, als wenn die englische Presse nicht unter Heinrich VIII., Marini der Katholischen, Elisabeth und Jakob harte, oft barbarische Kämpfe bestanden hätte, um dem englischen Volke seine historischen Grundlagen zu erringen! Und spräche es nicht im Gegenteil für die Preßfreiheit, wenn die englische Presse bei größter Ungebundenheit nicht destruierend auf die historischen Grundlagen wirkte? Allein der Redner ist nicht konsequent. Die englische Presse beweist nicht für die Presse überhaupt, <5
Debatten über Preßfreiheit 189 weil sie englisch ist. Die holländische Presse spricht gegen die Presse überhaupt, obschon sie nur holländisch ist. Das eine Mal werden alle Vorzüge der Presse den historischen Grund¬ lagen, das andere Mal alle Mängel der historischen Grundlagen 5 der Presse vindiziert. Das eine Mal soll die Presse nicht auch ihren Anteil an der historischen Vollkommenheit, das andere Mal soll die Historie nicht auch ihren Anteil an den Mängeln der Presse haben. Wie die Presse in England mit dessen Historie und eigentümlicher Lage verwachsen ist, so in Holland und in der 10 Schweiz. Soll die Presse historische Grundlagen abspiegeln, aufheben oder entwickeln? Jedes macht ihr der Redner zum Vorwurf. Er tadelt die holländische Presse, weil sie histo¬ risch ist. Sie hätte die Historie verhindern, sie hätte is Holland vor erdrückender Nationalschuld bewahren müssen! Welche unhistorische Forderung! Die holländische Presse konnte das Zeitalter Ludwig des XIV. nicht verhindern; die holländische Presse konnte nicht verhindern, daß die eng¬ lische Marine unter Cromwell sich zur ersten europäischen her- 20 auf schwang; sie konnte keinen Ozean zaubern, der Holland von der peinlichen Rolle erlöst hätte, der Schauplatz der kriegführen¬ den Kontinentalmächte zu sein; sie konnte ebensowenig, wie alle Zensuren in Deutschland zusammen, Napoleons Machtgebote annullieren. w Hat aber die freie Presse jemals Nationalschulden erhöht? Als unter Orleans dem Regenten ganz Frankreich in Law’sche Finanzrasereien sich verlor, wer trat dieser phantastischen Sturm- und Drangperiode der Geldspekulation gegenüber als einige Sa¬ tiriker, die allerdings keine Bankbillets, sondern Bastillebillets 3o bezogen. Das Verlangen, die Presse solle vor Nationalschuld be¬ wahren, was dahin weiter ausgeführt werden kann, daß sie auch den einzelnen Individuen ihre Schulden bezahlen solle, erinnert an jenen Literaten, der stets auf seinen Arzt grollte, weil dieser w ihm zwar die Krankheiten seines Leibes wegkuriere, nicht aber zu¬ gleich die Druckfehler seiner Schriften. Die Preßfreiheit ver¬ spricht so wenig wie der Arzt, einen Menschen oder ein Volk voll¬ kommen zu machen. Sie ist selbst keine Vollkommenheit. Es ist triviale Manier, das Gute damit zu schmähen, daß es ein be- io stimmtes Gut und nicht alles Gute auf einmal, daß es dieses und kein anderes Gute sei. Allerdings, wenn die Pre߬ freiheit alles in allem wäre, so machte sie alle übrigen Funktionen eines Volks und das Volk selbst überflüssig. Redner wirft der holländischen Presse die belgische Re¬ solution vor. Marx-Engels-Gesamtausgabe. I. Abt.. Bd. 1, 1. Hbd. 18
190 Aus der Rheinischen Zeitung Kein Mensch von einiger geschichtlicher Bildung wird leugnen, daß die Trennung Belgiens und Hollands ungleich histori¬ scher war als ihre Vereinigung. Die Presse in Holland habe die belgische Revolution bewirkt. Welche Presse? Die reformatorische oder die reaktionäre? Eine 5 Frage, die wir auch in Frankreich auf werf en können, und wenn Redner etwa die klerikalisch-belgische Presse tadelt, die zugleich demokratisch war, so tadle er ebenso die klerikalische Presse in Frankreich, die zugleich absolutistisch war. Beide haben zum Umsturz ihrer Regierungen mitgewirkt. In Frankreich hat nicht ic die Preßfreiheit, sondern die Zensur revolutioniert. Aber abgesehen hiervon, die belgische Revolution erschien zuerst als geistige Revolution, als Revolution der Presse. Weiter hat die Behauptung keinen Sinn, daß die Presse die belgische Re¬ volution gemacht habe. Ist das nun zu tadeln? Soll die Révolu-15 tion gleich materiell auftreten? Schlagen statt sprechen? Die Regierung kann eine geistige Revolution materialisieren; eine materielle Revolution muß erst die Regierung vergeistigen. Die belgische Revolution ist ein Produkt des belgischen Geistes. Also hat auch die Presse, die freieste Weise, in welcher heutzutage 20 der Geist erscheint, ihren Anteil an der belgischen Revolution. Die belgische Presse wäre nicht die belgische Presse, wenn sie der Revolution femgestanden, aber ebensowohl wäre die belgische Revolution keine belgische, wenn sie nicht zugleich Revolution der Presse gewesen. Die Revolution eines Volkes ist t o t a 1 ; d. h» 25 jede Sphäre revoltiert auf ihre Weise; warum nicht auch die Presse als Presse? Redner tadelt an der belgischen Presse also nicht die Presse, er tadelt Belgien. Und hier finden wir den Springpunkt seiner historischen Ansicht von der Preßfreiheit. Der volks-30 tiimliche Charakter der freien Presse — und bekanntlich malt selbst der Künstler keine großen historischen Tableaux mit Was¬ serfarben —, die historische Individualität der freien Presse, die sie zur eigentümlichen Presse ihres eigentümlichen Volksgeistes macht, widerstreben dem Redner aus dem Fürstenstande, er stellt 33 vielmehr die Forderung an die Pressen der verschiedenen Na¬ tionen, die Pressen seiner Ansicht, die Pressen der haute volée zu sein, und statt um die geistigen Weltkörper, die Nationen, um einzelne Individuen zu kreisen. Unverhüllt tritt diese Forderung in der Beurteilung der Schweizerpresse hervor. 40 Vorläufig erlauben wir uns eine Frage. Warum besann sich der Redner nicht, daß die Schweizerpresse der Voltaireschen Auf¬ klärung in Albrecht v. Haller entgegentrat? Warum gedenkt er nicht, daß, wenn die Schweiz auch gerade kein Eldorado, doch den Propheten des künftigen Fürsten-Eldorado gezeugt hat, eben- 45
Debatten über Preßfreiheit 191 falls ein Hr. v. Haller, der in seiner „Restauration der Staats¬ wissenschaften“ das Fundament zu der „edleren wahren“ Presse, zu dem „Berliner politischen Wochenblatt“ gelegt hat? An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Und welcher Boden in der Welt 6 hätte der Schweiz eine Frucht von dieser vollsaftigen Legitimität entgegenzuhalten ? Redner verübelt es der Schweizerpresse, daß sie die „tierischen Parteinamen“ der „Hom- und Klauenmänner“ auf- genommen, kurz, daß sie schweizerisch spricht und zu 10 Schweizern, die mit Ochsen und Kühen in gewisser patri¬ archalischer Eintracht leben. Die Presse dieses Landes ist die Presse dieses Landes. Weiter ist darüber nichts zu sagen. Zugleich aber führt eben die freie Presse über die Be¬ schränktheit des Landespartikularismus hinaus, wie ebenfalls die 15 Schweizerpresse beweist. Über die tierischen Parteinamen insbesondere be¬ merken wir, daß die Religion selbst das Tierische als Symbol des Geistigen würdigt. Unser Redner wird jedenfalls die in¬ dische Presse verwerfen, die in religiöser Begeisterung die Kuh so Sabala und den Affen Hanuman feierte. Er wird der indischen Presse die indische Religion, wie der Schweizerpresse den Schwei¬ zercharakter, vorwerfen; aber es gibt eine Presse, die er schwer¬ lich der Zensur unterwerfen will, wir meinen die heilige Presse, die Bibel; und teilt diese nicht die ganze Menschheit 25 in die beiden großen Parteien der Böcke und Schafe? Cha¬ rakterisiert Gott selbst sein Verhältnis zu den Häusern Juda und Israel nicht folgendermaßen: „Ich bin dem Hause Juda eine Motte und dem Hause Israel eine Made?“ Oder, was uns Weltlichen näher liegt, gibt es nicht eine fürstliche L i t e - joratur, welche die ganze Anthropologie in Zoologie verwandelt, wir meinen die heraldische Literatur? Die bringt noch andere Kuriosa als Hom- und Klauenmänner. Was hat also der Redner an der Preßfreiheit getadelt? Daß die Mängel eines Volkes zugleich die Mängel 35 seiner Presse sind, daß sie die rücksichtslose Sprache, die offenbare Gestalt des historischen Volksgeistes ist. Hat er be¬ wiesen, daß der deutsche Volksgeist von diesem großen Naturprivilegium ausgeschlossen ist? Er hat gezeigt, daß jedes Volk seinen Geist in seiner Presse ausspricht. Soll dem phi- 4o losophisch gebildeten Geist der Deutschen nicht zukommen, was nach des Redners eigener Versicherung bei den im Tierischen ge¬ bundenen Schweizern sich findet? Meint endlich der Redner, daß die nationalen Mängel der freien Presse nicht ebenso Nationalmängel der Zen- 45 soren sind? Sind die Zensoren eximiert von der historischen 18*
192 Aus der Rheinischen Zeitung Gesamtheit, unberührt vom Geiste einer Zeit? Leider mag es der Fall sein, aber welcher gesunde Mensch wird in der Presse nicht lieber die Sünden der Nation und der Zeit, als in der Zensur die Sünden gegen Nation und Zeit entschuldigen? Wir haben im Eingänge bemerkt, daß in den verschiedenen & Rednern ihr besonderer Stand gegen die Preßfreiheit po¬ lemisiert. Der Redner aus dem Fürstenstande stellte zunächst diplomatische Gründe auf. Er bewies das Unrecht der Preßfreiheit aus den fürstlichen Überzeugungen, die in Zensurgesetzen sich deutlich genug ausgesprochen hätten. Er 10 meinte, die edlere, wahre Entwicklung des deutschen Geistes sei durch die Hemmungen von oben gemacht worden. Er polemi¬ sierte endlich gegen die Völker und verwarf mit edler Scheu die Preßfreiheit als die undelikate, indiskrete, auf sich selbst gerichtete Sprache eines Volkes. is [RhZ 10. Mai 1842. Nr. 130, Beiblatt] Der Redner aus dem Ritterstande, zu dem wir jetzt kommen, polemisiert nicht gegen die Völker, sondern gegen die Menschen. Er bestreitet in der Preßfreiheit die menschliche Freiheit, im Preß gesetz das Gesetz. 20 Bevor er auf die eigentliche Frage über Preßfreiheit eingeht, nimmt er die Frage über unverkürzte und tägliche Publikation der Landtagsdebatten auf. Wir folgen ihm, Schritt vor Schritt. „Dem ersten der Anträge auf Veröffentlichung un- 25 serer Verhandlungen sei genügt.“ „In die Hände des Landtags sei es gelegt, von der erteilten Erlaubnis einen weisen Gebrauch zu machen.“ Eben das ist das punctum quaestionis. Die Provinz glaubt, daß der Landtag erst in ihre Hände gelegt ist, sobald die Ver- 30 öffentlichung der Debatten nicht mehr der Willkür seiner Weis¬ heit überlassen, sondern eine gesetzliche Notwendigkeit gewor¬ den ist. Wir müßten die neue Konzession als einen neuen Rück¬ schritt bezeichnen, wenn sie so zu interpretieren, daß die Pu¬ blikation der Willkür der Landstände anheimfällt. 3S Privilegien der Landstände sind keine Rechte der Provinz. Vielmehr hören die Rechte der Provinz gerade da auf, wo sie zu Privilegien der Landstände werden. So hatten die Stände des Mittelalters alle Rechte des Landes in sich absor¬ biert und wendeten sie als Vorrechte gegen das Land. 40 Der Staatsbürger will das Recht nicht als Privilegium wissen. Kann er für ein Recht halten, neue Privilegierte zu alten Privi¬ legierten hinzuzufügen?
Debatten über Preßfreiheit 193 Die Rechte des Landtags sind auf diese Weise nicht mehr Rechte der Provinz, sondern Rechte wider die Provinz, und der Landtag selbst wäre das der Provinz am meisten entgegenstehende Unrecht mit der mysti- 5 sehen Bedeutung, für ihr größtes Recht gelten zu sollen. Wie sehr nun der Redner aus dem Ritterstande dieser mittelaltrigen Auffassung des Landtags verfallen ist, wie rückhaltlos er das Privilegium des Landstandes gegen das Recht des Landes verficht, wird der Verfolg seiner Rede be- 10 weisen. „Die Ausdehnung dieser Erlaubnis (der Publikation der De¬ batten) könne nur aus der inneren Überzeugung, nicht aber aus äußeren Einwirkungen hervorgehen“. Eine überraschende Wendung! Die Einwirkung der Provinz 15 auf ihren Landtag wird als ein Äußeres bezeichnet, dem die Überzeugung der Landstände als zartsinnige Inner¬ lichkeit gegenübersteht, deren höchstirritable Natur der Pro¬ vinz zuruft: „Noli me tangere!“ Um so denkwürdiger ist diese elegische Floskel von der „inneren Überzeugung“ gegen- 20 über dem rauhen, äußerlichen, unberechtigten Nordwind der „öffentlichen Überzeugung“, als der Antrag gerade darauf geht, die innere Überzeugung der Landstände äußerlich zu machen. Allerdings finden wir auch hier Inkonsequenz. Wo es dem Redner füglicher scheint, in den kirchlichen Kontroversen, provo- ziert er auf die Provinz. „Wir“, fährt der Redner fort, „würden sie (die Publikation) eintreten lassen, da, wo wir es für zweckmäßig erachten, und sie beschränken, da, wo u n s eine Ausdehnung zweck¬ los oder gar wohl schädlich erschiene.“ 3o Wir werden tun, was wir wollen. Sic volo, sic iubeo, stat pro ratione voluntas. Es ist vollständige Herrschersprache, die allerdings im Munde eines modernen Standesherm einen rühren¬ den Beischmack hat. Wer sind „wir“? Die Landstände. Die Veröffentlichung 35 der Debatten ist für die Provinz und nicht für die Stände, aber Redner belehrt uns des besseren. Auch die Publikation der Ver¬ handlungen ist ein Privilegium der Landstände, die das Recht haben, wenn sie es passend finden, ihrer Weisheit das viel¬ stimmige Echo des Preßbengels zu geben. *o Der Redner kennt nur die Provinz der Landstände, nicht die Landstände der Provinz. Die Landstände haben eine Provinz, worauf das Privilegium ihrer Tätigkeit sich erstreckt, aber die Provinz hat keine Landstände, durch welche sie selbst tätig wäre. Allerdings hat die Provinz das Recht, unter vorgeschriebenen 45 Bedingungen, sich diese Götter zu machen, aber gleich nach der
194 Aus der Rheinischen Zeitung Schöpfung muß sie, wie der Fetischdiener, vergessen, daß es Götter ihres Händewerkes sind. Es ist dabei unter anderem nicht abzusehen, warum eine Mon¬ archie ohne Landtag nicht mehr wert ist als eine Mon¬ archie mit Landtag, denn ist der Landtag nicht die Re- 5 Präsentation des Provinzialwillens, so hegen wir zur öffentlichen Intelligenz der Regierung mehr Vertrauen als zur Privatintelli- genz von Grund und Boden. Wir haben hier das sonderbare, vielleicht im Wesen der Land¬ tage gegründete Schauspiel, daß die Provinz nicht sowohl durch 10 als mit ihren Stellvertretern zu kämpfen hat. Nach dem Redner hält der Landtag nicht die allgemeinen Rechte der Provinz für seine einzigen Privilegien, denn in diesem Fall wäre die tägliche unverkürzte Publikation der Landtagsverhandlungen ein neues Recht des Landtags, weil des Landes, sondern vielmehr soll das 15 Land die Vorrechte der Landstände für seine einzigen Rechte halten; warum nicht auch die Vorrechte irgendeiner Beamten¬ klasse und des Adels oder der Priester! Ja, unser Redner spricht unverhohlen aus, daß die Vorrechte der Landstände in dem Maße abnehmen, als die Rechte der Pro- 20 vinz zunehmen. „Ebenso wünschenswert es ihm erscheine, daß hier in der Versammlung Freiheit der Diskussion stattfände und ein ängstliches Abwägen der Worte vermieden würde, ebenso notwendig erscheine es ihm zur Erhaltung dieser F r e i - 25 heit des Wortes und dieser Unbefangenheit der Rede, daß unsereWorte zurzeit nur noch von denjenigen beurteilt würden, für die sie bestimmt seien.“ Eben weil die Freiheit der Diskussion, schließt der Redner, in unserer Versammlung wünschenswert ist — und welche Freiheiten 30 wären uns nicht wünschenswert, wo es sich von uns handelt — eben darum ist die Freiheit der Diskussion in der Provinz nicht1) wünschenswert. Weil es wünschenswert ist, daß wir unbe¬ fangen sprechen, ist es noch wünschenswerter, die Provinz in der Gefangenschaft des Geheimnisses zu erhalten. U n - 35 sere Worte sind nicht für die Provinz bestimmt. Man muß den Takt anerkennen, womit der Redner heraus¬ gefühlt hat, daß der Landtag durch die unverkürzte Publikation seiner Debatten aus einem Vorrecht der Landstände ein Recht der Provinz würde, daß er, unmittelbar Gegenstand des öffent- 40 liehen Geistes geworden, sich entschließen müßte, eine Vergegen- ständlichung des öffentlichen Geistes zu sein, daß er, in das Licht des allgemeinen Bewußtseins gestellt, sein besonderes Wesen gegen das allgemeine aufzugeben hätte. x) Im Original Druckfehler höchst
Debatten über Preßfreiheit 195 Wenn aber der ritterliche Redner persönliche Privilegien, in¬ dividuelle, dem Volke und der Regierung gegenüberstehende Freiheiten für die allgemeinen Rechte versieht und damit un¬ streitig den exklusiven Geist seines Standes treffend ausge- 5 sprochen hat, so interpretiert er dagegen den Geist der Provinz aufs allerverkehrteste, wenn er nun ebenfalls ihre allgemeinen Forderungen in persönliche Gelüste umwandelt. So scheint der Redner eine persönlich-lüsterne Neugier der Provinz auf unsere Worte (sc. der landständischen Persön- 10 lichkeiten) zu unterstellen. Wir versichern ihn, daß die Provinz keineswegs neugierig ist auf „die Worte“ der Landstände als einzelner Personen, und nur „solche“ Worte können sie mit Recht „ihre“ Worte nennen. Viel¬ mehr verlangt die Provinz, daß die Worte der Landstände sich io verwandeln sollen in die öffentlich vernehmbare Stimme des Landes. Es handelt sich davon, ob die Provinz ein Bewußtsein über ihre Vertretung haben soll oder nicht! Soll zu dem Mysterium der Regierung das neue Mysterium der Vertretung 20 hinzukommen? Auch in der Regierung ist das Volk vertreten. Die neue Vertretung desselben durch die Stände ist also rein sinnlos, wenn nicht eben darin ihr spezifischer Charakter besteht, daß hier nicht für die Provinz gehandelt wird, sondern daß sie vielmehr selbst handelt; daß sie hier nicht repräsentiert wird, sondern viel- 25 mehr sich selbst repräsentiert. Eine Repräsentation, die dem Be¬ wußtsein ihrer Kommittenten entzogen ist, ist keine. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Es ist der sinnlose Widerspruch, daß die Funktion des Staates, die vorzugsweise die Selbsttätig- k e i t der einzelnen Provinzen darstellt, sogar ihrem formel- 3o 1 en Mitwirken, dem Mitwissen entzogen ist, der sinnlose Widerspruch, daß meine Selbsttätigkeit die mir unbewußte Tat eines anderen sein soll. Eine Publikation der Landtagsverhandlungen aber, die der Willkür der Landstände anheim gefallen ist, ist schlechter als gar 35 keine, denn wenn der Landtag mir gibt, nicht was er ist, sondern was er für mich scheinen will, so nehme ich ihn als das, als was er sich gibt, als Schein, und es ist schlimm, wenn der Schein gesetz¬ liche Existenz hat. Ja selbst die tägliche unverkürzte Veröffentlichung durch 4o den Druck, heißt sie mit Recht unverkürzt und öffent¬ lich? Ist es keine Verkürzung, die Schrift dem Wort, Schemata den Personen, die papieme Aktion der wirklichen Aktion zu sub¬ stituieren? Oder besteht die Öffentlichkeit nur darin, daß die wirkliche Sache dem Publikum referiert, und nicht vielmehr 45 darin, daß sie dem wirklichen Publikum referiert wird,
196 Aus der Rheinischen Zeitung d. h. nicht dem imaginären lesenden, sondern dem lebendigen gegenwärtigen Publikum? Nichts ist widersprechender, als daß die höchste öffent¬ liche Aktion der Provinz geheim sei, daß die Gerichtstüre zu Privatprozessen der Provinz offen steht und daß sie in ihrem 5 eigenen Prozesse vor der Tür stehen bleiben muß. Die unverkürzte Publikation der Landtagsverhandlungen kann daher in ihrem wahren konsequenten Sinne nichts anderes sein als die volle Öffentlichkeit des Landtags. Unser Redner geht im Gegenteil dahin fort, den Landtag als 10 eine Art Estaminet zu betrachten. „Auf eine langjährige Bekanntschaft sei bei den meisten von uns das gute persönliche Einvernehmen gegründet, in welchem wir uns trotz der verschiedensten Ansichten über die Sachen befänden, ein Verhältnis, welches sich auf die neu Eintretenden vererbe.“ „Gerade dadurch seien wir am meisten imstande, den Wert unsererWorte zu würdigen, und würde dies um so unbefan¬ gener geschehen, je weniger wir äußeren Einflüssen eine Ein¬ wirkung gestatteten, die nur alsdann von Nutzen sein dürfte, wenn 20 sie uns in der Gestalt eines wohlmeinenden Rates zur Seite treten, nicht aber in Gestalt eines absprechenden Urteils, eines Lobes oder Tadels, auf unsere Persönlichkeit durch die Öffentlichkeit einzuwirken suchen.“ Der Herr Redner spricht zum Gemüt. Wir sind so familiär zusammen, wir parlieren so ungeniert, wir wägen so genau den Wert unserer respektiven Worte, sollten wir unsere so patriarchalische, so vornehme, so bequeme Stellung durch das Urteil der Provinz alterieren lassen, die unse¬ ren Worten vielleicht weniger Wert beimißt? 30 Da sei Gott für. Der Landtag verträgt den Tag nicht. In der Nacht des Privatlebens ist uns heimlicher zumute. Wenn die ganze Provinz das Vertrauen hat, ihre Rechte einzelnen Individuen an¬ zuvertrauen, so versteht es sich von selbst, daß diese einzelnen Individuen so herablassend sind, das Vertrauen der Provinz zu 35 akzeptieren, aber es wäre wirkliche Überspanntheit, zu verlangen, sie sollten nun Gleiches mit Gleichem vergelten und vertrauensvoll sich selbst, ihre Leistungen, ihre Persönlichkeiten, dem Urteil der Provinz hingeben, die ihnen erst ein Urteil von Konsequenz ge¬ geben hat. Jedenfalls ist es wichtiger, daß die Persönlichkeit der 40 Landstände nicht durch die Provinz, als daß das Interesse der Provinz nicht durch die Persönlichkeit der Landstände gefährdet werde. Wir wollen auch billig sein, auch huldvollst. Wir, und wir sind eine Art Regierung, wir erlauben zwar kein absprechendes 45
Debatten über Preßfreiheit 197 Urteil, zwar kein Lob, zwar keinen Tadel, wir erlauben der Öffent¬ lichkeit keinen Einfluß auf unsere persona sacrosancta, aber wir gestatten wohlmeinenden Rat, nicht in dem abstrakten Sinne, daß er es für das Land wohlmeine, sondern in dem voller 5 tönenden, daß er eine passionierte Zärtlichkeit für die land¬ ständischen Personen, eine besondere Meinung von ihrer Vorzüg¬ lichkeit besitze. Zwar könnte man meinen, wenn die Öffentlichkeit unserem guten Einvernehmen, so müsse unser gutes Einvernehmen der Öffent- 10 lichkeit schädlich sein. Allein diese Sophistik vergißt, daß der Landtag der Tag der Landstände und nicht der Tag der Provinz ist. Und wer vermöchte dem schlagendsten aller Argumente zu widerstehen? Wenn die Provinz verfassungsmäßig Stände ernennt, um ihre allgemeine Intelligenz zu repräsentie- 15 ren, so hat sie sich selbst eben damit alles eigenen Ur¬ teils und Verstands völlig begeben, die nun einzig in den Aus¬ erwählten inkorporiert sind. Wie Sagen gehen, daß große Er¬ finder getötet, oder, was keine Sage ist, lebendig auf Festungen vergraben wurden, sobald sie ihr Geheimnis dem Machthaber mit- 2o geteilt, so stürzt sich die politische Vernunft der Provinz jedesmal ins eigene Schwert, sobald sie die große Erfindung der Landstände gemacht hat, allerdings um als Phönix für die folgenden Wahlen neu zu erstehen. Nach diesen gemütvoll zudringlichen Schilderungen der Ge- 85 fahren, die den landständischen Persönlichkeiten durch die Publi¬ kation der Verhandlungen von außen, d. h. von der Provinz drohen, schließt der Redner diese Diatribe mit dem leitenden Gedanken, den wir bisher verfolgt haben. „Die parlamentarische Freiheit“, ein sehr wohl- 3o klingendes Wort, „befinde sich in ihrer ersten Entwicklungs¬ periode. Sie müsse unter Schutz und Pflege diejenige in¬ nere Kraft und Selbständigkeit gewinnen, die durchaus notwendig wären, bevor sie äußeren Stürmen ohne Nachteil preisgegeben werden könnte.“ Wieder der alte fatale Gegensatz des 35 Landtags als des Inneren und der Provinz als des Äußeren. Wir waren allerdings schon lange der Meinung, daß die par¬ lamentarische Freiheit erst im Anfang ihres Anfangs steht, und selbst vorliegende Rede hat uns von neuem überzeugt, daß die primitiae studiorum in den politicis noch immer nicht 5o absolviert sind. Keineswegs aber meinen wir damit — und die vor¬ liegende Rede bestätigt wiederum unsere Meinung — daß dem Landtag noch längere Frist zu geben sei, sich selbständig zu ver¬ knöchern, gegen die Provinz. Vielleicht versteht der Redner unter parlamentarischer Freiheit die Freiheit der halten französischen Parlamente. Nach seinem eigenen Ge¬
198 Aus der Rheinischen Zeitung ständnis herrscht eine langjährige Bekanntschaft unter den Landständen, ihr Geist geht schon als epidemisches Erbe auf die homines novi über, und noch immer nicht Zeit zur Öffent¬ lichkeit? Der 12. Landtag kann dieselbe Antwort geben wie der 6., nur mit der dezidierteren Wendung, daß er z u selbständig 5 sei, um sich das vornehme Privilegium des gehei¬ men Verfahrens entreißen zu lassen. Allerdings die Entwicklung der parlamentarischen Freiheit im altfranzösischen Sinne, die Selbständigkeit gegen die öffentliche Meinung, die Stagnation des Kastengeistes entwickele io sich durch Isolierung am gründlichsten, aber vor eben dieser Ent¬ wicklung kann man nicht zeitig genug warnen. Eine wahrhaft poli¬ tische Versammlung gedeiht nur unter dem großen Protektorat des öffentlichen Geistes, wie das Lebendige nur unter dem Protektorat der freien Luft. Bloß „exotische“ Pflanzen, n Pflanzen, die in ein fremdes Klima versetzt sind, bedürfen Schutz und Pflege des Treibhauses. Betrachtet der Redner den Landtag als eine „exotische“ Pflanze im freien heiteren Klima der Rheinprovinz? Wenn unser Redner aus dem Ritterstande mit fast komischem 20 Emst, mit fast melancholischer Würde und beinah religiösem Pathos das Postulat von der hohen Weisheit der Land¬ stände, wie von ihrer mittelaltrigen Freiheit und Selb¬ ständigkeit entwickelt hat, so wird der Unkundige verwun¬ dert sein, ihn in der Frage über Preßfreiheit von der hohen 2s Weisheit des Landtags auf die durchgängige Unweisheit des Menschengeschlechts, von der oben erst empfoh¬ lenen Selbständigkeit und Freiheit privilegierter Stände auf die prinzipielle Unfreiheit und Unselbständigkeit der menschlichen Natur herabsinken zu sehen. Wir sind 20 nicht verwundert, einer der heutzutag zahlreichen Gestalten des christlich ritterlichen, modern feudalen, kurz des romantischen Prinzips zu begegnen. Diese Herren, weil sie die Freiheit nicht als natürliche Gabe dem allgemeinen Sonnenlichte der Vernunft, sondern als über- 25 natürliches Geschenk einer besonders günstigen Konstellation der Sterne verdanken wollen, weil sie die Freiheit als nur indivi¬ duelle Eigenschaft gewisser Personen und Stände be¬ trachten, sind konsequenterweise genötigt, die allgemeine Ver¬ nunft und die allgemeine Freiheit unter die schlechten Ge- 40 sinnungen und Hirngespinste „logisch geordneter Systeme“ zu subsumieren. Um die besonderen Freiheiten des Privilegiums zu retten, proskribieren sie die allgemeine Freiheit der menschlichen Natur. Weil aber die böse Brut des neunzehnten Jahrhunderts und das eigene von diesem Jahrhundert infizierte «
Debatten über Preßfreiheit 199 Bewußtsein der modernen Ritter nicht begreiflich finden können, was an sich unbegreiflich, weil begrifflos ist, wie nämlich innere, wesentliche, allgemeine Bestimmungen durch äußere, zufällige, besondere Kuriosa mit gewissen menschlichen Individuen ver- 5 knüpft sein sollten, ohne mit dem Wesen des Menschen, mit der Vernunft überhaupt verknüpft, also allen Individuen gemein zu sein, so nehmen sie notwendigerweise ihre Zuflucht zum Wun¬ derbaren und Mystischen. Weil ferner die wirkliche Stellung dieser Herren im modernen Staate keineswegs dem Be- 10 griff entspricht, den sie von ihrer Stellung haben, weil sie in einer Welt leben, die jenseits der wirklichen liegt, weil also die Einbildungskraft ihr Kopf und ihr Herz ist, so greifen sie, in der Praxis unbefriedigt, notwendig zur Theorie, aber zur Theorie des Jenseits, zur Religion, die jedoch in 15 ihren Händen eine polemische, von politischen Tendenzen ge¬ schwängerte Bitterkeit empfängt und mehr oder weniger bewußt nur der Heiligenmantel für sehr weltliche, aber zugleich sehr phantastische Wünsche wird. So werden wir bei unserem Redner finden, daß er praktischen 20 Forderungen eine mystisch religiöse Theorie der Einbildung, daß er wirklichen Theorien eine kleinlich-kluge, pragmatisch-pfiffige, aus der oberflächlichsten Praxis geschöpfte Erfahrungsweisheit, daß er dem menschlich Verständigen übermenschliche Heilig¬ keiten und dem wirklichen Heiligtum der Ideen die Willkür und 25 den Unglauben niedriger Gesichtspunkte entgegenstellt. Aus der mehr vornehmen, mehr nonchalanten und daher nüchternen Sprache des Redners aus dem Fürstenstand wird jetzt pathetische Geschraubtheit und phantastisch-überschwengliche Salbung, die früher vor dem einen Pathos des Privilegiums noch mehr zurück- 30 traten. „Je weniger in Abrede gestellt werden könne, daß die Presse heutzutage eine politische Macht sei, um so irriger erscheine ihm die ebenfalls so vielfach verbreitete Ansicht, daß aus dem Kampfe zwischen der guten und bösen Presse 35 Wahrheit und Licht hervorgehen werde und sich eine größere und wirksamere Verbreitung derselben erwarten lasse. Der Mensch sei im Einzelnen wie in Masse stets derselbe. Er sei seiner Natur nach unvollkommen und unmündig und bedürfe der Erziehung, so lange 4o seine Entwicklung dauere, die erst mit dem Tode aufhöre. Die Kunst des Erziehens bestehe aber nicht im Bestrafen uner¬ laubter Handlungen, sondern in der Forderung guter und in dem Femhalten böser Eindrücke. Von jener menschlichen Unvollkommenheit sei aber unzertrennlich, daß der «Sirenengesang des Bösen auf die Massen mächtig wirke
200 Aus der Rheinischen Zeitung und, wenn nicht als ein absolutes, jedenfalls als ein schwer zu be¬ siegendes Hindernis der einfachen und nüchternen Stimme der Wahrheit entgegentrete. Während die schlechte Presse nur zu den Leidenschaften der Menschen rede, während ihr kein Mit¬ tel zu schlecht sei, wo es darauf ankomme, durch Aufregung der 5 Leidenschaften ihren Zweck zu erreichen, der da ist mög¬ lichste Verbreitung schlechter Grundsätze und möglichste Förderung schlechter Gesinnungen, während ihr alle Vorteile jener gefährlichsten aller Offen¬ siven zur Seite stehen, für die es objektiv keine Schranken des 10 Rechts und subjektiv keine Gesetze der Sittlichkeit, ja nicht ein¬ mal der äußeren Ehre gebe, sei die gute Presse stets nur auf die Defensive beschränkt. Ihre Wirkungen könnten größtenteils nur abwehrend, zurückhaltend und festigend sein, ohne sich bedeutender Fortschritte auf das 15 feindliche Gebiet rühmen zu können. Glück genug, wenn nicht äußere Hindernisse jenes noch erschweren.“ Wir haben diese Stelle ganz ausgezogen, um ihren etwaigen pathetischen Eindruck auf den Leser nicht zu schwächen. Der Redner hat sich à la hauteur des principes gestellt. Um 20 die Preßfreiheit zu bekämpfen, muß man die perma¬ nente Unmündigkeit des Menschengeschlechts verteidi¬ gen. Es ist eine ganz tautologische Behauptung, daß, wenn die Unfreiheit das Wesen des Menschen, die Freiheit seinem Wesen widerspricht. Böse Skeptiker könnten so waghalsig sein, dem & Redner nicht auf sein Wort zu glauben. Wenn die Unmündigkeit des Menschengeschlechts der mysti¬ sche Grund gegen die Preßfreiheit ist, so ist jedenfalls die Zensur ein höchst verständiges Mittel gegen die Mündigkeit des Men¬ schengeschlechts. 30 Was sich entwickelt, ist unvollkommen. Die Entwicklung endet erst mit dem Tode. Also bestünde die wahre Konsequenz darin, den Menschen totzuschlagen, um ihn aus diesem Zustande der Un¬ vollkommenheit zu erlösen. So schließt wenigstens der Redner, um die Preßfreiheit totzuschlagen. Die wahre Erziehung besteht 35 ihm darin, den Menschen sein ganzes Leben durch in der Wiege eingewickelt zu halten, denn sobald der Mensch gehen lemt, lernt er auch fallen, und nur durch Fallen lemt er gehen. Aber wenn wir alle Wickelkinder bleiben, wer soll uns einwickeln? Wenn wir alle in der Wiege liegen, wer soll uns wiegen? Wenn wir alle 40 Gefangene sind, wer soll Gefangenwärtel sein? Der Mensch ist seiner Natur nach unvollkommen, im Einzelnen wie in Masse. De principiis non est disputandum. Also zugegeben! Was folgt daraus? Die Räsonnements unseres Redners sind un¬ vollkommen, die Regierungen sind unvollkommen, die Landtage 45
Debatten über Preßfreiheit 201 sind unvollkommen, die Preßfreiheit ist unvollkommen, jede Sphäre der menschlichen Existenz ist unvollkommen. Soll also eine dieser Sphären wegen dieser Unvollkommenheit nicht exi¬ stieren, so hat keine das Recht zu existieren, so hat der Mensch 5 überhaupt nicht das Recht der Existenz. Die prinzipielle Un Vollkommenheit des Menschen voraus¬ gesetzt, nun gut, so wissen wir von vornherein bei allen mensch¬ lichen Institutionen, daß sie unvollkommen sind; das ist nicht weiter zu berühren, das spricht nicht für, spricht nicht gegen sie, das ist nicht ihr spezifischer Charakter, das ist nicht ihr Unterscheidungsmerkmal. Warum soll gerade die freie Presse unter allen diesen Unvoll¬ kommenheiten vollkommen sein? Warum verlangt ein un vollkom¬ mener Landstand eine vollkommene Presse? 25 Das Unvollkommene bedarf der Erziehung. Ist die Erziehung nicht auch menschlich, daher unvollkommen? Bedarf die Er¬ ziehung nicht auch der Erziehung? Wenn nun alles Menschliche seiner Existenz nach un¬ vollkommen ist, sollen wir deswegen alles durcheinanderwerfen, 20 alles gleich hoch achten, Gutes und Schlechtes, Wahrheit und Lüge? Die wahre Konsequenz kann nur darin bestehen, wie ich bei der Betrachtung eines Gemäldes den Standpunkt verlasse, der mir nur Farbenkleckse, aber keine Farben, wüst durcheinander¬ laufende Linien, aber keine Zeichnung gibt, so den Standpunkt zu 25 verlassen, der mir die Welt und die menschlichen Verhältnisse nur in ihrem äußerlichsten Scheine zeigt, ihn als unfähig zu er¬ kennen, den Wert der Dinge zu beurteilen, denn wie könnte mich ein Standpunkt zum Urteil, zum Unterscheiden befähigen, der über das ganze Universum nur den einen platten Einfall hat, daß so alles in seiner Existenz unvollkommen ist? Dieser Standpunkt selbst ist das Unvollkommenste unter den Unvollkommenheiten, die er rings um sich sieht. Wir müssen also das Maß des Wesens der inneren Idee an die Existenz der Dinge legen und uns um so weniger durch die Instanzen einer einseitigen und trivialen Er- 35 fahrung irren lassen, als dieser zufolge ja alle Erfahrung weg¬ fällt, alles Urteil aufgehoben ist, alle Kühe schwarz sind. [RhZ 12. Mai 1842. Nr. 132, Beiblatt] Von dem Standpunkte der Idee aus versteht es sich von selbst, daß die Preßfreiheit eine ganz andere Berechtigung hat als die 4o Zensur, indem sie selbst eine Gestalt der Idee, der Freiheit, ein positiv Gutes ist, während die Zensur eine Gestalt der Unfreiheit, die Polemik einer Weltanschauung des Scheines gegen die Welt¬ anschauung des Wesens, eine nur negative Natur ist.
202 Aus der Rheinischen Zeitung Nein! Nein! Nein! ruft unser Redner dazwischen. Ich tadle nicht die Erscheinung, ich tadle das Wesen. Die Freiheit ist das Verruchte an der Preßfreiheit. Die Freiheit gibt die Möglichkeit des Bösen. Also ist die Freiheit böse. Böse Freiheit! 5 „Er hat sie erstochen im dunklen Hain, Und den Leib versenket im tiefen Rhein!“ Aber: „Diesmal muß ich zu dir reden, Herr und Meister, hör’ mich ruhig!“ 10 Existiert etwa im Lande der Zensur nicht die Preßfreiheit? Die Presse überhaupt ist eine Verwirklichung der menschlichen Freiheit. Wo es also Presse gibt, gibt es Pre߬ freiheit. Im Lande der Zensur hat zwar der Staat keine Preßfreiheit, 15 aber ein Staatsglied hat sie, die Regierung. Abgesehen davon, daß die offiziellen Regierungsschriften vollkommene Preßfreiheit haben, übt nicht der Zensor täglich eine unbedingte Preßfreiheit aus, wenn auch nicht direkt, so indirekt? Die Schriftsteller sind gleichsam seine Sekretäre. Wo der Se- 20 kretär nicht die Meinung des Prinzipals ausdrückt, streicht dieser das Machwerk. Die Zensur schreibt also die Presse. Die Querstriche des Zensors sind für die Presse dasselbe, was die geraden Linien — die Kuas — der Chinesen für das Denken sind. Die Kuas des Zensors sind die Kategorien der Literatur, und 25 bekanntlich sind die Kategorien die typischen Seelen des weiteren Inhalts. Die Freiheit ist so sehr das Wesen des Menschen, daß sogar ihre Gegner sie realisieren, indem sie ihre Realität bekämpfen; daß sie als kostbarsten Schmuck sich aneignen wollen, was sie als 30 Schmuck der menschlichen Natur verwarfen. Kein Mensch bekämpft die Freiheit; er bekämpft höchstens die Freiheit der anderen. Jede Art der Freiheit hat daher immer exi¬ stiert, nur einmal als besonderes Vorrecht, das andere Mal als all¬ gemeines Recht. 35 Die Frage hat jetzt erst einen konsequenten Sinn er¬ halten. Es fragt sich nicht, ob die Preßfreiheit existieren solle, denn sie existiert immer. Es fragt sich, ob die Preßfreiheit das Privilegium einzelner Menschen oder ob sie das Privilegium des menschlichen Geistes ist? Es fragt sich, ob das Unrecht der einen 40 Seite sein soll, was das Recht der anderen ist? Es fragt sich, ob die „Freiheit des Geistes“ mehr Recht hat als „die Frei¬ heiten gegen den Geist“?
Debatten über Preßfreiheit 203 Wenn aber die „freie Presse“ und die „Preßfreiheit64 als Verwirklichung der „allgemeinen Freiheit44 zu ver¬ werfen sind, so sind es Zensur und zensierte Presse noch mehr als Verwirklichung einer besonderen Freiheit, 5 denn wie kann die Art gut sein, wenn die Gattung schlecht ist? Wenn der Redner konsequent wäre, so müßte er nicht die freie Presse, sondern die Presse verwerfen. Nach ihm wäre sie erst dann gut, wenn sie kein Produkt der Freiheit, d. h. kein menschliches Produkt wäre. Zur Presse überhaupt wären io also entweder nur die Tiere oder die Götter berechtigt. Oder sollen wir etwa — der Redner wagt es nicht auszu¬ sprechen — göttliche Inspiration in der Regierung und in ihm selbst unterstellen? Wenn eine Privatperson sich göttlicher Inspiration rühmt, so is gibt es in unseren Gesellschaften nur einen Redner, der sie amt¬ lich widerlegt, der Irrenarzt. Die englische Geschichte hat aber wohl zur Genüge dargetan, wie die Behauptung der göttlichen Inspiration von oben die Gegenbehauptung der göttlichen Inspiration von unten erzeugt, 20 und Karl der Erste stieg aufs Schafott aus göttlicher Inspiration von unten. Unser Redner aus dem Ritterstande geht zwar dahin fort, wie wir später hören werden, Zensur und Preßfreiheit, zensierte Presse und freie Presse als zwei Übel zu schildern, aber er W kömmt nicht dazu, die Presse überhaupt als das Übel zu bekennen. Im Gegenteil! Er teilt die ganze Presse in die „gute44 und in die „schlechte44 Presse ein. Von der schlechten Presse wird uns das Unglaubliche er- 30 zählt, daß die Schlechtigkeit und die möglichste Verbreitung der Schlechtigkeit ihr Zweck sei. Wir übergehen, daß Redner unserer Leichtgläubigkeit zuviel zutraut, wenn er verlangt, wir sollten auf sein Wort an eine Schlechtigkeit von Pro¬ fession glauben. Wir erinnern ihn nur an das Axiom, daß 35 alles Menschliche unvollkommen ist. Wird daher nicht auch die schlechte Presse unvollkommen schlecht, also gut, und die gute Presse unvollkommen gut, also schlecht sein? Aber der Redner zeigt uns die Kehrseite. Er behauptet, daß die schlechte Presse besser als die gute sei, denn die schlechte be- 4o finde sich stets in der Offensive, die gute in der Defen¬ sive. Nun hat er uns aber selbst gesagt, daß die Entwick¬ lung des Menschen erst mit dem Tode endet. Er hat allerdings nicht viel damit gesagt, er hat nichts damit gesagt, als daß das Leben mit dem Tode endet. Wenn aber das Leben des Menschen /o Entwicklung ist und die gute Presse stets in der Defensive ist,
204 Aus der Rheinischen Zeitung „sich nur abwehrend, zurückhaltend und festigend“ verhält, op¬ poniert sie damit nicht kontinuierlich gegen die Entwicklung, also gegen das Leben? Entweder ist also diese gute defensive Presse schlecht, oder die Entwicklung ist das Schlechte, wodurch denn auch die vorherige Behauptung des Redners, daß der Zweck der s „schlechten Presse möglichste Verbreitung schlechter Grundsätze und möglichste Förderung schlechter Gesinnungen“ sei, ihre mystische Unglaublichkeit in der rationalen Interpretation ver¬ liert; die möglichste Verbreitung von Grundsätzen und die mög¬ lichste Förderung der Gesinnung sei das Schlechte an der schiech-10 ten Presse. Das Verhältnis der guten und schlechten Presse wird noch son¬ derbarer, wenn uns Redner versichert, daß die gute Presse ohn¬ mächtig und die schlechte allmächtig sei; denn die erstere sei ohne Wirkung auf das Volk, während die letztere un- is widerstehlich wirke. Die gute Presse und die ohnmächtige Presse sind dem Redner identisch. Will er nun behaupten, daß das Gute ohnmächtig oder daß das Ohnmächtige gut sei? Er stellt dem Sirenengesang der schlechten Presse die nüch¬ terne Stimme der guten gegenüber. Mit nüchterner Stimme läßt 20 sich doch wohl am besten und effektvollsten singen. Der Redner scheint nur die sinnliche Hitze der Leidenschaft, aber nicht die heiße Leidenschaft der Wahrheit, nicht den siegesgewissen Enthu¬ siasmus der Vernunft, nicht das unwiderstehliche Pathos der sitt¬ lichen Mächte kennengelemt zu haben. Unter die Gesinnungen der schlechten Presse subsumiert er „den Stolz, der keine Autorität in Kirche und Staat anerkennt“, den „Neid“, der die Abschaffung der Aristokratie predigt, und Anderes, worauf wir später eingehen werden. Einstweilen be¬ gnügen wir uns mit der Frage, woher der Redner dies Isolierte als 39 das Gute weiß? Wenn die allgemeinen Mächte des Lebens schlecht sind, und wir haben gehört, daß das Schlechte das Allmächtige, das auf die Massen Wirkende ist, was und wer ist noch be¬ rechtigt, sich für gut auszugeben? Es ist dies die hochmütige Be¬ hauptung: Meine Individualität ist das Gute, die paar Existenzen, 35 die meiner Individualität zusagen, sind das Gute, und die böse schlechte Presse will das nicht anerkennen. Die schlechte Presse! Hat der Redner gleich im Beginn den Angriff auf die Pre߬ freiheit in einen Angriff auf die Freiheit verwandelt, so verwan¬ delt er ihn hier in einen Angriff auf das Gute. Seine Furcht vor 40 dem Schlechten zeigt sich als eine Furcht vor dem Guten. Er fundiert die Zensur also auf eine Anerkennung des Schlechten und eine Verkennung des Guten, oder verachte ich etwa einen Men¬ schen nicht, dem ich vorher sage, daß sein Gegner im Kampfe siegen muß, weil er selbst zwar ein sehr nüchterner Gesell und ein 45
Debatten über Preßfreiheit 205 sehr guter Nachbar, aber ein sehr schlechter Held sei, weil er zwar geweihte Waffen trage, aber sie nicht zu führen wisse, weil zwar ich und er, wir beide, von seiner Vollkommenheit vollkom¬ men überzeugt seien, aber die Welt nie diese Überzeugung teilen 5 werde, weil es zwar gut um seine Meinung, aber elend um seine Energie stehe? So sehr nun die Distinktion [en] des Redners von guter und schlechter Presse alle Widerlegung überflüssig gemacht haben, in¬ dem sie sich in ihren eigenen Widersprüchen verschlingen, so io dürfen wir doch die Hauptsache nicht außer acht lassen, daß der Redner die Frage ganz falsch gestellt hat und das zum Grunde macht, was er begründen sollte. Wenn man von zwei Arten der Presse sprechen will, so müssen diese Unterschiede aus dem Wesen der Presse selbst, nicht aus 15 Rücksichten, die außerhalb ihrer liegen, genommen sein. Zen¬ sierte Presse oder freie Presse, eine von beiden, muß die gute oder die schlechte Presse sein. Eben darüber wird ja debattiert, ob die zensierte Presse oder die freie Presse gut oder schlecht sind, d. h. ob es dem Wesen der Presse entspricht, eine freie oder unfreie 20 Existenz zu haben. Die schlechte Presse zur Widerlegung der freien Presse machen, ist behaupten, daß die freie Presse schlecht und die zensierte gut sei, was eben zu beweisen war. Niedrige Gesinnungen, persönliche Schikanen, Infamien teilt die zensierte Presse mit der freien Presse. Das bildet also nicht 2S ihren Gattungsunterschied, daß sie einzelne Produkte von dieser oder jener Art erzeugen; auch im Sumpfe wachsen Blumen. Es handelt sich hier um das Wesen, um den inneren Charakter, der zensierte Presse und freie Presse scheidet. Die freie Presse, die schlecht ist, entspricht dem Charakter ihres so Wesens nicht. Die zensierte Presse mit ihrer Heuchelei, ihrer Cha¬ rakterlosigkeit, ihrer Eunuchensprache, ihrem hündischen Schwanz¬ wedeln verwirklicht nur die inneren Bedingungen ihres Wesens. Die zensierte Presse bleibt schlecht, auch wenn sie gute Pro¬ dukte erzeugt, denn diese Produkte sind nur gut, insofern sie die 35 freie Presse innerhalb der zensierten darstellen, und insofern es nicht zu ihrem Charakter gehört, Produkte der zensierten Presse zu sein. Die freie Presse bleibt gut, auch wenn sie schlechte Pro¬ dukte erzeugt, denn diese Produkte sind Apostate von der Natur der freien Presse. Ein Kastrat bleibt ein schlechter Mensch, wenn 4o er auch eine gute Stimme hat. Die Natur bleibt gut, wenn sie auch Mißgeburten hervorbringt. Das Wesen der freien Presse ist das charaktervolle, vernünf¬ tige, sittliche Wesen der Freiheit. Der Charakter der zensierten Presse ist das charakterlose Unwesen der Unfreiheit, sie ist ein 45 zivilisiertes Ungeheuer, eine parfümierte Mißgeburt. Marx-En geis-Gesamt ausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 19
206 Aus der Rheinischen Zeitung Oder bedarf es noch des Beweises, daß die Preßfreiheit dem Wesen der Presse entspricht und die Zensur ihm widerspricht? Versteht es sich nicht von selbst, daß die äußere Schranke eines geistigen Lebens nicht zum inneren Charakter dieses Lebens ge¬ hört, daß sie dieses Leben verneint und nicht bejaht? « Um die Zensur wirklich zu rechtfertigen, hätte der Redner be¬ weisen müssen, daß die Zensur zum Wesen der Preßfreiheit ge¬ hört; statt dessen beweist er, daß die Freiheit nicht zum Wesen des Menschen gehört. Er verwirft die ganze Gattung, um eine gute Art zu erhalten, denn die Freiheit ist doch wohl das Gattungs-10 wesen des ganzen geistigen Daseins, also auch der Presse? Um die Möglichkeit des Bösen aufzuheben, hebt er die Möglichkeit des Guten auf und verwirklicht das Schlechte, denn menschlich gut kann nur sein, was eine Verwirklichung der Freiheit ist. Wir werden also die zensierte Presse so lang für die schlechte w Presse halten, als uns nicht bewiesen wird, daß die Zensur aus dem Wesen der Preßfreiheit selbst hervorgeht. Aber selbst angenommen, die Zensur sei mit der Natur der Presse zusammen geboren, obgleich kein Tier, viel weniger ein geistiges Wesen, mit Ketten auf die Welt kommt, was folgte dar- 20 aus? Daß auch die Preßfreiheit, wie sie von offizieller Seite exi¬ stiert, daß auch die Zensur der Zensur bedürfe. Und wer soll die Regierungspresse zensieren1) außer der Volkspresse? Zwar meint ein anderer Redner, das Übel der Zensur werde da¬ durch auf gehoben, daß es verdreifacht wird, daß die Zensur unter 25 Provinzialzensur und die Provinzialzensur wieder unter Berliner Zensur gestellt und daß die Preßfreiheit einseitig und die Zensur vielseitig gemacht würde. So viel Umschweife, um zu leben! Wer soll die Berliner Zensur zensieren? Also zu unserem Redner zurück. & Gleich im Anfänge hatte er uns dahin belehrt, daß aus dem Kampfe zwischen guter und böser Presse kein Licht hervorgehen werde, aber, können wir jetzt fragen, will er nicht den nutz¬ losen Kampf permanent machen? Ist nach ihm selbst der Kampf zwischen Zensur und Presse nicht ein Kampf zwischen 35 guter und schlechter Presse? Die Zensur hebt den Kampf nicht auf, sie macht ihn einseitig, sie macht aus einem offenen Kampf einen versteckten, sie macht aus einem Kampfe der Prinzipien einen Kampf des gewaltlosen Prinzips mit der prinziplosen Gewalt. Die wahre, im Wesen der 40 Preßfreiheit selbst gegründete Zensur ist die Kritik; sie ist das Gericht, das sie aus sich selbst erzeugt. Die Zensur ist die Kritik als Monopol der Regierung; aber verliert die Kritik nicht ihren rationalen Charakter, wenn sie nicht offen, sondern geheim, 1 ) In der RhZ Druckfehler zitieren
Debatten über Preßfreiheit 207 wenn sie nicht theoretisch, sondern praktisch, wenn sie nicht über den Parteien, sondern selbst eine Partei, wenn sie nicht mit dem scharfen Messer des Verstandes agiert, sondern mit der stumpfen Schere der Willkür, wenn sie die Kritik nur ausüben, nicht er- 5 tragen will, wenn sie sich verleugnet, indem sie sich gibt, wenn sie endlich so unkritisch ist, ein Individuum für die Universal¬ weisheit, Machtsprüche für Vemunftsprüche, Tintenflecke für Sonnenflecke, die krummen Striche des Zensors für mathematische Konstruktionen, und Schläge für schlagende Argumente zu ver- 10 sehen? Im Verlauf der Darstellung haben wir gezeigt, wie die phan¬ tastische, salbungsvolle, weichherzige Mystik des Redners in die Hartherzigkeit einer kleinlich-pfiffigen Verstandespragmatik und in die Borniertheit eines ideenlosen Erfahrungskalkül umschlägt. 16 In seinem Räsonnement über das Verhältnis von Zen¬ surgesetz und Preßgesetz, Präventiv - und Repres¬ sivmaßregeln überhebt er uns dieser Mühe, indem er selbst zur bewußten Anwendung seiner Mystik fortgeht. „Präventiv- oder Repressivmaßregeln, Zensur 2o oder Preßgesetz, das sei es, worum es sich allein handele, wobei es jedoch nicht unzweckmäßig wäre, die Gefahren etwas näher ins Auge zu fassen, welche auf der einen oder auf der anderen Seite beseitigt werden müßten. Während die Zensur dem Übel vorbeugen wolle, wolle das Preßgesetz die Wiederholung durch Strafe verhüten. Unvollkommen, wie jede mensch¬ liche Einrichtung, würden beide bleiben; welche am wenig¬ sten, das sei hier die Frage. Da es sich um rein geistige Dinge handele, so würde eine Aufgabe, und zwar die wichtigste bei beiden, nie zu lösen sein. Es sei die, eine Form zu finden, welche so die Absicht des Gesetzgebers so klar und bestimmt ausdrücke, daß Recht und Unrecht scharf getrennt und jede Willkür be¬ seitigt erscheine. Was ist aber Willkür anderes als Handeln nach individueller Auffassung? Und wie sind die Wirkungen individueller Auffassungen zu beseitigen, da wo es 36 sich um rein geistige Dinge handelt? Eine Richtschnur zu finden, so scharf gezeichnet, daß sie die Notwendigkeit in sich trage, sie in jedem einzelnen Falle im Sinne des Gesetzgebers an- wenden zu müssen, das sei der Stein der Weisen, der bis dahin nicht gefunden wurde und auch schwerlich zu finden sein to dürfte; und somit sei die Willkür, wenn man das Handeln nach individueller Auffassung hierunter verstehe, von Zensur wie von Preßgesetz unzertrennlich. Wir hätten also beide in ihrer notwendigen Unvollkommenheit und in deren Folgen zu betrach¬ ten. Wenn die Zensur manches Gute unterdrücken werde, so werde 46 das Preßgesetz vieles Böse zu verhindern nicht imstande sein. Doch 19e
208 Aus der Rheinischen Zeitung die Wahrheit lasse sich auf die Dauer nicht unterdrücken. Je mehr Hindernisse ihr in den Weg gelegt würden, um desto kühner ver¬ folge sie ihr Ziel, um desto geläuterter erreiche sie dasselbe. Aber das böse Wort gleiche dem griechischen Feuer, unauf¬ haltbar, nachdem es das Wurfgeschoß verlassen, unberechenbar 5 in seinen Wirkungen, weil ihm nichts heilig und unauslöschlich, weil es in dem Munde, wie in dem Herzen der Menschen Nahrung und Fortpflanzung fände.“ Der Redner ist nicht glücklich in seinen Vergleichen. Eine poetische Exaltation überfällt ihn, sobald er die Allmacht des 10 Bösen schildert. Schon einmal hörten wir dem Sirenen¬ gesang des Bösen die Stimme des Guten machtlos, weil nüchtern, entgegenschallen. Nun wird das Böse gar zum grie¬ chischen Feuer, während der Redner für die Wahrheit gar keinen Vergleich hat, und fassen wir für ihn seine „nüchternen“ 15 Worte in einen Vergleich, so wäre die Wahrheit zum höchsten der Kieselstein, der so lichtere Funken sprüht, je mehr man ihn schlägt. Ein schönes Argument für die Sklavenhändler, aus dem Neger die Menschheit herauszupeitschen, eine treffliche Maxime für den Gesetzgeber, Repressivgesetze gegen die Wahrheit zu 20 geben, damit sie desto kühner ihr Ziel verfolge. Der Redner scheint erst Respekt vor der Wahrheit zu haben, sobald sie naturwüchsig wird und sich handgreiflich demon¬ striert. Je mehr Dämme ihr der Wahrheit entgegen werft, eine um so tüchtigere Wahrheit erhaltet ihr! Immer zugedämmt! 25 Doch lassen wir die Sirenen singen! Die mystische „Unvollkommenheitstheorie“ des Redners hat endlich ihre irdischen Früchte getragen; sie hat ihre Mondsteine uns an den Kopf geworfen; betrachten wir die Mond¬ steine! 30 Alles ist unvollkommen. Zensur ist unvollkommen, Preßgesetz ist unvollkommen. Ihr Wesen ist damit erkannt. Über das Recht ihrer Idee ist nichts weiter zu sagen, uns bleibt nichts übrig, als vom Standpunkte der allerniedrigsten Empirie aus einen Wahr- scheinlichkeitskalkül anzustellen, auf welcher Seite die meisten 35 Gefahren sind. Es ist ein rein zeitlicher Unterschied, ob Ma߬ regeln dem Übel selbst durch die Zensur oder der Wiederholung des Übels durch das Preßgesetz vorbeugen. Man sieht, wie der Redner durch die hohle Phrase von der „menschlichen Unvollkommenheit“ den wesentlichen, inneren, 40 charakteristischen Unterschied von Zensur und Preßgesetz zu um¬ gehen und die Kontroverse aus einer Prinzipienfrage in die Jahr¬ marktsfrage umzuwandeln weiß, ob mehr blaue Nasen bei dem Zensur- oder bei dem Preßgesetz davonzutragen sind? Wenn aber Preßgesetz und Zensurgesetz entgegengestellt wer- «
Debatten über Preßfreiheit 209 den, so handelt es sich zunächst nicht um ihre Konsequenzen, son¬ dern um ihren Grund, nicht um ihre individuelle Anwendung, sondern um ihr allgemeines Recht. Montesquieu lehrt schon, daß die Despotie in der Anwendung bequemer sei als die Gesetzlich- 6 keit, und Macchiavelli behauptet, daß das Schlechte für die Fürsten von besseren Konsequenzen sei als das Gute. Wenn wir daher nicht das alte jesuitische Sprüchlein bewahrheiten wollen, daß der gute Zweck — und selbst die Güte des Zwecks bezweifeln wir — schlechte Mittel heiligt, so haben wir vor allem 10 zu untersuchen, ob die Zensur ihrem Wesen nach ein gutes Mittel sei. Der Redner hat recht, wenn er das Zensurgesetz eine Präven¬ tivmaßregel nannte, sie ist eine Vorsichtsmaßregel der Polizei gegen die Freiheit, aber er hat unrecht, wenn er das Preßgesetz i* eine Repressivmaßregel nennt. Sie ist die Regel der Freiheit selbst, die sich zum Maß ihrer Ausnahmen macht. Die Zensurmaßregel ist kein Gesetz. Das Preßgesetz ist keine Maßregel. Im Preßgesetz straft die Freiheit. Im Zensurgesetz wird die Freiheit bestraft. Das Zensurgesetz ist ein Verdachtsgesetz gegen 2o die Freiheit. Das Preßgesetz ist ein Vertrauensvotum, das die Freiheit sich selbst gibt. Das Preßgesetz bestraft den Mißbrauch der Freiheit. Das Zensurgesetz bestraft die Freiheit als einen Mi߬ brauch. Es1) behandelt die Freiheit als eine Verbrecherin, oder gilt es nicht in jeder Sphäre für Ehrenstrafe, unter polizeilicher ^Aufsicht zu stehen? Das Zensurgesetz hat nur die Form eines Gesetzes. Das Preßgesetz ist ein wirkliches Gesetz. Das Preßgesetz ist wirkliches Gesetz, weil es positives Dasein der Freiheit ist. Es betrachtet die Freiheit als den nor¬ malen Zustand der Presse, die Presse als ein Dasein der Frei- 20 heit und tritt daher erst in Konflikt mit dem Preßvergehen als einer Ausnahme, die ihre eigene Regel bekämpft und sich daher aufhebt. Die Preßfreiheit setzt sich als Preßgesetz durch, gegen die Attentate auf sich selbst, d. h. gegen die Preßvergehen. Das Preßgesetz erklärt die Freiheit für die Natur des Verbrechers. 35 Was er also gegen die Freiheit getan, hat er gegen sich selbst getan, und diese Selbstverletzung erscheint ihm als Strafe, die ihm eine Anerkennung seiner Freiheit ist. Weit entfernt also, daß das Preßgesetz eine Repressivmaßregel gegen die Preßfreiheit wäre, ein bloßes Mittel, um vor der Wie- 4o derholung des Verbrechens durch die Strafe abzuschrecken, so müßte vielmehr der Mangel einer Preßgesetzgebung als die Ausschließung der Preßfreiheit aus der Sphäre der recht¬ lichen Freiheit betrachtet werden, denn die rechtlich anerkannte Freiheit existiert im Staate als Gesetz. Gesetze sind keine Re¬ O In der RhZ Druckfehler Sie
210 Aus der Rheinischen Zeitung pressivmaßregeln gegen die Freiheit, so wenig wie das Gesetz der Schwere eine Repressivmaßregel gegen die Bewegung ist, weil es zwar als Gravitationsgesetz die ewigen Bewegungen der Welt¬ körper treibt, aber als Gesetz des Falles mich erschlägt, wenn ich es verletze und in der Luft tanzen will. Die Gesetze sind vielmehr « die positiven, lichten, allgemeinen Normen, in denen die Freiheit ein unpersönliches, theoretisches, von der Willkür des Einzelnen unabhängiges Dasein gewonnen hat. Ein Gesetzbuch ist die Frei¬ heitsbibel eines Volkes. Das Preßgesetz ist also die gesetzliche Anerken-w nung der Preßfreiheit. Es ist Recht, weil es positives Dasein der Freiheit ist. Es muß daher vorhanden sein, und wenn es nie1) zur Anwendung kommt, wie in Nordamerika, während die Zensur, so wenig wie die Sklaverei, jemals gesetzlich werden kann, und wenn sie tausendmal als Gesetz vorhanden wäre. m Es gibt keine aktuellen Präventivgesetze. Das Gesetz präveniert nur als Gebot. Tätiges Gesetz wird es erst, sobald es übertreten wird, denn wahres Gesetz ist es nur, wenn in ihm das bewußtlose Naturgesetz der Freiheit bewußtes Staats¬ gesetz geworden ist. Wo das Gesetz wirkliches Gesetz, d. h. Dasein so der Freiheit ist, ist es das wirkliche Freiheitsdasein des Men¬ schen. Die Gesetze können also den Handlungen des Menschen nicht prävenieren, denn sie sind ja die inneren Lebensgesetze seines Handelns selbst, die bewußten Spiegelbilder seines Lebens. Das Gesetz tritt also vor dem Leben des Menschen als einem Leben der zs Freiheit zurück, und erst, wenn seine wirkliche Handlung gezeigt hat, daß er auf gehört, dem Naturgesetz der Freiheit zu gehorchen, zwingt es ihn als Staatsgesetz, frei zu sein, wie die physischen Ge¬ setze nur dann erst als ein Fremdes gegenübertreten, wenn mein Leben auf gehört hat, das Leben dieser Gesetze zu sein, wenn es so erkrankt ist. Ein Präventivgesetz ist also ein sinn¬ loser Widerspruch. Das Präventivgesetz hat daher kein Maß in sich, keine ver¬ nünftige Regel, denn die vernünftige Regel kann nur aus der Natur der Sache, hier der Freiheit, genommen sein. Es ist 35 maßlos, denn wenn die Prävention der Freiheit sich durch¬ setzen will, so muß sie so groß sein wie ihr Gegenstand, d. h. un¬ beschränkt. Das Präventivgesetz ist also der Widerspruch einer unbeschränkten Beschränkung, und wo es aufhört, ist nicht durch die Notwendigkeit, sondern durch den Zufall der 40 Willkür die Grenze gesetzt, wie die Zensur täglich ad oculos demonstriert. Der menschliche Leib ist von Natur sterblich. Krankheiten können daher nicht ausbleiben. Warum wird der Mensch erst dem O In der RhZ Druckfehler nun
Debatten über Preßfreiheit 211 Arzte unterworfen, wenn er erkrankt, und nicht, wenn er gesund ist? Weil micht nur die Krankheit, weil schon der Arzt ein Übel ist. Durch eine ärztliche Kuratel wäre das Leben als ein Übel und der menschtliche Leib als Objekt der Behandlung für Medizinal- s Kollegien ainerkannt. Ist der Tod nicht wünschenswerter als ein Leben, das bloße Präventivmaßregel gegen den Tod? Gehört freie Bewegung nicht auch zum Leben? Was ist jede Krankheit als in seinen: Freiheit gehemmtes Leben? Ein perpetuierlicher Arzt wäre eine Krankheit, an der man nicht einmal die Aussicht hätte, 10 zu sterben, sondern zu leben. Mag das Leben sterben; der Tod darf nicht lieben. Hat der Geist nicht mehr Recht als der Körper? Allerdings Jhat man dies oft dahin interpretiert, daß den Geistern von freier IMotion die körperliche Motion sogar schädlich und da¬ her zu entziehen sei. Die Zensur geht davon aus, die Krankheit a als den normalen Zustand, oder den normalen Zustand, die Frei¬ heit, als eime Krankheit zu betrachten. Sie versichert der Presse beständig, <daß sie krank sei, und mag diese die besten Proben ihrer gesumden Leibeskonstitution geben, sie muß sich behandeln lassen. Abter die Zensur ist nicht einmal ein literater Arzt, der je 2o nach der Krankheit verschiedene innere Mittel anwendet. Sie ist ein Chirurg vom Lande, der nur ein mechanisches Universalmittel für alles kennt, die Schere. Und sie ist nicht einmal ein Chirurg, der meine Gesundheit bezweckt, sie ist ein chirurgischer Ästhe¬ tiker, der alles für überflüssig an meinem Körper hält, was ihm 2s nicht gefälllt, und abrasiert, was ihn widrig affiziert; sie ist ein Quacksalber, der den Ausschlag zurücktreibt, um ihn nicht zu sehen, ohne Sorge, ob er sich nun auf die edleren inneren Teile wirft. Ihr halttet es für Unrecht, Vögel einzufangen. Ist der Käfig 30 nicht eine Präventivmaßregel gegen Raubvögel, Kugeln und Stürme? Uhr haltet es für barbarisch, Nachtigallen zu blenden, und euch dünkt keine Barbarei, mit spitzen Zensurfedem der Presse die Augen auszustechen? Ihr haltet es für despotisch, einem freien Memschen wider Willen die Haare zu schneiden, und die 35 Zensur schmeidet den geistigen Individuen täglich ins Fleisch, und nur herzlose Körper, Körper ohne Reaktion, devote Körper, läßt sie als gesumde passieren! [RhZ IS. Mai 1842. Nr. 135, Beiblatt] Wir halben gezeigt, wie das Preßgesetz ein Recht und das w Zensurgesetz ein Unrecht ist. Die Zensur gesteht aber selbst, daß sie kein Selbstzweck, daß sie nichts an und für sich Gutes sei, daß sie also auif dem Prinzip beruht: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Aber ein Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ist kein heiliger
212 Aus der Rheinischen Zeitung Zweck, und könnte nicht auch die Presse den Grundsatz adop¬ tieren und pochen: „Der Zweck heiligt die Mittel“? Das Zensurgesetz ist also kein Gesetz, sondern eine Polizei¬ maßregel, aber sie ist selbst eine schlechte Polizeima߬ regel, denn sie erreicht nicht, was sie will, und sie will nicht, « was sie erreicht. Will das Zensurgesetz der Freiheit als einem Mißliebigen prävenieren, so erfolgt gerade das Gegenteil. Im Lande der Zensur ist jede verbotene, d. h. ohne Zensur gedruckte Schrift eine Begebenheit. Sie gilt als Märtyrer, und kein Märtyrer ohne 10 Heiligenschein und ohne Gläubige. Sie gilt als Ausnahme, und wenn die Freiheit nie aufhören kann, dem Menschen wert zu sein, um so mehr die Ausnahme von der allgemeinen Unfreiheit. Jedes Mysterium besticht. Wo die öffentliche Meinung sich selbst ein Mysterium ist, ist sie von vornherein bestochen durch jede Schrift, w die formell die mystischen Schranken durchbricht. Die Zensur macht jede verbotene Schrift, sei sie schlecht oder gut, zu einer außerordentlichen Schrift, während die Preßfreiheit jeder Schrift das materiell Imposante raubt. Meint es aber die Zensur ehrlich, so will sie die Willkür 20 verhüten und macht die Willkür zum Gesetz. Sie kann keiner Ge¬ fahr vorbeugen, die größer wäre als sie selbst. Die Lebensgefahr für jedes Wesen besteht darin, sich selbst zu verlieren. Die Un¬ freiheit ist daher die eigentliche Todesgefahr für den Menschen. Einstweilen, von den sittlichen Konsequenzen abgesehen, so be- w denkt, daß ihr die Vorzüge der freien Presse nicht genießen könnt, ohne ihre Unbequemlichkeiten zu tolerieren. Ihr könnt die Rose nicht pflücken ohne ihre Domen! Und was verliert ihr an der freien Presse? Die freie Presse ist das überall offene Auge des Volksgeistes, 30 das verkörperte Vertrauen eines Volkes zu sich selbst, das sprechende Band, das den Einzelnen mit dem Staat und der Welt verknüpft, die inkorporierte Kultur, welche die materiellen Kämpfe zu geistigen Kämpfen verklärt und ihre rohe stoffliche Gestalt idealisiert. Sie ist die rücksichtslose Beichte eines Volkes ss vor sich selbst, und bekanntlich ist die Kraft des Bekenntnisses erlösend. Sie ist der geistige Spiegel, in dem ein Volk sich selbst erblickt, und Selbstbeschauung ist die erste Bedingung der Weis¬ heit. Sie ist der Staatsgeist, der sich in jede Hütte kolportieren läßt, wohlfeiler als materielles Gas. Sie ist allseitig, allgegen- 30 wärtig, allwissend. Sie ist die ideale Welt, die stets aus der wirk¬ lichen quillt und, ein immer reicherer Geist, neu beseelend in sie zurückströmt. Der Verlauf der Darstellung hat gezeigt, daß Zensur und Pre߬ gesetz verschieden sind, wie Willkür und Freiheit, wie formelles «
Debatten über Preßfreiheit 213 Gesetz und wirkliches Gesetz. Was aber vom Wesen gilt, gilt auch von der Erscheinung. Was vom Recht beider gilt, das gilt von ihrer Anwendung. So verschieden Preßgesetz und Zensur¬ gesetz, so verschieden ist die Stellung des Richters zur s Presse und die Stellung des Zensors. Unser Redner allerdings, dessen Augen zum Himmel gerichtet sind, sieht tief unter sich die Erde als einen verächtlichen Staub¬ hügel, und so weiß er von allen Blumen nichts zu sagen, als daß sie bestaubt sind. So sieht er auch hier nur zwei Maßregeln, die 10 in ihrer Anwendung gleich willkürlich sind, denn Will¬ kür sei Handeln nach individueller Auffassung, individuelle Auf¬ fassung sei von geistigen Dingen nicht zu trennen etc. etc. Wenn die Auffassung geistiger Dinge individuell ist, welches Recht hat eine geistige Ansicht vor der anderen, die Meinung des Zensors vor der Meinung des Schriftstellers? Aber wir verstehen den Redner. Er macht den denkwürdigen Umweg, Zensur und Preßgesetz beide in ihrer Anwendung als rechtlos zu schildern, um das Recht der Zensur zu beweisen, denn da er alles Weltliche als unvollkommen weiß, so bleibt ihm nur die eine Frage, ob die Will- io kür auf Seite des Volkes oder auf Seite der Regierung stehen soll. Seine Mystik schlägt in die Libertinage um, Gesetz und Willkür auf eine Stufe zu stellen und nur formellen Unterschied zu sehen, wo es sich um sittliche und rechtliche Gegen¬ sätze handelt, denn er polemisiert nicht gegen das P r e ß - 23gesetZ, er polemisiert gegen das Gesetz. Oder gibt es irgendein Gesetz, das die Notwendigkeit in sich trägt, daß es in jedem einzelnen Falle im Sinne des Gesetzgebers ange¬ wendet werden muß und jede Willkür absolut aus¬ geschlossen ist? Es gehört eine unglaubliche Kühnheit dazu, eine so solche sinnlose Aufgabe den Stein der Weisen zu nennen, da nur die extremste Unwissenheit sie stellen kann. Das Gesetz ist allgemein. Der Fall, der nach dem Gesetze bestimmt werden soll, ist einzeln. Das Einzelne unter das Allgemeine zu sub¬ sumieren, dazu gehört ein Urteil. Das Urteil ist problematisch. 3s Auch der Richter gehört zum Gesetz. Wenn die Gesetze sich selbst anwendeten, dann wären die Gerichte überflüssig. Aber alles Menschliche ist unvollkommen! Also: Edite, bibite! Warum verlangt ihr Richter, da Richter Menschen sind? Warum verlangt ihr Gesetze, da Gesetze nur von Menschen exekutiert ta werden können und alle menschliche Exekution unvollkommen ist? Überlaßt euch doch dem guten Willen der Vorgesetzten! Die rheinische Justiz ist unvollkommen wie die türkische! Also: Edite, bibite! Welch ein Unterschied zwischen einem Richter und einem 45 Zensor!
214 Aus der Rheinischen Zeitung Der Zensor hat kein Gesetz als seinen Vorgesetzten. Der Richter hat keinen Vorgesetzten als das Gesetz. Aber der Richter hat die Pflicht, das Gesetz für die Anwendung des einzelnen Falles zu interpretieren, wie er es nach gewissenhafter Prüfung ver¬ steht; der Zensor hat die Pflicht, das Gesetz zu verstehen, wie « es ihm für den einzelnen Fall offiziell interpretiert wird. Der unabhängige Richter gehört weder mir noch der Re¬ gierung. Der abhängige Zensor ist selbst Regierungsglied. Bei dem Richter tritt höchstens die Unzuverlässigkeit einer einzelnen Vernunft, bei dem Zensor die Unzuverlässigkeit eines einzelnen 10 Charakters ein. Vor den Richter wird ein bestimmtes Pre߬ vergehen, vor den Zensor wird der Geist der Presse gestellt. Der Richter beurteilt meine Tat nach einem bestimmten Gesetz; der Zensor bestraft nicht allein die Verbrechen, er macht sie auch. Wenn ich vor Gericht gestellt werde, so klagt man mich der Über- is tretung eines vorhandenen Gesetzes an, und wo ein Gesetz ver¬ letzt werden soll, muß es doch vorhanden sein. Wo kein Pre߬ gesetz vorhanden ist, kann kein Gesetz von der Presse verletzt werden. Die Zensur klagt mich nicht der Verletzung eines vor¬ handenen Gesetzes an. Sie verurteilt meine Meinung, weil sie so nicht die Meinung des Zensors und seiner Vorgesetzten ist. Meine offene Tat, die sich der Welt und ihrem Urteil, dem Staat und seinem Gesetz preisgeben will, wird gerichtet von einer versteck¬ ten, nur negativen Macht, die sich nicht als Gesetz zu konstituieren weiß, die das Licht des Tages scheut, die an keine allgemeinen u Prinzipien gebunden ist. Ein Zensurgesetz ist eine Unmöglichkeit, weil es nicht Vergehen, sondern Meinungen strafen will, weil es nichts anderes sein kann als der formulierte Zensor, weil kein Staat den Mut hat, in gesetzlichen allgemeinen Bestimmungen 30 auszusprechen, was er durch das Organ des Zensors faktisch aus¬ üben kann. Darum wird auch die Handhabung der Zensur nicht den Gerichten, sondern der Polizei überwiesen. Selbst wenn die Zensur faktisch dasselbe wäre als die Justiz, so bleibt dies erstens ein Faktum, ohne eine Notwendigkeit zu sein. 35 Dann aber gehört zur Freiheit nicht nur was, sondern ebenso¬ sehr, wie ich lebe, nicht nur, daß ich das Freie tue, sondern auch, daß ich es frei tue. Was unterschiede sonst den Baumeister vom Biber, wenn nicht, daß der Biber ein Baumeister mit einem Fell, und der Baumeister ein Biber ohne Fell wäre? 30 Unser Redner kömmt zum Überfluß noch einmal auf die Wir¬ kungen der Preßfreiheit in den Ländern, wo sie wirklich existiert, zurück. Da wir dies Thema schon weitläufig abgesungen, so be¬ rühren wir hier nur noch die französische Presse. Ab¬ gesehen davon, daß die Mängel der französischen Presse die «
Debatten über Preßfreiheit 215 Mängel der französischen Nation sind, so finden wir das Übel nicht, wo der Redner es sucht. Die französische Presse ist nicht zu frei ; sie ist nicht frei genug. Sie unterliegt zwar keiner geistigen Zensur, aber sie unterliegt einer materiellen Zensur, den hohen ; Geldkautionen. Sie wirkt daher materiell, eben weil sie aus ihrer wahren Sphäre in die Sphäre der großen Handelsspekulationen hineingezogen wird. Zudem gehören zu großen Handelsspekula¬ tionen große Städte. Die französische Presse konzentriert sich daher auf wenige Punkte, und wenn die materielle Kraft, auf 10 wenig Punkte konzentriert, dämonisch wirkt, wie nicht die geistige? Wenn ihr aber durchaus die Preßfreiheit nicht nach ihrer Idee, sondern nach ihrer historischen Existenz beurteilen wollt, warum sucht ihr sie nicht da auf, wo sie historisch existiert? Die Natur- 16 forscher suchen durch Experimente ein Naturphänomen in seinen reinsten Bedingungen darzustellen. Ihr bedürft keiner Experi¬ mente. Ihr findet das Naturphänomen der Preßfreiheit in Nord¬ amerika in seinen reinsten, naturgemäßesten Formen. Wenn aber Nordamerika große historische Grundlagen der Preßfreiheit to hat, so hat Deutschland noch größere. Die Literatur und die da¬ mit verwachsene geistige Bildung eines Volkes sind doch wohl nicht nur die direkten historischen Grundlagen der Presse, son¬ dern ihre Historie selbst. Und welches Volk in der Welt kann sich dieser unmittelbarsten historischen Grundlagen der Preß- W Freiheit rühmen, wie das deutsche Volk? Aber, fällt unser Redner wieder ein, aber wehe um Deutsch¬ lands Moralität, wenn seine Presse frei würde, denn die Pre߬ freiheit bewirkt „eine innere Demoralisation, die den Glauben an eine höhere Bestimmung des Menschen und mit ihr so die Grundlage wahrer Zivilisation zu untergraben suche“. Demoralisierend wirkt die zensierte Presse. Das potenzierte Laster, die Heuchelei, ist unzertrennlich von ihr, und aus diesem ihrem Grundlaster Hießen alle ihre anderen Gebrechen, denen sogar die Anlage zur Tugend fehlt, ihre, selbst ästhetisch 35 betrachtet, ekelhaften Laster der Passivität. Die Regierung hört nur ihre eigene Stimme, sie weiß, daß sie nur ihre eigene Stimme hört und fixiert sich dennoch in der Täuschung, die Volks¬ stimme zu hören, und verlangt ebenso vom Volke, daß es sich diese Täuschung fixiere. Das Volk seinerseits versinkt daher io teils in politischen Aberglauben, teils in politischen Unglauben, oder, ganz vom Staatsleben abgewendet, wird es Privatpöbel. Indem die Presse jeden Tag von den Schöpfungen des Regie¬ rungswillens rühmt, was Gott selbst erst am sechsten Tag von seiner eigenen Schöpfung sagte: „Und siehe da, es war Alles « gut“, indem aber notwendig ein Tag dem anderen widerspricht,
216 Aus der Rheinischen Zeitung so lügt die Presse beständig und muß sogar das Bewußtsein der Lüge verleugnen und die Scham von sich abtun. Indem das Volk freie Schriften als gesetzlos betrachten muß, so gewöhnt es sich, das Gesetzlose als frei, die Freiheit als gesetz¬ los und das Gesetzliche als das Unfreie zu betrachten. So tötet 5 die Zensur den Staatsgeist. Unser Redner aber fürchtet von der Preßfreiheit für die „P r i v a t e n“. Er bedenkt nicht, daß die Zensur ein beständiges Attentat auf die Rechte von Privatpersonen und noch mehr auf Ideen ist. Er gerät in Pathos über gefährdete Persönlichkeiten, 10 und wir sollten nicht in Pathos geraten über das gefährdete All¬ gemeine? Wir können unsere Ansicht und seine nicht schärfer scheiden, als wenn wir seinen Definitionen der „schlechten Gesinnungen“ unsere entgegensetzen. 15 Schlechte Gesinnung sei „der Stolz, der keine Autorität in Kirche und Staat anerkennt“. Und wir sollten es für keine schlechte Gesinnung halten, die Autorität der Vernunft und des Gesetzes nicht anzuerkennen? „Es sei der Neid, welcher die Ab¬ schaffung alles dessen predigt, was der Pöbel Aristokratie nennt“, 20 und wir sagen, es ist der Neid, welcher die ewige Aristokratie der menschlichen Natur, die Freiheit, abschaffen will, eine Aristo¬ kratie, die selbst der Pöbel nicht bezweifeln kann. „Es sei die hämische Schadenfreude, die sich an Persönlichkeiten, gleichviel, ob Lüge oder Wahrheit, ergötze und die Öffentlichkeit gebieterisch 25 fordere, damit kein Skandal des Privatlebens verschleiert bleibe.“ Es ist die hämische Schadenfreude, die Klatschereien und Per¬ sönlichkeiten aus dem großen Leben der Völker herausreißt, die Vernunft der Geschichte mißkennt und nur den Skandal der Ge¬ schichte dem Publikum predigt, die überhaupt unfähig, das Wesen 30 einer Sache zu beurteilen, sich an einzelne Seiten der Erscheinung, an Persönlichkeiten hängt und gebieterisch das Mysterium ver¬ langt, damit jeder Schandfleck des öffentlichen Lebens verschleiert bleibe. „Es sei die Unlauterkeit des Herzens und der Phantasie, welche durch schlüpfrige Bilder gekitzelt sei.“ Es ist die Un- 35 lauterkeit des Herzens und der Phantasie, welche durch schlüpfrige Bilder über die Allmacht des Bösen und die Ohnmacht des Guten sich kitzelt, es ist die Phantasie, deren Stolz die Sünde ist, es ist das unlautere Herz, das seinen weltlichen Hochmut in mystischen Bildern versteckt. „Es sei die Verzweiflung an dem eigenen Heil, *o welche die Stimme des Gewissens durch das Leugnen Gottes über- täuben will.“ Es ist die Verzweiflung am eigenen Heil, welche die persönlichen Schwächen zu Schwächen der Menschheit macht, um sie vom eigenen Gewissen abzuwälzen, es ist die Verzweiflung am Heil der Menschheit, welche ihr verwehrt, den eingeborenen Natur- 45
Debatten über Preßfreiheit 217 gesetzen zu folgen, und die Unmündigkeit als notwendig predigt, es ist die Heuchelei, die einen Gott vorschützt, ohne an seine Wirklichkeit, an die Allmacht des Guten, zu glauben, es ist die Selbstsucht, der ihr Privatheil höher ist als das Heil des Ganzen. 5 Diese Leute zweifeln an der Menschheit überhaupt und kano¬ nisieren einzelne Menschen. Sie entwerfen ein abschreckendes Bild von der menschlichen Natur und verlangen in einem, daß wir vor dem Heiligenbild einzelner Privilegierten niederfallen. Wir wissen, daß der einzelne Mensch schwach ist, aber wir wissen 10 zugleich, daß das Ganze stark ist. Schließlich erinnert der Redner an die Worte, die aus den Zweigen des Baumes der Erkenntnis erschallten über den Genuß, dessen Früchte wir heute wie damals verhandeln: „Mit nichten werdet ihr sterben, wenn ihr davon esset, eure Augen is werden auf getan werden, ihr werdet sein wie die Götter, erkennend das Gute und Böse.“ Obgleich wir nun zweifeln, daß der Redner vom Baume der Erkenntnis gegessen hat, daß wir (die rheinischen Landstände) damals mit dem Teufel verhandelten, wovon wenigstens die 2o Genesis nichts erzählt, so fügen wir uns dennoch der Ansicht des Redners und erinnern ihn nur, daß der Teufel uns damals nicht belogen hat, denn Gott selbst spricht: „Adam ist worden wie unsereiner, erkennend das Gute und Böse.“ — Den Epilog zu dieser Rede lassen wir billig des Redners eigene 25 Worte sprechen: „Schreiben und Reden seien mecha¬ nische Fertigkeite n.“ So sehr unser Leser ermüdet sein mag von diesen „mecha¬ nischen Fertigkeiten“, wir müssen, der Vollständigkeit wegen, nach dem Fürstenstande und dem Ritterstande auch den Stand 30 der Städte sich expektorieren lassen gegen die Preßfreiheit. Wir haben die Opposition des Bourgeois, nicht des Citoyen, vor uns. Der Redner aus dem Städtestande glaubt sich an Sieyès anzuschließen mit der bürgerlichen Bemerkung: „Die 35 Preßfreiheit sei eine schöne Sache, solange schlechte Menschen sich nicht hineinmischten.“ „Dagegen sei bisher kein probates Mittel gefunden“ etc. etc. Der Standpunkt, der die Preßfreiheit eine Sache nennt, ist schon seiner Naivität halber zu loben. Man kann diesem Redner 40 überhaupt alles vorwerfen, nur nicht Mangel an Nüchternheit oder Überfluß an Phantasie. Also die Preßfreiheit sei eine schöne Sache, auch so etwas, was die süße Gewohnheit des Daseins verschönert, eine ange¬ nehme, eine brave Sache? Aber da gibt es auch schlechte Men- 45 sehen, die die Sprache zum Lügen, den Kopf zu Ränken, die Hände
218 Aus der Rheinischen Zeitung zum Stehlen, die Füße zum Desertieren mißbrauchen. Schöne Sache ums Sprechen und Denken, um Hände und Füße, gute Sprache, angenehmes Denken, tüchtige Hände, allervorzüglichste Füße, wenns nur keine schlechten Menschen gäbe, die sie mi߬ brauchen! Noch ist kein Mitteichen dagegen ausfindig gemacht. 5 „Die Sympathien für Konstitution und Preßfreiheit müßten notwendig geschwächt werden, wenn man sähe, wie damit ver¬ bunden wären ewig wandelbare Zustände in jenem Lande (sc. Frankreich) und eine beängstigende Ungewißheit der Zukunft.“ Als zuerst die weltkundige Entdeckung gemacht ward, daß die 10 Erde ein mobile perpetuum sei, da griff wohl mancher ruhige Deutsche an seine Schlafmütze und seufzte über die ewig wandel¬ baren Zustände des Mutterlandes, und eine beängstigende Unge¬ wißheit der Zukunft verleidete ihm ein Haus, das sich jeden Augenblick auf den Kopf stellt. u [RhZ 19. Mai 1842. Nr. 139, Beiblatt] Die Preßfreiheit macht so wenig die „wandelbaren Zu¬ stände“, als das Fernglas des Astronomen die rastlose Bewegung des Weltsystems macht. Böse Astronomie! Was war das für schöne Zeit, als die Erde noch, wie ein ehrbarer bürgerlicher 20 Mann, in der Mitte der Welt saß, ruhig ihre irdene Pfeife schmauchte und nicht einmal ihr Licht sich selber anzustecken brauchte, da Sonne, Mond und Sterne als ebensoviele devote Nachtlampen und „schöne Sachen“ um sie hertanzten. „Wer nie, was er gebaut, zerstört, der steht stät 25 Auf dieser ird’schen Welt, die selbst nicht stät steht“, sagt Hariri, der kein gebomer Franzose, sondern ein Araber ist. Ganz bestimmt spricht sich nun der Stand des Redners in dem Einfall aus: „Der wahre redliche Patriot vermöge die Regung in sich nicht zu unterdrücken, Konstitution und Preßfreiheit seien 30 nicht für das Wohl des Volkes, sondern für die Befriedigung des Ehrgeizes Einzelner und die Herrschaft der Parteien.“ Es ist bekannt, daß eine gewisse Psychologie das Große aus kleinen Ursachen erklärt und in der richtigen Ahnung, daß alles, wofür der Mensch kämpft, Sache seines Interesses ist, zu der un- 35 richtigen Meinung fortgeht, es gebe nur „kleine“ Interessen, nur die Interessen stereotyper Selbstsucht. Es ist ferner bekannt, daß diese Art Psychologie und Menschenkunde besonders in Städten sich vorfindet, wo es dann noch überdem für Zeichen eines schlauen Kopfes gilt, die Welt zu durchschauen und hinter den Wolken- <« zügen von Ideen und Tatsachen ganz kleine, neidische, intrigante Mannequins, die das Ganze am Fädchen aufziehen, sitzen zu sehen.
Debatten über Preßfreiheit 219 Allein es ist ebenfalls bekannt, daß, wenn man zu tief ins Glas guckt, man sich an seinen eigenen Kopf stößt, und so ist denn die Menschenkunde und Weltkenntnis dieser klugen Leute zunächst ein mystifizierter Stoß an den eigenen Kopf. 5 Auch Halbheit und Unentschiedenheit bezeichnet den Stand des Redners. „Sein Unabhängigkeitsgefühl spreche für die Pre߬ freiheit (sc. im Sinne des Antragstellers), er müsse aber der Ver¬ nunft und Erfahrung Gehör geben.“ Hätte der Redner schließlich gesagt, daß zwar seine Vernunft 10 für die Preßfreiheit, aber sein Abhängigkeitsgefühl dagegen spreche, so wäre seine Rede ein vollkommenes Genrebild der städtischen Reaktion. „Wer eine Zung’ hat und spricht nicht, Wer eine Kling* hat und ficht nicht, 15 Was ist der wohl, wenn ein Wicht nicht?“ Wir kommen zu den Verteidigern der Preßfreiheit und beginnen mit dem Hauptantrage. Das Allgemeinere, was treffend und gut in den Eingangsworten des Antrags gesagt ist, übergehen wir, um gleich den eigentümlichen charakteristi- 2o sehen Standpunkt dieses Vortrags hervorzuheben. Antragsteller will, daß das Gewerbe der Preßfreiheit von der allgemeinen Freiheit der Gewerbe nicht ausgeschlossen sei, wie es noch immer der Fall ist und wobei der innerliche Widerspruch als klassische Inkonsequenz erscheint. 25 „Die Arbeiten von Armen und Beinen sind frei, diejenigen des Kopfes werden bevormundet. Von größeren Köpfen ohne Zweifel? Gott bewahre, darauf kommt es bei den Zensoren nicht an. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand!“ Es frappiert zunächst, die Preßfreiheit unter die Ge- 3o werbefreiheit subsumiert zu sehen. Allein wir können die Ansicht des Redners nicht geradezu verwerfen. Rembrandt malte die Mutter Gottes als niederländische Bäuerin, warum sollte unser Redner die Freiheit nicht unter einer Gestalt malen, die ihm vertraut und geläufig ist? 35 Ebensowenig können wir dem Räsonnement des Redners eine relative Wahrheit absprechen. Wenn man die Presse selbst nur als Gewerbe betrachtet, gebührt ihr, dem Kopfgewerbe, eine größere Freiheit als dem Gewerbe von Arm und Bein. Die Eman¬ zipation von Arm und Bein wird erst menschlich bedeutsam durch io die Emanzipation des Kopfes, denn bekanntlich werden Arme und Beine erst menschliche Arme und Beine durch den Kopf, dem sie dienen. So originell daher die Betrachtungsweise des Redners auf den ersten Anblick erscheinen mag, so müssen wir ihr doch einen un-
220 Aus der Rheinischen Zeitung bedingten Vorzug vor dem haltungslosen, nebelnden und schwe- belnden Räsonnement jener deutschen Liberalen zuschreiben, welche die Freiheit zu ehren meinen, wenn sie dieselbe in den Sternenhimmel der Einbildung, statt auf den soliden Boden der Wirklichkeit versetzen. Diesen Räsonneurs der Einbildung, die- «5 sen sentimentalen Enthusiasten, die jede Berührung ihres Ideals mit der gemeinen Wirklichkeit als Profanation scheuen, verdanken wir Deutsche zum Teil, daß die Freiheit bis jetzt eine Einbildung und eine Sentimentalität geblieben ist. Die Deutschen sind überhaupt zu Sentiments und Überschweng-10 lichkeiten geneigt, sie haben ein tendre für die Musik der blauen Luft. Es ist also erfreulich, wenn ihnen die große Frage der Idee von einem derben, reellen, aus der nächsten Umgebung entlehnten Standpunkt demonstriert wird. Die Deutschen sind von Natur devotest, alleruntertänigst, ehrfurchtsvollst. Aus lauter Respekt is vor den Ideen verwirklichen sie dieselben nicht. Sie weihen ihnen einen Kultus der Anbetung, aber sie kultivieren dieselben nicht. Der Weg des Redners scheint also geeignet, den Deutschen mit seinen Ideen zu familiarisieren, ihm zu zeigen, daß er es hier nicht mit Unnahbarem, sondern mit seinen nächsten Inter- 20 essen zu tun hat, die Sprache der Götter in die Sprache der Men¬ schen zu übersetzen. Es ist bekannt, daß die Griechen in den ägyptischen, lybischen, sogar den scythischen Göttern ihren Apollo, ihre Athene, ihren Zeus wiederzuerkennen glaubten und das Eigentümliche der frem- 25 den Kulte als Nebensache übersahen. So ist es auch kein Vergehen, wenn der Deutsche die ihm unbekannte Göttin der Preßfreiheit für eine seiner bekannten Göttinnen ansieht und nach diesen sie Gewerbefreiheit oder Freiheit des Eigentums benennt. Eben weil wir aber den Standpunkt des Redners anzuerkennen 30 und zu würdigen wissen, unterwerfen wir ihn einer um so schär¬ feren Kritik. „Es könne sich wohl gedacht werden: Fortdauer von Zunft¬ wesen neben der Preßfreiheit, weil das Kopfgewerbe eine höhere Potenzierung, eine Gleichstellung mit den alten sieben 35 freien Künsten, in Anspruch nehmen könne; aber Fortdauer der Unfreiheit der Presse neben der Gewerbefreiheit sei eine Sünde wider den heiligen Geist.“ Gewiß! die untergeordnete Form der Freiheit ist von selbst für rechtlos erklärt, wenn die höhere unberechtigt ist. Das Recht des einzelnen Bürgers ist eine Torheit, wenn das Recht des Staates nicht anerkannt ist. Wenn die Freiheit überhaupt berechtigt ist, so versteht sich von selbst, daß eine Gestalt der Freiheit um so berechtigter ist, ein je großartigeres und entwickelteres Dasein die Freiheit in ihr gewonnen hat. Wenn der Polyp berechtigt <5
Debatten über Preßfreiheit 221 ist, weil in ihm das Leben der Natur dunkelfühlend tappt, wie nicht der Löwe, in dem es stürmt und brüllt? So richtig nun aber der Schluß ist, die höhere Gestalt des Rechtes durch das Recht einer niedrigeren Gestalt für bewiesen 5 zu erachten, so verkehrt ist die Anwendung, welche die nie¬ dere Sphäre zum Maß der höheren macht und ihre innerhalb der eigenen Begrenzung vernünftigen Gesetze ins Komische ver¬ dreht, und [zwar] dadurch, daß sie ihnen die Prätension unter¬ schiebt, nicht Gesetze ihrer Sphäre, sondern einer übergeordneten 20 zu sein. Es ist dasselbe, als wollte ich einen Riesen nötigen, im Hause des Pygmäen zu wohnen. Gewerbefreiheit, Freiheit des Eigentums, des Gewissens, der Presse, der Gerichte, sind alle Arten einer und derselben Gattung, der Freiheit ohne Familiennamen. Allein is wie gänzlich irrig ist es nun, über der Einheit den Unterschied zu vergessen und gar eine bestimmte Art zum Maß, zur Norm, zur Sphäre der anderen Arten zu machen? Es ist die In¬ toleranz einer Art der Freiheit, welche die anderen mir er¬ tragen will, wenn sie von sich selbst abfallen und sich für ihre 20 Vasallen erklären. Die Gewerbefreiheit ist eben die Gewerbefreiheit und keine andere Freiheit, weil in ihr die Natur des Gewerbes sich ungestört seiner inneren Lebensregel gemäß gestaltet; die Gerichtsfreiheit ist die Gerichtsfreiheit, wenn die Gerichte den eigenen einge- 96 borenen Gesetzen des Rechts, nicht denen einer anderen Sphäre, etwa der Religion, Folge leisten. Jede bestimmte Sphäre der Frei¬ heit ist die Freiheit einer bestimmten Sphäre, wie jede bestimmte Weise des Lebens die Lebensweise einer bestimmten Natur ist. Wie verkehrt wäre nicht die Forderung, der Löwe solle sich nach 30 den Lebensgesetzen des Polypen einrichten? Wie falsch würde ich den Zusammenhang und die Einheit des körperlichen Orga¬ nismus fassen, wenn ich schlösse: weil Arme und Beine nach ihrer Weise tätig sind, müssen Äug’ und Ohr, diese Organe, die den Menschen von seiner Individualität losreißen und ihn zum Spiegel 36 und zum Echo des Universums machen, ein noch größeres Recht der Tätigkeit haben, also eine potenzierte Arm- und Bein¬ tätigkeit sein? Wie in dem Weltsystem jeder einzelne Planet sich nur um die Sonne bewegt, indem er sich um sich selbst bewegt, so kreiset in 2o dem System der Freiheit jede ihrer Welten nur um die Zentral¬ sonne der Freiheit, indem sie um sich selbst kreiset. Die Pre߬ freiheit zu einer Klasse der Gewerbefreiheit machen, ist sie ver¬ teidigen, indem man sie vor der Verteidigung totschlägt; denn, hebe ich die Freiheit eines Charakters nicht auf, wenn ich ver- 25 lange, er solle in der Weise eines anderen Charakters frei sein? Marx-Engels*Ge8amtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 20
222 Aus der Rheinischen Zeitung Deine Freiheit ist nicht meine Freiheit, ruft die Presse dem Ge¬ werbe zu. Wie du den Gesetzen deiner Sphäre, so will ich den Gesetzen meiner Sphäre gehorchen. In deiner Weise frei zu sein, ist mir identisch mit der Unfreiheit, wie der Tischler sich schwer¬ lich erbaut fühlen würde, wenn er Freiheit seines Gewerbes ver- 5 langte und man gäbe ihm als Äquivalent die Freiheit des Phi¬ losophen. Wir wollen den Gedanken des Redners nackt aussprechen. Was ist Freiheit? Antwort: Die Gewerbefreiheit, wie etwa ein Student auf die Frage: was ist Freiheit? antworten würde: Die 10 Freinacht. Mit demselben Rechte wie die Preßfreiheit könnte man jede Art der Freiheit unter die Gewerbefreiheit subsumieren. Der Richter treibt das Gewerbe des Rechtes, der Prediger das Gewerbe der Religion, der Familienvater das Gewerbe der Kinderzucht; 15 aber habe ich damit das Wesen der rechtlichen, der religiösen, der sittlichen Freiheit ausgesprochen? Man könnte die Sache auch umkehren und die Gewerbefreiheit eine Art der Preßfreiheit nennen. Arbeiten die Ge¬ werbe bloß mit Hand und Bein und nicht auch mit dem Kopf? 20 Ist die Sprache des Wortes die einzige Sprache des Gedankens? Spricht der Mechaniker nicht in der Dampfmaschine sehr ver¬ nehmlich zu meinem Ohr, der Bettfabrikant nicht deutlich zu meinem Rücken, der Koch nicht verständlich zu meinem Magen? Ist es kein Widerspruch, daß alle diese Arten der Preßfreiheit gestattet sind, nur die eine nicht, die vermittelst der Drucker¬ schwärze zu meinem Geiste spricht? Um die Freiheit einer Sphäre zu verteidigen und selbst zu be¬ greifen, muß ich sie in ihrem wesentlichen Charakter, nicht in äußerlichen Beziehungen fassen. Ist aber die Presse ihrem Cha- 30 rakter treu, handelt sie dem Adel ihrer Natur gemäß, ist die Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt? Der Schriftsteller muß allerdings erwerben, um existieren und schreiben zu können, aber er muß keineswegs existieren und schreiben, um zu erwerben. 35 Wenn Béranger singt: „Je ne vis, que pour faire des chansons, Si vous m’ôtez ma place Monseigneur, Je ferai des chansons pour vivre“, so liegt in dieser Drohung das ironische Geständnis, daß der « Dichter aus seiner Sphäre herabfällt, sobald ihm die Poesie zum Mittel wird. Der Schriftsteller betrachtet keineswegs seine Arbeiten als Mittel. Sie sind Selbstzwecke, sie sind so wenig Mittel für ihn selbst und für andere, daß er ihrer Existenz seine«
Debatten über Preßfreiheit 223 Existenz aufopfert, wenn’s not tut, und in anderer Weise, wie der Prediger der Religion zum Prinzip macht: „Gott mehr gehorchen, denn den Menschen“, unter welchen Menschen er selbst mit seinen menschlichen Bedürfnissen und Wünschen eingeschlossen ist. Da- 5 gegen sollte mir ein Schneider kommen, bei dem ich einen Pariser Frack bestellt, und er brächte mir eine römische Toga, weil sie angemessener sei dem ewigen Gesetz des Schönen ! Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein. Dem Schriftsteller, der sie zum materiellen Mittel 10 herabsetzt, gebührt als Strafe dieser inneren Unfreiheit die äußere, die Zensur, oder vielmehr ist schon seine Existenz seine Strafe. Allerdings existiert die Presse auch als Gewerbe, aber dann ist sie keine Angelegenheit der Schriftsteller, sondern der Buch¬ drucker und Buchhändler. Es handelt sich hier aber nicht um is die Gewerbefreiheit der Buchdrucker und Buchhändler, sondern um die Preßfreiheit. Unser Redner bleibt wirklich keineswegs dabei stehen, das Recht der Preßfreiheit durch die Gewerbefreiheit als erwiesen zu erachten, er verlangt, daß die Preßfreiheit statt ihren eigenen 2o Gesetzen den Gesetzen der Gewerbefreiheit sich unterwerfe. Er polemisiert sogar gegen den Referenten des Ausschusses, der eine höhere Ansicht von der Preßfreiheit geltend macht, und verfällt in Forderungen, die nur humoristisch wirken können, denn der Humor ist gleich da, sobald die Gesetze einer niedrigeren Sphäre 2S auf eine höhere angewandt werden, wie es umgekehrt komisch affiziert, wenn Kinder pathetisch werden. „Er rede von befugten und unbefugten Autoren. Dies verstehe er dahin, daß er die Ausübung eines verliehenen Rechtes immerhin auch in der Gewerbefreiheit an irgendeine Bedingung 3o knüpfe, die nach der Maßgabe des Faches leichter oder schwerer zu erfüllen sei. Die Maurer-, Zimmer- und Baumeister hätten verständigerweise Bedingungen zu erfüllen, wovon die meisten anderen Gewerbe befreit seien.“ „Sein Antrag gehe auf ein Recht im Besonderen, nicht im Allgemeinen.“ 35 Zunächt, wer soll die Befugnis erteilen? Kant hätte Fichten nicht die Befugnis des Philosophen, Ptolemäus dem Kopernikus nicht die Befugnis des Astronomen, Bernhard von Clairvaux dem Luther nicht die Befugnis des Theologen erteilt. Jeder Gelehrte zählt seinen Kritiker zu den „unbefugten 4o A u t o r e n“. Oder sollen Ungelehrte entscheiden, wer ein be¬ fugter Gelehrter sei? Offenbar müßte man das Urteil den unbe¬ fugten Autoren überlassen, denn die Befugten können nicht Rich¬ ter in eigener Sache sein. Oder soll die Befugnis an einen Stand geknüpft sein! Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philo- 45 soph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster. 20*
224 Aus der Rheinischen Zeitung Wenn übrigens von befugten und unbefugten Autoren ge¬ sprochen wird, so darf man sich konsequenterweise nicht dabei beruhigen, die Personen zu unterscheiden, man muß das Ge¬ werbe der Presse wieder in verschiedene Gewerbe teilen, man muß auf die verschiedenen Sphären der schriftstellerischen 5 Tätigkeit verschiedene Gewerbescheine ausstellen, oder soll der befugte Schriftsteller über alles schreiben können? Von vorn¬ herein ist der Schuster befugter, über das Leder zu schreiben, als der Jurist. Der Taglöhner ist ebenso befugt darüber zu schreiben, ob an Feiertagen zu arbeiten sei oder nicht, als der Theologe. 10 Knüpfen wir also die Befugnis an besondere sachliche Bedin¬ gungen, so wird jeder Staatsbürger befugter und unbefugter Schriftsteller zugleich sein, befugt in den Angelegenheiten seines Berufes, unbefugt in allem Übrigen. Abgesehen davon, daß die Welt der Presse auf diese Weise 15 statt allgemeines Band des Volkes, das wahre Mittel der Scheidung würde, daß der Unterschied der Stände so geistig fixiert und die Literaturgeschichte zur Naturgeschichte der besonderen geistigen Tierrassen herabsänke; abgesehen von den Grenzstreitigkeiten und Kollisionen, die nicht zu entscheiden und nicht zu vermeiden ; 20 abgesehen davon, daß der Presse die Geistlosigkeit und Borniert¬ heit zum Gesetz gemacht wäre, denn geistig und frei betrachte ich das Besondere nur im Zusammenhang mit dem Ganzen, also nicht in seiner Scheidung von ihm, — von diesem allem abgesehen, da das Lesen gerade so wichtig ist als das Schreiben, so müßte & es auch befugte und unbefugte Leser geben, eine Kon¬ sequenz, die in Ägypten gezogen wurde, wo die Priester, die befugten Autoren, in einem die einzig befugten Leser waren. Und es ist sehr zweckmäßig, daß den befugten Autoren auch allein die Befugnis gestattet werde, ihre eigenen Schriften zu kaufen und 30 zu lesen. Welche Inkonsequenz! Herrscht einmal Privilegium, gut, so hat die Regierung vollkommenes Recht zu behaupten, sie sei der einzig befugte Autor über ihr eigenes Tun und Lassen, denn haltet ihr euch außer eurem besonderen Stand für befugt, 35 als Staatsbürger über das Allgemeinste, über den Staat zu schreiben, sollten nicht die anderen Sterblichen, die ihr aus¬ schließen wollt, als Menschen befugt sein, über etwas sehr Parti¬ kuläres, über eure Befugnis und eure Schriften zu urteilen? Es entstände der komische Widerspruch, daß/ö der befugte Autor ohne Zensur über den Staat, aber der unbefugte nur mit Zensur über den befugten Autor schreiben dürfte. Die Preßfreiheit wird dadurch sicher nicht errungen, daß ihr die Schar der offiziellen Schriftsteller aus euren Reihen rekrutiert. 45
Debatten über Preßfreiheit 225 Die befugten Autoren wären die offiziellen Autoren, der Kampf zwischen Zensur und Preßfreiheit hätte sich in den Kampf der befugten und unbefugten Schriftsteller verwandelt. ô Mit Recht trägt daher ein Glied des vierten Standes darauf an: „daß, wenn noch irgendein Preßzwang bestehen solle, derselbe für alle Parteien gleich sei, d.h. daß in dieser Beziehung keiner Klasse der Staatsbürger mehr Rechte als der anderen zugestanden wür¬ den“. Die Zensur unterwirft uns alle, wie in der Despotie alle 10 gleich sind, wenn auch nicht an Wert, so an Unwert; jene Art Preßfreiheit will die Oligokratie in den Geist einführen. Die Zensur erklärt einen Schriftsteller höchstens für unbequem, für unpassend in die Grenzen ihres Reiches. Jene Preßfreiheit geht zu der Anmaßung fort, die Weltgeschichte zu antizipieren, der 15 Stimme des Volkes vorzugreifen, welche bisher allein geurteilt hat, welcher Schriftsteller „befugt“ und welcher „unbefugt“ sei. Wenn Solon einen Menschen erst nach Ablauf seines Lebens, nach seinem Tode zu beurteilen sich vermaß, so vermißt sich diese Ansicht, einen Schriftsteller vor seiner Geburt 20 zu beurteilen. Die Presse ist die allgemeinste Weise der Individuen, ihr geistiges Dasein mitzuteilen. Sie kennt kein Ansehen der Person, sondern nur das Ansehen der Intelligenz. Wollt ihr die geistige Mitteilungsfähigkeit an besondere äußerliche Merkmale amtlich 25 festbannen? Was ich nicht für andere sein kann, das bin ich nicht für mich und kann ich nicht für mich sein. Darf ich nicht für andere als Geist da sein, so darf ich nicht für mich als Geist da sein, und wollt ihr einzelnen Menschen das Privilegium geben, Geister zu sein? So gut, wie jeder schreiben und lesen lernt, muß 3o jeder schreiben und lesen dürfen. Und für wen soll die Einteilung der Schriftsteller in „be¬ fugte“ und „unbefugte“ sein? Offenbar nicht für die wahrhaft Befugten, denn diese werden sich ohnehin geltend machen. Also für „Unbefugte“, die durch ein äußeres Privilegium sich schützen 35 und imponieren wollen? Dabei macht dieses Palliativ nicht einmal das Preßgesetz entbehrlich, denn wie ein Redner des Bauernstandes bemerkt: „Kann nicht auch der Privilegierte seine Befugnis überschreiten und straffällig werden? So wäre also auf alle Fälle ein Preß- 40 gesetz notwendig, wobei man auf dieselben Beschwernisse wie bei einem allgemeinen Preßgesetz stoßen würde.“ Wenn der Deutsche auf seine Geschichte zurückblickt, so findet er einen Hauptgrund seiner langsamen politischen Entwick¬ lung, wie der elenden Literatur vor Lessing, in den „be¬ ifügten Schriftstellern“. Die Gelehrten von Fach, von
226 Aus der Rheinischen Zeitung Zunft, von Privilegium, die Doktoren und sonstigen Ohren, die charakterlosen Universitätsschriftsteller des siebzehnten und acht¬ zehnten Jahrhunderts mit ihren steifen Zöpfen und ihrer vor¬ nehmen Pedanterie und ihren winzig-mikrologischen Disser¬ tationen, sie haben sich zwischen das Volk und den Geist, zwischen « das Leben und die Wissenschaft, zwischen die Freiheit und den Menschen gestellt. Die unbefugten Schriftsteller haben unsere Literatur gemacht. Gottsched und Lessing, da wählt zwischen einem „befugten“ und einem „unbefugten“ Autor! Wir lieben überhaupt die „Freiheit“ nicht, die nur im Plural 10 gelten will. England ist ein Beweis in historischer Lebensgröße, wie gefährlich der beschränkte Horizont der „Freiheiten“ für „die Freiheit“ ist. Ce mot des libertés, sagt Voltaire, des privilèges, suppose rassujetissement. Des libertés sont des exemptions 15 de la servitude générale. Wenn unser Redner ferner anonyme und pseudonyme Schriftsteller von der Preßfreiheit ausschließen und der Zensur unterwerfen will, so bemerken wir, daß der Name in der Presse nicht zur Sache gehört, daß aber, wo Preßgesetz herrscht, der Ver- 20 leger, also durch ihn auch der anonyme und pseudonyme Schrift¬ steller, den Gerichten unterworfen ist. Zudem vergaß Adam, als er alle Tiere des Paradieses benannte, den deutschen Zeitungs¬ korrespondenten Namen zu geben, und namenlos werden sie bleiben in saeculum saeculorum. 25 Hat der Antragsteller die Personen zu beschränken ge¬ sucht, die Subjekte der Presse, so wollen andere Landstände den sachlichen Stoff der Presse, den Kreis ihres Wir¬ kens und Daseins beschränken, und es entsteht ein geist¬ loses Markten und Feilschen, wieviel Freiheit die 30 Preßfreiheit haben solle. Ein Landstand will die Presse auf die Besprechung der mate¬ riellen, geistigen und kirchlichen Verhältnisse der Rheinprovinz beschränken; ein anderer will „Gemeindeblätter“, deren Namen ihren beschränkten Inhalt aussagt; ein dritter will gar, daß man 35 in jeder Provinz nur in einem einzigen Blatte freimütig sein dürfe!!! Alle diese Versuche erinnern an jenen Turnlehrer, der als die beste Methode des Springunterrichts vorschlug, den Schüler an eine große Grube zu bringen und ihm mm durch einzelne Zwirn- 40 fäden anzuzeigen, wie weit er über die Grube springen dürfe. Versteht sich, der Schüler sollte sich erst im Springen üben und durfte den ersten Tag nicht über die ganze Grube wegsetzen, aber von Zeit zu Zeit sollte der Zwimfaden weitergerückt werden. Leider fiel der Schüler bei der ersten Lektion in die Grube, und 45
Debatten über Preßfreiheit 227 bisher ist er in der Grube liegen geblieben. Der Lehrer war ein Deutscher, und der Schüler nannte sich: „Freiheit“. Dem durchgehenden normalen Typus nach unter¬ scheiden sich die Verteidiger der Preßfreiheit auf 6 dem sechsten rheinischen Landtag also nicht durch den Gehalt, sondern durch die Richtung von ihren Gegnern. In diesen be¬ kämpft, in jenen verteidigt die Beschränktheit des besonderen Standes die Presse. Die einen wollen das Privilegium auf Seiten der Regierung allein, die anderen wollen es verteilen unter 10 mehre Individuen; die einen wollen die ganze, die anderen die halbe Zensur, die einen drei Achtel Preßfreiheit, die anderen gar keine. Gott beschütze mich vor meinen Freunden! Gänzlich divergierend aber von dem allgemeinenGeiste des Landtags sind die Reden des Referenten und einiger is Mitglieder aus dem Bauernstände. Referent bemerkt unter anderem: „Es tritt in dem Leben der Völker, sowie in dem der einzelnen Menschen, der Fall ein, wo die Fesseln einer zu langen Vormund¬ schaft unerträglich werden, wo nach Selbständigkeit gestrebt wird wund wo ein jeder seine Handlungen selbst verantworten will. Alsdann hat die Zensur ausgelebt; da, wo sie noch fortbesteht, wird sie als ein gehässiger Zwang betrachtet, der zu schreiben verbietet, was öffentlich gesagt wird.“ Schreibe, wie du sprichst, und sprich, wie du schreibst, lehren uns schon die Elementarlehrer, w Später heißt es: Sprich, was dir vorgeschrieben ist, und schreibe, was du nachsprichst. „So oft das unaufhaltsame Fortschreiten der Zeit ein neues, wichtiges Interesse entwickelt oder ein neues Bedürfnis heraus¬ stellt, für welche die bestehende Gesetzgebung keine hinreichen- 3o den Bestimmungen enthält, müssen neue Gesetze diesen neuen Zustand der Gesellschaft regulieren. Ein solcher Fall tritt voll¬ kommen hier ein.“ Das ist die wahrhaft geschichtliche Ansicht gegenüber der imaginären, welche die Vernunft der Ge¬ schichte erschlägt, um hinterher ihren Knochen den historischen 35 Reliquiendienst zu erweisen. „Die Aufgabe (eines Preßkodex) mag allerdings nicht ganz leicht zu lösen sein; der erste Versuch, der gemacht werden wird, mag vielleicht sehr unvollkommen bleiben! Dem Gesetzgeber aber, der sich zuerst damit befassen wird, werden alle Staaten 4o Dank schuldig sein, und unter einem Könige, wie der unsrige, ist vielleicht der preußischen Regierung die Ehre beschieden, den übrigen Ländern auf diesem Wege, der allein zum Ziele führen kann, voranzugehen.“ Wie isoliert diese männlich würdige, entschiedene Ansicht 45 auf dem Landtage stand, das hat unsere ganze Darstellung be¬
228 Aus der Rheinischen Zeitung wiesen, das bemerkt der Vorsitzende zum Überfluß selbst dem Referenten, das spricht endlich ein Mitglied des Bauernstandes in unmutigem, aber trefflichem Vortrage aus: „Man umkreise die vorliegende Frage, wie die Katze den warmen Brei.“ „Der menschliche Geist 5 müsse sich nach seinen ihm inwohnenden Gesetzen frei entwickeln und das Errungene mitteilen dürfen, sonst würde aus einem klaren belebenden Strom ein verpestender Sumpf. Wenn ein Volk sich für Preßfreiheit eigne, so sei dieses sicher das ruhige, gemütliche deutsche, welches wohl eher noch einer 10 Aufstachelung aus seinem Phlegma bedürfe als der geistigen Zwangsjacke der Zensur. Seine Gedanken und Gefühle seinen Mit¬ menschen nicht unbehindert mitteilen zu dürfen, habe viel Ähn¬ lichkeit mit dem nordamerikanischen Absperrungssystem der Sträflinge, welches in seiner vollen Schroffheit häufig zum Wahn-15 sinn führe. Wer nicht tadeln dürfe, von dem habe auch das Lob keinen Wert; ähnlich in seiner Ausdruckslosigkeit sei ein chine¬ sisches Gemälde, dem der Schatten mangle. Möchten wir uns doch nicht diesem erschlafften Volke beigesellt finden!“ Werfen wir mm einen Blick auf die Preßdebatten im Ganzen 20 zurück, können wir nicht Herr werden über den öden und unbe¬ haglichen Eindruck, den eine Versammlung von Vertretern der Rheinprovinz hervorbringt, die nur zwischen der absicht¬ lichen Verstocktheit des Privilegiums und der natürlichen Ohn¬ macht eines halben Liberalismus hin und her schwanken, müssen 25 wir vor allem den fast durchgehenden Mangel an allgemeinen und weiten Gesichtspunkten mißfällig bemerken, wie jene nachlässige Oberflächlichkeit, welche die Angelegenheit der freien Presse de¬ battiert und beseitigt: so fragen wir uns noch einmal, ob die Presse den Landständen zu fern lag, zu wenig reelle Berührung 30 mit ihnen hatte, als daß sie die Preßfreiheit mit dem gründlichen und ernsten Interesse des Bedürfnisses hätten verteidigen können? Die Preßfreiheit reichte ihre Bittschrift den Ständen mit der feinsten captatio benevolentiae ein. Gleich im Beginn des Landtags entstand nämlich eine Debatte, 35 worin der Vorsitzende bemerkt, daß der Druck der Landtagsverhandlungen, so sehr, wie aller übrigen Schriften, der Zensur unterworfen sei, daß er aber hier die Stelle des Zensors vertrete. Fiel in diesem einen Punkte die Sache der Preßfreiheit 40 nicht zusammen mit der Freiheit des Landtages? Diese Kollision ist um so interessanter, als dem Landtag hier an seiner eigenen Person der Beweis statuiert wurde, wie mit dem Mangel der Preßfreiheit alle anderen Freiheiten illusorisch werden. Jede Gestalt der Freiheit bedingt die andere, wie ein Glied des Körpers 45
Debatten über Preßfreiheit 229 das andere. So oft eine bestimmte Freiheit in Frage gestellt ist, ist die Freiheit in Frage gestellt. So oft eine Gestalt der Freiheit verworfen ist, ist die Freiheit verworfen und kann überhaupt nur mehr ein Scheinleben führen, indem es nachher reiner'Zufall ist, 5 an welchem Gegenstände die Unfreiheit als die herrschende Macht sich betätigt. Die Unfreiheit ist die Regel und die Freiheit eine Ausnahme des Zufalls und der Willkür. Nichts ist daher verkehrter als, wenn es sich um ein besonderes Dasein der Freiheit handelt, zu meinen, dieses sei eine besondere 10 Fr a ge. Es ist die allgemeine Frage innerhalb einer besonderen Sphäre. Freiheit bleibt Freiheit, drücke sie sich nun in der Druckerschwärze, oder in Grund und Boden, oder im Gewissen, oder in einer politischen Versammlung aus; aber der loyale Freund der Freiheit, dessen Ehrgefühl schon verletzt würde, wenn 15 er abstimmen sollte: Sein oder Nichtsein der Frei¬ heit ? — dieser Freund wird stutzig vor dem eigentümlichen Ma¬ terial, in welchem die Freiheit erscheint, er verkennt in der Art die Gattung, er vergißt über der Presse die Freiheit, er glaubt ein fremdes Wesen zu beurteilen und verurteilt sein eigenes Wesen. 2o So hat der sechste rheinische Landtag sich selbst verurteilt, indem er der Preßfreiheit das Urteil sprach. Die hochweisen Bureaumänner von Praxis, welche im stillen und mit Unrecht von sich denken, was Perikies laut und mit Recht von sich rühmte: „Ich bin ein Mann, der sich in der Kennt- 25 nis der Staatsbedürfnisse wie in der Kunst, sie zu entwickeln, mit jedem messen kann“, diese Erbpächter der politischen Intelligenz werden die Achseln zucken und mit orakelnder Vornehmheit be¬ merken, daß die Verteidiger der Preßfreiheit leere Spreu dreschen, denn eine milde Zensur sei besser als eine herbe 3o Preßfreiheit. Wir erwidern ihnen, was die Spartaner Sperthias und Bulis dem persischen Satrapen Hydames: „Hydames, dein Rat für uns ist nicht von beiden Seiten gleich abgewogen. Denn das Eine, worüber du rätst, hast du versucht; das Andere blieb dir unversucht. Nämlich was Knecht sein heißt, 35 das kennst du; die Freiheit aber hast du noch nie versucht, ob sie süß ist oder nicht. Denn hättest du sie versucht, du würdest uns raten, nicht nur mit Lanzen für sie zu fechten, sondern auch mit Beilen.“
[Die Zentralisationsfrage] Die Zentralisationsfrage in bezug auf sich selbst und in bezug auf das Beiblatt der Rhei¬ nischen Zeitung zu Nr. 137, Dienstag, 17. Mai 1842 [Nach dem Ms. — Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin] 5 „Deutschland und Frankreich in bezug auf die Zentralisations¬ frage“ mit dem Zeichen -i—„Ob die Staatsmacht1) von einem Punkte ausgehen1) oder ob jede Provinz, jede Gemeinde sich selbst verwalten und die Zentralregierung erst da als die Macht des Ganzen auch die einzelnen Teile des Staates be- io herrschen soll, wo der Staat nach außen zu vertreten ist, über diese Frage sind die Ansichten noch sehr geteilt.“ Eine Zeitfrage teilt mit jeder durch ihren Inhalt berechtigten, also vernünftigen Frage das Schicksal, daß nicht die Antwort, sondern die Frage die Hauptschwierigkeit bildet. Die wahreis Kritik analysiert daher nicht die Antworten, sondern die Fragen. Wie die Lösung einer algebraischen Gleichung gegeben ist, sobald die Aufgabe in ihren reinsten und schärfsten Verhältnissen ge¬ stellt ist, so ist jede Frage beantwortet, sobald sie zur wirk¬ lichen Frage geworden ist. Die Weltgeschichte selbst hat keine so andere Methode, als alte Fragen durch neue Fragen zu beantwor¬ ten und abzutun. Die Rätselworte einer jeden Zeit sind daher leicht zu finden. Es sind die Zeitfragen, und wenn in den Ant¬ worten die Absicht und die Einsicht des einzelnen Individuums eine große Rolle spielen und ein geübter Blick dazu gehört, zu ss trennen, was dem Individuum und was der Zeit gehört, so sind dagegen die Fragen die offenen, rücksichtslosen, über alle ein¬ zelne Individualitäten übergreifenden Stimmen einer Zeit, es sind ihre Mottos, es sind die höchst praktischen Ausrufe über ihren eigenen Seelenzustand. Die Reaktionäre jeder Zeit sind da- 30 her ebenso gute Barometer für ihren geistigen Zustand als die Hunde für die Witterung. Dem Publikum erscheint dies so, daß die Reaktionäre die Fragen machen. Es glaubt daher, wenn dieser oder jener Obskurant eine moderne Richtung nicht be¬ kämpft, wenn er nicht eine Sache in Frage gestellt hätte, so e x i - 35 stierte die Frage nicht. Das Publikum selbst hält daher die Reaktionären für die wahren Männer des Fortschritts. O Sperrung von Marx.
Die Zentralisationsfrage 231 „Ob die Staatsmacht von einem Punkte ausgehe“, d. h. ob ein Punkt regieren soll oder ob jede Provinz etc. sich selbst ver¬ walten und die Zentralregierung erst nach Außen als die Macht des Ganzen „gegen Außen“ sich zeigen soll, so kann unmöglich die 5 Zentralisationsfrage gefaßt werden. Der Verfasser versichert uns, daß „diese Frage, von einem höheren Gesichtspunkte be¬ trachtet, in sich selbst zerfalle als eine nichtige“, denn „wenn der Mensch wirklich ist, was er seinem Wesen nach sein soll, dann ist die individuelle Freiheit von der allgemeinen gar nicht unter- 10 schieden“. „Setzt man also ein Volk von Gerechten1) voraus, so kann die inRede stehendeFrage gar nicht aufgeworfen werden“, „die Zentralmacht würde’) in allen Gliedern leben etc. etc.“. „Wie aber überhaupt jedes äußere Gesetz, jede positive Institu¬ tion etc., so wäre auch jede zentrale8) Staatsmacht etc. überflüssig. 15 Eine solche Gesellschaft wäre nicht Staat, sondern Ideal der Menschheit.“ „Man kann sich’s erstaunlich leicht machen, die schwierigsten Staatsprobleme zu lösen, wenn man von einem hohen philosophischen Standpunkte herab auf unser soziales Leben blickt. Theoretisch1) ist eine solche Lösung der Probleme auch ganz richtig, ja die einzig richtige. Aber es handelt sich hier nicht um eine theoretische etc., sondern um eine praktische, aller¬ dings nur empirische und relative Beantwortung der Zentrali¬ sationsfrage etc.“. Der Verfasser des Artikels beginnt mit einer Selbstkritik 25 seiner Frage. Von einem höheren Gesichtspunkte her betrachtet, existiere sie nicht, aber zugleich erfahren wir, daß von diesem hohen Gesichtspunkte her alle Gesetze, positiven Institutionen, die zentrale Staatsmacht und schließlich der Staat selbst verschwin¬ det. Mit Recht rühmt der Verfasser die „erstaunliche Leichtig- 3o keit“, mit welcher dieser Gesichtspunkt sich zu orientieren weiß, aber mit Unrecht nennt man eine solche Lösung der Probleme „theoretisch ganz richtig, ja die einzig richtige“, mit Unrecht nennt er diesen Standpunkt „einen philosophischen“. Die Philo¬ sophie muß ernstlich dagegen protestieren, wenn man sie mit der 35 Imagination verwechselt. Die Fiktion von einem Volke „der Ge¬ rechten“ ist der Philosophie so fremd als der Natur die Fiktion von „betenden Hyänen“. Der Verfasser substituiert „seine Ab¬ straktionen“ der Philosophie4). x) Sperrung von Marx. 3) In der RhZ würde alsdann 8 ) In der RhZ zentrale oder höchste 4) Hier bricht das Ms. ab.
Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung [RhZ 10. Juli 1842. Nr. 191, Beiblatt] Wir hatten bisher in der „Kölnischen Zeitung“ wenn auch nicht das „Blatt der rheinischen Intelli- genz“, so doch das rheinische „Intelligenzblatt“ verehrt, s Wir betrachteten vorzugsweise ihre „leitenden politischen Ar¬ tikel“ als ein eben so weises wie gewähltes Mittel, dem Leser die Politik zu verleiden, damit er desto sehnsüchtiger in das lebens¬ frische, industriewogende und oft schöngeistig pikante Reich der Anzeigen hinübersetze, damit es auch hier heiße: per aspera ad 10 astra, durch die Politik zu den Austern. Allein das schöne Eben¬ maß, welches die Kölnische Zeitung bisher zwischen der Politik und den Anzeigen zu halten wußte, ist in letzter Zeit durch eine Art von Anzeigen gestört worden, welche man die „Anzeigen der politischen Industrie“ nennen kann. In der ersten Unsicherheit, it wo diese neue Gattung zu plazieren, geschah es, daß sich eine Anzeige in einen leitenden Artikel und der leitende Artikel in eine Anzeige verwandelte, und zwar in eine Anzeige, die man in der Sprache der politischen Welt eine „Denunziation“ nennt, die aber, wenn sie bezahlt wird, eine „Anzeige“ schlechthin heißt, w Man pflegt im Norden vor den mageren Mahlzeiten exquisite Spirituosa den Gästen verabfolgen zu lassen. Wir befolgen bei unserem nordischen Gaste um so lieber diese Sitte, den Spiritus vor der Mahlzeit zu geben, als wir in der Mahlzeit selbst, in dem sehr „leidenden“ Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung 25 keinen Spiritus finden. Wir tischen daher zuerst eine Szene aus Lucians Göttergesprächen auf, die wir nach einer „gemein¬ verständlichen“ Übersetzung mitteilen, da unter unseren Lesern wenigstens Einer sich befinden wird, der kein Hellene ist. Lucians Göttergespräche. XXIV. Hermes’ Klagen. Hermes. Maja. Hermes. Gibt es wohl, liebe Mutter, im ganzen Himmel einen geplagteren Gott als mich? Maja. Sage doch nicht so etwas, mein Sohn ! 35 Hermes. Warum soll ich es nicht sagen? Ich, der ich eine Menge von Geschäften zu besorgen habe, immer allein arbeiten, mich zu so vielen Knechtsdiensten herum¬ zerren lassen muß? Morgens mit dem Frühesten muß ich aufstehen und den Speisesaal auskehren, die Polster im Ratszimmer zurechte legen, und wenn alles an Ort und Stelle ist, bei Jupitem auf wart en und den ganzen Tag mit seinen Bot- 50
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 233 schäften auf und ab den Kurier machen. Kaum zuriickgekehrt und mit Staube noch bedeckt, muß ich die Ambrosia auf tragen. Und was noch das ärgste ist, ich bin der einzige, dem man auch des Nachts keine Ruhe läßt; denn da muß ich dem Pluto die Seelen der Verstorbenen zuführen und beim Totengerichte Auf- 5 wärterdienste tun, denn es ist nicht genug an den Arbeiten des Tages, daß ich den Turnübungen anzuwohnen, den Herold in den Volksversammlungen zu machen, den Volksrednern beim Einstudieren ihrer Vorträge zu helfen habe; nein, ich muß, in so viele Geschäfte zerstückelt, auch noch das gesamte Totenwesen besorgen. 10 Seit seiner Vertreibung aus dem Olymp besorgt Hermes aus alter Gewohnheit noch immer „Knechtsdienste“ und das gesamte Totenwesen. Ob Hermes selbst oder sein Sohn, der Ziegengott Pan, den leidenden Artikel Nr. 179 geschrieben, mag der Leser entschei- 15 den, nachdem er sich erinnert, daß der griechische Hermes der Gott der Beredsamkeit und der Logik war. „Philosophische und religiöse Ansichten durch die Zeitungen zu verbreiten oder in den Zeitungen zu bekämpfen, scheint uns gleich unzulässig.“ 2« Wie der Alte so plauderte, merkte ich wohl, daß es bei ihm auf eine langweilige Litanei von Orakelspriichen abgesehen sei, aber, beschwichtigte ich die Ungeduld, sollte ich dem einsichts¬ vollen Manne nicht glauben, der so unbefangen ist, in seinem eigenen Hause seine Meinung mit aller Freimütigkeit zu sagen, os und ich las weiter. Doch, o Wunder, dieser Artikel, dem zwar keine einzige philosophische Ansicht vorzuwerfen ist, hat wenigstens die Tendenz, philosophische Ansichten zu bekämpfen und religiöse Ansichten zu verbreiten. Was soll uns ein Artikel, der das Recht seiner eigenen Existenz so bestreitet, der seine Inkompetenz-Erklärung sich selbst voraus¬ schickt. Der redselige Verfasser wird uns antworten. Er erklärt, wie seine breitspurigen Artikel zu lesen sind. Er beschränkt sich darauf, Bruchstücke zu geben, deren „Aneinanderreihung und Verbindung“ er „dem Scharfsinn der Leser“ überläßt, — die 3s schicklichste Methode für jene Art von Anzeigen, deren Betrieb er sich zugelegt. Wir wollen „aneinanderreihen und verbinden“, und es ist nicht unsere Schuld, wenn aus dem Rosenkranz kein Kranz von Rosenperlen wird. Der Verfasser erklärt sich dahin: „eine Partei, die sich dieser oo Mittel bedient (nämlich philosophische und religiöse Ansichten in Zeitungen zu verbreiten und zu bekämpfen), zeigt dadurch, u n s e • rer Meinung nach, daß sieesnichtehrlich meint und daß ihr weniger an der Belehrung und Auklärung des Volkes als an der Erreichung andereräußererZwecke gelegen ist.“ os Bei dieser seiner Meinung kann der Artikel nichts anderes als die Erreichung äußerer Zwecke beabsichtigen. Diese „äußeren Zwecke“ werden sich nicht verschweigen.
234 Aus der Rheinischen Zeitung Der Staat, heißt es, hat nicht allein das Recht, sondern auch die Pflicht, den „unberufenen Schwätzern das Handwerk zu legen“. Der Verfasser spricht von den Gegnern seiner An¬ sicht; denn längst ist er dahin mit sich selbst übereingekommen, ein berufener Schwätzer zu sein. 5 Es handelt sich also von einer neuen Verschärfung der Zensur in religiösen Angelegenheiten, von einer neuen Polizeimaßregel gegen die kaum aufatmende Presse. „Unserer Meinung nach kann man dem Staate, statt über¬ triebener Strenge, eher eine zu weit getriebene Nachsicht zum 10 Vorwurf machen.“ Doch der leitende Artikel besinnt sich. Es ist gefährlich, dem Staate Vorwürfe zu machen; er adressiert sich daher an die Be¬ hörden, seine Anklage gegen die Preßfreiheit verwandelt sich in eine Anklage gegen die Zensoren; er klagt die Zensoren an, zu« „wenig Zensur“ anzuwenden. „Auch darin ist bisher, zwar nicht vom Staate, aber von »einzelnen Behörden* eine tadelnswerte Nachsicht bewiesen worden, daß man der neueren philosophischen Schule gestattet hat, sich in öffentlichen Blättern und in anderen, für einen nicht bloß wissenschaftlichen Leserkreis 20 bestimmten Druckschriften die unwürdigsten Ausfälle auf das Christentum zu erlauben.“ Wiederum bleibt der Verfasser stehen und wiederum besinnt er sich; er hat vor weniger als acht Tagen in der Zensurfreiheit zu wenig Preßfreiheit gefunden; er findet jetzt in dem Zensoren- g5 zwang zu wenig Zensurzwang. Das muß wieder gutgemacht werden. „Solange noch eine Zensur besteht, ist es ihre dringendste Pflicht, so ekelerregende Auswüchse eines knabenhaften Über¬ mutes auszuschneiden, wie sie in den letzten Tagen wiederholt 30 unser Auge beleidigt haben.“ Blöde Augen! Blöde Augen! Und das „blödeste Auge wird von einer Wendung beleidigt werden, die nur auf die Fassungs¬ kraft der großen Menge“ berechnet sein kann. Wenn schon die erleichterte Zensur ekelerregende Auswüchse 35 aufkommen läßt, wie erst die Preßfreiheit? Wenn unsere Augen zu schwach sind, den „Übermut“ der zensierten, wie würden sie stark genug sein, den „Mut“ der freien Presse zu ertragen? „Solange die Zensur besteht, ist es ihre dringendste Pflicht.“ Und sobald sie nicht mehr besteht? Die Phrase muß so inter- w pretiert werden: Es ist die dringendste Pflicht der Zensur, so lange als möglich zu bestehen. Und wiederum besinnt sich der Verfasser: „Es ist nicht unseres Amtes, als öffentlicher Ankläger aufzutreten, und wir unter¬ lassen deshalb jede nähere Bezeichnung.“ Es ist eine Himmels- «
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 235 güte in diesem Menschen! Er unterläßt die nähere „Bezeichnung“, und nur aus ganz nahen, ganz distinkten Zeichen könnte er be¬ weisen und zeigen, was denn seine Ansicht will; er läßt nur vage, halblaute, verdächtigende Worte fallen; es ist nicht seines 5 Amtes, öffentlicher Ankläger, es ist seines Amtes, ver¬ steckter Ankläger zu sein. Zum letzten Male besinnt sich der unglückliche Mann, daß es seines Amtes ist, liberale Leadingartikel zu schreiben, daß er einen „loyalen Preßfreiheitsfreund“ vorstellen solle; er wirft 10 sich also in die letzte Position: „Wir durften es nicht unterlassen, gegen ein Verfahren zu protestieren, welches, wenn es nicht eine Folge zufälliger Vernachlässigung ist, keinen anderen Zweck haben kann, als die freiere Bewegung der Presse in der öffent¬ lichen Meinung zu kompromittieren, um den Gegnern, die auf is dem geraden Wege ihr Ziel zu verfehlen fürchten, gewonnenes Spiel zu geben.“ Die Zensur, lehrt dieser ebenso kühne als scharfsinnige Ver¬ teidiger der Preßfreiheit, wenn sie nicht der englische Leoparde mit der Inschrift ist: „I sleep, wake me not!“ hat dieses „heillose“ so Verfahren eingeschlagen, um die freiere Bewegung der Presse in der öffentlichen Meinung zu kompromittieren. Braucht eine Bewegung der Presse noch kompromittiert zu werden, welche die Zensur auf „zufällige Vernachläs¬ sigungen“ aufmerksam macht, welche ihr Renommee in der 55 Öffentlichen Meinung von dem „Federmesser des Zen¬ sors“ erwartet? „Frei“ kann diese Bewegung insofern genannt werden, als man die Lizenz der Schamlosigkeit auch zuweilen „frei“ nennt, und ist es nicht die Schamlosigkeit des Unverstandes und der Heuchelei, so sich für einen Verteidiger der freieren Bewegung der Presse auszu¬ geben, wenn man zugleich doziert, die Presse falle den Augenblick in die Gosse, wo nicht zwei Gendarmen ihr unter die Arme greifen. Und wozu bedürfen wir der Zensur, wozu dieses leitenden Artikels, wenn die philosophische Presse sich selbst in der öffent- 35 liehen Meinung kompromittiert? Allerdings will der Verfasser keineswegs „die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung“ beschränken. „In unseren Tagen ist der wis¬ senschaftlichen Forschung mit Recht der weiteste, unbeschränkteste Spielraum gestattet.“ io Welchen Begriff unser Mann aber von der wissenschaftlichen Forschung hat, mag folgende Äußerung beweisen: „Es ist dabei scharf zu unterscheiden, was die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung erfordert, durch welche das Christentum selbst nur ge¬ winnen kann, und was über die Grenzen der wissenschaftlichen 45 Forschung hinaus liegt.“
236 Aus der Rheinischen Zeitung Wer soll über die Grenzen der wissenschaftlichen Forschung entscheiden, wenn nicht die wissenschaftliche Forschung selbst! Nach dem leitenden Artikel sollen die Grenzen der Wissenschaft vorgeschrieben werden. Der leitende Artikel kennt also eine „offizielle Vernunf t“, welche nicht von der Wissenschaft- 5 liehen Forschung lernt, sondern sie belehrt, welche, eine gelehrte Vorsehung, die Größe jedes Haares mißt, das einen wissenschaft¬ lichen Bart in einen Weltbart verwandeln könnte. Der leitende Artikel glaubt an die wissenschaftliche Inspiration der Zensur. Ehe wir diese „albernen“ Explikationen des leitenden Artikels 10 über die „wissenschaftliche Forschung“ weiter verfolgen, kosten wir einen Augenblick von der „Religionsphilosophie“ des Herm H., von seiner „eigenen Wissenschaft“! „Die Religion ist die Grundlage des Staates, wie die notwen¬ digste Bedingung jeder nicht bloß auf die Erreichung irgendeines is äußerlichen Zweckes gerichteten gesellschaftlichen Vereinigung.“ Beweis: „In ihrer rohesten Form als kindischer Fe¬ tischismus, erhebt sie den Menschen doch einigermaßen über die sinnlichen Begierden, die ihn, wenn er sich von denselben ausschließlich beherrschen läßt, zum Tiere erniedrigen^ und zu der Erfüllung jedes höheren Zweckes unfähig machen.“ Der leitende Artikel nennt den Fetischismus die „roheste Form“ der Religion. Er gibt also zu, was auch ohne seinen Kon¬ sens bei allen Männern der „wissenschaftlichen Forschung“ fest¬ steht, daß die „T i e r r e 1 i g i o n“ eine höhere religiöse Form 25 als der Fetischismus ist, und erniedrigt die Tierreligion den Menschen nicht unter das Tier, macht sie das Tier nicht zum Gott des Menschen? Und nun gar der „Fetischismus“! Eine wahre Pfennigs¬ magazingelehrsamkeit! Der Fetischismus ist so weit entfernt, den 30 Menschen über die Begierde zu erheben, daß er vielmehr „die Religion der sinnlichen Begierde“ ist. Die Phan¬ tasie der Begierde gaukelt dem Fetischdiener vor, daß ein „leb¬ loses Ding“ seinen natürlichen Charakter auf geben werde, um das Jawort seiner Gelüste zu sein. Die rohe Begierde des Fetisch- 35 dieners zerschlägt daher den Fetisch, wenn er aufhört, ihr untertänigster Diener zu sein. „Bei jenen Nationen, welche eine höhere geschichtliche Bedeu¬ tung erlangt haben, fällt die Blüte ihres Volkslebens mit der höch¬ sten Ausbildung ihres religiösen Sinnes, der Verfall ihrer Größe m und ihrer Macht mit dem Verfall ihrer religiösen Bildung zu¬ sammen.“ Wenn man die Behauptung des Verfassers geradezu umkehrt, erhält man die Wahrheit; er hat die Geschichte auf den Kopf gestellt. Griechenland und Rom sind doch wohl die Länder der u
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 237 höchsten „geschichtlichen Bildung“ unter den Völkern der alten Welt. Griechenlands höchste innere Blüte fällt in die Zeit des Perikies, seine höchste äußere in die Zeit Alexanders. Zur Zeit des Perikies hatten Sophisten, Sokrates, welchen man die inkorpo- s rierte Philosophie nennen kann, Kunst und Rhetorik die Religion verdrängt. Die Zeit des Alexander war die Zeit des Aristoteles, der die Ewigkeit des „individuellen“ Geistes und den Gott der positiven Religionen verwarf. Und mm gar Rom! Leset den Cicero! Epikureische, stoische oder skeptische Philosophie waren 10 die Religionen der Römer von Bildung, als Rom den Höhepunkt seiner Laufbahn erreicht hatte. Wenn mit dem Untergange der alten Staaten die Religionen der alten Staaten verschwinden, so bedarf das keiner weiteren Explikation, denn die „wahre Reli¬ gion“ der Alten war der Kultus „ihrer Nationalität“, ihres is „Staates“. Nicht der Untergang der alten Religionen stürzte die alten Staaten, sondern der Untergang der alten Staaten stürzte die alten Religionen. Und solche Unwissenheit, wie die des leitenden Artikels, proklamiert sich zum „Gesetzgeber der wissenschaft¬ lichen Forschung“ und schreibt der Philosophie „Dekrete“. so „Die ganze alte Welt mußte deshalb zusammenbrechen, weil mit den Fortschritten in ihrer wissenschaftlichen Ausbildung, welche die Völker machten, notwendig auch die Aufdeckung der Irrtümer verbunden war, auf denen ihre religiösen Ansichten beruhten.“ ss Also die ganze alte Welt ging nach dem leitenden Artikel unter, weil die wissenschaftliche Forschung die Irrtümer der alten Re¬ ligionen aufdeckte. Wäre die alte Welt nicht untergegangen, wenn die Forschung die Irrtümer der Religionen verschwiegen hätte, wenn Lucretius’ und Lucians Schriften von dem Verfasser des so leitenden Artikels den römischen Behörden zum Ausschneiden empfohlen worden wären? Übrigens erlauben wir uns, die Gelehrsamkeit des Hm. H. mit einer Notiz zu vermehren. [RhZ 12. Juli 1842. Nr. 193, Beiblatt] 35 *** Eben als der Untergang der alten Welt herannahte, tat sich die Alexandrinische Schule auf, welche mit Gewalt „die ewige Wahrheit“ der griechischen Mythologie und ihre durchgängige Übereinstimmung „mit den Ergebnissen der wis¬ senschaftlichen Forschung“ zu beweisen sich bemühte. Auch der io Kaiser Julian gehörte noch zu dieser Richtung, die den neu hereinbrechenden Zeitgeist glaubte verschwinden zu machen, wenn sie sich die Augen zuhielt, um ihn nicht zu sehen. Allein bei H.s Resultat stehengeblieben! In den alten Religionen war „die Marx-Engels-Geaamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 21
238 Aus der Rheinischen Zeitung schwache Ahnung des Göttlichen von der dichtesten Nacht des Irrtums verhüllt“ und konnte deshalb den wissenschaftlichen For¬ schungen nicht widerstehen. Im Christentum verhält es sich um¬ gekehrt, wird jede Denkmaschine urteilen. Allerdings sagt H.: „Die höchsten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung5 haben bisher nur dazu gedient, die Wahrheiten der christlichen Religion zu bestätigen.“ Abgesehen davon, daß von allen Philo¬ sophien der Vergangenheit ohne Ausnahme jede des Abfalls von der christlichen Religion durch die Theologen bezichtigt wurde, selbst die des frommen Malebranche und des inspirierten Jakob 10 Böhme, daß Leibniz als „Löwenix“ (Glaubenichts) von den braun¬ schweigischen Bauern und als Atheist von dem Engländer Clarke und den übrigen Anhängern Newtons angeklagt wurde; abge¬ sehen davon, daß das Christentum, wie der tüchtigste und kon¬ sequenteste Teil der protestantischen Theologen behauptet, mit 15 der Vernunft nicht übereinstimmen kann, weil die „weltliche“ Vernunft und die „geistliche“ sich widersprechen, was Tertullian klassisch so ausdrückt: „verum est, quia absurdum est“; hiervon abgesehen, wie soll man die Übereinstimmung der wissenschaft¬ lichen Forschung mit der Religion beweisen, wenn nicht, indem 20 man die wissenschaftliche Forschung zwingt, dadurch in die Re¬ ligion aufzugehen, daß man sie ihren eigenen Gang fortgehen läßt. Ein anderer Zwang ist wenigstens kein Beweis. Allerdings, wenn ihr von vornherein nur das a}s wissenschaft¬ liche Forschung anerkennt, was eure Ansicht ist, so habt ihr leicht25 prophezeien; aber welchen Vorzug hat eure Behauptung denn vor der des indischen Brahminen, der die Heiligkeit der Vedas beweist, indem er allein sich das Recht vorbehält, sie zu lesen! Ja, sagt H., „wissenschaftliche Forschung“. Aber jede For¬ schung, die dem Christentum widerspricht, bleibt „auf halbem 30 Wege stehen“ oder „schlägt einen falschen Weg“ ein. Kann man sich das Argumentieren bequemer machen? Die wissenschaftliche Forschung, sobald sie sich „den Inhalt des Gefundenen ,k 1 a r g e m a c h t‘, wird nie den Wahrheiten des Christentums widerstreiten“, aber zugleich muß der Staat dafür 35 sorgen, daß dieses „Klarmachen“ unmöglich sei, denn die Forschung darf sich nie an die Fassungskraft der großen Menge wenden, d. h. nie sich selbst populär und klar werden. Selbst wenn sie in allen Zeitungen der Monarchie von unwissenschaft¬ lichen Forschem angegriffen wird, muß sie bescheiden sein und 40 schweigen. Das Christentum schließt die Möglichkeit „jedes neuen Ver¬ falls“ aus, aber die Polizei muß wachen, daß die philosophieren¬ den Zeitungsschreiber es nicht zum Verfall bringen, sie muß mit der äußersten Strenge wachen. Der Irrtum wird im Kampfe mit 45
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 239 der Wahrheit von selbst als solcher erkannt werden, ohne daß es einer Unterdrückung durch äußere Gewalt bedürfte; aber der Staat muß diesen Kampf der Wahrheit erleichtern, indem er den Verfechtern des „Irrtums“ zwar nicht die innere Freiheit nimmt, 5 die er ihnen nicht nehmen kann, aber wohl die Möglichkeit dieser Freiheit, die Möglichkeit der Existenz. Das Christentum ist seines Sieges gewiß, aber es ist nach H. seines Sieges nicht so gewiß, um die Hilfe der Polizei zu ver¬ schmähen. 10 Wenn von vornherein alles Irrtum ist und als Irrtum behandelt werden muß, was eurem Glauben widerspricht, was unterscheidet eure Prätension von der Prätension des Muhamedaners, von der Prätension jeder anderen Religion? Soll die Philosophie für jedes Land, nach dem Sprichworte „ländlich, sittlich“, andere Grund¬ ig sätze annehmen, um den Grundwahrheiten des Dogmas nicht zu widerstreiten; soll sie in dem einen Lande glauben, daß 3X1 = 1, in dem anderen, daß die Weiber keine Seelen haben, im dritten, daß im Himmel Bier getrunken wird? Gibt es keine allge¬ mein menschliche Natur, wie es eine allgemeine Natur 2o der Pflanzen und Gestirne gibt? Die Philosophie fragt, was wahr, nicht was gültig, sie fragt, was für alle Menschen wahr, nicht was für einzelne wahr ist; ihre metaphysischen Wahrheiten kennen nicht die Grenzen der politischen Geographie; ihre politischen Wahrheiten wissen zu gut, wo die „Grenzen“ anfangen, um den 2b illusorischen Horizont der besonderen Welt- und Volksanschauung mit dem wahren Horizont des menschlichen Geistes zu verwechseln. H. ist unter allen Verteidigern des Christentums der schwächste. Die lange Existenz des Christentums ist sein einziger Be¬ weis für das Christentum. Existiert nicht auch die Philosophie von 3o Thales bis heutzutage, und zwar nach H. gerade jetzt mit größeren Ansprüchen und größerer Meinung von ihrer Wichtigkeit als jemals? Wie beweist nun H. endlich, daß der Staat ein „christlicher“ Staat sei, daß er, statt eine freie Vereinigung sittlicher Menschen, 35 eine Vereinigung von Gläubigen, statt der Verwirklichung der Freiheit die Verwirklichung des Dogmas bezweckt. „Unsere euro¬ päischen Staaten haben sämtlich das Christentum zur Grundlage.“ Auch der französische Staat? Es heißt in der Charte, Art. 3, nicht: „jeder Christ“, oder „nur der Christ“, sondern: 4o „tous les Français sont également admissibles aux emplois civiles et militaires“. Auch im preußischen Landrecht IL T. XIII. Tit. etc. heißt es: „Die vorzüglichste Pflicht des Oberhauptes im Staate ist, sowohl die äußere als die innere Ruhe und Sicherheit zu erhalten 45 und einen jeden bei dem Seinigen gegen Gewalt und Störung zu 21*
240 Aus der Rheinischen Zeitung schützen.“ Nach § 1 vereinigt aber das Staatsoberhaupt in sich alle „Pflichten und Rechte des Staates“. Es heißt nicht, die vorzüg¬ lichste Pflicht des Staates sei die Unterdrückung ketzerischer Irrtümer und die Seligkeit der anderen Welt. Wenn aber wirklich einige europäische Staaten auf dem 5 Christentum beruhen, entsprechen diese Staaten ihrem Begriff, ist schon die „pure Existenz“ eines Zustandes das Recht dieses Zustandes? Nach der Ansicht unseres H. allerdings, denn er erinnert die Anhänger des jungen Hegeltums: „daß nach den Gesetzen, die in io dem größten Teil des Staates in Kraft sind, eine Ehe ohne kirchliche Weihe als Konkubinat angesprochen und als solches polizeilich bestraft wird“. Also wenn die „Ehe ohne kirchliche Weihe“ am Rhein nach dem Code Napoleon für „eine Ehe“ und an der Spree nach dem is preußischen Landrecht für ein „Konkubinat“ angesehen wird, so soll die „polizeiliche“ Strafe ein Argument für „Philosophen“ sein, daß hier Recht, was dort Unrecht ist, daß nicht der Code, sondern das Landrecht den wissenschaftlichen und sittlichen, den vernünftigen Begriff von der Ehe hat. Diese „Philosophie der po- 20 lizeilichen Strafen“ mag sonstwo überzeugen, sie überzeugt nicht in Preußen. Wie wenig übrigens das preußische Landrecht die Tendenz der „heiligen“ Ehen hat, sagt $ 12, T. II, Tit. 1, „Doch verliert eine Ehe, welche nach den Landesgesetzen erlaubt ist, da¬ durch, daß die Dispensation der geistlichen Oberen nicht nach* 25 gesucht oder versagt worden, nichts von ihrer bürgerlichen Gültigkeit.“ Auch hier wird die Ehe teilweise von den „geistlichen Oberen“ emanzipiert und ihre „bürgerliche“ Gültigkeit von ihrer „kirch¬ lichen“ unterschieden. 30 Daß unser großer christlicher Staatsphilosoph keine „hohe“ Ansicht vom Staate hat, versteht sich von selbst. „Da unsere Staaten nicht bloß Rechtsgenossenschaf¬ ten, sondern zugleich wahre Erziehungsanstalten sind, die ihre Pflege nur über einen weiteren Kreis ausbreiten als 35 die Anstalten, die zur Erziehung der Jugend bestimmt sind“ usw. „die gesamte öffentliche Erziehung“ beruhe „auf der Grundlage des Christentums“. Die Erziehung unserer Schuljugend basiert ebensosehr auf den alten Klassikern und den Wissenschaften überhaupt als auf 40 dem Katechismus. Der Staat unterscheidet sich nach H. von einer Kleinkinder¬ bewahranstalt nicht durch den Gehalt, sondern durch die Größe, er dehnt seine „Pflege“ weiter aus. Die wahre „öffentliche Erziehung“ des Staates ist aber viel- 45
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 241 mehr das vernünftige und öffentliche Dasein des Staates, selbst der Staat erzieht seine Glieder, indem er sie zu Staatsgliedem macht, indem er die Zwecke des Einzelnen in allgemeine Zwecke, den rohen Trieb in sittliche Neigung, die natürliche Unabhängig- 6 keit in geistige Freiheit verwandelt, indem der Einzelne sich im Leben des Ganzen und das Ganze sich in der Gesinnung des Ein¬ zelnen genießt. Der leitende Artikel dagegen macht den Staat nicht zu einem Verein freier Menschen, die sich wechselseitig erziehen, sondern 10 zu einem Haufen Erwachsener, welche die Bestimmung haben, von oben erzogen zu werden und aus der „engen“ Schulstube in die „weitere“ Schulstube einzutreten. Diese Erziehungs- und Bevormundungstheorie wird hier von einem Freunde der Preßfreiheit vorgebracht, der aus Liebe zu is dieser Schönen die „Vernachlässigungen der Zensur“ notiert, der die „Fassungskraft der großen Menge“ gehörigen Orts zu schil¬ dern weiß — (vielleicht erscheint die Fassungskraft der großen Menge neuerdings der „Kölnischen Zeitung“ so prekär, weil die Menge verlernt hat, die Vorzüge der „unphilosophischen Zei- 2o tung“ zu fassen?) — der den Gelehrten anrät, eine Ansicht für die Bühne und eine andere Ansicht für die Kulissen zu haben! Wie der leitende Artikel seine „untersetzte“ Staatsansicht, mag er uns jetzt seine niedrige Ansicht „vom Chri¬ st e n t u m“ dokumentieren. 25 „Alle Zeitungsartikel der Welt werden eine Bevölkerung, die sich im Ganzen wohl und glücklich fühlt, niemals überreden, daß sie sich in einem unseligen Zustand befände.“ Und wie! Das materielle Gefühl des Wohles und Glückes ist stichhaltiger gegen Zeitungsartikel als die beseligende und so alles besiegende Zuversicht des Glaubens! H. singt nicht: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Das wahrhaft gläubige Gemüt der „großen Menge“ sollte eher den Rostflecken des Zweifels aus¬ gesetzt sein als die raffinierte Weltbildung der „kleinen Menge“! 35 „Selbst von Aufreizungen zum Aufruhr“ fürchtet H. „in einem wohlgeordneten Staate“ weniger als in einer „wohlgeord¬ neten Kirche“, die noch überdem der „Geist Gottes“ in alle Wahrheit leite. Ein schöner Gläubiger, und nun erst der Grund! Die politischen Artikel seien nämlich der Menge verständlich, und 4o die philosophischen Artikel seien ihr unverständlich! Stellt man endlich den Wink des leitenden Artikels: „die hal¬ ben Maßregeln, die man in der letzten Zeit gegen das junge Hegeltum ergriffen, haben die gewöhnlichen Folgen halber Ma߬ regeln gehabt“, mit dem biederen Wunsch zusammen, daß die 45 letzten Unternehmungen der Hegelinge „ohne allzu nach¬
242 Aus der Rheinischen Zeitung teilige Folgen“ für sie vorübergehen mögen, so begreift man die Worte Cornwalls im Lear: Der kann nicht schmeicheln, der! — ein ehrlicher Und grader Sinn; er muß die Wahrheit sagen. Will man es sich gefallen lassen, gut; — 5 Wo nicht, so ist er grade. — Diese Art Von Schelmen kenn ich, die in diese Gradheit Mehr Arglist hüllen, mehr verschmitzte Zwecke Als zwanzig alberne, gebückte Schranzen Mit ihrer breiten Dienstbeflissenheit. 10 Wir würden die Leser der „Rheinischen Zeitung“ zu beleidigen glauben, wenn wir sie mit dem mehr komischen als ernsten Schau¬ spiel befriedigt wähnten, einen ci-devant Liberalen, einen „jungen Mann von ehedem“, in die gebührenden Schranken zurück¬ gewiesen zu sehen ; wir wollen einige wenige Worte über „d i e is Sache selbst“ sagen. Solange wir mit der Polemik gegen den leidenden Artikel beschäftigt waren, wäre es Unrecht gewesen, ihn in dem Geschäft der Selbstvernichtung zu unterbrechen. [RhZ 14. Juli 1842. Nr. 195, Beiblatt] Zunächst wird die Frage gestellt: „Soll die Philosophie die 20 religiösen Anliegenheiten auch in Zeitungsartikeln besprechen?“ Man kann diese Frage nur beantworten, indem man sie kritisiert. Die Philosophie, vor allem die deutsche Philosophie, hat einen Hang zur Einsamkeit, zur systematischen Abschließung, zur 25 leidenschaftslosen Selbstbeschauung, die sie dem schlagfertigen, tageslauten, nur in der Mitteilung sich genießenden Charakter der Zeitungen von vornherein entfremdet gegenüberstellt. Die Philo¬ sophie, in ihrer systematischen Entwicklung begriffen, ist unpopu¬ lär, ihr geheimes Weben in sich selbst erscheint dem profanen ™ Auge als ein ebenso überspanntes wie unpraktisches Treiben; sie gilt für einen Professor der Zauberkünste, dessen Beschwörungen feierlich klingen, weil man sie nicht versteht. Die Philosophie hat, ihrem Charakter gemäß, nie den ersten Schritt dazu getan, das asketische Priestergewand mit der leichten 35 Konventionstracht der Zeitungen zu vertauschen. Allein die Phi¬ losophen wachsen nicht wie Pilze aus der Erde, sie sind die Früchte ihrer Zeit, ihres Volkes, dessen subtilste, kostbarste und unsichtbarste Säfte in den philosophischen Ideen roulieren. Der¬ selbe Geist baut die philosophischen Systeme in dem Hirn der m Philosophen, der die Eisenbahnen mit den Händen der Gewerke baut. Die Philosophie steht nicht außer der Welt, so wenig das Gehirn außer dem Menschen steht, weil es nicht im Magen liegt; aber freilich die Philosophie steht früher mit dem Hirn in der
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 243 Welt, ehe sie mit den Füßen sich auf den Boden stellt, während manche andere menschliche Sphären längst mit den Füßen in der Erde wurzeln und mit den Händen dieFrüchte der Welt abpflücken, ehe sie ahnen, daß auch der „Kopf“ von dieser Welt oder diese 5 Welt die Welt des Kopfes sei. Weil jede wahre Philosophie die geistige Quintessenz ihrer Zeit ist, muß die Zeit kommen, wo die Philosophie nicht nur inner¬ lich durch ihren Gehalt, sondern auch äußerlich durch ihre Er¬ scheinung mit der wirklichen Welt ihrer Zeit in Berührung und 10 Wechselwirkung tritt. Die Philosophie hört dann auf, ein be¬ stimmtes System gegen andere bestimmte Systeme zu sein, sie wird die Philosophie überhaupt gegen die Welt, sie wird die Philosophie der gegenwärtigen Welt. Die Formalien, welche kon¬ statieren, daß die Philosophie diese Bedeutung erreicht, daß sie 15 die lebendige Seele der Kultur, daß die Philosophie weltlich und die Welt philosophisch wird, waren in allen Zeiten dieselben; man kann jedes Historienbuch nachschlagen, und man wird’mit stereo¬ typer Treue die einfachsten Ritualien wiederholt finden, welche ihre Einführung in die Salons und in die Pfarrerstuben, in die 20 Redaktionszimmer der Zeitungen und in die Antichambres der Höfe, in den Haß und in die Liebe der Zeitgenossen unverkennbar bezeichnen. Die Philosophie wird in die Welt eingeführt von dem Geschrei ihrer Feinde, welche die innere Ansteckung durch den wilden Notruf gegen die Feuersbrunst der Ideen verraten. Dieses 25 Geschrei ihrer Feinde hat für die Philosophie dieselbe Bedeutung, welche der erste Schrei eines Kindes für das ängstlich lauschende Ohr der Mutter hat, es ist der Lebensschrei ihrer Ideen, welche die hieroglyphische regelrechte Hülse des Systems gesprengt und sich in Weltbürger entpuppt haben. Die Korybanten und Kabyren, 3o welche mit lautem Lärm der Welt die Geburt des Zeuskindes ein¬ trommeln, wenden sich zunächst gegen die religiöse Partie der Philosophen, teils weil der inquisitorische Instinkt an dieser sen¬ timentalen Seite des Publikums am sichersten zu halten weiß, teils weil das Publikum, zu welchem auch die Gegner der Philosophie 35 gehören, nur mit seinen idealen Fühlhörnern die ideale Sphäre der Philosophie tangieren kann, und der einzige Kreis der Ideen, an dessen Wert das Publikum beinahe soviel glaubt wie an die Systeme der materiellen Bedürfnisse, ist der Kreis der religiösen Ideen, endlich weil die Religion nicht gegen ein bestimmtes System 4o der Philosophie, sondern gegen die Philosophie überhaupt der bestimmten Systeme polemisiert. Die wahre Philosophie der Gegenwart unterscheidet sich nicht durch dieses Schicksal von den wahren Philosophien der Ver¬ gangenheit. Dies Schicksal ist vielmehr ein Beweis, den die Ge- 4s schichte ihrer Wahrheit schuldig war.
244 Aus der Rheinischen Zeitung Und seit sechs Jahren haben die deutschen Zeitungen gegen die religiöse Partie der Philosophie getrommelt, verleumdet, entstellt, verballhornt. Die Allgemeine Augsburger sang die Bravourarien, fast jede Ouvertüre spielte das Thema, die Philosophie verdiene nicht, von der weisen Dame besprochen zu werden, sie sei eine 5 Windbeutelei der Jugend, ein Modeartikel blasierter Koterien, aber, aber trotz all dem konnte man nicht von ihr los, und immer von neuem wurde getrommelt, denn die Augsburger spielt nur Ein Instrument in ihren antiphilosophischen Katzenkonzerten, die ein¬ tönige Pauke. Alle deutschen Blätter, von dem „Berliner poli-10 tischen Wochenblatt“ und dem „Hamburger Correspondenten“ bis zu den Winkelzeitungen, bis zur „KölnischenZeitung“ herab, hallten wider von Hegel und Schelling, Feuerbach und Bauer, deutschen Jahrbüchern etc. — Endlich wurde das Pu¬ blikum begierig, den Leviathan selbst zu sehen, um so begieriger, 15 als halboffizielle Artikel drohten, der Philosophie von den Kanzlei¬ stuben her ihr legitimes Schema vorschreiben zu wollen, und gerade das war der Moment, wo die Philosophie in Zeitungen auf trat. Die Philosophie hatte lange geschwiegen zu der selbst¬ gefälligen Oberflächlichkeit, die in einigen abgestandenen Zei- 20 tungsphrasen die langjährigen Studien des Genies, die mühsamen Früchte einer aufopfernden Einsamkeit, die Resultate jener un¬ sichtbaren, aber langsam aufreibenden Kämpfe der Kontempla¬ tion wie Seifenblasen wegzuhauchen prahlten; die Philosophie hatte sogar protestiert gegen die Zeitungen, als 2s ein unpassendes Terrain, aber endlich mußte die Philosophie ihr Schweigen brechen, sie wurde Zeitungskorrespondent, und — eine unerhörte Diversion — da auf einmal fällt es den redseligen Zeitungslieferanten ein, daß die Philosophie kein Futter für das Zeitungspublikum sei, da durften sie es nicht unterlassen, die Re- 30 gierungen darauf aufmerksam zu machen, daß es nicht ehrlich sei, daß nicht zur Aufklärung des Publikums, sondern zur Er¬ reichung äußerer Zwecke philosophische und religiöse Fragen in das Gebiet der Zeitungen gezogen werden. Was könnte die Philosophie von der Religion, was von sich 35 selbst schlimmeres sagen, was Euer Zeitungsgeschrei nicht schon längst schlimmer und frivoler ihr imputiert hätte? Sie braucht nur zu wiederholen, was Ihr unphilosophische Kapuziner in tau¬ send und abermal tausend Kontroversreden von ihr gepredigt, und sie hat das schlimmste gesagt. 40 Aber die Philosophie spricht anders über religiöse und philo¬ sophische Gegenstände, wie Ihr darüber gesprochen habt. Ihr sprecht ohne Studium, sie spricht mit Studium, Ihr wendet euch an den Affekt, sie wendet sich an den Verstand, Ihr flucht, sie lehr, Ihr versprechet Himmel und Welt, sie verspricht nichts als 45
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 245 Wahrheit, Ihr fordert den Glauben an Euren Glauben, sie fordert nicht den Glauben an ihre Resultate, sie fordert die Prüfung des Zweifels; Ihr schreckt, sie beruhigt. Und wahrlich, die Philosophie ist weltklug genug, zu wissen, daß ihre Resultate nicht schmeicheln, 6 weder der Genußsucht und dem Egoismus der himmlischen noch der irdischen Welt; das Publikum, das aber die Wahrheit, die Erkenntnis ihrer selbst wegen liebt, dessen Urteilskraft und Sitt¬ lichkeit wird sich wohl mit der Urteilskraft und Sittlichkeit un¬ wissender, serviler, inkonsequenter und besoldeter Skribenten 10 messen können. Allerdings mag dieser oder jener aus Miserabilität des Ver¬ standes und der Gesinnung die Philosophie mißdeuten, aber glaubt ihr Protestanten nicht, daß die Katholiken das Christentum mißdeuten, werft ihr nicht der christlichen Religion die schmäh- 16 liehen Zeiten des 8. und 9. Jahrhunderts vor oder die Bartholo¬ mäusnacht oder die Inquisition? Daß zum großen Teile der Haß der protestantischen Theologie gegen die Philosophen aus der Toleranz der Philosophie gegen die besondere Konfession als be¬ sondere entspringt, zeigen evidente Beweise. Man hat dem Feuer- 20 bach, dem Strauß mehr vorgeworfen, daß sie die katholischen Dogmen für christliche hielten, als daß sie die Dogmen des Christentums für keine Dogmen der Vernunft erklärten. Wenn aber einzelne Individuen die moderne Philosophie nicht verdauen und an philosophischer Indigestion sterben, so beweist 25 das nicht mehr gegen die Philosophie, als es gegen die Mechanik beweist, wenn hie und da ein Dampfkessel einzelne Passagiere in die Luft sprengt. Die Frage, ob philosophische und religiöse Anliegenheiten in den Zeitungen zu besprechen, löst sich in ihre eigene Ideenlosig- 3o keit auf. Wenn solche Fragen schon als Zeitungsfragen das Pu¬ blikum interessieren, sind sie Fragen der Zeit geworden, dann fragt es sich nicht, ob sie besprochen, dann fragt es sich, wo und wie sie besprochen werden sollen, ob im Inneren der Familien 3o und der Hotels, der Schulen und der Kirche, aber nicht von der Presse, von den Gegnern der Philosophie, aber nicht von den Philosophen, ob in der trüben Sprache der Privatmeinung, aber nicht in der läuternden Sprache des öffentlichen Verstandes, dann fragt es sich, ob in das Bereich der Presse gehört, was in der 40 Wirklichkeit lebt, dann handelt es sich nicht mehr von einem be¬ sonderen Inhalte der Presse, dann handelt es sich um die allgemeine Frage, ob die Presse wirkliche Presse, d. h. freie Presse sein soll? Die zweite Frage scheiden wir gänzlich von der ersten: „Ist die Politik philosophisch von den Zeitungen zu behandeln in 45 einem sogenannten christlichen Staate?“
246 Aus der Rheinischen Zeitung Wenn die Religion zu einer politischen Qualität wird, zu einem Gegenstände der Politik, so scheint fast keiner Erwähnung zu be¬ dürfen, daß die Zeitungen politische Gegenstände nicht nur besprechen dürfen, sondern auch müssen. Es scheint von vorn¬ herein die Weisheit der Welt, die Philosophie, mehr Recht zu 5 haben, sich um das Reich dieser Welt, um den Staat zu beküm¬ mern, als die Weisheit jener Welt, die Religion. Es fragt sich hier nicht, ob über den Staat philosophiert, es fragt sich, ob gut oder schlecht, philosophisch oder unphilosophisch, ob mit Vor¬ urteilen oder ohne Vorurteile, ob mit Bewußtsein oder ohne Be- w wußtsein, ob mit Konsequenz oder ohne Konsequenz, ob ganz rational oder halb rational über den Staat philosophiert werden soll. Wenn ihr die Religion zur Theorie des Staatsrechtes macht, so macht ihr die Religion selbst zu einer Art Philosophie. Hat nicht vor allem das Christentum Staat und Kirche 15 gesondert? Leset den heiligen Augustinus de civitate dei, studiert die Kirchenväter und den Geist des Christentums, und dann kommt wieder und sagt uns, ob der Staat oder die Kirche der „christliche Staat“ ist! Oder straft nicht jeder Augenblick eures praktischen 20 Lebens Eure Theorie Lügen? Haltet Ihr es für Unrecht, die Ge¬ richte in Anspruch zu nehmen, wenn Ihr übervorteilt werdet? Aber der Apostel schreibt, daß es Unrecht sei. Haltet Ihr Euren rechten Backen dar, wenn man Euch auf den linken schlägt, oder macht Ihr nicht einen Prozeß wegen Realinjurien anhängig? Aber das 25 Evangelium verbietet es. Verlangt Ihr vernünftiges Recht auf dieser Welt, murrt Ihr nicht über die kleinste Erhöhung einer Ab¬ gabe, geratet Ihr nicht außer Euch über die geringste Verletzung der persönlichen Freiheit? Aber es ist Euch gesagt, daß dieser Zeit Leiden der künftigen Herrlichkeit nicht wert sei, daß die 30 Passivität des Ertragens und die Seligkeit in der Hoffnung die Kardinaltugenden sind. Handelt der größte Teil Eurer Prozesse und der größte Teil der Zivilgesetze nicht vom Besitz? Aber es ist Euch gesagt, daß Eure Schätze nicht von dieser Welt sind. Oder beruft Ihr Euch 35 darauf, dass dem Kaiser zu geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes, so haltet nicht nur den goldenen Mammon, sondern wenig¬ stens ebensosehr die freie Vernunft für den Kaiser dieser Welt, und die „Aktion der freien Vernunft“ nennen wir Philosophieren. Als in der heiligen Allianz zuerst ein quasi religiöser Staaten- 40 bund geknüpft und die Religion europäisches Staatenwappen werden sollte, da weigerte sich mit tiefem Sinn und richtigster Konsequenz der Papst, diesem Heiligenbunde beizutreten, denn das allgemeine christliche Band der Völker sei die Kirche und nicht die Diplomatie, nicht der weltliche Staatenbund. <5
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 247 Der wahrhaft religiöse Staat ist der theokratische Staat; der Fürst solcher Staaten muß entweder, wie im jüdischen der Gott der Religion, der Jehova selbst sein oder, wie in Tibet der Stell¬ vertreter des Gottes, der Dalai Lama oder endlich, wie Görres in 5 seiner letzten Schrift richtig von den christlichen Staaten verlangt, sie müssen sich sämtlich einer Kirche unterwerfen, die eine „un¬ fehlbare Kirche“ ist, denn wenn wie im Protestantismus kein oberstes Haupt der Kirche existiert, so ist die Herrschaft der Reli¬ gion nichts anderes als die Religion der Herrschaft, der Kultus 10 des Regierungswillens. Sobald ein Staat mehrere gleichberechtigte Konfessionen ein¬ schließt, kann er nicht mehr religiöser Staat sein, ohne eine Ver¬ letzung der besonderen Religionskonfessionen zu sein, eine Kirche, die jeden Anhänger einer anderen Konfession als Ketzer ver- 15 dämmt, die jedes Stück Brot von dem Glauben abhängig, die das Dogma zum Band zwischen den einzelnen Individuen und der staatsbürgerlichen Existenz macht. Fragt die katholischen Be¬ wohner des „armen, grünen Erin“, fragt die Hugenotten vor der französischen Revolution, nicht an die Religion haben sie appel- 2o liert, denn ihre Religion war nicht die Staatsreligion, an die „Rechte der Menschheit“ haben sie appelliert, und die Philo¬ sophie interpretiert die Rechte der Menschheit, sie verlangt, daß der Staat der Staat der menschlichen Natur sei. Aber, sagt der halbe, der bornierte, der ebenso ungläubige als 25 theologische Rationalismus, der allgemeine christliche Geist, ab¬ gesehen von dem Unterschiede der Konfessionen, soll Staatsgeist sein! Es ist die größte Irreligiosität, es ist der Übermut des welt¬ lichen Verstandes, den allgemeinen Geist der Religion von der positiven Religion zu trennen; diese Trennung der Religion von 5o ihren Dogmen und Institutionen ist dasselbe, als behauptete man, der allgemeine Geist des Rechts solle im Staate herrschen, ab¬ gesehen von den bestimmten Gesetzen und von den positiven Institutionen des Rechts. Wenn ihr euch überhebt, so hoch über der Religion zu stehen, 55 daß ihr berechtigt seid, den allgemeinen Geist derselben von ihren positiven Bestimmungen zu scheiden, was habt ihr den Phi¬ losophen vorzuwerfen, wenn sie diese Scheidung ganz und nicht halb vollziehen, wenn sie den allgemeinen Geist der Religion nicht christlichen, sondern menschlichen Geist nennen? 4o Die Christen wohnen in Staaten von verschiedenen Verfassun¬ gen, die einen in einer Republik, die anderen in einer absoluten, die dritten in einer konstitutionellen Monarchie. Das Christentum entscheidet nicht über die Güte der Verfassungen, denn es kennt keinen Unterschied der Verfassungen, es lehrt, wie die Religion 45 lehren muß : Seid untertan der Obrigkeit, denn jede Obrig¬
248 Aus der Rheinischen Zeitung keit ist von Gott. Also nicht aus dem Christentum, aus der eigenen Natur, aus dem eigenen Wesen des Staates müßt ihr das Recht der Staatsverfassungen entscheiden, nicht aus der Natur der christlichen, sondern aus der Natur der menschlichen Ge¬ sellschaft. 5 Der byzantinische Staat war der eigentliche religiöse Staat, denn die Dogmen waren hier Staatsfragen, aber der byzantinische Staat war der schlechteste Staat. Die Staaten des ancien régime waren die allerchristlichsten Staaten, aber nichtsdestoweniger waren sie Staaten des „Hofwillens“. 10 Es gibt ein Dilemma, dem der „gesunde“ Menschenverstand nicht widerstehen kann. Entweder entspricht der christliche Staat dem Begriff des Staates, eine Verwirklichung der vernünftigen Freiheit zu sein, und dann ist nichts erforderlich, als ein vernünftiger Staat zu sein, is um ein christlicher Staat zu sein, dann genügt es, den Staat aus der Vernunft der menschlichen Verhältnisse zu entwickeln, ein Werk, was die Philosophie vollbringt. Oder der Staat der ver¬ nünftigen Freiheit läßt sich nicht aus dem Christentum entwickeln, dann werdet ihr selbst gestehen, daß diese Entwicklung nicht in der 20 Tendenz des Christentums liegt, da es keinen schlechten Staat wolle, und ein Staat, der nicht die Verwirklichung der vernünftigen Freiheit ist, ist ein schlechter Staat. Ihr mögt das Dilemma beantworten, wie ihr wollt, und werdet gestehen müssen, daß der Staat nicht aus der Religion, sondern aus der Vernunft der Freiheit zu konstituieren ist. Nur die kras¬ seste Ignoranz kann die Behauptung stellen, diese Theorie, die Verselbständigung des Staatsbegriffs, sei ein Tageseinfall der neuesten Philosophen. Die Philosophie hat nichts in der Politik getan, was nicht die 30 Physik, die Mathematik, die Medizin, jede Wissenschaft inner¬ halb ihrer Sphäre getan hat. Baco von Verulam erklärte die theologische Physik für eine gottgeweihte Jungfrau, die unfrucht¬ bar sei, er emanzipierte die Physik von der Theologie und — sie wurde fruchtbar. So wenig ihr den Arzt fragt, ob er gläubig 35 sei, so wenig habt ihr den Politiker zu fragen. Gleich vor und nach der Zeit der großen Entdeckung des Kopernikus vom wahren Sonnensystem wurde zugleich das Gravitationsgesetz des Staates entdeckt, man fand seine Schwere in ihm selbst, und wie die verschiedenen europäischen Regierungen dieses Resultat mit der *o ersten Oberflächlichkeit der Praxis in dem System des Staaten¬ gleichgewichts anzuwenden suchten, so begannen früher Macchia- velli, Campanella, später Hobbes, Spinoza, Hugo Grotius, bis zu Rousseau, Fichte, Hegel herab, den Staat aus menschlichen Augen zu betrachten und seine Naturgesetze aus der Vernunft und der a
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung 249 Erfahrung zu entwickeln, nicht aus der Theologie, so wenig als Kopernikus sich daran stieß, daß Josua der Sonne zu Gideon und dem Mond im Tale von A jalon stillezustehen geheißen. Die neueste Philosophie hat nur eine Arbeit weitergeführt, die schon 5 Heraklit und Aristoteles begonnen haben. Ihr polemisiert also nicht gegen die Vernunft der neuesten Philosophie, ihr polemisiert gegen die stets neue Philosophie der Vernunft. Allerdings, die Unwissenheit, die vielleicht gestern oder vorgestern in der „Rhei¬ nischen“ oder „Königsberger Zeitung“ zum erstenmal die uralten 10 Staatsideen auf fand, diese Unwissenheit hält die Ideen der Ge¬ schichte für übernächtige Einfälle einzelner Individuen, weil sie ihr neu und über Nacht gekommen sind; sie vergißt, daß sie selbst die alte Rolle des Doktors der Sorbonne übernimmt, der den Montesquieu öffentlich anzuklagen für seine Pflicht hielt, weil 15 Montesquieu so frivol war, die politische statt der Tugend der Kirche für die höchste Staatsqualität zu erklären; sie vergißt, daß sie die Rolle des Joachim Lange übernimmt, der den Wolf denun¬ zierte, weil seine Lehre von der Prädestination die Desertion der Soldaten und damit die Lockerung der militärischen Disziplin 20 und endlich die Auflösung des Staats herbeiführen werde; sie ver¬ gißt endlich, daß das preußische Landrecht aus der Philosophen¬ schule eben „dieses Wolfes“ und der französische Code Napoleon nicht aus dem alten Testament, sondern aus der Ideenschule der Voltaire, Rousseau, Condorcet, Mirabeau, Montesquieu und aus 25 der französischen Revolution hervorgegangen ist. Die Unwissen¬ heit ist ein Dämon, wir fürchten, sie wird noch manche Trauer¬ spiele auf führen; mit Recht haben die größten griechischen Dichter sie in den furchtbaren Dramen der Königshäuser von Mycene und Theben als das tragische Geschick dargestellt. so Wenn aber die früheren philosophischen Staatsrechtslehrer aus den Trieben, sei es des Ehrgeizes, sei es der Geselligkeit, oder zwar aus der Vernunft, aber nicht aus der Vernunft der Gesell¬ schaft, sondern aus der Vernunft des Individuums den Staat konstruierten: so die ideellere und gründlichere Ansicht der 35 neuesten Philosophie aus der Idee des Ganzen. Sie betrachtet den Staat als den großen Organismus, in welchem die.rechtliche, sitt¬ liche und politische Freiheit ihre Verwirklichung zu erhalten hat und der einzelne Staatsbürger in den Staatsgesetzen nur den Naturgesetzen seiner eigenen Vernunft, der menschlichen Ver- 40 nunft gehorcht. Sapienti sat. Zum Schlüsse wenden wir uns noch einmal mit einem philo¬ sophischen Abschiedsworte an die „Kölnische Zeitung“. Es war vernünftig von ihr, einen Liberalen „von ehedem“ sich anzu¬ eignen. Man kann auf die bequemste Art liberal und reaktionär 45 zugleich sein, wenn man nur stets so geschickt ist, sich an die
250 Aus der Rheinischen Zeitung Liberalen der jüngsten Vergangenheit zu adressieren, die kein anderes Dilemma kennen als das des Vidocq „Gefangener oder Gefangenenwärter“. Es war noch vernünftiger, daß der Liberale der jüngsten Vergangenheit die Liberalen der Gegenwart be¬ kämpfte. Ohne Parteien keine Entwicklung, ohne Scheidung kein « Fortschritt. Wir hoffen, daß mit dem leitenden Artikel in Nr. 179 für die „Kölnische Zeitung“ eine neue Ära begonnen hat, die Ära des Charakters.
Das philosophische Manifest der historischen Rechts¬ schule [RhZ 9. Aug. 1842. Nr. 221, Beiblatt. Manuskript in Privatbesitz, Köln] s *** Die vulgäre Ansicht betrachtet die historischeSchule als Reaktion gegen den frivolen Geist des acht¬ zehnten Jahrhunderts. Die Verbreitung dieser Ansicht steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Wahrheit. Das achtzehnte Jahrhundert hat vielmehr nur ein Produkt erzeugt, dessen /»wesentlicher Charakter die Frivolität ist, und dies einzig frivole Produkt ist die historische Schule. Die historische Schule hat das Quellenstudium zu ihrem Schi- boleth gemacht, sie hat ihre Quellenliebhaberei bis zu dem Extrem gesteigert, daß sie dem Schiffer anmutet, nicht auf dem Strome, is sondern auf seiner Quelle zu fahren, sie wird es billig finden, daß wir auf ihre Quelle zurückgehen, auf Hugos Na¬ turrecht. Ihre Philosophie geht ihrer Entwickelung voraus, man wird daher in ihrer Entwickelung selbst vergeb¬ lich nach Philosophie suchen. 20 Eine gangbare Fiktion des achtzehnten Jahrhunderts be¬ trachtete den Naturzustand als den wahren Zustand der mensch¬ lichen Natur. Man wollte mit leiblichen Augen die Idee des Menschen sehen und schuf Naturmenschen, Papagenos, deren Naivität sich bis auf ihre befiederte Haut erstreckt. In den 25 letzten Dezennien des achtzehnten Jahrhunderts ahnte man Ur¬ weisheit bei Naturvölkern, und von allen Enden hörten wir Vogelsteller die Sangweisen der Irokesen, Indianer usw. nach- zwitschem, mit der Meinung, durch diese Künste die Vögel selbst in die Falle zu locken. Allen diesen Exzentritäten lag der richtige io Gedanke zugrunde, daß die rohen Zustände naive nieder¬ ländische Gemälde der wahren Zustände sind. Der Naturmensch der historischen Schule, den noch keine romantische Kultur beleckt, ist Hug o. Sein Lehr¬ buch des Naturrechts ist das alte Testament der 35 historischen Schule. Herders Ansicht, daß die Naturmenschen Poeten und die heiligen Bücher der Naturvölker poe¬ tische Bücher sind, steht uns nicht im Wege, obgleich Hugo die allertrivialste, allemüchtemste Prosa spricht, denn wie jedes Jahrhundert seine eigentümliche Natur besitzt, so zeugt es seine .-»eigentümlichen Naturmenschen. Wenn Hugo daher nicht dich¬ tet, so fingiert er doch, und die Fiktion ist die Poesie
252 Aus der Rheinischen Zeitung der Prosa, die der prosaischen Natur des achtzehnten Jahr¬ hunderts entspricht. Indem wir aber Herm Hugo als Ältervater und Schöpfer der historischen Schule bezeichnen, handeln wir in ihrem eigenen Sinne, die das Festprogramm des berühmtesten histo- 5 rischen Juristen zu Hugos Jubiläum beweist. Indem wir Herrn Hugo als ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts begreifen, ver¬ fahren wir sogar im Geist des Herm Hugo, wie er selbst be¬ zeugt, indem er sich für einen Schüler Kants und sein Natur¬ recht für einen Sprößling der kantischen Philosophie 10 ausgibt. Wir nehmen sein Manifest an diesem Punkte auf. Hugo mißdeutet den Meister Kant dahin, daß, weil wir das Wahre nicht wissen können, wir konsequenterweise das Unwahre, wenn es nur existiert, für vollgültig pas¬ sieren lassen. Hugo ist ein Skeptike r gegen das notwen-15 dige Wesen der Dinge, um ein Hoffmann gegen ihre zu- fällige Erscheinung zu sein. Er sucht daher keineswegs zu beweisen, daß das Positive vernünftig sei; er sucht zu beweisen, daß das Positive nicht vernünftig sei. Aus allen Weltgegenden schleppt er mit selbstgefälliger In- 20 dustrie Gründe herbei, um zur Evidenz zu steigern, daß keine vernünftige Notwendigkeit die positiven Institutionen, z. B. Eigen¬ tum, Staatsverfassung, Ehe etc. beseelt, daß sie sogar der Ver¬ nunft widersprechen, daß sich höchstens dafür und da¬ gegen schwatzen lasse. Man darf diese Methode keines- 25 wegs seiner zufälligen Individualität vorwerfen; es ist vielmehr die Methode seines Prinzips, es ist die offen¬ herzige, die naive, die rücksichtslose Methode der historischen Schule. Wenn das Positive gelten soll, weil es positiv ist, so muß ich beweisen, daß das Positivem nicht gilt, weil es vernünftig ist, und wie könnte ich dies evidenter als durch den Nachweis, daß das Unvernünftige positiv und das Positive nicht vernünftig ist? daß das Positive nicht durch die Vernunft, sondern trotz der Vernunft exi¬ stiert? Wäre die Vernunft der Maßstab des Po si-35 tiven, so wäre das Positive nicht der Maßstab der Vernunft. „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!“ Hugo entheiligt daher alles, was dem rechtlichen, dem sitt¬ lichen, dem politischen Menschen heilig ist, aber er zerschlägt diese Heiligen nur, um ihnen den historischen R e 1 i - /0 quiendienst erweisen zu können, er schändet sie vor den Augen der Vernunft, um sie hinterher zu Ehren zu bringen vor den Augen der Historie, zugleich aber auch, um die historischen Augen zu Ehren zu bringen. Wie das Prinzip, so ist die Argumentation Hugos 15
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 253 positiv, d. h. unkritisch. Er kennt keine Unter¬ schiede. Jede Existenz gilt ihm für eine Autorität, jede Autorität gilt ihm für einen Grund. So werden denn zu einem Paragraphen zitiert Moses und Voltaire, Richard- 5son und Homer, Montaigne und Ammon, Rousseaus contrat social und Augustinus de civitate dei. Gleich nivellierend wird mit den Völkern verfahren. Der S i a - mite, der es für ewige Naturordnung hält, daß sein König einem Schwätzer den Mund zunähen und einem unbeholfenen Redner 10 ihn bis an die Ohren auf schneiden läßt, ist nach Hugo so po s i- tiv als der Engländer, der es zu den politischen Paradoxien zählt, daß sein König eigenmächtig eine Auflage von einem Pfennig ausschreiben werde. Der schamlose Con ci, der nackt umherläuft und sich höchstens mit Schlamm bedeckt, ist so posi- 15 tiv als der Franzose, der sich nicht nur kleidet, sondern elegant kleidet. Der Deutsche, der seine Tochter als das Kleinod der Familie erzieht, ist nicht positiver als der Ras¬ bute, der sie tötet, um sich der Nahrungssorge für sie zu über¬ heben. Mit einem Worte: der Hautausschlag ist so 2o positiv als die Haut. An einem Ort ist das positiv, am anderen jenes, eines ist so un¬ vernünftig als das andere, unterwirf dich dem, was in deinen vier Pfählen positiv ist. Hugo ist also vollendeter Skeptiker. Die Skepsis 25 des achtzehnten Jahrhunderts gegen die Vernunft des Bestehenden erscheint bei ihm als Skepsis gegen das Bestehen der Vernunft. Er adoptiert die Auf¬ klärung, er sieht in dem Positiven nichts Ver¬ nünftiges mehr, aber nur, um in dem Vernünf- jötigen nichts Positives mehr sehen zu dürfen. Er meint, man habe den Schein der Vernunft an dem Positiven ausgeblasen, um das Positive ohne den Schein der Vernunft anzuerkennen ; er meint, man habe die falschen Blumen an den Ketten zerpflückt, um echte Ketten ohne Blumen 35 zu tragen. Hugo verhält sich zu den übrigen Aufklärern des achtzehnten Jahrhunderts, wie sich etwa die Auflösung des französischen Staates am liederlichen Hofe des Re¬ genten zur Auflösung des französischen Staates in der Na- Mtionalversammlung verhält. Auf beiden Seiten Auflösung! Dort erscheint sie als liederliche Frivolität, welche die hohle Ideenlosigkeit der bestehenden Zustände begreift und ver¬ spottet, aber nur, um, aller vernünftigen und sittlichen Bande quitt, ihr Spiel mit den faulen Trümmern zu treiben und vom Spiel ^derselben getrieben und aufgelöst zu werden. Es ist die Ver* Marx-Engels-Cesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 22
254 Aus der Rheinischen Zeitung faulung der damaligen Welt, die sich selbst genießt. In der Nationalversammlung dagegen er¬ scheint die Auflösung als Loslösung des neuen Geistes von alten Formen, die nicht mehr wert und nicht mehr fähig waren, ihn zu fassen. Es ist das Selbst- « gefühl des neuen Lebens, welches das Zertrüm¬ merte zertrümmert, das Verworfene verwirft. Ist daher Kants Philosophie mit Recht als die deut¬ sche Theorie der französischen Revolution zu betrachten, so Hugos Naturrecht als die deutsche Theorie des« französischen ancien régime. Wir finden bei ihm die ganze Fri¬ volität jener Roués wieder, die gemeine Skepsis, welche, frech gegen Ideen, allerdevotest gegen Handgreiflich¬ keiten, erst ihre Klugheit empfindet, wenn sie den Geist des Positiven erlegt hat, um nun das rein Positive als Residuum zu be- « sitzen und in diesen tierischen Zuständen behaglich zu sein. Selbst wenn Hugo die Schwere der Gründe abwägt, so wird er mit unfehlbar sicherem Instinkt das Vernünftige und Sitt¬ liche an den Institutionen bedenklich für die Vernunft finden. Nur das Tierische erscheint seiner Vernunftw als das Unbedenkliche. Doch hören wir unseren Aufklärer vom Standpunkt des ancien régime! Man muß Hugos Ansichten von Hugo hören. Zu allen seinen Kombinationen gehört ein: avroç ê<pa. Introduktion „Das einzige juristische Unterscheidungs¬ merkmal des Menschen ist seine tierische Natur.“ Das Kapitel von der Freiheit „Selbst dies ist eine Einschränkung der Freiheit (sc. des vernünftigen Wesens), daß es nicht nacha« Belieben aufhören kann, ein vernünftiges Wesen zu sein, d. h. ein Wesen, das vernünftig handeln kann und soll.“ „Die Unfreiheit ändert an der tierischen und vernünf¬ tigen Natur des Unfreien und anderer Menschen 35 nichts. Die Gewissenspflichten bleiben alle. Die Sklaverei ist nicht nur physisch möglich, sondern auch, sie ist nach der Vernunft möglich, und bei jeder Forschung, die uns das Gegenteil lehrt, muß irgend ein Mißverständnis mit unterlaufen. Peremptorisch rechtlich ist sie freilich 40 nicht, d. h. sie folgt nicht aus der tierischen Natur, nicht aus der
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 255 vernünftigen und nicht aus der bürgerlichen. Daß sie aber s o gut provisorisches Recht sein kann als irgend etwas von den Gegnern Zugegebenes, ergibt die Vergleichung mit dem Privatrechte und mit dem öffentlichen 5 Rechte.“ Beweis: „In Ansehung der tierischen Natur ist der offenbar mehr vor Mangel gesichert, welcher einem Reichen gehört, der etwas mit ihm verliert und seine Not gewahr wird, als der Arme, welchen seine Mitbürger benutzen, solange etwas an ihm zu benutzen ist etc.“ „Das Recht, servi zu mißhandeln 10 und zu verstümmeln, ist nicht wesentlich, und wenn es auch stattfindet, so ist es nicht viel schlimmer als das, was sich die Armen gefallen lassen, und was den Kör¬ per betrifft, nicht so schlimm als der Krieg, von welchem servi als solche überall frei sein müssen. Die Schönheit so- 15 gar findet sich eher bei einer zirkassischen Sklavin als bei einem Bettlermädche n.“ (Hört den Alten !1} ) „Für die vernünftige Natur hat die servitus vor der Armut den Vorzug, daß viel eher der Eigentümer an den Unter¬ richt eines servus, der Fähigkeiten zeigt, selbst aus wo hiver- gestandener Wirtschaft, etwas wenden wird, als dies bei einem Bettlerkinde der Fall ist. In einer Verfassung bleibt gerade der servus mit sehr vielen Arten des Druckes verschont. Ist der Sklave unglücklicher als der Kriegsgefangene, den seine Bedeckung weiter gar nichts angeht, als daß sie eine Zeitlang für 25 ihn verantwortlich ist, unglücklicher als der Baugefangene, über welchen die Regierung einen Aufseher gesetzt hat.“ „Ob die Sklaverei an sich der Fortpflanzung vorteil¬ haft oder nachteilig sei, darüber streitet man noch.“ Das Kapitel von der Ehe *) so „Die Ehe ist schon oft bei der philosophischen Be¬ trachtung des positiven Rechtes für viel wesentlicher und der Vernunft viel gemäßer angesehen worden, als sie bei einer ganz freien Prüfung erscheint.“ Zwar die Befriedigung des Geschlechtstriebs in der Ehe 35 konveniert Herrn Hugo. Er leitet sogar eine heilsameMoral aus diesem Faktum: „Hieraus, wie aus unzähligen anderen Ver¬ hältnissen hätte man sehen sollen, daß es nicht immer un¬ sittlich sei, den Körper eines Menschen als ein Mittel zu einem Zweck zu behandeln, wie man, und io auch wohl Kant selbst, diesen Ausdruck falsch verstanden x) Im Manuskript Alten! korr, aus alten Roué! ’) Dieser Abschnitt über die Ehe wurde von der Zensur gestrichen; der Ab¬ druck erfolgt nach dem Ms. Siehe Einleitung des Herausgebers. 22e
256 Aus der Rheinischen Zeitung hat.“ Aber die Heiligung des Geschlechtstriebs durch die Aus¬ schließlichkeit, die Bändigung des Triebs durch die Ge¬ setze, die sittliche Schönheit, die das Naturgebot zu einem Moment geistiger Verbindung idealisiert — das geistige Wesen der Ehe — das eben ist dem Herm Hugo das Bedenk- 5 liehe an der Ehe. Doch ehe wir weiter seine frivole Schamlosigkeit verfolgen, hören wir einen Augenblick dem historischen Deutschen gegenüber den französischen Philosophen. „C’est en renonçant pour un seul homme à cette réserve mystérieuse, dont la règle divine est imprimée dans 10 son cœur, que la femme se voue à cet homme, pour lequel elle suspend, dans un abandon momentané, cette pudeur, qui ne la quitte jamais; pour lequel seul elle écarte des voiles qui sont d’ailleurs son asile et sa parure. De là cette confiance intime dans son époux, résultat d’une relation exclusive, qui ne peut 15 exister qu’entre elle et lui, sans qu’aussitôt elle se sente flétrie; de là dans cet époux la reconnaissance pour un sacrifice .et ce mélange de désir et de respect pour un être qui, même en parta¬ geant ses plaisirs, ne semble encore que lui céder; de là tout ce qu’il y a de régulier dans notre ordre social.“ Also der 20 liberale philosophische Franzose Benjamin Constant! Und nun hören wir den servilen, historischen Deutschen: „Viel bedenklicher ist schon die zweite Beziehung, daß außer der Ehe die Befriedigung dieses Triebes nicht erlaubt ist! Die tierische Natur ist dieser 25 Einschränkung zuwider. Die vernünftige Natur ist es noch mehr, weil . . . man rate! . . . weil ein Mensch bei¬ nahe allwissend sein müßte, um vorauszusehen, welchen Erfolg es haben werde, weil es also Gott versuchen heißt, wenn man sich verpflichtet, einen der heftigsten Naturtriebe nur 30 dann zu befriedigen, wenn es mit einer bestimmten anderen Per¬ son geschehen kann!“ „Das seiner Natur nach freie Gefühl des Schönen soll gebunden und, was von ihm abhängt, soll völlig davon losgerissen werden.“ Seht ihr, in welche Schule unsere Jungdeutschen gegangen sind ! 35 „Gegen die bürgerliche Natur stößt diese Einrichtung insofern an, als . . . endlich die Polizei eine fast kaum zu lösende Aufgabe übernimmt ! “ Ungeschickte Philo¬ sophie, keine solche Aufmerksamkeiten gegen die Polizei zu handhaben ! 40 „Alles, was in der Folge von den näheren Bestimmungen des Eherechts vorkommen wird, lehrt uns, daß die Ehe, mag man da¬ bei Grundsätze annehmen, welche man will, eine sehr un¬ vollkommene Einrichtung bleibt.“ „Diese Einschränkung des Geschlechtstriebs auf die Ehe hat 45
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 257 aber auch ihre wichtigen Vorteile, indem — dadurch gewöhnlich ansteckende Krankheiten vermieden werden. Der Regierung erspart die Ehe gar viel W e i t - läuftigkeit. Endlich tritt dann noch die überall so wich- 5tige Betrachtung ein, daß hierin das Privatrechtliche nun schon einmal das einzig-gewöhnliche ist.“ „Fichte sagt: Die unverheiratete Person ist nur zur Hälfte ein Mensch. Da tut es mir (sc. Hugo) aber ordentlich leid, einen solchen schönen Ausspruch, wodurch ja auch ich über Christus, 10 Fénelon, Kant, Hume zu stehen käme, für eine ungeheure Übertreibung erklären zu müssen.“ „Was die Mono- und Polygamie betrifft, so kommt es dabei offenbar auf die tierische Natur des Menschen an“!! Das Kapitel von der Erziehung 15 Wir erfahren sogleich: „Daß die Erziehungskunst gegen die darauf (sc. Erziehung in der Familie) sich beziehenden juristi¬ schen Verhältnisse nicht weniger einzuwenden hat als die Kunst zu lieben gegen die Ehe.“ „Die Schwierigkeit, daß man nur in einem solchen Verhältnis 20 erziehen darf, ist zwar hier lange nicht so bedenklich wie bei der Befriedigung des Geschlechtstriebs, auch um deswillen, weil es erlaubt ist, die Erziehung vertragsweise einem Dritten zu über¬ lassen, also, wer einen so großen Trieb fühlte, sehr leicht dazu kommen könnte, ihn zu befriedigen, nur freilich nicht gerade an 26 der bestimmten Person, die er sich wünschte. Indes ist auch schon dies der Vernunft zuwider, daß jemand, dem gewiß nie ein Kind anvertraut werden würde, kraft eines solchen Ver¬ hältnisses erziehen und andere von der Erziehung aus¬ schließen darf.“ „Endlich tritt dann auch hier ein Zwang ein, 30 teils insofern dem Erziehenden im positiven Recht gar oft nicht erlaubt wird, dieses Verhältnis aufzugeben, teils inso¬ fern der zu Erziehende genötigt ist, sich gerade von diesem er¬ ziehen zu lassen.“ „Die Wirklichkeit dieses Verhältnisses beruht meistens auf dem bloßen Zufall der Geburt, welche auf den 35 Vater durch die Ehe bezogen sein muß. Diese Ent¬ stehungsart ist offenbar nicht sehr vernünftig, auch um des¬ willen, weil hier gewöhnlich eine Vorliebe eintritt, welche allein schon einer guten Erziehung im Wege steht, und daß sie dann doch nicht durchaus notwendig ist, sieht man daraus, weil w ja auch Kinder erzogen werden, deren Eltern bereits gestorben sind.“
258 Aus der Rheinischen Zeitung Das Kapitel vom Privatrecht § 107 werden wir belehrt, daß die „Notwendigkeit des Privatrechtes überhaupt eine vermeinte sei“. Das Kapitel vom Staaisrecht „Es ist eine heilige Gewissenspflicht, der 0 b r i g - « keitzu gehorchen, welche die GewaltinHänden hat.“ „Was die Verteilung der Regierungsgewalt betrifft, so ist zwar keine einzelne Verfassung peremptorisch rechtlich; aber provisorisch rechtlich ist jede, die Regie¬ rungsgewalt sei verteilt, wie sie wolle.“ w Hat Hugo nicht bewiesen, daß der Mensch auch die letzte Fessel der Freiheit abwerfen kann, nämlich die, ein ver¬ nünftiges Wesen zu sein? Diese wenigen Exzerpte aus dem philosophischen ManifestderhistorischenSchule reichen Ein, glauben « wir, um ein historisches Urteil über diese Schule an die Stelle un¬ historischer Einbildungen, unbestimmter Gemütsträume und ab¬ sichtlicher Fiktionen zu setzen; sie reichen hin, um zu entscheiden, ob Hugos Nachfolger den Beruf haben, die Gesetz¬ geber unserer Zeit zu sein. 20 Allerdings ist dieser rohe Stammbaum der historischen Schule im Laufe der Zeit und der Kultur von dem Rauch¬ werke der Mystik in Nebel gehüllt, von der Romantik phantastisch ausgeschnitzelt, von der Spekulation inokuliert worden, und die vielen gelehrten Früchte hat man vom Baume as geschüttelt, getrocknet und prahlerisch in der großen Vorrats¬ kammer deutscher Gelehrsamkeit auf gespeichert; allein es gehört wahrlich nur wenig Kritik dazu, um hinter all den wohl¬ riechenden modernen Phrasen die schmutzigen alten Einfälle unseres Aufklärers des ancien régime und hinter all der über- 30 schwenglichen Salbung seine liederliche Trivialität wieder zu er¬ kennen. Wenn Hugo sagt: „Das Tierische ist das juristische Unterscheidungsmerkmal des Menschen“, also: das Recht ist tierisches Recht, so sagen die gebildeten Modernen für3s das rohe, offenherzige „tierisch“ etwa „organisches“ Recht, denn wem fällt beim Organismus auch gleich der tie¬ rische Organismus ein? Wenn Hugo sagt, daß in der Ehe und den anderen sittlich-rechtlichen Institutionen keine Vernunft ist, so sagen die modernen Herren, diese Institu- tionen seien zwar keine Bildungen der menschlichen
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 259 Vernunft, aber Abbilder einer höheren „positiven“ Vernunft, und so durch alle übrigen Artikel. Nur e i n Resultat sprechen alle gleich roh aus: Das Recht der willkür¬ lichen Gewalt. 5 Hallers, Stahls, Leos und der Gleichgesinnten juri¬ stische und historische Theorien sind nur als Codices rescripti des hugonischen Naturrechts zu betrachten, die nach einigen Operationen der kritischen Scheidekunst den alten Ur- text wieder leserlich hervortreten lassen, wie wir bei gelegener 10 Zeit weiter dartun wollen. Um so vergeblicher bleiben alle Verschönerungs- künste, als wir das alte Manifest noch besitzen, das, wenn auch nicht verständig, doch immerhin sehr verständ¬ lich ist.
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung [RhZ 16. Okt. 1842. Nr. 289] Köln, 15. Oktober. Die Nr. 284 der Augsburger Zeitung ist so ungeschickt, in der Rheinischen Zeitung 5 eine preußische Kommunistin zu entdecken, zwar keine wirkliche Kommunistin, aber doch immer eine Person, die mit dem Kommunismus phantastisch kokettiert und platonisch lieb¬ äugelt. Ob diese unartige Phantasterei der Augsburgerin uneigen-10 nützig, ob diese müßige Gaukelei ihrer aufgeregten Einbildungs¬ kraft mit Spekulationen und diplomatischen Geschäften zusam¬ menhängt, mag der Leser entscheiden — nachdem wir das angeb¬ liche corpus delicti vorgeführt haben. Die Rheinische Zeitung, erzählt man, habe einen kommunisti- 15 sehen Aufsatz über die Berliner Familienhäuser in ihr Feuilleton auf genommen und mit folgender Bemerkung begleitet: Diese Mitteilungen „dürften für die Geschichte dieser wichtigen Zeitfrage nicht ohne Interesse sein“; folgt daher nach der Augsburger Logik, daß die Rheinische Zei- 20 tung „dergleichen ungewaschenes Zeug empfeh¬ lend aufgetisch t“. Also wenn ich z. B. sage: „folgende Mit¬ teilungen des »Mefistofeles« über den inneren Haushalt der Augs¬ burger Zeitung dürften nicht ohne Interesse für die Ge¬ schichte dieser wichtigtuenden Dame sein“, so empfehle ich die 25 schmutzigen „Zeuge“, aus denen die Augsburgerin ihre bunte Garderobe zusammenschneidet? Oder sollten wir den Kom¬ munismus schon deshalb für keine wichtige Zeitfrage halten, weil er keine courfähige Zeitfrage ist, weil er schmutzige Wäsche trägt und nicht nach Rosenwasser duftet? 30 Allein mit Recht grollt die Augsburgerin unserem Mißverstand. Die Wichtigkeit des Kommunismus besteht nicht darin, daß er eine Zeitfrage von höchstem Emst für Frankreich und England bildet. Der Kommunismus besitzt die europäische Wich¬ tigkeit, von der Augsburger Zeitung zu einer Phrase benutzt 35 worden zu sein. Einer ihrer Pariser Korrespondenten, ein Kon¬ vertit, der die Geschichte behandelt wie ein Konditor die Botanik, hat jüngst einmal den Einfall gehabt: die Monarchie müsse die sozialistisch-kommunistischen Ideen in ihrer Weise sich anzu-
Tafel Vil Eine Seite der Rheinischen Zeitung mit dem ersten nachthernahme der Redaktion von Marx veröffentlichten Artikel ..Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung 261 eignen suchen. Versteht ihr nun den Unmut der Augsburgerin, die uns nie verzeihen wird, daß wir den Kommunismus in seiner ungewaschenen Nacktheit dem Publikum bloßgestellt; ver¬ steht ihr die verbissene Ironie, die uns zuruft: so empfehlt 5 ihr den Kommunismus, der schon einmal die glückliche Eleganz besaß, eine Phrase der Augsburger Zeitung zu bilden! Der zweite Vorwurf, der die Rheinische Zeitung trifft, ist der Schluß eines Referats aus Straßburg über die bei dem dortigen Kongreß gehaltenen kommunistischen Reden, denn die beiden 10 Stiefschwestern hatten sich in die Beute so geteilt, daß der Rheinländerin die Verhandlungen und der Bayerin die Mahlzeiten der Straßburger Gelehrten zufielen. Die in- kriminierte Stelle lautet wörtlich also: Es ist heute mit dem Mittelstände so wie mit dem Adel im 15 Jahre 1789; damals nahm der Mittelstand die Privilegien des Adels in Anspruch und erhielt sie, heute verlangt der Stand, der nichts besitzt, teilzunehmen am Reichtume der Mittelklassen, die jetzt am Ruder sind. Der Mittelstand hat sich nun heute gegen eine 2o Überrumpelung besser vorgesehen als der Adel im Jahre 89, und es steht zu erwarten, daß das Problem auf friedlichem Wege wird gelöst werden. Daß Sieyès’ Prophezeiung eingetroffen und daß der tiers état Alles geworden ist und Alles sein will — Bülow-Cummerow, das 25 ehemalige Berliner politische Wochenblatt, Dr. Kosegarten, sämt¬ liche feudalistische Schriftsteller bekennen es mit wehmütigster Entrüstung. Daß der Stand, der heute nichts besitzt, am Reich¬ tum der Mittelklassen teilzunehmen verlangt, das ist ein Fak¬ tum, welches ohne das Straßburger Reden und trotz dem Augs- 3o burger Schweigen in Manchester, Paris und Lyon auf den Straßen jedem sichtbar umherläuft. Glaubt etwa die Augsburgerin, ihr Unwillen und ihr Schweigen widerlegten die Tatsachen der Zeit? Die Augsburgerin ist impertinent im Fliehen. Sie reißt aus vor verfänglichen Zeiterscheinungen und glaubt, der Staub, 35 den sie beim Ausreißen hinter sich aufwirbelt, sowie die ängst¬ lichen Schmähworte, welche sie auf der Flucht zwischen den Zäh¬ nen hinmurmelty blendeten und verwirrten die unbequeme Zeit¬ erscheinung wie den bequemen Leser. Oder grollt die Augsburgerin der Erwartung unseres Korre- 4o spondenten, die unleugbare Kollision werde sich „auf fried¬ lichem Wege“ lösen? Oder wirft sie uns vor, daß wir nicht so¬ fort ein probates Rezept verschrieben und einen sonnenklaren Be¬ richt über die unmaßgebliche Lösung des Problems dem über¬ raschten Leser in die Tasche spielten? Wir besitzen nicht die
262 Aus der Rheinischen Zeitung Kunst, mit einer Phrase Probleme zu bändigen, an deren Be¬ zwingung zwei Völker arbeiten. Aber liebste, beste Augsburgerin, Sie geben uns bei Gelegen¬ heit des Kommunismus zu verstehen, daß Deutschland jetzt arm ist an unabhängigen Existenzen, daß neun Zehntel der gebildete- 5 ren Jugend den Staat anbetteln um Brot für ihre Zukunft, daß unsere Ströme vernachlässigt, daß die Schiffahrt damiederliegt, daß unseren ehemals blühenden Handelsstädten der alte Flor fehlt, daß die freien Institutionen erst auf langsamem Wege in Preußen erstrebt werden, daß der Überfluß unserer Bevölkerung hilflos 10 umherirrt, um in fremden Nationalitäten als Deutsche unterzu¬ gehen, und für alle diese Probleme kein einziges Rezept, kein Ver¬ such, „klarer über die Mittel zur Ausführung“ der großen Tat zu werden, die uns von all diesen Sünden erlösen soll! Oder erwarten Sie keine friedliche Lösung? Fast scheint ein an- « derer Artikel derselben Nummer, von Karlsruhe datiert, dahin zu deuten, wo selbst in bezug auf den Zollverein die verfängliche Frage an Preußen gerichtet wird: „Glaubt man, eine solche Krisis würde vorübergehen wie eine Rau¬ ferei um das Tabakrauchen im Tiergarten?“ Der 20 Grund, den Sie für Ihren Unglauben debütieren, ist ein kommu¬ nistischer. „Nun lasse man eine Krisis über die Industrie losbrechen, lasse Millionen an Kapital verloren gehen, Tausende von Arbeitern brot¬ loswerde n.“ Wie ungelegen kam unsere „friedliche Er• m w a r t u n g“, da Sie einmal beschlossen hatten, eine blutige Krisis losbrechen zu lassen, weshalb wohl in Ihrem Artikel Großbritannien auf den demagogischen Arzt Dr. M’Douall, der nach Amerika ausgewandert, weil „m itdiesemkönigschen Geschlecht doch nichts anzufangen se i“, nach Ihrer 30 eigenen Logik empfehlend nachgewiesen wird. Eh’ wir uns von Ihnen trennen, möchten wir Sie noch vorüber¬ gehend auf Ihre eigene Weisheit aufmerksam machen, da es bei Ihrer Methode der Phrasen nicht wohl zu umgehen ist, harmloser¬ weise hie und da einen Gedanken zwar nicht zu haben, aber 35 eben deshalb auszusprechen. Sie finden, daß die Polemik des Herm Hennequin aus Paris gegen die Parzellierung des Grundbesitzes denselben mit den Autonomen in eine über¬ raschende Harmonie bringt! Die Überraschung, sagt Aristoteles, ist der Anfang des Philosophierens. Sie haben beim Anfang ge- m endet. Würde Ihnen sonst die überraschende Tatsache entgangen sein, daß kommunistische Grundsätze in Deutschland nicht von den Liberalen, sondern von Ihren reaktionären Freunden verbreitet werden? Wer spricht von Handwerkerkorporationen? Die ts
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung 263 Reaktionäre. Der Handwerkerstand soll einen Staat im Staate bil¬ den. Finden Sie es auffallend, daß solche Gedanken, modern aus- gedriickt, also lauten: „Der Staat soll sich in den Handwerker¬ stand verwandeln?“ Wenn dem Handwerker sein Stand der 5 Staat sein soll, wenn aber der moderne Handwerker, wie jeder moderne Mensch, den Staat nur als die all seinen Mitbürgern ge¬ meinsame Sphäre versteht und verstehen kann, wie wollen Sie anders beide Gedanken synthesieren als in einen Handwer¬ kerstaat? 10 Wer polemisiert gegen die Parzellierung des Grund¬ besitzes? Die Reaktionäre. Man ist in einer ganz kurz er¬ schienenen feudalistischen Schrift (Kosegarten über Parzellie¬ rung) so weit gegangen, das Privateigentum ein Vor¬ recht zu nennen. Das ist Fouriers Grundsatz. Sobald man 15 über die Grundsätze einig ist, läßt sich nicht über die Konsequen¬ zen und die Anwendung streiten? Die „Rheinische Zeitung“, die den kommunistischen Ideen in ihrer jetzigen Gestalt nicht einmal theoretischeWirklic fa¬ ke i t zugestehen, also noch weniger ihre praktische Ve r - söwirklichung wünschen oder auch nur für möglich halten kann, wird diese Ideen einer gründlichen Kritik unterwerfen. Daß aber Schriften, wie die von Leroux, Considérant und vor allen das scharfsinnige Werk Proudhons, nicht durch oberfläch¬ liche Einfälle des Augenblicks, sondern nur nach lang anhalten- 25 dem und tief eingehendem Studium kritisiert werden können, würde die Augsburgerin einsehen, wenn sie mehr verlangte und mehr vermöchte als Glacephrasen. Um so ernster haben wir solche theoretischen Arbeiten zu nehmen, als wir nicht mit der Augsburger übereinstimmen, welche die „Wirklichkeit“ der 30 kommunistischen Gedanken nicht bei Plato, sondern bei ihrem obskuren Bekannten findet, der nicht ohne Verdienst in einigen Richtungen wissenschaftlicher Forschung sein ganzes ihm damals zur Verfügung stehendes Vermögen hingab und sei¬ nen Verbündeten Teller und Stiefel nach dem Willen des Vaters 35 Enfantin putzte. Wir haben die feste Überzeugung, daß nicht der praktische Versuch, sondern die theoretische Aus¬ führung der kommunistischen Ideen die eigentliche Gefahr bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es1) Versuche in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie ge- 4o fährlich werden, aber Ideen, die unsere Intelligenz besiegt, die unsere Gesinnung erobert, an die der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen, das sind Dämonen, welche der Mensch nur besiegen kann, indem er sich ihnen unterwirft. Doch 9 In der RhZ Druckfehler seien
264 Aus der Rheinischen Zeitung die Augsburger Zeitung hat die Gewissensangst, welche eine Rebellion der subjektiven Wünsche des Menschen gegen die objektiven Einsichten seines eigenen Verstandes hervorruft, wohl nie kennen gelernt, da sie weder eigenen Verstand noch eigene Einsichten noch auch ein eigenes 5 Gewissen besitzt. [RhZ 23. Okt. 1842. Nr. 296. Redaktionelle Erklärung am Schluß des Hauptblattes] Köln, 22. Oktober. Infolge des in Nr. 292 der Rheinischen Zeitung aus der Mannheimer Abendzeitung abgedruckten Ar¬ tikels „aus Pfalz, 12. Oktober“, der mit den Worten beginnt: Ich 10 war wirklich überrascht, als ich gestern in der „Augsburger All¬ gemeinen Zeitung“ einen aus Aachener Blättern entlehnten Ar¬ tikel (über Kommunismus) abgedruckt fand, der wahrhaftig in dem sonst so gut alimentierten Blatte keine Aufnahme verdient, — bringt die Aachener Zeitung Nr. 293 eine Erwiderung, deren 15 auszugsweise Mitteilung wir, infolge eines speziellen Wunsches von Seiten der Redaktion dieser Zeitung, unseren Lesern durchaus nicht vorenthalten wollen, um so mehr, da sie uns erwünschte Ge¬ legenheit zu einer nachträglichen Berichtigung gibt. Die „Aachener Zeitung“ traut der Rheinischen mit Recht zu, „daß sie wissen 20 konnte, daß die Augsburger Allgemeine Zeitung nur einige Stel¬ len aus ihrem Artikel über die Kommunisten (Nr. 277 der Aache¬ ner Zeitung) herausgerissen und ihre Bemerkungen hinzugefügt hatte, welche dem Aufsatze freilich eine andere Gestalt ver¬ liehen“. Wie gesagt, die Rheinische Zeitung wußte nicht nur die- 25 ses, sondern sie wußte auch, daß die Aachener Zeitung ganz un¬ schuldig war an jenen faden, von der Augsburger Zeitung Nr. 284 listig zusammengestellten Bruchstücken, mit denen es nur auf die Rheinische Zeitung abgesehen war, und darum zog sie auch bei ihrer Abfertigung der Augsburger Zeitung in Nr. 289 die Aache- 30 ner Zeitung, wie es sich gebührte, nicht in den Kreis der Debatte. Wenn nun aber ein Mann in der Pfalz durch die gesperrte Über¬ schrift jenes Augsburger Artikels: „Wir lesen in Aache¬ ner Blättern“ zu einer falschen Annahme verleitet werden konnte, so liegt darin allerdings ein Fingerzeig, daß die Aachener 35 Zeitung solchem Mißverständnis der Augsburger Allgemeinen Zei¬ tung gegenüber schon hätte früher zuvorkommen können. Hatte die Rheinische Zeitung einmal jenen Augsburger Artikel ganz auf sich genommen, so konnte sie den beiläufigen Abdruck jener Notiz in der Mannheimer Abendzeitung wohl ohne Wegweiser passieren 40 lassen, da ja ihre Leser schon wußten, wohin das gehöre. Folgende Stellen des heutigen Artikels der Aachener Zeitung bedürfen kei¬ ner weiteren Bemerkung: „Sie weiß, daß wir nicht gegen irgend-
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung 265 eine freie Forschung sind, daß wir nicht Bestrebungen von Män¬ nern schwächen werden, welche sich das Wohl irgendeiner Klasse von Menschen angelegen sein lassen. Wir sind liberal gegen Alle, und das ist mehr, als die Masse manches Liberalismus bis 5 jetzt von sich sagen kann. Das aber haben wir gesagt, daß der Kommunismus bei uns keinen Grund und Boden finden kann, daß er dagegen in Frankreich und England eine natürliche Erschei¬ nung ist. Endlich haben wir hinzugefügt, selbst gegen kommu¬ nistische Bestrebungen in Deutschland nichts zu haben, uns wohl 10 aber entschieden gegen jede klubistische Verbrüderung der Art erklärt, wie dieselbe in Schlesien aufgetaucht sein soll. Die libe¬ ralen Ideen sind noch nicht so festgewurzelt bei uns, haben bei uns noch nicht solche Fortschritte gemacht, daß nicht jedes Stre¬ ben sorgfältig zu pflegen wäre. In der Regel sehen wir aber bei is uns die Blätter Einer Farbe viel zu wenig Hand in Hand mitein¬ ander gehen, ohne zu bedenken, daß niemals das Vereinzelte allen Raum ausfüllen, daß eine Gesamtwirkung nur erfolgen kann, wenn das Eine sich abwechselnd zum Träger und Verbreiter der Ideen des Anderen macht.“ Die Red. d. Rh. Z.
Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags Von einem Rheinländer Dritter Artikel *) Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz [RhZ 25. Okt. 1842. Nr. 298, Beiblatt] « *** Wir haben bisher zwei große Haupt- und Staatsaktionen des Landtags geschildert, seine Wirren in bezug auf die Pre߬ freiheit und seine Unfreiheit in bezug auf die Wirren. Wir spie¬ len jetzt auf ebener Erde. Bevor wir zu der eigentlich irdischen Frage in ihrer Lebensgröße, zu der Frage über Parzellierung des 10 Grundbesitzes übergehen, geben wir unserem Leser einige Genre¬ bilder, in denen der Geist und, wir möchten mehr noch sagen, das physische Naturell des Landtags sich mannigfach abspiegeln wird. Zwar verdiente das Holzdiebstahlsgesetz wie das Gesetz über Jagd-, Forst- und Feldfrevel nicht nur in bezug auf den Landtag, is sondern ebensosehr in bezug auf sich selbst besprochen zu wer¬ den. Allein der Gesetzentwurf liegt uns nicht vor. Unser Material beschränkt sich auf einige halb angedeutete Zusätze des Land¬ tags und seines Ausschusses zu Gesetzen, die nur als Paragraphen- nummem figurieren. Die landständischen Verhandlungen selbst m sind so durchaus kümmerlich, so zusammenhanglos und apokry- phisch1) mitgeteilt, daß die Mitteilung einer Mystifikation ähnlich sieht. Dürfen wir aus dem vorhandenen Torso urteilen, so hat der Landtag mit dieser passiven Stille unserer Provinz einen ehr¬ erbietigen Akt zustellen wollen. w Eine für die vorliegenden Debatten charakteristische Tatsache springt sofort in die Augen. Der Landtag tritt als ergänzen¬ der Gesetzgeber an die Seite des Staatsgesetzgebers. Es wird vom höchsten Interesse sein, an einem Beispiele die legisla¬ tiven Qualitäten des Landtags zu entwickeln. Der Leser wird von w diesem Gesichtspunkte aus verzeihen, wenn wir Geduld und Aus¬ dauer in Anspruch nehmen, zwei Tugenden, die bei Bearbeitung unseres sterilen Gegenstandes unausgesetzt zu üben waren. Wir stellen in den Debatten des Landtags über das Diebstahlsgesetz unmittelbar die Debatten des Landtags über seinen« Beruf zur Gesetzgebung dar. *) Wir bedauern, daß wir unseren Lesern den zweiten Artikel nicht haben mitteilen können. D. Red. d. Rh. Ztg. In der RhZ negokryphisch
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 267 Gleich im Beginn der Debatte opponiert ein Stadtdeputierter gegen die Überschrift des Gesetzes, wodurch die Kategorie „Diebstahl“ auf einfache Holzfrevel ausgedehnt wird. Ein Deputierter der Ritterschaft erwidert: „Daß eben, weil 5 man es nicht für einen Diebstahl halte, Holz zu entwenden, dies so häufig geschehe.“ Nach dieser Analogie müßte derselbe Gesetzgeber schließen: weil man eine Ohrfeige für keinen Totschlag hält, darum sind die Ohrfeigen so häufig. Man dekretiere also, daß eine Ohrfeige 10 ein Totschlag ist. Ein anderer Deputierter der Ritterschaft findet es „noch be¬ denklicher, das Wort ,Diebstahl6 nicht auszusprechen, weil die Leute, denen die Diskussion über dieses Wort bekannt würde, leicht zu dem Glauben veranlaßt werden könnten, als werde die is Entwendung von Holz auch von dem Landtage nicht dafür ge¬ halten“. Der Landtag soll entscheiden, ob er einen Holzfrevel für einen Diebstahl hält; aber wenn der Landtag einen Holzfrevel nicht für einen Diebstahl erklärte, könnten die Leute glauben, der Landtag 20 hielte wirklich einen Holzfrevel nicht für einen Diebstahl. Es ist also am besten, diese verfängliche Kontroversfrage auf sich be¬ ruhen zu lassen. Es handelt sich von einem Euphemismus, und man muß Euphemismen vermeiden. Der Waldeigentümer läßt den Gesetzgeber nicht zu Wort kommen, denn die Wände haben 25 Ohren. Derselbe Deputierte geht noch weiter. Er betrachtet diese ganze Untersuchung über den Ausdruck „Diebstahl“ als „eine be¬ denkliche Beschäftigung der Plenarversammlung mit Redak- t ions ve r be s s er un ge n“. so Nach diesen einleuchtenden Demonstrationen votierte der Landtag die Überschrift. Von dem eben empfohlenen Standpunkte aus, der die Ver¬ wandlung eines Staatsbürgers in einen Dieb für pure Redaktions¬ nachlässigkeit versieht und alle Opposition dagegen als gram- 35 matischen Purismus zurückweist, versteht es sich von selbst, daß auch das Entwenden von Raffholz oder Auflesen von trockenem Holz unter die Rubrik Diebstahl subsumiert und ebenso bestraft wird wie die Entwendung von stehendem grünen Holz. Der obenerwähnte Deputierte der Städte bemerkt zwar: „Da 4o sich die Strafe bis zu langem Gefängnis steigern könne, so führe eine solche Strenge Leute, die sonst noch auf gutem Wege wären, gerade auf den Weg des Verbrechens. Das geschehe auch da¬ durch, daß sie im Gefängnis mit Gewohnheitsdieben zusammen¬ kämen; er halte daher dafür, daß man das Sammeln oder Ent- 45 wenden von trockenem Raffholz bloß mit einer einfachen Polizei¬
268 Aus der Rheinischen Zeitung strafe belegen solle.“ Aber ein anderer Stadtdeputierter widerlegt ihn durch die tiefsinnige Anführung, „daß in den Waldungen seiner Gegend häufig junge Bäume zuerst bloß angehauen und, wenn sie dadurch verdorben, später als Raffholz behandelt würden.“ 5 Man kann unmöglich auf elegantere und zugleich einfachere Weise das Recht der Menschen vor dem Recht der jungen Bäume niederfallen lassen. Auf der einen Seite nach Annahme des Paragraphen steht die Notwendigkeit, daß eine Masse Menschen ohne verbrecherische Gesinnung von dem grünen Baum der Sitt-10 lichkeit abgehauen und als Raffholz der Hölle des Verbrechens, der Infamie und des Elendes zugeschleudert worden. Auf der anderen Seite nach Verwerfung des Paragraphen steht die Mög¬ lichkeit der Mißhandlung einiger junger Bäume, und es bedarf kaum der Anführung! die hölzernen Götzen siegen, und die n Menschenopfer fallen! Die hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung subsumiert unter dem Holzdiebstahl nur das Entwenden gehauenen Holzes und das diebische Holzhauen. Ja, unser Landtag wird es nicht glauben: „Wo aber jemandt bei Tag essendt Früchte nem, und damit durch so wegtragen derselben nit großen geuerlichen schaden thett, der ist nach gelegenhayt der personen und der sach bürgerlich (also nicht kriminell) zu straffen.“ Die hochnotpeinliche Halsgerichts¬ ordnung des 16. Jahrhunderts fordert uns auf, sie vor dem Tadel übertriebener Humanität gegen einen rheinischen Landtag des « 19. Jahrhunderts in Schutz zu nehmen, und wir folgen dieser Auf¬ forderung. Sammeln von Raffholz und der kombinierteste Holzdiebstahl! Eine Bestimmung ist beiden gemein. Das Aneignen fremden Holzes. Also ist beides Diebstahl. Darauf resümiert sich die 30 übersichtige Logik, die soeben Gesetze gab. Wir machen daher zunächst auf den Unterschied auf¬ merksam, und wenn man zugeben muß, daß der Tatbestand dem Wesen nach verschieden, so wird man kaum behaupten dürfen, daß er dem Gesetze nach derselbe sei. 3S Um grünes Holz sich anzueignen, muß man es gewaltsam von seinem organischen Zusammenhänge trennen. Wie dies ein offenes Attentat auf den Baum, so ist es durch denselben ein offenes Attentat auf den Eigentümer des Baumes. Wird ferner gefälltes Holz einem Dritten entwendet, so ist das gefällte Holz ein Produkt des Eigentümers. Gefälltes Holz ist schon formiertes Holz. An die Stelle des natürlichen Zusammen¬ hangs mit dem Eigentum ist der künstliche Zusammenhang ge¬ treten. Wer also gefälltes Holz entwendet, entwendet Eigentum. Beim Raffholz dagegen wird nichts vom Eigentum getrennt. «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 269 Das vom Eigentum getrennte wird vom Eigentum getrennt. Der Holzdieb erläßt ein eigenmächtiges Urteil gegen das Eigentum. Der Raffholzsammler vollzieht nur ein Urteil, was die Natur des Eigentums selbst gefällt hat, denn ihr besitzt doch nur den Baum, 5 aber der Baum besitzt jene Reiser nicht mehr. Sammeln von Raffholz und Holzdiebstahl sind also wesentlich verschiedene Sachen. Der Gegenstand ist verschieden, die Hand¬ lung in bezug auf den Gegenstand ist nicht minder verschieden, die Gesinnung muß also auch verschieden sein, denn welches ob- 10 jektive Maß sollten wir an die Gesinnung legen, wenn nicht den Inhalt der Handlung und die Form der Handlung? Und diesem wesentlichen Unterschiede zum Trotz nennt ihr beides Diebstahl und bestraft beides als Diebstahl. Ja, ihr bestraft das Raffholz¬ sammeln strenger als den Holzdiebstahl, denn ihr bestraft es is schon, indem ihr es für einen Diebstahl erklärt, eine Strafe, die ihr offenbar über den Holzdiebstahl selbst nicht verhängt. Ihr hättet ihn denn Holzmord nennen und als Mord bestrafen müssen. Das Gesetz ist nicht von der allgemeinen Verpflichtung entbunden, die Wahrheit zu sagen. Es hat sie doppelt, denn es ist der allge- 20 meine und authentische Sprecher über die rechtliche Natur der Dinge. Die rechtliche Natur der Dinge kann sich daher nicht nach dem Gesetze, sondern das Gesetz muß sich nach der rechtlichen Natur der Dinge richten. Wenn das Gesetz aber eine Handlung, die kaum ein Holzfrevel ist, einen Holzdiebstahl nennt, so lügt 25 das Gesetz, und der Arme wird einer gesetzlichen Lüge geopfert. „II y a deux genres de corruption, sagt Montesquieu, l’un lorsque le peuple n’observe point les lois; l’autre lorsqu’il est corrompu par les lois: mal incurable parce qu’il est dans le remède même.“ so So wenig es euch gelingen wird, den Glauben zu erzwingen: hier ist ein Verbrechen, wo kein Verbrechen ist, so sehr wird es euch gelingen, das Verbrechen selbst in eine rechtliche Tat zu verwandeln. Ihr habt die Grenzen verwischt, aber ihr irrt, wenn ihr glaubt, sie seien nur in eurem Interesse verwischt. Das Volk 35 sieht die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen, und weil es die Strafe sieht, wo kein Verbrechen ist, wird es schon darum kein Verbrechen sehen, wo die Strafe ist. Indem ihr die Kategorie des Diebstahls da anwendet, wo sie nicht angewendet werden darf, habt ihr sie auch da beschönigt, wo sie angewendet werden muß. 40 Und hebt sich diese brutale Ansicht, die nur eine gemeinschaft¬ liche Bestimmung in verschiedenen Handlungen festhält und von der Verschiedenheit abstrahiert, nicht selber auf? wenn jede Ver¬ letzung des Eigentums ohne Unterschied, ohne nähere Bestim¬ mung Diebstahl ist, wäre nicht alles Privateigentum Diebstahl? 45 schließe ich nicht durch mein Privateigentum jeden Dritten von MarX'EnffelB-Gesamtaasffabe. I. Abt.. Bd. 1. 1. Hbd. 23
270 Aus der Rheinischen Zeitung diesem Eigentum aus? verletze ich also nicht sein Eigentums¬ recht? wenn ihr den Unterschied wesentlich verschiedener Arten desselben Verbrechens verneint, so verneint ihr das Verbrechen als einen Unterschied vom Rechte, so hebt ihr das Recht selbst auf, denn jedes Verbrechen hat eine Seite mit dem Rechte * selbst gemein. Es ist daher ein ebenso historisches als vernünf¬ tiges Faktum, daß die unterschiedslose Härte allen Erfolg der Strafe aufhebt, denn sie hat die Strafe als einen Erfolg des Rechtes auf gehoben. Doch worüber streiten wir? Der Landtag verwirft zwar den w Unterschied zwischen Raffholzsammeln, Holzfrevel und Holzdieb¬ stahl. Er verwirft den Unterschied der Handlung als bestimmend für die Handlung, sobald es sich um das Interesse des Forstfrevlers, aber er erkennt ihn an, sobald es sich um das Interesse des Waldeigentümers handelt. is So schlägt der Ausschuß zusätzlich vor, „als erschwerende Umstände zu bezeichnen, wenn grünes Holz mittels Schneide¬ instrumenten abgehauen oder abgeschnitten und wenn statt der Axt die Säge gebraucht wird“. Der Landtag approbiert diese Unterscheidung. Derselbe Scharfsinn, der so gewissenhaft ist, in w seinem Interesse eine Axt von einer Säge, ist so gewissenlos, Raffholz von grünem Holz nicht im fremden Interesse zu unter¬ scheiden. Der Unterschied ist bedeutsam als erschwerender, aber er ist ohne alle Bedeutung als mildernder Umstand, obgleich ein erschwerender Umstand nicht möglich ist, sobald die mildernden 25 Umstände unmöglich sind. Dieselbe Logik wiederholt sich noch mehrmal im Verlauf der Debatte. Bei § 65 wünscht ein Abgeordneter der Städte, „daß auch der Wert des entwendeten Holzes als Maßstab zur Bestimmung 30 der Strafe angewendet werden möge“, „was vom Referenten als unpraktisch bestritten wird“. Derselbe Deputierte der Städte bemerkt zu § 66: „überhaupt werde im ganzen Gesetze eine Wertangabe, wodurch die Strafe erhöht oder ermäßigt werde, vermißt“. 3S Die Wichtigkeit des Wertes zur Bestimmung der Strafe bei Eigentumsverletzungen ergibt sich von selbst. Wenn der Begriff des Verbrechens die Strafe, so verlangt die Wirklichkeit des Verbrechens ein Maß der Strafe. Das wirkliche Verbrechen ist begrenzt. Die Strafe wird schon begrenzt sein 40 müssen, um wirklich, sie wird nach einem Rechtsprinzip begrenzt sein müssen, um gerecht zu sein. Die Aufgabe besteht darin, die Strafe zur wirklichen Konsequenz des Verbrechens zu machen. Sie muß dem Verbrecher also die notwendige Wirkung seiner eigenen Tat, daher als seine eigene Tat erscheinen. Die 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 271 Grenze seiner Strafe muß also die Grenze seiner Tat sein. Der bestimmte Inhalt, der verletzt ist, ist die Grenze des bestimm¬ ten Verbrechens. Das Maß dieses Inhaltes ist also das Maß des Verbrechens. Dieses Maß des Eigentums ist sein Wert. Wenn 5 die Persönlichkeit in jeder Grenze immer ganz, so ist das Eigen¬ tum immer nur in einer Grenze vorhanden, die nicht nur bestimm¬ bar, sondern bestimmt, nicht nur meßbar, sondern gemessen ist. Der Wert ist das bürgerliche Dasein des Eigentums, das logische Wort, in welchem es erst soziale Verständlichkeit und Mitteil- 10 barkeit erreicht. Es versteht sich, daß diese objektive, durch die Natur des Gegenstandes selbst gegebene Bestimmung ebenso eine objektive und wesentliche Bestimmung der Strafe bilden muß. Kann die Gesetzgebung hier, wo es sich um Zahlen handelt, nur äußerlich verfahren, um sich nicht in eine Endlosigkeit des Be- 15 stimmens zu verlaufen, so muß sie wenigstens regulieren. Es kommt nicht darauf an, daß die Unterschiede erschöpft, aber es kommt darauf an, daß sie gemacht werden. Dem Landtage aber kam es überhaupt nicht darauf an, seine vornehme Aufmerksam¬ keit solchen Kleinigkeiten zu widmen. 20 Glaubt ihr nun aber etwa schließen zu dürfen, der Landtag habe den Wert bei Bestimmung der Strafe vollständig ausge¬ schlossen? Unbesonnener, unpraktischer Schluß! Der Wald¬ eigentümer — wir werden dies später weitläufiger nehmen — läßt sich nicht nur den einfachen allgemeinen Wert vom Diebe er- 25 setzen; er stattet den Wert sogar mit individuellem Charakter aus und gründet auf diese poetische Individualität die Forderung be¬ sonderen Schadenersatzes. Wir verstehen jetzt, was der Referent unter praktisch versteht. Der praktische Waldeigentümer räsoniert also: Diese Gesetzesbestimmung ist gut, soweit sie mir 3o nützt, denn mein Nutzen ist das Gute. Diese Gesetzesbestimmung ist überflüssig, sie ist schädlich, sie ist unpraktisch, soweit sie aus purer theoretischer Rechtsgrille auch auf den Angeklagten an¬ gewandt werden soll. Da der Angeklagte mir schädlich ist, so versteht es sich von selbst, daß mir alles schädlich ist, was ihn 35 nicht zu größerem Schaden kommen läßt. Das ist praktische Weisheit. Wir unpraktische Menschen aber nehmen für die arme poli¬ tisch und sozial besitzlose Menge in Anspruch, was das gelehrte und gelehrige Bediententum der sogenannten Historiker als den m wahren Stein der Weisen erfunden hat, um jede unlautere An¬ maßung in lauteres Rechtsgold zu verwandeln. Wir vindizieren der Armut das Gewohnheitsrecht, und zwar ein Gewohn¬ heitsrecht, welches nicht lokal, ein Gewohnheitsrecht, welches das Gewohnheitsrecht der Armut in allen Ländern ist. Wir gehen 45 noch weiter und behaupten, daß das Gewohnheitsrecht seiner 23e
272 Aus der Rheinischen Zeitung Natur nach nur das Recht dieser untersten besitzlosen und elementarischen Masse sein kann. Unter den sogenannten Gewohnheiten der Privilegierten ver¬ steht man Gewohnheiten wider das Recht. Das Datum ihrer Geburt fällt in die Periode, worin die Geschichte der 5 Menschheit einen Teil der Naturgeschichte bildet und, die ägyptische Sage bewahrheitend, sämtliche Götter sich in Tier¬ gestalten verbergen. Die Menschheit erscheint in bestimmte Tier¬ rassen zerfallen, deren Zusammenhang nicht die Gleichheit, son¬ dern die Ungleichheit ist, eine Ungleichheit, welche die Gesetze 10 fixieren. Der Weltzustand der Unfreiheit verlangt Rechte der Un¬ freiheit, denn, während das menschliche Recht das Dasein der Freiheit, ist dies tierische Recht das Dasein der Unfreiheit. Der Feudalismus im weitesten Sinne ist das geistige Tier¬ reich, die Welt der geschiedenen Menschheit im Gegensatz zur Welt der sich unterscheidenden Menschheit, deren Ungleichheit nichts anderes ist als die Farbenbrechung der Gleichheit. In den Ländern des naiven Feudalismus, in den Ländern d<es Kasten¬ wesens, wo im wahren Sinne des Wortes die Menschheit verschub- kastet und die edlen, frei ineinander überfließenden Glieder des w großen Heiligen, des heiligen Humanus zersägt, zerkeilt, gewalt¬ sam auseinander gerissen sind, finden wir daher auch die A n - betung des Tieres, die Tierreligion in ursprünglicher Ge¬ stalt, denn dem Menschen gilt immer für sein höchstes Wesen, was sein wahres Wesen ist. Die einzige Gleichheit, die im wirk- 25 liehen Leben der Tiere hervortritt, ist die Gleichheit eines Tieres mit den anderen Tieren seiner bestimmten Art, die Gleichheit der bestimmten Art mit sich selbst, aber nicht die Gleichheit der Gattung. Die Tiergattung selbst erscheint nur in dem feindseligen Verhalten der verschiedenen Tierarten, die ihre besonderen 30 unterschiedenen Eigenschaften gegeneinander geltend machen. Im Magen des Raubtieres hat die Natur die Wahlstätte der Einigung, die Feueresse der innigsten Ver¬ schmelzung, das Organ des Zusammenhanges der verschiedenen Tierarten bereitet. Ebenso zehrt im Feudalismus die eine Rasse 35 an der anderen bis zu der Rasse herab, welche, ein Polyp, an die Erdscholle gewachsen, nur die vielen Arme besitzt, um den oberen Rassen die Früchte der Erde zu pflücken, während sie selbst Staub zehrt, denn wenn im natürlichen Tierreich die Drohnen von den Arbeitsbienen, so werden im geistigen die Arbeitsbienen von den to Drohnen getötet, und eben durch die Arbeit. Wenn die Privile¬ gierten vom gesetzlichen Rechte an ihre Gewohn¬ heitsrechte appellieren, so verlangen sie statt des mensch¬ lichen Inhaltes die tierische Gestalt des Rechts, welche jetzt zur bloßen Tiermaske entwirklicht ist. 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 273 [RhZ 27. Okt. 1842. Nr. 300, Beiblatt] Die vornehmen Gewohnheitsrechte sträuben sich durch ihren Inhalt wider die Form des allgemeinen Gesetzes. Sie können nicht in Gesetze geformt werden, weil sie Formationen der Ge- 6 setzlosigkeit sind. Indem diese Gewohnheitsrechte durch ihren Inhalt der Form des Gesetzes, der Allgemeinheit und Notwendig¬ keit widerstreben, beweisen sie eben dadurch, daß sie Ge¬ wohnheitsunrechte und nicht im Gegensatz gegen das Ge¬ setz geltend zu machen, sondern als Gegensatz gegen dasselbe zu 10 abrogieren und selbst nach Gelegenheit zu bestrafen sind, denn keiner hört auf, unrechtlich zu handeln, weil diese Handlungs¬ weise seine Gewohnheit ist, wie man den räuberischen Sohn eines Räubers nicht mit seinen Familien-Idiosynkrasien entschuldigt. Handelt ein Mensch mit Absicht wider das Recht, so strafe man it seine Absicht, wenn aus Gewohnheit, so strafe man seine Gewohn¬ heit als eine schlechte Gewohnheit. Das vernünftige Gewohnheits¬ recht ist in der Zeit allgemeiner Gesetze nichts anderes als die Gewohnheit des gesetzlichen Rechtes, denn das Recht hat nicht aufgehört, Gewohnheit zu sein, weil es sich als 2o Gesetz konstituiert hat, aber es hat auf gehört, nur Gewohnheit zu sein. Dem Rechtlichen wird es zu seiner eigenen Gewohnheit, gegen den Unrechtlichen wird es durchgesetzt, obgleich es nicht seine Gewohnheit ist. Das Recht hängt nicht mehr von dem Zufall ab, ob die Gewohnheit vernünftig, sondern die Gewohnheit wird 26 vernünftig, weil das Recht gesetzlich, weil die Gewohnheit zur Staatsgewohnheit geworden ist. Das Gewohnheitsrecht als eine aparte Domäne neben dem gesetzlichen Rechte ist daher nur da vernünftig, wo das Recht neben und außer dem Gesetze existiert, wo die Gewohnheit 30 die Antizipation eines gesetzlichen Rechtes ist. Von Ge¬ wohnheitsrechten der privilegierten Stände kann daher gar nicht gesprochen werden. Sie haben im Gesetz nicht nur die Anerken¬ nung ihres vernünftigen Rechtes, sondern oft sogar die Anerken¬ nung ihrer unvernünftigen Anmaßungen gefunden. Sie haben kein 36 Recht, gegen das Gesetz zu antizipieren, denn das Gesetz hat alle möglichen Konsequenzen ihres Rechtes antizipiert. Sie werden daher auch nur verlangt als Domänen für die menus plaisirs, da¬ mit derselbe Inhalt, der im Gesetze nach seinen vernünftigen Grenzen behandelt ist, in der Gewohnheit einen Spielraum für io die Grillen und Anmaßungen wider seine vernünftigen Grenzen finde. Wenn aber diese vornehmen Gewohnheitsrechte Gewohnheiten wider den Begriff des vernünftigen Rechtes, so sind die Gewohn¬ heitsrechte der Armut Rechte wider die Gewohnheit des positiven 46 Rechts. Ihr Inhalt sträubt sich nicht gegen die gesetzliche Form,
274 Aus der Rheinischen Zeitung er sträubt sich vielmehr gegen seine eigene Formlosigkeit. Die Form des Gesetzes steht ihm nicht gegenüber, sondern er hat sie noch nicht erreicht. Es bedarf nur weniger Reflexionen, um ein¬ zusehen, wie einseitig die aufgeklärten Gesetzgebungen die Gewohnheitsrechte der Armut, als deren ergiebigste 5 Quelle man die verschiedenen germanischen Rechte be¬ trachten kann, behandelt haben und behandeln mußten. Die liberalsten Gesetzgebungen haben sich in privat¬ rechtlicher Hinsicht darauf beschränkt, die Rechte, welche sie vorfanden, zu formulieren und ins Allgemeine zu erheben. Wo 10 sie keine Rechte vorfanden, gaben sie keine. Die partikularen Gewohnheiten schafften sie ab, aber sie vergaßen dabei, daß, wenn das Unrecht der Stände in der Form willkürlicher Anmaßung, das Recht der Standeslosen in der Form zufälliger Konzessionen er¬ schien. Ihr Verfahren war richtig gegen die, welche Gewöhn- 15 heiten außer dem Rechte, aber es war unrichtig gegen die, welche Gewohnheiten ohne das Recht hatten. Wie sie die willkürlichen Anmaßungen, soweit ein vernünftiger Rechtsinhalt in ihnen zu finden, in gesetzliche Ansprüche, so hätten sie auch die zufälligen Konzessionen in notwendige verwandeln müssen. Wir können an 20 einem Beispiel, an den Klöstern, dies klarmachen. Man hat die Klöster aufgehoben, man hat ihr Eigentum säkularisiert, und man hat recht daran getan. Man hat aber die zufällige Unterstützung, welche die Armen in den Klöstern fanden, keineswegs in eine andere positive Besitzquelle verwandelt. Indem man das Kloster- 25 eigentum zum Privateigentum machte und etwa die Klöster ent¬ schädigte, hat man nicht die Armen entschädigt, die von den Klöstern lebten. Man hat ihnen vielmehr eine neue Grenze ge¬ zogen und sie von einem alten Rechte abgeschnitten. Dies fand bei allen Verwandlungen der Vorrechte in Rechte statt. Eine po- 30 sitive Seite dieser Mißbräuche, welche insofern auch ein Mi߬ brauch war, als sie das Recht der einen Seite zu einem Zufall machte, hat man nicht so entfernt, daß man den Zufall in eine Notwendigkeit umschuf, sondern so, daß man von ihm abs¬ trahierte. 35 Die Einseitigkeit dieser Gesetzgebungen war eine notwendige, denn alle Gewohnheitsrechte der Armen basierten darauf, daß gewisses Eigentum einen schwankenden Charakter trug, der es nicht entschieden zum Privateigentum, aber auch nicht entschie¬ den zum Gemeineigentum stempelte, eine Mischung von Privat- 10 recht und öffentlichem Recht, wie sie uns in allen Institutionen des Mittelalters begegnet. Das Organ, mit welchem die Gesetz¬ gebungen solche zweideutigen Gestaltungen auffaßten, war der Verstand, und der Verstand ist nicht nur einseitig, sondern es ist sein wesentliches Geschäft, die Welt einseitig zu machen, eine «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 275 große und bewunderungswürdige Arbeit, denn nur die Einseitig¬ keit formiert und reißt das Besondere aus dem unorganischen Schleim des Ganzen. Der Charakter der Dinge ist ein Produkt des Verstandes. Jedes Ding muß sich isolieren und isoliert 5 werden, um etwas zu sein. Indem der Verstand jeden Inhalt der Welt in eine feste Bestimmtheit bannt und das flüssige Wesen gleichsam versteinert, bringt er die Mannigfaltigkeit der Welt hervor, denn die Welt wäre nicht vielseitig ohne die vielen Ein¬ seitigkeiten. 10 Der Verstand hob also die zwitterhaften, schwankenden Formationen des Eigentums auf, indem er die vorhandenen Kategorien des abstrakten Privatrechts, deren Schema sich im römischen Rechte vorfand, anwandte. Umsomehr glaubte der gesetzgebende Verstand berechtigt zu sein, die Verpflichtungen 15 dieses schwankenden Eigentums gegen die ärmere Klasse auf¬ zuheben, als er auch seine staatlichen Privilegien aufhob; allein er vergaß, daß, selbst rein privatrechtlich betrachtet, hier ein doppeltes Privatrecht vorlag, ein Privatrecht des Besitzers und ein Privatrecht des Nichtbesitzers, abgesehen davon, daß keine w Gesetzgebung die staatsrechtlichen Privilegien des Eigentums ab¬ geschafft, sondern sie nur ihres abenteuerlichen Charakters ent¬ kleidet und ihnen einen bürgerlichen Charakter erteilt hat. Wenn aber jede mittelalterliche Gestalt des Rechts, also auch das Eigen¬ tum, von allen Seiten zwitterartigen, dualistischen, zwiespältigen 25 Wesens war und der Verstand seinen Grundsatz der Einheit gegen diesen Widerspruch der Bestimmung mit Recht geltend machte, so übersah er, daß es Gegenstände des Eigentums gibt, die ihrer Natur nach nie den Charakter des vorherbestimmten Privateigen¬ tums erlangen können, die durch ihr elementarisches Wesen und 30 ihr zufälliges Dasein dem Okkupationsrechte anheimfallen, also dem Okkupationsrechte der Klasse anheimfallen, welche eben durch das Okkupationsrecht von allem anderen Eigentum aus¬ geschlossen ist, welche in der bürgerlichen Gesellschaft dieselbe Stellung einnimmt wie jene Gegenstände in der Natur. 35 Man wird finden, daß die Gewohnheiten, welche Gewohnheiten der ganzen armen Klasse sind, mit sicherem Instinkt das Eigentum an seiner unentschiedenen Seite zu fassen wissen, man wird nicht nur finden, daß diese Klasse den Trieb fühlt, ein natür¬ liches Bedürfnis, sondern ebenso sehr, daß sie das Bedürfnis 40 fühlt, einen rechtlichen Trieb zu befriedigen. Das Raffholz dient uns als Beispiel. Es steht so wenig in einem organischen Zu¬ sammenhang mit dem lebendigen Baum, als die abgestreifte Haut mit der Schlange. Die Natur selbst stellt in den dürren, vom organischen Leben getrennten, geknickten Reisern und Zweigen 45 im Gegensatz zu den festwurzelnden, vollsaftigen, organisch Luft,
276 Aus der Rheinischen Zeitung Licht, Wasser und Erde zu eigener Gestalt und individuellem Leben sich assimilierenden Bäumen und Stämmen gleichsam den Gegensatz der Armut und des Reichtums dar. Es ist eine physische Vorstellung von Armut und Reichtum. Die menschliche Armut fühlt diese Verwandtschaft und leitet aus diesem Verwandtschafts- * gefühl ihr Eigentumsrecht ab, und wenn sie daher den physisch¬ organischen Reichtum dem prämeditierenden Eigentümer, so vin- diziert sie die physische Armut dem Bedürfnis und seinem Zufall. Sie empfindet in diesem Treiben der elementarischen Mächte eine befreundete Macht, die humaner ist als die menschliche. An die 10 Stelle der zufälligen Willkür der Privilegierten ist der Zufall der Elemente getreten, die von dem Privateigentum abreißen, was es nicht mehr von sich abläßt. So wenig den Reichen Almosen, die auf die Straße geworfen werden, gebühren, so wenig diese A1 - mosen der Natur. Aber auch in ihrer Tätigkeit findet 15 die Armut schon ihr Recht. Im Sammeln stellt sich die elemen¬ tarische Klasse der menschlichen Gesellschaft ordnend den Pro¬ dukten der elementarischen Naturmacht gegenüber. Ähnlich ver¬ hält es sich mit Produkten, die in wildem Wachstum ein ganz zu¬ fälliges Akzidens des Besitzes und schon wegen ihrer Unbedeu- 20 tendheit keinen Gegenstand für die Tätigkeit des eigentlichen Eigentümers bilden; ähnlich verhält es sich mit dem Nachlesen, Nachernten und dergleichen Gewohnheitsrechten. Es lebt also in diesen Gewohnheiten der armen Klasse ein in¬ stinktmäßiger Rechtssinn, ihre Wurzel ist positiv und legitim, und 25 die Form des Gewohnheitsrechts ist hier umso natur¬ gemäßer, als das Dasein der armen Klasse selbst bisher eine bloße Gewohnheit der bürgerlichen Gesell¬ schaft ist, die in dem Kreis der bewußten Staatsgliederung noch keine angemessene Stelle gefunden hat. 30 Die vorliegende Debatte bietet sogleich ein Beispiel, wie man diese Gewohnheitsrechte behandelt, ein Beispiel, worin die Me¬ thode und der Geist des ganzen Verfahrens erschöpft ist. Ein Deputierter der Städte opponiert gegen die Bestimmung, wodurch auch das Sammeln von Waldbeeren und Preiselbeeren 3s als Diebstahl behandelt wird. Er spricht vorzugsweise für die Kinder armer Leute, „welche jene Früchte sammeln, um damit für ihre Eltern eine Kleinigkeit zu verdienen, welches seit un¬ vordenklichen Zeiten von den Eigentümern gestattet und wodurch für die Kleinen ein Gewohnheitsrecht entstand“. <0 Dieses Faktum wird widerlegt durch die Notiz eines anderen Ab¬ geordneten: „in seiner Gegend seien diese Früchte schon Handels¬ artikel und würden faßweise nach Holland geschickt“. Man hat es wirklich schon an einem Ort so weit gebracht, aus einem Gewohnheitsrecht der Armen ein Monopol der «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 277 Reichen zu machen. Der erschöpfende Beweis ist geliefert, daß man ein Gemeingut monopolisieren kann; es folgt daher von selbst, daß man es monopolisieren muß. Die Natur des Gegen¬ standes verlangt das Monopol, weil das Interesse des Privateigen- 5 tums es erfunden hat. Der moderne Einfall einiger geldfuchsen- den Handelskrämer wird unwiderleglich, sobald er Abfälle dem urteutonischen Interesse von Grund und Boden liefert. Der weise Gesetzgeber wird das Verbrechen verhindern, um es nicht bestrafen zu müssen, aber er wird es nicht dadurch ver- 10 hindern, daß er die Sphäre des Rechts verhindert, sondern da¬ durch, daß er jedem Rechtstrieb sein negatives Wesen raubt, indem er ihr eine positive Sphäre der Handlung einräumt. Er wird sich nicht darauf beschränken, den Teilnehmern einer Klasse die Unmöglichkeit wegzuräumen, einer höheren berech- 15 tigten Sphäre anzugehören, sondern er wird ihre eigene Klasse zu einer realen Möglichkeit von Rechten erheben, aber wenn der Staat hierzu nicht human, nicht reich und nicht gro߬ sinnig genug ist, so ist es wenigstens seine unbedingte Pflicht, nicht in ein Verbrechen zu verwandeln, was erst Umstände 20 zu einem Vergehen machen. Er muß mit der höchsten Milde als eine soziale Unordnung korrigieren, was er nur mit dem höchsten Unrecht als ein antisoziales Verbrechen bestrafen darf. Er bekämpft sonst den sozialen Trieb, indem er die unsoziale Form desselben zu bekämpfen meint. Mit einem Worte, wenn 25 man volkstümliche Gewohnheitsrechte unterdrückt, so kann deren AllsÜbüng hur als einfache Polizeikontravention be¬ handelt, aber nimmer als ein Verbrechen bestraft werden. Die Polizeistrafe ist der Ausweg gegen eine Tat, welche Umstände zu einer äußeren Unordnung stempeln, ohne daß sie eine Verletzung 3o der ewigen Rechtsordnung wäre. Die Strafe darf nicht mehr Ab¬ scheu einflößen als das Vergehen, die Schmach des Verbrechens darf sich nicht verwandeln in die Schmach des Gesetzes; der Boden des Staates ist unterminiert, wenn das Unglück zu einem Verbrechen oder das Verbrechen zu einem Unglück wird. Weit 35 entfernt von diesem Gesichtspunkte, beobachtet der Landtag nicht einmal die ersten Regeln der Gesetzgebung. Die kleine, hölzerne, geistlose und selbstsüchtige Seele des Interesses sieht nur einen Punkt, den Punkt, wo sie verletzt wird, gleich dem rohen Menschen, der etwa einen Vorübergehenden für 4o die infamste, verworfenste Kreatur unter der Sonne hält, weil diese Kreatur ihn auf seine Hühneraugen getreten hat. Er macht seine Hühneraugen zu den Augen, mit denen er sieht und urteilt; er macht den einen Punkt, in welchem ihn der Vorübergehende tangiert, zu dem einzigen Punkte, worin das Wesen dieses Men- <5 sehen die Welt tangiert. Nun kann ein Mensch aber doch wohl
278 Aus der Rheinischen Zeitung mir auf die Hühneraugen treten, ohne deswegen aufzuhören, ein ehrlicher, ja ein ausgezeichneter Mensch zu sein. So wenig ihr nun die Menschen mit euren Hühneraugen, so wenig müßt ihr sie mit den Augen eures Privatinteresses beurteilen. Das Privat¬ interesse macht die eine Sphäre, worin ein Mensch feindlich mit 5 ihm zusammentrifft, zur Lebenssphäre dieses Menschen. Es macht das Gesetz zum Rattenfänger, der das Ungeziefer ver¬ tilgen will, denn er ist kein Naturforscher und sieht deshalb in den Ratten nur Ungeziefer; aber der Staat muß in einem Holz¬ frevler mehr sehen als den Frevler am Holz, mehr als den H o 1 z -10 feind. Hängt nicht jeder seiner Bürger durch tausend Lebens¬ nerven mit ihm zusammen, und darf er alle diese Nerven zer¬ schneiden, weil jener Bürger selbst einen Nerv eigenmächtig zerschnitten hat? Der Staat wird also auch in einem Holzfrevler einen Menschen sehen, ein lebendiges Glied, in dem sein Herzblut 15 rollt, einen Soldaten, der das Vaterland verteidigen, einen Zeugen, dessen Stimme vor Gericht gelten, ein Gemeindemitglied, das öffentliche Funktionen bekleiden soll, einen Familienvater, dessen Dasein geheiligt, vor allem einen Staatsbürger, und der Staat wird nicht leichtsinnig eines seiner Glieder von all diesen Bestim- 20 mungen ausschließen, denn der Staat amputiert sich selbst, so oft er aus einem Bürger einen Verbrecher macht. Vor allem aber wird es der sittliche Gesetzgeber als die ernsteste, schmerz¬ lichste und gefährlichste Arbeit betrachten, eine bisher unbeschol¬ tene Handlung unter die Sphäre der verbrecherischen Handlungen 25 zu subsumieren. Das Interesse aber ist praktisch, und nichts praktischer auf der Welt, als daß ich meinen Feind niederstoße! „Wer haßt ein Ding und brächt’ es nicht gern um!“ lehrt schon Shylock. Der wahre Gesetzgeber darf nichts fürchten als das Unrecht, aber das gesetz- w gebende Interesse kennt nur die Furcht vor den Konsequenzen des Rechts, die Furcht vor den Bösewichten, gegen die es Gesetze gibt. Die Grausamkeit ist der Charakter der Gesetze, welche die Feigheit diktiert, denn die Feigheit vermag nur energisch zu sein, indem sie grausam ist. Das Privatinteresse ist aber immer feig, 35 denn sein Herz, seine Seele ist ein äußerlicher Gegenstand, der immer entrissen und beschädigt werden kann, und wer zitterte nicht vor der Gefahr, Herz und Seele zu verlieren? Wie sollte der eigennützige Gesetzgeber menschlich sein, da das Unmenschliche, ein fremdes materielles Wesen, sein höchstes Wesen ist? Quand *o il a peur, il est terrible, sagt der National von Guizot. Diese Devise kann man über alle Gesetzgebungen des Eigen¬ nutzes, also der Feigheit schreiben. Wenn die Samojeden ein Tier töten, beteuern sie demselben, ehe sie ihm das Fell abziehen, aufs emstlichste, daß bloß die 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 279 Russen dies Übel verursachen, daß ein russisches Messer sie zer¬ lege und daß also an den Russen allein Rache zu üben sei. Man kann das Gesetz in ein russisches Messer verwandeln, auch wenn man kein Samojede zu sein die Prätension hat. Sehen 5 wir zu! Bei § 4 schlug der Ausschuß vor: „Bei einer weiteren Ent¬ fernung als zwei Meilen bestimmt der denunzierende Schutzbeamte den Wert nach dem bestehenden Lokal¬ preise.66 io Hiegegen protestierte ein Deputierter der Städte: „der Vor¬ schlag, die Taxe des entwendeten Holzes durch den Förster, welcher die Anzeige mache, festsetzen zu lassen, wäre sehr be¬ denklich. Allerdings stehe diesem anzeigenden Beamten fides zu. Aber doch nur in bezug auf das Faktum, keineswegs in bezug auf 15 den Wert. Dieser solle nach einer von den Lokalbehörden pro- ponierten und von dem Landrat festzusetzenden Taxe bestimmt werden. Es werde nun zwar vorgeschlagen, daß der § 14, wonach der Waldeigentümer die Strafe beziehen solle, nicht angenommen werde66 etc. „Würde man den § 14 beibehalten, dann sei die vor- 2o liegende Bestimmung doppelt gefährlich. Denn der in den Dien¬ sten des Waldeigentümers stehende und von ihm bezahlte Förster müsse wohl, das liege in der Natur der Verhältnisse, den Wert des entwendeten Holzes so hoch als möglich stellen.66 Der Land¬ tag genehmigte den Vorschlag des Ausschusses. 25 Wir finden hier Konstituierung der Patrimonial-Gerichtsbar- keit. Der Patrimonial-Schutzbediente ist zugleich partieller Ur¬ teilssprecher. Die Wertbestimmung bildet einen Teil des Urteils. Das Urteil ist also schon teilweise im denimzierenden Protokoll antizipiert. Der denunzierende Schutzbeamte sitzt im Richter- 3o kollegium, er ist der Experte, an dessen Urteil das Gericht gebunden, er vollzieht eine Funktion, von der er die übrigen Richter ausschließt. Es ist töricht, gegen das inquisitorische Ver¬ fahren zu opponieren, wenn es sogar Patrimonialgendarmen und Denunzianten gibt, die zugleich richten. 35 Wie wenig, abgesehen von dieser Grundverletzung unserer In¬ stitutionen, der denunzierende Schutzbeamte die objektive Fähig¬ keit besitzt, zugleich Taxator des entwendeten Holzes zu sein, er¬ gibt sich von selbst, wenn wir seine Qualitäten betrachten. Als Schutzbeamter ist er der personifizierte Schutzgenius des 4o Holzes. Der Schutz, nun gar der persönliche, der leibliche Schutz, erfordert ein effektvolles, tatkräftiges Liebesverhältnis des Wald¬ hüters zu seinem Schützling, ein Verhältnis, in welchem er gleich¬ sam mit dem Holze verwächst. Es muß ihm Alles, es muß ihm von absolutem Werte sein. Der Taxator dagegen verhält sich mit skep- 45 tischem Mißtrauen zum entwendeten Holze, er mißt es mit
280 Aus der Rheinischen Zeitung scharfem prosaischem Auge an einem profanen Maß und sagt euch auf Heller und Pfennig, wieviel dran sei. Ein Beschützer und ein Schätzer sind so verschiedene Dinge als ein Mineraloge und ein Mineralienhändler. Der Schutzbeamte kann den Wert des entwendeten Holzes nicht schätzen, denn in jedem Protokoll, s worin er den Wert des Gestohlenen taxiert, taxiert er seinen eigenen Wert, weil den Wert seiner eigenen Tätigkeit, und glaubt ihr, er werde den Wert seines Gegenstandes nicht ebenso¬ gut beschützen als dessen Substanz? Die Tätigkeiten, die man einem Menschen überträgt, dessen 10 Amtspflicht die Brutalität ist, widersprechen sich nicht nur in be¬ zug auf den Gegenstand des Schutzes, sie widersprechen sich ebensosehr in bezug auf die Personen. Als Schutzbeamter des Holzes soll der Waldhüter das Interesse des Privateigentümers, aber als Taxator soll er ebensosehr das is Interesse des Forstfrevlers gegen die extravaganten Forderungen des Privateigentümers beschützen. Während er vielleicht eben mit der Faust im Interesse des Waldes, soll er gleich darauf mit dem Kopf im Interesse des Waldfeindes operieren. Das verkörperte Interesse des Waldeigentümers, soll er eine Garantie gegen das 20 Interesse des Waldeigentümers sein. Der Schutzbeamte ist ferner Denunziant. Das Protokoll ist eine Denunziation. Der Wert des Gegenstandes wird also zum Gegen¬ stand der Denunziation; er verliert seinen richterlichen Anstand, und die Funktion des Richters wird auf das Tiefste herabgewür- 25 digt, indem sie sich einen Augenblick von der Funktion des Denunzianten nicht mehr unterscheidet. Endlich steht dieser denimzierende Schutzbeamte, der weder als Denunziant noch als Schutzbeamter zum Experten geeignet ist, in Sold und Dienst des Waldeigentümers. Mit demselben 30 Rechte konnte man dem Waldeigentümer selbst auf einen Eid die Taxation überlassen, da er tatsächlich in seinem Schutzbedienten nur die Gestalt einer dritten Person angenommen hat. Statt aber diese Stellung des denunzierenden Schutzbeamten auch nur bedenklich zu finden, findet der Landtag im Gegenteil 35 die einzige Bestimmung bedenklich, die noch den letzten Schein des Staates innerhalb der Waldherrlichkeit bildet, die lebens¬ längliche Anstellung des denunzierenden Schutzbeam¬ ten. Gegen diese Bestimmung erhebt sich der heftigste Wider¬ spruch, und kaum scheint der Sturm beschwichtigt zu werden durch die Erklärung des Referenten: „daß schon frühere Land¬ tage die Verzichtleistung auf lebenslängliche Anstellung bevor- wortet hätten, daß die Staatsregierung aber sich nur dagegen er¬ klärt und die lebenslängliche Anstellung als einen Schutz für die Untertanen angesehen habe“. «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 281 Der Landtag hat also schon früher mit der Regierung um Ver¬ zichtleistung auf den Schutz ihrer Untertanen gemarktet, und der Landtag ist beim Markten geblieben. Prüfen wir die ebenso gro߬ herzigen als unwiderleglichen Gründe, welche gegen die 5 lebenslängliche Anstellung geltend gemacht werden. Ein Abgeordneter der Landgemeinden „findet in der Bedin¬ gung der Glaubwürdigkeit durch lebenslängliche Anstellung die kleinen Waldbesitzer sehr gefährdet, und ein anderer besteht darauf, daß der Schutz gleich wirksam für kleine wie für große 10 Waldeigentümer sein müsse“. Ein Mitglied des Fürstenstandes bemerkt, „daß die lebens¬ länglichen Anstellungen bei Privaten sehr unrätlich seien und in Frankreich gar nicht erforderlich, um den Protokollen der Schutzbeamten Glauben zu verschaffen, daß aber notwendig 15 etwas geschehen müsse, um dem Überhandnehmen der Frevel zu steuern“. Ein Abgeordneter der Städte: „allen An¬ zeigen von gehörig angestellten und beeidigten Forstbeamten müsse Glauben beigemessen werden. Die Anstellung auf Lebens¬ zeit sei vielen Gemeinden und insbesondere den Eigentümern von 20 kleinen Parzellen sozusagen unmöglich. Durch die Verfügung, daß nur jene Forstbeamten, welche auf Lebenszeit angestellt sind, fides haben sollen, würde diesen Waldbesitzem aller Forstschutz entzogen. In einem großen Teile der Provinz hätten die Gemein¬ den und Privatbesitzer den Feldhütern auch die Hut ihrer Wal- 25 düngen übertragen und übertragen müssen, weil ihr Waldeigen¬ tum nicht groß genug sei, um eigene Förster dafür anzustellen. Es würde nun sonderbar sein, wenn diese Feldhüter, welche auch auf die Waldhut vereidet seien, keinen vollen Glauben haben sollten, wenn sie eine Holzentwendung konstatierten, während sie fides 30 genössen, wenn sie Anzeigen über entdeckte Holzfrevel machten.“ [RhZ 30. Okt. 1842. Nr. 303, Beiblatt] *** Also hat Stadt und Land und Fürstentum gesprochen. Statt die Differenz zwischen den Rechten des Holzfrevlers und den Prätensionen des Waldeigentümers auszugleichen, findet man sie 35 nicht groß genug. Man sucht nicht den Schutz des Waldeigen¬ tümers und des Holzfrevlers, man sucht den Schutz des großen und des kleinen Waldeigentümers auf ein Maß zu setzen. Hier soll die minutiöseste Gleichheit Gesetz sein, während dort die Ungleichheit Axiom ist. Warum verlangt der kleine Waldeigen- 4o tümer denselben Schutz wie der große? Weil beide Waldeigen¬ tümer. Sind nicht beide, der Waldeigentümer und der Forst- frevler, Staatsbürger? Wenn ein kleiner und ein großer Wald¬
282 Aus der Rheinischen Zeitung eigentümer, haben nicht noch mehr ein kleiner und ein großer Staatsbürger dasselbe Recht auf den Schutz des Staates? Wenn das Mitglied des Fürstenstandes sich auf Frankreich be¬ zieht — das Interesse kennt keine politischen Antipathien — so vergißt es nur hinzuzufügen, daß in Frankreich der Schutz- 5 beamte das Faktum, aber nicht den Wert denimziert. Ebenso ver¬ gißt der ehrenwerte Sprecher der Städte, daß der Feldhüter hier unzulässig ist, weil es sich nicht nur um das Konstatieren einer Holzentwendung, sondern ebensosehr um die Taxation des Holz¬ wertes handelt. 10 Worauf beschränkt sich der Kem des ganzen Räsonnements, das wir eben gehört? Der kleine Waldeigentümer habe nicht die Mittel, einen lebenslänglichen Schutzbeamten zu stellen. Was folgt aus diesem Räsonnement? Daß der kleine Waldeigentümer nicht dazu berufen ist. Was schließt der kleine Waldeigentümer? 15 Daß er berufen ist, einen taxierenden Schutzbeamten auf Kündi¬ gung anzustellen. Seine Mittellosigkeit gilt ihm als Titel eines Privilegiums. Der kleine Waldeigentümer hat auch nicht die Mittel, ein un¬ abhängiges Richterkollegium zu unterhalten. Also ver- 20 zichte Staat und Angeklagter auf ein unabhängiges Richterkolle¬ gium und lasse den Hausknecht des kleinen Waldeigentümers, oder wenn er keinen Hausknecht hat, lasse seine Magd, oder wenn er keine Magd hat, lasse ihn selbst zu Gericht sitzen. Hat der An¬ geklagte nicht dasselbe Recht auf die exekutive Gewalt als ein 25 Staatsorgan wie auf die richterliche? Warum also nicht auch das Gericht nach den Mitteln des kleinen Waldeigentümers einrichten? Kann das Verhältnis des Staats und des Angeklagten alteriert werden durch die dürftige Ökonomie des Privatmannes, des Waldeigentümers? Der Staat hat ein Recht gegen den Angeklag- 30 ten, weil er diesem Individuum als Staat gegenübertritt. Un¬ mittelbar folgt daher für ihn die Pflicht, als Staat und in der Weise des Staates sich zu dem Verbrecher zu verhalten. Der Staat hat nicht nur die Mittel, auf eine Weise zu agieren, die ebenso seiner Vernunft, seiner Allgemeinheit und Würde, wie dem Recht, 35 dem Leben und Eigentum des inkriminierten Bürgers angemessen ist; es ist seine unbedingte Pflicht, diese Mittel zu haben und an¬ zuwenden. Vom Waldeigentümer, dessen Wald nicht der Staat und dessen Seele nicht die Staatsseele ist, wird dies niemand ver¬ langen. — Was folgert man? Daß, weil das Privateigentum nicht 40 die Mittel hat, sich auf den Staatsstandpunkt zu erheben, der Staat die Verpflichtung hat, zu den Vernunft- und rechtswidrigen Mitteln des Privateigentums herabzusteigen. Diese Anmaßung des Privatinteresses, dessen dürftige Seele nie von einem Staatsgedanken erleuchtet und durchzuckt worden, 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 283 ist eine ernste und gründliche Lektion für den Staat. Wenn der Staat sich auch nur an einem Punkte soweit herabläßt, statt in seiner eigenen Weise in der Weise des Privateigentums tätig zu sein, so folgt unmittelbar, daß er sich in der Form seiner Mittel 5 den Schranken des Privateigentums akkommodieren muß. Das Privatinteresse ist schlau genug, diese Konsequenz dahin zu steigern, daß es sich in seiner beschränktesten und dürftigsten Gestalt zur Schranke und zur Regel der Staatsaktion macht, woraus, abgesehen von der vollendeten Erniedrigung des Staates, 10 umgekehrt folgt, daß die Vernunft- und rechtswidrigsten Mittel gegen den Angeklagten in Bewegung gesetzt werden, denn die höchste Rücksicht auf das Interesse des beschränkten Privateigen¬ tums schlägt notwendig in eine maßlose Rücksichtslosigkeit gegen das Interesse des Angeklagten um. Wenn es sich hier aber klar u herausstellt, daß das Privatinteresse den Staat zu den Mitteln des Privatinteresses, wie sollte nicht folgen, daß eine Vertretung der Privatinteressen, der Stände, den Staat zu den Ge¬ danken des Privatinteresses degradieren will und muß? Jeder moderne Staat, entspreche er noch so wenig seinem Begriff, wird 2o bei dem ersten praktischen Versuch solcher gesetzgebenden Ge¬ walt gezwungen sein, auszurufen: Deine Wege sind nicht meine Wege, und deine Gedanken sind nicht meine Gedanken! Wie gänzlich unhaltbar die mietweise Pachtung des denunzie¬ renden Schutzbeamten sei, das können wir nicht evidenter be- 23 weisen als durch einen Grund, der gegen die lebenslängliche Anstellung, wir können nicht sagen entschlüpft, denn er wird ver¬ lesen. Ein Mitglied aus dem Stand der Städte verlas nämlich folgende Bemerkung: „die auf Lebenszeit angestellten Waldwärter für Gemeinden 30 stehen und können auch nicht unter der strengen Kontrolle stehen wie die Königlichen Beamten. Jeder Sporn zur treuen Pflichterfüllung wird durch die lebenslängliche An¬ stellung gelähmt. Erfüllt der Waldhüter auch nur zur Hälfte seine Pflicht und hütet er sich, daß ihm keine wirk- 3s liehen Vergehen zur Last gelegt werden können, so wird er immer soviel Fürsprache finden, daß der Antrag nach § 56 auf dessen Entlassung vergeblich sein wird. Die Be¬ teiligten werden es unter solchen Umständen auch nicht ein¬ mal wagen, den Antrag zu stellen.“ 3o Wir erinnern, wie man dem denunzierenden Schutzbeamten volles Vertrauen dekretierte, als es sich darum handelte, ihm die Taxation zu überlassen. Wir erinnern, daß der § 4 ein Ver¬ trauensvotum für den Schutzbeamten war. Zum ersten Male erfahren wir, daß der denunzierende Schutz¬
284 Aus der Rheinischen Zeitung beamte einer Kontrolle und einer strengen Kontrolle bedarf. Zum ersten Male erscheint er nicht nur als ein Mensch, sondern als ein Pferd, indem Sporen und Brot die einzigen Irritamente seines Gewissens sind und seine Pflichtmuskeln durch eine lebensläng¬ liche Anstellung nicht nur abgespannt, sondern vollständig ge- 5 lähmt werden. Man sieht, der Eigennutz besitzt zweierlei Maß und Gewicht, womit er die Menschen wägt und mißt, zweierlei Weltanschauungen, zweierlei Brillen, von denen die eine schwarz und die andere bunt färbt. Wo es gilt, andere Menschen seinen Werkzeugen preiszugeben und zweideutige Mittel zu beschönigen, 10 da setzt der Eigennutz die buntfärbende Brille auf, die ihm seine Werkzeuge und seine Mittel in phantastischer Glorie zeigt, da gaukelt er sich und andere in die unpraktischen und lieblichen Schwärmereien einer zarten und vertrauensvollen Seele ein. Jede Falte seines Gesichtes ist lächelnde Bonhommie. Er drückt seinem 15 Gegner die Hand wund, aber er drückt sie aus Vertrauen wund. Doch plötzlich gilt es den eigenen Vorteil, es gilt hinter den Kulissen, wo die Illusionen der Bühne verschwinden, die Brauch¬ barkeit der Werkzeuge und der Mittel bedächtig zu prüfen. Ein rigoristischer Menschenkenner, setzt er behutsam und mißtrauisch 20 die weltkluge, schwarzfärbende Brille, die Brille der Praxis auf. Gleich einem geübten Pferdemäkler unterwirft er die Menschen einer langen, nichts übersehenden Okularinspektion, und sie er¬ scheinen ihm so klein, so erbärmlich und so schmutzig, wie der Eigennutz selbst ist. 26 Wir wollen nicht mit der Weltanschauung des Eigennutzes rechten, aber wir wollen sie zwingen, konsequent zu sein. Wir wollen nicht, daß sie sich selbst die Weltklugheit vorbehält und den anderen die Phantasien überläßt. Wir halten den sophistischen Geist des Privatinteresses einen Augenblick an seinen eigenen & Konsequenzen fest. Wenn der denunzierende Schutzbeamte der Mensch eurer Schilderung ist, ein Mensch, dem die lebenslängliche Anstellung, weit entfernt Unabhängigkeitsgefühl, Sicherheit und Würde in der Erfüllung seiner Pflicht zu geben, vielmehr jeden Sporn zur 35 Pflichterfüllung raubt, was sollen wir nun gar für den Angeklagten von der Unparteilichkeit dieses Menschen erwarten, sobald er der unbedingte Knecht eurer Willkür ist? Wenn nur die Sporen diesen Menschen zur Pflicht treiben und wenn ihr die Sporenträger seid, was müssen wir dem Angeklagten prophezeien, der kein Sporen- träger ist? Wenn selbst ihr nicht die hinreichend strenge Kon¬ trolle gegen diesen Mann ausüben könnt, wie soll ihn nun gar der Staat oder die verfolgte Partei kontrollieren? Gilt bei einer revokabeln Anstellung nicht vielmehr, was ihr von einer lebens¬ länglichen behauptet: „erfüllt der Schutzbeamte nur zur Hälfte 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 285 seine Pflicht, so wird er immer soviel Fürsprache finden, daß der Antrag nach § 56 auf dessen Entlassung vergeblich sein wird“? werdet ihr nicht alle soviel Fürsprecher für ihn sein, solange er die eine Hälfte seiner Pflicht erfüllt, die Wahrung eures 5 Interesses? Die Wandlung des naiven überquellenden Vertrauens zum Waldhüter in keifendes, mäkelndes Mißtrauen entdeckt uns die Pointe. Nicht dem Forsthüter, euch selbst habt ihr das riesenhafte Vertrauen geschenkt, woran Staat und Holzfrevler als io an ein Dogma glauben sollen. Nicht die amtliche Stellung, nicht der Eid, nicht das Gewissen des Forsthüters sollen die Garantien des Angeklagten gegen euch, nein, euer Rechtssinn, eure Humanität, eure Interesselosigkeit, eure Mäßigung sollen die Garantien des Angeklagten gegen den 15 Forsthüter sein. Eure Kontrolle ist seine letzte und seine einzige Garantie. In nebelhafter Vorstellung von eurer persönlichen Vorzüglichkeit, in poetischer Selbstentzückung bietet ihr dem Beteiligten eure Individualitäten als Schutzmittel gegen eure Gesetze. Ich gestehe, daß ich diese romanhafte Vorstellung von 20 Waldeigentümem nicht teile. Ich glaube überhaupt nicht, daß Personen Garantien gegen Gesetze, ich glaube vielmehr, daß Ge¬ setze Garantien gegen Personen sein müssen. Und wird die ver¬ wegenste Phantasie sich einbilden können, Männer, welche in dem erhabenen Geschäft der Legislation keinen Augenblick von der 25 beklemmten, praktisch niedrigen Stimmung des Eigennutzes zur theoretischen Höhe allgemeiner und objektiver Gesichtspunkte sich zu erheben vermögen, Männer, welche schon vor dem Ge¬ danken künftiger Nachteile beben und nach Stuhl und Tisch greifen, um ihr Interesse zu decken, dieselben Männer würden so im Antlitz der wirklichen Gefahr Philosophen sein? Aber keiner, auch nicht der vorzüglichste Gesetzgeber, darf seine Person höher stellen als sein Gesetz. Niemand ist befugt, sich selbst Ver¬ trauensvota zu dekretieren, die von Konsequenzen für dritte sind. Ob ihr aber auch nur verlangen durftet, man solle euch beson- 35 deres Vertrauen schenken, mögen folgende Tatsachen erzählen. 87, äußert ein Abgeordneter der Städte, müsse er oppo¬ nieren, denn die Bestimmungen desselben würden weitläufige, zu nichts führende Untersuchungen veranlassen, wodurch persön¬ liche Freiheit und jene des Verkehrs gestört würden. Man möge 4o doch nicht von vornherein jeden für einen Verbrecher halten und nicht gleich eine böse Tat präsumieren, bis man einen Beweis dafür habe, daß eine solche auch verübt worden sei.“ Ein anderer Abgeordneter der Städte sagt, der § müsse gestrichen werden. Das Vexatorische desselben: „da jedermann nachweisen müsse, 45 woher ihm das Holz geworden“, demnach jedermann als des Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 24
286 Aus der Rheinischen Zeitung Stehlens und Bergens verdächtig erscheine, greife rauh und ver¬ letzend in das bürgerliche Leben ein. Der § ward angenommen. Wahrlich, ihr mutet der menschlichen Inkonsequenz zuviel zu, wenn sie zu ihrem Schaden das Mißtrauen und zu eurem Nutzen das Vertrauen als Maxime proklamieren, wenn ihr Vertrauen und s ihr Mißtrauen aus den Augen eures Privatinteresses sehen und mit dem Herzen eures Privatinteresses empfinden soll. Es wird noch ein Grund gegen die lebenslängliche Anstellung beigebracht, ein Grund, der selbst mit sich darüber uneinig ist, ob die Verächtlichkeit oder die Lächerlichkeit ihn mehr auszeichnet. 10 „Auch darf der freie Wille der Privaten nicht auf solche Weise so sehr beschränkt werden, weshalb nur Anstel¬ lungen auf Widerruf gestattet sein sollten.“ Gewiß ist es ebenso erfreuliche als unerwartete Nachricht, daß der Mensch einen freien Willen besitzt, der nicht auf jede i6 Weise zu beschränken sei. Die Orakel, die wir bisher hörten, glichen dem Urorakel zu Dodona. Das Holz teilte sie aus. Der freie Wille besaß keine ständische Qualität. Wie sollen wir nun dies plötzliche rebellische Auftreten der Ideologie, denn in bezug auf die Ideen haben wir nur Nachfolger Napoleons vor uns, 20 verstehen? Der Wille des Waldeigentümers verlangt die Freiheit, mit dem Holzfrevler nach Bequemlichkeit und auf die ihm zusagendste und wenigst kostspielige Art umspringen zu dürfen. Dieser Wille will, daß der Staat ihm den Bösewicht auf Diskretion überlasse, w Er verlangt plein pouvoir. Er bekämpft nicht die Einschränkung des freien Willens, er bekämpft die Weise dieser Einschrän¬ kung, die so sehr einschränkt, daß sie nicht nur den Holzfrevler, sondern auch den Holzbesitzer trifft. Will dieser freie Wille nicht viele Freiheiten? Ist es nicht ein sehr, ein vorzüglich freier Wille? 30 Und ist es nicht unerhört, daß man im 19. Jahrhundert den freien Willen jener Privaten, die publike Gesetze geben, „auf solche Weise so sehr“ einzuschränken wagt? Es ist unerhört. Auch der hartnäckige Reformer, der freie Wille, muß in die Gefolgschaft der guten Gründe treten, deren Zugführer die 35 Sophistik des Interesses ist. Nur muß dieser freie Wille Lebens¬ art besitzen, er muß ein vorsichtiger, ein loyaler freier Wille sein, ein freier Wille, der sich so einzurichten weiß, daß seine Sphäre mit der Sphäre der Willkür jener privilegierten Privaten zusammenfällt. Nur einmal wird der freie Wille zitiert, und 40 dieses eine Mal erscheint er in der Gestalt eines untersetzten Privaten, der Holzblöcke auf den Geist des vernünftigen Willens schleudert. Was sollte dieser Geist auch da, wo der Wille als Galeerensklave an die Ruderbank der kleinsten und engherzigsten Interessen geschmiedet ist.
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 287 Der Höhepunkt dieses ganzen Räsonnements faßt sich zu¬ sammen in folgender Bemerkung, welche das fragliche Verhältnis auf den Kopf stellt: „Mögen immerhin die königlichen Forst- und Jagdbeamten 5 auf Lebenslang angestellt werden, bei Gemeinden und Privaten findet dies das größte Bedenken.“ Als wenn nicht das einzige Be¬ denken darin bestände, daß hier statt der Staatsdiener Privat¬ bediente agieren! Als wenn die lebenslängliche Anstellung nicht eben gegen den bedenklichen Privaten gerichtet wäre! Rien 10 n est plus terrible que la logique dans l’absurdité, d. h. nichts ist schrecklicher als die Logik des Eigennutzes. Diese Logik, die den Bedienten des Waldeigentümers in eine Staatsautorität, verwandelt die Staatsautorität in Bediente des Waldeigentümers. Die Staatsgliederung, is die Bestimmung der einzelnen administrativen Behörden, Alles muß außer Rand und Band treten, damit Alles zum Mittel des Waldeigentümers herabsinke und sein Interesse als die bestim¬ mende Seele des ganzen Mechanismus erscheine. Alle Organe des Staates werden Ohren, Augen, Arme, Beine, womit das Interesse 20 des Waldeigentümers hört, späht, schätzt, schützt, greift und läuft. „Zu § 62 schlägt der Ausschuß als Schlußsatz die Forderung einer Bescheinigung der Unbeibringlichkeit durch den Steuer¬ boten, Bürgermeister, zwei Gemeindevorsteher, vom Wohnsitz des Frevlers ausgestellt, vor. Ein Deputierter der Landgemeinden 25 findet die Verwendung des Steuerboten im Widerspruch mit der bestehenden Gesetzgebung.“ Es versteht sich, daß dieser Widerspruch nicht berücksichtigt wurde. Bei § 20 hatte der Ausschuß vorgeschlagen: „In der Rheinprovinz solle dem berechtigten Waldeigen- w tümer die Befugnis zustehen, der Ortsbehörde die Sträflinge in der Art zur Ableistung der schuldigen Arbeit zu über¬ weisen, daß deren Arbeitstage auf die Kommunalweg- Handdienste, zu welchen der Waldeigentümer in der Ge¬ meinde verpflichtet ist, angerechnet respektive in Abzug 15 gebracht werden.“ Es wurde dagegen eingewandt, „daß die Bürgermeister nicht zu Exekutoren für einzelne Gemeindeglieder gebraucht und die Arbeiten der Sträflinge nicht als Kompensation für Dienste an¬ genommen werden könnten, welche durch bezahlte Taglöhner 4o oder Dienstleute verrichtet werden müßten.“ Der Referent bemerkt: „wenn es auch eine Last für die Herren Bürgermeister sei, die unwilligen und aufgereizten Forststräflinge zur Arbeit anzuhalten, so liege es aber in den Funktionen dieser Beamten, ungehorsame und böswillige Administrierte zur Pflicht 24e
288 Aus der Rheinischen Zeitung zurückzuführen, und sei es nicht eine schöne Handlung, den Sträfling vom Abwege auf den rechten Weg zurückzuführen? Wer habe auf dem Lande dazu mehr Mittel in Händen als die Herren Bürgermeister!“ Und es hatte sich Reineke ängstlich und traurig gebärdet, 5 Daß er manchen gutmütigen Mann zum Mitleid bewegte, Lampe, der Hase, besonders war sehr bekümmert. Der Landtag akzeptierte den Vorschlag. [RhZ 1. Nov. 1842. Nr. 305, Beiblatt] *** Der gute Herr Bürgermeister soll eine Last übernehmen und 10 eine schöne Handlung vollziehen, damit der Herr Waldeigentümer seine Pflicht gegen die Gemeinde ohne Unkosten abtragen kann. Mit demselben Rechte könnte der Waldeigentümer den Bürger¬ meister als Oberküchenmeister oder als Oberkellner in Anspruch nehmen. Ist es nicht eine schöne Handlung, wenn der Bürger- is meister Küche und Keller seiner Administrierten instand hält? Der verurteilte Verbrecher ist kein Administrierter des Bürger¬ meisters, er ist ein Administrierter des Gefängnisaufsehers. Ver¬ liert der Bürgermeister nicht eben Mittel und Würde seiner Stellung, wenn man ihn aus einem Vorstand der Gemeinde zum 20 Exekutor einzelner Gemeindeglieder, wenn man ihn aus einem Bürgermeister zu einem Zuchtmeister macht? Werden nicht die anderen freien Gemeindeglieder verletzt, wenn ihre ehrliche Arbeit im Dienste des Allgemeinen zur Strafarbeit im Dienste ein¬ zelner Individuen herabsinkt? 25 Doch es ist überflüssig, diese Sophistereien aufzudecken. Der Herr Referent möge so gütig sein, uns selbst zu sagen, wie welt¬ kluge Leute humane Phrasen beurteilen. Er läßt den W a 1 d - besitzer folgendermaßen den humanisierenden Acker- besitzer haranguieren: 30 „Wenn einem Gutsbesitzer die Fruchtähre abgeschnitten werde, so würde der Dieb sagen: ,ich habe kein Brot, darum nehme ich einige Ähren von dem großen Stück, was Sie be¬ sitzen4, so wie der Holzdieb sagt: ,ich habe kein Holz zu brennen, darum stehle ich Holz4. Den Gutsbesitzer schütze 35 der Artikel 444 des Kriminalkodex, der eine Strafe von zwei bis fünf Jahren Gefängnis gegen das Abschneiden der Ähre ausspreche; so einen mächtigen Schutz habe der Wald¬ eigentümer nicht.44 In diesem letzten neidisch-schielenden Ausruf des Waldeigen- 40 tümers liegt ein ganzes Glaubensbekenntnis. Ackerbesitzer, warum gerierst du dich so großmütig, wenn es sich um mein Inter-
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 289 esse handelt? Weil für dein Interesse schon gesorgt ist. Also keine Illusionen! Die Großmut kostet entweder nichts, oder sie bringt etwas ein. Also Ackerbesitzer, du blendest den Wald¬ besitzer nicht! Also Waldbesitzer, blende den Bürgermeister 5 nicht! Dies eine Intermezzo würde beweisen, wie wenig Sinn „schöne Handlungen66 in unserer Debatte haben können, bewiese nicht die ganze Debatte, daß sittliche und humane Gründe hier nur als Phrasen ihr Unterkommen finden. Aber das Interesse ist selbst 10 geizig mit Phrasen. Es erfindet sie erst, wenn’s nottut, wenn es von erklecklichen Folgen ist. Dann wird es beredt, das Blut rollt ihm schneller, es kommt nun sogar auf schöne Handlungen, die ihm einbringen und anderen kosten, auf schmeichlerische Worte, auf zutunliche Süßigkeiten nicht an, und das alles, das alles is wird nur exploitiert, um den Holzfrevel zu einer kulanteren Münze des Waldeigentümers zu stempeln, um ihn zu einem er¬ giebigen Holzfrevler zu machen, um das Kapital, denn der Holz¬ frevler ist dem Waldeigentümer zu einem Kapital geworden, be¬ quemer anlegen zu können. Es handelt sich nicht darum, den 2o Bürgermeister zum Besten des Holzfrevlers, es handelt sich darum, ihn zum Besten des Waldeigentümers zu mißbrauchen. Welch ein merkwürdiges Geschick, welch eine überraschende Tat¬ sache, daß die seltenen Intervallen, in denen ein problematisches Gut für den Frevler auch nur erwähnt, ein apodiktisches Gut dem 25 Hrn. Waldeigentümer versichert wird! Noch ein Beispiel dieser humanen Inzidentpunkte! Referent: „das französische Gesetz kenne die Verwand¬ lung der Gefängnisstrafe in Forstarbeit nicht, er halte diese für eine weise und wohltätige, denn der Aufenthalt im Ge- 3o fängnis führe nicht immer zur Besserung und sehr oft zum Sch lech te rwer den.6 6 Früher, als man Unschuldige zu Verbrechern machte, als ein Deputierter in bezug auf die Sammler von Raffholz bemerkte, man bringe sie durch die Gefängnisse mit Gewohnheitsdieben zu- 35 sammen, da waren die Gefängnisse gut. Plötzlich haben sich die Verbesserungsanstalten metamorphosiert in Verschlechte¬ rungsanstalten, denn in diesem Moment ist es zuträglich für das Interesse des Waldeigentümers, daß die Gefängnisse verschlech¬ tern. Unter der Verbesserung der Verbrecher versteht man eine 4o Verbesserung der Prozente, welche die Verbrecher dem Waldeigentümer abzuwerfen den hochherzigen Beruf haben. Das Interesse hat kein Gedächtnis, denn es denkt nur an sich. Das Eine, worauf es ihm ankommt, sich selbst, vergißt es nicht. Auf Widersprüche aber kommt es ihm nicht an, denn mit sich
290 Aus der Rheinischen Zeitung selbst gerät es nicht in Widersprüche. Es ist ein beständiger Im¬ provisator, denn es hat kein System, aber es hat Auskunfts- mittel. Während die humanen und rechtlichen Gründe nichts tun als Ce qu’au bal nous autres sots humains, 5 Nous appelons faire tapisserie, sind die Auskunftsmittel die tätigsten Agenten im räsonnierenden Mechanismus des Interesses. Wir bemerken unter diesen Aus¬ kunftsmitteln zwei, die beständig in dieser Debatte wiederkehren und die Hauptkategorien bilden, die „guten Motive“ und 10 die „nachteiligen Folgen“. Wir sehen bald den Referen¬ ten des Ausschusses, bald ein anderes Landtagsmitglied jede zwei¬ deutige Bestimmung mit dem Schild gewiegter, weiser und guter Motive vor den Pfeilen des Widerspruchs decken. Wir sehen jede Konsequenz rechtlicher Gesichtspunkte durch die Hinweisung auf 15 die nachteiligen oder bedenklichen Folgen abgelehnt. Untersuchen wir einen Augenblick diese geräumigen Auskunftsmittel, diese Auskunftsmittel par excellence, diese Auskunftsmittel für alles und noch einiges andere. Das Interesse weiß das Recht durch die Perspektive auf die 20 nachteiligen Folgen, durch seine Wirkungen in der Außenwelt anzuschwärzen; es weiß das Unrecht durch gute Motive, also durch Zurückgehen in die Innerlichkeit seiner Gedankenwelt weißzu¬ waschen. Das Recht hat schlechte Folgen in der Außenwelt unter den bösen Menschen, das Unrecht hat gute Motive in der Brust 25 des braven Mannes, der es dekretiert; beide aber, die guten Motive und die nachteiligen Folgen, teilen die Eigentümlichkeit, daß sie die Sache nicht in Beziehung auf sich selbst, daß sie das Recht nicht als einen selbständigen Gegenstand behandeln, sondern vom Recht ab entweder auf die Welt hinaus oder auf den eigenen 30 Kopf hineinweisen, daß sie also hinter dem Rücken des Rechts manövrieren. Was sind nachteilige Folgen? Daß man hierunter keine nach¬ teiligen Folgen für den Staat, das Gesetz, den Angeschuldigten zu verstehen hat, das beweist unsere ganze Darstellung. Daß man 35 ferner unter den nachteiligen Folgen keine nachteiligen Folgen für die bürgerliche Sicherheit begreift, wollen wir in wenigen Zügen zur Evidenz steigern. Wir haben schon von Landtagsmitgliedem selbst gehört, wie die Bestimmung, „daß jeder nachweisen muß, woher er sein Holz 40 hat“, rauh und verletzend in das bürgerliche Leben eingreife und jeden Bürger vexatorischen Schikanen preisgebe. Eine andere Be¬ stimmung erklärt jeden für einen Dieb, in dessen Gewahrsam sich gestohlenes Holz findet, obgleich ein Deputierter erklärt:
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 291 „dies könne manchem rechtlichen Manne gefährlich werden. In seiner Nähe sei jemandem gestohlenes Holz in den Hof geworfen und der Unschuldige zur Strafe gezogen worden“. Der § 66 ver¬ urteilt jeden Bürger, der einen Besen kauft, welcher kein mono- 5 polisierter Besen ist, zu einer Zuchthausstrafe von vier Wochen bis zwei Jahren, wozu ein Stadtabgeordneter die Randglosse macht: „Dieser Paragraph drohe den Bewohnern der Kreise Elberfeld, Lennep und Solingen samt und sonders Zuchthaus¬ strafe.“ Endlich hat man die Aufsicht und Handhabung der Jagd- io und Forstpolizei dem Militär sowohl zu einem Recht als zu einer Pflicht gemacht, obgleich der Art. 9 der Kriminalordnung nur Beamte kennt, welche unter der Aufsicht der Staatsprokura¬ toren stehen, also unmittelbar von diesen verfolgt werden können, was bei dem Militär nicht der Fall ist. Man bedroht damit wie die 15 Unabhängigkeit der Gerichte, so die Freiheit und Sicherheit der Bürger. Weit entfernt also, daß von nachteiligen Folgen für die bürger¬ liche Sicherheit die Rede wäre, wird die bürgerliche Sicherheit selbst als ein Umstand von nachteiligen Folgen 2o behandelt. Was sind also nachteilige Folgen? Nachteilig ist, was dem Inter¬ esse des Waldeigentümers nachteilig ist. Wenn also die Folgen des Rechts keine Erfolge seines Interesses sind, so sind es nach¬ teilige Folgen. Und hier ist das Interesse scharfsinnig. Sah es 25 vorhin nicht, was die natürlichen Augen zeigen, so sieht es jetzt sogar, was sich nur dem Mikroskop entdeckt. Die ganze Welt ist ihm ein Dom im Auge, eine Welt von Gefahren, eben weil sie nicht die Welt eines, sondern die Welt vieler Interessen ist. Das Privat¬ interesse betrachtet sich als den Endzweck der Welt. Realisiert 3o also das Recht diesen Endzweck nicht, so ist es ein zweckwidriges Recht. Ein dem Privatinteresse nachteiliges Recht ist also ein Recht von nachteiligen Folgen. Sollten die guten Motive besser sein als die nachteiligen Folgen? 35 Das Interesse denkt nicht, es rechnet. Die Motive sind seine Zahlen. Das Motiv ist ein Beweggrund, die Rechtsgründe aufzu¬ heben, und wer zweifelt, daß das Privatinteresse hierzu viele Be¬ weggründe haben wird? Die Güte des Motivs besteht in der zu¬ fälligen Geschmeidigkeit, womit es den objektiven Tatbestand zu 4o entrücken und sich und andere in die Täuschung einzuwiegen weiß, nicht die gute Sache sei zu denken, sondern bei einer schlechten Sache genüge der gute Gedanke. Unseren Faden wieder aufnehmend, bringen wir zunächst ein Seitenstück zu den dem Herm Bürgermeister empfohlenen schö- 45 nen Handlungen.
292 Aus der Rheinischen Zeitung „§ 34 wurde vom Ausschuß eine veränderte Fassung in folgen¬ der Weise vorgeschlagen: wird das Erscheinen des protokollieren¬ den Schutzbeamten von dem Beschuldigten veranlaßt, so hat der¬ selbe die desfallsigen Kosten vordersamst bei dem Forst¬ gerichte zu deponieren.“ 5 Der Staat und das Gericht sollen nichts unentgeltlich im Inter¬ esse des Beschuldigten tun. Sie sollen sich vordersamst bezahlen lassen, wodurch offenbar vordersamst die Konfrontation des de¬ nunzierenden Schutzbeamten und des Angeschuldigten erschwert wird. 10 Eine schöne Handlung! Nur eine einzige schöne Handlung! Ein Königreich für eine schöne Handlung! Aber die einzige schöne Handlung, die in Vorschlag gebracht wird, soll der Herr Bürgermeister zum Besten des Herm Waldeigentümers voll¬ ziehen. Der Bürgermeister ist der Repräsentant der schönen Hand-15 lungen, ihr menschgewordener Ausdruck, und man hat die Reihe der schönen Handlungen mit der Last, die man dem Bürgermeister aufzuerlegen die wehmütige Aufopferung besaß, erschöpft und für immer geschlossen. Wenn der Herr Bürgermeister im Dienst des Staates und zum 20 sittlichen Besten des Verbrechers mehr tun soll als seine Pflicht, sollten die Herren Waldeigentümer zu demselben Guten nicht weniger fordern, als ihr Interesse ist? Man könnte die Antwort auf diese Frage schon in dem bisher behandelten Teil der Debatten niedergelegt glauben, aber man 23 irrt. Wir kommen zu den Strafbestimmungen. „Ein Deputierter der Ritterschaft hielt den Waldeigentümer immer noch nicht für hinlänglich entschädigt, wenn ihm selbst die Strafgelder (außer der Erstattung des einfachen Werts) zufielen, die häufig nicht einziehbar sein würden.“ 30 Ein Abgeordneter der Städte bemerkt: „Die Bestimmungen dieses Paragraphen (§ 15) könnten zu den bedenklichsten Folgen führen. Der Waldeigentümer erhalte auf diese Weise drei¬ fache Entschädigung, nämlich den Wert, vier-, sechs- oder acht¬ fache Strafe und noch besonderen Schadenersatz, welcher oft ganz 33 arbiträr ermittelt und mehr das Resultat einer Fiktion als der Wirklichkeit sein werde. Jedenfalls scheine ihm angeordnet wer¬ den zu müssen, daß die fragliche besondere Entschädigung gleich am Forstgericht vorgefordert und im Forsturteil zugesprochen werden müsse. Daß der Beweis des Schadens besonders geliefert <o und nicht lediglich auf das Protokoll gegründet werden könne, liege in der Natur der Sache.“ Es wurde hiergegen durch den Herm Referenten und ein anderes Mitglied erläutert, wie der hier angeführte Mehrwert sich in verschiedenen von ihnen bezeich¬ neten Fällen ergeben könne. Der Paragraph ward angenommen, 43
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 293 Das Verbrechen wird zu einer Lotterie, in welcher der Wald¬ eigentümer, wenn das Glück will, sogar noch Gewinnste ziehen kann. Es kann sich ein Mehrwert ergeben, aber es kann auch der Waldeigentümer, der schon den einfachen Wert erhält, durch die 5 vier-, sechs- oder achtfache Strafe ein Geschäft machen. Erhält er aber außer dem einfachen Wert noch besonderen Schadenersatz, so ist die vier-, sechs- oder achtfache Strafe jedenfalls reiner Ge¬ winn. Glaubt ein Mitglied des Ritterstandes, die zufallenden Strafgelder seien keine hinreichenden Garantien, weil sie häufig 10 nicht einziehbar sein würden, so werden sie dadurch doch keinen- falls einziehbar, daß außer ihnen noch Wert und Schadenersatz einzuziehen sind. Wir werden übrigens sehen, wie man dieser Nichteinziehbarkeit ihren Stachel zu rauben weiß. Konnte der Waldeigentümer sein Holz besser assekurieren, als is es hier geschehen ist, wo man das Verbrechen in eine Rente ver¬ wandelt hat? Ein geschickter Feldherr, verwandelt er den Angriff auf sich in eine unfehlbare Gelegenheit siegreichen Gewinnes, denn sogar der Mehrwert des Holzes, die ökonomische Schwärme¬ rei, verwandelt sich durch den Diebstahl in eine Substanz. Dem 2o Waldeigentümer muß nicht allein sein Holz, sondern auch sein Holzgeschäft garantiert werden, während die bequeme Huldi¬ gung, die er seinem Geschäftsführer, dem Staate, darbringt, darin besteht, daß er ihn nicht bezahlt. Es ist ein exemplarischer Ein¬ fall, die Strafe des Verbrechens aus einem Siege des Rechts gegen 25 die Attentate auf das Recht in einen Sieg des Eigennutzes gegen die Attentate auf den Eigennutz zu verwandeln. Wir machen unsere Leser aber vorzugsweise auf die Bestim¬ mung des § 14 aufmerksam, eine Bestimmung, wobei man sich der Gewohnheit entschlagen muß, die leges barbarorum für Gesetze 30 der Barbaren zu halten. Die Strafe nämlich als solche, die Wiederherstellung des Rechts, wohl zu unterscheiden von der Er¬ stattung des Wertes und dem Schadenersätze, der Wiederherstel¬ lung des Privateigentums, wird aus einer öffentlichen Strafe zu einer Privatkomposition, die Strafgelder 35 fließen nicht in die Staatskasse, sondern in die Privatkasse des Waldeigentümers. Ein Abgeordneter der Städte meint zwar: „Dies widerstreite der Würde des Staats und den Prinzipien einer guten Straf rechts¬ pflege“, aber ein Deputierter der Ritterschaft „appelliert an das 4o Rechts- und Billigkeitsgefühl der Versammlung zum Schutz des Interesses des Waldeigentümers“, also an ein apartes Rechts¬ und Billigkeitsgefühl. Die barbarischen Völker lassen dem Beschädigten für ein be¬ stimmtes Verbrechen eine bestimmte Komposition (Sühngeld) 45 zahlen. Der Begriff der öffentlichen Strafe kam erst im Gegensatz
294 Aus der Rheinischen Zeitung zu dieser Ansicht auf, die im Verbrechen nur eine Verletzung des Individuums erblickt, aber das Volk und die Theorie müssen noch erfunden werden, welche dem Individuum die Privat- und die Staatsstrafe zu vindizieren die Gefälligkeit besitzen. Ein vollständiges qui pro quo muß die Landstände verführt 5 haben. Der gesetzgebende Waldeigentümer verwechselte einen Augenblick die Personen, sich als Gesetzgeber und sich als Wald¬ eigentümer. Das eine Mal ließ er sich als Waldeigentümer das Holz, und das andere Mal ließ er sich als Gesetzgeber die ver¬ brecherische Gesinnung des Diebes bezahlen, wobei es 10 sich ganz zufällig traf, daß der Waldeigentümer beide Male be¬ zahlt wurde. Wir stehen also nicht mehr bei dem einfachen droit des seigneurs. Wir sind durch die Epoche des öffentlichen Rechts zur Epoche des verdoppelten, des potenzierten Patrimonialrechts gelangt. Die Patrimonialeigentümer benutzen den Fortschritt der is Zeit, der die Widerlegung ihrer Forderung ist, um sowohl die Privatstrafe der barbarischen Weltanschauung als auch die öffentliche Strafe der modernen Weltanschauung zu usurpieren. Durch die Erstattung des Wertes und noch gar eines besonderen Schadenersatzes existiert kein Verhältnis mehr zwischen dem 20 Holzdieb und dem Waldeigentümer, denn die Holzverletzung ist vollständig aufgehoben. Beide, Dieb und Eigentümer, sind in die Integrität ihres früheren Zustandes zurückgetreten. Der Wald¬ eigentümer ist bei dem Holzdiebstahl nur soweit affiziert, als das Holz, aber nicht soweit, als das Recht verletzt ist. Nur die sinn- 25 liehe Seite des Verbrechers trifft ihn, aber das verbrecherische Wesen der Handlung ist nicht die Attacke auf das materielle Holz, sondern die Attacke auf die Staatsader des Holzes, auf das Eigen¬ tumsrecht als solches, die Verwirklichung der unrechtlichen Ge¬ sinnung. Hat der Waldeigentümer Privatansprüche auf die recht- 30 liehe Gesinnung des Diebes, und was sollte die Vervielfältigung der Strafe bei Wiederholungsfällen anderes sein als eine Strafe der verbrecherischen Gesinnung? Oder kann der Waldeigentümer Privatforderungen haben, wo er keine Privatansprüche hat? War der Waldeigentümer vor dem Holzdiebstahl der Staat? Nein, 35 aber er wird es nach dem Holzdiebstahl. Das Holz besitzt die merkwürdige Eigenschaft, sobald es gestohlen wird, seinem Be¬ sitzer Staatsqualitäten zu erwerben, die er früher nicht besaß. Der Waldeigentümer kann doch nur zurückerhalten, was ihm genom¬ men wurde. Wird ihm der Staat zurückgegeben, und er wird ihm 40 zurückgegeben, wenn er außer dem Privatrecht das Staatsrecht auf den Frevler erhält, so muß ihm auch der Staat geraubt wer¬ den, so muß der Staat sein Privateigentum gewesen sein. Der Holzdieb trug also, ein zweiter Christophorus, in den gestohlenen Blöcken den Staat selbst auf seinem Rücken. 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 295 Die öffentliche Strafe ist die Ausgleichung des Verbrechens mit der Staat svernunft, sie ist daher ein Recht des Staates, aber sie ist ein Recht des Staates, welches er so wenig an Privatleute zedieren, als ein Individuum dem anderen sein Gewissen abtreten 5 kann. Jedes Recht des Staates gegen den Verbrecher ist zugleich ein Staatsrecht des Verbrechers. Sein Verhältnis zum Staate kann durch kein Unterschieben von Mit [tel] gliedern in ein Verhältnis zu Privaten verwandelt werden. Wollte man dem Staate selbst das Aufgeben seiner Rechte, den Selbstmord, gestatten, so wäre doch 10 immerhin das Aufgeben seiner Pflichten nicht nur eine Nach¬ lässigkeit, sondern ein Verbrechen. Der Waldeigentümer kann also ebensowenig durch den Staat ein Privatrecht auf die öffentliche Strafe erhalten, als er an und für sich irgendein denkbares Recht darauf besitzt. Wenn ich aber is die verbrecherische Tat eines Dritten in Ermangelung rechtlicher Ansprüche zu einer selbständigen Erwerbsquelle mir gestalte, werde ich dadurch nicht sein Mitschuldiger? Oder bin ich weniger sein Mitschuldiger, weil ihm die Strafe und mir der Genuß des Verbrechens zufällt? Die Schuld wird nicht gemildert, wenn ein 20 Privatmann seine Qualität als Gesetzgeber dazu mißbraucht, sich selber Staatsrechte durch das Verbrechen Dritter zu arrogieren. Der Unterschleif öffentlicher Staatsgelder ist ein Staatsverbrechen, und sind die Strafgelder keine öffentlichen Staatsgelder? Der Holzdieb hat dem Waldeigentümer Holz entwendet, aber 25 der Waldeigentümer hat den Holzdieb dazu benutzt, den Staat selbst zu entwenden. Wie wörtlich wahr dies ist, beweist § 19, wo man nicht dabei stehen bleibt, die Geldstrafe, sondern auch Leib und Leben des Angeklagten in Anspruch zu nehmen. Nach § 19 wird der Forstfrevler durch eine für den Waldeigen- 3o tümer zu leistende Forstarbeit ganz in dessen Hände gegeben, was nach einem Deputierten der Städte „zu großen Inkonvenien- zen führen könne. Er wolle nur auf die Gefährlichkeit dieser Vollziehungsweise bei Personen des anderen Geschlechts aufmerk¬ sam machen“. 35 Ein Deputierter der Ritterschaft gibt die ewig denkwürdige Erwiderung: „daß es zwar ebenso notwendig als zweckmäßig sei, bei der Diskussion eines Gesetzentwurfes vorab die Prinzipien desselben zu erörtern und festzustellen, daß aber, wenn dies ein¬ mal geschehen, darauf nicht wieder bei Erörterung jedes einzel- 4o nen Paragraphen zurückgegangen werden könne“, worauf der Paragraph ohne Widerspruch angenommen wurde. Seid so geschickt, von schlechten Prinzipien auszugehen, und ihr erhaltet einen unfehlbaren Rechtstitel auf die schlechten Kon¬ sequenzen. Ihr könntet zwar meinen, die Nichtigkeit des Prinzips 45 offenbare sich in der Abnormität seiner Konsequenzen, aber wenn
296 Aus der Rheinischen Zeitung ihr Weltbildung besitzt, so werdet ihr einsehen, daß der Kluge bis auf die letzte Konsequenz ausschöpft, was er einmal durch¬ gesetzt hat. Es wundert uns nur, daß der Waldeigentümer nicht auch seinen Ofen mit den Walddieben heizen darf. Da die Frage sich nicht um das Recht, sondern um die Prinzipien dreht, von 5 denen der Landtag auszugehen beliebt, so stände dieser Kon¬ sequenz auch nicht ein Sandkorn im Wege. In direktem Widerspruch mit dem eben aufgestellten Dogma belehrt uns ein kurzer Rückblick, wie nötig es gewesen wäre, bei jedem § von neuem die Prinzipien zu diskutieren, wie man durch 10 die Votierung scheinbar zusammenhangloser und in gehöriger Distanz voneinander gehaltener §§ eine Bestimmung nach der an¬ deren erschlichen hat und nach Erschleichung der ersten in der folgenden nun auch den Schein der Bedingung fallen ließ, unter der die erste allein annehmbar war. 15 [RhZ 3. Nov. 1842, Nr. 307, Beiblatt] *** Als es sich bei § 4 davon handelte, dem denimzierenden Schutzbeamten die Schätzung zu überlassen, bemerkte ein Stadt¬ verordneter: „würde der Vorschlag nicht beliebt werden, das Strafgeld in die Staatskasse fließen zu lassen, so sei die vor- 20 liegende Bestimmung doppelt gefährlich“. Und es ist klar, daß der Forstbeamte nicht dasselbe Motiv zur Überschätzung hat, wenn er für den Staat, als wenn er für seinen Brotherrn taxiert. Man war so geläufig, diesen Punkt nicht zu erörtern, man ließ den Schein bestehen, als könne § 14, der die Strafgelder dem Wald- 25 eigentümer zuspricht, verworfen werden. Man hat den § 4 durch¬ gesetzt. Nach der Votierung von zehn Paragraphen kommt man endlich auf § 14, durch welchen der § 4 einen veränderten und gefährlichen Sinn erhält. Dieser Zusammenhang wird gar nicht berührt, der § 14 wird angenommen, und die Strafgelder werden 30 der Privatkasse des Waldeigentümers zugewiesen. Der Haupt¬ grund, ja der einzige Grund, der hierfür angeführt wird, ist das Interesse des Waldeigentümers, das durch die Erstattung des ein¬ fachen Wertes nicht hinlänglich gedeckt sei. Aber im § 15 vergißt man wieder, daß man die Strafgelder dem Waldeigentümer votiert 35 hat, und dekretiert ihm außer dem einfachen Werte noch beson¬ deren Schadenersatz, weil ein Mehrwert denkbar, als wenn er nicht schon durch die zufließenden Strafgelder ein Mehr erhalten. Man hat sogar noch bemerkt, daß die Strafgelder nicht immer einzieh¬ bar wären. Man stellte sich also, als wolle man nur in bezug auf 40 das Geld an die Staatsstelle treten, aber im § 19 wirft man die Maske weg und vindiziert sich nicht nur das Geld, sondern den
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 297 Verbrecher selbst, nicht nur den Beutel des Menschen, sondern den Menschen. An dieser Stelle tritt die Methode der Subreption scharf und unumwunden hervor, ja in selbstbewußter Klarheit, denn sie steht 5 nicht mehr an, sich als Prinzip zu proklamieren. Der einfache Wert und der Schadenersatz gaben dem Wald eigentiimer offenbar nur eine Privatforderung gegen den Holzfrevler, zu deren Realisation ihm die Zivilgerichte offen¬ stehen. Kann der Holzfrevler nicht zahlen, so befindet sich der 10 Waldeigentümer in der Lage jedes Privatmannes, der einen zah¬ lungsunfähigen Schuldner hat und dadurch bekanntlich kein Recht auf Zwangsarbeit, Dienstleistung, mit einem Wort tem¬ porelle Leibeigenschaft des Schuldners erhält. Was gibt also dem Waldeigentümer diesen Anspruch? Die Straf- 15 gelder. Indem der Waldeigentümer sich die Strafgelder vin- dizierte, hat er, wie wir gesehen, außer seinem Privatrecht sich ein Staatsrecht an den Holzfrevler vindiziert und sich selbst an die Stelle des Staats gesetzt. Aber indem der Waldeigentümer sich die Strafgelder zusprach, verheimlichte er klugerweise, daß 20 er sich die Strafe selbst zugesprochen hat. Er zeigte damals auf die Strafgelder als auf einfache Gelder, er zeigt jetzt auf sie als Strafe hin, er bekennt jetzt triumphierend, daß er durch die Strafgelder das öffentliche Recht in sein Privateigen¬ tum verwandelt hat. Statt vor dieser ebenso verbrecherischen als 25 empörenden Konsequenz zurückzubeben, nimmt man die Kon¬ sequenz in Anspruch, eben weil sie eine Konsequenz ist. Behauptet der gesunde Menschenverstand, es widerstreite unserem, es wider¬ streite allem Rechte, einen Staatsbürger dem anderen als tempo- rellen Leibeigenen auszuliefem und zu überweisen, so erklärt 30 man achselzuckend, die Prinzipien seien erörtert, obgleich weder Prinzip noch Erörterung stattfand. Auf diese Weise erschleicht der Waldeigentümer durch die Strafgelder die Person des Holzfrevlers. Der § 19 offenbart erst den Doppelsinn des § 14. 35 So sieht man, der § 4 hätte durch den § 14, der § 14 hätte durch den § 15, der § 15 hätte durch den § 19, der § 19 hätte schlechtweg unmöglich sein und das ganze Strafprinzip unmög¬ lich machen müssen, eben weil in ihm die ganze Verworfenheit dieses Prinzips erscheint. 4o Man kann das divide et impera nicht geschickter handhaben. Bei dem vorhergehenden Paragraphen denkt man nicht an den nachfolgenden, und bei dem nachfolgenden Paragraphen vergißt man den vorhergehenden. Der eine ist schon diskutiert, und der andere ist noch nicht diskutiert, so daß beide durch die entgegen- 45 gesetzten Gründe über alle Diskussion erhaben sind. Das an¬
298 Aus der Rheinischen Zeitung erkannte Prinzip aber ist „das Rechts- und Billigkeitsgefühl zum Schutz des Interesses des Waldeigentümers“, welches direkt ent¬ gegensteht dem Rechts- und Billigkeitsgefühl zum Schutz des Interesses des Lebenseigentümers, des Freiheitseigentümers, des Menschheitseigentümers, des Staatseigentümers, des Eigentümers 5 von nichts als sich selbst. Doch wir sind einmal so weit. — Der Waldeigentümer erhalte an die Stelle des Holzblockes einen ehemaligen Menschen. S hy 1 o c k. Porcia. G r a c i a n o. S h y 1 o c k. Porcia. Höchst weiser Richter ! — Spruch war’s — macht euch fertig. Wart’ noch ein wenig: eins ist noch zu merken. Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut, Die Worte sind ausdrücklich, ein Pfund Fleisch, Nimm denn den Schein und nimm du dein Pfund Fleisch: Allein vergießest du, indem du’s schneidest, Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt Dein Hab und Gut, nach dem Gesetz Venedigs Dem Staat Venedigs heim. 0 weiser Richter! — merk Jud! ein weiser Richter. Ist das Gesetz? Du sollst die Akte sehen. 10 15 20 Und ihr sollt die Akte sehen! Worauf begründet ihr euren Anspruch an die Leibeigenschaft des Holzfrevlers? Auf die Strafgelder. Wir haben gezeigt, daß ihr kein Recht an die Strafgelder habt. Wir sehen hievon ab. Was ist euer Grundprinzip? Daß das Interesse des Waldeigentümers, 25 gehe auch die Welt des Rechtes und der Freiheit darüber zugrunde, gesichert werde. Es steht euch unerschütterlich fest, daß euer HoIzschaden auf irgendeine Weise durch den Holz¬ frevler zu kompensieren ist. Diese feste Holzunterlage eures Räsonnements ist so morsch, daß ein einziger Windzug der 30 gesunden Vernunft sie in tausend Trümmer auseinanderstreut. Der Staat kann und muß sagen: ich garantiere das Recht gegen alle Zufälle. Das Recht allein ist in mir imsterblich, und darum beweise ich euch die Sterblichkeit des Verbrechens, indem ich es aufhebe. Aber der Staat kann und darf nicht sagen: ein Privat- 35 interesse, eine bestimmte Existenz des Eigentums, eine Waldhut, ein Baum, ein Holzsplitter, und gegen den Staat ist der größte Baum kaum ein Holzsplitter, ist gegen alle Zufälle garantiert, ist unsterblich. Der Staat kann nicht an gegen die Natur der Dinge, er kann das Endliche nicht gegen die Bedingungen des Endlichen, 40 nicht gegen den Zufall stichfest machen. So wenig euer Eigentum vor dem Verbrechen von dem Staate gegen jeden Zufall garan¬ tiert werden konnte, so wenig kann das Verbrechen diese unsichere Natur eures Eigentums ins Gegenteil verkehren. Allerdings wird der Staat euer Privatinteresse sichern, soweit es durch vernünftige 45 Gesetze und vernünftige Präventivmaßregeln gesichert werden
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 299 kann, aber der Staat kann eurer Privatforderung an den Ver¬ brecher kein anderes Recht zugestehen als das Recht der Privat¬ forderungen, den Schutz der Zivilgerichtsbarkeit. Könnt ihr euch auf diesem Wege wegen der Mittellosigkeit des Verbrechers keine 5 Kompensation verschaffen, so folgt weiter nichts, als daß jeder rechtliche Weg zu dieser Kompensation auf gehört hat. Die Welt fällt deswegen nicht aus ihren Angeln, der Staat verläßt des¬ wegen nicht die Sonnenbahn der Gerechtigkeit, und ihr habt die Vergänglichkeit alles Irdischen erfahren, eine Erfahrung, die 10 eurer gediegenen Religiosität kaum als pikante Neuigkeit oder wunderlicher als Stürme, Feuersbrunst und Fieber erscheinen wird. Wollte der Staat aber den Verbrecher zu eurem temporellen Leibeigenen machen, so opferte er die Unsterblichkeit des Rechts eurem endlichen Privatinteresse. Er bewiese also dem Ver- 15 brecher die Sterblichkeit des Rechts, dessen Unsterblichkeit er ihm in der Strafe beweisen muß. Als Antwerpen zu König Philipps Zeiten die Spanier durch Überschwemmung seines Gebiets leicht hätte abhalten können, gab es die Metzgerzunft nicht zu, weil sie fette Ochsen auf der 2o Weide hatte. Ihr verlangt, daß der Staat sein geistiges Gebiet aufgebe, damit euer Holzblock gerächt werde. Es sind noch einige Nebenbestimmungen des § 16 zu referieren. Ein Abgeordneter der Städte bemerkt: „Nach der bisherigen Ge¬ setzgebung würden acht Tage Gefängnis einer Geldstrafe von 25 fünf Talern gleichgerechnet. Es sei kein genügender Grund vor¬ handen, hiervon abzugehen.“ (Nämlich statt der acht Tage vier¬ zehn Tage zu setzen.) Zu demselben Paragraphen hatte der Aus¬ schuß folgenden Zusatz vorgeschlagen: „daß in keinem Falle die Gefängnisstrafe weniger als 24 Stunden währen solle“. Als man zo bemerkte, daß dies Minimum zu stark sei, führte dagegen ein Mitglied aus dem Stande der Ritterschaft an, „daß das franzö¬ sische Forstgesetz ein geringeres Strafmaß als drei Tage nicht enthalte“. Derselbe Atemzug, der gegen die Bestimmung des französi- 35 sehen Gesetzes fünf Taler statt mit acht mit vierzehn Tagen Ge¬ fängnis kompensiert, sträubt sich aus Devotion gegen das fran¬ zösische Gesetz, drei Tage in 24 Stunden zu verwandeln. Der obenerwähnte Stadtdeputierte bemerkt ferner: „wenig¬ stens würde es sehr hart sein, bei Holzentwendungen, die doch zo immer nicht als ein schwer zu bestrafendes Verbrechen angesehen werden können, für eine Geldbuße von fünf Talern vierzehn Tage Gefängnis eintreten zu lassen. Das werde dazu führen, daß der Bemittelte, welcher sich mit Geld loskauft, nur einfach, der Arme aber doppelt bestraft werde. Ein Abgeordneter der Ritterschaft 45 erwähnt, daß in der Umgegend von Cleve viele Forstfrevel verübt
300 Aus der Rheinischen Zeitung würden, bloß um Aufnahme in das Arresthaus und die Ge¬ fangenenkost zu erhalten. Beweist dieser Abgeordnete der Ritter¬ schaft nicht eben, was er widerlegen will, daß reine Notwehr gegen Hunger und Obdachlosigkeit die Leute zum Holzfreveln treibt? Ist diese entsetzliche Not ein aggravierender Umstand? 5 Der obenerwähnte Stadtdeputierte: „die schon gerügte Schmälerung der Kost müsse er zu hart und besonders bei Straf¬ arbeiten für ganz unausführbar halten.“ Von mehreren Seiten wird gerügt, daß die Schmälerung der Kost bis zu Wasser und Brot zu hart sei. Ein Deputierter der Landgemeinde bemerkte: 10 daß im Regierungsbezirk Trier die Schmälerung der Kost bereits eingeführt sei und sich als sehr wirksam erwiesen habe. Warum will der ehrenwerte Redner in Brot und Wasser gerade die Ursache der guten Wirkung zu Trier finden, warum nicht etwa in der Verstärkung des religiösen Sinnes, von dem der Landtag so viel und so rührend zu sprechen wußte? Wer hätte damals geahnt, daß Wasser und Brot die wahren Gnadenmittel! In gewissen Debatten glaubte man das englische Heiligen¬ parlament hergestellt — und jetzt? Statt Gebet und Vertrauen und Gesang, Wasser und Brot, Gefängnis und Forstarbeit! Wie frei- 20 gebig paradierte man mit Worten, um den Rheinländern einen Stuhl im Himmel zu verschaffen, wie freigebig ist man wieder mit Worten, um eine ganze Klasse von Rheinländern bei Wasser und Brot zur Forstarbeit zu peitschen, ein Einfall, den sich ein hollän¬ discher Plantagenbesitzer kaum gegen seine Neger erlauben wird, w Was beweist das alles? Daß es leicht ist, heilig zu sein, wenn man nicht menschlich sein will. So wird man den Passus verstehen: „Die Bestimmung des § 23 fand ein Landtagsmitglied unmensch¬ lich; sie wurde nichtsdestoweniger angenommen.“ Außer der Unmenschlichkeit wird von diesem Paragraphen nichts so berichtet. Unsere ganze Darstellung hat gezeigt, wie der Landtag die exe¬ kutive Gewalt, die administrativen Behörden, das Dasein des An¬ geklagten, die Staatsidee, das Verbrechen selbst und die Strafe zu materiellen Mitteln des Privat intéresses ss herabwürdigt. Man wird es konsequent finden, daß auch das richterliche Urteil als bloßes Mittel und die Rechts¬ kräftigkeit des Urteils als überflüssige Weitläufigkeit be¬ handelt wird. „In § 6 wünscht der Ausschuß das Wort rechtskräftig zu 40 streichen, da durch Aufnahme desselben bei Kontumazialerkennt- nissen den Holzdieben ein Mittel an die Hand gegeben werde, sich der verschärften Strafe für Wiederholungsfälle zu entziehen; es wird aber dagegen durch mehrere Abgeordnete protestiert und be¬ merkt, man müsse sich der vom Ausschuß vorgeschlagenen Be-n
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 301 seitigung des Ausdruckes: rechtskräftig Urteil in dem § 6 des Entwurfs widersetzen. Diese Bezeichnung der Urteile sei gewiß nicht ohne juristische Erwägung an dieser Stelle, sowie im Paragraphen aufgenommen. Allerdings würde die Absicht der 5 strengeren Bestrafung der Rezidive dann leichter und häufiger er¬ füllt werden, wenn jede erste richterliche Sentenz hinreichte, um die Anwendung der schärferen Strafe zu begründen. Es sei aber zu bedenken, ob man in dieser Art dem von dem Referenten her¬ vorgehobenen Interesse der Forsthut ein wesent- io lieh es Rechtsprinzip opfern wolle. Man könne damit sich nicht einverstanden erklären, daß mit Verletzung eines un¬ bestreitbaren Grundsatzes des Rechtsverfahrens einem Urteile, welches noch keinen gesetzlichen Bestand habe, eine solche Wir¬ kung beigelegt werde. Ein (anderer) Abgeordneter der Städte trug io ebenfalls auf Verwerfung des Amendements vom Ausschüsse an. Dasselbe verstoße gegen die Bestimmungen des Strafrechts, wo¬ nach nie eine Verschärfung der Strafe eintreten könne, bis die erste Strafe durch rechtskräftiges Urteil festgestellt sei.“ Der Referent erwidert: „das Ganze sei ein exzeptio- sonelles Gesetz, und also auch eine exzeptionelle Be¬ stimmung wie die vorgeschlagene darin zulässig“. „Vor¬ schlag des Ausschusses zur Streichung von rechtskräftig ge¬ nehmigt.“ Das Urteil ist bloß vorhanden, um die Rezidive zu konstatieren. 25 Die gerichtlichen Formen erscheinen der begehrlichen Unruhe des Privatinteresses als beschwerliche und überflüssige Hindernisse einer pedantischen Rechtsetikette. Der Prozeß ist nur ein sicheres Geleit, das man dem Gegner zum Gefängnis gibt, eine bloße Vor¬ bereitung zur Exekution, und wo er mehr sein will, wird er zum 3o Schweigen gebracht. Die Angst des Eigennutzes späht, berechnet, kombiniert aufs akkurateste, wie der Gegner das Rechtsterrain, das man als ein notwendiges Übel gegen ihn betreten muß, für sich ausbeuten könne, und man kommt ihm zuvor durch die umsich¬ tigsten Gegenmanöver. Man stößt auf das Recht selbst als Hinder- 35 nis bei der ungezügelten Geltendmachung seines Privatinteresses, und man behandelt das Recht als ein Hindernis. Man marktet, man feilscht mit ihm, man handelt ihm hie und da einen Grundsatz ab, man beschwichtigt es durch die flehendste Hinweisung auf das Recht des Interesses, man klopft ihm auf die Schultern, man 4o flüstert ihm ins Ohr: das seien Ausnahmen und keine Regel ohne Ausnahme, man sucht das Recht gleichsam durch den Terrorismus und die Akkuratesse, die man ihm gegen den Feind gestattet, zu entschädigen für die schlüpfrige Gewissensweitheit, mit der man es als Garantie des Angeklagten und als selbständigen Gegenstand 45 behandelt. Das Interesse des Rechtes darf sprechen, insoweit es Marx-Engel8*GeMmtausgabe, I. Abu. Bd. 1, 1. Hbd. 25
302 Aus der Rheinischen Zeitung das Recht des Interesses ist, aber es muß schweigen, sobald es mit diesem Heiligen kollidiert. Der Waldeigentümer, der selbst gestraft hat, ist so kon¬ sequent, auch selbst zu richten, denn er richtet offenbar, in¬ dem er ein Urteil ohne rechtskräftige Geltung für rechtskräftig 5 erklärt. Welch eine törichte, unpraktische Illusion ist überhaupt ein parteiloser Richter, wenn der Gesetzgeber parteiisch ist? Was soll ein uneigennütziges Urteil, wenn das Gesetz eigennützig ist? Der Richter kann den Eigennutz des Gesetzes nur puritanisch formulieren, nur rücksichtslos anwenden. Die Parteilosigkeit ist 10 dann die Form, sie ist nicht der Inhalt des Urteils. Den Inhalt hat das Gesetz antizipiert. Wenn der Prozeß nichts als eine gehaltlose Form ist, so hat solche formale Lappalie keinen selbständigen Wert. Nach dieser Ansicht würde chinesisches Recht französisches Recht, wenn man es in die französische Prozedur einzwängte, aber is das materielle Recht hat seine notwendige, ein¬ geborene Prozeßform, und so notwendig im chinesischen Recht der Stock, so notwendig zu dem Inhalt der hochnotpeinlichen Halsgerichtsordnung die Tortur als Prozeßform gehört, so not¬ wendig gehört zum öffentlichen freien Prozeß ein seiner Natur 20 nach öffentlicher, durch die Freiheit und nicht durch das Privat¬ interesse diktierter Gehalt. Der Prozeß und das Recht sind so wenig gleichgültig gegeneinander, als etwa die Formen der Pflanzen und Tiere gleichgültig sind gegen das Fleisch und das Blut der Tiere. Es muß e i n Geist sein, der den Prozeß und der 25 die Gesetze beseelt, denn der Prozeß ist nur die Lebensart des Gesetzes, also die Erscheinung seines inneren Lebens. Die Seeräuber von Tidong brechen den Gefangenen, um sich ihrer zu versichern, Arme und Beine. Um sich der Forstfrevler zu versichern, hat der Landtag dem Rechte nicht nur Arme und 30 Beine gebrochen, sondern sogar das Herz durchbohrt. Wir er¬ achten hiergegen sein Verdienst um die Wiedereinführung unseres Prozesses in einigen Kategorien als eine wahre Nullität; wir müs¬ sen im Gegenteil die Offenherzigkeit und Konsequenz anerkennen, die dem unfreien Gehalt eine unfreie Form gibt. Bringt man 35 materiell das Privatinteresse, welches das Licht der Öffentlichkeit nicht erträgt, in unser Recht hinein, so gebe man ihm auch seine angemessene Form, heimliches Verfahren, damit wenigstens keine gefährlichen, selbstgefälligen Illusionen erweckt und genährt werden. Wir halten es für die Pflicht aller Rheinländer und vor- 40 zugsweise der rheinischen Juristen, in diesem Augenblicke ihre Hauptaufmerksamkeit dem Rechtsgehalt zu widmen, damit uns nicht zuletzt die leere Maske zurückbleibt. Die Form hat keinen Wert, wenn sie nicht die Form des Inhalts ist. Der eben besprochene Vorschlag des Ausschusses und das bil- «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 303 ligende Votum des Landtags sind der Blütenpunkt der ganzen De¬ batte, denn die Kollision zwischen dem Interesse der Forsthut und den Rechtsprinzipien, den durch unser eigenes Gesetz sanktionierten Rechtsprinzipien, tritt hier in «5 das Bewußtsein des Landtages selbst. Der Landtag hat darüber ab¬ gestimmt, ob die Rechtsprinzipien dem Interesse der Forsthut zu opfern seien oder das Interesse der Forsthut den Rechtsprinzipien, und das Interesse hat das Recht überstimmt. Man hat sogar eingesehen, daß das ganze Gesetz eine Exzeption jo vom Gesetz, und deshalb gefolgert, daß jede exzeptionelle Bestimmung darin zulässig sei. Man beschränkte sich darauf, Konsequenzen zu ziehen, die der Gesetzgeber versäumt hat. Über¬ all, wo der Gesetzgeber vergaß, daß es sich um eine Exzeption vom Gesetz und nicht von einem Gesetz handelt, wo er den recht- 15 liehen Standpunkt geltend macht, da tritt die Tätigkeit unseres Landtags mit sicherem Takt berichtigend und ergänzend hinzu und läßt das Privatinteresse dem Recht Gesetze geben, wo das Recht dem Privatinteresse Gesetze gab. Der Landtag hat also vollkommen seine Bestim- 20 mung erfüllt. Er hat, wozu er berufen ist, ein bestimm¬ tes Sonderinteresse vertreten und als letzten Endzweck behandelt. Daß er dabei das Recht mit Füßen trat, ist eine ein¬ fache Konsequenz seiner Aufgabe, denn das Inter¬ esse ist seiner Natur nach blinder, maßloser, einseitiger, mit einem 25 Worte gesetzloser Natur inst inkt, und kann das Gesetzlose Gesetze geben? Das Privatinteresse wird so wenig zum Gesetzgeben be¬ fähigt dadurch, daß man es auf den Thron des Gesetzgebers setzt, als ein Stummer, dem man ein Sprachrohr von enormer Länge in die Hand gibt, zum Sprechen befähigt wird. 3o Wir sind nur mit Widerstreben dieser langweiligen und geist¬ losen Debatte gefolgt, aber wir hielten es für unsere Pflicht, an einem Beispiel zu zeigen, was von einer Ständeversamm¬ lung der Sonderinteressen, würde sie einmal ernstlich zur Gesetzgebung berufen, zu erwarten sei. 35 Wir wiederholen noch einmal, unsere Landstände haben ihre Bestimmung als Landstände erfüllt, aber wir sind weit entfernt, sie damit rechtfertigen zu wollen. Der Rheinländer mußte in ihnen über den Landstand, der Mensch mußte über den Wald¬ eigentümer siegen. Es ist ihnen selbst gesetzlich nicht nur die 4o Vertretung der Sonderinteressen, sondern auch die Vertretung des Interesses der Provinz überwiesen, und so widersprechend beide Aufgaben sind, in einem Kollisionsfalle durfte man keinen Augen¬ blick anstehen, die Vertretung des Sonderinteresses der Vertretung der Provinz aufzuopfem. Der Sinn für Recht und Gesetz ist der ^bedeutsamste Provinzialismus der Rheinländer; aber 25e
304 Aus der Rheinischen Zeitung es versteht sich von selbst, daß das Sonderinteresse, wie kein Vaterland, so keine Provinz, wie nicht den allgemeinen, so nicht den heimischen Geist kennt. In direktem Widerspruch zu der Be¬ hauptung jener Schriftsteller der Einbildung, welche ideale Ro¬ mantik, unergründliche Gemütstiefe und fruchtbarste Quelle in- 5 dividueller und eigentümlicher Gestaltungen der Sittlichkeit in einer Vertretung der Sonderinteressen zu finden belieben, hebt eine solche alle natürlichen und geistigen Unterschiede auf, in¬ dem sie an ihrer Stelle die unsittliche, unverständige und gemüt¬ lose Abstraktion einer bestimmten Materie und eines bestimmten, m ihr sklavisch unterworfenen Bewußtseins auf den Thron erhebt. Holz bleibt Holz in Sibirien wie in Frankreich; Waldeigen¬ tümer bleibt Waldeigentümer in Kamtschatka wie in der Rhein¬ provinz. Wenn also Holz und Holzbesitzer als solche Gesetze geben, so werden sich diese Gesetze durch nichts unterscheiden w als den geographischen Punkt, wo, und die Sprache, worin sie ge¬ geben sind. Dieser verworfene Materialismus, diese Sünde gegen den heiligen Geist der Völker und der Menschheit ist eine unmittelbare Konsequenz jener Lehre, welche die preußische Staatszeitung dem Gesetzgeber predigt, bei einem Holzgesetz nur an Holz und Wald zu denken und die einzelne materielle Auf¬ gabe nicht politisch, d. h. nicht im Zusammenhang mit der ganzen Staatsvernunft und Staatssittlichkeit zu lösen. Die Wilden von Kuba hielten das Gold für den Fe- tisch der Spanier. Sie feierten ihm ein Fest und sangen um 25 ihn und warfen es dann ins Meer. Die Wilden von Kuba, wenn sie der Sitzung der rheinischen Landstände beigewohnt, würden sie nicht das Holz für den Fetisch der Rheinländer ge¬ halten haben? Aber eine folgende Sitzung hätte sie belehrt, daß man mit dem Fetischismus den Tierdienst verbindet, und die30 Wilden von Kuba hätten die Hasen ins Meer geworfen, um die Menschen zu retten. Bei der Prüfung der Zitate aus den Sitzungs Protokollen des 6. Rheinischen Pra vinziallandtags (Als Manuskript gedruckt bei J. Friedrich Kehr, Koblenz, 184b haben wir inhaltlich belanglose Abweichungen teils stillschweigend berichtigt, teils, wenn sie von Marx aus Gründen des besseren Verständnisses vorgenommen worder. sind — wie auch bei Änderung der Wortfolge — beibehalten; in zwei Fällen (p. 292 301) haben wir die Einfügungen von Marx in runde Klammern gesetzt.
[Die <liberale Opposition» in Hannover] [RhZ 8. Nov. 1842. Nr. 312, Beiblatt. Red. Faßnote] *) Da der Ausdruck „liberale Opposition“ in der Überschrift nicht von dem Verfasser des quästionierten Artikels, sondern von 5 der Redaktion herrührt, so findet diese sich veranlaßt, einiges zur Erläuterung dieser Benennung beizubringen. Man führt zwei Gründe gegen den fraglichen Ausdruck an. Was die Form betreffe, sei die Opposition nicht liberal, weil sie konservativ sei, weil sie die Fortdauer eines bestehenden 10 Rechtszustandes bezwecke, eine Dialektik, nach welcher die Juli¬ revolution eine konservative, also illiberale Revolution war, denn sie bezweckte zunächst die Konservation der Charte. Nichtsdesto¬ weniger hat sich der Liberalismus die Julirevolution vindiziert. Der Liberalismus ist allerdings konservativ, er konserviert die 15 Freiheit und den Angriffen roher, materieller Gewalt gegenüber selbst die verkümmerten Statusquogestalten der Freiheit. Es kommt hinzu, daß, wenn solche Abstraktion konsequent sein will, ihr eigener Standpunkt die Opposition eines Rechtszustandes, der vom Jahr 1833 datiert, progressiv und liberal finden muß gegen 20 eine Reaktion, welche das Jahr 33 gewaltsam in das Jahr 19 zurückdrängt. Was den Inhalt betreffe, wird ferner angeführt, sei der Inhalt der Opposition, das Staatsgrundgesetz von 1833, kein In¬ halt der Freiheit. Zugegeben! So wenig das Staatsgrundgesetz 25 nqtl 1833 eine Gestalt der Freiheit ist, wenn es an der Idee der Freiheit, so sehr ist es eine Gestalt der Freiheit, wenn es an der Existenz des Staatsgrundgesetzes von 1819 gemessen wird. Über¬ haupt handelte es sich zunächst nicht um den bestimmten Inhalt dieses Gesetzes: es handelte sich darum, für gesetz- zo liehen Inhalt gegen ungesetzliche Usurpation zu opponieren. Die Redaktion war um so mehr befugt, die hannoversche Op¬ position liberal zu nennen, als beinahe alle deutschen Kammern ihr als liberaler Opposition, als einer Opposition der gesetzlichen 35 Freiheit akklamierten. Ob ihr nun vor dem Richterstuhl der Kritik dies Prädikat gebühre, ob sie über die bloße Meinung und Prätension des Liberalismus zu wirklichem Liberalismus fortgegangen sei, das eben zu untersuchen, war die Aufgabe des quaest. Artikels.
306 Aus der Rheinischen Zeitung Wir bemerken beiläufig, daß nach unserer Ansicht der wahre Liberalismus in Hannover künftig weder das Staatsgrundgesetz von 1833 zu verfechten noch zu dem Gesetze von 1819 zurück¬ zukehren, sondern eine völlig neue, einem tieferen, durchgebil¬ deteren und freieren Volksbewußtsein entsprechende Staats- ss form zu erstreben hat. Die Red. d. Rhn. Ztg.
Kabinettsordre in bezug auf die Tagespresse [RhZ 16. Not. 1842. Nr. 320] Köln, 15. Nov. Die Kölnische Zeitung von heute bringt fol¬ gende königl. Kabinettsordre, die im Laufe des vorigen Monats ö sämtlichen Oberpräsidien zugegangen ist: „Ich habe schon öfter auf die Notwendigkeit hingewiesen, der Tendenz des schlechten Teils der Tagespresse: die öffentliche Meinung über allgemeine Angelegen¬ heiten durch Verbreitung von Unwahrheiten oder entstellten Tatsachen irrezuleiten, dadurch zu begegnen, daß jeder solchen falschen Mitteilung augenblicklich die Wahr- 10 heit durch Berichtigung der Tatsachen in denselben Blättern gegenübergestellt werde, welche sich der Verfälschung schuldig gemacht haben. — Es genügt nicht, die Gegen¬ wirkung gegen schlechte, für den öffentlichen Geist verderbliche Bestrebungen eines Tageblattes den anderen, von einem besseren Geiste geleiteten Blättern zu überlassen und nur von ihnen zu erwarten. Ebenda, wo das Gift der Verführung eingeschenkt 15 worden ist, muß es auch unschädlich gemacht werden; das ist nicht nur Pflicht der Obrigkeit gegen den Leserkreis, dem das Gift geboten worden, sondern es ist zugleich unter allen Mitteln das wirksamste, die Tendenzen der Täuschung und Lüge, wie sie sich zeigen, zu vernichten, indem man die Redaktionen zwingt, das Urteil über sich selbst zu veröffentlichen. Ich habe es darum mißfällig wahrgenommen, daß dies eben¬ so so rechtmäßige als notwendige Mittel, Ausartungen der Presse zu zügeln, bisher wenig oder gar nicht angewendet worden ist. Sofern die bisherigen Gesetze die Verpflichtung der inländischen Zeitungen zur unweigerlichen Aufnahme aller, unter amtlicher Autorität ihnen zugesandten tatsächlichen Berichtigungen, und zwar ohne alle An¬ merkungen und einleitende Betrachtungen, nicht genügend festgestellt haben sollten, 25 erwarte Ich von dem Staats-Ministerio vordersamst die Vorschläge zu der nötigen Er¬ gänzung derselben. Wenn sie aber für den Zweck schon jetzt ausreichen, so will IcK daß dieselben auch zum Schutz des Rechtes und der Wahrheit von Meinen Behörden kräftig gehandhabt werden, und empfehle dies, nebst den Ministerien selbst, ins¬ besondere der unmittelbaren Sorgfalt der Oberpräsidenten, denen das Staats- 30 ministerium die Weisungen deshalb zu erteilen hat. „Je ernster es Mir am Herzen liegt, daß der edlen, loyalen, mit Würde freimütigen Gesinnung, wo sie sich kundgeben mag, die Freiheit des Wortes nicht verkümmert, der Wahrheit das Feld der öffentlichen Besprechungen so wenig als möglich be¬ schränkt werde, desto unnachsichtiger muß der Geist, welcher Waffen der Lüge und 35 Verführung gebraucht, darnieder gehalten werden, auf daß die Freiheit des Wortes unter dem Mißbrauche desselben nicht um ihre Früchte und ihren Segen betrogen werden könne. „Sanssouci, 14. Oktober, 1842. (gez.) Friedrich Wilhel m.“ Wir beeilen uns um so mehr, unseren Lesern die vorstehende königl. Kabinettsordre mitzuteilen, als wir in ihr eine Garantie der preußischen Presse erblicken. Jedes loyale Blatt wird es nur als eine bedeutende Unterstützung von Seiten der Regierung be¬
308 Aus der Rheinischen Zeitung trachten, wenn Unwahrheiten oder entstellte Tat¬ sachen, deren Mitteilung bei der größten Umsicht der Redak¬ tion nicht immer zu vermeiden ist1), aus authentischer Quelle be¬ richtigt werden. Die Regierung garantiert der Tagespresse durch diese amtlichen Erläuterungen nicht nur eine gewisse s historische Korrektheit des faktischen Gehaltes, sondern erkennt auch, was noch wichtiger ist, die große Bedeutsamkeit der Presse durch eine positive Teilnahme an, welche die negative Teilnahme durch Verbot, Unterdrückung und Zensur in immer engere Schranken zuriickweisen wird. Zugleich geht die i» königl. Kabinettsordre von der Voraussetzung einer gewissen Unabhängigkeit der Tagespresse aus, da ohne eine solche wenn nicht Tendenzen der Täuschung, Lüge und verderbliche Be¬ strebungen, so noch weniger edle, loyale, mit Würde freimütige Gesinnung irgendwie in den Zeitungen auftauchen und sich 25 etablieren könnten. Diese königliche Voraussetzung einer gewissen Unabhängigkeit der Tagespresse ist als die vorzüglichste Garantie dieser Unabhängigkeit und als eine unzweideutige Äußerung des königl. Willens von den preußischen Zeitungen zu begrüßen. 20 [Über Schutzzölle] [RhZ 22. Nov. 1842. — Redaktionelle Fußnote zu einem Artikel] *) Wir können die historische Argumentation des Herm Ver¬ fassers anerkennen, wir können weiter zugeben, was die Tatsachen reden, daß England seit 4 bis 500 Jahren vorzugsweise viel zum is Schutz der Industrie und des Gewerbes getan, ohne dem System der Schutzzölle beistimmen zu müssen. Das Beispiel Eng¬ lands widerlegt sich selbst, indem gerade in England die verderb¬ lichen Konsequenzen eines Systems hervortreten, welches nicht mehr das System unserer Zeit ist, so sehr es den mittelaltrigen Zu- to ständen, die auf die Trennung und nicht auf die Einheit basierten, die jeder besonderen Sphäre einen besonderen Schutz verleihen mußten, weil der allgemeine Schutz, ein vernünftiger Staat und ein vernünftiges System der einzelnen Staaten fehlte, x) Im Original sind
Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien 309 entsprechen mochte. Handel und Gewerbe sollen beschützt werden, aber eben dass ist der streitige Punkt, ob Schutzzölle Handel und G e w e r b e wahrhaft beschützen? Wir betrachten vielmehr ein solches System als Organisation des Kriegs- s zustandes im Friteden, eines Kriegszustandes, der, zunächst gegen fremde Länden* gerichtet, in seiner Ausführung sich not¬ wendig gegen das eigeme Land kehrt. Allerdings ist aber ein ein¬ zelnes Land, so selhr es das Prinzip der Handelsfreiheit an¬ erkennen mag, durchi den Weltzustand überhaupt bedingt, und io kann daher diese Frage nur von einem Völkerkongreß, aber nicht von einem einzelnen Kabinett entschieden werden. Die Red. d. Rh. Z. Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien [RhZ 29. Nov. 1842. Nr. 333] is +Berlin, 25. NIov. Die „Elberfelder Zeitung“ und aus ihr die „Didaskalia“ enthalten die Nachricht, daß Herwegh die Gesellschaft der „F r e i e n“ besucht, dieselbe aber unter aller Kritik befunden habe. Herwegh hat diese Gesellschaft nicht besucht, sie also weder unter noch über der Kritik finden können. 20 Herwegh und Rw ge fanden, daß die „Freien“ durch ihre politische Romantik, (Geniesucht und Renommage die Sache und die Partei der Freiheit kompromittieren, was auch offen erklärt wurde und vielleicht Anstoß gegeben haben mag. Wenn Herwegh also die Gesellschaft der Freien, die einzeln meistens treffliche 2s Leute sind, nicht besucht hat, so geschah es nicht, weil er etwa eine andere Sache veirficht, sondern es geschah lediglich darum, weil er die Frivolität, <die Berlinerei in der Art des Auftretens, die platte Nachäfferei der franz. Klubs, als ein Mann, der auch von franz. Autoritäten frei sein will, haßt und lächerlich so findet. Der Skandal,, die Polissonnerie müssen laut und ent¬ schlossen1) in einer Zeit desavouiert werden, die ernste, männ¬ liche und gehaltene »Charaktere für die Erkämpfung ihrer er¬ habenen Zwecke verlamgt. In der RhZ Druckf&hler unentschlossen
Die polemische Taktik der Augsburger Zeitung [RhZ 30. Nov. 1842. Nr. 334] VK ö 1 n, 29. November. „Es ist nur ein Gelüst des Bluts, eine Nachgiebigkeit des Willens!“ 5 Die Augsburger Allgemeine Zeitung beobachtet bei ihrer ge¬ legentlichen Polemik gegen die „Rheinische Zeitung“ eine ebenso eigentümliche als lobenswerte Taktik, welche, mit Konsequenz durchgeführt, ihren Eindruck auf den oberflächlichen Teil des Publikums nicht verfehlen kann. Bei jeder Zurechtweisung, die 10 ihren Attacken auf Prinzip und Tendenz der Rhein. Ztg. galt, bei jeder wesentlichen Streitfrage, bei jedem prinzipiellen Angriff von Seiten der Rheinischen Zeitung hüllte sie sich in die viel¬ deutige Toga des Schweigens, indem es immer unentschieden bleibt, ob dies Schweigen dem Bewußtsein der Schwäche, die is nicht antworten kann, oder dem Bewußtsein der Überkraft, die nicht antworten will, sein unscheinbares Dasein verdankt. Wir hätten in dieser Beziehung der Augsburgerin keine besonderen Vorwürfe zu machen, denn sie behandelt uns, wie sie Deutsch¬ land behandelt, dem sie ihre Teilnahme durch ein tiefsinniges » Schweigen, das nur selten von Reisenotizen, Gesundheitsbulletins und paraphrasierten Hochzeitsgedichten unterbrochen wird, am gedeihlichsten dartun zu können glaubt, und die Augsburgerin mag recht haben, wenn sie ihr Schweigen als einen Beitrag zur öffentlichen Wohlfahrt betrachtet. u Allein die Augsburgerin handhabt neben der Taktik des Schweigens noch eine andere Manier der Polemik, die in ihrer breiten, selbstgefälligen und hochbeteuernden Redseligkeit gleich¬ sam die aktive Ergänzung zu jener passiven und melancholischen Stille bietet. Die Augsburgerin schweigt, wo es den Prinzipien- so kampf, den Kampf um das Wesen gilt; aber sie lauscht im Ver¬ steck, sie beobachtet von weitem, sie erlauert den Augenblick, wo ihre Gegnerin die Toilette vernachlässigt, einen faux pas beim Tanze verbricht, ihr Schnupftuch fallen läßt und — „sie spreizt sich tugendlich und dreht sich weg“, sie schmettert den lang- x verhaltenen, wohlmeinenden Ärger mit imperturbablem Aplomb, mit dem ganzen Zorn der Toilettenprüderie in die Luft und ruft Deutschland zu: „Da seht ihr’s, das ist der Charakter, das die Gesinnung, das die Konsequenz der Rheinischen Zeitung!“ „Dort
Die polemische Taktik der Augsburger Allgemeinen Zeitung 311 ist Hölle, dort ist Nacht, dort ist der Schwefelpfuhl, Brennen, Sieden, Pestgeruch, Verwesung — pfui, pfui, pfui! — Pah! Pah! — Gib etwas Bisam, guter Apotheker!“ Bei Gelegenheit solcher Basen-Impromptus weiß die Augs- « burgerin nicht nur ihre verschollene Tugend, ihre Ehrbarkeit und gesetztes Alter dem vergeßlichen Publikum in das treulose Ge¬ dächtnis zu rufen, nicht nur mit abgelebten und verwelkten Er¬ innerungen die eingefallenen Schläfen zu schmücken, sondern außer diesen kleinen und harmlosen Erfolgen der Koketterie noch 10 andere praktische Erfolge zu erschleichen. Sie steht, quasi re bene gesta, der Rheinischen Zeitung gegenüber, polternd, ver¬ weisend, provozierend, eine rüstige Kämpferin, und die Welt vergißt über der petulanten Provokation das altersschwache Schweigen und die eben erst erfolgte Retraite. Zudem entsteht is der geflissentlich gehegte Schein, als drehe sich der Kampf der A. A. Z. und der Rheinischen Ztg. um dergleichen Erbärmlich¬ keiten, skandalöse Histörchen und Toilettensünden. Das Heer der Geist- und Gesinnungslosen, das den wesentlichen Kampf, indem wir sprechen und die Augsburgerin schweigt, nicht versteht, da- io gegen in den mäkelnden Häkeleien und kritischen Kleinigkeiten der A. A. Z. seine eigene schöne Seele wiederfindet, klatscht dann Beifall und huldigt der ehrbarlichen Frau, die in ebenso gewiegter als gemessener Weise ihre ungestüme Gegnerin züchtigt, mehr um zu erziehen, als um zu verletzen. In Nr. 329 der A. A. Z. findet a sich wieder eine Probe dieser altklugen, widerlichen und klein¬ städtischen Polemik. Ein Korrespondent vom Main berichtet, die Allg. Augsb. Ztg. habe Julius Mosens politischen Roman „Der Kongreß von Verona“ gelobt, weil er im Verlage von Cotta erschienen sei. Wir jo gestehen, daß wir auf den literarisch-kritischen Teil der A. A. Z. seiner Nichtigkeit wegen nur gelegentlich einen Blick werfen, auch ihre Kritik über Mosen nicht kennen, hierin dem Gewissen des Korrespondenten uns à discrétion anvertrauten. Den Tat¬ bestand als richtig vorausgesetzt, fehlte es der Korrespondenz 3s nicht an innerer Wahrscheinlichkeit, da nach neueren mit Schi¬ kanen, aber nicht mit Gründen widerlegten Aufklärungen die Un¬ abhängigkeit des kritischen Gewissens der Allg. A. Z. von dem Druckorte zu Stuttgart wenigstens bezweifelt werden darf. Bleibt also übrig, daß wir den Druckort des politischen Romans nicht io kannten, und enfin, es ist keine politische Todsünde, den Druck¬ ort eines Romans nicht zu kennen. Später auf die irrtümliche Angabe des Druckorts aufmerksam gemacht, erklärte die Redaktion in einer Note: „Wir erfahren so¬ eben, daß der ,Kongreß von Verona‘ von dem Dichter Julius « Mosen keineswegs bei Cotta erschien, und bitten daher unsere
312 Aus der Rheinischen Zeitung Leser, die in Nr. 317 d. J. befindliche Korrespondenz vom Main hiernach berichtigend zu beurteilen.“ Da der Hauptvorwurf des Mainer Korrespondenten wider die Augsburger Allgemeine Zei¬ tung einzig auf der Prämisse beruhte, der ,Kongreß von Verona' sei bei Cotta erschienen, da wir erklärten, er sei nicht bei Cotta 5 erschienen, da jedes Räsonnement durch Aufhebung seiner Prä¬ misse von selbst fällt, so dürften wir allerdings an die Urteilskraft der Leser die überschwängliche Anforderung stellen, nach dieser Erklärung jene Korrespondenz zu berichtigen, und wir konnten glauben, unser Unrecht gegen die A. A. Z. gesühnt zu haben. Aber 10 die Augsburger Logik! Die Augsburger Logik interpretiert unsere Berichtigung folgendermaßen: „Wäre Mosens ,Kongreß von Verona‘ bei Cotta erschienen, so wäre er von allen Freunden des Rechtes und der Freiheit als ein schlechter Krebs und Ladenhüter zu betrachten; da wir aber nachträglich erfahren, daß er in Berlin is herausgekommen, so bitten wir unsere verehrten Leser, ihn nach des Dichters eigenen Worten als einen der Geister der ewigen Jugend zu begrüßen, die auf strahlensprühender Bahn einher¬ schreiten und dem alten Gelichter eisern aufs Genick treten.“ Der Bursch führt seinen Bogen wie eine Vogelscheuche: 20 Spannt mir eine volle Tuchmacherrolle! — Ins Schwarze, ins Schwarze! — Hui! „Das ist“, ruft die Augsburgerin triumphierend, „das ist, was die Rheinische Zeitung ihre Gesinnung, ihre Konsequenz nennt!“ Hat die Rheinische Zeitung jemals die Konsequenzen der Augsbur- zs ger Logik für ihre Konsequenz oder gar die Gesinnung, auf wel¬ cher diese Logik basiert, für ihre Gesinnung erklärt? Die Augsbur¬ gerin hätte nur schließen dürfen: „Das ist die Art und Weise, wie man zu Augsburg Konsequenz und Gesinnung mißversteht!“ Oder glaubt die A. A. Zeitung im Ernst, wir hätten in Mosens Trink- 30 sprach einen berichtigenden Kommentar zur Beurteilung des ,Kongresses von Verona‘ liefern wollen? Wir haben das Schiller¬ fest weitläufiger im Feuilleton besprochen, wir haben auf Schiller ,als den Propheten der neuen Bewegung der Geister* (S. 326, Korrespondenz aus Leipzig) und auf die daraus sich ergebende 3» Bedeutung des Schillerfestes hingewiesen, und warum sollten wir Mosens Trinkspruch, der diese Bedeutung hervorhob, zurück¬ weisen? Etwa, weil er einen Ausfall auf die Augsburger Allge meine Ztg. enthält, den sie schon wegen ihrer Beurteilung Her¬ weghs verdient hat? Das alles hatte aber doch nichts mit der « Mainer Korrespondenz zu tun, wir hätten denn, was die Augs¬ burgerin uns unterschiebt, schreiben müssen : „Dei Leser beurteile die Korrespondenz vom Main in Nr. 317 nacl Mosens Gedicht in Nr. 320.“ Diesen Unsinn bringt die Augs¬ burger Logik exprès zustande, um ihn nachher uns an den Kopf *
Die polemische Taktik der Augsburger Allgemeinen Zeitung 313 werfen zu können. Das Urteil der Rheinischen Zeitung im Feuilleton zu Nr. 317 über „Mosens Bernhard von Weimar“ be¬ weist, was keines Beweises bedarf, daß sie bei Mosen von ihrer gewohnten sachlichen Kritik sich um kein Haar entfernt hat. s Wir geben übrigens der Augsburgerin zu, daß selbst die Rhei¬ nische Zeitung kaum die literarischen Kondottieris von sich ab¬ zuwenden vermag; dies zudringliche und widerwärtige Geschmeiß, das in jener Zeitungsära — deren Inkorporation die A. A. Z. ist — aller Orten in Deutschland — emporwucherte. 10 Schließlich erinnert uns die Augsburger Zeitung an das Wurf¬ geschütz, das „mit großen Worten und Phrasen um sich wirft, welche die Wirklichkeit unberührt lassen“. Die A. A. Z. berührt allerdings alle mögliche Wirklichkeit, mexikanische Wirklichkeit, brasilianische Wirklichkeit, aber keine deutsche, aber nicht ein- is mal bayrische Wirklichkeit, und wenn sie dergleichen einmal be¬ rührt, so gilt ihr unfehlbar der Schein für Wirklichkeit und die Wirklichkeit für Schein. Handelte es sich um die geistige und wahre Wirklichkeit, die Rheinische Zeitung könnte der Augs¬ burger mit Lear zurufen: „Tu dein Ärgstes, blinder Amor. Sieh to nur die Schriftzüge!“ und die Augsburgerin würde mit Gloster antworten: „Wär’n alle Lettern Sonnen, ich säh’ keine“. [RhZ 3. Jan. 1843. Nr. 3] * Die „Augsburgerin“ ist in jenes Stadium getreten, wo das schöne Geschlecht die Jugend selbst nicht mehr zu heucheln 25 wagt und nun den Schwestern nichts Erschrecklicheres vorzuwerfen weiß als eben die Jugend. In Nr. 360 hat indessen der Alters- thermometer die ehrwürdige Sibylle wunderlich irregeführt. Sie spricht von der Kühlung des „jungen Mütchens“ der Rheini¬ schen Zeitung bei Gelegenheit eines Korrespondenten, der zu- 3o fälligerweise ein Sechziger ist und ein Testimonium seiner Jugend schwerlich in den Spalten der Augsb. Allg. Zeitung zu finden gedachte. Aber so geht’s! Bald ist die Freiheit zu alt, bald ist sie zu jung, niemals ist sie an der Tagesordnung, wenigstens nicht an der Tagesordnung der Augsb. Allg. Ztg., von der das Ge¬ is nicht immer entschiedener behauptet, daß sie zu Augsburg erscheint. [RhZ 12. Jan. 1843. Nr. 12 - Nachwort zu einer Korrespondenz aus München] Wollte die Redaktion der Rhein. Ztg. nun ein Nachwort in der « Weise der Allg. A. Ztg. vorstehender Korrespondenz hinzufügen, so könnten wir ihr selbst, die so gütig war, in der „Rheinischen
314 Aus der Rheinischen Zeitung Zeitung“ den Fähnrich „P i s t o 1“ wieder zu finden, nur die Wahl lassen zwischen dem „Dorchen Lakenreisser“ und der „Witwe Hurtig“. Ihr männliches Glaubensbekenntnis aber würden wir bei dem Freund jener Damen, bei Falstaff, suchen: „Ehre beseelt mich vorzudringen. Wenn aber Ehre mich s beim Vordringen entseelt? Wie dann? Kann Ehre ein Bein an¬ setzen? Nein! Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde stillen? Nein. Ehre versteht sich also nicht auf die Chirur¬ gie? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? Was ist diese Ehre? Luft. Eine feine Nahrung! Wer hat 10 sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb! Fühlt er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten nicht. Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. Warum nicht? Die Verleumdung gibt es nicht zu. Ich mag sie also nicht. — Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge, und so is endigt mein Katechismus.“ Und so endigt der politische Kate¬ chismus der A. A. Z., so erinnert sie die „Presse“, daß man in kritischen Zeiten Arm und Bein verlieren könne, so ver¬ leumdet sie die Ehre, weil sie auf jede Ehre verzichtet hat, die verleumdet werden könnte. 20 Die A. A. Z. versprach, mit uns auf einen Prinzipienkampf ein¬ zugehen, und sie hat dies Versprechen gelöst. Sie hat keine, also ihre Prinzipien gegen uns in den Kampf geschickt; sie hat hier und da ihre Indignation uns zugesichert, kleine Verdächti¬ gungen ausgestreut, kleine Berichtigungen versucht, große Miene 2s zu ihren kleinen Leistungen gemacht, eine Altersherrschaft in An¬ spruch genommen, und in bezug auf diesen Punkt, auf ihre Veteranen titel, können wir ihr zurufen, was Herr Dezamy dem Herm Cabet zuruft: „Que monsieur Cabet ait bon courage: avec tant de titres, il ne peut manquer d’obtenir bientôt ses 3» invalides!“ Die Augsburgerin lebt von einem Rechnungsfehler, von einem Anachronismus. Die Form, das einzige, was sie in früheren Tagen besaß, selbst die Form, den parfum littéraire, hat sie ein¬ gebüßt, eine spießbürgerliche, breite und anmaßende Formlosig- as keit ist an die Stelle getreten, und niemand wird die Platitude von „Herm Puff“ und das Gleichnis von „einem Frosche, der sich zum Ochsen aufgeblasen hat“, elegant finden, weil er dergleichen in der A. A. Z. findet.
Der Ehescheidungsgesetzentwurf [Kritik der Kritik] [RhZ 15. Not. 1842. Nr. 319. — Red. Fußnote zu einem Artikel] *) Vorstehende Kritik des Ehescheidungs-Gesetzentwurfes ist s vom Standpunkte der rheinischen Jurisprudenz aus ent¬ worfen, wie die früher mitgeteilte Kritik (S. d. Beiblatt zu Nr. 310 d. Rhein. Ztg.) sich auf den Standpunkt der altpreußischen Juris¬ prudenz und ihre Praxis gestellt hatte. Es bleibt eine dritte Kritik, die Kritik des vorzugsweise allgemeinen, des rechtsphilo- iflsophischen Standpunktes, vorbehalten. Es wird nicht mehr genügen, die einzelnen Scheidungsgründe pro und contra zu prüfen. Es wird nötig sein, den Begriff der Ehe und die Kon¬ sequenzen dieses Begriffes zu entwickeln. Beide Aufsätze, die wir bisher mitgeteilt, verwerfen gleichmäßig die Einmischung der Reli- n gion in das Recht, ohne jedoch zu entwickeln, inwiefern das Wesen der Ehe an und für sich selbst religiös sei oder nicht, ohne also entwickeln zu können, wie der konsequente Gesetzgeber, der sich nach dem Wesen der Dinge richtet und es keineswegs bei der bloßen Abstraktion von einer Bestimmung dieses Wesens genügen 20 lassen kann, notwendig verfahren muß. Wenn der Gesetzgeber nicht die menschliche Sittlichkeit, sondern die geistliche Heilig¬ keit als das Wesen der Ehe betrachtet, also an die Stelle der Selbst¬ bestimmung die Bestimmung von oben, an die Stelle der inneren natürlichen Weihe eine übernatürliche Sanktion, an die Stelle 25 einer loyalen Unterwerfung in die Natur des Verhältnisses viel¬ mehr einen passiven Gehorsam gegen Gebote setzt, die über der Natur dieses Verhältnisses stehen, kann man diesen religiösen Ge¬ setzgeber nun tadeln, wenn er auch der Kirche, welche dazu be¬ rufen ist, die Forderungen und Ansprüche der Religion zu reali- 35 sieren, die Ehe unterwirft und die weltliche Ehe unter die Ober¬ aufsicht der geistlichen Behörde stellt? Ist das nicht einfache und notwendige Konsequenz? Man täuscht sich, wenn man den reli¬ giösen Gesetzgeber dadurch zu widerlegen glaubt, daß man dieser oder jener seiner Bestimmungen ihren Widerspruch mit dem welt- & liehen Wesen der Ehe nachweist. Der religiöse Gesetzgeber pole¬ misiert nicht gegen die Auflösung der weltlichen Ehe, er pole¬ misiert vielmehr gegen das weltliche Wesen der Ehe und sucht sie von dieser Weltlichkeit teils zu reinigen, teils, wo dieses un-
316 Aus der Rheinischen Zeitung möglich ist, dieser Weltlichkeit als einer bloß geduldeten Seite jeden Augenblick ihre Schranken zu Gemüte zu führen und den sündigen Trotz ihrer Konsequenzen zu brechen. Ganz unzureichend ist aber der Standpunkt der rheinischen Jurisprudenz, der auf scharfsinnige Weise in der oben mitgeteilten Kritik durch- s geführt ist. Es ist unzureichend, die Ehe in zwei Wesen zu ver¬ teilen, in ein geistliches und in ein weltliches Wesen, so daß das eine nur der Kirche und dem Gewissen der einzelnen Individuen, das andere dem Staat und dem Rechtsbewußtsein der Staatsbürger anzuweisen sei. Man hebt dadurch nicht den Widerspruch auf, u> daß man ihr zwei verschiedene Sphären zuteilt, man schafft viel¬ mehr einen Widerspruch und eine ungelöste Kollision zwischen diesen Lebenssphären selbst, und kann man den Gesetzgeber zum Dualismus, kann man ihn zu einer doppelten Weltanschauung verpflichten? Muß nicht der gewissenhafte Gesetzgeber, der auf n religiösem Standpunkt steht, in der wirklichen Welt und in welt¬ lichen Formen zur einzigen Macht erheben, was er in der geist¬ lichen Welt und in religiösen Formen als die Wahrheit selbst weiß, als die einzige Macht anbetet? Erscheint an diesem Punkte der Grundmangel der rheinischen Jurisprudenz, ihre zwiespältige 20 Weltanschauung, welche durch eine Trennung des Gewissens und des Rechtsbewußtseins auf oberflächliche Art die schwierigsten Kollisionen nicht löst, sondern entzweihaut, welche die Welt des Rechtes von der Welt des Geistes, daher das Recht vom Geiste, daher die Jurisprudenz von der Philosophie scheidet, so hat sich in der 25 Opposition gegen das vorliegende Gesetz noch mehr die gänzliche Haltungslosigkeit der altpreußischen Jurisprudenz auf die un¬ zweideutigste Weise manifestiert. Wenn es wahr ist, daß keine Gesetzgebung die Sittlichkeit verordnen, so ist es noch wahrer, daß keine Gesetzgebung sie als zu Recht gültig anerkennen kann. Das 30 Landrecht basiert auf einer Verstandesabstraktion, die, in sich selbst inhaltslos, den natürlichen, rechtlichen, sittlichen Inhalt als äußerliche, in sich selbst gesetzlose Materie aufnahm und nun diese geist- und gesetzlose Materie nach einem äußeren Zweck zu modeln, einzurichten und anzuordnen versuchte. Es behandelt« die gegenständliche Welt nicht nach deren eingeborenen Gesetzen, sondern nach willkürlichen, subjektiven Einfällen und nach einer außer der Sache selbst stehenden Absicht. Die altpreußischen Juristen haben nur wenig Einsicht in diese Natur des Landrechtes gezeigt. Sie haben nicht sein Wesen, sondern einzelne Äußerlich- 4« keiten seiner Existenz kritisiert. Sie haben daher auch nicht die Art und Weise des neuen Ehescheidungs-Gesetzentwurfes, sondern seine reformatorische Tendenz angefeindet. Sie haben in schlech¬ ten Sitten einen Beleg für schlechte Gesetze finden zu dürfen ver¬ meint. Wir verlangen von der Kritik vor allem, daß sie sich kri- «
Der Ehescheidungsgesetzentwurf 317 tisch zu sich selbst verhalte und die Schwierigkeit ihres Gegen¬ standes nicht übersehe. Die Red. d. Rhein. Ztg. Der Ehescheidungsgesetzentwurf S [RhZ 19. Dez. 1842. Nr. 353] ** Köln, 18. Dez. Die „Rheinische Zeitung“ hat in bezug auf den Ehescheidungs-Gesetzentwurf eine gänz¬ lich isolierte Stellung eingenommen, deren Unhaltbarkeit ihr bis jetzt von keiner Seite nachgewiesen worden ist. Die „Rhei- io nische Zeitung“ stimmt mit dem Entwürfe überein, soweit sie die bisherige preußische Ehegesetzgebung für unsittlich, die bisherige Unzahl und Frivolität der Scheidungsgründe für unzulässig, die bisherige Prozedur nicht der Würde des Gegenstandes angemessen findet, was übrigens von dem ganzen altpreußischen Gerichts- is verfahren gelte. Dagegen machte die Rhein. Ztg. gegen den neuen Entwurf folgende Haupteinwendungen: 1) Daß an die Stelle einer Reform eine bloße Revision getreten, also das preu¬ ßische Landrecht als Fundamentalgesetz beibehalten worden, wo¬ durch eine große Halbheit und Unsicherheit entstanden sei; so 2) daß die Ehe nicht als sittliche, sondern als religiöse und kirchliche Institution von der Gesetzgebung behandelt, also das weltliche Wesen der Ehe verkannt worden sei; 3) daß die Prozedur sehr mangelhaft und eine äußerliche Kompo¬ sition widersprechender Elemente sei; 4) daß einerseits polizei- 2$ liehe, dem Begriff der Ehe widersprechende Härten, andererseits eine zu große Nachgiebigkeit gegen die sogenannten Billigkeits¬ gründe nicht zu verkennen seien; 5) daß die ganze Fassung des Entwurfs an logischer Konsequenz, Präzision, Klarheit und durchgreifenden Gesichtspunkten viel zu wünschen übrig lasse. so Soweit die Gegner des Entwurfs einen dieser Mängel rügen, stimmen wir daher mit ihnen überein, können dagegen ihre unbe¬ dingte Apologie des früheren Systems keineswegs billigen. Wir wiederholen noch einmal unseren früher ausgesprochenen Satz: „Wenn die Gesetzgebung die Sittlichkeit nicht verordnen, so kann ss sie noch weniger die Unsittlichkeit als zu Recht gültig an¬ erkennen.“ Fragen wir, worauf das Räsonnement dieser Geg¬ ner (die nicht Gegner der kirchlichen Auffassung und der anderen angegebenen Mängel sind) fußt, so sprechen sie uns beständig von dem Unglücke der wider ihren Willen gebundenen Ehegatten. so Sie stellen sich auf einen eudämonistischen Standpunkt, sie denken nur an die zwei Individuen, sie vergessen die Familie, sie vergessen, daß beinahe jede Ehescheidung eine Familienscheidung Marx-EagelB*GeMmtau8gabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 26
318 Aus der Rheinischen Zeitung ist und, selbst rein juristisch betrachtet, die Kinder und ihr Ver¬ mögen nicht von dem willkürlichen Belieben und seinen Einfällen abhängig gemacht werden können. Wäre die Ehe nicht die Basis der Familie, so wäre sie ebensowenig Gegenstand der Gesetz¬ gebung, als es etwa die Freundschaft ist. Jene berücksichtigen 5 also nur den individuellen Willen oder richtiger die Willkür der Ehegatten, aber sie berücksichtigen nicht den Willen der Ehe, die sittliche Substanz dieses Verhältnisses. Der Gesetzgeber aber hat sich wie ein Naturforscher zu betrachten. Er macht die Gesetze nicht, er erfindet sie nicht, er formuliert sie nur, er 110 spricht die inneren Gesetze geistiger Verhältnisse in bewußten po¬ sitiven Gesetzen aus. Wie man es nun als die maßloseste Willkür dem Gesetzgeber vorwerfen müßte, sobald er an die Stelle des Wesens der Sache seine Einfälle treten ließe, so hat doch wohl der Gesetzgeber nicht minder das Recht, es als die maßloseste Willkür zu betrachten, wenn Privatpersonen ihre Kapricen gegen das Wesen der Sache durchsetzen wollen. Niemand wird ge¬ zwungen, eine Ehe zu schließen; aber jeder muß gezwungen wer¬ den, sobald er eine Ehe schließt, sich zum Gehorsam gegen die Gesetze der Ehe zu entschließen. Wer eine Ehe schließt, der 20 macht, der erfindet die Ehe nicht, so wenig als ein Schwim¬ mer die Natur und die Gesetze des Wassers und der Schwere er¬ findet. Die Ehe kann sich daher nicht seiner Willkür, sondern seine Willkür muß sich der Ehe fügen. Wer willkürlich die Ehe bricht, der behauptet: die Willkür, das Gesetzlose ist d a s 25 Gesetz der Ehe, denn kein Vernünftiger wird die Anmaßung besitzen, seine Handlungen für privilegierte Handlungen, für Handlungen zu halten, die ihm allein zustehen, wird sie viel¬ mehr für gesetzmäßige, allen zustehende Handlungen ausgeben. Wogegen opponiert ihr aber? Gegen Gesetzgebungen 30 der Willkür, aber ihr werdet doch nicht in demselben Moment die Willkür zum Gesetze machen wollen, wo ihr den Gesetzgeber der Willkür anklagt. Hegel sagt: An sich,dem Begriffe nach, sei die Ehe un¬ trennbar, aber nur an sich, d. h. nur ihrem Begriffe nach. Es 35 ist damit nichts Eigentümliches über die Ehe gesagt. Alle sittlichen Verhältnisse sind ihrem Begriffe nach unauflös¬ lich, wie man sich leicht überzeugen kann, wenn man ihre Wahr¬ heit voraussetzt. Ein wahrer Staat, eine wahre Ehe, eine wahre Freundschaft sind unauflöslich, aber kein Staat, keinem Ehe, keine Freundschaft entsprechen durchaus ihrem Begriffe, und wie die wirkliche Freundschaft sogar in der Familie, wie der wirk¬ liche Staat in der Weltgeschichte, so ist die wirkliche Ehe im Staate auflösbar. Keine sittliche Existenz entspricht, oder muß wenigstens nicht ihrem Wesen entsprechen. Wie «
Der Ehescheidungsgesetzentwurf 319 nun in der Natur von selbst die Auflösung und der Tod da er¬ scheint, wo ein Dasein seiner Bestimmung durchaus nicht mehr entspricht, wie die Weltgeschichte entscheidet, ob ein Staat so sehr mit der Idee des Staats zerfallen ist, daß er nicht weiterzubestehen 5 verdient, so entscheidet der Staat, unter welchen Bedingungen eine existierende Ehe aufgehört hat, eine Ehe zu sein. Die Ehe¬ scheidung ist nichts als die Erklärung: diese Ehe ist eine ge¬ storbene Ehe, deren Existenz nur Schein und Trug ist. Es ver¬ steht sich von selbst, daß weder die Willkür des Gesetzgebers 10 noch die Willkür der Privatpersonen, sondern nur das Wesen der Sache entscheiden kann, ob eine Ehe gestorben ist oder nicht, denn eine Todeserklärung hängt bekanntermaßen vom Tatbestand und nicht von den Wünschen der beteiligten Parteien ab. Wenn ihr aber bei dem physischen Tod 15 prägnante unverkennbare Beweise verlangt, sollte nicht der Ge¬ setzgeber nur nach den untrüglichsten Symptomen einen sitt¬ lichen Tod konstatieren dürfen, da das Leben der sittlichen Verhältnisse zu konservieren nicht nur sein Recht, sondern auch seine Pflicht, die Pflicht seiner Selbsterhaltung ist! 2o Die Sicherheit, daß die Bedingungen, unter denen die Existenz eines sittlichen Verhältnisses seinem Wesen nicht mehr entspricht, treu, dem Stande der Wissenschaft und der allgemeinen Einsicht angemessen, ohne vorgefaßte Meinungen konstatiert werden, wird allerdings nur dann vorhanden sein, wenn 25 das Gesetz der bewußte Ausdruck des Volkswillens, also mit ihm und durch ihn geschaffen ist. Über die Erleichterung oder Er¬ schwerung der Ehescheidung fügen wir noch ein Wort hinzu: Haltet ihr einen Naturkörper für gesund, für fest, für wahrhaft organisiert, wenn jeder äußere Anstoß, jede Verletzung ihn auf- 3o heben wird? Würdet ihr euch nicht für beleidigt halten, wenn man als Axiom aufstellte, eure Freundschaft könne den kleinsten Zufällen nicht widerstehen und müsse vor jeder Grille sich auf¬ lösen? Der Gesetzgeber kann aber hinsichtlich der Ehe nur be¬ stimmen, wann sie aufgelöst werden darf, also ihrem Wesen 3s nach aufgelöst ist. Die richterliche Auflösung kann nur eine Protokollierung der inneren Auflösung sein. Der Gesichtspunkt des Gesetzgebers ist der Gesichtspunkt der Notwendigkeit. Der Gesetzgeber ehrt also die Ehe, erkennt ihr tiefes sittliches Wesen an, wenn er sie für mächtig genug hält, viele Kollisionen *o bestehen zu können, ohne sich selber einzubüßen. Die Weichheit gegen die Wünsche der Individuen würde in eine Härte gegen das Wesen der Individuen, gegen ihre sittliche Vernunft, die sich in sittlichen Verhältnissen verkörpert, umschlagen. Schließlich können wir es nur eine Übereilung nennen, wenn *5 die Länder der strengen Ehescheidung, zu denen das 26*
320 Aus der Rheinischen Zeitung Rheinland stolz ist sich zu zählen, von manchen Seiten der Heuchelei beschuldigt werden. Nur ein Gesichtskreis, der über die ihn umgebende Sittenverderbnis nicht hinausreicht, kann dergleichen Anschuldigungen wagen, die man z. B. in der Rhein¬ provinz lächerlich findet und höchstens als einen Beweis hin- & nimmt, wie selbst die Vorstellung sittlicher Verhältnisse verloren gehen und jede sittliche Tatsache als ein Märchen und eine Lüge verstanden werden kann; was die unmittelbare Konsequenz solcher Gesetze ist, welche nicht die Hochachtung vor dem Menschen diktiert hat, ein Fehler, der dadurch nicht auf-10 gehoben wird, daß man von der materiellen Verachtung zu der ideellen Verachtung übergeht und statt der bewußten Unter¬ werfung unter sittlich-natürliche Mächte einen bewußtlosen Ge¬ horsam gegen eine übersittliche und übernatürliche Autorität verlangt. 15
[Über die ständischen Ausschüsse in Preußen] Die Beilage zu Nr. 335 und 336 der A. A. Z. über die ständischen Ausschüsse in Preußen [RhZ 11. Dez. 1842. Nr. 345] 5 ** Köln, 10. Dez. In der Beilage zu Nr. 335 der A. A. Z. findet sich ein nicht uninteressanter Aufsatz über die ständischen Ausschüsse in Preußen. Da wir ihn der Kritik unterwerfen wollen, müssen wir zunächst eine einfache, aber nichtsdestoweniger von einer leidenschaftlichen Parteipolemik oft übersehene Maxime an 10 die Spitze stellen. Die Darstellung einer Staatsinstitution ist nicht die Staatsinstitution selbst. Eine Polemik gegen diese Darstellung ist daher auch keine Polemik gegen die Staatsinstitution. Die konservative Presse, die jeden Augenblick daran erinnert, daß die Auffassung der kritischen Presse als eine nur individuelle Mei- 15 nung und Entstellung der Wirklichkeit zu verwerfen sei, vergißt jeden Augenblick, daß sie selbst nicht die Sache, sondern nur eine Meinung über die Sache, also der Kampf mit ihr nicht immer ein Kampf mit ihrem Gegenstände ist. Jeder Gegenstand, werde er lobend oder tadelnd in die Presse eingeführt, wird zu einem lite- 2o rarischen Gegenstand, also zu einem Gegenstand der literarischen Diskussion. Das eben ist es, was die Presse zum mächtigsten Hebel der Kultur und der geistigen Volksbildung macht, daß sie den stoff¬ lichen Kampf in einen ideellen Kampf, den Kampf von Fleisch 25 und Blut in einen Geisterkampf, den Kampf des Bedürfnisses, der Begierde, der Empirie in einen Kampf der Theorie, des Ver¬ standes, der Form verwandelt. Der quästionierte Aufsatz führt die Ausstellungen gegen die Institution der ständischen Ausschüsse auf zwei Hauptpunkte 3o zurück, auf Ausstellungen gegen ihre Zusammensetzung und auf Ausstellungen gegen ihre Bestimmung. Wir müssen es nun gleich als einen logischen Grundmangel rügen, daß zunächst über die Zusammensetzung diskutiert und die Untersuchung über die Bestimmung für einen folgenden Ar- 35 tikel verspart wird. Die Zusammensetzung kann nichts anderes sein als der äußere Mechanismus, der in der Bestimmung seine leitende und ordnende Seele besitzt. Wer wird aber über die zweckmäßige Zusammensetzung einer Maschine urteilen wollen, ehe er die Bestimmung der Maschine untersucht und erkannt hat?
322 Aus der Rheinischen Zeitung Es wäre möglich, daß die Zusammensetzung der Ausschüsse der Kritik unterliegt, weil sie ihrer Bestimmung entspricht, indem eben diese Bestimmung nicht als eine wahrhafte Bestimmung an¬ zuerkennen; es wäre möglich, daß die Zusammensetzung der Aus¬ schüsse anerkennenswert, weil sie ihrer Bestimmung nicht ent- 5 spricht und über dieselbe hinausgeht. Dieser Gang der Darstellung ist also ein erster Fehler, aber ein erster Fehler, der die ganze Darstellung zu einer verfehlten macht. Man habe, sagt der quäst. Artikel, fast von allen Seiten mit bemerkenswerter Übereinstimmung darüber geklagt, daß 10 „vorherrschend nur das Grundeigentum mit dem Rechte ständischer Vertretung bedacht worden sei“. Dagegen sei einerseits auf den Aufschwung der Industrie, andererseits „mit noch größerer Emphase“ auf die Intelligenz und „das Recht derselben zur Teil¬ nahme an der ständischen Vertretung“ hingewiesen worden. 25 Wenn aber nach dem organischen Gesetze über die Provinzial¬ stände das Grundeigentum zur Bedingung der Standschaft ge¬ macht werde, eine Disposition, die folgerechterweise auf die aus der Mitte der Provinzialstände gebildeten ständischen Ausschüsse übergegangen sei, so bilde das Grundeigentum wenn auch die 20 allgemeine Bedingung, dennoch keineswegs den einzigen Ma߬ stab für die Teilnahme an dem Recht der ständischen Repräsen¬ tation. Auf einer Verwechslung jener beiden wesentlich ver¬ schiedenen Prinzipien beruhten aber „zum großen Teil die leb¬ haften Einwendungen, welche gegen die Zusammensetzung der 25 ständischen Ausschüsse erhoben worden seien“. Der Grundbesitz vertritt alle Stände. Das ist ein Faktum, welches der Verfasser zugibt, allein, fügt er hinzu, nicht der Grundbesitz schlechthin, nicht der abstrakte Grundbesitz, sondern der Grundbesitz mit gewissen Nebenumständen, der Grundbesitz 30 von einem gewissen Charakter. Der Grundbesitz ist die allgemeine Bedingung der ständischen Vertretung, aber er ist nicht die ein¬ zige Bedingung. Wir stimmen vollkommen mit dem Verfasser überein, wenn er behauptet, daß die hinzutretenden Bedingungen das allgemeine 35 Prinzip der Vertretung durch den Grundbesitz wesentlich alterieren, aber wir müssen zugleich behaupten, daß die Gegner, welche schon das allgemeine Prinzip zu beschränkt glauben, sich keineswegs widerlegt finden dürften durch den Nachweis, daß man dies an sich beschränkte Prinzip noch nicht für beschränkt to genug, sondern weitere, seinem Wesen fremde Schranken hinzu¬ zufügen für notwendig erachtet habe. Wenn wir von den ganz all¬ gemeinen Erfordernissen des unbescholtenen Rufes, des dreißig¬ jährigen Lebensalters abstrahieren, wobei die erstere sich einer¬ seits von selbst versteht, andererseits einer zu unbestimmten Deu- «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen 323 tung unterliegt, so sind die folgenden speziellen Bedingungen: „1) die zehnjährige Nichtunterbrechung des Grundbesitzes; 2) die Gemeinschaft mit einer christlichen Kirche; 3) der Besitz eines vormals unmittelbaren Landes für den ersten Stand; 4) der Be- 5 sitz eines reichsritterschaftlichen Gutes für den zweiten Stand; 5) die Magistratur oder die Betreibung eines bürgerlichen Ge¬ werbes für den Stand der Städte; 6) die Selbstbewirtschaftung des Gutes als Hauptgewerbe für den vierten Stand“, so sind diese Bedingungen keine Bedingungen, welche aus dem Wesen des io Grundbesitzes hervorgehen, sondern Bedingungen, welche aus ihm fremden Rücksichten ihm fremde Grenzen hinzufügen, welche sein Wesen beschränken, statt es zu verallgemeinern. Nach dem allgemeinen Prinzip der Vertretung durch Grund¬ besitz wäre kein Unterschied zwischen jüdischem und christlichem i& Grundbesitz, zwischen dem Grundbesitz eines Advokaten und dem Grundbesitz eines Kaufmanns, zwischen zehnjährigem und einjährigem Grundbesitz zu entdecken. Nach diesem allgemeinen Prinzip existieren sämtliche aufgezählten Unterscheidungen nicht. Fragen wir also, was der Verfasser nachgewiesen hat, so so können wir nur antworten: Die Beschränkung der allgemeinen Be¬ dingung des Grundbesitzes durch besondere Bedingungen, die nicht im Wesen des Grundbesitzes liegen, durch Rücksichten auf den Ständeunterschied. Und der Verfasser gibt zu: „In nahem Zusammenhänge steht 25 die von vielen Seiten vernommene Klage darüber, daß auch bei diesen ständischen Ausschüssen in angeblichem Widerspruche mit dem gegenwärtigen Zustande unserer sozialen Verhältnisse und mit den Forderungen des Zeitgeistes der nur der Vergangenheit angehörige Ständeunterschied wieder hervorgesucht und als Prin- 3o zip der ständischen Organisation in Anwendung gebracht wor¬ den sei.“ Der Verfasser untersucht nicht, ob die allgemeine Bedingung des Grundbesitzes nicht der Vertretung der Stände widerspreche oder sie sogar unmöglich mache! Es hätte ihm sonst schwerlich 35 entgehen können, daß eine Bedingung, welche nur das Wesen des Bauernstandes bildet, bei einer konsequenten Verfolgung des ständischen Prinzips unmöglich zur allgemeinen Bedingung der Vertretung der übrigen Stände gemacht werden könne, deren Da¬ sein auf keine Weise durch den Grundbesitz bedingt ist. Die Ver- 4o tretung der Stände kann doch nur durch den wesentlichen Unter¬ schied der Stände, also durch nichts, was außer diesem Wesen liegt, bestimmt werden. Wenn also das Prinzip der Vertretung des Grundbesitzes durch die besonderen Standesrücksichten, so wird dies Prinzip der Standesvertretung durch die allgemeine Be- 45 dingung des Grundbesitzes auf gehoben, und keines dieser Prinzipien
324 Aus der Rheinischen Zieitung kömmt zu seinem Rechte. Der Verfasseer untersucht ferner nicht, ob der in der fraglichen Institution vorausgesetzte Unterschied der Stände die Stände der Vergangeniheit oder die Stände der Gegenwart charakterisiert, wenn selbst ein Unterschied der Stände angenommen wird. Statt dessen besprächt er den Ständeunter- 5 schied überhaupt. Es werde so wenig geliingen, ihn zu vertilgen, „als den in der Natur vorhandenen Untersclhied der Elemente zu ver¬ nichten und zur chaotischen Einheit zuriiickzufiihren“. Man könnte dem Verfasser antworten: So wenig es j<emandem einfallen werde, den Unterschied der Naturelemente zu wemichten und zur chaoti-10 sehen Einheit zurückzuführen, so wenig wolle man den Unterschied der Stände vertilgen; aber man mülßte zugleich den Verfasser auf fordern, der Natur ein angestrengtteres Studium zu widmen und sich von der ersten sinnlichen Wahrnehmung der verschie¬ denen Elemente zur vernünftigen Wahrmehmung des organischen is Naturlebens zu erheben. Statt des Gespenstes einer chaotischen Einheit würde ihm der Geist einer lebemdigen Einheit erscheinen. Selbst die Elemente verharren nicht iin ruhiger Trennung. Sie verwandeln sich beständig ineinander, und dieser Wandel allein bildet die erste Stufe des physischen Erdenlebens, den meteoro- 20 logischen Prozeß. Im lebendigen Organismus mm gar ist jede Spur der verschiedenen Elemente als solcher verschwunden. Der Unterschied existiert nicht mehr im gcetrennten Dasein der ver¬ schiedenen Elemente, sondern in der leibendigen Bewegung unter¬ schiedener Funktionen, die alle von eimem und demselben Leben 25 begeistet sind, so daß ihr Unterschied jselbst nicht diesem Leben fertig vorangeht, sondern vielmehr aus ilhm selbst beständig hervor¬ geht und ebenso beständig in ihm versschwindet und paralysiert wird. So wenig nun die Natur bei dem vorhandenen Elementen stehen bleibt, vielmehr schon auf der untersten Stufe ihres Lebens 3t diese Verschiedenheit als ein bloßes, sinnliches Phänomen be¬ weist, das keine geistige Wahrheit besitzet, so wenig darf und kann der Staat, dieses natürliche Geisterreicch, in einer Tatsache dei sinnlichen Erscheinung sein wahres Wesen suchen und finden. Der Verfasser hat daher die „göttliche? Weltordnung“ nur ober- 3i Sächlich ergründet, wenn er bei dem Umterschiede der Stände als ihrem letzten und entscheidenden Resulltate stehen blieb. Aber, meint der Verfasser, es „ist aiber dafür zu sorgen, daß das Volk nicht als eine rohe, unorganische Masse in Be¬ wegung gesetzt wird“. Es könne daher „micht davon die Rede sein. ob überhaupt Stände existierem sollen, sondern nur da¬ von: festzustellen, inwieweit und in wekchem Verhältnis die vor¬ handenen Stände zur Teilnahme am der politischen Wirksam¬ keit berufen sind“. Es fragt sich hier aillerdings nicht, inwiefern die Stände existieren, sondern es fragtt sich, inwiefern sie ihre*
Die ständiscbhen Ausschüsse in Preußen 325 Existenz bis in die höchstte Sphäre des Staatslebens fortsetzen sollen. So unpassend es wäre, das Volk als rohe, unorganische Masse in Bewegung zu setzzen, so wenig wird eine organische Be¬ wegung erreicht, wenn es i mechanisch in feste und abstrakte Be- 5 standteile aufgelöst und won diesen unorganischen, gewaltsam fixierten Teilen eine selbstäindige Bewegung, die nur konvulsivisch sein kann, verlangt wird. D)er Verfasser geht von der Ansicht aus, daß das Volk außer einigçen willkürlich aufgegriffenen Stände¬ unterschieden als eine rohie, unorganische Masse im wirklichen 10 S t a a t e vorhanden sei. lEr kennt also keinen Organismus des Staatslebens selbst, sonderm nur ein Nebeneinander heterogener Teile, die der Staat auf einee oberflächliche und mechanische Weise umspannt. Aber seien wir’ aufrichtig. Wir verlangen nicht, daß man bei der Volksvertretung von den wirklich vorhandenen Unter- 16 schieden abstrahiere, wir verlangen vielmehr, daß man an die wirklichen, durch die innerce Konstruktion des Staats geschaffenen und bedingten Unterschiedle anknüpft und nicht aus dem Staats¬ leben in eingebildete Sphiären zurückfalle, die das Staatsleben längst ihrer Bedeutsamkeitt beraubt hat. Und nun werfe man auf 20 die allen bekannte, allen oiffenbare Wirklichkeit des preußischen Staats einen Blick. Die wrahren Sphären, nach denen der Staat regiert, gerichtet, verwaltet^, besteuert, einexerziert, geschult wird, in denen seine ganze Bewegung vorgeht, es sind Kreise, Land¬ gemeinden, Regierungen, IProvinzialregierungen, Militärabteilun- 25 gen, aber es sind nicht die^ vier Kategorien von Ständen, welche vielmehr in diesen höherem Einheiten bunt ineinander übergehen und nicht von dem Leben sselbst, sondern nur von Akten und Re¬ gistern unterschieden werdlen. Und jene Unterscheidungen, die jeden Augenblick in der lEinheit des Ganzen durch ihr eigenes ao Wesen aufgehen, sie sind ffreie Schöpfungen aus dem Geiste des preußischen Staats, aber site sind keine von blinder Naturnotwen¬ digkeit und von dem Aufllösungsprozeß einer vergangenen Zeit der Gegenwart aufgedränggte Rohstoffe! Sie sind Glieder, aber keine Teile, sie sind Bewœgungen, aber keine Stände, sie sind 35 Unterscheidungen der EinHieit, aber sie sind keine Einheiten des Unterschieds. So wenig umser Verfasser nun wird behaupten wollen, daß etwa die größte Bewegung, wodurch der preußische Staat täglich in ein stehendles Heer und eine Landwehr übergeht, die Bewegung einer rohem, unorganischen Masse sei, so wenig oo wird er es von einer Volkssvertretung behaupten dürfen, die auf ähnliche Prinzipien fundieîrt ist. Wir wiederholen noch einmal. Wir verlangen nur, daß cder preußische Staat sein wirkliches Staatsleben nicht bei einer Sphäre abbricht, welche die bewußte Blüte dieses Staatslebens seiin soll, wir verlangen nur konsequente os und allseitige Ausführung der preußischen Fundamental-Institu-
326 Aus der Rheinischen Zeitung tionen, wir verlangen, daß man nicht plötzlich das wirkliche orga¬ nische Staatsleben verlasse, um in unwirkliche, mechanische, untergeordnete, unstaatliche Lebenssphären zuriickzusinken. Wir verlangen, daß der Staat sich nicht in dem Akt auflöse, welcher der höchste Akt seiner inneren Einigung sein soll. Wir werden die s weitere Kritik des quäst. Aufsatzes in einem folgenden Artikel geben. [RhZ 20. Dez. 1842. Nr. 354] ** Köln, 19. Dez. Der Verfasser will seinem Standpunkte gemäß feststellen: „inwieweit die vorhandenen Stände zur Teil- w nähme an der politischen Wirksamkeit berufen sind“. Unser Ver¬ fasser untersucht nicht, wie schon bemerkt, inwieweit die im Wahl¬ gesetz vorausgesetzten Stände die vorhandenen Stände, inwieweit überhaupt Stände vorhanden sind; er macht vielmehr zur Grundlage seiner Untersuchung eine Tatsache, deren Beweis n das Hauptgeschäft seiner Untersuchung bilden mußte, und argu¬ mentiert also weiter: „Die Bestimmung der Ausschüsse ist sowohl in den Verordnungen vom 21. Juni 1. J. über deren Bildung als auch in der Königlichen Kabinettsordre vom 19. August über deren Zusammenberufung zu einem Zentralausschuß so deutlich aus* 20 gesprochen, daß darüber durchaus kein Zweifel obwalten kann. Es soll nach den Worten der obenerwähnten Kabinettsordre der ständische Beirat der ein¬ zelnen Provinzen durch ein Element der Einheit ergänzt werden. Hiernach ist also zunächst die allgemeine Bestimmung der ständischen Ausschüsse insofern dieselbe wie die der Provinzialstände selbst, als es sich dabei gleichfalls um eine beratende 25 Mitwirkung bei Öffentlichen Angelegenheiten und insbesondere beim Geschäft der Gesetzgebung handelt, und dagegen besteht das Charakteristische der denselben an¬ gewiesenen Wirksamkeit in deren Zentralisation. Somit wäre es bei den Bedenken, welche gegen die Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse erhoben worden sind, darum zu tun gewesen, nachzuweisen, inwiefern in deren Vereinigung zu einem 30 Zentralausschusse Gründe enthalten sind, weshalb die Elemente, aus denen man dieselben gebildet, der Bestimmung ihrer zentralen Tätigkeit nicht zu entsprechen vermögen. Anstatt solchen Beweis zu versuchen, hat man es bei der bloßen Versiche¬ rung bewenden lassen, die Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse (welche auf demselben Prinzip beruht wie die der Provinzialstände) möchte wohl genügen zur 3$ Beratung über untergeordnete Provinzialinteressen, nicht aber für eine den ganzen Staat umfassende ständische Wirksamkeit. Hiermit im Widerspruch wurden dann die erwähnten Beschwerden vorgetragen, welche, wenn sie begründet wären, auch auf die Provinzialstände ihre Anwendung finden würden.“ Wir haben gleich von vornherein auf das Unlogische aufmerk- 40 sam gemacht, die Zweckmäßigkeit der Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse untersuchen zu wollen, bevor man ihre Bestimmung kritisiert hat. Es konnte nicht fehlen, unser Verfasser setzt in einem unbewachten Augenblick die Zweckmäßigkeit der „Bestimmung“ voraus, um die Zweckmäßigkeit der „Zusammen- «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen 327 Setzung“ folgern zu können. Er sagt uns, die Bestimmung der Ausschüsse sei klar! Die Klarheit, diese formelle Korrektheit der „Bestimmung“ zugegeben, ist damit ihr Inhalt und die Wahrheit dieses Inhalts fauch nur berührt? Die Ausschüsse, sagt unser Verfasser, unterscheiden sich nur durch die „Zentralisation“ von den „Pro¬ vinzialständen“. Es sei also nachzuweisen, „inwiefern in deren Vereinigung zu einem Zentralausschusse Gründe enthalten sind, weshalb die Elemente, aus denen man dieselben gebildet, der 10 Bestimmung ihrer zentralen Tätigkeit nicht zu entsprechen ver¬ mögen.“ Wir müssen diese Forderung als unlogisch abweisen. Es fragt sich nicht, inwiefern in der Vereinigung der Provinzial¬ stände zu einem Zentralausschusse Gründe enthalten sind, wes¬ halb ihre Bildungselemente der Bestimmung der zentralen Tätig- 15 keit nicht zu entsprechen vermögen, sondern umgekehrt, es fragt sich, inwiefern in den provinzialständischen Bildungselementen Gründe enthalten sind, welche eine wahrhafte Vereinigung zu einem wirklichen Zentralausschuß, also auch eine wahrhaft zentrale Tätigkeit paralysieren. Die Vereinigung kann nicht 20 die Bildungselemente, aber die Bildungselemente können die Vereinigung unmöglich machen. Setzt man aber eine wirk¬ liche Vereinigung, eine wahrhafte Zentralisation voraus, so verliert die Frage nach der Möglichkeit der zentralen Tätigkeit allen Sinn, denn die zentrale Tätigkeit ist nur die Äußerung, 25 die Folge, die Lebendigkeit einer wahrhaften Zentralisation. Ein zentraler Ausschuß schließt von selbst eine zentrale Tätigkeit ein. Wie beweist nun der Verfasser die Angemessenheit der Bil¬ dungselemente der Provinzialstände zu Zentralausschüssen! Wie beweist er also das wirkliche, nicht illusorische Dasein eines 30 Zentralausschusses! Er sagt: „Wenn sie begründet wären (die gegen die Zusammen¬ setzung der Ausschüsse vorgebrachten Beschwerden), so würden sie auch auf die Provinzialstände ihre Anwendung finden.“ Aller¬ dings, denn es wTird ja eben behauptet, diese Elemente seien keine 3s geeigneten Elemente zu einem zentralen Ganzen. Der Verfasser kann doch damit seine Gegner nicht widerlegt glauben, daß er sich selbst ihre Einwendungen erst zum Bewußtsein bringt und for¬ muliert? Statt sich damit zu begnügen, daß die Beschwerden gegen die to Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse Beschwerden gegen die Zusammensetzung der Provinzialstände sind, mußte der Verfasser vielmehr nachweisen, inwiefern die Einwendungen gegen die Provinzialstände aufhören, Einwendungen gegen die ständischen Ausschüsse zu sein. Der Verfasser mußte sich nicht 35 fragen, wodurch die ständischen Ausschüsse einer zentralen Wirk¬
328 Aus der Rheinischen Zeitung samkeit nicht entsprechen, sondern er mußte sich fragen, wo¬ durch sie zu einer zentralen Wirksamkeit befähigt sein sollen? Es ist in diesen Blättern weitläufig und an konkreten Beispielen dargetan worden, wie wenig die Provinzialstände zu einer Be¬ teiligung an der Gesetzgebung (bestehe sie nun in Beirat oder s in der Be i t a t, was einen Unterschied in der Macht, aber keineswegs in der Fähigkeit der Landstände bilden kann) berufen sind. Es kommt ferner hinzu, daß die Ausschüsse nicht einmal aus den Provinziallandtagen als moralischen Personen, sondern vielmehr aus den in ihre mechanischen Teile aufgelösten m Provinziallandtagen hervorgehen. Nicht der Landtag wählt, son¬ dern die verschiedenen, isolierten Teile des Landtags wählen jeder für sich ihre Ausschußdeputierten. Diese Wahl beruht also auf einer mechanischen Auflösung des Landtagskörpers in seine ein¬ zelnen Bestandteile, auf einer itio in partes. Dadurch wird es 15 möglich, daß nicht die Majorität, sondern die Minorität des Land¬ tags in den Ausschüssen vertreten ist, denn ein Deputierter der Ritterschaft kann z. B. in seinem Stande die Majorität haben, so wenig er die Majorität des Landtags hat, da diese vielleicht eben durch das Hinzutreten der Minorität des Ritterstandes zu dem 20 Stande der Städte oder der Bauern gebildet wird. Die Einwen¬ dungen gegen die Zusammensetzung des Landtags fallen also nicht einfach, sondern verdoppelt auf die Ausschüsse zurück, indem hier der einzelne Stand dem Einfluß des Ganzen entzogen und in seine besonderen Schranken zurückgetrieben wird. Doch 25 wir sehen selbst hiervon ab. Wir gehen von einer Tatsache aus, die der Verfasser unstreitig zugeben wird. Wir nehmen an, die Zusammensetzung der Pro¬ vinzialstände entspreche durchaus ihrer Bestimmung, also der Bestimmung, ihre besonderen Provinzialinteressen w von dem Standpunkte ihrer besonderen Standesinter- essen zu vertreten. Dieser Charakter der Landtage wird der Charakter jeder ihrer Handlungen, also auch der Charakter ihrer Wahlen zu den Ausschüssen, wird der Charakter der Ausschußdeputierten selbst sein, denn ein Landtag, « der seiner Bestimmung entspricht, wird doch wohl in seiner wich¬ tigsten Handlung, wird doch wohl in den selbsterwählten Repräsentanten seiner Bestimmung treubleiben. Welches neue Element verwandelt nun plötzlich die Vertreter der Provinzial¬ interessen in Vertreter der Staatsinteressen und verleiht ihrer *0 besonderen Tätigkeit das Wesen einer allgemeinen Tätigkeit? Offenbar kein anderes Element als der gemein¬ schaftliche Ort der Zusammenkunft. Ist aber der bloße abstrakte Raum imstande, einem Manne von Charakter einen neuen Charakter zu geben und sein geistiges Wesen chemisch zu w
Die ständischen Aasschüsse in Preußen 329 zersetzen? Man würde dem materiellsten Mechanismus huldigen, wollte man dem bloßen Raume eine solche organisierende Seele zumuten, nun besonders, da in der Ausschußversammlung die vorhandene Besonderung auch räumlich anerkannt und dar- 5 gestellt wird. Wir können nach dem bisherigen die weiteren Gründe, womit unser Verfasser die Zusammensetzung der Ausschüsse recht¬ fertigen will, nur als Versuche zur Rechtfertigung der Zu¬ sammensetzung der Provinzialstände [ansehen]. 10 [RhZ 31. Dez. 1842. Nr. 365] ** Köln, 30. Dez. Der Lobredner der ständischen Ausschüsse in der Augsburger Allgemeinen Zeitung verteidigt, wie wir in einem früheren Artikel gezeigt haben, nicht die Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse, sondern die Zusammensetzung 15 der Provinziallandtage. Es erscheint ihm „befremdlich, die Intelligenz als ein der ständischen Vertretung bedürftiges besonderes Ele¬ ment neben der Industrie und dem Grundeigentum angeführt zu finden“. Wir freuen uns, einmal mit dem Verfasser übereinstim- 20 men und uns darauf beschränken zu können, seine Worte nicht zu widerlegen, sondern zu erklären. Worauf reduziert sich diese Be¬ fremdung über jene Intelligenzgelüste? Die Intelligenz sei k e i n Element der ständischen Vertretung, oder glaubt man etwa, der quäst. Art. behaupte nur, sie sei kein besonderes Element? 25 Allein die ständische Vertretung kennt nur besondere Elemente, die nebeneinander bestehen. Was also kein besonderes Ele¬ ment ist, ist kein Element der ständischen Vertretung. Der quäst. Artikel bezeichnet ganz richtig die Art und Weise, wie die Intelli¬ genz in eine ständische Vertretung tritt, als „die allgemeine 3o Eigenschaft intelligenter Wesen“, also nicht als besondere Eigenschaft der ständischen Vertreter, denn eine Eigenschaft, die ich mit allen gemein habe und in einem allen gemeinen Grade besitze, bildet nicht meinen Charakter, nicht meinen Vorzug, nicht mein besonderes Wesen. In einer Naturforscher-Versammlung ge- 35 nügt es nicht, die „allgemeine Eigenschaft“ eines intelligenten Wesens zu teilen, aber in einer Ständeversammlung genügt es, die Intelligenz als eine allgemeine Eigenschaft zu besitzen, zu dem naturgeschichtlichen Genus1) der „intelligenten Wesen“ zu gehören. *o Zu dem Landstand muß die Intelligenz als allgemeine mensch- lische Eigenschaft, aber zu dem Menschen muß nicht die Intelli- 9 In RhZ Genius
330 Aus der Rheinischen Zeitung genz als besondere landständische Eigenschaft hhinzutreten, das heißt, die Intelligenz macht den Menschen nicht zzum Landstand, sondern sie macht den Landstand nur zum Menscthen. Daß damit der Intelligenz keine besondere Stellung auf denn Landtage ein¬ geräumt ist, wird unser Verfasser zugeben. Jede Zeitungsannonce « ist eine Tatsache der Intelligenz. Wer wollte (deshalb in den Annoncen die Repräsentanten der Literatur aufsucbhen? Der Acker kann nicht sprechen, sondern nur der Ackerbesittzer. Der Acker muß daher in einer intelligenten Form auftreten, i um sich geltend zu machen; die Wünsche, die Interessen sprechen! nicht, sondern 10 nur der Mensch spricht; verliert deshalb Acker, Intteresse, Wunsch seine Beschränktheit, weil er als menschliches Weesen, als intelli¬ gentes Wesen sich geltend machte? Es handelt siech nicht um die bloße Form, es handelt sich um den Inhalt (der Intelligenz. Wenn die Intelligenz, was wir dem Verfasser gemee zugeben, nicht w nur keiner ständischen Vertretung, sondern sogar einer nichtstän¬ dischen Vertretung bedarf, so bedarf umgekehrtt die ständische Vertretung der Intelligenz, aber nur einer sehr beeschränkten In¬ telligenz, wie jeder Mensch so viel Verstand nöttig hat, als hin¬ reicht, seine Absichten und Interessen durchzuseetzen, wodurch 20 noch keineswegs seine Absichten und Interessen zur Absichten und Interessen „des Verstandes“ werden. Die nützliche Intelligenz, die für ihren Herd! kämpft, unter¬ scheidet sich wohl von der freien Intelligenz, »die trotz ihrem Herd das Rechte durchzukämpfen weiß. Es ist einte andere Intelli- 25 genz, die einem bestimmten Zwecke, einem besstimmten Stoffe dient, und es ist eine andere Intelligenz, die jeden Stoff beherrscht und nur sich selbst dient. Der Verfasser will also nur sagen: die Intellligenz ist keine ständische Eigenschaft; er fragt nicht, ob der Staind eine intelli- 30 gente Eigenschaft ist! Er tröstet sich damit, daß die Intelligenz eine allgemeine Eigenschaft des Standes, aber er wersagt uns den tröstlichen Beweis, daß der Stand eine besondere lEigenschaft der Intelligenz ist! Es ist ganz konsequent, nicht nur nach 'den Prinzipien35 unseres Verfassers, sondern nach den Prinzipien! der ständi¬ schen Vertretung, wenn er die Frage nach (dem Rechte der Vertretung „der Intelligenz“ auf den Landtagen ini die Frage nach dem Rechte der Vertretung der gelehrtenStän<de, der Stände, welche die Intelligenz monopolisiert haben, <der Intelligenz, <« welche ständig geworden ist, verwandelt. Unsejr Verfasser hat recht, insofern bei einer ständischen Vertretung aucch nur von einer standgewordenen Intelligenz die Rede sein kann, ;aber er hat un¬ recht, indem er das Recht der gelehrten Stände micht anerkennt, denn wo das Ständeprinzip herrscht, müssen alle Stände vertreten «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen 331 werden. Wie eer aber darin irrt, daß er Geistliche, Lehrer, Privat¬ gelehrte ausschhließt und sogar Advokaten, Ärzte usw. nicht ein¬ mal als fraglicbhe Subjekte erwähnt, so verkennt er das Wesen der ständischen Veertretung gänzlich, wenn er die zur Regierung ge- 5 hörigen „Staattsdiener“ in gleiche Reihe mit den oben benannten ständigen Gelebhrten stellt. Die Regierungsbeamten sind in einem ständischen Staaate die Repräsentanten der Staatsinteressen als solcher, stehen i also den Repräsentanten der ständischen Privat¬ interessen feinodlich gegenüber. So wenig Regierungsbeamte in 10 einer Volksrep»räsentation ein Widerspruch sind, so sehr sind sie es in einer stänndischen Repräsentation. Der quäst. Akrt. sucht weiter nachzuweisen, daß das Grundeigen¬ tum in der frainzösischen und englischen Verfassung ebensosehr, wenn nicht nocbh mehr vertreten sei als in der preußischen Stände- 15 Verfassung. Wf äre dem wirklich so, hört ein Mangel dadurch auf, ein Mangel in PPreußen zu sein, daß er auch in England und Frank¬ reich existiert?? Wir wollen nicht ausführen, wie gänzlich unzu¬ lässig diese Vtergleichung schon darum, weil die französischen und englischen i Deputierten nicht alsVertreterdesGrund- sabesitzes, soondem als Volksvertreter gewählt werden, und, was die boesonderen Interessen betrifft, z. B. ein Fould Ver¬ treter der Induastrie bleibt, obschon er in irgendeinem Winkel von Frankreichh eine verhältnismäßig unbedeutende Grundsteuer zahlt. Wir wollden nicht wiederholen, worauf wir in unserem ersten 25 Artikel hingewriesen, wie das Prinzip der ständischen Vertretung das Prinzip derr Vertretung des Grundbesitzes aufhebe und umge¬ kehrt von ihm ; auf gehoben werde, wie also weder wirkliche Ver¬ tretung des Grrundbesitzes noch wirkliche Ständevertretung, son¬ dern nur eine inkonsequente Amalgamierung beider Prinzipien 3o stattfinde. Wir • wollen nicht weiter den Grundfehler der Verglei¬ chung selbst veerfolgen, der die verschiedenen Zahlen für Eng¬ land und Frankkreich und Preußen ohne die nötige Beziehung auf die verschiedennen Verhältnisse dieser Länder auf greift. Wir heben nur den feinen Gesichtspunkt hervor, daß in Frankreich und 35 England veransschlagt wird, was der Staat vom Grundeigentum genießt und weblche Lasten der Besitzer trägt, während umgekehrt in Preußen z. IB. bei den meisten Rittergütern und den Mediati¬ sierten in Anschhlag kommt, wie f r e i sie von den Staatslasten sind und wie unabhhängig ihr Privatgenuß ist. Nicht, was einer hat, m sondern, was err für den Staat hat, nicht der Besitz, sondern gleich¬ sam die Staatstetätigkeit des Besitzes verleiht in Frankreich und England, derenn Systemen wir übrigens keineswegs beipflichten, das Recht der ^Repräsentation. Der Verfasseer sucht ferner zu beweisen, daß das große Grund- to eigentum nicht t unverhältnismäßig gegen das kleine Grundeigen¬
332 Aus der Rheinischen Zeitung tum vertreten sei. In bezug hierauf, wie auf den eben besprochenen Punkt, verweisen wir auf die Schrift: „Über die ständische Ver¬ fassung in Preußen“ (Stuttgart und Tübingen, Verlag der Cotta- schen Buchhandlung) und Ludwig Buhls Schrift über die preußi¬ schen Provinzialstände. Wie wenig aber, vom Unterschied des 5 großen und kleinen Eigentums abgesehen, eine richtige Verteilung stattfindet, mögen folgende Beispiele veranschaulichen. Die Stadt Berlin hat einen Grundwert von 100 Millionen Talern und die Rittergüter der Mark Brandenburg nur einen von 90 Millionen Talern, und doch schickt die erstere nur drei, während die Besitzer 10 der letzteren 20Deputierte aus ihrerMitte wählen. Selbst unter den Städten ist die Verteilung nach dem angenommenen Maßstabe des Grundbesitzes nicht konsequent festgehalten. Potsdam beschickt den Landtag mit einem Deputierten, obgleich der Wert seiner Grundstücke Laum den zehnten Teil der in Berlin befindlichen 19 erreichen mag. In Potsdam kommt ein Deputierter auf 30 000 und in Berlin auf 100 000 Einwohner. Noch greller ist der Kontrast, wenn man die kleineren Städte, denen man aus historischen Gründen eine Virilstimme bewilligt hat, mit der Hauptstadt vergleicht. 20 Um übrigens die wahren Verhältnisse der Intelligenzvertretung und der ständischen Vertretung des Grundeigentums festzusetzen, kehren wir noch einmal zu dem klassischen Hauptsatz zurück, zu der oben angeführten berechtigten Befremdung, „die Intelligenz als ein der ständischen Vertretung bedürftiges b e s o n - 25 d e r e s Element neben der Industrie und dem Grundeigentum angeführt zu finden“. Der Verfasser sucht mit Recht die Quelle der Provinzialstände nicht in einer Staatsnotwendigkeit und betrachtet sie nicht als ein Staatsbedürfnis, sondern als ein Bedürfnis der Ja Sonderinteressen gegen den Staat. Nicht die organische Staatsvemunft, sondern die Notdurft der Privatinteressen ist der Baumeister der ständischen Verfassung, und allerdings die Intelligenz ist kein bedürftiges, egoistisches Interesse, ist das all¬ gemeine Interesse. Eine Vertretung der Intelligenz in einer Stände- JJ Versammlung ist also ein Widerspruch, eine ungereimte Forde¬ rung. Wir machen übrigens den Verfasser auf die Konsequenzen aufmerksam, die so unvermeidlich sind, wenn man die Bedürf¬ tigkeit zum Prinzip der Volksvertretung macht, daß unser Ver¬ fasser selbst einen Augenblick vor ihnen zurückschreckt und nicht <0 nur bestimmte Forderungen von Seiten der Vertretung der Sonder¬ interessen, sondern die Forderung dieser Vertretung selbst zurück¬ weist. Entweder ist nämlich das Bedürfnis wirklich, und dann ist der Staat unwirklich, weil er Sonderelemente hegt, die in ihm 99
Die ständischen Ausschüsse in Preußen 333 nicht ihre gerechte Befriedigung finden, sich daher neben ihm als besondere Körper konstituieren und in ein Transaktionsverhältnis zu ihm treten müssen, oder das Bedürfnis ist wirklich im Staate befriedigt, also seine Vertretung gegen den Staat entweder illuso- s risch oder gefährlich. Der Verfasser wirft sich einen Augenblick auf die Seite der Illusion. Er bemerkt in bezug auf die Indu¬ strie, daß, wenn sie selbst auf den Landtagen nicht hinlänglich vertreten wäre, ihr doch Wege genug blieben, ihre Interessen im Staate und bei der Regierung geltend zu machen. Er behauptet 10 also, die ständischeVertretung, die Vertretung nach dem Prinzip der Bedürftigkeit sei eine Illusion, weil die Be¬ dürftigkeit selbst eine illusorische sei. Was nämlich von dem Stande der Industrie, gilt von allen Ständen, gilt aber von dem Stande des Grundeigentums in einem noch höheren is Grade als von der Industrie, denn er ist schon durch den Landrat, die Kreisstände usw., also durch völlig konstituierte Staatsorgane, vertreten. Es versteht sich nach dem bisherigen von selbst, daß wir nicht nur nicht in die Klagen über die beschränkte Geschäfts- 2o Ordnung der Ausschüsse einstimmen können, sondern im Gegenteil gegen jede Erweiterung derselben als staatswidrig ernstlich protestieren müßten. Ebenso verkehrt ist der Liberalis¬ mus, der die Intelligenz auf dem Landtage vertreten sehen will. Die Intelligenz ist nicht nur kein besonderes Element 25 der Vertretung, sie ist überhaupt kein Element, sondern ein Prinzip, das an keiner elementarischen Zusammen¬ setzung teilzunehmen, sondern nur eine Gliederung aus sich selbst zu erschaffen vermag. Es kann von der Intelligenz nicht als einem integrierenden Teile, es kann von ihr nur als der organi¬ se sierenden Seele die Rede sein. Es handelt sich hier nicht um eine Ergänzung, sondern um einen Gegensatz. Es fragt sich: „intelligente Vertretung“ oder „ständische Vertretung“. Es fragt sich, ob das besondere Interesse die politische Intelligenz oder ob die politische Intelligenz die besonderen Interessen vertreten soll. 35 Die politische Intelligenz wird z. B. das Grundeigentum nach den Staatsmaximen, aber sie wird nicht die Staatsmaximen nach dem Grundeigentum regeln, sie wird das Grundeigentum nicht nach seinem Privategoismus, sondern nach seiner Staatsnatur geltend machen, sie wird nicht nach diesem besonderen Wesen das allge- to meine Wesen, sondern sie wird nach dem allgemeinen dies be¬ sondere Wesen bestimmen. Das repräsentierende Grundeigentum dagegen richtet sich nicht nach der Intelligenz, sondern es richtet die Intelligenz nach sich, gleich dem Uhrmacher, der seine Uhr nicht nach der Sonne, sondern die Sonne nach seiner Uhr richten 15 wollte. Die Frage resümiert sich in zwei Worte: Soll das Grund- Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 27
334 Aus der Rheinischen Zeitung eigentum die politische Intelligenz, oder soll die politische Intelli¬ genz das Grundeigentum kritisieren und beherrschen? Für die Intelligenz gibt es nichts Äußerliches, weil sie die innere bestimmende Seele von allem ist, während umgekehrt für ein bestimmtes Element, wie das Grundeigentum, alles äußerlich 5 ist, was nicht es selbst ist. Nicht nur die Zusammensetzung des Landtags, sondern auch seine Handlungen sind daher mecha¬ nisch, denn er muß sich zu allen allgemeinen und selbst zu den von ihm verschiedenen besonderen Interessen als einem Unge¬ hörigen und Fremden verhalten. Alles Besondere, wie das Grund-10 eigentum, ist an sich beschränkt. Es muß also als Beschränktes, d. h. von einer allgemeinen, über ihm stehenden Macht behandelt werden, aber es kann die allgemeine Macht nicht nach seinen Be¬ dürfnissen behandeln. Die Landtage sind durch ihre eigentümliche Zusammensetzung h nichts als eine Gesellschaft von Sonderinteressen, die das Privi¬ legium haben, ihre besonderen Schranken gegen den Staat geltend zu machen, also eine berechtigte Selbstkonstituierung un¬ staatlicher Elemente im Staate. Sie sind also ihrem Wesen nach dem Staat feindlich gesinnt, denn das Besondere ist in seiner 20 isolierten Tätigkeit immer ein Feind des Ganzen, denn eben dies Ganze gibt ihm das Gefühl seiner Nichtigkeit, weil seiner Schranken. Wäre diese politische Verselbständigung der Sonderinteressen eine Staatsnotwendigkeit, so wäre sie nur die Erscheinung von 25 einer inneren Krankheit des Staates, wie ein ungesunder Körper in Polypen nach Naturgesetzen ausschlagen muß. Man müßte sich zu einer der beiden Ansichten entschließen, entweder daß die Sonderinteressen, sich überhebend und dem politischen Staats¬ geiste entfremdet, den Staat beschränken wollen, oder daß der 30 Staat sich in der Regierung allein konzentriert und dem be¬ schränkten Volksgeiste als Entschädigung bloß eine Sphäre zur Ventilierung seiner Sonderinteressen einräumt. Man könnte end¬ lich beide Ansichten zusammenfassen. Soll das Verlangen nach einer Vertretung der Intelligenz also Sinn haben, so müssen wir 35 es auslegen als das Verlangen nach bewußter Vertretung der Volksintelligenz, die nicht einzelne Bedürfnisse gegen den Staat geltend machen will, sondern deren höchstes Bedürfnis es ist, den Staat selbst, und zwar als ihre Tat, als ihren eigenen Staat geltend zu machen. Vertreten werden ist überhaupt etwas Leidendes; nur 40 das Materielle, Geistlose, Unselbständige, Gefährdete bedarf einer Vertretung; aber kein Element des Staates darf materiell, geistlos, unselbständig, gefährdet sein. Die Vertretung darf nicht als die Vertretung irgend eines Stoffes, der nicht das Volk selbst ist, sondern nur als seine Selbstvertretung begriffen wer- «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen 335 den, als eine Staatsaktion, die, nicht seine einzige, ausnahmsweise Staatsaktion, sich nur durch die Allgemeinheit ihres Inhaltes von den übrigen Äußerungen seines Staatslebens unterscheidet. Die Vertretung darf nicht als eine Konzession an die schutzlose 5 Schwäche, an die Ohnmacht, sondern muß vielmehr als die selbst¬ gewisse Lebendigkeit der höchsten Kraft betrachtet werden. In einem wahren Staate gibt es kein Grundeigentum, keine Industrie, keinen materiellen Stoff, die als solche rohe Elemente mit dem Staat ein Abkommen treffen könnten, es gibt nur geistige «Mächte, und nur in ihrer staatlichen Auferstehung, in ihrer politischen Wiedergeburt sind die natürlichen Mächte stimmfähig im Staate. Der Staat durchzieht die ganze Natur mit geistigen Nerven, und an jedem Punkte muß es erscheinen, daß nicht die Materie, sondern die Form, nicht die Natur ohne den Staat, son- 15 dem die Staatsnatur, nicht der unfreie Gegenstand, sondern der freie Mensch dominiert.
[Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung] Das Verbot der L.A.Z. für den preußischen Staat [RhZ 1. Jan. 1843. Nr. * Köln, 31. Dez. Die deutsche Presse beginnt das neue Jahr unter scheinbar trüben Auspizien. Das soeben erfolgte Verbot 5 der „LeipzigerAllgemeinen Zeitung“ für die preußi¬ schen Staaten widerlegt wohl schlagend genug alle selbstgefälligen Träume der Leichtgläubigen von den großen Konzessionen der Zukunft. Da die L. A. Z., die unter sächsischerZensur erscheint, wegen ihrer Besprechung der preußischen Angelegen- 10 heiten verboten wird, so wird damit zugleich die Hoffnung einer zensurfreien Besprechung unserer inneren Angelegenheiten verboten. Das ist eine faktische Konsequenz, die niemand ableug¬ nen wird. Die Hauptvorwürfe, die gegen die L. A. Z. verlautbarten, waren is ungefähr folgende: „Sie bringe Gerücht auf Gerücht, und hinter¬ her erweise sich mindestens die Hälfte als falsch. Zudem halte sie sich nicht an die Tatsachen, sondern spähe nach den Trieb¬ federn; und wie falsch ihr Urteil hier oftmals auch sei, immer spreche sie dasselbe mit dem Pathos der Unfehlbarkeit und oft 20 mit der gehässigsten Leidenschaft aus. Ihr Treiben sei unstät, ,indiskret4, ,unfertig4, mit einem Worte ein schlechtes Treiben.44 Angenommen, diese Anschuldigungen seien sämtlich begrün¬ det, sind es Anschuldigungen gegen den willkürlichen Cha¬ rakter der „Leipziger Allgemeinen Zeitung44, oder sind es nicht 25 vielmehr Anschuldigungen gegen den notwendigen Cha¬ rakter der eben erst entstehenden jungen Volkspresse? Handelt es sich nur um die Existenz einer gewissen Art von Presse, oder handelt es sich um die Nichtexistenz der wirk¬ lichen Presse, d. h. der Volkspresse? so Die französische, die englische, jede Presse hat in derselben Art und Weise begonnen wie die deutsche Presse, und jede dieser Pressen hat dieselben Vorwürfe verdient und erhalten. Die Presse ist nichts und soll nichts sein als das laute, freilich „oft leiden¬ schaftliche und im Ausdruck übertreibende und fehlgreifende 35 tägliche Denken und Fühlen eines wirklich als Volk denkenden Volkes44. Daher ist sie wie das Leben, immer werdend, nie fertig. Sie steht im Volke und fühlt all sein Hoffen und sein Fürchten, sein Lieben und sein Hassen, seine Freuden und seine Leiden ehr-
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 337 lieh mit. Was sie hoffend und fürchtend erlauscht, verkündet sie laut und urteilt darüber heftig, leidenschaftlich, einseitig, wie ihr Gemüt und Gedanken eben im Augenblicke bewegt sind. Das Irrige in Tatsachen und Urteilen, was sie heute brachte, wird sie 5 morgen widerlegen. Sie ist die eigentliche „naturwüchsige“ Poli¬ tik, die ihre Gegner ja sonst zu lieben pflegen. Die Vorwürfe, die in letzten Tagen in einem Atem der jungen „Presse“ gemacht wurden, hoben sich wechselseitig auf. Seht, sagte man, welche feste, gehaltene, bestimmte Politik haben e n g • 10 1 ische und französische Blätter. Sie basieren auf dem wirklichen Leben, ihre Ansicht ist die Ansicht einer vorhan¬ denen fertigen Macht, sie doktrinieren das Volk nicht, sie sind die wirklichen Doktrinen des Volkes und seiner Parteien. Ihr aber sprecht nicht die Gedanken, die Interessen des Volkes is aus, ihr m a c h t sie erst oder schiebt sie ihm vielmehr unter. Ihr schafft den Parteigeist. Ihr seid nicht seine Schöpfungen. So wird es der Presse zum Vorwurf gemacht, bald daß keine politischen Parteien bestehen, bald daß sie diesem Mangel abhelfen und politische Parteien schaffen will. Aber es versteht sich von selbst. 2o Wo die Presse jung ist, ist der Volksgeist jung, und das täg¬ liche laute politische Denken eines eben erst erwachenden Volks¬ geistes wird unfertiger, formloser, übereilter sein als das eines Volksgeistes, der in politischen Kämpfen groß und stark und selbstgewiß geworden ist. Vor allem das Volk, dessen politischer 25 Sinn erst erwacht, fragt weniger nach der faktischen Richtig¬ keit dieser oder jener Begebenheit als nach ihrer sittlichen Seele, mit welcher sie wirkt; Tatsache oder Fabel, sie bleibt eine Verkörperung der Gedanken, Befürchtungen, Hoffnungen des Volkes, ein wahres Märchen. Das Volk sieht dies sein Wesen in so dem Wesen seiner Presse abgespiegelt, und wo es dies nicht sähe, würde es sie als ein Unwesentliches keiner Teilnahme wür¬ digen, denn ein Volk läßt sich nicht betrügen. Mag sich daher die junge Presse täglich kompromittieren, mögen schlechte Leiden¬ schaften in sie eindringen, das Volk erblickt in ihr seinen eigenen 35 Zustand und weiß, daß trotz allem Gift, was die Bosheit oder der Unverstand herbeischleppt, ihr Wesen immer wahr und rein bleibt und das Gift in ihrem immer bewegten, immer vollen Strome zur Wahrheit und zur heilsamen Arznei wird. Es weiß, daß seine Presse seine Sünden trägt, sich für es erniedrigt und zu seinem 4o Ruhme, auf Vomehmigkeit, Suffisance und Unwiderleglichkeit verzichtend, die Rose des sittlichen Geistes innerhalb der Domen der Gegenwart darstellt. Wir müssen also die Vorwürfe, die man der „Leipziger Allge¬ meinen Zeitung“ gemacht hat, als Vorwürfe gegen die junge 45 Volkspresse, also gegen die wirkliche Presse betrachten, denn es
338 Aus der Rheinischen Zeitung versteht sich von selbst, daß die Presse nicht wirklich werden kann, ohne ihre notwendigen, in ihrem Wesen begründeten Entwick¬ lungsstadien durchzumachen. Wir müssen aber die Verwerfung der Volkspresse für eine Verwerfung des politischen Volksgeistes erklären. Und dennoch haben wir im Beginn unseres Artikels die s Auspizien der deutschen Presse als scheinbar trübe bezeichnet. Und so ist es, denn der Kampf gegen ein Dasein ist die erste Form seiner Anerkennung, seiner Wirklichkeit und seiner Macht. Und nur der Kampf kann sowohl die Regierung als das Volk als die Presse selbst von der wirklichen und notwendigen Berechti- ro gung der Presse überzeugen. Nur er kann zeigen, ob sie eine Kon¬ zession oder eine Notwendigkeit, eine Illusion oder eine Wahr¬ heit ist. Die „Kölnische Zeitung“ und das Verbot der Leipz. Allg. Ztg. « [RhZ 4. Jan. 1843. Nr. 4] * Köln, 3. Jan. Die „Kölnische Zeitung“ brachte in ihrer Nummer vom 31. Dez. einen „Leipzig, 27.“ bezeichneten Korrespondenzartikel, der beinahe frohlockend das Verbot der Leipziger Allg. Zeitung mitteilte, während die Kabinettsordre, 20 welche das Verbot jener Zeitung dekretiert und in der gestern hier eingetroffenen Staatszeitung enthalten ist, vom 28. Dez. datiert. Das Rätsel löst sich einfach durch die Bemerkung, daß am 31. Dez. die Nachricht von dem Verbote der L. A. Z. bei hiesiger Post ein¬ traf und die „Kölnische Zeitung“ es angemessen fand, nicht nur « eine Korrespondenz, sondern auch einen Korrespondenten zu schreiben und ihrer eigenen Stimme die gute Stadt Leip¬ zig zum Domizil anzuweisen. Die „merkantile“ Phantasie der „Kölnischen Zeitung“ war so „gewandt“, die Begriffe zu verwech¬ seln. Sie erblickte die Residenz der „Kölnischen Zeitung“ in Leip- 30 zig, weil die Residenz der „Leipziger Zeitung“ in Köln eine Un¬ möglichkeit geworden. Sollte die Redaktion der „Kölnischen Zei¬ tung“ auch bei kälterem Nachdenken das Spiel ihrer Phantasie als eine trockene Wahrheit der Tatsache verteidigen wollen, so würden wir uns genötigt sehen, in bezug auf die mystische Korre-35 spondenz aus Leipzig noch eine Tatsache mitzuteilen, die „alle Schranken des Anstandes überschreitet und auch bei uns jedem Gemäßigten und Besonnenen als eine unbegreifliche Indiskre¬ tion“ erscheinen wird. Was das Verbot der L. A. Z. selbst betrifft, so haben wir unsere 30 Ansicht ausgesprochen. Wir haben nicht die an der L. A. Z. ge¬ rügten Mängel als aus der Luft gegriffen bestritten, aber wir
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 339 haben behauptet, daß es Mängel sind, welche aus dem Wesen der Volkspresse selbst hervorgehen, also in ihrem Entwick¬ lungsgang geduldet werden müssen, wenn man ihren Entwick¬ lungsgang überhaupt dulden will. 5 Die Leipziger A. Z. ist nicht die ganze deutsche Volkspresse, aber sie ist ein notwendiger integrierender Teil derselben. Die verschiedenen Elemente, welche die Natur der Volkspresse bilden, müssen bei naturgemäßer Entwicklung derselben zunächst jedes für sich seine eigentümliche Ausbildung finden. Der ganze 10 Körper der Volkspresse wird also in verschiedene Zeitungen von verschiedenen, sich wechselweis ergänzenden Charakteren zer¬ fallen, und wenn z. B. in der einen die politische Wissenschaft, wird in der anderen die politische Praxis, wenn in der einen der neue Gedanke, wird in der anderen die neue Tatsache das vor- is wiegende Interesse bilden. Nur dadurch, daß die Elemente der Volkspresse ihre ungehinderte, selbständige und einseitige Entwicklung erhalten und sich in verschiedene Organe verselb¬ ständigen, kann die „gute“ Volkspresse gebildet werden, d. h. die Volkspresse, die alle wahren Momente des Volksgei- 20 s t e s harmonisch in sich vereinigt, so daß in jeder Zeitung der wirkliche sittliche Geist ebenso ganz gegenwärtig ist wie in jedem Blatt der Rose ihr Duft und ihre Seele. Aber damit die Presse ihre Bestimmung erreiche, ist es vor allem notwendig, ihr keine Bestimmung von außen vorzuschreiben und ihr jene Anerkennung 20 zu gewähren, die man selbst der Pflanze zu gewähren gewohnt ist, die Anerkennung ihrer inneren Gesetze, denen sie nicht nach Willkür sich entziehen darf und kann. Die gute und die schlechte Presse [RhZ 6. Jan. 1843. Nr. 6] io * K ö 1 n, 5. Jan. Wir haben schon manches in abstracto über den Unterschied der „gute n“ und der „schlechten“ Presse hören müssen. Veranschaulichen wir einmal den Unterschied an einem Beispiel! Die „Elberfelder Zeitung“ vom 5. Jan. bezeichnet sich selbst 36 in einem von Elberfeld datierten Artikel als „gute Presse“. Die Elberfelder Zeitung vom 5. Jan. bringt folgende Notiz: „Berlin, 30. Dez. Das Verbot der Leipz. Allg. Ztg. hat hier im Ganzen einen geringen Eindruck gemacht“. Dagegen be¬ richtet die „Düsseldorfer Zeitung“ übereinstimmend mit der io „Rheinischen Zeitung“: „Berlin,!. Jan. Das unbedingte Verbot der Leipz. Allg. Ztg. erregt hier die g r ö ß te Sensation, da die Berliner dieselbe sehr gerne lasen“ usw.
340 Aus der Rheinischen Zeitung Welche Presse, die „gute“ oder die „schlechte“ Presse, ist nun die „wahre“ Presse! Welche spricht die Wirklichkeit, und welche spricht die gewünschte Wirklichkeit aus! Welche stellt die öffentliche Meinung dar, und welche entstellt die öffentliche Mei¬ nung! Welche verdient also das Staatsvertrauen? 5 Mit der Erklärung der „Kölnischen Zeitung“ sind wir wenig zufriedengestellt. Sie beschränkt sich in ihrer Replik auf unsere Bemerkung über ihre „beinahe frohlockende“ Ankündigung des Verbots der Leipz. Allg. Ztg. nicht nur auf den statistischen Teil, sondern auf einen Druckfehler. Die Köln. Ztg. wird wohl 10 selbst wissen, daß in dem Passus: „das Rätsel löst sich einfach durch die Bemerkung, daß am 31. Dez. die Nachricht von dem Verbote der L. A. Z. bei hiesiger Post eintraf“ — stehen mußte und nur durch einen Druckfehler nicht steht: am 30. Dez. Am 30. Dez. mittags erhielt nämlich, was wir nötigenfalls beweisen « können, die „Rheinische“, also wohl auch die „Kölnische“ Zei¬ tung, diese Nachricht von der hiesigen Post. Replik auf den Angriff eines „gemäßigten“ Blattes [RhZ 8. Jaa. 1843. Nr. 8] SO * Köln, 7. Jan. Ein gemäßigtes rheinisches Blatt, wie die Allg. Augsb. Zeitung in ihrer diplomatischen Sprache sagt, d. h. ein Blatt von mäßigen Kräften, sehr mäßigem Charakter und allermäßigstem Verstände, hat unsere Behauptung: „Die Leipziger Allgemeine Zeitung ist ein notwendiger integrierender Teil der ss deutschen Volkspresse“, in die Behauptung umgestellt, die Lüge sei ein notwendiger Teil der Presse. Wir wollen keinen großen Anstoß daran nehmen, daß dieses mäßige Blatt einen einzelnen Satz aus unserem Räsonnement herausreißt und die im quäst. Ar¬ tikel wie in einem früheren gegebene Auseinandersetzung seiner so hohen und ehrenvollen Berücksichtigung nicht wert erachtet hat. So wenig wir an jemanden die Anforderung stellen, aus seiner eigenen Haut herauszuspringen, so wenig dürfen wir verlangen, ein Individuum oder eine Partei solle über ihre geistige Haut, über die Schranken ihres Verstandeshorizontes einen salto mor- w tale wagen, am wenigsten eine Partei, der ihre Beschränktheit für Heiligkeit gilt. Wir erörtern also nicht, was jene Bewohnerin des intellektuellen Mittelreiches tun mußte, um uns zu wider¬ legen, wir erörtern nur ihre wirklichen Taten. Zunächst werden die alten Sünden der L. A. Z. aufgezählt, ihr o Verhalten zu den hannoverschen Angelegenheiten, ihre Partei¬ polemik gegen den Katholizismus (hinc illae lacrimae! würde
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 341 unsere Freundin dasselbe Verhalten, nur nach entgegengesetzter Richtung hin, zu den Todsünden der Münchner politischen Blätter zählen?), ihre Klatschereien usw. usw. Es fällt uns hierbei ein Aperçu aus den „Wespen“ von Alphons Karr ein. Herr Guizot, 5 heißt es, schildert den Herrn Thiers, und Herr Thiers schildert den Herm Guizot als Landesverräter, und leider haben beide recht. Wenn sämtliche deutschen Zeitungen alten Stiles sich ihre Ver¬ gangenheit vorwerfen wollten, so könnte sich der Prozeß nur um die formelle Frage bewegen, ob sie gesündigt haben durch das, 10 was sie taten, oder durch das, was sie nicht taten. Wir würden unserer Freundin gern den harmlosen Vorzug vor der L. A. Z. ein¬ räumen, nicht nur keine schlechte, sondern gar keine Existenz ge¬ wesen zu sein. Indes unser inkriminierter Artikel sprach nicht von dem is vergangenen, sondern von dem gegenwärtigen Charakter der L. A. Z., obgleich wir, wie sich von selbst versteht, gegen ein Verbot der „Elberfelder Zeitung“, des „Hamburger Korrespon¬ denten“ und der zu Koblenz erscheinenden „Rhein- und Mosel¬ zeitung“ nicht minder ernstgemeinte Einwendungen zu machen 2o hätten, denn der Rechtszustand wird durch den moralischen Charakter oder gar die politischen und religiösen Meinungen der Individuen nicht alteriert. Der rechtlose Zustand der Presse ist vielmehr über allen Zweifel erhaben, sobald man ihre Exi¬ stenz von ihrer Gesinnung abhängig macht. Bis jetzt gibt es 25 nämlich noch keinen Kodex der Gesinnung und keinen Gerichts¬ hof der Gesinnung. Der letztenPhase der L. A. Z. wirft nun das „gemäßigte“ Blatt die falschen Tatsachen, Entstellungen, Lügen vor und be¬ schuldigt uns daher mit ehrlicher Entrüstung, die Lüge für ein so notwendiges Element der Volks presse zu halten. Und wenn wir diese fürchterliche Folgerung gelten ließen, wenn wir behaup¬ teten, die Lüge sei ein notwendiges Element der Volkspresse, namentlich der deutschen Volkspresse? Wir meinen nicht die Lüge der Gesinnung, die geistige Lüge, wir meinen die 35 Lüge derTatsache, die körperliche Lüge! Steiniget! Stei¬ niget! würde unsere christliche Freundin rufen. Steiniget! Stei¬ niget! würde der Chorus einfallen. Aber übereilen wir uns nicht, nehmen wir die Welt, wie sie ist, seien wir keine Ideologen, und wir geben unserer Freundin das Zeugnis, kein Ideologe zu sein. so Das „gemäßigte“ Blatt werfe auf seine eigenen Spalten einen prü¬ fenden Blick, und berichtet es nicht, wie die preußische Staats- zeitung, wie alle deutschen, wie alle Zeitungen der Welt, täglich Lügen aus Paris, Klatschereien über bevorstehende Ministerial- wechsel in Frankreich, von irgend einem Pariser Blatt ausgeheckte 45 Falsa, die der nächste Tag, die nächste Stunde widerlegt! Und
342 Aus der Rheinischen Zeitumg hält die „Rhein- und Moselzeitung“ die f aktische Lüge für ein notwendiges Element in den Rubrikem England, Frankreich, Spanien, Türkei, aber für ein verdammliches, todeswürdiges Ver¬ brechen in der Rubrik Deutschland oder Preußen? Woher dies doppelte Maß und Gewicht? Woher diese doppelte Ansicht von 5 Wahrheit? Warum darf dasselbe Blatt auf der einen Kolumne die frivole Sorglosigkeit eines Neuigkeitsboten, warum muß es auf der anderen Kolumne die trockene Unwideirleglichkeit eines Amts¬ blattes zur Schau tragen? Offenbar, weil es für deutsche Zeitungen eine französische, englische, türkische, spainische Zeit, aber keine 10 deutsche Zeit, sondern nur eine deutsche Zeitlosigkeit geben soll. Sind aber nicht vielmehr die Blätter zu loben und von Staats wegen zu loben, welche diie Aufmerksamkeit, das fieberhafte Interesse, die dramatische Spannung, die alles Wer¬ dende, die vor allem die werdende Zeitgeschichten begleiten, dem Auslande entreißen umd dem Vaterlande erobern! Nehmt selbst an, sie erregten Unzufriedenheit, Ver¬ stimmung! So erregen sie doch deutsche Unzufriedenheit, deutsche Verstimmung, so haben sie dem Staate immer noch die abgewandten Gemüter zurückgeschenkt, wenn auch zunächst w aufgeregte, verstimmte Gemüter! Und sie haben nicht nur Unzu¬ friedenheit und Verstimmung, sie haben Befürchtungen und Hoff¬ nungen, sie haben Freud und Leid, sie haben vor allem eine wirk¬ liche Teilnahme am Staate erregt, sie haben den Staat zu einer Herzens-, zu einer Hausangelegenheit seiner w Glieder, sie haben statt Petersburg, London, Paris: Berlin, Dres¬ den, Hannover etc. zu den Hauptstädten auf der Landkarte des politischen deutschen Geistes gemacht, eine Tat, die ruhm¬ würdiger ist als die Verlegung der Welthauptstadt von Rom nach Byzanz. w Wenn aber die deutschen und preußischen Zeitungen, die sich das Ziel stellten, Deutschland und Preußen zum Hauptinteresse der Deutschen und Preußen zu machen, das mysteriöse priester¬ liche Wesen des Staates in ein lichtes, allen zugängliches und gehöriges Laienwesen, den Staat in das Fleisch und Blut der w Staatsbürger zu verwandeln, wenn sie an faktischer Wahrheit den französischen und englischen Zeitungen aachstehen, wenn sie oft ungeschickt und märchenhaft sich benehmen, so bedenkt, daß der Deutsche seinen Staat nur vom Hörensagen kennt, daß verschlossene Türen keine Brillen sind, daß ein ge• heimes Staatswesen kein öffentliches Staatswesen ist, so macht nicht zu einem Fehler der Zeitungen, was nur ein Fehler des Staates ist, ein Fehler, den eben diese Zeitungen zu korrigieren suchen. Wir wiederholen also nochmals: „Die Leipz. Allg. Ztg.*>
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 343 ist ein notwemdiger integrierender Teil der deutschen Volkspresse.“ Sie hat vorzugsweise das un¬ mittelbare Interesse an der politischen Tatsache, wir haben vorzugsweise das Interesse an dem politischen Ge- «danken befriedigt,, wobei es sich von selbst versteht, daß weder die Tatsache den Gedanken noch der Gedanke die Tatsache aus¬ schließt, aber es handelt sich hier um den vorherrschenden Charakter, um das {Unterscheidungsmerkmal. Replik auf dite D enunziation eines „benach¬ barten“ Blattes [RhZ 10. Jan. 1843. Nr. 10] * Köln, 9. Jan.. Es wäre wider alle Ordnung gewesen, wenn die „gute“ Presse jetzt nicht von allen Seiten her ihre Ritter¬ sporen an uns zu verrdienen suchte, an ihrer Spitze die Prophetin «Hulda aus Augsburg, der wir nächstens auf ihre abermalige Herausforderung zunn Tanz aufspielen werden. Heute haben wir es mit unserer invaliiden Nachbarin zu tun, mit der höchst ehren¬ werten „Kölnischen Zeitung“! Toujours perdrix! Zunächst: „Etwas; Vorläufiges“ oder ein „Vorläufiges Etwas“, 20 ein Denkzettel, den wir ihrer heutigen Denunziation zur Ver¬ ständigung vorausschlicken wollen, ein allerliebstes Histörchen von der Art und Weise, wie die „Kölnische Zeitung“ sich „Ach¬ tung“ bei der Regierung zu verschaffen sucht, die „wahre Freiheit“ im Gegensatz zur „Willkür“ geltend macht und sich von 3s innen „Schranken“ zzu setzen weiß. Der geneigte Leser wird sich erinnern, wie in Nro.. 4 der „Rheinischen Zeitung“ die „Kölnische Zeitung“ geradezu Ibescbuldigt ward, ihre Korrespondenz aus Leipzig, welche beimahe frohlockend das vielfach besprochene Verbot ankündigte, selbst fabriziert zu haben, wie ihr zu- 30 gleich von einer ernstlichen Verteidigung der Echtheit jenes Do¬ kuments wohlmeinenid abgeraten ward unter der bestimmten An¬ drohung, daß wir widrigenfalls „in bezug auf die mystische Kor¬ respondenz aus Leipzig“ noch eine unangenehme Tatsache veröffentlichen müßtten. Der gütige Leser wird sich der zahmen, 35 ausweichenden Repliik der „Kölnischen Zeitung“ vom 5. Jan. erinnern, unserer berichtigenden Duplik in Nro. 6 und der „leidenden Stille“, welche die „Kölnische Ztg.“ hierauf zu beob¬ achten für gut fand. Die fragliche Tatsache ist diese: Die „Köl¬ nische Zeitung“ fandl das Verbot der Leipz. Allg. Ztg. durch eine to Mitteilung gerechtfertigt, die „alle Schranken des Anstandes überschreitet und atuch bei uns jedem Gemäßigten und Be¬ sonnenen als eine umbegreifliche Indiskretion erscheinen
344 Aus der Rheinischen Zeitung muß“. Es war hiermit offenbar die Publikation des Herwegh- sehen Briefes gemeint. Man konnte vielleicht diese Ansicht der „Köln. Ztg.“ teilen, wenn die „Kölnische Zeitung“ nur nicht selbst wenige Tage vorher den Herweghschen Brief dem Publikum hätte mitteilen wollen und nur „von außen“ 5 auf „Schranken“ gestoßen wäre, die ihre gute Absicht vereitelten. Wir wollen damit keineswegs der „Kölnischen Zeitung“ ein illoyales Gelüste vorwerfen, aber wir müssen dem Publikum an¬ heimstellen, ob es eine begreifliche Diskretion ist, ob es nicht alle Grenzen des Anstandes und der öffent-10 liehen Moral verletzen heißt, wenn man dieselbe Tat seinem Nächsten als todeswürdiges Verbrechen vorwirft, die man eben im Begriffe stand, selbst auszuführen, die nur ein äußeres Hin¬ dernis nicht zur eigenen Tat werden ließ. Man wird es nach dieser Aufklärung verständlich finden, wenn das böse Gewissen 15 der „Kölnischen Zeitung“ uns heute mit einer Denunziation antwortet. Sie sagt: „Es wird dort (in der Rh. Ztg.) behauptet, daß der ungewöhn¬ lich scharfe, fast schneidende, jedenfalls unangenehme Ton, den die Presse gegen Preußen annehme, keinen anderen Grund 20 habe als den, sich dadurch der Regierung bemerklich zu machen und sie wecken zu wollen. Denn das Volk sei über die vorhandenen Staatsformen schon weit hinaus, diese litten an eigentümlicher Hohlheit; das Volk wie die Presse hätten kein Vertrauen zu diesen Institutionen und noch weniger zu einer Entwicklung von 25 ihnen heraus.“ Die „Kölnische Zeitung“ begleitet diese Worte mit folgendem Ausruf: „Muß man nicht staunen, daß neben solchen Äußerungen noch immer Klagen über mangelhafte Preßfreiheit erschallen? Kann man mehr verlangen als die Freiheit, der Re¬ gierung ins Gesicht zu sagen, daß ,alle Staatsinstitutionen Plunder $ seien, nicht einmal gut, den Übergang zu etwas Besserem zu bilden4“. Zunächst müssen wir uns über die Art und Weise des Zitierens verständigen. Der Verfasser des quäst. Artikels wirft sich die Frage auf, woher der scharfe Ton der Presse gerade in bezug £ auf Preußen komme? Er antwortet: „ichglaube, den Grund hauptsächlich in folgendem finden zu müssen“. Er behauptet nicht, was ihm die „Kölnische Zeitung“ unterschiebt, daß kein anderer Grund vorhanden sei, er gibt seine Ansicht viel¬ mehr nur als seinen Glauben, als seine individuellem Meinung. Der Verfasser räumt ferner ein, was die „Kölnische Zeitung“ verschweigt, daß „der Aufschwung von 1840 sich zum Teil in die Staatsformen hineingeworfen; ihnen Fülle und Leben zu geben versucht“ habe. Dennoch fühle man, „daß der Volks¬ geist eigentlich an ihnen vorbeigehe, sie kaum streift und fast *
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 345 auch als Durchgang zu einer weiteren Entwicklung noch nicht zu erkennen oder doch nicht zu achten versteht“. Der Verfasser fährt fort: „Ob dieselben ein Recht haben oder nicht, lassen wir dahingestellt sein: genug, das Volk sowie die Presse 5 haben kein volles Vertrauen zu den Institutionen, noch weniger zu der Möglichkeit einer Entwicklung aus ihnen her¬ aus und von unten herauf.“ Die „Kölnische Zeitung“ verwandelt „kein volles Vertrauen“ in kein Vertrauen und läßt von dem letzten Teile des angeführten Satzes die Worte aus: 10 „und von unten herauf“, wodurch der Sinn wesentlich modi¬ fiziert wird. Die Presse, fährt unser Verfasser fort, wandte sich daher beständig an die Regierung, weil es „sich noch um die For¬ men selbst zu handeln schien, innerhalb deren der berechtigte sitt- 15 liehe Willen, die heißen Wünsche, die Bedürfnisse des Volkes eine freie offene, gewichtige Sprache der Regierung gegenüber“ führen könnten. Fassen wir nun diese Stellen zusammen, be¬ hauptet der quäst. Artikel, was die „Köln. Ztg.“ ihn „der Regie¬ rung ins Gesicht“ sagen läßt: „daß alle Staatsinstitu- 20 t i o n e n Plunder seien, nicht einmal gut, den Übergang zu etwas Besserem zu bilden“? Handelt es sich hier um alle Staatsinstitutionen? Es handelt sich nur um die Staatsformen, in denen sich „der Volkswille“ „frei, offen und gewichtig“ aussprechen könne. Und welches 25 waren bis vor kurzem diese Staatsformen? Offenbar nur die Provinzialstände. Hat das Volk den Provinzialständen be¬ sonderes Vertrauen geschenkt? Hat es eine große volkstümliche Entwicklung aus ihnen heraus erwartet? Hat der loyale Bülow- Cummerow sie für einen wahren Ausdruck des Volkswillens so gehalten? Aber nicht nur das Volk und die Presse, die Re¬ gierung hat anerkannt, daß Staatsformen selbst noch fehl¬ ten, oder hätte sie ohne diese Anerkennung auch nur Anlaß ge¬ habt, eine neue Staatsform, die „Ausschüsse“ zu schaffen? Daß aber auch die Ausschüsse in ihrer jetzigen Gestalt nicht aus- 35 reichten, das haben nicht nur wir behauptet, das ist in der „Köln. Zeitg.“ von einem Ausschußmitglied behauptet worden. Die fernere Behauptung, daß die Staatsformen eben noch als Formen dem Inhalt gegenüberstehen und der Volksgeist sich nicht in ihnen als seinen eigenen Formen „heimisch“ *o fühle, sie nicht als die Formen seines eigenen Lebens wisse, diese Behauptung wiederholt nur, was von vielen preußischen und aus¬ wärtigen Zeitungen, am meisten aber von konservativen Schriftstellern ausgesprochen wurde, nämlich, daß die Bureau- kratie noch zu mächtig sei, daß weniger der ganze Staat als 45 ein Teil des Staates, die „Regierung“, ein eigentliches Staatsleben
346 Aus der Rheinischen Zeitung führe. Inwiefern die jetzigen Staatsformen geeignet seien, teils sich selbst mit lebendigem Inhalt zu füllen, teils die ergänzenden Staatsformen sich anzureihen, die Beantwortung dieser Frage mußte die K. Z. da suchen, wo wir die Provinzialstände und Pro¬ vinzialausschüsse in bezug auf unsere ganze Staatsorganisation s betrachten, und sie hätte dort die sogar ihrer Weisheit verständ¬ liche Auskunft gefunden. „Wir verlangen nicht, daß man bei der Volksvertretung von den wirklich vorhandenen Unterschieden abstrahiere, wir verlangen vielmehr, daß man an die wirklichen, durch die innere Konstruktion des Staates geschaffenen und be- 10 dingten Unterschiede anknüpft.“ „Wir verlangen nur kon¬ sequente und allseitige Durchbildung der preu¬ ßischen Fundamental-Institutionen, wir verlangen, daß man nicht plötzlich das wirkliche und organische Staatsleben verlasse, um in unwirkliche, mechanische, untergeordnete, un- staatliche Lebenssphären zurückzusinken.“ (Rh. Ztg., Jahrg. 1842, Nro. 345.) Und was läßt uns die ehrenwerte „Kölnische Zei¬ tung“ sagen? — „daß alle Staatsinstitutionen Plunder seien, nicht einmal gut, den Übergang zu etwas Besserem zu bil¬ den“! Es scheint beinahe, als glaube die „Kölnische Zeitung“ den 20 Mangel an eigener Kühnheit dadurch ersetzen zu können, daß sie anderen die frechen Ausgeburten ihrer feigen, aber mut¬ willig vagierenden Phantasie unterschiebt. Die Denunziation der „Kölnischen“ und die Polemik der „Rhein- und Mosel-Zeitung“ [RhZ 13. Jan. 1843. Nr. 13] * Köln, 11. Januar. „Votre front à mes yeux montre peu d’allégresse! Serait-ce ma présence, Eraste, qui vous blesse? Qu’est-ce donc? qu’avez-vous? et sur quels déplaisirs, 30 Lorsque vous me voyez, poussez-vous des soupirs?“ Diese Worte zunächst der benachbarten „Kölnerin“! Die „Kölnische Zeitung“ verbreitet sich nicht über ihre „angeb¬ liche Denunziation“, sie läßt diesen Hauptpunkt fallen und beschwert sich nur, daß man die „Redaktion“ bei die- 55 ser Gelegenheit nicht eben auf die angenehmste Weise in den Kampf verwickelt habe. Allein, beste Nachbarin, wenn ein Kor¬ respondent der „Kölnischen Zeitung“ eine unserer Berliner Korrespondenzen mit der „Rheinischen Zeitung“ identifiziert, warum sollte die „Rheinische Zeitung“ die erwidernde Rhein- 4? Korrespondenz der Köln. Ztg. nicht mit der „Kölnischen Zeitung“
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 347 identifizieren dürfen? Nun ad vocem Tatsache: „Sie (die Rh. Ztg.) wirft uns keine Tatsache, sondern eine Ab¬ sicht vor!“ Wir werfen der „Kölnischen Zeitung“ nicht nur eine Absicht, sondern eine Tatsache dieser Absicht vor. j Eine Tatsache, die Aufnahme des Herweghschen Briefes, wurde der Kölnischen Zeitung durch äußere Zufälle in eine Ab¬ sicht verwandelt, obgleich sich ihre Absicht schon in eine Tat¬ sache verwandelt hatte. Jede vereitelte Tatsache sinkt zur bloßen Absicht zurück, gehört sie darum weniger vor die Gerichte? Jeden- 10 falls wäre es eine sonderbare Tugend, welche die Rechtfertigung ihrer Taten in dem Zufall fände, der diese Taten vereitelte, sie zu keiner Tat, sondern zur bloßen Absicht der Tat werden ließ. Aber unsere loyale Nachbarin wirft die Frage auf, zwar nicht an die Rh. Ztg., die bei ihr in dem mißlichen Verdacht steht, 19 von ihrer „Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit“ nicht so leicht um eine Antwort „in Verlegenheit“ gelassen zu werden, sondern an „jenen geringen Teil des Publikums, der etwa noch nicht ganz im klaren darüber ist, welchen Glauben die Verdächtigungen (soll wohl heißen: die Verteidigungen gegen Verdächtigungen) eo dieses Blattes verdienen“; aber, fragt sie, woher weiß die Rhein. Ztg., „daß wir mit dieser Absicht (sc. der Mitteilung des Herwegh¬ schen Briefes) nicht auch die andere (signo haud probato)*) Absicht verbanden, die Zurechtweisung hinzuzufügen, die der kindische Mutwillen des Verfassers verdient hatte?“ Aber woher «weiß die Köln. Ztg., welche Absicht die Veröffentlichung der Leipz. Allg. Ztg. hatte? Warum nicht etwa die harmlose Absicht, eine Neuigkeit zuerst mitzuteilen? Warum nicht etwa die loyale Absicht, jenen Brief einfach vor den Richterstuhl der öffentlichen Meinung zu stellen? Wir wollen unserer Nachbarin eine Anekdote 9o erzählen. In Rom ist der Druck des Korans verboten. Ein ver¬ schmitzter Italiener wußte sich zu helfen. Er gab eine Wider¬ legung des Korans heraus, d. h. ein Buch, welches auf dem Titelblatt sich „Widerlegung des Korans“ benennt, aber hinter dem Titelblatt ein einfacher Abdruck des Korans ist. Und haben nicht 19 alle Ketzer diese Finte zu spielen gewußt? Ist nicht Vanini ver¬ brannt worden, obgleich er in seinem Theatrum mundi, bei Ver¬ kündigung des Atheismus, sorgfältig und prunkend alle Gegen¬ gründe wider denselben geltend macht. Hat nicht selbst Voltaire in seiner „Bible enfin expliquée“ im Text den Unglauben und in *o den Noten den Glauben gelehrt, und hat man an die purifizierende Kraft dieser Noten geglaubt? Aber, schließt unsere ehrenwerte Nachbarin, „war, wenn wir diese Absicht hatten, unsere Aufnahme des ohnedies allgemein bekannten Schreibens mit der ursprüng¬ lichen Veröffentlichung in gleiche Reihe zu stellen?“ Aber, beste *) Durch keinen Beweis konstatiert.
348 Aus der Rheinischen Zeitung Nachbarin, auch die L. A. Z. veröffentlichte nur ein Schreiben, was in vielen Abschriften zirkulierte. „Fürwahr, Mylord, ihr seid zu tadelsüchtig.“ In dem päpstlichen Enzyklikum ex cathedra vom 25. April 1832, Mariä Himmelfahrt, steht zu lesen: „Wahnsinn (délira- <5 mentum) ist es, zu behaupten, jedem Menschen sei Gewissens¬ freiheit zuzugestehen; nicht genug zu verabscheuen ist Preßfreiheit.“ Diese Sentenz trägt uns von Köln nach Koblenz zu dem „mäßigen“ Blatt, zu der „Rhein- und Mo sei zeitung“, deren Wehgeschrei gegen unser Verfechten io der Preßfreiheit nach jenem Zitat verständlich und gerechtfertigt sein wird, so sonderbar es hiernach auch lauten müßte, wollte sie etwa sich selbst „zu den sehr eifrigen Freunden der Presse“ zählen. Aus den „mäßigen“ Spalten des Blattes springen heut zwar nicht zwei Löwen, wohl aber ein Löwenfell und eine Löwenkutte her- is aus, denen wir die gebührende naturhistorische Aufmerksamkeit widmen wollen. Nro. 1 expektoriert sich unter anderem dahin: „Der Kampf ist von ihrer Seite (der Rh. Z.) ein so loyaler, daß sie uns gleich von vornherein die Zusicherung erteilt, sogar gegen ein Verbot der Rhein- und Moselzeitung würde sie sich um des ihr 20 so sehr am Herzen liegenden „Rechtszustandes“ willen auf¬ machen, eine Zusicherung, welche ebenso schmeichelhaft als be¬ ruhigend für uns wäre, wenn nur nicht zufällig in demselben Atem eine Schmähung gegen die bekanntermaßen längst wirklich bei uns verbotenen Münchener hist.-poli- 25 tischen Blätter dem Ritter für jede gekränkte Preßfreiheit ent¬ schlüpfte.“ Sonderbar, daß in demselben Moment, wo die fak¬ tische Zeitungslüge mit einem Verdikt belegt wird, faktisch gelogen wird! Die Stelle, auf welche angespielt wird, lautet wört¬ lich: „Zunächst werden die alten Sünden der L. A. Z. auf gezählt, 30 ihr Verhalten zu den hannoverschen Angelegenheiten, ihre Partei¬ polemik gegen den Katholizismus (hinc illae lacrimae!); würde unsere Freundin dasselbe Verhalten, nur nach entgegengesetzter Richtung hin, zu den Todsünden der Münchener politischen Blät¬ ter zählen?“ In diesen Zeilen wird von den „Münchener poli- 35 tischen Blättern“ eine „Parteipolemik“ gegen den Protestantismus ausgesagt. Haben wir damit ihr Verbot gerechtfertigt? Konnten wir es dadurch rechtfertigen wollen, daß wir „dasselbe Ver¬ fahren“, welches wir bei der L. A. Z. als keine Ursache zu einem Verbote darstellen, „nur nach entgegengesetzter Richtung hin“ w in den „M. p. Bltt.“ wiederfinden? Im Gegenteil! Wir fragten das Gewissen der „Rhein- u. Moselzeitung“, ob ihr dasselbe Ver¬ fahren auf der einen Seite ein Verbot rechtfertige und auf der anderen ein Verbot nicht rechtfertige! Wir fragten sie also, ob sie das Verfahren selbst oder ob sie nicht vielmehr nur die Richtung u
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 349 des Verfahrens mit einem Verdikt belege? Und die „Rhein- u. Moselzeitung“ hat unsere Frage beantwortet, sie hat dahin geant¬ wortet, daß sie nicht, wie wir, die religiöse Parteipolemik, son¬ dern nur die Parteipolemik verdammt, die so verwegen ist, «protestantisch zu sein. Wenn wir in demselben Moment, wo wir die L. A. Z. gegen „das eben erfolgte“ Verbot in Schutz nahmen, ihrer Parteipolemik gegen den Katholizismus mit der Rhein- u. Moselzeitung erwähnten, durften wir die Parteipolemik der „längst verbotenen“ „Münchener politischen Blätter“ nicht 7« ohne die „Rhein- und Moselzeitung“ erwähnen? Nro. 1 war also so gütig, die „geringe Öffentlichkeit des Staates“, die „Un¬ fertigkeit“ eines „täglichen“, lauten und ungewohnten „politischen Denkens“, den Charakter der „werdenden Zeitgeschichte“, lauter Gründe, womit wir die faktische Zeitungslüge entschuldig- 15 ten, mit einem neuen Grunde zu vermehren, mit der faktischen Verstandesschwäche eines großen Teiles der deutschen Presse. Die „Rhein- u. Moselzeitung“ hat an sich selbst den Be¬ weis geliefert, wie ein unwahres Denken notwendig und un¬ absichtlich unwahre Tatsachen, also Entstellungen und Lügen so produziert. Wir kommen zu Nro. 2, zu der Löwenkutte, denn die weiteren Gründe von Nro. 1 machen hier weitläufiger den Prozeß ihrer Verwickelung durch. Die Löwenkutte unterrichtet zunächst das Publikum über ihre wenig interessanten Gemütszustände. — Sie 25 habe einen „Zomerguß“ erwartet. Nun brächten wir eine „an¬ scheinend leicht hingeworfene, vornehme Abfertigung“. Ihrem Danke für diese „unerwartete Schonung“ mischt sich der ärgerliche Zweifel bei, „ob jene unerwartete Schonung in der Tat als ein Zug der Milde oder vielmehr als eine Folge der geistigen so Unbehaglichkeit und Ermattung anzusehen“. Wir wollen unserem frommen Herm nicht auseinandersetzen, wie geistliche Behaglichkeit wohl einen Grund zu geistiger Unbehaglichkeit abgeben könnte, wir wollen gleich zu dem „Inhalt der fraglichen Erwiderung“ übergehen. Der 35 fromme Herr gesteht, „leider nicht verhehlen zu können“, daß seinem „allermäßigstem Verstände“ die Rh. Ztg. „ihre Verlegen¬ heit nur hinter leeren Wortfechtereien zu verbergen suche“, und um keinen Augenblick den Schein einer geheuchelten Demut oder Bescheidenheit aufkommen zu lassen, belegt der io fromme Herr seinen „allermäßigsten“ Verstand sogleich mit den schlagendsten, unwiderleglichsten Proben. Er beginnt, wie folgt: „«Die alten Sünden der L. A. Z., ihr Verhalten zu den han¬ noverschen Angelegenheiten, ihre Parteipolemik gegen den Ka¬ tholizismus, ihre Klatschereien etc.», nun ja, die können nicht ge- is leugnet werden ; aber — meint unsere vortreffliche Schülerin des Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 28
350 Aus der Rheinischen Zeitung großen Philosophen Hegel — diese Vergehen sind voll¬ kommen dadurch entschuldigt, daß auch andere Blätter sich dergleichen haben zuschulden kommen lassen — (ge¬ rade wie ja auch ein Spitzbube vor Gericht sich nicht glän¬ zender rechtfertigen kann, als indem er sich auf die schlechten s Streiche seiner zahlreichen, noch frei in der Welt umherspazie¬ renden Kameraden beruft).“ Wo haben wir gesagt, „die alten Sünden der L. A. Z. seien vollkommen dadurch entschuldigt, daß auch andere Blätter sich dergleichen haben zuschulden kommen lassen“? Wo 10 haben wir diese alten Sünden auch nur zu „entschuldigen“ ver¬ sucht? Unser wirkliches Räsonnement, welches sehr wohl zu unterscheiden ist von dem Widerschein unseres Räsonnements in dem Spiegel des „allermäßigsten Verstandes“, unser wirkliches Räsonnement lautete also: Zunächst zählt die „Rh.- u. Mztg.“ w die „alten Sünden“ der L. A. Z. auf. Wir spezifizieren darauf diese Sünden und fahren dann fort: „Wenn sämtliche deutsche Zeitungen alten Stiles sich ihre Vergangenheit vorwerfen wollten, so könnte sich der Prozeß nur um die formelle Frage bewegen, ob sie gesündigt haben durch das, was sie taten, oder 20 durch das, was sie nicht taten. Wir würden unserer Freundin, der „Rhein- und Moselzeitung“, gern den harmlosen Vorzug vor der L. A. Z. einräumen, nicht nur keine schlechte, sondern gar keine Existenz gewesen zu sein.“ Wir sagen also nicht, daß auch andere Blätter,, wir 25 sagen, daß sämtliche deutsche Zeitungen älteren Stiles, worunter wir ausdrücklich die „Rhein- und Moselzeitung“ be¬ greifen, nicht sich miteinander vollständig entschuldigen, sondern sich mit Recht dieselben Vorwürfe machen können. Nur könne die „Rhein- und Moselzeitung“ den zweideutigen Vor- w zug in Anspruch nehmen, durch das gesündigt zu haben, was sie nicht tat, also ihre Unterlassungssünden den Be¬ geh u n g s sünden der L. A. Z. gegenüberstellen. Wir können der „Rhein- und Moselzeitung“ ihre passive Schlechtigkeit an einem frischen Beispiel erklären. Sie kühlt jetzt an der toten L. A. Z. « ihr fanatisches Gelüste, während sie die Leipz. Allg. Ztg. bei Leb¬ zeiten exzerpierte, statt sie zu widerlegen. Das Gleichnis» womit der „allermäßigste Verstand“ unser Räsonnement sich zu ver¬ deutlichen strebt, bedarf einer kleinen, aber wesentlichen Korrek¬ tur. Er hätte nicht von einem Spitzbuben sprechen müssen, der w sich vor Gericht mit den anderen frei umherlaufenden Spitz¬ buben entschuldigt. Er hätte von zwei Spitzbuben sprechen müssen, von denen der eine, der sich nicht gebessert hat und nicht eingesperrt wird, über den anderen triumphiert, der eingesperrt wird, obgleich er sich gebessert hat. „Zudem“, fährt der „aller-
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 351 mäßigste Verstand“ fort, „zudem «wird der Rechtszustand durch den moralischen Charakter oder gar die politischen und reli¬ giösen Meinungen der Individuen nicht alteriert> und hat folg¬ lich selbst ein absolut schlechtes Blatt eben dadurch, daß es ^lediglich eine schlechte Existenz ist, auch ein Recht, eine solche schlechte Existenz zu sein (gerade wie allem übrigen Schlechten auf Erden, eben wegen seiner schlech¬ ten Existenz, auch das Recht zu existieren nicht bestritten wer¬ den kann).“ 10 Es scheint, der fromme Herr will uns überzeugen, daß er nicht nur nicht bei keinem „großen“, sondern auch nicht einmal bei einem „kleinen“ Philosophen in die Schule gegangen ist. Der Passus, dem unser Freund so wunderlich verzerrte und verworrene Züge andichtet, lautete, ehe er in dem Medium des is „allermäßigsten Verstandes“ sich gebrochen hatte, also: „Indes unser inkriminierter Artikel sprach nicht von dem ver¬ gangenen, sondern von dem gegenwärtigen Charakter der L. A. Z., obgleich wir, wie sich von selbst versteht, gegen ein Ver¬ bot etc. etc. der zu Koblenz erscheinenden „Rhein- und Mosel- 20 zeitung“ nicht minder ernst gemeinte Einwendungen zu machen hätten, denn der Rechtszustand wird durch den moralischen Charakter oder gar die politischen und religiösen Meinungen der Individuen nicht alteriert. Der rechtlose Zustand der Presse ist vielmehr über allen Zweifel erhaben, sobald man ihre E x i • 2s stenz von ihrer Gesinnung abhängig macht. Bis jetzt gibt es nämlich noch keinen Kodex der Ge¬ sinnung und keinen Gerichtshof der Gesin- n u n g.“ Wir behaupten also nichts, als daß ein Mensch nicht eingesperrt so oder seines Eigentums oder irgendeines anderen juristischen Rechtes verlustig gehen könne wegen seines moralischen Charak¬ ters, wegen seiner politischen und religiösen Meinungen, welche letztere Behauptung unseren religiösen Freund besonders zu alterieren scheint. Wir wollen den Rechtszustand einer ss schlechten Existenz ungefährdet wissen, nicht weil sie schlecht ist, sondern insoweit ihre Schlechtigkeit in der Gesinnung, für die es keinen Gerichtshof und keinen Kodex gibt, steckenbleibt. Wir stellen also die Existenz der schlech¬ ten Gesinnung, für die es keinen Gerichtshof gibt, der io Existenz der schlechten Handlungen entgegen, die, wenn sie ungesetzmäßig sind, ihren Gerichtshof und ihre stra¬ fenden Gesetze finden. Wir behaupten also, daß eine schlechte Existenz, obschon schlecht, wenn nur nicht ungesetzmäßig, ein Recht zu existieren habe. Wir behaupten nicht, was unser « Scheinecho zurückhallt, daß einer schlechten Existenz, eben weil 28»
352 Aus der Rheinischen Zeitung sie „lediglich eine schlechte Existenz“ sei, „das Recht zu existieren nicht bestritten werden könne“. Vielmehr wird sich unser ehr¬ würdiger Gönner überzeugt haben, daß wir ihm und der „Rhein- und Moselzeitung“ das Recht, eine schlechte Existenz zu sein, bestreiten und sie daher möglichst zu guten Existenzen um- .5 wandeln wollen, ohne uns deswegen zu einem Angriff auf den „Rechtszustand“ der Rhn.- u. Moselztg. und ihres Schild¬ knappen berechtigt zu halten. Noch eine Probe von dem „Ver¬ standesmaß“ unseres frommen Eiferers: „Wenn aber das Organ ,des politischen Gedankens4 so weit geht, zu behaupten, daß 10 solche Blätter wie die Leipziger Allgemeine Zeitung (und ganz vorzüglich sie, die Rheinische, wie sich von selbst versteht) viel¬ mehr zu loben und von Staats wegen zu loben4 seien, weil sie auch angenommen, daß sie Unzufriedenheit und Ver¬ stimmung erregten, doch deutsche Unzufriedenheit und 15 deutscheVerstimmung erregten, so können wir doch nicht umhin, unseren Zweifel an diesem seltsamen ,Verdienst um das deutsche Vaterland4 auszusprechen.44 Die angezogene Stelle lautet im Original also: „Sind aber nicht vielmehr die Blätter zu loben und von Staats wegen zu loben, welche die Aufmerksamkeit, 20 das fieberhafte Interesse, die dramatische Spannung, die alles Werdende, die vor allem die werdende Zeitge¬ schichte begleiten, dem Auslande entreißen und dem Vaterlande erobern! Nehmt selbst an. sie erregten Un¬ zufriedenheit, Verstimmung! So erregen sie doch deutschem Unzufriedenheit, deutsche Verstimmung, so haben sie dem Staate immer noch die abgewandten Gemüter zurückgeschenkt, wenn auch zunächst aufgeregte, verstimmte Gemüter! Und sie haben nicht nur Unzufriedenheit und Verstimmung usw., sie haben vor allem eine wirkliche Teilnahme am Staate erregt, sie haben 30 den Staat zu einer Herzens-, zu einer Hausangelegen¬ heit usw. gemacht.“ Unser Ehrwürdiger läßt also die verbindenden Mittelglie¬ der aus. Es ist, als wenn wir ihm sagten: Bester Mann! Seien Sie uns dankbar, wir klären Ihren Verstand auf, und wenn wir Sie 35 auch ein wenig ärgern, so ist es doch immer Ihr Verstand, der dabei gewinnt — und unser Freund antwortete: Wie! ich soll Ihnen dankbar sein, weil Sie mich ärgern! Nach diesen Proben des „allermäßigsten Verstandes“ wird man die unmäßige Phan¬ tasie unseres Verf., die uns schon kohortenweise „sengend 40 und brennend die deutschen Gauen durchziehen“ läßt, auch ohne tiefere psychologische Studien erklärlich finden. Zum Schlüsse wirft unser Freund die Maske weg. „Ulrich v. Hutten und seine Genossen44, unter denen bekanntlich auch Luther zählt, werden der Löwenkutte in der „Rhein- und Moselzeitung“ ihren ohn- «
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung 353 mächtigen Ärger verzeihen. Wir können nur über eine Übertrei¬ bung erröten, die uns so großen Männern anreiht, und wollen, weil ein Dienst des anderen wert ist, unseren Freund mit dem Hauptpastor Götze zusammenstellen. Wir rufen ihm also 5 mit Lessing zu: „Und sonach meine ritterliche Absage nur kurz. Schreiben Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben, so viel das Zeug halten will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem geringsten Ding Recht lasse, wo Sie nicht Recht haben: dann kann ich die Feder i® nicht mehr rühren.“ Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ [RhZ 1«. Jan. 1843. Nr. 16] * K ö 1 n, 15. Jan. Der Nr. 1 der Rhein- und Moselzeitung vom 11. Januar, dem wir als Vorreiter des Löwenartikels eine flüch- 16 tige Aufmerksamkeit vor einigen Tagen gewidmet haben, sucht heute an einem Beispiel nachzuweisen, wie wenig „die in -ihrer Dialektik Überschlagende (die Rh. Ztg.) einen einfachen, klar ausgesprochenen Satz klar aufzufassen“ vermöge. Er, Nr. 1, habe nämlich gar nicht gesagt, daß die „Rheinische Zeitung“ das Ver- 2o bot der Münchener polit. Blätter zu rechtfertigen gesucht, „wohl aber, daß sie in demselben Moment, worin sie zur Verfechterin unbedingter Preßfreiheit sich auf wirft, keinen Anstand nimmt, ein wirklich verbotenes Blatt zu schmähen, daher die Ritterlich¬ keit, womit sie selbst gegen ein Verbot der Rhein- und Moselzei- 25 tung in die Schranken treten zu wollen versichert, nicht eben weit her zu sein scheine.“ Der Vorreiter Nr. 1 übersieht, daß zwei Gründe seine Unruhe über unser ritterliches Betragen bei einem etwaigen Verbote der Rh.- u. Moselzeitung verursachen konnten und daß auf beide Gründe geantwortet wurde. Der gute Vorreiter, 3o mußten wir denken, traut entweder unserer Versicherung nicht, weil er in der angeblichen Schmähung auf die M. P. B. eine versteckte Rechtfertigung ihres Verbotes sieht. Wir konnten einen solchen Gedankengang bei dem guten Vorreiter um so mehr vor¬ aussetzen, als der gemeine Mann die eigentümliche Schlauheit be- 33 sitzt, aus solchen, wie ihm scheint, unbewußt „entschlüpften“ Äußerungen die wahre Meinung herausdeuten zu wollen. Für diesen Fall beruhigen wir den guten Vorreiter dadurch, daß wir ihm nachweisen, wie unmöglich ein Zusammenhang zwischen unserer Äußerung über die M. P. B. und einer Rechtfertigung w ihres Verbots vorhanden sein könne. Oder Nr. 1, war die zweite Möglichkeit, findet es überhaupt be¬ denklich und unritterlich, daß wir einem Wirklich verbote-
354 Aus der Rheinischen Zeitung n e n B1 a 11, wie den Münch, pol. Blatt., Parteipolemik gegen den Protestantismus vorwerfen? Er erblickt hierin eine Schmähung. Und für diesen Fall stellten wir an den guten Vorreiter die Frage: „Wenn wir in demselben Moment, wo wir die L. A. Z. gegen ,das eben erfolgte* Verbot in Schutz nahmen, ihrer Parteipolemik s gegen den Katholizismus mit der Rhein- und Moselzeitung er¬ wähnen, durften wir die Parteipolemik der ,längst verbotenen* Münch, pol. Blätt. nicht ohne die Rhein- und Moselzeitung er¬ wähnen?** Das hieß: Wir schmähen die L.A.Z. nicht, indem wir ihrer antikatholischen Parteipolemik mit dem Konsens der 10 Rh.- und Moselzeitung erwähnen. Wird unsere Behauptung von der katholischen Parteipolemik der Münch, pol. Blätt. zur Schmähung werden, weil sie so unglücklich ist, nicht den Kon¬ sens der Rhein- und Moselzeitung zu besitzen? Weiter hat Nr. 1 doch nichts getan, als unsere Behauptung eine 15 Schmähung genannt, und seit wann haben wir uns verpflichtet, dem Nr. 1 aufs Wort zu glauben? Wir sagten: Die Münch, polit. Blätt. sind ein katholisches Parteiblatt und in dieser Rücksicht eine umgekehrte L. A. Z. Der Vorreiter in der Rhein- und Mosel¬ zeitung sagt: Sie sind kein Parteiblatt und keine umgekehrte 20 L. A. Z. Sie seien keine „gleiche Niederlage von Unwahrheiten, dummen Klatschereien und Verhöhnungen gegen nicht-katholische Bekenntnisse“. Wir sind weder theologische Klopffechter der einen noch der anderen Seite, und man lese nur die psychologische, klatschhaft-gemeine Schilderung Luthers in den Münchener po- 2s litischen Blättern, man lese nur, was die „Rhein- und Moselzei¬ tung“ von „H u 11 e n und seinen Genossen“ sagt, um zu entschei¬ den, ob das „gemäßigte** Blatt den Standpunkt einnimmt, von dem es entscheiden könnte, was religiöse Parteipolemik sei und was nicht. » Schließlich verspricht uns der gute Vorreiter eine „nähere Cha¬ rakterisierung der Rheinischen Zeitung“. Nous verrons. Die kleine Partei zwischen München und Koblenz fand schon einmal, daß der „politische“ Sinn der Rheinländer entweder für gewisse unstaatliche Bestrebungen ausgebeutet oder als ein „Ärgernis“ « unterdrückt werden müsse. Sollte sie in der schnellen Verbreitung der Rheinischen Zeitung durch die Rheinprovinz ihre gänzliche Bedeutungslosigkeit konstatiert sehen, ohne sich zu ärgern? Ist der jetzige Moment ungünstig zum Ärgern? Wir finden das alles passabel gut überlegt und bedauern nur, daß jene Partei in Er- * mangelung eines bedeutenderen Organs mit dem guten Vorreiter und seinem unscheinbaren „gemäßigten“ Blatte vorlieb nehmen muß. Man mag aus diesem Organ auf die Macht der Partei schließen.
Rechtfertigung des ff-Korrespondenten von der Mosel [RhZ 15. Jan. 1843. Nr. 15] ft Von der Mosel, im Jan. Die Nro. 346 und Nro. 348 der „Rheinischen Zeitung44 enthalten zwei Artikel von mir, wovon der 5 eine die Holznot an der Mosel, der andere die besondere Teilnahme der Mosellaner an der königl. Kabinettsordre vom 24. Dez. 1841 und der durch sie bewirkten freieren Bewegung der Presse betrifft. Der letzte Artikel ist in grobe und, wenn man will, rohe Farben getaucht. Wer unmittelbar und häufig die io rücksichtslose Stimme der Not in der umgebenden Bevöl¬ kerung vernimmt, der verliert leicht den ästhetischen Takt, welcher in den feinsten und bescheidensten Bildern zu sprechen weiß, der hält es vielleicht sogar für seine politische Pflicht, auf einen Augenblick öffentlich jene populäre Sprache der Not zu führen, is welche er in seiner Heimat zu verlernen keine Gelegenheit fand. Handelt es sich nun aber darum, die Wahrheit solcher Worte zu beweisen, so kann wohl schwerlich der Beweis bis auf den Wortlaut gemeint sein, denn in dieser Rücksicht würde jedes Résumé unwahr sein, und es wäre überhaupt unmöglich, den Sinn 20 einer Rede wiederzugeben, ohne die Rede selbst zu wiederholen. Wurde also z. B. behauptet: „Man hielt den Notschrei der Winzer für freches Gekreisc h44, so wird billigerweise nur verlangt werden können, daß eine ungefähr richtige Gleichung ge¬ zogen sei, d. h. daß ein Gegenstand nachgewiesen werde, der die 25 resümierende Bezeichnung „freches Gekreisch44 einigermaßen aufwiegt und zu einer nicht unpassenden Bezeichnung macht. Ist diese Probe geliefert, so kann es sich nicht mehr um die Wahr¬ heit, sondern nur mehr um die sprachliche Präzision handeln, und schwerlich möchte ein mehr als problematisches 3o Urteil über die verschwindend feinen Nuancen des sprachlichen Ausdrucks gefällt werden können. — Zu vorstehenden Bemerkungen veranlassen mich zwei Re¬ skripte des Herrn Oberpräsidenten von Schaper in Nro. 352 der „Rheinischen Zeitung44, d. d. Koblenz, 15. Dez., worin mir in 35 bezug auf meine beiden oben angeführten Artikel mehrere Fragen auf erlegt werden. Die verspätete Erscheinung meiner Ant¬ wort ist zunächst durch den Inhalt dieser Fragen selbst veranlaßt, indem ein Zeitungskorrespondent nach bestem Gewissen die ihm zu Ohren kommende Volksstimme mitteilt, keineswegs
356 Aus der Rheinischen Zeitung aber auf ihre erschöpfende und motivierte Darstellung im Detail, in den Veranlassungen und den Quellen derselben vorbereitet sein muß. Abgesehen von dem Zeitverlust, von den vielen Mitteln, die eine solche Arbeit erfordert, kann sich der Korrespondent einer Zeitung nur als ein kleines Glied eines vielverzweigten Körpers « betrachten, an dem er sich eine Funktion frei auserwählt, und wenn etwa der eine mehr den unmittelbaren von der Volksmeinung empfangenen Eindruck eines Notzustandes schildert, wird der andere, der Historiker ist, dessen Geschichte, der Gemütsmensch die Not selbst, der Staatsökonom die Mittel, sie aufzuheben, be- 10 sprechen, welche eine Frage wieder von verschiedenen Seiten bald mehr lokal, bald mehr im Verhältnis zum Staatsganzen etc. gelöst werden kann. So wird bei lebendiger Preßbewegung die ganze Wahr¬ heit in die Erscheinung treten, denn wenn das Ganze zuerst 25 auch nur als ein bald absichtlich, bald zufällig nebeneinander laufendes Hervorheben der verschiedenen einzelnen Gesichts¬ punkte zum Vorschein kommt, so hat endlich diese Arbeit der Presse selbst einem ihrer Glieder das Material bereitet, aus dem er nun das eine Ganze schaffen wird. So setzt sich die Presse 20 nach und nach durch die Teilung der Arbeit in den Besitz der ganzen Wahrheit, nicht indem einer alles, sondern indem viele weniges tun. Ein anderer Grund der Verspätung meiner Antwort liegt darin, daß die Redaktion der Rheinischen Zeitung nach dem ersten Be- 25 richt, den ich ihr einsandte, noch mehrere ergänzende Aufschlüsse, ebenso nach einem zweiten und dritten Bericht noch Zusätze und diesen Schlußbericht begehrte, endlich teils mich selbst um Mit¬ teilung meiner Quellen ersuchte, teils sich bis dahin die Publi¬ kation meiner Einsendungen vorbehielt, wo sie selbst auf anderem 30 Wege die Bestätigung meiner Angaben erlangt habe1). Meine Antwort erscheint ferner anonym. Ich folge darin der Überzeugung, daß zum Wesen der Zeitungspresse Anony¬ mität gehört, die eine Zeitung aus einem Sammelplätze vieler individueller Meinungen zu dem Organ eines Geistes^ macht. Der Name schlösse einen Artikel so fest von dem anderen ab, wie der Körper die Personen voneinander abschließt, höbe also seine Bestimmung, nur ein ergänzendes Glied zu sein, völlig auf. Endlich macht die Anonymität nicht nur den Sprecher selbst, sondern auch das Publikum unbefangener und freier, in- *0 dem es nicht auf den Mann sieht, welcher spricht, sondern auf die Sache, d i e er spricht, indem es von der empirischen Person *) Indem wir die obigen Angaben bestätigen, bemerken wir zugleich, daß die verschiedenen sich wechselseitig interpretierenden Briefe eine Zusammenstellung von unserer Seite nötig machten. Die Red. d. Rh. Ztg.
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 357 ungestört die geistige Persönlichkeit allein zum Maß seines Urteils macht. Wie ich aber meinen Namen verschweige, so werde ich in allen Detailangaben Beamten und Gemeinden nur dann nennen, wenn gedruckte, im Buchhandel befindliche Dokumente angezogen wer¬ den oder wenn die Nennung des Namens ganz harmlos ist. Die Presse muß die Zustände, aber sie darf meiner Überzeugung nach nicht die Personen denunzieren, es sei denn, daß einem öffentlichen Übel nicht anders zu steuern wäre oder daß die io Publizität schon das ganze Staatsleben beherrscht und also der deutsche Begriff der Denunziation verschwunden ist. Am Schlüsse dieser einleitenden Bemerkungen glaube ich die gerechte Hoffnung aussprechen zu dürfen: daß der Herr Ober¬ präsident nach Durchlesung meiner ganzen Darstellung sich io von der Reinheit meiner Absicht überzeugen und selbst die mög¬ lichen Irrtümer aus einer falschen Ansicht, nicht aber aus bös¬ williger Gesinnung erklären wird. Meine Darstellung selbst muß beweisen, ob ich die harte Anschuldigung der Verleumdung wie des Zweckes, Unzufriedenheit und Mißver- 20 gnügen zu erregen, selbst für den jetzt wirklich eintretenden Fall einer fortgesetzten Anonymität, verdient habe, Anschuldigun¬ gen, die um so schmerzlicher sein müssen, als sie von einem in der Rheinprovinz vorzugsweise hochverehrten und geliebten Manne ausgehen. 26 Zur leichteren Übersicht habe ich meine Antwort in folgende Rubriken geteilt: A. Die Frage in bezug auf die Holzverteilung. B. Das Verhältnis der Moselgegend zu der Kabinettsordre vom 24. Dez. 1841 und der 3o durch dieselbe bewirkten freieren Be¬ wegung der Presse. C. Die Krebsschäden der Moselgegend. D. Die Vampyre der Moselgegend. E. Vorschläge zur Abhilfe. 36 Die Frage in bezug auf die Holzverteilung In meinem Artikel „Von der Mosel, 12. Dez.44, Nro. 348 der Rh. Z., führe ich folgenden Umstand an: „Die aus mehreren tausend Seelen bestehende Gemeinde, 4o der ich angehöre, besitzt als Eigentümerin die schönsten
358 Aus der Rheinischen Zeitung Waldungen, aber ich weiß mich nicht zu erinnern, daß die Gemeindeglieder einen unmittelbaren Genuß aus ihrem Eigentum durch Holzpartizipationen gezogen hätten.“ Der Herr Oberpräsident bemerkt hierzu: „Ein solches, mit den gesetzlichen Bestim- 5 mungen nicht im Einklang stehendes Ver¬ fahren würde sich nur durch ganz besondere Umstände motivieren lassen“ und verlangt zugleich, zur Prüfung des Tatbestandes, die Nennung des Namens der Gemeinde. 10 Ich bekenne freimütig: Einerseits glaube ich, daß ein mit den Gesetzen nicht im Einklang, also im Widerspruch stehendes Verfahren sich kaum durch Umstände motivieren lassen, sondern stets ungesetzlich bleiben dürfte; andererseits kann ich das von mir geschilderte Verfahren nicht ungesetzlich finden. n Die infolge des Gesetzes vom 24. Dez. 1816 und der Aller¬ höchsten Kabinettsordre vom 18. Äug. 1835 erlassene, in der Beilage zum Amtsblatt No. 62 der königlichen Regierung zu Koblenz publizierte Instruktion (d. d. Koblenz, den 31. August 1839), über die Verwaltung der Gemeinde- und Institutenwaldun- «o gen in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier, bestimmt im § 37 wörtlich folgendes: „In Beziehung auf die Verwertung des in den Waldungen aufkommenden Materials gilt es als Regel, daß soviel veräußert werden muß, als zur Deckung der Waldkosten (Steuern und ts Verwaltungsausgaben) erforderlich ist.“ „Im übrigen hängt es von den Beschlüssen der Gemeinden ab, o b das Material zur Deckung anderweitiger Gemeindebedürfnisse meistbietend veräußert werden soll oder ob es unter die Gemeindeglieder ganz oder teilweise, unentgeltlich oder gegen bestimmte Taxe zu verteilen sei. Indessen gilt als Regel, daß das Brenn- und Geschirrholz in natura verteilt, das Bauholz aber, soweit es nicht zu Gemeindebauten oder zur Unter¬ stützung einzelner Mitglieder bei Brandschäden usw. zu ver¬ wenden, meistbietend verkauft werde.“ 35 Diese von einem Vorgänger des Herm Oberpräsidenten der Rbeinprovinz erlassene Instruktion scheint mir zu beweisen, daß die Verteilung des Brennholzes unter die Gemeindeglieder von dem Gesetze weder geboten noch verboten, sondern lediglich eine Frage der Zweckmäßigkeit ist, wie ich denn auch in dem quäst. 49 Art. nur die Zweckmäßigkeit des Verfahrens besprochen habe. Hiernach möchte der Grund, aus welchem der Herr Oberpräsident den Namen der Gemeinde zu wissen verlangte, wegfallen, da es sich nicht mehr um die Untersuchung einer Gemeindeverwal-
Rechtfertigung de* Korrespondenten von der Mosel 359 tung, sondern nur um Modifikation einer Instruktion handeln wird. Ich nehme aber keinen Anstand, die Redaktion der Rh. Ztg., zur Namhaftmachung der Gemeinde, in der mir keine Holz¬ verteilung erinnerlich ist, auf besonderes Verlangen des s Hm. Oberpräsidenten, zu ermächtigen, indem der Gemeinde¬ vorstand dadurch nicht denunziert, das Wohl der Gemeinde aber nur gefördert werden kann. [RhZ 17. Jan. 1843. Nr. 17] B. Das Verhältnis der Moselgegend zur Kabinetts¬ ordre v. 24. Dez. 1841 und der durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung der Presse Der Herr Oberpräsident bemerkt in bezug auf meinen Artikel „Bemkastel, vom 10. Dez. in Nro. 346 der Rhein. Ztg.“, worin 13 ich die Behauptung aufstelle, daß der Mosellaner die durch die Allerhöchste Kabinettsordre vom 24. Dez. v. J. der Presse zuteil gewordene größere Freiheit seiner besonders bedrängten Lage wegen vor allen enthusiastisch begrüßt habe, folgendes: „Soll dieser Artikel einen Sinn haben, so muß es dem Mosel- 20 laner seither versagt gewesen sein, seinen Notstand, die Ursachen desselben sowie die Mittel zu seiner Abhilfe öffentlich freimütig zu besprechen. Ich bezweifle, daß dem so ist. Denn bei dem Be¬ streben der Behörden, dem anerkannten Notstände der Wein¬ bauern Abhilfe zu verschaffen, hat ihnen nichts erwünschter 25 kommen können als die möglichst offene und freimütige Be¬ sprechung der dort herrschenden Zustände.“ „Der Herr Verfasser des obigen Artikels würde mich daher sehr verpflichten, wenn er die Fälle speziell nachzuweisen die Güte haben wollte, wo auch vor dem Erscheinen der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 24. Dez. 3o vorigen Jahres eine freimütige öffentliche Besprechung des Not¬ standes der Moselbewohner von der Behörde verhindert worden ist.“ Weiter unten bemerkt der Herr Oberpräsident: „Daß übri¬ gens, wie der eingangs gedachte Artikel sagt, das Notgeschrei der Winzer höheren Orts lange Zeit für freches Gekreisch ge- 35 halten sei, glaube ich zwar schon von vornherein für eine Unwahr¬ heit erklären zu können.“ Meine Antwort auf diese Fragen wird folgenden Gang nehmen. Ich werde zu beweisen suchen: 1 ) daß zunächst, gänzlich abgesehen von den Befugnissen so der Presse vor der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 24. Dez. 1841, aus der eigentümlichen Natur des Notzustandes an der Mosel das Bedürfnis einer freien Presse notwendig hervor¬ geht;
360 Aus der Rheinischen Zeitung 2) daß, selbst wenn keine speziellen Verhinderungen der „freimütigen und öffentlichen Besprechung“ vor dem Er¬ scheinen der beregten Kabinettsordre stattgefunden haben, meine Behauptung nichts von ihrer Richtigkeit einbüßt und die vorzugs¬ weise Teilnahme der Mosellaner an der Allerhöchsten Kabinetts- s ordre und der durch sie bewirkten freieren Bewegung der Presse gleich verständlich bleibt; 3) daß wirklich spezielle Umstände eine „freimütige und öffentliche“ Besprechung verhinderten. Innerhalb des ganzen Zusammenhangs wird sich dann ergeben, io inwiefern meine Behauptung: „Der desolate Zustand der Winzer war höheren Orts lange Zeit in Zweifel gezogen und ihr Notgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden“, eine Wahr¬ heit oder eine Unwahrheit ist. ad 1. Bei der Untersuchung staatlicher Zustände ist u man allzu leicht versucht, die sachliche Natur der Ver¬ hältnisse zu übersehen und alles aus dem Willen der han¬ delnden Personen zu erklären. Es gibt aber Verhältnisse, welche sowohl die Handlungen der Privatleute als der einzelnen Behörden bestimmen und so unabhängig von ihnen sind als die 20 Methode des Atemholens. Stellt man sich von vornherein auf diesen sachlichen Standpunkt, so wird man den guten oder den bösen Willen weder auf der einen noch auf der anderen Seite ausnahmsweise voraussetzen, sondern Verhältnisse wirken sehen, wo auf den ersten Anblick nur Personen zu wirken scheinen. So- 25 bald nachgewiesen ist, daß eine Sache durch die Verhältnisse notwendig gemacht wird, wird es nicht mehr schwierig sein, auszumitteln, unter welchen äußeren Umständen sie nun wirk¬ lich ins Leben treten mußte und unter welchen sie nicht ins Leben treten konnte, obgleich ihr Bedürfnis schon vorhanden war. 30 Man wird dies ungefähr mit derselben Sicherheit bestimmen können, mit welcher der Chemiker bestimmt, unter welchen äußeren Umständen verwandte Körperstoffe eine Verbindung eingehen müssen. Wir glauben daher durch den Beweis: daß aus der Eigentümlichkeit des Notzustandes an der Mosel 35 die Notwendigkeit einer freien Presse folgt, unserer Dar¬ stellung eine Basis zu geben, die über alles Persönliche hinausragt. Der Notzustand der Moselgegend kann nicht als ein ein¬ facher Zustand betrachtet werden. Man wird mindestens im¬ mer zwei Seiten unterscheiden müssen, den Privatzustand und 40 den Staatszustand, denn so wenig die Moselgegend außerhalb des Staates, so wenig liegt ihr Notzustand außer der Staatsverwaltung. Die Beziehung beider Seiten aufeinander bildet erst den wirklichen Zustand der Moselgegend. Um nun die Art und Weise dieser Beziehung zu ermitteln, teilen wir ein authentisches 45
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 361 und aktenmäßiges Gespräch zwischen den wechselseitigen Or¬ ganen der beiden Seiten mit. In dem vierten Hefte der „Mitteilungen des Vereins zur Förderung der Weinkultur an der Mosel und Saar zu Trier“ 5 findet sich eine Verhandlung zwischen dem Finanzministerium, der Regierung zu Trier und der Direktion des angegebenen Ver¬ eins. Der Verein hatte in einer Vorstellung an das Finanzministe¬ rium u. a. auch eine Berechnung des Ertrages der Weinberge auf gestellt. Die Regierung zu Trier beauftragte mit der Begut- 10 achtung des auch ihr zugegangenen Schreibens den Vorsteher des trierischen Kataster-Bureaus, Steuerinspektor v. Zuccal- m a g 1 i o, der hierzu, wie die Regierung selbst in einem Schreiben sagt, um so geeigneter schien, als er „zur Zeit der Ermittelung der Katastral-Erträge der Weinberge an der Mosel tätigen Anteil is genommen“. Wir stellen nun einfach das amtliche Gutachten des Hm. v. Zuccalmaglio und die Replik der Direktion des Vereins zur Förderung der Weinkultur in ihren schlagendsten Stellen sich gegenüber. Der amtliche Berichterstatter: 20 Der in der Eingabe aufgestellten Berechnung des Bruttoertrags eines Morgen Weinberges während der letzten 10 Jahre von 1829—1838 aus den zu der dritten Wein Steuerklasse ge¬ hörenden Gemeinden liegt: 1) die Kreszenz auf einem Morgen, 25 2) der Preis, wofür ein Fuder Wein im Herbste verkauft worden, zugrunde. Die Berechnung entbehre aber aller als genau nachgewiesenen Prämissen, denn: „Ohne amtliche Einwir¬ kung und Kontrolle ist es weder einem einzelnen noch auch einem Verein möglich, zuverlässige Nachrichten auf dem Privatwege so über den Weingewinn aller einzelnen Eigentümer während einem Zeitraum in einer großen Anzahl von Gemeinden zu erlangen, weil es gerade im Interesse vieler Eigentümer liegen kann, hierin die Wahrheit möglichst zu verheimlichen.“ 35 Die Replik der Vereinsdirektion: „Daß das Ka¬ taster-Bureaus das Katastralverfahren nach Kräften in Schutz nimmt, befremdet uns nicht: dennoch aber bleibt das nun fol¬ gende Räsonnement schwer begreiflich“ etc. „Der Herr Kataster-Vorsteher sucht mit Ziffern darzutun, daß 4o die Katastral-Erträge überall die richtigen sind: sagt auch, daß die von uns angenommene 10jährige Periode hier nichts beweisen könne“ etc. etc. „Auf Ziffern lassen wir uns nicht ein, indem, wie er am Eingänge seiner Bemerkungen sehr weislich vorausschickt, uns dazu die amtlichen Mitteilungen fehlen; wir halten es auch
362 Aus der Rheinischen Zeitung nicht nötig, da seine ganze auf Amtlichkeit gestützte Rech¬ nung und sein Räsonnement gegen die von uns auf gestellten Tat¬ sachen nichts beweisen können.“ „Wenn wir sogar zugestehen, daß die Katastral-Erträge im Augenblicke ihrer Ermittelung ganz richtig, daß sie sogar zu niedrig gewesen, so kann uns mit Erfolg 5 nicht in Abrede gestellt werden, daß sie bei der gegenwärtigen jammervollen Umgestaltung der Dinge als Basis nicht mehr dienen können.“ Der amtliche Berichterstatter: „Eszeigt sich dem¬ nach nirgend ein Faktum, das zu der Annahme berechtigt, daß die 10 Katastral-Erträge der in der letzten Zeit abgeschätzten Weinberge zu hoch seien, wohl aber ließe sich leicht nacbweisen, daß die in früherer Zeit abgeschätzten Weinberge der Land- und Stadtkreise Trier und des Kreises Saarburg sowohl an und für sich als gegen die übrigen Kulturen zu gering stehen.“ u Die Replik der Vereinsdirektion: „Der um Hilfe Flehende fühlt sich schmerzlich berührt, wenn ihm auf seine ge¬ gründete Klage erwidert wird, daß bei einer Ermittelung die Ka¬ taster-Erträge eher höher als niedriger gestellt werden dürften.“ „Übrigens, bemerkt die Replik, hat auch der Herr Bericht- 20 erstattet bei allem Absprechen unserer Angabe bei der Ein¬ nahme fast nichts widerlegen oder anders stellen können, daher nur gesucht, bei der Ausgabe andere Resultate herbeizuführen.“ Wir wollen nun hinsichtlich der Ausgabe-Berechnung einige der schlagendsten Kontroversen zwischen dem Herm Be- 23 richterstatter und der Direktion des Vereins gegenüberstellen. Der amtliche Berichterstatter: „ad Position 8 muß besonders bemerkt werden, daß das Ausbrechen der üblichen Lotten oder das sogenannte Geitzen eine Operation ist, die nur von wenigen Weingutsbesitzem in neuerer Zeit eingeführt 33 worden, nirgend aber, weder an der Mosel noch an der Saar, als zu der landesüblichen Bauart gehörig angesehen werden kann.“ Die Replik der Vereinsdirektion: „Das Aus¬ brechen und Rühren, meinte der Herr Katastervorsteher, sei erst in neuerer Zeit von wenigen Gutsbesitzern eingeführt wor- 33 den“ etc. Dem ist jedoch nicht so. „Der Winzer habe erkannt, daß, will man nicht ganz untersinken, man nichts unversucht lassen darf, was die Qualität des Weines einigermaßen heben kann. Diesen Geist soll man zum Gedeihen des Landes sorgsam heben, statt ihn zu unterdrücken.“ „Und wem würde es einfallen, die Kulturkosten der Kartoffeh deshalb herunterzusetzen, weil es Ackersleute gibt, welche die¬ selben ihrem Schicksale und der Güte Gottes überlassen.“ Der amtliche Berichterstatter: „Die bei Posi¬ tion 14 aufgeführten Kosten für das Faß können hier gar nich
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 363 in Ansatz kommen, da, wie schon bemerkt worden, in den auf- gjeführten Weinpreisen die Kosten für das Gebinde oder das Faß nicht einbegriffen sind. Wird nun beim Verkaufe des Weins das Faß mit verkauft, wie Regel ist, so wird auch dem Weinpreise 3 der Kostenpreis hierfür noch zugesetzt, wodurch die Fässer wieder vergütet werden.“ Die Replik der Vereinsdirektion: „Wo Wein verkauft wird, geht das Faß mit fort, ohne daß von dessen Ver¬ gütung auch nur im entferntesten die Rede wäre oder auch nur 10 sein könnte. Die wenigen Fälle, wo Wirte hiesiger Stadt ohne Faß kaufen, können auf das Ganze nicht in Anschlag kommen.“ „Es ist nicht mit dem Weine wie mit anderen Waren, die bis zum Verkaufe im Magazine liegen, dann aber auf Kosten des Emp¬ fängers verpackt und versendet werden, da also der Weinkauf das is Faß stillschweigend nach sich zieht, so ist es einleuchtend, daß dessen Preis zu den Produktionskosten mit angerechnet werden muß.“ Der amtliche Berichterstatter: „Wird die in der Anlage angegebene Kreszenz nach den amtlichen Nachweisungen oo hierüber berichtigt, dagegen die Kostenberechnung sogar in allen Teilen als richtig angenommen und nur aus derselben die Grund- und Most steuer und die Kosten für das Faß oder die Posi¬ tionen 13, 14 und 17 weggelassen, so ergibt sich folgendes: Der Brutto-Ertrag beträgt ... 53 Thlr. 21 Sgr. 6 Pfg. 2o Die Kosten ohne 13, 14 und 17 . 39 ,, 5 „ — ,, Mithin Reinertrag 14 Thlr. 16 Sgr. 6 Pfg. Die Replik der Vereinsdirektion: „Die Rech¬ nung als solche ist richtig, nicht aber so das Resultat. Wir haben nicht mit unterstellten, sondern mit solchen Zahlen gerechnet, die oo wirkliche Beträge repräsentieren, und gefunden, daß, wenn man von 53 Thlr. wirklicher Auslage 48 Thlr. wirklicher und alleiniger Einnahme abzieht, 5 Thlr. Zubuße bleiben.“ Der amtliche Berichterstatter: „Ist aber nun dennoch nicht zu verkennen, daß der Notstand an der Mosel gegen 35 die Periode vor dem Entstehen des Zollverbandes bedeutend zu¬ genommen, daß sogar teilweise eine wirkliche Verarmung zu befürchten steht, so ist der Grund hievon — lediglich in dem früheren, zu hohen Ertrage derselben zu suchen.“ „Durch das an der Mosel in dem1) bestehenden früheren Quasi- oo Monopol im Weinhandel und die schnell aufeinander gefolgten günstigen Weinjahre 1819, 1822, 1825, 1826, 1827, 1828 hatte sich dort ein nie gekannter Luxus gebildet. Die großen Summen Geldes in den Händen des Winzers verleiteten ihn zum x) Wohl Druckfehler für ehedem
364 Aus der Rheinischen Zeitung Ankauf von Weinbergen zu ungeheuren Preisen, zur Anlage von neuen Weinbergen mit übermäßigen Kosten in Distrikten, die sich zum Weinbau nicht mehr eigneten. Jeder wollte Eigentümer werden, und so wurden Schulden kontrahiert, die früher von einem guten Jahre leicht gedeckt werden konnten, die aber jetzt bei den 5 eingetretenen nachteiligen Konjunkturen den in die Hände der Wucherer gefallenen Winzer notwendig ganz zu Boden drücken müssen.“ „Eine Folge wird sein, daß die Weinkultur sich auf die besseren Lagen beschränken und wieder, wie früher, mehr in die 10 Hände von reichen Gutsbesitzern übergehen wird, wozu sie auch wegen den damit verbundenen großen Vorlagen sich hauptsächlich eignet, die leichter imstande sind, nachteilige Jahre zu über¬ stehen, und dennoch Mittel genug haben, die Kultur zu ver¬ bessern und ein Produkt zu erzielen, welches mit dem aus den nun geöffneten Zollvereinsländem die Konkurrenz bestehen kann. Allerdings wird dies nicht ohne große Kalami¬ täten bei der ärmeren Winzerklasse, die aber auch wohl größtenteils in der vorhergegangenen günstigen Zeit Eigentümer geworden sind, in den ersten Jahren geschehen können; indessen 20 bleibt dabei immer zu berücksichtigen, daß der frühere Zustand ein unnatürlicher war, der sich jetzt an den Unvorsichtigen rächt. Der Staat . . . wird sich lediglich darauf beschränken können, durch dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölkerung den Übergang 25 möglichst zu erleichtern.“ Die Replik der Vereinsdirektion: „Wahrlich, wer die Armut an der Mosel erst befürchtet, hat sie, die in ihrer gräßlichsten Gestalt unter der moralisch guten, unermüdet regsamen Bevölkerung dieses Landesteils bereits ganz eingebür- 30 gert ist und täglich mehr und mehr um sich greift, noch nicht gesehen; und daß man hier nicht sage, wie es der Herr Ka¬ taster-Vorsteher tut, es sei die eigene Schuld des Verarmten; nein, der vorsichtige wie der nichtachtende, der fleißige wie der gleich¬ gültige, der bemittelte wie der unbemittelte Winzer, alle liegen 35 mehr oder weniger darnieder, und wenn es einmal dahin ge¬ kommen ist, daß selbst die vermögenden, fleißigen und sparsamen Winzer sagen müssen, wir können uns nicht mehr nähren, dann muß doch wohl die Ursache außer ihnen gesucht werden.“ „Wahr ist es, daß die Winzer in den günstigsten Zeiten zu 40 höheren Preisen als sonsten Güter angeschafft und — darauf rech¬ nend, daß ihre Mittel, wie selbe sich ihnen zeigten, zureichen würden, alles nach und nach zu berichtigen — Schulden kon¬ trahiert hatten; allein wie man dieses, was als Beweis der Tätig¬ keit und Gewerbsamkeit dieser Leute dient, Luxus nennen und
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 365 sagen kann, daß der gegenwärtige Zustand der Winzer davon her¬ rühre, daß der frühere ein unnatürlicher gewesen, der sich jetzt an den Unvorsichtigen räche, bleibt unbegreiflich.“ „Der Herr Katastervorsteher stellt auf, daß, durch die unge- 5 wohnlich günstigen Zeiten verlockt, die Leute, welche nach ihm früher nicht einmal Eigentümer gewesen!! die Masse der Wein¬ berge un verhältnismäßig vermehrt hätten und daß jetzt nur in der Verminderung der Weinberge Heil zu suchen sei.“ „Allein wie unbedeutend ist die Zahl derjenigen Weinberge, 10 die zum Anbau von Frucht und Gemüse verordnet werden könnten, gegen die Masse derer, die außer dem Weine nur Hecken und Gesträuche hervorbringen können! und soll die gewiß höchst acht¬ bare, wegen dem Weinbaue auf eine so verhältnismäßig kleine Bodenfläche zusammengedrängte Bevölkerung, die dem Unglücke is so männlich entgegenkämpfte, nicht einmal des Ver¬ suches wert sein, ob ihre Existenz durch Erleichterungen nicht gefristet werden könne, bis günstigere Verhältnisse es ihr möglich machen, sich wieder zu erheben und dem Staate wieder zu werden, was sie ihm früher waren; nämlich eine Quelle des 20 Einkommens, wie nicht leicht eine zweite auf gleicher Bodenfläche, ohne Zurechnung von Städten, zu treffen sein wird.“ Der amtliche Berichterstatter: „Daß aber diese Not der ärmeren Winzer nun auch von den reicheren Gutsbesitzern benutzt wird, um durch grelle Darstellung des früheren 25 glücklichen Zustandes im Gegensatz mit dem jetzigen weniger günstigen, aber doch noch immer lohnenden, sich alle mög¬ lichen Erleichterungen und Vorteile zu verschaffen, ist wohl sehr begreiflich.“ [RhZ 18. Jan. 1843. Nr. 18] 3o Die Replik der Vereinsdirektion: „Wir sind unserer Ehre und unserem inneren Bewußtsein schuldig, uns gegen die Anschuldigung zu verwahren, daß wir die Not der ärmeren Winzer benutzen, um uns durch grelle Darstellun¬ gen alle möglichen Vorteile und Erleichterungen zu verschaffen.“ K „Nein, wir beteuern es, und das wird, so hoffen wir, zu unserer Rechtfertigung genügen, daß jede selbstsüchtige Absicht uns fremd war und daß wir bei dem ganzen Schritte nichts vor Augen hatten, als durch eine offene und wahre Darstellung der Verhältnisse der armen Winzer den Staat auf das aufmerksam zu machen, was bei weiterem Umsichgreifen für ihn selbst gefährlich werden muß! Wer die Umgestaltung kennt, welche die gegen¬ wärtige traurige Lage der Winzer in ihren häuslichen und indu¬ striellen Beziehungen, selbst hinsichtlich der Moralität, in progres- Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 29
366 Aus dec Rheinischen Zeitung sivem Fortschritte schon bis jetzt hervorgebracht hatte, dem muß, denkt er an ein Fortbestehen oder gar Zunehmen solcher Not, vor der Zukunft grauen.“ Zunächst wird man zugeben müssen, daß die Regierung nicht entschieden sein, sondern schwanken mußte zwischen der Ansicht s ihres Berichterstatters und der gegnerischen Ansicht der Wein¬ bautreibenden. Bedenkt man ferner, daß das Referat des Herm v. Zuccalmaglio vom 12. Dez. 1839 und die Antwort des Vereins vom 15. Juli 1840 datiert, so folgt, daß bis zu dieser Zeit die Ansicht des Herm Berichterstatters, wenn auch nicht die ein • J» zige, doch immer die herrschende Ansicht des Regie¬ rungskollegiums gewesen sein muß. Wenigstens tritt sie noch im Jahr 1839 als Regierungsgutachten, also gleichsam als Résumé der Regierungsansicht dem Mémoire des Vereins gegenüber, denn bei einer konsequenten Regierung darf man wohl ihre letzte An- sicht als die Summe ihrer früheren Ansichten und Erfahrungen betrachten. In dem Bericht wird nun nicht nur der Notzustand nicht als allgemeiner anerkannt, sondern auch dem aner¬ kannten Notstand soll nicht abgeholfen werden, denn es heißt: „Der Staat wird sich nur lediglich darauf beschränken so können, durch dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölke¬ rung den Übergang möglichst zu erleichtern.“ Unter dem Übergang ist unter diesen Umständen aber der allmähliche Untergangzu verstehen. Der Untergang der ärmeren Winzer wird gleichsam als ein Naturereignis betrachtet, wobei der ss Mensch im voraus resigniert und nur das Unausbleibliche zu mil¬ dem sucht. „Allerdings, heißt es, wird dies nicht ohne große Kalamitäten abgehen.“ Der Verein wirft daher auch die Frage auf, ob der Moselwinzer nicht einmal „eines Versuches“ wert sei? Hätte die Regierung eine entschieden gegnerische An- so sicht gehabt, so würde sie den Bericht von vornherein modifiziert haben, da er eine so wichtige Sache, wie die Aufgabe und den Entschluß des Staats in dieser Angelegenheit, bestimmt angibt. Man sieht hieraus, daß der Notstand der Winzer anerkannt sein konnte, ohne daß das Bestreben vorhanden 35 war, ihm abzuhelfen. Wir führen nun noch ein Beispiel davon an, wie den Behörden über den Moselzustand referiert ward. Im Jahre 1838 bereiste ein hochgestellter administrativer Beamter die Moselgegend. In einer zu Piesport gehaltenen Konferenz mit zwei Landräten frag *0 er einen derselben, wie es mit den Vermögensverhältnissen der Winzer aussehe, und erhielt zur Antwort: „Die Winzer lebten zu luxuriös, und schon deshalb könnten ihre Sachen nicht schlecht stehen.“ Dennoch war der Luxus schon zu einer Sage früherer Tage geworden. Wie wenig diese mit dem Regierungs-Referat «
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 367 übereinstimmende Ansicht allgemein aufgegeben ist, darauf machen wir nur beiläufig aufmerksam. Wir erinnern an die Stimme, welche sich in der Beilage I. des Fr. Joum. Nr. 349 (1842) aus Koblenz vernehmen ließ und von dem angeb- .5 liehen Notstände der Weinbauern an der Mosel spricht. Ebenso spiegelt sich höheren Orts die eben vernommene amt¬ liche Ansicht als ein Bezweifeln „der desolaten“ Zustände und der allgemeinen Wirkungen der Not, also auch ihrer all¬ gemeinen Ursachen wieder. Die angezogenen Mitteilungen io des Vereins enthalten u. a. folgende Erwiderungen des Finanz¬ ministeriums auf verschiedene Eingaben : „Wenngleich, wie die marktgängigen Weinpreise ergeben, die Besitzer der in die 1. und 2. Steuerklasse eingeschätzten Weinberge an der Mosel und Saar keine Veranlassung zur Unzufriedenheit is haben, so wird doch nicht verkannt, daß die Weinbauern, deren Erzeugnis von minder guter Art ist, sich nicht in einem gleich günstigen Verhältnisse befinden.“ So heißt es in einer Ant¬ wort auf ein Gesuch um Steuererlaß für 1838: „Auf Ihre hierher gerichtete Vorstellung vom 10. Okt. v. J. wird Ihnen eröffnet, daß 2o auf den in Antrag gebrachten allgemeinen Erlaß der ganzen Weinsteuer für 1838 nicht eingegangen werden kann, da Sie selbst keineswegs zu derjenigen Klasse gehören, welche der meisten Be¬ rücksichtigung bedarf und deren Notstand etc. in ganz anderen als den steuerlichen Verhältnissen zu suchen 25 ist.“ Wie wir in dieser ganzen Darstellung nur auf Faktisches zu bauen wünschen und uns bestreben, soviel an uns, nur Tat¬ sachen in eine allgemeine Form zu erheben, so werden wir zu¬ nächst den Dialog zwischen dem trierischen Verein zur Förderung so der Weinkultur und dem Berichterstatter der Regierung in seine allgemeinen Grundgedanken übersetzen. Die Regierung muß einen Beamten zur Begutachtung des Mé¬ moires ernennen. Sie ernennt natürlich einen möglichst sach¬ kundigen Beamten, am liebsten also einen Beamten, der an der 3s Regulierung der Moselverhältnisse selbst Anteil nahm. Dieser Beamte ist nicht abgeneigt, in der fraglichen Beschwerdeschrift Angriffe auf seine amtliche Einsicht und sein früheres amt¬ liches Wirken zu entdecken. Er ist sich seiner gewissenhaften Pflichterfüllung und der offiziellen Detailkenntnisse, die ihm zu oo Gebote stehen, bewußt; er findet plötzlich eine entgegengesetzte Ansicht, und was ist natürlicher, als daß er Partei gegen die Bittsteller ergreift, daß ihre Absichten, die doch immer mit Privatinteressen Zusammenhängen können, ihm verdäch¬ tig erscheinen, daß er sie also verdächtigt. Statt ihre Darstellung so zu benutzen, sucht er sie zu widerlegen. Es kömmt hinzu, daß der 29»
368 Aus der Rheinischen Zeitung augenscheinlich arme Winzer weder Zeit noch Bildung zur Schil¬ derung seiner Zustände besitzt, daß also der arme Winzer nicht sprechen kann, während der Weinbautreihende, der sprechen kann, nicht augenscheinlich arm ist, also ohne Grund zu sprechen scheint. Wenn aber selbst der gebildete Weinbautreibende auf den « Mangel an amtlicher Einsicht verwiesen wird, wie sollte der un¬ gebildete Winzer vor dieser amtlichen Einsicht bestehen können! Die Privaten ihrerseits, die das wirkliche Elend an anderen in seiner vollen Ausbildung erblickt haben, die es an sich selbst heranschleichen sehen und überdem sich bewußt sind, daß das 10 Privatinteresse, was sie beschützen, ebensosehr Staatsinteresse ist und als Staatsinteresse von ihnen bevorwortet wurde, fühlen not¬ wendig nicht nur ihre eigene Ehre verletzt, sondern glauben auch die Wirklichkeit von einem einseitig und willkürlich zu¬ recht gemachten Standpunkte aus entstellt. Sie opponieren also u gegen die sich überhebende Amtlichkeit, sie weisen die Wider¬ sprüche zwischen der wirklichen Gestalt der Welt und jener Ge¬ stalt auf, die sie in den Bureaus annimmt, sie stellen den offiziellen Belegen die praktischen Belege gegenüber, sie können endlich nicht umhin, in der gänzlichen Verkennung ihrer überzeugungs- zo sicheren und faktisch klaren Sachentwicklung eine selbstsüchtige Absicht zu vermuten, etwa die Absicht, den Beamtenverstand gegen die Bürgerintelligenz geltend zu machen. Der Private schließt also ebenfalls, daß der sachkundige, mit seinen Verhältnissen in Be¬ rührung getretene Beamte sie nicht vorurteilsfrei darstellen z« werde, eben weil sie teilweise sein Werk sind, während der vor¬ urteilsfreie Beamte, der die hinlängliche Unparteilichkeit zur Be¬ gutachtung besäße, nicht sachkundig sei. Wenn aber der Beamte dem Privaten vorwirft, daß er seine Privatangelegenheit zu einem Staatsinteresse hinaufschraube, so wirft der Private dem Beamten 30 vor, daß er das Staatsinteresse zu seiner Privatangelegenheit her¬ unterschraube, zu einem Interesse, von dem alle anderen als Laien ausgeschlossen seien, so daß selbst die sonnenklarste Wirklichkeit gegen die in den Akten, also amtlich, also staatlich vorliegende Wirklichkeit und die auf sie fußende Intelligenz ihm als illu- a sorisch, so daß nur der Wirkungskreis der Behörde ihm als Staat, dagegen die außer diesem Wirkungskreis der Behörde liegende Welt als Staatsgegenstand erscheine, der aller staatlichen Ge¬ sinnung und Einsicht bar sei. Wenn endlich der Beamte bei einem notorischen Mißstand das meiste auf die Privaten schiebt, die ihren Zustand selbst verschuldet hätten, dagegen die Vortrefflichkeit der Verwaltungsmaximen und Institutionen, die selbst amtliche Schöpfungen sind, nicht antasten läßt, auch von ihnen nichts aufgeben will, so verlangt umgekehrt der Private, der sich seines Fleißes, seiner Sparsamkeit, seines harten Kamp- «
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 369 fes mit der Natur und den sozialen Verhältnissen bewußt ist, daß der Beamte, der allein staatsschöpferische Macht besitze, nun auch seine Not wegschaffe und, wenn er alles gut zu machen be¬ haupte, nun auch beweise, daß er die bösen Zustände durch seine ô Operationen gut machen könne oder zum wenigsten Einrichtungen, die für eine Zeit passend waren, als unpassend für eine gänzlich verwandelte Zeit erkenne. Derselbe Gesichtspunkt des höheren amtlichen Wissens und derselbe Gegensatz der Verwaltung und ihres Gegenstandes wie- io derholt sich innerhalb der Beamtenwelt selbst, und wie wir sehen, daß das Katasterbureau bei Begutachtung der Moselgegend haupt¬ sächlich die Unfehlbarkeit des Katasters geltend macht, wie das Finanzministerium behauptet, das Übel liege „in ganz anderen“ als den „steuerlichen“ Ursachen, so wird die Verwaltung über- 15 haupt nicht in sich, sondern außersich den Grund der Not finden. Der einzelne, dem Winzer zunächst stehende Beamte sieht nicht absichtlich, sondern notwendig die Zustände besser oder anders an, als sie sind. Er glaubt, die Frage, ob sich seine Gegend wohl befinde, sei die Frage, ob e r sie wohl verwalte. so Ob die Verwaltungmaximen und Institutionen überhaupt gut sind, ist eine Frage, die außerhalb seiner Sphäre liegt, denn darüber kann nur von höheren Stellen geurteilt werden, wo ein weiteres und tieferes W i s s e n über die amtliche Natur der Dinge, d. h. über ihren Zusammenhang mit dem ganzen Staate, herrscht. 25 Daß erselbst gut verwaltet, davon kann er die gewissenhafteste Überzeugung haben. So wird er einerseits den Zustand nicht so ganz desolat finden, und andererseits, wenn er ihn desolat findet, wird er den Grund außerhalb der Verwaltung suchen, teils in der Natur, die vom Menschen unabhängig, teils im Privatleben, 30 das von der Verwaltung unabhängig, teils in Zufällen, die von niemand abhängig. Die höhere kollegialische Behörde nun muß offenbar ihren Beamten höheres Vertrauen schenken als den Verwalteten, von welchen die gleiche, amtliche Einsicht nicht zu präsumieren ist. 35 Eine kollegialische Behörde hat überdem ihre Überlieferungen. Sie hat also auch in bezug auf die Moselgegend ihre einmal fest¬ stehenden Grundsätze, sie besitzt in dem Kataster die amtliche Gestalt des Landes, sie hat amtliche Festsetzungen über Einnah¬ men und Ausgaben, sie hat überall neben der reellen Wirklichkeit 4o eine bureaukratische Wirklichkeit, die ihre Autorität behält, so sehr die Zeit wechseln mag. Es kömmt hinzu, daß die bei¬ den Umstände, das Gesetz der Beamtenhierarchie und der Grund¬ satz von einem doppelten Staatsbürgertum, dem aktiven, wissen¬ den Staatsbürgertum der Verwaltung und dem passiven, unbe- 45 wußten der Verwalteten, sich wechselseitig ergänzen. Nach der
370 Aus der Rheinischen Zeitung Maxime, wonach der Staat sein bewußtes und tätiges Dasein in der Verwaltung besitzt, wird jede Regierung den Zustand einer Gegend, soweit es sich um die Staatsseite handelt, für das Werk ihres Vorgängers halten. Nach dem Gesetz der Hierarchie wird dieser Vorgänger meistens schon eine höhere Stellung, oft die un- « mittelbar höhere Stellung einnehmen. Endlich hat jede Regierung einerseits das wirkliche Staatsbewußtsein, daß der Staat Gesetze hat, die er trotz aller Privatinteressen durchsetzen muß ; anderer¬ seits hat sie als einzelne Verwaltungsbehörde nicht die Institutio¬ nen und Gesetze zu machen, sondern sie anzuwenden. Sie kann 10 daher nicht die Verwaltung selbst, sondern nur den Gegenstand der Verwaltung zu reformieren suchen. Sie kann ihre Gesetze nicht nach der Moselgegend einrichten, sie kann nur innerhalb ihrer feststehenden Verwaltungsgesetze das Wohl der Moselgegend zu befördern suchen. Jeeifriger und redlicher daher eine u Regierung strebt, innerhalb der einmal angenommenen und sie selbst beherrschenden Verwaltungsmaximen und Einrichtungen einen auffallenden, gar eine ganze Landstrecke um¬ fassenden Notstand zu heben, je hartnäckiger das Übel widersteht und trotz der guten Verwaltung zunimmt, um so 20 inniger, aufrichtiger, entschiedener wird ihre Überzeugung, daß dies ein inkurabler Notzustand sei, an dem die Verwaltung, d. h. der Staat nichts ändern könne, der viel¬ mehr eine Veränderung von Seiten der Verwalteten nötig mache. Wenn aber die unteren Verwaltungsbehörden der höherstehen- u den amtlichen Einsicht vertrauen, daß die Maximen der Verwal¬ tung gut sind und selbst für ihre pflichtgetreue Ausführung im Einzelnen einstehen, so stehen sich die höheren Verwaltungs¬ behörden für die Richtigkeit der allgemeinen Maximen und trauen ihren untergeordneten Gliedern die richtige amtliche Beurteilung 30 des Einzelnen zu, von der sie übrigens überdem amtliche offizielle Belege haben. So kann eine Regierung bei dem besten Willen zu dem von dem Regierungsreferenten zu Trier über die Moselgegend ausgesprochenen Grundsätze kommen :„DerStaatwirdsich 35 nur lediglich darauf beschränken können, durch dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevöl¬ kerung den Übergang zu erleichtern.“ Betrachten wir nun einige der bekanntgewordenen Mittel, welche die Regierung zur Milderung des Notstandes der Mosel an- w wandte, so wird sich unser Räsonnement wenigstens durch die offen daliegende Verwaltungsgeschichte bestätigt finden, und nach der geheimen Geschichte können wir natürlich unser Urteil nicht formulieren. Wir zählen zu diesen Mitteln : die Steuererlasse in schlechten Weinjahren, den Rat, zu einer an- «
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 371 deren Kulturart, etwa dem Seidenbau, überzu¬ gehen, und endlich die Motion, die Parzellierung des Grundbesitzeszu beschränken. Das erste Mittel soll offen¬ bar nur erleichtern, nicht abhelfen. Es ist ein momentanes s Mittel, in welchem der Staat eine Ausnahme von seiner Regel macht, und eine Ausnahme, die nicht kostspielig ist. Es ist auch nicht der konstante Notstand, es ist ebenfalls eine ausnahms¬ weise Erscheinung desselben, die erleichtert wird; es ist nicht die chronische Krankheit, an die man sich gewöhnt hat, es ist eine 10 akute Krankheit, von der man überrascht wird. Mit den beiden anderen Mitteln tritt die Verwaltung aus ihrem eigenen Kreise heraus. Die positive Tätigkeit, die sie nun ent¬ wickelt, besteht darin, daß sie teils den Mosellaner belehrt, wie er sich selbst helfen könne, teils ihm eine Beschränkung is und Entsagung eines bisherigen Rechts vorschlägt. Hier wird also der oben entwickelte Gedankengang verwirklicht. Die Verwaltung, die den Notstand der Mosel inkurabel und in Umständen, die außerhalb ihrer Maximen und ihrer Tätigkeit liegen, begründet gefunden hat, stellt an den Mosellaner den Rat, seinen Zustand so 20 einzurichten, daß er in die jetzigen Verwaltungsinstitutionen hin¬ einpasse und innerhalb derselben erträglich existieren könne. Der Winzer selbst fühlt sich durch dergleichen Vorschläge, wenn sie auch nur gerüchtweise zu ihm dringen, schmerzlich berührt. Er wird es mit Dank anerkennen, wenn die Regierung Experimente 2s auf eigene Kosten anstellt; aber er fühlt, daß die Anweisung, an sich selbst Experimente vorzunehmen, eine Resignation der Re¬ gierung ist, durch eigene Tätigkeit zu helfen. Er begehrt Hilfe und nicht Rat. So sehr er dem amtlichen Wissen in der ihm angehörigen Sphäre vertraut und sich vertrauungsvoll an das- 3o selbe wendet, ebensosehr traut er in seiner Sphäre sich selbst die nötige Einsicht zu. Eine Beschränkung der Parzellierung des Grundbesitzes aber widerstreitet seinem angeerbten Rechtsbewußt- sein; er erblickt darin den Vorschlag, seiner physischen Armut noch die rechtliche Armut hinzuzufügen, denn in jeder Verletzung 3s der gesetzlichen Gleichheit erblickt er einen Notzustand des Rechts. Er fühlt es bald bewußter, bald unbewußter, daß die Verwaltung des Landes und nicht das Land der Verwaltung wegen da ist, daß aber das Verhältnis umgekehrt wird, sobald das Land seine Sitten, Rechte, die Art seiner Arbeit und seines Eigentums umwandeln 4o soll, um in die Verwaltung zu passen. Der Mosellaner verlangt also, daß, wenn er die ihm durch die Natur und die Sitte angewiesene Arbeit vollbringt, der Staat ihm die Atmosphäre verschaffe, in welcher er wachsen, gedeihen, leben kann. Dergleichen negative Erfindungen prallen daher erfolglos an der Wirklichkeit nicht nur os der Zustände, sondern auch des bürgerlichen Bewußtseins ab.
372 Aus der Rheinischen Zeitung [RhZ 19. Jan. 1843. Nr. 19] Welches ist also die Beziehung der Verwaltung zum Notzustand der Mosel? Der Notzustand der Mosel ist zugleich ein Notzustand der Verwaltung. Der konstante Not¬ stand eines Staatsteiles (und ein Notstand, der, seit länger als s einem Dezennium fast unbemerkt eintretend, erst allmählich, dann unaufhaltsam zum Kulminationspunkt sich entwickelt und in immer bedrohlicherem Wachstum begriffen ist, kann wohl kon¬ stant genannt werden), ein solcher konstanter Notstand ist ein Widerspruch der Wirklichkeit mit den Verwal-w tungsmaximen, wie ja andererseits nicht nur das Volk, son¬ dern auch die Regierung den Wohlstand einer Landesgegend als eine faktische Bestätigung der Verwaltung betrachtet. Die Verwaltung aber kann ihrem bureaukratischen Wesen nach die Gründe der Not nicht in der verwalteten Gegend, is sondern nur in der natürlichen und privatbürger¬ lichen Gegend, die außer der verwalteten Gegend liegt, er¬ blicken. Die Verwaltungsbehörden könnenbei dembesten Willen, bei der eifrigsten Humanität und der stärksten Intelli¬ genz mehr als augenblickliche und vorübergehende Kollisionen, 20 eine konstante Kollision zwischen der Wirklichkeit und den Ver¬ waltungsmaximen nicht lösen, denn weder liegt es in der Aufgabe ihrer Stellung, noch vermag der beste Wille ein wesentliches Verhältnis oder Verhängnis, wenn man will, zu durch¬ brechen. Dies wesentlicheVerhältnis ist das bureau- 25 kratische, sowohl innerhalb des Verwaltungskörpers selbst als in seinen Bezügen zu dem verwalteten Körper. Andererseits kann ebensowenig der weinbauende Private ver¬ kennen, daß sein Votum absichtlich oder unabsichtlich durch das Privatinteresse getrübt sein, also die Wahrheit des-30 selben nicht unbedingt präsumiert werden kann. Er wird auch einsehen, daß es viele leidende Privatinteressen im Staate gibt, zu deren Hebung allgemeine Verwaltungsmaximen nicht verlassen oder modifiziert werden können. Wird ferner der allgemeine Charakter eines Notstandes behauptet, wird behauptet, der Wohl- « stand sei in der Weise und dem Umfange gefährdet, daß das Privat¬ leiden zum Staatsleiden und seine Wegräumung zu einer Pflicht des Staates gegen sich selbst werde, so scheint diese Behaup¬ tung der Verwalteten der Verwaltung gegenüber unpassend zu sein, da die Verwaltung wohl am besten beurteilen wird, inwie- <0 fern das Staatswohl gefährdet und von ihr eine tiefere Einsicht in das Verhältnis des Ganzen und seiner Teile präsumiert werden muß als von diesen Teilen selbst. Es kömmt hinzu, daß der Ein¬ zelne und selbst viele Einzelne ihre Stimme nicht für die Volks¬ stimme ausgeben können; vielmehr ihre Darstellung immer den«
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 373 Charakter der privaten Beschwerdeschrift beibehalten wird. Wäre endlich selbst die Überzeugung der beschwerdeführenden Privaten die Überzeugung der ganzen Moselgegend, so nimmt die Moselgegend selbst, als ein einzelner Verwaltungsteil und als ein- 5 zelner Landesteil, ihrer eigenen Provinz wie dem Staate gegen¬ über die Stellung eines Privatmannes ein, dessen Überzeugungen und Wünsche erst an der allgemeinen Überzeugung und dem all¬ gemeinen Wunsche zu messen sind. Die Verwaltung und die Verwalteten bedürfen zur Lösung der 20 Schwierigkeit also gleichmäßig eines dritten Elementes, welches politisch ist, ohne amtlich zu sein, also nicht von bureaukra- tischen Voraussetzungen ausgeht, welches ebenso bürgerlich ist, ohne unmittelbar in die Privatinteressen und ihre Notdurft verwickelt zu sein. Dieses ergänzende Element von staats- 2s bürgerlichem Kopf und von bürgerlichem Herzen ist die freie Presse. Im Bereich der Presse können die Ver¬ waltung und die Verwalteten gleichmäßig ihre Grundsätze und Forderungen kritisieren, aber nicht mehr innerhalb eines Sub¬ ordinations-Verhältnisses, sondern in gleicher staatsbürger- 20 lieber Geltung, nicht mehr als Personen, sondern als in¬ tellektuelle Mächte, als Verstandesgründe. Die „freie Presse“, wie sie das Produkt der öffentlichen Meinung ist, so pro¬ duziert sie auch die öffentliche Meinung und vermag allein ein besonderes Interesse zum allgemeinen Interesse, vermag allein 2s den Notstand der Moselgegend zum Gegenstand der allge¬ meinen Aufmerksamkeit und der allgemeinen Sympathie des Vaterlandes zu machen, vermag allein die Not schon dadurch zu mildem, daß sie die Empfindung der Not unter alle verteilt. Die Presse verhält sich als Intelligenz zu den Volkszu- 3o ständen, aber sie verhält sich ebensosehr zu ihnen als Gemüt; ihre Sprache ist daher nicht nur die kluge Sprache der Beurtei¬ lung, die über den Verhältnissen schwebt, sondern zugleich die affektvolle Sprache der Verhältnisse selbst, eine Sprache, die in amtlichen Berichten weder gefordert werden kann noch 35 darf. Die freie Presse endlich trägt die Volksnot in ihrer eigenen, durch keine bureaukratischen Medien durchgegangenen Gestalt an die Stufen des Thrones, zu einer Macht, vor welcher der Unter¬ schied von Verwaltung und Verwalteten verschwindet und es nur mehr gleich nah und gleich fern stehende Staatsbürger 4o gibt. Wenn also die freie Presse durch den eigentümlichen Notstand der Mosel notwendig gemacht ward, wenn sie hier heftiges, weil wirkliches Bedürfnis war, so scheint es, daß keine ausnahmsweise Preßhindemisse dazu gehörten, um dies Be- 45 dürfnis hervorzubringen, sondern daß vielmehr eine ausnahms¬
374 Aus der Rheinischen Zeitung weise Preßfreiheit dazu gehört hätte, um das vorhandene Bedürf¬ nis zu befriedigen. ad 2. Die Presse über die Moselangelegenheiten ist jedenfalls nur ein Teil der preußischen politischen Presse. Um daher ihren Zustand vor der oft beregten Kabinettsordre zu 5 ermitteln, wird es nötig sein, einen raschen Blick auf den Zustand der gesamten preußischen Presse vor dem Jahre 1841 zu werfen. Wir lassen einen Mann von anerkannt loyaler Gesinnung sprechen: „Still und ruhig“, heißt es in „Preußen und Frankreich von David Hansemann, zweite Auflage, Leipzig 1834“, p. 272, n, „still und ruhig entwickeln sich die allgemeinen Ideen und die Dinge um so unbemerkter in Preußen, als die Zensur keine gründlicheErörterung der den Staat betreffenden poli¬ tischen und selbst staatswirtschaftlichen Fragen in preußischen Tagesschriften gestattet, wenn die A b f a s - r. sung auch noch so anständig und gemessen ist; unter einer gründlichen Erörterung kann nur eine solche verstan¬ den werden, wo die Gründe und die Gegengründe vorgetragen werden dürfen; gründlich kann fastkeine staatswirt¬ schaftliche Frage erörtert werden, wenn nicht auch die 20 Beziehungen derselben auf innere und äußere Politik untersucht werden, denn nur bei wenigen, vielleicht bei keiner einzigen staatswirtschaftlichen Frage finden diese Beziehungen nicht statt. Ob diese Ausübung der Zensur zweckmäßig sei, ob die Zensur überhaupt anders als auf solche 2s Weise nach dem Zustande der Regierung in Preußen ausgeübt werden könne, darauf kommt es hier nicht an; genug, so ist’ s.“ Bedenkt man ferner, daß schon der § 1 des Zensuredikts vom 19.Dez.1788 lautet: „Die Ansicht der Zensur aber ist keineswegs, w eine anständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit zu hindern oder sonst den Schriftstellern irgend¬ einen unnützen und lästigen Zwang aufzuerlegen“; findet man im Art. 2 des Zensuredikts vom 18. Okt. 1819 die Worte wieder: „Die Zensur wird keine emsthafte und bescheidene Untersuchung 35 der Wahrheit hindern noch den Schriftstellern ungebührlichen Zwang auf erlegen“; vergleicht man hiermit die Eingangsworte der Zensurinstruktion vom 24. Dez. 1841: „Um schon jetzt die Presse von unstatthaften, nicht in der Allerhöch¬ sten Absicht liegenden Beschränkungen zu befreien, haben«» Seine Majestät der König durch eine an das königl. Staatsministe- rium erlassene Allerhöchste Kabinettsordre jeden ungebührlichen Zwang der schriftstellerischen Tätigkeit ausdrücklich zu mißbilligen und — uns zu ermächtigen geruht, die Zensoren zur angemessenen Beachtung des Art. 2 des Zensuredikts vom 18. Okt. <5
Recbhtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 375 1819 von n einem anzuweisen“; erinnert man sich endlich der folgenden Wortte: „Der Zensor kann eine freimütige Besprechung auch der inmeren Angelegenheiten sehr wohl gestatten. — Die unverkennbare Schwierigkeit, hierfür die richtigen Gren- 3 zen aufzufindem, darf von dem Streben, der wahren Absicht des Gesetztes zu genügen, nicht abschrecken noch zu jener Ängstlichkeit verleiten, wie sie nur zu oft schon zu Mißdeutunigen über die Absicht des Gouverne¬ ments Veranllassung gegeben hat“; so scheint nach allen diesen io offiziellen Äußerungen die Frage: warum bei dem Wunsche von Seiten der Behcörden, die Moselzustände möglichst freimütig und öffentlich besprrochen zu hören, Zensurhindernisse stattgefunden? sich vielmehr im die allgemeinere Frage zu verwandeln, war¬ um trotz derr „A bsicht des Gesetze s“, der „A b s i c h t is des Gouvernements“ und endlich der „Allerhöchsten Absicht“ diee Presse eingestandenermaßen noch im Jahre 1841 „von unstatthaften Beschränkungen“ zu befreien und die Zensur i. J. 18411 an den Art. 2 des Edikts von 1819 zu erinnern war! In bezug; auf die Moselgegend namentlich würde jene ho Frage sich dahiin formulieren, nicht, welche speziellenPreß- hinderniss<e stattgefunden, sondern vielmehr, welche spe¬ ziellen Preeßbegünstigungen diese teilweise Bespre¬ chung der inmeren Zustände zu einer möglichst frei¬ mütigen umd öffentlichen Besprechung ausnahms- « we i se begeisttet hätten? Über den inmeren Gehalt und den Charakter der politischen Literatur uind Tagespresse vor der beregten Kabinetts¬ ordre verständiigen am klarsten wohl folgende Worte der Zensur¬ instruktion: „Akuf diesem Wege darf man hoffen, daß auch die ^politische Literatur und die Tagespresse ihre Be¬ stimmung besser erkennen, einen würdigeren Ton sich an¬ eignen und es k< ü n f t i g verschmähen werden, durch Mitteilungen gehaltloser, auis fremden Zeitungen entlehnter Korrespondenzen usw. usw. auf die Neugierde ihrer Leser zu spekulie- & ren . . . Es iist zu erwarten, daß dadurch eine größere Teilnahme an vaterländischen Interessen erweckt und so das Natio>nalgefühl erhöht wird.“ Es scheint siich hiernach zu ergeben, daß, wenn durchaus keine speziellen Maßregeln eine freimütige und öffentliche Be- 4o sprechung der Moselzustände verhinderten, der allgemeine Z u s t a n d der- preußischen Presse selbst ein unbesiegbares Hin¬ dernis, sowohll der Freimütigkeit, als der Öffentlichkeit sein mußte. Fassen wir die angezogenen Stellen der Zensurinstruktion zusammen, so Ibesagt sie, daß: die Zensur überaus ängstlich und 45 eine äußere Schranke einer freien Presse war, daß hiermit Hand
376 Aus der Rheinischen Zeitung in Hand die innere Beschränktheit der Presse ging, die den Mut und selbst das Streben aufgegeben hatte, sich über den Hori¬ zont der Neuigkeit zu erheben, daß endlich im Volke selbst die Teilnahme an vaterländischen Interessen und das Nationalgefühl verloren gegangen waren, also gerade die 5 Elemente, welche nicht nur die schöpferischen Mächte einer frei¬ mütigen und öffentlichen Presse, sondern auch die Bedingungen sind, innerhalb deren allein eine freimütige und öffentliche Presse wirken und volkstümliche Anerkennung finden kann, eine An¬ erkennung, welche die Lebensatmosphäre der Presse bildet, ohne 10 welche sie rettungslos hinsiecht. Wenn also Maßregeln der Behörden eine unfreie Presse schaffen können, so liegt es dagegen außerhalb der Macht der Behörden, bei der Unfreiheit des allgemeinen Preßzu¬ standes speziellen Fragen eine möglichst freimütige und öffent-15 liehe Besprechung zu sichern, indem selbst freimütige Worte, welche über einzelne Gegenstände etwa die Spalten der Zeitungen füllten, keine allgemeine Teilnahme hervorzurufen, sich also keine wahrhafte Öffentlichkeit zu verschaffen wüßten. Es kömmt hinzu, was Hansemann richtig bemerkt, daß 20 vielleicht bei keiner einzigen staatswirtschaft¬ lichen Frage die Beziehungen auf innere und äußere Politik nicht stattfinden. Die Möglichkeit einer freimütigen und öffentlichen Besprechung der M o s e 1 z u - stände setzt also die Möglichkeit einer freimütigen und 25 öffentlichen Besprechung der ganzen „in n er en un d ä u ß er e n Politik“ voraus. Diese darzubieten, lag so wenig in der Macht einzelner Verwaltungsbehörden, daß vielmehr nur der unmittel¬ bar und entschieden ausgesprochene Wille des Königs selbst hier bestimmend und nachhaltig eingreifen konnte. so Wenn die öffentliche Besprechung nicht freimütig war, war die freimütige Besprechung nicht öffentlich. Sie beschränkte sich auf dunkle Lokalblätter, deren Gesichtskreis natürlich über den Kreis ihrer Verbreitung nicht hinausging und nach dem vorherigen nicht hinausgehen konnte. Zur Charakteristik solcher Lokal- 35 besprechungen geben wir einige Exzerpte aus verschiedenen Jahr¬ gängen des „Bemkasteler gemeinnützigen Wochenblatts“. In dem Jahrgang 1835 heißt es: „Im Herbste 1833 machte eine auswär¬ tige Person in E r d e n 5 Ohm Wein. Um das Fuder voll zu machen, kaufte sie 2 Ohmen dazu für den Preis von 30 Tlr. Das Faß # kostete 9 Tlr. Moststeuer 7 Tlr. 5 Sgr. Einherbsten 4 Tlr. Keller¬ miete 1 Tlr. 3 Sgr. Kieferlohn 16 Sgr.; folglich, ungerechnet die Baukosten, eine reine Ausgabe von 51 Tlr. 24 Sgr. Am 10. Mai wurde das Faß Wein verkauft zu 41 Tlr. Noch ist zu bemerken, daß dieser Wein gut ist und nicht aus Notdurft verkauft worden,
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 377 auch in keine wucherische Hände gefallen ist.“ (p. 87.) „Am 21. Nov. wurden auf’m Markt zu Bernkastel % Ohm 1835 Wein zu 14 Sgr. vierzehn Silbergroschen versteigert und am 27. ejusd. 4 Ohm samt Fuderfaß zu 11 Tlr., wobei noch zu be- s merken ist, daß am verflossenen Micheistag das Fuderfaß zu 11 Tlr. eingekauft wurde.“ (p. 267 ib.) Unter dem 12. April 1836 eine ähnliche Anzeige. Noch mögen hier einige Auszüge aus dem Jahrgange 1837 stehen: „Am 1. d. M. ward in Kinheim in öffentlicher Ver- j« Steigerung vor Notar ein junger vierjähriger Wingert von zirka 200 Stöcken, gehörig aufgepfählt, mit gewöhnlichem Zahlungs¬ ausstand der Stock zu 1% Pfennig überlassen. Im Jahre 1828 kostete derselbe Stock dort 5 Sgr.“ (p. 47). „Eine Witwe zu Graach ließ ihren Herbst um die Hälfte des Ertrages eintuen, is und für ihren Anteil wurde ihr eine Ohm Wein zuteil, welche sie gegen 2 Pfund Butter, 2 Pfund Brot und V» Pf und Zwiebeln veräußerte.“ (In Nr. 37ib.) „Am 20. d. M. wurden hier zwangsweise versteigert: 8 Fuder 36er Wein von Graach und Bernkastel, teilweise aus den besten so Lagen, und 1 Fuder 35er Wein von Graach. Es wurden 135 Tlr. 15 Sgr. im ganzen erlöst (Faß mit), demnach kostet ein Fuder ins andere zirka 15 Tlr. Das Faß mag allein 10—12 Tlr. gekostet haben. Was bleibt nun dem armen Winzer für seine Baukosten übrig? Ist es denn nicht möglich, daß dieser schrecklichen Not 2ä abgeholfen wird?!! (Eingesandt)“ (Nr. 4, p. 30.) Man findet hier also nur einfache Erzählung von Tatsachen, die, manchmal von einem elegischen kurzen Nachwort begleitet, eben durch ihre ungeschminkte Einfachheit erschüttern mögen, schwerlich aber den Charakter einer freimütigen und öffentlichen so Besprechung der Moselzustände auch nur ansprechen dürften. Wenn nun ein Einzelner und gar der zahlreiche Teil einer Be¬ völkerung von einem auffallenden und erschreckenden Unglück betroffen werden, und niemand bespricht das Unglück, niemand behandelt es als eine denk - und sprechwürdige Erschei- 35 nung, so müssen sie schließen, entweder daß die anderen nicht sprechen dürfen oder daß sie nicht sprechen wollen, weil sie die der Sache beigelegte Wichtigkeit für illusorisch halten. Die Anerkennung seines Unglücks, diese geistige Beteiligung an demselben, ist aber selbst dem ungebildeten Winzer ein Bedürf- 4o nis, — schlösse er auch nur, daß, wo alle denken, viele sprechen, bald auch einige handeln werden. Wäre es wirklich erlaubt ge¬ wesen, frei und offen die Moselzustände zu diskutieren, so ge¬ schah es doch nicht, und es ist klar, daß das Volk nur an das Wirkliche glaubt, nicht an die freimütige Presse, die exi- 45 stieren kann, sondern an die freimütige Presse, die wirklich exi¬
378 Aus der Rheinischen Zeitung stiert. Hatte der Mosellaner also vor Erscheinen der Allerhöch¬ sten Kabinettsordre zwar seine Not empfunden, zwar sie bezwei¬ feln gehört, nur nichts von einer öffentlichen und freimütigen Presse vernommen, sah er dagegen nach Erscheinen der Kabi¬ nettsordre diese Presse gleichsam aus dem Nichts hervorspringen, 5 so scheint sein Schluß, daß die königliche Kabinettsordre die einzige Ursache dieser Preßbewegung, an welcher der Mosel¬ laner nach den früher ausgeführten Gründen einen vorzugsweisen, weil unmittelbar durch wirkliches Bedürfnis bedingten An¬ teil nahm, wenigstens ein sehr volkstümlicher Schluß gewesen zu 10 sein. Endlich scheint es, daß auch, abgesehen von der Volkstüm¬ lichkeit dieser Meinung, eine kritische Prüfung zu demselben Resultate gelangen wird. Die Eingangsworte der Zensurinstruk¬ tion vom 24. Dezember 1841, daß „Seine Majestät der König jeden ungebührlichen Zwang der schriftstellerischen 15 Tätigkeit ausdrücklich zu mißbilligen und unter Anerkennung des Wertes und des Bedürfnisses einer freimütigen und anständigen Publizität . . . geruht usw.“, diese Eingangsworte versichern der Presse eine besondere königliche Anerkennung, also eine Staatsbedeutung. 20 Daß ein königliches Wort so bedeutend zu wirken vermag und von dem Mosellaner selbst als ein Wort von magischer Kraft, als ein Universalmittel gegen alle seine Leiden begrüßt wurde, das scheint nur von der echt royalistischen Gesinnung der Mosellaner und ihrer nicht abgemessenen, sondern überströmenden Dankbar- 25 keit zeugen zu können. [RhZ 20. Jan. 1843. Nr. 20] ad3. Wir haben zu zeigen gesucht, daß das Bedürfnis einer freien Presse aus der Eigentümlichkeit der Mosel¬ zustände notwendig hervorging. Wir haben ferner gezeigt, 30 wie die Verwirklichung dieses Bedürfnisses vor dem Erscheinen der Allerhöchsten Kabinettsordre, wenn auch nicht durch spe¬ zielle Preßerschwerungen, schon durch den allgemeinen Zustand der preußischen Tagespresse verhindert worden wäre. Wir werden endlich zeigen, daß wirklich s p e - « z i e 11 e Umstände einer freimütigen und öffentlichen Besprechung der Moselzustände feindlich entgegentraten. Auch hier müssen wir zunächst den leitenden Gesichtspunkt unserer Darstellung her¬ vorheben und die Macht der allgemeinen Verhältnissein dem Willen der handelnden Persönlichkeiten wiedererkennen. Wir dürfen in den speziellen Umständen, welche eine freimütige und öffentliche Besprechung der Moselzustände verhinderten, nichts erblicken als die tatsächlicheVerkörperung und
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 379 augenfällige Erscheinung der oben entwickelten all¬ gemeinen Verhältnisse, nämlich der eigentümlichen Lage der Verwaltung zu der Moselgegend, des allgemeinen Zu¬ standes der Tagespresse und der öffentlichen Meinung, endlich 5 des herrschenden politischen Geistes und seines Systems. Waren diese Verhältnisse, wie es denn scheint, die allgemeinen, unsichtbaren und zwingenden Mächte jener Zeit, so wird es kaum der Andeutung bedürfen, daß sie auch als s o 1 c h e wirken, in Tatsachen ausschlagen und als einzelne, dem Schein io nach willkürliche Handlungen sich äußern mußten. Wer diesen sachlichen Standpunkt auf gibt, verfängt sich einseitig in bittere Empfindungen gegen Persönlichkeiten, in welchen die Härte der Zeitverhältnisse ihm gegenübertrat. Man wird zu den speziellen Preßhindernissen nicht nur is einzelne Zensurschwierigkeiten, sondern ebensosehr alle speziellen U mstände zählen müssen, welche die Zen¬ sur überflüssig machten, weil sie einen Gegenstand der Zensur nicht einmal versuchsweise aufkommen ließen. Wo die Zensur in auffallende, anhaltende und harte Kollisionen mit der Presse 20 gerät, da kann man mit ziemlicher Sicherheit schließen, daß die Presse schon an Lebendigkeit, Charakter und Selbstgewißheit ge¬ wonnen hat, denn nur eine wahrnehmbare Aktion erzeugt eine wahrnehmbare Reaktion. Wo dagegen die Zensur nicht da ist, weil die Presse nicht da ist, obgleich das Bedürfnis einer freien, 25 also zensurfähigen Presse vorhanden, da muß man die Vorzensur in Umständen suchen, welche den Gedanken schon in seinen anspruchsloseren Formen zurückgeschreckt haben. Es kann nicht unser Zweck sein, eine vollständige Darstellung dieser speziellenUmstände auch nur annähernd zu geben; so das hieße die Zeitgeschichte seit 1830, soweit sie die Mosel¬ gegend berührt, schildern wollen. Wir glauben unsere Aufgabe gelöst zu haben, wenn wir nachweisen, daß das freimütige und öffentliche Wort in allen Formen, in der Form der münd¬ lichen Rede, in der Form der Schrift, in der Form des 35 Druckes, sowohl des noch nicht zensierten als auch des schon zensierten Druckes, mit speziellen Hinder¬ nissen in Konflikt geriiet. Die Verstimmung und die Mutlosigkeit, welche ohnehin jene moralische Kraft, die zur öffentlichen und freimütigen Bespre- 4o chung gehört, bei ein<er notleidenden Bevölkerung brechen, wur¬ den namentlich genährt durch die auf vielfache Denunzia¬ tionen notwendig gewordenen gerichtlichen Verurteilungen „wegen Beleidigung eines Beamten im Dienste oder in bezug auf seinen Dienst.“ 45 Eine derartige Prozedur lebt noch im frischen Andenken
380 Aus der Rheinischen Zeitung vieler Moselwinzer. Ein wegen seiner Gutmütigkeit besonders beliebter Bürger äußerte in scherzhafter Weise zu der Magd eines Landrats, welcher abends zuvor in fröhlicher Gesellschaft bei Gelegenheit der Feier des Königs-Geburtstages fleißig dem Becher zugesprochen hatte: „Euer Herr war gestern « abend etwas bespitzt.“ Er ward wegen dieser unschul¬ digen Äußerung öffentlich vor das Zuchtpolizeigericht zu Trier gestellt, jedoch, wie sich von selbst versteht, f r e i - gesprochen. Wir haben gerade dieses Beispiel gewählt, weil sich eine ein- 10 fache Reflexion notwendig an dasselbe anknüpft. Die Land- r ä t e sind die Zensor en in ihren respektiven Kreisstädten. Die landrätliche Verwaltung wird aber mit Einbegriff der ihr unter¬ geordneten amtlichen Sphären vornehmster, weil nächster Gegen¬ stand der Lokalpresse sein. Wenn es nun überhaupt schwer 15 ist, in eigener Sache zu richten, so müssen Vorfälle der oben er¬ wähnten Art, welche eine krankhaft reizbare Vorstellung von der Unantastbarkeit der amtlichen Stellung dokumentieren, schon die bloße Existenz der landrätlichen Zensur zu einem hin¬ reichenden Grund für die Nichtexistenz einer freimütigen Lokal- w presse machen. Sehen wir also die unbefangene und anspruchslose münd¬ liche Rede den Weg zum Zuchtpolizeigericht bereiten, so hat die schriftliche Form des freien Worts, die Petition, welche noch weit von der Öffentlichkeit der Presse entfernt ist, 25 denselben zuchtpolizeilichen Erfolg. Wie dort die Unantastbarkeit der amtlichen Stellung, tritt hier die Unantastbarkeit der Landesgesetze der freimütigen Sprache entgegen. Durch eine „Kabinettsordre“ vom 6. Juli 1836, worin es unter anderem heißt, der König sende seinen Sohn in die Rheinprovinz, 30 um von deren Zuständen Kenntnis zu nehmen, fühlten sich einige Landleute aus dem Regierungsbezirke Trier veranlaßt, ihren „Landtagsabgeordneten“ zu ersuchen, ihnen eine Bittschrift für den Kronprinzen anzufertigen. Sie gaben zugleich die einzelnen Beschwerdepunkte an. Der Landtagsabgeordnete, 35 um die Wichtigkeit der Petition durch eine größere Anzahl von Petitionären zu erhöhen, schickte einen Boten in die Umgegend und veranlaßte dadurch die Unterschriften von 160 Bauern. Die Petition lautete folgendermaßen: Da wir unterschriebenen Einwohner des Kreises . . ., 40 Regierungsbezirk Trier, unterrichtet, daß unser guter König zu uns Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen sendet, um unsere Lage zu beherzigen, und um Seiner Königl. Hoheit die Mühe zu ersparen, die Klagen vieler
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 381 Einzelnen anzuhören, beauftragen wir hiermit unseren Landtagsabgeordneten, Herm . . ., Seiner Königlichen Hoheit, des besten Königs Sohn, dem Kronprinzen von Preußen, untertänigst anzutragen, daß: o 1. „Wenn wir unsere überflüssigen Produkte, besonders an Vieh und Wein, nicht absetzen können, uns unmöglich ist, die in allen Verhältnissen zu hohen Steuern zu bezahlen, weswegen eine bedeutende Verminderung derselben ge¬ wünscht wird, da wir sonst Hab’ und Gut den Steuerboten 10 belassen, wie Anlage beweiset; (enthält einen Zahlungs¬ befehl eines Steuerboten von R. 1—25 Sgr. 5 d. ) 2. „Daß Sr. Königl. Hoheit nicht von unserer Lage ur¬ teilen möge, nach den Demonstrationen von unzähligen, gar zu hoch besoldeten Angestellten, Pensionierten, Diätaren, is Zivil und Militär, Rentner und Gewerbetreibenden, welche in den Städten in einem Luxus von unseren so im Preise gefallenen Produkten wohlfeil leben, was hingegen in der armen Hütte des verschuldeten Landmannes nicht gefunden wird und für ihn ein empörender Kontrast ist. Wo früher 20 27 angestellt mit 29 000 Talern, jetzt 63 Beamte ohne Pen¬ sionierte mit 105000 Talern besoldet.“ 3. „Daß unsere Kommunalbeamten direkt durch die Ge¬ meinen, wie früher, gewählt werden mögen.“ 4. „Daß die Zollanmeldungsbureaus nicht stundenlang 20 während des Tages geschlossen, sondern jede Stunde offen¬ bleiben, damit der Landmann, der einige Minuten unver¬ schuldet sich verspätet, nicht fünf bis sechs Stunden, ja die ganze Nacht auf der Straße erkalten oder am Tage ver¬ brennen muß, da doch der Beamte stets für das Volk bereit so sein soll und muß.“ 5. „Daß, was zufolge § 12 des Gesetzes vom 28. April 1828, erneuert durchs Amtsblatt der Königl. Regierung vom 22. August letzthin unter Strafe verboten worden, 2 Fuß vom Grabenrande zu ackern, bei durchführenden Straßen ge- 35 hoben und den Eigentümern erlaubt werde, ihr sämtliches Land bis an den Chausseegraben pflügen zu können, damit dasselbe nicht von den Wegewärtem den Eigentümern ge¬ raubt werde.“ Euer Königl. Hoheit ergebenste Untertanen. m (Folgen nun die Unterschriften.) Diese Petition, die der Landtagsabgeordnete dem Kronprinzen überreichen wollte, wurde von anderer Seite in Empfang genom¬ men mit dem ausdrücklichen Versprechen, sie Sr. Königl. Hoheit Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 30
382 Aus der Rheinischen Zeitung übergeben zu wollen. Nie erfolgte eine Antwort, wohl aber wurde gegen den Landtagsabgeordneten, als den Urheber einer Petition, worin „frecher unehrerbietiger Tadel gegen die Landesgesetze“ ausgesprochen sei, von Seiten der Gerichte eine Verfolgung eingeleitet. Infolge dieser Klage wurde der Land- 5 tagsabgeordnete in Trier zu sechsmonatlicher Gefäng¬ nisstrafe und in die Kosten verurteilt, diese Strafe aber vom Appellhofe dahin modifiziert, daß nur der Kostenpunkt des frag¬ lichen Urteils belassen werde, und zwar, weil das Benehmen des Inkriminierten nicht ganz frei von Unbesonnenheit gewesen sei 10 und er somit zu dem Prozesse Veranlassung gegeben habe. Der Inhalt der Petition selbst wird dagegen keineswegs für strafbar erkannt. Wenn man erwägt, daß die fragliche Petition teils durch den Zweck der kronprinzlichen Reise, teils durch die Stellung des 15 Inkriminierten als Landtagsabgeordneten in der ganzen Um¬ gebung zu einem besonders wichtigen und entscheidenden Ereig¬ nis sich steigern und die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem Grade erregen mußte, so möchten ihre Konsequenzen eine öffent¬ liche und freimütige Besprechung der Moselzustände nicht eben 20 provoziert noch hierauf bezügliche Wünsche der Behörden wahr¬ scheinlich gemacht haben. Wir kommen nun zum eigentlichen Preßhindemis, zur Zen¬ surverweigerung, welche nach obigen Andeutungen in dem Grade zu den Seltenheiten gehören mußte, als der Versuch 25 einer zensurfähigen Besprechung der Moselzustände zu den Seltenheiten gehörte. Einem Schöffenratsprotokoll, worin nebst einigen barocken auch einige freimütige Worte sich befinden, wurde von der landrätli'chen Zensur die Druckerlaubnis verweigert. 30 Die Beratung fand im Schöffenrat statt, das Ratsproto¬ koll aber war von dem Bürgermeister abgefaßt. Seine Eingangs¬ worte lauten: „Meine Herren! Das Land an der Mosel zwischen Trier und Koblenz, zwischen der Eifel und dem Hundsrücken ist äußerlich ganz arm, weil dasselbe vom Weinbaü allein lebt und 35 diesem durch die Handelsverträge mit Deutschland der Todes¬ stoß gegeben ist; das gedachte Land ist aber auch geistig arm“ usw. Daß endlich eine öffentliche und freimütige Besprechung, wenn sie alle angegebenen Hindernisse überwunden und aus- 40 nahmsweise in die Zeitungsspalten gelangt war, als eine Ausnahme behandelt und hinterher annihiliert wurde, möge ebenfalls eine Tatsache bezeugen. Ein vor mehreren Jahren vor dem ProfessorderKameralwissenschaftenKauf- mann zu Bonn „über den Notstand der Winzer an der Mosely
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 383 usw.“ in der „Rhein- und Moselzeitung“ abgedruckter Aufsatz wurde, nachdem er während drei Monaten in verschiedenen öffent¬ lichen Blättern kursiert hatte, von der Königl. Regierung ver¬ boten, welches Verbot noch jetzt faktisch fortbesteht. .5 Hiermit glaube ich nun die Frage über das Verhältnis der Moselgegend zur Kabinettsordre vom 8. Dezember, der auf sie gegriindeteten Zensurinstruktion vom 24. Dezember und der seitherigen freieren Preßbewegung genügend beantwortet zu haben. Es bleibt noch übrig, meine Behauptung: „Der desolate ko Zustand der Winzer war höheren Orts lange in Zweifel gezogen und ihr Notgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden“, zu motivieren. Man wird den quäst. Satz in zwei Teile auflösen können: „Der desolate Zustand der Winzer war höheren Orts lange in Zweifel gezogen worden“ und: „Ihr Notgeschrei war für us freches Gekreisch gehalten worden“. Der erste Satz, glaube ich, wird keines Beweises mehr bedürfen. Der zweite Satz: „Ihr Notgeschrei war für freches Gekreisch ge¬ halten worden“, kann nicht geradezu, wie es der Herr Oberpräsi¬ dent tut, aus dem ersten Satze interpretiert werden: „Ihr Not- 2io geschrei war höheren Orts für freches Gekreisch gehalten worden“. Indessen auch diese Interpolation kann gelten, sofern „höheren Orts“ und „amtlichen Orts“ für gleichbedeu¬ tend genommen werden. Daß von einem „Notgeschrei“ der Winzer nicht nur 245 figürlich, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes gesprochen werden konnte, wird sich aus den bisherigen Mittei¬ lungen ergeben haben. Daß diesem Notgeschrei einerseits sein Mangel an Berechtigung vorgeworfen, die Schilderung der Not selbst als eine grelle, aus selbstsüchtigen schlechten Motiven ent- 3w sprungene Übertreibung betrachtet, andererseits die Klage und die Bitte dieser Not als „frecher, unehrerbietiger Tadel gegen die Landesgesetze“ verstanden wurde, diese Prämissen haben ein Regierungsreferat und ein Kriminalverfahren bewiesen. Daß ferner ein übertreibendes, die Sachverhältnisse 34 verkennendes, von schlechten Motiven outriertes, frechen Tadel gegen die Landesgesetze involvierendes Schreien iden¬ tisch mit „Gekreisch“, und zwar „frechem Gekreisch“, ist, dürfte wenigstens keine femliegende oder unredlich gesuchte Be¬ hauptung sein. Daß also schließlich an die Stelle der einen Seite m die andere gesetzt werden konnte, scheint sich einfach al»logische Konsequenz zu ergeben.
[Zur Landtagsabgeordnetenwahl] Die hiesige Landtagsabgeordnetenwahl [RhZ 9. März 1843. Nr. 68] * Köln, 9. März. Die „Rhein- u. Moselzeitung“, welche so bescheiden ist, weder „die am meisten gelesene Zeitung 5 der Rheinprovinz“ noch eine „Trägerin des politischen Gedan¬ kens“ zu sein, bemerkt in bezug auf die Abgeordnetenwahl der Stadt Köln u. a.: „Wir sind gern bereit, die Herren Merkens und Camp¬ hausen für sehr ehrenwerte Männer zu halten („und ehren- « werte Männer sind sie alle“, heißt es in der Tragödie), und selbst (man bedenke wohl!) selbst der Rhein. Zeitung Beifall zu schenken (höchst wertvolles Geschenk!), wenn sie dieselben triumphierend den Gegnern der Rechte unserer Provinz entgegen¬ stellt, aber um so schärfer und entschiedener müssen wir die w Gründe tadeln, durch die man auf die Wahl jener Herren einen Einfluß zu nehmen gesucht hat, nicht als ob diese Gründe keine Berücksichtigung verdienten, sondern weil sie keine so aus¬ schließliche, nur eine sekundäre verdienten.“ Es wurde nämlich an verschiedene Wähler der Stadt Köln folgendes«« lithographierte Schreiben verteilt: „Was die Stadt Köln auf dem bevorstehenden Landtage zu¬ nächst und am wichtigsten zu vertreten hat, sind unbestreitbar ihre Handels- und industriellen Zustände, und deshalb wird die Wahl auf Männer fallen müssen, die, neben ehrenhafter Gesinnung und «« unabhängiger, bürgerlicher Stellung unter uns, mit dem Gange dieser Verhältnisse nach allen Richtungen genau bekannt und befähigt sind, sie von dem richtigen Standpunkte aufzufassen, zu beleuchten und zu entwickeln.“ Folgt die Hinweisung auf die obengenannten, gewiß sehr ehren- w werten Männer. — Sodann heißt es zum Schluß: „Unsere Stadt nimmt schon heute in der merkantilischen Welt einen mächtigen Sitz ein ; es steht ihr aber eine noch weit größere Verbreitung ihres Handels und Gewerbes bevor, und die Ent¬ wicklungszeit ist nicht ferne. — Segel- und Dampfschiffahrt, «« Schleppschiffahrt und Eisenbahn werden unserer Stadt die Zeit der alten Hansen zurückführen — nur muß ihr wahres Interesse
Landtagsabgeordnetenwahl in Köln 385 mit Verstand und Umsicht auf dem bevorstehenden Landtage ver- treten werden. Köln, am 24. Febr. Mehre Wähler.“ Dieses Schreiben veranlaßt die höchst spirituelle „Rhein- und 5 Moselzeitung“ zu folgender Kapuzinade: „Wenn irgendwo die materiellen Lokalinteressen dergestalt vorherrschen, daß geistige und allgemeine Bedürfnisse nicht ein¬ mal leise durchschimmem, darf es da wundemehmen, wenn von denjenigen, die die Zügel der Regierung in Händen haben, auch ij nur auf die ersteren Rücksicht genommen, die zweiten aber allein nach ihrem Gutbefinden angeordnet werden? 0, du große Stadt Köln, du heilige Stadt Köln, du witzige Stadt Köln, wie weit ist es mit den geistigen Zuständen und historischen Erinnerungen man¬ cher deiner Kinder gekommen! Mit der Verwirklichung von Wünschen und Hoffnungen, die dich höchstens zu einem großen Klüngel (-Beutel) machen können, wähnen sie die Zeit der alten Hansen zurückzuführen ! ! ! “ Die „Rhein- u. Moselzeitung“ tadelt nicht die Wahl der Ab¬ geordneten, sie tadelt die Gründe, welche auf diese Wahl 2a „Einfluß genommen“ haben sollen. Und welches waren diese Gründe? Die „Rhein- und Moselzeitung“ zitiert ein Umlauf¬ schreiben an verschiedene Wähler, worin die „Handels- und industriellen Zustände“ als die wichtigsten Gegenstände der Ver¬ tretung Kölns auf dem bevorstehenden Landtage bezeichnet wer- 25 den. Woher weiß die „Rhein- und Moselzeitung“, daß dieses Umlaufschreiben, das übrigens, wie die „Rhein- und Mosel¬ zeitung“ selbst gesteht, nur an „verschiedene“ Wähler gelangte, solchen Effekt auf die Gemüter der Wähler hervorbrachte, daß es vorzugsweise und ausschließlich die Wahl der Herren Camp- oo hausen und Merkens entschied? Weil in einem Umlaufschreiben aus ganz besonderen Gründen die Wahl dieser Herren emp¬ fohlen wird und weil diese Herren wirklich gewählt wurden, folgt daher irgendwie, daß die Wahl dieser Herren eine Konse¬ quenz jener Empfehlung und ihrer besonderen Motivierung ist? 3s Die „Rhein- u. Mosel-Ztg.“ schenkt der „Rh. Z.“ Beifall, wenn sie die Herren Camphausen und Merkens „triumphierend den Gegnern der Rechte unserer Provinz entgegenstellt“. Was bewegt sie zu diesem „Beifallschenken“? Offenbar der Charakter der Gewählten. Sollte dieser Charakter zu Köln weniger bekannt ge- ao wesen sein als zu Koblenz? Unter den am Landtag zu vertreten¬ den Interessen nennt die „Rhein- und Moselzeitung“ nur die „freiere Gemeindeverfassung“ und die „Erwei¬ terung der ständischen Recht e“. Glaubt sie, man wisse
386 Aus der Rheinischen Zeitung zu Köln nicht, daß Herr Merkens sich an verschiedenen Landtagen durch seinen Kampf für die „freie Gemeindeverfassung“ aus¬ gezeichnet, daß er sogar an einem Landtage im Gegensätze fast zur ganzen Versammlung die freie Gemeindeverfassung männlich und unverdrossen verteidigt hat? Was aber „die Erweiterung der stän- 5 dischen Interessen“ betrifft, so ist es zu Köln sehr wohl bekannt, daß Herr Merkens vorzugsweise gegen die Schmälerung dieser Inter¬ essen durch die Autonomie protestiert hat, daß er indessen ebenso entschieden das ständische Interesse in seine Schranken zurück¬ wies, wo es dem allgemeinen Interesse, dem allgemeinen Rechte 10 und der Vernunft opponierte, wie in den Debatten über das Holz¬ diebstahls- und Jagdgesetz. Wenn also der allgemeine Beruf des Herm Merkens zum Landtagsabgeordneten durch seine ganze par¬ lamentarische Laufbahn außer allen Zweifel gesetzt ist, wenn die seltene, universale Bildung, die hohe Intelligenz und der ernste, 25 ehrenwerte Charakter des Herm Camphausen allgemein bekannt und anerkannt sind, woher weiß die „Rhein- und Moselzeitung“, daß die Wahl jener Herren nicht diesen in die Augen fallenden Gründen, sondern vielmehr dem zitierten Umlauf schreiben ihr Leben verdankt? 20 Nein! Nein! wird uns das ehrenwerte Blatt antworten, das behaupte ich nicht, beileibe nicht! Mein zarter spiritualistischer Sinn nimmt nur Ärgernis an den Urhebern jenes Umlauf¬ schreibens, an jenen Materialisten, welche, statt der geistigen und wahrhaften Volksinteressen, auch noch ganz andere und viel nied- 25 rigere Motive hervorgezogen, welche durch unpassende Gründe auf die Wahl jener Herren einen Einfluß zu nehmen gesucht haben, auf jene „Kinder Kölns“, mit deren „geistigen Zuständen und historischen Erinnerungen“ es so weit herabgekommen ist! Wenn die „Rhein- und Moselzeitung“ nur mit den Urhebern 30 jenes anonymen Schreibens zu tim hat, warum erhebt sie so großes Geschrei? Warum sagt sie: „Wenn irgendwo die materiellen Lokalinteressen dergestalt vorherrschen, daß geistige und allgemeine Bedürfnisse nicht einmal leise durchschimmern, darf es da wundemehmen, wenn von den- 35 jenigen, die die Zügel der Regierung in Händen haben, auch nur auf die ersteren Rücksicht genommen, die zweiten aber allein nach ihrem Gutbefinden angeordnet werden!“ Herrschen denn die materiellen Lokalinteressen ausschließlich in Köln vor, weil sie ausschließlich in einem anonymen Umlauf schreiben vorherr-<0 sehen! Ebensowenig, wie die juristischen Interessen aus¬ schließlich in Köln vorherrschen, weil sie in einem anderen, eben¬ falls verschiedenen Wählern zugegangenen Umlauf schreiben ausschließlich geltend gemacht sind! Gibt es nicht in jeder Stadt wie in jeder Familie geistlose Kinder? Wäre es billig, von*?
Landtagsabgeordnetenwahl in Köln 387 diesen Kindern auf den Charakter der Stadt oder der Familie zu schließen? Allein bei Licht besehen ist das Umlauf schreiben wirklich nicht so verwerflich, wie das ehrenwerte Koblenzer Blatt uns 5 glauben machen will. Es wird sogar durch den Beruf der Land¬ stände, wie er einmal gesetzlich bestimmt ist, vollständig gerecht¬ fertigt. Der gesetzliche Beruf der Stände besteht teils darin, das allgemeine Interesse der Provinz, teils darin, ihr besonderes Standesinteresse geltend zu machen. Daß 10 die Herren Camphausen und Merkens würdige Vertreter der rheinischen Provinzialinteressen seien, das ist eine allgemeine Überzeugung, die von den Urhebern des Umlauf¬ schreibens weder befestigt noch auch nur erwähnt zu werden brauchte. is Es handelte sich also, da der allgemeine Beruf dieser Herren zu Landtagsabgeordneten über alle Diskussion erhoben war, nur mehr um die besonderen Erfordernisse eines kölni¬ schen Deputierten, es handelte sich darum, welches Stadt¬ interesse Köln auf dem „bevorstehenden Landtage“ 2o „zunächst und am wichtigsten“ zu vertreten habe! Wird man leug¬ nen wollen, daß dies die „Handels- und industriellen Zustände“ sind! Aber auch das einfache Leugnen wird nicht hinreichen, man wird den Beweis führen müssen. Besonderen Anstoß nimmt die „Rhein- u. Moselzeitung“ an 25 dem Passus: „Segel- und Dampf Schiffahrt, Schleppschiffahrt und Eisenbahn werden unserer Stadt die Zeitderalten Hansen zurückführen.“ 0, Jammer über die arme Stadt Köln! Wie sie getäuscht wird! Wie sie sich selbst täuscht! „Mit der Verwirk¬ lichung von Wünschen und Hoffnungen, jammert die „Rhein- und 3o Moselzeitung“, die dich höchstens zu einem großen Klüngel (-Beutel) machen können, wähnen sie die Zeit der alten Hansen zuriickzuf ühren ! “ Arme Rhein- u. Moselzeitung! Sie versteht nicht, daß unter der „Zeit der alten Hansen“ nur die Zeit des alten Handels- 35 Hors gemeint sein will, daß wirklich „alle geistigen und allgemeinen Bedürfnisse“ zu Grabe geläutet, daß die „geistigen Zustände“ vollständig verrückt, daß alle „histo¬ rischen Erinnerungen“ rein ausgelöscht sein müßten, wenn Köln die politische, soziale und intellektuelle Zeit der Hansastädte, 4o die Zeit des Mittelalters zurückzuführen wünschte ! Müßte die Regierung die „geistigen und allgemeinen Bedürfnisse“ nicht ausschließlich zu ihrer Privatdomäne schlagen, wenn eine Stadt sich aller vernünftigen und gesunden Anschauung der Gegen¬ wart so völlig entfremdet hätte, um nur mehr in dem Traum der 45 Vergangenheit zu leben! Wäre es nicht sogar die Pflicht der Re¬
388 Aus der Rheinischen Zeitung gierung, die Pflicht ihrer Selbsterhaltung, die Zügel da straff an¬ zuziehen, wo man in vollem Ernste dahinstrebte, die ganze Gegen¬ wart und die Zukunft in die Luft zu sprengen, um gewesene und verweste Zustände zurückzuführen! Wir wollen unseren Lesern reinen Wein einschenken. Es fand « in Köln — und das zeugt am lautesten für seine politische Reg¬ samkeit — ein ernster Wahlkampf statt, ein Kampf zwischen den Männern der Gegenwart und den Männern der Vergangen¬ heit. Die Männer der Vergangenheit, die Männer, welche die „Zeit der alten Hansastädte“ mit Haut und Haar restauriert 10 sehen möchten, sind trotz aller Machinationen völlig aus dem Felde geschlagen worden. Und nun kommen diese phantastischen Materialisten, denen jedes Dampfschiff und jede Eisenbahn ihre krasse Geistlosigkeit ad oculos demonstrieren sollte, und sprechen heuchlerisch von „geistigen Zuständen“ und „historischer Er- « innerung“ und weinen an den Gewässern Babylons über „die große Stadt Köln, die heilige Stadt Köln, die witzige Stadt Köln“ — und hoffentlich sollen ihre Tränen so bald nicht versiegen! Stilistische Übungen der „Rhein- und Mosel-Zeitung“ [RhZ 14. Marx 1843. Nr. 72/73] * Köln, 13. März. Auf unseren Artikel vom 9. März über die Landtagsabgeordneten repliziert die „Rhein- und Moselzeitung“ von heute. Wir wollen unserem Leser einige Proben dieses sti¬ listischen Meisterwerks nicht vorenthalten. Unter anderen 25 Delikatessen findet sich folgende: „So hat die ,Rheinische Zeitung* in weit ausgeholten Streichen zwar nicht mit einer Hellebarde, sondern mit ihrem gewohn¬ ten Knüttel auf ein Gespenst losgehauen (man bedenke wohl! Ein gewohnter Knüttel! In Streichen mit einemw Knüttel loshauen!), das sie in einem Artikel der Rhein- und Moselztg. zu erblicken glaubte, und, wie sich von selbst ver¬ steht (welcher Luxus, Worte über Dinge zu machen, die sich von selbst verstehen!), sind alle ihre Streiche daneben gefahren (da¬ nebengefahren! neben die Rhein- und Moselztg., also etwa 35 auf ihren Redakteur! ), und das angegriffene (das Gespenst wurde ja nur angegriffen!) Blatt befindet sich durchaus unverletzt und unversehrt.“ Welche freigiebige Logik, die der Klugheit ihrer Leser nicht einmal den Schluß überläßt, daß Streiche, die neben das angegriffene Blatt, nicht auf das angegriffene Blatt gefallen 10 sind! Welcher Verstandesluxus, welche gründliche Geschichts¬ erzählung! Allein man erwäge auch, wie interessant es der Rhein-
Landtagsabgeordnetenwahl in Köln 389 und Moselztg. scheinen mußte, die Unversehrtheit ihres Rückens zu proklamieren. Wie sehr der herrliche Einfall von dem „Ge¬ spenst“ und der Rhein. Ztg., die darauf loshaut, und den abseits gefallenen Prügeln der Phantasie der Rhein- und Moselztg. zusetzt, 5 mögen folgende ebenso sinnreiche als überraschende Variationen dieses allergrößten Themas beweisen, bei deren Aufzählung wir nicht verfehlen wollen, auf die feinen Nuancen und Schattierungen aufmerksam zu machen. Also: 1. „So hat die Rhein. Ztg. vom 9. März in weit ausgeholten jo Streichen mit ihrem gewohnten Knüttel auf ein Gespenst los¬ gehauen, das sie in einem Artikel der Rhein- und Moselztg. zu er¬ blicken glaubte, und wie sich von selbst versteht, sind alle ihre Schläge daneben gefallen.“ 2. „Der Artikel aber, welcher die Rhein. Ztg. zur Geister- io seherin (vorhin war der Geist ein Gespenst, und seit wann hätte die ,Rheinische Zeitung4 auch in dem ultramontanen Winkelblatt Geist gesehen!) und infolge davon zur Heldin an einem Schatten gemacht.“ Also diesmal wäre wenigstens der Schatten der Rhein- und Moselztg. getroffen worden! so 3. „Allein die Rhein. Zeitung, welche sich dessen wohl auch bewußt ist, daß an allem Substantiellen, Wahren und Kernhaften (dem Rücken der Rhein- und Moselzeitung?) ihre Kräfte zu Spotte werden (und welche geistige Kraft würde nicht an einem Rücken zum Spotte? ), und die nun doch einmal zo zeigen will, daß sie Hörner (der »gewohnte Knüttel4 hat sich unter der Hand in ,Hörner4 verwandelt) hat und zustoßen (früher in weit ausgeholten Streichen loshauen) kann, hat sich ein Ge¬ spenst ausgesonnen (früher „gesehen“ oder „zu sehen geglaubt“), das sie für den eigentlichen Geist unseres Artikels so möchte angesehen wissen (eine Wiederholung, um dem Leser den Tatbestand ins Gedächtnis zu rufen!), an dem sie nach Herzens¬ lust ihren Mut kühlt und ihre Stärke erprobt (eine tüchtige rheto¬ rische Ausführung), gerade so wie bei der Stierhetze die ge¬ reizte Bestie (mehr oben war die Rhein. Ztg. „der Mann 3o mit dem Knüttel“, also wohl die Rhein- und Moselzeitung die „Bestie“) an dem ihr vorgeworfenen Strohmann ihren Mut aus¬ läßt und sich nach der Zerfetzung desselben für den Sieger achtet.“ Wahrhaft homerisch! Man bedenke nur die epische Breite. Und wohl auch äsopisch dieses tiefe Eindringen in die io bestialische Psychologie! Diese feine Deutung der Seelenzustände eines Stiers, der sich für den Sieger achtet! Es wäre „sehr kindlich und unschuldig“, aber nicht minder „abgeschmackt und trivial“, wollten wir mit einem so „eminenten Publizisten“ auf die Sache selbst eingehen. Also nur zur Charak- os teristik des Mannes selbst noch folgendes:
390 Aus der Rheinischen Zeitung Die „Rhein- und Moselzeitung“ äußerte in ihrem so unglück¬ lich angegriffenen Artikel „nur“ den „Zweifel“, „ob mit der Erreichung ihrer (sc. der Urheber des Umlauf schreibens über die Wahl der Herren C[amphausen] und M[erkens] Hoffnungen dann wirklich die Zeit der alten Hansen zurück- s geführt sein würd e“, aber „von einer Zurückführung gewesener und verwester Zustände“ ist in ihrem „Artikel keine Rede“. Fasse es, wer es fassen kann! Ferner: Die Rhein. Ztg. ging darauf aus, „eine offenbare Lüge anzubringen, indem sie sagt: «Unter den am Landtag zu 10 vertretenden Interessen nennt die Rhein- und Moselzeitung nur die freiere Gemeindeverfassung und die Erweiterung der stän¬ dischen Rechte», während in der Rhein- und Moselzeitung der Zu¬ satz zu lesen ist: «Die Feststellung so vieler anderen schwebenden Fragen in der Entwicklung des m Volkslebens»“. Hat denn die Rhein- und Moselzeitung irgend eine dieser „schwebenden Fragen“ fixiert oder gar genannt? Glaubt sie, solche unbestimmte Schwebeleien, wie die „Feststellung vieler anderen schwebenden Fragen“, könnefn] für eine Namhaftmachung dieser Fragen, für eine be- u stimmte Forderung an die Landtagsabgeordneten gelten? Und nun wende unser Leser noch einmal seine Blicke auf die stilistische Originalität der Rhein- und Moselztg.: Zu „den Interessen, welche an demselben (sc. dem Landtag) zu vertreten sind“, gehört „die Feststellung so vieler schwebenden Fragen in der Ent- ts Wicklung des Volkslebens“! Eine in der Entwicklung des Volks¬ lebens schwebende Frage! Eine zu vertretende Feststellung!
Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ als Großinquisitor [RhZ 12. März 1843. Nr. 711 ♦ Köln, 11. März. Vor einigen Tagen publizierte die „Rhein- und Moselzeitung“ eine religiöse Bannbulle 5 gegen die fromme „Kölnische Zeitung“, heute steht die „Trierisehe Zeitung“ vor dem Inquisitionsgericht zu Koblenz, und — mit Recht. Die „Trierische Zeitung“ sagt nämlich bei Gelegenheit Fried¬ richs v. Sallet u. a.: „Vor uns liegt sein Werk, das ,Laien-Evan- io gelium‘, das uns die heiligen, ewigen Wahrheiten des Evangeliums unverfälscht offenbart.“ „Er (Sallet) bestrebte sich, Mensch in dem hohen Sinne zu sein, wie Jesus das Vorbild gegeben, und offenbarte als wahrer Streiter des Herrn ewige Wahrheit.“ is „Wer das liest“, sagt die „Rhein- und Moselzeitung“, „und weiter nichts von dem Hochgepriesenen weiß, sollte der nicht glauben, Herr v. Sallet müsse doch ein gläubiger Christ gewesen sein und in seinem Laien-Evangelium des Herren Wort mit Flam¬ meneifer gepredigt haben! Was aber ist in Wahrheit der Inhalt so dieses Evangeliums! Jene falsche und verderbliche Lehre, die ein Strauß, ein Feuerbach, ein Bruno Bauer, und wie sie alle heißen mögen, die Apostel des modernen Heidentums, in Hörsälen und in Schriften dem engeren Kreise der Gelehrten vortragen usw.“ 2s Als authentische Belege ihrer Behauptung zitiert die „Rhein- und Moselzeitung“ „eine Stelle aus diesem Laien-Evangelium, und zwar diejenige, worin die Parallele zwischen dem Verräter Judas und dem evangelischen Christus, d. h. dem Christus, wie er in der Bibel dargestellt ist, gezogen wird“. Die angeführten so Belege beweisen schlagend, in welchen bewußten Gegensatz Sallet sich zu dem historischen Christentum gestellt hatte. Eine verkehrte Humanität wird vielleicht durch die rücksichts¬ lose Polemik der „Rhein- und Moselzeitung“ gegen den kaum Verstorbenen verletzt werden, allein ist die Apologie der „Trieri- 3s sehen Zeitung“ nicht viel inhumaner, nicht ungleich verletzender? Ehre ich den Toten, wenn ich seine geistige Persönlichkeit ver¬ fälsche? Sallet bestrebte sich allerdings, Wahrheit zu offen¬ baren, aber keineswegs die Wahrheit des Evangeliums. Sallet
392 Aus der Rheinischen Zeitung bestrebte sich allerdings, ein wahrer Mensch zu sein, aber keineswegs ein Streiter für die kirchliche Wahrheit. Sallet glaubte vielmehr, die vernünftige Wahrheit nur im Gegensatz gegen die heilige Wahrheit, glaubte den sittlichen Men¬ schen nur im Gegensatz gegen den christlichen Menschen geltend s machen zu können — und darum schrieb er sein Laienevangelium. Und wie? Sein Apologet in der „Trierschen Zeitung“ ehrte den Mann, wenn er sein ganzes Streben geradezu auf den Kopf stellt? Würdet ihr den Luther ehren, wenn ihr sagtet, er sei ein guter Katholik gewesen, und den Papst Ganganelli, wenn ihr ihn einen 10 Jesuiten-Mäzenas nenntet? Welche Heuchelei! Welche Schwach¬ heit! Sallet war ein Republikaner; bist du sein Freund, wenn du seinen Royalismus prunkend ausposaunst? Sallet liebte vor allem die Wahrheit, und ihr glaubt, ihm nicht besser huldigen zu können als durch die Unwahrheit? Oder kämpfen in eucb is Christentum und Freundschaft! Gut! So gesteht es ein, so sagt: Sallet war ein guter Mensch usw. — aber ein schlechter Christ! Beklagt das, wenn ihr wollt, beklagt es öffentlich, nur gebt seine Werke nicht für leuchtende Testimonia seines Christentums aus. Verdammt ihr das Streben eures Freundes, so verdammt esto sans gêne, wie die Rhein- und Moselzeitung, aber nicht auf einem heuchlerischen Umweg, nicht dadurch, daß ihr das an ihm lobt was er nicht war, also eben das an ihm verwerft, was er wirklich war. Wenn wir auch zugestehen, daß das „Laienevangelium“ selbst ts Anlaß zu einer solchen Auffassung geben mochte, daß Sallet hier noch keineswegs mit sich selbst im klaren ist, daß er selbst den wahren Sinn des Evangeliums zu lehren glaubt, daß es eir leichtes ist, dem Zitat der „Rhein- und Moselzeitung“ ganz christ¬ lich klingende, widersprechende Zitate entgegenzustellen, so be- 30 hält die „Rhein- u. Moselztg.“ immer darin recht, daß er an die Stelle des historischen ein selbstgemachtes Christen¬ tum stellt. Schließlich noch ein Wort über die von der „Rhein- und Mosel¬ zeitung“ zitierten Stellen! Sie leiden an einem Grundmangel, ar 3t der Unpoesie, und überhaupt welch verkehrter Einfall, theo¬ logische Kontroversen poetisch behandeln zu wollen! Ist es je einem Komponisten eingefallen, die Dogmatik in Musik zu setzen? Abgesehen von dieser Ketzerei gegen die Kunst, was ist dei Inhalt der zitierten Stelle? Sallet findet es mit der Göttlichkeil « Christi unvereinbar, daß Christus die verräterische Absicht Judas’ kennt, ohne daß er ihn zu bessern oder die Freveltat zi vereiteln sucht! Sallet ruft daher (so zitiert die Rhein- und Moselzeitung) aus:
Die Rhein- und Moselzeitung als Großinquisitor 393 „Weh’ dem Verblendeten! wer es auch sei, Der solche Züge von dem Herm erdacht, Und, ihm dies bißchen Menschenkennerei Zu retten, ihn zum Zerrbild uns gemacht.“ 5 Sallets Urteil zeugt dafür, daß er weder Theologe noch Philosoph war. Als Theologen konnte ihn der Widerspruch mit menschlicher Vernunft und Sittlichkeit nicht beunruhi¬ gen, denn der Theologe mißt das Evangelium nicht an mensch¬ licher Vernunft und Sittlichkeit, sondern umgekehrt die mensch- 10 liehe Vernunft und Sittlichkeit an dem Evangelium. Als Phi¬ losoph dagegen würde er solche Widersprüche in der Natur des religiösen Denkens begründet gefunden, den Wider¬ spruch daher als notwendiges Produkt der christlichen Anschauung begriffen und keineswegs als eine Verfälschung is derselben verdammt haben. Die „Rhein- und Moselzeitung“ möge in ihrem Glaubenswerke rüstig fortfahren und das San-Benito sämtlichen rheinischen Zei¬ tungen umwerfen. Wir werden sehen, ob die Halben, die Lauen, die weder kalt noch warm sind, ob sie sich besser ver- 2o tragen werden mit dem Terrorismus des Glaubens als mit dem Terrorismus der Vernunft. Erklärung [Rh. Z. 18. Min 1843, Nr. 77.] Unterzeichneter erklärt, daß er der jetzigen Zensur- «Verhältnisse wegen aus der Redaktion der „Rheinischen Zei¬ tung“ mit dem heutigen Tage ausgetreten ist. Köln, den 17. März 1843. Dr. Marx.
Aus: DEUTSCHE JAHRBÜCHER für Wissenschaft und Kunst Leipzig 1842
Erschienen in: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst. Her¬ ausgegeben unter Verantwortlichkeit der Verlagshandlung. Leipzig, Verlag von Otto Wigand. Jg. 5, No. 273, 16. November 1842, p. 1091—92. Geschrieben Anfang September 1842
Noch ein Wort über: „Bruno Bauer und die aka¬ demische Lehrfreiheit von Dr; O. F. Gruppe. Berlin 1842.“ Wollte man in Deutschland die Komödie des Dil et- s tantismus schreiben, so wäre Herr Dr. 0. F. Gruppe die unentbehrliche Person. Das Schicksal hat diesen Mann mit jener eisernen Zähigkeit ausgerüstet, deren die großen Männer nicht entraten können, am wenigsten die großen Männer des Dilettan¬ tismus. Enden auch seine meisten Abenteuer, wie die des Sancho io Pansa, mit zweideutigen Zeichen der Anerkennung, so wird diese Monotonie des Erfolgs mannigfach gehoben und variiert durch die komische Unbefangenheit und die rührende Naivität, womit Herr Gruppe seine Lorbeeren entgegennimmt. Man kann sogar eine Art von Seelengröße nicht verkennen in der Konsequenz, die den Herrn is Gruppe schließen lehrt: Weil ich aus der Schulstube der Philologie herausgeworfen worden bin, so wird es mein Beruf sein, auch aus dem Ballsaal der Ästhetik und aus den Hallen der Philosophie herausgeworfen zu werden. Aber das ist viel, es ist nicht alles. Meine Rolle ist erst durchgespielt, wenn ich aus dem Tempel der so Theologie herausgeworfen werde: und Herr Gruppe ist gewissen¬ haft genug, — seine Rolle durchzuspielen. Allein Herr Gruppe hat bei seinem letzten Auftreten einiger¬ maßen die Höhe seines Standpunkts verleugnet. Wir zweifeln zwar keinen Augenblick, daß seine letzte Schrift: „Bruno Bauer und ss die akademische Lehrfreiheit“ keineswegs „im Dienst einer Par¬ tei oder unter einem Einfluß“ geschrieben ist. Herr Gruppe emp¬ fand die Notwendigkeit, aus der Theologie herausgeworfen zu werden, aber die Weltklugheit griff hier seinem komischen Instinkt unter die Arme. Herr Gruppe hat, wie es komischen so Charakteren ziemt, bisher mit dem ergötzlichsten Emst und selt¬ samster Wichtigtuerei gearbeitet. Die Halbheit, die Oberflächlich¬ keit, die Mißverständnisse waren sein Schicksal, aber sie waren nicht seine Tendenz. Der große Mann spielte seine Natur, aber er spielte sie für sich und nicht für andere. Er war 3s Hanswurst aus Beruf: wir können nicht zweifeln, daß er in seinem letzten Auftreten Hanswurst auf Bestellung und Rekompens ist. Die böse Absicht, die gewissenlose Ent¬ stellung, die gemeine Perfidie werden auch den Leser nicht zweifeln lassen. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 31
398 Aus den deutschen Jahrbüchern Es wäre wider unsere Ansicht von den komischen Naturen, weit¬ läufigen kritischen Apparat an Herm Gruppe zu verschwenden. Wer verlangt eine kritische Geschichte Eulenspiegels? Man ver¬ langt Anekdoten, und wir geben von Herm Gruppe eine Anekdote, welche die Anekdote seiner Broschüre « ist. Sie betrifft Bauers Auslegung des Matthäus 12, V. 39—42. Der gütige Leser wird sich einen Augenblick mit theologicis be¬ helligen müssen, aber er wird nicht vergessen, daß Herr Gruppe und nicht die Theologie unser Zweck ist. Er wird es billig finden, daß die Charakteristik von Bauers Gegnern vor das Zeitungs- io publikum gebracht wird, nachdem man Bauers Charakter und Lehre zu einer Zeitungsmythe gemacht hat. Wir setzen die fragliche Stelle des Matthäus in ihrem ganzen Umfange her. „Da antworteten etliche unter den Schriftgelehrten und Phari- is säem und sprachen: Meister, wir wollten gern ein Zeichen von dir sehen.“ „Und er antwortete und sprach zu ihnen: Die böse und ehe¬ brecherische Art sucht ein Zeichen, und es wird ihr kein Zeichen gegeben werden, denn das Zeichen des Propheten 2e Jona s.“ „Denn gleichwie Jonas war drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch; also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein.“ „Die Leute von Ninive werden auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Pre-«* digt des Jonas. Und siehe, hier ist mehr denn Jona s.“ „Die Königin von Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde her, Salomons Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr denn Salomon.“ 30 Den protestantischen Theologen fiel der Widerspruch auf, daß Jesus hier die Wunder verwirft, während er sonst Wunder ver¬ richtet. Ihnen fiel der größere Widerspruch auf, daß der Herr in demselben Momente, wo er die Forderung der Wunder von sich weist, ein Wunder verspricht, und zwar ein großes Wunder, seinen 3s dreitägigen Aufenthalt in der Unterwelt. Da nun die protestantischen Theologen zu gottlos sind, um einen Widerspruch der Schrift mit ihrem Verstände, da sie zu scheinheilig sind, um einen Widerspruch ihres Verstandes mit der Schrift zuzugeben, so verfälschen, entstellen und ver-« drehen sie die klaren Worte und den einfachen Sinn der Schrift. Sie behaupten, daß Jesus hier nicht seine Lehre und seine geistige Persönlichkeit der Forderung der Zeichen ent¬ gegenstellt; sie behaupten, daß „er von dem Ganzen seiner Erscheinung spreche, die mehr sei als die Erscheinung Salomons «
Dr. Gruppe gegen Bruno Bauer 399 und des Jonas, und wozu ,insbesondere* auch seine Wunder gehörten.“ Bauer weist ihnen nun durch die gründlichste Exegese das Un¬ gereimte dieser Auslegung nach. Er zitiert ihnen dann den Lukas, 5 wo die störende Stelle von dem Walfisch und dem dreitägigen Aufenthalt in der Erde fehlt. Es heißt dort: „Dies Geschlecht ist böse: ein Zeichen fordert es, und ein Zeichen wird ihm nicht ge¬ geben werden, außer dem Zeichen des Jonas. Denn wie Jonas ein Zeichen war den Niniviten, so wird es des Menschen Sohn diesem ko Geschlecht sein“, worauf Lukas den Herm sagen läßt, wie die Niniviten auf die Predigt des Jonas Buße getan und die Königin des Mittags von den Enden der Erde hergereist sei, um Salomons Weisheit zu hören. Noch einfacher, zeigt Bauer, findet sich der Kem bei Markus. „Was, sagt Jesus, was fordert ii dies Geschlecht ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch, es wird diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben. Da ließ sie Jesus stehen.“ Gegen die falsche Deutung und die willkürliche Schriftentstel¬ lung der Theologen erhebt sich nun Bauer und verweist sie auf das, was geschrieben steht, indem er noch einmal den ao Sinn der Rede Jesu zusammenfaßt, in folgenden Worten: „Hebe dich weg von mir, Theologe! denn es stehet geschrieben: hier ist mehr als Jonas, mehr als Salomo, d. h. die Niniviten haben auf die Pre¬ digt des Jonas Buße getan, die Königin des Mittags kommt von 2t dem Ende der Erde, um die Weisheit Salomons zu hören, ihr aber habt meinen Worten, meiner Rede keinen Glauben geschenkt, und dennoch sind diese Worte der Ausdruck einer Persön¬ lichkeit, deren geistiger Umfang unendlich ist, während Jonas und Salomo noch beschränkte 3o Persönlichkeiten waren. Es soll aber dabei bleiben, nur das Zeichen des Jonas soll euch gegeben werden, ein anderes Zeichen sollt ihr nicht sehen als diese meine Person und ihren, wenn auch unendlichen Ausdmck im Wort.“ Nachdem Bauer dergestalt die Rede Jesu erklärt, fügt er hinzu: „Wo 3s bleiben also insbesondere die Wunder?“ Und Herr Groppe? Herr Groppe sagt: „Das Sonderbarste ist dabei, daß B. in seiner barocken Weise sich selbst als einen Propheten darstellt. S. 296 lesen wir die empha¬ tische Stelle: Hebe dich weg von mir, Theologe!“ etc. 4o (S. 20.) Herm Groppes Schamlosigkeit will dem Leser aufbürden, Bauer rede von sich selbst, er gebe sich selbst für die un¬ endliche Persönlichkeit aus, während Bauer die Rede Jesu exegesiert. So sehr wir auch wünschen, wir können 4s dieses Qui pro quo, diese Eulenspiegelei, nicht mit der notorischen 31«
400 Aus den deutschen Jahrbüchern Verstandesschwäche und dilettierenden Ignoranz des Herm Gruppe entschuldigen. Der Betrug liegt auf der Hand. Nicht nur, daß Herr Gruppe dem Leser verschweigt, wovon es sich han¬ delt! Wir könnten immer noch glauben, der Dilettant habe zu¬ fällig S. 296 in Bauers Schrift aufgeschlagen und in der munteren s Flüchtigkeit seiner Buchmacherei keine Zeit gehabt, die vorher¬ gehende und die nachfolgende Entwicklung zu lesen. Aber Herr Gruppe unterschlägt den Schluß der „emphatischen Stelle“, den über alles Mißverstehen erhabenen Schluß : „Es soll aber da¬ bei bleiben, nur das Zeichen des Jonas soll euch gegeben werden, so ein anderes Zeichen sollt ihr nicht sehen als diese meine Per¬ son und ihren, wenn auch unendlichen Ausdruck im Wort. Wo bleiben also ,insbesondere* die Wunder?“ Herr Gruppe sah ein: auch den befangenen Leser, den Leser, der so töricht wäre, Bauer nicht in Bauers Schriften, sondern in w den Schriften des Herm Gruppe zu suchen, auch ihn müßten diese Worte überzeugen, daß Bauer nicht von sich, daß er von dem spreche, was geschrieben steht. Abgesehen von allen anderen Abgeschmacktheiten, was sollten sonst die Worte: „Wo bleiben also »insbesondere* die Wunder?“ so Wir zweifeln, ob die deutsche Literatur eine ähnliche Scham¬ losigkeit aufzuweisen hat. Herr Gruppe sagt in der Vorrede: „Mir ist während meiner Arbeit immer anschaulicher geworden, daß wir in einer Zeit der Rhetoren und Sophisten leben.“ (S. IV.) Soll dies ein Selbst- ss bekenntnis sein, so müssen wir ernstlich dagegen protestieren. Herr Gruppe ist weder ein Rhetor noch ein Sophist. Er war bis zur Epoche der Broschüre über Bauer ein komischer Cha¬ rakter, er war ein Schelm im naiven Sinn, er hat seitdem nichts verloren als seine Naivität und ist also jetzt — doch das sage ihm so sein Gewissen. Übrigens mag es Bauer als Anerkennung seiner geistigen Überlegenheit betrachten, daß man nur Männer gegen ihn schicken kann, die unter allem Geist und außer jeder Über¬ legenheit sind, die er also nur treffen könnte, wenn er sich fallen ließe. K. M. ss
AUS DER KRITIK DER HEGELSCHEN RECHTSPHILOSOPHIE Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§} 261-313)
Kritik der §§ 261—313 von Hegel’s Grundlinien der Philosophie des Rechts . .. Hrsg, von Ed. Gans (G. W. F. Hegel’s Werke. Vollst. Ausgabe, Bd. 8) 1. Aufl. Berlin, 1833. A. Das innere Staatsrecht §§ 261-271 403-419 I. Innere Verfassung für sich §§272-274 420-421 a) Die fürstliche Gewalt (§§ 275— 286) 421—448 (Résumé pp. 445- 448) b) Die Regierungsgewalt (§§ 287—297) 448—464 c) Die gesetzgebende Gewalt (§§ 289—313) .... 464—553 Geschrieben von März bis August 1843 Zur besseren Unterscheidung haben wir die Hegel entnommenen Zitate, wo sie unmittelbarer Ausgangspunkt der Kritik sind, in größerem Schriftgrad gebracht als die Ausführungen von Marx und die inmitten dieser wiederholten Hegelstellen. In der ersten Gruppe sind Abweichungen vom Hegeltext, Abschreibefehler etc. im all¬ gemeinen stillschweigend ausgebessert, die Marxschen Abweichungen in der Unter¬ streichung jedoch vermerkt. In der zweiten Gruppe, bei den wiederholten Zitaten, sind weder die zahlreichen — häufig bemerkenswerten — Abweichungen in der Unter¬ streichung noch die vom Wortlaut besonders kenntlich gemacht.
5 10 15 20 25 30 [Kritik des Hegelschen Staatsrechts] § 261. „Gegen die Sphären des Privatrechts und Privat¬ wohls, der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft ist der Staat einerseits1) eine äußerliche Notwendigkeit und ihre höhere Macht, deren Natur ihre Gesetze sowie ihre In¬ teressen untergeordnet und davon abhängig sind; aber andererseits1) ist er ihr immanenter Zweck und hat seine Stärke in der Einheit seines allgemeinen End¬ zweckes und des besonderen Interesses der Individuen, da¬ rin, daß sie insofern Pflichten gegen ihn haben, als sie zugleich Rechte haben (§ 155).“ Der vorige Paragraph belehrt uns dahin, daß die konkrete Freiheit in der Identität (sein sollenden, zwieschlächtigen) des Systems des Sonderinteresses (der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft) mit dem System des allgemeinen Interesses (des Staates) bestehe. Das Verhältnis dieser Sphären soll nun näher bestimmt werden. Einerseits der Staat gegen die Sphäre der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft eine „äußerliche Notwendigkeit“, eine Macht, wovon ihm „Gesetze“ und „Interessen“ „unter¬ geordnet und abhängig“ sind. Daß der Staat gegen die Familie und bürgerliche Gesellschaft eine „äußerliche Notwendig¬ keit“ ist, lag schon teils in der Kategorie des „Übergangs“, teils in ihrem bewußten Verhältnis zum Staat. Die „Unter¬ ordnung“ unter den Staat entspricht noch vollständig diesem Ver¬ hältnis der „äußerlichen Notwendigkeit“. Was Hegel aber unter der „Abhängigkeit“ versteht, zeigt folgender Satz der An¬ merkung zu diesem Paragraphen: „Daß den Gedanken der Abhängigkeit1) insbeson¬ dere auch der privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten Charakter des Staats und die philosophische Ansicht, den Teil nur in seiner Beziehung auf das Ganze zu betrachten, — vornehmlich Montesquieu1) [. ..] ins Auge gefaßt“ etc. *) Von M. unterstrichen. ’) Bei Hegel gesperrt.
404 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Hegel spricht also hier von der inn eren Abhängigkeit oder der wesentlichen Bestimmung des Privatrechts etc. vom Staat; zu¬ gleich aber subsumiert er diese Abhängigkeit unter das Verhält¬ nis der „äußerlichen Notwendigkeit“ und stellt sie der anderen Beziehung, worin sich Familie und bürgerliche Gesell- « schäft zum Staate als ihrem „immanenten Zweck“ verhalten, als die andere Seite entgegen. Unter der,,äußerlichen Notwendigkeit* ‘ kann nur verstanden wer¬ den, daß „Gesetze“ und „Interessen“ der Familie und der Gesell¬ schaft den „Gesetzen“ und „Interessen“ des Staats im Kollisions- 10 falle weichen müssen, ihm untergeordnet sind, ihre Existenz von der seinigen abhängig ist oder auch sein Wille und sein Gesetz ihrem „Willen“ und ihren „Gesetzen“ als eine Notwendigkeit erscheint. Allein Hegel spricht hier nicht von empirischen Kollisionen : er spricht vom Verhältnis der „Sphären des Privatrechts und 13 Privatwohls, der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft“ zum Staat; es handelt sich vom wesentlichen Verhältnis die¬ ser Sphären selbst. Nicht nur ihre „Interessen“, auch ihre „Ge¬ setze“, ihre wesentlichen Bestimmungen sind vom Staate „ab¬ hängig“, ihm „untergeordnet“. Er verhält sich als „höhere 2« M a c h t“ zu ihren „Gesetzen und Interessen“. Ihr „Interesse“ und „Gesetz“ verhalten sich als sein „Untergeordneter“. Sie leben in der „Abhängigkeit“ von ihm. Eben weil „Unterordnung“ und „Abhängigkeit“ äußere, das selbständige Wesen einengende und ihm zuwiderlaufende Verhältnisse sind, ist das Verhältnis 2s der „Familie“ und der bürgerlichen Gesellschaft zum Staat das der „äußerlichen Notwendigkeit“, einer Notwendigkeit, die gegen das innere Wesen der Sache angeht. Dies selbst, „daß die privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten Charakter des Staats“ abhängen, nach ihm sich modifizieren, wird daher unter 30 das Verhältnis der „äußerlichen Notwendigkeit“ sub¬ sumiert, eben weil „bürgerliche Gesellschaft und Familie“ in ihrer wahren, d. i. in ihrer selbständigen und vollständigen Entwick¬ lung dem Staat als besondere „Sphären“ vorausgesetzt sind. „Unterordnung“ und „Abhängigkeit“ sind die Aus-33 drücke für eine „äußerliche“, erzwungene, scheinbare Iden¬ tität, als deren logischen Ausdruck Hegel richtig die „äußer¬ liche Notwendigkeit“ gebraucht. In der „Unterordnung“ und „Abhängigkeit“ hat Hegel die eine Seite der zwiespältigen Identität weiter entwickelt, und zwar die Seite der Entfremdung 40 innerhalb der Freiheit, „aber andrerseits ist er ihr immanen¬ ter Zweck und hat seine Stärke in der Einheit seines allge¬ meinen Endzweckes und des besonderen Inter¬ esses der Individuen, darin, daß s.ie insofern Pflichten gegen ihn haben, als sie zugleich Rechte haben“. 45
§5 261—271 405 Hegel stellt hier eine ungelöste Antinomie auf. Einer¬ seits äußerliche Notwendigkeit, andererseits immanenter Zweck. Die Einheit des allgemeinen Endzwecks des Staats und des besonderen Interesses der Indivi- » duen soll darin bestehen, daß ihre Pflichten gegen den Staat und ihre Rechte an denselben identisch sind (also z. B. die Pflicht, das Eigentum zu respektieren, mit dem Recht auf Eigentum zusammenfiele). Diese Identität wird in der Anmer¬ kung [zum § 261] also expliziert: 10 „Da die Pflicht zunächst das Verhalten gegen etwas für mich Substantielles, an und für sich Allgemeines ist, das Recht dagegen das Dasein überhaupt dieses Sub¬ stantiellen ist, damit die Seite seiner Besonderheit und meiner besonderen Freiheit ist, so erscheint beides « auf den formellen Stufen an verschiedene Seiten oder Per¬ sonen verteilt. Der Staat als Sittliches, als Durchdringung des Substantiellen und des Besonderen, enthält, daß meine Verbindlichkeit gegen das Substantielle zugleich das Dasein meiner besonderen Freiheit, d. i. in ihm Pflicht und Recht aoin einer und derselben Beziehung vereinigt sind.“ § 262. „Die wirkliche Idee, der Geist, der sich selbst in die zwei ideellen Sphären seines Begriffs, die Familie und die bürgerliche Gesellschaft, als in seine Endlichkeit1) ns scheidet, um aus ihrer Idealität für sich unend¬ licher1) wirklicher Geist zu sein, teilt somit diesen Sphären das Material dieser seiner endlichen Wirklichkeit, die Individuen als die M e n g e zu, so daß diese Zuteilung am Einzelnen durch die Umstände, die Willkür und eigene so Wahl seiner Bestimmung vermittelt erscheint (§ 185 u. Anm. das.).“ Übersetzen wir diesen Satz in Prosa, so folgt: Die Art und Weise, wie der Staat sich mit der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft vermittelt, sind „die Umstände, die ss Willkür und die eigene ’ Wahl der Bestimmung“. Die Staats- vemunft hat also mit der Zerteilung des Staatsmaterials an Familie und bürgerliche Gesellschaft nichts zu tun. Der Staat geht auf eine unbewußte und willkürliche Weise aus ihnen hervor. Familie 9 Alics von M. unterstrichen.
406 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über SS 261—313 und bürgerliche Gesellschaft erscheinen als der dunkle Natur¬ grund, woraus das Staatslicht sich entzündet. Unter dem Staats¬ material sind die Geschäfte des Staats, Familie und bürger¬ liche Gesellschaft verstanden, insofern sie Teile des Staats bilden, am Staat als solchen teilnehmen. 5 In doppelter Hinsicht ist diese Entwicklung merkwürdig. 1. Familie und bürgerliche Gesellschaft werden als Be¬ griffssphären des Staats gefaßt, und zwar als die Sphären seiner Endlichkeit, als seine Endlichkeit. Der Staat ist es, der sich in sie scheidet, der sie voraus-10 setzt, und zwar tut er dieses, „um aus ihrer Idealität für sich unendlicher wirklicher Geist zu sein“. „Er scheidet sich, um.“ Er „teilt somit diesen Sphären das Material seiner Wirklichkeit zu, so daß diese Zuteilung etc. vermittelt erscheint“. Die sogenannte „wirkliche Idee“ (der Geist als 15 unendlicher, wirklicher) wird so dargestellt, als ob sie nach einem bestimmten Prinzip und zu bestimmter Absicht handle. Sie scheidet sich in endliche Sphären, sie tut dieses, „um in sich zurückzukehren, für sich zu sein“, und sie tut dieses zwar so, daß das gerade ist, wie es wirklich ist. 20 An dieser Stelle erscheint der logische, pantheistische Mysti¬ zismus sehr klar. Das wirkliche Verhältnis ist: „daß die Zuteilung des Staatsmaterials am Einzelnen durch die Umstände, die Willkür und die eigene Wahl seiner Bestimmung vermittelt ist“. Diese 25 Tatsache, dies wirkliche Verhältnis wird von der Spe¬ kulation als Erscheinung, als Phänomen ausgesprochen. Diese Umstände, diese Willkür, diese Wahl der Bestimmung, diese wirkliche Vermittlung sind bloß die Erscheinung einer Vermittlung, welche die wirkliche Idee mit sich 30 selbst vomimmt, und welche hinter der Gardine vorgeht. Die Wirklichkeit wird nicht als sie selbst, sondern als eine andere Wirklichkeit ausgesprochen. Die gewöhnliche Empirie hat nicht ihren eigenen Geist, sondern einen fremden zum Gesetz, wogegen die wirkliche Idee nicht eine aus ihr selbst entwickelte Wirklich- 35 keit, sondern die gewöhnliche Empirie zum Dasein hat. Die Idee wird versubjektiviert. Das wirkliche Verhältnis von Familie und bürgerlicher Gesellschaft zum Staate wird als ihre innere imaginäre Tätigkeit gefaßt. Familie und bürgerliche Gesell¬ schaft sind die Voraussetzungen des Staats; sie sind die eigentlich 40 Tätigen, aber in der Spekulation wird es umgekehrt. Wenn aber die Idee versubjektiviert wird, werden hier die wirklichen Sub¬ jekte, bürgerliche Gesellschaft, Familie, „Umstände, Willkür etc.“ zu unwirklichen, anderes bedeutenden, objektiven Momen¬ ten der Idee. 45
H 261—271 407 Die Zuteilung des Staatsmaterials „am Einzelnen durch die Um¬ stände, die Willkür und die eigene Wahl seiner Bestimmung“ wer¬ den nicht als das Wahrhafte, das Notwendige, das an und für sich Berechtigte schlechthin ausgesprochen; sie werden nicht als « solche für das Vernünftige ausgegeben; aber sie werden es doch wieder andrerseits, nur so, daß sie für eine scheinbare Vermittlung ausgegeben, daß sie gelassen werden, wie sie sind, zugleich aber die Bedeutung einer Bestimmung der Idee erhalten, eines Resultats, eines Prädikats der Idee. Der Unterschied ruht 10 nicht im Inhalt, sondern in der Betrachtungsweise oder in der Sprechweise. Es ist eine doppelte Geschichte, eine esoterische und eine exoterische. Der Inhalt liegt im exoterischen Teil. Das Interesse des esoterischen ist immer das, die Geschichte des logischen Begriffs im Staate wiederzufinden. An der exoterischen is Seite aber ist es, daß die eigentliche Entwicklung vor sich geht. Rationell hießen die Sätze Hegels nur: Die Familie und die bürgerliche Gesellschaft sind1) Staatsteile. Das Staatsmaterial ist unter sie verteilt durch „die Umstände, die Willkür und die eigene Wahl der Bestimmung“. Die Staatsbürger so sind Familienglieder und Glieder der bürgerlichen Gesellschaft. „Die wirkliche Idee, der Geist, der sich selbst in die zwei ideellen Sphären seines Begriffs, die Familie und die bürgerliche Gesellschaft, als in seine Endlichkeit scheidet“ — also die Teilung des Staats in Familie und bürgerliche Gesellschaft ist ss idee 11, d. h. notwendig, gehört zum Wesen des Staats; Familie und bürgerliche Gesellschaft sind wirkliche Staatssteile, wirkliche geistige Existenzen des Willens, sie sind Daseinsweisen des Staates; Familie und bürgerliche Gesellschaft machen sich selbst zum Staat. Sie sind das Treibende. Nach Hegel sind sie so dagegen*) getan von der wirklichen Idee; es ist nicht ihr eigener Lebenslauf, der sie zum Staate vereint, sondern es ist der Lebens¬ lauf der Idee, die sie von sich dezemiert hat; und zwar sind sie [die] Endlichkeit dieser Idee; sie verdanken ihr Dasein einem anderen Geist als dem ihrigen ; sie sind von einem dritten gesetzte 3s Bestimmungen, keine Selbstbestimmungen; deswegen werden sie auch als „Endlichkeit“, als die eigene Endlichkeit der „wirk¬ lichen Idee“ bestimmt. Der Zweck ihres Daseins ist nicht das Da¬ sein selbst, sondern die Idee scheidet diese Voraussetzungen von sich ab, „um aus ihrer Idealität für sich unendlicher wirklicher 40 Geist zu sein“, d. h. der politische Staat kann nicht sein ohne die natürliche Basis der Familie und die künstliche Basis der bürger¬ lichen Gesellschaft; sie sind für ihn eine conditio sine qua non; die Bedingung wird aber als das Bedingte, das Bestimmende wird 0 Gestrichen Fund[. . .] 2) Gestrichen Produkte der wirkt. . .]
408 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 als das Bestimmte, das Produzierende wird als das Produkt seines Produkts gesetzt; die „wirkliche Idee“ erniedrigt sich nur in die Endlichkeit der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft, um durch ihre Aufhebung seine Unendlichkeit zu genießen und her¬ vorzubringen; sie „teilt somit“ (um seinen Zweck zu erreichen) s „diesen Sphären das Material dieser seiner endlichen Wirklich¬ keit“, (dieser? welcher? diese Sphären sind ja seine endliche Wirklichkeit, sein „Material“) „die Individuen als die Menge zu“ (das Material des Staates sind hier „die Individuen, die Menge“, „aus ihnen besteht der Staat“, dieses sein Bestehen wird m hier als eine Tat der Idee, als eine „Verteilung“, die sie mit ihrem eigenen Material vomimmt, ausgesprochen: das Faktum ist, daß der Staat aus der Menge, wie sie als Familienglieder und Glieder der bürgerlichen Gesellschaft existieren, hervorgehe, die Speku¬ lation spricht das Faktum als Tat der Idee aus, nicht als die Idee w der Menge, sondern als Tat einer subjektiven, von dem Faktum selbst unterschiedenen Idee) „so daß diese Zuteilung am Ein¬ zelnen“ (früher war nur von der Zuteilung der Einzelnen an die Sphären derFamilie und der bürgerlichen1) Gesellschaft dieRede) „durch die Umstände, die Willkür etc. vermittelt erscheint“. Es eo wird also die empirische Wirklichkeit erscheinen, wie sie ist; sie wird auch als vernünftig ausgesprochen, aber sie ist nicht ver¬ nünftig wegen ihrer eigenen Vernunft, sondern weil die empirische Tatsache in ihrer empirischen Existenz eine andere Bedeutung hat als sich selbst. Die Tatsache, von der ausgegangen wird, wird es nicht als solche, sondern als mystisches Resultat gefaßt. Das Wirkliche wird zum Phänomen, aber die Idee hat keinen anderen Inhalt als dieses Phänomen. Audi hat die Idee keinen anderen Zweck als den logischen, „für sich unendlicher wirklicher Geist zu sein“. In diesem Paragraphen ist das ganze Mysterium so der Rechtsphilosophie niedergelegt und der Hegelschen Philo¬ sophie überhaupt. § 263. „In diesen Sphären, in denen seine Momente, die Einzelheit und Besonderheit, ihre unmittelbare’) und reflektierte*) Realität haben, ist der Geist als ihre in« sie scheinende objektive Allgemeinheit, als die Macht des Vernünftigen in der Notwendigkeit (§ 184), nämlich als die im vorherigen betrachteten Institutionen.“ § 264. „Die Individuen der Menge, da sie selbst’) geistige Naturen und damit das gedoppelte Moment, näm- « lieh das Extrem der für sich wissenden und wollenden *) Bei M. die bürgerliche 2) Von M. unterstrichen.
§§ 261-271 409 Einzelnheit und das Extrem der das Substantielle wis¬ senden und wollenden Allgemeinheit in sich enthalten und daher zu dem Rechte dieser beiden Seiten nur gelangen, insofern sie sowohl als Privat- wie als substantielle Personen s wirklich sind; — erreichen in jenen Sphären teils unmittel¬ bar das erstere, teils das andere so, daß sie in den Institu¬ tionen, als dem an sich seienden Allgemeinen ihrer besonderen Interessen, ihr wesentliches Selbstbewußtsein haben, teils daß sie ihnen ein auf einen allgemeinen Zweck 10 gerichtetes Geschäft und Tätigkeit in der Korporation ge¬ währen.“ § 265. „Diese Institutionen machen die Verfassung, d. i. die entwickelte und verwirklichte Vernünftigkeit, im besonderen aus und sind darum die feste Basis des is Staats so wie des Zutrauens und der Gesinnung der Indi¬ viduen für denselben und die Grundsäulen der öffentlichen Freiheit, da in ihnen die besondere Freiheit realisiert und vernünftig, damit in ihnen selbst an sich die Vereinigung der Freiheit und Notwendigkeit vorhanden ist.“ eo § 266. „Allein1) der Geist ist nicht nur als diese ( welche ? ) *) Notwendigkeit [....], sondern als die I d e a 1 i - t ä t derselben, und als ihr Inneres sich objektiv und wirk¬ lich ; so ist diese substantielle Allgemeinheit sich selbst Gegenstand und Zweck, und jene Notwendigkeit hierdurch es sich ebenso sehr in Gestalt der Freiheit.“ Der Übergang der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft in den politischen Staat ist also der, daß der Geist jener Sphären, der an sich der Staatsgeist ist, sich nun auch als solcher zu sich verhält und als ihr Inneres sich wirklich ist. Der Übergang so wird also nicht aus dem besonderen Wesen der Familie etc. und dem besonderen Wesen des Staats, sondern aus dem allge¬ meinen Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit hergeleitet. Es*) ist ganz derselbe Übergang, der in der Logik aus der Sphäre des Wesens in die Sphäre des Begriffs bewerkstelligt ss wird. Derselbe Übergang wird in der Naturphilosophie aus der unorganischen Natur in das Leben gemacht. Es sind immer die¬ selben Kategorien, die bald die Seele für diese, bald für jene Sphäre hergeben. Es kommt nur darauf an, für die einzelnen kon¬ kreten Bestimmungen die entsprechenden abstrakten aufzufinden. *) Bei Hegel Aber ’) Das Eingeklammerte von M. ’) Bei M. Er
410 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 § 267. „Die Notwendigkeit in der Idealität ist die Entwicklung der Idee innerhalb ihrer selbst ; sie ist als subjektive Substantialität die politische1) Ge¬ sinnung, als objektive in Unterscheidung von jener der Organismus des Staats, der eigentlich poli-j tische Staat und seine Verfassung.“ Subjekt ist hier „die Notwendigkeit in der Idealität“, die „Idee innerhalb ihrer selbst“, Prädikat’) — die politische Gesinnung und die politische Verfassung. Heißt zu deutsch: Die politische Gesinnung ist die subjektive, die1» politische Verfassung ist die objektive Substanz des Staats. Die logische Entwicklung von Familie und bürgerlicher Gesellschaft zum Staate ist also reiner Schein; denn es ist nicht entwickelt, wie Familiengesinnung, die bürgerliche Gesinnung, die Institution der Familie und die sozialen Institutionen als solche» sich zur politischen Gesinnung und politischen Verfassung ver¬ halten und mit ihnen zusammengehen. Der Übergang, daß der Geist „nicht nur als diese Notwendig¬ keit und als ein Reich der Erscheinung“ ist, sondern als „die Idealität derselben“, als die Seele dieses Reichs für sich wirk-20 lieh ist und eine besondere Existenz hat, ist gar kein Übergang, denn die Seele der Familie existiert für sich als Liebe etc. Die reine Idealität einer wirklichen Sphäre könnte aber nur als W i s- senschaft existieren. Wichtig ist, daß Hegel überall die Idee zum Subjekt macht und« das eigentliche, wirkliche Subjekt, wie die „politische Gesinnung“, zum Prädikat. Die Entwicklung geht aber immer auf Seite des Prädikats vor. § 268 enthält eine schöne Exposition über die politische G e - sinnung, den Patriotismus, die mit der logischen Ent-w wicklung nichts gemein hat, nur daß Hegel sie „n u r“ als „Resul¬ tat der im Staate bestehenden Institutionen, als in welchen die Vernünftigkeit wirklich vorhanden ist“, bestimmt, während umgekehrt diese Institutionen ebensosehr eine Vergegen- ständlichung der politischen Gesinnung sind. Cf. die An-» merkung zu diesem Paragraphen. § 269. „Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Gesinnung aus den verschiedenen Seiten des Orga¬ nismus1) des Staats. Dieser Organismus ist die Ent¬ wicklung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren ob-/ö ’) Von M. unterstrichen. 2) Korr, aus Objekt
§§ 261—271 411 jektiven Wirklichkeit. Diese unterschiedenen Seiten sind so1) die verschiedenen Gewalten und deren Ge¬ schäfte und Wirksamkeiten, wodurch das Allgemeine1) sich fortwährend, und zwar indem sie durch die Natur ides Begriffes bestimmt sind, auf notwendige Weise hervorbringt und, indem es ebenso seiner Pro¬ duktion vorausgesetzt ist, sich erhält; — dieser Orga¬ nismus ist die politische Verfassung.“ Die politische Verfassung ist der Organismus des Staats, oder 10 der Organismus des Staats ist die politische Verfassung. Daß die unterschiedenen Seiten eines Organismus in einem notwendigen, aus der Natur des Organismus hervorgehenden Zusammenhang stehen, ist reine Tautologie. Daß, wenn die politische Verfassung als Organismus bestimmt ist, die verschiedenen Seiten der Verfas- is sung, die verschiedenen Gewalten, sich als organische Bestim¬ mungen verhalten und in einem vernünftigen Verhältnis zuein¬ ander stehen, ist ebenfalls — Tautologie. Es ist ein großer Fortschritt, den politischen Staat als Organismus, daher die Ver¬ schiedenheit der Gewalten nicht mehr als organische3), sondern io als lebendige und vernünftige Unterscheidung zu betrachten. Wie stellte Hegel aber diesen Fund dar? 1. „Dieser Organismus ist die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit.“ Es heißt nicht: dieser Organismus des Staates ist seine Entwicklung 25 zu Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit. Der eigentliche Gedanke ist: Die Entwicklung des Staats oder der poli¬ tischen Verfassung zu Unterschieden und deren Wirklichkeit ist eine organische. Die Voraussetzung, das Subjekt sind die wirklichen Unterschiede oder die verschiedenen 3o Seiten der politischen Verfassung. Das Prädikat ist ihre Bestimmung als organisch. Statt dessen wird die Idee zum Subjekt gemacht, die Unterschiede und deren Wirklichkeit als ihre Entwicklung, ihr Resultat gefaßt, während umgekehrt aus den wirklichen Unterschieden die Idee entwickelt worden ist. Das 35 Organische ist gerade die Idee der Unterschiede, ihre ideelle Bestimmung. Es wird hier aber von der Idee als einem Subjekt gesprochen, die sich zu ihren Unterschieden entwickelt. Außer dieser Um¬ kehrung von Subjekt und Prädikat wird der Schein hervorgebracht, 4o als sei hier von einer anderen Idee als dem Organismus die Rede. 1) Von M. unterstrichen. 2) Offenbar Schreibfehler, sollte vermutlich mechanische oder anorganische heißen.
412 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über SS 261—313 Es wird von der abstrakten Idee ausgegangen, deren Entwicklung im Staate politische Verfassung ist. Es handelt sich also nicht von der politischen Idee, sondern von der abstrakten Idee im politischen Element. Dadurch, daß ich sage: „dieser Or¬ ganismus (des Staats, die politische Verfassung) ist die Entwick- 5 lung der Idee zu ihren Unterschieden etc.“, weiß ich noch gar nichts von der spezifischen Idee der politischen Ver¬ fassung; derselbe Satz kann mit derselben Wahrheit von dem tierischen Organismus als von dem politischen ausgesagt werden. Wodurch unterscheidet sich also der tierische 10 Organismus vom politischen? Aus dieser allgemeinen Be¬ stimmung geht es nicht hervor. Eine Erklärung, die aber nicht die differentia specifica ergibt, ist keine Erklärung. Das einzige In¬ teresse ist, „die Idee“ schlechthin, die „logische Idee“ in jedem Element, sei es des Staates, sei es der Natur, wiederzufinden, und 15 die wirklichen Subjekte, wie hier die „politische Verfassung“, werden zu ihrem bloßen Namen, so daß nur der Schein eines wirklichen Erkennens vorhanden ist. Sie sind und bleiben unbe¬ griffene, weil nicht in ihrem spezifischen Wesen begriffene Be¬ stimmungen. to „Dieseunterschiedenen Seiten sind so die verschiedenen Gewalten und deren Geschäfte und Wirksamkeit.“ Durch das Wörtchen „so“ wird der Schein einer Konsequenz, einer Ableitung und Entwicklung hervorgebracht. Man muß vielmehr fragen „Wie so“; „daß die verschiedenen Seiten des Organismus des so Staates“ die „verschiedenen Gewalten“ sind und „deren Geschäfte und Wirksamkeit“, ist eine empirische Tatsache, daß sie Glieder eines „Organismus“ sind, ist das philosophische „Prädikat“. Wir machen hier auf eine stilistische Eigentümlichkeit Hegels aufmerksam, die sich oft wiederholt und welche ein Produkt des so Mystizismus ist. Der ganze Paragraph lautet: „Ihren besonders be¬ stimmten Inhalt *) nimmt die Gesinnung aus den ver¬ schiedenen Seiten1) des Organismus1) des Staats. Dieser1) Orga¬ nismus ist die Entwick¬ lung der Idee zu ihren Unter¬ schieden und zu deren objek- 1. „Ihren besonders bestimm¬ ten Inhalt nimmt die Gesinnung aus den verschiedenen Seiten des Organismus des ss Staats.“ „Diese unterschiedenen Seiten sind die verschie- denenGewaltenund deren Geschäfte und Wirksamkeiten.6 2. „Ihren besonders bestimm- 00 ten Inhalt nimmt die Gesinnung *) Von M. unterstrichen. 2) Inhalt bei Hegel gesperrt.
§§ 261—271 413 5 10 15 20 25 30 35 40 tiven Wirklichkeit. Diese1) unterschiedenen1) Sei¬ ten1) sind so1) die ver¬ schiedenen Gewalten und deren Geschäfte und Wirksamkeiten, wodurch das Allgemeine sich fortwäh¬ rend, und zwar indem sie durch die Natur des Be¬ griffes bestimmt sind, auf notwendige Weise her¬ vorbringt und, indem es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt ist, sich er¬ hält1); — dieser Organis¬ mus ist die politische V erfassung.“ aus den verschiedenen Seiten des Organismus des Staats. Dieser Organismus ist die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklich¬ keit . . . wodurch das Allge¬ meine sich fortwährend, und zwar indem sie durch die Na¬ tur des Begriffes be¬ stimmt sind, auf notwen¬ dige Weise hervorbringt und, indem es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt ist, sich erhält. — Dieser Or¬ ganismus ist die politi¬ sche Verfassun g.“ Man sieht, Hegel knüpft an zwei Subjekte, an die „verschie¬ denen Seiten des Organismus“ und an den „Organismus“, die weiteren Bestimmungen an. Im dritten Satz werden die unter¬ schiedenen Seiten als die „verschiedenen Gewalten“ bestimmt. Durch das zwischengeschobene Wort „so“ wird der Schein her¬ vorgebracht, als seien diese „verschiedenen Gewalten“ aus dem Zwischensatz über den Organismus als die Entwicklung der Idee abgeleitet. Es wird dann fortgesprochen über die „verschiedenen Ge¬ walten“. Die Bestimmung, daß das Allgemeine sich fortwährend „hervorbringt“ und sich dadurch erhält, ist nichts Neues, denn es liegt schon in ihrer Bestimmung als „Seiten des Organismus“, als „organische“ Seiten. Oder vielmehr diese Bestimmung der „verschiedenen Gewalten“ ist nichts als eine Umschreibung da¬ von, daß der Organismus ist „die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden etc.“. Die Sätze: Dieser Organismus ist: „die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit“ oder zu Unterschieden, wodurch: „das Allgemeine (das Allge¬ meine ist hier dasselbe wie die Idee) sich fortwährend, und zwar indem sie durch die Natur des Begriffs bestimmt sind, er¬ hält, auf notwendige Weise hervorbringt und, indem es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt ist, sich erhält“, *) Von M. unterstrichen. Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 32
414 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 sind identisch, der letztere ist bloß eine nähere Explikation über „die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden“. Hegel ist dadurch noch keinen Schritt über den allgemeinen Begriff „der Idee“ und höchstens des „Organismus“ überhaupt (denn eigent¬ lich handelt es sich nur von dieser bestimmten Idee) hinaus- 5 gekommen. Wodurch wird er also zum Schlußsatz berechtigt: „dieser Organismus ist die politische Verfassung“? Warum nicht: „dieser Organismus ist das Sonnensystem“? Weil er „die verschiedenen Seiten des Staats“ später als die „verschiedenen Gewalten“ bestimmt hat. Der Satz, daß „die verschiedenen Seiten 10 des Staats die verschiedenen Gewalten sind“, ist eine empirische Wahrheit und kann für keine philosophische Entdeckung aus¬ gegeben werden, ist auch auf keine Weise als Resultat einer früheren Entwicklung hervorgegangen. Dadurch, daß aber der Organismus als die „Entwicklung der Idee“ bestimmt, von den is Unterschieden der Idee gesprochen, dann das Konkretum: „der verschiedenen Gewalten“ eingeschoben wird, kommt der Schein herein, als sei ein bestimmter Inhalt entwickelt worden. An den Satz: „Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Ge¬ sinnung aus den verschiedenen Seiten des Organismus des 20 Staat s“, dürfte Hegel nicht anknüpfen: „dieser Organismus“, sondern „der Organismus ist die Entwicklung der Idee etc.“. Wenigstens gilt das, was er sagt, von jedem Organismus, und es ist kein Prädikat vorhanden, wodurch das Subjekt „diese r“ ge¬ rechtfertigt würde. Das eigentliche Resultat, wo er hin will, ist 25 zur Bestimmung des Organismus als der politischen Verfassung. Es ist aber keine Brücke geschlagen, w o - durch man aus der allgemeinen Idee des Orga¬ nismus zu der bestimmten Idee des Staats¬ organismus oder der politischen Verfassung 30 käme, und es wird in Ewigkeit keine solche Brücke geschlagen werden können. In dem Anfangssatz wird gesprochen von „den verschiedenen Seiten des Staatsorganismus“, die später als „die verschiedenen Gewalten“ bestimmt werden. Es wird also bloß gesagt: „die verschiedenen Gewalten des Staats-w Organismus“ oder „der Staatsorganismus der ver¬ schiedenen Gewalten“ ist — die „politische Ver¬ fassung“ des Staats. Nicht aus dem „Organismus“ „der Idee“, „ihren Unterschieden“ etc., sondern aus dem vorausgesetz¬ ten Begriff „verschiedene Gewalten“, „Staats Organismus“ ist 40 die Brücke zur „politischen Verfassung“ geschlagen. Der Wahrheit nach hat Hegel nichts getan, als die „politische Verfassung“ in die allgemeine abstrakte Idee des „Organismus“ aufgelöst, aber dem Schein und seiner eigenen Meinung nach hat er aus der allgemeinen Idee das Bestimmte entwickelt. Er hat zu 43
$$ 261—271 415 einem Produkt, einem Prädikat der Idee gemacht, was ihr Subjekt ist. Er entwickelt sein Denken nicht aus dem Gegenstand, sondern den Gegenstand nach einem mit sich fertig und in der abstrakten Sphäre der Logik mit sich fertig gewordenen Denken. Es handelt 5 sich nicht darum, die bestimmte Idee der politischen Verfassung zu entwickeln, sondern es handelt sich darum, der politischen Verfassung ein Verhältnis zur abstrakten Idee zu geben, sie als ein Glied ihrer Lebensgeschichte (der Idee) zu rangieren, eine offenbare Mystifikation. Eine andere Bestimmung ist, daß die io „verschiedenen Gewalten“ „durch die Natur des Begriffs bestimmt sind“ und darum „das Allgemeine sie auf notwendige Weise hervorbringt“. Die verschiedenen Gewalten sind also nicht durch ihre „eigene Natur“ bestimmt, sondern durch eine fremde. Ebenso ist die Notwendigkeit nicht aus ihrem eigenen io Wesen geschöpft, noch weniger kritisch bewiesen. Ihr Schicksal ist vielmehr prädestiniert durch die „Natur des Begriffs“, ver¬ siegelt in der santa casa (der Logik) heiligen Registern. Die Seele der Gegenstände, hier des Staats, ist fertig, prä¬ destiniert vor ihrem Körper, der eigentlich nur Schein ist. Der ■io „Begriff“ ist der Sohn in der „Idee“, dem Gott Vater, das agens, das determinierende, unterscheidende Prinzip. „Idee“ und „Be¬ griff“ sind hier verselbständigte Abstraktionen. § 270. „Daß der Zweck des Staates das allgemeine In¬ teresse als solches und darin als ihrer Substanz die Erhal- 25 tung der besonderen Interessen ist, ist 1 ) seine abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität; aber sie ist 2) seine Notwendigkeit, als sie sich in die Begriffs -Unter¬ schiede seiner Wirksamkeit dirimiert, welche durch jene Substantialität ebenso wirkliche feste Bestimmungen, jo Gewalten1) sind; 3) eben diese Substantialität ist aber der als durch die Form der Bildung hindurch¬ gegangene sich wissende und wollende Geist. Der Staat weiß daher, was er will, und weiß es in seiner Allge¬ meinheit, als Gedachtes; er wirkt und handelt des- 35 wegen nach gewußten Zwecken, gekannten Grundsätzen und nach Gesetzen, die es nicht nur an sich, sondern fürs Be¬ wußtsein sind; und ebenso, insofern seine Handlungen sich auf vorhandene Umstände und Verhältnisse beziehen, nach der bestimmten Kenntnis derselben.“ *) Von M. unterstrichen. 32e
416 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 (Die Anmerkung zu diesem Paragraphen über das Verhältnis von Staat und Kirche später.) Die Anwendung dieser logischen Kategorien verdient ein ganz spezielles Eingehen. „Daß der Zweck des Staates das allgemeine Interesse 5 als solches und darin als ihrer Substanz die Erhaltung der beson¬ deren Interessen ist, ist 1. seine abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität.“ Daß das allgemeine Interesse als solches und als Bestehen der besonderen Interessen Staatszweck ist, — ist seine Wirklichkeit, sein Bestehen, abstrakt definiert. Der 10 Staat ist nicht wirklich ohne diesen Zweck. Es ist dies das wesent¬ liche Objekt seines Wollens, aber zugleich nur eine ganz allgemeine Bestimmung dieses Objekts. Dieser Zweck als Sein ist das Element des Bestehens für den Staat. „Aber sie (die abstrakte Wirklichkeit, Substantialität) ist 15 2. seine N o t w e n d i g k e i t, als sie sich in die Begriffs - Unter¬ schiede seiner Wirksamkeit dirimiert, welche durch jene Sub¬ stantialität ebenso wirkliche feste Bestimmungen, Gewalten sind/6 Sie (die abstrakte Wirklichkeit, die Substantialität) ist seine 20 (des Staats) Notwendigkeit, als seine Wirklichkeit sich in unterschiedene Wirksamkeiten teilt, deren Unter¬ schied ein vernünftig bestimmter, die dabei feste Bestimmungen sind. Die abstrakte Wirklichkeit des Staats, die Substantialität desselben ist Notwendigkeit, in§ofêm der reine Staatszweck und 25 das reine Bestehen des Ganzen nur in dem Bestehen der unter¬ schiedenen Staatsgewalten realisiert ist. Versteht sich: die erste Bestimmung seiner Wirklichkeit war abstrakt; der Staat kann nicht als einfache Wirklichkeit, er muß als Wirksamkeit, als eine unterschiedene Wirksamkeit be- 30 trachtet werden. „Seine abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität ist seine Notwendigkeit, als sie sich in die Begriffs-Unter¬ schiede seiner Wirksamkeit dirimiert, welche durch jene Sub¬ stantialität ebenso wirkliche, feste Bestimmungen, Ge- 35 walten sind.“ Das Substantialitätsverhältnis ist Notwendigkeitsverhältnis ; d. h. die Substanz erscheint geteilt in selbständige, aber wesentlich bestimmte Wirklichkeiten oder Wirksamkeiten. Diese Abstraktionen werde ich auf jede Wirklichkeit anwenden 40 können. Insofern ich den Staat zuerst unter dem Schema der „abstrakten66, werde ich ihn nachher unter dem Schema der „kon¬ kreten Wirklichkeit66, der „Notwendigkeit66, des erfüllten Unter¬ schieds betrachten müssen. 3. „Eben diese Substantialität ist aber der als durch die Fo rm
§§ 261—271 417 der Bildung hiindurchgegangene sich wissende und wollende Geist. Derr Staat weiß daher, was er will, und weiß es in seiner Allgemeinheit, als Gedachtes; er wirkt und handelt deswegen mach gewußten Zwecken, gekannten Grund- 5 sätzen und nach Geseetzen, die es nicht nur an sich, sondern fürs Bewußtsein sind; unid ebenso, insofern seine Handlungen sich auf vorhandene Umstämde und Verhältnisse beziehen, nach der be¬ stimmten Kenntnis dierseiben.“ Übersetzen wir mun diesen ganzen Paragraphen zu deutsch io also: 1. Der sich w issende und wollende Geist ist die Substanz des Staattes; (der gebildete, selbstbewußte Geist ist das Subjekt! und das Fundament, ist die Selbständigkeit des Staats). is 2. Das allgemeine Interesse und in ihm die Erhaltung «der besonderen Interessen ist der all¬ gemeine Zweck undl Inhalt dieses Geistes, die seiende Substanz des Staates, die Staaatsnatur des sich wissenden und wollenden Geistes. 2o 3. Die Verwi rklichung dieses abstrakten Inhalts er¬ reicht der sich wisseende und wollende Geist, der selbstbewußte, gebildete Geist nur aals eine unterschiedene Wirksamkeit, als das Dasein verseIhiedener Gewalten, als eine geglie¬ derte Macht. 25 Über die Hegelscche Darstellung ist zu bemerken: a) zu Subjekt <en werden gemacht: die abstrakteWirk- lichkeit, die Notwendigkeit (oder der substantielle Unterschied), die Substantialität; also die abstrakt¬ logischen Kategorien. Zwar werden die „abstrakte 3o Wirklichkeit“ und „Notwendigkeit“, als „seine“, des Staats, Wirklichkeit und Notwendigkeit bezeichnet, allein 1. ist „sie“, „die abstrakte Wiirklichkeit“ oder „Substantialität“, seine Notwendigkeit. 2. ‘Sie ist es, „die sich in die Begriffs-Unter¬ schiede seiner Wirkssamkeit dirimiert“. Die Begriffs-Unterschiede 35 „sind durch jene Siubstantialität ebenso wirkliche, feste“ Be¬ stimmungen, Gewalten; 3. wird die „Substantialität“ nicht mehr als eine abstraikte Bestimmung des Staats, als seine Sub¬ stantialität genommœn: sie wird als solche zum Subjekt gemacht, denn es heißt schlieeßlich: „eben diese Substantialität ist 40 aber der durch die Form der Bildung hindurchgegangene, sich wissende und wollemde Geist“. b) Es wird auchi schließlich nicht gesagt: „der gebildete etc. Geist ist die Substamtialität“, sondern umgekehrt: „die Substan¬ tialität ist der gebilldete etc. Geist“. Der Geist wird also zum 43 Prädikat seines Prädlikats.
418 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 c) Die Substantialität, nachdem sie 1. als der allgemeine Staatszweck, dann 2. als die unterschiedenen Gewalten bestimmt war, wird 3. als der gebildete, sich wissende und wollende, wirkliche Geist bestimmt. Der wahre Ausgangspunkt, der sich wissende und wollende Geist, ohne welchen der „Staatszweck“ s und die „Staatsgewalten“ haltungslose Einbildungen, essenzlose, sogar unmögliche Existenzen wären, erscheint nur als das letzte Prädikat der Substantialität, die vorher schon als allge¬ meiner Zweck und als die verschiedenen Staats- gewalten bestimmt war. Wäre von dem1) wirklichen Geist io ausgegangen worden, so war der „allgemeine Zweck“ sein Inhalt, die verschiedenen Gewalten seine Weise, sich zu verwirklichen, sein reelles oder materielles Dasein, deren Bestimmtheit eben aus der Natur seines Zweckes zu entwickeln gewesen wäre. Weil aber von der „Idee“ oder der „Substanz“ als demSubiekt, dem m wirklichen Wesen ausgegangen wird, so erscheint das wirkliche Subjekt nur als letztes Prädikat des abstrakten Prädikats. Der „Staatszweck“ und die „Staatsgewalten“ werden mysti¬ fiziert, indem sie als „Daseinsweisen“ der Substanz dargestellt’) und getrennt*) ihrem wirklichen Dasein, dem „sich wissenden so und wollenden Geist, dem gebildeten Geist“ erscheinen. d) Der konkrete Inhalt, die wirkliche Bestimmung, erscheint als formell; die ganz abstrakte Formbestimmung erscheint als der konkrete Inhalt. Das Wesen der staatlichen Bestimmungen ist nicht, daß sie staatliche Bestimmungen, sondern daß sie in ihrer ss abstraktesten Gestalt als logisch-metaphysische Bestimmungen betrachtet werden können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern die Logik ist das wahre Interesse. Nicht daß das Denken sich in *) politischen Bestimmungen verkörpert, sondern daß die vorhan¬ denen politischen Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüch- 30 tigt werden, ist die philosophische Arbeit. Nicht die Logik der Sache, sondern die Sache der Logik ist das philosophische Moment. Die Logik dient nicht zum Beweis des Staats, sondern der Staat dient zum Beweis der Logik. 1. Das allgemeine Interesse und darin die Erhaltung der be- js sonderen Interessen als Staatszweck; 2. die verschiedenen Gewalten als Verwirklichung dieses Staatszwecks; 3. der gebildete, selbstbewußte, wollende und handelnde Geist als das Subjekt des Zwecks und seiner Verwirklichung, to Diese konkreten Bestimmungen sind äußerlich aufgenommen, hors d’œuvres: ihr philosophischer Sinn ist, daß der Staat in ihnen den logischen Sinn hat: A) Gestrichen selbstbewußten 2) Gestrichen werden 3) Gestrichen von *) Gestrichen rechtlichen
§§ 261—271 419 1. als abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität; 2. daß das Substantialitätsverhältnis in das Verhältnis der Notwendigkeit, der substantiellen Wirklichkeit übergeht; 3. daß die substantielle Wirklichkeit in Wahrheit Begriff, «Subjektivität ist. Mit Auslassung der konkreten Bestimmungen, welche ebenso¬ gut für eine andere Sphäre, z. B. die Physik, mit anderen kon¬ kreten Bestimmungen vertauscht werden können, also unwesent¬ lich sind, haben wir ein Kapitel der Logik vor uns. io Die Substanz1) muß „sich in Begriffs-Unterschiede dirimieren, welche durch jene Substantialität ebenso wirkliche, feste Be¬ stimmungen sind“. Dieser Satz — das Wesen gehört der Logik und ist vor der Rechtsphilosophie fertig. Daß diese Begriffs- Unterschiede hier Unterschiede „seiner (des Staats) Wirksam- is keit“ und die „festen Bestimmungen“ „Staatsgewalten“ sind, diese Parenthese gehört der Rechtsphilosophie, der politischen Empirie. So ist die ganze Rechtsphilosophie nur Parenthese zur Logik. Die Parenthese ist, wie sich von selbst versteht, nur hors d’œuvre der eigentlichen Entwicklung. Cf. zum Beispiel p. 347*) 20 [§ 270, Zusatz] : „Die Notwendigkeit besteht darin, daß das Ganze in die Be¬ griffs-Unterschiede dirimiert sei und daß dieses Dirimierte eine feste und aushaltende Bestimmtheit abgebe, die nicht totfest ist, son¬ dern in der Auflösung sich immer erzeugt.“ Cf. auch die Logik. 25 § 271. „Die politische Verfassung ist fürs erste: die Organisation des Staates und der Prozeß seines organi¬ schen Lebens in Beziehung auf sich selbst, in welcher er seine Momente innerhalb seiner selbst unter¬ scheidet und sie zum Bestehen entfaltet. so Zweitens ist er als eine Individualität ausschlie¬ ßendes Eins, welches sich damit zu Anderen verhält, seine Unterscheidung also nach außen kehrt und nach dieser Bestimmung seine bestehenden Unterschiede inner¬ halb seiner selbst in ihrer Idealität’) setzt.“ 35 Zusatz: „Der innerliche Staat als solcher ist die Zivil¬ gewalt*), die Richtung nach außen die Militär - gewalt*), die aber im Staate eine bestimmte Seite in ihm selbst ist.“ O Korr, aus Notwendigkeit 2) Bei M. irrtümlich 317. 3) Bei Hegel gesperrt. *) Von M. unterstrichen.
420 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 I. Innere Verfassung für sich § 272. „Die Verfassung ist vernünftig, insofern der Staat seine Wirksamkeit nach der Natur des Be¬ griffs in sich unterscheidet *) und bestimmt, und zwar so, daß jede dieser Gewalten selbst in sich dieTotali- 5 tat dadurch ist, daß sie die anderen Momente in sich wirk¬ sam hat und enthält, und daß sie, weil sie den Unterschied des Begriffs ausdrücken, schlechthin in seiner Idealität blei¬ ben und nur Ein individuelles Ganzes ausmachen.“ Die Verfassung ist also vernünftig, insofern seine Momente 10 in die abstrakt logischen aufgelöst werden können. Der Staat hat seine Wirksamkeit nicht nach seiner spezifischen Natur zu unter¬ scheiden und zu bestimmen, sondern nach der Natur des Begriffs, welcher das mystifizierte Mobile des abstrakten Gedankens ist. Die Vernunft der Verfassung ist also die abstrakte Logik und nicht « der Staatsbegriff. Statt des Begriffs der Verfassung erhalten wir die Verfassung des Begriffs. Der Gedanke richtet sich nicht nach der Natur des Staats, sondern der Staat nach einem fertigen Gedanken. § 273. „Der politische Staat dirimiert sich somit (wie 20 so?)’) in die substantiellen Unterschiede: a) die Gewalt, das Allgemeine zu bestimmen und fest¬ zusetzen, die gesetzgebende Gewalt; b) der Subsumption der besonderen Sphären und einzelnen Fälle unter das Allgemeine, — die Regie-25 rungsgewalt; c) der Subjektivität’) als der letzten Willens¬ entscheidung, die fürstliche Gewalt, — in der die unterschiedenen Gewalten zur individuellen Einheit zu¬ sammengefaßt sind, die also die Spitze und der Anfang des so Ganzen, — der konstitutionellen Monarchie, ist.“ Wir werden auf diese Einteilung zurückkommen, nachdem wir ihre Ausführung im besonderen geprüft. 1) Bei Hegel gesperrt. ’) Das Eingeklammerte von M. 3) Von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt 421 § 274. „Da der Geist1) nur als das wirklich1) ist, als was er sich weiß, und der Staat als Geist eines Volkes zugleich das alle seine Verhältnisse durch¬ dringende Gesetz, die Sitte und das Bewußtsein s seiner Individuen ist, so hängt die Verfassung eines be¬ stimmten Volkes überhaupt von der Weise und Bil¬ dung des Selbstbewußtseins desselben ab’); in diesem liegt seine subjektive Freiheit und damit die Wirklichkeit der Verfassung’) . . . Jedes Volk io hat deswegen die Verfassung, die ihm angemessen ist und für dasselbe gehört.“ Aus Hegels Räsonnement folgt nur, daß der Staat, worin „Weise und Bildung des Selbstbewußtseins“ und „Verfassung“ sich widersprechen, kein wahrer Staat ist. Daß die Verfassung, io welche das Produkt eines vergangenen Bewußtseins war, zur drückenden Fessel für ein fortgeschrittenes werden kann etc. etc., sind wohl Trivialitäten. Es würde vielmehr nur die Forderung einer Verfassung folgern, die in sich selbst die Bestimmung und das Prinzip hat, mit dem Bewußtsein fortzuschreiten; fort- 2» zuschreiten mit dem wirklichen Menschen, was erst möglich ist, sobald der „Mensch“ zum Prinzip der Verfassung geworden ist. Hegel hier Sophist. a) Die fürstliche Gewalt § 275. „Die fürstliche Gewalt enthält selbst die drei 2s Momente der Totalität in sich (§ 272), die Allgemein¬ heit der Verfassung und der Gesetze, die Beratung als Be¬ ziehung des Besonderen auf das Allgemeine und das Moment der letzten Entscheidung als der Selbst¬ bestimmung, in wèlche alles Übrige zurückgeht und 3o wovon es den Anfang der Wirklichkeit nimmt. Dieses absolute Selbstbestimmen macht das unterscheidende Prinzip’) der fürstlichen Gewalt als solcher aus, welches zuerst zu entwickeln ist.“ Der Anfang dieses Paragraphen heißt zunächst nichts als: 35 „die Allgemeinheit der Verfassung und der Gesetze“ sind — die M Von M. unterstrichen. ? ) Alles von M. unterstrichen.
422 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 fürstliche Gewalt. Die Beratung oder die Beziehung des Besonderen auf das Allgemeine ist — die fürstliche Gewalt. Die fürstliche Gewalt steht nicht außerhalb der Allge¬ meinheit der Verfassung und der Gesetze, sobald unter der fürst¬ lichen Gewalt die des Monarchen (konstitutionellen) ver- 5 standen ist. Was Hegel aber eigentlich will, ist nichts als daß die „All¬ gemeinheit der Verfassung und der Gesetze“ — die fürstliche Gewalt, die Souveränität des Staats ist. Es ist dann unrecht, die fürstliche Gewalt zum Subjekt zu machen und, 10 da unter fürstlicher Gewalt auch die Gewalt des Fürsten ver¬ standen werden kann, den Schein hervorzubringen, als sei er Herr dieses Moments; das Subjekt desselben. Doch wenden wir uns zunächst zu dem, was Hegel als „das unterscheidende Prinzip der fürstlichen Gewalt als solcher“« ausgibt, so ist es: „das Moment der letzten Entscheidung, als der Selbst¬ bestimmung, in welche alles Übrige zurückgeht und wovon es den Anfang der Wirklichkeit nimmt“, dieses: „absolute Selbstbestimmen“. 20 Hegel sagt hier nichts als: der wirkliche, d. h. indivi¬ duelle Wille ist die fürstliche Gewalt. So heißt es § 12: „Daß der Wille sich . . . die Form der Einzelnheit gibt [...], ist er beschließend, und nur als beschließender Wille 2s [überhaupt] ist er wirklicher1) Wille.“ Insofern dies Moment der „letzten Entscheidung“ oder der „absoluten Selbstbestimmung“ getrennt ist von der „Allgemein¬ heit“ des Inhalts und der Besonderheit der Beratung, ist es der wirkliche Wille als Willkür, oder: « „Die Willkür ist die fürstliche Gewalt“, oder die „fürst¬ liche Gewalt ist die Willkür“. § 276. „Die Grundbestimmung des politischen Staates ist die substantielle Einheit als Idealität seiner Mo¬ mente, in welcher: 3} a) die besonderen Gewalten und Geschäfte desselben ebenso aufgelöst als erhalten und nur so erhalten sind, als sie keine unabhängige, sondern allein eine solche und so¬ weit gehende Berechtigung haben, als in der Idee des Ganzen*) bestimmt ist, von seiner Macht’) aus-« O Von M. unterstrichen. 2) Alles von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt 423 gehen und flüssige Glieder desselben als ihres einfachen Selbsts sind.“ Zusatz: „Mit dieser Idealität der Momente ist es wie mit dem Leben im organischen Körper.“ s Versteht sich: Hegel spricht nur von der Idee „der besonderen Gewalten und Geschäfte“ . . . Sie sollen nur eine so weit gehende Berechtigung haben, als in der Idee des Ganzen bestimmt ist; sie sollen nur „von seiner Macht ausgehen“. Daß dies so sein soll, liegt in der Idee des Organismus. Es wäre aber eben zu ent- 10 wickeln gewesen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Denn im Staate muß bewußte Vernunft herrschen; die substantielle bloß innere und darum bloß äußere Notwendigkeit, die zu¬ fällige [..?..] *) der „Gewalten und Geschäfte“ kann nicht für das Vernünftige ausgegeben werden. is § 277. ß) „Die besonderen Geschäfte und Wirksam¬ keiten des Staats sind als die wesentlichen Momente des¬ selben ihm eigen und an die Individuen, durch welche sie gehandhabt und betätigt werden, nicht nach deren unmittelbaren Persönlichkeit, sondern nur nach ihren 20 allgemeinen und objektiven Qualitäten geknüpft und da¬ her mit der besonderen Persönlichkeit als solcher äußer¬ licher und zufälliger Weise verbunden. Die Staatsgeschäfte und Gewalten können daher nicht Privat-Eigentum sein.“ is Es versteht sich von selbst, daß, wenn besondere Geschäfte und Wirksamkeiten als Geschäfte und Wirksamkeit des Staats, als Staatsgeschäfte und Staatsgewalt be¬ zeichnet werden, sie nicht Privat-Eigentum, sondern Staats-Eigentu m sind. Das ist eine Tautologie. 3o Die Geschäfte und Wirksamkeiten des Staats sind an Indivi¬ duen geknüpft (der Staat ist nur wirksam durch Individuen), aber nicht an das Individuum als physisches, sondern als staatliches, an die Staatsqualität des Individuums. Es ist daher lächerlich, wenn Hegel sagt, sie seien „mit der 35 besonderen Persönlichkeit als solcher äußerlicher- und zufälligerweise verbunden“. Sie sind vielmehr durch ein vinculum substantiale, durch eine wesentliche Qualität desselben, mit ihm verbunden. Sie sind die natürliche Aktion seiner wesentlichen Qualität. Es kömmt dieser Unsinn dadurch io herein, daß Hegel die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten abstrakt *) Undeutliches Wort, etwa Verschränkung
424 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 für sich und im Gegensatz dazu die besondere Individualität faßt; aber er vergißt, daß die besondere Individualität eine mensch¬ liche und die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten menschliche Funktionen sind; er vergißt, daß das Wesen der „besonderen Per¬ sönlichkeit“ nicht ihr Bart, ihr Blut, ihre abstrakte Physis, son- 5 dem ihre soziale Qualität ist, und daß die Staatsgeschäfte etc. nichts als Daseins- und Wirkungsweisen der sozialen Quali¬ täten der Menschen sind. Es versteht sich also, daß die Individuen, insofern sie die Träger der Staatsgeschäfte und Gewalten sind, ihrer sozialen und nicht ihrer privaten Qualität nach betrachtet 10 werden. § 278. „Diese beiden Bestimmungen, daß die besonderen Geschäfte und Gewalten des Staats weder für sich noch in dem besonderen Willen von Individuen selbständig und fest sind, sondern in der Einheit des Staats1) als ihrem« einfachen Selbst1) ihre letzte Wurzel haben, macht die Souveränität des Staats aus.“ „Der Despotismus bezeichnet überhaupt den Zustand der Gesetzlosigkeit, wo der besondere Wille als solcher, es sei nun eines Monarchen oder eines Volks2), als Gesetz«» oder vielmehr statt des Gesetzes gilt, da hingegen die Sou¬ veränität gerade im gesetzlichen, konstitutionellen Zustande das Moment der Idealität der besonderen Sphären und Ge¬ schäfte ausmacht, daß nämlich eine solche Sphäre nicht ein Unabhängiges, in ihren Zwecken und Wirkungsweisen Selb- 2s ständiges und sich nur in sich Vertiefendes, sondern in die¬ sen Zwecken und Wirkungsweisen vom Zwecke des Ganzen (den man im allgemeinen mit einem unbestimm¬ teren Ausdruck das Wohl des Staats genannt hat) bestimmt und abhängig sei. Diese Idealität kommt auf die 3t gedoppelte Weise zur Erscheinung. — Im friedlichen Zustande gehen die besonderen Sphären und Geschäfte den Gang der Befriedigung ihrer besonderen Geschäfte’) fort, und es ist teils nur die Weise*) der bewußtlosen Not¬ wendigkeit der Sache, nach welcher ihre Selbstsucht 35 in den Beitrag zur gegenseitigen Erhaltung und zur Er- *) Alles von M. unterstrichen. 2) Bei Hegel folgt noch (Ochlokratie) 3) Bei Hegel folgt noch und Zwecke *) Bei M. versehentlich die Sache
Die fürstliche Gewalt 425 haltung des Ganzen umschlägt [. . .], teils aber ist es die direkte Einwirkung von oben, wodurch sie sowohl zu dem Zwecke des Ganzen fortdauernd zurück¬ geführt und darnach beschränkt [. . .] als angehalten « werden, zu dieser Erhaltung direkte Leistungen zu machen ; — im Zustande der Not aber, es sei innerer oder äußerlicher, ist es die Souveränität, in deren einfachen Be¬ griff der dort in seinen Besonderheiten bestehende Organis¬ mus zusammengeht und welcher die Rettung des Staats mit 10 Aufopferung dieses sonst Berechtigten anvertraut ist, wo denn jener Idealismus1) zu seiner eigentüm¬ lichen1) Wirklichkeit kommt.“ Dieser Idealismus ist also nicht entwickelt zu einem gewußten vernünftigen System. Er erscheint im friedlichen Zustande 15 entweder nur als ein äußerlicher Zwang, der der herrschenden Macht, dem Privatleben durch direkte Einwirkung von oben an¬ getan wird, oder als blindes ungewußtes Resultat der Selbst¬ sucht’). Seine „eigentümliche Wirklichkeit“ hat dieser Idealis¬ mus nur im „Kriegs- oder Notzustand“ des Staats, so daß sich 20 hier sein Wesen als „Kriegs- und Notzustand“ des wirklichen be¬ stehenden Staats ausspricht, während sein „friedlicher“ Zu¬ stand eben der Krieg und die Not der Selbstsucht ist. Die Souveränität, der Idealismus des Staats, existiert daher nur als innere Notwendigkeit, als Idee. Auch damit 2s ist Hegel zufrieden, denn es handelt sich nur um die Idee. Die Souveränität existiert also einerseits nur als bewußtlose, blinde Substanz. Wir werden sogleich ihre andere Wirk¬ lichkeit kennenlemen. § 279?) „Die Souveräni- 3o tät, zunächst nur der all¬ gemeine Gedanke dieser Idealität, existiert nur als die ihrer selbst gewisse Subjektivität und als os die abstrakte, insofern grundlose Selbstbestim- 1. Die Souveränität, zu¬ nächst nur der allgemeine Ge¬ danke dieser Idealität, exi¬ stiert nur als die ihrer selbst gewisse Subjektivität. Die Subjektivität ist in ihrer Wahrheit nur als Subjekt, die Persönlichkeit nur als Person. In der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Ver- *) Von M. unterstrichen. s) Gestrichen wo es denn sehr wohl geschieht, daß die Souveränität des Staats durch die ’) In der linken Spalte ist alles wie bei Hegel unterstrichen, in der rechten Spalte rühren die Unterstreichungen von Marx her.
426 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 mung des Willens, in wel¬ cher das Letzte der Entschei¬ dung liegt. Es ist dies das In¬ dividuelle des Staats als sol¬ ches, der selbst nur darin Einer ist. Die Subjektivität aber ist in ihrer Wahrheit nur als Subjekt, die Per¬ sönlichkeit nur als P e r s o n, und in der zur reellen Ver¬ nünftigkeit gediehenen Ver¬ fassung hat jedes der drei Momente des Begriffs seine fürsichwirkliche aus¬ gesonderte Gestaltung. Dies absolut entscheidende Mo¬ ment des Ganzen ist daher nicht die Individualität über¬ haupt' sondern Ein Indivi¬ duum, der Monarch.“ fassung hat jedes der drei Mo¬ mente des Begriffs für sich wirkliche ausgesonderte Gestal¬ tung. 2. Die Souveränität existiert 5 nur als die abstrakte, insofern grundlose Seibs fbestim- m u n g des Willens, in welcher das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das Indivi-10 duelle des Staats als solches, der selbst darin nur E i n e r ist (und in der zur reellen Vernünf¬ tigkeit gediehenen Verfassung — hat jedes der drei Momente 15 des Begriffs seine für sich wirkliche ausgesonderte Gestaltung). Dies absolut ent¬ scheidende Moment des Ganzen ist daher nicht die Indivi- 20 dualität überhaupt, sondern Ein Individuum, der Monarch. Der erste Satz heißt nichts, als daß der allgemeine Gedanke dieser Idealität, dessen traurige Existenz wir oben gesehen haben, das selbstbewußte Werk der Subjekte sein und als solches für sie 25 und in ihnen existieren müßte. Wäre Hegel von den wirklichen Subjekten als den Basen des Staates ausgegangen, so hätte er nicht nötig, auf eine mystische Weise den Staat sich versubjektivieren zu lassen. „Die Subjektivität“, sagt Hegel, „aber ist in ihrer Wahrheit nur als Subjekt, die Persönlichkeit nur als Person.“ 30 Auch dies ist eine Mystifikation. Die Subjektivität ist eine Bestim¬ mung des Subjekts, die Persönlichkeit eine Bestimmung der Per¬ son. Statt sie nur als Prädikate ihrer Subjekte zu fassen, verselb¬ ständigt Hegel die Prädikate und läßt sie hinterher auf eine mystische Weise in ihre Subjekte sich verwandeln. 35 Die Existenz der Prädikate ist das Subjekt: also das Subjekt die Existenz der Subjektivität etc. Hegel verselbständigt die Prädikate, die Objekte, aber er verselbständigt sie getrennt von ihrer wirklichen Selbständigkeit, ihrem Subjekt. Nachher er¬ scheint dann das wirkliche Subjekt als Resultat, während vom 40 wirklichen Subjekt auszugehen und seine Objektivation zu be¬ trachten ist. Zum wirklichen Subjekt wird daher die mystische Substanz, und das reelle Subjekt erscheint als ein anderes, als ein
Die fürstliche Gewalt 427 Moment der mystischen Substanz. Eben weil Hegel von den Prä¬ dikaten der allgemeinen Bestimmung statt von dem reellen Ens (vnoxeipevovSubjekt) ausgeht, und doch ein Träger dieser Be¬ stimmungen da sein muß, wird die mystische Idee dieser Träger. 5 Es ist dies der Dualismus, daß Hegel das Allgemeine nicht als das wirkliche Wesen des Wirklich-Endlichen, d. i. Existierenden, Bestimmten betrachtet oder das wirkliche Ens nicht als das wahre Subjekt des Unendlichen. So wird hier die Souveränität, das Wesen des Staats, zuerst als 10 ein selbständiges Wesen betrachtet, vergegenständlicht. Dann, versteht sich, muß dies Objektive wieder Subjekt werden. Dies Subjekt erscheint aber dann als eine Selbstverkörperung der Souveränität, während die Souveränität nichts anderes ist als der vergegenständlichte Geist der Staatssubjekte. is Abgesehen von diesem Grundmangel der Entwicklung, be¬ trachten wir diesen ersten Satz des Paragraphen. Wie er da liegt, so heißt er nichts als: die Souveränität, der Idealismus des Staats als Person, als „Subjekt“ existiert, versteht sich, als viele Per¬ sonen, viele Subjekte, da keine einzelne Person die Sphäre der so Persönlichkeit, kein einzelnes Subjekt die Sphäre der Subjektivität in sich absorbiert. Was sollte das auch für ein Staatsidealismus sein, der, statt als das wirkliche Selbstbewußtsein der Staats¬ bürger, als die gemeinsame Seele des Staats, eine Person, ein Subjekt wäre. Mehr hat Hegel auch nicht an diesem Satz ent- 25 wickelt. Aber betrachten wir nun den mit diesem Satz ver¬ schränkten zweiten Satz. Es ist Hegel darum zu tun, den Mon¬ archen als den wirklichen „Gottmenschen“, als die wirkliche Verkörperung der Idee darzustellen. „Die Souveränität. . . existiert nur ... als die abstrakte, inso- 3o fern grundlose Selbstbestimmung des Willens, in welcher das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das Individuelle des Staats als solches, der selbst nur darin Einer ist ... in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung hat jedes der drei Momente des Begriffs seine für sich wirkliche w ausgesonderte Gestaltung. Dies absolut entscheidende Moment des Ganzen ist daher nicht die Individualität überhaupt, son¬ dern Ein Individuum, der Monarch.“ Wir haben vorher schon auf den Satz aufmerksam gemacht. Das Moment des Beschließens, der willkürlichen, weil bestimm- 49 ten Entscheidung ist die fürstliche Gewalt des Willens überhaupt. Die Idee der fürstlichen Gewalt, wie sie Hegel entwickelt, ist nichts anderes, als die Idee des Will¬ kürlichen, der Entscheidung des Willens. Während Hegel aber oben die Souveränität als den Idealismus 45 des Staats, als die wirkliche Bestimmung der Teile durch die
428 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Idee des Ganzen auffaßt, macht er sie jetzt zzur „abstrakten, insofern grundlosen Selbstbestimmung dies Willens, in wel¬ cher das Letzte der Entscheidung ist. Es ist dies das Indivi¬ duelle des Staats als solches“. Vorhin wfar von der Subjek¬ tivität, jetzt ist von der Individualität die Riede. Der Staat als 5 souveräner muß Einer, Ein Individiuum sein, Indivi¬ dualität besitzen. Der Staat ist „nicht nur“ dlarin, in dieser Indi¬ vidualität Einer; die Individualität ist nur: das natürliche Moment seiner Einheit; die Naturbestiimmung des Staats. „Dies absolut entscheidende Moment ist d a Hi e r nicht die Indi- io vidualität überhaupt, sondern Ein Individuunn, der Monarch.“ Woher? Weil „jedes der drei Momente des Begriffs in der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung* seine für sich wirkliche, ausgesonderte Gestaltung“ halt. Ein Moment des Begriffs ist die „Einzelnheit“, allein dies ist noch nicht Ein In-15 d i v i d u u m. Und was sollte das auch für eiine Verfassung sein, wo die Allgemeinheit, die Besonderheit, diie Einzelnheit, jede „seine für sich wirkliche, ausgesomderte Gestaltung“ hätte? Da es sich überhaupt von keinem Akbstraktum, sondern vom Staat, von der Gesellschaft handelt, so Ucann man selbst die 20 Klassifikation Hegels annehmen. Was folgte (daraus? Der Staats¬ bürger als das Allgemeine bestimmend ist (Gesetzgeber, als das Einzelne entscheidend, als wirklich wolllend ist Fürst; was sollte das heißen: „Die Individualität des Staats¬ willens“ ist „ein Individuum“, eiin besonderes, von 25 allen unterschiedenes Individuum? Auch (die Allgemein¬ heit, die Gesetzgebung hat „eine für sich wirkliche, ausgeson¬ derte Gestaltung“. Könnte man daher schliießen: „die Gesetz¬ gebung sind diese besonderen Individuen“. Der gemeine Mann: 2. Der Monarch hat die sou¬ veräne Gewalt, die Souverä¬ nität. 3. Die Souveränität tut, was sie will. JHegel: 30 2. Die Souveränität des Staats ist cd er Monarch. 3. Die Souveränität ist „die abstrakte, insofern grundlose Selbstbestimmung des 3s Willens, im welcher das Letzte der Entscheeidung liegt“. Alle Attribute des konstitutionellen Momarchen im jetzigen J Europa macht Hegel zu absoluten Selbstbestinnmungen des Wil¬ lens. Er sagt nicht: der Wille des Monarchcen ist die letzte Ent- 40 Scheidung, sondern: die letzte Entscheidung dœs Willens ist — der Monarch. Der erste Satz ist empirisch, der zweite verdreht die empirische Tatsache in ein metaphysisches A>xiom.
Die fürstliche Gewalt 429 Hegel verschränlkt die beiden Subjekte, die Souveränität „als die ihrer selbst gewiisse Subjektivität“ und die Souveränität „als die grundlose Selbstbestimmung des Willens, als den indi¬ viduellen Willen“ (durcheinander, um die „Idee“ als „E i n Indi- « viduum“ herauszukionstruieren. Es versteht sich,, daß diese selbstgewisse Subjektivität auch wirklich wollen,, auch als Einheit, als Individuum wollen muß. Wer hat aber auch je bezweifelt, daß der Staat durch Individuen handelt? Wollte Htegel entwickeln: Der Staat muß ein Indivi- 10 duum als Repräsenttanten seiner individuellen Einheit haben, so brachte er den M onarchen nicht heraus. Wir halten als positives Resultat dieses Paragraphen nur fest: Der Monarch ist im Staate das Moment des indivi¬ duellen Willems, der grundlosen Selbstbestimmung, der is Willkür. Die Anmerkung Hegels zu diesem Paragraphen ist so merk¬ würdig, daß wir sie: näher beleuchten müssen. „Die immanentte Entwicklung einer Wissenschaft, die Ableitung ih res ganzen Inhalts aus dem ein- 2o fachen Begriffe [...] zeigt das Eigentümliche, daß der eine und derselbe Begriff, hier der Wille1)» der anfangs, weil es der Anfanig ist, abstrakt ist, sich erhält, aber seine Bestimmungen, umd zwar ebenso nur durch sich selbst, ver¬ dichtet und auf diese Weise einen konkreten Inhalt gewinnt. so So ist es das Grumdmoment der zuerst im unmittelbaren Rechte abstrakten Persönlichkeit, welches sich durch seine verschiedenen Foirmen von Subjektivität fortgebildet hat und hier im absoluten Rechte, dem Staate, der vollkommen konkreten Objektivität des Willens, die Persönlich- 3«keit des S t a a. t s ist, seine Gewißheit seiner selbst — dieses; Letzte, was alle Besonderheiten in dem einfachen Selbst ;aufhebt, das Abwägen der Gründe und Gegengründe, zwischen denen sich immer herüber und hin¬ über schwanken Uäßt, abbricht und sie durch das: Ich 35 will, beschlie:ßt und alle Handlung und Wirklichkeit anfängt.“ Zunächst ist es niicht die „Eigentümlichkeit der Wissenschaft“, daß der Fundamentralbegriff der Sache immer wiederkehrt. x) Von M. unterstrichien. Marx-Engels-Gesamtausgaboe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 33
430 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Dann hat aber auch kein Fortschritt stattgefunden. Die abstrakte Persönlichkeit war das Subjekt des abstrak¬ ten Rechts: sie hat sich nicht verändert: sie ist wieder als ab¬ strakte Persönlichkeit die Persönlichkeit des Staats. Hegel hätte sich nicht darüber verwundern sollen, daß 5 die wirkliche Person — und die Personen machen den Staat — überall als sein Wesen wiederkehrt. Er hätte sich über das Gegenteil wundem müssen, noch mehr aber darüber, daß die Person als Staatsperson in derselben dürftigen Abstraktion wiederkehrt wie die Person des Privatrechts. 10 Hegel definiert hier den Monarchen als „die Persönlichkeit des Staats, seine Gewißheit seiner selbst“. Der Monarch ist die „per¬ sonifizierte Souveränität“, die „menschgewordene Souveränität“, das leibliche Staatsbewußtsein, wodurch also alle anderen von dieser Souveränität und von der Persönlichkeit und vom Staats-1$ bewußtsein ausgeschlossen sind. Zugleich weiß aber Hegel dieser „Souveraineté Personne“ keinen anderen Inhalt zu geben als das „Ich will“, das Moment der Willkür im Willen. Die „Staats- vemunft“ und das „Staatsbewußtsein“ ist eine „einzige“ empi¬ rische Person mit Ausschluß aller anderen, aber diese personi- 29 fizierte Vernunft hat keinen anderen Inhalt als die Abstraktion des „Ich will“. L’Etat c’est moi. „Die Persönlichkeit und die Subjektivität überhaupt hat aber ferner1), als unendliches sich auf sich Beziehendes, schlechthin nur Wahrheit, und zwar seine nächste un- 2; mittelbare Wahrheit als Person, für sich seiendes Subjekt, und das für sich Seiende ist ebenso schlechthin Eines.“ Es versteht sich von selbst, da Persönlichkeit und Subjektivität nur Prädikate der Person und des Subjekts sind, so existieren sie nur als Person und Subjekt, und zwar ist die Person Eins. Aber, « mußte Hegel fortfahren, das Eins hat schlechthin nur Wahr¬ heit als viele Eins. Das Prädikat, das Wesen erschöpft die Sphären seiner Existenz nie in einem Eins, sondern in den vielen Eins. Statt dessen schließt Hegel: 3, „Die Persönlichkeit des Staats ist nur als eine Person, der Monarch, wirklich.“ Also weil die Subjektivität nur als Subjekt und jedes Subjekt nur als Eins, ist die Persönlichkeit des Staats nur als eine Person wirklich. Ein schöner Schluß. Hegel könnte ebensogut schließen: * O Von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt 431 weil der einzelne Mensch ein Eins ist, ist die Menschengattung nur ein einziger Mensch. „Persönlichkeit drückt den Begriff als solchen aus, die Person enthält zugleich1) die Wirklichkeit desselben, 5 und der Begriff ist nur mit dieser Bestimmung Idee, Wahrheit.“ Die Persönlichkeit ist allerdings nur eine Abstraktion ohne die Person, aber die Person ist nur die wirkliche Idee der Per¬ sönlichkeit in ihrem Gattungsdasein, als die Personen. 10 „Eine sogenannte moralische Person, Gesellschaft, Gemeinde, Familie, so konkret sie in sich ist, hat die Per¬ sönlichkeit nur als Moment, abstrakt in ihr; sie ist darin nicht zur Wahrheit ihrer Existenz gekommen, der Staat aber ist eben diese Totalität, in welcher die Momente des Be- is griffs zur Wirklichkeit nach ihrer eigentümlichen Wahrheit gelangen.“ Es herrscht eine große Konfusion in diesem Satze. Die moralische Person, Gesellschaft etc. wird abstrakt genannt, also eben die Gattungsgestaltungen, in welchen die wirkliche m P 6 T 8 o n ihren wirklichen Inhalt zum Dasein bringt, sich ver- objektiviert und die Abstraktion der „Person quand même“ auf¬ gibt. Statt diese Verwirklichung der Person als das Kon¬ kreteste anzuerkennen, soll der Staat den Vorzug haben, daß „das Moment des Begriffs“, die „Einzelnheit“ zu einem mystischen 25 „Dasein“ gelangt. Das Vernünftige besteht nicht darin, daß die Vernunft der wirklichen Person, sondern darin, daß die Momente des abstrakten Begriffs zur Wirklichkeit gelangen. „Der Begriff des Monarchen ist deswegen der schwerste Begriff für das Räsonnement, d. h. für die reflektierende so Verstandesbetrachtung, weil es in den vereinzelten Bestim¬ mungen stehen bleibt und darum dann auch nur Gründe, endliche Gesichtspunkte und das Ableiten aus Gründen kennt. So stellt es dann die Würde des Monarchen als etwas nicht nur der Form, sondern ihrer Bestimmung nach Ab- 3s geleitetes dar; vielmehr ist sein Begriff, nicht ein Abge¬ leitetes, sondern das schlechthin aus sich An- M Von M. unterstrichen. 33e
432 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 fangende zu sein. Am nächsten (freilich!)1) trifft daher hiermit die Vorstellung zu, das Recht des Monarchen als auf göttliche Autorität gegründet zu betrachten, denn darin ist das Unbedingte desselben enthalten.“ „Schlechthin aus sich anfangend“ ist in gewissem Sinne jedes æ notwendige Dasein; in dieser Hinsicht die Laus des Monarchen so gut als der Monarch. Hegel hatte damit also nicht Besonderes über den Monarchen gesagt. Soll aber etwas von allen übrigen Objekten der Wissenschaft und der Rechtsphilosophie spezifisch Verschiedenes vom Monarchen gelten, so ist das eine wirkliche 10 Narrheit; bloß insofern richtig, als die „eine Person-Idee“ aller¬ dings etwas nur aus der Imagination und nicht aus dem Verstände Abzuleitendes ist. „Volks-Souveränität kann in dem Sinn gesagt werden, daß ein Volk überhaupt nach außen ein Selb- is ständiges sei und einen eigenen Staat ausmache“ etc. Das ist eine Trivialität. Wenn der Fürst die „wirkliche Staats¬ souveränität ist, so muß auch nach außen „der Fürst“ für einen „selbständigen Staat“ gelten können, auch ohne das Volk. Ist er aber souverän, insofern er die Volkseinheit repräsentiert, so ist 20 er also selbst nur Repräsentant, Symbol der Volkssouveränität. Die Volkssouveränität ist nicht durch ihn, sondern umgekehrt er durch sie. „Man kann so auch von der Souveränität nach innen sagen, daß sie im Volke2) residiere, wenn man nur 2« überhaupt vom Ganzen spricht, ganz so wie vorhin (§ 277, 278) gezeigt ist, daß dem Staate Souveränität zukomme.“ Als wäre nicht das Volk der wirkliche Staat. Der Staat ist ein Abstraktum. Das Volk allein ist das Konkretum. Und es ist so merkwürdig, daß Hegel, der ohne Bedenken dem Abstraktum, nur mit Bedenken und Klauseln dem Konkretum eine lebendige Qualität wie die der Souveränität beilegt. „Aber Volks-Souveränität, als im Gegensatz gegen die im Monarchen existierende Souverän!-« tät genommen, ist der gewöhnliche Sinn, in welchem man in neueren Zeiten von Volkssouveränität zu sprechen x) Das Eingeklammerte von M. ’) Bei Hegel gesperrt.
Die fürstliche Gewalt 433 angefangen hat — in diesem Gegensätze gehört die Volks¬ souveränität zu den verworrenen Gedanken, denen die wüste Vorstellung des Volkes zugrunde Hegt.“ Die „verworrenen Gedanken“ und die „w ü s t e Vorstellung“ s befindet sich hier allein auf der Seite Hegels. Allerdings: wenn die Souveränität im Monarchen existiert, so ist es eine Narr¬ heit, von einer gegensätzlichen Souveränität im Volke zu sprechen; denn es liegt im Begriff der Souveränität, daß sie keine doppelte und gar entgegengesetzte Existenz haben kann. Aber: 10 1. ist gerade die Frage: ist die Souveränität, die im Monarchen absolut ist, nicht eine Illusion? Souveränität des Monarchen oder des Volkes, das ist die question; 2. kann auch von einer Souveränität des Volkes im Gegen¬ satz gegen die im Monarchen existierende Sou- »veränität gesprochen werden. Aber dann handelt es sich nicht um eine und dieselbe Souveränität, die auf zwei Seiten entstanden, sondern es handelt sich um zwei ganz ent¬ gegengesetzte Begriffe der Souveränität, von denen die eine1) eine solche ist, die in einem Monarchen, die 20 andere eine solche, die nur in einem Volke zur Existenz kom¬ men kann. Ebenso wie es sich fragt: Ist Gott’) der Souverän, oder ist der Mensch der Souverän. Eine von beiden ist eine Un¬ wahrheit, wenn auch eine existierende Unwahrheit. „Das’) Volk, ohne seinen Monarchen und die eben 25 d a m i t *) notwendig und unmittelbar zusammenhängende Gegliederung des Ganzen genommen, ist die formlose Masse, die kein Staat mehr ist und der keine der Be¬ stimmungen, die nur in dem in sich geformten Gan¬ zen vorhanden sind, — Souveränität, Regierung, Gerichte, io Obrigkeit, Stände und was es sei, mehr zukommt. Damit, daß solche auf eine Organisation, das Staatsleben, sich be¬ ziehende Momente in einem Volke hervortreten, hört es auf, dies unbestimmte Abstraktum zu sein, das in der bloß all¬ gemeinen Vorstellung Volk ’) heißt.“ 3i Dies Ganze eine Tautologie. Wenn ein Volk einen Monarchen und eine mit ihm notwendig und unmittelbar zusammenhängende Gliederung hat, d. h. wenn es als Monarchie gegliedert ist, so ist es allerdings, aus dieser Gliederung herausgenommen, eine form¬ lose Masse und bloß allgemeine Vorstellung. 0 Gestrichen die illusoL . .] 3) Bei Hegel gesperrt. ’) Korr, aus Christus *) Von M. unterstrichen.
434 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 „Wird unter der Volks-Souveränität die Form der R e - publik und zwar bestimmter der Demokratie verstanden, [. ..] so [.. .] kann gegen die entwickelte Idee nicht mehr von solcher Vorstellung die Rede sein.“ Das ist allerdings richtig, wenn man nur eine „solche Vor- s Stellung“ und keine „entwickelte Idee“ von der Demokratie hat. Die Demokratie ist die Wahrheit der Monarchie, die Monarchie ist nicht die Wahrheit der Demokratie. Die Monarchie ist not¬ wendig Demokratie als Inkonsequenz gegen sich selbst, das mon¬ archische Moment ist keine Inkonsequenz in der Demokratie. Die w Monarchie kann nicht, die Demokratie kann aus sich selbst be¬ griffen werden. In der Demokratie erlangt keines der Momente eine andere Bedeutung, als ihm zukommt. Jedes ist wirklich nur Moment des ganzen Demos. In der Monarchie bestimmt ein Teil den Charakter des Ganzen. Die ganze Verfassung muß sich nach « dem festen Punkt modifizieren. Die Demokratie ist die Ver¬ fassungsgattung. Die Monarchie ist eine Art, und zwar eine schlechte Art. Die Demokratie ist „Inhalt und Form“. Die Mon¬ archie soll nur Form sein, aber sie verfälscht den Inhalt. In der Monarchie ist das Ganze, das Volk, unter eine seiner « Daseinsweisen, die politische Verfassung, subsumiert; in der De¬ mokratie erscheint die Verfassung selbst nur als eine Bestimmung, und zwar Selbstbestimmung des Volkes. In der Monarchie haben wir das Volk der Verfassung; in der Demokratie die Verfassung des Volks. Die Demokratie ist das aufgelöste w Rätsel aller Verfassungen. Hier ist die Verfassung nicht nur an sich, dem Wesen nach, sondern der Existenz, der Wirk¬ lichkeit nach in ihren wirklichen Grund, den wirklichen Menschen, das wirkliche Volk, stets zuriickgeführt und als sein eigenes Werk gesetzt. Die Verfassung erscheint als« das, was sie ist, freies Produkt des Menschen; man könnte sagen, daß dies in gewisser Beziehung auch von der konstitutionellen Monarchie gelte, allein der spezifische Unterschied der Demo¬ kratie ist, daß hier die Verfassung überhaupt nur ein Da¬ seinsmoment des Volkes, daß nicht die politische Verfas-w s u n g für sich den Staat bildet. Hegel geht vom Staate aus und macht den Menschen zum ver- subjektivierten Staat; die Demokratie geht vom Menschen aus und macht den Staat zum verobjektivierten Menschen. Wie die Reli¬ gion nicht den Menschen, sondern wie der Mensch die Religion « schafft, so schafft nicht die Verfassung das Volk, sondern das Volk die Verfassung. Die Demokratie verhält sich in gewisser Hinsicht zu allen übrigenStaatsformen,wie dasChristentum sich zu allen übrigen Religionen verhält. Das Christentum ist die Religion
Die fürstliche Gewalt 435 xar ^o%T]vt das Wesen der Religion, der deifizierte Mensch als eine besondere Religion. So ist die Demokratie das Wesen aller Staatsverf assung, der sozialisierte Mensch, als eine besondere Staatsverfassung; sie verhält sich zu den 5 übrigen Verfassungen, wie die Gattung sich zu ihren Arten ver¬ hält; nur daß hier die Gattung selbst als Existenz, darum gegen¬ über den dem Wesen nicht entsprechenden Existenzen selbst als eine besondere Art erscheint. Die Demokratie verhält sich zu allen übrigen Staatsformen als ihrem alten Testament. Der 10 Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Gesetz ist des Men¬ schen wegen da, es ist menschliches Dasein, während in den anderen der Mensch das gesetzliche Dasein ist. Das ist die Grunddifferenz der Demokratie. Alle übrigen Staatsbildungen sind eine gewisse, be- is stimmte, besondere Staatsform. In der Demokratie ist das formelle Prinzip zugleich das materielle Prinzip. Sie ist daher erst die wahre Einheit des Allgemeinen und Be¬ sonderen. In der Monarchie z. B., in der Republik als einer nur besonderen Staatsform hat der politische Mensch sein besonderes to Dasein neben dem unpolitischen, dem Privatmenschen. Das Eigen¬ tum, der Vertrag, die Ehe, die bürgerliche Gesellschaft erscheinen hier (wie dies Hegel für diese abstrakten Staatsformen ganz richtig entwickelt, nur daß er die Idee des Staats zu entwickeln meint) als besondere Daseinsweisen neben dem politi- ts sehen Staat, als der Inhalt, zu dem sich der politische Staat als die organisierende Form verhält, eigentlich nur als der bestimmende, beschränkende, bald bejahende, bald ver¬ neinende, in sich selbst inhaltslose Verstand. In der Demokratie ist der politische Staat, so wie er sich neben diesen Inhalt stellt so und von ihm unterscheidet, selbst nur ein besonderer Inhalt wie eine besondere Daseinsform des Volks. In der Monarchie z. B. hat dies Besondere, die politische Verfassung, die Bedeutung des alles Besonderen beherrschenden und bestimmender Allge¬ meinen. In der Demokratie ist der Staat als Besonderes nur 3s Besonderes, als Allgemeines das wirkliche Allgemeine, d. h. keine Bestimmtheit im Unterschied zu dem anderen Inhalt. Die neueren Franzosen haben dies so auf gefaßt, daß in der wahren Demokratie der politische Staat untergehe. Dies ist insofern rich¬ tig, als er qua politischer Staat, als Verfassung, nicht mehr für so das Ganze gilt. In allen von der Demokratie unterschiedenen Staaten ist der Staat, das Gesetz, die Verfassung das Herrschende, ohne daß er wirklich herrschte, d. h. den Inhalt der übrigen nicht poli¬ tischen Sphären materiell durchdringe. In der Demokratie ist die ss Verfassung, das Gesetz, der Staat selbst nur eine Selbstbestim¬
436 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Uber $5 261—313 mung des Volks, ein bestimmter Inhalt desselben, soweit er poli¬ tische Verfassung ist. Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Staatsformen z u ihrer Wahrheit die Demokratie haben und daher eben, soweit sie nicht die Demokratie sind, unwahr sind. s In den alten Staaten bildet der politische Staat den Staats¬ inhalt mit Ausschließung der anderen Sphären; der moderne Staat ist eine Akkomodation zwischen dem politischen und dem un¬ politischen Staat. In der Demokratie hat der abstrakte Staat aufgehört, dasro herrschende Moment zu sein. Der Streit zwischen1) Monarchie und Republik ist selbst noch ein Streit innerhalb des abstrakten Staats. Die politische Republik ist die Demokratie innerhalb der abstrakten Staatsform. Die abstrakte Staatsform der Demo¬ kratie ist daher die Republik; sie hört hier aber auf, die nur« politische Verfassung zu sein. Das Eigentum etc., kurz der ganze Inhalt des Rechts und des Staats, ist mit wenigen Modifikationen in Nordamerika dasselbe wie in Preußen. Dort ist also die Republik eine bloße Staats- f o r m wie hier die Monarchie. Der Inhalt des Staats liegt außer- 20 halb dieser Verfassungen. Hegel hat daher recht, wenn er sagt: der politische Staat ist die Verfassung, d. h. der materielle Staat ist nicht politisch. Es findet hier nur eine äußere Identität, eine Wechselbestimmung statt. Von den verschiedenen Momenten des Volkslebens war es am schwersten, den politischen Staat, die Ver- u fassung, herauszubilden. Sie entwickelte sich als die allgemeine Vernunft gegenüber den anderen Sphären, als ein Jenseitiges der¬ selben. Die geschichtliche Aufgabe bestand dann in ihrer Revindikation, aber die besonderen Sphären haben dabei nicht das Bewußtsein, daß ihr privates Wesen mit dem jenseitigen Wesen 30 der Verfassung oder des politischen Staates fällt, und daß sein jenseitiges Dasein nichts anderes als der Affirmativ ihrer eigenen Entfremdung ist. Die politische Verfassung war bisher die religiöse Sphäre, die Religion des Volkslebens, der Himmel seiner Allgemeinheit gegenüber dem irdischen 35 Dasein seiner Wirklichkeit. Die politische Sphäre war die ein¬ zige Staatssphäre im Staat, die einzige Sphäre, worin der Inhalt wie die Form Gattungsinhalt, das wahrhaft Allgemeine war, aber zugleich so, daß, derweil diese Sphäre den anderen gegenüberstand, auch ihr Inhalt zu einem formellen und besonderen wurde. Das « politische Leben im modernen Sinn ist der Scholasti¬ zismus des Volkslebens. Die Monarchie ist der vollendete Ausdruck dieser Entfremdung. Die Republik ist die Negation derselben innerhalb ihrer eigenen Sphäre. Es versteht sich, daß x) Gestrichen Aristokratie und Demokratie
Die fürstliche Gewalt 437 da erst die politische Verfassung als solche ausgebildet ist, wo die Privatsphären eine selbständige Existenz erlangt haben. Wo Han¬ del und Grundeigentum unfrei, noch nicht verselbständigt sind, ist es auch noch nicht die politische Verfassung. Das Mittelalter war * die Demokratie der Unfreiheit. Die Abstraktion des Staats als solchen gehört erst der modernen Zeit, weil die Abstraktion des Privatlebens erst der modernen Zeit gehört. Die Abstraktion des politischen Staats ist ein modernes Produkt. jo Im Mittelalter gab es Leibeigene, Feudalgut, Gewerbe-Korpo¬ ration, Gelehrten-Korporation etc., d. h. im Mittelalter ist Eigen¬ tum, Handel, Sozietät, Mensch politisch, der materielle Inhalt des Staates ist durch seine Form gesetzt, jede Privatsphäre hat einen politischen Charakter oder ist eine politische Sphäre, oder JO die Politik ist auch der Charakter der Privatsphären. Im Mittel- alter ist die politische Verfassung die Verfassung des Privateigen¬ tums, aber nur, weil die Verfassung des Privateigentums poli¬ tische Verfassung ist. Im Mittelalter ist Volksleben und Staats¬ leben identisch. Der Mensch ist das wirkliche Prinzip des Staats, 20 aber der unfreie Mensch. Es ist also die Demokratie der Unfreiheit, die durchgeführte Entfremdung. Der abstrakte reflektierte Gegensatz gehört erst der modernen Welt. Das Mittel- alter ist der wirkliche, die moderne Zeit ist abstrakter Dualismus. 25 „Auf der vorhin bemerkten Stufe, auf welcher die Ein¬ teilung der Verfassungen in Demokratie, Aristokratie und Monarchie gemacht worden ist, dem Standpunkte der noch in sich bleibenden substantiellen Einheit, die noch nicht zu ihrer unendlichen Unter- joscheidung und Vertiefung in sich1) gekommen ist, tritt das Moment der letzten sich selbst be¬ stimmenden Willensentscheidung nicht als immanentes organisches Moment des Staats für sich in eigentümliche Wirklichkeit heraus.“ 3s In der unmittelbaren Monarchie, Demokratie, Aristokratie gibt es noch keine politische Verfassung im Unterschied zu dem wirk¬ lichen, materiellen Staat oder dem übrigen Inhalt des Volks¬ lebens. Der politische Staat erscheint noch nicht als die Form des materiellen Staates. Entweder ist, wie in Griechenland, die res to publica die wirkliche Privatangelegenheit, der wirkliche Inhalt der Bürger, und der Privatmensch ist Sklave; der politische Staat x) Alles von M. unterstrichen.
438 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 als politischer ist der wahre einzige Inhalt ihres Lebens und Wollens; oder wie in der asiatischen Despotie, der politische Staat ist nichts als die Privatwillkür eines einzelnen Individuums oder der politische Staat, wie der materielle, ist Sklave. Der Unter¬ schied des modernen Staats von diesen Staaten der substantiellen « Einheit zwischen Volk und Staat besteht nicht darin, daß die verschiedenen Staaten als Verfassung zu besonderer Wirk¬ lichkeit ausgebildet sind, wie Hegel will, sondern darin, daß die Verfassung selbst zu einer besonderen Wirklichkeit neben dem wirklichen Volksleben ausgebildet ist, daß der politische io Staat zur Verfassung des übrigen Staats geworden ist. § 280. „Dieses letzte Selbst des Staatswillens ist in die¬ ser seiner Abstraktion einfach und daher unmittelbare Einzelnheit; in seinem Begriffe selbst liegt hiermit die Be¬ stimmung der Natürlichkeit; der Monarch ist da- « her wesentlich als dieses Individuum, abstrahiert von allem anderen Inhalte, und dieses Individuum auf unmittel¬ bare natürliche Weise, durch die natürliche Geburt, zur Würde des Monarchen bestimmt.“ Wir haben schon gehört, daß die Subjektivität Subjekt und das za Subjekt notwendig empirisches Individuum, Eins ist. Wir er¬ fahren jetzt, daß im Begriff der unmittelbaren Einzelnheit die Bestimmung der Natürlichkeit, der Leiblichkeit liegt. Hegel hat nichts bewiesen, als was von selbst spricht, daß die Sub¬ jektivität nur als leibliches Individuum existiert, und, zs versteht sich, zum leiblichen Individuum gehört die natürliche Geburt. Hegel meint, bewiesen zu haben, daß die Staatssubjektivität, die Souveränität, der Monarch „wesentlich“ ist, „als dieses Individuum, abstrahiert von allem anderen Inhalt, und dieses In- st dividuum, auf unmittelbare natürliche Weise, durch die natür¬ liche Geburt zur Würde des Monarchen bestimmt.“ Die Sou¬ veränität, die monarchische Würde, würde also geboren. Der Leib des Monarchen bestimmte seine Würde. Auf der höchsten Spitze des Staats entschied also statt der Vernunft1) die bloße« Physis. Die Geburt bestimmte die Qualität des Monarchen, wie sie die Qualität des Viehs bestimmt. Hegel hat bewiesen, daß der Monarch geboren werden muß, woran niemand zweifelt, aber er hat nicht bewiesen, daß die Ge¬ burt zum Monarchen macht. io Die Geburt des Menschen zum Monarchen läßt sich ebenso¬ wenig zu einer metaphysischen Wahrheit machen wie die unbe- x) Gestrichen die Natur
Die fürstliche Gewalt 439 fleckte Empfängnis der Mutter Maria. So gut sich aber die letztere Vorstellung, dies Faktum des Bewußtseins, so gut läßt sich jenes Faktum der Empirie aus der menschlichen Illusion und den Ver¬ hältnissen begreifen. « In der Anmerkung, die wir näher betrachten, überläßt sich Hegel dem Vergnügen, das Unvernünftige1) als absolut ver¬ nünftig demonstriert zu haben. „Dieser Übergang vom Begriff der reinen Selbstbestim¬ mung in die Unmittelbarkeit des Seins und damit in die 10 Natürlichkeit ist rein spekulativer Natur; seine Erkenntnis gehört daher der logischen Philosophie an.“ Allerdings ist das rein spekulativ, nicht daß aus der reinen Selbstbestimmung, einer Abstraktion, in die reine Natürlichkeit (den Zufall der Geburt), in das andere Extrem übergesprungen u wird, car les extrêmes se touchent. Das Spekulative besteht darin, daß ein „Übergang des Begriffs“ gemeint und der vollkommene Widerspruch als Identität, die höchste Inkonsequenz für Kon¬ sequenz ausgegeben wird. Als positives Bekenntnis Hegels kann angesehen werden, daß to mit dem erblichen Monarchen an die Stelle der sich selbst bestim¬ menden Vernunft die abstrakte Naturbestimmtheit nicht als das, was sie ist, als Naturbestimmtheit, sondern als höchste Bestim¬ mung des Staats tritt, daß dies der positive Punkt ist, wo die Monarchie den Schein nicht mehr retten kann, die Organisation 25 des vernünftigen Willens zu sein. „Es ist übrigens im Ganzen derselbe (?)’) Über¬ gang, welcher als die Natur des Willens über¬ haupt’) bekannt und der Prozeß ist, einen Inhalt aus der Subjektivität (als vorgestellten Zweck) in das Dasein zu m übersetzen [. . .]. Aber die eigentümliche’) Form der Idee und des Übergangs, der hier betrachtet wird, ist das unmittelbare Umschlagen der reinen Selbstbestimmung des Willens’) (des ein¬ fachen Begriffes selbst)’) in ein Dieses und 3s natürliches Dasein, ohne die Vermittlung durch einen b e - sonderen Inhalt (einen Zweck im Handeln).“ Hegel sagt, daß das Umschlagen der Souveränität des Staates (einer Selbstbestimmung des Willens) in den Körper des ge- O Korr, aus Unbegreifliche 2) Unterstreichung und Fragezeichen von M, 8) Alles von M. unterstrichen.
440 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 borenen Monarchen (in das Dasein) im Ganzen der Übergang des Inhalts überhaupt ist, den der Wille macht, um einen ge¬ dachten Zweck zu verwirklichen, ins Dasein zu über¬ setzen. Aber Hegel sagt: im Ganzen. Der eigentümliche Unterschied, den er angibt, ist so eigentümlich, alle Analogie auf- « zuheben, und die Magie an die Stelle der „Natur des Willens überhaupt“ zu setzen. Erstens ist das Umschlagen des vorgestellten Zwecks in das Dasein hier unmittelbar, magisch. Zweitens ist hier das Subjekt: die reine Selbstbestimmung des Willens, io der einfache Begriff selbst; es ist das Wesen des Willens, was als mystisches Subjekt bestimmt, es ist kein wirk¬ liches, individuelles, bewußtes Wollen, es ist die Abstraktion des Willens, die in ein natürliches Dasein umschlägt, die reine Idee, die sich als ein Individuum verkörpert. is Drittens, wie die Verwirklichung des Wollens in natürliches Dasein unmittelbar, d. h. ohne Mittel, geschieht, die sonst der Wille bedarf, um sich zu vergegenständlichen, so fehlt sogar ein besonderer, d. i. bestimmter Zweck, es findet nicht statt „die Vermittlung durch einen besonderen Inhalt, einen 20 Zweck im Handeln“, versteht sich, denn es ist kein handeln¬ des Subjekt vorhanden, und die Abstraktion, die reine Idee des Willens, um zu handeln, muß sie mystisch handeln. Ein Zweck, der kein besonderer ist, ist kein Zweck, wie ein Handeln ohne Zweck ein zweckloses, sinnloses Handeln ist. Die ganze Ver- 25 gleichung mit dem teleologischen Akt des Willens gesteht sich also zu guter Letzt selbst als eine Mystifikation und ein inhalts¬ loses Handeln der Idee. Das Mittel ist der absolute Wille und das Wort des Philo¬ sophen: der besondere Zweck ist wieder der Zweck des philo- at sophierenden Subjekts, den erblichen Monarchen aus der reinen Idee zu konstruieren. Die Verwirklichung des Zwecks ist die einfache Versicherung Hegels. „Im sogenannten ontologischen Beweise vom Dasein Gottes1) ist es dasselbe Umschlagen des absoluten« Begriffs in das Sein (dieselbe Mystifikation)’), was die Tiefe der Idee in der neueren Zeit ausgemacht hat, was aber in der neuesten Zeit für das Unbegreifliche (mit Recht)’) ausgegeben worden ist.“ „Aber indem die Vorstellung des Monarchen als dem ge-ao wohnlichen (sc. dem verständigen)’) Bewußtsein ganz an- 9 Dasein Gottes bei Hegel gesperrt. 2) Das Eingeklammerte von M.
Die fürstliche Gewalt 441 heimfallend angesehen wird, so bleibt hier um so mehr der Verstand bei seiner Trennung und den daraus fließenden Ergebnissen seiner räsonnierenden Gescheutheit stehen und leugnet dann, daß das Moment der letzten Entscheidung s im Staate an und für sich (d. i. im Vemunftbegriff) mit der unmittelbaren Natürlichkeit verbunden sei.“ Man leugnet, daß die letzte Entscheidung geboren werde, und Hegel behauptet, daß der Monarch die geborene letzte Entscheidung sei; aber wer hat je gezweifelt, daß die letzte Ent- 10 Scheidung im Staate an wirkliche leibliche Individuen ge¬ knüpft sei, also „mit der unmittelbaren Natürlichkeit verbunden“ sei? § 281. „Beide Momente in ihrer ungetrennten Einheit, das letzte, grundlose Selbst des Willens und die damit eben- u so grundlose Existenz als der Natur anheimgestellte Be¬ stimmung — diese Idee des von der Willkür Unbeweg¬ ten macht die Majestät des Monarchen aus. In dieser Einheit liegt die wirkliche Einheit des Staats, welche nur durch diese ihre innere und äußere Unmittelbar- m keit der Möglichkeit, in die Sphäre der Besonder¬ heit, deren Willkür, Zwecke und Ansichten herabgezogen zu werden, dem Kampf der Faktionen gegen Faktionen um den Thron, und der Schwächung und Zertrümmerung der Staatsgewalt entnommen ist.“ u Die beiden Momente sind : der Zufall des Willens, die Willkür, und der Zufallder Natur, die Geburt, also Seine Majestät der Zufall. Der Zufall ist also die wirkliche Einheit des Staats. Inwiefern eine „innere und äußere Unmittelbarkeit“ der Kol- so lision etc. entnommen sein soll, ist von Hegel eine unbegreifliche Behauptung, da gerade sie das Preisgegebene ist. Was Hegel vom Wahlreich behauptet, gilt in noch höherem Maße vom erblichen Monarchen: „Die Verfassung wird nämlich in einem Wahlreich durch u die Natur des Verhältnisses, daß in ihm der partikuläre Wille zum letzten Entscheidenden gemacht ist, zu einer Wahl1)-Kapitulation“ etc. etc. „zu einer Ergebung der Staatsgewalt auf die Diskretion des partikulären Wil- 9 Bei Hegel gesperrt.
442 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 lens, woraus die Verwandlung der besonderen Staats¬ gewalten1) in Privateigentum1) etc. hervorgeht.“ § 282. „Aus der Souveränität des Monarchen fließt das Begnadigungsrecht der Verbrecher, denn ihr nur kommt die Verwirklichung der Macht des Geistes zu, das s Geschehene ungeschehen zu machen und im Vergeben und Vergessen das Verbrechen zu vernichten.“ Das Begnadigungsrecht ist das Recht der Gnade. Die Gnade ist der höchste Ausdruck der zufälligen Willkür, die Hegel sinnvoll zum eigentlichen Attribut des Monarchen macht. 10 Hegel bestimmt im Zusatz selbst als ihren Ursprung „die grund¬ lose Entscheidung“. § 283. „Das zweite in der Fürstengewalt Enthaltene ist das Moment der Besonderheit oder des bestimm¬ ten Inhalts und der Subsumption desselben unter das All- is gemeine. Insofern es eine besondere Existenz erhält, sind es oberste beratende Stellen und Individuen, die den Inhalt der vorkommenden Staatsangelegenheiten oder der aus vorhandenen Bedürfnissen nötig werdenden gesetzlichen Bestimmungen, mit ihren objektiven Seiten, den Ent-to scheidungsgründen, darauf sich beziehenden Gesetzen, Umständen u. s. f. zur Entscheidung vor den Mon¬ archen1) bringen. Die Erwählung der Individuen1) zu diesem Geschäfte wie deren Entfernung fällt, da sie es mit der unmittelbaren Person des Monarchen zu tun haben, m in seine unbeschränkte Willkür1).“ § 284. „Insofern das Objektive der Entscheidung, die Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die gesetzlichen und andere Bestimmungsgründe allein der Verant¬ wortung, d. i. des Beweises der Objektivität fähig istao und daher einer von dem persönlichen Willen des Mon¬ archen als solchem unterschiedenen Beratung zukommen kann, sind diese beratenden Stellen oder Individuen allein der Verantwortung1) unterworfen, die eigentümliche Majestät des Monarchen, als die letzte entscheidende Sub- 3$ jektivität, ist aber über alle Verantwortlichkeit für die Regierungshandlungen erhoben.“ *) Von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt 443 Hegel beschreibt hier ganz empirisch die Minister¬ gewalt, wie sie in konstitutionellen Staaten meistens bestimmt ist. Das einzige, was die Philosophie hinzutut, ist, daß sie dieses „empirische Faktum“ zur Existenz, zum Prädikat des „Momentes 5 der Besonderheit in der fürstlichen Gewalt“ macht. (Die Minister repräsentieren die vernünftige objektive Seite des souveränen Willens. Ihnen kommt daher auch die Ehre der Verantwortung zu, während der Monarch mit der eigentümlichen Imagination der „Majestät“ abgefunden wird.) Das spekulative 10 Moment ist also sehr dürftig. Dagegen beruht die Entwicklung im besonderen auf ganz empirischen, und zwar sehr abstrakten, sehr schlechten empirischen Gründen. So ist z. B. die Wahl der Minister in „die unbeschränkte Will¬ kür“ des Monarchen gestellt, „da sie es mit der unmittelbaren is Person des Monarchen zu tun haben“, d. h. da sie Minister sind. Ebenso kann die „unbeschränkte Wahl“ des Kammerdieners des Monarchen aus der absoluten Idee entwickelt werden. Besser ist schon der Grund für die Verantwortlichkeit der Minister, „insofern das Objektive der Entscheidung, die zo Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die gesetzlichen und an¬ deren Bestimmungsgründe allein der Verantwortung, d. i. des Beweises der Objektivität fähig ist“. Versteht sich, „die letzte entscheidende Subjektivität“, die reine Subjek¬ tivität, die reine Willkür ist nicht objektiv, also auch keines Be- 2s weises der Objektivität, also keiner Verantwortung fähig, sobald ein Individuum die geheiligte, sanktionierte Exi¬ stenz der Willkür ist. Hegels Beweis ist schlagend, wenn man von den konstitutionellen Voraussetzungen ausgeht, aber Hegel hat diese Voraussetzungen damit nicht bewiesen, daß er sie in ihrer so Grundvorstellung analysiert. In dieser Verwechs¬ lung liegt die ganze Unkritik der Hegelschen Rechts¬ philosophie. § 285. „Das dritte Moment der fürstlichen Gewalt betrifft das an und für sich Allgemeine, welches in subjek- 3s tiver Rücksicht in dem Gewissen des Monarchen, in objektiver Rücksicht im Ganzen der Verfassung und in den Gesetzen besteht; die fürstliche Gewalt setzt1) insofern die anderen Momente voraus1), wie jedes von diesen sie voraussetzt1).“ to § 286. „Die objektive Garantie der fürstlichen Gewalt, der rechtlichen Sukzession nach der Erblichkeit des *) Alles von M. unterstrichen.
444 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Thrones u. s. f. liegt darin, daß, wie diese Sphäre ihre von den anderen durch die Vernunft bestimmten Momenten ausgeschiedene1) Wirklichkeit hat, ebenso die an¬ deren für sich die eigentümlichen Rechte und Pflichten ihrer Bestimmung haben; jedes Glied, indem es sich für sich er- t hält, erhält im vernünftigen Organismus eben damit die anderen in ihrer Eigentümlichkeit.“ Hegel sieht nicht, daß er mit diesem dritten Moment, dem „an und für sich Allgemeinen“, die beiden ersten in die Luft sprengt oder umgekehrt. „Die fürstliche Gewalt setzt insofern die anderen jo Momente voraus, wie jedes von diesen sie voraussetzt.“ Wird dieses Setzen nicht mystisch, sondern realiter genommen, so ist die fürstlicheGewalt nicht durch dieGeburt, sondern durch die anderen Momente gesetzt, also nicht erblich, sondern fließend, d. h. eine Bestimmung des Staates, die abwechselnd an Staatsindividuen nach dem Organismus der anderen Momente verteilt wird. In einem is vernünftigen Organismus kann nicht der Kopf von Eisen und der Körper von Fleisch sein. Damit die Glieder sich erhalten, müssen sie ebenbürtig, von einem Fleisch und Blut sein. Aber der erbliche Monarch ist nicht ebenbürtig, er ist aus anderem Stoff. Der Prosa des rationalistischen Willens der anderen Staatsglieder so tritt hier die Magie der Natur gegenüber. Zudem, Glieder können sich nur insofern wechselseitig erhalten, als der ganze Organis¬ mus flüssig und jedes derselben in dieser Flüssigkeit aufgehoben, also keines, wie hier der Staatskopf, „unbewegt“, „inalterabel“ ist. Hegel hebt durch diese Bestimmung also die „geborene Sou- u veränität“ auf. Zweitens die Unverantwortlichkeit. Wenn der Fürst das Ganze der Verfassung, „die Gesetze“, verletzt, hört seine Unverantwort¬ lichkeit, weil sein verfassungsmäßiges Dasein, auf; aber eben diese Gesetze, diese Verfassung, machen ihn unverantwortlich, sie m widersprechen also sich selbst, und diese eine Klausel hebt Gesetz und Verfassung auf. Die Verfassung der konstitutionellen Monarchie ist die Unverantwortlichkeit. Begnügt sich Hegel aber damit, „daß, wie diese Sphäre ihre von den anderen durch die Vernunft bestimmten Momenten a u s • u geschiedene Wirklichkeit [hat], ebenso die anderen für sich die eigentümlichen Rechte und Pflichten ihrer Bestimmung haben“, so müßte er die Verfassung des Mittelalters eine Orga¬ nisation nennen; so hat er bloß mehr eine „Masse“ besonderer Sphären, die in dem Zusammenhang einer äußeren Notwendigkeit u zusammenstehen, und allerdings paßt auch nur hierhin ein’) leib- B Von M. unterstrichen, 2) Gestrichen besonderer
Die fürstliche Gewalt 445 licher Monarch. In einem Staate, worin jede Bestimmung für sich existiert, muß auch die Souveränität des Staats als ein besonderes Individuum befestigt sein. Résumé über Hegels Entwicklung 5 der fürstlichen Gewalt oder der Idee der Staatssouveränität. § 279. S. 367 heißt es: „Volks-Souveränität kann in dem Sinne gesagt werden, daß ein Volk überhaupt nach außen ein Selb- io ständiges sei und einen eigenen Staat ausmache, wie das Volk von Großbritannien, aber das Volk von England, oder Schottland, Irland, oder von Venedig, Genua, Ceylon u. s. f. kein souveränes Volk mehr sei, seitdem sie auf gehört haben, eigene Fürsten1) oder oberste Regierungen für sich is zu haben.“ Die Volks-Souveränität ist also hier die Nationa¬ lität, die Souveränität des Fürsten ist die Nationalität, oder das Prinzip des Fürstentums ist die Nationalität, die für sich und ausschließlich die Souveränität eines Volkes bildet. 20 Ein Volk, dessen Souveränität nur in der Nationalität besteht, hat einen Monarchen. Die verschiedene Nationalität kann sich nicht besser befestigen und ausdrücken als durch verschiedene Monarchen. Die Kluft, die zwischen einem absoluten Individuum und dem anderen, ist zwischen diesen Nationalitäten. so Die Griechen (und Römer) waren national, weil und insofern sie das souveräne Volk waren. Die Germanen sind souverän, weil und insofern sie national sind (vid. pag. XXXIV).’) [§ 279.] „Eine sogenannte moralische Person“ — heißt so es ferner in derselben Anmerkung, — „Gesellschaft, Gemeinde, Familie, so konkret sie in sich ist, hat die Persönlichkeit nur als Moment, abstrakt in ihr1); sie ist darin nicht zur W a h r - heit ihrer Existenz1) gekommen, der Staat aber ist eben diese Totalität, in welcher die Momente des Begriffs zur Wirk- 35 lichkeit nach ihrer eigentümlichen1) Wahrheit gelangen.“ 9 Alles von M. unterstrichen. 2) Die hier folgenden Ausführungen bis zum folg. § 287 auf p. 448 sind eine nach¬ trägliche Einfügung, sie folgen im Manuskript — mit Ausnahme des letzten Ab¬ satzes — nicht hier, auf dem von Marx mit XII numerierten Bogen, sondern weit hinten, auf dem durch den obigen Hinweis vid. pag. XXXIV angedeuteten Bogen (nicht Seite) XXXIV (s. u. p. 531), wo die Stelle, wohin sie einzufügen sind, mit einem entsprechenden Hinweis ad pag. XII (d. h. auf Bogen XII) angegeben wird. Der letzte Absatz der Einfügung (Die Erblichkeit . . .) befindet sich auf einer ur¬ sprünglich hergelassenen Seite des Bogens XII, in Marxens Numerierung p. 46. Marx-Engels'Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 34
446 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Die moralische Person, Gesellschaft, Familie etc. hat die Per¬ sönlichkeit nur abstrakt in ihr; dagegen im Monarchen hat die Person den Staat in sich. In Wahrheit hat die abstrakte Person erst in der moralischen Person, Gesellschaft, Familie etc. ihre Per- s sönlichkeit zu einer wahren Existenz gebracht. Aber Hegel faßt Gesellschaft, Familie etc., überhaupt die moralische Person, nicht als die Verwirklichung der1) wirklichen empi¬ rischen Person, sondern als wirkliche Person, die aber das Moment der Persönlichkeit erst abstrakt in ihr hat. Daher kommt 10 bei ihm auch nicht die wirkliche Person zum Staat, sondern der Staat wird erst zur wirklichen Person kommen. Statt daß daher der Staat als die höchste Wirklichkeit der Person, als die höchste soziale Wirklichkeit des Menschen, wird ein einzelner empi¬ rischer Mensch, wird die empirische Person als die höchste Wirk-15 lichkeit des Staats hervorgebracht. Diese Verkehrung des Subjek¬ tiven in das Objektive und des Objektiven in das Subjektive (die daher rührt, daß Hegel die Lebensgeschichte der abstrakten Sub¬ stanz, der Idee, schreiben will, daß also die menschliche Tätigkeit als Tätigkeit und Resultat eines anderen erscheinen muß, daß 20 Hegel das Wesen des Menschen für sich, als eine imaginäre Einzelheit, statt in seiner wirklichen, menschlichen Exi¬ stenz wirken lassen will) hat notwendig das Resultat, daß un¬ kritischerweise eine empirische Existenz als die wirkliche Wahrheit der Idee genommen wird; denn es handelt 25 sich nicht davon, die empirische Existenz zu ihrer Wahrheit, son¬ dern die Wahrheit zu einer empirischen Existenz zu bringen, und da wird denn die zunächstliegende als ein reales Moment der Idee entwickelt. (Über dieses notwendige Umschlagen von Empirie in Spekulation und von Spekulation in Empirie später mehr. ) 30 Auf diese Weise wird denn auch der Eindruck des Mysti¬ schen und Tiefen hervorgebracht. Es ist sehr vulgär, daß det Mensch geboren worden ist; und daß dies durch die physische Geburt gesetzte Dasein zum sozialen Menschen etc. wird bis zum Staatsbürger herauf ; der Mensch wird durch seine Geburt alles, 35 was er wird. Aber es ist sehr tief, es ist frappant, daß die Staats¬ idee unmittelbar geboren wird, in der Geburt des Fürsten sich selbst zum empirischen Dasein herausgeboren hat. Es ist auf diese Weise kein Inhalt gewonnen, sondern nur die Form des alten Inhalts verändert. Er hat eine philosophische Form er- 40 halten, ein philosophisches Attest. Eine andere Konsequenz dieser mystischen Spekulation, daß ein besonderes, empirisches Dasein, ein einzelnes empirisches Dasein im Unterschied von den anderen als das Dasein der O Gestrichen objektiven P[. . .]
Die fürstliche Gewalt 447 Idee gefaßt wird. Es macht wieder einen tiefen mystischen Ein¬ druck, ein besonderes empirisches Dasein von der Idee ge¬ setzt zu sehen und so auf allen Stufen einer Menschwerdung Gottes zu begegnen. 5 Würden z. B. bei der Entwicklung von Familie, bürgerlicher Gesellschaft, Staat etc. diese sozialen Existentialweisen des Men¬ schen als Verwirklichung, Versubjekti vierung seines Wesens be¬ trachtet, so erscheinen Familie etc. als einem Subjekt inhärente Qualitäten. Der Mensch bleibt immer das Wesen aller dieser 10 Wesen, aber diese Wesen erscheinen auch als seine wirkliche Allgemeinheit, daher auch als das Gemeinwesen. Sind da¬ gegen Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat etc. Bestimmungen der Idee, der1) Substanz als Subjekt, so müssen sie eine empi¬ rische Wirklichkeit erhalten und die Menschenmasse, in der sich is die Idee der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt, ist Bürger, die andere Staatsbürger. Da es eigentlich nur um eine Allegorie, nur darum zu tun ist, irgendeiner empirischen Existenz die B e - d e u t u n g der verwirklichten Idee beizulegen, so versteht es sich, daß diese Gefäße ihre Bestimmung erfüllt haben, sobald sie zu 2o einer bestimmten Inkorporation eines Lebensmomentes der Idee geworden sind. Das Allgemeine erscheint daher überall als ein Bestimmtes, Besonderes, wie das Einzelne nirgends zu seiner wahren Allgemeinheit kommt. Am tiefsten, spekulativsten erscheint es daher notwendig, 25 wenn die abstraktesten, noch durchaus zu keiner wahren sozialen Verwirklichung gereiften Bestimmungen, die Naturbasen des Staates, wie die Geburt (beim Fürsten) oder das Privateigentum (im Majorat) als die höchsten, unmittelbar Mensch gewordenen Ideen erscheinen. so Und es versteht sich von selbst. Der wahre Weg wird auf den Kopf gestellt. Das Einfachste ist das Verwickeltste und das Ver- wickeltste das Einfachste. Was Ausgang sein sollte, wird zum mystischen Resultat, und was rationelles Resultat sein sollte, wird zum mystischen Ausgangspunkt. 35 Wenn aber der Fürst die abstrakte Person ist, die den Staat in sich hat, so heißt das überhaupt nichts, als daß das Wesen des Staats die abstrakte, die Privatperson ist. Bloß in seiner Blüte spricht er sein Geheimnis aus. Der Fürst ist die einzige Privatperson, in der sich das Verhältnis der Privatperson 4o überhaupt zum Staat verwirklicht. Die Erblichkeit des Fürsten ergibt sich aus seinem Begriff. Er soll die spezifisch von der ganzen Gattung, von allen anderen Per¬ sonen unterschiedene Person sein. Welches ist nun der letzte feste Unterschied einer Person von allen anderen? Der Leib. Die *) Bei M. wohl versehentlich die 34*
448 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 höchste Funktion des Leibes ist die Geschlechtstätigkeit. Der höchste konstitutionelle Akt des Königs ist daher seine Ge¬ schlechtstätigkeit, denn durch diese macht er einen König und setzt seinen Leib fort. Der Leib seines Sohnes ist die Reproduktion seines eigenen Leibes, die Schöpfung eines königlichen Leibes. 5 b) Die Regierungsge w a 11 § 287. „Von der Entscheidung1) ist die Aus¬ führung1) und Anwendung1) der fürstlichen Ent¬ scheidungen, überhaupt das Fortführen und Im-Stande- Erhalten des bereits Entschiedenen, der vorhandenen Ge-m setze, Einrichtungen, Anstalten für gemeinschaftliche Zwecke und dergleichen unterschieden. Dies Geschäft der Subsumption*) begreift die Regierungsgewalt in sich, worunter ebenso die richterlichen und po¬ lizeilichen Gewalten begriffen sind, welche unmittel- ” barer auf das Besondere der bürgerlichen Gesellschaft Be¬ ziehung haben und das allgemeine Interesse in diesen Zwecken geltend machen.“ Die gewöhnliche Erklärung der Regierungsgewalt. Als Hegel eigentümlich kann nur angegeben werden, daß er Regie- 20 rungsgewalt, polizeiliche Gewalt und richterliche Gewalt koordiniert, während sonst administrative und richterliche Gewalt als Gegensätze behandelt werden. § 288. „Die gemeinschaftlichen besonderen Inter¬ essen, die in die bürgerliche Gesellschaft fallen und «s außer1) dem an und für sich seienden All¬ gemeinen des Staats selbst liegen1) (§ 256), haben ihre Verwaltung in den Korporationen1) (§251) der Gemeinden und sonstiger Gewerbe und Stände und deren Obrigkeiten, Vorsteher, Verwalter und der- u gleichen. Insofern diese Angelegenheiten, die sie besorgen, einerseits das Privateigentum und Interesse die¬ ser besonderen Sphären sind und nach dieser Seite ihre Autorität mit auf dem Zutrauen ihrer Standesgenossen und Bürgerschaften beruht, andererseits diese Kreise den u höheren Interessen des Staats untergeordnet sein müssen, wird sich für die Besetzung dieser Stellen im allgemeinen O Alles von M. unterstrichen. 3) Bei Hegel Subsumption überhaupt
Die Regierungsgewalt 449 eine Mischung von gemeiner Wahl dieser Interessenten und von einer höheren Bestätigung und Bestimmung ergeben.“ Einfache Beschreibung des empirischen Zustandes in einigen Ländern. 5 § 289. „Die Festhaltung des allgemeinen Staats¬ interesses und des Gesetzlichen in diesen besonderen Rechten und die Zurückführung derselben auf jenes erfor¬ dert eine Besorgung durch Abgeordnete1) der Regie¬ rungsgewalt, die exekutiven1) Staatsbeamten und die jo höheren beratenden, insofern kollegialisch konstituierten Behörden, welche in den obersten, den Monarchen berüh¬ renden Spitzen zusammenlaufen.“ Hegel hat die Regierungsgewalt nicht entwickelt. Aber selbst dies unterstellt, so hat er nicht bewiesen, daß sie mehr «als eine Funktion, eine Bestimmung des Staatsbürgers überhaupt ist, er hat sie als eine besondere,separierte Ge¬ walt nur dadurch deduziert, daß er die „besonderen Interessen der bürgerlichen Gesellschaft“ als solche betrachtet, die „außer dem an und für sich seienden Allgemeinen des Staats liegen“. 2o „Wie die bürgerliche Gesellschaft der Kampfplatz des individuellen Privatinter¬ esses Aller gegen Alle ist, so hat hier der Konflikt desselben gegen die gemeinschaft¬ lichen besonderen Angelegenheiten und 2.5 dieser zusammen1) mit jenem gegen die höheren Ge¬ sichtspunkte und Anordnungen des Staats seinen Sitz. Der Korporationsgeist, der sich in der Berechtigung der beson¬ deren Sphären erzeugt, schlägt in sich selbst zugleich in den Geist des Staates um, indem er an dem Staate das Mittel der so Erhaltung der besonderen Zwecke hat. Dies ist das G e - h e i m n i s *) des Patriotismus der Bürger nach dieser Seite, daß sie den Staat als ihre Substanz wissen, weil1) er ihre besonderen Sphären, deren Berechtigung und Autorität wie deren Wohlfahrt erhält. In dem Korporationsgeist, da er die 3s Einwurzelung des Besonderen in das Allge¬ meine unmittelbar enthält, ist insofern die Tiefe und die Stärke des Staates, die er in der Gesinnung hat.“ x) Alles von M, unterstrichen.
450 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Uber §§ 261—313 Merkwürdig 1. wegen der Definition der bürgerlichen Gesellschaft als des bellum omnium contra omnes; 2. weil der Privategoismus als das „Geheimnis des Patriotismus der Bürger“ verraten wird und als s die „Tiefe und Stärke des Staats in der Gesinnung“; 3. weil der „Bürger“, der Mann des besonderen Interesses im Gegensatz zum Allgemeinen, das Mitglied der bürgerlichen Gesell¬ schaft als „fixes Individuum“ betrachtet wird, wogegen ebenso der Staat in „fixen Individuen“ den „Bürgern“ gegenübertritt. 10 Hegel, sollte man meinen, mußte die „bürgerliche Gesellschaft“ wie die „Familie“ als Bestimmung jedes Staatsindividuums, also auch die späteren „Staatsqualitäten“ ebenso als Bestimmung des Staatsindividuums überhaupt bestimmen. Aber es ist nicht dasselbe Individuum, welches eine neue Bestimmung seines sozialen Wesens is entwickelt. Es ist das Wesen des Willens, welches seine Bestim¬ mungen angeblich aus sich selbst entwickelt. Die bestehenden ver¬ schiedenen und getrennten, empirischen Existenzen des Staates werden als unmittelbare Verkörperungen einer dieser Bestim¬ mungen betrachtet. 20 Wie das Allgemeine als solches verselbständigt wird, wird es unmittelbar mit der empirischen Existenz konfondiert, wird das Beschränkte unkritischerweise sofort für den Ausdruck der Idee genommen. Mit sich selbst gerät Hegel hier nur insofern in Widerspruch, 2$ als er den „Familienmenschen“ nicht gleichmäßig wie den Bürger als eine fixe, von den übrigen Qualitäten ausgeschlossene Rasse betrachtet. § 290. „In dem Geschäfte der Regierung1) fin¬ det sich gleichfalls die Teilung der Arbeit [. . .] ein. 3» Die Organisation2) der Behörden hat insofern die formelle, aber schwierige Aufgabe, daß von unten, wo das bürgerliche Leben konkret ist, dasselbe auf konkrete Weise regiert werde, daß dies Geschäft aber in seine abstrakte Zweige geteilt sei, die von eigentümlichen Behörden als« unterschiedenen Mittelpunkten behandelt werden, deren Wirksamkeit nach unten so wie in der obersten Regierungs¬ gewalt in eine konkrete Übersicht wieder zusammenlaufe.“ Der Zusatz hierzu später zu betrachten. Alles von M. unterstrichen. 2) Organisation bei Hegel gesperrt.
Die Regierungsgewalt 451 § 291. „Die Regierungsgeschäfte sind objektiver, für sich ihrer Substanz nach bereits entschiedener Natur (§ 287) und durch Individuen zu vollführen und zu verwirklichen. Zwischen beiden liegt keine unmittelbare «natürliche1) Verknüpfung; die Individuen sind daher nicht durch die natürliche Persönlichkeit und die Geburt dazu bestimmt. Für ihre Bestimmung zu demselben ist das objektive Moment die Erkenntnis und der Erweis ihrer Be¬ fähigung, — ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und io als die einzige Bedingung zugleich jedem Bürger die M ö g - lichkeit1), sich dem allgemeinen Stande zu widmen, sichert.“ §292. „Die subjektive Seite, daß dieses Individuum aus Mehreren, deren es, da hier das Objektive nicht (wie is z. B. bei der Kunst) in Genialität liegt, notwendig unbe¬ stimmt Mehrere gibt, unter denen der Vorzug nichts absolut Bestimmbares ist, zu einer Stelle gewählt und er¬ nannt und zur Führung des öffentlichen Geschäfts bevoll¬ mächtigt wird, diese Verknüpfung des Individuums und des so Amtes als zweier für sich gegeneinander immer zufälligen Seiten kommt der fürstlichen als der entscheidenden und souveränen Staatsgewalt zu.“ § 293. „Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die Monarchie1) den Behörden übergibt, machen einen ss Teil der objektiven Seite der dem Monarchen inne¬ wohnenden Souveränität aus; ihr bestimmter Unter¬ schied ist ebenso durch die Natur der Sache gegeben; und wie die Tätigkeit der Behörden eine Pflichterfüllung, so ist ihr Geschäft auch ein der Zufälligkeit entnommenes so Recht.“ Nur aufzumerken auf die „objektive Seite der dem Mon¬ archen innewohnenden Souveränität“. § 294. „Das Individuum, das durch den souveränen Akt (§ 292) einem amtlichen Berufe verknüpft ist, ist auf seine ss Pflichterfüllung, das Substantielle seines Verhältnisses, als Bedingung dieser Verknüpfung angewiesen, in welcher es !) Von M. unterstrichen.
452 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 als Folge dieses substantielllen Verhältnisses das Ver¬ mögen und die gesicherte Befrietdigung seiner Besonderheit (§ 264) und Befreiung seiner äußeren Lage und Amts¬ tätigkeit von sonstiger subjektiwer Abhängigkeit und Ein¬ fluß findet.“ ä „Der Staatsdienst“, heißt es- in der Anmerkung, „for¬ dert1) die Aufopferung selbständiger und beliebiger Be¬ friedigung subjektiver Zwecke und gibt eben damit das Recht, sie in der pflichtmäßigem Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin liegt nach die;ser Seite die Verknüpfung 10 des allgemeinen und besonderen Interesses, welche den Begriff und die innere Festigkeit des Staats ausmacht (§260).“ „Durch die gesicherte Befriedigung des besonderen Be¬ dürfnisses ist die äußere Not gehoben, welche, die Mittel « dazu auf Kosten der Amtstätigkeit und Pflicht zu suchen, veranlassen kann. In der allgenneinen Staatsgewalt finden die mit seinen Geschäften Beauftragten Schutz gegen die andere subjektive Seite, gegen diie Privatleidenschaften der Regierten, deren Privatinteresse u. s. f. durch das Geltend- 20 machen des Allgemeinen dagegen beleidigt wird.“ § 295. „Die Sicherung des Staats und der Regierten gegen den Mißbrauch der Gewa.lt von Seiten der Behörden und ihrer Beamten liegt einerseits unmittelbar in ihrer Hier¬ archie und Verantwortlichkeit, andererseits in der Berech- 25 tigung der Gemeinden, Korporationen, als wodurch die Ein¬ mischung subjektiver Willkür iin die den Beamten anver¬ traute Gewalt für sich gehemmit und die in das einzelne Benehmen nicht reichende Kontrolle von oben, von unten ergänzt wird.“ 30 § 296. „Daß aber die Leidemschaftlosigkeit, Rechtlich¬ keit und Milde des Benehmens Sitte werde, hängt teils mit der direkten sittlichen und Gedankenbildung zusammen, welche dem, was die Erlernung der sogenannten Wissenschaften der Gegenständie dieser Sphären, die er- 35 forderliche Geschäftseinübung, die wirkliche Arbeit u. s. f. von Mechanismus und dergleichen in sich hat, das geistige ') Bei Hegel fordert vielmehr
Die Regierungsgewalt 453 Gleichgewicht hält; teils ist die Größe des Staats ein Hauptmoment, wodurch sowohl das Gewicht von Familien- und anderen Privatverbindungen geschwächt, als auch Rache, Haß und andere solche Leidenschaften ohnmäch- 5 tiger und damit stumpfer werden ; in der Beschäftigung mit den [in dem] großen Staat e vorhandenen großen Interessen gehen für sich diese subjektiven Seiten unter und erzeugt sich die Gewohnheit allgemeiner Interessen, Ansichten und Geschäfte.“ 10 § 297. „Die Mitglieder der Regierung und die Staats¬ beamten machen den Hauptteil des Mittelstandes aus, in welchen die gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußtsein der Masse eines Volks fällt. Daß er nicht die isolierte Stellung einer Aristokratie nehme und Bildung und is Geschicklichkeit nicht zu einem Mittel der Willkür und einer Herrenschaft werde, wird durch die Institutionen der Souveränität1) von oben herab und der Kor¬ porations-Rechte1) von unten herauf bewirkt.“ Zusatz. 2o „In dem Mittelstände, zu dem die Staatsbeamten gehören, ist das Bewußtsein des Staats und die hervorstechendste Bil¬ dung. Deswegen macht er auch die Grundsäule desselben in Beziehung auf Rechtlichkeit und Intelligenz aus.“ „Daß dieser Mittelstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse des ts Staates, aber dies kann nur in einer Organisation, wie die ist, welche wir gesehen haben, geschehen, nämlich durch die Berechtigung besonderer Kreise, die relativ unabhängig sind, und durch eine Beamtenwelt1), deren Willkür sich an solchen Berechtigten bricht. Das Handeln nach all- 3o gemeinem Rechte und die Gewohnheit dieses Handelns ist eine Folge des Gegensatzes, den die für sich selbständigen Kreise bilden.“ Was Hegel über die „Regierungsgewalt“ sagt, verdient nicht den Namen einer philosophischen Entwicklung. Die meisten Pa- 3s ragraphen könnten wörtlich im preußischen Landrecht stehen, und doch ist die eigentliche Administration der schwierigste Punkt der Entwicklung. *) Alles von M. unterstrichen.
454 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Da Hegel die „polizeiliche“ und die „richterliche“ Gewalt schon der Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft vin- diziert hat, so ist die Regierungsgewalt nichts anderes als die Administration, die er als Bureaukratie entwickelt. Der Bureaukratie sind zunächst vorausgesetzt die „S e 1 b s t - s Verwaltung“ der bürgerlichen Gesellschaft in „Korpora¬ tionen“. Die einzige Bestimmung, die hinzukommt, ist, daß die Wahl der Verwalter, Obrigkeiten derselben etc. eine ge¬ mischte ist, ausgehend von den Bürgern, bestätigt von der eigentlichen Regierungsgewalt ; („höhere Bestätigung“, wie io Hegel sagt). Über dieser Sphäre „zur Festhaltung des allgemeinen Staats¬ interesses und des Gesetzlichen“ stehen „Abgeordnete der Regierungsgewalt“, die „exekutiven Staatsbeamten“ und die „kollegialischen Behörden“, welche „im Monarchen“ zusammen-15 laufen. In dem „Geschäfte der Regierung“ findet „Teilung der Arbeit“ statt. Die Individuen müssen ihre Fähigkeit zu Regierungs¬ geschäften beweisen, d. h. Examina ablegen. Die Wahl der be¬ stimmten Individuen zu Staatsämtem kommt der fürstlichen 20 Staatsgewalt zu. Die Einteilung dieser Geschäfte ist „durch die Natur der Sache gegeben“. Das Amtsgeschäft ist die Pflicht, der Lebensberuf der Staatsbeamten. Sie müssen daher besoldet werden vom Staat. Die Garantie gegen den Mißbrauch der Bureau¬ kratie ist teils ihre Hierarchie und Verantwortlichkeit, anderseits 25 die Berechtigung der Gemeinden, Korporationen ; ihre Humanität hängt teils mit der „direkten sittlichen und Gedankenbildung“, teils mit der „Größe des Staats“ zusammen. Die Beamten bilden den „Hauptteil des Mittelstandes“. Gegen ihn als „Aristokratie und Herrenschaft“ schützen teils die „Institutionen der Souverä- 30 nität von oben herab“, teils „die der Korporationsrechte von unten herauf“. Der „Mittelstand“ ist der Stand der „Bildung“. Voilà tout. Hegel gibt uns eine empirische Beschreibung der Bureau¬ kratie, teils, wie sie wirklich ist, teils der Meinung, die sie selbst von ihrem Sein hat. Und damit ist das schwierige Kapitel von der 35 „Regierungsgewalt“ erledigt. Hegel geht von der Trennung des „Staats“ und der „bür¬ gerlichen“ Gesellschaft, den „besonderen Interessen“ und dem „an und für sich seienden Allgemeinen“ aus, und allerdings basiert die Bureaukratie auf dieser Trennung. Hegel geht von der 40 „Voraussetzung der Korporationen“ aus, und allerdings setzt die Bureaukratie die Korporationen voraus, wenigstens den „Korporationsgeist“. Hegel entwickelt keinen Inhalt der Bureaukratie, sondern nur einige allgemeine Bestimmung [en] ihr[er] „formellen“ Organisation, und allerdings ist die Bureau- 45
Die Regierungsgewalt 455 kratie nur der „Formalismus“ eines Inhalts, der außerhalb derselben liegt. Die Korporationen sind der Materialismus1) der Bureau- kratie, und die Bureaukratie ist der Spiritualismus der Kor- 5 porationen. Die Korporation ist die Bureaukratie der bürgerlichen Gesellschaft; die Bureaukratie ist die Korporation des Staats. In der Wirklichkeit tritt sie daher als die „bürgerliche Gesellschaft des Staats“ dem „Staat der bürgerlichen Gesellschaft“, den Kor¬ porationen gegenüber. Wo die „Bureaukratie“ neues Prinzip ist, 10 wo das allgemeine Staatsinteresse anfängt, für sich ein „apartes“, damit ein „wirkliches“ Interesse zu werden, kämpft sie gegen die Korporationen, wie jede Konsequenz gegen die Existenz ihrer Vor¬ aussetzungen kämpft. Sobald dagegen das wirkliche Staatsleben erwacht und die bürgerliche Gesellschaft sich von den Korpora- 15 tionen aus eigenem Vemunfttriebe befreit, sucht die Bureaukratie sie zu restaurieren; denn sobald der „Staat der bürgerlichen Ge¬ sellschaft“ fällt, fällt die „bürgerliche Gesellschaft des Staats“. Der Spiritualismus verschwindet mit dem ihm gegenüberstehen¬ den Materialismus. Die Konsequenz kämpft für die Existenz 2o ihrer Voraussetzungen, sobald ein neues Prinzip nicht gegen die Existenz, sondern gegen das Prinzip dieser Existenz kämpft. Derselbe Geist, der in der Gesellschaft die Korporation, schafft im Staate die Bureaukratie. Sobald also der Korporations¬ geist, wird der Geist der Bureaukratie angegriffen, und wenn sie 25 früher die Existenz der Korporationen bekämpfte, um ihrer eigenen Existenz Raum zu schaffen, so sucht sie jetzt gewaltsam die Existenz der Korporationen zu halten, um den Korporations¬ geist, ihren eigenen Geist zu retten. Die „Bureaukratie“ ist der „Staatsformalismus“ der 3o bürgerlichen Gesellschaft. Sie ist das „Staatsbewußtsein“, der „Staatswille“, die „Staatsmacht“, als eine Korporation (das „allgemeine Interesse“ kann sich dem besonderen gegenüber nur als ein „Besonderes“ halten, solange sich das Besondere dem Allgemeinen gegenüber als ein „Allgemeines“ hält. Die Bureau- 35 kratie muß also die imaginäre Allgemeinheit des besondren Interesses, den Korporationsgeist, beschützen, um die imagi¬ näre Besonderheit des allgemeinen Interesses, ihren eigenen Geist, zu beschützen. Der Staat muß Korporation sein, solange die Korporation Staat sein will), also eine besondere, g e - rföschlossene Gesellschaft im Staat. Die Bureaukratie will aber die Korporation als eine imaginäre Macht. Allerdings hat auch die einzelne Korporation diesen Willen für ihr beson¬ deres Interesse gegen die Bureaukratie, aber sie will die Bureaukratie gegen die andere Korporation, gegen das andere O Korr, aus Realismus
456 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 besondere Interesse. Die Bureaukratie als die vollendete Korporation träglt daher den Sieg davon über die Korpo¬ ration als die unvollendete Bureaukratie. Sie setzt dieselbe zum Schein herab oder will sie zum Schein herabsetzen, aber sie will, daß dieser Schein existiere und an seine eigene Existenz glaube. $ Die Korporation ist der Versuch der bürgerlichen Gesellschaft, Staat zu werden, also die Bureaukratie ist der Staat, der sich wirk¬ lich zur bürgerlichen Gesellschaft gemacht hat. Der „Staatsformalismus“, der die Bureaukratie ist, ist der „Staat als Formalismus“, und als solchen Formalismus hat sie 10 Hegel beschrieben. Da dieser „Staatsformalismus“ sich als wirk¬ liche Macht konstituiert und sich selbst zu einem eigenen ma¬ teriellen Inhalt wird, so versteht es sich von selbst, daß die „Bureaukratie“ ein Gewebe von praktischen Illusionen oder die „Illusion des Staats“ ist. Der bureaukratische Geist ist ein 13 durch und durch jesuitischer, theologischer Geist. Die Bureau- kraten sind die Staatsjesuiten und Staatstheologen. Die Bureau¬ kratie ist la république prêtre. Da die Bureaukratie der „Staat als Formalismus“ ihrem Wesen nach ist, so ist sie es auch ihrem Zwecke nach. Der wirkliche 20 Staatszweck erscheint also der Bureaukratie als ein Zweck wider den Staat. Der Geist der Bureaukratie ist der „formelle Staats¬ geist“. Sie macht daher den „formellen Staatsgeist“ oder die wirkliche Geistlosigkeit des Staats zum kategorischen Impe¬ rativ. Die Bureaukratie gilt sich selbst als der letzte Endzweck des 26 Staats. Da die Bureaukratie ihre „formellen“ Zwecke zu ihrem In¬ halt macht, so gerät sie überall in Konflikt mit den „reellen“ Zwecken. Sie ist daher genötigt, das Formelle für den Inhalt und den Inhalt für das Formelle auszugeben. Die Staatszwecke ver¬ wandeln sich in Bureauzwecke oder die Bureauzwecke in Staats- 30 zwecke. Die Bureaukratie ist ein Kreis, aus dem niemand heraus¬ springen kann. Ihre Hierarchie ist eine Hierarchie des Wissens. Die Spitze vertraut den unteren Kreisen die Einsicht ins Einzelne zu, wogegen die unteren Kreise der Spitze die Einsicht in das Allgemeine zutrauen, und so täuschen sie sich wechselseitig. 36 Die Bureaukratie ist der imaginäre Staat neben dem reellen Staat, der Spiritualismus des Staats. Jedes Ding hat daher eine doppelte Bedeutung, eine reelle und eine bureaukratische, wie das Wissen ein doppeltes ist, ein reelles und ein bureaukratisches (so auch der Wille). Das reelle Wesen wird aber behandelt nach sei- to nem bureaukratischen Wesen, nach seinem jenseitigen, spirituellen Wesen. Die Bureaukratie hat das Staatswesen, das spirituelle Wesen der Gesellschaft in ihrem Besitze, es ist ihr Privateigen¬ tum. Der allgemeine Geist der Bureaukratie ist das Geheim¬ nis, das Mysterium, innerhalb ihrer selbst durch die Hierarchie, 45
Die Regierungsgewalt 457 nach außen als geschlossene Korporation bewahrt. Der offenbare Staatsgeist, auch die Staatsgesinnung, erscheinen daher der Bureau¬ kratie als ein Verr at an ihrem Mysterium. Die Autorität ist daher das Prinzijp ihres Wissens, und die Vergötterung der 5 Autorität ist ihre Gesinnung. Innerhalb ihrer selbst aber wird der Spiritualismus zu einem krassen Materia¬ lismus, dem Maiterialismus des passiven Gehorsams, des Autoritätsglaubens, cdes Mechanismus eines fixen formellen Handelns, fixer Gmmdsätze, Anschauungen, Überlieferungen. 10 Was den einzelnen Biureaukratèn betrifft, so wird der Staatszweck zu seinem Privatzwæck, zu einem Jagen nach höheren Posten, zu einem Machen von Karriere. Erstens be¬ trachtet er das wirkdiche Leben als ein materielles, denn der Geist diese s Lebens hat seine für sich abge- 15 sonderte Existœnz in der Bureaukratie. Die Bureaukratie muß daher dahin geihen, das Leben so materiell wie möglich zu machen. Zweitens istt es für ihn selbst, d. h. soweit es zum Gegen¬ stände der bureaukrattischen Behandlung wird, materiell, denn sein Geist ist ihm vorgesschrieben, sein Zweck liegt außer ihm, sein 20 Dasein ist das Daseim des Bureaus. Der Staat existiert nur mehr als verschiedene fixe Bmreaugeister, deren Zusammenhang die Sub¬ ordination und der passive Gehorsam ist. Die wirkliche Wissenschaft erscheimt als inhaltslos, wie das wirkliche Leben als tot, denn dies imagimäre Wissen und dies imaginäre Leben gelten 25 für dasWesen. Der Biureaukrat muß daher jesuitisch mit dem wirk¬ lichen Staat verfahrcen, sei dieser Jesuitismus mm ein bewußter oder bewußtloser. EEs ist aber notwendig, daß er, sobald sein Gegensatz Wissen ist, ebenfalls zum Selbstbewußtsein gelangt und nun absichtlicher Jessuitismus wird. so Während die Burceaukratie einerseits dieser krasse Materialis¬ mus ist, zeigt sich ihrr krasser Spiritualismus darin, daß sie Alles machen will, d. 1h. daß sie den Willen zur causa prima macht, weil sie bloß? tätiges Dasein ist und ihren Inhalt von außen empfängt, ihire Existenz also nur durch Formieren, Be- 35 schränken dieses Inhialts beweisen kann. Der Bureaukrat hat in der Welt ein bloßes Objeekt seiner Behandlung. Wenn Hegel die IRegierungsgewalt die objektive Seite der dem Monarchen inmewohnenden Souveränität nennt, so ist das richtig in demselben Sinne, wie die katholische Kirche das io reelle Dasein (Her Souveränität, des Inhalts und Geistes der heiligen Dreieinigkeiit war. In der Bureaukratie ist die Identität des Staatsinteresses und (des besonderen Privatzweckes so gesetzt, daß das Staatsintereesse zu einem besonderen Privatzwecke gegenüber den anderren Privatzwecken wird. 45 Die Aufhebung dter Bureaukratie kann nur sein, daß das allge¬
458 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 meine Interesse wirklich und nicht, wie bei Hegel, bloß im Gedanken, in der Abstraktion zum besonderen Interesse wird, was nur dadurch möglich ist, daß das besondere Inter¬ esse wirklich zum allgemeinen wird. Hegel geht von einem unwirklichen Gegensatz aus und bringt es 5 daher nur zu einer imaginären, in Wahrheit selbst wieder gegen¬ sätzlichen Identität. Eine solche Identität ist die Bureaukratie. • Verfolgen wir nun im Einzelnen seine Entwicklung. Die einzige philosophische Bestimmung, die Hegel über die Regierungsgewalt gibt, ist die der „S u b s u m p t i o n“ io des Einzelnen und Besonderen unter das Allgemeine etc. Hegel begnügt sich damit. Auf der einen Seite Kategorie „Sub¬ sumption“ des Besonderen etc. Die muß verwirklicht werden. Nun nimmt er irgendeine der empirischen Existenzen des preußischen oder modernen Staats (wie sie ist mit Haut und Haar), welche unter 15 anderen auch diese Kategorie verwirklicht, obgleich mit derselben nicht ihr spezifisches Wesen ausgedrückt ist. Die angewandte Mathematik ist auch Subsumption etc. Hegel fragt nicht, ist dies die vernünftige, die adäquate Weise der Subsumption? er hält nur die eine Kategorie fest und begnügt sich damit, eine ent- 20 sprechende Existenz für sie zu finden. Hegel gibt seiner Logik einen politischen Körper; er gibt nicht die Logik des politischen Körpers (§ 287). Über das Verhältnis der Korporationen, Gemeinden zu der Regierung erfahren wir zunächst, daß ihre Verwaltung (die 25 Besetzung ihrer Magistratur) im Allgemeinen eine Mischung von gemeiner Wahl dieser Interessenten und von einer höheren Bestätigung und Bestimmung erheischt. Die gemischte Wahl der Gemeinde- und Korporationsvorsteher wäre also das erste Verhältnis zwischen bürgerlicher Gesellschaft und 30 Staat oder Regierungsgewalt, ihre erste Identität ( § 288). Diese Identität ist nach Hegel selbst sehr oberflächlich, ein mixtum compositum, eine „M i s ch un g“. So oberflächlich diese Identität ist, so scharf ist der Gegensatz. „Insofern diese Angelegenheiten“ (sc. der Korporation, Gemeinde etc.) „einerseits das Privat- 35 eigentum und Interesse dieser besonderen Sphären sind und nach dieser Seite ihre Autorität mit auf dem Zutrauen ihrer Standesgenossen und Bürgerschaften beruht, anderseits diese Kreise den höheren Interessen des Staats1) unter¬ geordnet sein müssen“, ergibt sich die bezeichnete „gemischte^ Wahl“. Die Verwaltung der Korporation hat also den Gegensatz: Privateigentum und Interesse der besonderen *) Von M. unterstrichen.
Die Regierungsgewalt 459 Sphären gegen das höhere Interesse des Staats: Gegensatz zwischen Privateigentum und Staat. Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß die Auflösung dieses Gegensatzes in der gemischten Wahl eine bloße Akkom- 5 modation, ein Traktat, ein Geständnis des unaufgelösten Dualismus, selbst ein Dualismus, „Mi s c h u n g“ ist. Die besonderen Interessen der Korporation und Gemeinden haben innerhalb ihrer eigenen Sphäre einen Dualismus, der ebensosehr den Charakter ihrer Verwaltung bildet. 10 Der entschiedene Gegensatz tritt aber erst hervor in dem Ver¬ hältnis dieser „gemeinschaftlichen besonderen In¬ teressen“ etc., die „außer dem an und für sich seienden Allge¬ meinen des Staats liegen“ und diesem „an und für sich seienden Allgemeinen des Staats“. Zunächst wieder is innerhalb dieser Sphäre. „Die Festhaltung des allgemeinen Staatsinteresses und des Ge¬ setzlichen in diesen besonderen Rechten und die Zurückführung derselben auf jenes erfordert eine Besorgung durch Abge¬ ordnete der Regierungsgewalt, die exekutiven 2o Staatsbeamten und die höheren beratenden, insofern ko 1 - legialisch konstituierten Behörden, welche in den obersten, den Monarchen berührenden Spitzen zusammenlaufen.“ (§ 289.) Beiläufig machen wir aufmerksam auf die Konstruktion der Regierungskollegien, die man z. B. in Frankreich nicht kennt. 25 „I n s o f e r n“ Hegel diese Behörden als „b e r a t e n d e“ anführt, „insofern“ versteht es sich allerdings von selbst, daß sie „kollegialisch konstituiert“ sind. Hegel läßt den „Staat selbst“, die „Regierungsgewalt“ zur „Besorgung“ des „allgemeinen Staatsinteresses und des Gesetz- 3o liehen etc.“ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft per „Abge¬ ordnete“ hineintreten, und nach ihm sind eigentlich diese „Regie¬ rungsabgeordneten“, die „exekutiven Staatsbeamten“, die wahre „Staatsrepräsentatio n“, nicht „der“, sondern „gegen“ die „bürgerliche Gesellschaft“. Der Gegensatz von Staat und bür- 35 gerlicher Gesellschaft ist also fixiert; der Staat residiert nicht in, sondern außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, er berührt sie nur durch seine „Abgeordneten“, denen die „Besorgung des Staats“ innerhalb dieser Sphären anvertraut ist. Durch diese „Abgeordneten“ ist der Gegensatz nicht aufgehoben, sondern io zu einem „gesetzlichen“, „fixen“ Gegensatz geworden. Der „Staat“ wird als ein dem Wesen der bürgerlichen Gesellschaft Fremdes und Jenseitiges von Deputierten dieses Wesens gegen die bürgerliche Gesellschaft geltend gemacht. Die „Polizei“ und das „Gericht“ und die „Administration“ sind nicht Deputierte der 45 bürgerlichen Gesellschaft selbst, die in ihnen und durch sie ihr
460 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 eigenes allgemeines Interesse verwaltet, sondern Abgeordnete des Staats, um den Staat gegen die bürgerliche Gesellschaft zu ver¬ walten. Hegel expliziert diesen Gegensatz weiter in der mehr oben betrachteten offenherzigen Anmerkung. „Die Regierungsgeschäfte sind objektiver, für sich bereits 5 entschiedener Natur.“ (§291.) Schließt Hegel daraus, daß sie deswegen um so leichter keine „Hierarchie des Wissens“ erfordern, daß sie vollständig von der „bürgerlichen Gesellschaft selbst“ exekutiert werden können? Im Gegenteil. « Er macht die tiefsinnige Anmerkung, daß sie durch „Indi¬ viduen“ zu vollführen sind und daß zwischen „ihnen und diesen Individuen keine unmittelbare natürliche Verknüpfung liegt“. Anspielung auf die Fürstengewalt, welche nichts anderes ist als die „natürliche Gewalt der Willkür“, also „ge-15 bo ren“ werden kann. Die „fürstliche Gewalt“ ist nichts als der Repräsentant des Naturmoments im Willen, der „Herrschaft der physischen Natur im Staat“. Die „exekutiven Staatsbeamten“ unterscheiden sich in der Er¬ werbung ihrer Ämter daher wesentlich vom „Fürsten“. u „Für ihre Bestimmung zu demselben (sc. dem Staatsgeschäft)1) ist das objektive Moment die Erkenntnis (die subjektive Willkür entbehrt dieses Moments)1) und der Erweis ihrer Be¬ fähigung, — ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und als die einzige Bedingung zugleich jedem Bürger die Möglich-ss ke it, sich dem allgemeinen Stande zu widmen, sichert.“ Diese Möglichkeit jedes Bürgers, Staatsbeamter zu wer¬ den, ist also das zweite affirmative Verhältnis zwischen bürger¬ licher Gesellschaft und Staat, die zweite Identität. Sie ist von sehr oberflächlicher und dualistischer Natur. Jeder Katholik 3« hat die Möglichkeit, Priester zu werden (d. h. sich von den Laien wie der Welt zu trennen). Steht darum weniger das Pfaffentum dem Katholiken als eine jenseitige Macht gegenüber? Daß jeder die Möglichkeit hat, das Recht einer anderen Sphäre zu er¬ werben, beweist nur, daß seine eigene Sphäre nicht die Wirk- ss lichkeit dieses Rechts ist. Im wahren Staat handelt es sich nicht um die Möglichkeit jedes Bürgers, sich dem allgemeinen als einem besonderen Stand zu widmen, sondern um die Fähigkeit des allgemeinen Standes, wirk¬ lich allgemein, d. h. der Stand jedes Bürgers zu sein. Aber Hegel « geht von der Voraussetzung des pseudo-allgemeinen, des illu¬ sorisch-allgemeinen Standes, der besonderen ständigen Allgemein¬ heit aus. Die Identität, die er zwischen bürgerlicher Gesellschaft und x) Das Eingeklammerte von M.
Die Regierungsgewalt 461 Staat konstruiert hat, ist die Identität zweier feindlicher Heere, wo jeder Soldat die „Möglichkeit“ hat, durch „Deser¬ tion“ Mitglied des „feindlichen“ Heeres zu werden, und aller¬ dings beschreibt Hegel damit richtig den jetzigen empirischen 5 Zustand. Ebenso verhält es sich mit seiner Konstruktion der „Examina“. In einem vernünftigen Staat gehört eher ein Examen dazu, Schuster zu werden, als exekutiver Staatsbeamter; denn die Schusterei ist eine Fertigkeit, ohne die man ein guter Staatsbürger, 10 ein sozialer Mensch sein kann, aber das nötige „Staatswissen“ ist eine Bedingung, ohne die man im Staate außer dem Staat lebt, von sich selbst, von der Luft abgeschnitten ist. Das „Examen“ ist nichts als eine Freimaurerei-Formel, die gesetzliche Anerkennung des staatsbürgerlichen Wissens als eines Privilegiums. is Die „Verknüpfung“ des „Staatsamts“ und des „Individuums“, dieses objektive Band zwischen dem Wissen der bürgerlichen Ge¬ sellschaft und dem Wissen des Staats, das Examen ist nichts anderes als die bureaukratische Taufe des Wissens, die offizielle Anerkenntnis von der Transsubstantiation 90 des profanen Wissens in das heilige (es versteht sich bei jedem Examen von selbst, daß der Examinator alles weiß). Man hört nicht, daß die griechischen oder römischen Staatsleute Examina abgelegt. Aber allerdings, was ist auch ein römischer Staatsmann contra einen preußischen Regierungsmann! 95 Neben dem objektiven Band des Individuums mit dem Staatsamt, neben dem Examen findet sich ein anderes Band, die fürstliche Willkür [§ 292]. „Die subjektive Seite, daß dieses Individuum aus Mehreren, deren es, da hier das Objektive nicht (wie z. B. bei der Kunst) in Genialität liegt, not- 3o wendig unbestimmt Mehrere gibt, unter denen der Vorzug nichts absolut Bestimmbares ist, zu einer Stelle gewählt und er¬ nannt und zur Führung des öffentlichen Geschäfts bevollmächtigt wird, diese Verknüpfung des Individuums und des Amtes als zweier sich gegeneinander immer zufälligen Seiten kommt der 35 fürstlichen als der entscheidenden und souveränen Staatsgewalt zu.“ Der Fürst ist überall der Repräsentant des Zufalls. Außer dem objektiven Moment des bureaukratischen Glaubensbekennt¬ nisses (Examen) gehört noch das subjektive der fürstlichen Gnade hinzu, damit der Glaube Früchte trage. *0 „Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die Monarchie den Behörden übergibt“ (die Monarchie verteilt, übergibt die be¬ sonderen Staatstätigkeiten als Geschäfte an die Behörden, verteilt den Staat unter die Bürokraten; sie übergibt das, wie die heilige römische Kirche die Weihen; die is Monarchie ist ein System der Emanation; die Monarchie verpachtet Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 35
462 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §5 261—313 die Staatsfunktionen), „machen einen Teil der objektiven Seite der dem Monarchen innewohnenden Souveränität aus.“ Hegel unterscheidet hier zuerst die objektive Seite der dem Monarchen innewohnenden Souveränität von der subjek¬ tiven. Früher warf er beide zusammen. Die dem Monarchen 5 innewohnende Souveränität wird hier förmlich mystisch genom¬ men, so wie die Theologen den persönlichen Gott in der Natur finden. [Früher] hieß es noch, der Monarch ist die subjektive Seite der dem Staate innewohnenden Souveränität. (§ 293.) Im § 294 entwickelt Hegel die Besoldung der Beamten 10 aus der Idee. Hier in der Besoldung der Beamten, oder daß der Staatsdienst zugleich die Sicherheit der empirischen Existenz garantiert, ist die wirkliche Identität der bürgerlichen Gesellschaft und des Staats gesetzt. Der Sold des Beamten ist die höchste Identität, welche Hegel herauskonstruiert. Die Ver- is Wandlung der Staatstätigkeiten in Ämter, die Tren¬ nung des Staats von der Gesellschaft vorausgesetzt. Wenn Hegel sagt: „Der Staatsdienst fordert die Aufopferung selbständiger und beliebiger Befriedigung subjektiver Zwecke“, so erfordert das jeder Dienst — „und gibt damit eben das Recht, sie in der pflicht- 20 mäßigen Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin liegt nach dieser Seite die Verknüpfung des allgemeinen und besonderen Interesses, welche den Begriff und die innere Festigkeit des Staats ausmacht“, so gilt das 1. von jedem Bedienten, 2. ist es richtig, daß die Besoldung der Beamten die innere Festigkeit der 25 tiefen modernen Monarchien ausmacht. Nur die Existenz der Be¬ amten ist garantiert,1) im Gegensatz zu dem Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Es kann Hegel nun nicht entgehen, daß er die Regierungs¬ gewalt als einen Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft, und 30 zwar als ein herrschendes Extrem konstruiert hat. Wie stellt er nun ein identisches Verhältnis her? Nach § 295 liegt „die Sicherung des Staats und der Regierten gegen den Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Behörden und ihrer Beamten“ teils „in ihrer Hierarchie“ (als wenn nicht die 35 Hierarchie der Hauptmißbrauch wäre und die paar per¬ sönlichen Sünden der Beamten gar nicht mit ihren notwen¬ digen hierarchischen Sünden zu vergleichen wären; die Hier¬ archie straft den Beamten, insoweit er gegen die Hierarchie sündigt oder eine der Hierarchie überflüssige Sünde begeht; aber 40 sie nimmt ihn in Schutz, sobald die Hierarchie in ihm sündigt, zu¬ dem überzeugt sich die Hierarchie schwer von den Sünden ihrer Glieder) und „in der Berechtigung der Gemeinden, Korpora¬ tionen, als wodurch die Einmischung subjektiver Willkür in die *) Gestrichen denn sie ist eine heilige
Die Regierungsgewalt 463 den Beamten an vertraute Gewalt für sich gehemmt und die in das einzelne Benehmen nicht reichende Kontrolle“ (als wenn diese Kontrolle nicht aus dem Gesichtspunkte der Bureaukratie-Hier- archie geschähe) „von oben — von unten ergänzt wird“. 5 Die zweite Garantie gegen die Willkür der Bureaukratie sind also die Korporationsprivilegien. Fragen wir also Hegel, was ist der Schutz der bürgerlichen Ge¬ sellschaft gegen die Bureaukratie, so antwortet er: 1. Die „H ierarchie“ der Bureaukratie.1) Die Kontrolle. io Dies, daß der Gegner selbst an Händen und Füßen gebunden wird, und wenn er nach unten Hammer, nach oben Amboß ist. Wo ist nun der Schutz gegen die „Hierarchie“? Das kleinere Übel wird durch das größere allerdings insofern aufgehoben, als es dagegen verschwindet. is 2. Der Konflikt, der unaufgelöste Konflikt zwischen Bu¬ reaukratie und Korporation. Der Kampf, die Möglichkeit des Kampfes, ist die Garantie gegen das Unterliegen. Später (§ 297) fügt Hegel als Garantien noch die „Institutionen der Souveränität von oben herab“ hinzu, worunter wieder die Hier- 2o archie verstanden ist. Aber Hegel bringt noch zwei Momente bei (§ 296). In dem Beamten selbst — und dies soll ihn humani¬ sieren, die „Leidenschaftlosigkeit, Rechtlichkeit und Milde des Benehmens“ zur „Sitte“ machen — sollen die „direkte sittliche 25 und Gedankenbildung“ dem Mechanismus seines Wissens und seiner „wirklichen Arbeit“ „das geistige Gleichgewicht“ halten. Als wenn nicht der „Mechanismus“ seines „bureaukratischen“ Wissens und seiner „wirklichen Arbeit“ seiner „sittlichen und Ge¬ dankenbildung“ das „Gleichgewicht“ hielte? Und wird nicht sein 30 wirklicher Geist und seine wirkliche Arbeit als Substanz über das Akzidens seiner sonstigen Begabung siegen? Sein Amt ist ja sein „substantielles“ Verhältnis und sein „Brot“. Schön nur, daß Hegel die „direkte sittliche und Gedankenbildung“ dem „Mecha¬ nismus des bureaukratischen Wissens und Arbeitens“ entgegen- 35 stellt! Der Mensch im Beamten soll den Beamten gegen sich selbst sichern. Aber welche Einheit! Geistiges Gleichgewicht. Welche dualistische Kategorie! Hegel führt noch die „Größe des Staats“ an, welche in Ru߬ land nicht gegen die Willkür der „exekutiven Staatsbeamten“ garantiert, jedenfalls ein Umstand ist, der „außer“ dem „W e s e n“ der Bureaukratie liegt. Hegel hat die „Regierungsgewalt“ als „Staatsbediententum“ entwickelt. Hier in der Sphäre des „an und für sich seienden Allgemeinen x) Gestrichen Ihr Mißbrauch setzt 35*
464 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über $$ 261—313 des Staats selbst“ finden wir nichts als unaufgelöste Konflikte. Examen und Brot der Beamten sind die letzten Synthesen. Die Ohnmacht der Bureaukratie, ihren Konflikt mit der Kor¬ poration führt Hegel als letzte Weihe derselben an. In § 297 wird eine Identität gesetzt, insofern „die Mitglieder 5 der Regierung und die Staatsbeamten den Hauptteil des Mittel¬ standes“ ausmachen. Diesen „Mittelstand“ rühmt Hegel als die „Grundsäule“ des Staats „in Beziehung auf Rechtlichkeit und Intelligenz“. (Zusatz zum zitierten Paragraphen.) „Daß dieser Mittelstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse des Staats, aber 10 dies kann nur in einer Organisation, wie die ist, welche wir ge¬ sehen haben, geschehen, nämlich durch die Berechtigung beson¬ derer Kreise, die relativ unabhängig sind, und durch eine Be¬ amtenwelt, deren Willkür sich an solchen Berechtigten bricht.“ Allerdings kann nur in einer solchen Organisation das is Volk als ein Stand, der Mittelstand, erscheinen, aber ist das eine Organisation, die durch das Gleichgewicht der Privile¬ gien sich in Gang hält? Die Regierungsgewalt ist am schwersten zu entwickeln. Sie gehört noch in viel höherem Grad als die gesetzgebende dem ganzen Volk. 20 Hegel spricht später (§ 308 Anmerkung) den eigentlichen Geist der Bureaukratie aus, wenn er ihn als „Geschäftsroutine“ und den „Horizont einer beschränkten Sphäre“ bezeichnet. c) Die gesetzgebende Gewalt § 298. „Die gesetzgebende Gewalt betrifft die25 Gesetze als solche, insofern sie weiterer Fortbestimmung bedürfen, und die ihrem Inhalte nach ganz allge¬ meinen1) (sehr allgemeiner Ausdruck) ’) inneren1) Angelegenheiten. Diese Gewalt ist selbst ein Teil der Verfassung1), welche ihr vorausgesetzt ist und insofern w an und für sich außer deren direkten Bestimmung liegt, aber in der Fortbildung der Gesetze und in dem fortschreitenden Charakter der allgemeinen Regierungsangelegenheiten ihre weitere Entwicklung erhält.66 Zunächst fällt es auf, daß Hegel hervorhebt, wie „diese Gewalt 35 selbst ein Teil der Verfassung“ ist, „welcher ihr vorausgesetzt ist und an und für sich außer deren direkter Bestimmung liegt“, da Hegel diese Bemerkung weder bei der fürstlichen noch der Regie¬ rungsgewalt, wo sie ebenso wahr ist, angebracht hatte. Dann aber x) Alles von M. unterstrichen. ’) Das Eingeklammerte von M.
Die gesetzgebende Gewalt 465 konstruiert Hegel erst das Ganze der Verfassung und kann es in¬ sofern nicht voraussetzen; allein darin eben erkennen wir die Tiefe bei ihm, daß er überall mit dem Gegensatz der Bestim¬ mungen (wie sie in unseren Staaten sind) beginnt und den Akzent 5 darauf legt. Die „gesetzgebende Gewalt ist selbst ein Teil der V e r f a s - s u n g“, welche „an und für sich außer deren direkter Bestim¬ mung liegt“. Aber die Verfassung hat sich doch auch nicht von selbst gemacht. Die Gesetze, die „weiterer Fortbestimmung be- 10 dürfen“, müssen doch formiert worden sein. Es muß eine gesetz¬ gebende Gewalt vor der Verfassung und außer der Verfas¬ sung bestehen oder bestanden haben. Es muß eine gesetzgebende Gewalt bestehen außer der wirklichen, empirischen, ge¬ setzten gesetzgebenden Gewalt. Aber, wird Hegel antworten: 15 wir setzen einen bestehenden Staat voraus? Allein Hegel ist Rechtsphilosoph und entwickelt die Staatsgattung. Er darf nicht die Idee am Bestehenden, er muß das Bestehende an der Idee messen. Die Kollision ist einfach. Die gesetzgebende Gewalt 20 ist die Gewalt, das Allgemeine zu organisieren. Sie ist die Gewalt der Verfassung. Sie greift über über die Verfassung. Allein anderseits ist die gesetzgebende Gewalt eine verfassungs¬ mäßige Gewalt. Sie ist also unter die Verfassung subsumiert. Die Verfassung ist Gesetz für die gesetzgebende Gewalt. Sie hat 25 der gesetzgebenden Gewalt Gesetze gegeben und gibt sie ihr be¬ ständig. Die gesetzgebende Gewalt ist nur gesetzgebende Gewalt innerhalb der Verfassung, und die Verfassung stände hors de loi, wie sie außerhalb der gesetzgebenden Gewalt stände. Voilà la collision! Innerhalb der jüngsten französischen Geschichte ist so mancherlei herumgeknuspert worden. Wie löst Hegel diese Antinomie? Zunächst heißt es: Die Verfassung ist der gesetzgebenden Gewalt „vor¬ ausgesetzt“; sie liegt „insofern an und für sich außer 35 deren direkten Bestimmung“. „Aber“ — aber „in der Fort¬ bildung der Gesetze“ „und in dem fortschreitenden Charakter der allgemeinen Regierungsangelegenheiten“ „erhält“ sie „ihre wei¬ tere Entwicklung“. D. h. also: Direkt liegt die Verfassung außerhalb dem Bereich 4o der gesetzgebenden Gewalt, aber indirekt verändert die gesetz¬ gebende Gewalt die Verfassung. Sie tut auf einem Wege, was sie nicht auf geradem Wege tun kann und darf. Sie zerpflückt sie en detail, weil sie dieselbe nicht en gros verändern kann. Sie tut durch die Natur der Dinge und der Verhältnisse, was sie nach der 45 Natur der Verfassung nicht tim sollte. Sie tut materiell.
466 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 faktisch, was sie nicht formell, gesetzlich, verfas¬ sungsmäßig tut. Hegel hat damit die Antinomie nicht gehoben, er hat sie in eine andere Antinomie verwandelt, er hat das Wirken der gesetz¬ gebenden Gewalt, ihr verfassungsmäßiges Wirken in « Widerspruch gestellt mit ihrer verfassungsmäßigen Bestim¬ mung. Es bleibt der Gegensatz zwischen der Verfassung und der gesetzgebenden Gewalt. Hegel hat das fak¬ tische und das legale Tim der gesetzgebenden Gewalt als Widerspruch definiert oder auch den Widerspruch zwischen dem, 10 was die gesetzgebende Gewalt sein soll, und dem, was sie wirklich ist, zwischen dem, was sie zu tun meint, und dem, was sie wirk¬ lich tut. Wie kann Hegel diesen Widerspruch für das Wahre ausgeben? „Der fortschreitende Charakter der allgemeinen Regierungs- is angelegenheiten“ erklärt ebenso wenig, denn eben dieser fort¬ schreitende Charakter soll erklärt werden. In dem Zusatze trägt Hegel zwar nichts zur Lösung der Schwierigkeiten bei. Wohl aber stellt er sie noch klarer heraus. „Die Verfassung muß an und für sich der feste geltende 20 Boden sein, auf dem die gesetzgebende Gewalt steht, und sie muß deswegen nicht erst gemacht werden. Die Verfassung ist also, aber ebenso wesentlich wird sie, d. h. sie schreitet in der Bildung fort. Dieses Fortschreiten ist eine Veränderung1), die unscheinbar1) ist und nicht2s die Form der Veränderung1) hat.“ D. h. die Verfassung ist dem Gesetz (der Illusion) nach, aber sie wird in der Wirklichkeit (der Wahrheit) nach. Sie ist ihrer Bestimmung nach unveränderlich, aber sie verändert sich wirk¬ lich, nur ist diese Veränderung unbewußt, sie hat nicht die Form 30 der Veränderung. Der Schein widerspricht dem Wesen. Der Schein ist das bewußte Gesetz der Verfassung, und das Wesen ist ihr bewußtloses, dem ersten widersprechendes Gesetz. Es ist nicht im Gesetz, was in der Natur der Sache ist. Es ist vielmehr das Gegenteil im Gesetz. 3s Ist das nun das Wahre, daß im Staat, nach Hegel dem höchsten Dasein der Freiheit, dem Dasein der selbstbewußten Vernunft, nicht das Gesetz, das Dasein der Freiheit, sondern die blinde Naturnotwendigkeit herrscht? Und wenn nun das Gesetz der Sache als widersprechend der gesetzlichen Definition erkannt 40 wird, warum nicht das Gesetz der Sache, der Vernunft auch als das Staatsgesetz anerkennen, wie nun den Dualismus mit Bewußtsein O Alles von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt 467 festhalten? Hegel will überall den Staat als die Verwirklichung des freien Geistes darstellen, aber re vera löst er alle schwierigen Kollisionen durch eine Naturnotwendigkeit, die im Gegensatz zur Freiheit steht. So ist auch der Übergang des Sonderinteresses •5 in das Allgemeine kein bewußtes Staatsgesetz, sondern per Zu¬ fall vermittelt, wider das Bewußtsein sich vollziehend, und Hegel will überall im Staat die Realisation des freien Willens! (Hierin zeigt sich der substantielle Standpunkt Hegels.) Die Beispiele, die Hegel über die allmähliche Verände- 10 rung der Verfassung anführt, sind unglücklich gewählt. So, daß das Vermögen der deutschen Fürsten und ihrer Familien aus Privatgut in Staatsdomäne, das persönliche Rechtsprechen der deutschen Kaiser in Rechtsprechen durch Abgeordnete sich ver¬ wandelt hat. Der erste Übergang hat sich nur so gemacht, daß is alles Staatseigentum sich in fürstliches Privateigentum umsetzte. Dabei sind diese Veränderungen partikular. Ganze Staats¬ verfassungen haben sich allerdings so verändert, daß nach und nach neue Bedürfnisse entstanden, daß das Alte zerfiel etc.; aber zu der neuen Verfassung hat es immer einer förmlichen Revo- 20 lution bedurft. „So ist also die Fortbildung eines Zustandes“, schließt Hegel, „eine scheinbar1) ruhige und unbemerkte. Nach langer Zeit kommt auf diese Weise eine Verfassung zu einem ganz anderen Zustand als vorher.“ 25 Die Kategorie des allmählichen Überganges ist erstens historisch falsch, und zweitens erklärt sie nichts. Damit der Verfassung nicht nur die Veränderung angetan wird, damit also dieser illusorische Schein nicht zuletzt gewaltsam zer¬ trümmert wird, damit der Mensch mit Bewußtsein tut, was er io sonst ohne Bewußtsein durch die Natur der Sache gezwungen wird zu tun, ist notwendig, daß die Bewegung der Verfassung, daß der Fortschritt zum Prinzip der Verfassung ge¬ macht wird, daß also der wirkliche Träger der Verfassung, das Volk, zum Prinzip der Verfassung gemacht wird. Der Fortschritt 35 selbst ist dann die Verfassung. Soll also die „Verfassung“ selbst in den Bereich der „gesetz¬ gebenden Gewalt“ gehören? Diese Frage kann nur aufgeworfen werden, 1. wenn der politische Staat als bloßer Formalismus des wirklichen Staats existiert, wenn der politische Staat eine aparte io Domäne ist, wenn der politische Staat als „Verfassung“ existiert; 2. wenn die gesetzgebende Gewalt anderen Ursprungs ist als die Regierungsgewalt etc. Die gesetzgebende Gewalt hat die französische Revolution ge- 9 Von M. unterstrichen.
468 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 macht; sie hat überhaupt, wo sie in ihrer Besonderheit als das Herrschende auftrat, die großen organischen allgemeinen Revo¬ lutionen gemacht; sie hat nicht die Verfassung, sondern eine be¬ sondere antiquierte Verfassung bekämpft, eben weil die gesetz¬ gebende Gewalt der Repräsentant des Volkes, des Gattungswillens t war. Die Regierungsgewalt dagegen hat die kleinen Revolutionen, die retrograden Revolutionen, die Reaktionen gemacht; sie hat nicht für eine neue Verfassung gegen eine alte, sondern gegen die Verfassung revolutioniert, eben weil die Regierungsgewalt der Repräsentant des besonderen Willens, der subjektiven Willkür, 10 des magischen Teils des Willens war. Wird die Frage richtig gestellt, so heißt sie nur: Hat das Volk das Recht, sich eine neue Verfassung zu geben? Was unbedingt bejaht werden muß, indem die Verfassung, sobald sie aufgehört hat, wirklicher Ausdruck des Volkswillens zu sein, eine praktische u Illusion geworden ist. Die Kollision zwischen der Verfassung und der gesetzgeben¬ den Gewalt ist nichts als ein Konflikt der Verfassung mit sich selbst, ein Widerspruch im Begriff der Verfassung. Die Verfassung ist nichts als eine Akkommodation zwischen 20 dem politischen und unpolitischen Staat; sie ist daher notwendig in sich selbst *) ein Traktat wesentlich heterogener Gewalten. Hier ist es also dem Gesetz unmöglich, auszusprechen, daß eine dieser Gewalten, ein Teil der Verfassung, das Recht haben soll, die Ver¬ fassung selbst, das Ganze, zu modifizieren. 33 Soll von der Verfassung als einem Besonderen gesprochen wer¬ den, so muß sie vielmehr als ein Teil des Ganzen betrachtet werden. Wurden unter der Verfassung die allgemeinen Bestimmungen, die Fundamentalbestimmungen des vernünftigen Willens, ver¬ standen, so versteht sich, daß jedes Volk (Staat) diese zu seiner 30 Voraussetzung hat und daß sie sein politisches Credo bilden müs¬ sen. Das ist eigentlich Sache des Wissens und nicht des Willens. Der Wille eines Volks kann ebenso wenig über die Gesetze der Vernunft hinaus als der Wille eines Individuums. Bei einem un¬ vernünftigen Volk kann überhaupt nicht von einer vernünftigen 35 Staatsorganisation die Rede sein. Hier in der Rechtsphilosophie ist überdem der Gattungswille unser Gegenstand. Die gesetzgebende Gewalt macht das Gesetz nicht; sie entdeckt und formuliert es nur1). 39 Man hat diese Kollision zu lösen gesucht durch die Unterschei¬ dung zwischen assemblée constituante*) und assemblée constituée. O Gestrichen die Akkom[modation] s) Nach nur gestrichen Daß also in der Demokratie die gesetzgebende Gewalt die Organisation des Ganzen daher nicht ausmacht no[ch] 8) Im Ms. constitution
Die gesetzgebende Gewalt 469 § 299. „Diese Gegenstände (die Gegenstände der ge¬ setzgebenden Gewalt)1) bestimmen sich in Beziehung auf die Individuen näher nach den zwei Seiten: a) was durch den Staat ihnen zugute kommt und sie zu genießen und « 0) was sie demselben zu leisten haben. Unter jenem sind die privatrechtlichen Gesetze überhaupt, die Rechte der Ge¬ meinden und Korporationen und ganz allgemeine Veranstal¬ tungen und indirekt (§ 298) das Ganze der Verfassung be¬ griffen. Das zu Leistende aber kann nur, indem es auf io G e 1 d, als den existierenden allgemeinen Wert der Dinge und der Leistungen, reduziert wird, auf eine gerechte Weise und zugleich auf eine Art bestimmt werden, daß die be¬ sonderen Arbeiten und Dienste, die der Einzelne leisten kann, durch seine Willkür vermittelt werden.“ 15 Über diese Bestimmung der gesetzgebenden Gewalt bemerkt Hegel selbst in der Anmerkung zu diesem Paragraphen: „Was Gegenstand der allgemeinen Gesetzgebung und was der Bestimmung der Administrativ-Behörden und der Regulierung der Regierung überhaupt anheimzustellen sei, to läßt sich zwar im Allgemeinen so unterscheiden, daß in jene nur das dem Inhalte nach ganz Allgemeine*), die gesetzlichen Bestimmungen, in diese aber das Beson¬ dere*) und die Art und Weise der Exekution falle. Aber völlig bestimmt ist diese Unterscheidung schon da- 25 durch nicht, daß das Gesetz, damit es Gesetz, nicht ein bloßes Gebot überhaupt sei (wie: „du sollst nicht töten“ [. . .]), in sich bestimmt sein muß; je be¬ stimmter es aber ist, desto mehr nähert sich sein Inhalt der Fähigkeit, so, wie es ist, ausgeführt zu werden. Zugleich io aber würde die so weit gehende Bestimmung den Gesetzen eine empirische Seite geben, welche in der wirklichen Aus¬ führung Abänderungen unterworfen werden müßte, was dem Charakter von Gesetzen Abbruch täte. In der orga¬ nischen Einheit*) der Staatsgewalten liegt es selbst, ss daß es Ein Geist ist, der das Allgemeine festsetzt, und 1 ) Das Eingeklammerte von M. • 2) Alles von M. unterstrichen.
470 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §S 261—313 der es zu seiner bestimmten Wirklichkeit bringt und aus¬ führt.“ Aber eben diese organische Einheit ist es, die Hegel nicht konstruiert hat. Die verschiedenen Gewalten haben ein ver¬ schiedenes Prinzip. Sie sind dabei feste Wirklichkeit. Von ihrem s wirklichen Konflikt an die imaginäre „organische Einheit“ sich flüchten, statt sie als Momente einer organischen Einheit ent¬ wickelt zu haben, ist daher nur leere mystische Ausflucht. Die erste ungelöste Kollision war die zwischen der ganzen Verfassung und der gesetzgebenden Gewalt. 10 Die zweite ist die zwischen der gesetzgebenden und der Regierungsgewalt, zwischen dem Gesetz und der Exekution. Die zweite Bestimmung des Paragraphen ist, daß die einzige Leistung, die der Staat von den Individuen fordert, das « Geld ist. Die Gründe, die Hegel dafür anführt, sind: 1. das Geld ist der existierende allgemeine Wert der Dinge und der Leistungen ; 2. das zu Leistende kann nur durch diese Reduktion auf eine 20 gerechte Art bestimmt werden ; 3. nur dadurch kann die Leistung auf eine solche Art bestimmt werden, daß die besonderen Arbeiten und Dienste, die der Einzelne leisten kann, durch seine Willkür vermittelt werden. Hegel bemerkt in der Anmerkung: 25 ad 1. „Es kann im Staate zunächst auffallen, daß von den vielen Geschicklichkeiten, Besitztümern, Tätigkeiten, Talenten und darin liegenden unendlich mannigfaltigen lebendigen Vermögen, die zugleich mit Gesinnung ver¬ bunden sind, der Staat keine direkte Leistung fordert, son- » dem nur das eine Vermögen in Anspruch nimmt, das als Geld erscheint. — Die Leistungen, die sich auf die Ver¬ teidigung des Staats gegen Feinde beziehen, gehören erst zu der Pflicht der folgenden Abteilung (nicht der folgenden Abteilung, aber anderer Gründe wegen werden wir erst» später auf die persönliche Pflicht zum Militärdienst kom¬ men)1). In der Tat ist das Geld aber nicht ein besonderes Vermögen neben den übrigen, sondern es ist das Allgemeine derselben, insofern sie sich zu der Äußerlichkeit des Daseins O Das Eingeklammerte von M.
Die gesetzgebende Gewalt 471 produzieren, in der sie als eine Sache gefaßt werden können.“ „Bei uns“, heißt es weiter in dem Zusatze, „kauft der Staat, was er braucht.“ s ad 2. „Nur an dieser äußerlichsten Spitze (sc. worin die Vermögen sich zu der Äußerlichkeit des Daseins produ¬ zieren, in der sie als eine Sache gefaßt werden können)1) ist die quantitative Bestimmtheit und damit die Ge¬ rechtigkeit und Gleichheit der Leistungen’) 10 möglich.“ Im Zusatze heißt es: „Durch Geld kann aber die Gerechtigkeit der Gleichheit’) weit besser durchgeführt werden.“ „Der Talentvolle würde sonst mehr besteuert sein als der Talent- 15 lose, wenn es auf die konkrete Fähigkeit ankäme.“ ad 3. „Plato läßt in seinem Staate die Individuen den besonderen Ständen durch die Oberen zuteilen und ihnen ihre besonderen Leistungen auflegen [. . .]; in der Feudal-Monarchie hatten Vasallen ebenso unbestimmte 20 Dienste, aber auch in ihrer Besonderheit, z. B. das Richteramt u. s. f. zu leisten; die Leistungen im Orient, Ägypten für die unermeßlichen Architekturen u. s. f. sind ebenso von besonderer Qualität u. s. f. In diesen Ver¬ hältnissen mangelt das Prinzip der subjektiven F r e i- wheit, daß das substantielle Tun des Individuums, das in solchen Leistungen ohnehin seinem Inhalte nach ein Be¬ sonderes ist, durch seinen besonderen Willen ver¬ mittelt sei; — ein Recht, das allein durch die Forderung der Leistungen in der Form des allgemeinen Wertes möglich 3o und das der Grund ist, der diese Verwandlung herbeigeführt hat.“ Im Zusatz heißt es: „Bei uns kauft der Staat, was er braucht, und dies kann zunächst als abstrakt, tot und ge¬ mütlos erscheinen, und es kann auch aussehen, als wenn der Staat dadurch heruntergesunken wäre, daß er sich mit 35 abstrakten Leistungen befriedigt. Aber es liegt in dem Prin- x) Das Eingeklammerte von M. ’) Alles von M. unterstrichen.
472 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 zip des neueren Staates, daß Alles, was das Individuum tut, durch seinen Willen vermittelt sei.“ . . . „Nun aber wird eben dadurch Respekt1) vor der subjektiven Freiheit an den Tag gelegt, daß man jemanden nur an dem ergreift, an welchem er ergriffen werden kann.“ * Tut, was ihr wollt, bezahlt, was ihr sollt. Der Eingang des Zusatzes lautet: „Die zwei Seiten der Verfassung beziehen sich auf die Rechte und Leistungen der Individuen. Was nun die Leistungen betrifft, so reduzieren sie sich jetzt fast alle auf Geld. Die Militärpflicht ist jetzt fast nur die einzige per¬ sönliche Leistung ’).“ § 300. „In der gesetzgebenden Gewalt als Totalität1) sind zunächst die zwei anderen Momente wirksam, das monarchische, als dem die höchste Entscheidung zu- « kommt, — die Regierungsgewalt als das mit der konkreten Kenntnis und Übersicht des Ganzen in seinen vielfachen Seiten und den darin festgewordenen1) wirklichen Grundsätzen, sowie mit der Kenntnis der Bedürf¬ nisse der Staatsgewalt insbesondere, beratende Moment, — 20 endlich das ständische Element.“ Die monarchische Gewalt und die Regierungsgewalt sind gesetzgebende Gewalt. Wenn aber die gesetzgebende Gewalt die Totalität ist, müßten vielmehr monarchische Gewalt und Re¬ gierungsgewalt Momente der gesetzgebenden Gewalt sein. Das 22 hinzutretende ständische Element ist nur gesetzgebende Gewalt oder die gesetzgebende Gewalt im Unterschied zu der monarchischen und Regierungsgewalt. § 301. „Das ständische Element hat die Bestim¬ mung, daß die allgemeine Angelegenheit nicht nur an » sich, sondern auch f ü r si ch, d. i. daß das Moment der subjektiven formellen Freiheit, das öffentliche Be¬ wußtsein als empirische Allgemeinheit der An¬ sichten und Gedanken der Vielen, darin zur Existenz komme.“ « *) Von M. unterstrichen. 2) Der größere Teil dieser (73.) Seite des Manuskriptes und die folgende (74.) Seite ist leer gelassen. § 300 beginnt schon auf der 75. Seite.
Die gesetzgebende Gewalt 473 Das ständische Element ist eine Deputation der bürgerlichen Gesellschaft an den Staat, dem sie als die „Vielen“ gegenüber¬ stehen. Die Vielen sollen einen Augenblick die allgemeinen An¬ gelegenheiten mit Bewußtsein als ihre eigenen behandeln, als 5 Gegenstände des öffentlichen Bewußtseins, welches nach Hegel nichts ist als die „empirischeAllgemeinheit der Ansichten und Gedanken der Vielen“ (und in Wahrheit ist es in den modernen, auch den konstitutionellen, Monarchien nichts anderes). Es ist bezeichnend, daß Hegel, der so großen Respekt 10 vor dem Staatsgeist, dem sittlichen Geist, dem Staatsbewußtsein hat, es da, wo es ihm in wirklicher empirischer Gestalt gegenüber¬ tritt, förmlich verachtet. Dies ist das Rätsel des Mystizismus. Dieselbe phantastische Abstraktion, die das Staatsbewußtsein in der unangemes- io senen Form der Bureaukratie, einer Hierarchie des Wissens, wiederfindet und diese unangemessene Existenz unkritisch für die wirkliche Existenz hinnimmt als vo 11 g ü 11 i g, dieselbe mystische Abstraktion gesteht ebenso unbefangen, daß der wirkliche empi¬ rische Staatsgeist, das öffentliche Bewußtsein, ein so bloßes Potpourri von „Gedanken und Ansichten der Vielen“ sei. Wie sie der Bureaukratie ein fremdes Wesen unterschiebt, so läßt sie dem wahren Wesen die unangemessene Form der Erscheinung, Hegel idealisiert die Bureaukratie und empirisiert das öffentliche Bewußtsein. Hegel kann das wirkliche öffentliche Bewußtsein sehr so à part behandeln, eben weil er das à part Bewußtsein als das öffent¬ liche behandelt hat. Er braucht sich um so weniger um die wirk¬ liche Existenz des Staatsgeistes zu kümmern, als er schon in seinen soi-disant Existenzen ihn gehörig realisiert zu haben meint. So¬ lange der Staatsgeist mystisch im Vorhof spukte, wurden ihm viel io Reverenzen gemacht. Hier, wo wir ihn [in] persona gehascht, wird er kaum angesehen. „Das ständische Element hat die Bestimmung, daß die allge¬ meine Angelegenheit nicht nur an sich, sondern auch für sich darin zur Existenz komme.“ Und zwar kommt sie für sich so zur Existenz als das „öffentliche Bewußtsein“, „als empi¬ rische Allgemeinheit der Ansichten und Gedanken der Vielen“. Das Subjektwerden der „allgemeinen Angelegenheit“, die auf diese Weise verselbständigt wird, wird hier als ein Moment des io Lebensprozesses der „allgemeinen Angelegenheit“ dargestellt. Statt daß die Subjekte sich in der „allgemeinen Angelegenheit“ vergegenständlichten, läßt Hegel die „allgemeine Angelegenheit“ zum „Subjekt“ kommen. Die Subjekte bedürfen nicht der „all¬ gemeinen Angelegenheit“ als ihrer wahren Angelegenheit, son- io dem die allgemeine Angelegenheit bedarf der Subjekte zu ihrer
474 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über {§ 261—313 formellen Existenz. Es ist eine Angelegenheit der „allge¬ meinen Angelegenheit“, daß sie auch als Subjekt existiere. Es ist hier besonders der Unterschied zwischen dem „A n s i c h s e i n“ und dem „Fürsichsein“ der allgemeinen Angelegenheit ins Auge zu fassen. 5 Die „allgemeine Angelegenheit“ existiert schon „an sich“ als das Geschäft der Regierung etc., sie existiert, ohne wirklich die allgemeine Angelegenheit zu sein, sie ist nichts weniger als dies, denn sie ist nicht die Angelegenheit der „bürgerlichen Gesellschaft“. Sie hat schon ihre 10 wesentliche an sich seiende Existenz gefunden. Daß sie nun auch wirklich „öffentliches Bewußtsein“, „empirische Allgemein¬ heit“ wird, ist rein formell und kommt gleichsam nur symbo¬ lisch zur Wirklichkeit. Die „formelle“ Existenz oder die empi¬ rische1) Existenz der allgemeinen Angelegenheit ist getrennt von 15 ihrer substantiellen Existenz. Die Wahrheit davon ist: die an sich seiende „allgemeine Angelegenheit“ ist nicht wirklich allgemein, und die wirkliche empirische allgemeine Angelegenheit ist nur formell. Hegel trennt Inhalt und Form, Ansichsein und Für- s« sichsein und läßt das letztere als ein formelles Moment äußerlich hinzutreten. Der Inhalt ist fertig und existiert in vielen Formen, die nicht die Formen dieses Inhalts sind; wogegen es sich von selbst versteht, daß die Form, die nun für die wirkliche Form des Inhalts gelten soll, nicht den wirklichen Inhalt zu ihrem In- xs halt hat. Die allgemeine Angelegenheit ist fertig, ohne daß sie wirkliche Angelegenheit des Volks wäre. Die wirkliche Volks¬ sache ist ohne Tun des Volks zustande gekommen. Das ständische Element ist die illusorische Existenz der Staats- 3» angelegenheiten als einer Volkssache. Die Illusion, daß die all¬ gemeine Angelegenheit allgemeine Angelegenheit, öf¬ fentliche Angelegenheit sei, oder die Illusion, daß die Sache des Volks allgemeine Angelegenheit sei. So weit ist es sowohl in unseren Staaten als in der Hegelschen Rechtsphilosophie gekom- 3s men, daß der tautologische Satz: „Die allgemeine Angelegenheit ist die allgemeine Angelegenheit“, nur als eine Illusion des praktischen Bewußtseins erscheinen kann. Das stän¬ dische Element ist die politische Illusion der bürgerlichen Gesellschaft. Die subjektive Frei- u heit erscheint bei Hegel als formelle Freiheit (es ist aller¬ dings wichtig, daß das Freie auch frei getan werde, daß die Frei¬ heit nicht als bewußtloser Naturinstinkt der Gesellschaft herrsche), eben weil er die objektive Freiheit nicht als Verwirklichung, als 9 Kott, aus „wirkliche“
Die gesetzgebende Gewalt 475 Betätigung der subjektiven hingestellt hat. Weil er dem präsum¬ tiven oder wirklichen Inhalt der Freiheit einen mystischen Träger gegeben hat, so bekommt das wirkliche Subjekt der Freiheit eine formelle Bedeutung. Die Trennung des Ansichs und des «Fürsichs, der Substanz und des Subjekts, ist abstrakter Mystizismus. Hegel setzt in der Anmerkung das „ständische Element“ recht sehr als ein „Formelles“, „Illusorisches“ auseinander. Sowohl das Wissen als der Wille des „ständischen Ele- 10 mentes“ sind teils unbedeutend, teils verdächtig, d. h. das stän¬ dische Element ist kein inhaltsvolles Komplement. 1. „Die Vorstellung, die das gewöhnliche Bewußtsein über die Notwendigkeit oder Nützlichkeit der Konkurrenz von Ständen zunächst vor sich zu haben pflegt, ist vomehm- is lieh etwa, daß die Abgeordneten aus dem Volk oder gar das Volk es am besten verstehen müsse, was zu seinem Besten diene, und daß es den ungezweifelt besten Willen für dieses Beste habe. Was das erstere betrifft, so ist vielmehr der Fall, daß das Volk, insofern mit diesem Worte io ein besonderer Teil der Mitglieder eines Staats bezeichnet ist, den Teil ausdrückt, der nicht weiß, was er will. Zu wissen, was man will, und noch mehr, was der an und für sich seiende Wille, die Vernunft, will, ist die Frucht tiefer Erkenntnis (die wohl in den Bureaus steckt)1) und Ein- 2s sicht, welche eben nicht die Sache des Volks ist.“ Mehr unten heißt es in bezug auf die Stände selbst: „Die höchsten Staatsbeamten haben notwendig tiefere und umfassendere Einsicht in die Natur der Einrichtungen und Bedürfnisse des Staats sowie die größere Geschick- io lichkeit und Gewohnheit dieser Geschäfte und können ohne Stände das Beste tun, wie sie auch fortwährend bei den ständischen Versammlungen das Beste tun müssen.“ Und es versteht sich, daß bei der von Hegel beschriebenen Or¬ ganisation dies vollständig wahr ist. u 2. „Was aber den vorzüglich guten Willen der Stände für das allgemeine Beste betrifft, so ist schon oben [. . .] bemerkt worden, daß es zu der Ansicht des Pöbels, dem Standpunkte des Negativen überhaupt gehört, bei der x) Das Eingeklammerte von M.
476 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Regierung einen bösen oder weniger guten Willen vor¬ auszusetzen; — eine Voraussetzung, die zunächst, wenn in gleicher Form geantwortet werden sollte, die Rekri- mination zur Folge hätte, daß die Stände, da sie von der Einzelnheit, dem Privatstandpunkt und den besonderen In- « teressen herkommen, für diese auf Kosten des allgemeinen Interesses ihre Wirksamkeit zu gebrauchen geneigt seien, dahingegen die anderen Momente der Staatsgewalt schon für sich auf den Standpunkt des Staats gestellt und dem all¬ gemeinen Zwecke gewidmet sind.“ t» Also Wissen und Willen der Stände sind teils über¬ flüssig, teils verdächtig. Das Volk weiß nicht, was es will. Die Stände besitzen nicht die Staatswissenschaft im Maße der Be¬ amten, deren Monopol sie ist. Die Stände sind überflüssig zum Vollbringen der „allgemeinen Angelegenheit“. Die Beamten « können sie ohne Stände vollbringen, ja sie müssen trotz der Stände das Beste tun. Was also den Inhalt betrifft, so sind die Stände reiner Luxus. Ihr Dasein ist daher im wörtlichsten Sinne eine bloße Form. Was ferner die Gesinnung, den Willen der Stände betrifft, so so ist er verdächtig, denn sie kommen vom Privatstandpunkt und den Privatinteressen her. In Wahrheit ist das Privatinteresse ihre allgemeine Angelegenheit und nicht die allgemeine Angelegen¬ heit ihr Privatinteresse. Aber welche Manier der „allgemeinen Angelegenheit“, F o r m zu gewinnen als allgemeine Angelegen- 2; heit in einem Willen, der nicht weiß, was er will, wenigstens nicht ein besonderes Wissen des Allgemeinen besitzt, und in einem Willen, dessen eigentlicher Inhalt ein entgegenstehendes Inter¬ esse ist! In den modernen Staaten, wie in Hegels Rechtsphilosophie, ist a> die bewußte, die wahre Wirklichkeit der allge¬ meinen Angelegenheiten nur formell, oder nur das Formelle ist wirkliche allgemeine Ange¬ legenheit. Hegel ist nicht zu tadeln, weil er das Wesen des modernen « Staats schildert, wie es ist, sondern weil er das, was ist, für das Wesen des Staats ausgibt. Daß das Vernünftige wirklich ist, bewegt sich eben im Widerspruch der unvernünftigen Wirklichkeit, die an allen Ecken das Gegenteil von dem ist, was sie aussagt, und das Gegenteil von dem aussagt, was sie ist. « Statt daß Hegel zeigte, wie die „allgemeine Angelegenheit“ für sich „subjektiv, daher wirklich als solche existiere“, daß sie auch die Form der allgemeinen Angelegenheit hat, zeigt er nur,
Die gesetzgebende Gewalt 477 daß die Formlosigkeit ihre Subjektivität ist, und eine Form ohne Inhalt muß formlos sein. Die Form, welche die allgemeine Angelegenheit in einem Staate gewinnt, der nicht der Staat der allgemeinen Angelegenheit ist, kann nur eine Unform, eine sich « seihst täuschende, eine1) sich selbst widersprechende Form sein, eine Scheinform, die sich als dieser Schein ausweisen wird. Hegel will den Luxus des ständischen Elements nur der Logik zuliebe. Das Fürsichsein der allgemeinen Angelegenheit 10 als empirische Allgemeinheit soll ein Dasein haben. Hegel sucht nicht nach einer adäquaten Verwirklichung des „Fürsichseins der allgemeinen Angelegenheit“, er begnügt sich, eine empirische Exi¬ stenz zu finden, die in diese logische Kategorie aufgelöst werden kann; das ist dann das ständische Element: wobei er nicht ver- 15 fehlt, selbst anzumerken, wie erbärmlich und widerspruchsvoll diese Existenz ist. Und dann wirft er noch dem gewöhnlichen Be¬ wußtsein vor, daß es sich mit dieser logischen Satisfaktion nicht begnügt, daß es sich nicht die Wirklichkeit durch willkür¬ liche Abstraktion in Logik aufgelöst, sondern die Logik in to wahre Gegenständlichkeit verwandelt sehen will. Ich sage: willkürliche Abstraktion. Denn da die Regie¬ rungsgewalt die allgemeine Angelegenheit will, weiß, verwirklicht, aus dem Volk hervorgeht und eine empirische Viel¬ heit ist (daß es sich nicht um Allheit handelt, belehrt uns Hegel *5 ja selbst), warum sollte die Regierungsgewalt nicht als das „Für¬ sichsein der allgemeinen Angelegenheit“ bestimmt werden können? oder warum nicht die „Stände“ als ihr Ansichsein, da die Sache erst in der Regierung Licht und Bestimmtheit und Ausführung und Selbständigkeit gewinnt? 3o Aber der wahre Gegensatz ist: „Die allgemeine Angelegenheit“ muß doch irgendwie im Staat als „wirkliche“, also „empirische“ „allgemeine Angelegenheit“ repräsentiert sein; sie muß irgendwo in der Krone und dem Talar des Allgemeinen erscheinen, wodurch es von selbst zu einer Rolle, einer Illusion wird. 3s Es handelt sich hier um den Gegensatz des „Allgemeinen“ als „F o r m“, in der „Form der Allgemeinheit“, „und des Allge¬ meinen als Inhalt“. Z. B. in der Wissenschaft kann ein „Einzelner“ die allgemeine Angelegenheit vollbringen, und es sind immer Einzelne, die sie to vollbringen. Aber wirklich allgemein wird sie erst, wenn sie nicht mehr die Sadie des Einzelnen, sondern die der Gesellschaft ist. Das verändert nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt. Hier aber handelt es sich um den Staat, wo das Volk selbst die allge- meine Angelegenheit ist, hier handelt es sich um den Willen, der O Gestrichen ihrem Inhalt Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 36
478 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 sein wahres Dasein als Gattungswille nur im selbstbewußten Willen des Volkes hat. Und hier handelt es sich überdem von der Idee des Staats. Der moderne Staat, in dem die „allgemeine Angelegenheit“ wie die Beschäftigung mit derselben ein Monopol ist und dagegen 0 die Monopole die wirklichen allgemeinen Angelegenheiten sind, hat die sonderbare Erfindung gemacht, die „allgemeine An¬ gelegenheit“ als eine bloßeForm sich anzueignen. (Das Wahre ist, daß nur die Form allgemeine Angelegenheit ist.) Er hat da¬ mit die entsprechende Form für seinen Inhalt gefunden, der nur 10 scheinbar die wirkliche allgemeine Angelegenheit ist. Der konstitutionelle Staat ist der Staat, in dem das Staats¬ interesse als wirkliches Interesse des Volkes nur formell, aber als eine bestimmte Form neben dem wirklichen Staat vor¬ handen ist; das Staatsinteresse hat hier formell wieder Wirk- is lichkeit erhalten als Volksinteresse, aber es soll auch nur diese formelle Wirklichkeit haben. Es ist zu einer Forma¬ lität, zu dem haut goût des Volkslebens geworden, eine Zere¬ monie. Das ständische Element ist die sanktionierte, gesetzliche Lüge der konstitutionellen Staaten, daß der 20 Staat das Interesse des Volks oder daß das Volk das Staatsinteresse ist.^Im Inhalt wird sich diese Lüge ent¬ hüllen. Als gesetzgebende Gewalt hat sie sich etabliert, eben weil die gesetzgebende Gewalt das Allgemeine zu ihrem Inhalt hat, mehr Sache des Wissens als des Willens, die metaphysische 2t Staats g e w a 11 ist, während dieselbe Lüge als Regierungsgewalt etc. entweder sich sofort auf lösen oder in eine Wahrheit verwan¬ deln müßte. Die metaphysische Staatsgewalt war der geeignetste Sitz der metaphysischen, allgemeinen Staatsillusion. [§ 301.] „Die Gewährleistung, die für das allgemeine 3» Beste und die öffentliche Freiheit in den Ständen liegt, fin¬ det sich bei einigem Nachdenken nicht in der besonderen Einsicht derselben [. . .], sondern sie liegt teils wohl in einer Zutat (ü)1) von Einsicht der Abgeordneten, vor¬ nehmlich in das Treiben der den Augen der höheren Stellen 35 ferner stehenden Beamten, und insbesondere in dringen¬ dere und speziellere Bedürfnisse und Mängel, die [sie] in konkreter Anschauung vor sich haben, teils aber in der¬ jenigen Wirkung, welche die zu erwartende Zensur Vieler und zwar eine öffentliche Zensur mit sich führt, schon im 4» voraus die beste Einsicht auf die Geschäfte und vorzulegen- x) Von M. unterstrichen und durch (!!) her vor gehoben.
Die gesetzgebende Gewalt 479 den Entwürfe zu verwenden und sie nur den reinsten Mo¬ tiven gemäß einzurichten — eine Nötigung, die ebenso für die Mitglieder der Stände selbst wirksam ist.“ „Was hiermit die Garantie überhaupt betrifft, welche be- « sonders in den Ständen liegen soll, so teilt auch j e d e a n - dere der Staatsinstitutionen1) dies mit ihnen, eine Garantie des öffentlichen Wohls und der vernünftigen Freiheit zu sein, und es gibt darunter Institutionen, wie die Souveränität des Monarchen, die Erblichkeit der Thron- 10 folge, Gerichtsverfassung u. s. f., in welchen diese Garantie noch in viel stärkerem Grade liegt. Die eigentüm¬ liche1) Begriffsbestimmung der Stände ist deshalb darin zu suchen, daß in ihnen das subjektive Moment der allge¬ meinen Freiheit, die eigene Einsicht und der eigene Wille is der Sphäre, die in dieser Darstellung bürgerliche Gesell¬ schaft genannt worden ist, in Beziehung auf den Staat zur Existenz kommt. Daß dies Moment eine Bestimmung der zur Totalität entwickelten Idee ist, diese innere Notwendigkeit, welche nicht mit äußeren N o t - 20Wendigkeiten und Nützlichkeiten zu verwech¬ seln ist, folgt, wie überall, aus dem philosophischen Ge¬ sichtspunkte.“ Die öffentliche allgemeine Freiheit i st in den anderen Staats¬ institutionen angeblich garantiert, die Stände sind ihre angebliche 25 Selbstgarantierung. Daß das Volk auf die Stände’), in denen es selbst sich zu versichern glaubt, mehr Gewicht legt als auf die Institutionen, die ohne sein Tun die Assekuranzen seiner Freiheit sein soll [en], Bestätigungen seiner Freiheit, ohne Betätigungen seiner Freiheit zu sein. Die Koordination, welche Hegel den jo Ständen neben den anderen Institutionen anweist, widerspricht ihrem Wesen. Hegel löst das Rätsel, wenn er die „eigentümliche Begriffs¬ bestimmung der Stände“ darin findet, daß in ihnen „die eigene Einsicht und der eigene Wille . . . der bürgerlichen Gesellschaft »6 in Beziehung auf den Staat zur Existenz kommt.“ Es ist die Reflexion der bürgerlichen Gesell¬ schaft auf den Staat. Wie die Bureaukraten Abgeord¬ nete des Staats an die bürgerliche Gesellschaft, so sind die Stände A bgeordnete der bürgerlichen Gesell- O Alles von M. unterstrichen. 2) Bei M. versehentlich in den Ständen 36e
480 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 schäft an den Staat. Es sind also immer Transaktionen zweier gegensätzlicher Willen. Im Zusatz zu diesem Paragraphen heißt es: „Die Stellung der Regierung zu den Ständen soll keine wesentlich1) feindliche sein, und der Glaube an die Not- « wendigkeit dieses feindseligen Verhältnisses ist ein trauriger Irrtum“; ist eine „traurige Wahrheit“. „Die Regierung ist keine Partei, der eine andere gegen¬ übersteht.“ 10 Umgekehrt. „Die Steuern, die die Stände bewilligen, sind ferner nicht wie ein Geschenk1) anzusehen, das dem Staate gegeben wird, sondern sie werden zum Besten der Bewilligenden selbst bewilligt.“ « Die Steuerbewilligung ist im konstitutionellen Staat der Mei¬ nung nach notwendig ein Geschenk. „Was die eigentliche Bedeutung der Stände ausmacht, ist, daß der Staat1) dadurch in das subjektive Bewußt¬ sein des Volks tritt1), und daß es an demselben teilzu- io haben anfängt.“ Das letztere ist ganz richtig. Das Volk in den Ständen fängt an, teilzuhaben am Staat, ebenso tritt er als ein jenseitiger in sein subjektives Bewußtsein. Wie kann Hegel diesen Anfang aber für die volle Realität ausgeben! § 302. „Als vermittelndes Organ betrachtet,« stehen die Stände zwischen der Regierung überhaupt einer¬ seits, und dem in die besonderen Sphären und Individuen aufgelösten Volke andererseits. Ihre Bestimmung fordert an sie so sehr den Sinn und die Gesinnung des Staats und der Regierung, als der Interessen der» besonderen Kreise und der Einzelnen. Zugleich hat diese Stellung die Bedeutung einer mit der organisier¬ ten’) Regierungsgewalt gemeinschaftlichen Vermittlung, daß weder die fürstliche Gewalt als Extrem isoliert und dadurch als bloße Herrschergewalt und Willkür erscheine, O Alles von M. unterstrichen. 2) Bei M. organischen
Die gesetzgebende Gewalt 481 noch daß die besonderen Interessen der Gemeinden, Kor¬ porationen und der Individuen sich isolieren, oder noch mehr, daß die Einzelnen nicht zur Darstellung einer Menge und eines Haufens, zu einem somit unorga- 5 nischen Meinen und Wollen und zur bloß massenhaften Ge¬ walt gegen den organischen Staat kommen.66 Staat und Regierung werden immer als identisch auf die eine Seite, das in die besonderen Sphären und Individuen aufgelöste Volk auf die andere Seite gesetzt. Die Stände stehen als ver- 10 mittelndes Organ zwischen beiden. Die Stände sind die Mitte, worin „Sinn und Gesinnung des Staats und der Regierung“ Zusammentreffen, vereinigt sein sollen mit „Sinn und Gesinnung der besonderen Kreise und der einzelnen“. Die Identität dieser beiden entgegengesetzten Sinne und Gesinnungen, in deren1) Iden- 16 tität eigentlich der Staat liegen sollte, „erhält eine sym¬ bolische Darstellung in den Stände n“. Die Transaktion zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft erscheint als eine besondere Sphäre. Die Stände sind die Synthese zwi¬ schen Staat und bürgerlicher Gesellschaft. Wie so die Stände es aber anfangen sollen, zwei widersprechende Gesin¬ nungen in sich zu vereinen, ist nicht angegeben. Die Stände sind der gesetzte Widerspruch des Staates und der bür¬ gerlichen Gesellschaft im Staate. Zugleich sind sie die Forde¬ rungen der Auflösung dieses Widerspruchs. 25 „Zugleich hat diese Stellung die Bedeutung einer mit der organischen2) Regierungsgewalt gemeinschaftlichen Ver¬ mittlung“ etc. Die Stände vermitteln nicht nur Volk und Regierung. Sie verhindern die „fürstliche Gewalt“ als Extrem, die damit 3o als „bloße Herrschergewalt und Willkür“ erscheinen würde, eben¬ so die „Isolierung“ der „besonderen“ Interessen etc., ebenso die „Darstellung der Einzelnen als Menge und Haufe n“. Diese Vermittlung ist den Ständen mit der organisierten Regierungs¬ gewalt gemeinschaftlich. In einem Staat, worin die Stellung „der 35 Stände“ verhindert, „daß die Einzelnen nicht zur Darstellung einer Menge oder eines Haufens, zu einem somit unorga¬ nischen Meinen und Wollen, zur bloß massenhaften Gewalt gegen den organischen Staat kommen“, existiert der organische Staat außer der „Menge“ und dem „Haufen“, oder da gehört die 4o „Menge“ und der „Haufen“ zur Organisation des Staats; bloß soll sein „unorganisches Meinen und Wollen“ nicht zum „Meinen 0 Gestrichen konkreter 2) Von M, unterstrichen, bei Hegel steht organisierten
482 Aus der Kritik der Hiegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 und Wollen gegen dien Staat“ kommen, durch welche be¬ stimmte Richtunig es „organisches“ Meinen und Wollen würde. Ebenso soll diiese „massenhafte Gewalt“ nur „massen¬ haft“ bleiben, so daß <der Verstand außer der Masse ist und sie daher nicht sich selbst in Bewegung setzen, sondern nur von den 5 Monopolisten des „organischen Staats“ in Bewegung gesetzt und als massenhafte Gewallt exploitiert werden kann. Wo nicht die „besonderen Interessem der Gemeinden, Korporationen und der einzelnen“ sich gegen <den Staat isolieren, sondern die „einzelnen zur Darstellung einer Menge und eines Haufens, zu einem 10 somit unorganischen Meinen und Wollen und zur bloß massen¬ haften Gewalt gegen dien Staat kommen“, da zeigt es sich eben, daß kein „besonderes Ilnteresse“ dem Staate widerspricht, sondern daß der wirkliche organische allgemeine Gedanke der „Menge und des Haufens“ nidht der „Gedanke des organischen Staats“ u ist, der nicht in ihm seiine Realisation findet. Wodurch erscheinen nun die Stände als Verrmittlung gegen dies Extrem? Nur dadurch, „daß die besonderen Intteressen der Gemeinden, Korporationen und der Individuen sich isolieren“, oder dadurch, daß ihre isolierten Interessen ihre Rechnung mit dem Staat durch die?/ Stände abschlielßen, zugleich dadurch, daß das „unorga¬ nische Meinen und Wollen der Menge und des Haufens“ in der Schöpfung der Stände seinen Willen (seine Tätigkeit) und in der Beurteilung der Tätiglkeit der Stände sein „Meinen“ beschäftigt und die Täuschung seiner Ygfggggn§tändlichung genosgen hat. 2. Die „Stände“ präserwieren den Staat vor dem unorganischen Haufen nur durch die Desorganisation dieses Haufens. Zugleich aber sollem die Stände dagegen vermitteln, „daß die besonderen Interesssen der Gemeinden, Korporationen und der Individuen sich nicht isolieren“. Sie vermitteln dagegen, 1. in- st dem sie mit dem „Sitaatsinteresse“ transigieren, 2. indem sie selbst die „politische Isolierung“ dieser besonderen Inter¬ essen sind, diese Isolierung als politischer Akt, in dem durch sie diese „»isolierten Interessen“ den Rang des „all¬ gemeinen“ erhalten. 3 Endlich sollen die? Stände gegen die „Isolierung“ der fürstlichen Gewalt alls eines „Extrems“ (die „dadurch als bloße Herrschergewaltt und Willkür erschiene“) vermitteln. Dies ist insofern wichttig, als das Prinzip der fürstlichen Gewalt (die Willküir) durch sie begrenzt ist, wenigstens nur in / Fesseln sich bewegen kann, und als sie selbst Teilnehmer, Mit¬ schuldige der fürstliclhen Gewalt werden. Die fürstliche Gewalt hört entweder wirklich dadurch auf, das Extrem der fürstlichem Gewalt zu sein (und die fürstliche Gewalt existiert nur als ein Extrem, als eine Einseitigkeit, weil sie kein 4
Die gesetzgebende Gewalt 483 organisches Prinzip ist), sie wird zu einer Scheingewalt, einem Symbol, oder sie verliert nur den Schein der Willkür und bloßer Herrschergewalt. Sie vermitteln gegen die „Isolierung“ der Sonderinteressen, indem sie diese Isolierung als poli- 51 i s c h e n Akt vorstellen. Sie vermitteln gegen die Isolierung der fürstlichen Gewalt als eines Extrems, teils indem sie selbst zu einem Teil der fürstlichen Gewalt werden, teils indem sie die Regierungsgewalt zu einem Extrem machen. In den „Ständen“ laufen alle Widersprüche der fnodernen 10 Staatsorganisationen zusammen. Sie sind die „Mittler“ nach allen Seiten hin, weil sie nach allen Seiten hin „Mitteldinge“ sind. Zu bemerken ist, daß Hegel weniger den Inhalt der ständischen Tätigkeit, die gesetzgebende Gewalt, als die Stellung der Stände, ihren politischen Rang entwickelt. is Zu bemerken ist noch, daß, während nach Hegel zunächst die Stände „zwischen der Regierung überhaupt einer¬ seits und dem in die besonderen Sphären und Individuen auf¬ gelösten Volke andrerseits“ stehen, ihre Stellung, wie sie oben entwickelt „die Bedeutung einer mit der organisierten Regie- 2o rungsgewalt gemeinschaftlichen Vermittlung hat“. Was die erste Stellung betrifft, so sind die Stände das Volk gegen die Regierung, aber das Volk en miniature. Das ist ihre oppositionelle Stellung. Was die zweite betrifft, so sind sie die Regierung gegen das 25 Volk, aber die amplifizierte Regierung. Das ist ihre konservative Stellung. Sie sind selbst ein Teil der Regierungsgewalt gegen das Volk, aber so, daß sie zugleich die Bedeutung haben, das Volk gegen die Regierung zu sein. Hegel hat oben die „gesetzgebende Gewalt als Totalität“ 3o (§ 300) bezeichnet, die Stände sind wirklich diese Totali¬ tät, der Staat im Staate, aber eben in ihnen erscheint es, daß der Staat nicht die Totalität, sondern ein Dualismus ist. Die Stände stellen den Staat in einer Gesellschaft vor, die kein Staat ist. Der Staat ist eine bloße Vorstellung. 35 In der Anmerkung sagt Hegel: „Es gehört zu den wichtigsten logischen Einsichten, daß ein bestimmtes Moment, das als im Gegensätze stehend die Stellung eines Extrems hat, es dadurch zu sein aufhört und organisches Moment ist, daß es zugleich Mitte ist.“ 4o (So ist das ständische Element 1. das Extrem des Volks gegen die Regierung, aber 2. zugleich Mitte zwischen Volk und Regie¬ rung, oder es ist der Gegensatz im Volke selbst. Der Gegensatz von Regierung und Volk vermittelt sich durch den
484 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §3 261—313 Gegensatz zwischen Ständen und Volk. Die Stände haben nach der Seite der Regierung hin die Stellung des Volks, aber nach der Seite des Volks hin die Stellung der Regierung. Indem das Volk als Vorste 11 ung, als Phantasie, Illusion, Reprä¬ sentation zustande kommt — das vor gestellte Volk oder 5 die Stände, das sich als eine besondere Gewalt sogleich in der Trennung vom wirklichen Volk befindet — hebt [es] den wirk¬ lichen Gegensatz zwischen Volk und Regierung auf. Das Volk ist hier schon so zubereitet, wie es in dem betrachteten Organismus zu¬ bereitet sein muß, um keinen entschiedenen Charakter zu haben. ) u „Bei dem hier betrachteten Gegenstand ist es um so wich¬ tiger, diese Seite herauszuheben, weil es zu den häufigen, aber höchst gefährlichen Vorurteilen gehört, Stände haupt¬ sächlich im Gesichtspunkte des Gegensatzes gegen die Regierung, als ob dies ihre wesentliche Stellung wäre, « vorzustellen. Organisch, d. i. in die Totalität aufgenommen, beweist sich das ständische Element nur durch die Funktion der Vermittlung1). Damit ist der Gegensatz1) selbst zu einem Schein1) herabgesetzt. Wenn er, insofern er seine Erscheinung1) hat, nichtxo bloß die Oberfläche beträfe, sondern wirklich1) ein substantieller Gegensatz1) würde, so wäre der Staat in seinem Untergange begriffen. — Das Zeichen, daß der Widerstreit nicht dieser Art ist, ergibt sich der Natur der Sache nach dadurch, wenn die Gegenstände desselben nicht « die wesentlichen Elemente des Staatsorganismus, sondern speziellere und gleichgültigere Dinge betreffen, und die Leidenschaft, die sich doch an diesen Inhalt knüpft, zur Parteisucht um ein bloß subjektives Interesse, etwa um die höheren Staatsstellen, wird.“ 3» Im Zusatz heißt es: „Die Verfassung ist wesentlich ein System der Vermittlung1)1).“ § 303. „Der allgemeine, näher dem Dienste der Regierung sich widmende Stand hat unmittelbarss in seiner Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke seiner x) Alles von M. unterstrichen. *) Im Manuskript von hier ab der größte Teil der Seite (85) und die ganze fol¬ gende (86) leer gelassen,
Die gesetzgebende Gewalt 485 wesentlichen Tätigkeit zu haben ; in dem ständischen Elemente der gesetzgebenden Gewalt kommt der Privat- stand zu einer politischen Bedeutung und Wirksamkeit. Derselbe kann nun dabei weder als bloße « ungeschiedene Masse noch als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen, sondern als das, was er bereits ist, nämlich unterschieden in den auf das substantielle Verhält¬ nis und in den auf die besonderen Bedürfnisse und die sie vermittelnde Arbeit sich gründenden Stand1) [. . .]. Nur 10 so knüpft sich in dieser Rücksicht wahrhaft das i m Staate wirkliche Besondere an das Allgemeine an.“ Hier haben wir die Lösung des Rätsels. „In dem ständischen Elemente der gesetzgebenden Gewalt kommt der Privatstand zu einer politischen Bedeutung.“ Versteht sich, daß der « Privatstand nach dem, was er ist, nach seiner Gliederung in der bürgerlichen Gesellschaft (den allgemeinen Stand hat Hegel schon als den der Regierung sich widmenden be¬ zeichnet; der allgemeine Stand ist also durch die Regierungs¬ gewalt in der gesetzgebenden Gewalt vertreten) zu dieser Be- 20 deutung kommt. Das ständische Element ist die politische Bedeutung des Privatstandes, des unpolitischen Standes, eine contra- dictio in adjecto, oder in dem von Hegel beschriebenen Stand hat der Privatstand (weiter überhaupt der Unterschied des 25 Privatstandes) eine politische Bedeutung. Der Privat¬ stand gehört zum Wesen, zur Politik dieses Staates. Er gibt ihm daher auch eine politische Bedeutung, d. h. eine andere Bedeutung als seine wirkliche Bedeutung. In der Anmerkung heißt es: 30 „Dies geht gegen eine andere gangbare Vorstellung, daß, indem der Privatstand zur Teilnahme*) an der allge¬ meinen Sache in der gesetzgebenden Gewalt erhoben wird, er dabei in Form der Einzelnen erscheinen müsse, sei es, daß sie Stellvertreter für diese Funktion wählen, oder 36 daß gar selbst jeder eine Stimme dabei exerzieren solle. Diese atomistische, abstrakte Ansicht verschwindet schon in der Familie wie in der bürgerlichen Gesellschaft, wo der Einzelne nur als Mitglied eines Allgemeinen zur Erschei- 9 Stand bei Hegel gesperrt. 2) Von M. unterstrichen.
486 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Über §§ 261—313 nung kommt. Der Staat aber ist wesenttlich eine Organi¬ sation von solchen Gliedern, die für siech Kreise1) sind, und in ihm soll sich kein Moment als eeine unorganische Menge zeigen. Die Vielen als Einnzelne, was man gerne unter Volk versteht, sind wohl ebin Zusammen, ? aber nur als die Menge, — eine formhlose Masse, deren Bewegung und Tun eben damit nur elilementariscih, ver- nunftlos, wild und fürchterlich wäre.“ „Die Vorstellung, welche die in jenen IKreisen schon vor¬ handenen Gemeinwesen, wo sie ins Polittische, d. i. in den'» Standpunkt der höchsten konkret een Allgemein¬ heit eintreten, wieder in eine Menge voon Individuen auf¬ löst, hält eben damit das bürgerlichie und das po¬ litische Leben voneinander g'etrennt*) und stellt dieses sozusagen in die Luft, da seeine Basis nur die'« abstrakte Einzelnheit der Willkür und Mleinung, somit das Zufällige, nicht eine an und für sich f e s 11 e und berech¬ tigte Grundlage sein würde.“ „Obgleich in den Vorstellungen sogeenannter Theorien die Stände der bürgerlichen Gesellschaft’)-’<> überhaupt und die Stände in poliitischer Bedeu¬ tung weit auseinander liegen, so hat dochh die Sprache noch diese Vereinigung erhalten, die früherrs) ohnehin vor¬ handen war’).“ „Der allgemeine näher dem Diennste der Regie--’« r u n g sich widmende Stand.“ Hegel geht von der Voraussetzung aus, daß J der allgemeine Stand „im Dienst der Regierung“ steht. Err unterstellt die all¬ gemeine Intelligenz als „ständisch und ständiig“. „Indem ständischen Elemente etc.“ ’ Die „politische Be-?« deutung und Wirksamkeit“ des Privattstandes ist eine besondere Bedeutung und Wirksamkeit ddesselben. Der Pri¬ vatstand verwandelt sich nicht in dden politischen Stand, sondern als Privatstand tritt eer in seine politische Wirksamkeit und Bedeutung. Er hat nicht poblitische Wirksamkeit« und Bedeutung schlechthin. Seine politischhe Wirksamkeit und Bedeutung ist die politische Wirksaamkeit und Be¬ deutung des Privatstandes als P>rivatstand. Der *) Kreise bei Hegel gesperrt. 2) Alles von M. unterstrichen. •) Gesellschaft bei Hegel nicht gesperrt.
Die gesetzgebende Gewalt 487 5 10 15 20 30 35 40 Privatstand kann also nur nach dem Ständeunter¬ schied der bürgerlichen Gesellschaft in die poli¬ tische Sphäre treten. Der Ständeunterschied der bürger¬ lichen Gesellschaft wird zu einem politischen Unterschied. Schon die Sprache, sagt Hegel, drückt die Identität der Stände der bürgerlichen Gesellschaft und der Stände in politischer Bedeutung aus, eine „Ver- einigung“, „die früher ohnehin vorhanden wa r“, also, sollte man schließen, jetzt nicht mehr vorhanden ist. Hegel findet, daß „sich in dieser Rücksicht wahrhaft das i m Staate wirklich Besondere an das Allgemeine anknüpft“. Die Trennung des „bürgerlichen und des politischen Lebens“ soll auf diese Weise aufgehoben und ihre „Identität“ gesetzt sein. Hegel stützt sich darauf: „In jenen Kreisen (Familie und bürgerliche Gesellschaft) sind schon Gemeinwesen vorhanden.“ Wie kann man diese da, „wo sie ins Politische, d. i. in den Standpunkt der höchsten konkreten Allgemeinheit eintreten“, „wieder in eine Menge von Individuen auf lösen“ wollen? Es ist wichtig, diese Entwicklung genau zu verfolgen. Die Spitze der Hegelschen Identität war, wie er selbst gesteht, das Mittelalter. Hier waren die Stände der bürger¬ lichen Gesellschaft überhaupt und die Stände in po¬ litischer Bedeutung identisch. Man kann den Geist des Mittelalters so aussprechen: Die Stände der bürgerlichen Gesell¬ schaft und die Stände in politischer Bedeutung waren identisch, weil die bürgerliche Gesellschaft die politische Gesellschaft war: weil das organische Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft das Prinzip des Staates war. Allein Hegel geht von der Trennung der „bürger¬ lichen Gesellschaft“ und des „politischen Staats“ als zweier fester Gegensätze, zweier wirklich verschiedener Sphären aus. Diese Trennung ist allerdings yrirklich im modernen Staat vorhanden. Die Identität der bürgerlichen und politischen Stände war der Ausdruck der Identität der bürgerlichen und politischen Gesellschaft. Diese Identität ist ver¬ schwunden. Hegel setzt sie als verschwunden voraus. „Die Iden¬ tität der bürgerlichen und politischen Stände“, wenn sie die Wahr¬ heit ausdrückte, könnte also nur mehr ein Ausdruck der Trennung der bürgerlichen und politischen Gesellschaft sein! oder vielmehr: nur die Trennung der bürgerlichen und politischen Stände1) drückt das wahre Verhältnis der bürgerlichen und politischen modernen Gesellschaft aus. 9 Kott, aus Gesellschaft
488 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Zweitens: Hegel handelt hier von politischen Ständen in einem ganz anderen Sinne, als jene politischen Stände des Mittelalters waren, von denen die Identität mit den Stän¬ den der bürgerlichen Gesellschaft ausgesagt wird. Ihr ganzes Dasein war politisch; ihr Dasein war das Dasein des 5 Staats. Ihre gesetzgebende Tätigkeit, ihre Steuer¬ bewilligung für das Reich war nur ein besonderer Ausfluß ihrer allgemeinen politischen Bedeutung und Wirk¬ samkeit. Ihr Stand war ihr Staat. Das Verhältnis zum Reich war nur ein Transaktionsverhältnis dieser verschiedenen Staaten mit 10 der Nationalität, denn der politische Staat im Unterschiede von der bürgerlichen Gesellschaft war nichts anderes als die Re¬ präsentation der Nationalität. Die Nationalität war der point d’honneur, der xar itoyip) politische Sinn dieser ver¬ schiedenen Korporationen etc., und nur auf sie bezogen sich die >0 Steuern etc. Das war das Verhältnis der gesetzgebenden Stände zum Reich. Ähnlich verhielten sich die Stände innerhalb der besonderen Fürstentümer. Das Fürstentum, die Souveränität war hier ein besonderer Stand, der gewisse Privilegien hatte, aber ebensosehr von den Privilegien der anderen so Stände geniert wurde. ( Bei den Griechen war die bürgerliche Ge¬ sellschaft Sklave der politischen). Die allgemeine gesetz¬ gebende Wirksamkeit der Stände der bürgerlichen Ge¬ sellschaft war keineswegs ein Kommen des Privatstandes zu einer politischen Bedeutung und Wirksamkeit, sondern ss vielmehr ein bloßer Ausfluß ihrer wirklichen und allge¬ meinen politischen Bedeutung und Wirksamkeit. Ihr Auftreten als gesetzgebende Macht war bloß ein Komplement ihrer sou¬ veränen und regierenden (exekutiven) Macht; es war vielmehr ihr Kommen zu der ganz allgemeinen Angelegenheit als einer 30 Privatsache, ihr Kommen zur Souveränität als einem Pri¬ vatstand. Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft waren im Mittelalter als solche Stände zugleich gesetzgebende, weil sie keine Privatstände oder weil die Privatstände politische Stände waren. Die mittelalterlichen Stände kommen als politisch- ss ständisches Element zu keiner neuen Bestimmung. Sie wurden nicht politisch -ständisch, weil sie teil an der Gesetzgebung hatten, sondern sie hatten teil an der Gesetzgebung, weil1) sie politisch-ständisch waren. Was hat das nun mit Hegels Privat¬ stand gemein, der als gesetzgebendes Element zu einer 40 politischen Bravourarie, zu einem ekstatischen Zustand, zu einer aparten, frappanten, ausnahmsweisen politischen Bedeutung und Wirksamkeit kommt? O Nach weil gestrichen und insofern
Die gesetzgebende Gewalt 489 In dieser Entwicklung findet man alle Widersprüche der Hegelschen Darstellung zusammen. 1. hat er die Trennung der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen Staats (einen modernen Zustand) vorausgesetzt s und als notwendiges Moment der Idee entwickelt, als absolute Vemunftwahrheit. Er hat den politischen Staat in seiner' modernen Gestalt der Trennung der verschiedenen Gewalten dargestellt. Er hat dem wirklichen handelnden Staat die Bureaukratie zu seinem Leib gegeben und sie als den wissenden w Geist dem Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft supra¬ ordiniert. Er hat das an und für sich seiende Allgemeine des Staats dem besonderen Interesse und dem Bedürfnis der bürger¬ lichen Gesellschaft gegenübergestellt. Mit einem Wort: Er stellt überall den Konflikt der bürgerlichen Gesellschaft und des is Staats dar. 2. Hegel stellt die bürgerliche Gesellschaft als Privat¬ stand dem politischen Staat gegenüber. 3. Er bezeichnet das ständische Element der gesetzgeben¬ den Gewalt als den bloßen politischen Formalismus w der bürgerlichen Gesellschaft. Er bezeichnet es als ein Refle¬ xionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft auf den Staat und als ein Reflexionsverhältnis, was das Wesen des Staats nicht alteriert. Ein Reflexionsverhältnis ist auch die höchste Identität zwischen wesentlich Verschiedenen. w Andrerseits will Hegel 1. die bürgerliche Gesellschaft bei ihrer Selbstkonstituierung als gesetzgebendes Element weder als Masse, ungeschiedene Masse, noch als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen lassen. Er will keine Trennung des bürgerlichen und Apolitischen Lebens. 2. Er vergißt, daß es sich um ein Reflexionsverhältnis han¬ delt, und macht die bürgerlichen Stände als solche zu politischen Ständen, aber wieder nur nach der Seite der gesetzgebenden Ge¬ walt hin, so daß ihre Wirksamkeit selbst der Beweis der Tren¬ ds nung ist. Er macht das ständische Element zum Ausdruck der Trennung, aber zugleich soll es der Repräsentant einer Identität sein, die nicht vorhanden ist. Hegel weiß die Trennung der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen Staats, aber er a will, daß innerhalb des Staats die Einheit desselben ausgedrückt sei, und zwar soll dies dergestalt bewerkstelligt werden, daß die Stände der bürgerlichen Gesellschaft zugleich als solche das
490 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 ständische Element der gesetzgebenden Gesellschaft bilden, (cf. XIV, X.)1) § 304. „Den in den früheren Sphären bereits vorhan¬ denen Unterschied der Stände enthält das politisch-stän¬ dische Element zugleich in seiner eigenen Bestimmung. 5 Seine zunächst abstrakte Stellung, nämlich des Extrems der empirischen Allgemeinheit gegen das fürstliche oder monarchische Prinzip2) überhaupt, — in der nur die Möglichkeit der Übereinstim¬ mung und damit ebenso die Möglichkeit feind-/« 1 i c h e r Entgegensetzung liegt — diese abstrakte Stellung wird nur dadurch zum vernünftigen Verhältnis (zum Schlüsse, vergl. Anm. zu § 302), daß ihre Vermitt¬ lung zur Existenz kommt. Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestim- n mung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren.“ § 305. „Der eine der Stände der bürgerlichen Gesell¬ schaft enthält das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser 20 politischen Beziehung konstituiert zu werden, der Stand der natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das Familienleben und in Rücksicht der Subsistenz den Grundbesitz zu seiner Basis, somit in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich beruhen¬ des Wollen und die Naturbestimmung, welche das fürstliche u Element in sich schließt, mit diesem gemein hat.“ § 306. „Für die politische Stellung und Bedeutung wird er näher konstituiert, insofern sein Vermögen ebenso un¬ abhängig vom Staatsvermögen als von der Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht des Gewinns und der Veränderlichkeit 30 des Besitzes überhaupt — wie von der Gunst der Regie¬ rungsgewalt, so von der Gunst der Menge — und selbst gegen die eigene Willkür dadurch festgestellt ist, daß die für diese Bestimmung berufenen Mitglieder dieses Standes des Rechts der anderen Bürger, teils über ihr ganzes 35 Eigentum frei zu disponieren, teils es nach der Gleichheit *) Bezieht sich auf Bogen XIV und X des Manuskripts (dort p. 53—56 bzw. 37—40), bei uns wiedergegeben p. 454—457 bzw. 436—439. ’) Prinzip bei Hegel gesperrt.
Die gesetzgebende Gewalt 491 der Liebe zu den Kindern an sie übergehend zu wissen, ent¬ behren; — das Vermögen wird so ein unveräußer¬ liches, mit dem Majorate belastetes Erbgut.“ Zusatz: „Dieser Stand hat ein mehr für sich bestehendes s Wollen. Im Ganzen wird der Stand der Güterbesitzer sich in den gebildeten Teil desselben und in den Bauernstand unterscheiden. Indessen beiden Arten steht der Stand des Gewerbes, als der vom Bedürfnis abhängige und darauf hin¬ gewiesene, und der allgemeine Stand, als vom Staat wesent- 10 lieh abhängig, gegenüber. Die Sicherheit und Festigkeit dieses Standes kann noch durch die Institution des Majorats vermehrt werden, welche jedoch nur in politischer Rück¬ sicht wünschenswert ist, denn es ist damit ein Opfer für den politischen Zweck verbunden, daß der Erstgeborene unab- hängig leben könne. Die Begründung des Majorats liegt darin, daß der Staat nicht auf bloße Möglichkeit der Ge¬ sinnung, sondern auf ein Notwendiges rechnen soll. Nun ist die Gesinnung freilich an ein Vermögen nicht gebunden, aber der relativ notwendige Zusammenhang ist, daß, wer so ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umständen nicht beschränkt ist und so ungehemmt auftreten und für den Staat handeln kann. Wo indessen politische Institu¬ tionen fehlen, ist die Gründung und Begünstigung von Majoraten nichts als eine Fessel, die der Freiheit des Privat- b« rechts angelegt ist, zu welcher entweder der politische Sinn hinzutreten muß, oder die ihrer Auflösung entgegengeht.“ § 307. „Das Recht dieses Teils des substantiellen Stan¬ des ist auf diese Weise zwar einerseits auf das Natur¬ prinzip der Familie1) gegründet, dieses aber zu- » gleich durch harte Aufopferungen für den politischen Zweck verkehrt, womit dieser Stand wesentlich an die Tätigkeit für diesen Zweck angewiesen und gleichfalls in Folge hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die Geburt dazu berufen und berechtigt ist. Damit hat « er die feste, substantielle Stellung zwischen der subjektiven Willkür oder Zufälligkeit der beiden Extreme, und wie er (s. vorherg. Paragraphen) ein Gleichnis des Moments der 1) Alles von M. unterstrichen.
492 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 fürstlichen Gewalt in sich trägt, so teilt er auch mit dem anderen Extreme die im übrigen gleichen Bedürfnisse und gleichen Rechte, und wird so zugleich Stütze des Thrones und der Gesellschaft.“ Hegel hat das Kunststück fertiggebracht, die geborenen Pairs, « das Erbgut etc. etc., diese „Stütze des Throns und der Gesell¬ schaft“, aus der absoluten Idee entwickelt. Das Tiefere bei Hegel liegt darin, daß er die Trennung der bür¬ gerlichen Gesellschaft und der politischen als einen Wider¬ spruch empfindet. Aber das Falsche ist, daß er sich mit dem 10 Schein dieser Auflösung begnügt und ihn für die Sache selbst ausgibt, wogegen die von ihm verachteten „sogenann¬ ten Theorien“ die „Trennung“ der bürgerlichen und po¬ litischen Stände fordern, und mit Recht, denn sie sprechen eine Konsequenz der modernen Gesellschaft aus, indem hier das « po 1 it isch-ständ isehe Element eben nichts anderes ist als der faktische Ausdruck des wirklichen Verhältnisses von Staat und bürgerlicher Gesellschaft, ihre Trennung. Hegel hat die Sache, worum es sich hier handelt, nicht bei ihrem bekannten Namen genannt. Es ist die Streitfrage zwischen m repräsentativer und ständischer Verfassung. Die re¬ präsentative Verfassung ist ein gewisser Fortschritt, weil sie der offene, unverfälschte, konsequente Ausdruck des modernen Staatszustands ist. Sie ist der unver- hohleneWiderspruch. w Ehe wir auf die Sache selbst eingehen, werfen wir noch einmal einen Blick auf die Hegelsche Darstellung. „In dem ständi¬ schen Element der gesetzgebenden Gewalt kommt der Pri¬ vatstand zu einer politischen Bedeutung.“ Früher (§ 301 Anmerkung) hieß es: „Die eigentümliche Begriffs-w bestimmung der Stände ist deshalb darin zu suchen, daß in ihnen die eigene Einsicht und der eigene Wille der Sphäre, die in dieser Darstellung bürgerliche Gesellschaft genannt worden ist, in Beziehung auf den Staat zur Existenz komm t.“ 31 Fassen wir diese Bestimmung zusammen, so folgt: Die bür¬ gerliche Gesellschaft ist der Privatstand, oder der Privatstand ist der unmittelbare, wesentliche, konkrete Stand der bürgerlichen Gesellschaft. Erst in dem ständischen Element der gesetzgebenden Gewalt erhält sie „politische Bedeutung und * Wirksamkeit“. Es ist dies etwas Neues, was zu ihr hinzukommt, eine besondere Funktion, denn eben ihr Charakter als Privat¬ stand drückt ihren Gegensatz zur politischen Bedeutsamkeit und Wirksamkeit, die Privation des politischen Charakters aus,
Die gesetzgebende Gewalt 493 drückt aus, daß die bürgerliche Gesellschaft an und für sich ohne politische Bedeutung und Wirksamkeit ist. Der Privat¬ stand ist der Stand der bürgerlichen Gesellschaft, oder die bür¬ gerliche Gesellschaft ist der Privatstand. Hegel schließt 5 daher auch konsequent den „allgemeinen Stand“ von dem „stän¬ dischen Ellement der gesetzgebenden Gewalt“ aus. „Der all¬ gemeine, näher dem Dienst der Regierung sich wid¬ mende Stamd hat unmittelbar in seiner Bestimmung, das Allge¬ meine zuim Zweck seiner wesentlichen Tätigkeit zu haben.“ Die io bürgerliche Gesellschaft oder der Privatstand hat dies nicht zu seiner Bestimmung; seine wesentliche Tätigkeit hat nicht die Bestimmumg, das Allgemeine zum Zweck zu haben, oder seine wesentlich© Tätigkeit ist keine Bestimmung des Allgemeinen, keine allgemeine Bestimmung. Der Privatstand ist der Stand der bürgerlichen Gesellschaft gegen den Stand. Der Stand der bürgerlichen Gesellschaft ist kein politischer Stand. Indem Hegel die bürgerliche Gesellschaft als Privatstand be¬ zeichnet, hat er die Ständeunterschiede der bürgerlichen Gesell¬ schaft für n i c h t politische Unterschiede erklärt, hat er das 20 bürgerlich© Leben und das politische für heterogen, sogar für Gegensäitze erklärt. Wie fährt er nun fort? „Derselbe kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene Masse noclh als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen, sondern als das, was er bereits ist, nämlich unterschieden es in den auf das substantielle Verhältnis und in den auf die beson¬ deren Bedüirfnisse und die sie vermittelnde Arbeit sich gründen¬ den Stand (§ 201ff.). Nur so knüpft sich in dieser Rücksicht wahrhaft dlas im Staate wirkliche Besondere an das Allge¬ meine an.“ [§ 303.] 3o Als eine „bloße ungeschiedene Masse“ kann die bürgerliche Gesellschaft (der Privatstand) in ihrer gesetzgeberisch- ständischem Tätigkeit allerdings nicht erscheinen, weil die bloße „ungeschiedene Masse“ nur in der „Vorstellung“ der „Phantasie“, nicht aber in der Wirklichkeit existiert. Hier gibt es nur 3o größere umd kleinere zufällige Massen (Städte, Flecken etc.). Diese Massen oder diese Masse erscheint nicht nur, son¬ dern ist (überall realiter „eine in ihre Atome aufgelöste Menge“, und als di©se Atomistik muß sie in ihrer politisch -stän¬ dischen Tätigkeit erscheinen und auftreten. „Als das, was er /«bereits iist“, kann der Privatstand, die bürgerliche Ge¬ sellschaft niicht hier erscheinen, denn was ist er bereits? Privat- stand, d. h. Gegensatz und Trennung vom Staat. Um zur „poli¬ tischen Bedeutung und Wirksamkeit“ zu kommen, muß er sich vielmehr amfgeben als das, was er bereits ist, als P r i v a t s t a n d. ü Dadurch erhält er eben erst seine „politische Bedeutung und Marx-Engels-tGesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 37
494 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Wirksamkeit“. Dieser politische Akt ist eine völlige Transsub¬ stantiation. In ihm muß sich die bürgerliche Gesellschaft völlig von sich als bürgerlicher Gesellschaft, als Privatstand lossagen, eine Partie seines Wesens geltend machen, die mit der wirklichen bürgerlichen Existenz seines Wesens nicht nur keine Gemeinschaft s hat, sondern ihr direkt gegenübersteht. Am Einzelnen erscheint hier, was das allgemeine Ge¬ setz ist. Bürgerliche Gesellschaft und Staat sind getrennt. Also ist auch der Staatsbürger und der Bürger, das Mitglied der bür¬ gerlichen Gesellschaft, getrennt. Er muß also eine wesent-w liehe Diremption mit sich selbst vornehmen. Als wirk¬ licher Bürger findet er sich in einer doppelten Organisation, der bureaukratischen — die ist eine äußere formelle Be¬ stimmung des jenseitigen Staats, der Regierungsgewalt, die ihn und seine selbständige Wirklichkeit nicht tangiert — der so - 15 zialen, der Organisation der bürgerlichen Gesellschaft. Aber in dieser steht er als Privatmann außer dem Staate; die tan¬ giert den politischen Staat als solchen nicht. Die erste ist eine Staatsorganisation, zu der er immer die Materie abgibt. Die zweite ist eine bürgerliche Organisation, deren Materie 20 nicht der Staat ist. In der ersten verhält sich der Staat als formeller Gegensatz zu ihm, in der zweiten verhält er sich selbst als materieller Gegensatz zum Staat. Um also als wirklicher Staatsbürger sich zu verhalten, politische Bedeutsamkeit und Wirksamkeit zu erhalten, muß er aus seiner bürgerlichen Wirk- 25 lichkeit heraustreten, von ihr abstrahieren, von dieser ganzen Organisation in seine Individualität sich zurückziehen; denn die einzige Existenz, die er für sein Staatsbürgertum findet, ist seine pure blanke Individualität, denn die Existenz des Staats als Regierung ist ohne ihn fertig, und seine Existenz in der bürger- 30 liehen Gesellschaft ist ohne den Staat fertig. Nur im Widerspruch mit diesen einzig vorhandenen Gemeinschaften, nur als Individuum kann er Staatsbürger sein. Seine Existenz als Staatsbürger ist eine Existenz, die außer seinen g e - meinschaftlichen Existenzen liegt, die also rein i n d i - 35 viduell ist. Die „gesetzgebende Gewalt“ als „Gewalt“ ist ja erst die Organisation, der gemeine Körper, den sie erhalten soll. Vor der „gesetzgebenden Gewalt“ existiert die bürgerliche Gesellschaft, der Privatstand, nicht als Staats¬ organisation, und damit er als solche zur Existenz komme, « muß seine wirkliche Organisation, das wirkliche bürgerliche Leben, als nicht vorhanden gesetzt werden, denn das stän¬ dische Element der gesetzgebenden Gewalt hat eben die Bestim¬ mung, den Privatstand, die bürgerliche Gesell¬ schaft, als nicht vorhanden zu setzen. Die Trennung«
Die gesetzgebende Gewalt 495 der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen Staates erscheint notwendig als eine Trennung des politischen Bürgers, des Staatsbürgers, von der bürgerlichen Gesellschaft, von seiner eigenen wirklichen empirischen Wirklichkeit, denn als Staats- idealist ist er ein ganz anderes, von seiner Wirklichkeit verschiedenes, unterschiedenes, entgegengesetztes Wesen. Die bürgerliche Gesellschaft bewerkstelligt hier innerhalb ihrer selbst das Verhältnis des Staats und der bürgerlichen Gesellschaft, welches andrerseits schon als Bureaukratie existiert. In dem ständischen Element wird das Allgemeine wirklich für sich, was es an sich ist, nämlich Gegensatz zum Beson¬ deren. Der Bürger muß seinen Stand, die bürgerliche Gesell¬ schaft, den Privatstand, von sich abtun, um zu politischer Bedeutung und Wirksamkeit zu kommen, denn eben dieser S t a n d steht zwischen dem Individuum und dem poli¬ tischen Staat. Wenn Hegel schon das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft als Privatstand dem politischen Staat entgegenstellt, so versteht es sich von selbst, daß die Unterscheidungen innerhalb des 20 Privatstandes, die verschiedenen bürgerlichen Stände, nur eine Privatbedeutung, in bezug auf den Staat keine politische Bedeu¬ tung haben. Denn die verschiedenen bürgerlichen Stände sind bloß die Verwirklichung, die Existenz des Prinzips, des Pri¬ vatstandes als des Prinzips der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn 25 aber das Prinzip aufgegeben werden mußte, so versteht es sich von selbst, daß noch mehr die Diremptionen innerhalb dieses Prinzips nicht vorhanden sind für den politischen Staat. „Nur so“, schließt Hegel den Paragraphen, „knüpft sich in dieser Rücksicht das im Staate wirkliche Besondere an das so Allgemeine an.“ Aber Hegel verwechselt hier den Staat als das Ganze des Daseins eines Volkes mit dem politischen Staat. Jenes Besondere ist nicht das „Besondere im“, sondern vielmehr „außer dem Staat“, nämlich dem politischen Staat. Es ist nicht nur nicht, „das im Staate wirkliche Besondere“, sondern auch die 36 „Unwirklichkeit des Staates“. Hegel will entwickeln, daß die Stände der bürgerlichen Gesellschaft die politischen Stände sind, und um dies zu beweisen, unterstellt er, daß die Stände der bürgerlichen Gesellschaft die „Besonderung des politischen Staats“, d. i., daß die bürgerliche Gesellschaft die politische Ge- 4o Seilschaft ist. Der Ausdruck: „Das Besondere im Staate“ kann hier nur Sinn haben als „die Besonderung des Staats“. Hegel wählt aus einem bösen Gewissen den unbestimmten Ausdruck. Er selbst hat nicht nur das Gegenteil entwickelt, er bestätigt es noch selbst in diesem Paragraphen, indem er die bürgerliche Gesell- 46 schäft als „Privatstand“ bezeichnet. Sehr vorsichtig ist auch die 37 e
496 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Bestimmung, daß sich das Besondere an das Allgemeine „a n - knüpf t“. Anknüpfen kann man die heterogensten Dinge. Es handelt sich hier aber nicht um einen allmählichen Übergang, sondern um eine Transsubstantiation, und es nützt nichts, diese Kluft, die übersprungen und durch den Sprung selbst de- ' monstriert wird, nicht sehen zu wollen. Hegel sagt in der Anmerkung: „Dies geht gegen eine andere gangbare Vorstellung“ etc. Wir haben eben gezeigt, wie diese gangbare Vorstellung konsequent, notwendig, eine „notwendige Vorstellung der jetzigen Volksentwicklung“ und wie Hegels Vor- 10 Stellung, obgleich sie auch in gewissen Kreisen sehr gangbar, nichtsdestoweniger eine Unwahrheit ist. Auf die gangbare Vor¬ stellung zurückkommend, sagt Hegel: „Diese atomistische, abstrakte Ansicht verschwindet schon in der Familie“ etc. etc. „Der Staat aber ist“ etc. Abstrakt ist diese Ansicht allerdings, aber sie ist „die Abstraktion“ des politischen Staates, wie ihn Hegel selbst entwickelt. Atomistisch ist sie auch, aber sie ist die Atomistik der Gesellschaft selbst. Die „Ansicht“ kann nicht konkret sein, wenn der Gegenstand der Ansicht „abstrakt“ ist. Die Atomistik, in die sich die bürgerliche Gesell- 20 schäft in ihrem politischen Akt stürzt, geht notwendig dar¬ aus hervor, daß das Gemeinwesen1), das kommunistische Wesen, worin der Einzelne existiert, die bürgerliche Gesellschaft getrennt vom Staat oder der politische Staat eine Abstrak¬ tion von ihr ist. 20 Diese atomistische Ansicht, obschon [sie] bereits in der Familie und vielleicht (??) auch in der bürgerlichen Gesellschaft ver¬ schwindet, kehrt im politischen Staat wieder, eben weil er eine Abstraktion von der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft ist. Ebenso verhält es sich umgekehrt. Dadurch, daß Hegel das B e -30 fremdliche dieser Erscheinung ausspricht, hat er die Ent¬ fremdung nicht gehoben. „Die Vorstellung“, heißt es weiter, „welche die in jenen Krei¬ sen schon vorhandenen Gemeinwesen1), wo sie ins Po¬ litische, d. i. in den Standpunkt der höchsten konkreten 33 Allgemeinheit eintreten, wieder in eine Menge von Indivi¬ duen auflöst, hält’) eben damit das bürgerliche und das poli¬ tische Leben voneinander getrennt und stellt dieses sozusagen in die Luft, da seine Basis nur die abstrakte Einzelnheit der Willkür und Meinung, somit das Zufällige, nicht eine an und für sich feste und berechtigte Grundlage sein würde.“ [§ 303.] Jene Vorstellung hält nicht das bürgerliche und politische Leben x) Korr, aus die Kommun [el a) Von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt 497 getrennt ; sie ist bloß die Vorstellung einer wirklich vorhandenen Trennung. Jene Vorstellung stellt nicht das politische Leben in die Luft, ^sondern das politische Leben ist das Luftleben, die ätherische 5 Region der bürgerlichen Gesellschaft. Wir betrachten nur das ständische und das repräsen¬ tative System. Es ist ein Fortschritt der Geschichte, der die politischen Stände in soziale Stände verwandelt hat, so daß, wie die Christen gleich im Himmel, ungleich auf der Erde, 10 so die einzelnen Volksglieder gleich in dem Himmel ihrer po¬ litischen Welt, ungleich in dem irdischen Dasein der Sozietät sind. Die eigentliche Verwandlung der politischen Stände in bürgerliche ging vor sich in der absoluten Mon¬ archie. Die Bureaukratie machte die Idee der Einheit gegen die is verschiedenen Staaten im Staate geltend. Indessen blieb selbst neben der Bureaukratie der absoluten Regierungsgewalt der s o - ziale Unterschied der Stände ein politischer, ein poli¬ tischer innerhalb und neben der Bureaukratie der abso¬ luten Regierungsgewalt. Erst die französische Revolution voll- 2o endete die Verwandlung der politischen Stände in soziale oder machte die Ständeunterschiede der bürgerlichen Gesellschaft zu nur sozialen Unterschieden, zu Unterschieden des Privatlebens, welche in dem politischen Leben ohne Bedeu¬ tung sind. Die Trennung des politischen Lebens und der bürger- 25 liehen Gesellschaft war damit vollendet. Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich ebenfalls damit: die bürgerliche Gesellschaft war durch ihre Trennung von der politischen eine andere geworden. Stand im mittelaltrigen Sinne blieb nur mehr innerhalb der Bureaukratie 3o selbst, wo die bürgerliche und die politische Stellung unmittelbar identisch sind. Demgegenüber steht die bürgerliche Gesellschaft als Privatstand. Der Ständeunterschied ist hier nicht mehr ein Unterschied des Bedürfnisses und der Arbeit als selbständiger Körper. Der einzige allgemeine oberfläch- 35 liehe und formelle Unterschied ist hier nur noch der von Stadt und Land. Innerhalb der Gesellschaft selbst aber bildete sich der Unterschied aus in beweglichen, nicht festen Kreisen, deren Prinzip die Willkür ist. Geld und Bildung sind die Hauptkriterien. Doch wir haben dies nicht hier, sondern in 4o der Kritik von Hegels Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft zu entwickeln. Genug. Der Stand der bürgerlichen Gesellschaft hat weder das Bedürfnis, also ein natürliches Moment, noch die Politik zu seinem Prinzip. Es ist eine Teilung von Massen, die sich flüchtig bilden, deren Bildung selbst eine willkürliche und «keine Organisation ist.
498 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Das Charakteristische ist nur, daß die Besitzlosigkeit und der Stand der unmittelbaren Arbeit, der kon¬ kreten Arbeit, weniger einen Stand der bürgerlichen Gesellschaft als den Boden bilden, auf dem ihre Kreise ruhen und sich be¬ wegen. XDer eigentliche Stand, wo politische und bürgerliche Stel- 5 lung zusammenfallen, ist nur der der Mitglieder der Re¬ gierungsgewalt. Der jetzige Stand der Sozietät zeigt schon dadurch seinen Unterschied von dem ehemaligen Stand der bür¬ gerlichen Gesellschaft, daß er nicht wie ehemals als ein Gemein¬ schaftliches, als ein Gemeinwesen das Individuum hält, sondern 10 daß es teils Zufall, teils Arbeit etc. des Individuums ist, ob es sich in seinem Stande hält oder nicht, ein Stand, der selbst wieder nur eine äußerliche Bestimmung des Individuums, denn weder ist er seiner Arbeit inhärent, noch verhält er sich zu ihm als ein nach festen Gesetzen organisiertes und in festen Beziehungen zu ihm 15 stehendes objektives Gemeinwesen. Er steht vielmehr in gar keiner wirklichen Beziehung zu seinem substantiellen Tun, zu seinem wirklichen Stand. Der Arzt bildet keinen besonderen Stand in der bürgerlichen Gesellschaft. Der eine Kaufmann gehört einem anderen Stand an als der andere, einer anderen sozialen Stel- 20 lung. Wie nämlich die bürgerliche Gesellschaft sich von der politischen, so hat sich die bürgerliche Gesellschaft innerhalb ihrer selbst getrennt in den Stand und die soziale Stellung, so manche Relationen auch zwischen beiden stattfinden. Das Prin¬ zip des bürgerlichen Standes oder der bürgerlichen Gesellschaft 25 ist der Genuß und die Fähigkeit zu genießen. In seiner politischen Bedeutung macht sich das Glied der bürger¬ lichen Gesellschaft los von seinem Stande, seiner wirklichen Privatstellung; hier ist es allein, daß es als Mensch zur Be¬ deutung kommt, oder daß seine Bestimmung als Staatsglied, als so soziales Wesen, als seine menschliche Bestimmung er¬ scheint. Denn alle seine anderen Bestimmungen in der bürgerlichen Gesellschaft erscheinen als dem Menschen, dem Individuum unwesentlich, als äußere Bestimmungen, die zwar not¬ wendig sind zu seiner Existenz im Ganzen, d. h. als ein Band mit ss dem Ganzen, ein Band, das es aber ebensosehr wieder fortwerfen kann. (Die jetzige bürgerliche Gesellschaft ist das durchgeführte Prinzip des Individualismus; die individuelle Existenz ist der letzte Zweck: Tätigkeit, Arbeit, Inhalt etc. sind nur Mittel.) Die ständische Verfassung, wo sie nicht eine Tra¬ dition des Mittelalters ist, ist der Versuch, teils in der politischen Sphäre selbst den Menschen in die Beschränktheit seiner Privat¬ sphäre zurückzustürzen, seine Besonderheit zu seinem substan¬ tiellen Bewußtsein zu machen und dadurch, daß politisch der
Die gesetzgebende Gewalt 499 Ständeunterschied existiert, ihn auch wieder zu einem sozialen zu machen. Der wirkliche Mensch ist der Privatmensch der jetzigen Staatsverfassung. 5 Der Stand hat überhaupt die Bedeutung, daß der Unter¬ schied, die Trennung, das Bestehen des Einzelnen ist. Die Weise seines Lebens, Tätigkeit etc., statt ihn zu einem Glied, zu einer Funktion der Gesellschaft zu machen, macht ihn zu einer Ausnahme von der Gesellschaft, ist sein Privilegium. Daß 10 dieser Unterschied nicht nur ein individueller ist, sondern sich als Gemeinwesen, Stand, Korporation befestigt, hebt nicht nur nicht seine exklusive Natur auf, sondern ist viel¬ mehr nur ihr Ausdruck. Statt daß die einzelne Funktion Funktion der Sozietät wäre, macht sie vielmehr die einzelne Funktion zu is einer Sozietät für sich. Nicht nur basiert der Stand auf der Trennung der Sozietät als dem herrschenden Gesetz, er trennt den Menschen von seinem allgemeinen Wesen, er macht ihn zu einem Tier, das unmittelbar mit seiner Bestimmtheit zusammen¬ fällt. Das Mittelalter ist die Tiergeschichte der Mensch- 20 heit, ihre Zoologie. Die moderne Zeit, die Zivilisation begeht den umgekehr¬ ten Fehler. Sie trennt das gegenständliche Wesen des Menschen als ein nur äußerliches, materielles von ihm. Sie nimmt nicht den Inhalt des Menschen als seine wahre Wirklichkeit. 25 Das Weitere hierüber ist in dem Abschnitt: „bürgerliche Gesell¬ schaft“ zu entwickeln. Wir kommen zu § 304. „Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen Unterschied der Stände enthält das politisch-ständische Element zugleich in seiner eigenen1) Bedeutung3).“ 3o Wir haben bereits gezeigt, daß der in den früheren Sphären bereits vorhandene Unterschied der Stände gar keine Bedeutung für die politische Sphäre oder nur die Bedeutung eines privaten, also eines nicht politischen Unterschiedes hat. Allein er hat nach Hegel hier auch nicht seine „bereits vorhandene Bedeutung“ (die 35 Bedeutung, die er in der bürgerlichen Gesellschaft hat), sondern das „politisch-ständische Element“ affirmiert, indem es ihn auf¬ nimmt, sein Wesen, und, in die politische Sphäre eingetaucht, erhält er eine „eigene“, diesem Element und nicht ihm angehörige Bedeutung. io Als noch die Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft politisch und der politische Staat die bürgerliche Gesellschaft war, war diese Trennung, die Verdoppelung der Bedeutung der Stände, nicht vorhanden. Sie bedeuteten nicht dieses in 1) Von M. unterstrichen. *) Bei Hegel Bestimmung
500 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313 der bürgerlichen und ein anderes in der politischen Welt. Sie erhielten keine Bedeutung in der politischen Welt, sondern sie bedeuteten sich selbst. Der Dualismus der bürger¬ lichen Gesellschaft und des politischen Staates, den die stän¬ dische Verfassung durch eine Reminiszenz zu lösen , meint, tritt in ihr selbst so hervor, daß der Unterschied der Stände (das Unterschiedensein1) der bürgerlichen Gesellschaft in sich) in der politischen Sphäre eine andere Bedeutung erhält als in der bürgerlichen. Es ist hier anscheinend Identität, dasselbe Subjekt, aber in einer wesentlich ver-r schiedenen Bestimmung, also in Wahrheit ein doppeltes Subjekt, und diese illusorische Identität (sie ist schon deshalb illusorisch, weil zwar das wirkliche Subjekt, der Mensch, in den verschiedenen Bestimmungen seines Wesens sich selbst gleichbleibt, seine Identität nicht verliert; aber hier ist nicht der Mensch Subjekt, sondern der Mensch ist mit einem Prädikat (dem Stand) identifiziert, und zugleich wird behauptet, daß er in dieser bestimmten Bestimmtheit und in einer anderen Bestimmtheit, daß er als dieses bestimmte ausschlie¬ ßende Beschränkte ein anderes als dieses Beschränkte ist) wird » dadurch künstlich durch die Reflexion aufrecht erhalten, daß ein¬ mal der bürgerliche Ständeunterschied als solcher eine Bestim¬ mung erhält, die ihm erst aus der politischen Sphäre erwachsen soll, das andere Mal umgekehrt der Ständeunterschied in der politischen Sphäre eine Bestimmung erhält, die nicht aus der a politischen Sphäre, sondern aus dem Subjekt der bürgerlichen hervorgeht. Um das eine beschränkte Subjekt, den bestimmten Stand (den Ständeunterschied) als das wesentliche Subjekt beider Prädikate darzustellen, oder um die Identität beider Prädikate zu beweisen, werden sie beide mystifiziert und in illusorischer unbe- a stimmter Doppelgestalt entwickelt. Els wird hier dasselbe Subjekt in verschiedenen Bedeutun¬ gen genommen, aber die Bedeutung ist’) nicht die Selbstbestim¬ mung, sondern eine allegorische, untergeschobene Bestim¬ mung. Man könnte für dieselbe Bedeutung ein anderes konkretes a Subjekt, man könnte für dasselbe Subjekt eine andere Bedeutung nehmen. Die Bedeutung, die der bürgerliche Ständeunterschied in der politischen Sphäre erhält, geht nicht aus ihm, sondern aus der politischen Sphäre hervor, und er könnte hier auch eine andere Bedeutung haben, wie es denn auch historisch der Fall war. Eben- o so umgekehrt. Es ist dies die unkritische, die mystische Weise, eine alte Weltanschauung im Sinne einer neuen zu interpretieren, wodurch sie nichts als ein unglückliches Zwitterding wird, worin die Gestalt die Bedeutung und die Be- Korr, aus die Unterscheidung 2) Gestrichen, eine fiktive
Die gesetzgebende Gewalt 501 10 15 20 25 30 35 40 deutung die Gestalt belügt und weder die Gestalt zu ihrer Be¬ deutung und zur wirklichen Gestalt, noch die Bedeutung zur Gestalt und zur wirklichen Bedeutung wird. Diese Unkr i ti k, dieser Mystizismus ist sowohl das Rätsel der modernen Verfassungen («or’ è^ox^v der ständischen) wie auch das Myste¬ rium der Hegelschen Philosophie, vorzugsweise der Rechts- und Religionsphilosophie. Am besten befreit man sich von dieser Illusion, wenn man die Bedeutung als das nimmt, was sie ist, als die eigentliche Bestimmung, und sie als solche zum Subjekt macht und nun vergleicht, ob das ihr angeblich zugehörige Subjekt ihr wirkliches Prädikat ist, ob es ihr Wesen und wahre Ver¬ wirklichung darstellt. „Seine (des politisch-ständischen Elements) zunächst abstrakte Stellung, nämlich des Extrems der empirischen Allge¬ meinheit gegen das fürstliche oder monarchische Prinzip überhaupt — in der nur die Möglichkeit der Übereinstimmung und damit ebenso die Möglichkeit feindlicher Entgegensetzung liegt — diese abstrakte Stel¬ lung wird nur dadurch zum vernünftigen Verhältnis (zum Schlüsse, vergl. Anmerk, zu § 302), daß ihre Vermitt¬ lung zur Existenz kommt.“ [§ 304.] Wir haben schon gesehen, daß die Stände gemeinschaftlich mit der Regierungsgewalt die Mitte zwischen dem monarchischen Prinzip und dem Volke bilden, zwischen dem Staatswillen, wie et als ein empirischer Wille und wie er als viele empirische Willen existiert, zwischen der empirischen Einzelnheit und der empirischen Allgemeinheit. Hegel mußte, wie er den Willen der bürgerlichen Gesellschaft als empirische Allgemeinheit, so den fürstlichen als empirische Einzelnheit bestimmen, aber er spricht den Gegensatz nicht in seiner ganzen Schärfe aus. Hegel fährt fort: „Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren.66 Allein die wahren Gegensätze sind Fürst und x) bürgerliche Ge¬ sellschaft. Und wir haben schon gesehen, dieselbe Bedeutung, welche die Regierungsgewalt von Seiten des Fürsten, hat das stän¬ dische Element von Seiten des Volkes. Wie jene in einem ver¬ zweigten Kreislauf emaniert, so kondensiert sich dieses in eine Miniaturausgabe, denn die konstitutionelle Monarchie kann sich bloß mit dem Volke en miniature vertragen. Das J) Gestrichen Volk
502 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 ständische Element ist ganz dieselbe Abstraktion des politischen Staates von Seiten der bürgerlichen Gesell¬ schaft, welche die Regierungsgewalt von Seiten des Fürsten ist. Es scheint also die Vermittlung vollständig zustande gekommen zu sein. Beide Extreme haben von ihrer Sprödigkeit abgelassen, .■ das Feuer ihres besonderen Wesens entgegengeschickt, und die gesetzgebende Gewalt, deren Elemente ebensowohl die Regierungsgewalt als die Stände sind, scheint nicht erst die Ver¬ mittlung zur Existenz kommen lassen zu müssen, sondern selbst schon die zur Existenz gekommene Vermitt-p 1 ung zu sein. Auch hat Hegel schon dies ständische Ele¬ ment gemeinschaftlich mit der Regierungs¬ gewalt als die Mitte zwischen Volk und Fürst (ebenso das ständische Element als die Mitte zwischen1) bürgerlicher Gesell¬ schaft und Regierung etc.) bezeichnet. Das vernünftige Verhält- tt nis, der Schluß, scheint also fertig zu sein. Die gesetz¬ gebende Gewalt, die Mitte, ist ein mixtum composi¬ tum der beiden Extreme, des fürstlichen Prinzips und der bürgerlichen Gesellschaft, der empirischen Einzelnheit und der empirischen Allgemeinheit, des Subjekts und des Prädikats. 2» Hegel faßt überhaupt den Schluß als Mitte, als ein mixtum compositum. Man kann sagen, daß in seiner Entwicklung des Vemunftschlusses die ganze Transzendenz und der mystische Dualismus seines Systems zur Erscheinung kommt. Die Mitte ist das hölzerne Eisen, der vertuschte Gegensatz zwischen Allgemein- 2. heit und Einzelnheit. Zunächt bemerken wir über diese ganze Entwicklung, daß die „Vermittlung“, die Hegel hier zustande bringen will, seine For¬ derung ist, die er [nicht] aus dem Wesen der gesetzgeben¬ den Gewalt, aus ihrer eigenen Bestimmung, sondern vielmehr 3< aus Rücksicht auf eine außer ihrer wesentlichen Bestimmung liegende Existenz herleitet. Es ist eine Konstruktion der Rücksicht. Die gesetzgebende Gewalt vorzugsweise wird nur mit Rücksicht auf ein Drittes entwickelt. Es ist daher vorzugs¬ weise die Konstruktion ihres formellen Daseins, 3. welche alle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Die gesetz¬ gebende Gewalt wird sehr diplomatisch konstruiert. Es folgt dies aus der falschen, illusorischen xat èÇoxfiv poli¬ tischen Stellung, die die gesetzgebende Gewalt im modernen Staat (dessen Interpret Hegel ist) hat. Es folgt daraus von selbst, 4 daß dieser Staat kein wahrer Staat ist, weil in ihm die staat¬ lichen Bestimmung[en], wovon eine die gesetzgebende Gewalt ist, nicht an und für sich, nicht theoretisch, sondern prak- tisch betrachtet werden müssen, nicht als selbständige, sondern als 9 Gestrichen Volk
Die gesetzgebende Gewalt 503 mit einem Gegensatz behaftete Mächte, nicht aus der Natur der Sache, sondern nach den Regeln der Konvention. Also das ständische Element sollte eigentlich, „gemeinschaftlich mit der Regierungsgewalt“, die Mitte zwischen dem Willen der empirischen Einzelnheit, dem Fürsten, und dem Willen der empi¬ rischen Allgemeinheit, der bürgerlichen Gesellschaft, sein, allein in Wahrheit, realiter ist „seine Stellung“ eine „zunächst abstrakte Stellung, nämlich des Extrems der empi¬ rischen Allgemeinheit gegen das fürstliche oder ^monarchische Prinzip überhaupt, in der nur die Mög¬ lichkeit der Übereinstimmung und damit ebenso die Möglichkeit feindlicher Entgegensetzung liegt“, eine, wie Hegel richtig bemerkt, „abstrakte Stellung“. Zunächst scheint es nun, daß hier weder das „Extrem der 15 empirischen Allgemeinheit“, noch das „fürstliche oder monarchische Prinzip“, das Extrem der empirischen Einzelnheit, sich gegenüberstehen. Denn von Seiten der bürgerlichen Gesell¬ schaft sind die Stände, wie von Seiten des Fürsten die Regierungs¬ gewalt deputiert. Wie das fürstliche Prinzip in der depu- wtierten Regierungsgewalt aufhört, das Extrem der empirischen Einzelnheit zu sein, und vielmehr in ihr den „grundlosen“ Willen aufgibt, sich zu der „Endlichkeit“ des Wissens und der Verantwortlichkeit des Denkens herabläßt, so scheint in dem ständischen Element die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr 26 empirische Allgemeinheit, sondern ein sehr bestimmtes Ganzes zu sein, das ebensosehr den „Sinn und die Gesinnung des Staates und der Regierung, als der Interessen der besonderen Kreise und der Einzelnen“ hat (§ 302). Die bürgerliche Gesellschaft hat in ihrer ständischen Miniaturausgabe aufgehört, die „empirische ™ Allgemeinheit“ zu sein. Sie ist vielmehr zu einem Ausschuß, zu einer sehr bestimmten Zahl herabgesunken, und wenn der Fürst in der Regierungsgewalt sich empirische Allgemeinheit, so hat sich die bürgerliche Gesellschaft in den Ständen empirische Ein¬ zelnheit oder Besonderheit gegeben. Beide sind zu einer Besonder- «« heit geworden. Der einzige Gegensatz, der hier noch möglich ist, scheint der zwischen den beiden Repräsentanten der beiden Staatswillen, zwi¬ schen den beiden Emanationen, zwischen dem Regierungs¬ element und dem ständischen Element der gesetzgeben- den Gewalt, scheint also ein Gegensatz innerhalb der gesetz¬ gebenden Gewalt selbst zu sein. Die gemeinschaft¬ liche Vermittlung scheint auch recht geeignet, sich wechselseitig in die Haare zu fallen. In dem Regierungselement der gesetz¬ gebenden Gewalt hat sich die empirische, unzugängliche Einzeln- u heit des Fürsten verirdischtin einer Zahl beschränkter, fa߬
504 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 barer, verantwortlicher Personalitäten, und in dem ständischen Element hat sich die bürgerliche Gesellschaft verhimmlischt in eine Zahl politischer Männer. Beide Seiten haben ihre Unfa߬ barkeit verloren. Die fürstliche Gewalt das unzugängliche, aus¬ schließliche e m p i r i s c h e Eins, die bürgerliche Gesellschaft « das unzugängliche, verschwimmende empirische All, die eine ihre Sprödigkeit, die andere ihre Flüssigkeit. In dem stän¬ dischen Element einerseits, in dem Regierungselement oder gesetz¬ gebenden Gewalt andrerseits, welche zusammen bürgerliche Ge¬ sellschaft und Fürst vermitteln wollten, scheint also erst der » Gegensatz zu einem kampfgerechten Gegensatz, also auch zu einem unversöhnlichen Widerspruch gekommen zu sein. Diese „Vermittlung“ hat es also auch erst recht nötig, wie Hegel richtig entwickelt, „daß ihre Vermittlung zur Exi- » stenz kommt“. Sie selbst ist vielmehr die Existenz des Wider¬ spruches als der Vermittlung. Daß diese Vermittlung von Seiten des ständischen Ele¬ ments bewirkt werde, scheint Hegel ohne Grund zu behaupten. Er sagt: » „Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung ge¬ kehrt sein, wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren.“ Allein wir haben schon gesehen, Hegel stellt hier willkürlich w und inkonsequent Fürst und Stände als Extreme gegenüber. Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt, so hat von Seiten der bürgerlichen Gesellschaft das ständische Element diese Bestimmung. Sie stehen nicht nur mit der Regierungsgewalt gemeinschaftlich zwischen Fürst und bürgerlicher Gesellschaft, » sie stehen auch zwischen der Regierung überhaupt und dem Volke (§ 302). Sie tun von Seiten der bürgerlichen Gesellschaft mehr, als die Regierungsgewalt von Seiten der fürstlichen Gewalt tut, da diese ja sogar selbst als Gegensatz dem Volke gegenübersteht. Sie hat also das Maß der Vermittelung vollgemacht. Warum also is diese Esel mit noch mehr Säcken bepacken? Warum soll denn das ständische Element überall die Eselsbrücken bilden, sogar zwischen sich selbst und seinem Gegner? Warum ist es überall die Aufopferung selbst? Soll es sich selbst eine Hand abhauen, da¬ mit es nicht mit beiden seinem Gegner, dem Regierungs- » element der gesetzgebenden Gewalt, Widerpart halten kann? Es kömmt noch hinzu, daß Hegel zuerst die Stände aus den Korporationen, Standesunterschieden etc. hervorgehen ließ, damit sie keine „bloße empirische Allgemeinheit“ seien, und daß er sie jetzt umgekehrt zur „bloßen empirischen Allgemeinheit“ macht, «
Die gesetzgebende Gewalt 505 um den Standesunterschied aus ihnen hervorgehen [zu] lassen! Wie der Fürst durch die Regierungsgewalt als ihren Christus mit der bürgerlichen] Gesellschaft, so vermittelt sich die Gesellschaft durch die Stände als ihre Priester mit dem Fürsten. 5 Es scheint nun vielmehr die Rolle der Extreme, der fürstlichen Gewalt (empirischen Einzelnheit) und der bürgerlichen Gesell¬ schaft (empirischen Allgemeinheit) sein zu müssen, vermittelnd zwischen „ihre Vermittelungen zu treten“, um so mehr, da es „zu den wichtigsten logischen Einsichten gehört, daß ein bestimmtes 10 Moment, das als im Gegensatz stehend die Stellung eines Extrems hat, es dadurch zu sein aufhört und organisches Moment ist, daß es zugleich Mitte ist“ (§ 302 Anmerk.). Die bürger¬ liche Gesellschaft scheint diese Rolle nicht übernehmen zu können, da sie in der „gesetzgebenden Gewalt“ als sie selbst, als u Extrem keinen Sitz hat. Das andere Extrem, das sich als solches inmitten der gesetzgebenden Gewalt befindet, das fürst¬ liche Prinzip, scheint also den Mittler zwischen dem ständischen und dem Regierungselement bilden zu müssen. Es scheint auch da¬ zu qualifiziert [zu] sein. Denn einerseits ist in ihm das Ganze des 20 Staates, also auch die bürgerliche Gesellschaft, repräsentiert, und speziell hat es mit den Ständen die „empirische Einzelnheit“ des Willens gemein, da die empirische Allgemeinheit nur wirklich ist als empirische Einzelnheit. Es steht ferner der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur als Formel, als Staatsbewußtsein 25 gegenüber wie die Regierungsgewalt. Es ist selbst Staat, es hat das materielle, natürliche Moment mit der bürgerlichen Gesellschaft gemein1). Andrerseits ist der Fürste die Spitze und der Repräsentant der Regierungsgewalt. (Hegel, der alles um¬ kehrt, macht die Regierungsgewalt zum Repräsentanten, zur Ema- so nation des Fürsten. Weil er bei der Idee, deren Dasein der Fürst sein soll, nicht die wirkliche Idee der Regierungsgewalt, nicht die Regierungsgewalt als Idee, sondern das Subjekt der absoluten Idee vor Augen hat, die im Fürsten körperlich existiert, so wird die Regierungsgewalt zu einer mystischen Fort- 35 setzung der in seinem Körper (dem fürstlichen Kör¬ per) existierenden Seele.) Der Fürst mußte also in der gesetzgebenden Gewalt die Mitte zwischen der Regierungsgewalt und dem ständischen Element bil¬ den, allein die Regierungsgewalt ist ja die Mitte zwischen ihm und der ständischen und die ständische zwischen ihm und der bürgerlichen Gesellschaft? Wie sollte er das untereinander ver¬ mitteln, dessen er zu seiner Mitte nötig hat, um kein einseitiges Extrem zu sein? Hier tritt das ganze Ungereimte dieser Extreme, die abwechselnd bald die Rolle des Extrems, bald die Mitte O Bei M. versehentlich sein
506 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 spielen, hervor. Es sind Janusköpfe, die sich bald von vom, bald von hinten zeigen und vom einen anderen Charakter haben als hinten. Das, was zuerst als Mitte zwischen zwei Extremen be¬ stimmt, tritt mm selbst als Extrem auf, und das eine der zwei Extreme, das durch es mit dem anderen vermittelt war, tritt nun 5 wieder als Extrem (weil in seiner Unterscheidung von dem anderen Extrem) zwischen sein Extrem und seine Mitte. Es ist eine wechselseitige Bekomplimentierung. Wie wenn ein Mann zwischen zwei Streitende tritt und nun wieder einer der Streiten¬ den zwischen den vermittelnden Mann und den Streitenden. Es it ist die Geschichte von dem Mann und der Frau, die sich stritten, und von dem Arzt, der als Vermittler zwischen sie treten wollte, wo nun wieder die Frau den Arzt mit ihrem Mann und der Mann seine Frau mit dem Arzt vermitteln mußte. Es ist wie der Löwe im Sommemachtstraum, der ausruft: „Ich bin Löwe, und ich bin is nicht Löwe, sondern Squanz.“ So ist hier jedes Extrem bald der Löwe des Gegensatzes, bald der Squanz der Vermittlung. Wenn das eine Extrem ruft: „jetzt bin ich Mitte“, so dürfen es die beiden anderen nicht anrühren, sondern nur nach dem anderen schlagen, das eben Extrem war. Man sieht, es ist eine Gesellschaft, die 2« kampflustig im Herzen ist, aber zu sehr die blauen Flecke fürchtet, um sich wirklich zu prügeln, und die beiden, die sich schlagen wollen, richten es so ein, daß der Dritte, der dazwischentritt, die Prügel bekommen soll, aber nun tritt wieder einer der beiden als der Dritte auf, und so kommen sie vor lauter Behutsamkeit zu 25 keiner Entscheidung. Dieses System der Vermittlung kommt auch so zustande, daß derselbe Mann, der seinen Gegner prügeln will, ihn nach den anderen Seiten gegen andere Gegner vor Prügeln be¬ schützen muß und so in dieser doppelten Beschäftigung nicht zur Ausführung seines Geschäftes kommt. Es ist merkwürdig, daß u Hegel, der diese Absurdität der Vermittlung auf ihren abstrakten, logischen, daher unverfälschten, . untransigierbaren Ausdruck reduziert, sie zugleich als spekulatives Mysterium der Logik, als das vernünftige Verhältnis, als den Vemunftschluß bezeichnet. Wirkliche Extreme können nicht miteinander ver- 3« mittelt werden, eben weil sie wirkliche Extreme sind. Aber sie bedürfen auch keiner Vermittlung, denn sie sind entgegengesetz¬ ten Wesens. Sie haben nichts miteinander gemein, sie verlangen einander nicht, sie ergänzen einander nicht. Das eine hat nicht in seinem eigenen Schoß die Sehnsucht, das Bedürfnis, die Anti- u zipation des anderen. (Wenn aber Hegel Allgemeinheit und Ein¬ zelnheit, die abstrakten Momente des Schlusses, als wirkliche Gegensätze behandelt, so ist das eben der Grunddualismus seiner Logik. Das Weitere hierüber gehört in die Kritik der Hegelschen Logik. ) «
Die gesetzgebende Gewalt 507 Dem scheint entgegenzustehen : Les extrêmes se touchent. Nord¬ pol und Südpol ziehen sich an: weibliches Geschlecht und männ¬ liches ziehen sich ebenfalls an, und erst durch die Vereinigung ihrer extremen Unterschiede wird der Mensch. 5 Andrerseits. Jedes Extrem ist sein anderes Extrem. Der ab¬ strakte Spiritualismus ist abstrakter Materialis¬ mus : der abstrakte Materialismus ist der abstrakte Spiritualismus der Materie. Was das erste betrifft, so sind Nordpol und Südpol beide Pol; 10 ihr Wesen ist identisch; ebenso sind weibliches und männ¬ liches Geschlecht beide eine Gattung, ein Wesen, mensch¬ liches Wesen. Nord und Süd sind entgegengesetzte Bestimmungen eines Wesens; der Unterschied eines Wesens auf der höch¬ sten Entwicklung. Sie sind das differenzierte Wesen. i& Sie sind, was sie sind, nur als eine unterschiedene Be¬ stimmung, und zwar als diese unterschiedene Bestimmung des Wesens. Wahre wirkliche Extreme wären Pol und Nicht¬ pol, menschliches und unmenschliches Geschlecht. Der Unter¬ schied ist hier ein Unterschied der Existenz, dort ein to Unterschied der Wesen, zweier Wesen. Was das zweite betrifft, so liegt hier die Hauptbestimmung darin, daß ein Be¬ griff (Dasein etc.) abstrakt gefaßt wird, daß er nicht als selbständig, sondern als eine Abstraktion von einem anderen und nur als diese Abstraktion Bedeutung hat; also z. B. der 25 Geist nur die Abstraktion von der Materie ist. Es versteht sich dann von selbst, daß er eben, weil diese Form seinen Inhalt ausmachen soll, vielmehr das abstrakte Gegenteil, der Gegenstand, von dem er abstrahiert, in seiner Abstraktion, also hier der abstrakte Materialismus, sein reales Wesen ist. Wäre so die Differenz innerhalb der Existenz eines Wesens nicht verwechselt worden teils mit der verselbständigten Ab¬ straktion (versteht sich, nicht von einem anderen, sondern eigentlich von sich selbst), teils mit dem wirklichen Gegen¬ satz sich wechselseitig ausschließender Wesen, so wäre ein drei- 35 facher Irrtum verhindert worden: 1. daß, weil nur das Extrem wahr sei, jede Abstraktion und Einseitigkeit sich für wahr hält, wodurch ein Prinzip statt als Totalität in sich selbst nur als Ab¬ straktion von einem anderen erscheint; 2. daß die Entschie¬ denheit wirklicher Gegensätze, ihre Bildung zu Extremen, io die nichts anderes ist als sowohl ihre Selbsterkenntnis wie ihre Entzündung zur Entscheidung des Kampfes, als etwas möglicher¬ weise zu Verhinderndes oder Schädliches gedacht wird; 3. daß man ihre Vermittlung versucht. Denn so sehr beide Extreme in ihrer Existenz als wirklich auftreten und als Extreme, so liegt es is doch nur in dem Wesen des einen, Extrem zu sein, und es hat
508 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Üb»er §§ 261—313 für das andere nicht die Bedeutung der wählen Wirklich¬ keit. Das eine greift über das andere über. Die Stellung ist keine gleiche, z.B. Christentum oder Religion überhauptt und Philosophie sind Extreme. Aber in Wahrheit bildet die Religion zur Philo¬ sophie keinen wahren Gegensatz. Denn die Philosophie begreift 5 die Religion in ihrer illusorischen Wirlklichkeit. Sie ist also für die Philosophie — sofern sie eine Wirklichkeit sein will — in sich selbst aufgelöst. Es gibt keinen wirklichen Dua¬ lismus des Wesens. Später mehr hierüber. » Es fragt sich, wie kommt Hegel überhaupt ziu dem Bedürfnis 0 einer neuen Vermittlung von Seiten des ständischen Ele¬ ments? Oder teilt Hegel mit1) „das häufige, ab»er höchst gefähr¬ liche Vorurteil, Stände hauptsächlich im Gesichtspunkte des Gegensatzes gegen die Regierung, als ob die« ihre wesentliche Stellung wäre, vorzustellen“? (§ 302 Anmerk.)) 5 Die Sache ist einfach die: einerseits haben wi r gesehen, daß in der „gesetzgebenden Gewalt“ die bürgerliche Gesellschaft als „ständisches“ Element und die fürstliche Macht als „Regierungs¬ element“ sich erst zum wirklichen unmittelbar praktischen Gegen¬ satz begeistet haben. 0 Andrerseits: die gesetzgebende Gewalt ist Totalität. Wir finden in ihr die Deputation des fürstlichen Prinzips., „die Regierungs¬ gewalt“; 2. die Deputation der bürgerlichen 'Gesellschaft, das „ständische“ Element: aber außerdem befindet sich in ihr 3. das eine Extrem als solches, das fürstliche Prinzip, währende das andere Extrem, die bürgerliche Gesellschaift, als solches sich nicht in ihr befindet. Dadurch wird erst das „ständische“ Element zu dem Extrem des „fürstlichen“ Prinzips, das eigentlich die bür¬ gerliche Gesellschaft sein sollte. Erst als ständisches Element organisiert sich, wie wir gesehen haben, die bürgerliche Gesell-w schäft zu einem politischen Dasein. Das „ständische“ Ele¬ ment ist ihr politisches Dasein, ihre Transsubstan¬ tiation in den politischen Staat. Die „gesetzgebende Gewalt“ ist daher, wie wir gesehen, erst der eigentliche politische Staat in seiner Totalität. Hier ist also 1. fürstliches Prinzip,35 2. Regierungsgewalt, 3. bürgerliche Gesellschaft. Das „stän¬ dische“ Elément ist „die bürgerliche Ge sellschaft des politischen Staats“, der „gesetzgebenden Gewalt“. Das Extrem, das die bürgerliche Gesellschaft zumn Fürsten bilden sollte, ist daher das „ständische“ Element.. (Weil die bürger-w liehe Gesellschaft die Unwirklichkeit des poliitischen Daseins, so ist das politische Dasein der bürgerlichen Gesellschaft ihre eigene Auflösung, ihre Trennung von sich selbst.) Ebenso bildet es daher einen Gegensatz zur Regierungsgewalt. T) Fehlt ein Wort; sollte etwa heißen mit anderen
Die gesetzgebende Gewalt 509 Hegel bezeichnet daher auch das „ständische“ Element wieder als das „Extrem der empirischen Allgemeinheit“, das eigentlich die bürgerliche Gesellschaft selbst ist. (Hegel hat daher unnützer¬ weise das politische ständische Element aus den Korporationen 5 und unterschiedenen Ständen hervorgehen lassen. Dies hätte bloß Sinn, wenn nun die unterschiedenen Stände als solche die gesetz¬ gebenden Stände wären, also der Unterschied der bürgerlichen Gesellschaft, die bürgerliche Bestimmung wäre die politische Be¬ stimmung. Wir hätten dann nicht eine gesetzgebende Ge- 10 wa 11 des Staatsganzen, sondern die gesetzgebende Gewalt der verschiedenen Stände und Korporationen und Klassen über das Staatsganze. Die Stände der bürgerlichen Ge¬ sellschaft empfingen keine politische Bestimmung, sondern sie bestimmten den politischen Staat. Sie machten ihre Besonder- is h e i t zur bestimmenden Gewalt des Ganzen. Sie wären die Macht des Besonderen über das Allgemeine. Wir hätten auch nicht eine gesetzgebende Gewalt, sondern mehrere gesetzgebende Gewalten, die unter sich und mit der Regierung transigierten. Allein Hegel hat die moderne Bedeutung des ständischen Elements, die Ver- 2o wirklichung des Staatsbürgertums, des bourgeois zu sein, vor Augen. Er will, daß das „an und für sich Allgemeine“, der poli¬ tische Staat, nicht von der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt wird, sondern umgekehrt sie bestimmt. Während er also die Ge¬ stalt des mittelaltrig-ständischen Elements aufnimmt, gibt er ihm 25 die entgegengesetzte Bedeutung, von dem Wesen des politischen Staates bestimmt zu werden. Die Stände als Repräsentanten der Korporation etc. wären nicht die „empirische Allgemeinheit“, sondern die „empirische Besonderheit“, die „Besonderheit der Empirie“!) Die „gesetzgebende Gewalt“ bedarf daher in sich so selbst der Vermittlung, d. h. einer Vertuschung des Gegen¬ satzes, und diese Vermittlung muß vom „ständischen Element“ ausgehen, weil das ständische Element innerhalb der gesetzgeben¬ den Gewalt die Bedeutung der Repräsentation der bürgerlichen Gesellschaft verliert und zum primären Element wird, selbst 35 die bürgerliche Gesellschaft der gesetzgebenden Gewalt ist. Die „gesetzgebende Gewalt“ ist die Totalität des politischen Staates, eben daher der zur Erscheinung getriebene Wider¬ spruch desselben. Sie ist daher ebenso sehr seine gesetzte Auflösung. Ganz verschiedene Prinzipien karambolieren in ihr. Es erscheint dies allerdings als Gegensatz der Elemente des fürstlichen Prinzips und des Prinzips des ständischen Ele¬ ments etc. In Wahrheit aber ist es die Antinomie des poli¬ tischen Staates und der bürgerlichen Gesell¬ schaft, der Widerspruch des abstrakten poli- 15 tischen Staates mit sich selbst. Die gesetzgebende Gewalt Marx-Engels*Gesamtau8gabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 38
510 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 ist die gesetzte Revolte. (Hegels Hauptfehler besteht darin, daß er den WiderspruchderErscheinungalsEinheitim Wesen, in der Idee faßt, während er allerdings ein Tieferes zu seinem Wesen hat, nämlich einen wesentlichen Wider¬ spruch, wie z. B. hier der Widerspruch der gesetzgebenden Ge- 5 walt in sich selbst nur der Widerspruch des politischen Staats, also auch der bürgerlichen Gesellschaft mit sich selbst ist. Die vulgäre Kritik verfällt in einen entgegengesetzten dogma¬ tischen Irrtum. So kritisiert sie z. B. die Konstitution. Sie macht auf die Entgegensetzung der Gewalten aufmerksam etc. Sie 10 findet überall Widersprüche. Das ist selbst noch dogmatische Kritik, die mit ihrem Gegenstand kämpft, so wie man früher etwa das Dogma der heiligen Dreieinigkeit durch den Wider¬ spruch von 1 und 3 beseitigte. Die wahre Kritik dagegen zeigt die innere Genesis der heiligen Dreieinigkeit im menschlichen 15 Gehirn. Sie beschreibt ihren Geburtsakt. So weist die wahrhaft philosophische Kritik der jetzigen Staatsverfassung nicht nur Widersprüche als bestehend auf, sie erklärt sie, sie begreift ihre Genesis, ihre Notwendigkeit. Sie faßt sie in ihrer eigen¬ tümlichen Bedeutung. Dies Begreifen besteht aber nicht, 20 wie Hegel meint, darin, die Bestimmungen des logischen Begriffs überall wiederzuerkennen, sondern die eigentümliche Logik des eigentümlichen Gegenstandes zu fassen.) Hegel drückt dies so aus, daß in der Stellung des politisch¬ ständischen Elementes zum fürstlichen „nur die Möglichkeit^ der Übereinstimmung und damit ebenso die Möglich¬ keit feindlicher Entgegensetzung liegt.“ Die Möglichkeit der Entgegensetzung liegt überall, wo ver¬ schiedene Willen Zusammentreffen. Hegel sagt selbst, daß die „Möglichkeit der Übereinstimmung“ die „Möglichkeit der Ent- 30 gegensetzung“ ist. Er muß also jetzt ein Element bilden, was die „U nmöglichkeit der Entgegensetzung“ und die „Wirklichkeit der Übereinstimmung“ ist. Ein solches Ele¬ ment wäre also ihm die Freiheit der Entschließung und des Den¬ kens dem fürstlichen Willen und der Regierung gegenüber. Es 35 gehörte also nicht mehr zum „ständisch-politischen“ Element. Es wäre vielmehr ein Element des fürstlichen Willens und der Regie¬ rung und befände sich in demselben Gegensatz zum wirklichen ständischen Element wie die Regierung selbst. Sehr wird diese Forderung schon herabgestimmt durch den Schluß des Paragraphen: „Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das Mo- ment der Mitte zu existieren.“ • «
Die gesetzgebende Gewalt 511 Das Moment, was von Seite der Stände abgeschickt wird, muß die umgekehrte Bestimmung haben, als die Regierungsgewalt von Seiten der Fürsten hat, da fürstliches und ständisches Element entgegengesetzte Extreme sind. Wie der Fürst sich in der Regie- j rungsgewalt demokratisiert, so muß sich dies „ständische“ Ele¬ ment in seiner Deputation monarchisieren. Was Hegel also will, ist ein fürstliches Moment von Seiten der Stände. Wie die Regierungsgewalt ein ständisches Moment von Seiten des Fürsten, so soll es auch ein fürstliches Moment von 10 Seiten der Stände geben. Die „Wirklichkeit der Übereinstimmung“ und die „Unmög¬ lichkeit der Entgegensetzung“ verwandelt sich in folgende For¬ derung: — [Es] „muß von Seiten der Stände aus ein Moment der¬ selben nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich is als das Moment der Mitte zu existieren“. Nach der Bestimmung gekehrt sein! Diese Bestimmung haben nach § 302 die Stände überhaupt. Es müßte hier nicht mehr „Bestim¬ mung“, sondern „Bestimmtheit“ sein. Und was ist das überhaupt für eine Bestimmung, „wesentlich 2o als das Moment der Mitte zu existieren“? Seinem „Wesen“ nach „Buridans Esel“ sein. Die Sache ist einfach die: Die Stände sollen „Vermittlung“ zwischen Fürst und Regierung einerseits und Volk andrerseits sein, aber sie sind es nicht, sie sind 25 vielmehr der organisierte politische Gegensatz der bürger¬ lichen Gesellschaft. Die „gesetzgebende Gewalt“ bedarf in sich selbst der Vermittlung, und zwar, wie gezeigt, einer Ver¬ mittlung von Seiten der Stände aus. Die vorausgesetzte mora¬ lische Übereinstimmung der beiden Willen, von denen der eine 5o der Staatswille als fürstlicher Wille und der andere der Staatswille als der Wille der bürgerlichen Gesellschaft ist, reicht nicht aus. Die gesetzgebende Gewalt ist zwar erst der organisierte totale politische Staat. Aber eben in ihr erscheint, weil in seiner höch¬ sten Entwicklung — auch der unverhüllte Widerspruch des Apolitischen Staates mit sich selbst. Es muß also der Schein einer wirklichen Identität zwischen fürstlichem und ständischem Willen gesetzt werden. Das ständische Element muß als fürstlicher Wille oder der fürstliche Wille muß als ständisches Element '«gesetzt werden. Das ständische Element muß sich als die Wirklichkeit eines Willens setzen, der nicht der Wille des stän¬ dischen Elementes ist. Die Einheit, die nicht im Wesen vorhanden ist (sonst müßte sie sich durch die Wirksamkeit und nicht durch die Daseinsweise des ständischen Elementes «beweisen), muß wenigstens als eine Existenz vorhanden sein, 38e
512 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 oder eine Existenz der gesetzgebenden Gewalt (des stän¬ dischen Elements) hat die Bestimmung, diese Einheit desNichtvereinten zu sein. Dieses Moment des ständischen Elements, Pairskammer, Oberhaus etc., ist die höchste Syn¬ these des politischen Staates in der betrachteten Organisation. 5 Es ist zwar nicht damit erreicht, was Hegel will, „die Wirklich¬ keit der Übereinstimmung“ und die „Unmöglichkeit feindlicher Entgegensetzung“, vielmehr bleibt es bei der „Möglichkeit der Übereinstimmung“. Allein es ist die gesetzte Illusion von der Einheit des politischen Staates mit sich/# selbst (des fürstlichen und ständischen Willens, weiter dem Prinzip des politischen Staates und der bürgerlichen Gesell¬ schaft) , von dieser Einheit als materiellem Prinzip, d. h. so, daß nicht nur zwei entgegengesetzte Prinzipien sich vereinen, sondern daß die Einheit derselben Natur, Existentialgrund ist. 15 Dieses Moment des ständischen Elementes ist die Romantik des politischen Staats, die Träume seiner Wesenhaftigkeit oder seiner Übereinstimmung mit sich selbst. Es ist eine allego¬ rische Existenz. Es hängt nun von dem wirklichen status quo des Verhältnisses 20 zwischen ständischem Element und fürstlichem ab, ob diese Illusion wirksame Illusion oder bewußte Selbsttäu¬ schung ist. Solange Stände und fürstliche Gewalt faktisch übereinstimmen, sich vertragen, ist die Illusion ihrer wesent¬ lichen Einheit eine wirkliche, also wirksame Illusion, ss Im Gegenfall, wo sie ihre Wahrheit betätigen sollte, wird sie zur bewußten Unwahrheit und ridicule. § 305. „Der eine der Stände der bürgerlichen1) Ge¬ sellschaft enthält das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser politischen1) Beziehung konstituiert zu werden, der Stande der natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das Familienleben und in Rücksicht der Subsistenz den Grundbesitz zu seiner Basis, somit in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich beruhendes Wollen und die Naturbestimmung, welche das fürstliche Element in sich schließt, mit diesem gemein hat.“ w Wir haben schon die Inkonsequenz Hegels nachgewiesen, 1. das politisch-ständische Element in seiner modernen Ab¬ straktion von der bürgerlichen Gesellschaft etc. zu fassen, nach¬ dem er es aus den Korporationen hat hervorgehen lassen, 2. es jetzt wieder nach dem Stände-Unterschied der b ü r g e r- liehen Gesellschaft zu bestimmen, nachdem er die poli¬ tischen Stände als solche als das „Extrem der empirischen All¬ gemeinheit“ schon bestimmt hat. Die Konsequenz wäre nun: Die politischen Stände a) Alles von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt 513 für sich zu betrachten, als neues Element, und nun aus ihnen jetzt die § 304 geforderte Vermittlung zu konstruieren. Allein sehen wir nun, wie Hegel den bürgerlichen Stände¬ unterschied wieder hereinzieht und zugleich den Schein hervor- 5 bringt, daß nicht die Wirklichkeit und das besondere Wesen des bürgerlichen Ständeunterschieds die höchste politische Sphäre, die gesetzgebende Gewalt bestimmt, sondern umgekehrt zu einem bloßen Material herabsinkt, das die politische Sphäre nach ihrem, aus ihr selbst hervorgehen- 10 den Bedürfnis formiert und konstruiert. „Der eine der Stände der bürgerlichen Gesellschaft enthält das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser politischen Be¬ ziehung konstituiert zu werden, der Stand der natür¬ lichen Sittlichkeit nämlich.“ (Der Bauernstand.) u Worin besteht nun diese prinzipielle Fähigkeit oder diese Fähigkeit des Prinzips des Bauernstandes? Er hat „das Familienleben und in Rücksicht der Sub¬ sistenz den Grundbesitz zu seiner Basis, somit in Rück¬ sicht seiner Besonderheit ein auf sich beruhendes 20 Wollen und die Naturbestimmung, welche das fürst¬ liche Element in sich schließt, mit diesem gemein“. Das „auf sich beruhende Wollen“ bezieht sich auf die Sub¬ sistenz, den „Grundbesitz“, die mit dem fürstlichen Element ge¬ meinschaftliche „Naturbestimmung“ auf das „Familienleben“ als 25 Basis. Die „Subsistenz des Grundbesitzes“ und ein „auf sich beruhen¬ des Wollen“ sind zwei verschiedene Dinge. Es müßte vielmehr von einem auf „Grund und Boden“ ruhenden Wollen die Rede sein. Es müßte aber vielmehr von einem „auf der Staatsgesin- jonung“, nicht von einem auf sich, sondern von einem im Ganzen ruhenden Willen die Rede sein. An die Stelle der „Ge¬ sinnung“, des „Besitzes des Staatsgeistes“ tritt der „Grund¬ besitz“. Was ferner das „Familienleben“ als Basis angeht, so 35 scheint die „soziale“ Sittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft höher zu stehen als diese „natürliche Sittlichkeit“. Ferner ist das „Familienleben“ die „natürliche Sittlichkeit“ der anderen Stände oder des Bürgerstandes der bürgerlichen Ge¬ sellschaft ebensowohl als des Bauernstandes. Daß aber das „Fa- 4o milienleben“ bei dem Bauernstände nicht nur Prinzip der Familie, sondern die Basis seines sozialen1) Daseins überhaupt ist, scheint ihn vielmehr für die höchste politische Aufgabe unfähig zu machen, indem er patriarchalische Gesetze auf eine nicht patriarchalische Sphäre anwenden wird und das Kind oder den Vater, den Herm O Kott, aus bürgert liehen]
514 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 und den Knecht da geltend macht, wo es sich um den politi¬ schen Staat, um das Staatsbürgertum handelt. Was die Naturbestimmung des fürstlichen Elements betrifft, so hat Hegel keinen patriarchalischen, sondern einen modern konstitutionellen König entwickelt. Seine 5 Naturbestimmung besteht darin, daß er der körperliche Repräsentant des Staates ist und als König geboren, oder das Königtum seine Familienerbschaft ist, aber was hat das mit dem Familienleben als der Basis des Bauernstandes, was hat die natürliche Sittlichkeit mit der Naturbestimmung der 10 Geburt als solcher gemein? Der König teilt das mit dem Pferd, daß, wie dieses als Pferd, der König als König geboren wird. Hätte Hegel den von ihm angenommenen Ständeunterschied als solchen zum politischen gemacht, so war ja schon der Bauern¬ stand als solcher ein selbständiger Teil des ständischen Elements, is und wenn er als solcher ein Moment der Vermittlung mit dem Fürstentum ist, was bedürfte es dann der Konstruktion einer neuen Vermittlung! Und warum ihn aus dem eigentlich stän¬ dischen Moment herausscheiden, da dieses ja nur durch die Schei¬ dung von ihm in die „abstrakte“ Stellung zum fürstlichen Element 20 gerät! Nachdem Hegel aber eben das politisch-ständische Element als ein eigentümliches Element, als eine Transsubstantia¬ tion des Privatstandes in das Staatsbürgertum entwickelt hat und eben deswegen der Vermittlung bedürftig ge¬ funden hat, wie darf Hegel nun diesen Organismus wieder auf- 2s lösen in den Unterschied des Privatstandes, also in den Privat¬ stand, und aus diesem die Vermittlung des politischen Staates mit sich selbst herholen! Überhaupt welche Anomalie, daß die höchste Synthese des politischen Staates nichts anderes ist als die Synthese von so Grundbesitz und Familienleben! Mit einem Wort: Sobald die bürgerlichen Stände als solche politische Stände sind, bedarf es jener Vermittlung nicht, und sobald es jener Ver¬ mittlung bedarf, ist der bürgerliche Stand nicht politisch, also ss auch nicht jene Vermittlung. Der Bauer ist dann nicht als Bauer, sondern als Staatsbürger ein Teil des politisch-ständischen Ele¬ ments, während umgekehrt ([wo er] als Bauer Staatsbürger oder als Staatsbürger Bauer ist) sein Staatsbürgertum das Bauerntum, er nicht als Bauer Staatsbürger, sondern als co Staatsbürger Bauer ist! Es ist hier also eine Inkonsequenz Hegels innerhalb sei¬ ner eigenen Anschauungsweise, und eine solche Inkonse¬ quenz ist Akkommodation. Das politisch-ständische Element ist im modernen Sinne in dem von Hegel entwickelten Sinne die «
Die gesetzgebende Gewalt 515 vollzogene gesetzte Trennung der bürgerlichen Gesellschaft von ihrem Privatstand und seinen Unterschieden. Wie kann Hegel den Privatstand zur Lö¬ sung der Antinomien der gesetzgebenden Gewalt in sich s selbst machen? Hegel will das mittelalterliche ständische System, aber in dem modernen Sinn der gesetzgebenden Gewalt, und er will die moderne gesetzgebende Gewalt, aber in dem Körper des mittelalterlich-ständischen Systems: es ist schlechtester Synkre¬ tismus. 10 Anfang § 304 heißt es: „Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen Unterschied der Stände enthält das politisch-stän¬ dische Element zugleich in seiner eigenen Bestimmung.“ Aber in seiner eigenen Bestimmung enthält das politisch-ständische Element diesen Unterschied nur dadurch, daß es ihn annulliert, is daß es ihn in sich vemichtigt, von ihm abstrahiert. Wird der Bauernstand oder, wie wir weiter hören werden, der potenzierte Bauernstand, der adlige Grundbesitz, als solcher auf die beschriebene Weise zur Vermittlung des totalen poli¬ tischen Staates, der gesetzgebenden Gewalt in sich selbst ge- 20 macht, so ist das allerdings die Vermittlung des ständisch-poli¬ tischen Elements mit der fürstlichen Gewalt in dem Sinn, als es die Auflösung des politisch-ständischen Elementes als eines wirklichen politischen Elementes ist. Nicht der Bauernstand, sondern der Stand, der Privatstand, die Analyse (Re- 25 duktion) des politisch-ständischen Elementes in den Privatstand ist hier die wiederhergestellte Einheit des poli¬ tischen Staats mit sich selbst. (Nicht der Bauern¬ stand als solcher ist hier die Vermittlung, sondern seine Trennung von dem politisch-ständischen Element in seiner 30 Qualität als bürgerlicher Privatstand; das ist, daß sein Privatstand ihm eine gesonderte Stellung in dem politisch¬ ständischen Element gibt, also auch der andere Teil des politisch¬ ständischen Elements die Stellung eines besonderen Privat¬ standes erhält, also auf hört, das Staatsbürgertum der bürger- 35 liehen Gesellschaft zu repräsentieren.) Es ist hier nun nicht mehr der politische Staat als zwei entgegengesetzte Wil¬ len vorhanden, sondern auf der einen Seite steht der politische Staat (Regierung und Fürst) und auf der anderen die bürgerliche Gesellschaft in ihrem Unterschied vom politischen Staat. (Die ver- 40 schiedenen Stände.) Damit ist denn auch der politische Staat als Totalität auf gehoben. Der nächste Sinn der Verdoppelung des politisch-stän¬ dischen Elementes in sich selbst als einer Vermittlung mit der fürstlichen Gewalt ist überhaupt, daß die Trennung dieses 45 Elementes in sich selbst, sein eigener Gegensatz in sich selbst seine
516 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 wiederhergestellte Einheit mit der fürstlichen Gewalt ist. Der Grunddualismus zwischen dem fürstlichen und dem ständischen Element der gesetzgebenden Gewalt wird neutra¬ lisiert durch den Dualismus des ständischen Elementes in sich selbst. Bei Hegel aber geschieht diese Neutralisation dadurch, s daß das politisch-ständische Element sich von seinem poli¬ tischen Element selbst trennt. Was den Grundbesitz als Subsistenz, welche der Souveränität des Willens, der fürstlichen Souverä¬ nität, und das Familienleben als Basis des Bauernstandes, 10 welche der Naturbestimmung der fürstlichen Gewalt ent¬ sprechen soll, betrifft, so kommen wir später darauf zurück. Hier im § 305 ist das „P r i n z i p“ des Bauernstandes entwickelt, „das für sich fähig ist, zu dieser politischen Beziehung konstituiert zu werden“. is Im § 306 wird die „Konstituierung“ „für die politische Stellung und Bedeutung“ vorgenommen. Sie reduziert sich darauf: „das Vermögen wird“ „ein unveräußerliches, mit dem Majo¬ rat belastetes E r b g u t“. „Das Majorat“ wäre also die poli¬ tische Konstituierung des Bauernstandes. 20 „Die Begründung des Majorats“, heißt es im Zusatz, „liegt darin, daß der Staat nicht auf bloße Möglichkeit1) der Gesinnung, sondern auf ein Notwendiges1) rechnen soll. Nun ist die Gesinnung freilich an ein Vermögen nicht gebunden, aber der relativ notwendige1) Zusammenhang ist, daß, 2s wer ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umständen nicht beschränkt ist und so ungehemmt auftreten und für den Staat handeln kann1).“ Erster Satz. Dem Staat genügt nicht „die bloße Mög¬ lichkeit der Gesinnung“, er soll auf ein „No twen- 30 d i g e s“ rechnen. Zweiter Satz. „Die Gesinnung ist an ein Vermögen nicht gebunden“, d. h. die Gesinnung des Vermögens ist eine „bloße Möglichkeit“. Dritter Satz. Aber es findet ein „relativ notwen• « diger Zusammenhang“ statt, nämlich, „daß, wer ein selb¬ ständiges Vermögen hat etc., für den Staat handeln kann“, d. h. das Vermögen gibt die „Möglichkeit“ der Staats¬ gesinnung, aber eben die „Möglichkeit“ genügt nach dem ersten Satz nicht. 40 Zudem hat Hegel nicht entwickelt, daß der Grundbesitz das einzige selbständige Vermögen ist. Die Konstituierung seines Vermögens zur Un¬ abhängigkeit ist die Konstituierung des Bauernstandes „für *) Alles von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt 517 die politische Stellung und Bedeutung“. Oder „die Unabhängigkeit des Vermögens“ ist seine „politische Stellung und Bedeutung“. Diese Unabhängigkeit wird weiter so entwickelt: Sein „Vermögen“ ist „unabhängig vom Staats- svermöge n“. Unter Staatsvermögen wird hier offenbar die Regierungskasse verstanden. In dieser Beziehung steht „der allgemeine Stand“ „gegenüber“ „als vom Staat wesentlich abhängig“. So heißt es in der Vorrede [zu Hegels Rechtsphilosophie] p. 13: „Ohnehin“ wird „bei uns die Philo- 10 sophie1) nicht wie etwa bei den Griechen als eine private Kunst exerziert“, „sondern sie“ hat „eine öffentliche, das Publikum be¬ rührende Existenz, vornehmlich oder allein1) im Staats¬ dienste1)“. Also auch die Philosophie „wesentlich“ von der Regierungskasse abhängig. is Sein Vermögen ist unabhängig „von der Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht des Gewinns und der Veränderlichkeit des Besitzes überhaupt“. In diesér Hinsicht steht ihm der „Stand des Gewerbes“ „als der vom Bedürfnis abhängige und darauf hingewiesene“ gegenüber. ■io Dies Vermögen ist so „wie von der Gunst der Regie¬ rungsgewalt, so von der Gunst der Menge“ unabhängig. Er ist endlich selbst gegen die eigene Willkür da¬ durch festgestellt, daß die für diese Bestimmung berufenen Mit¬ glieder dieses Standes „des Rechts der anderen Bürger, teils über 2s ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, teils es nach der Gleich¬ heit der Liebe zu den Kindern an sie übergehend zu wissen, ent¬ behren“. Die Gegensätze haben hier eine ganz neue und sehr materielle Gestalt angenommen, wie wir sie in dem Himmel des politischen so Staates kaum erwarten dürften. Der Gegensatz, wie ihn Hegel entwickelt, ist in seiner Schärfe ausgesprochen der Gegensatz von Privateigentum und Vermögen. Der Grundbesitz ist das Privateigentum xat 3s das eigentliche Privateigentum. Seine exakte Privat- natur tritt hervor 1. als „Unabhängigkeit vom Staats¬ vermögen“, der „Gunst der Regierungsgewalt“, dem Eigentum, wie es als „allgemeines Eigentum des politischen Staats“ existiert, als ein nach der Konstruktion des politischen so Staates besonderes Vermögen neben anderen Vermögen, 2. als „Unabhängigkeit vom Bedürfnis“ der Sozietät oder dem „sozialen Vermögen“, der „Gunst der Menge“. (Ebenso be¬ zeichnend ist, daß der Anteil am Staatsvermögen als „Gunst der Regierungsgewalt“, wie der Anteil am sozialen Ver- *) Alles von M. unterstrichen.
518 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 mögen als „Gunst der Menge“ gefaßt wird.) Das Vermögen des „allgemeinen Standes“ und des „Gewerbestandes“ ist kein eigentliches Privateigentum, weil es dort direkt, hier indirekt durch den Zusammenhang mit dem allgemeinen Vermögen oder dem Eigentum als sozialem Eigentum bedingt ist, 5 eine Partizipation an demselben ist, darum allerdings auf beiden Seiten durch „Gunst“, d. h. durch den „Zufall des Willens“ vermittelt ist. Dem gegenüber steht der Grundbesitz als das souveräne Privateigentum, das noch nicht die Gestalt des Vermögens, d. h. eines durch den sozialen Willen ge-w setzten Eigentums, erreicht hat. Die politische Verfassung in ihrer höchsten Spitze ist also die Verfassung des Privateigentums. Die höchste politische Gesinnung ist die Gesinnung des Pri¬ vateigentums. Das M a j o r at ist bloß die äußere« Erscheinung von der inneren Natur des Grundbesitzes. Dadurch, daß er unveräußerlich ist, sind ihm die so¬ zialen Nerven abgeschnitten und seine Isolierung von der bürgerlichen Gesellschaft gesichert. Dadurch, daß er nicht nach der „Gleichheit der Liebe zu den Kindern“ über- 2« geht, ist er sogar von der kleineren Sozietät, der natürlichen So¬ zietät der Familie, ihrem Willen und ihren Gesetzen losgesagt, unabhängig, bewahrt also die schroffe Natur des Privat¬ eigentums noch vor dem Übergang in das Familien¬ vermögen. is Hegel hatte § 305 den Stand des Grundbesitzes fähig erklärt, zu der „politischen Beziehung“ konstituiert zu werden, weil das „Familienleben“ seine „Basis“ sei. Er hat aber selbst die „Liebe“ für die Basis, für das Prinzip, für den Geist des Familien¬ lebens erklärt. In dem Stand, der das Familienleben zu seiner 3t Basis hat, fehlt also die Basis des Familienlebens, die Liebe als das wirkliche, also wirksame und determinierende Prin¬ zip. Es ist das geistlose Familienleben, die Illusion des Familienlebens. In seiner höchsten Entwicklung widerspricht das Prinzip des Privateigentums dem Prinzip» der Familie. Es kommt also im Gegensatz zum Stand der natürlichen Sittlichkeit, des Familienlebens, viel¬ mehr erst in der bürgerlichen Gesellschaft das Familien¬ leben zum Leben der Familie, zum Leben der Liebe. Jener ist vielmehr die Barbarei des Privateigentums gegen« das Familienleben. Das wäre also die souveräne Herrlichkeit des Privateigentums des Grundbesitzes, worüber in neueren Zeiten so viele Sentimentalitäten stattgehabt haben und so viele buntfarbige Krokodilstränen vergossen worden sind. <s
Die gesetzgebende Gewalt 519 Es nützt Hegel nichts zu sagen, daß das Majorat bloß eine Forderung der Politik sei und in seiner politischen Stellung und Bedeutung gefaßt werden müsse. Es nützt ihm nichts zu sagen: „Die Sicherheit und Festigkeit dieses Standes kann « noch durch die Institution des Majorats vermehrt werden, welche jedoch nur in politischer Rücksicht1) wünschens¬ wert ist, denn es ist damit ein Opfer für den politischen Zweck1) verbunden, daß der Erstgeborene unabhängig leben könne1).“ Es ist bei Hegel eine gewisse Dezenz, der jo Anstand des Verstandes. Er will nicht das Majorat an und für sich, er will es nur in bezug auf ein anderes, nicht als Selbstbestimmung, sondern als Bestimmtheit eines anderen, nicht als Zweck, sondern als Mittel zu einem Zweck rechtfertigen und konstruieren. In Wahrheit ist das Majorat eine Konsequenz is des exakten Grundbesitzes, das versteinerte Privateigentum, das Privateigentum (quand même) in der höchsten Selbständig¬ keit und Schärfe seiner Entwicklung, und was Hegel als den Zweck, als das Bestimmende, als die prima causa des Majorats darstellt, ist vielmehr ein Effekt desselben, eine Konsequenz, die 20 Macht des abstrakten Privateigentums über den politischen Staat, während Hegel das Majorat als die Macht des politischen Staates über das Privat¬ eigentum darstellt. Er macht die Ursache zur Wirkung und die Wirkung zur Ursache, das Bestimmende zum Bestimmten und ss das Bestimmte zum Bestimmenden. Allein was ist der Inhalt der politischen Konstituierung, des politischen Zwecks, was ist der Zweck dieses Zweckes? Was seine Substanz? Das Majorat, der Superlativ des Privat¬ eigentums, das souveräne Privateigentum. Welche so Macht übt der politische Staat über das Privateigentum im Majo¬ rat aus? Daß er es isoliert von der Familie und der Sozietät, daß er es zu seiner abstrakten Verselbständigung bringt. Welches ist also die Macht des politischen Staates über das Privateigentmn? Die eigene Macht des Privat- «eigentums, sein zur Existenz gebrachtes Wesen. Was bleibt dem politischen Staat im Gegensatz zu diesem Wesen übrig? Die Illusion, daß er bestimmt, wo er bestimmt wird. Er bricht allerdings den Willen der Familie und der Sozietät, aber nur um dem Willen des familien- und sozietäts- 2o losen Privateigentums Dasein zu geben und dieses Da¬ sein als das höchste Dasein des politischen Staates, als das höchste sittliche Dasein anzuerkennen. Betrachten wir die verschiedenen Elemente, wie sie sich hier in der gesetzgebenden Gewalt, dem totalen, dem zur 1) Alles von M. unterstrichen.
520 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Wirklichkeit und zur Konsequenz, zum Bewußtsein gekommenen Staat, dem wirklichen politischen Staat verhalten1) mit der ideellen oder sein sollenden, mit der logischen Be¬ stimmung und Gestalt dieser Elemente. (Das Majorat ist nicht, wie Hegel sagt, „eine Fessel, die der s Freiheit des Privatrechts angelegt ist“, es ist vielmehr die „Frei¬ heit des Privatrechts, die sich von allen sozialen und sittlichen Fesseln befreit hat“.) („Die höchste politische Konstruktion ist hier die Konstruktion des abstrakten Privateigentums.“) Ehe wir diese Vergleichung anstellen, ist noch ein näherer 10 Blick auf eine Bestimmung des Paragraphen zu werfen, nämlich darauf, daß durch das Majorat das Vermögen des Bauern¬ standes, der Grundbesitz, das Privateigentum „selbst gegen die eigene Willkür dadurch festgestellt ist, daß die für diese Bestimmung berufenen Mitglieder dieses Standes des Rechts is der anderen Bürger, über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, entbehren“. Wir haben schon hervorgehoben, wie durch die „Unveräußer¬ lichkeit“ des Grundbesitzes die sozialen Nerven des Privateigen¬ tums abgeschnitten werden. Das Privateigentum (der Grund- 20 besitz) ist gegen die eigeneWillkür des Besitzers dadurch festgestellt, daß die Sphäre seiner Willkür aus einer allgemein menschlichen zur spezifischen Willkür des Privat¬ eigentums umgeschlagen, das Privateigentum zum Sub¬ jekt des Willens geworden ist; der Wille bloß mehr das Prä - ss dikat des Privateigentums ist. Das Privateigentum ist nicht mehr ein bestimmtes Objekt der Willkür, sondern die Will¬ kür ist das bestimmte Prädikat des Privateigentums. Doch vergleichen wir, was Hegel selbst innerhalb der Sphäre des Privat¬ rechts sagt: 30 § 65. „MeinesEigentums kann ich mich entäußern, da es das meinige nur ist, insofern ich meinen Willen darin lege [ ], aber nur insofern die Sache ihrer Natur nach ein Äußerliches ist.“ § 66. „Unveräußerlich sind daher diejenigen3« Güter oder vielmehr substantiellen Bestimmungen, sowie das Recht an sie unverjährbar, welche meine eigenste Person und das allgemeine Wesen meines Selbstbewußt¬ seins ausmachen, wie meine Persönlichkeit überhaupt, meine allgemeine Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion.“ Im Majorat wird also der Grundbesitz, das exakte Privateigen¬ tum, ein unveräußerliches Gut, also eine substan- *) Zu ergänzen etwa verhalten, im Zusammenhänge mit
Die gesetzgebende Gewalt 521 tielle Bestimmung, welche die „eigenste Person, das all¬ gemeine Wesen des Selbstbewußtseins“ des majoratsherrlichen Standes ausmachen, seine „Persönlichkeit überhaupt, seine all¬ gemeine Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion“. Es ist daher auch 5 konsequent, daß, wo das Privateigentum, der Grundbesitz u n • veräußerlich, dagegen die „allgemeine Willensfreiheit“ (wozu auch die freie Disposition über ein Äußerliches, wie der Grundbesitz ist, gehört) und die Sittlichkeit (wozu die Liebe als der wirkliche, auch als das wirkliche Gesetz der Fa- 10 milie sich ausweisende Geist gehört) veräußerlich sind. Die „Unveräußerlichkeit“ des Privateigentums ist in einem die „Veräußerlichkeit“ der allgemeinen Willensfreiheit und Sittlichkeit. Das Eigentum ist hier nicht mehr, „insofern ich meinen Willen darin lege“, sondern is mein Wille ist, „insofern er im Eigentum liegt“. Mein Wille be¬ sitzt hier nicht, sondern ist besessen. Das ist eben der roman¬ tische Kitzel der Majoratsherrlichkeit, daß hier das Privat¬ eigentum, also die Privatwillkür in ihrer abstraktesten Gestalt, daß der ganz bornierte, unsittliche, rohe Willen als die so höchste Synthese des politischen Staates, als die höchste Ent¬ äußerung der Willkür, als der härteste, aufopferndste Kampf mit der menschlichen Schwäche erscheint, denn als mensch¬ lich e Schwäche erscheint hier die Humanisierung, die Vermenschlichung des Privateigentums. Das Majorat es ist das sich selbst zur Religion gewordene, das in sich selbst versunkene, von seiner Selbständigkeit und Herrlichkeit ent¬ zückte Privateigentum.1) Wie das Majorat der direkten Veräußerung, so ist es auch dem Vertrage entnommen. Hegel stellt den Übergang vom Eigentum zum Vertrage folgender- so maßen dar: § 71. „Das Dasein ist als bestimmtes Sein wesentlich Sein für anderes [...] ; das Eigentum, nach der Seite, daß es ein Dasein als äußerliche Sache ist, ist für andere Äußer¬ lichkeiten und im Zusammenhänge dieser Notwendigkeit 3s und Zufälligkeit. Aber als Dasein des Willens ist es als für anderes nur für den Willen einer anderen Person. Diese Beziehung von Willen auf Willen ist der eigentüm¬ liche und wahrhafte Boden, in welchem die Freiheit D a - sein hat. Diese Vermittlung, Eigentum2) nicht mehr io nur vermittelst einer Sache und meines sub¬ jektiven2) Willens zu haben, sondern ebenso ver- O Gestrichen Gegen diese Abstraktion 2) Alles von M. unterstrichen.
522 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313 mittelst eines anderen Willens und hiermit in einem ge¬ meinsamen1) Willen zu haben, macht die Sphäre des Vertrags aus.“ (Im Majorat ist es zum Staatsgesetz gemacht, das Eigentum nicht in einem gemeinsamen Willen, sondern nur „ver- s mittelst einer Sache und meines subjektiven Willens zu haben“.) Während Hegel hier im Privatrecht die Ver- äußerlichkeit und die Abhängigkeit des Privateigentums von einem gemeinsamen Willen als seinen wahren Idealismus auffaßt, wird umgekehrt im Staatsrecht die 10 imaginäre Herrlichkeit eines unabhängigen Eigentums im Gegen¬ satz zu der „Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht des Gewinns, der Veränderlichkeit des Besitzes, der Abhängigkeit vom Staats¬ vermögen“ gepriesen. Welch ein Staat, der nicht einmal den Idealismus des Privatrechts ertragen kann? Welch eine Rechts- m philosophie, wo die Selbständigkeit des Privateigentums eine andere Bedeutung im Privatrecht als im Staatsrecht hat? Gegen die rohe Stupidität des unabhängigen Privat¬ eigentums ist die Unsicherheit des Gewerbes2) elegisch, die Sucht des Gewinns pathetisch (dramatisch), die Veränderlichkeit des 29 Besitzes ein ernstes*) Fatum (tragisch), die Abhängigkeit vom Staatsvermögen sittlich. Kurz, in allen diesen Qualitäten schlägt das menschliche Herz durch das Eigentum durch, es ist Abhängigkeit des Menschen vom Menschen. Wie sie immerhin an und für sich beschaffen sei, sie ist menschlich gegenüber m dem Sklaven, der sich frei dünkt, weil die Sphäre, die ihn be¬ schränkt, nicht die Sozietät, sondern die Scholle ist; die Frei¬ heit dieses Willens ist seine Leerheit von anderem Inhalt als dem des Privateigentums. Solche Mißgeburten wie das Majorat als eine Bestimmung des 20 Privateigentums durch den politischen Staat zu definieren, ist überhaupt unumgänglich, wenn man eine alte Weltanschauung im Sinn einer neuen interpretiert, wenn man einer Sache, wie hier dem Privateigentum, eine doppelte Bedeutung, eine andere im Gerichtshof des abstrakten Rechts, eine entgegengesetzte im Him- a mel des politischen Staats gibt. Wir kommen zu der oben angedeuteten Vergleichung. § 257 heißt es: „Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee — der sittliche Geist als der offenbare, sich selbst deut-<0 liehe, substantielle Wille An der Sitte hat er seine 1 ) Von M. unterstrichen. 2) Gestrichen Phantasie und Sentimental[ität] und dramatischer P[. . .] 8) Gestrichen Pathos
Die gesetzgebende Gewalt 523 unmittelbare und an dem Selbstbewußtsein des Ein¬ zelnen . . . seine vermittelte Existenz, so wie dieses durch die Gesinnung in ihm, als seinem Wesen, Zweck und Pro¬ dukte seiner Tätigkeit, seine substantielle Freiheit i hat.“ § 268 heißt es: „Die politische Gesinnung, der Patriotismus überhaupt, als die in Wahrheit stehende Gewißheit [ ] und das zur Gewohnheit gewordene Wollen io ist nur Resultat der im Staate bestehenden Institutionen, als in welchem die Vernünftigkeit wirklich vorhanden ist, so wie sie durch das ihnen gemäße Handeln ihre Betätigung erhält. — Diese Gesinnung ist überhaupt das Zutrauen (das zu mehr oder weniger gebildeter Einsicht übergehen is kann), — das Bewußtsein, daß mein substantielles und be¬ sonderes Interesse im Interesse und Zwecke eines Anderen (hier des Staats) als im Verhältnis zu mir als Einzelnen bewahrt und enthalten ist, — womit eben dieser unmittel¬ bar kein anderer für mich ist und Ich in diesem Bewußtsein 20 frei bin.“ Die Wirklichkeit der sittlichen Idee erscheint hier als die Religion des Privateigentums (weil sich im Majorat das Privateigentum zu sich selbst auf religiöse Weise verhält, so kommt es, daß in unseren modernen Zeiten die Religion 25 überhaupt zu einer dem Grundbesitz inhärenten Qualität ge¬ worden ist und alle majoratsherrlichen Schriften voll religiöser Salbung sind. Die Religion ist die höchste Denkform dieser Brutalität). Der „offenbare, sich selbst deutliche, substan¬ tielle Wille“ verwandelt sich in einen dunklen, an der Scholle so gebrochenen Willen, der eben von der Undurchdringlichkeit des Elements, an dem er haftet, berauscht ist. „Die in Wahrheit stehende Gewißheit“, welche die „politische Gesinnung ist“, ist die auf „eigenem Boden“ (im wörtlichen Sinne) stehende Gewißheit. Das zur „Gewohnheit gewordene“ politische „Wollen“ ist nicht 3s mehr „nur Resultat“ etc., sondern eine außer dem Staat be¬ stehende Institution. Die politische Gesinnung ist nicht mehr das „Zutrauen“, sondern vielmehr das „Vertrauen, das Bewußt¬ sein, daß mein substantielles und besonderes Interesse unab¬ hängig vom Interesse und Zwecke eines Anderen (hier des so Staats) im Verhältnis zu mir als Einzelnen“ ist. Das ist das Be¬ wußtsein meiner Freiheit vom Staate.
524 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Die „Festhaltung des allgemeinen Staatsinteresses“ etc. war (§ 289) die Aufgabe der „Regierungsgewalt“. In ihr residierte „die gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußt¬ sein der Masse eines Volkes“ (§ 297). Sie macht „eigentlich die Stände überflüssig“, denn sie „können ohne Stände das Beste tun, 5 wie sie auch fortwährend bei den ständischen Versammlungen das Beste tun müssen“ (§ 301 Anmerk.). Der „allgemeine, näher dem Dienst der Regierung sich widmende Stand hat un¬ mittelbar zu seiner Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke seiner wesentlichen Tätigkeit zu haben“ [§ 303]. 10 Und wie erscheint der allgemeine Stand, die Regierungs¬ gewalt jetzt? „Als vom Staat wesentlich abhängig“, als das „Ver¬ mögen, abhängig von der Gunst der Regierungs¬ gewalt“. Dieselbe Umwandlung ist mit der bürgerlichen Ge¬ sellschaft vorgegangen, die früher in der Korporation ihre Sitt- is lichkeit erreicht hat.[ Sie ist ein Vermögen, abhängig „von der Unsicherheit des Gewerbes“ etc., von „der Gunst der Menge“. Welches ist also die angeblich spezifische Qualität des Ma¬ joratsherren? Und worin kann überhaupt die sittliche Qualität eines unveräußerlichen Vermögens bestehen? In 20 der Unbestechlichkeit. Die Unbestechlichkeit er¬ scheint als die höchste politische Tugend, eine abstrakte Tugend. Dabei ist die Unbestechlichkeit in dem von Hegel kon¬ struierten Staate etwas so Apartes, daß sie als eine besondere politische Gewalt konstruiert werden muß, also eben dadurch be- 2« weist, daß sie nicht der Geist des politischen Staates, nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist, und als solche Ausnahme ist sie konstruiert. Man besticht die Majoratsherren durch ihr unabhängiges Eigentum, um sie vor der Bestechlichkeit zu kon¬ servieren. Während nach der Idee die Abhängigkeit vom 30 Staate und das Gefühl dieser Abhängigkeit die höchste politische Freiheit sein sollte, weil sie die Empfindung der Privatperson als einer abstrakten abhängigen Person ist und diese vielmehr sich erst als Staatsbürger unabhängig fühlt und fühlen soll, wird hier die unabhängige Privatperson konstruiert. „Ihr 33 Vermögen ist [ebenso] unabhängig vom Staatsvermögen als von der Unsicherheit des Gewerbes“ etc. Ihr steht gegenüber „der Stand des Gewerbe, als der vom Bedürfnis abhängige und darauf hingewiesene, und der allgemeine Stand, als vom Staat wesentlich abhängig“. Hier ist also Unabhängigkeit vom Staat und 40 der bürgerlichen Gesellschaft, und diese verwirklichte Abstrak¬ tion von beiden, die realiter die rohste Abhängigkeit von der Scholle ist, bildet in der gesetzgebenden Gewalt die Vermittlung und die Einheit beider. Das unabhängige Pri¬ vatvermögen, d. h. das abstrakte Privatvermögen und die ihm <5
Die gesetzgebende Gewalt 525 entsprechende Privatperson, sind die höchste Konstruktion des politischen Staates. Die politische „Unabhängigkeit“ ist kon¬ struiert als das „unabhängige Privateigentum“ und die Person dieses unabhängigen Privateigentums. Wir werden im nächsten 5 sehen, wie es mit der „Unabhängigkeit“ und „Unbestechlichkeit“ und der daraus hervorgehenden Staatsgesinnung re vera steht. Daß das Majorat Erbgut ist, spricht von selbst. Das Nähere hierüber später. Daß es, wie Hegel im Zusatz bemerkt, der Erstgeborene ist, ist rein historisch. 10 § 307. „Das Recht dieses Teils des substantiellen Stan¬ des ist auf diese Weise zwar einerseits auf das Naturprinzip der Familie gegründet, dieses aber zugleich durch harte Aufopferungen1) für den politischen Zweck verkehrt, womit1) dieser Stand wesentlich an die Tätig- keit für diesen Zweck angewiesen und gleichfalls in Folge hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die Ge¬ burt dazu berufen und berechtigt ist.“ Inwiefern das Recht dieses substantiellen Standes auf das Naturprinzip der Familie gegründet ist, hat Hegel nicht 2o entwickelt, es sei denn, daß er hierunter verstehe, daß der Grund¬ besitz als Erbgut existiert. Damit ist kein Recht dieses Standes im politischen Sinne entwickelt, sondern nur das Recht der Ma¬ joratsherren auf den Grundbesitz per Geburt. „Dieses“, das Natur¬ prinzip der Familie, ist „aber zugleich durch harte Aufopferungen 25 für den politischen Zweck verkehrt“. Wir haben allerdings ge¬ sehen, wie hier „das Naturprinzip der Familie verkehrt“ wird, wie dies aber keine „harte Aufopferung für den politischen Zweck“, sondern nur die verwirklichte Abstraktion des Privateigentums ist. Vielmehr wird durch diese 3o Verkehrung des Naturprinzips der Familie eben¬ so der politische Zweck verkehrt, „womit (!) dieser Stand wesent¬ lich an die Tätigkeit für diesen Zweck angewiesen“ — durch die Verselbständigung des Privateigentums? — „und gleichfalls in Folge hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die Geburt 35 dazu berufen und berechtigt“. Hier ist also die Partizipation an der gesetz¬ gebenden Gewalt ein angeborenes Menschenrecht. Hier haben wir geborene Gesetzgeber, die geborene Vermittlung des politischen Staates mit sich 40 s e 1 b s t. Man hat sich, besonders von Seiten der Majoratsherren, sehr moquiert über die angeborenen Menschenrechte. 9 Von M. unterstrichen. Marx-Engek-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 39
526 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313 Ist es nicht komischer, daß einer besonderen Menschenrasse das Recht der höchsten Würde der gesetzgebenden Gewalt anvertraut ist? Nichts ist lächerlicher, als daßHegel die Berufung zum Gesetz¬ geber, zum Repräsentant des Staatsbürgertums durch die Geburt „der Berufung durch die Zufälligkeit einer Wahl“ entgegenstellt. ; Als wenn die Wahl, das bewußte Produkt des bürgerlichen Ver¬ trauens, nicht in einem ganz anderen notwendigen Zusammenhang mit dem politischen Zweck stände, als der physische Zufall der Geburt. Hegel sinkt überall von seinem politischen Spiritualismus in den krassesten Materialismus herab. Auf den Spitzen u des politischen Staates ist es überall die Geburt, welche bestimmte Individuen zu Inkorporationen der höchsten Staatsaufgaben macht. Die höchsten Staatstätigkeiten fallen mit dem Individuum durch die Geburt zusammen, wie die Stelle des Tiers, sein Cha¬ rakter, Lebensweise etc. unmittelbar ihm angeboren wird. Der u Staat in seinen höchsten Funktionen erhält eine tierische Wirklichkeit. Die Natur rächt sich an Hegel wegen der ihr be¬ wiesenen Verachtung. Wenn die Materie nichts für sich mehr sein sollte gegen den menschlichen Willen, so behält hier der mensch¬ liche Wille nichts mehr für sich außer der Materie. 2« Die falsche Identität, die fragmentarische, stellen¬ weise Identität zwischen Natur und Geist, Körper und Seele, erscheint als I n k o r p o r a t i o n. Da die Geburt dem Menschen nur das individuelle Dasein gibt und ihn zunächst nur als natürliches Individuum setzt, die staatlichen Bestimmungen 25 wie die gesetzgebende Gewalt etc. aber soziale Pro¬ dukte, Geburten der Sozietät und nicht Zeugungen des natür¬ lichen Individuums sind, so ist eben die unmittelbare Identität, das unvermittelte Zusammenfallen zwischen der Geburt des Individuums und dem Individuum als Individuation 20 einer bestimmten sozialen Stellung, Funktion etc. das Frappante, das Wunder. Die Natur macht in die¬ sem System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar Pairs etc., wie sie Augen und Nasen macht. Das Frappante ist, als un¬ mittelbares Produkt der physischen Gattung zu sehen, was nur 2s das Produkt der selbstbewußten Gattung ist. Mensch bin ich durch die Geburt ohne die Übereinstimmung der Gesellschaft, Pair oder König wird diese bestimmte Geburt erst durch die allgemeine Übereinstimmung. Die Übereinstimmung macht die Geburt dieses Menschen erst zur Geburt eines Königs: also ist es die Überein- <0 Stimmung und nicht die Geburt, die den König macht. Wenn die Geburt, im Unterschied von den anderen Bestimmungen, dem Menschen unmittelbar eine Stellung gibt, so macht ihn sein Körper zu diesem bestimmten sozialen Funktionär. Sein Körper ist sein soziales Recht. In diesem System «
Die gesetzgebende Gewalt 527 erscheint die körperliche Würde des Menschen oder die Würde des menschlichen Körpers (was weiter ausgeführt lauten kann: die Würde des physischen Naturelements des Staats) so, daß bestimmte, und zwar die höchsten sozialen 5 Würden die Würden bestimmter durch die Geburt prädestinierter Körper sind. Es ist daher bei dem Adel natürlich der Stolz auf das Blut, die Abstammung, kurz die Lebensgeschichte ihres Körpers; es ist natürlich diese zoologische Anschauungsweise, die in der Heraldik jo die ihr entsprechende Wissenschaft besitzt. Das Geheimnis des Adels ist die Zoologie. Es sind zwei Momente bei dem erblichen Majorat hervor¬ zuheben : 1. Das Bleibende ist das Erbgut, der Grundbesitz. Es is ist das Beharrende in dem Verhältnis — die Substanz. Der Majoratsherr, der Besitzer, ist eigentlich nur Akzidenz. Der Grundbesitz anthropomorphisiert sich in den verschie¬ denen Geschlechtern. Der Grundbesitz erbt gleichsam immer den Erstgeborenen des Hauses als das an es gefesselte At- 20 tribut. Jeder Erstgeborene in der Reihe der Grundbesitzer ist das Erbteil, das Eigentum des unveräußerlichen Grundbesitzes, die prädestinierte Substanz seines Willens und seiner Tätigkeit. Das Subjekt ist die Sache und das Prädikat der Mensch. Der Wille wird zum 25 Eigentum des Eigentums. 2. Die politische Qualität des Majoratsherren ist die politische Qualität seines Erbguts, eine diesem Erbgut inhärente politische Qualität. Die politische Qualität er¬ scheint hier also ebenfalls als Eigentum des Grundeigen- 30 tum s, als eine Qualität, die unmittelbar der rein physi¬ schen Erde (Natur) zukommt. Was das erste angeht, so folgt daraus, daß der Majoratsherr der Leibeigene des Grundeigentums ist und daß in den Leibeigenen, die ihm untertan sind, nur die praktische 35 Konsequenz des theoretischen Verhältnisses erscheint, in welchem er selbst sich zu dem Grundbesitz befindet. Die Tiefe der germanischen Subjektivität erscheint überall als die Roheit einer geistlosen Objektivität. Es ist hier auseinanderzusetzen das Verhältnis 1. zwischen jo Privateigentum und Erbschaft, 2. zwischen Privat¬ eigentum, Erbschaft und dadurch dem Privilegium gewisser Geschlechter auf Teilnahme an der politischen Souveränität, 3. das wirkliche historische Verhältnis oder das germa¬ nische Verhältnis. is Wir haben gesehen, daß das Majorat die Abstraktion des „u n - 39*
528 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 abhängigen Privateigentums“ ist. Es schließt sich eine zweite Konsequenz hieran an. Die Unabhängigkeit, die Selbständigkeit in dem politischen Staat, dessen Kon¬ struktion wir bisher verfolgt haben, ist das Privateigentum, was auf seiner Spitze als unveräußerlicher Grund- 5 besitz erscheint. Die politische Unabhängigkeit Hießt daher nicht ex proprio sinu des politischen Staats, sie ist keine Gabe des politischen Staats an seine Glieder, sie ist nicht der ihn beseelende Geist, sondern die Glieder des politischen Staats empfangen ihre Unabhängigkeit von einem Wesen, welches nicht das Wesen des 10 politischen Staats ist, von einem Wesen des abstrakten Privat¬ rechts, vom abstrakten Privateigentum. Die politische Un¬ abhängigkeit ist eine Akzidenz des Privateigentums, nicht die Substanz des politischen Staats. Der politische Staat und in ihm die gesetzgebende Gewalt, wie wir gesehen, ist das ent- w hüllte Mysterium von dem wahren Wert und Wesen der Staatsmomente. Die Bedeutung, die das Privateigentum im politischen Staate hat, ist seine wesentliche, seine wahre Bedeutung; die Bedeutung, die der Standesunterschied im politischen Staat hat, ist die wesentliche Bedeutung 20 des Standesunterschieds. Ebenso kommt das Wesen der fürst¬ lichen [Macht] und der Regierung1) in der „gesetzgebenden Gewalt“ zur Erscheinung. Hier, in der Sphäre des politischen Staates, ist es, daß sich die einzelnen Staatsmomente zu sich als dem Wesen der Gattung, als dem „Gattungswesen“ ver-25 halten; weil der politische Staat die Sphäre ihrer allgemeinen Be¬ stimmung, ihre religiöse Sphäre ist. Der politische Staat ist der Spiegel der Wahrheit für die verschiedenen Momente des konkreten Staats. Wenn also das „unabhängige Privateigentum“ im politischen 3« Staat, in der gesetzgebenden Gewalt, die Bedeutung der politischen Unabhängigkeit hat, so ist es die poli¬ tische Unabhängigkeit des Staats. Das „unabhängige Privateigentum“ oder das „wirkliche Privateigentum“ ist dann nicht nur die „Stütze der Verfassung“, sondern die „Ver - is fassung selbst“. Und die Stütze der Verfassung ist doch wohl die Verfassung der Verfassungen, die primäre, die wirk¬ liche Verfassung? Hegel machte bei Konstruierung des erblichen Monarchen, gleichsam selbst überrascht über „die immanente Entwicklung u einer Wissenschaft, die Ableitung ihres ganzen In¬ haltes aus dem einfachen Begriffe“ (§ 279 Anmerk.), die Bemerkung: „So ist es das Grundmoment der zuerst im unmittelbaren O Kott, aus gesetzgebenden Macht
Die gesetzgebende Gewalt 529 Rechte abstrakten Persönlichkeit1), welches sich durch seine verschiedenen Formen von Subjektivität fortgebildet hat und hier im absoluten Rechte, dem Staate, der vollkommen konkreten Objektivität des Willens, die Persönlichkeit des 5 Staats ist, seine Gewißheit seiner selbst.“ D. h. im politischen Staat kommt es zur Erscheinung, daß die „abstrakte Persönlichkeit“ die höchste politische Persönlichkeit, die politische Basis des ganzen Staats ist. Ebenso kommt im Majorat das Recht dieser abstrakten 10 Persönlichkeit, ihre Objektivität, das „abstrakte Privat¬ eigentum“ als die höchste Objektivität des Staates, als sein höchstes Recht zum Dasein. Der Staat ist erblicher Monarch, abstrakte Persönlichkeit heißt nichts als die Persönlichkeit des Staates ist abstrakt, oder es ist 15 der Staat der abstrakten Persönlichkeit, wie denn auch die Römer das Recht des Monarchen rein innerhalb der Normen des Privat¬ rechts oder das Privatrecht als die höchste Norm des Staatsrechts entwickelt haben. Die Römer sind die Rationalisten, die Germanen die 20 Mystiker des souveränen Privateigentums. Hegel bezeichnet das Privatrecht als das Recht der ab¬ strakten Persönlichkeit oder als das abstrakte Recht. Und in Wahrheit muß es als die Abstraktion des Rechts und damit als das illusorische Recht der ab- 25Strakten Persönlichkeit entwickelt werden, wie die von Hegel entwickelte Moral das illusorische Dasein der abstrakten Subjektivität ist. Hegel entwickelt das Pri¬ vatrecht und die Moral als solche Abstraktionen, woraus bei ihm nicht folgt, daß der Staat, die Sittlichkeit, die sie zu Voraus- 30 Setzungen hat, nichts als die Sozietät (das soziale Leben) dieser Illusionen sein kann, sondern umgekehrt geschlossen wird, daß sie subalterne Momente dieses sittlichen Lebens sind. Aber was ist das Privatrecht anderes als das Recht, und die Moral anderes als die Moral dieser Staatssubjekte? Oder vielmehr die Person des Privat- 35 rechts und das Subjekt der Moral sind die Person und das Subjekt des Staats. Man hat Hegel vielfach angegriffen über seine Entwicklung der Moral. Er hat nichts getan als die Moral des modernen Staats und des modernen Privatrechts entwickelt. Man hat die Moral mehr vom Staat trennen, sie mehr emanzipieren 40 wollen. Was hat man damit bewiesen? Daß die Trennung des jetzigen Staats von der Moral moralisch ist, daß die Moral un¬ staatlich und der Staat unmoralisch ist. Es ist vielmehr ein großes, obgleich nach einer Seite hin (nämlich nach der Seite hin, daß Hegel den Staat, der eine solche Moral zur Voraussetzung hat, für ’) Von M. unterstrichen.
530 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 die reale Idee der Sittlichkeit ausgibt) unbewußtes Verdienst Hegels, der modernem Moral ihre wahre Stellung angewiesen zu haben. In der Verfassung, worin das Majorat eine Garantie ist, ist das Privateigentum die Garantie der politischen Ver-5 fassung. Im Majorat erscheint das so, daß eine besondere Art von Privateigentum diese Garantie ist. Das Majorat ist bloß1) eine besondere Existenz des allgemeinen Verhältnisses von Pri¬ vateigentum und politischem Staat. Das Majorat ist der politische Sinn des Privateigentums, das Privateigentum 10 in seiner politischen Bedeutung, d. h. in seiner allgemeinen Be¬ deutung. Die Verfassung ist also hier Verfassung des Privateigentums. Wo wir das Majorat in seiner klassischen Ausbildung an¬ treffen, bei den germanischen Völkern, finden wir auch die Ver- u fassung des Privateigentums. Das Privateigentum ist die allgemeine Kategorie, das allgemeine Staatsband. Selbst die allgemeinen Funktionen erscheinen als Privateigentum bald einer Korporation, bald eines Standes. Handel und Gewerbe sind in ihren besonderen Nuancen das 20 Privateigentum besonderer Korporationen. Hofwürden, Gerichts¬ barkeit etc. sind das Privateigentum besonderer Stände. Die ver¬ schiedenen Provinzen sind das Privateigentum einzelner Fürsten etc. Der Dienst für das Land etc. ist das Privateigentum des Herrschers. Der Geist ist das Privateigentum der Geistlichkeit, 25 Meine pflichtgemäße Tätigkeit ist das Privateigentum eines anderen, wie mein Recht wieder ein besonderes Privateigentum ist. Die Souveränität, hier die Nationalität, ist das Privateigen¬ tum des Kaisers. Man hat oft gesagt, daß im Mittelalter jede Gestalt des Rechts, 39 der Freiheit, des sozialen Daseins als ein Privilegium, als eine Ausnahme von der Regel erscheint. Man konnte das empirische Faktum dabei nicht übersehen, daß diese Privilegien alle in der Form des Privateigentums erscheinen. Was ist der allgemeine Grund dieses Zusammenfallens? Das P r i v a t - 33 eigentum ist das Gattungsdasein des Privilegiums, des Rechts als einer Ausnahme. Wo die Fürsten, wie in Frankreich, die Unabhängigkeit des Privateigentums angriffen, attentierten sie das Eigentum der Korporationen, ehe sie das Eigentum der Individuen« attentierten. Aber indem sie das Privateigentum der Korporationen angriffen, griffen sie das Privateigentum als Korporation, als das soziale Band an. In der Lehensherrschaft erscheint es geradezu, daß die i) Gestrichen das besondere, das politische Verhältnis
Die gesetzgebende Gewalt 531 fürstliche Macht die Macht des Privateigentums ist, und in der fürstlichen Macht ist das Mysterium niedergelegt, was die allgemeine Macht, was die Macht aller Staats¬ kreise ist. s (In dem Fürsten als dem Repräsentanten der Staatsmacht ist ausgesprochen, was das Mächtige des Staats ist. Der kon¬ stitutionelle Fürst drückt daher die Idee des konstitutio¬ nellen Staats in ihrer schärfsten Abstraktion aus. Er ist einer¬ seits die Idee des Staats, die geheiligte Staatsmajestät, und zwar 10 als diese Person. Zugleich ist er eine bloße Imagination, er hat als Person und als Fürst weder wirkliche Macht noch wirk¬ liche Tätigkeit. Es ist hier die Trennung der politischen und wirklichen, der formellen und materiellen, der allgemeinen und individuellen Person, des Menschen und des sozialen Menschen 15 in ihrem höchsten Widerspruch ausgedrückt.) Das Privateigentum ist römischen Verstandes und ger¬ manischen Gemüts. Es wird an diesem Ort belehrend sein, eine Vergleichung zwischen diesen beiden extremen Entwick¬ lungen desselben anzustellen. Es wird uns dies zur Lösung des so besprochenen politischen Problems behilflich sein . Die Römer haben eigentlich erst das Recht des Privat¬ eigentums, das abstrakte Recht, das Privatrecht, das Recht der abstrakten Person ausgebildet. Das römische Pri¬ vatrecht ist das Privatrecht in seiner klassischen 25 Ausbildung. Wir finden aber nirgends bei den Römern, daß das Recht des Privateigentums, wie bei den Deutschen, mystifiziert worden wäre. Es wird auch nirgends zum Staats- recht. Das Recht des Privateigentums ist das ius utendi et joabutendi, das Recht der Willkür über die Sache. Das Hauptinteresse der Römer besteht darin, die Verhältnisse zu entwickeln und zu bestimmen, welche sich als abstrakte Verhältnisse des Privateigentums ergeben. Der eigentliche Grund des Privateigentums, der Besitz, ist ein Faktum, ein un- 35 erklärliches Faktum, kein Recht. Erst durch juristische Bestimmungen, die die Sozietät dem faktischen Besitz gibt, erhält er die Qualität des rechtlichen Besitzes, des Privateigen¬ tums. Was bei den Römern den Zusammenhang zwischen politischer 4o Verfassung und Privateigentum betrifft, so erscheint: 1. Der Mensch (als Sklave), wie bei den alten Völkern überhaupt, als Gegenstand des Privateigentums. Das ist nichts Spezifisches. *) Hier folgten im Manuskript die auf pp, 445—448 eingefügten nachträglichen Ausführungen zu § 279, mit dem Vermerk ad pag. XII.
532 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie— Über §§ 261—313 2. Die eroberten Länder werden als Privateigentum behandelt, das ius utendi et abutendi wird in ihnen geltend gemacht. 3. In ihrer Geschichte selbst erscheint der Kampf zwischen Armen und Reichen (Patriziern und Plebejern) etc. Im übrigen macht sich das Privateigentum im Ganzen, wie 5 bei den alten klassischen Völkern überhaupt, als öffent¬ liches Eigentum geltend, entweder, wie in den guten Zeiten, als Aufwand der Republik, oder als luxuriöse und allgemeine Wohltat (Bäder etc.) gegen den Haufen. Die Art und Weise, wie die Sklaverei erklärt wird, ist das 10 Kriegsrecht, das Recht der Okkupation: eben weil ihre poli¬ tische Existenz vernichtet ist, sind sie Sklaven. Zwei Verhältnisse heben wir hauptsächlich im Unterschied von den Germanen hervor. 1. Die kaiserliche Gewalt war nicht die Gewalt des 15 Privateigentums, sondern die Souveränität des empi¬ rischen Willens als solchen, die weit entfernt war, das Privateigentum als Band zwischen sich und ihren Unter¬ tanen zu betrachten, sondern im Gegenteil mit dem Privateigen¬ tum schaltete, wie mit allen übrigen sozialen Gütern. Die kaiser- 20 liehe Gewalt war daher auch nicht anders als faktisch erb¬ lich. Die höchste Ausbildung des Rechts des Privateigentums, des Privatrechts, fällt zwar in die Kaiserzeit, aber sie ist vielmehr eine Konsequenz der politischen Auflösung, als daß die politische Auflösung eine Konsequenz des Privateigentums wäre. Zudem, 2s als das Privatrecht in Rom zur vollen Entwicklung gelangt, ist das Staatsrecht auf gehoben, in seiner Auflösung begriffen, während es in Deutschland sich umgekehrt verhielt. 2. Die Staatswürden sind niemals in Rom erblich, d. h. das Privateigentum ist nicht die herrschende Staatskategorie. 30 3. Im Gegensatz zu dem germanischen Majorat etc. erscheint in Rom die Willkür des Testierens als Ausfluß des Privateigentums. In diesem letzteren Gegensatz liegt der ganze Unterschied der römischen und germanischen Entwicklung des Privateigentums. 33 ( ‘) Im Majorat erscheint dies, daß das Privateigentum das Ver¬ hältnis zur Staatsfunktion ist, so, daß das Staatsdasein eine In- härenz, Akzidenz des unmittelbaren Privateigentums, des Grundbesitzes ist. Auf den höchsten Spitzen erscheint so der Staat als Privateigentum, während hier das Privateigentum 40 als Staatseigentum erscheinen sollte. Statt das Privateigentum zu einer staatsbürgerlichen Qualität, macht Hegel das Staats- 1) Gestrichen In dem Zusammenhang des Majorats mit der politischen Würde, ht. ..]
Die gesetzgebende Gewalt 533 bürgertum und Staatsdasein und Staatsgesinnung zu einer Quali¬ tät des Privateigentums.)1) § 308. „In den anderen Teil des ständischen Elements fällt die bewegliche Seite der bürgerlichen G e - «sellschaft, die äußerlich wegen der Menge ihrer Glie¬ der, wesentlich aber wegen der Natur ihrer Bestimmung und Beschäftigung, nur durch Abgeordnete eintreten kann. Insofern diese von der bürgerlichen Gesellschaft ab¬ geordnet werden, liegt es unmittelbar nahe, daß dies diese 10 tut als das, was sie ist, — somit nicht als in die Einzelnen atomistisch aufgelöst und nur für einen einzelnen und temporären Akt sich auf einen Augenblick ohne weitere Haltung versammelnd, sondern als in ihre ohnehin konsti¬ tuierten Genossenschaften, Gemeinden und Korporationen is gegliedert, welche auf diese Weise einen politischen Zu¬ sammenhang erhalten. In ihrer Berechtigung2) zu solcher von der fürstlichen Gewalt aufgerufenen Ab¬ ordnung, wie in der Berechtigung des ersten Standes zur Erscheinung (§ 307) findet die Existenz der Stände und 20 ihrer Versammlung eine konstituierte, eigentümliche Ga¬ rantie.“ Wir finden hier einen neuen Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft und der Stände, einen beweglichen, also auch einen unbeweglichen Teil derselben (den des Grund- 25 besitzes). Man hat diesen Gegensatz auch als Gegensatz von Raum und Zeit etc. konservativ und progressiv dargestellt. Darüber siehe den vorigen Paragraphen. Übrigens hat Hegel den beweglichen Teil der Gesellschaft ebenfalls zu einem sta¬ bilen durch die Korporationen etc. gemacht. so Der zweite Gegensatz ist, daß der erste, eben entwickelte Teil des ständischen Elements, die Majoratsherren als solche Gesetzgeber sind ; daß die gesetzgebende Gewalt ein Attribut ihrer empirischen Person ist; daß sie keine Abgeordneten, sondern sie selbst sind; während bei dem zweiten Stand 35 W a h 1 und Abordnung stattfindet. Hegel gibt zwei Gründe an, warum dieser bewegliche Teil der bürgerlichen Gesellschaft nur durch Abgeordnete in den politischen Staat, die gesetzgebende Gewalt eintreten kann. x) Die folgenden drei Seiten des Manuskripts (die 2., 3. und 4. Seite des von Marx mit römisch XXXV numerierten Bogens) sind leer gelassen. 2) Von M. unterstrichen.
534 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Den ersten, ihre Menge, bezeichnet er selbst als äußerlich und überhebt uns daher dieser Replik. Der wesentliche Grund aber sei die „Natur ihrer Be¬ stimmung und Beschäftigung“. Die „politische Tätigkeit und Be¬ schäftigung“ ist ein „der Natur ihrer Bestimmung und Beschäf- 5 tigung“ Fremdes. Hegel kommt nun wieder auf sein altes Lied, auf diese Stände als „A b g e o r d n e t e der bürgerlichen Gesellschaft“. Diese müsse „dies tun als das, was sie ist“. Sie muß es vielmehr tun als das, was sie nicht ist, denn sie ist u n p o 1 i t i s c h e Gesell- u schäft, und sie soll hier einen politischen Akt als einen ihr wesentlichen, aus ihr selbst hervorgehenden Akt vollziehen. Damit ist sie „in die Einzelnen atomistisch aufgelöst“ „und nur für einen einzelnen und temporären Akt sich auf einen Augen¬ blick ohne weitere Haltung versammelnd“. Erstens ist ihr p o 1 i - u tisch er Akt ein „einzelner und temporärer“ und kann daher in seiner Verwirklichung nur als solcher erscheinen. Er ist ein Eklat machender Akt der politischen Gesellschaft, eine Ekstase derselben, und als solcher muß er auch er¬ scheinen. Zweitens. Hegel hat keinen Anstoß daran ge- 2c nommen, es sogar als notwendig konstruiert, daß die bürger¬ liche Gesellschaft materiell (nur als eine zweite, von ihr abgeordnete Gesellschaft auftritt) sich von ihrer bürgerlichen Wirklichkeit trennt und das, was sie nicht ist, als sich setzt, wie kann er dies nun formell verwerfen^ wollen? Hegel meint, dadurch, daß die Gesellschaft in ihren Korpo¬ rationen etc. abordnet, erhalten ihre ohnehin konstituierten Ge¬ nossenschaften etc. auf diese Weise einen „politischen Zu¬ sammenhang“. Sie erhalten aber entweder eine Bedeutung, die 30 nicht ihre Bedeutung ist, oder ihr Zusammenhang als solcher ist der politische und „erhält“ nicht erst die politische Tein¬ ture, wie oben entwickelt, sondern die „Politik“ erhält aus ihm ihren Zusammenhang. Dadurch, daß Hegel nur diesen Teil des ständischen Elements als das des „Abgeordneten“ bezeichnet, hat 35 er unbewußt das Wesen der beiden Kammern (da, wo sie wirklich das von ihm bezeichnete Verhältnis zueinander haben) bezeichnet. Abgeordnetenkammer und1) Pairskammer (oder wie sie sonst heißen) sind hier nicht verschiedene Existenzen desselben Prin¬ zips, sondern zwei wesentlich verschiedenen Prinzipien 40 und sozialen Zuständen angehörig. Die Abgeordnetenkammer ist hier die politische Konstitution der bürgerlichen Ge¬ sellschaft im modernen, die Pairskammer im ständischen Sinn. x) Gestrichen die ständistche]
Die gesetzgebende Gewalt 535 Pairskammer und Abgeordnetenkammer stehen sich hier gegen¬ über als ständische und als politische Repräsentation der bürgerlichen Gesellschaft. Die eine ist das existierende ständische Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft, die andere ist 5 die Verwirklichung ihres abstrakten politischen Da¬ seins. Es versteht sich daher von selbst, daß die letztere nicht wieder als Repräsentation von Ständen, Korporationen etc. da sein kann, denn sie repräsentiert eben nicht das ständische, sondern das politische Dasein der bürgerlichen Gesellschaft. Es 10 versteht sich dann von selbst, daß in der ersten Kammer nur der ständische Teil der bürgerlichen Gesellschaft, der souveräne Grundbesitz, der erbgesessene Adel Sitz hat, denn er ist nicht ein Stand Unter anderen Ständen, sondern das ständische Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft als wirkliches soziales, also politisches is Prinzip, existiert nur mehr in ihm. Er ist der Stand. Die bürgerliche Gesellschaft hat dann in der ständischen Kam¬ mer den Repräsentant ihres mittelaltrigen, in der Abgeordneten¬ kammer ihres politischen (modernen) Daseins. Der Fort¬ schritt besteht hier gegen das Mittelalter nur darin, daß die 2o ständische Politik zu einer besonderen politischen Existenz neben der staatsbürgerlichen Politik herabgesetzt ist. Die empirische politische Existenz, die Hegel vor Augen hat (England), hat also einen ganz anderen Sinn, als er ihr unterschiebt. 26 Die französische Konstitution ist auch hierin ein Fortschritt. Sie hat zwar die Pairskammer zur reinen Nichtigkeit herabgesetzt, aber diese Kammer, innerhalb des Prinzips des kon¬ stitutionellen Königstums, wie es Hegel zu entwickeln vorgab, kann seiner Natur [nach] nur eine Nichtigkeit sein, die ^Fiktion der Harmonie zwischen Fürst und bürgerlicher Gesell¬ schaft oder der gesetzgebenden Gewalt oder des poli¬ tischen Staats mit sich selbst als eine besondere und dadurch eben wieder gegensätzliche Existenz. Die Franzosen haben die Lebenslänglichkeit der 35 Pairs bestehen lassen, um ihre gleiche Unabhängigkeit von der Wahl der Regierung und des Volks auszudrücken. Aber sie haben den mittelaltrigen Ausdruck — die Erblichkeit — abgeschafft. Ihr Fortschritt besteht darin, daß sie die Pairs¬ kammer ebenfalls nicht mehr aus der wirklichen bür- ïogerlichen Gesellschaft hervorgehen lassen, sondern ebenfalls in der Abstraktion von ihr geschaffen haben. Ihre Wahl lassen sie von dem existierenden politischen Staat, vom Fürsten, ausgehen, ohne ihn an eine sonstige bürgerliche Quali¬ tät gebunden zu haben. Die Pairs würde ist in dieser K o n - zsstitution wirklich ein Stand in der bürgerlichen
536 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Gesellschaft, der rein politisch ist, vom Standpunkt der Abstraktion des politischen Staates aus geschaffen ist; er erscheint aber mehr als politische Dekoration wie als wirklicher, mit besonderen Rechten ausgestatteter Stand. Die Pairskammer unter der Restauration war eine Reminiszenz. Die 5 Pairskammer der Julirevolution ist ein wirkliches Geschöpf der konstitutionellen Monarchie. Da in der modernen Zeit die Staatsidee nicht anders als in der Abstraktion des „n u r politischen“ Staates oder der Abstraktion der bürgerlichen Gesellschaft vorn« sich selbst, von ihrem wirklichen Zustande, erscheinen konnte, so ist es ein Verdienst der Franzosen, diese abstrakte Wirklichkeit festgehalten, produziert und damit das poli¬ tische Prinzip selbst produziert zu haben. Was man ihnen als Abstraktion vorwirft, ist also wahrhafte Konsequenz und das 15 Produkt der, wenn auch erst in einem Gegensatz, aber in einem notwendigen Gegensatz, wiedergefundenen Staats¬ gesinnung. Das Verdienst der Franzosen ist also hier, die Pairskammer als eigentümliches Produkt des politischen Staats gesetzt oder überhaupt das politische Prinzip in seiner 20 Eigentümlichkeit zum Bestimmenden und Wirksamen gemacht zu haben. Hegel bemerkt noch, daß bei der von ihm konstruierten Ab¬ ordnung, in der „Berechtigung der Korporationen etc. zu solcher Abordnung“ die Existenz der Stände und ihrer Versammlung 25 eine „konstituierte, eigentümliche Garantie findet“. Die Ga¬ rantie der Existenz der ständischen Versammlung, ihre wahre primitive Existenz wird also das Privilegium der Korporationen etc. Hiermit ist Hegel ganz auf den mittel- altrigen Standpunkt herabgesunken und hat seine Abstraktion des 30 politischen Staats als der Sphäre des Staats als Staats, das „an und für sich Allgemeine“ gänzlich aufgegeben. Im modernen Sinn ist die Existenz der ständischen Versammlung die politische Existenz der bürger¬ lichen Gesellschaft, die Garantie ihres politischen Daseins. 35 Das In-Zweifel-ziehen ihrer Existenz ist also der Zweifel am Dasein des Staats. Wie vorhin bei Hegel die „Staatsgesinnung“, das Wesen der gesetzgebenden Gewalt, ihre Garantie in dem „unabhängigen Privateigentum“, so findet ihre Existenz die Garantie an den „Privilegien der Korpo- 30 rationen“. Aber das eine ständische Element ist vielmehr das poli¬ tische Privilegium der bürgerlichen Gesellschaft, oder ihr Privilegium, politisch zu sein. Es kann also nir¬ gends das Privilegium einer besonderen, bürgerlichen Weise ihres 45
Die gesetzgebende Gewalt 537 Daseins sein, noch weniger seine Garantie in ihm finden, da es vielmehr die allgemeine Garantie sein soll. So sinkt Hegel überall dahin hinab, den „politischen Staat“ nicht als die höchste, an und für sich seiende Wirklichkeit des 5 sozialen Daseins zu schildern, sondern ihm eine prekäre, in Be¬ ziehung auf anderes abhängige Wirklichkeit zu geben: ihn nicht als das wahre Dasein der anderen Sphäre zu schildern, sondern ihn vielmehr in der anderen Sphäre sein wahres Da¬ sein finden zu lassen. Er bedarf überall der Garantie der Sphä- 10 ren, die vor ihm liegen. Er ist nicht die verwirklichte Macht. Er ist die gestützte Ohnmacht, er ist nicht die Macht über diese Stützen, sondern die Macht der Stütze. Die Stütze ist das Mächtige. Was ist das für ein hohes Dasein, dessen Existenz einer Ga¬ rantie außer sich selbst bedarf, und dabei soll es das allge- »meine Dasein dieser Garantie selbst sein ; also ihre wirkliche Garantie. Hegel sinkt überhaupt überall in der Entwicklung der gesetzgebenden Gewalt von dem philosophischen Standpunkt auf den anderen Standpunkt zurück, der die Sache nicht in bezug auf sich selbst betrachtet. 2o Wenn die Existenz der Stände einer Garantie bedarf, so sind sie keine wirkliche, sondern nur eine fiktive Staats¬ existenz. Die Garantie für die Existenz der Stände ist in den konstitutionellen Staaten das Gesetz. Ihr Dasein ist also ge¬ setzliches Dasein, vom allgemeinen Wesen des Staats und 25 nicht von der Macht oder Ohnmacht einzelner Korporationen, Ge¬ nossenschaften abhängig, sondern als Wirklichkeit der Genos¬ senschaft des Staats. (Die Korporationen etc., die beson¬ deren Kreise der bürgerlichen Gesellschaft, sollen ja eben erst hier ihr allgemeines Dasein erhalten, und nun antizipiert Hegel so wieder dies allgemeine Dasein als Privilegium, als das Dasein dieser Besonderheiten.) Das politische Recht als Recht von Korporationen etc. wider¬ spricht ganz dem politischen Recht als politischem, als Recht des Staats, des Staatsbürgertums, denn es soll ja eben nicht 35 das Recht dieses Daseins als besonderes Dasein sein, nicht das Recht als dies besondere Dasein. Ehe wir nun die Kategorie der Wahl als des politischen Akts, wodurch sich die bürgerliche Gesellschaft in einen poli¬ tischen Ausschuß summiert, übergehen, nehmen wir noch einige io Bestimmungen aus der Anmerkung zu diesem Paragraphen hinzu. „Daß Alle1) einzeln an der Beratung und Beschließung über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil O Alle bei Hegel gesperrt.
538 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 haben sollen, weil diese alle Mitglieder des Staats und dessen Angelegenheiten die Angelegenheiten Aller sind, bei denen sie mit ihrem Wissen und Willen zu sein ein Recht haben, — diese Vorstellung, welche das demokra¬ tische Element ohne alle vernünftige Form5 in den Staatsorganismus, der nur durch solche Form es ist, setzen wollte, liegt darum so nahe, weil sie bei der ab¬ strakten Bestimmung, Mitglied des Staats zu sein, stehen bleibt, und das oberflächliche Denken sich an Ab¬ straktionen hält.“ [§308.] ]0 Zunächst nennt es Hegel eine „abstrakte Bestimmung, Mit¬ glied des Staats zu sein“, obgleich es selbst nach der Idee, der Meinung seiner eigenen Entwicklung, die höchste konkre¬ teste soziale Bestimmung der Rechtsperson, des Staatsmitgliedes ist. Bei der „Bestimmung, Mitglied des Staats zu sein“, stehen is bleiben und den Einzelnen in dieser Bestimmung fassen, das scheint daher nicht eben das „oberflächliche Denken zu sein, das sich an Abstraktionen hält“. Daß aber die „Bestimmung, Mit¬ glied des Staats zu sein“, eine „abstrakte“ Bestimmung ist, das ist nicht die Schuld dieses Denkens, sondern der Hegelschen Ent- 20 wicklung und der wirklichen modernen Verhältnisse, welche die Trennung des wirklichen Lebens vom Staatsleben voraussetzen und die Staatsqualität zu einer „abstrakten Bestimmung“ des wirklichen Staatsmitgliedes machen. Die unmittelbare Teilnahme Aller an der Beratung und Be- 2s Schließung über die allgemeinen Staatsangelegenheiten nimmt nach Hegel „das demokratische Element ohne a 11 e v e r - nünftige Form in den Staatsorganismus, der nur durch solche Form ist“, auf; d. h. das demokratische Element kann nur als formelles Element in einen Staatsorganismus aufgenom- 30 men werden, der nur der Formalismus des Staats ist. Das demo¬ kratische Element muß vielmehr das wirkliche Element sein, das sich in dem ganzen Staatsorganismus seine vernünftige Form gibt. Tritt es dagegen als ein „besonderes“ Element in den Staatsorganismus öder -Formalismus, so ist unter der „ver- 35 nünftigen Form“ seines Daseins die Dressur, die Akkommodation, eine Form verstanden, in der es nicht die Eigentümlichkeit seines Wesens herauskehrt, oder daß es nur als formelles Prinzip hereintritt. Wir haben schon einmal angedeutet, Hegel entwickelt nur 40 einen Staatsformalismus. Das eigentliche materielle Prinzip ist ihm die Idee, die abstrakte Gedanken form des Staats als ein Subjekt, die absolute Idee, die kein passives, kein
Die gesetzgebende Gewalt 539 materielles Moment in sich hat. Gegen die Abstraktion dieser Idee erscheinen die Bestimmungen des wirklichen empirischen Staatsformalismus als Inhalt und daher der wirkliche Inhalt als formloser, unorganischer Stoff; (hier der wirkliche 5 Mensch, die wirkliche Sozietät etc.). Hegel hatte das Wesen des ständischen Elements darin gelegt, daß hierin die „empirische Allgemeinheit“ zum Subjekt des an und für sich seienden Allgemeinen wird. Heißt das nun was anderes, als daß die Angelegenheiten des Staats „Angelegenheiten 10 A11 e r sind, bei denen sie mit ihrem Wissen und Willen zu sein das Recht haben“, und sollen nicht eben die Stände dies ihr ver¬ wirklichtes Recht sein! Und es ist nun wunderbar, daß die Allen nun auch die „Wirklichkeit“ dieses ihres Rechts wollen! „Daß Alle einzeln an der Beratung und Beschließung über is die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil haben sollen.“ In einem wirklich vernünftigen Staat könnte man antworten: „Es sollen nicht Alle einzeln an der Beratung und Be¬ schließung über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats An¬ teil haben“, denn die „Einzelnen“ haben als „Alle“, d. h. innerhalb 20 der Sozietät und als Glieder der Sozietät, Anteil an der Beratung und Beschließung über die allgemeinen Angelegen¬ heiten. Nicht Alle einzeln, sondern die Einzelnen als Alle. Hegel stellt sich selbst das Dilemma. Entweder die bürger¬ liche Gesellschaft (die Vielen, die Menge) nimmt durch Abgeord- 25 nete teil an der Beratung und Beschließung über die allgemeinen Staatsangelegenheiten, oder Alle tun dies [als die] Einzelnen. Es ist dies kein Gegensatz des Wesens, als welchen ihn Hegel später darzustellen sucht, sondern der Existenz, und zwar der äußerlichsten Existenz, der Zahl, womit immer der Grund, den 3o Hegel selbst als „ä u ß e r 1 i c h“ bezeichnet hat — die Menge der Glieder —, der beste Grund gegen die unmittelbare Teil¬ nahme Aller bleibt. Die Frage, ob die bürgerliche Gesellschaft so teil an der gesetzgebenden Gewalt nehmen soll, daß sie ent¬ weder durch Abgeordnete eintritt oder so, daß „Alle ein- 35 zeln“ unmittelbar teilnehmen, ist selbst eine Frage innerhalb der Abstraktion des politischen Staats oder innerhalb des abstrakten politischen Staats; es ist eine ab¬ strakte politische Frage. Es ist in beiden Fällen, wie Hegel dies selbst entwickelt hat, die politische Bedeutung der „empi¬ ra rischen Allgemeinheit“. Der Gegensatz in seiner eigentlichen Form ist: die Ein¬ zelnen tun es Alle, oder die Einzelnen tun es als Wenige, als Nicht-Alle. In beiden Fällen bleibt die All¬ heit nur als äußerlichste Vielheit oder Totalität der Ein- 45 zelnen. Die Allheit ist keine wesentliche, geistige, wirkliche Quali¬
540 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313 tät des Einzelnen. Die Allheit ist nicht etwas, wodurch er die Be¬ stimmung der abstrakten Einzelnheit verlöre; sondern die Allheit ist nur die volle Zahl der Einzelnheit. Eine Einzelnheit, viele Einzelnheiten, alle Einzelnheiten. Das Eins, Viele, Alle — keine dieser Bestimmungen verwandelt das Wesen des Sub- 5 jekts, der Einzelnheit. „Alle“ sollen „einzeln“ an der „Beratung und Beschließung über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil nehmen“, d. h. also: Alle sollen nicht als Alle, sondern als „einzeln“ diesen Anteil nehmen. io Die Frage scheint in doppelter Hinsicht in Widerspruch mit sich zu stehen. Die allgemeinen Angelegenheiten des Staates sind die Staats¬ angelegenheit, der Staat als wirkliche Angelegenheit. Die Beratung und Beschließung ist die E f f e k t u i e r u n g des 15 Staates als wirklicher Angelegenheit. Daß also alle Staatsglieder ein Verhältnis zum Staat als ihrer wirk¬ lichen Angelegenheit haben, scheint sich von selbst zu verstehen. Schon in dem Begriff Staatsglied liegt, daß sie ein Glied des Staats, ein Teil desselben sind, daß er sie als 20 seinen Teil nimmt. Wenn sie als ein Anteil des Staats, so ist, wie sich von selbst versteht, ihr soziales Dasein schon ihre wirkliche Teilnahme an demselben. Sie sind nicht nur Anteil des Staates, sondern der Staat ist ih r Anteil. Bewußter Anteil von etwas sein, ist, sich mit Bewußtsein einen Teil von ihm 25 nehmen, bewußten Anteil an ihm nehmen. Ohne dies Bewußtsein wäre das Staatsglied ein Tier. Wenn man sagt: „die allgemeinen Angelegenheiten des Staats“, so wird der Schein hervorgebracht, daß die „allgemeinen Ange¬ legenheiten“ und der „Staat“ etwas verschiedenes sind. 30 Aber der Staat ist die „allgemeine Angelegenheit“, also realiter die „allgemeinen Angelegenheiten“. Teil an den allgemeinen Angelegenheiten des Staats und teil am Staat nehmen, ist also identisch. Daß also ein Staatsglied, ein Staatsteil teil am Staat nimmt und daß dieses Teilnehmen 35 nur als Beratung oder Beschließung oder in ähnlichen Formen erscheinen kann, daß also jedes Staatsglied an der B e - r a t u n g oder Beschließung (wenn diese Funktionen als die Funktionen der wirklichen Teilnahme des Staats gefaßt werden) der allgemeinen Angelegenheiten des Staats teilnimmt, 40 ist eine Tautologie. Wenn also von wirklichen Staats- gliedem die Rede ist, so kann von dieser Teilnahme nicht als einem Sollen die Rede sein. Es wäre sonst vielmehr von solchen Subjekten die Rede, die Staatsglieder sein sollen und sein wollen, aber es nicht wirklich sind. 45
Die gesetzgebende Gewalt 541 Andrerseits: wenn von bestimmten Angelegenheiten die Rede ist, von einem einzelnen Staatsakt, so versteht es sich wieder von selbst, daß nicht Alle einzeln ihn vollbringen. Der Ein¬ zelne wäre sonst die wahre Sozietät und machte die Sozietät 5 überflüssig. Der Einzelne müßte alles auf einmal tun, während die Sozietät wie ihn für die anderen so auch die anderen für ihn tun läßt. Die Frage, ob Alle einzeln an der „Beratung und Be- schließung der allgemeinen Angelegenheiten des Staats teil- 10 nehmen sollen“, ist eine Frage, welche aus der Trennung des poli¬ tischen Staats und der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht. Wir haben gesehen. Der Staat existiert nur als politischer Staat. Die Totalität des politischen Staats ist die gesetz¬ gebende Gewalt. Teil an der gesetzgebenden Gewalt nehmen is ist daher teil am politischen Staat nehmen, ist sein Dasein als Glied des politischen Staats, als Staatsglied beweisen und verwirklichen. Daß also Alle einzeln Anteil an der gesetzgebenden Gewalt nehmen wollen, ist nichts als der Wille Aller, wirkliche (aktive) Staatsglieder zu sein 2o oder sich ein politisches Dasein zu geben oder ihr Dasein als ein politisches zu beweisen und zu effektuieren. Wir haben ferner gesehen, das ständische Element ist die bürger¬ liche Gesellschaft als gesetzgebende Gewalt, ihr poli¬ tisches Dasein. Daß also die bürgerliche Gesellschaft 25 massenweise, womöglich ganz in die gesetzgebende Gewalt eindringe, daß sich die wirkliche bürgerliche Gesellschaft der fiktiven bürgerlichen Gesellschaft der gesetzgebenden Gewalt substituieren will, das ist nichts als das Streben der bür¬ gerlichen Gesellschaft, sich politisches Dasein zu geben 30 oder das politische Dasein zu ihrem wirklichen Dasein zu machen. Das Streben der bürgerlichen Gesellschaft, sich in die politische Gesellschaft zu verwandeln oder die politische Gesellschaft zur wirklichen Gesellschaft zu machen, zeigt sich als das Streben der möglichst allgemeinen 35 Teilnahme an der gesetzgebenden Gewalt. Die Z ahl ist hier nicht ohne Bedeutung. Wenn schon die Ver¬ mehrung des ständischen Elements eine physische und intellektuelle Vermehrung einer der feindlichen Streitkräfte ist (und wir haben gesehen, die verschiedenen Elemente der gesetz- 4o gebenden Gewalt stehen sich als feindliche Streitkräfte gegenüber), so ist dagegen die Frage, ob Alle einzeln Glieder der gesetzgeben¬ den Gewalt sein oder ob sie durch Abgeordnete eintreten sollen, die In-Frage-Stellung des repräsentativen Prinzips inner¬ halb des repräsentativen Prinzips, innerhalb der Grundvorstellung 45 des politischen Staats, der seine Existenz in der konstitutionellen Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 40
542 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313. Monarchie findet. 1. Ist es eine Vorstellung der Abstraktion des politischen Staats, daß die gesetzgebende Gewalt die Totalität des politischen Staates ist. Weil dieser eine Akt der einzige politische Akt der bürgerlichen Gesellschaft ist, so sollen und wollen Alle auf einmal an ihm teilnehmen. 5 2. Alle als Einzelne. Im ständischen Element ist die gesetzgebende Tätigkeit nicht als soziale, als eine Funk¬ tion der Sozialität betrachtet, sondern vielmehr als der Akt, wo die Einzelnen erst in wirklich und bewußt soziale Funktion, d. h. in eine politische Funktion treten. Die g es et z -10 gebende Gewalt ist hier kein Ausfluß, keine Funktion der Sozietät, sondern erst ihre Bildung. Die Bildung zur gesetz¬ gebenden Gewalt erheischt, daß alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft als einzelne sich betrachten, sie1) stehen wirk¬ lich als einzeln gegenüber. Die Bestimmung, „Mitglieder des 15 Staats zu sein“, ist ihre „abstrakte Bestimmung“, eine Bestim¬ mung, die in ihrer lebendigen Wirklichkeit nicht verwirklicht ist. Entweder findet Trennung des politischen Staats und der bür¬ gerlichen Gesellschaft statt, dann können nicht Alle einzeln an der gesetzgebenden Gewalt teilnehmen : der politische Staat ist 20 eine von der bürgerlichen Gesellschaft getrennte Existenz. Die bürgerliche Gesellschaft würde einerseits sich selbst aufgeben, wenn alle Gesetzgeber wären, andererseits kann der ihr gegen¬ überstehende politische Staat sie nur in einer Form ertragen, die seinem Maßstabe angemessen ist. Oder eben die Teilnahme25 der bürgerlichen Gesellschaft durch Abgeordnete am poli¬ tischen Staate ist eben der Ausdruck ihrer Trennung und nur dualistischen Einheit. Oder umgekehrt. Die bürgerliche Gesellschaft ist wirk¬ liche politische Gesellschaft. Dann ist es Unsinn, eine Forde- 30 rung zu stellen, die nur aus der Vorstellung des politischen Staates als der von der bürgerlichen Gesellschaft getrennten Existenz, die nur aus der theologischen Vorstellung des politischen Staates hervorgegangen ist. In diesem Zustand verschwindet die Bedeutung der gesetzgebenden Gewalt als einer reprä- 35 sentativen Gewalt gänzlich. Die gesetzgebende Gewalt ist hier Repräsentation in dem Sinne, wie jede Funktion reprä¬ sentativ ist, wie z. B. der Schuster, insofern er ein soziales Be¬ dürfnis verrichtet, mein Repräsentant ist, wie jede bestimmte soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit nur die Gattung, d. h. eine Bestimmung meines eigenen Wesens repräsentiert, wie jeder Mensch der Repräsentant des anderen ist. Er ist hier Repräsentant nicht durch ein anderes, was er vorstellt, sondern durch das, was er i st und tut. sie korr. aus und als Individuen
Die gesetzgebende Gewalt 543 Die „gesetzgebende“ Gewalt wird nicht wegen ihres Inhal¬ tes, sondern wegen ihrer formellen politischen Bedeutung angestrebt. An und für sich mußte z. B. die Regierungs¬ gewalt viel mehr das Ziel der Volkswünsche sein als die ge- ä setzgebende, die metaphysische Staatsfunktion. Die ge¬ setzgebende Funktion ist der Wille nicht in seiner prak¬ tischen, sondern in seiner theoretischen Energie. Der Wille soll hier nicht statt des Gesetzes gelten: sondern es gilt das wirkliche Gesetz zu entdecken und zu formu- 10 1 i e r e n. Aus dieser zwiespältigen Natur der gesetzgebenden Gewalt, als wirklicher, gesetzgebender Funktion und als repräsen¬ tativer, abstrakt-politischer Funktion, geht eine Eigentümlichkeit hervor, die sich vorzugsweise in Frankreich, is dem Land der politischen Bildung, geltend macht. (Wir haben in der Regierungsgewalt immer zwei, das wirkliche Tun und die Staatsräson dieses Tuns, als ein anderes wirkliches Bewußtsein, das in seiner totalen Gliederung die Bureaukratie ist.) 20 Der eigentliche Inhalt der gesetzgebenden Gewalt wird (soweit nicht die herrschenden Sonder interessen in einen bedeuten¬ den Konflikt mit dem obiectum quaestionis geraten) sehr à part, als Nebensache behandelt. Besondere Aufmerksamkeit erregt eine Frage erst, sobald sie politisch wird, d. h. entweder so- 25 bald eine Ministerfrage, also die Macht der gesetzgebenden Ge¬ walt über die Regierungsgewalt, daran angeknüpft werden kann, oder sobald es sich überhaupt um Rechte handelt, die mit dem politischen Formalismus in Verbindung stehen. Woher diese Er¬ scheinung? Weil die gesetzgebende Gewalt zugleich die Reprä- 30 sentation des politischen Daseins der bürgerlichen Gesellschaft ist; weil das politische Wesen einer Frage überhaupt in ihrem Verhältnis zu den verschiedenen Gewalten des politischen Staats besteht; weil die gesetzgebende Gewalt das politische Bewußtsein repräsentiert und dies sich nur im Konflikt mit der Regierungs- 35 gewalt als politisch beweisen kann. Diese wesentliche For¬ derung, daß jedes soziale Bedürfnis, Gesetz etc. als politisch, d. h. als bestimmt durch das Staatsganze, in seinem sozialen Sinn eruiert werde, nimmt im Staat der politischen Abstraktion die Wendung, daß ihr eine formelle Wendung io gegen eine andere Macht (Inhalt) außer ihrem wirklichen Inhalt gegeben werde. Das ist keine Abstraktion der Franzosen, sondern das ist die notwendige Konsequenz, weil der wirkliche Staat nur als der betrachtete politische Staatsformalismus existiert. Die Opposition innerhalb der repräsentativen Ge- 15 walt ist das hoi' è^o^v politische Dasein der repräsentativen 40*
544 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 Gewalt. Innerhalb dieser repräsentativen Verfassung nimmt in¬ dessen die eruierte Frage eine andere Wendung, als in welcher Hegel sie betrachtet hat. Es handelt sich hier nicht, ob die bürgerliche Gesellschaft durch Abgeordnete oder Alle einzeln die gesetzgebende Gewalt ausüben sollen, sondern es handelt sich s um die Ausdehnung und möglichste Verallgemeine¬ rung der Wahl, sowohl des aktiven, als des passiven Wahlrechts. Das ist der eigentliche Streitpunkt der politischen Reform, sowohl in Frankreich als in England. Man betrachtet die Wahl nicht philosophisch, d. h. nicht in io ihrem eigentümlichen Wesen, wenn man sie sogleich in Beziehung auf die fürstliche oder Regierungsgewalt faßt. Die Wahl ist das wirkliche Verhältnis der wirklichen bürgerlichen Gesellschaft zur bürgerlichen Ge¬ sellschaft der gesetzgebenden Gewalt, zu dem« repräsentativen Element. Oder die Wahl ist das unmittelbare, das direkte, das nicht bloß vorstel¬ lende, sondern seiende Verhältnis der bürgerlichen Ge¬ sellschaft zum politischen Staat. Es versteht sich daher von selbst, daß die Wahl das hauptsächliche politische Interesse der wirk- 20 liehen bürgerlichen Gesellschaft bildet. In der unbeschränk¬ ten, sowohl aktiven als passiven Wahl hat die bürgerliche Gesellschaft sich erst wirklich zu der Abstraktion von sich selbst, zu dem politischen Daseinxalsihrem wahren allge¬ meinen wesentlichen Dasein erhoben. Aber die Vollendung dieser 25 Abstraktion ist zugleich die Aufhebung der Abstraktion. Indem die bürgerliche Gesellschaft ihr politisches Dasein wirk¬ lich als ihr wahres gesetzt hat, hat sie zugleich ihr bürgerliches Dasein, in seinem Unterschied von ihrem politischen, als un¬ wesentlich gesetzt; und mit dem einen Getrennten fällt sein 30 Anderes, sein Gegenteil. Die Wahlreform ist also innerhalb des abstrakten politischen Staats die Forderung seiner Auflösung als ebenso der Auflösung der bür¬ gerlichen Gesellschaft. Wir werden der Frage der Wahlreform später unter einer 34 anderen Gestalt begegnen, nämlich von der Seite der Interes¬ sen. Ebenso werden wir später die anderen Konflikte erörtern, die aus der doppelten Bestimmung der gesetzgebenden Gewalt (einmal Abgeordneter, Mandatar der bürger¬ lichen Gesellschaft, das andere Mal vielmehr erst ihr p o 1 i - 40 tisches Dasein und ein eigentümliches Dasein inner¬ halb des politischen Staatsformalismus zu sein) hervorgehen. Wir kehren einstweilen zu der Anmerkung zu unserem Para¬ graphen zurück.
Die gesetzgebende Gewalt 545 [§ 308.] „Die vernünftige Betrachtung, das Bewußt¬ sein der Idee, ist konkret und trifft insofern mit dem wahrhaften praktischen Sinne, der selbst nichts anderes als der vernünftige Sinn, der Sinn der Idee ist, * zusammen.“ „Der konkrete1) Staat ist das in seine besonderen Kreise gegliederte Ganze; das Mitglied des Staates ist ein Mitglied eines solchen Standes; nur in dieser seiner objektiven Bestimmung kann es im Staate in Betracht kommen.“ 10 Hierüber ist schon oben das Nötige gesagt. „Seine (des Staatsmitgliedes)’) allgemeine Bestimmung überhaupt enthält das gedoppelte Moment, Privat¬ person und als denkendes ebensosehr Bewußtsein und Wollen des Allgemeinen zu sein; dieses Bewußt- u sein und Wollen aber ist nur dann nicht leer, sondern er¬ füllt und wirklich lebendig, wenn es mit der Be¬ sonderheit — und diese ist der besondere Stand und Bestim¬ mung — erfüllt ist; oder das Individuum ist Gattung, hat aber seine immanente allgemeine Wirklich- «okeit als nächste Gattung.“ Alles das, was Hegel sagt, ist richtig, mit der Beschränkung: 1. daß er besonderen Stand und Bestimmung als identisch setzt, 2. daß diese Bestimmung, die Art, die nächste Gattung auch wirklich, nicht nur an sich, sondern für s;sich, als Art der allgemeinen Gattung, als ihre Besonderung gesetzt sein müßte. Hegel aber begnügt sich im Staate, den er als das selbstbewußte Dasein des sittlichen Geistes demonstriert, daß dieser sittliche Geist nur an sich, der all¬ gemeinen Idee nach, das Bestimmende ist. Zum wirklichen 3o Bestimmenden läßt er die Sozietät nicht kommen, weil dazu ein wirkliches Subjekt nötig ist und er nur ein abstraktes, eine Imagination hat. § 309. „Da die Abordnung zur Beratung und Beschlie¬ ßung über die allgemeinen Angelegenheiten geschieht, « hat sie den Sinn, daß durch das Zutrauen solche Individuen dazu bestimmt werden, die sich besser auf diese Angelegen¬ heiten verstehen als die Abordnenden, wie auch, daß sie nicht das besondere Interesse einer Gemeinde, Korporation x) Von M. unterstrichen. a) Das Eingeklammerte von M.
546 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §5 261—313 gegen das allgemeine, sondern wesentlich dieses geltend machen. Sie haben damit nicht das Verhältnis, kommittierte oder Instruktionen überbringende Mandatarien zu sein, um so weniger als die Zusammenkunft die Bestimmung hat, eine lebendige, sich gegenseitig unterrichtende und über- 5 zeugende, gemeinsam beratende Versammlung zu sein.“ Die Abgeordneten sollen 1. keine ,kommittierte oder Instruk¬ tionen überbringende Mandatarien sein“, weil „sie nicht das be¬ sondere Interesse einer Gemeinde, Korporation gegen das allge¬ meine, sondern wesentlich dies geltend machen“ sollen. Hegel 10 hat die Repräsentanten erst als Repräsentanten der Korporationen etc. konstruiert, um dann wieder die andere politische Bestimmung hereinzubringen, daß sie nicht das besondere Interesse der Korporation etc. geltend zu machen haben. Er hebt damit seine eigene Bestimmung auf, denn er trennt sie in ihrer w e s e n t - is liehen Bestimmung als Repräsentant [en] gänzlich von ihrem Korporationsdasein. Er trennt damit auch die Korpora¬ tion von sich als ihrem wirklichen Inhalt, denn sie soll nicht aus ihrem Gesichtspunkt, sondern aus dem Staats¬ gesichtspunkt wählen, d. h. sie soll in ihrem N i c h t - 20 Dasein als Korporation wählen. In der materiellen Be¬ stimmung erkennt er also an, was er in ihrer formellen ver¬ kehrte, die Abstraktion der bürgerlichen Gesellschaft von sich selbst in ihrem politischen Akt, und ihr politisches Dasein ist nichts als diese Abstraktion. Hegel gibt als Grund an, 2s weil sie eben zur Betätigung der „allgemeinen Angelegenheiten“ gewählt werden ; aber die Korporationen sind keine Existenzen der allgemeinen Angelegenheiten. 2. soll die „Abordnung den Sinn“ haben, „daß durch das Zu¬ trauen solche Individuen dazu bestimmt werden, die sich besser 30 auf diese Angelegenheiten verstehen als die Abordnenden“, woraus abermals folgen soll, daß die Deputierten also nicht das Verhältnis der „Mandatarien“ haben. Daß sie dieses „besser“ verstehen und nicht „einfach“ ver¬ stehen, kann Hegel nur durch ein Sophisma herausbringen. Es 35 könnte dies nur dann geschlossen werden, wenn die Abordnenden die Wahl hätten, die allgemeinen Angelegenheiten selbst zu beraten und zu beschließen oder bestimmte Individuen zu ihrer Vollziehung abzuordnen; d.h. eben wenn die Abordnung, die Repräsentation, nicht wesentlich zum Charakter der ge- « setzgebenden Gewalt der bürgerlichen Gesellschaft ge¬ hörte, was eben ihr eigentümliches Wesen, wie eben aus¬ geführt, in dem von Hegel konstruierten Staate ausmacht.
Die gesetzgebende Gewalt 547 Es ist dies Beispiel sehr bezeichnend dafür, wie Hegel die Sache innerhalb ihrer Eigentümlichkeit halb absichtlich aufgibt und ihr in ihrer bornierten Gestalt den entgegengesetzten Sinn dieser Borniertheit unterschiebt. 5 Den eigentlichen Grund gibt Hegel zuletzt. Die Deputierten der bürgerlichen Gesellschaft konstituieren sich zu einer „Versamm¬ lung“, und diese Versammlung ist erst das wirkliche poli¬ tische Dasein und Wollen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Trennung des politischen Staats von der bürgerlichen Gesell- 10 schäft erscheint als die Trennung der Deputierten von ihren Man¬ dataren. Die Gesellschaft ordnet bloß die Elemente zu ihrem poli¬ tischen Dasein von sich ab. Der Widerspruch erscheint doppelt: 1. formell. Die Ab¬ geordneten der bürgerlichen Gesellschaft sind eine Gesellschaft, is die nicht durch die Form der „Instruktion“, des Auftrages mit ihren Kommittenten in Verbindung stehen. Sie sind formell kom¬ mittiert, aber sobald sie wirklich sind, sind sie nicht mehr Kommittierte. Sie sollen Abgeordnete sein und sind es nicht. eo 2. m a t e r i e 11. In bezug auf die Interessen. Darüber hernach. Hier findet das Umgekehrte statt1). Sie sind als Repräsentanten der allgemeinen Angelegenheiten kommittiert, aber sie reprä¬ sentieren wirklich besondere Angelegenheiten. Bezeichnend ist, daß Hegel hier das Zutrauen als die Sub- 2s stanz der Abordnung bezeichnet, als das substantielle Ver¬ hältnis zwischen Abordnenden und Abgeordneten. Zutrauen ist ein persönliches Verhältnis. Es heißt darüber weiter in dem Zusatz : „Repräsentation gründet sich auf Zutrauen, Zutrauen 30 aber ist etwas anderes, als ob ich als dieser meine Stimme gebe. Die Majorität der Stimmen ist ebenso dem Grundsätze zuwider, daß bei dem, was mich verpflichten muß, ich als dieser zugegen sein soll. Man hat Zutrauen zu einem Men¬ schen, indem man seine Einsicht dafür ansieht, daß er meine « Sache als seine Sache, nach seinem besten Wissen und Ge¬ wissen, behandeln wird.“ § 310. Die Garantie’) der diesem Zweck ent¬ sprechenden Eigenschaften und der Gesinnung, — da das unabhängige Vermögen schon in dem ersten Teile der *o Stände sein Recht verlangt, — zeigt sich bei dem zweiten x) Bei M. wohl versehentlich ab 2) Von M. unterstrichen.
548 Ans der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313 Teile, der aus dem beweglichen und veränderlichen Ele mente der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht, vor nehmlich in der durch wirkliche Geschäftsführung ii obrigkeitlichen oder Staatsämtern erworbenei und durch die Tat bewährten Gesinnung, Geschick 6 lichkeit und Kenntnis der Einrichtungen und Interessen de* Staats und der bürgerlichen Gesellschaft und dem dadurcl gebildeten und erprobten obrigkeitlichen Sinn um Sinn des Staats.“ Erst wurde die erste Kammer, die Kammer des un a b« hängigen Privateigentums für den Fürsten und die Re gierungsgewalt als Garantie gegen die Gesinnung der zweiter Kammer als dem politischen Dasein der empirischer Allgemeinheit konstruiert, und jetzt verlangt Hegel wieder ein« neue Garantie, welche die Gesinnung etc. der zweiter« Kammer selbst garantieren soll. Erst war das Zutrauen [,] die Garantie der Abordner [,] dir Garantie der Abgeordneten. Jetzt bedarf dies Zutrauen selbsi wieder der Garantie seiner Tüchtigkeit. Hegel hätte nicht übel Lust, die zweite Kammer zur Kammei 20 der pensionierten Staatsbeamten zu machen. Er verlang nicht nur „den Sinn des Staats“, sondern auch „obrigkeitlichen“ bureaukratischen Sinn. Was er hier wirklich verlangt, ist, daß die gesetzgebende Gewalt die wirkliche regierende Gewalt sein soll. Eiss drückt dies so aus, daß er die Bureaukratie zweimal verlangt, einmal als Repräsentation der Fürsten und das andere Mal als Repräsentantin des Volkes. Wenn in konstitutionellen Staaten auch Beamte zulässig sind als Deputierte, so ist dies nur, weil überhaupt vom Stand, von« der bürgerlichen Qualität abstrahiert und die Abstraktion des Staatsbürgertums das Herrschende ist. Hegel vergißt dabei, daß er die Repräsentation von den Kor¬ porationen ausgehen ließ und daß diesen direkt die Regie¬ rungsgewalt gegenübersteht1). Er geht in diesem Vergessen, was er« gleich in dem folgenden Paragraphen wieder vergißt, soweit, daß er einen wesentlichen Unterschied zwischen den Abgeord¬ neten der Korporation und den ständischen Abgeordneten kreierte. In der Anmerkung zu diesem Paragraphen heißt es: „Die subjektive Meinung von sich findet leicht die For« derung solcher Garantien, wenn sie in Rücksicht auf das x) Bei M, versehentlich gegenübergeht
Die gesetzgebende Gewalt 549 sogenannte Volk gemacht wird, überflüssig, ja selbst etwa beleidigend. Der Staat hat aber das Objektive, nicht eine subjektive Meinung und deren Selbstzutrauen1) zu seiner Bestimmung; die Individuen können nur das für ihn 5 sein, was an ihnen objektiv erkennbar und erprobt ist, und er hat hierauf bei diesem Teile des ständischen Elements um so mehr zu sehen, als derselbe seine Wurzel in den auf das Besondere gerichteten Interessen und Beschäftigungen hat, wo die Zufälligkeit, Veränderlichkeit und Willkür ihr Recht jo sich zu ergehen hat.“ — Hier wird die gedankenlose Inkonsequenz und der „obrig¬ keitliche“ Sinn Hegels wirklich ekelhaft. Am Schluß des Zusatzes zum früheren Paragraphen heißt es: „Daß dieses (sc. ihre oben beschriebene Aufgabe)2) der 33 Abgeordnete vollbringe und befördere, dazu bedarf es f ü r die Wählenden1) der Garantie“. Diese Garantie für die Wählenden hat sich unter der Hand in eine Garantie gegen die Wählenden, gegen ihr „Selbstzutrauen“ entwickelt. In dem ständischen Element oo sollte die „empirische Allgemeinheit zum Moment“ der „subjek¬ tiven formellen Freiheit“ kommen. „Das öffentliche Bewußtsein“ sollte in ihm als empirische Allgemeinheit der An¬ sichten und Gedanken der Vielen zur Existenz kommen. (§ 301.) 25 Jetzt sollen diese „Ansichten und Gedanken“ zuvor der Regierung eine Probe ablegen, daß sie „ihre“ Ansichten und Gedanken sind. Hegel spricht hier nämlich dummer Weise vom Staat als einer fertigen Existenz, obgleich er eben erst daran ist, im ständischen Element den Staat fertig zu konstruieren. 30 Er spricht vom Staat als konkretem Subjekt, das „sich nicht an die subjektive Meinung und deren Selbstzutrauen stößt“, für den die Individuen erst sich „erkennbar“ gemacht und „erprobt“ haben. Es fehlt nur noch, daß Hegel ein Examen der Stände abzulegen bei der Wohllöblichen Regierung verlangt. 35 Hegel geht hier fast bis zur Servilität. Man sieht ihn durch und durch angesteckt von dem elenden Hochmut der preußischen Beamtenwelt, die vornehm in ihrer Bureaubomiertheit auf das x) Von M. unterstrichen. 2) Das Eingeklammerte von M.
550 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Uber §§ 261—313 „Selbstzutrauen“ der „subjektiven“ Meinung des Volks zu sich herabsieht. Der „Staat“ ist hier überall für Hegel identisch mit der „Regierung“. Allerdings kann in einem wirklichen Staate das „bloße Zu¬ trauen“, die „subjektive Meinung“ nicht genügen. Aber in dem 5 von Hegel konstruierten Staate ist die politische Gesinnung der bürgerlichen Gesellschaft eine bloße Meinung, eben weil ihr politisches Dasein eine Abstraktion von ihrem wirklichen Dasein ist; eben weil das Ganze des Staats nicht die Objekti¬ vierung der politischen Gesinnung ist. Wollte Hegel 10 konsequent sein, so müßte er vielmehr alles aufbieten, um das ständische Element seiner wesentlichen Bestimmung gemäß (§ 301) als das Fürsichsein der allgemeinen An¬ gelegenheit in den Gedanken etc. der Vielen, also eben ganz unabhängig von den anderen Voraussetzungen des politischen 15 Staats zu konstruieren. Ebenso wie Hegel es früher als die Ansicht des Pöbels be¬ zeichnete, den schlechten Willen bei der Regierung etc. voraus¬ zusetzen, ebensosehr und noch mehr ist es die Ansicht des Pöbels, den schlechten Willen beim Volke vorauszusetzen. Hegel darf es 20 dann auch bei den von ihm verachteten Theoretikern weder „über¬ flüssig“ noch „beleidigend“ finden, wenn Garantien „in Rücksicht auf den sogenannten“ Staat, den soi-disant Staat, die Re¬ gierung verlangt, Garantien verlangt werden, daß die Gesinnung der Bureaukratie die Staatsgesinnung sei. 2S § 311. „Die Abordnung, als von der bürgerlichen Ge¬ sellschaft ausgehend, hat ferner1) den Sinn, daß die Ab¬ geordneten mit deren speziellen Bedürfnissen, Hinder¬ nissen, besonderen Interessen bekannt seien und ihnen selbst angehören. Indem sie nach der Natur der bürger-a» liehen Gesellschaft von ihren verschiedenen Korporationen ausgeht (§ 308) und die einfache Weise dieses Ganges nicht durch Abstraktionen und die atomistischen Vorstellun¬ gen gestört wird, so erfüllt sie damit unmittelbar jenen Gesichtspunkt, und Wählen ist entweder überhaupt etwas » Überflüssiges oder reduziert sich auf ein geringes Spiel der Meinung und der Willkür.“ Zunächst knüpft Hégel die Abordnung in ihrer Bestimmung als „gesetzgebende Gewalt“ (§ 309, 310) an die Abordnung „als x) Von M. unterstrichen.
Eine Stelle aus der Kritik des Hegelschen Staatsrechts (Etwas verkleinert) (s. S. 550)
Die gesetzgebende Gewalt 551 von der bürgerlichen Gesellschaft ausgehend“, d. h. an ihre repräsentative Bestimmung, durch ein einfaches „ferner“ an. Die ungeheuren Widersprüche, die in diesem „ferner“ liegen, spricht er ebenso gedankenlos aus. $ Nach § 309 sollen die Abordnenden „nicht das besondere In¬ teresse einer Gemeinde, Korporation gegen das allgemeine, son¬ dern wesentlich dieses geltend machen“. Nach § 311 gehen sie von den Korporationen aus, repräsen¬ tieren diese besonderen Interessen und Bedürfnisse und io lassen sich nicht durch „Abstraktionen“ stören, als wenn das „all¬ gemeine Interesse“ nicht auch eine solche Abstraktion wäre, eine Abstraktion eben von ihren Korporations- etc. Interessen. Nach § 310 wird verlangt, „daß sie durch wirkliche Geschäfts¬ führung etc. sich obrigkeitlichen Sinn und den Sinn des Staats“ is erworben und bewährt haben. Im § 311 wird Korporations- und bürgerlicher Sinn verlangt. In dem Zusatz zu § 309 heißt es: „Repräsentation gründet sich auf Zutrauen“. Nach § 311 ist „Wählen“, diese Realisierung des Zutrauens, diese Betätigung, Erscheinung desselben, „ent- weder überhaupt etwas Überflüssiges oder reduziert sich auf ein geringes Spiel der Meinung und der Willkür“. Das, worauf sich die Repräsentation gründet, ihr Wesen ist also der Repräsentation „entweder überhaupt etwas Überflüssiges“ etc. Hegel stellt also in einem Atem die absoluten Widersprüche ss auf: Die Repräsentation gründet sich auf Zutrauen, auf das Ver¬ trauen des Menschen zum Menschen, und sie gründet sich nicht auf das Zutrauen. Das ist vielmehr eine bloße formelle Spielerei. Das besondere Interesse ist nicht das Objekt der Vertretung, sondern der Mensch und sein Staatsbürgertum, das allgemeine io Interesse. Andrerseits: Das besondere Interesse ist der Stoff der Vertretung, der Geist dieses Interesses ist der Geist des Reprä¬ sentanten. In der Anmerkung zu diesem Paragraphen, den wir nun be¬ trachten, werden diese Widersprüche noch greller durchgeführt. 35 Das eine Mal ist die Repräsentation die Vertretung des Menschen, das andere Mal des besonderen Interesses des besonderen Stoffes. „Es bietet sich von selbst das Interesse dar, daß unter den Abgeordneten sich für jeden besonderen großen Zweig der Gesellschaft, z. B. für den Handel, für die Fabriken to u. s. f. Individuen befinden, die ihn gründlich kennen und ihm selbst angehören ; — in der Vorstellung eines losen, un¬ bestimmten Wählens ist dieser wichtige Umstand nur der Zufälligkeit preisgegeben. Jeder solcher Zweig hat aber
552 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313 gegen den anderen gleiches Recht, repräsentiert zu werden. Wenn die Abgeordneten als Repräsentanten betrachtet werden, so hat dies einen organisch vernünftigen Sinn nur dann, daß sie nicht Repräsentanten als von Einzel¬ nen, von einer Menge seien, sondern Repräsentanten s einer der wesentlichen Sphären der Gesellschaft, Re¬ präsentanten ihrer großen Interessen. Das Repräsentieren hat damit auch nicht mehr die Bedeutung, daß Einer an1) der Stelle eines Anderen sei, sondern das Interesse selbst ist in seinem Repräsentanten wirklich gegen -jo wärtig, so wie der Repräsentant für sein eigenes objek¬ tives Element da ist. — Von dem Wählen durch die vielen Einzelnen kann noch bemerkt werden, daß notwendig be¬ sonders in großen Staaten die Gleichgültigkeit gegen das Geben seiner Stimme, als die in der Menge eine is unbedeutende Wirkung hat, eintritt, und die Stimmberech¬ tigten, diese Berechtigung mag ihnen als etwas noch so Hohes angeschlagen und vorgestellt werden, eben zum Stimmgeben nicht erscheinen ; — so daß aus solcher Insti¬ tution vielmehr das Gegenteil ihrer Bestimmung erfolgt und so die Wahl in die Gewalt Weniger, einer Partei, somit des be¬ sonderen, zufälligen Interesses fällt, das gerade neutralisiert werden sollte.“ [§ 311.] Die beiden §§ 312 und 313 sind im früheren erledigt und keiner besonderen Besprechung wert. Wir setzen sie daher hierhin: ss § 312. „Von den zwei im ständischen Elemente ent¬ haltenen Seiten (§ 305, 308) bringt jede in die Beratung eine besondere Modifikation; und weil überdem das eine Moment die eigentümliche Funktion der Vermittlung inner¬ halb dieser Sphäre und zwar zwischen Existierenden hat, so so ergibt sich für dasselbe gleichfalls eine abgesonderte Existenz; die ständische Versammlung wird sich somit in zwei Kammern teilen.“ 0 Jerum! § 313. „Durch diese Sonderung erhält nicht nur die Reife der Entschließung vermittelst einer Mehrheit von ss Instanzen ihre größere Sicherung, und wird die Zu- *) Einer an von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt 553 fälligkeit einer Stimmung des Augenblicks, wie die Zu¬ fälligkeit, welche die Entscheidung durch die Mehrheit der Stimmenanzahl annehmen kann, entfernt, sondern vor¬ nehmlich kommt das ständische Element weniger in den Fall, der Regierung direkt gegenüber zu stehen, oder im Falle das vermittelnde Moment sich gleichfalls auf der Seite des zweiten Standes befindet, wird das Gewicht seiner An¬ sicht um so mehr verstärkt, als sie so unparteiischer und sein Gegensatz neutralisiert erscheint.“‘) x) Hier, auf der 4. Seite des von Marx mit XL numerierten Bogens, endet das Manuskript. Auf der ersten Seite des folgenden sonst ganz leeren Bogens steht noch oben: Inhaltsverzeichnis. Über Hegels Übergang und Explikation.
Aus: DEUTSCH-FRANZÖSISCHE JAHRBÜCHER Paris 1844
Erschienen in: Deutsch-Französischejihrbiicher her¬ ausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx. Iste und 2te Lieferung. Paris. Im Bureau der Jahrbücher. Au Bureau des Innales. Rue Van¬ neau, 22. — 1844. Ein Briefwechsel von 1843 (zwischen Marx, Ruge, Jakunin und Feuerbach von März bis September) 557—575 Zur Judenfrage 576—606 Geschrieben etwa August—November 1843 Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitmg . . 607—621 Geschrieben um die Jahreswende 1843/44 Erschienen Ende Februar 1844
Ein Briefwechsel von 1843 M. an R. Auf der Treckschuit nach D. im März 1843. Ich reise jetzt in Holland. Soviel ich aus den hiesigen und fran- 5 zösischen Zeitungen sehe, ist Deutschland tief in den Dreck hinein¬ geritten und wird es noch immer mehr. Ich versichere Sie, wenn man auch nichts weniger als Nationalstolz fühlt, so fühlt man doch Nationalscham, sogar in Holland. Der kleinste Holländer ist noch ein Staatsbürger gegen den größten Deutschen. Und die Urteile 10 der Ausländer über die preußische Regierung! Es herrscht eine erschreckende Übereinstimmung, niemand täuscht sich mehr über dies System und seine einfache Natur. Etwas hat also doch die neue Schule genützt. Der Prunkmantel des Liberalismus ist ge¬ fallen, und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen 16 Nacktheit vor aller Welt Augen. Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es ist eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unseres Patriotismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser Angesicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen: so was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution. Ich antworte: die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirk¬ lich der Sieg der französischen Revolution über den deutschen Patriotismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich 25 wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland noch nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch Patrioten. Welches System sollte ihnen aber den Patriotismus austreiben, wenn nicht dieses lächerliche des neuen Ritters? Die 30 Komödie des Despotismus, die mit uns aufgeführt wird, ist für ihn ebenso gefährlich, als es einst den Stuarts und Bourbonen die Tragödie war. Und selbst, wenn man diese Komödie lange Zeit nicht für das halten sollte, was sie ist, so wäre sie doch schon eine Revolution. Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Har- 35 lekinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen; aber seinem Schicksal trieb’ es entgegen eben darum, weil die Narren dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns bevorsteht. Marx*Engels*Geaamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 41
558 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern R. an M. Berlin, im März 1843. „Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, 5 Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen. — Ist das nicht ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zer¬ stückelt unter einander liegen, indes das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?“ Hölderlin im Hyperion. — Dies das Motto meiner Stimmung, und leider ist sie nicht neu; derselbe Gegenstand wirkt von Zeit zu Zeit 10 ähnlich auf die Menschen. Ihr Brief ist eine Illusion. Ihr Mut entmutigt mich nur noch mehr. Wir werden eine politische Revolution erleben? wir, die Zeitgenos¬ sen dieser Deutschen? Mein Freund, Sie glauben, was Sie wünschen. 0, ich kenne das! Es ist sehr süß, zu hoffen, und sehr bitter, alle Täu-15 schungen abzutun. Es gehört mehr Mut zur Verzweiflung als zur Hoff¬ nung. Aber es ist der Mut der Vernunft, und wir sind auf dem Punkte angekommen, wo wir uns nicht mehr täuschen dürfen. Was erleben wir in diesem Augenblick? Eine zweite Auflage der Karlsbader Beschlüsse, eine durch das Weglassen der versprochenen Preßfreiheit vermehrte und 20 durch das Versprechen der Zensur verbesserte, — ein zweites Mißlingen der politischen Freiheitsversuche, und diesmal ohne Leipzig und Belle¬ alliance, ohne Anstrengungen, von denen auszuruhen wir Ursache hätten. Jetzt ruhen wir aus vom Ausruhen; und zur Ruhe bringt uns die einfache Wiederholung der alten despotischen Maxime, das Abschreiben ihrer 25 Urkunden. Wir fallen 8Uß einer Schmach in die andere. Ich habe voll¬ kommen dasselbe Gefühl des Drucks und der Entwürdigung wie zur Zeit der napoleonischen Eroberung, wenn Rußland der deutschen Presse eine strengere Zensur verordnet; und wenn Sie darin einen Trost finden, daß wir jetzt dieselbe Offenherzigkeit wie damals genießen, so tröstet mich 30 das durchaus nicht. Als Napoleon in Erfurt zu den deutschen Gratu¬ lanten, die ihn mit notre prince anredeten, sagte: je ne suis pas votre prince, je suis votre maître, wurde er mit rauschendem Beifall aufgenom¬ men. Und hätte ihm der russische Schnee nicht darauf geantwortet, die deutsche Entrüstung schliefe noch. Sagen Sie mir nicht, dieses unver- 35 schämte Wort sei blutig gerächt worden, reden Sie mir nicht ein, die zufällige Rache wäre notwendig erfolgt, alle Völker seien abgefallen von dem nackten und bloßen Despotismus, sobald er sich ganz enthüllt hätte. Ich will ein Volk sehen, das ohne alle andere Völker seine Schmach fühlt; ich nenne Revolution die Umkehr aller Herzen und die Erhebung 40 aller Hände für die Ehre des freien Menschen, für den freien Staat, der keinem Herrn gehört, sondern das öffentliche Wesen selbst ist, das nur sich angehört. So weit bringen es die Deutschen nie. Sie sind längst historisch zugrunde gegangen. Daß sie überall mit zu Felde gelegen, be¬ weist nichts. Es wird den eroberten und beherrschten Völkern nicht 45 erspart, sich zu schlagen, aber sie sind nur Gladiatoren, die sich für einen fremden Zweck schlagen und, wenn ihre Herren den Daumen nieder¬ drücken, sich erwürgen. „Seht, wie das Volk sich für uns schlägt!“ sagte 1813 der König von Preußen. Deutschland ist nicht der überlebende
Briefwechsel von 1843 559 Erbe, sondern die anzutretende Erbschaft. Die Deutschen zählen nie nach kämpfenden Parteien, sondern nach der Seelenzahl, die dort zu ver¬ kaufen ist. Sie sagen, die liberale Heuchelei ist entlarvt. Es ist wahr, es ist sogar 5 noch mehr geschehen. Die Menschen fühlen sich verstimmt und beleidigt, man hört Freunde und Bekannte untereinander räsonnieren, überall redet man hier von dem Schicksal der Stuarts, und wer sich fürchtet, unvor¬ sichtige Worte zu sagen, der schüttelt wenigstens den Kopf, um anzu¬ zeigen, daß eine gewisse Bewegung in ihm vorgeht. Aber alles redet und io redet nur: ist auch nur Einer da, der seinem Unwillen zutraute, daß er allgemein sei? Ist ein Einziger so töricht, unsere Spießbürger und ihre unvergängliche Schafsgeduld zu verkennen? —- Fünfzig Jahre nach der französischen Revolution und die Erneuerung aller Unverschämtheiten des alten Despotismus, das haben wir erlebt. Sagen Sie nicht, das neun- is zehnte Jahrhundert erträgt ihn nicht. Die Deutschen haben dies Problem gelöst. Sie ertragen ihn nicht nur, sie ertragen ihn mit Patriotismus, und wir, die wir darüber erröten, gerade wir wissen, daß sie ihn verdienen. Wer hätte nicht gedacht, dieser schneidende Rückfall vom Reden ins Schweigen, vom Hoffen in die Hoffnungslosigkeit, von einem menschen- 20 ähnlichen in einen völlig sklavischen Zustand würde alle Lebensgeister auf regen, jedem das Blut zum Herzen treiben und einen allgemeinen Schrei der Entrüstung hervorrufen! Der Deutsche hatte nichts als die Geisterfreiheit, die der Mensch, der einem anderen leibeigen ist, immer noch haben kann, und auch diese ist ihm nun entrissen; die deutschen 25 Philosophen waren schon früher Diener der Menschen, sie redeten und schwiegen auf Befehl, Kant hat uns die Dokumente mitgeteilt; aber man duldete die Kühnheit, daß sie in abstracto den Menschen für frei erklärten. Jetzt ist auch diese Freiheit, die sogenannte wissenschaftliche oder die prinzipielle, die sich bescheidet, nicht realisiert zu werden, auf gehoben, 30 und es haben sich natürlich Leute genug gefunden, die Tassos Glauben predigen : Glaubt nicht, daß mir Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe. Der Mensch ist nicht geboren frei zu sein. 35 Und für den Edlen ist kein schöner Glück, Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen. Wollten wir ein wenden: und wenn er ihn nicht ehrt? so wiederholen sie: frei zu sein, ist er nicht geboren. Es handelt sich um seinen Begriff, nicht um sein Glück. Ja, Tasso hat recht, ein Mensch, der einem Menschen io dient und den man einen Sklaven nennt, kann sich glücklich fühlen, er kann sich sogar adelig fühlen, die Geschichte und die Türkei beweisen es. Zugegeben also, daß nicht Mensch und freies Wesen, sondern Mensch und Diener ein Begriff ist, so ist die alte Welt gerechtfertigt. Gegen das Faktum, daß die Menschen zum Dienen geboren und ein 45 Besitztum ihrer angeborenen Herren seien, hatten die Deutschen 25 Jahre nach der Revolution nichts einzuwenden. Im Deutschen Bunde sind die deutschen Fürsten zusammengetreten, um ihren Privatbesitz von Land und Leuten wieder herzustellen und die „Menschenrechte“ wieder abzuschaffen. Das war antifranzösisch, man jauchzte ihnen zu. Nun kommt die Theorie 4P
560 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern dieses Faktums hinterher, und warum sollte Deutschland sie nicht ohne Unwillen anhören! Warum sich nicht über sein Schicksal mit dem Ge¬ danken trösten : es muß so sein, der Mensch ist nicht ge¬ boren, frei zu sein? Und so ist es, dies Geschlecht ist wirklich nicht geboren, frei zu sein. 5 Dreißig Jahre, politisch verödet und unter einem so entwürdigenden Druck, daß selbst die Gedanken und die Gefühle der Menschen von der geheimen Polizei der Zensur beaufsichtigt und geregelt wurden, haben Deutschland politisch nichtiger hinterlassen, als es je gewesen. Sie sagen: das Narrenschiff, welches ein Spiel von Wind und Wellen ist, wird seinem 10 Schicksal nicht entgehen, und dieses Schicksal ist die Revolution. Aber Sie setzen nicht hinzu: diese Revolution ist die Genesung der Narren, im Gegenteil, Ihr Bild führt nur auf den Gedanken des Unterganges. Aber ich gebe Ihnen auch den Untergang nicht zu, der noch erst zu erwarten wäre. Physisch geht dies brauchbare Volk nicht unter, und geistig oder is mit seiner Existenz als freies Volk ist es längst am Ende. Wenn ich Deutschland nach seiner bisherigen und nach seiner gegen¬ wärtigen Geschichte beurteile, so werden Sie mir nicht einwerfen, seine ganze Geschichte sei verfälscht, und seine ganze jetzige Öffentlichkeit stelle nicht den eigentlichen Zustand des Volkes dar. Lesen Sie die Zei- 20 tungen, welche Sie wollen, überzeugen Sie sich, daß man nicht aufhört — und Sie werden zugeben, daß die Zensur niemanden hindert aufzuhören — , die Freiheit und das Nationalglück zu loben, welches wir besitzen; und dann sagen Sie einem Engländer, einem Franzosen oder auch nur einem Holländer, daß dies nicht unsere Sache und unser Charakter wäre. 25 Der deutsche Geist, soweit er zum Vorschein kommt, ist niederträchtig, und ich trage kein Bedenken zu behaupten: wenn er nicht anders zum Vor¬ schein kommt, so ist dies lediglich die Schuld seiner niederträchtigen Natur. Oder wollen Sie seine Privatexistenz, seine stillen Verdienste, seine ungedruckten Tischgespräche, seine Faust in der Tasche so hoch 30 anschlagen, daß ihm die Schmach seiner gegenwärtigen Erscheinung durch die Ehre seiner Zukunft noch einmal abgewaschen werden könnte? O, diese deutsche Zukunft! Wo ist ihr Same gesät? Etwa in der schmach¬ vollen Geschichte, die wir bisher durchlebt? Oder in der Verzweiflung derer, die von Freiheit und geschichtlichen Ehren einen Begriff haben? 35 Oder gar in dem Hohn, den fremde Völker über uns ausschütten und gerade dann aufs empfindlichste uns zu fühlen geben, wenn sie es am besten mit uns meinen? Denn den Grad politischer Fühllosigkeit und Verkommenheit, zu dem wir wirklich herabgesunken sind, können jene sich gar nicht vorstellen. Lesen Sie nur die Times über die Unter- 40 drückung der Presse in Preußen. Lesen Sie, wie freie Männer reden, lesen Sie, wie viel Selbstgefühl sie uns noch zutrauen, uns, die wir gar keins besitzen, und bedauern Sie Preußen, bedauern Sie Deutschland. Ich weiß, daß ich dazu gehöre; glauben Sie nicht, daß ich mich der all¬ gemeinen Schmach entziehen will. Werfen Sie mir vor, daß ich es nicht 45 besser mache als die anderen, fordern Sie mich auf, mit dem neuen Prinzip eine neue Zeit heraufzuführen und ein Schriftsteller zu sein, dem ein freies Jahrhundert folgt, sagen Sie mir jede Bitterkeit, ich bin darauf gefaßt. Unser Volk hat keine Zukunft, was liegt an unserem Ruf?
Briefwechsel von 1843 561 M. an R. Köln, im Mai 1843. Ihr Brief, mein teurer Freund, ist eine gute Elegie, ein atem¬ versetzender Grabgesang; aber politisch ist er ganz und gar nichts 5 Kein Volk verzweifelt, und sollt’ es auch lange Zeit nur aus Dumm¬ heit hoffen, so erfüllt es sich doch nach vielen Jahren einmal aus plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche. Doch, Sie haben mich angesteckt, Ihr Thema ist noch nicht er¬ schöpft, ich will das Finale hinzufügen, und wenn alles zu Ende 10 ist, dann reichen Sie mir die Hand, damit wir von vorne wieder anfangen. Laßt die Toten ihre Toten begraben und beklagen. Da¬ gegen ist es beneidenswert, die ersten zu sein, die lebendig ins neue Leben eingehen; dies soll unser Los sein. Es ist wahr, die alte Welt gehört dem Philister. Aber wir is dürfen ihn nicht wie einen Popanz behandeln, von dem man sich ängstlich wegwendet. Wir müssen ihn vielmehr genau ins Auge fassen. Es lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren. Herr der Welt ist er freilich nur, indem er sie, wie die Würmer einen Leichnam, mit seiner Gesellschaft ausfüllt. Die Gesellschaft 2o dieser Herren braucht darum nichts weiter als eine Anzahl Sklaven, und die Eigentümer der Sklaven brauchen nicht frei zu sein. Wenn sie wegen ihres Eigentums an Land und Leuten Herren im eminenten Sinne genannt werden, sind sie darum nicht weniger Philister als ihre Leute. 25 Menschen, das wären geistige Wesen, freie Männer Republi¬ kaner. Beides wollen die Spießbürger nicht sein. Was bleibt ihnen übrig, zu sein und zu wollen? Was sie wollen, leben und sich fortpflanzen (und weiter, sagt Goethe, bringt es doch keiner), das will auch das Tier, höchstens 3o würde ein deutscher Politiker noch hinzuzusetzen haben, der Mensch wisse aber, daß er es wolle, und der Deutsche sei so besonnen, nichts weiter zu wollen. Das Selbstgefühl des Menschen, die Freiheit, wäre in der Brust dieser Menschen erst wieder zu erwecken. Nur dies Gefühl, 35 welches mit den Griechen aus der Welt und mit dem Christentum in den blauen Dunst des Himmels verschwindet, kann aus der Ge¬ sellschaft wieder eine Gemeinschaft der Menschen für ihre höch¬ sten Zwecke, einen demokratischen Staat machen. Die Menschen dagegen, welche sich nicht als Menschen fühlen, io wachsen ihren Herren zu, wie eine Zucht von Sklaven oder Pfer¬ den. Die angestammten Herren sind der Zweck dieser ganzen Ge¬ sellschaft. Diese Welt gehört ihnen. Sie nehmen sie, wie sie ist und sich fühlt. Sie nehmen sich selbst, wie sie sich vorfinden, und
562 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern stellen sich hin, wo ihre Füße gewachsen sind, auf die Nacken dieser politischen Tiere, die keine andere Bestimmung kennen, als ihnen „untertan, hold und gewärtig“ zu sein. Die Philisterwelt ist die politische Tierwelt, und wenn wir ihre Existenz anerkennen müssen, so bleibt uns nichts übrig, als 5 dem status quo einfacherweise recht zu geben. Barbarische Jahr¬ hunderte haben ihn erzeugt und ausgebildet, und nun steht er da als ein konsequentes System, dessen Prinzip die entmenschte Welt ist. Die vollkommenste Philisterwelt, unser Deutschland, mußte also natürlich weit hinter der französischen Revolution, die 10 den Menschen wieder herstellte, Zurückbleiben; und der deutsche Aristoteles, der seine Politik aus unseren Zuständen abnehmen wollte, würde an ihre Spitze schreiben: „Der Mensch ist ein ge¬ selliges, jedoch völlig unpolitisches Tier“, den Staat aber könnte er nicht richtiger erklären, als dies Herr Zöpfl, der Verfasser des 15 „Konstitutionellen Staatsrechts in Deutschland“, bereits getan hat. Er ist nach ihm ein „Verein von Familien“, welcher, fahren wir fort, einer allerhöchsten Familie, die man Dynastie nennt, erb- und eigentümlich zugehört. Je fruchtbarer die Familien sich zeigen, desto glücklicher die Leute, desto größer der Staat, desto 20 mächtiger die Dynastie, weswegen denn auch in dem normal¬ despotischen Preußen auf den siebenten Jungen eine Prämie von fünfzig Reichstalem gesetzt ist. Die Deutschen sind so besonnene Realisten, daß alle ihre Wünsche und ihre hochfliegendsten Gedanken nicht über das kahle 25 Leben hin^usreichen. Und diese Wirklichkeit, nichts weiter, akzeptieren die, welche sie beherrschen. Auch diese Leute sind Realisten, sie sind sehr weit von allem Denken und von aller menschlichen Größe entfernt, gewöhnliche Offiziere und Land¬ junker, aber sie irren sich nicht, sie haben recht, sie, so wie sie 30 sind, reichen vollkommen aus, dieses Tierreich zu benutzen und zu beherrschen, denn Herrschaft und Benutzung ist Ein Begriff, hier wie überall. Und wenn sie sich huldigen lassen und über die wimmelnden Köpfe dieser hirnlosen Wesen hinsehen, was liegt ihnen näher als der Gedanke Napoleons an der Beresina? Man 35 sagt ihm nach, er habe hinuntergewiesen auf das Gewimmel der Ertrinkenden und seinem Begleiter zugerufen: Voyez ces cra¬ pauds! Diese Nachrede ist wahrscheinlich eine Lüge, aber wahr ist sie nichtsdestoweniger. Der einzige Gedanke des Despotismus ist die Menschenverachtung, der entmenschte Mensch, und dieser 40 Gedanke hat vor vielen anderen den Vorzug, zugleich Tatsache zu sein. Der Despot sieht die Menschen immer entwürdigt. Sie er¬ saufen vor seinen Augen und für ihn im Schlamm des gemeinen Lebens, aus dem sie auch, gleich den Fröschen, immer wieder hervorgehen. Drängt sich nun selbst Menschen, die großer Zwecke 45
Briefwechsel von 1843 563 fähig waren, wie Napoleon vor seiner Dynastietollheit, diese An¬ sicht auf, wie sollte ein ganz gewöhnlicher König in einer solchen Realität Idealist sein? Das Prinzip der Monarchie überhaupt ist der verachtete, der 5 verächtliche, der entmenschte Mensch; und Montesquieu hat sehr unrecht, die Ehre dafür auszugeben. Er hilft sich mit der Unterscheidung von Monarchie, Despotie und Tyrannei. Aber das sind Namen Eines Begriffs, höchstens eine Sittenverschiedenheit bei demselben Prinzip. Wo das monarchische Prinzip in der 10 Majorität ist, da sind die Menschen in der Minorität, wo es nicht bezweifelt wird, da gibt es keine Menschen. Warum soll nun ein Mann wie der König von Preußen, der keine Proben davon hat, daß er problematisch wäre, nicht lediglich seiner Laune folgen? Und mm er es tut, was kommt dabei heraus? Widersprechende is Absichten? Gut, so wird nichts daraus. Ohnmächtige Tendenzen? Sie sind immer noch die einzige politische Wirklichkeit. Blamagen und Verlegenheiten? Es gibt nur Eine Blamage und nur Eine Ver¬ legenheit, das Heruntersteigen vom Thron. Solange die Laune an ihrem Platze bleibt, hat sie recht. Sie mag dort so unbeständig, 2o so kopflos, so verächtlich sein, wie sie will; sie ist immer noch gut genug, ein Volk zu regieren, welches nie ein anderes Gesetz gekannt hat als die Willkür seiner Könige. Ich sage nicht, ein kopfloses System und der Verlust der Achtung im Inneren und nach Außen werde ohne Folgen bleiben, ich nehme die Assekuranz des 25 Narrenschiffes nicht auf mich; aber ich behaupte: der König von Preußen wird so lange ein Mann seiner Zeit sein, als die verkehrte Welt die wirkliche ist. Sie wissen, ich beschäftige mich viel mit diesem Manne. Schon damals, als er nur noch das Berliner politische Wochenblatt zu zo seinem Organe hatte, erkannte ich seinen Wert und seine Bestim¬ mung. Er rechtfertigte schon bei der Huldigung in Königsberg meine Vermutung, daß nun die Frage rein persönlich werden würde. Er erklärte sein Herz und sein Gemüt für das künftige Staatsgrundgesetz der Domäne Preußen, seines Staates; und 3ö in der Tat, der König ist in Preußen das System. Er ist die einzige politische Person. Seine Persönlichkeit bestimmt das System so oder so. Was er tut oder was man ihn tim läßt, was er denkt oder was man ihm in den Mund legt, das ist es, was in Preußen der Staat denkt oder tut. Es ist also wirklich ein Verdienst, daß der 4o jetzige König dies so unumwunden erklärt hat. Nur darin irrte man sich eine Zeitlang, daß man es für er¬ heblich hielt, welche Wünsche und Gedanken der König nun zum Vorschein brächte. Dies konnte in der Sache nichts ändern, der Philister ist das Material der Monarchie und der Monarch immer 45 nur der König der Philister; er kann weder sich noch seine Leute
564 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern zu freien, wirklichen Menschen machen, wenn beide Teile bleiben, was sie sind. Der König von Preußen hat es versucht, mit einer Theorie, die wirklich sein Vater so nicht hatte, das System zu ändern. Das Schicksal dieses Versuchs ist bekannt. Er ist vollkommen ge- « scheitert. Ganz natürlich. Ist man einmal bei der politischen Tier¬ welt angelangt, so gibt es keine weitere Reaktion, als bis zu ihr, und kein anderes Vordringen, als das Verlassen ihrer Basis und den Übergang zur Menschenwelt der Demokratie. Der alte König wollte nichts Extravagantes, er war ein Philister 10 und machte keinen Anspruch auf Geist. Er wußte, daß der Diener¬ staat und sein Besitz nur der prosaischen, ruhigen Existenz be¬ durfte. Der junge König war munterer und aufgeweckter, von der Allmacht des Monarchen, der nur durch sein Herz und seinen Ver¬ stand beschränkt ist, dachte er viel größer. Der alte verknöcherte is Diener- und Sklavenstaat widerte ihn an. Er wollte ihn lebendig machen und ganz und gar mit seinen Wünschen, Gefühlen und Gedanken durchdringen; und er konnte das verlangen, er in seinem Staate, wenn es nur gelingen wollte. Daher seine liberalen Reden und Herzensergießungen. Nicht das tote Gesetz, das volle lebendige Herz des Königs sollte alle seine Untertanen regieren. Er wollte alle Herzen und Geister für seine Herzens¬ wünsche und langgenährten Pläne in Bewegung setzen. Eine Be¬ wegung ist erfolgt; aber die übrigen Herzen schlugen nicht wie das seinige, und die Beherrschten konnten den Mund nicht auftun, 25 ohne von der Aufhebung der alten Herrschaft zu reden. Die Idea¬ listen, welche die Unverschämtheit haben, den Menschen zum Menschen machen zu wollen, ergriffen das Wort, und während der König altdeutsch phantasierte, meinten sie, neudeutsch philoso¬ phieren zu dürfen. Allerdings war dies unerhört in Preußen. 30 Einen Augenblick schien die alte Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt zu sein, ja, die Dinge fingen an, sich in Menschen zu verwandeln, es gab sogar namhafte Menschen, obgleich die Namensnennung auf den Landtagen nicht erlaubt ist; aber die Diener desi alten Despotismus machten diesem undeutschen 33 Treiben bald ein Ende. Es war nicht schwer, die Wünsche des Königs, der für eine große Vergangenheit voll Pfaffen, Ritter und Hörige schwärmt, mit den Absichten der Idealisten, welche lediglich die Folgen der französischen Revolution, also zuletzt doch immer Republik und eine Ordnung der freien Menschheit 40 statt der Ordnung der toten Dinge wollen, in fühlbaren Konflikt zu bringen. Als dieser Konflikt schneidend und unbequem genug geworden und der jähzornige König hinlänglich aufgeregt war, da traten die Diener zu ihm, die früher den Gang der Dinge so leicht geleitet hatten, und erklärten: der König täte nicht wohl, 43
Briefwechsel von 1843 565 seine Untertanen zu unnützen Reden zu verleiten, sie würden das Geschlecht der redenden Menschen nicht regieren können. Auch der Herr aller Hinterrussen war über die Bewegung in den Köpfen der Vordernissen unruhig geworden und verlangte Wiederherstel- 5 lung des alten ruhigen Zustandes. Und es erfolgte eine neue Auf¬ lage der alten Ächtung aller Wünsche und Gedanken der Men¬ schen über menschliche Rechte und Pflichten, das heißt die Rück¬ kehr zu dem alten verknöcherten Dienerstaat, in welchem der Sklave schweigend dient und der Besitzer des Landes und der 10 Leute lediglich durch eine wohlgezogene, stillfolgsame Diener¬ schaft möglichst schweigsam herrscht. Beide können, was sie wollen, nicht sagen, weder die einen, daß sie Menschen werden wollen, noch der andere, daß er keine Menschen in seinem Lande brauchen könne. Schweigen ist daher das einzige Auskunftsmittel. is Muta pecora, prona et ventri oboedientia. Dies ist der verunglückte Versuch, den Philisterstaat auf seiner eigenen Basis aufzuheben: er ist dazu ausgeschlagen, daß er die Notwendigkeit der Brutalität und die Unmöglichkeit der Huma¬ nität für den Despotismus aller Welt anschaulich gemacht hat. 2o Ein brutales Verhältnis kann nur mit Brutalität aufrecht erhalten werden. Und hier bin ich nun mit unserer gemeinsamen Aufgabe, den Philister und seinen Staat ins Auge zu fassen, fertig. Sie werden nicht sagen, ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn ich dennoch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene ver- 25 zweifelte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt. Ich rede gar nicht von der Unfähigkeit der Herren und von der Indolenz der Diener und Untertanen, die alles gehen lassen, wie es Gott gefällt; und doch reichte beides zusammen schon hin, um eine Katastrophe herbeizu¬ führen. Ich mache Sie nur darauf aufmerksam, daß die Feinde des 3o Philistertums, mit einem Wort alle denkenden und alle leidenden Menschen zu einer Verständigung gelangt sind, wozu ihnen früher durchaus die Mittel fehlten, und daß selbst das passive Fort¬ pflanzungssystem der alten Untertanen jeden Tag Rekruten für den Dienst der neuen Menschheit wirbt. Das System des Erwerbs 35 und Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der Menschen führt aber noch viel schneller als die Vermehrung der Bevölke¬ rung zu einem Bruch innerhalb der jetzigen Gesellschaft, den das alte System nicht zu heilen vermag, weil es überhaupt nicht heilt und schafft, sondern nur existiert und genießt. Die Existenz der 4o leidenden Menschheit, die denkt, und der denkenden Menschheit, die unterdrückt wird, muß aber notwendig für die passive und gedankenlos genießende Tierwelt der Philisterei ungenießbar und unverdaulich werden. Von unserer Seite muß die alte Welt vollkommen ans Tages- 45 licht gezogen und die neue positiv ausgebildet werden. Je länger
566 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern die Ereignisse der denkenden Menschheit Zeit lassen, sich zu be¬ sinnen, und der leidenden, sich zu sammeln, umso vollendeter wird das Produkt in die Welt treten, welches die Gegenwart in ihrem Schoße trägt. B. an R. Petersinsel im Bielersee, Mai 1843. Ihren Brief aus Berlin hat mir unser Freund M. mitgeteilt. Sie scheinen über Deutschland unmutig geworden zu sein. Sie sehen nur die Familie und den Philister, der in ihre engen vier Pfähle mit all seinen Gedanken und Wünschen eingepfercht ist, und wollen an den Frühling 10 nicht glauben, der ihn hervorlocken wird. Lieber Freund, verlieren Sie nur den Glauben nicht, nur Sie nicht Bedenken Sie, ich, der Russe, der Barbar, geb’ ihn nicht auf, ich gebe Deutschland nicht auf, und Sie, der Sie mitten in seiner Bewegung stehen, Sie, der Sie die Anfänge derselben erlebt haben und von ihrem Aufschwung überrascht wurden, Sie wollen 15 jetzt dieselben Gedanken zur Ohnmacht verurteilen, denen Sie früher, als ihre Macht noch nicht erprobt war, alles zutrauten? Oh, ich geb’ es zu, es ist noch weit hin, bis das deutsche 1789 tagt! wann wären die Deutschen nicht um Jahrhunderte zurück gewesen? Aber es ist darum jetzt nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen und feig zu ver- 20 zweifeln. Wenn Männer, wie Sie, nicht mehr an Deutschlands Zukunft glauben, nicht mehr an ihr arbeiten wollen, wer wird denn glauben, wer handeln? Ich schreibe diesen Brief auf der Rousseau-Insel im Bielersee. Sie wissen, ich lebe nicht von Phantasien und Phrasen; aber es zuckt mir durch Mark und Bein bei dem Gedanken, daß ich gerade heute, wo ich 25 Ihnen und über einen solchen Gegenstand schreibe, an diesen Ort geführt bin. Oh, es ist gewiß, mein Glaube an den Sieg der Menschheit über Pfaffen und Tyrannen ist derselbe Glaube, den der große Verbannte in so viel Millionen Herzen goß, den er auch hieher mit sich genommen. Rousseau.und Voltaire, diese Unsterblichen, werden wieder jung; in den 30 begabtesten Köpfen der deutschen Nation feiern sie ihre Auferstehung; eine große Begeisterung für den Humanismus und für den Staat, dessen Prinzip nun endlich wirklich der Mensch ist, ein glühender Haß gegen die Priester und ihre freche Beschmutzung alles menschlich Großen und Wahren durchdringt wieder die Welt. Die Philosophie wird 35 noch einmal die Rolle spielen, die sie in Frank¬ reich so glorreich durchgeführt; und es beweist nichts gegen sie, daß ihre Macht und Furchtbarkeit den Gegnern früher klar geworden als ihr selber. Sie ist naiv und erwartet zuerst keinen Kampf und keine Verfolgung, denn sie nimmt alle Menschen als vernünftige 40 Wesen und wendet sich an ihre Vernunft, als wäre diese ihr unum¬ schränkter Gebieter. Es ist ganz in der Ordnung, daß unsere Gegner, welche die Stirn haben zu erklären : wir sind unvernünftig und wollen es bleiben, den praktischen Kampf, den Widerstand gegen die Vernunft durch unvernünftige Maßregeln eröffnen. Dieser Zustand beweist nur 45 die Übermacht der Philosophie, dies Geschrei gegen sie ist schon der Sieg.
Briefwechsel von 1843 567 Voltaire sagt einmal: Vous, petits hommes, revêtus (Tun petit emploi, qui vous donne une petite autorité dans un petit pays, vous criez contre la philosophie? Wir leben für Deutschland in dem Zeitalter Rousseaus und Voltaires, und „diejenigen unter uns, welche jung genug sind, um 5 die Früchte unserer Arbeit zu erleben, werden eine große Revolution und eine Zeit sehen, in der es der Mühe lohnt, geboren zu sein“. Wir dürfen auch diese Worte Voltaires wiederholen, ohne zu befürchten, daß sie das zweite Mal weniger als das erste [Mal] durch die Geschichte bestätigt würden. io Jetzt sind die Franzosen noch unsere Lehrer. Sie haben in politischer Hinsicht einen Vorsprung von Jahrhunderten. Und was folgt alles daraus! Diese gewaltige Literatur, diese lebendige Poesie und bildende Kunst, diese Durchbildung und Vergeistigung des ganzen Volkes, lauter Ver¬ hältnisse, die wir nur von ferne verstehen! Wir müssen nachholen, wir 15 müssen unserem metaphysischen Hochmute, der die Welt nicht warm macht, die Rute geben, wir müssen lernen, wir müssen Tag und Nacht arbeiten, um es dahin zu bringen, wie Menschen mit Menschen zu leben, frei zu sein und frei zu machen, wir müssen — ich komme immer darauf zurück —- unsere Zeit mit unseren Gedanken in Besitz nehmen. Dem 20 Denker und Dichter ist es vergönnt, die Zukunft vorweg zu nehmen und eine neue Welt der Freiheit und Schönheit mitten .in den Wust des Unter¬ gangs und des Moders, der uns umgibt, hineinzubauen. Und angesichts alles dessen, eingeweiht in das Geheimnis der ewigen Mächte, welche die Zeit aus ihrem Schoße neu gebären, wollen Sie ver- 25 zweifeln? Verzweifeln Sie an Deutschland, so verzweifeln Sie nicht nur an sich selbst, Sie geben die Macht der Wahrheit auf, der Sie sich gewid¬ met. Wenig Menschen sind edel genug, sich ganz und ohne Rückhalt dem Weben und Wirken der befreienden Wahrheit hinzugeben, wenige ver¬ mögen diese Bewegung des Herzens und des Kopfes ihren Zeitgenossen 30 mitzuteilen; wem es aber einmal gelang, der Mund der Freiheit zu werden und die Welt mit den Silbertönen ihrer Stimme zu fesseln, der hat eine Bürgschaft für den Sieg seiner Sache, die ein anderer nur durch eine gleiche Arbeit und ein gleiches Gelingen erreichen kann. Nun geb’ ich es zu, wir müssen mit unserer eigenen Vergangenheit 35 brechen. Wir sind geschlagen worden, und wenn es auch nur die rohe Gewalt war, die der Bewegung des Denkens und Dichtens ein Hindernis in den Weg warf, so wäre diese Roheit selbst unmöglich gewesen, wenn wir nicht ein abgesondertes Leben im Himmel der gelehrten Theorie geführt, wenn wir das Volk auf unserer Seite gehabt hätten. Wir haben 40 seine Sache nicht vor ihm selbst geführt. Anders die Franzosen. Man würde ja auch ihre Befreier unterdrückt haben, wenn man es vermocht hätte. — Ich weiß, Sie lieben die Franzosen, Sie fühlen ihre Überlegenheit. Das ist genug für einen starken Willen in einer so großen Sache, um ihnen 45 nachzueifem und sie zu erreichen. Welch ein Gefühl ! Welch eine namen¬ lose Seligkeit, dieses Streben und diese Macht! Oh, wie beneid’ ich Sie um Ihre Arbeit, ja selbst um Ihren Zorn, denn auch dieser ist das Gefühl aller Edlen in Ihrem Volk. Vermocht’ ich es nur mitzuwirken! Mein Blut und Leben für seine Befreiung! Glauben Sie mir, es wird sich er¬
568 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern heben und das Tageslicht der Menschengeschichte erreichen. Es wird nicht immer die Schmach der Germanen, die besten Diener aller Tyrannei zu sein, für seinen Stolz rechnen. Sie werfen ihm vor, es sei nicht frei, es sei nur ein Privatvolk. Sie sagen nur, was es ist; wie wollen Sie damit beweisen, was es sein wird? 5 War es in Frankreich nicht ganz derselbe Fall, und wie bald ist ganz Frankreich ein öffentliches Wesen und seine Söhne politische Menschen geworden. Wir dürfen die Sache des Volks, auch wenn es selbst sie verließe, nicht auf geben. Sie fallen von uns ab, diese Philister, sie verfolgen uns; desto treuer werden ihre Kinder unserer Sache sich 10 hingeben. Ihre Väter suchen die Freiheit zu morden, sie werden für die Freiheit in den Tod gehen. Und welch einen Vorzug haben wir vor den Männern des 18. Jahr¬ hunderts? Sie sprachen aus einer öden Zeit heraus. Wir haben die un¬ geheuren Resultate ihrer Ideen lebendig vor Augen, wir können praktisch 15 mit ihnen in Berührung kommen. Gehen wir nach Frankreich, setzen wir den Fuß über den Rhein, und wir stehen mit Einem Schlage mitten in den neuen Elementen, die in Deutschland noch gar nicht geboren sind. Die Ausbreitung des politischen Denkens in alle Kreise der Gesellschaft, die Energie des Denkens und Redens, die in den hervorstechenden Köpfen 20 nur darum zum Ausbruch kommt, weil die Wucht eines ganzen Volks in jedem schlagenden Worte empfunden wird — alles das können wir jetzt aus lebendiger Anschauung kennen lernen. Eine Reise nach Frankreich und selbst ein längerer Aufenthalt in Paris würde uns von dem größten Nutzen sein. 25 Die deutsche Theorie hat diesen Sturz aus allen ihren Himmeln, der ihr jetzt widerfährt, indem rohe Theologen und dumme Landjunker sie wie einen Jagdhund an den Ohren schütteln und ihrem Lauf die Wege weisen, reichlich verdient. Gut für sie, wenn dieser Sturz sie von ihrem Hochmute heilt Es wird ganz auf sie ankommen, ob sie sich nun aus 30 ihrem Schicksal die Lehre ziehen will, daß sie in einsamer dunkler Höhe verlassen und nur im Herzen des Volks gesichert ist. Wer gewinnt das Volk, wir oder ihr? das rufen diese obskuren Kastraten den Philosophen zu. 0 Schande über diese Tatsache! Aber auch Heil und Ehre den Männern, die nun die Sache der Menschheit siegreich hinausführen. 35 Hier, erst hier beginnt der Kampf, und so stark ist unsere Sache, daß wir wenige zerstreute Männer mit gebundenen Händen durch unseren bloßen Schlachtruf ihre Myriaden in Furcht und Schrecken setzen. Wohlan, es gilt! und eure Banden will ich lösen, ihr Germanen, die ihr Griechen werden wollt, ich der Scythe. Sendet mir eure Werke! Auf 40 Rousseaus Insel will ich sie drucken und mit feurigen Lettern noch ein¬ mal an den Himmel der Geschichte schreiben: Untergang den Persern! R. an B. Dresden, im Juni 1843. Erst jetzt erhalt’ ich Ihren Brief; aber sein Inhalt veraltet nicht so 45 schnell. Sie haben recht. Wir Deutsche sind wirklich noch so weit zurück, daß wir nur erst wieder eine menschliche Literatur hervorbringen
Briefwechsel von 1843 569 müssen, um die Welt theoretisch zu gewinnen, damit sie nachher Ge¬ danken hat, nach denen sie handelt. Vielleicht können wir in Frankreich, vielleicht sogar mit den Franzosen eine gemeinsame Publikation unter¬ nehmen. Ich will mit unseren Freunden darüber korrespondieren. 5 Übrigens haben Sie sich’s mit Unrecht so sehr zu Herzen genommen, daß ich in Berlin verstimmt war. Alle anderen sind desto selbstzufriedener; und ein einziger Wunsch, den sich der erste Berliner, der König, erfüllt, wiegt eine Welt voll Verstimmung auf. Glauben Sie nicht, daß ich diese umfangreichen Wünsche verkenne. Das Christentum z. E. ist doch sozu- 10 sagen alles. Nun ist es wieder hergestellt, der Staat ist christlich, ein wahres Kloster, der König ist sehr christlich, und die königlichen Be¬ amten sind am allerchristlichsten. Ich geb’ es zu, diese Leute sind nur fromm, weil sie an Einer Knechtschaft nicht genug haben. Sie müssen zu dem irdischen Hofdienst noch einen himmlischen hinzufügen; die is Knechtschaft soll nicht nur ihr Amt, sie soll auch ihr Gewissen sein. Und wenn die nordamerikanischen Wilden sich selbst ihre Sünden ausprügeln, so hoff’ ich, werden auch wohl die Völker noch einmal dieselbe Prozedur an diesen Hunden des Himmels exekutieren. Aber für den Augenblick, wer sollte nicht finden, daß es gut steht im Reiche Gottes? so Und ich hätte gewiß an der allgemeinen Herrlichkeit den heitersten Anteil genommen, wenn ich nicht bedacht hätte, daß eine enttäuschte Verstim¬ mung allemal besser ist als eine enttäuschte Selbstzufriedenheit. Sie werden sagen, ich hätte den Eulenspiegel, der schon über den kommenden Berg verstimmt war, mit Nutzen gelesen; die Berliner haben ihn auch 26 gelesen, sie lesen ihn immer, wenn sie ihre Geschichte lesen, aber ohne Nutzen: und so bleiben sie denn dabei, daß ihre Eulenspiegeleien gute Witze wären. Selbst ihr Christentum interessiert sie nur als ein guter Witz, als eine geniale Wendung. Es ist pikant, sich zu allen Verrückt¬ heiten des Aberglaubens zu bekennen und dabei einen heilen Rock zu 30 tragen; es ist pikant, jetzt sich reden zu hören im Stil des heiligen römi¬ schen Reichs mit „Gruß und Handschlag zuvor“ oder in dieser unheiligen Zeit mit dem Datum von irgend einem heiligen Tage zu unterzeichnen, und da es nicht möglich ist, auch aus den heiligen Örtern, etwa von St. Johann im Lateran und vom Vatikan zu datieren, so ist es wenigstens 35 pikant, die Bulle zur Wiederherstellung der barmherzigen Schwestern oder zur Stiftung der Kapelle des heiligen Adelbert aus dem Schloß des unheiligen Friedrich zu erlassen. Doch ich will nicht noch einmal die Gefahr laufen, unter Palmen zu wohnen, auch in der Phantasie nicht. Lebewohl, Berlin. Ich lobe mir 4o Dresden. Hier ist alles erreicht, hier wird alles genossen, was Preußen mit der ganzen Anstrengung seines offiziellen Witzes nicht wiedergewinnen kann. Die Stände, die Innungen, die alten Gesetze, die Geistlichkeit neben der Weltlichkeit, der katholische Prälat in der Kammer der Reichsräte, die kurzen Hosen und schwarzen Strümpfe auch der lutherischen Geist- 45 liehen, die Ehescheidungen mit geistlichem Zuspruch und die Macht des Konsistoriums bei solchen Gelegenheiten, die Sonntagsfeier und 16 Groschen bis 5 Reichstaler Strafe für jeden Sabbathschänder, der grobe Arbeit verrichtet, ein Verein gegen die Tierquälerei, aber keiner gegen die Schomsteinfegerei, keiner gegen die Verwahrlosung der
570 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Menschen — doch nein, um nicht ungerecht zu sein, so muß man sich erinnern, daß ein ehrlicher Christ, der Ernst mit dem Humanismus machte und die Kinderquälerei der Armen durch ein sehr ingeniöses Mittel teil¬ weise abschaffte, nicht an seiner Unfähigkeit, sondern an der Vortreff¬ lichkeit des bereits Bestehenden gescheitert ist. Sachsen trägt alle Herr- 5 lichkeit der Vorzeit verjüngt in seinem Schoße; man studiert es lange nicht genug, dieses Eldorado der alten Juristerei und Theologie, dieses heilige römische Reich en miniature, dessen verschiedene Kreisdirektionen und Amtshauptmannschaften sich bald unabhängig voneinander erklären werden und dessen Universität Leipzig längst unabhängig war von dem 10 eitlen Lauf der geistigen Bildung in dem wüsten, weiten Deutschland, geschweige denn in Europa. Aber ich sage ja nicht, daß die sächsische Nation keine Fortschritte macht Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Die Juden sind schlechte Christen, sie nehmen daher keinen Teil an den Freiheiten des übrigen sächsischen Volkes, sie haben keine Ehrenrechte is und dürfen dies und das nicht tun, was getaufte Menschen dürfen. Nun war vor diesem die Briihlsche Terrasse der Brühlsche Garten. Er hatte bei der Brücke, wo jetzt die Treppe ist, eine schroffe Mauerwand und war von der anderen Seite geschlossen. Eine Schildwache ließ an vielen Tagen niemanden hinein, an allen aber keine Juden und keine Hunde. 20 Eines Tages kam eine Generalsfrau mit einem Hunde auf dem Arm und wurde von der Schildwache wegen des Hundes zurückgewiesen. Ent¬ rüstet beschwerte sich die Frau bei ihrem Manne, dem General, und es erschien ein Parolebefehl, welcher die Instruktion der Schildwachen gegen die Hunde aufhob. Die Hunde gingen nun von Zeit zu Zeit in den Brühl- 25 sehen Garten; aber die Juden? — nein, die Juden noch nicht. Nun be¬ schwerten sich die Juden und verlangten, den Hunden gleichgestellt zu sein. Der General war in der größten Verlegenheit. Sollte er seinen Befehl zurückziehen, dessen revolutionäre Konsequenz er nicht geahndet hatte? Seine Frau bestand auf dem Rechte ihres Hundes und auch der 30 Hunde ihrer Freundinnen. Die Sache war schon zur Sitte geworden, und die Juden, das sah der General vor Augen, würden furchtbar schreien, wenn man ihnen das Privilegium der Hunde, welches sie doch im ganzen Mittelalter genossen, jetzt im 19. Jahrhundert nicht zugestände. Der General entschloß sich also, auf seine Verantwortung auch die Juden in 35 den Brühlschen Garten zu lassen, wenn er nicht wegen Anwesenheit des Hofes geschlossen war. Die Indignation war groß, aber der alte Krieger bot ihr Trotz. Nun kamen die Russen. Der Generalgouverneur Repnin fand 1813 gar keinen Hof vor. Er dachte auch wohl, es käme vielleicht keiner wieder, und machte aus dem Brühlschen Garten die Brühlsche #0 Terrasse mit der großen Treppe und dem freien Zugang, den sie jetzt hat. Dies empörte das Herz aller Normalsachsen; und wären die Russen nicht so viel populärer gewesen als die Preußen, es wäre eine Empörung ausgebrochen. So aber ließ das Volk sich hinreißen, ja es schoß sogar die herrschaftlichen Fasanen im großen Garten tot und ließ sich’s ge- fallen, daß die Russen auch diesen Spaziergang, der früher den Fasanen reserviert war, den Menschen eröffneten. Einer aber, der normalste von allen Sachsen, ein kurfürstlicher Geheimer Rat, der noch lebt, hat den Russen ihre unpassende, alles zerstörende Neuerungssucht nie vergessen.
Briefwechsel von 1843 571 Er erkennt weder die Brühlsche Terrasse noch den großen Garten an. Er geht nie „die russische Treppe“ hinauf oder hinab, er kommt immer durch das legitime Pförtchen des ehemaligen „Brühlschen Gartens“, bringt nie einen Hund oder einen Juden mit und geht in der „Fasanerie“ 5 nie anders als auf dem Mittelwege, der auch in der alten guten Zeit dem Publikum zu Fuß, außer der Brutzeit der Fasanen, offen stand. Gewiß ist der konservative Christ vernünftig, und wären alle Deutsche Normalsachsen oder gäb’ es keine Russen, die von Zeit zu Zeit kommen, um ihnen ihre Spaziergänge zu eröffnen, oder gäb’ es keine Franzosen, die io ihnen bei Jena die Zöpfe abschnitten, oder endlich gäb’ es keine Preußen und keine Neuerungssucht in den Köpfen ihrer christlichen und heid¬ nischen Könige, — man lebte nirgends ruhiger als in Dresden. So aber sind für unser sächsisches Vaterland bei aller Herrlichkeit von innen immer noch große Erschütterungen von außen zu fürchten. — 15 Die Welt ist vollkommen überall, Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual. F. an R. Bruckberg, im Juni 1843. Die Briefe und literarischen Pläne, die Sie mir mitteilen, haben mir 20 viel zu denken gegeben. Meine Einsamkeit bedarf dergleichen, versäumen Sie nicht, Ihre Sendungen zu wiederholen. Der Untergang der Deutschen Jahrbücher erinnert mich an den Untergang Polens. Die Anstrengungen weniger Menschen waren umsonst in dem allgemeinen Sumpf eines ver¬ faulten Volkslebens. 25 Wir kommen in Deutschland so bald auf keinen grünen Zweig. Es ist alles in Grund und Boden hinein verdorben, das eine auf diese, das andere auf jene Weise. Neue Menschen brauchten wir. Aber sie kommen diesmal nicht, wie bei der Völkerwanderung, aus den Sümpfen und Wäldern, aus unseren Lenden müssen wir sie erzeugen. Und dem neuen 30 Geschlecht muß die neue Welt zugeführt werden in Gedanken und in Gedicht. Alles ist von Grund aus zu erschöpfen. Eine Riesenarbeit vieler vereinten Kräfte. Kein Faden soll am alten Regimente ganz bleiben. Neue Liebe, neues Leben, sagt Goethe; neue Lehre, neues Leben, heißt es bei uns. 35 Der Kopf ist nicht immer voraus; er ist das mobilste und schwer¬ fälligste Ding zugleich. Im Kopfe entspringt das Neue, aber im Kopf haftet auch am längsten das Alte. Dem Kopf ergeben sich mit Freuden Hände und Füße. Also vor allen Dingen den Kopf gesäubert und purgiert. Der Kopf ist Theoretiker, ist Philosoph. Er muß nur das herbe Joch der *o Praxis, in das wir ihn herunterziehen, tragen und menschlich in dieser Welt auf den Schultern tätiger Menschen hausen lernen. Dies ist nur ein Unterschied der Lebensart. Was ist Theorie, was Praxis? Worin besteht ihr Unterschied? Theoretisch ist, was nur noch in meinem Kopfe steckt, praktisch, was in vielen Köpfen spukt. Was viele Köpfe eint, macht *5 Masse, macht sich breit und damit Platz in der Welt. Läßt sich ein neues Organ für das neue Prinzip schaffen, so ist das eine Praxis, die nicht versäumt werden darf.
572 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern R. an M. Paris, im August 1843. Der neue Anacharsis und der neue Philosoph haben mich überzeugt. Es ist wahr: Polen ist untergegangen, aber noch ist Polen nicht verloren, so klingt es fortdauernd aus den Ruinen hervor, und wollte Polen sein 5 Schicksal sich zur Lehre dienen lassen und sich der Vernunft und der Demokratie in die Arme werfen, das hieße freilich aufhören, Polen zu sein, es wäre wohl zu retten. „Neue Lehre, neues Leben,“ ja! wie Polen der katholische Glaube und die adelige Freiheit nicht rettet, so konnte uns die theologische Philosophie und die vornehme Wissenschaft nicht 10 befreien. Wir können unsere Vergangenheit nicht anders fortführen als durch den entschiedensten Bruch mit ihr. Die Jahrbücher sind unter¬ gegangen, die Hegelsche Philosophie hört der Vergangenheit an. Wir wollen hier in Paris ein Organ gründen, in dem wir uns selbst und ganz Deutschland völlig frei und mit unerbittlicher Aufrichtigkeit beurteilen. 15 Nur das ist eine wirkliche Verjüngung, es ist ein neues Prinzip, eine neue Stellung, eine Befreiung von dem engherzigen Wesen des Nationalismus und ein scharfer Gegenstoß gegen die brutale Reaktion der wüsten Volks- ungetiime, welche mit dem Tyrannen Napoleon auch den Humanismus der Revolution verschlangen. Philosophie und nationale Beschränktheit, 20 wie war es möglich, auch nur im Namen und im Titel eines Journals beide zusammenzubringen? Noch einmal, der deutsche Bund hat die Wiederherstellung der deutschen Jahrbücher mit Recht verboten, er ruft uns zu: keine Restauration! Wie vernünftig! Wir müssen etwas Neues unternehmen, wenn wir überhaupt etwas tun wollen. Ich bemühe 25 mich um das Merkantilische bei der Sache. Wir zählen auf Sie. Schreiben Sie mir über den Plan der neuen Zeitschrift, den ich Ihnen beilege. M. an R. Kreuznach, im September 1843. Es freut mich, daß Sie entschlossen sind und von den Rück- 30 blicken auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unter¬ nehmen vorwärts wenden. Also in Paris, der alten Hochschule der Philosophie, absü omen! und der neuen Hauptstadt der neuen Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher nicht, daß sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht verkenne, be-’as seitigen lassen. Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht; jedenfalls werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die hiesige Luft leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus keinen Spielraum für eine freie Tätigkeit sehe. w In Deutschland wird alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre Anarchie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist her¬ eingebrochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es wird daher immer klarer, daß ein neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden
Briefwechsel von 1843 573 muß. Ich bin überzeugt, durch unseren Plan würde einem wirk¬ lichen Bedürfnisse entsprochen werden, und die wirklichen Be¬ dürfnisse müssen sich doch auch wirklich erfüllen lassen. Ich zweifle also nicht an dem Unternehmen, sobald ernst damit ge- 5 macht wird. Größer noch als die äußeren Hindernisse scheinen beinahe die inneren Schwierigkeiten zu sein. Denn wenn auch kein Zweifel über das „Woher“, so herrscht desto mehr Konfusion über das „Wohin“. Nicht nur, daß eine allgemeine Anarchie unter den 10 Reformern ausgebrochen ist, so wird jeder sich selbst gestehen müssen, daß er keine exakte Anschauung von dem hat, was werden soll. Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Rich¬ tung, daß wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Bisher 15 hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel in ihrem Pulte liegen, und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul auf¬ zusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissen¬ schaft in den Mund flogen. Die Philosophie hat sich verweltlicht, und der schlagendste Beweis dafür ist, daß das philosophische 20 Bewußtsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich hineingezogen ist. Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Be- 25 stehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten. Ich bin daher nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne auf pflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzu- 30 helfen suchen, daß sie ihre Sätze sich klar machen. So ist nament¬ lich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dezamy, Weitling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist 35 selbst nur eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andere sozialistische Lehren, wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern not- 4o wendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine be¬ sondere, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist. Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine Seite, welche die Realität des wahren menschlichen Wesens betrifft. Wir haben uns ebensowohl um die andere Seite, um die 45 theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion, Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 42
574 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Wissenschaft etc. zum Gegenstände unserer Kritik zu machen. Außerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken, und zwar auf unsere deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das an¬ zustellen? Zweierlei Fakta lassen sich nicht ableugnen. Einmal die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das 0 Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa die Voyage en Icarie ihnen fertig entgegenzusetzen. Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der ver¬ nünftigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theore-10 tischen und praktischen Bewußtseins anknüpfen und aus den eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als ihr Sollen und ihren Endzweck entwickeln. Was nun das wirkliche Leben betrifft, so enthält gerade der poli¬ tische Staat, auch wo er von den sozialistischen Forderungen is noch nicht bewußterweise erfüllt ist, in allen seinen modernen Formen die Forderungen der Vernunft. Und er bleibt dabei nicht stehen. Er unterstellt überall die Vernunft als realisiert. Er ge¬ rät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Be¬ stimmung mit seinen realen Voraussetzungen. 20 Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst läßt sich daher überall die soziale Wahrheit entwickeln. Wie die Religion das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen Kämp¬ fen der Menschheit, so ist es der politische Staat von ihren praktischen. Der politische Staat drückt also innerhalb seiner 25 Form sub specie rei publicae alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus. Es ist also durchaus nicht unter der hauteur des principes, die speziellste politische Frage — etwa den Unterschied von ständischem und repräsentativem System — zum Gegenstände der Kritik zu machen. Denn diese Frage drückt nur auf poli - 30 tische Weise den Unterschied von der Herrschaft des Menschen und der Herrschaft des Privateigentums aus. Der Kritiker kann also nicht nur, er muß in diese politischen Fragen (die nach der Ansicht der krassen Sozialisten unter aller Würde sind) eingehen. Indem er den Vorzug des repräsentativen Systems vor dem ständi- 35 sehen entwickelt, interessiert er praktisch eine große Partei. Indem er das repräsentative System aus seiner politischen Form zu der allgemeinen Form erhebt und die wahre Bedeutung, die ihm zugrunde liegt, geltend macht, zwingt er zugleich diese Partei, über sich selbst hinauszugehen, denn ihr Sieg ist zugleich 40 ihr Verlust. Es hindert uns also nichts, unsere Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: 45
Briefwechsel von 1843 575 hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht: laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr 5 nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will. Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die Welt ihr Bewußtsein inne werden läßt, daß man sie aus dem Traume über sich selbst aufweckt, daß man ihre eigenen Aktionen io ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem be¬ stehen, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall ist, als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbst¬ bewußte menschliche Form gebracht werden. Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins is nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder poli¬ tisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der1) sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, w daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Ver¬ gangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Be¬ wußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt. 25 Wir können also dieTendenz unseres Blattes inEin Wort fassen: Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und für uns. Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es handelt sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden 30 vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu er¬ klären, was sie sind. O Im Original dem 42*
Zur Judenfrage 1. Bruno Bauer: Die Judenf rage. Braunschweig 1843. — 2. Bruno Bauer: Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden. Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz. Herausgegeben von Georg Herwegh. Zürich und Winterthur. 1843. S. 56—71. Von Karl Marx I. Bruno Bauer: Die Judenfrage. Braunschweig 1843. Die deutschen Juden begehren die Emanzipation. Welche Emanzipation begehren sie? Die staatsbürgerliche, die politische Emanzipation. Bruno Bauer antwortet ihnen: Niemand in Deutschland ist politisch emanzipiert. Wir selbst sind unfrei. Wie sollen wir u euch befreien? Ihr Juden seid Egoisten, wenn ihr eine be¬ sondere Emanzipation für euch als Juden verlangt. Ihr müßtet als Deutsche an der politischen Emanzipation Deutschlands, als Menschen an der menschlichen Emanzipation arbeiten und die besondere Art eures Druckes und eurer Schmach nicht als Aus- 20 nähme von der Regel, sondern vielmehr als Bestätigung der Regel empfinden. Oder verlangen die Juden Gleichstellung mit den christ- lichen Untertanen? So erkennen sie den christlichen Staat als berechtigt an, so erkennen sie das Regiment der all- 25 gemeinen Unterjochung an. Warum mißfällt ihnen ihr spezielles Joch, wenn ihnen das allgemeine Joch gefällt! Warum soll der Deutsche sich für die Befreiung des Juden interessieren, wenn der Jude sich nicht für die Befreiung des Deutschen interessiert? Der christliche Staat kennt nur Privilegien. Der30 Jude besitzt in ihm das Privilegium, Jude zu sein. Er hat als Jude Rechte, welche die Christen nicht haben. Warum begehrt er Rechte, welche er nicht hat und welche die Christen genießen! Wenn der Jude vom christlichen Staat emanzipiert sein will, so verlangt er, daß der christliche Staat sein religiöses Vor- 35 urteil aufgebe. Gibt er, der Jude, sein religiöses Vorurteil auf?
Zur Judenfrage 577 Hat er also das Recht, von einem anderen diese Abdankung der Religion zu verlangen? Der christliche Staat kann seinem Wesen nach den Juden nicht emanzipieren; aber, setzt Bauer hinzu, der Jude kann seinem 5 Wesen nach nicht emanzipiert werden. Solange der Staat christ¬ lich und der Jude jüdisch ist, sind beide ebensowenig fähig, die Emanzipation zu verleihen als zu empfangen. Der christliche Staat kann sich nur in der Weise des christ¬ lichen Staats zu dem Juden verhalten, das heißt auf privilegie- 10 rende Weise, indem er die Absonderung des Juden von den übri¬ gen Untertanen gestattet, ihn aber den Druck der anderen abge¬ sonderten Sphären empfinden und um so nachdrücklicher emp¬ finden läßt, als der Jude im religiösen Gegensatz zu der herr¬ schenden Religion steht. Aber auch der Jude kann sich nur 15 jüdisch zum Staat verhalten, das heißt zu dem Staate als einem Fremdling, indem er der wirklichen Nationalität seine chimärische Nationalität, indem er dem wirklichen Gesetz sein illusorisches Gesetz gegenüberstellt, indem er zur Absonderung von der Mensch¬ heit sich berechtigt wähnt, indem er prinzipiell keinen Anteil an 2o der geschichtlichen Bewegung nimmt, indem er einer Zukunft harrt, welche mit der allgemeinen Zukunft des Menschen nichts gemein hat, indem er sich für ein Glied des jüdischen Volkes und das jüdische Volk für das auserwählte Volk hält. Auf welchen Titel hin begehrt ihr Juden also die Emanzipation? 25 Eurer Religion wegen? Sie ist die Todfeindin der Staatsreligion. Als Staatsbürger? Es gibt in Deutschland keine Staatsbürger. Als Menschen? Ihr seid keine Menschen, so wenig als die, an welche ihr appelliert. Bauer hat die Frage der Juden-Emanzipation neu gestellt, nach- 30 dem er eine Kritik der bisherigen Stellungen und Lösungen der Frage gegeben. Wie, fragt er, sind sie beschaffen, der Jude, der emanzipiert werden, der christliche Staat, der emanzipieren soll? Er antwortet durch eine Kritik der jüdischen Religion, er analysiert den religiösen Gegensatz zwischen Judentum und 35 Christentum, er verständigt über das Wesen des christlichen Staa¬ tes, alles dies mit Kühnheit, Schärfe, Geist, Gründlichkeit in einer ebenso präzisen als kernigen und energievollen Schreibweise. Wie also löst Bauer die Judenfrage? Welches das Resultat? Die Formulierung einer Frage ist ihre Lösung. Die Kritik der 4o Judenfrage ist die Antwort auf die Judenfrage. Das Résumé also folgendes : Wir müssen uns selbst emanzipieren, ehe wir andere eman¬ zipieren können. Die starrste Form des Gegensatzes zwischen dem Juden und 45 dem Christen ist der religiöse Gegensatz. Wie löst man einen
578 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Gegensatz? Dadurch, daß man ihn unmöglich macht. Wie macht man einen religiösen Gegensatz unmöglich? Dadurch, daß man die Religion aufhebt. Sobald Jude und Christ ihre gegenseitigen Religionen nur mehr als verschiedene Ent¬ wicklungsstufen des menschlichen Geistes, als verschiedene von der Geschichte abgelegte Schlangenhäute und den Menschen als die Schlange erkennen, die sich in ihnen gehäutet, stehen sie nicht mehr in einem religiösen, sondern nur noch in einem kritischen, wissenschaftlichen, in einem menschlichen Verhältnisse. Die Wissenschaft ist dann ihre 10 Einheit. Gegensätze in der Wissenschaft lösen sich aber durch die Wissenschaft selbst. Dem deutschen Juden namentlich stellt sich der Mangel der politischen Emanzipation überhaupt und die prononcierte Christ¬ lichkeit des Staats gegenüber. In Bauers Sinn hat jedoch die is Judenfrage eine allgemeine, von den spezifisch deutschen Verhält¬ nissen unabhängige Bedeutung. Sie ist die Frage von dem Ver¬ hältnis der Religion zum Staat, von dem Widerspruch der religiösen Befangenheit und der politischen Emanzipation. Die Emanzipation von der Religion wird als 20 Bedingung gestellt, sowohl an den Juden, der politisch emanzipiert sein will, als an den Staat, der emanzipieren und selbst emanzi¬ piert sein soll. „Gut! sagt man, und der Jude sagt es selbst, der Jude soll auch nicht als Jude, nicht weil er Jude ist, nicht weil er ein so treffliches 25 allgemein menschliches Prinzip der Sittlichkeit hat, emanzipiert werden, der Jude wird vielmehr selbst hinter den Staats¬ bürger zurücktreten und Staatsbürger sein, trotzdem daß er Jude ist und Jude bleiben soll; d. h. er ist und bleibt Jude, trotzdem daß er Staatsbürger ist und in allgemein 30 menschlichen Verhältnissen lebt: sein jüdisches und beschränktes Wesen trägt immer und zuletzt über seine menschlichen und poli¬ tischen Verpflichtungen den Sieg davon. Das Vorurteil bleibt, trotzdem daß es von allgemeinen Grundsätzen überflügelt ist. Wenn es aber bleibt, so überflügelt es vielmehr alles Andere.“ 35 „Nur sophistisch, dem Scheine nach, würde der Jude im Staats¬ leben Jude bleiben können; der bloße Schein würde also, wenn er Jude bleiben wollte, das Wesentliche sein und den Sieg davon¬ tragen, d. h. sein Leben im Staat würde nur Schein oder eine momentane Ausnahme gegen das Wesen und die Regel sein.“ 40 (Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden. Einundzwanzig Bogen, p. 57.) Hören wir andererseits, wie Bauer die Aufgabe des Staats stellt: „Frankreich“, heißt es, „hat uns neuerlich (Verhandlungen der Deputiertenkammer vom 26. Dezember 1840) in bezug auf 45
Zur Judenfrage 579 die Judenfrage — so wie in allen anderen politischen Fragen [seit der Julirevolution] beständig — den Anblick eines Lebens ge¬ geben, welches frei ist, aber seine Freiheit im Gesetz revoziert, also auch für einen Schein erklärt und auf der anderen Seite sein 5 freies Gesetz durch die Tat widerlegt.“ (Judenfrage, p. 64.) „Die allgemeine Freiheit ist in Frankreich noch nicht Gesetz, die Judenfrage auch noch nicht gelöst, weil die gesetz¬ liche Freiheit — daß alle Bürger gleich sind — im Leben, welches von den religiösen Privilegien noch beherrscht und zerteilt ist, io beschränkt wird und diese Unfreiheit des Lebens auf das Gesetz zurückwirkt und dieses zwingt, die Unterscheidung der an sich freien Bürger in Unterdrückte und Unterdrücker zu sanktio¬ nieren.“ (p. 65.) Wann also wäre die Judenfrage für Frankreich gelöst? io „Der Jude z. B. müßte aufgehört haben, Jude zu sein, wenn er sich durch sein Gesetz nicht verhindern läßt, seine Pflichten gegen den Staat und seine Mitbürger zu erfüllen, also z. B. am Sabbath in die Deputierten-Kammer geht und an den öffentlichenVerhandlun- gen teilnimmt. Jedes religiösePrivilegium überhaupt, also 20 auch das Monopol einer bevorrechteten Kirche, müßte auf gehoben, und wenn einige oder mehrere oder auchdieüberwiegende Mehrzahl noch religiöse Pflichten glaubten er¬ füllen zu müssen, so müßte diese Erfüllung als eine reine Privatsache ihnen selbst überlassen sein.“ (p. 65.) 25 „Es gibt keine Religion mehr, wenn es keine privilegierte Religion mehr gibt. Nehmt der Religion ihre ausschließende Kraft, und sie existiert nicht mehr.“ (p. 66.) „So gut, wie Herr Martin du Nord in dem Vorschlag, die Erwähnung des Sonntags im Gesetze zu unterlassen, den Antrag auf die Erklärung sah, daß das Christen- 3o tum auf gehört habe, zu existieren, mit demselben Rechte (und dies Recht ist vollkommen begründet) würde die Erklärung, daß das Sabbathgesetz für den Juden keine Verbindlichkeit mehr habe, die Proklamation der Auflösung des Judentums sein.“ (p. 71.) Bauer verlangt also einerseits, daß der Jude das Judentum, 35 überhaupt der Mensch die Religion auf gebe, um staatsbür¬ gerlich emanzipiert zu werden. Andererseits gilt ihm konse¬ quenterweise die politische Aufhebung der Religion für die Aufhebung der Religion schlechthin. Der Staat, welcher die Reli¬ gion voraussetzt, ist noch kein wahrer, kein wirklicher Staat. 4t> „Allerdings gibt die religiöse Vorstellung dem Staat Garantien. Aber welchem Staat? WelcherArtdesStaates?“ (p. 97. ) An diesem Punkt tritt die einseitige Fassung der Juden¬ frage hervor. Es genügte keineswegs zu untersuchen: Wer soll emanzipieren? 45 Wer soll emanzipiert werden? Die Kritik hatte ein Drittes zu tun.
580 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Sie mußte fragen: Von welcher Art der Emanzipation handelt es sich? Welche Bedingungen sind im Wesen der ver¬ langten Emanzipation begründet? Die Kritik der politischen Emanzipation selbst war erst die schließliche Kritik der Judenfrage und ihre wahre Auflösung in die „allgemeine « Frage der Ze it“. Weil Bauer die Frage nicht auf diese Höhe erhebt, verfällt er in Widersprüche. Er stellt Bedingungen, die nicht im Wesen der politischen Emanzipation selbst begründet sind. Er wirft Fragen auf, welche seine Aufgabe nicht enthält, und er löst Auf-10 gaben, welche seine Frage unerledigt lassen. Wenn Bauer von den Gegnern der Judenemanzipation sagt: „Ihr Fehler war nur der, daß sie den christlichen Staat als den einzig wahren voraus¬ setzten und nicht derselben Kritik unterwarfen, mit der sie das Judentum betrachteten“ (p. 3), so finden wir Bauers Fehler darin, is daß er n u r den „christlichen Staat“, nicht den „Staat schlecht¬ hin“ der Kritik unterwirft, daß er das Verhältnis der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation nicht untersucht und daher Bedingungen stellt, welche nur aus einer unkritischen Verwechslung der poli- so tischen Emanzipation mit der allgemein menschlichen erklärlich sind. Wenn Bauer die Juden fragt: Habt ihr von eurem Stand¬ punkt aus das Recht, die politische Emanzipation zu begehren? so fragen wir umgekehrt: Hat der Standpunkt der politischen Emanzipation das Recht, vom Juden die Auf-25 hebung des Judentums, vom Menschen überhaupt die Aufhebung der Religion zu verlangen? Die Judenfrage erhält eine veränderte Fassung, je nach dem Staate, in welchem der Jude sich befindet. In Deutschland, wo kein politischer Staat, kein Staat als Staat existiert, ist die Juden- 30 frage eine rein theologische Frage. Der Jude befindet sich im religiösen Gegensatz zum Staat, der das Christentum als seine Grundlage bekennt. Dieser Staat ist Theologe ex professo. Die Kritik ist hier Kritik der Theologie, zweischneidige Kritik, Kritik der christlichen, Kritik der jüdischen Theologie. Aber so 3$ bewegen wir uns immer noch in der Theologie, so sehr wir uns auch kritisch in ihr bewegen mögen. In Frankreich, in dem konstitutionellen Staat, ist die Judenfrage die Frage des Konstitutionalismus, die Frage von der Halbheit der politischen Emanzipation. Dahier/® der Schein einer Staatsreligion, wenn auch in einer nichts¬ sagenden und sich selbst widersprechenden Formel, in der Formel einer Religion der Mehrheit beibehalten ist, so behält das Verhältnis der Juden zum Staat den Schein eines reli¬ giösen, theologischen Gegensatzes. «
Zur Judenfrage 581 Erst in den nordamerikanischen Freistaaten — wenigstens in einem Teil derselben — verliert die Judenfrage ihre theo¬ logische Bedeutung und wird zu einer wirklich weltlichen Frage. Nur wo der politische Staat in seiner vollständigen Aus- 5 Bildung existiert, kann das Verhältnis des Juden, überhaupt des religiösen Menschen, zum politischen Staat, also das Verhältnis der Religion zum Staat, in seiner Eigentümlichkeit, in seiner Rein¬ heit heraustreten. Die Kritik dieses Verhältnisses hört auf, theo¬ logische Kritik zu sein, sobald der Staat aufhört, auf theo- 10 logische Weise sich zur Religion zu verhalten, sobald er sich als Staat, d. h. politisch, zur Religion verhält. Die Kri¬ tik wird dann zur Kritik des politischen Staats. An diesem Punkt, wo die Frage aufhört, theologisch zu sein, hört Bauers Kritik auf, kritisch zu sein. ,,/Z n existe aux Etats- 15 Unis ni religion de l’Etat, ni religion déclarée celle de la majorité ni prééminence d’un culte sur un autre. L’Etat est étranger à tous les cultes“ (Marie ou F esclavage aux Etats-Unis etc., par. G. de Beaumont. Paris 1835, p. 214.) Ja es gibt einige nordamerika¬ nische Staaten, wo „la constitution n’impose pas les croyances 20 religieuses et la pratique d’un culte comme condition des privi¬ lèges politiques“ (1. c. p. 225). Dennoch „on ne croit pas aux Etats-Unis qu’un homme sans religion puisse être un honnête homme“ (1. c. p. 224). Dennoch ist Nordamerika vorzugsweise das Land der Religiosität, wie Beaumont, Tocqueville und der 25 Engländer Hamilton aus einem Munde versichern. Die nord¬ amerikanischen Staaten gelten uns indes nur als Beispiel. DieFrage ist: Wie verhält sich die vollendete politische Emanzipation zur Religion? Finden wir selbst im Lande der vollendeten poli¬ tischen Emanzipation nicht nur die Existenz, sondern die 50 lebensfrische, die lebenskräftige Existenz der Re¬ ligion, so ist der Beweis geführt, daß das Dasein der Religion der Vollendung des Staats nicht widerspricht. Da aber das Dasein der Religion das Dasein eines Mangels ist, so kann die Quelle dieses Mangels nur noch im Wesen des Staates selbst gesucht 35 werden. Die Religion gilt uns nicht mehr als der Grund, son¬ dern nur noch als das Phänomen der weltlichen Beschränkt¬ heit. Wir erklären daher die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit. Wir behaupten nicht, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufheben müssen, um *o ihre weltlichen Schranken aufzuheben. Wir behaupten, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufheben, sobald sie ihre weltliche Schranke aufheben. Wir verwandeln nicht die weltlichen Fragen in theologische. Wir verwandeln die theologischen Fragen in weltliche. Nachdem die Geschichte lange genug in Aberglauben 45 aufgelöst worden ist, lösen wir den Aberglauben in Geschichte
582 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern auf. Die Frage von dem Verhältnisse der politischen Emanzipation zur Religion wird für uns die Frage von dem Verhältnis der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation. Wir kritisieren die religiöse Schwäche des politischen Staats, indem wir den poli- 5 tischen Staat, abgesehen von den religiösen Schwächen, in seiner weltlichen Konstruktion kritisieren. Den Widerspruch des Staats mit einer bestimmten Religion, etwa dem Judentum, vermenschlichen wir in den Widerspruch des Staats mit bestimmten weltlichen Elementen, den 10 Widerspruch des Staats mit der Religion überhaupt, in den Widerspruch des Staats mit seinen Voraussetzungen überhaupt. Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipa• 15 tion des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion. In seiner Form, in der seinem Wesen eigen¬ tümlichen Weise, als Staat emanzipiert sich der Staat von der Religion, indem er sich von der Staatsreligion emanzi¬ piert, d. h., indem der Staat als Staat keine Religion bekennt, 20 indem der Staat sich vielmehr als Staat bekennt. Die poli¬ tische Emanzipation von der Religion ist nicht die durch¬ geführte, die widerspruchslose Emanzipation von der Religion, weil die politische Emanzipation nicht die durchgeführte, die widerspruchslose Weise der menschlichen Emanzipation 25 ist. Die Grenze der politischen Emanzipation erscheint sogleich darin, daß der Staat sich von einer Schranke befreien kann, ohne daß der Mensch wirklich von ihr frei wäre, daß der Staat ein Freistaat sein kann, ohne daß der Mensch ein 30 freier Mensch wäre. Bauer selbst gibt dies stillschweigend zu, wenn er folgende Bedingung der politischen Emanzipation setzt: „Jedes religiöse Privilegium überhaupt, also auch das Mo¬ nopol einer bevorrechteten Kirche, müßte aufgehoben, und wenn einige oder mehrere oder auch die überwiegende Mehr- 35 zahl noch religiöse Pflichten glaubten er¬ füllen zu müssen, so müßte diese Erfüllung als eine reine Privatsache ihnen selbst überlassen sein/6 Der Staat kann sich also von der Religion emanzipiert haben, sogar wenn die überwiegende Mehrzahl noch religiös ist. Und 40 die überwiegende Mehrzahl hört dadurch nicht auf, religiös zu sein, daß sie privatim religiös ist. Aber das Verhalten des Staats zur Religion, namentlich des Freistaats, ist doch nur das Verhalten der Menschen, die den Staat bilden, zur Religion. Es folgt hieraus, daß der 43
Zur Judenfrage 583 Mensch durch das Medium des Staats, daß er poli¬ tisch von einer Schranke sich befreit, indem er sich im Wider¬ spruch mit sich selbst, indem er sich auf eine abstrakte und beschränkte, auf partielle Weise über diese Schranke erhebt. 5 Es folgt ferner, daß der Mensch auf einem Umweg, durch ein Medium, wenn auch durch ein notwendiges Medium sich befreit, indem er sich politisch befreit. Es folgt endlich, daß der Mensch, selbst wenn er durch die Vermittlung des Staats sich als Atheisten proklamiert, d. h., wenn er den Staat zum 10 Atheisten proklamiert, immer noch religiös befangen bleibt, eben weil er sich nur auf einem Umweg, weil er nur durch ein Medium sich selbst anerkennt. Die Religion ist eben die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg. Durch einen Mittler. Der Staat ist der Mittler zwischen dem Menschen und der Freiheit des Men- 15 sehen. Wie Christus der Mittler ist, dem der Mensch seine ganze Göttlichkeit, seine ganze religiöse Befangenheit auf¬ bürdet, so ist der Staat der Mittler, in den er seine ganze Ungött¬ lichkeit, seine ganze menschliche Unbefangenheit verlegt. 2o Die politische Erhebung des Menschen über die Religion teilt alle Mängel und alle Vorzüge der politischen Erhebung über¬ haupt. Der Staat als Staat annulliert z. B. das Privat¬ eigentum, der Mensch erklärt auf politische Weise das Privateigentum für aufgehoben, sobald er den Zensus 25 für aktive und passive Wählbarkeit aufhebt, wie dies in vielen nordamerikanischen Staaten geschehen ist. Hamilton inter¬ pretiert dies Faktum von politischem Standpunkte ganz richtig dahin: „Der große Haufen hat den Sieg über die Eigentümer und den Geldreichtum davon- 30 getragen.“ Ist das Privateigentum nicht ideell aufgehoben, wenn der Nichtbesitzende zum Gesetzgeber des Besitzenden ge¬ worden ist? Der Zensus ist die letzte politische Form, das Privateigentum anzuerkennen. Dennoch ist mit der politischen Annullation des Privateigen- 35 tums das Privateigentum nicht nur nicht auf gehoben, sondern so¬ gar vorausgesetzt. Der Staat hebt den Unterschied der Geburt, des Standes, der Bildung, der Beschäftigung in seiner Weise auf, wenn er Geburt, Stand, Bildung, Beschäf¬ tigung für unpolitische Unterschiede erklärt, wenn er ohne 4o Rücksicht auf diese Unterschiede jedes Glied des Volkes zum gleichmäßigen Teilnehmer der Volkssouveränität ausruft, wenn er alle Elemente des wirklichen Volkslebens von dem Staats- gesichtspunkt aus behandelt. Nichtsdestoweniger läßt der Staat das Privateigentum, die Bildung, die Beschäftigung auf ihre 45 Weise, d. h. als Privateigentum, als Bildung, als Beschäftigung
584 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern wirken und ihr besonderes Wesen geltend machen. Weit entfernt, diese faktischen Unterschiede aufzuheben, existiert er vielmehr nur unter ihrer Voraussetzung, empfindet er sich als politischer Staat und macht er seine Allgemein¬ heit geltend nur im Gegensatz zu diesen seinen Elementen. 5 Hegel bestimmt das Verhältnis des politischen Staats zur Religion daher ganz richtig, wenn er sagt: „Damit der Staat als die sich wissende sittliche Wirklichkeit des Geistes zum Dasein komme, ist seine Unterscheidung von der Form der Autorität und des Glaubens notwendig; diese Unter-10 Scheidung tritt aber nur hervor, insofern die kirchliche Seite in sich selbst zur Trennung kommt; nur so über den be¬ sonderen Kirchen hat der Staat die Allgemeinheit des Gedankens, das Prinzip seiner Form gewonnen und bringt sie zur Existenz“ (Hegels Rechtsphil., 1. Ausg., p. 346). Allerdings! 15 Nur so über den besonderen Elementen konstituiert sich der Staat als Allgemeinheit. Der vollendete politische Staat ist seinem Wesen nach das Gattungsleben des Menschen im Gegensatz zu seinem materiellen Leben. Alle Voraussetzungen dieses egoistischen 20 Lebens bleiben außerhalb der Staatssphäre in der bürger¬ lichen Gesellschaft bestehen, aber als Eigenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Wo der politische Staat seine wahre Ausbildung erreicht hat, führt der Mensch nicht nur im Gedanken, im Bewußtsein, sondern in der Wirklichkeit, im Leben 25 ein doppeltes, ein himmlisches und ein irdisches Leben, das Leben im politischen Gemeinwesen, worin er sich als Ge¬ meinwesen gilt, und das Leben in der bürgerlichen Ge¬ sellschaft, worin er als Privatmensch tätig ist, die anderen Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel 30 herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird. Der po¬ litische Staat verhält sich ebenso spiritualistisch zur bürgerlichen Gesellschaft wie der Himmel zur Erde. Er steht in demselben Gegensatz zu ihr, er überwindet sie in derselben Weise wie die Religion die Beschränktheit der profanen Welt, d. h., indem er 35 sie ebenfalls wieder anerkennen, herstellen, sich selbst von ihr beherrschen lassen muß. Der Mensch in seiner nächsten Wirk¬ lichkeit, in der bürgerlichen Gesellschaft, ist ein profanes Wesen. Hier, wo er als wirkliches Individuum sich selbst und anderen gilt, ist er eine unwahre Erscheinung. In dem Staat dagegen, wo 40 der Mensch als Gattungswesen gilt, ist er das imaginäre Glied einer eingebildeten Souveränität, ist er seines wirklichen indi¬ viduellen Lebens beraubt und mit einer unwirklichen Allgemein¬ heit erfüllt. Der Konflikt, in welchem sich der Mensch als Bekenner einer 45
Zur Judenfrage 585 besonderen Religion mit seinem Staatsbürgertum, mit den anderen Menschen als Gliedern des Gemeinwesens befindet, redu¬ ziert sich auf die weltliche Spaltung zwischen dem poli¬ tischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft. 5 Für den Menschen als bourgeois ist das „Leben im Staate nur Schein oder eine momentane Ausnahme gegen das Wesen und die Reger6. Allerdings bleibt der bourgeois, wie der Jude, nur sophistisch im Staatsleben, wie der citoyen nur sophistisch Jude oder bourgeois bleibt; aber diese Sophistik ist nicht persönlich. 10 Sie ist die Sophistik des politischen Staates selbst. Die Differenz zwischen dem religiösen Menschen und dem Staats¬ bürger ist die Differenz zwischen dem Kaufmann und dem Staats¬ bürger, zwischen dem Taglöhner und dem Staatsbürger, zwi¬ schen dem Grundbesitzer und dem Staatsbürger, zwischen dem 25 lebendigen Individuum und dem Staatsbürger. Der Widerspruch, in dem sich der religiöse Mensch mit dem politischen Menschen befindet, ist derselbe Widerspruch, in wel¬ chem sich der bourgeois mit dem citoyen, in welchem sich das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft mit seiner politischen 20 Löwenhaut befindet. Diesen weltlichen Widerstreit, auf welchen sich die Judenfrage schließlich reduziert, das Verhältnis des politischen Staates zu seinen Voraussetzungen, mögen dies nun materielle Elemente sein, wie das Privateigentum etc., oder geistige, wie Bildung, Religion, 25 den Widerstreit zwischen dem allgemeinen Interesse und dem Privatinteresse, die Spaltung zwischen dem poli¬ tischen Staate und der bürgerlichen Gesellschaft, diese weltlichen Gegensätze läßt Bauer bestehen, während er gegen ihren religiösen Ausdruck polemisiert. „Gerade ihre so Grundlage, das Bedürfnis, welches der bürgerlichen Ge¬ sellschaft ihr Bestehen sichert und ihre Notwendig¬ keit garantiert, setzt ihr Bestehen beständigen Gefahren aus, unterhält in ihr ein unsicheres Element und bringt jene in beständigem Wechsel begriffene Mischung von Armut und 35 Reichtum, Not und Gedeihen, überhaupt den Wechsel hervor.66 (P- 8.) Man vergleiche den ganzen Abschnitt: „Die bürgerliche Ge¬ sellschaft66 (p. 8—9), der nach den Grundzügen der Hegelschen Rechtsphilosophie entworfen ist. Die bürgerliche Gesellschaft in ihrem Gegensatz zum politischen Staate wird als notwendig an¬ erkannt, weil der politische Staat als notwendig anerkannt wird. Die politische Emanzipation ist allerdings ein großer Fortschritt, sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzte Form der mensch- fß liehen Emanzipation innerhalb der bisherigen Weltordnung.
586 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Es versteht sich: wir sprechen hier von wirklicher, von praktischer Emanzipation. Der Mensch emanzipiert sich politisch von der Religion, indem er sie aus dem öffentlichen Recht in das Privatrecht ver¬ bannt. Sie ist nicht mehr der Geist des Staates, wo der Mensch « — wenn auch in beschränkter Weise, unter besonderer Form und in einer besonderen Sphäre — sich als Gattungswesen verhält, in Gemeinschaft mit anderen Menschen, sie ist zum Geist der bür¬ gerlichen Gesellschaft geworden, der Sphäre des Egois¬ mus, des bellum omnium contra omnes. Sie ist nicht mehr das 10 Wesender Gemeinschaft, sondern das Wesen des Unter¬ schieds. Sie ist zum Ausdruck der Trennung des Menschen von seinem Gemeinwesen, von sich und den anderen Men¬ schen geworden — was sie ursprünglich war. Sie ist nur noch das abstrakte Bekenntnis der besonderen Verkehrtheit, der u Privatschrulle, der Willkür. Die unendliche Zersplitterung der Religion in Nordamerika z. B. gibt ihr schon äußerlich die Form einer rein individuellen Angelegenheit. Sie ist unter die Zahl der Privatinteressen hinabgestoßen und aus dem Gemein¬ wesen als Gemeinwesen exiliert. Aber man täusche sich nicht 20 über die Grenze der politischen Emanzipation. Die Spaltung des Menschen in den öffentlichen und in den Privat¬ menschen, die Dislokation der Religion aus dem Staate in die bürgerliche Gesellschaft, sie ist nicht eine Stufe, sie ist die Vollendung der politischen Emanzipation, die alsots die wirkliche Religiosität des Menschen ebensowenig auf¬ hebt, als aufzuheben strebt. Die Zersetzung des Menschen in den Juden und in den Staatsbürger, in den Protestanten und in den Staatsbürger, in den religiösen Menschen und in den Staatsbürger, diese Zersetzung 30 ist keine Lüge gegen das Staatsbürgertum, sie ist keine Um¬ gehung der politischen Emanzipation, sie ist die politische Emanzipation selbst, sie ist die politische Weise, sich von der Religion zu emanzipieren. Allerdings: in Zeiten, wo der politische Staat als politischer Staat gewaltsam aus der bür- 35 gerlichen Gesellschaft heraus geboren wird, wo die menschliche Selbstbefreiung unter der Form der politischen Selbstbefreiung sich zu vollziehen strebt, kann und muß der Staat bis zur Auf¬ hebung der Religion, bis zur Vernichtung der Reli¬ gion fortgehen, aber nur so, wie er zur Aufhebung des Privat- « eigentums, zum Maximum, zur Konfiskation, zur progressiven Steuer, wie er zur Aufhebung des Lebens, zur Guillotine fortgeht. In den Momenten seines besonderen Selbstgefühls sucht das politische Leben seine Voraussetzung, die bürgerliche Gesell¬ schaft und ihre Elemente, zu erdrücken und sich als das wirk- u
Zur Judenfrage 587 liehe, widerspruchslose Gattungsleben des Menschen zu konsti¬ tuieren. Es vermag dies indes nur durch gewaltsamen Wider¬ spruch gegen seine eigenen Lebensbedingungen, nur indem es die Revolution für permanent erklärt, und das politische Drama 5 endet daher ebenso notwendig mit der Wiederherstellung der Religion, des Privateigentums, aller Elemente der bürgerlichen Gesellschaft, wie der Krieg mit dem Frieden endet. Ja, nicht der sogenannte christliche Staat, der das Chri¬ stentum als seine Grundlage, als Staatsreligion bekennt und sich 10 daher ausschließend zu anderen Religionen verhält, ist der voll¬ endete christliche Staat, sondern vielmehr der atheistische Staat, der demokratische Staat, der Staat, der die Religion unter die übrigen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft ver¬ weist. Dem Staat, der noch Theologe ist, der noch das Glaubens- 15 bekenntnis des Christentums auf offizielle Weise ablegt, der sich noch nicht alsStaatzu proklamieren wagt, ihm ist es noch nicht gelungen, in weltlicher, menschlicher Form, in seiner Wirklichkeit als Staat die menschliche Grundlage aus¬ zudrücken, deren überschwänglicher Ausdruck das Christentum 2o ist. Der sogenannte christliche Staat ist nur einfach der Nicht- staat, weil nicht das Christentum als Religion, sondern nur der menschliche Hintergrund der christlichen Religion in wirklich menschlichen Schöpfungen sich ausführen kann. Der sogenannte christliche Staat ist die christliche Verneinung 25 des Staats, aber keineswegs die staatliche Verwirklichung des Christentums. Der Staat, der das Christentum noch in der Form der Religion bekennt, bekennt es noch nicht in der Form des Staats, denn er verhält sich noch religiös zu der Religion, d. h. er ist nicht die wirkliche Ausführung des mensch- 30 liehen Grundes der Religion, weil er noch auf die Unwirk¬ lich k e i t, auf die imaginäre Gestalt dieses menschlichen Kernes provoziert. Der sogenannte christliche Staat ist der un¬ vollkommene Staat, und die christliche Religion gilt ihm als Ergänzung und als Heiligung seiner Unvollkommenheit. 35 Die Religion wird ihm daher notwendig zum Mittel, und er ist der Staat der Heuchelei. Es ist ein großer Unterschied, ob der vollendete Staat wegen des Mangels, der im allgemeinen Wesen des Staats liegt, die Religion unter seine Voraus¬ setzungen zählt, oder ob der unvollendete Staat wegen io des Mangels, der in seiner besonderen Existenz liegt, als mangelhafter Staat, die Religion für seine Grundlage er¬ klärt. Im letzteren Falle wird die Religion zur unvollkom¬ menen Politik. Im ersten Falle zeigt sich die Unvollkommen¬ heit selbst der vollendeten Politik in der Religion. Der so- 45 genannte christliche Staat bedarf der christlichen Religion, um
588 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern sich als Staat zu vervollständigen. Der demokratische Staat, der wirkliche Staat, bedarf nicht der Religion zu seiner politischen Vervollständigung. Er kann vielmehr von der Religion ab¬ strahieren, weil in ihm die menschliche Grundlage der Religion auf weltliche Weise ausgeführt ist. Der sogenannte christliche s Staat verhält sich dagegen politisch zur Religion und religiös zur Politik. Wenn er die Staatsformen zum Schein herabsetzt, so setzt er ebensosehr die Religion zum Schein herab. Um diesen Gegensatz zu verdeutlichen, betrachten wir Bauers Konstruktion des christlichen Staats, eine Konstruktion, welche 10 aus der Anschauung des christlich-germanischen Staats hervor¬ gegangen ist. „Man hat neuerlich,“ sagt Bauer, „um die Unmöglich¬ keit oder Nichtexistenz eines christlichen Staates zu be¬ weisen, öfter auf diejenigen Aussprüche in den Evangelien hin- io gewiesen, die der [jetzige] Staat nicht nur nicht befolgt, son¬ dern auch nicht einmal befolgen kann, wenn er sich nicht [als Staat] vollständig auflösen will.“ „So leicht aber ist die Sache nicht abgemacht. Was verlangen denn jene evangelischen Sprüche? Die übernatürliche Selbstverleug- 20 nung, die Unterwerfung unter die Autorität der Offenbarung, die Abwendung vom Staat, die Aufhebung der weltlichen Verhält¬ nisse. Nun, alles das verlangt und leistet der christliche Staat. Er hat den Geist des Evangeliums sich angeeignet, und wenn er ihn nicht mit denselben Buchstaben wiedergibt, mit denen ihn 25 das Evangelium ausdrückt, so kommt das nur daher, weil er diesen Geist in Staatsformen, d. h. in Formen ausdrückt, die zwar dem Staatswesen und dieser Welt entlehnt sind, aber in der religiösen Wiedergeburt, die sie erfahren müssen, zum Schein herabgesetzt werden. Er ist die Abwendung vom Staate, die sich zu ihrer Aus- so führung der Staatsformen bedient.“ (p. 55.) Bauer entwickelt mm weiter, wie das Volk des christlichen Staats nur ein Nichtvolk ist, keinen eigenen Willen mehr hat, sein wahres Dasein aber in dem Haupte besitzt, dem es untertan, welches ihm jedoch ursprünglich und seiner Natur nach fremd, 35 d. h. von Gott gegeben und ohne sein eigenes Zutun zu ihm ge¬ kommen ist, wie die Gesetze dieses Volkes nicht sein Werk, son¬ dern positive Offenbarungen sind, wie sein Oberhaupt privile¬ gierter Vermittler mit dem eigentlichen Volke, mit der Masse be¬ darf, wie diese Masse selbst in eine Menge besonderer Kreise zer- so fällt, welche der Zufall bildet und bestimmt, die sich durch ihre Interessen, besonderen Leidenschaften und Vorurteile unter¬ scheiden und als Privilegium die Erlaubnis bekommen, sich gegenseitig voneinander abzuschließen, etc. (p. 56.) Allein Bauer sagt selbst: „Die Politik, wenn sie nichts als 45
Zur Judenfrage 589 Religion sein soll, darf nicht Politik sein, sowenig, wie das Rei¬ nigen der Kochtöpfe, wenn es als Religionsangelegenheit gelten soll, als eine Wirtschaftssache betrachtet werden darf.“ (p. 108.) Im christlich-germanischen Staat ist aber die Religion eine „Wirt- 5 schaftssache“, wie die „Wirtschaftssache“ Religion ist. Im christ¬ lich-germanischen Staat ist die Herrschaft der Religion die Reli¬ gion der Herrschaft. Die Trennung des „Geistes des Evangeliums“ von den „Buch¬ staben des Evangeliums“ ist ein irreligiöser Akt. Der Staat, io der das Evangelium in den Buchstaben der Politik sprechen läßt, in anderen Buchstaben als den Buchstaben des heiligen Geistes, begeht ein Sakrilegium, wenn nicht vor menschlichen Augen, so doch vor seinen eigenen religiösen Augen. Dem Staate, der das Christentum als seine höchste Norm, der die Bibel als seine 15 Charte bekennt, muß man die Worte der heiligen Schrift ent¬ gegenstellen, denn die Schrift ist heilig bis auf das Wort. Dieser Staat sowohl als das Menschenkehricht, worauf er basiert, gerät in einen schmerzlichen, vom Standpunkte des reli¬ giösen Bewußtseins aus unüberwindlichen Widerspruch, wenn 2o man ihn auf diejenigen Aussprüche des Evangeliums verweist, die er „nicht nur nicht befolgt, sondern auch nicht einmal be¬ folgen kann, wenn er sich nicht als Staat voll¬ ständig auflösen wil 1“. Und warum will er sich nicht vollständig auflösen? Er selbst kann darauf weder sich noch 25 andern antworten. Vor seinem eigenen Bewußtsein ist der offizielle christliche Staat ein Sollen, dessen Verwirklichung unerreichbar ist, der die Wirklichkeit seiner Existenz nur durch Lügen vor sich selbst zu konstatieren weiß und sich selbst daher stets ein Gegenstand des Zweifels, ein unzuverlässiger, 20 problematischer Gegenstand bleibt. Die Kritik befindet sich also in vollem Rechte, wenn sie den Staat, der auf die Bibel provoziert, zur Verrücktheit des Bewußtseins zwingt, wo er selbst nicht mehr weiß, ob er eine Einbildung oder eine Realität ist, wo die Infamie seiner weltlichen Zwecke, denen die Religion 35 zum Deckmantel dient, mit der Ehrlichkeit seines religiösen Bewußtseins, dem die Religion als Zweck der Welt erscheint, in unauflöslichen Konflikt gerät. Dieser Staat kann sich nur aus seiner inneren Qual erlösen, wenn er zum Schergen der katho¬ lischen Kirche wird. Ihr gegenüber, welche die weltliche Macht 4o für ihren dienenden Körper erklärt, ist der Staat ohnmächtig, ohn¬ mächtig die weltliche Macht, welche die Herrschaft des reli¬ giösen Geistes zu sein behauptet. In dem sogenannten christlichen Staate gilt zwar die Ent¬ fremdung, aber nicht der Mensch. Der einzige Mensch, 45 der gilt, der K ö n i g, ist ein von den anderen Menschen spezifisch Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 43
590 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern unterschiedenes, dabei selbst noch religiöses, mit dem Himmel, mit Gott direkt zusammenhängendes Wesen. Die Beziehungen, die hier herrschen, sind noch gläubige Beziehungen. Der religiöse Geist ist also noch nicht wirklich verweltlicht. Aber der religiöse Geist kann auch nicht wirklich verwelt- <5 licht werden, denn was ist er selbst, als die unweltliche Form einer Entwicklungsstufe des menschlichen Geistes? Der religiöse Geist kann nur verwirklicht werden, insofern die Entwicklungs stufe des menschlichen Geistes, deren religiöser Ausdruck er ist. in ihrer weltlichen Form heraustritt und sich konstituiert. 10 Dies geschieht im demokratischen Staat. Nicht das Christentum, sondern der menschliche Grund des Christentums ist der Grund dieses Staates. Die Religion bleibt das ideale, unweltliche Bewußtsein seiner Glieder, weil sie die ideale Form der menschlichen Entwicklungsstufe ist, die is in ihm durchgeführt wird. Religiös sind die Glieder des politischen Staats durch der Dualismus zwischen dem individuellen und dem Gattungsleben, zwischen dem Leben der bürgerlichen Gesellschaft und dem poli¬ tischen Leben, religiös, indem der Mensch sich zu dem seiner wirk- 20 liehen Individualität jenseitigen Staatsleben als seinem wahrer Leben verhält, religiös, insofern die Religion hier der Geist de: bürgerlichen Gesellschaft, der Ausdruck der Trennung und de: Entfernung des Menschen vom Menschen ist. Christlich ist die politische Demokratie, indem in ihr der Mensch, nicht nur eil 25 Mensch, sondern jeder Mensch, als souveränes, als höchstes Wesen gilt, aber der Mensch in seiner unkultivierten, unsozialei Erscheinung, der Mensch in seiner zufälligen Existenz, de: Mensch, wie er geht und steht, der Mensch, wie er durch die ganze Organisation unserer Gesellschaft verdorben, sich selbst verloren. 30 veräußert, unter die Herrschaft unmenschlicher Verhältnisse und Elemente gegeben ist, mit einem Wort, der Mensch, der noch keil wirkliches Gattungswesen ist. Das Phantasiegebild, de: Traum, das Postulat des Christentums, die Souveränität des Men¬ schen, aber als eines fremden, von dem wirklichen Menschei 35 unterschiedenen Wesens, ist in der Demokratie sinnliche Wirk¬ lichkeit, Gegenwart, weltliche Maxime. Das religiöse und theologische Bewußtsein selbst gilt sich ii der vollendeten Demokratie um so religiöser, um so theologischer, als es scheinbar ohne politische Bedeutung, ohne irdische Zwecke, 40 Angelegenheit des weltscheuen Gemütes, Ausdruck der Verstandes- Borniertheit, Produkt der Willkür und der Phantasie, als es eil wirklich jenseitiges Leben ist. Das Christentum erreicht hier den praktischen Ausdruck seiner universalreligiösen Bedeutung, indem die verschiedenartigste Weltanschauung in der Form des 45
Zur Judenfrage 591 Christentums sich nebeneinander gruppiert, noch mehr dadurch, daß es an andere nicht einmal die Forderung des Christentums, sondern nur noch der Religion überhaupt, irgendeiner Religion stellt (vergl. die angeführte Schrift von Beaumont). Das religiöse 5 Bewußtsein schwelgt in dem Reichtum des religiösen Gegensatzes und der religiösen Mannigfaltigkeit. Wir haben also gezeigt: Die politische Emanzipation von der Religion läßt die Religion bestehen, wenn auch keine privilegierte Religion. Der Widerspruch, in welchem sich der Anhänger einer 10 besonderen Religion mit seinem Staatsbürgertum befindet, ist nur ein Teil des allgemeinen weltlichen Widerspruchs zwischen dem politischen Staat und der bür¬ gerlichen Gesellschaft. Die Vollendung des christlichen Staats ist der Staat, der sich als Staat bekennt und von der Reli- 15 gion seiner Glieder abstrahiert. Die Emanzipation des Staats von der Religion ist nicht die Emanzipation des wirklichen Menschen von der Religion. Wir sagen also nicht mit Bauer den Juden: Ihr könnt nicht po¬ litisch emanzipiert werden, ohne euch radikal vom Judentum zu 2o emanzipieren. Wir sagen ihnen vielmehr: Weil ihr politisch eman¬ zipiert werden könnt, ohne euch vollständig und widerspruchslos vom Judentum loszusagen, darum ist die politische Eman¬ zipation selbst nicht die menschli ehe Emanzipation. Wenn ihr Juden politisch emanzipiert werden wollt, ohne euch 25 selbst menschlich zu emanzipieren, so liegt die Halbheit und der Widerspruch nicht nur in euch, sie liegt in dem Wesen und der Kategorie der politischen Emanzipation. Wenn ihr in dieser Kategorie befangen seid, so teilt ihr eine allgemeine Befangen¬ heit. Wie der Staat evangelisiert, wenn er, obschon Staat, 3o sich christlich zu dem Juden verhält, so politisiert der Jude, wenn er, obschon Jude, Staatsbürgerrechte verlangt. Aber wenn der Mensch, obgleich Jude, politisch emanzipiert werden, Staatsbürgerrechte empfangen kann, kann er die soge¬ nannten Menschenrechte in Anspruch nehmen und emp- 35 fangen? Bauer leugnet es. „Die Frage ist, ob der Jude als solcher, d. h. der Jude, der selber eingesteht, daß er durch sein wahres Wesen gezwungen ist, in ewiger Absonderung von anderen zu leben, fähig sei, die allgemeinen Menschenrechte zu empfangen und anderen zuzugestehen/4 4o „Der Gedanke der Menschenrechte ist für die christliche Welt erst im vorigen Jahrhundert entdeckt worden. Er ist dem Menschen nicht angeboren, er wird vielmehr nur erobert im Kampfe gegen die geschichtlichen Traditionen, in denen der Mensch bisher er¬ zogen wurde. So sind die Menschenrechte nicht ein Geschenk der 45 Natur, keine Mitgift der bisherigen Geschichte, sondern der Preis 43*
592 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern des Kampfes gegen den Zufall der Geburt und gegen die Privi¬ legien, welche die Geschichte von Generation auf Generation bis jetzt vererbt hat. Sie sind das Resultat der Bildung, und derjenige kann sie nur besitzen, der sie sich erworben und verdient hat.“ „Kann sie nun der Jude wirklich in Besitz nehmen? Solange « er Jude ist, muß über das menschliche Wesen, welches ihn als Menschen mit Menschen verbinden sollte, das beschränkte Wesen, das ihn zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn von den Nichtjuden absondern. Er erklärt durch diese Absonderung, daß das besondere Wesen, das ihn zum Juden macht, sein wahres hoch-10 stes Wesen ist, vor welchem das Wesen des Menschen zurücktreten muß.“ „In derselben Weise kann der Christ als Christ keine Menschen¬ rechte gewähren.“ (p. 19, 20.) Der Mensch muß nach Bauer das „Privilegium d e s is Glaubens“ auf opfern, um die allgemeinen Menschenrechte empfangen zu können. Betrachten wir einen Augenblick die soge¬ nannten Menschenrechte, und zwar die Menschenrechte unter ihrer authentischen Gestalt, unter der Gestalt, welche sie bei ihren Ent¬ deckern, den Nordamerikanern und Franzosen, besitzen ! Zum so Teil sind diese Menschenrechte politische Rechte, Rechte, die nur in der Gemeinschaft mit anderen ausgeübt werden. Die Teil¬ nahme am Gemeinwesen, und zwar am politischen Gemeinwesen, am Staatswesen, bildet ihren Inhalt. Sie fallen unter die Kategorie der politischen Freiheit, unter die«« Kategorie der Staatsbürgerrechte, welche keineswegs, wie wir gesehen, die widerspruchslose und positive Aufhebung der Religion, also etwa auch des Judentums, voraussetzen. Es bleibt der andere Teil der Menschenrechte zu betrachten, die droits de rhomme, insofern sie unterschieden sind von den droits du citoyen, so In ihrer Reihe findet sich die Gewissensfreiheit, das Recht, einen beliebigen Kultus auszuüben. Das Privilegium des Glaubens wird ausdrücklich anerkannt, entweder als ein Menschenrecht oder als Konsequenz eines Menschen¬ rechtes, der Freiheit. ss Déclaration des droits de P homme et du citoyen, 1791, art. 10: „Nul ne doit être inquiété pour ses opinions même religieuses.“ Im titre I der Const. von 1791 wird als Menschenrecht garantiert: „La liberté à tout homme d’exercer le culte religieux auquel il est attaché.“ « Déclaration des droits de Phomme, etc., 1793, zählt unter die Menschenrechte, art. 7 : „Le libre exercice des cultes.“ Ja, in bezug auf das Recht, seine Gedanken und Meinungen zu veröffentlichen, sich zu versammeln, seinen Kultus auszuüben, heißt es sogar: „La nécessité d’énoncer ces droits suppose ou la présence ou le souvenir «
Zur Judenfrage 593 récent du despotisme.“ Man vergleiche die Const. von 1795, titre XIV. art. 354. Constitution de Pennsylvanie, art. 9. § 3: „Tous les hommes ont reçu de la nature le droit imprescriptible d’adorer le Tout- j Puissant selon les inspirations de leur conscience, et nul ne peut légalement être contraint de suivre, instituer ou soutenir contre son gré aucun culte ou ministère religieux. Nulle autorité humaine ne peut, dans aucun cas, intervenir dans les questions de conscience et contrôler les pouvoirs de l’âme.“ io Constitution de N ew-Hampshire, art. 5 et 6: „Au nombre des droits naturels, quelques-uns sont inaliénables de leur nature, parce que rien n’en peut être l’équivalent. De ce nombre sont les droits de conscience.“ (Beaumont 1. c. p. 213, 214.) Die Unvereinbarkeit der Religion mit den Menschenrechten is liegt so wenig im Begriff* der Menschenrechte, daß das Recht, religiös zu sein, auf beliebige Weise religiös zu sein, den Kultus seiner besonderen Religion auszuüben, vielmehr ausdrück¬ lich unter die Menschenrechte gezählt wird. Das Privilegium des Glaubens ist ein allgemeines Menschenrecht. 2o Die droits de Vhomme, die Menschenrechte werden als solche unterschieden von den droits du citoyen, von den Staats¬ bürgerrechten. Wer ist der vom citoyen unterschiedene homme? Niemand anders als das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Warum wird das Mitglied der bürgerlichen 25 Gesellschaft „Mensch“, Mensch schlechthin, warum werden seine Rechte Menschenrechte genannt? Woraus erklären wir dies Faktum? Aus dem Verhältnis des politischen Staats zur bürgerlichen Gesellschaft, aus dem Wesen der politischen Eman¬ zipation. 3o Vor allem konstatieren wir die Tatsache, daß die sogenannten Menschenrechte, die droits de Vhomme im Unterschied von den droits du citoyen, nichts anderes sind als die Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d. h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom 35 Gemeinwesen getrennten Menschen. Die radikalste Konstitution, die Konstitution von 1793, mag sprechen: Déclar. des droits de Vhomme et du citoyen. Art. 2. Ces droits etc. (les droits naturels et imprescriptibles) sont: Végalité, la liberté, la sûreté, la propriété. 4o Worin besteht die liberté? Art. 6. „La liberté est le pouvoir qui appartient à l’homme de faire tout ce qui ne nuit pas aux droits d’autrui“, oder nach der Deklaration der Menschenrechte von 1791 : „La liberté consiste à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui.“ 45 Die Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was
594 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern keinem anderen schadet. Die Grenze, in welcher sich jeder dem anderen unschädlich bewegen kann, ist durch das Gesetz be¬ stimmt, wie die Grenze zweier Felder durch den Zaunpfahl be¬ stimmt ist. Es handelt sich um die Freiheit des Menschen als iso¬ lierter auf sich zurückgezogener Monade. Warum ist der Jude 5 nach Bauer unfähig, die Menschenrechte zu empfangen? „Solange er Jude ist, muß über das menschliche Wesen, welches ihn als Menschen mit Menschen verbinden sollte, das beschränkte Wesen, das ihn zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn von den Nichtjuden absondem.“ Aber das Menschenrecht der Freiheit 10 basiert nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Men¬ schen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums. Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechts der Frei- 15 heit ist das Menschenrecht des Privateigentums. Worin besteht das Menschenrecht des Privateigentums? Art. 16. (Const. de 1793) : „Le droit de propriété est celui qui appartient à tout citoyen de jouir et de disposer à son gré de ses biens, de ses revenus, du fruit de son travail et de son industrie/6 20 Das Menschenrecht des Privateigentums ist also das Recht, will¬ kürlich (à son gré), ohne Beziehung auf andere Menschen, unab¬ hängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. Jene indi¬ viduelle Freiheit, wie diese Nutzanwendung derselben, bilden die 25 Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Sie läßt jeden Menschen im anderen Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden. Sie proklamiert vor allem aber das Menschenrecht, „de jouir et de disposer à son gré de ses biens, de ses revenus, du fruit de son travail et de son 30 industrie.“ Es bleiben noch die anderen Menschenrechte, die égalité und die sûreté. Die égalité, hier in ihrer nichtpolitischen Bedeutung, ist nichts als die Gleichheit der oben beschriebenen libené, nämlich: daß 35 jeder Mensch gleichmäßig als solche auf sich ruhende Monade be¬ trachtet wird. Die Const. von 1795 bestimmt den Begriff dieser Gleichheit, ihrer Bedeutung angemessen, dahin: Art. 3. (Const. de 1795): „L’égalité consiste en ce que la loi est la même pour tous, soit qu’elle protège, soit qu’elle punisse.66 40 Und die sûreté? An. 8. (Const. de 1793) : „La sûreté consiste dans la protection accordée par la société à chacun de ses membres pour la con¬ servation de sa personne, de ses droits et de ses propriétés.66 Die Sicherheit ist der höchste soziale Begriff der bürger- 45
Zar Judenfrage 595 lichen Gesellschaft, der Begriff der Polizei, daß die ganze Gesellschaft nur da ist, um jedem ihrer Glieder die Erhaltung seiner Person, seiner Rechte und seines Eigentums zu garantieren. Hegel nennt in diesem Sinn die bürgerliche Gesellschaft „den Not- 5 und Verstandesstaat“. Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich die bürgerliche Gesellschaft nicht über ihren Egoismus. Die Sicherheit ist viel¬ mehr die Versicherung des Egoismus. Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den 10 egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mit¬ glied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen auf gefaßt wurde, erscheint is vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ur¬ sprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zu¬ sammenhält, ist die Natur-Notwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer 2o egoistischen Person. Es ist schon rätselhaft, daß ein Volk, welches eben beginnt, sich zu befreien, alle Barrieren zwischen den verschiedenen Volks- gliedem niederzureißen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen, daß ein solches Volk die Berechtigung des egoistischen, vom Mit- 25 menschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen feier¬ lich proklamiert (Décl. de 1791), ja diese Proklamation in einem Augenblicke wiederholt, wo die heroischeste Hingebung allein die Nation retten kann und daher gebieterisch verlangt wird, in einem Augenblicke, wo die Aufopferung aller Interessen der bürger- 30 liehen Gesellschaft zur Tagesordnung erhoben und der Egoismus als ein Verbrechen bestraft werden muß. (Deel, des droits de l’homme etc. de 1793.) Noch rätselhafter wird diese Tatsache, wenn wir sehen, daß das Staatsbürgertum, das politische Ge¬ meinwesen von den politischen Emanzipatoren sogar zum 35 bloßen Mittel für die Erhaltung dieser sogenannten Menschen¬ rechte herabgesetzt, daß also der citoyen zum Diener des egoisti¬ schen homme erklärt, die Sphäre, in welcher der Mensch sich als Gemeinwesen verhält, unter die Sphäre, in welcher er sich als Teil¬ wesen verhält, degradiert, endlich nicht der Mensch als citoyen, 4o sondern der Mensch als bourgeois für den eigentlichen und wahren Menschen genommen wird. „Le but de toute association politique est la conservation des droits naturels et imprescriptibles de l’homme.“ (Décl. des droits etc. de 1791 art. 2.) „Le gouvernement est institué pour garantir 45 à l’homme la jouissance de ses droits naturels et imprescriptibles.“
596 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern (Deck etc. de 1793 art. 1.) Also selbst in den Momenten seines noch jugendfrischen und durch den Drang der Umstände auf die Spitze getriebenen Enthusiasmus, erklärt sich das politische Leben für ein bloßes Mittel, dessen Zweck das Leben der bürger¬ lichen Gesellschaft ist. Zwar steht seine revolutionäre Praxis in & flagrantem Widerspruch mit seiner Theorie. Während z. B. die Sicherheit als ein Menschenrecht erklärt wird, wird die Ver¬ letzung des Briefgeheimnisses öffentlich auf die Tagesordnung gesetzt. Während die „liberté indéfinie de la presse“ (Const. de 1793 art. 122) als Konsequenz des Menschenrechts, der indivi- io duellen Freiheit, garantiert wird, wird die Preßfreiheit vollständig vernichtet, denn „la liberté de la presse ne doit pas être permise lorsqu’elle compromet la liberté publique“ (Robespierre jeune, hist. parlem. de la rev. franç. par Bûchez et Roux, T. 28 p. 159), d. h. also: das Menschenrecht der Freiheit hört auf, ein Redit is zu sein, sobald es mit dem politischen Leben in Konflikt tritt, während der Theorie nach das politische Leben nur die Garantie der Menschenrechte, der Rechte des individuellen Menschen ist, also aufgegeben werden muß, sobald es seinem Zwecke, diesen Menschenrechten widerspricht. Aber die Praxis ist nur die Aus- 20 nähme, und die Theorie ist die Regel. Will man aber selbst die revolutionäre Praxis als die richtige Stellung des Verhältnisses betrachten, so bleibt immer noch das Rätsel zu lösen, warum im Bewußtsein der politischen Emanzipatoren das Verhältnis auf den Kopf gestellt ist und der Zweck als Mittel, das Mittel als Zweck 25 erscheint. Diese optische Täuschung ihres Bewußtseins wäre im¬ mer noch dasselbe Rätsel, obgleich dann ein psychologisches, ein theoretisches Rätsel. Das Rätsel löst sich einfach. Die politische Emanzipation ist zugleich die Auflösung 30 der alten Gesellschaft, auf welcher das dem Volk entfremdete Staatswesen, die Herrschermacht, ruht. Die politische Revolution ist die Revolution der bürgerlichen Gesellschaft. Welches war der Charakter der alten Gesellschaft? Ein Wort charakterisiert sie. Die Feudalität. Die alte bürgerliche Gesellschaft hatte 35 unmittelbar einen politischen Charakter, d. h. die Elemente des bürgerlichen Lebens, wie z. B. der Besitz oder die Familie oder die Art und Weise der Arbeit, waren in der Form der Grundherrlichkeit, des Standes und der Korporation zu Elementen des Staatslebens erhoben. Sie bestimmten in dieser 40 Form das Verhältnis des einzelnen Individuums zum Staats¬ ganzen, d. h. sein politisches Verhältnis, d. h. sein Ver¬ hältnis der Trennung und Ausschließung von den anderen Be¬ standteilen der Gesellschaft. Denn jene Organisation des Volks¬ lebens erhob den Besitz oder die Arbeit nicht zu sozialen Elemen- 45
Zur Judenfrage 597 ten, sondern vollendete vielmehr ihre Trennung von dem Staatsganzen und konstituierte sie zu besonderen Gesell¬ schaften in der Gesellschaft. So waren indes immer noch die Lebensfunktionen und Lebensbedingungen der bürgerlichen Ge- 5 Seilschaft politisch, wenn auch politisch im Sinne der Feudalität, d. h. sie schlossen das Individuum vom Staatsganzen ab, sie verwandelten das besondere Verhältnis seiner Korporation zum Staatsganzen in sein eigenes allgemeines Verhältnis zum Volksleben, wie seine bestimmte bürgerliche Tätigkeit und 10 Situation in seine allgemeine Tätigkeit und Situation. Als Kon¬ sequenz dieser Organisation erscheint notwendig die Staatseinheit, wie das Bewußtsein, der Wille und die Tätigkeit der Staatseinheit, die allgemeine Staatsmacht, ebenfalls als besondere Ange¬ legenheit eines von dem Volke abgeschiedenen Herrschers und is seiner Diener. Die politische Revolution, welche diese Herrschermacht stürzte und die Staatsangelegenheiten zu Volksangelegenheiten erhob, welche den politischen Staat als allgemeine Angelegenheit, d. h. als wirklichen Staat konstituierte, zerschlug notwendig 20 alle Stände, Korporationen, Innungen, Privilegien, die ebenso- viele Ausdrücke der Trennung des Volkes von seinem Gemein¬ wesen waren. Die politische Revolution hob damit den poli¬ tischen Charakter der bürgerlichen Gesell¬ schaft auf. Sie zerschlug die bürgerliche Gesellschaft in ihre 25 einfachen Bestandteile, einerseits in die Individuen, anderer¬ seits in die materiellen und geistigen Elemente, welche den Lebensinhalt, die bürgerliche Situation dieser Indi¬ viduen bilden. Sie entfesselte den politischen Geist, der gleichsam in die verschiedenen Sackgassen der feudalen Gesellschaft zerteilt, 30 zerlegt, zerlaufen war ; sie sammelte ihn aus dieser Zerstreuung, sie befreite ihn von seiner Vermischung mit dem bürgerlichen Leben und konstituierte ihn als die Sphäre des Gemeinwesens, der allgemeinen Volksangelegenheit in idealer Unabhängigkeit von jenen besonderen Elementen des bürgerlichen Lebens. Die 36 bestimmte Lebenstätigkeit und die bestimmte Lebenssituation sanken zu einer nur individuellen Bedeutung herab. Sie bildeten nicht mehr das allgemeine Verhältnis des Individuums zum Staats¬ ganzen. Die öffentliche Angelegenheit als solche ward vielmehr zur allgemeinen Angelegenheit jedes Individuums und die poli- 40 tische Funktion zu seiner allgemeinen Funktion. Allein die Vollendung des Idealismus des Staats war zugleich die Vollendung des Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft. Die Abschüttlung des politischen Jochs war zugleich die Abschütt- lung der Bande, welche den egoistischen Geist der bürgerlichen 45 Gesellschaft gefesselt hielten. Die politische Emanzipation war
598 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern zugleich die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft von der Politik, von dem Schein selbst eines allgemeinen Inhalts. Die feudale Gesellschaft war aufgelöst in ihren Grund, in den Menschen. Aber in den Menschen, wie er wirklich ihr Grund war, in den egoistischen Menschen. 5 Dieser Mensch, das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, ist nun die Basis, die Voraussetzung des politischen Staats. Er ist von ihm als solche anerkannt in den Menschenrechten. Die Freiheit des egoistischen Menschen und die Anerkennung dieser Freiheit ist aber vielmehr die Anerkennung der zügel-10 losen Bewegung der geistigen und materiellen Elemente, welche seinen Lebensinhalt bilden. Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er er¬ hielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigentum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde nicht von dem 15 Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit. Die Konstitution des politischen Staats und die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft in die unabhängigen Individuen — deren Verhältnis das Recht ist, wie das Ver¬ hältnis der Standes- und Innungsmenschen das Privilegium 20 war — vollzieht sich in einem und demselben Akte. Der Mensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, der unpolitische Mensch, erscheint aber notwendig als der natürliche Mensch. Die droits de Vhomme erscheinen als droits naturels, denn die selbstbewußte Tätigkeit kon- 25 zentriert sich auf den politischen Akt. Der egoistische Mensch ist das passive, nur vorgefundene Resultat der aufgelösten Gesellschaft, Gegenstand der unmittelbaren Gewißheit, also natürlicher Gegenstand. Die poli¬ tische Revolution löst das bürgerliche Leben in seine Be- 30 standteile auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutio¬ nieren und der Kritik zu unterwerfen. Sie verhält sich zur bür¬ gerlichen Gesellschaft, zur Welt der Bedürfnisse, der Arbeit, der Privatinteressen, des Privatrechts, als zur Grundlage ihres Bestehens, als zu einer nicht weiter begründeten V o r a u s - 35 Setzung, daher als zu ihrer Naturbasis. Endlich gilt der Mensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, für den eigentlichen Menschen, für den homme im Unterschied von dem citoyen, weil er der Mensch in seiner sinnlichen individuellen nächsten Existenz ist, während der politische Mensch 40 nur der abstrahierte, künstliche Mensch ist, der Mensch als eine allegorische, moralische Person. Der wirkliche Mensch ist erst in der Gestalt des egoistischen Individuums, der wahre Mensch erst in der Gestalt des abstrakten citoyen anerkannt. 45
Zur Judenfrage 599 Die Abstraktion des politischen Menschen schildert Rousseau richtig also: „Celui qui ose entreprendre d’instituer un peuple doit se sentir en état de changer pour ainsi dire la nature humaine, de trans- 5 former chaque individu, qui par lui-même est un tout parfait et solitaire, en partie d’un plus grand tout dont cet individu reçoive en quelque sorte sa vie et son être, de substituer une existence partielle et morale à l’existence physique et indépendante. Il faut qu’il ôte à Vhomme ses forces propres pour lui en donner qui lui 10 soient étrangères et dont il ne puisse faire usage sans le secours d’autrui.“ (Cont. Soc. liv. II, Londr. 1782, p. 67.) Alle Emanzipation ist Zurückführung der mensch¬ lichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst. Die politische Emanzipation ist die Reduktion des Menschen, is einerseits auf das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, auf das egoistische unabhängige Individuum, andererseits auf den Staatsbürger, auf die moralische Person. Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch 2o in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen gewor¬ den ist, erst wenn der Mensch seine „forces propres“ als gesell¬ schaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der p o 1 i - 25 tischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht. II. DieFähigkeitderheutigenJudenundChristen,freizuwerden. Von Bruno Bauer. (Einundzwanzig Bogen pag. 56—71.) 30 Unter dieser Form behandelt Bauer das Verhältnis der jüdi¬ schen und christlichen Religion, wie das Verhältnis derselben zur Kritik. Ihr Verhältnis zur Kritik ist ihr Verhältnis „zur Fähigkeit frei zu werden“. Es ergibt sich: „Der Christ hat nur eine Stufe, nämlich seine 3s Religion zu übersteigen, um die Religion überhaupt aufzugeben“, also frei zu werden, „der Jude dagegen hat nicht nur mit seinem jüdischen Wesen, sondern auch mit der Entwicklung[,] der Voll¬ endung seiner Religion zu brechen, mit einer Entwicklung, die ihm fremd geblieben ist“, (p. 71.)
600 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Bauer verwandelt also hier die Frage von der Judenemanzi¬ pation in eine rein religiöse Frage. Der theologische Skrupel, wer eher Aussicht hat, selig zu werden, Jude oder Christ, wiederholt sich in der aufgeklärten Form: wer von beiden ist emanzi¬ pationsfähiger? Es fragt sich zwar nicht mehr: macht 5 Judentum oder Christentum frei? sondern vielmehr umgekehrt: was macht freier, die Negation des Judentums oder die Negation des Christentums? „Wenn sie frei werden wollen, so dürfen sich die Juden nicht zum Christentum bekennen, sondern zum aufgelösten Christentum, 10 zur aufgelösten Religion überhaupt, d. h. zur Aufklärung, Kritik und ihrem Resultate, der freien Menschlichkeit.“ (p. 70.) Es handelt sich immer noch um ein Bekenntnis für den Juden, aber nicht mehr um das Bekenntnis zum Christentum, son¬ dern zum aufgelösten Christentum. n Bauer stellt an den Juden die Forderung, mit dem Wesen der christlichen Religion zu brechen, eine Forderung, welche, wie er selbst sagt, nicht aus der Entwicklung des jüdischen Wesens her¬ vorgeht. Nachdem Bauer am Schluß der Judenfrage das Judentum nur 20 als die rohe religiöse Kritik des Christentums begriffen, ihm also eine „nur“ religiöse Bedeutung abgewonnen hatte, war vorher¬ zusehen, daß auch die Emanzipation der Juden in einen philo¬ sophisch-theologischen Akt sich verwandeln werde. Bauer faßt das ideale abstrakte Wesen des Juden, seine 25 Religion als sein ganzes Wesen. Er schließt daher mit Recht: „Der Jude gibt der Menschheit nichts, wenn er sein beschränktes Gesetz für sich mißachtet“, wenn er sein ganzes Judentum auf¬ hebt. (p. 65.) Das Verhältnis der Juden und Christen wird demnach folgen- 30 des: das einzige Interesse des Christen an der Emanzipation des Juden ist ein allgemein menschliches, ein theoretisches In¬ teresse. Das Judentum ist eine beleidigende Tatsache für das religiöse Auge des Christen. Sobald sein Auge aufhört, religiös zu sein, hört diese Tatsache auf, beleidigend zu sein. Die Eman- 35 zipation des Juden ist an und für sich keine Arbeit für den Christen. Der Jude dagegen, um sich zu befreien, hat nicht nur seine eigene Arbeit, sondern zugleich die Arbeit des Christen, die Kritik der Synoptiker und das Leben Jesu etc. durchzumachen. 40 „Sie mögen selber zusehen: sie werden sich selber ihr Geschick bestimmen; die Geschichte aber läßt mit sich nicht spotten.“ (p-71) Wir versuchen, die theologische Fassung der Frage zu brechen. Die Frage nach der Emanzipationsfähigkeit des Juden verwandelt 45
Zur Judenfrage 601 sich uns in die Frage, welches besondere gesellschaftliche Element zu überwinden sei, um das Judentum aufzuheben? Denn die Emanzipationsfähigkeit des heutigen Juden ist das Verhältnis des Judentums zur Emanzipation der heutigen Welt. Dies Ver- 5 hältnis ergibt sich notwendig aus der besonderen Stellung des Judentums in der heutigen geknechteten Welt. Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbathjuden, wie Bauer es tut, sondern den Alltags¬ juden. 10 Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das prak¬ tische Bedürfnis, der Eigennutz. is Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbst¬ emanzipation unserer Zeit. 2o Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzun¬ gen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Ge¬ sellschaft sich auf lösen. Andererseits: wenn der Jude dies sein 25 praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Auf¬ hebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung heraus, an der menschlichen Emanzipation schlecht¬ hin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Aus¬ druck der menschlichen Selbstentfremdung. 30 Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwär¬ tiges antisoziales Element, welches durch die geschicht¬ liche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Be¬ ziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen 35 muß. Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. Der Jude hat sich bereits auf jüdische Weise emanzipiert. „Der Jude, der in Wien z. B. nur toleriert ist, bestimmt durch seine Geld- 4o macht das Geschick des ganzen Reichs. Der Jude, der in dem kleinsten deutschen Staate rechtlos sein kann, entscheidet über das Schicksal Europas. Während die Korporationen und Zünfte dem Juden sich ver¬ schließen oder ihm noch nicht geneigt sind, spottet die Kühnheit
602 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern der Industrie des Eigensinns der mittelalterlichen Institute.“ (B. Bauer, Judenfrage, p. 114.) Es ist dies kein vereinzeltes Faktum. Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geld¬ macht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn d a s 5 Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum prak¬ tischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden ge¬ worden sind. Der fromme und politisch freie Bewohner von Neuengland, 10 berichtet z. B. Oberst Hamilton, „ist eine Art von La oko on, der auch nicht die geringste Anstrengung macht, um sich von den Schlangen zu befreien, die ihn zusammenschnüren. M a m m o n ist ihr Götze, sie beten ihn nicht nur allein mit ihren Lippen, sondern mit allen Kräften ihres Körpers und ihres Gemüts an. Die Erde ist 15 in ihren Augen nichts anderes als eine Börse, und sie sind überzeugt, daß sie hienieden keine andere Bestimmung haben, als reicher zu werden denn ihre Nachbarn. Der Schacher hat sich aller ihrer Ge¬ danken bemächtigt, die Abwechslung in den Gegenständen bildet ihre einzige Erholung. Wenn sie reisen, tragen sie, sozusagen, ihren 20 Kram oder ihr Komptoir auf dem Rücken mit sich herum und sprechen von nichts als von Zinsen und Gewinn. Wenn sie einen Augenblick ihre Geschäfte aus den Augen verlieren, so geschieht dieses bloß, um jene von anderen zu beschnüffeln.“ Ja, die praktische Herrschaft des Judentums über die christ- 25 liehe Welt hat in Nordamerika den unzweideutigen, normalen Ausdruck erreicht, daß die Verkündigung des Evange¬ liums selbst, daß das christliche Lehramt zu einem Handels¬ artikel geworden ist, und der bankerotte Kaufmann im Evangelium macht wie der reichgewordene Evangelist in Geschäftchen. „Tel 30 que vous voyez à la tête d9une congrégation respectable a com¬ mencé par être marchand; son commerce étant tombé, il s9est fait ministre; cet autre a débuté par le sacerdoce, mais dès qu il a eu quelque somme d9argent à sa disposition, il a laissé la chaire pour le négoce. Aux yeux d9un grand nombre, le ministère religieux est 35 une véritable carrière industrielle.66 (Beaumont, l.c. p. 185, 186.) Nach Bauer ist es ein lügenhafter Zustand, wenn in der Theorie dem Juden die politischen Rechte vorenthalten werden, während er in der Praxis eine ungeheure Gewalt besitzt und seinen poli¬ tischen Einfluß, wenn er ihm im détail verkürzt wird, en gros aus- 40 übt. (Judenfrage, p. 114.) Der Widerspruch, in welchem die praktische politische Macht des Juden zu seinen politischen Rechten steht, ist der Widerspruch der Politik und Geldmacht überhaupt. Während die erste ideal
Zur Judenfrage 603 über der zweiten steht, ist sie in der Tat zu ihrem Leibeigenen geworden. Das Judentum hat sich neben dem Christentum gehalten, nicht nur als religiöse Kritik des Christentums, nicht nur als in- 5 korporierter Zweifel an der religiösen Abkunft des Christentums, sondern ebensosehr, weil der praktisch-jüdische Geist, weil das Judentum in der christlichen Gesellschaft selbst sich gehalten und sogar seine höchste Ausbildung erhalten hat. Der Jude, der als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht, 10 ist nur die besondere Erscheinung von dem Judentum der bürger¬ lichen Gesellschaft. Das Judentum hat sich nicht trotz der Geschichte, sondern durch die Geschichte erhalten. Aus ihren eigenen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesell- 15 schäft fortwährend den Juden. Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. Der Monotheismus des Juden ist daher in der Wirklichkeit der Polytheismus der vielen Bedürfnisse, ein Polytheismus, der auch 2o den Abtritt zu einem Gegenstand des göttlichen Gesetzes macht. Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und tritt rein als solches hervor, sobald die bürgerliche Gesellschaft den politischen Staat vollständig aus sich herausgeboren. Der Gott des praktischen 25 Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld. Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Men¬ schen — und verwandelt sie in eine Ware. Das Geld ist der all¬ gemeine, für sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat so daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an. Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott 35 geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein Gott ist nur der illusorische Wechsel. Die Anschauung, welche unter der Herrschaft des Privateigen¬ tums und des Geldes von der Natur gewonnen wird, ist die wirk¬ liche Verachtung, die praktische Herabwürdigung der Natur, 4o welche in der jüdischen Religion zwar existiert, aber nur in der Einbildung existiert. In diesem Sinn erklärt es Thomas Münzer für unerträglich, „daß alle Kreatur zum Eigentum gemacht worden sei, die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden — 45 auch die Kreatur müsse frei werden/6
604 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Was in der jüdischen Religion abstrakt liegt, die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbst¬ zweck, das ist der wirkliche bewußte Standpunkt, die Tugend des Geldmenschen. Das Gattungsverhältnis selbst, das Verhältnis von Mann und Weib etc. wird zu einem Handelsgegen- 5 stand! Das Weib wird verschachert. Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationali¬ tät des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen. Das grund- und bodenlose Gesetz des Juden ist nur die reli¬ giöse Karikatur der grund- und bodenlosen Moralität und des 10 Rechts überhaupt, der nur formellen Riten, mit welchen sich die Welt des Eigennutzes umgibt. Auch hier ist das höchste Verhältnis des Menschen das ge¬ setzliche Verhältnis, das Verhältnis zu Gesetzen, die ihm nicht gelten, weil sie die Gesetze seines eigenen Willens und Wesens 15 sind, sondern weil sie herrschen und weil der Abfall von ihnen gerächt wird. Der jüdische Jesuitismus, derselbe praktische Jesuitismus, den Bauer im Talmud nach weist, ist das Verhältnis der Welt des Eigennutzes zu den sie beherrschenden Gesetzen, deren schlaue 20 Umgehung die Hauptkunst dieser Welt bildet. Ja die Bewegung dieser Welt innerhalb ihrer Gesetze ist not¬ wendig eine stete Aufhebung des Gesetzes. Das Judentum konnte sich als Religion, es konnte sich theoretisch nicht weiter entwickeln, weil die Weltanschauung des 25 praktischen Bedürfnisses ihrer Natur nach borniert und in weni¬ gen Zügen erschöpft ist. Die Religion des praktischen Bedürfnisses konnte ihrem Wesen nach die Vollendung nicht in der Theorie, sondern nur in der Praxis finden, eben weil ihre Wahrheit die Praxis ist. 30 Das Judentum konnte keine neue Welt schaffen; es konnte nur die neuen Weltschöpfungen und Weltverhältnisse in den Bereich seiner Betriebsamkeit ziehen, weil das praktische Bedürfnis, dessen Verstand der Eigennutz ist, sich passiv verhält und sich nicht be¬ liebig erweitert, sondern sich erweitert findet mit der Portent- 35 wicklung der gesellschaftlichen Zustände. Das Judentum erreicht seinen Höhepunkt mit der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft; aber die bürgerliche Gesellschaft vollendet sich erst in der christlichen Welt. Nur unter der Herrschaft des Christentums, welches alle nationalen, natür- 40 liehen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich vollständig vom Staatsleben trennen, alle Gattungsbande des Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfnis an die Stelle dieser Gattungsbande setzen, die Menschenwelt in 45
Zur Judenfrage 605 eine Welt atomistischer, feindlich sich gegenüberstehender Indi¬ viduen auflösen. Das Christentum ist aus dem Judentum entsprungen. Es hat sich wieder in das Judentum aufgelöst. 5 Der Christ war von vornherein der theoretisierende Jude, der Jude ist daher der praktische Christ, und der praktische Christ ist wieder Jude geworden. Das Christentum hatte das reale Judentum nur zum Schein überwunden. Es war zu vornehm, zu spiritualistisch, um die 10 Roheit des praktischen Bedürfnisses anders als durch die Er¬ hebung in die blaue Luft zu beseitigen. Das Christentum ist der sublime Gedanke des Judentums, das Judentum ist die gemeine Nutzanwendung des Christentums, aber diese Nutzanwendung konnte erst zu einer allgemeinen werden, is nachdem das Christentum als die fertige Religion die Selbstent¬ fremdung des Menschen von sich und der Natur theoretisch vollendet hatte. Nun erst konnte das Judentum zur allgemeinen Herrschaft ge¬ langen und den entäußerten Menschen, die entäußerte Natur zu 2o veräußerlichen, verkäuflichen, der Knechtschaft des egoistischen Bedürfnisses, dem Schacher anheimgefallenen Gegenständen machen. Die Veräußerung ist die Praxis der Entäußerung. Wie der Mensch, solange er religiös befangen ist, sein Wesen nur zu ver- 25 gegenständlichen weiß, indem er es zu einem fremden phan¬ tastischen Wesen macht, so kann er sich unter der Herrschaft des egoistischen Bedürfnisses nur praktisch betätigen, nur praktisch Gegenstände erzeugen, indem er seine Produkte, wie seine Tätigkeit, unter die Herrschaft eines fremden Wesens stellt und so ihnen die Bedeutung eines fremden Wesens — des Geldes — verleiht. Der christliche Seligkeitsegoismus schlägt in seiner vollendeten Praxis notwendig um in den Leibesegoismus des Juden, das himm¬ lische Bedürfnis in das irdische, der Subjektivismus in den Eigen- 35 nutz. Wir erklären die Zähigkeit des Juden nicht aus seiner Reli¬ gion, sondern vielmehr aus dem menschlichen Grunde seiner Reli¬ gion, dem praktischen Bedürfnis, dem Egoismus. Weil das reale Wesen des Juden in der bürgerlichen Gesell¬ schaft sich allgemein verwirklicht, verweltlicht hat, darum konnte 4o die bürgerliche Gesellschaft den Juden nicht von der Unwirk- lichkeit seines religiösen Wesens, welches eben nur die ideale Anschauung des praktischen Bedürfnisses ist, überzeugen. Also nicht nur im Pentateuch oder im Talmud, in der jetzigen Ge¬ sellschaft finden wir das Wesen des heutigen Juden, nicht als ein 45 abstraktes, sondern als ein höchst empirisches Wesen, nicht nur Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 44
506 Aus den Deutsch-Französschen Jahrbüchern als Beschränktheit des Juden, sondern als die jüdische Beschränkt¬ heit der Gesellschaft. Sobald es der Gesellschaft geliigt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzu¬ heben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußt-3 sein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichei Existenz mit der Gattungs¬ existenz des Menschen auf gehoben ist. Die gesellschaftliche Enanzipation des Juden ist diero Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.
Zur Kritik der Hegelsdien Rechtsphilosophie Von Karl Marx Einleitung Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesent- 5 liehen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nach¬ dem seine himmlische oratio pro aris et focis wider¬ legt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des 10 Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Wider¬ schein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muß. Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch 15 macht die Religion, die Religion macht nicht den Men¬ schen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der 2o Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein ver¬ kehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, 25 ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der so Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten 35 Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geist¬ loser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die 44*
608 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligen¬ schein die Religion ist. 5 Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, 10 zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt. Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das 15 Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nach¬ dem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfrem¬ dung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen 20 Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik. Die nachfolgende Ausführung — ein Beitrag zu dieser Arbeit 25 — schließt sich zunächst nicht an das Original, sondern an eine Kopie, an die deutsche Staats- und Rechts - Philosophie an, aus keinem anderen Grunde, als weil sie sich an Deutsch¬ land anschließt. Wollte man an den deutschen status quo selbst anknüpfen, 30 wenn auch in einzig angemessener Weise, d. h. negativ, immer bliebe das Resultat ein Anachronismus. Selbst die Ver¬ neinung unserer politischen Gegenwart findet sich schon als be¬ staubte Tatsache in der historischen Rumpelkammer der moder¬ nen Völker. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, habe ich 35 immer noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich die deutschen Zustände von 1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeit¬ rechnung, kaum im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der Gegenwart. Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, 40 welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen. Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolu¬ tion wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Contrerevolu- 45
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 609 tion litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir, unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung. 5 Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch er¬ klärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott 10 Israels seinem Diener Moses, nur ihr a posteriori zeigt, die historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte. Shylock, aber Shylock der Bediente, schwört sie für jedes Pfund Fleisch, welches aus dem Volksherzen geschnitten is wird, auf ihren Schein, auf ihren historischen Schein, auf ihren christlich-germanischen Schein. Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit jenseits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern. Wo- 2o durch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der Freiheitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu finden ist? Zudem ist es bekannt: Wie man hineinschreit in den Wald, schallt es heraus aus dem Wald. Also Friede den teuto¬ nischen Urwäldern! 25 Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter allerKritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf 3o ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe. Ihr Gegenstand ist ihr F e i n d, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt. An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, son- 35 dem ebenso verächtliche, als verachtete Existenzen. Die Kri¬ tik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem Gegenstand, denn sie ist mit ihm im Reinen. Sie gibt sich nicht mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Ar- 4o beit die Denunziation. Es gilt die Schilderung eines wechselseitigen dumpfen Drucks aller sozialen Sphären aufeinander, einer allgemeinen, tatlosen Verstimmung, einer sich ebensosehr anerkennenden als verkennen¬ den Beschränktheit, eingefaßt in den Rahmen eines Regierungs- 45 Systems, welches, von der Konservation aller Erbärmlichkeiten
610 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern lebend, selbst nichts ist als die Erbärmlichkeit an der Regierung. Welch ein Schauspiel! Die ins unendliche fortgehende Tei¬ lung der Gesellschaft in die mannigfaltigsten Rassen, welche mit kleinen Antipathien, schlechten Gewissen und brutaler Mittel- 5 mäßigkeit sich gegenüberstehen, welche eben um ihrer wechsel¬ seitigen zweideutigen und argwöhnischen Stellung willen alle ohne Unterschied, wenn auch mit verschiedenen Formalitäten, als kon¬ zessionierte Existenzen von ihren Herren behandelt werden. Und selbst dies, daß sie beherrscht, regiert, be - 10 s e s s e n sind, müssen sie als eine Konzession des Him¬ mels anerkennen und bekennen! Andererseits jene Herrscher selbst, deren Größe in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrer Zahl steht! Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im 15 Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interes¬ santer Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muß den wirk- 20 liehen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Be¬ wußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Ge¬ sellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum 25 Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen. Man erfüllt damit ein unabweis¬ bares Bedürfnis des deutschen Volkes, und die Bedürfnisse der Völker sind in eigener Person die letzten Gründe ihrer Befriedi- 30 gung. Und selbst für die modernen Völker kann dieser Kampf gegen den bornierten Inhalt des deutschen status quo nicht ohne Interesse sein, denn der deutsche status quo ist die offenherzige Vollendung des ancien régime, und 35 das ancien régime ist der versteckte Mangel des modernenStaates. Der Kampf gegen die deutsche politische Gegenwart ist der Kampf gegen die Vergangenheit der modernen Völker, und von den Reminiszenzen dieser Vergangenheit werden sie noch immer belästigt. Es ist lehrreich für sie, das anciens régime, das bei ihnen seine Tragödie erlebte, als deutschen Revenant seine Komödie spielen zu sehen. Tragisch war seine Geschichte, solange es die präexistierende Gewalt der Welt, die Freiheit dagegen ein persönlicher Einfall war, mit einem Wort, solange es selbst an seine Berechtigung glaubte und glauben mußte. u
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 611 Solange das ancien régime als vorhandene Weltordnung mit einer erst werdenden Welt kämpfte, stand auf seiner Seite ein weltgeschichtlicher Irrtum, aber kein persönlicher. Sein Unter¬ gang war daher tragisch. 5 Das jetzige deutsche Regime dagegen, ein Anachronismus, ein flagranter Widerspruch gegen allgemein anerkannte Axiome, die zur Weltschau ausgestellte Nichtigkeit des ancien régime, bildet sich nur noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt von der Welt dieselbe Einbildung. Wenn es an sein eigenes w Wesen glaubte, würde es dasselbe unter dem Schein eines fremden Wesens zu verstecken und seine Rettung in der Heuchelei und dem Sophisma suchen? Das moderne ancien régime ist nur mehr der Komödiant einer Weltordnung, deren wirk¬ liche Helden gestorben sind. Die Geschichte ist gründlich is und macht viele Phasen durch, wenn sie eine alte Gestalt zu Grabe trägt. Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie. Die Götter Griechenlands, die schon einmal tragisch zu Tode verwundet waren im gefesselten Prometheus des Aeschy- lus, mußten noch einmal komisch sterben in den Gesprächen Lu- 2o cians. Warum dieser Gang der Geschichte? Damit die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide. Diese heitere ge¬ schichtliche Bestimmung vindizieren wir den politischen Mäch¬ ten Deutschlands. Sobald indes die moderne politisch-soziale Wirklichkeit 25 selbst der Kritik unterworfen wird, sobald also die Kritik zu wahr¬ haft menschlichen Problemen sich erhebt, befindet sie sich außer¬ halb des deutschen status quo, oder sie würde ihren Gegen¬ stand unter ihrem Gegenstand greifen. Ein Beispiel! Das Ver¬ hältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums, zu der 30 politischen Welt ist ein Hauptproblem der modernen Zeit. Unter welcher Form fängt dies Problem an, die Deutschen zu beschäf¬ tigen? Unter der Form der Schutzzölle, des Prohibitiv¬ systems, der Nationalökonomie. Die Deutschtümelei ist aus dem Menschen in die Materie gefahren, und so sahen sich 35 eines Morgens unsere Baumwollritter und Eisenhelden in Patrio¬ ten verwandelt. Man beginnt also in Deutschland die Souveräni¬ tät des Monopols nach innen anzuerkennen, dadurch daß man ihm die Souveränität nach außen verleiht. Man beginnt also jetzt in Deutschland anzufangen, womit man in Frankreich 40 und England zu enden beginnt. Der alte faule Zustand, gegen den diese Länder theoretisch im Aufruhr sind und den sie nur noch ertragen, wie man die Ketten erträgt, wird in Deutschland als die auf gehende Morgenröte einer schönen Zukunft begrüßt, die kaum noch wagt, aus der listigen Theorie in die schonungsloseste 45 Praxis überzugehen. Während das Problem in Frankreich und
612 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern England lautet: PolitischeÖkonomie oder Herrschaft der Sozietät über den Reichtum, lautet es in Deutsch¬ land: Nationalökonomie oder Herrschaft des Pri¬ vateigentums über die Nationalität. Es gilt also in Frankreich und England, das Monopol, das bis zu seinen letzten 5 Konsequenzen fortgegangen ist, aufzuheben; es gilt in Deutsch¬ land, bis zu den letzten Konsequenzen des Monopols fortzugehen. Dort handelt es sich um die Lösung, und hier handelt es sich erst um die Kollision. Ein -zureichendes Beispiel von der deut¬ schen Form der modernen Probleme, ein Beispiel, wie unsere jo Geschichte, gleich einem ungeschickten Rekruten, bisher nur die Aufgabe hatte, abgedroschene Geschichten nachzuexerzieren. Ginge also die gesamte deutsche Entwicklung nicht über die politische deutsche Entwicklung hinaus, ein Deutscher könnte sich höchstens an den Problemen der Gegenwart beteili- w gen, wie sich ein Russe daran beteiligen kann. Allein wenn das einzelne Individuum nicht gebunden ist durch die Schranken der Nation, ist die gesamte Nation noch weniger befreit durch die Befreiung eines Individuums. Die Scythen haben keinen Schritt zur griechischen Kultur vorwärts getan, weil Griechenland einen 20 Scythen unter seine Philosophen zählt. Zum Glück sind wir Deutsche keine Scythen. Wie die alten Völker ihre Vorgeschichte in der Imagination er¬ lebten, in der Mythologie, so haben wir Deutsche unsere Nach¬ geschichte im Gedanken erlebt, in der Philosophie. Wir sind 25 philosophische Zeitgenossen der Gegenwart, ohne ihre historischen Zeitgenossen zu sein. Die deutsche Philosophie ist die ideale Verlängerung der deutschen Geschichte. Wenn wir also statt die œuvres incomplètes unserer reellen Geschichte die œuvres posthumes unserer ideellen Ge- 30 schichte, die Philosophie, kritisieren, so steht unsere Kritik mitten unter den Fragen, von denen die Gegenwart sagt: t h a t i s the question. Was bei den fortgeschrittenen Völkern prak¬ tischer Zerfall mit den modernen Staatszuständen ist, das ist in Deutschland, wo diese Zustände selbst noch nicht einmal exi- 35 stieren, zunächst kritischer Zerfall mit der philosophischen Spiegelung dieser Zustände. Die deutsche Rechts- und Staatsphilosophie ist die einzige mit der offiziellen modernen Gegenwart a 1 pari stehende deutsche Geschichte. Das deutsche Volk/o muß daher diese seine Traumgeschichte mit zu seinen bestehen¬ den Zuständen schlagen und nicht nur diese bestehenden Zustände, sondern zugleich ihre abstrakte Fortsetzung der Kritik unter¬ werfen. Seine Zukunft kann sich weder auf die unmittelbare Ver¬ neinung seiner reellen, noch auf die unmittelbare Vollziehung 45
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 613 seiner ideellen Staats- und Rechtszustände beschränken, denn die unmittelbare Verneinung seiner reellen Zustände besitzt es in seinen ideellen Zuständen, und die unmittelbare Vollziehung seiner ideellen Zustände hat es in der Anschauung der Nachbar- j Völker beinahe schon wieder überlebt. Mit Recht fordert da¬ her die praktische politische Partei in Deutschland die Ne- gation der Philosophie. Ihr Unrecht besteht nicht in der Forderung, sondern in dem Stehenbleiben bei der Forderung, die sie ernstlich weder vollzieht noch vollziehen kann. Sie glaubt, 10 jene Negation dadurch zu vollbringen, daß sie der Philosophie den Rücken kehrt und abgewandten Hauptes — einige ärgerliche und banale Phrasen über sie hermurmelt. Die Beschränktheit ihres Gesichtskreises zählt die Philosophie nicht ebenfalls in den Bering der deutschen Wirklichkeit oder wähnt sie gar unter is der deutschen Praxis und den ihr dienenden Theorien. Ihr ver¬ langt, daß man an wirkliche Lebenskeime anknüpfen soll, aber ihr vergeßt, daß der wirkliche Lebenskeim des deutschen Volkes bisher nur unter seinem Hirnschädel gewuchert hat. Mit einem Worte: Ihr könnt die Philosophie nicht 2o aufheben, ohne sie zu verwirklichen. Dasselbe Unrecht, nur mit umgekehrten Faktoren, beging die theoretische, von der Philosophie her datierende poli¬ tische Partei. Sie erblickte in dem jetzigen Kampf nur den kritischen 25 Kampf der Philosophie mit der deutschen Welt, sie bedachte nicht, daß die seitherige Philosophie selbst zu dieser Welt gehört und ihre, wenn auch ideelle, Ergänzung ist. Kritisch gegen ihren Widerpart verhielt sie sich unkritisch zu sich selbst, indem sie von den Voraussetzungen der Philo- 3o sophie ausging und bei ihren gegebenen Resultaten entweder stehen blieb oder anderweitig hergeholte Forderungen und Resul¬ tate für unmittelbare Forderungen und Resultate der Philosophie ausgab, obgleich dieselben — ihre Berechtigung vorausgesetzt im Gegenteil nur durch die Negation der seitherigen 35 Philosophie, der Philosophie als Philosophie, zu erhalten sind. Eine näher eingehende Schilderung dieser Partei behalten wir uns vor. Ihr Grundmangel läßt sich dahin reduzieren: Sie glaubte, die Philosophie verwirklichen zu kön¬ nen, ohne sie aufzuheben. 4o Die Kritik der deutschen Staats- und Rechtsphi¬ losophie, welche durch Hegel ihre konsequenteste, reichste und letzte Fassung erhalten hat, ist beides, sowohl die kritische Analyse des modernen Staats und der mit ihm zusammenhängen¬ den Wirklichkeit als auch die entschiedene Verneinung der gan- 45 zen bisherigen Weise des deutschen politischen und
614 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern rechtlichen Bewußtseins, dessen vornehmster, univer¬ sellster, zur Wissenschaft erhobener Ausdruck eben die spekulative Rechtsphilosophie selbst ist. War nur in Deutschland die spekulative Rechtsphilosophie möglich, dies abstrakte überschwängliche Denken des modernen Staats, des- 5 sen Wirklichkeit ein Jenseits bleibt, mag dies Jenseits auch nur jenseits des Rheins liegen: so war ebensosehr umgekehrt das deutsche, vom wirklichen Menschen abstrahierende1) Gedankenbild des modernen Staates nur möglich, weil und inso¬ fern der moderne Staat selbst vom wirklichen Menschen 10 abstrahiert oder den ganzen Menschen auf eine nur imaginäre Weise befriedigt. Die Deutschen haben in der Politik gedacht, was die anderen Völker getan haben. Deutschland war ihr theoretisches Gewissen. Die Abstraktion und Über¬ hebung seines Denkens hielt immer gleichen Schritt mit der Ein-15 seitigkeit und Untersetztheit ihrer Wirklichkeit. Wenn also der status quo des deutschen Staatswesens die Voll¬ endung des ancien régime ausdrückt, die Vollendung des Pfahls im Fleische des modernen Staats, so drückt der status quo des deutschen Staatswissens die Un voll- 20 endung des modernen Staats aus, die Schadhaftigkeit seines Fleisches selbst. Schon als entschiedener Widerpart der bisherigen Weise des deutschen politischen Bewußtseins verläuft sich die Kritik der spekulativen Rechtsphilosophie nicht in sich selbst, sondern 25 in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis. Es fragt sich: kann Deutschland zu einer Praxis à la hau¬ teur des principes gelangen, d. h. zu einer Revolution, die es nicht nur auf das offizielle Niveau der modernen 30 Völker erhebt, sondern auf die menschliche Höhe, welche die nächste Zukunft dieser Völker sein wird. Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen 35 Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für <0 den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Auf¬ hebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, 1) Im Original abstrahieren das
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 615 daß der Mensch das höchste Wesen für den Men¬ schen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächt- 5 liches Wesen ist, Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektier¬ ten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln! Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezi- 10 fisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands r e - volutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt. Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion be- 15 siegt, wÄl er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen ver¬ wandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität 2o befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt. Aber, wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung, so war er die wahre Stellung der Aufgabe. Es galt nun nicht mehr 25 den Kampf des Laien mit dem Pfaffen außer ihm, es galt den Kampf mit seinem eigenen inneren Pfaffen, seiner pfäffischen Natur. Und wenn die protestantische Ver¬ wandlung der deutschen Laien in Pfaffen die Laienpäpste, die Fürsten samt ihrer Klerisei, den Privilegierten und den Phi- 3o listem, emanzipierte, so wird die philosophische Verwandlung der pfäffischen Deutschen in Menschen das Volk emanzipieren. So wenig aber die Emanzipation bei den Fürsten, so wenig wird die Säkularisation der Güter bei dem Kirchenraub stehen bleiben, den vor allen das heuchlerische Preußen ins Werk setzte. 35 Damals scheiterte der Bauernkrieg, die radikalste Tatsache der deutschen Geschichte, an der Theologie. Heute, wo die Theologie selbst gescheitert ist, wird die unfreieste Tatsache der deutschen Geschichte, unser status quo, an der Philosophie zerschellen. Den Tag vor der Reformation war das offizielle Deutschland der 4o unbedingteste Knecht von Rom. Den Tag vor seiner Revolution ist es der unbedingte Knecht von weniger als Rom, von Preußen und Österreich, von Krautjunkern und Philistern. Einer radikalen deutschen Revolution scheint indessen eine Hauptschwierigkeit entgegen zu stehen. 45 Die Revolutionen bedürfen nämlich eines passiven Elemen-
616 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern tes, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist. Wird nun dem ungeheuren Zwiespalt zwi¬ schen den Forderungen des deutschen Gedankens und den Ant¬ worten der deutschen Wirklichkeit derselbe Zwiespalt der bürger- 5 liehen Gesellschaft mit dem Staate und mit sich selbst entsprechen? Werden die theoretischen Bedürfnisse unmittelbar praktische Be¬ dürfnisse sein? Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirk¬ lichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen. 10 Aber Deutschland hat die Mittelstufen der politischen Emanzi¬ pation nicht gleichzeitig mit den modernen Völkern erklettert. Selbst die Stufen, die es theoretisch überwunden, hat es praktisch noch nicht erreicht. Wie sollte es mit einem salto mortale nicht nur über seine eigenen Schranken hinwegsetzen, sondern zu- u gleich über die Schranken der modernen Völker, über Schranken, die es in der Wirklichkeit als Befreiung von seinen wirklichen Schranken empfinden und erstreben muß? Eine radikale Revo¬ lution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein, deren Voraussetzungen und Geburtsstätten eben zu fehlen scheinen. 20 Allein wenn Deutschland nur mit der abstrakten Tätigkeit des Denkens die Entwicklung der modernen Völker begleitet hat, ohne werktätige Partei an den wirklichen Kämpfen dieser Entwicklung zu ergreifen, so hat es andererseits die Leiden dieser Entwick¬ lung geteilt, ohne ihre Genüsse, ohne ihre partielle Befriedigung 2s zu teilen. Der abstrakten Tätigkeit einerseits entspricht das ab¬ strakte Leiden andererseits. Deutschland wird sich daher eines Morgens auf dem Niveau des europäischen Verfalls befinden, bevor es jemals auf dem Niveau der europäischen Emanzipation gestanden hat. Man wird es einem Fetischdien er vergleichen 30 können, der an den Krankheiten des Christentums siecht. Betrachtet man zunächst die deutschen Regierungen, und man findet sie durch die Zeitverhältnisse, durch die Lage Deutschlands, durch den Standpunkt der deutschen Bildung, end¬ lich durch eigenen glücklichen Instinkt getrieben, die z i v i 1 i - 35 siertenMängel der modernen Staatswelt, deren Vor¬ teile wir nicht besitzen, zu kombinieren mit den barbarischen Mängeln des ancien régime, dessen wir uns in vollem Maße erfreuen, so daß Deutschland, wenn nicht am Verstand, wenigstens am Unverstand auch der über seinen status quo/o hinausliegenden Staatsbildungen immer mehr partizipieren muß. Gibt es z. B. ein Land in der Welt, welches so naiv alle Illusionen des konstitutionellen Staatswesens teilt, ohne seine Realitäten zu teilen, als das sogenannte konstitutionelle Deutsch¬ land? Oder war es nicht notwendig ein deutscher Regierungs- 45
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 617 einfall, die Qualen der Zensur mit den Qualen der französischen Septembergesetze, welche die Preßfreiheit voraussetzen, zu ver¬ binden! Wie man im römischen Pantheon die Götter aller Na¬ tionen fand, so wird man im heiligen römischen deutschen Reich 5 die Sünden aller Staatsformen finden. Daß dieser Eklektizis¬ mus eine bisher nicht geahnte Höhe erreichen wird, dafür bürgt namentlich die politisch-ästhetische Gourmande- rie eines deutschen Königs, der alle Rollen des Königtums, des feudalen wie des bureaukratischen, des absoluten wie des kon- 10 stitutionellen, des autokratischen wie des demokratischen, wenn nicht durch die Person des Volkes, so doch in eigener Person, wenn nicht für das Volk, so doch für sich selbst zu spielen gedenkt. Deutschland als der zu einer eigenen Welt konstituierte Mangel der politischen Gegen- 15 w a r t wird die spezifisch deutschen Schranken nicht niederwerfen können, ohne die allgemeine Schranke der politischen Gegenwart niederzuwerf en. Nicht die radikale Revolution ist utopischer Traum für Deutschland, nicht die allgemein menschliche Emanzi- 20 pation, sondern vielmehr die teilweise, die nur politische Revo¬ lution, die Revolution, welche die Pfeiler des Hauses stehen läßt. Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Revolution? Darauf, daß ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft sich emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt, 25 darauf, daß eine bestimmte Klasse von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet, also z. B. Geld und Bildung so besitzt oder beliebig erwerben kann. Keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle spielen, ohne ein Moment des Enthusiasmus in sich und in der Masse hervorzurufen, ein Moment, worin sie mit der Gesellschaft im Allgemeinen fraternisiert und zusammenfließt, mit ihr ver- 35 wechselt und als deren allgemeiner Repräsentant emp¬ funden und anerkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche und Rechte in Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesell¬ schaft selbst sind, worin sie wirklich der soziale Kopf und das soziale Herz ist. Nur im Namen der allgemeinen Rechte der Ge- 4o Seilschaft kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herr¬ schaft vindizieren. Zur Erstürmung dieser emanzipatorischen Stel¬ lung und damit zur politischen Ausbeutung aller Sphären der Gesellschaft im Interesse der eigenen Sphäre reichen revolutionäre Energie und geistiges Selbstgefühl allein nicht aus. Damit die ^Revolution eines Volkes und die Emanzipation
618 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern einer besonderen Klasse der bürgerlichen Gesellschaft zusammenfallen, damit ein Stand für den Stand der ganzen Ge¬ sellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt alle Mängel der Gesell¬ schaft in einer anderen Klasse konzentriert, dazu muß ein be¬ stimmter Stand der Stand des allgemeinen Anstoßes, die Inkor- s poration der allgemeinen Schranke sein, dazu muß eine besondere soziale Sphäre für das notorischeVerbrechen der ganzen Sozietät gelten, so daß die Befreiung von dieser Sphäre als die allgemeine Selbstbefreiung erscheint. Damit ein Stand par excellence der Stand der Befreiung, dazu muß umgekehrt m ein anderer Stand der offenbare Stand der Unterjochung sein. Die negativ-allgemeine Bedeutung des französischen Adels und der französischen Klerisei bedingte die positiv-allgemeine Bedeutung der zunächst angrenzenden und entgegengesetzten Klasse der Bourgeoisie. u Es fehlt aber jeder besonderen Klasse in Deutschland nicht nur die Konsequenz, die Schärfe, der Mut, die Rücksichtslosigkeit, die sie zum negativen Repräsentanten der Gesellschaft stempeln könnte. Es fehlt ebensosehr jedem Stande jene Breite der Seele, die sich mit der Volksseele, wenn auch nur momentan, identifiziert, 2® jene Genialität, welche die materielle Macht zur politischen Ge¬ walt begeistert, jene revolutionäre Kühnheit, welche dem Gegner die trotzige Parole zuschleudert: Ich bin nichts, und ich müßteallessein. Den Hauptstock deutscher Moral und Ehr¬ lichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bil- 2® det vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt. Das Verhältnis der verschiedenen Sphären der deutschen Gesell¬ schaft ist daher nicht dramatisch, sondern episch. Jede derselben beginnt sich zu empfinden und neben die anderen mit ihren beson- 30 deren Ansprüchen hinzulagem, nicht sobald sie gedrückt wird, sondern sobald ohne ihr Zutun die Zeitverhältnisse eine gesellige Unterlage schaffen, auf die sie ihrerseits den Druck ausüben kann. Sogar das moralische Selbstgefühl der deutschen Mittelklasse beruht nur auf dem Bewußtsein, die allgemeine2« Repräsentantin von der philisterhaften Mittelmäßigkeit aller übrigen Klassen zu sein. Es sind daher nicht nur die deutschen Könige, die mal-à-propos auf den Thron gelangen, es ist jede Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Niederlage erlebt, bevor sie ihren Sieg gefeiert, ihre eigene Schranke ent- « wickelt, bevor sie die ihr gegenüberstehende Schranke überwun¬ den, ihr engherziges Wesen geltend macht, bevor sie ihr gro߬ mütiges Wesen geltend machen konnte, so daß selbst die Gelegen¬ heit einer großen Rolle immer vorüber ist, bevor sie vorhanden war, so daß jede Klasse, sobald sie den Kampf mit der über ihr «
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 619 stehenden Klasse beginnt, in den Kampf mit der unter ihr stehen¬ den verwickelt ist. Daher befindet sich das Fürstentum im Kampf gegen das Königtum, der Bureaukrat im Kampf gegen den Adel, der Bourgeois im Kampf gegen sie alle, während der Proletarier 5 schon beginnt, sich im Kampf gegen den Bourgeois zu befinden. Die Mittelklasse wagt kaum von ihrem Standpunkt aus den Ge¬ danken der Emanzipation zu fassen, und schon erklärt die Ent¬ wicklung der sozialen Zustände wie der Fortschritt der politischen Theorie diesen Standpunkt selbst für antiquiert oder wenigstens 10 für problematisch. In Frankreich genügt es, daß einer etwas sei, damit er alles sein wolle. In Deutschland darf einer nichts sein, wenn er nicht auf alles verzichten soll. In Frankreich ist die partielle Emanzi¬ pation der Grund der universellen. In Deutschland ist die uni- is verseile Emanzipation conditio sine qua non jeder par¬ tiellen. In Frankreich muß die Wirklichkeit, in Deutschland muß die Unmöglichkeit der stufenweisen Befreiung die ganze Freiheit gebären. In Frankreich ist jede Volksklasse politischer Idealist und empfindet sich zunächst nicht als besondere 2o Klasse, sondern als Repräsentant der sozialen Bedürfnisse über¬ haupt. Die Rolle des Emanzipators geht also der Reihe nach in dramatischer Bewegung an die verschiedenen Klassen des fran¬ zösischen Volkes über, bis sie endlich bei der Klasse anlangt, welche die soziale Freiheit nicht mehr unter der Voraussetzung 25 gewisser, außerhalb des Menschen liegender und doch von der menschlichen Gesellschaft geschaffener Bedingungen verwirk¬ licht, sondern vielmehr alle Bedingungen der menschlichen Exi¬ stenz unter der Voraussetzung der sozialen Freiheit organisiert. In Deutschland dagegen, wo das praktische Leben ebenso geist- 30 los, als das geistige Leben unpraktisch ist, hat keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der allgemeinen Emanzipation, bis sie nicht durch ihre unmittel¬ bare Lage, durch die materielle Notwendigkeit, durch ihre Ketten selbst dazu gezwungen wird. 35 Wo also die positive Möglichkeit der deutschen Emanzi¬ pation? Antwort: In der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, wei¬ ft’ eher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein be¬ sonderes Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen histori¬ és c h e n, sondern nur noch auf den menschlichen Titel pro¬
620 Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern vozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu dem Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Vor¬ aussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allem übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphärem 5 der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völ¬ lige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst ge¬ winnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein beson¬ derer Stand ist das Proletariat. 10 Das Proletariat beginnt erst durch die hereinbrechende indu¬ strielle Bewegung für Deutschland zu werden, denn nicht die naturwüchsig entstandene, sondern die künstlich produzierte Armut, nicht die mechanisch durch die Schwere der Gesellschaft niedergedrückte, sondern die aus ihrer akuten u Auflösung, vorzugsweise aus der Auflösung des Mittelstandes hervorgehende Menschenmasse bildet das Proletariat, obgleich allmählich, wie sich von selbst versteht, auch die naturwüchsige Armut und die christlich-germanische Leibeigenschaft in seine Reihen treten. 20 Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheim¬ nis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die fak¬ tische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt 25 es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesell¬ schaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in i h m als nega¬ tives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf die werdende Welt in demselben Recht, in welchem der deutsche König in 30 bezug auf die gewordene Welt sich befindet, wenn er das Volk sein Volk, wie das Pferd sein Pferd nennt. Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus, daß der Privateigentümer König ist. Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so 35 findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen. Resümieren wir das Resultat: 40 Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich als die Emanzipation zugleich von den teilweisen u
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 621 Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. ä Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipa¬ tion des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philo¬ sophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die 10 Verwirklichung der Philosophie. Wenn alle inneren Bedingungen erfüllt sind, wird der deut¬ sche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.
Inhalt Seite Vorwort zur Gesamtausgabe. Vom Herausgeber IX Einleitung zum ersten Bande (Erster Halbband). Vom Herausgeber XXIX Die Doktordissertation Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilo¬ Sophie nebst einem Anhänge Widmung 5 Zueignung 7 Vorrede 9 Inhalt 11 Erster Teil. Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie im Allgemeinen I. Gegenstand der Abhandlung 13 II. Urteile über das Verhältnis der demokritischen und epikureischen Physik 15 III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität demokritischer und epiku- reischer Naturphilosophie 17 Zweiter Teil. Über die Differenz der demokritischen und epi¬ kureischen Physik im Einzelnen Erstes Kapitel. Die Deklination des Atoms von der geraden Linie . . 25 Zweites Kapitel. Die Qualitäten des Atoms 32 Drittes Kapitel. "Ατομοι άρχαί und άτομα στοιχεία 37 Viertes Kapitel. Die Zeit 41 Fünftes Kapitel. Die Meteore 44 Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie (Frag¬ ment aus dem Anhang) II. Die individuelle Unsterblichkeit 1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels .... 55 Anmerkungen Erster Teil. Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilo¬ sophie im Allgemeinen 58 Zweiter Teil. Über die Differenz der demokritischen und epikureischen Physik im Einzelnen 68 Anhang: Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie ... 79 Aus den Vorarbeiten zur Geschichte der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie Aus dem I. Heft 84 Epikur über den Staat. 84 — Epikur als der Philosoph der Vorstellung. 84 — Die Verlegung der Idealität in die Atome und die immanente Dialektik der epi¬ kureischen Philosophie. 85 — Zufall und Möglichkeit bei Epikur. 87 — Die größere Konsequenz Epikurs im Vergleich mit den Skeptikern. 88. — Das Atom als unmittelbare Form des Begriffs; die Deklination. 89 45*
624 Inhalt Seite Aus dem II. Heft 90 Die epikureische Philosophie der Meteore. 90 — Gassendi und Epikur. 93 — Die epikureische Weltkonstruktion. 94 — Die epikureische Philosophie und der Skeptizismus. 96 — Plutarchs Verständnislosigkeit gegenüber Epikur. 100 — Der Begriff des Weisen in der griechischen Philosophie. 100 — Die wesent¬ lichen Bestimmungen der epikureischen Philosophie. 106 Aus dem III. Heft Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikur Die Ataraxie 107 Zufall und Notwendigkeit 109 I. Das Verhältnis des Menschen zu Gott 1. Die Furcht und das jenseitige Wesen 110 2. Der Kultus und das Individuum 112 3. Die Vorsehung und der degradierte Gott 113 II. Die individuelle Unsterblichkeit 1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels . . . . 114 2. Die Sehnsucht der Vielen 115 3. Der Hochmut der Auserwählten 116 Kritik der Plutarchischen Ansichten über andere Philosophen, namentlich über Plato 118 Aus dem IV. Heft 121 Plutarch und Lukrez. 121. — Die lukrezische Kritik der früheren Naturphilo¬ sophie. 122 — Die Atome als Substanz. 123 — Der Krieg der Atome. 124 — Das Klinamen. 124 — Die äußeren Qualitäten des Atoms. 126 — Parallele zwischen den Epikureern und den Pietisten und Supranaturalisten. 127 Aus dem V. Heft 128 Seneca — Stobaeus — Clemens Alexandrinus Aus dem VI. Heft 131 Knotenpunkte in der Entwicklung der Philosophie. 131 — Über die subjektive Form der platonischen Philosophie und Kritik der Schrift Baur’s „Das Christ¬ liche im Platonismus“. 134 — Gegen Ritters Auffassung des Atomismus. 139 — Das Urteil Hegels über die epikureische Naturphilosophie. 140 Aus dem VII. Heft 141 Das Verhältnis der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie zur früheren griechischen Philosophie. 141 — Das Atom als die allgemeinste Form des Begriffs in der epikureischen Naturphilosophie. 142 — Die Aufgaben der philosophischen Geschichtsschreibung. 143 — Die Freiheit des Bewußtseins als das Prinzip der epikureischen Philosophie. 144 Aus: Athenäum. Berlin 1841 Wilde Lieder I. Der Spielmann 147 II. Nachtliebe 148 Aus: Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistik. 1843 Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach 151 Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion 153
Inhalt 625 Aus: Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe. 1843—1843 Die Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags. Erster Ar¬ tikel. Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen 179 Die Zentralisationsfrage in bezug auf sich selbst und in be¬ zug auf das Beiblatt der Rheinischen Zeitung zu Nr. 137, 17. Mai 1842. (Unvollendet) 230 Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung . . 232 Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 251 Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung 260 Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags. Dritter Artikel. Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz 266 Die „liberale Opposition66 in Hannover 305 Kabinettsordre in bezug auf die Tagespresse 307 Über Schutzzölle 308 Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien 309 Die Augsburger Allgemeine Zeitung Die polemische Taktik der Augsburger Zeitung (mit einem Nach¬ wort zu einer Korrespondenz aus München) 310 Der Ehescheidungsgesetzentwurf Kritik der Kritik 315 Der Ehescheidungsgesetzentwurf 317 Über die ständischen Ausschüsse in Preußen Die Beilage zu Nr. 335 und 336 der A. A. Z. über die ständischen Ausschüsse in Preußen 321 Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung Das Verbot der L. A. Z. für den preußischen Staat 336 Die „Kölnische Zeitung“ und das Verbot der L. A. Z 338 Die gute und die schlechte Presse 339 Replik auf den Angriff eines „gemäßigten“ Blattes 340 Replik auf die Denunziation eines „benachbarten“ Blattes . . 343 Die Denunziation der „Kölnischen“ und die Polemik der „Rhein- und Mosel-Zeitung 346 Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ 353 Rechtfertigung des ff-Korrespondenten von der Mosel. . . 355 A. Die Frage in bezug auf die Holzverteilung 357 B. Das Verhältnis der Moselgegend zur Kabinettsordre vom 24. Dezember 1841 und der durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung der Presse 359 Zur Landtagsabgeordnetenwahl Die hiesige Landtagsabgeordnetenwahl 384 Stilistische Übungen der „Rhein- und Mosel-Zeitung“ .... 388 Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ als Großinquisitor . . . 391 Erklärung 393
626 Inhalt Aus: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst Noch ein Wort über: „Bruno Bauer und die akademische Se’te Lehrfreiheit von Dr. O. F. Gruppe. Berlin 1842“. Von K. M. 397 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261—313) A. Das innere Staatsrecht §§ 261-271 403 I. Innere Verfassung für sich §§ 272-274 420 a) Die fürstliche Gewalt (§§ 275—286) 421 (Résumé pp. 445—448) b) Die Regierungsgewalt (§§ 287—297) 448 c) Die gesetzgebende Gewalt (§§ 289—313) 464 Aus: Deutsch-Französische Jahrbücher. Paris 1844 Ein Briefwechsel von 1843 (zwischen Marx, Ruge, Bakunin und Feuerbach von März bis September) 557 Zur Judenfrage 576 Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung . 607
Beilagen Tafel I. Der gefesselte Prometheus. Zeitgenössische Alle¬ gorie auf das Verbot der Rheinischen Zeitung .... vor S. I Durch den Erlaß des Zensurministers vom 21. Januar 1842 betr. Unterdrückung der RhZ vom 1. April ab wurde die Presse in Ketten geschlagen und die RhZ gefesselt. Das Eichhörnchen (Kultusminister Eichhorn!) auf dem Throne, das mit seiner Flinte nach einem Zuge freier Vögel zielt, sendet einen königlich-preußischen Adler aus, der den gefesselten Helden täglich peinigt. Die Rheinstädte Aachen, Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Trier und Koblenz beklagen den Märtyrer und flehen um Gnade. (In der zweiten Hälfte Februar 1843 bestürmte die Bürgerschaft dieser Städte den König mit Petitionen um Aufhebung des Verbots.) Im Hintergründe die Stadt Köln; auf dem Turme des Doms der große Kran. — Die Originallithographie dieses Bildes ist im Besitze von Eduard Fuchs, Berlin-Zehlendorf. Tafel II. Umschlagseite der ersten Sammelausgabe der Schriften von Marx. Köln 1851 vor S. XVII Tafel III. Aus den Vorarbeiten zur Dissertation. Spalte einer Seite des VI. Heftes vor S. 125 Tafel IV. Aus den Vorarbeiten zur Dissertation. Spalte einer Seite des VI. Heftes vor S. 133 Tafel V. Entwurf einer späteren Vorrede zur Dissertation vor S. 141 Tafel VI. Spottbild auf das Verbot der Rheinischen Zeitung vor S. 179 Dieses Spottbild auf das Verbot der RhZ befindet sich in den Akten des Geh. Staatsarchivs, Berlin. Der Regierungspräsident zu Köln, v. Gerlach, übersandte es am 14. Februar 1843 an den Innenminister Grafen v. Arnim. Am 19. Februar beschloß der Regierungsrat Bitter darüber: „Die Karikatur verdient ihrer nicht großen Ver¬ ständlichkeit wegen keine besondere Beachtung, — daher zu den Akten.4* Ein launisches Kind (dessen Gesichtszüge unverkennbare Ähnlichkeit mit Fried¬ rich Wilhelm IV. auf weisen) sitzt in einem Römerglas (Anspielung auf des Königs angebliche Vorliebe für Wein) und läßt Seifenblasen aufsteigen. Aus der Seifenblase der „Preßfreiheit** (Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841) entschwebt frei die RhZ vor den Augen eines durch eine große Brille spähenden Raben — des Zensors. Die Köln. Ztg. dagegen liegt, an das Brandenburger Tor gekettet, flach am Boden, während ihr Drucker (Dumont) dem zensierenden Gendarmen freundlich die Hände schüttelt. Dem Kinde im Pokal, das eine Kielfeder hinter das Ohr gesteckt hat und ein ganzes Bündel von Federn an einem Stricke hält, bringt ein Bedienter, auf Weinranken kletternd, ein Tintenfaß mit eingetauchter Feder. Von unten hebt häßliches Zensorenpack eine Schachtel „Neueste Streichhölzchen“ (Jahreszahl 1843) empor und entnimmt ihr Hölzchen zum — Streichen. Im Hintergründe die Stadt Köln. Tafel VII. Eine Seite der Rheinischen Zeitung vor S. 261 Tafel VIII. Eine Stelle aus der Kritik des Hegelschen Staats¬ rechts vor S. 551
Berichtigung der Druckfehler S. 92, Zeile 5 v.o. aviupœvov S. 361, Zeile 36 ▼. o. Kataster-Bureau S. 461, Zeile 43 Bureaukraten S. 524, Zeile 38 Gewerbes