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Tafel I
Der gefesselte Prometheus
Zeitgenössische Allegorie auf das Verbot
der Rheinischen Zeitung
MARX/ENGELS
GESAMTAUSGABE
GLIEDERUNG:
ERSTE ARTEILUNG: SÄMTLICHE WERKE UND SCHRIFTEN
MIT AUSNAHME DES «KAPITAL»
ZWEITEARTEILUNG: DAS «KAPITAL» MIT VORARBEITEN
DRITTE ABTEILUNG: BRIEFWECHSEL
VIERTE ABTEILUNG: GENERALREGISTER
MARX / ENGELS
GESAMTAUSGABE
ERSTE ABTEILUNG
BAND 1
MARX: WERKE UND SCHRIFTEN BIS ANFANG 1844
NEBST BRIEFEN UND DOKUMENTEN
ERSTER HALB BAND
WERKE UND SCHRIFTEN
KARL MARX
FRIEDRICH ENGELS
HISTORISCH-KRITISCHE GESAMTAUSGARE
WERKE / SCHRIFTEN / RRIEFE
IM AUFTRAGE DES
MARX-ENGELS-INSTITUTS
MOSKAU
HERAUSGEGEBEN
VON
D. RJAZANOV
MARX-ENGELS-ARCHIV
VERLAGSGESELLSCHAFT MBH.
FRANKFURT A. M.
KARL MARX
WERKE UND SCHRIFTEN
BIS ANFANG 1844
NEBST BBIEFEN UND DOKUMENTEN
MARX/ENGELS
GESAMTAUSGABE
ERSTE ABTEILUNG
BAND 1
ERSTER HALBBAND
MARX-ENGELS-ARCHIV
VERLAGSGESELLSCHAFT M. B. H.
FRANKFURT A. M. 1927
Druck:
J. B. Hirschfeld (Amo Pries), Leipzig
Einband :
Carl Einbrodt, Großbuchbinderei C. in. b. H., Leipzig
VORWORT ZUR GESAMTAUSGABE
UND
EINLEITUNG ZU BAND 1, ERSTER HALBBAND
VORWORT ZUR GESAMTAUSGABE
Die Veranstaltung einer Gesamtausgabe der Werke von Marx und
Engels ist ein so dringendes Bedürfnis, daß die Notwendigkeit eines
solchen Unternehmens nicht ausführlich nachgewiesen werden muß.
Die Grundideen Marxens und Engels’ haben die gesamte internatio¬
nale Arbeiterbewegung befruchtet. In allen zivilisierten Ländern, in denen
sich eine Klassenorganisation des Proletariats entwickelt, geschieht dies
mehr oder weniger ausdrücklich unter dem Banner des Marxismus. Marx
und Engels haben der geistigen Entwicklung mehrerer Geschlechter in
verschiedenen Landern, bis jetzt in erster Linie in Deutschland und Ru߬
land, einen unaustilgbaren Stempel aufgedrückt. Kein Gebiet der gesell¬
schaftlichen und historischen Wissenschaften, das nicht den mächtigen
Einfluß der beiden großen Denker erfahren hätte, deren Theorien nach
ihrem Tode mehrmals „vernichtet“ wurden, aber stets zu neuem Leben
auferstanden.
Um aber die Entstehung und Ausbildung der Ideen, die Marx und
Engels in den historischen Prozeß hineingebracht haben und die ihrer¬
seits zu mächtigen ideellen Triebkräften dieses Prozesses selbst geworden
sind, genau verfolgen und von dem Wirken der beiden Forscher und
Kämpfer ein Gesamtbild erhalten zu können, müssen wir sämtliche Zeug¬
nisse sowohl ihrer theoretischen Arbeit als auch ihrer praktischen und
organisatorischen Tätigkeit vor uns haben.
Daß eine vollständige Ausgabe der Werke der beiden Begründer des
wissenschaftlichen Sozialismus, der Verkünder und Wegweiser des prole¬
tarischen Emanzipationskampfes, bis auf den heutigen Tag noch aussteht,
wird immer fühlbarer bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen, die
auf das Verständnis ihrer Weltanschauung, auf die Erfassung ihrer Lehren
gerichtet sind. Ein allseitiges wissenschaftliches Studium ihrer theore¬
tischen und praktischen Lebensarbeit wird erst möglich sein, 'wenn ihre
gesamte geistige Hinterlassenschaft in einer kritischen Gesamtausgabe
reproduziert und zusammengefaßt vorliegen wird.
Trotz der ungemein reichen und immer noch wachsenden Literatur, die
sich direkt mit der Weltanschauung und den Theorien von Marx und
Engels befaßt, sind ihre Werke noch immer nur in einzelnen, verschiedene
Zwecke verfolgenden Teileditionen verstreut — ja ein großer Teil ihres
Lebenswerkes ist unbekannt und der Forschung unzugänglich.
X
Vorwort
Allerdings hat es an Versuchen, gewisse Stücke des literarischen Nach¬
lasses von Marx oder von Marx und Engels herauszugeben, nicht gefehlt.
Schon vor 75 Jahren tauchte der Plan auf, Marxens „gesammelte Auf¬
sätze“ aus dem Zeitraum von 1842 bis 1851 herauszugeben. Dieser erste
Versuch rührt von dem ehemaligen Revolutionär und Kommunisten Her¬
mann Becker her (dem sogenannten „roten Becker“, dem späteren
nationalliberalen Oberbürgermeister von Köln).
Nach Eingehen seiner „Westdeutschen Zeitung“ (im Juli 1850) und
gleich darauf des „Westdeutschen Anzeigers“ schlägt Becker — damals
Mitglied der von London nach Köln verlegten Zentralbehörde des Bundes
der Kommunisten — Marx vor, seine Aufsätze aus den vierziger Jahren
herauszugeben. Marx akzeptiert den Plan, und die Vorarbeiten beginnen
etwa November 1850. Ende dieses Jahres schreibt Becker an Marx nach
London : „Gern hätte ich Dir zu Weihnachten den ersten Bogen geschickt.
Die schändliche Misere, in die ich hineingeraten bin, hat mich auf¬
gehalten. Mein wahres Faktotum, Baute, hat mir die Polizei ausgewiesen,
eben weil es mein alter ego ist. Ich mußte übrigens auch noch Durch¬
schüsse machen lassen, die erst gegen Neujahr fertig werden. Vom ersten
Januar an werden aber zwei Setzer kontinuierlich an den ,Gesammelten
Aufsätzen* arbeiten.“
Was für Schwierigkeiten — nicht nur technischer und finanzieller
Natur — dem Unternehmen im Wege standen, sieht man aus den übrigen
Briefen von Becker an Marx:
„Vorwärts gehts — so lesen wir in einem Briefe vom 27. Januar
1851 — aber verzweifelt langsam. Köln, das große Dorf, ist für den
Buchverkehr ein schändlicher Ort. Drei Bogen stehen in Formen, können
aber nicht gedruckt werden, weil es kein Papier gibt. Seit ersten Januar
bis jetzt liegt meine Druckerei fast still . . . Anliegend ein Korrektur¬
blättchen, was mir gerade zur Hand ist. Auf Andringen von Daniels und
Bürgers habe ich das Format etwas geändert, wie die beiden sagen, an¬
sehnlicher gemacht. Übrigens ist ein Mangel an einem Exemplar der
Alten Rheinischen Zeitung sehr fatal.“ Und erst am 1. März teilt er Marx
mit: „Das Beiblatt zu Nr. 125 der Alten Rheinischen Zeitung ist mit un¬
endlichen. Mühen bei Dagobert Oppenheim auf getrieben.“ x)
Die Öffentliche Ankündigung — ein Prospektblatt — wird unter dem
15. April ausgegeben. Daraus erfahren wir die Einzelheiten des Verlags¬
plans:
„Marx’ Arbeiten sind teils in besonderen Flugschriften, teils in perio¬
*) Auch wir haben dieses Beiblatt nur mit großen Schwierigkeiten erwerben
können.
Vorwort
XI
dischen Schriften erschienen, jetzt aber meistens gar nicht mehr zu be¬
kommen, wenigstens im Buchhandel vergriffen.
Der Herausgeber glaubt deshalb, dem Publikum einen Dienst zu er¬
weisen, wenn er mit Bewilligung des Verfassers diese Arbeiten, welche
gerade ein Dezennium fassen, zusammenstellt und wieder zugänglich
macht.
Der Plan ist auf zwei Bände berechnet; der Band wird 25 Bogen um¬
fassen. Dem zweiten Bande wird Marx’ Porträt beigegeben. Die, welche
bis zum 15. Mai 1851 auf diese Bände subskribieren, erhalten solche in
10 Heften à 8 Silbergroschen. Nach diesem Termin tritt der Ladenpreis,
1 Thaler 15 Silbergroschen, ein.
Der erste Band wird Marx’ Beiträge zu den ,Anekdota‘ von Ruge, der
(alten) ,Rheinischen Zeitung* (namentlich über Preßfreiheit, Holzdieb¬
stahlsgesetz, Lage der Moselbauern usw.), den ,Deutsch-Französischen
Jahrbüchern*, dem ,Westfälischen Dampfboot*, dem »Gesellschaftsspiegel*
usw. und eine Reihe von Monographien enthalten, die vor der März¬
revolution erschienen, aber ,leider* heute noch passen.“
Nur die erste Lieferung des ersten Bandes, das „1. Heft“, ist, fünf
Bogen stark, erschienen. Sie enthält die Bemerkungen über die neueste
preußische Zensurinstruktion aus den Anekdota, aus der Rheinischen Zei¬
tung zum größten Teil die Kritik der Pressedebatten auf dem 6. Rheini¬
schen Landtag, die mitten in einem Satze abbricht.
Wenn wir sagen: erschienen, so ist dies vielleicht zuviel gesagt. Sicher
ist nur, daß diese erste Lieferung, heute zu den größten Seltenheiten ge¬
hörig — wir wissen nur von einigen Exemplaren —, Ende April gedruckt
und geheftet vorlag. Ob sie überhaupt richtig in den Verkehr gebracht
wurde, ist zweifelhaft, und daß dies nicht in größerem Ausmaße geschah,
ist bestimmt. Marx erhielt am 3. Mai ein Exemplar. „Ein Heft von meinem
Dreck ist hierher gelangt“, schrieb er an Engels. Bald nach der Druck¬
legung, am 10. Mai, wurde Noth jung, der Emissär des Bundes der Kom¬
munisten, von der Polizei in Leipzig gefaßt, und kurz darauf, am 19. Mai,
auch Becker, der noch zu Anfang des Monats von einer Erweiterung des
ursprünglichen Planes, von der Aufnahme einer deutschen Ausgabe des
Anti-Proudhon in die „Gesammelten Aufsätze“ geträumt hatte, in Köln
gleichfalls verhaftet. Eine „große Menge“, wohl der größte Teil der ersten
Lieferung, lag damals noch bei dem Buchbinder Hartmann, wo sie von
der Polizei konfisziert worden ist.
Die auf Fortsetzung dieser Ausgabe gerichteten Anstrengungen des
Notariatskandidaten Bermbach — eines geheimen Anhängers von Marx
und Vermittlers zwischen ihm und den verhafteten Bundesmitgliedern —
blieben ebenso fruchtlos wie Lassalles gleichartige Bemühungen.
XII
Vorwort
So scheiterte der erste Versuch, Marxens gesammelte Aufsätze in
Deutschland herauszugeben, zugleich und zusammen mit dem Versuch,
den Bund der Kommunisten nach der Niederlage der Revolution von
1848/49 wieder aufzurichten.
Es vergingen mehr als fünfzehn Jahre, bis der alte Plan wieder auf*
tauchte. Den Anlaß gab die Fertigstellung des ersten Bandes des „Kapi*
tal“. Schon einige Monate vor dessen Erscheinen, am 27. April 1867,
schreibt Engels an Marx:
„Die gesammelten Aufsätze wird Meissner dann schon gern nehmen,
und damit ist wieder Geld und ferner auch ein neuer literarischer Erfolg
geschaffen. Die Sachen aus der Neuen Rheinischen Zeitung, der 18. Bru*
maire usw. werden dem Philister jetzt enorm imponieren, und haben wir
auf dieser Basis erst wieder etwas Terrain gewonnen, so finden sich auch
bald noch allerhand andere erträgliche Geschichten.“
Die Hoffnungen Engels’ gingen nicht in Erfüllung. Mit Meissner
wurde nur über die Herausgabe des „18. Brumaire“ ein Abkommen erzielt.
Für die russische Ausgabe des „Kapital“, die 1872 erschien, fertigte
Marx eine Übersicht der Hauptarbeiten an, die er allein oder gemeinsam
mit Engels bis 1867 geschrieben hatte. In dem Briefe an seinen Über¬
setzer N. Danielson bemerkt er, daß er sie selbst nicht in vollständiger
Sammlung besitze.
Nach dem Gothaer Vereinigungskongreß der deutschen Sozialdemo¬
kratie wurde 1876/77 der Gedanke einer Sammelausgabe erneut auf¬
genommen; sie sollte diesmal außer Aufsätzen von Marx auch Arbeiten
von Engels, der gerade seine Artikel gegen Dühring schrieb, enthalten.
Adolf Hepner, damals Buchhändler in Breslau, macht um 1877 Engels
den Vorschlag, seine und Marxens Artikel gemeinsam herauszugeben und
dazu auch die „Heilige Familie“, die „Lage der arbeitenden Klassen in
England“ und den Anti-Proudhon zu nehmen.
Das Sozialistengesetz verhinderte die Verwirklichung dieses Plans,
noch bevor er bestimmtere Formen angenommen hatte.
Es ist dann Marxens Tod, der die Herausgabe seiner Werke wiederum
auf die Tagesordnung stellt. Die ersten russischen Sozialdemokraten
— Plechanov, Axelrod, Zasulië — schlagen in ihrer Begrüßungsadresse
an den Kopenhagener Kongreß (Ende März 1883) der deutschen Sozial¬
demokratie vor, „die Initiative . . . zur Sammlung eines Fonds für eine
Volksausgabe sämtlicher Schriften“ von Marx zu ergreifen.
Ein Jahr nachher (27. April 1884) bemühte sich auch Rudolf Meyer,
Engels zur Veröffentlichung einer „Gesamtausgabe von Marxens zer¬
streuten Aufsätzen“ zu veranlassen.
Im Mai 1885 trägt sich Hermann Schlüter, damals administrativer
Vorwort
XIII
Leiter des Züricher „Sozialdemokrat“, mit dem Plan, in der bekannten
von ihm redigierten Serie „Sozialdemokratische Bibliothek“ ein Bändchen
mit dem Titel „Kleine Schriften und Aufsätze von Marx“ herauszugeben.
Er erbittet dazu Engels’ Einwilligung und Hilfe. Engels, der gleich nach
Marxens Tod sich an die Bearbeitung der „Kapital“-Manuskripte gemacht
hatte, erklärt jedoch nur den gesonderten Abdruck einzelner kleinerer
Schriften für zeitgemäß; einige davon sind dann mit Vorreden von ihm
tatsächlich im Höttingen-Züricher Parteiverlag erschienen.
Sofort nach dem Fall des Sozialistengesetzes hielten es führende Mit¬
glieder der deutschen Partei für notwendig, außer der Gesamtausgabe der
Werke von Lassalle, die im Auftrage des Partei Vorstands, besorgt von
Eduard Bernstein, 1891—1893 erschien, auch die Werke von Marx ge¬
sammelt herauszugeben. Engels wird von allen Seiten bestürmt, einer
Auswahlausgabe zuzustimmen und solche Bestrebungen zu unterstützen.
Zunächst will sich Wilhelm Liebknecht in Gemeinschaft mit Paul Ernst
der Sache annehmen. Engels äußert sich jedoch auf das entschiedenste
gegen den Plan:
„Entweder willst Du alles drucken — schreibt er an Liebknecht am
18. Dezember 1890 — worauf der Name Marx steht, oder aber — soll es
der Anfang der von Dir mit Paul Ernst geplanten »Gesamtausgabe* in Bro¬
schüren, resp. Heften sein? Dagegen protestiere ich schon hier und werde
es auch fernerhin tun.“ Er bittet weiter, ihn in Ruhe zu lassen, bis er mit
der Arbeit am dritten Bande des „Kapital** fertig sei.
Engels betrachtet die Veranstaltung einer „Gesamtausgabe“ der Werke
von Marx als seine ureigenste Aufgabe, die er aber bis zum Abschluß
des „Kapital“ zurückzustellen gezwungen ist. Darum weist er auch 1891/92
die Anfragen und Vorschläge Paul Singers und Richard Fischers ab, die
im Berliner Parteiverlag die kleineren Arbeiten Marxens gesammelt
herauszugeben planen, und eine nicht minder entschiedene Abfertigung
holt sich der Leiter des Stuttgarter Verlags J. H. W. Dietz. Die Wünsche
Victor Adlers (in seinen Briefen an Engels vom 25. August und 22. Sep¬
tember 1892) vermögen Engels ebensowenig zu einer Aufgabe seines
Standpunktes in dieser Frage zu bewegen. Er arbeitet rastlos weiter am
„Kapital“ und unterstützt nur die Einzelausgaben einiger Schriften.
Kaum wurde bekannt, daß Engels endlich den dritten Band des „Ka¬
pital** in Druck gegeben hatte, als Richard Fischer, der damalige Leiter
des Vorwärts-Verlags Engels wiederum (am 27. Januar 1894) den Vor¬
schlag machte, seine und Marxens Werke in einer großen Ausgabe — in
Lieferungen — an die Öffentlichkeit zu bringen.
Engels fand den Vorschlag in dieser Form nicht zeitgemäß und nicht
annehmbar. Den Plan einer großen Ausgabe — dies seine Antwort —
XIV
Vorwort
möge Fischer bis auf weiteres ruhen lassen, schon weil zu befürchten sei,
daß bei einer Annahme der Umsturzvorlage mit Zensurschwierigkeiten ge¬
rechnet werden müsse. „Am allerwenigsten könnte ich mich dazu ver¬
stehen, an Marx’ und meinen alten Arbeiten eine wenn auch noch so
geringe Kastrierungsprozedur behufs Anpassung an momentane Pre߬
verhältnisse zuzulassen. Da wir aber sehr ungeniert geschrieben haben
und alle Augenblicke Dinge gerechtfertigt, die in kaiserlich deutschen
Landen Vergehen und Verbrechen sind, wäre ein Neudruck in Berlin nach
Annahme jenes Mustergesetzes keineswegs ohne viel Streicherei möglich“
(Engels an Fischer, 15. April 1895).
„Zweitens aber“ — heißt es weiter im selben Briefe — „habe ich den
Plan, Marx’ und meine kleineren Sachen in einer Gesamtausgabe
wieder ins Publikum zu bringen, und zwar nicht in Lieferungen, son¬
dern gleich in ganzen Bänden. Ich habe darüber auch schon mit August
[Bebel] korrespondiert, und sind wir wegen der Sache noch in Ver¬
handlung.“
Vorläufig wollte Engels sich nur auf die Herausgabe einiger Marxscher
Artikel aus der „vorsozialistischen Periode“ seiner Tätigkeit beschränken.
Bei der Sammlung dieser Arbeiten half ihm übrigens auch Mehring1),
dem nach dem Tode von Engels die Herausgabe der Werke der beiden
Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus übertragen wurde.
Die Ausgabe Mehrings war im vollen Sinne des Wortes epochemachend
für die Geschichte der Marxforschung. Vortreffliche Kommentare brachten
zum erstenmal aus den verschiedensten Quellen das wichtigste Material
für die Biographie von Marx und Engels. Das, was Mehring für seine
vornehmste Aufgabe gehalten hatte — „das historische Milieu, in dem
Marx und Engels wirkten, zu schildern, Farbe und Ton der Zeit wieder
heraufzubeschwören, worin diese Schriften einmal gelebt haben“ — war
ihm glänzend gelungen. Für den Zeitraum von 1841 bis 1850 galt bis
vor kurzem die Mehringsche Ausgabe als das eigentliche Quellenwerk für
die Kenntnis von Marx und Engels. Und doch, bei all ihrem literarischen
Wert war diese Ausgabe sogar für jene Periode, deren Erfassung sie sich
zum Ziele gesetzt hatte, nicht vollständig.
Lassen wir Mehring das Wort:
„Eine wissenschaftliche Gesamtausgabe der Schriften, die Karl Marx
und Friedrich Engels hinterlassen haben, wäre eine so wünschenswerte
Sache, wie sie in absehbarer Zeit eine unmögliche Sache ist. Für ihre
0 „Engels beabsichtigte nicht lange vor seinem Tode, die Aufsätze von Marx aus
der Rheinischen Zeitung neu herauszugeben, ich hatte die Freude, sie für ihn zu¬
sammenzustellen. Leider starb er, als eben das Material beisammen war.“ Meh¬
ring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. 2. Aufl. 1903 I, 382.
Vorwort
XV
würdige Herstellung ist noch eine Reihe von Vorarbeiten notwendig, die
von keinem einzelnen, und selbst von mehreren nicht binnen kurzer Frist
erledigt werden können.
Eine dieser Vorarbeiten, und nicht mehr, soll die vorliegende Samm¬
lung der Arbeiten sein, die Marx und Engels in den vierziger Jahren ver¬
öffentlicht haben. Ich sage: veröffentlicht, denn was sie im ersten Jahr¬
zehnt ihrer öffentlichen Wirksamkeit geschrieben, aber freiwillig oder ge¬
zwungen im Schreibtische zurückbehalten haben, ist mit einer Ausnahme
nicht berücksichtigt worden. Diese eine Ausnahme bildet die Doktor¬
dissertation von Marx, die auf seine bisher so gut wie unbekannten An¬
fänge ein zu helles Licht wirft, als daß sie übergangen werden durfte. Was
mir sonst aber von dem schriftlichen Nachlaß beider Männer aus vormärz¬
licher Zeit bekannt ist und zur Verfügung gestanden hat, gibt nur eine Er¬
gänzung und, soweit ich darüber zu urteilen vermag, eine nicht eben
bedeutsame Ergänzung zu dem, was sie veröffentlicht haben; es gehört
unzweifelhaft in eine Gesamtausgabe ihrer Schriften oder in eine beson¬
dere Publikation, aber nicht in eine Sammlung, die zunächst einmal die
Kundgebungen zusammenfassen will, mit denen Marx und Engels tat¬
sächlich in die historische Entwicklung der vierziger Jahre eingegriffen
haben“ (Mehring, Nachlaß, Bd. I, S. VII).
Die Ausnahme, von der Mehring spricht, ist die Arbeit Marxens über
Epikur und Demokrit. Aber bereits zwei Jahre nach dem Erscheinen der
Mehringschen Ausgabe veröffentlicht Bernstein aus dem literarischen
Nachlaß von Marx und Engels ein so bedeutsames Werk wie den „Sankt
Max“, das zudem erst einen Teil des großen Manuskripts darstellt, in
welchem die deutsche Ideologie der vierziger Jahre der Kritik unterzogen
wurde. Das, was Mehring nur als „eine nicht eben bedeutsame Ergänzung“
angesehen hatte, erwies sich gerade deshalb als überaus wichtig, weil es
ein „helles Licht auf bisher so gut wie unbekannte“ Momente des Über¬
gangs vom „realen Humanismus“ zum wissenschaftlichen Sozialismus
wirft.
Aber die Mehringsche Ausgabe war auch von dem Standpunkte aus
unvollständig, den Mehring selbst bei der Sammlung der „literarischen
Kundgebungen“ Marxens und Engels’ eingenommen hatte. Man kann
noch jene Erwägungen verstehen, die ihn veranlaßten, aus seiner Samm¬
lung Arbeiten wie das „Elend der Philosophie“ oder das „Kommunistische
Manifest“ auszuschließen. Mehring mußte mit den Forderungen eines so
eigensinnigen Verlegers wie Dietz rechnen, der auf möglichst große Be¬
schränkung des Umfangs eines jeden Bandes bestand und sich weigerte,
auf dem Büchermarkt bereits vorhandene Werke wieder abzudrucken. Auf
keinen Fall jedoch kann man mit dem Prinzip einverstanden sein, durch
XVI
Vorwort
das sich Mehring bei der Auswahl solcher Werke von Marx und Engels
leiten ließ, die seit 50 Jahren nicht wieder abgedruckt waren.
Hören wir wieder Mehring selbst:
Auch aus dem verbleibenden Reste, erklärt er, „mußte eine Auswahl
getroffen werden. Ich gestehe gern, daß mir dieser Teil meiner Arbeit am
schwersten gefallen ist; es ist peinlich genug, an den hinterlassenen
Schriften solcher Männer den Zensor zu spielen. Allein hier lag eine un¬
erbittliche Notwendigkeit vor, wenn diese Sammlung nicht unmäßig be¬
schwert und gerade der Zweck vereitelt werden sollte, um dessentwillen
sie unternommen worden ist, nämlich der Zweck, das Lebenswerk von
Marx und Engels in helleres Licht zu stellen.“
Wenn Mehring sich darauf beruft, daß besonders in den von Marx und
Engels redigierten Zeitungen „manchmal schwer zu entscheiden ist, was
sie verfaßt haben und was nicht, aber manchmal noch schwerer, was sie
selbst gedacht oder nur für den Druck überarbeitet, verbessert, zurecht¬
gestutzt haben“, so hat er damit gewiß recht. Wenn es sich nicht um eine
vollständige Ausgabe handelt, dürfen die „Dubiosa“ gewiß nicht gebracht
werden. Nur hätte Mehring an der Eigenart des Stils und des Inhalts und
mit Hilfe von indirekten Beweismomenten die Autorschaft von Marx oder
Engels bei vielen von ihm abgelehnten Artikeln feststellen können.
Indes selbst bei der Zusammenstellung der Marxschen Beiträge aus der
„Rheinischen Zeitung“ sind sehr wichtige Artikel, deren Urheberschaft
ihm nicht nur von Engels, sondern auch von einer Reihe anderer Zeugen
bestätigt worden war, Artikel, die ein „helles Licht auf das Lebenswerk
von Marx“ werfen, von Mehring ohne triftige Begründung ausgelassen
worden.
Aber auch eine andere Regel hielt Mehring bei seiner Editionstätigkeit
für zulässig, trotzdem sie ihn mit dem Hauptziel seiner Ausgabe — näm¬
lich : dem Leser alle Wurzeln zu zeigen, aus denen der historische Materia¬
lismus und der wissenschaftliche Kommunismus sich entwickelt haben —
in Widerpruch brachte. Es handelt sich darum, daß Mehring nicht nur
unzweifelhaft von Marx und Engels stammende Artikel zuweilen aus¬
sondert, sondern Artikel wie größere Schriften redaktionell be¬
arbeitet. Vor allem verkürzt er sie mitunter sehr beträchtlich. Am
meisten leiden darunter die polemischen Exkursionen. Marx und Engels
haben, so meint Mehring, „um ihrer großen Ziele willen mit sehr kleinen
Leuten um sehr kleine Fragen streiten müssen, ohne daß diese kleinen
Leute und diese kleinen Fragen dem heutigen Leser vergegenständlicht
werden könnten, es sei denn mit einem unbilligen Aufwand an Raum
und Zeit.“
Mehring vergaß, was er an einer anderen Stelle seines Vorworts ge-
Tafel II
Gerammelte jhfW
ton
Äarl
herauSgegeben
x>on
bemann ÿedter.
1. ^eft.
Umschlagseite der ersten Sammelausgabe
der Schriften von Marx
(s. S. XI)
Vorwort
XVII
schrieben hatte: ,Jede Rücksicht auf eine populäre Massenwirkung
scheidet der Natur der Sache nach von vornherein aus.“
Im Widerspruch zu diesem Prinzip versucht Mehring in dem für die
russische Übersetzung seiner Nachlaß-Ausgabe geschriebenen Vorwort
(1907) sein Kürzungsverfahren gerade mit Rücksichten auf eine „popu¬
läre Massenwirkung“ zu rechtfertigen. Indem er aber dabei begründen
will, warum er nicht noch weiter gegangen sei, weist er selbst die Unzu¬
länglichkeit seines Verfahrens am treffendsten nach. Er schreibt:
„Den Jugendarbeiten Karl Marx’ und Friedrich Engels’ ist häufig der
Vorwurf einer galligen, zu händelsüchtigen und zu weitschweifigen Pole¬
mik gemacht worden. Diese Anschauung haben auch den beiden Schrift¬
stellern durchaus nicht feindlich gesinnte Kritiker geteilt Insbesondere
richtete sich dieser Vorwurf gegen das umfangreichste dieser Werke, die
„Heilige Familie“, und man kann nicht leugnen, daß der Vorwurf etwas
Zutreffendes hat oder wohl wirklich begründet ist. Ich selbst habe mich
bemüht, die langweiligen oder für den modernen Leser sogar unverständ¬
lichen polemischen Stellen auszulassen, wenngleich auch hierbei natürlich
gewisse Grenzen zu beobachten waren. Nur ein völlig verweichlichter Ge¬
schmack, den jedes kritische Wort kalt anweht, kann nicht bemerken, daß
die ersten Keime des historischen Materialismus und des wissenschaft¬
lichen Kommunismus gerade in den polemischen Teilen der Jugendwerke
von Marx und Engels am klarsten zum Durchbruch kommen. Das ist auch
bei der „Heiligen Familie“ der Fall, wo neben vielen händelsüchtigen
Stellen die glänzendsten Seiten dessen, was der junge Marx geschrieben,
enthalten sind. Es ist also unmöglich, sie voneinander zu trennen, weil so
vor uns tatsächlich bis in die kleinsten Einzelheiten sich der Prozeß jener
Selbstverständigung enthüllt, die Marx und Engels mit der flammenden
Begeisterung einer nach den höchsten Zielen strebenden Jugend gesucht
haben. Ein solcher Prozeß ist immer ein Gären des Geistes und kann des¬
halb nicht von trüben, unklaren Elementen frei sein. Dabei können wir
unendlich mehr lernen, wenn wir den vor unseren Augen sich vollziehen¬
den Prozeß beobachten, als wenn Marx und Engels uns die Resultate ihrer
Forschungen sozusagen in fertigen Kristallen überliefert hätten.“ x)
Das Verfahren, am literarischen Nachlaß von Marx und Engels Kür¬
zungen vorzunehmen, kann man kaum entschiedener verurteilen, als dies
Mehring selbst hier getan hat. Änderungen und Kürzungen hat nicht nur
Marxens Dissertation erlitten, sondern auch eine Reihe anderer Arbeiten
von Marx und Engels aus der „Rheinischen Zeitung“ wie aus anderen
Zeitschriften der vierziger Jahre.
Neben solcher Ausschaltung oder Kürzung vieler Artikel hat Mehring
M Aus dem Russischen rückübersetzt.
Marx*Engels*GeMmtauBgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd.
2
xvni
Vorwort
noch eine dritte Methode, Änderungen anzuhringen. Marx und Engels
— der erstere in stärkerem Maße — hatten eine besondere Vorliebe für
Sperrungen, Anführungszeichen, Kursiv- und Fettschrift. Mehring be¬
schloß, diese typographische „Unsauberkeit“ zu beseitigen. Statt alle
Anführungszeichen und Hervorhebungen, Fettauszeichnungen, Sperrungen
etc. wiederzugeben, tut dies Mehring nur in solchen Fällen, wo sie ihm
nicht überflüssig erscheinen. So werden nicht etwa solche Worte unter¬
strichen oder in Anführungszeichen gebracht, die — mit Recht oder Un¬
recht — Marx zu unterstreichen oder in Anführungszeichen zu setzen für
notwendig hielt, sondern solche, bei denen Mehring diese „Auszeich¬
nungen“ angebracht findet.
Mit anderen Worten, einem derartigen Verfahren entspräche es, wenn
etwa jemand bei einer Neuausgabe von Beethovens Werken sich erlauben
würde, alle musikalischen Ausdruckszeichen fortzulassen oder sie nur da
zu setzen, wo sie ihm selbst vernünftig schienen.
Alle diese Methoden, die bei der Edition von Autoren geringeren Aus¬
maßes als Marx und Engels nicht erlaubt wären, machen die Mehringsche
Ausgabe zu einer überaus subjektiven und zwingen, in allen Fällen, wo
dies möglich, das Original zu Hilfe zu ziehen. Selbst für eine nicht voll¬
ständige, ja nur das Wichtigste umfassende Sammlung der Werke Marxens
und Engels’ könnte die Mehringsche Ausgabe schon einfach aus dem
Grunde nicht als Basis und Anleitung dienen, weil sie die Hauptbedingung
jeder Redaktions- und Editions-Arbeit nicht erfüllt: sie gibt den
Originaltext nicht getreu wieder.
Am „subjektivsten“ von allen drei Bänden, die Mehring herausgegeben
hat, ist der dritte, der die literarische und publizistische Tätigkeit von
Marx und Engels aus den Jahren 1848—1850 umfaßt. In Wirklichkeit
stellt er eine Auswahl und willkürliche Gruppierung von manchmal be¬
deutend gekürzten Aufsätzen Marxens und Engels’ dar. Schon die erste
Durcharbeitung aller Nummern der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zeigte,
daß aus diesen oder jenen Gründen von Mehring viele Artikel weggelassen
worden sind. In einem Falle spielten auch preß gesetzliche Rücksichten
eine Rolle. Marxens berühmter Artikel „Die Taten der Hohenzollern“
konnte 1902 in Deutschland nicht wieder abgedruckt werden, da dies dem
Verleger einen Majestätsbeleidigungs-Prozeß zugezogen hätte. Völlig aus¬
gelassen sind mehrere Artikel von Engels über Frankreich, Italien und
Ungarn. Zahlreiche Artikel von Marx, die für die Beurteilung seiner Rolle
in der Revolutionsepoche von 1848/49 sehr große Bedeutung haben, sind
gleichfalls unbeachtet geblieben.
Vorwort
XIX
Allein es gibt noch einen weiteren Grund, der die Mehringsche Aus¬
gabe sogar für die Periode von 1841 bis 1850 zu einer vollständig veralteten
macht: in den 25 Jahren, die seit der Publikation des „Literarischen Nach¬
lasses von Marx und Engels“ vergangen sind, hat die Marxforschung nicht
wenige Entdeckungen gemacht. Schon Georg Adler zitiert in seiner „Ge¬
schichte der ersten sozialpolitischen Arbeiterbewegung in Deutschland“
(1885) einen Artikel aus der „Barmer Zeitung“, worin mitgeteilt wird,
daß Engels in seinen jungen Jahren in Gutzkows „Telegraph“ „Briefe aus
dem Wuppertal“ veröffentlichte, Verfasser einer Broschüre gegen Schel¬
ling, die gewöhnlich Bakunin zugeschrieben wurde, und ferner eines
satirischen „christlichen Heldengedichts“ war. Obwohl der Artikel, auf den
sich Adler bezieht, im „Berliner Volksblatt“ (dem späteren „Vorwärts“),
d. h. im sozialdemokratischen Organ, im Auszug wiedergegeben wurde,
haben sich Kautsky und später Mehring, die Adlers Buch einer vernich¬
tenden Kritik unterzogen, bei Engels nicht erkundigt, wie weit die Mit¬
teilungen der „Barmer Zeitung“ der Wahrheit entsprechen. Wir sind so
der einzigen Gelegenheit verlustig gegangen, von Engels selbst noch Aus¬
führliches über seine „vorsozialistische“ Entwicklungsperiode zu erfahren;
damit ist es uns auch wesentlich schwerer gemacht, die Wurzeln von
Engels’ geistiger Entwicklung festzustellen und ihren Zusammenhang mit
der deutschen Literatur und Philosophie, mit der Entwicklung der deut¬
schen „bürgerlichen Intelligenz“, die zu republikanischen und kommu¬
nistischen Anschauungen vorwiegend aus ideologischen Motiven gelangte,
genauer zu fixieren.
Inzwischen hat sich die Mitteilung der „Barmer Zeitung“ als wahr er¬
wiesen. Hauptsächlich dank den Arbeiten Gustav Mayers, die ein neues
und helles Licht auf Engels’ Jugendjahre von 1839 bis 1842 warfen, sind
uns jetzt die — Mehring zur Zeit seiner Nachlaß-Ausgabe noch völlig un¬
bekannten — umfangreichen Jugendarbeiten Engels’ erschlossen.1)
Aber auch für die von Mehring am besten bearbeitete Zeit von 1844
bis 1848 haben neue Nachforschungen, die ich in alten Zeitschriften, ins¬
besondere französischen, englischen, selbst deutschen vomahm, mehrere
Artikel von Marx und Engels zum Vorschein gebracht, ohne die es schwer
ist, alle jene Übergangsstadien zu bestimmen, die ihren bürgerlichen
Radikalismus mit ihrem revolutionären Kommunismus verbinden.
Völlig unbearbeitet geblieben waren so wichtige Perioden der litera¬
rischen Tätigkeit von Marx und Engels wie die Zeit von 1852 bis 1862 und
die Epoche der I. Internationale. Im Zusammenhang mit der von mir 1908
O Auf diese Frage werde ich in meiner Einleitung eu Band 2 der Gesamt¬
ausgabe, der die Arbeiten von Engels bis 1844 enthalten wird, ausführlich zurück¬
kommen.
2*
XX
Vorwort
durchgeführten kritischen Untersuchung der Anschauungen Marxens und
Engels’ über die slavische und Orientfrage habe ich zum erstenmal die
amerikanischen, englischen und auch die deutschen Zeitschriften und Zei¬
tungen der fünfziger Jahre einer genauen Durchsicht unterzogen. Es ergab
sich hierbei, daß die von Eleanor Marx-Aveling veranstaltete Sammlung
der englischen Aufsätze von Marx ebenfalls an großen Unzulänglichkeiten
leidet.1)
Als dann 1909 die Anton-Menger-Bibliothek in Wien mich mit der
Herausgabe der Dokumente zur Geschichte der I. Internationale beauf¬
tragte, mußte ich zur genauen Feststellung der ideologischen und organi¬
satorischen Vorläufer der Internationale wiederum eine Reihe von Zeit¬
schriften und Zeitungen, an denen Marx und Engels mitgearbeitet haben,
durchsehen. Insgesamt gelang es mir, einige hundert Artikel von Marx
und Engels aufzufinden, darunter zahlreiche geradezu glänzende Arbeiten.
Diese Artikel aus der Zeit von 1852 bis 1862 hatte ich in vier Bänden
zu publizieren beabsichtigt, aber meine Tätigkeit wurde durch die Revo¬
lution von 1917 unterbrochen. Es gelang mir nur, zwei Bände heraus¬
zubringen.9)
Aber schon der ihr gestellten Aufgabe nach konnte diese Edition nicht
vollständig sein. Bei der Auswahl mußte ich besonders darauf Rücksicht
nehmen, daß die Ausgabe in erster Linie für den deutschen Leser
veranstaltet wurde. Ich wählte die Aufsätze aus, die für die Charakteristik
der Anschauungen Marxens und Engels’ über die wichtigsten Ereignisse
der europäischen Geschichte von 1852 bis 1857 das unentbehrliche Ma¬
terial liefern. So sind in diesen Bänden hauptsächlich die Aufsätze zur
Geschichte Englands und Frankreichs, weiter auch zur Geschichte des
orientalischen Krieges von 1853 bis 1856 enthalten. Von den großen
historischen Arbeiten, die nicht zur Geschichte der fünfziger Jahre ge¬
hören, publizierte ich nur Marxens Aufsätze über Palmerston und Russel,
ferner die hervorragende Arbeit über die spanischen Revolutionen.
Meine Materialsammlung zur Charakteristik der politischen und publi¬
zistischen Tätigkeit Marxens und Engels’ — Aufsätze, Reden, Manifeste,
Aufrufe — während der Epoche der I. Internationale blieb mit einigen
Ausnahmen unveröffentlicht.
Etwas besser stand es mit dem Briefwechsel zwischen Marx und Engels
und ihrer Korrespondenz mit den einzelnen Vertretern der internationalen
revolutionären und proletarischen Bewegung. Aber nur etwas besser. An
erster Stelle steht der formell von Bebel und Bernstein unter Mehrings und
1) Einige Ergebnisse habe ich in meiner Arbeit: „Karl Marx über den Ursprung
der Vorherrschaft Rußlands in Europa*4, 1909 publiziert.
*) Gesammelte Schriften von K Marx und F. Engels, 1852—1862. 2 Bände. Ver¬
lag J. H. W. Dietz, Stuttgart 1917.
Vorwort
XXI
meiner Beteiligung herausgegebene, aber in Wirklichkeit nur von Bernstein
und Mehring redigierte, vier Bände starke Briefwechsel von Marx und
Engels. Leider ist diese Ausgabe als historisches Dokument radikal ver¬
dorben durch die enorme Zahl keineswegs gerechtfertigter, dazu nicht ein¬
mal kenntlich gemachter Auslassungen und Kürzungen.
Dasselbe ist von den Briefen Engels’ und Marxens an Sorge und den
Briefen Marxens an Weydemeyer und Freiligrath zu sagen. Fast kein Brief,
der nicht aus diesem oder jenem Grunde gekürzt worden wäre. Am
wenigsten ist dies noch der Fall bei den Briefen Marxens an Kugelmann;
aber auch aus dieser Gruppe wurde der große Brief Marxens über Lassalle
erst vor nicht allzu langer Zeit publiziert
Eine Ausnahme machen nur die Briefe Marxens und Engels’ an
Lassalle, die Gustav Mayer herausgegeben hat, und ihre Briefe an
Nikolai-on (N. Danielson), die in russischer Sprache erschienen sind.
Die Herausgeber dieser Briefe hatten nicht jene Rücksichten zu nehmen,
durch die Bernstein, Kautsky und Mehring gebunden waren oder sich ge¬
bunden fühlten.
Als ich 1922 die Herausgabe der gesammelten Werke von Marx und
Engels in russischer Sprache unternahm, standen mir nur die bereits neu
abgedruckten und von mir gesammelten zahlreichen Artikel aus den ver¬
schiedensten Zeitschriften und Zeitungen zur Verfügung. Indes war es
notwendig, auch das ganze handschriftliche Material auszunützen, das nach
Marxens und Engels’ Tod erhalten geblieben war. Ich wandte mich daher
an Eduard Bernstein, der sich bereit erklärte, die bei ihm befindlichen
Manuskripte mir zur Verfügung zu stellen. Aufmerksame Sortierung dieses
Materials und wiederholte Untersuchung des ungedruckten Nachlasses
von Marx und Engels, der im Archiv der deutschen Sozialdemokratischen
Partei aufbewahrt wird, erbrachte soviel Neues und Interessantes, daß ich
meinen ursprünglichen Editionsplan zu ändern genötigt war. Es wäre un¬
zweckmäßig gewesen, die ungeheure Arbeit einer planmäßigen Ordnung
und Entzifferung des Materials ausschließlich für die Übersetzung ins Rus¬
sische durchzuführen. Dieser Umstand also gab mir den unmittelbaren
Anlaß dazu, eine internationale Gesamtausgabe der Werke von Marx und
Engels in Angriff zu nehmen, die alles Unbekannte gleichwie alles zer¬
streut und zum Teil ungenau oder unvollständig Veröffentlichte der Wis¬
senschaft allgemein zugänglich machen soll.
Die Sowjetregierung stimmte dem von mir vorgelegten Plan einer
solchen Herausgabe der Werke von Marx und Engels zu und bewilligte
alle dafür notwendigen Mittel. So konnte der weitaus größte Teil des bei
Bernstein und im Archiv der deutschen Sozialdemokratischen Partei be¬
findlichen Nachlasses von Marx und Engels photographiert werden; außer¬
XXII
Vorwort
dem wurden alle Briefe und sonstigen Manuskripte von Marx und Engels
photographiert, die im British Museum, in der New York Public Library,
in der Preußischen Staatsbibliothek, im Historischen Archiv Köln, im
Friedr ich-Wilhelm-Gymnasium Trier, im Archiv der Universität Jena etc.
aufbewahrt sind; desgleichen viel anderes Material, das in unmittelbarer
Beziehung zur Tätigkeit der beiden Männer steht und aus den verschiedenen
deutschen Archiven stammt. Zwar ist noch nicht alles beigebracht, zwar
sind noch nicht alle Hindernisse beseitigt, die einer vollständigen Samm¬
lung des gedruckten und ungedruckten literarischen Nachlasses von Marx
und Engels im Wege stehen, aber wir hoffen, daß es uns im Laufe unserer
Arbeit noch gelingen wird, auch dasjenige Material, das uns bis jetzt noch
nicht zugänglich, dessen Fundstellen uns aber bekannt sind, zur Aus¬
wertung zu erhalten. Zwar tauchen auch jetzt noch von Zeit zu Zeit Briefe
von Marx oder Engels auf dem Markte auf, aber die Zahl dieser bei ein¬
zelnen Personen verborgenen Materialien ist verschwindend im Vergleich
zu jenem Grundstock, der von mir schon erfaßt werden konnte.
Unsere Ausgabe will vor allem die objektive Grundlage für
jede Marx- und Engels-Forschung bieten, d. h. die gesamte geistige Hinter¬
lassenschaft Marxens und Engels’ in übersichtlicher Anordnung zuver¬
lässig reproduzieren.
Wir bringen nicht nur die Werke im engeren Sinn, nicht nur die im
Druck erschienenen Artikel, sondern auch sämtliche im Manuskript hinter¬
lassene unveröffentlichte Arbeiten, sämtliche unveröffentlichte Artikel und
Bruchstücke. Die Vorarbeiten der beiden Autoren (Stoffsammlungen, Ent¬
würfe, Skizzen, Rohschriften, in die einzelnen Werke nicht aufgenommene
Bruchstücke) werden ebenfalls in reichstem Maße verwertet und, wo dies
nötig scheint, auch beigegeben werden. Wir bringen ferner außer sämt¬
lichen Briefen von Marx und Engels selbst auch alle jene Briefe an sie,
die für die Beleuchtung ihrer Persönlichkeit, insbesondere ihrer praktisch¬
politischen Tätigkeit, irgendein Interesse bieten können. Sämtliche Werke
und Briefe werden in der Sprache des Originaltextes gegeben.
Bei der Anordnung der Werke von Marx und Engels verzichteten wir
auf ein streng chronologisches Prinzip. Ebensowenig ging es an, den
Stoff nach der logischen Zusammengehörigkeit, nach einzelnen Disziplinen
oder Themen zu gliedern. Eine gewisse Kombination der beiden Kriterien
war geboten, wobei trotz Abweichungen von der streng chronologischen
Reihenfolge der entwicklungsgeschichtliche Standpunkt in erster Linie zur
Geltung gebracht wurde.
Wie die meisten Gesamtausgaben trennen auch wir die Mehrzahl der
Briefe von den Schriften. Die chronologische Einordnung des Lebens-
Vorwort
XXIII
Werkes von Marx, des „Kapital“, an dein er während des weitaus größten
Teils seiner Schaffensperiode gearbeitet hat, ist natürlich nicht möglich;
darum mußte auch dieses Werk mit allen dazugehörigen, sehr umfang*
reichen Materialien von den übrigen Schriften getrennt werden.
Wir bringen also das gesamte Material in drei Abteilungen. Selbst in
der ersten, auf siebzehn Bände berechneten Abteilung, der alle philosophi*
sehen, ökonomischen, historischen und politischen Werke mit Ausnahme
des „Kapital“ zugehören sollen, muß die chronologische Folge innerhalb
der einzelnen Bände mitunter durchbrochen werden. Wir müssen ge¬
gebenenfalls manche Schriften und Artikel, die durch die Einheit ihres
Gegenstandes oder ihrer Publikations*Bedingungen miteinander eng ver¬
bunden sind, gruppenweise zusammenfassen, auch dann, wenn dadurch die
zeitliche Folge gestört wird. Im großen und ganzen bleibt jedoch in dieser
Abteilung der entwicklungsgeschichtliche Standpunkt das bestimmende
Prinzip der Anordnung.
Wenn wir auch nur annähernd den Zeitpunkt bestimmen können, an dem
die persönliche Bekanntschaft Marxens und Engels’ beginnt, ist es doch
unzweifelhaft, daß ihrer gemeinsamen Arbeit eine Periode vorangeht, in
der sie völlig selbständig und voneinander unabhängig am Umgestaltungs¬
prozeß der ideellen Erbschaft der deutschen klassischen Philosophie und
Literatur arbeiten, um erst von einer gewissen Etappe an ihr Werk gemein¬
sam fortzuführen. Wir wissen jetzt, daß Engels die literarische Laufbahn
früher als Marx betreten hat; trotzdem, als sie Anfang 1844 in unmittel¬
baren Ideenkontakt traten, war es Marx, der als erster den Gedanken des
proletarischen Kommunismus formulierte: daß, mit Engels zu sprechen,
„die ausgebeutete und unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht
mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bour¬
geoisie) befreien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer
von Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien.“1)
Aus jener Gruppe der linken Hegelianer und Feuerbachianer, der Marx
und Engels gleicherweise bereits 1841/42 angehören, tritt Engels früher
als alle in den Ideenbund mit Marx, um auf der von Marx gewonnenen
Basis mit ihm gemeinsam die neue Weltanschauung auszuarbeiten. Mit
den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ beginnt auch die geistige Ein¬
wirkung Engels’ auf Marx.
Um das Studium jener „Anteile“ zu erleichtern, die Marx und
Engels zum gemeinsamen Werke beigesteuert haben, widmen wir die
zwei ersten Bände unserer Gesamtausgabe der literarischen Leistung beider
je gesondert, bis zu den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ einschlie߬
lich. Als Ausnahme — um diese Periode mit den beiden Bänden ganz ab¬
*) „Kommunistisches Manifest.“ Engels* Vorrede vom 28. Juni 1883.
XXIV
Vorwort
zuschließen — geben wir hier auch eine Anzahl von Dokumenten und samt*
liehe chronologisch hierher gehörigen, übrigens verhältnismäßig nicht
zahlreichen Briefe von und an Marx bei.
Vom dritten Bande ab bringen wir für jede Periode alle dahingehörigen
Arbeiten Marxens und Engels9 zusammen.
Im dritten Bande werden alle Werke und Aufsätze enthalten sein, die
Marx und Engels nach den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ bis zum
Frühling 1845 geschrieben haben. Sie gruppieren sich alle um die „Hei*
lige Familie“ und die „Lage der arbeitenden Klasse in England“. In die*
ser Periode basiert der Kommunismus von Marx und Engels noch immer
auf der Philosophie des „realen Humanismus“; sie sind insofern noch
beide Feuerbachianer.
Der vierte Band wird die 1845/46 geschriebene „Deutsche Ideologie“
enthalten, die erste von Marx und Engels gemeinsam geschriebene Ar¬
beit, worin sie, wie Marx im Vorwort „Zur Kritik der politischen Öko¬
nomie“ schreibt, „beschlossen, den Gegensatz ihrer Ansicht gegen die
ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten“.
Diese Schrift wurde nicht gedruckt und ist bis heute nur in Bruchstücken
bekannt. Indes hat sie eine ganz außerordentliche Bedeutung nicht nur
für die Geschichte der geistigen Entwicklung von Marx und Engels, son¬
dern auch für die Geschichte der deutschen Ideologie allgemein. Nur sie
ermöglicht uns, alle Abschnitte jenes Weges genau festzustellen, den Marx
und Engels von Hegel über Feuerbach, über den französischen Sozialis¬
mus, über die Anschauung des sich vor ihren Augen entfaltenden prole¬
tarischen Klassenkampfs bis zum dialektischen Materialismus zurückgelegt
haben.
Der fünfte Band — von der zweiten Hälfte des Jahres 1846 bis zur
Revolution von 1848 — umfaßt alle Arbeiten Marxens und Engels’, worin
und womit sie den „wahren Sozialismus“ in allen seinen Formen, die
bürgerliche Demokratie und den kleinbürgerlichen Sozialismus Proudhons
bekämpfen, für die neue internationale proletarische Organisation die
Basis legen und diese dann auch direkt in Form des „Bundes der Kom¬
munisten“ organisieren. Diese Periode endet mit dem „Kommunistischen
Manifest“.
Die Aufsätze und Broschüren aus der Revolution von 1848/49 und
aus den Jahren ihrer Liquidierung bis kurz vor die Auflösung des Bundes
der Kommunisten (1848—1852) bilden den Hauptinhalt des fünften,
sechsten und siebenten Bandes.
Die Aufsätze, Bücher und Broschüren Marxens und Engels’ aus den
Jahren nach der Revolution (1852—1862) sind so zahlreich, daß ihnen
nicht weniger als sieben Bände zu widmen sind.
Vorwort
XXV
Die von Marx und Engels stammenden Aufsätze, Manifeste und Reso¬
lutionen aus der Zeit der I. Internationale (1864—1876) werden im fünf¬
zehnten Band enthalten sein.
Die Aufsätze und Bücher Engels9 von 1876 bis zu seinem Tode werden
mindestens zwei Bände ausmachen.
Die zweite Abteilung ist Marxens ökonomischer Hauptarbeit, dem „Ka¬
pital“, gewidmet. Es werden dabei auch bisher nicht berücksichtigte um¬
fangreiche Teile des Marxschen Manuskripts mit veröffentlicht werden,
ferner alle Vorarbeiten für das „Kapital“.
Die Textherstellung bietet für die Bände dieser Abteilung die größten
Schwierigkeiten. Der Vergleich der letzten Autor-Ausgaben mit den
früheren und mit den Manuskripten, unter denen sich mitunter mehrere
Fassungen derselben Abschnitte befinden, der Nachweis der von Engels am
Marxschen Text vorgenommenen Umarbeitungen, die große Masse der
noch überhaupt unveröffentlichten ökonomischen Arbeiten, die Verwertung
der in den zahlreichen ökonomischen Exzerptheften von Marx zerstreuten
eigenen Ausführungen, kritischen Anmerkungen und Literaturüber-
sichten — all dies heischt eine Mühe, die auch bei starker Arbeits¬
teilung mehrere Jahre beanspruchen würde, wenn einer solchen nicht von
vornherein durch den innigen Konnex der Materialien ziemlich enge
Grenzen gesetzt wären.
Diese Abteilung wird aus nicht weniger als dreizehn Bänden bestehen.
In der dritten Abteilung werden die Briefe Marxens und Engels’ ge¬
bracht werden, in erster Linie ihre gegenseitige Korrespondenz, dann ihre
Briefe an Lassalle, Weydemeyer, Kugelmann, Freiligrath, Sorge, Lieb¬
knecht, Bebel, Adler, Nikolai-on, Conrad Schmidt — um nur die wichtig¬
sten Gruppen zu nennen —, ferner alle anderen Briefe, die mit den ein¬
zelnen Werken oder Lebensperioden von Marx und Engels nicht so eng
verknüpft sind, daß sie den entsprechenden früheren Bänden einverleibt
werden konnten.
Eine streng chronologische Anordnung war auch in dieser Abteilung
nicht zu treffen, sollte — und dies ist der Hauptgrund — der vollstän¬
dige Briefwechsel zwischen Marx und Engels möglichst schnell ver¬
öffentlicht werden. Die Bernsteinsche Ausgabe ist derart lückenhaft, daß
die ausgelassenen Briefe und Briefstellen zusammen ungefähr einen wei¬
teren Band von der Stärke der jetzigen füllen. Der Briefwechsel zwischen
Marx und Engels gehört jedenfalls zu den historischen Dokumenten, deren
vollständige Veröffentlichung in authentischer Form eine dringende wis¬
senschaftliche Notwendigkeit ist1). Durch die gesonderte Gruppierung die-
*) Die exzeptionelle Bedeutung des Marx-Engels-Briefwechsels — die beim Er¬
scheinen der Bernsteinschen Ausgabe auch von H. Oncken und G. Schmöller an-
XXVI
Vorwort
ser Korrespondenz, die den übrigen Briefen vorangeht, wird also auch hier
das streng chronologische Prinzip durchbrochen.
Als vierte Abteilung werden wir in den beiden letzten Bänden ein aus¬
führliches Sach- und Namenregister zu allen Bänden der Gesamtausgabe
der Werke K. Marx’ und F. Engels’ bringen. Wir beabsichtigen dieses Re¬
gister zu einem Handwörterbuch zu gestalten, in dem alle in den Werken
von Marx und Engels erwähnten und behandelten Gegenstände, Termini,
Grundbegriffe und Probleme auf geführt werden sollen, und zwar so, daß
alles zu einem Stichwort Gehörige jeweils an einer Stelle in chronologi¬
scher Reihenfolge gebracht wird. Im Namenregister werden alle histo¬
rischen Persönlichkeiten und die von Marx und Engels zitierten Autoren
angeführt werden, um so von der Entwicklung ihres Urteils über einzelne
Personen ein Bild zu geben und für die Feststellung des Grades ihrer Be¬
einflussung durch andere Denker das Material zu liefern. Das Register
wird sicherlich jedem Forscher, der sich mit der Geschichte und Theorie
des Marxismus befassen will, die Arbeit wesentlich erleichtern und zu
immer intensiverer Bearbeitung der Werke von Marx und Engels weitere
Anregungen geben.
Diese Register-Abteilung kann natürlich erst nach Abschluß der ge¬
samten eigentlichen Editionstätigkeit erscheinen. Bis dahin wird jedem
Einzelbande der Gesamtausgabe ein knappes orientierendes Register bei¬
gegeben werden.
Die Einleitungen zu den einzelnen Bänden werden im allgemeinen An¬
laß und Entstehungsgeschichte der einzelnen Schriften beleuchten, über
den Stand der Forschung Bericht geben und über das bei der Edition be¬
folgte Verfahren Rechenschaft ablegen. Historische und theoretische Ein¬
führungen und Untersuchungen, ausführliche Kommentare fallen aus dem
Rahmen dieser Aufgabe: ihre vornehmste Bestimmung, wie schon betont,
besteht ja darin, die erste und wichtigste objektive Grundlage für die
Zwecke einer allseitigen Marx- und Engels-Forschung zu schaffen, d. h. das
literarische Gesamtwerk der beiden Klassiker in wissenschaftlich einwand¬
freier Form und Ordnung wiederzugeben. Auch die Anmerkungen und
sonstigen Beigaben, mit denen die Bände der ersten Abteilung ausgestattet
werden, sollen sich demnach im großen und ganzen darauf beschränken,
aus dem mit den Texten unmittelbar zusammenhängenden zeitgenössischen
Material das wichtigste — falls nicht mühelos zugänglich — mit¬
zuteilen und durch reichliche Quellen- und Literaturnachweise die Auf-
erkannt wurde — hat vor kurzem der Direktor des Reichsarchivs in Potsdam, Emst
Müsebeck, in einem Vortrag hervorgehoben, worin er im übrigen gerade aus*
führte, daß in Hinsicht auf die große Masse des vorhandenen Materials der Wert der
Quellenpublikationen zur neuesten Geschichte im allgemeinen immer problematischer
werde. (Archiv f. Politik u. Geschichte. Jg. IV, 1926. S. 316.)
Vorwort
XXVII
findimg näherer Angaben über Personen, Zustände und Ereignisse zu
erleichtern.
Da der Hauptzweck unserer Ausgabe darin besteht, den vollständigen
Ideenkomplex von Marx und Engels in seiner ganzen Eigenart der wissen¬
schaftlichen Forschung zur Verfügung zu stellen, legen wir bei der Wieder¬
gabe der Texte das Hauptgewicht darauf, sie dem Sinne nach exakt zu
bringen, — frei von jeder subjektiven Einmischung und Deutung. Wir wähl¬
ten als Schriftsatz die Antiqua. Die Rechtschreibung der Vorlagen buch¬
stäblich zu reproduzieren, hielten wir für überflüssig; bei den gedruckten
Vorlagen haben wir es übrigens gar nicht mit der Rechtschreibung von
Marx und Engels selbst zu tun. Wir zogen es vor, die Orthographie tun¬
lichst zu modernisieren. Wo wir — bei handschriftlichen Vorlagen —
manchmal davon abweichen, geben wir in den Einleitungen oder in den
Anmerkungen Rechenschaft Um aber dem Leser und dem Forscher einen
Begriff von der jeweiligen Schreibung und den verschiedenen Eigentüm¬
lichkeiten der Handschriften von Marx und Engels zu geben, werden wir
für verschiedene Perioden faksimilierte Seiten aus entsprechenden Manu¬
skripten beifügen.
Offenbare Druck- und Schreibfehler, wie sie vor allem die aus deut¬
schen, englischen und französischen Zeitschriften und Zeitungen ent¬
nommenen Artikel in Menge aufweisen, werden von uns stillschweigend
korrigiert. In allen zweifelhaften Fällen wird über die Korrektur in den
textkritischen Fußnoten oder in den Anmerkungen berichtet.
Zum Schluß erfülle ich die angenehme Pflicht, all derer zu gedenken,
die den Beginn dieses Unternehmens ermöglicht haben.
Für die Marx-Engels-Gesamtausgabe hat Eduard Bernstein unter
Verzicht auf eigene Herausgeberpläne die bei ihm aufbewahrten Teile des
Marx-Engels-Nachlasses dem Archiv der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands in Berlin übergeben, und durch Vermittlung von Frau Luise
Kautsky, Dr. Rudolf Hilferding und Dr. Adolf Braun, dem
Vorsteher des Archivs, ist der weitaus größte Teil des Nachlasses dem
Herausgeber zugänglich gemacht worden. Prof. Dr. Joseph Hansen
stellte uns das im Historischen Archiv der Stadt Köln befindliche Material
bereitwilligst zur Verfügung und förderte unsere Arbeit auch sonst durch
wertvolle Aufschlüsse. Prof. S. Perlman (Madison, Wisconsin)
danken wir für die Vermittlung der reichen Materialien zur Geschichte
der Internationalen Arbeiter-Assoziation, die in der State Historical Society
of Wisconsin, Madison, aus dem Nachlaß von F. A. Sorge aufbewahrt
sind. H. M. Lydenberg, Oberbibliothekar der New York Public
Library, gestattete die photographische Aufnahme der Originale der im
XXVIII
Vorwort
„Sorge-Briefwechsel“1) mit nicht wenigen Lücken veröffentlichten Brief¬
sammlung. Dr. Wilhelm Pappenheim - Wien schulden wir Dank
für Dokumente zur Familiengeschichte von Marx und für die Briefe von
Bruno Bauer an Marx und Ruge. Durch die Bemühungen von Prof. Dr.
J. Schaxel - Jena um die Auffindung der Originalhandschrift der Dis¬
sertation Marxens kam zwar die Dissertation selbst nicht zum Vorschein,
doch gelang es ihm, manche interessante Universitätsdokumente von Marx
ausfindig zu machen. Der Direktor des Instituts für Sozialforschung an
der Universität Frankfurt a. M., Prof. Dr. Carl Grünberg, und sein
nächster Mitarbeiter, Dr. Friedrich Pollock, ferner Dr. Felix Weil,
Vorstand der Gesellschaft für Sozialforschung, Frankfurt a. M., haben
unserem Unternehmen fortwährend vielerlei Förderung, auch bei der Be¬
schaffung der Texte, zukommen lassen.
Aber die Erfassung des Materials ist nur eine der vielen Vorbedingungen
einer kritischen Ausgabe des literarischen Gesamtwerkes von Marx und
Engels. Was die Bearbeitung des Materials betrifft, so ist zwar ein sehr
starkes Interesse für den Marxismus vorhanden, aber es gibt verhältnis¬
mäßig sehr wenige Wissenschaftler, die sich ganz dem Marxstudium wid¬
men, und es gibt wenig Arbeiten, welche dem noch unveröffentlichten
Nachlaß gewidmet wären. Jede objektive Kritik an unserem Unternehmen
muß diesen Umstand berücksichtigen. Ohne das Marx-Engels-Institut in
Moskau, ohne seine Einrichtungen, seinen Apparat, seinen Mitarbeiter¬
stab unter der bewährten Leitung von E. C z ô b e 1, wäre auch an die
Ausführung der die Arbeitskraft eines einzelnen weit übersteigenden Auf¬
gabe überhaupt nicht zu denken gewesen. Die Veranstaltung einer Marx-
Engels-Gesamtausgabe erheischte die Schaffung einer großen wissenschaft¬
lichen Organisation. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion, indem
sie sich zu jeglicher Unterstützung und Förderung des Werkes verpflichtet
hielt, war sich bewußt, was sie dem Geist von Karl Marx und Friedrich
Engels schuldet.
Moskau, im April 1927.
D. Rjazanov
*) Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh. Phil. Becker, Jos. Dietzgen, Friedrich
Engels, Karl Marx u. a. an F. A. Sorge u. a. Stuttgart, Dietz, 1906.
EINLEITUNG ZUM ERSTEN BANDE
(ERSTER HALBBAND)
Besondere Schwierigkeiten bei der Ordnung, Entzifferung, Bearbeitung
und Reproduktion der großenteils neuen Materialien, die der erste Band
unserer Gesamtausgabe umfaßt, erklären das etwas verspätete Erscheinen.
Der über Erwarten anschwellende Umfang bestimmte uns zu einer
Trennung dieses ersten Bandes in zwei Hälften. Von den 39 Textbogen
des vorliegenden Halbbandes enthalten 15 Bogen hier zum ersten Male
aus dem Manuskript wiedergegebene Schriften ; weiter sind auf rund sechs
Bogen von der Forschung bisher größtenteils unberücksichtigte Erstdrucke
hier zuerst wieder veröffentlicht. Auf Grund des neuen Materials,
worunter sich sehr wertvolle theoretische und publizistische Arbeiten
befinden, wird das bekannte Bild des jungen Marx zweifellos mit vielen
und wesentlichen neuen Zügen bereichert, seine Entwicklung viel genauer
verfolgt werden können. In dieser Einführung beabsichtigen wir jedoch
— gemäß dem Programm unserer Edition — weder einen Abschnitt der
Biographie von Marx, noch eine Darstellung seiner geistigen Entwicklung
zu geben. Wir wollen im folgenden nur über die Zusammensetzung dieses
Bandes Rechenschaft ablegen und über unser editionstechnisches Ver¬
fahren berichten. Eine Kommentierung oder Analyse der einzelnen Schrif¬
ten ginge über den Rahmen dieser Einführung hinaus: wir begnügen
uns im großen und ganzen mit Hinweisen auf historisch oder theoretisch
wichtige Probleme — vor allem im Zusammenhänge mit den neu ver¬
öffentlichten Schriften.
Die D o k t o r d i s s e r t a t i o n
Der vorliegende Band beginnt mit der Doktordissertation, obgleich
diese nicht die erste literarische Arbeit von Marx darstellt; er erscheint
vielmehr zum ersten Male als Autor zweier Gedichte, der „Wilden Lieder“,
vor der Öffentlichkeit. Aber die Dissertation ist, auch ungeachtet dessen,
daß sie für den Druck bestimmt war, das erste reife Produkt seiner
geistigen Schaffenskraft. Sie wurde von ihm der philosophischen Fakultät
der Universität Jena eingereicht; auf Grund dieser Arbeit erhielt er am
15. April 1841 den Titel eines Doktors der Philosophie.
Das Manuskript, das sich im Archiv der Sozialdemokratischen
Partei Deutschlands befindet, besteht aus zehn Heften, die von einem
XXX
Einleitung
unbekannten Kopisten abgeschrieben sind. Sechs Hefte bilden den eigent¬
lichen Text der Dissertation, vier enthalten „Anmerkungen“, die vor allem
Zitate, Belegstellen, Quellennachweise geben; außerdem finden sich hier
noch einige — zum Teil von Marx selbst geschriebene — Ergänzungen,
die mit dem eigentlichen Thema der Dissertation nicht unmittelbar Zu¬
sammenhängen, vielmehr Probleme der zeitgenössischen Philosophie be¬
handeln.
Mehring publizierte nur den Text der Dissertation und aus den An¬
merkungen nur die längeren Ausführungen, die er als „Bruchstücke“ bei¬
gab. Wir bringen die „Anmerkungen“ genau nacji dem Manuskript, also
vollständig.
Die zehn erhalten gebliebenen Hefte stellen jedoch nicht die ganze
Arbeit Marxens dar. Aus dem der Dissertation beigegebenen Inhalts¬
verzeichnis (S. 11) geht hervor, daß das 4. und 5. Kapitel des ersten
Teils und der ganze Anhang fehlen.
Den vollständigen Text der Dissertation aufzufinden, gelang auch
uns nicht. Wir bemühten uns — wie seinerzeit Mehring —, im Archiv der
Jenaer Universität das von Marx übersandte Exemplar der Dissertation
ausfindig zu machen. Die von uns veranlaßten Nachforschungen brachten
aber nur einige die Einreichung und Annahme der Dissertation betref¬
fende Dokumente und Briefe zum Vorschein x).
Das Manuskript der Dissertation enthält zahlreiche kleinere Ver¬
besserungen und einige größere Zusätze von Marxens
Hand. Es fällt auf, daß diese Marxschen Korrekturen mit zweierlei
Tinte geschrieben sind, wovon die eine die gleiche ist, die auch der
Kopist benutzt hat, die andere eine etwas dunklere Farbe auf weist. Es
liegt auf der Hand, daß Marx das Manuskript zweimal durchsah und kor¬
rigierte: einmal sofort nach Beendigung der Abschrift, das andere Mal
später, ohne Zusammenhang mit dem Kopisten. Auch der inhaltliche
Charakter der mit verschiedener Tinte vorgenommenen Korrekturen ist
verschieden. Das erste Mal macht Marx nur unwesentliche, rein orthogra¬
phische oder grammatikalische Verbesserungen; beim zweiten Mal han¬
delt es sich um Änderungen mehr stilistischer Art, weiter um eine Reihe
von Einschaltungen und Ergänzungen, dann um den Entwurf zu einem
neuen Vorwort.
Es ist zweifellos, daß Marx das Manuskript zum ersten Male noch vor
der Absendung an die Universität, zum zweiten bereits nach der An¬
nahme überprüft hat. Wir halten es für ziemlich wahrscheinlich, daß
das erhalten gebliebene Manuskript eine Kopie ist, die bei Marx zurück-
J) Wir veröffentlichen diese im zweiten Halbband unter den „Briefen und Doku¬
menten“ (Nr. 11, 35, 37, 38, 40, 41).
Einleitung
XXXI
geblieben, die zudem nicht vollständig und nicht in die endgültige Form
gebracht ist (es finden sich z. B. viele leere Seiten). Der Universität
mag eine andere Kopie übersandt worden sein, und zwar ohne das erste
Vorwort, das nach Ansicht des mit Marx damals befreundeten Bruno
Bauer nur die Professoren der Jenaer Universität chokiert und unnötige
Schwierigkeiten hervorgerufen hätte.
Eine andere Erklärung für den Unterschied in Tinte und Charakter
der Korrekturen gäbe die Auffassung, daß das vorliegende Manuskript
eben das in Jena eingereichte Exemplar sei, das Marx dann nach erfolgter
Promotion zurückverlangt hätte, um den erneut geplanten — allerdings
nicht erfolgten — Druck vorzubereiten; dabei wären dann die inhaltlich
bedeutsamen Änderungen angebracht und der Entwurf zu einem neuen
Vorwort niedergeschrieben worden. Hierdurch wäre zugleich die Unauf¬
findbarkeit des Manuskripts im Universitätsarchiv Jena erklärt. DieseAuf-
fassung hat manches für sich — dagegen spricht hauptsächlich die un¬
ordentliche äußere Form des Manuskripts.
Wie dem auch sei, wir sind jedenfalls in der Lage, das Mehring be¬
kannte Manuskript mit bedeutenden Ergänzungen zu geben. Zunächst fan¬
den sich in einem Heft unter den Manuskripten zwei Blätter (vier Seiten),
die von dem uns bereits bekannten Kopisten geschrieben sind. Es stellte
sich heraus, daß dieses Bruchstück ein Teil des An¬
hangs über Plutarch ist. Wir bringen es auf Seite 55f.; den
Titel haben wir dem von Marx stammenden Inhaltsverzeichnis entnommen.
Eine unvergleichlich wichtigere Ergänzung zur Dissertation, teilweise
einen Ersatz für manche nicht vorhandenen Stücke der Reinschrift, bieten
sieben Foliohefte, die bisher unbeachtet geblieben sind. Auf den ersten
Blick scheinen sie nur Exzerpte aus den antiken Autoren zu enthalten.
Bei einer aufmerksamen Durchsicht ergab sich jedoch, daß sie wesent¬
liche Teile der Vorarbeiten sind, die Marx im Zusammenhang mit seinem
Studium der epikureischen Philosophie unternommen hat. Ihr Inhalt be¬
stätigt vollkommen Marxens Mitteilung im Vorwort und im ersten Ka¬
pitel der Dissertation: er arbeite an einer „größeren Schrift“, worin er
„ausführlich den Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen
Philosophie in ihrem Zusammenhänge mit der ganzen griechischen Spe¬
kulation“ darzustellen beabsichtige.
Diese sieben Hefte behandeln zwar nicht alle Themen der Dissertation
— woraus ersichtlich, daß wir in ihnen nicht die Gesamtheit der in Be¬
tracht kommenden Vorarbeiten von Marx vor uns haben —, anderseits
aber ist ihr Studiengebiet bedeutend weiter als das der Dissertation.
Was zunächst die Themen der Dissertation betrifft, so behandeln die
XXXII
Einleitung
sieben Hefte ausführlich die epikureische Philosophie und die Kritik der
Plutarchischen Kritik, nicht aber die demokritische Philosophie, also auch
nicht die Differenz der epikureischen und demokritischen Naturphilo*
sophie. Die immanente Dialektik der Philosophie Epikurs, seine Ansicht
über die Meteore, seine Atomlehre (das Klinamen) werden hier mehr oder
minder ausführlich untersucht, es finden sich viele fast wörtliche Kon¬
gruenzen mit dem Text der Dissertation, aber auf Demokrit bezügliche
Studienhefte sind offenbar verlorengegangen. Und so bieten die erhalten
gebliebenen Hefte keinen Ersatz für die zwei verlorenen Kapitel des ersten
Teils der Dissertation x). Der Inhalt dieser beiden Kapitel ist im wesent¬
lichen eher aus dem zweiten Teil der Dissertation selbst rekonstruierbar,
worin die nicht erhaltene Ausführung der „allgemeinen prinzi¬
piellen Differenz zwischen demokritischer und epikureischer Naturphilo¬
sophie“ „im einzelnen“ nachgewiesen wird.
Viel ausgiebiger erwiesen sich diese Hefte in bezug auf den bis auf
vier Seiten verloren gegangenen Anhang der Dissertation, der die Kritik
der Plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie enthielt. In den
Vorarbeiten findet sich fast der ganze verlorene
Anhang. Das dritte Heft enthält eine Kritik der Plutarchischen Pole¬
mik gegen Epikur, und obwohl der Text durch keine Überschriften ge¬
gliedert ist, ließen sich darin die im Inhaltsverzeichnis angedeuteten
Themen in derselben Reihenfolge erkennen2). Die zufällig erhalten ge¬
bliebenen vier Seiten der Reinschrift des Anhangs stimmen mit der Roh¬
schrift fast buchstäblich überein. Außer der vollständigen Identität des
Gedankengangs spricht auch dieser Umstand dafür, daß die Vorarbeiten
die verlorene Abschrift des Anhangs im wesentlichen ersetzen, daß wir
somit im Besitz der Marxschen Kritik jener Polemik sind, die nach seinem
Ausdruck „das Verhältnis des theologisierenden Verstandes zur Philo¬
sophie sehr treffend an sich darstellt“ (S. 10).
Die Vorarbeiten bieten jedoch, wie schon gesagt, nicht nur Entwürfe
und Ergänzungen zu den Ausführungen der Dissertation selbst, sondern
auch vieles ganz Neue, vieles, was Marx gewiß schon im Hin¬
blick auf die nicht fertiggestellte „größere Schrift“, auf die „Gesamt¬
darstellung“, ausarbeitete. Von den Ausführungen, die in der Disserta¬
tion entweder überhaupt nicht oder nur ganz beiläufig berührte Fragen
behandeln, seien hervorgehoben: die Darstellung der epikureischen Welt¬
konstruktion (S. 94—96), die Untersuchung über das Verhältnis der epi¬
kureischen Philosophie zum Skeptizismus (S. 96—99), die geschichtliche
Übersicht über den Begriff des Weisen in der griechischen Philosophie
0 Vgl. Inhaltsverzeichnis auf S. 11.
’) Vgl. S. 110-118.
Einleitung
XXXIII
(S. 100—106), die Kritik der Plutarchischen Ansichten über Plato (S. 118
— 120), die Parallele zwischen Plutarch und Lukrez (S. 121—122), die
Untersuchungen über das Christliche im Platonismus im Anschluß an
Chr. F. Baur’s Buch (S. 134—138) und über die Aufgaben der philo¬
sophischen Geschichtsschreibung (S. 143—144)x).
Wir weisen noch auf die Stellen hin, an denen Marx sich über die
zeitgenössischen philosophischen und theologi¬
schen Richtungen äußert : über den Kampf der „modernen“
(Hegelschen) gegen die „christliche“ Philosophie (S. 99); über die Dif¬
ferenz der griechischen und der Hegelschen Philosophie in bezug auf ihr
Verhältnis zum Leben (S. 104) ; über die Pietisten und Supranaturalisten
(S. 127); über die geschichtliche Stellung der Hegelschen Philosophie,
und über das Weltlichwerden der Philosophie überhaupt (S. 131—133).
Die Entstehungsumstände der Dissertation sind
schon durch Mehring’) auf Grund der Briefe Bruno Bauers an Marx
dargestellt worden8). Hier sei noch festgestellt, daß Marx die Vor¬
arbeiten — laut Überschrift auf dem Umschlagblatt des ersten Heftes —
„Winter 1839“, d. h. Wintersemester 1838/39, also in seinem 7. Semester
begonnen hatte; dies könnte auch Ende 1838 bedeuten, doch ist es viel
wahrscheinlicher, daß Marx erst gegen Schluß des 7. Semesters, also An¬
fang 1839, die Arbeit in Angriff genommen hatte, da die folgenden drei
Hefte schon „Sommersemester 1839“ datiert wurden. Zum Vorwurf seiner
Dissertation wählte Marx ursprünglich offenbar die Philosophie Epikurs.
Der Plan einer „Gesamtdarstellung“, einer „größeren Schrift“ *) entstand
dann erst im Laufe der Arbeit und vermutlich erst gegen Ende des Jahres
1839, auch wohl nicht ohne Einfluß von Friedrich Köppen, in dessen
Marx gewidmeter, gegen Ende des Jahres 1839 verfaßter Schrift über
„Friedrich den Großen und seine Widersacher“ Marx „eine tiefere An¬
deutung über den Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen
Systeme“ fand 5).
Die Erweiterung des ursprünglichen Plans, das Eingehen in immer
tiefere Untersuchungen, war gewiß einer der Gründe, derentwegen sich die
Fertigstellung der Arbeit in die Länge zog. Das heftige Drängen von
Bruno Bauer und noch mehr „äußere Umstände“, das Zerwürfnis mit
M Auf Grund des Inhaltsverzeichnisses dürfen wir mit Bestimmtheit annehmen,
daß diese Fragen auch in den verlorengegangenen Kapiteln nicht behandelt werden
konnten.
’) Nachlaß I, 57—62.
’) Vgl. im zweiten Halbband in der Abteilung „Briefe und Dokumente“ die Nr. 16,
27, 28, 29, 34, 36, 39; auch Nr. 25.
«) Vgl. S. 9 und 15.
5) S. 9, in der Vorrede.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 3
XXXIV
Einleitung
seiner Familie, die Rücksicht auf die Braut, waren nötig, um Marx An¬
fang 1841 endlich zu bewegen, aus diesen weitläufigen Studien die Disser¬
tation in der in Jena eingereichten Form, bestehend aus zwei Aufsätzen
über Teilprobleme, auszusondern. Die ursprünglich geplante Drucklegung
der Arbeit unterblieb, wohl im Interesse der Beschleunigung der Pro¬
motion.
Nicht sehr lange nach der Promotion, etwa um die Jahreswende
1841/42, plante Marx erneut die Drucklegung, wie dies aus dem Kon¬
zept einer neuen „Vorrede“ hervorgeht, die er — wie schon
oben bemerkt — bei der zweiten Durchsicht des kopierten Manu¬
skripts am Ende des zweiten Teils mit eigener Hand entwarf. Es heißt da:
„Die Abhandlung, die ich hiermit der Öffentlichkeit übergebe, ist eine
alte Arbeit und sollte erst in einer Gesamtdarstellung der epikureischen,
stoischen und skeptischen Philosophie ihren Platz finden, an deren Aus¬
führung mich politische und philosophische Beschäftigungen ganz anderer
Art jetzt nicht denken lassen. Es ist erst jetzt die Zeit gekommen, in der
man die Systeme der Epikureer, Stoiker und Skeptiker verstehen wird. Es
sind die Philosophen des Selbstbewußtsein s.“
Dieser Vorrede-Entwurf ist im Manuskript sehr stark korrigiert. Statt
„politische und philosophische Beschäftigungen“ schrieb Marx ursprüng¬
lich „Berufsgeschäfte“, „Berufstätigkeit“. Diese gestrichenen Worte deu¬
ten wohl auf seine begonnene oder vielleicht erst beabsichtigte Tätigkeit
in der Rheinischen Zeitung.
Die gleichzeitig mit diesem Vorrede-Entwurf geschriebene Anmerkung
gegen Schelling (S. 80 f.) war ein kleiner Beitrag zu der Polemik der
linken Hegelianer gegen die mit der Berufung Schellings nach Berlin
inaugurierte Philosophie der Offenbarung.
Die Umstände scheinen für den Plan der Herausgabe nicht günstig
gewesen zu sein, oder aber Marx hatte zu dieser Zeit, da er sich schon der
politisch-publizistischen Laufbahn zuwandte, auf die Veröffentlichung
kein so großes Gewicht gelegt, — auch diesmal unterblieb die Druck¬
legung.
Die Dissertation geben wir genau nach der Reinschrift, nur mit
moderner Orthographie. Die Anmerkungen lassen wir, wie im Manuskript,
auf den Text folgen (S. 57—81) ; ihre kapitelweise Numération ist bei¬
behalten. Die von Marxens Hand herrührenden Korrekturen und Ein¬
fügungen haben wir im Texte durchgeführt, jedoch (sofern sie nicht ein¬
fach Schreibfehler des Kopisten richtigstellten) in Fußnoten vermerkt.
Aus den Heften der Vorarbeiten geben wir, wie schon eingangs be¬
merkt, im wesentlichen nur Marxens eigene Ausführungen und Bemerkun-
Einleitung
XXXV
gen, während wir die Zitate nur durch genaue Stellenangabe bringen. Die
volle Wiedergabe der von Marx ausgewählten und abgeschriebenen,
größtenteils griechischen, zum kleineren Teil lateinischen Stellen hätte
mindestens ebensoviel Raum beansprucht wie der von Marx selbst stam¬
mende deutsche Text. Wir glaubten, von der wörtlichen Wiedergabe dieses
Quellenmaterials, das Marx im Falle einer Drucklegung gewiß nur zum
kleinen Teil in vollem Wortlaut aufgenommen hätte, in dieser ersten Aus¬
gabe absehen zu dürfen1), haben jedoch sämtliche zitierten Stellen in
Fußnoten verzeichnet, und zwar, um ihre Auffindung zu erleichtern, nicht
nur nach der von Marx selbst benutzten Ausgabe, sondern dazu nach
einer modernen, maßgebenden Edition. Dabei haben wir jeden Satz oder
Absatz, den Marx mit einer Stellenangabe (Seite, Punkt, Paragraph) ver¬
sah, als separates Zitat behandelt, auch dann, wenn die nacheinander an¬
geführten Zitate lückenlos untereinander Zusammenhängen.
Wo sich ein Zitat inmitten eines Satzes von Marx befand, ferner, wo in
seinen Ausführungen ein Hinweis auf eine bestimmte, vorhergehende oder
nachfolgende Stelle stand, endlich, wo das Verständnis des Marxschen
Textes sonst überhaupt nicht möglich gewesen wäre, haben wir ausnahms¬
weise die griechischen bzw. lateinischen Belegstellen im Text beibehalten.
Den griechischen Zitaten ist in diesen Fällen die lateinische Übersetzung
in eckigen Klammern beigefügt.
Manche verbindende Ausdrücke und ganz kurze Notizen von Marx
bringen wir in den Fußnoten inmitten des Verzeichnisses der zitierten
Stellen.
Zur Erleichterung der Übersicht haben wir den Text der Vorarbeiten
durch Überschriften gegliedert, die in eckige Klammern gesetzt sind. Auf
S. 110—118 übernahmen wir die Titel des Anhangs nach dem Marxschen
Inhaltsverzeichnis.
Von einer Wiedergabe der im Text vorkommenden Streichungen haben
wir hier, vor allem wegen besonders großer Schwierigkeiten der Text¬
herstellung *), im allgemeinen abgesehen; doch sind wenigstens die wich¬
tigsten vermerkt. An mehreren Stellen der Vorarbeiten wird in Fußnoten
auf Parallelstellen in der Dissertation verwiesen.
Seitdem die Dissertation in Mehrings Nachlaßausgabe mit seinem aus¬
führlichen kritischen Kommentar erschienen ist, wird sie in der Literatur
x) Eine Aufgabe der „Vorarbeiten“ mit vollständiger Wiedergabe der exzerpierten
bzw. zitierten Stellen und mit beigegebener russischer Übersetzung ist im Marx-
Engels-Institut in Vorbereitung.
’) Das Manuskript der Vorarbeiten befindet sich in recht schlechtem Zustand,
zuweilen ist der Text durch klecksige oder verschmierte Stellen verunstaltet, die
eiligen Schriftzüge stellen die Entzifferung häufig vor schwer lösbare Rätsel. — Die
beigehefteten Faksimile-Tafeln — vor allem die klecksige Tafel IV — mögen von
alledem eine Vorstellung geben.
3*
XXXVI
Einleitung
über Marx immer als ein durchaus hegelisch-idealistisches, später von
Marx völlig überwundenes Werk angesehen. Auch die Darstellung und Ein*
Schätzung der epikureischen und der demokritischen Philosophie wird als
von Grund aus verfehlt betrachtet. Wir glauben, die nunmehr von uns
veröffentlichten Vorarbeiten werden das Auge dafür schärfen, daß Marx
schon damals, obwohl er sich durchaus in Hegels Bahnen zu bewegen
wähnte, mindestens in manchen Ausführungen die Hegelsche Philosophie
mit spezifisch junghegelischer Tendenz, in einem stark realistischen Sinne,
mit einem enthusiastischen Drang nach der sinnlichen und lebendigen
Welt aufgefaßt hat, und daß Ansätze dazu, wenngleich in einer weniger
offenen Form, auch in der Dissertation selbst — also vor allem in dem
Exkurs über die Schule Hegels (S. 63—66) — zu finden sind. Dies näher
zu untersuchen, wird jedenfalls eine wichtige Aufgabe der Marxforschung
sein. Hier glauben wir nur darauf hinweisen zu müssen, daß Marx selbst
die Ergebnisse seiner Dissertation in späterer Zeit gar nicht als überwun¬
den betrachtete. Er kam auf das Grundproblem seiner Universitätsschrift
des öfteren zurück und wiederholte oder bestimmte noch weiter die darin
entwickelte Auffassung. So vor allem in dem 1845/46, also schon nach
der Herausarbeitung des historischen Materialismus geschriebenen „Sankt
Max“ x). In einem Briefe an Lassalle vom 16. Juni 1862 beruft er sich
auf diese zu seinen Lebzeiten ebenfalls unveröffentlichte Arbeit ’). Ferner
sind noch die durch Lassalles „Heraklit“ veranlaßten Äußerungen aus den
Jahren 1857/58 in den Briefen an Lassalle zu vergleichen: vom 21. De¬
zember 1857, vom 22. Februar 1858 und vom 31. Mai desselben Jahres ’).
Wilde Lieder
An zweiter Stelle bringen wir zwei Gedichte von Marx, zwei „Wilde
Lieder“, die in der Berliner Wochenschrift „Athenäum“ in Nr. 4 vom
23. Januar 1841 erschienen sind. Sie stellen die ersten literarischen Er¬
zeugnisse dar, mit denen Marx vor die Öffentlichkeit trat, und die ein¬
zigen poetischen Versuche, die noch zu seinen Lebzeiten in den Druck
gelangt sind. Daß Marx in seiner Jugend Gedichte schrieb, wurde erst
bekannt aus seinem großen Briefe an den Vater vom 10. November 1837
und aus den Angaben, die seine Tochter Eleanor der Veröffentlichung
dieses Briefes als Einführung vorausschickte*). Weitere Aufschlüsse über
*) Documente des Socialismus, IH, 70 ff.
’) Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften. Herausgegeben von
Gustav Mayer, Berlin 1922. III, 393.
») Ebenda. HI, 111, 115, 123.
*) Oktober 1897, Neue Zeit 16/1, 4—12.
Einleitung
XXXVII
poetische Pläne und Versuche enthalten die zuerst von Mehring1 y be¬
nutzten, in vollem Umfange zum ersten Male von uns veröffentlichten
Briefe des Vaters an Marx’). Aus diesen Mitteilungen geht hervor, daß
Marx während des ersten Semesters in Berlin, im Oktober und Novem¬
ber 1836, eine Reihe von Gedichten schrieb, die er in drei Heften im
Dezember 1836 seiner Braut nach Trier sandte. Die beiden ersten Hefte
waren betitelt „Buch der Liebe“, I. und II. Teil, das dritte nannte sich
„Buch der Lieder“. Alle drei Hefte waren gewidmet: „Meiner teuren,
ewiggeliebten Jenny von Westphalen“.
Mehring hatte diese Gedichthefte, die sich nach Marxens Tode im
Besitz der Lafargues befanden, noch durchlesen können; er berichtet über
sie ausführlich in der Nachlaßausgabe. Leider ist es uns nicht gelungen,
die drei Hefte für unsere Ausgabe zu erfassen. Im Jahre 1911, als ich
bei Lafargues zu Besuch war, um Marxens Nachlaß — in Hinsicht auf
die Geschichte der Ersten Internationale — zu durchstöbern, zeigte mir
Frau Laura Lafargue die Gedichte ihres Vaters. Seitdem sind sie aber
verschwunden. Jean Longuet, in dessen Besitz sie nach dem Tode der
Lafargues übergingen, erklärte mir im Sommer 1925, daß er die Hefte
jemandem ausgeliehen und nicht zurückerhalten habe; den Namen des
Betreffenden habe er vergessen und besitze darüber auch keinerlei Notizen.
Bis ein glücklicher Zufall die derzeit unauffindbaren Hefte wieder zum
Vorschein bringt, haben wir also vorläufig nur die spärlichen Zitate, die
Mehring in seiner Nachlaßausgabe brachte. Kein einziges Gedicht ist
dort vollständig abgedruckt; um diesen Band nicht mit solchen Bruch¬
stücken zu beginnen, verwiesen wir sie in die Anmerkungen.
Daß Marx trotz der strengen Selbstkritik, die er in dem Briefe an
den Vater an den der Braut gewidmeten Gedichten und anderen während des
ersten Berliner Studienjahres entstandenen poetischen Erzeugnissen übte,
der Poesie nicht ganz Valet sagte, zeigen die Anfang 1841 abgedruckten
„Wilden Lieder“. Es ist nicht wahrscheinlich, daß sie kurz vor ihrer
Veröffentlichung verfaßt sind, vielleicht stammen sie sogar noch aus dem¬
selben Jahre 1837 ; Marx hätte sie dann aus seinen alten Papieren als Bei¬
trag für das „Athenäum“ hervorgesucht, — die Zeitschrift, an der jener
Kreis von jungen Literaten, dem auch Marx seit Ende seines ersten Berliner
Studienjahres angehörte, so stark beteiligt war.
Eine Berliner Korrespondenz des „Frankfurter Konversationsblattes“
vom 3. März 1841 (Nr. 62) äußerte sich über die zwei Gedichte mit An¬
erkennung: sie seien zwar „in der Tat sehr wild“, doch verrieten sie ein
i) Nachlaß, I, 10-28.
a) Siehe zweiten Halbband, Briefe, insbesondere Nr. 5, 6, 9,13,14,15,16, 18.
XXXVIII
Einleitung
„originelles Talent“. Mehring fand diesen „poetischen Lorbeer“ — Bauers
Ausdruck in einem Briefe an Marxx) — unverdient und meinte, die Wild¬
heit der Gedichte werde durch kein originelles Talent gemildert. „Sie
heute nachzudrucken, würde eine herbe Unbill gegen den Verfasser
sein.“ ’)
Wir stimmen dem Urteil Mehrings zwar bei, doch ist es selbstver¬
ständlich, daß eine Gesamtausgabe der Marxschen Werke auch diese Ge¬
dichte nicht unberücksichtigt lassen kann, und zwar schon darum, weil in
ihnen Marxens Verbindung mit dem Kreise des „Athenäum“ zum Aus¬
druck kommt. Gehörte doch zu diesem Kreise — allerdings erst nach
Marxens Abgang von Berlin — auch der junge Engels, der in derselben
Zeitschrift über seine „Lombardischen Streifzüge“ berichtete. Dieser Kreis
der „Athenienser und Freunde des Volks“8) oder Kreis der Athenäer
bildet nämlich das Bindeglied zwischen dem Doktorklub aus den Jahren
1837—1840 und dem Verein der „Freien“ vom Jahre 1842. Obwohl Marx
schon Anfang April 1841, also im dritten Monat des Bestehens der Zeit¬
schrift, Berlin verließ, blieb er mit diesem Kreise auch weiterhin in Kon¬
takt. Aus dem Zirkel der Athenäer rekrutierten sich die Berliner Mit¬
arbeiter der mit dem 1. Januar 1842 zum ersten Male erscheinenden „Rhei¬
nischen Zeitung“, und ihr zweiter Redakteur, Adolf Rutenberg — eines
der angesehensten Mitglieder des Doktorklubs und der Athenäer — wurde
gerade von Marx für den Posten eines Redakteurs den Leitern des Blattes
empfohlen.
Aus den „A n e k d o t a“
Anfang Juni 1841 reiste Marx nach Bonn, wo sein Freund Bruno
Bauer als Privatdozent an der Universität Vorlesungen hielt. Marx machte
sich gleichfalls Hoffnungen auf einen Lehrstuhl. Aber die Lage Bruno
Bauers war zu jener Zeit stark erschüttert. Seine Vorlesungen und noch
mehr seine „Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker“ hatten
in orthodoxen Kreisen starke Erregung hervorgerufen. Die rechten
Hegelianer, die seit ihrer Protektion durch den Minister Altenstein auf
den preußischen Universitäten eine feste Stellung einnahmen, beeilten
sich, von dem wilden Lizentiaten abzurücken. Es begann ein neues Trei¬
ben gegen die Hegelsche Philosophie, das Erfolg hatte. Während die
Hegelianer 1838 noch solidarisch gegen die Orthodoxie aufgetreten waren,
i) Vom 28. März 1841.
2) Nachlaß, III, 481. Erst E. Drahn hat sie wieder abgedruckt; siehe „Die
Glocke“, Jg. IV, H. 5 vom 4. Mai 1918, S. 162-163.
s) So genannt im Briefwechsel zwischen Bruno Bauer und Edgar Bauer während
der Jahre 1839—1842 aus Bonn und Berlin. Verl. v. Edgar Bauer, Charlottenburg 1844.
Einleitung
XXXIX
begann jetzt die endgültige Scheidung der linken von den rechten
Hegelianern, die die Junghegelianer des Verrats an der Hegelschen Lehre
beschuldigten.
Zu jener Zeit taucht bei den Junghegelianern der Gedanke auf, die
Praktiken anzuwenden, die in der polemischen Literatur des 16. und
18. Jahrhunderts üblich gewesen waren, d. h. mit maskiertem Ernst die
Waffen der Ironie und Parodie gegen die ideellen Feinde zu richten. So
hatte Marx noch in Berlin vor, auf Karl Ph. Fischers Buch über „Die Idee
der Gottheit“ mit einer Farce „Fischer vapulans“ zu antworten. Als er mit
Bauer in Bonn wieder zusammenkam, wo als Hauptvertreter des speku¬
lativen Theismus I. H. Fichte lehrte, beschlossen die Freunde — sie
trugen sich damals mit dem Gedanken eines neuen Journals, das offen das
Banner des Atheismus tragen sollte — in Form einer Verteidigung der
Orthodoxie zu beweisen, daß gerade Hegel nicht nur ein Tadler des
Christentums, sondern auch Atheist gewesen sei. Diese Absicht wurde in
dem anonymen Pamphlet „Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel,
den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum“ (Leipzig 1841) aus¬
geführt.
Wir halten es für sehr wahrscheinlich, daß Marx an diesem Pamphlet
als stiller Mitarbeiter aktiven Anteil genommen hat. Georg Jung in Köln
schreibt sogar in einem Briefe an Ruge, daß die „Posaune“ gemeinsames
Produkt von Bauer und Marx sei. Dennoch verzichteten wir auf unseren
ursprünglichen Plan, die Schrift im vorliegenden Bande abzudrucken.
Marxens Anteil ist jedenfalls nicht mehr feststellbar, und seine Arbeit an
der „Posaune“, die seit der Enthüllung der Anonymität immer als spezi¬
fisches Produkt von Bauer figurierte, konnte im besten Falle die eines
Helfers sein. Wir halten es für zweckmäßiger, die Schrift im zweiten
Bande zu bringen, worin die analogen Pamphlete Engels’ enthalten sein
werden. Sie gehören alle der gleichen Periode an und bilden eine gemein¬
same Gruppe.
Im Herbst 1841 war es Marx bereits klar, daß für ihn kein Platz an
einer preußischen Hochschule sei. Bauer und er hatten auch den Plan
einer eigenen Zeitschrift aufgeben müssen. Wenn sie früher mit der ge¬
mäßigten Taktik Ruges, der ja das Hauptorgan der linken Hegelianer
redigierte, unzufrieden gewesen waren und eine besondere „Zeitschrift des
Atheismus“ hatten gründen wollen, so durften sie nach der Übersiedlung
der in „Deutsche Jahrbücher“ umbenannten „Hallischen Jahrbücher“ von
Halle nach Dresden im Juli 1841 mit Recht hoffen, daß Ruge einen radi¬
kaleren Ton anschlagen werde.
Wie Bauer, der seit dieser Zeit eifrig für die „Deutschen Jahrbücher“
XL
Einleitung
zu arbeiten begann, stand auch Marx in direkten Beziehungen zu Ruge.
Ihre Bekanntschaft war durch Köppen vermittelt worden, der schon seit
Anfang 1838 einer der fleißigsten Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher
war. Oktober 1839 ersucht Ruge in einem Brief an Köppen, für die
Jahrbücher „neue jüngere Mitarbeiter“ „aufzufangen“1). Wenn über¬
haupt jemanden, so hat Köppen gewiß Karl Marx, seinen besten Freund
von damals, an Ruge empfohlen. Wie aus dem ersten der erhalten ge¬
bliebenen Briefe Marxens an Ruge9) hervorgeht, schrieb Marx Anfang
Februar 1842 für die „Deutschen Jahrbücher“ eine Kritik der unlängst
veröffentlichten neuesten preußischen Zensurinstruktion. Zu dieser Zeit
trat aber eine Verschärfung der sächsischen Zensur ein, die Ruge ver¬
anlaßte, einen Teil der in seiner Hand befindlichen Manuskripte im zensur¬
freien Auslande herauszubringen. So entstanden die „Anekdota zur
neuesten deutschen Literatur und Publicistik“, die infolge zufälliger Um¬
stände, nicht zuletzt aber auch durch Ruges Schuld, da er immer neue
Beiträge forderte und entgegennahm, erst um die Mitte Februar 1843 er¬
schienen sind. Die „Anekdota“ enthielten die von Marx schon am 10. Fe¬
bruar 1842 gelieferten „Bemerkungen über die neueste
preußische Zensurinstruktio n“. Sie sind aus der Mehring-
schen Nachlaßausgabe gut bekannt. Unsere Ausgabe bringt aber aus
den „Anekdota“ noch einen andern Beitrag von Marx, der sich zwar an
Bedeutung mit den „Bemerkungen“ nicht messen kann, aber doch einiges
Interesse bietet.
Auch dieser Artikel — „Luther als Schiedsrichter zwi¬
schen Strauß und Feuerbach“ — erschien wie die „Be¬
merkungen“ ohne Namensnennung. Der Verfaser der „Bemerkungen“
nennt sich einen „Rheinländer“, der Verfasser dieser Notiz verrät nur
soviel, daß er „kein Berliner“ ist. Dennoch ist die Autorschaft Marxens
als sicher anzunehmen. Aus einem Briefe Ruges an Marx vom 8. März 1843
geht nämlich hervor, daß Marx den „Anekdota“ zwei Beiträge lieferte
und für zwei Beiträge Honorar zugesandt bekam. Von den drei nicht mit
Namen gezeichneten Aufsätzen, die in den „Anekdota“ enthalten sind,
kommt aber nur die Notiz „Luther als Schiedsrichter“ als Marxsche
Arbeit in Betracht.
Marx schrieb seinen Beitrag zu der „neulich angeregten Frage des
Wunders“ bei Strauß und Feuerbach wahrscheinlich Anfang 1842 nieder;
er schloß sich dabei an drei Aufsätze aus den „Deutschen Jahrbüchern“
O Original des Briefes im Archiv der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands,
Berlin.
9) Siche zweiten Halbband, Brief Nr. 50.
Einleitung
XLI
(1841/42) an, die die philosophische Entwicklung von Strauß zu Feuer*
bach und Bauer behandelten1). Die Verfasser der beiden ersten Auf*
sätze9), die die Notwendigkeit des Übergangs von Strauß zu Feuerbach
nicht begreifen und die immer neue Auflösung der zuletzt gewonnenen
Resultate fürchten, unterschreiben sich als „Ein Berliner“ und „Auch ein
Berliner“, was wohl Marx Anlaß gab, seinen entschieden für Feuerbach
eintretenden Aufsatz „Kein Berliner“ zu zeichnen. Ebenso nennt er sich
in Anspielung auf den dritten Aufsatz „Christentum und Antichristen*
tum“ einen „Antichrist“. Der Verfasser dieses „Ein Philosoph“ gezeich¬
neten Aufsatzes, in dem Gustav Mayer wohl mit Recht Stirner vermutet8),
wirft das Problem des Wunders auf und führt dabei die einzige Stelle an,
an der Strauß gegen Feuerbach polemisiert1), auf die sich dann auch
Marx bezieht Während „Ein Philosoph“ die Widersprüche im Strauß-
schen Wunderbegriff nachweist, rechtfertigt Marx die Definition Feuer¬
bachs dirrch Zitate aus Luther. Er wendet dabei die Methode der „Po¬
saune“ an, durch eine orthodoxe Autorität radikale Wahrheiten zu be¬
weisen; sie mußte ihm besonders nahe liegen zu einer Zeit, wo er — Winter
1841/42 — gerade am zweiten Teil der „Posaune“ arbeitete; übrigens
verfällt er am Schlüsse des Artikels selbst in den „Posaunen“-Stil.
Obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach der Artikel schon Anfang 1842
geschrieben war, sandte ihn Marx, wie dies aus einem Briefe von Moritz
Fleischer an Georg Jung vom 16. Dezember 18425) hervorgeht, kaum vor
November 1842 an Ruge, vielleicht als kleinen Ersatz für die größeren
Beiträge, die er für die „Anekdota“ versprochen hatte.
Aus den Deutschen Jahrbüchern.
In Ruges Jahrbüchern selbst findet sich von Marx nur ein kleiner
Artikel, der schon während seiner Redaktionstätigkeit für die Rheinische
Zeitung erschien. Es ist dies eine Rezension der Schrift von
O. F. Gruppe über „Bruno Bauer und die akade¬
mische Lehrfreihei t“, ursprünglich sicher für die Rheinische
0 „Vorläufiges über ,Bruno Bauer, Kritik der evangelischen Geschichte der
Synoptiker*“ in: Deutsche Jahrbücher, Nr. 105 v. 1. Nov. 1841, p. 417—420 (mit einer
Nachschrift von Ruge). „Zwei Vota über das Zerwürfnis zwischen Kirche und Wissen¬
schaft. I. Über die Anstellungsfähigkeit der neuesten Kritiker: Strauß, Feuerbach,
Bruno Bauer. U. Christentum und Antichristentum.** Nr. 7/8 v. 10. u. 11. Jan. 1842.
2) „Vorläufiges über Bruno Bauer . . .“ und „Über die Anstellungsfähigkeit . . .“
9) Gustav Mayer, Die Anfänge des politischen Radikalismus im vormärzlichen
Preußen (Mit einem Anhang: Unbekanntes von Stirner). In: Zeitschr. f. Politik.
Hrsg. v. Rich. Schmidt u. Ad. Grabowsky. Bd. VI, 1913, Heft 1, p. 1—113. — Auch
als Sonderdruck erschienen.
*) Christliche Glaubenslehre, I, 20/21.
®) Joseph Hansen, Rheinische Briefe und Akten z. Gesch. d. politischen Be¬
wegung 1830—1850. I, 347.
XLII
Einleitung
Zeitung bestimmt. Wahrscheinlich erhielt Marx erst nach Fertigstellung
des Artikels die viel ausführlichere Kritik derselben Gruppeschen Schrift
aus Karl Nauwercks Feder, die in Nr. 251 der Rheinischen Zeitung vom
8. September 1842 im Beiblatt veröffentlicht wurde. Eine zweite Kritik
über dasselbe Buch zu bringen, erübrigte sich, und wohl darum sandte
Marx seine Arbeit an Ruge, dem er vor seinem Eintritt in die Redaktion
so viele Beiträge in Aussicht gestellt hatte. So erschien der etwa in der
ersten September-Woche entstandene Artikel in Nr. 273 der „Deutschen
Jahrbücher“ vom 16. November 1842, gezeichnet mit den Initialen K. M.,
hinter denen zuerst Wilhelm Pappenheim den Namen von Marx ver¬
mutete 1).
Seitdem wir — vor allem aus den Briefen von Bruno Bauer an
Marx — wissen, wie eng er mit Bauer während dessen erster evangelien-
kritischer Periode verbunden war, kann uns der Umstand, daß der Artikel
Vertrautheit mit evangelienkritischen Fragen voraussetzt, keinen Anlaß zu
Bedenken gegen die Marxsche Verfasserschaft mehr geben.
Gruppe, gegen den Marx die ganze Schärfe seines Angriffs richtet, war
ein sehr vielseitiger, sehr fruchtbarer und damals sehr bekannter Schrift¬
steller, der zu Anfang der dreißiger Jahre mit heftigen Streitschriften gegen
Hegel und die ganze Hegelsche Philosophie auftrat. Obwohl er späterhin
auch in Ruges Jahrbüchern mitgearbeitet hatte — er war persönlich be¬
freundet sowohl mit Echtermeyer wie mit Ruge — wurde er, der Hegel-
bekämpfer, im Sommer 1842, als das Ministerium Eichhorn den litera¬
rischen Kampf gegen das „destruktive“ Junghegeltum aufzunehmen be¬
schloß9), von der Regierung in Sold genommen und mit polemisch¬
publizistischen Arbeiten beauftragt.
So entstand seine etwa Ende Juni erschienene Broschüre gegen Bruno
Bauer. Dies offiziöse Pamphlet war das bedeutendste Erzeugnis der im
Regierungssinne gehaltenen polemischen Publizistik über den Fall Bauer;
in den Schutz- und Streitschriften der Brüder Bauer selbst wurde es — neben
Marheinekes Separatvotum — der ausführlichsten Replik gewürdigt. Auch
von der Rheinischen Zeitung wurde die Broschüre des öfteren behandelt,
nicht ohne Anspielungen auf eine dienstliche und finanzielle Abhängigkeit
ihres Verfassers von der Regierung. Übrigens wurde Gruppe, nachdem er im
folgenden Jahre noch eine ähnliche Broschüre gegen Bruno Bauer veröffent¬
licht hatte — worin er mit höchster Entrüstung über den anonymen K. M.-
Artikel herfällt —, im Juni 1844 vom Minister Eichhorn zum außerordent¬
lichen Professor der Philosophie an der Universität Berlin ernannt.
9 Documente des Socialisants, I, 399.
’) Siehe unten unsere Ausführungen zur „frivolen Introduktion“ von Marx über
die Preußische Staatszeitung.
Einleitung
XLIII
Von den vielen, theologische und kirchliche Fragen betreffenden Ar¬
beiten, die Marx in seiner Jugend geplant, zum Teil ausgeführt hat (über
Hermesianismus, über den Kölner Kirchenstreit, über christliche Kunst,
über Religion und Kunst mit besonderer Beziehung auf christliche Kunst)
liegen uns somit nur zwei kleine Arbeiten vor, und zwar die Notiz über
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach und eben die
Abfertigung Gruppes, die zugleich Marxens einziger Artikel ist, worin er
für seinen lange Jahre hindurch so intimen Freund Bauer öffentlich Partei
ergreift.
Aus der Rheinischen Zeitung
Der Hauptgrund, weshalb Marx die Ruge in Aussicht gestellten grö¬
ßeren und mehr theoretischen Aufsätzex) über christliche Kunst, über die
Romantiker, über die positiven Philosophen etc. nicht ausführte, war gewiß
seine starke Inanspruchnahme durch die Mitarbeit an der Rheinischen
Zeitung; sie datiert seit etwa Mitte April.
In Mehrings Nachlaßausgabe umfassen die aus der Rheinischen Zei¬
tung wieder abgedruckten Artikel etwa 7 Bogen, in unserer Ausgabe
nehmen sie den doppelten Raum ein. Erstens druckte Mehring auch die
auf genommenen Artikel nicht vollständig ab, ließ vielmehr da und dort
kürzere oder längere Stellen aus. Zweitens veröffentlichte er einige von
ihm selbst schon festgestellte Marx-Artikel nicht, weil er sie nicht für
wichtig oder interessant genug hielt. Drittens konnte er nicht sämtliche
Artikel von Marx feststellen, zum Teil, weil er bei einigen die durch
äußere Umstände nahegelegte Verfasserschaft von Marx aus verschie¬
denen Gründen in Zweifel zog, zum Teil, weil er bei anderen Marxens
Autorschaft überhaupt nicht vermutete. Endlich — viertens — bringen
wir zwei Stücke aus dem Manuskript von Marx, wovon das eine Fragment
geblieben und deshalb in der Rheinischen Zeitung nicht erschienen, das
andere durch die Zensur aus einem Artikel weggestrichen worden ist9).
Für die Feststellung der Autorschaft Marxens bei
den Artikeln der Rheinischen Zeitung, die sämtlich anonym erschienen
sind, standen Mehring wie uns verschiedene Anhaltspunkte zur Verfügung.
Als Ausgangspunkt und erste Quelle dienen Äußerungen von Marx selbst
(vor allem das Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“), ferner
Briefe von und an Marx, ebenso Dokumente über Marx, — unter den letz¬
teren auch die von Joseph Hansen zuerst veröffentlichten Materialien zur
O Siehe zweiten Halbband, Briefe Nr. 52, 54, 56, 60.
’) Der Artikel über die Zentralisationsfrage (S. 230 f.) und das Kapitel von der
Ehe im Aufsatz über das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
(S. 251 ff.).
XLIV
Einleitung
Geschichte der Rheinischen Zeitung. Eine wichtige, obschon summarische
Quelle stellen auch Engels’ verschiedene biographische Skizzen über Marx
dar. Als weitere Anhaltspunkte kommen Autorsignaturen, Korrespondenz*
Zeichen in Betracht, die, einmal bei einem Artikel als von Marx herrührend
festgestellt, oft zugleich für seine Autorschaft bei anderen, mit den gleichen
Chiffren versehenen Artikeln sprechen können. Marxens charakteristi¬
scher, in Antithesen sich bewegender Stil, von dem Engels in einem Briefe
an Richard Fischer erklärt, daß er ihn stets unfehlbar zu erkennen ver¬
möge, ist auch ein wichtiger Anhaltspunkt in solchen Fällen, wo die
übrigen auf Marx hinweisenden Umstände für sich allein noch gewisse
Zweifel zulassen würden. Dies trifft besonders da zu, wo wir in den von
der „Redaktion“ gezeichneten Anmerkungen hinter „Redaktion“ Marx
selbst vermuten *).
Herangezogen wurde noch ein Artikel der „Mannheimer Abend¬
zeitung“ vom 28. Februar 1843 (Nr. 49), datiert aus Köln, 25. Februar.
Wenn nicht von Marx selbst inspiriert, stammt er gewiß aus Kreisen, die
der Redaktion der Rheinischen Zeitung sehr nahe standen a). Es handelt
sich um den zusammenfassendsten und treffendsten zeitgenössischen Be¬
richt über Marxens Tätigkeit für die Rheinische Zeitung.
Diese Mitarbeit an der Rheinischen Zeitung begann erst Anfang Mai
1842 mit einem Aufsatz, der die Debatten des 6. Rheinischen
Landtags über Presse und Öffentlichkeit dei
Landtagsverhandlungen zum Gegenstände hat.
Den in Köln schon seit mehreren Jahren vorhandenen Bestrebungen,
als Gegengewicht zu der „Kölnischen Zeitung“ ein zweites politisches
Tageblatt zu gründen, hatten diese Verhandlungen des 6. Rheinischen
Landtags einen neuen und starken Antrieb gegeben. Im Anschluß an sie
begannen Vorbesprechungen zur Schaffung eines solchen neuen poli¬
tischen Organs in Köln. An den Organisations- und Propagandaarbeiten
beteiligten sich am aktivsten Georg Jung und Moses Heß. Sie traten zur
Gewinnung von Mitarbeitern mit dem Berliner Kreise der „Athenäer“ in
Fühlung, dem ja, wie gesagt, auch Marx während seiner Berliner Studien¬
zeit angehört hatte und mit dessen einzelnen Mitgliedern er wohl auch
noch während seines Bonner Aufenthaltes in Verbindung stand. Ende
August oder Anfang September wohnte Marx den Beratungen über die
Gründung der Rheinischen Zeitung in Köln bei, und sein Rat über die Be-
1) Die redaktionellen Anmerkungen, bei denen die Autorschaft Marxens nicht
mit völliger Sicherheit angenommen werden konnte, bringen wir, samt einer Über¬
sicht über die andern, aus Marxens Redaktionszeit stammenden Fußnoten, als Bei¬
lage im zweiten Halbband.
’) Wir drucken ihn in den Anmerkungen im zweiten Halbband ab.
Einleitung
XLV
Setzung der Redaktionsposten war beachtet worden, sowohl im Novem¬
ber 1841, wie auch nach dem Austritte Höfkens am 18. Januar 1842, wobei
Marxens Gutachten für Rutenberg stark ins Gewicht fiel.
Im Vergleich zu der lebhaften Teilnahme, mit der Marxens Freunde
für die Rheinische Zeitung vom Anbeginn ihres Erscheinens tätig waren,
begann er selbst seine Mitarbeit auffallend spät. Bruno Bauer fragt schon
am 26. Januar aus Bonn an, warum Marx noch immer nicht für die Rhei¬
nische Zeitung arbeite, und aus einem Briefe von Jung an Marx wissen
wir, daß Eduard Meyen, der ehemalige Redakteur des „Athenäums“,
Mitte Mai sich schon ironisch bei Jung erkundigte, ob Marx nicht bald
hervortreten werde, um zu zeigen, „was denn eigentlich an ihm ist“.
Zu Anfang des Jahres 1842 brachte Marx, gehindert durch die drei¬
monatige Krankheit des am 3. März 1842 verstorbenen Vaters seiner Braut
und auch — im Januar desselben Jahres — durch eigene Krankheit, nur
die Kritik der Zensurinstruktion für Ruges „Anekdota“ fertig; zugleich
machte er sich an die Umarbeitung der Abhandlung über christliche
Kunst, die ursprünglich für den zweiten Teil der „Posaune“ bestimmt war.
Noch Ende März befaßte er sich mit den ständig sich erweiternden Plänen
für die „Anekdota“, die zwar nichts Fertiges ergaben, ihn aber von der
Zeitungspublizistik wohl abhalten konnten. Die schließliche Hinwendung
zu einem aktuellen politischen Thema, wie es die Debatten des 6. Rheini¬
schen Landtags — das politische Hauptereignis des letzten Jahres in den
Rheinlanden — waren, geschah etwa Ende März. Zwar teilte Marx erst
am 17. April Ruge die Absendung seines „langen Aufsatzes“ mit, doch
wurde er dazu offenbar durch jene drei Artikel der Allgemeinen Preu¬
ßischen Staatszeitung angeregt, die u. a. darauf hingewiesen hatten, daß
die Verhandlungen der Stände in der Tagespresse debattiert werden
dürften x). Diesen damals große Sensation machenden offiziösen Artikeln
— der letzte war am 26. März erschienen — widmete Marx die Einleitung,
die „frivole Introduktion“’) seines Aufsatzes; es ist demnach wahr¬
scheinlich, daß er mit dessen Ausarbeitung schon Ende März begann. Der
in sechs Fortsetzungen gedruckte Artikel begann am 5. Mai zu erscheinen.
Mehring hat in der Nachlaßausgabe die „frivole Introduk¬
tion“ über die Preußische Staatszeitung nicht abgedruckt ’). Er meinte,
daß das darin von Marx Gesagte nicht „wohlverständlich ist ohne eine
O Siehe darüber S. 183.
’) So Marx im Brief an Ruge vom 27. April (zweiter Halbband, Brief Nr. 56).
9) In der italienischen Ausgabe: Marx-Engels-Lassalle Opere, ist die „frivole
Introduktion“ jedoch aufgenommen (Carlo Marx, Le discussioni del sesto Landtag
delle province renane. Roma 1899. — Opere vol. I, p. 3sq.).
XLVI
Einleitung
ausführliche Analyse der offiziellen Albernheiten“, deren Ausgrabung er
für eine „zwecklose Raumverschwendung“ hielt. Gewiß, bei Heran¬
ziehung der behandelten Artikel aus der Preußischen Staatszeitung ge¬
winnt die Introduktion erhöhtes Interesse, doch ist sie auch für sich allein
verständlich genug. Marx hatte mit seiner Polemik, wie schon gesagt, an
Äußerungen angeknüpft, die zu dieser Zeit als politisches Ereignis galten.
Die Artikel der Allgemeinen Preußischen Staatszeitung waren am 16., 19.
und 26. März 1842 erschienen1). Mit ihnen begann die Regierung einen
publizistischen Kampf gegen die liberale Opposition. Der Minister Eich¬
horn insbesondere war es, der als Gegengewicht zu den gewährten Presse¬
erleichterungen auf aktives Auftreten der offiziösen Presse drängte. Zu
diesem Zwecke wurde die Allgemeine Preußische Staatszeitung reorgani¬
siert; am 16. Januar 1842 gab Friedrich Wilhelm IV. den Befehl, die den
wichtigen Gesetzesbestimmungen vorangeschickten Erläuterungen in der
Staatszeitung abzudrucken, „um das Publikum über die wahren Absichten
der Regierung aufzuklären3). Die drei von Marx aufgegriffenen Ar¬
tikel wurden durch die gesamte Tagespresse sehr eifrig besprochen. Bruno
Bauer behandelte sie noch vier Jahre später in seinem kritisch-geschicht¬
lichen Rückblick auf das Jahr 1842 in ausführlicher Weise3).
Wahrscheinlich noch vor Abschluß der Kritik der Rheinischen Presse¬
debatten, d. h. noch vor dem 19. Mai, an welchem Tage der letzte Teil er¬
schienen ist, machte sich Marx an einen polemischen Artikel gegen den in
der Rheinischen Zeitung am 17. Mai (Nr. 137) erschienenen Aufsatz
über die Zentralisationsfrage. In einem Bonner Exzerpten¬
heft aus dem Jahre 1842 fand sich die von uns auf S. 230 f. abgedruckte,
Fragment gebliebene Polemik. Der Artikel in der Rheinischen Zeitung
führte die Chiffre von Moses Heß: —— und den Titel: „Deutschland
und Frankreich in bezug auf die Zentralisationsfrage“4).
Daß auch Marx mit seiner Polemik keinesfalls gegen die Zentralisation
Stellung nehmen wollte, steht außer Zweifel. Es bedarf keiner besonderen
Erörterung, daß er ebenso wie die Rheinische Zeitung und zu dieser Zeit
noch alle Junghegelianer den Standpunkt der Zentralisation vertrat. Seine
O Der erste behandelte „die Wirkungen der Zensurverfügung vom 24. Dezem¬
ber 1841“, darauf folgte der Artikel über „die Besprechung inländischer Angelegen¬
heiten, ihre Ausdehnung und natürlichen Bedingnisse“, und der letzte führte den
Titel „Die inländische Presse und die Statistik“.
’) Stölzel, Brandenburg-Preußens Rechtsverwaltung und Rechtsverfassung,
II, 526.
9) Bruno Bauer, Der Aufstand und der Fall des deutschen Radikalismus. 1846,
I, 41-51.
*) Abgedruckt in: Moses Heß. Sozialistische Aufsätze 1841—1847. Hrsg, von
Th. Zlocisti. Berlin 1921. S. 13ff.
Einleitung
XLVII
scharfe kritische Stellungnahme gegenüber dem Heß-Artikel wurde wohl
durch ebendieselben Motive bestimmt, die er ein Vierteljahr später gegen
die Juste-milieu-Artikel Edgar Bauers1) in seinem Briefe an Dagobert
Oppenheim vom 25. August 1842 anführte: „Die wahre Theorie muß
innerhalb konkreter Zustände und an bestehenden Verhältnissen klar ge¬
macht und entwickelt werden“ ’). Auch für ihn war die Zentralisations¬
frage gewiß eine „Zeitfrage“. Wogegen er sich wandte, war die abstrakte
Weise der Stellung und Behandlung dieser Frage durch Heß; sein
Fragment gebliebener Artikel sollte ein Protest werden gegen die Ver¬
wechslung der Philosophie mit der „Imagination“.
„Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen
Z e i t u n g“, eine Polemik gegen den Leitartikel des Redakteurs Karl
Heinrich Hermes, ist zwischen dem 29. Juni und dem 2. Juli 1842 in Trier
geschrieben worden. Am 4. Juli bestätigt Dagobert Oppenheim in einem
Brief an Marx den Empfang des „vortrefflichen Artikels“, für den er
Streichungen durch die Zensur fürchtet. Am 9. Juli berichtet Marx an
Ruge, daß die Polemik, „falls der Zensor nicht einen Streich spiele“, im
nächsten Beiblatt erscheinen solle. Tatsächlich wurde der Abdruck im
Beiblatt vom 10. Juli in Nr. 191 begonnen (der zweite und dritte Teil
erschienen am 12. und 14. Juli in den Nr. 193 und 195).
Allem Anschein nach hat die Zensur von dem Aufsatze nichts ge¬
strichen. Mehring brachte in der Nachlaßausgabe8) allerdings nur den
letzten grundsätzlichen Teil (mit Ausnahme des letzten Absatzes,
S. 249/250), da die Polemik gegen Hermes seiner Meinung nach „heute
ungenießbar geworden oder doch nur mit verhältnismäßiger Weit¬
schweifigkeit genießbar zu machen“ sei*).
Wir geben den Aufsatz ohne jede Kürzung wieder. Die Polemik gegen
Hermes war von großer Bedeutung. Es handelte sich um den ersten
offenen Zusammenstoß zwischen den beiden Kölner Tageszeitungen, die
eine so entgegengesetzte politische Richtung vertraten, — zwischen der
Kölnischen und der Rheinischen Zeitung. Der damalige Redakteur der
ersteren, Karl Heinrich Hermes, war von dem Verleger Dumont für den
politischen Leitartikel vom 1. Januar 1842 an gerade dazu angestellt, um
dem Konkurrenzblatt, der Rheinischen, die Wage zu halten. Eine be¬
stimmte Weltanschauung vertrat die Kölnische überhaupt nicht, doch
O Erschienen in den Beiblättern der Rheinischen Zeitung vom 5. Juni bis zum
23. August 1842.
a) Joseph Hansen, Rheinische Briefe und Akten ... I, 357; in unserem
zweiten Halbband Brief Nr. 62.
’) 1,259—267.
*) 1,235.
XL VIII
Einleitung
stand sie in ausgesprochenem Gegensatz zu der junghegelianischen Rich¬
tung, die in der Konkurrentin vom Anfang an stark zur Geltung kam.
Die Rheinische Zeitung, die unter ihren Mitarbeitern eine Reihe von
bekannten Junghegelianern aufwies, setzte sich für Bruno Bauer ein, ver¬
höhnte die Berliner Rolle Schellings, polemisierte gegen die zum Regie¬
rungsorgan erhobene Berliner „Literarische Zeitung“, begleitete mit ihren
Sympathien die Kämpfe der „Deutschen Jahrbücher“ gegen die Zensur,
hatte kein gutes Wort für den „christlichen Staat“ und betonte in mehreren
Artikeln und Korrespondenzen entschieden den Gegensatz zwischen Philo¬
sophie und Religion, — einige Wochen vor der Polemik zwischen Hermes
und Marx hieß es sogar in einem Artikel von Max Stirner: „Dem Philo¬
sophen ist Gott so gleichgültig als ein Stein; er ist der ausgemachteste
Atheist. . .“ 1).
Nicht dieser Ausspruch, sondern wohl die berühmte Korrespondenz
der Königsberger Zeitung vom 17. Juli, wonach die Mitglieder des neu¬
begründeten Vereins „Die Freien“ aus der Kirche demonstrativ auszu¬
treten beabsichtigten, bot Hermes den Anlaß, die junghegelianische Ten¬
denz der Rheinischen Zeitung in einem gewundenen Artikel zu denun¬
zieren; das rief Marx in die Schranken.
Trotz oder gerade infolge des Konkurrenzverhältnisses, in dem die
beiden Blätter von Anfang an zueinander gestanden hatten, war es bis zu
dem Hermes-Artikel in Nr. 179 nie zu einer offenen Auseinandersetzung
gekommen. Auf beiden Seiten vermied man es, selbst dann einander beim
Namen zu nennen, wenn es gelegentlich ein Geplänkel gab. Der offene
Kampf wird erst durch den Artikel heraufbeschworen, worin Hermes einen
Generalangriff auf das Junghegeltum und auf die — wiederum nicht bei
Namen genannte — Rheinische Zeitung macht und die schärfsten Zensur¬
maßregeln gegen die „ekelerregenden Auswüchse“ der Presse fordert. Den
Trumpf bildet der Hinweis auf die erwähnte Korrespondenz in der Königs¬
berger Zeitung über die „Freien“. Außer Marx war es namentlich Heß,
der die Polemik der Rheinischen Zeitung gegen Hermes führte und sie
schon vor Marx geführt hatte. In seinem die Polemik abschließenden Ar¬
tikel (Nr. 196 vom 15. Juli) faßt Heß die Stellung der Rheinischen Zei¬
tung bei der Behandlung religiöser und philosophischer Fragen dahin zu¬
sammen, sie sei „ein politisches Journal und jede religiöse und
theologische Frage liege als solche gewiß außerhalb ihres Bereichs“.
Weil aber die Gegner die Religion mit der Wissenschaft und den Staat
mit der Religion identifizieren wollen, müsse die Rheinische Zeitung der
Theorie vom christlichen Staate die Theorie der Vernunft entgegenstellen
und für die Gründung des Staats auf Vernunft und Sittlichkeit, nicht auf
1) „Kunst und Religion**. Nr. 165 vom 14. Juni 1842, Beiblatt.
Einleitung
XLIX
lie Religion eintreten. Was die Philosophie betrifft, „insofern sie die
illgemein menschliche Vernunft ist“, kann die Rhei-
lische Zeitung dieser „sich so wenig entschlagen, als der Staat dies kann,
tvenn er anders nicht auf Vernunft fußen will“.
„Das philosophische Manifest der historischen
Elechtsschule“ brachte Mehring aus der Rheinischen Zeitung ohne
ECürzung. Trotzdem enthält unsere Ausgabe einen Abschnittt mehr. Pro¬
fessor Joseph Hansen in Köln ist es geglückt, das Originalmanuskript des
Artikels in Köln aufzufinden; es enthält außer dem in der Rheinischen
Zeitung veröffentlichten Text noch einen von der Zensur gestrichenen Ab¬
schnitt über die Ehe. Professor Hansen hatte die Freundlichkeit, diesen
Abschnitt uns für unsere Ausgabe zur Verfügung zu stellen und außer¬
dem den Text des ganzen Artikels an Hand des Originals zu überprüfen1).
Der Artikel gehört in die Reihe jener Aufsätze, die Marx im Früh¬
jahr 1842 für Ruges „Anekdota“ ankündigte. In seinem Briefe vom
27. April 1842 hieß es: „Ich werde Ihnen vier Aufsätze einsenden: 1. Über
religiöse Kunst, 2. Über die Romantiker, 3. Das philosophische Manifest
der historischen Rechtsschule, 4. die positiven Philosophen . . . Die Auf¬
sätze hängen dem Inhalt nach zusammen.“
Die aufgeführten Themen haben zum Objekt die wesentlichen ideo¬
logischen Grundlagen jener christlich-germanischen Richtung, die mit dem
Namen Friedrich Wilhelms IV. verknüpft ist. Der erste der vier Aufsätze
war ursprünglich als „Abhandlung über christliche Kunst“ 9) gedacht.
Ihm sollte ein „Epilog de Romanticis“ beigegeben werden, der sich jedoch
nachher zum Plan einer eigenen Darstellung über die Romantiker ver¬
selbständigte. Im vierten Aufsatz hatte Marx die „positiven Philosophen“
auf seine Feder genommen — oder beabsichtigt, es zu tun —, die er schon
in den Anmerkungen zu seiner Doktordissertation „gekitzelt“9) hatte. Wie
aus der Dissertation, ersehen wir auch aus dieser Briefstelle, daß Marx
sich eine Zeitlang mit der Absicht trug, in dem Kampf gegen die speku¬
lativen Theisten überhaupt, gegen den Schelling der Berliner Periode
insbesondere, ein ernstes Wort zu sprechen. Zu einer tatsächlichen Be¬
handlung des Themas ist es wahrscheinlich so wenig gekommen wie zur
Ausführung des ersten und zweiten Gegenstandes. Nur der dritte Aufsatz,
der über das „philosophische Manifest der historischen Rechtsschule“, liegt
vor. Er erschien aber nicht in den „Anekdota“, trotz Ruges Drängen am
M Die Vergleichung ergab einige Korrekturen von Bedeutung, die wir in unserer
Wiedergabe durchführten. Die Anmerkungen im zweiten Halb band geben darüber
Rechenschaft.
*) Marx an Ruge am 5. März und 20. März 1842.
3) So Marx in dem obengenannten Brief an Ruge vom 27. April.
Marx-Engels-Geaamtaasgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 4
L
Einleitung
14. Mai und Marxens neuerlicher Entschuldigung am 9. Juli, sondern in
der Rheinischen Zeitung, am 9. August (Nr. 221).
In den erwähnten Briefen finden wir für diese Abweichung vom ur¬
sprünglichen Plan keine Erklärung.
Unmittelbaren Anlaß zu diesem Thema gab nicht, wie Mehring irrtüm¬
lich annimmt1), Hugos fünfzigjähriges Doktorjubiläum, das schon am
10. Mai 1838 stattgefunden hatte. Viel näher lag zweifellos die Ende
Februar 1842 durch Friedrich Wilhelm IV. erfolgte Berufung Savignys
zum Minister für Gesetzgebung. Der Artikel richtete sich eigentlich nicht
gegen Hugo, vielmehr gegen Savigny, „den berühmtesten historischen
Juristen“. Marx wollte die Erwartungen, die im Zusammenhang mit Sa¬
vignys Berufung sich an die geplante Gesetzesrevision knüpften, als von
vornherein illusorisch nachweisen. Er tat dies, indem er auf „die Quelle“
der historischen Schule zurückging, auf deren „Ältervater und Schöpfer“,
den Ritter v. Hugo.
Der aus der Mehringschen Ausgabe bekannte polemische Artikel gegen
die Augsburger Allgemeine Zeitung über den Kommunismus ist der erste,
den Marx nach Übernahme der Redaktion — sie erfolgte am 15. Okto¬
ber — in der Rheinischen Zeitung veröffentlichte. In der Inhaltsübersicht
der Nummer führt er den Titel : „Der Kommunismus und die
,Augsburger Allgemeine Zeitung4“. Die von Mehring in
der Nachlaßausgabe willkürlich gegebene Bezeichnung — „Über Kom¬
munismus44 — traf so ziemlich das Richtige.
Zur Redaktion der AAJgemeinen Zeitung gehörte zu dieser Zeit Gustav
Höfken, ein gemäßigter liberaler Publizist und eifriger Verfechter der
Zollvereinsinteressen, der vorher bei der Rheinischen Zeitung als erster
den Posten eines leitenden Redakteurs bekleidet hatte; wegen Differenzen
mit den Junghegelianern, speziell wegen eines Artikels von Bruno Bauer,
war er schon nach einigen Wochen (am 18. Januar) von der Redaktion
zurückgetreten. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Höfken — wie dies
schon Bruno Bauer vermutete*) — der Anstifter der Polemik, die von der
Allgemeinen Zeitung gegen die Rheinische schon im März eröffnet wurde.
Das Cottasche Blatt beschuldigte die Kölner Rivalin wegen eines von
Bauer stammenden Artikels über die französische Revolution der Hin¬
neigung zum jakobinischen Terrorismus*). Bruno Bauers Replik hat dann
den Kampf der Rheinischen Zeitung mit der Augsburger eingeleitet4).
i) Nachlaß, I, 326.
*) In einem Briefe an Dagobert Oppenheim vom 25. März 1842; siehe Han¬
sen, a. a. O., I, 323f.
•) In der Nummer vom 21. März, Korresp. v. 15. März „Aus Rhein preußen“.
«) Rheinische Zeitung Nr. 86 vom 27. März; vgl. Bauers zitierten Brief bei H a n -
sen, a. a. O., I, 323f.
Einleitung
LI
Von da an lagen die beiden Blätter in ständiger Fehde. Gerade einige
Tage vor dem Artikel von Marx brachte die Rheinische Zeitung einen Auf:
satz über „Deutsche Zeitungen“, worin die „faule Unparteilichkeit“ der
Augsburger Allgemeinen, dieser „Deckmantel salopper Indolenz oder
hinterlistigen Parteitreibens“, wiederum scharf angegriffen wurde: das
Blatt sei reaktionär, soweit ihm dies die Furcht vor dem Liberalismus ge¬
statte; während es „die Augen des Publikums an französischem Leichtsinn
und französischer Zerrissenheit, an den Intriguen Rußlands und den Krisen
Englands“ weide, behandle es die deutschen Verhältnisse „mit der größten
Salopperie“, es beschränke sich darauf, durch Klatschereien, begeisterte
Schilderung von Paraden, Empfängen, Festivitäten, durch wichtigtuendes
Auf tischen lokaler Begebenheiten diese Verhältnisse zu verherrlichen1).
In ähnlichem Sinne hatte die Rheinische Zeitung noch früher zu wieder¬
holten Malen das Augsburger Blatt der Prinzipienlosigkeit bezichtigt
— dieses wiederum holte nach längerem, vornehmem Schweigen zu einem
großen Hiebe aus: in einem langen Artikel über „Die Kommunisten¬
lehren“ wurde am 11. Oktober (in Nr. 284) gegen die Rheinische Zeitung
der Vorwurf des Kommunismus geschleudert9).
Obwohl die Rheinische Zeitung keine bestimmte, konsequente Stellung
zur sozialen Frage und zum Sozialismus einnahm, behandelte sie diese
Fragen dennoch in der Tat eifriger als andere große Blätter. Mehrere Mit¬
glieder des Aufsichtsrates beschäftigten sich mit der sozialen Frage seit
Sommer 1842 in regelmäßigen wöchentlichen Zusammenkünften9). Be¬
sonders viele Nachrichten brachte man über die chartistischen Bewegungen
in England. Die Ideen des französischen Sozialismus wurden gelegentlich
von Moses Heß „eingeschwärzt“4).
Marx selbst resümiert diese Polemik und zugleich sein Urteil über den
sozialistischen Einschlag der Rheinischen Zeitung später, 1859, im Vor¬
wort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ mit den Worten: „Zu jener
Zeit, wo der gute Wille, »weiter zu gehen4, Sachkenntnis vielfach aufwog,
hatte ein schwach philosophisch gefärbtes Echo des französischen Sozia¬
lismus und Kommunismus sich in der ,Rheinischen Zeitung4 hörbar ge¬
macht. Ich erklärte mich gegen diese Stümperei, gestand aber zugleich in
einer Kontroverse mit der »Allgemeinen Augsburger Zeitung4 rund heraus,
daß meine bisherigen Studien mir nicht erlaubten, irgend ein Urteil über
den Inhalt der französischen Richtungen selbst zu wagen.“
x) Rheinische Zeitung Nr. 286 vom 13. Oktober 1842.
’) Über den Artikel der Augsburger Allgemeinen Zeitung und die von ihr als
Beweismaterial benutzten Artikel der Rheinischen Näheres bei Mehring, Nach¬
laß, I, 188 ff.
9) Vgl. Joseph Hansen, Gustav von Mevissen. Berlin 1906. Bd. I, S. 264.
*) So erklärt Heß selbst 1845; vgl. Moses Heß, Sozialistische Aufsätze. Hrsg. v.
Dl Zlocisti. Berlin, 1921. S. 119.
LU
Einleitung
Die Allgemeine Zeitung reagierte vorläufig auf die Replik der Rhei¬
nischen überhaupt nicht, es bedurfte eines neuen Vorstoßes, um das
Schweigen der „Augsburgerin“ zu brechen. Marxens Antwort1) auf die
aufgebauschte Richtigstellung der Augsburger Gegnerin enthält eine
schneidende Charakteristik des großen Philisterblattes, dieser wahren „In¬
korporation“ der Restaurationsepoche.
Wir fügen dem Artikel über Kommunismus eine redaktionelle Er¬
klärung vom Schlüsse des Hauptblattes der Rheinischen Zeitung (Nr. 296
vom 23. Oktober 1842) bei, die wohl Marx zuzuschreiben ist, da es sien
um einen kleinen Nachtrag zu der Polemik mit der Allgemeinen Zeitung
handelt. Am 19. Oktober hatte die Rheinische Zeitung aus der Mann¬
heimer Abendzeitung einen von der „Pfalz, 12. Oktober“ datierten Artikel
übernommen, worin der Korrespondent seiner Überraschung Ausdruck
gibt, in der Allgemeinen Zeitung einen „aus Aachener Blättern entlehnten
Artikel“ abgedruckt zu finden; obgleich kein Bekenner sozialistischer
Ideen, ist er doch der Meinung, daß „die Ansichten und Bestrebungen
von Männern, die so wahrhaftig für das Wohl der arbeitenden Klasse, ja
der ganzen Menschheit bedacht sind, ernstere Berücksichtigung und reif¬
lichere Würdigung verdienen“. — Darauf antwortete die Aachener Zeitung
in ihrer Nummer 293 vom 22. Oktober und in einem besonderen Schreiben
an die Redaktion der Rheinischen Zeitung9), und auf beides zusammen
wieder entgegnete die Rheinische Zeitung mit eben dieser redaktionellen
Erklärung vom 23. Oktober (S. 264f.).
Von Marx stammt, dem Stile nach zu urteilen, außer der Notiz in der
Nummer 3 vom 3. Januar 1843 (S. 313) unzweifelhaft auch das Nachwort
der Redaktion zu einer Münchener Korrespondenz in der Nummer 12 vom
12. Januar 1843 (S. 313f.) : der Falstaff-Vergleich, den Marx später noch
so oft, am ausgiebigsten im „Herm Vogt“ anwendet, taucht hier bei ihm
zum ersten Male auf; dasselbe gilt von der Zitierung der Witwe Hurtig8).
Bemerkenswert ist die Erwähnung Dezamys und Cabets.
Der Artikel über die Pressedebatten des 6. Rheinischen Landtags bil¬
dete nur den ersten Teil einer auf fünf große Artikel geplanten Kritik an
den Hauptgegenständen, die auf dem von so vielen Erwartungen be¬
gleiteten Landtag zur Verhandlung gekommen waren. Marx gedachte in
vier folgenden Aufsätzen die „erzbischöfliche Geschichte“, dann die De¬
M Siehe den S. 310ff. abgedruckten Artikel: „Die polemische Taktik der Augs*
burger Zeitung“ (Nr. 334 der Rheinischen Zeitung vom 30. November 1842).
’) Vgl. Redaktionelle Erklärung der Rheinischen Zeitung vom 23. Oktober:
„infolge eines speziellen Wunsches von Seiten der Redaktion dieser [d. h. der
Aachener] Zeitung*4.
’) Vgl. Das Kapital, Bd. I, Kap. I.
Einleitung
LUI
batten über das Holzdiebstahlsgesetz, über die Jagdpolizeiordnung und
die „eigentlich irdische Frage in ihrer Lebensgröße“, die Frage der Par¬
zellierung des Grundbesitzes, zu behandeln.
Von diesem Programm sind außer dem über die Pressedebatten noch
zwei Artikel ausgeführt, die Kritik an der Stellungnahme des Landtags
zum Kölner Kirchenstreit und zum zweiten an den Debatten über das
Holzdiebstahlsgesetz. Es ist jedoch nur der zweite Artikel bekannt, der
in der Rheinischen Zeitung vom 25. Oktober bis 3. November 1842 in fünf
Fortsetzungen erschienen ist. Der Aufsatz über die „erz¬
bischöfliche Geschichte“ ist uns nicht überliefert. Mitte
Mai 1842 hören wir Jung bei Marx anfragen: „Arbeiten Sie schon an der
erzbischöflichen Geschichte?“ Etwa gegen Ende Juni dürfte Marx dann
mit dem Aufsatz fertig geworden sein, denn am 9. Juli 1842 teilt er Ruge
mit, sein zweiter Artikel über den Landtag, der die kirchlichen Wirren be¬
handle, sei vom Zensor gestrichen worden. Aus diesem Briefe und aus den
einleitenden Worten zum Aufsatz über die Holzdiebstahlsdebatten erfahren
wir einiges über die Stellungnahme, die Marx in dem von der Zensur nicht
zugelassenen Artikel zum Ausdruck brachte. Er habe, schreibt er an Ruge,
darin nachgewiesen, „wie die Verteidiger des Staats sich auf kirchlichen
und die Verteidiger der Kirche sich auf staatlichen Standpunkt gestellt“
haben. Aus denselben Mitteilungen geht hervor, daß Marx an dem Ver¬
halten der Regierung, an den „niederträchtigen“ „Gewaltleuten“ und an
der für die Regierung plädierenden und stimmenden Landtagsmehrheit
— sie hatte mit 47 gegen 31, bzw. mit 43 gegen 35 Stimmen den Antrag zu¬
gunsten des Erzbischofs abgelehnt — scharfe Kritik geübt hat. Er äußert
nämlich in dem Briefe an Ruge, daß die Streichung des Artikels auch
deshalb der Rheinischen Zeitung sehr unlieb komme, weil „die dummen
Kölner Katholiken in die Falle gelaufen und die Verteidigung des Erz¬
bischofs Abonnenten gelockt hätte“.
Zur Rekonstruierung des Standpunkts, von dem aus in dem verloren
gegangenen Aufsatz an beiden streitenden Parteien, aber gewiß mit der
Spitze gegen die preußischen „Gewalthaber“ Kritik geübt worden ist,
lassen sich außer dem schon Erwähnten — Brief an Ruge und Holz¬
diebstahlsartikel — noch einige beiläufige Marxsche Äußerungen aus
dieser Zeit heranziehen. In den Bemerkungen über die Zensurinstruktion
spricht Marx von der Konfusion des politischen und christlich-religiösen
Prinzips und erklärt dabei mit offenbarer Anspielung auf die Kölner
Wirren, daß „einzelne Regierungsbeamte die Grenzen zwischen Religion
und Welt, zwischen Staat und Kirche, nicht ziehen können“ (S. 161 f.).
Auf den Artikel gegen Hermes hat schon Mehring hingewiesen 1). In
i) Nachlaß, I, 184.
LIV
Einleitung
der Antwort an den Oberpräsidenten von Schaper, vom 17. November 1842,
beruft sich Marx darauf, daß die Rheinische Zeitung die kirchlichen
Doktrinen und Zustände nur insofern berührt habe, „als andere Zeitungen
die Religion zum Staatsrecht machen und aus ihrer eigenen Sphäre in die
Sphäre der Politik versetzen wollten“ x). In der „Judenfrage“ wieder
heißt es u. a. : „Der sogenannte christliche Staat verhält sich . . . politisch
zur Religion und religiös zur Politik“ (S. 588).
Am Schlüsse des erwähnten Briefes an Ruge meint Marx, wenn der
Aufsatz über die erzbischöfliche Geschichte das Imprimatur von der
„höheren Zensurpolizei“ nicht erhalte, so müsse er anderswo gedruckt
werden ; er bittet Ruge um Rat und denkt selbst an eine mögliche Heraus¬
gabe durch Hoffmann & Campe. Der Aufsatz ist jedoch nirgends er¬
schienen und auch bis jetzt aus den Akten der Staatsarchive nicht zum
Vorschein gekommen.
Der Aufsatz über die Holzdiebstahlsdebatten ist
nun der erste große Beitrag Marxens, der während seiner Redaktionszeit
in der Rheinischen Zeitung erschienen ist. Er berührt ein wichtiges Teil¬
gebiet jener ökonomischen und sozialen Krise, die durch das Aufkommen
des Kapitalismus im vormärzlichen Preußen heraufbeschworen wurde.
Der Entwurf eines Holzdiebstahlsgesetzes, den die Regierung dem
6. Rheinischen Landtag vorgelegt hatte, war durch die außerordentliche
Zunahme des Holzfrevels auch in den rheinischen Forsten veranlaßt Die
Häufigkeit der Holzdiebstähle, ihr Überwiegen über alle anderen Arten
von Diebstahl, blieb in den Rheinlanden hinter den entsprechenden Ver¬
hältnissen im Gesamtgebiete der preußischen Monarchie nicht zurück. In
ganz Preußen betrafen z. B. im Jahre 1836 fast 77 Prozent sämtlicher
Strafuntersuchungen (207 478) Holzdiebstahl und andere Forst- oder
Jagdvergehen. Entsprechend stand es in den Rheinprovinzen, besonders
in den waldreichen und fast ganz agrarischen, speziell durch den damals
schon notleidenden Weinbau gekennzeichneten Bezirken Trier und Koblenz,
wo die Holzdiebstähle ungefähr das zwanzig- bzw. dreißigfache des ge¬
wöhnlichen Diebstahls ausmachten. Es ist also in der Tat eine höchst
„irdische“, materielle Frage, die Marx in einem Aufsatz behandelt Er
selbst bemerkt, daß das Gesetz „ebensosehr in bezug auf sich selbst be¬
sprochen zu werden“ verdiene. Die Tendenz aber, auf die es ihm ankommt,
ist, durch die Kritik der Landtags-Verhandlungen darzutun, „wie wenig die
Provinzialstände zu einer Beteiligung an der Gesetzgebung berufen sind“ ’).
1) Hansen, a. a. O., 379; von uns wiedergegeben im zweiten Halbband unter
Nr. 64.
*) So Marx in einem andern Artikel, in Nr. 354 der Rheinischen Zeitung vom
20. Dezember 1842; in diesem Bande S. 328.
Einleitung
LV
Er beschränkt sich ausdrücklich auf eine Besprechung des Gesetzes „nur
in bezug auf den Landtag“. Dementsprechend untersucht er die Holzdieb¬
stahlsfrage weder vom wirtschaftspolitischen noch vom sozialen, vielmehr
vom politisch-rechtlichen Gesichtspunkt Es mag eine Art von Selbstkritik
Marxens aus jener schon erwähnten Korrespondenz der Mannheimer
Abendzeitung hervorscheinen, wo es über die Holzdiebstahlartikel heißt:
„Mit der bloßen abstrakten Vernunft läßt sich nicht alles plötzlich neu
konstruieren.“
Bemerkenswert ist am Schlüsse des Aufsatzes die Vergleichung der
rheinischen Landstände mit den Wilden von Kuba, die das Gold für den
Fetisch der Spanier hielten. Wenn wir von einer analogen Stelle in der
„Posaune“ absehen, so treffen wir bei Marx hier zuerst den Fetischbegriff
zur Kennzeichnung von sozialen Verhältnissen. Marx entnahm damals seine
Kenntnisse über den Fetischismus dem berühmten Buche von Des Brosses,
Du culte des dieux fétiches (Paris, 1760), und zwar der deutschen Über¬
setzung von C. W. H. Pistorius (Über den Dienst der fetischen Götter,
Berlin und Stralsund, 1785), die er, wie ein aus „Bonn 1842“ datiertes
Zitatenheft zeigt, um diese Zeit gründlich exzerpierte. Aus diesem Buche
stammt weiter auch die Bemerkung über die Samojeden: sie beteuerten
dem von ihnen getöteten Tiere auf das ernstlichste, daß bloß die Russen
dieses Übel verursachten (S. 278 f.).
Die letzten zwei Themen der geplanten Artikelserie über den 6. Rhei¬
nischen Landtag (Jagdgesetz und Parzellierungsfrage) hat Marx aller
Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht ausgearbeitet. Mehring sucht
den Grund darin *), daß Marx bereits in seinem dritten Artikel, nämlich
mit der Behandlung der ständischen Privatinteressen, hart an die Grenzen
des Sozialismus gelangt sei, ohne sie zu überschreiten. Darnach habe er,
wie in dem polemischen Artikel gegen die Augsburger Allgemeine Zei¬
tung angekündigt, „lange, anhaltende und tiefgehende Studien“ über die
sozialistischen Theoretiker begonnen, die Resultate dieser Studien seien
für die Behandlung des Jagdgesetzes nicht unwichtig, für die der Par¬
zellierungsfrage aber unerläßlich gewesen. Aus diesem Grunde sei die
Ausführung der noch ausstehenden zwei Artikel zurückgestellt worden. —
Gegen Mehrings Erklärung spricht jedoch entscheidend der Umstand, daß
Marx noch Mitte Januar 1843 mit der Publikation der Moselartikel begann,
worin er wieder eine ganz materielle, soziale Frage und zudem noch spe¬
ziell die Parzellierungsbeschränkung mit Bezug auf die Moselbauern be¬
handelte. Viel näherliegende Gründe für die Nichtausführung der beiden
O Mehring, Nachlaß, I, 184ff. und: Karl Marx, Geschichte seines Lebens.
S. 45ff.
LVI
Einleitung
Artikel sind einmal die nahe bevorstehenden Wahlen zum neuen Landtag,
die schon Ende des Jahrs 1842 das öffentliche Interesse an den Verhand¬
lungen des verflossenen 6. Rheinischen Landtags stark zurückdrängten,
und weiter der Zusammentritt der ständischen Ausschüsse in Preußen, wo¬
durch die vor mehr als anderthalb Jahren stattgefundenen Verhandlungen
ebenfalls stark in den Schatten gestellt wurden.
Die Holzdiebstahlsartikel sind die letzten, die Mehring
aus der Rheinischen Zeitung veröffentlicht hat. In unserer Ausgabe folgt
noch eine ganze Reihe anderer Beiträge, die bestimmt von Marx stammen,
die aber Mehring nicht abgedruckt hat, teils weil er Marx als den Ver¬
fasser nicht erkannte oder nicht anerkennen wollte, teils weil sie ihm nicht
genügend wichtig schienen. Es handelt sich aber hier um eine Reihe von
Artikeln, die für Marxens redaktionelle Tätigkeit höchst charakte¬
ristisch sind.
Ein sehr wichtiges Dokument zur Beurteilung der Motive, die Marx
ebenso wie die Geranten des Blattes gerade bei den Verhandlungen über
die Übernahme der Redaktion leiteten, haben wir in dem von Joseph
Hansen entdeckten und veröffentlichten Brief Marxens an Oppenheim vom
25. August 1842, worin gegen die Gefährdung der Zeitung durch Edgar
Bauers Juste-milieu-Artikel scharfer Protest erhoben wird: „Eine so deut¬
liche Demonstration gegen die Grundpfeiler der jetzigen Staatszustände“,
erklärt Marx, könne „Schärfung der Zensur, selbst Unterdrückung des
Blattes zur Folge haben“; außerdem verstimme man dadurch „eine große
und zwar die größte Menge freigesinnter praktischer Männer, welche die
mühsame Rolle übernommen haben . . ., innerhalb der konstitutionellen
Schranken die Freiheit zu erkämpfen.“1)
Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß dieser programmatische Brief
bei den genannten Verhandlungen, also unmittelbar vor Übernahme der
Redaktion durch Marx, eine sehr bedeutsame Rolle gespielt hat.
Die von Marx zu diesem Zeitpunkt vertretene, an den Erfahrungen
seiner Redaktionszeit weiter entwickelte Taktik gründete sich unzweifel¬
haft auf die Ansicht, die Rheinische Zeitung müsse allen politischen
Fesseln, Zensurschwierigkeiten und Schikanen zum Trotz erhalten wer¬
den, solange dies unter gegebenen Verhältnissen überhaupt noch möglich
sei, d. h. solange man in der Zwangsjacke der Zensur den entschiedenen
prinzipiellen Charakter des Blattes wahren könne.
Worauf es Marx in allererster Linie ankommen mußte, war die Aus¬
bildung des Blattes zu einem wirklichen Sammelpunkt und vorwärts füh¬
renden zentralen Organ aller ernsthaft oppositionellen und entwicklungs-
x) Hansen, a. a. O., I, 356ff.
Einleitung
LVII
fähigen Kräfte, also im wesentlichen der beiden Richtungen, die bei ihm
später, nach den Erfahrungen eines weiteren Jahres, „die praktische
politische Partei“ und „die theoretische, von der Philosophie her
datierende politische Partei“ heißen x). Die Existenz des Blattes, dessen
bloße Erhaltung als realer politischer Erfolg auf gefaßt werden mußte,
war bedroht. Davon mußte zunächst ausgegangen werden. Aber es war
überhaupt an die gegebenen, an die realen und konkreten Umstände an*
zuknüpfen. Dieser allgemeine Leitsatz der Marxschen Taktik, hier zum
ersten Male und zwar gerade im Gegensatz zur bloß abstrakten, von den
wirklichen Verhältnissen wegsehenden Kritik der Berliner „Freien“ auf¬
gestellt, ist entscheidend für die Erkenntnis der praktischen und politischen
Linie, die Marx während seiner ganzen Redaktionstätigkeit und speziell
bei Übernahme der Redaktion vertritt. In der Leitung der Rheinischen
Zeitung, des theoretisch-praktischen Organs der aufstrebenden radikalen
Bourgeoisie, erweist sich Marx — in dieser Periode noch bürgerlicher
Demokrat — schon als der künftige Meister revolutionärer Taktik des
Proletariats.
Marx weiß den Spielraum, der ihm jeweils gelassen ist, ebenso vor¬
sichtig wie entschieden auszunützen. Die Erfahrung selbst muß zeigen,
wie weit und wie lange ein Auftreten in dieser Form überhaupt möglich
sein wird. In der Tat sehen wir, daß Marx vom ersten Tage seiner Re¬
daktionsführung an seine allgemeinen und taktischen Grundsätze zur
Geltung bringt.
Von dem Artikel über den Kommunismus (also dem ersten
nach Übernahme der Redaktion), von der Ablehnung des Kommunismus
ist Näheres schon gesagt worden.
Die vom 25. Oktober bis zum 3. November veröffentlichten Artikel über
die Holzdiebstahlsdebatten des Landtags enthalten eine Kri¬
tik der ständischen Gesetzgebung an Hand von konkreten sozialen Zu¬
ständen oder von konkreten juristischen Problemen.
Die redaktionelle Fußnote über die Opposition in Hannover
(erschienen in Nr. 312 vom 8. November 1842) führt jene „Abstraktion“
ad absurdum, die das Prädikat „liberal“ einer politischen Bewegung ab¬
sprechen will, weil sie die Wiederherstellung eines früheren, durch
Gewalt zerstörten Rechtszustandes zum Ziel habe.
Anläßlich der königlichen Kabinettsordre, worin die Staats¬
behörden verpflichtet wurden, von den Zeitungen gebrachte Unwahrheiten
oder entstellte Tatsachen in denselben Blättern zu berichtigen, macht Marx
in seinen, der Veröffentlichung dieser Ordre sich anschließenden B e -
O Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 613.
LVIII
Einleitung
merkungen (Nr. 320 vom 16. November 1842) von der auch sonst
nicht unbekannten oppositionellen Taktik Gebrauch, eine Regierungs¬
maßnahme durch Anerkennung als ein Zugeständnis zu deuten bzw. sie
zur Forderung weiterer Zugeständnisse auszuwerten. In seiner rück¬
schauenden Kritik an den Bewegungen des Jahres 1842 verfehlt Bruno
Bauer nicht, auch diese Bemerkungen als Beispiel der Urteilslosigkeit der
Rheinischen Zeitung anzuführen x).
In der redaktionellen Fußnote zu einem schutzzöllne-
rischen Artikel (im Beiblatt zu Nr. 326 vom 22. November 1842)
äußert Marx prinzipielle Bedenken gegen den Schutzzoll, anerkennt aber
— offenbar mit Rücksicht auf den preußischen Zollverein — die Unmög¬
lichkeit, daß ein einzelner Staat das Prinzip der Handelsfreiheit zur
Geltung bringen könne.
Der Redakteur Marx brachte nun seine neue Taktik nicht nur in den
von ihm selbst geschriebenen Aufsätzen und Bemerkungen zur Geltung,
sondern auch darin, daß er fremde Artikel selbst unterdrückte, wo sie
seine Taktik gefährden konnten. Er überließ also, wie er in seinem Brief
an Ruge über die „Freien“ ’) berichtet, die Streichung provozierender Ar¬
tikel nicht allein dem Zensor, sondern strich selbst; dies, weil die Zensur
— wie wir insbesondere aus verschiedenen Berichten des Zensors St.-Paul
wissen — öfters an und für sich unzulässige Artikel zu dem Zwecke frei¬
gab, um das Blatt in den Augen gewisser Bevolkerungs-, d. h. Abonnenten¬
schichten, zu kompromittieren. Aus dem zitierten Briefe an Oppenheim
entnehmen wir, daß Marx mit einer Verstimmung gewisser Kreise durch
philosophisch-hochmütige, bloß abstrakt-radikale Kritik rechnete; aus
seinen Briefen an Ruge ist uns bekannt, daß er mit seinem von der
Zensur gestrichenen Artikel über den Kölner Kirchenstreit — also unter
besonderen Umständen — auch die Gewinnung von Sympathien in solchen
Kreisen im Auge hatte, die, wenn vielleicht nicht unmittelbar politisch, so
doch in anderer Hinsicht zu den Prinzipien der Rheinischen Zeitung im
Gegensatz standen ’).
Diese taktischen Grundsätze brachten Marx sehr bald in einen schar¬
fen Konflikt mit den meisten der Berliner Korrespondenten, die dem einige
Monate vorher straffer zusammengeschlossenen Kreise der „Freien“ an¬
gehörten. Die unmittelbaren Ursachen und näheren Umstände dieses Zu¬
sammenstoßes sind in der Literatur, besonders durch Mehring und Mayer,
schon ausführlich behandelt worden; wir gehen hier nicht näher darauf
ein, auch aus dem Grunde, weil wir die Geschichte der „Freien“ ausführ-
1 ) Br. Bauer, Vollst. Gesch. d. Parteikämpfe in Deutschland während d. J.
1842—1846. 3 Bde. Charlottenburg 1847. Bd. I, S. 68f.
’) Am 30. November. Der Brief trägt in unserem zweiten Halbband die Nr. 65.
•) Marx an Ruge am 9. Juli 1842. — Vgl. oben, S. LUI.
Einleitung
LIX
lieh im zweiten Bande unserer Ausgabe zu behandeln gedenken: im Zu¬
sammenhang mit den Friihschriften von Engels, der den „Freien“ gerade
zu der Zeit sehr nahe stand, als Marx sich von ihnen öffentlich lossagte1).
Trotz der vorsichtigen Taktik kam es bald nach Übernahme der Re¬
daktion durch Marx zu einem scharfen Konflikt mit der Regierung, und
zwar infolge der am 20. Oktober in Nr. 293 der Rheinischen Zeitung er¬
folgten Veröffentlichung des Ehescheidungs-Gesetzentwurfs, den die Re¬
gierung vorbereitete, aber noch streng geheim hielt
Er hatte in den Augen der Regierung wie auch der Öffentlichkeit eine
ganz besondere Bedeutung: einmal sollte die Reform der Ehegesetzgebung
die erste große gesetzgeberische Tat der Regierung Friedrich Wil¬
helms IV. sein; des weiteren war der Entwurf die erste Leistung des
Ministeriums Savigny, dessen legislativer Tätigkeit der König ebenso große
Hoffnungen entgegenbrachte, wie die liberalen Kreise Zweifel ; zum dritten
war allgemein bekannt, daß an der Ausarbeitung des Entwurfs den Löwen¬
anteil einer der Hauptführer des christlich-germanischen Kreises hatte,
nämlich Ludwig v. Gerlach, der auf speziellen Wunsch des Königs mit dem
Auftrag einer solchen Teilnahme an der längst geplanten Ehereform im
Juni 1842 in das Ministerium Savigny eingetreten war.
Wie Engels sich in seiner Charakteristik Friedrich Wilhelms IV.’) aus¬
drückte, gehörte die „beabsichtigte Verschärfung des Ehescheidungs¬
gesetzes“ zu jenen Maßregeln, mit denen der König anstrebte, „das
Christentum unmittelbar in den Staat wieder einzuführen, die Gesetze des
Staates nach den Geboten der biblischen Moral einzurichten“, „den fast
heidnisch gewordenen rationalistischen Beamtenstaat mit christlichen Ideen
zu durchdringen“.
Eine Berliner Korrespondenz, datiert vom 7. September, die zuerst in
der Leipziger Allgemeinen Zeitung, von dort übernommen auch in der
Rheinischen Zeitung (Nr. 258 vom 15. September) erschien, sieht die ent¬
scheidende Wichtigkeit der geplanten Ehereform darin, daß sie „auf den
Charakter unserer ganzen Gesetzgebung schließen läßt“.
In diese gespannte Atmosphäre fiel am 20. Oktober die Veröffent¬
lichung des Ehescheidungs-Gesetzentwurfes, fünf Tage, nachdem Marx die
0 Die öffentliche Absage an die „Freien“ erfolgte in einer aus Berlin, 25. Novem¬
ber datierten Korrespondenz, die Marx in Nr. 333 der Rheinischen Zeitung brachte
(S. 308f.). Inhalt und Wortlaut sind im wesentlichen einem Briefe Herweghs vom
22. November an den Kreis der Rheinischen Zeitung entnommen, den Hansen a. a. O.,
I. 382ff. publiziert hat. — Auch auf Marxens Verhältnis zu Herwegh gehen wir hier
nicht weiter ein; einiges darüber in den Anmerkungen des zweiten Halbbandes.
*) Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz. Zürich u. Winterthur 1843. S. 191.
LX
Einleitung
Redaktion übernommen hatte1). Die Veröffentlichung war im höchsten
Grade überraschend. Treitschke nennt ihre Wirkung „furchtbar“ ’). Für
die Rheinische Zeitung entstanden schwere Komplikationen.
Der Konflikt mit den Regierungsstellen wurde aber noch verschärft
durch einen Artikel in Nr. 301 über die ständischen Ausschüsse, in dem
die Zensurminister laut einer Verfügung vom 3. November „eine Auf¬
reizung zum Mißvergnügen mit den bestehenden ständischen Einrich¬
tungen“ erblickten. Sie forderten die Einsetzung eines neuen Zensors und
stellten in Aussicht, daß „in Beziehung auf die Zeitung selbst in kurzer
Frist entscheidende Schritte geschehen werden müssen“ 3).
Am 12. November wird dem nominellen Geranten der Rheinischen
Zeitung, dem Buchhändler Renard, durch den Regierungspräsidenten Ger¬
lach protokollarisch mitgeteilt, daß ein neuer Redakteur bestellt und die
Tendenz des Blattes geändert werden müsse. — Die Existenz des Blattes ist
aufs Spiel gesetzt, das Verbot angedroht.
Am 13. November erscheint der erste Artikel eines „rheinischen Ju¬
risten“ (der sich mit W. zeichnet) über den „Entwurf zu einem neuen
Ehegesetz“, worin eine scharfe Kritik auch des preußischen Landrechts
enthalten ist, gegen das ja von der andern Seite vor allem der Gerlachsche
Kreis kämpfte. Der am 15. November erschienenen Fortsetzung dieses Ar¬
tikels fügt dann Marx eine längere redaktionelle Fußnote (S. 315ff.) an.
Er kritisiert die Stellung sowohl der rheinischen, wie der altpreußischen
Jurisprudenz zu dem Gesetzentwurf ; er weist der ersten „ihre zwiespältige
Weltanschauung“, der zweiten ihre „gänzliche Haltlosigkeit“ nach; —
allein indem er beide mit aller Schärfe angreift und von der Kritik selbst¬
kritisches Verhalten fordert, kritisiert er bei beiden Standpunkten inhalt¬
lich nur die Halbheit, die Inkonsequenz, den „unzureichenden“ Charakter
der Argumente. Die ganze Fußnote richtet sich ausdrücklich und fast
durchgängig gegen jene beiden Richtungen der Kritik, allein sie erklärt
sich selbst gleich zu Eingang für „eine dritte Kritik, die Kritik des vor¬
zugsweise allgemeinen, des rechtsphilosophischen Stand¬
punktes“, deren Entwicklung sie sich „vorbehält“. Wird die Auseinander¬
setzung somit vom Boden der bloß juristischen und „praktischen“ Betrach¬
tung auf den „rechtsphilosophischen“ übergeführt, so ist damit nur die
tiefere, die „vorzugsweise“ theoretische und prinzipielle Behandlung ge¬
O Es ist heute noch unaufgeklärt, wie die Rheinische Zeitung zu dem Entwurf
kam. Man verdächtigte von Seiten der Regierung den Sohn des Oberpräsidenten
Flottwell, den jungen Eduard Flottwell, der mit dem Kreise der Königsberger und
Berliner „Freien“ in näherer Verbindung stand. Die Redaktion der Rheinischen
weigerte sich, den Einsender zu nennen. Die eingeleitete Untersuchung führte ru
keinem Ergebnis.
2) Treitschke, Deutsche Geschichte im 19.Jh. Bd.5, 4.Auf!., 1899. S.251.
s) Hansen, a. a. O. I, 353.
Einleitung
LXI
fordert, aber anderseits wird durch die ganze Form dieser Stellungnahme
der Eindruck erweckt, als gedenke man der Diskussion die aktuelle und
politische Schärfe zu nehmen.
Auch diese Art des Auftretens wird von Bruno Bauer in seinem schon
erwähnten Rückblick auf das Jahr 1842 der Rheinischen Zeitung als
„opportunistisch“ angekreidet; es heißt bei ihm geradezu, die Rheinische
Zeitung habe „seit dem Frühjahr gemeinschaftlich mit anderen liberalen
Blättern gegen die beabsichtigte Reform des Eherechts opponiert“, aber
von Mitte November an „auf die Erfüllung ihrer Forderungen, Wünsche
und Ideale selbst Verzicht“ geleistetx).
Zur Unterstützung seiner Taktik fand es Marx geboten, den Artikel der
offiziösen Preußischen Staatszeitung über die „preußische Eherechts*
reform“, den Savigny selbst in das Blatt hatte einrücken lassen3), auch
in der Rheinischen Zeitung zu veröffentlichen; aber gleichzeitig, im Leit*
artikel derselben Nummer, nahm er selbst ausführlicher Stellung.
Dieses Expose des Marxschen Standpunktes in Nummer 353 des Blat¬
tes vom 19. Dezember 1842 (S. 317ff.) präzisiert nur näher, was in der
vorhergehenden Fußnote angedeutet war; es führt inhaltlich und formell,
prinzipiell und taktisch die begonnene Linie fort. Wiederum „vorzugs¬
weise allgemeine“ Ausführungen über das „Wesen“, über den „Begriff“
der Sache; wiederum Kritik der juristischen Opposition, gegen deren indi¬
vidualistischen und „eudämonistischen“ Standpunkt die Ehe als „sittliche
Substanz“, d. h. ihre wesentlich gesellschaftliche Natur, verfochten wiyd.
Aber die Marxsche Kritik richtet sich nach dieser Seite ausdrücklich nur
gegen die „unbedingte Apologie des früheren Systems“ und wird durch¬
geführt erst, nachdem gegen die andere Seite, gegen den Regierungs¬
entwurf, in fünf Punkten die „Haupteinwendungen“ — in der gebotenen
Kürze und unter der Form scheinbarer bloßer Vorbehalte — formuliert
sind. Faktisch handelt es sich bei diesen „Haupteinwendungen“ um eine
durchaus grundsätzliche Kritik des Gesetzentwurfs, aber der Form nach
werden sie als scheinbar bloße Vorbehalte vorgebracht. Die Schlußsätze
des Artikels resümieren faktisch mit schneidender Schärfe noch einmal,
was zu Eingang (in Punkt 2) gesagt und schon in der redaktionellen Fu߬
note angedeutet war: der Gesetzentwurf „verkenne“ das „weltliche
Wesen der Ehe“, er behandle sie „als religiöse und kirchliche
Institution“ (S. 317), er verlange „statt der bewußten Unterwerfung unter
sittlich-natürliche Mächte einen bewußtlosen Gehorsam gegen eine über¬
sittliche und übernatürliche Autorität“ (S. 320). Das hieß allerdings fak-
M Br. Bauer, a. a. O., I, 93—96.
’) Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wir¬
ken, 1795—1877. I, 323.
LXII
Einleitung
tisch wieder aufheben, was formell erklärt worden war: die bedingte —
„Übereinstimmung mit dem Entwürfe“.
Es war einerseits nur eine tatsächliche Feststellung, anderseits eine
böse Ironie, wenn Marx mit Hinblick auf diesen Artikel in seinen Rand*
glossen vom 12. Februar 1843 zu den Anklagen des Ministerial-Reskripte
betonte, daß die Rheinische Zeitung „allein in Widerspruch zu fast allen
anderen Blättern den Hauptgrundsatz des neuen Ehescheidungsgesetzes
verteidigt hat“ x).
Die vom 11. bis 31. Dezember erschienenen dreiArtikelüberdic
ständischen Ausschüsse in Preußen (S. 321ff.) weisen,
wie schon erwähnt, ebenso deutlich die Merkmale derselben vorsichtigen
und manövrierenden Taktik, derselben überlegenen Ironie auf. Sie ent¬
halten die grundsätzliche demokratische Zielsetzung in jener eigentüm¬
lichen philosophischen Sprache; sie antizipieren bereits einiges aus der
später durchgeführten Kritik des Hegelschen Staatsrechts. Marx kritisiert
die Institution der ständischen Ausschüsse, da sie ebenso „besondere Pro¬
vinzialinteressen“ und „besondere Staatsinteressen“ vertreten wie die
Provinzial landtage selbst. Er verfehlt dabei nicht zu betonen, daß er
nur wiederhole, was in den Spalten der Rheinischen Zeitung — von ihm
selbst — schon über die Beteiligung der Provinzialstände an der Gesetz¬
gebung ausgeführt worden war (S. 328). Auch diese in Ton und Form
vorsichtige Stellungnahme versucht er dadurch genehmer zu machen, daß
er zum formellen Gegenstand seiner kritischen Ausführungen zwei Ar¬
tikel der Augsburger Allgemeinen Zeitung über die ständischen Aus¬
schüsse wählt; einleitend betont er, daß eine Polemik gegen die Dar¬
stellung einer Staatsinstitution noch nicht eo ipso eine Polemik gegen
diese Staatsinstitution selbst sei, daß es sich um „einen Kampf der
Theorie, des Verstandes, der Form“ handle.
Die vorsichtige und offenen Konflikten ausweichende Taktik des Re¬
dakteurs Marx hat zunächst unzweifelhaften Erfolg. Eine Kölner Korre¬
spondenz in der Leipziger Allgemeinen Zeitung erklärt schon am 21. No¬
vember, daß „die Rheinische Zeitung früher der Regierung weitaus lästiger
gewesen ist als in neuester Zeit“, und am 22. Dezember konstatieren auch
die Zensurminister in einem Bericht an den König, daß „im Vergleich zu
früheren Perioden der Ton der Zeitung . . . ohne Zweifel bedeutend
ruhiger geworden ist . . . Die Gesellschaft hat gerade jetzt zu zeigen be¬
gonnen, daß sie den Wünschen der Regierung hinsichtlich der Verände¬
rung der bisherigen Bahn entgegenzukommen nicht abgeneigt sei“. Aus
*) Hansen, a. a. O., I, 435.
Einleitung
LXIII
der Redaktion der Rheinischen Zeitung selbst faßt Moses Heß die um
diese Zeit sich ergebende Lage in einem Briefe an B. Auerbach vom 6. De¬
zember 1842 dahin zusammen: „Die Stellung der Rheinischen Zeitung ist
jetzt, dem Publikum sowohl als der Regierung gegenüber, eine gesicherte.
Wir hatten in jüngster Zeit einen kleinen Sturm mit der Regierung, aber
es ist nun alles gütlich und ohne daß wir uns etwas vergaben, geschlichtet.“
Und zum Erweis, daß die Wendung mit Marxens Eintritt in die Redaktion
im Zusammenhang steht, berichtet Heß anschließend: „An die Stelle
Rutenbergs ist Marx getreten, schon bevor die Regierung die Entfernung
Rutenbergs verlangte.“
Aber der Erfolg konnte nicht von allzulanger Dauer sein. Die Jahres¬
wende 1842/43 brachte Regierungsmaßnahmen, die keinen Zweifel über
den weiteren Kurs der Regierung zuließen, die einem jeden kundtaten,
daß die „neue Ära“ schon zu Ende sei. Die Regierung war nicht gewillt,
weitere liberale Zugeständnisse zu machen, im Gegenteil, sie ließ nunmehr
die „staatsgefährlichen, umstürzlerischen“ Elemente die „Strenge des Ge¬
setzes“ fühlen.
Im Laufe und fast bis Ende des Jahres 1842 erfolgte in Preußen kein
einziges Bücher- oder Zeitschriften verbot wegen radikaler, umstürz¬
lerischer Tendenzen. Mitte Dezember wurde zwar die Zeitschrift von Lud¬
wig Buhl, „Der Patriot“, unterdrückt, aber das war ein unbedeutendes und
wenig bekanntes Organ. Dann folgten jedoch zwei Schläge, die in ganz
Preußen und über Preußen hinaus in ganz Deutschland ungeheures Auf¬
sehen erregten und einen Wendepunkt in der Haltung der Regierung gegen¬
über den oppositionellen Bewegungen bedeuteten: Ende Dezember wurde
die „Leipziger Allgemeine Zeitung“ in den preußischen Staaten, Anfang
Januar von der sächsischen Regierung, aber auf preußischen Druck, die
gleichfalls in Leipzig verlegten „Deutschen Jahrbücher“ verboten.
Die Unterdrückung des Leipziger Blattes war die erste, eindeutig
aggressive Maßregel der preußischen Regierung gegen die oppositionelle
Presse seit Erlaß der Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841. Die un¬
mittelbare Handhabe bot die Veröffentlichung des bekannten Briefes von
Herwegh an den König, aber es ist erwiesen, daß die Regierung schon seit
mehreren Wochen sich zu einem Schlage gegen das — unter der Leitung
von Gustav Julius radikal gewordene — Blatt vorbereitet hatte und die
Angelegenheit des Herwegh-Briefes nur als passende Gelegenheit zur Aus¬
führung eines längst gefaßten Planes nahm. Die im Brockhaus’schen Ver¬
lag in Leipzig erscheinende Zeitung war kein sächsisches Provinzblatt,
vielmehr ein allgemeines deutsches Organ, das die freieren Zensurverhält¬
nisse Sachsens zu schärferer Kritik der deutschen und insbesondere der
preußischen Verhältnisse ausnützen konnte. Von allem Anfang an war auch
LXIV
Einleitung
Preußen das stärkste Absatzgebiet. Besonders viel wurde die Zeitung in
Berlin gelesen. Das preußische Verbot war für das Blatt gleichbedeutend
mit Vernichtung seiner Existenzgrundlage.
Das kurz darauf, am 3. Januar, auf preußischen Druck hin erfolgte
Verbot der „Deutschen Jahrbücher“ vernichtete das theoretisch-kritische
Zentralorgan der junghegelianischen Richtung.
Die beiden Repressivmaßregeln sprachen eine klare Sprache. Es war
dies eine allgemeine Kampfansage an die gesamte oppositionelle Presse,
also auch an die Rheinische Zeitung, die trotz der Marxschen Taktik gegen
Ende Dezember erneut das Mißfallen der hohen Regierungsstellen erregt
hatte; — wie aus den archivalischen Quellen feststellbar1), waren für
das Blatt die eine Zeitlang in den Hintergrund getretenen Verbotsabsichten
wiederum ernsthafter und gefährlicher geworden.
Die ersten Verbote wirkten wie Scheidewasser auf das liberale Lager,
auf die gesamte mehr oder weniger oppositionell auftretende Presse. Es
wurde klar: die Regierung war entschlossen, mit jeder ernsten Opposition
aufzuräumen, und es hieß nun Farbe bekennen: ob man sich dem neuen
Kurs der Regierung fügen, oder ob man den Kampf gegen sie riskieren
wolle.
Von Marx jedenfalls wurde gleich die Unterdrückung der Leipziger
Allgemeinen Zeitung als unzweideutige Kriegserklärung auf gefaßt. Nun¬
mehr nimmt er den offenen Kampf auf. Im Aufsichtsrat der Rheinischen
Zeitung tritt eine „gemäßigte“ Richtung auf, die gesonnen ist, den Re¬
pressivmaßnahmen der Regierung sich durch weitgehende opportunistische
Haltung zu fügen. Marx weigert sich, dies mitzumachen, er weiß, daß nun¬
mehr die weitere Fortführung seiner manövrierenden Taktik zu einem
prinzipienlosen Opportunismus führen, im besten Falle eine bloße Schein¬
opposition erlauben würde. Seine Antwort auf das aggressive Auftreten der
Regierung fällt desto entschiedener aus, je mehr die Erfolglosigkeit der
alten Taktik auf dem Boden der neuen Sachlage ihm klar werden mußte.
Und so eröffnet er die Neujahrsnummer der Rheinischen Zeitung mit
einem Leitartikel über das Verbot der Leipziger
Allgemeinen Zeitung (S. 336ff.), worin er entschiedenen Pro¬
test gegen das Verbot erhebt, die Vorwürfe gegen das unterdrückte Blatt
„als Vorwürfe gegen die junge Volkspresse, also gegen die wirkliche
Presse“ überhaupt bezeichnet und den Kampf begrüßt: denn „nur der
Kampf kann sowohl die Regierung als das Volk als die Presse selbst von
der wirklichen und notwendigen Berechtigung der Presse überzeugen“,
nur der Kampf „kann zeigen, ob sie eine Konzession oder eine Notwendig¬
keit, eine Illusion oder eine Wahrheit ist“ (S. 338).
9 Vgl. Hansen, a. a. O., I, 402.
Einleitung
LXV
In der Form von Polemiken gegen eine Reihe rhein¬
ländischer Blätter (Kölnische, Elberfelder, Düsseldorfer Zei¬
tung, Rhein- und Moselzeitung) und gegen die Augsburger
Allgemeine Zeitung setzte dann Marx noch in weiteren sieben
Artikeln1) die Kampagne gegen das Verbot fort, obwohl am 9. Januar
der Aufsichtsrat der Rheinischen Zeitung beschlossen hatte, „jeden Anstoß
der Regierung gegenüber ... zu vermeiden“ ’).
Die Befürchtungen des Aufsichtsrates waren nicht unbegründet. Die
Artikel erregten in Berlin solchen Anstoß und schienen den Zensur¬
ministern so gesetzwidrig, daß sie über die Fähigkeiten des am 29. De¬
zember angestellten neuen Zensors Wiethaus sehr in Zweifel gerieten. Am
12. Januar führten die Zensurminister bei dem Ober Präsidenten von Scha¬
per Klage: die Zeitung komme wieder auf ihre alte Tendenz zurück, ins¬
besondere die Artikel über das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
seien Belegstücke dafür. Diese Marxschen Artikel haben in der Tat auch
ihr Teil dazu beigetragen, das in Berlin schon geschriebene Todesurteil
der Rheinischen Zeitung zu besiegeln, worauf Marx selbst in seinem Brief
an Ruge vom 25. Januar 1843 hinweist.
Ebenso entschieden wie in der Affäre der Leipziger Allgemeinen Zei¬
tung nahm Marx den Kampf gegen die Regierung in einer anderen An¬
gelegenheit auf, die ihrem Gegenstände nach eine zwar bedeutende, aber
doch nur lokale, provinzielle, eine wirtschaftliche und soziale Frage betraf,
dem unmittelbaren Anlaß und den Umständen nach aber ebenfalls mit der
Frage der Freiheit der Publizistik, der oppositionellen Kritik in engstem
Zusammenhänge stand: in der Angelegenheit der notleidenden bäuer¬
lichen Winzer an der Mosel.
Daß die vom 15. bis zum 20. Januar 1843 erschienenen fünf Artikel
— sie figurierten in den Inhaltsübersichten als „Rechtfertigung
des ff - K o r r e s p o n d e n t e n von der Mosel (S. 355 ff.) —
von Marx herrühren, wurde von Mehring lange in Zweifel gezogen. Ob¬
wohl die Verfasserschaft restlos nachweisbar ist, hat es vom literatur¬
historischen und methodischen Gesichtspunkt Interesse, die Gestaltung
dieses von Mehring geschaffenen „Problems“ zu verfolgen.
Die Artikel erschienen unter einer fremden Signatur, mit
dem Doppelkreuzzeichen des Mosel-Korrespondenten der Rheinischen Zei¬
tung. Entscheidende Zeugnisse für die wirkliche Autorschaft gibt es jedoch,
wie gesagt, übergenug. Bereits im Februar 1843 wird Marx öffentlich als
ihr Verfasser bezeichnet, und zwar in der schon wiederholt erwähnten
9 Siehe S. 338—354.
’) Hansen, a. a. O., I, 401.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 5
LXVI
Einleitung
Kölner Korrespondenz der Mannheimer Abendzeitung Nr. 49 vom 28. Fe¬
bruar 1843. In seinem Briefe an Ruge vom 25. Januar 1843 erklärt Marx
dasselbe, und Ende März scheint er schon ganz offen über diese Verfasser¬
schaft gesprochen zu haben; wenigstens berichtet am 31. März der Zensor
St.-Paul nach Berlin, Marx habe ihm vor einem Tage mitgeteilt, „daß e r
der Verfasser der Entgegnung von der Mosel auf Aufforderung des Ober¬
präsidenten v. Schaper sei“1). Als im Jahre 1851 Hermann Becker in
Köln die „gesammelten Aufsätze“ von Marx mit dessen Genehmigung
herauszugeben plante3), sollten auch die Moselartikel, wie dies aus der
gedruckten Ankündigung hervorgeht, in die Ausgabe auf genommen werden.
Zu der Zeit, als Mehring seine „Geschichte der deutschen Sozialdemo¬
kratie“ schrieb und die Nachlaßausgabe veranstaltete, lagen ihm diese
Zeugnisse allerdings nicht vor. Allein, die Moselartikel wurden von Engels
schon im Jahre 1892 in der ersten Auflage des Handwörterbuchs der
Staatswissenschaften unter den Marxschen Beiträgen in der Rheinischen
Zeitung auf gezählt’). Engels hatte keinen dokumentarischen Beweis da¬
für, er stützte sich nur auf seine Erinnerungen an Äußerungen von Marx.
Als er kurz vor seinem Tode die von Marx verfaßten Aufsätze der Rhei¬
nischen Zeitung neu herauszugeben plante, nahm er auch die Artikel „Über
die Lage der Weinbauern an der Mosel“ in sein Programm auf, wie dies
aus einem Brief vom 5. April 1895 an Richard Fischer *) hervorgeht; als
Fischer mit Berufung auf Mehring dagegen Bedenken äußerte, blieb er
zwar bei seiner Auffassung5), wollte jedoch „die Möglichkeit eines Mi߬
verständnisses nicht ausschließen“: er müsse zuerst die Artikel vor Augen
haben, dann könne er sich „absolut nicht mehr irren“. In der Folge
korrespondiert dann Mehring mit Engels über dieses von ihm aufgewor¬
fene Problem, und nach seiner Mitteilung gelang es ihm, Engels in seiner
völlig richtigen Meinung irre zu machen, ja von ihr abzubringen. Mehring
berichtet in den Anmerkungen zu seiner „Geschichte der deutschen Sozial¬
demokratie“, er habe sich mit Engels über die Frage der Moselartikel da¬
hin verständigt: es handle sich nicht um eine Marxsche Arbeit über die
Moselwinzer, „sondern“, sagt Mehring, „die Sache hat den von mir im
Texte dargelegten Zusammenhang®), d. h. der Moselkorrespondent ist
„selbst der Verfasser einer eigenen Rechtfertigung, wobei die Redak-
9 Hansen, a. a. O., I, 489f.
’) Vgl. unser Vorwort, S. Xff.
’) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 1. Aufl., Bd. IV, S. 1130; 4. Aufl.,
Bd. VI, S. 496.
*) Ungedruckt, Archiv der SPD, Berlin.
8) Brief an Fischer vom 15. April 1895.
e) Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 1. Aufl., H, 554;
2. Aufl., I, 382.
Einleitung
LXVII
tion seine Antwort aus anderen Quellen noch ergänzte und vervoll¬
ständigte“ x).
Bei der Herausgabe des ersten Nachlaßbandes war Mehring — trotz
der gelungenen Bekehrung von Engels — seiner Sache schon nicht mehr
so ganz sicher. Auf Grund eines Briefes von Dr. Claessen ’) meint er in
seiner Einleitung, daß die Antwort des Moselkorrespondenten „bis zu
einem gewissen Grade redaktionelle Arbeit gewesen“; in seinen Anmer¬
kungen geht er noch einen Schritt weiter, indem er zugibt, Marx habe an
den Artikeln „mitgearbeitet“, aber „ohne daß sich sicher erkennen läßt, in
welcher Art und in welchem Umfange, vermutlich jedoch nur durch
Sammlung und Gruppierung des Tatsachenmaterials“. Ein Wiederabdruck,
meint Mehring, lohnte sich jedenfalls nicht8).
Erst das Bekanntwerden des schon erwähnten Briefes von Marx an
Ruge4) veranlaßte Mehring zu notgedrungener Anerkennung der Marx¬
schen Verfasserschaft8). Er beharrte aber bei seiner früheren Gering¬
schätzung des literarischen und historischen Wertes der Artikel. Abgesehen
von den Ausfühungen über die Bürokratie — meinte er — enthielten die
Artikel „so viele heute ungenießbare Details, daß ihre Aufnahme in die
gesammelten Jugendarbeiten von Marx sich nicht wohl rechtfertigen“
ließe.
Obwohl das „Material“ und die „Details“ tatsächlich einen sehr
großen Raum in den Moselartikeln einnehmen, kann man diesem Urteil
keinesfalls beipflichten; es entspricht nicht ihrer Bedeutung für die Ge¬
schichte der Rheinischen Zeitung, nicht ihrem Wert als Beitrag zur poli¬
tischen und ökonomischen Geschichte des Moselgebiets und insbeson¬
dere nicht ihrer Wichtigkeit für die geistige Entwicklung von Marx.
Darüber berichtet Engels in dem schon erwähnten Briefe an Richard
Fischer: er habe „von Marx immer gehört, gerade durch seine Beschäf¬
tigung mit dem Holzdiebstahlsgesetz und der Lage der Moselbauern sei
er von der bloßen Politik auf ökonomische Verhältnisse verwiesen worden
und so zum Sozialismus gekommen“. Engels wiederholt damit im wesent¬
lichen dasselbe, was Marx selbst schon in der Vorrede „Zur Kritik der
O Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, 1. Aufl., I (1897),
S. 115; 2. Aufl., I (1903), S. 153.
3) Der Brief Claessens vom 21. Dezember 1842 (in unserem zweiten Halbband
Nr. 70) befindet sich im Nachlab von Marx. Mehring zitiert ihn in der Nachlaßausgabe
(I, 201), ohne die Unterschrift entziffert zu haben. Wir verdanken es der freundlichen
Hilfe Prof. J. Hansens, daß wir den Schreiber des Briefes — einen angesehenen
Kölner Arzt, Aufsichtsratsmitglied der Rheinischen Zeitung und speziell Vertrauens¬
mann von Ludwig Camphausen — identifizieren konnten.
’) Nachlaß, I, 324.
«) Doc. d. Soc., Bd. I, Maiheft 1902, S. 394.
®) Doc. d. Soc., Bd. I, 401; Neue Zeit 20/2, Juli 1902, S. 418-421; Nachlaß,
III, 487.
5*
Lxvin
Einleitung
politischen Ökonomie“ erklärt hatte; unter den Momenten, die ihm den
ersten Anlaß zu seiner Beschäftigung mit ökonomischen Fragen gegeben
haben, wird dort angeführt „die amtliche Polemik, die Herr v. Schaper,
damals Oberpräsident der Rheinprovinz, mit der Rheinischen Zeitung
über die Zustände der Moselbauern eröffnete“.
Wie es zu dieser Polemik kam und wie sie verlief, darüber alle nötigen
Angaben in den Anmerkungen im zweiten Halbband. Die Rheinische Zei¬
tung, d. h. der Redakteur Marx, griff in den Moselartikeln ein aktuelles
ökonomisch-politisches Problem an, das damals und noch lange Zeit
darnach, des öfteren auch in neuerer Zeit, von großer Bedeutung war.
Die Not der Moselwinzer, unmittelbar hervorgerufen durch die Zoll¬
vereinspolitik, zugleich aber verschärft durch den Gegensatz zwischen
Kleinwinzern und Weingutsbesitzern, auf dem Grunde der auch hier sich
entwickelnden kapitalistischen Verhältnisse, bildete eines der bedeuten¬
den, obwohl lokal begrenzten sozialen Probleme des vormärzlichen
Preußen.
In der zeitgenössischen Publizistik wurde die Notlage der bäuerlichen
Winzer an der Mosel häufig in eine Linie mit den übrigen, bekannteren so¬
zialen Notständen jener Zeit gestellt. In diesem Sinne erwähnt Engels im
Jahre 1845 in seinem zu Elberfeld gehaltenen Vortrag über Kommunismus
das Moselproblem, indem er, die soziale Lage im damaligen Deutschland
schildernd, neben dem Notstand im westfälischen Leinengebiet und in der
Senne, dem schlesischen Weberelend und den Arbeiterunruhen in Böhmen
in einem Atem auf die Moselnot und zugleich auf die Rolle der Rhei¬
nischen Zeitung hinweist: „Von der Armut der Mosel- und Eifelgegenden
wußte die Rheinische Zeitung viel zu erzählen“ *). Einen ähnlichen Hin¬
weis finden wir auch bei Karl Heinzen, der in seinem berühmten Pamphlet
gegen die „preußische Bürokratie“ (Darmstadt 1845) das Kapitel über
den „schlesischen Aufruhr“ mit der Mahnung beschließt: „Hoffentlich
wird die Mosel und die Wupper keine ähnliche Veranlassung bringen,
die Rechnung der Bürokraten zu vergrößern“ (S. 252) ’).
Marx konnte seine Artikelserie nicht zu Ende führen. Statt der ge¬
planten fünf Themen behandeln die erschienenen Artikel nur zwei. Aus
den Zensurakten geht klar hervor, worauf auch die Inhaltsübersicht der
*) Rheinische Jahrbücher zur gesellschaftlichen. Reform. Hrsg. v. H. Pütt¬
mann, Darmstadt 1845. I, 71f.
’) Marxens Artikel sind äußerst wertvolle Beiträge zur Geschichte des Pauperis¬
mus an der Mosel, und die beiden neueren historischen Untersuchungen, die den Mosel¬
notstand im Vormärz am ausführlichsten behandeln, die noch ungedruckte Doktor¬
dissertation von Karl Breuer über „Ursachen und Verlauf der Revolution von
1848/49 im Moseltale . . .“ (Bonn 1920) und die auch in Buchform erschienene
Dissertation von Felix Meyer: „Weinbau und Weinhandel an der Mosel, Saar und
Ruwer . . .“ (Koblenz 1926) haben die Artikel von Marx und die darin angeführten
Quellen herangezogen.
Einleitung
LXIX
Rheinischen Zeitung vom 10. Februar 1843 (Nr. 41) hinweist, daß das
dritte Thema über die „Krebsschäden an der Mosel“ von Marx gleichfalls
ausgearbeitet, der Artikel jedoch vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz,
v. Schaper, selbst unterdrückt worden ist. Daraufhin unterließ Marx
sicherlich die Ausarbeitung des vierten Themas, das die „Vampire der
Mosel“, also wohl den Wucher, und die „Vorschläge zur Abhilfe“ hätte
behandeln sollen.
Es war ein Stück großen sozialen Elends, das die Rheinische Zeitung
und Marx aufdecken wollten. Es stellte im Moselgebiet den hauptsäch¬
lichsten Nährboden für die revolutionäre Bewegung von 1848/49 dar,
woran die bäuerlichen Winzer unter Führung des von Marx gerecht¬
fertigten ft-Korrespondenten der Rheinischen Zeitung, Peter Coblenz x),
mit außerordentlicher Energie und Ausdauer teilgenommen haben.
Der letzte Teil der Moselartikel erschien am 20. Januar 1843. Tags
darauf wurde das Verbot der Rheinischen Zeitung für den 1. April ver¬
hängt. Wie aus seinem Brief an Ruge vom 25. Januar 1843 hervorgeht,
empfand Marx diese Wendung als eine Erleichterung. Er ist „der Heu¬
chelei, der Dummheit, der rohen Autorität“ und des „Schmiegens,
Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde“ geworden, die Re¬
gierung hat ihn „wieder in Freiheit gesetzt“.
Von diesem Moment an denkt Marx schon an literarische Pläne und
Unternehmungen außerhalb Deutschlands. Auf deutschem Boden kann
er seine Kämpfe nicht ausfechten. Noch nimmt er teil an den Versuchen
der Aktionäre der Rheinischen-Zeitungs-Gesellschaft, das Blatt zu retten,
jedoch streng darauf achtend, daß die von einzelnen Aktionärgruppen
erstrebte Verleugnung der bisher vertretenen Prinzipien nicht Realität
werde. In seinen Randglossen zu dem Ministeriaireskript, worin das Ver¬
bot ausgesprochen war, weist er alle Vorwürfe der Regierung zurück,
aber nicht unter irgend einer Verleugnung des Standpunktes der Rhei¬
nischen Zeitung, sondern in der Form, daß er ihre allgemeine Tendenz
und Stellungnahme zu besonderen Fragen als übereinstimmend mit den
richtig begriffenen Interessen des preußischen Staates darstellt.
Es verstand sich von selbst, daß in den fast zwei Monaten zwischen der
Verhängung des Todesurteils und dem 18. März 1843, dem Tage, an dem
er die Redaktion öffentlich niederlegte, Marx für das Blatt keine größeren
Arbeiten mehr übernahm. Er ist schon voller Pläne, die zukünftige lite¬
rarische Unternehmungen betreffen, zugleich beschäftigt mit persönlichen
Angelegenheiten; er will die endliche Heirat ermöglichen. In diesen
letzten Wochen seiner Redaktionszeit weilt er viel in Trier bei der Familie
*) Näheres über ihn bei H. Stahl, Die Revolution von 1848/49 an der Mittel¬
mosel. S. 9, 16ff.
LXX
Einleitung
seiner Braut und überläßt die Redaktionsgeschäfte den beiden Geranten
Jung und Oppenheim, ferner Karl Heinzen.
Von den drei Artikeln, die er während dieser Zeit noch schrieb, ist
der erste — über die Landtagsabgeordnetenwahl in
Köln (S. 384ff.) — insofern bemerkenswert, als auch er von jenem er¬
wachenden Interesse für ökonomische Fragen zeugt, über das Marx im
Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ berichtet.
Die Duplik — „Stilistische Übungen der ,R h e i n -
und Moselzeitung‘“ (S. 388ff.) — ist bezeichnend für Marxens
Vorliebe, in Polemiken nicht nur die Argumentation des Gegners, son¬
dern auch seinen Stil zu zergliedern und jeden unechten Ton — als
sicheres Zeichen mangelnder Wahrhaftigkeit — zu notieren und zu
persiflieren.
Im Artikel über „Die ,Rhein- und M o s e 1 z e i t u n g‘ als
Großinquisitor“ (S. 391 ff.) ist die Polemik viel mehr gegen die
„Trier’sche Zeitung“ als gegen die „Rhein- und Moselzeitung“ gerichtet.
Es war dies das erste Mal, daß Marx gegen ein Organ des Radikalismus,
gegen ein linkes Organ, auftrat. Der Artikel, worin er — nach dem Aus¬
druck des Zensors St.-Paulx) — den „Dichter Sallet gegen den ehren¬
rührigen Vorwurf, er sei ein Christ“, in Schutz nahm, wurde von der
Zensur gewiß nur zu dem Zwecke zugelassen, um das Blatt vor religiös
gesinnten Lesern zu kompromittieren.
Wenn auch Marx in diesen Wochen schon kein so intensives Interesse
an der Zeitung mehr hatte, wäre es immerhin selbstverständlich gewesen,
die Redaktion, wenn er sie nicht sofort nach dem Verbotserlasse nieder¬
gelegt hatte, noch bis zur Endfrist der Zeitung, also bis zum 31. März,
weiterzuführen. Marx legte aber mit einer vom 17. März datierten und
am 18. März erschienenen kurzen Erklärung wegen der „jetzigen Zensur¬
verhältnisse“ die Redaktion nieder. Den unmittelbaren Anlaß zu diesem
Schritte kennen wir nicht. Am wahrscheinlichsten ist es, daß sein Rück¬
tritt durch opportunistische Rettungsversuche der Aktionäre beschleunigt
wurde. Marx selbst sagte darüber in dem von uns oft erwähnten Vorwort
„Zur Kritik der politischen Ökonomie“: „Ich ergriff . . . begierig die
Illusion der Geranten der Rheinischen Zeitung2), die durch schwächere
Haltung des Blattes das über es gefällte Todesurteil rückgängig machen
zu können glaubten, um mich von der öffentlichen Bühne in die Studier¬
stube zurückzuziehen.“
1) In einem Bericht an das Innenministerium vom 29. März 1843; Hansen,
a. a. O., I, 501.
*) Dies bezieht sich wohl vor allem auf Oppenheim und nicht auf Jung.
Einleitung
LXXI
Kritik des Hegelschen Staatsrechts
Zu den Arbeiten, die Marx bald nach dem Untergang der Rheinischen
Zeitung in der „Studierstube“ schuf, gehören die beiden in den „Deutsch-
Französischen Jahrbüchern“ erschienenen Aufsätze „Zur Judenfrage“
und „Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie, Einleitung“. Aber
diese „Einleitung“ zur Hegelkritik wurde erst geschrieben, nachdem die
„kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie“, unternommen zur
Lösung der Zweifel, die ihn um diese Zeit bestürmten1), schon durch¬
geführt und in einer großen, ungedruckt gebliebenen Arbeit nieder¬
gelegt war.
Mehring, ebenso wie den anderen, die im Marx-Nachlaß Forschungen
gemacht haben, ist diese Schrift völlig entgangen, obwohl aus mehreren
Briefen bekannt war, daß Marx eine Untersuchung dieses Themas sich
vorgenommen hatte.
Das Manuskript, um das es sich handelt, besteht aus lose aneinander¬
gereihten Foliobogen. Der erste vorhandene Bogen trägt die Nummer II,
folglich ist der erste Bogen — vier Seiten stark — verloren gegangen.
Wohl aus diesem Grunde fehlen Titel und Datierung. Mit Bogen II be¬
ginnt die Analyse des § 261 der Hegelschen Rechtsphilosophie. Der
verlorengegangene erste Bogen enthielt offenbar die Kritik der Para¬
graphen 257 bis 260, die bei Hegel den Abschnitt über den Staat einleiten.
Die Bogen sind von Marx durchgängig mit römischen Ziffern numeriert,
außerdem sind 87 Seiten von ihm paginiert.
Von Bogen II an sind alle, insgesamt 39, bis zum letzten Bogen
lückenlos vorhanden. Demnach müßte das Manuskript 156 Seiten haben,
da aber einige Bogen nur aus einem Blatt (das sind zwei Seiten) bestehen,
mehrere Seiten auch unbeschrieben geblieben sind, weist das erhalten
gebliebene Manuskript insgesamt 131 beschriebene Folioseiten auf. Der
Anfang eines von Marx begonnenen Inhaltsverzeichnisses findet sich auf
der letzten Seite.
Daß Marx sich mit einer Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
befaßte, geht aus einigen seiner Briefe hervor. Schon am 5. März 1842
schreibt er an Ruge2) über eine für die Deutschen Jahrbücher bestimmte
„Kritik des Hegelschen Naturrechts, soweit es innere Verfassung
betrifft“: „Der Kern ist die Bekämpfung der konstitutionellen
Monarchie als eines durch und durch sich widersprechenden und
aufhebenden Zwitterdings.“ Aus dem Briefe vom 20. März 8) an den¬
1) Zur Kritik der politischen Ökonomie. Vorwort.
9) Siehe Brief Nr. 52 im zweiten Halbband.
*) Siehe Brief Nr. 54 im zweiten Halbband.
LXXII
Einleitung
selben Ruge geht hervor, daß er diese Kritik ursprünglich für die „Po¬
saune“ schrieb oder schreiben wollte; da ihm aber inzwischen der
„Posaunenton“ lästig wurde, hatte er den im März begonnenen Aufsatz
offenbar wieder beiseite gelegt; obwohl es im Briefe vom 5. März heißt,
daß es nur noch der Reinschrift und teilweise der Korrektur bedürfe,
wissen wir nicht das geringste, wie weit die Arbeit tatsächlich gediehen
ist. Das Thema beschäftigte Marx weiter. Durch die Juste-milieu-Artikel
von Edgar Bauer auf den Plan gerufen, wünscht er laut seinem Brief
vom 25. August 1842 an Dagobert Oppenheim gegen diese „Demonstra¬
tion“ in einem polemischen Artikel in der Rheinischen Zeitung aufzu¬
treten; wenn Oppenheim die Spalten der Zeitung für eine solche Polemik
nicht für geeignet halte, so würde er sie seinem für die „Anekdota“ be¬
stimmten „Aufsatz gegen Hegels Lehre von der konstitutionellen Mon¬
archie“ als Anhang beigeben.
Aus dieser Stelle wird ersichtlich, daß Marx noch immer an eine
Arbeit über Hegels Rechtsphilosophie dachte, obwohl im Briefe vom
27. April an Ruge in der Aufzählung der vier in Arbeit befindlichen
Aufsätze einer solchen Kritik der Rechtsphilosophie keine Erwähnung ge¬
tan war.
Gerade der Brief an Oppenheim stand aber, wie schon erwähnt, mit
Marxens Eintritt in die Redaktion der Rheinischen Zeitung in Zusammen¬
hang. Die Redaktionszeit war nun gewiß nicht dazu geeignet, größere
theoretische Arbeiten zur Ausführung kommen zu lassen. Wenn auch aus
den erwähnten Briefstellen unzweideutig hervorgeht, daß Marx sich schon
seit März 1842 mit einer Kritik des Hegelschen Staatsrechts trug, so ist
doch nachweisbar, daß mit der Niederschrift des vorliegenden Manu¬
skripts nicht früher als März 1843, d. h. ein gutes Jahr später, begonnen
wurde.
Die Marxsche Kritik des Hegelschen Staatsrechts weist einen unmittel¬
baren, ja bis zu einem gewissen Grade entscheidenden Einfluß von Feuer¬
bachs „Vorläufigen Thesen zur Reformation der Philosophie“ auf, sie
konnte daher in der vorliegenden Form erst nach deren Erscheinen ge¬
schrieben werden. Die Feuerbachschen Thesen sind nun bekanntlich in
denselben „Anekdota“ enthalten, die Marxens „Bemerkungen über die
neueste preußische Zensurinstruktion“ gerade mit einem Jahre Ver¬
spätung brachten. Der am 13. Februar 1843 herausgekommene Doppel¬
band wurde Marx von Ruge mit einem Begleitbrief vom 26. Februar zu¬
gesandt. Im Brief vom 13. März, worin Marx den Empfang bestätigt,
macht er zugleich kurze kritische Bemerkungen über den Inhalt des Ban¬
des; über die „Vorläufigen Thesen“ äußert er sich ausführlicher: „Feuer¬
bachs Aphorismen sind mir nur in dem Punkt nicht recht, daß er zu sehr
Einleitung
LXXIII
auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das
einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden
kann.“ x)
Feuerbach erklärt nun gleich zu Anfang, in seiner siebenten These:
„Die Methode der reformatorischen Kritik der spekulativen Phi¬
losophie überhaupt unterscheidet sich nicht von der bereits in
der Religionsphilosophie angewandten. Wir dürfen nur im¬
mer das Prädikat zum Subjekt, und so als Subjekt zum
Objekt und Prinzip machen — also die spekulative Philosophie
nur umkehren, so haben wir die unverhüllte, die pure,
blanke Wahrhei t.“ a)
Dieses methodische Prinzip zur Kritik der „spekulativen Philosophie“
im allgemeinen, das Feuerbach bis zu einem gewissen Grade bereits im
„Wesen des Christentums“ auf die Religion und Religionsphilosophie
angewandt hatte, ohne es dort in der programmatischen Form der
„Thesen“ hervorzuheben, führt Marx nun an seinem besonderen Gegen¬
stand, in der Kritik von Hegels Rechtsphilosophie, speziell seines Staats¬
rechts durch.
Dies wird in der ganzen Arbeit durchgängig sichtbar. Marx formuliert
sein Verfahren zuweilen fast mit wörtlicher Anlehnung an die Feuer-
bachsche These.
Er spricht von „Umkehrung“ des Verhältnisses von Familie und bür¬
gerlicher Gesellschaft zum Staat (S. 406), von der Hegelschen „Mysti¬
fikation“, „überall die Idee zum Subjekt“ und „das eigentliche wirkliche
Subjekt zum Prädikat“ (S. 410ff.), die Bedingung zum Bedingten, das
Bestimmende zum Bestimmten, das Produzierende zum Produkt seines
Produkts zu machen (S. 407, 519 etc.). Nicht die Logik der Sache, son¬
dern die Sache der Logik sei bei Hegel das philosophische Moment: „Die
Logik dient nicht zum Beweis des Staates, sondern der Staat dient zum
Beweis der Logik“ (S. 418) ; „der wahre Weg wird auf den Kopf ge¬
stellt . . . Was Ausgang sein sollte, wird zum mystischen Resultat, und
was rationelles Resultat sein sollte, wird zum mystischen Ausgangspunkt“
(S. 447).
Marx reduziert das Phänomen dieser „Umkehrung“ darauf, daß Hegel
„das Wesen des Menschen für sich, als eine imaginäre Einzelheit, statt in
seiner wirklichen, menschlichen Existenz“ wirken lasse
(S. 446) ; — Feuerbach hatte ganz ähnlich erklärt, Hegel habe „d a s
Wesen des Menschen außer den Menschen“ gesetzt,
„den Menschen sich selbst entfremdet“’).
0 Siehe Brief Nr. 77 im zweiten Halbband.
a) Anekdota, II, 63f.
’) Anekdota, II, 67.
LXXIV
Einleitung
Außer der Übereinstimmung des methodologischen Prinzips sind
weiter noch Hinweise auf Feuerbach als den Religionskritiker besonders
in einer Reihe von ausdrücklichen Analogien zwischen der Kritik der
Politik und der Kritik der Religion unverkennbar, obwohl Feuerbachs
Name nie genannt ist.
Diese wenigen Hinweise auf den Einfluß der „Vorläufigen Thesen“
verdeutlichen schon — und es kann uns hier nur auf diese Feststellung an¬
kommen — daß Marx das vorliegende Manuskript erst nach dem Studium
dieser „Thesen“, also frühestens gegen Ende März 1843
beginnen konnte.
Für den Zeitpunkt des Abschlusses findet sich ein mehr mittelbarer
Anhaltspunkt, und zwar in einem Marxschen Exzerpthefte des Jahres
1843 *). Laut Überschrift datiert dieses Heft aus Kreuznach im Juli-
August 1843.
Gegen Ende der Hegelkritik ist von der modernen französischen Kon¬
stitution, speziell von der in ihr „zur reinen Nichtigkeit herabgesetzten“
Pairskammer die Rede: „Die Pairskammer unter der Restauration war
eine Reminiszenz, die Pairskammer der Julirevolution ist ein wirkliches
Geschöpf der konstitutionellen Monarchie“ (S. 536). Im erwähnten
Exzerptheft — es ist das vierte der Kreuznacher Hefte und enthält Aus¬
züge aus der Historisch-Politischen Zeitschrift von Ranke, Band I (1832),
Heft 1, aus Rankes anonymem Aufsatz „Über die Restauration in Frank¬
reich“ — findet sich nun mitten in den ausgezogenen Zitaten folgende von
Marx stammende Bemerkung, die durchweg auf das engste mit den zitier¬
ten Sätzen (wie noch mit anderen Ausführungen) des Manuskripts zu¬
sammenhängt :
„Bemerkung. Unter Ludwig XVIII. die Konstitution Gnade des
Königs (oktroyierte Charte vom König), unter Ludwig Philipp der
König Gnade der Konstitution (oktroyiertes Königtum). Wir können
überhaupt bemerken, daß die Verwandlung des Subjekts in das
Prädikat und des Prädikats in das Subjekt, die Vertauschung des
Bestimmenden und Bestimmten, immer die nächste Revolution ist.
Nicht nur auf der revolutionären Seite. Der König macht das
Gesetz (alte Monarchie), das Gesetz den König (neue Monarchie).
Ebenso mit der Konstitution. Auch die Reaktionäre. Das Majorat ist
Gesetz des Staats. Der Staat will Majoratsgesetz. Dadurch, daß Hegel
daher die2) Momente der Staatsidee zum Subjekt und die alten Staats¬
existenzen zum Prädikat macht, während in der historischen Wirklich-
i) Über Marxens Exzerpthefte aus dieser Periode berichtet der zweite Halbband.
a) Folgen zwei gestrichene Worte: allgemeine angebliche
Bauleitung
LXXV
keit die Sache sich umgekehrt verhielt, die Staatsidee immer Prädikat
jener Existenzen war, spricht er nur den allgemeinen Charakter der
Zeit aus, ihre politische Teleologie. Es ist dasselbe wie mit
seinem philosophisch-religiösen Pantheismus. Alle Gestalten der Un¬
vernunft werden dadurch Gestalten der Vernunft. Aber im Prinzip ist
hier in der Religion die Vernunft, im Staat die Staatsidee zum Be¬
stimmenden gemacht. Diese Metaphysik ist der metaphysische Aus¬
druck der Reaktion, der alten Welt als Wahrheit der neuen Welt¬
anschauung.“
Diese Übereinstimmung erweist ausschlaggebend, daß zumindest die
letzten Teile des Manuskripts etwa gleichzeitig mit der „Bemerkung“ des
Exzerptheftes entstanden sind. Nun ist aber aus dem gegenseitigen Zu¬
sammenhang der vorhandenen fünf Kreuznacher Exzerpthefte, die alle
im Zeitraum Juli-August geschrieben worden sind, wie aus der Stellung
der Ranke-Exzerpte im vierten dieser Hefte mit ziemlicher Sicherheit zu
schließen, daß die Exzerpierung Rankes samt der erwähnten Bemerkung
von Marx nicht mehr in den Juli, sondern schon in den August 1843 fällt.
Die Niederschrift der letzten Bogen des Manuskripts ist also nicht vor
August 1843 und auch kaum nach diesem Monat zu datieren. Unsere
Untersuchung wird wiederum vollauf bestätigt durch die so oft heran¬
gezogenen autobiographischen Mitteilungen Marxens im Vorwort „Zur
Kritik der politischen Ökonomie“: er habe, heißt es dort, nach seinem
Austritt aus der Redaktion der Rheinischen Zeitung und Rückzug in die
„Studierstube“ vor allem eine „kritische Revision der Hegelschen Rechts¬
philosophie“ unternommen. Und als Marx im Nachwort zur zweiten Auf¬
lage des „Kapital“ am 24. Januar 1873 schrieb: „Die mystifizierende
Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinahe 30 Jahren, zu einer
Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war“, hatte er sicherlich auch seine
Kritik des Hegelschen Staatsrechts im Auge.
Deutsc h - Französische Jahrbücher
Entstehung und Untergang und die zeitgenössische Wirkung dieser
seinerzeit berühmten, dann jahrzehntelang in fast völlige Vergessenheit
untergetauchten Zeitschrift ist aus den Arbeiten von Mehring und Gustav
Mayer in großen Umrissen hinlänglich bekannt. In dem zweiten Halbband
wird ihre Geschichte an Hand einer Fülle von zeitgenössischen Doku¬
menten und Pressenachrichten ausführlich dargestellt.
An erster Stelle bringen wir den „Briefwechsel von 1843“
(S. 557ff.). Ebenso wie Mehring drucken wir ihn vollständig ab, ohne
LXXVI
Einleitung
die Briefe von Ruge, Bakunin und Feuerbach auszuschließen. Ob der
Gedanke, diesen Briefwechsel den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
einzuverleiben, wirklich Marx allein gehört, wie dies Mehring glaubt, ist
schwer zu sagen. Wir halten es für wahrscheinlich, daß der Plan von
Ruge stammt, der die zentrale Figur dieses Briefwechsels dar stellt.
Ein indirekter Beweis dafür mag in dem Umstand erblickt werden, daß
Ruge in seinen „Sämmtlichen Werken“ 1847 nicht nur den von ihm ver¬
faßten „Plan der Deutsch-Französischen Jahrbücher“1), sondern auch
den „Briefwechsel von 1843“ 2) wieder abdruckte. Wenn er dabei den
zweiten Brief von Marx an einigen Stellen änderte, so erklärt sich diese
„Verstümmelung“ aus den Zensurverhältnissen. Anders steht es aber mit
dem letzten Marx-Brief, den er vom Wiederabdruck ausschloß. In diesem
„September“-Brief war von Marx eigentlich ein Programm der Zeitschrift
entworfen worden, das sich von Ruges Programmartikel jedenfalls stark
unterschied: mit der Unterdrückung eines solchen Briefes wollte Ruge
gewiß unterstreichen, daß er mit dessen Inhalt keineswegs einverstanden
sei.
Der wirkliche Tatbestand ist unseres Erachtens jedoch ein anderer. Es
ist nicht ausgeschlossen, daß Marx nach Empfang der von Ruge zu¬
sammengestellten Briefe — sie berichten über die Vorgeschichte der neuen
Zeitschrift als Nachfolgerin der Deutschen Jahrbücher — eben diesen
Schlußbrief, „M. an R. Kreuznach, im September 1843“ (S. 572ff.),
stark abgeändert hat. Im September 1843 war Marxens Anschauung
doch wohl nicht so fest und scharf umrissen, wie sie in diesem Brief
niedergelegt ist; eben darum besteht zwischen diesem Programmbrief und
dem Inhalt der Zeitschrift noch nicht die scharfe Diskrepanz, die zwischen
Ruges „Plan“ und den Beiträgen von Marx und Engels hervortritt, die
den Rugeschen Programmartikel in ein überflüssiges Anhängsel ver¬
wandelt. Selbstverständlich stellen auch die Ruge, Bakunin und Feuer¬
bach gehörigen Briefe nicht eine genaue Reproduktion der wirklichen
Briefe dar, aber die hier vorliegenden redaktionellen Änderungen sind
offenbar von Marx und Ruge nach vorheriger Verabredung gemacht
worden.
Daß ferner in bezug auf den Kommunismus zwischen Marx und Ruge
damals — im November und Dezember — noch kein so aus¬
gesprochener Gegensatz bestand, wie einige Monate später, erweist am
besten der Artikel, den Engels am 18. November 1843 in „New
Moral World“ veröffentlicht hat; es heißt darin: „Communism, however,
was such a necessary conséquence of New Hegelian philosophy,
*) Arnold Ruge’s sämmtliche Werke. Bd. IX, Polemische Briefe. S. 145—160.
’) Ebd. S. 113—141.
Einleitung
LXXVII
that no opposition could keep it down, and, in the course of this present
year, the originators of it had the satisfaction of seeing one republican
after the other join their ranks. Besides Dr. Hess, one of the editors of the
now suppressed Rhenish Gazette, and who was, in fact, the
first Communist of the party, there are now a great many others; as
Dr. Ruge, editor of the German Annals, the scientific periodical
of the Young Hegelians, which has been suppressed by resolution of the
German Diet; Dr. Marx, another of the editors ofthe Rhenish Ga¬
zette; George Herwegh, the poet whose letter to the King of Prussia
was translated, last winter, by most of the English papers, und others:
and we hope that the remainder of the republican party will, by-and-by,
corne over too.“
Dieser Optimismus Engels’ war in Hinsicht Ruges freilich nur durch
mangelhafte Information begründet. Der gewesene Herausgeber der
„Deutschen Jahrbücher“ war zu dieser Zeit dem Kommunismus gegenüber
nichts als ein wohlwollender Beobachter. In dem Programmartikel ver¬
pflichtete er sich nur, „Ausführungen über Menschen und Systeme, die
von Einfluß und Bedeutung sind, zu bringen“1), also auch über den
Kommunismus und Sozialismus. Aber nicht mehr. Marx dagegen war
tatsächlich schon ein „philosophischer Kommunist“, entschiedener Geg¬
ner des Privateigentums, wie Engels selbst. Ausdrücklich erklärte er sich
nur gegen den Versuch, den damals in Frankreich herrschenden Kom¬
munismus zum endgültigen Dogma zu machen: „So ist namentlich der
Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei ich aber nicht
irgend einen eingebildeten und möglichen, sondern den wirklich existie¬
renden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dezamy, Weitling etc. lehren, im
Sinn habe. Dieser Kommunismus ist selbst nur eine aparte, von seinem
Gegensatz, dem Privatwesen, infizierte Erscheinung des humanistischen
Prinzips. Aufhebung des Privateigentums und Kommunismus sind daher
keineswegs identisch, und der Kommunismus hat andere sozialistische
Lehren, wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern not¬
wendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine besondere,
einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.“ (S. 573.)
Gerade dieser Marx-Brief — datiert aus „Kreuznach, im Septem¬
ber 1843“, aber wohl ohne Ruges Vorwissen von Marx beträchtlich
abgeändert — gibt also das wirkliche Programm der neuen Zeitschrift,
die in den Marxschen und Engels’schen Aufsätzen sich in das erste
Organ des deutschen „philosophischen Kommunismus“ verwandelt.
Dies war auch von Anfang an die Auffassung von Engels, der in dem-
*) Deutsch-Französische Jahrbücher, herausgegeben von Arnold Ruge und Karl
Marx. 1. und 2. Lieferung. Paris 1844. S. 3.
LXXVIII
Einleitung
selben englischen Artikel schrieb: „. . . every necessary step is taken to
bring about a successful agitation for Social Reform, to establish a new
periodical, and to secure the circulation of all publications advocating
Communism.“
Es unterliegt keinem Zweifel, daß Marx noch in Kreuznach seinen
kommunistischen Mauserungsprozeß begann. Dies beweist am besten sein
Artikel „Zur Judenfrag e“, der im Rohen unstreitig noch in Kreuz¬
nach geschrieben wurde und nur die endgültige Bearbeitung in Paris er¬
hielt. Auf jeden Fall geht der Aufsatz „Zur Judenfrage“ nicht nur
chronologisch, sondern auch seinem ganzen Inhalt nach der
„Einleitung“ „Zur Kritik der Hegelschen Rechts¬
philosophie“ vorher ; und eben deshalb weichen wir von der in den
„D eutsch-Französischen Jahrbüchern“ gegebenen
Reihenfolge ab. Wir stellen die „Judenfrage“ vor die „Einleitung“.
Diese Anordnung entspricht dem inneren Zusammenhang der beiden
Marxschen Aufsätze untereinander wie mit der oben behandelten Kritik
des Hegelschen Staatsrechts. Wir begnügen uns hier mit der Hervor¬
hebung einiger entscheidender Momente.
Die „J u d e n f r a g e“ — deren besonderer Inhalt am glänzendsten
von Marx selbst in der „Heiligen Familie“ resümiert worden ist — steht
in unmittelbarem Zusammenhang mit der Staatsrechtskritik, der gegen¬
über sie einen weiteren Schritt in dem theoretischen Entwicklungsgänge
Marxens darstellt.
In der Staatsrechtskritik hatte Marx das Verhältnis von politischem
Staat und bürgerlicher Gesellschaft schon als eigentliches Hauptthema der
Kritik an Hegel, zugleich an bestimmten politischen und historischen Bei¬
spielen bis zu einem gewissen Punkte entwickelt.
Das zentrale Thema der „Judenfrage“ bildet „die weltliche
Spaltung zwischen dem politischen Staate und der bürger¬
lichen Gesellschaft“ (S. 585, 591 etc.). Das neue Moment
gegenüber der Staatsrechtskritik ist die Kritik des in Bruno Bauers Schrift
verfochtenen Emanzipationsbegriffs. In der Staatsrechts¬
kritik ist von „Emanzipation“ noch nirgends die Rede; hier dagegen wird
auf Basis des Feuerbachschen „realen Humanismus“ in der Auseinander¬
setzung mit Bauer die spezifische Differenz und Gegensätzlichkeit der be¬
schränkt politischen Emanzipation und der allgemeinen, der
menschlichen Emanzipation gefaßt.
Die Marxschen Untersuchungen über den Charakter der politischen
Emanzipation haben ferner durchgängig die in der Staatsrechtskntik
gegebene Analyse des allgemeinen Verhältnisses zwischen dem poli¬
tischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft zur Voraussetzung;
Einleitung
LXXIX
dasselbe gilt von den dort gemachten Ausführungen über die Stände
(S. 437, 444f., 487f., 530f.), über die französische Revolution etc.; man
vergleiche dazu die entsprechenden Ausführungen in der „Judenfrage“
(S. 596ff.).
Daß in der „Judenfrage“ die ganze Entwicklung schon einen bedeut¬
samen Schritt weitergeführt ist, wird ferner sichtbar beim Vergleich der
in beiden Arbeiten gegebenen Analogie zwischen dem Himmel der poli¬
tischen Welt und dem irdischen Dasein der Sozietät (S. 436f. und S. 497),
vor allem aber in den folgenden Thesen über die politische Demokratie
bzw. die politische Emanzipation:
Es heißt in der Staatsrechtskritik S. 436: „Der Streit zwischen Mon¬
archie und Republik ist selbst noch ein Streit innerhalb des abstrakten
Staats. Die politische Republik ist die Demokratie innerhalb der abstrak¬
ten Staatsform. Die abstrakte Staatsform der Demokratie ist daher die
Republik; sie hört hier aber auf, die nur politische Verfassung
zu sein.“
In der „Judenfrage“ S. 585f.: „Die politische Emanzipation
ist allerdings ein großer Fortschritt, sie ist zwar nicht die letzte Form
der menschlichen Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzte Form
der menschlichen Emanzipation innerhalb der bisherigen Welt¬
ordnung. Es versteht sich: wir sprechen hier von wirklicher, von prak¬
tischer Emanzipation.“
Marx geht aber in seiner Kritik des Staats noch einen bedeutenden
Schritt weiter. Er stellt die Frage schon nach Aufhebung des Staats als
notwendiger Folge der kommunistischen Umwandlung der Gesellschaft:
„Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger
in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen
Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhält¬
nissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine forces
propres als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher
die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft
von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“
(S. 599).
Er kommt schon zum Schluß, daß „das Geld das dem Menschen ent¬
fremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins“ (S. 603), daß die
bürgerliche Gesellschaft die Welt des bellum omnium contra omnes ist,
die Welt des Privateigentums, in der alles verschachert, ja das Gattungs¬
verhältnis selbst zu einem Handelsgegenstand wird, etc. In dieser Marx¬
schen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft hören wir schon die Töne des
Kommunistischen Manifests1).
O „Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natiir-
LXXX
Einleitung
Es ist zwar nur erst „philosophischer Kommunismus“, ein Kommunis¬
mus, wie er nach den Worten des jungen Engels eine logische Konsequenz
der deutschen Philosophie bildet. Marx sagt hier noch nichts vom Pro*
letariat als dem Träger und Verfechter des kommunistischen Prinzips,
der menschlichen Emanzipation. Aber der Fortschritt der „Judenfrage“
gegenüber der Staatsrechtskritik liegt auf der Hand.
Der Nachweis des engen Zusammenhangs beider Schriften, und zwar
in der von uns behaupteten Aufeinanderfolge, wird noch unterstützt durch
den Umstand, daß ein großer Teil der von Marx in der „Judenfrage“ ver¬
wendeten Zitate — die aus Rousseau, Wachsmuth, Ranke und Hamilton —
in denselben, Juli und August 1843 geschriebenen Kreuznacher Exzerpt¬
heften zu finden ist, von denen das vierte die — für die Datierung der
Staatsrechtskritik in Betracht kommende — oben wiedergegebene „Be¬
merkung“ enthält. Auch dieses äußerliche Moment deutet darauf hin, daß
die Entstehungszeiten der beiden Schriften eng aneinander grenzen, daß
die „Judenfrage“ unmittelbar nach der Kritik des Hegelschen Staats¬
rechts geschrieben worden ist.
Im Artikel „Zur Judenfrage“ finden sich nun auch Zitate aus dem
berühmten Quellenwerk von Bûchez und Roux über die französische Re¬
volution; daß aber Marx dieses Werk im Monat August noch nicht in
Händen gehabt hat, dafür liegt ein gewisser Anhaltspunkt vor. Unter
den Exzerpten aus Wachsmuth befindet sich eine Liste von zahlreichen
Werken über die französische Revolution, die Marx sich aus Wachsmuth
zusammenstellte. An der ersten Stelle dieses Verzeichnisses figuriert der
volle Titel des Werkes von Bûchez und Roux1) mit Angabe der Bandzahl,
des Verlags, des Erscheinungsortes etc., mit einer bibliographischen Ge¬
nauigkeit, wie sie bei allen übrigen hier vermerkten Buchtiteln nicht zu
finden ist. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß der Aufsatz über die
„Judenfrage“ zwar noch in Kreuznach, wie wir schon oben sagten, von
Marx angefangen worden ist, daß er aber erst in Paris die endgültige
Fassung erhalten hat.
Als Marx die Hegelsche Lehre von den Ständen einer gründlichen
Kritik unterwarf, konnte es scheinen, als vergäße er das Proletariat. Ja
noch im Aufsatz „Zur Judenfrage“ wird dieser Klasse kein einziges Mal
liehen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen
Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ,bare
Zahlung1. — Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend sentimentalen
Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ (Das Kom¬
munistische Manifest)
i) Histoire parlementaire de la Révolution française, ou Journal des Assemblées
nationales, depuis 1789 jusqu’en 1815. Par B.-J.-B. Bûchez et P.-C. Roux. 40 T.
Paris 1834—1836. Chez Paulin.
Einleitung
LXXXI
Erwähnung gétan, obwohl die Analyse der „bürgerlichen Gesellschaft“
ihn auf die Frage stoßen lassen mußte: wodurch das Proletariat sich von
den übrigen Schichten dieser Gesellschaft unterscheide?
Dies Problem wird gestellt und gelöst erst in der „Einleitung
zur Kritik der Hegelschen Rechtphilosophi e“. Sie
bildet nur eine weitere Etappe in der Entwicklung der Ansichten, die wir
schon in der Kritik des Staatsrechts und in der „Judenfrage“ verfolgt
haben. Allein welch ein mächtiger Fortschritt im Vergleich mit der
„Judenfrage“, wiewohl chronologisch nur eine sehr kurze Spanne Zeit
beide Schriften voneinander trennt! Die „Kritik der Hegelschen Rechts¬
philosophie“ kann offensichtlich nur um die Jahreswende 1843/44 ge¬
schrieben worden sein. Sie betitelt sich „Einleitung“, sie klingt aber wie
ein Kampfruf, wie das Manifest einer neuen Richtung, einer neuen Partei.
Das Problem, das aus der Behandlung der „Judenfrage“ sich logisch
ergab, ist nunmehr gelöst. Die bürgerliche Gesellschaft führt zur Schaf¬
fung einer neuen Klasse: des Proletariats. Die proletarische Klasse
formiert sich mit der „hereinbrechenden industriellen Bewegung“,
sie wird gebildet nicht durch „die naturwüchsig entstandene,
sondern die künstlich produzierte Armut“, sie ist Resultat
der Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft. „Wenn das Proletariat die
Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur
zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu
seinem Prinzip erhoben, was in ihm als negatives Resultat der Ge¬
sellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist“ (S. 620).
Zur geistigen Waffe dieser Klasse proklamiert Marx die Philosophie,
und zwar gerade die Philosophie, die das anthropologische Prinzip zu
ihrem Eckstein gemacht hatte, — die Philosophie Ludwig Feuerbachs.
„Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Be¬
freiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für
das höchste Wesen des Menschen erklärt“ (S. 620). In der Ausdrucks¬
weise der Feuerbachschen Thesen sagt Marx: der Kopf der Emanzi¬
pation des Menschen ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. So
hat denn die Philosophie, die bisher vergeblich nach einer Partei gesucht,
auf die sie als auf ihre materielle Basis sich hätte stützen können, nunmehr
diesen festen Boden unter den Füßen; die Philosophie wendet sich, zur
höchsten Unzufriedenheit der alten Freunde Marxens, an die Masse.
Erinnern wir uns, daß sogar Engels noch im November 1843 in Sachen
der Verwirklichung des Kommunismus alle seine Hoffnungen auf die
Intelligenz und auf die Bourgeoisie richtete. „It will appear very singulär
to Englishmen, that a party which aims at the destruction of private pro-
perty, is chiefly made up by those who have property ; and yet this is the
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 6
LXXXII
Einleitung
case in Germany. W e can recruit oui ranks f r o m those
classes only which hâve enjoyed a pretty good édu¬
cation; that is, from the universities and from
the commercial class; and in either we have not
hitherto met w i t h any considérable difficulty.“
Die neue Umwelt, in die Marx geriet, gab seinem Denken einen mäch¬
tigen Impuls. Nach der Übersiedelung nach Paris im November 1843
machte er sich, zugleich mit dem Studium der französischen Revolutions¬
geschichte und des Sozialismus, mit der Arbeiterbewegung bekannt, die
ihm jetzt zum ersten Male leibhaftig vor Augen trat. Er besuchte eifrig die
Versammlungen der deutschen und französischen Arbeiter. In einer noch
unveröffentlichten Marxschen Handschrift aus dem Jahre 1844 finden
wir dazu folgende höchst interessante Darlegung: „Wenn die kommnni-
stischen Handwerker sich vereinen, so gilt ihnen zunächst die Lehre, Pro¬
paganda etc. als Zweck. Aber zugleich eignen sie sich dadurch ein neues
Bedürfnis, das Bedürfnis der Gemeinschaft, an, und was als Mittel er¬
scheint, ist zum Zweck geworden. Diese praktische Bewegung kann man
in ihren glänzendsten Resultaten anschauen, wenn man sozialistische fran¬
zösische ouvriers vereinigt sieht. Rauchen, Trinken, Essen etc. sind nicht
mehr da, als Mittel der Verbindung, oder als verbindende Mittel. Die
Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung, die wie¬
der die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen
hin, die Brüderlichkeit der Menschen ist keine
Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen, und der Adel
der Menschheit leuchtet uns aus den von der Ar¬
beit verhärteten Gestalten entgegen.“
Die Marxsche Schrift, mit der wir unseren Band beschließen, die Ein¬
leitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, ist Ende Februar
1844 erschienen.
Wir machen also zwischen diesem und dem dritten Bande, der die fol¬
genden Schriften von Marx enthalten wird, ebendort eine Zäsur, wo auch
Mehring sie in seiner Nachlaßausgabe macht. Es handelt sich dabei um
keinerlei willkürliche, von äußeren, etwa technischen Umständen be¬
stimmte Anordnung, sie entspricht vielmehr ebenso dem Abschnitt, den
die Übersiedelung nach Paris im literarischen Schaffen von Marx bedeutet,
wie seinem geistigen Entwicklungsgänge: die Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie mit ihren in der „Einleitung“ entwickelten Resultaten
schließt in der Tat eine Phase ab, der Aufenthalt in Paris, die neue soziale
und politische Welt, die er dort kennen lernte, das nunmehr beginnende
intensive Studium der französischen Revolution, des französischen So-
Einleitung
LXXXIII
zialismus, der politischen Ökonomie — all dies eröffnet und bezeichnet
schon eine neue und höhere Stufe.
Es vergehen, von der Übersiedelung nach Paris an gerechnet, fast drei
Vierteljahre, bis Marx — mit seinem Artikel gegen Ruge im Pariser „Vor¬
wärts“, August 1844 — wieder an die Öffentlichkeit tritt; bis dahin
arbeitet er, nach Ruges Ausdruck1), „mit ungemeiner Intensivität“,
stürzt sich „immer von neuem in ein endloses Büchermeer“, vertieft sich
in philosophische, historische und ökonomische Studien.
Einige Wochen nach dem Erscheinen der Deutsch-Französischen Jahr¬
bücher erfolgt der prinzipielle und persönliche Bruch mit Ruge. In
Paris beginnt die kritische Auseinandersetzung mit den politischen Öko¬
nomen : die Kritik der Politik verwandelt sich in die Kritik der Ökonomie.
Die Einsicht, daß in der politischen Ökonomie „die Anatomie der bürger¬
lichen Gesellschaft“ zu suchen sei, war das Ergebnis jener Untersuchun¬
gen, die später im Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ zu¬
sammenfassend bezeichnet sind. Eine bestimmte Rolle bei Erarbei¬
tung dieser Einsicht kam sicherlich auch den „Umrissen zu einer Kritik
der Nationalökonomie“ zu, — dieser „genialen Skizze zur Kritik der öko¬
nomischen Kategorien“, wie sie Marx später nennt1) ; sie war gleichfalls
in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern erschienen. Auch diese in¬
tellektuelle Begegnung von Marx und Engels bezeichnet den Abschluß
einer früheren, den Anfang einer neuen Phase in Marxens Entwicklung: es
beginnt die gegenseitige Einwirkung der beiden großen Geister, der ein
Jahr später die mit der „Heiligen Familie“ begründete unmittelbare Ar¬
beitsgemeinschaft folgt.
Wir beschließen daher unsern ersten Halbband mit den Marxschen
Arbeiten aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern.
Die mit den Werken und Schriften des ersten Bandes verbundenen
Briefe und Dokumente, manche Beilagen und die Anmerkungen des ersten
Bandes samt Register mußten aus technischen Gründen in einem separaten
zweiten Halbband vereinigt werden. Über die Auswahl der Briefe und
Dokumente, über die Beilagen, ferner über die Richtlinien, die bei der
Anfertigung der Anmerkungen maßgebend waren, wird die Einleitung
des zweiten Halbbandes Rechenschaft geben. Dort bringen wir auch
einige Manuskripte von Marx zum Abdruck, die infolge ihrer ursprüng¬
lichen Bestimmung sich nicht gut dazu eigneten, unter die Schriften und
Brief Ruges an Feuerbach vom 15.Mai 1844; siehe P. Nerrlich, Arnold
Ruges Briefwechsel und Tagebuchblätter. Berlin 1886. Bd. I, S. 342ff.
*) Im Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“.
6e
LXXXIV
Einleitung
Werke auf genommen zu werden, so drei Abiturientenaufsätze und zwei
von ihm entworfene Antwortschreiben an die Zensurbehörden über die
Tendenz der Rheinischen Zeitung, ebenso einige Notizen aus den Deutsch-
Französischen Jahrbüchern, die wahrscheinlich von Marx geschrieben sind.
Die beiden Halbbände werden also, dem Gesamtplan unserer Ausgabe
gemäß, nicht nur die Werke und Schriften, sondern auch alle sonstigen
schriftlich niedergelegten Zeugnisse des Bildungsganges und geistigen
Schaffens von Marx bis Anfang 1844 enthalten.
Die Mitarbeiter, die an den Anmerkungen und Beilagen arbeiteten,
seien hier schon erwähnt ; es sind dies in erster Linie F. Schiller,
K. Schmückle, Frau G. Biehahn, H. Stein, G. Röber;
ferner seien auch W. Biehahn, P. H a j d u, W. Rohr für ihre
Mithilfe genannt.
Unser Berliner Korrespondent, B. Nikolaj evskij, war un¬
ermüdlich im Sammeln von Materialien und Angaben aller Art.
Die Textherstellung der beiden großen, erstmalig aus dem Manuskript
veröffentlichten Stücke ist im wesentlichen die Arbeit von A. W o d e n
(Vorarbeiten zur Dissertation) und K. Schmückle (Vorarbeiten und
Kritik des Hegelschen Staatsrechts) ; von Wert war hierbei die Mitarbeit
von G. Bammel und A. Rubin.
Frau S. Senilova war beim Entziffern, Frau A. Bernfeld
und H. Jaeger (Frankfurt a. M.) beim Korrekturenlesen behilflich.
DIE DOKTORDISSERTATION
Die Dissertation
Titel, Widmung, Zueignung, Vorrede, Inhalt .... 3—11
Über die Differenz der demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie 13—52
Fragment aus dem Anhang: Kritik der plutarchischen
Polemik gegen Epikurs Theologie 53—56
Anmerkungen zur Dissertation 57— 81
Aus den Vorarbeiten zur Geschichte der epikureischen, sto¬
ischen und skeptischen Philosophie 83—144
Geschrieben Anfang 1839—März 1841
In der Dissertation weisen die hochgestellten Ziffern auf die mit jedem
Kapitel neu beginnende Numerierung der Anmerkungen von Marx, Sternchen *
und Kreuze t auf die textkritischen Fußnoten des Herausgebers hin.
In den Vorarbeiten verweisen die hochgestellten Ziffern auf die Fußnoten
des Herausgebers.
Differenz
der
demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie
nebst einem Anhänge
von
Karl Heinrich Marx
Doktor der Philosophie
Seinem teuren väterlichen Freunde,
dem Geheimen Regierungsrate
Herrn
LUDWIG VON WESTPHALEN
zu Trier
widmet diese Zeilen als ein Zeichen kindlicher Liebe
der Verfasser
Sie verzeihen, mein teurer väterlicher Freund,
wenn ich Ihren mir so heben Namen einer unbedeutenden
Broschüre vorsetze. Ich bin zu ungeduldig, eine andere Ge¬
legenheit abzuwarten, um Ihnen einen kleinen Beweis
« meiner Liebe zu geben.
Möchten Alle, die an der Idee zweifeln, so glücklich sein,
als ich, einen jugendstarken Greis zu bewundern, der jeden
Fortschritt der Zeit mit dem Enthusiasmus und der Beson¬
nenheit der Wahrheit begrüßt und mit jenem überzeugungs-
i» tiefen, sonnenhellen Idealismus, der allein das wahre Wort
kennt, vor dem alle Geister der Welt erscheinen, nie vor
den Schlagschatten der retrograden Gespenster, vor dem oft
finsteren Wolkenhimmel der Zeit zurückbebte, sondern mit
göttlicher Energie und männlich sicherm Blick stets durch
is alle Verpuppungen hindurch das Empyreum schaute, das
im Herzen der Welt brennt. Sie, mein väterlicher
Freund, waren mir stets ein lebendiges argumentum ad
oculos, daß der Idealismus keine Einbildung, sondern eine
Wahrheit ist.
io Körperliches Wohlsein brauche ich für Sie nicht zu er¬
flehen. Der Geist ist der große zauberkundige Arzt, dem
Sie sich an vertraut haben *).
♦) Ursprünglich lautete der dritte Absatz folgendermaßen: Ich hoffe, diesem
Liebesboten, den ich Ihnen sende, auf dem Fuße nachzufolgen und an ihrer
Seite unsre wunderbar pittoresken Berge und Wälder wieder zu durchirren. Körper¬
liches Wohlsein brauche ich für S i e nicht zu erflehen. Der Geist und die Natur
sind die großen zauberkundigen Ärzte, denen Sie sich anvertraut haben. Sämt¬
liche Korrekturen und Streichungen stammen von Marxens Hand. — Am Rand der
Seite steht noch die typographische Instruktion: Nebenstehende Widmung ist mit
größerer Schrift zu drucken.
Vorrede
Die Form dieser Abhandlung würde einesteils streng wissen¬
schaftlicher, andererseits in manchen Ausführungen minder pe¬
dantisch gehalten sein, wäre nicht ihre primitive Bestimmung die
5 einer Doktordissertation gewesen. Sie dennoch in dieser Gestalt
dem Druck zu übergeben, bin ich durch äußere Gründe bestimmt.
Außerdem glaube ich in ihr ein bis jetzt ungelöstes Problem aus
der Geschichte der griechischen Philosophie gelöst zu haben.
Sachverständige wissen, daß für den Gegenstand dieser Ab-
10 handlung keine irgendwie brauchbaren Vorarbeiten existieren.
Was Cicero und Plutarch geschwatzt haben, ist bis auf die heutige
Stunde nachgeschwatzt worden. Gassendi, der den Epikur aus
dem Interdikt befreite, mit dem die Kirchenväter und das ganze
t. Mittelalter, die Zeit der realisierten Unvernunft, ihn belegt hatten,
is bietet in seinen Darstellungen nur ein interessantes Moment dar.
Er sucht sein katholisches Gewissen mit seinem heidnischen Wissen
und den Epikur mit der Kirche zu akkommodieren, was freilich
verlorene Mühe war. Es ist, als wollte man der griechischen Lais
. einen christlichen Nonnenkittel um den heiter blühenden Leib
so werfen. Gassendi lernt vielmehr aus dem Epikur Philosophie, als
daß er uns über Epikurs Philosophie belehren könnte.
Man betrachte diese Abhandlung nur als Vorläufer einer
größeren Schrift, in der ich ausführlich den Zyklus der epiku¬
reischen, stoischen und skeptischen Philosophie in ihrem Zu-
w sammenhange mit der ganzen griechischen Spekulation darstellen
werde. Die Mängel dieser Abhandlung in Form und dergleichen
werden dort wegfallen.
Hegel hat zwar das Allgemeine der genannten Systeme im
Ganzen richtig bestimmt, allein bei dem bewunderungswürdig
w großen und kühnen Plane seiner Geschichte der Philosophie, von
der überhaupt erst die Geschichte der Philosophie datiert werden
kann, war es teils unmöglich, in das Einzelne einzugehen, teils
hinderte den riesenhaften Denker seine Ansicht von dem, was er
par excellence spekulativ nannte, in diesen Systemen die hohe Be¬
as deutung zu erkennen, die sie für die Geschichte der griechischen
Philosophie und den griechischen Geist überhaupt haben. Diese
Systeme sind der Schlüssel zur wahren Geschichte der griechi¬
schen Philosophie. Über ihren Zusammenhang mit dem griechi¬
schen Leben findet sich eine tiefere Andeutung in der Schrift
10 Die Doktordissertation
meines Freundes Köppen „Friedrich der Große und seine
Widersacher“.
Wenn als Anhang eine Kritik der plutarchischen Polemik gegen
Epikurs Theologie hinzugefügt ist, so geschah dies, weil diese
Polemik nichts Einzelnes ist, sondern Repräsentant einer espèce, $
indem sie das Verhältnis des theologisierenden Verstandes zur
Philosophie sehr treffend an sich darstellt.
In der Kritik bleibt unter anderem auch das unberührt, wie
falsch Plutarchs Standpunkt überhaupt ist, wenn er die Philo¬
sophie vor das Forum der Religion zieht. Darüber genüge, statt io
alles Räsonnements, eine Stelle aus David Hume:
„Es ist gewiß eine Art Beschimpfung für die Philosophie,
wenn man sie, deren souveränes Ansehen allent¬
halben anerkannt werden sollte, zwingt, bei jeder Gelegen¬
heit sich wegen ihrer Folgen zu verteidigen und sich bei 10
jeder Kunst und Wissenschaft, die an ihr Anstoß nimmt, zu
rechtfertigen. Es fällt einem dabei ein König
ein, der des Hochverrats gegen seine
eigenen Untertanen beschuldigt wird.“
Die Philosophie, solange noch ein Blutstropfen in ihrem weit- 29
bezwingenden, absolut freien Herzen pulsiert, wird stets den Geg¬
nern mit Epikur zurufen: aaeß^Q èè ov% d tovç tcov mAAcov âeo^ç
àvaigœv, dÂÂ’ 6 xàç vœv noAAœv ôo^aç {teoîç nQoo&mœv.
Die Philosophie verheimlicht es nicht. Das Bekenntnis des
Prometheus : 20
ànXÿ) Âôyq) to^q ndvraç èx&alQO) Oeodç
ist ihr eigenes Bekenntnis, ihr eigener Spruch gegen alle himm¬
lischen und irdischen Götter, die das menschliche Selbstbewußt¬
sein nicht als die oberste Gottheit anerkennen. Es soll Keiner neben
ihm sein. 30
Den tristen Märzhasen aber, die über die anscheinend ver¬
schlechterte bürgerliche Stellung der Philosophie frohlocken, ent¬
gegnet sie wieder, was Prometheus dem Götterbedienten Hermes:
aÿç XaxQElaQ zyv èfi^v ôvajtQaÇlav,
aaqpœç ènlaraa, äv àAAdfaip* èyw. 35
hqeïooqv yàç olp,ai TfjÔE XaTQE^ElV JtéTQÇ
y naTQÏ tpvvai Zyvl nunov ûyyEkov.
Prometheus ist der vornehmste Heilige und Märtyrer im philo¬
sophischen Kalender.
Berlin, im März 1841.
40
Inhalt
Vorrede.
Über die Differenz der demokritischen und
epikureischen Naturphilosophie
ôErsterTeil: Differenz der demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie im Allgemeinen.
I. Gegenstand der Abhandlung.
II. Urteile über das Verhältnis der demokritischen und epikureischen Physik.
III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität demokritischer und epikureischer
10 Naturphilosophie.
IV. Allgemeine prinzipielle Differenz zwischen demokritischer und epikureischer
Naturphilosophie.
V. Resultat.
Zweiter Teil.· Differenz der demokritischen und epikureischen
15 Naturphilosophie im Einzelnen.
Erstes Kapitel. Die Deklination des Atoms von der geraden Linie.
Zweites Kapitel. Die Qualitäten des Atoms.
Drittes Kapitel. Άτομοι άρχαί und άτομα στοιχεία.
Viertes Kapitel. Die Zeit.
20 Fünftes Kapitel. Die Meteore.
Anhang:
Kritik der Plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie
Vorbemerkung.
I. Das Verhältnis des Menschen zu Gott.
25 1. Die Furcht und das jenseitige Wesen.
2. Der Kultus und das Individuum.
3. Die Vorsehung und der degradierte Gott.
II. Die individuelle Unsterblichkeit.
1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels.
30 2. Die Sehnsucht der Vielen.
3. Der Hochmut der Auserwählten.
Erster Teil
Differenz der demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie im Allgemeinen
I. Gegenstand der Abhandlung
Der griechischen Philosophie scheint zu begegnen, was einer
guten Tragödie nicht begegnen darf, nämlich ein matter Schluß *).
Mit**) Aristoteles, dem mazedonischen Alexander der griechi¬
schen Philosophie, scheint die objektive Geschichte der Philo¬
sophie in Griechenland aufzuhören ***) und selbst den männlich-
10 starken Stoikern nicht zu gelingen, was den Spartanern in ihren
Tempeln gelang, die Athene1) an den Herakles festzuketten, so
daß sie nicht davonfliehen konnte.
Epikureer, Stoiker, Skeptiker werden als ein fast ungehöriger
Nachtrag betrachtet, der in keinem Verhältnis stehe zu seinen ge-
15 waltigen Prämissentf). Die epikureische Philosophie sei ein syn¬
kretistisches Aggregat aus demokritischer Physik und cyrenaischer
Moral, der Stoizismus eine Verbindung heraklitischer Natur¬
spekulation, cynisch-sittlicher Weltanschauung, etwa auch aristo¬
telischer Logik, endlich der Skeptizismus das notwendige Übel,
20 das diesen Dogmatismen entgegengetreten. Man verbindet diese
Philosophien so unbewußt mit der alexandrinischen, indem man
sie zu einem nur einseitigen und tendenziösen Eklektizismus
macht. Die alexandrinische Philosophie endlich wird als gänz¬
liche Schwärmerei und Zerrüttung betrachtet, — eine Verwirrung,
25 in der höchstens die Universalität der Intention anzuerkennen sei.
Nun ist es zwar eine sehr triviale Wahrheitm) : Entstehen,
Blühen und Vergehen sind der eherne Kreis, in den jedes Mensch¬
liche gebannt ist, den es durchlaufen muß. So hätte es nichts Auf¬
fallendes, wenn die griechische Philosophie, nachdem sie in
3o Aristoteles die höchste Blüte erreicht, dann verwelkt wäre. Allein
der Tod der Helden gleicht dem Untergang der Sonne, nicht dem
Zerplatzen eines Frosches, der sich aufgeblasen hat.
*) Nach Schluß gestrichen ein inkohärentes Finale.
**) Von Marx korr. aus Nach
*·*) scheint . . . aufzuhören von Marx korr. aus scheinen der Eule der Minerva
die Fittiche zu sinken.
t) Von Marx korr. aus Minerva
tt) Prämissen von Marx korr. aus Antezedentien.
ttt) eine . . . Wahrheit von Marx korr. aus nicht abzulehnen
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 7
14 Die Doktordissertation
Und dann: Entstehen, Blühen und Vergehen sind ganz allge¬
meine, ganze vage Vorstellungen, in die zwar Alles einrangiert
werden kann, mit denen aber Nichts zu begreifen ist. Der Unter¬
gang selbst ist im Lebendigen präformiert; seine Gestalt wäre
daher ebenso in spezifischer Eigentümlichkeit zu fassen wie die 5
Gestalt des Lebens.
Endlich, wenn wir auf die Historie einen Blick werfen, sind
Epikureismus, Stoizismus und Skeptizismus partikulare Erschei¬
nungen? Sind sie nicht die Urtypen des römischen Geistes? Die
Gestalt, in der Griechenland nach Rom wandert? Sind sie nicht so 10
charaktervollen, intensiven und ewigen Wesens, daß die moderne
Welt selbst ihnen volles geistiges Bürgerrecht einräumen mußte?
Ich hebe dies nur hervor, um die historische Wichtigkeit dieser
Systeme ins Gedächtnis zu rufen; hier aber handelt es sich nicht
um ihre allgemeine Bedeutung für die Bildung überhaupt, es han- 15
delt sich um ihren Zusammenhang mit der älteren griechischen
Philosophie.
Hätte es nicht in Beziehung auf dies Verhältnis wenigstens zur
Nachforschung anreizen müssen, die griechische Philosophie mit
zwei verschiedenen Gruppen eklektischer Systeme, deren eine der 20
Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie,
die andere unter dem Namen der alexandrinischen Spekulation
zusammengefaßt ist, enden zu sehen? Ist es ferner nicht ein merk¬
würdiges Phänomen, daß nach den platonischen und aristote¬
lischen, zur Totalität sich ausdehnenden Philosophien neue 25
Systeme auf treten, die nicht an diese reichen Geistesgestalten sich
anlehnen, sondern, weiter rückblickend, zu den einfachsten
Schulen — was die Physik angeht, zu den Naturphilosophen,
was die Ethik betrifft, zu der sokratischen Schule — sich hin¬
wenden? Worin ist es ferner begründet, daß die Systeme, die auf 30
Aristoteles folgen, gleichsam ihre Fundamente fertig in der Ver¬
gangenheit vorfinden? Daß Demokrit mit den Cyrenaikem,
Heraklit mit den Cynikem zusammengebracht wird? Ist es Zu¬
fall, daß in den Epikureern, Stoikern und Skeptikern alle
Momente des Selbstbewußtseins vollständig, nur jedes Moment 35
als eine besondere Existenz, repräsentiert sind? Daß diese Systeme
zusammengenommen*) die vollständige Konstruktion des Selbst¬
bewußtseins bilden? Endlich der Charakter, mit dem die grie¬
chische Philosophie mythisch in den sieben Weisen beginnt, der
sich, gleichsam als ihr Mittelpunkt, in Sokrates verkörpert, als ihr 40
Demiurg, ich sage, der Charakter des Weisen — des σοφός —
wird er zufällig in jenen Systemen als die Wirklichkeit der wahren
Wissenschaft behauptet?
*) Nach zusammengenommen gestrichen gleichsam
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
15
Es scheint mir, daß, wenn die früheren Systeme für den In¬
halt, die nacharistotelischen, und vorzugsweise der Zyklus der
epikureischen, stoischen und skeptischen Schulen, für die sub¬
jektive Form, den Charakter der griechischen Philosophie bedeut-
5 samer und interessanter sind. Allein eben die subjektive Form,
der geistige Träger der philosophischen Systeme, ist bisher fast
gänzlich über ihren metaphysischen Bestimmungen vergessen
worden.
Ich behalte es einer ausführlicheren Betrachtung vor, die epi-
10 kureische, stoische und skeptische Philosophie in ihrer Gesamt¬
heit und ihrem totalen Verhältnis zur früheren und späteren grie¬
chischen Philosophie darzustellen.
Hier genüge es, an einem Beispiel gleichsam, und auch nur
nach einer Seite hin, nämlich der Beziehung zur früheren Speku-
is lation, dies Verhältnis zu entwickeln.
Als ein solches Beispiel wähle ich das Verhältnis der epiku¬
reischen zur demokritischen Naturphilosophie. Ich glaube nicht,
daß es der bequemste Anknüpfungspunkt ist. Denn einerseits ist
es ein altes eingebürgertes Vorurteil, demokritische und epiku-
2o reische Physik zu identifizieren, so daß man in den Verände¬
rungen Epikurs nur willkürliche Einfälle sieht; andererseits bin
ich gezwungen, was das Einzelne betrifft, in scheinbareMikrologien
einzugehen. Allein eben weil jenes Vorurteil so alt ist als die
Geschichte der Philosophie, weil die Unterschiede so versteckt
25 sind, daß sie gleichsam nur dem Mikroskope sich entdecken,
wird es um so wichtiger sein, wenn eine wesentliche, bis ins
kleinste durchgehende Differenz der demokritischen und epiku¬
reischen Physik trotz ihres Zusammenhanges sich nachweisen läßt.
Was sich im kleinen nachweisen läßt, ist noch leichter zu zeigen,
3o wo die Verhältnisse in größeren Dimensionen gefaßt werden,
während umgekehrt ganz allgemeine Betrachtungen den Zweifel
zurücklassen, ob das Resultat im Einzelnen sich bestätigen werde.
II. Urteile über das Verhältnis der demo¬
kritischen und epikureischen Physik
35 Wie meine Ansicht sich im Allgemeinen zu den früheren ver¬
hält, wird in die Augen springen, wenn man die Urteile der Alten
über das Verhältnis der demokritischen und epikureischen Phy¬
sik flüchtig durchmustert.
Posidonius der Stoiker, Nikolaus und Sotiοn
40 werfen dem Epikur vor, er habe die demokritische Lehre von den
Atomen und die des Aristipp vom Vergnügen für sein Eigentum
7·
16 Die Doktordissertation
ausgegeben1). Cotta der Akademiker fragt bei Cicero: „Was
wäre wohl in der Physik des Epikur, das nicht dem Demokrit ge¬
hörte? Er verändert zwar einiges, das meiste aber spricht er jenem
nach *)So sagt Cicero selbst: „In der Physik, in der Epikur
am meisten prahlt, ist er ein vollkommener Fremdling. Das meiste s
gehört dem Demokrit ; wo er von ihm abweicht, wo er verbessern
will, da verdirbt und verschlechtert er3).“ Obgleich aber von
vielen Seiten dem Epikur Schmähungen gegen den Demokrit vor¬
geworfen werden, so behauptet dagegen Leonteus nach Plutarch,
Epikur*) habe den Demokrit geehrt, weil dieser**) vor ihm 10
zur wahren Lehre sich bekannt, weil er***) früher die Prin¬
zipien der Natur entdeckt habe3). In der Schrift De placitis phi-
losophorum wird Epikur ein nach Demokrit Philosophierender
genannt“). Plutarch in seinem Kolotes geht weiter. Indem er
den Epikur der Reihe nach mit Demokrit, Empedokles, Parme- a
nides, Plato, Sokrates, Stilpo, den Cyrenaikem und Akademikern
vergleicht, sucht er das Resultat zu gewinnen, „Epikur habe aus
der ganzen griechischen Philosophie sich das Falsche zugeeignet,
das Wahre nicht verstanden’)“, wie auch diet) Abhandlung
De eo, quod secundum Epicurum non beate vivi possit, von feind- 20
seligen Insinuationen ähnlicher Art angefüllt ist.
Diese ungünstige Ansicht der älteren Schriftsteller bleibt die¬
selbe bei den Kirchenvätern. Ich führe in der Anmerkung nur eine
Stelle des Clemens Alexandrinus an7), eines Kirchenvaters, der
in bezug auf Epikur vorzugsweise Erwähnung verdient, weil er 2«
die Warnung des Apostels Paulus vor der Philosophie überhaupt
in eine Warnung vor epikureischer Philosophie umdeutet, als
welche nicht einmal über Vorsehung und dergleichen phantasiert
habe“). Wie geneigt man aber überhaupt war, dem Epikur
Plagiate zur Last zu legen, zeigt am auffallendsten S e x t u s 20
Empiricus, der einige ganz ungehörige Stellen aus Homer
und Epicharmus zu Hauptquellen epikureischer Philosophie um¬
stempeln will’).
Daß die neueren Schriftsteller im Ganzen ebenfalls den Epikur
soweit er Naturphilosoph, zu einem bloßen Plagiarius des Demo- 35
krit machen, ist bekannt. Ihr Urteil im Allgemeinen repräsentiere
hier ein Ausspruch von Leibniz:
„Nous ne savons presque de ce grand homme (Démocrite) que ce qu’Epicure en
a emprunté, qui n’était pas capable d’en prendre toujours le meilleur10).“
Wenn also Cicero den Epikur die demokritische Lehre ver-
schlechtem läßt, wobei ihm wenigstens der Wille bleibt, sie zu
°) Epikur von Marx korr. aus er (Epikur)
*·) Von Marx korr. aus er
*·*) Von Marx korr. aus er (Demokrit)
t) die von Marx korr. aus seine
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 17
verbessern, und das Auge, ihre Mängel zu sehen, wenn Plutarch
ihm Inkonsequenz11) und eine prädeterminierte Neigung für das
Schlechtere zuschreibt, also auch seinen Willen verdächtigt, so
spricht ihm Leibniz sogar die Fähigkeit ab, den Demokrit auch
5 nur geschickt zu exzerpieren.
Alle aber kommen darin überein, daß Epikur seine Physik von
Demokrit entlehnt habe.
III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität
demokritischer und epikureischer
10 Naturphilosophie
Außer den historischen Zeugnissen spricht vieles für die Iden¬
tität demokritischer und epikureischer Physik. Die Prinzipien
— Atome und Leere — sind unstreitig dieselben. Nur in einzelnen
Bestimmungen scheint willkürliche, daher unwesentliche Ver-
15 schiedenheit zu herrschen.
Allein so bleibt ein sonderbares, nicht zu lösendes Rätsel. Zwei
Philosophen lehren ganz dieselbe Wissenschaft, ganz auf dieselbe
Weise, aber — wie inkonsequent! — in Allem stehen sie sich
diametral entgegen, was Wahrheit, Gewißheit, Anwendung dieser
20 Wissenschaft, was das Verhältnis von Gedanken und Wirklichkeit
überhaupt betrifft. Ich sage, sie stehen sich diametral entgegen,
und werde es jetzt zu beweisen suchen.
A) Das Urteil des Demokrit über Wahrheit und Ge¬
wißheit des menschlichen Wissens scheint schwer
25 zu ermitteln. Es liegen widersprechende Stellen vor, oder viel¬
mehr nicht die Stellen, sondern Demokrits Ansichten wider¬
sprechen sich. Denn Trendelenburgs Behauptung im Kommentar
zur aristotelischen Psychologie, erst spätere Schriftsteller, nicht
aber Aristoteles wisse von solchem Widerspruch, ist faktisch un-
3o richtig. In der Psychologie*) des Aristoteles heißt es nämlich:
„Demokrit setzt Seele und Verstand als ein und dasselbe, denn
das Phänomen sei das Wahre1)“, in der Metaphysik dagegen:
„Demokrit behauptet, nichts sei wahr, oder uns sei es ver¬
borgen2).“ Widersprechen sich diese Stellen des Aristoteles
35 nicht? Wenn das Phänomen das Wahre ist, wie kann das Wahre
verborgen sein? Die Verborgenheit beginnt erst, wo sich Phä¬
nomen und Wahrheit trennen **). Diogenes Laertius aber
berichtet, man habe Demokrit zu den Skeptikern gezählt. Es wird
*) Von Marx korr. aus Physiologie
·*) Die letzten zwei Sätze von Marx eingefügt.
18
Die Doktordiesertation
sein Spruch angeführt: „In Wahrheit wissen wir nichts, denn im
Abgrund des Brunnens liegt die Wahrheit8).“ Ähnliches findet
sich bei Sextus Empiricus4).
Diese skeptische, unsichere und innerlich sich widersprechende
Ansicht des Demokrit ist nur weiter entwickelt in der Weise, 5
wie das Verhältnis des Atoms und der sinnlich
erscheinenden Welt bestimmt wird.
Einerseits kommt die sinnliche Erscheinung nicht den Atomen
selbst zu. Nicht objektive Erscheinung ist sie, sondern
subjektiver Schein. „Die wahrhaften Prinzipien 10
sind die Atome und das Leere; alles andere ist Meinung,
Schein6).“ „Nur der Meinung nach ist das Kalte, der Meinung
nach das Warme, in Wahrheit aber die Atome und das Leere®).“
Es wird daher in Wahrheit nicht eins aus den vielen Atomen,
sondern „durch die Verbindung der Atome scheint jedes eins 15
zu werden7).“ Durch die Vernunft zu schauen sind daher allein
die Prinzipien, die schon wegen ihrer Kleinheit dem sinnlichen
Auge unzugänglich sind, daher heißen sie sogar Ideen8). Allein
andererseits ist die sinnliche Erscheinung das allein wahre Objekt,
und die αϊσΰησίς ist die φρόνησις, dies Wahre aber ist wechselnd, 20
unstät, Phänomen. Daß aber das Phänomen das Wahre sei, wider¬
spricht sich *). Es wird also bald die eine Seite, bald die andere
zum Subjektiven und zum Objektiven gemacht. So scheint der
Widerspruch auseinander gehalten, indem er an zwei Welten ver¬
teilt wird. Demokrit macht daher die sinnliche Wirklichkeit zum 25
subjektiven Schein; allein die Antinomie, aus der Welt der Objekte
verbannt, existiert nun in seinem eigenen Selbstbewußtsein, in dem
der Begriff des Atoms und die sinnliche Anschauung feindlich
Zusammentreffen.
Demokrit entrinnt also der Antinomie nicht. Sie zu erklären 30
ist hier noch nicht der Ort. Genug, daß ihre Existenz nicht zu
leugnen ist.
Hören wir dagegen Epikur. Der Weise, sagt er, verhält sich
dogmatisch, nicht skeptisch10). Ja, eben das ist sein
Vorzug vor Allen, daß er mit Überzeugung weiß 11 ). „Alle Sinne 35
sind Herolde des Wahren1’).“ „Nichts kann die sinn¬
liche Wahrnehmung widerlegen; weder die gleich¬
artige die gleichartige wegen der gleichen Gültigkeit, noch die
ungleichartige die ungleichartige, denn sie urteilen nicht über das¬
selbe, noch der Begriff, denn der Begriff hängt ab von den sinn- 40
liehen Wahrnehmungen18)“, heißt es im Kanon. Während aber
Demokrit die sinnliche Welt zum subjektiven
Schein macht, macht sie E p i k u r zur objektiven Er¬
scheinung. Und mit Bewußtsein unterscheidet er sich hierin,
denn er behauptet, dieselben Prinzipien zu teilen, nicht«
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 19
aber die sinnlichen Qualitäten zum Nur-Gemeinten zu
machen 14).
War also einmal sinnliche Wahrnehmung das Kriterium des
Epikur, entspricht ihr die objektive Erscheinung, so kann man nur
5 als richtige Konsequenz betrachten, worüber Cicero die Achsel
zuckt. „Die Sonne scheint dem Demokrit groß, weil er ein wissen¬
schaftlicher und in der Geometrie vollendeter Mann ist; dem
Epikur etwa von zwei Fuß Größe, denn er urteilt, sie sei so groß,
als sie scheint15).“
10 B) Diese Differenz in den theoretischen Ur¬
teilen des Demokrit und des Epikur über Sicherheit der Wissen¬
schaft und Wahrheit ihrer Objekte verwirklicht sich in der
disparaten wissenschaftlichen Energie und Pra¬
xis dieser Männer.
15 Demokrit, dem das Prinzip nicht in die Erscheinung tritt, ohne
Wirklichkeit und Existenz bleibt, hat dagegen als reale und in¬
haltsvolle Welt die WeltdersinnlichenWahrnehmung
sich gegenüber. Sie ist zwar subjektiver Schein, allein eben da¬
durch vom Prinzip losgerissen, in ihrer selbständigen Wirklich-
2o keit belassen ; zugleich einziges reales Objekt, hat siealssolche
Wert und Bedeutung. Demokrit wird daher in empirische
Beobachtung getrieben. In der Philosophie unbefriedigt,
wirft er sich dem positiven Wissen in die Arme. Wir haben
schon gehört, daß Cicero ihn einen vir eruditus nennt. In der
25 Physik, Ethik, Mathematik, in den enzyklischen Disziplinen, in
jeder Kunst ist er bewandert16). Schon der Bücherkatalog bei
Diogenes Laertius zeugt für seine Gelehrsamkeit17). Wie es aber
der Charakter der Gelehrsamkeit ist, in die Breite zu gehen und
zu sammeln und von außen zu suchen: so sehen wir den Demokrit
30 die halbe Welt durchwandern, um Erfahrungen, Kennt¬
nisse, Beobachtungen einzutauschen. „Ich“, rühmt er von sich
selbst, „habe von meinen Zeitgenossen den größten Teil der Erde
durchirrt, das Entlegenste durchforschend; und die meisten Him¬
melsstriche und Lande sah ich, und die meisten gelehrten Männer
35 hörte ich; und in der Linienkomposition mit Beweis übertraf mich
Niemand, auch nicht der Ägypter sogenannte Arsepedonapten18).“
Demetrius in den ομωνύμοις und Antisthenes in den
δια&οχαϊς erzählen, daß er gewandert sei nach Ägypten zu den
Priestern, um Geometrie zu lernen, und zu den Chaldäern nach
4o Persien, und daß er gekommen zum Roten Meere. Einige be¬
haupten, er sei auch zusammengetroffen mit den Gymnosophisten
in Indien und habe Äthiopien betreten19). Es ist einerseits die
Wissenslust, die ihm keine Ruhe läßt; es ist aber zugleich
die Nichtbefriedigung im wahren, das ist phil¬
osophischen Wissen, die ihn in die Weite treibt. Das
20 Bi® Doktordissertation
Wissen, das er für wahr hält, ist inhaltlos; das Wissen, das ihm
Inhalt gibt, ist ohne Wahrheit. Mag sie eine Fabel sein, aber eine
wahre Fabel, weil sie das Widersprechende seines Wesens schil¬
dert, ist die Anekdote der Alten. Sich selbst habe Demokrit ge¬
blendet, damit das sinnliche Augenlicht nicht die s
Geistesschärfe verdunkle20). Es ist derselbe Mann, der,
wie Cicero sagt, die halbe Welt*) durchwandert. Aber er hatte
nicht gefunden, was er suchte.
Eine entgegengesetzte Gestalt erscheint uns in Epikur.
Epikur ist befriedigt und selig in der Philosophie. 10
„Der Philosophie“, sagt er, „mußt du dienen, damit dir die wahre
Freiheit zufalle. Nicht zu harren braucht der, der sich ihr unter¬
warf und übergab; sogleich wird er emanzipiert. Denn dies selbst,
der Philosophie dienen, ist Freiheit21).“ „Weder der Jüngling“,
lehrt er daher, „zögere zu philosophieren, noch lasse ab der Greis is
vom Philosophieren. Denn Keiner ist zu unreif, Keiner zu überreif,
um an der Seele zu gesunden. Wer aber sagt, entweder noch nicht
da sei die Zeit des Philosophierens, oder vorübergegangen, sei sie,
der ist ähnlich dem, der behauptet, zur Glückseligkeit sei noch
nicht die Stunde, oder sie sei nicht mehr22).“ Während Demokrit, 20
von der Philosophie unbefriedigt, sich dem empirischen Wissen
in die Arme wirft, verachtet Epikur die positiven
Wissenschaften; denn nichts trügen sie bei zur wahren
Vollendung23). Ein Feind der Wissenschaft, ein
Verächter der Grammatik wird er genannt24). Unwissenheit selbst 25
wird ihm vorgeworfen; „aber“, sagt ein Epikureer bei Cicero,
„nicht Epikur war ohne Erudition, sondern diejenigen [sind] un-
gelehrt, die glauben, was dem Knaben Schande macht, nicht zu
wissen, sei noch vom Greise herzusagen25).“
Während aber Demokrit von ägyptischen Prie- 30
stern, persischen Chaldäern und indischen Gym¬
nosophisten zu lernen sucht, rühmt Epikur von sich, er
habe keinenLehrer gehabt, er sei Autod id akt2e). Einige,
sagt er nach Seneca, ringen nach Wahrheit ohne jegliche Beihilfe.
Unter diesen habe er sich selbst den Weg gebahnt. Und sie, die 35
Autodidakten, lobt er am meisten. Die anderen seien Köpfe zweiten
Ranges27). Während es den Demokrit in alle Weltgegenden treibt,
verläßt Epikur kaum zwei- oder dreimal seinen Garten zu Athen
und reist nach Jonien, nicht um Forschungen anzustellen, sondern
um Freunde zu besuchen28). Während endlich **) Demokrit, am 40
Wissen verzweifelnd, sich selbst blendet, steigt Epikur, als er die
Stunde des Todes nahen fühlt, in ein warmes Bad und begehrt
·) halbe Welt von Marx korr. aus ganze Unendlichkeit
··) Nach endlich gestrichen der vielgewanderte
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
21
reinen Wein und empfiehlt seinen Freunden, der Philosophie treu
zu sein20).
C) Die eben entwickelten Unterschiede sind nicht der zu¬
fälligen Individualität beider Philosophen zuzuschreiben; es sind
5 zwei entgegengesetzte Richtungen, die sich verkörpern. Wir sehen
als Differenz der praktischen Energie, was oben als Unterschied
des theoretischen Bewußtseins sich ausdrückt.
Wir betrachten endlich die Reflexionsform, die die
Beziehung des Gedankens auf das Sein, das Ver-
johältnis derselben darstellt. In dem allgemeinen Ver¬
hältnis, das der Philosoph der Welt und dem Gedanken zuein¬
ander gibt, verobjektiviert er sich nur, wie sein besonderes Bewußt¬
sein sich zur realen Welt verhält.
Demokrit nun wendet als Reflexionsform der Wirklichkeit die
15 Notwendigkeit an80). Aristoteles sagt von ihm, er führe
Alles auf Notwendigkeit zurück81). Diogenes Laertius berichtet,
der Wirbel der Atome, aus dem Alles entstehe, sei die demokri¬
tische Notwendigkeit82). Genügender spricht hierüber der Autor
De placitis philosophorum : die Notwendigkeit sei nach Demokrit
20 das Schicksal und das Recht und die Vorsehung und Welt¬
schöpferin. Die Substanz aber dieser Notwendigkeit sei die Anti-
typie und die Bewegung und der Schlag der Materie88 ). Eine ähn¬
liche Stelle findet sich in den physischen Eklogen des Stobäus84)
und im sechsten Buch der Praeparatio evangelica des Euse-
25 b i u s85). In den ethischen Eklogen des Stobäus ist folgende Sen¬
tenz des Demokrit aufbewahrt80), die im vierzehnten Buch des
Eusebius fast ebenso wiederholt wird37), nämlich: die Menschen
fingierten sich das Scheinbild des Zufalls, — eine Manifestation
ihrer eigenen Ratlosigkeit ; denn mit einem starken D e n -
wken kämpfe der Zufall. Ebenso deutet Simplicius
eine Stelle, in der Aristoteles von der alten Lehre spricht, die den
Zufall aufhebt, auf den Demokrit38).
Dagegen Epikur*): „Die Notwendigkeit, die von
einigen als die Allherrscherin eingeführt**) ist, ist nicht,
35 sondern Einiges ist zufällig, Anderes hängt von unserer
Willkür ab. Die Notwendigkeit ist nicht zu überreden, der
Zufall dagegen unstet. Es wäre besser, dem Mythos über die
Götter zu folgen, als Knecht zu sein der ειμαρμένη der Physiker.
Denn jener läßt Hoffnung der Erbarmung wegen der Ehre der
40 Götter, diese aber die unerbittliche Notwendigkeit. Der Zufall
aber, nicht Gott, wie die Menge glaubt, ist anzunehmen80).
Es ist ein Unglück, in der Notwendigkeit zu leben, aber in der
Notwendigkeit zu leben, ist keine Notwendigkeit. Offen stehen
*) Von Marx korr. aus Hören wir dagegen den Epikur:
**) Von Marx korr. aus angeführt
22
Die Doktordissertation
überall zur Freiheit die Wege, viele, kurze, leichte. Danken wir
daher Gott, daß niemand im Leben festgehalten werden kann. Zu
bändigen die Notwendigkeit selbst, ist gestattet40).“
Ähnliches spricht der Epikureer Vellejus bei Cicero über die
stoische Philosophie: „Was soll man von einer Philosophie s
halten, welcher, wie alten und zwar ungelehrten Vetteln, Alles
durch das Fatum zu geschehen scheint?... vom Epikur sind wir
erlöst, in Freiheit gesetzt worden41).“
So leugnet Epikur selbst das disjunktive Urteil,
um keine Notwendigkeit anerkennen zu müssen42). 10
Es wird zwar auch von Demokrit behauptet, er habe den Zu¬
fall angewandt; allein von den beiden Stellen, die sich hierüber
beim Simplicius finden43), macht die eine die andere verdächtig,
denn sie zeigt offenbar, daß nicht Demokrit die Kategorien des
Zufalls gebraucht, sondern Simplicius sie ihm als Konsequenz bei- is
gelegt. Er sagt nämlich: Demokrit gebe von der Weltschöpfung
im Allgemeinen keinen Grund an; er scheine also den Zufall
zum Grunde zu machen. Hier handelt es sich aber nicht um die
Inhaltsbestimmung, sondern um die Form, die Demo¬
krit mit Bewußtsein angewandt hat. Ähnlich verhält es sich 20
mit dem Bericht des Eusebius: Demokrit habe den Zufall zum
Herrscher des Allgemeinen und Göttlichen gemacht und be¬
hauptet, hier geschehe Alles durch ihn, während er ihn vom
menschlichen Leben und der empirischen Natur femgehalten,
seine Verkünder aber sinnlos gescholten habe44). 25
Teils sehen wir hierin eine bloße Konsequenzmacherei des
christlichen Bischofs Dionysius, teils wo das Allgemeine und
Göttliche anfängt, hört der demokritische Begriff der Notwendig¬
keit auf, vom Zufall verschieden zu sein.
Soviel ist also historisch sicher: Demokrit wendet die Not- 30
Wendigkeit, Epikur den Zufall an; und zwar verwirft jeder
die entgegengesetzte Ansicht mit polemischer Gereiztheit.
Die Hauptkonsequenz dieses Unterschiedes
erscheint in der Erklärungsweise der einzelnen
physischenPhänomene. 35
Die Notwendigkeit erscheint nämlich in der endlichen Natur
als relative Notwendigkeit, als Determinismus.
Die relative Notwendigkeit kann nur deduziert werden aus der
realen Möglichkeit, das heißt, es ist ein Umkreis von
Bedingungen, Ursachen, Gründen usw., durch welche sich jene 40
Notwendigkeit vermittelt. Die reale Möglichkeit ist*) die Ex¬
plikation der relativen Notwendigkeit. Und sie finden wir vom
Demokrit angewandt. Wir führen einige Belege aus Simplicius an.
*) Nach ist gestrichen gleichsam
Differenz der dennokritischen und epikureischen Naturphilosophie
23
Wenn einer dürstcet und trinkt und gesund wird: so wird De¬
mokrit nicht den ZufFall als die Ursache*) angeben, sondern das
Dürsten. Denn wenm er auch bei der Weltschöpfung den Zufall
zu gebrauchen schiem: so behauptet er doch, daß dieser im Ein-
5 zelnen von Nichts dite Ursache sei, sondern führt auf andere Ur¬
sachen zurück. So sœi zum Beispiel das Graben die Ursache des
Schatzfindens oder dlas Wachsen des Ölbaums45).
Die Begeisterung und der Emst, mit dem Demokrit jene Er¬
klärungsweise in die Betrachtung der Natur einführt, die Wichtig-
w keit, die er der Begründungstendenz beilegt, spricht sich naiv**)
in dem Bekenntnis aus: „Ich will lieber eine neue Ätiologie
finden als die persisœhe Königswürde erlangen45)!“
Epikur steht dem Demokrit wiederum direkt gegenüber. Der
Zufall ist eine Wirkliichkeit, welche nur den Wert der Möglichkeit
iS hat, die abstrakte Möglichkeit aber ist gerade der
Antipode der re alen. Die letztere ist beschränkt in scharfen
Grenzen, wie der Verstand; die erstere schrankenlos, wie die
Phantasie. Die reahe Möglichkeit sucht die Notwendigkeit und
Wirklichkeit ihres O)bjektes zu begründen; der abstrakten ist es
2o nicht um das Objektt zu tun, das erklärt wird, sondern um das
Subjekt, das erklärt. Es soll der Gegenstand nur möglich, denk¬
bar sein. Was abstralkt möglich ist, was gedacht werden kann, das
steht dem denkenden Subjekt nicht im Wege, ist ihm keine Grenze,
kein Stein des Anstoißes. Ob diese Möglichkeit nun auch wirklich
25 sei, ist gleichgültig, denn das Interesse erstreckt sich hier nicht auf
den Gegenstand als (Gegenstand.
Epikur verfährt daher mit einer grenzenlosen Nonchalance
in der Erklärung de;r einzelnen physischen Phänomene.
Näher wird dies aus dem Briefe an den Pythokles erhellen,
3o den wir später zu betrachten haben. Hier genüge es, auf sein Ver¬
hältnis zu den Meiinungen früherer Physiker aufmerksam zu
machen. Wo der Aintor De placitis philosophorum und Stobäus
die verschiedenen Ansichten der Philosophen über die Substanz
der Sterne, die Grölße und Figur der Sonne und ähnliches an-
35 führen, heißt es immer vom Epikur: Er verwirft keine dieser
Meinungen, alle könnten richtig sein, er halte sich am
Möglichen47). J<a, Epikur polemisiert sogar gegen die
verständig bestimmende und eben daher einseitige Erklärungs¬
weise aus realer Möglichkeit.
4o So sagt Seneca in seinen Quaestiones naturales: Epikur be¬
hauptet, alle jene Ursachen könnten sein, und versucht dazu noch
mehrere andere Erklärungen und tadelt diejenigen, die be¬
haupten, irgendeine bestimmte von diesen finde statt, da es gewagt
*) Im Ms. steht statt Ursache überall Ursach.
··) Nach naiv gestrichen auch
24
Die Doktordissertation
sei, über das, was nur aus Konjekturen zu folgern, apodiktisch
zu urteilen ").
Man sieht, es ist kein Interesse vorhanden, die Realgründe der
Objekte zu untersuchen. Es handelt sich bloß um eine Beruhigung
des erklärenden Subjekts. Indem alles Mögliche als möglich zu- s
gelassen wird, was dem Charakter der abstrakten Möglichkeit
entspricht, wird offenbar der Zufall des Seins nur in den
Zufall des Denkens übersetzt. Die einzige Regel, die
Epikur vorschreibt, „nicht widersprechen dürfe die Er¬
klärung der sinnlichen Wahrnehmung“, versteht sich von selbst; 10
denn das Abstrakt-Mögliche besteht eben darin, frei von Wider¬
spruch zu sein, der also zu verhüten ist"). Endlich gesteht Epikur,
daß seine Erklärungsweise nur die A t a r a x i e des Selbst¬
bewußtseins bezwecke, nicht die Naturerkenntnis
an und für sich“). u
Wie ganz entgegengesetzt er sich also auch hier zu Demokrit
verhalte, bedarf wohl keiner Ausführung mehr.
Wir sehen also beide Männer sich Schritt für Schritt entgegen¬
stehen. Der eine ist Skeptiker, der andere Dogmatiker; der eine
hält die sinnliche Welt für subjektiven Schein, der andere für 20
objektive Erscheinung. Derjenige, der die sinnliche Welt für sub¬
jektiven Schein hält, legt sich auf empirische Naturwissenschaft
und positive Kenntnisse und stellt die Unruhe der experimentie¬
renden, überall lernenden, in die Weite schweifenden Beobachtung
dar. Der andere, der die erscheinende Welt für real hält, ver- 25
achtet die Empirie; die Ruhe des in sich befriedigten Denkens,
die Selbständigkeit, die ex principio interno ihr Wissen schöpft,
sind in ihm verkörpert. Aber noch höher steigt der Widerspruch.
Der Skeptiker und Empiriker, der die sinnliche Natur
für subjektiven Schein hält, betrachtet sie unter dem Gesichts- 30
punkte der Notwendigkeit und sucht die reale Existenz der
Dinge zu erklären und zu fassen. Der Philosoph und Dog¬
matiker dagegen, der die Erscheinung für real hält, sieht über¬
all nur Zufall, und seine Erklärungsweise geht vielmehr da¬
hin, alle objektive Realität der Natur aufzuheben. Es scheint eine 35
gewisse Verkehrtheit in diesen Gegensätzen zu liegen.
Kaum aber kann man noch vermuten, daß diese Männer, in
allem sich widersprechend, einer und derselben Lehre anhangen
werden. Und doch scheinen sie aneinander gekettet.
Ihr Verhältnis im Allgemeinen zu fassen, ist die Aufgabe des «
nächsten Abschnittes * ).
*) Die im Inhaltsverzeichnis angeführten Kapitel IV und V sind nicht erhalten.
Zweiter Teil
Über die Differenz der demokritischen
und epikureischen Physik im Einzelnen
Erstes Kapitel
Die Deklination des Atoms von der geraden Linie
Epikur nimmt eine dreifache Bewegung der Atome im
Leeren an1). Die eine Bewegung ist die des Falles in ge¬
rader Linie; die andere entsteht dadurch, daß das Atom von
der geraden Linie abweicht; und die dritte wird ge-
10 setzt durch die Repulsion der vielen Atome. Die An¬
nahme der ersten und letzten Bewegung hat Demokrit mit dem
Epikur gemein, die Deklination des Atoms von der ge¬
raden Linie unterscheidet ihn von demselben1).
Über diese deklinierende*) Bewegung ist viel gescherzt wor-
15 den. Cicero vor Allen ist unerschöpflich, wenn er dies Thema
berührt. So heißt es unter anderem bei ihm: „Epikur behauptet,
die Atome würden durch ihr Gewicht abwärts getrieben in gerader
Linie; diese Bewegung sei die natürliche der Körper. Dann aber
fiel es auf, daß, wenn alle von oben nach unten getrieben würden,
20 nie ein Atom das andere treffen könne. Der Mann nahm daher zu
einer Lüge seine Zuflucht. Er sagte, das Atom weiche ganz wenig
aus, was aber durchaus unmöglich ist. Daher entständen Kom¬
plexionen, Kopulationen und Adhäsionen der Atome unter sich,
und aus diesen die Welt und alle Teile der Welt und, was in
is ihr ist. Außerdem, daß die Sache knabenhaft fingiert ist, er¬
reicht er nicht einmal, was er will3).“ Eine andere Wendung
finden wir bei Cicero im ersten Buche der Schrift Ȇber die Natur
der Götter*. „Da Epikur einsah, daß, wenn die Atome durch ihr
eigenes Gewicht abwärts getrieben würden, nichts in unserer Ge-
so walt stände, weil ihre Bewegung bestimmt und notwendig ist:
erfand er ein Mittel, der Notwendigkeit zu entgehen, was dem
Demokrit entgangen war. Er sagt, das Atom, obgleich es durch
Gewicht und Schwere von oben nach unten getrieben wird, weiche
ein klein wenig aus. Dies zu behaupten, ist schmählicher, als das,
35 was er will, nicht verteidigen zu können*).“
*) Von Marx korr. aus letzte
26
Die Doktordissertation
Ähnlich urteilt Pierre Bayle.
„Avant lui (c.-à-d. Epicure) on n'avait admis dans les atomes que le mouvement
de pesanteur et celui de réflexion. Epicure supposa, que même au milieu du vide
les atomes déclinaient un peu de la ligne droite; et de là venait la liberté, disait-il . . .
Remarquons en passant que ce ne fut le seul motif, qui le porta à inventer ce mouve- 5
ment de déclinaison; il le fit servir aussi à expliquer le rencontre des atomes, car il
vit bien, qu'en supposant, qu'ils se mouvaient avec une égale vitesse par des lignes
droites, qui tendaient toutes de haut en bas, il ne ferait jamais comprendre qu'ils
eussent pu se rencontrer, et qu'aussi la production du monde aurait été impossible.
Il fallut donc, qu’ils s'écartaient de la ligne droite 5) *).“ jq
Ich lasse einstweilen die Bündigkeit dieser Reflexionen dahin¬
gestellt. Soviel wird jeder im Vorbeigehen bemerken können, daß
der neueste Kritiker des Epikur, Schaubach, den Cicero
falsch auf gefaßt hat, wenn er sagt: „Die Atome würden alle durch
die Schwere abwärts, also nach physischen Gründen parallel ge- 15
trieben, bekämen aber durch gegenseitiges Abstoßen**) eine
andere Richtung, nach Cicero (de Nat. Deor. I, 25) eine
schräge Bewegung durch zufällige Ursachen, und
zwar von Ewigkeit here)Cicero macht in der angeführten Stelle
erstens nicht das Abstoßen zum Grunde der schrägen Richtung, 20
sondern vielmehr die schräge Richtung zum Grunde des Abstoßens.
Zweitens spricht er nicht von zufälligen Ursachen, sondern tadelt
vielmehr, daß gar keine Ursachen angegeben werden, wie es denn
an und für sich widersprechend wäre, zugleich das Abstoßen und
nichtsdestoweniger zufällige Ursachen als Grund der schrägen 25
Richtung anzunehmen. Höchstens könnte dann noch von zufälligen
Ursachen des Abstoßens, nicht aber der schrägen Richtung die
Rede sein.
Eine Sonderbarkeit in Ciceros und Bayles Reflexionen ist
übrigens zu augenfällig, um sie nicht sogleich hervorzuheben. Sie so
schieben nämlich dem Epikur Beweggründe unter, von denen der
eine den anderen aufhebt. Einmal soll Epikur die Deklination
der Atome annehmen, um die Repulsion, das andere Mal, um die
Freiheit zu erklären. Treffen sich aber die Atome nicht ohne
Deklination: so ist die Deklination zur Begründung der Freiheit
überflüssig; denn das Gegenteil der Freiheit beginnt, wie wir aus
Lukrez7) ersehen, erst mit dem deterministischen und gewalt¬
samen Sich-Treffen der Atome. Treffen sich aber die Atome
ohne Deklination, so ist sie zur Begründung der Repulsion
überflüssig. Ich sage, dieser Widerspruch entsteht, wenn die to
Gründe der Deklination des Atoms von der geraden Linie so
äußerlich und zusammenhanglos auf gefaßt werden, wie es von
Cicero und Bayle geschieht. Wir werden bei Lukrez, der über-
*) Die Abschrift des Zitats aus Bayle enthalt mehrere sinnstörende Fehler.
Wir geben den Text nach der Ausgabe letzter Hand: Rotterdam, Leers, 1702. Tome
II, p. 1142, — aber in moderner Rechtschreibung.
**) Bei Schaubach (p. 549) Anstoßen (ictu)
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
27
haupt von allen Alten die epikureische Physik allein begriffen
hat, eine tiefere Darstellung finden.
Wir wenden uns jetzt zur Betrachtung der Deklination
selbst.
s Wie der Punkt in der Linie aufgehoben ist: so ist jeder fallende
Körper in der geraden Linie aufgehoben, die er beschreibt. Hier
kommt es gar nicht auf seine spezifische Qualität an. Ein Apfel
beschreibt beim Falle so gut eine senkrechte Linie als ein Stück
Eisen. Jeder Körper, sofern er in der Bewegung des Falles auf-
jo gefaßt wird, ist also nichts als ein sich bewegender Punkt, und
zwar ist er ein unselbständiger Punkt, der in einem gewissen Da¬
sein — der geraden Linie, die er beschreibt — seine Einzelheit
auf gibt. Aristoteles bemerkt daher mit Recht gegen die Pytha¬
goreer: „Ihr sagt, die Bewegung der Linie sei die Fläche, die des
iS Punktes die Linie; also werden auch die Bewegungen der Monaden
Linien sein ’).“ Die Konsequenz hiervon sowohl bei den Monaden
als den Atomen wäre also, da sie in steter Bewegung sind*), daß
weder Monade noch Atom existieren, sondern vielmehr in der ge¬
raden Linie untergehen; denn die Solidität des Atoms ist noch
20 gar nicht vorhanden, sofern es nur als in gerader Linie fallend
aufgefaßt wird. Zunächst, wenn die Leere als räumliche Leere
vorgestellt wird, ist das Atom die unmittelbare Nega¬
tion des abstrakten Raumes, also ein räumlicher
Punkt. Die Solidität, die Intensivität, die sich gegen das Außer-
25 einander des Raumes in sich behauptet, kann nur durch ein Prin¬
zip hinzukommen, das den Raum seiner ganzen Sphäre nach
negiert, wie es in der wirklichen Natur die Zeit ist. Außerdem,
wollte man dies selbst nicht zugeben, ist das Atom, soweit seine
Bewegung gerade Linie ist, rein durch den Raum bestimmt, ihm
3o ein relatives Dasein vorgeschrieben und seine Existenz eine rein
materielle. Aber wir haben gesehen, das eine Moment im Begriff
des Atoms ist, reine Form, Negation aller Relativität, aller Be¬
ziehung auf ein anderes Dasein zu sein. Wir haben zugleich be¬
merkt, daß Epikur beide Momente, die sich zwar widersprechen,
35 die aber im Begriff des Atoms liegen, sich verobjektiviert.
Wie kann Epikur nun die reine Formbestimmung des Atoms,
den Begriff der reinen Einzelheit, der jedes durch Anderes be¬
stimmte Dasein negiert, verwirklichen?
Da er sich im Felde des unmittelbaren Seins bewegt, so sind
» alle Bestimmungen unmittelbare. Also werden die entgegen¬
gesetzten Bestimmungen als unmittelbare Wirklichkeiten sich
entgegengesetzt.
Die relative Existenz aber, die dem Atom gegenüber¬
tritt, das Dasein, das es zu negieren hat, ist die
«gerade Linie. Die unmittelbare Negation dieser Bewegung
28
Die Doktordissertation
ist eine andere Bewegung, also, selbst räumlich vor¬
gestellt, die Deklination von der geraden Linie.
Die Atome sind rein selbständige Körper, oder vielmehr der
Körper, in absoluter Selbständigkeit gedacht, wie die Himmels¬
körper. Sie bewegen sich daher auch, wie diese, nicht in geraden, 5
sondern in schrägen Linien. Die Bewegung des Falles
ist die Bewegung der Unselbständigkeit.
Wenn also Epikur in der Bewegung des Atoms nach gerader
Linie die Materialität desselben darstellt, so hat er in der Dekli¬
nation von der geraden Linie seine Formbestimmung realisiert; 10
und diese entgegengesetzten Bestimmungen werden als unmittel¬
bar entgegengesetzte Bewegungen vorgestellt.
Lukrez behauptet daher mit Recht, daß die Deklination die
fati foedera durchbricht10); und, wie er dies sogleich auf das
Bewußtsein anwendet11), so kann vom Atom gesagt werden, die 15
Deklination sei das Etwas in seiner Brust, was entgegenkämpfen
und widerstehen kann.
Wenn Cicero aber dem Epikur vorwirft,
„er erreiche nicht einmal das, weswegen er dies erdichtet
habe; denn deklinierten alle Atome, so würden sich nie 20
welche verbinden, oder einige würden ausweichen, andere
würden durch ihre Bewegung geradeaus getrieben werden.
Man müßte also gleichsam den Atomen bestimmte Posten
zuweisen, welche geradeaus und welche schräg sich be¬
wegen sollten12)“, 25
so hat dieser Einwurf darin seine Berechtigung, daß beide Mo¬
mente, die im Begriff des Atoms liegen, als unmittelbar ver¬
schiedene Bewegungen vorgestellt werden, also auch verschiedenen
Individuen zufallen müßten; — eine Inkonsequenz, die aber kon¬
sequent ist, denn des Atoms Sphäre ist die Unmittelbarkeit. 30
Epikur fühlt recht gut den Widerspruch, der darin liegt. Er
sucht daher die Deklination soviel als möglich unsinnlich
darzustellen. Sie ist
nec regione loci certa nec tempore certo 18)
sie geschieht im möglichst kleinsten Raume14). 3S
Ferner tadelt Cicero15) und, nach Plutarch, mehrere
Alten16), daß die Deklination des Atoms ohne Ursache ge¬
schehe; und etwas Schmählicheres, sagt Cicero, kann einem Phy¬
siker nicht passieren17). Allein erstens würde eine physische Ur¬
sache, wie sie Cicero will, die Deklination des Atoms in die Reihe 40
des Determinismus zurückwerfen, aus dem sie gerade erheben
soll. Dann aber ist das Atom noch gar nicht voll¬
endet, ehe es in der Bestimmung der Deklination
gesetzt ist. Nach der Ursache dieser Bestimmung fragen
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 29
5
io
15
20
25
30
35
40
heißt also, nach der Ursache fragen, die das Atom zum Prinzip
macht, — eine Frage, die offenbar für den sinnlos ist, dem das
Atom Ursache von Allem, also selbst ohne Ursache ist.
Wenn endlich Bayle18), auf die Autorität des Augusti¬
nus gestützt19), nach dem Demokrit den Atomen ein spirituelles
Prinzip zugeschrieben hat — eine Autorität, die übrigens bei dem
Gegensatz zu Aristoteles und den anderen Alten gänzlich unbe¬
deutend ist —, dem Epikur vorwirft, statt dieses spirituellen Prin¬
zips die Deklination ersonnen zu haben: so wäre im Gegenteil mit
der Seele des Atoms bloß ein Wort gewonnen, während in der
Deklination die wirkliche Seele des Atoms, der Begriff der ab¬
strakten Einzelheit, dargestellt ist.
Ehe wir die Konsequenz der Deklination des Atoms von der
geraden Linie betrachten, ist noch ein höchst wichtiges, bis jetzt
gänzlich übersehenes Moment hervorzuheben.
Die Deklination des Atoms von der geraden
Linie ist nämlich keine besondere, zufällig in
der epikureischen Physik vorkommmende Be¬
stimmung. Das Gesetz, das sie ausdrückt, geht
vielmehr durch die ganze epikureische Philo¬
sophie hindurch, so allerdings, wie sich von
selbst versteht, daß die Bestimmtheit seiner
Erscheinung von der Sphäre abhängig ist, in
der es angewandt wird.
Die abstrakte Einzelheit kann nämlich ihren Begriff, ihre
Formbestimmung, das reine Fürsichsein, die Unabhängigkeit
von dem unmittelbaren Dasein, das Aufgehobensein aller Rela¬
tivität, nur so betätigen, daß sie von dem Dasein, das ihr
gegenübertritt, abstrahiert; denn um es wahrhaft zu
überwinden, müßte sie es idealisieren, was nur die Allgemeinheit
vermag.
Wie also das Atom von seiner relativen Existenz, der geraden
Linie, sich befreit, indem es von ihr abstrahiert, von ihr ausbeugt:
so beugt die ganze epikureische Philosophie überall da dem be¬
schränkenden Dasein aus, wo der Begriff der abstrakten Einzel¬
heit, die Selbständigkeit und Negation aller Beziehung auf
Anderes, in seiner Existenz dargestellt werden soll.
So ist der Zweck des Tuns das Abstrahieren, das Ausbeugen
vor dem Schmerz und der Verwirrung, die Ataraxie20). So ist
das Gute die Flucht vor dem Schlechten21), so ist die Lust das
Ausbeugen vor der Pein22). Endlich, wo die abstrakte Einzelheit
in ihrer höchsten Freiheit und Selbständigkeit, in ihrer Totalität
erscheint, da ist konsequenterweise das Dasein, dem ausgebeugt
wird, alles Dasein; und daher beugen die Götter
Marx-Engels*Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 8
30
Die Doktordissertation
der Welt aus, und bekümmern sich nicht um dieselbe, und
wohnen außerhalb derselben”).
Man hat gespottet über diese Götter des Epikur, die, Menschen
ähnlich, in den Intermundien der wirklichen Welt wohnen, keinen
Körper, sondern einen Quasikörper, kein Blut, sondern Quasi- s
blut”) haben und, in seliger Ruhe verharrend, kein Flehen er¬
hören, unbekümmert um uns und die Welt, wegen ihrer Schönheit,
ihrer Majestät und ihrer vorzüglichen Natur, keines Gewinnes
wegen, verehrt werden.
Und doch sind diese Götter nicht Fiktion des Epikur. Sie haben 10
existiert. Es sind die plastischen Götter der grie¬
chischen Kunst. Cicero, der Römer, persifliert sie
mit Recht”); aber Plutarch, der Grieche, hat alle grie¬
chische Anschauung vergessen, wenn er meint, Furcht und Aber¬
glaube hebe diese Lehre von den Göttern auf, Freude und Gunst is
der Götter gebe sie nicht, sondern sie leihe uns zu ihnen das Ver¬
hältnis, das wir zu den hyrkanischen Fischen haben, von denen wir
weder Schaden noch Nutzen erwarten”). Die theoretische Ruhe
ist ein Hauptmoment des griechischen Göttercharakters, wie auch
Aristoteles sagt: „Was das Beste ist, bedarf keiner Hand- 20
lung, denn es selbst ist der Zweck27).“
Wir betrachten jetzt die Konsequenz, die aus der Dekli¬
nation des Atoms unmittelbar hervorgeht. Es ist in ihr aus¬
gedrückt, daß das Atom alle Bewegung und Beziehung negiert,
worin es als ein besonderes Dasein von einem anderen bestimmt 25
wird. Es ist dies so dargestellt, daß das Atom abstrahiert von dem
Dasein, das ihm gegenübertritt, und sich demselben entzieht.
Was aber hierin enthalten ist, seine Negation aller Be¬
ziehung auf Anderes, muß verwirklicht, positiv
gesetzt werden. Dies kann nur geschehen, indem das D a - 30
sein, auf das es sich bezieht, kein anderes als
es selbst ist, also ebenfalls ein Atom und, da es selbst
unmittelbar bestimmt ist, viele Atome. So ist die Re¬
pulsion der vielen Atome die notwendige Ver¬
wirklichung der lex atomi, wie Lukrez die Dekli- 35
nation nennt. Weil hier aber jede Bestimmung als ein besonderes
Dasein gesetzt wird: so kommt die Repulsion als dritte Bewegung
zu den früheren hinzu. Mit Recht sagt Lukrez, wenn die Atome
nicht zu deklinieren pflegten, wäre weder Gegenschlag noch
Treffen derselben entstanden, und niemals die Welt erschaffen 40
worden”). Denn die Atome sind sich selbst ihr einziges
Objekt, können sich nur auf sich selbst be¬
ziehen, also, räumlich ausgedrückt, sich treffen, indem
jede relative Existenz derselben, in der sie auf Anderes sich be¬
zögen, negiert ist; und diese relative Existenz ist, wie wir gesehen 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 31
haben, ihre ursprüngliche Bewegung, die des Falles in gerader
Linie. Also treffen sie sich erst durch Deklination von derselben.
Um die bloß materielle Zersplitterung ist es nicht zu tun”).
Und in Wahrheit: die unmittelbar seiende Einzelheit ist erst
5 ihrem Begriff nach verwirklicht, insofern sie sich auf ein Anderes
bezieht, das sie selbst ist, wenn auch das Andere in der Form un¬
mittelbarer Existenz gegenübertritt. So hört der Mensch erst auf,
Naturprodukt zu sein, wenn das Andere, auf das er sich bezieht,
keine verschiedene Existenz, sondern selbst ein einzelner Mensch
io ist, ob auch noch nicht der Geist. Daß der Mensch als Mensch
sich aber sein einziges wirkliches Objekt werde, dazu muß er sein
relatives Dasein, die Macht der Begierde und der bloßen Natur,
in sich gebrochen haben. Die Repulsion ist die erste
Form des Selbstbewußtseins; sie entspricht daher dem
15 Selbstbewußtsein, das sich als Unmittelbar-Seiendes, Abstrakt-
Einzelnes erfaßt.
In der Repulsion ist also der Begriff des Atoms verwirklicht,
wonach es die abstrakte Form, aber nicht minder das Gegenteil,
wonach es abstrakte Materie ist; denn das, auf das es sich bezieht,
so sind zwar Atome, aber andere Atome. Verhalte ich mich
aber zu mir selbst als zu einem Unmittelbar-
Anderen, so ist mein Verhalten ein materielles.
Es ist die höchste Äußerlichkeit, die gedacht werden kann. In der
Repulsion der Atome ist also die Materialität derselben, die im
25 Falle nach gerader Linie, und die Formbestimmung derselben, die
in der Deklination poniert war, synthetisch vereinigt.
Demokrit im Gegensatz zu Epikur macht zu einer gewalt¬
samen Bewegung, zu einer Tat der blinden Notwendigkeit, was
jenem Verwirklichung des Begriffs des Atoms ist. Schon oben
so haben wir gehört, als Substanz der Notwendigkeit gebe er den
Wirbel (δίνη) an, der aus dem Repeliieren und Aneinander¬
stoßen der Atome entsteht. Er faßt also in der Repulsion nur die
materielle Seite, die Zersplitterung, die Veränderung, nicht die
ideelle, wonach darin alle Beziehung auf Anderes negiert und
35 die Bewegung als Selbstbestimmung gesetzt ist. Dies sieht man
klar daraus, daß er sich ganz sinnlich einen und denselben Kör¬
per durch den leeren Raum in viele geteilt denkt, wie Gold, das
in Stücke gebrochen ist80). Er faßt also kaum das Eins als Be¬
griff des Atoms.
4o Mit Recht polemisiert Aristoteles gegen ihn: „Deswegen
wäre dem Leukipp und Demokrit, die behaupten, immer bewegten
sich die ersten Körper im Leeren und im Unendlichen, zu sagen,
welcher Art die Bewegung sei, und welche die ihrer Natur
adäquate Bewegung. Denn wenn jedes der Elemente von dem
45 anderen durch Gewalt bewegt wird, so ist es doch notwendig, daß
8·
32
Die Doktordissertation
jedes auch eine natürliche Bewegung habe, außer welcher die
gewaltsame ist; und diese erste Bewegung muß nicht gewaltsam,
sondern natürlich sein. Sonst findet der Progreß ins Unendliche
statt31).“
Die epikureische Deklination des Atoms hat also die ganze 5
innere Konstruktion des Reiches der Atome verändert, indem
durch sie die Bestimmung der Form geltend gemacht und der
Widerspruch, der im Begriff des Atoms liegt, verwirklicht ist.
Epikur hat daher zuerst, wenn auch in sinnlicher Gestalt, das
Wesen der Repulsion erfaßt, während Demokrit nur ihre mate-10
rielle Existenz gekannt hat.
Wir finden daher auch*) konkretere Formen der Repulsion
von Epikur angewandt; im Politischen ist es der Vertrag32),
im Sozialen die Freundschaft33), die als das Höchste ge¬
priesen wird **). 15
Zweites Kapitel
Die Qualitäten des Atoms
Es widerspricht dem Begriffe des Atoms, Eigenschaften zu
haben; denn, wie Epikur sagt, jede Eigenschaft ist veränderlich,
die Atome aber verändern sich nicht1). Allein es ist nichtsdesto- 20
weniger eine notwendige Konsequenz, ihnen dieselben
beizulegen. Denn die vielen Atome der Repulsion, die durch den
sinnlichen Raum getrennt sind, müssen notwendig unmittel¬
bar voneinander und von ihrem reinen Wesen
verschieden sein, das heißt Qualitäten besitzen. 25
Ich nehme daher in der folgenden Entwicklung gar keine
Rücksicht auf Schneiders und Nürnbergers Behaup¬
tung, Epikur habe den Atomen keine Qualitäten beigelegt, die
§§44 und 54 in dem Brief an Herodot bei Diogenes Laertius
seien untergeschoben. Wäre wirklich an dem, wie wollte man die 30
Zeugnisse des Lukrez, des Plutarch, ja aller Schriftsteller, die
über Epikur berichten, entkräften? Dazu erwähnt Diogenes
Laertius die Qualitäten des Atoms nicht in zwei, sondern in zehn
Paragraphen, nämlich den §§ 42, 43, 44, 54, 55, 56, 57, 58, 59
und 61. Der Grund, den jene Kritiker angeben, „sie wüßten die 35
Qualitäten des Atoms mit seinem Begriffe nicht zu vereinigen“,
ist sehr seicht. Spinoza sagt, die Ignoranz sei kein Argument.
Wollte jeder die Stellen in den Alten, die er nicht versteht, aus¬
streichen, wie bald hätte man tabula rasa!
·) Nach auch gestrichen die höheren
··) Dieser Absatz von Marxens Hand geschrieben.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
33
Durch die Qualitäten erhält das Atom eine Existenz, die seinem
Begriffe widerspricht, wird es als entäußertes, von seinem
Wesen unterschiedenes Dasein gesetzt. Dieser Wider¬
spruch ist es, der das Hauptinteresse des Epikur bildet. Sobald
5 er daher eine Eigenschaft poniert und so die Konsequenz der
materiellen Natur des Atoms gezogen hat: kontraponiert er zu¬
gleich Bestimmungen, welche diese Eigenschaft in ihrer eigenen
Sphäre wieder vernichten, und dagegen den Begriff des Atoms
geltend machen. Er bestimmt daher alle Eigen-
/öschaften so, daß sie sich selbst widersprechen.
Demokrit dagegen betrachtet nirgends die Eigenschaften in bezug
auf das Atom selbst, noch verobjektiviert er den Widerspruch
zwischen Begriff und Existenz, der in ihnen liegt. Vielmehr geht
sein ganzes Interesse darauf, die Qualitäten in bezug auf die
15 konkrete Natur, die aus ihnen gebildet werden soll, darzustellen.
Sie sind ihm bloß Hypothesen zur Erklärung der erscheinenden
Mannigfaltigkeit. Der Begriff des Atoms hat daher nichts mit
ihnen zu schaffen.
Um unsere Behauptung zu erweisen, ist es zuvörderst nötig,
so uns mit den Quellen zu verständigen, die sich hier zu wider¬
sprechen scheinen.
In der Schrift Deplacitis ph ilo soph orum heißt es:
„Epi kur behauptet, den Atomen komme dies Dreifache zu:
Größe, Gestalt, Schwere. Demokrit nahm nur zweierlei an: Größe
25 und Gestalt; Epikur setzte diesen als Drittes die Schwere hin¬
zu2). “ Dieselbe Stelle findet sich, wörtlich wiederholt, in der
Praeparatio evangelica des Eusebius3).
Sie wird bestätigt durch das Zeugnis des Simplicius4)
und Philoponus8), nach dem Demokrit den Atomen nur den
30 Unterschied der Größe und der Gestalt zugeteilt hat. Direkt ent¬
gegen steht Aristoteles, der im ersten Buche De gene-
ratione et corruptione den Atomen des Demokrit ver¬
schiedenes Gewicht beilegt8). An einer anderen Stelle (im ersten
Buche De caelo) läßt Aristoteles unentschieden, ob Demo-
35 krit den Atomen Schwere beigelegt habe oder nicht; denn er sagt:
„So wird keiner der Körper absolut leicht sein, wenn alle Schwere
haben; wenn aber alle Leichtigkeit haben, wird keiner schwer
sein7).“ Ritter in seiner „Geschichte der alten Philosophie“ ver¬
wirft, auf das Ansehen des Aristoteles sich stützend, die Angaben
4o bei Plutarch, Eusebius und Stobäus8) ; die Zeugnisse des Sim¬
plicius und Philoponus berücksichtigt er nicht.
Wir wollen zusehen, ob sich jene Stellen wirklich so sehr wider¬
sprechen. In den angeführten Zitaten spricht Aristoteles von den
Qualitäten des Atoms nicht ex professo. Dagegen heißt es im
45 siebenten Buch der Metaphysik: „Demokrit setzt drei Unter¬
34
Die Doktordissertation
schiede der Atome. Denn der zugrundeliegende Körper sei der
Materie nach einer und derselbe; er sei aber unterschieden durch
den ρυαμός^ das die Gestalt, durch die τροπή, das die Lage, oder
durch die διαϋιγή, das die Ordnung bedeutet*).“ Soviel folgt so¬
gleich aus dieser Stelle*) : die Schwere wird nicht als eine Eigen- 5
schäft der demokritischen Atome erwähnt. Die zersplitterten,
durch die Leere auseinandergehaltenen Stücke der Materie müs¬
sen besondere Formen haben, und diese werden ganz äußerlich
aus der Betrachtung des Raumes aufgenommen. Noch deutlicher
geht dies aus folgender Stelle des Aristoteles hervor: „Leukipp 10
und sein Genosse Demokrit sagen, die Elemente seien das Volle
und das Leere. . . . Diese seien Grund des Seienden als Materie.
Wie nun diejenigen, die eine einzige Grundsubstanz setzen, das
Andere aus deren Affektionen erzeugen, indem sie das Dünne und
das Dichte als Prinzipien der Qualitäten unterstellen: auf dieselbe 15
Weise lehren auch jene, daß die Unterschiede der Atome Ursachen
des Anderen seien; denn das zum Grunde liegende Sein unter¬
scheide sich allein durch ρυσμός, διαΰιγή und τροπή .... Es
unterscheide sich nämlich A von N durch die Gestalt, AN von NA
durch die Ordnung, Z von N durch die Lage10).“ 20
Es folgt aus dieser Stelle evident, daß Demokrit die Eigen¬
schaften der Atome nur in bezug auf die Bildung der Unterschiede
der Erscheinungswelt, nicht in bezug auf das Atom selbst be¬
trachtet. Es folgt ferner, daß Demokrit die Schwere nicht als eine
wesentliche Eigenschaft der Atome hervorhebt. Sie versteht sich 25
ihm von selbst, weil alles Körperliche schwer ist. Ebenso ist
selbst die Größe nach ihm keine Grundqualität. Sie ist eine akzi-
dentielle Bestimmung, die den Atomen schon mit der Figur gegeben
ist. Nur die Verschiedenheit der Figuren — denn weiter ist in
Gestalt, Lage, Stellung nichts enthalten — interessieren den 30
Demokrit. Größe, Gestalt, Schwere, indem sie zusammengestellt
werden, wie es vom Epikur geschieht, sind Differenzen, welche
das Atom an sich selbst hat; Gestalt, Lage, Ordnung, Unterschiede,
die ihm in bezug auf ein Anderes zukommen. Während wir also
bei Demokrit bloße hypothetische Bestimmungen zur Erklärung 35
der Erscheinungswelt finden, wird sich uns bei Epikur die Konse¬
quenz des Prinzips selbst darstellen. Wir betrachten daher seine
Bestimmungen der Eigenschaften des Atoms im Einzelnen.
Erstens haben die Atome Größe11). Anderseits wird auch
die Größe negiert. Sie haben nämlich nicht jede Größe12 ), son- 40
dem es sind nur einige Größenwechsel unter ihnen anzunehmen12).
Ja es ist nur die Negation des Großen ihnen zuzuschreiben, das
Kleine14 ) und auch nicht das Minimum, denn dies wäre eine rein
·) Nach Stelle gestrichen Demokrit setzt nicht den Widerspruch zwischen der
Qualität des Atoms und seinem Begriff.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
35
räumliche Bestimmung, sondern das Unendlichkleine, das den
Widerspruch ausdrückt15). Rosinius in seinen Adnotationen
zu den Fragmenten des Epikur übersetzt daher eine Stelle falsch
und übersieht die andere gänzlich, wenn er sagt:
5 „huius modi autem tenuitatem atomorum incredibili parvitate argucbat Epi-
curus, utpote quas null a magnitudine praeditas aiebat teste Laertio X, 44ie).“
Ich will nun keine Rücksicht darauf nehmen, daß nach
Eusebius erst Epikur unendliche Kleinheit den Atomen zu¬
geschrieben17), Demokrit aber auch die größten Atome —
^Stobäus sagt sogar18), von Weltgröße — angenommen habe.
Einerseits widerspricht dies dem Zeugnis des Aristoteles1*),
anderseits widerspricht Eusebius oder vielmehr der alexandri¬
nische Bischof Dionysius, den er exzerpiert, sich selbst; denn
in demselben Buche heißt es, Demokrit habe als Prinzipien der
15 Natur unteilbare, durch die Vernunft anschaubare Körper unter¬
stellt20). Allein soviel ist klar, Demokrit bringt sich den Wider¬
spruch nicht zum Bewußtsein; er beschäftigt ihn nicht, während
er das Hauptinteresse Epikurs bildet.
Die zweite Eigenschaft der epikureischen Atome ist die
so Gestalt21). Allein auch diese Bestimmung widerspricht dem
Begriffe des Atoms, und es muß ihr Gegenteil gesetzt werden. Die
abstrakte Einzelheit ist das Abstrakt - Sich - Gleiche und daher
gestaltlos. Die Unterschiede der Gestalt der Atome sind daher
zwar unbestimmbar22), allein sie sind nicht absolut unendlich2’).
25 Vielmehr ist es eine bestimmte und endliche Anzahl von Gestalten,
durch die die Atome unterschieden werden24). Es ergibt sich
hieraus von selbst, daß es nicht so viel verschiedene Figuren als
Atome gibt25 ), während Demokrit unendlich viele Figuren setzt28 ).
Hätte jedes Atom eine besondere Gestalt, so müßte es Atome von
30 unendlicher Größe geben27), denn sie hätten einen unendlichen
Unterschied, den Unterschied von allen übrigen an sich, wie die
Leibnizischen Monaden. Die Behauptung von Leibniz, daß nicht
zwei Dinge sich gleich seien, wird daher umgekehrt, und es gibt
unendlich viele Atome von derselben Gestalt28), womit offenbar
35 die Bestimmung der Gestalt wieder negiert ist, denn eine Gestalt,
die [sich] nicht mehr von anderen unterscheidet, ist nicht
Gestalt*).
Höchst wichtig ist es endlich**)·, daß Epikur als dritte
Qualität die Sch wer e anführt2*) ; denn im Schwerpunkt besitzt
40 die Materie die ideale Einzelheit, die eine Hauptbestimmung des
·) Nach Gestalt folg. Absatz vertikal gestrichen Epikur hat sich also auch hier
den Widerspruch verobjektiviert, während Demokrit, nur die materielle Seite fest¬
haltend, in den weiteren Bestimmungen keine Konsequenz des Prinzips mehr erkennen
läßt.
H) Dieses Wort von Marx eingefügt.
36
Die Doktorditsertalion
Atoms bildet. Sind also die Atome einmal in das Reich der Vor¬
stellung versetzt, so müssen sie auch schwer sein.
Allein die Schwere widerspricht auch direkt dem Begriffe des
Atoms; denn sie ist die Einzelheit der Materie als ein idealer
Punkt, der außerhalb derselben liegt. Das Atom ist aber selbst s
diese Einzelheit, gleichsam der Schwerpunkt, als eine einzelne
Existenz vorgestellt. Die Schwere existiert daher für den Epikur
nur alsverschiedenesGewicht, und die Atome sind selbst
substanziale Schwerpunkte, wie die Himmelskörper.
Wendet man dies auf das Konkrete an, so ergibt sich von selbst, 10
was der alte Brucker so wunderbar findet80) und was uns
Lukrez versichert81), nämlich daß die Erde kein Zentrum hat,
nach dem alles strebt, und daß es keine Antipoden gibt. Da die
Schwere ferner nur dem von anderen unterschiedenen, also ent¬
äußerten und mit Eigenschaften begabten Atome zukommt: so 15
versteht es sich, daß, wo die Atome nicht als viele in ihrer Differenz
voneinander, sondern nur in Beziehung zur Leere gedacht werden,
die Bestimmung des Gewichtes fortfällt. Die Atome, so verschieden
sie an Masse und Form sein mögen, bewegen sich daher gleich
schnell im leeren Raum82). Epikur wendet daher die Schwere 20
auch nur in der Repulsion und den Kompositionen an, die aus der
Repulsion hervorgehen, was Veranlassung gegeben hat*), zu be¬
haupten, nur die Konglomerationen der Atome, nicht aber sie
selbst, seien mit Schwere begabt88).
Gassendi lobt schon **) den Epikur, daß er, rein durch Ver- 25
nunft geleitet, die Erfahrung antizipiert habe, wonach alle Körper,
obgleich an Gewicht und Last höchst verschieden, dennoch gleich
schnell sind, wenn sie von oben nach unten fallen84) ***).
Die Betrachtung der Eigenschaften der Atome liefert uns also
dasselbe Resultat wie die Betrachtung der Deklination, nämlich, so
daß Epikur den Widerspruch im Begriff des Atoms zwischen
Wesen und Existenz verobjektiviert und so die Wissenschaft der
Atomistik geliefert hat, während beim Demokrit keine Realisie¬
rung des Prinzips selber stattfindet, sondern nur die materielle
Seite festgehalten und Hypothesen zum Behufe der Empirie bei- 55
gebracht werden.
*) Nach hat gestrichen sie als Ursache dieser zu betrachten, und
··) schon von Marx eingefügt.
m) Hier folgender Satz gestrichen Wir haben diesem Lobe die Verständigung
aus dem Prinzip des Epikur hinzugefügt.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
37
Drittes Kapitel
Ατο μοι άρχαί und άτομα στ οιχεία
Schaubach behauptet in seiner schon oben angeführten Ab¬
handlung über die astronomischen Begriffe des Epikur: „E p i k u r
<5 habe mit Aristoteles einen Unterschied gemacht zwischen
Anfängen (άτομοι άρχαί, Diogen. Laert. X, 41) und Elemen¬
ten (άτομα στοιχεία, Diogen. Laert. X, 86). Jene sind die
nur durch den Verstand erkennbaren Atome, erfüllen
keinen Raum1) . . . Dieselben heißen Atome, nicht als die
io kleinsten Körper, sondern weil sie im Raume nicht geteilt werden
können. Nach diesen Vorstellungen sollte man also glauben, daß
Epikur den Atomen keine Eigenschaften, welche sich auf den
Raum beziehen, beigelegt habe2). In dem Briefe an den Herodot
aber (Diogen. Laert. X, 44, 54) gibt er den Atomen nicht nur
15 Schwere, sondern auch Gestalt und Größe. . . . Ich rechne daher
diese Atome zu der zweiten Gattung, welche aus jenen ent¬
standen sind, aber doch wieder als Elementarteilchen der Körper
angesehen werden’).“
Betrachten wir uns die Stelle, die Schaubach aus dem Dio-
20 genes Laertius zitiert, genauer. Sie heißt: olov δτι το παν σώμα
καί άναφης φύσις έστίν ή δτι άτομα στοιχεία καί πάντα τά τοιαϋτα.
Epikur belehrt hier den Pythokles, an den er schreibt, die Lehre
von den Meteoren unterscheide sich von allen übrigen physischen
Doktrinen, zum Beispiel, daß *) Alles Körper und Leeres sei,
25 daß**) es unteilbare Grundstoffe gebe. Man sieht, es ist hier
durchaus kein Grund vorhanden, anzunehmen, es sei von einer
sekundären Gattung Atome die Rede***). Vielleicht scheint es,
daß die Disjunktion zwischen το πάν σώμα καί άναφης φύσις und
δτι τά άτομα στοιχεία einen Unterschied zwischen σώμα und
30 άτομα στοιχεία poniere, wo dann etwa σώμα die Atome der
ersten Art im Gegensatz zu den άτομα στοιχεία bedeute. Allein
daran ist gar nicht zu denken. Σώμα bedeutet das Körperliche
im Gegensatz zum Leeren, das daher auch άσώματον heißt5).
In σώμα sind daher ebensowohl die Atome als die zusammen-
35 gesetzten Körper einbegriffen. So wird z. B. in dem Briefe an den
Herodot gesagt: το παν ίστι σώμα ... εΐ μή ήν δ κενόν
καί χώραν καί άναφή φύσιν δνομάζομεν . . . Τών σωμάτων τά
·) daß von Marx korr. aus von der Lehre, nach der
··) sei, daß ... gebe von Marx korr. aus ist, aber nach der... gibt.
···) Nach Rede folgender Satz gestr. Mit demselben Recht und Unrecht könnte
man aus dieser Stelle αρχή δε τούτων ούκ έστιν, αίτιων [bei Usener αΓό/ών]
τών άτόμων σναων^) schließen, Epikur habe eine dritte Art — άτομα αίτια
— angenommen.
38
Die Doktordissertation
άεν έστι συ γ κρ ίσε ι ς, τά δ’έξ ών cd συγκρίσεις πεποίηνται. τ a ύτ a
με έστιν άτομα και αμετάβλητα . . . ώστε τάς άρχάς άτόμους
δναγκαίον είναι σωμάτων φύσεις9). Epikur spricht also in der
oben erwähnten Stelle zuerst vom Körperlichen überhaupt
im Unterschiede vom Leeren, dann von dem besonderen Kör- 5
perlichen, den Atomen*).
Schaubachs Berufung auf den Aristoteles beweist ebenso¬
wenig. Der Unterschied zwischen αρχή und στοιχειον, den vor¬
zugsweise die Stoiker urgieren7), findet sich zwar auch bei Aristo¬
teles8), allein nicht minder gibt er auch die Identität beider Aus- 10
drücke an®). Er lehrt sogar ausdrücklich, στοιχεΐον bezeichne
vorzugsweise das Atom10). Ebenso nennen auch Leukipp und
Demokrit das πλήρες καί κενόν „στοιχεϊον* Μ).
Bei Lukrez, in den Briefen des Epikur bei Diogenes Laertius,
im Kolotes des Plutarch12), vom Sextus Empiricus1’) werden die 15
Eigenschaften den Atomen selbst beigelegt, weshalb sie eben als
sich selbst aufhebend bestimmt wurden.
Wenn es aber für eine Antinomie gilt, daß bloß durch die Ver¬
nunft wahrnehmbare Körper mit räumlichen Qualitäten begabt
sind: so ist es eine viel größere Antinomie, daß die räumlichen 20
Qualitäten selbst nur durch den Verstand perzipiert werden
können14 ).
Endlich führt Schaubach zur weiteren Begründung seiner An¬
sicht folgende Stelle des Stobäus an: ’Επίκουρος . . . τά πρώτα
(sc. σώματα) μεν άπλά, τα δό έξ έκείνων συγκρίματα πάντα βάρος Ιχείν. 25
Dieser Stelle bei Stobäus könnten noch folgende hinzugefügt wer¬
den, in denen άτομα στοιχεία als eine besondere Art Atome er¬
wähnt werden: (Plutarch) De placitis philosopho-
rum I, 246 und 249, und Stob. Ec log. phys. I, p. 516).
Übrigens wird keineswegs in diesen Stellen behauptet, die ur- 30
sprünglichen Atome seien ohne Größe, Gestalt und Schwere. Es
wird vielmehr nur von der Schwere als einem differenten Merk¬
male der άτομοι άρχαί und άτομα στοιχεία gesprochen. Wir be¬
merkten aber schon im vorigen Kapitel, daß diese nur bei der
Repulsion und den aus ihr entstehenden Konglomerationen an- 35
gewandt wird.
Mit der Erdichtung der άτομα στοιχεία wird auch nichts
gewonnen. Es ist ebenso schwierig, aus den άτομοι άρχαί zu den
άτομα στοιχεία überzugehen, als ihnen direkt Eigenschaften bei¬
zulegen. Nichtsdestoweniger leugne ich nicht durchaus jene Unter- io
Scheidung. Ich leugne nur zwei verschiedene fixe Arten von
·) Nach Atomen folg. Satz vertikal gestrichen Άτομα στοιχεία hat daselbst
keine andere Bedeutung als die άτομοι φύσεις, von denen gesagt wird, sie seien
άρχαί in der zuletzt allegierten Stelle.
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
39
Atomen. Es sind vielmehr unterschiedene Bestimmungen einer
und derselben Art.
Ehe ich diesen Unterschied auseinandersetze, mache ich noch
aufmerksam auf eine Manier des Epikur. Er setzt nämlich die
5 verschiedenen Bestimmungen eines Begriffes gern als verschiedene
selbständige Existenzen. Wie sein Prinzip das Atom ist, so ist die
Weise seines Wissens selbst atomistisch. Jedes Moment der Ent¬
wicklung verwandelt sich ihm unter der Hand sogleich in eine fixe,
von ihrem Zusammenhänge gleichsam durch den leeren Raum
10 getrennte Wirklichkeit; alle Bestimmung nimmt die Gestalt der
isolierten Einzelheit an.
Aus folgendem Beispiel wird diese Manier klar werden.
Das Unendliche, το άπειρον 9 oder die infinitio, wie Cicero
übersetzt, wird zuweilen als eine besondere Natur vom Epikur
15 gebraucht; ja gerade in denselben Stellen, in denen wir die
στοιχεία als eine fix zugrunde liegende Substanz bestimmt finden,
finden wir auch das Απειρον verselbständigt18).
Nun ist aber das Unendliche nach den eigenen Bestimmungen
des Epikur weder eine besondere Substanz noch etwas außer den
20 Atomen und dem Leeren, sondern vielmehr eine akzidentielle Be¬
stimmung derselben. Wir finden nämlich drei Bedeutungen des
Απειρον.
Erstens drückt das Απειρον dem Epikur eine Qualität aus, die
den Atomen und dem Leeren gemein ist. So bedeutet es die Un-
25 endlichkeit des Alls, das unendlich ist durch die unendliche Viel¬
heit der Atome, durch die unendliche Größe des Leeren17).
Das andere Mal ist απειρία*) die Vielheit der Atome, so daß
nicht das Atom, sondern die unendlich vielen Atome dem Leeren
entgegengesetzt werden18).
30 Endlich, wenn wir vom Demokrit auf den Epikur schließen
dürfen, bedeutet Απειρον auch gerade das Gegenteil, die unbe¬
grenzte Leere, die dem in sich bestimmten und durch sich selbst
begrenzten Atom opponiert wird19).
In allen diesen Bedeutungen — und sie sind die einzigen, so-
35 gar die einzig möglichen für die Atomistik — ist das Unendliche
eine bloße Bestimmung der Atome und des Leeren. Nichtsdesto¬
weniger wird es zu einer besonderen Existenz verselbständigt, so¬
gar als eine spezifische Natur neben die Prinzipien gestellt, deren
Bestimmtheit es ausdrückt **).
<o Mag daher Epikur selbst die Bestimmung, in der das Atom
στοιχεϊον wird, als eine selbständige, ursprüngliche Art Atom
fixiert haben, was übrigens, nach der historischen Prävalenz der
einen Quelle vor der anderen zu schließen, nicht der Fall ist; oder
*) Vor Απειρία gestrichen Απειρον oder
*·) Nach ausdrückt gestr. Dies Beispiel ist überzeugend.
40
Die Doktordissertation
mag Metrodor, der Schüler des Epikur, was uns wahrscheinlicher
dünkt, erst die unterschiedene Bestimmung in eine unterschiedene
Existenz verwandelt haben20) : wir müssen der subjektiven Weise
des atomistischen Bewußtseins die Verselbständigung der ein¬
zelnen Momente zuschreiben. Dadurch, daß man verschiedenen 5
Bestimmungen die Form verschiedener Existenz verleiht, hat man
ihren Unterschied nicht begriffen.
Das Atom hat dem Demokrit nur die Bedeutung eines στοιχεϊον,
eines materiellen Substrats. Die Unterscheidung zwischen dem
Atom als αρχή und στοιχεϊον, als Prinzip und Grundlage, gehört 10
dem Epikur. Ihre Wichtigkeit wird aus folgendem erhellen.
Der Widerspruch zwischen Existenz und Wesen, zwischen Ma¬
terie und Form, der im Begriff des Atoms liegt, ist am einzelnen
Atom selbst gesetzt, indem es mit Qualitäten begabt wird. Durch
die Qualität ist das Atom seinem Begriff entfremdet, zugleich aber 15
in seiner Konstruktion vollendet. Aus der Repulsion und den da¬
mit zusammenhängenden Konglomerationen der qualifizierten
Atome entsteht nun die erscheinende Welt.
Bei diesem Übergange aus der Welt des Wesens in die Welt der
Erscheinung erreicht offenbar der Widerspruch im Begriff des 20
Atoms seine grellste Verwirklichung. Denn das Atom ist seinem
Begriff nach die absolute, wesentliche Form der Natur. Diese
absolute Form ist jetzt zur absoluten Materie,
zum formlosen Substrat der erscheinenden
Welt degradiert. èè
Die Atome sind zwar Substanz der Natur21), aus der Alles
sich erhebt, in die Alles sich auflöst22); aber die stete Vernich¬
tung der erscheinenden Welt kommt zu keinem Resultat. Es
bilden sich neue Erscheinungen; das Atom selbst aber bleibt
immer als Bodensatz zu Grunde liegen28). Soweit also das Atom 30
seinem reinen Begriff nach gedacht wird, ist der leere Raum, die
vernichtete Natur, seine Existenz; soweit es zur Wirklichkeit fort¬
geht, sinkt es zur materiellen Basis herab, die, Träger einer Welt
von mannigfaltigen Beziehungen, nie anders als in ihr gleich¬
gültigen und äußerlichen Formen existiert. Es ist dies eine 35
notwendige Konsequenz, weil das Atom, als Abstrakt - Ein¬
zelnes und Fertiges vorausgesetzt, nicht als idealisierende und
übergreifende Macht jener Mannigfaltigkeit sich zu betätigen
vermag.
Die abstrakte Einzelheit ist die Freiheit vom Dasein, nicht die 40
Freiheit im Dasein. Sie vermag nicht, im Licht des Daseins zu
leuchten. Es ist dies ein Element, in welchem sie ihren Charakter
verliert und materiell wird. Daher tritt das Atom nicht in den
Tag der Erscheinung24) oder sinkt zur materiellen Basis herab,
wo es in sie tritt. Das Atom als solches existiert nur in der Leere. 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
41
So ist der Tod der Natur ihre unsterbliche Substanz geworden;
und mit Recht ruft Lukrez aus: *)
mortalem vitam mors [quum] immortalis ademit.
Daß aber Epikur den Widerspruch in dieser seiner höchsten
5 Spitze faßt und vergegenständlicht, also das Atom, wo es zur
Basis der Erscheinung wird, als στοιχεϊον vom Atom, wie es im
Leeren existiert, als άρχή unterscheidet, ist sein philosophischer
Unterschied vom Demokrit, der nur das eine Moment vergegen¬
ständlicht. Es ist dies derselbe Unterschied, der in der Welt des
io Wesens, dem Reiche der Atome und des Leeren, den Epikur vom
Demokrit trennt. Da aber erst das qualifizierte Atom das voll¬
endete ist, da erst aus dem vollendeten und seinem Begriff ent¬
fremdeten Atom die erscheinende Welt hervorgehen kann: so
drückt dies Epikur so aus, daß erst das qualifizierte Atom
ία στοιχεϊον werde oder erst das άτομον στοιχεϊον mit Qualitäten
begabt sei.
Viertes Kapitel
Die Zeit
Da im Atom die Materie als reine Beziehung auf sich aller
20 Veränderlichkeit und Relativität enthoben ist: so folgt unmittel¬
bar, daß die Zeit aus dem Begriffe des Atoms, der Welt des
Wesens, auszuschließen ist. Denn die Materie ist nur ewig und
selbständig, insofern von dem zeitlichen Moment in ihr abstrahiert
wird. Hierin stimmen auch Demokrit und Epikur überein. Sie
25 differieren aber in der Art und Weise, wie die Zeit, die aus der
Welt der Atome entfernt ist, nun bestimmt, wohin sie verlegt wird.
Dem Demokrit hat die Zeit keine Bedeutung, keine Notwendig¬
keit für das System. Er erklärt sie, um sie aufzuheben. Als ewig
wird sie bestimmt, damit, wie Aristoteles1) und Simplicius’)
30 sagen, Entstehen und Vergehen, also das Zeitliche, von den
Atomen entfernt werde. Sie selbst, die Zeit, biete den Beweis dar,
daß nicht Alles einen Ursprung, einen Moment des Anfangs haben
müsse.
Es ist hierin ein Tieferes anzuerkennen. Der imaginierende
35 Verstand, der die Selbständigkeit der Substanz nicht begreift,
fragt nach ihrem zeitlichen Werden. Es entgeht ihm dabei, daß,
indem er die Substanz zu einem Zeitlichen**), er zugleich die Zeit
zu einem Substanziellen macht und damit ihren Begriff aufhebt;
denn die absolut gemachte Zeit ist nicht mehr zeitlich.
·) HI, 882; bei Diels 869.
··) Nach Zeitlichen gestrichen macht
42
Die Doktordissertation
Allein andererseits ist diese Lösung unbefriedigend. Die Zeit,
aus der Welt des Wesens ausgeschlossen, wird in das Selbst¬
bewußtsein des philosophierenden Subjekts verlegt, berührt aber
nicht die Welt selbst.
Anders Epikur. Aus der Welt des Wesens ausgeschlossen, wird 5
ihm die Zeit zur absoluten Form der Erschei¬
nung. Sie wird nämlich bestimmt als Akzidens des Akzidens.
Das Akzidens ist die Veränderung der Substanz überhaupt. Das
Akzidens des Akzidens ist die Veränderung als in sich reflek¬
tierende, der Wechsel als Wechsel. Diese reine Form der erschei- 10
nenden Welt ist nun die Zeit8).
Die Zusammensetzung ist die bloß passive Form der kon¬
kreten Natur, die Zeit ihre aktuose Form. Betrachte ich die Zu¬
sammensetzung ihrem Dasein nach: so existiert das Atom hinter
ihr, im Leeren, in der Einbildung; betrachte ich das Atom seinem 15
Begriffe nach: so existiert die Zusammensetzung entweder gar
nicht oder nur in der subjektiven Vorstellung; denn sie ist eine
Beziehung, in welcher die selbständigen, in sich verschlossenen,
gegeneinander gleichsam interesselosen Atome ebenso sehr nicht
aufeinander bezogen sind. Die Zeit dagegen, der Wechsel des 20
Endlichen, indem er als Wechsel gesetzt wird, ist ebenso sehr die
wirkliche Form, die die Erscheinung vom Wesen trennt, sie als
Erscheinung setzt, als sie in das Wesen zurückführt. Die Zu¬
sammensetzung drückt nun die Materialität sowohl der Atome
aus, als der Natur, die aus ihnen sich erhebt. Die Zeit dagegen 25
ist in der Welt der Erscheinung, was der Begriff des Atoms in der
Welt des Wesens ist, nämlich die Abstraktion, Vernichtung und
Zurückführung alles bestimmten Daseins in das Fürsichsein.
Aus diesen Betrachtungen ergeben sich folgende Konsequenzen.
Erstens macht Epikur den Widerspruch zwischen Materie und 30
Form zum Charakter der erscheinenden Natur, die so das Gegen¬
bild der wesentlichen, des Atoms, wird. Dies geschieht, indem
dem Raume die Zeit, der passiven Form der Erscheinung die
aktive entgegengesetzt wird. Zweitens wird erst bei Epikur die
Erscheinung als Erscheinung aufgefaßt, das heißt als eine Ent- 35
fremdung des Wesens, die sich selbst in ihrer Wirklichkeit als
solche Entfremdung betätigt. Bei Demokrit dagegen, dem die
Zusammensetzung die einzige Form der erscheinenden Natur ist,
zeigt die Erscheinung nicht an sich selbst, daß sie Erscheinung,
ein vom Wesen Unterschiedenes ist. Also ihrer Existenz nach be- 40
trachtet, wird das Wesen gänzlich mit ihr konfundiert, ihrem Be¬
griff nach gänzlich von ihr getrennt, so daß sie zum subjektiven
Schein herabsinkt. Die Zusammensetzung verhält sich gleich¬
gültig und materiell gegen ihre wesentlichen Grundlagen. Die Zeit
dagegen ist das Feuer des Wesens, das die Erscheinung ewig ver- 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
43
zehrt und ihr den Stempel der Abhängigkeit und Wesenlosigkeit
aufdrückt. Endlich, indem nach Epikur die Zeit der Wechsel
als Wechsel, die Reflexion der Erscheinung in sich ist, wird mit
Recht die erscheinende Natur als objektiv gesetzt, mit Recht die
5 sinnliche Wahrnehmung zum realen Kriterium der konkreten
Natur gemacht, obgleich das Atom, ihr Fundament, nur durch die
Vernunft geschaut wird.
Weil nämlich die Zeit die abstrakte Form der sinnlichen Wahr¬
nehmung ist: so ist nach der atomistischen Weise des epikureischen
10 Bewußtseins die Notwendigkeit vorhanden, daß sie als eine be¬
sonders existierende Natur in der Natur fixiert werde. Die Ver¬
änderlichkeit der sinnlichen Welt nun als Veränderlichkeit, ihr
Wechsel als Wechsel, diese Reflexion der Erscheinung in sich, die
den Begriff der Zeit bildet, hat ihre gesonderte Existenz in der
15 bewußten Sinnlichkeit. Die Sinnlichkeit des Menschen
ist also die verkörperte Zeit, die existierende
Reflexion der Sinnenwelt in sich.
Wie dies aus der Begriffsbestimmung der Zeit bei Epikur
unmittelbar sich ergibt, so läßt es sich auch ganz bestimmt im
2o Einzelnen nachweisen. In dem Briefe des Epikur an den Herodot*)
wird die Zeit so bestimmt, daß sie entstehe, wenn die von den
Sinnen perzipierten Akzidenzen der Körper als Akzidenzen ge¬
dacht werden. Die in sich reflektierte Sinnenperzeption ist hier
also die Quelle der Zeit und die Zeit selbst. Daher ist nicht nach
25 Analogie die Zeit zu bestimmen noch ein Anderes von ihr aus¬
zusagen, sondern die Enargie selbst festzuhalten; denn, weil die
in sich reflektierte Sinnenperzeption die Zeit selbst ist, ist nicht
über sie hinauszugehen.
Dagegen bei Lukrez, Sextus Empiricus und Sto-
jobäus*) wird das Akzidens des Akzidens, die in sich reflektierte
Veränderung, als Zeit bestimmt. Die Reflexion der Akzidenzen in
der Sinnenperzeption und ihre Reflexion in sich selbst werden
daher als Eines und Dasselbe gesetzt.
Durch diesen Zusammenhang zwischen der Zeit und der Sinn¬
es lichkeit erhalten auch die είδωλα, die ebenso bei Demokrit sich
finden, eine konsequentere Stellung.
Die είδωλα sind die Formen der Naturkörper, die sich als
Oberflächen gleichsam von ihnen abhäuten und sie in die Er¬
scheinung tragen*). Diese Formen der Dinge strömen beständig
4o von ihnen aus und dringen in die Sinne und lassen eben dadurch
die Objekte erscheinen. Im Hören hört daher die Natur sich selbst,
im Riechen riecht sie sich selbst, im Sehen sieht sie sich selbst7).
Die menschliche Sinnlichkeit ist so das Medium, in dem, als in
einem Fokus, die Naturprozesse sich reflektieren und zum Lichte
45 der Erscheinung entzünden.
44
Die Doktordissertation
Bei Demokrit ist dies eine Inkonsequenz, da die Erschei¬
nung nur subjektiv ist; bei Epikur eine notwendige Folge, da die
Sinnlichkeit die Reflexion der erscheinenden Welt in sich, ihre
verkörperte Zeit ist.
Endlich zeigt sich der Zusammenhang der Sinnlichkeit und s
der Zeit so, daß die Zeitlichkeit der Dinge und ihre
Erscheinung für die Sinne als eins an ihnen
selbst gesetzt wird. Denn eben dadurch, daß die Körper
den Sinnen erscheinen, vergehen sie8). Indem nämlich die είδωλα
sich beständig von den Körpern abtrennen und in die Sinne 10
strömen, indem sie ihre Sinnlichkeit außer sich als eine andere
Natur haben, nicht an sich selbst, also nicht aus der Diremtion
zurückkehren: lösen sie sich auf und vergehen.
Wie also das Atom nichts als die Naturform
des abstrakten, einzelnen Selb stbewuß ts eins 15
ist: so ist die sinnliche Natur nur das ver¬
gegenständlichte empirische, einzelne Selbst¬
bewußtsein, und dies ist das sinnliche. Die
Sinne sind daher die einzigen Kriterien in der
konkreten Natur, wie die abstrakte Vernunft?#
in der Welt der Atome.
Fünftes Kapitel
Die Meteore
Demokrits astronomische Ansichten mögen scharfsinnig
sein für den Standpunkt seiner Zeit. Philosophisches Interesse 2.5
ist ihnen nicht abzugewinnen. Weder verlassen sie den Kreis
empirischer Reflexion, noch stehen sie in bestimmterem inneren
Zusammenhang mit der Atomenlehre.
Dagegen Epikurs Theorie von den Himmelskörpern und den
mit ihnen zusammenhängenden Prozessen oder von den Μ e - 30
teoren (in welchem einen Ausdruck er dies zusammenfaßt)
steht im Gegensatz nicht nur zur Meinung Demokrits, sondern
zur Meinung der griechischen Philosophie. Die Verehrung der
Himmelskörper ist ein Kultus, den alle griechischen Philosophen
feiern. Das System der Himmelskörper ist die erste naive und 35
naturbestimmte Existenz der wirklichen Vernunft. Dieselbe Stel¬
lung hat das griechische Selbstbewußtsein im Reich des Geistes.
Es ist das geistige Sonnensystem. Die griechischen Philosophen
beteten daher in den Himmelskörpern ihren eigenen Geist an.
Anaxagoras selbst, der zuerst den Himmel physisch er- 40
klärte und ihn so in einem anderen Sinne, als Sokrates, auf die
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 45
Erde herabzog, antwortete, als man ihn fragte, wozu er geboren sei:
εις θεωρίαν ήλίου καί σελήνης καί ουρανού1). Xenophanes
aber schaute zum Himmel und sagte: Das Eine sei der Gott’).
Von den Pythagoreern und Plato, von Aristoteles
5 ist die religiöse Beziehung zu den Himmelskörpern bekannt.
Ja, der Anschauung des ganzen griechischen Volkes tritt Epikur
entgegen.
Es scheint manchmal, sagt Aristoteles, der Begriff für
die Phänomene zu zeugen, und die Phänomene für den Begriff.
io So haben alle Menschen eine Vorstellung von den Göttern und
schreiben dem Göttlichen den obersten Sitz zu, sowohl Barbaren
als Hellenen, überhaupt alle, so viele an das Dasein der Götter
glauben, offenbar das Unsterbliche dem Unsterblichen ver¬
knüpfend; denn anders ist es unmöglich. Wenn also ein Gött-
liches ist — wie es denn wirklich ist: so ist auch unsere Behaup¬
tung über die Substanz der Himmelskörper richtig. Es entspricht
dies aber auch der sinnlichen Wahrnehmung, um für menschliche
Überzeugung zu sprechen. Denn in der ganzen vergangenen Zeit
scheint, nach der wechselseitig überlieferten Erinnerung, sich
so nichts verändert zu haben, weder an dem ganzen Himmel noch
an irgendeinem seiner Teile. Auch der Name scheint von den
Alten überliefert zu sein bis zur Jetztwelt, indem sie dasselbe
annahmen, was auch wir sagen. Denn nicht einmal, nicht zwei¬
mal, sondern unendlichmal sind dieselben Ansichten zu uns ge-
u langt. Weil nämlich der erste Körper etwas anderes ist, außer der
Erde und dem Feuer und der Luft und dem Wasser: benannten
sie den obersten Ort „Äther“ von θεϊν άεί, die ewige Zeit ihm als
Beinamen gebend *). Den Himmel aber und den oberen Ort teilten
die Alten den Göttern zu, weil er allein imsterblich ist. Die jetzige
so Lehre bezeugt aber, daß er unzerstörbar, unentstanden, unteil-
haft ist alles sterblichen Mißgeschicks. Auf diese Weise ent¬
sprechen zugleich unsere Begriffe der Wahrsagung über den
Gott*). Daß aber ein*) Himmel ist, ist offenbar. Überliefert
ist von den Vorfahren und Alten, zurückgeblieben in der Gestalt
35 des Mythos der Späteren, daß die Himmelskörper Götter sind
und daß das Göttliche die ganze Natur umfängt. Das Andere wurde
mythisch hinzugetan für den Glauben der Vielen, als nützlich
für die Gesetze und das Leben. Denn menschenähnlich und
einigen der anderen Lebendigen ähnlich machen sie die Götter,
40 und erdichten dergleichen hiermit Zusammenhängendes und Ver¬
wandtes. Wenn jemand hiervon das Übrige abtrennt und nur das
Erste festhält, ihren Glauben, daß die ersten Substanzen Götter
seien: so muß er es für göttlich gesagt halten, und daß, nachdem,
*) Von Marx korr. aus einer der
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 9
46 Die Doktordissertation
wie es sich traf, jede mögliche Kunst und Philosophie erfunden
und wieder verlorengegangen war, diese Meinungen, Reliquien
gleich, auf die Jetztwelt gelangt seien5).
Epikur dagegen: Zu diesem allen ist das hinzuzudenken,
daß die größte Verwirrung der menschlichen Seele dadurch ent- 5
steht, daß sie die Himmelskörper für selig und unzerstörbar
halten und ihnen entgegengesetzte Wünsche und Handlungen
haben, und Verdacht schöpfen nach den Mythen*). Was die
Meteore betrifft, muß man glauben, daß in ihnen Bewegung und
Lage und Eklipsis und Aufgang und Niedergang und diesen Ver-10
wandtes nicht entsteht, indem Einer regiert und anordnet oder
angeordnet hat, der zugleich alle Seligkeit neben der Unzerstör¬
barkeit besäße. Denn nicht stimmen Handlungen mit der Selig¬
keit überein, sondern, der Schwäche, der Furcht und dem Be¬
dürfnis am meisten verwandt, geschehen sie. Noch ist zu meinen, n
daß einige feuerartige Körper, die Seligkeit besitzen, willkürlich
diesen Bewegungen sich unterziehen. Stimmt man nun hiermit
nicht überein: so bereitet dieser Gegensatz selbst die größte Ver¬
wirrung den Seelen7).
Wenn Aristoteles daher den Alten vorgeworfen hat * ), 20
sie glaubten, der Himmel bedürfe zu seiner Stütze des Atlas8),
der )
προς έσπέρους τόπους
εστηκε κίον ουρανού τε και χ^ονός
ώμοιν έρείδων (Aischyl. Prometh. 348 sq ) 25
so tadelt Epikur dagegen die, die glauben, der Mensch bedürfe
des Himmels; und den Atlas selbst, auf den sich der Himmel
stützt, findet er in der menschlichen Dummheit und dem Aber¬
glauben. Auch die Dummheit und der Aberglaube sind Titanen.
• Der ganze Brief des Epikur an den Pythokles handelt von der 30
Theorie der Himmelskörper, die letzte Sektion ausgenommen.
Sie beschließt die Epistel mit ethischen Sentenzen. Und pas¬
send ***) werden der Lehre von den Meteoren sittliche Maximen
angehängt. Diese Lehre ist dem Epikur eine Gewissensangelegen¬
heit. Unsere Betrachtung wird sich daher hauptsächlich auf dies 3s
Schreiben an den Pythokles stützen. Wir werden es ergänzen aus
dem Brief an den Herodot, auf den sich Epikur selbst beim
Pythokles beruft*).
Erstens ist nicht zu glauben, daß ein ander Ziel aus der
Erkenntnis der Meteore, werde sie im Ganzen oder im Besonderen «
gefaßt, sich erreichen lasse als die Ataraxie und feste Zuversicht,
*) den Alten vorgeworfen hat von Marx korr. aus die Alten getadelt hat.
**) Das griech. Zitat von Marx korr. aus der lateinischen Übersetzung axem
humero torqueat stellis fulgentibus aptam.
*··) passend von Marx korr. aus nicht zufällig
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie 47
wie aus der übrigen Naturwissenschaft10). Nicht der Ideologie und
der leeren Hypothesen hat unser Leben not, sondern des, daß wir
ohne Verwirrung leben. Wie es das Geschäft der Physiologie
überhaupt ist, die Gründe des Hauptsächlichsten zu erforschen:
5 so beruht auch hierin die Glückseligkeit in der Erkenntnis der
Meteore. An und für sich enthält die Theorie vom Untergang und
Aufgang, von der Lage und Eklipsis keinen besonderen Grund
der Glückseligkeit; nur daß Schrecken die innehat, die dies
sehen, ohne seine Natur zu erkennen und seine Hauptursachen n).
10 Bis hierher wird nur der Vorrang verneint, den die Theorie der
Meteore vor den anderen Wissenschaften haben sollte, und sie in
dasselbe Niveau gestellt.
Allein die Theorie der Meteore unterscheidet sich
auch spezifisch, sowohl von der Weise der Ethik als den
15 übrigen physischen Problemen, zum Beispiel, daß es unteilbare
Elemente gibt und dergleichen, wo nur eine einzige Erklärung den
Phänomenen entspricht. Denn dies findet bei den Meteoren nicht
statt12). Diese haben keine einfache Ursache der Entstehung und
mehr als eine Kategorie des Wesens, welche den Phänomenen ent·
2o spricht. Denn nicht nach leeren Axiomen und Gesetzen ist die
Physiologie zu betreiben18). Es*) wird stets wiederholt, daß
nicht απλώς (einfach, absolut), sondern πολλαχώς (vielfach) die
Meteore zu erklären seien. So über Aufgang und Untergang von
Sonne und Mond14), über das Wachsen und Abnehmen des
^Mondes15), über den Schein des Gesichts im Monde10), über
den Wechsel der Tag- und Nachtlänge17) und die übrigen
zölestischen Erscheinungen.
Wie soll denn nun erklärt werden?
Jede Erklärung genügt. Nur der Mythos sei entfernt. Er wird
3o aber entfernt sein, wenn man, den Phänomenen folgend, von ihnen
auf das Unsichtbare schließt18). An die Erscheinung ist sich
festzuhalten, an die sinnliche Wahrnehmung. Die Analogie ist
daher anzuwenden. So kann man sich die Furcht wegerklären und
sich von derselben befreien, Gründe angebend über die Metéore
35 und das Übrige, was immer zutrifft und die anderen Menschen
am meisten bestürzt19).
Die Masse der Erklärungen, die Vielheit der Möglichkeiten
soll nicht nur das Bewußtsein beruhigen und die Gründe der
Angst entfernen, sondern zugleich die Einheit, das sich gleiche
μ und absolute Gesetz in den Himmelskörpern selbst negieren.
Bald so, bald anders könnten sie sich verhalten; diese gesetzlose
Möglichkeit sei der Charakter ihrer Wirklichkeit; alles in ihnen
sei unbeständig und unstät”). Die Vielheit der Erklä¬
*) Von Marx korr. aus Dies
9·
48
Die Doktordissertation
rungen soll zugleich die Einheit des Objektes
aufheben.
Während also Aristoteles in Übereinstimmung mit den
anderen griechischen Philosophen die Himmelskörper ewig und
imsterblich macht, weil sie immer auf dieselbe Weise sich ver- 5
halten; während er ihnen selbst ein eigenes, höheres, der Macht
der Schwere nicht unterworfenes Element zuschreibt: behauptet
Epi kur im direkten Gegensatz, gerade umgekehrt verhalte es
sich. Dadurch sei die Theorie der Meteore spezifisch unterschieden
von aller übrigen physischen Doktrin, daß in ihnen alles mehrfach 10
und ungeregelt geschehe, daß alles in ihnen durch mannigfaltige,
unbestimmt viele Gründe zu erklären sei. Ja, erzürnt und heftig
eifernd, verwirft er die Gegenmeinung: die sich an einer Erklä¬
rungsweise halten und alle anderen ausschließen, die ein Einiges,
daher Ewiges und Göttliches in den Meteoren annehmen, verfallen 15
in eitle Erklärerei und den sklavischen Kunststücken der Astro¬
logen; sie überschreiten die Grenzen der Physiologie und werfen
sich dem Mythos in die Arme; Unmögliches suchen sie zu voll¬
bringen, und mit Sinnlosem mühen sie sich ab; nicht einmal wissen
sie, wo die Ataraxie selbst in Gefahr kommt. Ihr Geschwätz ist zu 20
verachten21). Fern muß man sich halten von dem Vorurteil,
als sei die Forschung über jene Gegenstände nicht gründlich und
subtil genug, soweit sie nur auf unsere Ataraxie und Glückselig¬
keit hinzielt22). Absolute Norm dagegen ist, daß nichts einer un¬
zerstörbaren und ewigen Natur zukommen kann, was die Ataraxie u
störe, was Gefahr hervorbringe. Das Bewußtsein muß fassen,
daß dies ein absolutes Gesetz ist28).
Epikur schließt also: Weil die Ewigkeit der Him¬
melskörper die Ataraxie des Selbstbewußtseins
stören würde, ist es eine notwendige, stringentem
Konsequenz, daß sie nicht ewig sind.
Wie ist nun diese eigentümliche Ansicht des Epikur zu be¬
greifen?
Alle Autoren, die über epikureische Philosophie geschrieben,
haben diese Lehre als inkohärent mit der übrigen Physik, mit 35
der Atomenlehre, dargestellt. Der Kampf gegen die Stoiker, den
Aberglauben, die Astrologie seien zureichende Gründe.
Und wir haben gehört, Epikur selbst unterscheidet die Me¬
thode, die in der Theorie der Meteore angewandt wird, von der
Methode der übrigen Physik. Allein in welcher Bestimmung 40
seines Prinzips liegt die Notwendigkeit dieser Unterscheidung?
Wie kommt er auf den Einfall?
Und nicht nur gegen die Astrologie, gegen die Astronomie
selbst, gegen das ewige Gesetz und die Vernunft im Himmels¬
system kämpft er an. Endlich der Gegensatz gegen die Stoiker 45
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
49
erklärt nichts. Ihr Aberglaube und ihre ganze Ansicht war schon
widerlegt, wenn die zölestischen Körper als zufällige Kom-
plexionen der Atome, ihre Prozesse als zufällige Bewegungen
derselben ausgesprochen wurden. Ihre ewige Natur war damit
5 vernichtet — eine Konsequenz, die aus jener Prämisse zu ziehen
Demokrit sich begnügte”). Ja, ihr Dasein selbst war damit auf¬
gehoben25). Es bedurfte also für den Atomistiker keiner neuen
Methode.
Dies ist noch nicht die ganze Schwierigkeit. Eine rätselvollere
10 Antinomie erhebt sich *).
Das Atom ist die Materie in der Form der Selbständigkeit, der
Einzelheit, gleichsam die vorgestellte Schwere. Die höchste Wirk¬
lichkeit aber der Schwere sind die Himmelskörper. In ihnen sind
alle Antinomien zwischen Form und Materie, zwischen Begriff
is und Existenz, die die Entwicklung des Atoms bildeten, gelöst, in
ihnen alle Bestimmungen, die gefordert wurden, verwirklicht. Die
zölestischen Körper sind ewig und unveränderlich; ihren Schwer¬
punkt haben sie in sich, nicht außer sich; ihr einziger Akt ist die
Bewegung, und, getrennt durch den leeren Raum, beugen sie aus
20 von der geraden Linie, bilden ein System der Repulsion und
Attraktion, in dem sie ebenso sehr ihre Selbständigkeit bewahren,
und erzeugen endlich die Zeit, als die Form ihrer Erscheinung,
aus sich selbst. Die Himmelskörper sind also die
wirklich gewordenen Atome. In ihnen hat die Materie
25 in sich selbst die Einzelheit empfangen. Hier also mußte Epikur
die höchste Existenz seines Prinzips, den Gipfel und Schlußpunkt
seines Systems erblicken. Er gab vor, die Atome zu unterstellen,
damit unsterbliche Fundamente der Natur zugrunde lägen. Er
gab vor, daß es ihm um die substanziale Einzelheit der Materie
30 zu tun sei. Wo er aber die Realität seiner Natur — denn er kennt
keine andere als die mechanische — vorfindet, die selbständige,
unzerstörbare Materie, in den Himmelskörpern, deren Ewigkeit
und Unveränderlichkeit der Glaube der Menge, das Urteil der
Philosophie, das Zeugnis der Sinne bewies: da ist es sein einziges
os Streben, in die irdische Vergänglichkeit sie hinabzuziehen; da
wendet er sich eifernd gegen die Verehrer der selbständigen, den
Punkt der Einzelheit in sich besitzenden Natur. Dies ist sein
größter Widerspruch.
Epikur fühlt daher, daß seine früheren Kategorien hier zu·
oo sammenbrechen, daß die Methode seiner Theorie**) eine andere
wird. Und es ist die tiefste Erkenntnis seines Systems,
die durchgedrungenste Konsequenz, daß er dies fühlt und bewußt
ausspricht.
*) Nach sich gestrichen die man bisher nicht geahnt hat.
**) Von Marx korr. aus Theorie seiner Methode
50 Die Doktordiseertation
Wir haben nämlich gesehen, wie die ganze epikureische Natur¬
philosophie durchströmt ist von dem Widerspruch zwischen Wesen
und Existenz,zwischen Form und Materie. In den Himmels·
körpern aber ist dieser Widerspruch ausgelöscht,
sind die widerstreitenden Momente versöhnt. In dem zölestischen 3
System hat die Materie die Form in sich empfangen, die Einzel¬
heit in sich aufgenommen und so ihre Selbständigkeit erreicht.
Auf diesem Punkt aber hört sie auf, Affirma¬
tion des abstrakten Selbstbewußtseins zu sein.
In der Welt der Atome wie in der Welt der Erscheinung kämpfte u
die Form mit der Materie; die eine Bestimmung hob die andere
auf, und gerade in diesem Widerspruch fühlte das
abstrakt-einzelne Selbstbewußtsein seine Natur
vergegenständlicht. Die abstrakte Form, die mit der ab¬
strakten Materie unter der Gestalt der Materie kämpfte, war es w
selbst. Jetzt aber, wo die Materie sich mit der Form versöhnt
hat und verselbständigt ist, tritt das einzelne Selbstbewußtsein aus
seiner Verpuppung heraus und ruft sich als das wahre Prinzip
aus und befeindet die selbständig gewordene Natur.
Nach einer anderen Seite hin drückt sich dies so aus: Indem 2c
die Materie die Einzelheit, die Form, in sich empfangen, wie es
in den zölestischen Körpern der Fall ist, hat sie aufgehört,
abstrakte Einzelheit zu sein. Sie ist konkrete
Einzelheit, Allgemeinheit, geworden. In den
Meteoren glänzt also dem abstrakt-einzelnen Selbstbewußtsein 2«
seine sachlich gewordene Widerlegung entgegen — das Existenz
und Natur gewordene Allgemeine. Es erkennt daher in ihnen
seinen tödlichen Feind. Ihnen schreibt es also, wie Epikur es tut,
alle Angst und Verwirrung der Menschen zu; denn die Angst und
Auflösung des Abstrakt-Einzelnen ist das Allgemeine. Hier ver- M
birgt sich also das wahre Prinzip des Epikur, das abstrakt-einzelne
Selbstbewußtsein, nicht länger. Es tritt hervor aus seinem Ver¬
steck, und, befreit von materieller Vermummung, sucht es, durch
die Erklärung nach abstrakter Möglichkeit — was möglich ist,
kann auch anders sein ; von dem Möglichen ist auch das Gegenteil 33
möglich — die Wirklichkeit der selbständig gewordenen Natur
zu vernichten. Daher die Polemik gegen die, άΐβάπλώς, das ist
auf eine bestimmte Weise, die Himmelskörper erklären ; denn das
Eine ist das Notwendige und In-sich-Selbständige.
Solange also die Natur als Atom und Er·«
scheinung das einzelne Selbstbewußtsein und
seinen Widerspruch ausdrückt, tritt die Sub¬
jektivität des letzteren nur unter der Form der
Materie selbst hervor; wo sie dagegen selb¬
ständig wird, reflektiert es sich in sich, tritt «
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie
51
es ihr in seiner eigenen Gestalt als selbstän¬
dige Form gegenüber.
Es war von vornherein zu sagen, daß, wo das Prinzip des
Epikur sich verwirklicht, es aufhören werde, Wirklichkeit für ihn
5 zu haben. Denn würde das einzelne Selbstbewußtsein realiter
unter der Bestimmtheit der Natur oder die Natur unter seiner
Bestimmtheit gesetzt: so hätte seine Bestimmtheit, das heißt seine
Existenz aufgehört, da nur das Allgemeine im freien Unterschiede
von sich zugleich seine Affirmation wissen kann.
o In der Theorie der Meteore erscheint also die
Seele der epikureischen Naturphilosophie.
Nichts sei ewig, was die Ataraxie des einzelnen Selbstbewußtseins
vernichtet. Die Himmelskörper stören seine Ataraxie, seine
Gleichheit mit sich, weil sie die existierende Allgemeinheit sind,
5 weil in ihnen die Natur selbständig geworden ist.
Nicht also die Gastrologie des Archestratus, wie
Chrysippus meint”), sondern die Absolutheit und Freiheit
des Selbstbewußtseins ist das Prinzip der epikureischen Philo¬
sophie, wenn auch das Selbstbewußtsein nur unter der Form der
?o Einzelheit gefaßt wird.
Wird das abstrakt-einzelne Selbstbewußtsein als absolutes
Prinzip gesetzt: so ist zwar alle wahre und wirkliche Wissenschaft
insoweit aufgehoben, als nicht die Einzelheit in der Natur der
Dinge selbst herrscht. Allein zusammenstürzt auch alles, was
w gegen das menschliche Bewußtsein sich transzendent verhält, also
dem imaginierenden Verstände angehört. Wird dagegen das
Selbstbewußtsein, das sich nur unter der Form der abstrakten
Allgemeinheit weiß, zum absoluten Prinzip erhoben: so ist der
abergläubischen und unfreien Mystik Tür und Tor geöffnet. Der
30 historische Beweis davon findet sich in der stoischen Philosophie.
Das abstrakt-allgemeine Selbstbewußtsein hat nämlich den Trieb
in sich, in den Dingen selbst sich zu affirmieren, in denen es nur
affirmiert wird, indem es sie negiert.
Epikur ist daher der größte griechische Aufklärer, und ihm
35 gebührt das Lob des Lukrez ’7) :
human a ante oculos foede quam vita iaceret,
in terris oppressa gravi sub religione,
quae caput a caeli regionibus ostendebat,
horribili super aspectu mortalibus instans,
40 primum Graius homo mortalis tollere contra
est oculos ausus primusque obsistere contra;
quem nec fama Deum nec fulmina nec minitanti
murmure compressit caelum
quare religio pedibus subiecta vicissim
45 opteritur, nos exaequat Victoria caelo.
52
Die Doktordissertation
Der Unterschied zwischen demokritischer und epikureischer
Naturphilosophie, den wir am Schlüsse des allgemeinen Teils auf¬
gestellt, hat sich in allen Sphären der Natur weiter entwickelt
und bestätigt gefunden. Bei Epikur ist daher die Atomi¬
stik mit allen ihren Widersprüchen als die N a tu r w is sen- 5
schäft des Selbstbewußtseins, das sich unter der
Form der abstrakten Einzelheit absolutes Prinzip ist, bis zur
höchsten Konsequenz, welches ihre Auflösung und bewußter
Gegensatz gegen das Allgemeine ist, durchgeführt und vollendet.
Dem Demokrit dagegen ist das Atom nur der allgemein 20
objektive Ausdruck der empirischen Natur¬
forschung überhaupt. Das Atom bleibt ihm daher reine
und abstrakte Kategorie, eine Hypothese, die das Resultat der
Erfahrung, nicht ihr energisches Prinzip ist, die daher ebensowohl
ohne Realisierung bleibt, wie die reale Naturforschung nicht 15
weiter von ihr bestimmt wird.
[Fragment aus dem Anhang:]
[Kritik der plutarchisdien Polemik gegen
Epikurs Theologie]
[Π. Die individuelle Unsterblichkeit]
[1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle
des Pöbels]
Die Betrachtung wird wieder eingeteilt in das Verhältnis τών
5 αδίκων καί πονηρών, dann der πολλών καί ιδιωτών und endlich der
έπιεικών καί νουν έχόντων (S. 1104 l.c.) zu der Lehre von der
Fortdauer der Seele. Schon diese Einteilung in feste, qualitative
Unterschiede zeigt, wie wenig Plutarch den Epikur versteht, der
als Philosoph das wesentliche Verhältnis der menschlichen Seele
io überhaupt betrachtet.
Für die Ungerechten wird nun wieder die Furcht als Bes¬
serungsmittel angeführt, und ist der Schrecken der Unterwelt für
das sinnliche Bewußtsein gerechtfertigt. Wir haben diesen Ein¬
wurf schon betrachtet. Indem in der Furcht, und zwar einer
15 inneren, nicht zu erlöschenden Furcht der Mensch als Tier be¬
stimmt ist, so ist es bei einem Tiere überhaupt gleichgültig, wie
es in Schranken gehalten wird.
Wir kommen jetzt zur Ansicht der πολλοί, obgleich es sich am
Ende zeigt, daß wenige davon ausgenommen sind, ja um eigent-
20 lieh zu reden alle, δέω λέγειν πάντας, zu dieser Fahne schwören.
[XXVI.] τοις δε πολλοϊς καί άνευ φόβου περί τών έν $δου ή
παρά τό μυθώδες τής αϊδιότητος έλπίς, καί ό πό&ος του είναι, πάντων
έρώτων πρεσβύτατος ών καί μέγιστος, ήδονή υπερβάλλει καί γλυκυ-
&υμίφ τό παιδικόν έκεϊνο δέος, ή καί τέκνα καί γυναίκας καί φίλους
25 άποβάλλοντες, είναι που μάλλον έ&έλουσι καί διαμένειν κακοπα-
Πούντας, ή παντάπασιν έζηρήσ&αι καί διεφ&άρ&αι καί γεγονέναι τό
μηδέν · ήδέως δε τών δνομάτων του με&ίστασΰαι τον ^νήσκοντα καί
μεταλλάττειν, καί δσα δηλοϊ μεταβολήν δντα τής ψυχής, ου φθοράν,
τον θάνατον, άκροώνται. [Plutarch. de eo quod sec. Epie. 1104.
30 Didot 1350, 32—42.] καί προς τό άπόλωλε, καί τό άνήρηται, καί τό
ουκ εστι, ταράσσονται. . . XXVII. ή καί προσεπισφάττουσιν οι ταυτί
λέγοντες, δπαξ άνθρωποι γεγόναμεν, δίς δ9ουκ εστι γενέσ&αΐ . . .
. . . καί γάρ τό παρόν, ως μικρόν, μάλλον δέ μηδοτιοϋν πρός τά
σύμπαντα άτιμήσαντες άναπόλαυστον προίενται, καί όλιγωροϋσιν άρετής
35 καί πράζεως, olov έζα&νμοΰντες, καί καταφρονοϋντες εαυτών, ώς
έφημέρων καί άβεβαίων καί πρός ούδέν άξιόλογον γεγονότων, τό
γάρ «άναισ&ητεϊν τό λυ&έν καί μηδέν είναι πρός ήμας τό άναισ&η-
τοΰν», ουκ άναιρεϊ το τού θανάτου δέος, άλλ9 ώσπερ άπόδειζιν
αυτού προστί&ησιν* αυτό γάρ τούτό έστιν, δ δέδοικεν ή φύσις . . .
56
Die Doktordissertation
την είς το μη φρονούν μηδ9 αίσ&ανόμενον διάλυσιν τής ψυχής*
ήν Επίκουρος είς κενόν και άτόμους διασποράν ποιων, ετι μάλλον
έκκόππει την έλπίδα τής άφ&αρσίας · δι ήν ολίγου δέω λέγειν πάν-
τας είναι και πάσας προθύμους τω Κερβέρω διαδάκνεσ&αι, και φορεϊν
είς τον τρητόν, δπως έν τώ είναι [μόνον]διαμένωσι, μηδ* άναιρε&ώσι. 5
[Plutarch. 1. c. 1104—1105. Didot 1351, 10—12, 19—38.]
Der qualitative Unterschied von der vorhergehenden Stufe
existiert eigentlich nicht, sondern was früher in der Gestalt der
tierischen Furcht erschien, erscheint hier in der Gestalt der
menschlichen Furcht, der Gefühlsform. Der Inhalt bleibt der- io
selbe.
Es wird uns gesagt, daß der Wunsch des Seins die älteste Liebe
ist; allerdings, die abstrakteste und daher älteste Liebe ist die
Selbstliebe, die Liebe seines partikularen Seins. Doch das war
eigentlich die Sache zu sehr herausgesagt, sie wird wieder zurück-15
genommen und ein veredlender Glanz um sie geworfen durch den
Schein des Gefühls.
Also, wer Weib und Kinder verliert, wünscht eher, daß sie
irgendwo seien, wenn es ihnen auch schlecht geht, als daß sie
gänzlich aufgehört haben. Wenn es sich bloß um Liebe handelte, 20
so ist das Weib und das Kind des Individuums am reinsten auf¬
bewahrt in seinem Herzen, ein viel höheres Sein als das der empi¬
rischen Existenz. Allein die Sache steht anders. Weib und Kind
sind als solche bloß in empirischer Existenz, insofern das Indi¬
viduum, dem sie angehören, selbst empirisch existiert. Daß es sie
also lieber irgendwo, in räumlicher Sinnlichkeit, gehe es ihnen
auch schlecht, wissen will, als nirgends, heißt weiter nichts, als
daß das Individuum das Bewußtsein seiner eigenen empirischen
Existenz haben will. Der Mantel der Liebe war bloß ein Schatten,
das nude empirische Ich, die Selbstliebe, die älteste Liebe ist der 30
Kem, hat in keine konkretere, idealere Gestalt sich verjüngt.
Angenehmer, meint Plutarch, klingt der Name der Verände¬
rung als des gänzlichen Aufhörens. Allein die Veränderung soll
keine qualitative sein, das einzelne Ich in seinem einzelnen Sein
soll verharren, der Name ist also bloß die sinnliche Vorstellung 35
dessen, was er ist, und soll das Gegenteil bedeuten. Die Sache
soll nicht verändert, sondern nur in einen dunkeln Ort gestellt
werden, das Zwischenschieben phantastischer Feme soll den
qualitativen Sprung, und jeder qualitative Unterschied ist ein
Sprung, ohne dies Springen keine Idealität, soll ihn verhüllen, 40
Ferner meint Plutarch, dies Bewußtsein . . .*)
*) Hier endet die letzte Seite des Fragments.
Anmerkungen
Erster Teil
Differenz der demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie im Allgemeinen
II. Urteile über das Verhältnis demokritischer
und epikureischer Physik s
Ό Diocen. Laert. X, 2·). άλλά καί ol περί Ποσειδώνιον τον Στωϊκον κα
Νικόλαος καί Σωτίων ... τά δέ Δημοκρίτου περί άτόμων καί Αριστίππου
περί ήδονής, ώς ίδια λέγειν (Επίκουρον).
*) Cic. de Nat. Deor. I, 26. quid est in physicis Epicuri non a Democrito?
nam et si quaedam commutavit . . . tarnen pleraque dicit eadem. jq
8) Id. de Fin. I, 6. ita, quae mutât, ea corrompit, quae sequitur, sunt tota
Democriti.
Ib.... in physicis, quibus maxime gloriatur, primum totus est alienus.
Democrito adicit, perpauca mutans, sed ita, ut ea, quae corrigere volt, mihi
quidem depravare videatur . . in quibus sequitur Democritum, non fere labitur. 15
4) Plutarch. C ο 1 o t. (ed. Xyl.) p. 1108. Λεοντευς . . . τιμάσθαί φησι τόν
Δημόκριτον ύπό Επικούρου διά τά πρότερον άψασθαι τής όρθής γνώσεως . . .
διά τό περιπεσεΐν αυτόν πρότερον ταϊς άρχαΐς περί φύσεως. Cf. i b. p. 1111.
e) Id. de Placit. Philos. T. V. p. 235. ed. Tauchn. "Επίκουρος, Νεο-
κλέους, Αθηναίος, κατά Δημόκριτον φιλοσοφήσας. 20
·) Id. Colot p. 1111, 1112, 1114, 1115, 1117, 1119, 1120 sqq.
7) Clemens Alex. Strom. VI. p. 629. ed. Col. άλλά καί "Επίκουρος παρά
Δημοκρίτου τά προηγούμενα έσκευώρηται δόγματα.
·) Id. ρ. 295. βλέπετε ούν μή τις έσται ύμάς συλαγωγών διά τής φιλο¬
σοφίας καί κενής άπάτης, κατά τήν παράδοσιν των άνθρωπων, κατά τά στοιχεία 25
του κόσμου, καί ου κατά Χριστόν φιλοσοφίαν μέν ού πάσαν, άλλά τήν "Επι-
κουρειον, ής καί μέμνηται έν ταϊς πράξεσι των Αποστόλων ό Παύλος, διαβάλλων
πρόνοιαν άναιρούσαν... καί εΐ δη τις άλλη στοιχεία έκτετίμηκεν, μή έπιστήσασα
τήν ποιητικήν αιτίαν τούτοις, μηδέ έφαντάσθη τόν δημιουργόν.
·) Sext. Empir. adv. Math. (ed. Col. Allobrog.) ό δέ "Επίκουρος φωράται 30
τά κράτιστα των δογμάτων παρά ποιητών άνηρπακως. τόν τε γάρ άρον τού
μεγέθους των ήδονων, δτι ή παντός έστι τού άλγούντος ύπεξαίρεσις, έξ ένός
στίχου δέδεικται λαβών
αύτάρ έπεί πόσιος καί έδητύος έξ έρον έντο τόν δέ θάνατον, δτι ούδέν
έστι πρός ήμάς "Επίχαρμος, αύτφ προομεμήνυκεν, είπών 35
άποθανεϊν ή τεθνάναι ού μοι διαφέρει, ώςαύτως δέ καί τά νεκρά των σωμάτων
άναισθητείν, παρ" 'Ομήρου κέκλοφε, γράφοντος· κωφήν γάρ δή γαίαν άεικίζει
μενεαίνων. [I, 13.1
10) Lettres de Leibnitz a Mr. des Maizeaux, contenant éclair¬
cissements sur l’explication etc. v. 2. p. 66 éd. Dutens. 40
11 ) Plutarch. Colot. p. 1111. έγκλητέος ό Δημόκριτος, ούχί τά συμ-
βαίνοντα ταϊς άρχαϊς όμολογών, άλλά λαμβάνων άρχάς αίς ταύτα συμβέβη-
κεν . . . εί μέν ούν τούτφ ού λέγειν τοιούτόν έστιν, ούχ όμολογεϊ ("Επίκουρος)
των είθισμένων τι ποιεί· καί γάρ τήν πρόνοιαν άναιρων, ευσέβειαν άπολιπεϊν
*) Bei Cobet (Didot), X, 4.
Anmerkungen
59
λέγει· καί τής ήδονής ένεκα τήν φιλίαν Αναιρούμενος, ύπέρ των φίλων τάς με-
γίοτας Αλγηδόνας Αναδέχεσθαι καί τό μέν παν Απειρον ύποτίθεσθαι, τό δ9 Ανω
καί κάτω μή οναιρεϊν.
III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität
5 demokritischer und epikureischer Naturphilosophie
i) Aristot. de Anima. I, p. 8 (ed. Trendel.) έκεϊνος (sc. Δημόκριτος) μέν
γάρ απλώς ταύτό ψυχήν καί νουν· τό γάρ αληθές είναι τό φαινόμενον.
2) Id. Metaph. IV, 5. διό Δημόκριτός γέ φησιν, ήτοι ούδέν είναι αληθές,
ή ήμϊν άδηλον, δλως δέ διά τό ύπολαμβάνειν φρόνησιν μέν τήν αϊσθησιν, τούτην
10 δ' είναι άλλοίωσιν, τό φαινόμενον κατά τήν αϊσθησιν, κατ ανάγκης, Αληθές είναί
φασιν. έκ τούτων γάρ καί 'Εμπεδοκλής μεταβάλλοντας τήν έξιν μεταβάλλειν
φησί τήν φρόνησιν, καί Δημόκριτος, καί των Αλλων, ώς έπος είπεϊν έκαστος
τοιαύταις δόξαις γεγένηνται ένοχοι. Übrigens ist in dieser Stelle der Metaphysik
selbst der Widerspruch ausgesprochen *).
25 3) Diocen. Laert. IX, 72. ου μήν άλλα καί Ξενοφάνης καί Ζήνων ό Έλεά-
της καί Δημόκριτος κατ' αυτούς σκεπτικοί τυγχάνουσιν. .. Δημόκριτος. . . καί
πάλιν, αίτίη**) δέ ούδέν ϊδμεν έν βυθω γάρ ή Αλήθεια.
*) Cf. Ritter’s Gesch. d. alt. Philos. I. Th. S. 571.
s) Diocen. Laert. IX, 44. δοκεϊ δ' αύτφ (sc. Δημοκρίτφ) τάδε· Αρχάς είναι
20 των Αλών ατόμους καί κενόν, τά δ' Αλλα πάντα νενομίσθαι, δοξάζεσθοα.
·) Id. ib. 72. Δημόκριτος δέ τάς ποιότητας έκβάλλων, Ινα φησί, νόμφ
ψυχρόν, νόμφ θερμόν αίτίη***) δέ Ατομα καί κενόν.
7) Simplic. in Scho 1. ad Aristot. (coli. Brandis) p. 488. φύσιν μέντοι
μίαν έξ έκείνων κατ Αλήθειαν, ούδ' ήντιναούν γεννφ (sc. Δημόκριτος)· κομιδή
25 γάρ εύηθες είναι τό δύο ή τά πλείονα γίνεσθαι Αν ποτέ έν.
Ρ. 514. και διά τούτο ούδ' έξ ένός πολλά γίνεσθαι έλεγον (sc. Δημόκριτος
καί Λεύκιππος) ούτε έκ πολλών έν κατ Αλήθειαν συνεχές, Αλλά τή
συμπλοκή των Ατόμων έκαστον έν δοκεϊ γίνεσθαι.
·) Plutarch. Colot p. 1111. τάς Ατόμους Ιδέαςΐ) ύπ αύτοϋ (sc. Δημο·
30 κρίτου) καλούμενος.
·) Cf. Aristot. 1. c.
10) Diocen. Laert. X, 121. δογματιείν τε (sc. σοφόν), και ούκ Απορήσειν
ιι) Plutarch. Colot. p. 1117. έν γάρ έστι των 'Επικούρου δογμάτων τό
μηδέν Αμεταπείστως πεπεϊσθαι μηδένα, πλήν τόν σοφόν.
35 12) Cic. de Nat. Deor. 1,25. omnes sens us veri nuntios dixit
(sc. Epicurus) esse.
Cf. Id. de Fin. 1,4.
(Plutarch.) de Placit. Philos. IV, p. 287tt). 'Επίκουρος πάσαν aï-
σθησιν καί πάσαν φαντασίαν Αληθή.
40 18) Diocen. Laert. X, 31. έν τοίνυν τφ κανόνι λέγει ό 'Επίκουρος,
κριτήρια τής άληθείας είναι τάς αισθήσεις καί τάς προ λήγεις καί τά πάθη
ούδ' έστι τό δυνάμενον αύτάς διελέγξαι. 32. ούτε γάρ ή όμοιογενής αϊσθησις
τήν όμοιογενή διά τήν ϊσοσθένειαν ούθ' ή Ανομοιογενής τήν Ανομοιογενή. ου
γάρ τών αυτών είσι κριτικοί, ούθ' ή έτέρα τήν έτέραν πάσαις γάρ προςέχομεν.
45 ούτε μήν λόγος· πας γάρ λόγος Από τών αισθήσεων ήρτηται.
14 ) Plutarch. Colot 1. c. τό γάρ νόμφ χροιήν είναι καί νόμφ γλυκύ καί
νόμφ σύγκρισιν . . . τάς Ατόμους είρημένον φησιν ύπό Δημοκρίτου ταΐς αίσθήσεσι
. . . προς τούτον αντειπεϊν μέν ούδέν έχω τόν λόγον, είπεϊν δέ, Ατι τούτα τών
·) Der deutsche Satz nachträglich von Marxens Hand an den Rand geschrieben.
··) Bei Cobet (Didot) έτεή
···) Bei Cobet (Didot) έτεή
t) Bei Dübner (Didot) Ιδίωε
tt) Bei Dübner (Didot), 899
60
Die Doktordissertation
Επικούρου δογμάτων ούτως ά χωριστά έστιν, ώς τό σχήμα καί τό βάρος αυτοί τής
άτόμου λέγουσιν. τίγάρ λέγει Δημόκριτος; ούσίας άπειρους τό πλήθος, άτόμους
δέ καί άδιαφόρους, έτι δ9 όποιους καί άπαθείς έν τφ κενφ φέρεσθαι διεσπαρ¬
μένος' όταν δέ πελάσωσιν άλλήλαις, ή συμπέσωσιν, ή περιπλακώσι φαίνεσθαι
τών άθροιζομένων τό μέν πύρ, τό δέ ύδωρ, τό δέ φυτόν, τό δ9 άνθρωπον είναι δέ 5
πάντα τάς άτόμους Ιδέας*) ύπ9 αυτού καλουμένας, έτερον δέ μηδέν, έκ μέν γάρ
τού μή δντος ούκ είναι γένησιν έκ δέ τών δντων μηδέν άν γενέσθαι τφ μήτε
πάσχειν μήτε μεταβάλλειν τάς άτόμους ύπό στε^ότητος· δθεν ούτε χρόαν έξ
άχρώστων, ούτε φύσιν ή ψυχήν έξ άποίων ύπάρχειν. έγκλητέος ούν ό
Δημόκριτος, ούχί τά συμβαίνοντα ταις άρχαϊς όμολογών, άλλά λαμβάνων άρχάς, 10
αίς ταύτα συμβέβηκεν δ Επίκουρόν φησιν, άρχάς μέν ύποτί-
θεσθαι τάς αύτάς, ού λέγειν δέ νόμφ. χροιήν καί τάς άλλας
ποιότητας.
18 ) Cic. de Fin. I, 6. sol Democrito magnus videtur, quippe homini erudito
in geometriaque perfecto; huic (sc. Epicuro) bipedalis fortasse; tantum enim esse 15
censet, quantus videtur. Cf. (Plutarch.) de Placit. Philos. Π, p. 265.
le) Diogen. Laert. IX, 37. τά γάρ φυσικά καί τά ήθικά, άλλά καί τά μαθη¬
ματικά καί τούς έγκυκλίους λόγους και περί τεχνών πάσαν εϊχεν (sc. Δημό¬
κριτος) έμπειρίαν.
17 ) Cf. Diogen. Laert. IX, S 46 seq. 22
18 ) Euseb. Praepar. evang. X, p. 472. καί που σεμνυνόμένος περί τού¬
του φησιν (sc. Δημόκριτος)· . . . έγώ δέ τών κατ έμαυτόν άνθρώπων πλείστην
γήν διεπίανησάμην, Ιστορέων τά μήκιστα, καί άέρας καί γαίας πλείστας είδον,
καί λογιών άνθρωπων πλείστων έπήκουσα· καί γραμμέων συνθέσιος μετ’ άπο-
δείξεως ούδείς κώ με παρήλλαξεν, ούτε Αιγυπτίων οΐ καλούμενοι 'Αρσεπεδονάπ- 25
ται, οίς έπί πάσιν έπ έτεα όγδοήκοντα έπί ξένης έγενήθην . .. έπήλθε γάρ ούτος
Βαβυλώνά τε καί τήν Περσίδα καί Αίγυπτον, τοίς Αίγυπτίοις Ιερεύσι μαθητ^ύων.
1β) Diogen. Laert. IX, 35. φησί δέ Δημήτρι'ος έν όμωνύμοις, καί Αντισθέ¬
νης έν διαδοχαις, άποδημήσαι αύτόν (sc. Δημόκριτον) καί εις Αίγυπτον
πρός τούς Ιερέας, γεωμετρίαν μαθησόμενον, καί πρός Χαλδαίους εις τήν Περσίδα 30
καί εις τήν Ερυθρόν θάλασσαν γενέσθαι. τοίς δέ Γυμνοσοφισταίς φασί τινες
συμμίξαι αύτόν έν Ίνδίρ., καί εις Αιθιοπίαν έλθείν.
™) Cic. Quaest. T use. V, 39. Democritus, luminibus amissis, . . . atque
hic vir, impediri animi etiam aciem adspectu oculorum arbitrabatur, et, quum alii
saepe, quod ante pedes esset, non vidèrent, ille infinitatem peregrinabatur, ut nulla 35
in extremitate consisteret
Id. de Fin. V, 29. Democritus . . . ., qui . . . dicitur oculis se privasse,
certe ut quam minime animus a cogitationibus abduceretur.
21 ) Luc. Ann. Senec. Op. Π. epist. 8, p. 24. (ed. Amstel. 1672.) adhuc Epi·
curum replicamus . . . philosophiae servias oportet, ut tibi contingat vera libertas. 40
Non differtur in diem qui se illi subiecit et tradidit, statim circumagitur. Hoc enim
ipsum, philosophiae servire, libertas est.
22) Diogen. Laert. X, 122. μήτε νέος τις ών μελλέτω φιλοσοφεϊν μήτε γέ¬
ρων υπάρχων κοπιάτω φιλοσοφών ούτε γάρ άωρος ούδείς έστιν, ούτε πάρωρος
πρός τό κατά ψυχήν ύγιαίνειν. ό δέ λέγων, ή μήπω τού φιλοσοφεϊν ύπάρχειν ώραν, 45
ή παρεληλυθέναι τήν ώραν, δμοιός έστι τφ λέγοντι πρός ευδαιμονίαν ή μήπω
παρείναι τήν ώραν, ή μηκέτι είναι, ώςτε φιλοσοφητέον καί γέροντι καί νέφ·
[τφ μέν] δπως γεράσκων νεάζη τοίς όγαθοίς διά τήν χάριν τών γεγονότων,
τφ δέ, δπως νέος άμα καί παλαιός ή, διά τήν άφοβίαν τών μελλόντων.
Cf. Clemens Alex. IV, p. 501. so
2S) Sext. Emp. a d v. Μ ath. p. 1 et 2. τήν πρός τούς άπό τών μαθημάτων
άντίβ^ησιν καινότερον μέν διατεθείσθαι δοκούσιν οι περί τόν 'Επίκουρον καί
οι άπό τού Πύ^ωνος, ούκ άπό τής αύτής διαθέσεως, άλλά οι μέν περί τόν
Επίκουρον, ώς τών μαθημάτων μηδέν συνεργούντων πρός σοφίας τελείωσιν.
♦) Bei Dübner (Didot) Ιδίως
Anmerkungen zu Teil 1, Kap. 3
61
*<) Id. p. 11. έν οίς θετέον καί τόν "Επίκουρον, εΐ καί δοκεϊ [τοϊς] από μα¬
θημάτων διεχθραίνειν.
Id. ρ. 54. τους . . . γραμματικής κατηγόρους, Πύ^^ωνά τε καί "Επίκουρον.
Cf. Plutarch.*) de eo, quod sec. Epieur. non beate vivi poes.
5 p. 1059.
35) Cic. de Fin. I, 21. non ergo Epicurus ineruditus, sed ii indocti, qui, quae
pueros non didicisse turpe est ea putent usque ad senectutem esse discenda.
M) Diocen. Laert. X, 13. τούτον (sc. "Επίκουρον} "Απολλόδωρος έν Χρονι-
κοίς Ναυσιφάνους άκούοαί φηοι καί Πραξιφάνους' αύτός δ" ού φηοιν, άλλ"
10 έαυτού, έν τή πρός Εύρύδικον**) έπιοτολή.
Cic. de Nat. D e ο r. I, 26. quum quidem gloriaretur (sc. Epicurus) se ma·
gistrum habuisse nullum, quod et non praedicanti, tarnen facile crederem.
,7) Senec. Epist. 52. p. 177. quosdam, ait Epicurus, ad veritatem sine ullo
adiutorio contendere; ex iis se fecisse sibi ipsum viam. Hos maxime laudat, quibus
15 ex se impetus fuit, qui se ipsi protulerunt. Quosdam indigere ope aliéna, non
ituros, si nemo praecesserit, sed bene secuturos. Ex his Metrodorum ait esse. Egre-
gium hoc quoque, sed secundae sortis ingenium.
,e) Diocen. Laert.. X, 10. και χαλεπωτάτων δέ καιρών καταοχόντων τηνι-
καύτα τήν 'Ελλάδα, αυτόθι καταβιώναι, δίς ή καί τρίς έπΐ τους περί τήν "Ιωνίαν
20 τόπους διαδραμόντα πρός τούς φίλους, οΐ καί πανταχόθεν πρός αύτόν άφικνούντο,
καί συνεβίουν αύτφ έν τώ κήπφ, καθά φηοι καί "Απολλόδωρος · δν καί όγδοή-
κοντα μνών πρίασθαι.
ί·) Id. X, 15 δτε καί φηοιν *Ερμιππος έμβάντα αύτόν εις πύελον
χαλκήν, κεκραμένην ύδατι θερμφ, καί αίτήααντα άκρατον ροφήοαι. $ 16. τοΐς
25 δέ φίλοις παραγγείλαντα τών δογμάτων μεμνήαθαι, οϋτω τελευτήσαι.
80 ) Cic. de Fat ο. X. Epicurus . . . vitari fati necessitatem,. . . Democritus
accipere maluit, necessitate omnia fieri.
Cic. de Nat. D e o r. I, 25. invenit, quomodo necessitatem effugeret, quod
videlicet Democritum fugerat.
30 Euseb. Praepar. evang. I, p. 23 sqq. Δημόκριτος ό "Αβδηρίτης ....
άνωθεν δέ δλως έξ απείρου χρόνου προκατέχεοθαι τή ανάγκη πάνθ" απλώς τά
γεγονότα καί δντα καί έοόμενα.
81 ) Aristot. de Gen. An. V, 8. Δημόκριτος πάντα ανάγει εις
άνάγκην.
35 88 ) Diocen. Laert. IX, 45. πάντα τε κατ" άνάγκην γίνεσθαι, τής δίνης
αιτίας ούοης τής γενέοεως πάντων, ήν άνάγκην λέγει (sc. Δημόκριτος).
88 ) (Plutarch.) de Placit. Philos. I, p. 352. Παρμενίδης καί Δημό¬
κριτος πάντα κατ" άνάγκην, τήν δ" αύτήν είναι ειμαρμένην καί δίκην καί
πρόνοιαν καί κοομοποιόν.
40 »<) Stob. Eclog. phys. I, 2. [cap. V. 7.]. Παρμενίδου καί Δημοκρίτου***),
ούτοι πάντα κατ" άνάγκην τήν δ" αύτήν είναι είμαρμένην καί δίκην καί
πρόνοιαν [καί κοομοποιόν]. Λευκίππου^) πάντα κατ" άνάγκην τήν δ" αύτήν
ύπάρχειν είμαρμένην λέγει γάρ ούδέν χρήμα μάτην γίγνεται, άλλα
πάντα έκ λόγου τε καί ύπ" άνάγκης.
45 88 ) Euseb. Praepar. evang., VI, p. 257. ειμαρμένη, πεπρωμένη
τφ (sc. Δημοκρίτω) δέ έκ τής τών μικρών έκείνων σωμάτων, τών φερομένων
κάτω καί άναπολλυμένων καί διισταμένων καί παρατιθεμένων έξ άνάγκης.
8β) Stob. Eclog. et h. Π. άνθρωποι τύχης είδωλον έπλαοθαν, πρό-
φαοιν Ιδίης άβουλίης- βαιφ γάρ φρονήσει τύχη μάχεται. [5 346.]
50 *7) Euseb. Praepar. evang. XIV. p. 782 sqq. καί τήν τύχην τών μέν
·) Bei Dübner (Didot) Disputatio qua docetur ne suaviter quidem
▼ i ▼ i posse secundum Epicuri décréta.
**) Bei Cobet (Didot) Ενρνλοχον
***) Bei Heeren und bei Meineke Παρμενίδης xai Δημόκριτος
t) Bei Heeren und bei Meineke Λεύκιππος
Marx-Engels-Gesamtausgabe. I. Abt.. Bd. 1, 1. Hbd. 10
62
Die Doktordissertation
καθόλου και τών θείων δέσποιναν έφιστάς (sc. Δημόκριτος) και βασιλίδα, και
πάντα γίνεσθαι κατ αύτήν άποφαινόμενος- τοϋ δέ τών Ανθρώπων αύτήν άπο-
κηρύττων βίου και πρεσβεύοντας αύτήν έλέγχων Αγνώμονας... τών γ' ούν ύπο-
θηκών Αρχόμενος λέγει· Ανθρωποι τύχης είδωλον έπλάσαντο πρόφασιν Ιδίης
Ανοίης. φύσει γάρ γνώμη τύχη μάχεται· και τήν έχθίστην τή φρονήσει ταύτην g
αύτήν έφασαν κρατεϊν μάλλον δέ καί ταύτην άρδην Αναιροϋντες καί Αφανίζοντες
έκείνην Αντικαθιστάσιν αύτής. ου γάρ εύτυχή τήν φρόνησιν, Αλλ' ευφρονεστά-
την ύμνοϋσι τήν τύχην.
18 ) Simplic. 1. c. ρ. 351. τό «καθάπερ ό παλαιός λόγος Αναιρων τήν
τύχην» πρός Δημόκριτον έοικεν εΐρήοθαι. jq
") Diocen. Laert. X, 133 τήν δ1 ειμαρμένην, ύπό τινων δεσπότιν
είςαγομένην, πάντων [Ανάγκην], Αγγέλλοντας (sc. Δημοκρίτου) μή είναι· Αλλά
τά μέν Από τύχης, τά δέ παρ' ήμάς, διά τό τήν μέν Ανάγκην άνυπεύθυνον είναι,
τήν δέ τύχην Αστατον όράν. τό δέ παρ' ήμας, Αδέσποτον φ και τό μεμπτόν καί
τό έναντίον παρακολουθεϊν πέφυκεν; 134. έπεί κρεϊττον ήν τφ περί θεών μύθφ 15
κατακολουθεϊν, ή τή τών φυσικών ειμαρμένη δουλεύειν. ό μέν γάρ έλπίδα πα-
ραιτήσεως ύπογράφει θεών διά τιμής, ή δ' Απαραίτητον έχει τήν Ανάγκην, τήν
δέ τύχην ούτε θεόν, ώς οΐ πολλοί νομίζουσι, ύπολαμβάνων
40 ) Senec. Epi s toi. XII, p. 42. malum est in neceesitate vivere, sed in
necessitate vivere, nulle nécessitas est . . . patent (indique ad libertatem viae multae, 20
brèves, faciles, agamus Deo gratias, quod nemo in vita teneri potest. calcare ipsas
nécessitâtes licet . . . Epicurus . . . dixit.
41) Cic. de Nat. Deor. I, 20. quanti autem haec philosophie (sc. Stoice)
aestimanda est, cui, temquem eniculis, et iis quidem indoctis, feto fieri videantur
omnia .. . [hie terroribus] ab Epicuro soluti et in libertatem vindicati.... 25
49 ) Id. i b. cap. 25. idem facit (sc. Epicurus) contra dialecticos, a quibus quum
traditum sit, in omnibus disiunctionibus, in quibus „aut etiam, eut non“
poneretur, alterutrum verum esse; pertimuit, ne, si concessum esset huiusmodi
aliquid, „aut vivet c r a s, aut non vivet Epicuru s“, alterutrum fieret
necessarium, totum hoc „aut etiam, aut non“ negavit esse necessariuin. 30
°) Simplic. 1. c. p. 351 άλλα καί Δημόκριτος, έν οίς φησί δεϊν
Από τίνος Αποκρίνεσθαι παντοίων ε Ιδέων, πώς δέ καί ύπό τίνος αιτίας μή λέγει,
έοικεν Από ταύτομάτου καί τύχης γεννάν αυτά.
Id. 1. c. ρ. 351. καί γάρ ούτος (sc. Δημόκριτος) κάν έν τή κοσμοποιίρ
XÜ τΰχη κέχρηται. 35
44) Cf. Euseb. 1. c. XIV, ρ. 781 sqq καί ταύτα μάτην έναντίως*)
αίτιολογών (sc. Δημόκριτος) ώς Αν Από κενής Αρχής καί ύποθέσεως πλανώμέν η ς
όρμώμενος, καί τήν φίζαν και τήν κοινήν Ανάγκην τής τών δντων φύσεως ούχ
όρων, σοφίαν δέ μεγίοτην ήγούμενος τήν τών άσόφως συμβαινόντων κατανόησιν.
40) Simplic. 1. c. ρ. 351. διψήσας γάρ καί πιών τις ψυχρόν ύδωρ 40
γέγονεν ύγιής. άλΓ Ισως ού φησι Δημόκριτος τήν τύχην αΙτίαν είναι, Αλλά τό
διψήσαι. Id. ρ. 352. έκεϊνος (sc. Δημόκριτος) γάρ κάν έν τή κοσμοποιία έδόκει τή
τύχη χρήσθαι- Αλλ' έν τοϊς μερικωτέροις ούδενός φησιν είναι τήν τύχην αιτίαν,
Αναφέρων εις Αλλας αιτίας, olov τοϋ θησαυρόν εύρεϊν τό σκάπτειν, ή τήν
φυτείαν τής έλαίας. 45
Cf. Id. 1. c. ρ. 74. αλλ’ έν τοϊς κατά μέρος ούδενός φησιν (sc. Δημό¬
κριτος) είναι τήν τύχην [αιτίαν].
4β) Euseb. 1. c. XIV, ρ. 781. Δμηόκριτος γοϋν αυτός, ώς φασιν, έλεγε
βουλεσθαι μάλλον μίαν[εύρεϊν] αίτιολογίαν ή τών Περσων οΐ βασιλείαν γίνεσθαι.
47) (Plutarch.) de Plac. Philosoph. II, p. 26L 'Επίκουρος ούδέν 50
Απογιγνωσκει τούτων (d. i. Meinungen der Philosophen über die Substanz der Natur),
[έχόμενος] τοϋ ένδεχομένου.
Id. 1. c. p. 265. 'Επίκουρος πάλιν φησιν ένδέχεσθαι τά προειρημένα πάντα.
*) Bei Dindorf Avait ίως
Anmerkungen zu Teil 1
63
Id. ib. "Επίκουρος έσδέχεσθαι τά προειρημένα πάντα.
Stob. Eclog. phys. I, p. 54. "Επίκουρος ούδέν άπογιγνωσκει τούτων,
έχόμενος του ένδεχομένου.
48 ) Senec. Natural. Quaest. [Liber sextus] XX, p. 802. t. IL omnes istas
5 esse posse causas Epicurus ait, pluresque alias tentât; et alios, qui aliquid unum ex
istis esse affirmaverunt, corripit, quum sit arduum, de iis quae coniectura sequenda
eint, aliquid certi promittere.
«) Π. Π. Teil, 5. Kap.
Diocen. Laert. X, 88. τό μέντοι φάνταομ" έκάοτων τηρητέον, και έπι τά
10 συναπτόμενα τούτφ διαιρετέον, d ούκ άντιμαρτυρεϊται τοΐς παρ' ήμίν γινο-
μένοις πλεοναχώς συντελεϊο&αι πανταχώς γάρ ένδέχεται' τών γάρ φαινο¬
μένων ούδέν άντιμαρτυρεϊ
50) Diocen. Laert. X, 80. καί ού δει νομίζειν τήν ύπέρ τούτων χρείας
πραγματείαν*) μή άπειληφέναι, δαη πρός τό άτάραχον καί μακάριον ήμών συν-
15 τείνει.
IV. Allgemeine prinzipielle Differenz zwischen
demokritischer und epikureischer Natur¬
philosopie
x) Wie diese moralische Manier alle theoretische und praktische Un-
20 eigennützigkeit vernichtet, dazu liefert einen abschreckenden historischen
Beleg Plutarch in seiner Biographie des Marius. Nachdem er den schreck¬
lichen Untergang der Cimbern beschrieben : wird erzählt, so viele Leichen
seien gewesen, daß die Massalioten ihre Weinberge damit düngen konnten.
Darauf sei Regen gekommen, und dies sei das fruchtbarste Wein- und
25 Obstjahr geworden. Welche Reflexionen stellt nun der edle Historiker
bei dem tragischen Untergange jenes Volkes an? Plutarch findet es mora¬
lisch von Gott, daß er ein ganzes, großes, edles Volk umkommen und
verfaulen ließ, um den Marseiller Philistern eine fette Obsternte zu ver¬
schaffen. Also selbst die Verwandlung eines Volkes in einen Misthaufen
30 gibt erwünschte Gelegenheit zu moralischem Schwärmereivergnügen!
*) Auch in betreff Hegels ist es bloße Ignoranz seiner Schüler, wenn
sie diese oder jene Bestimmung seines Systems aus Akkommodation und
dergleichen, mit einem Worte moralisch erklären. Sie vergessen,
daß sie vor einer kaum abgelaufenen Zeitspanne, wie man ihnen aus
35 ihren eigenen Schriften evident beweisen kann, allen seinen Einseitig¬
keiten begeistert anhingen.
Waren sie wirklich so affiziert von der fertig empfangenen Wissen¬
schaft, daß sie derselben mit naivem, unkritischem Vertrauen sich hin¬
gaben: wie gewissenlos ist es, dem Meister eine versteckte Absicht hinter
40 seiner Einsicht vorzuwerfen, dem die Wissenschaft keine empfangene,
sondern eine werdende war, bis an deren äußerste Peripherie sein eigenstes
geistiges Herzblut hinpulsierte. Vielmehr verdächtigen sie damit sich
selbst, als sei es ihnen früher nicht Ernst gewesen, und diesen ihren
*) Bei Cobet (Didot) χρείαν άκρίβειΛν
10·
64
Die Doktordissertation
eigenen früheren Zustand bekämpfen sie unter der Form, daß sie ihn
Hegel zuschreiben, vergessen aber dabei, daß er in unmittelbarem, sub-
stanzialem, sie in reflektiertem Verhältnis zu seinem System standen.
Daß ein Philosoph diese oder jene scheinbare Inkonsequenz aus dieser
oder jener Akkommodation begeht, ist denkbar; er selbst mag dieses in 5
seinem Bewußtsein haben. Allein was er nicht in seinem Bewußtsein hat,
daß die Möglichkeit dieser scheinbaren Akkommodation in einer Unzu¬
länglichkeit oder unzulänglichen Fassung seines Prinzips selber ihre
innerste Wurzel hat. Hätte also wirklich ein Philosoph sich akkommodiert,
so haben seine Schüler aus seinem inneren wesentlichen 10
Bewußtsein das zu erklären, was für ihn selbst die Form
eines exoterischen Bewußtseins hatte. Auf diese Weise ist,
was als Fortschritt des Gewissens erscheint, zugleich ein Fortschritt des
Wissens. Es wird nicht das partikulare Gewissen des Philosophen ver¬
dächtigt, sondern seine wesentliche Bewußtseinsform konstruiert, in 15
eine bestimmte Gestalt und Bedeutung erhoben und damit zugleich
darüber hinausgegangen.
Ich betrachte übrigens diese unphilosophische Wendung eines großen
Teiles der Hegelschen Schule als eine Erscheinung, die immer den Über¬
gang aus der Disziplin in die Freiheit begleiten wird. 20
Es ist ein psychologisches Gesetz, daß der in sich frei gewordene theo¬
retische Geist zur praktischen Energie wird, als Wille aus dem
Schattenreiche des Amenthes hervortretend, sich gegen die weltliche, ohne
ihn vorhandene Wirklichkeit kehrt (Wichtig aber ist es in philosophischer
Hinsicht, diese Seiten mehr zu spezifizieren, weil aus der bestimmten Weise w
dieses Umschlagens rückgeschlossen werden kann auf die immanente Be¬
stimmtheit und den weltgeschichtlichen Charakter einer Philosophie. Wir
sehen hier gleichsam ihr curriculum vitae aufs Enge, auf die subjektive
Pointe gebracht ) Allein die Praxis der Philosophie ist selbst theo¬
retisch. Es ist die Kritik, die die einzelne Existenz am Wesen, die 30
besondere Wirklichkeit an der Idee mißt. Allein diese unmittel¬
bare Realisierung der Philosophie ist ihrem innersten Wesen
nach mit Widersprüchen behaftet, und dieses ihr Wesen gestaltet sich in
der Erscheinung und prägt ihr sein Siegel auf.
Indem die Philosophie als Wille sich gegen die erscheinende Welt 35
herauskehrt, ist das System zu einer abstrakten Totalität herabgesetzt,
das heißt, es ist zu einer Seite der Welt geworden, der eine andere gegen¬
übersteht. Sein Verhältnis zur Welt ist ein Reflexionsverhältnis. Be¬
geistert mit dem Trieb, sich zu verwirklichen, tritt es in Spannung gegen
Anderes. Die innere Selbstgenügsamkeit und Abrundung ist gebrochen. 40
Was innerliches Licht war, wird zur verzehrenden Flamme, die sich nach
außen wendet. So ergibt sich die Konsequenz, daß das Philosophisch-
Werden der Welt zugleich ein Weltlich-Werden der Philosophie, daß ihre
Verwirklichung zugleich ihr Verlust, daß, was sie nach außen bekämpft,
ihr eigener innerer Mangel ist, daß gerade im Kampfe sie selbst in die 45
Anmerkungen zu Teil 1, Kap. 4
65
Schäden verfällt, die sie * ) am Gegenteil als Schäden bekämpft, und daß
sie diese Schäden erst aufhebt, indem sie in dieselben verfällt Was ihr
entgegentritt und was sie bekämpft, ist immer dasselbe, was sie ist, nur
mit umgekehrten Faktoren.
δ Dies ist die eine Seite, wenn wir die Sache rein objektiv als
unmittelbare Realisierung der Philosophie betrachten. Allein sie hat,
was nur eine andere Form davon ist, auch eine subj ektive Seite.
Dies ist das Verhältnis des philosophischen Systems,
das verwirklicht wird, zu seinen geistigen Trägern, zu den einzelnen
io Selbstbewußtsein, an denen ihr Fortschritt erscheint. Es ergibt sich aus
dem Verhältnis, das in der Realisierung der Philosophie selbst der Welt
gegenüberliegt, daß diese einzelnen Selbstbewußtsein immer eine
zweischneidige Forderung haben, deren die eine sich gegen
die Welt, die andere gegen die Philosophie selbst kehrt. Denn, was als
io ein in sich selbst verkehrtes Verhältnis an der Sache, erscheint an ihnen
als eine doppelte, sich selbst widersprechende Forderung und Handlung.
Ihre Freimachung der Welt von der Unphilosophie ist zugleich ihre
eigene Befreiung von der Philosophie, die sie als ein bestimmtes System
in Fesseln schlug. Weil sie selbst erst im Akt und der unmittelbaren
20 Energie der Entwicklung begriffen, also in theoretischer Hinsicht noch
nicht über jenes System hinausgekommen sind: empfinden sie nur den
Widerspruch mit der plastischen Sichselbstgleichheit des Systems und
wissen nicht, daß, indem sie sich gegen dasselbe wenden, sie nur seine
einzelnen Momente verwirklichen.
25 Endlich tritt diese Gedoppeltheit des philosophischen Selbstbewußt¬
seins als eine doppelte, sich auf das extremste gegenüberstehende Rich¬
tung auf, deren eine, die liberale Partei, wie wir sie im Allgemeinen
bezeichnen können, den Begriff und das Prinzip der Philosophie, die
andere ihren Nichtbegriff, das Moment der Realität, als Haupt-
30 bestimmung festhält. Diese zweite Richtung ist die positive Philo¬
sophie. Die Tat der ersten ist die Kritik, also gerade das Sich-nach-
außen-wenden der Philosophie, die Tat der zweiten der Versuch zu philo¬
sophieren, also das In-sich-wenden der Philosophie, indem sie den Mangel
als der Philosophie immanent weiß, während die erste ihn als Mangel der
Welt, die philosophisch zu machen, begreift. Jede dieser Parteien tut
gerade das, was die andere tun will und was sie selbst nicht tun will. Die
erste aber ist sich bei ihrem inneren Widerspruch des Prinzips im All¬
gemeinen bewußt und ihres Zwecks. In der zweiten erscheint die Ver¬
kehrtheit, sozusagen die Verrücktheit, als solche. Im Inhalt bringt es
so nur die liberale Partei, weil die Partei des Begriffs, zu realen Fortschritten,
während die positive Philosophie es nur zu Forderungen und Tendenzen,
deren Form ihrer Bedeutung widerspricht, zu bringen imstande ist.
Was also erstens als ein verkehrtes Verhältnis und feindliche Diremp-
·) sie von Marx eingejügt.
66 Die Doktordissertation
tion der Philosophie mit der Welt erscheint, wird zweitens zu einer Di-
remption des einzelnen philosophischen Selbstbewußtseins in sich selbst
und erscheint endlich als eine äußere Trennung und Gedoppeltheit der
Philosophie, als zwei entgegengesetzte philosophische Richtungen.
Es versteht sich, daß außerdem noch eine Menge untergeordneter, 5
quengelnder, individualitätsloser Gestaltungen auf tauchen, die sich ent¬
weder hinter eine philosophische Riesengestalt der Vergangenheit
stellen, — aber bald bemerkt man den Esel unter der Löwenhaut, die
weinerliche Stimme eines Mannequin von heute und gestern greint komisch
kontrastierend hervor hinter der gewaltigen, Jahrhunderte durchtönenden 10
Stimme, etwa des Aristoteles, zu deren unwillkommenem Organe sie sich
gemacht; es ist, als wenn ein Stummer sich durch ein Sprachrohr von
enormer Größe zu Stimme verhelfen wollte — oder aber, mit doppelter
Brille bewaffnet, steht irgendein Liliputaner, auf einem Minimum vom
posterius des Riesen, verkündet der Welt nun ganz verwundert, welche 15
überraschend neue Aussicht von seinem punctum visus aus sich darbiete,
und müht sich lächerlich ab, darzutun, nicht im flutenden Herzen, sondern
im soliden kernigen Revier, auf dem er steht, sei der Punkt des Archimedes
gefunden, που στώ, an dem die Welt in Angeln hängt. So entstehen Haar-,
Nägel-, Zehen-, Exkrementenphilosophen und andere, die einen noch 20
schlimmeren Posten im mystischen Weltmenschen des Swedenborg zu
repräsentieren haben. Allein ihrem Wesen nach fallen alle diese Schleim-
lierchen den beiden Richtungen, als ihrem Element, anheim, die an¬
gegeben sind. Was diese selbst betrifft, werde ich an einem anderen Orte
ihr Verhältnis teils zueinander, teils zur Hegelschen Philosophie und die 25
einzelnen historischen Momente, in denen diese Entwicklung sich dar¬
stellt, vollständig explizieren.
8) Diocen. Laert. IX, 44. . . . μηδέν τ' έκ τοϋ μή δντος γίνεσθαι μηδ'
είς τό μή δν φθείρεσθαι (Democritus).
Id. X, 38. πρώτον μέν δτι ούδέν γίνεται έκ τοϋ μή δντος· παν γάρ έκ 30
παντός εγένετ' Αν . . . 39. καί εΐ έφθείρετο δέ τό Αφανιζόμενον είς τό μή δν,
πάντ' Αν άπολώλει τά πράγματα, ούκ δντων τών εις A διελύετο. καί μήν καί τό
παν Αεί τοιοϋτον ήν olov καί νϋν έστι και Αεί τοιοϋτον έσται. ούδέν γάρ έστιν
εις δ μεταβάλλει (Epicurus).
4) Aristot. Phys. I, 4. εί γάρ παν μέν τό γιγνόμενον Ανάγκη γίνεσθαι ή 35
έξ δντων ή έκ μή δντων γίνεσθαι Αδύνατον (περί γάρ ταύτης όμογνωμονοϋσι
τής δόξης Απαντες . . .).
®) Themist. Schol. ad Aristot. (coli. Brandis.) c. 42. p. 383. ωςπερ γάρ
τοϋ μηδενός ούδεμία έστί διαφορά, οϋτω καί τοϋ κενοϋ. τό γάρ κενόν μή δν τι
καί στέρησιν λέγει κ. τ. λ. 40
·) Aristot. Metaphys. I, 4. Λεύκιππος δέ καί ό έταϊρος αύτοϋ Δημό¬
κριτος στοιχεία μέν τό πλήρες καί τό κενόν είναί φασι, λέγοντες οίον τό μέν δν
τό δέ μή δν, τούτων δέ τό πλήρες καί τό στερεόν τό δν, τό δέ κενόν γε καί μανόν
τό μή δν. διό καί ούδέν μάλλον τό δν τοϋ μή δντος είναί φασι, δτι όύδέ τό κενόν
τοϋ σώματος. 45
7) Themist. 1. c. 326. καί Δημόκριτος τό πλήρες και τό κενόν, ών τό μέν
ώς δν τό δέ ώς ούκ δν είναί φησιν.
®) Simplic. 1. c. ρ. 488. Δημόκριτος ήγείται τήν τών άϊδίων φύσιν είναι μικράς
ουσίας, πλήθος Απείρους, ταύταις δέ τόπον Αλλον ύποτίθησιν Απειρον τφ με-
Anmerkungen zu Teil 1, Kap. 4
67
γέθει, προσαγορεύει δέ τόν μέν τόπον τοΐς δέ όνόμασι, τφ δέ κενφ καί τφ ονδενί
καί τφ άπείρφ, τών δέ ουσιών έκάστην τφ τφδε καί τφ ναστφ καί τφ δντι.
·) Vgl. Simpuc. 1. c. p. 514. έν καί πολλά.
10) Diocen. Laert. 1. c- 40. εί μή ήν δ κενόν καί χώραν καί άναφή
5 φύσιν όνομάζομεν.
Stob. Ecl. phys. I p. 39. "Επίκουρος όνόμασι πάσι παραλλάττειν κενόν,
τόπον, χώραν.
ιι) Stob. EcL phys. X, p. 27. εϊρηται δέ άτομος, ούχ δτι έστίν έλαχίστη.
ι>) Simpl. 1. c. ρ. 405. οί δέ τής έπ" άπειρον τομής άπεγνωκότες, ώς
10 ού δυναμένου ήμών έπ" άπειρον τέμνειν, καί έκ τούτου πιστώσασθαι τό
άκατάληκτον τής τομής, έξ άδιαιρέτων έλεγαν ύφίστασθαι τά σώματα καί είς
άδιαίρετα διαιρεΐσθαι. πλήν δτι Λεύκιππος καί Δημόκριτος ού μόνον τήν
άλήθειαν αιτίαν τοΐς πρώτοις σώμασι τού μή διαιρεΐσθαι νομίζουσιν, άλλα καί
τό σμικρόν καί τό άμερές, "Επίκουρος δέ ύστερον άμερή ούχ ήγεΐται, άτομα δέ
15 αύτά διά τήν άπάθειαν εΐναί φησιν. καί πολλαχού μέν τήν Δημοκρίτου δόξαν
καί Λευκίππου ό "Αριστοτέλης διήλεγξεν, καί δι" έκείνους Ισως τούς έλέγχους
πρός τό άμερές ένισταμένους ό "Επίκουρος ύστερον γενόμενος, συμπαθών δέ
τή Δημοκρίτου καί Λευκίππου δόξη περί τών πρώτων σωμάτων, άπαθή μέν
έφύλαξεν αύτά
20 18 ) Aristot. de Gener. etCorrupt. I, 2. αίτιον δέ τού έπ" έλαττον
δύνασθαι τά όμολογούμενα συνοράν ή άπειρία. διό, δσοι συνφκήκασι μάλλον έν
τοΐς φυσικοΐς, μάλλον δύνανται ύποτίθεσθαι τοιαύτας άρχάς, aiέπίπολύ δύναν·
ται συνείρειν · οι δ" έκ τών πολλών λόγων άθεώρητοι τών ύπαρχόντων δντες, πρός
όλίγα έπιβλέφαντες, άποφαίνονται ^φον. ϊδοι δ" άν τις καί έκ τούτων δσον δια-
25 φέρουσιν οί φυσικώς καί λογικώς σκοπούντες · περί γάρ τού άτομα είναι μεγέθη
οί μέν φασιν, δτι τό αύτοτρίγωνον πολλά έσται. Δημόκριτος δ" άν φανείη οίκείοις
καί φυσικοΐς λόγοις πεπεΐσθαι.
14 ) Diocen. Laert. IX, 40. 'Αριστόξενος δ" έν τοΐς Ιστορικοΐς ύπομνήμασί
φησι, Πλάτωνα θελήσαι συμφλέξαι τά Δημοκρίτου συγγράμματα όπόσα ήδυνήθη
50 συναγαγεΐν, "Αμύκλαν δέ καί Κλεινίαν τούς Πυθαγορικούς κωλύσαι αύτόν,
ώς ούδέν δφελος· παρά πολλοΐς γάρ είναι βιβλία ήδη. καί δήλον δέ· πάντων
γάρ σχεδόν τών άρχαίων μεμνημένος όΠλάτων ούδαμού Δημοκρίτου διαμνημο·
νεύει, άλλ" ούδ" ένθα άντειπεΐν τι αύτφ δέοι, δήλον δτι είδώς ώς πρός τόν
άριστον ούτω τών φιλοσόφων έσοιτο.
Zweiter Teil
Über die Differenz der demokritischen und Epikureischen
Physik im einzelnen
Erstes Kapitel
Die Deklination des Atoms von der geraden Linie 5
Stob. Eclog. phys. I. p. 33. 'Επίκουρος κινείοθαι δέ τά άτομα τότεμέν
κατά στάθμην τότε δέ κατά παρέγκλισιν τά δέ άνω κινούμενα κατά πληγήν καί
άποπαλμόν.
Cf. Cic. de Fin. I, 6. (Plutarch.) de Plac. Philosoph, p. 349. Stob.
1. c. p. 40. 10
2) Cic. d e N a t. Deor. I, 26 quid est in physicis Epicuri non a
Democrito? nam et si quaedam commutavit, ut, quod paullo ante de incli-
natione atomorum dixi,
s) Cic. d e F i η. I, 6 censet (sc. Epicurus) enim, eadem ilia individua,
et solida corpora ferri suo deorsum pondéré ad lineam: hune naturalem esse omnium 15
corporum motum. Deinde ibidem homo acutus, quum illud occurreret, si omnia
deorsum e regione ferrentur, et, ut dixi, ad lineam, nunquam fore, ut atomus altera
alteram posset attingere; itaque attulit rem commenticiam ; declinare dixit atomum
perpaullum (quo nihil posset fieri minus); ita effici complexiones et copulationes et
adhaesiones atomorum inter se; ex quo efficeretur mundus omnesque partes mundi, 20
quaequae in eo essent.
4) Cic. de Nat. Deor. I, 25 Epicurus, quum videret, si atomi ferrentur
in locum inferiorem suopte pondéré, nihil fore in nostra potestate, quod esset earum
motus certus et necessarius; invenit, quo modo necessitatem effugeret, quod videlicet
Democritum fugerat; ait, atomum, quum pondéré et gravitate directe deorsum feratur, 25
declinare paullulum. Hoc dicere turpius est, quam illud, quod vult, non posse defen-
dere. Cf. Cic. d e F a t ο. X.
e) Bayle, Dict. hist. >Epicure«.
·) Schaubach „Über Epikur’s astronomische Begriffe“ im Archiv für Philologie
und Pädagogik von Seebode, Jahn und Klotz. Bd. V, H. IV, 1839, p. 549. 30
7) Lucbet. de Rer. Nat. Π, 251 sqq.
denique si semper motus connectitur omnis
et vetere exoritur semper novus ordine certo,
unde est haec, inquam, fatis advolsa voluntas *).
·) Aristot. d e A n i m a. I, 4, 14. πώς γάρ χρή νοήσαι μονάδα κινουμένην, καί
υπό τίνος καί πώς, άμερή καί άδιάφορον ούσαν; εΐ γάρ έστι κινητική καί κινητή
διαφέρειν δει. έτι δ' έπεί φασι κινηθείοαν γραμμήν καί al τών
μονάδων κινήσεις γραμμαί έσονται. 40
·) Diogen. Laert. X, 43. κινοΰνταί τε συνεχώς ai άτομοι.
Simplic. 1. c. ρ. 425. /οι περί] 'Επίκουρον τήν κίνησιν άίδιον.
*) Bei Diels potestu.
Anmerkungen
69
10) Lucret. de Rer. Nat. Π 253. eqq.
si
nec declinando faciunt primordia motus
principium quoddam, quod fati foedera rumpat,
5 ex infinito ne causam causa sequatur.
11 ) Id. 1. c. 279 sqq.
esse in pectore nostro
quiddam, quod contra pugnare obstareque posait.
12) Cic. de Fin. I, 6. nec tarnen id, cuius causa haec finxerat, assecutus est;
10 nam, si omnes atomi declinabunt, nullae unquam cohaerescent, sive aliae declinabunt,
aliae suo nutu recte ferentur. primum erit hoc quasi provincias atomis dare, quae
recte, quae oblique ferentur.
18 ) Lucret. 1. c. Π, 293 sq.
i·) Cic. de Fato. X. déclinât atomus intervallo minimo, id appellat έλάχιστον.
15 18 ) Id. i b. quam declinationem sine causa fieri, si minus verbis, re cogitur
confiteri.
i®) Plutarch. de Anim, procréât. VI (T. IV. p. 8. ed. ster.) Έπι·
κούρω μέν γάρ ούδ' άκαρές έγκλίνειν τήν δτομον συγχωροϋσιν,ώς άναίτιον έπεις-
άγοντι κίνησιν έκ τοϋ μή δντος.
20 17) Cic. de Fin. I, 6. nam et ipsa declinatio ad libidinem fingitur (ait enim
declinare atomum sine causa, quo nihil turpius physico,
quam fieri sine causa qu id quam dicere); et ilium motum naturalem
omnium ponderum, ut ipse constituit, e regione inferiorem locum petentium, sine
causa eripuit atomis.
25 i®) BAyLE 1. c.
19) August. Epist. 56.
90) Diocen. Laert. X, 128. τούτου γάρ χάριν άπαντα πράττομεν, δπως μήτε
άλγώμεν, μήτε ταρβώμεν.
2ΐ) Plutarch. de eo, quod sec. Epieur. non beate vivi poss.
30 p. 1091. δμοια δέ καί τά 'Επικούρου, λέγοντος *τήν τοϋ άγαθοϋ φύσιν έξ
αύτής τής φυγής τοϋ κακού».
") Clem. Alex. Strom. Π. ρ. 415 (c. XXI, 3127). ό δέ'Επίκουρος καί τήν
τής άλγηδόνος ύπεξαίρεσιν ήδονήν είναι.
98) Senec. de Benef. IV, ρ. 699. itaque non dat deus bénéficia, sed securus
35 et negligens nostri, aversus a mundo, nec magis ilium bénéficia quam iniuriae tangunt.
94) Cic. d e N at. D e or. I, 24 ita enim dicebas, non corpus esse in
deo, sed quasi corpus, nec sanguinem, sed quasi sanguinem.
95 ) Cic. d e N a t. D e o r. I, 38 *) quem cibum igitur, aut quas potiones
aut quas vocum aut florum varietates, aut quos tactus, quos odores adhibebis ad deos,
40 ut eos perfundas voluptatibus? 39 **) quid est enim cur deos ab
hominibus colendos dicas, quum dii non modo homines non colant, sed omnino nihil
curent, nihil agant? at est eorum eximia quaedam praestansque natura, ut ea debeat
ipsa per se ad se colendam elicere ***) sapientem. an quidquam eximium potest esse
in ea natura, quae, sua voluptate laetans, nihil nec actura sit unquam [neque agat],
rf^neque egerit?
2®) Plutarch. de eo, quod sec. Epieur. non beate vivi pose,
p. 1101. ό λόγος αύτών φόβον άφαιρεί καί δεισιδαιμονίαν, εύφροσύνην δέ καί
χαράν άπδ τών θεών ούκ ένδίδωσιν άλλ' ούτως έχειν ποιεί πρός αύτούς τό μή
ταράττεσθαι, μηδέ χαίρειν, ώς πρός τούς Ιρκανοϋς Ιχθϋς^) έχομεν, ούτε
30 χρηστόν ούδέν ούτε φαϋλον απ' αύτών προςδοκώντες.
·) Bei Orelli, 40.
··) Bei Orelli, 41.
”*) Bei Orelli, allieere
t) Bei Dübner Ç Σχύθαβ
70
Die Doktordissertation
27) Aristot. de Caelo. II, 12. τώ δ" ώς άριστα έχοντι ούδέν δει πράξεως·
έστι γάρ αυτό τό ού ένεκα.
28) Lucret. d e R e r. N a t. II, 221 sqq.
.... quod nisi declinare solerent (sc. atomi) ....
nec foret offensus natus, nec plaga creata 5
principiis, ita nil umquam [natura] creasset.
29 ) Lucret. de R e r. Nat. II, 284 sqq.
quare in seminibus quoque fateare necesse est
esse aliam praeter plagas et pondéra causam
motibus, unde haec est nobis innata potes tas. io
ne plagis omnia fiant
extema quasi vi. sed ne mens ipsa necessum
intestinum habeat, cunctis in rebus agendis,
et, devicta quasi, cogatur ferre patique, 15
id facit exiguum clinamen principiorum.
30) Aristot. de Caelo. I, 7. εί δέ μή συνεχές τό παν, άλλ', ώςπερ λέγει
Δημόκριτος καί Λεύκιππος, διωρισμένα τω κενω, μίαν άναγκαϊον πάντων
είναι τήν κίνησιν .... τήν δέ φύσιν αυτών είναι μίαν, ώςπερ άν, εί χρυσός
έκαστον ειη κεχωρισμένον. 20
81) Aristot. de Caelo. III, 2. διό και Λευκίππω καί Δημοκρίτω, τοΐς
λέγουσιν άεί κινείσθαι τά πρώτα σώματα έν τω κενω καί τω άπείρω λεκτέον τίνα
κίνησιν καί τίς ή κατά φύσιν αύτών κίνησις. εί γάρ άλλο ύπ' άλλου κινείται βία
τών στοιχείων, άλλα καί κατά φύσιν άνάγκη τινά είναι κίνησιν έκαστου, παρ'
ήν ή βίαιός έστιν- καί δει τήν πρώτην κινούσαν μή βίρ κινεΐν, αλλά κατά φύσιν 25
εις άπειρον γάρ είσιν, εί μή τι έσται κατά φύσιν κινούν πρώτον, άλλ’ άεί τό πρό¬
τερον βίρ κινούμενον κινήσει.
82) Diocen. Laert. X, 150. όσα τών ζωων μή ήδύνατο συνθήκας ποι-
εϊσθαι τάς ύπέρ τού μή βλάπτειν άλληλα μηδέ βλάπτεσθαι, πρός ταϋτα ούδέν
έστιν ούδέ δίκαιον, ούδ' άδικον, ώςαύτως δέ καί τών έθνών όσα μή 30
ήδύνατο, ή μή έβούλετο τάς συνθήκας ποιεΐσθαι τάς ύπέρ τού μή βλάπτειν
άλλήλους μηδέ βλάπτεσθαι. ούκ ήν τι καθ' έαυτό δικαιοσύνη, άλλ’ ή έν ταϊς
μετ' άλλήλων συστροφαϊς, καθ' όπηλίκους δήποτ' άεί τόπους συνθήκην τινά
ποιεΐσθαι ύπέρ τού μή βλάπτειν ή βλάπτεσθαι.*)
35
Zweites Kapitel
Die Qualitäten des Atoms
O Diocen. Laert. X, 54. ποιότης γάρ πάσα μεταβάλλει- αί δ' άτομοι ούδέν
μεταβάλλουσιν.
Lucret. de Rer. Nat. II, 861 sqq. 40
omnia sint a principiis seiuncta, necesse est,
immortalia si volumus subiungere rebus
fundamenta, quibus nitatur summa salutis.
2) (Plutarch.) dePlac. Philosoph. [I, 28 sqq.] "Επίκουρος . .. έφη . ..
συμβεβηκέναι τοΐς σώμασι τρία ταύτα, σχήμα, μέγεθος, βάρος. Δημόκριτος 45
μέν γάρ δύο* μέγεθος καί σχήμα- ό δ' "Επίκουρος τούτοις καί τρίτον, τό βάρος,
έπέθηκεν- άνάγκη γάρ κινεϊσθαι τά σώματα τή τού βάρους πληγή. Cf. Sext.
Empir. adv. Math. p. 421.
8) Euseb. Praepar. evang. XTV, p. 749.
·) Anmerkung 32 von Marx geschrieben, ebenso die Anmerkungsziffer 33, die aber ohne
Text blieb.
Anmerkungen zu Teil 2
71
*) Simplic. L c. p. 362. τήν διαφοράν αυτών (άτόμων) κατά μέγεθος καί
όχημα τιθείς (sc. Δημόκριτος).
®) Philopon. ibid. . . .μίαν μέντοι κοινήν φύσιν ύποτίθησιν (ec. ό Δημό¬
κριτος) σώματος τοίς σχήμασι πάσι, τούτου δέ μόρια είναι τάς άτόμους
5 μεγέθει καί οχήματι διαφέρουσας άλλήλων- ου μόνον γάρ άλλο καί άλλο σχήμα
έχουσιν, άλΓ [είσίν] αυτών αί μέν μείζους, al δέ έλάττους.
·) Aristot. de Gen. et Corrupt. I, 8. καίτοι βαρύτερόν (sc. άτομον) γε
κατά τήν ύπεροχήν φησιν είναι.
7) Aristot. de Caelo. I, 7. τούτων δέ, καθάπερ λέγομεν, άναγκαίον
10 είναι τήν αυτών κίνησιν . . . ώςτε ούτε κούφον άπλώς ούδέν έσται τών σωμάτων,
εί πάντ' έχει βάρος · εί δέ κουφότητα, ούδέν βαρύ, έτι εί βάρος έχει ή κουφότητα,
έσται ή έσχατόν τε τού παντός, ή μέσον . . .
8) Ritter. Geschichte d. alt. Philosophie. I. Teil, S. 568. Anm. 2.
·) Aristot. Metaphys. VII (VIII), 2. Δημόκριτος μέν ούν τρεις Ôia-
15 φοράς έοικεν οίομένφ είναι, τό μέν γάρ ύποκείμενον σώμα τήν ύλην έν καί
τό αυτό, διαφέρειν δέ ή $υσμφ, δ έστι σχήμα, ή τροπή, δ έστι θέσις, ή διαθιγή,
δ έστι τάξις.
10 ) Aristot. Metaphys. I, 4. Λεύκιππος δέ καί ό έταίρος αυτού Δημό¬
κριτος στοιχεία μέν τό πλήρες καί τό κενόν είναί φασι, λέγοντες οίον, τό μέν
20 δν, τό 0έ μή δν, τούτων δέ τό πλήρες καί τό στερεόν τό δν, τό δέ κενόν γε καί
τό μανόν τό μή δν. διό καί ούδέν μάλλον τό δν τού μή δντος είναί φασιν, δτι
ούδέ τό κενόν τού σώματος, αίτια δέ τών δντων ταύτα, ώς ύλην, καί καθάπερ
οί έν ποιούντες τήν ύποκειμένην ουσίαν, τά άλλα τοίς πάθεσιν αυτής γεννώσι,
τό μανόν καί τό πυκνόν άρχάς τιθέμενοι τών παθημάτων, τόν αύτόν τρόπον
25 καί ούτοι τάς διαφοράς αΙτίας τών άλλων είναί φασιν. ταύτας μέντοι τρεις
είναι λέγουσι σχήμά τε καί τάξιν καί θέσιν. διαφέρειν γάρ φασι τό δν φυσμφ καί
διαθιγή καί τροπή μόνον- τούτων δέ ό μέν φυσμός σχήμά έστιν, ή δέ διαθιγή
τάξις, ή δέ τροπή θέσις. διαφέρει γάρ τό μέν A τού Ν οχήματι, τό δέ A Ν τού
ΝΑ τάξει, τό δέ Ζ τού Ν θέσει.
10 u) Diogen. Laert. X, 44 . . ,μηδέ ποιότητά τινα περί τάς άτόμους είναι
πλήν σχήματος καί μεγέθους καί βάρους . . . παν τε μέγεθος μή είναι περί
αύτάς · ουδέποτε γούν άτομος ώφθη αίσθήσει.
12) Id. X, 56. παν δέ μέγεθος ένυπάρχον ούτε χρήσιμόν'έστι πρός τάς τών
ποιοτήτων διαφοράς- άφίχθαι άμέλει*) καί πρός ήμάς όρατάς άτόμους. δ ού
35 θεωρείται γινόμενον ούθ* δπως άν γένοιτο όρατή άτομός έστιν έπινοήσαι.
18) Id. X, 55 . . . αλλά μηδέ δεί νομίζειν, παν μέγεθος έν ταϊς άτόμοις ύπάρ¬
χειν . . . παραλλαγάς δέ τινας μεγεθών ν ο μιστέ ον είναι.
11 ) Id. X, 59. έπείπερ καί δτι μέγεθος έχει ή άτομος κατά τήν ένταύθα
άναλογίαν κατηγορήσαμεν, μικρόν τι μόνον, μακρόν έκβάλλοντες.
40 1Β) Cf. Id. X, 58. Stob. Eclog. phys. I, p. 27.
ie) Epicuri fragm. (d e N a t. Π et XI) coli, a Rosinio ed. Orelli, p. 26.
17) Euseb. Praepar. evang. XIV. p. 773. (ed. Paris.) τοσούτον δέ διε-
φώνησαν δσον ό (sc. Επίκουρος) μέν έλαχίστας πάσας καί διά τούτο άνεπαισθή-
τους, ό δέ Δημόκριτος καί μεγίστας είναί τινας άτόμους ύπέλαβεν.
45 1β) Stob. Eclog. phys. I, 17. Δημόκριτός γέ φησι... δυνατόν είναι κοσμιαίαν
ύπάρχειν άτομον. Cf. (Plutarch.) de Placit. Philosoph. I, p. 235sqq.
18 ) Aristot. de G en er. et Corrupt. I, 8. άόρατα διά μικρότητα τών
δγκων.
10 ) Euseb. Praepar. evang. XIV p. 749. Δημόκριτον . .. άρχάς τών δντων
50 σώματα άτομα λόγφ θετορητά. Cf. (Plutarch.) d e P1 a c. Philos. I, p. 235 sqq.
81) Diogen. Laert. X, 54. καί μήν καί τάς άτόμους, νομιστέον, μηδεμίαν
ποιότητα τών φαινομένων προςφέρεσθαι, πλήν σχήματος καί βάρους καί μεγέ¬
θους καί δσα έξ άνάγκης σχήματος συμφυή έστιν. cf. 44.
*) Bei Cobet τε μέλλει
72
Die Doktordissertation
**) Id. X, 42 . . . πρός τε τούτοις τά άτομα . . . άπερίληπτά έστι ταϊς δια-
φοραϊς τών σωμάτων*).
Μ) Id. ib . . . ταϊς δέ διαφοραϊς ούχ άπλώς άπειροι, άλλά μόνον άπε-
ρίληπτοι.
Μ) Lucret. Π, 513 sqq. g
fateare necesse est
materiem quoque finitis differre figuris.
Euseb. Praepar. evang. XIV. p. 749 [14, 5.] "Επίκουρος . . . είναι...
τά σχήματα αύτών άτόμων περιληπτά, ούκ άπειρα. Cf. (Plutarch.) de Plac.
Philosoph. 1. c. jp
88 ) Diocen. Laert. X, 42 . . . καί καθ’ έκάστην δέ σχημάτισιν άπλώς άπει-
οί είσιν άτομοι . . .
Lucret. d e R e r. N a 1.1. c. [Π] 525 sqq.
etenim distantia quum sit
formarum finita, necesse est quae similes sint 15
esse infinités, aut summam materiai
finitam constare, id quod non esse probavi.
88 ) Aristot. de Caelo. IV, 3 [ΙΠ, 4] άλλα μήν ούδ", ώς έτεροί τινες
λέγουσιν, οϊον Λεύκιππός τε καί Δημόκριτος ό "Αβδηρίτης, εύλογα τά συμβαί-
νοντα . . . καί πρός τούτοις, έπεί διαφέρει τά σώματα σχήμασιν, άπειρα δέ τά 20
σχήματα, άπειρα καί τά απλά σώματά φασιν είναι, ποιον δέ καί τί έκάστου τό
σχήμα τών στοιχείων, ούδέν έπιδιώρισαν, άλλά μόνον τφ πυρί τήν σφαίραν
άπέδωκαν, άέρα δέ και τά άλλα . . .
Philopon. 1. c. ... ού μόνον άλλο καί άλλο σχήμα έχουσιν . . .
87) Lucret. de Rer. Nat. 1. c. 479sqq. 25
primordia rerum
finita variare figurarum ratione.
quod si non ita sit, rursum iam semina quaedam
esse infinito debebunt corporis auctu.
nam quod eadem una **) cuiusvis in brevitate 30
corporis inter se multum variare figurae
non possunt
si forte voles variare figuras,
addendum partis alias erit
35
ergo formarum novitatem corporis augmen
subsequitur, quare non est, ut credere possis,
esse infinitis distantia semina formis.
88) Cf. Not. 25.
29 ) Diocen. Laert. X, 44 et 54. 40
*·) Bruckeri Instit. histor. phil. p. 24.
w) Lucret. de R er. Nat. I, 1051.
illud in his rebus longe fuge credere, Memmi,
in medium summae, quod dicunt, omnia niti.
88) Diocen. Laert. X, 43 . . . καί Ισοταχώς αύτάς κινείσθαι του κενού τήν 45
Ιξιν όμοίαν παρεχομένου καί τή κουφοτάτη καί τή βαρυτάτη είς τόν αΙώνα. 61.
καί μήν καί Ισοταχείς άναγκαϊον τάς άτόμους είναι, δταν διά τού κενού είςφέρων-
τα», μηδέν ός άντικόπτοντος· ούτε γάρ τά βαρέα θάττον αίσθήσεται τών μικρών
καί κουφών, δταν γε δή μηδέν άπαντφ αύτοϊς. ούτε τά μικρά τών μεγάλων, πάντα
πόρον σύμμετρον έχοντα, δταν μηδέν μηδ' έκείνοις άντικόπτη. 50
*) Bei Cobet σχημάτων.
··) Bei Diel» namque (in) eadem unius
Anmerkungen zu Teil 2
73
Lucret. de Rer. Nat. Π, 235 sqq.
at contra nulli
inane potest vacuum eubsistere rei,
omnia, qua propter debent per inane quietum,
5 aeque, ponderibus non aequis concita fern.
«) Vgl. Kap. 3.
34) Feuerbachs Geschichte d. neuerenPhilosophie. 1833. ΧΧΧΙΠ, 7.
[Zitat aus] Gassendi: Epicurus, tametsi forte de hac experientia nunquam cogitarit,
ratione tarnen ductus, illud censuit de atomis, quod experientia nos nuper docuit,
20 scilicet ut corpora omnia, tametsi eint tarn pondéré, quam mole summe inaequalia,
aequivelocia tarnen sunt, quum superne deorsum cadunt, sic ille censuit, atomos omnes,
licet eint magnitudine gravitateque summe inaequales, esse nihilominus inter se ipsos
suo motu aequiveloces.
Drittes Kapitel
15 Άτομοι άρχαί und άτομα στοιχεία
i) αμέτοχα κενού heißt durchaus nicht „erfüllenkeinen Rau m“, sondern
„sind unteilhaftig des Leeren“, es ist dasselbe, als wenn anderswo bei
Diogenes Laertius gesagt wird < διάλειψιν δέ μέρων ούκ έχουσιν». Ebenso
ist dieser Ausdruck zu erklären (Plutarch.) de Placit. Philosoph. I, p. 286
20 und Simplicius p. 405.
*) Auch dies ist falsche Konsequenz. Was nicht im Raum geteilt werden kann,
ist deswegen nicht außerhalb des Raums und ohne räumliche Beziehung.
3) Schaubach 1. c. p. 550.
®) Diocen. Laert. X, 44.
25 ®) Id. X, 67. καθ' έαυτό δέ ούκ έστι νοήσαι τό άσώματον, πλήν έπΐ τοϋ
κενού.
·) Id. X, 39, 40 und 4L
7) Id. VII, 1. δ 134. διαφέρειν δέ φασιν (sc. Στωϊκοί) αρχάς καί στοιχεία· τάς
μέν γάρ είναι Αγενήτους και άφθαρτους, τά δέ στοιχεία κατά τήν έκπύρωσιν
30 φθείρεσθαι.
·) Aristot. Metaphys. IV, 1 u. 3.
·) Cf. 1. c.
10) Aristot. 1. c. 3. όμοίως δέ καί τά τών σωμάτων στοιχεία λέγουσιν οί
λέγοντες, είς A διαιρείται τά σώματα έσχατα, έκείνα δέ μηκέτ' είς Αλλα ειδει
35 διαφέροντα σώματα . . . διό καί τό μικρόν και άπλοϋν καί Αδιαίρετον στοιχεϊον
λέγεται.
11 ) Aristot. Metaphys. I, 4.
13 ) Diocen. Laert. X, 54.
(Plutarch.) Colot. p. 1111. ταϋτα τών 'Επικούρου δογμάτων ούτως
40 Αχώριστά έστιν, ώς τό σχήμα και τό βάρος αύτοι (sc. Επικούρειοι) τής Ατόμου
λέγουσιν.
13) Sext. Emp. adv. Math. ρ. 411.
14) Euseb. Praepar. e ν a η g. XIV, ρ. 773. 'Επίκουρος . . . Ανεπαίσθητους
(Ατόμους) Ρ. 749. ίδια δέ έχειν (sc. Ατόμους) σχήματα λόγω θεωρητά.
45 1β) (Plutarch.) de Placit. Philosoph. I, p. 246 [VII, 1074]. ό δ'
αύτός (sc. Επίκουρος) Αλλας τέσσαρας φύσεις κατά γένος αφθάρτους τάςδε,
τά ατομα, τό κενόν, τό Απειρον, τάς όμοιότητας. αύται δέ όμοιομέρειαι καί
74
Die Doktordissertation
στοιχεία, p. 249. [XII] Επίκουρος όέ άπερίληπτα είναι τά σώματα· καί τά
πρώτα ôè άπλά, τά ό’ έξ έκείνων συγκρίματα, πάντα βάρος έχειν.
Stob. Eclog. phys. I, p. 52. Μητρόδωρος ό καθηγητής*) Επικούρου αίτια
Ô' ήτοι al άτομοι καί τά στοιχεία, ρ. 5. 'Επίκουρος . . . τέσσαρας φύσεις κατά
γένος άφθάρτους τάςόε· τά άτομα, τό κενόν, τό άπειρον, τάς όμοιότητας. αύται 5
ôè όμοιομέρειαι λέγονται καί στοιχεία.
ι·) Cf. 1. c.
Cic. de Fin. I, 6. quae sequitur . . . atomi inane . . . infinitio ipsa, quam
άπειρίαν vocant.
Diogen. Laert. X, 41. άλλά μήν καί τό πάν άπειρόν έστι . . . καί μήν καί ίο
τφ πλήθει τών σωμάτων άπειρόν έστι τό πάν, καί τφ μεγέθει του κενού.
18 ) Plutarch. Co lot. p. 44 [ΧΠΙ]. δ φαμεν**) ούν οίας πρός γένεσιν
άρχάς, άπειρίαν και κενόν ών τό μέν άπρακτον, άπαθές, άσώματον ή ό' άτακτος,
άλογος, άπερίληπτος, αυτήν άναλύουσα καί ταράττουσα, τφ μή κρατείσθαι
μηόέ όρίζεσθαι ôià πλήθος. is
18 ) Simplic. 1. c. p. 488.
>0) (Plutarch.) de Placit. Philos, p.239 [Lib. I, cap.V]. Μητρόόωρος
όέ φησιν . . . δτι Ô1 άπειρος κατά τό πλήθος, όήλον έκ τού άπειρα τά αίτια
είναι . . . αίτια όέ ήτοι αί άτομοι ή τά στοιχεία.
Stob. Eclog. phys. I, p. 52. Μητρόόωρος ό καθηγητής*) 'Επικούρου, 20
αίτια Ô' ήτοι αί άτομοι καί τά στοιχεία.
81 ) Lucret. de Rer. Nat. I, 820 sqq.
namque eadem caelum, mare, terras, flumina, solem
constituant, eadem fruges, arbuste, animantis.
Diogen. Laert. X, 39· καί μήν καί τό πάν άεί τοιούτον ήν, οίον νύν έστι 25
καί άεί τοιούτον έσται. ούόέν γάρ έστιν, εις δ μεταβάλλει, παρά γάρ τό πάν
ούόέν έστιν, εις δ άν είςελθόν αυτό τήν μεταβολήν ποιήσαιτο . . . τό πάν
έστι σώμα . . . ταύτα Ô' έστιν άτομα καί άμετάβλητα, είπερ μή μέλλει πάντα
εις τό μή δν φθαρήσεσθαι· άλλ' Ιοχύοντα ύπομένειν έν ταίς όιαλύσεσι τών συγκρί¬
σεων, πλήρη τήν φύσιν δντα και ούκ έχοντα, δπη ή δπως όιαλυθήσεται. 30
88 ) Diogen. Laert. X, 73 . . . καί πάλιν όιαλύεσθαι πάντα, τά μέν θάττον,
τά όέ βραόύτερον · καί τά μέν υπό τοιώνόε, τά <5’ υπό τοιώνόε τούτο πάσχοντα.
74. όήλον ούν, ώς καί φθαρτούς φησι τούς κόσμους, μεταβαλλόντων τών μερών.
Lucret. V, 108 sqq.
et ratio potius, quam res persuadeat ipsa, 35
succidere horrisono posse omnia victa fragore.
Id. V, 374.
haud igitur leti praeclusa est ianua caelo,
nec soli terraeque neque altis aequoris undis
sed patet immani, et vasto respectât hiatu. 40
88 ) Simplic. 1. c. p. 425.
84 ) Lucret. Π, 796.
neque in lucem existunt primordia rerum.
Viertes Kapitel
Die Zeit 45
x) Aristot. Phys. VIII, 1. καί ôià τούτο Δημόκριτός τε ώς άόύνατον
πάντα γεγονέναι· τόν γάρ χρόνον άγέννητον είναι.
8) Simplic. 1. c. p. 426. μέντοι Δημόκριτος ούτως àtôiov έπέπειοτο είναι
*) Im Ms. versehentlich καθήτης
**) Bei Dübner (Didot) δρα μήν
Anmerkungen zu Teil 2
75
τόν χρόνον, δτι βουλό μένος δεϊξαι μή πάντα γεννητά, ώς έναργεϊ τφ τόν χρόνον
μή γεγονέναι προςεχρήσατο.
·) Lucret. I, 459 sqq.
tempus per se non est
5
nec per se quemquam tempus sentire fatendum est
semotum a rerum motu placidaque quiete.
Id. I, 479 sqq.
non ita, uti corpus per se constare neque esse,
jo nec ratione cluere eadem, qua constet inane,
sed magie ut merito possis eventa vocare
corporis atque loci
Sext. Empir. a d v. Math. p. 420 nennt Epikur die Zeit σύμπτωμα συμπτω¬
μάτων.
15 Stob. Ecl ο g. phys. I, 9. "Επίκουρος (nennt die Zeit) σύμπτωμα τούτο δ'
έστι παρακολούθημα κινήσεων.
*) Diogen. Laert. X, 72. καί μήν καί τόδε γε δει προςκατανοήσαι σφοδρώς.
τόν γάρ δή χρόνον ου ζητητέον, ώςπερ καί τά λοιπά, δσα έν ύποκειμένφ ζητούμεν,
άνάγοντες έπί τάς βλεπομένας παρ" ήμϊν αύτοϊς προλήψεις· άλλ' αυτό τό ένάργημα,
20 καθ' Ö τόν πολύν ή όλίγον χρόνον άναφωνούμεν, συγγενικώς τούτο περιφέροντες,
άναλογιστέον. καί ούτε διαλέκτους ώς βελτίους μεταληπτέον, άλλ' αύταΐς ταϊς
ύπαρχούσαις κατ' αύτού χρηστέον. ούτ' άλλο τι καθ' έαυτου κατηγορητέον,
ώς τήν αύτήν ούσίαν έχοντος τφ Ιδιώματι τούτφ {καί γάρ τούτο ποιούσι τινές),
άλλά μόνον, ώς συμπλέκομεν τό Ιδιον τούτω, καί παραμετρούμεν, μάλιστα έπιλο-
25 γιοτέον. 73. καί γάρ τούτ' ούκ άποδείξεως προςδεϊται, άλλ’ έπιλογισμού· δτι
ταϊς ήμέραις καί ταϊς νυξί συμπλέκομεν χρόνον, καί τοΐς τούτων μέρεσιν ώςαύτως
δέ καί τοΐς πάθεσι καί ταϊς άπαθείαις καί κινήσεσι καί στάσεσιν, ϊδιόν τι σύμ¬
πτωμα περί ταύτα πάλιν αύτό τούτο έννοούντες καθ' 6 χρόνον όνομάζομεν.
φησί δέ καί έν τή β' τούτο περί φύσεως καί έν τή μεγάλη έπιτομή.
30 Β) Lucret. de Rer. Nat 1. c. Sext. Empir. adv. Math. p. 420 sqq.
σύμπτωμα συμπτωμάτων δθεν καί έπειδάν λέγη ό "Επίκουρος τό σώμα
νοεΐν κατ' έπισύνθεσιν μεγέθους καί σχήματος καί άντιτυπίας καί βάρους, έκ
μή δντων σωμάτων βιάζεται τό δν σώμα νοεΐν ώσθ' ϊνα ή χρόνος, συμπτώ¬
ματα είναι δει, ϊνα δέ τά συμπτώματα ύπάρχη, συμβεβηκός τι ύποκείμενον
35 ούδέν δέ έστι συμβεβηκός ύποκείμενον τοίνυν ουδέ χρόνος δύναται ύπάρχειν....
ούκ ούν έπεί ταύτά έστι χρόνος, ό δέ "Επίκουρος συμπτώματά φησιν αύτών είναι,
έσται κατά τόν "Επίκουρον ό χρόνος αύτός έαυτού σύμπτωμα. Cf. Stob. 1. c.
·) Diocen. Laert. X, 46. καί μήν καί τύποι όμοιοσχήμονες τοΐς στερεμνίοις
εϊσί, ληπτότησιν άπέχοντες μακράν τών φαινομένων ... τούτους δέ τούς τύπους
40 είδωλα προςαγορεύομεν. 48. ... ή γένεσις τών ειδώλων άμα νοήματι συμβαίνει·
... ούκ έπίδηλος αίσθήσει διά τήν άνταναπλήρωσιν, σώζουσα τήν έπί στερεμνίου
θέσιν καί τάξιν τών άτόμων.
Lucret. IV, 30 sqq.
rerum simulacre
45 quae, quasi membranae summo de corpore rerum
dereptae volitant ultro citroque per auras.
Id. IV, 52 sqq.
quod speciem ac formam similem gerit eius imago,
cuius .... cluet de corpore fusa vagari.
50 7) Diocen. Laert. X, 49. δει δέ καί νομίζειν, έπειςιόντος τινός άπό τών
έξωθεν, τάς μορφάς όράν ή μάς καί διανοεϊσθαι. ού γάρ άν άλλως άποσφραγίσαιτο
τά έξωθεν τήν έαυτών φύσιν ώςτε όράν ή μάς, τύπων τινών έπειςιόντων
ήμϊν άπό τών πραγμάτων, άπό χροών τε καί όμοιομόρφων κατά τό έναρμόττον
μέγεθος, εις τήν δψιν .... 50. εΐτα διά ταύτην τήν αιτίαν τού ένός καί συνεχούς
55 τήν φαντασίαν άποδιδόντες, καί τήν συμπάθειαν άπό τού ύποκειμένου σώζοντας ·..
76
Die Doktordissertation
52. άλλά μήν καί τό άκούειν γίνεται πνεύματός*) τίνος φερομένου Από
τοϋ φωνοϋντος ή ήχοϋντος ή ψοφοϋντος ή όπωςδήποτ' ακουστικόν πάθος
παρασκευάζοντος. τό δέ £εϋμα τοϋτο είς όμοιομερείς δγκους διασπείρεται, Αμα
τινά διασώζοντας συμπάθειαν πρός αλλήλους ... 53. καί μέν καί τήν Ασμήν
νομιστέον, ώςπερ καί τήν ακοήν ούκ Αν ποτέ πάθος ούδέν έργάσασθαι, εΐ μή 5
όγκοι τινές ήσαν Από τοϋ πράγματος αποφερόμενοι, σύμμετροι πρός τό τοϋτο
αίοθητήριον κινεϊν.
β) Lucret. de Rer. Nat. II, 1139.
iure igitur pereunt, quum rarefacta fluendo
sunt ίο
Fünftes Kapitel
Die Meteore
x) Diocen. Laert. Π, 3. 10.
*) Aristot. Μ e t a p h y s. I, 5. τό έν είναί [φησι (sc. Ξενοφάνης)] τόν
θεόν. ίο
8) Aristot. de Caelo. I, 3. έοικε δ' δ τε λόγος τοϊς φαινομένοις μαρτυ-
ρεϊν καί τά φαινόμενα λόγφ. πάντες γάρ Ανθρωποι περί θεών έχουσιν ύπόληψιν,
καί πάντες τόν Ανωτάτω τφ θείφ τόπον Αποδιδόασι, καί βάρβαροι καί 9 Ελληνες,
δσοι περ είναι νομίζουσι θεούς, δήλον δτι ώς τφ Αθανάτφ τό Αθάνατον αυνηρτη-
μένον Αδύνατον γάρ Αλλως, εϊπερ ούν έστι τι θειον, ώςπερ καί έστι, καί τά Μ
νϋν είρημένα περί τής πρώτης ουσίας τών σωμάτων εϊρηται καλώς· συμβαίνει δέ
τοϋτο καί διά τής αίσθήσεως Ικανώς, ώς γε πρός Ανθρωπίνην είπεϊν πίστιν.
έν Απαντιγάρ τφ παρεληλυθότι χρόνφ κατά τήν παραδεδομένην άλλήλοις μνήμην
ούδέν φαίνεται μεταβεβληκός ούτε καθ' δλον τόν έσχατον ουρανόν ούτε κατά
μόριον αύτοϋ τών οικείων ούδέν. έοικε δέ καί τούνομα παρά τών Αρχαίων διαδε- 85
δόσθαι μέχρι καί τοϋ νϋν χρόνου, τούτων τόν τρόπον ύπολαμβανόντων, δπερ
καί ήμεϊς λέγομεν. ού γάρ Απαξ ούδέ δίς Αλλ' Απειράκις δεϊ νομίζειν τάς αύτάς
Αφικνείσθαι δόξας είς ήμας. διόπερ ώς έτέρου τινός δντος τοϋ πρώτου σώματος,
παρά γήν καί πϋρ καί Αέρα καί ύδωρ, «αιθέρα» προςωνόμασαν τόν Ανωτάτω
τόπον, Από τοϋ «θείν Αεί» τόν άίδιον χρόνον θέμενοι τήν άπωνυμίαν αύτφ. 39
*) Id. i b. I, 3 und II, 1. τόν δ' ούρανόν καί τόν Ανω τόπον οί μέν Αρχαίοι
τοϊς θεοϊς άπένειμαν, ώς δντα μόνον Αθάνατον ό δέ νϋν μαρτυρεί λόγος ώς
Αφθαρτος καί Αγέννητος, έτι δέ Απαθής πάσης θνητής δυςχερείας έστίν
ού μόνον αύτοϋ περί τής Αϊδιότητος ούτως ύπολαβεϊν έμμελέστερον, άλλά
καί τή μαντείφ τή περί τόν θεόν μόνως Αν έχομεν ούτως όμολογ θυμένους Απο- u
φαίνεσθαι συμφώνους λόγους.
β) Aristot. Metaphys. XI, 8. δτι δέ εϊς ουρανός, φανερόν . . . παρα-
δέδοται δέ ύπό τών Αρχαίων καί παλαιών έν μύθου σχήματι παραλελειμμένα
τοϊς ύστερον, δτι θεοί τέ είοιν ούτοι καί περιέχει τό θειον τήν δλην φύσιν· τά δέ
λοιπά μυθικώς ήδη προςήχθη πρός τήν πειθώ τών πολλών καί πρός τήν είς 49
τούς νόμους καί τό συμφέρον χρήσιν. Ανθρωποειδείς τε καί γάρ τούτους καί
τών Αλλων ζφων όμοίους τισί λέγουσι, καί τούτοις έτερα Ακόλουθα καί παρα¬
πλήσια τοϊς είρημένοις· ών εϊ τις χωρίσας αύτό λάβοι μόνον τό πρώτον, δτι
θεούς φοντο τάς πρώτας ουσίας είναι, θείως Αν εΐρήσθαι νομίσειεν, καί κατά
τό είκός πολλάκις εύρημένης είς τό δυνατόν έκάστης καί τέχνης καί φίλο- 45
σοφίας καί πάλιν φθειρομένων καί ταύτας τάς δόξας έκείνων οίον λείψανα,
περισεσώσθαι μέχρι τοϋ νϋν.
*) Bei Cobet ÿsvuaros
Anmerkungen zu Teil 2
77
·) Diogen. Laert. X, 81. έπί ôè τούτοις δλως άπασιν έκείνο δει κατανοεί?,
δτι ό τάραχος ό κυριώτατος ταίς άνθρωπίναις ψνχαίς γίνεται έν τφ ταϋτα μα¬
κάριά τε δοξάζειν καί άφθαρτα καί ύπεναντίας έχειν τούτοις βουλήσεις καί
πράξεις . . . και ύποπτεύειν κατά τούς μύθους.
S i) Id. ib. 76. καί μήν έν τοίς μετεώροις φοράν καί τροπήν καί έκλειψιν καί
άνατολήν καί δύσιν καί τά σύστοιχα τούτοις μήτε λειτουργοϋντός τίνος νομίζειν
όεί γίνεσθαι, καί όιατάττοντος ή όιατάξαντος, καί άμα τήν πάσαν μακαριότητα
έχοντος μετ αφθαρσίας. 77. ού γάρ συμφωνούσι πραγματείαι μακαριότητι,
άλλ' άσθενείφ καί φόβφ καί προςόεήσει τών πλησίον ταϋτα γίνεται, μητ' αύ
10 πυριώδη τινά συνεστραμμένα, τήν μακαριότητα κεκτημένα, κατά βούλησιν
τάς κινήσεις ταύτας λαμβάνειν εί όέ μή, τόν μέγιστον τάραχον έν ταίς ψυχαίς
αυτή ύπεναντιότης παρασκευάσει.
8) Aristot. de Caelo. Π, 1. όιόπερ ούτε κατά τόν τών παλαιών μύθον
άποληπτέον έχειν, οϊ φασιν Ατλαντός τίνος αύτφ προςδείσθαι τήν σωτηρίαν.
15 ·) Diogen. Laert. X, 85. καλώς δή αυτά διάλαβε (sc. ώ Πυθόκλεις) καί
διά μνήμης έχων οξέως αύτά περιόδευε κατά τών λοιπών, ών έν τή μικρφ έπιτομή
πρός Ηρόδοτον άπεστείλαμεν.
10 ) Id. ib. 85. πρώτον μέν ούν μή άλλο τι τέλος έκ τής περί τών μετεώρων
γνώσεως, είτε κατά συναφήν λεγομένων είτ* αύτοτελώς, νομίζειν δει είναι ήπερ
20 άταραξίαν καί πίστιν βέβαιον, καθάπερ έπί τών λοιπών.
Id. ib. 82. ή δέ άταραξία «τό τούτων πάντων άπολελύσθαι καί συνεχή
μνήμην έχειν τών δλων καί κνριωτάτων».
11 ) Id. ib. 87. ού γάρ Ιδιολογίας καί κενής δόξης ό βίος ήμών έχει χρείαν,
άλλά τού άθορύβως ή μάς ζήν.
25 Ib. 78. καί μήν καί τήν ύπέρ τών κύριωτάτων αιτίαν έξακριβώσαι φυσιο¬
λογίας έργον είναι δει νομίζειν, καί τό μακάριον έν τή περί τών μετεώρων
γνώοει ένταύθα πεπτωκέναι.
Ib.79. τό δ' έν τή Ιστορίρ. πεπτωκός τής δύσεως καί άνατολής καί τροπής
καί έκλείψεως καί δσα συγγενή τούτοις, μηδέν έτι πρός τό μακάριον τής γνώσεως
30 συντείνειν, άλλ’ όμοίως τούς φόβους έχειν τούς ταϋτα κατιδόντας, τίνες δ' αί
φύσεις άγνοούντας καί τίνες αί κυριώταται αίτίαι, καί εί μέν προήδεισαν ταϋτα,
τάχα δέ καί π λείους.
13) Id. i b. 86. μήτε τό άόύνατον παραβιάζεσθαι μήθ' όμοίαν κατά πάντα
τήν θεωρίαν έχειν ή τοίς περί βίων λόγοις, ή τοίς κατά τήν τών άλλων φυσικών
35 προβλημάτων κάθαρσιν, οίον δτι τό παν σώμα καί άναφής φύσις έστιν ή δτι
άτομα στοιχεία καί πάντα τά τοιαϋτα ή δσα μοναχήν έχει τοίς φαινομένοις συμφω¬
νίαν, δπερ έπί τών μετεώρων ούχ ύπάρχει.
18) Id. ib. 86. άλλα ταϋτά γε πλεοναχήν έχει καί τής γενέσεως αιτίαν καί
τής ουσίας ταίς αίσθήσεσι σύμφωνον κατηγορίαν, ού γάρ κατ' άξιωματα καινά
40 καί νομοθεσίας φυσιολογητέον, άλλ' ώς τά φαινόμενα έκκαλείται.
14 ) Id. i b. 92.
i®) Id. ib. 94.
18) Id. i b. 95 und 96.
17) Id. ib. 98.
45 ie) Id. ib. 104. καί κατ' άλλους δέ τρόπους πλείονας ένδέχεται (sc. Επί¬
κουρος) κεραυνούς άποτελείσθαι, μόνον ό μύθος άπέστω· άπέσται δέ, έάν τις
καλώς τοίς φαινομένοις άποκολουθών περί τών άφανών σημειώται.
1β) Id. ib. 80. ώςτε μή παραθεωρούντας ποσαχώς παρ' ήμίν τό δμοιον
γίνεται, αίτιο λογητέον ύπέρ τε τών μετεώρων καί παντός τού άδήλου.
50 Ib. 82 . . . ή δ' άταραξία τό τούτων πάντων άπολελύσθαι . . . δθεν τοίς
πάσι προςεκτέον τοίς παροϋσι καί ταίς αίσθήσεσι, κατά μέν τό κοινόν ταίς κοιναίς,
κατά δέ τό ίδιον ταίς ίδίαις καί πάση τή παρούση καθ' έκαστον τών κριτηρίων
ένεργείρ.. άν γάρ τούτοις προςέχωμεν, τό δθεν ό τάραχος καί ό φόβος έγίνετο,
έξαιτιολογήσομεν όρθώς, καί άπολύσομεν, ύπέρ τε μετεώρων αίτιο λογούντες καί
55 τών λοιπών τών άεί περιπιπτόντων, καί δσα φοβεί τούς λοιπούς άνθρώπους εσχάτως.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 11
78
Die Doktordiesertation
Ib. 87. σημεία δέ τινα τών έν τοΐς μετεωροις συντελουμένων φέρειν δει
παρ' ήμϊν τινα φαινομένων, ά θεωρείται ή ύπάρχει, και ού τά έν τοΐς μετεωροις
φαινόμενα, ταϋτα γάρ ούκ ένδέχεται πλεοναχώς γίνεσθαι. [88] τό μέντοι φάν-
τασμ' έκαστον τηρητέον καί έπί τά συναπτόμενα τούτφ διαιρετέ ον, ά ούκ άντι-
μαρτυρεϊται τοΐς παρ' ήμϊν γινομένοις πλεοναχώς ουντελείσθαι. 5
30) Id. ib. 78. έτι δέ καί τό πλεοναχώς έν τοΐς τοιούτοις είναι καί τό
ένδεχομένως καί άλλως πως έχειν.
I b. 86. άλλά ταϋτά γε πλεοναχήν έχει καί τής γενέσεως αιτίαν.
I b. 87. πάντα μέν ούν γίνεται άσείστως έπί πάντων μετεώρων κατά πλεο-
ναχόν τρόπον δταν τις τό πιθανόλογούμενον υπέρ αύτών δεόντως 10
καταλίπη.
31 ) Id. ib. 98. οί δέ τό έν λαμβάνοντες τοΐς δέ φαινομένοις μάχονται καί
τού *τί δυνατόν άνθρώπφ θεωρήσαι* διαπεπτώκασιν.
Ib. 113. τό δέ μίαν αιτίαν τούτων άποδιδόναι, πλεοναχώς τών φαινομέ¬
νων έκκαλουμένων, μανικόν καί ού καθηκόντως πραττόμενον ύπό τών τήν μα- 15
ταίαν άστρολογίαν έζηλωκότων καί εις τό κενόν αιτίας άποδιδόντων, δταν
τήν θείαν φύσιν μηδαμή λειτουργιών άπολύωσιν.
I b. 97. έτι τε τάξις περιόδου καθάπερ ένια καί παρ' ήμϊν τών τυχόντων
γίνεται, λαμβανέσθω, καί ή θεία φύσις πρός ταύτα μηδαμή προςαγέσθω, άλλ'
άλειτούργητος διατηρείσθω καί έν τή πάση μακαριότητι, ώς εί τούτο μή πραχθή- 20
σεται, άπασα ή τών μετεώρων αιτιολογία ματαία έσται· καθάπερ τιοίν ήδη
έγίνετο ού δυνατού τρόπου έφαψαμένοις, είς δέ τό μάταιον έκπεσούοι τφ καθ'
ένα τρόπον μόνον οΐεοθαι, γίνεσθαι, τούς δ' άλλους άπαντας τούς κατά τό
ένδεχόμενον έκβάλλειν εις τε τό άδιανόητον φερομένοις καί τά φαινόμενα ά δει
σημεία άποδέχεσθαι μή δυναμένοις συνθεωρεϊν. 25
Ib. 93 · . . · μή φοβούμενος τάς άνδραποδώδεις τών άστρολόγων τεχνι-
τείας.
Ib. 87 δήλον δτι έκ παντός έκπίπτει φυσιολογήματος, έπί δέ τόν μύθον
καταβρεϊ.
Ib. 80. ώςτε . . . αίτιολογητέον ύπέρ τε τών μετεώρων καί παντός τού 30
άδήλου, καταφρονούντας ούτε τό μοναχώς έχον ή γινόμενον γνωριζόντων,
ούτε τό πλεοναχώς ουμβαϊνον κατά τήν έκ τών άποοτημάτων φαντασίαν παραδι-
δόντων, έτι δ' άγνοούντων καί έν ποίοις ούκ έστιν άταρακτήσαι.
33 ) Id. ib. 80. καί ού δει νομίζειν τήν ύπέρ τούτων χρείας πραγματείαν
άκρίβειαν μή άπειληφέναι, δση πρός τό άτάραχον καί μακάριον ήμών συντείνει. 35
38 ) Id. ib. 78 . . . .άπλώς μή είναι έν άφθάρτφ καί μακαρίφ φύσει τών
διάκρισιν ύποβαλλόντων ή τάραχον μηδέν, καί τούτο καταλαβεϊν τή διανοίφ
έστιν απλώς ούτως είναι.
><) Cf. Aristot. de Caelo I. 10.
38 ) Id.ib. (I, 10). εί δέ πρότερον έξ άλλως έχόντων συνέστη ό κόσμος, εί 40
μέν άεί ούτως έχόντων καί άδυνάτων άλλως έχειν, ούκ άν έγένετο.
38 ) Athen. D e i ρ η ο s. ΠΙ, 104. είκότως άν έπαινέσειεν τόν καλόν Χρύσιππον
κατιδόντα άκριβώς τήν "Επικούρου φύσιν, καί είπόντα μητρόπολιν είναι τής
φιλοσοφίας αύτού τήν Άργεστράτον γαστρ ο λόγιαν.
37) Lucret. de Rer. Nat. I, 63—80. 45
Anmerkungen zum Anhang
79
5
10
15
20
25
30
35
40
45
Anhang
Kritik der plutarchisdien Polemik gegen
Epikurs Theologie
I. Das Verhältnis des Menschen zu Gott
1. Die Furcht und das jenseitige Wesen.
i) Plutarch. De eo, quod sec. Epie, non beate vivi possit (ed.XyL). T.IL p. 1101.
αλλά περί ήδονής μεν εϊρηται (sc. ύπό τοϋ Επικούρου) σχεδόν, ώς ό
λόγος αύτών φόβον άφαιρεϊ τινα καί δεισιδαιμονίαν, ευφροσύνην δέ καί χαράν
άπό τών θεών ούκ ένδίδωσιν.
2) Système de la nature (Londres 1770) IL Part. p. 9. L’idée de
ces agents si puissants fut toujours associée a celle de la terreur, leur nom rappela
toujours à l’homme ses propres calamités ou celles de ses pères; nous tremblons
aujourd’hui, parce que nos aïeux ont tremblé il y a des milliers d’années· L’idée
de la Divinité réveille toujours en nous des idées affligeantes . . . nos craintes
actuelles et des pensées lugubres s’élèvent dans notre esprit toutes les fois, que
nous entendons prononcer son nom. Vgl. p. 78. En fondant la morale sur le
caractère peu moral d’un Dieu qui change de conduite, l’homme ne peut jamais
savoir à quoi s’en tenir ni sur ce qu’il doit à Dieu, ni sur ce qu’il se doit à lui
même, ni sur ce qu’il doit aux autres. Rien ne fut donc plus dangereux que de lui
persuader, qu'il existait un être supérieur à la nature devant qui la raison devait se
taire, à qui, pour être heureux, l’on devait tout sacrifier ici bas.
’) Plutarch. 1. c. p. 1101. δεδιότες γάρ ώςπερ Αρχοντα χρηστοϊς ήπιον,
άπέχθη δέ φαύλοις, ένί φόβφ, δι' δν ού δέουσι πολλών, έ λευθερούντων έπί τό
άδικεϊν, καί παρ' αύτοϊς άτρέμα τήν κακίαν έχοντες olov άπομαραινομένην,
ήττον ταράττονται τών χρωμένων αύτή και τολμώντων, είτ' εύθύς δεδιότων καί
μεταμελομένων.
2. Der Kultus und das Individuum.
*) Plutarch. L c. p. 1101. άλλ' όπου μάλιστα δοξάζει καί διανοείται παρείναι
τόν θεόν, έκεϊ μάλιστα λύπας καί φόβους καί τό φροντίζειν άπωσαμένη (sc. ή
ψυχή) τφ ήδομένφ μέχρι μέθης καί παιδιας καί γέλωτος άφίησιν έαυτήν έν τοϊς
έρωτικοϊς . . .
8) Plutarch. 1. c.
·) Plutarch. 1. c. p. 1102. ού γάρ οϊνου πλήθος ουδ' Απτησις κρεών τό
εύφραϊνόν έστιν έν ταϊς έορταϊς, άλλα καί έλπίς άγαθή καί δόξα τοϋ παρεϊναι
τόν θεόν εύμενή, καί δέχεσθαι τά γινόμενα κεχαρισμένως.
3. Die Vorsehung und der degradierte Gott.
7) Plutarch. ib. p. 1102. έν ήλίκαις ήδοναις, καθαραϊς περί θεοϋ δόξης
συνόντες, ώς πάντων μέν ήγεμών άγαθών, πάντων δέ πατήρ καλών έκεϊνος έστι
καί φαϋλον ούδέν ποιειν αύτώ θέμις, ώςπερ ούδέ πάσχειν* άγαθός γάρ έστιν,
άγαθφ δέ περί ούδενός έγγίγνεται φθόνος, ούτε φόβος, οϋτ' όργή, οϋτε μίσος-
ούτε γάρ θερμοϋ τό ψύχειν, άλλά τό θερμαίνειν, ώςπερ ούδ' άγαθοϋ τό βλάπτειν
όργή δέ χάριτος, καί χόλος εύμενείας, καί τοϋ φιλάνθρωπου καί φιλόφρονος τό
δυςμενές καί ταρακτικόν άπωτάτω τή φύσει τέτακται· τά μέν γάρ άρετής καί
δυνάμεως, τά δ' άσθενείας έστι καί φαυλότητος· ού τοίνυν όργαϊς καί χάρισι
συνάγεται τό θειον, άλλ' Ατε μέν χαρίζεσθαι καί βοηθεϊν πέφυκεν, όργίζεσθαι
δέ καί κακώς ποιειν ού πέφυκεν.
·) Ib. Αρα γε δίκης έτέρας οϊεσθε τούς άναιροϋντας τήν πρόνοιαν; καί ούχ
ικανήν έχειν, έκκόπτοντας έαυτών ήδονήν καί χαράν τοσαύτην.
11·
80
Die Doktordissertation
9. *) „Schwache Vernunft aber ist nicht die, die keinen objek¬
tiven Gott erkennt, sondern die einen erkennen w i 11.“ Schelling,
Phil. Briefe über Dogmatismus und Kritizismus in den Philosophischen
Schriften, Erster Band, Landshut 1809, p. 127, Brief II. Es wäre dem
Herm Schelling überhaupt zu raten, seiner ersten Schriften sich wieder zu 5
besinnen *·). So heißt es z. B. in der Schrift über das Ich als Prinzip der
Philosophie: „Man nehme z. B. an, daß Gott, insofern er als Objekt
bestimmt ist, Realgrund unseres Wesens sei, so fällt er ja, insofern er
Objekt ist, selbst in die Sphäre unseres Wissens, kann
also für uns nicht der letzte Punkt sein, an dem diese ganze Sphäre hängt.“ io
p. 5, 1. c. Wir erinnern Herm Schelling schließlich an die Schlußworte
seines oben zitierten Briefes: „Es ist Zeit, der besseren Mensch¬
heit die Freiheit der Geister zu verkünden und nicht länger
zu dulden, daß sie den Verlust ihrer Fesseln be¬
weine***).“ p. 129 1. c. Wenn es schon anno 1795 Zeit war, wie im is
Jahre 1841?
Um hier bei Gelegenheit eines fast berüchtigt gewordenen Themas zu
gedenken, der Beweise für das Dasein Gottes, so hat
Hegel diese theologischen Beweise sämtlich umgedreht, das heißt ver¬
worfen, um sie zu rechtfertigen. Was müssen das für Klienten sein, die der 20
Advokat nicht anders der Verurteilung entziehen kann, als indem er selbst
sie totschlägt? Hegel interpretiert z. B. den Schluß von der Welt auf Gott
in die Gestalt: „Weil das Zufällige nicht ist, ist Gott oder das Abso¬
lute.“ Allein der theologische Beweis heißt umgekehrt: „Weil das Zu¬
fällige wahres Sein hat, ist Gott“ Gott ist die Garantie für die zufällige 25
Welt. Es versteht sich, daß damit auch das Umgekehrte gesagt ist
Die Beweise für das Dasein Gottes sind entweder nichts als hohle
Tautologien — z. B. der ontologische Beweis heißt nichts als: „was
ich mir wirklich (realiter) vorstelle, ist eine wirkliche Vorstellung für
mich“, das wirkt auf mich, und in diesem Sinne haben alle Götter,^
sowohl die heidnischen als christlichen, eine reelle Existenz1*) besessen.
Hat nicht der alte Moloch geherrscht? ) War nicht der delphische Apollo
eine wirkliche Macht im Leben der Griechen? Hier heißt auch Kants Kri¬
tik nichts. Wenn jemand sich vorstellt, hundert Taler zu besitzen, wenn
diese Vorstellung ihm keine beliebige, subjektive ist, wenn er an sie glaubt,**
so haben ihm die hundert eingebildeten Taler denselben Wert wie hundert
wirkliche. Er wird z. B. Schulden auf seine Einbildung machen, sie wird
wirken, wie die ganze Menschheit Schulden auf
ihre Götter gemacht hat. Im Gegenteil. Kants Beispiel hätte
den ontologischen Beweis bekräftigen können. Wirkliche Taler haben die- 40
*) Diese Anmerkung von Marx geschrieben.
**) Die letzten vier IT orte korr. aus vorzunehmen.
*·*) In diesem Satz ist bei Schelling nur besseren gesperrt, alle übrigen Sperrungen
stammen von Marx.
t) korr. aus Macht
ttj Nach geherrscht gestrichen dem die Menschenopfer fielen.
Anmerkungen zum Anhang
81
selbe Existenz, die*) eingebildete Götter. Hat ein wirklicher Taler anders¬
wo Existenz als in der Vorstellung, wenn auch in einer allgemeinen oder
vielmehr gemeinschaftlichen Vorstellung der Menschen? Bringe Papier¬
geld in ein Land, wo man diesen Gebrauch des Papiers nicht kennt, und
5 jeder wird lachen über deine subjektive Vorstellung. Komme mit deinen
Göttern in ein Land, wo andere Götter gelten, und man wird dir beweisen,
daß du an Einbildungen und Abstraktionen leidest Mit Recht. Wer einen
Wendengott den alten Griechen gebracht, hätte den Beweis von der Nicht¬
existenz dieses Gottes gefunden. Denn für die Griechen existierte er nicht.
10 Was ein bestimmtes Land für bestimmte Götter
aus der Fremde, das ist das Land der Vernunft für
Gott überhaupt, eine Gegend, in der seine Existenz
a u f h ö r t "). —
Oder die Beweise für das Dasein Gottes sind nichts als Beweise
15 für das Dasein des wesentlichen menschlichen
S e 1 b s t b e w u ß t s e i n s, logische Explikationen des¬
selben. Zum Beispiel der ontologische Beweis. Welches Sein ist un¬
mittelbar, indem es gedacht wird? Das Selbstbewußtsein.
In diesem Sinne sind alle Beweise für das Dasein Gottes Beweise für
20 sein Nichtdasein, Widerlegungen aller Vorstellungen von
einem Gott. Die wirklichen Beweise müßten umgekehrt lauten : „Weil die
Natur schlecht eingerichtet ist, ist Gott.“ „Weil eine unvernünftige Welt
ist, ist Gott.“ „Weil der Gedanke nicht ist, ist Gott.“ Was besagt dies
aber, als, wem die Welt unvernünftig, wer daher
3*selbst unvernünftig ist, dem ist Gott? Oder die
Unvernunft ist Has Dasein Gottes.
„Wenn ihr die Idee eines objektiven Gottes voraussetzt,
wie könnt ihr von Gesetzen sprechen, die die Vernunft aus
sich selbst hervorbringt, da doch Autonomie allein einem
30 absolut freien Wesen zukommen kann ***) ?“ Schelling 1. c.
p. 198.
„Es ist Verbrechen an der Menschheit, Grundsätze zu verbergen, die
allgemein mitteilbar sind.“ Derselbe 1. c. p. 199.
*) korr. aus als
·♦) Existenz aufhört korr. aus Nichtexistenz bewiesen wird.
***) Idee . . . objektiven Gottes . . . Vernunft . . . Autonomie . . . freien Wesen von Marx
gesperrt.
Aus den Vorarbeiten
zur Geschichte der epikureischen, stoischen und
skeptischen Philosophie
[iiui dem I. Heft] *)
[Epikur über den Staat]
Folgende Stellen bilden die Ansicht Epikurs von der geistigen Natur,
dem Staate. Der Vertrag, συνθήκη, ist ihm die Grundlage, und konsequent
ist auch nur das συμφέρον, das Nützlichkeitsprinzip, der Zweck:*)·)
[Epikur als der Philosoph der Vorstellung]
Es ist wichtig, daß Aristoteles in seiner Metaphysik dieselbe Bemer¬
kung«) über die Stellung der Sprache zum Philosophieren macht. Da
··. ? A“!dem Umschlag des I. Heftes befindet sich folgende Aufschrift: Epiku¬
reische Philosophie. Erstes Heft. K. Marx. st. j. Berlin. 1839. Winter. In diesem
Heft schließen sich die sämtlichen Notizen und Ausführungen in Form von Glossen
an Diogenes Laertius: De clarorum philosophorum vitis, dogmatibus et
apophtegmatibus libri decem, 10. Buch an, das Marx — wie wieder aus der Über¬
schrift auf dem Umschlag ersichtlich — in der Ausgabe Gassendis benutzt hat:
Petri Gassendi Animadversiones in decimum librum Diogenis Laertii, qui est
de Vita, Moribus, Placitisque Epicuri. Lugduni 1649.
Das Heft beginnt mit einer langen Reihe von Zitaten aus Diogenes Laertius. Hier
folgt ihre genaue Zusammenstellung, wobei wir nach der Angabe der Paragraphen
des 10. Buches von Diogenes Laertius die Stellen nach H. Usener, Epicurea,
Leipzig,. 1887, geben und danach noch die von Marx angeführten (von uns verifizier¬
ten) Seitenzahlen der Gassendischen Ausgabe. Vo die Stelle bei Usener nicht zitiert
ist, haben wir Diogenis Laertii de clarorum philosophorum vitis, dogmatibus et
apophtegmatibus libri decem, recens. Co bet, Parisiis, Didot, 1862, herangezogen.
Aus Cobets Ausgabe stammen auch die nach den wörtlich wiedergegebenen griechi¬
schen Zitaten gegebenen lateinischen Übersetzungen.
Diog. X, 2 Us. p. 360, 3—4 Gass. p. 10; Diog. X, 4 Us. p. 360,15—18 Gass. p. 11;
Diog. X, 2 Us. p. 360, 22—361, 1 Gass. p. 11; Diog. X, 6 Us. p. 361, 18—362, 1
Gass. p. 12; Diog. X, 12 Us. p. 365, 16—17 Gass. p. 16; Diog. X, 29 Us. p. 370, 14
Gass. p. 25; Diog. X, 31—34 Us. p. 371, 6—373, 5 Gass. p. 26—29; Diog. X, 123—25
Us. p. 59, 16—61, 11 Gass. p. 82—84; Diog. X, 126 Us. p. 61, 17—21 Gass. p. 84;
Diog. X, 127—30 Us. p. 62, 4—63, 22 Gass. p. 84—87; Diog. X, 131—32
Us. p. 64, 8 . . . 11-17, 18-24 Gass. 87-88; Diog. X, 133-35 Us. p. 65, 1—77,
66,1—9 Gass. p. 88—89; Diog. X, 135 Us. p. 100, 3—4, 1—2 Gass. p. 90; Diog. X, 136
Us. p. 91, 1—11; Diog. X, 137—38 Cobet p. 284, 48—285, 3 . . . 7—8, 10—12;
Diog. X, 139—40 Us. p. 71, 3—72, 12 Gass. p. 91—92; Diog. X, 141 Us. p. 73, 7—9
Gass. p. 93; Diog. X, 142 Us. p. 73, 10—13 Gass. p. 93; Diog. X, 142—44
Us. p. 73, 20—74,16 Gass. p. 94—95; Diog. X, 144—45 Us. p. 75, 5—20 Gass. p. 95;
Diog. X, 146 Us. p. 76, 5—10 Gass. p. 95; Diog. X, 148 Us. p. 77, 3—6 Gass. p. 95;
Diog. X, 149 Us. p. 77, 18—78, 2 Gass. p. 96; Diog. X, 148 Us. p. 77, 14—17
Gass. p. 97.
*) Danach folgen die Zitate; Diog. X, 150 Us. p. 78,8—17 Gass. p. 98; Diog. X, 151
Us. p. 79, 1—3 . . 6—11 Gass. p. 98; Diog. X, 152 Us. p. 79, 12—80, 1 Gass. p. 99;
Diog. X, 152—54 Us. p. 80,1—16 Gass. p. 99.
·) Vergleiche Dissertation p. 32.
«) Marx meint hier die unmittelbar vor diesen Ausführungen zitierte Stelle
Diog. X, 37-38 Us. p. 4, 14-15, 6 Gass. p. 30-31.
Aus den Vorarbeiten
85
die alten Philosophen alle von Voraussetzungen des Bewußtseins, die
Skeptiker nicht ausgenommen, beginnen, so bedarf es eines festen Haltes.
Das sind dann die Vorstellungen, wie sie im allgemeinen Wissen vor¬
handen sind. Epikur als der Philosoph der Vorstellung ist hierin am
5 genauesten und bestimmt daher näher diese Bedingungen der Grundlage.
Er ist auch am konsequentesten und vollendet ebenso wie die Skeptiker
von der anderen Seite die alte Philosophie1).
[Die Verlegung der Idealität in die Atome und
die immanente Dialektik der epikureischen
10 Philosophie]
Siehe S. 44 Schluß und Anfang Seite 452), wo eigentlich das
atomistische Prinzip gebrochen und in die Atome selbst eine innere Not¬
wendigkeit gelegt wird. Da sie irgendeine Größe haben, so muß es etwas
Kleineres als sie geben. Dies sind die Teile, aus denen sie zusammen-
15 gesetzt sind. Diese sind aber notwendig zusammen als eine κοινότης
ένυπάρχουσα [Diog. X, 59]3). Die Idealität wird so in die Atome selbst
verlegt. Das kleinste in ihnen ist nicht das kleinste der Vorstellung, aber
es hat Analogie damit, und es wird nichts Bestimmtes dabei gedacht. Die
Notwendigkeit und Idealität, die ihnen zukömmt, ist selbst eine bloß
20 fingierte, zufällige; ihnen selbst äußerlich. Erst damit ist das Prinzip
der epikureischen Atomistik ausgesprochen; daß das Ideelle und Not¬
wendige nur in sich selbst äußerlicher vorgestellter Form, in der Form
des Atoms ist4). Soweit geht also die Konsequenz Epikurs, καί μήν καί
Ισοταχείς Αναγκαίον τάς Ατόμους είναι, όταν διά τοϋ κενοϋ είςφέρωνται μηδενός
25 Αντικόπτοντος. [verum enim et aequa celeritate atomos esse necesse est,
9 Nach dieser Stelle folgen die Zitate: Diog. X, 38 Us. p. 5, 6—13 Gass. p. 31;
Arist. phys. 1. I cap. 4 commentai*. Collegii Coimbrici p. 124; Arist. de gen. et corr.
1. I. cap. 3 ed. Bekkeri acad. Berol. 1831, I, 317 b. 15—18 Commentai*. Col. Coimbr.
p. 26 ; Diog. X, 39 Us. p. 6, 1—2 Gass. p. 31 ; Diog. X Gass. p. 32, 5—6 (weder von
Cobet noch von Usener auf genommene Stelle); Diog. X, 40 Us. p. 6,14—16 Gass. p. 32;
Diog. X, 41 Us. p. 6, 16—17, 2 Gass. p. 32—33; Diog. X, 41 Us. p. 7, 6—7 Gass. p. 33;
Diog. X, 41 Us. p. 7, 10—11 Gass. p. 33; Arist. phys. 1. ΙΠ cap. 5 ed. Bekkeri
p. 204 b, 18—19; Diog. X, 42 Us. p. 7,19 Gass. p. 33—34; Diog. X, 43 Us. p. 8, 1—2
Gass. p. 34; Diog. X, 44 Us. p. 8, 10—11 Gass. p. 35; Diog. X, 44 Us. p. 8, 19—9, 18
(Scholion) Gass. p. 35; Diog. X, 44 Us. p. 9, 19—20 (Schouon) Gass. p. 35;
Diog. X, 45 Us. p. 9, 4 Gass. p. 35; Diog. X, 46 Us. p. 9,11—13 Gass. p. 36 ; Diog. X, 46
Us. p. 10, 2—3 Gass. p. 36; Diog. X, 48 Us. p. 11, 2—5 Gass. p. 37; Diog. X, 48
Us. p. 11, 9-13 Gass, p.38; Diog. X, 49 Us. p. 11, 14—15 Gass. p. 38; Diog. X, 50
Gass. p. 39, 9—19 Us. p. 12, 10—11, 19—21 Cobet p. 266, 5—9 (Gass. p. 39, 9—12
weder von Cobet noch von Usener auf genommene Stelle) ; Diog. X, 51 Us. p. 13,1—6
Gass. p. 39; Diog. X, 52 Us. p. 13, 10—11 Gass. p. 39—40; Diog. X, 53 Us. p. 14, 8—9
Gass. p. 41; Diog. X, 54 Us. p. 14, 17 Gass. p. 41; Diog. X, 55 Us. p. 15, 11—15
Gass. p. 42—43; Diog. X, 56 Us. p. 16, 1—2 Gass. p. 43; Diog. X, 60 Us. p. 18, 8—10
Gass. p. 45.
9 Diog. X, 60. Die im Marxschen Text angeführten Seitenzahlen beziehen sich
natürlich auf die Gasséndische Ausgabe.
9 Bei Usener und bei Cobet: ή ύπάρχουσα (commune illud quod eis intercedit).
·) Vergl. Diss. p. 32, 40.
86
Die Doktordissertation
quum per inane invehuntur nullo reluctante. — Diog. X, 61 Us. p. 18,
15—16 Gass. p. 46.]
Wie wir gesehen haben, daß das Notwendige, der Zusammenhang, die
Unterscheidung in sich selbst in das Atom verlegt oder vielmehr aus¬
gesprochen wird, daß die Idealität hier nur in dieser sich selbst äußer- 5
liehen Form vorhanden ist, so geschieht es auch in Beziehung der Be¬
wegung, welche notwendig zur Ruhe kommt, sobald die Bewegung
des Atoms mit der Bewegung der κατά τάς συγκρίσεις [per concretiones,
Diog. X, 61, Us. p. 19,5] Körper, d. i. des Konkreten verglichen
wird. Die Bewegung der Atome ist prinzipiell gegen diese absolut, d. i. io
alle empirischen Bedingungen sind in ihr auf gehoben, sie ist ideell. Über¬
haupt ist zur Entwicklung der epikureischen Philosophie und der ihr
immanenten Dialektik wesentlich dies festzuhalten, daß, indem das Prinzip
ein vor gestelltes, in der Form des Seins sich verhaltendes gegen die kon¬
krete Welt ist, die Dialektik, das innere Wesen dieser ontologischen Be- 15
Stimmungen, als einer in sich selbst nichtigen Form des Absoluten, nur so
hervorbrechen kann, daß sie als unmittelbare in notwendige Kollision
mit der konkreten Welt geraten und in ihrem spezifischen Verhalten zu
derselben es offenbaren, wie sie nur die fingierte, sich selbst äußerliche
Form ihrer Idealität sind und vielmehr nicht als Vorausgesetzte, sondern 20
nur als Idealität des Konkreten sind. Ihre Bestimmungen selbst sind so
an sich unwahre, sich aufhebende1). Es wird nur der Begriff der Welt
ausgesprochen, daß ihr Boden das Voraussetzungslose, das Nichts ist’).
Die epikureische Philosophie ist wichtig wegen der Naivität, mit welcher
die Konsequenzen ausgesprochen werden ohne die moderne Be- 25
fangenheit’).
Zu betrachten, woher das Prinzip der sinnlichen Gewißheit auf¬
gehoben und welche abstrahierende Vorstellung als das wahre Kriterium
aufgestellt wird, ή ψυχή σωμά έστι λεπτομερές, παρ' δλον τό άθροισμα
(corpus) παρεσπαρμένον (diffusum). [Gass.] S. 47. [quod anima sit corpus 30
tenuibus partibus per totam congregationem seminatum. — Diog. X, 63
Us. p. 19, 17-18.]
Interessant ist hier wieder der spezifische Unterschied von Feuer und
Luft gegen die Seele, um das Adäquate der Seele zum Körper zu be¬
weisen, wo die Analogie angewandt, aber ebenso aufgehoben wird, was 35
überhaupt die Methode des fingierenden Bewußtseins ist; so brechen alle
konkreten Bestimmungen in sich selbst zusammen und ein bloß eintöniges
Echo ersetzt die Stelle der Entwicklung4)5).
*) Vergl. Diss. p. 33, 36, 41, 50.
’) Vergl. Diss. p. 40.
8) Hier zitiert Marx folgende Stellen: Diog. X, 62 Us. p. 19, 4—6 Gass. p. 46;
Diog. X, 62 Us. p. 19, 8—14 Gass. p. 47.
4) Hier zitiert Marx folgende Stelle: Diog. X, 63—64 Us. p. 20, 7—18 Gass. p. 48.
B) Vergl. Diss. p. 40.
Aus den Vorarbeiten
87
Wie wir gesehen, daß die Atome, abstrakt unter sich genommen, nichts
anderes sind als seiend vorgestellte überhaupt und erst in Kollision mit
dem Konkreten ihre fingierte und daher in Widersprüche verwickelte
Idealität entwickeln, so weisen sie nach, indem sie die eine Seite des Ver-
5 hältnisses werden, d. h. indem an Gegenstände herangetreten wird, die
an sich selbst das Prinzip und seine konkrete Welt tragen (das Lebendige,
Seelenhafte, Organische), daß das Reich der Vorstellung einmal als frei,
das andermal als die Erscheinung eines Ideellen gedacht wird. Diese
Freiheit der Vorstellung ist also auch bloß eine gedachte, unmittelbare,
10 fingierte, das in seiner wahren Form das Atomistische ist. Beide Bestim¬
mungen können daher verwechselt werden, jedes für sich betrachtet ist
dasselbe als das andere, aber auch gegeneinander müssen ihnen, je aus
welcher Rücksicht betrachtet wird, dieselben Bestimmungen zugeschrieben
werden. Die Lösung ist daher wieder der Rückfall in die einfachste erste
is Bestimmung, daß das Ich der Vorstellung als ein freies fingiert
wird. Indem dieser Rückfall hier an einer Totalität geschieht, an dem
Vorgestellten, das wirklich an sich selbst das Ideelle hat und es selbst
ist in seinem Sein1), so ist hier das Atom gesetzt, wie es wirklich ist, in
der Totalität seiner Widersprüche; zugleich tritt der Grund [?] dieser
20 Widersprüche hervor, die Vorstellung auch als das freie Ideelle fassen
zu wollen, aber selbst nur vorstellend. Das Prinzip der absoluten Willkür
erscheint daher hier mit all seinen Konsequenzen. In der untergeord¬
netsten Form ist dies an sich schon beim Atom der Fall. Indem es viele
gibt, so hat das eine an sich selbst den Unterschied gegen die Vielheit,
25 es ist also an sich ein Vieles. Es ist aber zugleich in der Bestimmung des
Atoms, also ist das Viele in ihm notwendig und immanent ein Eines9),
es ist so, weil es ist. Allein es sollte eben in der Welt erklärt werden,
wie sie aus einem Prinzip sich frei in Vieles auftut. Was gelöst werden soll,
ist also unterstellt, das Atom selbst ist das, was erklärt werden soll. Der
30 Unterschied der Idealität kömmt dann erst durch Vergleichung hinein,
für sich sind beide Seiten in derselben Bestimmung, und die Idealität
selbst wird wieder darin gesetzt, daß diese vielen Atome wirklich sich
verbinden, daß sie die Prinzipien dieser Zusammensetzungen sind. Prinzip
dieser Zusammensetzung ist also das ursprünglich in sich grundlos Zu-
35 sammengesetzte, d. h. die Erklärung ist das Erklärte selbst, das in die
Worte und in den Nebel der fingierenden Abstraktion gestoßen ist. Wie
gesagt, in seiner Totalität tritt dies erst bei der Betrachtung des Organi¬
schen hinzu.
[Zufall und Möglichkeit bei Epikur]
so Zu bemerken ist, daß, wie die Seele etc. untergeht und nur einer zu¬
fälligen Mixtur ihr Dasein verdankt, damit überhaupt ausgesprochen ist
die Zufälligkeit aller dieser Vorstellungen, z. B. Seele
*) Vergl. Diss. p. 29.
9) Vergl. Diss. p. 30, 31.
88
Die Doktordissertation
etc., die, wie sie im gewöhnlichen Bewußtsein, keine Notwendigkeit haben,
bei Epikur auch als zufällige Zustände substantiiert
werden1), die als gegebene auf gefaßt, deren Notwendigkeit, die Not¬
wendigkeit ihrer Existenz, nicht nur nicht bewiesen, sondern im Gegen¬
teil als nicht beweisbar, als nur mögliche bekannt werden. Das Ver- 5
harrende dagegen ist das freie Sein der Vorstellung, das erstens das an-
sichseiende Freie überhaupt, zweitens aber als der Gedanke der Freiheit
des Vorgestellten eine Lüge und Fiktion und damit [?] ein in sich selbst
inkonsequentes Ding, ein Schattenbild ist, eine Gaukelei. Es ist vielmehr
die Forderung der konkreten Bestimmungen der Seele etc. als immanenter 10
Gedanken. Das Verharrende und das Große des Epikur ist, daß er den
Zuständen keinen Vorzug vor den Vorstellungen gibt und sie ebenso¬
wenig zu retten sucht. Das Prinzip der Philosophie bei Epikur ist, die
Welt und den Gedanken als denkbar, als möglich nachzuweisen; sein
Beweis und das Prinzip, woraus dies nachgewiesen und wohin zurück-15
geführt wird, ist wieder die für sich seiende Möglichkeit selbst, deren
natürlicher Ausdruck das Atom, deren geistiger der Zufall und die Will¬
kür ist3). Näher zu betrachten ist, wie Seele und Körper alle Bestim¬
mungen austauschen und jedes dasselbe ist wie das andere im schlechten
Sinne, daß überhaupt weder eine noch die andere Seite begriffsmäßig 20
bestimmt ist.
[Die größere Konsequenz Epikurs im Vergleich
mit den Skeptikern]
S. 48 Schluß und S. 49 Anfang: Epikur steht darin über den Skep¬
tikern, daß bei ihm nicht nur die Zustände und Vorstellungen in nichts 25
zurückgeführt, sondern daß ihre Aufnahme, das Denken über sie und
das Räsonnieren über ihre Existenz, die von einem Festen beginnt, eben¬
falls ein nur mögliches ist9) *).
*) Vergl. Diss. p. 23, 24.
*) Vergl. Diss. p. 22-23.
·) Hier folgt das Zitat aus Diog. X, 67 Us. p. 22, 2—3 Gass. p. 49; κα&έαντό δέ
ούκ έστι νοήσαι τό άσώματον πλήν έπΐ τον κενόν, [incorporeum autem per se cogitare
non possumus nisi de vacuo], das von Marx gleich übersetzt wird: Das Unkörper¬
liche denkt die Vorstellung nicht: ihre Vorstellung davon ist das Leere und leer.
Danach zitiert Marx: τό δέ κενόν ούτε ποιήσαι ούτε παθεϊν δύναται, άλλά
κίνησιν μόνον δΐ έαντον τοϊς σώμασι παρέχεται, ώσθ'οΐ λέγοντες άσώματον
είναι τήν γνχήν ματάζονσιν. [porro vacuum neque facere aliquid neque pati
potest, sed motum tantum per se corporibus praebet. itaque qui incorpoream dicunt
esse animam desipiunt. — Diog. X, 67 Us. p. 22, 3—6 Gass. p. 49—50.] Zu diesem
Zitat bemerkt Marx noch: Die Stelle S. 50 und Anfang 51 zu untersuchen, wo Epikur
über die Bestimmungen der konkreten Körper spricht und das Atomistische um¬
gestoßen scheint, indem er sagt und zitiert dann folgende Stellen aus Diog. X, 69—70
Us. p. 23, 3—19 Gass. p. 50—51; Diog. X, 71 Us. p. 24, 7—11 Gass. p. 52.
4) Vergl. Diss. p. 23.
Aus den Vorarbeiten
89
[Das Atom als unmittelbare Form des Begriffs;
die Deklination]
Daß die Repulsion mit dem Gesetze des Atoms, dem Ausbiegen von
der geraden Linie gesetzt sei, hat Epikur auf das bestimmteste im Be-
5 wußtsein. Daß dies nicht in dem oberflächlichen Sinn zu nehmen, als
wenn die Atome nur so in ihrer Bewegung sich treffen können, spricht
Lucretius wenigstens aus. Nachdem er in der oben zitierten Stelle gesagt:
Ohne dies clinamen atomi sei weder „offensus natus nec plaga creata“
[Lucr. 1. II. v. 223], heißt es bald darauf:
io denique si semper motus connectitur omnis
et vetere exoritur η o v a s ordine certo,
nec declinando faciunt primordia motus
principium quoddam, quod fati foedera rumpat,
ex infinito ne causam causa sequatur:
15 libéra . . etc.
251 sqq. lib. II.1).
Hier ist eine andere Bewegung statuiert, in der sich die Atome treffen
können, als eine durch das clinamen bewirkte. Ferner ist sie strikt als
das absolut Deterministische, also Aufheben des Selbst; so daß jede Be-
20 Stimmung ihr Dasein in ihrem unmittelbaren Anderssein, dem Auf¬
gehobensein, was gegen das Atom die gerade Linie ist, findet. Erst aus dem
clinamen geht die selbstische Bewegung hervor, die Beziehung, die ihre
Bestimmtheit als Bestimmtheit ihres Selbst und nicht im anderen hat9).
Lukrez mag diese Ausführung aus Epikur geschöpft haben oder nicht
25 Das tut nichts zur Sache. Was sich in der Entwicklung der Repulsion
ergeben, daß das Atom als die unmittelbare Form des Begriffs sich nur
in der unmittelbaren Begriffslosigkeit vergegenständlicht, dasselbe gilt von
dem philosophischen Bewußtsein, dem dieser Zwang sein Wesen ist
Dies dient zugleich zur Rechtfertigung, wenn ich eine total ver-
30 schiedene Einteilung von der des Epikur getroffen habe.
*) Marx zitiert Lukrez nach der Ausgabe T. Lucretius Carus, De rerum
natura, vol. I. ed. Eichstaedt, Leipzig 1801.
’) Vergl. Diss. p. 27.
[Jus dem IL Heft]
[Die epikureische Philosophie der Meteore]1)
Epikur wiederholt im Beginn seiner Abhandlung über die Meteore9)
als Zweck dieser γνώσεως [scientiae] die άταραξίαν καί πίοτιν βέβαιον,
καθάπερ καί έπί τών λοιπών [perturbationis vacationem ac probationem *
certain, sicuti et in reliquis. — Diog. X, 85 Us. p. 36, 1—4 Gass. p. 59.]
Allein die Betrachtung dieser Himmelskörper unterscheidet sich auch
wesentlich von der anderen Wissenschaft.3)
Wichtig ist es für die ganze Vorstellungsweise Epikurs, daß die
zölestischen Körper als ein Jenseits der Sinne nicht auf denselben Grad io
von Evidenz Anspruch machen können wie die übrige moralische und
sinnliche Welt.4) Bei ihnen tritt Epikurs Lehre von der disiunctio prak¬
tisch ein, daß es kein aut aut gebe5), daß also die innere Determination
In diesem Heft knüpfen alle Notizen und Ausführungen bis zur Seite 12 des
Heftes (in der vorliegenden Ausgabe bis zur Seite 96) ebenfalls an Gassendis
Ausgabe des 10. Buches von Diogenes Laertius an, wie aus der Überschrift auf dem
Umschläge des Heftes ersichtlich ist. Wie im ersten Heft beginnt auch hier Marx mit
einer langen Reihe von Zitaten. Er zitiert folgende Stellen: Diog. X, 72—73
Us. p. 24, 13—25, 10 Gass. p. 52—53; Diog. X, 73 Us. p. 25, 15—16 Gass. p. 53;
Diog. X, 74 Us. p. 25, 20—26, 9 Scholion Gass. p. 53; Diog. X, 74 Us. p. 25, 17—
26, 2 und 26, 11 Scholion Gass. p. 53; Diog. X, 74—75 Us. p. 26, 2—27, 4
Gass. p. 53—54. Nach diesem Zitat schreibt Marx: Siehe Seite 54 Schluß und 55 Anf.,
wo über die άρχαί τών όνομάτων [Diog. X, 75] gesprochen wird, καί μήν καί έν
τοίς μετεώροις φοράν καί τροπήν καί έκλειψιν [καί άνατολήν] καί δύσιν καί τά
σύστοιχα τούτοις μήτε λειτουργοϋντός τίνος νομίζειν δει γίνεσθαι καί διατάττον-
τος καί άμα τήν πάσαν μακαριότητα έχοντος (hier ist das zu vergleichen, was
Simplicius vom Anaxagoras über den die Welt ordnenden νους sagt) μετά άφθαρσίας
[en im ver o in meteoris motum et conversionem ac defectum ortumque et occasum
et his similia neque ministerio cuiuspiam fieri existimandum est et ordinatione
sive imperio qui omnem simul beatitudinem et immortalitatem habeat. — Diog.
X, 76 Us. p. 27, 17—28, 3 Gass. p. 54—55.] Danach zitiert Marx folgende Stelle:
Diog. X, 76—77 Us. p. 27, 17—28, 15 Gass. p. 55—56. Unmittelbar danach
bemerkt er: Hier das Prinzip des Denkbaren, um die Freiheit des Selbst¬
bewußtseins einerseits zu behaupten, andererseits dem Gott die Freiheit von
jeder Determination zuzuschreiben. — Danach zitiert Marx Diog. X, 78, Us. p. 28,
17—29, 6 Gass. p. 56. Dann folgt die Bemerkung: Epikur spricht sich ferner
S. 56—57 gegen das stupende bloße Anstaunen der Himmelskörper als einem be¬
schränkenden, Furcht einflößenden aus: er macht die absolute Freiheit des Geistes
geltend. — Dann folgen die Stellen: Diog. X, 80 Us. p. 29, 17—21 Gass. p. 57;
Diog. X, 81 Us. p. 30, 8—31, 6 Gass. p. 57—58.
·) Marx meint Epicuri ad Pythoclem epist. sec., wie aus dem unmittel¬
bar vorhergehenden Untertitel in der Handschrift ersichtlich ist.
·) Hier zitiert Marx folgende Stelle: Diog. X, 86 Us. p. 36, 5—13 Gass. p. 60.
4) Vgl. Diss. p. 47.
®) Vgl. Diss. p. 22.
Aus den Vorarbeiten 91
geleugnet wird und das Prinzip des Denkbaren, des Vorstellbaren, des
Zufalls, der abstrakten Identitas und Freiheit sich als das, was sie ist,
manifestiert, als das Bestimmungslose, das eben deswegen von einer ihm
äußerlichen Reflexion bestimmt wird. Es zeigt sich hier, daß die Methode
5 des fingierenden, vorstellenden Bewußtseins sich nur mit ihrem eigenen
Schatten schlägt; was der Schatten ist, hängt davon ab, wie er gesehen
wird, wie das Spiegelnde sich aus ihm in sich zurückreflektiert. Wie bei
dem Organischen an sich, versubstantiiert, der Widerspruch der atomi-
stischen Anschauung hervorbricht, so gesteht das philosophierende Be-
10 wußtsein jetzt, wo der Gegenstand selbst in die Form der sinnlichen
Gewißheit und des vorstellenden Verstandes tritt, ein, was es treibt. Wie
dort das vorgestellte Prinzip und seine Anwendung
sich als eines vergegenständlicht finden und die
Widersprüche dadurch zu den Waffen gerufen werden als ein Widerstreit
15 der substantiierten Vorstellungen selbst, so bricht hier, wo der Gegen¬
stand gleichsam über den menschlichen Köpfen hängt, wo er durch die
Selbständigkeit, durch die sinnliche Unabhängigkeit und mysteriöse Ferne
seiner Existenz das Bewußtsein herausfordert, — so bricht hier das Be¬
wußtsein in ein Bekenntnis seines Treibens und Tuns aus, es schaut an, was
20 es tut, Vorstellungen, die in ihm präexistieren, zur Verständlichkeit
herabzurufen und als sein Eigentum zu vindizieren, wie sein ganzes Tun
nur das Kämpfen mit der Ferne ist, die wie ein Bann das ganze Altertum
umstrickt, wie es nur die Möglichkeit, den Zufall zu seinem Prinzip hat
und eine Tautologie zwischen sich und seinem Objekt auf irgendeine Art
25 zu bewerkstelligen sucht; so gesteht es dies, sobald diese Ferne in gegen¬
ständlicher Unabhängigkeit als Himmelskörper ihm gegenübertritt. Es
ist ihm gleich, wie es erklärt; es behauptet, daß nicht eine Erklärung,
sondern daß mehre, d. i. daß jede ihm genügt1); es gesteht so sein
Tun als tätige Fiktion ein. Die Meteore und die Lehre von denselben
30 sind deshalb im Altertum überhaupt, dessen Philosophie nicht voraus¬
setzungslos ist, das Bild, worin es seinen Mangel anschaut, selbst Aristo¬
teles. Epikur hat es ausgesprochen, und das ist sein Verdienst, die eiserne
Konsequenz seiner Anschauungen und Entwicklungen9). Die Meteore
trotzen dem sinnlichen Verstand, aber er überwindet ihren Trotz und will
35 nichts als sich über dieselben klingen zu hören: ού γάρ κατ άξιώματα
κενά καί νομοθεσίας φυσιολογητέον, άλλ" ώς τά φαινόμενα έκκαλεΐται . . .
{ό βίος) του άθορύβως ή μάς ζην. [neque enim secundum enuntiationes
vanas legumque décréta de natura disserendum, sed sicut ea quae videntur
hortantur . . . sed ut tranquille et secure vivamus. — Diog. X, 86 Us.
40 p. 36, 13—16 Gass. p. 61.] Hier bedarf es keiner Grundsätze und Vor¬
aussetzungen mehr, wo die Voraussetzung selbst sich dem wirklichen
Bewußtsein schreckend entgegensetzt. Im Schrecken geht die Vorstellung
aus.
Ό Vgl. Diss. p. 47.
2) Vgl. Diss. p. 44,46.
92
Die Doktordissertation
Epikur spricht daher wieder, gleichsam, als wenn er sich selbst darin
fände, wieder den Satz aus: πάντα μέν ούν γίνεται άσείστως καί πάντων κατά
πλεοναχόν τρόπον έκκαθαιρουμένων συμφωνως τοϊς φαινομένοις, δταν τις τό
πιθανολογούμενον ύπέρ αύτών δεόντως κατ a λίπη' όταν δέ τις τό μέν άπολίπη,
τό δέ έκβάλη, όμοίως σύμφοωον δν τφ φαινομένφ, δήλον δτι καί έκ παντός 5
έκπίπτει φυσιολογήματος, έπί δέ τόν μύθον κατα^εϊ. [omnia igitur immobili
ac stabili ratione Hunt in omnibus, quando multiplici ratione iis
quae apparent concorditer explicantur, quum quis quod probabiliter
de iis dicitur ut oportet reliquerit. quum vero quispiam hoc quidem
omiserit, hoc autem eiecerit, quod aeque ei quod videtur consonum 19
est, eum profecto constat omni naturae excidisse ratione atque ad
fabulas esse devolutum. — Diog. X, 87 Us. p. 36, 16—22 Gass. p. 61.]
Es fragt sich nun, wie dann das Erklären einzurichten ist: σημεία δέ
τινα τών έν τοϊς μετεωροις συντελουμένων φέρειν τών παρ' ήμϊν τινα φαινομέ¬
νων, â θεωρείται ή ύπάρχει, ώς καί1) τά έν τοϊς μετεωροις φαινόμενα ταύτα 16
γάρ1) ένδέχεται πλεοναχώς γενέσθαι, τό μέντοι φάντασμα έκάστου τηρητέον
καί έπί1) τά συναπτόμενα τοντφ διαιρετέον, ά ούκ άντιμαρτυρεϊται τοϊς παρ'
ήμϊν γινομένοις πλεοναχώς συντελεϊσθαι. [signa vero quaedam eorum quae
in supemis consummantur, ferunt quaedam ex iis quae nobis
apparent, quae quidem inspiciuntur aut sunt; non autem ea quae in 20
supemis apparent: haec enim non possunt multis modis fieri. sin-
gulorum vero visum observandum est atque in ea quae illi coniuncta
sunt dividendum, quibus minime reclamatur per ea quae apud nos
fiunt quin plurimis modis perficiantur. — Diog. X, 87 Us. p. 36, 22—
37, 6 Gass. p. 61.] Der Klang seiner selbst überdonnert oder über- U
blitzt der epikureischen Anschauungsweise Donner und Blitz des Him¬
mels. Wieviel Epikur sich unter [ ? ] seiner neuen Erklärungsweise weiß,
wie er darauf ausgeht, das Wunderhafte abzustreifen, wie er immer
darauf dringt, nicht eine, sondern mehre Erklärungen anzuwenden,
wovon er uns selbst höchst leichtsinnige Proben bei jeder Sache gibt, wie 30
er es fast geradezu ausspricht, daß, indem er die Natur frei läßt, es ihm
nur um die Freiheit des Bewußtseins zu tun ist, kann man schon aus der
eintönigen Wiederholung entnehmen. Der einzige Erklärungsbeweis ist
nicht άντιμαρτυρεϊσθαι [minime reclamari Diog. X, 88, Us. p. 37, 5—12]
durch die sinnliche Evidenz und Erfahrung; durch die Phänomene, den 36
Schein, wie es überhaupt nur um den Schein der Natur zu tun ist4).
9 Bei Us. und bei Cobet καί ού
9 Bei Cobet ούκ
·) Bei Us. έτι
9 Hier folgt eine Reihe von Zitaten, die Marx mit einzelnen Überschriften zu¬
sammenstellt: Über die Entstehung von Sonne und Mond: Diog. X, 90 Us. p. 39, 1—2
Gass. p. 63. Über die Größe der Sonne und Gestirne: Diog. X, 91 Us. p. 39, 6—8
Gass. p. 36. Über Auf- und Untergang der Gestirne: Diog. X, 92 Us. p. 40, 2—3
Gass. p. 64. Über die Tropen der Sonne und des Mondes: Diog. X, 93 Us. p. 40, 14—19
Gass. p. 64—65. Über die Ab- und Zunahme des Mondlichtes: Diog. X, 94 Us. p. 41,
3—8 Gass. p. 65. Über die species vultus im Monde: Diog. X, 95—96 Us. p. 41, 18—
Aus den Vorarbeiten
93
[Gassendi und Epikur]
Man kann daraus beiläufig sehen, wie Peter Gassendi, der die gött¬
liche Einwirkung retten, die Fortdauer der Seele etc. behaupten und
dennoch Epikureer sein will (siehe z. B. Esse animos immortales,
s contra Epicurum, Pet. Gassendi animadversiones in L. X. Diog. Laert.
S. 549—602, oder Esse deum auctorem mundi, contra Epicurum,
S. 701—738; gerere deum hominum curam, contra Epicurum, 738 bis
751 etc. Vergl. Feuerbach, Geschichte der neuern Philosophie: Peter
Gassendi, S. 127—150), den Epikur durchaus nicht verstanden hat, noch
io weniger uns über ihn belehren kann. Bei Gassendi ist vielmehr nur das
Bestreben, uns aus dem Epikur zu belehren, nicht über ihn. Wo er
diese eiserne Konsequenz bricht, geschieht es, um sich nicht mit seinen
religiösen Voraussetzungen zu Überwerfen. Dieser Kampf ist das Be¬
deutende in Gassendi, wie überhaupt die Erscheinung, daß die neuere
15 Philosophie darin aufersteht, worin die ältere untergeht, einesteils mit
Cartesius im universellen Zweifel, während die Skeptiker die griechische
Philosophie zu Grabe läuten, andrerseits in der rationalen Naturbetrach¬
tung, während die antike Philosophie im Epikur gebrochen wird, konse¬
quenter noch als bei den Skeptikern. Das Altertum wurzelte in der Natur,
20 im Substantiellen. Ihre Degradation, ihre Profanierung bezeichnet gründ¬
lich den Bruch des substantiellen, gediegenen Lebens; die moderne Welt
wurzelt im Geist, und er kann frei sein Anderes, die Natur, aus sich ent¬
lassen. Aber ebenso ist umgekehrt, was bei den Alten Profanierung der
Natur war, bei den Modernen Erlösung aus den Fesseln der Glaubens-
42, 3 Gass. p. 66. Dazu bemerkt Marx: Besonders die Verbannung einer göttlichen,
teleologischen Wirksamkeit über den ordo periodicus, wo es rein hervortritt, daß das
Erklären bloß ein Sichvernehmen des Bewußtseins und das Sachliche vorgespiegelt
ist. Folgen die Zitate: Diog. X, 97 Us. p. 42, 10—43, 5 Gass. p. 66—67. Dann
schreibt Marx: Dieselben Betrachtungen wiederholen sich oft, fast wörtlich. Über
die wechselnde Länge von Tag und Nacht, bei den μήκη νυκτών καί ήμερων
παραλλάττοντα Us. p. 43, 6 Gass. p. 67 [noctium ac dierum prolixitates immutari],
bei den έπισημααίαι [significationes] Diog. X, 98, Us. p.43,12 Gass, p.68, bei der Gene¬
sis der νέφη [nubes] Diog. X, 99, Us. p. 44, 3 Gass. p. 68, der βρονται [tonitrus] Diog.
X, 100, Us. p. 44, 13 καί άοτραπαί [coruscationes item] Diog. X, 101, Us. p. 45, 4 Gass,
p. 69; so sagt er bei den κεραυνοί [fulmina] : Hier zitiert Marx Diog. X, 104, Us. p. 47,
3—6 Gass. p. 70. Danach bemerkt Marx: Nachdem er viele Erklärungen der αειομοί,
terrae motus, Diog. X, 105, Us. p. 47, 3 beigebracht, wird wie immer hinzugefügt καί
κατ" άλλους τρόπους etc. [aliis item modis] Diog. X, 106, Us. p. 48, 9 Gass. p. 71.
Dann folgt eine Stelle über die Kometen: Diog. X, 111 Us. p. 52, 18—20 Gass. p. 75,
ferner de stellis fixis et errantibus: Diog. X, 112 Us. p. 53, 10—14 Gass. p. 76. Dann
setzt Marx die Bemerkung fort: Ja er beschuldigt selbst diejenigen, die simpliciter
άπλώς Diog. X, 114 über dergleichen urteilen καθήκον έοτι τοΐς τερατεύεοθαί τι
πρόςτούςπολλούς βουλομένοις. [portentosum quidpiam coram multitudine ostentare
affectant. — Diog. X, 114 Us. p. 53, 21—22 Gass. p. 76]. Er sagt bei Gelegenheit der
έπισημααίαι, der Vorherahnung der tempestas in den Tieren, welche einige mit Gott
in Beziehung setzten: ουδέ γάρ εις τό τυχόν ζωον κάν μικρώ χαριέστερον ή, ή
τοιαύτη μωρία έμπέοη [bei Cobet έκπέοοι], μηκέτι [bei Us. und bei Cobet μή
5τι] είς τό παντελή εύδαιμονίαν κεκτημένον [neque enim in animal quodlibet,
modo id sit paullo elegantius, huiusmodi fatuitas cadet, nedum in id quod plenissi-
mum obtinet felicitatem. — Diog. X, 116 Us. p. 54, 17—20 Gass. p. 77].
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 12
94
Die Doktordissertation
dienerschaft, und wovon die alte jonische Philosophie wenigstens dem
Prinzip nach beginnt, das Göttliche, die Idee in der Natur verkörpert zu
sehen, dazu muß die moderne rationale Naturanschauung erst aufsteigen.
Wer wird sich nicht hier der begeisterten Stelle des Aristoteles, des
Gipfels alter Philosophie, in seiner Abhandlung περί τής ζωικής φύσεως s
(de animante natura) [Arist. De partibus animalium, ed. Bekkeri I, 645*]
erinnern, die ganz anders klingt als Epikurs nüchterne Eintönigkeit!
[Die epikureische Weltkonstruktion]
Merkwürdig für die Methode der epikureischen Anschauung ist die
Schaffung der Welt, ein Problem, aus dem immer der Stand- 10
punkt einer Philosophie ersehen werden kann ; denn er bezeichnet, wie der
Geist in ihm die Welt schafft, das Verhältnis seiner Philosophie zur Welt,
die schöpferische Potenz einer Philosophie. Epikur sagt (S. 61 und 62):
„Die Welt ist eine zölestische Komplexion (περιοχή τις
ουρανού), Gestirne, Erde und alle Erscheinungen umfassend, einen Aus·
zu g (Abschnitt άποτομήν) [Diog. X, 88 Us. p. 37, 7—8] der Unend¬
lichkeit enthaltend und aufhörend in einer Grenze, sei
diese ätherisch oder fest (durch deren Aufhebung alles in ihr in ein Chaos
zusammenfällt), sei diese ruhend, rund, dreieckig oder von irgendeiner be¬
liebigen Gestalt. Denn auf allerlei Art ist dies möglich, 20
da keine dieser Bestimmungen durch Phänomene widerlegt wird.
Worin die Welt endet, ist nämlich nicht zu kapieren; daß es
aber der Zahl nach unendliche Welten gibt, ist einzuseheili“
[Diog. X, 88—89 Us. p. 37, 11-14.]
Jedem wird nun gleich die Dürftigkeit dieser Weltkonstruktion ins 25
Auge fallen. Daß die Welt eine Komplexion der Erde, Sterne etc. ist,
heißt nichts, da später erst die Entstehung des Mondes etc. vor sich geht
und erklärt wird.
Komplexion überhaupt ist jeder konkrete Körper, nämlich nach
Epikur Komplexion der Atome. Die Bestimmtheit dieser Komplexion, 30
ihr spezifischer Unterschied liegt in ihrer Grenze, und deswegen ist es
überflüssig, wenn die Welt einmal ein Ausschnitt aus der Unendlichkeit
genannt, das andere Mal als nähere Bestimmung die Grenze hinzugefügt
wird, denn ein Ausschnitt scheidet sich von Anderem aus und ist ein kon¬
kret Unterschiedenes, also gegen Anderes Begrenztes. Die Grenze ist aber 35
nun gerade zu bestimmen, denn begrenzte Komplexion überhaupt ist noch
keine Welt. Nun heißt es aber weiter, die Grenze könne auf jede Art
bestimmt werden, πανταχώς [omnibus modis, — Diog. X, 88 Us. p. 37,11],
und endlich wird gar gestanden, es sei unmöglich, ihre spezifische Diffe¬
renz zu bestimmen, daß es aber eine gebe, sei begreifbar. 40
Es ist also weiter nichts gesagt, als daß es die Vorstellung der Rück¬
kehr einer Totalität von Unterschieden in unbestimmte Einheit, d. h. die
Vorstellung „Welt“ im Bewußtsein gebe, im gemeineren Denken sich
Aus den Vorarbeiten
95
vorfinde. Die Grenze, der spezifische Unterschied, damit die Immanenz
und Notwendigkeit dieser Vorstellung sei nicht begreifbar; daß diese
Vorstellung da sei, könne begriffen werden, nämlich tautologiae halber,
weil sie da ist. Für das Unbegreifbare wird also das, was erklärt werden
5 soll, die Schaffung, die Entstehung und inwendige Reduktion einer Welt
durch den Gedanken, und für die Erklärung wird das Dasein dieser Vor¬
stellung im Bewußtsein ausgegeben.
Es ist dasselbe, als wenn man sagt, es sei beweisbar, daß es einen Gott
gebe, aber seine differentia specifica, quid sit, das Was dieser Bestimmung
10 sei unerforschlich.
Wenn ferner Epikur sagt, die Grenze könne auf jede Art gedacht
werden, d. h. jede Bestimmung, die wir sonst an einer wirklichen Grenze
unterscheiden, könne ihr zugelegt werden, so ist die Vorstellung Welt
nichts als die Rückkehr in eine unbestimmte, also auf jede Weise bestimm-
15 bare sinnliche Einheit, oder allgemeiner, da die Welt eine unbestimmte
Vorstellung des halb sinnlich, halb reflektierenden Bewußtseins ist, so
ist also die Welt in diesem Bewußtsein mit allen anderen sinnlichen Vor¬
stellungen zusammen und von ihnen begrenzt, ihre Bestimmtheit und
Grenze ist also so vielfach als diese sie umlagernden sinnlichen Vor-
20 Stellungen, jede derselben kann als ihre Grenze und so als ihre nähere
Bestimmung und Erklärung angesehen werden. Das ist das Wesen aller
epikureischen Erklärungen und um so wichtiger, da es das Wesen aller
Erklärungen des vor stellenden, in Voraussetzungen gefangenen Bewußt¬
seins ist.
25 Ebenso verhält es sich bei den Modernen mit Gott, wenn ihm Güte,
Weisheit etc. zugeschrieben wird. Jede dieser Vorstellungen, die bestimmt
sind, kann als Grenze der unbestimmten Vorstellung Gott, die zwischen
ihnen liegt, betrachtet werden.
Das Wesen dieser Erklärung ist also, daß eine Vorstellung aus dem
30 Bewußtsein genommen wird, die erklärt werden soll. Die Erklärung oder
nähere Bestimmung ist dann, daß als bekannt angenommene Vorstellungen
aus derselben Sphäre in Beziehung zu ihr stehen, also, daß sie überhaupt
im Bewußtsein, in einer bestimmten Sphäre liegt. Hier gesteht Epikur
den Mangel seiner und der ganzen alten Philosophie, zu wissen, daß Vor-
35 Stellungen im Bewußtsein sind, aber nicht ihre Grenze, ihr Prinzip, ihre
Notwendigkeit zu wissen.
Allein Epikur ist nicht zufrieden, den Begriff seiner Weltschöpfung
gegeben zu haben, er führt das Drama selbst auf, er verobjektiviert sich,
was er eben getan hat, und erst jetzt beginnt eigentlich seine Schöpfung.
40 Es heißt nämlich weiter:
„Es kann auch eine solche Welt entstehen in einem Intermundium
(so nennen wir nämlich den Zwischenraum von Welten), in einem weithin
leeren Raum, in einer großen durchsichtigen Leere, nämlich so, daß hier¬
zu taugliche Samen aus einer Welt oder einem Intermundium oder von
45 mehreren Welten ausströmen und allmählich Zusammensetzungen, Glie-
12·
96
Die Doktordissertation
derungen, wie es sich trifft, auch Verwandlungen des Ortes bilden und von
außen so viel Zuströmungen in sich aufnehmen, als die zugrunde liegen¬
den Substrate die Zusammensetzung ertragen können. Denn wenn im
Leeren eine Welt entsteht, so genügt nicht die Bildung eines Haufens,
noch eines Strudels, noch einer Vermehrung, solange er mit anderen zu- 5
sammentrifft, wie einer von den Physikern behauptet. Denn das wider¬
streitet den Phänomenen.“ [Diog. X, 89—90 Us. p. 37, 13—38, 11.]
Hier sind also erstens zur Schaffung der Welt Welten vorausgesetzt;
der Ort, worin sich dies Ereignis zuträgt, ist die Leere. Also, was oben im
Begriff der Schöpfung lag, daß das, was geschaffen werden soll, voraus-10
gesetzt ist, wird hier substantiiert Die Vorstellung ohne ihre nähere
Bestimmung und Verhältnis zu den anderen, also, wie sie einstweilen vor¬
ausgesetzt wird, ist leer oder verkörpert, ein Intermundium, ein leerer
Raum. Wie nun ihre Bestimmung hinzukömmt, wird so angegeben, daß
sich zu einer Weltschöpfung taugliche Sonnen so verbinden, wie es zu is
einer Weltschöpfung notwendig ist, d. h. es wird keine Bestimmung an¬
gegeben, keine Differenz. Im ganzen haben wir wieder nichts als das
Atom und das κενόν [vacuum], so sehr sich Epikur selbst dagegen
sträubt, etc.
Aristoteles hat schon auf eine tiefe Weise die Oberflächlichkeit der 20
Methode kritisiert, die von einem abstrakten Prinzip ausgeht, ohne dies
Prinzip selbst in höheren Formen [?] sich aufheben zu lassen. Nachdem
er an den Pythagoreern gelobt, daß sie zuerst die Kategorien von ihren
Substraten befreit, nicht als eine besondere Natur, wie sie dem Prädikat
zukommen, betrachtet, sondern als immanente Substanz selbst aufgefaßt
haben: Ατι τό πεπερασμένον άπειρον [καί τό έν] ούχ έτέρας τινάς φήθησαν είναι
φύσεις, οίον πυρ ή γην ή τι τοιοϋτον έτερον, άλΧ αυτό τό άπειρον καί αυτό τό
έν ουσίαν είναι τούτων ών κατηγοροϋνται [quod finitum et infinitum et
unum non putarunt ullas alias esse naturas, utputa ignem aut terram aut
aliud simile sed ipsum infinitum et ipsum unum substantiam horum esse so
de quibus praedicantur. — Arist. Met. lib. I, cap. 5, 987a], tadelt er
an ihnen, daß sie φ πρωτω ύπάρξειεν ό λεχθείς Αρος τοϋτ είναι τήν ουσίαν τοϋ
πράγματος ένόμιζον. [cui primo dicta definitio inesset, hoc esse substantiam
rei putarunt. — Arist. Met. lib. I, cap. 5, 987a.]
[Die epikureische Philosophie und der 35
Skeptizismus]1)
Wir gehen jetzt zum Verhältnis der epikureischen Philosophie zum
Skeptizismus über, soweit sich dieses aus Sext. Empiricus ergibt. Vorher
*) Von hier ab knüpfen die Ausführungen von Marx an Stellen von Sextus
Empiricus an. Wir zitieren Sextus Empiricus nach der Ausgabe Em. B e k ·
keri, Berolini, 1842. Marx zitiert Sextus Empiricus nach der Genfer Ausgabe,
1621 (Colon. Allobrogum). Die lateinische Übersetzung geben wir nach der Aus¬
gabe Sexti Empirici opéra graece et latine. Castig., vert., emend. supplevitque et toti
operi notas add. Jo. Alb. Fabricius, Lipsiae, 1718.
Aus den Vorarbeiten
97
muß aber noch eine Grundbestimmung des Epikur selbst aus dem Diog.
Laertius lib. 10 bei der Beschreibung des Weisen zitiert werden : σοφόν
δογματιεΐν τε καί ούκ άπορήσειν [dogmata quoque illaturum, non quaestiones
dubias. — Diog. X, 121 Us. p. XXX, 46 Gass. p. 81]. Aus der ganzen
5 Darstellung des epikureischen Systems, worin ihr wesentliches Verhältnis
zur alten Philosophie gegeben ist, sein Prinzip der Denkbarkeit, was er
über die Sprache, über die Entstehung der Vorstellungen sagt, sind wich¬
tige Dokumente und enthalten implicite seine Stellung zu den Skeptikern.
Es ist einigermaßen interessant zu sehen, welche Ursache Sext. Empiricus
io von dem Philosophieren Epikurs angibt *) :
τήν πρός τούς από τών μαθημάτων άντίβρησιν κοινότερον μεν διατεθείσθαι
δοκούσιν οι τε περί τόν Επίκουρον καί οι άπό του Πύ$£ωνος, ούκ άπό τής
αύτής δέ διαθέσεως, άλλ' οι μέν περί τόν 'Επίκουρον ώς τών μαθημάτων μηδέν
συνεργουντων πρός σοφίας τελείωσιν* [contradictionem adversus discipli-
15 narum prof essores communiter instituisse videntur Epicurei et Pyrrho-
nei; non est autem eadem utrisque ratio, nam Epicurus quidem hoc
facit, quod ad perfectionem sapientiae nihil illas putavit conferre]
(d. h. die Epikureer halten das Wissen von den Dingen, als ein Anders¬
sein des Geistes, für impotent, seine Realitas zu erhöhen: die Pyrrho-
20 niker halten die Impotenz des Geistes, die Dinge zu kapieren, für
sein wesentliches Fach, für eine reale Energie desselben. Es ist, wenn
auch beide Seiten degradiert, nicht in der philosophischen antiken
Frische erscheinen, ein ähnliches Verhältnis zwischen den Frömmlern
und Kantianern in ihrer Stellung zur Philosophie. Die ersten ent-
25 sagen aus Gottseligkeit dem Wissen, d. h. sie glauben mit den Epiku¬
reern, daß das Göttliche im Menschen das Nichtwissen, daß diese Gött¬
lichkeit, welche Faulheit ist, gestört werde durch den Begriff. Die
Kantianer hingegen sind sozusagen die angestellten Priester des Nicht¬
wissens, ihr tägliches Geschäft ist, einen Rosenkranz abzubeten über ihre
3o eigene Impotenz und die Potenz der Dinge. Die Epikureer sind konse¬
quenter: wenn das Nichtwissen im Geiste liegt, so ist das Wissen kein Zu¬
wachs der geistigen Natur, sondern ein gleichgültiges für denselben und
das Göttliche für den, der nicht weiß, und nicht die Bewegung des
Wissens, sondern die Faulheit) ή ως τινες εϊκάζουσι τούτο προκάλυμμα
35 τής έαυτών άπαιδευσίας είναι νομίζοντες. έν πολλοΐς γάρ άμαθής 'Επίκουρος
έλέγχεται, ούδέ έν ταίς κοιναίς όμιλίαις καθαρεύων. [vel, ut nonnullis videtur,
*) Hier zitiert Marx folgende Stellen: Sext. Emp. adv. dogmat. IV (math. X)
18—19 Bek. p. 480, 3-12. Col. ΑΠ. p. 383; Sext. Emp. hypotyp. Π, 23—25, Bek.
p. 61, 24—65, 12; Sext. Emp. adv. dogmat. ΙΠ (math. IX) 64, Bek. p. 406, 19—23,
C. All. p. 320; id. ib. III (math. IX), 71, Bek. p. 407, 28-408, 5, C. All. p. 321;
id. ib. III (math. IX), 58, Bek. p. 405, 14—16, C. All. p. 319; id. ib. I (math. VII), 267,
Bek. p. 249, 1—9, C. All. p. 187; id. adv. math. I, 49, Bek. p. 610, 1—3, C. All. p. 11;
id. adv. math. I, 54, Bek. p. 611, 21—23, C. All. p. 12; id. adv. math. I, 272—73, Bek.
p. 661, 5-21, C. AU. p. 54; id. adv. dogm. I (math. VII), 14—15, Bek. p. 193, 18—21,
C. AU. p. 41; id. adv. dogm. I (math. VII), 22, Bek. p. 194, 26—29, C. All. p. 42.
Hierauf folgt die obige Stelle.
98
Die Doktordissertation
hoc praetextu existimavit suam se contegere posse inscitiam: in multis
enim Epicurus arguitur indoctus, nec in communi sermone satis punis. —
Sext. Emp. adv. math. I, 1 Bek. 599 Col. All. p. 1 Fahr. p. 215.]
Nachdem Sextus Empiricus noch einige Klatschgeschichten bei¬
gebracht, die deutlich seine Verlegenheit beweisen, statuiert er folgender- 5
maßen den Unterschied des skeptischen Verhaltens zur Wissenschaft
gegen das epikureische: ol δέ άπό Πύ^ωνος ούτε διά τό μηδέν σννεργεϊν αύτά
πρός σοφίαν, δογματικός γόρ ό λόγος· ούτε διά τήν προζονσαν αύτοίς άπαιδευ-
σίαν ...[άλλά] τοιούτόν τι έπί τών μαθημάτων παθόντες, όποιον έφ όλης
έπαθον τής φιλοσοφίας. [Pyrrhonei autem, neque propterea quod eas existi- io
ment nihil conferre ad sapientiam — hoc enim affirmare dogmaticum
esset — neque propterea, quod sint ipsi ineruditi . . . sed eodem modo in
disciplinis atque in tota versantur philosophie. — Sext. Emp. adv. math. I,
5—6 Bek. p. 600 Col. Ail. p. 2 Fabr. p. 216.] (Man sieht hier, wie
μαθήματα und φιλοσοφία zu unterscheiden und daß die Geringschätzung 15
Epikurs gegen μαθήματα sich auf das erstreckt, was wir Kenntnisse nennen,
wie genau mit suo systemati omni diese assertio consentit)1)
In den Pyrrhonischen Hypotyposen’), liber I, caput XVII, wird auf
treffende Art die Aitiologie, die besonders Epikur anwendet, widerlegt,
so daß jedoch ebenso die eigene Impotenz der Skeptiker hervorsieht 20
τάχα δ" άν καί ol πέντε τρόποι τής έποχής άπαρκοϋσι πρός τάς αιτιολογίας,
ήτοι γόρ σύμφωνον πάσαις ταϊς κατά φιλοσοφίαν αίρέσεσι καί τή σκάψει καί
τοΐς φαινομένοις, αιτίαν έρεϊ τις ή ον. καί σύμφωνον μέν Ισως ούκ έν δέχεται.
[sed enim ipsi etiam quinque assensus suspensionum suadentes modi ad
causarum redditiones evertendas fortasse sufficiant, nam aut afferet 25
aliquis rationem, quae consentiat cum omnibus philosophiae sectis et cum
consideratione rei atque sensui apparentibus, aut non. verum ita consen-
tientem afferre forte haud possit — Sext Emp. Pyrrh. hyp. I, 185 Bek
p. 41 Fabr. p. 45—46.] (Allerdings: einen Grund angeben, der erstens
durchaus nichts ist als Phänomen, ist deswegen unmöglich, weil der so
Grund die Idealität des Phänomens, das auf gehobene Phänomen ist
Ebensowenig kann ein Grund mit der Skepsis übereinstimmen, weil die
Skepsis der fachmäßige Widerspruch gegen alle Gedanken ist, das Auf¬
heben des Bestimmens selbst. Naiv wird die Skepsis, die die φαινόμενα
zusammengestellt, denn dies Phänomen ist das Verlorensein, das Nichtsein ss
des Gedankens: die Skepsis ist dasselbe Nichtsein desselben, als in sich
reflektiert, aber das Phänomen ist an sich selbst verschwunden, es scheint
nur, die Skepsis ist das sprechende Phänomen und verschwindet mit seinem
Verschwinden, ist auch nur ein Phainomenon.) τά τε γάρ φαινόμενα καί τά
άδηλα πάντα διαπεφώνηται. εί δέ διαφωνεί, άπαιτηθήσεται καί ταύτης τήν αιτίαν 40
[nam et sensui apparentia et obscura controverse sunt. at si minime
consentiat, postulabitur ab eo huius rationis ratio. — Sext Emp. adv.
math. I, 186 Bek. p. 41] (d. h. der Skeptiker will einen Grund, der selbst
9 Hier zitiert Marx: Sext. Emp. adv. math. I, Bek. p. 600, 14—19, C. All. p. 2
8) Bei Marx steht versehentlich Hypothesen
Aus den Vorarbeiten
99
nur Schein, ist also nicht Grund) καί φαινομένην μέν φαινομένης, ή Αδηλον
Αδήλου λαμβάνων είς Απειρον έκπεοεϊται. [et si quidem sensui apparentem
apparentis, aut obscuram obscurae afferat, in infinitum delabetur. — Sext.
Emp. Pyrrh. hyp. I, 185—186 Bek. p. 41.] (d. h. weil der Skeptiker
5 nicht aus dem Schein heraus und diesen als solchen festhalten will,
kommt er nicht aus dem Schein heraus und dies Manöver kann ins
Unendliche festgehalten werden. Epikur will zwar vom Atom zu weiteren
Bestimmungen, aber weil er das Atom als solches nicht auf lösen lassen
will, kommt er nicht heraus über atomistische, sich selbst äußerliche und
io willkürliche Bestimmungen; der Skeptiker dagegen nimmt alle Bestim¬
mungen auf, aber in der Bestimmtheit des Scheines; seine Beschäftigung
ist also ebenso willkürlich und enthält überall dieselbe Dürftigkeit. Er
schwimmt so zwar im ganzen Reichtum der Welt, aber er bleibt bei der¬
selben Armut und ist selbst die lebendige Impotenz, die er in den Dingen
15 sieht; Epikur entleert von vornherein die Welt, aber er endet so bei dem
ganz Bestimmungslosen, der in sich ruhenden Leere, dem otiosen Gotte.)
Ιατάμενος δέ που, ή δοον έπί τοϊς είρημένοις λέξει τήν αιτίαν ουνεοτάναι, καί
είςάγει τδ πρός τι, Αναιρων τά πρός τήν φυοιν [quod si alicubi subsistât, aut
quantum adeo usque dicta aiet rationem consistere, attamen inducet rela¬
ie tionem ad aliquid, illud vero quod secundum naturam est, tollet,]
(gerade beim Schein, beim Phänomen ist das πρός τι das πρός τήν φυοιν),
ή έξ ύποθέσεως τι λαμβάνων έπιοχεθήοεται. [aut si per suppositionem sumas
aliquid, nos ei obstabimus. — Sext Emp. Pyrrh. hyp. 186 Bek. p. 41
Fahr. p. 46.] Wie den alten Philosophen die Meteore, der sichtbare
^Himmel das Symbol und die Anschauung ihrer substantiellen Be¬
fangenheit, so daß selbst ein Aristoteles die Sterne für Götter nimmt1),
sie wenigstens in unmittelbare Verbindung mit der höchsten Energie
bringt, so ist der geschriebene Himmel, das versiegelte
Wort des im Lauf der Weltgeschichte sich offenbar gewordenen Gottes,
so das Losungswort zum Kampfe der christlichen Philosophie. Die Voraus¬
setzung der Alten ist Tat der Natur, die der Modernen Tat des Geistes.
Der Kampf der Alten konnte nur enden, indem der sichtbare Himmel,
das substantielle Band des Lebens, die Schwerkraft der politischen und
religiösen Existenz zertrümmert ward, denn die Natur muß entzwei¬
te geschlagen werden, damit der Geist sich in sich selbst eine. Griechen
zerbrachen sie mit dem kunstreichen hephaistischen Hammer, schlugen
sie in Statuen auseinander; der Römer tauchte sein Schwert in ihr Herz,
und die Völker starben: aber die moderne Philosophie entsiegelt das
Wort, läßt es verrauchen im heiligen Feuer des Geistes, und als Kämpfer
40 des Geistes mit dem Geiste, nicht als vereinzelter aus der Schwerkraft der
Natur gefallener Apostat wirkt sie allgemein und zerschmilzt die Formen,
die das Allgemeine nicht hervorbrechen lassen.
x) Vgl. Diss. p. 44—45.
100
Die Doktordiseertation
[Plutarchs Verständnislosigkeit gegenüber
E p i ku r]
Es versteht sich, daß von vorliegender Abhandlung des Plutarch nur
wenig benutzt werden kann. Man muß nur die Einleitung lesen, die
plumpe Renommisterei und krasse Auffassung der epikureischen Philo- 5
sophie, um über die gänzliche Impotenz Plutarchs zur philosophischen
Kritik keinen Zweifel übrig zu behalten.9) Es ist klar, daß Plutarch
Epikurs Konsequenz nicht versteht. Die höchste voluptas des Epikur
ist das Freisein vom Schmerz, der Differenz, wie die Voraussetzungs¬
losigkeit; der Körper, der keinen anderen voraussetzt in der Empfindung, 10
der diese Differenz nicht empfindet, ist gesund, positiv. Diese Position,
die im otiosen Gotte des Epikur8) ihre höchste Form erhält, ist in der
anhaltenden Krankheit von selbst da, indem durch die Dauer die Krank¬
heit aufhört Zustand zu sein, sozusagen familiär und eigentümlich wird.
Wir haben gesehen in der Naturphilosophie des Epikur, daß er diese is
Voraussetzungslosigkeit, dieses Wegschieben der Differenz ebenso im
Theoretischen als Praktischen erstrebt.*) Das höchste Gut des Epikur
ist die άταραξία, denn der Geist, um den es sich handelt, ist der empirisch
einzelne. Plutarch faselt in Gemeinplätzen, er räsonniert wie ein Hand¬
werksbursche. 5 ) 20
[Der Begriff des Weisen in der griechischen
Philosophie]
Beiläufig können wir über die Bestimmung des οοφός reden, da er
gleichmäßig ein Objekt der epikureischen, stoischen und skeptischen
Philosophie ist.®) Aus seiner Betrachtung wird sich ergeben, daß er 25
am konsequentesten in die atomistische Philosophie des Epikur gehört
und daß auch von dieser Seite her der Untergang der antiken Philosophie
in vollständiger Objektivierung bei Epikur sich darstellt.
x) Hier folgen die Ausführungen über das Werk Plutarchs de eo quod
sec. Epicurum non suaviter vivi possit. ΟΤΙ ΟΥΔΕ ΖΗΝ ΕΣΤΙΝ Η Δ ΕΩΣ
ΚΑΤ' ΕΠΙΚΟΥΡΟΝ. Marx zitiert eine Ausgabe von G. Xylander, die wir
nicht mit Sicherheit bestimmen konnten. Die Seitenangaben stimmen mit zwei
Xylanderschen Ausgaben zusammen, wovon die eine im I. 1599, die andere im
I. 1620 erschienen ist. (Beide in Frankfurt, bei A. Wechel.) Wir geben die
Stellen von Plutarch nach der Ausgabe Frederici D ü b n e r i : Plutarchi scripta
moralia, vol. Π, Parisiis, Firmin-Didot, 1856.
9) Hier bemerkt Marx: Mag er mit Metrodors Ansicht immerhin übereinstimmen:
Folgt das Zitat: Plut. 1087 Did. p. 1330, 33—39. Weiter Marx: so ist dies minime
Epikurs Lehre. Selbst Sextus Empiricus findet seinen Unterschied von der cyre-
neischen Schule darin, daß er die voluptas als voluptas animi festsetzt. Zitat: Plut. 1088
Didot, p. 1331, 32—36.
3) Vgl. Diss. p. 30.
*) Vgl. Der heilige Max, in: Doc. d. Soc. Bd. III (1903), p. 72.
8) Hier unterbricht Marx die Kritik Plutarchs und erörtert „beiläufig^ den Be¬
griff des Weisen in der griechischen Philosophie. Die Kritik Plutarchs wird erst im
3. Heft wieder aufgenommen. (Siehe u. p. 107 sqq.)
·) Vgl. Der heilige Max, l. c. p. 70 und Diss. p. 14.
Aus den Vorarbeiten
101
Dter Weise, ό σοφός, ist nach zwei Bestimmungen in der alten Philo-
sophiie zu begreifen, die aber beide eine Wurzel haben.
Was theoretisch in der Betrachtung der Materie erscheint, erscheint
prakttisch in der Bestimmung des σοφός. Die griechische Philosophie be-
5 ginntt mit sieben Weisen, unter denen der jonische Naturphilosoph Thales
sich Ibefindet, und sie schließt mit dem Versuch, den Weisen begrifflich
zu porträtieren. Anfang und Ende, aber nicht weniger das Zentrum, die
Mitte;, ist ein σοφός, nämlich Sokrates. Das ist kein exoterisches Faktum,
daß mm diese substantiellen Individuen die Philosophie sich bewegt,
io geradlesowenig, als daß Griechenland politisch untergeht zu der Zeit, wo
Alexander seine Weisheit in Babylon verliert.
Dia das griechische Leben und der griechische Geist zu ihrer Seele die
Substtanz haben, die in ihnen zuerst als freie Substanz erscheint, so fällt
das Wissen von derselben in selbständige Existenzen, Individuen, die als
15 merkwürdige einerseits den anderen äußerlich gegenüberstehen, deren
Wissen andrerseits das inwendige Leben der Substanz und so ein den
Bedinigungen der Wirklichkeit, die sie umgibt, innerliches ist. Der
grieclhische Philosoph ist ein Demiurgos, seine Welt ist eine andere als
die im der natürlichen Sonne des Substantiellen blüht.
20 Diie ersten Weisen sind nur die Behälter, die Pythia, aus denen die
SubsUanz in allgemeinen, einfachen Geboten hervorklingt, ihre Sprache
ist nuir noch die der Substanz, die zu Worten gekommen ist, die einfachen
Mächtte des sittlichen Lebens, die sich offenbaren. Sie sind daher erst
teilweise tätige Werkmeister des politischen Lebens, Gesetzgeber.
25 Diie jonischen Naturphilosophen sind ebenso vereinzelte Erscheinun¬
gen, ails die Formen des Naturelements erscheinen, unter welchen sie das
All zui fassen suchen. Die Pythagoreer bilden sich ein innerliches Leben
im Staate; die Form, in der sie ihr Wissen von der Substanz verwirklichen,
steht ün der Mitte zwischen der gänzlichen bewußten Isolierung, die nicht
3o bei den Joniem ist, deren Isolierung vielmehr die unreflektierte, naive der
elememtarischen Existenzen ist, und deren vertrauensvollem Hinleben in
der sittlichen Wirklichkeit. Die Form ihres Lebens ist selbst die substan¬
tielle,, politische, nur abstrakt gehalten, in ein Minimum von Extension und
naturihaften Grundlagen gebracht, wie ihr Prinzip, die Zahl, in der Mitte
35 zwischen der farbigen Sinnlichkeit und dem Ideellen steht. Die Eleaten
als dite ersten Entdecker der idealen Formen der Substanz, die selbst noch
in reim innerlicher und abstrakter, intensiver Weise die Innerlichkeit der
Substanz begreifen, sind die vom Pathos begeisterten, prophetischen Ver-
kündor der auf gehenden Morgenröte. In das einfache Licht versunken,
U wenden sie sich unwillig vom Volke ab und von den alten Göttern. Aber
in Amaxagoras wendet sich das Volk selbst von dem alten Gott gegen
den eiinzelnen Weisen und erklärt ihn als solchen, indem es ihn von sich
aussclheidet. Man hat dem Anaxagoras in neuerer Zeit (siehe z. B. Ritter:
Geschachte der alten Philosophie, erster Band) Dualismus vorgeworfen.
4i Aristoteles sagt im ersten Buche der Metaphysik, daß er den νους wie
102
Die Doktordissertation
eine Maschine gebrauche und nur da anwende, wo ihm natürliche Er¬
klärungen ausgehen. Allein dieser Schein des Dualismus ist einerseits das
Dualistische selbst, das das innerste Herz des Staats zu Anaxagoras’ Zeit
zu zerspalten anfängt, andrerseits muß er tiefer gefaßt werden. Der νους
ist da tätig und wird da angewandt, wo die natürliche Bestimmtheit nicht 5
ist. Er ist selbst das non ens des Natürlichen, die Idealität. Ferner aber
tritt die Tätigkeit dieser Idealität nur da ein, wo dem Philosophen der
physische Blick ausgeht, d. h. der νους ist der eigene νους des Philosophen,
der sich da an die Stelle setzt, wo er seine Tätigkeit nicht mehr zu objek¬
tivieren weiß. Damit ist der subjektive νους hervorgetreten als Kern des 10
fahrenden Scholasten, und in seiner Macht als Idealität der reellen Be¬
stimmtheit erweist er sich einerseits in den Sophisten, andrerseits im
Sokrates.
Wenn die ersten griechischen Weisen der eigene Spiritus, das ver¬
körperte Wissen von der Substanz sind, wenn ihre Aussprüche ebenso in it
gediegener Intensität sich halten als die Substanz selbst, wenn[,] je nach¬
dem die Substanz mehr und mehr idealisiert wird, die Träger ihres Fort¬
schrittes ein ideelles Leben in ihrer partikularen Wirklichkeit gegen die
Wirklichkeit der erscheinenden Substanz, des wirklichen Volkslebens
geltend machen, so ist die Idealität selbst nur noch in der Form der 20
Substanz. Es wird nicht gerüttelt an den lebendigen Mächten, die ideellsten
dieser Periode, die Pythagoreer und Eleaten, preisen das Staatsleben als
die wirkliche Vernunft; ihre Prinzipien sind objektiv, eine Macht, die
über sie selber übergreift, die sie halb mysteriös, in poetischer Begeiste¬
rung, verkünden, d. i. in der Form, welche die natürliche Energie zur 25
Idealität heraufbildet, sie nicht verzehrt, sondern bearbeitet und das
Ganze in der Bestimmtheit des Natürlichen läßt Diese Verkörperung der
idealen Substanz geschieht in den Philosophen selbst, die sie verkünden,
nicht nur ihr Ausdruck ist das Plastisch-Praktische, ihre Wirklichkeit ist
diese Person, und ihre Wirklichkeit ist ihre eigene Erscheinung, sie selbst so
sind die lebendigen Bilder, die lebendigen Kunstwerke, die das Volk in
plastischer Größe aus sich hervorgehen sieht; wo ihre Tätigkeit, wie bei
den ersten Weisen, das Allgemeine bildet, da sind ihre Aussprüche die
wirklich geltende Substanz, Gesetze.
Diese Weisen sind daher ebenso wenig populär wie die Statuen der ss
olympischen Götter; ihre Bewegung ist die Ruhe in sich selbst, ihr Ver¬
halten zum Volke ist dieselbe Objektivität wie ihr Verhalten zur Sub¬
stanz. Die Orakelsprüche des delphischen Apollo waren nur so lange gött¬
liche Wahrheit für das Volk, nur so lange in das Helldunkel einer unbe¬
kannten Macht gehüllt, solange die eigene offenbare Macht des griechischen 4t
Geistes vom pythischen Dreifuß erklang; nur so lange verhielt sich das
Volk theoretisch zu ihnen, als sie die eigene tönende Theorie des Volkes
waren, sie waren nur so lange populär, als sie unpopulär waren. Ebenso
diese Weisen. Allein mit den Sophisten und Sokrates, der δυναμις nach
in Anaxagoras, kehrt sich die Sache um. Jetzt ist es die Idealität selbst, 44
Aus den Vorarbeiten
103
die in ihrer unmittelbaren Form, dem subjektiven Geiste, das
Prinzip der Philosophie wird. Wenn in den früheren griechischen Weisen
die ideale Form der Substanz, ihre Identität sich offenbarte gegen das
bunte, aus verschiedenen Völkerindividualitäten gewirkte Gewand ihrer
5 erscheinenden Wirklichkeit, wenn daher diese Weisen einerseits das
Absolute nur in den einseitigsten, allgemeinsten ontologischen Bestim¬
mungen fassen, andrerseits selbst die Erscheinung der in sich abgeschlos¬
senen Substanz in der Wirklichkeit an sich darstellen und so, wie sie aus¬
schließend gegen die πολλοί sich verhalten, wie sie das redende Mysterium
10 ihres Geistes sind, andrerseits gleich den plastischen Göttern auf den
Marktplätzen in ihrer seligen Insichgekehrtheit zugleich die eigenen
Zierden des Volkes sind und in ihrer Einzelnheit in es zurückfallen, so
ist es jetzt hingegen die Idealität selbst, die reine für sich gewordene
Abstraktion, die der Substanz gegenübertritt; die Subjektivität, die sich
u als Prinzip der Philosophie hinstellt. Weil sie unpopulär ist, diese Sub¬
jektivität, gegen die substantiellen Mächte des Volkslebens gekehrt, ist sie
populär, d. h. sie kehrt sich nach außen gegen die Wirklichkeit, ist prak¬
tisch in sie verwickelt und ihre Existenz ist die Bewegung. Diese beweg¬
lichen Gefäße der Entwicklung sind die Sophisten. Ihre innerste, von
BO den unmittelbaren Schlacken der Erscheinung gereinigte Gestalt ist
Sokrates, den das delphische Orakel den σοφωτατον nennt.
Indem ihre eigene Idealität der Substanz gegenübersteht, ist diese in
eine Masse akzidentieller beschränkter Existenzen und Institutionen ver¬
fallen, deren Recht, die Einheit, die Identitas, ihr gegenüber in die sub-
25 jektiven Geister entwichen ist. Der subjektive Geist selbst ist so als
solcher der Behälter der Substanz, aber weil diese Idealität der Wirklich¬
keit gegenübersteht, ist sie objektiv als ein Sollen in den Köpfen vor¬
handen, subjektiv als Streben. Der Ausdruck dieses subjektiven Geistes,
der die Idealität in sich selbst zu haben weiß, ist das Urteil des Begriffs,
30 das zum Maß stab des Einzelnen das in sich selbst Bestimmte, den Zweck,
das Gute hat, das hier aber noch ein Sollen der Wirklichkeit ist. Dieses
Sollen der Wirklichkeit ist ebenso ein Sollen des Subjekts, das dieser
Idealität sich bewußt geworden, denn es steht selbst in der Wirklichkeit,
und die Wirklichkeit außer ihm ist sein. Die Stellung dieses Subjekts ist
35 damit ebenso bestimmt wie sein Schicksal.
Erstens, daß diese Idealität der Substanz in den subjektiven Geist
getreten, von ihr selbst abgefallen ist, ist ein Sprung, ein in dem
substantiellen Leben selbst bedingter Abfall von demselben. Damit
ist diese seine Bestimmung dem Subjekt selbst ein Geschehen, eine
40 fremde Macht, als deren Träger es sich vor findet, das Daimonion des
Sokrates. Das Daimonion ist die unmittelbare Erscheinung davon, daß
dem griechischen Leben die Philosophie ebensowohl ein nur Innerliches
als nur Äußerliches ist. Durch die Bestimmung des Daimonions ist das
Subjekt als empirisch einzelnes bestimmt, weil es das naturhafte Ab-
45 brechen von dem substantiellen, also naturbedingten Leben in diesem
104
Die Doktordissertation
Leben ist, denn das Daimonion erscheint als Naturbestimmung. Die
Sophisten sind selbst diese Dämonen, die sich noch nicht von ihrem Tun
unterscheiden. Sokrates hat das Bewußtsein, das Daimonion in sich zu
tragen. Sokrates ist die substantielle Weise, in der die Substanz sich selbst
im Subjekt verliert. Er ist daher ein ebenso substantielles Individuum wie 5
die früheren Philosophen, aber in der Weise der Subjektivität, nicht ab¬
geschlossen, kein Götterbild, sondern ein menschliches, nicht mysteriös,
sondern hell und licht, kein Seher, sondern ein leutseliger Herr.
Die zweite Bestimmung ist dann, daß dieses Subjekt ein Urteil des
Sollens, des Zwecks fällt. Die Substanz hat ihre Idealität in den sub- 10
jektiven Geist verloren, er ist so ihre Bestimmung in sich selbst geworden,
ihr Prädikat, während sie selbst ihm gegenüber zur unmittelbaren, un¬
berechtigten, nur seienden Verbindung von selbständigen Existenzen
herabgesunken ist. Das Bestimmen des Prädikats, da es sich auf ein
Seiendes bezieht, ist daher selbst unmittelbar, da dies Seiende der lebendige 15
Volksgeist, so ist es praktisches Bestimmen der einzelnen Geister, Erziehung
und Belehrung. Das Sollen der Substantialität ist die eigene Bestimmung
des subjektiven Geistes, der es ausspricht; der Zweck der Welt ist also
sein eigener Zweck, die Lehre von demselben ist sein Beruf. Er stellt den
Zweck, das Gute also sowohl in seinem Leben wie in seiner Lehre an sich 20
selbst dar. Er ist der Weise, wie er in praktische Bewegung getreten ist
Endlich aber, indem dies Individuum das Urteil des Begriffs über
die Welt fällt, ist es in sich selbst geteilt und verurteilt, denn es wurzelt
einesteils selbst im Substantiellen, es hat das Recht seiner Existenz nur im
Recht seines Staates, seiner Religion, kurz aller substantiellen Bedin- 25
gungen, die an ihm als seine Natur erscheinen.
Andrerseits hat er in sich selbst den Zweck, der der Richter jener Sub¬
stantialität ist. Seine eigene Substantialität ist also in ihm selbst verurteilt,
und somit geht er zugrunde, eben weil der substantielle und nicht der freie
Geist, der alle Widersprüche erträgt und überwältigt, der keine Natur- 30
Bedingungen als solche anzuerkennen hat, die Stätte seiner Geburt ist.
Sokrates ist deswegen so wichtig, weil sich das Verhältnis der grie¬
chischen Philosophie zum griechischen Geiste t?]1) und daher ihre
innere Schranke in sich selbst in ihm darstellt. Wie töricht es war, wenn
in neuester Zeit das Verhältnis der Hegelschen Philosophie zum Leben 35
mit ihm verglichen und daher die Berechtigung zu ihrer Verurteilung
deduziert worden ist, ergibt sich von selbst. Das ist gerade das spezifische
Übel der griechischen Philosophie, daß sie in einem Verhältnis zum nur
substantiellen Geiste steht; in unserer Zeit sind beide Seiten Geist und
wollen beide als solcher anerkannt sein. 40
Die Subjektivität tritt in ihrem unmittelbaren Träger als sein Leben
und sein praktisches Wirken hervor, als eine Bildung, durch die er die
*) Dieses schwer leserliche Wort korr. aus Leben
Aus den Vorarbeiten
105
einzelnen Individuen aus den Bestimmtheiten der Substantialität in die
Bestimmung in sich selbst führt; diese praktische Tätigkeit abgerechnet,
hat seine Philosophie keinen Inhalt als die abstrakte Bestimmung des
Guten. Seine Philosophie ist sein Hinüberführen aus den substantiell be-
5 stehenden Vorstellungen, Unterschieden etc. in die In-sich-selbst-Bestim-
mung, die aber weiter keinen Inhalt hat, als das Gefäß dieser auflösenden
Reflexion zu sein ; seine Philosophie ist daher wesentlich seine eigene
Weisheit, sein eigenes Gutsein; in bezug auf die Welt ist die
alleinige Erfüllung seiner Lehre vom Guten eine ganz andere Subjektivität,
10 als wenn Kant seinen kategorischen Imperativ aufstellt. Da ist es gleich¬
gültig, wie er als empirisches Subjekt sich zu diesem Imperativ verhält
Die Bewegung wird bei Plato eine ideelle; wie Sokrates das Bild und
Lehrer der Welt, so Platos Ideen, seine philosophische Abstraktion, die
Urbilder derselben.
15 In Plato wirft sich diese abstrakte Bestimmung des Guten, des Zwecks,
in eine extensive, die Welt umfassende Philosophie auseinander. Der
Zweck, als die Bestimmung in sich, das wirkliche Wollen des Philosophen
ist das Denken, die realen Bestimmungen dieses Guten sind die immanenten
Gedanken. Das wirkliche Wollen des Philosophen, die in ihm tätige
20 Idealität ist das wirkliche Sollen der realen Welt. Plato schaut dies sein
Verhältnis zur Wirklichkeit so an, daß ein selbständiges Reich der Ideen
über der Wirklichkeit (und dies Jenseits ist die eigene Subjektivität des
Philosophen) schwebt und in ihr sich verdunkelt abspiegelt. Wenn
Sokrates nur den Namen der Idealität, die aus der Substanz in das Sub-
25 jekt übergetreten ist, entdeckt hat und selbst noch diese Bewegung mit Be¬
wußtsein1) war, so tritt die substantialeWelt der Wirklichkeit nun wirklich
idealisiert in das Bewußtsein Platos ein, aber damit ist diese ideale Welt
selbst ebenso einfach in sich gegliedert, wie es die ihr gegenüberstehende
wirklich substantiale Welt ist, wovon Aristoteles aufs trefflichste bemerkt :
30 σχεδόν γάρ ίσα ή ούκ έλάττω τά είδη έστί τούτων περί ών ζητοϋντες τάς αΙτίας έκ
τούτων έπ έκεϊνα προήλθον. [fere etenim species aequales aut non pauciores
iis sunt, ex quibus dum de eis causas quaererent, ad illas processerunt. —
Arist. Met. lib. I, cap. 9, 990b.] Ihre Bestimmtheit und Gliederung in
sich ist daher dem Philosophen selbst ein Jenseitiges, die Bewegung ist
35 aus dieser Welt hinausgefallen, καίτοι τών ειδών δντων δμως ού γίγνεται
τά μετέχοντα, δν μή ή τό κινήσον. [quamquam speciebus existentibus non
tarnen participantia fiunt, si non sit quod moveat. — Arist. Met. lib I,
cap. 9, 991b.] Der Philosoph als solcher, d. i. als der Weise, nicht als die
Bewegung des wirklichen Geistes überhaupt, ist also die jenseitige Wahr-
40 heit der substantialen Welt, die ihm gegenübersteht Plato bringt schon
dies aufs bestimmteste zur Anschauung, wenn er sagt, entweder müßten die
Philosophen Könige, oder die Könige Philosophen werden, damit der
Staat seine Bestimmung erreiche. In seiner eigenen Stellung zu einem
Tyrannen ist ein solcher Versuch seinerseits gemacht worden. Sein Staat
x) Korr, aus diese bewußte Bewegung
106
Die Doktordissertation
hat noch als besonderen obersten Stand den Stand der Wissenden. Zwei
andere Bemerkungen, die Aristoteles macht, will ich hier noch erwähnen,
weil sie über die Form des platonischen Bewußtseins die wichtigsten Auf¬
schlüsse geben und Zusammenhängen mit der Seite, nach welcher wir es
in bezug auf den σοφός betrachten. &
Aristoteles sagt von Plato: έν δέ τφ Φαίδωνι ούτως λέγεται, ώς καί
τού είναι καί τού γίγνεσθαι αίτια τά είδη έστιν. [in Phaedone ita dicitur,
quod cum ipsius esse tum ipsius fieri species causae sunt. — Arist. Met
lib. I, cap. 9, 991b.] Es sind nicht nur Seiende, es ist die Sphäre des Seins,
die Plato in die Idealität hinaustragen will: diese Idealität ist ein ver- io
schlossen es, spezifisch unterschiedenes Reich im philosophierenden Be¬
wußtsein selbst: weil es dies ist, fehlt ihm die Bewegung.
Dieser Widerspruch im philosophierenden Bewußtsein muß sich ihm
selbst objektivieren, es muß diesen Widerspruch aus sich herauswerfen.
έτι ού μόνον τών αίσθητών παραδείγματα τά είδη, άλλα καί αύτών τών Ιδεών, 15
οίον τό γένος, ώς γένος εΙδών ώςτε τό αυτό έσται παράδειγμα και εϊκών.
[item non solum sensibilium exemplaria species erunt, verum etiam
ipsarum, utputa genus tanquam genus specierum, quare idem erit
exemplar et imago. — Arist Met. lib. I, cap. 9, 991®, 29—991b, 1.]x)
[Die wesentlichen Bestimmungen der epiku- 20
reischen Philosophie]
Wesentlich zur Bestimmung der epikureischen Naturphilosophie ist:
1. Die Ewigkeit der Materie, die damit zusammenhängt,
daß die Zeit als Akzidenz der Akzidenzen, als nur den Zusammensetzungen
und ihren zufälligen eventis zukommend betrachtet, also außerhalb des 25
materiellen Prinzips, des Atoms selbst verlegt wird.’) Dies hängt weiter
damit zusammen, daß die Substanz der epikureischen Philosophie das nur
äußerlich Reflektierende, die Voraussetzungslosigkeit, Willkür und Zu¬
fälligkeit ist. Die Zeit ist vielmehr das Schicksal der Natur, des Endlichen.
Die negative Einheit mit sich, ihre innerliche Notwendigkeit. w
2. Das Leere, die Negation, ist nicht das Negative der Materie selbst,
sondern da, wo sie nicht ist. Sie ist also auch in dieser Beziehung in
sich selbst ewig.
Die Gestalt, die wir am Schlüsse aus der Werkstätte des griechisch-
philosophischen Bewußtseins hervortreten sehen, aus dem Dunkel der Ab- 35
straktion und in ihre dunkle Tracht gehüllt, ist dieselbe, in welcher die
griechische Philosophie lebendig über die Weltbühne schritt, dieselbe
Gestalt, die selbst im brennenden Kamin Götter sah, dieselbe, die den Gift¬
becher trank, dieselbe, die als der Gott des Aristoteles der höchsten Selig¬
keit, der Theorie, genießt. 10
*) Hierzu merkte Marx an: Lucretius über die alten jonischen Philosophen.
Zitat: Lucret. de rerum natura, I, 736—40.
*) Vgl, Diss, p. 42,
[Aus dem III. Hefty)')
[Kritik der plutarchischen Polemik
gegen Epikur]
[Die Ataraxie]
5 Dies ist eine wichtige Bemerkung für die epikureische Dialektik
des Vergnügens, obgleich Plutarch sie falsch kritisiert Nach Epikur ist
der Weise selbst in diesem schwankenden Zustande, der als die Bestim¬
mung άαήδονή erscheint. Die μακαριότης, die reine Ruhe des Nichts in sich,
die völlige Entleerung aller Bestimmtheit, ist erst Gott; weswegen er auch
no nicht wie der Weise innerhalb der Welt, sondern außerhalb derselben
wohnt.8)
Wenn Plutarch dem Epikur vorwirft, daß wegen der Möglichkeit des
Schmerzes die Freiheit in einer gesunden Gegenwart nicht vorhanden
sein könne, so ist erstens der epikureische Geist kein solcher, der sich mit
ns dergleichen Möglichkeiten herumtreibt, sondern weil die absolute Rela¬
tivität, die Zufälligkeit der Beziehung an sich nur Beziehungslosigkeit ist,
so nimmt der epikureische Weise seinen Zustand als beziehungslos, und
insofern ist er ihm ein sicherer. Die Zeit ist ihm ja nur das Akzidens
O Auf dem Umschlag des dritten Heftes befindet sich folgende Aufschrift:
Epikureische Philosophie. Drittes Heft. K. H. Marx st. j. Berlin. Sommersemester
1839. — In diesem Heft setzt Marx seine Kritik an Plutarch fort. (Siehe oben p. 100,
Fußnote 5.) Sämtliche Notizen und Ausführungen schließen sich an zwei Werke
von Plutarch an, und zwar bis p. 59 inkl. (in dieser Ausgabe bis p. 118) an de eo
Zu o d secundum Epicurum non beate vivi possit, und von p. 60
is Ende des Heftes (p. 66) an adversus Coloten. Marx gibt die Titel dieser
Werke sowohl im Heft selbst, wie auf der Umschlagseite an, wobei er Plutarch als
den dritten herangezogenen Autor mit III. bezeichnet.
’) Das Heft beginnt mit folgenden Zitaten aus Plutarch: Plut, de eo . . . 1088
Didot p. 1331, 38—47. Danach folgt dieses Zitat: eh ’ ου καλώς δοκοϋσΐ σοι ποιειν
ol άνδρες, άρχόμενοι μέν άπό τοϋ οώματος, έν φ πρώτον έφάνη γένεσις, έπί δέ
τήν ψυχήν ώς βεβαιοτέραν, καί τό παν έν αυτή τελειοϋντες; [itane non tibi
recte videntur isti facere homines, qui initio facto a corpore, in quo primus ortus
voluptatis conspicitur, inde ad animam transeunt, remque in ea absolvant? Plut,
de eo . . . 1088 Didot p. 1332, 2—5]. Dazu bemerkt Marx: Die Antwort darauf
ist: dieser Übergang sei recht, aber . . . Danach folgt das Zitat: id. ib. 1088 Did.
p. 1332, 8—16; zu dieser Stelle bemerkt Marx: Auch hier versteht Plutarch die Kon¬
sequenz des Epikur nicht; daß er einen spezifischen Übergang von der voluptas
corporis ad voluptatem animi vermißt, ist immer wichtig und näher zu bestimmen, wie
sich dies beim Epikur verhält. Danach zitiert Marx folgende Stellen: id. ib. 1088 Didot
p. 1332, 17—20; id. ib. 1089 Didot p. 1332, 23—34; id. ib. 1089 Didot p. 1332, 52—
1333, 2; id. ib. 1089 Didot p. 1333, 2—17. Im Anschluß an diese Stellen folgt der
oben wieder gegebene Text.
») Hier zitiert Marx Plut. ib. 1089 Did. p. 1333, 35—38.
108
Die Doktordissertation
der Akzidenzen1), wie sollte ihr Schatten eindringen in die feste Phalanx
der Αταραξία? Wenn er aber die nächste Voraussetzung des individuellen
Geistes, den Körper, als gesund voraussetzt, so ist dies nur die Beziehungs¬
losigkeit dem Geiste in die Nähe gerückt, seine angeborene Natur, d. h.
ein gesunder, nicht nach außen differenzierter Körper. Wenn ihm im 5
Leiden diese seine Natur als Phantasien und Hoffnungen einzelner Zu¬
stände vorschwebt, in denen jener charakteristische Stand seines Geistes
sich offenbarte, so heißt das nichts, als daß das Individuum als solches
seine ideale Subjektivität auf individuelle Art anschaut, eine vollständig
richtige Bemerkung. Nach Epikur heißt Plutarchs Einwendung nichts als: 10
die Freiheit des Geistes im gesunden Körper ist nicht vorhanden, weil sie
vorhanden ist; denn die Möglichkeit außerhalb schieben, ist überflüssig,
eben weil die Wirklichkeit nur als Möglichkeit, als Zufall bestimmt ist.2)
Wird dagegen die Sache in ihrer Allgemeinheit betrachtet, so ist es eben
Aufgeben der Allgemeinheit, wenn der wahre positive geistige Zustand 15
durch zufällige Einzelheiten sich soll umdüstern lassen; das heißt ja
gerade im reinen Äther an die einzelnen Mixturen denken, an den Atem
giftiger Pflanzen, an das Einatmen kleiner Tiere, das heißt nicht leben,
weil man sterben kann etc.; das heißt, sich den Genuß der Allgemeinheit
nicht gewähren, um aus ihr heraus in Einzelheiten zu fallen. Ein solcher 20
Geist treibt sich bloß mit dem Allerkleinsten herum, er ist so vorsichtig,
daß er nicht sieht.
Will endlich Plutarch sagen, man müsse Sorge tragen, die Gesundheit
des Körpers zu erhalten, so sagt auch diese Trivialität Epikur, aber
genialer: wer den allgemeinen Zustand als den wahren empfindet, der 25
sorgt am besten dafür, ihn zu erhalten. So ist der gemeine Menschen¬
verstand. Er glaubt, seine albernsten Pinseleien und Gemeinplätze den
Philosophen als eine terra incognita gegenüberhalten zu dürfen. Er
glaubt, wenn er Eierschalen auf die Köpfe wirft, ein Kolumbus zu sein.
Darin hat Epikur, abgesehen von seinem System (denn dieses ist sein 30
summum ius) überhaupt recht, daß der Weise die Krankheit als ein
Nichtsein betrachtet, aber der Schein verschwindet. Ist er daher krank,
so ist ihm dies ein Verschwinden, das keine Dauer hat; ist er gesund, in
seinem wesentlichen Bestehen, so existiert nicht für ihn der Schein, und
er hat mehr zu tun, als dran zu denken, daß dieser sein könne. Ist er 35
krank, so glaubt er nicht an die Krankheit, ist er gesund, so ehrt er sie,
als sei das sein ihm gebührender Zustand, d. h. er handelt als ein Ge¬
sunder. Wie jämmerlich ist gegen dies entschlossene, gesunde Individuum
ein Plutarch, der an den Aischylos, den Euripides und gar an den Doktor
Hippokrates sich erinnert, um nur nicht der Gesundheit froh zu werden! 40
Die Gesundheit, als der identische Zustand, vergißt sich von selbst,
da ist gar keine Beschäftigung mit dem Körper; diese Differenz beginnt
erst in der Krankheit.
x) Vgl. Diss. p.42.
2) Vgl. Diss. p. 23.
Aus den Vorarbeiten
109
Epikur will ja kein ewiges Leben: wieviel weniger kann ihm daran
liegen, daß der erste Augenblick ein Unglück bergen kann.
Ebenso falsch ist folgender Vorwurf des Plutarch: τούς γάρ άδικοϋν-
τας καί παρανομονντας άθλίως, φασί, περιφόβως ζην τόν πάντα χρόνον
5 δτι κάν λαθεϊν δύνωνται, πίστιν περί τον λαθεϊν λαβεϊν άδύνατόν έστιν. δθεν ό
τον μέλλοντος άεί φόβος έγκείμενος ουκ έφ χαίρειν, ουδέ θα^εϊν έπί τοίς
παρονσι. ταϋτα δέ καί πρός έαντσύς είρηκότες λελήθασιν, ενσταθεϊν μέν
γάρ έστι καί ύγιαίνειν τφ σώματι πολλάκις, πίστιν δέ λαβεϊν περί τον διαμένειν
άμήχανον. άνάγκη δή ταράττεσθαι καί ώδίνειν άεί πρός τό μέλλον ύπέρ τον
ίο σώματος, [flagitiosos omne tempus vitae misere et in metu exigere; quod,
etsi fallere possint, tarnen spem latendi certam atque indubitatam sibi
sumere nullo modo possint; itaque futuri metum identidem incumbentem
non sinere eos gaudere, aut praesentibus confidere. non animadvertunt hoc
adversum se ipsos esse ab ipsis dictum, saepe enim potest corpus bono in
16 statu esse, ac sanitate frui; explorata spes, fore ut semper eo in statu
maneat, fieri potest nulla, necesse est ergo, semper ut perturbere anxiusque
sis de corpore propter futura. — Plut, de eo. . . . 1090 Didot p. 1334,
9-18.]
Die Sache verhält sich gerade umgekehrt, wie Plutarch meint. Sobald
20 der einzelne das Gesetz bricht und die allgemeine Sitte, so fangen sie erst
an, Voraussetzung für ihn zu werden, er tritt in Differenz mit ihnen, seine
Rettung aus dieser Differenz wäre nur die πίστις, die aber durch nichts
verbürgt ist.
[Zufall und Notwendigkeit]
25 Es ist überhaupt das Interessante am Epikur, wie er in jeder Sphäre
den Zustand entfernt, wodurch die Voraussetzung als solche zu erscheinen
gereizt wird, und den Zustand als den normalen preist, in dem die Vor¬
aussetzung verhüllt ist. Von der bloßen σάρξ ist überhaupt nirgends die
Rede. In der strafenden Gerechtigkeit tritt gerade der innere Zusammen-
30 hang, die stumme Notwendigkeit hervor, und diese entfernt Epikur, wie
aus der Logik ihre Kategorie, so aus dem Leben des Weisen den Schein
ihrer Wirklichkeit. Der Zufall dagegen, daß ein Gerechter leidet, ist nie
äußere Beziehung, reißt ihn nicht aus seiner Beziehungslosigkeit heraus.
Wie falsch daher auch folgender Einwurf des Plutarch, ergibt sich.
35 τό δέ μηδέν άδικεϊν, ούδέν έστι πρός τό θα$εϊν ού γάρ τό δικαίως παθεϊν, άλλα
τό παθεϊν φοβερόν, [iam nihil peccare non eo facit, ut bonus sis animo et
rebus tuis fidas. non enim hoc formidamus, ne quid iuste patiamur, sed ne
quid omnino patiamur. — Plut de eo . . . 1090 Didot p. 1334, 20—21.]
Plutarch meint nämlich, so müsse Epikur seinen Grundsätzen nach
io räsonnieren. Es fällt ihm nicht ein, daß Epikur vielleicht andere Grund¬
sätze hat, als er ihm zuschiebt.1)
*) Nach dieser Stelle zitiert Marx: Plut. ib. 1090—91 Didot p. 1334, 31—39;
id. ib. 1091 Didot p. 1334, 42—45; id. ib. 1091 Didot p. 1334, 49—1335, 2. Zu
diesem Zitat bemerkt Marx: Plutarch ruft hier pfui aus! Danach Zitat: id. ib. 1091
Didot p. 1335, 10—22.
Marx-Engels-Gesamtauagabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 13
110
Die Doktordiesertation
τό γάρ άναγκαίον ούκ άγαθόν έστιν, άλΧ έπέκεινα τής φυγής τών κακών
κεϊται τό έφετόν καί τό αίρετόν. (quod enim necessarium est1), id bonum
non est, sed ultra fugam mali situm est id quod appeti et deligi débet — PI.
ibid. 1091 Didot 1335, 23—25.) Plutarch hat eigenste [?] Weisheit zu
reden, wenn er sagt, das Tier suche außer der Notwendigkeit, welche die 5
Flucht vom Übel ist, das Gute, das jenseits der Flucht liegende Gute. Daß
das Tier noch ein Gutes jenseits sucht, ist gerade das Tierische an ihm.
Bei Epikur gibt es nichts Gutes, was für den Menschen außer ihm läge;
das einzige Gute, was er in der Beziehung auf die Welt hat, ist die negative
Bewegung, frei von ihr zu sein.2) io
Daß dies alles bei Epikur individuell gefaßt ist, liegt im Prinzip
seiner Philosophie, die er in allen ihren Konsequenzen ausspricht; die
synkretistische gedankenlose Manier Plutarchs kann dagegen nicht auf¬
kommen.3)
[Das Verhältnis des Menschen zu Gott] is
[1. Die Furcht und das jenseitige Wesen]
Eher der Betrachtung wert als die vorhergehenden seichten mora¬
lischen Einwürfe des Plutarch ist seine Polemik gegen die epiku¬
reische Theologie, nicht ihrer selbst wegen, sondern weil es sich zeigt,
wie das gewöhnliche Bewußtsein, im ganzen auf epikureischem Boden 20
stehend, sich nur scheut vor der philosophischen offenen Konsequenz.
Und dabei muß man immer im Auge halten, daß es dem Epikur weder
um die voluptas, noch um die sinnliche Gewißheit, noch um irgend
etwas zu tun ist, außer um die Freiheit und Bestimmungslosigkeit des
Geistes. Wir gehen daher die einzelnen Betrachtungen des Plutarch 25
durch.4)
Die Furcht vor Gott im Sinne Epikurs versteht Plutarch überhaupt
nicht, er begreift nicht, wie das philosophische Bewußtsein sich davon
zu befreien wünscht. Der gewöhnliche Mensch kennt das nicht. Plutarch
1) Dazu macht Marx am Rande folgende Bemerkung: So ganz andere Anschau¬
ung hat hiervon Aristoteles, der in der Metaphysik lehrt, bei den Freien herrsche die
Notwendigkeit mehr als bei den Sklaven!
*) Vgl. Diss. p. 22, 31, 40.
3) Danach zitiert Marx folgende Stellen: Plut. ib. 1092 Didot p. 1335, 37—1336, 8;
id. ib. 1092 Didot p. 1336, 14—21; id. ib. 1092 Didot p. 1336, 22—30. Dazu bemerkt
Marx: Daß die Epikureer die Mathematik zu fliehen gebieten, und zitiert Plut,
ib. 1094 Didot p. 1339, 1—3. Dann fährt Marx fort: Ebenso Geschichte etc. Siehe
Sextus Empiricus. Was Plutarch zu einem schweren Verbrechen des Metrodorus
macht, daß er schreibt: Folgen die Stellen: Plut. ib. 1094 Did. p. 1339, 6—8; id. ib.
1095 Did. p. 1339, 43—48. Dann folgt die Stelle: αύτοί δέ δήπου λέγουσιν ώς τό
εύ ποιειν ήδιόν [έστι τοϋ πάσχειν. [ceterum ipsi hoc [Epicurei] dicunt, suavius
esse afficere quam affici beneficio. Plut. ib. 1097 Didot p. 1341, 41—42.] Diese
αυτοί sind die qui in haeresim Epicuri illapsi καί μήν από δόξης γίνεοΟαί τινας
'Επίκουρος όμολογεϊ (sc. ήδονάς) [porro a gloria etiam quasdam proficisci
voluptates Epicurus fatetur. — Plut. ib. 1099 Didot p. 1345, 17—18].
. 4) Marx zitiert hier: Plut. ib. 1101 Did. p. 1346, 23—39 und bemerkt zu μηδέ
χαίρειν: d. h. beziehungslos sein.
Aus den Vorarbeiten
111
bringt uns daher triviale Beispiele aus der Empirie, wie wenig schrecklich
dieser Glaube dem Publikum ist.
Plutarch betrachtet, im Gegensatz zu Epikur, zuerst den Glauben der
πολλοί an Gott und sagt, bei diesen habe allerdings von einer Seite diese
5 Richtung die Gestalt der Furcht, nämlich die sinnliche Furcht ist die
einzige Form, unter welcher er die Angst des freien Geistes vor einem
persönlichen allmächtigen, die Freiheit in sich absorbierenden, also von
sich ausschließenden, Wesen begreifen kann. Nun meint er:
1. Diese Fürchtenden δεδιότες γάρ ώςπερ άρχοντα χρηστοΐς ήπιον, απεχθή
ίο δέ φαύλοις, ένΐ φόβφ, δι' δν ού δέουσι πολλών, έλευθεροϋνταί τε του αδικειν
και παρ' αύτοϊς άτρέμα τήν κακίαν έχοντες οίον άπομαραινομένην, ήττον
ταράττονται τών χρωμένων αύτή και τολμωντων, είτ' ευθύς δεδιότων καί
μεταμελομένων. [qui autem eum timent ut princîpem bonis benignum, malis
infestum, per unum ilium metum, per quem non opus habent pluribus
15 a peccando liberantur, ipsi intra se continent malitiam sensim conta-
bescentem, itaque minus animo conturbantur, quam qui ei indulgent
audentque scelera ac statim deinde metu et poenitentia corripiuntur. —
Plut. ib. 1101 Didot p. 1347, 5-11.]
Also durch diese sinnliche Furcht werden sie beschützt vor dem
20 Bösen, als wenn diese immanente Furcht nicht das Böse wäre? Was ist
denn der Kern des empirisch Bösen? Daß der Einzelne in seine empi¬
rische Natur gegen seine ewige Natur sich verschließt; aber ist das nicht
dasselbe, als wenn er seine ewige Natur von sich ausschließt, sie in der
Form des Beharrens der Einzelheit in sich, der Empirie faßt, also als
25 einen empirischen Gott außer sich anschaut? Oder soll auf der Form
der Beziehung der Akzent liegen? So ist der Gott bestrafend den Bösen,
mild dem Guten, und zwar ist das Böse hier das dem empirischen Indi¬
viduum Böse, und das Gute das dem empirischen Individuum Gute, denn
wo sollte sonst diese Furcht und Hoffnung herkommen, da es dem Indi-
30 viduum um das ihm Gute und Böse zu tun ist ? Gott ist in dieser Beziehung
nichts als die Gemeinschaftlichkeit aller Folgen, die empirische böse
Handlungen haben können. Also aus Furcht, daß durch das Gute, welches
das empirische Individuum in böser Tat sich erwirbt, größere Übel folgen
und größeres Gutes entgehe, handelt es nicht böse, also damit die Kon-
55 tinuität seines Wohlseins nicht gestört wird durch die immanente Mög¬
lichkeit, aus derselben herausgerissen zu werden?
Ist das nicht dasselbe, was Epikur mit glatten Worten lehrt: handle
echt und ernst, damit du nicht die stete Furcht behältst, bestraft zu werden.
Diese immanente Beziehung des Individuums zu einer άταραξία wird nun
40 hergestellt als die Beziehung zu einem außer ihm seienden Gott, der aber
wieder keinen Inhalt hat als eben diese αταραξία, die hier Kontinuität des
Wohlseins ist. Die Furcht vor der Zukunft, dieser Zustand der Unschuld
wird hier eingeschoben in das ferne Bewußtsein Gottes, als ein Zustand
betrachtet, der in ihm schon präexistiert, aber auch erst als Drohung,
46 also gerade wie im individuellen Bewußtsein.
13·
112
Die Doktordissertation
[2. Der Kultus und das Individuum]
Zweitens sagt Plutarch, daß diese Richtung auf Gott auch voluptas
gewähre.1)
Ferner erzählt er, daß Greise, Frauen, Kaufleute, Könige sich an
festlichen religiösen Tagen freuen«9) 5
Es ist etwas näher zuzusehen, wie Plutarch diese Freude, diese voluptas,
beschreibt.
Erstens sagt er, daß die Seele dann am meisten befreit ist von Trauer,
Furcht und Sorge, wenn Gott gegenwärtig ist. Also ist die Gegenwart
Gottes bestimmt als die Freiheit der Seele von Furcht, Trauer, Sorge. 10
Diese Freiheit äußert sich im ausgelassenen Jubel, denn das ist die positive
Äußerung der individuellen Seele von diesem ihrem Zustand.
Ferner: Die zufällige Verschiedenheit der individuellen Stellung fällt
bei dieser Freude weg. Also ist die Entleerung des Individuums von seinen
anderweitigen Bestimmungen, das Individuum als solches in dieser Feier 15
bestimmt, und das ist eine wesentliche Bestimmung. Endlich ist es nicht
der separate Genuß, sondern die Sicherheit, daß der Gott nichts Getrenntes
ist, sondern den Inhalt hat, sich zu freuen an der Freude des Individuums,
wohlwollend auf sie herabzusehen, also selbst in der Bestimmung des
sich freuenden Individuums zu sein. Was also hier vergöttert und gefeiert 20
wird, ist die vergötterte Individualität, als solche, von ihren gewöhn¬
lichen Leiden befreit, also der σοφός des Epikur mit seiner Αταραξία.
Es ist das Nichtdasein des Gottes als Gott, sondern als das Dasein der
Freude des Individuums, die gebetet wird. Weiter hat dieser Gott keine
Bestimmung. Ja, die wirkliche Form, in der diese Freiheit des Indi- 25
viduums hier hervortritt, ist der Geist, und zwar der einzelne, der sinn¬
liche, der Geist, der erst gestört wird. Diese Αταραξία schwebt also als das
allgemeine Bewußtsein über den Köpfen; aber ihre Erscheinung ist die
sinnliche voluptas, wie bei Epikur, nur ist dort totales Bewußtsein des
Lebens, was hier lebendiger einzelner Zustand, daß aus diesem Grunde so
bei Epikur die einzelne Erscheinung gleichgültiger und beseelter von
ihrer Seele, der αταραξία, dort sich dies Element mehr in die Einzelheit
verliert und beides sich unmittelbar vermischt, also auch unmittelbar
geschieden ist. So traurig steht es mit der Unterscheidung des Göttlichen,
die Plutarch gegen den Epikur geltend macht, und wenn, um noch eine 35
Bemerkung zu machen, Plutarch sagt, daß Könige sich nicht so sehr an
ihren publicis conviviis et viscerationibus als an den Opfcrmahlzeiten
freuen, so heißt das nichts, als daß dort der Genuß als etwas Mensch¬
liches, Zufälliges, hier aber als Göttliches, der individuelle Genuß als
Göttliches angeschaut wird; was also gerade epikureisch ist. 40
Ό Marx zitiert Plut. ib. 1101 Did. p. 1347, 24—28.
’) Marx zitiert Plut. ib. 1102 p. 1347, 42—46.
Aus den Vorarbeiten 113
[3. Die Vorsehung und der degradierte Gott]
3. In diesem Verhältnis der πονηροί und πολλοί [mali et vulgus homi-
num] zu Gott unterscheidet Plutarch das Verhältnis des βέλτιστον άνθρώπων
καί Οεοφιλέστατον γένος [hominum praestantissimum et diis amicissimum
s genus — Plut ib, 1102 Didot p. 1348, 20—21]. Wir wollen sehen, was
er hier dem Epikur abgewinnt.1)
Der philosophische Sinn davon, daß Gott der ήγεμών άγαθών [bonorum
princeps] und der Vater πάντων καλών [omnium pulchrarum rerum] ist,
ist der, daß dieser nicht ein Prädikat Gottes, sondern daß die Idee des
io Guten das Göttliche selbst ist Allein in der Bestimmung des Plutarch liegt
ein ganz anderes Resultat. Das Gute wird im strengsten Gegensatz gegen
das Böse genommen, denn das erste ist eine Manifestation der Tugend und
der Macht, das andere der Schwäche, der Privation und der Schlechtigkeit.
Aus Gott ist also das Urteil, die Differenz entfernt, und das ist gerade ein
15 Hauptsatz des Epikur, der deswegen konsequent diese Differenzlosigkeit
im Menschen sowohl theoretisch als praktisch in seiner unmittelbaren
Identität, der Sinnlichkeit findet, in Cott als Leere, reines otium.2) Der
Gott, der als das Gute durch Wegschieben des Urteils bestimmt ist, ist
das Leere, denn jede Bestimmtheit trägt eine Seite an sich, die sie gegen
20 anderes erhält und in sich verschließt, offenbart also im Gegensatz und
Widerspruch ihre όργή, ihr μίσος, ihren φόβος, sich aufzugeben. Plutarch
hat also dieselbe Bestimmung wie Epikur, nur als Bild, als Vorstellung,
was dieser bei seinem begrifflichen Namen nennt und das menschliche
Bild wegstreift.
25 Schlecht klingt daher die Frage: άρά γε δίκης έτέραι οϊεσθε δεϊσθαι
τούς άναιρονντας τήν πρόνοιαν; καί ούχ Ικανήν έχειν, έκκόπτοντας έαυτών
ήδονήν καί χαράν τοσαύτην. [ergo ne aliam mereri poenam putemus eos
qui providentiam tollunt? non satis hoc ipso puniri, quod tantum sibi
voluptatis atque gaudii adimunt. — Plut. ib. 1103 Didot p. 1348, 44—46.]
3o Denn es ist im Gegenteil zu behaupten, daß der mehr Wollust in der
Betrachtung des Göttlichen fühle, der es als die reine Seligkeit in sich,
ohne alle begrifflos anthropomorphischen Beziehungen anschaut, als um¬
gekehrt. Es ist schon die Seligkeit selbst, den Gedanken reiner Seligkeit
zu haben, sei sie noch so abstrakt gefaßt, was wir an den indischen
35 Mönchen sehen. Ohnedem hat Plutarch die πρόνοια aufgehoben, indem
er das Böse, die Differenz Gott gegenüber gesetzt hat. Seine weiteren
Ausmalungen sind rein begriffslos und synkretistisch; ohnehin zeigt er
in allem, daß es ihm bloß um das Individuum, nicht um Gott zu tun ist
Epikur ist daher so ehrlich, Gott sich auch nicht um das Individuum
40 bekümmern zu lassen.
Die innere Dialektik seiner Gedanken führt daher den Plutarch not¬
x) Marx gibt hier die Stelle: Plut. ib. 1102 Did. p. 1348, 21—34, mit den ein?
leitenden Worten: Plutarch sagt: . . .
2) Vgl. Diss. p. 30.
114
Die Doktordissertation
wendig darauf zurück, statt vom Göttlichen von der individuellen Seele
zu sprechen, und er kommt auf den λόγος περί ψυχής. Von Epikur wird
gesagt: ώςτε ύπερχαίρειν τό πάνσοφον τούτο δόγμα και θειον παραλαβούσαν,
δτι τού κακώς πράττειν πέρας έστιν αύτή τό άπολέσθαι καί φθαρήναι καί
μηδέν είναι, [adeo ut summo afficiatur gaudio sapiens hoc et divinum 5
decretum arripiens, miseriarum sibi finem esse interire, perdi, nihil esse.
— Plut. ib. 1103 Didot p. 1349, 48-51.]
Man muß sich ja nicht durch die salbungsvollen Worte des Plutarch
irremachen lassen. Wir werden sehen, wie er jede seiner Bestimmungen
aufhebt. Schon der künstliche Fallschirm του καλώς πράττειν πέρας, in dem 10
das άπολέσθαι und φθαρήναι und μηδέν είναι im Gegensatz, zeigt, wo der
Schwerpunkt liegt, wie dünn die eine Seite und wie dreifach intensiv
die andere.
[Die individuelle Unsterblichkeit]
[1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels] 15
Die Betrachtung wird wieder eingeteilt in das Verhältnis τών άδικων
και πονηρών [iniustorum et malorum], dann der πολλών καί Ιδιωτών
[vulgi et rudium] und endlich der έπιεικών καί νούν έχόντων [bonorum
et prudentum] Plut. ib. 1104 [Didot p. 1350, 17—19] zu der Lehre von
der Fortdauer der Seele. Schon diese Einteilung in feste qualitative 20
Unterschiede zeigt, wie wenig Plutarch den Epikur versteht, der als
Philosoph das Verhältnis der menschlichen Seele überhaupt betrachtet,
und wenn er trotz ihrer Bestimmung als einer vergänglichen der ήδονή
gewiß bleibt, so hätte Plutarch sehen müssen, daß jeder Philosoph un¬
willkürlich eine ήδονή preist, die ihm fremd ist in seiner Borniertheit. 25
Für die Ungerechten wird nun wieder die Furcht angeführt als Besserungs¬
mittel. Wir haben diesen Einwurf schon betrachtet. Indem in der Furcht,
und zwar einer inneren, nicht zu löschenden Furcht, der Mensch als Tier
bestimmt ist, so ist es bei einem Tiere überhaupt gleichgültig, wie es in
Schranken gehalten wird. 30
Hält ein Philosoph es nicht für das Schimpflichste, den Menschen
als Tier zu betrachten, so ist ihm überhaupt nichts mehr begreiflich zu
machen.1)
Wir kommen jetzt zur Ansicht der πολλοί, obgleich es sich am Ende
zeigt, daß wenige davon ausgenommen sind, ja, um eigentlich zu reden, 35
alle, δέω λέγειν πάντας [dicere ausim omnes] Plut. ib. 1105 [Didot, p. 1351,
35], zu dieser Fahne schwören.
Der qualitative Unterschied von der vorhergehenden Stufe existiert
eigentlich nicht, sondern was früher in der Gestalt der tierischen Furcht
erschien, erscheint hier in der Gestalt der menschlichen Furcht, der Ge- 40
fühlsform. Der Inhalt bleibt derselbe.
Ό Hier zitiert Marx folgende Stellen: Plut. ib. 1104 Did. p. 1350, 32—42; id.
ib. 1105 Did. p. 1351, 10-38.
Aus den Vorarbeiten
115
Es wird uns gesagt, daß der Wunsch des Seins die älteste Liebe ist;
allerdings, die abstrakteste und daher älteste Liebe ist die Selbstliebe,
die Liebe seines partikularen Seins. Doch , das war eigentlich zu sehr die
Sache herausgesagt, sie wird wieder zurückgenommen und ein veredelter
5 Glanz um sie geworfen durch den Schein des Gefühls. Also wer Weib
und Kinder verliert, wünscht eher, daß sie irgendwo seien, wenn
es ihnen auch schlecht geht, als daß sie gänzlich aufgehört haben.
Wenn es sich bloß um Liebe handelte, so ist das Weib und das Kind
des Individuums als solches am tiefsten und reinsten auf bewahrt im
jo Herzen dieses Individuums, ein viel höheres Sein als das der empi¬
rischen Existenz. Allein die Sache steht anders. Das Weib und Kind ist
bloß als Weib und Kind in empirischer Existenz, insofern das Individuum
selbst empirisch existiert. Daß es sie also lieber irgendwo, in räumlicher
Sinnlichkeit, gehe es ihnen auch schlecht, wissen will, als gar nicht, heißt
15 weiter nichts, als daß das Individuum das Bewußtsein seiner eigenen
empirischen Existenz haben will. Der Mantel der Liebe war bloß ein
Schatten, das nude empirische Ich, die Selbstliebe, die älteste Liebe ist
der Kern, hat in keine konkretere, idealere Gestalt sich verjüngt. Ange¬
nehmer, meint Plutarch, klingt der Name der Veränderung als des gänz-
20 liehen Aufhörens. Allein die Veränderung soll keine qualitative sein,
das einzelne Ich in seinem einzelnen Sein soll verharren, der Name ist also
bloß die sinnliche Vorstellung dessen, was er ist, und soll das Gegenteil
bedeuten. Er ist also eine lügenhafte Fiktion. Die Sache soll nicht ver¬
ändert, sondern nur in einen dunklen Ort gestellt werden, das Zwischen-
25 schieben phantastischer Ferne soll den qualitativen Sprung, und jeder
qualitative Unterschied ist ein Sprung, ohne dies Springen keine Idealität,
soll ihn verhüllen.
[2. Die Sehnsucht der Vielen]
Ferner meint Plutarch, dies Bewußtsein der Endlichkeit mache un-
30 kräftig und tatlos, [. ? ,]1) Verstimmung gegen das gegenwärtige Leben;
allein das Leben vergeht ja nicht, sondern dies einzelne Sein. Betrachtet
sich dies einzelne Sein als ausgeschlossen von diesem verharrenden all¬
gemeinen Leben, kann es dadurch reicher und voller werden, daß es
seine Winzigkeit eine Ewigkeit fortträgt? Ändert diese sein Verhältnis,
35 oder bleibt es vielmehr nicht in seiner Unlebendigkeit verknöchert? Ist
es nicht dasselbe, ob es heute in diesem indifferenten Verhältnis zum Leben
sich befindet oder ob dies hundert Jahrtausende dauert?
Endlich spricht Plutarch es geradezu heraus, daß es nicht auf den
Inhalt, auf die Form, sondern auf das Sein des einzelnen ankommt.
40 Sein, wenn auch vom Cerberus zerfleischt werden’). Welches ist also
der Inhalt seiner Unsterblichkeitslehre? Daß das Individuum, von der
x) Unleserliches Wort. Etwa verursache
’) Dieser Satz ist nachträglich zwischen zwei Zeilen eingeschoben.
116
Die Doktordissertation
Qualität abstrahiert, die ihm hier seine individuelle Stellung gibt, nicht
als das Sein von einem Inhalt, sondern als die atomistische Form des
Seins verharrt; ist das nicht dasselbe, was Epikur sagt, daß die indi¬
viduelle Seele aufgelöst wird und in die Form der Atome zurückfällt?
Diesen Atomen als solchen Gefühl zuschreiben, obgleich zugegeben 5
wird, daß der Inhalt dieses Gefühls gleichgültig ist, ist bloß eine inkonse¬
quente Vorstellung. Plutarch trägt also in seiner Polemik gegen Epikur
die epikureische Lehre vor; er vergißt jedoch nicht, überall das μή είναι
als das Schrecklichste darzustellen. Dieses reine Fürsichsein ist das
Atom. Wenn überhaupt dem Individuum nicht in seinem Inhalt, der, 10
insofern er allgemeiner ist, an sich selbst allgemein existiert, insofern
er Form ist, sich ewig individualisiert, wenn ihm als individuellem Sein
die Unsterblichkeit zugesichert wird, so fällt der konkrete Unterschied
des Fürsichseins, und es ist bloß die Behauptung, daß das Atom als solches
ewig ist und das Beseelte in diese seine Grundform zurückgeht. 25
Epikur trägt insofern diese Unsterblichkeitslehre vor, aber er ist
philosophisch und konsequent genug, es bei seinem Namen zu nennen,
zu sagen, daß dies Beseelte in die atomistische Form zurückkehrt. Es
hilft da keine Halbheit. Muß irgend ein konkreter Unterschied des Indi¬
viduums fallen, was dies Leben selbst zeigt, so müssen alle fallen, die 20
nicht an sich allgemein und ewig sind. Soll das Individuum nichtsdesto¬
weniger gegen diese μεταβολή [mutatio] gleichgültig sein, so bleibt bloß
diese atomistische Hülse des früheren Inhalts, das ist die Lehre von der
Ewigkeit der Atome.
Wem Ewigkeit ist wie Zeit 25
Und Zeit wie Ewigkeit,
Der ist befreit
Von allem Streit
sagt Jacobus Boehmius, denn der Unterschied heiße nicht, daß das Indi¬
viduum fortbestehe, sondern daß das Ewige gegen das Vergängliche 30
besteht.
[3. Der Hochmut der Auserwählten]
Wir kommen jetzt zu der Klasse der έπιεικών καί νουν έχόντων [bonorum
et prudentum]. Es versteht sich, daß durchaus nicht über das frühere
hinausgegangen wird, sondern was zuerst als tierische Furcht, dann als 35
menschliche Furcht, als bange Klage, als das Sträuben vor dem
Auf geben des atomistischen Seins erschien, erscheint jetzt in der Form
der Arroganz, der Forderung und der Berechtigung. Dieser Klasse geht
daher, wie Plutarch sie bestimmt, am meisten der Verstand aus. Die
unterste macht keine Prätensionen, die zweite weint und will sich alles 40
gefallen lassen, um das Atomistische zu retten, die dritte ist der Philister,
der ausruft: mein Gott, das wäre aber noch schöner! So ein kluger,
ehrlicher Kerl sollte zum Teufel müssen!
Aus den Vorarbeiten
117
διό τή δόξη τής άθανααίας συναιροϋσιν τάς ήδίατας έλπίόας καί με-
γίοτας τών πολλών, [ita Epicureorum ratio cum immortalitatis opinione
iucundissimas plurorumque hominum et maximas spes tolliL — Plut,
ib. 1105 Didot p. 1352, 1—2.] Wenn also Plutarch sagt, daß Epikur mit
5 der Unsterblichkeit die schönsten Hoffnungen der Menge hinwegnimmt,
so hätte er viel richtiger gesagt, was er anders meinend sagt: ουκ άναιρεϊ,
άλλ9 ώςπερ άπόδειξιν αν τον προςτίθησι. [non tollit mortis metum, sed
quasi demonstrationem eius adiicit. — Plut. ib. 1105 Didot p. 1351,
28-29].
io Epikur hebt diese Ansicht nicht auf, er erklärt sie, er bringt sie auf
ihren begriffsmäßigen Ausdruck.1)
Also diese guten und klugen Männer erwarten den Lohn des Lebens
nach dem Leben, allein wie inkonsequent ist es in diesem Fall, wieder
als Lohn das Leben zu erwarten, da ihnen doch der Lohn des Lebens ein
15 qualitativ vom Leben Unterschiedenes ist. Dieser qualitative Unterschied
wird wieder in eine Fiktion eingekleidet, das Leben wird in keine höhere
Sphäre aufgehoben, sondern an einen anderen Ort getragen. Sie stellen
sich also nur, als verachteten sie das Leben, es ist ihnen um nichts Besseres
zu tun, sie kleiden nur ihre Hoffnung in eine Forderung ein.
2o Sie verachten das Leben, aber ihre atomistische Existenz ist das Gute
in demselben, und die Ewigkeit ihrer Atomistik, die das Gute ist, begehren
sie. Wenn ihnen das ganze Leben als Schattenbild, als ein Schlechtes vor¬
kam, woher haben sie das Bewußtsein, gut zu sein? Bloß in dem Wissen
von sich, als dem atomistischen Sein; und Plutarch geht so weit, daß sie
25 fast zufrieden sind mit diesem Bewußtsein, daß — weil das empirisch
Einzelne nur ist, insofern es von einem anderen gesehen wird — diese
guten Männer sich nun freuen, daß nach dem Tode diejenigen, die sie bis
dato verachtet haben, nun wirklich sie sehen als die Guten und anerkennen
müssen und gestraft werden, weil sie sie nicht für das Gute halten. Welche
30 Forderung! Die Schlechten sollen sie anerkennen im Leben als die
Guten, und sie erkennen selbst die allgemeinen Mächte des Lebens nicht
als das Gute an! Ist das nicht den Stolz des Atoms auf die höchste Spitze
geschraubt? Ist es da nicht mit dürren Worten gesagt, wie übermütig und
dünkelhaft das Ewige und wie ewig das trockene Fürsichsein ohne allen
35 Inhalt gemacht wird! Es hilft nichts, das unter Floskeln zu verbergen,
zu sagen, daß keiner hier seine Wißbegierde befriedigen könne.
Diese Forderung drückt weiter nichts aus, als daß das Allgemeine in
der Form der Einzelheit, als Bewußtsein sein müsse, und diese Forderung
erfüllt das Allgemeine ewig. Insofern aber wieder verlangt wird, daß
io es in diesem empirischen ausschließenden Fürsichsein vorhanden sei, so
heißt das nichts, als daß es nicht um das Allgemeine, sondern um das
Atom zu tun ist.
O Hier zitiert Marx Plut. ib. 1105 Did. p. 1352, 2—22.
118
Die Doktordissertation
Wir sehen also, wie Plutarch in seiner Polemik gegen Epikur Schritt
vor Schritt dem Epikur sich in die Arme wirft; nur daß dieser einfach,
abstrakt, wahr und dürr die Konsequenzen entwickelt und weiß, was er
sagt, während Plutarch überall etwas anderes sagt, als er zu sagen meint
aber im Grund auch etwas anderes meint, als er sagt. Das ist überhaupt 5
das Verhältnis des gewöhnlichen Bewußtseins zum philosophischen.
[Kritik der Plutarchischen Ansichten über ändere
Philosophen, namentlich über Plato]1)
Hat im vorigen Dialog Plutarch dem Epikur nachzu weisen gesucht,
quod non beate vivi posait nach seiner Philosophie, so sucht er jetzt 10
die δόγματα der übrigen Philosophen gegen diesen Vorwurf von Seiten
der Epikureer zu rechtfertigen. Wir werden sehen, ob diese Aufgabe ihm
besser gelingt als die vorige, deren Polemik eigentlich ein Panegyrikos
auf Epikur genannt werden kann. Wichtig ist dieser Dialog für das Ver¬
hältnis des Epikur zu den anderen Philosophen. Es ist ein guter Witz 15
des Colotes, wenn er dem Sokrates statt Brot Heu anbietet und ihn fragt,
warum er die Speise nicht ins Ohr, sondern in den Mund steckt. Sokrates
trieb sich in ganz Kleinem herum, eine notwendige Folge seiner geschicht¬
lichen Stellung.’)
Plutarch fühlt überall ein Jucken, wo die philosophische Konsequenz 20
des Epikur hervorbricht. Der Philister meint, wenn einer bestreite, daß
das Kalte nicht kalt, das Warme nicht warm sei, je nachdem es die Menge
nach ihrem Sensorium beurteilt, so täusche er sich selbst, wenn er nicht
behaupte, es sei weder das eine, noch das andere. Der Mann sieht nicht
ein, daß damit der Unterschied bloß aus der Sache in das Bewußtsein 25
geschoben ist. Will man diese Dialektik der sinnlichen Gewißheit in ihr
selbst lösen, so muß es heißen, die Eigenschaft sei in dem Zusammen, in
der Beziehung des sinnlichen Wissens auf das Sinnliche, also, da diese Be¬
ziehung eine unmittelbar verschiedene ist, unmittelbar verschieden. Es
wird damit weder in die Sache, noch in das Wissen der Fehler geschoben, 30
sondern das Ganze der sinnlichen Gewißheit wird als dieser schwankende
Prozeß betrachtet Wer nicht die dialektische Macht hat, diese Sphäre
total zu negieren, wer sie stehen lassen will, der muß auch mit der Wahr¬
heit zufrieden sein, wie sie sich innerhalb ihrer vorfindet. Plutarch ist
zu dem einen zu impotent, zu dem anderen ein zu ehrlicher kluger Herr.3 ) 35
Also, sagt Plutarch, müßte man von jeder Eigenschaft sagen, daß sie
nicht mehr ist als nicht ist; denn das ändert sich, je nachdem einer affiziert
O Die folgenden Ausführungen knüpfen an die Abhandlung Plutarchs ad ver¬
sus Coloten an. Marx zitiert zuerst folgende Stelle: Plut. adv. Coloten, 1107
Did. p. 1354, 29—32.
’) Hier zitiert Marx folgende Stellen: Plut. ib. 1108 Did. p. 1356, 5—10; id.
ib. 1110 Did. p. 1357, 38—41.
’) Hier zitiert Marx: Plut. ib. 1110 Did. p. 1358, 18—20.
Aus den Vorarbeiten
119
wird. Allein seine Frage zeigt schon, daß er die Sache nicht versteht.
Er spricht von dem festen Sein oder Nichtsein als Prädikat. Aber das
Sein des Sinnlichen ist vielmehr, kein solches Prädikat zu sein. Kein
festes Sein oder Nichtsein. Wenn ich diese also trenne, so trenne ich
5 gerade, was in der Sinnlichkeit nicht getrennt ist. Das gewöhnliche Denken
hat immer abstrakte Prädikate fertig, die es trennt von dem Subjekt. Alle
Philosophen haben die Prädikate selbst zu Subjrieten gemacht.1)
Wenn Plutarch über die Ideenlehrer, Plato, sagt, ον παρορώ ro αίσθητόν,
άλλά τό νοητόν είναι λέγει [bei Didot ον παρορώ τό αίσθητόν ονδέ παρορφ τό
ίο νοητόν neque sensibilia negligit, neque negligit intelligibilia — Plut. adv.
Coloten 1116 Didot p. 1365, 6—7], so sieht der dumme Ekletiker nicht,
daß eben dies dem Plato vorgeworfen ist. Er hebt das Sinnliche nicht auf,
aber er behauptet vom Gedachten das Sein. Das sinnliche Sein kömmt so
nicht zu Gedanken, und das Gedachte fällt auch in ein Sein, so daß zwei
15 seiende Reiche nebeneinander bestehen. Man kann hier sehen, welchen An¬
klang der platonische Pedantismus besonders leicht beim gemeinen Mann
findet, und Plutarch können wir hinsichtlich seiner philosophischen Ein¬
sichten zu dem gemeinen Mann rechnen. Versteht sich, was bei Plato
originell, notwendig, auf einer gewissen Stufe der allgemeinen philosophi-
20 sehen Bildung prächtig erscheint, das ist bei einem Individuum, das an der
Schwelle der alten Welt sitzt, die schale Erinnerung an den Rausch eines
Toten, eine Lampe aus der antediluvianischen Zeit, die Widerlichkeit eines
alten Mannes, der in das Kindesalter zurückgefallen ist.
Besser kann man den Plato nicht kritisieren, als Plutarch ihn lobt:
25 ουδέ άναιρεΐ τά γινόμενα και φαινόμενα περί ήμάς τών παθών άλλά δτι βε¬
βαιότερα τούτων έτερα καί μονιμώτερα (lauter begriffslose, aus der Sinn¬
lichkeit abstrahierte Vorstellungen) πρός ονσίαν έστί, τό μήτε γίνεσθαι, μήτ
άπόλλνσθαι, μήτε πάσχειν (man bemerke μήτε-μήτε-μήτε — 3 negative
Bestimmungen) μηδέν ένδείκννται τοΐς έπομένοις, καί διδάσκει καθαρωτερον
Μ τής διαφοράς άπτομένονς τοΐς όνόμασι (richtig, der Unterschied ist ein
nomineller), τά μέν δντα, τά δέ γινόμενα προςαγορεύειν. [neque tollit eas
affectiones, quae nobis accidunt et sensu percipiuntur; sed his firmiora et
*) Hier folgt eine lange Reihe von Zitaten, gegliedert durch Überschriften:
a) Epikur und Demokrit Plut. adv. Col. 1111 Did. p. 1358, 29—1359, 43; b) Epi-
kur und Empedokles. Plut. ib. 1112 Did. p. 1359, 43—1360, 33; id. ib. 1112
Did. p. 1360, 35—1361, 2; id. ib. 1112 Did. p. 1361, 6—8. Empedokles wird angeführt:
Plut. ad. Col. 1113, Didot p. 1361, 18—1362, 12; c) Epikur und Parmenides.
Plut. adv. Col. 1114 Did. p. 1362, 22—1363, 20; id. ib. 1114 Did. p. 1363, 26—29.
Dann folgen genauere Ausführungen über d) Epikur und Plato. Sie be¬
ginnen mit der Bemerkung: Als ein Beweis des unphilosophischen Sinns des Plutarch
kann z. B. folgende Stelle über den Aristoteles dienen: Plut adv. Col. 1115 Did.
p. 1364, 2—9; id. ib. 1115 Did. p. 1364, 22—31. Dazu bemerkt Marx: Wieder eine
Stelle, aus der man die immanente, selbstgefällige Dummheit beati Plutarchi er¬
kennen kann. Nach Beendigung des Zitats Plut. ib. 1115 Did. p. 1364, 31—34,
folgen zusammenhängendere Ausführungen, die wir oben geben. Die danach folgende
Fortsetzung der Exzerpte aus Plutarch über einzelne griechische Philosophen und
philos. Schulen registrieren wir in der Fußnote 4, nächste Seite.
120
Die Doktordissertation
constantioris esse alia ostendit naturae, eo quod neque oriantur neque
intereant neque perpetiantur quicquam: ac discrimen illud subtilius ver-
bis exprimere docet successores, ut alia entia, alia fientia appellent —
Plut ib. 1116 Didot p. 1365, 7-13.] 9
Nun wendet sich Plutarch an den Colotes und fragt, ob sie nicht selbst 5
den Unterschied zwischen festem und vergänglichem Sein machen, etc.’)
Es ist amüsant, dieser gespreizten, sich klug dankenden Ehrlichkeit zu¬
zuhören. Er selbst, nämlich Plutarch, bringt die platonische Differenz des
Seins auf zwei Namen herab, und dennoch sollen von der anderen Seite
die Epikureer Unrecht haben, wenn sie beiden Seiten ein festes Sein zu- no
schreiben (sie unterscheiden indes recht gut das άφθαρτον und Αγέννητο?
von dem, was durch Zusammensetzung ist): tut dies nicht auch Plato,
wenn das είναι fest auf der einen Seite, auf der anderen das γενέσθαι
sitzt?’)4)
O Hier zitiert Marx: Plut. adv. Col. 1116 Did. p. 1365, 13—20.
2) Danach bemerkt Marx: Jetzt wird Plutarch schalkhaft und spricht wie folgt.
Zitat: Plut. ib. 1116 Didot p. 1365, 35—45.
9 Das letzte Blatt des Heftes ist abgerissen.
4) Fortsetzung und Schluß der auf p. 119, Fußnote 1, registrierten Exzerpte,
zugleich der Schluß der an Plutarchus adversus Coloten anschließenden Notizen
befinden sich schon im IV. Heft von Marx, wo sie die ersten zwei Seiten einnehmen.
Marx führt dort zuerst die Stellen aus Plutarch über e) Epikur und Sokrates
an. Er zitiert folgende Stelle: έν γάρ έστι τών 'Επικούρου δογμάτων τό μηδέν Αμετα-
πείοτως πεπεΐσθαι μηδένα πλήν τόν σοφόν [est enim unum de Epicuri decretis,
nihil cuiquam de certo persuasum esse, ut de sententia deduci non possit, excepto
sapiente. — PI. adv. Col. 1117 Didot p. 1367, 12—14]. Dazu bemerkt er: Eine wichtige
Stelle für das Verhältnis Epikurs zur Skepsis. Dann zitiert er noch: Plut. adv. Col.
1118 Didot p. 1367, 33—39; ib. 1118 Didot p. 1367, 43—47. Danach führt Marx die
Stellen über f) Epikur und Stilpo an: Plut. 1119 Didot p. 1369, 11—15.
Dazu bemerkt Marx: Während man vom Colotes wirklich gestehen muß, daß er die
Schwächen des Gegners herauszufühlen weiß, gehen dem Plutarch so sehr alle philo¬
sophischen Fühlhörner ab, daß er nicht einmal weiß, worum es sich handelt, sondern
wenn der Satz der abstrakten Identität als Tod alles Lebens ausgesprochen und ge¬
rügt wird, folgende pinselhafte, des dümmsten Dorfschulmeisters würdige Replik
entgegenwirft. Folgen die Zitate: ib. 1119 Didot p. 1369, 17—31; ib. 1120 Didot
p. 1369, 44— 54. Dazu bemerkt Marx: Eine sehr gute und wichtige Auseinander¬
setzung von Stilpo. Dann folgen Stellen über g) EpikurunddieCyrenaiker:
ib. 1120 Didot 1370, 34—50 ib. 1121; Didot 1371, 4-17; zu h) Epi kur und
dieAkademiker (Arkesilaos) führt Marx folgendes aus: Was Plutarch hierüber
sagt, beschränkt sich darauf, daß die Akademiker drei Bewegungen φανταστικού
καί όρμητικοϋ καί συγκαταθετικοϋ [tria animi motuum généra, imaginans, appe-
tens, assentiens, — PI. adv. Col. 1121 Didot p. 1372, 31—32] annehmen, in der letzten
ist der Irrtum; so fällt nicht das Sinnliche praktisch und theoretisch fort, sondern
die Meinung. Den Epikureern sucht er nachzuweisen, daß sie viel Evidentes be¬
zweifeln.
[Aus dem IV. Heft]')
[Plutarch und Lukrez]
5
10
15
20
25
Wie die Natur im Frühling sich nackt hinlegt und gleichsam sieg¬
bewußt alle ihre Reize zur Schau stellt, während sie im Winter ihre
Schmach und Kahlheit verdeckt mit Schnee und Eis, so verschieden ist
Lucretius, der frische, kühne, poetische Herr der Welt vom Plutarch,
der im Schnee und Eis der Moral sein kleines Ich zudeckt. Wenn wir ein
ängstlich-zugeknöpftes, in sich geducktes Individuum sehen, so greifen
wir unwillkürlich nach Rat und Hilfe, sehen, ob wir auch noch da sind,
und fürchten uns gleichsam zu verlieren. Aber beim Anblick eines bunten
Luftspringers vergessen wir uns und fühlen wir uns über unsere Haut
erhaben als allgemeine Mächte und atmen kühner. Wem ist es sittlicher,
freier zumute, einem, der eben aus der Schulstube des Plutarch kömmt,
über die Ungerechtigkeit nachdenkend, daß die Guten mit dem Tode die
Frucht ihres Lebens verlieren, oder einem, der die Ewigkeit erfüllt sieht,
das kühne donnernde Lied des Lucretius:
— — — — — — — — — — acri
percussit thyrso laudis spes magna meum cor
et simul incussit suavem mi in pectus amorem
Musarum, quo nunc instinctus mente vigenti
avia Pieridum peragro loca nullius ante
trita solo, iuvat integros accedere fontis
atque haurire, iuvatque novos decerpere flores
insignemque meo capiti petere inde coronam,
unde prius nulli velarint tempora Musae;
primum quod magnis doceo de rebus et artis
*) Die Umschlagseite dieses Heftes trägt zwei Überschriften. Die erste lautet:
Philosophische Aphorismen. K. H. Marx. st. j. Berlin. Sommer 1839. Tatsächlich aber
enthält das Heft die Fortsetzung der Vorarbeiten zur Dissertation, was die zweite und
wirklich gültige Überschrift anzeigt: Epikureische Philosophie. 4tes Heft. K. Marx. 1839.
Sommersemester. III. PI ut archus 2) Colotes. IV. Lucretius de rerum
natura (libri très 1. 2. 3.). Die ersten zwei Seiten bilden den Schluß der Polemik
gegen Plutarch. (Siehe die vorige Anmerkung.) Die übrigen 15 Seiten des Heftes
sind Lucretius gewidmet. Marx zitiert Lucretius de rerum natura nach der Aus¬
gabe von H. C. A. Eichstädt, Leipzig, 1801. Wir geben die Verszählung nach der
Ausgabe von Diels (T. Lucretius Carus, de rerum natura, laL u. deutsch von Hermann
Diels, Bd. 1. Berlin, 1923). Marx beginnt mit einer Vorbemerkung: Es versteht sich,
daß Lucretias nur wenig benutzt werden kann. Dann folgt eine lange Reihe von
Zitaten: Lucretius I. 63—79, 150, 159—60, 267—68, 328—30, 339—46, 382—83,
419—20, 461—63, 479—82, 503—09, 540, 600—03, 684—89, 763—66, 783—87.
Dazu bemerkt Marx: (nämlich: die Erhebung des Feuers in Luft, dann wird Regen,
dann Erde, und von der Erde kehrt wieder alles zurück.) Folgen weiter die Zitate:
ib. 788-93, 814—16, 820—22, 847—56, 871—95, 907—14, 958—64, 984—97, 1009—13,
1035—41. Im Anschluß an diese Stellen folgt der oben gegebene Text.
122
Die Doktordissertation
religionum animum nodis exsolvere pergo,
deinde quod obscura de re tam lucida pango
carmin a musaeo contingens cuncta lepore. I, 922—934.
Wem es nicht mehr Vergnügen macht, aus eigenen Mitteln die ganze
Welt zu bauen, Weltschöpfer zu sein, als in seiner eigenen Haut sich ewig 5
herumzutreiben, über den hat der Geist sein Anathema ausgesprochen, der
ist mit dem Interdikt belegt, aber mit einem umgekehrten, er ist aus dem
Tempel und dem ewigen Genuß des Geistes gestoßen und darauf hin¬
gewiesen, über seine eigene Privatseligkeit Wiegenlieder zu singen und
nachts von sich selber zu träumen. io
Beatitudo non virtutis praemium, sed ipsa virtus. [Spinoza, Eth.
pars. V, prop. XLIL]
Wir werden auch sehen, wie unendlich philosophischer Lucretius den
Epikur auf faßt als Plutarch. Die erste Grundlage philosophischer
Forschung ist ein kühner freier Geist. 15
[Die lukrezische Kritik der früheren
Naturphilosophie]
Zuerst ist die treffliche Kritik der früheren Naturphilosophen vom
epikureischen Standpunkt aus anzuerkennen. Sie ist um so eher zu be¬
trachten, da sie das Spezifische der epikureischen Lehre meisterhaft her- 20
vorhebt.
Wir betrachten hier besonders, was über den Empedokles und
Anaxagoras gelehrt wird, da dies noch mehr von den übrigen gilt
1. Es sind keine bestimmten Elemente für die Substanz zu
halten, denn wenn in sie alles gelegt wird und alles aus ihnen entsteht, 25
wer gibt uns das Recht, in diesem Wechselprozeß nicht vielmehr die
Totalität der anderen Dinge für ihre Prinzipien zu halten, da sie selbst nur
eine bestimmte, beschränkte Art der Existenz neben den anderen sind und
ebenso durch den Prozeß dieser Existenzen hervorgebracht werden? Wie
umgekehrt (I, 764-68) [763-767]1). 30
2. Werden mehre bestimmten Elemente für die Substanz gehalten, so
offenbaren diese einerseits ihre natürliche Einseitigkeit, indem sie im
Konflikt sich gegeneinander erhalten, ihre Bestimmtheit geltend machen
und so im Gegensatz sich auflösen, andererseits geraten sie in einen natür¬
lichen mechanischen oder andersartigen Prozeß und offenbaren ihre Bil- 35
dungsfähigkeit als eine auf ihre Einzelnheit beschränkte.
Wenn wir die jonischen Naturphilosophen damit historisch entschul¬
digen, daß ihnen Feuer, Wasser etc. nicht dies Sinnliche, sondern ein
Allgemeines waren, so hat Lukrez als Gegner durchaus recht, ihnen dies
zur Last zu legen. Werden offenbare, dem sinnlichen Tageslicht offenbare *0
Elemente als die Grundsubstanzen angenommen, so haben diese ihr Kri-
*) Marx zeigt nur — nach Eichstädts Ausgabe — die Zeilen an, zitiert sie aber
nicht. — Wo die Verszählung von Diels von der Eichstädtschen abweicht, fugen wir
sie in eckigen Klammern bei.
Aus den Vorarbeiten
123
teriüm an der sinnlichen Wahrnehmung und den sinnlichen Formen ihrer
Existenz« Sagt man, es sei eine anderweitige Bestimmung derselben, wenn
sie die Prinzipien des Seienden sind, so ist es also eine ihrer sinnlichen
Einzelnheit verborgene, nur innerliche, also äußerliche Bestimmung, in
5 der sie Prinzipien sind, d. h. sie sind es erst als dies bestimmte Element,
gerade in dem nicht, was sie von anderen unterscheidet als Feuer,
Wasser etc. v. 773 sqq. [771 sqq.].
3. Aber drittens widerstreitet nicht das der Ansicht, besondere be¬
stimmte Elemente als Prinzipien anzusehen, ihr beschränktes Dasein neben
io den anderen, aus deren Zahl sie willkürlich herausgenommen sind, also
auch keine andere Differenz gegen sie haben als die Bestimmtheit der Zahl,
welche aber als beschränkte vielmehr durch die Vielheit, Unendlichkeit
der anderen prinzipiell bestimmt zu werden scheint; nicht nur ihr Ver¬
halten gegen sich wechselseitig in ihrer Besonderheit, die ebensowohl
15 Exklusion als eine in natürliche Grenzen eingeschlossene Bildungsfähig¬
keit offenbart, sondern der Prozeß selbst, in welchem sie die Welt hervor¬
bringen sollen, weist an ihnen selbst ihre Endlichkeit und Wandelbarkeit
nach. Da sie in besondere Natürlichkeit eingeschlossene Elemente sind,
so kann ihr Schaffen nur ein besonderes sein, d. h. ihr eigenes Um-
20 geschaffen-werden, das auch wieder die Gestalt der Besonderheit, und
zwar der natürlichen Besonderheit hat; d. h. ihr Schaffen ist ihr natür¬
licher Verwandlungsprozeß. So lassen diese Naturphilosophen das Feuer
sich in der Luft wälzen, so entsteht der Regen, der fällt nieder, so die
Erde. Was sich hier zeigt, ist also ihre eigene Wandelbarkeit und nicht
25 ihr Bestehen, nicht ihr substantielles Sein, das sie als Prinzipien geltend
machen; denn ihr Schaffen ist vielmehr der Tod ihrer besonderen Existenz,
und das Hervorgegangene ist so vielmehr in ihrem Nichtbestehen,
v. 783 sqq.
Die wechselseitige Notwendigkeit der Elemente und natürlichen Dinge
3o zu ihrem Bestehen ist nichts, als daß ihre Bedingungen als eigene Mächte
ebensowohl außer ihnen, als in ihnen sind.
4. Lukrez kömmt jetzt auf die Homöomerien des Anaxagoras. Er
wirft ihnen vor, daß es zu:
inbecilla nimis primordia .. . sunt, [I, 847.]
35 denn da die Homöomerien dieselbe Qualität haben, dieselbe Substanz
sind wie das, wessen Homöomerien sie sind, so müssen wir ihnen dieselbe
Vergänglichkeit zuschreiben, die wir vor Augen sehen in ihren konkreten
Ausdrücken. Birgt sich im Holz Feuer und Rauch, so ist es also ex
alienigenis gemischt. Bestünde jeder Körper aus allen sinnlichen Samen,
io so müßte er, zerbrochen, nachweisen, daß er sie enthält.
[Die Atome als Substanz]
Es kann sonderbar scheinen, daß eine Philosophie wie die epiku¬
reische, die von der Sphäre des Sinnlichen ausgeht und sie wenigstens in
der Erkenntnis als das höchste Kriterium preist, ein so Abstraktes, eine
124
Die Doktordissertation
so caeca potestas, wie das Atom ist, als Prinzip hinstellt Darüber v. L. I,
773 sqq. 783 sqq. ; wo es sich nachweist, daß das Prinzip ein selbständiges
Bestehen ohne irgendeine besondere sinnliche, physische Eigenschaft sein
muß.1) Es ist Substanz:
eadem caelum, mare, terras, flumina, solem *
constituant, etc. I, 820.
Es kömmt ihm Allgemeinheit zu.
Über das Verhältnis des Atoms und der Leere eine wich¬
tige Bemerkung. Lukrez sagt von dieser duplex natura :
esse utramque sibi per se, puramque necesse est J0
I, 507 [506].
Sie schließen sich ferner aus:
nam quacumque vacat spatium . . .
corpus ea non est, etc. I, 508 sqq.
Jedes ist selbst das Prinzip, also ist weder das Atom, noch das Leere is
Prinzip, sondern ihr Grund, das, was jedes als selbständige Natur aus¬
drückt. Diese Mitte wird sich am Schlüsse der epikureischen Philosophie
auf den Thron setzen.
Das Leere als Prinzip der Bewegung, v. L. I, 363 [362] sqq., und zwar
als immanentes Prinzip, v. 383 [382] sqq. τό κενόν καί τό άτομον der 20
objektivierte Gegensatz von Denken und Sein.’)
[Der Krieg der Atome]
Das Hervorgehen der Bildungen aus den Atomen, ihre Repulsion und
Attraktion ist geräuschvoll. Ein lärmender Kampf, eine feindliche
Spannung bildet die Werkstätte und Schmiedestätte der Welt. Die Welt 25
ist im Innern zerrissen, in deren innerstem Herzen es so tumultuarisch
zugeht.
Selbst der Strahl der Sonne, der in die Schattenplätze fällt, ist ein
Bild dieses ewigen Krieges.8)
Man sieht, wie die blinde, unheimliche Macht des Schicksals in die 30
Willkür der Person, des Individuums übergeht und die Formen und Sub¬
stanzen zerbricht*)
[Das Klinamen]
Die declinatio atomorum a via recta5) ist eine der
tiefsten, im innersten Vorgang der epikureischen Philosophie begründete 35
*) Vgl. Diss. p. 40 sq.
8) Hier folgen Zitate aus dem II. Buche: II, 7—8, 14—16, 55—61, 83—85, 90—94,
95—97. Danach folgt der obige Text.
8) Hier zitiert Marx folgende Stelle: de rer. nat. Π, 116—22.
*) Hier folgen die Zitate: de rer. nat. Π, 125—30, 133—41, 157—62, 177—81,
185-86.
5) Vgl. Diss. p. 25 sqq.
Tafel III
Aus den Vorarbeiten zur Dissertation
Spalte einer Seite des λ I. Heftes
(Etwa Hälfte der Originalgröße)
(s. S. 135)
Aus den Vorarbeiten
125
Konsequenz. Cicero hat gut darüber lachen, ihm ist die Philosophie ein
so fremdes Ding, wie der Präsident der nordamerikanischen Freistaaten.
Die gerade Linie, die einfache Richtung, ist Aufheben des unmittel¬
baren Fürsichseins, des Punktes, sie ist der auf gehobene Punkt1). Die
5 gerade Linie ist das Anderssein des Punktes. Das Atom, das punktuelle,
welches das Anderssein aus sich ausschließt, absolutes unmittelbares
Fürsichsein ist, schließt also die einfache Richtung aus, die gerade Linie,
es beugt von ihr aus. Es weist nach, daß seine Natur nicht die Räumlich¬
keit, sondern das Fürsichsein ist. Das Gesetz, dem es folgt, ist ein anderes
10 als das der Räumlichkeit.
Die gerade Linie ist nicht nur das Aufgehobensein des Punktes, sie ist
auch sein Dasein. Das Atom ist gleichgültig gegen die Breite des Daseins,
es geht nicht in seiende Unterschiede auseinander, aber ebenso ist es nicht
das bloße Sein, das Unmittelbare, das gleichsam nicht neidisch auf sein
15 Sein ist, sondern es ist gerade im Unterschiede vom Dasein, es verschließt
sich in sich gegen dasselbe, d. h. sinnlich ausgedrückt: es beugt aus von
der geraden Linie.
Wie das Atom von seiner Voraussetzung ausbeugt9), seiner quali¬
tativen Natur sich entzieht und darin nach weist, daß dies Entziehen, dieses
20 voraussetzungslose, inhaltlose Insichbeschlossensein für es selbst ist, daß
so seine eigentliche Qualität erscheint, so beugt die ganze epikureische Phi¬
losophie den Voraussetzungen aus9), so ist z. B. die Lust bloß das Aus¬
biegen vom Schmerze, also dem Zustande3), worin das Atom als ein diffe¬
renziertes, daseiendes, mit einem Nichtsein und Voraussetzungen behaftetes
25 erscheint. Daß der Schmerz aber ist, etc., daß diese Voraussetzungen,
denen ausgebeugt wird, sind für den Einzelnen, das ist seine Endlichkeit,
und darin ist er zufällig. Zwar finden wir schon, daß an sich diese Vor¬
aussetzung für das Atom ist, denn es beugt nicht der geraden Linie aus,
wenn sie nicht für es wäre. Aber das liegt in der Stellung der epikureischen
30 Philosophie; sie sucht das Voraussetzungslose in der Welt der substan-
tialen Voraussetzung, oder logisch ausgedrückt: indem ihr das Fürsichsein
das ausschließliche, unmittelbare Prinzip ist, so hat sie das Dasein sich
unmittelbar gegenüber9), sie hat es nicht logisch überwunden. Dem De¬
terminismus wird so ausgebeugt, indem der Zufall, die Notwendigkeit, in-
35 dem die Willkür zum Gesetz erhoben wird; der Gott beugt der Welt aus,
sie ist nicht für ihn, und drum [ ? ] ist er Gott.
Man kann daher sagen, daß die declinatio atomi a recta via das
Gesetz, der Puls, die spezifische Qualität des Atoms ist4); dies ist es,
warum Demokrits Lehre eine ganz verschiedene, nicht Zeitphilosophie,
40 wie die epikureische war.
quod nisi declinare solerent, omnia deorsum,
. . . caderent per inane profundum,
υ Vgl. Diss. p. 27.
2) Vgl. Diss. p. 29.
*) Bei Μ. des Zustandes *) Vgl. Diss. p. 29, 32.
MarX'Encels.CesAmtausffabe. I. Abt.. Bd. 1. 1. Hbd. 14
126
Die Doktordissertation
nec offensus natus nec p 1 a g a creata
principiis: ita nihil umquam natura creasset.
Lucr. II, 221 sqq.
Indem die Welt geschaffen wird, indem das Atom sich auf sich, d. i.
auf ein anderes Atom bezieht, so ist seine Bewegung also nicht die, die *
ein Anderssein unterstellt, die der geraden Linie, sondern die ausbeugt
davon, sich auf sich selbst bezieht Sinnlich vorgestellt1), kann das Atom
sich nur auf das Atom beziehen, indem jedes derselben der geraden Linie
ausbeugt.9)
Die declinatio a recta via ist das arbitrium, die spezifische Substanz, 10
die wahre Qualität des Atoms.’)
Diese declinatio, dies clinamen ist weder regione loci certa, noch
tempore certo, es ist keine sinnliche Qualität, es ist die Seele des Atoms.
In der Leere fällt die Differenz des Gewichts fort4), denn sie ist
keine äußere Bedingung der Bewegung, sondern die fürsichseiende, /*
immanente, absolute Bewegung selbst.5) Lukrez macht dies geltend gegen
die durch sinnliche Bedingungen eingeschränkte Bewegung.·)
Diese potestas, dies declinare ist der Trotz, die Halsstarrigkeit des
Atoms, das quiddam in pectore desselben, sie bezeichnet nicht ihr Ver¬
hältnis zur Welt, wie das Verhältnis der entzweigebrochenen mechani- 20
sehen Welt zum einzelnen Individuum.
Wie Zeus unter den tosenden Waffentänzen der Kureten aufwuchs,
so hier die Welt unter dem klingenden Kampf spiel der Atome.
Lukrez ist der echtrömische Heldendichter, denn er besingt die Sub¬
stanz des römischen Geistes; statt der heiteren, kräftigen, totalen Gestalten 25
des Homer haben wir hier feste, undurchdringlich gewappnete Helden,
denen alle anderen Qualitäten abgehen ; den Krieg omnium contra omnes,
die starre Form des Fiirsichseins, eine entgötterte Natur und einen ent-
welteten Gott.
[Die äußeren Qualitäten des Atoms] 30
Wir kommen jetzt zu der Bestimmung der äußeren Qualitäten des
Atoms; ihre innere, immanente spezifische Qualität, die aber vielmehr
ihre Substanz ist, haben wir gesehen. Diese Bestimmungen sind sehr
schwach bei Lukrez, wie überhaupt einer der willkürlichsten und daher
schwierigsten Teile der ganzen epikureischen Philosophie.7) 35
Ό Vgl. Diss. p. 30.
9) Dann folgen die Zitate: ib. II, 243—45, 251—58, 281—82.
’) Hier zitiert Marx: ib. II, 284—93.
*) Vgl. Diss. p. 36.
5) Hier zitiert Marx: ib. Π, 235—39.
e) Hier folgende Stelle zitiert: ib. II, 230—34. 277—80; dazu macht Marx fol¬
gende Anmerkung: Siehe die oben zitierten Verse. (Siehe Anm. 2, 3, 5J
7) Hier eine Reihe von Zitaten, mit einzelnen Überschriften versehen: 1. Be¬
wegung der Atome: II, 284—303, 308—16. 2. Figur: II, 333—41, 442—43, 479-99.
Aus den Vorarbeiten
127
Dies epikureische Dogma, daß die figurarum
varietas nicht infinita ist, wohl aber die corpuscula eiusdem
figurae infinita sint, e quorum perpetuo concursu mundus perfectus
est usque gignuntur, ist die wichtigste, immanenteste Betrachtung der
δ Stellung, welche die Atome zu ihren Qualitäten haben, zu sich als Prin¬
zipien einer Welt1).
Die Distanz, die Differenz der Atome ist endlich; nähme man sie
nicht endlich an, so wären die Atome in sich selbst vermittelte, enthielten
in sich eine ideale Mannigfaltigkeit. Die Unendlichkeit der Atome als
10 Repulsion, als negative Beziehung auf sich, zeugt unendlich viel ähnliche,
quae similis sint infinites, ihre Unendlichkeit hat mit ihrem qualitativen
Unterschied nichts zu schaffen. Nimmt man die Unendlichkeit der Ver¬
schiedenheit der Form des Atoms an’), so enthält jedes Atom das andere
in sich aufgehoben, und es gibt dann Atome, die die ganze Unendlichkeit
13 der Welt vorstellen, wie die Leibnizschen Monaden’).
Man kann sagen, daß in der epikureischen Phi¬
losophie das Unsterbliche der Tod ist1). Das Atom,
die Leere, Zufall, Willkür, Zusammensetzung sind an sich der Tod*).
[Parallele zwischen den Epikureern und den
20 Pietisten und S u p r a n a t u r a 1 i s t e n]
Es ist bekannt, daß bei den Epikureern der Zufall die herrschende
Kategorie ist Eine notwendige Konsequenz davon ist, daß die Idee nur
als Zu st and angeschaut wird; der Zustand ist das an sich zufällige
Bestehen. Die innerste Kategorie der Welt, das Atom, seine Ver-
25 knüpfung etc. ist deswegen in die Ferne geschoben, wird als ein ver¬
flossener Zustand betrachtet. Dasselbe findet man bei den Pietisten und
Supranaturalisten. Die Schöpfung der Welt, die Erbsünde, die Erlösung,
all dieses und alle ihre gottseligen Bestimmungen, wie das Paradies etc.,
ist nicht eine ewige, an keine Zeit gebundene, immanente Bestimmung der
so Idee, sondern ein Zustand. Wie Epikur die Idealität seiner Welt, die
Leere, aus ihr hinausschiebt in die Weltschöpfung, so verkörpert der
Supranaturalist die Voraussetzungslosigkeit, die Idee der Welt im
Paradies.
i) Hier folgende Zitate: ib. II, 507—10, 512—14, 522—27.
’) Vgl. Diss. p. 35.
>) Hier folgende Zitate: II, 567—68, 573—80, 586-88, 646—51, 796, 842—46,
861—64, 967—72, 973—74; dazu bemerkt Marx: die Antwort darauf ist: Zitat: ib. II,
980—82. Dann folgen Zitate aus dem dritten Buch des Lukrez: III, 179—82, 186—87,
193—95, 201—02; danach bemerkt Marx: Aufheben der Kohäsion, der spezifischen
Schwere: Zitat: ib. III, 229—34, 237—44, 256—57, 867—69.
*) Vgl. Diss. p. 40 sq.
ö) Hier zitiert Marx: ib. III, 888—93, 1053—59.
14·
[Λικ dem V. Heft} *)
Luc. Annaei Senecae operum t. III. Amstelodami
1672’)
[Joh. Stobaei sententiae et eclogae etc.
Genf 1609. fol.]3)
*) Das fünfte Heft ist nicht vollständig erhalten. Sechs Blätter (darunter auch
das Umschlagblatt) fehlen, und sechs beschriebene Blätter liegen vor. Von diesen
enthalten die ersten zwei Blätter Stellen aus Seneca. Danach scheint ein Blatt zu
fehlen. Dann folgen zwei Blätter mit Stellen aus Stobaeus und Clemens
Alexandrinas. Danach sind ein bis zwei Blätter verloren gegangen. Wahr¬
scheinlich enthielten sie Zitate sowohl aus dem auf dem vorhergehenden Blatte be¬
handelten Clemens Alexandrinus, wie aus dem auf dem nachfolgenden Bruchstück
wieder behandelten Seneca. Dieses Bruchstück besteht aus zwei Blättern, mit Stellen
aus Seneca auf dem ersten, mit solchen aus Stobaeus auf dem zweiten.
2) Marx zitiert Seneca nach der oben in der Überschrift angegebenen Ausgabe
vom Jahre 1672; wir geben die Stellen nach der Ausgabe: L. Annaei Senecae Opera,
recognovit Fridericus Haase, Lipsiae, Teubner, 1852; ep. 9, 1. Amst. t. II, p. 25
Teub. III, p. 15; ep. 9, 20 Amst. II, p. 30 Teub. ib. p. 19; ep. 79, 15 Amst. II, p. 317
Teub. ib. 203; de otio, VII, 3 Amst. I, p. 582 Teub. I, p. 169—70; ep. 66, 18 Amst.
t. II, 235 Teub. III, p. 145; danach verweist Marx auf den Brief 67 Amst. t. II. 248
(Teubner ΙΠ, 154 Us. p. 339, 5—7); nach diesem Hinweis folgen weiter die
Stellen: ep. 66, 45 Amst. t. II, p. 241 Teub. t. III, p. 150; ep. 66, 47 Amst. t. II, p. 242
Teub. t. III p. 150 ep. 21, 9—11 Amst. t. Π, p. 80 Teub. t. ΠΙ p. 47 de Constantia
sapientis, XV, 4 Amst. t. I, p. 416 Teub. t. I, p. 30; ep. 24, 22—23 Amst. t. II, p. 95
Teub. t. III, p. 57; de vita beata, XIII, 1—2 Amst. t. I, p. 542 Teub. t. I, p. 149;
ep. 107, 1 Amst. t. II, p. 526 Teub. t. HI, p. 348; ep. 9, 20 Amst. t. Π, 30 Teub. t. ΙΠ,
p. 19; ep. 81, 11 Amst. t. II, 326 Teub. t. III, p. 208; ep. 52, 3 Amst. t. II, p. 177
Teub. t. III, p. 107; ep. 52, 4 Amst. t. II, p. 177; Teub. t. III p. 107; ep. 18, 9—10
Amst. t. II, p. 67 Teub. t. III, p. 39—40; ep. 21, 7—8 Amst. t. II, p. 79 Teub. t. III,
p. 46; danach weist Marx auf Stobaeus Serm. XVII [Stob. flor. XVII, 24 (Us.
p. 142, 22—23)] hin; dann folgen weiter die Zitate aus Seneca: ep. 12, 10 Amst.
t. II, p. 42 Teub. t. III, p. 24; ep. 13, 16—17 Amst. t. II, p. 47 Teub. t. III, p. 28;
ep. 14, 17 Amst. t.JI, p. 53 Teub. t. III, p. 31; ep. 16, 7 Amst. t. II, p. 60 Teub. t. III,
p. 35; ep. 17,11, Amst. t. II, p. 64 Teub. t. III, p. 38; ep. 18, 14—15 Amst. t. II, p. 69
Teub. t. III, p. 40 ; ep. 19, 10 Amst. t. II, p. 72 Teub. t. III, p. 42; ep. 22, 15 Amst. t. II,
p. 84 Teub. t. III, p. 50; ep. 23, 9 Amst. t. II, p. 87 Teub. t. III, p. 52; ep. 25, 4
Amst. t. II, p. 97 Teub. t. III, p. 58—59; hier macht Marx einen Hinweis auf ep. 110
Amst. t. II, p. 548 Teub. t. III, p. 364; danach zitiert er weiter: ep. 26, 8 Amst. t. II,
p. 101 Teub. t. III, p. 61; ep. 27, 9 Amst. t. II, p. 105 Teub. t. III, p. 63; ep. 28, 9
Amst. t. III, p. 107 Teub. t. III, p. 64; ep. 7, 11 Amst. t. II, p. 21 Teub. t. ΙΠ, p. 13;
ep. 8, 7 Amst. t. II, p. 24 Teub. t. III, p. 14—15 ; ep. 6, 6 Amst. t. II, p. 16 Teub. t. III,
p. 11; ep. 97, 13 Amst. t. II, p. 480 Teub. t. III, p. 315; ep. 22, 5—6 Amst. t. II, p. 82
Teub. t. III, p. 49; de beneficiis lib. IV cap. 19 Amst. t. I, p. 719 Teub. t. II, p. 71.
3) Marx benutzte die Genfer Ausgabe von 1609 (Joh. Stobaei Sententiae ex The-
sauris Graecorum delectae . . . Eclogarum libri duo . . . Aureliae Allobrogum, Fr.
Faber, 1609). Wir geben die Stellen nach der Ausgabe: J. Stobaei Eclogarum physi-
carum et ethicarum libri duo, recens. Aug. Meineke, Lipsiae, Teubner, 1864:
Stobaeus Ecl. phys. (15) [206] Teub. p. 54, 10—11; ibid. (19) [252] Teub. p. 63,
Aus den Vorarbeiten 129
Clementis Alexandrini opéra. Coloniae. Anno 1688.1)
[Luc. Annaei Senecae opéra. Amstelodami 1672.] s)
7—8; ibid. (27) [306] Teub. p. 81, 15—20; ibid. (33) [346] Teub. p. 93, 13—17;
ibid. (35) [366] Teub. p. 98, 18—19; ibid. (38) [380] Teub. p. 103, 18—20; ibid.
(39) [388] Teub. p. 107, 2—3; ibid. (40) [394] Teub. p. 108, 22—23; hier macht
Marx einen Hinweis auf: Diog. 40 (Gass. p. 32 ad Herodotum); dann folgen weiter
die Zitate aus Stobaeus EcL phys. lib. I (44) [418] Teub. p. 116, 17—18; ibid. lib. I
(47) [442] Teub. p. 124, 12—15; ibid. lib. I (51) [490] Teub. p. 135, 8—10; dazu
bemerkt Marx: Folgende Stelle aus Stobaeus, die nicht dem Epikur gehört, ist viel¬
leicht mit das Erhabenste. Dann folgen die Zitate: ibid. (50) [480] Teub. p. 133,
10—12; ibid. (52) [496] Teub. p. 136, 19—26; ibid. (52) [496, 498] Teub. p. 136,
31—137, 4; 'Επίκουρος ούδέν άπογιγνώσκει τούτων (nämlich der Ansichten über die
Sterne) έχόμενος του ένδεχομένου. [Epicurus horum nihil improbat, ei quod fieri
potest inhaerens. — ibid. (54) [514] Teub. p. 141, 1—2.] ibid. (56) [532] Teub.
p. 145, 11—13. Danach bemerkt Marx: Mehr als die von Schaubach angeführte
Stelle scheint die oben zitierte Ecl. phys. L. I S. 5 [Teub. p. 16, 26—31] die Ansicht
von zweierlei Atomen zu bestätigen, wo als unsterbliche Prinzipien neben den
Atomen und dem Leeren die όμοιότητες angeführt werden, die nicht die είδωλα
sind, sondern erklärt werden: al δέ λέγονται όμοιομέρειαι καί στοιχεία, wo es
also allerdings die Atome, die der Erscheinung zugrunde liegen, als Elemente ohne
Homöomerien sind, die Eigenschaften der Körper haben, denen sie zugrunde liegen.
Dies ist jedenfalls falsch. Ebenso werden vom Metrodor als Ursache angeführt
αί Ατομοι καί τά στοιχεία 1. I. S. 52. [Vgl. Dissertation, Zweiter Teil, Drittes
Kapitel, p^ 38 und dazu die Anmerkung 15, p. 73 sq.]
1) Marx benutzte die Ausgabe: Clementis Alexandrini opéra, Coloniae, anno
1688; wir zitieren nach der Ausgabe: Clementis Alexandrini opéra ex recensione
Guilelmi Dindorfii, Oxonii 1869. Die von Marx wörtlich angeführten Stellen sind:
Stromaton Lib. VI cap. 2 Col. p. 629 Dind. III, p. 149, 10—11; ib. L. V cap. 14
Col. p. 604 Dind. III p. 96, 19—21; ib. L. II cap. 2 Col. p. 415 Dind. II, p. 227,
15—18, 27—29; ib. L. II cap. 21, 22 Col. p. 417 Dind. Π, p. 230, 12—19;
ib. L. IV cap. 22 Col. p. 532 Dind. II, p. 400, 17—20; dazu bemerkt Marx:
dem Clemens entgeht es nicht, daß die Hoffnung auf die zukünftige Welt
noch nicht rein sei vom Nützlichkeitsprinzip: Dann folgen die Stellen: Strom.
L. IV cap. 22 Col. p. 532 Dind. II, p. 400, 21—25; ib. L. II cap. 4 Col.
p. 365—66 Dind. Π, p. 155, 5—10; ib. L. II cap. 23 Col. p. 421 Dind. II,
p. 236, 5—9; ib. L. I cap. 15 Col. p. 302 Dind. II, p. 55, 10—11; ib. L. IV
cap. 8 Col. p. 508 Dind. II, p. 356, 7—12; hier macht Marx einen Hinweis auf: Diog.
ad Menoeceum ep. Danach zitiert er weiter Cl. Alex. ib. L. V cap. 9 Col. p. 575
Dind. III, p. 45, 20—23. Nach der Bemerkung: Nach Clemens Alexandrinus hat der
Apostel Paulus den Epikur gemeint, wenn er sagt: zitiert Marx: Strom. L. I cap. 2
Col. p. 295 Dind. II, p. 43, 5—14, — eine Stelle, die in den Anmerkungen zu der
Dissertation von Marx in vollem Umfange angeführt wurde. (Erster Teil, II, An¬
merkung 8. Siehe p. 58 in diesem Band.) Dazu macht Marx die Bemerkung: Gut,
daß die Philosophen verworfen werden, die nicht phantasierten über Gott. Jetzt ver¬
steht man die Stelle besser und weiß, daß Paulus alle Philosophen gemeint hat.
’) Hier folgt die in der 1. Fußnote erwähnte Fortsetzung der Exzerpte aus
Seneca, die keine eigenen Ausführungen von Marx enthalten, sondern nur aus folgen¬
den Zitaten bestehen: Seneca, natur, quaest. Lib. VI cap. 20, 5—7 Amst. t. II, p. 802
Teub. t. II, p. 286—87; id. de otio cap. 30 Amst. t. I, p. 579 Teub. L I, p. 165; id. de
vita beata cap. 12, 4—5 Amst. t. I, p. 541 Teub. t. I, p. 149; id. ibid. cap. 18, 1
Amst. 1.1, p. 550 Teub. 1.1, p. 153; id. de beneficiis Lib. IV cap. 4, 1 Amst. 1.1, p. 699
Teub. t. II, p. 61; id. ibid. Lib. III cap. 4, 1 Amst. t. I, p. 699 Teub. t. II, p. 38;
id. de brevit. vitae cap. 14, 2 Amst. 1.1, p. 512 Teub. t. I, p. 211; id. de benef. Lib. IV
cap. 2, 1 Amst. t. I, p. 697 Teub. t. II, p. 60; id. de vita beata cap. 11, 2 Amst. t. I,
p. 538 Teub. t. I, p. 48; id. de benef. Lib. IV cap. 13, 1—2 Amst. t. I, p. 712 Teub.
t. II, p. 67; id. ep. 72, 9 Amst. t. II p. 174 Teub. t. III p. 172; id. ep. 89, 11 Amst.
t. II, p. 397 Teub. t. III, 257; Seneca de morte Cl. Caesaris VIII, I Amst. t. II, p. 851
Teub. t. I p. 269; ep. 68, 10 Amst. t. II, p. 251 Teub. t. III, p. 156; ep. 24, 18 Amst.
t. IL d. 93 Teub. t. III. d. 56. Danach setzt Marx den Vermerk Finis.
130
Die Doktordissertation
Joh. Stobaei sententiae et eclogae etc.
Genf 1609. fol.1)
*) Hier folgt die p. 128 in der 1. Fußn. erwähnte Fortsetzung der Exzerpte aus
Stobaeus: sermo XVII, p. 157 Us. p. 300, 26—28, 142, 22—23; sermo XVI, p. 155;
Us. p. 162, 4—8; sermo XVII Us. p. 156, 4—6; p. 283, 3—7; de re publica sermo XU,
p. 270; de morte sermo CXVII p. 599; sermo XVII p. 158 Us. p. 302, 24; p. 339,
16—18; de assiduitate sermo XXIX p. 206 Us. p. 328, 17—22; de amore sermo LXI
p. 393 Us. p. 284, 1—4; de intemper. sermo VI p. 81—82; ecL phys. L. I, p. 5 Teub.
p. 16 [661, 27—31.
[Aus dem VI. Heft] ’)
[Knotenpunkte in der Entwicklung der Philosophie]
Wie der νους des Anaxagoras in Bewegung tritt in den Sophisten (hier
wird der νους realiter das Nichtsein der Welt) und diese unmittelbare
£ dämonenhafte Bewegung als solche objektiv wird in dem
Daimonion des Sokrates, so wird wieder die praktische Bewegung des
Sokrates eine allgemeine und ideelle im Plato, und der νους erweitert
sich zu einem Reiche von Ideen. Im Aristoteles wird dieser Prozeß wieder
in die Einzelnheit befaßt, die jetzt aber die wirkliche begriffliche Einzeln-
10 heit ist
Wie es in der Philosophie Knotenpunkte gibt, die sie in sich selbst
zur Konkretion erheben, die abstrakten Prinzipien in eine Totalität be¬
fassen und so den Fortgang der geraden Linie abbrechen, so gibt es auch
Momente, in welchen die Philosophie die Augen in die Außenwelt kehrt,
15 nicht mehr begreifend, sondern als eine praktische Person gleichsam
Intriguen mit der Welt spinnt, aus dem durchsichtigen Reiche des
Amenthes heraustritt’) und sich ans Herz der weltlichen Sirene3) wirft.
Das ist die Fastnachtszeit der Philosophie; kleide sie sich nun in eine
Hundetracht wie der Cyniker, in ein Priestergewand wie der Alexandriner
20 oder in ein duftig Frühlingskleid wie der Epikureer. Es ist ihr da wesent¬
lich, Charaktermasken anzulegen. Wie uns erzählt wird, daß Deukalion
bei Erschaffung der Menschen Steine hinter sich geworfen, so wirft die
Philosophie ihre Augen hinter sich (die Gebeine ihrer Mutter sind leuch¬
tende Augen), wenn ihr Herz zur Schaffung einer Welt erstarkt ist; aber
25 wie Prometheus, der das Feuer vom Himmel gestohlen, Häuser zu bauen
und auf der Erde sich anzusiedeln anfängt, so wendet sich die Philo¬
sophie, die zur Welt sich erweitert hat, sich gegen die erscheinende Welt.
So jetzt die Hegelsche4).
Ό Die Umschlagseite des VI. Heftes fehlt. Das erste Blatt enthält — ohne
irgendwelche Notizen von Marx — folgende Zitate aus Lucretiusde rerum natura
L. IV, 30—32, 52—55, 191—98, 216—38 ; 251—55 ; 279-88 L. V, 95—96; 108—09;
240—46; 306—10 ; 351—63; 373—75; 1169—82. Danach folgen die oben gegebenen
Ausführungen von Marx.
’) Vgl. Diss. p. 64.
3) weltlichen Sirene korr. aus gegenwärtigen Weltdime
4) Die ersten Worte des Satzes sind schwer leserlich. Der übrige Teil der Seite
enthalt einen Versuch von Marx, den vorhergehenden Absatz lateinisch wieder¬
zugeben.
132
Die Doktordissertation
Indem die Philosophie zu einer vollendeten, totalen Welt sich ab¬
geschlossen hat, die Bestimmtheit dieser Totalität ist bedingt durch ihre
Entwicklung überhaupt, wie sie die Bedingung der Form ist, die ihr Um¬
schlagen1) in ein praktisches Verhältnis zur Wirklichkeit annimmt, so
ist also die Totalität der Welt überhaupt dirimiert in sich selbst, und 5
zwar ist diese Diremption auf die Spitze getrieben, denn die geistige
Existenz ist frei geworden, zur Allgemeinheit bereichert. Der Herzschlag
ist in sich selbst der Unterschied geworden auf konkrete Weise, welche
der ganze Organismus ist. Die Diremption der Welt ist nicht kausal, wenn
ihre Seiten Totalitäten sind. Die Welt ist also eine zerrissene, die einer 10
in sich totalen Philosophie gegenübertritt Die Erscheinung der Tätigkeit
dieser Philosophie ist dadurch auch eine zerrissene und widersprechende;
ihre objektive Allgemeinheit kehrt sich um in subjektive Formen des
einzelnen Bewußtsein [s], in denen sie lebendig ist Gemeine Harfen
klingen unter jeder Hand; Aeols Harfen nur, wenn der Sturm sie schlägt, is
Man darf sich aber [durch] diesen Sturm nicht irren lassen, der einer
großen, einer Weltphilosophie folgt.
Wer diese geschichtliche Notwendigkeit nicht einsieht, der muß kon¬
sequenterweise leugnen, daß überhaupt nach einer totalen Philosophie
noch Menschen leben können, oder er muß die Dialektik des Maßes als 20
solche für die höchste Kategorie des sich wissenden Geistes halten und
mit einigen unseren falsch verstehenden Hegelianern behaupten, daß die
Mittelmäßigkeit die normale Erscheinung des absoluten Geistes
ist; aber eine Mittelmäßigkeit, die sich für die reguläre Erscheinung des
Absoluten ausgibt, ist selbst ins Maßlose verfallen, nämlich in eine maß- 25
lose Prätension.2) Ohne diese Notwendigkeit ist es nicht zu begreifen,
wie nach Aristoteles ein Zeno, ein Epikur, selbst ein Sextus Empiricus3),
wie nach Hegel die meistenteils bodenlos dürftigen Versuche neuerer
Philosophen ans Tageslicht treten konnten.
Die halben Gemüter haben in solchen Zeiten die umgekehrte Ansicht 30
ganzer Feldherrn. Sie glauben durch Verminderung der Streitkräfte den
Schaden wiederherstellen zu können, durch Zersplitterung, durch einen
Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen, während Themistokles, als
Athen Verwüstung drohte, die Athener bewog, es vollends zu verlassen
und zur See, auf einem anderen Elemente, ein neues Athen zu gründen. 35
Auch dürfen wir nicht vergessen, daß die Zeit, die solchen Kata¬
strophen folgt, eine eiserne ist, glücklich, wenn Titanenkämpfe sie be¬
zeichnen, bejammernswert, wenn sie den nachhinkenden Jahrhunderten
großer Kunstepochen gleicht, denn diese beschäftigen sich, in Wachs,
Gips und Kupfer abzudrücken, was aus karrarischem Marmor, ganz wie 40
Pallas Athene aus dem Haupt des Göttervaters Zeus, hervorsprang.
Titanenartig sind aber diese Zeiten, die einer in sich totalen Philosophie
9 Vgl. Diss. p. 64.
’) Vgl. Diss. p. 66.
3) Vgl. Diss. p. 13.
Tafel IV
Aus den Vorarbeiten zur Dissertation
Spalte einer Seite des VI. Heftes
(Etwa Hälfte der Originalgröße)
(s. s. 132)
Aus den Vorarbeiten
133
und ihren subjektiven Entwicklungsformen folgen, denn riesenhaft ist
der Zwiespalt, der ihre Einheit ist. So folgt Rom auf die stoische, skep¬
tische und epikureische Philosophie. *) Unglücklich und eisern sind sie,
denn ihre Götter sind gestorben und die neue Göttin hat unmittelbar noch
5 die dunkle Gestalt des Schicksals, des reinen Lichts oder der reinen
Finsternis. Die Farben des Tages fehlen ihr noch. Der Kern des Unglücks
aber ist, daß dann die Seele der Zeit, die geistige Monas, in sich ersättigt,
in sich selbst nach allen Seiten ideal gestaltet, keine Wirklichkeit, die ohne
sie fertig geworden ist, anerkennen darf. Das Glück in solchem Unglücke
10 ist daher die subjektive Form, die Modalität, in welcher die Philosophie
als subjektives Bewußtsein sich zur Wirklichkeit verhält.
So war z. B. die epikureische, stoische Philosophie das Glück ihrer
Zeit; so sucht der Nachtschmetterling, wenn die allgemeine Sonne unter¬
gegangen, das Lampenlicht des Privaten.
a Die andere Seite, die für den Geschichtsschreiber der Philosophie die
wichtigere ist, ist diese, daß dieses Umschlagen der Philosophen, ihre
Transsubstantiation in Fleisch und Blut verschieden ist, je nach der Be¬
stimmtheit, welche eine in sich totale und konkrete Philosophie als das
Mal ihrer Geburt an sich trägt. Es ist zugleich eine Erwiderung für die-
2o jenigen, die glauben, daß, weil Hegel die Verurteilung des Sokrates für
recht, d. h. für notwendig hielt, weil Giordano Bruno auf dem rauchi-
schen Feuer des Scheiterhaufens sein Geistesfeuer büßen mußte, in ihrer
abstrakten Einseitigkeit nun schließen, daß z. B. die Hegelsche Philo¬
sophie sich selbst das Urteil gesprochen habe. Wichtig aber ist es in
25 philosophischer Hinsicht, diese Seite hervorzukehren, weil aus der be¬
stimmten Weise dieses Umschlagens rückgeschlossen werden kann auf die
immanente Bestimmtheit und den weltgeschichtlichen Charakter des Ver¬
laufs einer Philosophie. Was früher als Wachstum hervortrat, ist jetzt
Bestimmtheit, was an sich seiende Negativität, Negation geworden. Wir
30 sehen hier gleichsam das curriculum vitae’) einer Philosophie aufs Enge,
auf die subjektive Pointe gebracht, wie man aus dem Tode eines Helden
auf seine Lebensgeschichte schließen kann 3). Da ich das Verhältnis der
epikureischen Philosophie für eine solche Form der griechischen Philo¬
sophie halte, mag dies hier zugleich zur Rechtfertigung dienen, wenn ich,
35 statt aus den vorhergehenden griechischen Philosophien Momente als Be¬
dingungen im Leben der epikureischen Philosophie voranzustellen, viel¬
mehr rückwärts aus dieser auf jene schließe und so sie selbst ihre eigen¬
tümliche Stellung aussprechen lasse.
9 Vgl. Diss. p, 14.
2) Vgl. Diss. p. 64.
9 wie man . . . kann korr. aus wie man aus dem, (was ein) wie ein Held ge¬
storben ist. seine Lebensgeschichte entwickeln kann.
134
Die Doktordissertation
[Über die subjektive Form der platonischen
Philosophie und Kritik der Schrift Baur’s „Das
Christliche im Platonismu s“]
Um die subjektive Form der platonischen Philosophie in einigen Zügen
noch weiter zu bestimmen, will ich einige Ansichten des Herrn Prof. Baur 5
aus seiner Schrift „Das Christliche im Platonismus“ näher betrachten.
So erhalten wir ein Resultat, indem zugleich gegenseitige Ansichten be¬
leuchtet werden.
„Das Christliche des Platonismus oder Socrates und Christus.“
Von D. F. C. Baur. Tübingen, 1837. ig
Baur sagt Seite 24:
„Sokratische Philosophie und Christentum verhalten sich demnach,
in diesem ihrem Ausgangspunkte betrachtet, zueinander wie Selbst¬
erkenntnis und Sündenerkenntnis.“ S. 24.
Es scheint uns, als wenn die Vergleichung von Sokrates und Christus, 15
so dargestellt1), gerade das Gegenteil von dem beweise, was bewiesen
werden soll, nämlich das Gegenteil einer Analogie zwischen Sokrates und
Christus. Selbsterkenntnis und Sündenerkenntnis verhalten sich aller¬
dings wie Allgemeines und Besonderes, nämlich wie Philosophie und Re¬
ligion. Diese Stellung hat jeder Philosoph, gehöre er der alten oder neuen 20
Zeit an. Das wäre eher die ewige Trennung beider Gebiete als ihre Ein¬
heit, allerdings auch eine Beziehung, denn jede Trennung ist Trennung
eines Einen. Das hieße weiter nichts, als der Philosoph Sokrates ver¬
halte sich zu Christus, wie sich ein Philosoph zu einem Lehrer der
Religion verhält. Wird nur gar eine Ähnlichkeit, eine Analogie zwischen 25
der Gnade und der sokratischen Hebammenkunst, der Ironie, herein¬
gebracht, so heißt dies nur den Widerspruch, nicht die Analogie auf die
Spitze treiben. Die sokratische Ironie, wie sie Baur auffaßt und wie sie
mit Hegel aufgefaßt worden ist, nämlich die dialektische Falle, wodurch
der gemeine Menschenverstand nicht in ein wohlbehäbiges Besserwissen, 30
sondern in die ihm selbst immanente Wahrheit aus seiner buntscheckigen
Verknöcherung hineingestürzt wird, diese Ironie ist nichts als die Form
der Philosophie, wie sie subjektiv zum gemeinen Bewußtsein sich verhält.
Daß sie in Sokrates die Form eines ironischen Menschen, Weisen hat,
folgt aus dem Grundcharakter und dem Verhältnisse griechischer Philo- 35
sophie zur Wirklichkeit: bei uns ist die Ironie in Friedrich von Schlegel
als allgemeine immanente Formel gleichsam als Philosophie gelehrt wor¬
den. Aber der Objektivität, dem Inhalt nach ist ebenso gut Heraklit,
der auch den gemeinen Menschenverstand nicht nur verachtet, sondern
haßt, ist selbst Thales, der lehrt, alles sei Wasser, während jeder Grieche 40
9 Nach dargestellt gestrichen schon in der Wurzel eine gwz beliebige, ganz
äußerliche Beziehung sei. Sie deutet allerdings auf einen richtigen Unterschied, aber
auf keine Gleichheit.
Aus den Vorarbeiten
135
wußte, daß er vom Wasser nicht leben könnte, ist Fichte mit seinem welt¬
schöpferischen Ich, während selbst Nikolai einsah, daß er keine Welt
schaffen könne, ist jeder Philosoph, der die Immanenz gegen die empi¬
rische Person geltend macht, ein Ironiker.
5 In der Gnade dagegen, in der Sündenerkenntnis, ist nicht nur das
Subjekt, das begnadigt, zur Sündenerkenntnis gebracht wird, sondern
selbst dasjenige, welches begnadigt, und dasjenige, welches aus der
Sündenerkenntnis sich aufrichtet, eine empirische Person.
Ist also hier eine Analogie zwischen Sokrates und Christus, so wäre
10 es die, daß Sokrates die personifizierte Philosophie, Christus die perso¬
nifizierte Religion ist. Allein von einem allgemeinen Verhältnis zwischen
Philosophie und Religion handelt es sich hier nicht, sondern die Frage ist
vielmehr, wie sich die inkorporierte Philosophie zur inkorporierten Reli¬
gion verhalte. Daß sie sich zueinander verhalten, ist eine sehr vage Wahr-
15 heit oder vielmehr die allgemeine Bedingung der Frage, nicht der be¬
sondere Grund der Antwort. Wie nun in diesem Streben, Christliches in
Sokrates nachzuweisen, das Verhältnis der voranstehenden Persönlich¬
keiten, Christus und Sokrates, nicht weiter bestimmt wird, als zum Ver¬
hältnis eines Philosophen zu dem eines Religionslehrers überhaupt, so
20 bricht dieselbe Leerheit hervor, wenn die allgemeine sittliche1) Gliede¬
rung der sokratischen Idee9), der platonische Staat, mit der allgemeinen
Gliederung der Idee, [und]9) Christus als historische Individualität vor¬
nehmlich mit der Kirche, in Beziehung gebracht wird.
(Sogleich wird der wichtige Umstand übersehen, daß Platos Republik ((ihm)) ((sein))
25 ein von ihm erzeugtes Produkt, die Kirche dagegen etwas total von Christus Verschiedenes ist.)
(Sogleich [?] ist [?] die platonische Republik)*)
Wenn der Hegelsche Ausspruch, den Baur akzeptiert, richtig ist, daß
Plato die griechische Substantialität gegen das einbrechende Prinzip der
Subjektivität in seiner Republik geltend machte, so steht ja gerade Plato
30 Christus schnurstracks gegenüber, da Christus dies Moment der Subjek¬
tivität gegen den bestehenden Staat geltend machte, den er als ein nur
Weltliches und so Unheiliges bezeichnete. Daß die platonische Republik
ein Ideal blieb, die christliche Kirche Realität erlangte, war noch nicht
der wahre Unterschied, sondern verkehrte sich darin, daß die platonische
35 Idee als Realität nachfolgte, während die christliche ihr voranging.
Überhaupt hieße es denn viel richtiger, daß platonische Elemente
im Christentum, als christliche im Plato sich finden, besonders da die
ältesten Kirchenväter historisch teilweise aus der platonischen Philo¬
sophie hervorgingen, z. B. Origenes, Herennius. Wichtig in philo-
40 sophischer Hinsicht ist, daß in der platonischen Republik der erste Stand
sittliche nachträglich eingefügt.
der sokratischen Idee nachträglich eingefügt.
9) Bei Marx steht die
4) Dieser Absatz ist durch mehrere Vertikalstriche getilgt.
136
Die Doktordiesertation
der Stand der Wissenden oder Weisen ist. Ebenso verhält es sich mit dem
Verhältnisse der platonischen Ideen zum christlichen Logos (S. 38), mit
dem Verhältnis der platonischen Wiedererinnerung zur christlichen Er¬
neuerung des Menschen zu seinem ursprünglichen Bilde (S. 40), mit
dem platonischen Fall der Seelen und dem christlichen Sündenfall 5
(S. 43), Mythus von der Präexistenz der Seele.
Verhältnis des Mythus zum platonischen Bewußtsein, platonische
Seelenwanderung, Zusammenhang mit den Gestirnen.
Baur sagt Seite 83:
„Es gibt keine andere Philosophie des Altertums, in welcher die Philo- io
sophie so sehr wie im Platonismus den Charakter der Religion an sich
trägt.“ S. 83.
Dies soll auch daraus hervorgehen, daß Plato die „Aufgabe der
Philosophie“ (S. 86) bestimmt als eine λύσις, απαλλαγή, χωρισμός der Seele
vom Leibe, als ein Sterben und ein μελετάν άποθνήσκειν. j5
„Daß diese erlösende Kraft in letzter Beziehung immer wieder der
Philosophie zugeschrieben wird, ist allerdings das Einseitige des Pla¬
tonismus.“ S. 89.
Einerseits könnte man den Ausspruch Baurs akzeptieren, daß keine
Philosophie des Altertums mehr den Charakter der Religion an sich so
trägt als die platonische. Allein die Bedeutung wäre nur die, daß kein
Philosoph die Philosophie mit mehr religiöser Begeisterung gelehrt habe,
daß keinem die Philosophie mehr die Bestimmtheit und die Form gleich¬
sam eines religiösen Kultus hatte. Den intensiveren Philosophen wie Aristo¬
teles, Spinoza, Hegel hatte ihr Verhalten selbst eine allgemeinere, weniger 25
in das empirische Gefühl versenkte Form, aber deswegen ist die Begeiste¬
rung des Aristoteles, wenn er die θεωρία als das Beste, τό ήδιστον καί άριστον,
preist, oder wenn er die Vernunft der Natur in der Abhandlung περί τής
φυσεως ζωικής [de animante natura] [Arist. de partibus animalium. ed.
Bek. 645a] bewundert, und erst die Begeisterung Spinozas, wenn er von 30
der Betrachtung sub specie aeternitatis, von der Liebe Gottes oder der
libertas mentis humanae spricht, darum ist die Begeisterung Hegels, wenn
er die ewige Verwirklichung der Idee, den großartigen Organismus des
Geisteruniversums entwickelt, gediegener, wärmer, dem allgemeinen ge¬
bildeten Geist wohltuender, darum ist jene Begeisterung zur Ekstase, als 35
ihrer höchsten Spitze, diese zum reinen idealen Feuer der Wissenschaft
fortgebrannt; darum war jene nur die Wärmflasche einzelner Gemüter,
diese der beseelende Spiritus weltgeschichtlicher Entwicklungen.
Kann man daher auch andererseits zugeben, daß gerade in der christ¬
lichen Religion als der höchsten Spitze rel[igiöser] Entwicklung mehr io
Anklänge an die subjektive Form der platonischen Philosophie sich finden
müssen als an die anderer alter Philosophien, so muß umgekehrt aus dem¬
selben Grunde ebenso gut behauptet werden, daß in keiner Philosophie
der Gegensatz des Religiösen und Philosophischen sich deutlicher aus-
Aus den Vorarbeiten
137
sprechen könne, weil hier die Philosophie in der Bestimmung der Reli¬
gion, dort die Religion in der Bestimmung der Philosophie erscheint.
Ferner, die Aussprüche des Plato von der Erlösung der Seele etc. be¬
weisen gar nichts, denn jeder Philosoph will die Seele von ihrer empi-
5 rischen Verschränkung befreien; das Analoge mit der Religion wäre nur
der Mangel an Philosophie, nämlich dies als die Aufgabe der Philosophie
zu betrachten, während es bloß die Bedingung zur Lösung derselben, bloß
der Anfang des Anfangs ist.
Endlich ist es kein Mangel Platos, keine Einseitigkeit, wenn er diese
10 erlösende Kraft in letzter Beziehung der Philosophie zuschreibt, sondern
es ist die Einseitigkeit, welche ihn zu einem Philosophen und keinem
Glaubenslehrer macht. Es ist nicht Einseitigkeit der platonischen Philo¬
sophie, sondern das, wodurch sie einzig und allein Philosophie ist. Es
ist das, wodurch er die eben gerügte Formel von einer Aufgabe der Philo-
15 sophie, die nicht sie selbst wäre, wieder aufhebt.
„Hierin also, in dem Bestreben, dem durch Philosophie Erkannten
eine von der Subjektivität des Einzelnen unabhängige [objektive] Grund¬
lage zu geben, liegt auch der Grund, warum Plato gerade dann, wenn er
Wahrheiten entwickelt, die das höchste sittlich-religiöse Interesse haben,
20 sie zugleich auch in mythischer Form darstellt.“ S. 94.
Ob wohl auf diese Weise irgend etwas bestimmt ist? Enthält diese
Antwort nicht inklusive als Kern die Frage nach dem Grund dieses
Grundes? Es fragt sich nämlich, wie kommt es, daß Plato das Bestreben
fühlte, dem durch Philosophie Erkannten eine positive, zunächst mythische
25 Grundlage zu geben? Ein solches Bestreben ist das Verwunderungs¬
würdigste, was von einem Philosophen gesagt werden kann, wenn er die
objektive Gewalt nicht in seinem System selbst, in der ewigen Macht der
Idee findet. Aristoteles nennt daher das Mythologisieren Gnomologisieren.
Äußerlich kann man die Antwort hierauf in der subjektiven Form des
30 platonischen Systems, der dialogischen nämlich, finden und in der Ironie.
Was Ausspruch eines Individuums ist und als solcher sich geltend macht,
im Gegensatz gegen Meinungen oder Individuen, das bedarf eines Halts,
wodurch die subjektive Ungewißheit zur objektiven Wahrheit wird.
Allein es fragt sich weiter, warum dies Mythologisieren in den Dia-
35 logen sich findet, die vorzugsweise sittlich-religiöse Wahrheiten ent¬
wickeln, während der rein methaphysische Parmenides frei davon ist,
es fragt sich, warum die positive Grundlage eine mythische und ein An¬
lehnen an Mythen ist?
Und hier springt1) der hüpfende Punkt des Eies. In den Entwicklungen
40 bestimmter, sittlicher, religiöser oder selbst naturphilosophischer Fragen,
wie im Timäus, langt Plato nicht aus mit seiner negativen Auslegung des
Absoluten, da ist es nicht genügend, alles in den Schoß der einen Nacht,
worin, wie Hegel sagt, alle Kühe schwarz sind, zu versenken; da greift
Plato zur positiven Auslegung des Absoluten, und ihre wesentliche, in ihr
1) springt korr. aus ist
138
Die Doktordissertation
selbst gegründete Form ist der Mythus und die Allegorie. Wo das Abso¬
lute auf der einen Seite, die abgegrenzte positive Wirklichkeit auf der
anderen steht und das Positive dennoch erhalten werden soll, da wird es
zum Medium, wodurch das absolute Licht scheint, da bricht sich das
absolute Licht in ein fabelhaftes Farbenspiel, und das Endliche, Positive £
deutet ein Anderes als sich selbst, hat in sich eine Seele, der diese Ver¬
puppung wunderbar ist; die ganze Welt ist eine Welt der Mythen ge¬
worden. Jede Gestalt ist ein Rätsel. Auch in neuester Zeit ist dies wieder*
gekehrt, durch ein ähnliches Gesetz bedingt
Diese positive Auslegung des Absoluten und ihr mythisch-allegorisches 10
Gewand ist der Springquell, der Herzschlag der Philosophie der Transzen¬
denz, einer Transzendenz, die zugleich wesentliche Beziehung auf die Im¬
manenz hat, wie sie wesentlich dieselbe zerschneidet. Hier ist also aller¬
dings Verwandtschaft platonischer Philosophie, wie mit jeder positiven
Religion, so vorzugsweise mit der christlichen, die die vollendete Philo- 25
sophie der Transzendenz ist Hier ist also auch einer der Gesichtspunkte,
aus denen eine tiefere Anknüpfung des historischen Christentums an die
Geschichte der alten Philosophie bewerkstelligt werden kann. Mit dieser
positiven Auslegung des Absoluten hängt es zusammen, daß dem Plato
ein Individuum als solches, Sokrates, der Spiegel, gleichsam der Mythus 20
der Weisheit war, daß er ihn den Philosoph des Tode« und der Liebe
nennt. Damit ist nicht gesagt, daß Plato den historischen Sokrates aufhob;
die positive Auslegung des Absoluten hängt zusammen mit dem subjektiven
Charakter der griechischen Philosophie, mit der Bestimmung des Weisen.
Tod und Liebe sind die Mythe von der negativen1) Dialektik’), denn 25
die Dialektik ist das innere einfache Licht, das durchdringende Auge der
Liebe, die innere Seele, die nicht erdrückt wird durch den Leib der
materialischen Zerspaltung, der innere Ort des Geistes. Der Mythus von
ihr ist so die Liebe; aber die Dialektik ist auch der reißende Strom, der
die Vielen und ihre Grenze zerbricht, der die selbständigen Gestalten so
umwirft, alles hinabsenkend in das eine Meer der Ewigkeit Der Mythus
von ihr ist daher der Tod.
Sie ist so der Tod, aber zugleich das Vehikel der Lebendigkeit, der
Entfaltung in den Gärten des Geistes, das Schäumen in den sprudelnden
Becher von punktuellen Sonnen, aus welchen die Blume’) des einen S5
Geistesfeuers hervorsprießt Plotinus nennt sie daher das Mittel zur
änkaaiQ der Seele, zur unmittelbaren Vereinigung mit Gott, ein Ausdruck,
in dem beides und zugleich die dangia des Aristoteles mit der Dialektik
des Plato vereint sind. Wie aber diese Bestimmungen in Plato und Aristo¬
teles gleichsam prädeterminiert, nicht aus immanenter Notwendigkeit ent- 20
wickelt sind, erscheint ihre Versenkung in das empirisch einzelne Bewußt¬
sein bei Plato als Zustand, der Zustand der Ekstase.
1) Könnte auch heißen von [der] damaligen
2) Korr. aus Damit hängt selbst die negative Dialektik zusammen,
3) Korr. aus das Bouquet
Aus den Vorarbeiten
139
[Gegen Ritters Auffassung des Atomismus]1)
Ritter (in seiner „Geschichte der Philosophie alter Zeit“, Erster Teil,
Hamburg, 1829) spricht mit einer gewissen widrig moralischen Schön¬
tuerei über den Demokrit und Leukipp, überhaupt über die atomistische
5 Lehre (später ebenso über den Protagoras, Gorgias etc.). Es ist nichts
leichter, als den Genuß seiner moralischen Vortrefflichkeit sich an jedem
Stoffe zu geben ; am leichtesten an den Toten. Selbst Demokrits V i e 1 -
wissen wird zu einem moralischen Vorwurf (S. 563); es wird da¬
von gesprochen, wie grell der hohe Begeisterung heuchelnde
io Schwung der Rede gegen die niedrige Gesinnung, welche seiner
Ansicht des Lebens und der Welt zugrunde liegt, „abstechen mußte“.
S. 564. Das soll doch keine historische Bemerkung sein! Warum soll
gerade die Gesinnung der Ansicht und nicht vielmehr umgekehrt die be¬
stimmte Weise der Ansicht und Einsicht seiner Gesinnung zugrunde ge-
io legen haben? Das letztere Prinzip ist nicht nur historischer, sondern
auch das einzige, wodurch die Betrachtung der Gesinnung eines Philo¬
sophen Platz in der Geschichte der Philosophie nehmen darf. Wir sehen
da, was als System sich uns auseinandergelegt, in der Gestalt geistiger
Persönlichkeit, wir sehen gleichsam den Demiurgos lebendig in der Mitte
20 seiner Welt stehen.
„Von gleichem Gehalt ist auch der Grund des Demokritos, daß ein
Ursprüngliches, Ungewordenes angenommen werden müsse, denn die Zeit
und das Unendliche seien ungeworden, so daß nach ihrem Grunde zu
fragen, heißen würde, den Anfang des Unendlichen suchen. Man kann
25 hierin nur ein sophistisches Abweisen der Frage nach dem ersten Grunde
aller Erscheinungen erblicken.“ S. 567.
Ich kann in dieser Erklärung Ritters bloß ein moralisches Abweisen
der Frage nach dem Grund dieser demokritischen Bestimmung erblicken;
das Unendliche ist im Atom als Prinzip gesetzt. Das liegt in dessen Be-
30 Stimmung. Nach einem Grund derselben fragen, würde allerdings seine
Begriffsbestimmung aufheben.
„Nur eine physische Beschaffenheit legt Demokrit den Atomen bei, die
Schwere Man kann auch hierin das mathematische Inter¬
esse wieder erkennen, welches die Anwendbarkeit der Mathematik auf die
35 Berechnung des Gewichts zu retten sucht.“ S. 568.
„Daher leiteten die Atomisten auch die Bewegung von der Notwendig¬
keit ab, indem sie sich diese als die Grundlosigkeit der in das Unbestimmte
zurückgehenden Bewegung dachten.“ S. 570.’)
*) Die folgenden Ausführungen beginnen im Manuskript auf einer neuen Seite
und nehmen drei Seiten ein. Danach folgt auf fünf Seiten, bis zum Schlüsse des
Heftes, ein ganz neuer Text — mit der Überschrift: Schema der Naturphilosophie
— der einen dreimaligen, äußerst gedrängten schematischen Auszug aus Hegels Enc.
d. phil. Wiss. i. Grundr. §§ 253—349 darstellt. Wir bringen dieses Schema im zweiten
Halbband.
*) Danach zitiert Marx — zum kleinen Teil in eigener deutscher Übersetzung,
größtenteils aber griechisch — folgende Stellen: Sext. Emp. adv. dogm. III (math. IX)
140
Die Doktordissertation
[Das Urteil Hegels über die epikureische
Naturphilosophie]
Ist der epikureischen Naturphilosophie nun auch nach Hegel (siehe
Gesamtausgabe, Band 14, S. 492) kein großes Lob beizulegen, wenn man
den objektiven Gewinn als Maßstab der Beurteilung geltend macht, so 5
ist von der anderen Seite, nach welcher historische Erscheinungen keines
solchen Lobes bedürfen, die offene, echt philosophische Konsequenz zu
bewundern, mit welcher der ganzen Breite nach die Inkonsequenzen seines
Prinzips an sich selbst ausgelegt werden. Die Griechen werden ewig unsere
Lehrer bleiben wegen dieser grandiosen objektiven Naivität, die jede Sache io
gleichsam ohne Kleider im reinen Lichte ihrer Natur, sei es auch ein ge¬
trübtes Licht, leuchten läßt. Unsere Zeit vor allem hat selbst in der Philo¬
sophie sündhafte Erscheinungen hervor getrieben, behaftet mit der größten
Sünde, der Sünde gegen den Geist und die Wahrheit, indem eine versteckte
Absicht hinter der Einsicht und eine versteckte Einsicht hinter der Sache 15
sich logiert.
19—21 Bek. p. 394, 28—395, 22 Col. AU. p. 311 sqq.; ib. 25 Bek. p. 396. 9—14
C. All. p. 312 ib. 58 Bek. p. 405, 14—16 C. All. p. 319. Danach schreibt Marx:
a) anima mit einem Hinweis auf adv. math. p. 321; in Bekkers Ausgabe ib. 71—72,
p. 407—408; danach zitiert Marx: Sext. Emp. hypotyp. III, 218 Bek. p. 172, 21—27
Col. All. p. 153. Sext. Emp. adv. dogm. IV (math. X) 219-21 Bek. p. 521, 8-24
C. All. p. 417 [Diese Stelle gibt Marx in gekürzter Übersetzung wieder} ib. 240—41
Bek. p. 524, 30—525, 12 C. All. p. 420 ib. 244 Bek. p. 525, 23—26 C. All. p. 421. —
Dann folgen die obigen Ausführungen über Hegel.
Tafel V
Entwurf einer späteren Vorrede
(s. Einleitung S. XXXIV)
[Jus dem VIL Heft}*)
[Das Verhältnis der epikureischen, stoischen und
skeptischen Philosophie zur früheren griechi¬
schen Philosophie]’)
5 Es ist eine wesentlich merkwürdige Erscheinung, daß der Zyklus der
drei griechischen philosophischen Systeme, die den Schluß der reinen
griechischen Philosophie bilden, das epikureische, stoische, skeptische
System die Hauptmomente ihrer Systeme aufnehmen als vorgefundene
in der Vergangenheit.8) So ist die stoische Naturphilosophie großenteils
10 heraklitisch, ihre Logik analog mit Aristoteles, so daß schon Cicero be¬
merkt, „Stoici cum Peripateticis re concinere videntur, verbis discrepare“
(de nat. deorum L. I c. VII). Die Naturphilosophie des Epikur ist den
Grundzügen nach demokritisch, die Moral analog mit den Cyrenaikern.
Die Skeptiker endlich sind die Gelehrten unter den Philosophen, ihre Ar-
it Leit ist das Entgegenstellen, also auch das Aufnehmen der vorgefundenen,
verschiedenen Behauptungen. Sie haben einen gleichmachenden, applanie¬
renden gelehrten Blick auf die Systeme hinter sich geworfen und damit
den Widerspruch und Gegensatz herausgestellt. Auch ihre Methode hat an
der eleatischen, sophistischen und vorakademischen Dialektik den all-
1) Auf dem Umschlag des VII. Heftes befindet sich folgende Aufschrift: Epiku*
reische Philosophie. 7tes Heft. Cicero I) de natura deorum II) Tusculanarum
quaestionum libri V. Ein Datum, wie auf der Umschlagseite der ersten vier Hefte, ist
hier nicht vermerkt. Von den angeführten Schriften Ciceros ist im Heft nur die erste
bearbeitet, aus der zweiten finden sich keine Zitate. Dagegen sind Stellen aus Cicero,
de finibus bonorum et malorum herangezogen.
’) Das Heft beginnt mit einer Reihe von Stellen aus Cicero, de natura deorum.
Marx gibt die Ausgabe, die er benutzt hat, nicht an. IVir zitieren nach der Ausgabe:
M. Tulli Ciceronis Opera ex recensione Jo. Casp. Orelli, Turici, 1845—62, vol. IV,
1861. Marx zitiert zuerst Cic. de nat. deor. L. I. c. VIII, 18 (Orel. p. 375, 6—8), danach
weist er auf c. XIII hin, mit der Bemerkung: Sehr schön ist die Stelle des Antisthenes
„in eo libro, qui Physicus inscribitur, populäres deos multos, naturalem
u n u m esse dicens.“ (Or. p. 379, 1—3) ; danach zitiert er: ib. c. XIV, 36 (Or. p. 380,
6—10), mit der Vorbemerkung: Heißt es vom Stoiker Zeno: danach Zitat: ib. c. XV
(Or. 381, 12—18), mit der Vorbemerkung: Heißt es von dem Stoiker Chrysippus:
danach folgende Stellen: ib. c. XVI, 43 (Or. 381, 31—37) ib. c. XVII, 44—45 (Or.
p. 381, 40—382, 17) ib. c. XVIII, 46-XX, 56 (Or. p. 382, 23—384, 22) ib. c. XXI, 58.
Dazu schreibt Marx: Nun kommt Cottas Entgegnung (Or. p. 384, 38—385, 3)
ib. c. XXIII, 62—64 (Or. p. 385, 34-386, 8) ib. c. XXIV, 66—68 (Or. p. 386, 23—
387, 14) ib. c. XXV, 69—70 (Or. p. 387, 15—24). Auf einer neuen Seite beginnen
dann die oben wiedergegebenen Ausführungen.
3) Vgl. Diss. p. 14.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 15
142 Die Doktordissertation
gemeinen Prototyp. Und dennoch sind diese Systeme originell und eil
Ganzes.1 )
Aber nicht nur, daß sie vollständige Baustücke zu ihrer Wissenschaft
vorfanden; die lebendigen Geister ihrer Geisterreiche sind diesen selbst
gleichsam als Propheten vorhergegangen. Die Persönlichkeiten, die zi 5
ihrem System gehören, waren historische Personen, System war den
System gleichsam das Inkorporierte. So Aristipp, Antisthenes, die So¬
phisten u. a.
Wie dies zu begreifen?’)
[Das Atom als die allgemeinste Form des Begriffet 10
in der epikureischen Naturphilosophie]
Was Aristoteles bei der „ernährenden Seele“ bemerkt: de animi
L. IL c. II. xojqI&o&ol dé tovto fièv xœv âllœv ôvvaxôv, xà ô’ 5AÂa xovxon
àôvvaxov èv xoïç ûvrfxoïç [atque de nonnullis quidem istorum videre
discernereque facile possumus, nonnulla autem dubitationem habent. — 15
Arist. De anima, lib. II, cap. 2 413a], ist ebenso bei der epikureischer
Philosophie ins Auge zu fassen, teils sie selbst zu begreifen, teils Epikun
eigene scheinbare Absurditäten, wie die Ungeschicklichkeit seiner späterer
Beurteiler.
Die allgemeinste Form des Begriffs ist bei ihm das Atom3); ab 20
dies allgemeinste Sein desselben, das aber in sich konkret und Gattung
ist, selbst eine Art gegen höhere Besonderungen in concretionem des
Begriffs seiner Philosophie.
Das Atom bleibt also das abstrakte Ansichsein, z. B. der Person, da
Weisen, Gottes. Dies sind höhere qualitative Fortbestimmungen desselber 25
Begriffs. Es ist also bei der genetischen Entwicklung dieser Philosophie
nicht Bayles und Plutarchs u. a. ungeschickte Frage aufzuwerfen, wie
kann eine Person, ein Weiser, ein Gott aus Atomen entstehen und zu¬
sammengesetzt werden? Andererseits scheint diese Frage durch Epiku?
selbst gerechtfertig zu werden, denn bei hohen Entwicklungen, z. B. Gott, 30
wird er sagen, dieser bestehe aus kleineren und feineren Atomen. Hier¬
über ist zu bemerken, daß sein eigenes Bewußtsein zu dessen Entwick¬
lungen, zu den ihm auf gedrungen en Weiterbestimmungen seines Prinzipt
[sich] verhält, wie das unwissenschaftliche Bewußtsein der Späteren zi
seinem System. 35
Wenn z. B. bei Gott etc., abstrahiert von der weiteren Formbestim¬
mung, die er als ein notwendiges Glied im System hat, nach seinem Bestehen,
seinem Ansichsein gefragt wird, so ist das allgemeine Bestehen überhaupt
Vgl. Diss. p. 14.
s) Zwischen dieser Frage und dem danach folgenden Text ist im Manuskript en
langer Trennungsstrich.
8) Vgl. Diss. p. 39.
Aus den Vorarbeiten 143
das Atom und die vielen Atome; aber eben in dem Begriff Gottes, des
Weisen ist dies Bestehen untergegangen in eine höhere Form. Sein spezi¬
fisches Ansichsein ist eben seine weitere Begriffsbestimmung und Not¬
wendigkeit im Ganzen des Systems. Wird noch ein Sein außer diesem
5 gefaßt, so ist dies ein Rückfall in die untere Stufe und Form des Prinzips.
Epikur muß aber stets so zurückfallen, denn sein Bewußtsein ist ein
atomistisches, wie sein Prinzip. Das Wesen seiner Natur ist auch das
Wesen seines wirklichen Selbstbewußtseins. Der Instinkt, der ihn treibt,
und die weiteren Bestimmungen dieses instinktmäßigen Wesens sind ihm
10 ebenso wieder eine Erscheinung neben anderem, und aus der hohen Sphäre
seines Philosophierens sinkt er in die allgemeinste zurück, vorzüglich, da
das Bestehen, als Fürsichsein überhaupt, ihm die Form alles Bestehens
überhaupt ist.1)
Dies wesentliche Bewußtsein des Philosophen trennt sich von seinem
15 eigenen erscheinenden Wissen, aber dies erscheinende Wissen selbst in
seinen Selbstgesprächen gleichsam über sein eigentliches inneres Problem,
ü^er den Gedanken, den es denkt, ist bedingt, bedingt durch das Prinzip,
was das Wesen seines Bewußtseins ist.
[Die Aufgaben der philosophischen
20 Geschichtsschreibung]
Die philosophische Geschichtsschreibung hat es nicht sowohl damit
zu tun, die Persönlichkeit, sei es auch die geistige des Philosophen, gleich¬
sam als den Fokus und die Gestalt seines Systems zu fassen, noch weniger
in psychologisches Kleinkramen und Klugsein sich zu ergehen; sondern
25 sie hat in jedem Systeme die Bestimmungen selbst, die durchgehenden
wirklichen Kristallisationen von den Beweisen, den Rechtfertigungen in
Gesprächen, der Darstellung der Philosophen, soweit diese sich selbst
kennen, zu trennen; den ständig fortwirkenden Maulwurf des wirklichen
philosophischen Wissens von dem gesprächigen, exoterischen, sich man-
J0nigfach gebärdenden phänomenologischen Bewußtsein des Subjekts, das
das Gefäß und die Energie jener Entwicklungen istu In der Trennung
dieses Bewußtseins ist eben seine Einheit. Dies kritische Moment
bei der Darstellung einer historischen Philosophie ist ein durchaus not¬
wendiges, um die wissenschaftliche Darstellung eines Systems mit seiner
55 historischen Existenz zu vermitteln, eine Vermittlung, die erst zu geben
ist, eben weil die Existenz eine historische ist, zugleich aber als eine
philosophische behauptet, also ihrem Wesen nach entwickelt worden ist.
Am wenigsten darf bei einer Philosophie auf Autorität und guten Glauben
angenommen werden, daß sie eine Philosophie sei, sei auch die Autorität
/oein Volk und der Glaube der von Jahrhunderten. Der Beweis kann aber
nur durch Exposition ihres Wesens geliefert werden; diese beiden trennt’)
9 Vgl. Diss. p. 50.
’) Die drei letzten Worte undeutlich.
15*
144
Die Doktordissertation
ja jeder, der Geschichte der Philosophie schreibt, Wesentliches und Un¬
wesentliches, Darstellung und Inhalt, er dürfte sonst nur abschreiben,
kaum übersetzen, noch weniger dürfte er selbst mitsprechen oder aus¬
streichen etc. Er wäre bloßer Kopist einer Kopie.
Es ist also vielmehr zu fragen, wie kommt der Begriff einer Person, 5
eines Weisen, Gottes, und die spezifischen Bestimmungen dieser Begriffe
in das System hinein, wie entwickeln sie sich aus ihm?1)
[Die Freiheit des Bewußtseins als das Prinzip der
epikureischen Philosophie]
*) Indem wir die Natur als vernünftig erkennen, hört unsere Abhängig- 10
keit von derselben auf. Sie ist kein Schrecken unseres Bewußtseins mehr,
und gerade Epikur macht die Form des Bewußtseins, in ihrer Unmittel¬
barkeit, das Fürsichsein zur Form der Natur.8) Nur indem die Natur
ganz frei gelassen wird von der bewußten Vernunft, als Vernunft in ihr
selber betrachtet wird, ist sie ganz Eigentum der Vernunft. Jede Beziehung 15
zu ihr, als solche, ist zugleich ein Entfremdetsein derselben.4)
1) Dann folgt — durch einen Strich von den obigen Ausführungen getrennt —
eine Reihe Zitate aus Cicero de finibus bonorum et malorum: L. I, c. VI, 17—21
(Or. p. 80, 16—81, 22); ib. I, VII, 22—23 (Or. p. 81, 25—34) ib. I, IX, 29-30
(Or. p. 83, 34—84, 8); ib. I, XI, 37—38 (Or. p. 86, 6—10); ib. I, XII, 40-42 (Or.
p. 86, 33-87, 15); ib. I, XIII, 45 (Or. p. 88, 1—10); ib. I, XVIII, 57-58 (Or.
p. 91, 15-20); ib. I, XIX, 62-63 (Or. p. 92, 12-34).
2) Diese Ausführungen knüpfen an die Zitate aus de finibus bonorum et malorum
an, welche in der vorigen Anmerkung auf gezahlt sind.
’) Vgl. Diss. p. 51.
4) Nach diesen Ausführungen befinden sich im Hefte noch folgende Zitate aus
Cicero de fin. bon. et mal.: I, XIX, 64 (Or. p. 92, 37—93, 5); ib. I, XX,
65—68 (Or. 93, 11—94, 9) ; ib. XXI, 71—72 (Or. p. 94, 27—95, 11). Dann folgen die
Zitate aus dem II. Buch desselben Werkes: II, Û, 4 (Or. p. 97, 9); danach zitiert
Marx eine Stelle aus den xvqluli öd^cu des Epikur ib. II, VII, 21 (Or. p. 102,17—21) ;
ib. II, XXVI, 82 (Or. p. 120, 15-18); II, XXXI, 100 (Or. p. 125, 26-30). Dann
folgt das Zitat aus dem III. Buch: III, I, 3 (Or. p. 131, 16—17). Mit diesem Zitat
endet das siebente Heft.
Aus:
ATHENÄUM
Zeitschrift für das gebildete Deutschland
Berlin 1841
Erschienen 23. Januar 1841
Wilde Lieder
I.
Der Spielmann
Spielmann streicht die Geigen,
s Die lichtbraunen Haare sich neigen,
Trägt einen Säbel an der Seit’,
Trägt ein weites, gefaltet Kleid.
„Spielmann, Spielmann, was streichst Du so sehr,
Spielmann, was blickest Du so wild umher?
io Was springt das Blut, was kreist’s in Wogen?
Zerreiß’t Dir ja deinen Bogen.“
„„Was geig’ ich Mensch! Was brausen Wellen?
Daß donnernd sie am Fels zerschellen,
Daß’s Aug’ erblind’t, daß der Busen springt,
n Daß die Seele hinab zur Hölle klingt!““
„Spielmann, zerreiß’t Dir das Herz mit Spott,
Die Kunst, die lieh Dir ein lichter Gott,
Sollst’ ziehn, sollst sprühn auf Klangeswellen,
Zum Stementanz hinanzuschwellen!“
20 „ „Was, was! Ich stech’, stech’ ohne Fehle
Blutschwarz den Säbel in Deine Seele,
Gott kennt sie nicht, Gott acht’ nicht der Kunst;
Die stieg in den Kopf aus Höllendunst,
Bis das Hirn vernarrt, bis das Herz verwandelt:
2s Die hab’ ich lebendig vom Schwarzen erhandelt.
Der schlägt mir den Takt, der kreidet die Zeichen;
Muß voller, toller den Todtenmarsch streichen,
Muß spielen dunkel, muß spielen licht,
Bis’s Herz durch Sait’ und Bogen bricht.“ “
Spielmann streicht die Geigen,
Die lichtbraunen Haare sich neigen,
Trägt einen Säbel an der Seit’,
Trägt ein weites, gefaltet Kleid.
148
Wilde Lieder
IL
Nachtliebe
Preßt sie krampfhaft an’s Herz,
Schaut so dunkel in’s Auge:
„Viellieb, brennt Dich Schmerz, &
Bebst, bebst meinem Hauche!“
„Hast getrunken die Seele
Mein! mein, Deine Gluth!
Glänz’, meine Juwele,
Glänz’, glänz’ Jugendblut!“ »
„„Holder, schaust so bleich,
Sprichst so wunderselten,
Sieh’, wie sangesreich
Zieh’n am Himmel Welten!““
„Ziehen, Liebchen, ziehen, u
Gliih’n Sterne, gliih’n!
Hinauf! hinauf dann entfliehen,
Seelen zusammenspriihn!“
Spricht dumpf leise flüsternd,
Schaut entsetzt umher, !0
Blicke flammenknistemd
Gliih’n sein Auge leer.
„Liebchen, hast Gift getrunken,
Mußt fort mit mir gehn,
Nacht ist herabgesunken, ts
Kann den Tag nicht mehr sehn.“
Preßt sie krampfhaft ans Herz,
Tod in Brust und Hauche,
Sticht sie tiefinnerer Schmerz,
Öffnet nie mehr das Auge. so
K. Marx.
Aus:
ANEKDOTA
zur
neuesten deutschen Philosophie und Publicistik
Zürich und Winterthur 1843
Erschienen in den am 13. Februar 1843 ausgegebenen Anekdota zur
neuesten deutschen Pilosophie und Publicistik von Bruno Bauer, Ludwig
Feuerbach, Friedrich Köppen, Karl Nauwerck, Arnold Ruge und einigen
Ungenannten. Herausgegeben von Arnold Ruge. I—II. Zürich und
Winterthur Verlag des Literarischen Comptoirs. 1843. — Die Bemerkungen
Bd. I, p. 56—88, der Beitrag über Luther Bd. II, p. 206—208.
Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion . 151—173
Geschrieben Mitte Januar bis 10. Februar 1842
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach . . 174—175
Geschrieben Anfang 1842
Bemerkungen
über die neueste preußische Zensurinstruktion
Von einem Rheinländer
Wir gehören nicht zu den Malkontenten, die schon vor der Er-
5 scheinung des neuen preußischen Zensuredikts ausrufen: Timeo
Danaos et dona ferentes. Vielmehr da in der neuen Instruktion
die Prüfung schon erlassener Gesetze, sollte sie auch nicht im
Sinne der Regierung ausfallen, gebilligt wird, so machen wir so¬
gleich einen Anfang mit ihr selbst. Die Zensur ist die o f f i -
w z i e 11 e Kritik; ihre Normen sind kritische Normen, die also
am wenigsten der Kritik, mit der sie sich in ein Feld stellen, ent¬
zogen werden dürfen.
Die im Eingang der Instruktion ausgesprochene allgemeine
Tendenz wird gewiß jeder nur billigen können: „Um schon
js j e t z t die Presse von unstatthaften, nicht in der allerhöchsten Ab¬
sicht liegenden Beschränkungen zu befreien, haben Se. Majestät
der König durch eine an das Kgl. Staatsministerium am 10. d. M.
erlassene allerhöchste Ordre jeden ungebührlichen Zwang der
schriftstellerischen Tätigkeit ausdrücklich zu mißbilligen und,
20 unter Anerkennung des Wertes und des Bedürfnisses einer frei¬
mütigen und anständigen Publizität, uns zu ermächtigen geruht,
die Zensoren zur angemessenen Beachtung des Art. 2 des Zensur¬
edikts vom 18. Oktober 1819 von neuem anzuweisen.“
Gewiß! Ist die Zensur einmal eine Notwendigkeit, so ist die
2s freimütige, die liberale Zensur noch notwendiger.
Was sogleich ein gewisses Befremden erregen dürfte, ist das
Datum des angeführten Gesetzes; es ist datiert vom 18. Oktober
1819. Wie? Ist.es etwa ein Gesetz, welches die Zeitumstände zu
derogieren zwangen? Es scheint nicht; denn die Zensoren werden
io nur „von neuem“ zur Beachtung desselben angewiesen. Also
bis 1842 war das Gesetz vorhanden, aber es ist nicht befolgt wor¬
den, denn „um schonjetzt“ die Presse von unstatthaften, nicht
in der allerhöchsten Absicht liegenden Beschränkungen zu be¬
freien, wird es ins Gedächtnis gerufen.
35 Die Presse — eine unmittelbare Konsequenz dieses Eingangs
— unterlag bis jetzt trotz dem Gesetze unstatthaften Be¬
schränkungen.
Sämtliche Sperrungen in den Zitaten von Marx vorgenommen.
152
Aus den Anekdota
Spricht dies nun gegen das Gesetz oder gegen die
Zensoren?
Das letztere dürfen wir kaum behaupten. Zweiundzwanzig
Jahre durch geschahen illegale Handlungen von einer Behörde,
welche das höchste Interesse der Staatsbürger, ihren Geist,«
unter Tutel hat, von einer Behörde, die, noch mehr als die römi¬
schen Zensoren, nicht nur das Betragen einzelner Bürger, son¬
dern sogar das Betragen des öffentlichen Geistes reguliert.
Sollte in dem wohleingerichteten, auf seine Administration
stolzen preußischen Staate solch gewissenloses Benehmen der 10
höchsten Staatsdiener, eine so konsequente Illoyalität möglich
sein? Oder hat der Staat in fortwährender Verblendung die un¬
tüchtigsten Individuen zu den schwierigsten Stellen gewählt? Oder
hat endlich der Untertan des preußischen Staates keine Möglich¬
keit, gegen ungesetzmäßiges Verfahren zu reklamieren? Sind is
alle preußischen Schriftsteller so ungebildet und unklug, mit den
Gesetzen, die ihre Existenz betreffen, nicht bekannt zu sein, oder
sind sie zu feig, die Anwendung derselben zu verlangen?
Werfen wir die Schuld auf die Zensoren, so ist nicht nur
ihre eigene Ehre, sondern die Ehre des preußischen Staats, der 20
preußischen Schriftsteller kompromittiert.
Es wäre ferner durch das mehr als zwanzigjährige gesetzlose
Benehmen der Zensoren trotz den Gesetzen das argumentum ad
hominem geliefert, daß die Presse anderer Garantien bedarf als
solcher allgemeiner Verfügungen für solche unverantwortliche «
Individuen; es wäre der Beweis geliefert, daß im Wesen der Zen¬
sur ein Grundmangel liegt, dem kein Gesetz abhelfen kann.
Waren aber die Zensoren tüchtig, und taugte das Gesetz
nicht, warum es von neuem zur Abhilfe der Übel aufrufen, die
es veranlaßt hat? 30
Oder sollen etwa die objektivenFehler einer Institution
den Individuen zur Last gelegt werden, um ohne Verbesserung
des Wesens den Schein einer Verbesserung zu erschleichen? Es
ist die Art des Scheinliberalismus, der sich Konzessionen
abnötigen läßt, die Personen hinzuopfem, die Werkzeuge, und die w
Sache, die Institution festzuhalten. Die Aufmerksamkeit eines
oberflächlichen Publikums wird dadurch abgelenkt.
Die sachliche Erbitterung wird zur persönlichen. Mit einem
Personenwechsel glaubt man den Wechsel der Sache zu haben. Von
der Zensur ab richtet sich der Blick auf einzelne Zensoren, und 30
jene kleinen Schriftsteller des befohlenen Fortschritts handhaben
minutiöse Kühnheiten gegen die ungnädig Behandelten, als ebenso
viele Huldigungen gegen das Gouvernement.
Noch eine andere Schwierigkeit hemmt unsere Schritte.
Einige Zeitungskorrespondenten halten die Zensurinstruktion «
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
153
für das neue Zensuredikt selbst. Sie haben geirrt; aber ihr Irrtum
ist verzeihlich. Das Zensuredikt vom 18. Oktober 1819 sollte nur
provisorisch bis zum Jahre 1824 dauern, und — es wäre bis auf
den heutigen Tag provisorisches Gesetz geblieben, wenn wir nicht
s aus der vorliegenden Instruktion erführen, daß es nie in Anwen¬
dung gekommen ist.
Auch das Edikt von 1819 war eine interimistische Ma߬
regel, nur daß hier der Erwartung die bestimmte Sphäre von fünf
Jahren angewiesen war, während sie in der neuen Instruktion be-
io liebigen Spielraum hat, nur daß der Gegenstand der damaligen
Erwartung GesetzederPreßfreiheit, die der jetzigen
Gesetze der Zensur sind.
Andere Zeitungskorrespondenten betrachten die Zensurinstruk¬
tion als eine Wiederauffrischung des alten Zensuredikts. Ihr Irr-
is tum wird durch die Instruktion selbst widerlegt werden.
Wir betrachten die Zensurinstruktion als den antizipierten
Geist des mutmaßlichen Zensurgesetzes. Wir schließen uns darin
strenge dem Geist des Zensuredikts von 1819 an, worin Landes¬
gesetze und Verordnungen als gleichbedeutend für die
oo Presse hingestellt werden. (Siehe das angeführte Edikt Art. XVI,
Nr. 2.)
Kehren wir zur Instruktion zurück.
„Nach diesem Gesetz, nämlich dem Art. 2, soll die Zensur keine
ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit hindern,
noch den Schriftstellern ungebührlichen Zwang auflegen, noch
den freien Verkehr des Buchhandels hemmen.“
Die Untersuchung der Wahrheit, die von der Zensur nicht ge¬
hindert werden soll, ist näher qualifiziert als eine ernsthafte
und bescheidene. Beide Bestimmungen weisen die Unter-
30 suchung nicht auf ihren Inhalt, sondern vielmehr auf etwas, das
außer ihrem Inhalt liegt. Sie ziehen von vornherein die Unter¬
suchung von der Wahrheit ab und schreiben ihr Aufmerksam¬
keiten gegen einen unbekannten Dritten vor. Die Untersuchung,
die ihre Augen beständig nach diesem durch das Gesetz mit einer
35 gerechten Irritabilität begabten Dritten richtet, wird sie nicht die
Wahrheit aus dem Gesicht verlieren? Ist es nicht erste Pflicht
des Wahrheitsforschers, direkt auf die Wahrheit loszugehen, ohne
rechts oder links zu sehen? Vergesse ich nicht die Sache zu sagen,
wenn ich noch weniger vergessen darf, sie in der vorgeschriebenen
oo Form zu sagen?
Die Wahrheit ist so wenig bescheiden als das Licht, und gegen
wen sollte feie es sein? Gegen sich selbst? Verum index sui et falsi.
Also gegen dieUnwahrheit?
Bildet die Bescheidenheit den Charakter der Untersuchung, so
is ist sie eher ein Kennzeichen der Scheu vor der Wahrheit als vor
154
Aus den Anekdota
der Unwahrheit. Sie ist ein niederschlagendes Mittel auf jedem
Schritt, den ich vorwärts tue. Sie ist eine der Unter¬
suchungvorgeschriebene Angst, das Resultat zu
finden, ein Präservativmittel vor der Wahrheit.
Ferner: die Wahrheit ist allgemein, sie gehört nicht mir, sie 5
gehört Allen, sie hat mich, ich habe sie nicht. Mein Eigentum ist
die Form, sie ist meine geistige Individualität. Le style c’est
l’homme. Und wie! Das Gesetz gestattet, daß ich schreiben soll,
nur soll ich einen anderen als meinen Stil schreiben! Ich darf
das Gesicht meines Geistes zeigen, aber ich muß es vorher in v o r • 10
geschriebene Falten legen! Welcher Mann von Ehre wird
nicht erröten über diese Zumutung und nicht lieber sein Haupt
unter der Toga verbergen? Wenigstens läßt die Toga einen Jupiter-
kopf ahnen. Die vorgeschriebenen Falten heißen nichts als: bonne
mine à mauvais jeu. is
Ihr bewundert die entzückende Mannigfaltigkeit, den uner¬
schöpflichen Reichtum der Natur. Ihr verlangt nicht, daß die Rose
duften soll wie das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist soll
nur auf eine Art existieren dürfen? Ich bin humoristisch, aber das
Gesetz gebietet, ernsthaft zu schreiben. Ich bin keck, aber das Ge- 20
setz befiehlt, daß mein Stil bescheiden sei. Grau in Grau ist
die einzige, die berechtigte Farbe der Freiheit. Jeder Tautropfen,
in den die Sonne scheint, glitzert in unerschöpflichem Farbenspiel,
aber die geistige Sonne, in wie vielen Individuen, an welchen
Gegenständen sie auch sich breche, soll nur eine, nur die o f f i • «
zielle Farbe erzeugen dürfen! Die wesentliche Form des
Geistes ist Heiterkeit, Licht, und ihr macht den Schat¬
ten zu seiner einzigen entsprechenden Erscheinung; nur schwarz
gekleidet soll er gehen, und doch gibt es unter den Blumen keine
schwarze. Das Wesen des Geistes ist die Wahrheit immer30
selbst, und was macht ihr zu seinem Wesen? Die Beschei¬
denheit. Nur der Lump ist bescheiden, sagt Goethe, und zu
solchem Lumpen wollt ihr den Geist machen? Oder soll die Be¬
scheidenheit jene Bescheidenheit des Genies sein, wovon Schiller
spricht, so verwandelt zuerst alle eure Staatsbürger und vor allem 3s
eure Zensoren in Genies. Dann aber besteht die Bescheidenheit
des Genies zwar nicht darin, worin die Sprache der Bildung be¬
steht, keinen Akzent und keinen Dialekt, wohl aber den Akzent der
Sache und den Dialekt ihres Wesens zu sprechen. Sie besteht
darin, Bescheidenheit und Unbescheidenheit zu vergessen und die 40
Sache herauszuscheiden. Die allgemeine Bescheidenheit des Gei¬
stes ist die Vernunft, jene universelle Liberalität, die sich zu
jeder Natur nach ihrem wesentlichen Charakter
verhält.
Soll ferner die Ernsthaftigkeit nicht zu jener Definition «
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
155
des Tristram Shandy passen, wonach sie ein heuchlerisches Be¬
nehmen des Körpers ist, um die Mängel der Seele zu verdecken,
sondern den sachlichen Emst bedeuten, so hebt sich die ganze
Vorschrift auf. Denn das Lächerliche behandle ich ernsthaft,
5 wenn ich es lächerlich behandle, und die ernsthafteste Unbeschei¬
denheit des Geistes ist, gegen die Unbescheidenheit bescheiden
zu sein.
Ernsthaft und bescheiden! Welche schwankenden, relativen
Begriffe! Wo hört der Emst auf, wo fängt der Scherz an? Wo
10 hört die Bescheidenheit auf, wo fängt die Unbescheidenheit an?
Wir sind auf die Temperamente des Zensors angewiesen. Es
wäre ebenso unrecht, dem Zensor das Temperament, als dem
Schriftsteller den Stil vorzuschreiben. Wollt ihr konsequent sein
in eurer ästhetischen Kritik, so verbietet auch, allzu ernst-
whaft und allzu bescheiden die Wahrheit zu untersuchen,
denn die allzu große Ernsthaftigkeit ist das Allerlächerlichste,
und die allzu große Bescheidenheit ist die bitterste Ironie.
Endlich wird von einer völlig verkehrten und abstrakten An¬
sicht der Wahrheit selbst ausgegangen. Alle Objekte der
so schriftstellerischen Tätigkeit werden unter der einen allgemeinen
Vorstellung „W a h r h e i t“ subsumiert. Sehen wir nun selbst vom
Subjektiven ab, nämlich davon, daß ein und derselbe Gegen¬
stand in den verschiedenen Individuen sich verschieden bricht und
seine verschiedenen Seiten in ebenso viele verschiedene geistige
iS Charaktere umsetzt; soll denn der Charakter des Gegen¬
standes gar keinen, auch nicht den geringsten Einfluß auf die
Untersuchung ausüben? Zur Wahrheit gehört nicht nur das Resul¬
tat, sondern auch der Weg. Die Untersuchung der Wahrheit muß
selbst wahr sein, die wahre Untersuchung ist die entfaltete Wahr-
3o heit, deren auseinander gestreute Glieder sich im Resultat zusam¬
menfassen. Und die Art der Untersuchung sollte nicht nach dem
Gegenstand sich verändern? Wenn der Gegenstand lacht, soll sie
ernst aussehen, wenn der Gegenstand unbequem ist, soll sie be¬
scheiden sein. Ihr verletzt also das Recht des Objekts, wie ihr das
35 Recht des Subjekts verletzt. Ihr faßt die Wahrheit abstrakt und
macht den Geist zum Untersuchungsrichter, der sie
trocken protokolliert.
Oder bedarf es dieser metaphysischen Quälerei nicht? Ist die
Wahrheit einfach so zu verstehen, daß Wahrheit sei, was
jo die Regierung anordnet, und daß die Untersuchung
als ein überflüssiger, zudringlicher, aber der Etikette wegen
nicht ganz abzuweisender Dritter hinzukomme? Es scheint fast so.
Denn von vornherein wird die Untersuchung im Gegensatz
gegen die Wahrheit gefaßt und erscheint daher in der verdäch-
45 tigen offiziellen Begleitung der Ernsthaftigkeit und Bescheiden-
156
Aiu den Anekdota
heit, die allerdings dem Laien dem Priester gegenüber geziemen.
Der Regienmgsverstand ist die einzige Staatsvemunft. Dem an¬
deren Verstand und seinem Geschwätz sind zwar unter gewissen
Zeitumständen Konzessionen zu machen, zugleich aber trete er
mit dem Bewußtsein der Konzession und der eigentlichen Recht-t
losigkeit auf, bescheiden und gebeugt, ernsthaft und langweilig.
Wenn Voltaire sagt: tous les genres sont bons, excepté le genre
ennuyeux, so wird hier das ennuyante Genre zum exklusiven, wie
schon die Hinweisung auf „die Verhandlungen der Rheinischen
Landstände“ zur Genüge beweist. Warum nicht lieber den guten 10
alten deutschen Kurialstil? Frei sollt ihr schreiben, aber jedes
Wort sei zugleich ein Knicks vor der liberalen Zensur, die eure
ebenso ernsten als bescheidenen Vota passieren läßt. Das Bewußt¬
sein der Devotion verliert ja nicht!
Der gesetzlicheTon liegt nicht auf der Wahrheit, sondern «
auf der Bescheidenheit und Ernsthaftigkeit. Also alles erregt Be¬
denken, die Ernsthaftigkeit, die Bescheidenheit und vor allem die
Wahrheit, unter deren unbestimmter Weite eine sehr bestimmte,
sehr zweifelhafte Wahrheit verborgen scheint.
„Die Zensur“, heißt es weiter in der Instruktion, „soll also 00
keineswegs in einem engherzigen, über dieses Gesetz hinausgehen¬
den Sinn gehandhabt werden.“
Unter diesemGesetz ist zunächst der Art. 2 des Edikts von
1819 gemeint, allein später verweist die Instruktion auf den
„Geis t“ des Zensuredikts überhaupt. Beide Bestimmungen sind 0s
leicht zu vereinen. Der Art. 2 ist der konzentrierte Geist
des Zensuredikts, dessen weitere Gliederung und Spezifikation
sich in den anderen Artikeln findet. Wir glauben den zitierten Geist
nicht besser charakterisieren zu können als durch folgende
Äußerungendess eiben: 30
Art. VII. „Die der Akademie der Wissenschaften
und den Universitäten bisher verliehene Zensur¬
freiheit wird auf fünf Jahre hiermit suspendiert.“
§ 10. „Der gegenwärtige einstweilige Beschluß
soll vom heutigen Tage an fünf Jahre in Wirksamkeit bleiben. Vor 3s
Ablauf dieser Zeit soll am Bundestage gründlich untersucht wer¬
den, auf welche Weise die im 18. Artikel der Bundesakte i n A n -
regung gebrachten gleichförmigen Verfügungen über die
Preßfreiheit in Erfüllung zu setzen sein möchten, und
demnächst ein Definitivbeschluß über die regelmäßigen Gren-«
zen der Preßfreiheit in Deutschland erfolgen.“
Ein Gesetz, welches die Preßfreiheit, wo sie noch exi¬
stierte, suspendiert, und wo sie zur Existenz gebracht werden
sollte, durch die Zensur überflüssig macht, kann nicht gerade
ein der Presse günstiges genannt werden. Auch gesteht § 10 ge- ts
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
157
radezu, daß anstatt der im 18. Artikel der Bundesakte in Anre¬
gung gebrachten und vielleicht einmal in Erfüllung zu setzenden
Preßfreiheit provisorisch ein Zensurgesetz gegeben
werde. Dies quid pro quo verrät zum wenigsten, daß der Cha-
5 rakter der Zeit Beschränkungen der Presse gebot, daß das Edikt
dem Mißtrauen gegen die Presse seinen Ursprung verdankt. Diese
Verstimmung wird sogar entschuldigt, indem sie als provisorisch,
als nur für fünf Jahre geltend — leider hat sie 22 Jahre gewährt
— bezeichnet wird.
io Schon die nächste Zeile der Instruktion zeigt uns, wie sie in den
Widerspruch gerät, der einerseits die Zensur in keinem über das
Edikt hinausgehenden Sinn gehandhabt wissen will und ihr zu
gleicher Zeit dies Hinausgehen vorschreibt: „Der Zensor kann
eine freimütige Besprechung auch der inneren Angelegenheiten
15 sehr wohl gestatten.66 Der Zensor k a n n , er muß nicht, es ist keine
Notwendigkeit, allein schon dieser vorsichtige Liberalismus geht
nicht nur über den Geist, sondern über die bestimmten Forde¬
rungen des Zensuredikts sehr bestimmt hinaus. Das alte Zensur¬
edikt, und zwar der in der Instruktion zitierte Art. 2, gestattet nicht
20 nur keine freimütigeBesprechung der preußischen, son¬
dern nicht einmal der chinesischen Angelegenheiten. „Hier¬
her“, nämlich zu den Verletzungen der Sicherheit des preußischen
Staats und der deutschen Bundesstaaten1), wird kommentiert, „ge¬
hören alle Versuche, in irgendeinem Lande bestehende
25 Parteien, welche am Umsturz der Verfassung arbeiten, in einem
günstigen Lichte darzustellen.“ Ist auf diese Weise eine
freimütige Besprechung der chinesischen oder türkischen
Landesangelegenheiten gestattet? Und wenn schon so entlegene
Beziehungen die irritable Sicherheit des deutschen Bundes ge-
30 fährden, wie nicht jedes mißbilligende Wort über innere An¬
gelegenheiten?
Geht auf diese Weise die Instruktion nach der liberalen Seite
hin über den Geist des Art. 2 des Zensuredikts hinaus — ein Hin¬
ausgehen, dessen Inhalt sich später ergeben wird, das aber
36 formell schon insofern verdächtig ist, als es sich zur Konse¬
quenz des Art. 2 macht, von dem in der Instruktion weislich nur
die erste Hälfte zitiert, der Zensor aber zugleich auf den
Artikel selbst angewiesen wird, — so geht sie ebenso sehr
nach der illiberalen Seite hin über das Zensur-
^edikt hinaus und fügt neue Preßbeschränkungen zu
den alten hinzu.
In dem oben zitierten Art. 2 des Zensuredikts heißt es: „Ihr
Zweck (der Zensur) ist, demjenigen zu steuern, was den all¬
gemeinen Grundsätzen der Religion, ohne Rfick&lcht
x) Im Original Druckfehler Landesstaaten
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 16
158
Aas den Anekdota
auf die Meinungen und Lehren einzelner Religionsparteien
und im Staate geduldeter Sekten, zuwider ist.“
Im Jahr 1819 herrschte noch der Rationalismus, welcher unter
der Religion im Allgemeinen die sogenannte Vemunftreligion ver¬
stand. Dieser rationalistische Standpunkt ist auch der 5
Standpunkt des Zensuredikts, welches allerdings so inkonsequent
ist, sich auf den irreligiösen Standpunkt zu stellen, während es
die Religion zu beschützen bezweckt. Es widerspricht nämlich
schon den allgemeinen Grundsätzen der Religion, ihre allgemeinen
Grundsätze von ihrem positiven Inhalt und von ihrer Bestimmtheit 10
zu trennen, denn jede Religion glaubt sich von den anderen beson¬
deren eingebildeten Religionen eben durch ihr besonde¬
res Wesen zu unterscheiden und eben durch ihre Bestimmt¬
heit die wahre Religion zu sein. Die neue Zensurinstruk¬
tion läßt in der Zitation des Art. 2 den beschränkenden is
Nachsatz aus, durch welchen die einzelnen Religionsparteien
und Sekten von der Inviolabilität ausgeschlossen wurden, aber
sie bleibt nicht hierbei stehen, sie liefert den folgenden Kom¬
mentar: „Alles was wider die christliche Religion im Allge¬
meinen oder wider einen bestimmten Lehrbegriff auf20
eine frivole, f ein d selige Weise gerichtet ist, darf nicht ge¬
duldet werden.“ Das alte Zensuredikt erwähnt mit keinem Wort
der christlichen Religion, im Gegenteil, es unterscheidet die
Religion von allen einzelnen Religionsparteien und Sekten. Die
neue Zensurinstruktion verwandelt nicht nur Religion in c h r i s t - 2s
liehe Religion, sondern fügt noch den bestimmten Lehr¬
begriff hinzu. Köstliche Ausgeburt unserer christlich gewor¬
denen Wissenschaft! Wer will noch leugnen, daß sie der Presse
neue Fesseln geschmiedet hat? Die Religion soll weder im
Allgemeinen noch im Besonderen angegriffen werden, 30
Oder glaubt ihr etwa, die Worte frivol, feindselig machten die
neuen Ketten zu Rosenketten? Wie geschickt geschrieben: frivol,
feindselig! Das Adjektivum frivol richtet sich an die Ehr¬
barkeit des Bürgers, es ist das exoterische Wort an die Welt, aber
das Adjektivum feindselig wird dem Zensor ins Ohr geflüstert, es 35
ist die gesetzliche Interpretation der Frivolität. Wir werden in
dieser Instruktion noch mehrere Beispiele von diesem feinen
Takte finden, der ein subjektives, das Blut ins Gesicht treibendes
Wort an das Publikum und ein objektives, das Blut dem Schrift¬
steller aus dem Gesicht treibendes Wort an den Zensor richtet. 40
Auf diese Weise kann man lettres de cachet in Musik setzen.
Und in welchen merkwürdigen Widerspruch verfängt sich die
Zensurinstruktion! Nur der halbe Angriff, der sich an einzelnen
Seiten der Erscheinung hält, ohne tief und ernst genug zu sein,
um das Wesen der Sache zu treffen, ist frivol, eben die Wendung 45
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
159
gegen ein nur Besonderes als solches ist frivol. Ist also
der Angriff auf die christliche Religion im allgemeinen verboten,
so ist nur der frivole Angriff auf sie gestattet. Umgekehrt ist der
Angriff auf die allgemeinen Grundsätze der Religion, auf ihr
5 Wesen, auf das Besondere, insofern es Erscheinung des
Wesens ist, ein feindseliger Angriff. Die Religion kann nur auf
eine feindselige oder frivole Weise angegriffen wer¬
den, ein Drittes gibt es nicht. Diese Inkonsequenz, in welche sich
die Instruktion verfängt, ist allerdings nur ein Schein, denn
10 sie ruht in dem Scheine, als sollte überhaupt noch irgendein
Angriff auf die Religion gestattet sein ; aber es bedarf nur eines
unbefangenen Blickes, um diesen Schein als Schein zu erkennen.
Die Religion soll weder auf eine feindselige noch auf eine frivole
Weise, weder im Allgemeinen noch im Besonderen, also gar
is n i c h t angegriffen werden.
Doch wenn die Instruktion in offenem Widerspruch gegen das
Zensuredikt von 1819 die philosophische Presse in neue
Fesseln schlägt, so sollte sie wenigstens so konsequent sein, die
religiöse Presse aus den alten Fesseln zu befreien, in die
20 jenes rationalistische Edikt sie geschlagen hat. Es macht näm¬
lich auch zum Zweck der Zensur: „dem fanatischen Herüber¬
ziehen von religiösen Glaubenssätzen in die Politik und der da¬
durch entstehenden Begriffsverwirrung entgegenzutreten“.
Die neue Instruktion ist zwar so klug, dieser Bestimmung in ihrem
25 Kommentar nicht zu erwähnen, aber sie nimmt dieselbe nichts¬
destoweniger in die ZitationdesArt. 2 auf. Was heißt fana¬
tisches Herüberziehen von religiösen Glaubenssätzen in die Poli¬
tik? Es heißt, die religiösen Glaubenssätze ihrer spezifischen
Natur nach den Staat bestimmen lassen, es heißt, das beson-
aodere Wesen der Religion zum Maß des Staates
machen. Das alte Zensuredikt konnte mit Recht dieser Begriffs¬
verwirrung entgegentreten, denn es gibt die besondere Religion,
den bestimmten Inhalt derselben der Kritik anheim. Doch das alte
Edikt stützte sich auf den seichten, oberflächlichen, von euch selbst
35 verachteten Rationalismus. Ihr aber, die ihr den Staat auch
im einzelnen auf den Glauben und das Christentum
stützt, die ihr einen christlichen Staat wollt, wie könnt
ihr noch der Zensur dieser Begriffsverwirrung vorzubeugen
anempfehlen?
io Die Konfusion des politischen und christlich-religiösen Prin¬
zips ist ja offizielle Konfession geworden. Diese Kon¬
fusion wollen wir mit einem Wort klar machen. Bloß von der
christlichen als der anerkannten Religion zu reden, so habt ihr in
eurem Staate Katholiken und Protestanten. Beide machen gleiche
35 Ansprüche an den Staat, wie sie gleiche Pflichten gegen ihn haben.
16*
160
Aus den Anekdota
Sie sehen ab von ihren religiösen Differenzen und verlangen auf
gleiche Weise, daß der Staat die Verwirklichung der politischen
und rechtlichen Vernunft sei. Ihr aber wollt einen christlichen
Staat. Ist euer Staat nur lutherisch-christlich, so- wird
er dem Katholiken zu einer Kirche, der er nicht angehört, die 5
er als ketzerisch verwerfen muß, deren innerstes Wesen ihm
widerspricht. Umgekehrt verhält es sich ebenso, oder macht ihr
den allgemeinen Geist des Christentums zum be-
sonderen Geist eures Staates, so entscheidet ihr doch aus eurer
protestantischen Bildung heraus, was der allgemeine Geist des 10
Christentums sei. Ihr bestimmt, w a s christlicher Staat sei,
obgleich euch die letzte Zeit gelehrt hat, daß einzelne Regierungs¬
beamte die Grenzen zwischen Religion und Welt, zwischen Staat
und Kirche nicht ziehen können. Nicht Zensoren, sondern
Diplomaten hatten über diese Begriffsverwirrung«
nicht zu entscheiden, sondern zu unterhandeln. End¬
lich stellt ihr euch auf den ketzerischen Standpunkt, wenn
ihr das bestimmte Dogma als unwesentlich verwerft. Nennt ihr
euren Staat allgemein christlich, so bekennt ihr mit einer
diplomatischen Wendung, daß er unchristlich sei. Also ver- 2«
bietet entweder, die Religion überhaupt in die Politik zu ziehen, —
aber das wollt ihr nicht, denn ihr wollt den Staat nicht auf freie
Vernunft, sondern auf den Glauben stützen, die Religion gilt euch
als die allgemeine Sanktion des Positiven — oder
erlaubt auch das fanatische Herüberziehen der Religion in 2«
die Politik. Laßt sie auf ihre Weise politisieren, aber das
wollt ihr wieder nicht: die Religion soll die Weltlichkeit stützen,
ohne daß sich die Weltlichkeit der Religion unterwirft. Zieht ihr
die Religion einmal in die Politik, so ist es eine untrügliche
[unerträgliche], ja eine irreligiöse Anmaßung, w e 111 i ch be- «
stimmen zu wollen, wie die Religion innerhalb der Politik auf¬
zutreten habe. Wer sich mit der Religion verbünden will aus Reli¬
giosität, muß ihr in allen Fragen die entscheidende Stimme ein¬
räumen, oder versteht ihr vielleicht unter Religion den Kultus
eurer eigenenUnumschränktheit und Regierungs-35
Weisheit?
Noch auf andere Weise gerät die Rechtgläubigkeit der
neuen Zensurinstruktion in Konflikt mit dem Rationalismus
des alten Zensuredikts. Dieses subsumiert unter den Zweck der
Zensur auch die Unterdrückung dessen, „was die Moral und «
guten Sitten beleidigt“. Die Instruktion führt diesen Passus als
Zitat aus dem Art. 2 an. Allein wenn ihr Kommentar in
bezug auf die Religion Zusätze machte, so enthält er Weglassungen
in bezug auf die Moral. Aus der Beleidigung der Moral und der
guten Sitten wird eine Verletzung von „Zucht und Sitte und «
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
161
äußerer Anständigkeit“. Man sieht: die Moral als Moral,
als Prinzip einer Welt, die eigenen Gesetzen gehorcht,
verschwindet, und an die Stelle des Wesens treten äußer¬
liche Erscheinungen, die polizeiliche Ehrbarkeit, der
«konventionelle Anstand. Ehre, dem Ehre gebührt, hier
erkennen wir wahre Konsequenz. Der spezifisch christliche Gesetz¬
geber kann die M o r a 1 als in sich selbst geheiligte unabhängige
Sphäre nicht anerkennen, denn ihr inneres allgemeines
Wesen vindiziert er der Religion. Die unabhängige Moral beleidigt
10 die allgemeinen Grundsätze der Religion, und die besonderen
Begriffe der Religion sind der Moral zuwider. Die Moral erkennt
nur ihre eigene allgemeine und vernünftige Religion und die Reli¬
gion nur ihre besondere positive Moral. Die Zensur wird also
nach dieser Instruktion die intellektuellen Heroen der Moral, wie
15 etwa Kant, Fichte, Spinoza als irreligiös, als die Zucht, die Sitte,
die äußere Anständigkeit verletzend, verwerfen müssen. Alle diese
Moralisten gehen von einem prinzipiellen Widerspruch zwischen
Moral und Religion aus, denn die Moral ruhe auf der Auto¬
nomie, die Religion auf der Heteronomie des mensch-
2o liehen Geistes. Von diesen unerwünschten Neuerungen der Zensur
— einerseits der Erschlaffung ihres moralischen, andererseits der
rigurösen Schärfung ihres religiösen Gewissens — wenden wir
uns zu dem Erfreulicheren, zu den Konzessionen.
Es „folgt insbesondere, daß Schriften, in denen die Staatsver-
«« Wallung im Ganzen oder in einzelnen Zweigen gewürdigt, erlas¬
sene oder noch zu erlassende Gesetze nach ihrem inneren Werte
geprüft, Fehler und Mißgriffe auf gedeckt, Verbesserungen ange¬
deutet oder in Vorschlag gebracht werden, um deswillen, weil sie
in einem anderen Sinne als dem der Regierung geschrieben, nicht
3o zu verwerfen sind, wenn nur ihre Fassung anständig und ihre
Tendenz wohlmeinend ist“. Bescheidenheit und Ernst¬
haftigkeit der Untersuchung: diese Forderung teilt die neue In¬
struktion mit dem Zensuredikt, allein ihr genügt die anstän¬
dige Fassung ebensowenig wie die Wahrheit des Inhalts. Die
35 Tendenz wird ihr zum Hauptkriterium, ja sie ist ihr durch¬
gehender Gedanke, während in dem Edikt selbst nicht einmal das
Wort Tendenz zu finden ist. Worin sie bestehe, sagt auch die neue
Instruktion nicht; wie wichtig ihr aber die Tendenz sei, möge noch
folgender Auszug beweisen: „Es ist dabei eine unerläßliche
40 Voraussetzung, daß die Tendenz der gegen die Maßregeln der
Regierung ausgesprochenen Erinnerungen nicht gehässig und bös¬
willig, sondern wohlmeinend sei, und es muß von dem Zensor der
gute Wille und die Einsicht verlangt werden, daß er zu unter¬
scheiden wisse, wo das eine und das andere der Fall ist. Mit Rück-
45 sicht hierauf haben die Zensoren ihre Aufmerksamkeit auch be¬
162
Aus den Anekdota
sonders auf die Form und den Ton der Sprache der Druckschriften
zu richten und, insofern durch Leidenschaftlichkeit, Heftigkeit
und Anmaßung ihre Tendenz sich als eine verderbliche dar¬
stellt, deren Druck nicht zu gestatten.“ Der Schriftsteller ist also
dem furchtbarsten Terrorismus, der Jurisdiktion«
des Verdachts anheimgefallen. Tendenzgesetze, Gesetze,
die keine objektiven Normen geben, sind Gesetze des Terrorismus,
wie sie die Not des Staats unter Robespierre und die Verdorben¬
heit des Staats unter den römischen Kaisern erfunden hat. Gesetze,
die nicht die Handlung als solche, sondern die Gesin-10
nun g des Handelnden zu ihren Hauptkriterien machen, sind
nichts als positive Sanktionen der Gesetzlosigkeit.
Lieber wie jener Zar von Rußland jedem den Bart durch offizielle
Kosaken abscheren lassen, als die Meinung, in der ich den Bart
trage, zum Kriterium des Scherens machen. 15
Nur insofern ich mich ä u ß e r e , in die Sphäre des Wirklichen
trete, trete ich in die Sphäre des Gesetzgebers. Für das Gesetz bin
ich gar nicht vorhanden, gar kein Objekt desselben, außer in
meiner Tat. Sie ist das einzige, woran mich das Gesetz zu
halten hat; denn sie ist das einzige, wofür ich ein Recht der Exi- 20
stenz verlange, ein Recht der Wirklichkeit, wodurch ich
also auch dem wirklichen Rechte anheimfalle. Allein das
Tendenzgesetz bestraft nicht allein das, was ich tue, sondern das,
was ich a u ß e r der Tat meine. Es ist also ein Insult auf die Ehre
des Staatsbürgers, ein Vexiergesetz gegen meine Existenz. 25
Ich kann mich drehen und wenden, wie ich will, es kommt auf
den Tatbestand nicht an. Meine Existenz ist verdächtig, mein
innerstes Wesen, meine Individualität wird als eine schlechte
betrachtet, und für diese Meinung werde ich bestraft.
Das Gesetz straft mich nicht für das Unrecht, was ich tue, sondern 30
für das Unrecht, was ich nicht tue. Ich werde eigentlich dafür
gestraft, daß meine Handlung nicht gesetzwidrig ist, denn
nur dadurch zwinge ich den milden, wohlmeinenden Richter, an
meine schlechte Gesinnung, die so klug ist, nicht ans
Tageslicht zu treten, sich zu halten. 35
Das Gesinnungsgesetz ist kein Gesetz des Staates für die
Staatsbürger, sondern das Gesetz einer Partei gegen
eine andere Partei. Das Tendenzgesetz hebt die Gleichheit
der Staatsbürger vor dem Gesetze auf. Es ist ein Gesetz der Schei¬
dung, nicht der Einung, und alle Gesetze der Scheidung sind 49
reaktionär. Es ist kein Gesetz, sondern ein Privilegium. Der
eine darf tun, was der andere nicht tim darf, nicht weil diesem
etwa eine objektive Eigenschaft fehlte, wie dem Kinde zum Kontra¬
hieren von Verträgen, nein, weil seine gute Meinung, seine Gesin¬
nung verdächtig ist. Der sittliche Staat unterstellt in seinen h
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
163
Gliedern die Gesinnung des Staats, sollten sie auch in
Opposition gegen ein Staatsorgan, gegen die Regie¬
rung treten; aber die Gesellschaft, in der ein Organ sich alleini¬
ger, exklusiver Besitzer der Staatsvemunft und Staatssittlichkeit
s dünkt, eine Regierung, die sich in prinzipiellen Gegensatz gegen
das Volk setzt und daher ihre staatswidrige Gesin¬
nung für die allgemeine, für die normale Gesinnung hält, das
üble Gewissen der Faktion erfindet Tendenzgesetze, Gesetze
derRache, gegen eine Gesinnung, die nur in den Regierungs-
10 gliedern selbst ihren Sitz hat. Gesinnungsgesetze basieren auf der
Gesinnungslosigkeit, auf der unsittlichen, materiellen Ansicht
vom Staat. Sie sind ein indiskreter Schrei des bösen Gewissens.
Und wie ist ein Gesetz der Art zu exekutieren? Durch ein Mittel,
empörender als das Gesetz selbst, durch Spione, oder durch
is vorherige Übereinkunft, ganze literarische Richtungen für ver¬
dächtig zu halten, wobei allerdings wieder auszukundschaften
bleibt, welcher Richtung ein Individuum angehöre. Wie im Ten¬
denzgesetz die gesetzliche Form dem Inhalt wider¬
spricht, wie die Regierung, die es gibt, gegen das eifert,
so was sie selbst ist, gegen die staatswidrige Gesinnung, so bildet sie
auch im besonderen gleichsam die verkehrte We-lt zu ihren
Gesetzen, denn sie mißt mit doppeltem Maß. Nach dereinen Seite
ist Recht, was das Unrecht der anderen Seite ist. Ihre Gesetze
schon sind das Gegenteil von dem, was sie zum
& Gesetz machen.
In dieser Dialektik verfängt sich auch die neue Zensur¬
instruktion. Sie ist der Widerspruch, alles das auszuüben
und den Zensoren zur Pflicht zu machen, wras sie an der Presse als
staatswidrig verdammt.
so So verbietet die Instruktion den Schriftstellern, die Gesinnung
einzelner oder ganzer Klassen zu verdächtigen, und in einem
Atem gebietet sic dem Zensor, alle Staatsbürger in verdächtige
und unverdächtige einzuteilen, in wohlmeinende und übel¬
meinende. Die der Presse entzogene Kritik wird zur täglichen
35 Pflicht des Regierungskritikers; allein bei dieser Umkehrung hat
es nicht einmal sein Bewenden. Innerhalb der Presse erschien das
Staatswidrige seinem Gehalte nach als ein besonderes, [nach]1)
seiner Form war es allgemein, das heißt dem allgemeinen Urteil
preisgegeben.
*o Allein nun dreht sich die Sache um. Das Besondere erscheint
jetzt in bezug auf seinen Inhalt als das Berechtigte, das
Staatswidrige als Meinung des Staats, als Staatsrecht, in bezug auf
seine Form als Besonderes, unzugänglich dem allgemeinen Licht,
aus dem freien Tage der Öffentlichkeit in die Aktenstube des
9 Im Original steht hier Seite wohl statt nach oder vielleicht statt nach der Seite
164
Aus den Anekdota
Regierungskritikers verbannt. So will die Instruktion die Religion
beschützen, aber sie verletzt den allgemeinsten Grundsatz aller
Religionen, die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der subjektiven
Gesinnung. Sie macht den Zensor an Gottes Statt zum Richter des
Herzens. So untersagt sie beleidigende Äußerungen und ehren- 5
kränkende Urteile über einzelne Personen, aber sie setzt euch
jeden Tag dem ehrenkränkenden und beleidigenden Urteil des
Zensors aus. So will die Instruktion die von übelwollenden oder
schlecht unterrichteten Individuen herrührenden Klatschereien
unterdrücken, und sie zwingt den Zensor, sich auf solche Klatsche-10
reien, auf das Spionieren durch schlecht unterrichtete und übel¬
wollende Individuen zu verlassen und zu verlegen, indem sie das
Urteil aus der Sphäre des objektiven Gehalts in die Sphäre der
subjektiven Meinung oder Willkür herabzieht. So soll die Absicht
des Staats nicht verdächtigt werden, aber die Instruktion geht vom is
Verdacht gegen den Staat aus. So soll unter gutem Schein keine
schlechte Gesinnung verborgen werden, aber die Instruktion selbst
ruht auf einem falschen Schein. So soll das Nationalgefühl er¬
höht werden, und auf eine die Nationen erniedrigende Ansicht
wird basiert. Man verlangt gesetzmäßiges Betragen und Achtung 20
vor dem Gesetze, aber zugleich sollen wir Institutionen ehren, die
uns gesetzlos machen und die Willkür an die Stelle des Rechts
setzen. Wir sollen das Prinzip der Persönlichkeit so sehr anerken¬
nen, daß wir trotz dem mangelhaften Institut der Zensur dem
Zensor vertrauen, und ihr verletzt das Prinzip der Persönlichkeit w
so sehr, daß ihr sie nicht nach den Handlungen, sondern nach
der Meinung von der Meinung ihrer Handlungen richten laßt. Ihr
fordert Bescheidenheit, und ihr geht von der enormen Unbeschei¬
denheit aus, einzelne Staatsdiener zum Herzensspäher, zum All¬
wissenden, zum Philosophen, Theologen, Politiker, zum delphi- 30
sehen Apollo zu ernennen. Ihr macht uns einerseits die Anerken¬
nung der Unbescheidenheit zur Pflicht und verbietet uns anderer¬
seits die Unbescheidenheit. Die eigentliche Unbescheidenheit be¬
steht darin, die Vollendung der Gattung besonderen Individuen
zuzuschreiben. Der Zensor ist ein besonderes Individuum, aber 35
die Presse ergänzt sich zur Gattung. Uns befehlt ihr Vertrauen,
und dem Mißtrauen leiht ihr gesetzliche Kraft. Ihr traut euren
Staatsinstitutionen so viel zu, daß sie den schwachen Sterblichen,
den Beamten, zu Heiligen und ihm das Unmögliche möglich
machen werden. Aber ihr mißtraut eurem Staatsorganismus so 40
sehr, daß ihr die isolierte Meinung eines Privatmanns fürchtet;
denn ihr behandelt die Presse als einen Privatmann. Von den
Beamten unterstellt ihr, daß sie ganz unpersönlich, ohne Groll,
Leidenschaft, Borniertheit und menschliche Schwäche verfahren
werden. Aber das Unpersönliche, die Ideen, verdächtigt ihr, 43
Uber die neueste preußische Zensurinstruktion
165
voller persönlicher Ränke und subjektiver Niederträchtigkeit zu
sein. Die Instruktion verlangt unbegrenztes Vertrauen auf den
Stand der Beamteten, und sie geht von unbegrenztem Mißtrauen
gegen den Stand der Nichtbeamteten aus. Warum sollen wir nicht
5 Gleiches mit Gleichem vergelten? Warum soll uns nicht eben die¬
ser Stand das Verdächtige sein? Ebenso der Charakter. Und von
vornherein muß der Unbefangene dem Charakter des öffentlichen
Kritikers mehr Achtung zollen als dem Charakter des geheimen.
Was überhaupt schlecht ist, bleibt schlecht, welches Individuum
10 der Träger dieser Schlechtigkeit sei, ob ein Privatkritiker oder
ein von der Regierung angestellter, nur daß im letzteren Fall die
Schlechtigkeit autorisiert und als eine Notwendigkeit von oben
betrachtet wird, um das Gute von unten zu verwirklichen.
Die ZensurderTendenz und die Tendenz der Z e n -
15 sur sind ein Geschenk der neuen liberalen Instruk¬
tion. Niemand wird uns verdenken, wenn wir mit einem ge¬
wissen Mißtrauen zu ihren weiteren Bestimmungen uns hinwenden.
„Beleidigende Äußerungen und ehrenkränkende Urteile über
einzelne Personen sind nicht zum Druck geeignet.“ Nicht zum
2o Druck geeignet! Statt dieser Milde wäre zu wünschen, daß das
beleidigende und ehrenkränkende Urteil objektive Bestimmungen
erhalten hätte.
„Dasselbe gilt von der Verdächtigung der Gesinnung einzelner
oder (inhaltsschweres Oder) ganzer Klassen, vom Gebrauch von
Parteinamen und sonstigen1) Persönlichkeiten.“ Also auch
die Rubrizierung unter Kategorien, der Angriff auf ganze Klassen,
der Gebrauch von Parteinamen — und der Mensch muß Allem wie
Adam einen Namen geben, damit es für ihn vorhanden sei —,
Parteinamen sind notwendige Kategorien für die politische Presse,
30 „Weil jede Krankheit zuvörderst, wie Doktor Sassafras meint,
„Um glücklich sie kurieren zu können,
„Benamset werden muß.“
Dies alles gehört zu den Persönlichkeiten. Wie soll man es
nun anfangen? Die Person des Einzelnen darf man nicht an-
35 greifen, die Klasse, das Allgemeine, die moralische Person eben¬
sowenig. Der Staat will — und da hat er recht — keine Injurien
dulden, keine Persönlichkeiten; aber durch ein leichtes „oder“
wird das Allgemeine auch unter die Persönlichkeiten subsumiert.
Durch das „oder“ kommt das Allgemeine in die Mitte, und durch
4o ein kleines „und“ erfahren wir schließlich, daß nur von Persön¬
lichkeiten die Rede gewesen. Als eine ganz spielende Konsequenz
aber ergibt sich, daß alle Kontrolle der Beamten wie solcher
x) Bei Marx dergleichen
166
Aus den Anekdota
Institutionen, die als eine Klasse von Individuen existiert, der
Presse untersagt wird.
„Wird die Zensur nach diesen Andeutungen in dem Geiste des
Zensuredikts vom 18. Oktober 1819 ausgeübt, so wird einer an¬
ständigen und freimütigen Publizität hinreichender Spielraum 5
gewährt, und es ist zu erwarten, daß dadurch eine größere Teil¬
nahme an vaterländischen Interessen erweckt und so das National¬
gefühl erhöht werden wird.“ Daß nach diesen Andeutungen der
anständigen, im Spinne der Zensur anständigen, Publizität
ein mehr als hinreichender Spielraum gewährt sei — auch das io
Wort Spielraum ist glücklich gewählt, denn der Raum ist für eine
spielende, an Luftsprüngen sich genügende Presse berechnet —
gestehen wir zu; ob für eine freimütige Publizität, und wo
ihr der freie Mut sitzen soll, überlassen wir dem Scharfblick
des Lesers. Was die Erwartungen der Instruktion betrifft, is
so mag allerdings das Nationalgefühl in der Weise erhöht
werden, wie die zugesandte Schnur das Gefühl der türkischen
Nationalität erhöht; ob aber gerade die ebenso bescheidene als
ernsthafte Presse Teilnahme an den vaterländischen Interessen
erwecken wird, überlassen wir ihr selbst; eine magere Presse ist 20
nicht mit China aufzufüttem. Allein vielleicht haben wir die an¬
geführte Periode zu ernsthaft begriffen. Vielleicht treffen wir
besser den Sinn, wenn wir sie als bloßen Haken in der Rosenkette
betrachten. Vielleicht hält dieser liberale Haken eine Perle von
sehr zweideutigem Wert. Sehen wir zu. Auf den Zusammenhang
kommt alles an. Die Erhöhung des Nationalgefühls und die Er¬
weckung der Teilnahme an vaterländischen Interessen, die in dem
angeführten obligaten Passus als Erwartung ausgesprochen
werden, verwandeln sich unter der Hand in einen Befehl, in
dessen Munde ein neuerPreßzwang unserer armen schwind- 30
süchtigen Tagesblätter liegt.
„Auf diesem Wege darf man hoffen, daß auch die politische
Literatur und die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen,
mit dem Gewinn eines reicheren Stoffes auch einen würdigeren Ton
sich aneignen und es künftig verschmähen werden, durch Mit- 35
teilung gehaltloser, aus fremden Zeitungen entlehnter, von übel¬
wollenden oder schlecht unterrichteten Korrespondenten her¬
rührenden Tagesneuigkeiten, durch Klatschereien und Persön¬
lichkeiten auf die Neugierde ihrer Leser zu spekulieren — eine
Richtung, gegen welche einzuschreiten die Zensur den unzweifel- 40
haften Beruf hat.“
Auf dem angegebenen Weg wird gehofft, daß die poli¬
tische Literatur und die Tagespresse ihre Bestimmung besser
erkennen werden usw. Allein die bessere Erkenntnis läßt
sich nicht anbefehlen; auch ist sie eine erst noch zu erwartende 45
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
167
Frucht, und Hoffnung ist Hoffnung. Die Instruktion aber ist viel
zu praktisch, um sich mit Hoffnungen und frommen Wünschen
zu begnügen. Während der Presse die Hoffnung ihrer künftigen Bes¬
serung als neues Soulagement gewährtwird, wird ihr zugleich
5 von der gütigen Instruktion ein gegenwärtiges Recht genommen. Sie
verliert, was sie noch hat, in Hoffnung ihrer Besserung. Es geht ihr
wie dem armen Sancho Pansa, dem sein Hofarzt alle Speise vor
seinen Augen entzog, damit kein verdorbener Magen ihn zur Er¬
füllung der vom Herzog auf erlegten Pflichten untüchtig mache.
10 Zugleich dürfen wir die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen,
den preußischen Schriftsteller zur Aneignung dieser Art von an¬
ständigem Stil aufzufordem. Im Vordersatz heißt es: „Auf diesem
Wege darf man hoffen, d a ß.“ Von diesem daß wird eine ganze
Reihe von Bestimmungen regiert, also, daß die politische Lite-
15 ratur und die Tagespresse ihre Bestimmung besser erkennen, daß
sie einen würdigeren Ton, etc. etc., daß sie Mitteilungen gehalt¬
loser, aus fremden Zeitungen entlehnter Korrespondenzen etc.
verschmähen werden. Alle diese Bestimmungen stehen noch unter
dem Regiment der Hoffnung; aber der Schluß, der sich durch
20 einen Gedankenstrich an das Vorhergehende anschließt:
„eine Richtung, gegen welche einzuschreiten die Zensur den un¬
zweifelhaften Beruf hat“, überhebt den Zensor der langweiligen
Aufgabe, die gehoffte Besserung der Tagespresse abzuwarten, und
ermächtigt ihn vielmehr, das Mißfällige ohne weiteres wegzu-
25 streichen. An die Stelle der inneren Kur ist die Ampu¬
tation getreten.
„Damit diesem Ziele nähergetreten werde, ist es aber erforder¬
lich, daß bei Genehmigung neuer Zeitschriften und neuer Redak¬
teure mit großer Vorsicht verfahren werde, damit die Tagespresse
so nur völlig unbescholtenen Männern anvertraut werde, deren wis¬
senschaftliche Befähigung, Stellung und Charakter für den Emst
ihrer Bestrebungen und für die Loyalität ihrer Denkungsart Bürg¬
schaft leisten.“ Ehe wir auf das Einzelne eingehen, zuvor eine
allgemeine Bemerkung. Die Genehmigung neuer Redakteure, also
35 überhaupt der künftigen Redakteure, ist ganz der „großen
V o r s i c h t“, versteht sich der Staatsbehörden, der Zensur
anheimgestellt, während das alte Zensuredikt wenigstens unter
gewissen Garantien die Wahl des Redakteurs dem Belieben
des Unternehmers überließ: „Art. IX. Die Oberzensur-
40 behörde ist berechtigt, dem Unternehmer einer Zeitung zu er¬
klären, daß der angegebene Redakteur nicht von der Art sei, das
nötige Zutrauen einzuflößen, in welchem Falle der Unternehmer
verpflichtet istr entweder einen anderen Redakteur anzunehmen
oder, wenn er den ernannten beibehalten will, für ihn
45 eine von Unseren oben erwähnten Staatsministerien auf den Vor¬
168
Aus den Anekdota
schlag gedachter Oberzensurbehörde zu bestimmende
Kaution zu leisten.“
In der neuen Zensurinstruktion spricht sich eine ganz andere
Tiefe, man kann sagen Romantik des Geistes aus. Während
das alte Zensuredikt äußerliche, prosaische, daher gesetzlich be- 5
stimmbare Kautionen verlangt, unter deren Garantie auch der
mißliebige Redakteur zuzulassen sei, nimmt dagegen die Instruk¬
tion dem Unternehmer einer Zeitschrift jeden Eigenwillen
und verweist die vorbeugende Klugheit der Regierung, die große
Vorsicht und den geistigen Tiefsinn der Behörden auf innere, sub-10
jektive, äußerlich unbestimmbare Qualitäten. Wenn aber die Un¬
bestimmtheit, die zartsinnige Innerlichkeit und die subjektive
Überschwänglichkeit der Romantik in das rein Äußer¬
liche umschlägt, nur in dem Sinn, daß die äußerliche Zufällig¬
keit nicht mehr in ihrer prosaischen Bestimmtheit und Begren-15
zung, sondern in einer wunderbaren Glorie, in einer eingebildeten
Tiefe und Herrlichkeit erscheint, — so wird auch die Instruktion
diesem romantischen Schicksal schwerlich entgehen
können.
Die Redakteure der Tagespresse, unter welche Kategorie die 20
ganze Journalistik fällt, sollen völlig unbescholtene Männer sein.
Als Garantie dieser völligen Unbescholtenheit wird zunächst die
„wissenschaftliche Befähigung“ angegeben. Nicht der
leiseste Zweifel steigt auf, ob der Zensor die wissenschaftliche
Befähigung besitzen kann, über wissenschaftliche Befähigung jeder 2$
Art ein Urteil zu besitzen. Lebt in Preußen eine solche Schar der
Regierung bekannter Universalgenies — jede Stadt hat wenigstens
einen Zensor —, warum treten diese enzyklopädistischen Köpfe
nicht als Schriftsteller auf? Besser als durch die Zensur könnte
den Verwirrungen der Presse ein Ende gemacht werden, wenn 30
diese Beamten, übermächtig durch ihre Anzahl, mächtiger durch
ihre Wissenschaft und ihr Genie, auf einmal sich erhöben und mit
ihrem Gewicht jene elenden Schriftsteller erdrückten, die nur in
einem Genre, aber selbst in diesem einen Genre ohne offiziell er¬
probte Befähigung agieren. Warum schweigen diese gewiegten 35
Männer, die wie die römischen Gänse durch ihr Geschnatter das
Kapitol retten könnten? Es sind Männer von zu großer Zurück¬
haltung. Das wissenschaftliche Publikum kennt sie nicht, aber die
Regierung kennt sie.
Und wenn jene Männer schon Männer sind, wie sie kein Staat 40
zu finden wußte, denn nie hat ein Staat ganze Klassen gekannt, die
nur von Universalgenies und Polyhistoren eingenommen werden
können, um wieviel genialer müssen noch die Wähler dieser
Männer sein! Welche geheime Wissenschaft müssen sie besitzen,
um Beamten, die in der Republik der Wissenschaft unbekannt^
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
169
sind, ein Attest über ihre universalwissenschaftliche Befähigung
ausstellen zu können! Je höher wir steigen in dieser Büro¬
kratie der Intelligenz, um so wundervollere Köpfe be¬
gegnen uns. Ein Staat, der solche Säulen einer vollendeten Presse
5 besitzt, lohnt es dem der Mühe, handelt der zweckmäßig, diese
Männer zu Wächtern einer mangelhaften Presse zu machen,
das Vollendete zum Mittel für das Unvollendete herabzusetzen?
So viele dieser Zensoren ihr anstellt, so viele Chancen der Besse¬
rung entzieht ihr dem Reich der Presse. Ihr entzieht eurem Heer
10 die Gesunden, um sie zu Ärzten der Ungesunden zu machen.
Stampft nur auf den Boden wie Pompejus, und aus jedem Re¬
gierungsgebäude wird eine geharnischte Pallas Athene hervor¬
springen. Vor der offiziellen Presse wird die seichte
Tagespresse in ihr Nichts zerfallen. Die Existenz des Lichts reicht
io hin, die Finsternis zu widerlegen. Laßt euer Licht leuchten und
stellt es nicht unter den Scheffel. Statt einer mangelhaften Zensur,
deren Vollgültigkeit euch selbst problematisch dünkt, gebt uns
eine vollendete Presse, die ihr nur zu befehlen habt, deren Vorbild
der chinesische Staat schon seit Jahrhunderten liefert.
^o Doch die wissenschaftliche Befähigung zur ein¬
zigen, zur notwendigen Bedingung für die Schriftsteller der Tages¬
presse machen, ist das nicht eine Bestimmung des Geistes, keine
Begünstigung des Privilegiums, keine konventionelle Forderung,
ist das nicht eine Bedingung der Sache, keine Bedingung der
U Person?
Leider unterbricht die Zensurinstruktion unsere Panegyrik.
Neben der Bürgschaft der wissenschaftlichen Befähigung findet
sich die der Stellungund desCharakters. Stellung und
Charakter!
so Der Charakter, der so unmittelbar der Stellung folgt, scheint
beinahe ein bloßer Ausfluß derselben zu sein. Die Stellung
laßt uns vor Allem ins Auge fassen. Sie steht so eingeengt zwischen
der wissenschaftlichen Befähigung und dem Charakter, daß man
beinahe versucht wird, an ihrem guten Gewissen zu zweifeln.
36 Die allgemeine Forderung der wissenschaftlichen Befähi¬
gung, wie liberal! Die besondere Forderung der Stellung,
wie illiberal! Die wissenschaftliche Befähigung und die Stel¬
lung zusammen, wie scheinliberal! Da wissenschaftliche
Befähigung und Charakter sehr unbestimmt, die Stellung dagegen
4o sehr bestimmt ist, warum sollten wir nicht schließen, daß das Un¬
bestimmte nach notwendigem logischen Gesetze sich an das Be¬
stimmte anlehnen und an ihm Halt und Inhalt erhalten werde?
Wäre es also ein großer Fehlschluß des Zensors, wenn er die In¬
struktion so auslegte, die äußere Form der wissenschaftlichen
45 Befähigung und des Charakters, in der Welt aufzutreten, sei die
170
Aus den Anekdota
Stellung, um so mehr, da sein eigener Stand ihm diese Ansicht
als Staatsansicht verbürgt? Ohne diese Auslegung bleibt es
wenigstens völlig unbegreiflich, warum wissenschaftliche Befähi¬
gung und Charakter nicht hinreichende Bürgschaften des Schrift¬
stellers sind, warum die Stellung das notwendige Dritte ist. Käme 5
der Zensor nun gar in Konflikt, fänden sich diese Bürgschaften
selten oder nie zusammen, wohin soll seine Wahl fallen, da ein¬
mal gewählt werden, da doch irgend wer Zeitungen und Journale
redigieren muß? Die wissenschaftliche Befähigung und der Cha¬
rakter ohne Stellung können dem Zensor ihrer Unbestimmtheit 10
wegen problematisch sein, wie es überhaupt seine gerechte Ver¬
wunderung erregen muß, daß solche Qualitäten getrennt von der
Stellung existieren. Darf dagegen der Zensor den Charakter, die
Wissenschaft bezweifeln, wo die Stellung vorhanden ist? Er
traute in diesem Fall dem Staat weniger Urteil zu als sich selbst, 10
während er in dem entgegengesetzten dem Schriftsteller mehr als
dem Staat zutraute. Sollte ein Zensor so taktlos, so übelmeinend
sein? Es steht nicht zu erwarten und wird gewiß nicht erwartet.
Die Stellung, weil sie im Zweifelsfall das entscheidende
Kriterium ist, ist überhaupt das absolut Entscheidende. 20
Wie also früher die Instruktion durch ihre Rechtgläubig¬
keit mit dem Zensuredikt in Konflikt gerät, so jetzt durch
ihre Romantik, die immer zugleich Tendenz poesie ist. Aus
der Geldkaution, die eine prosaische, eigentliche Bürgschaft
ist, wird eine ideelle, und diese ideelle verwandelt sich in die 25
ganz reelle und individuelle Stellung, die eine magische
fingierte Bedeutung erhält. Ebenso verwandelt sich die Bedeutung
der Bürgschaft. Nicht mehr der Unternehmer wählt einen Redak¬
teur, für den er der Behörde bürgt, sondern die Behörde wählt
ihm einen Redakteur, für den sie sich bei sich selbst verbürgt. Das so
alte Edikt erwartet die Arbeiten des Redakteurs, für welche die
Geldkaution des Unternehmers einsteht. Die Instruktion hält sich
nicht an die Arbeit, sondern an die Person des Redakteurs.
Sie verlangt eine bestimmte persönliche Individualität, die ihr das
Geld des Unternehmers verschaffen soll. Die neue In- so
struktion ist eben so äußerlich als das alte Edikt; aber statt daß
dieses das prosaisch Bestimmte seiner Natur gemäß ausspricht
und begrenzt, leiht sie der äußersten Zufälligkeit einen imaginären
Geist und spricht das bloß Individuelle mit dem Pathos der Allge¬
meinheit aus. so
Wenn aber die romantische Instruktion in bezug auf den Re¬
dakteur der äußerlichsten Bestimmtheit den Ton der gemütvollsten
Unbestimmtheit gibt, so gibt sie in bezug auf den Zensor der vag¬
sten Unbestimmtheit den Ton der gesetzlichen Bestimmtheit. „Mit
gleicher Vorsicht muß bei Ernennung der Zensoren verfahren wer- so
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
171
den, damit das Zensoramt nur Männern von erprobter Gesinnung
und Fähigkeit übertragen werde, die dem ehrenvollen Ver¬
trauen, welches dasselbe voraussetzt, vollständig entsprechen;
Männern, welche, wohldenkend und scharfsichtig zugleich, die
5 Form von dem Wesen der Sache zu sondern verstehen und mit
sicherem Takte sich über Bedenken hinwegzusetzen wissen, wo
Sinn und Tendenz einer Schrift an sich diese Bedenken nicht
rechtfertigen.“ An die Stelle der Stellung und des Charakters
beim Schriftsteller tritt hier die erprobte Gesinnung, da die Stel-
10 lung von selbst gegeben ist. Bedeutender ist dies, wenn bei dem
Schriftsteller wissenschaftliche Befähigung, bei dem
Zensor Fähigkeit ohne weitere Bestimmung gefordert wird.
Das alte, die Politik ausgenommen, rationalistisch gesinnte Edikt
erfordert in Art. 3 „wissenschaftlich gebildete“ und
is sogar „aufgeklärte“ Zensoren. Beide Prädikate fallen in der In¬
struktion fort, und an die Stelle der Befähigung des Schrift¬
stellers, die eine bestimmte, ausgebildete, zur Wirklichkeit ge¬
wordene Fähigkeit bedeutet, tritt bei dem Zensor die Anlage
der Befähigung, die Fähigkeit überhaupt. Also die An-
2o läge der Fähigkeit soll die wirkliche Befähigung
zensieren, wie sehr auch der Natur der Sache nach offenbar
das Verhältnis umzukehren ist. Nur im Vorbeigehen bemerken
wir endlich, daß die Fähigkeit des Zensors dem sachlichen
Inhalt nach nicht näher bestimmt ist, wodurch ihr Charakter aller-
25 dings zweideutig wird.
Das Zensoramt soll ferner Männern übertragen werden, „die
dem ehrenvollen Vertrauen, welches dasselbe voraussetzt, voll¬
ständig1) entsprechen“. Diesepleonastische Scheinbestim¬
mung, Männer zu einem Amt zu wählen, denen man vertraut, daß
30 sie dem ehrenvollen Vertrauen, welches ihnen geschenkt wird,
vollständig entsprechen (werden?), ein allerdings
sehr vollständiges Vertrauen, — ist nicht weiter zu erörtern.
Endlich sollen die Zensoren Männer sein, „welche, wohl¬
denkend und scharf sichtig zugleich, die Form von dem Wesen
35 der Sache zusondern verstehen und mit sicheremTakte sich
über Bedenken hinwegzusetzen wissen, wo Sinn und
Tendenz einer Schrift an sich diese Bedenken nicht recht¬
fertigen“.
Mehr oben dagegen schreibt die Instruktion vor:
4o „Mit Rücksicht hierauf“ (nämlich die Untersuchung der Ten¬
denz) „haben die Zensoren ihre Aufmerksamkeit auch besonders
auf die Form und den Tonder Sprache der Druckschriften
zu richten und, insofern durch Leidenschaftlichkeit, Heftigkeit
1) Bei Marx erfordert, vollkommen
172
Aus den Anekdota
und Anmaßung ihre Tendenz sich als eine verderbliche darstellt,
deren Druck nicht zu gestatten.“ Einmal also soll der Zensor die
Tendenz aus der Form, das andere Mal die Form aus
derTendenz beurteilen. War vorhin schon der Inhalt ganz
verschwunden als Kriterium des Zensierens, so verschwindet jetzt 5
auch die Form. Wenn nur die Tendenz gut ist, so hat es mit den
Verstößen derForm nichts auf sich. Mag die Schrift auch
nicht gerade sehr ernsthaft und bescheiden gehalten sein, mag sie
heftig, leidenschaftlich, anmaßend scheinen, wer wird sich die
rauhe Außenseite schrecken lassen? Man muß das For-10
melle vom Wesen zu unterscheiden wissen. Jeder Schein der
Bestimmungen mußte auf gehoben, die Instruktion mußte mit
einem vollkommenen Widerspruch gegen sich
selbst enden; denn alles, woraus die Tendenz erkannt werden
soll, empfängt vielmehr erst seine Qualifizierung aus der Tendenz 15
und muß vielmehr aus der Tendenz erkannt werden. Die Heftig¬
keit des Patrioten ist heiliger Eifer, seine Leidenschaftlichkeit ist
die Reizbarkeit des Liebenden, seine Anmaßung eine hingebende
Teilnahme, die zu maßlos ist, um mäßig zu sein.
Alle objektiven Normen sind weggefallen, die per- 20
s ö n 1 i c h e Beziehung ist das Letzte, und der Takt des Zensors
darf eine Bürgschaft genannt werden. Was kann also der Zensor
verletzen? Den Takt. Und Taktlosigkeit ist kein Verbrechen. Was
ist auf Seite des Schriftstellers bedroht? Die Existenz. Welcher
Staat hat je die Existenz ganzer Klassen vom Takt einzelner Be- 25
amten abhängig gemacht?
Noch einmal, alle objektiven Normen sind weg¬
gefallen; von Seite des Schriftstellers ist die Tendenz der letzte
Inhalt, der verlangt und vorgeschrieben wird, die formlose Mei¬
nung als Objekt; die Tendenz als Subjekt, als Meinung von der 30
Meinung, ist der Takt und die einzige Bestimmung des Zensors.
Wenn aber die Willkür des Zensors — und die Berechtigung
der bloßen Meinung ist die Berechtigung der Willkür — eine
Konsequenz ist, die unter dem Schein sachlicher Bestimmungen
verbrämt war, so spricht die Instruktion dagegen mit vollem Be- 35
wußtsein die Willkür des Oberpräsidiums aus; diesem
wird ohne weiteres Vertrauen geschenkt, und dieses dem
Oberpräsidenten geschenkte Vertrauen ist die
letzte Garantie der Presse. So ist das Wesen der Zensur
überhaupt in der hochmütigen Einbildung des Polizeistaates auf 40
seine Beamten gegründet. Selbst das Einfachste wird dem Ver¬
stand und dem guten Willen des Publikums nicht zugetraut; aber
selbst das Unmögliche soll den Beamten möglich sein.
Dieser Grundmangel geht durch alle unsere Institutionen hin¬
durch. So z. B. sind im Kriminalverfahren Richter, Ankläger und 45
Über die neueste preußische Zensurinstruktion
173
Verteidiger in einer Person vereinigt. Diese Vereinigung
widerspricht allen Gesetzen der Psychologie. Aber der Beamte
ist über die psychologischen Gesetze erhaben, wie das Publikum
unter demselben steht. Doch ein mangelhaftes Staatsprinzip kann
5 man entschuldigen; aber unverzeihlich wird es, wenn es nicht ehr¬
lich genug ist, um konsequent zu sein. Die Verantwortlich¬
keit der Beamten müßte so unverhältnismäßig über der des Pu¬
blikums stehen wie die Beamten über dem Publikum, und gerade
hier, wo die Konsequenz allein das Prinzip rechtfertigen, es inner-
10 halb seiner Sphäre zum rechtlichen machen könnte, wird es auf¬
gegeben, und gerade hier wird das entgegengesetzte angewandt.
Auch der Zensor ist Ankläger, Verteidiger und Richter in einer
Person ; dem Zensor ist die Verwaltung des Geistes an-
vertraut; der Zensor ist unverantwortlich.
15 Die Zensur könnte nur einen provisorisch loyalen Cha¬
rakter erhalten, wenn sie den ordentlichen Gerichten
unterworfen würde, was allerdings unmöglich ist, solange es keine
objektiven Zensurgesetze gibt. Aber das allerschlechteste Mittel
ist, die Zensur wieder vor Zensur zu stellen, etwa vor einen Ober-
20 Präsidenten oder ein Oberzensurkollegium.
Alles, was von dem Verhältnis der Presse zur Zensur, gilt wie¬
der vom Verhältnis der Zensur zur Oberzensur und vom Verhält¬
nis des Schriftstellers zum Oberzensor, obgleich ein Mittel¬
glied eingeschoben ist. Es ist dasselbe Verhältnis, auf eine
25 höhere Staffel gestellt, der merkwürdige Irrtum, die Sache zu
lassen und ihr ein anderes Wesen durch andere Personen geben
zu wollen. Wollte der Zwangsstaat loyal sein, so höbe er sich
auf. Jeder Punkt erforderte denselben Zwang und denselben
Gegendruck. Die Oberzensur müßte wieder zensiert werden. Um
3o diesem tödlichen Kreis zu entgehen, entschließt man sich, illoyal
zu sein, die Gesetzlosigkeit beginne nun in der dritten oder neun-
undneunzigsten Schichte. Weil dies Bewußtsein dem Beamtenstaat
unklar vorschwebt, sucht er wenigstens die Sphäre der Gesetzlosig¬
keit so hoch zu stellen, daß sie den Blicken entschwindet, und
35 glaubt dann, sie sei verschwunden.
Die eigentliche RadikalkurderZensur wäre ihre A b -
Schaffung; denn das Institut ist schlecht, und die Institutionen
sind mächtiger als die Menschen. Doch, unsere Ansicht mag richtig
sein oder nicht. Jedenfalls gewinnen die preußischen Schrift-
*o steiler durch die neue Instruktion, entweder an ree 1 -
lerFreiheit, oder an ideeller, an Bewußtsein.
Rara temporum félicitas, ubi quae velis sentire et quae sentias
dicere licet.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt.. Bd. 1, 1. Hbd.
17
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß
und Feuerbach
Strauß und Feuerbach! Wer von beiden hat recht in der neulich
angeregten Frage vom Begriffe des Wunders? St., der auf den
Gegenstand noch als Theolog, darum befangen, oder F., der ihn als 5
Nicht-Theolog, darum frei betrachtet? St., der die Dinge ansieht,
wie sie in den Augen der spekulativen Theologie erscheinen,
oder F., der sie sieht, wie sie sind? St., der es zu keinem ent¬
scheidenden Urteil über das Wunder bringt noch eine besondere,
vom Wunsche unterschiedene Macht des Geistes durch das Wim- 10
der hindurch ahndet — gleich als wäre nicht der Wunsch eben
diese von ihm aus geahndete Macht des Geistes oder Menschen,
nicht z. B. der Wunsch, frei zu sein, der erste Aktus der Frei¬
heit — oder F., der kurzen Prozeß macht und sagt: das Wunder
ist die Realisation eines natürlichen oder menschlichen Wunsches 15
auf supranaturalistische Weise? Wer von beiden hat recht?
Luther — eine sehr gute Autorität, eine Autorität, die alle pro¬
testantischen Dogmatiken samt und sonders unendlich über¬
wiegt, weil die Religion bei ihm eine unmittelbare Wahr¬
heit, sozusagen Natur war — Luther entscheide. 2o
Luther sagt zum Beispiel — denn es ließen sich unzählige
ähnliche Stellen aus ihm anführen — über die Erweckung der
Toten bei Lucas 7: „Unsers Herm Jesu Christi Werk sollen wir
anders und höher ansehen, denn der Menschen Werk, denn um
der Ursachen willen sind sie auch uns fürgeschrieben, daß wir an n
denselben Werken erkennen sollen, was er für ein Herr sei, näm¬
lich ein solcher Herr und Gott, der helfen kann,
da sonst niemand vermag zu helfen, also daß kein
Mensch so hoch und tief gefallen sei, dem er nicht aushelfen
könne, es sei auch die Noth, wie sie wolle.“ „Und was ist bei 30
unserm Herrn Gott unmöglich, daß wir’s nicht getrost
auf ihn wagen wollten? Er hat ja aus nichts Himmel und
Erden und alles geschaffen. Er macht noch alle Jahre die
Bäume voll Kirschen, Spillinge, Aepfel und Birnen, und bedarf
nichts dazu. Unmöglich ist’s unser einem, wenn im Winter 35
der Schnee liegt, daß er ein einiges Kirschlein aus dem Schnee
bringen sollte. Aber Gott ist der Mann, der alles kann zu¬
recht bringen, der da lebendig machen kann, was
todt ist, und r uff en dem, das nicht ist, daß es sei,
Summa, es sei so tieff gefallen, wie es wolle, so ist’s unserm Herm
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach
175
Gott nicht zu tieff gefallen, daß er’s nicht könnte empor heben und
aufrichten. Das ist noth, daß wir solche Werke an Gott erkennen
und wissen, daß ihm nichts unmöglich ist, auf daß,
wenn es übel zugeht, wir lernen auf seine All-
smächtigkeitunerschrocken sein. Es komme der Türke
oder ein ander Unglück, daß wir denken, es sei ein Helfer
und Retter da, der eine Hand habe, die allmächtig ist und
helffen könne. Und das ist der rechte, wahrhaff-
tige Glaube.“ „An Gott soll man keck sein und nicht
/overzagen. Denn was ich und andere Menschen nicht können und
vermögen, das kann und vermag er. Kann ich und andere
Leutemehrnichthelffen,sokannermirhelffen und
mich auch vom Tode erretten, wie der 68. Psalm sagt:
WirhabeneinenGott,derdahilfft, und den Herrn
15 Herrn, der vom Tode errettet. Daß also unser Herz im¬
mer keck und getrost sei und an Gott festhalte. Und das sind
Herzen, die Gott recht dienen und ihn lieben, nämlich die unver¬
zagt und unerschrocken sind.“ „In Gott und seinem Sohn
Jesu Christo sollen wir keck sein. Denn was wir nicht
zökönnen, das kann er; was wir nicht haben, das
hat er. Können wir uns nicht helffen, so kann er
helffen und will es sehrgern und willig th un, wie man
hier siehet.“ (Luthers Werke. Leipzig 1732. [Bd. XVL] S. 442 bis
445.) In diesen wenigen Worten habt ihr eine Apologie der
25 ganzen Feuerbachschen Schrift — eine Apologie von den Defini¬
tionen der Vorsehung, Allmacht, Kreation, des Wun¬
ders, des Glaubens, wie sie in dieser Schrift gegeben sind.
0 schämt euch, ihr Christen, ihr vornehmen und gemeinen,
gelehrten und ungelehrten Christen, schämt euch, daß ein
so Antichrist euch das Wesen des Christentums in seiner wahren
unverhüllten Gestalt zeigen mußte! Und euch, ihr spekulativen
Theologen und Philosophen, rate ich: macht euch frei von den Be¬
griffen und Vorurteilen der bisherigen spekulativen Philosophie,
wenn ihr anders zu den Dingen, wie sie sind, d. h. zur Wahrheit
35 kommen wollt. Und es gibt keinen anderen Weg für euch zur
Wahrheit und Freiheit, als durch den Feuer — bach.
Der Feuerbach ist das Purgatorium der Gegenwart.
Kein Berliner.
17e
Aus:
RHEINISCHE ZEITUNG
für Politik, Handel und Gewerbe
Köln
Die Artikel sind in der Zeit vom 5. Mai 1842 bis 18. März 1843 in
der RhZ veröffentlicht worden, mit Ausnahme des als Manuskript vor¬
handenen Fragments über die Zentralisationsfrage (p. 230—31) und
des von der Zensur gestrichenen Abschnitts über die Ehe (p. 255—56)
in dem Artikel „Das philosophische Manifest der historischen Rechts¬
schule“, dessen Manuskript erhalten ist.
Tafel VI
Spottbild auf das Verbot der Rheinischen Zeitung
Anfang Februar 1843
Die Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags
Von einem Rheinländer
Erster Artikel
Debatten über Preßfreiheit und Publikation der
Landständischen Verhandlungen
[RhZ 5. Mai 1842. Nr. 125, Beiblatt]
♦** Zum Erstaunen des ganzen schreibenden und lesenden
Deutschlands publizierte die preußische „Staatszei¬
tung“ an einem schönen Berliner Frühlingsmorgen ihre
io Selbstbekenntnisse. Allerdings wählte sie eine vornehme,
diplomatische, nicht eben kurzweilige Form der Beichte. Sie gab
sich den Schein, ihren Schwestern den Spiegel der Erkenntnis
vorhalten zu wollen; sie sprach mystischerWeise nur von anderen
preußischen Zeitungen, während sie eigentlich von der preußi-
15 sehen Zeitung par excellence, von sich selbst redete.
Diese Tatsache läßt mancherlei Erklärung zu. Cäsar sprach
von sich als einer dritten Person. Warum sollte die preußische
„Staatszeitung“ nicht von dritten Personen als sich selbst sprechen?
Kinder, die von sich selbst sprechen, pflegen sich nicht „Ich“,
2o sondern „Georg“ etc. zu nennen. Warum sollte die preußische
„Staatszeitung“ für ihr „Ich“ die „Vossische“, „Spenersche“ oder
irgendeinen anderen Heiligennamen nicht gebrauchen dürfen?
Die neue Zensurinstruktion war erschienen. Unsere Zeitungen
glaubten das Aussehen und die Konventionsbildung der Freiheit
25 adoptieren zu müssen. Auch die preußische „Staatszeitung“ war
gezwungen, zu erwachen und irgendeinen liberalen — wenigstens
selbständigen — Einfall zu haben.
Die erste notwendige Bedingung der Freiheit ist aber Selbst¬
erkenntnis, und Selbsterkenntnis ist eine Unmöglichkeit ohne
so Selbstbekenntnis.
Man halte daher fest, daß die preußische „Staatszeitung“
Selbstbekenntnisse geschrieben hat; man vergesse nie,
daß wir hier das erste Erwachen des halboffiziellen Preßkindes
zum Selbstbewußtsein erblicken, und alle Rätsel werden sich
35 lösen. Man wird sich überzeugen, daß die preußische „Staats¬
zeitung“ „manches große Wort gelassen ausspricht“, und nur
unschlüssig bleiben, ob man mehr die Gelassenheit der Größe
oder die Größe der Gelassenheit bewundern soll.
180
Aus der Rheinischen Zeitung
Kaum war die Zensurinstruktion erschienen, kaum hatte sich
die Staatszeitung von diesem Schlage erholt, als sie in die Frage
ausbricht: „Was hat euch preußischen Zeitungen die größere
Zensurfreiheit genützt?“
Offenbar will sie sagen: Was haben mir die vielen Jahre 5
strikter Zensurobservanz genützt? Was ist aus mir, trotz sorgfäl¬
tigster und allseitigster Beaufsichtigung und Bevormundung, ge¬
worden? Und was soll nun gar jetzt aus mir werden? Das Gehen
habe ich nicht gelernt, und ein schaulustiges Publikum erwartet
Entrechats von der Lendenlahmen! So wird’s euch auch sein, w
meine Schwestern! Laßt uns dem preußischen Volke unsere
Schwächen bekennen, doch laßt uns diplomatisch in unserem Be¬
kenntnis sein. Wir sagen ihm nicht geradezu, daß wir uninteressant
sind. Wir sagen ihm, daß, wenn die preußischen Zeitungen un¬
interessant für das preußische Volk, der preußische Staat un-is
interessant für die Zeitungen ist.
Die kühne Frage der „Staatszeitung“, die noch kühnere Ant¬
wort sind bloße Präludien ihres Erwachens, traumartige Andeu¬
tungen des Textes, den sie durchführen wird. Sie erwacht zum Be¬
wußtsein, sie spricht ihren Geist aus. Lauscht dem Epimenides! 20
Es ist bekannt, daß die erste theoretische Tätigkeit des Ver¬
standes, der noch halb zwischen Sinnlichkeit und Denken
schwankt, das Zählen ist. Das Zählen ist der erste freie theo¬
retische Verstandesakt des Kindes. Laßt uns zählen,
ruft die preußische „Staatszeitung“ ihren Schwestern zu. Die 25
Statistik ist die erste politische Wissenschaft! Ich kenne den
Kopf eines Menschen, wenn ich weiß, wieviel Haare er produziert.
Was du willst, daß dir geschehe, das tue anderen. Und wie
könnte man uns selbst und gar mich, die preußische „Staatszei-
tung“, besser würdigen als statistisch! Nicht nur, daß ich so oft 30
erscheine wie irgendeine französische oder englische Zeitung, so
wird die Statistik nachweisen, daß ich weniger gelesen werde als
irgendeine Zeitung der zivilisierten Welt. Zieht die Beamten ab,
die sich halb mißliebig für mich interessieren müssen, rechnet die
öffentlichen Lokale ab, denen ein halboffizielles Organ nicht 35
fehlen darf, wer liest mich, ich frage, wer? Berechnet, was ich
koste; berechnet, was ich einnehme, und ihr werdet gestehen, daß
es kein einträgliches Amt ist, große Worte gelassen auszusprechen.
Seht ihr, wie schlagend die Statistik ist, wie das Zählen weit¬
läufigere geistige Operationen überflüssig macht! Also zählt! 40
Zahlentabellen instruieren das Publikum, ohne seinen Affekt zu
erregen.
Und die Staatszeitung stellt sich mit ihrer statistischen Wich¬
tigkeit nicht nur dem Chinesen, nicht nur dem Weltstatisten
Pythagoras zur Seite! sie zeigt, daß sie von dem großen Natur-«
Debatten über Preßfreiheit
181
Philosophen jüngster Zeit affiziert ist, der die Unterschiede der
Tiere etc. einst in Zahlenreihen darstellen wollte.
So ist die „preußische Staatszeitung“ nicht ohne moderne
philosophische Grundlagen, wenn sie auch ganz positiv scheint.
5 Die „Staatszeitung“ ist allseitig. Sie bleibt nicht bei der
Zahl, der Zeitgröße stehen. Sie treibt ihre Anerkennung
des quantitativen Prinzips weiter, sie spricht auch die Berech¬
tigung der Raumgröße aus. Der Raum ist das erste, dessen
Größe dem Kinde imponiert. Es ist die erste Größe der Welt,
10 die das Kind erfährt. Es hält daher einen großgewachsenen Mann
für einen großen Mann, und die kindliche „Staatszeitung“ erzählt
uns, daß dicke Bücher unverhältnismäßig besser sind wie
dünne, und nun gar einzelne Blätter, Zeitungen, die täg¬
lich nur einen Druckbogen liefern!
is Ihr Deutschen könnt euch nun einmal nur umständlich aus¬
sprechen! Schreibt recht weitläufige Bücher über Staatseinrich¬
tung, recht grundgelehrte Bücher, die niemand liest als der Herr
Verfasser und der Herr Rezensent, aber bedenkt, daß eure Zei¬
tungen keine Bücher sind. Bedenkt, wie viel Bogen auf ein gründ-
2o liches Werk von drei Bänden gehen! Sucht also den Geist des
Tages und der Zeit nicht in den Zeitungen, die euch statistische
Tabellen liefern wollen, sondern sucht ihn in den Büchern, deren
Raumgröße schon für ihre Gründlichkeit bürgt.
Bedenkt, ihr guten Kinder, daß es sich hier um „gelehrte“
25 Dinge handelt, geht in die Schule der dicken Bücher, und ihr
werdet uns Zeitungen schon liebgewinnen wegen unseres luftigen
Formats, wegen unserer weltmännischen Leichtigkeit, die wahr¬
haft erquickend sind, nach den dicken Büchern.
Allerdings! Allerdings! Unsere Zeit hat nicht mehr jenen
so realen Sinn für Größe, den wir am Mittelalter bewundern. Seht
unsere winzigen pietistischen Traktätlein, seht unsere philosophi¬
schen Systeme in kleinem Oktav, und nun wendet euren Blick auf
die 20 Riesenfolianten des Duns Scotus. Ihr braucht die Bücher
nicht zu lesen ; schon ihr abenteuerlicher Anblick rührt euer Herz,
35 schlägt eure Sinne, wie etwa ein gotisches Gebäude. Diese natur¬
wüchsigen Riesenwerke wirken materiell auf den Geist; er fühlt
sich erdrückt unter der Masse, und das Gefühl der Gedrücktheit
ist der Anfang der Ehrfurcht. Ihr habt die Bücher nicht, sie haben
euch. Ihr seid ein Accidens zu ihnen, und so, meint die preu-
ßische „Staatszeitung“, solle das Volk ein Accidens zu seiner poli¬
tischen Literatur sein.
So ist die „Staatszeitung“ nicht ohne historische, der gedie¬
genen Zeit des Mittelalters angehörige Grundlagen, wenn sie
auch ganz modern redet.
*5 Ist aber das theoretische Denken des Kindes quantitativ:
182
Aus der Rheinischen Zeitung
so ist sein Urteil wie sein praktisches Denken zunächst praktisch¬
sinnlich. Die sinnliche Beschaffenheit ist das erste Band, das es
mit der Welt verknüpft. Die praktischen Sinne, vorzugs¬
weise Nase und Mund, sind die ersten Organe, mit denen es die
Welt beurteilt. Die kindliche preußische „Staatszeitung“ be- 5
urteilt daher den Wert der Zeitungen, so ihren eigenen Wert, mit
der Nase. Wenn ein griechischer Denker die trockenen Seelen
für die besten hält, so hält die „Staatszeitung“ die „wohl¬
riechenden“ Zeitungen für die „guten“ Zeitungen. Sie
weiß nicht genug den „literarischen Parfüm“ der „All-10
gemeinen Augsburger“ und des „Journal des Débats“ anzu¬
preisen. Lobenswerte, seltene Naivität! Großer, allergrößter
Pompejus!
Nachdem die „Staatszeitung“ uns so durch einzelne, dankens¬
werte Äußerungen tiefe Blicke in ihren Seelenzustand erlaubt is
hat, faßt sie schließlich ihre Staatsansicht in eine große Reflexion
zusammen, deren Pointe die große Entdeckung ist: „daß in Preu¬
ßen die Staatsverwaltung und der ganze Organismus des Staates
getrennt seien vom politischen Geiste, daher weder für Volk
noch für Zeitungen politisches Interesse haben könnten.“ 20
Nach der Ansicht der preußischen „Staatszei¬
tung“ hätte also die Staatsverwaltung in Preußen nicht den po¬
litischen Geist, oder der politische Geist hätte die Staatsverwal¬
tung nicht. Undelikate „Staatszeitung“, zu behaupten, was der
ärgste Gegner nicht schlimmer wenden könnte, zu behaupten, daß 25
das wirkliche Staatsleben ohne politischen Geist sei und daß der
politische Geist nicht im wirklichen Staate lebe!
Doch wir dürfen den kindlich-sinnlichen Stand¬
punkt der preußischen „Staatszeitung“ nicht vergessen. Sie er¬
zählt uns, daß man bei Eisenbahnen bloß an Eisen und Bahnen, 30
bei Handelsverträgen bloß an Zucker und Kaffee, bei Leder¬
fabriken bloß an Leder zu denken habe. Allerdings, das Kind
bleibt bei der sinnlichen Wahrnehmung stehen, es sieht
bloß das Einzelne, und die unsichtbaren Nervenfäden, die dieses
Besondere mit dem Allgemeinen verknüpfen, die, wie überall, 35
so im Staate, die materiellen Teile zu beseelten Gliedern des
geistigen Ganzen machen, sind für das Kind nicht vorhanden.
Das Kind glaubt, die Sonne drehe sich um die Erde; das Allge¬
meine drehe sich um das Einzelne. Das Kind glaubt daher nicht
an den Geist, aber es glaubt an Gespenster. 40
So hält die preußische „Staatszeitung“ den politischen Geist
für ein französisches Gespenst; und sie denkt das Gespenst zu
beschwören, wenn sie ihm Leder, Zucker, Bajonette und Zahlen
an den Kopf wirft.
Doch, wird unser Leser einfallen, wir wollten über die „rhei- 45
Debatten über Preßfreiheit
183
nischen Landtagsverhandlungen“ debattieren, und statt dessen
führt man uns den „unschuldigen Engel“, das greisen¬
hafte Preßkind, die „Preußische Staatszeitung“ vor und repetiert
die altklugen Wiegenlieder, mit denen sie sich und ihre Schwestern
5 in gedeihlichen Winterschlaf wieder und wieder einzulullen sucht.
Aber sagt nicht Schiller:
„Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.“
Die preußische „Staatszeitung“ hat uns „in aller
10 E i n f a 11“ daran erinnert, daß wir in Preußen so gut wie in Eng¬
land Landstände besitzen, deren Verhandlungen die Tages¬
presse ja debattieren dürfe, wenn sie könne; denn die
„Staatszeitung“ in großem klassischen Selbstbewußtsein vermeint,
es fehle den preußischen Zeitungen nicht an dem Dürfen, son-
15 dem am Können. Das letztere gestehen wir ihr vorzugsweise
als Privilegium zu, indem wir uns zugleich, ohne weitere Expli¬
kation über ihre Potenz, die Freiheit nehmen, den Einfall, den
sie in aller Einfalt hatte, zu verwirklichen.
Die Veröffentlichung der landständischen Verhandlun-
20 gen wird erst eine Wahrheit, wenn dieselben als „öffentliche
Tatsachen“ behandelt, d. h. Gegenstand der Presse werden.
Der letzte rheinische Landtag liegt uns am nächsten.
Wir beginnen mit seinen „Debatten über Preßfrei¬
heit“ und müssen vorläufig bemerken, daß, während in dieser
25 Frage unsere eigene positive Ansicht zuweilen als Mitspieler auf¬
tritt, wir in den späteren Artikeln mehr als historische Zuschauer
den Gang der Verhandlungen begleiten und darstellen werden.
Die Natur der Verhandlungen selbst bedingt diesen Unter¬
schied der Darstellung. In allen übrigen Debatten finden wir
30 nämlich die verschiedenen Meinungen der Landstände auf glei¬
chem Niveau. In der Preßfrage dagegen haben die Gegner der
freien Presse manches voraus. Abgesehen von den Stichworten
und Gemeinplätzen, die in der Atmosphäre liegen, finden wir bei
diesen Gegnern einen pathologischen Affekt, eine
35 leidenschaftliche Eingenommenheit, die ihnen eine wirkliche,
nicht imaginäre Stellung zur Presse gibt, deren Verteidiger
auf diesem Landtag im Ganzen kein wirkliches Verhält¬
nis zu ihrem Schützling haben. Sie haben die Freiheit der Presse
nie als Bedürfnis kennen gelernt. Sie ist ihnen eine Sache
io des Kopfes, an der das Herz keinen Teil hat. Sie ist ihnen eine
„exotische“ Pflanze, mit der sie durch bloße „Liebhaberei“ in
Konnex stehen. Es geschieht daher, daß ein zu allgemeines vages
Räsonnement den besonderen „guten“ Gründen der Gegner ent¬
184
Aus der Rheinischen Zeitung
gegengestellt wird, und der bornierteste Einfall hält sich für be¬
deutend, so lange ihm seine Existenz nicht genommen ist.
Goethe sagt einmal, dem Maler glückten nur solche weiblichen
Schönheiten, deren Typus er wenigstens in irgendeinem lebendigen
Individuum geliebt habe. Auch die Preßfreiheit ist eine Schön- 5
heit — wenn auch gerade keine weibliche — die man geliebt haben
muß, um sie verteidigen zu können. Was ich wahrhaft liebe, des¬
sen Existenz empfinde ich als eine notwendige, als eine, deren
ich bedürftig bin, ohne die mein Wesen nicht erfülltes, nicht be¬
friedigtes, nicht vollständiges Dasein haben kann. Jene Vertei-10
diger der Preßfreiheit scheinen vollständig da zu sein, ohne daß
die Preßfreiheit da wäre.
[RhZ 8. Mai 1842. Nr. 128, Beiblatt]
Die liberale Opposition zeigt uns den Höhestand
einer politischen Versammlung, wie die Opposition überhaupt15
den Höhestand einer Gesellschaft. Eine Zeit, in welcher es philo¬
sophische Kühnheit ist, an Gespenstern zu zweifeln, in welcher es
Paradoxie ist, sich gegen Hexenprozesse aufzulehnen, eine solche
Zeit ist die legitime Zeit der Gespenster und Hexenprozesse.
Ein Land, welches, wie das alte Athen, Speichellecker, Parasiten, w
Schmeichler als Ausnahmen von der Volksvemunft, als V o 1 k s -
narren traktiert, ist das Land der Unabhängigkeit und Selb¬
ständigkeit. Ein Volk, welches, wie alle Völker der besten Zeit,
das Recht, die Wahrheit zu denken und auszusprechen, den Hof¬
narren vindiziert, kann nur ein Volk der Abhängigkeit und 25
Selbstlosigkeit sein. Eine Ständeversammlung, in welcher die
Opposition versichert, daß die Willensfreiheit zum Wesen des
Menschen gehöre, ist wenigstens nicht die Ständeversammlung
der Willensfreiheit. Die Ausnahme zeigt uns die Regel. Die libe¬
rale Opposition zeigt uns, was liberale Position, wie weit die Frei-
heit Mensch geworden ist.
Wenn wir daher bemerkt haben, daß die landständischen Ver¬
teidiger der Preßfreiheit sich keineswegs auf der Höhe ihres
Gegenstandes bewegen, so gilt dies noch mehr von dem ganzen
Landtag überhaupt. 55
Und dennoch nehmen wir die Darstellung der landständischen
Verhandlungen an diesem Punkte auf, nicht nur aus besonderem
Interesse für die Preßfreiheit, sondern ebensowohl aus allgemei¬
nem Interesse für den Landtag. Wir finden nämlich den spe¬
zifisch ständischen Geist nirgends klarer, entschiedener *0
und voller ausgeprägt als in den Debatten über die Presse. Vor¬
zugsweise gilt dies von der Opposition gegen die Pre߬
freiheit, wie überhaupt in der Opposition gegen eine a 11 -
Debatten über Preßfreiheit
185
gemeine Freiheit der Geist der bestimmten Sphäre, das
individuelle Interesse des besonderen Standes, die natürliche Ein¬
seitigkeit des Charakters sich am schroffsten und rücksichts¬
losesten herauswenden und gleichsam ihre Zähne zeigen.
5 Die Debatten bringen uns eine Polemik des Fürstenstandes
gegen die freie Presse, eine Polemik des Ritterstandes, eine Po¬
lemik des Standes der Städte, so daß nicht das Individuum,
sondern der Stand polemisiert. Welcher Spiegel könnte also
den inneren Charakter des Landtags treuer zurückgeben als die
10 Preß-Debatten?
Wir beginnen mit den Opponenten gegen die freie
Presse, und zwar wie billig mit einem Redner aus dem
Fürstenstand.
Auf den ersten Teil seines rednerischen Vortrags, nämlich:
io „daß Preßfreiheit und Zensur beides Übel seien usw.“, gehen wir
nicht sachlich ein, da dieses Thema von einem anderen Redner
gründlicher durchgeführt wird; nur die eigene Argumen¬
tation des Redners dürfen wir nicht übergehen.
„Die Zensur“ sei „ein geringeres Übel als der Unfug der
Presse“. „Diese Überzeugung befestigte sich nach und
nach so in unserem Deutschland (es fragt sich, welcher Teil von
Deutschland das ist), daß auch von Bundes wegen Ge¬
setze darüber erlassen wurden, welche Preußen mit gab und
sich ihnen mit unterwarf“.
Der Landtag verhandelt über die Befreiung der Presse von ihren
Banden. Diese Bande selbst, ruft der Redner, die Ketten, an denen
die Presse liegt, beweisen, daß sie nicht zu freier Bewegung be¬
stimmt ist. Ihre gefesselte Existenz zeugt gegen ihr Wesen.
Die Gesetze gegen die Preßfreiheit widerlegen die Preßfreiheit.
30 Ein diplomatisches Argument gegen alle Reform, wel¬
ches am entschiedensten die klassische Theorie einer ge¬
wissen Partei ausspricht. Jede Freiheitsschranke ist ein faktischer,
ein unumstößlicher Beweis, daß bei den Machthabern die Über¬
zeugung einmal vorhanden war, man müsse die Freiheit beschrän-
35 ken, und diese Überzeugung dient dann als Regulativ für die
späteren Überzeugungen.
Man hatte einmal befohlen, daß die Sonne sich nicht um die
Erde bewege. War Galilei widerlegt?
So hatte sich auch in unserem Deutschland die Reichs-
40 Überzeugung, welche die einzelnen Fürsten teilten, gesetzlich ge¬
bildet, daß die Leibeigenschaft eine Eigenschaft gewisser mensch¬
licher Leiber sei, daß die Wahrheit am evidentesten durch chirur¬
gische Operationen, wir meinen die Folter, ermittelt werde, daß
die Flammen der Hölle dem Ketzer schon durch die Flammen
45 der Erde zu demonstrieren seien.
186 Aus der Rheinischen Zeitung
War die gesetzliche Leibeigenschaft nicht ein faktischer Be¬
weis gegen die rationelle Grille, daß der menschliche Leib kein
Objekt der Behandlung und des Besitzes sei? Widerlegte die
naturwüchsige Folter nicht die hohle Theorie, daß man mit Ader¬
lässen nicht die Wahrheit herauszapft, daß die Spannung des «
Rückens auf der Marterleiter nicht rückhaltlos macht, daß
Krämpfe keine Bekenntnisse sind?
So, meint der Redner, widerlegt das Faktum der Zensur die
Preßfreiheit, was seine faktische Richtigkeit hat, was eine Wahr¬
heit von solcher Faktizität ist, daß die Topographie ihre Größe 10
abmessen kann, indem sie bei gewissen Schlagbäumen aufhört,
faktisch und wahr zu sein.
„Weder in Rede noch in Schrift,“ werden wir weiter belehrt,
„weder in unserer Rheinprovinz noch im ganzen Deutschland er¬
scheine die wahre und edlere geistige Entwicklung gefesselt.“ is
Der edle Wahrheitsschmelz unserer Presse sei eine Gabe der
Zensur.
Wir kehren zunächst die frühere Argumentation des Redners
gegen ihn selbst; wir geben ihm statt eines rationalen Grundes
eine Verordnung. In der neuesten preußischen Zensurinstruktion 20
wird offiziell bekanntgemacht, daß die Presse bisher übergroßen
Beschränkungen unterlegen, daß sie wahren nationalen Gehalt
erst zu erringen habe. Redner sieht, daß die Überzeugungen in
unserem Deutschland wandelbar sind.
Aber welch unlogisches Paradoxon, die Zensur als Grund 25
unserer besseren Presse zu betrachten!
Der größte Redner der französischen Revolution, dessen voix
toujours tonnante noch in unsere Zeit herüber tönt, der Löwe, den
man selbst brüllen hören mußte, um ihm mit dem Volke zuzu¬
rufen: „Gut gebrüllt, Löwe!“, Mirabeau, hat sich in Gefäng- 30
nissen gebildet. Sind deswegen Gefängnisse die Hochschulen der
Beredtsamkeit?
Es ist ein wahrhaft fürstliches Vorurteil, wenn trotz aller
geistigen Mautsysteme der deutsche Geist ein Großhändler ge¬
worden ist, zu meinen, die Zollsperren und1) Kordons hätten ihn 35
zum Großhändler gemacht. Die geistige Entwicklung Deutschlands
ist nicht durch , sondern trotz der Zensur vor sich gegangen.
Wenn die Presse innerhalb der Zensur verkümmert und ver¬
elendet, so führt man dies als Argument gegen die freie Presse an,
obgleich es nur gegen die unfreie zeugt. Wenn die Presse trotz
der Zensur ihr charaktervolles Wesen bewährt, so führt man dies
für die Zensur an, obgleich es nur für den Geist und nicht für die
Fessel spricht.
Im Original Druckfehler in
Debatten über Preßfreiheit
187
Übrigens hat es mit der „wahren edleren Entwick¬
lung“ seine Bewandtnis.
In der Zeit der strikten Zensurobservanz von 1819—1830 (spä¬
ter wurde die Zensur, wenn auch nicht in „unserem Deutschland“,
5 so doch in einem großen Teile Deutschlands von den Zeitverhält¬
nissen und seltsamen Überzeugungen, die sich gebildet hatten,
zensiert) erlebte unsere Literatur ihre „Abendblattszeit“,
die man mit demselben Recht „wahr und edel und geistig und
entwicklungsreich“ nennen kann, als sich der Redakteur der
io Abendzeitung, ein geborener „Wink 1 er“, humoristischer¬
weise „H e 11“ benamste, obgleich wir ihm nicht einmal die Hel¬
ligkeit der Sümpfe um Mitternacht nachrühmen dürfen. Dieser
„Krähwinkler“ mit der Firma „Hell“ ist der Prototyp der da¬
maligen Literatur, und jene Fastenzeit wird die Nachwelt über-
15 zeugen, daß, wenn wenige Heilige 40 Tage ohne Speise ausharren
konnten, ganz Deutschland, welches nicht einmal heilig war, über
zwanzig Jahre ohne alle geistige Konsumption und Produktion zu
leben verstand. Die Presse war niederträchtig geworden,
und man schwankt nur, ob der Mangel an Verstand den Mangel
2o an Charakter, ob die Formlosigkeit die Inhaltslosigkeit übertraf,
oder ob umgekehrt. Für Deutschland würde die Kritik das
Höchste erreichen, wenn sie beweisen könnte, daß jene Periode
nie existiert hat. Das einzige Literaturgebiet, in welchem damals
noch lebendiger Geist pulsierte, das philosophische, hörte
25 auf, deutsch zu sprechen, weil die deutsche Sprache aufgehört
hatte, die Sprache des Gedankens zu sein. Der Geist sprach in
unverständlichen, mysteriösen Worten, weil die verständlichen
Worte nicht mehr verständig sein durften.
Was mm gar das Beispiel der rheinischen Literatur
so betrifft — und allerdings liegt dies Beispiel einem rheinischen
Landstande ziemlich nahe —, so könnte man mit der Diogenes-
lateme alle fünf Regierungsbezirke durchwandern, und nirgends
würde man „diesem Menschen“ begegnen. Wir halten dies nicht
für einen Mangel der Rheinprovinz, sondern vielmehr für einen
35 Beweis ihres praktisch-politischen Sinnes. Die Rheinprovinz kann
eine „freie Presse“ zeugen, aber zu einer „unfreien“
fehlt es ihr an Gewandtheit und an Illusionen.
Die eben erst abgelaufene Literaturperiode, die wir als „die
Literaturperiode der strikten Zensur“ bezeichnen können, ist also
40 der evidente, der geschichtliche Beweis, daß die Zensur allerdings
die Entwicklung des deutschen Geistes auf eine heillose, unver¬
antwortliche Art beeinträchtigt hat und daß sie also keineswegs,
wie dem Redner dünkte, zum magister bonarum artium bestimmt
ist. Oder verstand man etwa unter der „edleren wahren Presse“
45 eine Presse, die ihre Ketten mit Anstand trägt?
188
Aus der Rheinischen Zeitung
Wenn sich der Redner „erlaubt, an ein bekanntes Sprichwort
vom kleinen Finger und der ganzen Hand“ zu erinnern, so nehmen
wir uns die Gegenerlaubnis, zu fragen, ob es der Würde einer Re¬
gierung nicht am meisten gezieme, dem Geiste ihres Volkes nicht
nur eine ganze Hand, sondern beide Hände ganz zu geben? 5
Unser Redner hat, wie wir gesehen, die Frage über das Ver¬
hältnis von Zensur und geistiger Entwicklung auf nachlässig vor¬
nehme, diplomatisch nüchterne Weise beseitigt. Noch entschie¬
dener repräsentiert er die negative Seite seines Standes in seinem
Angriff auf die historische Gestaltung der Preß-w
f reih eit.
Was die Existenz der Preßfreiheit bei anderen Völkern betreffe,
so könne „England keinen Maßstab abgeben, da dort schon
seit Jahrhunderten auf historischem Wege sich Verhältnisse
ausgebildet hätten, die in keinem anderen Lande durch Anwendung u
von Theorien hervorgerufen werden könnten, sondern in Eng¬
lands eigentümlicher Lage ihre Begründung gefunden
hätten“. „In Holland habe Freiheit der Presse nicht vor er¬
drückender Nationalschuld bewahren können und
größtenteils zur Herbeiführung einer Revolution 20
mitgewirkt, die den Abfall der Hälfte dieses Landes zur Folge
gehabt habe.“ Frankreich übergehen wir, um später darauf zu¬
rückzukommen. „In der Schweiz endlich, sollte man dort wohl
ein durch Freiheit der Presse beglücktes Eldorado finden können?
Gedenke man nicht mit Ekel der rohen, in dortigen Blättern25
verhandelten Parteistreitigkeiten, in welchen die Namen der Par¬
teien, im richtigen Gefühl ihrer geringen menschlichen Würde,
sich nach Teilen des tierischen Körpers in Horn-
und Klauenmänner sonderten und durch platte Schmäh¬
reden sich bei allen Nachbarn verächtlich machten!“ 30
Die englische Presse spricht nicht für die Preßfreiheit
überhaupt, weil sie auf historischen Grundlagen be¬
ruht. Die Presse in England hat nur Verdienst, weil sie historisch
ist, nicht als Presse überhaupt, denn sie hätte sich ohne histo¬
rische Grundlagen machen müssen. Die Historie hat hier das 35
Verdienst und nicht die Presse. Als wenn die Presse nicht auch
zur Historie gehörte, als wenn die englische Presse nicht unter
Heinrich VIII., Marini der Katholischen, Elisabeth und Jakob
harte, oft barbarische Kämpfe bestanden hätte, um dem englischen
Volke seine historischen Grundlagen zu erringen!
Und spräche es nicht im Gegenteil für die Preßfreiheit, wenn
die englische Presse bei größter Ungebundenheit nicht destruierend
auf die historischen Grundlagen wirkte? Allein der Redner ist
nicht konsequent.
Die englische Presse beweist nicht für die Presse überhaupt, <5
Debatten über Preßfreiheit
189
weil sie englisch ist. Die holländische Presse spricht gegen
die Presse überhaupt, obschon sie nur holländisch ist. Das
eine Mal werden alle Vorzüge der Presse den historischen Grund¬
lagen, das andere Mal alle Mängel der historischen Grundlagen
5 der Presse vindiziert. Das eine Mal soll die Presse nicht auch
ihren Anteil an der historischen Vollkommenheit, das andere Mal
soll die Historie nicht auch ihren Anteil an den Mängeln der
Presse haben. Wie die Presse in England mit dessen Historie und
eigentümlicher Lage verwachsen ist, so in Holland und in der
10 Schweiz.
Soll die Presse historische Grundlagen abspiegeln, aufheben
oder entwickeln? Jedes macht ihr der Redner zum Vorwurf.
Er tadelt die holländische Presse, weil sie histo¬
risch ist. Sie hätte die Historie verhindern, sie hätte
is Holland vor erdrückender Nationalschuld bewahren
müssen! Welche unhistorische Forderung! Die holländische
Presse konnte das Zeitalter Ludwig des XIV. nicht verhindern;
die holländische Presse konnte nicht verhindern, daß die eng¬
lische Marine unter Cromwell sich zur ersten europäischen her-
20 auf schwang; sie konnte keinen Ozean zaubern, der Holland von
der peinlichen Rolle erlöst hätte, der Schauplatz der kriegführen¬
den Kontinentalmächte zu sein; sie konnte ebensowenig, wie alle
Zensuren in Deutschland zusammen, Napoleons Machtgebote
annullieren.
w Hat aber die freie Presse jemals Nationalschulden erhöht?
Als unter Orleans dem Regenten ganz Frankreich in Law’sche
Finanzrasereien sich verlor, wer trat dieser phantastischen Sturm-
und Drangperiode der Geldspekulation gegenüber als einige Sa¬
tiriker, die allerdings keine Bankbillets, sondern Bastillebillets
3o bezogen.
Das Verlangen, die Presse solle vor Nationalschuld be¬
wahren, was dahin weiter ausgeführt werden kann, daß sie auch
den einzelnen Individuen ihre Schulden bezahlen solle, erinnert
an jenen Literaten, der stets auf seinen Arzt grollte, weil dieser
w ihm zwar die Krankheiten seines Leibes wegkuriere, nicht aber zu¬
gleich die Druckfehler seiner Schriften. Die Preßfreiheit ver¬
spricht so wenig wie der Arzt, einen Menschen oder ein Volk voll¬
kommen zu machen. Sie ist selbst keine Vollkommenheit. Es ist
triviale Manier, das Gute damit zu schmähen, daß es ein be-
io stimmtes Gut und nicht alles Gute auf einmal, daß es dieses
und kein anderes Gute sei. Allerdings, wenn die Pre߬
freiheit alles in allem wäre, so machte sie alle übrigen Funktionen
eines Volks und das Volk selbst überflüssig.
Redner wirft der holländischen Presse die belgische Re¬
solution vor.
Marx-Engels-Gesamtausgabe. I. Abt.. Bd. 1, 1. Hbd. 18
190
Aus der Rheinischen Zeitung
Kein Mensch von einiger geschichtlicher Bildung wird leugnen,
daß die Trennung Belgiens und Hollands ungleich histori¬
scher war als ihre Vereinigung.
Die Presse in Holland habe die belgische Revolution bewirkt.
Welche Presse? Die reformatorische oder die reaktionäre? Eine 5
Frage, die wir auch in Frankreich auf werf en können, und wenn
Redner etwa die klerikalisch-belgische Presse tadelt, die zugleich
demokratisch war, so tadle er ebenso die klerikalische Presse in
Frankreich, die zugleich absolutistisch war. Beide haben zum
Umsturz ihrer Regierungen mitgewirkt. In Frankreich hat nicht ic
die Preßfreiheit, sondern die Zensur revolutioniert.
Aber abgesehen hiervon, die belgische Revolution erschien
zuerst als geistige Revolution, als Revolution der Presse. Weiter
hat die Behauptung keinen Sinn, daß die Presse die belgische Re¬
volution gemacht habe. Ist das nun zu tadeln? Soll die Révolu-15
tion gleich materiell auftreten? Schlagen statt sprechen? Die
Regierung kann eine geistige Revolution materialisieren; eine
materielle Revolution muß erst die Regierung vergeistigen.
Die belgische Revolution ist ein Produkt des belgischen Geistes.
Also hat auch die Presse, die freieste Weise, in welcher heutzutage 20
der Geist erscheint, ihren Anteil an der belgischen Revolution.
Die belgische Presse wäre nicht die belgische Presse, wenn sie der
Revolution femgestanden, aber ebensowohl wäre die belgische
Revolution keine belgische, wenn sie nicht zugleich Revolution
der Presse gewesen. Die Revolution eines Volkes ist t o t a 1 ; d. h» 25
jede Sphäre revoltiert auf ihre Weise; warum nicht auch die
Presse als Presse?
Redner tadelt an der belgischen Presse also nicht die Presse,
er tadelt Belgien. Und hier finden wir den Springpunkt
seiner historischen Ansicht von der Preßfreiheit. Der volks-30
tiimliche Charakter der freien Presse — und bekanntlich malt
selbst der Künstler keine großen historischen Tableaux mit Was¬
serfarben —, die historische Individualität der freien Presse, die
sie zur eigentümlichen Presse ihres eigentümlichen Volksgeistes
macht, widerstreben dem Redner aus dem Fürstenstande, er stellt 33
vielmehr die Forderung an die Pressen der verschiedenen Na¬
tionen, die Pressen seiner Ansicht, die Pressen der haute volée
zu sein, und statt um die geistigen Weltkörper, die Nationen, um
einzelne Individuen zu kreisen. Unverhüllt tritt diese Forderung
in der Beurteilung der Schweizerpresse hervor. 40
Vorläufig erlauben wir uns eine Frage. Warum besann sich
der Redner nicht, daß die Schweizerpresse der Voltaireschen Auf¬
klärung in Albrecht v. Haller entgegentrat? Warum gedenkt er
nicht, daß, wenn die Schweiz auch gerade kein Eldorado, doch
den Propheten des künftigen Fürsten-Eldorado gezeugt hat, eben- 45
Debatten über Preßfreiheit
191
falls ein Hr. v. Haller, der in seiner „Restauration der Staats¬
wissenschaften“ das Fundament zu der „edleren wahren“ Presse,
zu dem „Berliner politischen Wochenblatt“ gelegt hat? An ihren
Früchten sollt ihr sie erkennen. Und welcher Boden in der Welt
6 hätte der Schweiz eine Frucht von dieser vollsaftigen Legitimität
entgegenzuhalten ?
Redner verübelt es der Schweizerpresse, daß sie die
„tierischen Parteinamen“ der „Hom- und Klauenmänner“ auf-
genommen, kurz, daß sie schweizerisch spricht und zu
10 Schweizern, die mit Ochsen und Kühen in gewisser patri¬
archalischer Eintracht leben. Die Presse dieses Landes
ist die Presse dieses Landes. Weiter ist darüber nichts
zu sagen. Zugleich aber führt eben die freie Presse über die Be¬
schränktheit des Landespartikularismus hinaus, wie ebenfalls die
15 Schweizerpresse beweist.
Über die tierischen Parteinamen insbesondere be¬
merken wir, daß die Religion selbst das Tierische als Symbol
des Geistigen würdigt. Unser Redner wird jedenfalls die in¬
dische Presse verwerfen, die in religiöser Begeisterung die Kuh
so Sabala und den Affen Hanuman feierte. Er wird der indischen
Presse die indische Religion, wie der Schweizerpresse den Schwei¬
zercharakter, vorwerfen; aber es gibt eine Presse, die er schwer¬
lich der Zensur unterwerfen will, wir meinen die heilige
Presse, die Bibel; und teilt diese nicht die ganze Menschheit
25 in die beiden großen Parteien der Böcke und Schafe? Cha¬
rakterisiert Gott selbst sein Verhältnis zu den Häusern Juda und
Israel nicht folgendermaßen: „Ich bin dem Hause Juda eine
Motte und dem Hause Israel eine Made?“ Oder, was uns
Weltlichen näher liegt, gibt es nicht eine fürstliche L i t e -
joratur, welche die ganze Anthropologie in Zoologie
verwandelt, wir meinen die heraldische Literatur? Die
bringt noch andere Kuriosa als Hom- und Klauenmänner.
Was hat also der Redner an der Preßfreiheit getadelt? Daß
die Mängel eines Volkes zugleich die Mängel
35 seiner Presse sind, daß sie die rücksichtslose Sprache,
die offenbare Gestalt des historischen Volksgeistes ist. Hat er be¬
wiesen, daß der deutsche Volksgeist von diesem großen
Naturprivilegium ausgeschlossen ist? Er hat gezeigt, daß jedes
Volk seinen Geist in seiner Presse ausspricht. Soll dem phi-
4o losophisch gebildeten Geist der Deutschen nicht zukommen, was
nach des Redners eigener Versicherung bei den im Tierischen ge¬
bundenen Schweizern sich findet?
Meint endlich der Redner, daß die nationalen Mängel der
freien Presse nicht ebenso Nationalmängel der Zen-
45 soren sind? Sind die Zensoren eximiert von der historischen
18*
192
Aus der Rheinischen Zeitung
Gesamtheit, unberührt vom Geiste einer Zeit? Leider mag es der
Fall sein, aber welcher gesunde Mensch wird in der Presse nicht
lieber die Sünden der Nation und der Zeit, als in der Zensur die
Sünden gegen Nation und Zeit entschuldigen?
Wir haben im Eingänge bemerkt, daß in den verschiedenen &
Rednern ihr besonderer Stand gegen die Preßfreiheit po¬
lemisiert. Der Redner aus dem Fürstenstande stellte zunächst
diplomatische Gründe auf. Er bewies das Unrecht der
Preßfreiheit aus den fürstlichen Überzeugungen, die
in Zensurgesetzen sich deutlich genug ausgesprochen hätten. Er 10
meinte, die edlere, wahre Entwicklung des deutschen Geistes sei
durch die Hemmungen von oben gemacht worden. Er polemi¬
sierte endlich gegen die Völker und verwarf mit edler
Scheu die Preßfreiheit als die undelikate, indiskrete, auf sich
selbst gerichtete Sprache eines Volkes. is
[RhZ 10. Mai 1842. Nr. 130, Beiblatt]
Der Redner aus dem Ritterstande, zu dem wir
jetzt kommen, polemisiert nicht gegen die Völker, sondern gegen
die Menschen. Er bestreitet in der Preßfreiheit die
menschliche Freiheit, im Preß gesetz das Gesetz. 20
Bevor er auf die eigentliche Frage über Preßfreiheit eingeht,
nimmt er die Frage über unverkürzte und tägliche
Publikation der Landtagsdebatten auf. Wir folgen
ihm, Schritt vor Schritt.
„Dem ersten der Anträge auf Veröffentlichung un- 25
serer Verhandlungen sei genügt.“ „In die Hände
des Landtags sei es gelegt, von der erteilten Erlaubnis einen
weisen Gebrauch zu machen.“
Eben das ist das punctum quaestionis. Die Provinz glaubt,
daß der Landtag erst in ihre Hände gelegt ist, sobald die Ver- 30
öffentlichung der Debatten nicht mehr der Willkür seiner Weis¬
heit überlassen, sondern eine gesetzliche Notwendigkeit gewor¬
den ist. Wir müßten die neue Konzession als einen neuen Rück¬
schritt bezeichnen, wenn sie so zu interpretieren, daß die Pu¬
blikation der Willkür der Landstände anheimfällt. 3S
Privilegien der Landstände sind keine Rechte
der Provinz. Vielmehr hören die Rechte der Provinz gerade
da auf, wo sie zu Privilegien der Landstände werden. So hatten
die Stände des Mittelalters alle Rechte des Landes in sich absor¬
biert und wendeten sie als Vorrechte gegen das Land. 40
Der Staatsbürger will das Recht nicht als Privilegium wissen.
Kann er für ein Recht halten, neue Privilegierte zu alten Privi¬
legierten hinzuzufügen?
Debatten über Preßfreiheit
193
Die Rechte des Landtags sind auf diese Weise nicht mehr
Rechte der Provinz, sondern Rechte wider die
Provinz, und der Landtag selbst wäre das der Provinz am
meisten entgegenstehende Unrecht mit der mysti-
5 sehen Bedeutung, für ihr größtes Recht gelten zu sollen.
Wie sehr nun der Redner aus dem Ritterstande
dieser mittelaltrigen Auffassung des Landtags verfallen
ist, wie rückhaltlos er das Privilegium des Landstandes gegen das
Recht des Landes verficht, wird der Verfolg seiner Rede be-
10 weisen.
„Die Ausdehnung dieser Erlaubnis (der Publikation der De¬
batten) könne nur aus der inneren Überzeugung, nicht aber aus
äußeren Einwirkungen hervorgehen“.
Eine überraschende Wendung! Die Einwirkung der Provinz
15 auf ihren Landtag wird als ein Äußeres bezeichnet, dem
die Überzeugung der Landstände als zartsinnige Inner¬
lichkeit gegenübersteht, deren höchstirritable Natur der Pro¬
vinz zuruft: „Noli me tangere!“ Um so denkwürdiger ist diese
elegische Floskel von der „inneren Überzeugung“ gegen-
20 über dem rauhen, äußerlichen, unberechtigten Nordwind der
„öffentlichen Überzeugung“, als der Antrag gerade darauf geht,
die innere Überzeugung der Landstände äußerlich zu machen.
Allerdings finden wir auch hier Inkonsequenz. Wo es dem Redner
füglicher scheint, in den kirchlichen Kontroversen, provo-
ziert er auf die Provinz.
„Wir“, fährt der Redner fort, „würden sie (die Publikation)
eintreten lassen, da, wo wir es für zweckmäßig erachten,
und sie beschränken, da, wo u n s eine Ausdehnung zweck¬
los oder gar wohl schädlich erschiene.“
3o Wir werden tun, was wir wollen. Sic volo, sic iubeo, stat
pro ratione voluntas. Es ist vollständige Herrschersprache, die
allerdings im Munde eines modernen Standesherm einen rühren¬
den Beischmack hat.
Wer sind „wir“? Die Landstände. Die Veröffentlichung
35 der Debatten ist für die Provinz und nicht für die Stände, aber
Redner belehrt uns des besseren. Auch die Publikation der Ver¬
handlungen ist ein Privilegium der Landstände, die das
Recht haben, wenn sie es passend finden, ihrer Weisheit das viel¬
stimmige Echo des Preßbengels zu geben.
*o Der Redner kennt nur die Provinz der Landstände, nicht die
Landstände der Provinz. Die Landstände haben eine Provinz,
worauf das Privilegium ihrer Tätigkeit sich erstreckt, aber die
Provinz hat keine Landstände, durch welche sie selbst tätig wäre.
Allerdings hat die Provinz das Recht, unter vorgeschriebenen
45 Bedingungen, sich diese Götter zu machen, aber gleich nach der
194 Aus der Rheinischen Zeitung
Schöpfung muß sie, wie der Fetischdiener, vergessen, daß es
Götter ihres Händewerkes sind.
Es ist dabei unter anderem nicht abzusehen, warum eine Mon¬
archie ohne Landtag nicht mehr wert ist als eine Mon¬
archie mit Landtag, denn ist der Landtag nicht die Re- 5
Präsentation des Provinzialwillens, so hegen wir zur öffentlichen
Intelligenz der Regierung mehr Vertrauen als zur Privatintelli-
genz von Grund und Boden.
Wir haben hier das sonderbare, vielleicht im Wesen der Land¬
tage gegründete Schauspiel, daß die Provinz nicht sowohl durch 10
als mit ihren Stellvertretern zu kämpfen hat. Nach dem Redner
hält der Landtag nicht die allgemeinen Rechte der Provinz für
seine einzigen Privilegien, denn in diesem Fall wäre die tägliche
unverkürzte Publikation der Landtagsverhandlungen ein neues
Recht des Landtags, weil des Landes, sondern vielmehr soll das 15
Land die Vorrechte der Landstände für seine einzigen Rechte
halten; warum nicht auch die Vorrechte irgendeiner Beamten¬
klasse und des Adels oder der Priester!
Ja, unser Redner spricht unverhohlen aus, daß die Vorrechte
der Landstände in dem Maße abnehmen, als die Rechte der Pro- 20
vinz zunehmen.
„Ebenso wünschenswert es ihm erscheine, daß hier in der
Versammlung Freiheit der Diskussion stattfände
und ein ängstliches Abwägen der Worte vermieden würde, ebenso
notwendig erscheine es ihm zur Erhaltung dieser F r e i - 25
heit des Wortes und dieser Unbefangenheit der
Rede, daß unsereWorte zurzeit nur noch von denjenigen
beurteilt würden, für die sie bestimmt seien.“
Eben weil die Freiheit der Diskussion, schließt der Redner, in
unserer Versammlung wünschenswert ist — und welche Freiheiten 30
wären uns nicht wünschenswert, wo es sich von uns handelt —
eben darum ist die Freiheit der Diskussion in der Provinz nicht1)
wünschenswert. Weil es wünschenswert ist, daß wir unbe¬
fangen sprechen, ist es noch wünschenswerter, die Provinz in
der Gefangenschaft des Geheimnisses zu erhalten. U n - 35
sere Worte sind nicht für die Provinz bestimmt.
Man muß den Takt anerkennen, womit der Redner heraus¬
gefühlt hat, daß der Landtag durch die unverkürzte Publikation
seiner Debatten aus einem Vorrecht der Landstände ein Recht
der Provinz würde, daß er, unmittelbar Gegenstand des öffent- 40
liehen Geistes geworden, sich entschließen müßte, eine Vergegen-
ständlichung des öffentlichen Geistes zu sein, daß er, in das Licht
des allgemeinen Bewußtseins gestellt, sein besonderes Wesen gegen
das allgemeine aufzugeben hätte.
x) Im Original Druckfehler höchst
Debatten über Preßfreiheit
195
Wenn aber der ritterliche Redner persönliche Privilegien, in¬
dividuelle, dem Volke und der Regierung gegenüberstehende
Freiheiten für die allgemeinen Rechte versieht und damit un¬
streitig den exklusiven Geist seines Standes treffend ausge-
5 sprochen hat, so interpretiert er dagegen den Geist der Provinz
aufs allerverkehrteste, wenn er nun ebenfalls ihre allgemeinen
Forderungen in persönliche Gelüste umwandelt.
So scheint der Redner eine persönlich-lüsterne Neugier der
Provinz auf unsere Worte (sc. der landständischen Persön-
10 lichkeiten) zu unterstellen.
Wir versichern ihn, daß die Provinz keineswegs neugierig ist
auf „die Worte“ der Landstände als einzelner Personen, und nur
„solche“ Worte können sie mit Recht „ihre“ Worte nennen. Viel¬
mehr verlangt die Provinz, daß die Worte der Landstände sich
io verwandeln sollen in die öffentlich vernehmbare Stimme des
Landes.
Es handelt sich davon, ob die Provinz ein Bewußtsein
über ihre Vertretung haben soll oder nicht! Soll zu dem
Mysterium der Regierung das neue Mysterium der Vertretung
20 hinzukommen? Auch in der Regierung ist das Volk vertreten. Die
neue Vertretung desselben durch die Stände ist also rein sinnlos,
wenn nicht eben darin ihr spezifischer Charakter besteht, daß hier
nicht für die Provinz gehandelt wird, sondern daß sie vielmehr
selbst handelt; daß sie hier nicht repräsentiert wird, sondern viel-
25 mehr sich selbst repräsentiert. Eine Repräsentation, die dem Be¬
wußtsein ihrer Kommittenten entzogen ist, ist keine. Was ich nicht
weiß, macht mich nicht heiß. Es ist der sinnlose Widerspruch,
daß die Funktion des Staates, die vorzugsweise die Selbsttätig-
k e i t der einzelnen Provinzen darstellt, sogar ihrem formel-
3o 1 en Mitwirken, dem Mitwissen entzogen ist, der sinnlose
Widerspruch, daß meine Selbsttätigkeit die mir unbewußte Tat
eines anderen sein soll.
Eine Publikation der Landtagsverhandlungen aber, die der
Willkür der Landstände anheim gefallen ist, ist schlechter als gar
35 keine, denn wenn der Landtag mir gibt, nicht was er ist, sondern
was er für mich scheinen will, so nehme ich ihn als das, als was er
sich gibt, als Schein, und es ist schlimm, wenn der Schein gesetz¬
liche Existenz hat.
Ja selbst die tägliche unverkürzte Veröffentlichung durch
4o den Druck, heißt sie mit Recht unverkürzt und öffent¬
lich? Ist es keine Verkürzung, die Schrift dem Wort, Schemata
den Personen, die papieme Aktion der wirklichen Aktion zu sub¬
stituieren? Oder besteht die Öffentlichkeit nur darin, daß die
wirkliche Sache dem Publikum referiert, und nicht vielmehr
45 darin, daß sie dem wirklichen Publikum referiert wird,
196
Aus der Rheinischen Zeitung
d. h. nicht dem imaginären lesenden, sondern dem lebendigen
gegenwärtigen Publikum?
Nichts ist widersprechender, als daß die höchste öffent¬
liche Aktion der Provinz geheim sei, daß die Gerichtstüre zu
Privatprozessen der Provinz offen steht und daß sie in ihrem 5
eigenen Prozesse vor der Tür stehen bleiben muß.
Die unverkürzte Publikation der Landtagsverhandlungen kann
daher in ihrem wahren konsequenten Sinne nichts anderes sein als
die volle Öffentlichkeit des Landtags.
Unser Redner geht im Gegenteil dahin fort, den Landtag als 10
eine Art Estaminet zu betrachten.
„Auf eine langjährige Bekanntschaft sei bei den
meisten von uns das gute persönliche Einvernehmen
gegründet, in welchem wir uns trotz der verschiedensten Ansichten
über die Sachen befänden, ein Verhältnis, welches sich auf die
neu Eintretenden vererbe.“
„Gerade dadurch seien wir am meisten imstande, den Wert
unsererWorte zu würdigen, und würde dies um so unbefan¬
gener geschehen, je weniger wir äußeren Einflüssen eine Ein¬
wirkung gestatteten, die nur alsdann von Nutzen sein dürfte, wenn 20
sie uns in der Gestalt eines wohlmeinenden Rates zur Seite
treten, nicht aber in Gestalt eines absprechenden Urteils,
eines Lobes oder Tadels, auf unsere Persönlichkeit
durch die Öffentlichkeit einzuwirken suchen.“
Der Herr Redner spricht zum Gemüt.
Wir sind so familiär zusammen, wir parlieren so ungeniert,
wir wägen so genau den Wert unserer respektiven Worte,
sollten wir unsere so patriarchalische, so vornehme, so bequeme
Stellung durch das Urteil der Provinz alterieren lassen, die unse¬
ren Worten vielleicht weniger Wert beimißt? 30
Da sei Gott für. Der Landtag verträgt den Tag nicht. In der
Nacht des Privatlebens ist uns heimlicher zumute. Wenn die ganze
Provinz das Vertrauen hat, ihre Rechte einzelnen Individuen an¬
zuvertrauen, so versteht es sich von selbst, daß diese einzelnen
Individuen so herablassend sind, das Vertrauen der Provinz zu 35
akzeptieren, aber es wäre wirkliche Überspanntheit, zu verlangen,
sie sollten nun Gleiches mit Gleichem vergelten und vertrauensvoll
sich selbst, ihre Leistungen, ihre Persönlichkeiten, dem Urteil der
Provinz hingeben, die ihnen erst ein Urteil von Konsequenz ge¬
geben hat. Jedenfalls ist es wichtiger, daß die Persönlichkeit der 40
Landstände nicht durch die Provinz, als daß das Interesse der
Provinz nicht durch die Persönlichkeit der Landstände gefährdet
werde.
Wir wollen auch billig sein, auch huldvollst. Wir, und wir
sind eine Art Regierung, wir erlauben zwar kein absprechendes 45
Debatten über Preßfreiheit
197
Urteil, zwar kein Lob, zwar keinen Tadel, wir erlauben der Öffent¬
lichkeit keinen Einfluß auf unsere persona sacrosancta, aber wir
gestatten wohlmeinenden Rat, nicht in dem abstrakten
Sinne, daß er es für das Land wohlmeine, sondern in dem voller
5 tönenden, daß er eine passionierte Zärtlichkeit für die land¬
ständischen Personen, eine besondere Meinung von ihrer Vorzüg¬
lichkeit besitze.
Zwar könnte man meinen, wenn die Öffentlichkeit unserem guten
Einvernehmen, so müsse unser gutes Einvernehmen der Öffent-
10 lichkeit schädlich sein. Allein diese Sophistik vergißt, daß der
Landtag der Tag der Landstände und nicht der Tag der Provinz
ist. Und wer vermöchte dem schlagendsten aller Argumente zu
widerstehen? Wenn die Provinz verfassungsmäßig Stände ernennt,
um ihre allgemeine Intelligenz zu repräsentie-
15 ren, so hat sie sich selbst eben damit alles eigenen Ur¬
teils und Verstands völlig begeben, die nun einzig in den Aus¬
erwählten inkorporiert sind. Wie Sagen gehen, daß große Er¬
finder getötet, oder, was keine Sage ist, lebendig auf Festungen
vergraben wurden, sobald sie ihr Geheimnis dem Machthaber mit-
2o geteilt, so stürzt sich die politische Vernunft der Provinz jedesmal
ins eigene Schwert, sobald sie die große Erfindung der Landstände
gemacht hat, allerdings um als Phönix für die folgenden Wahlen
neu zu erstehen.
Nach diesen gemütvoll zudringlichen Schilderungen der Ge-
85 fahren, die den landständischen Persönlichkeiten durch die Publi¬
kation der Verhandlungen von außen, d. h. von der Provinz
drohen, schließt der Redner diese Diatribe mit dem leitenden
Gedanken, den wir bisher verfolgt haben.
„Die parlamentarische Freiheit“, ein sehr wohl-
3o klingendes Wort, „befinde sich in ihrer ersten Entwicklungs¬
periode. Sie müsse unter Schutz und Pflege diejenige in¬
nere Kraft und Selbständigkeit gewinnen, die durchaus
notwendig wären, bevor sie äußeren Stürmen ohne Nachteil
preisgegeben werden könnte.“ Wieder der alte fatale Gegensatz des
35 Landtags als des Inneren und der Provinz als des Äußeren.
Wir waren allerdings schon lange der Meinung, daß die par¬
lamentarische Freiheit erst im Anfang ihres Anfangs
steht, und selbst vorliegende Rede hat uns von neuem überzeugt,
daß die primitiae studiorum in den politicis noch immer nicht
5o absolviert sind. Keineswegs aber meinen wir damit — und die vor¬
liegende Rede bestätigt wiederum unsere Meinung — daß dem
Landtag noch längere Frist zu geben sei, sich selbständig zu ver¬
knöchern, gegen die Provinz. Vielleicht versteht der Redner
unter parlamentarischer Freiheit die Freiheit der
halten französischen Parlamente. Nach seinem eigenen Ge¬
198 Aus der Rheinischen Zeitung
ständnis herrscht eine langjährige Bekanntschaft unter den
Landständen, ihr Geist geht schon als epidemisches Erbe
auf die homines novi über, und noch immer nicht Zeit zur Öffent¬
lichkeit? Der 12. Landtag kann dieselbe Antwort geben wie
der 6., nur mit der dezidierteren Wendung, daß er z u selbständig 5
sei, um sich das vornehme Privilegium des gehei¬
men Verfahrens entreißen zu lassen.
Allerdings die Entwicklung der parlamentarischen
Freiheit im altfranzösischen Sinne, die Selbständigkeit gegen die
öffentliche Meinung, die Stagnation des Kastengeistes entwickele io
sich durch Isolierung am gründlichsten, aber vor eben dieser Ent¬
wicklung kann man nicht zeitig genug warnen. Eine wahrhaft poli¬
tische Versammlung gedeiht nur unter dem großen Protektorat
des öffentlichen Geistes, wie das Lebendige nur unter
dem Protektorat der freien Luft. Bloß „exotische“ Pflanzen, n
Pflanzen, die in ein fremdes Klima versetzt sind, bedürfen Schutz
und Pflege des Treibhauses. Betrachtet der Redner den
Landtag als eine „exotische“ Pflanze im freien heiteren Klima der
Rheinprovinz?
Wenn unser Redner aus dem Ritterstande mit fast komischem 20
Emst, mit fast melancholischer Würde und beinah religiösem
Pathos das Postulat von der hohen Weisheit der Land¬
stände, wie von ihrer mittelaltrigen Freiheit und Selb¬
ständigkeit entwickelt hat, so wird der Unkundige verwun¬
dert sein, ihn in der Frage über Preßfreiheit von der hohen 2s
Weisheit des Landtags auf die durchgängige Unweisheit
des Menschengeschlechts, von der oben erst empfoh¬
lenen Selbständigkeit und Freiheit privilegierter Stände auf die
prinzipielle Unfreiheit und Unselbständigkeit
der menschlichen Natur herabsinken zu sehen. Wir sind 20
nicht verwundert, einer der heutzutag zahlreichen Gestalten des
christlich ritterlichen, modern feudalen, kurz des romantischen
Prinzips zu begegnen.
Diese Herren, weil sie die Freiheit nicht als natürliche Gabe
dem allgemeinen Sonnenlichte der Vernunft, sondern als über- 25
natürliches Geschenk einer besonders günstigen Konstellation der
Sterne verdanken wollen, weil sie die Freiheit als nur indivi¬
duelle Eigenschaft gewisser Personen und Stände be¬
trachten, sind konsequenterweise genötigt, die allgemeine Ver¬
nunft und die allgemeine Freiheit unter die schlechten Ge- 40
sinnungen und Hirngespinste „logisch geordneter
Systeme“ zu subsumieren. Um die besonderen Freiheiten des
Privilegiums zu retten, proskribieren sie die allgemeine Freiheit
der menschlichen Natur. Weil aber die böse Brut des neunzehnten
Jahrhunderts und das eigene von diesem Jahrhundert infizierte «
Debatten über Preßfreiheit 199
Bewußtsein der modernen Ritter nicht begreiflich finden können,
was an sich unbegreiflich, weil begrifflos ist, wie nämlich innere,
wesentliche, allgemeine Bestimmungen durch äußere, zufällige,
besondere Kuriosa mit gewissen menschlichen Individuen ver-
5 knüpft sein sollten, ohne mit dem Wesen des Menschen, mit der
Vernunft überhaupt verknüpft, also allen Individuen gemein zu
sein, so nehmen sie notwendigerweise ihre Zuflucht zum Wun¬
derbaren und Mystischen. Weil ferner die wirkliche
Stellung dieser Herren im modernen Staate keineswegs dem Be-
10 griff entspricht, den sie von ihrer Stellung haben, weil sie in einer
Welt leben, die jenseits der wirklichen liegt, weil also
die Einbildungskraft ihr Kopf und ihr Herz ist, so greifen
sie, in der Praxis unbefriedigt, notwendig zur Theorie, aber zur
Theorie des Jenseits, zur Religion, die jedoch in
15 ihren Händen eine polemische, von politischen Tendenzen ge¬
schwängerte Bitterkeit empfängt und mehr oder weniger bewußt
nur der Heiligenmantel für sehr weltliche, aber zugleich sehr
phantastische Wünsche wird.
So werden wir bei unserem Redner finden, daß er praktischen
20 Forderungen eine mystisch religiöse Theorie der Einbildung, daß
er wirklichen Theorien eine kleinlich-kluge, pragmatisch-pfiffige,
aus der oberflächlichsten Praxis geschöpfte Erfahrungsweisheit,
daß er dem menschlich Verständigen übermenschliche Heilig¬
keiten und dem wirklichen Heiligtum der Ideen die Willkür und
25 den Unglauben niedriger Gesichtspunkte entgegenstellt. Aus der
mehr vornehmen, mehr nonchalanten und daher nüchternen
Sprache des Redners aus dem Fürstenstand wird jetzt pathetische
Geschraubtheit und phantastisch-überschwengliche Salbung, die
früher vor dem einen Pathos des Privilegiums noch mehr zurück-
30 traten.
„Je weniger in Abrede gestellt werden könne, daß die Presse
heutzutage eine politische Macht sei, um so irriger erscheine ihm
die ebenfalls so vielfach verbreitete Ansicht, daß aus dem
Kampfe zwischen der guten und bösen Presse
35 Wahrheit und Licht hervorgehen werde und sich eine größere
und wirksamere Verbreitung derselben erwarten lasse. Der
Mensch sei im Einzelnen wie in Masse stets
derselbe. Er sei seiner Natur nach unvollkommen
und unmündig und bedürfe der Erziehung, so lange
4o seine Entwicklung dauere, die erst mit dem Tode aufhöre.
Die Kunst des Erziehens bestehe aber nicht im Bestrafen uner¬
laubter Handlungen, sondern in der Forderung guter und in dem
Femhalten böser Eindrücke. Von jener menschlichen
Unvollkommenheit sei aber unzertrennlich, daß der
«Sirenengesang des Bösen auf die Massen mächtig wirke
200
Aus der Rheinischen Zeitung
und, wenn nicht als ein absolutes, jedenfalls als ein schwer zu be¬
siegendes Hindernis der einfachen und nüchternen Stimme der
Wahrheit entgegentrete. Während die schlechte Presse nur
zu den Leidenschaften der Menschen rede, während ihr kein Mit¬
tel zu schlecht sei, wo es darauf ankomme, durch Aufregung der 5
Leidenschaften ihren Zweck zu erreichen, der da ist mög¬
lichste Verbreitung schlechter Grundsätze und
möglichste Förderung schlechter Gesinnungen,
während ihr alle Vorteile jener gefährlichsten aller Offen¬
siven zur Seite stehen, für die es objektiv keine Schranken des 10
Rechts und subjektiv keine Gesetze der Sittlichkeit, ja nicht ein¬
mal der äußeren Ehre gebe, sei die gute Presse stets nur
auf die Defensive beschränkt. Ihre Wirkungen könnten
größtenteils nur abwehrend, zurückhaltend und
festigend sein, ohne sich bedeutender Fortschritte auf das 15
feindliche Gebiet rühmen zu können. Glück genug, wenn nicht
äußere Hindernisse jenes noch erschweren.“
Wir haben diese Stelle ganz ausgezogen, um ihren etwaigen
pathetischen Eindruck auf den Leser nicht zu schwächen.
Der Redner hat sich à la hauteur des principes gestellt. Um 20
die Preßfreiheit zu bekämpfen, muß man die perma¬
nente Unmündigkeit des Menschengeschlechts verteidi¬
gen. Es ist eine ganz tautologische Behauptung, daß, wenn die
Unfreiheit das Wesen des Menschen, die Freiheit seinem Wesen
widerspricht. Böse Skeptiker könnten so waghalsig sein, dem &
Redner nicht auf sein Wort zu glauben.
Wenn die Unmündigkeit des Menschengeschlechts der mysti¬
sche Grund gegen die Preßfreiheit ist, so ist jedenfalls die Zensur
ein höchst verständiges Mittel gegen die Mündigkeit des Men¬
schengeschlechts. 30
Was sich entwickelt, ist unvollkommen. Die Entwicklung endet
erst mit dem Tode. Also bestünde die wahre Konsequenz darin,
den Menschen totzuschlagen, um ihn aus diesem Zustande der Un¬
vollkommenheit zu erlösen. So schließt wenigstens der Redner,
um die Preßfreiheit totzuschlagen. Die wahre Erziehung besteht 35
ihm darin, den Menschen sein ganzes Leben durch in der Wiege
eingewickelt zu halten, denn sobald der Mensch gehen lemt, lernt
er auch fallen, und nur durch Fallen lemt er gehen. Aber wenn
wir alle Wickelkinder bleiben, wer soll uns einwickeln? Wenn
wir alle in der Wiege liegen, wer soll uns wiegen? Wenn wir alle 40
Gefangene sind, wer soll Gefangenwärtel sein?
Der Mensch ist seiner Natur nach unvollkommen, im Einzelnen
wie in Masse. De principiis non est disputandum. Also zugegeben!
Was folgt daraus? Die Räsonnements unseres Redners sind un¬
vollkommen, die Regierungen sind unvollkommen, die Landtage 45
Debatten über Preßfreiheit
201
sind unvollkommen, die Preßfreiheit ist unvollkommen, jede
Sphäre der menschlichen Existenz ist unvollkommen. Soll also
eine dieser Sphären wegen dieser Unvollkommenheit nicht exi¬
stieren, so hat keine das Recht zu existieren, so hat der Mensch
5 überhaupt nicht das Recht der Existenz.
Die prinzipielle Un Vollkommenheit des Menschen voraus¬
gesetzt, nun gut, so wissen wir von vornherein bei allen mensch¬
lichen Institutionen, daß sie unvollkommen sind; das ist nicht
weiter zu berühren, das spricht nicht für, spricht nicht gegen sie,
das ist nicht ihr spezifischer Charakter, das ist nicht
ihr Unterscheidungsmerkmal.
Warum soll gerade die freie Presse unter allen diesen Unvoll¬
kommenheiten vollkommen sein? Warum verlangt ein un vollkom¬
mener Landstand eine vollkommene Presse?
25 Das Unvollkommene bedarf der Erziehung. Ist die Erziehung
nicht auch menschlich, daher unvollkommen? Bedarf die Er¬
ziehung nicht auch der Erziehung?
Wenn nun alles Menschliche seiner Existenz nach un¬
vollkommen ist, sollen wir deswegen alles durcheinanderwerfen,
20 alles gleich hoch achten, Gutes und Schlechtes, Wahrheit und
Lüge? Die wahre Konsequenz kann nur darin bestehen, wie ich
bei der Betrachtung eines Gemäldes den Standpunkt verlasse, der
mir nur Farbenkleckse, aber keine Farben, wüst durcheinander¬
laufende Linien, aber keine Zeichnung gibt, so den Standpunkt zu
25 verlassen, der mir die Welt und die menschlichen Verhältnisse
nur in ihrem äußerlichsten Scheine zeigt, ihn als unfähig zu er¬
kennen, den Wert der Dinge zu beurteilen, denn wie könnte mich
ein Standpunkt zum Urteil, zum Unterscheiden befähigen, der
über das ganze Universum nur den einen platten Einfall hat, daß
so alles in seiner Existenz unvollkommen ist? Dieser Standpunkt
selbst ist das Unvollkommenste unter den Unvollkommenheiten,
die er rings um sich sieht. Wir müssen also das Maß des Wesens
der inneren Idee an die Existenz der Dinge legen und uns um so
weniger durch die Instanzen einer einseitigen und trivialen Er-
35 fahrung irren lassen, als dieser zufolge ja alle Erfahrung weg¬
fällt, alles Urteil aufgehoben ist, alle Kühe schwarz sind.
[RhZ 12. Mai 1842. Nr. 132, Beiblatt]
Von dem Standpunkte der Idee aus versteht es sich von selbst,
daß die Preßfreiheit eine ganz andere Berechtigung hat als die
4o Zensur, indem sie selbst eine Gestalt der Idee, der Freiheit, ein
positiv Gutes ist, während die Zensur eine Gestalt der Unfreiheit,
die Polemik einer Weltanschauung des Scheines gegen die Welt¬
anschauung des Wesens, eine nur negative Natur ist.
202
Aus der Rheinischen Zeitung
Nein! Nein! Nein! ruft unser Redner dazwischen. Ich tadle
nicht die Erscheinung, ich tadle das Wesen. Die Freiheit ist das
Verruchte an der Preßfreiheit. Die Freiheit gibt die Möglichkeit
des Bösen. Also ist die Freiheit böse.
Böse Freiheit! 5
„Er hat sie erstochen im dunklen Hain,
Und den Leib versenket im tiefen Rhein!“
Aber:
„Diesmal muß ich zu dir reden,
Herr und Meister, hör’ mich ruhig!“ 10
Existiert etwa im Lande der Zensur nicht die
Preßfreiheit? Die Presse überhaupt ist eine Verwirklichung
der menschlichen Freiheit. Wo es also Presse gibt, gibt es Pre߬
freiheit.
Im Lande der Zensur hat zwar der Staat keine Preßfreiheit, 15
aber ein Staatsglied hat sie, die Regierung. Abgesehen davon,
daß die offiziellen Regierungsschriften vollkommene Preßfreiheit
haben, übt nicht der Zensor täglich eine unbedingte Preßfreiheit
aus, wenn auch nicht direkt, so indirekt?
Die Schriftsteller sind gleichsam seine Sekretäre. Wo der Se- 20
kretär nicht die Meinung des Prinzipals ausdrückt, streicht dieser
das Machwerk. Die Zensur schreibt also die Presse.
Die Querstriche des Zensors sind für die Presse dasselbe, was
die geraden Linien — die Kuas — der Chinesen für das Denken
sind. Die Kuas des Zensors sind die Kategorien der Literatur, und 25
bekanntlich sind die Kategorien die typischen Seelen des weiteren
Inhalts.
Die Freiheit ist so sehr das Wesen des Menschen, daß sogar
ihre Gegner sie realisieren, indem sie ihre Realität bekämpfen;
daß sie als kostbarsten Schmuck sich aneignen wollen, was sie als 30
Schmuck der menschlichen Natur verwarfen.
Kein Mensch bekämpft die Freiheit; er bekämpft höchstens die
Freiheit der anderen. Jede Art der Freiheit hat daher immer exi¬
stiert, nur einmal als besonderes Vorrecht, das andere Mal als all¬
gemeines Recht. 35
Die Frage hat jetzt erst einen konsequenten Sinn er¬
halten. Es fragt sich nicht, ob die Preßfreiheit existieren solle,
denn sie existiert immer. Es fragt sich, ob die Preßfreiheit das
Privilegium einzelner Menschen oder ob sie das Privilegium des
menschlichen Geistes ist? Es fragt sich, ob das Unrecht der einen 40
Seite sein soll, was das Recht der anderen ist? Es fragt sich, ob die
„Freiheit des Geistes“ mehr Recht hat als „die Frei¬
heiten gegen den Geist“?
Debatten über Preßfreiheit 203
Wenn aber die „freie Presse“ und die „Preßfreiheit64
als Verwirklichung der „allgemeinen Freiheit44 zu ver¬
werfen sind, so sind es Zensur und zensierte Presse
noch mehr als Verwirklichung einer besonderen Freiheit,
5 denn wie kann die Art gut sein, wenn die Gattung schlecht
ist? Wenn der Redner konsequent wäre, so müßte er nicht die
freie Presse, sondern die Presse verwerfen. Nach ihm wäre sie
erst dann gut, wenn sie kein Produkt der Freiheit, d. h. kein
menschliches Produkt wäre. Zur Presse überhaupt wären
io also entweder nur die Tiere oder die Götter berechtigt.
Oder sollen wir etwa — der Redner wagt es nicht auszu¬
sprechen — göttliche Inspiration in der Regierung und
in ihm selbst unterstellen?
Wenn eine Privatperson sich göttlicher Inspiration rühmt, so
is gibt es in unseren Gesellschaften nur einen Redner, der sie amt¬
lich widerlegt, der Irrenarzt.
Die englische Geschichte hat aber wohl zur Genüge
dargetan, wie die Behauptung der göttlichen Inspiration von oben
die Gegenbehauptung der göttlichen Inspiration von unten erzeugt,
20 und Karl der Erste stieg aufs Schafott aus göttlicher Inspiration
von unten.
Unser Redner aus dem Ritterstande geht zwar dahin fort, wie
wir später hören werden, Zensur und Preßfreiheit, zensierte
Presse und freie Presse als zwei Übel zu schildern, aber er
W kömmt nicht dazu, die Presse überhaupt als das Übel zu
bekennen.
Im Gegenteil! Er teilt die ganze Presse in die „gute44 und
in die „schlechte44 Presse ein.
Von der schlechten Presse wird uns das Unglaubliche er-
30 zählt, daß die Schlechtigkeit und die möglichste Verbreitung der
Schlechtigkeit ihr Zweck sei. Wir übergehen, daß Redner
unserer Leichtgläubigkeit zuviel zutraut, wenn er verlangt, wir
sollten auf sein Wort an eine Schlechtigkeit von Pro¬
fession glauben. Wir erinnern ihn nur an das Axiom, daß
35 alles Menschliche unvollkommen ist. Wird daher nicht auch die
schlechte Presse unvollkommen schlecht, also gut, und die gute
Presse unvollkommen gut, also schlecht sein?
Aber der Redner zeigt uns die Kehrseite. Er behauptet, daß
die schlechte Presse besser als die gute sei, denn die schlechte be-
4o finde sich stets in der Offensive, die gute in der Defen¬
sive. Nun hat er uns aber selbst gesagt, daß die Entwick¬
lung des Menschen erst mit dem Tode endet. Er hat allerdings
nicht viel damit gesagt, er hat nichts damit gesagt, als daß das
Leben mit dem Tode endet. Wenn aber das Leben des Menschen
/o Entwicklung ist und die gute Presse stets in der Defensive ist,
204 Aus der Rheinischen Zeitung
„sich nur abwehrend, zurückhaltend und festigend“ verhält, op¬
poniert sie damit nicht kontinuierlich gegen die Entwicklung, also
gegen das Leben? Entweder ist also diese gute defensive Presse
schlecht, oder die Entwicklung ist das Schlechte, wodurch denn
auch die vorherige Behauptung des Redners, daß der Zweck der s
„schlechten Presse möglichste Verbreitung schlechter Grundsätze
und möglichste Förderung schlechter Gesinnungen“ sei, ihre
mystische Unglaublichkeit in der rationalen Interpretation ver¬
liert; die möglichste Verbreitung von Grundsätzen und die mög¬
lichste Förderung der Gesinnung sei das Schlechte an der schiech-10
ten Presse.
Das Verhältnis der guten und schlechten Presse wird noch son¬
derbarer, wenn uns Redner versichert, daß die gute Presse ohn¬
mächtig und die schlechte allmächtig sei; denn die
erstere sei ohne Wirkung auf das Volk, während die letztere un- is
widerstehlich wirke. Die gute Presse und die ohnmächtige Presse
sind dem Redner identisch. Will er nun behaupten, daß das Gute
ohnmächtig oder daß das Ohnmächtige gut sei?
Er stellt dem Sirenengesang der schlechten Presse die nüch¬
terne Stimme der guten gegenüber. Mit nüchterner Stimme läßt 20
sich doch wohl am besten und effektvollsten singen. Der Redner
scheint nur die sinnliche Hitze der Leidenschaft, aber nicht die
heiße Leidenschaft der Wahrheit, nicht den siegesgewissen Enthu¬
siasmus der Vernunft, nicht das unwiderstehliche Pathos der sitt¬
lichen Mächte kennengelemt zu haben.
Unter die Gesinnungen der schlechten Presse subsumiert er
„den Stolz, der keine Autorität in Kirche und Staat anerkennt“,
den „Neid“, der die Abschaffung der Aristokratie predigt, und
Anderes, worauf wir später eingehen werden. Einstweilen be¬
gnügen wir uns mit der Frage, woher der Redner dies Isolierte als 39
das Gute weiß? Wenn die allgemeinen Mächte des Lebens schlecht
sind, und wir haben gehört, daß das Schlechte das Allmächtige,
das auf die Massen Wirkende ist, was und wer ist noch be¬
rechtigt, sich für gut auszugeben? Es ist dies die hochmütige Be¬
hauptung: Meine Individualität ist das Gute, die paar Existenzen, 35
die meiner Individualität zusagen, sind das Gute, und die böse
schlechte Presse will das nicht anerkennen. Die schlechte Presse!
Hat der Redner gleich im Beginn den Angriff auf die Pre߬
freiheit in einen Angriff auf die Freiheit verwandelt, so verwan¬
delt er ihn hier in einen Angriff auf das Gute. Seine Furcht vor 40
dem Schlechten zeigt sich als eine Furcht vor dem Guten. Er
fundiert die Zensur also auf eine Anerkennung des Schlechten und
eine Verkennung des Guten, oder verachte ich etwa einen Men¬
schen nicht, dem ich vorher sage, daß sein Gegner im Kampfe
siegen muß, weil er selbst zwar ein sehr nüchterner Gesell und ein 45
Debatten über Preßfreiheit
205
sehr guter Nachbar, aber ein sehr schlechter Held sei, weil er
zwar geweihte Waffen trage, aber sie nicht zu führen wisse, weil
zwar ich und er, wir beide, von seiner Vollkommenheit vollkom¬
men überzeugt seien, aber die Welt nie diese Überzeugung teilen
5 werde, weil es zwar gut um seine Meinung, aber elend um seine
Energie stehe?
So sehr nun die Distinktion [en] des Redners von guter und
schlechter Presse alle Widerlegung überflüssig gemacht haben, in¬
dem sie sich in ihren eigenen Widersprüchen verschlingen, so
io dürfen wir doch die Hauptsache nicht außer acht lassen, daß der
Redner die Frage ganz falsch gestellt hat und das zum Grunde
macht, was er begründen sollte.
Wenn man von zwei Arten der Presse sprechen will, so müssen
diese Unterschiede aus dem Wesen der Presse selbst, nicht aus
15 Rücksichten, die außerhalb ihrer liegen, genommen sein. Zen¬
sierte Presse oder freie Presse, eine von beiden, muß die gute oder
die schlechte Presse sein. Eben darüber wird ja debattiert, ob die
zensierte Presse oder die freie Presse gut oder schlecht sind, d. h.
ob es dem Wesen der Presse entspricht, eine freie oder unfreie
20 Existenz zu haben. Die schlechte Presse zur Widerlegung der
freien Presse machen, ist behaupten, daß die freie Presse schlecht
und die zensierte gut sei, was eben zu beweisen war.
Niedrige Gesinnungen, persönliche Schikanen, Infamien teilt
die zensierte Presse mit der freien Presse. Das bildet also nicht
2S ihren Gattungsunterschied, daß sie einzelne Produkte von dieser
oder jener Art erzeugen; auch im Sumpfe wachsen Blumen. Es
handelt sich hier um das Wesen, um den inneren Charakter, der
zensierte Presse und freie Presse scheidet.
Die freie Presse, die schlecht ist, entspricht dem Charakter ihres
so Wesens nicht. Die zensierte Presse mit ihrer Heuchelei, ihrer Cha¬
rakterlosigkeit, ihrer Eunuchensprache, ihrem hündischen Schwanz¬
wedeln verwirklicht nur die inneren Bedingungen ihres Wesens.
Die zensierte Presse bleibt schlecht, auch wenn sie gute Pro¬
dukte erzeugt, denn diese Produkte sind nur gut, insofern sie die
35 freie Presse innerhalb der zensierten darstellen, und insofern es
nicht zu ihrem Charakter gehört, Produkte der zensierten Presse
zu sein. Die freie Presse bleibt gut, auch wenn sie schlechte Pro¬
dukte erzeugt, denn diese Produkte sind Apostate von der Natur
der freien Presse. Ein Kastrat bleibt ein schlechter Mensch, wenn
4o er auch eine gute Stimme hat. Die Natur bleibt gut, wenn sie auch
Mißgeburten hervorbringt.
Das Wesen der freien Presse ist das charaktervolle, vernünf¬
tige, sittliche Wesen der Freiheit. Der Charakter der zensierten
Presse ist das charakterlose Unwesen der Unfreiheit, sie ist ein
45 zivilisiertes Ungeheuer, eine parfümierte Mißgeburt.
Marx-En geis-Gesamt ausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 19
206 Aus der Rheinischen Zeitung
Oder bedarf es noch des Beweises, daß die Preßfreiheit dem
Wesen der Presse entspricht und die Zensur ihm widerspricht?
Versteht es sich nicht von selbst, daß die äußere Schranke eines
geistigen Lebens nicht zum inneren Charakter dieses Lebens ge¬
hört, daß sie dieses Leben verneint und nicht bejaht? «
Um die Zensur wirklich zu rechtfertigen, hätte der Redner be¬
weisen müssen, daß die Zensur zum Wesen der Preßfreiheit ge¬
hört; statt dessen beweist er, daß die Freiheit nicht zum Wesen
des Menschen gehört. Er verwirft die ganze Gattung, um eine gute
Art zu erhalten, denn die Freiheit ist doch wohl das Gattungs-10
wesen des ganzen geistigen Daseins, also auch der Presse? Um die
Möglichkeit des Bösen aufzuheben, hebt er die Möglichkeit des
Guten auf und verwirklicht das Schlechte, denn menschlich gut
kann nur sein, was eine Verwirklichung der Freiheit ist.
Wir werden also die zensierte Presse so lang für die schlechte w
Presse halten, als uns nicht bewiesen wird, daß die Zensur aus
dem Wesen der Preßfreiheit selbst hervorgeht.
Aber selbst angenommen, die Zensur sei mit der Natur der
Presse zusammen geboren, obgleich kein Tier, viel weniger ein
geistiges Wesen, mit Ketten auf die Welt kommt, was folgte dar- 20
aus? Daß auch die Preßfreiheit, wie sie von offizieller Seite exi¬
stiert, daß auch die Zensur der Zensur bedürfe. Und wer soll die
Regierungspresse zensieren1) außer der Volkspresse?
Zwar meint ein anderer Redner, das Übel der Zensur werde da¬
durch auf gehoben, daß es verdreifacht wird, daß die Zensur unter 25
Provinzialzensur und die Provinzialzensur wieder unter Berliner
Zensur gestellt und daß die Preßfreiheit einseitig und die Zensur
vielseitig gemacht würde. So viel Umschweife, um zu leben! Wer
soll die Berliner Zensur zensieren? Also zu unserem Redner
zurück. &
Gleich im Anfänge hatte er uns dahin belehrt, daß aus dem
Kampfe zwischen guter und böser Presse kein Licht hervorgehen
werde, aber, können wir jetzt fragen, will er nicht den nutz¬
losen Kampf permanent machen? Ist nach ihm selbst der
Kampf zwischen Zensur und Presse nicht ein Kampf zwischen 35
guter und schlechter Presse?
Die Zensur hebt den Kampf nicht auf, sie macht ihn einseitig,
sie macht aus einem offenen Kampf einen versteckten, sie macht
aus einem Kampfe der Prinzipien einen Kampf des gewaltlosen
Prinzips mit der prinziplosen Gewalt. Die wahre, im Wesen der 40
Preßfreiheit selbst gegründete Zensur ist die Kritik; sie ist
das Gericht, das sie aus sich selbst erzeugt. Die Zensur ist die
Kritik als Monopol der Regierung; aber verliert die Kritik nicht
ihren rationalen Charakter, wenn sie nicht offen, sondern geheim,
1 ) In der RhZ Druckfehler zitieren
Debatten über Preßfreiheit
207
wenn sie nicht theoretisch, sondern praktisch, wenn sie nicht über
den Parteien, sondern selbst eine Partei, wenn sie nicht mit dem
scharfen Messer des Verstandes agiert, sondern mit der stumpfen
Schere der Willkür, wenn sie die Kritik nur ausüben, nicht er-
5 tragen will, wenn sie sich verleugnet, indem sie sich gibt, wenn
sie endlich so unkritisch ist, ein Individuum für die Universal¬
weisheit, Machtsprüche für Vemunftsprüche, Tintenflecke für
Sonnenflecke, die krummen Striche des Zensors für mathematische
Konstruktionen, und Schläge für schlagende Argumente zu ver-
10 sehen?
Im Verlauf der Darstellung haben wir gezeigt, wie die phan¬
tastische, salbungsvolle, weichherzige Mystik des Redners in die
Hartherzigkeit einer kleinlich-pfiffigen Verstandespragmatik und
in die Borniertheit eines ideenlosen Erfahrungskalkül umschlägt.
16 In seinem Räsonnement über das Verhältnis von Zen¬
surgesetz und Preßgesetz, Präventiv - und Repres¬
sivmaßregeln überhebt er uns dieser Mühe, indem er selbst
zur bewußten Anwendung seiner Mystik fortgeht.
„Präventiv- oder Repressivmaßregeln, Zensur
2o oder Preßgesetz, das sei es, worum es sich allein handele, wobei
es jedoch nicht unzweckmäßig wäre, die Gefahren etwas näher
ins Auge zu fassen, welche auf der einen oder auf der anderen
Seite beseitigt werden müßten. Während die Zensur dem Übel
vorbeugen wolle, wolle das Preßgesetz die Wiederholung
durch Strafe verhüten. Unvollkommen, wie jede mensch¬
liche Einrichtung, würden beide bleiben; welche am wenig¬
sten, das sei hier die Frage. Da es sich um rein geistige Dinge
handele, so würde eine Aufgabe, und zwar die wichtigste bei
beiden, nie zu lösen sein. Es sei die, eine Form zu finden, welche
so die Absicht des Gesetzgebers so klar und bestimmt ausdrücke, daß
Recht und Unrecht scharf getrennt und jede Willkür be¬
seitigt erscheine. Was ist aber Willkür anderes als Handeln
nach individueller Auffassung? Und wie sind die
Wirkungen individueller Auffassungen zu beseitigen, da wo es
36 sich um rein geistige Dinge handelt? Eine Richtschnur zu finden,
so scharf gezeichnet, daß sie die Notwendigkeit in sich trage, sie
in jedem einzelnen Falle im Sinne des Gesetzgebers an-
wenden zu müssen, das sei der Stein der Weisen, der bis
dahin nicht gefunden wurde und auch schwerlich zu finden sein
to dürfte; und somit sei die Willkür, wenn man das Handeln
nach individueller Auffassung hierunter verstehe, von Zensur wie
von Preßgesetz unzertrennlich. Wir hätten also beide in ihrer
notwendigen Unvollkommenheit und in deren Folgen zu betrach¬
ten. Wenn die Zensur manches Gute unterdrücken werde, so werde
46 das Preßgesetz vieles Böse zu verhindern nicht imstande sein. Doch
19e
208
Aus der Rheinischen Zeitung
die Wahrheit lasse sich auf die Dauer nicht unterdrücken. Je mehr
Hindernisse ihr in den Weg gelegt würden, um desto kühner ver¬
folge sie ihr Ziel, um desto geläuterter erreiche sie dasselbe. Aber
das böse Wort gleiche dem griechischen Feuer, unauf¬
haltbar, nachdem es das Wurfgeschoß verlassen, unberechenbar 5
in seinen Wirkungen, weil ihm nichts heilig und unauslöschlich,
weil es in dem Munde, wie in dem Herzen der Menschen Nahrung
und Fortpflanzung fände.“
Der Redner ist nicht glücklich in seinen Vergleichen. Eine
poetische Exaltation überfällt ihn, sobald er die Allmacht des 10
Bösen schildert. Schon einmal hörten wir dem Sirenen¬
gesang des Bösen die Stimme des Guten machtlos, weil
nüchtern, entgegenschallen. Nun wird das Böse gar zum grie¬
chischen Feuer, während der Redner für die Wahrheit gar
keinen Vergleich hat, und fassen wir für ihn seine „nüchternen“ 15
Worte in einen Vergleich, so wäre die Wahrheit zum höchsten der
Kieselstein, der so lichtere Funken sprüht, je mehr man
ihn schlägt. Ein schönes Argument für die Sklavenhändler, aus dem
Neger die Menschheit herauszupeitschen, eine treffliche Maxime
für den Gesetzgeber, Repressivgesetze gegen die Wahrheit zu 20
geben, damit sie desto kühner ihr Ziel verfolge. Der Redner
scheint erst Respekt vor der Wahrheit zu haben, sobald sie
naturwüchsig wird und sich handgreiflich demon¬
striert. Je mehr Dämme ihr der Wahrheit entgegen werft, eine um
so tüchtigere Wahrheit erhaltet ihr! Immer zugedämmt! 25
Doch lassen wir die Sirenen singen!
Die mystische „Unvollkommenheitstheorie“ des
Redners hat endlich ihre irdischen Früchte getragen; sie hat ihre
Mondsteine uns an den Kopf geworfen; betrachten wir die Mond¬
steine! 30
Alles ist unvollkommen. Zensur ist unvollkommen, Preßgesetz
ist unvollkommen. Ihr Wesen ist damit erkannt. Über das Recht
ihrer Idee ist nichts weiter zu sagen, uns bleibt nichts übrig,
als vom Standpunkte der allerniedrigsten Empirie aus einen Wahr-
scheinlichkeitskalkül anzustellen, auf welcher Seite die meisten 35
Gefahren sind. Es ist ein rein zeitlicher Unterschied, ob Ma߬
regeln dem Übel selbst durch die Zensur oder der Wiederholung
des Übels durch das Preßgesetz vorbeugen.
Man sieht, wie der Redner durch die hohle Phrase von der
„menschlichen Unvollkommenheit“ den wesentlichen, inneren, 40
charakteristischen Unterschied von Zensur und Preßgesetz zu um¬
gehen und die Kontroverse aus einer Prinzipienfrage in die Jahr¬
marktsfrage umzuwandeln weiß, ob mehr blaue Nasen bei dem
Zensur- oder bei dem Preßgesetz davonzutragen sind?
Wenn aber Preßgesetz und Zensurgesetz entgegengestellt wer- «
Debatten über Preßfreiheit
209
den, so handelt es sich zunächst nicht um ihre Konsequenzen, son¬
dern um ihren Grund, nicht um ihre individuelle Anwendung,
sondern um ihr allgemeines Recht. Montesquieu lehrt schon, daß
die Despotie in der Anwendung bequemer sei als die Gesetzlich-
6 keit, und Macchiavelli behauptet, daß das Schlechte für die
Fürsten von besseren Konsequenzen sei als das Gute. Wenn wir
daher nicht das alte jesuitische Sprüchlein bewahrheiten
wollen, daß der gute Zweck — und selbst die Güte des Zwecks
bezweifeln wir — schlechte Mittel heiligt, so haben wir vor allem
10 zu untersuchen, ob die Zensur ihrem Wesen nach ein gutes
Mittel sei.
Der Redner hat recht, wenn er das Zensurgesetz eine Präven¬
tivmaßregel nannte, sie ist eine Vorsichtsmaßregel der Polizei
gegen die Freiheit, aber er hat unrecht, wenn er das Preßgesetz
i* eine Repressivmaßregel nennt. Sie ist die Regel der Freiheit selbst,
die sich zum Maß ihrer Ausnahmen macht. Die Zensurmaßregel
ist kein Gesetz. Das Preßgesetz ist keine Maßregel.
Im Preßgesetz straft die Freiheit. Im Zensurgesetz wird die
Freiheit bestraft. Das Zensurgesetz ist ein Verdachtsgesetz gegen
2o die Freiheit. Das Preßgesetz ist ein Vertrauensvotum, das die
Freiheit sich selbst gibt. Das Preßgesetz bestraft den Mißbrauch
der Freiheit. Das Zensurgesetz bestraft die Freiheit als einen Mi߬
brauch. Es1) behandelt die Freiheit als eine Verbrecherin, oder
gilt es nicht in jeder Sphäre für Ehrenstrafe, unter polizeilicher
^Aufsicht zu stehen? Das Zensurgesetz hat nur die Form eines
Gesetzes. Das Preßgesetz ist ein wirkliches Gesetz.
Das Preßgesetz ist wirkliches Gesetz, weil es positives
Dasein der Freiheit ist. Es betrachtet die Freiheit als den nor¬
malen Zustand der Presse, die Presse als ein Dasein der Frei-
20 heit und tritt daher erst in Konflikt mit dem Preßvergehen als
einer Ausnahme, die ihre eigene Regel bekämpft und sich daher
aufhebt. Die Preßfreiheit setzt sich als Preßgesetz durch, gegen
die Attentate auf sich selbst, d. h. gegen die Preßvergehen. Das
Preßgesetz erklärt die Freiheit für die Natur des Verbrechers.
35 Was er also gegen die Freiheit getan, hat er gegen sich selbst getan,
und diese Selbstverletzung erscheint ihm als Strafe, die ihm
eine Anerkennung seiner Freiheit ist.
Weit entfernt also, daß das Preßgesetz eine Repressivmaßregel
gegen die Preßfreiheit wäre, ein bloßes Mittel, um vor der Wie-
4o derholung des Verbrechens durch die Strafe abzuschrecken, so
müßte vielmehr der Mangel einer Preßgesetzgebung
als die Ausschließung der Preßfreiheit aus der Sphäre der recht¬
lichen Freiheit betrachtet werden, denn die rechtlich anerkannte
Freiheit existiert im Staate als Gesetz. Gesetze sind keine Re¬
O In der RhZ Druckfehler Sie
210
Aus der Rheinischen Zeitung
pressivmaßregeln gegen die Freiheit, so wenig wie das Gesetz der
Schwere eine Repressivmaßregel gegen die Bewegung ist, weil es
zwar als Gravitationsgesetz die ewigen Bewegungen der Welt¬
körper treibt, aber als Gesetz des Falles mich erschlägt, wenn ich
es verletze und in der Luft tanzen will. Die Gesetze sind vielmehr «
die positiven, lichten, allgemeinen Normen, in denen die Freiheit
ein unpersönliches, theoretisches, von der Willkür des Einzelnen
unabhängiges Dasein gewonnen hat. Ein Gesetzbuch ist die Frei¬
heitsbibel eines Volkes.
Das Preßgesetz ist also die gesetzliche Anerken-w
nung der Preßfreiheit. Es ist Recht, weil es positives
Dasein der Freiheit ist. Es muß daher vorhanden sein, und wenn
es nie1) zur Anwendung kommt, wie in Nordamerika, während die
Zensur, so wenig wie die Sklaverei, jemals gesetzlich werden kann,
und wenn sie tausendmal als Gesetz vorhanden wäre. m
Es gibt keine aktuellen Präventivgesetze. Das
Gesetz präveniert nur als Gebot. Tätiges Gesetz wird es erst,
sobald es übertreten wird, denn wahres Gesetz ist es nur, wenn
in ihm das bewußtlose Naturgesetz der Freiheit bewußtes Staats¬
gesetz geworden ist. Wo das Gesetz wirkliches Gesetz, d. h. Dasein so
der Freiheit ist, ist es das wirkliche Freiheitsdasein des Men¬
schen. Die Gesetze können also den Handlungen des Menschen
nicht prävenieren, denn sie sind ja die inneren Lebensgesetze seines
Handelns selbst, die bewußten Spiegelbilder seines Lebens. Das
Gesetz tritt also vor dem Leben des Menschen als einem Leben der zs
Freiheit zurück, und erst, wenn seine wirkliche Handlung gezeigt
hat, daß er auf gehört, dem Naturgesetz der Freiheit zu gehorchen,
zwingt es ihn als Staatsgesetz, frei zu sein, wie die physischen Ge¬
setze nur dann erst als ein Fremdes gegenübertreten, wenn mein
Leben auf gehört hat, das Leben dieser Gesetze zu sein, wenn es so
erkrankt ist. Ein Präventivgesetz ist also ein sinn¬
loser Widerspruch.
Das Präventivgesetz hat daher kein Maß in sich, keine ver¬
nünftige Regel, denn die vernünftige Regel kann nur aus
der Natur der Sache, hier der Freiheit, genommen sein. Es ist 35
maßlos, denn wenn die Prävention der Freiheit sich durch¬
setzen will, so muß sie so groß sein wie ihr Gegenstand, d. h. un¬
beschränkt. Das Präventivgesetz ist also der Widerspruch einer
unbeschränkten Beschränkung, und wo es aufhört,
ist nicht durch die Notwendigkeit, sondern durch den Zufall der 40
Willkür die Grenze gesetzt, wie die Zensur täglich ad oculos
demonstriert.
Der menschliche Leib ist von Natur sterblich. Krankheiten
können daher nicht ausbleiben. Warum wird der Mensch erst dem
O In der RhZ Druckfehler nun
Debatten über Preßfreiheit
211
Arzte unterworfen, wenn er erkrankt, und nicht, wenn er gesund
ist? Weil micht nur die Krankheit, weil schon der Arzt ein Übel
ist. Durch eine ärztliche Kuratel wäre das Leben als ein Übel und
der menschtliche Leib als Objekt der Behandlung für Medizinal-
s Kollegien ainerkannt. Ist der Tod nicht wünschenswerter als ein
Leben, das bloße Präventivmaßregel gegen den Tod? Gehört
freie Bewegung nicht auch zum Leben? Was ist jede Krankheit
als in seinen: Freiheit gehemmtes Leben? Ein perpetuierlicher Arzt
wäre eine Krankheit, an der man nicht einmal die Aussicht hätte,
10 zu sterben, sondern zu leben. Mag das Leben sterben; der Tod
darf nicht lieben. Hat der Geist nicht mehr Recht als der Körper?
Allerdings Jhat man dies oft dahin interpretiert, daß den Geistern
von freier IMotion die körperliche Motion sogar schädlich und da¬
her zu entziehen sei. Die Zensur geht davon aus, die Krankheit
a als den normalen Zustand, oder den normalen Zustand, die Frei¬
heit, als eime Krankheit zu betrachten. Sie versichert der Presse
beständig, <daß sie krank sei, und mag diese die besten Proben
ihrer gesumden Leibeskonstitution geben, sie muß sich behandeln
lassen. Abter die Zensur ist nicht einmal ein literater Arzt, der je
2o nach der Krankheit verschiedene innere Mittel anwendet. Sie ist
ein Chirurg vom Lande, der nur ein mechanisches Universalmittel
für alles kennt, die Schere. Und sie ist nicht einmal ein Chirurg,
der meine Gesundheit bezweckt, sie ist ein chirurgischer Ästhe¬
tiker, der alles für überflüssig an meinem Körper hält, was ihm
2s nicht gefälllt, und abrasiert, was ihn widrig affiziert; sie ist ein
Quacksalber, der den Ausschlag zurücktreibt, um ihn nicht zu
sehen, ohne Sorge, ob er sich nun auf die edleren inneren Teile
wirft.
Ihr halttet es für Unrecht, Vögel einzufangen. Ist der Käfig
30 nicht eine Präventivmaßregel gegen Raubvögel, Kugeln und
Stürme? Uhr haltet es für barbarisch, Nachtigallen zu blenden,
und euch dünkt keine Barbarei, mit spitzen Zensurfedem der
Presse die Augen auszustechen? Ihr haltet es für despotisch, einem
freien Memschen wider Willen die Haare zu schneiden, und die
35 Zensur schmeidet den geistigen Individuen täglich ins Fleisch, und
nur herzlose Körper, Körper ohne Reaktion, devote Körper, läßt
sie als gesumde passieren!
[RhZ IS. Mai 1842. Nr. 135, Beiblatt]
Wir halben gezeigt, wie das Preßgesetz ein Recht und das
w Zensurgesetz ein Unrecht ist. Die Zensur gesteht aber selbst, daß
sie kein Selbstzweck, daß sie nichts an und für sich Gutes sei, daß
sie also auif dem Prinzip beruht: „Der Zweck heiligt die Mittel.“
Aber ein Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ist kein heiliger
212
Aus der Rheinischen Zeitung
Zweck, und könnte nicht auch die Presse den Grundsatz adop¬
tieren und pochen: „Der Zweck heiligt die Mittel“?
Das Zensurgesetz ist also kein Gesetz, sondern eine Polizei¬
maßregel, aber sie ist selbst eine schlechte Polizeima߬
regel, denn sie erreicht nicht, was sie will, und sie will nicht, «
was sie erreicht.
Will das Zensurgesetz der Freiheit als einem Mißliebigen
prävenieren, so erfolgt gerade das Gegenteil. Im Lande der
Zensur ist jede verbotene, d. h. ohne Zensur gedruckte Schrift
eine Begebenheit. Sie gilt als Märtyrer, und kein Märtyrer ohne 10
Heiligenschein und ohne Gläubige. Sie gilt als Ausnahme, und
wenn die Freiheit nie aufhören kann, dem Menschen wert zu sein,
um so mehr die Ausnahme von der allgemeinen Unfreiheit. Jedes
Mysterium besticht. Wo die öffentliche Meinung sich selbst ein
Mysterium ist, ist sie von vornherein bestochen durch jede Schrift, w
die formell die mystischen Schranken durchbricht. Die Zensur
macht jede verbotene Schrift, sei sie schlecht oder gut, zu einer
außerordentlichen Schrift, während die Preßfreiheit jeder Schrift
das materiell Imposante raubt.
Meint es aber die Zensur ehrlich, so will sie die Willkür 20
verhüten und macht die Willkür zum Gesetz. Sie kann keiner Ge¬
fahr vorbeugen, die größer wäre als sie selbst. Die Lebensgefahr
für jedes Wesen besteht darin, sich selbst zu verlieren. Die Un¬
freiheit ist daher die eigentliche Todesgefahr für den Menschen.
Einstweilen, von den sittlichen Konsequenzen abgesehen, so be- w
denkt, daß ihr die Vorzüge der freien Presse nicht genießen könnt,
ohne ihre Unbequemlichkeiten zu tolerieren. Ihr könnt die Rose
nicht pflücken ohne ihre Domen! Und was verliert ihr an der
freien Presse?
Die freie Presse ist das überall offene Auge des Volksgeistes, 30
das verkörperte Vertrauen eines Volkes zu sich selbst, das
sprechende Band, das den Einzelnen mit dem Staat und der Welt
verknüpft, die inkorporierte Kultur, welche die materiellen
Kämpfe zu geistigen Kämpfen verklärt und ihre rohe stoffliche
Gestalt idealisiert. Sie ist die rücksichtslose Beichte eines Volkes ss
vor sich selbst, und bekanntlich ist die Kraft des Bekenntnisses
erlösend. Sie ist der geistige Spiegel, in dem ein Volk sich selbst
erblickt, und Selbstbeschauung ist die erste Bedingung der Weis¬
heit. Sie ist der Staatsgeist, der sich in jede Hütte kolportieren
läßt, wohlfeiler als materielles Gas. Sie ist allseitig, allgegen- 30
wärtig, allwissend. Sie ist die ideale Welt, die stets aus der wirk¬
lichen quillt und, ein immer reicherer Geist, neu beseelend in sie
zurückströmt.
Der Verlauf der Darstellung hat gezeigt, daß Zensur und Pre߬
gesetz verschieden sind, wie Willkür und Freiheit, wie formelles «
Debatten über Preßfreiheit
213
Gesetz und wirkliches Gesetz. Was aber vom Wesen gilt, gilt auch
von der Erscheinung. Was vom Recht beider gilt, das gilt von
ihrer Anwendung. So verschieden Preßgesetz und Zensur¬
gesetz, so verschieden ist die Stellung des Richters zur
s Presse und die Stellung des Zensors.
Unser Redner allerdings, dessen Augen zum Himmel gerichtet
sind, sieht tief unter sich die Erde als einen verächtlichen Staub¬
hügel, und so weiß er von allen Blumen nichts zu sagen, als daß
sie bestaubt sind. So sieht er auch hier nur zwei Maßregeln, die
10 in ihrer Anwendung gleich willkürlich sind, denn Will¬
kür sei Handeln nach individueller Auffassung, individuelle Auf¬
fassung sei von geistigen Dingen nicht zu trennen etc. etc. Wenn
die Auffassung geistiger Dinge individuell ist, welches
Recht hat eine geistige Ansicht vor der anderen, die Meinung des
Zensors vor der Meinung des Schriftstellers? Aber wir verstehen
den Redner. Er macht den denkwürdigen Umweg, Zensur und
Preßgesetz beide in ihrer Anwendung als rechtlos zu schildern, um
das Recht der Zensur zu beweisen, denn da er alles Weltliche als
unvollkommen weiß, so bleibt ihm nur die eine Frage, ob die Will-
io kür auf Seite des Volkes oder auf Seite der Regierung stehen soll.
Seine Mystik schlägt in die Libertinage um, Gesetz
und Willkür auf eine Stufe zu stellen und nur formellen
Unterschied zu sehen, wo es sich um sittliche und rechtliche Gegen¬
sätze handelt, denn er polemisiert nicht gegen das P r e ß -
23gesetZ, er polemisiert gegen das Gesetz. Oder gibt es
irgendein Gesetz, das die Notwendigkeit in sich trägt, daß es in
jedem einzelnen Falle im Sinne des Gesetzgebers ange¬
wendet werden muß und jede Willkür absolut aus¬
geschlossen ist? Es gehört eine unglaubliche Kühnheit dazu, eine
so solche sinnlose Aufgabe den Stein der Weisen zu nennen,
da nur die extremste Unwissenheit sie stellen kann. Das Gesetz
ist allgemein. Der Fall, der nach dem Gesetze bestimmt werden
soll, ist einzeln. Das Einzelne unter das Allgemeine zu sub¬
sumieren, dazu gehört ein Urteil. Das Urteil ist problematisch.
3s Auch der Richter gehört zum Gesetz. Wenn die Gesetze sich
selbst anwendeten, dann wären die Gerichte überflüssig.
Aber alles Menschliche ist unvollkommen! Also: Edite, bibite!
Warum verlangt ihr Richter, da Richter Menschen sind? Warum
verlangt ihr Gesetze, da Gesetze nur von Menschen exekutiert
ta werden können und alle menschliche Exekution unvollkommen
ist? Überlaßt euch doch dem guten Willen der Vorgesetzten! Die
rheinische Justiz ist unvollkommen wie die türkische! Also:
Edite, bibite!
Welch ein Unterschied zwischen einem Richter und einem
45 Zensor!
214
Aus der Rheinischen Zeitung
Der Zensor hat kein Gesetz als seinen Vorgesetzten. Der Richter
hat keinen Vorgesetzten als das Gesetz. Aber der Richter hat die
Pflicht, das Gesetz für die Anwendung des einzelnen Falles zu
interpretieren, wie er es nach gewissenhafter Prüfung ver¬
steht; der Zensor hat die Pflicht, das Gesetz zu verstehen, wie «
es ihm für den einzelnen Fall offiziell interpretiert
wird. Der unabhängige Richter gehört weder mir noch der Re¬
gierung. Der abhängige Zensor ist selbst Regierungsglied. Bei
dem Richter tritt höchstens die Unzuverlässigkeit einer einzelnen
Vernunft, bei dem Zensor die Unzuverlässigkeit eines einzelnen 10
Charakters ein. Vor den Richter wird ein bestimmtes Pre߬
vergehen, vor den Zensor wird der Geist der Presse gestellt. Der
Richter beurteilt meine Tat nach einem bestimmten Gesetz; der
Zensor bestraft nicht allein die Verbrechen, er macht sie auch.
Wenn ich vor Gericht gestellt werde, so klagt man mich der Über- is
tretung eines vorhandenen Gesetzes an, und wo ein Gesetz ver¬
letzt werden soll, muß es doch vorhanden sein. Wo kein Pre߬
gesetz vorhanden ist, kann kein Gesetz von der Presse verletzt
werden. Die Zensur klagt mich nicht der Verletzung eines vor¬
handenen Gesetzes an. Sie verurteilt meine Meinung, weil sie so
nicht die Meinung des Zensors und seiner Vorgesetzten ist. Meine
offene Tat, die sich der Welt und ihrem Urteil, dem Staat und
seinem Gesetz preisgeben will, wird gerichtet von einer versteck¬
ten, nur negativen Macht, die sich nicht als Gesetz zu konstituieren
weiß, die das Licht des Tages scheut, die an keine allgemeinen u
Prinzipien gebunden ist.
Ein Zensurgesetz ist eine Unmöglichkeit, weil
es nicht Vergehen, sondern Meinungen strafen will, weil es nichts
anderes sein kann als der formulierte Zensor, weil kein
Staat den Mut hat, in gesetzlichen allgemeinen Bestimmungen 30
auszusprechen, was er durch das Organ des Zensors faktisch aus¬
üben kann. Darum wird auch die Handhabung der Zensur nicht
den Gerichten, sondern der Polizei überwiesen.
Selbst wenn die Zensur faktisch dasselbe wäre als die Justiz,
so bleibt dies erstens ein Faktum, ohne eine Notwendigkeit zu sein. 35
Dann aber gehört zur Freiheit nicht nur was, sondern ebenso¬
sehr, wie ich lebe, nicht nur, daß ich das Freie tue, sondern
auch, daß ich es frei tue. Was unterschiede sonst den Baumeister
vom Biber, wenn nicht, daß der Biber ein Baumeister mit einem
Fell, und der Baumeister ein Biber ohne Fell wäre? 30
Unser Redner kömmt zum Überfluß noch einmal auf die Wir¬
kungen der Preßfreiheit in den Ländern, wo sie wirklich existiert,
zurück. Da wir dies Thema schon weitläufig abgesungen, so be¬
rühren wir hier nur noch die französische Presse. Ab¬
gesehen davon, daß die Mängel der französischen Presse die «
Debatten über Preßfreiheit
215
Mängel der französischen Nation sind, so finden wir das Übel
nicht, wo der Redner es sucht. Die französische Presse ist nicht zu
frei ; sie ist nicht frei genug. Sie unterliegt zwar keiner geistigen
Zensur, aber sie unterliegt einer materiellen Zensur, den hohen
; Geldkautionen. Sie wirkt daher materiell, eben weil sie aus ihrer
wahren Sphäre in die Sphäre der großen Handelsspekulationen
hineingezogen wird. Zudem gehören zu großen Handelsspekula¬
tionen große Städte. Die französische Presse konzentriert sich
daher auf wenige Punkte, und wenn die materielle Kraft, auf
10 wenig Punkte konzentriert, dämonisch wirkt, wie nicht die
geistige?
Wenn ihr aber durchaus die Preßfreiheit nicht nach ihrer Idee,
sondern nach ihrer historischen Existenz beurteilen wollt, warum
sucht ihr sie nicht da auf, wo sie historisch existiert? Die Natur-
16 forscher suchen durch Experimente ein Naturphänomen in seinen
reinsten Bedingungen darzustellen. Ihr bedürft keiner Experi¬
mente. Ihr findet das Naturphänomen der Preßfreiheit in Nord¬
amerika in seinen reinsten, naturgemäßesten Formen. Wenn
aber Nordamerika große historische Grundlagen der Preßfreiheit
to hat, so hat Deutschland noch größere. Die Literatur und die da¬
mit verwachsene geistige Bildung eines Volkes sind doch wohl
nicht nur die direkten historischen Grundlagen der Presse, son¬
dern ihre Historie selbst. Und welches Volk in der Welt kann
sich dieser unmittelbarsten historischen Grundlagen der Preß-
W Freiheit rühmen, wie das deutsche Volk?
Aber, fällt unser Redner wieder ein, aber wehe um Deutsch¬
lands Moralität, wenn seine Presse frei würde, denn die Pre߬
freiheit bewirkt „eine innere Demoralisation, die den
Glauben an eine höhere Bestimmung des Menschen und mit ihr
so die Grundlage wahrer Zivilisation zu untergraben suche“.
Demoralisierend wirkt die zensierte Presse. Das
potenzierte Laster, die Heuchelei, ist unzertrennlich von ihr, und
aus diesem ihrem Grundlaster Hießen alle ihre anderen Gebrechen,
denen sogar die Anlage zur Tugend fehlt, ihre, selbst ästhetisch
35 betrachtet, ekelhaften Laster der Passivität. Die Regierung hört
nur ihre eigene Stimme, sie weiß, daß sie nur ihre eigene
Stimme hört und fixiert sich dennoch in der Täuschung, die Volks¬
stimme zu hören, und verlangt ebenso vom Volke, daß es sich
diese Täuschung fixiere. Das Volk seinerseits versinkt daher
io teils in politischen Aberglauben, teils in politischen Unglauben,
oder, ganz vom Staatsleben abgewendet, wird es Privatpöbel.
Indem die Presse jeden Tag von den Schöpfungen des Regie¬
rungswillens rühmt, was Gott selbst erst am sechsten Tag von
seiner eigenen Schöpfung sagte: „Und siehe da, es war Alles
« gut“, indem aber notwendig ein Tag dem anderen widerspricht,
216
Aus der Rheinischen Zeitung
so lügt die Presse beständig und muß sogar das Bewußtsein der
Lüge verleugnen und die Scham von sich abtun.
Indem das Volk freie Schriften als gesetzlos betrachten muß,
so gewöhnt es sich, das Gesetzlose als frei, die Freiheit als gesetz¬
los und das Gesetzliche als das Unfreie zu betrachten. So tötet 5
die Zensur den Staatsgeist.
Unser Redner aber fürchtet von der Preßfreiheit für die
„P r i v a t e n“. Er bedenkt nicht, daß die Zensur ein beständiges
Attentat auf die Rechte von Privatpersonen und noch mehr auf
Ideen ist. Er gerät in Pathos über gefährdete Persönlichkeiten, 10
und wir sollten nicht in Pathos geraten über das gefährdete All¬
gemeine?
Wir können unsere Ansicht und seine nicht schärfer scheiden,
als wenn wir seinen Definitionen der „schlechten Gesinnungen“
unsere entgegensetzen. 15
Schlechte Gesinnung sei „der Stolz, der keine Autorität in
Kirche und Staat anerkennt“. Und wir sollten es für keine
schlechte Gesinnung halten, die Autorität der Vernunft und des
Gesetzes nicht anzuerkennen? „Es sei der Neid, welcher die Ab¬
schaffung alles dessen predigt, was der Pöbel Aristokratie nennt“, 20
und wir sagen, es ist der Neid, welcher die ewige Aristokratie der
menschlichen Natur, die Freiheit, abschaffen will, eine Aristo¬
kratie, die selbst der Pöbel nicht bezweifeln kann. „Es sei die
hämische Schadenfreude, die sich an Persönlichkeiten, gleichviel,
ob Lüge oder Wahrheit, ergötze und die Öffentlichkeit gebieterisch 25
fordere, damit kein Skandal des Privatlebens verschleiert bleibe.“
Es ist die hämische Schadenfreude, die Klatschereien und Per¬
sönlichkeiten aus dem großen Leben der Völker herausreißt, die
Vernunft der Geschichte mißkennt und nur den Skandal der Ge¬
schichte dem Publikum predigt, die überhaupt unfähig, das Wesen 30
einer Sache zu beurteilen, sich an einzelne Seiten der Erscheinung,
an Persönlichkeiten hängt und gebieterisch das Mysterium ver¬
langt, damit jeder Schandfleck des öffentlichen Lebens verschleiert
bleibe. „Es sei die Unlauterkeit des Herzens und der Phantasie,
welche durch schlüpfrige Bilder gekitzelt sei.“ Es ist die Un- 35
lauterkeit des Herzens und der Phantasie, welche durch schlüpfrige
Bilder über die Allmacht des Bösen und die Ohnmacht des Guten
sich kitzelt, es ist die Phantasie, deren Stolz die Sünde ist, es ist
das unlautere Herz, das seinen weltlichen Hochmut in mystischen
Bildern versteckt. „Es sei die Verzweiflung an dem eigenen Heil, *o
welche die Stimme des Gewissens durch das Leugnen Gottes über-
täuben will.“ Es ist die Verzweiflung am eigenen Heil, welche die
persönlichen Schwächen zu Schwächen der Menschheit macht, um
sie vom eigenen Gewissen abzuwälzen, es ist die Verzweiflung am
Heil der Menschheit, welche ihr verwehrt, den eingeborenen Natur- 45
Debatten über Preßfreiheit
217
gesetzen zu folgen, und die Unmündigkeit als notwendig predigt,
es ist die Heuchelei, die einen Gott vorschützt, ohne an seine
Wirklichkeit, an die Allmacht des Guten, zu glauben, es ist die
Selbstsucht, der ihr Privatheil höher ist als das Heil des Ganzen.
5 Diese Leute zweifeln an der Menschheit überhaupt und kano¬
nisieren einzelne Menschen. Sie entwerfen ein abschreckendes
Bild von der menschlichen Natur und verlangen in einem, daß
wir vor dem Heiligenbild einzelner Privilegierten niederfallen.
Wir wissen, daß der einzelne Mensch schwach ist, aber wir wissen
10 zugleich, daß das Ganze stark ist.
Schließlich erinnert der Redner an die Worte, die aus den
Zweigen des Baumes der Erkenntnis erschallten über den Genuß,
dessen Früchte wir heute wie damals verhandeln: „Mit
nichten werdet ihr sterben, wenn ihr davon esset, eure Augen
is werden auf getan werden, ihr werdet sein wie die Götter, erkennend
das Gute und Böse.“
Obgleich wir nun zweifeln, daß der Redner vom Baume der
Erkenntnis gegessen hat, daß wir (die rheinischen Landstände)
damals mit dem Teufel verhandelten, wovon wenigstens die
2o Genesis nichts erzählt, so fügen wir uns dennoch der Ansicht des
Redners und erinnern ihn nur, daß der Teufel uns damals
nicht belogen hat, denn Gott selbst spricht: „Adam ist
worden wie unsereiner, erkennend das Gute und Böse.“ —
Den Epilog zu dieser Rede lassen wir billig des Redners eigene
25 Worte sprechen: „Schreiben und Reden seien mecha¬
nische Fertigkeite n.“
So sehr unser Leser ermüdet sein mag von diesen „mecha¬
nischen Fertigkeiten“, wir müssen, der Vollständigkeit wegen,
nach dem Fürstenstande und dem Ritterstande auch den Stand
30 der Städte sich expektorieren lassen gegen die Preßfreiheit.
Wir haben die Opposition des Bourgeois, nicht des Citoyen,
vor uns.
Der Redner aus dem Städtestande glaubt sich an
Sieyès anzuschließen mit der bürgerlichen Bemerkung: „Die
35 Preßfreiheit sei eine schöne Sache, solange schlechte
Menschen sich nicht hineinmischten.“ „Dagegen sei bisher
kein probates Mittel gefunden“ etc. etc.
Der Standpunkt, der die Preßfreiheit eine Sache nennt,
ist schon seiner Naivität halber zu loben. Man kann diesem Redner
40 überhaupt alles vorwerfen, nur nicht Mangel an Nüchternheit
oder Überfluß an Phantasie.
Also die Preßfreiheit sei eine schöne Sache, auch so etwas,
was die süße Gewohnheit des Daseins verschönert, eine ange¬
nehme, eine brave Sache? Aber da gibt es auch schlechte Men-
45 sehen, die die Sprache zum Lügen, den Kopf zu Ränken, die Hände
218
Aus der Rheinischen Zeitung
zum Stehlen, die Füße zum Desertieren mißbrauchen. Schöne
Sache ums Sprechen und Denken, um Hände und Füße, gute
Sprache, angenehmes Denken, tüchtige Hände, allervorzüglichste
Füße, wenns nur keine schlechten Menschen gäbe, die sie mi߬
brauchen! Noch ist kein Mitteichen dagegen ausfindig gemacht. 5
„Die Sympathien für Konstitution und Preßfreiheit müßten
notwendig geschwächt werden, wenn man sähe, wie damit ver¬
bunden wären ewig wandelbare Zustände in jenem Lande (sc.
Frankreich) und eine beängstigende Ungewißheit der Zukunft.“
Als zuerst die weltkundige Entdeckung gemacht ward, daß die 10
Erde ein mobile perpetuum sei, da griff wohl mancher ruhige
Deutsche an seine Schlafmütze und seufzte über die ewig wandel¬
baren Zustände des Mutterlandes, und eine beängstigende Unge¬
wißheit der Zukunft verleidete ihm ein Haus, das sich jeden
Augenblick auf den Kopf stellt. u
[RhZ 19. Mai 1842. Nr. 139, Beiblatt]
Die Preßfreiheit macht so wenig die „wandelbaren Zu¬
stände“, als das Fernglas des Astronomen die rastlose Bewegung
des Weltsystems macht. Böse Astronomie! Was war das für
schöne Zeit, als die Erde noch, wie ein ehrbarer bürgerlicher 20
Mann, in der Mitte der Welt saß, ruhig ihre irdene Pfeife
schmauchte und nicht einmal ihr Licht sich selber anzustecken
brauchte, da Sonne, Mond und Sterne als ebensoviele devote
Nachtlampen und „schöne Sachen“ um sie hertanzten.
„Wer nie, was er gebaut, zerstört, der steht stät 25
Auf dieser ird’schen Welt, die selbst nicht stät steht“,
sagt Hariri, der kein gebomer Franzose, sondern ein Araber ist.
Ganz bestimmt spricht sich nun der Stand des Redners in
dem Einfall aus: „Der wahre redliche Patriot vermöge die Regung
in sich nicht zu unterdrücken, Konstitution und Preßfreiheit seien 30
nicht für das Wohl des Volkes, sondern für die Befriedigung des
Ehrgeizes Einzelner und die Herrschaft der Parteien.“
Es ist bekannt, daß eine gewisse Psychologie das Große aus
kleinen Ursachen erklärt und in der richtigen Ahnung, daß alles,
wofür der Mensch kämpft, Sache seines Interesses ist, zu der un- 35
richtigen Meinung fortgeht, es gebe nur „kleine“ Interessen, nur
die Interessen stereotyper Selbstsucht. Es ist ferner bekannt, daß
diese Art Psychologie und Menschenkunde besonders in Städten
sich vorfindet, wo es dann noch überdem für Zeichen eines schlauen
Kopfes gilt, die Welt zu durchschauen und hinter den Wolken- <«
zügen von Ideen und Tatsachen ganz kleine, neidische, intrigante
Mannequins, die das Ganze am Fädchen aufziehen, sitzen zu sehen.
Debatten über Preßfreiheit
219
Allein es ist ebenfalls bekannt, daß, wenn man zu tief ins Glas
guckt, man sich an seinen eigenen Kopf stößt, und so ist
denn die Menschenkunde und Weltkenntnis dieser klugen Leute
zunächst ein mystifizierter Stoß an den eigenen Kopf.
5 Auch Halbheit und Unentschiedenheit bezeichnet den Stand
des Redners. „Sein Unabhängigkeitsgefühl spreche für die Pre߬
freiheit (sc. im Sinne des Antragstellers), er müsse aber der Ver¬
nunft und Erfahrung Gehör geben.“
Hätte der Redner schließlich gesagt, daß zwar seine Vernunft
10 für die Preßfreiheit, aber sein Abhängigkeitsgefühl dagegen
spreche, so wäre seine Rede ein vollkommenes Genrebild der
städtischen Reaktion.
„Wer eine Zung’ hat und spricht nicht,
Wer eine Kling* hat und ficht nicht,
15 Was ist der wohl, wenn ein Wicht nicht?“
Wir kommen zu den Verteidigern der Preßfreiheit
und beginnen mit dem Hauptantrage. Das Allgemeinere,
was treffend und gut in den Eingangsworten des Antrags gesagt
ist, übergehen wir, um gleich den eigentümlichen charakteristi-
2o sehen Standpunkt dieses Vortrags hervorzuheben.
Antragsteller will, daß das Gewerbe der Preßfreiheit
von der allgemeinen Freiheit der Gewerbe nicht
ausgeschlossen sei, wie es noch immer der Fall ist und wobei der
innerliche Widerspruch als klassische Inkonsequenz erscheint.
25 „Die Arbeiten von Armen und Beinen sind frei, diejenigen des
Kopfes werden bevormundet. Von größeren Köpfen ohne Zweifel?
Gott bewahre, darauf kommt es bei den Zensoren nicht an. Wem
Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand!“
Es frappiert zunächst, die Preßfreiheit unter die Ge-
3o werbefreiheit subsumiert zu sehen. Allein wir können die
Ansicht des Redners nicht geradezu verwerfen. Rembrandt
malte die Mutter Gottes als niederländische Bäuerin, warum sollte
unser Redner die Freiheit nicht unter einer Gestalt malen, die ihm
vertraut und geläufig ist?
35 Ebensowenig können wir dem Räsonnement des Redners eine
relative Wahrheit absprechen. Wenn man die Presse selbst
nur als Gewerbe betrachtet, gebührt ihr, dem Kopfgewerbe, eine
größere Freiheit als dem Gewerbe von Arm und Bein. Die Eman¬
zipation von Arm und Bein wird erst menschlich bedeutsam durch
io die Emanzipation des Kopfes, denn bekanntlich werden Arme und
Beine erst menschliche Arme und Beine durch den Kopf, dem sie
dienen.
So originell daher die Betrachtungsweise des Redners auf den
ersten Anblick erscheinen mag, so müssen wir ihr doch einen un-
220
Aus der Rheinischen Zeitung
bedingten Vorzug vor dem haltungslosen, nebelnden und schwe-
belnden Räsonnement jener deutschen Liberalen zuschreiben,
welche die Freiheit zu ehren meinen, wenn sie dieselbe in den
Sternenhimmel der Einbildung, statt auf den soliden Boden der
Wirklichkeit versetzen. Diesen Räsonneurs der Einbildung, die- «5
sen sentimentalen Enthusiasten, die jede Berührung ihres Ideals
mit der gemeinen Wirklichkeit als Profanation scheuen, verdanken
wir Deutsche zum Teil, daß die Freiheit bis jetzt eine Einbildung
und eine Sentimentalität geblieben ist.
Die Deutschen sind überhaupt zu Sentiments und Überschweng-10
lichkeiten geneigt, sie haben ein tendre für die Musik der blauen
Luft. Es ist also erfreulich, wenn ihnen die große Frage der Idee
von einem derben, reellen, aus der nächsten Umgebung entlehnten
Standpunkt demonstriert wird. Die Deutschen sind von Natur
devotest, alleruntertänigst, ehrfurchtsvollst. Aus lauter Respekt is
vor den Ideen verwirklichen sie dieselben nicht. Sie weihen ihnen
einen Kultus der Anbetung, aber sie kultivieren dieselben nicht.
Der Weg des Redners scheint also geeignet, den Deutschen mit
seinen Ideen zu familiarisieren, ihm zu zeigen, daß er
es hier nicht mit Unnahbarem, sondern mit seinen nächsten Inter- 20
essen zu tun hat, die Sprache der Götter in die Sprache der Men¬
schen zu übersetzen.
Es ist bekannt, daß die Griechen in den ägyptischen, lybischen,
sogar den scythischen Göttern ihren Apollo, ihre Athene, ihren
Zeus wiederzuerkennen glaubten und das Eigentümliche der frem- 25
den Kulte als Nebensache übersahen. So ist es auch kein Vergehen,
wenn der Deutsche die ihm unbekannte Göttin der Preßfreiheit
für eine seiner bekannten Göttinnen ansieht und nach diesen sie
Gewerbefreiheit oder Freiheit des Eigentums benennt.
Eben weil wir aber den Standpunkt des Redners anzuerkennen 30
und zu würdigen wissen, unterwerfen wir ihn einer um so schär¬
feren Kritik.
„Es könne sich wohl gedacht werden: Fortdauer von Zunft¬
wesen neben der Preßfreiheit, weil das Kopfgewerbe eine höhere
Potenzierung, eine Gleichstellung mit den alten sieben 35
freien Künsten, in Anspruch nehmen könne; aber Fortdauer der
Unfreiheit der Presse neben der Gewerbefreiheit sei eine Sünde
wider den heiligen Geist.“
Gewiß! die untergeordnete Form der Freiheit ist von selbst
für rechtlos erklärt, wenn die höhere unberechtigt ist. Das Recht
des einzelnen Bürgers ist eine Torheit, wenn das Recht des Staates
nicht anerkannt ist. Wenn die Freiheit überhaupt berechtigt ist,
so versteht sich von selbst, daß eine Gestalt der Freiheit um so
berechtigter ist, ein je großartigeres und entwickelteres Dasein
die Freiheit in ihr gewonnen hat. Wenn der Polyp berechtigt <5
Debatten über Preßfreiheit
221
ist, weil in ihm das Leben der Natur dunkelfühlend tappt, wie
nicht der Löwe, in dem es stürmt und brüllt?
So richtig nun aber der Schluß ist, die höhere Gestalt des
Rechtes durch das Recht einer niedrigeren Gestalt für bewiesen
5 zu erachten, so verkehrt ist die Anwendung, welche die nie¬
dere Sphäre zum Maß der höheren macht und ihre innerhalb
der eigenen Begrenzung vernünftigen Gesetze ins Komische ver¬
dreht, und [zwar] dadurch, daß sie ihnen die Prätension unter¬
schiebt, nicht Gesetze ihrer Sphäre, sondern einer übergeordneten
20 zu sein. Es ist dasselbe, als wollte ich einen Riesen nötigen, im
Hause des Pygmäen zu wohnen.
Gewerbefreiheit, Freiheit des Eigentums, des Gewissens, der
Presse, der Gerichte, sind alle Arten einer und derselben
Gattung, der Freiheit ohne Familiennamen. Allein
is wie gänzlich irrig ist es nun, über der Einheit den Unterschied
zu vergessen und gar eine bestimmte Art zum Maß, zur
Norm, zur Sphäre der anderen Arten zu machen? Es ist die In¬
toleranz einer Art der Freiheit, welche die anderen mir er¬
tragen will, wenn sie von sich selbst abfallen und sich für ihre
20 Vasallen erklären.
Die Gewerbefreiheit ist eben die Gewerbefreiheit und keine
andere Freiheit, weil in ihr die Natur des Gewerbes sich ungestört
seiner inneren Lebensregel gemäß gestaltet; die Gerichtsfreiheit
ist die Gerichtsfreiheit, wenn die Gerichte den eigenen einge-
96 borenen Gesetzen des Rechts, nicht denen einer anderen Sphäre,
etwa der Religion, Folge leisten. Jede bestimmte Sphäre der Frei¬
heit ist die Freiheit einer bestimmten Sphäre, wie jede bestimmte
Weise des Lebens die Lebensweise einer bestimmten Natur ist.
Wie verkehrt wäre nicht die Forderung, der Löwe solle sich nach
30 den Lebensgesetzen des Polypen einrichten? Wie falsch würde
ich den Zusammenhang und die Einheit des körperlichen Orga¬
nismus fassen, wenn ich schlösse: weil Arme und Beine nach ihrer
Weise tätig sind, müssen Äug’ und Ohr, diese Organe, die den
Menschen von seiner Individualität losreißen und ihn zum Spiegel
36 und zum Echo des Universums machen, ein noch größeres Recht
der Tätigkeit haben, also eine potenzierte Arm- und Bein¬
tätigkeit sein?
Wie in dem Weltsystem jeder einzelne Planet sich nur um die
Sonne bewegt, indem er sich um sich selbst bewegt, so kreiset in
2o dem System der Freiheit jede ihrer Welten nur um die Zentral¬
sonne der Freiheit, indem sie um sich selbst kreiset. Die Pre߬
freiheit zu einer Klasse der Gewerbefreiheit machen, ist sie ver¬
teidigen, indem man sie vor der Verteidigung totschlägt; denn,
hebe ich die Freiheit eines Charakters nicht auf, wenn ich ver-
25 lange, er solle in der Weise eines anderen Charakters frei sein?
Marx-Engels*Ge8amtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 20
222
Aus der Rheinischen Zeitung
Deine Freiheit ist nicht meine Freiheit, ruft die Presse dem Ge¬
werbe zu. Wie du den Gesetzen deiner Sphäre, so will ich den
Gesetzen meiner Sphäre gehorchen. In deiner Weise frei zu sein,
ist mir identisch mit der Unfreiheit, wie der Tischler sich schwer¬
lich erbaut fühlen würde, wenn er Freiheit seines Gewerbes ver- 5
langte und man gäbe ihm als Äquivalent die Freiheit des Phi¬
losophen.
Wir wollen den Gedanken des Redners nackt aussprechen. Was
ist Freiheit? Antwort: Die Gewerbefreiheit, wie etwa ein
Student auf die Frage: was ist Freiheit? antworten würde: Die 10
Freinacht.
Mit demselben Rechte wie die Preßfreiheit könnte man jede
Art der Freiheit unter die Gewerbefreiheit subsumieren. Der
Richter treibt das Gewerbe des Rechtes, der Prediger das Gewerbe
der Religion, der Familienvater das Gewerbe der Kinderzucht; 15
aber habe ich damit das Wesen der rechtlichen, der religiösen, der
sittlichen Freiheit ausgesprochen?
Man könnte die Sache auch umkehren und die Gewerbefreiheit
eine Art der Preßfreiheit nennen. Arbeiten die Ge¬
werbe bloß mit Hand und Bein und nicht auch mit dem Kopf? 20
Ist die Sprache des Wortes die einzige Sprache des Gedankens?
Spricht der Mechaniker nicht in der Dampfmaschine sehr ver¬
nehmlich zu meinem Ohr, der Bettfabrikant nicht deutlich zu
meinem Rücken, der Koch nicht verständlich zu meinem Magen?
Ist es kein Widerspruch, daß alle diese Arten der Preßfreiheit
gestattet sind, nur die eine nicht, die vermittelst der Drucker¬
schwärze zu meinem Geiste spricht?
Um die Freiheit einer Sphäre zu verteidigen und selbst zu be¬
greifen, muß ich sie in ihrem wesentlichen Charakter, nicht in
äußerlichen Beziehungen fassen. Ist aber die Presse ihrem Cha- 30
rakter treu, handelt sie dem Adel ihrer Natur gemäß, ist die
Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt? Der
Schriftsteller muß allerdings erwerben, um existieren und
schreiben zu können, aber er muß keineswegs existieren und
schreiben, um zu erwerben. 35
Wenn Béranger singt:
„Je ne vis, que pour faire des chansons,
Si vous m’ôtez ma place Monseigneur,
Je ferai des chansons pour vivre“,
so liegt in dieser Drohung das ironische Geständnis, daß der «
Dichter aus seiner Sphäre herabfällt, sobald ihm die Poesie zum
Mittel wird.
Der Schriftsteller betrachtet keineswegs seine Arbeiten als
Mittel. Sie sind Selbstzwecke, sie sind so wenig Mittel
für ihn selbst und für andere, daß er ihrer Existenz seine«
Debatten über Preßfreiheit
223
Existenz aufopfert, wenn’s not tut, und in anderer Weise, wie der
Prediger der Religion zum Prinzip macht: „Gott mehr gehorchen,
denn den Menschen“, unter welchen Menschen er selbst mit seinen
menschlichen Bedürfnissen und Wünschen eingeschlossen ist. Da-
5 gegen sollte mir ein Schneider kommen, bei dem ich einen Pariser
Frack bestellt, und er brächte mir eine römische Toga, weil sie
angemessener sei dem ewigen Gesetz des Schönen ! Die erste
Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe
zu sein. Dem Schriftsteller, der sie zum materiellen Mittel
10 herabsetzt, gebührt als Strafe dieser inneren Unfreiheit die äußere,
die Zensur, oder vielmehr ist schon seine Existenz seine Strafe.
Allerdings existiert die Presse auch als Gewerbe, aber dann
ist sie keine Angelegenheit der Schriftsteller, sondern der Buch¬
drucker und Buchhändler. Es handelt sich hier aber nicht um
is die Gewerbefreiheit der Buchdrucker und Buchhändler, sondern
um die Preßfreiheit.
Unser Redner bleibt wirklich keineswegs dabei stehen, das
Recht der Preßfreiheit durch die Gewerbefreiheit als erwiesen zu
erachten, er verlangt, daß die Preßfreiheit statt ihren eigenen
2o Gesetzen den Gesetzen der Gewerbefreiheit sich unterwerfe. Er
polemisiert sogar gegen den Referenten des Ausschusses, der eine
höhere Ansicht von der Preßfreiheit geltend macht, und verfällt
in Forderungen, die nur humoristisch wirken können, denn der
Humor ist gleich da, sobald die Gesetze einer niedrigeren Sphäre
2S auf eine höhere angewandt werden, wie es umgekehrt komisch
affiziert, wenn Kinder pathetisch werden.
„Er rede von befugten und unbefugten Autoren. Dies
verstehe er dahin, daß er die Ausübung eines verliehenen Rechtes
immerhin auch in der Gewerbefreiheit an irgendeine Bedingung
3o knüpfe, die nach der Maßgabe des Faches leichter oder schwerer
zu erfüllen sei. Die Maurer-, Zimmer- und Baumeister hätten
verständigerweise Bedingungen zu erfüllen, wovon die meisten
anderen Gewerbe befreit seien.“ „Sein Antrag gehe auf ein Recht
im Besonderen, nicht im Allgemeinen.“
35 Zunächt, wer soll die Befugnis erteilen? Kant hätte
Fichten nicht die Befugnis des Philosophen, Ptolemäus dem
Kopernikus nicht die Befugnis des Astronomen, Bernhard von
Clairvaux dem Luther nicht die Befugnis des Theologen erteilt.
Jeder Gelehrte zählt seinen Kritiker zu den „unbefugten
4o A u t o r e n“. Oder sollen Ungelehrte entscheiden, wer ein be¬
fugter Gelehrter sei? Offenbar müßte man das Urteil den unbe¬
fugten Autoren überlassen, denn die Befugten können nicht Rich¬
ter in eigener Sache sein. Oder soll die Befugnis an einen Stand
geknüpft sein! Der Schuster Jakob Böhme war ein großer Philo-
45 soph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.
20*
224
Aus der Rheinischen Zeitung
Wenn übrigens von befugten und unbefugten Autoren ge¬
sprochen wird, so darf man sich konsequenterweise nicht dabei
beruhigen, die Personen zu unterscheiden, man muß das Ge¬
werbe der Presse wieder in verschiedene Gewerbe teilen,
man muß auf die verschiedenen Sphären der schriftstellerischen 5
Tätigkeit verschiedene Gewerbescheine ausstellen, oder soll der
befugte Schriftsteller über alles schreiben können? Von vorn¬
herein ist der Schuster befugter, über das Leder zu schreiben, als
der Jurist. Der Taglöhner ist ebenso befugt darüber zu schreiben,
ob an Feiertagen zu arbeiten sei oder nicht, als der Theologe. 10
Knüpfen wir also die Befugnis an besondere sachliche Bedin¬
gungen, so wird jeder Staatsbürger befugter und unbefugter
Schriftsteller zugleich sein, befugt in den Angelegenheiten seines
Berufes, unbefugt in allem Übrigen.
Abgesehen davon, daß die Welt der Presse auf diese Weise 15
statt allgemeines Band des Volkes, das wahre Mittel der Scheidung
würde, daß der Unterschied der Stände so geistig fixiert und die
Literaturgeschichte zur Naturgeschichte der besonderen geistigen
Tierrassen herabsänke; abgesehen von den Grenzstreitigkeiten
und Kollisionen, die nicht zu entscheiden und nicht zu vermeiden ; 20
abgesehen davon, daß der Presse die Geistlosigkeit und Borniert¬
heit zum Gesetz gemacht wäre, denn geistig und frei betrachte ich
das Besondere nur im Zusammenhang mit dem Ganzen, also nicht
in seiner Scheidung von ihm, — von diesem allem abgesehen, da
das Lesen gerade so wichtig ist als das Schreiben, so müßte &
es auch befugte und unbefugte Leser geben, eine Kon¬
sequenz, die in Ägypten gezogen wurde, wo die Priester, die
befugten Autoren, in einem die einzig befugten Leser waren. Und
es ist sehr zweckmäßig, daß den befugten Autoren auch allein die
Befugnis gestattet werde, ihre eigenen Schriften zu kaufen und 30
zu lesen.
Welche Inkonsequenz! Herrscht einmal Privilegium, gut, so
hat die Regierung vollkommenes Recht zu behaupten, sie sei der
einzig befugte Autor über ihr eigenes Tun und Lassen,
denn haltet ihr euch außer eurem besonderen Stand für befugt, 35
als Staatsbürger über das Allgemeinste, über den Staat zu
schreiben, sollten nicht die anderen Sterblichen, die ihr aus¬
schließen wollt, als Menschen befugt sein, über etwas sehr Parti¬
kuläres, über eure Befugnis und eure Schriften zu urteilen?
Es entstände der komische Widerspruch, daß/ö
der befugte Autor ohne Zensur über den Staat,
aber der unbefugte nur mit Zensur über den
befugten Autor schreiben dürfte.
Die Preßfreiheit wird dadurch sicher nicht errungen, daß ihr
die Schar der offiziellen Schriftsteller aus euren Reihen rekrutiert. 45
Debatten über Preßfreiheit
225
Die befugten Autoren wären die offiziellen Autoren, der
Kampf zwischen Zensur und Preßfreiheit hätte
sich in den Kampf der befugten und unbefugten
Schriftsteller verwandelt.
ô Mit Recht trägt daher ein Glied des vierten Standes darauf an:
„daß, wenn noch irgendein Preßzwang bestehen solle, derselbe für
alle Parteien gleich sei, d.h. daß in dieser Beziehung keiner Klasse
der Staatsbürger mehr Rechte als der anderen zugestanden wür¬
den“. Die Zensur unterwirft uns alle, wie in der Despotie alle
10 gleich sind, wenn auch nicht an Wert, so an Unwert; jene Art
Preßfreiheit will die Oligokratie in den Geist einführen. Die
Zensur erklärt einen Schriftsteller höchstens für unbequem, für
unpassend in die Grenzen ihres Reiches. Jene Preßfreiheit geht zu
der Anmaßung fort, die Weltgeschichte zu antizipieren, der
15 Stimme des Volkes vorzugreifen, welche bisher allein geurteilt hat,
welcher Schriftsteller „befugt“ und welcher „unbefugt“ sei.
Wenn Solon einen Menschen erst nach Ablauf seines Lebens,
nach seinem Tode zu beurteilen sich vermaß, so vermißt
sich diese Ansicht, einen Schriftsteller vor seiner Geburt
20 zu beurteilen.
Die Presse ist die allgemeinste Weise der Individuen, ihr
geistiges Dasein mitzuteilen. Sie kennt kein Ansehen der Person,
sondern nur das Ansehen der Intelligenz. Wollt ihr die geistige
Mitteilungsfähigkeit an besondere äußerliche Merkmale amtlich
25 festbannen? Was ich nicht für andere sein kann, das bin ich nicht
für mich und kann ich nicht für mich sein. Darf ich nicht für
andere als Geist da sein, so darf ich nicht für mich als Geist da
sein, und wollt ihr einzelnen Menschen das Privilegium geben,
Geister zu sein? So gut, wie jeder schreiben und lesen lernt, muß
3o jeder schreiben und lesen dürfen.
Und für wen soll die Einteilung der Schriftsteller in „be¬
fugte“ und „unbefugte“ sein? Offenbar nicht für die wahrhaft
Befugten, denn diese werden sich ohnehin geltend machen. Also
für „Unbefugte“, die durch ein äußeres Privilegium sich schützen
35 und imponieren wollen?
Dabei macht dieses Palliativ nicht einmal das Preßgesetz
entbehrlich, denn wie ein Redner des Bauernstandes bemerkt:
„Kann nicht auch der Privilegierte seine Befugnis überschreiten
und straffällig werden? So wäre also auf alle Fälle ein Preß-
40 gesetz notwendig, wobei man auf dieselben Beschwernisse wie
bei einem allgemeinen Preßgesetz stoßen würde.“
Wenn der Deutsche auf seine Geschichte zurückblickt, so findet
er einen Hauptgrund seiner langsamen politischen Entwick¬
lung, wie der elenden Literatur vor Lessing, in den „be¬
ifügten Schriftstellern“. Die Gelehrten von Fach, von
226
Aus der Rheinischen Zeitung
Zunft, von Privilegium, die Doktoren und sonstigen Ohren, die
charakterlosen Universitätsschriftsteller des siebzehnten und acht¬
zehnten Jahrhunderts mit ihren steifen Zöpfen und ihrer vor¬
nehmen Pedanterie und ihren winzig-mikrologischen Disser¬
tationen, sie haben sich zwischen das Volk und den Geist, zwischen «
das Leben und die Wissenschaft, zwischen die Freiheit und den
Menschen gestellt. Die unbefugten Schriftsteller haben
unsere Literatur gemacht. Gottsched und Lessing, da
wählt zwischen einem „befugten“ und einem „unbefugten“ Autor!
Wir lieben überhaupt die „Freiheit“ nicht, die nur im Plural 10
gelten will. England ist ein Beweis in historischer Lebensgröße,
wie gefährlich der beschränkte Horizont der „Freiheiten“
für „die Freiheit“ ist.
Ce mot des libertés, sagt Voltaire, des privilèges,
suppose rassujetissement. Des libertés sont des exemptions 15
de la servitude générale.
Wenn unser Redner ferner anonyme und pseudonyme
Schriftsteller von der Preßfreiheit ausschließen und der Zensur
unterwerfen will, so bemerken wir, daß der Name in der Presse
nicht zur Sache gehört, daß aber, wo Preßgesetz herrscht, der Ver- 20
leger, also durch ihn auch der anonyme und pseudonyme Schrift¬
steller, den Gerichten unterworfen ist. Zudem vergaß Adam, als
er alle Tiere des Paradieses benannte, den deutschen Zeitungs¬
korrespondenten Namen zu geben, und namenlos werden sie
bleiben in saeculum saeculorum. 25
Hat der Antragsteller die Personen zu beschränken ge¬
sucht, die Subjekte der Presse, so wollen andere Landstände den
sachlichen Stoff der Presse, den Kreis ihres Wir¬
kens und Daseins beschränken, und es entsteht ein geist¬
loses Markten und Feilschen, wieviel Freiheit die 30
Preßfreiheit haben solle.
Ein Landstand will die Presse auf die Besprechung der mate¬
riellen, geistigen und kirchlichen Verhältnisse der Rheinprovinz
beschränken; ein anderer will „Gemeindeblätter“, deren Namen
ihren beschränkten Inhalt aussagt; ein dritter will gar, daß man 35
in jeder Provinz nur in einem einzigen Blatte freimütig
sein dürfe!!!
Alle diese Versuche erinnern an jenen Turnlehrer, der als die
beste Methode des Springunterrichts vorschlug, den Schüler an
eine große Grube zu bringen und ihm mm durch einzelne Zwirn- 40
fäden anzuzeigen, wie weit er über die Grube springen dürfe.
Versteht sich, der Schüler sollte sich erst im Springen üben und
durfte den ersten Tag nicht über die ganze Grube wegsetzen, aber
von Zeit zu Zeit sollte der Zwimfaden weitergerückt werden.
Leider fiel der Schüler bei der ersten Lektion in die Grube, und 45
Debatten über Preßfreiheit
227
bisher ist er in der Grube liegen geblieben. Der Lehrer war ein
Deutscher, und der Schüler nannte sich: „Freiheit“.
Dem durchgehenden normalen Typus nach unter¬
scheiden sich die Verteidiger der Preßfreiheit auf
6 dem sechsten rheinischen Landtag also nicht durch den Gehalt,
sondern durch die Richtung von ihren Gegnern. In diesen be¬
kämpft, in jenen verteidigt die Beschränktheit des besonderen
Standes die Presse. Die einen wollen das Privilegium auf
Seiten der Regierung allein, die anderen wollen es verteilen unter
10 mehre Individuen; die einen wollen die ganze, die anderen die
halbe Zensur, die einen drei Achtel Preßfreiheit, die anderen gar
keine. Gott beschütze mich vor meinen Freunden!
Gänzlich divergierend aber von dem allgemeinenGeiste
des Landtags sind die Reden des Referenten und einiger
is Mitglieder aus dem Bauernstände.
Referent bemerkt unter anderem:
„Es tritt in dem Leben der Völker, sowie in dem der einzelnen
Menschen, der Fall ein, wo die Fesseln einer zu langen Vormund¬
schaft unerträglich werden, wo nach Selbständigkeit gestrebt wird
wund wo ein jeder seine Handlungen selbst verantworten will.
Alsdann hat die Zensur ausgelebt; da, wo sie noch fortbesteht,
wird sie als ein gehässiger Zwang betrachtet, der zu schreiben
verbietet, was öffentlich gesagt wird.“ Schreibe, wie du sprichst,
und sprich, wie du schreibst, lehren uns schon die Elementarlehrer,
w Später heißt es: Sprich, was dir vorgeschrieben ist, und schreibe,
was du nachsprichst.
„So oft das unaufhaltsame Fortschreiten der Zeit ein neues,
wichtiges Interesse entwickelt oder ein neues Bedürfnis heraus¬
stellt, für welche die bestehende Gesetzgebung keine hinreichen-
3o den Bestimmungen enthält, müssen neue Gesetze diesen neuen
Zustand der Gesellschaft regulieren. Ein solcher Fall tritt voll¬
kommen hier ein.“ Das ist die wahrhaft geschichtliche
Ansicht gegenüber der imaginären, welche die Vernunft der Ge¬
schichte erschlägt, um hinterher ihren Knochen den historischen
35 Reliquiendienst zu erweisen.
„Die Aufgabe (eines Preßkodex) mag allerdings nicht ganz
leicht zu lösen sein; der erste Versuch, der gemacht werden wird,
mag vielleicht sehr unvollkommen bleiben! Dem Gesetzgeber
aber, der sich zuerst damit befassen wird, werden alle Staaten
4o Dank schuldig sein, und unter einem Könige, wie der unsrige, ist
vielleicht der preußischen Regierung die Ehre beschieden, den
übrigen Ländern auf diesem Wege, der allein zum Ziele führen
kann, voranzugehen.“
Wie isoliert diese männlich würdige, entschiedene Ansicht
45 auf dem Landtage stand, das hat unsere ganze Darstellung be¬
228
Aus der Rheinischen Zeitung
wiesen, das bemerkt der Vorsitzende zum Überfluß selbst dem
Referenten, das spricht endlich ein Mitglied des Bauernstandes in
unmutigem, aber trefflichem Vortrage aus:
„Man umkreise die vorliegende Frage, wie
die Katze den warmen Brei.“ „Der menschliche Geist 5
müsse sich nach seinen ihm inwohnenden Gesetzen
frei entwickeln und das Errungene mitteilen dürfen, sonst würde
aus einem klaren belebenden Strom ein verpestender Sumpf.
Wenn ein Volk sich für Preßfreiheit eigne, so sei dieses sicher
das ruhige, gemütliche deutsche, welches wohl eher noch einer 10
Aufstachelung aus seinem Phlegma bedürfe als der geistigen
Zwangsjacke der Zensur. Seine Gedanken und Gefühle seinen Mit¬
menschen nicht unbehindert mitteilen zu dürfen, habe viel Ähn¬
lichkeit mit dem nordamerikanischen Absperrungssystem der
Sträflinge, welches in seiner vollen Schroffheit häufig zum Wahn-15
sinn führe. Wer nicht tadeln dürfe, von dem habe auch das Lob
keinen Wert; ähnlich in seiner Ausdruckslosigkeit sei ein chine¬
sisches Gemälde, dem der Schatten mangle. Möchten wir uns
doch nicht diesem erschlafften Volke beigesellt finden!“
Werfen wir mm einen Blick auf die Preßdebatten im Ganzen 20
zurück, können wir nicht Herr werden über den öden und unbe¬
haglichen Eindruck, den eine Versammlung von Vertretern der
Rheinprovinz hervorbringt, die nur zwischen der absicht¬
lichen Verstocktheit des Privilegiums und der natürlichen Ohn¬
macht eines halben Liberalismus hin und her schwanken, müssen 25
wir vor allem den fast durchgehenden Mangel an allgemeinen und
weiten Gesichtspunkten mißfällig bemerken, wie jene nachlässige
Oberflächlichkeit, welche die Angelegenheit der freien Presse de¬
battiert und beseitigt: so fragen wir uns noch einmal, ob die
Presse den Landständen zu fern lag, zu wenig reelle Berührung 30
mit ihnen hatte, als daß sie die Preßfreiheit mit dem gründlichen
und ernsten Interesse des Bedürfnisses hätten verteidigen können?
Die Preßfreiheit reichte ihre Bittschrift den Ständen mit der
feinsten captatio benevolentiae ein.
Gleich im Beginn des Landtags entstand nämlich eine Debatte, 35
worin der Vorsitzende bemerkt, daß der Druck der
Landtagsverhandlungen, so sehr, wie aller übrigen
Schriften, der Zensur unterworfen sei, daß er aber hier die
Stelle des Zensors vertrete.
Fiel in diesem einen Punkte die Sache der Preßfreiheit 40
nicht zusammen mit der Freiheit des Landtages? Diese
Kollision ist um so interessanter, als dem Landtag hier an seiner
eigenen Person der Beweis statuiert wurde, wie mit dem Mangel
der Preßfreiheit alle anderen Freiheiten illusorisch werden. Jede
Gestalt der Freiheit bedingt die andere, wie ein Glied des Körpers 45
Debatten über Preßfreiheit
229
das andere. So oft eine bestimmte Freiheit in Frage gestellt ist,
ist die Freiheit in Frage gestellt. So oft eine Gestalt der Freiheit
verworfen ist, ist die Freiheit verworfen und kann überhaupt nur
mehr ein Scheinleben führen, indem es nachher reiner'Zufall ist,
5 an welchem Gegenstände die Unfreiheit als die herrschende Macht
sich betätigt. Die Unfreiheit ist die Regel und die Freiheit
eine Ausnahme des Zufalls und der Willkür. Nichts ist daher
verkehrter als, wenn es sich um ein besonderes Dasein der
Freiheit handelt, zu meinen, dieses sei eine besondere
10 Fr a ge. Es ist die allgemeine Frage innerhalb einer besonderen
Sphäre. Freiheit bleibt Freiheit, drücke sie sich nun in der
Druckerschwärze, oder in Grund und Boden, oder im Gewissen,
oder in einer politischen Versammlung aus; aber der loyale
Freund der Freiheit, dessen Ehrgefühl schon verletzt würde, wenn
15 er abstimmen sollte: Sein oder Nichtsein der Frei¬
heit ? — dieser Freund wird stutzig vor dem eigentümlichen Ma¬
terial, in welchem die Freiheit erscheint, er verkennt in der Art
die Gattung, er vergißt über der Presse die Freiheit, er glaubt ein
fremdes Wesen zu beurteilen und verurteilt sein eigenes Wesen.
2o So hat der sechste rheinische Landtag sich selbst verurteilt, indem
er der Preßfreiheit das Urteil sprach.
Die hochweisen Bureaumänner von Praxis, welche im stillen
und mit Unrecht von sich denken, was Perikies laut und mit
Recht von sich rühmte: „Ich bin ein Mann, der sich in der Kennt-
25 nis der Staatsbedürfnisse wie in der Kunst, sie zu entwickeln, mit
jedem messen kann“, diese Erbpächter der politischen Intelligenz
werden die Achseln zucken und mit orakelnder Vornehmheit be¬
merken, daß die Verteidiger der Preßfreiheit leere Spreu
dreschen, denn eine milde Zensur sei besser als eine herbe
3o Preßfreiheit. Wir erwidern ihnen, was die Spartaner Sperthias
und Bulis dem persischen Satrapen Hydames:
„Hydames, dein Rat für uns ist nicht von beiden Seiten gleich
abgewogen. Denn das Eine, worüber du rätst, hast du versucht;
das Andere blieb dir unversucht. Nämlich was Knecht sein heißt,
35 das kennst du; die Freiheit aber hast du noch nie versucht, ob sie
süß ist oder nicht. Denn hättest du sie versucht, du würdest uns
raten, nicht nur mit Lanzen für sie zu fechten, sondern auch mit
Beilen.“
[Die Zentralisationsfrage]
Die Zentralisationsfrage in bezug auf sich
selbst und in bezug auf das Beiblatt der Rhei¬
nischen Zeitung zu Nr. 137, Dienstag, 17. Mai 1842
[Nach dem Ms. — Original: Archiv der Sozialdemokratischen Partei, Berlin] 5
„Deutschland und Frankreich in bezug auf die Zentralisations¬
frage“ mit dem Zeichen -i—„Ob die Staatsmacht1) von
einem Punkte ausgehen1) oder ob jede Provinz, jede Gemeinde
sich selbst verwalten und die Zentralregierung erst da als die
Macht des Ganzen auch die einzelnen Teile des Staates be- io
herrschen soll, wo der Staat nach außen zu vertreten ist, über diese
Frage sind die Ansichten noch sehr geteilt.“
Eine Zeitfrage teilt mit jeder durch ihren Inhalt berechtigten,
also vernünftigen Frage das Schicksal, daß nicht die Antwort,
sondern die Frage die Hauptschwierigkeit bildet. Die wahreis
Kritik analysiert daher nicht die Antworten, sondern die Fragen.
Wie die Lösung einer algebraischen Gleichung gegeben ist, sobald
die Aufgabe in ihren reinsten und schärfsten Verhältnissen ge¬
stellt ist, so ist jede Frage beantwortet, sobald sie zur wirk¬
lichen Frage geworden ist. Die Weltgeschichte selbst hat keine so
andere Methode, als alte Fragen durch neue Fragen zu beantwor¬
ten und abzutun. Die Rätselworte einer jeden Zeit sind daher
leicht zu finden. Es sind die Zeitfragen, und wenn in den Ant¬
worten die Absicht und die Einsicht des einzelnen Individuums
eine große Rolle spielen und ein geübter Blick dazu gehört, zu ss
trennen, was dem Individuum und was der Zeit gehört, so sind
dagegen die Fragen die offenen, rücksichtslosen, über alle ein¬
zelne Individualitäten übergreifenden Stimmen einer Zeit, es sind
ihre Mottos, es sind die höchst praktischen Ausrufe über
ihren eigenen Seelenzustand. Die Reaktionäre jeder Zeit sind da- 30
her ebenso gute Barometer für ihren geistigen Zustand als die
Hunde für die Witterung. Dem Publikum erscheint dies so, daß
die Reaktionäre die Fragen machen. Es glaubt daher, wenn
dieser oder jener Obskurant eine moderne Richtung nicht be¬
kämpft, wenn er nicht eine Sache in Frage gestellt hätte, so e x i - 35
stierte die Frage nicht. Das Publikum selbst hält daher die
Reaktionären für die wahren Männer des Fortschritts.
O Sperrung von Marx.
Die Zentralisationsfrage
231
„Ob die Staatsmacht von einem Punkte ausgehe“, d. h. ob ein
Punkt regieren soll oder ob jede Provinz etc. sich selbst ver¬
walten und die Zentralregierung erst nach Außen als die Macht des
Ganzen „gegen Außen“ sich zeigen soll, so kann unmöglich die
5 Zentralisationsfrage gefaßt werden. Der Verfasser versichert
uns, daß „diese Frage, von einem höheren Gesichtspunkte be¬
trachtet, in sich selbst zerfalle als eine nichtige“, denn „wenn der
Mensch wirklich ist, was er seinem Wesen nach sein soll, dann
ist die individuelle Freiheit von der allgemeinen gar nicht unter-
10 schieden“. „Setzt man also ein Volk von Gerechten1) voraus,
so kann die inRede stehendeFrage gar nicht aufgeworfen werden“,
„die Zentralmacht würde’) in allen Gliedern leben etc. etc.“.
„Wie aber überhaupt jedes äußere Gesetz, jede positive Institu¬
tion etc., so wäre auch jede zentrale8) Staatsmacht etc. überflüssig.
15 Eine solche Gesellschaft wäre nicht Staat, sondern Ideal der
Menschheit.“ „Man kann sich’s erstaunlich leicht machen, die
schwierigsten Staatsprobleme zu lösen, wenn man von einem
hohen philosophischen Standpunkte herab auf unser soziales Leben
blickt. Theoretisch1) ist eine solche Lösung der Probleme
auch ganz richtig, ja die einzig richtige. Aber es handelt sich hier
nicht um eine theoretische etc., sondern um eine praktische, aller¬
dings nur empirische und relative Beantwortung der Zentrali¬
sationsfrage etc.“.
Der Verfasser des Artikels beginnt mit einer Selbstkritik
25 seiner Frage. Von einem höheren Gesichtspunkte her betrachtet,
existiere sie nicht, aber zugleich erfahren wir, daß von diesem
hohen Gesichtspunkte her alle Gesetze, positiven Institutionen, die
zentrale Staatsmacht und schließlich der Staat selbst verschwin¬
det. Mit Recht rühmt der Verfasser die „erstaunliche Leichtig-
3o keit“, mit welcher dieser Gesichtspunkt sich zu orientieren weiß,
aber mit Unrecht nennt man eine solche Lösung der Probleme
„theoretisch ganz richtig, ja die einzig richtige“, mit Unrecht
nennt er diesen Standpunkt „einen philosophischen“. Die Philo¬
sophie muß ernstlich dagegen protestieren, wenn man sie mit der
35 Imagination verwechselt. Die Fiktion von einem Volke „der Ge¬
rechten“ ist der Philosophie so fremd als der Natur die Fiktion
von „betenden Hyänen“. Der Verfasser substituiert „seine Ab¬
straktionen“ der Philosophie4).
x) Sperrung von Marx.
3) In der RhZ würde alsdann
8 ) In der RhZ zentrale oder höchste
4) Hier bricht das Ms. ab.
Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung
[RhZ 10. Juli 1842. Nr. 191, Beiblatt]
Wir hatten bisher in der „Kölnischen Zeitung“
wenn auch nicht das „Blatt der rheinischen Intelli-
genz“, so doch das rheinische „Intelligenzblatt“ verehrt, s
Wir betrachteten vorzugsweise ihre „leitenden politischen Ar¬
tikel“ als ein eben so weises wie gewähltes Mittel, dem Leser die
Politik zu verleiden, damit er desto sehnsüchtiger in das lebens¬
frische, industriewogende und oft schöngeistig pikante Reich der
Anzeigen hinübersetze, damit es auch hier heiße: per aspera ad 10
astra, durch die Politik zu den Austern. Allein das schöne Eben¬
maß, welches die Kölnische Zeitung bisher zwischen der Politik
und den Anzeigen zu halten wußte, ist in letzter Zeit durch eine
Art von Anzeigen gestört worden, welche man die „Anzeigen der
politischen Industrie“ nennen kann. In der ersten Unsicherheit, it
wo diese neue Gattung zu plazieren, geschah es, daß sich eine
Anzeige in einen leitenden Artikel und der leitende Artikel in
eine Anzeige verwandelte, und zwar in eine Anzeige, die man in
der Sprache der politischen Welt eine „Denunziation“ nennt, die
aber, wenn sie bezahlt wird, eine „Anzeige“ schlechthin heißt, w
Man pflegt im Norden vor den mageren Mahlzeiten exquisite
Spirituosa den Gästen verabfolgen zu lassen. Wir befolgen bei
unserem nordischen Gaste um so lieber diese Sitte, den Spiritus
vor der Mahlzeit zu geben, als wir in der Mahlzeit selbst, in dem
sehr „leidenden“ Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung 25
keinen Spiritus finden. Wir tischen daher zuerst eine Szene aus
Lucians Göttergesprächen auf, die wir nach einer „gemein¬
verständlichen“ Übersetzung mitteilen, da unter unseren Lesern
wenigstens Einer sich befinden wird, der kein Hellene ist.
Lucians Göttergespräche.
XXIV. Hermes’ Klagen.
Hermes. Maja.
Hermes. Gibt es wohl, liebe Mutter, im ganzen Himmel einen geplagteren Gott
als mich?
Maja. Sage doch nicht so etwas, mein Sohn ! 35
Hermes. Warum soll ich es nicht sagen? Ich, der ich eine Menge von Geschäften
zu besorgen habe, immer allein arbeiten, mich zu so vielen Knechtsdiensten herum¬
zerren lassen muß? Morgens mit dem Frühesten muß ich aufstehen und den
Speisesaal auskehren, die Polster im Ratszimmer zurechte legen, und wenn alles
an Ort und Stelle ist, bei Jupitem auf wart en und den ganzen Tag mit seinen Bot- 50
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
233
schäften auf und ab den Kurier machen. Kaum zuriickgekehrt und mit Staube
noch bedeckt, muß ich die Ambrosia auf tragen. Und was noch das ärgste ist,
ich bin der einzige, dem man auch des Nachts keine Ruhe läßt; denn da muß ich
dem Pluto die Seelen der Verstorbenen zuführen und beim Totengerichte Auf-
5 wärterdienste tun, denn es ist nicht genug an den Arbeiten des Tages, daß ich
den Turnübungen anzuwohnen, den Herold in den Volksversammlungen
zu machen, den Volksrednern beim Einstudieren ihrer Vorträge zu helfen habe;
nein, ich muß, in so viele Geschäfte zerstückelt, auch noch das gesamte
Totenwesen besorgen.
10 Seit seiner Vertreibung aus dem Olymp besorgt Hermes aus
alter Gewohnheit noch immer „Knechtsdienste“ und das gesamte
Totenwesen.
Ob Hermes selbst oder sein Sohn, der Ziegengott Pan, den
leidenden Artikel Nr. 179 geschrieben, mag der Leser entschei-
15 den, nachdem er sich erinnert, daß der griechische Hermes der
Gott der Beredsamkeit und der Logik war.
„Philosophische und religiöse Ansichten durch die Zeitungen
zu verbreiten oder in den Zeitungen zu bekämpfen, scheint uns
gleich unzulässig.“
2« Wie der Alte so plauderte, merkte ich wohl, daß es bei ihm
auf eine langweilige Litanei von Orakelspriichen abgesehen sei,
aber, beschwichtigte ich die Ungeduld, sollte ich dem einsichts¬
vollen Manne nicht glauben, der so unbefangen ist, in seinem
eigenen Hause seine Meinung mit aller Freimütigkeit zu sagen,
os und ich las weiter. Doch, o Wunder, dieser Artikel, dem zwar keine
einzige philosophische Ansicht vorzuwerfen ist, hat wenigstens die
Tendenz, philosophische Ansichten zu bekämpfen und religiöse
Ansichten zu verbreiten.
Was soll uns ein Artikel, der das Recht seiner eigenen Existenz
so bestreitet, der seine Inkompetenz-Erklärung sich selbst voraus¬
schickt. Der redselige Verfasser wird uns antworten. Er erklärt,
wie seine breitspurigen Artikel zu lesen sind. Er beschränkt sich
darauf, Bruchstücke zu geben, deren „Aneinanderreihung und
Verbindung“ er „dem Scharfsinn der Leser“ überläßt, — die
3s schicklichste Methode für jene Art von Anzeigen, deren Betrieb
er sich zugelegt. Wir wollen „aneinanderreihen und verbinden“,
und es ist nicht unsere Schuld, wenn aus dem Rosenkranz kein
Kranz von Rosenperlen wird.
Der Verfasser erklärt sich dahin: „eine Partei, die sich dieser
oo Mittel bedient (nämlich philosophische und religiöse Ansichten in
Zeitungen zu verbreiten und zu bekämpfen), zeigt dadurch, u n s e •
rer Meinung nach, daß sieesnichtehrlich meint und daß ihr
weniger an der Belehrung und Auklärung des Volkes als an der
Erreichung andereräußererZwecke gelegen ist.“
os Bei dieser seiner Meinung kann der Artikel nichts anderes
als die Erreichung äußerer Zwecke beabsichtigen. Diese „äußeren
Zwecke“ werden sich nicht verschweigen.
234
Aus der Rheinischen Zeitung
Der Staat, heißt es, hat nicht allein das Recht, sondern auch
die Pflicht, den „unberufenen Schwätzern das Handwerk zu
legen“. Der Verfasser spricht von den Gegnern seiner An¬
sicht; denn längst ist er dahin mit sich selbst übereingekommen,
ein berufener Schwätzer zu sein. 5
Es handelt sich also von einer neuen Verschärfung der Zensur
in religiösen Angelegenheiten, von einer neuen Polizeimaßregel
gegen die kaum aufatmende Presse.
„Unserer Meinung nach kann man dem Staate, statt über¬
triebener Strenge, eher eine zu weit getriebene Nachsicht zum 10
Vorwurf machen.“
Doch der leitende Artikel besinnt sich. Es ist gefährlich, dem
Staate Vorwürfe zu machen; er adressiert sich daher an die Be¬
hörden, seine Anklage gegen die Preßfreiheit verwandelt sich in
eine Anklage gegen die Zensoren; er klagt die Zensoren an, zu«
„wenig Zensur“ anzuwenden. „Auch darin ist bisher, zwar
nicht vom Staate, aber von »einzelnen Behörden*
eine tadelnswerte Nachsicht bewiesen worden, daß man der neueren
philosophischen Schule gestattet hat, sich in öffentlichen Blättern
und in anderen, für einen nicht bloß wissenschaftlichen Leserkreis 20
bestimmten Druckschriften die unwürdigsten Ausfälle auf das
Christentum zu erlauben.“
Wiederum bleibt der Verfasser stehen und wiederum besinnt
er sich; er hat vor weniger als acht Tagen in der Zensurfreiheit
zu wenig Preßfreiheit gefunden; er findet jetzt in dem Zensoren- g5
zwang zu wenig Zensurzwang.
Das muß wieder gutgemacht werden.
„Solange noch eine Zensur besteht, ist es ihre dringendste
Pflicht, so ekelerregende Auswüchse eines knabenhaften Über¬
mutes auszuschneiden, wie sie in den letzten Tagen wiederholt 30
unser Auge beleidigt haben.“
Blöde Augen! Blöde Augen! Und das „blödeste Auge wird
von einer Wendung beleidigt werden, die nur auf die Fassungs¬
kraft der großen Menge“ berechnet sein kann.
Wenn schon die erleichterte Zensur ekelerregende Auswüchse 35
aufkommen läßt, wie erst die Preßfreiheit? Wenn unsere Augen
zu schwach sind, den „Übermut“ der zensierten, wie würden sie
stark genug sein, den „Mut“ der freien Presse zu ertragen?
„Solange die Zensur besteht, ist es ihre dringendste Pflicht.“
Und sobald sie nicht mehr besteht? Die Phrase muß so inter- w
pretiert werden: Es ist die dringendste Pflicht der Zensur, so lange
als möglich zu bestehen.
Und wiederum besinnt sich der Verfasser: „Es ist nicht unseres
Amtes, als öffentlicher Ankläger aufzutreten, und wir unter¬
lassen deshalb jede nähere Bezeichnung.“ Es ist eine Himmels- «
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
235
güte in diesem Menschen! Er unterläßt die nähere „Bezeichnung“,
und nur aus ganz nahen, ganz distinkten Zeichen könnte er be¬
weisen und zeigen, was denn seine Ansicht will; er läßt nur
vage, halblaute, verdächtigende Worte fallen; es ist nicht seines
5 Amtes, öffentlicher Ankläger, es ist seines Amtes, ver¬
steckter Ankläger zu sein.
Zum letzten Male besinnt sich der unglückliche Mann, daß es
seines Amtes ist, liberale Leadingartikel zu schreiben, daß er
einen „loyalen Preßfreiheitsfreund“ vorstellen solle; er wirft
10 sich also in die letzte Position: „Wir durften es nicht unterlassen,
gegen ein Verfahren zu protestieren, welches, wenn es nicht eine
Folge zufälliger Vernachlässigung ist, keinen anderen Zweck
haben kann, als die freiere Bewegung der Presse in der öffent¬
lichen Meinung zu kompromittieren, um den Gegnern, die auf
is dem geraden Wege ihr Ziel zu verfehlen fürchten, gewonnenes
Spiel zu geben.“
Die Zensur, lehrt dieser ebenso kühne als scharfsinnige Ver¬
teidiger der Preßfreiheit, wenn sie nicht der englische Leoparde
mit der Inschrift ist: „I sleep, wake me not!“ hat dieses „heillose“
so Verfahren eingeschlagen, um die freiere Bewegung der Presse in
der öffentlichen Meinung zu kompromittieren.
Braucht eine Bewegung der Presse noch kompromittiert zu
werden, welche die Zensur auf „zufällige Vernachläs¬
sigungen“ aufmerksam macht, welche ihr Renommee in der
55 Öffentlichen Meinung von dem „Federmesser des Zen¬
sors“ erwartet?
„Frei“ kann diese Bewegung insofern genannt werden, als man
die Lizenz der Schamlosigkeit auch zuweilen „frei“ nennt, und ist
es nicht die Schamlosigkeit des Unverstandes und der Heuchelei,
so sich für einen Verteidiger der freieren Bewegung der Presse auszu¬
geben, wenn man zugleich doziert, die Presse falle den Augenblick
in die Gosse, wo nicht zwei Gendarmen ihr unter die Arme greifen.
Und wozu bedürfen wir der Zensur, wozu dieses leitenden
Artikels, wenn die philosophische Presse sich selbst in der öffent-
35 liehen Meinung kompromittiert? Allerdings will der Verfasser
keineswegs „die Freiheit der wissenschaftlichen
Forschung“ beschränken. „In unseren Tagen ist der wis¬
senschaftlichen Forschung mit Recht der weiteste,
unbeschränkteste Spielraum gestattet.“
io Welchen Begriff unser Mann aber von der wissenschaftlichen
Forschung hat, mag folgende Äußerung beweisen: „Es ist dabei
scharf zu unterscheiden, was die Freiheit der wissenschaftlichen
Forschung erfordert, durch welche das Christentum selbst nur ge¬
winnen kann, und was über die Grenzen der wissenschaftlichen
45 Forschung hinaus liegt.“
236
Aus der Rheinischen Zeitung
Wer soll über die Grenzen der wissenschaftlichen Forschung
entscheiden, wenn nicht die wissenschaftliche Forschung selbst!
Nach dem leitenden Artikel sollen die Grenzen der Wissenschaft
vorgeschrieben werden. Der leitende Artikel kennt also eine
„offizielle Vernunf t“, welche nicht von der Wissenschaft- 5
liehen Forschung lernt, sondern sie belehrt, welche, eine gelehrte
Vorsehung, die Größe jedes Haares mißt, das einen wissenschaft¬
lichen Bart in einen Weltbart verwandeln könnte. Der leitende
Artikel glaubt an die wissenschaftliche Inspiration der Zensur.
Ehe wir diese „albernen“ Explikationen des leitenden Artikels 10
über die „wissenschaftliche Forschung“ weiter verfolgen, kosten
wir einen Augenblick von der „Religionsphilosophie“
des Herm H., von seiner „eigenen Wissenschaft“!
„Die Religion ist die Grundlage des Staates, wie die notwen¬
digste Bedingung jeder nicht bloß auf die Erreichung irgendeines is
äußerlichen Zweckes gerichteten gesellschaftlichen Vereinigung.“
Beweis: „In ihrer rohesten Form als kindischer Fe¬
tischismus, erhebt sie den Menschen doch einigermaßen über
die sinnlichen Begierden, die ihn, wenn er sich von denselben
ausschließlich beherrschen läßt, zum Tiere erniedrigen^
und zu der Erfüllung jedes höheren Zweckes unfähig machen.“
Der leitende Artikel nennt den Fetischismus die „roheste
Form“ der Religion. Er gibt also zu, was auch ohne seinen Kon¬
sens bei allen Männern der „wissenschaftlichen Forschung“ fest¬
steht, daß die „T i e r r e 1 i g i o n“ eine höhere religiöse Form 25
als der Fetischismus ist, und erniedrigt die Tierreligion den
Menschen nicht unter das Tier, macht sie das Tier nicht zum Gott
des Menschen?
Und nun gar der „Fetischismus“! Eine wahre Pfennigs¬
magazingelehrsamkeit! Der Fetischismus ist so weit entfernt, den 30
Menschen über die Begierde zu erheben, daß er vielmehr „die
Religion der sinnlichen Begierde“ ist. Die Phan¬
tasie der Begierde gaukelt dem Fetischdiener vor, daß ein „leb¬
loses Ding“ seinen natürlichen Charakter auf geben werde, um das
Jawort seiner Gelüste zu sein. Die rohe Begierde des Fetisch- 35
dieners zerschlägt daher den Fetisch, wenn er aufhört, ihr
untertänigster Diener zu sein.
„Bei jenen Nationen, welche eine höhere geschichtliche Bedeu¬
tung erlangt haben, fällt die Blüte ihres Volkslebens mit der höch¬
sten Ausbildung ihres religiösen Sinnes, der Verfall ihrer Größe m
und ihrer Macht mit dem Verfall ihrer religiösen Bildung zu¬
sammen.“
Wenn man die Behauptung des Verfassers geradezu umkehrt,
erhält man die Wahrheit; er hat die Geschichte auf den Kopf
gestellt. Griechenland und Rom sind doch wohl die Länder der u
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
237
höchsten „geschichtlichen Bildung“ unter den Völkern der alten
Welt. Griechenlands höchste innere Blüte fällt in die Zeit des
Perikies, seine höchste äußere in die Zeit Alexanders. Zur Zeit
des Perikies hatten Sophisten, Sokrates, welchen man die inkorpo-
s rierte Philosophie nennen kann, Kunst und Rhetorik die Religion
verdrängt. Die Zeit des Alexander war die Zeit des Aristoteles,
der die Ewigkeit des „individuellen“ Geistes und den Gott der
positiven Religionen verwarf. Und mm gar Rom! Leset den
Cicero! Epikureische, stoische oder skeptische Philosophie waren
10 die Religionen der Römer von Bildung, als Rom den Höhepunkt
seiner Laufbahn erreicht hatte. Wenn mit dem Untergange der
alten Staaten die Religionen der alten Staaten verschwinden, so
bedarf das keiner weiteren Explikation, denn die „wahre Reli¬
gion“ der Alten war der Kultus „ihrer Nationalität“, ihres
is „Staates“. Nicht der Untergang der alten Religionen stürzte die
alten Staaten, sondern der Untergang der alten Staaten stürzte die
alten Religionen. Und solche Unwissenheit, wie die des leitenden
Artikels, proklamiert sich zum „Gesetzgeber der wissenschaft¬
lichen Forschung“ und schreibt der Philosophie „Dekrete“.
so „Die ganze alte Welt mußte deshalb zusammenbrechen, weil
mit den Fortschritten in ihrer wissenschaftlichen Ausbildung,
welche die Völker machten, notwendig auch die Aufdeckung der
Irrtümer verbunden war, auf denen ihre religiösen Ansichten
beruhten.“
ss Also die ganze alte Welt ging nach dem leitenden Artikel unter,
weil die wissenschaftliche Forschung die Irrtümer der alten Re¬
ligionen aufdeckte. Wäre die alte Welt nicht untergegangen, wenn
die Forschung die Irrtümer der Religionen verschwiegen hätte,
wenn Lucretius’ und Lucians Schriften von dem Verfasser des
so leitenden Artikels den römischen Behörden zum Ausschneiden
empfohlen worden wären?
Übrigens erlauben wir uns, die Gelehrsamkeit des Hm. H. mit
einer Notiz zu vermehren.
[RhZ 12. Juli 1842. Nr. 193, Beiblatt]
35 *** Eben als der Untergang der alten Welt herannahte, tat sich
die Alexandrinische Schule auf, welche mit Gewalt
„die ewige Wahrheit“ der griechischen Mythologie und ihre
durchgängige Übereinstimmung „mit den Ergebnissen der wis¬
senschaftlichen Forschung“ zu beweisen sich bemühte. Auch der
io Kaiser Julian gehörte noch zu dieser Richtung, die den neu
hereinbrechenden Zeitgeist glaubte verschwinden zu machen, wenn
sie sich die Augen zuhielt, um ihn nicht zu sehen. Allein bei H.s
Resultat stehengeblieben! In den alten Religionen war „die
Marx-Engels-Geaamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 21
238
Aus der Rheinischen Zeitung
schwache Ahnung des Göttlichen von der dichtesten Nacht des
Irrtums verhüllt“ und konnte deshalb den wissenschaftlichen For¬
schungen nicht widerstehen. Im Christentum verhält es sich um¬
gekehrt, wird jede Denkmaschine urteilen. Allerdings sagt H.:
„Die höchsten Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung5
haben bisher nur dazu gedient, die Wahrheiten der christlichen
Religion zu bestätigen.“ Abgesehen davon, daß von allen Philo¬
sophien der Vergangenheit ohne Ausnahme jede des Abfalls von
der christlichen Religion durch die Theologen bezichtigt wurde,
selbst die des frommen Malebranche und des inspirierten Jakob 10
Böhme, daß Leibniz als „Löwenix“ (Glaubenichts) von den braun¬
schweigischen Bauern und als Atheist von dem Engländer Clarke
und den übrigen Anhängern Newtons angeklagt wurde; abge¬
sehen davon, daß das Christentum, wie der tüchtigste und kon¬
sequenteste Teil der protestantischen Theologen behauptet, mit 15
der Vernunft nicht übereinstimmen kann, weil die „weltliche“
Vernunft und die „geistliche“ sich widersprechen, was Tertullian
klassisch so ausdrückt: „verum est, quia absurdum est“; hiervon
abgesehen, wie soll man die Übereinstimmung der wissenschaft¬
lichen Forschung mit der Religion beweisen, wenn nicht, indem 20
man die wissenschaftliche Forschung zwingt, dadurch in die Re¬
ligion aufzugehen, daß man sie ihren eigenen Gang fortgehen
läßt. Ein anderer Zwang ist wenigstens kein Beweis.
Allerdings, wenn ihr von vornherein nur das a}s wissenschaft¬
liche Forschung anerkennt, was eure Ansicht ist, so habt ihr leicht25
prophezeien; aber welchen Vorzug hat eure Behauptung denn vor
der des indischen Brahminen, der die Heiligkeit der Vedas beweist,
indem er allein sich das Recht vorbehält, sie zu lesen!
Ja, sagt H., „wissenschaftliche Forschung“. Aber jede For¬
schung, die dem Christentum widerspricht, bleibt „auf halbem 30
Wege stehen“ oder „schlägt einen falschen Weg“ ein. Kann man
sich das Argumentieren bequemer machen?
Die wissenschaftliche Forschung, sobald sie sich „den Inhalt
des Gefundenen ,k 1 a r g e m a c h t‘, wird nie den Wahrheiten des
Christentums widerstreiten“, aber zugleich muß der Staat dafür 35
sorgen, daß dieses „Klarmachen“ unmöglich sei, denn die
Forschung darf sich nie an die Fassungskraft der großen Menge
wenden, d. h. nie sich selbst populär und klar werden. Selbst
wenn sie in allen Zeitungen der Monarchie von unwissenschaft¬
lichen Forschem angegriffen wird, muß sie bescheiden sein und 40
schweigen.
Das Christentum schließt die Möglichkeit „jedes neuen Ver¬
falls“ aus, aber die Polizei muß wachen, daß die philosophieren¬
den Zeitungsschreiber es nicht zum Verfall bringen, sie muß mit
der äußersten Strenge wachen. Der Irrtum wird im Kampfe mit 45
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
239
der Wahrheit von selbst als solcher erkannt werden, ohne daß es
einer Unterdrückung durch äußere Gewalt bedürfte; aber der
Staat muß diesen Kampf der Wahrheit erleichtern, indem er den
Verfechtern des „Irrtums“ zwar nicht die innere Freiheit nimmt,
5 die er ihnen nicht nehmen kann, aber wohl die Möglichkeit dieser
Freiheit, die Möglichkeit der Existenz.
Das Christentum ist seines Sieges gewiß, aber es ist nach H.
seines Sieges nicht so gewiß, um die Hilfe der Polizei zu ver¬
schmähen.
10 Wenn von vornherein alles Irrtum ist und als Irrtum behandelt
werden muß, was eurem Glauben widerspricht, was unterscheidet
eure Prätension von der Prätension des Muhamedaners, von der
Prätension jeder anderen Religion? Soll die Philosophie für jedes
Land, nach dem Sprichworte „ländlich, sittlich“, andere Grund¬
ig sätze annehmen, um den Grundwahrheiten des Dogmas nicht zu
widerstreiten; soll sie in dem einen Lande glauben, daß 3X1 = 1,
in dem anderen, daß die Weiber keine Seelen haben, im dritten,
daß im Himmel Bier getrunken wird? Gibt es keine allge¬
mein menschliche Natur, wie es eine allgemeine Natur
2o der Pflanzen und Gestirne gibt? Die Philosophie fragt, was wahr,
nicht was gültig, sie fragt, was für alle Menschen wahr, nicht was
für einzelne wahr ist; ihre metaphysischen Wahrheiten kennen
nicht die Grenzen der politischen Geographie; ihre politischen
Wahrheiten wissen zu gut, wo die „Grenzen“ anfangen, um den
2b illusorischen Horizont der besonderen Welt- und Volksanschauung
mit dem wahren Horizont des menschlichen Geistes zu verwechseln.
H. ist unter allen Verteidigern des Christentums der schwächste.
Die lange Existenz des Christentums ist sein einziger Be¬
weis für das Christentum. Existiert nicht auch die Philosophie von
3o Thales bis heutzutage, und zwar nach H. gerade jetzt mit größeren
Ansprüchen und größerer Meinung von ihrer Wichtigkeit als
jemals?
Wie beweist nun H. endlich, daß der Staat ein „christlicher“
Staat sei, daß er, statt eine freie Vereinigung sittlicher Menschen,
35 eine Vereinigung von Gläubigen, statt der Verwirklichung der
Freiheit die Verwirklichung des Dogmas bezweckt. „Unsere euro¬
päischen Staaten haben sämtlich das Christentum zur Grundlage.“
Auch der französische Staat? Es heißt in der Charte,
Art. 3, nicht: „jeder Christ“, oder „nur der Christ“, sondern:
4o „tous les Français sont également admissibles aux emplois civiles
et militaires“.
Auch im preußischen Landrecht IL T. XIII. Tit. etc. heißt es:
„Die vorzüglichste Pflicht des Oberhauptes im Staate ist,
sowohl die äußere als die innere Ruhe und Sicherheit zu erhalten
45 und einen jeden bei dem Seinigen gegen Gewalt und Störung zu
21*
240
Aus der Rheinischen Zeitung
schützen.“ Nach § 1 vereinigt aber das Staatsoberhaupt in sich alle
„Pflichten und Rechte des Staates“. Es heißt nicht, die vorzüg¬
lichste Pflicht des Staates sei die Unterdrückung ketzerischer
Irrtümer und die Seligkeit der anderen Welt.
Wenn aber wirklich einige europäische Staaten auf dem 5
Christentum beruhen, entsprechen diese Staaten ihrem Begriff,
ist schon die „pure Existenz“ eines Zustandes das Recht dieses
Zustandes?
Nach der Ansicht unseres H. allerdings, denn er erinnert die
Anhänger des jungen Hegeltums: „daß nach den Gesetzen, die in io
dem größten Teil des Staates in Kraft sind, eine Ehe ohne
kirchliche Weihe als Konkubinat angesprochen und
als solches polizeilich bestraft wird“.
Also wenn die „Ehe ohne kirchliche Weihe“ am Rhein nach
dem Code Napoleon für „eine Ehe“ und an der Spree nach dem is
preußischen Landrecht für ein „Konkubinat“ angesehen wird, so
soll die „polizeiliche“ Strafe ein Argument für „Philosophen“
sein, daß hier Recht, was dort Unrecht ist, daß nicht der Code,
sondern das Landrecht den wissenschaftlichen und sittlichen, den
vernünftigen Begriff von der Ehe hat. Diese „Philosophie der po- 20
lizeilichen Strafen“ mag sonstwo überzeugen, sie überzeugt nicht
in Preußen. Wie wenig übrigens das preußische Landrecht die
Tendenz der „heiligen“ Ehen hat, sagt $ 12, T. II, Tit. 1, „Doch
verliert eine Ehe, welche nach den Landesgesetzen erlaubt ist, da¬
durch, daß die Dispensation der geistlichen Oberen nicht nach* 25
gesucht oder versagt worden, nichts von ihrer bürgerlichen
Gültigkeit.“
Auch hier wird die Ehe teilweise von den „geistlichen Oberen“
emanzipiert und ihre „bürgerliche“ Gültigkeit von ihrer „kirch¬
lichen“ unterschieden. 30
Daß unser großer christlicher Staatsphilosoph keine „hohe“
Ansicht vom Staate hat, versteht sich von selbst.
„Da unsere Staaten nicht bloß Rechtsgenossenschaf¬
ten, sondern zugleich wahre Erziehungsanstalten sind,
die ihre Pflege nur über einen weiteren Kreis ausbreiten als 35
die Anstalten, die zur Erziehung der Jugend bestimmt sind“ usw.
„die gesamte öffentliche Erziehung“ beruhe „auf der Grundlage
des Christentums“.
Die Erziehung unserer Schuljugend basiert ebensosehr auf
den alten Klassikern und den Wissenschaften überhaupt als auf 40
dem Katechismus.
Der Staat unterscheidet sich nach H. von einer Kleinkinder¬
bewahranstalt nicht durch den Gehalt, sondern durch die Größe,
er dehnt seine „Pflege“ weiter aus.
Die wahre „öffentliche Erziehung“ des Staates ist aber viel- 45
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
241
mehr das vernünftige und öffentliche Dasein des Staates, selbst
der Staat erzieht seine Glieder, indem er sie zu Staatsgliedem
macht, indem er die Zwecke des Einzelnen in allgemeine Zwecke,
den rohen Trieb in sittliche Neigung, die natürliche Unabhängig-
6 keit in geistige Freiheit verwandelt, indem der Einzelne sich im
Leben des Ganzen und das Ganze sich in der Gesinnung des Ein¬
zelnen genießt.
Der leitende Artikel dagegen macht den Staat nicht zu einem
Verein freier Menschen, die sich wechselseitig erziehen, sondern
10 zu einem Haufen Erwachsener, welche die Bestimmung haben,
von oben erzogen zu werden und aus der „engen“ Schulstube in
die „weitere“ Schulstube einzutreten.
Diese Erziehungs- und Bevormundungstheorie wird hier von
einem Freunde der Preßfreiheit vorgebracht, der aus Liebe zu
is dieser Schönen die „Vernachlässigungen der Zensur“ notiert, der
die „Fassungskraft der großen Menge“ gehörigen Orts zu schil¬
dern weiß — (vielleicht erscheint die Fassungskraft der großen
Menge neuerdings der „Kölnischen Zeitung“ so prekär, weil
die Menge verlernt hat, die Vorzüge der „unphilosophischen Zei-
2o tung“ zu fassen?) — der den Gelehrten anrät, eine Ansicht für
die Bühne und eine andere Ansicht für die Kulissen zu haben!
Wie der leitende Artikel seine „untersetzte“ Staatsansicht,
mag er uns jetzt seine niedrige Ansicht „vom Chri¬
st e n t u m“ dokumentieren.
25 „Alle Zeitungsartikel der Welt werden eine Bevölkerung, die
sich im Ganzen wohl und glücklich fühlt, niemals überreden, daß
sie sich in einem unseligen Zustand befände.“
Und wie! Das materielle Gefühl des Wohles und Glückes
ist stichhaltiger gegen Zeitungsartikel als die beseligende und
so alles besiegende Zuversicht des Glaubens! H. singt nicht: „Ein
feste Burg ist unser Gott“. Das wahrhaft gläubige Gemüt der
„großen Menge“ sollte eher den Rostflecken des Zweifels aus¬
gesetzt sein als die raffinierte Weltbildung der „kleinen
Menge“!
35 „Selbst von Aufreizungen zum Aufruhr“ fürchtet H. „in einem
wohlgeordneten Staate“ weniger als in einer „wohlgeord¬
neten Kirche“, die noch überdem der „Geist Gottes“ in alle
Wahrheit leite. Ein schöner Gläubiger, und nun erst der Grund!
Die politischen Artikel seien nämlich der Menge verständlich, und
4o die philosophischen Artikel seien ihr unverständlich!
Stellt man endlich den Wink des leitenden Artikels: „die hal¬
ben Maßregeln, die man in der letzten Zeit gegen das junge
Hegeltum ergriffen, haben die gewöhnlichen Folgen halber Ma߬
regeln gehabt“, mit dem biederen Wunsch zusammen, daß die
45 letzten Unternehmungen der Hegelinge „ohne allzu nach¬
242
Aus der Rheinischen Zeitung
teilige Folgen“ für sie vorübergehen mögen, so begreift man
die Worte Cornwalls im Lear:
Der kann nicht schmeicheln, der! — ein ehrlicher
Und grader Sinn; er muß die Wahrheit sagen.
Will man es sich gefallen lassen, gut; — 5
Wo nicht, so ist er grade. — Diese Art
Von Schelmen kenn ich, die in diese Gradheit
Mehr Arglist hüllen, mehr verschmitzte Zwecke
Als zwanzig alberne, gebückte Schranzen
Mit ihrer breiten Dienstbeflissenheit. 10
Wir würden die Leser der „Rheinischen Zeitung“ zu beleidigen
glauben, wenn wir sie mit dem mehr komischen als ernsten Schau¬
spiel befriedigt wähnten, einen ci-devant Liberalen, einen „jungen
Mann von ehedem“, in die gebührenden Schranken zurück¬
gewiesen zu sehen ; wir wollen einige wenige Worte über „d i e is
Sache selbst“ sagen. Solange wir mit der Polemik gegen den
leidenden Artikel beschäftigt waren, wäre es Unrecht gewesen,
ihn in dem Geschäft der Selbstvernichtung zu unterbrechen.
[RhZ 14. Juli 1842. Nr. 195, Beiblatt]
Zunächst wird die Frage gestellt: „Soll die Philosophie die 20
religiösen Anliegenheiten auch in Zeitungsartikeln besprechen?“
Man kann diese Frage nur beantworten, indem man sie
kritisiert.
Die Philosophie, vor allem die deutsche Philosophie, hat einen
Hang zur Einsamkeit, zur systematischen Abschließung, zur 25
leidenschaftslosen Selbstbeschauung, die sie dem schlagfertigen,
tageslauten, nur in der Mitteilung sich genießenden Charakter der
Zeitungen von vornherein entfremdet gegenüberstellt. Die Philo¬
sophie, in ihrer systematischen Entwicklung begriffen, ist unpopu¬
lär, ihr geheimes Weben in sich selbst erscheint dem profanen ™
Auge als ein ebenso überspanntes wie unpraktisches Treiben; sie
gilt für einen Professor der Zauberkünste, dessen Beschwörungen
feierlich klingen, weil man sie nicht versteht.
Die Philosophie hat, ihrem Charakter gemäß, nie den ersten
Schritt dazu getan, das asketische Priestergewand mit der leichten 35
Konventionstracht der Zeitungen zu vertauschen. Allein die Phi¬
losophen wachsen nicht wie Pilze aus der Erde, sie sind die
Früchte ihrer Zeit, ihres Volkes, dessen subtilste, kostbarste und
unsichtbarste Säfte in den philosophischen Ideen roulieren. Der¬
selbe Geist baut die philosophischen Systeme in dem Hirn der m
Philosophen, der die Eisenbahnen mit den Händen der Gewerke
baut. Die Philosophie steht nicht außer der Welt, so wenig das
Gehirn außer dem Menschen steht, weil es nicht im Magen liegt;
aber freilich die Philosophie steht früher mit dem Hirn in der
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
243
Welt, ehe sie mit den Füßen sich auf den Boden stellt, während
manche andere menschliche Sphären längst mit den Füßen in der
Erde wurzeln und mit den Händen dieFrüchte der Welt abpflücken,
ehe sie ahnen, daß auch der „Kopf“ von dieser Welt oder diese
5 Welt die Welt des Kopfes sei.
Weil jede wahre Philosophie die geistige Quintessenz ihrer
Zeit ist, muß die Zeit kommen, wo die Philosophie nicht nur inner¬
lich durch ihren Gehalt, sondern auch äußerlich durch ihre Er¬
scheinung mit der wirklichen Welt ihrer Zeit in Berührung und
10 Wechselwirkung tritt. Die Philosophie hört dann auf, ein be¬
stimmtes System gegen andere bestimmte Systeme zu sein, sie
wird die Philosophie überhaupt gegen die Welt, sie wird die
Philosophie der gegenwärtigen Welt. Die Formalien, welche kon¬
statieren, daß die Philosophie diese Bedeutung erreicht, daß sie
15 die lebendige Seele der Kultur, daß die Philosophie weltlich und
die Welt philosophisch wird, waren in allen Zeiten dieselben; man
kann jedes Historienbuch nachschlagen, und man wird’mit stereo¬
typer Treue die einfachsten Ritualien wiederholt finden, welche
ihre Einführung in die Salons und in die Pfarrerstuben, in die
20 Redaktionszimmer der Zeitungen und in die Antichambres der
Höfe, in den Haß und in die Liebe der Zeitgenossen unverkennbar
bezeichnen. Die Philosophie wird in die Welt eingeführt von dem
Geschrei ihrer Feinde, welche die innere Ansteckung durch den
wilden Notruf gegen die Feuersbrunst der Ideen verraten. Dieses
25 Geschrei ihrer Feinde hat für die Philosophie dieselbe Bedeutung,
welche der erste Schrei eines Kindes für das ängstlich lauschende
Ohr der Mutter hat, es ist der Lebensschrei ihrer Ideen, welche
die hieroglyphische regelrechte Hülse des Systems gesprengt und
sich in Weltbürger entpuppt haben. Die Korybanten und Kabyren,
3o welche mit lautem Lärm der Welt die Geburt des Zeuskindes ein¬
trommeln, wenden sich zunächst gegen die religiöse Partie der
Philosophen, teils weil der inquisitorische Instinkt an dieser sen¬
timentalen Seite des Publikums am sichersten zu halten weiß, teils
weil das Publikum, zu welchem auch die Gegner der Philosophie
35 gehören, nur mit seinen idealen Fühlhörnern die ideale Sphäre
der Philosophie tangieren kann, und der einzige Kreis der Ideen,
an dessen Wert das Publikum beinahe soviel glaubt wie an die
Systeme der materiellen Bedürfnisse, ist der Kreis der religiösen
Ideen, endlich weil die Religion nicht gegen ein bestimmtes System
4o der Philosophie, sondern gegen die Philosophie überhaupt der
bestimmten Systeme polemisiert.
Die wahre Philosophie der Gegenwart unterscheidet sich nicht
durch dieses Schicksal von den wahren Philosophien der Ver¬
gangenheit. Dies Schicksal ist vielmehr ein Beweis, den die Ge-
4s schichte ihrer Wahrheit schuldig war.
244
Aus der Rheinischen Zeitung
Und seit sechs Jahren haben die deutschen Zeitungen gegen die
religiöse Partie der Philosophie getrommelt, verleumdet, entstellt,
verballhornt. Die Allgemeine Augsburger sang die Bravourarien,
fast jede Ouvertüre spielte das Thema, die Philosophie verdiene
nicht, von der weisen Dame besprochen zu werden, sie sei eine 5
Windbeutelei der Jugend, ein Modeartikel blasierter Koterien,
aber, aber trotz all dem konnte man nicht von ihr los, und immer
von neuem wurde getrommelt, denn die Augsburger spielt nur Ein
Instrument in ihren antiphilosophischen Katzenkonzerten, die ein¬
tönige Pauke. Alle deutschen Blätter, von dem „Berliner poli-10
tischen Wochenblatt“ und dem „Hamburger Correspondenten“
bis zu den Winkelzeitungen, bis zur „KölnischenZeitung“
herab, hallten wider von Hegel und Schelling, Feuerbach und
Bauer, deutschen Jahrbüchern etc. — Endlich wurde das Pu¬
blikum begierig, den Leviathan selbst zu sehen, um so begieriger, 15
als halboffizielle Artikel drohten, der Philosophie von den Kanzlei¬
stuben her ihr legitimes Schema vorschreiben zu wollen, und
gerade das war der Moment, wo die Philosophie in Zeitungen
auf trat. Die Philosophie hatte lange geschwiegen zu der selbst¬
gefälligen Oberflächlichkeit, die in einigen abgestandenen Zei- 20
tungsphrasen die langjährigen Studien des Genies, die mühsamen
Früchte einer aufopfernden Einsamkeit, die Resultate jener un¬
sichtbaren, aber langsam aufreibenden Kämpfe der Kontempla¬
tion wie Seifenblasen wegzuhauchen prahlten; die Philosophie
hatte sogar protestiert gegen die Zeitungen, als 2s
ein unpassendes Terrain, aber endlich mußte die Philosophie ihr
Schweigen brechen, sie wurde Zeitungskorrespondent, und — eine
unerhörte Diversion — da auf einmal fällt es den redseligen
Zeitungslieferanten ein, daß die Philosophie kein Futter für das
Zeitungspublikum sei, da durften sie es nicht unterlassen, die Re- 30
gierungen darauf aufmerksam zu machen, daß es nicht ehrlich
sei, daß nicht zur Aufklärung des Publikums, sondern zur Er¬
reichung äußerer Zwecke philosophische und religiöse Fragen
in das Gebiet der Zeitungen gezogen werden.
Was könnte die Philosophie von der Religion, was von sich 35
selbst schlimmeres sagen, was Euer Zeitungsgeschrei nicht schon
längst schlimmer und frivoler ihr imputiert hätte? Sie braucht
nur zu wiederholen, was Ihr unphilosophische Kapuziner in tau¬
send und abermal tausend Kontroversreden von ihr gepredigt,
und sie hat das schlimmste gesagt. 40
Aber die Philosophie spricht anders über religiöse und philo¬
sophische Gegenstände, wie Ihr darüber gesprochen habt. Ihr
sprecht ohne Studium, sie spricht mit Studium, Ihr wendet euch
an den Affekt, sie wendet sich an den Verstand, Ihr flucht, sie
lehr, Ihr versprechet Himmel und Welt, sie verspricht nichts als 45
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
245
Wahrheit, Ihr fordert den Glauben an Euren Glauben, sie fordert
nicht den Glauben an ihre Resultate, sie fordert die Prüfung des
Zweifels; Ihr schreckt, sie beruhigt. Und wahrlich, die Philosophie
ist weltklug genug, zu wissen, daß ihre Resultate nicht schmeicheln,
6 weder der Genußsucht und dem Egoismus der himmlischen noch
der irdischen Welt; das Publikum, das aber die Wahrheit, die
Erkenntnis ihrer selbst wegen liebt, dessen Urteilskraft und Sitt¬
lichkeit wird sich wohl mit der Urteilskraft und Sittlichkeit un¬
wissender, serviler, inkonsequenter und besoldeter Skribenten
10 messen können.
Allerdings mag dieser oder jener aus Miserabilität des Ver¬
standes und der Gesinnung die Philosophie mißdeuten, aber
glaubt ihr Protestanten nicht, daß die Katholiken das Christentum
mißdeuten, werft ihr nicht der christlichen Religion die schmäh-
16 liehen Zeiten des 8. und 9. Jahrhunderts vor oder die Bartholo¬
mäusnacht oder die Inquisition? Daß zum großen Teile der Haß
der protestantischen Theologie gegen die Philosophen aus der
Toleranz der Philosophie gegen die besondere Konfession als be¬
sondere entspringt, zeigen evidente Beweise. Man hat dem Feuer-
20 bach, dem Strauß mehr vorgeworfen, daß sie die katholischen
Dogmen für christliche hielten, als daß sie die Dogmen des
Christentums für keine Dogmen der Vernunft erklärten.
Wenn aber einzelne Individuen die moderne Philosophie nicht
verdauen und an philosophischer Indigestion sterben, so beweist
25 das nicht mehr gegen die Philosophie, als es gegen die Mechanik
beweist, wenn hie und da ein Dampfkessel einzelne Passagiere in
die Luft sprengt.
Die Frage, ob philosophische und religiöse Anliegenheiten in
den Zeitungen zu besprechen, löst sich in ihre eigene Ideenlosig-
3o keit auf.
Wenn solche Fragen schon als Zeitungsfragen das Pu¬
blikum interessieren, sind sie Fragen der Zeit geworden,
dann fragt es sich nicht, ob sie besprochen, dann fragt es sich, wo
und wie sie besprochen werden sollen, ob im Inneren der Familien
3o und der Hotels, der Schulen und der Kirche, aber nicht von der
Presse, von den Gegnern der Philosophie, aber nicht von den
Philosophen, ob in der trüben Sprache der Privatmeinung, aber
nicht in der läuternden Sprache des öffentlichen Verstandes,
dann fragt es sich, ob in das Bereich der Presse gehört, was in der
40 Wirklichkeit lebt, dann handelt es sich nicht mehr von einem be¬
sonderen Inhalte der Presse, dann handelt es sich um die allgemeine
Frage, ob die Presse wirkliche Presse, d. h. freie Presse sein soll?
Die zweite Frage scheiden wir gänzlich von der ersten: „Ist
die Politik philosophisch von den Zeitungen zu behandeln in
45 einem sogenannten christlichen Staate?“
246
Aus der Rheinischen Zeitung
Wenn die Religion zu einer politischen Qualität wird, zu einem
Gegenstände der Politik, so scheint fast keiner Erwähnung zu be¬
dürfen, daß die Zeitungen politische Gegenstände nicht nur
besprechen dürfen, sondern auch müssen. Es scheint von vorn¬
herein die Weisheit der Welt, die Philosophie, mehr Recht zu 5
haben, sich um das Reich dieser Welt, um den Staat zu beküm¬
mern, als die Weisheit jener Welt, die Religion. Es fragt sich
hier nicht, ob über den Staat philosophiert, es fragt sich, ob gut
oder schlecht, philosophisch oder unphilosophisch, ob mit Vor¬
urteilen oder ohne Vorurteile, ob mit Bewußtsein oder ohne Be- w
wußtsein, ob mit Konsequenz oder ohne Konsequenz, ob ganz
rational oder halb rational über den Staat philosophiert werden
soll. Wenn ihr die Religion zur Theorie des Staatsrechtes macht,
so macht ihr die Religion selbst zu einer Art Philosophie.
Hat nicht vor allem das Christentum Staat und Kirche 15
gesondert?
Leset den heiligen Augustinus de civitate dei, studiert die
Kirchenväter und den Geist des Christentums, und dann kommt
wieder und sagt uns, ob der Staat oder die Kirche der „christliche
Staat“ ist! Oder straft nicht jeder Augenblick eures praktischen 20
Lebens Eure Theorie Lügen? Haltet Ihr es für Unrecht, die Ge¬
richte in Anspruch zu nehmen, wenn Ihr übervorteilt werdet? Aber
der Apostel schreibt, daß es Unrecht sei. Haltet Ihr Euren rechten
Backen dar, wenn man Euch auf den linken schlägt, oder macht
Ihr nicht einen Prozeß wegen Realinjurien anhängig? Aber das 25
Evangelium verbietet es. Verlangt Ihr vernünftiges Recht auf
dieser Welt, murrt Ihr nicht über die kleinste Erhöhung einer Ab¬
gabe, geratet Ihr nicht außer Euch über die geringste Verletzung
der persönlichen Freiheit? Aber es ist Euch gesagt, daß dieser
Zeit Leiden der künftigen Herrlichkeit nicht wert sei, daß die 30
Passivität des Ertragens und die Seligkeit in der Hoffnung die
Kardinaltugenden sind.
Handelt der größte Teil Eurer Prozesse und der größte Teil
der Zivilgesetze nicht vom Besitz? Aber es ist Euch gesagt, daß
Eure Schätze nicht von dieser Welt sind. Oder beruft Ihr Euch 35
darauf, dass dem Kaiser zu geben, was des Kaisers, und Gott, was
Gottes, so haltet nicht nur den goldenen Mammon, sondern wenig¬
stens ebensosehr die freie Vernunft für den Kaiser dieser Welt,
und die „Aktion der freien Vernunft“ nennen wir Philosophieren.
Als in der heiligen Allianz zuerst ein quasi religiöser Staaten- 40
bund geknüpft und die Religion europäisches Staatenwappen
werden sollte, da weigerte sich mit tiefem Sinn und richtigster
Konsequenz der Papst, diesem Heiligenbunde beizutreten, denn
das allgemeine christliche Band der Völker sei die Kirche und
nicht die Diplomatie, nicht der weltliche Staatenbund. <5
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
247
Der wahrhaft religiöse Staat ist der theokratische Staat; der
Fürst solcher Staaten muß entweder, wie im jüdischen der Gott
der Religion, der Jehova selbst sein oder, wie in Tibet der Stell¬
vertreter des Gottes, der Dalai Lama oder endlich, wie Görres in
5 seiner letzten Schrift richtig von den christlichen Staaten verlangt,
sie müssen sich sämtlich einer Kirche unterwerfen, die eine „un¬
fehlbare Kirche“ ist, denn wenn wie im Protestantismus kein
oberstes Haupt der Kirche existiert, so ist die Herrschaft der Reli¬
gion nichts anderes als die Religion der Herrschaft, der Kultus
10 des Regierungswillens.
Sobald ein Staat mehrere gleichberechtigte Konfessionen ein¬
schließt, kann er nicht mehr religiöser Staat sein, ohne eine Ver¬
letzung der besonderen Religionskonfessionen zu sein, eine Kirche,
die jeden Anhänger einer anderen Konfession als Ketzer ver-
15 dämmt, die jedes Stück Brot von dem Glauben abhängig, die das
Dogma zum Band zwischen den einzelnen Individuen und der
staatsbürgerlichen Existenz macht. Fragt die katholischen Be¬
wohner des „armen, grünen Erin“, fragt die Hugenotten vor der
französischen Revolution, nicht an die Religion haben sie appel-
2o liert, denn ihre Religion war nicht die Staatsreligion, an die
„Rechte der Menschheit“ haben sie appelliert, und die Philo¬
sophie interpretiert die Rechte der Menschheit, sie verlangt, daß
der Staat der Staat der menschlichen Natur sei.
Aber, sagt der halbe, der bornierte, der ebenso ungläubige als
25 theologische Rationalismus, der allgemeine christliche Geist, ab¬
gesehen von dem Unterschiede der Konfessionen, soll Staatsgeist
sein! Es ist die größte Irreligiosität, es ist der Übermut des welt¬
lichen Verstandes, den allgemeinen Geist der Religion von der
positiven Religion zu trennen; diese Trennung der Religion von
5o ihren Dogmen und Institutionen ist dasselbe, als behauptete man,
der allgemeine Geist des Rechts solle im Staate herrschen, ab¬
gesehen von den bestimmten Gesetzen und von den positiven
Institutionen des Rechts.
Wenn ihr euch überhebt, so hoch über der Religion zu stehen,
55 daß ihr berechtigt seid, den allgemeinen Geist derselben von
ihren positiven Bestimmungen zu scheiden, was habt ihr den Phi¬
losophen vorzuwerfen, wenn sie diese Scheidung ganz und nicht
halb vollziehen, wenn sie den allgemeinen Geist der Religion
nicht christlichen, sondern menschlichen Geist nennen?
4o Die Christen wohnen in Staaten von verschiedenen Verfassun¬
gen, die einen in einer Republik, die anderen in einer absoluten,
die dritten in einer konstitutionellen Monarchie. Das Christentum
entscheidet nicht über die Güte der Verfassungen, denn es kennt
keinen Unterschied der Verfassungen, es lehrt, wie die Religion
45 lehren muß : Seid untertan der Obrigkeit, denn jede Obrig¬
248
Aus der Rheinischen Zeitung
keit ist von Gott. Also nicht aus dem Christentum, aus der
eigenen Natur, aus dem eigenen Wesen des Staates müßt ihr das
Recht der Staatsverfassungen entscheiden, nicht aus der Natur
der christlichen, sondern aus der Natur der menschlichen Ge¬
sellschaft. 5
Der byzantinische Staat war der eigentliche religiöse Staat,
denn die Dogmen waren hier Staatsfragen, aber der byzantinische
Staat war der schlechteste Staat. Die Staaten des ancien régime
waren die allerchristlichsten Staaten, aber nichtsdestoweniger
waren sie Staaten des „Hofwillens“. 10
Es gibt ein Dilemma, dem der „gesunde“ Menschenverstand
nicht widerstehen kann.
Entweder entspricht der christliche Staat dem Begriff des
Staates, eine Verwirklichung der vernünftigen Freiheit zu sein,
und dann ist nichts erforderlich, als ein vernünftiger Staat zu sein, is
um ein christlicher Staat zu sein, dann genügt es, den Staat aus
der Vernunft der menschlichen Verhältnisse zu entwickeln, ein
Werk, was die Philosophie vollbringt. Oder der Staat der ver¬
nünftigen Freiheit läßt sich nicht aus dem Christentum entwickeln,
dann werdet ihr selbst gestehen, daß diese Entwicklung nicht in der 20
Tendenz des Christentums liegt, da es keinen schlechten Staat
wolle, und ein Staat, der nicht die Verwirklichung der vernünftigen
Freiheit ist, ist ein schlechter Staat.
Ihr mögt das Dilemma beantworten, wie ihr wollt, und werdet
gestehen müssen, daß der Staat nicht aus der Religion, sondern
aus der Vernunft der Freiheit zu konstituieren ist. Nur die kras¬
seste Ignoranz kann die Behauptung stellen, diese Theorie, die
Verselbständigung des Staatsbegriffs, sei ein Tageseinfall der
neuesten Philosophen.
Die Philosophie hat nichts in der Politik getan, was nicht die 30
Physik, die Mathematik, die Medizin, jede Wissenschaft inner¬
halb ihrer Sphäre getan hat. Baco von Verulam erklärte die
theologische Physik für eine gottgeweihte Jungfrau, die unfrucht¬
bar sei, er emanzipierte die Physik von der Theologie und —
sie wurde fruchtbar. So wenig ihr den Arzt fragt, ob er gläubig 35
sei, so wenig habt ihr den Politiker zu fragen. Gleich vor und
nach der Zeit der großen Entdeckung des Kopernikus vom wahren
Sonnensystem wurde zugleich das Gravitationsgesetz des Staates
entdeckt, man fand seine Schwere in ihm selbst, und wie die
verschiedenen europäischen Regierungen dieses Resultat mit der *o
ersten Oberflächlichkeit der Praxis in dem System des Staaten¬
gleichgewichts anzuwenden suchten, so begannen früher Macchia-
velli, Campanella, später Hobbes, Spinoza, Hugo Grotius, bis zu
Rousseau, Fichte, Hegel herab, den Staat aus menschlichen Augen
zu betrachten und seine Naturgesetze aus der Vernunft und der a
Der leitende Artikel der Kölnischen Zeitung
249
Erfahrung zu entwickeln, nicht aus der Theologie, so wenig als
Kopernikus sich daran stieß, daß Josua der Sonne zu Gideon und
dem Mond im Tale von A jalon stillezustehen geheißen. Die
neueste Philosophie hat nur eine Arbeit weitergeführt, die schon
5 Heraklit und Aristoteles begonnen haben. Ihr polemisiert also
nicht gegen die Vernunft der neuesten Philosophie, ihr polemisiert
gegen die stets neue Philosophie der Vernunft. Allerdings, die
Unwissenheit, die vielleicht gestern oder vorgestern in der „Rhei¬
nischen“ oder „Königsberger Zeitung“ zum erstenmal die uralten
10 Staatsideen auf fand, diese Unwissenheit hält die Ideen der Ge¬
schichte für übernächtige Einfälle einzelner Individuen, weil sie
ihr neu und über Nacht gekommen sind; sie vergißt, daß sie selbst
die alte Rolle des Doktors der Sorbonne übernimmt, der den
Montesquieu öffentlich anzuklagen für seine Pflicht hielt, weil
15 Montesquieu so frivol war, die politische statt der Tugend der
Kirche für die höchste Staatsqualität zu erklären; sie vergißt, daß
sie die Rolle des Joachim Lange übernimmt, der den Wolf denun¬
zierte, weil seine Lehre von der Prädestination die Desertion
der Soldaten und damit die Lockerung der militärischen Disziplin
20 und endlich die Auflösung des Staats herbeiführen werde; sie ver¬
gißt endlich, daß das preußische Landrecht aus der Philosophen¬
schule eben „dieses Wolfes“ und der französische Code Napoleon
nicht aus dem alten Testament, sondern aus der Ideenschule der
Voltaire, Rousseau, Condorcet, Mirabeau, Montesquieu und aus
25 der französischen Revolution hervorgegangen ist. Die Unwissen¬
heit ist ein Dämon, wir fürchten, sie wird noch manche Trauer¬
spiele auf führen; mit Recht haben die größten griechischen
Dichter sie in den furchtbaren Dramen der Königshäuser von
Mycene und Theben als das tragische Geschick dargestellt.
so Wenn aber die früheren philosophischen Staatsrechtslehrer aus
den Trieben, sei es des Ehrgeizes, sei es der Geselligkeit, oder
zwar aus der Vernunft, aber nicht aus der Vernunft der Gesell¬
schaft, sondern aus der Vernunft des Individuums den Staat
konstruierten: so die ideellere und gründlichere Ansicht der
35 neuesten Philosophie aus der Idee des Ganzen. Sie betrachtet den
Staat als den großen Organismus, in welchem die.rechtliche, sitt¬
liche und politische Freiheit ihre Verwirklichung zu erhalten hat
und der einzelne Staatsbürger in den Staatsgesetzen nur den
Naturgesetzen seiner eigenen Vernunft, der menschlichen Ver-
40 nunft gehorcht. Sapienti sat.
Zum Schlüsse wenden wir uns noch einmal mit einem philo¬
sophischen Abschiedsworte an die „Kölnische Zeitung“. Es war
vernünftig von ihr, einen Liberalen „von ehedem“ sich anzu¬
eignen. Man kann auf die bequemste Art liberal und reaktionär
45 zugleich sein, wenn man nur stets so geschickt ist, sich an die
250
Aus der Rheinischen Zeitung
Liberalen der jüngsten Vergangenheit zu adressieren, die kein
anderes Dilemma kennen als das des Vidocq „Gefangener oder
Gefangenenwärter“. Es war noch vernünftiger, daß der Liberale
der jüngsten Vergangenheit die Liberalen der Gegenwart be¬
kämpfte. Ohne Parteien keine Entwicklung, ohne Scheidung kein «
Fortschritt. Wir hoffen, daß mit dem leitenden Artikel in Nr. 179
für die „Kölnische Zeitung“ eine neue Ära begonnen hat, die
Ära des Charakters.
Das philosophische Manifest der historischen Rechts¬
schule
[RhZ 9. Aug. 1842. Nr. 221, Beiblatt.
Manuskript in Privatbesitz, Köln]
s *** Die vulgäre Ansicht betrachtet die historischeSchule
als Reaktion gegen den frivolen Geist des acht¬
zehnten Jahrhunderts. Die Verbreitung dieser Ansicht steht
in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Wahrheit. Das achtzehnte
Jahrhundert hat vielmehr nur ein Produkt erzeugt, dessen
/»wesentlicher Charakter die Frivolität ist, und dies
einzig frivole Produkt ist die historische Schule.
Die historische Schule hat das Quellenstudium zu ihrem Schi-
boleth gemacht, sie hat ihre Quellenliebhaberei bis zu dem Extrem
gesteigert, daß sie dem Schiffer anmutet, nicht auf dem Strome,
is sondern auf seiner Quelle zu fahren, sie wird es billig finden,
daß wir auf ihre Quelle zurückgehen, auf Hugos Na¬
turrecht. Ihre Philosophie geht ihrer Entwickelung
voraus, man wird daher in ihrer Entwickelung selbst vergeb¬
lich nach Philosophie suchen.
20 Eine gangbare Fiktion des achtzehnten Jahrhunderts be¬
trachtete den Naturzustand als den wahren Zustand der mensch¬
lichen Natur. Man wollte mit leiblichen Augen die Idee des
Menschen sehen und schuf Naturmenschen, Papagenos,
deren Naivität sich bis auf ihre befiederte Haut erstreckt. In den
25 letzten Dezennien des achtzehnten Jahrhunderts ahnte man Ur¬
weisheit bei Naturvölkern, und von allen Enden hörten wir
Vogelsteller die Sangweisen der Irokesen, Indianer usw. nach-
zwitschem, mit der Meinung, durch diese Künste die Vögel selbst
in die Falle zu locken. Allen diesen Exzentritäten lag der richtige
io Gedanke zugrunde, daß die rohen Zustände naive nieder¬
ländische Gemälde der wahren Zustände sind.
Der Naturmensch der historischen Schule, den
noch keine romantische Kultur beleckt, ist Hug o. Sein Lehr¬
buch des Naturrechts ist das alte Testament der
35 historischen Schule. Herders Ansicht, daß die Naturmenschen
Poeten und die heiligen Bücher der Naturvölker poe¬
tische Bücher sind, steht uns nicht im Wege, obgleich Hugo
die allertrivialste, allemüchtemste Prosa spricht, denn wie jedes
Jahrhundert seine eigentümliche Natur besitzt, so zeugt es seine
.-»eigentümlichen Naturmenschen. Wenn Hugo daher nicht dich¬
tet, so fingiert er doch, und die Fiktion ist die Poesie
252
Aus der Rheinischen Zeitung
der Prosa, die der prosaischen Natur des achtzehnten Jahr¬
hunderts entspricht.
Indem wir aber Herm Hugo als Ältervater und Schöpfer der
historischen Schule bezeichnen, handeln wir in ihrem eigenen
Sinne, die das Festprogramm des berühmtesten histo- 5
rischen Juristen zu Hugos Jubiläum beweist. Indem wir Herrn
Hugo als ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts begreifen, ver¬
fahren wir sogar im Geist des Herm Hugo, wie er selbst be¬
zeugt, indem er sich für einen Schüler Kants und sein Natur¬
recht für einen Sprößling der kantischen Philosophie 10
ausgibt. Wir nehmen sein Manifest an diesem Punkte auf.
Hugo mißdeutet den Meister Kant dahin, daß, weil wir
das Wahre nicht wissen können, wir konsequenterweise das
Unwahre, wenn es nur existiert, für vollgültig pas¬
sieren lassen. Hugo ist ein Skeptike r gegen das notwen-15
dige Wesen der Dinge, um ein Hoffmann gegen ihre zu-
fällige Erscheinung zu sein. Er sucht daher keineswegs
zu beweisen, daß das Positive vernünftig sei; er sucht
zu beweisen, daß das Positive nicht vernünftig sei.
Aus allen Weltgegenden schleppt er mit selbstgefälliger In- 20
dustrie Gründe herbei, um zur Evidenz zu steigern, daß keine
vernünftige Notwendigkeit die positiven Institutionen, z. B. Eigen¬
tum, Staatsverfassung, Ehe etc. beseelt, daß sie sogar der Ver¬
nunft widersprechen, daß sich höchstens dafür und da¬
gegen schwatzen lasse. Man darf diese Methode keines- 25
wegs seiner zufälligen Individualität vorwerfen; es ist vielmehr
die Methode seines Prinzips, es ist die offen¬
herzige, die naive, die rücksichtslose Methode der
historischen Schule. Wenn das Positive gelten soll, weil
es positiv ist, so muß ich beweisen, daß das Positivem
nicht gilt, weil es vernünftig ist, und wie könnte ich
dies evidenter als durch den Nachweis, daß das Unvernünftige
positiv und das Positive nicht vernünftig ist? daß das Positive
nicht durch die Vernunft, sondern trotz der Vernunft exi¬
stiert? Wäre die Vernunft der Maßstab des Po si-35
tiven, so wäre das Positive nicht der Maßstab der
Vernunft. „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!“
Hugo entheiligt daher alles, was dem rechtlichen, dem sitt¬
lichen, dem politischen Menschen heilig ist, aber er zerschlägt
diese Heiligen nur, um ihnen den historischen R e 1 i - /0
quiendienst erweisen zu können, er schändet sie vor den
Augen der Vernunft, um sie hinterher zu Ehren zu
bringen vor den Augen der Historie, zugleich aber
auch, um die historischen Augen zu Ehren zu bringen.
Wie das Prinzip, so ist die Argumentation Hugos 15
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
253
positiv, d. h. unkritisch. Er kennt keine Unter¬
schiede. Jede Existenz gilt ihm für eine Autorität,
jede Autorität gilt ihm für einen Grund. So werden denn zu
einem Paragraphen zitiert Moses und Voltaire, Richard-
5son und Homer, Montaigne und Ammon, Rousseaus
contrat social und Augustinus de civitate dei.
Gleich nivellierend wird mit den Völkern verfahren. Der S i a -
mite, der es für ewige Naturordnung hält, daß sein König einem
Schwätzer den Mund zunähen und einem unbeholfenen Redner
10 ihn bis an die Ohren auf schneiden läßt, ist nach Hugo so po s i-
tiv als der Engländer, der es zu den politischen Paradoxien
zählt, daß sein König eigenmächtig eine Auflage von einem
Pfennig ausschreiben werde. Der schamlose Con ci, der nackt
umherläuft und sich höchstens mit Schlamm bedeckt, ist so posi-
15 tiv als der Franzose, der sich nicht nur kleidet, sondern
elegant kleidet. Der Deutsche, der seine Tochter als das
Kleinod der Familie erzieht, ist nicht positiver als der Ras¬
bute, der sie tötet, um sich der Nahrungssorge für sie zu über¬
heben. Mit einem Worte: der Hautausschlag ist so
2o positiv als die Haut.
An einem Ort ist das positiv, am anderen jenes, eines ist so un¬
vernünftig als das andere, unterwirf dich dem, was in deinen
vier Pfählen positiv ist.
Hugo ist also vollendeter Skeptiker. Die Skepsis
25 des achtzehnten Jahrhunderts gegen die Vernunft
des Bestehenden erscheint bei ihm als Skepsis gegen
das Bestehen der Vernunft. Er adoptiert die Auf¬
klärung, er sieht in dem Positiven nichts Ver¬
nünftiges mehr, aber nur, um in dem Vernünf-
jötigen nichts Positives mehr sehen zu dürfen.
Er meint, man habe den Schein der Vernunft an dem Positiven
ausgeblasen, um das Positive ohne den Schein der Vernunft
anzuerkennen ; er meint, man habe die falschen Blumen
an den Ketten zerpflückt, um echte Ketten ohne Blumen
35 zu tragen.
Hugo verhält sich zu den übrigen Aufklärern des
achtzehnten Jahrhunderts, wie sich etwa die Auflösung des
französischen Staates am liederlichen Hofe des Re¬
genten zur Auflösung des französischen Staates in der Na-
Mtionalversammlung verhält. Auf beiden Seiten Auflösung!
Dort erscheint sie als liederliche Frivolität, welche die
hohle Ideenlosigkeit der bestehenden Zustände begreift und ver¬
spottet, aber nur, um, aller vernünftigen und sittlichen Bande quitt,
ihr Spiel mit den faulen Trümmern zu treiben und vom Spiel
^derselben getrieben und aufgelöst zu werden. Es ist die Ver*
Marx-Engels-Cesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 22
254
Aus der Rheinischen Zeitung
faulung der damaligen Welt, die sich selbst
genießt. In der Nationalversammlung dagegen er¬
scheint die Auflösung als Loslösung des neuen
Geistes von alten Formen, die nicht mehr wert und
nicht mehr fähig waren, ihn zu fassen. Es ist das Selbst- «
gefühl des neuen Lebens, welches das Zertrüm¬
merte zertrümmert, das Verworfene verwirft.
Ist daher Kants Philosophie mit Recht als die deut¬
sche Theorie der französischen Revolution zu betrachten, so
Hugos Naturrecht als die deutsche Theorie des«
französischen ancien régime. Wir finden bei ihm die ganze Fri¬
volität jener Roués wieder, die gemeine Skepsis,
welche, frech gegen Ideen, allerdevotest gegen Handgreiflich¬
keiten, erst ihre Klugheit empfindet, wenn sie den Geist des
Positiven erlegt hat, um nun das rein Positive als Residuum zu be- «
sitzen und in diesen tierischen Zuständen behaglich zu sein.
Selbst wenn Hugo die Schwere der Gründe abwägt, so wird
er mit unfehlbar sicherem Instinkt das Vernünftige und Sitt¬
liche an den Institutionen bedenklich für die Vernunft
finden. Nur das Tierische erscheint seiner Vernunftw
als das Unbedenkliche. Doch hören wir unseren Aufklärer
vom Standpunkt des ancien régime! Man muß Hugos Ansichten
von Hugo hören. Zu allen seinen Kombinationen gehört ein:
avroç ê<pa.
Introduktion
„Das einzige juristische Unterscheidungs¬
merkmal des Menschen ist seine tierische Natur.“
Das Kapitel von der Freiheit
„Selbst dies ist eine Einschränkung der Freiheit
(sc. des vernünftigen Wesens), daß es nicht nacha«
Belieben aufhören kann, ein vernünftiges
Wesen zu sein, d. h. ein Wesen, das vernünftig handeln
kann und soll.“
„Die Unfreiheit ändert an der tierischen und vernünf¬
tigen Natur des Unfreien und anderer Menschen 35
nichts. Die Gewissenspflichten bleiben alle. Die
Sklaverei ist nicht nur physisch möglich, sondern auch, sie
ist nach der Vernunft möglich, und bei jeder Forschung,
die uns das Gegenteil lehrt, muß irgend ein Mißverständnis
mit unterlaufen. Peremptorisch rechtlich ist sie freilich 40
nicht, d. h. sie folgt nicht aus der tierischen Natur, nicht aus der
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
255
vernünftigen und nicht aus der bürgerlichen. Daß sie aber s o
gut provisorisches Recht sein kann als irgend
etwas von den Gegnern Zugegebenes, ergibt die Vergleichung
mit dem Privatrechte und mit dem öffentlichen
5 Rechte.“ Beweis: „In Ansehung der tierischen Natur ist
der offenbar mehr vor Mangel gesichert, welcher einem Reichen
gehört, der etwas mit ihm verliert und seine Not gewahr wird,
als der Arme, welchen seine Mitbürger benutzen, solange etwas
an ihm zu benutzen ist etc.“ „Das Recht, servi zu mißhandeln
10 und zu verstümmeln, ist nicht wesentlich, und wenn es
auch stattfindet, so ist es nicht viel schlimmer
als das, was sich die Armen gefallen lassen, und was den Kör¬
per betrifft, nicht so schlimm als der Krieg, von welchem
servi als solche überall frei sein müssen. Die Schönheit so-
15 gar findet sich eher bei einer zirkassischen Sklavin als
bei einem Bettlermädche n.“ (Hört den Alten !1} )
„Für die vernünftige Natur hat die servitus vor der
Armut den Vorzug, daß viel eher der Eigentümer an den Unter¬
richt eines servus, der Fähigkeiten zeigt, selbst aus wo hiver-
gestandener Wirtschaft, etwas wenden wird, als dies bei
einem Bettlerkinde der Fall ist. In einer Verfassung bleibt
gerade der servus mit sehr vielen Arten des Druckes verschont.
Ist der Sklave unglücklicher als der Kriegsgefangene, den seine
Bedeckung weiter gar nichts angeht, als daß sie eine Zeitlang für
25 ihn verantwortlich ist, unglücklicher als der Baugefangene, über
welchen die Regierung einen Aufseher gesetzt hat.“
„Ob die Sklaverei an sich der Fortpflanzung vorteil¬
haft oder nachteilig sei, darüber streitet man noch.“
Das Kapitel von der Ehe *)
so „Die Ehe ist schon oft bei der philosophischen Be¬
trachtung des positiven Rechtes für viel wesentlicher und
der Vernunft viel gemäßer angesehen worden, als sie
bei einer ganz freien Prüfung erscheint.“ Zwar die
Befriedigung des Geschlechtstriebs in der Ehe
35 konveniert Herrn Hugo. Er leitet sogar eine heilsameMoral
aus diesem Faktum: „Hieraus, wie aus unzähligen anderen Ver¬
hältnissen hätte man sehen sollen, daß es nicht immer un¬
sittlich sei, den Körper eines Menschen als ein
Mittel zu einem Zweck zu behandeln, wie man, und
io auch wohl Kant selbst, diesen Ausdruck falsch verstanden
x) Im Manuskript Alten! korr, aus alten Roué!
’) Dieser Abschnitt über die Ehe wurde von der Zensur gestrichen; der Ab¬
druck erfolgt nach dem Ms. Siehe Einleitung des Herausgebers.
22e
256
Aus der Rheinischen Zeitung
hat.“ Aber die Heiligung des Geschlechtstriebs durch die Aus¬
schließlichkeit, die Bändigung des Triebs durch die Ge¬
setze, die sittliche Schönheit, die das Naturgebot zu
einem Moment geistiger Verbindung idealisiert — das geistige
Wesen der Ehe — das eben ist dem Herm Hugo das Bedenk- 5
liehe an der Ehe. Doch ehe wir weiter seine frivole
Schamlosigkeit verfolgen, hören wir einen Augenblick
dem historischen Deutschen gegenüber den französischen
Philosophen. „C’est en renonçant pour un seul homme à
cette réserve mystérieuse, dont la règle divine est imprimée dans 10
son cœur, que la femme se voue à cet homme, pour lequel elle
suspend, dans un abandon momentané, cette pudeur, qui ne la
quitte jamais; pour lequel seul elle écarte des voiles qui sont
d’ailleurs son asile et sa parure. De là cette confiance intime
dans son époux, résultat d’une relation exclusive, qui ne peut 15
exister qu’entre elle et lui, sans qu’aussitôt elle se sente flétrie;
de là dans cet époux la reconnaissance pour un sacrifice .et ce
mélange de désir et de respect pour un être qui, même en parta¬
geant ses plaisirs, ne semble encore que lui céder; de là tout ce
qu’il y a de régulier dans notre ordre social.“ Also der 20
liberale philosophische Franzose Benjamin Constant!
Und nun hören wir den servilen, historischen Deutschen:
„Viel bedenklicher ist schon die zweite Beziehung, daß
außer der Ehe die Befriedigung dieses Triebes
nicht erlaubt ist! Die tierische Natur ist dieser 25
Einschränkung zuwider. Die vernünftige Natur
ist es noch mehr, weil . . . man rate! . . . weil ein Mensch bei¬
nahe allwissend sein müßte, um vorauszusehen, welchen
Erfolg es haben werde, weil es also Gott versuchen heißt,
wenn man sich verpflichtet, einen der heftigsten Naturtriebe nur 30
dann zu befriedigen, wenn es mit einer bestimmten anderen Per¬
son geschehen kann!“ „Das seiner Natur nach freie Gefühl
des Schönen soll gebunden und, was von ihm abhängt, soll
völlig davon losgerissen werden.“ Seht ihr, in welche Schule
unsere Jungdeutschen gegangen sind ! 35
„Gegen die bürgerliche Natur stößt diese Einrichtung
insofern an, als . . . endlich die Polizei eine fast kaum
zu lösende Aufgabe übernimmt ! “ Ungeschickte Philo¬
sophie, keine solche Aufmerksamkeiten gegen die Polizei zu
handhaben ! 40
„Alles, was in der Folge von den näheren Bestimmungen des
Eherechts vorkommen wird, lehrt uns, daß die Ehe, mag man da¬
bei Grundsätze annehmen, welche man will, eine sehr un¬
vollkommene Einrichtung bleibt.“
„Diese Einschränkung des Geschlechtstriebs auf die Ehe hat 45
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule
257
aber auch ihre wichtigen Vorteile, indem — dadurch
gewöhnlich ansteckende Krankheiten vermieden
werden. Der Regierung erspart die Ehe gar viel W e i t -
läuftigkeit. Endlich tritt dann noch die überall so wich-
5tige Betrachtung ein, daß hierin das Privatrechtliche
nun schon einmal das einzig-gewöhnliche ist.“
„Fichte sagt: Die unverheiratete Person ist nur zur Hälfte
ein Mensch. Da tut es mir (sc. Hugo) aber ordentlich leid, einen
solchen schönen Ausspruch, wodurch ja auch ich über Christus,
10 Fénelon, Kant, Hume zu stehen käme, für eine ungeheure
Übertreibung erklären zu müssen.“
„Was die Mono- und Polygamie betrifft, so kommt es dabei
offenbar auf die tierische Natur des Menschen an“!!
Das Kapitel von der Erziehung
15 Wir erfahren sogleich: „Daß die Erziehungskunst gegen die
darauf (sc. Erziehung in der Familie) sich beziehenden juristi¬
schen Verhältnisse nicht weniger einzuwenden hat als die Kunst
zu lieben gegen die Ehe.“
„Die Schwierigkeit, daß man nur in einem solchen Verhältnis
20 erziehen darf, ist zwar hier lange nicht so bedenklich wie bei der
Befriedigung des Geschlechtstriebs, auch um deswillen, weil es
erlaubt ist, die Erziehung vertragsweise einem Dritten zu über¬
lassen, also, wer einen so großen Trieb fühlte, sehr leicht dazu
kommen könnte, ihn zu befriedigen, nur freilich nicht gerade an
26 der bestimmten Person, die er sich wünschte. Indes ist
auch schon dies der Vernunft zuwider, daß jemand, dem gewiß nie
ein Kind anvertraut werden würde, kraft eines solchen Ver¬
hältnisses erziehen und andere von der Erziehung aus¬
schließen darf.“ „Endlich tritt dann auch hier ein Zwang ein,
30 teils insofern dem Erziehenden im positiven Recht gar oft nicht
erlaubt wird, dieses Verhältnis aufzugeben, teils inso¬
fern der zu Erziehende genötigt ist, sich gerade von diesem er¬
ziehen zu lassen.“ „Die Wirklichkeit dieses Verhältnisses beruht
meistens auf dem bloßen Zufall der Geburt, welche auf den
35 Vater durch die Ehe bezogen sein muß. Diese Ent¬
stehungsart ist offenbar nicht sehr vernünftig, auch um des¬
willen, weil hier gewöhnlich eine Vorliebe eintritt, welche
allein schon einer guten Erziehung im Wege steht, und daß sie
dann doch nicht durchaus notwendig ist, sieht man daraus, weil
w ja auch Kinder erzogen werden, deren Eltern bereits gestorben
sind.“
258
Aus der Rheinischen Zeitung
Das Kapitel vom Privatrecht
§ 107 werden wir belehrt, daß die „Notwendigkeit des
Privatrechtes überhaupt eine vermeinte sei“.
Das Kapitel vom Staaisrecht
„Es ist eine heilige Gewissenspflicht, der 0 b r i g - «
keitzu gehorchen, welche die GewaltinHänden hat.“
„Was die Verteilung der Regierungsgewalt betrifft,
so ist zwar keine einzelne Verfassung peremptorisch rechtlich;
aber provisorisch rechtlich ist jede, die Regie¬
rungsgewalt sei verteilt, wie sie wolle.“ w
Hat Hugo nicht bewiesen, daß der Mensch auch die letzte
Fessel der Freiheit abwerfen kann, nämlich die, ein ver¬
nünftiges Wesen zu sein?
Diese wenigen Exzerpte aus dem philosophischen
ManifestderhistorischenSchule reichen Ein, glauben «
wir, um ein historisches Urteil über diese Schule an die Stelle un¬
historischer Einbildungen, unbestimmter Gemütsträume und ab¬
sichtlicher Fiktionen zu setzen; sie reichen hin, um zu entscheiden,
ob Hugos Nachfolger den Beruf haben, die Gesetz¬
geber unserer Zeit zu sein. 20
Allerdings ist dieser rohe Stammbaum der historischen
Schule im Laufe der Zeit und der Kultur von dem Rauch¬
werke der Mystik in Nebel gehüllt, von der Romantik
phantastisch ausgeschnitzelt, von der Spekulation inokuliert
worden, und die vielen gelehrten Früchte hat man vom Baume as
geschüttelt, getrocknet und prahlerisch in der großen Vorrats¬
kammer deutscher Gelehrsamkeit auf gespeichert; allein es gehört
wahrlich nur wenig Kritik dazu, um hinter all den wohl¬
riechenden modernen Phrasen die schmutzigen alten Einfälle
unseres Aufklärers des ancien régime und hinter all der über- 30
schwenglichen Salbung seine liederliche Trivialität wieder zu er¬
kennen.
Wenn Hugo sagt: „Das Tierische ist das juristische
Unterscheidungsmerkmal des Menschen“, also: das Recht ist
tierisches Recht, so sagen die gebildeten Modernen für3s
das rohe, offenherzige „tierisch“ etwa „organisches“
Recht, denn wem fällt beim Organismus auch gleich der tie¬
rische Organismus ein? Wenn Hugo sagt, daß in der Ehe
und den anderen sittlich-rechtlichen Institutionen keine
Vernunft ist, so sagen die modernen Herren, diese Institu-
tionen seien zwar keine Bildungen der menschlichen
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 259
Vernunft, aber Abbilder einer höheren „positiven“
Vernunft, und so durch alle übrigen Artikel. Nur e i n Resultat
sprechen alle gleich roh aus: Das Recht der willkür¬
lichen Gewalt.
5 Hallers, Stahls, Leos und der Gleichgesinnten juri¬
stische und historische Theorien sind nur als Codices rescripti des
hugonischen Naturrechts zu betrachten, die nach einigen
Operationen der kritischen Scheidekunst den alten Ur-
text wieder leserlich hervortreten lassen, wie wir bei gelegener
10 Zeit weiter dartun wollen.
Um so vergeblicher bleiben alle Verschönerungs-
künste, als wir das alte Manifest noch besitzen, das, wenn
auch nicht verständig, doch immerhin sehr verständ¬
lich ist.
Der Kommunismus
und die Augsburger Allgemeine Zeitung
[RhZ 16. Okt. 1842. Nr. 289]
Köln, 15. Oktober. Die Nr. 284 der Augsburger
Zeitung ist so ungeschickt, in der Rheinischen Zeitung 5
eine preußische Kommunistin zu entdecken, zwar keine
wirkliche Kommunistin, aber doch immer eine Person, die mit
dem Kommunismus phantastisch kokettiert und platonisch lieb¬
äugelt.
Ob diese unartige Phantasterei der Augsburgerin uneigen-10
nützig, ob diese müßige Gaukelei ihrer aufgeregten Einbildungs¬
kraft mit Spekulationen und diplomatischen Geschäften zusam¬
menhängt, mag der Leser entscheiden — nachdem wir das angeb¬
liche corpus delicti vorgeführt haben.
Die Rheinische Zeitung, erzählt man, habe einen kommunisti- 15
sehen Aufsatz über die Berliner Familienhäuser in ihr Feuilleton
auf genommen und mit folgender Bemerkung begleitet: Diese
Mitteilungen „dürften für die Geschichte dieser
wichtigen Zeitfrage nicht ohne Interesse sein“;
folgt daher nach der Augsburger Logik, daß die Rheinische Zei- 20
tung „dergleichen ungewaschenes Zeug empfeh¬
lend aufgetisch t“. Also wenn ich z. B. sage: „folgende Mit¬
teilungen des »Mefistofeles« über den inneren Haushalt der Augs¬
burger Zeitung dürften nicht ohne Interesse für die Ge¬
schichte dieser wichtigtuenden Dame sein“, so empfehle ich die 25
schmutzigen „Zeuge“, aus denen die Augsburgerin ihre
bunte Garderobe zusammenschneidet? Oder sollten wir den Kom¬
munismus schon deshalb für keine wichtige Zeitfrage halten, weil
er keine courfähige Zeitfrage ist, weil er schmutzige Wäsche trägt
und nicht nach Rosenwasser duftet? 30
Allein mit Recht grollt die Augsburgerin unserem Mißverstand.
Die Wichtigkeit des Kommunismus besteht nicht darin, daß er
eine Zeitfrage von höchstem Emst für Frankreich und England
bildet. Der Kommunismus besitzt die europäische Wich¬
tigkeit, von der Augsburger Zeitung zu einer Phrase benutzt 35
worden zu sein. Einer ihrer Pariser Korrespondenten, ein Kon¬
vertit, der die Geschichte behandelt wie ein Konditor die Botanik,
hat jüngst einmal den Einfall gehabt: die Monarchie müsse die
sozialistisch-kommunistischen Ideen in ihrer Weise sich anzu-
Tafel Vil
Eine Seite der Rheinischen Zeitung mit dem ersten
nachthernahme der Redaktion von Marx veröffentlichten
Artikel ..Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung
261
eignen suchen. Versteht ihr nun den Unmut der Augsburgerin,
die uns nie verzeihen wird, daß wir den Kommunismus in seiner
ungewaschenen Nacktheit dem Publikum bloßgestellt; ver¬
steht ihr die verbissene Ironie, die uns zuruft: so empfehlt
5 ihr den Kommunismus, der schon einmal die glückliche Eleganz
besaß, eine Phrase der Augsburger Zeitung zu bilden!
Der zweite Vorwurf, der die Rheinische Zeitung trifft, ist der
Schluß eines Referats aus Straßburg über die bei dem dortigen
Kongreß gehaltenen kommunistischen Reden, denn die beiden
10 Stiefschwestern hatten sich in die Beute so geteilt, daß der
Rheinländerin die Verhandlungen und der Bayerin
die Mahlzeiten der Straßburger Gelehrten zufielen. Die in-
kriminierte Stelle lautet wörtlich also:
Es ist heute mit dem Mittelstände so wie mit dem Adel im
15 Jahre 1789; damals nahm der Mittelstand die Privilegien des
Adels in Anspruch und erhielt sie, heute verlangt der
Stand, der nichts besitzt, teilzunehmen am
Reichtume der Mittelklassen, die jetzt am
Ruder sind. Der Mittelstand hat sich nun heute gegen eine
2o Überrumpelung besser vorgesehen als der Adel im Jahre 89,
und es steht zu erwarten, daß das Problem auf friedlichem
Wege wird gelöst werden.
Daß Sieyès’ Prophezeiung eingetroffen und daß der tiers état
Alles geworden ist und Alles sein will — Bülow-Cummerow, das
25 ehemalige Berliner politische Wochenblatt, Dr. Kosegarten, sämt¬
liche feudalistische Schriftsteller bekennen es mit wehmütigster
Entrüstung. Daß der Stand, der heute nichts besitzt, am Reich¬
tum der Mittelklassen teilzunehmen verlangt, das ist ein Fak¬
tum, welches ohne das Straßburger Reden und trotz dem Augs-
3o burger Schweigen in Manchester, Paris und Lyon auf den Straßen
jedem sichtbar umherläuft. Glaubt etwa die Augsburgerin, ihr
Unwillen und ihr Schweigen widerlegten die Tatsachen der Zeit?
Die Augsburgerin ist impertinent im Fliehen. Sie reißt
aus vor verfänglichen Zeiterscheinungen und glaubt, der Staub,
35 den sie beim Ausreißen hinter sich aufwirbelt, sowie die ängst¬
lichen Schmähworte, welche sie auf der Flucht zwischen den Zäh¬
nen hinmurmelty blendeten und verwirrten die unbequeme Zeit¬
erscheinung wie den bequemen Leser.
Oder grollt die Augsburgerin der Erwartung unseres Korre-
4o spondenten, die unleugbare Kollision werde sich „auf fried¬
lichem Wege“ lösen? Oder wirft sie uns vor, daß wir nicht so¬
fort ein probates Rezept verschrieben und einen sonnenklaren Be¬
richt über die unmaßgebliche Lösung des Problems dem über¬
raschten Leser in die Tasche spielten? Wir besitzen nicht die
262
Aus der Rheinischen Zeitung
Kunst, mit einer Phrase Probleme zu bändigen, an deren Be¬
zwingung zwei Völker arbeiten.
Aber liebste, beste Augsburgerin, Sie geben uns bei Gelegen¬
heit des Kommunismus zu verstehen, daß Deutschland jetzt arm
ist an unabhängigen Existenzen, daß neun Zehntel der gebildete- 5
ren Jugend den Staat anbetteln um Brot für ihre Zukunft, daß
unsere Ströme vernachlässigt, daß die Schiffahrt damiederliegt,
daß unseren ehemals blühenden Handelsstädten der alte Flor fehlt,
daß die freien Institutionen erst auf langsamem Wege in Preußen
erstrebt werden, daß der Überfluß unserer Bevölkerung hilflos 10
umherirrt, um in fremden Nationalitäten als Deutsche unterzu¬
gehen, und für alle diese Probleme kein einziges Rezept, kein Ver¬
such, „klarer über die Mittel zur Ausführung“ der
großen Tat zu werden, die uns von all diesen Sünden erlösen soll!
Oder erwarten Sie keine friedliche Lösung? Fast scheint ein an- «
derer Artikel derselben Nummer, von Karlsruhe datiert, dahin zu
deuten, wo selbst in bezug auf den Zollverein die verfängliche
Frage an Preußen gerichtet wird: „Glaubt man, eine
solche Krisis würde vorübergehen wie eine Rau¬
ferei um das Tabakrauchen im Tiergarten?“ Der 20
Grund, den Sie für Ihren Unglauben debütieren, ist ein kommu¬
nistischer. „Nun lasse man eine Krisis über die
Industrie losbrechen, lasse Millionen an Kapital
verloren gehen, Tausende von Arbeitern brot¬
loswerde n.“ Wie ungelegen kam unsere „friedliche Er• m
w a r t u n g“, da Sie einmal beschlossen hatten, eine blutige Krisis
losbrechen zu lassen, weshalb wohl in Ihrem Artikel
Großbritannien auf den demagogischen Arzt Dr. M’Douall, der
nach Amerika ausgewandert, weil „m itdiesemkönigschen
Geschlecht doch nichts anzufangen se i“, nach Ihrer 30
eigenen Logik empfehlend nachgewiesen wird.
Eh’ wir uns von Ihnen trennen, möchten wir Sie noch vorüber¬
gehend auf Ihre eigene Weisheit aufmerksam machen, da es bei
Ihrer Methode der Phrasen nicht wohl zu umgehen ist, harmloser¬
weise hie und da einen Gedanken zwar nicht zu haben, aber 35
eben deshalb auszusprechen. Sie finden, daß die Polemik
des Herm Hennequin aus Paris gegen die Parzellierung des
Grundbesitzes denselben mit den Autonomen in eine über¬
raschende Harmonie bringt! Die Überraschung, sagt Aristoteles,
ist der Anfang des Philosophierens. Sie haben beim Anfang ge- m
endet. Würde Ihnen sonst die überraschende Tatsache entgangen
sein, daß kommunistische Grundsätze in Deutschland nicht von
den Liberalen, sondern von Ihren reaktionären Freunden
verbreitet werden?
Wer spricht von Handwerkerkorporationen? Die ts
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung
263
Reaktionäre. Der Handwerkerstand soll einen Staat im Staate bil¬
den. Finden Sie es auffallend, daß solche Gedanken, modern aus-
gedriickt, also lauten: „Der Staat soll sich in den Handwerker¬
stand verwandeln?“ Wenn dem Handwerker sein Stand der
5 Staat sein soll, wenn aber der moderne Handwerker, wie jeder
moderne Mensch, den Staat nur als die all seinen Mitbürgern ge¬
meinsame Sphäre versteht und verstehen kann, wie wollen Sie
anders beide Gedanken synthesieren als in einen Handwer¬
kerstaat?
10 Wer polemisiert gegen die Parzellierung des Grund¬
besitzes? Die Reaktionäre. Man ist in einer ganz kurz er¬
schienenen feudalistischen Schrift (Kosegarten über Parzellie¬
rung) so weit gegangen, das Privateigentum ein Vor¬
recht zu nennen. Das ist Fouriers Grundsatz. Sobald man
15 über die Grundsätze einig ist, läßt sich nicht über die Konsequen¬
zen und die Anwendung streiten?
Die „Rheinische Zeitung“, die den kommunistischen Ideen in
ihrer jetzigen Gestalt nicht einmal theoretischeWirklic fa¬
ke i t zugestehen, also noch weniger ihre praktische Ve r -
söwirklichung wünschen oder auch nur für möglich halten
kann, wird diese Ideen einer gründlichen Kritik unterwerfen.
Daß aber Schriften, wie die von Leroux, Considérant und vor
allen das scharfsinnige Werk Proudhons, nicht durch oberfläch¬
liche Einfälle des Augenblicks, sondern nur nach lang anhalten-
25 dem und tief eingehendem Studium kritisiert werden können, würde
die Augsburgerin einsehen, wenn sie mehr verlangte und mehr
vermöchte als Glacephrasen. Um so ernster haben wir solche
theoretischen Arbeiten zu nehmen, als wir nicht mit der
Augsburger übereinstimmen, welche die „Wirklichkeit“ der
30 kommunistischen Gedanken nicht bei Plato, sondern bei
ihrem obskuren Bekannten findet, der nicht ohne Verdienst
in einigen Richtungen wissenschaftlicher Forschung sein ganzes
ihm damals zur Verfügung stehendes Vermögen hingab und sei¬
nen Verbündeten Teller und Stiefel nach dem Willen des Vaters
35 Enfantin putzte. Wir haben die feste Überzeugung, daß nicht der
praktische Versuch, sondern die theoretische Aus¬
führung der kommunistischen Ideen die eigentliche Gefahr
bildet, denn auf praktische Versuche, und seien es1) Versuche
in Masse, kann man durch Kanonen antworten, sobald sie ge-
4o fährlich werden, aber Ideen, die unsere Intelligenz besiegt, die
unsere Gesinnung erobert, an die der Verstand unser Gewissen
geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt,
ohne sein Herz zu zerreißen, das sind Dämonen, welche der
Mensch nur besiegen kann, indem er sich ihnen unterwirft. Doch
9 In der RhZ Druckfehler seien
264
Aus der Rheinischen Zeitung
die Augsburger Zeitung hat die Gewissensangst, welche
eine Rebellion der subjektiven Wünsche des Menschen gegen die
objektiven Einsichten seines eigenen Verstandes hervorruft, wohl
nie kennen gelernt, da sie weder eigenen Verstand
noch eigene Einsichten noch auch ein eigenes 5
Gewissen besitzt.
[RhZ 23. Okt. 1842. Nr. 296. Redaktionelle Erklärung am Schluß des Hauptblattes]
Köln, 22. Oktober. Infolge des in Nr. 292 der Rheinischen
Zeitung aus der Mannheimer Abendzeitung abgedruckten Ar¬
tikels „aus Pfalz, 12. Oktober“, der mit den Worten beginnt: Ich 10
war wirklich überrascht, als ich gestern in der „Augsburger All¬
gemeinen Zeitung“ einen aus Aachener Blättern entlehnten Ar¬
tikel (über Kommunismus) abgedruckt fand, der wahrhaftig in
dem sonst so gut alimentierten Blatte keine Aufnahme verdient,
— bringt die Aachener Zeitung Nr. 293 eine Erwiderung, deren 15
auszugsweise Mitteilung wir, infolge eines speziellen Wunsches
von Seiten der Redaktion dieser Zeitung, unseren Lesern durchaus
nicht vorenthalten wollen, um so mehr, da sie uns erwünschte Ge¬
legenheit zu einer nachträglichen Berichtigung gibt. Die „Aachener
Zeitung“ traut der Rheinischen mit Recht zu, „daß sie wissen 20
konnte, daß die Augsburger Allgemeine Zeitung nur einige Stel¬
len aus ihrem Artikel über die Kommunisten (Nr. 277 der Aache¬
ner Zeitung) herausgerissen und ihre Bemerkungen hinzugefügt
hatte, welche dem Aufsatze freilich eine andere Gestalt ver¬
liehen“. Wie gesagt, die Rheinische Zeitung wußte nicht nur die- 25
ses, sondern sie wußte auch, daß die Aachener Zeitung ganz un¬
schuldig war an jenen faden, von der Augsburger Zeitung Nr. 284
listig zusammengestellten Bruchstücken, mit denen es nur auf die
Rheinische Zeitung abgesehen war, und darum zog sie auch bei
ihrer Abfertigung der Augsburger Zeitung in Nr. 289 die Aache- 30
ner Zeitung, wie es sich gebührte, nicht in den Kreis der Debatte.
Wenn nun aber ein Mann in der Pfalz durch die gesperrte Über¬
schrift jenes Augsburger Artikels: „Wir lesen in Aache¬
ner Blättern“ zu einer falschen Annahme verleitet werden
konnte, so liegt darin allerdings ein Fingerzeig, daß die Aachener 35
Zeitung solchem Mißverständnis der Augsburger Allgemeinen Zei¬
tung gegenüber schon hätte früher zuvorkommen können. Hatte die
Rheinische Zeitung einmal jenen Augsburger Artikel ganz auf sich
genommen, so konnte sie den beiläufigen Abdruck jener Notiz in
der Mannheimer Abendzeitung wohl ohne Wegweiser passieren 40
lassen, da ja ihre Leser schon wußten, wohin das gehöre. Folgende
Stellen des heutigen Artikels der Aachener Zeitung bedürfen kei¬
ner weiteren Bemerkung: „Sie weiß, daß wir nicht gegen irgend-
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung
265
eine freie Forschung sind, daß wir nicht Bestrebungen von Män¬
nern schwächen werden, welche sich das Wohl irgendeiner Klasse
von Menschen angelegen sein lassen. Wir sind liberal gegen
Alle, und das ist mehr, als die Masse manches Liberalismus bis
5 jetzt von sich sagen kann. Das aber haben wir gesagt, daß der
Kommunismus bei uns keinen Grund und Boden finden kann, daß
er dagegen in Frankreich und England eine natürliche Erschei¬
nung ist. Endlich haben wir hinzugefügt, selbst gegen kommu¬
nistische Bestrebungen in Deutschland nichts zu haben, uns wohl
10 aber entschieden gegen jede klubistische Verbrüderung der Art
erklärt, wie dieselbe in Schlesien aufgetaucht sein soll. Die libe¬
ralen Ideen sind noch nicht so festgewurzelt bei uns, haben bei
uns noch nicht solche Fortschritte gemacht, daß nicht jedes Stre¬
ben sorgfältig zu pflegen wäre. In der Regel sehen wir aber bei
is uns die Blätter Einer Farbe viel zu wenig Hand in Hand mitein¬
ander gehen, ohne zu bedenken, daß niemals das Vereinzelte
allen Raum ausfüllen, daß eine Gesamtwirkung nur erfolgen
kann, wenn das Eine sich abwechselnd zum Träger und Verbreiter
der Ideen des Anderen macht.“
Die Red. d. Rh. Z.
Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags
Von einem Rheinländer
Dritter Artikel *)
Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz
[RhZ 25. Okt. 1842. Nr. 298, Beiblatt] «
*** Wir haben bisher zwei große Haupt- und Staatsaktionen
des Landtags geschildert, seine Wirren in bezug auf die Pre߬
freiheit und seine Unfreiheit in bezug auf die Wirren. Wir spie¬
len jetzt auf ebener Erde. Bevor wir zu der eigentlich irdischen
Frage in ihrer Lebensgröße, zu der Frage über Parzellierung des 10
Grundbesitzes übergehen, geben wir unserem Leser einige Genre¬
bilder, in denen der Geist und, wir möchten mehr noch sagen, das
physische Naturell des Landtags sich mannigfach abspiegeln wird.
Zwar verdiente das Holzdiebstahlsgesetz wie das Gesetz über
Jagd-, Forst- und Feldfrevel nicht nur in bezug auf den Landtag, is
sondern ebensosehr in bezug auf sich selbst besprochen zu wer¬
den. Allein der Gesetzentwurf liegt uns nicht vor. Unser Material
beschränkt sich auf einige halb angedeutete Zusätze des Land¬
tags und seines Ausschusses zu Gesetzen, die nur als Paragraphen-
nummem figurieren. Die landständischen Verhandlungen selbst m
sind so durchaus kümmerlich, so zusammenhanglos und apokry-
phisch1) mitgeteilt, daß die Mitteilung einer Mystifikation ähnlich
sieht. Dürfen wir aus dem vorhandenen Torso urteilen, so hat der
Landtag mit dieser passiven Stille unserer Provinz einen ehr¬
erbietigen Akt zustellen wollen. w
Eine für die vorliegenden Debatten charakteristische Tatsache
springt sofort in die Augen. Der Landtag tritt als ergänzen¬
der Gesetzgeber an die Seite des Staatsgesetzgebers. Es
wird vom höchsten Interesse sein, an einem Beispiele die legisla¬
tiven Qualitäten des Landtags zu entwickeln. Der Leser wird von w
diesem Gesichtspunkte aus verzeihen, wenn wir Geduld und Aus¬
dauer in Anspruch nehmen, zwei Tugenden, die bei Bearbeitung
unseres sterilen Gegenstandes unausgesetzt zu üben waren. Wir
stellen in den Debatten des Landtags über das Diebstahlsgesetz
unmittelbar die Debatten des Landtags über seinen«
Beruf zur Gesetzgebung dar.
*) Wir bedauern, daß wir unseren Lesern den zweiten Artikel nicht haben
mitteilen können. D. Red. d. Rh. Ztg.
In der RhZ negokryphisch
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz 267
Gleich im Beginn der Debatte opponiert ein Stadtdeputierter
gegen die Überschrift des Gesetzes, wodurch die Kategorie
„Diebstahl“ auf einfache Holzfrevel ausgedehnt wird.
Ein Deputierter der Ritterschaft erwidert: „Daß eben, weil
5 man es nicht für einen Diebstahl halte, Holz zu entwenden, dies
so häufig geschehe.“
Nach dieser Analogie müßte derselbe Gesetzgeber schließen:
weil man eine Ohrfeige für keinen Totschlag hält, darum sind
die Ohrfeigen so häufig. Man dekretiere also, daß eine Ohrfeige
10 ein Totschlag ist.
Ein anderer Deputierter der Ritterschaft findet es „noch be¬
denklicher, das Wort ,Diebstahl6 nicht auszusprechen, weil die
Leute, denen die Diskussion über dieses Wort bekannt würde,
leicht zu dem Glauben veranlaßt werden könnten, als werde die
is Entwendung von Holz auch von dem Landtage nicht dafür ge¬
halten“.
Der Landtag soll entscheiden, ob er einen Holzfrevel für einen
Diebstahl hält; aber wenn der Landtag einen Holzfrevel nicht für
einen Diebstahl erklärte, könnten die Leute glauben, der Landtag
20 hielte wirklich einen Holzfrevel nicht für einen Diebstahl. Es ist
also am besten, diese verfängliche Kontroversfrage auf sich be¬
ruhen zu lassen. Es handelt sich von einem Euphemismus, und
man muß Euphemismen vermeiden. Der Waldeigentümer läßt
den Gesetzgeber nicht zu Wort kommen, denn die Wände haben
25 Ohren.
Derselbe Deputierte geht noch weiter. Er betrachtet diese
ganze Untersuchung über den Ausdruck „Diebstahl“ als „eine be¬
denkliche Beschäftigung der Plenarversammlung mit Redak-
t ions ve r be s s er un ge n“.
so Nach diesen einleuchtenden Demonstrationen votierte der
Landtag die Überschrift.
Von dem eben empfohlenen Standpunkte aus, der die Ver¬
wandlung eines Staatsbürgers in einen Dieb für pure Redaktions¬
nachlässigkeit versieht und alle Opposition dagegen als gram-
35 matischen Purismus zurückweist, versteht es sich von selbst, daß
auch das Entwenden von Raffholz oder Auflesen von
trockenem Holz unter die Rubrik Diebstahl subsumiert und ebenso
bestraft wird wie die Entwendung von stehendem grünen Holz.
Der obenerwähnte Deputierte der Städte bemerkt zwar: „Da
4o sich die Strafe bis zu langem Gefängnis steigern könne, so führe
eine solche Strenge Leute, die sonst noch auf gutem Wege wären,
gerade auf den Weg des Verbrechens. Das geschehe auch da¬
durch, daß sie im Gefängnis mit Gewohnheitsdieben zusammen¬
kämen; er halte daher dafür, daß man das Sammeln oder Ent-
45 wenden von trockenem Raffholz bloß mit einer einfachen Polizei¬
268
Aus der Rheinischen Zeitung
strafe belegen solle.“ Aber ein anderer Stadtdeputierter widerlegt
ihn durch die tiefsinnige Anführung, „daß in den Waldungen
seiner Gegend häufig junge Bäume zuerst bloß angehauen und,
wenn sie dadurch verdorben, später als Raffholz behandelt
würden.“ 5
Man kann unmöglich auf elegantere und zugleich einfachere
Weise das Recht der Menschen vor dem Recht der jungen Bäume
niederfallen lassen. Auf der einen Seite nach Annahme des
Paragraphen steht die Notwendigkeit, daß eine Masse Menschen
ohne verbrecherische Gesinnung von dem grünen Baum der Sitt-10
lichkeit abgehauen und als Raffholz der Hölle des Verbrechens,
der Infamie und des Elendes zugeschleudert worden. Auf der
anderen Seite nach Verwerfung des Paragraphen steht die Mög¬
lichkeit der Mißhandlung einiger junger Bäume, und es bedarf
kaum der Anführung! die hölzernen Götzen siegen, und die n
Menschenopfer fallen!
Die hochnotpeinliche Halsgerichtsordnung subsumiert unter
dem Holzdiebstahl nur das Entwenden gehauenen Holzes und das
diebische Holzhauen. Ja, unser Landtag wird es nicht glauben:
„Wo aber jemandt bei Tag essendt Früchte nem, und damit durch so
wegtragen derselben nit großen geuerlichen schaden thett, der ist
nach gelegenhayt der personen und der sach bürgerlich (also
nicht kriminell) zu straffen.“ Die hochnotpeinliche Halsgerichts¬
ordnung des 16. Jahrhunderts fordert uns auf, sie vor dem Tadel
übertriebener Humanität gegen einen rheinischen Landtag des «
19. Jahrhunderts in Schutz zu nehmen, und wir folgen dieser Auf¬
forderung.
Sammeln von Raffholz und der kombinierteste Holzdiebstahl!
Eine Bestimmung ist beiden gemein. Das Aneignen fremden
Holzes. Also ist beides Diebstahl. Darauf resümiert sich die 30
übersichtige Logik, die soeben Gesetze gab.
Wir machen daher zunächst auf den Unterschied auf¬
merksam, und wenn man zugeben muß, daß der Tatbestand dem
Wesen nach verschieden, so wird man kaum behaupten dürfen,
daß er dem Gesetze nach derselbe sei. 3S
Um grünes Holz sich anzueignen, muß man es gewaltsam von
seinem organischen Zusammenhänge trennen. Wie dies ein offenes
Attentat auf den Baum, so ist es durch denselben ein offenes
Attentat auf den Eigentümer des Baumes.
Wird ferner gefälltes Holz einem Dritten entwendet, so ist das
gefällte Holz ein Produkt des Eigentümers. Gefälltes Holz ist
schon formiertes Holz. An die Stelle des natürlichen Zusammen¬
hangs mit dem Eigentum ist der künstliche Zusammenhang ge¬
treten. Wer also gefälltes Holz entwendet, entwendet Eigentum.
Beim Raffholz dagegen wird nichts vom Eigentum getrennt. «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
269
Das vom Eigentum getrennte wird vom Eigentum getrennt. Der
Holzdieb erläßt ein eigenmächtiges Urteil gegen das Eigentum.
Der Raffholzsammler vollzieht nur ein Urteil, was die Natur des
Eigentums selbst gefällt hat, denn ihr besitzt doch nur den Baum,
5 aber der Baum besitzt jene Reiser nicht mehr.
Sammeln von Raffholz und Holzdiebstahl sind also wesentlich
verschiedene Sachen. Der Gegenstand ist verschieden, die Hand¬
lung in bezug auf den Gegenstand ist nicht minder verschieden,
die Gesinnung muß also auch verschieden sein, denn welches ob-
10 jektive Maß sollten wir an die Gesinnung legen, wenn nicht den
Inhalt der Handlung und die Form der Handlung? Und diesem
wesentlichen Unterschiede zum Trotz nennt ihr beides Diebstahl
und bestraft beides als Diebstahl. Ja, ihr bestraft das Raffholz¬
sammeln strenger als den Holzdiebstahl, denn ihr bestraft es
is schon, indem ihr es für einen Diebstahl erklärt, eine Strafe, die
ihr offenbar über den Holzdiebstahl selbst nicht verhängt. Ihr
hättet ihn denn Holzmord nennen und als Mord bestrafen müssen.
Das Gesetz ist nicht von der allgemeinen Verpflichtung entbunden,
die Wahrheit zu sagen. Es hat sie doppelt, denn es ist der allge-
20 meine und authentische Sprecher über die rechtliche Natur der
Dinge. Die rechtliche Natur der Dinge kann sich daher nicht nach
dem Gesetze, sondern das Gesetz muß sich nach der rechtlichen
Natur der Dinge richten. Wenn das Gesetz aber eine Handlung,
die kaum ein Holzfrevel ist, einen Holzdiebstahl nennt, so lügt
25 das Gesetz, und der Arme wird einer gesetzlichen Lüge geopfert.
„II y a deux genres de corruption, sagt Montesquieu, l’un
lorsque le peuple n’observe point les lois; l’autre lorsqu’il est
corrompu par les lois: mal incurable parce qu’il est dans le
remède même.“
so So wenig es euch gelingen wird, den Glauben zu erzwingen:
hier ist ein Verbrechen, wo kein Verbrechen ist, so sehr wird es
euch gelingen, das Verbrechen selbst in eine rechtliche Tat zu
verwandeln. Ihr habt die Grenzen verwischt, aber ihr irrt, wenn
ihr glaubt, sie seien nur in eurem Interesse verwischt. Das Volk
35 sieht die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen, und weil es
die Strafe sieht, wo kein Verbrechen ist, wird es schon darum
kein Verbrechen sehen, wo die Strafe ist. Indem ihr die Kategorie
des Diebstahls da anwendet, wo sie nicht angewendet werden darf,
habt ihr sie auch da beschönigt, wo sie angewendet werden muß.
40 Und hebt sich diese brutale Ansicht, die nur eine gemeinschaft¬
liche Bestimmung in verschiedenen Handlungen festhält und von
der Verschiedenheit abstrahiert, nicht selber auf? wenn jede Ver¬
letzung des Eigentums ohne Unterschied, ohne nähere Bestim¬
mung Diebstahl ist, wäre nicht alles Privateigentum Diebstahl?
45 schließe ich nicht durch mein Privateigentum jeden Dritten von
MarX'EnffelB-Gesamtaasffabe. I. Abt.. Bd. 1. 1. Hbd. 23
270
Aus der Rheinischen Zeitung
diesem Eigentum aus? verletze ich also nicht sein Eigentums¬
recht? wenn ihr den Unterschied wesentlich verschiedener Arten
desselben Verbrechens verneint, so verneint ihr das Verbrechen
als einen Unterschied vom Rechte, so hebt ihr das Recht
selbst auf, denn jedes Verbrechen hat eine Seite mit dem Rechte *
selbst gemein. Es ist daher ein ebenso historisches als vernünf¬
tiges Faktum, daß die unterschiedslose Härte allen Erfolg der
Strafe aufhebt, denn sie hat die Strafe als einen Erfolg des Rechtes
auf gehoben.
Doch worüber streiten wir? Der Landtag verwirft zwar den w
Unterschied zwischen Raffholzsammeln, Holzfrevel und Holzdieb¬
stahl. Er verwirft den Unterschied der Handlung als bestimmend
für die Handlung, sobald es sich um das Interesse des
Forstfrevlers, aber er erkennt ihn an, sobald es sich um
das Interesse des Waldeigentümers handelt. is
So schlägt der Ausschuß zusätzlich vor, „als erschwerende
Umstände zu bezeichnen, wenn grünes Holz mittels Schneide¬
instrumenten abgehauen oder abgeschnitten und wenn statt der
Axt die Säge gebraucht wird“. Der Landtag approbiert diese
Unterscheidung. Derselbe Scharfsinn, der so gewissenhaft ist, in w
seinem Interesse eine Axt von einer Säge, ist so gewissenlos,
Raffholz von grünem Holz nicht im fremden Interesse zu unter¬
scheiden. Der Unterschied ist bedeutsam als erschwerender, aber
er ist ohne alle Bedeutung als mildernder Umstand, obgleich ein
erschwerender Umstand nicht möglich ist, sobald die mildernden 25
Umstände unmöglich sind.
Dieselbe Logik wiederholt sich noch mehrmal im Verlauf der
Debatte.
Bei § 65 wünscht ein Abgeordneter der Städte, „daß auch
der Wert des entwendeten Holzes als Maßstab zur Bestimmung 30
der Strafe angewendet werden möge“, „was vom Referenten als
unpraktisch bestritten wird“. Derselbe Deputierte der
Städte bemerkt zu § 66: „überhaupt werde im ganzen Gesetze eine
Wertangabe, wodurch die Strafe erhöht oder ermäßigt werde,
vermißt“. 3S
Die Wichtigkeit des Wertes zur Bestimmung der Strafe bei
Eigentumsverletzungen ergibt sich von selbst.
Wenn der Begriff des Verbrechens die Strafe, so verlangt die
Wirklichkeit des Verbrechens ein Maß der Strafe. Das wirkliche
Verbrechen ist begrenzt. Die Strafe wird schon begrenzt sein 40
müssen, um wirklich, sie wird nach einem Rechtsprinzip begrenzt
sein müssen, um gerecht zu sein. Die Aufgabe besteht darin, die
Strafe zur wirklichen Konsequenz des Verbrechens zu machen.
Sie muß dem Verbrecher also die notwendige Wirkung seiner
eigenen Tat, daher als seine eigene Tat erscheinen. Die 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
271
Grenze seiner Strafe muß also die Grenze seiner Tat sein. Der
bestimmte Inhalt, der verletzt ist, ist die Grenze des bestimm¬
ten Verbrechens. Das Maß dieses Inhaltes ist also das Maß des
Verbrechens. Dieses Maß des Eigentums ist sein Wert. Wenn
5 die Persönlichkeit in jeder Grenze immer ganz, so ist das Eigen¬
tum immer nur in einer Grenze vorhanden, die nicht nur bestimm¬
bar, sondern bestimmt, nicht nur meßbar, sondern gemessen ist.
Der Wert ist das bürgerliche Dasein des Eigentums, das logische
Wort, in welchem es erst soziale Verständlichkeit und Mitteil-
10 barkeit erreicht. Es versteht sich, daß diese objektive, durch die
Natur des Gegenstandes selbst gegebene Bestimmung ebenso eine
objektive und wesentliche Bestimmung der Strafe bilden muß.
Kann die Gesetzgebung hier, wo es sich um Zahlen handelt, nur
äußerlich verfahren, um sich nicht in eine Endlosigkeit des Be-
15 stimmens zu verlaufen, so muß sie wenigstens regulieren. Es
kommt nicht darauf an, daß die Unterschiede erschöpft, aber es
kommt darauf an, daß sie gemacht werden. Dem Landtage aber
kam es überhaupt nicht darauf an, seine vornehme Aufmerksam¬
keit solchen Kleinigkeiten zu widmen.
20 Glaubt ihr nun aber etwa schließen zu dürfen, der Landtag
habe den Wert bei Bestimmung der Strafe vollständig ausge¬
schlossen? Unbesonnener, unpraktischer Schluß! Der Wald¬
eigentümer — wir werden dies später weitläufiger nehmen —
läßt sich nicht nur den einfachen allgemeinen Wert vom Diebe er-
25 setzen; er stattet den Wert sogar mit individuellem Charakter aus
und gründet auf diese poetische Individualität die Forderung be¬
sonderen Schadenersatzes. Wir verstehen jetzt, was der Referent
unter praktisch versteht. Der praktische Waldeigentümer
räsoniert also: Diese Gesetzesbestimmung ist gut, soweit sie mir
3o nützt, denn mein Nutzen ist das Gute. Diese Gesetzesbestimmung
ist überflüssig, sie ist schädlich, sie ist unpraktisch, soweit sie aus
purer theoretischer Rechtsgrille auch auf den Angeklagten an¬
gewandt werden soll. Da der Angeklagte mir schädlich ist, so
versteht es sich von selbst, daß mir alles schädlich ist, was ihn
35 nicht zu größerem Schaden kommen läßt. Das ist praktische
Weisheit.
Wir unpraktische Menschen aber nehmen für die arme poli¬
tisch und sozial besitzlose Menge in Anspruch, was das gelehrte
und gelehrige Bediententum der sogenannten Historiker als den
m wahren Stein der Weisen erfunden hat, um jede unlautere An¬
maßung in lauteres Rechtsgold zu verwandeln. Wir vindizieren
der Armut das Gewohnheitsrecht, und zwar ein Gewohn¬
heitsrecht, welches nicht lokal, ein Gewohnheitsrecht, welches das
Gewohnheitsrecht der Armut in allen Ländern ist. Wir gehen
45 noch weiter und behaupten, daß das Gewohnheitsrecht seiner
23e
272
Aus der Rheinischen Zeitung
Natur nach nur das Recht dieser untersten besitzlosen und
elementarischen Masse sein kann.
Unter den sogenannten Gewohnheiten der Privilegierten ver¬
steht man Gewohnheiten wider das Recht. Das Datum
ihrer Geburt fällt in die Periode, worin die Geschichte der 5
Menschheit einen Teil der Naturgeschichte bildet und,
die ägyptische Sage bewahrheitend, sämtliche Götter sich in Tier¬
gestalten verbergen. Die Menschheit erscheint in bestimmte Tier¬
rassen zerfallen, deren Zusammenhang nicht die Gleichheit, son¬
dern die Ungleichheit ist, eine Ungleichheit, welche die Gesetze 10
fixieren. Der Weltzustand der Unfreiheit verlangt Rechte der Un¬
freiheit, denn, während das menschliche Recht das Dasein der
Freiheit, ist dies tierische Recht das Dasein der Unfreiheit. Der
Feudalismus im weitesten Sinne ist das geistige Tier¬
reich, die Welt der geschiedenen Menschheit im Gegensatz zur
Welt der sich unterscheidenden Menschheit, deren Ungleichheit
nichts anderes ist als die Farbenbrechung der Gleichheit. In den
Ländern des naiven Feudalismus, in den Ländern d<es Kasten¬
wesens, wo im wahren Sinne des Wortes die Menschheit verschub-
kastet und die edlen, frei ineinander überfließenden Glieder des w
großen Heiligen, des heiligen Humanus zersägt, zerkeilt, gewalt¬
sam auseinander gerissen sind, finden wir daher auch die A n -
betung des Tieres, die Tierreligion in ursprünglicher Ge¬
stalt, denn dem Menschen gilt immer für sein höchstes Wesen,
was sein wahres Wesen ist. Die einzige Gleichheit, die im wirk- 25
liehen Leben der Tiere hervortritt, ist die Gleichheit eines Tieres
mit den anderen Tieren seiner bestimmten Art, die Gleichheit der
bestimmten Art mit sich selbst, aber nicht die Gleichheit der
Gattung. Die Tiergattung selbst erscheint nur in dem feindseligen
Verhalten der verschiedenen Tierarten, die ihre besonderen 30
unterschiedenen Eigenschaften gegeneinander geltend
machen. Im Magen des Raubtieres hat die Natur die
Wahlstätte der Einigung, die Feueresse der innigsten Ver¬
schmelzung, das Organ des Zusammenhanges der verschiedenen
Tierarten bereitet. Ebenso zehrt im Feudalismus die eine Rasse 35
an der anderen bis zu der Rasse herab, welche, ein Polyp, an die
Erdscholle gewachsen, nur die vielen Arme besitzt, um den oberen
Rassen die Früchte der Erde zu pflücken, während sie selbst Staub
zehrt, denn wenn im natürlichen Tierreich die Drohnen von den
Arbeitsbienen, so werden im geistigen die Arbeitsbienen von den to
Drohnen getötet, und eben durch die Arbeit. Wenn die Privile¬
gierten vom gesetzlichen Rechte an ihre Gewohn¬
heitsrechte appellieren, so verlangen sie statt des mensch¬
lichen Inhaltes die tierische Gestalt des Rechts, welche jetzt zur
bloßen Tiermaske entwirklicht ist. 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
273
[RhZ 27. Okt. 1842. Nr. 300, Beiblatt]
Die vornehmen Gewohnheitsrechte sträuben sich durch ihren
Inhalt wider die Form des allgemeinen Gesetzes. Sie können
nicht in Gesetze geformt werden, weil sie Formationen der Ge-
6 setzlosigkeit sind. Indem diese Gewohnheitsrechte durch ihren
Inhalt der Form des Gesetzes, der Allgemeinheit und Notwendig¬
keit widerstreben, beweisen sie eben dadurch, daß sie Ge¬
wohnheitsunrechte und nicht im Gegensatz gegen das Ge¬
setz geltend zu machen, sondern als Gegensatz gegen dasselbe zu
10 abrogieren und selbst nach Gelegenheit zu bestrafen sind, denn
keiner hört auf, unrechtlich zu handeln, weil diese Handlungs¬
weise seine Gewohnheit ist, wie man den räuberischen Sohn eines
Räubers nicht mit seinen Familien-Idiosynkrasien entschuldigt.
Handelt ein Mensch mit Absicht wider das Recht, so strafe man
it seine Absicht, wenn aus Gewohnheit, so strafe man seine Gewohn¬
heit als eine schlechte Gewohnheit. Das vernünftige Gewohnheits¬
recht ist in der Zeit allgemeiner Gesetze nichts anderes als die
Gewohnheit des gesetzlichen Rechtes, denn das
Recht hat nicht aufgehört, Gewohnheit zu sein, weil es sich als
2o Gesetz konstituiert hat, aber es hat auf gehört, nur Gewohnheit
zu sein. Dem Rechtlichen wird es zu seiner eigenen Gewohnheit,
gegen den Unrechtlichen wird es durchgesetzt, obgleich es nicht
seine Gewohnheit ist. Das Recht hängt nicht mehr von dem Zufall
ab, ob die Gewohnheit vernünftig, sondern die Gewohnheit wird
26 vernünftig, weil das Recht gesetzlich, weil die Gewohnheit zur
Staatsgewohnheit geworden ist.
Das Gewohnheitsrecht als eine aparte Domäne neben
dem gesetzlichen Rechte ist daher nur da vernünftig, wo das Recht
neben und außer dem Gesetze existiert, wo die Gewohnheit
30 die Antizipation eines gesetzlichen Rechtes ist. Von Ge¬
wohnheitsrechten der privilegierten Stände kann daher gar nicht
gesprochen werden. Sie haben im Gesetz nicht nur die Anerken¬
nung ihres vernünftigen Rechtes, sondern oft sogar die Anerken¬
nung ihrer unvernünftigen Anmaßungen gefunden. Sie haben kein
36 Recht, gegen das Gesetz zu antizipieren, denn das Gesetz hat alle
möglichen Konsequenzen ihres Rechtes antizipiert. Sie werden
daher auch nur verlangt als Domänen für die menus plaisirs, da¬
mit derselbe Inhalt, der im Gesetze nach seinen vernünftigen
Grenzen behandelt ist, in der Gewohnheit einen Spielraum für
io die Grillen und Anmaßungen wider seine vernünftigen Grenzen
finde.
Wenn aber diese vornehmen Gewohnheitsrechte Gewohnheiten
wider den Begriff des vernünftigen Rechtes, so sind die Gewohn¬
heitsrechte der Armut Rechte wider die Gewohnheit des positiven
46 Rechts. Ihr Inhalt sträubt sich nicht gegen die gesetzliche Form,
274
Aus der Rheinischen Zeitung
er sträubt sich vielmehr gegen seine eigene Formlosigkeit. Die
Form des Gesetzes steht ihm nicht gegenüber, sondern er hat sie
noch nicht erreicht. Es bedarf nur weniger Reflexionen, um ein¬
zusehen, wie einseitig die aufgeklärten Gesetzgebungen die
Gewohnheitsrechte der Armut, als deren ergiebigste 5
Quelle man die verschiedenen germanischen Rechte be¬
trachten kann, behandelt haben und behandeln mußten.
Die liberalsten Gesetzgebungen haben sich in privat¬
rechtlicher Hinsicht darauf beschränkt, die Rechte, welche
sie vorfanden, zu formulieren und ins Allgemeine zu erheben. Wo 10
sie keine Rechte vorfanden, gaben sie keine. Die partikularen
Gewohnheiten schafften sie ab, aber sie vergaßen dabei, daß, wenn
das Unrecht der Stände in der Form willkürlicher Anmaßung, das
Recht der Standeslosen in der Form zufälliger Konzessionen er¬
schien. Ihr Verfahren war richtig gegen die, welche Gewöhn- 15
heiten außer dem Rechte, aber es war unrichtig gegen die, welche
Gewohnheiten ohne das Recht hatten. Wie sie die willkürlichen
Anmaßungen, soweit ein vernünftiger Rechtsinhalt in ihnen zu
finden, in gesetzliche Ansprüche, so hätten sie auch die zufälligen
Konzessionen in notwendige verwandeln müssen. Wir können an 20
einem Beispiel, an den Klöstern, dies klarmachen. Man hat die
Klöster aufgehoben, man hat ihr Eigentum säkularisiert, und man
hat recht daran getan. Man hat aber die zufällige Unterstützung,
welche die Armen in den Klöstern fanden, keineswegs in eine
andere positive Besitzquelle verwandelt. Indem man das Kloster- 25
eigentum zum Privateigentum machte und etwa die Klöster ent¬
schädigte, hat man nicht die Armen entschädigt, die von den
Klöstern lebten. Man hat ihnen vielmehr eine neue Grenze ge¬
zogen und sie von einem alten Rechte abgeschnitten. Dies fand
bei allen Verwandlungen der Vorrechte in Rechte statt. Eine po- 30
sitive Seite dieser Mißbräuche, welche insofern auch ein Mi߬
brauch war, als sie das Recht der einen Seite zu einem Zufall
machte, hat man nicht so entfernt, daß man den Zufall in eine
Notwendigkeit umschuf, sondern so, daß man von ihm abs¬
trahierte. 35
Die Einseitigkeit dieser Gesetzgebungen war eine notwendige,
denn alle Gewohnheitsrechte der Armen basierten darauf, daß
gewisses Eigentum einen schwankenden Charakter trug, der es
nicht entschieden zum Privateigentum, aber auch nicht entschie¬
den zum Gemeineigentum stempelte, eine Mischung von Privat- 10
recht und öffentlichem Recht, wie sie uns in allen Institutionen
des Mittelalters begegnet. Das Organ, mit welchem die Gesetz¬
gebungen solche zweideutigen Gestaltungen auffaßten, war der
Verstand, und der Verstand ist nicht nur einseitig, sondern es ist
sein wesentliches Geschäft, die Welt einseitig zu machen, eine «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
275
große und bewunderungswürdige Arbeit, denn nur die Einseitig¬
keit formiert und reißt das Besondere aus dem unorganischen
Schleim des Ganzen. Der Charakter der Dinge ist ein Produkt
des Verstandes. Jedes Ding muß sich isolieren und isoliert
5 werden, um etwas zu sein. Indem der Verstand jeden Inhalt der
Welt in eine feste Bestimmtheit bannt und das flüssige Wesen
gleichsam versteinert, bringt er die Mannigfaltigkeit der Welt
hervor, denn die Welt wäre nicht vielseitig ohne die vielen Ein¬
seitigkeiten.
10 Der Verstand hob also die zwitterhaften, schwankenden
Formationen des Eigentums auf, indem er die vorhandenen
Kategorien des abstrakten Privatrechts, deren Schema sich im
römischen Rechte vorfand, anwandte. Umsomehr glaubte der
gesetzgebende Verstand berechtigt zu sein, die Verpflichtungen
15 dieses schwankenden Eigentums gegen die ärmere Klasse auf¬
zuheben, als er auch seine staatlichen Privilegien aufhob; allein
er vergaß, daß, selbst rein privatrechtlich betrachtet, hier ein
doppeltes Privatrecht vorlag, ein Privatrecht des Besitzers und
ein Privatrecht des Nichtbesitzers, abgesehen davon, daß keine
w Gesetzgebung die staatsrechtlichen Privilegien des Eigentums ab¬
geschafft, sondern sie nur ihres abenteuerlichen Charakters ent¬
kleidet und ihnen einen bürgerlichen Charakter erteilt hat. Wenn
aber jede mittelalterliche Gestalt des Rechts, also auch das Eigen¬
tum, von allen Seiten zwitterartigen, dualistischen, zwiespältigen
25 Wesens war und der Verstand seinen Grundsatz der Einheit gegen
diesen Widerspruch der Bestimmung mit Recht geltend machte,
so übersah er, daß es Gegenstände des Eigentums gibt, die ihrer
Natur nach nie den Charakter des vorherbestimmten Privateigen¬
tums erlangen können, die durch ihr elementarisches Wesen und
30 ihr zufälliges Dasein dem Okkupationsrechte anheimfallen, also
dem Okkupationsrechte der Klasse anheimfallen, welche eben
durch das Okkupationsrecht von allem anderen Eigentum aus¬
geschlossen ist, welche in der bürgerlichen Gesellschaft dieselbe
Stellung einnimmt wie jene Gegenstände in der Natur.
35 Man wird finden, daß die Gewohnheiten, welche Gewohnheiten
der ganzen armen Klasse sind, mit sicherem Instinkt das Eigentum
an seiner unentschiedenen Seite zu fassen wissen, man
wird nicht nur finden, daß diese Klasse den Trieb fühlt, ein natür¬
liches Bedürfnis, sondern ebenso sehr, daß sie das Bedürfnis
40 fühlt, einen rechtlichen Trieb zu befriedigen. Das Raffholz dient
uns als Beispiel. Es steht so wenig in einem organischen Zu¬
sammenhang mit dem lebendigen Baum, als die abgestreifte Haut
mit der Schlange. Die Natur selbst stellt in den dürren, vom
organischen Leben getrennten, geknickten Reisern und Zweigen
45 im Gegensatz zu den festwurzelnden, vollsaftigen, organisch Luft,
276
Aus der Rheinischen Zeitung
Licht, Wasser und Erde zu eigener Gestalt und individuellem
Leben sich assimilierenden Bäumen und Stämmen gleichsam den
Gegensatz der Armut und des Reichtums dar. Es ist eine physische
Vorstellung von Armut und Reichtum. Die menschliche Armut
fühlt diese Verwandtschaft und leitet aus diesem Verwandtschafts- *
gefühl ihr Eigentumsrecht ab, und wenn sie daher den physisch¬
organischen Reichtum dem prämeditierenden Eigentümer, so vin-
diziert sie die physische Armut dem Bedürfnis und seinem Zufall.
Sie empfindet in diesem Treiben der elementarischen Mächte eine
befreundete Macht, die humaner ist als die menschliche. An die 10
Stelle der zufälligen Willkür der Privilegierten ist der Zufall der
Elemente getreten, die von dem Privateigentum abreißen, was es
nicht mehr von sich abläßt. So wenig den Reichen Almosen, die
auf die Straße geworfen werden, gebühren, so wenig diese A1 -
mosen der Natur. Aber auch in ihrer Tätigkeit findet 15
die Armut schon ihr Recht. Im Sammeln stellt sich die elemen¬
tarische Klasse der menschlichen Gesellschaft ordnend den Pro¬
dukten der elementarischen Naturmacht gegenüber. Ähnlich ver¬
hält es sich mit Produkten, die in wildem Wachstum ein ganz zu¬
fälliges Akzidens des Besitzes und schon wegen ihrer Unbedeu- 20
tendheit keinen Gegenstand für die Tätigkeit des eigentlichen
Eigentümers bilden; ähnlich verhält es sich mit dem Nachlesen,
Nachernten und dergleichen Gewohnheitsrechten.
Es lebt also in diesen Gewohnheiten der armen Klasse ein in¬
stinktmäßiger Rechtssinn, ihre Wurzel ist positiv und legitim, und 25
die Form des Gewohnheitsrechts ist hier umso natur¬
gemäßer, als das Dasein der armen Klasse selbst
bisher eine bloße Gewohnheit der bürgerlichen Gesell¬
schaft ist, die in dem Kreis der bewußten Staatsgliederung noch
keine angemessene Stelle gefunden hat. 30
Die vorliegende Debatte bietet sogleich ein Beispiel, wie man
diese Gewohnheitsrechte behandelt, ein Beispiel, worin die Me¬
thode und der Geist des ganzen Verfahrens erschöpft ist.
Ein Deputierter der Städte opponiert gegen die Bestimmung,
wodurch auch das Sammeln von Waldbeeren und Preiselbeeren 3s
als Diebstahl behandelt wird. Er spricht vorzugsweise für die
Kinder armer Leute, „welche jene Früchte sammeln, um damit
für ihre Eltern eine Kleinigkeit zu verdienen, welches seit un¬
vordenklichen Zeiten von den Eigentümern gestattet und
wodurch für die Kleinen ein Gewohnheitsrecht entstand“. <0
Dieses Faktum wird widerlegt durch die Notiz eines anderen Ab¬
geordneten: „in seiner Gegend seien diese Früchte schon Handels¬
artikel und würden faßweise nach Holland geschickt“.
Man hat es wirklich schon an einem Ort so weit gebracht,
aus einem Gewohnheitsrecht der Armen ein Monopol der «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
277
Reichen zu machen. Der erschöpfende Beweis ist geliefert, daß
man ein Gemeingut monopolisieren kann; es folgt daher von
selbst, daß man es monopolisieren muß. Die Natur des Gegen¬
standes verlangt das Monopol, weil das Interesse des Privateigen-
5 tums es erfunden hat. Der moderne Einfall einiger geldfuchsen-
den Handelskrämer wird unwiderleglich, sobald er Abfälle dem
urteutonischen Interesse von Grund und Boden liefert.
Der weise Gesetzgeber wird das Verbrechen verhindern, um es
nicht bestrafen zu müssen, aber er wird es nicht dadurch ver-
10 hindern, daß er die Sphäre des Rechts verhindert, sondern da¬
durch, daß er jedem Rechtstrieb sein negatives Wesen raubt,
indem er ihr eine positive Sphäre der Handlung einräumt. Er
wird sich nicht darauf beschränken, den Teilnehmern einer Klasse
die Unmöglichkeit wegzuräumen, einer höheren berech-
15 tigten Sphäre anzugehören, sondern er wird ihre eigene Klasse zu
einer realen Möglichkeit von Rechten erheben, aber
wenn der Staat hierzu nicht human, nicht reich und nicht gro߬
sinnig genug ist, so ist es wenigstens seine unbedingte Pflicht,
nicht in ein Verbrechen zu verwandeln, was erst Umstände
20 zu einem Vergehen machen. Er muß mit der höchsten Milde
als eine soziale Unordnung korrigieren, was er nur mit dem
höchsten Unrecht als ein antisoziales Verbrechen bestrafen darf.
Er bekämpft sonst den sozialen Trieb, indem er die unsoziale
Form desselben zu bekämpfen meint. Mit einem Worte, wenn
25 man volkstümliche Gewohnheitsrechte unterdrückt, so kann deren
AllsÜbüng hur als einfache Polizeikontravention be¬
handelt, aber nimmer als ein Verbrechen bestraft werden. Die
Polizeistrafe ist der Ausweg gegen eine Tat, welche Umstände zu
einer äußeren Unordnung stempeln, ohne daß sie eine Verletzung
3o der ewigen Rechtsordnung wäre. Die Strafe darf nicht mehr Ab¬
scheu einflößen als das Vergehen, die Schmach des Verbrechens
darf sich nicht verwandeln in die Schmach des Gesetzes; der
Boden des Staates ist unterminiert, wenn das Unglück zu einem
Verbrechen oder das Verbrechen zu einem Unglück wird. Weit
35 entfernt von diesem Gesichtspunkte, beobachtet der Landtag nicht
einmal die ersten Regeln der Gesetzgebung.
Die kleine, hölzerne, geistlose und selbstsüchtige Seele des
Interesses sieht nur einen Punkt, den Punkt, wo sie verletzt wird,
gleich dem rohen Menschen, der etwa einen Vorübergehenden für
4o die infamste, verworfenste Kreatur unter der Sonne hält, weil
diese Kreatur ihn auf seine Hühneraugen getreten hat. Er macht
seine Hühneraugen zu den Augen, mit denen er sieht und urteilt;
er macht den einen Punkt, in welchem ihn der Vorübergehende
tangiert, zu dem einzigen Punkte, worin das Wesen dieses Men-
<5 sehen die Welt tangiert. Nun kann ein Mensch aber doch wohl
278
Aus der Rheinischen Zeitung
mir auf die Hühneraugen treten, ohne deswegen aufzuhören, ein
ehrlicher, ja ein ausgezeichneter Mensch zu sein. So wenig ihr
nun die Menschen mit euren Hühneraugen, so wenig müßt ihr sie
mit den Augen eures Privatinteresses beurteilen. Das Privat¬
interesse macht die eine Sphäre, worin ein Mensch feindlich mit 5
ihm zusammentrifft, zur Lebenssphäre dieses Menschen. Es macht
das Gesetz zum Rattenfänger, der das Ungeziefer ver¬
tilgen will, denn er ist kein Naturforscher und sieht deshalb in
den Ratten nur Ungeziefer; aber der Staat muß in einem Holz¬
frevler mehr sehen als den Frevler am Holz, mehr als den H o 1 z -10
feind. Hängt nicht jeder seiner Bürger durch tausend Lebens¬
nerven mit ihm zusammen, und darf er alle diese Nerven zer¬
schneiden, weil jener Bürger selbst einen Nerv eigenmächtig
zerschnitten hat? Der Staat wird also auch in einem Holzfrevler
einen Menschen sehen, ein lebendiges Glied, in dem sein Herzblut 15
rollt, einen Soldaten, der das Vaterland verteidigen, einen Zeugen,
dessen Stimme vor Gericht gelten, ein Gemeindemitglied, das
öffentliche Funktionen bekleiden soll, einen Familienvater, dessen
Dasein geheiligt, vor allem einen Staatsbürger, und der Staat
wird nicht leichtsinnig eines seiner Glieder von all diesen Bestim- 20
mungen ausschließen, denn der Staat amputiert sich selbst, so oft
er aus einem Bürger einen Verbrecher macht. Vor allem aber
wird es der sittliche Gesetzgeber als die ernsteste, schmerz¬
lichste und gefährlichste Arbeit betrachten, eine bisher unbeschol¬
tene Handlung unter die Sphäre der verbrecherischen Handlungen 25
zu subsumieren.
Das Interesse aber ist praktisch, und nichts praktischer auf der
Welt, als daß ich meinen Feind niederstoße! „Wer haßt ein Ding
und brächt’ es nicht gern um!“ lehrt schon Shylock. Der wahre
Gesetzgeber darf nichts fürchten als das Unrecht, aber das gesetz- w
gebende Interesse kennt nur die Furcht vor den Konsequenzen des
Rechts, die Furcht vor den Bösewichten, gegen die es Gesetze
gibt. Die Grausamkeit ist der Charakter der Gesetze, welche die
Feigheit diktiert, denn die Feigheit vermag nur energisch zu sein,
indem sie grausam ist. Das Privatinteresse ist aber immer feig, 35
denn sein Herz, seine Seele ist ein äußerlicher Gegenstand, der
immer entrissen und beschädigt werden kann, und wer zitterte
nicht vor der Gefahr, Herz und Seele zu verlieren? Wie sollte der
eigennützige Gesetzgeber menschlich sein, da das Unmenschliche,
ein fremdes materielles Wesen, sein höchstes Wesen ist? Quand *o
il a peur, il est terrible, sagt der National von Guizot. Diese
Devise kann man über alle Gesetzgebungen des Eigen¬
nutzes, also der Feigheit schreiben.
Wenn die Samojeden ein Tier töten, beteuern sie demselben,
ehe sie ihm das Fell abziehen, aufs emstlichste, daß bloß die 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
279
Russen dies Übel verursachen, daß ein russisches Messer sie zer¬
lege und daß also an den Russen allein Rache zu üben sei. Man
kann das Gesetz in ein russisches Messer verwandeln,
auch wenn man kein Samojede zu sein die Prätension hat. Sehen
5 wir zu!
Bei § 4 schlug der Ausschuß vor: „Bei einer weiteren Ent¬
fernung als zwei Meilen bestimmt der denunzierende
Schutzbeamte den Wert nach dem bestehenden Lokal¬
preise.66
io Hiegegen protestierte ein Deputierter der Städte: „der Vor¬
schlag, die Taxe des entwendeten Holzes durch den Förster,
welcher die Anzeige mache, festsetzen zu lassen, wäre sehr be¬
denklich. Allerdings stehe diesem anzeigenden Beamten fides zu.
Aber doch nur in bezug auf das Faktum, keineswegs in bezug auf
15 den Wert. Dieser solle nach einer von den Lokalbehörden pro-
ponierten und von dem Landrat festzusetzenden Taxe bestimmt
werden. Es werde nun zwar vorgeschlagen, daß der § 14, wonach
der Waldeigentümer die Strafe beziehen solle, nicht angenommen
werde66 etc. „Würde man den § 14 beibehalten, dann sei die vor-
2o liegende Bestimmung doppelt gefährlich. Denn der in den Dien¬
sten des Waldeigentümers stehende und von ihm bezahlte Förster
müsse wohl, das liege in der Natur der Verhältnisse, den Wert
des entwendeten Holzes so hoch als möglich stellen.66 Der Land¬
tag genehmigte den Vorschlag des Ausschusses.
25 Wir finden hier Konstituierung der Patrimonial-Gerichtsbar-
keit. Der Patrimonial-Schutzbediente ist zugleich partieller Ur¬
teilssprecher. Die Wertbestimmung bildet einen Teil des Urteils.
Das Urteil ist also schon teilweise im denimzierenden Protokoll
antizipiert. Der denunzierende Schutzbeamte sitzt im Richter-
3o kollegium, er ist der Experte, an dessen Urteil das Gericht
gebunden, er vollzieht eine Funktion, von der er die übrigen
Richter ausschließt. Es ist töricht, gegen das inquisitorische Ver¬
fahren zu opponieren, wenn es sogar Patrimonialgendarmen und
Denunzianten gibt, die zugleich richten.
35 Wie wenig, abgesehen von dieser Grundverletzung unserer In¬
stitutionen, der denunzierende Schutzbeamte die objektive Fähig¬
keit besitzt, zugleich Taxator des entwendeten Holzes zu sein, er¬
gibt sich von selbst, wenn wir seine Qualitäten betrachten.
Als Schutzbeamter ist er der personifizierte Schutzgenius des
4o Holzes. Der Schutz, nun gar der persönliche, der leibliche Schutz,
erfordert ein effektvolles, tatkräftiges Liebesverhältnis des Wald¬
hüters zu seinem Schützling, ein Verhältnis, in welchem er gleich¬
sam mit dem Holze verwächst. Es muß ihm Alles, es muß ihm von
absolutem Werte sein. Der Taxator dagegen verhält sich mit skep-
45 tischem Mißtrauen zum entwendeten Holze, er mißt es mit
280
Aus der Rheinischen Zeitung
scharfem prosaischem Auge an einem profanen Maß und sagt
euch auf Heller und Pfennig, wieviel dran sei. Ein Beschützer
und ein Schätzer sind so verschiedene Dinge als ein Mineraloge
und ein Mineralienhändler. Der Schutzbeamte kann den Wert
des entwendeten Holzes nicht schätzen, denn in jedem Protokoll, s
worin er den Wert des Gestohlenen taxiert, taxiert er seinen
eigenen Wert, weil den Wert seiner eigenen Tätigkeit, und
glaubt ihr, er werde den Wert seines Gegenstandes nicht ebenso¬
gut beschützen als dessen Substanz?
Die Tätigkeiten, die man einem Menschen überträgt, dessen 10
Amtspflicht die Brutalität ist, widersprechen sich nicht nur in be¬
zug auf den Gegenstand des Schutzes, sie widersprechen sich
ebensosehr in bezug auf die Personen.
Als Schutzbeamter des Holzes soll der Waldhüter das Interesse
des Privateigentümers, aber als Taxator soll er ebensosehr das is
Interesse des Forstfrevlers gegen die extravaganten Forderungen
des Privateigentümers beschützen. Während er vielleicht eben mit
der Faust im Interesse des Waldes, soll er gleich darauf mit dem
Kopf im Interesse des Waldfeindes operieren. Das verkörperte
Interesse des Waldeigentümers, soll er eine Garantie gegen das 20
Interesse des Waldeigentümers sein.
Der Schutzbeamte ist ferner Denunziant. Das Protokoll ist eine
Denunziation. Der Wert des Gegenstandes wird also zum Gegen¬
stand der Denunziation; er verliert seinen richterlichen Anstand,
und die Funktion des Richters wird auf das Tiefste herabgewür- 25
digt, indem sie sich einen Augenblick von der Funktion des
Denunzianten nicht mehr unterscheidet.
Endlich steht dieser denimzierende Schutzbeamte, der weder
als Denunziant noch als Schutzbeamter zum Experten geeignet
ist, in Sold und Dienst des Waldeigentümers. Mit demselben 30
Rechte konnte man dem Waldeigentümer selbst auf einen Eid die
Taxation überlassen, da er tatsächlich in seinem Schutzbedienten
nur die Gestalt einer dritten Person angenommen hat.
Statt aber diese Stellung des denunzierenden Schutzbeamten
auch nur bedenklich zu finden, findet der Landtag im Gegenteil 35
die einzige Bestimmung bedenklich, die noch den letzten Schein
des Staates innerhalb der Waldherrlichkeit bildet, die lebens¬
längliche Anstellung des denunzierenden Schutzbeam¬
ten. Gegen diese Bestimmung erhebt sich der heftigste Wider¬
spruch, und kaum scheint der Sturm beschwichtigt zu werden
durch die Erklärung des Referenten: „daß schon frühere Land¬
tage die Verzichtleistung auf lebenslängliche Anstellung bevor-
wortet hätten, daß die Staatsregierung aber sich nur dagegen er¬
klärt und die lebenslängliche Anstellung als einen Schutz für die
Untertanen angesehen habe“. «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
281
Der Landtag hat also schon früher mit der Regierung um Ver¬
zichtleistung auf den Schutz ihrer Untertanen gemarktet, und der
Landtag ist beim Markten geblieben. Prüfen wir die ebenso gro߬
herzigen als unwiderleglichen Gründe, welche gegen die
5 lebenslängliche Anstellung geltend gemacht werden.
Ein Abgeordneter der Landgemeinden „findet in der Bedin¬
gung der Glaubwürdigkeit durch lebenslängliche Anstellung die
kleinen Waldbesitzer sehr gefährdet, und ein anderer besteht
darauf, daß der Schutz gleich wirksam für kleine wie für große
10 Waldeigentümer sein müsse“.
Ein Mitglied des Fürstenstandes bemerkt, „daß die lebens¬
länglichen Anstellungen bei Privaten sehr unrätlich seien und
in Frankreich gar nicht erforderlich, um den Protokollen der
Schutzbeamten Glauben zu verschaffen, daß aber notwendig
15 etwas geschehen müsse, um dem Überhandnehmen der Frevel zu
steuern“. Ein Abgeordneter der Städte: „allen An¬
zeigen von gehörig angestellten und beeidigten Forstbeamten
müsse Glauben beigemessen werden. Die Anstellung auf Lebens¬
zeit sei vielen Gemeinden und insbesondere den Eigentümern von
20 kleinen Parzellen sozusagen unmöglich. Durch die Verfügung,
daß nur jene Forstbeamten, welche auf Lebenszeit angestellt sind,
fides haben sollen, würde diesen Waldbesitzem aller Forstschutz
entzogen. In einem großen Teile der Provinz hätten die Gemein¬
den und Privatbesitzer den Feldhütern auch die Hut ihrer Wal-
25 düngen übertragen und übertragen müssen, weil ihr Waldeigen¬
tum nicht groß genug sei, um eigene Förster dafür anzustellen. Es
würde nun sonderbar sein, wenn diese Feldhüter, welche auch auf
die Waldhut vereidet seien, keinen vollen Glauben haben sollten,
wenn sie eine Holzentwendung konstatierten, während sie fides
30 genössen, wenn sie Anzeigen über entdeckte Holzfrevel machten.“
[RhZ 30. Okt. 1842. Nr. 303, Beiblatt]
*** Also hat Stadt und Land und Fürstentum gesprochen.
Statt die Differenz zwischen den Rechten des Holzfrevlers und den
Prätensionen des Waldeigentümers auszugleichen, findet man sie
35 nicht groß genug. Man sucht nicht den Schutz des Waldeigen¬
tümers und des Holzfrevlers, man sucht den Schutz des großen
und des kleinen Waldeigentümers auf ein Maß zu setzen. Hier
soll die minutiöseste Gleichheit Gesetz sein, während dort die
Ungleichheit Axiom ist. Warum verlangt der kleine Waldeigen-
4o tümer denselben Schutz wie der große? Weil beide Waldeigen¬
tümer. Sind nicht beide, der Waldeigentümer und der Forst-
frevler, Staatsbürger? Wenn ein kleiner und ein großer Wald¬
282
Aus der Rheinischen Zeitung
eigentümer, haben nicht noch mehr ein kleiner und ein großer
Staatsbürger dasselbe Recht auf den Schutz des Staates?
Wenn das Mitglied des Fürstenstandes sich auf Frankreich be¬
zieht — das Interesse kennt keine politischen Antipathien — so
vergißt es nur hinzuzufügen, daß in Frankreich der Schutz- 5
beamte das Faktum, aber nicht den Wert denimziert. Ebenso ver¬
gißt der ehrenwerte Sprecher der Städte, daß der Feldhüter hier
unzulässig ist, weil es sich nicht nur um das Konstatieren einer
Holzentwendung, sondern ebensosehr um die Taxation des Holz¬
wertes handelt. 10
Worauf beschränkt sich der Kem des ganzen Räsonnements,
das wir eben gehört? Der kleine Waldeigentümer habe nicht die
Mittel, einen lebenslänglichen Schutzbeamten zu stellen. Was
folgt aus diesem Räsonnement? Daß der kleine Waldeigentümer
nicht dazu berufen ist. Was schließt der kleine Waldeigentümer? 15
Daß er berufen ist, einen taxierenden Schutzbeamten auf Kündi¬
gung anzustellen. Seine Mittellosigkeit gilt ihm als Titel eines
Privilegiums.
Der kleine Waldeigentümer hat auch nicht die Mittel, ein un¬
abhängiges Richterkollegium zu unterhalten. Also ver- 20
zichte Staat und Angeklagter auf ein unabhängiges Richterkolle¬
gium und lasse den Hausknecht des kleinen Waldeigentümers,
oder wenn er keinen Hausknecht hat, lasse seine Magd, oder wenn
er keine Magd hat, lasse ihn selbst zu Gericht sitzen. Hat der An¬
geklagte nicht dasselbe Recht auf die exekutive Gewalt als ein 25
Staatsorgan wie auf die richterliche? Warum also nicht auch das
Gericht nach den Mitteln des kleinen Waldeigentümers einrichten?
Kann das Verhältnis des Staats und des Angeklagten alteriert
werden durch die dürftige Ökonomie des Privatmannes, des
Waldeigentümers? Der Staat hat ein Recht gegen den Angeklag- 30
ten, weil er diesem Individuum als Staat gegenübertritt. Un¬
mittelbar folgt daher für ihn die Pflicht, als Staat und in der
Weise des Staates sich zu dem Verbrecher zu verhalten. Der Staat
hat nicht nur die Mittel, auf eine Weise zu agieren, die ebenso
seiner Vernunft, seiner Allgemeinheit und Würde, wie dem Recht, 35
dem Leben und Eigentum des inkriminierten Bürgers angemessen
ist; es ist seine unbedingte Pflicht, diese Mittel zu haben und an¬
zuwenden. Vom Waldeigentümer, dessen Wald nicht der Staat
und dessen Seele nicht die Staatsseele ist, wird dies niemand ver¬
langen. — Was folgert man? Daß, weil das Privateigentum nicht 40
die Mittel hat, sich auf den Staatsstandpunkt zu erheben, der Staat
die Verpflichtung hat, zu den Vernunft- und rechtswidrigen Mitteln
des Privateigentums herabzusteigen.
Diese Anmaßung des Privatinteresses, dessen dürftige Seele
nie von einem Staatsgedanken erleuchtet und durchzuckt worden, 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
283
ist eine ernste und gründliche Lektion für den Staat. Wenn der
Staat sich auch nur an einem Punkte soweit herabläßt, statt in
seiner eigenen Weise in der Weise des Privateigentums tätig zu
sein, so folgt unmittelbar, daß er sich in der Form seiner Mittel
5 den Schranken des Privateigentums akkommodieren muß. Das
Privatinteresse ist schlau genug, diese Konsequenz dahin zu
steigern, daß es sich in seiner beschränktesten und dürftigsten
Gestalt zur Schranke und zur Regel der Staatsaktion macht,
woraus, abgesehen von der vollendeten Erniedrigung des Staates,
10 umgekehrt folgt, daß die Vernunft- und rechtswidrigsten Mittel
gegen den Angeklagten in Bewegung gesetzt werden, denn die
höchste Rücksicht auf das Interesse des beschränkten Privateigen¬
tums schlägt notwendig in eine maßlose Rücksichtslosigkeit gegen
das Interesse des Angeklagten um. Wenn es sich hier aber klar
u herausstellt, daß das Privatinteresse den Staat zu den Mitteln des
Privatinteresses, wie sollte nicht folgen, daß eine Vertretung
der Privatinteressen, der Stände, den Staat zu den Ge¬
danken des Privatinteresses degradieren will und muß? Jeder
moderne Staat, entspreche er noch so wenig seinem Begriff, wird
2o bei dem ersten praktischen Versuch solcher gesetzgebenden Ge¬
walt gezwungen sein, auszurufen: Deine Wege sind nicht meine
Wege, und deine Gedanken sind nicht meine Gedanken!
Wie gänzlich unhaltbar die mietweise Pachtung des denunzie¬
renden Schutzbeamten sei, das können wir nicht evidenter be-
23 weisen als durch einen Grund, der gegen die lebenslängliche
Anstellung, wir können nicht sagen entschlüpft, denn er wird ver¬
lesen. Ein Mitglied aus dem Stand der Städte verlas nämlich
folgende Bemerkung:
„die auf Lebenszeit angestellten Waldwärter für Gemeinden
30 stehen und können auch nicht unter der strengen Kontrolle
stehen wie die Königlichen Beamten. Jeder Sporn zur
treuen Pflichterfüllung wird durch die lebenslängliche An¬
stellung gelähmt. Erfüllt der Waldhüter auch nur zur
Hälfte seine Pflicht und hütet er sich, daß ihm keine wirk-
3s liehen Vergehen zur Last gelegt werden können, so wird
er immer soviel Fürsprache finden, daß der Antrag nach
§ 56 auf dessen Entlassung vergeblich sein wird. Die Be¬
teiligten werden es unter solchen Umständen auch nicht ein¬
mal wagen, den Antrag zu stellen.“
3o Wir erinnern, wie man dem denunzierenden Schutzbeamten
volles Vertrauen dekretierte, als es sich darum handelte, ihm die
Taxation zu überlassen. Wir erinnern, daß der § 4 ein Ver¬
trauensvotum für den Schutzbeamten war.
Zum ersten Male erfahren wir, daß der denunzierende Schutz¬
284
Aus der Rheinischen Zeitung
beamte einer Kontrolle und einer strengen Kontrolle bedarf. Zum
ersten Male erscheint er nicht nur als ein Mensch, sondern als ein
Pferd, indem Sporen und Brot die einzigen Irritamente seines
Gewissens sind und seine Pflichtmuskeln durch eine lebensläng¬
liche Anstellung nicht nur abgespannt, sondern vollständig ge- 5
lähmt werden. Man sieht, der Eigennutz besitzt zweierlei Maß
und Gewicht, womit er die Menschen wägt und mißt, zweierlei
Weltanschauungen, zweierlei Brillen, von denen die eine schwarz
und die andere bunt färbt. Wo es gilt, andere Menschen seinen
Werkzeugen preiszugeben und zweideutige Mittel zu beschönigen, 10
da setzt der Eigennutz die buntfärbende Brille auf, die ihm seine
Werkzeuge und seine Mittel in phantastischer Glorie zeigt, da
gaukelt er sich und andere in die unpraktischen und lieblichen
Schwärmereien einer zarten und vertrauensvollen Seele ein. Jede
Falte seines Gesichtes ist lächelnde Bonhommie. Er drückt seinem 15
Gegner die Hand wund, aber er drückt sie aus Vertrauen wund.
Doch plötzlich gilt es den eigenen Vorteil, es gilt hinter den
Kulissen, wo die Illusionen der Bühne verschwinden, die Brauch¬
barkeit der Werkzeuge und der Mittel bedächtig zu prüfen. Ein
rigoristischer Menschenkenner, setzt er behutsam und mißtrauisch 20
die weltkluge, schwarzfärbende Brille, die Brille der Praxis auf.
Gleich einem geübten Pferdemäkler unterwirft er die Menschen
einer langen, nichts übersehenden Okularinspektion, und sie er¬
scheinen ihm so klein, so erbärmlich und so schmutzig, wie der
Eigennutz selbst ist. 26
Wir wollen nicht mit der Weltanschauung des Eigennutzes
rechten, aber wir wollen sie zwingen, konsequent zu sein. Wir
wollen nicht, daß sie sich selbst die Weltklugheit vorbehält und
den anderen die Phantasien überläßt. Wir halten den sophistischen
Geist des Privatinteresses einen Augenblick an seinen eigenen &
Konsequenzen fest.
Wenn der denunzierende Schutzbeamte der Mensch eurer
Schilderung ist, ein Mensch, dem die lebenslängliche Anstellung,
weit entfernt Unabhängigkeitsgefühl, Sicherheit und Würde in
der Erfüllung seiner Pflicht zu geben, vielmehr jeden Sporn zur 35
Pflichterfüllung raubt, was sollen wir nun gar für den Angeklagten
von der Unparteilichkeit dieses Menschen erwarten, sobald er der
unbedingte Knecht eurer Willkür ist? Wenn nur die Sporen diesen
Menschen zur Pflicht treiben und wenn ihr die Sporenträger seid,
was müssen wir dem Angeklagten prophezeien, der kein Sporen-
träger ist? Wenn selbst ihr nicht die hinreichend strenge Kon¬
trolle gegen diesen Mann ausüben könnt, wie soll ihn nun gar
der Staat oder die verfolgte Partei kontrollieren? Gilt bei einer
revokabeln Anstellung nicht vielmehr, was ihr von einer lebens¬
länglichen behauptet: „erfüllt der Schutzbeamte nur zur Hälfte 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
285
seine Pflicht, so wird er immer soviel Fürsprache finden, daß der
Antrag nach § 56 auf dessen Entlassung vergeblich sein wird“?
werdet ihr nicht alle soviel Fürsprecher für ihn sein, solange er
die eine Hälfte seiner Pflicht erfüllt, die Wahrung eures
5 Interesses?
Die Wandlung des naiven überquellenden Vertrauens zum
Waldhüter in keifendes, mäkelndes Mißtrauen entdeckt uns die
Pointe. Nicht dem Forsthüter, euch selbst habt ihr das
riesenhafte Vertrauen geschenkt, woran Staat und Holzfrevler als
io an ein Dogma glauben sollen.
Nicht die amtliche Stellung, nicht der Eid, nicht das Gewissen
des Forsthüters sollen die Garantien des Angeklagten gegen euch,
nein, euer Rechtssinn, eure Humanität, eure Interesselosigkeit,
eure Mäßigung sollen die Garantien des Angeklagten gegen den
15 Forsthüter sein. Eure Kontrolle ist seine letzte und seine einzige
Garantie. In nebelhafter Vorstellung von eurer persönlichen
Vorzüglichkeit, in poetischer Selbstentzückung bietet ihr dem
Beteiligten eure Individualitäten als Schutzmittel gegen eure
Gesetze. Ich gestehe, daß ich diese romanhafte Vorstellung von
20 Waldeigentümem nicht teile. Ich glaube überhaupt nicht, daß
Personen Garantien gegen Gesetze, ich glaube vielmehr, daß Ge¬
setze Garantien gegen Personen sein müssen. Und wird die ver¬
wegenste Phantasie sich einbilden können, Männer, welche in dem
erhabenen Geschäft der Legislation keinen Augenblick von der
25 beklemmten, praktisch niedrigen Stimmung des Eigennutzes zur
theoretischen Höhe allgemeiner und objektiver Gesichtspunkte
sich zu erheben vermögen, Männer, welche schon vor dem Ge¬
danken künftiger Nachteile beben und nach Stuhl und Tisch
greifen, um ihr Interesse zu decken, dieselben Männer würden
so im Antlitz der wirklichen Gefahr Philosophen sein? Aber keiner,
auch nicht der vorzüglichste Gesetzgeber, darf seine Person höher
stellen als sein Gesetz. Niemand ist befugt, sich selbst Ver¬
trauensvota zu dekretieren, die von Konsequenzen für dritte sind.
Ob ihr aber auch nur verlangen durftet, man solle euch beson-
35 deres Vertrauen schenken, mögen folgende Tatsachen erzählen.
87, äußert ein Abgeordneter der Städte, müsse er oppo¬
nieren, denn die Bestimmungen desselben würden weitläufige, zu
nichts führende Untersuchungen veranlassen, wodurch persön¬
liche Freiheit und jene des Verkehrs gestört würden. Man möge
4o doch nicht von vornherein jeden für einen Verbrecher halten
und nicht gleich eine böse Tat präsumieren, bis man einen Beweis
dafür habe, daß eine solche auch verübt worden sei.“ Ein anderer
Abgeordneter der Städte sagt, der § müsse gestrichen werden.
Das Vexatorische desselben: „da jedermann nachweisen müsse,
45 woher ihm das Holz geworden“, demnach jedermann als des
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 24
286
Aus der Rheinischen Zeitung
Stehlens und Bergens verdächtig erscheine, greife rauh und ver¬
letzend in das bürgerliche Leben ein. Der § ward angenommen.
Wahrlich, ihr mutet der menschlichen Inkonsequenz zuviel zu,
wenn sie zu ihrem Schaden das Mißtrauen und zu eurem Nutzen
das Vertrauen als Maxime proklamieren, wenn ihr Vertrauen und s
ihr Mißtrauen aus den Augen eures Privatinteresses sehen und
mit dem Herzen eures Privatinteresses empfinden soll.
Es wird noch ein Grund gegen die lebenslängliche Anstellung
beigebracht, ein Grund, der selbst mit sich darüber uneinig ist, ob
die Verächtlichkeit oder die Lächerlichkeit ihn mehr auszeichnet. 10
„Auch darf der freie Wille der Privaten nicht auf
solche Weise so sehr beschränkt werden, weshalb nur Anstel¬
lungen auf Widerruf gestattet sein sollten.“
Gewiß ist es ebenso erfreuliche als unerwartete Nachricht,
daß der Mensch einen freien Willen besitzt, der nicht auf jede i6
Weise zu beschränken sei. Die Orakel, die wir bisher hörten,
glichen dem Urorakel zu Dodona. Das Holz teilte sie aus. Der
freie Wille besaß keine ständische Qualität. Wie sollen wir nun
dies plötzliche rebellische Auftreten der Ideologie, denn in bezug
auf die Ideen haben wir nur Nachfolger Napoleons vor uns, 20
verstehen?
Der Wille des Waldeigentümers verlangt die Freiheit, mit dem
Holzfrevler nach Bequemlichkeit und auf die ihm zusagendste
und wenigst kostspielige Art umspringen zu dürfen. Dieser Wille
will, daß der Staat ihm den Bösewicht auf Diskretion überlasse, w
Er verlangt plein pouvoir. Er bekämpft nicht die Einschränkung
des freien Willens, er bekämpft die Weise dieser Einschrän¬
kung, die so sehr einschränkt, daß sie nicht nur den Holzfrevler,
sondern auch den Holzbesitzer trifft. Will dieser freie Wille nicht
viele Freiheiten? Ist es nicht ein sehr, ein vorzüglich freier Wille? 30
Und ist es nicht unerhört, daß man im 19. Jahrhundert den freien
Willen jener Privaten, die publike Gesetze geben, „auf solche
Weise so sehr“ einzuschränken wagt? Es ist unerhört.
Auch der hartnäckige Reformer, der freie Wille, muß in die
Gefolgschaft der guten Gründe treten, deren Zugführer die 35
Sophistik des Interesses ist. Nur muß dieser freie Wille Lebens¬
art besitzen, er muß ein vorsichtiger, ein loyaler freier Wille
sein, ein freier Wille, der sich so einzurichten weiß, daß seine
Sphäre mit der Sphäre der Willkür jener privilegierten Privaten
zusammenfällt. Nur einmal wird der freie Wille zitiert, und 40
dieses eine Mal erscheint er in der Gestalt eines untersetzten
Privaten, der Holzblöcke auf den Geist des vernünftigen Willens
schleudert. Was sollte dieser Geist auch da, wo der Wille als
Galeerensklave an die Ruderbank der kleinsten und engherzigsten
Interessen geschmiedet ist.
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
287
Der Höhepunkt dieses ganzen Räsonnements faßt sich zu¬
sammen in folgender Bemerkung, welche das fragliche Verhältnis
auf den Kopf stellt:
„Mögen immerhin die königlichen Forst- und Jagdbeamten
5 auf Lebenslang angestellt werden, bei Gemeinden und Privaten
findet dies das größte Bedenken.“ Als wenn nicht das einzige Be¬
denken darin bestände, daß hier statt der Staatsdiener Privat¬
bediente agieren! Als wenn die lebenslängliche Anstellung nicht
eben gegen den bedenklichen Privaten gerichtet wäre! Rien
10 n est plus terrible que la logique dans l’absurdité, d. h. nichts
ist schrecklicher als die Logik des Eigennutzes.
Diese Logik, die den Bedienten des Waldeigentümers in eine
Staatsautorität, verwandelt die Staatsautorität in
Bediente des Waldeigentümers. Die Staatsgliederung,
is die Bestimmung der einzelnen administrativen Behörden, Alles
muß außer Rand und Band treten, damit Alles zum Mittel des
Waldeigentümers herabsinke und sein Interesse als die bestim¬
mende Seele des ganzen Mechanismus erscheine. Alle Organe des
Staates werden Ohren, Augen, Arme, Beine, womit das Interesse
20 des Waldeigentümers hört, späht, schätzt, schützt, greift und läuft.
„Zu § 62 schlägt der Ausschuß als Schlußsatz die Forderung
einer Bescheinigung der Unbeibringlichkeit durch den Steuer¬
boten, Bürgermeister, zwei Gemeindevorsteher, vom Wohnsitz des
Frevlers ausgestellt, vor. Ein Deputierter der Landgemeinden
25 findet die Verwendung des Steuerboten im Widerspruch mit
der bestehenden Gesetzgebung.“ Es versteht sich, daß dieser
Widerspruch nicht berücksichtigt wurde.
Bei § 20 hatte der Ausschuß vorgeschlagen:
„In der Rheinprovinz solle dem berechtigten Waldeigen-
w tümer die Befugnis zustehen, der Ortsbehörde die Sträflinge
in der Art zur Ableistung der schuldigen Arbeit zu über¬
weisen, daß deren Arbeitstage auf die Kommunalweg-
Handdienste, zu welchen der Waldeigentümer in der Ge¬
meinde verpflichtet ist, angerechnet respektive in Abzug
15 gebracht werden.“
Es wurde dagegen eingewandt, „daß die Bürgermeister nicht
zu Exekutoren für einzelne Gemeindeglieder gebraucht und die
Arbeiten der Sträflinge nicht als Kompensation für Dienste an¬
genommen werden könnten, welche durch bezahlte Taglöhner
4o oder Dienstleute verrichtet werden müßten.“
Der Referent bemerkt: „wenn es auch eine Last für die Herren
Bürgermeister sei, die unwilligen und aufgereizten Forststräflinge
zur Arbeit anzuhalten, so liege es aber in den Funktionen dieser
Beamten, ungehorsame und böswillige Administrierte zur Pflicht
24e
288
Aus der Rheinischen Zeitung
zurückzuführen, und sei es nicht eine schöne Handlung,
den Sträfling vom Abwege auf den rechten Weg zurückzuführen?
Wer habe auf dem Lande dazu mehr Mittel in Händen als die
Herren Bürgermeister!“
Und es hatte sich Reineke ängstlich und traurig gebärdet, 5
Daß er manchen gutmütigen Mann zum Mitleid bewegte,
Lampe, der Hase, besonders war sehr bekümmert.
Der Landtag akzeptierte den Vorschlag.
[RhZ 1. Nov. 1842. Nr. 305, Beiblatt]
*** Der gute Herr Bürgermeister soll eine Last übernehmen und 10
eine schöne Handlung vollziehen, damit der Herr Waldeigentümer
seine Pflicht gegen die Gemeinde ohne Unkosten abtragen kann.
Mit demselben Rechte könnte der Waldeigentümer den Bürger¬
meister als Oberküchenmeister oder als Oberkellner in Anspruch
nehmen. Ist es nicht eine schöne Handlung, wenn der Bürger- is
meister Küche und Keller seiner Administrierten instand hält?
Der verurteilte Verbrecher ist kein Administrierter des Bürger¬
meisters, er ist ein Administrierter des Gefängnisaufsehers. Ver¬
liert der Bürgermeister nicht eben Mittel und Würde seiner
Stellung, wenn man ihn aus einem Vorstand der Gemeinde zum 20
Exekutor einzelner Gemeindeglieder, wenn man ihn aus einem
Bürgermeister zu einem Zuchtmeister macht? Werden nicht die
anderen freien Gemeindeglieder verletzt, wenn ihre ehrliche
Arbeit im Dienste des Allgemeinen zur Strafarbeit im Dienste ein¬
zelner Individuen herabsinkt? 25
Doch es ist überflüssig, diese Sophistereien aufzudecken. Der
Herr Referent möge so gütig sein, uns selbst zu sagen, wie welt¬
kluge Leute humane Phrasen beurteilen. Er läßt den W a 1 d -
besitzer folgendermaßen den humanisierenden Acker-
besitzer haranguieren: 30
„Wenn einem Gutsbesitzer die Fruchtähre abgeschnitten
werde, so würde der Dieb sagen: ,ich habe kein Brot, darum
nehme ich einige Ähren von dem großen Stück, was Sie be¬
sitzen4, so wie der Holzdieb sagt: ,ich habe kein Holz zu
brennen, darum stehle ich Holz4. Den Gutsbesitzer schütze 35
der Artikel 444 des Kriminalkodex, der eine Strafe von
zwei bis fünf Jahren Gefängnis gegen das Abschneiden der
Ähre ausspreche; so einen mächtigen Schutz habe der Wald¬
eigentümer nicht.44
In diesem letzten neidisch-schielenden Ausruf des Waldeigen- 40
tümers liegt ein ganzes Glaubensbekenntnis. Ackerbesitzer, warum
gerierst du dich so großmütig, wenn es sich um mein Inter-
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
289
esse handelt? Weil für dein Interesse schon gesorgt ist. Also
keine Illusionen! Die Großmut kostet entweder nichts, oder sie
bringt etwas ein. Also Ackerbesitzer, du blendest den Wald¬
besitzer nicht! Also Waldbesitzer, blende den Bürgermeister
5 nicht!
Dies eine Intermezzo würde beweisen, wie wenig Sinn „schöne
Handlungen66 in unserer Debatte haben können, bewiese nicht die
ganze Debatte, daß sittliche und humane Gründe hier nur als
Phrasen ihr Unterkommen finden. Aber das Interesse ist selbst
10 geizig mit Phrasen. Es erfindet sie erst, wenn’s nottut, wenn es
von erklecklichen Folgen ist. Dann wird es beredt, das Blut rollt
ihm schneller, es kommt nun sogar auf schöne Handlungen, die
ihm einbringen und anderen kosten, auf schmeichlerische Worte,
auf zutunliche Süßigkeiten nicht an, und das alles, das alles
is wird nur exploitiert, um den Holzfrevel zu einer kulanteren
Münze des Waldeigentümers zu stempeln, um ihn zu einem er¬
giebigen Holzfrevler zu machen, um das Kapital, denn der Holz¬
frevler ist dem Waldeigentümer zu einem Kapital geworden, be¬
quemer anlegen zu können. Es handelt sich nicht darum, den
2o Bürgermeister zum Besten des Holzfrevlers, es handelt sich
darum, ihn zum Besten des Waldeigentümers zu mißbrauchen.
Welch ein merkwürdiges Geschick, welch eine überraschende Tat¬
sache, daß die seltenen Intervallen, in denen ein problematisches
Gut für den Frevler auch nur erwähnt, ein apodiktisches Gut dem
25 Hrn. Waldeigentümer versichert wird!
Noch ein Beispiel dieser humanen Inzidentpunkte!
Referent: „das französische Gesetz kenne die Verwand¬
lung der Gefängnisstrafe in Forstarbeit nicht, er halte diese
für eine weise und wohltätige, denn der Aufenthalt im Ge-
3o fängnis führe nicht immer zur Besserung und sehr oft zum
Sch lech te rwer den.6 6
Früher, als man Unschuldige zu Verbrechern machte, als ein
Deputierter in bezug auf die Sammler von Raffholz bemerkte,
man bringe sie durch die Gefängnisse mit Gewohnheitsdieben zu-
35 sammen, da waren die Gefängnisse gut. Plötzlich haben sich
die Verbesserungsanstalten metamorphosiert in Verschlechte¬
rungsanstalten, denn in diesem Moment ist es zuträglich für das
Interesse des Waldeigentümers, daß die Gefängnisse verschlech¬
tern. Unter der Verbesserung der Verbrecher versteht man eine
4o Verbesserung der Prozente, welche die Verbrecher
dem Waldeigentümer abzuwerfen den hochherzigen Beruf haben.
Das Interesse hat kein Gedächtnis, denn es denkt nur an sich.
Das Eine, worauf es ihm ankommt, sich selbst, vergißt es nicht.
Auf Widersprüche aber kommt es ihm nicht an, denn mit sich
290
Aus der Rheinischen Zeitung
selbst gerät es nicht in Widersprüche. Es ist ein beständiger Im¬
provisator, denn es hat kein System, aber es hat Auskunfts-
mittel.
Während die humanen und rechtlichen Gründe nichts tun als
Ce qu’au bal nous autres sots humains, 5
Nous appelons faire tapisserie,
sind die Auskunftsmittel die tätigsten Agenten im räsonnierenden
Mechanismus des Interesses. Wir bemerken unter diesen Aus¬
kunftsmitteln zwei, die beständig in dieser Debatte wiederkehren
und die Hauptkategorien bilden, die „guten Motive“ und 10
die „nachteiligen Folgen“. Wir sehen bald den Referen¬
ten des Ausschusses, bald ein anderes Landtagsmitglied jede zwei¬
deutige Bestimmung mit dem Schild gewiegter, weiser und guter
Motive vor den Pfeilen des Widerspruchs decken. Wir sehen jede
Konsequenz rechtlicher Gesichtspunkte durch die Hinweisung auf 15
die nachteiligen oder bedenklichen Folgen abgelehnt. Untersuchen
wir einen Augenblick diese geräumigen Auskunftsmittel, diese
Auskunftsmittel par excellence, diese Auskunftsmittel für alles
und noch einiges andere.
Das Interesse weiß das Recht durch die Perspektive auf die 20
nachteiligen Folgen, durch seine Wirkungen in der Außenwelt
anzuschwärzen; es weiß das Unrecht durch gute Motive, also durch
Zurückgehen in die Innerlichkeit seiner Gedankenwelt weißzu¬
waschen. Das Recht hat schlechte Folgen in der Außenwelt unter
den bösen Menschen, das Unrecht hat gute Motive in der Brust 25
des braven Mannes, der es dekretiert; beide aber, die guten Motive
und die nachteiligen Folgen, teilen die Eigentümlichkeit, daß sie
die Sache nicht in Beziehung auf sich selbst, daß sie das Recht
nicht als einen selbständigen Gegenstand behandeln, sondern vom
Recht ab entweder auf die Welt hinaus oder auf den eigenen 30
Kopf hineinweisen, daß sie also hinter dem Rücken des
Rechts manövrieren.
Was sind nachteilige Folgen? Daß man hierunter keine nach¬
teiligen Folgen für den Staat, das Gesetz, den Angeschuldigten zu
verstehen hat, das beweist unsere ganze Darstellung. Daß man 35
ferner unter den nachteiligen Folgen keine nachteiligen Folgen
für die bürgerliche Sicherheit begreift, wollen wir in
wenigen Zügen zur Evidenz steigern.
Wir haben schon von Landtagsmitgliedem selbst gehört, wie die
Bestimmung, „daß jeder nachweisen muß, woher er sein Holz 40
hat“, rauh und verletzend in das bürgerliche Leben eingreife und
jeden Bürger vexatorischen Schikanen preisgebe. Eine andere Be¬
stimmung erklärt jeden für einen Dieb, in dessen Gewahrsam
sich gestohlenes Holz findet, obgleich ein Deputierter erklärt:
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
291
„dies könne manchem rechtlichen Manne gefährlich werden. In
seiner Nähe sei jemandem gestohlenes Holz in den Hof geworfen
und der Unschuldige zur Strafe gezogen worden“. Der § 66 ver¬
urteilt jeden Bürger, der einen Besen kauft, welcher kein mono-
5 polisierter Besen ist, zu einer Zuchthausstrafe von vier Wochen
bis zwei Jahren, wozu ein Stadtabgeordneter die Randglosse
macht: „Dieser Paragraph drohe den Bewohnern der Kreise
Elberfeld, Lennep und Solingen samt und sonders Zuchthaus¬
strafe.“ Endlich hat man die Aufsicht und Handhabung der Jagd-
io und Forstpolizei dem Militär sowohl zu einem Recht als zu
einer Pflicht gemacht, obgleich der Art. 9 der Kriminalordnung
nur Beamte kennt, welche unter der Aufsicht der Staatsprokura¬
toren stehen, also unmittelbar von diesen verfolgt werden können,
was bei dem Militär nicht der Fall ist. Man bedroht damit wie die
15 Unabhängigkeit der Gerichte, so die Freiheit und Sicherheit der
Bürger.
Weit entfernt also, daß von nachteiligen Folgen für die bürger¬
liche Sicherheit die Rede wäre, wird die bürgerliche Sicherheit
selbst als ein Umstand von nachteiligen Folgen
2o behandelt.
Was sind also nachteilige Folgen? Nachteilig ist, was dem Inter¬
esse des Waldeigentümers nachteilig ist. Wenn also die Folgen
des Rechts keine Erfolge seines Interesses sind, so sind es nach¬
teilige Folgen. Und hier ist das Interesse scharfsinnig. Sah es
25 vorhin nicht, was die natürlichen Augen zeigen, so sieht es jetzt
sogar, was sich nur dem Mikroskop entdeckt. Die ganze Welt ist
ihm ein Dom im Auge, eine Welt von Gefahren, eben weil sie nicht
die Welt eines, sondern die Welt vieler Interessen ist. Das Privat¬
interesse betrachtet sich als den Endzweck der Welt. Realisiert
3o also das Recht diesen Endzweck nicht, so ist es ein zweckwidriges
Recht. Ein dem Privatinteresse nachteiliges Recht
ist also ein Recht von nachteiligen Folgen.
Sollten die guten Motive besser sein als die nachteiligen
Folgen?
35 Das Interesse denkt nicht, es rechnet. Die Motive sind seine
Zahlen. Das Motiv ist ein Beweggrund, die Rechtsgründe aufzu¬
heben, und wer zweifelt, daß das Privatinteresse hierzu viele Be¬
weggründe haben wird? Die Güte des Motivs besteht in der zu¬
fälligen Geschmeidigkeit, womit es den objektiven Tatbestand zu
4o entrücken und sich und andere in die Täuschung einzuwiegen
weiß, nicht die gute Sache sei zu denken, sondern bei einer
schlechten Sache genüge der gute Gedanke.
Unseren Faden wieder aufnehmend, bringen wir zunächst ein
Seitenstück zu den dem Herm Bürgermeister empfohlenen schö-
45 nen Handlungen.
292
Aus der Rheinischen Zeitung
„§ 34 wurde vom Ausschuß eine veränderte Fassung in folgen¬
der Weise vorgeschlagen: wird das Erscheinen des protokollieren¬
den Schutzbeamten von dem Beschuldigten veranlaßt, so hat der¬
selbe die desfallsigen Kosten vordersamst bei dem Forst¬
gerichte zu deponieren.“ 5
Der Staat und das Gericht sollen nichts unentgeltlich im Inter¬
esse des Beschuldigten tun. Sie sollen sich vordersamst bezahlen
lassen, wodurch offenbar vordersamst die Konfrontation des de¬
nunzierenden Schutzbeamten und des Angeschuldigten erschwert
wird. 10
Eine schöne Handlung! Nur eine einzige schöne Handlung!
Ein Königreich für eine schöne Handlung! Aber die einzige
schöne Handlung, die in Vorschlag gebracht wird, soll der Herr
Bürgermeister zum Besten des Herm Waldeigentümers voll¬
ziehen. Der Bürgermeister ist der Repräsentant der schönen Hand-15
lungen, ihr menschgewordener Ausdruck, und man hat die Reihe
der schönen Handlungen mit der Last, die man dem Bürgermeister
aufzuerlegen die wehmütige Aufopferung besaß, erschöpft und
für immer geschlossen.
Wenn der Herr Bürgermeister im Dienst des Staates und zum 20
sittlichen Besten des Verbrechers mehr tun soll als seine Pflicht,
sollten die Herren Waldeigentümer zu demselben Guten nicht
weniger fordern, als ihr Interesse ist?
Man könnte die Antwort auf diese Frage schon in dem bisher
behandelten Teil der Debatten niedergelegt glauben, aber man 23
irrt. Wir kommen zu den Strafbestimmungen.
„Ein Deputierter der Ritterschaft hielt den Waldeigentümer
immer noch nicht für hinlänglich entschädigt, wenn ihm selbst die
Strafgelder (außer der Erstattung des einfachen Werts) zufielen,
die häufig nicht einziehbar sein würden.“ 30
Ein Abgeordneter der Städte bemerkt: „Die Bestimmungen
dieses Paragraphen (§ 15) könnten zu den bedenklichsten Folgen
führen. Der Waldeigentümer erhalte auf diese Weise drei¬
fache Entschädigung, nämlich den Wert, vier-, sechs- oder acht¬
fache Strafe und noch besonderen Schadenersatz, welcher oft ganz 33
arbiträr ermittelt und mehr das Resultat einer Fiktion als der
Wirklichkeit sein werde. Jedenfalls scheine ihm angeordnet wer¬
den zu müssen, daß die fragliche besondere Entschädigung gleich
am Forstgericht vorgefordert und im Forsturteil zugesprochen
werden müsse. Daß der Beweis des Schadens besonders geliefert <o
und nicht lediglich auf das Protokoll gegründet werden könne,
liege in der Natur der Sache.“ Es wurde hiergegen durch den
Herm Referenten und ein anderes Mitglied erläutert, wie der hier
angeführte Mehrwert sich in verschiedenen von ihnen bezeich¬
neten Fällen ergeben könne. Der Paragraph ward angenommen, 43
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
293
Das Verbrechen wird zu einer Lotterie, in welcher der Wald¬
eigentümer, wenn das Glück will, sogar noch Gewinnste ziehen
kann. Es kann sich ein Mehrwert ergeben, aber es kann auch der
Waldeigentümer, der schon den einfachen Wert erhält, durch die
5 vier-, sechs- oder achtfache Strafe ein Geschäft machen. Erhält
er aber außer dem einfachen Wert noch besonderen Schadenersatz,
so ist die vier-, sechs- oder achtfache Strafe jedenfalls reiner Ge¬
winn. Glaubt ein Mitglied des Ritterstandes, die zufallenden
Strafgelder seien keine hinreichenden Garantien, weil sie häufig
10 nicht einziehbar sein würden, so werden sie dadurch doch keinen-
falls einziehbar, daß außer ihnen noch Wert und Schadenersatz
einzuziehen sind. Wir werden übrigens sehen, wie man dieser
Nichteinziehbarkeit ihren Stachel zu rauben weiß.
Konnte der Waldeigentümer sein Holz besser assekurieren, als
is es hier geschehen ist, wo man das Verbrechen in eine Rente ver¬
wandelt hat? Ein geschickter Feldherr, verwandelt er den Angriff
auf sich in eine unfehlbare Gelegenheit siegreichen Gewinnes,
denn sogar der Mehrwert des Holzes, die ökonomische Schwärme¬
rei, verwandelt sich durch den Diebstahl in eine Substanz. Dem
2o Waldeigentümer muß nicht allein sein Holz, sondern auch sein
Holzgeschäft garantiert werden, während die bequeme Huldi¬
gung, die er seinem Geschäftsführer, dem Staate, darbringt, darin
besteht, daß er ihn nicht bezahlt. Es ist ein exemplarischer Ein¬
fall, die Strafe des Verbrechens aus einem Siege des Rechts gegen
25 die Attentate auf das Recht in einen Sieg des Eigennutzes gegen
die Attentate auf den Eigennutz zu verwandeln.
Wir machen unsere Leser aber vorzugsweise auf die Bestim¬
mung des § 14 aufmerksam, eine Bestimmung, wobei man sich der
Gewohnheit entschlagen muß, die leges barbarorum für Gesetze
30 der Barbaren zu halten. Die Strafe nämlich als solche, die
Wiederherstellung des Rechts, wohl zu unterscheiden von der Er¬
stattung des Wertes und dem Schadenersätze, der Wiederherstel¬
lung des Privateigentums, wird aus einer öffentlichen
Strafe zu einer Privatkomposition, die Strafgelder
35 fließen nicht in die Staatskasse, sondern in die Privatkasse des
Waldeigentümers.
Ein Abgeordneter der Städte meint zwar: „Dies widerstreite
der Würde des Staats und den Prinzipien einer guten Straf rechts¬
pflege“, aber ein Deputierter der Ritterschaft „appelliert an das
4o Rechts- und Billigkeitsgefühl der Versammlung zum Schutz des
Interesses des Waldeigentümers“, also an ein apartes Rechts¬
und Billigkeitsgefühl.
Die barbarischen Völker lassen dem Beschädigten für ein be¬
stimmtes Verbrechen eine bestimmte Komposition (Sühngeld)
45 zahlen. Der Begriff der öffentlichen Strafe kam erst im Gegensatz
294
Aus der Rheinischen Zeitung
zu dieser Ansicht auf, die im Verbrechen nur eine Verletzung des
Individuums erblickt, aber das Volk und die Theorie müssen noch
erfunden werden, welche dem Individuum die Privat- und die
Staatsstrafe zu vindizieren die Gefälligkeit besitzen.
Ein vollständiges qui pro quo muß die Landstände verführt 5
haben. Der gesetzgebende Waldeigentümer verwechselte einen
Augenblick die Personen, sich als Gesetzgeber und sich als Wald¬
eigentümer. Das eine Mal ließ er sich als Waldeigentümer das
Holz, und das andere Mal ließ er sich als Gesetzgeber die ver¬
brecherische Gesinnung des Diebes bezahlen, wobei es 10
sich ganz zufällig traf, daß der Waldeigentümer beide Male be¬
zahlt wurde. Wir stehen also nicht mehr bei dem einfachen droit
des seigneurs. Wir sind durch die Epoche des öffentlichen Rechts
zur Epoche des verdoppelten, des potenzierten Patrimonialrechts
gelangt. Die Patrimonialeigentümer benutzen den Fortschritt der is
Zeit, der die Widerlegung ihrer Forderung ist, um sowohl die
Privatstrafe der barbarischen Weltanschauung als auch die
öffentliche Strafe der modernen Weltanschauung zu usurpieren.
Durch die Erstattung des Wertes und noch gar eines besonderen
Schadenersatzes existiert kein Verhältnis mehr zwischen dem 20
Holzdieb und dem Waldeigentümer, denn die Holzverletzung ist
vollständig aufgehoben. Beide, Dieb und Eigentümer, sind in die
Integrität ihres früheren Zustandes zurückgetreten. Der Wald¬
eigentümer ist bei dem Holzdiebstahl nur soweit affiziert, als das
Holz, aber nicht soweit, als das Recht verletzt ist. Nur die sinn- 25
liehe Seite des Verbrechers trifft ihn, aber das verbrecherische
Wesen der Handlung ist nicht die Attacke auf das materielle Holz,
sondern die Attacke auf die Staatsader des Holzes, auf das Eigen¬
tumsrecht als solches, die Verwirklichung der unrechtlichen Ge¬
sinnung. Hat der Waldeigentümer Privatansprüche auf die recht- 30
liehe Gesinnung des Diebes, und was sollte die Vervielfältigung der
Strafe bei Wiederholungsfällen anderes sein als eine Strafe der
verbrecherischen Gesinnung? Oder kann der Waldeigentümer
Privatforderungen haben, wo er keine Privatansprüche hat? War
der Waldeigentümer vor dem Holzdiebstahl der Staat? Nein, 35
aber er wird es nach dem Holzdiebstahl. Das Holz besitzt die
merkwürdige Eigenschaft, sobald es gestohlen wird, seinem Be¬
sitzer Staatsqualitäten zu erwerben, die er früher nicht besaß. Der
Waldeigentümer kann doch nur zurückerhalten, was ihm genom¬
men wurde. Wird ihm der Staat zurückgegeben, und er wird ihm 40
zurückgegeben, wenn er außer dem Privatrecht das Staatsrecht
auf den Frevler erhält, so muß ihm auch der Staat geraubt wer¬
den, so muß der Staat sein Privateigentum gewesen sein. Der
Holzdieb trug also, ein zweiter Christophorus, in den gestohlenen
Blöcken den Staat selbst auf seinem Rücken. 45
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
295
Die öffentliche Strafe ist die Ausgleichung des Verbrechens
mit der Staat svernunft, sie ist daher ein Recht des Staates, aber
sie ist ein Recht des Staates, welches er so wenig an Privatleute
zedieren, als ein Individuum dem anderen sein Gewissen abtreten
5 kann. Jedes Recht des Staates gegen den Verbrecher ist zugleich
ein Staatsrecht des Verbrechers. Sein Verhältnis zum Staate kann
durch kein Unterschieben von Mit [tel] gliedern in ein Verhältnis
zu Privaten verwandelt werden. Wollte man dem Staate selbst das
Aufgeben seiner Rechte, den Selbstmord, gestatten, so wäre doch
10 immerhin das Aufgeben seiner Pflichten nicht nur eine Nach¬
lässigkeit, sondern ein Verbrechen.
Der Waldeigentümer kann also ebensowenig durch den Staat
ein Privatrecht auf die öffentliche Strafe erhalten, als er an und
für sich irgendein denkbares Recht darauf besitzt. Wenn ich aber
is die verbrecherische Tat eines Dritten in Ermangelung rechtlicher
Ansprüche zu einer selbständigen Erwerbsquelle mir gestalte,
werde ich dadurch nicht sein Mitschuldiger? Oder bin ich weniger
sein Mitschuldiger, weil ihm die Strafe und mir der Genuß des
Verbrechens zufällt? Die Schuld wird nicht gemildert, wenn ein
20 Privatmann seine Qualität als Gesetzgeber dazu mißbraucht, sich
selber Staatsrechte durch das Verbrechen Dritter zu arrogieren.
Der Unterschleif öffentlicher Staatsgelder ist ein Staatsverbrechen,
und sind die Strafgelder keine öffentlichen Staatsgelder?
Der Holzdieb hat dem Waldeigentümer Holz entwendet, aber
25 der Waldeigentümer hat den Holzdieb dazu benutzt, den Staat
selbst zu entwenden. Wie wörtlich wahr dies ist, beweist § 19,
wo man nicht dabei stehen bleibt, die Geldstrafe, sondern auch
Leib und Leben des Angeklagten in Anspruch zu nehmen.
Nach § 19 wird der Forstfrevler durch eine für den Waldeigen-
3o tümer zu leistende Forstarbeit ganz in dessen Hände gegeben,
was nach einem Deputierten der Städte „zu großen Inkonvenien-
zen führen könne. Er wolle nur auf die Gefährlichkeit dieser
Vollziehungsweise bei Personen des anderen Geschlechts aufmerk¬
sam machen“.
35 Ein Deputierter der Ritterschaft gibt die ewig denkwürdige
Erwiderung: „daß es zwar ebenso notwendig als zweckmäßig sei,
bei der Diskussion eines Gesetzentwurfes vorab die Prinzipien
desselben zu erörtern und festzustellen, daß aber, wenn dies ein¬
mal geschehen, darauf nicht wieder bei Erörterung jedes einzel-
4o nen Paragraphen zurückgegangen werden könne“, worauf der
Paragraph ohne Widerspruch angenommen wurde.
Seid so geschickt, von schlechten Prinzipien auszugehen, und
ihr erhaltet einen unfehlbaren Rechtstitel auf die schlechten Kon¬
sequenzen. Ihr könntet zwar meinen, die Nichtigkeit des Prinzips
45 offenbare sich in der Abnormität seiner Konsequenzen, aber wenn
296
Aus der Rheinischen Zeitung
ihr Weltbildung besitzt, so werdet ihr einsehen, daß der Kluge
bis auf die letzte Konsequenz ausschöpft, was er einmal durch¬
gesetzt hat. Es wundert uns nur, daß der Waldeigentümer nicht
auch seinen Ofen mit den Walddieben heizen darf. Da die Frage
sich nicht um das Recht, sondern um die Prinzipien dreht, von 5
denen der Landtag auszugehen beliebt, so stände dieser Kon¬
sequenz auch nicht ein Sandkorn im Wege.
In direktem Widerspruch mit dem eben aufgestellten Dogma
belehrt uns ein kurzer Rückblick, wie nötig es gewesen wäre, bei
jedem § von neuem die Prinzipien zu diskutieren, wie man durch 10
die Votierung scheinbar zusammenhangloser und in gehöriger
Distanz voneinander gehaltener §§ eine Bestimmung nach der an¬
deren erschlichen hat und nach Erschleichung der ersten in
der folgenden nun auch den Schein der Bedingung fallen ließ,
unter der die erste allein annehmbar war. 15
[RhZ 3. Nov. 1842, Nr. 307, Beiblatt]
*** Als es sich bei § 4 davon handelte, dem denimzierenden
Schutzbeamten die Schätzung zu überlassen, bemerkte ein Stadt¬
verordneter: „würde der Vorschlag nicht beliebt werden, das
Strafgeld in die Staatskasse fließen zu lassen, so sei die vor- 20
liegende Bestimmung doppelt gefährlich“. Und es ist klar, daß
der Forstbeamte nicht dasselbe Motiv zur Überschätzung hat, wenn
er für den Staat, als wenn er für seinen Brotherrn taxiert. Man
war so geläufig, diesen Punkt nicht zu erörtern, man ließ den
Schein bestehen, als könne § 14, der die Strafgelder dem Wald- 25
eigentümer zuspricht, verworfen werden. Man hat den § 4 durch¬
gesetzt. Nach der Votierung von zehn Paragraphen kommt man
endlich auf § 14, durch welchen der § 4 einen veränderten und
gefährlichen Sinn erhält. Dieser Zusammenhang wird gar nicht
berührt, der § 14 wird angenommen, und die Strafgelder werden 30
der Privatkasse des Waldeigentümers zugewiesen. Der Haupt¬
grund, ja der einzige Grund, der hierfür angeführt wird, ist das
Interesse des Waldeigentümers, das durch die Erstattung des ein¬
fachen Wertes nicht hinlänglich gedeckt sei. Aber im § 15 vergißt
man wieder, daß man die Strafgelder dem Waldeigentümer votiert 35
hat, und dekretiert ihm außer dem einfachen Werte noch beson¬
deren Schadenersatz, weil ein Mehrwert denkbar, als wenn er nicht
schon durch die zufließenden Strafgelder ein Mehr erhalten. Man
hat sogar noch bemerkt, daß die Strafgelder nicht immer einzieh¬
bar wären. Man stellte sich also, als wolle man nur in bezug auf 40
das Geld an die Staatsstelle treten, aber im § 19 wirft man die
Maske weg und vindiziert sich nicht nur das Geld, sondern den
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
297
Verbrecher selbst, nicht nur den Beutel des Menschen, sondern
den Menschen.
An dieser Stelle tritt die Methode der Subreption scharf und
unumwunden hervor, ja in selbstbewußter Klarheit, denn sie steht
5 nicht mehr an, sich als Prinzip zu proklamieren.
Der einfache Wert und der Schadenersatz gaben dem Wald
eigentiimer offenbar nur eine Privatforderung gegen den
Holzfrevler, zu deren Realisation ihm die Zivilgerichte offen¬
stehen. Kann der Holzfrevler nicht zahlen, so befindet sich der
10 Waldeigentümer in der Lage jedes Privatmannes, der einen zah¬
lungsunfähigen Schuldner hat und dadurch bekanntlich kein
Recht auf Zwangsarbeit, Dienstleistung, mit einem Wort tem¬
porelle Leibeigenschaft des Schuldners erhält. Was
gibt also dem Waldeigentümer diesen Anspruch? Die Straf-
15 gelder. Indem der Waldeigentümer sich die Strafgelder vin-
dizierte, hat er, wie wir gesehen, außer seinem Privatrecht sich
ein Staatsrecht an den Holzfrevler vindiziert und sich selbst
an die Stelle des Staats gesetzt. Aber indem der Waldeigentümer
sich die Strafgelder zusprach, verheimlichte er klugerweise, daß
20 er sich die Strafe selbst zugesprochen hat. Er zeigte damals
auf die Strafgelder als auf einfache Gelder, er zeigt
jetzt auf sie als Strafe hin, er bekennt jetzt triumphierend, daß
er durch die Strafgelder das öffentliche Recht in sein Privateigen¬
tum verwandelt hat. Statt vor dieser ebenso verbrecherischen als
25 empörenden Konsequenz zurückzubeben, nimmt man die Kon¬
sequenz in Anspruch, eben weil sie eine Konsequenz ist. Behauptet
der gesunde Menschenverstand, es widerstreite unserem, es wider¬
streite allem Rechte, einen Staatsbürger dem anderen als tempo-
rellen Leibeigenen auszuliefem und zu überweisen, so erklärt
30 man achselzuckend, die Prinzipien seien erörtert, obgleich weder
Prinzip noch Erörterung stattfand. Auf diese Weise erschleicht
der Waldeigentümer durch die Strafgelder die Person des
Holzfrevlers. Der § 19 offenbart erst den Doppelsinn
des § 14.
35 So sieht man, der § 4 hätte durch den § 14, der § 14 hätte
durch den § 15, der § 15 hätte durch den § 19, der § 19 hätte
schlechtweg unmöglich sein und das ganze Strafprinzip unmög¬
lich machen müssen, eben weil in ihm die ganze Verworfenheit
dieses Prinzips erscheint.
4o Man kann das divide et impera nicht geschickter handhaben.
Bei dem vorhergehenden Paragraphen denkt man nicht an den
nachfolgenden, und bei dem nachfolgenden Paragraphen vergißt
man den vorhergehenden. Der eine ist schon diskutiert, und der
andere ist noch nicht diskutiert, so daß beide durch die entgegen-
45 gesetzten Gründe über alle Diskussion erhaben sind. Das an¬
298
Aus der Rheinischen Zeitung
erkannte Prinzip aber ist „das Rechts- und Billigkeitsgefühl zum
Schutz des Interesses des Waldeigentümers“, welches direkt ent¬
gegensteht dem Rechts- und Billigkeitsgefühl zum Schutz des
Interesses des Lebenseigentümers, des Freiheitseigentümers, des
Menschheitseigentümers, des Staatseigentümers, des Eigentümers 5
von nichts als sich selbst.
Doch wir sind einmal so weit. — Der Waldeigentümer erhalte
an die Stelle des Holzblockes einen ehemaligen Menschen.
S hy 1 o c k.
Porcia.
G r a c i a n o.
S h y 1 o c k.
Porcia.
Höchst weiser Richter ! — Spruch war’s — macht euch fertig.
Wart’ noch ein wenig: eins ist noch zu merken.
Der Schein hier gibt dir nicht ein Tröpfchen Blut,
Die Worte sind ausdrücklich, ein Pfund Fleisch,
Nimm denn den Schein und nimm du dein Pfund Fleisch:
Allein vergießest du, indem du’s schneidest,
Nur einen Tropfen Christenblut, so fällt
Dein Hab und Gut, nach dem Gesetz Venedigs
Dem Staat Venedigs heim.
0 weiser Richter! — merk Jud! ein weiser Richter.
Ist das Gesetz?
Du sollst die Akte sehen.
10
15
20
Und ihr sollt die Akte sehen!
Worauf begründet ihr euren Anspruch an die Leibeigenschaft
des Holzfrevlers? Auf die Strafgelder. Wir haben gezeigt, daß
ihr kein Recht an die Strafgelder habt. Wir sehen hievon ab. Was
ist euer Grundprinzip? Daß das Interesse des Waldeigentümers, 25
gehe auch die Welt des Rechtes und der Freiheit darüber zugrunde,
gesichert werde. Es steht euch unerschütterlich fest, daß euer
HoIzschaden auf irgendeine Weise durch den Holz¬
frevler zu kompensieren ist. Diese feste Holzunterlage
eures Räsonnements ist so morsch, daß ein einziger Windzug der 30
gesunden Vernunft sie in tausend Trümmer auseinanderstreut.
Der Staat kann und muß sagen: ich garantiere das Recht gegen
alle Zufälle. Das Recht allein ist in mir imsterblich, und darum
beweise ich euch die Sterblichkeit des Verbrechens, indem ich es
aufhebe. Aber der Staat kann und darf nicht sagen: ein Privat- 35
interesse, eine bestimmte Existenz des Eigentums, eine Waldhut,
ein Baum, ein Holzsplitter, und gegen den Staat ist der größte
Baum kaum ein Holzsplitter, ist gegen alle Zufälle garantiert, ist
unsterblich. Der Staat kann nicht an gegen die Natur der Dinge,
er kann das Endliche nicht gegen die Bedingungen des Endlichen, 40
nicht gegen den Zufall stichfest machen. So wenig euer Eigentum
vor dem Verbrechen von dem Staate gegen jeden Zufall garan¬
tiert werden konnte, so wenig kann das Verbrechen diese unsichere
Natur eures Eigentums ins Gegenteil verkehren. Allerdings wird
der Staat euer Privatinteresse sichern, soweit es durch vernünftige 45
Gesetze und vernünftige Präventivmaßregeln gesichert werden
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
299
kann, aber der Staat kann eurer Privatforderung an den Ver¬
brecher kein anderes Recht zugestehen als das Recht der Privat¬
forderungen, den Schutz der Zivilgerichtsbarkeit. Könnt ihr euch
auf diesem Wege wegen der Mittellosigkeit des Verbrechers keine
5 Kompensation verschaffen, so folgt weiter nichts, als daß jeder
rechtliche Weg zu dieser Kompensation auf gehört hat. Die
Welt fällt deswegen nicht aus ihren Angeln, der Staat verläßt des¬
wegen nicht die Sonnenbahn der Gerechtigkeit, und ihr habt die
Vergänglichkeit alles Irdischen erfahren, eine Erfahrung, die
10 eurer gediegenen Religiosität kaum als pikante Neuigkeit oder
wunderlicher als Stürme, Feuersbrunst und Fieber erscheinen
wird. Wollte der Staat aber den Verbrecher zu eurem temporellen
Leibeigenen machen, so opferte er die Unsterblichkeit des Rechts
eurem endlichen Privatinteresse. Er bewiese also dem Ver-
15 brecher die Sterblichkeit des Rechts, dessen Unsterblichkeit er ihm
in der Strafe beweisen muß.
Als Antwerpen zu König Philipps Zeiten die Spanier durch
Überschwemmung seines Gebiets leicht hätte abhalten können,
gab es die Metzgerzunft nicht zu, weil sie fette Ochsen auf der
2o Weide hatte. Ihr verlangt, daß der Staat sein geistiges Gebiet
aufgebe, damit euer Holzblock gerächt werde.
Es sind noch einige Nebenbestimmungen des § 16 zu referieren.
Ein Abgeordneter der Städte bemerkt: „Nach der bisherigen Ge¬
setzgebung würden acht Tage Gefängnis einer Geldstrafe von
25 fünf Talern gleichgerechnet. Es sei kein genügender Grund vor¬
handen, hiervon abzugehen.“ (Nämlich statt der acht Tage vier¬
zehn Tage zu setzen.) Zu demselben Paragraphen hatte der Aus¬
schuß folgenden Zusatz vorgeschlagen: „daß in keinem Falle die
Gefängnisstrafe weniger als 24 Stunden währen solle“. Als man
zo bemerkte, daß dies Minimum zu stark sei, führte dagegen ein
Mitglied aus dem Stande der Ritterschaft an, „daß das franzö¬
sische Forstgesetz ein geringeres Strafmaß als drei Tage nicht
enthalte“.
Derselbe Atemzug, der gegen die Bestimmung des französi-
35 sehen Gesetzes fünf Taler statt mit acht mit vierzehn Tagen Ge¬
fängnis kompensiert, sträubt sich aus Devotion gegen das fran¬
zösische Gesetz, drei Tage in 24 Stunden zu verwandeln.
Der obenerwähnte Stadtdeputierte bemerkt ferner: „wenig¬
stens würde es sehr hart sein, bei Holzentwendungen, die doch
zo immer nicht als ein schwer zu bestrafendes Verbrechen angesehen
werden können, für eine Geldbuße von fünf Talern vierzehn Tage
Gefängnis eintreten zu lassen. Das werde dazu führen, daß der
Bemittelte, welcher sich mit Geld loskauft, nur einfach, der Arme
aber doppelt bestraft werde. Ein Abgeordneter der Ritterschaft
45 erwähnt, daß in der Umgegend von Cleve viele Forstfrevel verübt
300
Aus der Rheinischen Zeitung
würden, bloß um Aufnahme in das Arresthaus und die Ge¬
fangenenkost zu erhalten. Beweist dieser Abgeordnete der Ritter¬
schaft nicht eben, was er widerlegen will, daß reine Notwehr gegen
Hunger und Obdachlosigkeit die Leute zum Holzfreveln treibt?
Ist diese entsetzliche Not ein aggravierender Umstand? 5
Der obenerwähnte Stadtdeputierte: „die schon gerügte
Schmälerung der Kost müsse er zu hart und besonders bei Straf¬
arbeiten für ganz unausführbar halten.“ Von mehreren Seiten
wird gerügt, daß die Schmälerung der Kost bis zu Wasser und
Brot zu hart sei. Ein Deputierter der Landgemeinde bemerkte: 10
daß im Regierungsbezirk Trier die Schmälerung der Kost bereits
eingeführt sei und sich als sehr wirksam erwiesen habe.
Warum will der ehrenwerte Redner in Brot und Wasser gerade
die Ursache der guten Wirkung zu Trier finden, warum nicht etwa
in der Verstärkung des religiösen Sinnes, von dem
der Landtag so viel und so rührend zu sprechen wußte? Wer hätte
damals geahnt, daß Wasser und Brot die wahren Gnadenmittel!
In gewissen Debatten glaubte man das englische Heiligen¬
parlament hergestellt — und jetzt? Statt Gebet und Vertrauen und
Gesang, Wasser und Brot, Gefängnis und Forstarbeit! Wie frei- 20
gebig paradierte man mit Worten, um den Rheinländern einen
Stuhl im Himmel zu verschaffen, wie freigebig ist man wieder mit
Worten, um eine ganze Klasse von Rheinländern bei Wasser und
Brot zur Forstarbeit zu peitschen, ein Einfall, den sich ein hollän¬
discher Plantagenbesitzer kaum gegen seine Neger erlauben wird, w
Was beweist das alles? Daß es leicht ist, heilig zu sein, wenn man
nicht menschlich sein will. So wird man den Passus verstehen: „Die
Bestimmung des § 23 fand ein Landtagsmitglied unmensch¬
lich; sie wurde nichtsdestoweniger angenommen.“ Außer der
Unmenschlichkeit wird von diesem Paragraphen nichts so
berichtet.
Unsere ganze Darstellung hat gezeigt, wie der Landtag die exe¬
kutive Gewalt, die administrativen Behörden, das Dasein des An¬
geklagten, die Staatsidee, das Verbrechen selbst und die Strafe
zu materiellen Mitteln des Privat intéresses ss
herabwürdigt. Man wird es konsequent finden, daß auch das
richterliche Urteil als bloßes Mittel und die Rechts¬
kräftigkeit des Urteils als überflüssige Weitläufigkeit be¬
handelt wird.
„In § 6 wünscht der Ausschuß das Wort rechtskräftig zu 40
streichen, da durch Aufnahme desselben bei Kontumazialerkennt-
nissen den Holzdieben ein Mittel an die Hand gegeben werde, sich
der verschärften Strafe für Wiederholungsfälle zu entziehen; es
wird aber dagegen durch mehrere Abgeordnete protestiert und be¬
merkt, man müsse sich der vom Ausschuß vorgeschlagenen Be-n
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
301
seitigung des Ausdruckes: rechtskräftig Urteil in dem
§ 6 des Entwurfs widersetzen. Diese Bezeichnung der Urteile sei
gewiß nicht ohne juristische Erwägung an dieser Stelle, sowie im
Paragraphen aufgenommen. Allerdings würde die Absicht der
5 strengeren Bestrafung der Rezidive dann leichter und häufiger er¬
füllt werden, wenn jede erste richterliche Sentenz hinreichte, um
die Anwendung der schärferen Strafe zu begründen. Es sei aber
zu bedenken, ob man in dieser Art dem von dem Referenten her¬
vorgehobenen Interesse der Forsthut ein wesent-
io lieh es Rechtsprinzip opfern wolle. Man könne damit
sich nicht einverstanden erklären, daß mit Verletzung eines un¬
bestreitbaren Grundsatzes des Rechtsverfahrens einem Urteile,
welches noch keinen gesetzlichen Bestand habe, eine solche Wir¬
kung beigelegt werde. Ein (anderer) Abgeordneter der Städte trug
io ebenfalls auf Verwerfung des Amendements vom Ausschüsse an.
Dasselbe verstoße gegen die Bestimmungen des Strafrechts, wo¬
nach nie eine Verschärfung der Strafe eintreten könne, bis die
erste Strafe durch rechtskräftiges Urteil festgestellt sei.“
Der Referent erwidert: „das Ganze sei ein exzeptio-
sonelles Gesetz, und also auch eine exzeptionelle Be¬
stimmung wie die vorgeschlagene darin zulässig“. „Vor¬
schlag des Ausschusses zur Streichung von rechtskräftig ge¬
nehmigt.“
Das Urteil ist bloß vorhanden, um die Rezidive zu konstatieren.
25 Die gerichtlichen Formen erscheinen der begehrlichen Unruhe des
Privatinteresses als beschwerliche und überflüssige Hindernisse
einer pedantischen Rechtsetikette. Der Prozeß ist nur ein sicheres
Geleit, das man dem Gegner zum Gefängnis gibt, eine bloße Vor¬
bereitung zur Exekution, und wo er mehr sein will, wird er zum
3o Schweigen gebracht. Die Angst des Eigennutzes späht, berechnet,
kombiniert aufs akkurateste, wie der Gegner das Rechtsterrain, das
man als ein notwendiges Übel gegen ihn betreten muß, für sich
ausbeuten könne, und man kommt ihm zuvor durch die umsich¬
tigsten Gegenmanöver. Man stößt auf das Recht selbst als Hinder-
35 nis bei der ungezügelten Geltendmachung seines Privatinteresses,
und man behandelt das Recht als ein Hindernis. Man marktet,
man feilscht mit ihm, man handelt ihm hie und da einen Grundsatz
ab, man beschwichtigt es durch die flehendste Hinweisung auf das
Recht des Interesses, man klopft ihm auf die Schultern, man
4o flüstert ihm ins Ohr: das seien Ausnahmen und keine Regel ohne
Ausnahme, man sucht das Recht gleichsam durch den Terrorismus
und die Akkuratesse, die man ihm gegen den Feind gestattet, zu
entschädigen für die schlüpfrige Gewissensweitheit, mit der man
es als Garantie des Angeklagten und als selbständigen Gegenstand
45 behandelt. Das Interesse des Rechtes darf sprechen, insoweit es
Marx-Engel8*GeMmtausgabe, I. Abu. Bd. 1, 1. Hbd. 25
302
Aus der Rheinischen Zeitung
das Recht des Interesses ist, aber es muß schweigen, sobald es mit
diesem Heiligen kollidiert.
Der Waldeigentümer, der selbst gestraft hat, ist so kon¬
sequent, auch selbst zu richten, denn er richtet offenbar, in¬
dem er ein Urteil ohne rechtskräftige Geltung für rechtskräftig 5
erklärt. Welch eine törichte, unpraktische Illusion ist überhaupt
ein parteiloser Richter, wenn der Gesetzgeber parteiisch ist? Was
soll ein uneigennütziges Urteil, wenn das Gesetz eigennützig ist?
Der Richter kann den Eigennutz des Gesetzes nur puritanisch
formulieren, nur rücksichtslos anwenden. Die Parteilosigkeit ist 10
dann die Form, sie ist nicht der Inhalt des Urteils. Den Inhalt hat
das Gesetz antizipiert. Wenn der Prozeß nichts als eine gehaltlose
Form ist, so hat solche formale Lappalie keinen selbständigen
Wert. Nach dieser Ansicht würde chinesisches Recht französisches
Recht, wenn man es in die französische Prozedur einzwängte, aber is
das materielle Recht hat seine notwendige, ein¬
geborene Prozeßform, und so notwendig im chinesischen
Recht der Stock, so notwendig zu dem Inhalt der hochnotpeinlichen
Halsgerichtsordnung die Tortur als Prozeßform gehört, so not¬
wendig gehört zum öffentlichen freien Prozeß ein seiner Natur 20
nach öffentlicher, durch die Freiheit und nicht durch das Privat¬
interesse diktierter Gehalt. Der Prozeß und das Recht sind so
wenig gleichgültig gegeneinander, als etwa die Formen der
Pflanzen und Tiere gleichgültig sind gegen das Fleisch und das
Blut der Tiere. Es muß e i n Geist sein, der den Prozeß und der 25
die Gesetze beseelt, denn der Prozeß ist nur die Lebensart
des Gesetzes, also die Erscheinung seines inneren Lebens.
Die Seeräuber von Tidong brechen den Gefangenen, um sich
ihrer zu versichern, Arme und Beine. Um sich der Forstfrevler
zu versichern, hat der Landtag dem Rechte nicht nur Arme und 30
Beine gebrochen, sondern sogar das Herz durchbohrt. Wir er¬
achten hiergegen sein Verdienst um die Wiedereinführung unseres
Prozesses in einigen Kategorien als eine wahre Nullität; wir müs¬
sen im Gegenteil die Offenherzigkeit und Konsequenz anerkennen,
die dem unfreien Gehalt eine unfreie Form gibt. Bringt man 35
materiell das Privatinteresse, welches das Licht der Öffentlichkeit
nicht erträgt, in unser Recht hinein, so gebe man ihm auch seine
angemessene Form, heimliches Verfahren, damit wenigstens keine
gefährlichen, selbstgefälligen Illusionen erweckt und genährt
werden. Wir halten es für die Pflicht aller Rheinländer und vor- 40
zugsweise der rheinischen Juristen, in diesem Augenblicke ihre
Hauptaufmerksamkeit dem Rechtsgehalt zu widmen, damit
uns nicht zuletzt die leere Maske zurückbleibt. Die Form hat
keinen Wert, wenn sie nicht die Form des Inhalts ist.
Der eben besprochene Vorschlag des Ausschusses und das bil- «
Debatten über das Holzdiebstahlgesetz
303
ligende Votum des Landtags sind der Blütenpunkt der ganzen De¬
batte, denn die Kollision zwischen dem Interesse
der Forsthut und den Rechtsprinzipien, den durch
unser eigenes Gesetz sanktionierten Rechtsprinzipien, tritt hier in
«5 das Bewußtsein des Landtages selbst. Der Landtag hat darüber ab¬
gestimmt, ob die Rechtsprinzipien dem Interesse der Forsthut zu
opfern seien oder das Interesse der Forsthut den Rechtsprinzipien,
und das Interesse hat das Recht überstimmt. Man
hat sogar eingesehen, daß das ganze Gesetz eine Exzeption
jo vom Gesetz, und deshalb gefolgert, daß jede exzeptionelle
Bestimmung darin zulässig sei. Man beschränkte sich darauf,
Konsequenzen zu ziehen, die der Gesetzgeber versäumt hat. Über¬
all, wo der Gesetzgeber vergaß, daß es sich um eine Exzeption
vom Gesetz und nicht von einem Gesetz handelt, wo er den recht-
15 liehen Standpunkt geltend macht, da tritt die Tätigkeit unseres
Landtags mit sicherem Takt berichtigend und ergänzend hinzu
und läßt das Privatinteresse dem Recht Gesetze geben, wo das
Recht dem Privatinteresse Gesetze gab.
Der Landtag hat also vollkommen seine Bestim-
20 mung erfüllt. Er hat, wozu er berufen ist, ein bestimm¬
tes Sonderinteresse vertreten und als letzten Endzweck
behandelt. Daß er dabei das Recht mit Füßen trat, ist eine ein¬
fache Konsequenz seiner Aufgabe, denn das Inter¬
esse ist seiner Natur nach blinder, maßloser, einseitiger, mit einem
25 Worte gesetzloser Natur inst inkt, und kann das Gesetzlose Gesetze
geben? Das Privatinteresse wird so wenig zum Gesetzgeben be¬
fähigt dadurch, daß man es auf den Thron des Gesetzgebers setzt,
als ein Stummer, dem man ein Sprachrohr von enormer Länge in
die Hand gibt, zum Sprechen befähigt wird.
3o Wir sind nur mit Widerstreben dieser langweiligen und geist¬
losen Debatte gefolgt, aber wir hielten es für unsere Pflicht, an
einem Beispiel zu zeigen, was von einer Ständeversamm¬
lung der Sonderinteressen, würde sie einmal ernstlich
zur Gesetzgebung berufen, zu erwarten sei.
35 Wir wiederholen noch einmal, unsere Landstände haben ihre
Bestimmung als Landstände erfüllt, aber wir sind weit entfernt,
sie damit rechtfertigen zu wollen. Der Rheinländer mußte in
ihnen über den Landstand, der Mensch mußte über den Wald¬
eigentümer siegen. Es ist ihnen selbst gesetzlich nicht nur die
4o Vertretung der Sonderinteressen, sondern auch die Vertretung des
Interesses der Provinz überwiesen, und so widersprechend beide
Aufgaben sind, in einem Kollisionsfalle durfte man keinen Augen¬
blick anstehen, die Vertretung des Sonderinteresses der Vertretung
der Provinz aufzuopfem. Der Sinn für Recht und Gesetz ist der
^bedeutsamste Provinzialismus der Rheinländer; aber
25e
304
Aus der Rheinischen Zeitung
es versteht sich von selbst, daß das Sonderinteresse, wie kein
Vaterland, so keine Provinz, wie nicht den allgemeinen, so nicht
den heimischen Geist kennt. In direktem Widerspruch zu der Be¬
hauptung jener Schriftsteller der Einbildung, welche ideale Ro¬
mantik, unergründliche Gemütstiefe und fruchtbarste Quelle in- 5
dividueller und eigentümlicher Gestaltungen der Sittlichkeit in
einer Vertretung der Sonderinteressen zu finden belieben, hebt
eine solche alle natürlichen und geistigen Unterschiede auf, in¬
dem sie an ihrer Stelle die unsittliche, unverständige und gemüt¬
lose Abstraktion einer bestimmten Materie und eines bestimmten, m
ihr sklavisch unterworfenen Bewußtseins auf den Thron erhebt.
Holz bleibt Holz in Sibirien wie in Frankreich; Waldeigen¬
tümer bleibt Waldeigentümer in Kamtschatka wie in der Rhein¬
provinz. Wenn also Holz und Holzbesitzer als solche Gesetze
geben, so werden sich diese Gesetze durch nichts unterscheiden w
als den geographischen Punkt, wo, und die Sprache, worin sie ge¬
geben sind. Dieser verworfene Materialismus, diese
Sünde gegen den heiligen Geist der Völker und der Menschheit ist
eine unmittelbare Konsequenz jener Lehre, welche die preußische
Staatszeitung dem Gesetzgeber predigt, bei einem Holzgesetz nur
an Holz und Wald zu denken und die einzelne materielle Auf¬
gabe nicht politisch, d. h. nicht im Zusammenhang mit
der ganzen Staatsvernunft und Staatssittlichkeit zu lösen.
Die Wilden von Kuba hielten das Gold für den Fe-
tisch der Spanier. Sie feierten ihm ein Fest und sangen um 25
ihn und warfen es dann ins Meer. Die Wilden von Kuba, wenn sie
der Sitzung der rheinischen Landstände beigewohnt, würden sie
nicht das Holz für den Fetisch der Rheinländer ge¬
halten haben? Aber eine folgende Sitzung hätte sie belehrt, daß
man mit dem Fetischismus den Tierdienst verbindet, und die30
Wilden von Kuba hätten die Hasen ins Meer geworfen, um
die Menschen zu retten.
Bei der Prüfung der Zitate aus den Sitzungs Protokollen des 6. Rheinischen Pra
vinziallandtags (Als Manuskript gedruckt bei J. Friedrich Kehr, Koblenz, 184b
haben wir inhaltlich belanglose Abweichungen teils stillschweigend berichtigt, teils,
wenn sie von Marx aus Gründen des besseren Verständnisses vorgenommen worder.
sind — wie auch bei Änderung der Wortfolge — beibehalten; in zwei Fällen (p. 292
301) haben wir die Einfügungen von Marx in runde Klammern gesetzt.
[Die <liberale Opposition» in Hannover]
[RhZ 8. Nov. 1842. Nr. 312, Beiblatt. Red. Faßnote]
*) Da der Ausdruck „liberale Opposition“ in der Überschrift
nicht von dem Verfasser des quästionierten Artikels, sondern von
5 der Redaktion herrührt, so findet diese sich veranlaßt, einiges zur
Erläuterung dieser Benennung beizubringen.
Man führt zwei Gründe gegen den fraglichen Ausdruck an.
Was die Form betreffe, sei die Opposition nicht liberal, weil
sie konservativ sei, weil sie die Fortdauer eines bestehenden
10 Rechtszustandes bezwecke, eine Dialektik, nach welcher die Juli¬
revolution eine konservative, also illiberale Revolution war, denn
sie bezweckte zunächst die Konservation der Charte. Nichtsdesto¬
weniger hat sich der Liberalismus die Julirevolution vindiziert.
Der Liberalismus ist allerdings konservativ, er konserviert die
15 Freiheit und den Angriffen roher, materieller Gewalt gegenüber
selbst die verkümmerten Statusquogestalten der Freiheit. Es
kommt hinzu, daß, wenn solche Abstraktion konsequent sein will,
ihr eigener Standpunkt die Opposition eines Rechtszustandes, der
vom Jahr 1833 datiert, progressiv und liberal finden muß gegen
20 eine Reaktion, welche das Jahr 33 gewaltsam in das Jahr 19
zurückdrängt.
Was den Inhalt betreffe, wird ferner angeführt, sei der
Inhalt der Opposition, das Staatsgrundgesetz von 1833, kein In¬
halt der Freiheit. Zugegeben! So wenig das Staatsgrundgesetz
25 nqtl 1833 eine Gestalt der Freiheit ist, wenn es an der Idee der
Freiheit, so sehr ist es eine Gestalt der Freiheit, wenn es an der
Existenz des Staatsgrundgesetzes von 1819 gemessen wird. Über¬
haupt handelte es sich zunächst nicht um den bestimmten
Inhalt dieses Gesetzes: es handelte sich darum, für gesetz-
zo liehen Inhalt gegen ungesetzliche Usurpation zu
opponieren.
Die Redaktion war um so mehr befugt, die hannoversche Op¬
position liberal zu nennen, als beinahe alle deutschen Kammern
ihr als liberaler Opposition, als einer Opposition der gesetzlichen
35 Freiheit akklamierten. Ob ihr nun vor dem Richterstuhl der
Kritik dies Prädikat gebühre, ob sie über die bloße Meinung
und Prätension des Liberalismus zu wirklichem Liberalismus
fortgegangen sei, das eben zu untersuchen, war die Aufgabe des
quaest. Artikels.
306
Aus der Rheinischen Zeitung
Wir bemerken beiläufig, daß nach unserer Ansicht der wahre
Liberalismus in Hannover künftig weder das Staatsgrundgesetz
von 1833 zu verfechten noch zu dem Gesetze von 1819 zurück¬
zukehren, sondern eine völlig neue, einem tieferen, durchgebil¬
deteren und freieren Volksbewußtsein entsprechende Staats- ss
form zu erstreben hat.
Die Red. d. Rhn. Ztg.
Kabinettsordre in bezug auf die Tagespresse
[RhZ 16. Not. 1842. Nr. 320]
Köln, 15. Nov. Die Kölnische Zeitung von heute bringt fol¬
gende königl. Kabinettsordre, die im Laufe des vorigen Monats
ö sämtlichen Oberpräsidien zugegangen ist:
„Ich habe schon öfter auf die Notwendigkeit hingewiesen, der Tendenz des
schlechten Teils der Tagespresse: die öffentliche Meinung über allgemeine Angelegen¬
heiten durch Verbreitung von Unwahrheiten oder entstellten Tatsachen irrezuleiten,
dadurch zu begegnen, daß jeder solchen falschen Mitteilung augenblicklich die Wahr-
10 heit durch Berichtigung der Tatsachen in denselben Blättern gegenübergestellt werde,
welche sich der Verfälschung schuldig gemacht haben. — Es genügt nicht, die Gegen¬
wirkung gegen schlechte, für den öffentlichen Geist verderbliche Bestrebungen eines
Tageblattes den anderen, von einem besseren Geiste geleiteten Blättern zu überlassen
und nur von ihnen zu erwarten. Ebenda, wo das Gift der Verführung eingeschenkt
15 worden ist, muß es auch unschädlich gemacht werden; das ist nicht nur Pflicht der
Obrigkeit gegen den Leserkreis, dem das Gift geboten worden, sondern es ist zugleich
unter allen Mitteln das wirksamste, die Tendenzen der Täuschung und Lüge, wie sie
sich zeigen, zu vernichten, indem man die Redaktionen zwingt, das Urteil über sich
selbst zu veröffentlichen. Ich habe es darum mißfällig wahrgenommen, daß dies eben¬
so so rechtmäßige als notwendige Mittel, Ausartungen der Presse zu zügeln, bisher wenig
oder gar nicht angewendet worden ist. Sofern die bisherigen Gesetze die Verpflichtung
der inländischen Zeitungen zur unweigerlichen Aufnahme aller, unter amtlicher
Autorität ihnen zugesandten tatsächlichen Berichtigungen, und zwar ohne alle An¬
merkungen und einleitende Betrachtungen, nicht genügend festgestellt haben sollten,
25 erwarte Ich von dem Staats-Ministerio vordersamst die Vorschläge zu der nötigen Er¬
gänzung derselben. Wenn sie aber für den Zweck schon jetzt ausreichen, so will IcK
daß dieselben auch zum Schutz des Rechtes und der Wahrheit von Meinen Behörden
kräftig gehandhabt werden, und empfehle dies, nebst den Ministerien selbst, ins¬
besondere der unmittelbaren Sorgfalt der Oberpräsidenten, denen das Staats-
30 ministerium die Weisungen deshalb zu erteilen hat.
„Je ernster es Mir am Herzen liegt, daß der edlen, loyalen, mit Würde freimütigen
Gesinnung, wo sie sich kundgeben mag, die Freiheit des Wortes nicht verkümmert,
der Wahrheit das Feld der öffentlichen Besprechungen so wenig als möglich be¬
schränkt werde, desto unnachsichtiger muß der Geist, welcher Waffen der Lüge und
35 Verführung gebraucht, darnieder gehalten werden, auf daß die Freiheit des Wortes
unter dem Mißbrauche desselben nicht um ihre Früchte und ihren Segen betrogen
werden könne.
„Sanssouci, 14. Oktober, 1842.
(gez.) Friedrich Wilhel m.“
Wir beeilen uns um so mehr, unseren Lesern die vorstehende
königl. Kabinettsordre mitzuteilen, als wir in ihr eine Garantie
der preußischen Presse erblicken. Jedes loyale Blatt wird es nur
als eine bedeutende Unterstützung von Seiten der Regierung be¬
308
Aus der Rheinischen Zeitung
trachten, wenn Unwahrheiten oder entstellte Tat¬
sachen, deren Mitteilung bei der größten Umsicht der Redak¬
tion nicht immer zu vermeiden ist1), aus authentischer Quelle be¬
richtigt werden. Die Regierung garantiert der Tagespresse durch
diese amtlichen Erläuterungen nicht nur eine gewisse s
historische Korrektheit des faktischen Gehaltes, sondern
erkennt auch, was noch wichtiger ist, die große Bedeutsamkeit
der Presse durch eine positive Teilnahme an, welche die negative
Teilnahme durch Verbot, Unterdrückung und Zensur
in immer engere Schranken zuriickweisen wird. Zugleich geht die i»
königl. Kabinettsordre von der Voraussetzung einer gewissen
Unabhängigkeit der Tagespresse aus, da ohne eine solche
wenn nicht Tendenzen der Täuschung, Lüge und verderbliche Be¬
strebungen, so noch weniger edle, loyale, mit Würde freimütige
Gesinnung irgendwie in den Zeitungen auftauchen und sich 25
etablieren könnten. Diese königliche Voraussetzung einer gewissen
Unabhängigkeit der Tagespresse ist als die vorzüglichste
Garantie dieser Unabhängigkeit und als eine
unzweideutige Äußerung des königl. Willens
von den preußischen Zeitungen zu begrüßen. 20
[Über Schutzzölle]
[RhZ 22. Nov. 1842. — Redaktionelle Fußnote zu einem Artikel]
*) Wir können die historische Argumentation des Herm Ver¬
fassers anerkennen, wir können weiter zugeben, was die Tatsachen
reden, daß England seit 4 bis 500 Jahren vorzugsweise viel zum is
Schutz der Industrie und des Gewerbes getan, ohne dem System
der Schutzzölle beistimmen zu müssen. Das Beispiel Eng¬
lands widerlegt sich selbst, indem gerade in England die verderb¬
lichen Konsequenzen eines Systems hervortreten, welches nicht
mehr das System unserer Zeit ist, so sehr es den mittelaltrigen Zu- to
ständen, die auf die Trennung und nicht auf die Einheit basierten,
die jeder besonderen Sphäre einen besonderen Schutz
verleihen mußten, weil der allgemeine Schutz, ein vernünftiger
Staat und ein vernünftiges System der einzelnen Staaten fehlte,
x) Im Original sind
Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien
309
entsprechen mochte. Handel und Gewerbe sollen beschützt
werden, aber eben dass ist der streitige Punkt, ob Schutzzölle
Handel und G e w e r b e wahrhaft beschützen? Wir betrachten
vielmehr ein solches System als Organisation des Kriegs-
s zustandes im Friteden, eines Kriegszustandes, der, zunächst
gegen fremde Länden* gerichtet, in seiner Ausführung sich not¬
wendig gegen das eigeme Land kehrt. Allerdings ist aber ein ein¬
zelnes Land, so selhr es das Prinzip der Handelsfreiheit an¬
erkennen mag, durchi den Weltzustand überhaupt bedingt, und
io kann daher diese Frage nur von einem Völkerkongreß, aber nicht
von einem einzelnen Kabinett entschieden werden.
Die Red. d. Rh. Z.
Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien
[RhZ 29. Nov. 1842. Nr. 333]
is +Berlin, 25. NIov. Die „Elberfelder Zeitung“ und aus ihr
die „Didaskalia“ enthalten die Nachricht, daß Herwegh die
Gesellschaft der „F r e i e n“ besucht, dieselbe aber unter aller
Kritik befunden habe. Herwegh hat diese Gesellschaft nicht
besucht, sie also weder unter noch über der Kritik finden können.
20 Herwegh und Rw ge fanden, daß die „Freien“ durch ihre
politische Romantik, (Geniesucht und Renommage die Sache und
die Partei der Freiheit kompromittieren, was auch offen erklärt
wurde und vielleicht Anstoß gegeben haben mag. Wenn Herwegh
also die Gesellschaft der Freien, die einzeln meistens treffliche
2s Leute sind, nicht besucht hat, so geschah es nicht, weil er etwa
eine andere Sache veirficht, sondern es geschah lediglich darum,
weil er die Frivolität, <die Berlinerei in der Art des Auftretens, die
platte Nachäfferei der franz. Klubs, als ein Mann, der auch
von franz. Autoritäten frei sein will, haßt und lächerlich
so findet. Der Skandal,, die Polissonnerie müssen laut und ent¬
schlossen1) in einer Zeit desavouiert werden, die ernste, männ¬
liche und gehaltene »Charaktere für die Erkämpfung ihrer er¬
habenen Zwecke verlamgt.
In der RhZ Druckf&hler unentschlossen
Die polemische Taktik der Augsburger Zeitung
[RhZ 30. Nov. 1842. Nr. 334]
VK ö 1 n, 29. November.
„Es ist nur ein Gelüst des Bluts, eine Nachgiebigkeit
des Willens!“ 5
Die Augsburger Allgemeine Zeitung beobachtet bei ihrer ge¬
legentlichen Polemik gegen die „Rheinische Zeitung“ eine ebenso
eigentümliche als lobenswerte Taktik, welche, mit Konsequenz
durchgeführt, ihren Eindruck auf den oberflächlichen Teil des
Publikums nicht verfehlen kann. Bei jeder Zurechtweisung, die 10
ihren Attacken auf Prinzip und Tendenz der Rhein. Ztg. galt, bei
jeder wesentlichen Streitfrage, bei jedem prinzipiellen Angriff
von Seiten der Rheinischen Zeitung hüllte sie sich in die viel¬
deutige Toga des Schweigens, indem es immer unentschieden
bleibt, ob dies Schweigen dem Bewußtsein der Schwäche, die is
nicht antworten kann, oder dem Bewußtsein der Überkraft, die
nicht antworten will, sein unscheinbares Dasein verdankt. Wir
hätten in dieser Beziehung der Augsburgerin keine besonderen
Vorwürfe zu machen, denn sie behandelt uns, wie sie Deutsch¬
land behandelt, dem sie ihre Teilnahme durch ein tiefsinniges »
Schweigen, das nur selten von Reisenotizen, Gesundheitsbulletins
und paraphrasierten Hochzeitsgedichten unterbrochen wird, am
gedeihlichsten dartun zu können glaubt, und die Augsburgerin
mag recht haben, wenn sie ihr Schweigen als einen Beitrag zur
öffentlichen Wohlfahrt betrachtet. u
Allein die Augsburgerin handhabt neben der Taktik des
Schweigens noch eine andere Manier der Polemik, die in ihrer
breiten, selbstgefälligen und hochbeteuernden Redseligkeit gleich¬
sam die aktive Ergänzung zu jener passiven und melancholischen
Stille bietet. Die Augsburgerin schweigt, wo es den Prinzipien- so
kampf, den Kampf um das Wesen gilt; aber sie lauscht im Ver¬
steck, sie beobachtet von weitem, sie erlauert den Augenblick, wo
ihre Gegnerin die Toilette vernachlässigt, einen faux pas beim
Tanze verbricht, ihr Schnupftuch fallen läßt und — „sie spreizt
sich tugendlich und dreht sich weg“, sie schmettert den lang- x
verhaltenen, wohlmeinenden Ärger mit imperturbablem Aplomb,
mit dem ganzen Zorn der Toilettenprüderie in die Luft und ruft
Deutschland zu: „Da seht ihr’s, das ist der Charakter, das die
Gesinnung, das die Konsequenz der Rheinischen Zeitung!“ „Dort
Die polemische Taktik der Augsburger Allgemeinen Zeitung
311
ist Hölle, dort ist Nacht, dort ist der Schwefelpfuhl, Brennen,
Sieden, Pestgeruch, Verwesung — pfui, pfui, pfui! — Pah! Pah!
— Gib etwas Bisam, guter Apotheker!“
Bei Gelegenheit solcher Basen-Impromptus weiß die Augs-
« burgerin nicht nur ihre verschollene Tugend, ihre Ehrbarkeit und
gesetztes Alter dem vergeßlichen Publikum in das treulose Ge¬
dächtnis zu rufen, nicht nur mit abgelebten und verwelkten Er¬
innerungen die eingefallenen Schläfen zu schmücken, sondern
außer diesen kleinen und harmlosen Erfolgen der Koketterie noch
10 andere praktische Erfolge zu erschleichen. Sie steht, quasi re
bene gesta, der Rheinischen Zeitung gegenüber, polternd, ver¬
weisend, provozierend, eine rüstige Kämpferin, und die Welt
vergißt über der petulanten Provokation das altersschwache
Schweigen und die eben erst erfolgte Retraite. Zudem entsteht
is der geflissentlich gehegte Schein, als drehe sich der Kampf der
A. A. Z. und der Rheinischen Ztg. um dergleichen Erbärmlich¬
keiten, skandalöse Histörchen und Toilettensünden. Das Heer der
Geist- und Gesinnungslosen, das den wesentlichen Kampf, indem
wir sprechen und die Augsburgerin schweigt, nicht versteht, da-
io gegen in den mäkelnden Häkeleien und kritischen Kleinigkeiten
der A. A. Z. seine eigene schöne Seele wiederfindet, klatscht dann
Beifall und huldigt der ehrbarlichen Frau, die in ebenso gewiegter
als gemessener Weise ihre ungestüme Gegnerin züchtigt, mehr um
zu erziehen, als um zu verletzen. In Nr. 329 der A. A. Z. findet
a sich wieder eine Probe dieser altklugen, widerlichen und klein¬
städtischen Polemik.
Ein Korrespondent vom Main berichtet, die Allg. Augsb. Ztg.
habe Julius Mosens politischen Roman „Der Kongreß von
Verona“ gelobt, weil er im Verlage von Cotta erschienen sei. Wir
jo gestehen, daß wir auf den literarisch-kritischen Teil der A. A. Z.
seiner Nichtigkeit wegen nur gelegentlich einen Blick werfen,
auch ihre Kritik über Mosen nicht kennen, hierin dem Gewissen
des Korrespondenten uns à discrétion anvertrauten. Den Tat¬
bestand als richtig vorausgesetzt, fehlte es der Korrespondenz
3s nicht an innerer Wahrscheinlichkeit, da nach neueren mit Schi¬
kanen, aber nicht mit Gründen widerlegten Aufklärungen die Un¬
abhängigkeit des kritischen Gewissens der Allg. A. Z. von dem
Druckorte zu Stuttgart wenigstens bezweifelt werden darf. Bleibt
also übrig, daß wir den Druckort des politischen Romans nicht
io kannten, und enfin, es ist keine politische Todsünde, den Druck¬
ort eines Romans nicht zu kennen.
Später auf die irrtümliche Angabe des Druckorts aufmerksam
gemacht, erklärte die Redaktion in einer Note: „Wir erfahren so¬
eben, daß der ,Kongreß von Verona‘ von dem Dichter Julius
« Mosen keineswegs bei Cotta erschien, und bitten daher unsere
312
Aus der Rheinischen Zeitung
Leser, die in Nr. 317 d. J. befindliche Korrespondenz vom Main
hiernach berichtigend zu beurteilen.“ Da der Hauptvorwurf des
Mainer Korrespondenten wider die Augsburger Allgemeine Zei¬
tung einzig auf der Prämisse beruhte, der ,Kongreß von Verona'
sei bei Cotta erschienen, da wir erklärten, er sei nicht bei Cotta 5
erschienen, da jedes Räsonnement durch Aufhebung seiner Prä¬
misse von selbst fällt, so dürften wir allerdings an die Urteilskraft
der Leser die überschwängliche Anforderung stellen, nach dieser
Erklärung jene Korrespondenz zu berichtigen, und wir konnten
glauben, unser Unrecht gegen die A. A. Z. gesühnt zu haben. Aber 10
die Augsburger Logik! Die Augsburger Logik interpretiert unsere
Berichtigung folgendermaßen: „Wäre Mosens ,Kongreß von
Verona‘ bei Cotta erschienen, so wäre er von allen Freunden des
Rechtes und der Freiheit als ein schlechter Krebs und Ladenhüter
zu betrachten; da wir aber nachträglich erfahren, daß er in Berlin is
herausgekommen, so bitten wir unsere verehrten Leser, ihn nach
des Dichters eigenen Worten als einen der Geister der ewigen
Jugend zu begrüßen, die auf strahlensprühender Bahn einher¬
schreiten und dem alten Gelichter eisern aufs Genick treten.“
Der Bursch führt seinen Bogen wie eine Vogelscheuche: 20
Spannt mir eine volle Tuchmacherrolle! — Ins Schwarze, ins
Schwarze! — Hui!
„Das ist“, ruft die Augsburgerin triumphierend, „das ist, was
die Rheinische Zeitung ihre Gesinnung, ihre Konsequenz nennt!“
Hat die Rheinische Zeitung jemals die Konsequenzen der Augsbur- zs
ger Logik für ihre Konsequenz oder gar die Gesinnung, auf wel¬
cher diese Logik basiert, für ihre Gesinnung erklärt? Die Augsbur¬
gerin hätte nur schließen dürfen: „Das ist die Art und Weise, wie
man zu Augsburg Konsequenz und Gesinnung mißversteht!“ Oder
glaubt die A. A. Zeitung im Ernst, wir hätten in Mosens Trink- 30
sprach einen berichtigenden Kommentar zur Beurteilung des
,Kongresses von Verona‘ liefern wollen? Wir haben das Schiller¬
fest weitläufiger im Feuilleton besprochen, wir haben auf Schiller
,als den Propheten der neuen Bewegung der Geister* (S. 326,
Korrespondenz aus Leipzig) und auf die daraus sich ergebende 3»
Bedeutung des Schillerfestes hingewiesen, und warum sollten wir
Mosens Trinkspruch, der diese Bedeutung hervorhob, zurück¬
weisen? Etwa, weil er einen Ausfall auf die Augsburger Allge
meine Ztg. enthält, den sie schon wegen ihrer Beurteilung Her¬
weghs verdient hat? Das alles hatte aber doch nichts mit der «
Mainer Korrespondenz zu tun, wir hätten denn, was die Augs¬
burgerin uns unterschiebt, schreiben müssen : „Dei
Leser beurteile die Korrespondenz vom Main in Nr. 317 nacl
Mosens Gedicht in Nr. 320.“ Diesen Unsinn bringt die Augs¬
burger Logik exprès zustande, um ihn nachher uns an den Kopf *
Die polemische Taktik der Augsburger Allgemeinen Zeitung
313
werfen zu können. Das Urteil der Rheinischen Zeitung im
Feuilleton zu Nr. 317 über „Mosens Bernhard von Weimar“ be¬
weist, was keines Beweises bedarf, daß sie bei Mosen von ihrer
gewohnten sachlichen Kritik sich um kein Haar entfernt hat.
s Wir geben übrigens der Augsburgerin zu, daß selbst die Rhei¬
nische Zeitung kaum die literarischen Kondottieris von sich ab¬
zuwenden vermag; dies zudringliche und widerwärtige Geschmeiß,
das in jener Zeitungsära — deren Inkorporation die A. A. Z. ist
— aller Orten in Deutschland — emporwucherte.
10 Schließlich erinnert uns die Augsburger Zeitung an das Wurf¬
geschütz, das „mit großen Worten und Phrasen um sich wirft,
welche die Wirklichkeit unberührt lassen“. Die A. A. Z. berührt
allerdings alle mögliche Wirklichkeit, mexikanische Wirklichkeit,
brasilianische Wirklichkeit, aber keine deutsche, aber nicht ein-
is mal bayrische Wirklichkeit, und wenn sie dergleichen einmal be¬
rührt, so gilt ihr unfehlbar der Schein für Wirklichkeit und die
Wirklichkeit für Schein. Handelte es sich um die geistige und
wahre Wirklichkeit, die Rheinische Zeitung könnte der Augs¬
burger mit Lear zurufen: „Tu dein Ärgstes, blinder Amor. Sieh
to nur die Schriftzüge!“ und die Augsburgerin würde mit Gloster
antworten: „Wär’n alle Lettern Sonnen, ich säh’ keine“.
[RhZ 3. Jan. 1843. Nr. 3]
* Die „Augsburgerin“ ist in jenes Stadium getreten, wo
das schöne Geschlecht die Jugend selbst nicht mehr zu heucheln
25 wagt und nun den Schwestern nichts Erschrecklicheres vorzuwerfen
weiß als eben die Jugend. In Nr. 360 hat indessen der Alters-
thermometer die ehrwürdige Sibylle wunderlich irregeführt. Sie
spricht von der Kühlung des „jungen Mütchens“ der Rheini¬
schen Zeitung bei Gelegenheit eines Korrespondenten, der zu-
3o fälligerweise ein Sechziger ist und ein Testimonium seiner
Jugend schwerlich in den Spalten der Augsb. Allg. Zeitung zu
finden gedachte. Aber so geht’s! Bald ist die Freiheit zu alt, bald
ist sie zu jung, niemals ist sie an der Tagesordnung, wenigstens
nicht an der Tagesordnung der Augsb. Allg. Ztg., von der das Ge¬
is nicht immer entschiedener behauptet, daß sie zu Augsburg
erscheint.
[RhZ 12. Jan. 1843. Nr. 12 -
Nachwort zu einer Korrespondenz aus München]
Wollte die Redaktion der Rhein. Ztg. nun ein Nachwort in der
« Weise der Allg. A. Ztg. vorstehender Korrespondenz hinzufügen,
so könnten wir ihr selbst, die so gütig war, in der „Rheinischen
314
Aus der Rheinischen Zeitung
Zeitung“ den Fähnrich „P i s t o 1“ wieder zu finden, nur die Wahl
lassen zwischen dem „Dorchen Lakenreisser“ und der
„Witwe Hurtig“. Ihr männliches Glaubensbekenntnis
aber würden wir bei dem Freund jener Damen, bei Falstaff,
suchen: „Ehre beseelt mich vorzudringen. Wenn aber Ehre mich s
beim Vordringen entseelt? Wie dann? Kann Ehre ein Bein an¬
setzen? Nein! Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer
Wunde stillen? Nein. Ehre versteht sich also nicht auf die Chirur¬
gie? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort
Ehre? Was ist diese Ehre? Luft. Eine feine Nahrung! Wer hat 10
sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb! Fühlt er sie? Nein.
Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten nicht.
Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. Warum nicht?
Die Verleumdung gibt es nicht zu. Ich mag sie also nicht. —
Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge, und so is
endigt mein Katechismus.“ Und so endigt der politische Kate¬
chismus der A. A. Z., so erinnert sie die „Presse“, daß man in
kritischen Zeiten Arm und Bein verlieren könne, so ver¬
leumdet sie die Ehre, weil sie auf jede Ehre verzichtet hat, die
verleumdet werden könnte. 20
Die A. A. Z. versprach, mit uns auf einen Prinzipienkampf ein¬
zugehen, und sie hat dies Versprechen gelöst. Sie hat keine,
also ihre Prinzipien gegen uns in den Kampf geschickt; sie hat
hier und da ihre Indignation uns zugesichert, kleine Verdächti¬
gungen ausgestreut, kleine Berichtigungen versucht, große Miene 2s
zu ihren kleinen Leistungen gemacht, eine Altersherrschaft in An¬
spruch genommen, und in bezug auf diesen Punkt, auf ihre
Veteranen titel, können wir ihr zurufen, was Herr Dezamy
dem Herm Cabet zuruft: „Que monsieur Cabet ait bon courage:
avec tant de titres, il ne peut manquer d’obtenir bientôt ses 3»
invalides!“
Die Augsburgerin lebt von einem Rechnungsfehler, von einem
Anachronismus. Die Form, das einzige, was sie in früheren
Tagen besaß, selbst die Form, den parfum littéraire, hat sie ein¬
gebüßt, eine spießbürgerliche, breite und anmaßende Formlosig- as
keit ist an die Stelle getreten, und niemand wird die Platitude von
„Herm Puff“ und das Gleichnis von „einem Frosche, der sich
zum Ochsen aufgeblasen hat“, elegant finden, weil er dergleichen
in der A. A. Z. findet.
Der Ehescheidungsgesetzentwurf
[Kritik der Kritik]
[RhZ 15. Not. 1842. Nr. 319. — Red. Fußnote zu einem Artikel]
*) Vorstehende Kritik des Ehescheidungs-Gesetzentwurfes ist
s vom Standpunkte der rheinischen Jurisprudenz aus ent¬
worfen, wie die früher mitgeteilte Kritik (S. d. Beiblatt zu Nr. 310
d. Rhein. Ztg.) sich auf den Standpunkt der altpreußischen Juris¬
prudenz und ihre Praxis gestellt hatte. Es bleibt eine dritte Kritik,
die Kritik des vorzugsweise allgemeinen, des rechtsphilo-
iflsophischen Standpunktes, vorbehalten. Es wird nicht mehr
genügen, die einzelnen Scheidungsgründe pro und contra zu
prüfen. Es wird nötig sein, den Begriff der Ehe und die Kon¬
sequenzen dieses Begriffes zu entwickeln. Beide Aufsätze, die wir
bisher mitgeteilt, verwerfen gleichmäßig die Einmischung der Reli-
n gion in das Recht, ohne jedoch zu entwickeln, inwiefern das Wesen
der Ehe an und für sich selbst religiös sei oder nicht, ohne also
entwickeln zu können, wie der konsequente Gesetzgeber, der sich
nach dem Wesen der Dinge richtet und es keineswegs bei der
bloßen Abstraktion von einer Bestimmung dieses Wesens genügen
20 lassen kann, notwendig verfahren muß. Wenn der Gesetzgeber
nicht die menschliche Sittlichkeit, sondern die geistliche Heilig¬
keit als das Wesen der Ehe betrachtet, also an die Stelle der Selbst¬
bestimmung die Bestimmung von oben, an die Stelle der inneren
natürlichen Weihe eine übernatürliche Sanktion, an die Stelle
25 einer loyalen Unterwerfung in die Natur des Verhältnisses viel¬
mehr einen passiven Gehorsam gegen Gebote setzt, die über der
Natur dieses Verhältnisses stehen, kann man diesen religiösen Ge¬
setzgeber nun tadeln, wenn er auch der Kirche, welche dazu be¬
rufen ist, die Forderungen und Ansprüche der Religion zu reali-
35 sieren, die Ehe unterwirft und die weltliche Ehe unter die Ober¬
aufsicht der geistlichen Behörde stellt? Ist das nicht einfache und
notwendige Konsequenz? Man täuscht sich, wenn man den reli¬
giösen Gesetzgeber dadurch zu widerlegen glaubt, daß man dieser
oder jener seiner Bestimmungen ihren Widerspruch mit dem welt-
& liehen Wesen der Ehe nachweist. Der religiöse Gesetzgeber pole¬
misiert nicht gegen die Auflösung der weltlichen Ehe, er pole¬
misiert vielmehr gegen das weltliche Wesen der Ehe und sucht
sie von dieser Weltlichkeit teils zu reinigen, teils, wo dieses un-
316
Aus der Rheinischen Zeitung
möglich ist, dieser Weltlichkeit als einer bloß geduldeten Seite
jeden Augenblick ihre Schranken zu Gemüte zu führen und den
sündigen Trotz ihrer Konsequenzen zu brechen. Ganz unzureichend
ist aber der Standpunkt der rheinischen Jurisprudenz, der
auf scharfsinnige Weise in der oben mitgeteilten Kritik durch- s
geführt ist. Es ist unzureichend, die Ehe in zwei Wesen zu ver¬
teilen, in ein geistliches und in ein weltliches Wesen, so daß das
eine nur der Kirche und dem Gewissen der einzelnen Individuen,
das andere dem Staat und dem Rechtsbewußtsein der Staatsbürger
anzuweisen sei. Man hebt dadurch nicht den Widerspruch auf, u>
daß man ihr zwei verschiedene Sphären zuteilt, man schafft viel¬
mehr einen Widerspruch und eine ungelöste Kollision zwischen
diesen Lebenssphären selbst, und kann man den Gesetzgeber zum
Dualismus, kann man ihn zu einer doppelten Weltanschauung
verpflichten? Muß nicht der gewissenhafte Gesetzgeber, der auf n
religiösem Standpunkt steht, in der wirklichen Welt und in welt¬
lichen Formen zur einzigen Macht erheben, was er in der geist¬
lichen Welt und in religiösen Formen als die Wahrheit selbst weiß,
als die einzige Macht anbetet? Erscheint an diesem Punkte der
Grundmangel der rheinischen Jurisprudenz, ihre zwiespältige 20
Weltanschauung, welche durch eine Trennung des Gewissens und
des Rechtsbewußtseins auf oberflächliche Art die schwierigsten
Kollisionen nicht löst, sondern entzweihaut, welche die Welt des
Rechtes von der Welt des Geistes, daher das Recht vom Geiste, daher
die Jurisprudenz von der Philosophie scheidet, so hat sich in der 25
Opposition gegen das vorliegende Gesetz noch mehr die gänzliche
Haltungslosigkeit der altpreußischen Jurisprudenz auf die un¬
zweideutigste Weise manifestiert. Wenn es wahr ist, daß keine
Gesetzgebung die Sittlichkeit verordnen, so ist es noch wahrer, daß
keine Gesetzgebung sie als zu Recht gültig anerkennen kann. Das 30
Landrecht basiert auf einer Verstandesabstraktion, die, in sich
selbst inhaltslos, den natürlichen, rechtlichen, sittlichen Inhalt als
äußerliche, in sich selbst gesetzlose Materie aufnahm und nun
diese geist- und gesetzlose Materie nach einem äußeren Zweck zu
modeln, einzurichten und anzuordnen versuchte. Es behandelt«
die gegenständliche Welt nicht nach deren eingeborenen Gesetzen,
sondern nach willkürlichen, subjektiven Einfällen und nach
einer außer der Sache selbst stehenden Absicht. Die altpreußischen
Juristen haben nur wenig Einsicht in diese Natur des Landrechtes
gezeigt. Sie haben nicht sein Wesen, sondern einzelne Äußerlich- 4«
keiten seiner Existenz kritisiert. Sie haben daher auch nicht die
Art und Weise des neuen Ehescheidungs-Gesetzentwurfes, sondern
seine reformatorische Tendenz angefeindet. Sie haben in schlech¬
ten Sitten einen Beleg für schlechte Gesetze finden zu dürfen ver¬
meint. Wir verlangen von der Kritik vor allem, daß sie sich kri- «
Der Ehescheidungsgesetzentwurf
317
tisch zu sich selbst verhalte und die Schwierigkeit ihres Gegen¬
standes nicht übersehe.
Die Red. d. Rhein. Ztg.
Der Ehescheidungsgesetzentwurf
S [RhZ 19. Dez. 1842. Nr. 353]
** Köln, 18. Dez. Die „Rheinische Zeitung“ hat in bezug
auf den Ehescheidungs-Gesetzentwurf eine gänz¬
lich isolierte Stellung eingenommen, deren Unhaltbarkeit
ihr bis jetzt von keiner Seite nachgewiesen worden ist. Die „Rhei-
io nische Zeitung“ stimmt mit dem Entwürfe überein, soweit sie die
bisherige preußische Ehegesetzgebung für unsittlich, die bisherige
Unzahl und Frivolität der Scheidungsgründe für unzulässig, die
bisherige Prozedur nicht der Würde des Gegenstandes angemessen
findet, was übrigens von dem ganzen altpreußischen Gerichts-
is verfahren gelte. Dagegen machte die Rhein. Ztg. gegen den neuen
Entwurf folgende Haupteinwendungen: 1) Daß an die Stelle
einer Reform eine bloße Revision getreten, also das preu¬
ßische Landrecht als Fundamentalgesetz beibehalten worden, wo¬
durch eine große Halbheit und Unsicherheit entstanden sei;
so 2) daß die Ehe nicht als sittliche, sondern als religiöse
und kirchliche Institution von der Gesetzgebung behandelt,
also das weltliche Wesen der Ehe verkannt worden sei;
3) daß die Prozedur sehr mangelhaft und eine äußerliche Kompo¬
sition widersprechender Elemente sei; 4) daß einerseits polizei-
2$ liehe, dem Begriff der Ehe widersprechende Härten, andererseits
eine zu große Nachgiebigkeit gegen die sogenannten Billigkeits¬
gründe nicht zu verkennen seien; 5) daß die ganze Fassung des
Entwurfs an logischer Konsequenz, Präzision, Klarheit und
durchgreifenden Gesichtspunkten viel zu wünschen übrig lasse.
so Soweit die Gegner des Entwurfs einen dieser Mängel rügen,
stimmen wir daher mit ihnen überein, können dagegen ihre unbe¬
dingte Apologie des früheren Systems keineswegs billigen. Wir
wiederholen noch einmal unseren früher ausgesprochenen Satz:
„Wenn die Gesetzgebung die Sittlichkeit nicht verordnen, so kann
ss sie noch weniger die Unsittlichkeit als zu Recht gültig an¬
erkennen.“ Fragen wir, worauf das Räsonnement dieser Geg¬
ner (die nicht Gegner der kirchlichen Auffassung und der anderen
angegebenen Mängel sind) fußt, so sprechen sie uns beständig
von dem Unglücke der wider ihren Willen gebundenen Ehegatten.
so Sie stellen sich auf einen eudämonistischen Standpunkt, sie denken
nur an die zwei Individuen, sie vergessen die Familie, sie
vergessen, daß beinahe jede Ehescheidung eine Familienscheidung
Marx-EagelB*GeMmtau8gabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 26
318
Aus der Rheinischen Zeitung
ist und, selbst rein juristisch betrachtet, die Kinder und ihr Ver¬
mögen nicht von dem willkürlichen Belieben und seinen Einfällen
abhängig gemacht werden können. Wäre die Ehe nicht die Basis
der Familie, so wäre sie ebensowenig Gegenstand der Gesetz¬
gebung, als es etwa die Freundschaft ist. Jene berücksichtigen 5
also nur den individuellen Willen oder richtiger die Willkür
der Ehegatten, aber sie berücksichtigen nicht den Willen der
Ehe, die sittliche Substanz dieses Verhältnisses. Der Gesetzgeber
aber hat sich wie ein Naturforscher zu betrachten. Er macht
die Gesetze nicht, er erfindet sie nicht, er formuliert sie nur, er 110
spricht die inneren Gesetze geistiger Verhältnisse in bewußten po¬
sitiven Gesetzen aus. Wie man es nun als die maßloseste Willkür
dem Gesetzgeber vorwerfen müßte, sobald er an die Stelle des
Wesens der Sache seine Einfälle treten ließe, so hat doch wohl
der Gesetzgeber nicht minder das Recht, es als die maßloseste
Willkür zu betrachten, wenn Privatpersonen ihre Kapricen gegen
das Wesen der Sache durchsetzen wollen. Niemand wird ge¬
zwungen, eine Ehe zu schließen; aber jeder muß gezwungen wer¬
den, sobald er eine Ehe schließt, sich zum Gehorsam gegen die
Gesetze der Ehe zu entschließen. Wer eine Ehe schließt, der 20
macht, der erfindet die Ehe nicht, so wenig als ein Schwim¬
mer die Natur und die Gesetze des Wassers und der Schwere er¬
findet. Die Ehe kann sich daher nicht seiner Willkür, sondern
seine Willkür muß sich der Ehe fügen. Wer willkürlich die Ehe
bricht, der behauptet: die Willkür, das Gesetzlose ist d a s 25
Gesetz der Ehe, denn kein Vernünftiger wird die Anmaßung
besitzen, seine Handlungen für privilegierte Handlungen, für
Handlungen zu halten, die ihm allein zustehen, wird sie viel¬
mehr für gesetzmäßige, allen zustehende Handlungen
ausgeben. Wogegen opponiert ihr aber? Gegen Gesetzgebungen 30
der Willkür, aber ihr werdet doch nicht in demselben Moment
die Willkür zum Gesetze machen wollen, wo ihr den Gesetzgeber
der Willkür anklagt.
Hegel sagt: An sich,dem Begriffe nach, sei die Ehe un¬
trennbar, aber nur an sich, d. h. nur ihrem Begriffe nach. Es 35
ist damit nichts Eigentümliches über die Ehe gesagt. Alle
sittlichen Verhältnisse sind ihrem Begriffe nach unauflös¬
lich, wie man sich leicht überzeugen kann, wenn man ihre Wahr¬
heit voraussetzt. Ein wahrer Staat, eine wahre Ehe, eine
wahre Freundschaft sind unauflöslich, aber kein Staat, keinem
Ehe, keine Freundschaft entsprechen durchaus ihrem Begriffe, und
wie die wirkliche Freundschaft sogar in der Familie, wie der wirk¬
liche Staat in der Weltgeschichte, so ist die wirkliche Ehe im
Staate auflösbar. Keine sittliche Existenz entspricht,
oder muß wenigstens nicht ihrem Wesen entsprechen. Wie «
Der Ehescheidungsgesetzentwurf
319
nun in der Natur von selbst die Auflösung und der Tod da er¬
scheint, wo ein Dasein seiner Bestimmung durchaus nicht mehr
entspricht, wie die Weltgeschichte entscheidet, ob ein Staat so sehr
mit der Idee des Staats zerfallen ist, daß er nicht weiterzubestehen
5 verdient, so entscheidet der Staat, unter welchen Bedingungen eine
existierende Ehe aufgehört hat, eine Ehe zu sein. Die Ehe¬
scheidung ist nichts als die Erklärung: diese Ehe ist eine ge¬
storbene Ehe, deren Existenz nur Schein und Trug ist. Es ver¬
steht sich von selbst, daß weder die Willkür des Gesetzgebers
10 noch die Willkür der Privatpersonen, sondern nur das Wesen
der Sache entscheiden kann, ob eine Ehe gestorben ist oder
nicht, denn eine Todeserklärung hängt bekanntermaßen
vom Tatbestand und nicht von den Wünschen der beteiligten
Parteien ab. Wenn ihr aber bei dem physischen Tod
15 prägnante unverkennbare Beweise verlangt, sollte nicht der Ge¬
setzgeber nur nach den untrüglichsten Symptomen einen sitt¬
lichen Tod konstatieren dürfen, da das Leben der sittlichen
Verhältnisse zu konservieren nicht nur sein Recht, sondern auch
seine Pflicht, die Pflicht seiner Selbsterhaltung ist!
2o Die Sicherheit, daß die Bedingungen, unter denen
die Existenz eines sittlichen Verhältnisses seinem Wesen
nicht mehr entspricht, treu, dem Stande der Wissenschaft und der
allgemeinen Einsicht angemessen, ohne vorgefaßte Meinungen
konstatiert werden, wird allerdings nur dann vorhanden sein, wenn
25 das Gesetz der bewußte Ausdruck des Volkswillens, also mit ihm
und durch ihn geschaffen ist. Über die Erleichterung oder Er¬
schwerung der Ehescheidung fügen wir noch ein Wort hinzu:
Haltet ihr einen Naturkörper für gesund, für fest, für wahrhaft
organisiert, wenn jeder äußere Anstoß, jede Verletzung ihn auf-
3o heben wird? Würdet ihr euch nicht für beleidigt halten, wenn
man als Axiom aufstellte, eure Freundschaft könne den kleinsten
Zufällen nicht widerstehen und müsse vor jeder Grille sich auf¬
lösen? Der Gesetzgeber kann aber hinsichtlich der Ehe nur be¬
stimmen, wann sie aufgelöst werden darf, also ihrem Wesen
3s nach aufgelöst ist. Die richterliche Auflösung kann nur eine
Protokollierung der inneren Auflösung sein. Der Gesichtspunkt
des Gesetzgebers ist der Gesichtspunkt der Notwendigkeit. Der
Gesetzgeber ehrt also die Ehe, erkennt ihr tiefes sittliches
Wesen an, wenn er sie für mächtig genug hält, viele Kollisionen
*o bestehen zu können, ohne sich selber einzubüßen. Die Weichheit
gegen die Wünsche der Individuen würde in eine Härte gegen das
Wesen der Individuen, gegen ihre sittliche Vernunft, die sich in
sittlichen Verhältnissen verkörpert, umschlagen.
Schließlich können wir es nur eine Übereilung nennen, wenn
*5 die Länder der strengen Ehescheidung, zu denen das
26*
320
Aus der Rheinischen Zeitung
Rheinland stolz ist sich zu zählen, von manchen Seiten der
Heuchelei beschuldigt werden. Nur ein Gesichtskreis, der
über die ihn umgebende Sittenverderbnis nicht hinausreicht, kann
dergleichen Anschuldigungen wagen, die man z. B. in der Rhein¬
provinz lächerlich findet und höchstens als einen Beweis hin- &
nimmt, wie selbst die Vorstellung sittlicher Verhältnisse
verloren gehen und jede sittliche Tatsache als ein Märchen
und eine Lüge verstanden werden kann; was die unmittelbare
Konsequenz solcher Gesetze ist, welche nicht die Hochachtung vor
dem Menschen diktiert hat, ein Fehler, der dadurch nicht auf-10
gehoben wird, daß man von der materiellen Verachtung zu der
ideellen Verachtung übergeht und statt der bewußten Unter¬
werfung unter sittlich-natürliche Mächte einen bewußtlosen Ge¬
horsam gegen eine übersittliche und übernatürliche Autorität
verlangt. 15
[Über die ständischen Ausschüsse in Preußen]
Die Beilage zu Nr. 335 und 336 der A. A. Z. über die
ständischen Ausschüsse in Preußen
[RhZ 11. Dez. 1842. Nr. 345]
5 ** Köln, 10. Dez. In der Beilage zu Nr. 335 der A. A. Z.
findet sich ein nicht uninteressanter Aufsatz über die ständischen
Ausschüsse in Preußen. Da wir ihn der Kritik unterwerfen wollen,
müssen wir zunächst eine einfache, aber nichtsdestoweniger von
einer leidenschaftlichen Parteipolemik oft übersehene Maxime an
10 die Spitze stellen. Die Darstellung einer Staatsinstitution ist nicht
die Staatsinstitution selbst. Eine Polemik gegen diese Darstellung
ist daher auch keine Polemik gegen die Staatsinstitution. Die
konservative Presse, die jeden Augenblick daran erinnert, daß die
Auffassung der kritischen Presse als eine nur individuelle Mei-
15 nung und Entstellung der Wirklichkeit zu verwerfen sei, vergißt
jeden Augenblick, daß sie selbst nicht die Sache, sondern nur
eine Meinung über die Sache, also der Kampf mit ihr nicht immer
ein Kampf mit ihrem Gegenstände ist. Jeder Gegenstand, werde er
lobend oder tadelnd in die Presse eingeführt, wird zu einem lite-
2o rarischen Gegenstand, also zu einem Gegenstand der literarischen
Diskussion.
Das eben ist es, was die Presse zum mächtigsten Hebel der
Kultur und der geistigen Volksbildung macht, daß sie den stoff¬
lichen Kampf in einen ideellen Kampf, den Kampf von Fleisch
25 und Blut in einen Geisterkampf, den Kampf des Bedürfnisses,
der Begierde, der Empirie in einen Kampf der Theorie, des Ver¬
standes, der Form verwandelt.
Der quästionierte Aufsatz führt die Ausstellungen gegen die
Institution der ständischen Ausschüsse auf zwei Hauptpunkte
3o zurück, auf Ausstellungen gegen ihre Zusammensetzung und auf
Ausstellungen gegen ihre Bestimmung.
Wir müssen es nun gleich als einen logischen Grundmangel
rügen, daß zunächst über die Zusammensetzung diskutiert und
die Untersuchung über die Bestimmung für einen folgenden Ar-
35 tikel verspart wird. Die Zusammensetzung kann nichts anderes
sein als der äußere Mechanismus, der in der Bestimmung seine
leitende und ordnende Seele besitzt. Wer wird aber über die
zweckmäßige Zusammensetzung einer Maschine urteilen wollen,
ehe er die Bestimmung der Maschine untersucht und erkannt hat?
322
Aus der Rheinischen Zeitung
Es wäre möglich, daß die Zusammensetzung der Ausschüsse der
Kritik unterliegt, weil sie ihrer Bestimmung entspricht, indem
eben diese Bestimmung nicht als eine wahrhafte Bestimmung an¬
zuerkennen; es wäre möglich, daß die Zusammensetzung der Aus¬
schüsse anerkennenswert, weil sie ihrer Bestimmung nicht ent- 5
spricht und über dieselbe hinausgeht. Dieser Gang der Darstellung
ist also ein erster Fehler, aber ein erster Fehler, der die ganze
Darstellung zu einer verfehlten macht.
Man habe, sagt der quäst. Artikel, fast von allen Seiten
mit bemerkenswerter Übereinstimmung darüber geklagt, daß 10
„vorherrschend nur das Grundeigentum mit dem Rechte ständischer
Vertretung bedacht worden sei“. Dagegen sei einerseits auf den
Aufschwung der Industrie, andererseits „mit noch größerer
Emphase“ auf die Intelligenz und „das Recht derselben zur Teil¬
nahme an der ständischen Vertretung“ hingewiesen worden. 25
Wenn aber nach dem organischen Gesetze über die Provinzial¬
stände das Grundeigentum zur Bedingung der Standschaft ge¬
macht werde, eine Disposition, die folgerechterweise auf die aus
der Mitte der Provinzialstände gebildeten ständischen Ausschüsse
übergegangen sei, so bilde das Grundeigentum wenn auch die 20
allgemeine Bedingung, dennoch keineswegs den einzigen Ma߬
stab für die Teilnahme an dem Recht der ständischen Repräsen¬
tation. Auf einer Verwechslung jener beiden wesentlich ver¬
schiedenen Prinzipien beruhten aber „zum großen Teil die leb¬
haften Einwendungen, welche gegen die Zusammensetzung der 25
ständischen Ausschüsse erhoben worden seien“.
Der Grundbesitz vertritt alle Stände. Das ist ein Faktum,
welches der Verfasser zugibt, allein, fügt er hinzu, nicht der
Grundbesitz schlechthin, nicht der abstrakte Grundbesitz, sondern
der Grundbesitz mit gewissen Nebenumständen, der Grundbesitz 30
von einem gewissen Charakter. Der Grundbesitz ist die allgemeine
Bedingung der ständischen Vertretung, aber er ist nicht die ein¬
zige Bedingung.
Wir stimmen vollkommen mit dem Verfasser überein, wenn
er behauptet, daß die hinzutretenden Bedingungen das allgemeine 35
Prinzip der Vertretung durch den Grundbesitz wesentlich
alterieren, aber wir müssen zugleich behaupten, daß die Gegner,
welche schon das allgemeine Prinzip zu beschränkt glauben, sich
keineswegs widerlegt finden dürften durch den Nachweis, daß
man dies an sich beschränkte Prinzip noch nicht für beschränkt to
genug, sondern weitere, seinem Wesen fremde Schranken hinzu¬
zufügen für notwendig erachtet habe. Wenn wir von den ganz all¬
gemeinen Erfordernissen des unbescholtenen Rufes, des dreißig¬
jährigen Lebensalters abstrahieren, wobei die erstere sich einer¬
seits von selbst versteht, andererseits einer zu unbestimmten Deu- «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen
323
tung unterliegt, so sind die folgenden speziellen Bedingungen:
„1) die zehnjährige Nichtunterbrechung des Grundbesitzes; 2) die
Gemeinschaft mit einer christlichen Kirche; 3) der Besitz eines
vormals unmittelbaren Landes für den ersten Stand; 4) der Be-
5 sitz eines reichsritterschaftlichen Gutes für den zweiten Stand;
5) die Magistratur oder die Betreibung eines bürgerlichen Ge¬
werbes für den Stand der Städte; 6) die Selbstbewirtschaftung
des Gutes als Hauptgewerbe für den vierten Stand“, so sind diese
Bedingungen keine Bedingungen, welche aus dem Wesen des
io Grundbesitzes hervorgehen, sondern Bedingungen, welche aus
ihm fremden Rücksichten ihm fremde Grenzen hinzufügen, welche
sein Wesen beschränken, statt es zu verallgemeinern.
Nach dem allgemeinen Prinzip der Vertretung durch Grund¬
besitz wäre kein Unterschied zwischen jüdischem und christlichem
i& Grundbesitz, zwischen dem Grundbesitz eines Advokaten und
dem Grundbesitz eines Kaufmanns, zwischen zehnjährigem und
einjährigem Grundbesitz zu entdecken. Nach diesem allgemeinen
Prinzip existieren sämtliche aufgezählten Unterscheidungen
nicht. Fragen wir also, was der Verfasser nachgewiesen hat, so
so können wir nur antworten: Die Beschränkung der allgemeinen Be¬
dingung des Grundbesitzes durch besondere Bedingungen, die
nicht im Wesen des Grundbesitzes liegen, durch Rücksichten auf
den Ständeunterschied.
Und der Verfasser gibt zu: „In nahem Zusammenhänge steht
25 die von vielen Seiten vernommene Klage darüber, daß auch bei
diesen ständischen Ausschüssen in angeblichem Widerspruche mit
dem gegenwärtigen Zustande unserer sozialen Verhältnisse und
mit den Forderungen des Zeitgeistes der nur der Vergangenheit
angehörige Ständeunterschied wieder hervorgesucht und als Prin-
3o zip der ständischen Organisation in Anwendung gebracht wor¬
den sei.“
Der Verfasser untersucht nicht, ob die allgemeine Bedingung
des Grundbesitzes nicht der Vertretung der Stände widerspreche
oder sie sogar unmöglich mache! Es hätte ihm sonst schwerlich
35 entgehen können, daß eine Bedingung, welche nur das Wesen des
Bauernstandes bildet, bei einer konsequenten Verfolgung des
ständischen Prinzips unmöglich zur allgemeinen Bedingung der
Vertretung der übrigen Stände gemacht werden könne, deren Da¬
sein auf keine Weise durch den Grundbesitz bedingt ist. Die Ver-
4o tretung der Stände kann doch nur durch den wesentlichen Unter¬
schied der Stände, also durch nichts, was außer diesem Wesen
liegt, bestimmt werden. Wenn also das Prinzip der Vertretung
des Grundbesitzes durch die besonderen Standesrücksichten, so
wird dies Prinzip der Standesvertretung durch die allgemeine Be-
45 dingung des Grundbesitzes auf gehoben, und keines dieser Prinzipien
324
Aus der Rheinischen Zieitung
kömmt zu seinem Rechte. Der Verfasseer untersucht ferner nicht,
ob der in der fraglichen Institution vorausgesetzte Unterschied
der Stände die Stände der Vergangeniheit oder die Stände der
Gegenwart charakterisiert, wenn selbst ein Unterschied der Stände
angenommen wird. Statt dessen besprächt er den Ständeunter- 5
schied überhaupt. Es werde so wenig geliingen, ihn zu vertilgen, „als
den in der Natur vorhandenen Untersclhied der Elemente zu ver¬
nichten und zur chaotischen Einheit zuriiickzufiihren“. Man könnte
dem Verfasser antworten: So wenig es j<emandem einfallen werde,
den Unterschied der Naturelemente zu wemichten und zur chaoti-10
sehen Einheit zurückzuführen, so wenig wolle man den Unterschied
der Stände vertilgen; aber man mülßte zugleich den Verfasser
auf fordern, der Natur ein angestrengtteres Studium zu widmen
und sich von der ersten sinnlichen Wahrnehmung der verschie¬
denen Elemente zur vernünftigen Wahrmehmung des organischen is
Naturlebens zu erheben. Statt des Gespenstes einer chaotischen
Einheit würde ihm der Geist einer lebemdigen Einheit erscheinen.
Selbst die Elemente verharren nicht iin ruhiger Trennung. Sie
verwandeln sich beständig ineinander, und dieser Wandel allein
bildet die erste Stufe des physischen Erdenlebens, den meteoro- 20
logischen Prozeß. Im lebendigen Organismus mm gar ist jede
Spur der verschiedenen Elemente als solcher verschwunden. Der
Unterschied existiert nicht mehr im gcetrennten Dasein der ver¬
schiedenen Elemente, sondern in der leibendigen Bewegung unter¬
schiedener Funktionen, die alle von eimem und demselben Leben 25
begeistet sind, so daß ihr Unterschied jselbst nicht diesem Leben
fertig vorangeht, sondern vielmehr aus ilhm selbst beständig hervor¬
geht und ebenso beständig in ihm versschwindet und paralysiert
wird. So wenig nun die Natur bei dem vorhandenen Elementen
stehen bleibt, vielmehr schon auf der untersten Stufe ihres Lebens 3t
diese Verschiedenheit als ein bloßes, sinnliches Phänomen be¬
weist, das keine geistige Wahrheit besitzet, so wenig darf und kann
der Staat, dieses natürliche Geisterreicch, in einer Tatsache dei
sinnlichen Erscheinung sein wahres Wesen suchen und finden.
Der Verfasser hat daher die „göttliche? Weltordnung“ nur ober- 3i
Sächlich ergründet, wenn er bei dem Umterschiede der Stände als
ihrem letzten und entscheidenden Resulltate stehen blieb.
Aber, meint der Verfasser, es „ist aiber dafür zu sorgen, daß
das Volk nicht als eine rohe, unorganische Masse in Be¬
wegung gesetzt wird“. Es könne daher „micht davon die Rede sein.
ob überhaupt Stände existierem sollen, sondern nur da¬
von: festzustellen, inwieweit und in wekchem Verhältnis die vor¬
handenen Stände zur Teilnahme am der politischen Wirksam¬
keit berufen sind“. Es fragt sich hier aillerdings nicht, inwiefern
die Stände existieren, sondern es fragtt sich, inwiefern sie ihre*
Die ständiscbhen Ausschüsse in Preußen
325
Existenz bis in die höchstte Sphäre des Staatslebens fortsetzen
sollen. So unpassend es wäre, das Volk als rohe, unorganische
Masse in Bewegung zu setzzen, so wenig wird eine organische Be¬
wegung erreicht, wenn es i mechanisch in feste und abstrakte Be-
5 standteile aufgelöst und won diesen unorganischen, gewaltsam
fixierten Teilen eine selbstäindige Bewegung, die nur konvulsivisch
sein kann, verlangt wird. D)er Verfasser geht von der Ansicht aus,
daß das Volk außer einigçen willkürlich aufgegriffenen Stände¬
unterschieden als eine rohie, unorganische Masse im wirklichen
10 S t a a t e vorhanden sei. lEr kennt also keinen Organismus des
Staatslebens selbst, sonderm nur ein Nebeneinander heterogener
Teile, die der Staat auf einee oberflächliche und mechanische Weise
umspannt. Aber seien wir’ aufrichtig. Wir verlangen nicht, daß
man bei der Volksvertretung von den wirklich vorhandenen Unter-
16 schieden abstrahiere, wir verlangen vielmehr, daß man an die
wirklichen, durch die innerce Konstruktion des Staats geschaffenen
und bedingten Unterschiedle anknüpft und nicht aus dem Staats¬
leben in eingebildete Sphiären zurückfalle, die das Staatsleben
längst ihrer Bedeutsamkeitt beraubt hat. Und nun werfe man auf
20 die allen bekannte, allen oiffenbare Wirklichkeit des preußischen
Staats einen Blick. Die wrahren Sphären, nach denen der Staat
regiert, gerichtet, verwaltet^, besteuert, einexerziert, geschult wird,
in denen seine ganze Bewegung vorgeht, es sind Kreise, Land¬
gemeinden, Regierungen, IProvinzialregierungen, Militärabteilun-
25 gen, aber es sind nicht die^ vier Kategorien von Ständen, welche
vielmehr in diesen höherem Einheiten bunt ineinander übergehen
und nicht von dem Leben sselbst, sondern nur von Akten und Re¬
gistern unterschieden werdlen. Und jene Unterscheidungen, die
jeden Augenblick in der lEinheit des Ganzen durch ihr eigenes
ao Wesen aufgehen, sie sind ffreie Schöpfungen aus dem Geiste des
preußischen Staats, aber site sind keine von blinder Naturnotwen¬
digkeit und von dem Aufllösungsprozeß einer vergangenen Zeit
der Gegenwart aufgedränggte Rohstoffe! Sie sind Glieder, aber
keine Teile, sie sind Bewœgungen, aber keine Stände, sie sind
35 Unterscheidungen der EinHieit, aber sie sind keine Einheiten des
Unterschieds. So wenig umser Verfasser nun wird behaupten
wollen, daß etwa die größte Bewegung, wodurch der preußische
Staat täglich in ein stehendles Heer und eine Landwehr übergeht,
die Bewegung einer rohem, unorganischen Masse sei, so wenig
oo wird er es von einer Volkssvertretung behaupten dürfen, die auf
ähnliche Prinzipien fundieîrt ist. Wir wiederholen noch einmal.
Wir verlangen nur, daß cder preußische Staat sein wirkliches
Staatsleben nicht bei einer Sphäre abbricht, welche die bewußte
Blüte dieses Staatslebens seiin soll, wir verlangen nur konsequente
os und allseitige Ausführung der preußischen Fundamental-Institu-
326
Aus der Rheinischen Zeitung
tionen, wir verlangen, daß man nicht plötzlich das wirkliche orga¬
nische Staatsleben verlasse, um in unwirkliche, mechanische,
untergeordnete, unstaatliche Lebenssphären zuriickzusinken. Wir
verlangen, daß der Staat sich nicht in dem Akt auflöse, welcher
der höchste Akt seiner inneren Einigung sein soll. Wir werden die s
weitere Kritik des quäst. Aufsatzes in einem folgenden Artikel
geben.
[RhZ 20. Dez. 1842. Nr. 354]
** Köln, 19. Dez. Der Verfasser will seinem Standpunkte
gemäß feststellen: „inwieweit die vorhandenen Stände zur Teil- w
nähme an der politischen Wirksamkeit berufen sind“. Unser Ver¬
fasser untersucht nicht, wie schon bemerkt, inwieweit die im Wahl¬
gesetz vorausgesetzten Stände die vorhandenen Stände,
inwieweit überhaupt Stände vorhanden sind; er macht vielmehr
zur Grundlage seiner Untersuchung eine Tatsache, deren Beweis n
das Hauptgeschäft seiner Untersuchung bilden mußte, und argu¬
mentiert also weiter:
„Die Bestimmung der Ausschüsse ist sowohl in den Verordnungen vom
21. Juni 1. J. über deren Bildung als auch in der Königlichen Kabinettsordre vom
19. August über deren Zusammenberufung zu einem Zentralausschuß so deutlich aus* 20
gesprochen, daß darüber durchaus kein Zweifel obwalten kann. Es soll nach den
Worten der obenerwähnten Kabinettsordre der ständische Beirat der ein¬
zelnen Provinzen durch ein Element der Einheit ergänzt werden. Hiernach ist also
zunächst die allgemeine Bestimmung der ständischen Ausschüsse insofern dieselbe
wie die der Provinzialstände selbst, als es sich dabei gleichfalls um eine beratende 25
Mitwirkung bei Öffentlichen Angelegenheiten und insbesondere beim Geschäft der
Gesetzgebung handelt, und dagegen besteht das Charakteristische der denselben an¬
gewiesenen Wirksamkeit in deren Zentralisation. Somit wäre es bei den Bedenken,
welche gegen die Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse erhoben worden sind,
darum zu tun gewesen, nachzuweisen, inwiefern in deren Vereinigung zu einem 30
Zentralausschusse Gründe enthalten sind, weshalb die Elemente, aus denen man
dieselben gebildet, der Bestimmung ihrer zentralen Tätigkeit nicht zu entsprechen
vermögen. Anstatt solchen Beweis zu versuchen, hat man es bei der bloßen Versiche¬
rung bewenden lassen, die Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse (welche auf
demselben Prinzip beruht wie die der Provinzialstände) möchte wohl genügen zur 3$
Beratung über untergeordnete Provinzialinteressen, nicht aber für eine den ganzen
Staat umfassende ständische Wirksamkeit. Hiermit im Widerspruch wurden dann die
erwähnten Beschwerden vorgetragen, welche, wenn sie begründet wären, auch auf die
Provinzialstände ihre Anwendung finden würden.“
Wir haben gleich von vornherein auf das Unlogische aufmerk- 40
sam gemacht, die Zweckmäßigkeit der Zusammensetzung
der ständischen Ausschüsse untersuchen zu wollen, bevor man ihre
Bestimmung kritisiert hat. Es konnte nicht fehlen, unser Verfasser
setzt in einem unbewachten Augenblick die Zweckmäßigkeit der
„Bestimmung“ voraus, um die Zweckmäßigkeit der „Zusammen- «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen
327
Setzung“ folgern zu können. Er sagt uns, die Bestimmung der
Ausschüsse sei klar!
Die Klarheit, diese formelle Korrektheit der „Bestimmung“
zugegeben, ist damit ihr Inhalt und die Wahrheit dieses Inhalts
fauch nur berührt? Die Ausschüsse, sagt unser Verfasser,
unterscheiden sich nur durch die „Zentralisation“ von den „Pro¬
vinzialständen“. Es sei also nachzuweisen, „inwiefern in deren
Vereinigung zu einem Zentralausschusse Gründe enthalten
sind, weshalb die Elemente, aus denen man dieselben gebildet, der
10 Bestimmung ihrer zentralen Tätigkeit nicht zu entsprechen ver¬
mögen.“ Wir müssen diese Forderung als unlogisch abweisen.
Es fragt sich nicht, inwiefern in der Vereinigung der Provinzial¬
stände zu einem Zentralausschusse Gründe enthalten sind, wes¬
halb ihre Bildungselemente der Bestimmung der zentralen Tätig-
15 keit nicht zu entsprechen vermögen, sondern umgekehrt, es fragt
sich, inwiefern in den provinzialständischen Bildungselementen
Gründe enthalten sind, welche eine wahrhafte Vereinigung zu
einem wirklichen Zentralausschuß, also auch eine wahrhaft
zentrale Tätigkeit paralysieren. Die Vereinigung kann nicht
20 die Bildungselemente, aber die Bildungselemente können die
Vereinigung unmöglich machen. Setzt man aber eine wirk¬
liche Vereinigung, eine wahrhafte Zentralisation voraus, so
verliert die Frage nach der Möglichkeit der zentralen Tätigkeit
allen Sinn, denn die zentrale Tätigkeit ist nur die Äußerung,
25 die Folge, die Lebendigkeit einer wahrhaften Zentralisation. Ein
zentraler Ausschuß schließt von selbst eine zentrale Tätigkeit
ein. Wie beweist nun der Verfasser die Angemessenheit der Bil¬
dungselemente der Provinzialstände zu Zentralausschüssen! Wie
beweist er also das wirkliche, nicht illusorische Dasein eines
30 Zentralausschusses!
Er sagt: „Wenn sie begründet wären (die gegen die Zusammen¬
setzung der Ausschüsse vorgebrachten Beschwerden), so würden
sie auch auf die Provinzialstände ihre Anwendung finden.“ Aller¬
dings, denn es wTird ja eben behauptet, diese Elemente seien keine
3s geeigneten Elemente zu einem zentralen Ganzen. Der Verfasser
kann doch damit seine Gegner nicht widerlegt glauben, daß er sich
selbst ihre Einwendungen erst zum Bewußtsein bringt und for¬
muliert?
Statt sich damit zu begnügen, daß die Beschwerden gegen die
to Zusammensetzung der ständischen Ausschüsse Beschwerden
gegen die Zusammensetzung der Provinzialstände sind, mußte
der Verfasser vielmehr nachweisen, inwiefern die Einwendungen
gegen die Provinzialstände aufhören, Einwendungen gegen die
ständischen Ausschüsse zu sein. Der Verfasser mußte sich nicht
35 fragen, wodurch die ständischen Ausschüsse einer zentralen Wirk¬
328
Aus der Rheinischen Zeitung
samkeit nicht entsprechen, sondern er mußte sich fragen, wo¬
durch sie zu einer zentralen Wirksamkeit befähigt sein sollen?
Es ist in diesen Blättern weitläufig und an konkreten Beispielen
dargetan worden, wie wenig die Provinzialstände zu einer Be¬
teiligung an der Gesetzgebung (bestehe sie nun in Beirat oder s
in der Be i t a t, was einen Unterschied in der Macht, aber
keineswegs in der Fähigkeit der Landstände bilden kann)
berufen sind. Es kommt ferner hinzu, daß die Ausschüsse nicht
einmal aus den Provinziallandtagen als moralischen Personen,
sondern vielmehr aus den in ihre mechanischen Teile aufgelösten m
Provinziallandtagen hervorgehen. Nicht der Landtag wählt, son¬
dern die verschiedenen, isolierten Teile des Landtags wählen jeder
für sich ihre Ausschußdeputierten. Diese Wahl beruht also auf
einer mechanischen Auflösung des Landtagskörpers in seine ein¬
zelnen Bestandteile, auf einer itio in partes. Dadurch wird es 15
möglich, daß nicht die Majorität, sondern die Minorität des Land¬
tags in den Ausschüssen vertreten ist, denn ein Deputierter der
Ritterschaft kann z. B. in seinem Stande die Majorität haben, so
wenig er die Majorität des Landtags hat, da diese vielleicht eben
durch das Hinzutreten der Minorität des Ritterstandes zu dem 20
Stande der Städte oder der Bauern gebildet wird. Die Einwen¬
dungen gegen die Zusammensetzung des Landtags fallen also
nicht einfach, sondern verdoppelt auf die Ausschüsse zurück,
indem hier der einzelne Stand dem Einfluß des Ganzen entzogen
und in seine besonderen Schranken zurückgetrieben wird. Doch 25
wir sehen selbst hiervon ab.
Wir gehen von einer Tatsache aus, die der Verfasser unstreitig
zugeben wird. Wir nehmen an, die Zusammensetzung der Pro¬
vinzialstände entspreche durchaus ihrer Bestimmung, also der
Bestimmung, ihre besonderen Provinzialinteressen w
von dem Standpunkte ihrer besonderen Standesinter-
essen zu vertreten. Dieser Charakter der Landtage wird der
Charakter jeder ihrer Handlungen, also auch der Charakter
ihrer Wahlen zu den Ausschüssen, wird der Charakter der
Ausschußdeputierten selbst sein, denn ein Landtag, «
der seiner Bestimmung entspricht, wird doch wohl in seiner wich¬
tigsten Handlung, wird doch wohl in den selbsterwählten
Repräsentanten seiner Bestimmung treubleiben. Welches neue
Element verwandelt nun plötzlich die Vertreter der Provinzial¬
interessen in Vertreter der Staatsinteressen und verleiht ihrer *0
besonderen Tätigkeit das Wesen einer allgemeinen
Tätigkeit? Offenbar kein anderes Element als der gemein¬
schaftliche Ort der Zusammenkunft. Ist aber der bloße
abstrakte Raum imstande, einem Manne von Charakter einen
neuen Charakter zu geben und sein geistiges Wesen chemisch zu w
Die ständischen Aasschüsse in Preußen
329
zersetzen? Man würde dem materiellsten Mechanismus huldigen,
wollte man dem bloßen Raume eine solche organisierende Seele
zumuten, nun besonders, da in der Ausschußversammlung die
vorhandene Besonderung auch räumlich anerkannt und dar-
5 gestellt wird.
Wir können nach dem bisherigen die weiteren Gründe, womit
unser Verfasser die Zusammensetzung der Ausschüsse recht¬
fertigen will, nur als Versuche zur Rechtfertigung der Zu¬
sammensetzung der Provinzialstände [ansehen].
10 [RhZ 31. Dez. 1842. Nr. 365]
** Köln, 30. Dez. Der Lobredner der ständischen Ausschüsse
in der Augsburger Allgemeinen Zeitung verteidigt, wie wir in
einem früheren Artikel gezeigt haben, nicht die Zusammensetzung
der ständischen Ausschüsse, sondern die Zusammensetzung
15 der Provinziallandtage.
Es erscheint ihm „befremdlich, die Intelligenz als ein der
ständischen Vertretung bedürftiges besonderes Ele¬
ment neben der Industrie und dem Grundeigentum angeführt zu
finden“. Wir freuen uns, einmal mit dem Verfasser übereinstim-
20 men und uns darauf beschränken zu können, seine Worte nicht zu
widerlegen, sondern zu erklären. Worauf reduziert sich diese Be¬
fremdung über jene Intelligenzgelüste? Die Intelligenz sei k e i n
Element der ständischen Vertretung, oder glaubt man etwa, der
quäst. Art. behaupte nur, sie sei kein besonderes Element?
25 Allein die ständische Vertretung kennt nur besondere Elemente,
die nebeneinander bestehen. Was also kein besonderes Ele¬
ment ist, ist kein Element der ständischen Vertretung. Der quäst.
Artikel bezeichnet ganz richtig die Art und Weise, wie die Intelli¬
genz in eine ständische Vertretung tritt, als „die allgemeine
3o Eigenschaft intelligenter Wesen“, also nicht als besondere
Eigenschaft der ständischen Vertreter, denn eine Eigenschaft,
die ich mit allen gemein habe und in einem allen gemeinen Grade
besitze, bildet nicht meinen Charakter, nicht meinen Vorzug, nicht
mein besonderes Wesen. In einer Naturforscher-Versammlung ge-
35 nügt es nicht, die „allgemeine Eigenschaft“ eines intelligenten
Wesens zu teilen, aber in einer Ständeversammlung genügt es,
die Intelligenz als eine allgemeine Eigenschaft zu besitzen, zu
dem naturgeschichtlichen Genus1) der „intelligenten Wesen“ zu
gehören.
*o Zu dem Landstand muß die Intelligenz als allgemeine mensch-
lische Eigenschaft, aber zu dem Menschen muß nicht die Intelli-
9 In RhZ Genius
330
Aus der Rheinischen Zeitung
genz als besondere landständische Eigenschaft hhinzutreten, das
heißt, die Intelligenz macht den Menschen nicht zzum Landstand,
sondern sie macht den Landstand nur zum Menscthen. Daß damit
der Intelligenz keine besondere Stellung auf denn Landtage ein¬
geräumt ist, wird unser Verfasser zugeben. Jede Zeitungsannonce «
ist eine Tatsache der Intelligenz. Wer wollte (deshalb in den
Annoncen die Repräsentanten der Literatur aufsucbhen? Der Acker
kann nicht sprechen, sondern nur der Ackerbesittzer. Der Acker
muß daher in einer intelligenten Form auftreten, i um sich geltend
zu machen; die Wünsche, die Interessen sprechen! nicht, sondern 10
nur der Mensch spricht; verliert deshalb Acker, Intteresse, Wunsch
seine Beschränktheit, weil er als menschliches Weesen, als intelli¬
gentes Wesen sich geltend machte? Es handelt siech nicht um die
bloße Form, es handelt sich um den Inhalt (der Intelligenz.
Wenn die Intelligenz, was wir dem Verfasser gemee zugeben, nicht w
nur keiner ständischen Vertretung, sondern sogar einer nichtstän¬
dischen Vertretung bedarf, so bedarf umgekehrtt die ständische
Vertretung der Intelligenz, aber nur einer sehr beeschränkten In¬
telligenz, wie jeder Mensch so viel Verstand nöttig hat, als hin¬
reicht, seine Absichten und Interessen durchzuseetzen, wodurch 20
noch keineswegs seine Absichten und Interessen zur Absichten und
Interessen „des Verstandes“ werden.
Die nützliche Intelligenz, die für ihren Herd! kämpft, unter¬
scheidet sich wohl von der freien Intelligenz, »die trotz ihrem
Herd das Rechte durchzukämpfen weiß. Es ist einte andere Intelli- 25
genz, die einem bestimmten Zwecke, einem besstimmten Stoffe
dient, und es ist eine andere Intelligenz, die jeden Stoff beherrscht
und nur sich selbst dient.
Der Verfasser will also nur sagen: die Intellligenz ist keine
ständische Eigenschaft; er fragt nicht, ob der Staind eine intelli- 30
gente Eigenschaft ist! Er tröstet sich damit, daß die Intelligenz
eine allgemeine Eigenschaft des Standes, aber er wersagt uns den
tröstlichen Beweis, daß der Stand eine besondere lEigenschaft der
Intelligenz ist!
Es ist ganz konsequent, nicht nur nach 'den Prinzipien35
unseres Verfassers, sondern nach den Prinzipien! der ständi¬
schen Vertretung, wenn er die Frage nach (dem Rechte der
Vertretung „der Intelligenz“ auf den Landtagen ini die Frage nach
dem Rechte der Vertretung der gelehrtenStän<de, der Stände,
welche die Intelligenz monopolisiert haben, <der Intelligenz, <«
welche ständig geworden ist, verwandelt. Unsejr Verfasser hat
recht, insofern bei einer ständischen Vertretung aucch nur von einer
standgewordenen Intelligenz die Rede sein kann, ;aber er hat un¬
recht, indem er das Recht der gelehrten Stände micht anerkennt,
denn wo das Ständeprinzip herrscht, müssen alle Stände vertreten «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen
331
werden. Wie eer aber darin irrt, daß er Geistliche, Lehrer, Privat¬
gelehrte ausschhließt und sogar Advokaten, Ärzte usw. nicht ein¬
mal als fraglicbhe Subjekte erwähnt, so verkennt er das Wesen der
ständischen Veertretung gänzlich, wenn er die zur Regierung ge-
5 hörigen „Staattsdiener“ in gleiche Reihe mit den oben benannten
ständigen Gelebhrten stellt. Die Regierungsbeamten sind in einem
ständischen Staaate die Repräsentanten der Staatsinteressen als
solcher, stehen i also den Repräsentanten der ständischen Privat¬
interessen feinodlich gegenüber. So wenig Regierungsbeamte in
10 einer Volksrep»räsentation ein Widerspruch sind, so sehr sind sie
es in einer stänndischen Repräsentation.
Der quäst. Akrt. sucht weiter nachzuweisen, daß das Grundeigen¬
tum in der frainzösischen und englischen Verfassung ebensosehr,
wenn nicht nocbh mehr vertreten sei als in der preußischen Stände-
15 Verfassung. Wf äre dem wirklich so, hört ein Mangel dadurch auf,
ein Mangel in PPreußen zu sein, daß er auch in England und Frank¬
reich existiert?? Wir wollen nicht ausführen, wie gänzlich unzu¬
lässig diese Vtergleichung schon darum, weil die französischen
und englischen i Deputierten nicht alsVertreterdesGrund-
sabesitzes, soondem als Volksvertreter gewählt werden,
und, was die boesonderen Interessen betrifft, z. B. ein Fould Ver¬
treter der Induastrie bleibt, obschon er in irgendeinem Winkel
von Frankreichh eine verhältnismäßig unbedeutende Grundsteuer
zahlt. Wir wollden nicht wiederholen, worauf wir in unserem ersten
25 Artikel hingewriesen, wie das Prinzip der ständischen Vertretung
das Prinzip derr Vertretung des Grundbesitzes aufhebe und umge¬
kehrt von ihm ; auf gehoben werde, wie also weder wirkliche Ver¬
tretung des Grrundbesitzes noch wirkliche Ständevertretung, son¬
dern nur eine inkonsequente Amalgamierung beider Prinzipien
3o stattfinde. Wir • wollen nicht weiter den Grundfehler der Verglei¬
chung selbst veerfolgen, der die verschiedenen Zahlen für Eng¬
land und Frankkreich und Preußen ohne die nötige Beziehung auf
die verschiedennen Verhältnisse dieser Länder auf greift. Wir
heben nur den feinen Gesichtspunkt hervor, daß in Frankreich und
35 England veransschlagt wird, was der Staat vom Grundeigentum
genießt und weblche Lasten der Besitzer trägt, während umgekehrt
in Preußen z. IB. bei den meisten Rittergütern und den Mediati¬
sierten in Anschhlag kommt, wie f r e i sie von den Staatslasten sind
und wie unabhhängig ihr Privatgenuß ist. Nicht, was einer hat,
m sondern, was err für den Staat hat, nicht der Besitz, sondern gleich¬
sam die Staatstetätigkeit des Besitzes verleiht in Frankreich und
England, derenn Systemen wir übrigens keineswegs beipflichten,
das Recht der ^Repräsentation.
Der Verfasseer sucht ferner zu beweisen, daß das große Grund-
to eigentum nicht t unverhältnismäßig gegen das kleine Grundeigen¬
332
Aus der Rheinischen Zeitung
tum vertreten sei. In bezug hierauf, wie auf den eben besprochenen
Punkt, verweisen wir auf die Schrift: „Über die ständische Ver¬
fassung in Preußen“ (Stuttgart und Tübingen, Verlag der Cotta-
schen Buchhandlung) und Ludwig Buhls Schrift über die preußi¬
schen Provinzialstände. Wie wenig aber, vom Unterschied des 5
großen und kleinen Eigentums abgesehen, eine richtige Verteilung
stattfindet, mögen folgende Beispiele veranschaulichen. Die Stadt
Berlin hat einen Grundwert von 100 Millionen Talern und die
Rittergüter der Mark Brandenburg nur einen von 90 Millionen
Talern, und doch schickt die erstere nur drei, während die Besitzer 10
der letzteren 20Deputierte aus ihrerMitte wählen. Selbst unter den
Städten ist die Verteilung nach dem angenommenen Maßstabe des
Grundbesitzes nicht konsequent festgehalten. Potsdam beschickt
den Landtag mit einem Deputierten, obgleich der Wert seiner
Grundstücke Laum den zehnten Teil der in Berlin befindlichen 19
erreichen mag. In Potsdam kommt ein Deputierter auf 30 000 und
in Berlin auf 100 000 Einwohner. Noch greller ist der Kontrast,
wenn man die kleineren Städte, denen man aus historischen
Gründen eine Virilstimme bewilligt hat, mit der Hauptstadt
vergleicht. 20
Um übrigens die wahren Verhältnisse der Intelligenzvertretung
und der ständischen Vertretung des Grundeigentums festzusetzen,
kehren wir noch einmal zu dem klassischen Hauptsatz zurück, zu
der oben angeführten berechtigten Befremdung, „die Intelligenz
als ein der ständischen Vertretung bedürftiges b e s o n - 25
d e r e s Element neben der Industrie und dem Grundeigentum
angeführt zu finden“.
Der Verfasser sucht mit Recht die Quelle der Provinzialstände
nicht in einer Staatsnotwendigkeit und betrachtet sie nicht
als ein Staatsbedürfnis, sondern als ein Bedürfnis der Ja
Sonderinteressen gegen den Staat. Nicht die organische
Staatsvemunft, sondern die Notdurft der Privatinteressen ist der
Baumeister der ständischen Verfassung, und allerdings die
Intelligenz ist kein bedürftiges, egoistisches Interesse, ist das all¬
gemeine Interesse. Eine Vertretung der Intelligenz in einer Stände- JJ
Versammlung ist also ein Widerspruch, eine ungereimte Forde¬
rung. Wir machen übrigens den Verfasser auf die Konsequenzen
aufmerksam, die so unvermeidlich sind, wenn man die Bedürf¬
tigkeit zum Prinzip der Volksvertretung macht, daß unser Ver¬
fasser selbst einen Augenblick vor ihnen zurückschreckt und nicht <0
nur bestimmte Forderungen von Seiten der Vertretung der Sonder¬
interessen, sondern die Forderung dieser Vertretung selbst zurück¬
weist.
Entweder ist nämlich das Bedürfnis wirklich, und dann ist
der Staat unwirklich, weil er Sonderelemente hegt, die in ihm 99
Die ständischen Ausschüsse in Preußen
333
nicht ihre gerechte Befriedigung finden, sich daher neben ihm als
besondere Körper konstituieren und in ein Transaktionsverhältnis
zu ihm treten müssen, oder das Bedürfnis ist wirklich im Staate
befriedigt, also seine Vertretung gegen den Staat entweder illuso-
s risch oder gefährlich. Der Verfasser wirft sich einen Augenblick
auf die Seite der Illusion. Er bemerkt in bezug auf die Indu¬
strie, daß, wenn sie selbst auf den Landtagen nicht hinlänglich
vertreten wäre, ihr doch Wege genug blieben, ihre Interessen im
Staate und bei der Regierung geltend zu machen. Er behauptet
10 also, die ständischeVertretung, die Vertretung nach dem
Prinzip der Bedürftigkeit sei eine Illusion, weil die Be¬
dürftigkeit selbst eine illusorische sei. Was nämlich von dem
Stande der Industrie, gilt von allen Ständen, gilt aber von dem
Stande des Grundeigentums in einem noch höheren
is Grade als von der Industrie, denn er ist schon durch den Landrat,
die Kreisstände usw., also durch völlig konstituierte Staatsorgane,
vertreten.
Es versteht sich nach dem bisherigen von selbst, daß wir nicht
nur nicht in die Klagen über die beschränkte Geschäfts-
2o Ordnung der Ausschüsse einstimmen können, sondern im
Gegenteil gegen jede Erweiterung derselben als staatswidrig
ernstlich protestieren müßten. Ebenso verkehrt ist der Liberalis¬
mus, der die Intelligenz auf dem Landtage vertreten sehen
will. Die Intelligenz ist nicht nur kein besonderes Element
25 der Vertretung, sie ist überhaupt kein Element, sondern ein
Prinzip, das an keiner elementarischen Zusammen¬
setzung teilzunehmen, sondern nur eine Gliederung aus
sich selbst zu erschaffen vermag. Es kann von der Intelligenz nicht
als einem integrierenden Teile, es kann von ihr nur als der organi¬
se sierenden Seele die Rede sein. Es handelt sich hier nicht um eine
Ergänzung, sondern um einen Gegensatz. Es fragt sich:
„intelligente Vertretung“ oder „ständische Vertretung“. Es fragt
sich, ob das besondere Interesse die politische Intelligenz oder ob
die politische Intelligenz die besonderen Interessen vertreten soll.
35 Die politische Intelligenz wird z. B. das Grundeigentum nach den
Staatsmaximen, aber sie wird nicht die Staatsmaximen nach dem
Grundeigentum regeln, sie wird das Grundeigentum nicht nach
seinem Privategoismus, sondern nach seiner Staatsnatur geltend
machen, sie wird nicht nach diesem besonderen Wesen das allge-
to meine Wesen, sondern sie wird nach dem allgemeinen dies be¬
sondere Wesen bestimmen. Das repräsentierende Grundeigentum
dagegen richtet sich nicht nach der Intelligenz, sondern es richtet
die Intelligenz nach sich, gleich dem Uhrmacher, der seine Uhr
nicht nach der Sonne, sondern die Sonne nach seiner Uhr richten
15 wollte. Die Frage resümiert sich in zwei Worte: Soll das Grund-
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 27
334
Aus der Rheinischen Zeitung
eigentum die politische Intelligenz, oder soll die politische Intelli¬
genz das Grundeigentum kritisieren und beherrschen?
Für die Intelligenz gibt es nichts Äußerliches, weil sie die
innere bestimmende Seele von allem ist, während umgekehrt für
ein bestimmtes Element, wie das Grundeigentum, alles äußerlich 5
ist, was nicht es selbst ist. Nicht nur die Zusammensetzung des
Landtags, sondern auch seine Handlungen sind daher mecha¬
nisch, denn er muß sich zu allen allgemeinen und selbst zu den
von ihm verschiedenen besonderen Interessen als einem Unge¬
hörigen und Fremden verhalten. Alles Besondere, wie das Grund-10
eigentum, ist an sich beschränkt. Es muß also als Beschränktes,
d. h. von einer allgemeinen, über ihm stehenden Macht behandelt
werden, aber es kann die allgemeine Macht nicht nach seinen Be¬
dürfnissen behandeln.
Die Landtage sind durch ihre eigentümliche Zusammensetzung h
nichts als eine Gesellschaft von Sonderinteressen, die das Privi¬
legium haben, ihre besonderen Schranken gegen den Staat
geltend zu machen, also eine berechtigte Selbstkonstituierung un¬
staatlicher Elemente im Staate. Sie sind also ihrem Wesen nach
dem Staat feindlich gesinnt, denn das Besondere ist in seiner 20
isolierten Tätigkeit immer ein Feind des Ganzen, denn eben dies
Ganze gibt ihm das Gefühl seiner Nichtigkeit, weil seiner
Schranken.
Wäre diese politische Verselbständigung der Sonderinteressen
eine Staatsnotwendigkeit, so wäre sie nur die Erscheinung von 25
einer inneren Krankheit des Staates, wie ein ungesunder Körper in
Polypen nach Naturgesetzen ausschlagen muß. Man müßte sich
zu einer der beiden Ansichten entschließen, entweder daß die
Sonderinteressen, sich überhebend und dem politischen Staats¬
geiste entfremdet, den Staat beschränken wollen, oder daß der 30
Staat sich in der Regierung allein konzentriert und dem be¬
schränkten Volksgeiste als Entschädigung bloß eine Sphäre zur
Ventilierung seiner Sonderinteressen einräumt. Man könnte end¬
lich beide Ansichten zusammenfassen. Soll das Verlangen nach
einer Vertretung der Intelligenz also Sinn haben, so müssen wir 35
es auslegen als das Verlangen nach bewußter Vertretung der
Volksintelligenz, die nicht einzelne Bedürfnisse gegen den Staat
geltend machen will, sondern deren höchstes Bedürfnis es ist, den
Staat selbst, und zwar als ihre Tat, als ihren eigenen Staat geltend
zu machen. Vertreten werden ist überhaupt etwas Leidendes; nur 40
das Materielle, Geistlose, Unselbständige, Gefährdete bedarf
einer Vertretung; aber kein Element des Staates darf materiell,
geistlos, unselbständig, gefährdet sein. Die Vertretung darf nicht
als die Vertretung irgend eines Stoffes, der nicht das Volk selbst
ist, sondern nur als seine Selbstvertretung begriffen wer- «
Die ständischen Ausschüsse in Preußen
335
den, als eine Staatsaktion, die, nicht seine einzige, ausnahmsweise
Staatsaktion, sich nur durch die Allgemeinheit ihres Inhaltes von
den übrigen Äußerungen seines Staatslebens unterscheidet. Die
Vertretung darf nicht als eine Konzession an die schutzlose
5 Schwäche, an die Ohnmacht, sondern muß vielmehr als die selbst¬
gewisse Lebendigkeit der höchsten Kraft betrachtet werden. In
einem wahren Staate gibt es kein Grundeigentum, keine Industrie,
keinen materiellen Stoff, die als solche rohe Elemente mit dem
Staat ein Abkommen treffen könnten, es gibt nur geistige
«Mächte, und nur in ihrer staatlichen Auferstehung, in ihrer
politischen Wiedergeburt sind die natürlichen Mächte stimmfähig
im Staate. Der Staat durchzieht die ganze Natur mit geistigen
Nerven, und an jedem Punkte muß es erscheinen, daß nicht die
Materie, sondern die Form, nicht die Natur ohne den Staat, son-
15 dem die Staatsnatur, nicht der unfreie Gegenstand,
sondern der freie Mensch dominiert.
[Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung]
Das Verbot der L.A.Z. für den preußischen Staat
[RhZ 1. Jan. 1843. Nr.
* Köln, 31. Dez. Die deutsche Presse beginnt das neue Jahr
unter scheinbar trüben Auspizien. Das soeben erfolgte Verbot 5
der „LeipzigerAllgemeinen Zeitung“ für die preußi¬
schen Staaten widerlegt wohl schlagend genug alle selbstgefälligen
Träume der Leichtgläubigen von den großen Konzessionen
der Zukunft. Da die L. A. Z., die unter sächsischerZensur
erscheint, wegen ihrer Besprechung der preußischen Angelegen- 10
heiten verboten wird, so wird damit zugleich die Hoffnung einer
zensurfreien Besprechung unserer inneren Angelegenheiten
verboten. Das ist eine faktische Konsequenz, die niemand ableug¬
nen wird.
Die Hauptvorwürfe, die gegen die L. A. Z. verlautbarten, waren is
ungefähr folgende: „Sie bringe Gerücht auf Gerücht, und hinter¬
her erweise sich mindestens die Hälfte als falsch. Zudem halte
sie sich nicht an die Tatsachen, sondern spähe nach den Trieb¬
federn; und wie falsch ihr Urteil hier oftmals auch sei, immer
spreche sie dasselbe mit dem Pathos der Unfehlbarkeit und oft 20
mit der gehässigsten Leidenschaft aus. Ihr Treiben sei unstät,
,indiskret4, ,unfertig4, mit einem Worte ein schlechtes Treiben.44
Angenommen, diese Anschuldigungen seien sämtlich begrün¬
det, sind es Anschuldigungen gegen den willkürlichen Cha¬
rakter der „Leipziger Allgemeinen Zeitung44, oder sind es nicht 25
vielmehr Anschuldigungen gegen den notwendigen Cha¬
rakter der eben erst entstehenden jungen Volkspresse?
Handelt es sich nur um die Existenz einer gewissen Art von
Presse, oder handelt es sich um die Nichtexistenz der wirk¬
lichen Presse, d. h. der Volkspresse? so
Die französische, die englische, jede Presse hat in derselben
Art und Weise begonnen wie die deutsche Presse, und jede dieser
Pressen hat dieselben Vorwürfe verdient und erhalten. Die Presse
ist nichts und soll nichts sein als das laute, freilich „oft leiden¬
schaftliche und im Ausdruck übertreibende und fehlgreifende 35
tägliche Denken und Fühlen eines wirklich als Volk denkenden
Volkes44. Daher ist sie wie das Leben, immer werdend, nie fertig.
Sie steht im Volke und fühlt all sein Hoffen und sein Fürchten,
sein Lieben und sein Hassen, seine Freuden und seine Leiden ehr-
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
337
lieh mit. Was sie hoffend und fürchtend erlauscht, verkündet sie
laut und urteilt darüber heftig, leidenschaftlich, einseitig, wie ihr
Gemüt und Gedanken eben im Augenblicke bewegt sind. Das
Irrige in Tatsachen und Urteilen, was sie heute brachte, wird sie
5 morgen widerlegen. Sie ist die eigentliche „naturwüchsige“ Poli¬
tik, die ihre Gegner ja sonst zu lieben pflegen.
Die Vorwürfe, die in letzten Tagen in einem Atem der jungen
„Presse“ gemacht wurden, hoben sich wechselseitig auf. Seht,
sagte man, welche feste, gehaltene, bestimmte Politik haben e n g •
10 1 ische und französische Blätter. Sie basieren auf dem
wirklichen Leben, ihre Ansicht ist die Ansicht einer vorhan¬
denen fertigen Macht, sie doktrinieren das Volk nicht, sie
sind die wirklichen Doktrinen des Volkes und seiner Parteien.
Ihr aber sprecht nicht die Gedanken, die Interessen des Volkes
is aus, ihr m a c h t sie erst oder schiebt sie ihm vielmehr unter. Ihr
schafft den Parteigeist. Ihr seid nicht seine Schöpfungen. So wird
es der Presse zum Vorwurf gemacht, bald daß keine politischen
Parteien bestehen, bald daß sie diesem Mangel abhelfen und
politische Parteien schaffen will. Aber es versteht sich von selbst.
2o Wo die Presse jung ist, ist der Volksgeist jung, und das täg¬
liche laute politische Denken eines eben erst erwachenden Volks¬
geistes wird unfertiger, formloser, übereilter sein als das eines
Volksgeistes, der in politischen Kämpfen groß und stark und
selbstgewiß geworden ist. Vor allem das Volk, dessen politischer
25 Sinn erst erwacht, fragt weniger nach der faktischen Richtig¬
keit dieser oder jener Begebenheit als nach ihrer sittlichen
Seele, mit welcher sie wirkt; Tatsache oder Fabel, sie bleibt eine
Verkörperung der Gedanken, Befürchtungen, Hoffnungen des
Volkes, ein wahres Märchen. Das Volk sieht dies sein Wesen in
so dem Wesen seiner Presse abgespiegelt, und wo es dies nicht sähe,
würde es sie als ein Unwesentliches keiner Teilnahme wür¬
digen, denn ein Volk läßt sich nicht betrügen. Mag sich daher die
junge Presse täglich kompromittieren, mögen schlechte Leiden¬
schaften in sie eindringen, das Volk erblickt in ihr seinen eigenen
35 Zustand und weiß, daß trotz allem Gift, was die Bosheit oder der
Unverstand herbeischleppt, ihr Wesen immer wahr und rein bleibt
und das Gift in ihrem immer bewegten, immer vollen Strome zur
Wahrheit und zur heilsamen Arznei wird. Es weiß, daß seine
Presse seine Sünden trägt, sich für es erniedrigt und zu seinem
4o Ruhme, auf Vomehmigkeit, Suffisance und Unwiderleglichkeit
verzichtend, die Rose des sittlichen Geistes innerhalb der Domen
der Gegenwart darstellt.
Wir müssen also die Vorwürfe, die man der „Leipziger Allge¬
meinen Zeitung“ gemacht hat, als Vorwürfe gegen die junge
45 Volkspresse, also gegen die wirkliche Presse betrachten, denn es
338
Aus der Rheinischen Zeitung
versteht sich von selbst, daß die Presse nicht wirklich werden kann,
ohne ihre notwendigen, in ihrem Wesen begründeten Entwick¬
lungsstadien durchzumachen. Wir müssen aber die Verwerfung
der Volkspresse für eine Verwerfung des politischen Volksgeistes
erklären. Und dennoch haben wir im Beginn unseres Artikels die s
Auspizien der deutschen Presse als scheinbar trübe bezeichnet.
Und so ist es, denn der Kampf gegen ein Dasein ist die erste
Form seiner Anerkennung, seiner Wirklichkeit und seiner Macht.
Und nur der Kampf kann sowohl die Regierung als das Volk als
die Presse selbst von der wirklichen und notwendigen Berechti- ro
gung der Presse überzeugen. Nur er kann zeigen, ob sie eine Kon¬
zession oder eine Notwendigkeit, eine Illusion oder eine Wahr¬
heit ist.
Die „Kölnische Zeitung“ und das Verbot der
Leipz. Allg. Ztg. «
[RhZ 4. Jan. 1843. Nr. 4]
* Köln, 3. Jan. Die „Kölnische Zeitung“ brachte in
ihrer Nummer vom 31. Dez. einen „Leipzig, 27.“ bezeichneten
Korrespondenzartikel, der beinahe frohlockend das Verbot der
Leipziger Allg. Zeitung mitteilte, während die Kabinettsordre, 20
welche das Verbot jener Zeitung dekretiert und in der gestern hier
eingetroffenen Staatszeitung enthalten ist, vom 28. Dez. datiert.
Das Rätsel löst sich einfach durch die Bemerkung, daß am 31. Dez.
die Nachricht von dem Verbote der L. A. Z. bei hiesiger Post ein¬
traf und die „Kölnische Zeitung“ es angemessen fand, nicht nur «
eine Korrespondenz, sondern auch einen Korrespondenten zu
schreiben und ihrer eigenen Stimme die gute Stadt Leip¬
zig zum Domizil anzuweisen. Die „merkantile“ Phantasie der
„Kölnischen Zeitung“ war so „gewandt“, die Begriffe zu verwech¬
seln. Sie erblickte die Residenz der „Kölnischen Zeitung“ in Leip- 30
zig, weil die Residenz der „Leipziger Zeitung“ in Köln eine Un¬
möglichkeit geworden. Sollte die Redaktion der „Kölnischen Zei¬
tung“ auch bei kälterem Nachdenken das Spiel ihrer Phantasie
als eine trockene Wahrheit der Tatsache verteidigen wollen, so
würden wir uns genötigt sehen, in bezug auf die mystische Korre-35
spondenz aus Leipzig noch eine Tatsache mitzuteilen, die „alle
Schranken des Anstandes überschreitet und auch bei uns jedem
Gemäßigten und Besonnenen als eine unbegreifliche Indiskre¬
tion“ erscheinen wird.
Was das Verbot der L. A. Z. selbst betrifft, so haben wir unsere 30
Ansicht ausgesprochen. Wir haben nicht die an der L. A. Z. ge¬
rügten Mängel als aus der Luft gegriffen bestritten, aber wir
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
339
haben behauptet, daß es Mängel sind, welche aus dem Wesen
der Volkspresse selbst hervorgehen, also in ihrem Entwick¬
lungsgang geduldet werden müssen, wenn man ihren Entwick¬
lungsgang überhaupt dulden will.
5 Die Leipziger A. Z. ist nicht die ganze deutsche Volkspresse,
aber sie ist ein notwendiger integrierender Teil derselben. Die
verschiedenen Elemente, welche die Natur der Volkspresse bilden,
müssen bei naturgemäßer Entwicklung derselben zunächst jedes
für sich seine eigentümliche Ausbildung finden. Der ganze
10 Körper der Volkspresse wird also in verschiedene Zeitungen von
verschiedenen, sich wechselweis ergänzenden Charakteren zer¬
fallen, und wenn z. B. in der einen die politische Wissenschaft,
wird in der anderen die politische Praxis, wenn in der einen der
neue Gedanke, wird in der anderen die neue Tatsache das vor-
is wiegende Interesse bilden. Nur dadurch, daß die Elemente der
Volkspresse ihre ungehinderte, selbständige und einseitige
Entwicklung erhalten und sich in verschiedene Organe verselb¬
ständigen, kann die „gute“ Volkspresse gebildet werden, d. h.
die Volkspresse, die alle wahren Momente des Volksgei-
20 s t e s harmonisch in sich vereinigt, so daß in jeder Zeitung der
wirkliche sittliche Geist ebenso ganz gegenwärtig ist wie in jedem
Blatt der Rose ihr Duft und ihre Seele. Aber damit die Presse
ihre Bestimmung erreiche, ist es vor allem notwendig, ihr keine
Bestimmung von außen vorzuschreiben und ihr jene Anerkennung
20 zu gewähren, die man selbst der Pflanze zu gewähren gewohnt ist,
die Anerkennung ihrer inneren Gesetze, denen sie nicht
nach Willkür sich entziehen darf und kann.
Die gute und die schlechte Presse
[RhZ 6. Jan. 1843. Nr. 6]
io * K ö 1 n, 5. Jan. Wir haben schon manches in abstracto über
den Unterschied der „gute n“ und der „schlechten“ Presse
hören müssen. Veranschaulichen wir einmal den Unterschied an
einem Beispiel!
Die „Elberfelder Zeitung“ vom 5. Jan. bezeichnet sich selbst
36 in einem von Elberfeld datierten Artikel als „gute Presse“. Die
Elberfelder Zeitung vom 5. Jan. bringt folgende Notiz:
„Berlin, 30. Dez. Das Verbot der Leipz. Allg. Ztg. hat hier
im Ganzen einen geringen Eindruck gemacht“. Dagegen be¬
richtet die „Düsseldorfer Zeitung“ übereinstimmend mit der
io „Rheinischen Zeitung“:
„Berlin,!. Jan. Das unbedingte Verbot der Leipz. Allg. Ztg.
erregt hier die g r ö ß te Sensation, da die Berliner dieselbe sehr
gerne lasen“ usw.
340
Aus der Rheinischen Zeitung
Welche Presse, die „gute“ oder die „schlechte“ Presse, ist nun
die „wahre“ Presse! Welche spricht die Wirklichkeit, und welche
spricht die gewünschte Wirklichkeit aus! Welche stellt die
öffentliche Meinung dar, und welche entstellt die öffentliche Mei¬
nung! Welche verdient also das Staatsvertrauen? 5
Mit der Erklärung der „Kölnischen Zeitung“ sind wir wenig
zufriedengestellt. Sie beschränkt sich in ihrer Replik auf unsere
Bemerkung über ihre „beinahe frohlockende“ Ankündigung des
Verbots der Leipz. Allg. Ztg. nicht nur auf den statistischen
Teil, sondern auf einen Druckfehler. Die Köln. Ztg. wird wohl 10
selbst wissen, daß in dem Passus: „das Rätsel löst sich einfach
durch die Bemerkung, daß am 31. Dez. die Nachricht von dem
Verbote der L. A. Z. bei hiesiger Post eintraf“ — stehen mußte
und nur durch einen Druckfehler nicht steht: am 30. Dez. Am
30. Dez. mittags erhielt nämlich, was wir nötigenfalls beweisen «
können, die „Rheinische“, also wohl auch die „Kölnische“ Zei¬
tung, diese Nachricht von der hiesigen Post.
Replik auf den Angriff eines „gemäßigten“
Blattes
[RhZ 8. Jaa. 1843. Nr. 8] SO
* Köln, 7. Jan. Ein gemäßigtes rheinisches Blatt, wie
die Allg. Augsb. Zeitung in ihrer diplomatischen Sprache sagt,
d. h. ein Blatt von mäßigen Kräften, sehr mäßigem Charakter und
allermäßigstem Verstände, hat unsere Behauptung: „Die Leipziger
Allgemeine Zeitung ist ein notwendiger integrierender Teil der ss
deutschen Volkspresse“, in die Behauptung umgestellt, die Lüge
sei ein notwendiger Teil der Presse. Wir wollen keinen großen
Anstoß daran nehmen, daß dieses mäßige Blatt einen einzelnen
Satz aus unserem Räsonnement herausreißt und die im quäst. Ar¬
tikel wie in einem früheren gegebene Auseinandersetzung seiner so
hohen und ehrenvollen Berücksichtigung nicht wert erachtet hat.
So wenig wir an jemanden die Anforderung stellen, aus seiner
eigenen Haut herauszuspringen, so wenig dürfen wir verlangen,
ein Individuum oder eine Partei solle über ihre geistige Haut,
über die Schranken ihres Verstandeshorizontes einen salto mor- w
tale wagen, am wenigsten eine Partei, der ihre Beschränktheit für
Heiligkeit gilt. Wir erörtern also nicht, was jene Bewohnerin des
intellektuellen Mittelreiches tun mußte, um uns zu wider¬
legen, wir erörtern nur ihre wirklichen Taten.
Zunächst werden die alten Sünden der L. A. Z. aufgezählt, ihr o
Verhalten zu den hannoverschen Angelegenheiten, ihre Partei¬
polemik gegen den Katholizismus (hinc illae lacrimae! würde
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
341
unsere Freundin dasselbe Verhalten, nur nach entgegengesetzter
Richtung hin, zu den Todsünden der Münchner politischen Blätter
zählen?), ihre Klatschereien usw. usw. Es fällt uns hierbei ein
Aperçu aus den „Wespen“ von Alphons Karr ein. Herr Guizot,
5 heißt es, schildert den Herrn Thiers, und Herr Thiers schildert
den Herm Guizot als Landesverräter, und leider haben beide recht.
Wenn sämtliche deutschen Zeitungen alten Stiles sich ihre Ver¬
gangenheit vorwerfen wollten, so könnte sich der Prozeß nur um
die formelle Frage bewegen, ob sie gesündigt haben durch das,
10 was sie taten, oder durch das, was sie nicht taten. Wir würden
unserer Freundin gern den harmlosen Vorzug vor der L. A. Z. ein¬
räumen, nicht nur keine schlechte, sondern gar keine Existenz ge¬
wesen zu sein.
Indes unser inkriminierter Artikel sprach nicht von dem
is vergangenen, sondern von dem gegenwärtigen Charakter
der L. A. Z., obgleich wir, wie sich von selbst versteht, gegen ein
Verbot der „Elberfelder Zeitung“, des „Hamburger Korrespon¬
denten“ und der zu Koblenz erscheinenden „Rhein- und Mosel¬
zeitung“ nicht minder ernstgemeinte Einwendungen zu machen
2o hätten, denn der Rechtszustand wird durch den moralischen
Charakter oder gar die politischen und religiösen Meinungen der
Individuen nicht alteriert. Der rechtlose Zustand der Presse
ist vielmehr über allen Zweifel erhaben, sobald man ihre Exi¬
stenz von ihrer Gesinnung abhängig macht. Bis jetzt gibt es
25 nämlich noch keinen Kodex der Gesinnung und keinen Gerichts¬
hof der Gesinnung.
Der letztenPhase der L. A. Z. wirft nun das „gemäßigte“
Blatt die falschen Tatsachen, Entstellungen, Lügen vor und be¬
schuldigt uns daher mit ehrlicher Entrüstung, die Lüge für ein
so notwendiges Element der Volks presse zu halten. Und wenn wir
diese fürchterliche Folgerung gelten ließen, wenn wir behaup¬
teten, die Lüge sei ein notwendiges Element der Volkspresse,
namentlich der deutschen Volkspresse? Wir meinen nicht die
Lüge der Gesinnung, die geistige Lüge, wir meinen die
35 Lüge derTatsache, die körperliche Lüge! Steiniget! Stei¬
niget! würde unsere christliche Freundin rufen. Steiniget! Stei¬
niget! würde der Chorus einfallen. Aber übereilen wir uns nicht,
nehmen wir die Welt, wie sie ist, seien wir keine Ideologen, und
wir geben unserer Freundin das Zeugnis, kein Ideologe zu sein.
so Das „gemäßigte“ Blatt werfe auf seine eigenen Spalten einen prü¬
fenden Blick, und berichtet es nicht, wie die preußische Staats-
zeitung, wie alle deutschen, wie alle Zeitungen der Welt, täglich
Lügen aus Paris, Klatschereien über bevorstehende Ministerial-
wechsel in Frankreich, von irgend einem Pariser Blatt ausgeheckte
45 Falsa, die der nächste Tag, die nächste Stunde widerlegt! Und
342
Aus der Rheinischen Zeitumg
hält die „Rhein- und Moselzeitung“ die f aktische Lüge für
ein notwendiges Element in den Rubrikem England, Frankreich,
Spanien, Türkei, aber für ein verdammliches, todeswürdiges Ver¬
brechen in der Rubrik Deutschland oder Preußen? Woher dies
doppelte Maß und Gewicht? Woher diese doppelte Ansicht von 5
Wahrheit? Warum darf dasselbe Blatt auf der einen Kolumne die
frivole Sorglosigkeit eines Neuigkeitsboten, warum muß es auf
der anderen Kolumne die trockene Unwideirleglichkeit eines Amts¬
blattes zur Schau tragen? Offenbar, weil es für deutsche Zeitungen
eine französische, englische, türkische, spainische Zeit, aber keine 10
deutsche Zeit, sondern nur eine deutsche Zeitlosigkeit
geben soll. Sind aber nicht vielmehr die Blätter zu loben und
von Staats wegen zu loben, welche diie Aufmerksamkeit, das
fieberhafte Interesse, die dramatische Spannung, die alles Wer¬
dende, die vor allem die werdende Zeitgeschichten
begleiten, dem Auslande entreißen umd dem Vaterlande
erobern! Nehmt selbst an, sie erregten Unzufriedenheit, Ver¬
stimmung! So erregen sie doch deutsche Unzufriedenheit,
deutsche Verstimmung, so haben sie dem Staate immer noch
die abgewandten Gemüter zurückgeschenkt, wenn auch zunächst w
aufgeregte, verstimmte Gemüter! Und sie haben nicht nur Unzu¬
friedenheit und Verstimmung, sie haben Befürchtungen und Hoff¬
nungen, sie haben Freud und Leid, sie haben vor allem eine wirk¬
liche Teilnahme am Staate erregt, sie haben den Staat zu
einer Herzens-, zu einer Hausangelegenheit seiner w
Glieder, sie haben statt Petersburg, London, Paris: Berlin, Dres¬
den, Hannover etc. zu den Hauptstädten auf der Landkarte des
politischen deutschen Geistes gemacht, eine Tat, die ruhm¬
würdiger ist als die Verlegung der Welthauptstadt von Rom nach
Byzanz. w
Wenn aber die deutschen und preußischen Zeitungen, die sich
das Ziel stellten, Deutschland und Preußen zum Hauptinteresse
der Deutschen und Preußen zu machen, das mysteriöse priester¬
liche Wesen des Staates in ein lichtes, allen zugängliches und
gehöriges Laienwesen, den Staat in das Fleisch und Blut der w
Staatsbürger zu verwandeln, wenn sie an faktischer Wahrheit den
französischen und englischen Zeitungen aachstehen, wenn sie oft
ungeschickt und märchenhaft sich benehmen, so bedenkt, daß der
Deutsche seinen Staat nur vom Hörensagen kennt, daß
verschlossene Türen keine Brillen sind, daß ein ge•
heimes Staatswesen kein öffentliches Staatswesen ist, so
macht nicht zu einem Fehler der Zeitungen, was nur ein Fehler
des Staates ist, ein Fehler, den eben diese Zeitungen zu korrigieren
suchen.
Wir wiederholen also nochmals: „Die Leipz. Allg. Ztg.*>
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
343
ist ein notwemdiger integrierender Teil der
deutschen Volkspresse.“ Sie hat vorzugsweise das un¬
mittelbare Interesse an der politischen Tatsache, wir
haben vorzugsweise das Interesse an dem politischen Ge-
«danken befriedigt,, wobei es sich von selbst versteht, daß weder
die Tatsache den Gedanken noch der Gedanke die Tatsache aus¬
schließt, aber es handelt sich hier um den vorherrschenden
Charakter, um das {Unterscheidungsmerkmal.
Replik auf dite D enunziation eines „benach¬
barten“ Blattes
[RhZ 10. Jan. 1843. Nr. 10]
* Köln, 9. Jan.. Es wäre wider alle Ordnung gewesen, wenn
die „gute“ Presse jetzt nicht von allen Seiten her ihre Ritter¬
sporen an uns zu verrdienen suchte, an ihrer Spitze die Prophetin
«Hulda aus Augsburg, der wir nächstens auf ihre abermalige
Herausforderung zunn Tanz aufspielen werden. Heute haben wir
es mit unserer invaliiden Nachbarin zu tun, mit der höchst ehren¬
werten „Kölnischen Zeitung“! Toujours perdrix!
Zunächst: „Etwas; Vorläufiges“ oder ein „Vorläufiges Etwas“,
20 ein Denkzettel, den wir ihrer heutigen Denunziation zur Ver¬
ständigung vorausschlicken wollen, ein allerliebstes Histörchen von
der Art und Weise, wie die „Kölnische Zeitung“ sich „Ach¬
tung“ bei der Regierung zu verschaffen sucht, die „wahre
Freiheit“ im Gegensatz zur „Willkür“ geltend macht und sich von
3s innen „Schranken“ zzu setzen weiß. Der geneigte Leser wird sich
erinnern, wie in Nro.. 4 der „Rheinischen Zeitung“ die „Kölnische
Zeitung“ geradezu Ibescbuldigt ward, ihre Korrespondenz aus
Leipzig, welche beimahe frohlockend das vielfach besprochene
Verbot ankündigte, selbst fabriziert zu haben, wie ihr zu-
30 gleich von einer ernstlichen Verteidigung der Echtheit jenes Do¬
kuments wohlmeinenid abgeraten ward unter der bestimmten An¬
drohung, daß wir widrigenfalls „in bezug auf die mystische Kor¬
respondenz aus Leipzig“ noch eine unangenehme Tatsache
veröffentlichen müßtten. Der gütige Leser wird sich der zahmen,
35 ausweichenden Repliik der „Kölnischen Zeitung“ vom 5. Jan.
erinnern, unserer berichtigenden Duplik in Nro. 6 und der
„leidenden Stille“, welche die „Kölnische Ztg.“ hierauf zu beob¬
achten für gut fand. Die fragliche Tatsache ist diese: Die „Köl¬
nische Zeitung“ fandl das Verbot der Leipz. Allg. Ztg. durch eine
to Mitteilung gerechtfertigt, die „alle Schranken des Anstandes
überschreitet und atuch bei uns jedem Gemäßigten und Be¬
sonnenen als eine umbegreifliche Indiskretion erscheinen
344
Aus der Rheinischen Zeitung
muß“. Es war hiermit offenbar die Publikation des Herwegh-
sehen Briefes gemeint. Man konnte vielleicht diese Ansicht der
„Köln. Ztg.“ teilen, wenn die „Kölnische Zeitung“ nur
nicht selbst wenige Tage vorher den Herweghschen Brief
dem Publikum hätte mitteilen wollen und nur „von außen“ 5
auf „Schranken“ gestoßen wäre, die ihre gute Absicht vereitelten.
Wir wollen damit keineswegs der „Kölnischen Zeitung“ ein
illoyales Gelüste vorwerfen, aber wir müssen dem Publikum an¬
heimstellen, ob es eine begreifliche Diskretion ist, ob
es nicht alle Grenzen des Anstandes und der öffent-10
liehen Moral verletzen heißt, wenn man dieselbe Tat seinem
Nächsten als todeswürdiges Verbrechen vorwirft, die man eben im
Begriffe stand, selbst auszuführen, die nur ein äußeres Hin¬
dernis nicht zur eigenen Tat werden ließ. Man wird es nach
dieser Aufklärung verständlich finden, wenn das böse Gewissen 15
der „Kölnischen Zeitung“ uns heute mit einer Denunziation
antwortet. Sie sagt:
„Es wird dort (in der Rh. Ztg.) behauptet, daß der ungewöhn¬
lich scharfe, fast schneidende, jedenfalls unangenehme Ton, den
die Presse gegen Preußen annehme, keinen anderen Grund 20
habe als den, sich dadurch der Regierung bemerklich zu machen
und sie wecken zu wollen. Denn das Volk sei über die vorhandenen
Staatsformen schon weit hinaus, diese litten an eigentümlicher
Hohlheit; das Volk wie die Presse hätten kein Vertrauen zu
diesen Institutionen und noch weniger zu einer Entwicklung von 25
ihnen heraus.“ Die „Kölnische Zeitung“ begleitet diese Worte mit
folgendem Ausruf: „Muß man nicht staunen, daß neben solchen
Äußerungen noch immer Klagen über mangelhafte Preßfreiheit
erschallen? Kann man mehr verlangen als die Freiheit, der Re¬
gierung ins Gesicht zu sagen, daß ,alle Staatsinstitutionen Plunder $
seien, nicht einmal gut, den Übergang zu etwas Besserem zu
bilden4“.
Zunächst müssen wir uns über die Art und Weise des Zitierens
verständigen. Der Verfasser des quäst. Artikels wirft sich die
Frage auf, woher der scharfe Ton der Presse gerade in bezug £
auf Preußen komme? Er antwortet: „ichglaube, den Grund
hauptsächlich in folgendem finden zu müssen“. Er behauptet
nicht, was ihm die „Kölnische Zeitung“ unterschiebt, daß
kein anderer Grund vorhanden sei, er gibt seine Ansicht viel¬
mehr nur als seinen Glauben, als seine individuellem
Meinung. Der Verfasser räumt ferner ein, was die „Kölnische
Zeitung“ verschweigt, daß „der Aufschwung von 1840 sich zum
Teil in die Staatsformen hineingeworfen; ihnen Fülle und Leben
zu geben versucht“ habe. Dennoch fühle man, „daß der Volks¬
geist eigentlich an ihnen vorbeigehe, sie kaum streift und fast *
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
345
auch als Durchgang zu einer weiteren Entwicklung noch nicht
zu erkennen oder doch nicht zu achten versteht“. Der
Verfasser fährt fort: „Ob dieselben ein Recht haben oder nicht,
lassen wir dahingestellt sein: genug, das Volk sowie die Presse
5 haben kein volles Vertrauen zu den Institutionen, noch weniger
zu der Möglichkeit einer Entwicklung aus ihnen her¬
aus und von unten herauf.“ Die „Kölnische Zeitung“
verwandelt „kein volles Vertrauen“ in kein Vertrauen und
läßt von dem letzten Teile des angeführten Satzes die Worte aus:
10 „und von unten herauf“, wodurch der Sinn wesentlich modi¬
fiziert wird.
Die Presse, fährt unser Verfasser fort, wandte sich daher
beständig an die Regierung, weil es „sich noch um die For¬
men selbst zu handeln schien, innerhalb deren der berechtigte sitt-
15 liehe Willen, die heißen Wünsche, die Bedürfnisse des Volkes
eine freie offene, gewichtige Sprache der Regierung gegenüber“
führen könnten. Fassen wir nun diese Stellen zusammen, be¬
hauptet der quäst. Artikel, was die „Köln. Ztg.“ ihn „der Regie¬
rung ins Gesicht“ sagen läßt: „daß alle Staatsinstitu-
20 t i o n e n Plunder seien, nicht einmal gut, den
Übergang zu etwas Besserem zu bilden“?
Handelt es sich hier um alle Staatsinstitutionen? Es handelt
sich nur um die Staatsformen, in denen sich „der Volkswille“
„frei, offen und gewichtig“ aussprechen könne. Und welches
25 waren bis vor kurzem diese Staatsformen? Offenbar nur die
Provinzialstände. Hat das Volk den Provinzialständen be¬
sonderes Vertrauen geschenkt? Hat es eine große volkstümliche
Entwicklung aus ihnen heraus erwartet? Hat der loyale Bülow-
Cummerow sie für einen wahren Ausdruck des Volkswillens
so gehalten? Aber nicht nur das Volk und die Presse, die Re¬
gierung hat anerkannt, daß Staatsformen selbst noch fehl¬
ten, oder hätte sie ohne diese Anerkennung auch nur Anlaß ge¬
habt, eine neue Staatsform, die „Ausschüsse“ zu schaffen?
Daß aber auch die Ausschüsse in ihrer jetzigen Gestalt nicht aus-
35 reichten, das haben nicht nur wir behauptet, das ist in der „Köln.
Zeitg.“ von einem Ausschußmitglied behauptet worden.
Die fernere Behauptung, daß die Staatsformen eben noch
als Formen dem Inhalt gegenüberstehen und der Volksgeist
sich nicht in ihnen als seinen eigenen Formen „heimisch“
*o fühle, sie nicht als die Formen seines eigenen Lebens wisse, diese
Behauptung wiederholt nur, was von vielen preußischen und aus¬
wärtigen Zeitungen, am meisten aber von konservativen
Schriftstellern ausgesprochen wurde, nämlich, daß die Bureau-
kratie noch zu mächtig sei, daß weniger der ganze Staat als
45 ein Teil des Staates, die „Regierung“, ein eigentliches Staatsleben
346
Aus der Rheinischen Zeitung
führe. Inwiefern die jetzigen Staatsformen geeignet seien, teils
sich selbst mit lebendigem Inhalt zu füllen, teils die ergänzenden
Staatsformen sich anzureihen, die Beantwortung dieser Frage
mußte die K. Z. da suchen, wo wir die Provinzialstände und Pro¬
vinzialausschüsse in bezug auf unsere ganze Staatsorganisation s
betrachten, und sie hätte dort die sogar ihrer Weisheit verständ¬
liche Auskunft gefunden. „Wir verlangen nicht, daß man bei der
Volksvertretung von den wirklich vorhandenen Unterschieden
abstrahiere, wir verlangen vielmehr, daß man an die wirklichen,
durch die innere Konstruktion des Staates geschaffenen und be- 10
dingten Unterschiede anknüpft.“ „Wir verlangen nur kon¬
sequente und allseitige Durchbildung der preu¬
ßischen Fundamental-Institutionen, wir verlangen,
daß man nicht plötzlich das wirkliche und organische Staatsleben
verlasse, um in unwirkliche, mechanische, untergeordnete, un-
staatliche Lebenssphären zurückzusinken.“ (Rh. Ztg., Jahrg. 1842,
Nro. 345.) Und was läßt uns die ehrenwerte „Kölnische Zei¬
tung“ sagen? — „daß alle Staatsinstitutionen Plunder
seien, nicht einmal gut, den Übergang zu etwas Besserem zu bil¬
den“! Es scheint beinahe, als glaube die „Kölnische Zeitung“ den 20
Mangel an eigener Kühnheit dadurch ersetzen zu können,
daß sie anderen die frechen Ausgeburten ihrer feigen, aber mut¬
willig vagierenden Phantasie unterschiebt.
Die Denunziation der „Kölnischen“ und die
Polemik der „Rhein- und Mosel-Zeitung“
[RhZ 13. Jan. 1843. Nr. 13]
* Köln, 11. Januar.
„Votre front à mes yeux montre peu d’allégresse!
Serait-ce ma présence, Eraste, qui vous blesse?
Qu’est-ce donc? qu’avez-vous? et sur quels déplaisirs, 30
Lorsque vous me voyez, poussez-vous des soupirs?“
Diese Worte zunächst der benachbarten „Kölnerin“! Die
„Kölnische Zeitung“ verbreitet sich nicht über ihre „angeb¬
liche Denunziation“, sie läßt diesen Hauptpunkt
fallen und beschwert sich nur, daß man die „Redaktion“ bei die- 55
ser Gelegenheit nicht eben auf die angenehmste Weise in den
Kampf verwickelt habe. Allein, beste Nachbarin, wenn ein Kor¬
respondent der „Kölnischen Zeitung“ eine unserer Berliner
Korrespondenzen mit der „Rheinischen Zeitung“ identifiziert,
warum sollte die „Rheinische Zeitung“ die erwidernde Rhein- 4?
Korrespondenz der Köln. Ztg. nicht mit der „Kölnischen Zeitung“
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
347
identifizieren dürfen? Nun ad vocem Tatsache: „Sie (die
Rh. Ztg.) wirft uns keine Tatsache, sondern eine Ab¬
sicht vor!“ Wir werfen der „Kölnischen Zeitung“ nicht nur
eine Absicht, sondern eine Tatsache dieser Absicht vor.
j Eine Tatsache, die Aufnahme des Herweghschen Briefes, wurde
der Kölnischen Zeitung durch äußere Zufälle in eine Ab¬
sicht verwandelt, obgleich sich ihre Absicht schon in eine Tat¬
sache verwandelt hatte. Jede vereitelte Tatsache sinkt zur bloßen
Absicht zurück, gehört sie darum weniger vor die Gerichte? Jeden-
10 falls wäre es eine sonderbare Tugend, welche die Rechtfertigung
ihrer Taten in dem Zufall fände, der diese Taten vereitelte, sie
zu keiner Tat, sondern zur bloßen Absicht der Tat werden
ließ. Aber unsere loyale Nachbarin wirft die Frage auf, zwar
nicht an die Rh. Ztg., die bei ihr in dem mißlichen Verdacht steht,
19 von ihrer „Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit“ nicht so leicht
um eine Antwort „in Verlegenheit“ gelassen zu werden, sondern
an „jenen geringen Teil des Publikums, der etwa noch nicht ganz
im klaren darüber ist, welchen Glauben die Verdächtigungen
(soll wohl heißen: die Verteidigungen gegen Verdächtigungen)
eo dieses Blattes verdienen“; aber, fragt sie, woher weiß die Rhein.
Ztg., „daß wir mit dieser Absicht (sc. der Mitteilung des Herwegh¬
schen Briefes) nicht auch die andere (signo haud probato)*)
Absicht verbanden, die Zurechtweisung hinzuzufügen, die der
kindische Mutwillen des Verfassers verdient hatte?“ Aber woher
«weiß die Köln. Ztg., welche Absicht die Veröffentlichung der
Leipz. Allg. Ztg. hatte? Warum nicht etwa die harmlose Absicht,
eine Neuigkeit zuerst mitzuteilen? Warum nicht etwa die loyale
Absicht, jenen Brief einfach vor den Richterstuhl der öffentlichen
Meinung zu stellen? Wir wollen unserer Nachbarin eine Anekdote
9o erzählen. In Rom ist der Druck des Korans verboten. Ein ver¬
schmitzter Italiener wußte sich zu helfen. Er gab eine Wider¬
legung des Korans heraus, d. h. ein Buch, welches auf dem
Titelblatt sich „Widerlegung des Korans“ benennt, aber hinter dem
Titelblatt ein einfacher Abdruck des Korans ist. Und haben nicht
19 alle Ketzer diese Finte zu spielen gewußt? Ist nicht Vanini ver¬
brannt worden, obgleich er in seinem Theatrum mundi, bei Ver¬
kündigung des Atheismus, sorgfältig und prunkend alle Gegen¬
gründe wider denselben geltend macht. Hat nicht selbst Voltaire
in seiner „Bible enfin expliquée“ im Text den Unglauben und in
*o den Noten den Glauben gelehrt, und hat man an die purifizierende
Kraft dieser Noten geglaubt? Aber, schließt unsere ehrenwerte
Nachbarin, „war, wenn wir diese Absicht hatten, unsere Aufnahme
des ohnedies allgemein bekannten Schreibens mit der ursprüng¬
lichen Veröffentlichung in gleiche Reihe zu stellen?“ Aber, beste
*) Durch keinen Beweis konstatiert.
348
Aus der Rheinischen Zeitung
Nachbarin, auch die L. A. Z. veröffentlichte nur ein Schreiben,
was in vielen Abschriften zirkulierte. „Fürwahr, Mylord, ihr
seid zu tadelsüchtig.“
In dem päpstlichen Enzyklikum ex cathedra vom 25. April
1832, Mariä Himmelfahrt, steht zu lesen: „Wahnsinn (délira- <5
mentum) ist es, zu behaupten, jedem Menschen sei Gewissens¬
freiheit zuzugestehen; nicht genug zu verabscheuen ist
Preßfreiheit.“ Diese Sentenz trägt uns von Köln nach
Koblenz zu dem „mäßigen“ Blatt, zu der „Rhein- und
Mo sei zeitung“, deren Wehgeschrei gegen unser Verfechten io
der Preßfreiheit nach jenem Zitat verständlich und gerechtfertigt
sein wird, so sonderbar es hiernach auch lauten müßte, wollte sie
etwa sich selbst „zu den sehr eifrigen Freunden der Presse“ zählen.
Aus den „mäßigen“ Spalten des Blattes springen heut zwar nicht
zwei Löwen, wohl aber ein Löwenfell und eine Löwenkutte her- is
aus, denen wir die gebührende naturhistorische Aufmerksamkeit
widmen wollen. Nro. 1 expektoriert sich unter anderem dahin:
„Der Kampf ist von ihrer Seite (der Rh. Z.) ein so loyaler, daß sie
uns gleich von vornherein die Zusicherung erteilt, sogar gegen ein
Verbot der Rhein- und Moselzeitung würde sie sich um des ihr 20
so sehr am Herzen liegenden „Rechtszustandes“ willen auf¬
machen, eine Zusicherung, welche ebenso schmeichelhaft als be¬
ruhigend für uns wäre, wenn nur nicht zufällig in demselben
Atem eine Schmähung gegen die bekanntermaßen längst
wirklich bei uns verbotenen Münchener hist.-poli- 25
tischen Blätter dem Ritter für jede gekränkte Preßfreiheit ent¬
schlüpfte.“ Sonderbar, daß in demselben Moment, wo die fak¬
tische Zeitungslüge mit einem Verdikt belegt wird, faktisch
gelogen wird! Die Stelle, auf welche angespielt wird, lautet wört¬
lich: „Zunächst werden die alten Sünden der L. A. Z. auf gezählt, 30
ihr Verhalten zu den hannoverschen Angelegenheiten, ihre Partei¬
polemik gegen den Katholizismus (hinc illae lacrimae!); würde
unsere Freundin dasselbe Verhalten, nur nach entgegengesetzter
Richtung hin, zu den Todsünden der Münchener politischen Blät¬
ter zählen?“ In diesen Zeilen wird von den „Münchener poli- 35
tischen Blättern“ eine „Parteipolemik“ gegen den Protestantismus
ausgesagt. Haben wir damit ihr Verbot gerechtfertigt? Konnten
wir es dadurch rechtfertigen wollen, daß wir „dasselbe Ver¬
fahren“, welches wir bei der L. A. Z. als keine Ursache zu einem
Verbote darstellen, „nur nach entgegengesetzter Richtung hin“ w
in den „M. p. Bltt.“ wiederfinden? Im Gegenteil! Wir fragten
das Gewissen der „Rhein- u. Moselzeitung“, ob ihr dasselbe Ver¬
fahren auf der einen Seite ein Verbot rechtfertige und auf der
anderen ein Verbot nicht rechtfertige! Wir fragten sie also, ob sie
das Verfahren selbst oder ob sie nicht vielmehr nur die Richtung u
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
349
des Verfahrens mit einem Verdikt belege? Und die „Rhein- u.
Moselzeitung“ hat unsere Frage beantwortet, sie hat dahin geant¬
wortet, daß sie nicht, wie wir, die religiöse Parteipolemik, son¬
dern nur die Parteipolemik verdammt, die so verwegen ist,
«protestantisch zu sein. Wenn wir in demselben Moment,
wo wir die L. A. Z. gegen „das eben erfolgte“ Verbot in Schutz
nahmen, ihrer Parteipolemik gegen den Katholizismus mit der
Rhein- u. Moselzeitung erwähnten, durften wir die Parteipolemik
der „längst verbotenen“ „Münchener politischen Blätter“ nicht
7« ohne die „Rhein- und Moselzeitung“ erwähnen? Nro. 1 war
also so gütig, die „geringe Öffentlichkeit des Staates“, die „Un¬
fertigkeit“ eines „täglichen“, lauten und ungewohnten „politischen
Denkens“, den Charakter der „werdenden Zeitgeschichte“, lauter
Gründe, womit wir die faktische Zeitungslüge entschuldig-
15 ten, mit einem neuen Grunde zu vermehren, mit der faktischen
Verstandesschwäche eines großen Teiles der deutschen
Presse. Die „Rhein- u. Moselzeitung“ hat an sich selbst den Be¬
weis geliefert, wie ein unwahres Denken notwendig und un¬
absichtlich unwahre Tatsachen, also Entstellungen und Lügen
so produziert.
Wir kommen zu Nro. 2, zu der Löwenkutte, denn die weiteren
Gründe von Nro. 1 machen hier weitläufiger den Prozeß ihrer
Verwickelung durch. Die Löwenkutte unterrichtet zunächst das
Publikum über ihre wenig interessanten Gemütszustände. — Sie
25 habe einen „Zomerguß“ erwartet. Nun brächten wir eine „an¬
scheinend leicht hingeworfene, vornehme Abfertigung“.
Ihrem Danke für diese „unerwartete Schonung“ mischt sich der
ärgerliche Zweifel bei, „ob jene unerwartete Schonung in der Tat
als ein Zug der Milde oder vielmehr als eine Folge der geistigen
so Unbehaglichkeit und Ermattung anzusehen“.
Wir wollen unserem frommen Herm nicht auseinandersetzen,
wie geistliche Behaglichkeit wohl einen Grund zu
geistiger Unbehaglichkeit abgeben könnte, wir wollen
gleich zu dem „Inhalt der fraglichen Erwiderung“ übergehen. Der
35 fromme Herr gesteht, „leider nicht verhehlen zu können“, daß
seinem „allermäßigstem Verstände“ die Rh. Ztg. „ihre Verlegen¬
heit nur hinter leeren Wortfechtereien zu verbergen suche“, und
um keinen Augenblick den Schein einer geheuchelten
Demut oder Bescheidenheit aufkommen zu lassen, belegt der
io fromme Herr seinen „allermäßigsten“ Verstand sogleich mit den
schlagendsten, unwiderleglichsten Proben. Er beginnt, wie folgt:
„«Die alten Sünden der L. A. Z., ihr Verhalten zu den han¬
noverschen Angelegenheiten, ihre Parteipolemik gegen den Ka¬
tholizismus, ihre Klatschereien etc.», nun ja, die können nicht ge-
is leugnet werden ; aber — meint unsere vortreffliche Schülerin des
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 28
350
Aus der Rheinischen Zeitung
großen Philosophen Hegel — diese Vergehen sind voll¬
kommen dadurch entschuldigt, daß auch andere
Blätter sich dergleichen haben zuschulden kommen lassen — (ge¬
rade wie ja auch ein Spitzbube vor Gericht sich nicht glän¬
zender rechtfertigen kann, als indem er sich auf die schlechten s
Streiche seiner zahlreichen, noch frei in der Welt umherspazie¬
renden Kameraden beruft).“
Wo haben wir gesagt, „die alten Sünden der L. A. Z. seien
vollkommen dadurch entschuldigt, daß auch andere
Blätter sich dergleichen haben zuschulden kommen lassen“? Wo 10
haben wir diese alten Sünden auch nur zu „entschuldigen“ ver¬
sucht? Unser wirkliches Räsonnement, welches sehr wohl zu
unterscheiden ist von dem Widerschein unseres Räsonnements in
dem Spiegel des „allermäßigsten Verstandes“, unser wirkliches
Räsonnement lautete also: Zunächst zählt die „Rh.- u. Mztg.“ w
die „alten Sünden“ der L. A. Z. auf. Wir spezifizieren darauf
diese Sünden und fahren dann fort: „Wenn sämtliche
deutsche Zeitungen alten Stiles sich ihre Vergangenheit vorwerfen
wollten, so könnte sich der Prozeß nur um die formelle Frage
bewegen, ob sie gesündigt haben durch das, was sie taten, oder 20
durch das, was sie nicht taten. Wir würden unserer Freundin,
der „Rhein- und Moselzeitung“, gern den harmlosen Vorzug vor
der L. A. Z. einräumen, nicht nur keine schlechte, sondern gar
keine Existenz gewesen zu sein.“
Wir sagen also nicht, daß auch andere Blätter,, wir 25
sagen, daß sämtliche deutsche Zeitungen älteren Stiles,
worunter wir ausdrücklich die „Rhein- und Moselzeitung“ be¬
greifen, nicht sich miteinander vollständig entschuldigen,
sondern sich mit Recht dieselben Vorwürfe machen können.
Nur könne die „Rhein- und Moselzeitung“ den zweideutigen Vor- w
zug in Anspruch nehmen, durch das gesündigt zu haben, was sie
nicht tat, also ihre Unterlassungssünden den Be¬
geh u n g s sünden der L. A. Z. gegenüberstellen. Wir können der
„Rhein- und Moselzeitung“ ihre passive Schlechtigkeit an einem
frischen Beispiel erklären. Sie kühlt jetzt an der toten L. A. Z. «
ihr fanatisches Gelüste, während sie die Leipz. Allg. Ztg. bei Leb¬
zeiten exzerpierte, statt sie zu widerlegen. Das Gleichnis» womit
der „allermäßigste Verstand“ unser Räsonnement sich zu ver¬
deutlichen strebt, bedarf einer kleinen, aber wesentlichen Korrek¬
tur. Er hätte nicht von einem Spitzbuben sprechen müssen, der w
sich vor Gericht mit den anderen frei umherlaufenden Spitz¬
buben entschuldigt. Er hätte von zwei Spitzbuben sprechen
müssen, von denen der eine, der sich nicht gebessert hat und nicht
eingesperrt wird, über den anderen triumphiert, der eingesperrt
wird, obgleich er sich gebessert hat. „Zudem“, fährt der „aller-
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
351
mäßigste Verstand“ fort, „zudem «wird der Rechtszustand
durch den moralischen Charakter oder gar die politischen und reli¬
giösen Meinungen der Individuen nicht alteriert> und hat folg¬
lich selbst ein absolut schlechtes Blatt eben dadurch, daß es
^lediglich eine schlechte Existenz ist, auch ein
Recht, eine solche schlechte Existenz zu sein (gerade wie
allem übrigen Schlechten auf Erden, eben wegen seiner schlech¬
ten Existenz, auch das Recht zu existieren nicht bestritten wer¬
den kann).“
10 Es scheint, der fromme Herr will uns überzeugen, daß er nicht
nur nicht bei keinem „großen“, sondern auch nicht einmal bei
einem „kleinen“ Philosophen in die Schule gegangen ist.
Der Passus, dem unser Freund so wunderlich verzerrte und
verworrene Züge andichtet, lautete, ehe er in dem Medium des
is „allermäßigsten Verstandes“ sich gebrochen hatte, also:
„Indes unser inkriminierter Artikel sprach nicht von dem ver¬
gangenen, sondern von dem gegenwärtigen Charakter der
L. A. Z., obgleich wir, wie sich von selbst versteht, gegen ein Ver¬
bot etc. etc. der zu Koblenz erscheinenden „Rhein- und Mosel-
20 zeitung“ nicht minder ernst gemeinte Einwendungen zu machen
hätten, denn der Rechtszustand wird durch den moralischen
Charakter oder gar die politischen und religiösen Meinungen der
Individuen nicht alteriert. Der rechtlose Zustand der Presse
ist vielmehr über allen Zweifel erhaben, sobald man ihre E x i •
2s stenz von ihrer Gesinnung abhängig macht. Bis jetzt
gibt es nämlich noch keinen Kodex der Ge¬
sinnung und keinen Gerichtshof der Gesin-
n u n g.“
Wir behaupten also nichts, als daß ein Mensch nicht eingesperrt
so oder seines Eigentums oder irgendeines anderen juristischen
Rechtes verlustig gehen könne wegen seines moralischen Charak¬
ters, wegen seiner politischen und religiösen Meinungen,
welche letztere Behauptung unseren religiösen Freund besonders
zu alterieren scheint. Wir wollen den Rechtszustand einer
ss schlechten Existenz ungefährdet wissen, nicht weil sie schlecht ist,
sondern insoweit ihre Schlechtigkeit in der Gesinnung, für
die es keinen Gerichtshof und keinen Kodex gibt,
steckenbleibt. Wir stellen also die Existenz der schlech¬
ten Gesinnung, für die es keinen Gerichtshof gibt, der
io Existenz der schlechten Handlungen entgegen, die, wenn
sie ungesetzmäßig sind, ihren Gerichtshof und ihre stra¬
fenden Gesetze finden. Wir behaupten also, daß eine schlechte
Existenz, obschon schlecht, wenn nur nicht ungesetzmäßig,
ein Recht zu existieren habe. Wir behaupten nicht, was unser
« Scheinecho zurückhallt, daß einer schlechten Existenz, eben weil
28»
352
Aus der Rheinischen Zeitung
sie „lediglich eine schlechte Existenz“ sei, „das Recht zu existieren
nicht bestritten werden könne“. Vielmehr wird sich unser ehr¬
würdiger Gönner überzeugt haben, daß wir ihm und der „Rhein-
und Moselzeitung“ das Recht, eine schlechte Existenz zu sein,
bestreiten und sie daher möglichst zu guten Existenzen um- .5
wandeln wollen, ohne uns deswegen zu einem Angriff auf den
„Rechtszustand“ der Rhn.- u. Moselztg. und ihres Schild¬
knappen berechtigt zu halten. Noch eine Probe von dem „Ver¬
standesmaß“ unseres frommen Eiferers: „Wenn aber das Organ
,des politischen Gedankens4 so weit geht, zu behaupten, daß 10
solche Blätter wie die Leipziger Allgemeine Zeitung (und ganz
vorzüglich sie, die Rheinische, wie sich von selbst versteht) viel¬
mehr zu loben und von Staats wegen zu loben4 seien, weil
sie auch angenommen, daß sie Unzufriedenheit und Ver¬
stimmung erregten, doch deutsche Unzufriedenheit und 15
deutscheVerstimmung erregten, so können wir doch nicht
umhin, unseren Zweifel an diesem seltsamen ,Verdienst um das
deutsche Vaterland4 auszusprechen.44 Die angezogene Stelle lautet
im Original also: „Sind aber nicht vielmehr die Blätter zu loben
und von Staats wegen zu loben, welche die Aufmerksamkeit, 20
das fieberhafte Interesse, die dramatische Spannung, die alles
Werdende, die vor allem die werdende Zeitge¬
schichte begleiten, dem Auslande entreißen und dem
Vaterlande erobern! Nehmt selbst an. sie erregten Un¬
zufriedenheit, Verstimmung! So erregen sie doch deutschem
Unzufriedenheit, deutsche Verstimmung, so haben sie dem
Staate immer noch die abgewandten Gemüter zurückgeschenkt,
wenn auch zunächst aufgeregte, verstimmte Gemüter! Und sie
haben nicht nur Unzufriedenheit und Verstimmung usw., sie haben
vor allem eine wirkliche Teilnahme am Staate erregt, sie haben 30
den Staat zu einer Herzens-, zu einer Hausangelegen¬
heit usw. gemacht.“
Unser Ehrwürdiger läßt also die verbindenden Mittelglie¬
der aus. Es ist, als wenn wir ihm sagten: Bester Mann! Seien Sie
uns dankbar, wir klären Ihren Verstand auf, und wenn wir Sie 35
auch ein wenig ärgern, so ist es doch immer Ihr Verstand, der
dabei gewinnt — und unser Freund antwortete: Wie! ich soll Ihnen
dankbar sein, weil Sie mich ärgern! Nach diesen Proben des
„allermäßigsten Verstandes“ wird man die unmäßige Phan¬
tasie unseres Verf., die uns schon kohortenweise „sengend 40
und brennend die deutschen Gauen durchziehen“ läßt, auch ohne
tiefere psychologische Studien erklärlich finden. Zum Schlüsse
wirft unser Freund die Maske weg. „Ulrich v. Hutten und seine
Genossen44, unter denen bekanntlich auch Luther zählt, werden
der Löwenkutte in der „Rhein- und Moselzeitung“ ihren ohn- «
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
353
mächtigen Ärger verzeihen. Wir können nur über eine Übertrei¬
bung erröten, die uns so großen Männern anreiht, und wollen,
weil ein Dienst des anderen wert ist, unseren Freund mit dem
Hauptpastor Götze zusammenstellen. Wir rufen ihm also
5 mit Lessing zu:
„Und sonach meine ritterliche Absage nur kurz. Schreiben
Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben, so viel das Zeug halten
will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem geringsten Ding
Recht lasse, wo Sie nicht Recht haben: dann kann ich die Feder
i® nicht mehr rühren.“
Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“
[RhZ 1«. Jan. 1843. Nr. 16]
* K ö 1 n, 15. Jan. Der Nr. 1 der Rhein- und Moselzeitung vom
11. Januar, dem wir als Vorreiter des Löwenartikels eine flüch-
16 tige Aufmerksamkeit vor einigen Tagen gewidmet haben, sucht
heute an einem Beispiel nachzuweisen, wie wenig „die in -ihrer
Dialektik Überschlagende (die Rh. Ztg.) einen einfachen, klar
ausgesprochenen Satz klar aufzufassen“ vermöge. Er, Nr. 1, habe
nämlich gar nicht gesagt, daß die „Rheinische Zeitung“ das Ver-
2o bot der Münchener polit. Blätter zu rechtfertigen gesucht, „wohl
aber, daß sie in demselben Moment, worin sie zur Verfechterin
unbedingter Preßfreiheit sich auf wirft, keinen Anstand nimmt,
ein wirklich verbotenes Blatt zu schmähen, daher die Ritterlich¬
keit, womit sie selbst gegen ein Verbot der Rhein- und Moselzei-
25 tung in die Schranken treten zu wollen versichert, nicht eben weit
her zu sein scheine.“ Der Vorreiter Nr. 1 übersieht, daß zwei
Gründe seine Unruhe über unser ritterliches Betragen bei einem
etwaigen Verbote der Rh.- u. Moselzeitung verursachen konnten
und daß auf beide Gründe geantwortet wurde. Der gute Vorreiter,
3o mußten wir denken, traut entweder unserer Versicherung nicht,
weil er in der angeblichen Schmähung auf die M. P. B. eine
versteckte Rechtfertigung ihres Verbotes sieht. Wir konnten einen
solchen Gedankengang bei dem guten Vorreiter um so mehr vor¬
aussetzen, als der gemeine Mann die eigentümliche Schlauheit be-
33 sitzt, aus solchen, wie ihm scheint, unbewußt „entschlüpften“
Äußerungen die wahre Meinung herausdeuten zu wollen. Für
diesen Fall beruhigen wir den guten Vorreiter dadurch, daß wir
ihm nachweisen, wie unmöglich ein Zusammenhang zwischen
unserer Äußerung über die M. P. B. und einer Rechtfertigung
w ihres Verbots vorhanden sein könne.
Oder Nr. 1, war die zweite Möglichkeit, findet es überhaupt be¬
denklich und unritterlich, daß wir einem Wirklich verbote-
354
Aus der Rheinischen Zeitung
n e n B1 a 11, wie den Münch, pol. Blatt., Parteipolemik gegen den
Protestantismus vorwerfen? Er erblickt hierin eine Schmähung.
Und für diesen Fall stellten wir an den guten Vorreiter die Frage:
„Wenn wir in demselben Moment, wo wir die L. A. Z. gegen ,das
eben erfolgte* Verbot in Schutz nahmen, ihrer Parteipolemik s
gegen den Katholizismus mit der Rhein- und Moselzeitung er¬
wähnen, durften wir die Parteipolemik der ,längst verbotenen*
Münch, pol. Blätt. nicht ohne die Rhein- und Moselzeitung er¬
wähnen?** Das hieß: Wir schmähen die L.A.Z. nicht, indem
wir ihrer antikatholischen Parteipolemik mit dem Konsens der 10
Rh.- und Moselzeitung erwähnen. Wird unsere Behauptung von
der katholischen Parteipolemik der Münch, pol. Blätt. zur
Schmähung werden, weil sie so unglücklich ist, nicht den Kon¬
sens der Rhein- und Moselzeitung zu besitzen?
Weiter hat Nr. 1 doch nichts getan, als unsere Behauptung eine 15
Schmähung genannt, und seit wann haben wir uns verpflichtet,
dem Nr. 1 aufs Wort zu glauben? Wir sagten: Die Münch, polit.
Blätt. sind ein katholisches Parteiblatt und in dieser Rücksicht
eine umgekehrte L. A. Z. Der Vorreiter in der Rhein- und Mosel¬
zeitung sagt: Sie sind kein Parteiblatt und keine umgekehrte 20
L. A. Z. Sie seien keine „gleiche Niederlage von Unwahrheiten,
dummen Klatschereien und Verhöhnungen gegen nicht-katholische
Bekenntnisse“. Wir sind weder theologische Klopffechter der
einen noch der anderen Seite, und man lese nur die psychologische,
klatschhaft-gemeine Schilderung Luthers in den Münchener po- 2s
litischen Blättern, man lese nur, was die „Rhein- und Moselzei¬
tung“ von „H u 11 e n und seinen Genossen“ sagt, um zu entschei¬
den, ob das „gemäßigte** Blatt den Standpunkt einnimmt, von
dem es entscheiden könnte, was religiöse Parteipolemik sei
und was nicht. »
Schließlich verspricht uns der gute Vorreiter eine „nähere Cha¬
rakterisierung der Rheinischen Zeitung“. Nous verrons. Die kleine
Partei zwischen München und Koblenz fand schon einmal, daß
der „politische“ Sinn der Rheinländer entweder für gewisse
unstaatliche Bestrebungen ausgebeutet oder als ein „Ärgernis“ «
unterdrückt werden müsse. Sollte sie in der schnellen Verbreitung
der Rheinischen Zeitung durch die Rheinprovinz ihre gänzliche
Bedeutungslosigkeit konstatiert sehen, ohne sich zu ärgern? Ist
der jetzige Moment ungünstig zum Ärgern? Wir finden das alles
passabel gut überlegt und bedauern nur, daß jene Partei in Er- *
mangelung eines bedeutenderen Organs mit dem guten Vorreiter
und seinem unscheinbaren „gemäßigten“ Blatte vorlieb nehmen
muß. Man mag aus diesem Organ auf die Macht der Partei
schließen.
Rechtfertigung des ff-Korrespondenten von der Mosel
[RhZ 15. Jan. 1843. Nr. 15]
ft Von der Mosel, im Jan. Die Nro. 346 und Nro. 348 der
„Rheinischen Zeitung44 enthalten zwei Artikel von mir, wovon der
5 eine die Holznot an der Mosel, der andere die besondere
Teilnahme der Mosellaner an der königl. Kabinettsordre vom
24. Dez. 1841 und der durch sie bewirkten freieren Bewegung der
Presse betrifft. Der letzte Artikel ist in grobe und, wenn man
will, rohe Farben getaucht. Wer unmittelbar und häufig die
io rücksichtslose Stimme der Not in der umgebenden Bevöl¬
kerung vernimmt, der verliert leicht den ästhetischen Takt, welcher
in den feinsten und bescheidensten Bildern zu sprechen weiß, der
hält es vielleicht sogar für seine politische Pflicht, auf einen
Augenblick öffentlich jene populäre Sprache der Not zu führen,
is welche er in seiner Heimat zu verlernen keine Gelegenheit fand.
Handelt es sich nun aber darum, die Wahrheit solcher Worte zu
beweisen, so kann wohl schwerlich der Beweis bis auf den
Wortlaut gemeint sein, denn in dieser Rücksicht würde jedes
Résumé unwahr sein, und es wäre überhaupt unmöglich, den Sinn
20 einer Rede wiederzugeben, ohne die Rede selbst zu wiederholen.
Wurde also z. B. behauptet: „Man hielt den Notschrei der Winzer
für freches Gekreisc h44, so wird billigerweise nur verlangt
werden können, daß eine ungefähr richtige Gleichung ge¬
zogen sei, d. h. daß ein Gegenstand nachgewiesen werde, der die
25 resümierende Bezeichnung „freches Gekreisch44 einigermaßen
aufwiegt und zu einer nicht unpassenden Bezeichnung macht. Ist
diese Probe geliefert, so kann es sich nicht mehr um die Wahr¬
heit, sondern nur mehr um die sprachliche Präzision
handeln, und schwerlich möchte ein mehr als problematisches
3o Urteil über die verschwindend feinen Nuancen des sprachlichen
Ausdrucks gefällt werden können. —
Zu vorstehenden Bemerkungen veranlassen mich zwei Re¬
skripte des Herrn Oberpräsidenten von Schaper in Nro. 352
der „Rheinischen Zeitung44, d. d. Koblenz, 15. Dez., worin mir in
35 bezug auf meine beiden oben angeführten Artikel mehrere Fragen
auf erlegt werden. Die verspätete Erscheinung meiner Ant¬
wort ist zunächst durch den Inhalt dieser Fragen selbst veranlaßt,
indem ein Zeitungskorrespondent nach bestem Gewissen
die ihm zu Ohren kommende Volksstimme mitteilt, keineswegs
356
Aus der Rheinischen Zeitung
aber auf ihre erschöpfende und motivierte Darstellung im Detail,
in den Veranlassungen und den Quellen derselben vorbereitet sein
muß. Abgesehen von dem Zeitverlust, von den vielen Mitteln, die
eine solche Arbeit erfordert, kann sich der Korrespondent einer
Zeitung nur als ein kleines Glied eines vielverzweigten Körpers «
betrachten, an dem er sich eine Funktion frei auserwählt, und
wenn etwa der eine mehr den unmittelbaren von der Volksmeinung
empfangenen Eindruck eines Notzustandes schildert, wird der
andere, der Historiker ist, dessen Geschichte, der Gemütsmensch
die Not selbst, der Staatsökonom die Mittel, sie aufzuheben, be- 10
sprechen, welche eine Frage wieder von verschiedenen Seiten
bald mehr lokal, bald mehr im Verhältnis zum Staatsganzen etc.
gelöst werden kann.
So wird bei lebendiger Preßbewegung die ganze Wahr¬
heit in die Erscheinung treten, denn wenn das Ganze zuerst 25
auch nur als ein bald absichtlich, bald zufällig nebeneinander
laufendes Hervorheben der verschiedenen einzelnen Gesichts¬
punkte zum Vorschein kommt, so hat endlich diese Arbeit der
Presse selbst einem ihrer Glieder das Material bereitet, aus dem
er nun das eine Ganze schaffen wird. So setzt sich die Presse 20
nach und nach durch die Teilung der Arbeit in den Besitz der
ganzen Wahrheit, nicht indem einer alles, sondern indem viele
weniges tun.
Ein anderer Grund der Verspätung meiner Antwort liegt darin,
daß die Redaktion der Rheinischen Zeitung nach dem ersten Be- 25
richt, den ich ihr einsandte, noch mehrere ergänzende Aufschlüsse,
ebenso nach einem zweiten und dritten Bericht noch Zusätze und
diesen Schlußbericht begehrte, endlich teils mich selbst um Mit¬
teilung meiner Quellen ersuchte, teils sich bis dahin die Publi¬
kation meiner Einsendungen vorbehielt, wo sie selbst auf anderem 30
Wege die Bestätigung meiner Angaben erlangt habe1).
Meine Antwort erscheint ferner anonym. Ich folge darin
der Überzeugung, daß zum Wesen der Zeitungspresse Anony¬
mität gehört, die eine Zeitung aus einem Sammelplätze vieler
individueller Meinungen zu dem Organ eines Geistes^
macht. Der Name schlösse einen Artikel so fest von dem
anderen ab, wie der Körper die Personen voneinander abschließt,
höbe also seine Bestimmung, nur ein ergänzendes Glied zu sein,
völlig auf. Endlich macht die Anonymität nicht nur den Sprecher
selbst, sondern auch das Publikum unbefangener und freier, in- *0
dem es nicht auf den Mann sieht, welcher spricht, sondern auf
die Sache, d i e er spricht, indem es von der empirischen Person
*) Indem wir die obigen Angaben bestätigen, bemerken wir zugleich, daß die
verschiedenen sich wechselseitig interpretierenden Briefe eine Zusammenstellung
von unserer Seite nötig machten. Die Red. d. Rh. Ztg.
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
357
ungestört die geistige Persönlichkeit allein zum Maß seines Urteils
macht.
Wie ich aber meinen Namen verschweige, so werde ich in allen
Detailangaben Beamten und Gemeinden nur dann nennen, wenn
gedruckte, im Buchhandel befindliche Dokumente angezogen wer¬
den oder wenn die Nennung des Namens ganz harmlos ist. Die
Presse muß die Zustände, aber sie darf meiner Überzeugung
nach nicht die Personen denunzieren, es sei denn, daß einem
öffentlichen Übel nicht anders zu steuern wäre oder daß die
io Publizität schon das ganze Staatsleben beherrscht und also der
deutsche Begriff der Denunziation verschwunden ist.
Am Schlüsse dieser einleitenden Bemerkungen glaube ich die
gerechte Hoffnung aussprechen zu dürfen: daß der Herr Ober¬
präsident nach Durchlesung meiner ganzen Darstellung sich
io von der Reinheit meiner Absicht überzeugen und selbst die mög¬
lichen Irrtümer aus einer falschen Ansicht, nicht aber aus bös¬
williger Gesinnung erklären wird. Meine Darstellung selbst muß
beweisen, ob ich die harte Anschuldigung der Verleumdung
wie des Zweckes, Unzufriedenheit und Mißver-
20 gnügen zu erregen, selbst für den jetzt wirklich eintretenden
Fall einer fortgesetzten Anonymität, verdient habe, Anschuldigun¬
gen, die um so schmerzlicher sein müssen, als sie von einem in
der Rheinprovinz vorzugsweise hochverehrten und geliebten
Manne ausgehen.
26 Zur leichteren Übersicht habe ich meine Antwort in folgende
Rubriken geteilt:
A. Die Frage in bezug auf die Holzverteilung.
B. Das Verhältnis der Moselgegend zu der
Kabinettsordre vom 24. Dez. 1841 und der
3o durch dieselbe bewirkten freieren Be¬
wegung der Presse.
C. Die Krebsschäden der Moselgegend.
D. Die Vampyre der Moselgegend.
E. Vorschläge zur Abhilfe.
36
Die Frage in bezug auf die Holzverteilung
In meinem Artikel „Von der Mosel, 12. Dez.44, Nro. 348 der
Rh. Z., führe ich folgenden Umstand an:
„Die aus mehreren tausend Seelen bestehende Gemeinde,
4o der ich angehöre, besitzt als Eigentümerin die schönsten
358
Aus der Rheinischen Zeitung
Waldungen, aber ich weiß mich nicht zu erinnern, daß
die Gemeindeglieder einen unmittelbaren Genuß aus ihrem
Eigentum durch Holzpartizipationen gezogen hätten.“
Der Herr Oberpräsident bemerkt hierzu:
„Ein solches, mit den gesetzlichen Bestim- 5
mungen nicht im Einklang stehendes Ver¬
fahren würde sich nur durch ganz besondere Umstände
motivieren lassen“
und verlangt zugleich, zur Prüfung des Tatbestandes, die Nennung
des Namens der Gemeinde. 10
Ich bekenne freimütig: Einerseits glaube ich, daß ein mit den
Gesetzen nicht im Einklang, also im Widerspruch stehendes
Verfahren sich kaum durch Umstände motivieren lassen, sondern
stets ungesetzlich bleiben dürfte; andererseits kann ich das von
mir geschilderte Verfahren nicht ungesetzlich finden. n
Die infolge des Gesetzes vom 24. Dez. 1816 und der Aller¬
höchsten Kabinettsordre vom 18. Äug. 1835 erlassene, in der
Beilage zum Amtsblatt No. 62 der königlichen Regierung zu
Koblenz publizierte Instruktion (d. d. Koblenz, den 31. August
1839), über die Verwaltung der Gemeinde- und Institutenwaldun- «o
gen in den Regierungsbezirken Koblenz und Trier, bestimmt im
§ 37 wörtlich folgendes:
„In Beziehung auf die Verwertung des in den Waldungen
aufkommenden Materials gilt es als Regel, daß soviel veräußert
werden muß, als zur Deckung der Waldkosten (Steuern und ts
Verwaltungsausgaben) erforderlich ist.“
„Im übrigen hängt es von den Beschlüssen der Gemeinden ab,
o b das Material zur Deckung anderweitiger Gemeindebedürfnisse
meistbietend veräußert werden soll oder ob es
unter die Gemeindeglieder ganz oder teilweise, unentgeltlich oder
gegen bestimmte Taxe zu verteilen sei. Indessen gilt als
Regel, daß das Brenn- und Geschirrholz in natura verteilt, das
Bauholz aber, soweit es nicht zu Gemeindebauten oder zur Unter¬
stützung einzelner Mitglieder bei Brandschäden usw. zu ver¬
wenden, meistbietend verkauft werde.“ 35
Diese von einem Vorgänger des Herm Oberpräsidenten der
Rbeinprovinz erlassene Instruktion scheint mir zu beweisen, daß
die Verteilung des Brennholzes unter die Gemeindeglieder von
dem Gesetze weder geboten noch verboten, sondern lediglich eine
Frage der Zweckmäßigkeit ist, wie ich denn auch in dem quäst. 49
Art. nur die Zweckmäßigkeit des Verfahrens besprochen habe.
Hiernach möchte der Grund, aus welchem der Herr Oberpräsident
den Namen der Gemeinde zu wissen verlangte, wegfallen, da
es sich nicht mehr um die Untersuchung einer Gemeindeverwal-
Rechtfertigung de* Korrespondenten von der Mosel
359
tung, sondern nur um Modifikation einer Instruktion handeln
wird. Ich nehme aber keinen Anstand, die Redaktion der Rh. Ztg.,
zur Namhaftmachung der Gemeinde, in der mir keine Holz¬
verteilung erinnerlich ist, auf besonderes Verlangen des
s Hm. Oberpräsidenten, zu ermächtigen, indem der Gemeinde¬
vorstand dadurch nicht denunziert, das Wohl der Gemeinde aber
nur gefördert werden kann.
[RhZ 17. Jan. 1843. Nr. 17]
B.
Das Verhältnis der Moselgegend zur Kabinetts¬
ordre v. 24. Dez. 1841 und der durch dieselbe
bewirkten freieren Bewegung der Presse
Der Herr Oberpräsident bemerkt in bezug auf meinen Artikel
„Bemkastel, vom 10. Dez. in Nro. 346 der Rhein. Ztg.“, worin
13 ich die Behauptung aufstelle, daß der Mosellaner die durch die
Allerhöchste Kabinettsordre vom 24. Dez. v. J. der Presse zuteil
gewordene größere Freiheit seiner besonders bedrängten Lage
wegen vor allen enthusiastisch begrüßt habe, folgendes:
„Soll dieser Artikel einen Sinn haben, so muß es dem Mosel-
20 laner seither versagt gewesen sein, seinen Notstand, die Ursachen
desselben sowie die Mittel zu seiner Abhilfe öffentlich freimütig
zu besprechen. Ich bezweifle, daß dem so ist. Denn bei dem Be¬
streben der Behörden, dem anerkannten Notstände der Wein¬
bauern Abhilfe zu verschaffen, hat ihnen nichts erwünschter
25 kommen können als die möglichst offene und freimütige Be¬
sprechung der dort herrschenden Zustände.“ „Der Herr Verfasser
des obigen Artikels würde mich daher sehr verpflichten, wenn er
die Fälle speziell nachzuweisen die Güte haben wollte, wo auch
vor dem Erscheinen der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 24. Dez.
3o vorigen Jahres eine freimütige öffentliche Besprechung des Not¬
standes der Moselbewohner von der Behörde verhindert worden
ist.“ Weiter unten bemerkt der Herr Oberpräsident: „Daß übri¬
gens, wie der eingangs gedachte Artikel sagt, das Notgeschrei der
Winzer höheren Orts lange Zeit für freches Gekreisch ge-
35 halten sei, glaube ich zwar schon von vornherein für eine Unwahr¬
heit erklären zu können.“
Meine Antwort auf diese Fragen wird folgenden Gang nehmen.
Ich werde zu beweisen suchen:
1 ) daß zunächst, gänzlich abgesehen von den Befugnissen
so der Presse vor der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 24. Dez.
1841, aus der eigentümlichen Natur des Notzustandes an der
Mosel das Bedürfnis einer freien Presse notwendig hervor¬
geht;
360
Aus der Rheinischen Zeitung
2) daß, selbst wenn keine speziellen Verhinderungen
der „freimütigen und öffentlichen Besprechung“ vor dem Er¬
scheinen der beregten Kabinettsordre stattgefunden haben, meine
Behauptung nichts von ihrer Richtigkeit einbüßt und die vorzugs¬
weise Teilnahme der Mosellaner an der Allerhöchsten Kabinetts- s
ordre und der durch sie bewirkten freieren Bewegung der Presse
gleich verständlich bleibt;
3) daß wirklich spezielle Umstände eine „freimütige
und öffentliche“ Besprechung verhinderten.
Innerhalb des ganzen Zusammenhangs wird sich dann ergeben, io
inwiefern meine Behauptung: „Der desolate Zustand der
Winzer war höheren Orts lange Zeit in Zweifel gezogen und ihr
Notgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden“, eine Wahr¬
heit oder eine Unwahrheit ist.
ad 1. Bei der Untersuchung staatlicher Zustände ist u
man allzu leicht versucht, die sachliche Natur der Ver¬
hältnisse zu übersehen und alles aus dem Willen der han¬
delnden Personen zu erklären. Es gibt aber Verhältnisse,
welche sowohl die Handlungen der Privatleute als der einzelnen
Behörden bestimmen und so unabhängig von ihnen sind als die 20
Methode des Atemholens. Stellt man sich von vornherein auf
diesen sachlichen Standpunkt, so wird man den guten oder den
bösen Willen weder auf der einen noch auf der anderen Seite
ausnahmsweise voraussetzen, sondern Verhältnisse wirken sehen,
wo auf den ersten Anblick nur Personen zu wirken scheinen. So- 25
bald nachgewiesen ist, daß eine Sache durch die Verhältnisse
notwendig gemacht wird, wird es nicht mehr schwierig sein,
auszumitteln, unter welchen äußeren Umständen sie nun wirk¬
lich ins Leben treten mußte und unter welchen sie nicht ins
Leben treten konnte, obgleich ihr Bedürfnis schon vorhanden war. 30
Man wird dies ungefähr mit derselben Sicherheit bestimmen
können, mit welcher der Chemiker bestimmt, unter welchen
äußeren Umständen verwandte Körperstoffe eine Verbindung
eingehen müssen. Wir glauben daher durch den Beweis: daß
aus der Eigentümlichkeit des Notzustandes an der Mosel 35
die Notwendigkeit einer freien Presse folgt, unserer Dar¬
stellung eine Basis zu geben, die über alles Persönliche hinausragt.
Der Notzustand der Moselgegend kann nicht als ein ein¬
facher Zustand betrachtet werden. Man wird mindestens im¬
mer zwei Seiten unterscheiden müssen, den Privatzustand und 40
den Staatszustand, denn so wenig die Moselgegend außerhalb des
Staates, so wenig liegt ihr Notzustand außer der Staatsverwaltung.
Die Beziehung beider Seiten aufeinander bildet erst den
wirklichen Zustand der Moselgegend. Um nun die Art und
Weise dieser Beziehung zu ermitteln, teilen wir ein authentisches 45
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
361
und aktenmäßiges Gespräch zwischen den wechselseitigen Or¬
ganen der beiden Seiten mit.
In dem vierten Hefte der „Mitteilungen des Vereins zur
Förderung der Weinkultur an der Mosel und Saar zu Trier“
5 findet sich eine Verhandlung zwischen dem Finanzministerium,
der Regierung zu Trier und der Direktion des angegebenen Ver¬
eins. Der Verein hatte in einer Vorstellung an das Finanzministe¬
rium u. a. auch eine Berechnung des Ertrages der Weinberge
auf gestellt. Die Regierung zu Trier beauftragte mit der Begut-
10 achtung des auch ihr zugegangenen Schreibens den Vorsteher
des trierischen Kataster-Bureaus, Steuerinspektor v. Zuccal-
m a g 1 i o, der hierzu, wie die Regierung selbst in einem Schreiben
sagt, um so geeigneter schien, als er „zur Zeit der Ermittelung der
Katastral-Erträge der Weinberge an der Mosel tätigen Anteil
is genommen“. Wir stellen nun einfach das amtliche Gutachten
des Hm. v. Zuccalmaglio und die Replik der Direktion des
Vereins zur Förderung der Weinkultur in ihren schlagendsten
Stellen sich gegenüber.
Der amtliche Berichterstatter:
20 Der in der Eingabe aufgestellten Berechnung des Bruttoertrags
eines Morgen Weinberges während der letzten 10 Jahre von
1829—1838 aus den zu der dritten Wein Steuerklasse ge¬
hörenden Gemeinden liegt:
1) die Kreszenz auf einem Morgen,
25 2) der Preis, wofür ein Fuder Wein im Herbste verkauft
worden, zugrunde. Die Berechnung entbehre aber aller als genau
nachgewiesenen Prämissen, denn: „Ohne amtliche Einwir¬
kung und Kontrolle ist es weder einem einzelnen noch auch einem
Verein möglich, zuverlässige Nachrichten auf dem Privatwege
so über den Weingewinn aller einzelnen Eigentümer während einem
Zeitraum in einer großen Anzahl von Gemeinden zu erlangen,
weil es gerade im Interesse vieler Eigentümer
liegen kann, hierin die Wahrheit möglichst zu
verheimlichen.“
35 Die Replik der Vereinsdirektion: „Daß das Ka¬
taster-Bureaus das Katastralverfahren nach Kräften in Schutz
nimmt, befremdet uns nicht: dennoch aber bleibt das nun fol¬
gende Räsonnement schwer begreiflich“ etc.
„Der Herr Kataster-Vorsteher sucht mit Ziffern darzutun, daß
4o die Katastral-Erträge überall die richtigen sind: sagt auch, daß
die von uns angenommene 10jährige Periode hier nichts beweisen
könne“ etc. etc. „Auf Ziffern lassen wir uns nicht ein, indem, wie
er am Eingänge seiner Bemerkungen sehr weislich vorausschickt,
uns dazu die amtlichen Mitteilungen fehlen; wir halten es auch
362
Aus der Rheinischen Zeitung
nicht nötig, da seine ganze auf Amtlichkeit gestützte Rech¬
nung und sein Räsonnement gegen die von uns auf gestellten Tat¬
sachen nichts beweisen können.“ „Wenn wir sogar zugestehen, daß
die Katastral-Erträge im Augenblicke ihrer Ermittelung ganz
richtig, daß sie sogar zu niedrig gewesen, so kann uns mit Erfolg 5
nicht in Abrede gestellt werden, daß sie bei der gegenwärtigen
jammervollen Umgestaltung der Dinge als Basis nicht
mehr dienen können.“
Der amtliche Berichterstatter: „Eszeigt sich dem¬
nach nirgend ein Faktum, das zu der Annahme berechtigt, daß die 10
Katastral-Erträge der in der letzten Zeit abgeschätzten Weinberge
zu hoch seien, wohl aber ließe sich leicht nacbweisen, daß die in
früherer Zeit abgeschätzten Weinberge der Land- und Stadtkreise
Trier und des Kreises Saarburg sowohl an und für sich als gegen
die übrigen Kulturen zu gering stehen.“ u
Die Replik der Vereinsdirektion: „Der um Hilfe
Flehende fühlt sich schmerzlich berührt, wenn ihm auf seine ge¬
gründete Klage erwidert wird, daß bei einer Ermittelung die Ka¬
taster-Erträge eher höher als niedriger gestellt werden dürften.“
„Übrigens, bemerkt die Replik, hat auch der Herr Bericht- 20
erstattet bei allem Absprechen unserer Angabe bei der Ein¬
nahme fast nichts widerlegen oder anders stellen können, daher
nur gesucht, bei der Ausgabe andere Resultate herbeizuführen.“
Wir wollen nun hinsichtlich der Ausgabe-Berechnung
einige der schlagendsten Kontroversen zwischen dem Herm Be- 23
richterstatter und der Direktion des Vereins gegenüberstellen.
Der amtliche Berichterstatter: „ad Position 8
muß besonders bemerkt werden, daß das Ausbrechen der
üblichen Lotten oder das sogenannte Geitzen eine Operation ist,
die nur von wenigen Weingutsbesitzem in neuerer Zeit eingeführt 33
worden, nirgend aber, weder an der Mosel noch an der Saar, als
zu der landesüblichen Bauart gehörig angesehen werden kann.“
Die Replik der Vereinsdirektion: „Das Aus¬
brechen und Rühren, meinte der Herr Katastervorsteher,
sei erst in neuerer Zeit von wenigen Gutsbesitzern eingeführt wor- 33
den“ etc. Dem ist jedoch nicht so. „Der Winzer habe erkannt,
daß, will man nicht ganz untersinken, man nichts unversucht
lassen darf, was die Qualität des Weines einigermaßen heben
kann. Diesen Geist soll man zum Gedeihen des Landes sorgsam
heben, statt ihn zu unterdrücken.“
„Und wem würde es einfallen, die Kulturkosten der Kartoffeh
deshalb herunterzusetzen, weil es Ackersleute gibt, welche die¬
selben ihrem Schicksale und der Güte Gottes überlassen.“
Der amtliche Berichterstatter: „Die bei Posi¬
tion 14 aufgeführten Kosten für das Faß können hier gar nich
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
363
in Ansatz kommen, da, wie schon bemerkt worden, in den auf-
gjeführten Weinpreisen die Kosten für das Gebinde oder das Faß
nicht einbegriffen sind. Wird nun beim Verkaufe des Weins
das Faß mit verkauft, wie Regel ist, so wird auch dem Weinpreise
3 der Kostenpreis hierfür noch zugesetzt, wodurch die Fässer wieder
vergütet werden.“
Die Replik der Vereinsdirektion: „Wo Wein
verkauft wird, geht das Faß mit fort, ohne daß von dessen Ver¬
gütung auch nur im entferntesten die Rede wäre oder auch nur
10 sein könnte. Die wenigen Fälle, wo Wirte hiesiger Stadt ohne Faß
kaufen, können auf das Ganze nicht in Anschlag kommen.“ „Es
ist nicht mit dem Weine wie mit anderen Waren, die bis zum
Verkaufe im Magazine liegen, dann aber auf Kosten des Emp¬
fängers verpackt und versendet werden, da also der Weinkauf das
is Faß stillschweigend nach sich zieht, so ist es einleuchtend, daß
dessen Preis zu den Produktionskosten mit angerechnet werden
muß.“
Der amtliche Berichterstatter: „Wird die in der
Anlage angegebene Kreszenz nach den amtlichen Nachweisungen
oo hierüber berichtigt, dagegen die Kostenberechnung sogar in allen
Teilen als richtig angenommen und nur aus derselben die Grund-
und Most steuer und die Kosten für das Faß oder die Posi¬
tionen 13, 14 und 17 weggelassen, so ergibt sich folgendes:
Der Brutto-Ertrag beträgt ... 53 Thlr. 21 Sgr. 6 Pfg.
2o Die Kosten ohne 13, 14 und 17 . 39 ,, 5 „ — ,,
Mithin Reinertrag 14 Thlr. 16 Sgr. 6 Pfg.
Die Replik der Vereinsdirektion: „Die Rech¬
nung als solche ist richtig, nicht aber so das Resultat. Wir haben
nicht mit unterstellten, sondern mit solchen Zahlen gerechnet, die
oo wirkliche Beträge repräsentieren, und gefunden, daß, wenn man
von 53 Thlr. wirklicher Auslage 48 Thlr. wirklicher und alleiniger
Einnahme abzieht, 5 Thlr. Zubuße bleiben.“
Der amtliche Berichterstatter: „Ist aber nun
dennoch nicht zu verkennen, daß der Notstand an der Mosel gegen
35 die Periode vor dem Entstehen des Zollverbandes bedeutend zu¬
genommen, daß sogar teilweise eine wirkliche Verarmung
zu befürchten steht, so ist der Grund hievon — lediglich in
dem früheren, zu hohen Ertrage derselben zu suchen.“
„Durch das an der Mosel in dem1) bestehenden früheren Quasi-
oo Monopol im Weinhandel und die schnell aufeinander gefolgten
günstigen Weinjahre 1819, 1822, 1825, 1826, 1827, 1828 hatte
sich dort ein nie gekannter Luxus gebildet. Die großen
Summen Geldes in den Händen des Winzers verleiteten ihn zum
x) Wohl Druckfehler für ehedem
364
Aus der Rheinischen Zeitung
Ankauf von Weinbergen zu ungeheuren Preisen, zur Anlage von
neuen Weinbergen mit übermäßigen Kosten in Distrikten, die sich
zum Weinbau nicht mehr eigneten. Jeder wollte Eigentümer
werden, und so wurden Schulden kontrahiert, die früher von einem
guten Jahre leicht gedeckt werden konnten, die aber jetzt bei den 5
eingetretenen nachteiligen Konjunkturen den in die Hände der
Wucherer gefallenen Winzer notwendig ganz zu Boden drücken
müssen.“
„Eine Folge wird sein, daß die Weinkultur sich auf die
besseren Lagen beschränken und wieder, wie früher, mehr in die 10
Hände von reichen Gutsbesitzern übergehen wird, wozu sie auch
wegen den damit verbundenen großen Vorlagen sich hauptsächlich
eignet, die leichter imstande sind, nachteilige Jahre zu über¬
stehen, und dennoch Mittel genug haben, die Kultur zu ver¬
bessern und ein Produkt zu erzielen, welches mit dem aus den nun
geöffneten Zollvereinsländem die Konkurrenz bestehen kann.
Allerdings wird dies nicht ohne große Kalami¬
täten bei der ärmeren Winzerklasse, die aber auch wohl
größtenteils in der vorhergegangenen günstigen Zeit Eigentümer
geworden sind, in den ersten Jahren geschehen können; indessen 20
bleibt dabei immer zu berücksichtigen, daß der frühere Zustand
ein unnatürlicher war, der sich jetzt an den
Unvorsichtigen rächt. Der Staat . . . wird sich
lediglich darauf beschränken können, durch dazu
geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölkerung den Übergang 25
möglichst zu erleichtern.“
Die Replik der Vereinsdirektion: „Wahrlich, wer
die Armut an der Mosel erst befürchtet, hat sie, die in ihrer
gräßlichsten Gestalt unter der moralisch guten, unermüdet
regsamen Bevölkerung dieses Landesteils bereits ganz eingebür- 30
gert ist und täglich mehr und mehr um sich greift, noch nicht
gesehen; und daß man hier nicht sage, wie es der Herr Ka¬
taster-Vorsteher tut, es sei die eigene Schuld des Verarmten; nein,
der vorsichtige wie der nichtachtende, der fleißige wie der gleich¬
gültige, der bemittelte wie der unbemittelte Winzer, alle liegen 35
mehr oder weniger darnieder, und wenn es einmal dahin ge¬
kommen ist, daß selbst die vermögenden, fleißigen und sparsamen
Winzer sagen müssen, wir können uns nicht mehr nähren, dann
muß doch wohl die Ursache außer ihnen gesucht werden.“
„Wahr ist es, daß die Winzer in den günstigsten Zeiten zu 40
höheren Preisen als sonsten Güter angeschafft und — darauf rech¬
nend, daß ihre Mittel, wie selbe sich ihnen zeigten, zureichen
würden, alles nach und nach zu berichtigen — Schulden kon¬
trahiert hatten; allein wie man dieses, was als Beweis der Tätig¬
keit und Gewerbsamkeit dieser Leute dient, Luxus nennen und
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
365
sagen kann, daß der gegenwärtige Zustand der Winzer davon her¬
rühre, daß der frühere ein unnatürlicher gewesen, der sich jetzt
an den Unvorsichtigen räche, bleibt unbegreiflich.“
„Der Herr Katastervorsteher stellt auf, daß, durch die unge-
5 wohnlich günstigen Zeiten verlockt, die Leute, welche nach ihm
früher nicht einmal Eigentümer gewesen!! die Masse der Wein¬
berge un verhältnismäßig vermehrt hätten und daß jetzt nur in
der Verminderung der Weinberge Heil zu suchen sei.“
„Allein wie unbedeutend ist die Zahl derjenigen Weinberge,
10 die zum Anbau von Frucht und Gemüse verordnet werden könnten,
gegen die Masse derer, die außer dem Weine nur Hecken und
Gesträuche hervorbringen können! und soll die gewiß höchst acht¬
bare, wegen dem Weinbaue auf eine so verhältnismäßig kleine
Bodenfläche zusammengedrängte Bevölkerung, die dem Unglücke
is so männlich entgegenkämpfte, nicht einmal des Ver¬
suches wert sein, ob ihre Existenz durch Erleichterungen
nicht gefristet werden könne, bis günstigere Verhältnisse es ihr
möglich machen, sich wieder zu erheben und dem Staate wieder
zu werden, was sie ihm früher waren; nämlich eine Quelle des
20 Einkommens, wie nicht leicht eine zweite auf gleicher Bodenfläche,
ohne Zurechnung von Städten, zu treffen sein wird.“
Der amtliche Berichterstatter: „Daß aber diese
Not der ärmeren Winzer nun auch von den reicheren Gutsbesitzern
benutzt wird, um durch grelle Darstellung des früheren
25 glücklichen Zustandes im Gegensatz mit dem jetzigen weniger
günstigen, aber doch noch immer lohnenden, sich alle mög¬
lichen Erleichterungen und Vorteile zu verschaffen, ist wohl sehr
begreiflich.“
[RhZ 18. Jan. 1843. Nr. 18]
3o Die Replik der Vereinsdirektion: „Wir sind
unserer Ehre und unserem inneren Bewußtsein schuldig, uns gegen
die Anschuldigung zu verwahren, daß wir die Not der
ärmeren Winzer benutzen, um uns durch grelle Darstellun¬
gen alle möglichen Vorteile und Erleichterungen zu verschaffen.“
K „Nein, wir beteuern es, und das wird, so hoffen wir, zu unserer
Rechtfertigung genügen, daß jede selbstsüchtige Absicht uns fremd
war und daß wir bei dem ganzen Schritte nichts vor Augen hatten,
als durch eine offene und wahre Darstellung der
Verhältnisse der armen Winzer den Staat auf das aufmerksam zu
machen, was bei weiterem Umsichgreifen für ihn selbst gefährlich
werden muß! Wer die Umgestaltung kennt, welche die gegen¬
wärtige traurige Lage der Winzer in ihren häuslichen und indu¬
striellen Beziehungen, selbst hinsichtlich der Moralität, in progres-
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 29
366
Aus dec Rheinischen Zeitung
sivem Fortschritte schon bis jetzt hervorgebracht hatte, dem muß,
denkt er an ein Fortbestehen oder gar Zunehmen solcher Not, vor
der Zukunft grauen.“
Zunächst wird man zugeben müssen, daß die Regierung nicht
entschieden sein, sondern schwanken mußte zwischen der Ansicht s
ihres Berichterstatters und der gegnerischen Ansicht der Wein¬
bautreibenden. Bedenkt man ferner, daß das Referat des Herm
v. Zuccalmaglio vom 12. Dez. 1839 und die Antwort des Vereins
vom 15. Juli 1840 datiert, so folgt, daß bis zu dieser Zeit die
Ansicht des Herm Berichterstatters, wenn auch nicht die ein • J»
zige, doch immer die herrschende Ansicht des Regie¬
rungskollegiums gewesen sein muß. Wenigstens tritt sie noch im
Jahr 1839 als Regierungsgutachten, also gleichsam als Résumé
der Regierungsansicht dem Mémoire des Vereins gegenüber, denn
bei einer konsequenten Regierung darf man wohl ihre letzte An-
sicht als die Summe ihrer früheren Ansichten und Erfahrungen
betrachten. In dem Bericht wird nun nicht nur der Notzustand
nicht als allgemeiner anerkannt, sondern auch dem aner¬
kannten Notstand soll nicht abgeholfen werden, denn es
heißt: „Der Staat wird sich nur lediglich darauf beschränken so
können, durch dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevölke¬
rung den Übergang möglichst zu erleichtern.“ Unter
dem Übergang ist unter diesen Umständen aber der allmähliche
Untergangzu verstehen. Der Untergang der ärmeren Winzer
wird gleichsam als ein Naturereignis betrachtet, wobei der ss
Mensch im voraus resigniert und nur das Unausbleibliche zu mil¬
dem sucht. „Allerdings, heißt es, wird dies nicht ohne große
Kalamitäten abgehen.“ Der Verein wirft daher auch die Frage
auf, ob der Moselwinzer nicht einmal „eines Versuches“
wert sei? Hätte die Regierung eine entschieden gegnerische An- so
sicht gehabt, so würde sie den Bericht von vornherein modifiziert
haben, da er eine so wichtige Sache, wie die Aufgabe und
den Entschluß des Staats in dieser Angelegenheit, bestimmt
angibt. Man sieht hieraus, daß der Notstand der Winzer
anerkannt sein konnte, ohne daß das Bestreben vorhanden 35
war, ihm abzuhelfen.
Wir führen nun noch ein Beispiel davon an, wie den Behörden
über den Moselzustand referiert ward. Im Jahre 1838 bereiste
ein hochgestellter administrativer Beamter die Moselgegend. In
einer zu Piesport gehaltenen Konferenz mit zwei Landräten frag *0
er einen derselben, wie es mit den Vermögensverhältnissen der
Winzer aussehe, und erhielt zur Antwort: „Die Winzer lebten zu
luxuriös, und schon deshalb könnten ihre Sachen nicht schlecht
stehen.“ Dennoch war der Luxus schon zu einer Sage früherer
Tage geworden. Wie wenig diese mit dem Regierungs-Referat «
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
367
übereinstimmende Ansicht allgemein aufgegeben ist, darauf
machen wir nur beiläufig aufmerksam. Wir erinnern an die
Stimme, welche sich in der Beilage I. des Fr. Joum. Nr. 349
(1842) aus Koblenz vernehmen ließ und von dem angeb-
.5 liehen Notstände der Weinbauern an der Mosel spricht.
Ebenso spiegelt sich höheren Orts die eben vernommene amt¬
liche Ansicht als ein Bezweifeln „der desolaten“ Zustände und
der allgemeinen Wirkungen der Not, also auch ihrer all¬
gemeinen Ursachen wieder. Die angezogenen Mitteilungen
io des Vereins enthalten u. a. folgende Erwiderungen des Finanz¬
ministeriums auf verschiedene Eingaben : „Wenngleich, wie
die marktgängigen Weinpreise ergeben, die Besitzer der in die
1. und 2. Steuerklasse eingeschätzten Weinberge an der Mosel
und Saar keine Veranlassung zur Unzufriedenheit
is haben, so wird doch nicht verkannt, daß die Weinbauern, deren
Erzeugnis von minder guter Art ist, sich nicht in einem gleich
günstigen Verhältnisse befinden.“ So heißt es in einer Ant¬
wort auf ein Gesuch um Steuererlaß für 1838: „Auf Ihre hierher
gerichtete Vorstellung vom 10. Okt. v. J. wird Ihnen eröffnet, daß
2o auf den in Antrag gebrachten allgemeinen Erlaß der ganzen
Weinsteuer für 1838 nicht eingegangen werden kann, da Sie selbst
keineswegs zu derjenigen Klasse gehören, welche der meisten Be¬
rücksichtigung bedarf und deren Notstand etc. in ganz
anderen als den steuerlichen Verhältnissen zu suchen
25 ist.“
Wie wir in dieser ganzen Darstellung nur auf Faktisches
zu bauen wünschen und uns bestreben, soviel an uns, nur Tat¬
sachen in eine allgemeine Form zu erheben, so werden wir zu¬
nächst den Dialog zwischen dem trierischen Verein zur Förderung
so der Weinkultur und dem Berichterstatter der Regierung in seine
allgemeinen Grundgedanken übersetzen.
Die Regierung muß einen Beamten zur Begutachtung des Mé¬
moires ernennen. Sie ernennt natürlich einen möglichst sach¬
kundigen Beamten, am liebsten also einen Beamten, der an der
3s Regulierung der Moselverhältnisse selbst Anteil nahm. Dieser
Beamte ist nicht abgeneigt, in der fraglichen Beschwerdeschrift
Angriffe auf seine amtliche Einsicht und sein früheres amt¬
liches Wirken zu entdecken. Er ist sich seiner gewissenhaften
Pflichterfüllung und der offiziellen Detailkenntnisse, die ihm zu
oo Gebote stehen, bewußt; er findet plötzlich eine entgegengesetzte
Ansicht, und was ist natürlicher, als daß er Partei gegen die
Bittsteller ergreift, daß ihre Absichten, die doch immer mit
Privatinteressen Zusammenhängen können, ihm verdäch¬
tig erscheinen, daß er sie also verdächtigt. Statt ihre Darstellung
so zu benutzen, sucht er sie zu widerlegen. Es kömmt hinzu, daß der
29»
368
Aus der Rheinischen Zeitung
augenscheinlich arme Winzer weder Zeit noch Bildung zur Schil¬
derung seiner Zustände besitzt, daß also der arme Winzer nicht
sprechen kann, während der Weinbautreihende, der sprechen
kann, nicht augenscheinlich arm ist, also ohne Grund zu sprechen
scheint. Wenn aber selbst der gebildete Weinbautreibende auf den «
Mangel an amtlicher Einsicht verwiesen wird, wie sollte der un¬
gebildete Winzer vor dieser amtlichen Einsicht bestehen können!
Die Privaten ihrerseits, die das wirkliche Elend an anderen in
seiner vollen Ausbildung erblickt haben, die es an sich selbst
heranschleichen sehen und überdem sich bewußt sind, daß das 10
Privatinteresse, was sie beschützen, ebensosehr Staatsinteresse ist
und als Staatsinteresse von ihnen bevorwortet wurde, fühlen not¬
wendig nicht nur ihre eigene Ehre verletzt, sondern glauben auch
die Wirklichkeit von einem einseitig und willkürlich zu¬
recht gemachten Standpunkte aus entstellt. Sie opponieren also u
gegen die sich überhebende Amtlichkeit, sie weisen die Wider¬
sprüche zwischen der wirklichen Gestalt der Welt und jener Ge¬
stalt auf, die sie in den Bureaus annimmt, sie stellen den offiziellen
Belegen die praktischen Belege gegenüber, sie können endlich
nicht umhin, in der gänzlichen Verkennung ihrer überzeugungs- zo
sicheren und faktisch klaren Sachentwicklung eine selbstsüchtige
Absicht zu vermuten, etwa die Absicht, den Beamtenverstand gegen
die Bürgerintelligenz geltend zu machen. Der Private schließt also
ebenfalls, daß der sachkundige, mit seinen Verhältnissen in Be¬
rührung getretene Beamte sie nicht vorurteilsfrei darstellen z«
werde, eben weil sie teilweise sein Werk sind, während der vor¬
urteilsfreie Beamte, der die hinlängliche Unparteilichkeit zur Be¬
gutachtung besäße, nicht sachkundig sei. Wenn aber der Beamte
dem Privaten vorwirft, daß er seine Privatangelegenheit zu einem
Staatsinteresse hinaufschraube, so wirft der Private dem Beamten 30
vor, daß er das Staatsinteresse zu seiner Privatangelegenheit her¬
unterschraube, zu einem Interesse, von dem alle anderen als Laien
ausgeschlossen seien, so daß selbst die sonnenklarste Wirklichkeit
gegen die in den Akten, also amtlich, also staatlich vorliegende
Wirklichkeit und die auf sie fußende Intelligenz ihm als illu- a
sorisch, so daß nur der Wirkungskreis der Behörde ihm als Staat,
dagegen die außer diesem Wirkungskreis der Behörde liegende
Welt als Staatsgegenstand erscheine, der aller staatlichen Ge¬
sinnung und Einsicht bar sei. Wenn endlich der Beamte
bei einem notorischen Mißstand das meiste auf die Privaten
schiebt, die ihren Zustand selbst verschuldet hätten, dagegen
die Vortrefflichkeit der Verwaltungsmaximen und Institutionen,
die selbst amtliche Schöpfungen sind, nicht antasten läßt, auch
von ihnen nichts aufgeben will, so verlangt umgekehrt der Private,
der sich seines Fleißes, seiner Sparsamkeit, seines harten Kamp- «
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
369
fes mit der Natur und den sozialen Verhältnissen bewußt ist, daß
der Beamte, der allein staatsschöpferische Macht besitze, nun
auch seine Not wegschaffe und, wenn er alles gut zu machen be¬
haupte, nun auch beweise, daß er die bösen Zustände durch seine
ô Operationen gut machen könne oder zum wenigsten Einrichtungen,
die für eine Zeit passend waren, als unpassend für eine gänzlich
verwandelte Zeit erkenne.
Derselbe Gesichtspunkt des höheren amtlichen Wissens und
derselbe Gegensatz der Verwaltung und ihres Gegenstandes wie-
io derholt sich innerhalb der Beamtenwelt selbst, und wie wir sehen,
daß das Katasterbureau bei Begutachtung der Moselgegend haupt¬
sächlich die Unfehlbarkeit des Katasters geltend macht, wie das
Finanzministerium behauptet, das Übel liege „in ganz anderen“
als den „steuerlichen“ Ursachen, so wird die Verwaltung über-
15 haupt nicht in sich, sondern außersich den Grund der Not
finden. Der einzelne, dem Winzer zunächst stehende Beamte sieht
nicht absichtlich, sondern notwendig die Zustände
besser oder anders an, als sie sind. Er glaubt, die Frage, ob sich
seine Gegend wohl befinde, sei die Frage, ob e r sie wohl verwalte.
so Ob die Verwaltungmaximen und Institutionen überhaupt gut sind,
ist eine Frage, die außerhalb seiner Sphäre liegt, denn darüber
kann nur von höheren Stellen geurteilt werden, wo ein weiteres
und tieferes W i s s e n über die amtliche Natur der Dinge,
d. h. über ihren Zusammenhang mit dem ganzen Staate, herrscht.
25 Daß erselbst gut verwaltet, davon kann er die gewissenhafteste
Überzeugung haben. So wird er einerseits den Zustand nicht so
ganz desolat finden, und andererseits, wenn er ihn desolat findet,
wird er den Grund außerhalb der Verwaltung suchen, teils in
der Natur, die vom Menschen unabhängig, teils im Privatleben,
30 das von der Verwaltung unabhängig, teils in Zufällen, die von
niemand abhängig.
Die höhere kollegialische Behörde nun muß offenbar ihren
Beamten höheres Vertrauen schenken als den Verwalteten, von
welchen die gleiche, amtliche Einsicht nicht zu präsumieren ist.
35 Eine kollegialische Behörde hat überdem ihre Überlieferungen.
Sie hat also auch in bezug auf die Moselgegend ihre einmal fest¬
stehenden Grundsätze, sie besitzt in dem Kataster die amtliche
Gestalt des Landes, sie hat amtliche Festsetzungen über Einnah¬
men und Ausgaben, sie hat überall neben der reellen Wirklichkeit
4o eine bureaukratische Wirklichkeit, die ihre Autorität behält,
so sehr die Zeit wechseln mag. Es kömmt hinzu, daß die bei¬
den Umstände, das Gesetz der Beamtenhierarchie und der Grund¬
satz von einem doppelten Staatsbürgertum, dem aktiven, wissen¬
den Staatsbürgertum der Verwaltung und dem passiven, unbe-
45 wußten der Verwalteten, sich wechselseitig ergänzen. Nach der
370
Aus der Rheinischen Zeitung
Maxime, wonach der Staat sein bewußtes und tätiges Dasein in
der Verwaltung besitzt, wird jede Regierung den Zustand einer
Gegend, soweit es sich um die Staatsseite handelt, für das Werk
ihres Vorgängers halten. Nach dem Gesetz der Hierarchie wird
dieser Vorgänger meistens schon eine höhere Stellung, oft die un- «
mittelbar höhere Stellung einnehmen. Endlich hat jede Regierung
einerseits das wirkliche Staatsbewußtsein, daß der Staat Gesetze
hat, die er trotz aller Privatinteressen durchsetzen muß ; anderer¬
seits hat sie als einzelne Verwaltungsbehörde nicht die Institutio¬
nen und Gesetze zu machen, sondern sie anzuwenden. Sie kann 10
daher nicht die Verwaltung selbst, sondern nur den Gegenstand
der Verwaltung zu reformieren suchen. Sie kann ihre Gesetze
nicht nach der Moselgegend einrichten, sie kann nur innerhalb
ihrer feststehenden Verwaltungsgesetze das Wohl der Moselgegend
zu befördern suchen. Jeeifriger und redlicher daher eine u
Regierung strebt, innerhalb der einmal angenommenen und sie
selbst beherrschenden Verwaltungsmaximen und Einrichtungen
einen auffallenden, gar eine ganze Landstrecke um¬
fassenden Notstand zu heben, je hartnäckiger das Übel
widersteht und trotz der guten Verwaltung zunimmt, um so 20
inniger, aufrichtiger, entschiedener wird ihre
Überzeugung, daß dies ein inkurabler Notzustand sei, an
dem die Verwaltung, d. h. der Staat nichts ändern könne, der viel¬
mehr eine Veränderung von Seiten der Verwalteten nötig mache.
Wenn aber die unteren Verwaltungsbehörden der höherstehen- u
den amtlichen Einsicht vertrauen, daß die Maximen der Verwal¬
tung gut sind und selbst für ihre pflichtgetreue Ausführung im
Einzelnen einstehen, so stehen sich die höheren Verwaltungs¬
behörden für die Richtigkeit der allgemeinen Maximen und trauen
ihren untergeordneten Gliedern die richtige amtliche Beurteilung 30
des Einzelnen zu, von der sie übrigens überdem amtliche offizielle
Belege haben.
So kann eine Regierung bei dem besten Willen zu dem
von dem Regierungsreferenten zu Trier über die Moselgegend
ausgesprochenen Grundsätze kommen :„DerStaatwirdsich 35
nur lediglich darauf beschränken können, durch
dazu geeignete Mittel der gegenwärtigen Bevöl¬
kerung den Übergang zu erleichtern.“
Betrachten wir nun einige der bekanntgewordenen Mittel,
welche die Regierung zur Milderung des Notstandes der Mosel an- w
wandte, so wird sich unser Räsonnement wenigstens durch die
offen daliegende Verwaltungsgeschichte bestätigt finden, und nach
der geheimen Geschichte können wir natürlich unser Urteil nicht
formulieren. Wir zählen zu diesen Mitteln : die Steuererlasse
in schlechten Weinjahren, den Rat, zu einer an- «
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
371
deren Kulturart, etwa dem Seidenbau, überzu¬
gehen, und endlich die Motion, die Parzellierung des
Grundbesitzeszu beschränken. Das erste Mittel soll offen¬
bar nur erleichtern, nicht abhelfen. Es ist ein momentanes
s Mittel, in welchem der Staat eine Ausnahme von seiner Regel
macht, und eine Ausnahme, die nicht kostspielig ist. Es ist auch
nicht der konstante Notstand, es ist ebenfalls eine ausnahms¬
weise Erscheinung desselben, die erleichtert wird; es ist nicht die
chronische Krankheit, an die man sich gewöhnt hat, es ist eine
10 akute Krankheit, von der man überrascht wird.
Mit den beiden anderen Mitteln tritt die Verwaltung aus ihrem
eigenen Kreise heraus. Die positive Tätigkeit, die sie nun ent¬
wickelt, besteht darin, daß sie teils den Mosellaner belehrt, wie
er sich selbst helfen könne, teils ihm eine Beschränkung
is und Entsagung eines bisherigen Rechts vorschlägt. Hier wird also
der oben entwickelte Gedankengang verwirklicht. Die Verwaltung,
die den Notstand der Mosel inkurabel und in Umständen, die
außerhalb ihrer Maximen und ihrer Tätigkeit liegen, begründet
gefunden hat, stellt an den Mosellaner den Rat, seinen Zustand so
20 einzurichten, daß er in die jetzigen Verwaltungsinstitutionen hin¬
einpasse und innerhalb derselben erträglich existieren könne. Der
Winzer selbst fühlt sich durch dergleichen Vorschläge, wenn sie
auch nur gerüchtweise zu ihm dringen, schmerzlich berührt. Er
wird es mit Dank anerkennen, wenn die Regierung Experimente
2s auf eigene Kosten anstellt; aber er fühlt, daß die Anweisung, an
sich selbst Experimente vorzunehmen, eine Resignation der Re¬
gierung ist, durch eigene Tätigkeit zu helfen. Er begehrt Hilfe
und nicht Rat. So sehr er dem amtlichen Wissen in der ihm
angehörigen Sphäre vertraut und sich vertrauungsvoll an das-
3o selbe wendet, ebensosehr traut er in seiner Sphäre sich selbst die
nötige Einsicht zu. Eine Beschränkung der Parzellierung des
Grundbesitzes aber widerstreitet seinem angeerbten Rechtsbewußt-
sein; er erblickt darin den Vorschlag, seiner physischen Armut
noch die rechtliche Armut hinzuzufügen, denn in jeder Verletzung
3s der gesetzlichen Gleichheit erblickt er einen Notzustand des Rechts.
Er fühlt es bald bewußter, bald unbewußter, daß die Verwaltung
des Landes und nicht das Land der Verwaltung wegen da ist, daß
aber das Verhältnis umgekehrt wird, sobald das Land seine Sitten,
Rechte, die Art seiner Arbeit und seines Eigentums umwandeln
4o soll, um in die Verwaltung zu passen. Der Mosellaner verlangt also,
daß, wenn er die ihm durch die Natur und die Sitte angewiesene
Arbeit vollbringt, der Staat ihm die Atmosphäre verschaffe, in
welcher er wachsen, gedeihen, leben kann. Dergleichen negative
Erfindungen prallen daher erfolglos an der Wirklichkeit nicht nur
os der Zustände, sondern auch des bürgerlichen Bewußtseins ab.
372
Aus der Rheinischen Zeitung
[RhZ 19. Jan. 1843. Nr. 19]
Welches ist also die Beziehung der Verwaltung zum Notzustand
der Mosel? Der Notzustand der Mosel ist zugleich ein
Notzustand der Verwaltung. Der konstante Not¬
stand eines Staatsteiles (und ein Notstand, der, seit länger als s
einem Dezennium fast unbemerkt eintretend, erst allmählich,
dann unaufhaltsam zum Kulminationspunkt sich entwickelt und
in immer bedrohlicherem Wachstum begriffen ist, kann wohl kon¬
stant genannt werden), ein solcher konstanter Notstand ist ein
Widerspruch der Wirklichkeit mit den Verwal-w
tungsmaximen, wie ja andererseits nicht nur das Volk, son¬
dern auch die Regierung den Wohlstand einer Landesgegend
als eine faktische Bestätigung der Verwaltung betrachtet. Die
Verwaltung aber kann ihrem bureaukratischen Wesen
nach die Gründe der Not nicht in der verwalteten Gegend, is
sondern nur in der natürlichen und privatbürger¬
lichen Gegend, die außer der verwalteten Gegend liegt, er¬
blicken. Die Verwaltungsbehörden könnenbei dembesten
Willen, bei der eifrigsten Humanität und der stärksten Intelli¬
genz mehr als augenblickliche und vorübergehende Kollisionen, 20
eine konstante Kollision zwischen der Wirklichkeit und den Ver¬
waltungsmaximen nicht lösen, denn weder liegt es in der Aufgabe
ihrer Stellung, noch vermag der beste Wille ein wesentliches
Verhältnis oder Verhängnis, wenn man will, zu durch¬
brechen. Dies wesentlicheVerhältnis ist das bureau- 25
kratische, sowohl innerhalb des Verwaltungskörpers selbst
als in seinen Bezügen zu dem verwalteten Körper.
Andererseits kann ebensowenig der weinbauende Private ver¬
kennen, daß sein Votum absichtlich oder unabsichtlich durch
das Privatinteresse getrübt sein, also die Wahrheit des-30
selben nicht unbedingt präsumiert werden kann. Er wird auch
einsehen, daß es viele leidende Privatinteressen im Staate gibt, zu
deren Hebung allgemeine Verwaltungsmaximen nicht verlassen
oder modifiziert werden können. Wird ferner der allgemeine
Charakter eines Notstandes behauptet, wird behauptet, der Wohl- «
stand sei in der Weise und dem Umfange gefährdet, daß das Privat¬
leiden zum Staatsleiden und seine Wegräumung zu einer Pflicht
des Staates gegen sich selbst werde, so scheint diese Behaup¬
tung der Verwalteten der Verwaltung gegenüber unpassend zu
sein, da die Verwaltung wohl am besten beurteilen wird, inwie- <0
fern das Staatswohl gefährdet und von ihr eine tiefere Einsicht in
das Verhältnis des Ganzen und seiner Teile präsumiert werden
muß als von diesen Teilen selbst. Es kömmt hinzu, daß der Ein¬
zelne und selbst viele Einzelne ihre Stimme nicht für die Volks¬
stimme ausgeben können; vielmehr ihre Darstellung immer den«
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
373
Charakter der privaten Beschwerdeschrift beibehalten wird.
Wäre endlich selbst die Überzeugung der beschwerdeführenden
Privaten die Überzeugung der ganzen Moselgegend, so nimmt die
Moselgegend selbst, als ein einzelner Verwaltungsteil und als ein-
5 zelner Landesteil, ihrer eigenen Provinz wie dem Staate gegen¬
über die Stellung eines Privatmannes ein, dessen Überzeugungen
und Wünsche erst an der allgemeinen Überzeugung und dem all¬
gemeinen Wunsche zu messen sind.
Die Verwaltung und die Verwalteten bedürfen zur Lösung der
20 Schwierigkeit also gleichmäßig eines dritten Elementes, welches
politisch ist, ohne amtlich zu sein, also nicht von bureaukra-
tischen Voraussetzungen ausgeht, welches ebenso bürgerlich
ist, ohne unmittelbar in die Privatinteressen und ihre Notdurft
verwickelt zu sein. Dieses ergänzende Element von staats-
2s bürgerlichem Kopf und von bürgerlichem Herzen
ist die freie Presse. Im Bereich der Presse können die Ver¬
waltung und die Verwalteten gleichmäßig ihre Grundsätze und
Forderungen kritisieren, aber nicht mehr innerhalb eines Sub¬
ordinations-Verhältnisses, sondern in gleicher staatsbürger-
20 lieber Geltung, nicht mehr als Personen, sondern als in¬
tellektuelle Mächte, als Verstandesgründe. Die „freie
Presse“, wie sie das Produkt der öffentlichen Meinung ist, so pro¬
duziert sie auch die öffentliche Meinung und vermag allein ein
besonderes Interesse zum allgemeinen Interesse, vermag allein
2s den Notstand der Moselgegend zum Gegenstand der allge¬
meinen Aufmerksamkeit und der allgemeinen Sympathie des
Vaterlandes zu machen, vermag allein die Not schon dadurch zu
mildem, daß sie die Empfindung der Not unter alle verteilt.
Die Presse verhält sich als Intelligenz zu den Volkszu-
3o ständen, aber sie verhält sich ebensosehr zu ihnen als Gemüt;
ihre Sprache ist daher nicht nur die kluge Sprache der Beurtei¬
lung, die über den Verhältnissen schwebt, sondern zugleich die
affektvolle Sprache der Verhältnisse selbst, eine Sprache, die in
amtlichen Berichten weder gefordert werden kann noch
35 darf. Die freie Presse endlich trägt die Volksnot in ihrer eigenen,
durch keine bureaukratischen Medien durchgegangenen Gestalt
an die Stufen des Thrones, zu einer Macht, vor welcher der Unter¬
schied von Verwaltung und Verwalteten verschwindet und es nur
mehr gleich nah und gleich fern stehende Staatsbürger
4o gibt.
Wenn also die freie Presse durch den eigentümlichen
Notstand der Mosel notwendig gemacht ward, wenn sie hier
heftiges, weil wirkliches Bedürfnis war, so scheint es, daß
keine ausnahmsweise Preßhindemisse dazu gehörten, um dies Be-
45 dürfnis hervorzubringen, sondern daß vielmehr eine ausnahms¬
374
Aus der Rheinischen Zeitung
weise Preßfreiheit dazu gehört hätte, um das vorhandene Bedürf¬
nis zu befriedigen.
ad 2. Die Presse über die Moselangelegenheiten ist jedenfalls
nur ein Teil der preußischen politischen Presse.
Um daher ihren Zustand vor der oft beregten Kabinettsordre zu 5
ermitteln, wird es nötig sein, einen raschen Blick auf den Zustand
der gesamten preußischen Presse vor dem Jahre 1841 zu werfen.
Wir lassen einen Mann von anerkannt loyaler Gesinnung sprechen:
„Still und ruhig“, heißt es in „Preußen und Frankreich von
David Hansemann, zweite Auflage, Leipzig 1834“, p. 272, n,
„still und ruhig entwickeln sich die allgemeinen Ideen und die
Dinge um so unbemerkter in Preußen, als die Zensur keine
gründlicheErörterung der den Staat betreffenden poli¬
tischen und selbst staatswirtschaftlichen Fragen
in preußischen Tagesschriften gestattet, wenn die A b f a s - r.
sung auch noch so anständig und gemessen ist;
unter einer gründlichen Erörterung kann nur eine solche verstan¬
den werden, wo die Gründe und die Gegengründe vorgetragen
werden dürfen; gründlich kann fastkeine staatswirt¬
schaftliche Frage erörtert werden, wenn nicht auch die 20
Beziehungen derselben auf innere und äußere Politik
untersucht werden, denn nur bei wenigen, vielleicht bei keiner
einzigen staatswirtschaftlichen Frage finden
diese Beziehungen nicht statt. Ob diese Ausübung der Zensur
zweckmäßig sei, ob die Zensur überhaupt anders als auf solche 2s
Weise nach dem Zustande der Regierung in Preußen ausgeübt
werden könne, darauf kommt es hier nicht an; genug, so
ist’ s.“
Bedenkt man ferner, daß schon der § 1 des Zensuredikts vom
19.Dez.1788 lautet: „Die Ansicht der Zensur aber ist keineswegs, w
eine anständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung der
Wahrheit zu hindern oder sonst den Schriftstellern irgend¬
einen unnützen und lästigen Zwang aufzuerlegen“; findet man
im Art. 2 des Zensuredikts vom 18. Okt. 1819 die Worte wieder:
„Die Zensur wird keine emsthafte und bescheidene Untersuchung 35
der Wahrheit hindern noch den Schriftstellern ungebührlichen
Zwang auf erlegen“; vergleicht man hiermit die Eingangsworte
der Zensurinstruktion vom 24. Dez. 1841: „Um schon jetzt
die Presse von unstatthaften, nicht in der Allerhöch¬
sten Absicht liegenden Beschränkungen zu befreien, haben«»
Seine Majestät der König durch eine an das königl. Staatsministe-
rium erlassene Allerhöchste Kabinettsordre jeden ungebührlichen
Zwang der schriftstellerischen Tätigkeit ausdrücklich zu
mißbilligen und — uns zu ermächtigen geruht, die Zensoren zur
angemessenen Beachtung des Art. 2 des Zensuredikts vom 18. Okt. <5
Recbhtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
375
1819 von n einem anzuweisen“; erinnert man sich endlich der
folgenden Wortte: „Der Zensor kann eine freimütige Besprechung
auch der inmeren Angelegenheiten sehr wohl gestatten.
— Die unverkennbare Schwierigkeit, hierfür die richtigen Gren-
3 zen aufzufindem, darf von dem Streben, der wahren Absicht
des Gesetztes zu genügen, nicht abschrecken noch zu jener
Ängstlichkeit verleiten, wie sie nur zu oft schon zu
Mißdeutunigen über die Absicht des Gouverne¬
ments Veranllassung gegeben hat“; so scheint nach allen diesen
io offiziellen Äußerungen die Frage: warum bei dem Wunsche von
Seiten der Behcörden, die Moselzustände möglichst freimütig und
öffentlich besprrochen zu hören, Zensurhindernisse stattgefunden?
sich vielmehr im die allgemeinere Frage zu verwandeln, war¬
um trotz derr „A bsicht des Gesetze s“, der „A b s i c h t
is des Gouvernements“ und endlich der „Allerhöchsten
Absicht“ diee Presse eingestandenermaßen noch im Jahre 1841
„von unstatthaften Beschränkungen“ zu befreien und die
Zensur i. J. 18411 an den Art. 2 des Edikts von 1819 zu erinnern
war! In bezug; auf die Moselgegend namentlich würde jene
ho Frage sich dahiin formulieren, nicht, welche speziellenPreß-
hinderniss<e stattgefunden, sondern vielmehr, welche spe¬
ziellen Preeßbegünstigungen diese teilweise Bespre¬
chung der inmeren Zustände zu einer möglichst frei¬
mütigen umd öffentlichen Besprechung ausnahms-
« we i se begeisttet hätten?
Über den inmeren Gehalt und den Charakter der politischen
Literatur uind Tagespresse vor der beregten Kabinetts¬
ordre verständiigen am klarsten wohl folgende Worte der Zensur¬
instruktion: „Akuf diesem Wege darf man hoffen, daß auch die
^politische Literatur und die Tagespresse ihre Be¬
stimmung besser erkennen, einen würdigeren Ton sich an¬
eignen und es k< ü n f t i g verschmähen werden, durch Mitteilungen
gehaltloser, auis fremden Zeitungen entlehnter Korrespondenzen
usw. usw. auf die Neugierde ihrer Leser zu spekulie-
& ren . . . Es iist zu erwarten, daß dadurch eine größere
Teilnahme an vaterländischen Interessen erweckt und
so das Natio>nalgefühl erhöht wird.“
Es scheint siich hiernach zu ergeben, daß, wenn durchaus keine
speziellen Maßregeln eine freimütige und öffentliche Be-
4o sprechung der Moselzustände verhinderten, der allgemeine
Z u s t a n d der- preußischen Presse selbst ein unbesiegbares Hin¬
dernis, sowohll der Freimütigkeit, als der Öffentlichkeit sein
mußte. Fassen wir die angezogenen Stellen der Zensurinstruktion
zusammen, so Ibesagt sie, daß: die Zensur überaus ängstlich und
45 eine äußere Schranke einer freien Presse war, daß hiermit Hand
376
Aus der Rheinischen Zeitung
in Hand die innere Beschränktheit der Presse ging, die den
Mut und selbst das Streben aufgegeben hatte, sich über den Hori¬
zont der Neuigkeit zu erheben, daß endlich im Volke selbst die
Teilnahme an vaterländischen Interessen und das
Nationalgefühl verloren gegangen waren, also gerade die 5
Elemente, welche nicht nur die schöpferischen Mächte einer frei¬
mütigen und öffentlichen Presse, sondern auch die Bedingungen
sind, innerhalb deren allein eine freimütige und öffentliche Presse
wirken und volkstümliche Anerkennung finden kann, eine An¬
erkennung, welche die Lebensatmosphäre der Presse bildet, ohne 10
welche sie rettungslos hinsiecht.
Wenn also Maßregeln der Behörden eine unfreie Presse
schaffen können, so liegt es dagegen außerhalb der Macht
der Behörden, bei der Unfreiheit des allgemeinen Preßzu¬
standes speziellen Fragen eine möglichst freimütige und öffent-15
liehe Besprechung zu sichern, indem selbst freimütige Worte,
welche über einzelne Gegenstände etwa die Spalten der Zeitungen
füllten, keine allgemeine Teilnahme hervorzurufen, sich also
keine wahrhafte Öffentlichkeit zu verschaffen wüßten.
Es kömmt hinzu, was Hansemann richtig bemerkt, daß 20
vielleicht bei keiner einzigen staatswirtschaft¬
lichen Frage die Beziehungen auf innere und
äußere Politik nicht stattfinden. Die Möglichkeit
einer freimütigen und öffentlichen Besprechung der M o s e 1 z u -
stände setzt also die Möglichkeit einer freimütigen und 25
öffentlichen Besprechung der ganzen „in n er en un d ä u ß er e n
Politik“ voraus. Diese darzubieten, lag so wenig in der Macht
einzelner Verwaltungsbehörden, daß vielmehr nur der unmittel¬
bar und entschieden ausgesprochene Wille des Königs selbst
hier bestimmend und nachhaltig eingreifen konnte. so
Wenn die öffentliche Besprechung nicht freimütig war, war die
freimütige Besprechung nicht öffentlich. Sie beschränkte sich auf
dunkle Lokalblätter, deren Gesichtskreis natürlich über den
Kreis ihrer Verbreitung nicht hinausging und nach dem vorherigen
nicht hinausgehen konnte. Zur Charakteristik solcher Lokal- 35
besprechungen geben wir einige Exzerpte aus verschiedenen Jahr¬
gängen des „Bemkasteler gemeinnützigen Wochenblatts“. In dem
Jahrgang 1835 heißt es: „Im Herbste 1833 machte eine auswär¬
tige Person in E r d e n 5 Ohm Wein. Um das Fuder voll zu machen,
kaufte sie 2 Ohmen dazu für den Preis von 30 Tlr. Das Faß #
kostete 9 Tlr. Moststeuer 7 Tlr. 5 Sgr. Einherbsten 4 Tlr. Keller¬
miete 1 Tlr. 3 Sgr. Kieferlohn 16 Sgr.; folglich, ungerechnet die
Baukosten, eine reine Ausgabe von 51 Tlr. 24 Sgr. Am 10. Mai
wurde das Faß Wein verkauft zu 41 Tlr. Noch ist zu bemerken,
daß dieser Wein gut ist und nicht aus Notdurft verkauft worden,
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel 377
auch in keine wucherische Hände gefallen ist.“ (p. 87.) „Am
21. Nov. wurden auf’m Markt zu Bernkastel % Ohm 1835 Wein
zu 14 Sgr. vierzehn Silbergroschen versteigert und am
27. ejusd. 4 Ohm samt Fuderfaß zu 11 Tlr., wobei noch zu be-
s merken ist, daß am verflossenen Micheistag das Fuderfaß zu
11 Tlr. eingekauft wurde.“ (p. 267 ib.) Unter dem 12. April 1836
eine ähnliche Anzeige.
Noch mögen hier einige Auszüge aus dem Jahrgange 1837
stehen: „Am 1. d. M. ward in Kinheim in öffentlicher Ver-
j« Steigerung vor Notar ein junger vierjähriger Wingert von zirka
200 Stöcken, gehörig aufgepfählt, mit gewöhnlichem Zahlungs¬
ausstand der Stock zu 1% Pfennig überlassen. Im Jahre 1828
kostete derselbe Stock dort 5 Sgr.“ (p. 47). „Eine Witwe zu
Graach ließ ihren Herbst um die Hälfte des Ertrages eintuen,
is und für ihren Anteil wurde ihr eine Ohm Wein zuteil, welche
sie gegen 2 Pfund Butter, 2 Pfund Brot und
V» Pf und Zwiebeln veräußerte.“ (In Nr. 37ib.) „Am
20. d. M. wurden hier zwangsweise versteigert: 8 Fuder 36er
Wein von Graach und Bernkastel, teilweise aus den besten
so Lagen, und 1 Fuder 35er Wein von Graach. Es wurden 135 Tlr.
15 Sgr. im ganzen erlöst (Faß mit), demnach kostet ein Fuder
ins andere zirka 15 Tlr. Das Faß mag allein 10—12 Tlr. gekostet
haben. Was bleibt nun dem armen Winzer für seine Baukosten
übrig? Ist es denn nicht möglich, daß dieser schrecklichen Not
2ä abgeholfen wird?!! (Eingesandt)“ (Nr. 4, p. 30.)
Man findet hier also nur einfache Erzählung von Tatsachen,
die, manchmal von einem elegischen kurzen Nachwort begleitet,
eben durch ihre ungeschminkte Einfachheit erschüttern mögen,
schwerlich aber den Charakter einer freimütigen und öffentlichen
so Besprechung der Moselzustände auch nur ansprechen dürften.
Wenn nun ein Einzelner und gar der zahlreiche Teil einer Be¬
völkerung von einem auffallenden und erschreckenden Unglück
betroffen werden, und niemand bespricht das Unglück, niemand
behandelt es als eine denk - und sprechwürdige Erschei-
35 nung, so müssen sie schließen, entweder daß die anderen nicht
sprechen dürfen oder daß sie nicht sprechen wollen, weil
sie die der Sache beigelegte Wichtigkeit für illusorisch halten.
Die Anerkennung seines Unglücks, diese geistige Beteiligung an
demselben, ist aber selbst dem ungebildeten Winzer ein Bedürf-
4o nis, — schlösse er auch nur, daß, wo alle denken, viele sprechen,
bald auch einige handeln werden. Wäre es wirklich erlaubt ge¬
wesen, frei und offen die Moselzustände zu diskutieren, so ge¬
schah es doch nicht, und es ist klar, daß das Volk nur an das
Wirkliche glaubt, nicht an die freimütige Presse, die exi-
45 stieren kann, sondern an die freimütige Presse, die wirklich exi¬
378
Aus der Rheinischen Zeitung
stiert. Hatte der Mosellaner also vor Erscheinen der Allerhöch¬
sten Kabinettsordre zwar seine Not empfunden, zwar sie bezwei¬
feln gehört, nur nichts von einer öffentlichen und freimütigen
Presse vernommen, sah er dagegen nach Erscheinen der Kabi¬
nettsordre diese Presse gleichsam aus dem Nichts hervorspringen, 5
so scheint sein Schluß, daß die königliche Kabinettsordre die
einzige Ursache dieser Preßbewegung, an welcher der Mosel¬
laner nach den früher ausgeführten Gründen einen vorzugsweisen,
weil unmittelbar durch wirkliches Bedürfnis bedingten An¬
teil nahm, wenigstens ein sehr volkstümlicher Schluß gewesen zu 10
sein. Endlich scheint es, daß auch, abgesehen von der Volkstüm¬
lichkeit dieser Meinung, eine kritische Prüfung zu demselben
Resultate gelangen wird. Die Eingangsworte der Zensurinstruk¬
tion vom 24. Dezember 1841, daß „Seine Majestät der
König jeden ungebührlichen Zwang der schriftstellerischen 15
Tätigkeit ausdrücklich zu mißbilligen und unter
Anerkennung des Wertes und des Bedürfnisses
einer freimütigen und anständigen Publizität . . . geruht usw.“,
diese Eingangsworte versichern der Presse eine besondere
königliche Anerkennung, also eine Staatsbedeutung. 20
Daß ein königliches Wort so bedeutend zu wirken vermag und
von dem Mosellaner selbst als ein Wort von magischer Kraft, als
ein Universalmittel gegen alle seine Leiden begrüßt wurde, das
scheint nur von der echt royalistischen Gesinnung der Mosellaner
und ihrer nicht abgemessenen, sondern überströmenden Dankbar- 25
keit zeugen zu können.
[RhZ 20. Jan. 1843. Nr. 20]
ad3. Wir haben zu zeigen gesucht, daß das Bedürfnis
einer freien Presse aus der Eigentümlichkeit der Mosel¬
zustände notwendig hervorging. Wir haben ferner gezeigt, 30
wie die Verwirklichung dieses Bedürfnisses vor dem Erscheinen
der Allerhöchsten Kabinettsordre, wenn auch nicht durch spe¬
zielle Preßerschwerungen, schon durch den allgemeinen
Zustand der preußischen Tagespresse verhindert
worden wäre. Wir werden endlich zeigen, daß wirklich s p e - «
z i e 11 e Umstände einer freimütigen und öffentlichen Besprechung
der Moselzustände feindlich entgegentraten. Auch hier müssen
wir zunächst den leitenden Gesichtspunkt unserer Darstellung her¬
vorheben und die Macht der allgemeinen Verhältnissein dem
Willen der handelnden Persönlichkeiten wiedererkennen. Wir
dürfen in den speziellen Umständen, welche eine freimütige
und öffentliche Besprechung der Moselzustände verhinderten,
nichts erblicken als die tatsächlicheVerkörperung und
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
379
augenfällige Erscheinung der oben entwickelten all¬
gemeinen Verhältnisse, nämlich der eigentümlichen
Lage der Verwaltung zu der Moselgegend, des allgemeinen Zu¬
standes der Tagespresse und der öffentlichen Meinung, endlich
5 des herrschenden politischen Geistes und seines Systems. Waren
diese Verhältnisse, wie es denn scheint, die allgemeinen,
unsichtbaren und zwingenden Mächte jener Zeit, so
wird es kaum der Andeutung bedürfen, daß sie auch als s o 1 c h e
wirken, in Tatsachen ausschlagen und als einzelne, dem Schein
io nach willkürliche Handlungen sich äußern mußten. Wer diesen
sachlichen Standpunkt auf gibt, verfängt sich einseitig in bittere
Empfindungen gegen Persönlichkeiten, in welchen die Härte der
Zeitverhältnisse ihm gegenübertrat.
Man wird zu den speziellen Preßhindernissen nicht nur
is einzelne Zensurschwierigkeiten, sondern ebensosehr
alle speziellen U mstände zählen müssen, welche die Zen¬
sur überflüssig machten, weil sie einen Gegenstand der Zensur
nicht einmal versuchsweise aufkommen ließen. Wo die Zensur
in auffallende, anhaltende und harte Kollisionen mit der Presse
20 gerät, da kann man mit ziemlicher Sicherheit schließen, daß die
Presse schon an Lebendigkeit, Charakter und Selbstgewißheit ge¬
wonnen hat, denn nur eine wahrnehmbare Aktion erzeugt eine
wahrnehmbare Reaktion. Wo dagegen die Zensur nicht da ist,
weil die Presse nicht da ist, obgleich das Bedürfnis einer freien,
25 also zensurfähigen Presse vorhanden, da muß man die
Vorzensur in Umständen suchen, welche den Gedanken schon
in seinen anspruchsloseren Formen zurückgeschreckt haben.
Es kann nicht unser Zweck sein, eine vollständige Darstellung
dieser speziellenUmstände auch nur annähernd zu geben;
so das hieße die Zeitgeschichte seit 1830, soweit sie die Mosel¬
gegend berührt, schildern wollen. Wir glauben unsere Aufgabe
gelöst zu haben, wenn wir nachweisen, daß das freimütige und
öffentliche Wort in allen Formen, in der Form der münd¬
lichen Rede, in der Form der Schrift, in der Form des
35 Druckes, sowohl des noch nicht zensierten als auch
des schon zensierten Druckes, mit speziellen Hinder¬
nissen in Konflikt geriiet.
Die Verstimmung und die Mutlosigkeit, welche ohnehin jene
moralische Kraft, die zur öffentlichen und freimütigen Bespre-
4o chung gehört, bei ein<er notleidenden Bevölkerung brechen, wur¬
den namentlich genährt durch die auf vielfache Denunzia¬
tionen notwendig gewordenen gerichtlichen Verurteilungen
„wegen Beleidigung eines Beamten im Dienste
oder in bezug auf seinen Dienst.“
45 Eine derartige Prozedur lebt noch im frischen Andenken
380
Aus der Rheinischen Zeitung
vieler Moselwinzer. Ein wegen seiner Gutmütigkeit besonders
beliebter Bürger äußerte in scherzhafter Weise zu der Magd eines
Landrats, welcher abends zuvor in fröhlicher Gesellschaft
bei Gelegenheit der Feier des Königs-Geburtstages fleißig dem
Becher zugesprochen hatte: „Euer Herr war gestern «
abend etwas bespitzt.“ Er ward wegen dieser unschul¬
digen Äußerung öffentlich vor das Zuchtpolizeigericht zu
Trier gestellt, jedoch, wie sich von selbst versteht, f r e i -
gesprochen.
Wir haben gerade dieses Beispiel gewählt, weil sich eine ein- 10
fache Reflexion notwendig an dasselbe anknüpft. Die Land-
r ä t e sind die Zensor en in ihren respektiven Kreisstädten. Die
landrätliche Verwaltung wird aber mit Einbegriff der ihr unter¬
geordneten amtlichen Sphären vornehmster, weil nächster Gegen¬
stand der Lokalpresse sein. Wenn es nun überhaupt schwer 15
ist, in eigener Sache zu richten, so müssen Vorfälle der oben er¬
wähnten Art, welche eine krankhaft reizbare Vorstellung von der
Unantastbarkeit der amtlichen Stellung dokumentieren, schon die
bloße Existenz der landrätlichen Zensur zu einem hin¬
reichenden Grund für die Nichtexistenz einer freimütigen Lokal- w
presse machen.
Sehen wir also die unbefangene und anspruchslose münd¬
liche Rede den Weg zum Zuchtpolizeigericht bereiten, so hat
die schriftliche Form des freien Worts, die Petition,
welche noch weit von der Öffentlichkeit der Presse entfernt ist, 25
denselben zuchtpolizeilichen Erfolg. Wie dort die Unantastbarkeit
der amtlichen Stellung, tritt hier die Unantastbarkeit der
Landesgesetze der freimütigen Sprache entgegen.
Durch eine „Kabinettsordre“ vom 6. Juli 1836, worin es unter
anderem heißt, der König sende seinen Sohn in die Rheinprovinz, 30
um von deren Zuständen Kenntnis zu nehmen,
fühlten sich einige Landleute aus dem Regierungsbezirke Trier
veranlaßt, ihren „Landtagsabgeordneten“ zu ersuchen, ihnen eine
Bittschrift für den Kronprinzen anzufertigen. Sie gaben zugleich
die einzelnen Beschwerdepunkte an. Der Landtagsabgeordnete, 35
um die Wichtigkeit der Petition durch eine größere Anzahl von
Petitionären zu erhöhen, schickte einen Boten in die Umgegend
und veranlaßte dadurch die Unterschriften von 160 Bauern. Die
Petition lautete folgendermaßen:
Da wir unterschriebenen Einwohner des Kreises . . ., 40
Regierungsbezirk Trier, unterrichtet, daß unser guter
König zu uns Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen
sendet, um unsere Lage zu beherzigen, und um Seiner
Königl. Hoheit die Mühe zu ersparen, die Klagen vieler
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
381
Einzelnen anzuhören, beauftragen wir hiermit unseren
Landtagsabgeordneten, Herm . . ., Seiner Königlichen
Hoheit, des besten Königs Sohn, dem Kronprinzen von
Preußen, untertänigst anzutragen, daß:
o 1. „Wenn wir unsere überflüssigen Produkte, besonders
an Vieh und Wein, nicht absetzen können, uns unmöglich
ist, die in allen Verhältnissen zu hohen Steuern zu bezahlen,
weswegen eine bedeutende Verminderung derselben ge¬
wünscht wird, da wir sonst Hab’ und Gut den Steuerboten
10 belassen, wie Anlage beweiset; (enthält einen Zahlungs¬
befehl eines Steuerboten von R. 1—25 Sgr. 5 d. )
2. „Daß Sr. Königl. Hoheit nicht von unserer Lage ur¬
teilen möge, nach den Demonstrationen von unzähligen, gar
zu hoch besoldeten Angestellten, Pensionierten, Diätaren,
is Zivil und Militär, Rentner und Gewerbetreibenden, welche
in den Städten in einem Luxus von unseren so im Preise
gefallenen Produkten wohlfeil leben, was hingegen in der
armen Hütte des verschuldeten Landmannes nicht gefunden
wird und für ihn ein empörender Kontrast ist. Wo früher
20 27 angestellt mit 29 000 Talern, jetzt 63 Beamte ohne Pen¬
sionierte mit 105000 Talern besoldet.“
3. „Daß unsere Kommunalbeamten direkt durch die Ge¬
meinen, wie früher, gewählt werden mögen.“
4. „Daß die Zollanmeldungsbureaus nicht stundenlang
20 während des Tages geschlossen, sondern jede Stunde offen¬
bleiben, damit der Landmann, der einige Minuten unver¬
schuldet sich verspätet, nicht fünf bis sechs Stunden, ja die
ganze Nacht auf der Straße erkalten oder am Tage ver¬
brennen muß, da doch der Beamte stets für das Volk bereit
so sein soll und muß.“
5. „Daß, was zufolge § 12 des Gesetzes vom 28. April
1828, erneuert durchs Amtsblatt der Königl. Regierung vom
22. August letzthin unter Strafe verboten worden, 2 Fuß vom
Grabenrande zu ackern, bei durchführenden Straßen ge-
35 hoben und den Eigentümern erlaubt werde, ihr sämtliches
Land bis an den Chausseegraben pflügen zu können, damit
dasselbe nicht von den Wegewärtem den Eigentümern ge¬
raubt werde.“
Euer Königl. Hoheit ergebenste Untertanen.
m (Folgen nun die Unterschriften.)
Diese Petition, die der Landtagsabgeordnete dem Kronprinzen
überreichen wollte, wurde von anderer Seite in Empfang genom¬
men mit dem ausdrücklichen Versprechen, sie Sr. Königl. Hoheit
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 30
382
Aus der Rheinischen Zeitung
übergeben zu wollen. Nie erfolgte eine Antwort, wohl aber wurde
gegen den Landtagsabgeordneten, als den Urheber einer Petition,
worin „frecher unehrerbietiger Tadel gegen die
Landesgesetze“ ausgesprochen sei, von Seiten der Gerichte
eine Verfolgung eingeleitet. Infolge dieser Klage wurde der Land- 5
tagsabgeordnete in Trier zu sechsmonatlicher Gefäng¬
nisstrafe und in die Kosten verurteilt, diese Strafe aber vom
Appellhofe dahin modifiziert, daß nur der Kostenpunkt des frag¬
lichen Urteils belassen werde, und zwar, weil das Benehmen des
Inkriminierten nicht ganz frei von Unbesonnenheit gewesen sei 10
und er somit zu dem Prozesse Veranlassung gegeben habe. Der
Inhalt der Petition selbst wird dagegen keineswegs für
strafbar erkannt.
Wenn man erwägt, daß die fragliche Petition teils durch den
Zweck der kronprinzlichen Reise, teils durch die Stellung des 15
Inkriminierten als Landtagsabgeordneten in der ganzen Um¬
gebung zu einem besonders wichtigen und entscheidenden Ereig¬
nis sich steigern und die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem
Grade erregen mußte, so möchten ihre Konsequenzen eine öffent¬
liche und freimütige Besprechung der Moselzustände nicht eben 20
provoziert noch hierauf bezügliche Wünsche der Behörden wahr¬
scheinlich gemacht haben.
Wir kommen nun zum eigentlichen Preßhindemis, zur Zen¬
surverweigerung, welche nach obigen Andeutungen in
dem Grade zu den Seltenheiten gehören mußte, als der Versuch 25
einer zensurfähigen Besprechung der Moselzustände zu den
Seltenheiten gehörte.
Einem Schöffenratsprotokoll, worin nebst einigen
barocken auch einige freimütige Worte sich befinden, wurde von
der landrätli'chen Zensur die Druckerlaubnis verweigert. 30
Die Beratung fand im Schöffenrat statt, das Ratsproto¬
koll aber war von dem Bürgermeister abgefaßt. Seine Eingangs¬
worte lauten: „Meine Herren! Das Land an der Mosel zwischen
Trier und Koblenz, zwischen der Eifel und dem Hundsrücken ist
äußerlich ganz arm, weil dasselbe vom Weinbaü allein lebt und 35
diesem durch die Handelsverträge mit Deutschland der Todes¬
stoß gegeben ist; das gedachte Land ist aber auch geistig
arm“ usw.
Daß endlich eine öffentliche und freimütige Besprechung,
wenn sie alle angegebenen Hindernisse überwunden und aus- 40
nahmsweise in die Zeitungsspalten gelangt war, als eine
Ausnahme behandelt und hinterher annihiliert wurde, möge
ebenfalls eine Tatsache bezeugen. Ein vor mehreren Jahren vor
dem ProfessorderKameralwissenschaftenKauf-
mann zu Bonn „über den Notstand der Winzer an der Mosely
Rechtfertigung des Korrespondenten von der Mosel
383
usw.“ in der „Rhein- und Moselzeitung“ abgedruckter Aufsatz
wurde, nachdem er während drei Monaten in verschiedenen öffent¬
lichen Blättern kursiert hatte, von der Königl. Regierung ver¬
boten, welches Verbot noch jetzt faktisch fortbesteht.
.5 Hiermit glaube ich nun die Frage über das Verhältnis der
Moselgegend zur Kabinettsordre vom 8. Dezember, der auf sie
gegriindeteten Zensurinstruktion vom 24. Dezember und
der seitherigen freieren Preßbewegung genügend beantwortet zu
haben. Es bleibt noch übrig, meine Behauptung: „Der desolate
ko Zustand der Winzer war höheren Orts lange in Zweifel gezogen
und ihr Notgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden“, zu
motivieren. Man wird den quäst. Satz in zwei Teile auflösen
können: „Der desolate Zustand der Winzer war höheren Orts
lange in Zweifel gezogen worden“ und: „Ihr Notgeschrei war für
us freches Gekreisch gehalten worden“.
Der erste Satz, glaube ich, wird keines Beweises mehr bedürfen.
Der zweite Satz: „Ihr Notgeschrei war für freches Gekreisch ge¬
halten worden“, kann nicht geradezu, wie es der Herr Oberpräsi¬
dent tut, aus dem ersten Satze interpretiert werden: „Ihr Not-
2io geschrei war höheren Orts für freches Gekreisch gehalten
worden“. Indessen auch diese Interpolation kann gelten, sofern
„höheren Orts“ und „amtlichen Orts“ für gleichbedeu¬
tend genommen werden.
Daß von einem „Notgeschrei“ der Winzer nicht nur
245 figürlich, sondern im eigentlichen Sinne des Wortes
gesprochen werden konnte, wird sich aus den bisherigen Mittei¬
lungen ergeben haben. Daß diesem Notgeschrei einerseits sein
Mangel an Berechtigung vorgeworfen, die Schilderung der Not
selbst als eine grelle, aus selbstsüchtigen schlechten Motiven ent-
3w sprungene Übertreibung betrachtet, andererseits die Klage und
die Bitte dieser Not als „frecher, unehrerbietiger Tadel gegen
die Landesgesetze“ verstanden wurde, diese Prämissen haben ein
Regierungsreferat und ein Kriminalverfahren
bewiesen. Daß ferner ein übertreibendes, die Sachverhältnisse
34 verkennendes, von schlechten Motiven outriertes, frechen
Tadel gegen die Landesgesetze involvierendes Schreien iden¬
tisch mit „Gekreisch“, und zwar „frechem Gekreisch“, ist, dürfte
wenigstens keine femliegende oder unredlich gesuchte Be¬
hauptung sein. Daß also schließlich an die Stelle der einen Seite
m die andere gesetzt werden konnte, scheint sich einfach al»logische
Konsequenz zu ergeben.
[Zur Landtagsabgeordnetenwahl]
Die hiesige Landtagsabgeordnetenwahl
[RhZ 9. März 1843. Nr. 68]
* Köln, 9. März. Die „Rhein- u. Moselzeitung“,
welche so bescheiden ist, weder „die am meisten gelesene Zeitung 5
der Rheinprovinz“ noch eine „Trägerin des politischen Gedan¬
kens“ zu sein, bemerkt in bezug auf die Abgeordnetenwahl der
Stadt Köln u. a.:
„Wir sind gern bereit, die Herren Merkens und Camp¬
hausen für sehr ehrenwerte Männer zu halten („und ehren- «
werte Männer sind sie alle“, heißt es in der Tragödie), und selbst
(man bedenke wohl!) selbst der Rhein. Zeitung Beifall zu
schenken (höchst wertvolles Geschenk!), wenn sie dieselben
triumphierend den Gegnern der Rechte unserer Provinz entgegen¬
stellt, aber um so schärfer und entschiedener müssen wir die w
Gründe tadeln, durch die man auf die Wahl jener Herren einen
Einfluß zu nehmen gesucht hat, nicht als ob diese Gründe keine
Berücksichtigung verdienten, sondern weil sie keine so aus¬
schließliche, nur eine sekundäre verdienten.“ Es wurde
nämlich an verschiedene Wähler der Stadt Köln folgendes««
lithographierte Schreiben verteilt:
„Was die Stadt Köln auf dem bevorstehenden Landtage zu¬
nächst und am wichtigsten zu vertreten hat, sind unbestreitbar ihre
Handels- und industriellen Zustände, und deshalb wird die Wahl
auf Männer fallen müssen, die, neben ehrenhafter Gesinnung und ««
unabhängiger, bürgerlicher Stellung unter uns, mit dem Gange
dieser Verhältnisse nach allen Richtungen genau bekannt und
befähigt sind, sie von dem richtigen Standpunkte aufzufassen,
zu beleuchten und zu entwickeln.“
Folgt die Hinweisung auf die obengenannten, gewiß sehr ehren- w
werten Männer. — Sodann heißt es zum Schluß:
„Unsere Stadt nimmt schon heute in der merkantilischen Welt
einen mächtigen Sitz ein ; es steht ihr aber eine noch weit größere
Verbreitung ihres Handels und Gewerbes bevor, und die Ent¬
wicklungszeit ist nicht ferne. — Segel- und Dampfschiffahrt, ««
Schleppschiffahrt und Eisenbahn werden unserer Stadt die Zeit
der alten Hansen zurückführen — nur muß ihr wahres Interesse
Landtagsabgeordnetenwahl in Köln
385
mit Verstand und Umsicht auf dem bevorstehenden Landtage ver-
treten werden.
Köln, am 24. Febr.
Mehre Wähler.“
Dieses Schreiben veranlaßt die höchst spirituelle „Rhein- und
5 Moselzeitung“ zu folgender Kapuzinade:
„Wenn irgendwo die materiellen Lokalinteressen dergestalt
vorherrschen, daß geistige und allgemeine Bedürfnisse nicht ein¬
mal leise durchschimmem, darf es da wundemehmen, wenn von
denjenigen, die die Zügel der Regierung in Händen haben, auch
ij nur auf die ersteren Rücksicht genommen, die zweiten aber allein
nach ihrem Gutbefinden angeordnet werden? 0, du große Stadt
Köln, du heilige Stadt Köln, du witzige Stadt Köln, wie weit ist es
mit den geistigen Zuständen und historischen Erinnerungen man¬
cher deiner Kinder gekommen! Mit der Verwirklichung von
Wünschen und Hoffnungen, die dich höchstens zu einem großen
Klüngel (-Beutel) machen können, wähnen sie die Zeit der alten
Hansen zurückzuführen ! ! ! “
Die „Rhein- u. Moselzeitung“ tadelt nicht die Wahl der Ab¬
geordneten, sie tadelt die Gründe, welche auf diese Wahl
2a „Einfluß genommen“ haben sollen. Und welches waren diese
Gründe? Die „Rhein- und Moselzeitung“ zitiert ein Umlauf¬
schreiben an verschiedene Wähler, worin die „Handels- und
industriellen Zustände“ als die wichtigsten Gegenstände der Ver¬
tretung Kölns auf dem bevorstehenden Landtage bezeichnet wer-
25 den. Woher weiß die „Rhein- und Moselzeitung“, daß dieses
Umlaufschreiben, das übrigens, wie die „Rhein- und Mosel¬
zeitung“ selbst gesteht, nur an „verschiedene“ Wähler gelangte,
solchen Effekt auf die Gemüter der Wähler hervorbrachte, daß
es vorzugsweise und ausschließlich die Wahl der Herren Camp-
oo hausen und Merkens entschied? Weil in einem Umlaufschreiben
aus ganz besonderen Gründen die Wahl dieser Herren emp¬
fohlen wird und weil diese Herren wirklich gewählt wurden,
folgt daher irgendwie, daß die Wahl dieser Herren eine Konse¬
quenz jener Empfehlung und ihrer besonderen Motivierung ist?
3s Die „Rhein- u. Mosel-Ztg.“ schenkt der „Rh. Z.“ Beifall, wenn
sie die Herren Camphausen und Merkens „triumphierend den
Gegnern der Rechte unserer Provinz entgegenstellt“. Was bewegt
sie zu diesem „Beifallschenken“? Offenbar der Charakter der
Gewählten. Sollte dieser Charakter zu Köln weniger bekannt ge-
ao wesen sein als zu Koblenz? Unter den am Landtag zu vertreten¬
den Interessen nennt die „Rhein- und Moselzeitung“ nur die
„freiere Gemeindeverfassung“ und die „Erwei¬
terung der ständischen Recht e“. Glaubt sie, man wisse
386
Aus der Rheinischen Zeitung
zu Köln nicht, daß Herr Merkens sich an verschiedenen Landtagen
durch seinen Kampf für die „freie Gemeindeverfassung“ aus¬
gezeichnet, daß er sogar an einem Landtage im Gegensätze fast zur
ganzen Versammlung die freie Gemeindeverfassung männlich und
unverdrossen verteidigt hat? Was aber „die Erweiterung der stän- 5
dischen Interessen“ betrifft, so ist es zu Köln sehr wohl bekannt, daß
Herr Merkens vorzugsweise gegen die Schmälerung dieser Inter¬
essen durch die Autonomie protestiert hat, daß er indessen ebenso
entschieden das ständische Interesse in seine Schranken zurück¬
wies, wo es dem allgemeinen Interesse, dem allgemeinen Rechte 10
und der Vernunft opponierte, wie in den Debatten über das Holz¬
diebstahls- und Jagdgesetz. Wenn also der allgemeine Beruf des
Herm Merkens zum Landtagsabgeordneten durch seine ganze par¬
lamentarische Laufbahn außer allen Zweifel gesetzt ist, wenn die
seltene, universale Bildung, die hohe Intelligenz und der ernste, 25
ehrenwerte Charakter des Herm Camphausen allgemein bekannt
und anerkannt sind, woher weiß die „Rhein- und Moselzeitung“,
daß die Wahl jener Herren nicht diesen in die Augen fallenden
Gründen, sondern vielmehr dem zitierten Umlauf schreiben ihr
Leben verdankt? 20
Nein! Nein! wird uns das ehrenwerte Blatt antworten, das
behaupte ich nicht, beileibe nicht! Mein zarter spiritualistischer
Sinn nimmt nur Ärgernis an den Urhebern jenes Umlauf¬
schreibens, an jenen Materialisten, welche, statt der geistigen und
wahrhaften Volksinteressen, auch noch ganz andere und viel nied- 25
rigere Motive hervorgezogen, welche durch unpassende Gründe
auf die Wahl jener Herren einen Einfluß zu nehmen gesucht
haben, auf jene „Kinder Kölns“, mit deren „geistigen Zuständen
und historischen Erinnerungen“ es so weit herabgekommen ist!
Wenn die „Rhein- und Moselzeitung“ nur mit den Urhebern 30
jenes anonymen Schreibens zu tim hat, warum erhebt sie so großes
Geschrei? Warum sagt sie: „Wenn irgendwo die materiellen
Lokalinteressen dergestalt vorherrschen, daß geistige
und allgemeine Bedürfnisse nicht einmal leise
durchschimmern, darf es da wundemehmen, wenn von den- 35
jenigen, die die Zügel der Regierung in Händen haben, auch nur
auf die ersteren Rücksicht genommen, die zweiten aber allein nach
ihrem Gutbefinden angeordnet werden!“ Herrschen denn die
materiellen Lokalinteressen ausschließlich in Köln vor, weil sie
ausschließlich in einem anonymen Umlauf schreiben vorherr-<0
sehen! Ebensowenig, wie die juristischen Interessen aus¬
schließlich in Köln vorherrschen, weil sie in einem anderen, eben¬
falls verschiedenen Wählern zugegangenen Umlauf schreiben
ausschließlich geltend gemacht sind! Gibt es nicht in jeder Stadt
wie in jeder Familie geistlose Kinder? Wäre es billig, von*?
Landtagsabgeordnetenwahl in Köln
387
diesen Kindern auf den Charakter der Stadt oder der Familie zu
schließen?
Allein bei Licht besehen ist das Umlauf schreiben wirklich
nicht so verwerflich, wie das ehrenwerte Koblenzer Blatt uns
5 glauben machen will. Es wird sogar durch den Beruf der Land¬
stände, wie er einmal gesetzlich bestimmt ist, vollständig gerecht¬
fertigt. Der gesetzliche Beruf der Stände besteht teils darin, das
allgemeine Interesse der Provinz, teils darin, ihr
besonderes Standesinteresse geltend zu machen. Daß
10 die Herren Camphausen und Merkens würdige Vertreter der
rheinischen Provinzialinteressen seien, das ist eine
allgemeine Überzeugung, die von den Urhebern des Umlauf¬
schreibens weder befestigt noch auch nur erwähnt zu werden
brauchte.
is Es handelte sich also, da der allgemeine Beruf dieser
Herren zu Landtagsabgeordneten über alle Diskussion erhoben
war, nur mehr um die besonderen Erfordernisse eines kölni¬
schen Deputierten, es handelte sich darum, welches Stadt¬
interesse Köln auf dem „bevorstehenden Landtage“
2o „zunächst und am wichtigsten“ zu vertreten habe! Wird man leug¬
nen wollen, daß dies die „Handels- und industriellen Zustände“
sind! Aber auch das einfache Leugnen wird nicht hinreichen,
man wird den Beweis führen müssen.
Besonderen Anstoß nimmt die „Rhein- u. Moselzeitung“ an
25 dem Passus: „Segel- und Dampf Schiffahrt, Schleppschiffahrt und
Eisenbahn werden unserer Stadt die Zeitderalten Hansen
zurückführen.“ 0, Jammer über die arme Stadt Köln! Wie sie
getäuscht wird! Wie sie sich selbst täuscht! „Mit der Verwirk¬
lichung von Wünschen und Hoffnungen, jammert die „Rhein- und
3o Moselzeitung“, die dich höchstens zu einem großen Klüngel
(-Beutel) machen können, wähnen sie die Zeit der alten Hansen
zuriickzuf ühren ! “
Arme Rhein- u. Moselzeitung! Sie versteht nicht, daß unter
der „Zeit der alten Hansen“ nur die Zeit des alten Handels-
35 Hors gemeint sein will, daß wirklich „alle geistigen und
allgemeinen Bedürfnisse“ zu Grabe geläutet, daß die
„geistigen Zustände“ vollständig verrückt, daß alle „histo¬
rischen Erinnerungen“ rein ausgelöscht sein müßten, wenn Köln
die politische, soziale und intellektuelle Zeit der Hansastädte,
4o die Zeit des Mittelalters zurückzuführen wünschte ! Müßte
die Regierung die „geistigen und allgemeinen Bedürfnisse“ nicht
ausschließlich zu ihrer Privatdomäne schlagen, wenn eine Stadt
sich aller vernünftigen und gesunden Anschauung der Gegen¬
wart so völlig entfremdet hätte, um nur mehr in dem Traum der
45 Vergangenheit zu leben! Wäre es nicht sogar die Pflicht der Re¬
388
Aus der Rheinischen Zeitung
gierung, die Pflicht ihrer Selbsterhaltung, die Zügel da straff an¬
zuziehen, wo man in vollem Ernste dahinstrebte, die ganze Gegen¬
wart und die Zukunft in die Luft zu sprengen, um gewesene
und verweste Zustände zurückzuführen!
Wir wollen unseren Lesern reinen Wein einschenken. Es fand «
in Köln — und das zeugt am lautesten für seine politische Reg¬
samkeit — ein ernster Wahlkampf statt, ein Kampf zwischen
den Männern der Gegenwart und den Männern der Vergangen¬
heit. Die Männer der Vergangenheit, die Männer, welche die
„Zeit der alten Hansastädte“ mit Haut und Haar restauriert 10
sehen möchten, sind trotz aller Machinationen völlig aus dem
Felde geschlagen worden. Und nun kommen diese phantastischen
Materialisten, denen jedes Dampfschiff und jede Eisenbahn ihre
krasse Geistlosigkeit ad oculos demonstrieren sollte, und sprechen
heuchlerisch von „geistigen Zuständen“ und „historischer Er- «
innerung“ und weinen an den Gewässern Babylons über „die
große Stadt Köln, die heilige Stadt Köln, die witzige Stadt Köln“
— und hoffentlich sollen ihre Tränen so bald nicht versiegen!
Stilistische Übungen
der „Rhein- und Mosel-Zeitung“
[RhZ 14. Marx 1843. Nr. 72/73]
* Köln, 13. März. Auf unseren Artikel vom 9. März über die
Landtagsabgeordneten repliziert die „Rhein- und Moselzeitung“
von heute. Wir wollen unserem Leser einige Proben dieses sti¬
listischen Meisterwerks nicht vorenthalten. Unter anderen 25
Delikatessen findet sich folgende:
„So hat die ,Rheinische Zeitung* in weit ausgeholten Streichen
zwar nicht mit einer Hellebarde, sondern mit ihrem gewohn¬
ten Knüttel auf ein Gespenst losgehauen (man bedenke wohl!
Ein gewohnter Knüttel! In Streichen mit einemw
Knüttel loshauen!), das sie in einem Artikel der Rhein-
und Moselztg. zu erblicken glaubte, und, wie sich von selbst ver¬
steht (welcher Luxus, Worte über Dinge zu machen, die sich von
selbst verstehen!), sind alle ihre Streiche daneben gefahren (da¬
nebengefahren! neben die Rhein- und Moselztg., also etwa 35
auf ihren Redakteur! ), und das angegriffene (das Gespenst
wurde ja nur angegriffen!) Blatt befindet sich durchaus unverletzt
und unversehrt.“ Welche freigiebige Logik, die der Klugheit ihrer
Leser nicht einmal den Schluß überläßt, daß Streiche, die neben
das angegriffene Blatt, nicht auf das angegriffene Blatt gefallen 10
sind! Welcher Verstandesluxus, welche gründliche Geschichts¬
erzählung! Allein man erwäge auch, wie interessant es der Rhein-
Landtagsabgeordnetenwahl in Köln
389
und Moselztg. scheinen mußte, die Unversehrtheit ihres Rückens
zu proklamieren. Wie sehr der herrliche Einfall von dem „Ge¬
spenst“ und der Rhein. Ztg., die darauf loshaut, und den abseits
gefallenen Prügeln der Phantasie der Rhein- und Moselztg. zusetzt,
5 mögen folgende ebenso sinnreiche als überraschende Variationen
dieses allergrößten Themas beweisen, bei deren Aufzählung wir
nicht verfehlen wollen, auf die feinen Nuancen und Schattierungen
aufmerksam zu machen. Also:
1. „So hat die Rhein. Ztg. vom 9. März in weit ausgeholten
jo Streichen mit ihrem gewohnten Knüttel auf ein Gespenst los¬
gehauen, das sie in einem Artikel der Rhein- und Moselztg. zu er¬
blicken glaubte, und wie sich von selbst versteht, sind alle ihre
Schläge daneben gefallen.“
2. „Der Artikel aber, welcher die Rhein. Ztg. zur Geister-
io seherin (vorhin war der Geist ein Gespenst, und seit wann hätte
die ,Rheinische Zeitung4 auch in dem ultramontanen Winkelblatt
Geist gesehen!) und infolge davon zur Heldin an einem
Schatten gemacht.“ Also diesmal wäre wenigstens der Schatten
der Rhein- und Moselztg. getroffen worden!
so 3. „Allein die Rhein. Zeitung, welche sich dessen wohl auch
bewußt ist, daß an allem Substantiellen, Wahren und
Kernhaften (dem Rücken der Rhein- und Moselzeitung?)
ihre Kräfte zu Spotte werden (und welche geistige Kraft würde
nicht an einem Rücken zum Spotte? ), und die nun doch einmal
zo zeigen will, daß sie Hörner (der »gewohnte Knüttel4 hat sich
unter der Hand in ,Hörner4 verwandelt) hat und zustoßen (früher
in weit ausgeholten Streichen loshauen) kann, hat sich ein Ge¬
spenst ausgesonnen (früher „gesehen“ oder „zu sehen
geglaubt“), das sie für den eigentlichen Geist unseres Artikels
so möchte angesehen wissen (eine Wiederholung, um dem Leser den
Tatbestand ins Gedächtnis zu rufen!), an dem sie nach Herzens¬
lust ihren Mut kühlt und ihre Stärke erprobt (eine tüchtige rheto¬
rische Ausführung), gerade so wie bei der Stierhetze die ge¬
reizte Bestie (mehr oben war die Rhein. Ztg. „der Mann
3o mit dem Knüttel“, also wohl die Rhein- und Moselzeitung die
„Bestie“) an dem ihr vorgeworfenen Strohmann ihren Mut aus¬
läßt und sich nach der Zerfetzung desselben für den Sieger
achtet.“ Wahrhaft homerisch! Man bedenke nur die epische
Breite. Und wohl auch äsopisch dieses tiefe Eindringen in die
io bestialische Psychologie! Diese feine Deutung der Seelenzustände
eines Stiers, der sich für den Sieger achtet!
Es wäre „sehr kindlich und unschuldig“, aber nicht minder
„abgeschmackt und trivial“, wollten wir mit einem so „eminenten
Publizisten“ auf die Sache selbst eingehen. Also nur zur Charak-
os teristik des Mannes selbst noch folgendes:
390
Aus der Rheinischen Zeitung
Die „Rhein- und Moselzeitung“ äußerte in ihrem so unglück¬
lich angegriffenen Artikel „nur“ den „Zweifel“, „ob mit der
Erreichung ihrer (sc. der Urheber des Umlauf schreibens über
die Wahl der Herren C[amphausen] und M[erkens] Hoffnungen
dann wirklich die Zeit der alten Hansen zurück- s
geführt sein würd e“, aber „von einer Zurückführung
gewesener und verwester Zustände“ ist in ihrem „Artikel keine
Rede“. Fasse es, wer es fassen kann!
Ferner: Die Rhein. Ztg. ging darauf aus, „eine offenbare
Lüge anzubringen, indem sie sagt: «Unter den am Landtag zu 10
vertretenden Interessen nennt die Rhein- und Moselzeitung nur
die freiere Gemeindeverfassung und die Erweiterung der stän¬
dischen Rechte», während in der Rhein- und Moselzeitung der Zu¬
satz zu lesen ist: «Die Feststellung so vieler anderen
schwebenden Fragen in der Entwicklung des m
Volkslebens»“. Hat denn die Rhein- und Moselzeitung irgend
eine dieser „schwebenden Fragen“ fixiert oder gar genannt?
Glaubt sie, solche unbestimmte Schwebeleien, wie die „Feststellung
vieler anderen schwebenden Fragen“, könnefn]
für eine Namhaftmachung dieser Fragen, für eine be- u
stimmte Forderung an die Landtagsabgeordneten gelten? Und nun
wende unser Leser noch einmal seine Blicke auf die stilistische
Originalität der Rhein- und Moselztg.: Zu „den Interessen,
welche an demselben (sc. dem Landtag) zu vertreten sind“, gehört
„die Feststellung so vieler schwebenden Fragen in der Ent- ts
Wicklung des Volkslebens“! Eine in der Entwicklung des Volks¬
lebens schwebende Frage! Eine zu vertretende Feststellung!
Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ als Großinquisitor
[RhZ 12. März 1843. Nr. 711
♦ Köln, 11. März. Vor einigen Tagen publizierte die
„Rhein- und Moselzeitung“ eine religiöse Bannbulle
5 gegen die fromme „Kölnische Zeitung“, heute steht die
„Trierisehe Zeitung“ vor dem Inquisitionsgericht zu
Koblenz, und — mit Recht.
Die „Trierische Zeitung“ sagt nämlich bei Gelegenheit Fried¬
richs v. Sallet u. a.: „Vor uns liegt sein Werk, das ,Laien-Evan-
io gelium‘, das uns die heiligen, ewigen Wahrheiten
des Evangeliums unverfälscht offenbart.“ „Er
(Sallet) bestrebte sich, Mensch in dem hohen Sinne zu sein, wie
Jesus das Vorbild gegeben, und offenbarte als wahrer
Streiter des Herrn ewige Wahrheit.“
is „Wer das liest“, sagt die „Rhein- und Moselzeitung“, „und
weiter nichts von dem Hochgepriesenen weiß, sollte der nicht
glauben, Herr v. Sallet müsse doch ein gläubiger Christ gewesen
sein und in seinem Laien-Evangelium des Herren Wort mit Flam¬
meneifer gepredigt haben! Was aber ist in Wahrheit der Inhalt
so dieses Evangeliums! Jene falsche und verderbliche Lehre, die
ein Strauß, ein Feuerbach, ein Bruno Bauer, und wie sie alle
heißen mögen, die Apostel des modernen Heidentums, in Hörsälen
und in Schriften dem engeren Kreise der Gelehrten vortragen
usw.“
2s Als authentische Belege ihrer Behauptung zitiert die „Rhein-
und Moselzeitung“ „eine Stelle aus diesem Laien-Evangelium,
und zwar diejenige, worin die Parallele zwischen dem Verräter
Judas und dem evangelischen Christus, d. h. dem Christus, wie
er in der Bibel dargestellt ist, gezogen wird“. Die angeführten
so Belege beweisen schlagend, in welchen bewußten Gegensatz Sallet
sich zu dem historischen Christentum gestellt hatte.
Eine verkehrte Humanität wird vielleicht durch die rücksichts¬
lose Polemik der „Rhein- und Moselzeitung“ gegen den kaum
Verstorbenen verletzt werden, allein ist die Apologie der „Trieri-
3s sehen Zeitung“ nicht viel inhumaner, nicht ungleich verletzender?
Ehre ich den Toten, wenn ich seine geistige Persönlichkeit ver¬
fälsche? Sallet bestrebte sich allerdings, Wahrheit zu offen¬
baren, aber keineswegs die Wahrheit des Evangeliums. Sallet
392
Aus der Rheinischen Zeitung
bestrebte sich allerdings, ein wahrer Mensch zu sein, aber
keineswegs ein Streiter für die kirchliche Wahrheit.
Sallet glaubte vielmehr, die vernünftige Wahrheit nur im
Gegensatz gegen die heilige Wahrheit, glaubte den sittlichen Men¬
schen nur im Gegensatz gegen den christlichen Menschen geltend s
machen zu können — und darum schrieb er sein Laienevangelium.
Und wie? Sein Apologet in der „Trierschen Zeitung“ ehrte den
Mann, wenn er sein ganzes Streben geradezu auf den Kopf stellt?
Würdet ihr den Luther ehren, wenn ihr sagtet, er sei ein guter
Katholik gewesen, und den Papst Ganganelli, wenn ihr ihn einen 10
Jesuiten-Mäzenas nenntet? Welche Heuchelei! Welche Schwach¬
heit! Sallet war ein Republikaner; bist du sein Freund, wenn
du seinen Royalismus prunkend ausposaunst? Sallet liebte vor
allem die Wahrheit, und ihr glaubt, ihm nicht besser huldigen zu
können als durch die Unwahrheit? Oder kämpfen in eucb is
Christentum und Freundschaft! Gut! So gesteht es ein, so sagt:
Sallet war ein guter Mensch usw. — aber ein schlechter Christ!
Beklagt das, wenn ihr wollt, beklagt es öffentlich, nur gebt seine
Werke nicht für leuchtende Testimonia seines Christentums aus.
Verdammt ihr das Streben eures Freundes, so verdammt esto
sans gêne, wie die Rhein- und Moselzeitung, aber nicht auf einem
heuchlerischen Umweg, nicht dadurch, daß ihr das an ihm lobt
was er nicht war, also eben das an ihm verwerft, was er
wirklich war.
Wenn wir auch zugestehen, daß das „Laienevangelium“ selbst ts
Anlaß zu einer solchen Auffassung geben mochte, daß Sallet
hier noch keineswegs mit sich selbst im klaren ist, daß er selbst
den wahren Sinn des Evangeliums zu lehren glaubt, daß es eir
leichtes ist, dem Zitat der „Rhein- und Moselzeitung“ ganz christ¬
lich klingende, widersprechende Zitate entgegenzustellen, so be- 30
hält die „Rhein- u. Moselztg.“ immer darin recht, daß er an die
Stelle des historischen ein selbstgemachtes Christen¬
tum stellt.
Schließlich noch ein Wort über die von der „Rhein- und Mosel¬
zeitung“ zitierten Stellen! Sie leiden an einem Grundmangel, ar 3t
der Unpoesie, und überhaupt welch verkehrter Einfall, theo¬
logische Kontroversen poetisch behandeln zu wollen! Ist es je
einem Komponisten eingefallen, die Dogmatik in Musik zu setzen?
Abgesehen von dieser Ketzerei gegen die Kunst, was ist dei
Inhalt der zitierten Stelle? Sallet findet es mit der Göttlichkeil «
Christi unvereinbar, daß Christus die verräterische Absicht
Judas’ kennt, ohne daß er ihn zu bessern oder die Freveltat zi
vereiteln sucht! Sallet ruft daher (so zitiert die Rhein- und
Moselzeitung) aus:
Die Rhein- und Moselzeitung als Großinquisitor
393
„Weh’ dem Verblendeten! wer es auch sei,
Der solche Züge von dem Herm erdacht,
Und, ihm dies bißchen Menschenkennerei
Zu retten, ihn zum Zerrbild uns gemacht.“
5 Sallets Urteil zeugt dafür, daß er weder Theologe noch
Philosoph war. Als Theologen konnte ihn der Widerspruch
mit menschlicher Vernunft und Sittlichkeit nicht beunruhi¬
gen, denn der Theologe mißt das Evangelium nicht an mensch¬
licher Vernunft und Sittlichkeit, sondern umgekehrt die mensch-
10 liehe Vernunft und Sittlichkeit an dem Evangelium. Als Phi¬
losoph dagegen würde er solche Widersprüche in der Natur
des religiösen Denkens begründet gefunden, den Wider¬
spruch daher als notwendiges Produkt der christlichen
Anschauung begriffen und keineswegs als eine Verfälschung
is derselben verdammt haben.
Die „Rhein- und Moselzeitung“ möge in ihrem Glaubenswerke
rüstig fortfahren und das San-Benito sämtlichen rheinischen Zei¬
tungen umwerfen. Wir werden sehen, ob die Halben, die
Lauen, die weder kalt noch warm sind, ob sie sich besser ver-
2o tragen werden mit dem Terrorismus des Glaubens als
mit dem Terrorismus der Vernunft.
Erklärung
[Rh. Z. 18. Min 1843, Nr. 77.]
Unterzeichneter erklärt, daß er der jetzigen Zensur-
«Verhältnisse wegen aus der Redaktion der „Rheinischen Zei¬
tung“ mit dem heutigen Tage ausgetreten ist.
Köln, den 17. März 1843.
Dr. Marx.
Aus:
DEUTSCHE JAHRBÜCHER
für Wissenschaft und Kunst
Leipzig 1842
Erschienen in: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst. Her¬
ausgegeben unter Verantwortlichkeit der Verlagshandlung. Leipzig, Verlag
von Otto Wigand. Jg. 5, No. 273, 16. November 1842, p. 1091—92.
Geschrieben Anfang September 1842
Noch ein Wort über: „Bruno Bauer und die aka¬
demische Lehrfreiheit von Dr; O. F. Gruppe.
Berlin 1842.“
Wollte man in Deutschland die Komödie des Dil et-
s tantismus schreiben, so wäre Herr Dr. 0. F. Gruppe die
unentbehrliche Person. Das Schicksal hat diesen Mann mit jener
eisernen Zähigkeit ausgerüstet, deren die großen Männer nicht
entraten können, am wenigsten die großen Männer des Dilettan¬
tismus. Enden auch seine meisten Abenteuer, wie die des Sancho
io Pansa, mit zweideutigen Zeichen der Anerkennung, so wird diese
Monotonie des Erfolgs mannigfach gehoben und variiert durch die
komische Unbefangenheit und die rührende Naivität, womit Herr
Gruppe seine Lorbeeren entgegennimmt. Man kann sogar eine Art
von Seelengröße nicht verkennen in der Konsequenz, die den Herrn
is Gruppe schließen lehrt: Weil ich aus der Schulstube der Philologie
herausgeworfen worden bin, so wird es mein Beruf sein, auch aus
dem Ballsaal der Ästhetik und aus den Hallen der Philosophie
herausgeworfen zu werden. Aber das ist viel, es ist nicht alles.
Meine Rolle ist erst durchgespielt, wenn ich aus dem Tempel der
so Theologie herausgeworfen werde: und Herr Gruppe ist gewissen¬
haft genug, — seine Rolle durchzuspielen.
Allein Herr Gruppe hat bei seinem letzten Auftreten einiger¬
maßen die Höhe seines Standpunkts verleugnet. Wir zweifeln zwar
keinen Augenblick, daß seine letzte Schrift: „Bruno Bauer und
ss die akademische Lehrfreiheit“ keineswegs „im Dienst einer Par¬
tei oder unter einem Einfluß“ geschrieben ist. Herr Gruppe emp¬
fand die Notwendigkeit, aus der Theologie herausgeworfen zu
werden, aber die Weltklugheit griff hier seinem komischen
Instinkt unter die Arme. Herr Gruppe hat, wie es komischen
so Charakteren ziemt, bisher mit dem ergötzlichsten Emst und selt¬
samster Wichtigtuerei gearbeitet. Die Halbheit, die Oberflächlich¬
keit, die Mißverständnisse waren sein Schicksal, aber sie
waren nicht seine Tendenz. Der große Mann spielte seine
Natur, aber er spielte sie für sich und nicht für andere. Er war
3s Hanswurst aus Beruf: wir können nicht zweifeln, daß er
in seinem letzten Auftreten Hanswurst auf Bestellung
und Rekompens ist. Die böse Absicht, die gewissenlose Ent¬
stellung, die gemeine Perfidie werden auch den Leser nicht
zweifeln lassen.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 31
398
Aus den deutschen Jahrbüchern
Es wäre wider unsere Ansicht von den komischen Naturen, weit¬
läufigen kritischen Apparat an Herm Gruppe zu verschwenden.
Wer verlangt eine kritische Geschichte Eulenspiegels? Man ver¬
langt Anekdoten, und wir geben von Herm Gruppe eine
Anekdote, welche die Anekdote seiner Broschüre «
ist. Sie betrifft Bauers Auslegung des Matthäus 12, V. 39—42.
Der gütige Leser wird sich einen Augenblick mit theologicis be¬
helligen müssen, aber er wird nicht vergessen, daß Herr Gruppe
und nicht die Theologie unser Zweck ist. Er wird es billig finden,
daß die Charakteristik von Bauers Gegnern vor das Zeitungs- io
publikum gebracht wird, nachdem man Bauers Charakter und
Lehre zu einer Zeitungsmythe gemacht hat.
Wir setzen die fragliche Stelle des Matthäus in ihrem ganzen
Umfange her.
„Da antworteten etliche unter den Schriftgelehrten und Phari- is
säem und sprachen: Meister, wir wollten gern ein Zeichen von
dir sehen.“
„Und er antwortete und sprach zu ihnen: Die böse und ehe¬
brecherische Art sucht ein Zeichen, und es wird ihr kein
Zeichen gegeben werden, denn das Zeichen des Propheten 2e
Jona s.“ „Denn gleichwie Jonas war drei Tage und drei Nächte
in des Walfisches Bauch; also wird des Menschen Sohn drei Tage
und drei Nächte mitten in der Erde sein.“ „Die Leute von Ninive
werden auftreten am jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und
werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Pre-«*
digt des Jonas. Und siehe, hier ist mehr denn
Jona s.“ „Die Königin von Mittag wird auftreten am jüngsten
Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie
kam vom Ende der Erde her, Salomons Weisheit zu hören.
Und siehe, hier ist mehr denn Salomon.“ 30
Den protestantischen Theologen fiel der Widerspruch auf, daß
Jesus hier die Wunder verwirft, während er sonst Wunder ver¬
richtet. Ihnen fiel der größere Widerspruch auf, daß der Herr in
demselben Momente, wo er die Forderung der Wunder von sich
weist, ein Wunder verspricht, und zwar ein großes Wunder, seinen 3s
dreitägigen Aufenthalt in der Unterwelt.
Da nun die protestantischen Theologen zu gottlos sind, um einen
Widerspruch der Schrift mit ihrem Verstände, da sie zu
scheinheilig sind, um einen Widerspruch ihres Verstandes mit
der Schrift zuzugeben, so verfälschen, entstellen und ver-«
drehen sie die klaren Worte und den einfachen Sinn der Schrift.
Sie behaupten, daß Jesus hier nicht seine Lehre und seine
geistige Persönlichkeit der Forderung der Zeichen ent¬
gegenstellt; sie behaupten, daß „er von dem Ganzen seiner
Erscheinung spreche, die mehr sei als die Erscheinung Salomons «
Dr. Gruppe gegen Bruno Bauer
399
und des Jonas, und wozu ,insbesondere* auch seine Wunder
gehörten.“
Bauer weist ihnen nun durch die gründlichste Exegese das Un¬
gereimte dieser Auslegung nach. Er zitiert ihnen dann den Lukas,
5 wo die störende Stelle von dem Walfisch und dem dreitägigen
Aufenthalt in der Erde fehlt. Es heißt dort: „Dies Geschlecht ist
böse: ein Zeichen fordert es, und ein Zeichen wird ihm nicht ge¬
geben werden, außer dem Zeichen des Jonas. Denn wie Jonas ein
Zeichen war den Niniviten, so wird es des Menschen Sohn diesem
ko Geschlecht sein“, worauf Lukas den Herm sagen läßt, wie die
Niniviten auf die Predigt des Jonas Buße getan und die
Königin des Mittags von den Enden der Erde hergereist sei, um
Salomons Weisheit zu hören. Noch einfacher, zeigt Bauer,
findet sich der Kem bei Markus. „Was, sagt Jesus, was fordert
ii dies Geschlecht ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch, es wird
diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben. Da ließ sie Jesus stehen.“
Gegen die falsche Deutung und die willkürliche Schriftentstel¬
lung der Theologen erhebt sich nun Bauer und verweist sie auf
das, was geschrieben steht, indem er noch einmal den
ao Sinn der Rede Jesu zusammenfaßt, in folgenden Worten:
„Hebe dich weg von mir, Theologe! denn es
stehet geschrieben: hier ist mehr als Jonas,
mehr als Salomo, d. h. die Niniviten haben auf die Pre¬
digt des Jonas Buße getan, die Königin des Mittags kommt von
2t dem Ende der Erde, um die Weisheit Salomons zu hören, ihr
aber habt meinen Worten, meiner Rede keinen Glauben geschenkt,
und dennoch sind diese Worte der Ausdruck einer Persön¬
lichkeit, deren geistiger Umfang unendlich
ist, während Jonas und Salomo noch beschränkte
3o Persönlichkeiten waren. Es soll aber dabei bleiben, nur
das Zeichen des Jonas soll euch gegeben werden, ein anderes
Zeichen sollt ihr nicht sehen als diese meine Person und
ihren, wenn auch unendlichen Ausdmck im Wort.“ Nachdem
Bauer dergestalt die Rede Jesu erklärt, fügt er hinzu: „Wo
3s bleiben also insbesondere die Wunder?“
Und Herr Groppe? Herr Groppe sagt: „Das Sonderbarste ist
dabei, daß B. in seiner barocken Weise sich selbst als
einen Propheten darstellt. S. 296 lesen wir die empha¬
tische Stelle: Hebe dich weg von mir, Theologe!“ etc.
4o (S. 20.)
Herm Groppes Schamlosigkeit will dem Leser aufbürden,
Bauer rede von sich selbst, er gebe sich selbst für die un¬
endliche Persönlichkeit aus, während Bauer die Rede
Jesu exegesiert. So sehr wir auch wünschen, wir können
4s dieses Qui pro quo, diese Eulenspiegelei, nicht mit der notorischen
31«
400
Aus den deutschen Jahrbüchern
Verstandesschwäche und dilettierenden Ignoranz des Herm
Gruppe entschuldigen. Der Betrug liegt auf der Hand. Nicht
nur, daß Herr Gruppe dem Leser verschweigt, wovon es sich han¬
delt! Wir könnten immer noch glauben, der Dilettant habe zu¬
fällig S. 296 in Bauers Schrift aufgeschlagen und in der munteren s
Flüchtigkeit seiner Buchmacherei keine Zeit gehabt, die vorher¬
gehende und die nachfolgende Entwicklung zu lesen. Aber Herr
Gruppe unterschlägt den Schluß der „emphatischen Stelle“,
den über alles Mißverstehen erhabenen Schluß : „Es soll aber da¬
bei bleiben, nur das Zeichen des Jonas soll euch gegeben werden, so
ein anderes Zeichen sollt ihr nicht sehen als diese meine Per¬
son und ihren, wenn auch unendlichen Ausdruck im Wort. Wo
bleiben also ,insbesondere* die Wunder?“
Herr Gruppe sah ein: auch den befangenen Leser, den Leser,
der so töricht wäre, Bauer nicht in Bauers Schriften, sondern in w
den Schriften des Herm Gruppe zu suchen, auch ihn müßten diese
Worte überzeugen, daß Bauer nicht von sich, daß er von dem
spreche, was geschrieben steht. Abgesehen von allen
anderen Abgeschmacktheiten, was sollten sonst die Worte: „Wo
bleiben also »insbesondere* die Wunder?“ so
Wir zweifeln, ob die deutsche Literatur eine ähnliche Scham¬
losigkeit aufzuweisen hat.
Herr Gruppe sagt in der Vorrede: „Mir ist während meiner
Arbeit immer anschaulicher geworden, daß wir in einer Zeit der
Rhetoren und Sophisten leben.“ (S. IV.) Soll dies ein Selbst- ss
bekenntnis sein, so müssen wir ernstlich dagegen protestieren.
Herr Gruppe ist weder ein Rhetor noch ein Sophist. Er war bis
zur Epoche der Broschüre über Bauer ein komischer Cha¬
rakter, er war ein Schelm im naiven Sinn, er hat seitdem nichts
verloren als seine Naivität und ist also jetzt — doch das sage ihm so
sein Gewissen. Übrigens mag es Bauer als Anerkennung seiner
geistigen Überlegenheit betrachten, daß man nur Männer gegen
ihn schicken kann, die unter allem Geist und außer jeder Über¬
legenheit sind, die er also nur treffen könnte, wenn er sich
fallen ließe. K. M. ss
AUS DER KRITIK DER HEGELSCHEN
RECHTSPHILOSOPHIE
Kritik des Hegelschen Staatsrechts
(§} 261-313)
Kritik der §§ 261—313 von Hegel’s Grundlinien der Philosophie des
Rechts . .. Hrsg, von Ed. Gans (G. W. F. Hegel’s Werke. Vollst. Ausgabe,
Bd. 8) 1. Aufl. Berlin, 1833.
A. Das innere Staatsrecht
§§ 261-271 403-419
I. Innere Verfassung für sich
§§272-274 420-421
a) Die fürstliche Gewalt (§§ 275— 286) 421—448
(Résumé pp. 445- 448)
b) Die Regierungsgewalt (§§ 287—297) 448—464
c) Die gesetzgebende Gewalt (§§ 289—313) .... 464—553
Geschrieben von März bis August 1843
Zur besseren Unterscheidung haben wir die Hegel entnommenen Zitate, wo sie
unmittelbarer Ausgangspunkt der Kritik sind, in größerem Schriftgrad gebracht als
die Ausführungen von Marx und die inmitten dieser wiederholten Hegelstellen. In
der ersten Gruppe sind Abweichungen vom Hegeltext, Abschreibefehler etc. im all¬
gemeinen stillschweigend ausgebessert, die Marxschen Abweichungen in der Unter¬
streichung jedoch vermerkt. In der zweiten Gruppe, bei den wiederholten Zitaten,
sind weder die zahlreichen — häufig bemerkenswerten — Abweichungen in der Unter¬
streichung noch die vom Wortlaut besonders kenntlich gemacht.
5
10
15
20
25
30
[Kritik des Hegelschen Staatsrechts]
§ 261. „Gegen die Sphären des Privatrechts und Privat¬
wohls, der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft ist der
Staat einerseits1) eine äußerliche Notwendigkeit und
ihre höhere Macht, deren Natur ihre Gesetze sowie ihre In¬
teressen untergeordnet und davon abhängig sind; aber
andererseits1) ist er ihr immanenter Zweck und
hat seine Stärke in der Einheit seines allgemeinen End¬
zweckes und des besonderen Interesses der Individuen, da¬
rin, daß sie insofern Pflichten gegen ihn haben, als sie
zugleich Rechte haben (§ 155).“
Der vorige Paragraph belehrt uns dahin, daß die konkrete
Freiheit in der Identität (sein sollenden, zwieschlächtigen) des
Systems des Sonderinteresses (der Familie und der bürgerlichen
Gesellschaft) mit dem System des allgemeinen Interesses (des
Staates) bestehe. Das Verhältnis dieser Sphären soll nun näher
bestimmt werden.
Einerseits der Staat gegen die Sphäre der Familie und der
bürgerlichen Gesellschaft eine „äußerliche Notwendigkeit“,
eine Macht, wovon ihm „Gesetze“ und „Interessen“ „unter¬
geordnet und abhängig“ sind. Daß der Staat gegen die Familie
und bürgerliche Gesellschaft eine „äußerliche Notwendig¬
keit“ ist, lag schon teils in der Kategorie des „Übergangs“, teils
in ihrem bewußten Verhältnis zum Staat. Die „Unter¬
ordnung“ unter den Staat entspricht noch vollständig diesem Ver¬
hältnis der „äußerlichen Notwendigkeit“. Was Hegel aber
unter der „Abhängigkeit“ versteht, zeigt folgender Satz der An¬
merkung zu diesem Paragraphen:
„Daß den Gedanken der Abhängigkeit1) insbeson¬
dere auch der privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten
Charakter des Staats und die philosophische Ansicht, den
Teil nur in seiner Beziehung auf das Ganze zu betrachten, —
vornehmlich Montesquieu1) [. ..] ins Auge gefaßt“ etc.
*) Von M. unterstrichen.
’) Bei Hegel gesperrt.
404 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Hegel spricht also hier von der inn eren Abhängigkeit oder
der wesentlichen Bestimmung des Privatrechts etc. vom Staat; zu¬
gleich aber subsumiert er diese Abhängigkeit unter das Verhält¬
nis der „äußerlichen Notwendigkeit“ und stellt sie der
anderen Beziehung, worin sich Familie und bürgerliche Gesell- «
schäft zum Staate als ihrem „immanenten Zweck“ verhalten,
als die andere Seite entgegen.
Unter der,,äußerlichen Notwendigkeit* ‘ kann nur verstanden wer¬
den, daß „Gesetze“ und „Interessen“ der Familie und der Gesell¬
schaft den „Gesetzen“ und „Interessen“ des Staats im Kollisions- 10
falle weichen müssen, ihm untergeordnet sind, ihre Existenz von der
seinigen abhängig ist oder auch sein Wille und sein Gesetz ihrem
„Willen“ und ihren „Gesetzen“ als eine Notwendigkeit erscheint.
Allein Hegel spricht hier nicht von empirischen Kollisionen : er
spricht vom Verhältnis der „Sphären des Privatrechts und 13
Privatwohls, der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft“ zum
Staat; es handelt sich vom wesentlichen Verhältnis die¬
ser Sphären selbst. Nicht nur ihre „Interessen“, auch ihre „Ge¬
setze“, ihre wesentlichen Bestimmungen sind vom Staate „ab¬
hängig“, ihm „untergeordnet“. Er verhält sich als „höhere 2«
M a c h t“ zu ihren „Gesetzen und Interessen“. Ihr „Interesse“ und
„Gesetz“ verhalten sich als sein „Untergeordneter“. Sie leben in
der „Abhängigkeit“ von ihm. Eben weil „Unterordnung“ und
„Abhängigkeit“ äußere, das selbständige Wesen einengende
und ihm zuwiderlaufende Verhältnisse sind, ist das Verhältnis 2s
der „Familie“ und der bürgerlichen Gesellschaft zum Staat das
der „äußerlichen Notwendigkeit“, einer Notwendigkeit, die
gegen das innere Wesen der Sache angeht. Dies selbst, „daß die
privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten Charakter des
Staats“ abhängen, nach ihm sich modifizieren, wird daher unter 30
das Verhältnis der „äußerlichen Notwendigkeit“ sub¬
sumiert, eben weil „bürgerliche Gesellschaft und Familie“ in ihrer
wahren, d. i. in ihrer selbständigen und vollständigen Entwick¬
lung dem Staat als besondere „Sphären“ vorausgesetzt sind.
„Unterordnung“ und „Abhängigkeit“ sind die Aus-33
drücke für eine „äußerliche“, erzwungene, scheinbare Iden¬
tität, als deren logischen Ausdruck Hegel richtig die „äußer¬
liche Notwendigkeit“ gebraucht. In der „Unterordnung“
und „Abhängigkeit“ hat Hegel die eine Seite der zwiespältigen
Identität weiter entwickelt, und zwar die Seite der Entfremdung 40
innerhalb der Freiheit, „aber andrerseits ist er ihr immanen¬
ter Zweck und hat seine Stärke in der Einheit seines allge¬
meinen Endzweckes und des besonderen Inter¬
esses der Individuen, darin, daß s.ie insofern Pflichten
gegen ihn haben, als sie zugleich Rechte haben“. 45
§5 261—271
405
Hegel stellt hier eine ungelöste Antinomie auf. Einer¬
seits äußerliche Notwendigkeit, andererseits immanenter
Zweck. Die Einheit des allgemeinen Endzwecks des
Staats und des besonderen Interesses der Indivi-
» duen soll darin bestehen, daß ihre Pflichten gegen den
Staat und ihre Rechte an denselben identisch sind (also z. B.
die Pflicht, das Eigentum zu respektieren, mit dem Recht auf
Eigentum zusammenfiele). Diese Identität wird in der Anmer¬
kung [zum § 261] also expliziert:
10 „Da die Pflicht zunächst das Verhalten gegen etwas
für mich Substantielles, an und für sich Allgemeines
ist, das Recht dagegen das Dasein überhaupt dieses Sub¬
stantiellen ist, damit die Seite seiner Besonderheit und
meiner besonderen Freiheit ist, so erscheint beides
« auf den formellen Stufen an verschiedene Seiten oder Per¬
sonen verteilt. Der Staat als Sittliches, als Durchdringung
des Substantiellen und des Besonderen, enthält, daß meine
Verbindlichkeit gegen das Substantielle zugleich das Dasein
meiner besonderen Freiheit, d. i. in ihm Pflicht und Recht
aoin einer und derselben Beziehung vereinigt
sind.“
§ 262. „Die wirkliche Idee, der Geist, der sich selbst in
die zwei ideellen Sphären seines Begriffs, die Familie und
die bürgerliche Gesellschaft, als in seine Endlichkeit1)
ns scheidet, um aus ihrer Idealität für sich unend¬
licher1) wirklicher Geist zu sein, teilt somit diesen
Sphären das Material dieser seiner endlichen Wirklichkeit,
die Individuen als die M e n g e zu, so daß diese Zuteilung
am Einzelnen durch die Umstände, die Willkür und eigene
so Wahl seiner Bestimmung vermittelt erscheint (§ 185
u. Anm. das.).“
Übersetzen wir diesen Satz in Prosa, so folgt:
Die Art und Weise, wie der Staat sich mit der Familie und der
bürgerlichen Gesellschaft vermittelt, sind „die Umstände, die
ss Willkür und die eigene ’ Wahl der Bestimmung“. Die Staats-
vemunft hat also mit der Zerteilung des Staatsmaterials an Familie
und bürgerliche Gesellschaft nichts zu tun. Der Staat geht auf
eine unbewußte und willkürliche Weise aus ihnen hervor. Familie
9 Alics von M. unterstrichen.
406 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über SS 261—313
und bürgerliche Gesellschaft erscheinen als der dunkle Natur¬
grund, woraus das Staatslicht sich entzündet. Unter dem Staats¬
material sind die Geschäfte des Staats, Familie und bürger¬
liche Gesellschaft verstanden, insofern sie Teile des Staats bilden,
am Staat als solchen teilnehmen. 5
In doppelter Hinsicht ist diese Entwicklung merkwürdig.
1. Familie und bürgerliche Gesellschaft werden als Be¬
griffssphären des Staats gefaßt, und zwar als die
Sphären seiner Endlichkeit, als seine Endlichkeit.
Der Staat ist es, der sich in sie scheidet, der sie voraus-10
setzt, und zwar tut er dieses, „um aus ihrer Idealität für
sich unendlicher wirklicher Geist zu sein“. „Er scheidet
sich, um.“ Er „teilt somit diesen Sphären das Material
seiner Wirklichkeit zu, so daß diese Zuteilung etc. vermittelt
erscheint“. Die sogenannte „wirkliche Idee“ (der Geist als 15
unendlicher, wirklicher) wird so dargestellt, als ob sie nach einem
bestimmten Prinzip und zu bestimmter Absicht handle. Sie
scheidet sich in endliche Sphären, sie tut dieses, „um in sich
zurückzukehren, für sich zu sein“, und sie tut dieses zwar so, daß
das gerade ist, wie es wirklich ist. 20
An dieser Stelle erscheint der logische, pantheistische Mysti¬
zismus sehr klar.
Das wirkliche Verhältnis ist: „daß die Zuteilung des
Staatsmaterials am Einzelnen durch die Umstände, die Willkür
und die eigene Wahl seiner Bestimmung vermittelt ist“. Diese 25
Tatsache, dies wirkliche Verhältnis wird von der Spe¬
kulation als Erscheinung, als Phänomen ausgesprochen.
Diese Umstände, diese Willkür, diese Wahl der Bestimmung, diese
wirkliche Vermittlung sind bloß die Erscheinung
einer Vermittlung, welche die wirkliche Idee mit sich 30
selbst vomimmt, und welche hinter der Gardine vorgeht. Die
Wirklichkeit wird nicht als sie selbst, sondern als eine andere
Wirklichkeit ausgesprochen. Die gewöhnliche Empirie hat nicht
ihren eigenen Geist, sondern einen fremden zum Gesetz, wogegen
die wirkliche Idee nicht eine aus ihr selbst entwickelte Wirklich- 35
keit, sondern die gewöhnliche Empirie zum Dasein hat. Die Idee
wird versubjektiviert. Das wirkliche Verhältnis von Familie
und bürgerlicher Gesellschaft zum Staate wird als ihre innere
imaginäre Tätigkeit gefaßt. Familie und bürgerliche Gesell¬
schaft sind die Voraussetzungen des Staats; sie sind die eigentlich 40
Tätigen, aber in der Spekulation wird es umgekehrt. Wenn aber
die Idee versubjektiviert wird, werden hier die wirklichen Sub¬
jekte, bürgerliche Gesellschaft, Familie, „Umstände, Willkür etc.“
zu unwirklichen, anderes bedeutenden, objektiven Momen¬
ten der Idee. 45
H 261—271
407
Die Zuteilung des Staatsmaterials „am Einzelnen durch die Um¬
stände, die Willkür und die eigene Wahl seiner Bestimmung“ wer¬
den nicht als das Wahrhafte, das Notwendige, das an und für sich
Berechtigte schlechthin ausgesprochen; sie werden nicht als
« solche für das Vernünftige ausgegeben; aber sie werden es
doch wieder andrerseits, nur so, daß sie für eine scheinbare
Vermittlung ausgegeben, daß sie gelassen werden, wie sie sind,
zugleich aber die Bedeutung einer Bestimmung der Idee erhalten,
eines Resultats, eines Prädikats der Idee. Der Unterschied ruht
10 nicht im Inhalt, sondern in der Betrachtungsweise oder in der
Sprechweise. Es ist eine doppelte Geschichte, eine esoterische
und eine exoterische. Der Inhalt liegt im exoterischen Teil. Das
Interesse des esoterischen ist immer das, die Geschichte des
logischen Begriffs im Staate wiederzufinden. An der exoterischen
is Seite aber ist es, daß die eigentliche Entwicklung vor sich geht.
Rationell hießen die Sätze Hegels nur:
Die Familie und die bürgerliche Gesellschaft sind1) Staatsteile.
Das Staatsmaterial ist unter sie verteilt durch „die Umstände, die
Willkür und die eigene Wahl der Bestimmung“. Die Staatsbürger
so sind Familienglieder und Glieder der bürgerlichen Gesellschaft.
„Die wirkliche Idee, der Geist, der sich selbst in die zwei
ideellen Sphären seines Begriffs, die Familie und die bürgerliche
Gesellschaft, als in seine Endlichkeit scheidet“ — also
die Teilung des Staats in Familie und bürgerliche Gesellschaft ist
ss idee 11, d. h. notwendig, gehört zum Wesen des Staats; Familie
und bürgerliche Gesellschaft sind wirkliche Staatssteile, wirkliche
geistige Existenzen des Willens, sie sind Daseinsweisen des
Staates; Familie und bürgerliche Gesellschaft machen sich
selbst zum Staat. Sie sind das Treibende. Nach Hegel sind sie
so dagegen*) getan von der wirklichen Idee; es ist nicht ihr eigener
Lebenslauf, der sie zum Staate vereint, sondern es ist der Lebens¬
lauf der Idee, die sie von sich dezemiert hat; und zwar sind sie
[die] Endlichkeit dieser Idee; sie verdanken ihr Dasein einem
anderen Geist als dem ihrigen ; sie sind von einem dritten gesetzte
3s Bestimmungen, keine Selbstbestimmungen; deswegen werden sie
auch als „Endlichkeit“, als die eigene Endlichkeit der „wirk¬
lichen Idee“ bestimmt. Der Zweck ihres Daseins ist nicht das Da¬
sein selbst, sondern die Idee scheidet diese Voraussetzungen von
sich ab, „um aus ihrer Idealität für sich unendlicher wirklicher
40 Geist zu sein“, d. h. der politische Staat kann nicht sein ohne die
natürliche Basis der Familie und die künstliche Basis der bürger¬
lichen Gesellschaft; sie sind für ihn eine conditio sine qua non;
die Bedingung wird aber als das Bedingte, das Bestimmende wird
0 Gestrichen Fund[. . .]
2) Gestrichen Produkte der wirkt. . .]
408 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
als das Bestimmte, das Produzierende wird als das Produkt seines
Produkts gesetzt; die „wirkliche Idee“ erniedrigt sich nur in die
Endlichkeit der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft, um
durch ihre Aufhebung seine Unendlichkeit zu genießen und her¬
vorzubringen; sie „teilt somit“ (um seinen Zweck zu erreichen) s
„diesen Sphären das Material dieser seiner endlichen Wirklich¬
keit“, (dieser? welcher? diese Sphären sind ja seine endliche
Wirklichkeit, sein „Material“) „die Individuen als die Menge
zu“ (das Material des Staates sind hier „die Individuen, die
Menge“, „aus ihnen besteht der Staat“, dieses sein Bestehen wird m
hier als eine Tat der Idee, als eine „Verteilung“, die sie mit ihrem
eigenen Material vomimmt, ausgesprochen: das Faktum ist, daß
der Staat aus der Menge, wie sie als Familienglieder und Glieder
der bürgerlichen Gesellschaft existieren, hervorgehe, die Speku¬
lation spricht das Faktum als Tat der Idee aus, nicht als die Idee w
der Menge, sondern als Tat einer subjektiven, von dem Faktum
selbst unterschiedenen Idee) „so daß diese Zuteilung am Ein¬
zelnen“ (früher war nur von der Zuteilung der Einzelnen an die
Sphären derFamilie und der bürgerlichen1) Gesellschaft dieRede)
„durch die Umstände, die Willkür etc. vermittelt erscheint“. Es eo
wird also die empirische Wirklichkeit erscheinen, wie sie ist; sie
wird auch als vernünftig ausgesprochen, aber sie ist nicht ver¬
nünftig wegen ihrer eigenen Vernunft, sondern weil die empirische
Tatsache in ihrer empirischen Existenz eine andere Bedeutung hat
als sich selbst. Die Tatsache, von der ausgegangen wird, wird es
nicht als solche, sondern als mystisches Resultat gefaßt.
Das Wirkliche wird zum Phänomen, aber die Idee hat keinen
anderen Inhalt als dieses Phänomen. Audi hat die Idee keinen
anderen Zweck als den logischen, „für sich unendlicher wirklicher
Geist zu sein“. In diesem Paragraphen ist das ganze Mysterium so
der Rechtsphilosophie niedergelegt und der Hegelschen Philo¬
sophie überhaupt.
§ 263. „In diesen Sphären, in denen seine Momente, die
Einzelheit und Besonderheit, ihre unmittelbare’) und
reflektierte*) Realität haben, ist der Geist als ihre in«
sie scheinende objektive Allgemeinheit, als die Macht
des Vernünftigen in der Notwendigkeit (§ 184), nämlich
als die im vorherigen betrachteten Institutionen.“
§ 264. „Die Individuen der Menge, da sie selbst’)
geistige Naturen und damit das gedoppelte Moment, näm- «
lieh das Extrem der für sich wissenden und wollenden
*) Bei M. die bürgerliche
2) Von M. unterstrichen.
§§ 261-271
409
Einzelnheit und das Extrem der das Substantielle wis¬
senden und wollenden Allgemeinheit in sich enthalten
und daher zu dem Rechte dieser beiden Seiten nur gelangen,
insofern sie sowohl als Privat- wie als substantielle Personen
s wirklich sind; — erreichen in jenen Sphären teils unmittel¬
bar das erstere, teils das andere so, daß sie in den Institu¬
tionen, als dem an sich seienden Allgemeinen ihrer
besonderen Interessen, ihr wesentliches Selbstbewußtsein
haben, teils daß sie ihnen ein auf einen allgemeinen Zweck
10 gerichtetes Geschäft und Tätigkeit in der Korporation ge¬
währen.“
§ 265. „Diese Institutionen machen die Verfassung,
d. i. die entwickelte und verwirklichte Vernünftigkeit, im
besonderen aus und sind darum die feste Basis des
is Staats so wie des Zutrauens und der Gesinnung der Indi¬
viduen für denselben und die Grundsäulen der öffentlichen
Freiheit, da in ihnen die besondere Freiheit realisiert und
vernünftig, damit in ihnen selbst an sich die Vereinigung
der Freiheit und Notwendigkeit vorhanden ist.“
eo § 266. „Allein1) der Geist ist nicht nur als diese
( welche ? ) *) Notwendigkeit [....], sondern als die I d e a 1 i -
t ä t derselben, und als ihr Inneres sich objektiv und wirk¬
lich ; so ist diese substantielle Allgemeinheit sich selbst
Gegenstand und Zweck, und jene Notwendigkeit hierdurch
es sich ebenso sehr in Gestalt der Freiheit.“
Der Übergang der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft
in den politischen Staat ist also der, daß der Geist jener Sphären,
der an sich der Staatsgeist ist, sich nun auch als solcher zu sich
verhält und als ihr Inneres sich wirklich ist. Der Übergang
so wird also nicht aus dem besonderen Wesen der Familie etc.
und dem besonderen Wesen des Staats, sondern aus dem allge¬
meinen Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit
hergeleitet. Es*) ist ganz derselbe Übergang, der in der Logik aus
der Sphäre des Wesens in die Sphäre des Begriffs bewerkstelligt
ss wird. Derselbe Übergang wird in der Naturphilosophie aus der
unorganischen Natur in das Leben gemacht. Es sind immer die¬
selben Kategorien, die bald die Seele für diese, bald für jene
Sphäre hergeben. Es kommt nur darauf an, für die einzelnen kon¬
kreten Bestimmungen die entsprechenden abstrakten aufzufinden.
*) Bei Hegel Aber ’) Das Eingeklammerte von M. ’) Bei M. Er
410 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
§ 267. „Die Notwendigkeit in der Idealität ist die
Entwicklung der Idee innerhalb ihrer selbst ; sie ist als
subjektive Substantialität die politische1) Ge¬
sinnung, als objektive in Unterscheidung von jener
der Organismus des Staats, der eigentlich poli-j
tische Staat und seine Verfassung.“
Subjekt ist hier „die Notwendigkeit in der Idealität“, die
„Idee innerhalb ihrer selbst“, Prädikat’) — die politische
Gesinnung und die politische Verfassung. Heißt zu
deutsch: Die politische Gesinnung ist die subjektive, die1»
politische Verfassung ist die objektive Substanz
des Staats. Die logische Entwicklung von Familie und bürgerlicher
Gesellschaft zum Staate ist also reiner Schein; denn es ist nicht
entwickelt, wie Familiengesinnung, die bürgerliche Gesinnung, die
Institution der Familie und die sozialen Institutionen als solche»
sich zur politischen Gesinnung und politischen Verfassung ver¬
halten und mit ihnen zusammengehen.
Der Übergang, daß der Geist „nicht nur als diese Notwendig¬
keit und als ein Reich der Erscheinung“ ist, sondern als
„die Idealität derselben“, als die Seele dieses Reichs für sich wirk-20
lieh ist und eine besondere Existenz hat, ist gar kein Übergang,
denn die Seele der Familie existiert für sich als Liebe etc. Die
reine Idealität einer wirklichen Sphäre könnte aber nur als W i s-
senschaft existieren.
Wichtig ist, daß Hegel überall die Idee zum Subjekt macht und«
das eigentliche, wirkliche Subjekt, wie die „politische Gesinnung“,
zum Prädikat. Die Entwicklung geht aber immer auf Seite des
Prädikats vor.
§ 268 enthält eine schöne Exposition über die politische G e -
sinnung, den Patriotismus, die mit der logischen Ent-w
wicklung nichts gemein hat, nur daß Hegel sie „n u r“ als „Resul¬
tat der im Staate bestehenden Institutionen, als in welchen die
Vernünftigkeit wirklich vorhanden ist“, bestimmt, während
umgekehrt diese Institutionen ebensosehr eine Vergegen-
ständlichung der politischen Gesinnung sind. Cf. die An-»
merkung zu diesem Paragraphen.
§ 269. „Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt
die Gesinnung aus den verschiedenen Seiten des Orga¬
nismus1) des Staats. Dieser Organismus ist die Ent¬
wicklung der Idee zu ihren Unterschieden und zu deren ob-/ö
’) Von M. unterstrichen.
2) Korr, aus Objekt
§§ 261—271
411
jektiven Wirklichkeit. Diese unterschiedenen Seiten sind
so1) die verschiedenen Gewalten und deren Ge¬
schäfte und Wirksamkeiten, wodurch das Allgemeine1)
sich fortwährend, und zwar indem sie durch die Natur
ides Begriffes bestimmt sind, auf notwendige
Weise hervorbringt und, indem es ebenso seiner Pro¬
duktion vorausgesetzt ist, sich erhält; — dieser Orga¬
nismus ist die politische Verfassung.“
Die politische Verfassung ist der Organismus des Staats, oder
10 der Organismus des Staats ist die politische Verfassung. Daß die
unterschiedenen Seiten eines Organismus in einem notwendigen,
aus der Natur des Organismus hervorgehenden Zusammenhang
stehen, ist reine Tautologie. Daß, wenn die politische Verfassung
als Organismus bestimmt ist, die verschiedenen Seiten der Verfas-
is sung, die verschiedenen Gewalten, sich als organische Bestim¬
mungen verhalten und in einem vernünftigen Verhältnis zuein¬
ander stehen, ist ebenfalls — Tautologie. Es ist ein großer
Fortschritt, den politischen Staat als Organismus, daher die Ver¬
schiedenheit der Gewalten nicht mehr als organische3), sondern
io als lebendige und vernünftige Unterscheidung zu betrachten. Wie
stellte Hegel aber diesen Fund dar?
1. „Dieser Organismus ist die Entwicklung der Idee zu
ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit.“ Es
heißt nicht: dieser Organismus des Staates ist seine Entwicklung
25 zu Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit. Der
eigentliche Gedanke ist: Die Entwicklung des Staats oder der poli¬
tischen Verfassung zu Unterschieden und deren Wirklichkeit ist
eine organische. Die Voraussetzung, das Subjekt sind die
wirklichen Unterschiede oder die verschiedenen
3o Seiten der politischen Verfassung. Das Prädikat ist ihre
Bestimmung als organisch. Statt dessen wird die Idee zum
Subjekt gemacht, die Unterschiede und deren Wirklichkeit als
ihre Entwicklung, ihr Resultat gefaßt, während umgekehrt aus
den wirklichen Unterschieden die Idee entwickelt worden ist. Das
35 Organische ist gerade die Idee der Unterschiede, ihre
ideelle Bestimmung.
Es wird hier aber von der Idee als einem Subjekt gesprochen,
die sich zu ihren Unterschieden entwickelt. Außer dieser Um¬
kehrung von Subjekt und Prädikat wird der Schein hervorgebracht,
4o als sei hier von einer anderen Idee als dem Organismus die Rede.
1) Von M. unterstrichen.
2) Offenbar Schreibfehler, sollte vermutlich mechanische oder anorganische
heißen.
412 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über SS 261—313
Es wird von der abstrakten Idee ausgegangen, deren Entwicklung
im Staate politische Verfassung ist. Es handelt sich
also nicht von der politischen Idee, sondern von der abstrakten
Idee im politischen Element. Dadurch, daß ich sage: „dieser Or¬
ganismus (des Staats, die politische Verfassung) ist die Entwick- 5
lung der Idee zu ihren Unterschieden etc.“, weiß ich noch gar
nichts von der spezifischen Idee der politischen Ver¬
fassung; derselbe Satz kann mit derselben Wahrheit von dem
tierischen Organismus als von dem politischen ausgesagt
werden. Wodurch unterscheidet sich also der tierische 10
Organismus vom politischen? Aus dieser allgemeinen Be¬
stimmung geht es nicht hervor. Eine Erklärung, die aber nicht die
differentia specifica ergibt, ist keine Erklärung. Das einzige In¬
teresse ist, „die Idee“ schlechthin, die „logische Idee“ in jedem
Element, sei es des Staates, sei es der Natur, wiederzufinden, und 15
die wirklichen Subjekte, wie hier die „politische Verfassung“,
werden zu ihrem bloßen Namen, so daß nur der Schein eines
wirklichen Erkennens vorhanden ist. Sie sind und bleiben unbe¬
griffene, weil nicht in ihrem spezifischen Wesen begriffene Be¬
stimmungen. to
„Dieseunterschiedenen Seiten sind so die verschiedenen
Gewalten und deren Geschäfte und Wirksamkeit.“ Durch das
Wörtchen „so“ wird der Schein einer Konsequenz, einer Ableitung
und Entwicklung hervorgebracht. Man muß vielmehr fragen
„Wie so“; „daß die verschiedenen Seiten des Organismus des so
Staates“ die „verschiedenen Gewalten“ sind und „deren Geschäfte
und Wirksamkeit“, ist eine empirische Tatsache, daß sie Glieder
eines „Organismus“ sind, ist das philosophische „Prädikat“.
Wir machen hier auf eine stilistische Eigentümlichkeit Hegels
aufmerksam, die sich oft wiederholt und welche ein Produkt des so
Mystizismus ist. Der ganze Paragraph lautet:
„Ihren besonders be¬
stimmten Inhalt *) nimmt
die Gesinnung aus den ver¬
schiedenen Seiten1)
des Organismus1) des
Staats. Dieser1) Orga¬
nismus ist die Entwick¬
lung der Idee zu ihren Unter¬
schieden und zu deren objek-
1. „Ihren besonders bestimm¬
ten Inhalt nimmt die Gesinnung
aus den verschiedenen
Seiten des Organismus des ss
Staats.“ „Diese unterschiedenen
Seiten sind die verschie-
denenGewaltenund deren
Geschäfte und Wirksamkeiten.6
2. „Ihren besonders bestimm- 00
ten Inhalt nimmt die Gesinnung
*) Von M. unterstrichen.
2) Inhalt bei Hegel gesperrt.
§§ 261—271
413
5
10
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20
25
30
35
40
tiven Wirklichkeit. Diese1)
unterschiedenen1) Sei¬
ten1) sind so1) die ver¬
schiedenen Gewalten
und deren Geschäfte und
Wirksamkeiten, wodurch das
Allgemeine sich fortwäh¬
rend, und zwar indem sie
durch die Natur des Be¬
griffes bestimmt sind, auf
notwendige Weise her¬
vorbringt und, indem es
ebenso seiner Produktion
vorausgesetzt ist, sich er¬
hält1); — dieser Organis¬
mus ist die politische
V erfassung.“
aus den verschiedenen Seiten
des Organismus des Staats.
Dieser Organismus ist
die Entwicklung der Idee zu
ihren Unterschieden und zu
deren objektiven Wirklich¬
keit . . . wodurch das Allge¬
meine sich fortwährend, und
zwar indem sie durch die Na¬
tur des Begriffes be¬
stimmt sind, auf notwen¬
dige Weise hervorbringt
und, indem es ebenso seiner
Produktion vorausgesetzt ist,
sich erhält. — Dieser Or¬
ganismus ist die politi¬
sche Verfassun g.“
Man sieht, Hegel knüpft an zwei Subjekte, an die „verschie¬
denen Seiten des Organismus“ und an den „Organismus“, die
weiteren Bestimmungen an. Im dritten Satz werden die unter¬
schiedenen Seiten als die „verschiedenen Gewalten“ bestimmt.
Durch das zwischengeschobene Wort „so“ wird der Schein her¬
vorgebracht, als seien diese „verschiedenen Gewalten“ aus dem
Zwischensatz über den Organismus als die Entwicklung der Idee
abgeleitet.
Es wird dann fortgesprochen über die „verschiedenen Ge¬
walten“. Die Bestimmung, daß das Allgemeine sich fortwährend
„hervorbringt“ und sich dadurch erhält, ist nichts Neues, denn
es liegt schon in ihrer Bestimmung als „Seiten des Organismus“,
als „organische“ Seiten. Oder vielmehr diese Bestimmung der
„verschiedenen Gewalten“ ist nichts als eine Umschreibung da¬
von, daß der Organismus ist „die Entwicklung der Idee zu ihren
Unterschieden etc.“.
Die Sätze: Dieser Organismus ist: „die Entwicklung der Idee
zu ihren Unterschieden und zu deren objektiven Wirklichkeit“
oder zu Unterschieden, wodurch: „das Allgemeine (das Allge¬
meine ist hier dasselbe wie die Idee) sich fortwährend, und zwar
indem sie durch die Natur des Begriffs bestimmt sind, er¬
hält, auf notwendige Weise hervorbringt und, indem
es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt ist, sich erhält“,
*) Von M. unterstrichen.
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd.
32
414 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
sind identisch, der letztere ist bloß eine nähere Explikation über
„die Entwicklung der Idee zu ihren Unterschieden“. Hegel ist
dadurch noch keinen Schritt über den allgemeinen Begriff „der
Idee“ und höchstens des „Organismus“ überhaupt (denn eigent¬
lich handelt es sich nur von dieser bestimmten Idee) hinaus- 5
gekommen. Wodurch wird er also zum Schlußsatz berechtigt:
„dieser Organismus ist die politische Verfassung“? Warum
nicht: „dieser Organismus ist das Sonnensystem“? Weil er „die
verschiedenen Seiten des Staats“ später als die „verschiedenen
Gewalten“ bestimmt hat. Der Satz, daß „die verschiedenen Seiten 10
des Staats die verschiedenen Gewalten sind“, ist eine empirische
Wahrheit und kann für keine philosophische Entdeckung aus¬
gegeben werden, ist auch auf keine Weise als Resultat einer
früheren Entwicklung hervorgegangen. Dadurch, daß aber der
Organismus als die „Entwicklung der Idee“ bestimmt, von den is
Unterschieden der Idee gesprochen, dann das Konkretum: „der
verschiedenen Gewalten“ eingeschoben wird, kommt der Schein
herein, als sei ein bestimmter Inhalt entwickelt worden. An
den Satz: „Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Ge¬
sinnung aus den verschiedenen Seiten des Organismus des 20
Staat s“, dürfte Hegel nicht anknüpfen: „dieser Organismus“,
sondern „der Organismus ist die Entwicklung der Idee etc.“.
Wenigstens gilt das, was er sagt, von jedem Organismus, und es
ist kein Prädikat vorhanden, wodurch das Subjekt „diese r“ ge¬
rechtfertigt würde. Das eigentliche Resultat, wo er hin will, ist 25
zur Bestimmung des Organismus als der politischen
Verfassung. Es ist aber keine Brücke geschlagen, w o -
durch man aus der allgemeinen Idee des Orga¬
nismus zu der bestimmten Idee des Staats¬
organismus oder der politischen Verfassung 30
käme, und es wird in Ewigkeit keine solche Brücke geschlagen
werden können. In dem Anfangssatz wird gesprochen von „den
verschiedenen Seiten des Staatsorganismus“, die später als „die
verschiedenen Gewalten“ bestimmt werden. Es wird also bloß
gesagt: „die verschiedenen Gewalten des Staats-w
Organismus“ oder „der Staatsorganismus der ver¬
schiedenen Gewalten“ ist — die „politische Ver¬
fassung“ des Staats. Nicht aus dem „Organismus“ „der
Idee“, „ihren Unterschieden“ etc., sondern aus dem vorausgesetz¬
ten Begriff „verschiedene Gewalten“, „Staats Organismus“ ist 40
die Brücke zur „politischen Verfassung“ geschlagen.
Der Wahrheit nach hat Hegel nichts getan, als die „politische
Verfassung“ in die allgemeine abstrakte Idee des „Organismus“
aufgelöst, aber dem Schein und seiner eigenen Meinung nach hat
er aus der allgemeinen Idee das Bestimmte entwickelt. Er hat zu 43
$$ 261—271
415
einem Produkt, einem Prädikat der Idee gemacht, was ihr Subjekt
ist. Er entwickelt sein Denken nicht aus dem Gegenstand, sondern
den Gegenstand nach einem mit sich fertig und in der abstrakten
Sphäre der Logik mit sich fertig gewordenen Denken. Es handelt
5 sich nicht darum, die bestimmte Idee der politischen Verfassung
zu entwickeln, sondern es handelt sich darum, der politischen
Verfassung ein Verhältnis zur abstrakten Idee zu geben, sie als
ein Glied ihrer Lebensgeschichte (der Idee) zu rangieren, eine
offenbare Mystifikation. Eine andere Bestimmung ist, daß die
io „verschiedenen Gewalten“ „durch die Natur des Begriffs
bestimmt sind“ und darum „das Allgemeine sie auf notwendige
Weise hervorbringt“. Die verschiedenen Gewalten sind also nicht
durch ihre „eigene Natur“ bestimmt, sondern durch eine fremde.
Ebenso ist die Notwendigkeit nicht aus ihrem eigenen
io Wesen geschöpft, noch weniger kritisch bewiesen. Ihr Schicksal
ist vielmehr prädestiniert durch die „Natur des Begriffs“, ver¬
siegelt in der santa casa (der Logik) heiligen Registern.
Die Seele der Gegenstände, hier des Staats, ist fertig, prä¬
destiniert vor ihrem Körper, der eigentlich nur Schein ist. Der
■io „Begriff“ ist der Sohn in der „Idee“, dem Gott Vater, das agens,
das determinierende, unterscheidende Prinzip. „Idee“ und „Be¬
griff“ sind hier verselbständigte Abstraktionen.
§ 270. „Daß der Zweck des Staates das allgemeine In¬
teresse als solches und darin als ihrer Substanz die Erhal-
25 tung der besonderen Interessen ist, ist 1 ) seine abstrakte
Wirklichkeit oder Substantialität; aber sie ist 2) seine
Notwendigkeit, als sie sich in die Begriffs -Unter¬
schiede seiner Wirksamkeit dirimiert, welche durch jene
Substantialität ebenso wirkliche feste Bestimmungen,
jo Gewalten1) sind; 3) eben diese Substantialität ist aber
der als durch die Form der Bildung hindurch¬
gegangene sich wissende und wollende Geist. Der Staat
weiß daher, was er will, und weiß es in seiner Allge¬
meinheit, als Gedachtes; er wirkt und handelt des-
35 wegen nach gewußten Zwecken, gekannten Grundsätzen und
nach Gesetzen, die es nicht nur an sich, sondern fürs Be¬
wußtsein sind; und ebenso, insofern seine Handlungen sich
auf vorhandene Umstände und Verhältnisse beziehen, nach
der bestimmten Kenntnis derselben.“
*) Von M. unterstrichen.
32e
416 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
(Die Anmerkung zu diesem Paragraphen über das Verhältnis
von Staat und Kirche später.)
Die Anwendung dieser logischen Kategorien verdient ein ganz
spezielles Eingehen.
„Daß der Zweck des Staates das allgemeine Interesse 5
als solches und darin als ihrer Substanz die Erhaltung der beson¬
deren Interessen ist, ist 1. seine abstrakte Wirklichkeit
oder Substantialität.“ Daß das allgemeine Interesse als solches
und als Bestehen der besonderen Interessen Staatszweck ist,
— ist seine Wirklichkeit, sein Bestehen, abstrakt definiert. Der 10
Staat ist nicht wirklich ohne diesen Zweck. Es ist dies das wesent¬
liche Objekt seines Wollens, aber zugleich nur eine ganz allgemeine
Bestimmung dieses Objekts. Dieser Zweck als Sein ist das Element
des Bestehens für den Staat.
„Aber sie (die abstrakte Wirklichkeit, Substantialität) ist 15
2. seine N o t w e n d i g k e i t, als sie sich in die Begriffs - Unter¬
schiede seiner Wirksamkeit dirimiert, welche durch jene Sub¬
stantialität ebenso wirkliche feste Bestimmungen, Gewalten
sind/6
Sie (die abstrakte Wirklichkeit, die Substantialität) ist seine 20
(des Staats) Notwendigkeit, als seine Wirklichkeit sich in
unterschiedene Wirksamkeiten teilt, deren Unter¬
schied ein vernünftig bestimmter, die dabei feste Bestimmungen
sind. Die abstrakte Wirklichkeit des Staats, die Substantialität
desselben ist Notwendigkeit, in§ofêm der reine Staatszweck und 25
das reine Bestehen des Ganzen nur in dem Bestehen der unter¬
schiedenen Staatsgewalten realisiert ist.
Versteht sich: die erste Bestimmung seiner Wirklichkeit war
abstrakt; der Staat kann nicht als einfache Wirklichkeit, er
muß als Wirksamkeit, als eine unterschiedene Wirksamkeit be- 30
trachtet werden.
„Seine abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität
ist seine Notwendigkeit, als sie sich in die Begriffs-Unter¬
schiede seiner Wirksamkeit dirimiert, welche durch jene Sub¬
stantialität ebenso wirkliche, feste Bestimmungen, Ge- 35
walten sind.“
Das Substantialitätsverhältnis ist Notwendigkeitsverhältnis ;
d. h. die Substanz erscheint geteilt in selbständige, aber wesentlich
bestimmte Wirklichkeiten oder Wirksamkeiten.
Diese Abstraktionen werde ich auf jede Wirklichkeit anwenden 40
können. Insofern ich den Staat zuerst unter dem Schema der
„abstrakten66, werde ich ihn nachher unter dem Schema der „kon¬
kreten Wirklichkeit66, der „Notwendigkeit66, des erfüllten Unter¬
schieds betrachten müssen.
3. „Eben diese Substantialität ist aber der als durch die Fo rm
§§ 261—271
417
der Bildung hiindurchgegangene sich wissende und
wollende Geist. Derr Staat weiß daher, was er will, und weiß es
in seiner Allgemeinheit, als Gedachtes; er wirkt und
handelt deswegen mach gewußten Zwecken, gekannten Grund-
5 sätzen und nach Geseetzen, die es nicht nur an sich, sondern fürs
Bewußtsein sind; unid ebenso, insofern seine Handlungen sich auf
vorhandene Umstämde und Verhältnisse beziehen, nach der be¬
stimmten Kenntnis dierseiben.“
Übersetzen wir mun diesen ganzen Paragraphen zu deutsch
io also:
1. Der sich w issende und wollende Geist ist die
Substanz des Staattes; (der gebildete, selbstbewußte
Geist ist das Subjekt! und das Fundament, ist die Selbständigkeit
des Staats).
is 2. Das allgemeine Interesse und in ihm die
Erhaltung «der besonderen Interessen ist der all¬
gemeine Zweck undl Inhalt dieses Geistes, die seiende Substanz
des Staates, die Staaatsnatur des sich wissenden und wollenden
Geistes.
2o 3. Die Verwi rklichung dieses abstrakten Inhalts er¬
reicht der sich wisseende und wollende Geist, der selbstbewußte,
gebildete Geist nur aals eine unterschiedene Wirksamkeit, als
das Dasein verseIhiedener Gewalten, als eine geglie¬
derte Macht.
25 Über die Hegelscche Darstellung ist zu bemerken:
a) zu Subjekt <en werden gemacht: die abstrakteWirk-
lichkeit, die Notwendigkeit (oder der substantielle
Unterschied), die Substantialität; also die abstrakt¬
logischen Kategorien. Zwar werden die „abstrakte
3o Wirklichkeit“ und „Notwendigkeit“, als „seine“, des Staats,
Wirklichkeit und Notwendigkeit bezeichnet, allein 1. ist „sie“,
„die abstrakte Wiirklichkeit“ oder „Substantialität“, seine
Notwendigkeit. 2. ‘Sie ist es, „die sich in die Begriffs-Unter¬
schiede seiner Wirkssamkeit dirimiert“. Die Begriffs-Unterschiede
35 „sind durch jene Siubstantialität ebenso wirkliche, feste“ Be¬
stimmungen, Gewalten; 3. wird die „Substantialität“ nicht
mehr als eine abstraikte Bestimmung des Staats, als seine Sub¬
stantialität genommœn: sie wird als solche zum Subjekt gemacht,
denn es heißt schlieeßlich: „eben diese Substantialität ist
40 aber der durch die Form der Bildung hindurchgegangene, sich
wissende und wollemde Geist“.
b) Es wird auchi schließlich nicht gesagt: „der gebildete etc.
Geist ist die Substamtialität“, sondern umgekehrt: „die Substan¬
tialität ist der gebilldete etc. Geist“. Der Geist wird also zum
43 Prädikat seines Prädlikats.
418 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
c) Die Substantialität, nachdem sie 1. als der allgemeine
Staatszweck, dann 2. als die unterschiedenen Gewalten bestimmt
war, wird 3. als der gebildete, sich wissende und wollende,
wirkliche Geist bestimmt. Der wahre Ausgangspunkt, der
sich wissende und wollende Geist, ohne welchen der „Staatszweck“ s
und die „Staatsgewalten“ haltungslose Einbildungen, essenzlose,
sogar unmögliche Existenzen wären, erscheint nur als das letzte
Prädikat der Substantialität, die vorher schon als allge¬
meiner Zweck und als die verschiedenen Staats-
gewalten bestimmt war. Wäre von dem1) wirklichen Geist io
ausgegangen worden, so war der „allgemeine Zweck“ sein Inhalt,
die verschiedenen Gewalten seine Weise, sich zu verwirklichen,
sein reelles oder materielles Dasein, deren Bestimmtheit
eben aus der Natur seines Zweckes zu entwickeln gewesen wäre.
Weil aber von der „Idee“ oder der „Substanz“ als demSubiekt, dem m
wirklichen Wesen ausgegangen wird, so erscheint das wirkliche
Subjekt nur als letztes Prädikat des abstrakten Prädikats.
Der „Staatszweck“ und die „Staatsgewalten“ werden mysti¬
fiziert, indem sie als „Daseinsweisen“ der Substanz dargestellt’)
und getrennt*) ihrem wirklichen Dasein, dem „sich wissenden so
und wollenden Geist, dem gebildeten Geist“ erscheinen.
d) Der konkrete Inhalt, die wirkliche Bestimmung, erscheint
als formell; die ganz abstrakte Formbestimmung erscheint als der
konkrete Inhalt. Das Wesen der staatlichen Bestimmungen ist
nicht, daß sie staatliche Bestimmungen, sondern daß sie in ihrer ss
abstraktesten Gestalt als logisch-metaphysische Bestimmungen
betrachtet werden können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern
die Logik ist das wahre Interesse. Nicht daß das Denken sich in *)
politischen Bestimmungen verkörpert, sondern daß die vorhan¬
denen politischen Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüch- 30
tigt werden, ist die philosophische Arbeit. Nicht die Logik der
Sache, sondern die Sache der Logik ist das philosophische
Moment. Die Logik dient nicht zum Beweis des Staats, sondern
der Staat dient zum Beweis der Logik.
1. Das allgemeine Interesse und darin die Erhaltung der be- js
sonderen Interessen als Staatszweck;
2. die verschiedenen Gewalten als Verwirklichung
dieses Staatszwecks;
3. der gebildete, selbstbewußte, wollende und handelnde
Geist als das Subjekt des Zwecks und seiner Verwirklichung, to
Diese konkreten Bestimmungen sind äußerlich aufgenommen,
hors d’œuvres: ihr philosophischer Sinn ist, daß der Staat in
ihnen den logischen Sinn hat:
A) Gestrichen selbstbewußten 2) Gestrichen werden 3) Gestrichen von
*) Gestrichen rechtlichen
§§ 261—271
419
1. als abstrakte Wirklichkeit oder Substantialität;
2. daß das Substantialitätsverhältnis in das Verhältnis der
Notwendigkeit, der substantiellen Wirklichkeit übergeht;
3. daß die substantielle Wirklichkeit in Wahrheit Begriff,
«Subjektivität ist.
Mit Auslassung der konkreten Bestimmungen, welche ebenso¬
gut für eine andere Sphäre, z. B. die Physik, mit anderen kon¬
kreten Bestimmungen vertauscht werden können, also unwesent¬
lich sind, haben wir ein Kapitel der Logik vor uns.
io Die Substanz1) muß „sich in Begriffs-Unterschiede dirimieren,
welche durch jene Substantialität ebenso wirkliche, feste Be¬
stimmungen sind“. Dieser Satz — das Wesen gehört der Logik
und ist vor der Rechtsphilosophie fertig. Daß diese Begriffs-
Unterschiede hier Unterschiede „seiner (des Staats) Wirksam-
is keit“ und die „festen Bestimmungen“ „Staatsgewalten“ sind,
diese Parenthese gehört der Rechtsphilosophie, der politischen
Empirie. So ist die ganze Rechtsphilosophie nur Parenthese zur
Logik. Die Parenthese ist, wie sich von selbst versteht, nur hors
d’œuvre der eigentlichen Entwicklung. Cf. zum Beispiel p. 347*)
20 [§ 270, Zusatz] :
„Die Notwendigkeit besteht darin, daß das Ganze in die Be¬
griffs-Unterschiede dirimiert sei und daß dieses Dirimierte eine
feste und aushaltende Bestimmtheit abgebe, die nicht totfest ist, son¬
dern in der Auflösung sich immer erzeugt.“ Cf. auch die Logik.
25 § 271. „Die politische Verfassung ist fürs erste:
die Organisation des Staates und der Prozeß seines organi¬
schen Lebens in Beziehung auf sich selbst, in
welcher er seine Momente innerhalb seiner selbst unter¬
scheidet und sie zum Bestehen entfaltet.
so Zweitens ist er als eine Individualität ausschlie¬
ßendes Eins, welches sich damit zu Anderen verhält,
seine Unterscheidung also nach außen kehrt und nach
dieser Bestimmung seine bestehenden Unterschiede inner¬
halb seiner selbst in ihrer Idealität’) setzt.“
35 Zusatz: „Der innerliche Staat als solcher ist die Zivil¬
gewalt*), die Richtung nach außen die Militär -
gewalt*), die aber im Staate eine bestimmte Seite in
ihm selbst ist.“
O Korr, aus Notwendigkeit
2) Bei M. irrtümlich 317.
3) Bei Hegel gesperrt.
*) Von M. unterstrichen.
420 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
I. Innere Verfassung für sich
§ 272. „Die Verfassung ist vernünftig, insofern der
Staat seine Wirksamkeit nach der Natur des Be¬
griffs in sich unterscheidet *) und bestimmt, und zwar so,
daß jede dieser Gewalten selbst in sich dieTotali- 5
tat dadurch ist, daß sie die anderen Momente in sich wirk¬
sam hat und enthält, und daß sie, weil sie den Unterschied
des Begriffs ausdrücken, schlechthin in seiner Idealität blei¬
ben und nur Ein individuelles Ganzes ausmachen.“
Die Verfassung ist also vernünftig, insofern seine Momente 10
in die abstrakt logischen aufgelöst werden können. Der Staat hat
seine Wirksamkeit nicht nach seiner spezifischen Natur zu unter¬
scheiden und zu bestimmen, sondern nach der Natur des Begriffs,
welcher das mystifizierte Mobile des abstrakten Gedankens ist.
Die Vernunft der Verfassung ist also die abstrakte Logik und nicht «
der Staatsbegriff. Statt des Begriffs der Verfassung erhalten wir
die Verfassung des Begriffs. Der Gedanke richtet sich nicht nach
der Natur des Staats, sondern der Staat nach einem fertigen
Gedanken.
§ 273. „Der politische Staat dirimiert sich somit (wie 20
so?)’) in die substantiellen Unterschiede:
a) die Gewalt, das Allgemeine zu bestimmen und fest¬
zusetzen, die gesetzgebende Gewalt;
b) der Subsumption der besonderen Sphären und
einzelnen Fälle unter das Allgemeine, — die Regie-25
rungsgewalt;
c) der Subjektivität’) als der letzten Willens¬
entscheidung, die fürstliche Gewalt, — in der die
unterschiedenen Gewalten zur individuellen Einheit zu¬
sammengefaßt sind, die also die Spitze und der Anfang des so
Ganzen, — der konstitutionellen Monarchie,
ist.“
Wir werden auf diese Einteilung zurückkommen, nachdem wir
ihre Ausführung im besonderen geprüft.
1) Bei Hegel gesperrt.
’) Das Eingeklammerte von M.
3) Von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt
421
§ 274. „Da der Geist1) nur als das wirklich1) ist,
als was er sich weiß, und der Staat als Geist eines Volkes
zugleich das alle seine Verhältnisse durch¬
dringende Gesetz, die Sitte und das Bewußtsein
s seiner Individuen ist, so hängt die Verfassung eines be¬
stimmten Volkes überhaupt von der Weise und Bil¬
dung des Selbstbewußtseins desselben ab’);
in diesem liegt seine subjektive Freiheit und damit die
Wirklichkeit der Verfassung’) . . . Jedes Volk
io hat deswegen die Verfassung, die ihm angemessen ist und
für dasselbe gehört.“
Aus Hegels Räsonnement folgt nur, daß der Staat, worin
„Weise und Bildung des Selbstbewußtseins“ und „Verfassung“
sich widersprechen, kein wahrer Staat ist. Daß die Verfassung,
io welche das Produkt eines vergangenen Bewußtseins war, zur
drückenden Fessel für ein fortgeschrittenes werden kann etc. etc.,
sind wohl Trivialitäten. Es würde vielmehr nur die Forderung
einer Verfassung folgern, die in sich selbst die Bestimmung und
das Prinzip hat, mit dem Bewußtsein fortzuschreiten; fort-
2» zuschreiten mit dem wirklichen Menschen, was erst möglich ist,
sobald der „Mensch“ zum Prinzip der Verfassung geworden ist.
Hegel hier Sophist.
a) Die fürstliche Gewalt
§ 275. „Die fürstliche Gewalt enthält selbst die drei
2s Momente der Totalität in sich (§ 272), die Allgemein¬
heit der Verfassung und der Gesetze, die Beratung als Be¬
ziehung des Besonderen auf das Allgemeine und das
Moment der letzten Entscheidung als der Selbst¬
bestimmung, in wèlche alles Übrige zurückgeht und
3o wovon es den Anfang der Wirklichkeit nimmt. Dieses
absolute Selbstbestimmen macht das unterscheidende
Prinzip’) der fürstlichen Gewalt als solcher aus, welches
zuerst zu entwickeln ist.“
Der Anfang dieses Paragraphen heißt zunächst nichts als:
35 „die Allgemeinheit der Verfassung und der Gesetze“ sind — die
M Von M. unterstrichen.
? ) Alles von M. unterstrichen.
422 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
fürstliche Gewalt. Die Beratung oder die Beziehung
des Besonderen auf das Allgemeine ist — die fürstliche
Gewalt. Die fürstliche Gewalt steht nicht außerhalb der Allge¬
meinheit der Verfassung und der Gesetze, sobald unter der fürst¬
lichen Gewalt die des Monarchen (konstitutionellen) ver- 5
standen ist.
Was Hegel aber eigentlich will, ist nichts als daß die „All¬
gemeinheit der Verfassung und der Gesetze“ — die fürstliche
Gewalt, die Souveränität des Staats ist. Es ist dann unrecht,
die fürstliche Gewalt zum Subjekt zu machen und, 10
da unter fürstlicher Gewalt auch die Gewalt des Fürsten ver¬
standen werden kann, den Schein hervorzubringen, als sei er Herr
dieses Moments; das Subjekt desselben. Doch wenden wir uns
zunächst zu dem, was Hegel als „das unterscheidende
Prinzip der fürstlichen Gewalt als solcher“«
ausgibt, so ist es:
„das Moment der letzten Entscheidung, als der Selbst¬
bestimmung, in welche alles Übrige zurückgeht und wovon
es den Anfang der Wirklichkeit nimmt“, dieses:
„absolute Selbstbestimmen“. 20
Hegel sagt hier nichts als: der wirkliche, d. h. indivi¬
duelle Wille ist die fürstliche Gewalt. So heißt
es § 12:
„Daß der Wille sich . . . die Form der Einzelnheit
gibt [...], ist er beschließend, und nur als beschließender Wille 2s
[überhaupt] ist er wirklicher1) Wille.“
Insofern dies Moment der „letzten Entscheidung“ oder der
„absoluten Selbstbestimmung“ getrennt ist von der „Allgemein¬
heit“ des Inhalts und der Besonderheit der Beratung, ist es der
wirkliche Wille als Willkür, oder: «
„Die Willkür ist die fürstliche Gewalt“, oder die „fürst¬
liche Gewalt ist die Willkür“.
§ 276. „Die Grundbestimmung des politischen Staates
ist die substantielle Einheit als Idealität seiner Mo¬
mente, in welcher: 3}
a) die besonderen Gewalten und Geschäfte desselben
ebenso aufgelöst als erhalten und nur so erhalten sind, als
sie keine unabhängige, sondern allein eine solche und so¬
weit gehende Berechtigung haben, als in der Idee des
Ganzen*) bestimmt ist, von seiner Macht’) aus-«
O Von M. unterstrichen.
2) Alles von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt
423
gehen und flüssige Glieder desselben als ihres einfachen
Selbsts sind.“
Zusatz: „Mit dieser Idealität der Momente ist es wie
mit dem Leben im organischen Körper.“
s Versteht sich: Hegel spricht nur von der Idee „der besonderen
Gewalten und Geschäfte“ . . . Sie sollen nur eine so weit gehende
Berechtigung haben, als in der Idee des Ganzen bestimmt ist; sie
sollen nur „von seiner Macht ausgehen“. Daß dies so sein soll,
liegt in der Idee des Organismus. Es wäre aber eben zu ent-
10 wickeln gewesen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Denn im Staate
muß bewußte Vernunft herrschen; die substantielle
bloß innere und darum bloß äußere Notwendigkeit, die zu¬
fällige [..?..] *) der „Gewalten und Geschäfte“ kann nicht für
das Vernünftige ausgegeben werden.
is § 277. ß) „Die besonderen Geschäfte und Wirksam¬
keiten des Staats sind als die wesentlichen Momente des¬
selben ihm eigen und an die Individuen, durch
welche sie gehandhabt und betätigt werden, nicht nach
deren unmittelbaren Persönlichkeit, sondern nur nach ihren
20 allgemeinen und objektiven Qualitäten geknüpft und da¬
her mit der besonderen Persönlichkeit als solcher äußer¬
licher und zufälliger Weise verbunden. Die Staatsgeschäfte
und Gewalten können daher nicht Privat-Eigentum
sein.“
is Es versteht sich von selbst, daß, wenn besondere Geschäfte
und Wirksamkeiten als Geschäfte und Wirksamkeit des
Staats, als Staatsgeschäfte und Staatsgewalt be¬
zeichnet werden, sie nicht Privat-Eigentum, sondern
Staats-Eigentu m sind. Das ist eine Tautologie.
3o Die Geschäfte und Wirksamkeiten des Staats sind an Indivi¬
duen geknüpft (der Staat ist nur wirksam durch Individuen),
aber nicht an das Individuum als physisches, sondern als
staatliches, an die Staatsqualität des Individuums.
Es ist daher lächerlich, wenn Hegel sagt, sie seien „mit der
35 besonderen Persönlichkeit als solcher äußerlicher- und
zufälligerweise verbunden“. Sie sind vielmehr durch ein
vinculum substantiale, durch eine wesentliche Qualität
desselben, mit ihm verbunden. Sie sind die natürliche Aktion
seiner wesentlichen Qualität. Es kömmt dieser Unsinn dadurch
io herein, daß Hegel die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten abstrakt
*) Undeutliches Wort, etwa Verschränkung
424 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
für sich und im Gegensatz dazu die besondere Individualität faßt;
aber er vergißt, daß die besondere Individualität eine mensch¬
liche und die Staatsgeschäfte und Wirksamkeiten menschliche
Funktionen sind; er vergißt, daß das Wesen der „besonderen Per¬
sönlichkeit“ nicht ihr Bart, ihr Blut, ihre abstrakte Physis, son- 5
dem ihre soziale Qualität ist, und daß die Staatsgeschäfte
etc. nichts als Daseins- und Wirkungsweisen der sozialen Quali¬
täten der Menschen sind. Es versteht sich also, daß die Individuen,
insofern sie die Träger der Staatsgeschäfte und Gewalten sind,
ihrer sozialen und nicht ihrer privaten Qualität nach betrachtet 10
werden.
§ 278. „Diese beiden Bestimmungen, daß die besonderen
Geschäfte und Gewalten des Staats weder für sich noch in
dem besonderen Willen von Individuen selbständig und fest
sind, sondern in der Einheit des Staats1) als ihrem«
einfachen Selbst1) ihre letzte Wurzel haben, macht
die Souveränität des Staats aus.“
„Der Despotismus bezeichnet überhaupt den Zustand
der Gesetzlosigkeit, wo der besondere Wille als solcher, es
sei nun eines Monarchen oder eines Volks2), als Gesetz«»
oder vielmehr statt des Gesetzes gilt, da hingegen die Sou¬
veränität gerade im gesetzlichen, konstitutionellen Zustande
das Moment der Idealität der besonderen Sphären und Ge¬
schäfte ausmacht, daß nämlich eine solche Sphäre nicht ein
Unabhängiges, in ihren Zwecken und Wirkungsweisen Selb- 2s
ständiges und sich nur in sich Vertiefendes, sondern in die¬
sen Zwecken und Wirkungsweisen vom Zwecke des
Ganzen (den man im allgemeinen mit einem unbestimm¬
teren Ausdruck das Wohl des Staats genannt hat)
bestimmt und abhängig sei. Diese Idealität kommt auf die 3t
gedoppelte Weise zur Erscheinung. — Im friedlichen
Zustande gehen die besonderen Sphären und Geschäfte den
Gang der Befriedigung ihrer besonderen Geschäfte’) fort,
und es ist teils nur die Weise*) der bewußtlosen Not¬
wendigkeit der Sache, nach welcher ihre Selbstsucht 35
in den Beitrag zur gegenseitigen Erhaltung und zur Er-
*) Alles von M. unterstrichen.
2) Bei Hegel folgt noch (Ochlokratie)
3) Bei Hegel folgt noch und Zwecke
*) Bei M. versehentlich die Sache
Die fürstliche Gewalt
425
haltung des Ganzen umschlägt [. . .], teils aber ist
es die direkte Einwirkung von oben, wodurch sie
sowohl zu dem Zwecke des Ganzen fortdauernd zurück¬
geführt und darnach beschränkt [. . .] als angehalten
« werden, zu dieser Erhaltung direkte Leistungen zu machen ;
— im Zustande der Not aber, es sei innerer oder
äußerlicher, ist es die Souveränität, in deren einfachen Be¬
griff der dort in seinen Besonderheiten bestehende Organis¬
mus zusammengeht und welcher die Rettung des Staats mit
10 Aufopferung dieses sonst Berechtigten anvertraut ist, wo
denn jener Idealismus1) zu seiner eigentüm¬
lichen1) Wirklichkeit kommt.“
Dieser Idealismus ist also nicht entwickelt zu einem gewußten
vernünftigen System. Er erscheint im friedlichen Zustande
15 entweder nur als ein äußerlicher Zwang, der der herrschenden
Macht, dem Privatleben durch direkte Einwirkung von oben an¬
getan wird, oder als blindes ungewußtes Resultat der Selbst¬
sucht’). Seine „eigentümliche Wirklichkeit“ hat dieser Idealis¬
mus nur im „Kriegs- oder Notzustand“ des Staats, so daß sich
20 hier sein Wesen als „Kriegs- und Notzustand“ des wirklichen be¬
stehenden Staats ausspricht, während sein „friedlicher“ Zu¬
stand eben der Krieg und die Not der Selbstsucht ist.
Die Souveränität, der Idealismus des Staats, existiert
daher nur als innere Notwendigkeit, als Idee. Auch damit
2s ist Hegel zufrieden, denn es handelt sich nur um die Idee. Die
Souveränität existiert also einerseits nur als bewußtlose,
blinde Substanz. Wir werden sogleich ihre andere Wirk¬
lichkeit kennenlemen.
§ 279?) „Die Souveräni-
3o tät, zunächst nur der all¬
gemeine Gedanke dieser
Idealität, existiert nur
als die ihrer selbst gewisse
Subjektivität und als
os die abstrakte, insofern
grundlose Selbstbestim-
1. Die Souveränität, zu¬
nächst nur der allgemeine Ge¬
danke dieser Idealität, exi¬
stiert nur als die ihrer selbst
gewisse Subjektivität.
Die Subjektivität ist in ihrer
Wahrheit nur als Subjekt,
die Persönlichkeit nur als
Person. In der zur reellen
Vernünftigkeit gediehenen Ver-
*) Von M. unterstrichen.
s) Gestrichen wo es denn sehr wohl geschieht, daß die Souveränität des Staats
durch die
’) In der linken Spalte ist alles wie bei Hegel unterstrichen, in der rechten
Spalte rühren die Unterstreichungen von Marx her.
426 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
mung des Willens, in wel¬
cher das Letzte der Entschei¬
dung liegt. Es ist dies das In¬
dividuelle des Staats als sol¬
ches, der selbst nur darin
Einer ist. Die Subjektivität
aber ist in ihrer Wahrheit
nur als Subjekt, die Per¬
sönlichkeit nur als P e r s o n,
und in der zur reellen Ver¬
nünftigkeit gediehenen Ver¬
fassung hat jedes der drei
Momente des Begriffs seine
fürsichwirkliche aus¬
gesonderte Gestaltung. Dies
absolut entscheidende Mo¬
ment des Ganzen ist daher
nicht die Individualität über¬
haupt' sondern Ein Indivi¬
duum, der Monarch.“
fassung hat jedes der drei Mo¬
mente des Begriffs für sich
wirkliche ausgesonderte Gestal¬
tung.
2. Die Souveränität existiert 5
nur als die abstrakte, insofern
grundlose Seibs fbestim-
m u n g des Willens, in welcher
das Letzte der Entscheidung
liegt. Es ist dies das Indivi-10
duelle des Staats als solches,
der selbst darin nur E i n e r ist
(und in der zur reellen Vernünf¬
tigkeit gediehenen Verfassung
— hat jedes der drei Momente 15
des Begriffs seine für sich
wirkliche ausgesonderte
Gestaltung). Dies absolut ent¬
scheidende Moment des Ganzen
ist daher nicht die Indivi- 20
dualität überhaupt, sondern Ein
Individuum, der Monarch.
Der erste Satz heißt nichts, als daß der allgemeine Gedanke
dieser Idealität, dessen traurige Existenz wir oben gesehen haben,
das selbstbewußte Werk der Subjekte sein und als solches für sie 25
und in ihnen existieren müßte. Wäre Hegel von den wirklichen
Subjekten als den Basen des Staates ausgegangen, so hätte er nicht
nötig, auf eine mystische Weise den Staat sich versubjektivieren
zu lassen. „Die Subjektivität“, sagt Hegel, „aber ist in ihrer
Wahrheit nur als Subjekt, die Persönlichkeit nur als Person.“ 30
Auch dies ist eine Mystifikation. Die Subjektivität ist eine Bestim¬
mung des Subjekts, die Persönlichkeit eine Bestimmung der Per¬
son. Statt sie nur als Prädikate ihrer Subjekte zu fassen, verselb¬
ständigt Hegel die Prädikate und läßt sie hinterher auf eine
mystische Weise in ihre Subjekte sich verwandeln. 35
Die Existenz der Prädikate ist das Subjekt: also das Subjekt
die Existenz der Subjektivität etc. Hegel verselbständigt die
Prädikate, die Objekte, aber er verselbständigt sie getrennt von
ihrer wirklichen Selbständigkeit, ihrem Subjekt. Nachher er¬
scheint dann das wirkliche Subjekt als Resultat, während vom 40
wirklichen Subjekt auszugehen und seine Objektivation zu be¬
trachten ist. Zum wirklichen Subjekt wird daher die mystische
Substanz, und das reelle Subjekt erscheint als ein anderes, als ein
Die fürstliche Gewalt
427
Moment der mystischen Substanz. Eben weil Hegel von den Prä¬
dikaten der allgemeinen Bestimmung statt von dem reellen Ens
(vnoxeipevovSubjekt) ausgeht, und doch ein Träger dieser Be¬
stimmungen da sein muß, wird die mystische Idee dieser Träger.
5 Es ist dies der Dualismus, daß Hegel das Allgemeine nicht als
das wirkliche Wesen des Wirklich-Endlichen, d. i. Existierenden,
Bestimmten betrachtet oder das wirkliche Ens nicht als das
wahre Subjekt des Unendlichen.
So wird hier die Souveränität, das Wesen des Staats, zuerst als
10 ein selbständiges Wesen betrachtet, vergegenständlicht. Dann,
versteht sich, muß dies Objektive wieder Subjekt werden. Dies
Subjekt erscheint aber dann als eine Selbstverkörperung der
Souveränität, während die Souveränität nichts anderes ist als der
vergegenständlichte Geist der Staatssubjekte.
is Abgesehen von diesem Grundmangel der Entwicklung, be¬
trachten wir diesen ersten Satz des Paragraphen. Wie er da liegt,
so heißt er nichts als: die Souveränität, der Idealismus des Staats
als Person, als „Subjekt“ existiert, versteht sich, als viele Per¬
sonen, viele Subjekte, da keine einzelne Person die Sphäre der
so Persönlichkeit, kein einzelnes Subjekt die Sphäre der Subjektivität
in sich absorbiert. Was sollte das auch für ein Staatsidealismus
sein, der, statt als das wirkliche Selbstbewußtsein der Staats¬
bürger, als die gemeinsame Seele des Staats, eine Person, ein
Subjekt wäre. Mehr hat Hegel auch nicht an diesem Satz ent-
25 wickelt. Aber betrachten wir nun den mit diesem Satz ver¬
schränkten zweiten Satz. Es ist Hegel darum zu tun, den Mon¬
archen als den wirklichen „Gottmenschen“, als die wirkliche
Verkörperung der Idee darzustellen.
„Die Souveränität. . . existiert nur ... als die abstrakte, inso-
3o fern grundlose Selbstbestimmung des Willens, in welcher
das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das Individuelle
des Staats als solches, der selbst nur darin Einer ist ... in
der zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung hat jedes
der drei Momente des Begriffs seine für sich wirkliche
w ausgesonderte Gestaltung. Dies absolut entscheidende Moment
des Ganzen ist daher nicht die Individualität überhaupt, son¬
dern Ein Individuum, der Monarch.“
Wir haben vorher schon auf den Satz aufmerksam gemacht.
Das Moment des Beschließens, der willkürlichen, weil bestimm-
49 ten Entscheidung ist die fürstliche Gewalt des Willens
überhaupt. Die Idee der fürstlichen Gewalt, wie sie
Hegel entwickelt, ist nichts anderes, als die Idee des Will¬
kürlichen, der Entscheidung des Willens.
Während Hegel aber oben die Souveränität als den Idealismus
45 des Staats, als die wirkliche Bestimmung der Teile durch die
428 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Idee des Ganzen auffaßt, macht er sie jetzt zzur „abstrakten,
insofern grundlosen Selbstbestimmung dies Willens, in wel¬
cher das Letzte der Entscheidung ist. Es ist dies das Indivi¬
duelle des Staats als solches“. Vorhin wfar von der Subjek¬
tivität, jetzt ist von der Individualität die Riede. Der Staat als 5
souveräner muß Einer, Ein Individiuum sein, Indivi¬
dualität besitzen. Der Staat ist „nicht nur“ dlarin, in dieser Indi¬
vidualität Einer; die Individualität ist nur: das natürliche
Moment seiner Einheit; die Naturbestiimmung des Staats.
„Dies absolut entscheidende Moment ist d a Hi e r nicht die Indi- io
vidualität überhaupt, sondern Ein Individuunn, der Monarch.“
Woher? Weil „jedes der drei Momente des Begriffs in der zur
reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung* seine für sich
wirkliche, ausgesonderte Gestaltung“ halt. Ein Moment des
Begriffs ist die „Einzelnheit“, allein dies ist noch nicht Ein In-15
d i v i d u u m. Und was sollte das auch für eiine Verfassung sein,
wo die Allgemeinheit, die Besonderheit, diie Einzelnheit, jede
„seine für sich wirkliche, ausgesomderte Gestaltung“
hätte? Da es sich überhaupt von keinem Akbstraktum, sondern
vom Staat, von der Gesellschaft handelt, so Ucann man selbst die 20
Klassifikation Hegels annehmen. Was folgte (daraus? Der Staats¬
bürger als das Allgemeine bestimmend ist (Gesetzgeber, als das
Einzelne entscheidend, als wirklich wolllend ist Fürst; was
sollte das heißen: „Die Individualität des Staats¬
willens“ ist „ein Individuum“, eiin besonderes, von 25
allen unterschiedenes Individuum? Auch (die Allgemein¬
heit, die Gesetzgebung hat „eine für sich wirkliche, ausgeson¬
derte Gestaltung“. Könnte man daher schliießen: „die Gesetz¬
gebung sind diese besonderen Individuen“.
Der gemeine Mann:
2. Der Monarch hat die sou¬
veräne Gewalt, die Souverä¬
nität.
3. Die Souveränität tut, was
sie will.
JHegel: 30
2. Die Souveränität des
Staats ist cd er Monarch.
3. Die Souveränität ist „die
abstrakte, insofern grundlose
Selbstbestimmung des 3s
Willens, im welcher das Letzte
der Entscheeidung liegt“.
Alle Attribute des konstitutionellen Momarchen im jetzigen J
Europa macht Hegel zu absoluten Selbstbestinnmungen des Wil¬
lens. Er sagt nicht: der Wille des Monarchcen ist die letzte Ent- 40
Scheidung, sondern: die letzte Entscheidung dœs Willens ist — der
Monarch. Der erste Satz ist empirisch, der zweite verdreht die
empirische Tatsache in ein metaphysisches A>xiom.
Die fürstliche Gewalt
429
Hegel verschränlkt die beiden Subjekte, die Souveränität „als
die ihrer selbst gewiisse Subjektivität“ und die Souveränität „als
die grundlose Selbstbestimmung des Willens, als den indi¬
viduellen Willen“ (durcheinander, um die „Idee“ als „E i n Indi-
« viduum“ herauszukionstruieren.
Es versteht sich,, daß diese selbstgewisse Subjektivität auch
wirklich wollen,, auch als Einheit, als Individuum wollen muß.
Wer hat aber auch je bezweifelt, daß der Staat durch Individuen
handelt? Wollte Htegel entwickeln: Der Staat muß ein Indivi-
10 duum als Repräsenttanten seiner individuellen Einheit haben, so
brachte er den M onarchen nicht heraus. Wir halten als
positives Resultat dieses Paragraphen nur fest:
Der Monarch ist im Staate das Moment des indivi¬
duellen Willems, der grundlosen Selbstbestimmung, der
is Willkür.
Die Anmerkung Hegels zu diesem Paragraphen ist so merk¬
würdig, daß wir sie: näher beleuchten müssen.
„Die immanentte Entwicklung einer Wissenschaft, die
Ableitung ih res ganzen Inhalts aus dem ein-
2o fachen Begriffe [...] zeigt das Eigentümliche, daß der
eine und derselbe Begriff, hier der Wille1)» der anfangs,
weil es der Anfanig ist, abstrakt ist, sich erhält, aber seine
Bestimmungen, umd zwar ebenso nur durch sich selbst, ver¬
dichtet und auf diese Weise einen konkreten Inhalt gewinnt.
so So ist es das Grumdmoment der zuerst im unmittelbaren
Rechte abstrakten Persönlichkeit, welches sich durch seine
verschiedenen Foirmen von Subjektivität fortgebildet hat
und hier im absoluten Rechte, dem Staate, der vollkommen
konkreten Objektivität des Willens, die Persönlich-
3«keit des S t a a. t s ist, seine Gewißheit seiner
selbst — dieses; Letzte, was alle Besonderheiten in dem
einfachen Selbst ;aufhebt, das Abwägen der Gründe und
Gegengründe, zwischen denen sich immer herüber und hin¬
über schwanken Uäßt, abbricht und sie durch das: Ich
35 will, beschlie:ßt und alle Handlung und Wirklichkeit
anfängt.“
Zunächst ist es niicht die „Eigentümlichkeit der Wissenschaft“,
daß der Fundamentralbegriff der Sache immer wiederkehrt.
x) Von M. unterstrichien.
Marx-Engels-Gesamtausgaboe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd.
33
430 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Dann hat aber auch kein Fortschritt stattgefunden. Die
abstrakte Persönlichkeit war das Subjekt des abstrak¬
ten Rechts: sie hat sich nicht verändert: sie ist wieder als ab¬
strakte Persönlichkeit die Persönlichkeit des
Staats. Hegel hätte sich nicht darüber verwundern sollen, daß 5
die wirkliche Person — und die Personen machen den
Staat — überall als sein Wesen wiederkehrt. Er hätte sich über
das Gegenteil wundem müssen, noch mehr aber darüber, daß die
Person als Staatsperson in derselben dürftigen Abstraktion
wiederkehrt wie die Person des Privatrechts. 10
Hegel definiert hier den Monarchen als „die Persönlichkeit des
Staats, seine Gewißheit seiner selbst“. Der Monarch ist die „per¬
sonifizierte Souveränität“, die „menschgewordene Souveränität“,
das leibliche Staatsbewußtsein, wodurch also alle anderen von
dieser Souveränität und von der Persönlichkeit und vom Staats-1$
bewußtsein ausgeschlossen sind. Zugleich weiß aber Hegel dieser
„Souveraineté Personne“ keinen anderen Inhalt zu geben als das
„Ich will“, das Moment der Willkür im Willen. Die „Staats-
vemunft“ und das „Staatsbewußtsein“ ist eine „einzige“ empi¬
rische Person mit Ausschluß aller anderen, aber diese personi- 29
fizierte Vernunft hat keinen anderen Inhalt als die Abstraktion des
„Ich will“. L’Etat c’est moi.
„Die Persönlichkeit und die Subjektivität überhaupt hat
aber ferner1), als unendliches sich auf sich Beziehendes,
schlechthin nur Wahrheit, und zwar seine nächste un- 2;
mittelbare Wahrheit als Person, für sich seiendes Subjekt,
und das für sich Seiende ist ebenso schlechthin Eines.“
Es versteht sich von selbst, da Persönlichkeit und Subjektivität
nur Prädikate der Person und des Subjekts sind, so existieren sie
nur als Person und Subjekt, und zwar ist die Person Eins. Aber, «
mußte Hegel fortfahren, das Eins hat schlechthin nur Wahr¬
heit als viele Eins. Das Prädikat, das Wesen erschöpft die
Sphären seiner Existenz nie in einem Eins, sondern in den
vielen Eins.
Statt dessen schließt Hegel: 3,
„Die Persönlichkeit des Staats ist nur als eine Person,
der Monarch, wirklich.“
Also weil die Subjektivität nur als Subjekt und jedes Subjekt
nur als Eins, ist die Persönlichkeit des Staats nur als eine Person
wirklich. Ein schöner Schluß. Hegel könnte ebensogut schließen: *
O Von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt
431
weil der einzelne Mensch ein Eins ist, ist die Menschengattung nur
ein einziger Mensch.
„Persönlichkeit drückt den Begriff als solchen aus, die
Person enthält zugleich1) die Wirklichkeit desselben,
5 und der Begriff ist nur mit dieser Bestimmung Idee,
Wahrheit.“
Die Persönlichkeit ist allerdings nur eine Abstraktion ohne
die Person, aber die Person ist nur die wirkliche Idee der Per¬
sönlichkeit in ihrem Gattungsdasein, als die Personen.
10 „Eine sogenannte moralische Person, Gesellschaft,
Gemeinde, Familie, so konkret sie in sich ist, hat die Per¬
sönlichkeit nur als Moment, abstrakt in ihr; sie ist darin
nicht zur Wahrheit ihrer Existenz gekommen, der Staat aber
ist eben diese Totalität, in welcher die Momente des Be-
is griffs zur Wirklichkeit nach ihrer eigentümlichen Wahrheit
gelangen.“
Es herrscht eine große Konfusion in diesem Satze. Die
moralische Person, Gesellschaft etc. wird abstrakt genannt,
also eben die Gattungsgestaltungen, in welchen die wirkliche
m P 6 T 8 o n ihren wirklichen Inhalt zum Dasein bringt, sich ver-
objektiviert und die Abstraktion der „Person quand même“ auf¬
gibt. Statt diese Verwirklichung der Person als das Kon¬
kreteste anzuerkennen, soll der Staat den Vorzug haben, daß „das
Moment des Begriffs“, die „Einzelnheit“ zu einem mystischen
25 „Dasein“ gelangt. Das Vernünftige besteht nicht darin, daß die
Vernunft der wirklichen Person, sondern darin, daß die Momente
des abstrakten Begriffs zur Wirklichkeit gelangen.
„Der Begriff des Monarchen ist deswegen der schwerste
Begriff für das Räsonnement, d. h. für die reflektierende
so Verstandesbetrachtung, weil es in den vereinzelten Bestim¬
mungen stehen bleibt und darum dann auch nur Gründe,
endliche Gesichtspunkte und das Ableiten aus Gründen
kennt. So stellt es dann die Würde des Monarchen als etwas
nicht nur der Form, sondern ihrer Bestimmung nach Ab-
3s geleitetes dar; vielmehr ist sein Begriff, nicht ein Abge¬
leitetes, sondern das schlechthin aus sich An-
M Von M. unterstrichen.
33e
432 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
fangende zu sein. Am nächsten (freilich!)1) trifft daher
hiermit die Vorstellung zu, das Recht des Monarchen als
auf göttliche Autorität gegründet zu betrachten, denn darin
ist das Unbedingte desselben enthalten.“
„Schlechthin aus sich anfangend“ ist in gewissem Sinne jedes æ
notwendige Dasein; in dieser Hinsicht die Laus des Monarchen
so gut als der Monarch. Hegel hatte damit also nicht Besonderes
über den Monarchen gesagt. Soll aber etwas von allen übrigen
Objekten der Wissenschaft und der Rechtsphilosophie spezifisch
Verschiedenes vom Monarchen gelten, so ist das eine wirkliche 10
Narrheit; bloß insofern richtig, als die „eine Person-Idee“ aller¬
dings etwas nur aus der Imagination und nicht aus dem Verstände
Abzuleitendes ist.
„Volks-Souveränität kann in dem Sinn gesagt
werden, daß ein Volk überhaupt nach außen ein Selb- is
ständiges sei und einen eigenen Staat ausmache“ etc.
Das ist eine Trivialität. Wenn der Fürst die „wirkliche Staats¬
souveränität ist, so muß auch nach außen „der Fürst“ für einen
„selbständigen Staat“ gelten können, auch ohne das Volk. Ist
er aber souverän, insofern er die Volkseinheit repräsentiert, so ist 20
er also selbst nur Repräsentant, Symbol der Volkssouveränität.
Die Volkssouveränität ist nicht durch ihn, sondern umgekehrt er
durch sie.
„Man kann so auch von der Souveränität nach
innen sagen, daß sie im Volke2) residiere, wenn man nur 2«
überhaupt vom Ganzen spricht, ganz so wie vorhin
(§ 277, 278) gezeigt ist, daß dem Staate Souveränität
zukomme.“
Als wäre nicht das Volk der wirkliche Staat. Der Staat ist ein
Abstraktum. Das Volk allein ist das Konkretum. Und es ist so
merkwürdig, daß Hegel, der ohne Bedenken dem Abstraktum, nur
mit Bedenken und Klauseln dem Konkretum eine lebendige
Qualität wie die der Souveränität beilegt.
„Aber Volks-Souveränität, als im Gegensatz gegen
die im Monarchen existierende Souverän!-«
tät genommen, ist der gewöhnliche Sinn, in welchem
man in neueren Zeiten von Volkssouveränität zu sprechen
x) Das Eingeklammerte von M.
’) Bei Hegel gesperrt.
Die fürstliche Gewalt
433
angefangen hat — in diesem Gegensätze gehört die Volks¬
souveränität zu den verworrenen Gedanken, denen die
wüste Vorstellung des Volkes zugrunde Hegt.“
Die „verworrenen Gedanken“ und die „w ü s t e Vorstellung“
s befindet sich hier allein auf der Seite Hegels. Allerdings: wenn
die Souveränität im Monarchen existiert, so ist es eine Narr¬
heit, von einer gegensätzlichen Souveränität im Volke zu sprechen;
denn es liegt im Begriff der Souveränität, daß sie keine doppelte
und gar entgegengesetzte Existenz haben kann. Aber:
10 1. ist gerade die Frage: ist die Souveränität, die im Monarchen
absolut ist, nicht eine Illusion? Souveränität des Monarchen oder
des Volkes, das ist die question;
2. kann auch von einer Souveränität des Volkes im Gegen¬
satz gegen die im Monarchen existierende Sou-
»veränität gesprochen werden. Aber dann handelt es sich nicht
um eine und dieselbe Souveränität, die auf zwei
Seiten entstanden, sondern es handelt sich um zwei ganz ent¬
gegengesetzte Begriffe der Souveränität, von
denen die eine1) eine solche ist, die in einem Monarchen, die
20 andere eine solche, die nur in einem Volke zur Existenz kom¬
men kann. Ebenso wie es sich fragt: Ist Gott’) der Souverän,
oder ist der Mensch der Souverän. Eine von beiden ist eine Un¬
wahrheit, wenn auch eine existierende Unwahrheit.
„Das’) Volk, ohne seinen Monarchen und die eben
25 d a m i t *) notwendig und unmittelbar zusammenhängende
Gegliederung des Ganzen genommen, ist die formlose
Masse, die kein Staat mehr ist und der keine der Be¬
stimmungen, die nur in dem in sich geformten Gan¬
zen vorhanden sind, — Souveränität, Regierung, Gerichte,
io Obrigkeit, Stände und was es sei, mehr zukommt. Damit,
daß solche auf eine Organisation, das Staatsleben, sich be¬
ziehende Momente in einem Volke hervortreten, hört es auf,
dies unbestimmte Abstraktum zu sein, das in der bloß all¬
gemeinen Vorstellung Volk ’) heißt.“
3i Dies Ganze eine Tautologie. Wenn ein Volk einen Monarchen
und eine mit ihm notwendig und unmittelbar zusammenhängende
Gliederung hat, d. h. wenn es als Monarchie gegliedert ist, so ist
es allerdings, aus dieser Gliederung herausgenommen, eine form¬
lose Masse und bloß allgemeine Vorstellung.
0 Gestrichen die illusoL . .]
3) Bei Hegel gesperrt.
’) Korr, aus Christus
*) Von M. unterstrichen.
434 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
„Wird unter der Volks-Souveränität die Form der R e -
publik und zwar bestimmter der Demokratie verstanden,
[. ..] so [.. .] kann gegen die entwickelte Idee nicht mehr
von solcher Vorstellung die Rede sein.“
Das ist allerdings richtig, wenn man nur eine „solche Vor- s
Stellung“ und keine „entwickelte Idee“ von der Demokratie hat.
Die Demokratie ist die Wahrheit der Monarchie, die Monarchie
ist nicht die Wahrheit der Demokratie. Die Monarchie ist not¬
wendig Demokratie als Inkonsequenz gegen sich selbst, das mon¬
archische Moment ist keine Inkonsequenz in der Demokratie. Die w
Monarchie kann nicht, die Demokratie kann aus sich selbst be¬
griffen werden. In der Demokratie erlangt keines der Momente
eine andere Bedeutung, als ihm zukommt. Jedes ist wirklich nur
Moment des ganzen Demos. In der Monarchie bestimmt ein Teil
den Charakter des Ganzen. Die ganze Verfassung muß sich nach «
dem festen Punkt modifizieren. Die Demokratie ist die Ver¬
fassungsgattung. Die Monarchie ist eine Art, und zwar eine
schlechte Art. Die Demokratie ist „Inhalt und Form“. Die Mon¬
archie soll nur Form sein, aber sie verfälscht den Inhalt.
In der Monarchie ist das Ganze, das Volk, unter eine seiner «
Daseinsweisen, die politische Verfassung, subsumiert; in der De¬
mokratie erscheint die Verfassung selbst nur als eine
Bestimmung, und zwar Selbstbestimmung des Volkes. In der
Monarchie haben wir das Volk der Verfassung; in der Demokratie
die Verfassung des Volks. Die Demokratie ist das aufgelöste w
Rätsel aller Verfassungen. Hier ist die Verfassung nicht nur
an sich, dem Wesen nach, sondern der Existenz, der Wirk¬
lichkeit nach in ihren wirklichen Grund, den wirklichen
Menschen, das wirkliche Volk, stets zuriickgeführt und
als sein eigenes Werk gesetzt. Die Verfassung erscheint als«
das, was sie ist, freies Produkt des Menschen; man könnte sagen,
daß dies in gewisser Beziehung auch von der konstitutionellen
Monarchie gelte, allein der spezifische Unterschied der Demo¬
kratie ist, daß hier die Verfassung überhaupt nur ein Da¬
seinsmoment des Volkes, daß nicht die politische Verfas-w
s u n g für sich den Staat bildet.
Hegel geht vom Staate aus und macht den Menschen zum ver-
subjektivierten Staat; die Demokratie geht vom Menschen aus und
macht den Staat zum verobjektivierten Menschen. Wie die Reli¬
gion nicht den Menschen, sondern wie der Mensch die Religion «
schafft, so schafft nicht die Verfassung das Volk, sondern das
Volk die Verfassung. Die Demokratie verhält sich in gewisser
Hinsicht zu allen übrigenStaatsformen,wie dasChristentum sich zu
allen übrigen Religionen verhält. Das Christentum ist die Religion
Die fürstliche Gewalt
435
xar ^o%T]vt das Wesen der Religion, der deifizierte Mensch
als eine besondere Religion. So ist die Demokratie das
Wesen aller Staatsverf assung, der sozialisierte Mensch,
als eine besondere Staatsverfassung; sie verhält sich zu den
5 übrigen Verfassungen, wie die Gattung sich zu ihren Arten ver¬
hält; nur daß hier die Gattung selbst als Existenz, darum gegen¬
über den dem Wesen nicht entsprechenden Existenzen selbst als
eine besondere Art erscheint. Die Demokratie verhält sich
zu allen übrigen Staatsformen als ihrem alten Testament. Der
10 Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Gesetz ist des Men¬
schen wegen da, es ist menschliches Dasein, während in
den anderen der Mensch das gesetzliche Dasein ist. Das ist
die Grunddifferenz der Demokratie.
Alle übrigen Staatsbildungen sind eine gewisse, be-
is stimmte, besondere Staatsform. In der Demokratie ist
das formelle Prinzip zugleich das materielle Prinzip.
Sie ist daher erst die wahre Einheit des Allgemeinen und Be¬
sonderen. In der Monarchie z. B., in der Republik als einer nur
besonderen Staatsform hat der politische Mensch sein besonderes
to Dasein neben dem unpolitischen, dem Privatmenschen. Das Eigen¬
tum, der Vertrag, die Ehe, die bürgerliche Gesellschaft erscheinen
hier (wie dies Hegel für diese abstrakten Staatsformen ganz
richtig entwickelt, nur daß er die Idee des Staats zu entwickeln
meint) als besondere Daseinsweisen neben dem politi-
ts sehen Staat, als der Inhalt, zu dem sich der politische
Staat als die organisierende Form verhält, eigentlich
nur als der bestimmende, beschränkende, bald bejahende, bald ver¬
neinende, in sich selbst inhaltslose Verstand. In der Demokratie
ist der politische Staat, so wie er sich neben diesen Inhalt stellt
so und von ihm unterscheidet, selbst nur ein besonderer Inhalt
wie eine besondere Daseinsform des Volks. In der Monarchie
z. B. hat dies Besondere, die politische Verfassung, die Bedeutung
des alles Besonderen beherrschenden und bestimmender Allge¬
meinen. In der Demokratie ist der Staat als Besonderes nur
3s Besonderes, als Allgemeines das wirkliche Allgemeine, d. h. keine
Bestimmtheit im Unterschied zu dem anderen Inhalt. Die neueren
Franzosen haben dies so auf gefaßt, daß in der wahren Demokratie
der politische Staat untergehe. Dies ist insofern rich¬
tig, als er qua politischer Staat, als Verfassung, nicht mehr für
so das Ganze gilt.
In allen von der Demokratie unterschiedenen Staaten ist der
Staat, das Gesetz, die Verfassung das Herrschende, ohne
daß er wirklich herrschte, d. h. den Inhalt der übrigen nicht poli¬
tischen Sphären materiell durchdringe. In der Demokratie ist die
ss Verfassung, das Gesetz, der Staat selbst nur eine Selbstbestim¬
436 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Uber $5 261—313
mung des Volks, ein bestimmter Inhalt desselben, soweit er poli¬
tische Verfassung ist.
Es versteht sich übrigens von selbst, daß alle Staatsformen z u
ihrer Wahrheit die Demokratie haben und daher eben, soweit sie
nicht die Demokratie sind, unwahr sind. s
In den alten Staaten bildet der politische Staat den Staats¬
inhalt mit Ausschließung der anderen Sphären; der moderne Staat
ist eine Akkomodation zwischen dem politischen und dem un¬
politischen Staat.
In der Demokratie hat der abstrakte Staat aufgehört, dasro
herrschende Moment zu sein. Der Streit zwischen1) Monarchie
und Republik ist selbst noch ein Streit innerhalb des abstrakten
Staats. Die politische Republik ist die Demokratie innerhalb
der abstrakten Staatsform. Die abstrakte Staatsform der Demo¬
kratie ist daher die Republik; sie hört hier aber auf, die nur«
politische Verfassung zu sein.
Das Eigentum etc., kurz der ganze Inhalt des Rechts und des
Staats, ist mit wenigen Modifikationen in Nordamerika dasselbe
wie in Preußen. Dort ist also die Republik eine bloße Staats-
f o r m wie hier die Monarchie. Der Inhalt des Staats liegt außer- 20
halb dieser Verfassungen. Hegel hat daher recht, wenn er sagt:
der politische Staat ist die Verfassung, d. h. der materielle Staat
ist nicht politisch. Es findet hier nur eine äußere Identität, eine
Wechselbestimmung statt. Von den verschiedenen Momenten des
Volkslebens war es am schwersten, den politischen Staat, die Ver- u
fassung, herauszubilden. Sie entwickelte sich als die allgemeine
Vernunft gegenüber den anderen Sphären, als ein Jenseitiges der¬
selben. Die geschichtliche Aufgabe bestand dann in ihrer
Revindikation, aber die besonderen Sphären haben dabei nicht das
Bewußtsein, daß ihr privates Wesen mit dem jenseitigen Wesen 30
der Verfassung oder des politischen Staates fällt, und daß sein
jenseitiges Dasein nichts anderes als der Affirmativ ihrer eigenen
Entfremdung ist. Die politische Verfassung war bisher
die religiöse Sphäre, die Religion des Volkslebens,
der Himmel seiner Allgemeinheit gegenüber dem irdischen 35
Dasein seiner Wirklichkeit. Die politische Sphäre war die ein¬
zige Staatssphäre im Staat, die einzige Sphäre, worin der Inhalt
wie die Form Gattungsinhalt, das wahrhaft Allgemeine war, aber
zugleich so, daß, derweil diese Sphäre den anderen gegenüberstand,
auch ihr Inhalt zu einem formellen und besonderen wurde. Das «
politische Leben im modernen Sinn ist der Scholasti¬
zismus des Volkslebens. Die Monarchie ist der vollendete
Ausdruck dieser Entfremdung. Die Republik ist die Negation
derselben innerhalb ihrer eigenen Sphäre. Es versteht sich, daß
x) Gestrichen Aristokratie und Demokratie
Die fürstliche Gewalt
437
da erst die politische Verfassung als solche ausgebildet ist, wo die
Privatsphären eine selbständige Existenz erlangt haben. Wo Han¬
del und Grundeigentum unfrei, noch nicht verselbständigt sind, ist
es auch noch nicht die politische Verfassung. Das Mittelalter war
* die Demokratie der Unfreiheit.
Die Abstraktion des Staats als solchen gehört erst der
modernen Zeit, weil die Abstraktion des Privatlebens erst der
modernen Zeit gehört. Die Abstraktion des politischen
Staats ist ein modernes Produkt.
jo Im Mittelalter gab es Leibeigene, Feudalgut, Gewerbe-Korpo¬
ration, Gelehrten-Korporation etc., d. h. im Mittelalter ist Eigen¬
tum, Handel, Sozietät, Mensch politisch, der materielle Inhalt
des Staates ist durch seine Form gesetzt, jede Privatsphäre hat
einen politischen Charakter oder ist eine politische Sphäre, oder
JO die Politik ist auch der Charakter der Privatsphären. Im Mittel-
alter ist die politische Verfassung die Verfassung des Privateigen¬
tums, aber nur, weil die Verfassung des Privateigentums poli¬
tische Verfassung ist. Im Mittelalter ist Volksleben und Staats¬
leben identisch. Der Mensch ist das wirkliche Prinzip des Staats,
20 aber der unfreie Mensch. Es ist also die Demokratie der
Unfreiheit, die durchgeführte Entfremdung. Der abstrakte
reflektierte Gegensatz gehört erst der modernen Welt. Das Mittel-
alter ist der wirkliche, die moderne Zeit ist abstrakter
Dualismus.
25 „Auf der vorhin bemerkten Stufe, auf welcher die Ein¬
teilung der Verfassungen in Demokratie, Aristokratie und
Monarchie gemacht worden ist, dem Standpunkte der noch
in sich bleibenden substantiellen Einheit,
die noch nicht zu ihrer unendlichen Unter-
joscheidung und Vertiefung in sich1) gekommen
ist, tritt das Moment der letzten sich selbst be¬
stimmenden Willensentscheidung nicht als
immanentes organisches Moment des Staats für sich in
eigentümliche Wirklichkeit heraus.“
3s In der unmittelbaren Monarchie, Demokratie, Aristokratie gibt
es noch keine politische Verfassung im Unterschied zu dem wirk¬
lichen, materiellen Staat oder dem übrigen Inhalt des Volks¬
lebens. Der politische Staat erscheint noch nicht als die Form
des materiellen Staates. Entweder ist, wie in Griechenland, die res
to publica die wirkliche Privatangelegenheit, der wirkliche Inhalt
der Bürger, und der Privatmensch ist Sklave; der politische Staat
x) Alles von M. unterstrichen.
438 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
als politischer ist der wahre einzige Inhalt ihres Lebens und
Wollens; oder wie in der asiatischen Despotie, der politische Staat
ist nichts als die Privatwillkür eines einzelnen Individuums oder
der politische Staat, wie der materielle, ist Sklave. Der Unter¬
schied des modernen Staats von diesen Staaten der substantiellen «
Einheit zwischen Volk und Staat besteht nicht darin, daß die
verschiedenen Staaten als Verfassung zu besonderer Wirk¬
lichkeit ausgebildet sind, wie Hegel will, sondern darin, daß die
Verfassung selbst zu einer besonderen Wirklichkeit neben
dem wirklichen Volksleben ausgebildet ist, daß der politische io
Staat zur Verfassung des übrigen Staats geworden ist.
§ 280. „Dieses letzte Selbst des Staatswillens ist in die¬
ser seiner Abstraktion einfach und daher unmittelbare
Einzelnheit; in seinem Begriffe selbst liegt hiermit die Be¬
stimmung der Natürlichkeit; der Monarch ist da- «
her wesentlich als dieses Individuum, abstrahiert von
allem anderen Inhalte, und dieses Individuum auf unmittel¬
bare natürliche Weise, durch die natürliche Geburt, zur
Würde des Monarchen bestimmt.“
Wir haben schon gehört, daß die Subjektivität Subjekt und das za
Subjekt notwendig empirisches Individuum, Eins ist. Wir er¬
fahren jetzt, daß im Begriff der unmittelbaren Einzelnheit
die Bestimmung der Natürlichkeit, der Leiblichkeit liegt.
Hegel hat nichts bewiesen, als was von selbst spricht, daß die Sub¬
jektivität nur als leibliches Individuum existiert, und, zs
versteht sich, zum leiblichen Individuum gehört die natürliche
Geburt.
Hegel meint, bewiesen zu haben, daß die Staatssubjektivität,
die Souveränität, der Monarch „wesentlich“ ist, „als dieses
Individuum, abstrahiert von allem anderen Inhalt, und dieses In- st
dividuum, auf unmittelbare natürliche Weise, durch die natür¬
liche Geburt zur Würde des Monarchen bestimmt.“ Die Sou¬
veränität, die monarchische Würde, würde also geboren. Der
Leib des Monarchen bestimmte seine Würde. Auf der höchsten
Spitze des Staats entschied also statt der Vernunft1) die bloße«
Physis. Die Geburt bestimmte die Qualität des Monarchen, wie
sie die Qualität des Viehs bestimmt.
Hegel hat bewiesen, daß der Monarch geboren werden muß,
woran niemand zweifelt, aber er hat nicht bewiesen, daß die Ge¬
burt zum Monarchen macht. io
Die Geburt des Menschen zum Monarchen läßt sich ebenso¬
wenig zu einer metaphysischen Wahrheit machen wie die unbe-
x) Gestrichen die Natur
Die fürstliche Gewalt
439
fleckte Empfängnis der Mutter Maria. So gut sich aber die letztere
Vorstellung, dies Faktum des Bewußtseins, so gut läßt sich jenes
Faktum der Empirie aus der menschlichen Illusion und den Ver¬
hältnissen begreifen.
« In der Anmerkung, die wir näher betrachten, überläßt sich
Hegel dem Vergnügen, das Unvernünftige1) als absolut ver¬
nünftig demonstriert zu haben.
„Dieser Übergang vom Begriff der reinen Selbstbestim¬
mung in die Unmittelbarkeit des Seins und damit in die
10 Natürlichkeit ist rein spekulativer Natur; seine Erkenntnis
gehört daher der logischen Philosophie an.“
Allerdings ist das rein spekulativ, nicht daß aus der reinen
Selbstbestimmung, einer Abstraktion, in die reine Natürlichkeit
(den Zufall der Geburt), in das andere Extrem übergesprungen
u wird, car les extrêmes se touchent. Das Spekulative besteht darin,
daß ein „Übergang des Begriffs“ gemeint und der vollkommene
Widerspruch als Identität, die höchste Inkonsequenz für Kon¬
sequenz ausgegeben wird.
Als positives Bekenntnis Hegels kann angesehen werden, daß
to mit dem erblichen Monarchen an die Stelle der sich selbst bestim¬
menden Vernunft die abstrakte Naturbestimmtheit nicht als das,
was sie ist, als Naturbestimmtheit, sondern als höchste Bestim¬
mung des Staats tritt, daß dies der positive Punkt ist, wo die
Monarchie den Schein nicht mehr retten kann, die Organisation
25 des vernünftigen Willens zu sein.
„Es ist übrigens im Ganzen derselbe (?)’) Über¬
gang, welcher als die Natur des Willens über¬
haupt’) bekannt und der Prozeß ist, einen Inhalt aus der
Subjektivität (als vorgestellten Zweck) in das Dasein zu
m übersetzen [. . .]. Aber die eigentümliche’) Form
der Idee und des Übergangs, der hier betrachtet wird, ist
das unmittelbare Umschlagen der reinen
Selbstbestimmung des Willens’) (des ein¬
fachen Begriffes selbst)’) in ein Dieses und
3s natürliches Dasein, ohne die Vermittlung durch einen b e -
sonderen Inhalt (einen Zweck im Handeln).“
Hegel sagt, daß das Umschlagen der Souveränität des Staates
(einer Selbstbestimmung des Willens) in den Körper des ge-
O Korr, aus Unbegreifliche
2) Unterstreichung und Fragezeichen von M,
8) Alles von M. unterstrichen.
440 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
borenen Monarchen (in das Dasein) im Ganzen der Übergang
des Inhalts überhaupt ist, den der Wille macht, um einen ge¬
dachten Zweck zu verwirklichen, ins Dasein zu über¬
setzen. Aber Hegel sagt: im Ganzen. Der eigentümliche
Unterschied, den er angibt, ist so eigentümlich, alle Analogie auf- «
zuheben, und die Magie an die Stelle der „Natur des Willens
überhaupt“ zu setzen.
Erstens ist das Umschlagen des vorgestellten Zwecks in
das Dasein hier unmittelbar, magisch. Zweitens ist hier
das Subjekt: die reine Selbstbestimmung des Willens, io
der einfache Begriff selbst; es ist das Wesen des
Willens, was als mystisches Subjekt bestimmt, es ist kein wirk¬
liches, individuelles, bewußtes Wollen, es ist die Abstraktion des
Willens, die in ein natürliches Dasein umschlägt, die reine Idee,
die sich als ein Individuum verkörpert. is
Drittens, wie die Verwirklichung des Wollens in natürliches
Dasein unmittelbar, d. h. ohne Mittel, geschieht, die sonst
der Wille bedarf, um sich zu vergegenständlichen, so fehlt sogar
ein besonderer, d. i. bestimmter Zweck, es findet nicht statt
„die Vermittlung durch einen besonderen Inhalt, einen 20
Zweck im Handeln“, versteht sich, denn es ist kein handeln¬
des Subjekt vorhanden, und die Abstraktion, die reine Idee des
Willens, um zu handeln, muß sie mystisch handeln. Ein Zweck,
der kein besonderer ist, ist kein Zweck, wie ein Handeln ohne
Zweck ein zweckloses, sinnloses Handeln ist. Die ganze Ver- 25
gleichung mit dem teleologischen Akt des Willens gesteht sich
also zu guter Letzt selbst als eine Mystifikation und ein inhalts¬
loses Handeln der Idee.
Das Mittel ist der absolute Wille und das Wort des Philo¬
sophen: der besondere Zweck ist wieder der Zweck des philo- at
sophierenden Subjekts, den erblichen Monarchen aus der
reinen Idee zu konstruieren. Die Verwirklichung des Zwecks ist
die einfache Versicherung Hegels.
„Im sogenannten ontologischen Beweise vom
Dasein Gottes1) ist es dasselbe Umschlagen des absoluten«
Begriffs in das Sein (dieselbe Mystifikation)’), was die
Tiefe der Idee in der neueren Zeit ausgemacht hat, was aber
in der neuesten Zeit für das Unbegreifliche (mit
Recht)’) ausgegeben worden ist.“
„Aber indem die Vorstellung des Monarchen als dem ge-ao
wohnlichen (sc. dem verständigen)’) Bewußtsein ganz an-
9 Dasein Gottes bei Hegel gesperrt.
2) Das Eingeklammerte von M.
Die fürstliche Gewalt
441
heimfallend angesehen wird, so bleibt hier um so mehr der
Verstand bei seiner Trennung und den daraus fließenden
Ergebnissen seiner räsonnierenden Gescheutheit stehen
und leugnet dann, daß das Moment der letzten Entscheidung
s im Staate an und für sich (d. i. im Vemunftbegriff)
mit der unmittelbaren Natürlichkeit verbunden sei.“
Man leugnet, daß die letzte Entscheidung geboren
werde, und Hegel behauptet, daß der Monarch die geborene letzte
Entscheidung sei; aber wer hat je gezweifelt, daß die letzte Ent-
10 Scheidung im Staate an wirkliche leibliche Individuen ge¬
knüpft sei, also „mit der unmittelbaren Natürlichkeit verbunden“
sei?
§ 281. „Beide Momente in ihrer ungetrennten Einheit,
das letzte, grundlose Selbst des Willens und die damit eben-
u so grundlose Existenz als der Natur anheimgestellte Be¬
stimmung — diese Idee des von der Willkür Unbeweg¬
ten macht die Majestät des Monarchen aus. In dieser
Einheit liegt die wirkliche Einheit des Staats, welche
nur durch diese ihre innere und äußere Unmittelbar-
m keit der Möglichkeit, in die Sphäre der Besonder¬
heit, deren Willkür, Zwecke und Ansichten herabgezogen
zu werden, dem Kampf der Faktionen gegen Faktionen um
den Thron, und der Schwächung und Zertrümmerung der
Staatsgewalt entnommen ist.“
u Die beiden Momente sind : der Zufall des Willens, die
Willkür, und der Zufallder Natur, die Geburt, also Seine
Majestät der Zufall. Der Zufall ist also die wirkliche
Einheit des Staats.
Inwiefern eine „innere und äußere Unmittelbarkeit“ der Kol-
so lision etc. entnommen sein soll, ist von Hegel eine unbegreifliche
Behauptung, da gerade sie das Preisgegebene ist.
Was Hegel vom Wahlreich behauptet, gilt in noch höherem
Maße vom erblichen Monarchen:
„Die Verfassung wird nämlich in einem Wahlreich durch
u die Natur des Verhältnisses, daß in ihm der partikuläre
Wille zum letzten Entscheidenden gemacht ist, zu einer
Wahl1)-Kapitulation“ etc. etc. „zu einer Ergebung
der Staatsgewalt auf die Diskretion des partikulären Wil-
9 Bei Hegel gesperrt.
442 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
lens, woraus die Verwandlung der besonderen Staats¬
gewalten1) in Privateigentum1) etc. hervorgeht.“
§ 282. „Aus der Souveränität des Monarchen fließt das
Begnadigungsrecht der Verbrecher, denn ihr nur
kommt die Verwirklichung der Macht des Geistes zu, das s
Geschehene ungeschehen zu machen und im Vergeben und
Vergessen das Verbrechen zu vernichten.“
Das Begnadigungsrecht ist das Recht der Gnade. Die Gnade
ist der höchste Ausdruck der zufälligen Willkür, die
Hegel sinnvoll zum eigentlichen Attribut des Monarchen macht. 10
Hegel bestimmt im Zusatz selbst als ihren Ursprung „die grund¬
lose Entscheidung“.
§ 283. „Das zweite in der Fürstengewalt Enthaltene
ist das Moment der Besonderheit oder des bestimm¬
ten Inhalts und der Subsumption desselben unter das All- is
gemeine. Insofern es eine besondere Existenz erhält, sind
es oberste beratende Stellen und Individuen, die den Inhalt
der vorkommenden Staatsangelegenheiten oder der aus
vorhandenen Bedürfnissen nötig werdenden gesetzlichen
Bestimmungen, mit ihren objektiven Seiten, den Ent-to
scheidungsgründen, darauf sich beziehenden Gesetzen,
Umständen u. s. f. zur Entscheidung vor den Mon¬
archen1) bringen. Die Erwählung der Individuen1)
zu diesem Geschäfte wie deren Entfernung fällt, da sie es
mit der unmittelbaren Person des Monarchen zu tun haben, m
in seine unbeschränkte Willkür1).“
§ 284. „Insofern das Objektive der Entscheidung,
die Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die gesetzlichen
und andere Bestimmungsgründe allein der Verant¬
wortung, d. i. des Beweises der Objektivität fähig istao
und daher einer von dem persönlichen Willen des Mon¬
archen als solchem unterschiedenen Beratung zukommen
kann, sind diese beratenden Stellen oder Individuen allein
der Verantwortung1) unterworfen, die eigentümliche
Majestät des Monarchen, als die letzte entscheidende Sub- 3$
jektivität, ist aber über alle Verantwortlichkeit für die
Regierungshandlungen erhoben.“
*) Von M. unterstrichen.
Die fürstliche Gewalt
443
Hegel beschreibt hier ganz empirisch die Minister¬
gewalt, wie sie in konstitutionellen Staaten meistens bestimmt
ist. Das einzige, was die Philosophie hinzutut, ist, daß sie dieses
„empirische Faktum“ zur Existenz, zum Prädikat des „Momentes
5 der Besonderheit in der fürstlichen Gewalt“ macht.
(Die Minister repräsentieren die vernünftige objektive Seite
des souveränen Willens. Ihnen kommt daher auch die Ehre der
Verantwortung zu, während der Monarch mit der eigentümlichen
Imagination der „Majestät“ abgefunden wird.) Das spekulative
10 Moment ist also sehr dürftig. Dagegen beruht die Entwicklung im
besonderen auf ganz empirischen, und zwar sehr abstrakten, sehr
schlechten empirischen Gründen.
So ist z. B. die Wahl der Minister in „die unbeschränkte Will¬
kür“ des Monarchen gestellt, „da sie es mit der unmittelbaren
is Person des Monarchen zu tun haben“, d. h. da sie Minister sind.
Ebenso kann die „unbeschränkte Wahl“ des Kammerdieners
des Monarchen aus der absoluten Idee entwickelt werden.
Besser ist schon der Grund für die Verantwortlichkeit
der Minister, „insofern das Objektive der Entscheidung, die
zo Kenntnis des Inhalts und der Umstände, die gesetzlichen und an¬
deren Bestimmungsgründe allein der Verantwortung, d. i.
des Beweises der Objektivität fähig ist“. Versteht
sich, „die letzte entscheidende Subjektivität“, die reine Subjek¬
tivität, die reine Willkür ist nicht objektiv, also auch keines Be-
2s weises der Objektivität, also keiner Verantwortung fähig, sobald
ein Individuum die geheiligte, sanktionierte Exi¬
stenz der Willkür ist. Hegels Beweis ist schlagend, wenn man
von den konstitutionellen Voraussetzungen ausgeht, aber Hegel hat
diese Voraussetzungen damit nicht bewiesen, daß er sie in ihrer
so Grundvorstellung analysiert. In dieser Verwechs¬
lung liegt die ganze Unkritik der Hegelschen Rechts¬
philosophie.
§ 285. „Das dritte Moment der fürstlichen Gewalt
betrifft das an und für sich Allgemeine, welches in subjek-
3s tiver Rücksicht in dem Gewissen des Monarchen,
in objektiver Rücksicht im Ganzen der Verfassung
und in den Gesetzen besteht; die fürstliche Gewalt
setzt1) insofern die anderen Momente voraus1), wie
jedes von diesen sie voraussetzt1).“
to § 286. „Die objektive Garantie der fürstlichen
Gewalt, der rechtlichen Sukzession nach der Erblichkeit des
*) Alles von M. unterstrichen.
444 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Thrones u. s. f. liegt darin, daß, wie diese Sphäre ihre von
den anderen durch die Vernunft bestimmten Momenten
ausgeschiedene1) Wirklichkeit hat, ebenso die an¬
deren für sich die eigentümlichen Rechte und Pflichten ihrer
Bestimmung haben; jedes Glied, indem es sich für sich er- t
hält, erhält im vernünftigen Organismus eben damit die
anderen in ihrer Eigentümlichkeit.“
Hegel sieht nicht, daß er mit diesem dritten Moment, dem „an
und für sich Allgemeinen“, die beiden ersten in die Luft sprengt
oder umgekehrt. „Die fürstliche Gewalt setzt insofern die anderen jo
Momente voraus, wie jedes von diesen sie voraussetzt.“ Wird
dieses Setzen nicht mystisch, sondern realiter genommen, so ist die
fürstlicheGewalt nicht durch dieGeburt, sondern durch die anderen
Momente gesetzt, also nicht erblich, sondern fließend, d. h. eine
Bestimmung des Staates, die abwechselnd an Staatsindividuen nach
dem Organismus der anderen Momente verteilt wird. In einem is
vernünftigen Organismus kann nicht der Kopf von Eisen und der
Körper von Fleisch sein. Damit die Glieder sich erhalten, müssen
sie ebenbürtig, von einem Fleisch und Blut sein. Aber der
erbliche Monarch ist nicht ebenbürtig, er ist aus anderem Stoff.
Der Prosa des rationalistischen Willens der anderen Staatsglieder so
tritt hier die Magie der Natur gegenüber. Zudem, Glieder können
sich nur insofern wechselseitig erhalten, als der ganze Organis¬
mus flüssig und jedes derselben in dieser Flüssigkeit aufgehoben,
also keines, wie hier der Staatskopf, „unbewegt“, „inalterabel“
ist. Hegel hebt durch diese Bestimmung also die „geborene Sou- u
veränität“ auf.
Zweitens die Unverantwortlichkeit. Wenn der Fürst das Ganze
der Verfassung, „die Gesetze“, verletzt, hört seine Unverantwort¬
lichkeit, weil sein verfassungsmäßiges Dasein, auf; aber eben
diese Gesetze, diese Verfassung, machen ihn unverantwortlich, sie m
widersprechen also sich selbst, und diese eine Klausel hebt
Gesetz und Verfassung auf. Die Verfassung der konstitutionellen
Monarchie ist die Unverantwortlichkeit.
Begnügt sich Hegel aber damit, „daß, wie diese Sphäre ihre von
den anderen durch die Vernunft bestimmten Momenten a u s • u
geschiedene Wirklichkeit [hat], ebenso die anderen für sich
die eigentümlichen Rechte und Pflichten ihrer Bestimmung
haben“, so müßte er die Verfassung des Mittelalters eine Orga¬
nisation nennen; so hat er bloß mehr eine „Masse“ besonderer
Sphären, die in dem Zusammenhang einer äußeren Notwendigkeit u
zusammenstehen, und allerdings paßt auch nur hierhin ein’) leib-
B Von M. unterstrichen, 2) Gestrichen besonderer
Die fürstliche Gewalt
445
licher Monarch. In einem Staate, worin jede Bestimmung für
sich existiert, muß auch die Souveränität des Staats
als ein besonderes Individuum befestigt sein.
Résumé über Hegels Entwicklung
5 der fürstlichen Gewalt oder der
Idee der Staatssouveränität.
§ 279. S. 367 heißt es:
„Volks-Souveränität kann in dem Sinne gesagt
werden, daß ein Volk überhaupt nach außen ein Selb-
io ständiges sei und einen eigenen Staat ausmache, wie das
Volk von Großbritannien, aber das Volk von England, oder
Schottland, Irland, oder von Venedig, Genua, Ceylon u. s. f.
kein souveränes Volk mehr sei, seitdem sie auf gehört haben,
eigene Fürsten1) oder oberste Regierungen für sich
is zu haben.“
Die Volks-Souveränität ist also hier die Nationa¬
lität, die Souveränität des Fürsten ist die Nationalität,
oder das Prinzip des Fürstentums ist die Nationalität, die
für sich und ausschließlich die Souveränität eines Volkes bildet.
20 Ein Volk, dessen Souveränität nur in der Nationalität besteht,
hat einen Monarchen. Die verschiedene Nationalität kann sich
nicht besser befestigen und ausdrücken als durch verschiedene
Monarchen. Die Kluft, die zwischen einem absoluten Individuum
und dem anderen, ist zwischen diesen Nationalitäten.
so Die Griechen (und Römer) waren national, weil und
insofern sie das souveräne Volk waren. Die Germanen
sind souverän, weil und insofern sie national sind (vid.
pag. XXXIV).’)
[§ 279.] „Eine sogenannte moralische Person“ — heißt
so es ferner in derselben Anmerkung, — „Gesellschaft, Gemeinde,
Familie, so konkret sie in sich ist, hat die Persönlichkeit nur als
Moment, abstrakt in ihr1); sie ist darin nicht zur W a h r -
heit ihrer Existenz1) gekommen, der Staat aber ist eben
diese Totalität, in welcher die Momente des Begriffs zur Wirk-
35 lichkeit nach ihrer eigentümlichen1) Wahrheit gelangen.“
9 Alles von M. unterstrichen.
2) Die hier folgenden Ausführungen bis zum folg. § 287 auf p. 448 sind eine nach¬
trägliche Einfügung, sie folgen im Manuskript — mit Ausnahme des letzten Ab¬
satzes — nicht hier, auf dem von Marx mit XII numerierten Bogen, sondern weit
hinten, auf dem durch den obigen Hinweis vid. pag. XXXIV angedeuteten Bogen
(nicht Seite) XXXIV (s. u. p. 531), wo die Stelle, wohin sie einzufügen sind, mit
einem entsprechenden Hinweis ad pag. XII (d. h. auf Bogen XII) angegeben wird.
Der letzte Absatz der Einfügung (Die Erblichkeit . . .) befindet sich auf einer ur¬
sprünglich hergelassenen Seite des Bogens XII, in Marxens Numerierung p. 46.
Marx-Engels'Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 34
446 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Die moralische Person, Gesellschaft, Familie etc. hat die Per¬
sönlichkeit nur abstrakt in ihr; dagegen im Monarchen hat die
Person den Staat in sich.
In Wahrheit hat die abstrakte Person erst in der
moralischen Person, Gesellschaft, Familie etc. ihre Per- s
sönlichkeit zu einer wahren Existenz gebracht. Aber Hegel
faßt Gesellschaft, Familie etc., überhaupt die moralische
Person, nicht als die Verwirklichung der1) wirklichen empi¬
rischen Person, sondern als wirkliche Person, die aber das
Moment der Persönlichkeit erst abstrakt in ihr hat. Daher kommt 10
bei ihm auch nicht die wirkliche Person zum Staat, sondern der
Staat wird erst zur wirklichen Person kommen. Statt daß daher
der Staat als die höchste Wirklichkeit der Person, als die höchste
soziale Wirklichkeit des Menschen, wird ein einzelner empi¬
rischer Mensch, wird die empirische Person als die höchste Wirk-15
lichkeit des Staats hervorgebracht. Diese Verkehrung des Subjek¬
tiven in das Objektive und des Objektiven in das Subjektive (die
daher rührt, daß Hegel die Lebensgeschichte der abstrakten Sub¬
stanz, der Idee, schreiben will, daß also die menschliche Tätigkeit
als Tätigkeit und Resultat eines anderen erscheinen muß, daß 20
Hegel das Wesen des Menschen für sich, als eine imaginäre
Einzelheit, statt in seiner wirklichen, menschlichen Exi¬
stenz wirken lassen will) hat notwendig das Resultat, daß un¬
kritischerweise eine empirische Existenz als die
wirkliche Wahrheit der Idee genommen wird; denn es handelt 25
sich nicht davon, die empirische Existenz zu ihrer Wahrheit, son¬
dern die Wahrheit zu einer empirischen Existenz zu bringen, und
da wird denn die zunächstliegende als ein reales Moment der
Idee entwickelt. (Über dieses notwendige Umschlagen von Empirie
in Spekulation und von Spekulation in Empirie später mehr. ) 30
Auf diese Weise wird denn auch der Eindruck des Mysti¬
schen und Tiefen hervorgebracht. Es ist sehr vulgär, daß
det Mensch geboren worden ist; und daß dies durch die physische
Geburt gesetzte Dasein zum sozialen Menschen etc. wird bis zum
Staatsbürger herauf ; der Mensch wird durch seine Geburt alles, 35
was er wird. Aber es ist sehr tief, es ist frappant, daß die Staats¬
idee unmittelbar geboren wird, in der Geburt des Fürsten sich
selbst zum empirischen Dasein herausgeboren hat. Es ist auf
diese Weise kein Inhalt gewonnen, sondern nur die Form des
alten Inhalts verändert. Er hat eine philosophische Form er- 40
halten, ein philosophisches Attest.
Eine andere Konsequenz dieser mystischen Spekulation, daß
ein besonderes, empirisches Dasein, ein einzelnes empirisches
Dasein im Unterschied von den anderen als das Dasein der
O Gestrichen objektiven P[. . .]
Die fürstliche Gewalt
447
Idee gefaßt wird. Es macht wieder einen tiefen mystischen Ein¬
druck, ein besonderes empirisches Dasein von der Idee ge¬
setzt zu sehen und so auf allen Stufen einer Menschwerdung Gottes
zu begegnen.
5 Würden z. B. bei der Entwicklung von Familie, bürgerlicher
Gesellschaft, Staat etc. diese sozialen Existentialweisen des Men¬
schen als Verwirklichung, Versubjekti vierung seines Wesens be¬
trachtet, so erscheinen Familie etc. als einem Subjekt inhärente
Qualitäten. Der Mensch bleibt immer das Wesen aller dieser
10 Wesen, aber diese Wesen erscheinen auch als seine wirkliche
Allgemeinheit, daher auch als das Gemeinwesen. Sind da¬
gegen Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat etc. Bestimmungen
der Idee, der1) Substanz als Subjekt, so müssen sie eine empi¬
rische Wirklichkeit erhalten und die Menschenmasse, in der sich
is die Idee der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt, ist Bürger, die
andere Staatsbürger. Da es eigentlich nur um eine Allegorie,
nur darum zu tun ist, irgendeiner empirischen Existenz die B e -
d e u t u n g der verwirklichten Idee beizulegen, so versteht es sich,
daß diese Gefäße ihre Bestimmung erfüllt haben, sobald sie zu
2o einer bestimmten Inkorporation eines Lebensmomentes der Idee
geworden sind. Das Allgemeine erscheint daher überall als ein
Bestimmtes, Besonderes, wie das Einzelne nirgends zu seiner
wahren Allgemeinheit kommt.
Am tiefsten, spekulativsten erscheint es daher notwendig,
25 wenn die abstraktesten, noch durchaus zu keiner wahren sozialen
Verwirklichung gereiften Bestimmungen, die Naturbasen des
Staates, wie die Geburt (beim Fürsten) oder das Privateigentum
(im Majorat) als die höchsten, unmittelbar Mensch gewordenen
Ideen erscheinen.
so Und es versteht sich von selbst. Der wahre Weg wird auf den
Kopf gestellt. Das Einfachste ist das Verwickeltste und das Ver-
wickeltste das Einfachste. Was Ausgang sein sollte, wird zum
mystischen Resultat, und was rationelles Resultat sein sollte, wird
zum mystischen Ausgangspunkt.
35 Wenn aber der Fürst die abstrakte Person ist, die den
Staat in sich hat, so heißt das überhaupt nichts, als daß das
Wesen des Staats die abstrakte, die Privatperson ist. Bloß
in seiner Blüte spricht er sein Geheimnis aus. Der Fürst ist die
einzige Privatperson, in der sich das Verhältnis der Privatperson
4o überhaupt zum Staat verwirklicht.
Die Erblichkeit des Fürsten ergibt sich aus seinem Begriff. Er
soll die spezifisch von der ganzen Gattung, von allen anderen Per¬
sonen unterschiedene Person sein. Welches ist nun der letzte feste
Unterschied einer Person von allen anderen? Der Leib. Die
*) Bei M. wohl versehentlich die
34*
448 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
höchste Funktion des Leibes ist die Geschlechtstätigkeit.
Der höchste konstitutionelle Akt des Königs ist daher seine Ge¬
schlechtstätigkeit, denn durch diese macht er einen König und
setzt seinen Leib fort. Der Leib seines Sohnes ist die Reproduktion
seines eigenen Leibes, die Schöpfung eines königlichen Leibes. 5
b) Die Regierungsge w a 11
§ 287. „Von der Entscheidung1) ist die Aus¬
führung1) und Anwendung1) der fürstlichen Ent¬
scheidungen, überhaupt das Fortführen und Im-Stande-
Erhalten des bereits Entschiedenen, der vorhandenen Ge-m
setze, Einrichtungen, Anstalten für gemeinschaftliche
Zwecke und dergleichen unterschieden. Dies Geschäft der
Subsumption*) begreift die Regierungsgewalt
in sich, worunter ebenso die richterlichen und po¬
lizeilichen Gewalten begriffen sind, welche unmittel- ”
barer auf das Besondere der bürgerlichen Gesellschaft Be¬
ziehung haben und das allgemeine Interesse in diesen
Zwecken geltend machen.“
Die gewöhnliche Erklärung der Regierungsgewalt. Als Hegel
eigentümlich kann nur angegeben werden, daß er Regie- 20
rungsgewalt, polizeiliche Gewalt und richterliche
Gewalt koordiniert, während sonst administrative und
richterliche Gewalt als Gegensätze behandelt werden.
§ 288. „Die gemeinschaftlichen besonderen Inter¬
essen, die in die bürgerliche Gesellschaft fallen und «s
außer1) dem an und für sich seienden All¬
gemeinen des Staats selbst liegen1) (§ 256),
haben ihre Verwaltung in den Korporationen1)
(§251) der Gemeinden und sonstiger Gewerbe und Stände
und deren Obrigkeiten, Vorsteher, Verwalter und der- u
gleichen. Insofern diese Angelegenheiten, die sie besorgen,
einerseits das Privateigentum und Interesse die¬
ser besonderen Sphären sind und nach dieser Seite
ihre Autorität mit auf dem Zutrauen ihrer Standesgenossen
und Bürgerschaften beruht, andererseits diese Kreise den u
höheren Interessen des Staats untergeordnet sein müssen,
wird sich für die Besetzung dieser Stellen im allgemeinen
O Alles von M. unterstrichen.
3) Bei Hegel Subsumption überhaupt
Die Regierungsgewalt
449
eine Mischung von gemeiner Wahl dieser Interessenten und
von einer höheren Bestätigung und Bestimmung ergeben.“
Einfache Beschreibung des empirischen Zustandes in einigen
Ländern.
5 § 289. „Die Festhaltung des allgemeinen Staats¬
interesses und des Gesetzlichen in diesen besonderen
Rechten und die Zurückführung derselben auf jenes erfor¬
dert eine Besorgung durch Abgeordnete1) der Regie¬
rungsgewalt, die exekutiven1) Staatsbeamten und die
jo höheren beratenden, insofern kollegialisch konstituierten
Behörden, welche in den obersten, den Monarchen berüh¬
renden Spitzen zusammenlaufen.“
Hegel hat die Regierungsgewalt nicht entwickelt.
Aber selbst dies unterstellt, so hat er nicht bewiesen, daß sie mehr
«als eine Funktion, eine Bestimmung des Staatsbürgers
überhaupt ist, er hat sie als eine besondere,separierte Ge¬
walt nur dadurch deduziert, daß er die „besonderen Interessen der
bürgerlichen Gesellschaft“ als solche betrachtet, die „außer dem
an und für sich seienden Allgemeinen des Staats liegen“.
2o „Wie die bürgerliche Gesellschaft der
Kampfplatz des individuellen Privatinter¬
esses Aller gegen Alle ist, so hat hier der
Konflikt desselben gegen die gemeinschaft¬
lichen besonderen Angelegenheiten und
2.5 dieser zusammen1) mit jenem gegen die höheren Ge¬
sichtspunkte und Anordnungen des Staats seinen Sitz. Der
Korporationsgeist, der sich in der Berechtigung der beson¬
deren Sphären erzeugt, schlägt in sich selbst zugleich in den
Geist des Staates um, indem er an dem Staate das Mittel der
so Erhaltung der besonderen Zwecke hat. Dies ist das G e -
h e i m n i s *) des Patriotismus der Bürger nach dieser Seite,
daß sie den Staat als ihre Substanz wissen, weil1) er ihre
besonderen Sphären, deren Berechtigung und Autorität wie
deren Wohlfahrt erhält. In dem Korporationsgeist, da er die
3s Einwurzelung des Besonderen in das Allge¬
meine unmittelbar enthält, ist insofern die Tiefe und
die Stärke des Staates, die er in der Gesinnung hat.“
x) Alles von M, unterstrichen.
450 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Uber §§ 261—313
Merkwürdig
1. wegen der Definition der bürgerlichen Gesellschaft als des
bellum omnium contra omnes;
2. weil der Privategoismus als das „Geheimnis
des Patriotismus der Bürger“ verraten wird und als s
die „Tiefe und Stärke des Staats in der Gesinnung“;
3. weil der „Bürger“, der Mann des besonderen Interesses im
Gegensatz zum Allgemeinen, das Mitglied der bürgerlichen Gesell¬
schaft als „fixes Individuum“ betrachtet wird, wogegen ebenso
der Staat in „fixen Individuen“ den „Bürgern“ gegenübertritt. 10
Hegel, sollte man meinen, mußte die „bürgerliche Gesellschaft“
wie die „Familie“ als Bestimmung jedes Staatsindividuums, also
auch die späteren „Staatsqualitäten“ ebenso als Bestimmung des
Staatsindividuums überhaupt bestimmen. Aber es ist nicht dasselbe
Individuum, welches eine neue Bestimmung seines sozialen Wesens is
entwickelt. Es ist das Wesen des Willens, welches seine Bestim¬
mungen angeblich aus sich selbst entwickelt. Die bestehenden ver¬
schiedenen und getrennten, empirischen Existenzen des Staates
werden als unmittelbare Verkörperungen einer dieser Bestim¬
mungen betrachtet. 20
Wie das Allgemeine als solches verselbständigt wird, wird es
unmittelbar mit der empirischen Existenz konfondiert, wird das
Beschränkte unkritischerweise sofort für den Ausdruck der Idee
genommen.
Mit sich selbst gerät Hegel hier nur insofern in Widerspruch, 2$
als er den „Familienmenschen“ nicht gleichmäßig wie den Bürger
als eine fixe, von den übrigen Qualitäten ausgeschlossene Rasse
betrachtet.
§ 290. „In dem Geschäfte der Regierung1) fin¬
det sich gleichfalls die Teilung der Arbeit [. . .] ein. 3»
Die Organisation2) der Behörden hat insofern die formelle,
aber schwierige Aufgabe, daß von unten, wo das bürgerliche
Leben konkret ist, dasselbe auf konkrete Weise regiert
werde, daß dies Geschäft aber in seine abstrakte
Zweige geteilt sei, die von eigentümlichen Behörden als«
unterschiedenen Mittelpunkten behandelt werden, deren
Wirksamkeit nach unten so wie in der obersten Regierungs¬
gewalt in eine konkrete Übersicht wieder zusammenlaufe.“
Der Zusatz hierzu später zu betrachten.
Alles von M. unterstrichen.
2) Organisation bei Hegel gesperrt.
Die Regierungsgewalt
451
§ 291. „Die Regierungsgeschäfte sind objektiver,
für sich ihrer Substanz nach bereits entschiedener Natur
(§ 287) und durch Individuen zu vollführen und zu
verwirklichen. Zwischen beiden liegt keine unmittelbare
«natürliche1) Verknüpfung; die Individuen sind daher
nicht durch die natürliche Persönlichkeit und die Geburt
dazu bestimmt. Für ihre Bestimmung zu demselben ist das
objektive Moment die Erkenntnis und der Erweis ihrer Be¬
fähigung, — ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und
io als die einzige Bedingung zugleich jedem Bürger die M ö g -
lichkeit1), sich dem allgemeinen Stande zu widmen,
sichert.“
§292. „Die subjektive Seite, daß dieses Individuum
aus Mehreren, deren es, da hier das Objektive nicht (wie
is z. B. bei der Kunst) in Genialität liegt, notwendig unbe¬
stimmt Mehrere gibt, unter denen der Vorzug nichts
absolut Bestimmbares ist, zu einer Stelle gewählt und er¬
nannt und zur Führung des öffentlichen Geschäfts bevoll¬
mächtigt wird, diese Verknüpfung des Individuums und des
so Amtes als zweier für sich gegeneinander immer zufälligen
Seiten kommt der fürstlichen als der entscheidenden und
souveränen Staatsgewalt zu.“
§ 293. „Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die
Monarchie1) den Behörden übergibt, machen einen
ss Teil der objektiven Seite der dem Monarchen inne¬
wohnenden Souveränität aus; ihr bestimmter Unter¬
schied ist ebenso durch die Natur der Sache gegeben;
und wie die Tätigkeit der Behörden eine Pflichterfüllung,
so ist ihr Geschäft auch ein der Zufälligkeit entnommenes
so Recht.“
Nur aufzumerken auf die „objektive Seite der dem Mon¬
archen innewohnenden Souveränität“.
§ 294. „Das Individuum, das durch den souveränen Akt
(§ 292) einem amtlichen Berufe verknüpft ist, ist auf seine
ss Pflichterfüllung, das Substantielle seines Verhältnisses, als
Bedingung dieser Verknüpfung angewiesen, in welcher es
!) Von M. unterstrichen.
452 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
als Folge dieses substantielllen Verhältnisses das Ver¬
mögen und die gesicherte Befrietdigung seiner Besonderheit
(§ 264) und Befreiung seiner äußeren Lage und Amts¬
tätigkeit von sonstiger subjektiwer Abhängigkeit und Ein¬
fluß findet.“ ä
„Der Staatsdienst“, heißt es- in der Anmerkung, „for¬
dert1) die Aufopferung selbständiger und beliebiger Be¬
friedigung subjektiver Zwecke und gibt eben damit das
Recht, sie in der pflichtmäßigem Leistung, aber nur in ihr
zu finden. Hierin liegt nach die;ser Seite die Verknüpfung 10
des allgemeinen und besonderen Interesses, welche den
Begriff und die innere Festigkeit des Staats ausmacht
(§260).“
„Durch die gesicherte Befriedigung des besonderen Be¬
dürfnisses ist die äußere Not gehoben, welche, die Mittel «
dazu auf Kosten der Amtstätigkeit und Pflicht zu suchen,
veranlassen kann. In der allgenneinen Staatsgewalt finden
die mit seinen Geschäften Beauftragten Schutz gegen die
andere subjektive Seite, gegen diie Privatleidenschaften der
Regierten, deren Privatinteresse u. s. f. durch das Geltend- 20
machen des Allgemeinen dagegen beleidigt wird.“
§ 295. „Die Sicherung des Staats und der Regierten
gegen den Mißbrauch der Gewa.lt von Seiten der Behörden
und ihrer Beamten liegt einerseits unmittelbar in ihrer Hier¬
archie und Verantwortlichkeit, andererseits in der Berech- 25
tigung der Gemeinden, Korporationen, als wodurch die Ein¬
mischung subjektiver Willkür iin die den Beamten anver¬
traute Gewalt für sich gehemmit und die in das einzelne
Benehmen nicht reichende Kontrolle von oben, von unten
ergänzt wird.“ 30
§ 296. „Daß aber die Leidemschaftlosigkeit, Rechtlich¬
keit und Milde des Benehmens Sitte werde, hängt teils
mit der direkten sittlichen und Gedankenbildung
zusammen, welche dem, was die Erlernung der sogenannten
Wissenschaften der Gegenständie dieser Sphären, die er- 35
forderliche Geschäftseinübung, die wirkliche Arbeit u. s. f.
von Mechanismus und dergleichen in sich hat, das geistige
') Bei Hegel fordert vielmehr
Die Regierungsgewalt
453
Gleichgewicht hält; teils ist die Größe des Staats ein
Hauptmoment, wodurch sowohl das Gewicht von Familien-
und anderen Privatverbindungen geschwächt, als auch
Rache, Haß und andere solche Leidenschaften ohnmäch-
5 tiger und damit stumpfer werden ; in der Beschäftigung mit
den [in dem] großen Staat e vorhandenen großen Interessen
gehen für sich diese subjektiven Seiten unter und erzeugt
sich die Gewohnheit allgemeiner Interessen, Ansichten und
Geschäfte.“
10 § 297. „Die Mitglieder der Regierung und die Staats¬
beamten machen den Hauptteil des Mittelstandes
aus, in welchen die gebildete Intelligenz und das rechtliche
Bewußtsein der Masse eines Volks fällt. Daß er nicht die
isolierte Stellung einer Aristokratie nehme und Bildung und
is Geschicklichkeit nicht zu einem Mittel der Willkür und
einer Herrenschaft werde, wird durch die Institutionen
der Souveränität1) von oben herab und der Kor¬
porations-Rechte1) von unten herauf bewirkt.“
Zusatz.
2o „In dem Mittelstände, zu dem die Staatsbeamten gehören,
ist das Bewußtsein des Staats und die hervorstechendste Bil¬
dung. Deswegen macht er auch die Grundsäule desselben
in Beziehung auf Rechtlichkeit und Intelligenz aus.“ „Daß
dieser Mittelstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse des
ts Staates, aber dies kann nur in einer Organisation, wie die
ist, welche wir gesehen haben, geschehen, nämlich durch die
Berechtigung besonderer Kreise, die relativ unabhängig
sind, und durch eine Beamtenwelt1), deren Willkür
sich an solchen Berechtigten bricht. Das Handeln nach all-
3o gemeinem Rechte und die Gewohnheit dieses Handelns ist
eine Folge des Gegensatzes, den die für sich selbständigen
Kreise bilden.“
Was Hegel über die „Regierungsgewalt“ sagt, verdient nicht
den Namen einer philosophischen Entwicklung. Die meisten Pa-
3s ragraphen könnten wörtlich im preußischen Landrecht stehen, und
doch ist die eigentliche Administration der schwierigste Punkt
der Entwicklung.
*) Alles von M. unterstrichen.
454 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Da Hegel die „polizeiliche“ und die „richterliche“ Gewalt
schon der Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft vin-
diziert hat, so ist die Regierungsgewalt nichts anderes als
die Administration, die er als Bureaukratie entwickelt.
Der Bureaukratie sind zunächst vorausgesetzt die „S e 1 b s t - s
Verwaltung“ der bürgerlichen Gesellschaft in „Korpora¬
tionen“. Die einzige Bestimmung, die hinzukommt, ist, daß
die Wahl der Verwalter, Obrigkeiten derselben etc. eine ge¬
mischte ist, ausgehend von den Bürgern, bestätigt von der
eigentlichen Regierungsgewalt ; („höhere Bestätigung“, wie io
Hegel sagt).
Über dieser Sphäre „zur Festhaltung des allgemeinen Staats¬
interesses und des Gesetzlichen“ stehen „Abgeordnete der
Regierungsgewalt“, die „exekutiven Staatsbeamten“ und die
„kollegialischen Behörden“, welche „im Monarchen“ zusammen-15
laufen.
In dem „Geschäfte der Regierung“ findet „Teilung der Arbeit“
statt. Die Individuen müssen ihre Fähigkeit zu Regierungs¬
geschäften beweisen, d. h. Examina ablegen. Die Wahl der be¬
stimmten Individuen zu Staatsämtem kommt der fürstlichen 20
Staatsgewalt zu. Die Einteilung dieser Geschäfte ist „durch die
Natur der Sache gegeben“. Das Amtsgeschäft ist die Pflicht, der
Lebensberuf der Staatsbeamten. Sie müssen daher besoldet
werden vom Staat. Die Garantie gegen den Mißbrauch der Bureau¬
kratie ist teils ihre Hierarchie und Verantwortlichkeit, anderseits 25
die Berechtigung der Gemeinden, Korporationen ; ihre Humanität
hängt teils mit der „direkten sittlichen und Gedankenbildung“,
teils mit der „Größe des Staats“ zusammen. Die Beamten bilden
den „Hauptteil des Mittelstandes“. Gegen ihn als „Aristokratie
und Herrenschaft“ schützen teils die „Institutionen der Souverä- 30
nität von oben herab“, teils „die der Korporationsrechte von unten
herauf“. Der „Mittelstand“ ist der Stand der „Bildung“. Voilà
tout. Hegel gibt uns eine empirische Beschreibung der Bureau¬
kratie, teils, wie sie wirklich ist, teils der Meinung, die sie selbst
von ihrem Sein hat. Und damit ist das schwierige Kapitel von der 35
„Regierungsgewalt“ erledigt.
Hegel geht von der Trennung des „Staats“ und der „bür¬
gerlichen“ Gesellschaft, den „besonderen Interessen“ und dem „an
und für sich seienden Allgemeinen“ aus, und allerdings basiert
die Bureaukratie auf dieser Trennung. Hegel geht von der 40
„Voraussetzung der Korporationen“ aus, und allerdings setzt die
Bureaukratie die Korporationen voraus, wenigstens den
„Korporationsgeist“. Hegel entwickelt keinen Inhalt der
Bureaukratie, sondern nur einige allgemeine Bestimmung [en]
ihr[er] „formellen“ Organisation, und allerdings ist die Bureau- 45
Die Regierungsgewalt
455
kratie nur der „Formalismus“ eines Inhalts, der außerhalb
derselben liegt.
Die Korporationen sind der Materialismus1) der Bureau-
kratie, und die Bureaukratie ist der Spiritualismus der Kor-
5 porationen. Die Korporation ist die Bureaukratie der bürgerlichen
Gesellschaft; die Bureaukratie ist die Korporation des Staats. In
der Wirklichkeit tritt sie daher als die „bürgerliche Gesellschaft
des Staats“ dem „Staat der bürgerlichen Gesellschaft“, den Kor¬
porationen gegenüber. Wo die „Bureaukratie“ neues Prinzip ist,
10 wo das allgemeine Staatsinteresse anfängt, für sich ein „apartes“,
damit ein „wirkliches“ Interesse zu werden, kämpft sie gegen die
Korporationen, wie jede Konsequenz gegen die Existenz ihrer Vor¬
aussetzungen kämpft. Sobald dagegen das wirkliche Staatsleben
erwacht und die bürgerliche Gesellschaft sich von den Korpora-
15 tionen aus eigenem Vemunfttriebe befreit, sucht die Bureaukratie
sie zu restaurieren; denn sobald der „Staat der bürgerlichen Ge¬
sellschaft“ fällt, fällt die „bürgerliche Gesellschaft des Staats“.
Der Spiritualismus verschwindet mit dem ihm gegenüberstehen¬
den Materialismus. Die Konsequenz kämpft für die Existenz
2o ihrer Voraussetzungen, sobald ein neues Prinzip nicht gegen die
Existenz, sondern gegen das Prinzip dieser Existenz
kämpft. Derselbe Geist, der in der Gesellschaft die Korporation,
schafft im Staate die Bureaukratie. Sobald also der Korporations¬
geist, wird der Geist der Bureaukratie angegriffen, und wenn sie
25 früher die Existenz der Korporationen bekämpfte, um ihrer
eigenen Existenz Raum zu schaffen, so sucht sie jetzt gewaltsam
die Existenz der Korporationen zu halten, um den Korporations¬
geist, ihren eigenen Geist zu retten.
Die „Bureaukratie“ ist der „Staatsformalismus“ der
3o bürgerlichen Gesellschaft. Sie ist das „Staatsbewußtsein“, der
„Staatswille“, die „Staatsmacht“, als eine Korporation
(das „allgemeine Interesse“ kann sich dem besonderen gegenüber
nur als ein „Besonderes“ halten, solange sich das Besondere dem
Allgemeinen gegenüber als ein „Allgemeines“ hält. Die Bureau-
35 kratie muß also die imaginäre Allgemeinheit des besondren
Interesses, den Korporationsgeist, beschützen, um die imagi¬
näre Besonderheit des allgemeinen Interesses, ihren eigenen
Geist, zu beschützen. Der Staat muß Korporation sein, solange die
Korporation Staat sein will), also eine besondere, g e -
rföschlossene Gesellschaft im Staat. Die Bureaukratie will aber
die Korporation als eine imaginäre Macht. Allerdings hat
auch die einzelne Korporation diesen Willen für ihr beson¬
deres Interesse gegen die Bureaukratie, aber sie will die
Bureaukratie gegen die andere Korporation, gegen das andere
O Korr, aus Realismus
456 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
besondere Interesse. Die Bureaukratie als die vollendete
Korporation träglt daher den Sieg davon über die Korpo¬
ration als die unvollendete Bureaukratie. Sie setzt dieselbe zum
Schein herab oder will sie zum Schein herabsetzen, aber sie will,
daß dieser Schein existiere und an seine eigene Existenz glaube. $
Die Korporation ist der Versuch der bürgerlichen Gesellschaft,
Staat zu werden, also die Bureaukratie ist der Staat, der sich wirk¬
lich zur bürgerlichen Gesellschaft gemacht hat.
Der „Staatsformalismus“, der die Bureaukratie ist, ist der
„Staat als Formalismus“, und als solchen Formalismus hat sie 10
Hegel beschrieben. Da dieser „Staatsformalismus“ sich als wirk¬
liche Macht konstituiert und sich selbst zu einem eigenen ma¬
teriellen Inhalt wird, so versteht es sich von selbst, daß die
„Bureaukratie“ ein Gewebe von praktischen Illusionen oder
die „Illusion des Staats“ ist. Der bureaukratische Geist ist ein 13
durch und durch jesuitischer, theologischer Geist. Die Bureau-
kraten sind die Staatsjesuiten und Staatstheologen. Die Bureau¬
kratie ist la république prêtre.
Da die Bureaukratie der „Staat als Formalismus“ ihrem Wesen
nach ist, so ist sie es auch ihrem Zwecke nach. Der wirkliche 20
Staatszweck erscheint also der Bureaukratie als ein Zweck wider
den Staat. Der Geist der Bureaukratie ist der „formelle Staats¬
geist“. Sie macht daher den „formellen Staatsgeist“ oder die
wirkliche Geistlosigkeit des Staats zum kategorischen Impe¬
rativ. Die Bureaukratie gilt sich selbst als der letzte Endzweck des 26
Staats. Da die Bureaukratie ihre „formellen“ Zwecke zu ihrem In¬
halt macht, so gerät sie überall in Konflikt mit den „reellen“
Zwecken. Sie ist daher genötigt, das Formelle für den Inhalt und
den Inhalt für das Formelle auszugeben. Die Staatszwecke ver¬
wandeln sich in Bureauzwecke oder die Bureauzwecke in Staats- 30
zwecke. Die Bureaukratie ist ein Kreis, aus dem niemand heraus¬
springen kann. Ihre Hierarchie ist eine Hierarchie des
Wissens. Die Spitze vertraut den unteren Kreisen die Einsicht ins
Einzelne zu, wogegen die unteren Kreise der Spitze die Einsicht in
das Allgemeine zutrauen, und so täuschen sie sich wechselseitig. 36
Die Bureaukratie ist der imaginäre Staat neben dem reellen
Staat, der Spiritualismus des Staats. Jedes Ding hat daher eine
doppelte Bedeutung, eine reelle und eine bureaukratische, wie das
Wissen ein doppeltes ist, ein reelles und ein bureaukratisches (so
auch der Wille). Das reelle Wesen wird aber behandelt nach sei- to
nem bureaukratischen Wesen, nach seinem jenseitigen, spirituellen
Wesen. Die Bureaukratie hat das Staatswesen, das spirituelle Wesen
der Gesellschaft in ihrem Besitze, es ist ihr Privateigen¬
tum. Der allgemeine Geist der Bureaukratie ist das Geheim¬
nis, das Mysterium, innerhalb ihrer selbst durch die Hierarchie, 45
Die Regierungsgewalt
457
nach außen als geschlossene Korporation bewahrt. Der offenbare
Staatsgeist, auch die Staatsgesinnung, erscheinen daher der Bureau¬
kratie als ein Verr at an ihrem Mysterium. Die Autorität
ist daher das Prinzijp ihres Wissens, und die Vergötterung der
5 Autorität ist ihre Gesinnung. Innerhalb ihrer selbst aber
wird der Spiritualismus zu einem krassen Materia¬
lismus, dem Maiterialismus des passiven Gehorsams, des
Autoritätsglaubens, cdes Mechanismus eines fixen formellen
Handelns, fixer Gmmdsätze, Anschauungen, Überlieferungen.
10 Was den einzelnen Biureaukratèn betrifft, so wird der Staatszweck
zu seinem Privatzwæck, zu einem Jagen nach höheren
Posten, zu einem Machen von Karriere. Erstens be¬
trachtet er das wirkdiche Leben als ein materielles, denn
der Geist diese s Lebens hat seine für sich abge-
15 sonderte Existœnz in der Bureaukratie. Die Bureaukratie
muß daher dahin geihen, das Leben so materiell wie möglich zu
machen. Zweitens istt es für ihn selbst, d. h. soweit es zum Gegen¬
stände der bureaukrattischen Behandlung wird, materiell, denn sein
Geist ist ihm vorgesschrieben, sein Zweck liegt außer ihm, sein
20 Dasein ist das Daseim des Bureaus. Der Staat existiert nur mehr als
verschiedene fixe Bmreaugeister, deren Zusammenhang die Sub¬
ordination und der passive Gehorsam ist. Die wirkliche
Wissenschaft erscheimt als inhaltslos, wie das wirkliche Leben als
tot, denn dies imagimäre Wissen und dies imaginäre Leben gelten
25 für dasWesen. Der Biureaukrat muß daher jesuitisch mit dem wirk¬
lichen Staat verfahrcen, sei dieser Jesuitismus mm ein bewußter
oder bewußtloser. EEs ist aber notwendig, daß er, sobald sein
Gegensatz Wissen ist, ebenfalls zum Selbstbewußtsein gelangt und
nun absichtlicher Jessuitismus wird.
so Während die Burceaukratie einerseits dieser krasse Materialis¬
mus ist, zeigt sich ihrr krasser Spiritualismus darin, daß sie Alles
machen will, d. 1h. daß sie den Willen zur causa prima
macht, weil sie bloß? tätiges Dasein ist und ihren Inhalt von
außen empfängt, ihire Existenz also nur durch Formieren, Be-
35 schränken dieses Inhialts beweisen kann. Der Bureaukrat hat in der
Welt ein bloßes Objeekt seiner Behandlung.
Wenn Hegel die IRegierungsgewalt die objektive Seite der
dem Monarchen inmewohnenden Souveränität nennt, so ist das
richtig in demselben Sinne, wie die katholische Kirche das
io reelle Dasein (Her Souveränität, des Inhalts und Geistes der
heiligen Dreieinigkeiit war. In der Bureaukratie ist die Identität des
Staatsinteresses und (des besonderen Privatzweckes so gesetzt, daß
das Staatsintereesse zu einem besonderen Privatzwecke
gegenüber den anderren Privatzwecken wird.
45 Die Aufhebung dter Bureaukratie kann nur sein, daß das allge¬
458 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
meine Interesse wirklich und nicht, wie bei Hegel, bloß im
Gedanken, in der Abstraktion zum besonderen Interesse
wird, was nur dadurch möglich ist, daß das besondere Inter¬
esse wirklich zum allgemeinen wird.
Hegel geht von einem unwirklichen Gegensatz aus und bringt es 5
daher nur zu einer imaginären, in Wahrheit selbst wieder gegen¬
sätzlichen Identität. Eine solche Identität ist die Bureaukratie.
• Verfolgen wir nun im Einzelnen seine Entwicklung.
Die einzige philosophische Bestimmung, die Hegel über die
Regierungsgewalt gibt, ist die der „S u b s u m p t i o n“ io
des Einzelnen und Besonderen unter das Allgemeine etc.
Hegel begnügt sich damit. Auf der einen Seite Kategorie „Sub¬
sumption“ des Besonderen etc. Die muß verwirklicht werden. Nun
nimmt er irgendeine der empirischen Existenzen des preußischen
oder modernen Staats (wie sie ist mit Haut und Haar), welche unter 15
anderen auch diese Kategorie verwirklicht, obgleich mit derselben
nicht ihr spezifisches Wesen ausgedrückt ist. Die angewandte
Mathematik ist auch Subsumption etc. Hegel fragt nicht, ist dies
die vernünftige, die adäquate Weise der Subsumption? er hält
nur die eine Kategorie fest und begnügt sich damit, eine ent- 20
sprechende Existenz für sie zu finden. Hegel gibt seiner
Logik einen politischen Körper; er gibt nicht die
Logik des politischen Körpers (§ 287).
Über das Verhältnis der Korporationen, Gemeinden zu der
Regierung erfahren wir zunächst, daß ihre Verwaltung (die 25
Besetzung ihrer Magistratur) im Allgemeinen eine Mischung von
gemeiner Wahl dieser Interessenten und von einer höheren
Bestätigung und Bestimmung erheischt. Die gemischte
Wahl der Gemeinde- und Korporationsvorsteher wäre also das
erste Verhältnis zwischen bürgerlicher Gesellschaft und 30
Staat oder Regierungsgewalt, ihre erste Identität ( § 288).
Diese Identität ist nach Hegel selbst sehr oberflächlich, ein mixtum
compositum, eine „M i s ch un g“. So oberflächlich diese Identität
ist, so scharf ist der Gegensatz. „Insofern diese Angelegenheiten“
(sc. der Korporation, Gemeinde etc.) „einerseits das Privat- 35
eigentum und Interesse dieser besonderen Sphären
sind und nach dieser Seite ihre Autorität mit auf dem Zutrauen
ihrer Standesgenossen und Bürgerschaften beruht, anderseits diese
Kreise den höheren Interessen des Staats1) unter¬
geordnet sein müssen“, ergibt sich die bezeichnete „gemischte^
Wahl“.
Die Verwaltung der Korporation hat also den Gegensatz:
Privateigentum und Interesse der besonderen
*) Von M. unterstrichen.
Die Regierungsgewalt
459
Sphären gegen das höhere Interesse des Staats:
Gegensatz zwischen Privateigentum und Staat.
Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß die Auflösung dieses
Gegensatzes in der gemischten Wahl eine bloße Akkom-
5 modation, ein Traktat, ein Geständnis des unaufgelösten
Dualismus, selbst ein Dualismus, „Mi s c h u n g“ ist. Die
besonderen Interessen der Korporation und Gemeinden haben
innerhalb ihrer eigenen Sphäre einen Dualismus, der
ebensosehr den Charakter ihrer Verwaltung bildet.
10 Der entschiedene Gegensatz tritt aber erst hervor in dem Ver¬
hältnis dieser „gemeinschaftlichen besonderen In¬
teressen“ etc., die „außer dem an und für sich seienden Allge¬
meinen des Staats liegen“ und diesem „an und für sich
seienden Allgemeinen des Staats“. Zunächst wieder
is innerhalb dieser Sphäre.
„Die Festhaltung des allgemeinen Staatsinteresses und des Ge¬
setzlichen in diesen besonderen Rechten und die Zurückführung
derselben auf jenes erfordert eine Besorgung durch Abge¬
ordnete der Regierungsgewalt, die exekutiven
2o Staatsbeamten und die höheren beratenden, insofern ko 1 -
legialisch konstituierten Behörden, welche in den obersten,
den Monarchen berührenden Spitzen zusammenlaufen.“ (§ 289.)
Beiläufig machen wir aufmerksam auf die Konstruktion der
Regierungskollegien, die man z. B. in Frankreich nicht kennt.
25 „I n s o f e r n“ Hegel diese Behörden als „b e r a t e n d e“ anführt,
„insofern“ versteht es sich allerdings von selbst, daß sie
„kollegialisch konstituiert“ sind.
Hegel läßt den „Staat selbst“, die „Regierungsgewalt“ zur
„Besorgung“ des „allgemeinen Staatsinteresses und des Gesetz-
3o liehen etc.“ innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft per „Abge¬
ordnete“ hineintreten, und nach ihm sind eigentlich diese „Regie¬
rungsabgeordneten“, die „exekutiven Staatsbeamten“, die wahre
„Staatsrepräsentatio n“, nicht „der“, sondern „gegen“ die
„bürgerliche Gesellschaft“. Der Gegensatz von Staat und bür-
35 gerlicher Gesellschaft ist also fixiert; der Staat residiert nicht in,
sondern außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, er berührt sie
nur durch seine „Abgeordneten“, denen die „Besorgung
des Staats“ innerhalb dieser Sphären anvertraut ist. Durch
diese „Abgeordneten“ ist der Gegensatz nicht aufgehoben, sondern
io zu einem „gesetzlichen“, „fixen“ Gegensatz geworden. Der
„Staat“ wird als ein dem Wesen der bürgerlichen Gesellschaft
Fremdes und Jenseitiges von Deputierten dieses Wesens gegen die
bürgerliche Gesellschaft geltend gemacht. Die „Polizei“ und das
„Gericht“ und die „Administration“ sind nicht Deputierte der
45 bürgerlichen Gesellschaft selbst, die in ihnen und durch sie ihr
460 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
eigenes allgemeines Interesse verwaltet, sondern Abgeordnete
des Staats, um den Staat gegen die bürgerliche Gesellschaft zu ver¬
walten. Hegel expliziert diesen Gegensatz weiter in der mehr
oben betrachteten offenherzigen Anmerkung.
„Die Regierungsgeschäfte sind objektiver, für sich bereits 5
entschiedener Natur.“ (§291.)
Schließt Hegel daraus, daß sie deswegen um so leichter keine
„Hierarchie des Wissens“ erfordern, daß sie vollständig von der
„bürgerlichen Gesellschaft selbst“ exekutiert werden können? Im
Gegenteil. «
Er macht die tiefsinnige Anmerkung, daß sie durch „Indi¬
viduen“ zu vollführen sind und daß zwischen „ihnen und diesen
Individuen keine unmittelbare natürliche Verknüpfung
liegt“. Anspielung auf die Fürstengewalt, welche nichts anderes
ist als die „natürliche Gewalt der Willkür“, also „ge-15
bo ren“ werden kann. Die „fürstliche Gewalt“ ist nichts als der
Repräsentant des Naturmoments im Willen, der „Herrschaft der
physischen Natur im Staat“.
Die „exekutiven Staatsbeamten“ unterscheiden sich in der Er¬
werbung ihrer Ämter daher wesentlich vom „Fürsten“. u
„Für ihre Bestimmung zu demselben (sc. dem Staatsgeschäft)1)
ist das objektive Moment die Erkenntnis (die subjektive
Willkür entbehrt dieses Moments)1) und der Erweis ihrer Be¬
fähigung, — ein Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis und als die
einzige Bedingung zugleich jedem Bürger die Möglich-ss
ke it, sich dem allgemeinen Stande zu widmen, sichert.“
Diese Möglichkeit jedes Bürgers, Staatsbeamter zu wer¬
den, ist also das zweite affirmative Verhältnis zwischen bürger¬
licher Gesellschaft und Staat, die zweite Identität. Sie ist
von sehr oberflächlicher und dualistischer Natur. Jeder Katholik 3«
hat die Möglichkeit, Priester zu werden (d. h. sich von den Laien
wie der Welt zu trennen). Steht darum weniger das Pfaffentum
dem Katholiken als eine jenseitige Macht gegenüber? Daß jeder
die Möglichkeit hat, das Recht einer anderen Sphäre zu er¬
werben, beweist nur, daß seine eigene Sphäre nicht die Wirk- ss
lichkeit dieses Rechts ist.
Im wahren Staat handelt es sich nicht um die Möglichkeit jedes
Bürgers, sich dem allgemeinen als einem besonderen Stand zu
widmen, sondern um die Fähigkeit des allgemeinen Standes, wirk¬
lich allgemein, d. h. der Stand jedes Bürgers zu sein. Aber Hegel «
geht von der Voraussetzung des pseudo-allgemeinen, des illu¬
sorisch-allgemeinen Standes, der besonderen ständigen Allgemein¬
heit aus.
Die Identität, die er zwischen bürgerlicher Gesellschaft und
x) Das Eingeklammerte von M.
Die Regierungsgewalt
461
Staat konstruiert hat, ist die Identität zweier feindlicher
Heere, wo jeder Soldat die „Möglichkeit“ hat, durch „Deser¬
tion“ Mitglied des „feindlichen“ Heeres zu werden, und aller¬
dings beschreibt Hegel damit richtig den jetzigen empirischen
5 Zustand.
Ebenso verhält es sich mit seiner Konstruktion der „Examina“.
In einem vernünftigen Staat gehört eher ein Examen dazu,
Schuster zu werden, als exekutiver Staatsbeamter; denn die
Schusterei ist eine Fertigkeit, ohne die man ein guter Staatsbürger,
10 ein sozialer Mensch sein kann, aber das nötige „Staatswissen“ ist
eine Bedingung, ohne die man im Staate außer dem Staat lebt,
von sich selbst, von der Luft abgeschnitten ist. Das „Examen“ ist
nichts als eine Freimaurerei-Formel, die gesetzliche Anerkennung
des staatsbürgerlichen Wissens als eines Privilegiums.
is Die „Verknüpfung“ des „Staatsamts“ und des „Individuums“,
dieses objektive Band zwischen dem Wissen der bürgerlichen Ge¬
sellschaft und dem Wissen des Staats, das Examen ist nichts
anderes als die bureaukratische Taufe des Wissens,
die offizielle Anerkenntnis von der Transsubstantiation
90 des profanen Wissens in das heilige (es versteht sich bei jedem
Examen von selbst, daß der Examinator alles weiß). Man hört
nicht, daß die griechischen oder römischen Staatsleute Examina
abgelegt. Aber allerdings, was ist auch ein römischer Staatsmann
contra einen preußischen Regierungsmann!
95 Neben dem objektiven Band des Individuums mit dem
Staatsamt, neben dem Examen findet sich ein anderes Band,
die fürstliche Willkür [§ 292]. „Die subjektive Seite,
daß dieses Individuum aus Mehreren, deren es, da hier das
Objektive nicht (wie z. B. bei der Kunst) in Genialität liegt, not-
3o wendig unbestimmt Mehrere gibt, unter denen der Vorzug
nichts absolut Bestimmbares ist, zu einer Stelle gewählt und er¬
nannt und zur Führung des öffentlichen Geschäfts bevollmächtigt
wird, diese Verknüpfung des Individuums und des Amtes als
zweier sich gegeneinander immer zufälligen Seiten kommt der
35 fürstlichen als der entscheidenden und souveränen Staatsgewalt
zu.“ Der Fürst ist überall der Repräsentant des Zufalls. Außer
dem objektiven Moment des bureaukratischen Glaubensbekennt¬
nisses (Examen) gehört noch das subjektive der fürstlichen
Gnade hinzu, damit der Glaube Früchte trage.
*0 „Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die Monarchie
den Behörden übergibt“ (die Monarchie verteilt, übergibt die be¬
sonderen Staatstätigkeiten als Geschäfte an die Behörden,
verteilt den Staat unter die Bürokraten; sie
übergibt das, wie die heilige römische Kirche die Weihen; die
is Monarchie ist ein System der Emanation; die Monarchie verpachtet
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 35
462 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §5 261—313
die Staatsfunktionen), „machen einen Teil der objektiven
Seite der dem Monarchen innewohnenden Souveränität aus.“
Hegel unterscheidet hier zuerst die objektive Seite der dem
Monarchen innewohnenden Souveränität von der subjek¬
tiven. Früher warf er beide zusammen. Die dem Monarchen 5
innewohnende Souveränität wird hier förmlich mystisch genom¬
men, so wie die Theologen den persönlichen Gott in der Natur
finden. [Früher] hieß es noch, der Monarch ist die subjektive
Seite der dem Staate innewohnenden Souveränität. (§ 293.)
Im § 294 entwickelt Hegel die Besoldung der Beamten 10
aus der Idee. Hier in der Besoldung der Beamten, oder daß
der Staatsdienst zugleich die Sicherheit der empirischen Existenz
garantiert, ist die wirkliche Identität der bürgerlichen
Gesellschaft und des Staats gesetzt. Der Sold des Beamten ist
die höchste Identität, welche Hegel herauskonstruiert. Die Ver- is
Wandlung der Staatstätigkeiten in Ämter, die Tren¬
nung des Staats von der Gesellschaft vorausgesetzt. Wenn Hegel
sagt: „Der Staatsdienst fordert die Aufopferung selbständiger und
beliebiger Befriedigung subjektiver Zwecke“, so erfordert das
jeder Dienst — „und gibt damit eben das Recht, sie in der pflicht- 20
mäßigen Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin liegt nach
dieser Seite die Verknüpfung des allgemeinen und besonderen
Interesses, welche den Begriff und die innere Festigkeit des Staats
ausmacht“, so gilt das 1. von jedem Bedienten, 2. ist es richtig,
daß die Besoldung der Beamten die innere Festigkeit der 25
tiefen modernen Monarchien ausmacht. Nur die Existenz der Be¬
amten ist garantiert,1) im Gegensatz zu dem Mitglied der
bürgerlichen Gesellschaft.
Es kann Hegel nun nicht entgehen, daß er die Regierungs¬
gewalt als einen Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft, und 30
zwar als ein herrschendes Extrem konstruiert hat. Wie stellt er
nun ein identisches Verhältnis her?
Nach § 295 liegt „die Sicherung des Staats und der Regierten
gegen den Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Behörden
und ihrer Beamten“ teils „in ihrer Hierarchie“ (als wenn nicht die 35
Hierarchie der Hauptmißbrauch wäre und die paar per¬
sönlichen Sünden der Beamten gar nicht mit ihren notwen¬
digen hierarchischen Sünden zu vergleichen wären; die Hier¬
archie straft den Beamten, insoweit er gegen die Hierarchie
sündigt oder eine der Hierarchie überflüssige Sünde begeht; aber 40
sie nimmt ihn in Schutz, sobald die Hierarchie in ihm sündigt, zu¬
dem überzeugt sich die Hierarchie schwer von den Sünden ihrer
Glieder) und „in der Berechtigung der Gemeinden, Korpora¬
tionen, als wodurch die Einmischung subjektiver Willkür in die
*) Gestrichen denn sie ist eine heilige
Die Regierungsgewalt
463
den Beamten an vertraute Gewalt für sich gehemmt und die in das
einzelne Benehmen nicht reichende Kontrolle“ (als wenn diese
Kontrolle nicht aus dem Gesichtspunkte der Bureaukratie-Hier-
archie geschähe) „von oben — von unten ergänzt wird“.
5 Die zweite Garantie gegen die Willkür der Bureaukratie sind
also die Korporationsprivilegien.
Fragen wir also Hegel, was ist der Schutz der bürgerlichen Ge¬
sellschaft gegen die Bureaukratie, so antwortet er:
1. Die „H ierarchie“ der Bureaukratie.1) Die Kontrolle.
io Dies, daß der Gegner selbst an Händen und Füßen gebunden wird,
und wenn er nach unten Hammer, nach oben Amboß ist. Wo ist
nun der Schutz gegen die „Hierarchie“? Das kleinere Übel wird
durch das größere allerdings insofern aufgehoben, als es dagegen
verschwindet.
is 2. Der Konflikt, der unaufgelöste Konflikt zwischen Bu¬
reaukratie und Korporation. Der Kampf, die Möglichkeit
des Kampfes, ist die Garantie gegen das Unterliegen. Später
(§ 297) fügt Hegel als Garantien noch die „Institutionen der
Souveränität von oben herab“ hinzu, worunter wieder die Hier-
2o archie verstanden ist.
Aber Hegel bringt noch zwei Momente bei (§ 296).
In dem Beamten selbst — und dies soll ihn humani¬
sieren, die „Leidenschaftlosigkeit, Rechtlichkeit und Milde des
Benehmens“ zur „Sitte“ machen — sollen die „direkte sittliche
25 und Gedankenbildung“ dem Mechanismus seines Wissens und
seiner „wirklichen Arbeit“ „das geistige Gleichgewicht“ halten.
Als wenn nicht der „Mechanismus“ seines „bureaukratischen“
Wissens und seiner „wirklichen Arbeit“ seiner „sittlichen und Ge¬
dankenbildung“ das „Gleichgewicht“ hielte? Und wird nicht sein
30 wirklicher Geist und seine wirkliche Arbeit als Substanz über das
Akzidens seiner sonstigen Begabung siegen? Sein Amt ist ja sein
„substantielles“ Verhältnis und sein „Brot“. Schön nur, daß
Hegel die „direkte sittliche und Gedankenbildung“ dem „Mecha¬
nismus des bureaukratischen Wissens und Arbeitens“ entgegen-
35 stellt! Der Mensch im Beamten soll den Beamten gegen sich selbst
sichern. Aber welche Einheit! Geistiges Gleichgewicht.
Welche dualistische Kategorie!
Hegel führt noch die „Größe des Staats“ an, welche in Ru߬
land nicht gegen die Willkür der „exekutiven Staatsbeamten“
garantiert, jedenfalls ein Umstand ist, der „außer“ dem
„W e s e n“ der Bureaukratie liegt.
Hegel hat die „Regierungsgewalt“ als „Staatsbediententum“
entwickelt.
Hier in der Sphäre des „an und für sich seienden Allgemeinen
x) Gestrichen Ihr Mißbrauch setzt
35*
464 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über $$ 261—313
des Staats selbst“ finden wir nichts als unaufgelöste Konflikte.
Examen und Brot der Beamten sind die letzten Synthesen.
Die Ohnmacht der Bureaukratie, ihren Konflikt mit der Kor¬
poration führt Hegel als letzte Weihe derselben an.
In § 297 wird eine Identität gesetzt, insofern „die Mitglieder 5
der Regierung und die Staatsbeamten den Hauptteil des Mittel¬
standes“ ausmachen. Diesen „Mittelstand“ rühmt Hegel als die
„Grundsäule“ des Staats „in Beziehung auf Rechtlichkeit und
Intelligenz“. (Zusatz zum zitierten Paragraphen.) „Daß dieser
Mittelstand gebildet werde, ist ein Hauptinteresse des Staats, aber 10
dies kann nur in einer Organisation, wie die ist, welche wir ge¬
sehen haben, geschehen, nämlich durch die Berechtigung beson¬
derer Kreise, die relativ unabhängig sind, und durch eine Be¬
amtenwelt, deren Willkür sich an solchen Berechtigten
bricht.“ Allerdings kann nur in einer solchen Organisation das is
Volk als ein Stand, der Mittelstand, erscheinen, aber ist
das eine Organisation, die durch das Gleichgewicht der Privile¬
gien sich in Gang hält? Die Regierungsgewalt ist am schwersten
zu entwickeln. Sie gehört noch in viel höherem Grad als die
gesetzgebende dem ganzen Volk. 20
Hegel spricht später (§ 308 Anmerkung) den eigentlichen
Geist der Bureaukratie aus, wenn er ihn als „Geschäftsroutine“
und den „Horizont einer beschränkten Sphäre“ bezeichnet.
c) Die gesetzgebende Gewalt
§ 298. „Die gesetzgebende Gewalt betrifft die25
Gesetze als solche, insofern sie weiterer Fortbestimmung
bedürfen, und die ihrem Inhalte nach ganz allge¬
meinen1) (sehr allgemeiner Ausdruck) ’) inneren1)
Angelegenheiten. Diese Gewalt ist selbst ein Teil der
Verfassung1), welche ihr vorausgesetzt ist und insofern w
an und für sich außer deren direkten Bestimmung liegt, aber
in der Fortbildung der Gesetze und in dem fortschreitenden
Charakter der allgemeinen Regierungsangelegenheiten ihre
weitere Entwicklung erhält.66
Zunächst fällt es auf, daß Hegel hervorhebt, wie „diese Gewalt 35
selbst ein Teil der Verfassung“ ist, „welcher ihr vorausgesetzt ist
und an und für sich außer deren direkter Bestimmung liegt“, da
Hegel diese Bemerkung weder bei der fürstlichen noch der Regie¬
rungsgewalt, wo sie ebenso wahr ist, angebracht hatte. Dann aber
x) Alles von M. unterstrichen.
’) Das Eingeklammerte von M.
Die gesetzgebende Gewalt
465
konstruiert Hegel erst das Ganze der Verfassung und kann es in¬
sofern nicht voraussetzen; allein darin eben erkennen wir die
Tiefe bei ihm, daß er überall mit dem Gegensatz der Bestim¬
mungen (wie sie in unseren Staaten sind) beginnt und den Akzent
5 darauf legt.
Die „gesetzgebende Gewalt ist selbst ein Teil der V e r f a s -
s u n g“, welche „an und für sich außer deren direkter Bestim¬
mung liegt“. Aber die Verfassung hat sich doch auch nicht von
selbst gemacht. Die Gesetze, die „weiterer Fortbestimmung be-
10 dürfen“, müssen doch formiert worden sein. Es muß eine gesetz¬
gebende Gewalt vor der Verfassung und außer der Verfas¬
sung bestehen oder bestanden haben. Es muß eine gesetzgebende
Gewalt bestehen außer der wirklichen, empirischen, ge¬
setzten gesetzgebenden Gewalt. Aber, wird Hegel antworten:
15 wir setzen einen bestehenden Staat voraus? Allein Hegel ist
Rechtsphilosoph und entwickelt die Staatsgattung. Er darf nicht
die Idee am Bestehenden, er muß das Bestehende an der Idee
messen.
Die Kollision ist einfach. Die gesetzgebende Gewalt
20 ist die Gewalt, das Allgemeine zu organisieren. Sie ist die Gewalt
der Verfassung. Sie greift über über die Verfassung.
Allein anderseits ist die gesetzgebende Gewalt eine verfassungs¬
mäßige Gewalt. Sie ist also unter die Verfassung subsumiert. Die
Verfassung ist Gesetz für die gesetzgebende Gewalt. Sie hat
25 der gesetzgebenden Gewalt Gesetze gegeben und gibt sie ihr be¬
ständig. Die gesetzgebende Gewalt ist nur gesetzgebende Gewalt
innerhalb der Verfassung, und die Verfassung stände hors de loi,
wie sie außerhalb der gesetzgebenden Gewalt stände. Voilà la
collision! Innerhalb der jüngsten französischen Geschichte ist
so mancherlei herumgeknuspert worden.
Wie löst Hegel diese Antinomie?
Zunächst heißt es:
Die Verfassung ist der gesetzgebenden Gewalt „vor¬
ausgesetzt“; sie liegt „insofern an und für sich außer
35 deren direkten Bestimmung“. „Aber“ — aber „in der Fort¬
bildung der Gesetze“ „und in dem fortschreitenden Charakter der
allgemeinen Regierungsangelegenheiten“ „erhält“ sie „ihre wei¬
tere Entwicklung“.
D. h. also: Direkt liegt die Verfassung außerhalb dem Bereich
4o der gesetzgebenden Gewalt, aber indirekt verändert die gesetz¬
gebende Gewalt die Verfassung. Sie tut auf einem Wege, was
sie nicht auf geradem Wege tun kann und darf. Sie zerpflückt sie
en detail, weil sie dieselbe nicht en gros verändern kann. Sie tut
durch die Natur der Dinge und der Verhältnisse, was sie nach der
45 Natur der Verfassung nicht tim sollte. Sie tut materiell.
466 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
faktisch, was sie nicht formell, gesetzlich, verfas¬
sungsmäßig tut.
Hegel hat damit die Antinomie nicht gehoben, er hat sie in eine
andere Antinomie verwandelt, er hat das Wirken der gesetz¬
gebenden Gewalt, ihr verfassungsmäßiges Wirken in «
Widerspruch gestellt mit ihrer verfassungsmäßigen Bestim¬
mung. Es bleibt der Gegensatz zwischen der Verfassung
und der gesetzgebenden Gewalt. Hegel hat das fak¬
tische und das legale Tim der gesetzgebenden Gewalt als
Widerspruch definiert oder auch den Widerspruch zwischen dem, 10
was die gesetzgebende Gewalt sein soll, und dem, was sie wirklich
ist, zwischen dem, was sie zu tun meint, und dem, was sie wirk¬
lich tut.
Wie kann Hegel diesen Widerspruch für das Wahre ausgeben?
„Der fortschreitende Charakter der allgemeinen Regierungs- is
angelegenheiten“ erklärt ebenso wenig, denn eben dieser fort¬
schreitende Charakter soll erklärt werden.
In dem Zusatze trägt Hegel zwar nichts zur Lösung der
Schwierigkeiten bei. Wohl aber stellt er sie noch klarer heraus.
„Die Verfassung muß an und für sich der feste geltende 20
Boden sein, auf dem die gesetzgebende Gewalt steht, und sie
muß deswegen nicht erst gemacht werden. Die Verfassung
ist also, aber ebenso wesentlich wird sie, d. h. sie
schreitet in der Bildung fort. Dieses Fortschreiten ist eine
Veränderung1), die unscheinbar1) ist und nicht2s
die Form der Veränderung1) hat.“
D. h. die Verfassung ist dem Gesetz (der Illusion) nach, aber
sie wird in der Wirklichkeit (der Wahrheit) nach. Sie ist ihrer
Bestimmung nach unveränderlich, aber sie verändert sich wirk¬
lich, nur ist diese Veränderung unbewußt, sie hat nicht die Form 30
der Veränderung. Der Schein widerspricht dem Wesen.
Der Schein ist das bewußte Gesetz der Verfassung, und das
Wesen ist ihr bewußtloses, dem ersten widersprechendes
Gesetz. Es ist nicht im Gesetz, was in der Natur der Sache ist.
Es ist vielmehr das Gegenteil im Gesetz. 3s
Ist das nun das Wahre, daß im Staat, nach Hegel dem höchsten
Dasein der Freiheit, dem Dasein der selbstbewußten Vernunft,
nicht das Gesetz, das Dasein der Freiheit, sondern die blinde
Naturnotwendigkeit herrscht? Und wenn nun das Gesetz der
Sache als widersprechend der gesetzlichen Definition erkannt 40
wird, warum nicht das Gesetz der Sache, der Vernunft auch als das
Staatsgesetz anerkennen, wie nun den Dualismus mit Bewußtsein
O Alles von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt
467
festhalten? Hegel will überall den Staat als die Verwirklichung
des freien Geistes darstellen, aber re vera löst er alle schwierigen
Kollisionen durch eine Naturnotwendigkeit, die im Gegensatz zur
Freiheit steht. So ist auch der Übergang des Sonderinteresses
•5 in das Allgemeine kein bewußtes Staatsgesetz, sondern per Zu¬
fall vermittelt, wider das Bewußtsein sich vollziehend, und
Hegel will überall im Staat die Realisation des freien Willens!
(Hierin zeigt sich der substantielle Standpunkt Hegels.)
Die Beispiele, die Hegel über die allmähliche Verände-
10 rung der Verfassung anführt, sind unglücklich gewählt. So, daß
das Vermögen der deutschen Fürsten und ihrer Familien aus
Privatgut in Staatsdomäne, das persönliche Rechtsprechen der
deutschen Kaiser in Rechtsprechen durch Abgeordnete sich ver¬
wandelt hat. Der erste Übergang hat sich nur so gemacht, daß
is alles Staatseigentum sich in fürstliches Privateigentum umsetzte.
Dabei sind diese Veränderungen partikular. Ganze Staats¬
verfassungen haben sich allerdings so verändert, daß nach und
nach neue Bedürfnisse entstanden, daß das Alte zerfiel etc.; aber
zu der neuen Verfassung hat es immer einer förmlichen Revo-
20 lution bedurft.
„So ist also die Fortbildung eines Zustandes“, schließt
Hegel, „eine scheinbar1) ruhige und unbemerkte. Nach
langer Zeit kommt auf diese Weise eine Verfassung zu einem
ganz anderen Zustand als vorher.“
25 Die Kategorie des allmählichen Überganges ist erstens
historisch falsch, und zweitens erklärt sie nichts.
Damit der Verfassung nicht nur die Veränderung angetan wird,
damit also dieser illusorische Schein nicht zuletzt gewaltsam zer¬
trümmert wird, damit der Mensch mit Bewußtsein tut, was er
io sonst ohne Bewußtsein durch die Natur der Sache gezwungen wird
zu tun, ist notwendig, daß die Bewegung der Verfassung, daß
der Fortschritt zum Prinzip der Verfassung ge¬
macht wird, daß also der wirkliche Träger der Verfassung, das
Volk, zum Prinzip der Verfassung gemacht wird. Der Fortschritt
35 selbst ist dann die Verfassung.
Soll also die „Verfassung“ selbst in den Bereich der „gesetz¬
gebenden Gewalt“ gehören? Diese Frage kann nur aufgeworfen
werden, 1. wenn der politische Staat als bloßer Formalismus des
wirklichen Staats existiert, wenn der politische Staat eine aparte
io Domäne ist, wenn der politische Staat als „Verfassung“ existiert;
2. wenn die gesetzgebende Gewalt anderen Ursprungs ist als die
Regierungsgewalt etc.
Die gesetzgebende Gewalt hat die französische Revolution ge-
9 Von M. unterstrichen.
468 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
macht; sie hat überhaupt, wo sie in ihrer Besonderheit als das
Herrschende auftrat, die großen organischen allgemeinen Revo¬
lutionen gemacht; sie hat nicht die Verfassung, sondern eine be¬
sondere antiquierte Verfassung bekämpft, eben weil die gesetz¬
gebende Gewalt der Repräsentant des Volkes, des Gattungswillens t
war. Die Regierungsgewalt dagegen hat die kleinen Revolutionen,
die retrograden Revolutionen, die Reaktionen gemacht; sie hat
nicht für eine neue Verfassung gegen eine alte, sondern gegen die
Verfassung revolutioniert, eben weil die Regierungsgewalt der
Repräsentant des besonderen Willens, der subjektiven Willkür, 10
des magischen Teils des Willens war.
Wird die Frage richtig gestellt, so heißt sie nur: Hat das Volk
das Recht, sich eine neue Verfassung zu geben? Was unbedingt
bejaht werden muß, indem die Verfassung, sobald sie aufgehört
hat, wirklicher Ausdruck des Volkswillens zu sein, eine praktische u
Illusion geworden ist.
Die Kollision zwischen der Verfassung und der gesetzgeben¬
den Gewalt ist nichts als ein Konflikt der Verfassung
mit sich selbst, ein Widerspruch im Begriff der Verfassung.
Die Verfassung ist nichts als eine Akkommodation zwischen 20
dem politischen und unpolitischen Staat; sie ist daher notwendig
in sich selbst *) ein Traktat wesentlich heterogener Gewalten. Hier
ist es also dem Gesetz unmöglich, auszusprechen, daß eine dieser
Gewalten, ein Teil der Verfassung, das Recht haben soll, die Ver¬
fassung selbst, das Ganze, zu modifizieren. 33
Soll von der Verfassung als einem Besonderen gesprochen wer¬
den, so muß sie vielmehr als ein Teil des Ganzen betrachtet werden.
Wurden unter der Verfassung die allgemeinen Bestimmungen,
die Fundamentalbestimmungen des vernünftigen Willens, ver¬
standen, so versteht sich, daß jedes Volk (Staat) diese zu seiner 30
Voraussetzung hat und daß sie sein politisches Credo bilden müs¬
sen. Das ist eigentlich Sache des Wissens und nicht des Willens.
Der Wille eines Volks kann ebenso wenig über die Gesetze der
Vernunft hinaus als der Wille eines Individuums. Bei einem un¬
vernünftigen Volk kann überhaupt nicht von einer vernünftigen 35
Staatsorganisation die Rede sein.
Hier in der Rechtsphilosophie ist überdem der Gattungswille
unser Gegenstand.
Die gesetzgebende Gewalt macht das Gesetz nicht; sie entdeckt
und formuliert es nur1). 39
Man hat diese Kollision zu lösen gesucht durch die Unterschei¬
dung zwischen assemblée constituante*) und assemblée constituée.
O Gestrichen die Akkom[modation]
s) Nach nur gestrichen Daß also in der Demokratie die gesetzgebende Gewalt die
Organisation des Ganzen daher nicht ausmacht no[ch] 8) Im Ms. constitution
Die gesetzgebende Gewalt
469
§ 299. „Diese Gegenstände (die Gegenstände der ge¬
setzgebenden Gewalt)1) bestimmen sich in Beziehung auf
die Individuen näher nach den zwei Seiten: a) was durch
den Staat ihnen zugute kommt und sie zu genießen und
« 0) was sie demselben zu leisten haben. Unter jenem sind
die privatrechtlichen Gesetze überhaupt, die Rechte der Ge¬
meinden und Korporationen und ganz allgemeine Veranstal¬
tungen und indirekt (§ 298) das Ganze der Verfassung be¬
griffen. Das zu Leistende aber kann nur, indem es auf
io G e 1 d, als den existierenden allgemeinen Wert der Dinge
und der Leistungen, reduziert wird, auf eine gerechte Weise
und zugleich auf eine Art bestimmt werden, daß die be¬
sonderen Arbeiten und Dienste, die der Einzelne leisten
kann, durch seine Willkür vermittelt werden.“
15 Über diese Bestimmung der gesetzgebenden Gewalt bemerkt
Hegel selbst in der Anmerkung zu diesem Paragraphen:
„Was Gegenstand der allgemeinen Gesetzgebung und
was der Bestimmung der Administrativ-Behörden und der
Regulierung der Regierung überhaupt anheimzustellen sei,
to läßt sich zwar im Allgemeinen so unterscheiden, daß in jene
nur das dem Inhalte nach ganz Allgemeine*), die
gesetzlichen Bestimmungen, in diese aber das Beson¬
dere*) und die Art und Weise der Exekution falle.
Aber völlig bestimmt ist diese Unterscheidung schon da-
25 durch nicht, daß das Gesetz, damit es Gesetz, nicht ein
bloßes Gebot überhaupt sei (wie: „du sollst nicht
töten“ [. . .]), in sich bestimmt sein muß; je be¬
stimmter es aber ist, desto mehr nähert sich sein Inhalt der
Fähigkeit, so, wie es ist, ausgeführt zu werden. Zugleich
io aber würde die so weit gehende Bestimmung den Gesetzen
eine empirische Seite geben, welche in der wirklichen Aus¬
führung Abänderungen unterworfen werden müßte, was
dem Charakter von Gesetzen Abbruch täte. In der orga¬
nischen Einheit*) der Staatsgewalten liegt es selbst,
ss daß es Ein Geist ist, der das Allgemeine festsetzt, und
1 ) Das Eingeklammerte von M. •
2) Alles von M. unterstrichen.
470 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §S 261—313
der es zu seiner bestimmten Wirklichkeit bringt und aus¬
führt.“
Aber eben diese organische Einheit ist es, die Hegel
nicht konstruiert hat. Die verschiedenen Gewalten haben ein ver¬
schiedenes Prinzip. Sie sind dabei feste Wirklichkeit. Von ihrem s
wirklichen Konflikt an die imaginäre „organische Einheit“
sich flüchten, statt sie als Momente einer organischen Einheit ent¬
wickelt zu haben, ist daher nur leere mystische Ausflucht.
Die erste ungelöste Kollision war die zwischen der ganzen
Verfassung und der gesetzgebenden Gewalt. 10
Die zweite ist die zwischen der gesetzgebenden und
der Regierungsgewalt, zwischen dem Gesetz und der
Exekution.
Die zweite Bestimmung des Paragraphen ist, daß die einzige
Leistung, die der Staat von den Individuen fordert, das «
Geld ist.
Die Gründe, die Hegel dafür anführt, sind:
1. das Geld ist der existierende allgemeine Wert der Dinge
und der Leistungen ;
2. das zu Leistende kann nur durch diese Reduktion auf eine 20
gerechte Art bestimmt werden ;
3. nur dadurch kann die Leistung auf eine solche Art bestimmt
werden, daß die besonderen Arbeiten und Dienste, die der
Einzelne leisten kann, durch seine Willkür vermittelt werden.
Hegel bemerkt in der Anmerkung: 25
ad 1. „Es kann im Staate zunächst auffallen, daß von
den vielen Geschicklichkeiten, Besitztümern, Tätigkeiten,
Talenten und darin liegenden unendlich mannigfaltigen
lebendigen Vermögen, die zugleich mit Gesinnung ver¬
bunden sind, der Staat keine direkte Leistung fordert, son- »
dem nur das eine Vermögen in Anspruch nimmt, das als
Geld erscheint. — Die Leistungen, die sich auf die Ver¬
teidigung des Staats gegen Feinde beziehen, gehören erst zu
der Pflicht der folgenden Abteilung (nicht der folgenden
Abteilung, aber anderer Gründe wegen werden wir erst»
später auf die persönliche Pflicht zum Militärdienst kom¬
men)1). In der Tat ist das Geld aber nicht ein besonderes
Vermögen neben den übrigen, sondern es ist das Allgemeine
derselben, insofern sie sich zu der Äußerlichkeit des Daseins
O Das Eingeklammerte von M.
Die gesetzgebende Gewalt
471
produzieren, in der sie als eine Sache gefaßt werden
können.“
„Bei uns“, heißt es weiter in dem Zusatze, „kauft der
Staat, was er braucht.“
s ad 2. „Nur an dieser äußerlichsten Spitze (sc. worin die
Vermögen sich zu der Äußerlichkeit des Daseins produ¬
zieren, in der sie als eine Sache gefaßt werden können)1)
ist die quantitative Bestimmtheit und damit die Ge¬
rechtigkeit und Gleichheit der Leistungen’)
10 möglich.“
Im Zusatze heißt es:
„Durch Geld kann aber die Gerechtigkeit der
Gleichheit’) weit besser durchgeführt werden.“ „Der
Talentvolle würde sonst mehr besteuert sein als der Talent-
15 lose, wenn es auf die konkrete Fähigkeit ankäme.“
ad 3. „Plato läßt in seinem Staate die Individuen den
besonderen Ständen durch die Oberen zuteilen und ihnen
ihre besonderen Leistungen auflegen [. . .]; in der
Feudal-Monarchie hatten Vasallen ebenso unbestimmte
20 Dienste, aber auch in ihrer Besonderheit, z. B. das
Richteramt u. s. f. zu leisten; die Leistungen im Orient,
Ägypten für die unermeßlichen Architekturen u. s. f. sind
ebenso von besonderer Qualität u. s. f. In diesen Ver¬
hältnissen mangelt das Prinzip der subjektiven F r e i-
wheit, daß das substantielle Tun des Individuums, das in
solchen Leistungen ohnehin seinem Inhalte nach ein Be¬
sonderes ist, durch seinen besonderen Willen ver¬
mittelt sei; — ein Recht, das allein durch die Forderung der
Leistungen in der Form des allgemeinen Wertes möglich
3o und das der Grund ist, der diese Verwandlung herbeigeführt
hat.“ Im Zusatz heißt es: „Bei uns kauft der Staat, was
er braucht, und dies kann zunächst als abstrakt, tot und ge¬
mütlos erscheinen, und es kann auch aussehen, als wenn
der Staat dadurch heruntergesunken wäre, daß er sich mit
35 abstrakten Leistungen befriedigt. Aber es liegt in dem Prin-
x) Das Eingeklammerte von M.
’) Alles von M. unterstrichen.
472 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
zip des neueren Staates, daß Alles, was das Individuum tut,
durch seinen Willen vermittelt sei.“ . . . „Nun aber wird
eben dadurch Respekt1) vor der subjektiven Freiheit an
den Tag gelegt, daß man jemanden nur an dem ergreift, an
welchem er ergriffen werden kann.“ *
Tut, was ihr wollt, bezahlt, was ihr sollt.
Der Eingang des Zusatzes lautet:
„Die zwei Seiten der Verfassung beziehen sich auf die
Rechte und Leistungen der Individuen. Was nun die
Leistungen betrifft, so reduzieren sie sich jetzt fast alle auf
Geld. Die Militärpflicht ist jetzt fast nur die einzige per¬
sönliche Leistung ’).“
§ 300. „In der gesetzgebenden Gewalt als Totalität1)
sind zunächst die zwei anderen Momente wirksam, das
monarchische, als dem die höchste Entscheidung zu- «
kommt, — die Regierungsgewalt als das mit der
konkreten Kenntnis und Übersicht des Ganzen in seinen
vielfachen Seiten und den darin festgewordenen1)
wirklichen Grundsätzen, sowie mit der Kenntnis der Bedürf¬
nisse der Staatsgewalt insbesondere, beratende Moment, — 20
endlich das ständische Element.“
Die monarchische Gewalt und die Regierungsgewalt sind
gesetzgebende Gewalt. Wenn aber die gesetzgebende Gewalt die
Totalität ist, müßten vielmehr monarchische Gewalt und Re¬
gierungsgewalt Momente der gesetzgebenden Gewalt sein. Das 22
hinzutretende ständische Element ist nur gesetzgebende
Gewalt oder die gesetzgebende Gewalt im Unterschied zu der
monarchischen und Regierungsgewalt.
§ 301. „Das ständische Element hat die Bestim¬
mung, daß die allgemeine Angelegenheit nicht nur an »
sich, sondern auch f ü r si ch, d. i. daß das Moment der
subjektiven formellen Freiheit, das öffentliche Be¬
wußtsein als empirische Allgemeinheit der An¬
sichten und Gedanken der Vielen, darin zur Existenz
komme.“ «
*) Von M. unterstrichen.
2) Der größere Teil dieser (73.) Seite des Manuskriptes und die folgende (74.)
Seite ist leer gelassen. § 300 beginnt schon auf der 75. Seite.
Die gesetzgebende Gewalt
473
Das ständische Element ist eine Deputation der bürgerlichen
Gesellschaft an den Staat, dem sie als die „Vielen“ gegenüber¬
stehen. Die Vielen sollen einen Augenblick die allgemeinen An¬
gelegenheiten mit Bewußtsein als ihre eigenen behandeln, als
5 Gegenstände des öffentlichen Bewußtseins, welches
nach Hegel nichts ist als die „empirischeAllgemeinheit
der Ansichten und Gedanken der Vielen“ (und in Wahrheit ist
es in den modernen, auch den konstitutionellen, Monarchien nichts
anderes). Es ist bezeichnend, daß Hegel, der so großen Respekt
10 vor dem Staatsgeist, dem sittlichen Geist, dem Staatsbewußtsein
hat, es da, wo es ihm in wirklicher empirischer Gestalt gegenüber¬
tritt, förmlich verachtet.
Dies ist das Rätsel des Mystizismus. Dieselbe phantastische
Abstraktion, die das Staatsbewußtsein in der unangemes-
io senen Form der Bureaukratie, einer Hierarchie des Wissens,
wiederfindet und diese unangemessene Existenz unkritisch für die
wirkliche Existenz hinnimmt als vo 11 g ü 11 i g, dieselbe mystische
Abstraktion gesteht ebenso unbefangen, daß der wirkliche empi¬
rische Staatsgeist, das öffentliche Bewußtsein, ein
so bloßes Potpourri von „Gedanken und Ansichten der Vielen“ sei.
Wie sie der Bureaukratie ein fremdes Wesen unterschiebt, so läßt
sie dem wahren Wesen die unangemessene Form der Erscheinung,
Hegel idealisiert die Bureaukratie und empirisiert das öffentliche
Bewußtsein. Hegel kann das wirkliche öffentliche Bewußtsein sehr
so à part behandeln, eben weil er das à part Bewußtsein als das öffent¬
liche behandelt hat. Er braucht sich um so weniger um die wirk¬
liche Existenz des Staatsgeistes zu kümmern, als er schon in seinen
soi-disant Existenzen ihn gehörig realisiert zu haben meint. So¬
lange der Staatsgeist mystisch im Vorhof spukte, wurden ihm viel
io Reverenzen gemacht. Hier, wo wir ihn [in] persona gehascht,
wird er kaum angesehen.
„Das ständische Element hat die Bestimmung, daß die allge¬
meine Angelegenheit nicht nur an sich, sondern auch für
sich darin zur Existenz komme.“ Und zwar kommt sie für sich
so zur Existenz als das „öffentliche Bewußtsein“, „als empi¬
rische Allgemeinheit der Ansichten und Gedanken der
Vielen“.
Das Subjektwerden der „allgemeinen Angelegenheit“, die auf
diese Weise verselbständigt wird, wird hier als ein Moment des
io Lebensprozesses der „allgemeinen Angelegenheit“ dargestellt.
Statt daß die Subjekte sich in der „allgemeinen Angelegenheit“
vergegenständlichten, läßt Hegel die „allgemeine Angelegenheit“
zum „Subjekt“ kommen. Die Subjekte bedürfen nicht der „all¬
gemeinen Angelegenheit“ als ihrer wahren Angelegenheit, son-
io dem die allgemeine Angelegenheit bedarf der Subjekte zu ihrer
474 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über {§ 261—313
formellen Existenz. Es ist eine Angelegenheit der „allge¬
meinen Angelegenheit“, daß sie auch als Subjekt existiere. Es
ist hier besonders der Unterschied zwischen dem „A n s i c h s e i n“
und dem „Fürsichsein“ der allgemeinen Angelegenheit ins
Auge zu fassen. 5
Die „allgemeine Angelegenheit“ existiert schon „an
sich“ als das Geschäft der Regierung etc., sie existiert, ohne
wirklich die allgemeine Angelegenheit zu sein, sie ist
nichts weniger als dies, denn sie ist nicht die Angelegenheit der
„bürgerlichen Gesellschaft“. Sie hat schon ihre 10
wesentliche an sich seiende Existenz gefunden. Daß sie nun
auch wirklich „öffentliches Bewußtsein“, „empirische Allgemein¬
heit“ wird, ist rein formell und kommt gleichsam nur symbo¬
lisch zur Wirklichkeit. Die „formelle“ Existenz oder die empi¬
rische1) Existenz der allgemeinen Angelegenheit ist getrennt von 15
ihrer substantiellen Existenz. Die Wahrheit davon ist:
die an sich seiende „allgemeine Angelegenheit“ ist nicht
wirklich allgemein, und die wirkliche empirische
allgemeine Angelegenheit ist nur formell.
Hegel trennt Inhalt und Form, Ansichsein und Für- s«
sichsein und läßt das letztere als ein formelles Moment
äußerlich hinzutreten. Der Inhalt ist fertig und existiert in vielen
Formen, die nicht die Formen dieses Inhalts sind; wogegen es sich
von selbst versteht, daß die Form, die nun für die wirkliche Form
des Inhalts gelten soll, nicht den wirklichen Inhalt zu ihrem In- xs
halt hat.
Die allgemeine Angelegenheit ist fertig, ohne daß
sie wirkliche Angelegenheit des Volks wäre. Die wirkliche Volks¬
sache ist ohne Tun des Volks zustande gekommen. Das ständische
Element ist die illusorische Existenz der Staats- 3»
angelegenheiten als einer Volkssache. Die Illusion, daß die all¬
gemeine Angelegenheit allgemeine Angelegenheit, öf¬
fentliche Angelegenheit sei, oder die Illusion, daß die Sache
des Volks allgemeine Angelegenheit sei. So weit ist es sowohl in
unseren Staaten als in der Hegelschen Rechtsphilosophie gekom- 3s
men, daß der tautologische Satz: „Die allgemeine Angelegenheit
ist die allgemeine Angelegenheit“, nur als eine Illusion des
praktischen Bewußtseins erscheinen kann. Das stän¬
dische Element ist die politische Illusion der
bürgerlichen Gesellschaft. Die subjektive Frei- u
heit erscheint bei Hegel als formelle Freiheit (es ist aller¬
dings wichtig, daß das Freie auch frei getan werde, daß die Frei¬
heit nicht als bewußtloser Naturinstinkt der Gesellschaft herrsche),
eben weil er die objektive Freiheit nicht als Verwirklichung, als
9 Kott, aus „wirkliche“
Die gesetzgebende Gewalt
475
Betätigung der subjektiven hingestellt hat. Weil er dem präsum¬
tiven oder wirklichen Inhalt der Freiheit einen mystischen Träger
gegeben hat, so bekommt das wirkliche Subjekt der Freiheit eine
formelle Bedeutung. Die Trennung des Ansichs und des
«Fürsichs, der Substanz und des Subjekts, ist abstrakter
Mystizismus.
Hegel setzt in der Anmerkung das „ständische Element“ recht
sehr als ein „Formelles“, „Illusorisches“ auseinander.
Sowohl das Wissen als der Wille des „ständischen Ele-
10 mentes“ sind teils unbedeutend, teils verdächtig, d. h. das stän¬
dische Element ist kein inhaltsvolles Komplement.
1. „Die Vorstellung, die das gewöhnliche Bewußtsein
über die Notwendigkeit oder Nützlichkeit der Konkurrenz
von Ständen zunächst vor sich zu haben pflegt, ist vomehm-
is lieh etwa, daß die Abgeordneten aus dem Volk oder gar das
Volk es am besten verstehen müsse, was zu
seinem Besten diene, und daß es den ungezweifelt besten
Willen für dieses Beste habe. Was das erstere betrifft, so ist
vielmehr der Fall, daß das Volk, insofern mit diesem Worte
io ein besonderer Teil der Mitglieder eines Staats bezeichnet
ist, den Teil ausdrückt, der nicht weiß, was er will.
Zu wissen, was man will, und noch mehr, was der an und für
sich seiende Wille, die Vernunft, will, ist die Frucht tiefer
Erkenntnis (die wohl in den Bureaus steckt)1) und Ein-
2s sicht, welche eben nicht die Sache des Volks ist.“
Mehr unten heißt es in bezug auf die Stände selbst:
„Die höchsten Staatsbeamten haben notwendig tiefere
und umfassendere Einsicht in die Natur der Einrichtungen
und Bedürfnisse des Staats sowie die größere Geschick-
io lichkeit und Gewohnheit dieser Geschäfte und können
ohne Stände das Beste tun, wie sie auch fortwährend bei
den ständischen Versammlungen das Beste tun müssen.“
Und es versteht sich, daß bei der von Hegel beschriebenen Or¬
ganisation dies vollständig wahr ist.
u 2. „Was aber den vorzüglich guten Willen der
Stände für das allgemeine Beste betrifft, so ist schon oben
[. . .] bemerkt worden, daß es zu der Ansicht des Pöbels,
dem Standpunkte des Negativen überhaupt gehört, bei der
x) Das Eingeklammerte von M.
476 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Regierung einen bösen oder weniger guten Willen vor¬
auszusetzen; — eine Voraussetzung, die zunächst, wenn
in gleicher Form geantwortet werden sollte, die Rekri-
mination zur Folge hätte, daß die Stände, da sie von der
Einzelnheit, dem Privatstandpunkt und den besonderen In- «
teressen herkommen, für diese auf Kosten des allgemeinen
Interesses ihre Wirksamkeit zu gebrauchen geneigt seien,
dahingegen die anderen Momente der Staatsgewalt schon
für sich auf den Standpunkt des Staats gestellt und dem all¬
gemeinen Zwecke gewidmet sind.“ t»
Also Wissen und Willen der Stände sind teils über¬
flüssig, teils verdächtig. Das Volk weiß nicht, was es will. Die
Stände besitzen nicht die Staatswissenschaft im Maße der Be¬
amten, deren Monopol sie ist. Die Stände sind überflüssig zum
Vollbringen der „allgemeinen Angelegenheit“. Die Beamten «
können sie ohne Stände vollbringen, ja sie müssen trotz der
Stände das Beste tun. Was also den Inhalt betrifft, so sind die
Stände reiner Luxus. Ihr Dasein ist daher im wörtlichsten Sinne
eine bloße Form.
Was ferner die Gesinnung, den Willen der Stände betrifft, so
so ist er verdächtig, denn sie kommen vom Privatstandpunkt und
den Privatinteressen her. In Wahrheit ist das Privatinteresse ihre
allgemeine Angelegenheit und nicht die allgemeine Angelegen¬
heit ihr Privatinteresse. Aber welche Manier der „allgemeinen
Angelegenheit“, F o r m zu gewinnen als allgemeine Angelegen- 2;
heit in einem Willen, der nicht weiß, was er will, wenigstens nicht
ein besonderes Wissen des Allgemeinen besitzt, und in einem
Willen, dessen eigentlicher Inhalt ein entgegenstehendes Inter¬
esse ist!
In den modernen Staaten, wie in Hegels Rechtsphilosophie, ist a>
die bewußte, die wahre Wirklichkeit der allge¬
meinen Angelegenheiten nur formell, oder nur
das Formelle ist wirkliche allgemeine Ange¬
legenheit.
Hegel ist nicht zu tadeln, weil er das Wesen des modernen «
Staats schildert, wie es ist, sondern weil er das, was ist, für das
Wesen des Staats ausgibt. Daß das Vernünftige wirklich ist,
bewegt sich eben im Widerspruch der unvernünftigen
Wirklichkeit, die an allen Ecken das Gegenteil von dem ist,
was sie aussagt, und das Gegenteil von dem aussagt, was sie ist. «
Statt daß Hegel zeigte, wie die „allgemeine Angelegenheit“
für sich „subjektiv, daher wirklich als solche existiere“, daß sie
auch die Form der allgemeinen Angelegenheit hat, zeigt er nur,
Die gesetzgebende Gewalt
477
daß die Formlosigkeit ihre Subjektivität ist, und eine Form
ohne Inhalt muß formlos sein. Die Form, welche die allgemeine
Angelegenheit in einem Staate gewinnt, der nicht der Staat der
allgemeinen Angelegenheit ist, kann nur eine Unform, eine sich
« seihst täuschende, eine1) sich selbst widersprechende Form sein,
eine Scheinform, die sich als dieser Schein ausweisen
wird.
Hegel will den Luxus des ständischen Elements nur der Logik
zuliebe. Das Fürsichsein der allgemeinen Angelegenheit
10 als empirische Allgemeinheit soll ein Dasein haben. Hegel sucht
nicht nach einer adäquaten Verwirklichung des „Fürsichseins der
allgemeinen Angelegenheit“, er begnügt sich, eine empirische Exi¬
stenz zu finden, die in diese logische Kategorie aufgelöst werden
kann; das ist dann das ständische Element: wobei er nicht ver-
15 fehlt, selbst anzumerken, wie erbärmlich und widerspruchsvoll
diese Existenz ist. Und dann wirft er noch dem gewöhnlichen Be¬
wußtsein vor, daß es sich mit dieser logischen Satisfaktion nicht
begnügt, daß es sich nicht die Wirklichkeit durch willkür¬
liche Abstraktion in Logik aufgelöst, sondern die Logik in
to wahre Gegenständlichkeit verwandelt sehen will.
Ich sage: willkürliche Abstraktion. Denn da die Regie¬
rungsgewalt die allgemeine Angelegenheit will, weiß,
verwirklicht, aus dem Volk hervorgeht und eine empirische Viel¬
heit ist (daß es sich nicht um Allheit handelt, belehrt uns Hegel
*5 ja selbst), warum sollte die Regierungsgewalt nicht als das „Für¬
sichsein der allgemeinen Angelegenheit“ bestimmt werden
können? oder warum nicht die „Stände“ als ihr Ansichsein,
da die Sache erst in der Regierung Licht und Bestimmtheit und
Ausführung und Selbständigkeit gewinnt?
3o Aber der wahre Gegensatz ist: „Die allgemeine Angelegenheit“
muß doch irgendwie im Staat als „wirkliche“, also „empirische“
„allgemeine Angelegenheit“ repräsentiert sein; sie muß
irgendwo in der Krone und dem Talar des Allgemeinen erscheinen,
wodurch es von selbst zu einer Rolle, einer Illusion wird.
3s Es handelt sich hier um den Gegensatz des „Allgemeinen“ als
„F o r m“, in der „Form der Allgemeinheit“, „und des Allge¬
meinen als Inhalt“.
Z. B. in der Wissenschaft kann ein „Einzelner“ die allgemeine
Angelegenheit vollbringen, und es sind immer Einzelne, die sie
to vollbringen. Aber wirklich allgemein wird sie erst, wenn sie nicht
mehr die Sadie des Einzelnen, sondern die der Gesellschaft ist.
Das verändert nicht nur die Form, sondern auch den Inhalt. Hier
aber handelt es sich um den Staat, wo das Volk selbst die allge-
meine Angelegenheit ist, hier handelt es sich um den Willen, der
O Gestrichen ihrem Inhalt
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 36
478 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
sein wahres Dasein als Gattungswille nur im selbstbewußten
Willen des Volkes hat. Und hier handelt es sich überdem von der
Idee des Staats.
Der moderne Staat, in dem die „allgemeine Angelegenheit“
wie die Beschäftigung mit derselben ein Monopol ist und dagegen 0
die Monopole die wirklichen allgemeinen Angelegenheiten sind,
hat die sonderbare Erfindung gemacht, die „allgemeine An¬
gelegenheit“ als eine bloßeForm sich anzueignen. (Das Wahre
ist, daß nur die Form allgemeine Angelegenheit ist.) Er hat da¬
mit die entsprechende Form für seinen Inhalt gefunden, der nur 10
scheinbar die wirkliche allgemeine Angelegenheit ist.
Der konstitutionelle Staat ist der Staat, in dem das Staats¬
interesse als wirkliches Interesse des Volkes nur formell, aber
als eine bestimmte Form neben dem wirklichen Staat vor¬
handen ist; das Staatsinteresse hat hier formell wieder Wirk- is
lichkeit erhalten als Volksinteresse, aber es soll auch nur diese
formelle Wirklichkeit haben. Es ist zu einer Forma¬
lität, zu dem haut goût des Volkslebens geworden, eine Zere¬
monie. Das ständische Element ist die sanktionierte,
gesetzliche Lüge der konstitutionellen Staaten, daß der 20
Staat das Interesse des Volks oder daß das Volk das
Staatsinteresse ist.^Im Inhalt wird sich diese Lüge ent¬
hüllen. Als gesetzgebende Gewalt hat sie sich etabliert, eben
weil die gesetzgebende Gewalt das Allgemeine zu ihrem Inhalt hat,
mehr Sache des Wissens als des Willens, die metaphysische 2t
Staats g e w a 11 ist, während dieselbe Lüge als Regierungsgewalt
etc. entweder sich sofort auf lösen oder in eine Wahrheit verwan¬
deln müßte. Die metaphysische Staatsgewalt war der geeignetste
Sitz der metaphysischen, allgemeinen Staatsillusion.
[§ 301.] „Die Gewährleistung, die für das allgemeine 3»
Beste und die öffentliche Freiheit in den Ständen liegt, fin¬
det sich bei einigem Nachdenken nicht in der besonderen
Einsicht derselben [. . .], sondern sie liegt teils wohl in
einer Zutat (ü)1) von Einsicht der Abgeordneten, vor¬
nehmlich in das Treiben der den Augen der höheren Stellen 35
ferner stehenden Beamten, und insbesondere in dringen¬
dere und speziellere Bedürfnisse und Mängel, die [sie] in
konkreter Anschauung vor sich haben, teils aber in der¬
jenigen Wirkung, welche die zu erwartende Zensur Vieler
und zwar eine öffentliche Zensur mit sich führt, schon im 4»
voraus die beste Einsicht auf die Geschäfte und vorzulegen-
x) Von M. unterstrichen und durch (!!) her vor gehoben.
Die gesetzgebende Gewalt
479
den Entwürfe zu verwenden und sie nur den reinsten Mo¬
tiven gemäß einzurichten — eine Nötigung, die ebenso für
die Mitglieder der Stände selbst wirksam ist.“
„Was hiermit die Garantie überhaupt betrifft, welche be-
« sonders in den Ständen liegen soll, so teilt auch j e d e a n -
dere der Staatsinstitutionen1) dies mit ihnen,
eine Garantie des öffentlichen Wohls und der vernünftigen
Freiheit zu sein, und es gibt darunter Institutionen, wie
die Souveränität des Monarchen, die Erblichkeit der Thron-
10 folge, Gerichtsverfassung u. s. f., in welchen diese Garantie
noch in viel stärkerem Grade liegt. Die eigentüm¬
liche1) Begriffsbestimmung der Stände ist deshalb darin
zu suchen, daß in ihnen das subjektive Moment der allge¬
meinen Freiheit, die eigene Einsicht und der eigene Wille
is der Sphäre, die in dieser Darstellung bürgerliche Gesell¬
schaft genannt worden ist, in Beziehung auf den
Staat zur Existenz kommt. Daß dies Moment eine
Bestimmung der zur Totalität entwickelten Idee ist, diese
innere Notwendigkeit, welche nicht mit äußeren N o t -
20Wendigkeiten und Nützlichkeiten zu verwech¬
seln ist, folgt, wie überall, aus dem philosophischen Ge¬
sichtspunkte.“
Die öffentliche allgemeine Freiheit i st in den anderen Staats¬
institutionen angeblich garantiert, die Stände sind ihre angebliche
25 Selbstgarantierung. Daß das Volk auf die Stände’), in denen es
selbst sich zu versichern glaubt, mehr Gewicht legt als auf die
Institutionen, die ohne sein Tun die Assekuranzen seiner Freiheit
sein soll [en], Bestätigungen seiner Freiheit, ohne Betätigungen
seiner Freiheit zu sein. Die Koordination, welche Hegel den
jo Ständen neben den anderen Institutionen anweist, widerspricht
ihrem Wesen.
Hegel löst das Rätsel, wenn er die „eigentümliche Begriffs¬
bestimmung der Stände“ darin findet, daß in ihnen „die eigene
Einsicht und der eigene Wille . . . der bürgerlichen Gesellschaft
»6 in Beziehung auf den Staat zur Existenz kommt.“
Es ist die Reflexion der bürgerlichen Gesell¬
schaft auf den Staat. Wie die Bureaukraten Abgeord¬
nete des Staats an die bürgerliche Gesellschaft, so sind die
Stände A bgeordnete der bürgerlichen Gesell-
O Alles von M. unterstrichen.
2) Bei M. versehentlich in den Ständen
36e
480 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
schäft an den Staat. Es sind also immer Transaktionen
zweier gegensätzlicher Willen.
Im Zusatz zu diesem Paragraphen heißt es:
„Die Stellung der Regierung zu den Ständen soll keine
wesentlich1) feindliche sein, und der Glaube an die Not- «
wendigkeit dieses feindseligen Verhältnisses ist ein trauriger
Irrtum“;
ist eine „traurige Wahrheit“.
„Die Regierung ist keine Partei, der eine andere gegen¬
übersteht.“ 10
Umgekehrt.
„Die Steuern, die die Stände bewilligen, sind ferner nicht
wie ein Geschenk1) anzusehen, das dem Staate gegeben
wird, sondern sie werden zum Besten der Bewilligenden
selbst bewilligt.“ «
Die Steuerbewilligung ist im konstitutionellen Staat der Mei¬
nung nach notwendig ein Geschenk.
„Was die eigentliche Bedeutung der Stände ausmacht, ist, daß
der Staat1) dadurch in das subjektive Bewußt¬
sein des Volks tritt1), und daß es an demselben teilzu- io
haben anfängt.“ Das letztere ist ganz richtig. Das Volk in den
Ständen fängt an, teilzuhaben am Staat, ebenso tritt er als ein
jenseitiger in sein subjektives Bewußtsein. Wie kann Hegel diesen
Anfang aber für die volle Realität ausgeben!
§ 302. „Als vermittelndes Organ betrachtet,«
stehen die Stände zwischen der Regierung überhaupt einer¬
seits, und dem in die besonderen Sphären und Individuen
aufgelösten Volke andererseits. Ihre Bestimmung fordert
an sie so sehr den Sinn und die Gesinnung des
Staats und der Regierung, als der Interessen der»
besonderen Kreise und der Einzelnen. Zugleich
hat diese Stellung die Bedeutung einer mit der organisier¬
ten’) Regierungsgewalt gemeinschaftlichen Vermittlung,
daß weder die fürstliche Gewalt als Extrem isoliert und
dadurch als bloße Herrschergewalt und Willkür erscheine,
O Alles von M. unterstrichen.
2) Bei M. organischen
Die gesetzgebende Gewalt
481
noch daß die besonderen Interessen der Gemeinden, Kor¬
porationen und der Individuen sich isolieren, oder noch
mehr, daß die Einzelnen nicht zur Darstellung einer
Menge und eines Haufens, zu einem somit unorga-
5 nischen Meinen und Wollen und zur bloß massenhaften Ge¬
walt gegen den organischen Staat kommen.66
Staat und Regierung werden immer als identisch auf die eine
Seite, das in die besonderen Sphären und Individuen aufgelöste
Volk auf die andere Seite gesetzt. Die Stände stehen als ver-
10 mittelndes Organ zwischen beiden. Die Stände sind die
Mitte, worin „Sinn und Gesinnung des Staats und der Regierung“
Zusammentreffen, vereinigt sein sollen mit „Sinn und Gesinnung
der besonderen Kreise und der einzelnen“. Die Identität dieser
beiden entgegengesetzten Sinne und Gesinnungen, in deren1) Iden-
16 tität eigentlich der Staat liegen sollte, „erhält eine sym¬
bolische Darstellung in den Stände n“. Die Transaktion
zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft erscheint als eine
besondere Sphäre. Die Stände sind die Synthese zwi¬
schen Staat und bürgerlicher Gesellschaft. Wie
so die Stände es aber anfangen sollen, zwei widersprechende Gesin¬
nungen in sich zu vereinen, ist nicht angegeben. Die Stände
sind der gesetzte Widerspruch des Staates und der bür¬
gerlichen Gesellschaft im Staate. Zugleich sind sie die Forde¬
rungen der Auflösung dieses Widerspruchs.
25 „Zugleich hat diese Stellung die Bedeutung einer mit der
organischen2) Regierungsgewalt gemeinschaftlichen Ver¬
mittlung“ etc.
Die Stände vermitteln nicht nur Volk und Regierung.
Sie verhindern die „fürstliche Gewalt“ als Extrem, die damit
3o als „bloße Herrschergewalt und Willkür“ erscheinen würde, eben¬
so die „Isolierung“ der „besonderen“ Interessen etc., ebenso die
„Darstellung der Einzelnen als Menge und Haufe n“. Diese
Vermittlung ist den Ständen mit der organisierten Regierungs¬
gewalt gemeinschaftlich. In einem Staat, worin die Stellung „der
35 Stände“ verhindert, „daß die Einzelnen nicht zur Darstellung
einer Menge oder eines Haufens, zu einem somit unorga¬
nischen Meinen und Wollen, zur bloß massenhaften Gewalt gegen
den organischen Staat kommen“, existiert der organische
Staat außer der „Menge“ und dem „Haufen“, oder da gehört die
4o „Menge“ und der „Haufen“ zur Organisation des Staats; bloß
soll sein „unorganisches Meinen und Wollen“ nicht zum „Meinen
0 Gestrichen konkreter
2) Von M, unterstrichen, bei Hegel steht organisierten
482 Aus der Kritik der Hiegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
und Wollen gegen dien Staat“ kommen, durch welche be¬
stimmte Richtunig es „organisches“ Meinen und Wollen
würde. Ebenso soll diiese „massenhafte Gewalt“ nur „massen¬
haft“ bleiben, so daß <der Verstand außer der Masse ist und sie
daher nicht sich selbst in Bewegung setzen, sondern nur von den 5
Monopolisten des „organischen Staats“ in Bewegung gesetzt und
als massenhafte Gewallt exploitiert werden kann. Wo nicht die
„besonderen Interessem der Gemeinden, Korporationen und der
einzelnen“ sich gegen <den Staat isolieren, sondern die „einzelnen
zur Darstellung einer Menge und eines Haufens, zu einem 10
somit unorganischen Meinen und Wollen und zur bloß massen¬
haften Gewalt gegen dien Staat kommen“, da zeigt es sich eben,
daß kein „besonderes Ilnteresse“ dem Staate widerspricht, sondern
daß der wirkliche organische allgemeine Gedanke der „Menge
und des Haufens“ nidht der „Gedanke des organischen Staats“ u
ist, der nicht in ihm seiine Realisation findet. Wodurch erscheinen
nun die Stände als Verrmittlung gegen dies Extrem? Nur dadurch,
„daß die besonderen Intteressen der Gemeinden, Korporationen und
der Individuen sich isolieren“, oder dadurch, daß ihre isolierten
Interessen ihre Rechnung mit dem Staat durch die?/
Stände abschlielßen, zugleich dadurch, daß das „unorga¬
nische Meinen und Wollen der Menge und des Haufens“ in der
Schöpfung der Stände seinen Willen (seine Tätigkeit) und in der
Beurteilung der Tätiglkeit der Stände sein „Meinen“ beschäftigt
und die Täuschung seiner Ygfggggn§tändlichung genosgen hat. 2.
Die „Stände“ präserwieren den Staat vor dem unorganischen
Haufen nur durch die Desorganisation dieses Haufens.
Zugleich aber sollem die Stände dagegen vermitteln, „daß
die besonderen Interesssen der Gemeinden, Korporationen und der
Individuen sich nicht isolieren“. Sie vermitteln dagegen, 1. in- st
dem sie mit dem „Sitaatsinteresse“ transigieren, 2. indem sie
selbst die „politische Isolierung“ dieser besonderen Inter¬
essen sind, diese Isolierung als politischer Akt, in
dem durch sie diese „»isolierten Interessen“ den Rang des „all¬
gemeinen“ erhalten. 3
Endlich sollen die? Stände gegen die „Isolierung“ der
fürstlichen Gewalt alls eines „Extrems“ (die „dadurch als
bloße Herrschergewaltt und Willkür erschiene“) vermitteln.
Dies ist insofern wichttig, als das Prinzip der fürstlichen
Gewalt (die Willküir) durch sie begrenzt ist, wenigstens nur in /
Fesseln sich bewegen kann, und als sie selbst Teilnehmer, Mit¬
schuldige der fürstliclhen Gewalt werden.
Die fürstliche Gewalt hört entweder wirklich dadurch auf, das
Extrem der fürstlichem Gewalt zu sein (und die fürstliche Gewalt
existiert nur als ein Extrem, als eine Einseitigkeit, weil sie kein 4
Die gesetzgebende Gewalt
483
organisches Prinzip ist), sie wird zu einer Scheingewalt,
einem Symbol, oder sie verliert nur den Schein der Willkür und
bloßer Herrschergewalt. Sie vermitteln gegen die „Isolierung“
der Sonderinteressen, indem sie diese Isolierung als poli-
51 i s c h e n Akt vorstellen. Sie vermitteln gegen die Isolierung der
fürstlichen Gewalt als eines Extrems, teils indem sie selbst zu
einem Teil der fürstlichen Gewalt werden, teils indem sie die
Regierungsgewalt zu einem Extrem machen.
In den „Ständen“ laufen alle Widersprüche der fnodernen
10 Staatsorganisationen zusammen. Sie sind die „Mittler“ nach allen
Seiten hin, weil sie nach allen Seiten hin „Mitteldinge“ sind.
Zu bemerken ist, daß Hegel weniger den Inhalt der ständischen
Tätigkeit, die gesetzgebende Gewalt, als die Stellung der
Stände, ihren politischen Rang entwickelt.
is Zu bemerken ist noch, daß, während nach Hegel zunächst die
Stände „zwischen der Regierung überhaupt einer¬
seits und dem in die besonderen Sphären und Individuen auf¬
gelösten Volke andrerseits“ stehen, ihre Stellung, wie sie
oben entwickelt „die Bedeutung einer mit der organisierten Regie-
2o rungsgewalt gemeinschaftlichen Vermittlung hat“.
Was die erste Stellung betrifft, so sind die Stände das Volk
gegen die Regierung, aber das Volk en miniature. Das
ist ihre oppositionelle Stellung.
Was die zweite betrifft, so sind sie die Regierung gegen das
25 Volk, aber die amplifizierte Regierung. Das ist ihre konservative
Stellung. Sie sind selbst ein Teil der Regierungsgewalt gegen das
Volk, aber so, daß sie zugleich die Bedeutung haben, das Volk
gegen die Regierung zu sein.
Hegel hat oben die „gesetzgebende Gewalt als Totalität“
3o (§ 300) bezeichnet, die Stände sind wirklich diese Totali¬
tät, der Staat im Staate, aber eben in ihnen erscheint es,
daß der Staat nicht die Totalität, sondern ein Dualismus ist. Die
Stände stellen den Staat in einer Gesellschaft vor, die kein
Staat ist. Der Staat ist eine bloße Vorstellung.
35 In der Anmerkung sagt Hegel:
„Es gehört zu den wichtigsten logischen Einsichten, daß
ein bestimmtes Moment, das als im Gegensätze stehend die
Stellung eines Extrems hat, es dadurch zu sein aufhört und
organisches Moment ist, daß es zugleich Mitte ist.“
4o (So ist das ständische Element 1. das Extrem des Volks gegen
die Regierung, aber 2. zugleich Mitte zwischen Volk und Regie¬
rung, oder es ist der Gegensatz im Volke selbst. Der
Gegensatz von Regierung und Volk vermittelt sich durch den
484 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §3 261—313
Gegensatz zwischen Ständen und Volk. Die Stände haben
nach der Seite der Regierung hin die Stellung des Volks, aber
nach der Seite des Volks hin die Stellung der Regierung. Indem
das Volk als Vorste 11 ung, als Phantasie, Illusion, Reprä¬
sentation zustande kommt — das vor gestellte Volk oder 5
die Stände, das sich als eine besondere Gewalt sogleich in
der Trennung vom wirklichen Volk befindet — hebt [es] den wirk¬
lichen Gegensatz zwischen Volk und Regierung auf. Das Volk ist
hier schon so zubereitet, wie es in dem betrachteten Organismus zu¬
bereitet sein muß, um keinen entschiedenen Charakter zu haben. ) u
„Bei dem hier betrachteten Gegenstand ist es um so wich¬
tiger, diese Seite herauszuheben, weil es zu den häufigen,
aber höchst gefährlichen Vorurteilen gehört, Stände haupt¬
sächlich im Gesichtspunkte des Gegensatzes gegen
die Regierung, als ob dies ihre wesentliche Stellung wäre, «
vorzustellen. Organisch, d. i. in die Totalität aufgenommen,
beweist sich das ständische Element nur durch
die Funktion der Vermittlung1). Damit ist der
Gegensatz1) selbst zu einem Schein1) herabgesetzt.
Wenn er, insofern er seine Erscheinung1) hat, nichtxo
bloß die Oberfläche beträfe, sondern wirklich1) ein
substantieller Gegensatz1) würde, so wäre der Staat
in seinem Untergange begriffen. — Das Zeichen, daß der
Widerstreit nicht dieser Art ist, ergibt sich der Natur der
Sache nach dadurch, wenn die Gegenstände desselben nicht «
die wesentlichen Elemente des Staatsorganismus, sondern
speziellere und gleichgültigere Dinge betreffen, und die
Leidenschaft, die sich doch an diesen Inhalt knüpft, zur
Parteisucht um ein bloß subjektives Interesse, etwa um die
höheren Staatsstellen, wird.“ 3»
Im Zusatz heißt es:
„Die Verfassung ist wesentlich ein System
der Vermittlung1)1).“
§ 303. „Der allgemeine, näher dem Dienste
der Regierung sich widmende Stand hat unmittelbarss
in seiner Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke seiner
x) Alles von M. unterstrichen.
*) Im Manuskript von hier ab der größte Teil der Seite (85) und die ganze fol¬
gende (86) leer gelassen,
Die gesetzgebende Gewalt
485
wesentlichen Tätigkeit zu haben ; in dem ständischen
Elemente der gesetzgebenden Gewalt kommt der Privat-
stand zu einer politischen Bedeutung und
Wirksamkeit. Derselbe kann nun dabei weder als bloße
« ungeschiedene Masse noch als eine in ihre Atome aufgelöste
Menge erscheinen, sondern als das, was er bereits ist,
nämlich unterschieden in den auf das substantielle Verhält¬
nis und in den auf die besonderen Bedürfnisse und die sie
vermittelnde Arbeit sich gründenden Stand1) [. . .]. Nur
10 so knüpft sich in dieser Rücksicht wahrhaft das i m Staate
wirkliche Besondere an das Allgemeine an.“
Hier haben wir die Lösung des Rätsels. „In dem ständischen
Elemente der gesetzgebenden Gewalt kommt der Privatstand
zu einer politischen Bedeutung.“ Versteht sich, daß der
« Privatstand nach dem, was er ist, nach seiner Gliederung in
der bürgerlichen Gesellschaft (den allgemeinen
Stand hat Hegel schon als den der Regierung sich widmenden be¬
zeichnet; der allgemeine Stand ist also durch die Regierungs¬
gewalt in der gesetzgebenden Gewalt vertreten) zu dieser Be-
20 deutung kommt.
Das ständische Element ist die politische Bedeutung
des Privatstandes, des unpolitischen Standes, eine contra-
dictio in adjecto, oder in dem von Hegel beschriebenen Stand
hat der Privatstand (weiter überhaupt der Unterschied des
25 Privatstandes) eine politische Bedeutung. Der Privat¬
stand gehört zum Wesen, zur Politik dieses Staates. Er gibt ihm
daher auch eine politische Bedeutung, d. h. eine andere
Bedeutung als seine wirkliche Bedeutung.
In der Anmerkung heißt es:
30 „Dies geht gegen eine andere gangbare Vorstellung, daß,
indem der Privatstand zur Teilnahme*) an der allge¬
meinen Sache in der gesetzgebenden Gewalt erhoben wird,
er dabei in Form der Einzelnen erscheinen müsse, sei
es, daß sie Stellvertreter für diese Funktion wählen, oder
36 daß gar selbst jeder eine Stimme dabei exerzieren solle.
Diese atomistische, abstrakte Ansicht verschwindet schon in
der Familie wie in der bürgerlichen Gesellschaft, wo der
Einzelne nur als Mitglied eines Allgemeinen zur Erschei-
9 Stand bei Hegel gesperrt.
2) Von M. unterstrichen.
486 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie Über §§ 261—313
nung kommt. Der Staat aber ist wesenttlich eine Organi¬
sation von solchen Gliedern, die für siech Kreise1) sind,
und in ihm soll sich kein Moment als eeine unorganische
Menge zeigen. Die Vielen als Einnzelne, was man
gerne unter Volk versteht, sind wohl ebin Zusammen, ?
aber nur als die Menge, — eine formhlose Masse, deren
Bewegung und Tun eben damit nur elilementariscih, ver-
nunftlos, wild und fürchterlich wäre.“
„Die Vorstellung, welche die in jenen IKreisen schon vor¬
handenen Gemeinwesen, wo sie ins Polittische, d. i. in den'»
Standpunkt der höchsten konkret een Allgemein¬
heit eintreten, wieder in eine Menge voon Individuen auf¬
löst, hält eben damit das bürgerlichie und das po¬
litische Leben voneinander g'etrennt*) und
stellt dieses sozusagen in die Luft, da seeine Basis nur die'«
abstrakte Einzelnheit der Willkür und Mleinung, somit das
Zufällige, nicht eine an und für sich f e s 11 e und berech¬
tigte Grundlage sein würde.“
„Obgleich in den Vorstellungen sogeenannter Theorien
die Stände der bürgerlichen Gesellschaft’)-’<>
überhaupt und die Stände in poliitischer Bedeu¬
tung weit auseinander liegen, so hat dochh die Sprache noch
diese Vereinigung erhalten, die früherrs) ohnehin vor¬
handen war’).“
„Der allgemeine näher dem Diennste der Regie--’«
r u n g sich widmende Stand.“
Hegel geht von der Voraussetzung aus, daß J der allgemeine
Stand „im Dienst der Regierung“ steht. Err unterstellt die all¬
gemeine Intelligenz als „ständisch und ständiig“.
„Indem ständischen Elemente etc.“ ’ Die „politische Be-?«
deutung und Wirksamkeit“ des Privattstandes ist eine
besondere Bedeutung und Wirksamkeit ddesselben. Der Pri¬
vatstand verwandelt sich nicht in dden politischen
Stand, sondern als Privatstand tritt eer in seine politische
Wirksamkeit und Bedeutung. Er hat nicht poblitische Wirksamkeit«
und Bedeutung schlechthin. Seine politischhe Wirksamkeit und
Bedeutung ist die politische Wirksaamkeit und Be¬
deutung des Privatstandes als P>rivatstand. Der
*) Kreise bei Hegel gesperrt.
2) Alles von M. unterstrichen.
•) Gesellschaft bei Hegel nicht gesperrt.
Die gesetzgebende Gewalt
487
5
10
15
20
30
35
40
Privatstand kann also nur nach dem Ständeunter¬
schied der bürgerlichen Gesellschaft in die poli¬
tische Sphäre treten. Der Ständeunterschied der bürger¬
lichen Gesellschaft wird zu einem politischen Unterschied.
Schon die Sprache, sagt Hegel, drückt die Identität der
Stände der bürgerlichen Gesellschaft und der
Stände in politischer Bedeutung aus, eine „Ver-
einigung“, „die früher ohnehin vorhanden wa r“, also,
sollte man schließen, jetzt nicht mehr vorhanden ist.
Hegel findet, daß „sich in dieser Rücksicht wahrhaft das i m
Staate wirklich Besondere an das Allgemeine anknüpft“. Die
Trennung des „bürgerlichen und des politischen
Lebens“ soll auf diese Weise aufgehoben und
ihre „Identität“ gesetzt sein.
Hegel stützt sich darauf:
„In jenen Kreisen (Familie und bürgerliche Gesellschaft)
sind schon Gemeinwesen vorhanden.“ Wie kann man diese
da, „wo sie ins Politische, d. i. in den Standpunkt der höchsten
konkreten Allgemeinheit eintreten“, „wieder in eine
Menge von Individuen auf lösen“ wollen?
Es ist wichtig, diese Entwicklung genau zu verfolgen.
Die Spitze der Hegelschen Identität war, wie er selbst gesteht,
das Mittelalter. Hier waren die Stände der bürger¬
lichen Gesellschaft überhaupt und die Stände in po¬
litischer Bedeutung identisch. Man kann den Geist des
Mittelalters so aussprechen: Die Stände der bürgerlichen Gesell¬
schaft und die Stände in politischer Bedeutung waren identisch,
weil die bürgerliche Gesellschaft die politische Gesellschaft war:
weil das organische Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft das
Prinzip des Staates war.
Allein Hegel geht von der Trennung der „bürger¬
lichen Gesellschaft“ und des „politischen Staats“
als zweier fester Gegensätze, zweier wirklich verschiedener
Sphären aus. Diese Trennung ist allerdings yrirklich im
modernen Staat vorhanden. Die Identität der bürgerlichen
und politischen Stände war der Ausdruck der Identität der
bürgerlichen und politischen Gesellschaft. Diese Identität ist ver¬
schwunden. Hegel setzt sie als verschwunden voraus. „Die Iden¬
tität der bürgerlichen und politischen Stände“, wenn sie die Wahr¬
heit ausdrückte, könnte also nur mehr ein Ausdruck der
Trennung der bürgerlichen und politischen Gesellschaft sein! oder
vielmehr: nur die Trennung der bürgerlichen und politischen
Stände1) drückt das wahre Verhältnis der bürgerlichen und
politischen modernen Gesellschaft aus.
9 Kott, aus Gesellschaft
488 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Zweitens: Hegel handelt hier von politischen Ständen in
einem ganz anderen Sinne, als jene politischen Stände des
Mittelalters waren, von denen die Identität mit den Stän¬
den der bürgerlichen Gesellschaft ausgesagt wird.
Ihr ganzes Dasein war politisch; ihr Dasein war das Dasein des 5
Staats. Ihre gesetzgebende Tätigkeit, ihre Steuer¬
bewilligung für das Reich war nur ein besonderer
Ausfluß ihrer allgemeinen politischen Bedeutung und Wirk¬
samkeit. Ihr Stand war ihr Staat. Das Verhältnis zum Reich war
nur ein Transaktionsverhältnis dieser verschiedenen Staaten mit 10
der Nationalität, denn der politische Staat im Unterschiede
von der bürgerlichen Gesellschaft war nichts anderes als die Re¬
präsentation der Nationalität. Die Nationalität war
der point d’honneur, der xar itoyip) politische Sinn dieser ver¬
schiedenen Korporationen etc., und nur auf sie bezogen sich die >0
Steuern etc. Das war das Verhältnis der gesetzgebenden Stände
zum Reich. Ähnlich verhielten sich die Stände innerhalb der
besonderen Fürstentümer. Das Fürstentum, die
Souveränität war hier ein besonderer Stand, der gewisse
Privilegien hatte, aber ebensosehr von den Privilegien der anderen so
Stände geniert wurde. ( Bei den Griechen war die bürgerliche Ge¬
sellschaft Sklave der politischen). Die allgemeine gesetz¬
gebende Wirksamkeit der Stände der bürgerlichen Ge¬
sellschaft war keineswegs ein Kommen des Privatstandes
zu einer politischen Bedeutung und Wirksamkeit, sondern ss
vielmehr ein bloßer Ausfluß ihrer wirklichen und allge¬
meinen politischen Bedeutung und Wirksamkeit. Ihr Auftreten
als gesetzgebende Macht war bloß ein Komplement ihrer sou¬
veränen und regierenden (exekutiven) Macht; es war vielmehr
ihr Kommen zu der ganz allgemeinen Angelegenheit als einer 30
Privatsache, ihr Kommen zur Souveränität als einem Pri¬
vatstand. Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft waren im
Mittelalter als solche Stände zugleich gesetzgebende, weil sie
keine Privatstände oder weil die Privatstände politische
Stände waren. Die mittelalterlichen Stände kommen als politisch- ss
ständisches Element zu keiner neuen Bestimmung. Sie wurden
nicht politisch -ständisch, weil sie teil an der Gesetzgebung
hatten, sondern sie hatten teil an der Gesetzgebung, weil1) sie
politisch-ständisch waren. Was hat das nun mit Hegels Privat¬
stand gemein, der als gesetzgebendes Element zu einer 40
politischen Bravourarie, zu einem ekstatischen Zustand, zu einer
aparten, frappanten, ausnahmsweisen politischen Bedeutung und
Wirksamkeit kommt?
O Nach weil gestrichen und insofern
Die gesetzgebende Gewalt
489
In dieser Entwicklung findet man alle Widersprüche der
Hegelschen Darstellung zusammen.
1. hat er die Trennung der bürgerlichen Gesellschaft und
des politischen Staats (einen modernen Zustand) vorausgesetzt
s und als notwendiges Moment der Idee entwickelt, als
absolute Vemunftwahrheit. Er hat den politischen Staat in seiner'
modernen Gestalt der Trennung der verschiedenen Gewalten
dargestellt. Er hat dem wirklichen handelnden Staat die
Bureaukratie zu seinem Leib gegeben und sie als den wissenden
w Geist dem Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft supra¬
ordiniert. Er hat das an und für sich seiende Allgemeine des
Staats dem besonderen Interesse und dem Bedürfnis der bürger¬
lichen Gesellschaft gegenübergestellt. Mit einem Wort: Er stellt
überall den Konflikt der bürgerlichen Gesellschaft und des
is Staats dar.
2. Hegel stellt die bürgerliche Gesellschaft als Privat¬
stand dem politischen Staat gegenüber.
3. Er bezeichnet das ständische Element der gesetzgeben¬
den Gewalt als den bloßen politischen Formalismus
w der bürgerlichen Gesellschaft. Er bezeichnet es als ein Refle¬
xionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft
auf den Staat und als ein Reflexionsverhältnis, was das
Wesen des Staats nicht alteriert. Ein Reflexionsverhältnis ist
auch die höchste Identität zwischen wesentlich Verschiedenen.
w Andrerseits will Hegel
1. die bürgerliche Gesellschaft bei ihrer Selbstkonstituierung
als gesetzgebendes Element weder als Masse, ungeschiedene
Masse, noch als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen
lassen. Er will keine Trennung des bürgerlichen und
Apolitischen Lebens.
2. Er vergißt, daß es sich um ein Reflexionsverhältnis han¬
delt, und macht die bürgerlichen Stände als solche zu politischen
Ständen, aber wieder nur nach der Seite der gesetzgebenden Ge¬
walt hin, so daß ihre Wirksamkeit selbst der Beweis der Tren¬
ds nung ist.
Er macht das ständische Element zum Ausdruck der
Trennung, aber zugleich soll es der Repräsentant einer
Identität sein, die nicht vorhanden ist. Hegel weiß die Trennung
der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen Staats, aber er
a will, daß innerhalb des Staats die Einheit desselben ausgedrückt
sei, und zwar soll dies dergestalt bewerkstelligt werden, daß die
Stände der bürgerlichen Gesellschaft zugleich als solche das
490 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
ständische Element der gesetzgebenden Gesellschaft bilden,
(cf. XIV, X.)1)
§ 304. „Den in den früheren Sphären bereits vorhan¬
denen Unterschied der Stände enthält das politisch-stän¬
dische Element zugleich in seiner eigenen Bestimmung. 5
Seine zunächst abstrakte Stellung, nämlich des Extrems
der empirischen Allgemeinheit gegen das
fürstliche oder monarchische Prinzip2) überhaupt,
— in der nur die Möglichkeit der Übereinstim¬
mung und damit ebenso die Möglichkeit feind-/«
1 i c h e r Entgegensetzung liegt — diese abstrakte Stellung
wird nur dadurch zum vernünftigen Verhältnis (zum
Schlüsse, vergl. Anm. zu § 302), daß ihre Vermitt¬
lung zur Existenz kommt. Wie von Seiten der fürstlichen
Gewalt die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestim- n
mung hat, so muß auch von der Seite der Stände aus ein
Moment derselben nach der Bestimmung gekehrt sein,
wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren.“
§ 305. „Der eine der Stände der bürgerlichen Gesell¬
schaft enthält das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser 20
politischen Beziehung konstituiert zu werden, der Stand der
natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das Familienleben und
in Rücksicht der Subsistenz den Grundbesitz zu seiner Basis,
somit in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich beruhen¬
des Wollen und die Naturbestimmung, welche das fürstliche u
Element in sich schließt, mit diesem gemein hat.“
§ 306. „Für die politische Stellung und Bedeutung wird
er näher konstituiert, insofern sein Vermögen ebenso un¬
abhängig vom Staatsvermögen als von der Unsicherheit des
Gewerbes, der Sucht des Gewinns und der Veränderlichkeit 30
des Besitzes überhaupt — wie von der Gunst der Regie¬
rungsgewalt, so von der Gunst der Menge — und selbst
gegen die eigene Willkür dadurch festgestellt ist,
daß die für diese Bestimmung berufenen Mitglieder dieses
Standes des Rechts der anderen Bürger, teils über ihr ganzes 35
Eigentum frei zu disponieren, teils es nach der Gleichheit
*) Bezieht sich auf Bogen XIV und X des Manuskripts (dort p. 53—56 bzw.
37—40), bei uns wiedergegeben p. 454—457 bzw. 436—439.
’) Prinzip bei Hegel gesperrt.
Die gesetzgebende Gewalt
491
der Liebe zu den Kindern an sie übergehend zu wissen, ent¬
behren; — das Vermögen wird so ein unveräußer¬
liches, mit dem Majorate belastetes Erbgut.“
Zusatz: „Dieser Stand hat ein mehr für sich bestehendes
s Wollen. Im Ganzen wird der Stand der Güterbesitzer sich
in den gebildeten Teil desselben und in den Bauernstand
unterscheiden. Indessen beiden Arten steht der Stand des
Gewerbes, als der vom Bedürfnis abhängige und darauf hin¬
gewiesene, und der allgemeine Stand, als vom Staat wesent-
10 lieh abhängig, gegenüber. Die Sicherheit und Festigkeit
dieses Standes kann noch durch die Institution des Majorats
vermehrt werden, welche jedoch nur in politischer Rück¬
sicht wünschenswert ist, denn es ist damit ein Opfer für den
politischen Zweck verbunden, daß der Erstgeborene unab-
hängig leben könne. Die Begründung des Majorats liegt
darin, daß der Staat nicht auf bloße Möglichkeit der Ge¬
sinnung, sondern auf ein Notwendiges rechnen soll. Nun ist
die Gesinnung freilich an ein Vermögen nicht gebunden,
aber der relativ notwendige Zusammenhang ist, daß, wer
so ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umständen
nicht beschränkt ist und so ungehemmt auftreten und für
den Staat handeln kann. Wo indessen politische Institu¬
tionen fehlen, ist die Gründung und Begünstigung von
Majoraten nichts als eine Fessel, die der Freiheit des Privat-
b« rechts angelegt ist, zu welcher entweder der politische Sinn
hinzutreten muß, oder die ihrer Auflösung entgegengeht.“
§ 307. „Das Recht dieses Teils des substantiellen Stan¬
des ist auf diese Weise zwar einerseits auf das Natur¬
prinzip der Familie1) gegründet, dieses aber zu-
» gleich durch harte Aufopferungen für den politischen
Zweck verkehrt, womit dieser Stand wesentlich an die
Tätigkeit für diesen Zweck angewiesen und gleichfalls in
Folge hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die
Geburt dazu berufen und berechtigt ist. Damit hat
« er die feste, substantielle Stellung zwischen der subjektiven
Willkür oder Zufälligkeit der beiden Extreme, und wie er
(s. vorherg. Paragraphen) ein Gleichnis des Moments der
1) Alles von M. unterstrichen.
492 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
fürstlichen Gewalt in sich trägt, so teilt er auch mit dem
anderen Extreme die im übrigen gleichen Bedürfnisse und
gleichen Rechte, und wird so zugleich Stütze des Thrones
und der Gesellschaft.“
Hegel hat das Kunststück fertiggebracht, die geborenen Pairs, «
das Erbgut etc. etc., diese „Stütze des Throns und der Gesell¬
schaft“, aus der absoluten Idee entwickelt.
Das Tiefere bei Hegel liegt darin, daß er die Trennung der bür¬
gerlichen Gesellschaft und der politischen als einen Wider¬
spruch empfindet. Aber das Falsche ist, daß er sich mit dem 10
Schein dieser Auflösung begnügt und ihn für die Sache
selbst ausgibt, wogegen die von ihm verachteten „sogenann¬
ten Theorien“ die „Trennung“ der bürgerlichen und po¬
litischen Stände fordern, und mit Recht, denn sie sprechen eine
Konsequenz der modernen Gesellschaft aus, indem hier das «
po 1 it isch-ständ isehe Element eben nichts anderes ist als
der faktische Ausdruck des wirklichen Verhältnisses von Staat
und bürgerlicher Gesellschaft, ihre Trennung.
Hegel hat die Sache, worum es sich hier handelt, nicht bei
ihrem bekannten Namen genannt. Es ist die Streitfrage zwischen m
repräsentativer und ständischer Verfassung. Die re¬
präsentative Verfassung ist ein gewisser Fortschritt, weil sie der
offene, unverfälschte, konsequente Ausdruck des
modernen Staatszustands ist. Sie ist der unver-
hohleneWiderspruch. w
Ehe wir auf die Sache selbst eingehen, werfen wir noch einmal
einen Blick auf die Hegelsche Darstellung. „In dem ständi¬
schen Element der gesetzgebenden Gewalt kommt der Pri¬
vatstand zu einer politischen Bedeutung.“ Früher
(§ 301 Anmerkung) hieß es: „Die eigentümliche Begriffs-w
bestimmung der Stände ist deshalb darin zu suchen, daß in
ihnen die eigene Einsicht und der eigene Wille der Sphäre, die in
dieser Darstellung bürgerliche Gesellschaft genannt
worden ist, in Beziehung auf den Staat zur Existenz
komm t.“ 31
Fassen wir diese Bestimmung zusammen, so folgt: Die bür¬
gerliche Gesellschaft ist der Privatstand, oder der
Privatstand ist der unmittelbare, wesentliche, konkrete Stand
der bürgerlichen Gesellschaft. Erst in dem ständischen Element
der gesetzgebenden Gewalt erhält sie „politische Bedeutung und *
Wirksamkeit“. Es ist dies etwas Neues, was zu ihr hinzukommt,
eine besondere Funktion, denn eben ihr Charakter als Privat¬
stand drückt ihren Gegensatz zur politischen Bedeutsamkeit
und Wirksamkeit, die Privation des politischen Charakters aus,
Die gesetzgebende Gewalt
493
drückt aus, daß die bürgerliche Gesellschaft an und für sich
ohne politische Bedeutung und Wirksamkeit ist. Der Privat¬
stand ist der Stand der bürgerlichen Gesellschaft, oder die bür¬
gerliche Gesellschaft ist der Privatstand. Hegel schließt
5 daher auch konsequent den „allgemeinen Stand“ von dem „stän¬
dischen Ellement der gesetzgebenden Gewalt“ aus. „Der all¬
gemeine, näher dem Dienst der Regierung sich wid¬
mende Stamd hat unmittelbar in seiner Bestimmung, das Allge¬
meine zuim Zweck seiner wesentlichen Tätigkeit zu haben.“ Die
io bürgerliche Gesellschaft oder der Privatstand hat dies nicht zu
seiner Bestimmung; seine wesentliche Tätigkeit hat nicht die
Bestimmumg, das Allgemeine zum Zweck zu haben, oder seine
wesentlich© Tätigkeit ist keine Bestimmung des Allgemeinen,
keine allgemeine Bestimmung. Der Privatstand ist der
Stand der bürgerlichen Gesellschaft gegen den Stand. Der
Stand der bürgerlichen Gesellschaft ist kein politischer Stand.
Indem Hegel die bürgerliche Gesellschaft als Privatstand be¬
zeichnet, hat er die Ständeunterschiede der bürgerlichen Gesell¬
schaft für n i c h t politische Unterschiede erklärt, hat er das
20 bürgerlich© Leben und das politische für heterogen, sogar für
Gegensäitze erklärt. Wie fährt er nun fort?
„Derselbe kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene
Masse noclh als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen,
sondern als das, was er bereits ist, nämlich unterschieden
es in den auf das substantielle Verhältnis und in den auf die beson¬
deren Bedüirfnisse und die sie vermittelnde Arbeit sich gründen¬
den Stand (§ 201ff.). Nur so knüpft sich in dieser Rücksicht
wahrhaft dlas im Staate wirkliche Besondere an das Allge¬
meine an.“ [§ 303.]
3o Als eine „bloße ungeschiedene Masse“ kann die bürgerliche
Gesellschaft (der Privatstand) in ihrer gesetzgeberisch-
ständischem Tätigkeit allerdings nicht erscheinen, weil die bloße
„ungeschiedene Masse“ nur in der „Vorstellung“ der „Phantasie“,
nicht aber in der Wirklichkeit existiert. Hier gibt es nur
3o größere umd kleinere zufällige Massen (Städte, Flecken etc.).
Diese Massen oder diese Masse erscheint nicht nur, son¬
dern ist (überall realiter „eine in ihre Atome aufgelöste Menge“,
und als di©se Atomistik muß sie in ihrer politisch -stän¬
dischen Tätigkeit erscheinen und auftreten. „Als das, was er
/«bereits iist“, kann der Privatstand, die bürgerliche Ge¬
sellschaft niicht hier erscheinen, denn was ist er bereits? Privat-
stand, d. h. Gegensatz und Trennung vom Staat. Um zur „poli¬
tischen Bedeutung und Wirksamkeit“ zu kommen, muß er sich
vielmehr amfgeben als das, was er bereits ist, als P r i v a t s t a n d.
ü Dadurch erhält er eben erst seine „politische Bedeutung und
Marx-Engels-tGesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 37
494 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Wirksamkeit“. Dieser politische Akt ist eine völlige Transsub¬
stantiation. In ihm muß sich die bürgerliche Gesellschaft völlig
von sich als bürgerlicher Gesellschaft, als Privatstand lossagen,
eine Partie seines Wesens geltend machen, die mit der wirklichen
bürgerlichen Existenz seines Wesens nicht nur keine Gemeinschaft s
hat, sondern ihr direkt gegenübersteht.
Am Einzelnen erscheint hier, was das allgemeine Ge¬
setz ist. Bürgerliche Gesellschaft und Staat sind getrennt. Also
ist auch der Staatsbürger und der Bürger, das Mitglied der bür¬
gerlichen Gesellschaft, getrennt. Er muß also eine wesent-w
liehe Diremption mit sich selbst vornehmen. Als wirk¬
licher Bürger findet er sich in einer doppelten Organisation,
der bureaukratischen — die ist eine äußere formelle Be¬
stimmung des jenseitigen Staats, der Regierungsgewalt, die ihn
und seine selbständige Wirklichkeit nicht tangiert — der so - 15
zialen, der Organisation der bürgerlichen Gesellschaft. Aber
in dieser steht er als Privatmann außer dem Staate; die tan¬
giert den politischen Staat als solchen nicht. Die erste ist eine
Staatsorganisation, zu der er immer die Materie abgibt. Die
zweite ist eine bürgerliche Organisation, deren Materie 20
nicht der Staat ist. In der ersten verhält sich der Staat als formeller
Gegensatz zu ihm, in der zweiten verhält er sich selbst als
materieller Gegensatz zum Staat. Um also als wirklicher
Staatsbürger sich zu verhalten, politische Bedeutsamkeit und
Wirksamkeit zu erhalten, muß er aus seiner bürgerlichen Wirk- 25
lichkeit heraustreten, von ihr abstrahieren, von dieser ganzen
Organisation in seine Individualität sich zurückziehen; denn die
einzige Existenz, die er für sein Staatsbürgertum findet, ist seine
pure blanke Individualität, denn die Existenz des Staats
als Regierung ist ohne ihn fertig, und seine Existenz in der bürger- 30
liehen Gesellschaft ist ohne den Staat fertig. Nur im Widerspruch
mit diesen einzig vorhandenen Gemeinschaften,
nur als Individuum kann er Staatsbürger sein. Seine
Existenz als Staatsbürger ist eine Existenz, die außer seinen g e -
meinschaftlichen Existenzen liegt, die also rein i n d i - 35
viduell ist. Die „gesetzgebende Gewalt“ als „Gewalt“ ist ja
erst die Organisation, der gemeine Körper, den sie
erhalten soll. Vor der „gesetzgebenden Gewalt“ existiert die
bürgerliche Gesellschaft, der Privatstand, nicht als Staats¬
organisation, und damit er als solche zur Existenz komme, «
muß seine wirkliche Organisation, das wirkliche bürgerliche
Leben, als nicht vorhanden gesetzt werden, denn das stän¬
dische Element der gesetzgebenden Gewalt hat eben die Bestim¬
mung, den Privatstand, die bürgerliche Gesell¬
schaft, als nicht vorhanden zu setzen. Die Trennung«
Die gesetzgebende Gewalt
495
der bürgerlichen Gesellschaft und des politischen Staates erscheint
notwendig als eine Trennung des politischen Bürgers, des
Staatsbürgers, von der bürgerlichen Gesellschaft, von seiner
eigenen wirklichen empirischen Wirklichkeit, denn als Staats-
idealist ist er ein ganz anderes, von seiner Wirklichkeit
verschiedenes, unterschiedenes, entgegengesetztes Wesen.
Die bürgerliche Gesellschaft bewerkstelligt hier innerhalb ihrer
selbst das Verhältnis des Staats und der bürgerlichen Gesellschaft,
welches andrerseits schon als Bureaukratie existiert. In dem
ständischen Element wird das Allgemeine wirklich für sich,
was es an sich ist, nämlich Gegensatz zum Beson¬
deren. Der Bürger muß seinen Stand, die bürgerliche Gesell¬
schaft, den Privatstand, von sich abtun, um zu politischer
Bedeutung und Wirksamkeit zu kommen, denn eben dieser
S t a n d steht zwischen dem Individuum und dem poli¬
tischen Staat.
Wenn Hegel schon das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft als
Privatstand dem politischen Staat entgegenstellt, so versteht
es sich von selbst, daß die Unterscheidungen innerhalb des
20 Privatstandes, die verschiedenen bürgerlichen Stände, nur eine
Privatbedeutung, in bezug auf den Staat keine politische Bedeu¬
tung haben. Denn die verschiedenen bürgerlichen Stände sind
bloß die Verwirklichung, die Existenz des Prinzips, des Pri¬
vatstandes als des Prinzips der bürgerlichen Gesellschaft. Wenn
25 aber das Prinzip aufgegeben werden mußte, so versteht es sich
von selbst, daß noch mehr die Diremptionen innerhalb
dieses Prinzips nicht vorhanden sind für den politischen Staat.
„Nur so“, schließt Hegel den Paragraphen, „knüpft sich in
dieser Rücksicht das im Staate wirkliche Besondere an das
so Allgemeine an.“ Aber Hegel verwechselt hier den Staat als das
Ganze des Daseins eines Volkes mit dem politischen Staat. Jenes
Besondere ist nicht das „Besondere im“, sondern vielmehr
„außer dem Staat“, nämlich dem politischen Staat. Es ist nicht
nur nicht, „das im Staate wirkliche Besondere“, sondern auch die
36 „Unwirklichkeit des Staates“. Hegel will entwickeln, daß
die Stände der bürgerlichen Gesellschaft die politischen Stände
sind, und um dies zu beweisen, unterstellt er, daß die Stände der
bürgerlichen Gesellschaft die „Besonderung des politischen
Staats“, d. i., daß die bürgerliche Gesellschaft die politische Ge-
4o Seilschaft ist. Der Ausdruck: „Das Besondere im Staate“ kann
hier nur Sinn haben als „die Besonderung des Staats“. Hegel
wählt aus einem bösen Gewissen den unbestimmten Ausdruck. Er
selbst hat nicht nur das Gegenteil entwickelt, er bestätigt es noch
selbst in diesem Paragraphen, indem er die bürgerliche Gesell-
46 schäft als „Privatstand“ bezeichnet. Sehr vorsichtig ist auch die
37 e
496 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Bestimmung, daß sich das Besondere an das Allgemeine „a n -
knüpf t“. Anknüpfen kann man die heterogensten Dinge. Es
handelt sich hier aber nicht um einen allmählichen Übergang,
sondern um eine Transsubstantiation, und es nützt nichts,
diese Kluft, die übersprungen und durch den Sprung selbst de- '
monstriert wird, nicht sehen zu wollen.
Hegel sagt in der Anmerkung: „Dies geht gegen eine andere
gangbare Vorstellung“ etc. Wir haben eben gezeigt, wie diese
gangbare Vorstellung konsequent, notwendig, eine „notwendige
Vorstellung der jetzigen Volksentwicklung“ und wie Hegels Vor- 10
Stellung, obgleich sie auch in gewissen Kreisen sehr gangbar,
nichtsdestoweniger eine Unwahrheit ist. Auf die gangbare Vor¬
stellung zurückkommend, sagt Hegel:
„Diese atomistische, abstrakte Ansicht verschwindet schon in
der Familie“ etc. etc. „Der Staat aber ist“ etc. Abstrakt ist diese
Ansicht allerdings, aber sie ist „die Abstraktion“ des politischen
Staates, wie ihn Hegel selbst entwickelt. Atomistisch ist sie auch,
aber sie ist die Atomistik der Gesellschaft selbst. Die „Ansicht“
kann nicht konkret sein, wenn der Gegenstand der Ansicht
„abstrakt“ ist. Die Atomistik, in die sich die bürgerliche Gesell- 20
schäft in ihrem politischen Akt stürzt, geht notwendig dar¬
aus hervor, daß das Gemeinwesen1), das kommunistische Wesen,
worin der Einzelne existiert, die bürgerliche Gesellschaft getrennt
vom Staat oder der politische Staat eine Abstrak¬
tion von ihr ist. 20
Diese atomistische Ansicht, obschon [sie] bereits in der Familie
und vielleicht (??) auch in der bürgerlichen Gesellschaft ver¬
schwindet, kehrt im politischen Staat wieder, eben weil er eine
Abstraktion von der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft ist.
Ebenso verhält es sich umgekehrt. Dadurch, daß Hegel das B e -30
fremdliche dieser Erscheinung ausspricht, hat er die Ent¬
fremdung nicht gehoben.
„Die Vorstellung“, heißt es weiter, „welche die in jenen Krei¬
sen schon vorhandenen Gemeinwesen1), wo sie ins Po¬
litische, d. i. in den Standpunkt der höchsten konkreten 33
Allgemeinheit eintreten, wieder in eine Menge von Indivi¬
duen auflöst, hält’) eben damit das bürgerliche und das poli¬
tische Leben voneinander getrennt und stellt dieses sozusagen in
die Luft, da seine Basis nur die abstrakte Einzelnheit der Willkür
und Meinung, somit das Zufällige, nicht eine an und für sich
feste und berechtigte Grundlage sein würde.“ [§ 303.]
Jene Vorstellung hält nicht das bürgerliche und politische Leben
x) Korr, aus die Kommun [el
a) Von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt
497
getrennt ; sie ist bloß die Vorstellung einer wirklich
vorhandenen Trennung.
Jene Vorstellung stellt nicht das politische Leben in die Luft,
^sondern das politische Leben ist das Luftleben, die ätherische
5 Region der bürgerlichen Gesellschaft.
Wir betrachten nur das ständische und das repräsen¬
tative System. Es ist ein Fortschritt der Geschichte, der die
politischen Stände in soziale Stände verwandelt hat,
so daß, wie die Christen gleich im Himmel, ungleich auf der Erde,
10 so die einzelnen Volksglieder gleich in dem Himmel ihrer po¬
litischen Welt, ungleich in dem irdischen Dasein der Sozietät
sind. Die eigentliche Verwandlung der politischen Stände
in bürgerliche ging vor sich in der absoluten Mon¬
archie. Die Bureaukratie machte die Idee der Einheit gegen die
is verschiedenen Staaten im Staate geltend. Indessen blieb selbst
neben der Bureaukratie der absoluten Regierungsgewalt der s o -
ziale Unterschied der Stände ein politischer, ein poli¬
tischer innerhalb und neben der Bureaukratie der abso¬
luten Regierungsgewalt. Erst die französische Revolution voll-
2o endete die Verwandlung der politischen Stände in soziale
oder machte die Ständeunterschiede der bürgerlichen
Gesellschaft zu nur sozialen Unterschieden, zu Unterschieden
des Privatlebens, welche in dem politischen Leben ohne Bedeu¬
tung sind. Die Trennung des politischen Lebens und der bürger-
25 liehen Gesellschaft war damit vollendet.
Die Stände der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich
ebenfalls damit: die bürgerliche Gesellschaft war durch ihre
Trennung von der politischen eine andere geworden. Stand im
mittelaltrigen Sinne blieb nur mehr innerhalb der Bureaukratie
3o selbst, wo die bürgerliche und die politische Stellung unmittelbar
identisch sind. Demgegenüber steht die bürgerliche Gesellschaft
als Privatstand. Der Ständeunterschied ist hier nicht mehr
ein Unterschied des Bedürfnisses und der Arbeit als
selbständiger Körper. Der einzige allgemeine oberfläch-
35 liehe und formelle Unterschied ist hier nur noch der von
Stadt und Land. Innerhalb der Gesellschaft selbst aber bildete
sich der Unterschied aus in beweglichen, nicht festen Kreisen,
deren Prinzip die Willkür ist. Geld und Bildung sind
die Hauptkriterien. Doch wir haben dies nicht hier, sondern in
4o der Kritik von Hegels Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft
zu entwickeln. Genug. Der Stand der bürgerlichen Gesellschaft
hat weder das Bedürfnis, also ein natürliches Moment, noch die
Politik zu seinem Prinzip. Es ist eine Teilung von Massen, die
sich flüchtig bilden, deren Bildung selbst eine willkürliche und
«keine Organisation ist.
498 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Das Charakteristische ist nur, daß die Besitzlosigkeit
und der Stand der unmittelbaren Arbeit, der kon¬
kreten Arbeit, weniger einen Stand der bürgerlichen Gesellschaft
als den Boden bilden, auf dem ihre Kreise ruhen und sich be¬
wegen. XDer eigentliche Stand, wo politische und bürgerliche Stel- 5
lung zusammenfallen, ist nur der der Mitglieder der Re¬
gierungsgewalt. Der jetzige Stand der Sozietät zeigt schon
dadurch seinen Unterschied von dem ehemaligen Stand der bür¬
gerlichen Gesellschaft, daß er nicht wie ehemals als ein Gemein¬
schaftliches, als ein Gemeinwesen das Individuum hält, sondern 10
daß es teils Zufall, teils Arbeit etc. des Individuums ist, ob es sich
in seinem Stande hält oder nicht, ein Stand, der selbst wieder nur
eine äußerliche Bestimmung des Individuums, denn weder ist
er seiner Arbeit inhärent, noch verhält er sich zu ihm als ein nach
festen Gesetzen organisiertes und in festen Beziehungen zu ihm 15
stehendes objektives Gemeinwesen. Er steht vielmehr in gar keiner
wirklichen Beziehung zu seinem substantiellen Tun, zu seinem
wirklichen Stand. Der Arzt bildet keinen besonderen Stand
in der bürgerlichen Gesellschaft. Der eine Kaufmann gehört einem
anderen Stand an als der andere, einer anderen sozialen Stel- 20
lung. Wie nämlich die bürgerliche Gesellschaft sich von der
politischen, so hat sich die bürgerliche Gesellschaft innerhalb
ihrer selbst getrennt in den Stand und die soziale Stellung,
so manche Relationen auch zwischen beiden stattfinden. Das Prin¬
zip des bürgerlichen Standes oder der bürgerlichen Gesellschaft 25
ist der Genuß und die Fähigkeit zu genießen. In
seiner politischen Bedeutung macht sich das Glied der bürger¬
lichen Gesellschaft los von seinem Stande, seiner wirklichen
Privatstellung; hier ist es allein, daß es als Mensch zur Be¬
deutung kommt, oder daß seine Bestimmung als Staatsglied, als so
soziales Wesen, als seine menschliche Bestimmung er¬
scheint. Denn alle seine anderen Bestimmungen in der bürgerlichen
Gesellschaft erscheinen als dem Menschen, dem Individuum
unwesentlich, als äußere Bestimmungen, die zwar not¬
wendig sind zu seiner Existenz im Ganzen, d. h. als ein Band mit ss
dem Ganzen, ein Band, das es aber ebensosehr wieder fortwerfen
kann. (Die jetzige bürgerliche Gesellschaft ist das durchgeführte
Prinzip des Individualismus; die individuelle Existenz
ist der letzte Zweck: Tätigkeit, Arbeit, Inhalt etc. sind nur
Mittel.)
Die ständische Verfassung, wo sie nicht eine Tra¬
dition des Mittelalters ist, ist der Versuch, teils in der politischen
Sphäre selbst den Menschen in die Beschränktheit seiner Privat¬
sphäre zurückzustürzen, seine Besonderheit zu seinem substan¬
tiellen Bewußtsein zu machen und dadurch, daß politisch der
Die gesetzgebende Gewalt
499
Ständeunterschied existiert, ihn auch wieder zu einem sozialen
zu machen.
Der wirkliche Mensch ist der Privatmensch der
jetzigen Staatsverfassung.
5 Der Stand hat überhaupt die Bedeutung, daß der Unter¬
schied, die Trennung, das Bestehen des Einzelnen ist.
Die Weise seines Lebens, Tätigkeit etc., statt ihn zu einem Glied,
zu einer Funktion der Gesellschaft zu machen, macht ihn zu einer
Ausnahme von der Gesellschaft, ist sein Privilegium. Daß
10 dieser Unterschied nicht nur ein individueller ist,
sondern sich als Gemeinwesen, Stand, Korporation befestigt,
hebt nicht nur nicht seine exklusive Natur auf, sondern ist viel¬
mehr nur ihr Ausdruck. Statt daß die einzelne Funktion Funktion
der Sozietät wäre, macht sie vielmehr die einzelne Funktion zu
is einer Sozietät für sich. Nicht nur basiert der Stand auf der
Trennung der Sozietät als dem herrschenden Gesetz, er trennt
den Menschen von seinem allgemeinen Wesen, er macht ihn zu
einem Tier, das unmittelbar mit seiner Bestimmtheit zusammen¬
fällt. Das Mittelalter ist die Tiergeschichte der Mensch-
20 heit, ihre Zoologie.
Die moderne Zeit, die Zivilisation begeht den umgekehr¬
ten Fehler. Sie trennt das gegenständliche Wesen des
Menschen als ein nur äußerliches, materielles von ihm. Sie
nimmt nicht den Inhalt des Menschen als seine wahre Wirklichkeit.
25 Das Weitere hierüber ist in dem Abschnitt: „bürgerliche Gesell¬
schaft“ zu entwickeln. Wir kommen zu
§ 304. „Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen
Unterschied der Stände enthält das politisch-ständische Element
zugleich in seiner eigenen1) Bedeutung3).“
3o Wir haben bereits gezeigt, daß der in den früheren Sphären
bereits vorhandene Unterschied der Stände gar keine Bedeutung
für die politische Sphäre oder nur die Bedeutung eines privaten,
also eines nicht politischen Unterschiedes hat. Allein er hat nach
Hegel hier auch nicht seine „bereits vorhandene Bedeutung“ (die
35 Bedeutung, die er in der bürgerlichen Gesellschaft hat), sondern
das „politisch-ständische Element“ affirmiert, indem es ihn auf¬
nimmt, sein Wesen, und, in die politische Sphäre eingetaucht,
erhält er eine „eigene“, diesem Element und nicht ihm
angehörige Bedeutung.
io Als noch die Gliederung der bürgerlichen Gesellschaft politisch
und der politische Staat die bürgerliche Gesellschaft war, war
diese Trennung, die Verdoppelung der Bedeutung der
Stände, nicht vorhanden. Sie bedeuteten nicht dieses in
1) Von M. unterstrichen.
*) Bei Hegel Bestimmung
500 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313
der bürgerlichen und ein anderes in der politischen Welt. Sie
erhielten keine Bedeutung in der politischen Welt, sondern
sie bedeuteten sich selbst. Der Dualismus der bürger¬
lichen Gesellschaft und des politischen Staates, den die stän¬
dische Verfassung durch eine Reminiszenz zu lösen ,
meint, tritt in ihr selbst so hervor, daß der Unterschied der
Stände (das Unterschiedensein1) der bürgerlichen Gesellschaft
in sich) in der politischen Sphäre eine andere Bedeutung
erhält als in der bürgerlichen. Es ist hier anscheinend Identität,
dasselbe Subjekt, aber in einer wesentlich ver-r
schiedenen Bestimmung, also in Wahrheit ein doppeltes
Subjekt, und diese illusorische Identität (sie ist schon
deshalb illusorisch, weil zwar das wirkliche Subjekt, der
Mensch, in den verschiedenen Bestimmungen seines Wesens sich
selbst gleichbleibt, seine Identität nicht verliert; aber hier ist nicht
der Mensch Subjekt, sondern der Mensch ist mit einem Prädikat
(dem Stand) identifiziert, und zugleich wird behauptet, daß er
in dieser bestimmten Bestimmtheit und in einer
anderen Bestimmtheit, daß er als dieses bestimmte ausschlie¬
ßende Beschränkte ein anderes als dieses Beschränkte ist) wird »
dadurch künstlich durch die Reflexion aufrecht erhalten, daß ein¬
mal der bürgerliche Ständeunterschied als solcher eine Bestim¬
mung erhält, die ihm erst aus der politischen Sphäre erwachsen
soll, das andere Mal umgekehrt der Ständeunterschied in der
politischen Sphäre eine Bestimmung erhält, die nicht aus der a
politischen Sphäre, sondern aus dem Subjekt der bürgerlichen
hervorgeht. Um das eine beschränkte Subjekt, den bestimmten
Stand (den Ständeunterschied) als das wesentliche Subjekt beider
Prädikate darzustellen, oder um die Identität beider Prädikate zu
beweisen, werden sie beide mystifiziert und in illusorischer unbe- a
stimmter Doppelgestalt entwickelt.
Els wird hier dasselbe Subjekt in verschiedenen Bedeutun¬
gen genommen, aber die Bedeutung ist’) nicht die Selbstbestim¬
mung, sondern eine allegorische, untergeschobene Bestim¬
mung. Man könnte für dieselbe Bedeutung ein anderes konkretes a
Subjekt, man könnte für dasselbe Subjekt eine andere Bedeutung
nehmen. Die Bedeutung, die der bürgerliche Ständeunterschied in
der politischen Sphäre erhält, geht nicht aus ihm, sondern aus der
politischen Sphäre hervor, und er könnte hier auch eine andere
Bedeutung haben, wie es denn auch historisch der Fall war. Eben- o
so umgekehrt. Es ist dies die unkritische, die mystische
Weise, eine alte Weltanschauung im Sinne einer neuen
zu interpretieren, wodurch sie nichts als ein unglückliches
Zwitterding wird, worin die Gestalt die Bedeutung und die Be-
Korr, aus die Unterscheidung 2) Gestrichen, eine fiktive
Die gesetzgebende Gewalt
501
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35
40
deutung die Gestalt belügt und weder die Gestalt zu ihrer Be¬
deutung und zur wirklichen Gestalt, noch die Bedeutung zur
Gestalt und zur wirklichen Bedeutung wird. Diese Unkr i ti k,
dieser Mystizismus ist sowohl das Rätsel der modernen
Verfassungen («or’ è^ox^v der ständischen) wie auch das Myste¬
rium der Hegelschen Philosophie, vorzugsweise der Rechts-
und Religionsphilosophie.
Am besten befreit man sich von dieser Illusion, wenn man die
Bedeutung als das nimmt, was sie ist, als die eigentliche
Bestimmung, und sie als solche zum Subjekt macht und nun
vergleicht, ob das ihr angeblich zugehörige Subjekt ihr
wirkliches Prädikat ist, ob es ihr Wesen und wahre Ver¬
wirklichung darstellt.
„Seine (des politisch-ständischen Elements) zunächst abstrakte
Stellung, nämlich des Extrems der empirischen Allge¬
meinheit gegen das fürstliche oder monarchische
Prinzip überhaupt — in der nur die Möglichkeit der
Übereinstimmung und damit ebenso die Möglichkeit
feindlicher Entgegensetzung liegt — diese abstrakte Stel¬
lung wird nur dadurch zum vernünftigen Verhältnis (zum
Schlüsse, vergl. Anmerk, zu § 302), daß ihre Vermitt¬
lung zur Existenz kommt.“ [§ 304.]
Wir haben schon gesehen, daß die Stände gemeinschaftlich mit
der Regierungsgewalt die Mitte zwischen dem monarchischen
Prinzip und dem Volke bilden, zwischen dem Staatswillen, wie
et als ein empirischer Wille und wie er als viele empirische
Willen existiert, zwischen der empirischen Einzelnheit
und der empirischen Allgemeinheit. Hegel mußte, wie
er den Willen der bürgerlichen Gesellschaft als empirische
Allgemeinheit, so den fürstlichen als empirische
Einzelnheit bestimmen, aber er spricht den Gegensatz
nicht in seiner ganzen Schärfe aus.
Hegel fährt fort: „Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die
Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestimmung hat, so muß
auch von der Seite der Stände aus ein Moment derselben nach
der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das Moment der Mitte
zu existieren.66
Allein die wahren Gegensätze sind Fürst und x) bürgerliche Ge¬
sellschaft. Und wir haben schon gesehen, dieselbe Bedeutung,
welche die Regierungsgewalt von Seiten des Fürsten, hat das stän¬
dische Element von Seiten des Volkes. Wie jene in einem ver¬
zweigten Kreislauf emaniert, so kondensiert sich dieses
in eine Miniaturausgabe, denn die konstitutionelle Monarchie
kann sich bloß mit dem Volke en miniature vertragen. Das
J) Gestrichen Volk
502 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
ständische Element ist ganz dieselbe Abstraktion des
politischen Staates von Seiten der bürgerlichen Gesell¬
schaft, welche die Regierungsgewalt von Seiten des Fürsten ist.
Es scheint also die Vermittlung vollständig zustande gekommen
zu sein. Beide Extreme haben von ihrer Sprödigkeit abgelassen, .■
das Feuer ihres besonderen Wesens entgegengeschickt, und die
gesetzgebende Gewalt, deren Elemente ebensowohl die
Regierungsgewalt als die Stände sind, scheint nicht erst die Ver¬
mittlung zur Existenz kommen lassen zu müssen, sondern
selbst schon die zur Existenz gekommene Vermitt-p
1 ung zu sein. Auch hat Hegel schon dies ständische Ele¬
ment gemeinschaftlich mit der Regierungs¬
gewalt als die Mitte zwischen Volk und Fürst (ebenso das
ständische Element als die Mitte zwischen1) bürgerlicher Gesell¬
schaft und Regierung etc.) bezeichnet. Das vernünftige Verhält- tt
nis, der Schluß, scheint also fertig zu sein. Die gesetz¬
gebende Gewalt, die Mitte, ist ein mixtum composi¬
tum der beiden Extreme, des fürstlichen Prinzips und der
bürgerlichen Gesellschaft, der empirischen Einzelnheit und der
empirischen Allgemeinheit, des Subjekts und des Prädikats. 2»
Hegel faßt überhaupt den Schluß als Mitte, als ein mixtum
compositum. Man kann sagen, daß in seiner Entwicklung
des Vemunftschlusses die ganze Transzendenz und der mystische
Dualismus seines Systems zur Erscheinung kommt. Die Mitte ist
das hölzerne Eisen, der vertuschte Gegensatz zwischen Allgemein- 2.
heit und Einzelnheit.
Zunächt bemerken wir über diese ganze Entwicklung, daß die
„Vermittlung“, die Hegel hier zustande bringen will, seine For¬
derung ist, die er [nicht] aus dem Wesen der gesetzgeben¬
den Gewalt, aus ihrer eigenen Bestimmung, sondern vielmehr 3<
aus Rücksicht auf eine außer ihrer wesentlichen Bestimmung
liegende Existenz herleitet. Es ist eine Konstruktion
der Rücksicht. Die gesetzgebende Gewalt vorzugsweise wird
nur mit Rücksicht auf ein Drittes entwickelt. Es ist daher vorzugs¬
weise die Konstruktion ihres formellen Daseins, 3.
welche alle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Die gesetz¬
gebende Gewalt wird sehr diplomatisch konstruiert. Es
folgt dies aus der falschen, illusorischen xat èÇoxfiv poli¬
tischen Stellung, die die gesetzgebende Gewalt im modernen
Staat (dessen Interpret Hegel ist) hat. Es folgt daraus von selbst, 4
daß dieser Staat kein wahrer Staat ist, weil in ihm die staat¬
lichen Bestimmung[en], wovon eine die gesetzgebende
Gewalt ist, nicht an und für sich, nicht theoretisch, sondern prak-
tisch betrachtet werden müssen, nicht als selbständige, sondern als
9 Gestrichen Volk
Die gesetzgebende Gewalt
503
mit einem Gegensatz behaftete Mächte, nicht aus der Natur der
Sache, sondern nach den Regeln der Konvention.
Also das ständische Element sollte eigentlich, „gemeinschaftlich
mit der Regierungsgewalt“, die Mitte zwischen dem Willen der
empirischen Einzelnheit, dem Fürsten, und dem Willen der empi¬
rischen Allgemeinheit, der bürgerlichen Gesellschaft, sein, allein
in Wahrheit, realiter ist „seine Stellung“ eine „zunächst
abstrakte Stellung, nämlich des Extrems der empi¬
rischen Allgemeinheit gegen das fürstliche oder
^monarchische Prinzip überhaupt, in der nur die Mög¬
lichkeit der Übereinstimmung und damit ebenso die
Möglichkeit feindlicher Entgegensetzung liegt“,
eine, wie Hegel richtig bemerkt, „abstrakte Stellung“.
Zunächst scheint es nun, daß hier weder das „Extrem der
15 empirischen Allgemeinheit“, noch das „fürstliche oder
monarchische Prinzip“, das Extrem der empirischen Einzelnheit,
sich gegenüberstehen. Denn von Seiten der bürgerlichen Gesell¬
schaft sind die Stände, wie von Seiten des Fürsten die Regierungs¬
gewalt deputiert. Wie das fürstliche Prinzip in der depu-
wtierten Regierungsgewalt aufhört, das Extrem der empirischen
Einzelnheit zu sein, und vielmehr in ihr den „grundlosen“
Willen aufgibt, sich zu der „Endlichkeit“ des Wissens und
der Verantwortlichkeit des Denkens herabläßt, so scheint in dem
ständischen Element die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr
26 empirische Allgemeinheit, sondern ein sehr bestimmtes Ganzes zu
sein, das ebensosehr den „Sinn und die Gesinnung des Staates
und der Regierung, als der Interessen der besonderen Kreise und
der Einzelnen“ hat (§ 302). Die bürgerliche Gesellschaft hat in
ihrer ständischen Miniaturausgabe aufgehört, die „empirische
™ Allgemeinheit“ zu sein. Sie ist vielmehr zu einem Ausschuß, zu
einer sehr bestimmten Zahl herabgesunken, und wenn der Fürst
in der Regierungsgewalt sich empirische Allgemeinheit, so hat
sich die bürgerliche Gesellschaft in den Ständen empirische Ein¬
zelnheit oder Besonderheit gegeben. Beide sind zu einer Besonder-
«« heit geworden.
Der einzige Gegensatz, der hier noch möglich ist, scheint der
zwischen den beiden Repräsentanten der beiden Staatswillen, zwi¬
schen den beiden Emanationen, zwischen dem Regierungs¬
element und dem ständischen Element der gesetzgeben-
den Gewalt, scheint also ein Gegensatz innerhalb der gesetz¬
gebenden Gewalt selbst zu sein. Die gemeinschaft¬
liche Vermittlung scheint auch recht geeignet, sich wechselseitig
in die Haare zu fallen. In dem Regierungselement der gesetz¬
gebenden Gewalt hat sich die empirische, unzugängliche Einzeln-
u heit des Fürsten verirdischtin einer Zahl beschränkter, fa߬
504 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
barer, verantwortlicher Personalitäten, und in dem ständischen
Element hat sich die bürgerliche Gesellschaft verhimmlischt
in eine Zahl politischer Männer. Beide Seiten haben ihre Unfa߬
barkeit verloren. Die fürstliche Gewalt das unzugängliche, aus¬
schließliche e m p i r i s c h e Eins, die bürgerliche Gesellschaft «
das unzugängliche, verschwimmende empirische All, die
eine ihre Sprödigkeit, die andere ihre Flüssigkeit. In dem stän¬
dischen Element einerseits, in dem Regierungselement oder gesetz¬
gebenden Gewalt andrerseits, welche zusammen bürgerliche Ge¬
sellschaft und Fürst vermitteln wollten, scheint also erst der »
Gegensatz zu einem kampfgerechten Gegensatz, also auch zu
einem unversöhnlichen Widerspruch gekommen zu
sein.
Diese „Vermittlung“ hat es also auch erst recht nötig, wie
Hegel richtig entwickelt, „daß ihre Vermittlung zur Exi- »
stenz kommt“. Sie selbst ist vielmehr die Existenz des Wider¬
spruches als der Vermittlung.
Daß diese Vermittlung von Seiten des ständischen Ele¬
ments bewirkt werde, scheint Hegel ohne Grund zu behaupten.
Er sagt: »
„Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt
(§ 300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch von der Seite
der Stände aus ein Moment derselben nach der Bestimmung ge¬
kehrt sein, wesentlich als das Moment der Mitte zu existieren.“
Allein wir haben schon gesehen, Hegel stellt hier willkürlich w
und inkonsequent Fürst und Stände als Extreme gegenüber. Wie
von Seiten der fürstlichen Gewalt die Regierungsgewalt, so hat
von Seiten der bürgerlichen Gesellschaft das ständische Element
diese Bestimmung. Sie stehen nicht nur mit der Regierungsgewalt
gemeinschaftlich zwischen Fürst und bürgerlicher Gesellschaft, »
sie stehen auch zwischen der Regierung überhaupt und dem Volke
(§ 302). Sie tun von Seiten der bürgerlichen Gesellschaft mehr,
als die Regierungsgewalt von Seiten der fürstlichen Gewalt tut,
da diese ja sogar selbst als Gegensatz dem Volke gegenübersteht.
Sie hat also das Maß der Vermittelung vollgemacht. Warum also is
diese Esel mit noch mehr Säcken bepacken? Warum soll denn
das ständische Element überall die Eselsbrücken bilden, sogar
zwischen sich selbst und seinem Gegner? Warum ist es überall die
Aufopferung selbst? Soll es sich selbst eine Hand abhauen, da¬
mit es nicht mit beiden seinem Gegner, dem Regierungs- »
element der gesetzgebenden Gewalt, Widerpart halten kann?
Es kömmt noch hinzu, daß Hegel zuerst die Stände aus den
Korporationen, Standesunterschieden etc. hervorgehen ließ, damit
sie keine „bloße empirische Allgemeinheit“ seien, und daß er sie
jetzt umgekehrt zur „bloßen empirischen Allgemeinheit“ macht, «
Die gesetzgebende Gewalt
505
um den Standesunterschied aus ihnen hervorgehen [zu] lassen!
Wie der Fürst durch die Regierungsgewalt als ihren Christus mit
der bürgerlichen] Gesellschaft, so vermittelt sich die Gesellschaft
durch die Stände als ihre Priester mit dem Fürsten.
5 Es scheint nun vielmehr die Rolle der Extreme, der fürstlichen
Gewalt (empirischen Einzelnheit) und der bürgerlichen Gesell¬
schaft (empirischen Allgemeinheit) sein zu müssen, vermittelnd
zwischen „ihre Vermittelungen zu treten“, um so mehr, da es „zu
den wichtigsten logischen Einsichten gehört, daß ein bestimmtes
10 Moment, das als im Gegensatz stehend die Stellung eines Extrems
hat, es dadurch zu sein aufhört und organisches Moment
ist, daß es zugleich Mitte ist“ (§ 302 Anmerk.). Die bürger¬
liche Gesellschaft scheint diese Rolle nicht übernehmen zu können,
da sie in der „gesetzgebenden Gewalt“ als sie selbst, als
u Extrem keinen Sitz hat. Das andere Extrem, das sich als
solches inmitten der gesetzgebenden Gewalt befindet, das fürst¬
liche Prinzip, scheint also den Mittler zwischen dem ständischen
und dem Regierungselement bilden zu müssen. Es scheint auch da¬
zu qualifiziert [zu] sein. Denn einerseits ist in ihm das Ganze des
20 Staates, also auch die bürgerliche Gesellschaft, repräsentiert, und
speziell hat es mit den Ständen die „empirische Einzelnheit“ des
Willens gemein, da die empirische Allgemeinheit nur wirklich
ist als empirische Einzelnheit. Es steht ferner der bürgerlichen
Gesellschaft nicht nur als Formel, als Staatsbewußtsein
25 gegenüber wie die Regierungsgewalt. Es ist selbst Staat, es hat
das materielle, natürliche Moment mit der bürgerlichen
Gesellschaft gemein1). Andrerseits ist der Fürste die Spitze und
der Repräsentant der Regierungsgewalt. (Hegel, der alles um¬
kehrt, macht die Regierungsgewalt zum Repräsentanten, zur Ema-
so nation des Fürsten. Weil er bei der Idee, deren Dasein der Fürst
sein soll, nicht die wirkliche Idee der Regierungsgewalt, nicht
die Regierungsgewalt als Idee, sondern das Subjekt der absoluten
Idee vor Augen hat, die im Fürsten körperlich existiert, so
wird die Regierungsgewalt zu einer mystischen Fort-
35 setzung der in seinem Körper (dem fürstlichen Kör¬
per) existierenden Seele.)
Der Fürst mußte also in der gesetzgebenden Gewalt die Mitte
zwischen der Regierungsgewalt und dem ständischen Element bil¬
den, allein die Regierungsgewalt ist ja die Mitte zwischen ihm
und der ständischen und die ständische zwischen ihm und der
bürgerlichen Gesellschaft? Wie sollte er das untereinander ver¬
mitteln, dessen er zu seiner Mitte nötig hat, um kein einseitiges
Extrem zu sein? Hier tritt das ganze Ungereimte dieser Extreme,
die abwechselnd bald die Rolle des Extrems, bald die Mitte
O Bei M. versehentlich sein
506 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
spielen, hervor. Es sind Janusköpfe, die sich bald von vom, bald
von hinten zeigen und vom einen anderen Charakter haben als
hinten. Das, was zuerst als Mitte zwischen zwei Extremen be¬
stimmt, tritt mm selbst als Extrem auf, und das eine der zwei
Extreme, das durch es mit dem anderen vermittelt war, tritt nun 5
wieder als Extrem (weil in seiner Unterscheidung von dem
anderen Extrem) zwischen sein Extrem und seine Mitte. Es ist
eine wechselseitige Bekomplimentierung. Wie wenn ein Mann
zwischen zwei Streitende tritt und nun wieder einer der Streiten¬
den zwischen den vermittelnden Mann und den Streitenden. Es it
ist die Geschichte von dem Mann und der Frau, die sich stritten,
und von dem Arzt, der als Vermittler zwischen sie treten wollte,
wo nun wieder die Frau den Arzt mit ihrem Mann und der Mann
seine Frau mit dem Arzt vermitteln mußte. Es ist wie der Löwe
im Sommemachtstraum, der ausruft: „Ich bin Löwe, und ich bin is
nicht Löwe, sondern Squanz.“ So ist hier jedes Extrem bald der
Löwe des Gegensatzes, bald der Squanz der Vermittlung. Wenn
das eine Extrem ruft: „jetzt bin ich Mitte“, so dürfen es die beiden
anderen nicht anrühren, sondern nur nach dem anderen schlagen,
das eben Extrem war. Man sieht, es ist eine Gesellschaft, die 2«
kampflustig im Herzen ist, aber zu sehr die blauen Flecke fürchtet,
um sich wirklich zu prügeln, und die beiden, die sich schlagen
wollen, richten es so ein, daß der Dritte, der dazwischentritt, die
Prügel bekommen soll, aber nun tritt wieder einer der beiden als
der Dritte auf, und so kommen sie vor lauter Behutsamkeit zu 25
keiner Entscheidung. Dieses System der Vermittlung kommt auch
so zustande, daß derselbe Mann, der seinen Gegner prügeln will,
ihn nach den anderen Seiten gegen andere Gegner vor Prügeln be¬
schützen muß und so in dieser doppelten Beschäftigung nicht zur
Ausführung seines Geschäftes kommt. Es ist merkwürdig, daß u
Hegel, der diese Absurdität der Vermittlung auf ihren abstrakten,
logischen, daher unverfälschten, . untransigierbaren Ausdruck
reduziert, sie zugleich als spekulatives Mysterium der
Logik, als das vernünftige Verhältnis, als den Vemunftschluß
bezeichnet. Wirkliche Extreme können nicht miteinander ver- 3«
mittelt werden, eben weil sie wirkliche Extreme sind. Aber sie
bedürfen auch keiner Vermittlung, denn sie sind entgegengesetz¬
ten Wesens. Sie haben nichts miteinander gemein, sie verlangen
einander nicht, sie ergänzen einander nicht. Das eine hat nicht in
seinem eigenen Schoß die Sehnsucht, das Bedürfnis, die Anti- u
zipation des anderen. (Wenn aber Hegel Allgemeinheit und Ein¬
zelnheit, die abstrakten Momente des Schlusses, als wirkliche
Gegensätze behandelt, so ist das eben der Grunddualismus seiner
Logik. Das Weitere hierüber gehört in die Kritik der Hegelschen
Logik. ) «
Die gesetzgebende Gewalt
507
Dem scheint entgegenzustehen : Les extrêmes se touchent. Nord¬
pol und Südpol ziehen sich an: weibliches Geschlecht und männ¬
liches ziehen sich ebenfalls an, und erst durch die Vereinigung
ihrer extremen Unterschiede wird der Mensch.
5 Andrerseits. Jedes Extrem ist sein anderes Extrem. Der ab¬
strakte Spiritualismus ist abstrakter Materialis¬
mus : der abstrakte Materialismus ist der abstrakte
Spiritualismus der Materie.
Was das erste betrifft, so sind Nordpol und Südpol beide Pol;
10 ihr Wesen ist identisch; ebenso sind weibliches und männ¬
liches Geschlecht beide eine Gattung, ein Wesen, mensch¬
liches Wesen. Nord und Süd sind entgegengesetzte Bestimmungen
eines Wesens; der Unterschied eines Wesens auf der höch¬
sten Entwicklung. Sie sind das differenzierte Wesen.
i& Sie sind, was sie sind, nur als eine unterschiedene Be¬
stimmung, und zwar als diese unterschiedene Bestimmung des
Wesens. Wahre wirkliche Extreme wären Pol und Nicht¬
pol, menschliches und unmenschliches Geschlecht. Der Unter¬
schied ist hier ein Unterschied der Existenz, dort ein
to Unterschied der Wesen, zweier Wesen. Was das zweite
betrifft, so liegt hier die Hauptbestimmung darin, daß ein Be¬
griff (Dasein etc.) abstrakt gefaßt wird, daß er nicht als
selbständig, sondern als eine Abstraktion von einem anderen
und nur als diese Abstraktion Bedeutung hat; also z. B. der
25 Geist nur die Abstraktion von der Materie ist. Es versteht
sich dann von selbst, daß er eben, weil diese Form seinen Inhalt
ausmachen soll, vielmehr das abstrakte Gegenteil, der
Gegenstand, von dem er abstrahiert, in seiner Abstraktion, also
hier der abstrakte Materialismus, sein reales Wesen ist. Wäre
so die Differenz innerhalb der Existenz eines Wesens nicht
verwechselt worden teils mit der verselbständigten Ab¬
straktion (versteht sich, nicht von einem anderen, sondern
eigentlich von sich selbst), teils mit dem wirklichen Gegen¬
satz sich wechselseitig ausschließender Wesen, so wäre ein drei-
35 facher Irrtum verhindert worden: 1. daß, weil nur das Extrem
wahr sei, jede Abstraktion und Einseitigkeit sich für wahr hält,
wodurch ein Prinzip statt als Totalität in sich selbst nur als Ab¬
straktion von einem anderen erscheint; 2. daß die Entschie¬
denheit wirklicher Gegensätze, ihre Bildung zu Extremen,
io die nichts anderes ist als sowohl ihre Selbsterkenntnis wie ihre
Entzündung zur Entscheidung des Kampfes, als etwas möglicher¬
weise zu Verhinderndes oder Schädliches gedacht wird; 3. daß
man ihre Vermittlung versucht. Denn so sehr beide Extreme in
ihrer Existenz als wirklich auftreten und als Extreme, so liegt es
is doch nur in dem Wesen des einen, Extrem zu sein, und es hat
508 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Üb»er §§ 261—313
für das andere nicht die Bedeutung der wählen Wirklich¬
keit. Das eine greift über das andere über. Die Stellung ist keine
gleiche, z.B. Christentum oder Religion überhauptt und Philosophie
sind Extreme. Aber in Wahrheit bildet die Religion zur Philo¬
sophie keinen wahren Gegensatz. Denn die Philosophie begreift 5
die Religion in ihrer illusorischen Wirlklichkeit. Sie ist
also für die Philosophie — sofern sie eine Wirklichkeit sein
will — in sich selbst aufgelöst. Es gibt keinen wirklichen Dua¬
lismus des Wesens. Später mehr hierüber. »
Es fragt sich, wie kommt Hegel überhaupt ziu dem Bedürfnis 0
einer neuen Vermittlung von Seiten des ständischen Ele¬
ments? Oder teilt Hegel mit1) „das häufige, ab»er höchst gefähr¬
liche Vorurteil, Stände hauptsächlich im Gesichtspunkte des
Gegensatzes gegen die Regierung, als ob die« ihre wesentliche
Stellung wäre, vorzustellen“? (§ 302 Anmerk.)) 5
Die Sache ist einfach die: einerseits haben wi r gesehen, daß in
der „gesetzgebenden Gewalt“ die bürgerliche Gesellschaft als
„ständisches“ Element und die fürstliche Macht als „Regierungs¬
element“ sich erst zum wirklichen unmittelbar praktischen Gegen¬
satz begeistet haben. 0
Andrerseits: die gesetzgebende Gewalt ist Totalität. Wir finden
in ihr die Deputation des fürstlichen Prinzips., „die Regierungs¬
gewalt“; 2. die Deputation der bürgerlichen 'Gesellschaft, das
„ständische“ Element: aber außerdem befindet sich in ihr 3. das
eine Extrem als solches, das fürstliche Prinzip, währende
das andere Extrem, die bürgerliche Gesellschaift, als solches sich
nicht in ihr befindet. Dadurch wird erst das „ständische“ Element
zu dem Extrem des „fürstlichen“ Prinzips, das eigentlich die bür¬
gerliche Gesellschaft sein sollte. Erst als ständisches Element
organisiert sich, wie wir gesehen haben, die bürgerliche Gesell-w
schäft zu einem politischen Dasein. Das „ständische“ Ele¬
ment ist ihr politisches Dasein, ihre Transsubstan¬
tiation in den politischen Staat. Die „gesetzgebende Gewalt“
ist daher, wie wir gesehen, erst der eigentliche politische
Staat in seiner Totalität. Hier ist also 1. fürstliches Prinzip,35
2. Regierungsgewalt, 3. bürgerliche Gesellschaft. Das „stän¬
dische“ Elément ist „die bürgerliche Ge sellschaft des
politischen Staats“, der „gesetzgebenden Gewalt“. Das
Extrem, das die bürgerliche Gesellschaft zumn Fürsten bilden
sollte, ist daher das „ständische“ Element.. (Weil die bürger-w
liehe Gesellschaft die Unwirklichkeit des poliitischen Daseins, so
ist das politische Dasein der bürgerlichen Gesellschaft ihre eigene
Auflösung, ihre Trennung von sich selbst.) Ebenso bildet es daher
einen Gegensatz zur Regierungsgewalt.
T) Fehlt ein Wort; sollte etwa heißen mit anderen
Die gesetzgebende Gewalt
509
Hegel bezeichnet daher auch das „ständische“ Element wieder
als das „Extrem der empirischen Allgemeinheit“, das eigentlich
die bürgerliche Gesellschaft selbst ist. (Hegel hat daher unnützer¬
weise das politische ständische Element aus den Korporationen
5 und unterschiedenen Ständen hervorgehen lassen. Dies hätte bloß
Sinn, wenn nun die unterschiedenen Stände als solche die gesetz¬
gebenden Stände wären, also der Unterschied der bürgerlichen
Gesellschaft, die bürgerliche Bestimmung wäre die politische Be¬
stimmung. Wir hätten dann nicht eine gesetzgebende Ge-
10 wa 11 des Staatsganzen, sondern die gesetzgebende
Gewalt der verschiedenen Stände und Korporationen und
Klassen über das Staatsganze. Die Stände der bürgerlichen Ge¬
sellschaft empfingen keine politische Bestimmung, sondern sie
bestimmten den politischen Staat. Sie machten ihre Besonder-
is h e i t zur bestimmenden Gewalt des Ganzen. Sie wären die Macht
des Besonderen über das Allgemeine. Wir hätten auch nicht eine
gesetzgebende Gewalt, sondern mehrere gesetzgebende Gewalten,
die unter sich und mit der Regierung transigierten. Allein Hegel
hat die moderne Bedeutung des ständischen Elements, die Ver-
2o wirklichung des Staatsbürgertums, des bourgeois zu sein, vor
Augen. Er will, daß das „an und für sich Allgemeine“, der poli¬
tische Staat, nicht von der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt
wird, sondern umgekehrt sie bestimmt. Während er also die Ge¬
stalt des mittelaltrig-ständischen Elements aufnimmt, gibt er ihm
25 die entgegengesetzte Bedeutung, von dem Wesen des politischen
Staates bestimmt zu werden. Die Stände als Repräsentanten der
Korporation etc. wären nicht die „empirische Allgemeinheit“,
sondern die „empirische Besonderheit“, die „Besonderheit der
Empirie“!) Die „gesetzgebende Gewalt“ bedarf daher in sich
so selbst der Vermittlung, d. h. einer Vertuschung des Gegen¬
satzes, und diese Vermittlung muß vom „ständischen Element“
ausgehen, weil das ständische Element innerhalb der gesetzgeben¬
den Gewalt die Bedeutung der Repräsentation der bürgerlichen
Gesellschaft verliert und zum primären Element wird, selbst
35 die bürgerliche Gesellschaft der gesetzgebenden Gewalt ist. Die
„gesetzgebende Gewalt“ ist die Totalität des politischen Staates,
eben daher der zur Erscheinung getriebene Wider¬
spruch desselben. Sie ist daher ebenso sehr seine gesetzte
Auflösung. Ganz verschiedene Prinzipien karambolieren in ihr.
Es erscheint dies allerdings als Gegensatz der Elemente
des fürstlichen Prinzips und des Prinzips des ständischen Ele¬
ments etc. In Wahrheit aber ist es die Antinomie des poli¬
tischen Staates und der bürgerlichen Gesell¬
schaft, der Widerspruch des abstrakten poli-
15 tischen Staates mit sich selbst. Die gesetzgebende Gewalt
Marx-Engels*Gesamtau8gabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 38
510 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
ist die gesetzte Revolte. (Hegels Hauptfehler besteht darin, daß
er den WiderspruchderErscheinungalsEinheitim
Wesen, in der Idee faßt, während er allerdings ein Tieferes
zu seinem Wesen hat, nämlich einen wesentlichen Wider¬
spruch, wie z. B. hier der Widerspruch der gesetzgebenden Ge- 5
walt in sich selbst nur der Widerspruch des politischen Staats, also
auch der bürgerlichen Gesellschaft mit sich selbst ist.
Die vulgäre Kritik verfällt in einen entgegengesetzten dogma¬
tischen Irrtum. So kritisiert sie z. B. die Konstitution. Sie
macht auf die Entgegensetzung der Gewalten aufmerksam etc. Sie 10
findet überall Widersprüche. Das ist selbst noch dogmatische
Kritik, die mit ihrem Gegenstand kämpft, so wie man früher
etwa das Dogma der heiligen Dreieinigkeit durch den Wider¬
spruch von 1 und 3 beseitigte. Die wahre Kritik dagegen zeigt
die innere Genesis der heiligen Dreieinigkeit im menschlichen 15
Gehirn. Sie beschreibt ihren Geburtsakt. So weist die wahrhaft
philosophische Kritik der jetzigen Staatsverfassung nicht nur
Widersprüche als bestehend auf, sie erklärt sie, sie begreift
ihre Genesis, ihre Notwendigkeit. Sie faßt sie in ihrer eigen¬
tümlichen Bedeutung. Dies Begreifen besteht aber nicht, 20
wie Hegel meint, darin, die Bestimmungen des logischen Begriffs
überall wiederzuerkennen, sondern die eigentümliche Logik des
eigentümlichen Gegenstandes zu fassen.)
Hegel drückt dies so aus, daß in der Stellung des politisch¬
ständischen Elementes zum fürstlichen „nur die Möglichkeit^
der Übereinstimmung und damit ebenso die Möglich¬
keit feindlicher Entgegensetzung liegt.“
Die Möglichkeit der Entgegensetzung liegt überall, wo ver¬
schiedene Willen Zusammentreffen. Hegel sagt selbst, daß die
„Möglichkeit der Übereinstimmung“ die „Möglichkeit der Ent- 30
gegensetzung“ ist. Er muß also jetzt ein Element bilden, was die
„U nmöglichkeit der Entgegensetzung“ und die
„Wirklichkeit der Übereinstimmung“ ist. Ein solches Ele¬
ment wäre also ihm die Freiheit der Entschließung und des Den¬
kens dem fürstlichen Willen und der Regierung gegenüber. Es 35
gehörte also nicht mehr zum „ständisch-politischen“ Element. Es
wäre vielmehr ein Element des fürstlichen Willens und der Regie¬
rung und befände sich in demselben Gegensatz zum wirklichen
ständischen Element wie die Regierung selbst.
Sehr wird diese Forderung schon herabgestimmt durch den
Schluß des Paragraphen: „Wie von Seiten der fürstlichen Gewalt
die Regierungsgewalt (§ 300) schon diese Bestimmung hat, so
muß auch von der Seite der Stände aus ein Moment derselben
nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das Mo-
ment der Mitte zu existieren.“ • «
Die gesetzgebende Gewalt
511
Das Moment, was von Seite der Stände abgeschickt wird, muß
die umgekehrte Bestimmung haben, als die Regierungsgewalt
von Seiten der Fürsten hat, da fürstliches und ständisches Element
entgegengesetzte Extreme sind. Wie der Fürst sich in der Regie-
j rungsgewalt demokratisiert, so muß sich dies „ständische“ Ele¬
ment in seiner Deputation monarchisieren. Was Hegel also
will, ist ein fürstliches Moment von Seiten der
Stände. Wie die Regierungsgewalt ein ständisches Moment von
Seiten des Fürsten, so soll es auch ein fürstliches Moment von
10 Seiten der Stände geben.
Die „Wirklichkeit der Übereinstimmung“ und die „Unmög¬
lichkeit der Entgegensetzung“ verwandelt sich in folgende For¬
derung: — [Es] „muß von Seiten der Stände aus ein Moment der¬
selben nach der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich
is als das Moment der Mitte zu existieren“. Nach der
Bestimmung gekehrt sein! Diese Bestimmung haben nach
§ 302 die Stände überhaupt. Es müßte hier nicht mehr „Bestim¬
mung“, sondern „Bestimmtheit“ sein.
Und was ist das überhaupt für eine Bestimmung, „wesentlich
2o als das Moment der Mitte zu existieren“? Seinem „Wesen“ nach
„Buridans Esel“ sein.
Die Sache ist einfach die:
Die Stände sollen „Vermittlung“ zwischen Fürst und Regierung
einerseits und Volk andrerseits sein, aber sie sind es nicht, sie sind
25 vielmehr der organisierte politische Gegensatz der bürger¬
lichen Gesellschaft. Die „gesetzgebende Gewalt“ bedarf in sich
selbst der Vermittlung, und zwar, wie gezeigt, einer Ver¬
mittlung von Seiten der Stände aus. Die vorausgesetzte mora¬
lische Übereinstimmung der beiden Willen, von denen der eine
5o der Staatswille als fürstlicher Wille und der andere der Staatswille
als der Wille der bürgerlichen Gesellschaft ist, reicht nicht aus.
Die gesetzgebende Gewalt ist zwar erst der organisierte totale
politische Staat. Aber eben in ihr erscheint, weil in seiner höch¬
sten Entwicklung — auch der unverhüllte Widerspruch des
Apolitischen Staates mit sich selbst. Es muß also der
Schein einer wirklichen Identität zwischen fürstlichem
und ständischem Willen gesetzt werden. Das ständische
Element muß als fürstlicher Wille oder der
fürstliche Wille muß als ständisches Element
'«gesetzt werden. Das ständische Element muß sich als die
Wirklichkeit eines Willens setzen, der nicht der Wille des stän¬
dischen Elementes ist. Die Einheit, die nicht im Wesen
vorhanden ist (sonst müßte sie sich durch die Wirksamkeit
und nicht durch die Daseinsweise des ständischen Elementes
«beweisen), muß wenigstens als eine Existenz vorhanden sein,
38e
512 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
oder eine Existenz der gesetzgebenden Gewalt (des stän¬
dischen Elements) hat die Bestimmung, diese Einheit
desNichtvereinten zu sein. Dieses Moment des ständischen
Elements, Pairskammer, Oberhaus etc., ist die höchste Syn¬
these des politischen Staates in der betrachteten Organisation. 5
Es ist zwar nicht damit erreicht, was Hegel will, „die Wirklich¬
keit der Übereinstimmung“ und die „Unmöglichkeit feindlicher
Entgegensetzung“, vielmehr bleibt es bei der „Möglichkeit der
Übereinstimmung“. Allein es ist die gesetzte Illusion
von der Einheit des politischen Staates mit sich/#
selbst (des fürstlichen und ständischen Willens, weiter dem
Prinzip des politischen Staates und der bürgerlichen Gesell¬
schaft) , von dieser Einheit als materiellem Prinzip, d. h.
so, daß nicht nur zwei entgegengesetzte Prinzipien sich vereinen,
sondern daß die Einheit derselben Natur, Existentialgrund ist. 15
Dieses Moment des ständischen Elementes ist die Romantik
des politischen Staats, die Träume seiner Wesenhaftigkeit oder
seiner Übereinstimmung mit sich selbst. Es ist eine allego¬
rische Existenz.
Es hängt nun von dem wirklichen status quo des Verhältnisses 20
zwischen ständischem Element und fürstlichem ab, ob diese
Illusion wirksame Illusion oder bewußte Selbsttäu¬
schung ist. Solange Stände und fürstliche Gewalt faktisch
übereinstimmen, sich vertragen, ist die Illusion ihrer wesent¬
lichen Einheit eine wirkliche, also wirksame Illusion, ss
Im Gegenfall, wo sie ihre Wahrheit betätigen sollte, wird sie zur
bewußten Unwahrheit und ridicule.
§ 305. „Der eine der Stände der bürgerlichen1) Ge¬
sellschaft enthält das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser
politischen1) Beziehung konstituiert zu werden, der Stande
der natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das Familienleben und
in Rücksicht der Subsistenz den Grundbesitz zu seiner Basis, somit
in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich beruhendes Wollen
und die Naturbestimmung, welche das fürstliche Element in sich
schließt, mit diesem gemein hat.“ w
Wir haben schon die Inkonsequenz Hegels nachgewiesen,
1. das politisch-ständische Element in seiner modernen Ab¬
straktion von der bürgerlichen Gesellschaft etc. zu fassen, nach¬
dem er es aus den Korporationen hat hervorgehen lassen, 2. es
jetzt wieder nach dem Stände-Unterschied der b ü r g e r-
liehen Gesellschaft zu bestimmen, nachdem er die poli¬
tischen Stände als solche als das „Extrem der empirischen All¬
gemeinheit“ schon bestimmt hat.
Die Konsequenz wäre nun: Die politischen Stände
a) Alles von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt
513
für sich zu betrachten, als neues Element, und nun aus ihnen jetzt
die § 304 geforderte Vermittlung zu konstruieren.
Allein sehen wir nun, wie Hegel den bürgerlichen Stände¬
unterschied wieder hereinzieht und zugleich den Schein hervor-
5 bringt, daß nicht die Wirklichkeit und das besondere
Wesen des bürgerlichen Ständeunterschieds die höchste
politische Sphäre, die gesetzgebende Gewalt bestimmt,
sondern umgekehrt zu einem bloßen Material herabsinkt, das
die politische Sphäre nach ihrem, aus ihr selbst hervorgehen-
10 den Bedürfnis formiert und konstruiert.
„Der eine der Stände der bürgerlichen Gesellschaft enthält das
Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser politischen Be¬
ziehung konstituiert zu werden, der Stand der natür¬
lichen Sittlichkeit nämlich.“ (Der Bauernstand.)
u Worin besteht nun diese prinzipielle Fähigkeit oder
diese Fähigkeit des Prinzips des Bauernstandes?
Er hat „das Familienleben und in Rücksicht der Sub¬
sistenz den Grundbesitz zu seiner Basis, somit in Rück¬
sicht seiner Besonderheit ein auf sich beruhendes
20 Wollen und die Naturbestimmung, welche das fürst¬
liche Element in sich schließt, mit diesem gemein“.
Das „auf sich beruhende Wollen“ bezieht sich auf die Sub¬
sistenz, den „Grundbesitz“, die mit dem fürstlichen Element ge¬
meinschaftliche „Naturbestimmung“ auf das „Familienleben“ als
25 Basis.
Die „Subsistenz des Grundbesitzes“ und ein „auf sich beruhen¬
des Wollen“ sind zwei verschiedene Dinge. Es müßte vielmehr von
einem auf „Grund und Boden“ ruhenden Wollen die Rede
sein. Es müßte aber vielmehr von einem „auf der Staatsgesin-
jonung“, nicht von einem auf sich, sondern von einem im
Ganzen ruhenden Willen die Rede sein. An die Stelle der „Ge¬
sinnung“, des „Besitzes des Staatsgeistes“ tritt der „Grund¬
besitz“.
Was ferner das „Familienleben“ als Basis angeht, so
35 scheint die „soziale“ Sittlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft
höher zu stehen als diese „natürliche Sittlichkeit“. Ferner ist das
„Familienleben“ die „natürliche Sittlichkeit“ der
anderen Stände oder des Bürgerstandes der bürgerlichen Ge¬
sellschaft ebensowohl als des Bauernstandes. Daß aber das „Fa-
4o milienleben“ bei dem Bauernstände nicht nur Prinzip der Familie,
sondern die Basis seines sozialen1) Daseins überhaupt ist, scheint
ihn vielmehr für die höchste politische Aufgabe unfähig zu machen,
indem er patriarchalische Gesetze auf eine nicht patriarchalische
Sphäre anwenden wird und das Kind oder den Vater, den Herm
O Kott, aus bürgert liehen]
514 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
und den Knecht da geltend macht, wo es sich um den politi¬
schen Staat, um das Staatsbürgertum handelt.
Was die Naturbestimmung des fürstlichen Elements
betrifft, so hat Hegel keinen patriarchalischen, sondern einen
modern konstitutionellen König entwickelt. Seine 5
Naturbestimmung besteht darin, daß er der körperliche
Repräsentant des Staates ist und als König geboren,
oder das Königtum seine Familienerbschaft ist, aber was
hat das mit dem Familienleben als der Basis des Bauernstandes,
was hat die natürliche Sittlichkeit mit der Naturbestimmung der 10
Geburt als solcher gemein? Der König teilt das mit dem Pferd,
daß, wie dieses als Pferd, der König als König geboren wird.
Hätte Hegel den von ihm angenommenen Ständeunterschied als
solchen zum politischen gemacht, so war ja schon der Bauern¬
stand als solcher ein selbständiger Teil des ständischen Elements, is
und wenn er als solcher ein Moment der Vermittlung mit dem
Fürstentum ist, was bedürfte es dann der Konstruktion einer
neuen Vermittlung! Und warum ihn aus dem eigentlich stän¬
dischen Moment herausscheiden, da dieses ja nur durch die Schei¬
dung von ihm in die „abstrakte“ Stellung zum fürstlichen Element 20
gerät! Nachdem Hegel aber eben das politisch-ständische Element
als ein eigentümliches Element, als eine Transsubstantia¬
tion des Privatstandes in das Staatsbürgertum
entwickelt hat und eben deswegen der Vermittlung bedürftig ge¬
funden hat, wie darf Hegel nun diesen Organismus wieder auf- 2s
lösen in den Unterschied des Privatstandes, also in den Privat¬
stand, und aus diesem die Vermittlung des politischen Staates mit
sich selbst herholen!
Überhaupt welche Anomalie, daß die höchste Synthese
des politischen Staates nichts anderes ist als die Synthese von so
Grundbesitz und Familienleben!
Mit einem Wort:
Sobald die bürgerlichen Stände als solche politische Stände
sind, bedarf es jener Vermittlung nicht, und sobald es jener Ver¬
mittlung bedarf, ist der bürgerliche Stand nicht politisch, also ss
auch nicht jene Vermittlung. Der Bauer ist dann nicht als Bauer,
sondern als Staatsbürger ein Teil des politisch-ständischen Ele¬
ments, während umgekehrt ([wo er] als Bauer Staatsbürger
oder als Staatsbürger Bauer ist) sein Staatsbürgertum das
Bauerntum, er nicht als Bauer Staatsbürger, sondern als co
Staatsbürger Bauer ist!
Es ist hier also eine Inkonsequenz Hegels innerhalb sei¬
ner eigenen Anschauungsweise, und eine solche Inkonse¬
quenz ist Akkommodation. Das politisch-ständische Element
ist im modernen Sinne in dem von Hegel entwickelten Sinne die «
Die gesetzgebende Gewalt
515
vollzogene gesetzte Trennung der bürgerlichen
Gesellschaft von ihrem Privatstand und seinen
Unterschieden. Wie kann Hegel den Privatstand zur Lö¬
sung der Antinomien der gesetzgebenden Gewalt in sich
s selbst machen? Hegel will das mittelalterliche ständische System,
aber in dem modernen Sinn der gesetzgebenden Gewalt, und er
will die moderne gesetzgebende Gewalt, aber in dem Körper des
mittelalterlich-ständischen Systems: es ist schlechtester Synkre¬
tismus.
10 Anfang § 304 heißt es: „Den in den früheren Sphären bereits
vorhandenen Unterschied der Stände enthält das politisch-stän¬
dische Element zugleich in seiner eigenen Bestimmung.“ Aber in
seiner eigenen Bestimmung enthält das politisch-ständische
Element diesen Unterschied nur dadurch, daß es ihn annulliert,
is daß es ihn in sich vemichtigt, von ihm abstrahiert.
Wird der Bauernstand oder, wie wir weiter hören werden, der
potenzierte Bauernstand, der adlige Grundbesitz, als solcher
auf die beschriebene Weise zur Vermittlung des totalen poli¬
tischen Staates, der gesetzgebenden Gewalt in sich selbst ge-
20 macht, so ist das allerdings die Vermittlung des ständisch-poli¬
tischen Elements mit der fürstlichen Gewalt in dem Sinn, als es
die Auflösung des politisch-ständischen Elementes als eines
wirklichen politischen Elementes ist. Nicht der Bauernstand,
sondern der Stand, der Privatstand, die Analyse (Re-
25 duktion) des politisch-ständischen Elementes in den Privatstand
ist hier die wiederhergestellte Einheit des poli¬
tischen Staats mit sich selbst. (Nicht der Bauern¬
stand als solcher ist hier die Vermittlung, sondern seine
Trennung von dem politisch-ständischen Element in seiner
30 Qualität als bürgerlicher Privatstand; das ist, daß
sein Privatstand ihm eine gesonderte Stellung in dem politisch¬
ständischen Element gibt, also auch der andere Teil des politisch¬
ständischen Elements die Stellung eines besonderen Privat¬
standes erhält, also auf hört, das Staatsbürgertum der bürger-
35 liehen Gesellschaft zu repräsentieren.) Es ist hier nun nicht mehr
der politische Staat als zwei entgegengesetzte Wil¬
len vorhanden, sondern auf der einen Seite steht der politische
Staat (Regierung und Fürst) und auf der anderen die bürgerliche
Gesellschaft in ihrem Unterschied vom politischen Staat. (Die ver-
40 schiedenen Stände.) Damit ist denn auch der politische Staat als
Totalität auf gehoben.
Der nächste Sinn der Verdoppelung des politisch-stän¬
dischen Elementes in sich selbst als einer Vermittlung mit der
fürstlichen Gewalt ist überhaupt, daß die Trennung dieses
45 Elementes in sich selbst, sein eigener Gegensatz in sich selbst seine
516 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
wiederhergestellte Einheit mit der fürstlichen Gewalt ist.
Der Grunddualismus zwischen dem fürstlichen und dem
ständischen Element der gesetzgebenden Gewalt wird neutra¬
lisiert durch den Dualismus des ständischen Elementes in sich
selbst. Bei Hegel aber geschieht diese Neutralisation dadurch, s
daß das politisch-ständische Element sich von seinem poli¬
tischen Element selbst trennt.
Was den Grundbesitz als Subsistenz, welche der
Souveränität des Willens, der fürstlichen Souverä¬
nität, und das Familienleben als Basis des Bauernstandes, 10
welche der Naturbestimmung der fürstlichen Gewalt ent¬
sprechen soll, betrifft, so kommen wir später darauf zurück. Hier
im § 305 ist das „P r i n z i p“ des Bauernstandes entwickelt, „das
für sich fähig ist, zu dieser politischen Beziehung konstituiert zu
werden“. is
Im § 306 wird die „Konstituierung“ „für die politische Stellung
und Bedeutung“ vorgenommen. Sie reduziert sich darauf: „das
Vermögen wird“ „ein unveräußerliches, mit dem Majo¬
rat belastetes E r b g u t“. „Das Majorat“ wäre also die poli¬
tische Konstituierung des Bauernstandes. 20
„Die Begründung des Majorats“, heißt es im Zusatz, „liegt
darin, daß der Staat nicht auf bloße Möglichkeit1) der
Gesinnung, sondern auf ein Notwendiges1) rechnen soll.
Nun ist die Gesinnung freilich an ein Vermögen nicht gebunden,
aber der relativ notwendige1) Zusammenhang ist, daß, 2s
wer ein selbständiges Vermögen hat, von äußeren Umständen nicht
beschränkt ist und so ungehemmt auftreten und für den Staat
handeln kann1).“
Erster Satz. Dem Staat genügt nicht „die bloße Mög¬
lichkeit der Gesinnung“, er soll auf ein „No twen- 30
d i g e s“ rechnen.
Zweiter Satz. „Die Gesinnung ist an ein Vermögen nicht
gebunden“, d. h. die Gesinnung des Vermögens ist eine „bloße
Möglichkeit“.
Dritter Satz. Aber es findet ein „relativ notwen• «
diger Zusammenhang“ statt, nämlich, „daß, wer ein selb¬
ständiges Vermögen hat etc., für den Staat handeln kann“,
d. h. das Vermögen gibt die „Möglichkeit“ der Staats¬
gesinnung, aber eben die „Möglichkeit“ genügt nach dem ersten
Satz nicht. 40
Zudem hat Hegel nicht entwickelt, daß der Grundbesitz
das einzige selbständige Vermögen ist.
Die Konstituierung seines Vermögens zur Un¬
abhängigkeit ist die Konstituierung des Bauernstandes „für
*) Alles von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt
517
die politische Stellung und Bedeutung“. Oder „die Unabhängigkeit
des Vermögens“ ist seine „politische Stellung und Bedeutung“.
Diese Unabhängigkeit wird weiter so entwickelt:
Sein „Vermögen“ ist „unabhängig vom Staats-
svermöge n“. Unter Staatsvermögen wird hier offenbar die
Regierungskasse verstanden. In dieser Beziehung steht
„der allgemeine Stand“ „gegenüber“ „als vom Staat
wesentlich abhängig“. So heißt es in der Vorrede [zu Hegels
Rechtsphilosophie] p. 13: „Ohnehin“ wird „bei uns die Philo-
10 sophie1) nicht wie etwa bei den Griechen als eine private Kunst
exerziert“, „sondern sie“ hat „eine öffentliche, das Publikum be¬
rührende Existenz, vornehmlich oder allein1) im Staats¬
dienste1)“. Also auch die Philosophie „wesentlich“ von
der Regierungskasse abhängig.
is Sein Vermögen ist unabhängig „von der Unsicherheit
des Gewerbes, der Sucht des Gewinns und der Veränderlichkeit
des Besitzes überhaupt“. In diesér Hinsicht steht ihm der „Stand
des Gewerbes“ „als der vom Bedürfnis abhängige und darauf
hingewiesene“ gegenüber.
■io Dies Vermögen ist so „wie von der Gunst der Regie¬
rungsgewalt, so von der Gunst der Menge“ unabhängig.
Er ist endlich selbst gegen die eigene Willkür da¬
durch festgestellt, daß die für diese Bestimmung berufenen Mit¬
glieder dieses Standes „des Rechts der anderen Bürger, teils über
2s ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, teils es nach der Gleich¬
heit der Liebe zu den Kindern an sie übergehend zu wissen, ent¬
behren“.
Die Gegensätze haben hier eine ganz neue und sehr materielle
Gestalt angenommen, wie wir sie in dem Himmel des politischen
so Staates kaum erwarten dürften.
Der Gegensatz, wie ihn Hegel entwickelt, ist in seiner Schärfe
ausgesprochen der Gegensatz von Privateigentum und
Vermögen.
Der Grundbesitz ist das Privateigentum xat
3s das eigentliche Privateigentum. Seine exakte Privat-
natur tritt hervor 1. als „Unabhängigkeit vom Staats¬
vermögen“, der „Gunst der Regierungsgewalt“,
dem Eigentum, wie es als „allgemeines Eigentum des politischen
Staats“ existiert, als ein nach der Konstruktion des politischen
so Staates besonderes Vermögen neben anderen Vermögen,
2. als „Unabhängigkeit vom Bedürfnis“ der Sozietät oder
dem „sozialen Vermögen“, der „Gunst der Menge“. (Ebenso be¬
zeichnend ist, daß der Anteil am Staatsvermögen als „Gunst
der Regierungsgewalt“, wie der Anteil am sozialen Ver-
*) Alles von M. unterstrichen.
518 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
mögen als „Gunst der Menge“ gefaßt wird.) Das Vermögen
des „allgemeinen Standes“ und des „Gewerbestandes“ ist kein
eigentliches Privateigentum, weil es dort direkt,
hier indirekt durch den Zusammenhang mit dem allgemeinen
Vermögen oder dem Eigentum als sozialem Eigentum bedingt ist, 5
eine Partizipation an demselben ist, darum allerdings auf
beiden Seiten durch „Gunst“, d. h. durch den „Zufall des Willens“
vermittelt ist. Dem gegenüber steht der Grundbesitz als das
souveräne Privateigentum, das noch nicht die Gestalt
des Vermögens, d. h. eines durch den sozialen Willen ge-w
setzten Eigentums, erreicht hat.
Die politische Verfassung in ihrer höchsten Spitze ist also die
Verfassung des Privateigentums. Die höchste
politische Gesinnung ist die Gesinnung des Pri¬
vateigentums. Das M a j o r at ist bloß die äußere«
Erscheinung von der inneren Natur des Grundbesitzes.
Dadurch, daß er unveräußerlich ist, sind ihm die so¬
zialen Nerven abgeschnitten und seine Isolierung von
der bürgerlichen Gesellschaft gesichert. Dadurch,
daß er nicht nach der „Gleichheit der Liebe zu den Kindern“ über- 2«
geht, ist er sogar von der kleineren Sozietät, der natürlichen So¬
zietät der Familie, ihrem Willen und ihren Gesetzen losgesagt,
unabhängig, bewahrt also die schroffe Natur des Privat¬
eigentums noch vor dem Übergang in das Familien¬
vermögen. is
Hegel hatte § 305 den Stand des Grundbesitzes fähig erklärt,
zu der „politischen Beziehung“ konstituiert zu werden, weil das
„Familienleben“ seine „Basis“ sei. Er hat aber selbst die „Liebe“
für die Basis, für das Prinzip, für den Geist des Familien¬
lebens erklärt. In dem Stand, der das Familienleben zu seiner 3t
Basis hat, fehlt also die Basis des Familienlebens, die
Liebe als das wirkliche, also wirksame und determinierende Prin¬
zip. Es ist das geistlose Familienleben, die Illusion des
Familienlebens. In seiner höchsten Entwicklung widerspricht
das Prinzip des Privateigentums dem Prinzip»
der Familie. Es kommt also im Gegensatz zum Stand
der natürlichen Sittlichkeit, des Familienlebens, viel¬
mehr erst in der bürgerlichen Gesellschaft das Familien¬
leben zum Leben der Familie, zum Leben der Liebe.
Jener ist vielmehr die Barbarei des Privateigentums gegen«
das Familienleben.
Das wäre also die souveräne Herrlichkeit des
Privateigentums des Grundbesitzes, worüber in
neueren Zeiten so viele Sentimentalitäten stattgehabt haben und
so viele buntfarbige Krokodilstränen vergossen worden sind. <s
Die gesetzgebende Gewalt
519
Es nützt Hegel nichts zu sagen, daß das Majorat bloß eine
Forderung der Politik sei und in seiner politischen
Stellung und Bedeutung gefaßt werden müsse. Es nützt ihm nichts
zu sagen: „Die Sicherheit und Festigkeit dieses Standes kann
« noch durch die Institution des Majorats vermehrt werden, welche
jedoch nur in politischer Rücksicht1) wünschens¬
wert ist, denn es ist damit ein Opfer für den politischen
Zweck1) verbunden, daß der Erstgeborene unabhängig
leben könne1).“ Es ist bei Hegel eine gewisse Dezenz, der
jo Anstand des Verstandes. Er will nicht das Majorat an
und für sich, er will es nur in bezug auf ein anderes, nicht als
Selbstbestimmung, sondern als Bestimmtheit eines anderen, nicht
als Zweck, sondern als Mittel zu einem Zweck rechtfertigen
und konstruieren. In Wahrheit ist das Majorat eine Konsequenz
is des exakten Grundbesitzes, das versteinerte Privateigentum,
das Privateigentum (quand même) in der höchsten Selbständig¬
keit und Schärfe seiner Entwicklung, und was Hegel als den
Zweck, als das Bestimmende, als die prima causa des Majorats
darstellt, ist vielmehr ein Effekt desselben, eine Konsequenz, die
20 Macht des abstrakten Privateigentums über den
politischen Staat, während Hegel das Majorat als die
Macht des politischen Staates über das Privat¬
eigentum darstellt. Er macht die Ursache zur Wirkung und
die Wirkung zur Ursache, das Bestimmende zum Bestimmten und
ss das Bestimmte zum Bestimmenden.
Allein was ist der Inhalt der politischen Konstituierung, des
politischen Zwecks, was ist der Zweck dieses Zweckes? Was seine
Substanz? Das Majorat, der Superlativ des Privat¬
eigentums, das souveräne Privateigentum. Welche
so Macht übt der politische Staat über das Privateigentum im Majo¬
rat aus? Daß er es isoliert von der Familie und der Sozietät,
daß er es zu seiner abstrakten Verselbständigung
bringt. Welches ist also die Macht des politischen Staates über
das Privateigentmn? Die eigene Macht des Privat-
«eigentums, sein zur Existenz gebrachtes Wesen. Was bleibt
dem politischen Staat im Gegensatz zu diesem Wesen übrig? Die
Illusion, daß er bestimmt, wo er bestimmt wird. Er bricht
allerdings den Willen der Familie und der Sozietät,
aber nur um dem Willen des familien- und sozietäts-
2o losen Privateigentums Dasein zu geben und dieses Da¬
sein als das höchste Dasein des politischen Staates, als das höchste
sittliche Dasein anzuerkennen.
Betrachten wir die verschiedenen Elemente, wie sie sich hier
in der gesetzgebenden Gewalt, dem totalen, dem zur
1) Alles von M. unterstrichen.
520 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Wirklichkeit und zur Konsequenz, zum Bewußtsein gekommenen
Staat, dem wirklichen politischen Staat verhalten1) mit der
ideellen oder sein sollenden, mit der logischen Be¬
stimmung und Gestalt dieser Elemente.
(Das Majorat ist nicht, wie Hegel sagt, „eine Fessel, die der s
Freiheit des Privatrechts angelegt ist“, es ist vielmehr die „Frei¬
heit des Privatrechts, die sich von allen sozialen und sittlichen
Fesseln befreit hat“.) („Die höchste politische Konstruktion ist
hier die Konstruktion des abstrakten Privateigentums.“)
Ehe wir diese Vergleichung anstellen, ist noch ein näherer 10
Blick auf eine Bestimmung des Paragraphen zu werfen, nämlich
darauf, daß durch das Majorat das Vermögen des Bauern¬
standes, der Grundbesitz, das Privateigentum „selbst gegen
die eigene Willkür dadurch festgestellt ist, daß die für
diese Bestimmung berufenen Mitglieder dieses Standes des Rechts is
der anderen Bürger, über ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren,
entbehren“.
Wir haben schon hervorgehoben, wie durch die „Unveräußer¬
lichkeit“ des Grundbesitzes die sozialen Nerven des Privateigen¬
tums abgeschnitten werden. Das Privateigentum (der Grund- 20
besitz) ist gegen die eigeneWillkür des Besitzers dadurch
festgestellt, daß die Sphäre seiner Willkür aus einer allgemein
menschlichen zur spezifischen Willkür des Privat¬
eigentums umgeschlagen, das Privateigentum zum Sub¬
jekt des Willens geworden ist; der Wille bloß mehr das Prä - ss
dikat des Privateigentums ist. Das Privateigentum ist nicht
mehr ein bestimmtes Objekt der Willkür, sondern die Will¬
kür ist das bestimmte Prädikat des Privateigentums. Doch
vergleichen wir, was Hegel selbst innerhalb der Sphäre des Privat¬
rechts sagt: 30
§ 65. „MeinesEigentums kann ich mich entäußern,
da es das meinige nur ist, insofern ich meinen Willen darin
lege [ ], aber nur insofern die Sache ihrer Natur
nach ein Äußerliches ist.“
§ 66. „Unveräußerlich sind daher diejenigen3«
Güter oder vielmehr substantiellen Bestimmungen, sowie
das Recht an sie unverjährbar, welche meine eigenste
Person und das allgemeine Wesen meines Selbstbewußt¬
seins ausmachen, wie meine Persönlichkeit überhaupt,
meine allgemeine Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion.“
Im Majorat wird also der Grundbesitz, das exakte Privateigen¬
tum, ein unveräußerliches Gut, also eine substan-
*) Zu ergänzen etwa verhalten, im Zusammenhänge mit
Die gesetzgebende Gewalt
521
tielle Bestimmung, welche die „eigenste Person, das all¬
gemeine Wesen des Selbstbewußtseins“ des majoratsherrlichen
Standes ausmachen, seine „Persönlichkeit überhaupt, seine all¬
gemeine Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion“. Es ist daher auch
5 konsequent, daß, wo das Privateigentum, der Grundbesitz u n •
veräußerlich, dagegen die „allgemeine Willensfreiheit“
(wozu auch die freie Disposition über ein Äußerliches, wie der
Grundbesitz ist, gehört) und die Sittlichkeit (wozu die
Liebe als der wirkliche, auch als das wirkliche Gesetz der Fa-
10 milie sich ausweisende Geist gehört) veräußerlich sind. Die
„Unveräußerlichkeit“ des Privateigentums ist in
einem die „Veräußerlichkeit“ der allgemeinen
Willensfreiheit und Sittlichkeit. Das Eigentum ist
hier nicht mehr, „insofern ich meinen Willen darin lege“, sondern
is mein Wille ist, „insofern er im Eigentum liegt“. Mein Wille be¬
sitzt hier nicht, sondern ist besessen. Das ist eben der roman¬
tische Kitzel der Majoratsherrlichkeit, daß hier das Privat¬
eigentum, also die Privatwillkür in ihrer abstraktesten Gestalt,
daß der ganz bornierte, unsittliche, rohe Willen als die
so höchste Synthese des politischen Staates, als die höchste Ent¬
äußerung der Willkür, als der härteste, aufopferndste Kampf mit
der menschlichen Schwäche erscheint, denn als mensch¬
lich e Schwäche erscheint hier die Humanisierung, die
Vermenschlichung des Privateigentums. Das Majorat
es ist das sich selbst zur Religion gewordene, das in sich selbst
versunkene, von seiner Selbständigkeit und Herrlichkeit ent¬
zückte Privateigentum.1) Wie das Majorat der direkten
Veräußerung, so ist es auch dem Vertrage entnommen. Hegel
stellt den Übergang vom Eigentum zum Vertrage folgender-
so maßen dar:
§ 71. „Das Dasein ist als bestimmtes Sein wesentlich
Sein für anderes [...] ; das Eigentum, nach der Seite, daß
es ein Dasein als äußerliche Sache ist, ist für andere Äußer¬
lichkeiten und im Zusammenhänge dieser Notwendigkeit
3s und Zufälligkeit. Aber als Dasein des Willens ist es als
für anderes nur für den Willen einer anderen Person.
Diese Beziehung von Willen auf Willen ist der eigentüm¬
liche und wahrhafte Boden, in welchem die Freiheit D a -
sein hat. Diese Vermittlung, Eigentum2) nicht mehr
io nur vermittelst einer Sache und meines sub¬
jektiven2) Willens zu haben, sondern ebenso ver-
O Gestrichen Gegen diese Abstraktion
2) Alles von M. unterstrichen.
522 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313
mittelst eines anderen Willens und hiermit in einem ge¬
meinsamen1) Willen zu haben, macht die Sphäre des
Vertrags aus.“
(Im Majorat ist es zum Staatsgesetz gemacht, das Eigentum
nicht in einem gemeinsamen Willen, sondern nur „ver- s
mittelst einer Sache und meines subjektiven Willens
zu haben“.) Während Hegel hier im Privatrecht die Ver-
äußerlichkeit und die Abhängigkeit des Privateigentums
von einem gemeinsamen Willen als seinen wahren
Idealismus auffaßt, wird umgekehrt im Staatsrecht die 10
imaginäre Herrlichkeit eines unabhängigen Eigentums im Gegen¬
satz zu der „Unsicherheit des Gewerbes, der Sucht des Gewinns,
der Veränderlichkeit des Besitzes, der Abhängigkeit vom Staats¬
vermögen“ gepriesen. Welch ein Staat, der nicht einmal den
Idealismus des Privatrechts ertragen kann? Welch eine Rechts- m
philosophie, wo die Selbständigkeit des Privateigentums eine
andere Bedeutung im Privatrecht als im Staatsrecht hat?
Gegen die rohe Stupidität des unabhängigen Privat¬
eigentums ist die Unsicherheit des Gewerbes2) elegisch, die Sucht
des Gewinns pathetisch (dramatisch), die Veränderlichkeit des 29
Besitzes ein ernstes*) Fatum (tragisch), die Abhängigkeit vom
Staatsvermögen sittlich. Kurz, in allen diesen Qualitäten schlägt
das menschliche Herz durch das Eigentum durch, es
ist Abhängigkeit des Menschen vom Menschen. Wie sie immerhin
an und für sich beschaffen sei, sie ist menschlich gegenüber m
dem Sklaven, der sich frei dünkt, weil die Sphäre, die ihn be¬
schränkt, nicht die Sozietät, sondern die Scholle ist; die Frei¬
heit dieses Willens ist seine Leerheit von anderem Inhalt als dem
des Privateigentums.
Solche Mißgeburten wie das Majorat als eine Bestimmung des 20
Privateigentums durch den politischen Staat zu definieren, ist
überhaupt unumgänglich, wenn man eine alte Weltanschauung
im Sinn einer neuen interpretiert, wenn man einer Sache, wie hier
dem Privateigentum, eine doppelte Bedeutung, eine andere im
Gerichtshof des abstrakten Rechts, eine entgegengesetzte im Him- a
mel des politischen Staats gibt.
Wir kommen zu der oben angedeuteten Vergleichung.
§ 257 heißt es:
„Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee —
der sittliche Geist als der offenbare, sich selbst deut-<0
liehe, substantielle Wille An der Sitte hat er seine
1 ) Von M. unterstrichen.
2) Gestrichen Phantasie und Sentimental[ität] und dramatischer P[. . .]
8) Gestrichen Pathos
Die gesetzgebende Gewalt
523
unmittelbare und an dem Selbstbewußtsein des Ein¬
zelnen . . . seine vermittelte Existenz, so wie dieses durch
die Gesinnung in ihm, als seinem Wesen, Zweck und Pro¬
dukte seiner Tätigkeit, seine substantielle Freiheit
i hat.“
§ 268 heißt es:
„Die politische Gesinnung, der Patriotismus
überhaupt, als die in Wahrheit stehende Gewißheit
[ ] und das zur Gewohnheit gewordene Wollen
io ist nur Resultat der im Staate bestehenden Institutionen, als
in welchem die Vernünftigkeit wirklich vorhanden ist,
so wie sie durch das ihnen gemäße Handeln ihre Betätigung
erhält. — Diese Gesinnung ist überhaupt das Zutrauen
(das zu mehr oder weniger gebildeter Einsicht übergehen
is kann), — das Bewußtsein, daß mein substantielles und be¬
sonderes Interesse im Interesse und Zwecke eines Anderen
(hier des Staats) als im Verhältnis zu mir als Einzelnen
bewahrt und enthalten ist, — womit eben dieser unmittel¬
bar kein anderer für mich ist und Ich in diesem Bewußtsein
20 frei bin.“
Die Wirklichkeit der sittlichen Idee erscheint hier als
die Religion des Privateigentums (weil sich im
Majorat das Privateigentum zu sich selbst auf religiöse Weise
verhält, so kommt es, daß in unseren modernen Zeiten die Religion
25 überhaupt zu einer dem Grundbesitz inhärenten Qualität ge¬
worden ist und alle majoratsherrlichen Schriften voll religiöser
Salbung sind. Die Religion ist die höchste Denkform dieser
Brutalität). Der „offenbare, sich selbst deutliche, substan¬
tielle Wille“ verwandelt sich in einen dunklen, an der Scholle
so gebrochenen Willen, der eben von der Undurchdringlichkeit des
Elements, an dem er haftet, berauscht ist. „Die in Wahrheit
stehende Gewißheit“, welche die „politische Gesinnung ist“, ist die
auf „eigenem Boden“ (im wörtlichen Sinne) stehende Gewißheit.
Das zur „Gewohnheit gewordene“ politische „Wollen“ ist nicht
3s mehr „nur Resultat“ etc., sondern eine außer dem Staat be¬
stehende Institution. Die politische Gesinnung ist nicht mehr das
„Zutrauen“, sondern vielmehr das „Vertrauen, das Bewußt¬
sein, daß mein substantielles und besonderes Interesse unab¬
hängig vom Interesse und Zwecke eines Anderen (hier des
so Staats) im Verhältnis zu mir als Einzelnen“ ist. Das ist das Be¬
wußtsein meiner Freiheit vom Staate.
524 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Die „Festhaltung des allgemeinen Staatsinteresses“
etc. war (§ 289) die Aufgabe der „Regierungsgewalt“. In ihr
residierte „die gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußt¬
sein der Masse eines Volkes“ (§ 297). Sie macht „eigentlich die
Stände überflüssig“, denn sie „können ohne Stände das Beste tun, 5
wie sie auch fortwährend bei den ständischen Versammlungen
das Beste tun müssen“ (§ 301 Anmerk.). Der „allgemeine,
näher dem Dienst der Regierung sich widmende Stand hat un¬
mittelbar zu seiner Bestimmung, das Allgemeine zum Zwecke
seiner wesentlichen Tätigkeit zu haben“ [§ 303]. 10
Und wie erscheint der allgemeine Stand, die Regierungs¬
gewalt jetzt? „Als vom Staat wesentlich abhängig“, als das „Ver¬
mögen, abhängig von der Gunst der Regierungs¬
gewalt“. Dieselbe Umwandlung ist mit der bürgerlichen Ge¬
sellschaft vorgegangen, die früher in der Korporation ihre Sitt- is
lichkeit erreicht hat.[ Sie ist ein Vermögen, abhängig „von der
Unsicherheit des Gewerbes“ etc., von „der Gunst der Menge“.
Welches ist also die angeblich spezifische Qualität des Ma¬
joratsherren? Und worin kann überhaupt die sittliche
Qualität eines unveräußerlichen Vermögens bestehen? In 20
der Unbestechlichkeit. Die Unbestechlichkeit er¬
scheint als die höchste politische Tugend, eine abstrakte
Tugend. Dabei ist die Unbestechlichkeit in dem von Hegel kon¬
struierten Staate etwas so Apartes, daß sie als eine besondere
politische Gewalt konstruiert werden muß, also eben dadurch be- 2«
weist, daß sie nicht der Geist des politischen Staates, nicht die
Regel, sondern die Ausnahme ist, und als solche Ausnahme
ist sie konstruiert. Man besticht die Majoratsherren durch ihr
unabhängiges Eigentum, um sie vor der Bestechlichkeit zu kon¬
servieren. Während nach der Idee die Abhängigkeit vom 30
Staate und das Gefühl dieser Abhängigkeit die höchste politische
Freiheit sein sollte, weil sie die Empfindung der Privatperson als
einer abstrakten abhängigen Person ist und diese vielmehr sich
erst als Staatsbürger unabhängig fühlt und fühlen soll, wird
hier die unabhängige Privatperson konstruiert. „Ihr 33
Vermögen ist [ebenso] unabhängig vom Staatsvermögen als von
der Unsicherheit des Gewerbes“ etc. Ihr steht gegenüber „der
Stand des Gewerbe, als der vom Bedürfnis abhängige und darauf
hingewiesene, und der allgemeine Stand, als vom Staat wesentlich
abhängig“. Hier ist also Unabhängigkeit vom Staat und 40
der bürgerlichen Gesellschaft, und diese verwirklichte Abstrak¬
tion von beiden, die realiter die rohste Abhängigkeit von
der Scholle ist, bildet in der gesetzgebenden Gewalt die
Vermittlung und die Einheit beider. Das unabhängige Pri¬
vatvermögen, d. h. das abstrakte Privatvermögen und die ihm <5
Die gesetzgebende Gewalt
525
entsprechende Privatperson, sind die höchste Konstruktion
des politischen Staates. Die politische „Unabhängigkeit“ ist kon¬
struiert als das „unabhängige Privateigentum“ und die Person
dieses unabhängigen Privateigentums. Wir werden im nächsten
5 sehen, wie es mit der „Unabhängigkeit“ und „Unbestechlichkeit“
und der daraus hervorgehenden Staatsgesinnung re vera steht.
Daß das Majorat Erbgut ist, spricht von selbst. Das
Nähere hierüber später. Daß es, wie Hegel im Zusatz bemerkt,
der Erstgeborene ist, ist rein historisch.
10 § 307. „Das Recht dieses Teils des substantiellen Stan¬
des ist auf diese Weise zwar einerseits auf das Naturprinzip
der Familie gegründet, dieses aber zugleich durch harte
Aufopferungen1) für den politischen Zweck
verkehrt, womit1) dieser Stand wesentlich an die Tätig-
keit für diesen Zweck angewiesen und gleichfalls in Folge
hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die Ge¬
burt dazu berufen und berechtigt ist.“
Inwiefern das Recht dieses substantiellen Standes auf das
Naturprinzip der Familie gegründet ist, hat Hegel nicht
2o entwickelt, es sei denn, daß er hierunter verstehe, daß der Grund¬
besitz als Erbgut existiert. Damit ist kein Recht dieses Standes
im politischen Sinne entwickelt, sondern nur das Recht der Ma¬
joratsherren auf den Grundbesitz per Geburt. „Dieses“, das Natur¬
prinzip der Familie, ist „aber zugleich durch harte Aufopferungen
25 für den politischen Zweck verkehrt“. Wir haben allerdings ge¬
sehen, wie hier „das Naturprinzip der Familie verkehrt“ wird,
wie dies aber keine „harte Aufopferung für den politischen
Zweck“, sondern nur die verwirklichte Abstraktion
des Privateigentums ist. Vielmehr wird durch diese
3o Verkehrung des Naturprinzips der Familie eben¬
so der politische Zweck verkehrt, „womit (!) dieser Stand wesent¬
lich an die Tätigkeit für diesen Zweck angewiesen“ — durch die
Verselbständigung des Privateigentums? — „und gleichfalls in
Folge hiervon ohne die Zufälligkeit einer Wahl durch die Geburt
35 dazu berufen und berechtigt“.
Hier ist also die Partizipation an der gesetz¬
gebenden Gewalt ein angeborenes Menschenrecht. Hier
haben wir geborene Gesetzgeber, die geborene
Vermittlung des politischen Staates mit sich
40 s e 1 b s t. Man hat sich, besonders von Seiten der Majoratsherren,
sehr moquiert über die angeborenen Menschenrechte.
9 Von M. unterstrichen.
Marx-Engek-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd.
39
526 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313
Ist es nicht komischer, daß einer besonderen Menschenrasse das
Recht der höchsten Würde der gesetzgebenden Gewalt anvertraut
ist? Nichts ist lächerlicher, als daßHegel die Berufung zum Gesetz¬
geber, zum Repräsentant des Staatsbürgertums durch die Geburt
„der Berufung durch die Zufälligkeit einer Wahl“ entgegenstellt. ;
Als wenn die Wahl, das bewußte Produkt des bürgerlichen Ver¬
trauens, nicht in einem ganz anderen notwendigen Zusammenhang
mit dem politischen Zweck stände, als der physische Zufall der
Geburt. Hegel sinkt überall von seinem politischen Spiritualismus
in den krassesten Materialismus herab. Auf den Spitzen u
des politischen Staates ist es überall die Geburt, welche bestimmte
Individuen zu Inkorporationen der höchsten Staatsaufgaben
macht. Die höchsten Staatstätigkeiten fallen mit dem Individuum
durch die Geburt zusammen, wie die Stelle des Tiers, sein Cha¬
rakter, Lebensweise etc. unmittelbar ihm angeboren wird. Der u
Staat in seinen höchsten Funktionen erhält eine tierische
Wirklichkeit. Die Natur rächt sich an Hegel wegen der ihr be¬
wiesenen Verachtung. Wenn die Materie nichts für sich mehr sein
sollte gegen den menschlichen Willen, so behält hier der mensch¬
liche Wille nichts mehr für sich außer der Materie. 2«
Die falsche Identität, die fragmentarische, stellen¬
weise Identität zwischen Natur und Geist, Körper und Seele,
erscheint als I n k o r p o r a t i o n. Da die Geburt dem Menschen
nur das individuelle Dasein gibt und ihn zunächst nur als
natürliches Individuum setzt, die staatlichen Bestimmungen 25
wie die gesetzgebende Gewalt etc. aber soziale Pro¬
dukte, Geburten der Sozietät und nicht Zeugungen des natür¬
lichen Individuums sind, so ist eben die unmittelbare Identität,
das unvermittelte Zusammenfallen zwischen der Geburt des
Individuums und dem Individuum als Individuation 20
einer bestimmten sozialen Stellung, Funktion
etc. das Frappante, das Wunder. Die Natur macht in die¬
sem System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar Pairs
etc., wie sie Augen und Nasen macht. Das Frappante ist, als un¬
mittelbares Produkt der physischen Gattung zu sehen, was nur 2s
das Produkt der selbstbewußten Gattung ist. Mensch bin ich durch
die Geburt ohne die Übereinstimmung der Gesellschaft, Pair oder
König wird diese bestimmte Geburt erst durch die allgemeine
Übereinstimmung. Die Übereinstimmung macht die Geburt dieses
Menschen erst zur Geburt eines Königs: also ist es die Überein- <0
Stimmung und nicht die Geburt, die den König macht. Wenn die
Geburt, im Unterschied von den anderen Bestimmungen, dem
Menschen unmittelbar eine Stellung gibt, so macht ihn sein
Körper zu diesem bestimmten sozialen Funktionär.
Sein Körper ist sein soziales Recht. In diesem System «
Die gesetzgebende Gewalt
527
erscheint die körperliche Würde des Menschen oder
die Würde des menschlichen Körpers (was weiter
ausgeführt lauten kann: die Würde des physischen Naturelements
des Staats) so, daß bestimmte, und zwar die höchsten sozialen
5 Würden die Würden bestimmter durch die Geburt
prädestinierter Körper sind. Es ist daher bei dem
Adel natürlich der Stolz auf das Blut, die Abstammung, kurz die
Lebensgeschichte ihres Körpers; es ist natürlich
diese zoologische Anschauungsweise, die in der Heraldik
jo die ihr entsprechende Wissenschaft besitzt. Das Geheimnis des
Adels ist die Zoologie.
Es sind zwei Momente bei dem erblichen Majorat hervor¬
zuheben :
1. Das Bleibende ist das Erbgut, der Grundbesitz. Es
is ist das Beharrende in dem Verhältnis — die Substanz. Der
Majoratsherr, der Besitzer, ist eigentlich nur Akzidenz. Der
Grundbesitz anthropomorphisiert sich in den verschie¬
denen Geschlechtern. Der Grundbesitz erbt gleichsam
immer den Erstgeborenen des Hauses als das an es gefesselte At-
20 tribut. Jeder Erstgeborene in der Reihe der Grundbesitzer ist das
Erbteil, das Eigentum des unveräußerlichen
Grundbesitzes, die prädestinierte Substanz
seines Willens und seiner Tätigkeit. Das Subjekt
ist die Sache und das Prädikat der Mensch. Der Wille wird zum
25 Eigentum des Eigentums.
2. Die politische Qualität des Majoratsherren ist die
politische Qualität seines Erbguts, eine diesem Erbgut
inhärente politische Qualität. Die politische Qualität er¬
scheint hier also ebenfalls als Eigentum des Grundeigen-
30 tum s, als eine Qualität, die unmittelbar der rein physi¬
schen Erde (Natur) zukommt.
Was das erste angeht, so folgt daraus, daß der Majoratsherr
der Leibeigene des Grundeigentums ist und daß in den
Leibeigenen, die ihm untertan sind, nur die praktische
35 Konsequenz des theoretischen Verhältnisses erscheint, in
welchem er selbst sich zu dem Grundbesitz befindet. Die Tiefe
der germanischen Subjektivität erscheint überall als die Roheit
einer geistlosen Objektivität.
Es ist hier auseinanderzusetzen das Verhältnis 1. zwischen
jo Privateigentum und Erbschaft, 2. zwischen Privat¬
eigentum, Erbschaft und dadurch dem Privilegium gewisser
Geschlechter auf Teilnahme an der politischen Souveränität, 3. das
wirkliche historische Verhältnis oder das germa¬
nische Verhältnis.
is Wir haben gesehen, daß das Majorat die Abstraktion des „u n -
39*
528 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
abhängigen Privateigentums“ ist. Es schließt sich
eine zweite Konsequenz hieran an. Die Unabhängigkeit,
die Selbständigkeit in dem politischen Staat, dessen Kon¬
struktion wir bisher verfolgt haben, ist das Privateigentum,
was auf seiner Spitze als unveräußerlicher Grund- 5
besitz erscheint. Die politische Unabhängigkeit Hießt daher
nicht ex proprio sinu des politischen Staats, sie ist keine Gabe des
politischen Staats an seine Glieder, sie ist nicht der ihn beseelende
Geist, sondern die Glieder des politischen Staats empfangen ihre
Unabhängigkeit von einem Wesen, welches nicht das Wesen des 10
politischen Staats ist, von einem Wesen des abstrakten Privat¬
rechts, vom abstrakten Privateigentum. Die politische Un¬
abhängigkeit ist eine Akzidenz des Privateigentums, nicht die
Substanz des politischen Staats. Der politische Staat und in ihm
die gesetzgebende Gewalt, wie wir gesehen, ist das ent- w
hüllte Mysterium von dem wahren Wert und Wesen der
Staatsmomente. Die Bedeutung, die das Privateigentum im
politischen Staate hat, ist seine wesentliche, seine wahre
Bedeutung; die Bedeutung, die der Standesunterschied
im politischen Staat hat, ist die wesentliche Bedeutung 20
des Standesunterschieds. Ebenso kommt das Wesen der fürst¬
lichen [Macht] und der Regierung1) in der „gesetzgebenden
Gewalt“ zur Erscheinung. Hier, in der Sphäre des politischen
Staates, ist es, daß sich die einzelnen Staatsmomente zu sich als
dem Wesen der Gattung, als dem „Gattungswesen“ ver-25
halten; weil der politische Staat die Sphäre ihrer allgemeinen Be¬
stimmung, ihre religiöse Sphäre ist. Der politische
Staat ist der Spiegel der Wahrheit für die verschiedenen
Momente des konkreten Staats.
Wenn also das „unabhängige Privateigentum“ im politischen 3«
Staat, in der gesetzgebenden Gewalt, die Bedeutung der
politischen Unabhängigkeit hat, so ist es die poli¬
tische Unabhängigkeit des Staats. Das „unabhängige
Privateigentum“ oder das „wirkliche Privateigentum“ ist
dann nicht nur die „Stütze der Verfassung“, sondern die „Ver - is
fassung selbst“. Und die Stütze der Verfassung ist doch
wohl die Verfassung der Verfassungen, die primäre, die wirk¬
liche Verfassung?
Hegel machte bei Konstruierung des erblichen Monarchen,
gleichsam selbst überrascht über „die immanente Entwicklung u
einer Wissenschaft, die Ableitung ihres ganzen In¬
haltes aus dem einfachen Begriffe“ (§ 279 Anmerk.), die
Bemerkung:
„So ist es das Grundmoment der zuerst im unmittelbaren
O Kott, aus gesetzgebenden Macht
Die gesetzgebende Gewalt
529
Rechte abstrakten Persönlichkeit1), welches sich
durch seine verschiedenen Formen von Subjektivität fortgebildet
hat und hier im absoluten Rechte, dem Staate, der vollkommen
konkreten Objektivität des Willens, die Persönlichkeit des
5 Staats ist, seine Gewißheit seiner selbst.“
D. h. im politischen Staat kommt es zur Erscheinung,
daß die „abstrakte Persönlichkeit“ die höchste
politische Persönlichkeit, die politische Basis des ganzen
Staats ist. Ebenso kommt im Majorat das Recht dieser abstrakten
10 Persönlichkeit, ihre Objektivität, das „abstrakte Privat¬
eigentum“ als die höchste Objektivität des Staates, als sein
höchstes Recht zum Dasein.
Der Staat ist erblicher Monarch, abstrakte Persönlichkeit heißt
nichts als die Persönlichkeit des Staates ist abstrakt, oder es ist
15 der Staat der abstrakten Persönlichkeit, wie denn auch die Römer
das Recht des Monarchen rein innerhalb der Normen des Privat¬
rechts oder das Privatrecht als die höchste Norm des Staatsrechts
entwickelt haben.
Die Römer sind die Rationalisten, die Germanen die
20 Mystiker des souveränen Privateigentums.
Hegel bezeichnet das Privatrecht als das Recht der ab¬
strakten Persönlichkeit oder als das abstrakte
Recht. Und in Wahrheit muß es als die Abstraktion des
Rechts und damit als das illusorische Recht der ab-
25Strakten Persönlichkeit entwickelt werden, wie die von
Hegel entwickelte Moral das illusorische Dasein der
abstrakten Subjektivität ist. Hegel entwickelt das Pri¬
vatrecht und die Moral als solche Abstraktionen, woraus bei ihm
nicht folgt, daß der Staat, die Sittlichkeit, die sie zu Voraus-
30 Setzungen hat, nichts als die Sozietät (das soziale Leben) dieser
Illusionen sein kann, sondern umgekehrt geschlossen wird, daß sie
subalterne Momente dieses sittlichen Lebens sind. Aber was ist das
Privatrecht anderes als das Recht, und die Moral anderes als die
Moral dieser Staatssubjekte? Oder vielmehr die Person des Privat-
35 rechts und das Subjekt der Moral sind die Person und das
Subjekt des Staats. Man hat Hegel vielfach angegriffen über
seine Entwicklung der Moral. Er hat nichts getan als die Moral
des modernen Staats und des modernen Privatrechts entwickelt.
Man hat die Moral mehr vom Staat trennen, sie mehr emanzipieren
40 wollen. Was hat man damit bewiesen? Daß die Trennung des
jetzigen Staats von der Moral moralisch ist, daß die Moral un¬
staatlich und der Staat unmoralisch ist. Es ist vielmehr ein großes,
obgleich nach einer Seite hin (nämlich nach der Seite hin, daß
Hegel den Staat, der eine solche Moral zur Voraussetzung hat, für
’) Von M. unterstrichen.
530 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
die reale Idee der Sittlichkeit ausgibt) unbewußtes Verdienst
Hegels, der modernem Moral ihre wahre Stellung angewiesen zu
haben.
In der Verfassung, worin das Majorat eine Garantie ist,
ist das Privateigentum die Garantie der politischen Ver-5
fassung. Im Majorat erscheint das so, daß eine besondere Art
von Privateigentum diese Garantie ist. Das Majorat ist bloß1)
eine besondere Existenz des allgemeinen Verhältnisses von Pri¬
vateigentum und politischem Staat. Das Majorat ist
der politische Sinn des Privateigentums, das Privateigentum 10
in seiner politischen Bedeutung, d. h. in seiner allgemeinen Be¬
deutung. Die Verfassung ist also hier Verfassung des
Privateigentums.
Wo wir das Majorat in seiner klassischen Ausbildung an¬
treffen, bei den germanischen Völkern, finden wir auch die Ver- u
fassung des Privateigentums. Das Privateigentum
ist die allgemeine Kategorie, das allgemeine Staatsband. Selbst
die allgemeinen Funktionen erscheinen als Privateigentum bald
einer Korporation, bald eines Standes.
Handel und Gewerbe sind in ihren besonderen Nuancen das 20
Privateigentum besonderer Korporationen. Hofwürden, Gerichts¬
barkeit etc. sind das Privateigentum besonderer Stände. Die ver¬
schiedenen Provinzen sind das Privateigentum einzelner Fürsten
etc. Der Dienst für das Land etc. ist das Privateigentum des
Herrschers. Der Geist ist das Privateigentum der Geistlichkeit, 25
Meine pflichtgemäße Tätigkeit ist das Privateigentum eines
anderen, wie mein Recht wieder ein besonderes Privateigentum ist.
Die Souveränität, hier die Nationalität, ist das Privateigen¬
tum des Kaisers.
Man hat oft gesagt, daß im Mittelalter jede Gestalt des Rechts, 39
der Freiheit, des sozialen Daseins als ein Privilegium, als
eine Ausnahme von der Regel erscheint. Man konnte das
empirische Faktum dabei nicht übersehen, daß diese Privilegien
alle in der Form des Privateigentums erscheinen. Was ist
der allgemeine Grund dieses Zusammenfallens? Das P r i v a t - 33
eigentum ist das Gattungsdasein des Privilegiums,
des Rechts als einer Ausnahme.
Wo die Fürsten, wie in Frankreich, die Unabhängigkeit
des Privateigentums angriffen, attentierten sie das Eigentum der
Korporationen, ehe sie das Eigentum der Individuen«
attentierten. Aber indem sie das Privateigentum der Korporationen
angriffen, griffen sie das Privateigentum als Korporation, als das
soziale Band an.
In der Lehensherrschaft erscheint es geradezu, daß die
i) Gestrichen das besondere, das politische Verhältnis
Die gesetzgebende Gewalt
531
fürstliche Macht die Macht des Privateigentums ist, und in der
fürstlichen Macht ist das Mysterium niedergelegt, was die
allgemeine Macht, was die Macht aller Staats¬
kreise ist.
s (In dem Fürsten als dem Repräsentanten der Staatsmacht ist
ausgesprochen, was das Mächtige des Staats ist. Der kon¬
stitutionelle Fürst drückt daher die Idee des konstitutio¬
nellen Staats in ihrer schärfsten Abstraktion aus. Er ist einer¬
seits die Idee des Staats, die geheiligte Staatsmajestät, und zwar
10 als diese Person. Zugleich ist er eine bloße Imagination, er
hat als Person und als Fürst weder wirkliche Macht noch wirk¬
liche Tätigkeit. Es ist hier die Trennung der politischen und
wirklichen, der formellen und materiellen, der allgemeinen und
individuellen Person, des Menschen und des sozialen Menschen
15 in ihrem höchsten Widerspruch ausgedrückt.)
Das Privateigentum ist römischen Verstandes und ger¬
manischen Gemüts. Es wird an diesem Ort belehrend sein,
eine Vergleichung zwischen diesen beiden extremen Entwick¬
lungen desselben anzustellen. Es wird uns dies zur Lösung des
so besprochenen politischen Problems behilflich sein .
Die Römer haben eigentlich erst das Recht des Privat¬
eigentums, das abstrakte Recht, das Privatrecht, das Recht
der abstrakten Person ausgebildet. Das römische Pri¬
vatrecht ist das Privatrecht in seiner klassischen
25 Ausbildung. Wir finden aber nirgends bei den Römern,
daß das Recht des Privateigentums, wie bei den Deutschen,
mystifiziert worden wäre. Es wird auch nirgends zum Staats-
recht.
Das Recht des Privateigentums ist das ius utendi et
joabutendi, das Recht der Willkür über die Sache. Das
Hauptinteresse der Römer besteht darin, die Verhältnisse
zu entwickeln und zu bestimmen, welche sich als abstrakte
Verhältnisse des Privateigentums ergeben. Der eigentliche Grund
des Privateigentums, der Besitz, ist ein Faktum, ein un-
35 erklärliches Faktum, kein Recht. Erst durch juristische
Bestimmungen, die die Sozietät dem faktischen Besitz gibt, erhält
er die Qualität des rechtlichen Besitzes, des Privateigen¬
tums.
Was bei den Römern den Zusammenhang zwischen politischer
4o Verfassung und Privateigentum betrifft, so erscheint:
1. Der Mensch (als Sklave), wie bei den alten Völkern
überhaupt, als Gegenstand des Privateigentums. Das ist nichts
Spezifisches.
*) Hier folgten im Manuskript die auf pp, 445—448 eingefügten nachträglichen
Ausführungen zu § 279, mit dem Vermerk ad pag. XII.
532 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie— Über §§ 261—313
2. Die eroberten Länder werden als Privateigentum behandelt,
das ius utendi et abutendi wird in ihnen geltend gemacht.
3. In ihrer Geschichte selbst erscheint der Kampf zwischen
Armen und Reichen (Patriziern und Plebejern) etc.
Im übrigen macht sich das Privateigentum im Ganzen, wie 5
bei den alten klassischen Völkern überhaupt, als öffent¬
liches Eigentum geltend, entweder, wie in den guten
Zeiten, als Aufwand der Republik, oder als luxuriöse und
allgemeine Wohltat (Bäder etc.) gegen den Haufen.
Die Art und Weise, wie die Sklaverei erklärt wird, ist das 10
Kriegsrecht, das Recht der Okkupation: eben weil ihre poli¬
tische Existenz vernichtet ist, sind sie Sklaven.
Zwei Verhältnisse heben wir hauptsächlich im Unterschied von
den Germanen hervor.
1. Die kaiserliche Gewalt war nicht die Gewalt des 15
Privateigentums, sondern die Souveränität des empi¬
rischen Willens als solchen, die weit entfernt war, das
Privateigentum als Band zwischen sich und ihren Unter¬
tanen zu betrachten, sondern im Gegenteil mit dem Privateigen¬
tum schaltete, wie mit allen übrigen sozialen Gütern. Die kaiser- 20
liehe Gewalt war daher auch nicht anders als faktisch erb¬
lich. Die höchste Ausbildung des Rechts des Privateigentums,
des Privatrechts, fällt zwar in die Kaiserzeit, aber sie ist vielmehr
eine Konsequenz der politischen Auflösung, als daß die politische
Auflösung eine Konsequenz des Privateigentums wäre. Zudem, 2s
als das Privatrecht in Rom zur vollen Entwicklung gelangt, ist das
Staatsrecht auf gehoben, in seiner Auflösung begriffen, während es
in Deutschland sich umgekehrt verhielt.
2. Die Staatswürden sind niemals in Rom erblich, d. h. das
Privateigentum ist nicht die herrschende Staatskategorie. 30
3. Im Gegensatz zu dem germanischen Majorat etc. erscheint
in Rom die Willkür des Testierens als Ausfluß des
Privateigentums. In diesem letzteren Gegensatz liegt der ganze
Unterschied der römischen und germanischen Entwicklung des
Privateigentums. 33
( ‘) Im Majorat erscheint dies, daß das Privateigentum das Ver¬
hältnis zur Staatsfunktion ist, so, daß das Staatsdasein eine In-
härenz, Akzidenz des unmittelbaren Privateigentums, des
Grundbesitzes ist. Auf den höchsten Spitzen erscheint so
der Staat als Privateigentum, während hier das Privateigentum 40
als Staatseigentum erscheinen sollte. Statt das Privateigentum
zu einer staatsbürgerlichen Qualität, macht Hegel das Staats-
1) Gestrichen In dem Zusammenhang des Majorats mit der politischen Würde,
ht. ..]
Die gesetzgebende Gewalt
533
bürgertum und Staatsdasein und Staatsgesinnung zu einer Quali¬
tät des Privateigentums.)1)
§ 308. „In den anderen Teil des ständischen Elements
fällt die bewegliche Seite der bürgerlichen G e -
«sellschaft, die äußerlich wegen der Menge ihrer Glie¬
der, wesentlich aber wegen der Natur ihrer Bestimmung
und Beschäftigung, nur durch Abgeordnete eintreten
kann. Insofern diese von der bürgerlichen Gesellschaft ab¬
geordnet werden, liegt es unmittelbar nahe, daß dies diese
10 tut als das, was sie ist, — somit nicht als in die
Einzelnen atomistisch aufgelöst und nur für einen einzelnen
und temporären Akt sich auf einen Augenblick ohne weitere
Haltung versammelnd, sondern als in ihre ohnehin konsti¬
tuierten Genossenschaften, Gemeinden und Korporationen
is gegliedert, welche auf diese Weise einen politischen Zu¬
sammenhang erhalten. In ihrer Berechtigung2) zu
solcher von der fürstlichen Gewalt aufgerufenen Ab¬
ordnung, wie in der Berechtigung des ersten Standes zur
Erscheinung (§ 307) findet die Existenz der Stände und
20 ihrer Versammlung eine konstituierte, eigentümliche Ga¬
rantie.“
Wir finden hier einen neuen Gegensatz der bürgerlichen
Gesellschaft und der Stände, einen beweglichen, also auch
einen unbeweglichen Teil derselben (den des Grund-
25 besitzes). Man hat diesen Gegensatz auch als Gegensatz von
Raum und Zeit etc. konservativ und progressiv dargestellt.
Darüber siehe den vorigen Paragraphen. Übrigens hat Hegel den
beweglichen Teil der Gesellschaft ebenfalls zu einem sta¬
bilen durch die Korporationen etc. gemacht.
so Der zweite Gegensatz ist, daß der erste, eben entwickelte Teil
des ständischen Elements, die Majoratsherren als
solche Gesetzgeber sind ; daß die gesetzgebende Gewalt ein Attribut
ihrer empirischen Person ist; daß sie keine Abgeordneten,
sondern sie selbst sind; während bei dem zweiten Stand
35 W a h 1 und Abordnung stattfindet.
Hegel gibt zwei Gründe an, warum dieser bewegliche Teil
der bürgerlichen Gesellschaft nur durch Abgeordnete in
den politischen Staat, die gesetzgebende Gewalt eintreten kann.
x) Die folgenden drei Seiten des Manuskripts (die 2., 3. und 4. Seite des von
Marx mit römisch XXXV numerierten Bogens) sind leer gelassen.
2) Von M. unterstrichen.
534 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Den ersten, ihre Menge, bezeichnet er selbst als äußerlich
und überhebt uns daher dieser Replik.
Der wesentliche Grund aber sei die „Natur ihrer Be¬
stimmung und Beschäftigung“. Die „politische Tätigkeit und Be¬
schäftigung“ ist ein „der Natur ihrer Bestimmung und Beschäf- 5
tigung“ Fremdes.
Hegel kommt nun wieder auf sein altes Lied, auf diese Stände
als „A b g e o r d n e t e der bürgerlichen Gesellschaft“. Diese müsse
„dies tun als das, was sie ist“. Sie muß es vielmehr tun
als das, was sie nicht ist, denn sie ist u n p o 1 i t i s c h e Gesell- u
schäft, und sie soll hier einen politischen Akt als einen ihr
wesentlichen, aus ihr selbst hervorgehenden Akt vollziehen.
Damit ist sie „in die Einzelnen atomistisch aufgelöst“ „und nur
für einen einzelnen und temporären Akt sich auf einen Augen¬
blick ohne weitere Haltung versammelnd“. Erstens ist ihr p o 1 i - u
tisch er Akt ein „einzelner und temporärer“ und
kann daher in seiner Verwirklichung nur als solcher erscheinen.
Er ist ein Eklat machender Akt der politischen Gesellschaft,
eine Ekstase derselben, und als solcher muß er auch er¬
scheinen. Zweitens. Hegel hat keinen Anstoß daran ge- 2c
nommen, es sogar als notwendig konstruiert, daß die bürger¬
liche Gesellschaft materiell (nur als eine zweite, von
ihr abgeordnete Gesellschaft auftritt) sich von
ihrer bürgerlichen Wirklichkeit trennt und das, was sie nicht
ist, als sich setzt, wie kann er dies nun formell verwerfen^
wollen?
Hegel meint, dadurch, daß die Gesellschaft in ihren Korpo¬
rationen etc. abordnet, erhalten ihre ohnehin konstituierten Ge¬
nossenschaften etc. auf diese Weise einen „politischen Zu¬
sammenhang“. Sie erhalten aber entweder eine Bedeutung, die 30
nicht ihre Bedeutung ist, oder ihr Zusammenhang als solcher
ist der politische und „erhält“ nicht erst die politische Tein¬
ture, wie oben entwickelt, sondern die „Politik“ erhält aus ihm
ihren Zusammenhang. Dadurch, daß Hegel nur diesen Teil des
ständischen Elements als das des „Abgeordneten“ bezeichnet, hat 35
er unbewußt das Wesen der beiden Kammern (da, wo sie wirklich
das von ihm bezeichnete Verhältnis zueinander haben) bezeichnet.
Abgeordnetenkammer und1) Pairskammer (oder wie sie sonst
heißen) sind hier nicht verschiedene Existenzen desselben Prin¬
zips, sondern zwei wesentlich verschiedenen Prinzipien 40
und sozialen Zuständen angehörig. Die Abgeordnetenkammer ist
hier die politische Konstitution der bürgerlichen Ge¬
sellschaft im modernen, die Pairskammer im ständischen Sinn.
x) Gestrichen die ständistche]
Die gesetzgebende Gewalt
535
Pairskammer und Abgeordnetenkammer stehen sich hier gegen¬
über als ständische und als politische Repräsentation
der bürgerlichen Gesellschaft. Die eine ist das existierende
ständische Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft, die andere ist
5 die Verwirklichung ihres abstrakten politischen Da¬
seins. Es versteht sich daher von selbst, daß die letztere nicht
wieder als Repräsentation von Ständen, Korporationen etc. da
sein kann, denn sie repräsentiert eben nicht das ständische,
sondern das politische Dasein der bürgerlichen Gesellschaft. Es
10 versteht sich dann von selbst, daß in der ersten Kammer nur der
ständische Teil der bürgerlichen Gesellschaft, der souveräne
Grundbesitz, der erbgesessene Adel Sitz hat, denn er ist nicht ein
Stand Unter anderen Ständen, sondern das ständische Prinzip der
bürgerlichen Gesellschaft als wirkliches soziales, also politisches
is Prinzip, existiert nur mehr in ihm. Er ist der Stand. Die
bürgerliche Gesellschaft hat dann in der ständischen Kam¬
mer den Repräsentant ihres mittelaltrigen, in der Abgeordneten¬
kammer ihres politischen (modernen) Daseins. Der Fort¬
schritt besteht hier gegen das Mittelalter nur darin, daß die
2o ständische Politik zu einer besonderen politischen Existenz
neben der staatsbürgerlichen Politik herabgesetzt ist.
Die empirische politische Existenz, die Hegel vor Augen
hat (England), hat also einen ganz anderen Sinn, als er ihr
unterschiebt.
26 Die französische Konstitution ist auch hierin ein Fortschritt.
Sie hat zwar die Pairskammer zur reinen Nichtigkeit herabgesetzt,
aber diese Kammer, innerhalb des Prinzips des kon¬
stitutionellen Königstums, wie es Hegel zu entwickeln vorgab,
kann seiner Natur [nach] nur eine Nichtigkeit sein, die
^Fiktion der Harmonie zwischen Fürst und bürgerlicher Gesell¬
schaft oder der gesetzgebenden Gewalt oder des poli¬
tischen Staats mit sich selbst als eine besondere und
dadurch eben wieder gegensätzliche Existenz.
Die Franzosen haben die Lebenslänglichkeit der
35 Pairs bestehen lassen, um ihre gleiche Unabhängigkeit von der
Wahl der Regierung und des Volks auszudrücken. Aber sie haben
den mittelaltrigen Ausdruck — die Erblichkeit —
abgeschafft. Ihr Fortschritt besteht darin, daß sie die Pairs¬
kammer ebenfalls nicht mehr aus der wirklichen bür-
ïogerlichen Gesellschaft hervorgehen lassen, sondern ebenfalls
in der Abstraktion von ihr geschaffen haben. Ihre Wahl
lassen sie von dem existierenden politischen Staat, vom
Fürsten, ausgehen, ohne ihn an eine sonstige bürgerliche Quali¬
tät gebunden zu haben. Die Pairs würde ist in dieser K o n -
zsstitution wirklich ein Stand in der bürgerlichen
536 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Gesellschaft, der rein politisch ist, vom Standpunkt der
Abstraktion des politischen Staates aus geschaffen ist; er
erscheint aber mehr als politische Dekoration wie als
wirklicher, mit besonderen Rechten ausgestatteter Stand. Die
Pairskammer unter der Restauration war eine Reminiszenz. Die 5
Pairskammer der Julirevolution ist ein wirkliches Geschöpf
der konstitutionellen Monarchie.
Da in der modernen Zeit die Staatsidee nicht anders als in der
Abstraktion des „n u r politischen“ Staates oder der
Abstraktion der bürgerlichen Gesellschaft vorn«
sich selbst, von ihrem wirklichen Zustande, erscheinen
konnte, so ist es ein Verdienst der Franzosen, diese abstrakte
Wirklichkeit festgehalten, produziert und damit das poli¬
tische Prinzip selbst produziert zu haben. Was man ihnen als
Abstraktion vorwirft, ist also wahrhafte Konsequenz und das 15
Produkt der, wenn auch erst in einem Gegensatz, aber in einem
notwendigen Gegensatz, wiedergefundenen Staats¬
gesinnung. Das Verdienst der Franzosen ist also hier, die
Pairskammer als eigentümliches Produkt des politischen
Staats gesetzt oder überhaupt das politische Prinzip in seiner 20
Eigentümlichkeit zum Bestimmenden und Wirksamen
gemacht zu haben.
Hegel bemerkt noch, daß bei der von ihm konstruierten Ab¬
ordnung, in der „Berechtigung der Korporationen etc. zu solcher
Abordnung“ die Existenz der Stände und ihrer Versammlung 25
eine „konstituierte, eigentümliche Garantie findet“. Die Ga¬
rantie der Existenz der ständischen Versammlung, ihre
wahre primitive Existenz wird also das Privilegium
der Korporationen etc. Hiermit ist Hegel ganz auf den mittel-
altrigen Standpunkt herabgesunken und hat seine Abstraktion des 30
politischen Staats als der Sphäre des Staats als Staats, das
„an und für sich Allgemeine“ gänzlich aufgegeben.
Im modernen Sinn ist die Existenz der ständischen
Versammlung die politische Existenz der bürger¬
lichen Gesellschaft, die Garantie ihres politischen Daseins. 35
Das In-Zweifel-ziehen ihrer Existenz ist also der Zweifel
am Dasein des Staats. Wie vorhin bei Hegel die
„Staatsgesinnung“, das Wesen der gesetzgebenden Gewalt,
ihre Garantie in dem „unabhängigen Privateigentum“, so findet
ihre Existenz die Garantie an den „Privilegien der Korpo- 30
rationen“.
Aber das eine ständische Element ist vielmehr das poli¬
tische Privilegium der bürgerlichen Gesellschaft, oder
ihr Privilegium, politisch zu sein. Es kann also nir¬
gends das Privilegium einer besonderen, bürgerlichen Weise ihres 45
Die gesetzgebende Gewalt
537
Daseins sein, noch weniger seine Garantie in ihm finden, da es
vielmehr die allgemeine Garantie sein soll.
So sinkt Hegel überall dahin hinab, den „politischen Staat“
nicht als die höchste, an und für sich seiende Wirklichkeit des
5 sozialen Daseins zu schildern, sondern ihm eine prekäre, in Be¬
ziehung auf anderes abhängige Wirklichkeit zu geben:
ihn nicht als das wahre Dasein der anderen Sphäre zu schildern,
sondern ihn vielmehr in der anderen Sphäre sein wahres Da¬
sein finden zu lassen. Er bedarf überall der Garantie der Sphä-
10 ren, die vor ihm liegen. Er ist nicht die verwirklichte Macht. Er ist
die gestützte Ohnmacht, er ist nicht die Macht über diese
Stützen, sondern die Macht der Stütze. Die Stütze ist das Mächtige.
Was ist das für ein hohes Dasein, dessen Existenz einer Ga¬
rantie außer sich selbst bedarf, und dabei soll es das allge-
»meine Dasein dieser Garantie selbst sein ; also ihre wirkliche
Garantie. Hegel sinkt überhaupt überall in der Entwicklung der
gesetzgebenden Gewalt von dem philosophischen Standpunkt auf
den anderen Standpunkt zurück, der die Sache nicht in bezug
auf sich selbst betrachtet.
2o Wenn die Existenz der Stände einer Garantie bedarf, so sind
sie keine wirkliche, sondern nur eine fiktive Staats¬
existenz. Die Garantie für die Existenz der Stände ist in den
konstitutionellen Staaten das Gesetz. Ihr Dasein ist also ge¬
setzliches Dasein, vom allgemeinen Wesen des Staats und
25 nicht von der Macht oder Ohnmacht einzelner Korporationen, Ge¬
nossenschaften abhängig, sondern als Wirklichkeit der Genos¬
senschaft des Staats. (Die Korporationen etc., die beson¬
deren Kreise der bürgerlichen Gesellschaft, sollen ja eben erst hier
ihr allgemeines Dasein erhalten, und nun antizipiert Hegel
so wieder dies allgemeine Dasein als Privilegium, als das Dasein
dieser Besonderheiten.)
Das politische Recht als Recht von Korporationen etc. wider¬
spricht ganz dem politischen Recht als politischem, als
Recht des Staats, des Staatsbürgertums, denn es soll ja eben nicht
35 das Recht dieses Daseins als besonderes Dasein sein, nicht das
Recht als dies besondere Dasein.
Ehe wir nun die Kategorie der Wahl als des politischen
Akts, wodurch sich die bürgerliche Gesellschaft in einen poli¬
tischen Ausschuß summiert, übergehen, nehmen wir noch einige
io Bestimmungen aus der Anmerkung zu diesem Paragraphen hinzu.
„Daß Alle1) einzeln an der Beratung und Beschließung
über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil
O Alle bei Hegel gesperrt.
538 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
haben sollen, weil diese alle Mitglieder des Staats und dessen
Angelegenheiten die Angelegenheiten Aller sind, bei
denen sie mit ihrem Wissen und Willen zu sein ein Recht
haben, — diese Vorstellung, welche das demokra¬
tische Element ohne alle vernünftige Form5
in den Staatsorganismus, der nur durch solche Form es ist,
setzen wollte, liegt darum so nahe, weil sie bei der ab¬
strakten Bestimmung, Mitglied des Staats zu sein,
stehen bleibt, und das oberflächliche Denken sich an Ab¬
straktionen hält.“ [§308.] ]0
Zunächst nennt es Hegel eine „abstrakte Bestimmung, Mit¬
glied des Staats zu sein“, obgleich es selbst nach der Idee, der
Meinung seiner eigenen Entwicklung, die höchste konkre¬
teste soziale Bestimmung der Rechtsperson, des Staatsmitgliedes
ist. Bei der „Bestimmung, Mitglied des Staats zu sein“, stehen is
bleiben und den Einzelnen in dieser Bestimmung fassen, das
scheint daher nicht eben das „oberflächliche Denken zu sein, das
sich an Abstraktionen hält“. Daß aber die „Bestimmung, Mit¬
glied des Staats zu sein“, eine „abstrakte“ Bestimmung ist, das
ist nicht die Schuld dieses Denkens, sondern der Hegelschen Ent- 20
wicklung und der wirklichen modernen Verhältnisse, welche die
Trennung des wirklichen Lebens vom Staatsleben voraussetzen
und die Staatsqualität zu einer „abstrakten Bestimmung“ des
wirklichen Staatsmitgliedes machen.
Die unmittelbare Teilnahme Aller an der Beratung und Be- 2s
Schließung über die allgemeinen Staatsangelegenheiten nimmt
nach Hegel „das demokratische Element ohne a 11 e v e r -
nünftige Form in den Staatsorganismus, der nur durch
solche Form ist“, auf; d. h. das demokratische Element kann nur
als formelles Element in einen Staatsorganismus aufgenom- 30
men werden, der nur der Formalismus des Staats ist. Das demo¬
kratische Element muß vielmehr das wirkliche Element sein, das
sich in dem ganzen Staatsorganismus seine vernünftige
Form gibt. Tritt es dagegen als ein „besonderes“ Element in
den Staatsorganismus öder -Formalismus, so ist unter der „ver- 35
nünftigen Form“ seines Daseins die Dressur, die Akkommodation,
eine Form verstanden, in der es nicht die Eigentümlichkeit seines
Wesens herauskehrt, oder daß es nur als formelles Prinzip
hereintritt.
Wir haben schon einmal angedeutet, Hegel entwickelt nur 40
einen Staatsformalismus. Das eigentliche materielle
Prinzip ist ihm die Idee, die abstrakte Gedanken form des
Staats als ein Subjekt, die absolute Idee, die kein passives, kein
Die gesetzgebende Gewalt
539
materielles Moment in sich hat. Gegen die Abstraktion dieser
Idee erscheinen die Bestimmungen des wirklichen empirischen
Staatsformalismus als Inhalt und daher der wirkliche
Inhalt als formloser, unorganischer Stoff; (hier der wirkliche
5 Mensch, die wirkliche Sozietät etc.).
Hegel hatte das Wesen des ständischen Elements darin gelegt,
daß hierin die „empirische Allgemeinheit“ zum Subjekt des an
und für sich seienden Allgemeinen wird. Heißt das nun was
anderes, als daß die Angelegenheiten des Staats „Angelegenheiten
10 A11 e r sind, bei denen sie mit ihrem Wissen und Willen zu sein
das Recht haben“, und sollen nicht eben die Stände dies ihr ver¬
wirklichtes Recht sein! Und es ist nun wunderbar, daß die Allen
nun auch die „Wirklichkeit“ dieses ihres Rechts wollen!
„Daß Alle einzeln an der Beratung und Beschließung über
is die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil haben sollen.“
In einem wirklich vernünftigen Staat könnte man antworten:
„Es sollen nicht Alle einzeln an der Beratung und Be¬
schließung über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats An¬
teil haben“, denn die „Einzelnen“ haben als „Alle“, d. h. innerhalb
20 der Sozietät und als Glieder der Sozietät, Anteil an der Beratung
und Beschließung über die allgemeinen Angelegen¬
heiten. Nicht Alle einzeln, sondern die Einzelnen als Alle.
Hegel stellt sich selbst das Dilemma. Entweder die bürger¬
liche Gesellschaft (die Vielen, die Menge) nimmt durch Abgeord-
25 nete teil an der Beratung und Beschließung über die allgemeinen
Staatsangelegenheiten, oder Alle tun dies [als die] Einzelnen.
Es ist dies kein Gegensatz des Wesens, als welchen ihn Hegel
später darzustellen sucht, sondern der Existenz, und zwar der
äußerlichsten Existenz, der Zahl, womit immer der Grund, den
3o Hegel selbst als „ä u ß e r 1 i c h“ bezeichnet hat — die Menge
der Glieder —, der beste Grund gegen die unmittelbare Teil¬
nahme Aller bleibt. Die Frage, ob die bürgerliche Gesellschaft
so teil an der gesetzgebenden Gewalt nehmen soll, daß sie ent¬
weder durch Abgeordnete eintritt oder so, daß „Alle ein-
35 zeln“ unmittelbar teilnehmen, ist selbst eine Frage innerhalb der
Abstraktion des politischen Staats oder innerhalb
des abstrakten politischen Staats; es ist eine ab¬
strakte politische Frage. Es ist in beiden Fällen, wie Hegel
dies selbst entwickelt hat, die politische Bedeutung der „empi¬
ra rischen Allgemeinheit“.
Der Gegensatz in seiner eigentlichen Form ist: die Ein¬
zelnen tun es Alle, oder die Einzelnen tun es als
Wenige, als Nicht-Alle. In beiden Fällen bleibt die All¬
heit nur als äußerlichste Vielheit oder Totalität der Ein-
45 zelnen. Die Allheit ist keine wesentliche, geistige, wirkliche Quali¬
540 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313
tät des Einzelnen. Die Allheit ist nicht etwas, wodurch er die Be¬
stimmung der abstrakten Einzelnheit verlöre; sondern die Allheit
ist nur die volle Zahl der Einzelnheit. Eine Einzelnheit,
viele Einzelnheiten, alle Einzelnheiten. Das Eins, Viele, Alle
— keine dieser Bestimmungen verwandelt das Wesen des Sub- 5
jekts, der Einzelnheit.
„Alle“ sollen „einzeln“ an der „Beratung und Beschließung
über die allgemeinen Angelegenheiten des Staats Anteil nehmen“,
d. h. also: Alle sollen nicht als Alle, sondern als „einzeln“ diesen
Anteil nehmen. io
Die Frage scheint in doppelter Hinsicht in Widerspruch mit
sich zu stehen.
Die allgemeinen Angelegenheiten des Staates sind die Staats¬
angelegenheit, der Staat als wirkliche Angelegenheit.
Die Beratung und Beschließung ist die E f f e k t u i e r u n g des 15
Staates als wirklicher Angelegenheit. Daß also alle
Staatsglieder ein Verhältnis zum Staat als ihrer wirk¬
lichen Angelegenheit haben, scheint sich von selbst zu
verstehen. Schon in dem Begriff Staatsglied liegt, daß sie
ein Glied des Staats, ein Teil desselben sind, daß er sie als 20
seinen Teil nimmt. Wenn sie als ein Anteil des Staats, so
ist, wie sich von selbst versteht, ihr soziales Dasein schon ihre
wirkliche Teilnahme an demselben. Sie sind nicht
nur Anteil des Staates, sondern der Staat ist ih r Anteil. Bewußter
Anteil von etwas sein, ist, sich mit Bewußtsein einen Teil von ihm 25
nehmen, bewußten Anteil an ihm nehmen. Ohne dies Bewußtsein
wäre das Staatsglied ein Tier.
Wenn man sagt: „die allgemeinen Angelegenheiten des Staats“,
so wird der Schein hervorgebracht, daß die „allgemeinen Ange¬
legenheiten“ und der „Staat“ etwas verschiedenes sind. 30
Aber der Staat ist die „allgemeine Angelegenheit“, also realiter
die „allgemeinen Angelegenheiten“.
Teil an den allgemeinen Angelegenheiten des Staats und teil
am Staat nehmen, ist also identisch. Daß also ein Staatsglied,
ein Staatsteil teil am Staat nimmt und daß dieses Teilnehmen 35
nur als Beratung oder Beschließung oder in ähnlichen
Formen erscheinen kann, daß also jedes Staatsglied an der B e -
r a t u n g oder Beschließung (wenn diese Funktionen als die
Funktionen der wirklichen Teilnahme des Staats gefaßt
werden) der allgemeinen Angelegenheiten des Staats teilnimmt, 40
ist eine Tautologie. Wenn also von wirklichen Staats-
gliedem die Rede ist, so kann von dieser Teilnahme nicht als
einem Sollen die Rede sein. Es wäre sonst vielmehr von solchen
Subjekten die Rede, die Staatsglieder sein sollen und
sein wollen, aber es nicht wirklich sind. 45
Die gesetzgebende Gewalt
541
Andrerseits: wenn von bestimmten Angelegenheiten die
Rede ist, von einem einzelnen Staatsakt, so versteht es sich wieder
von selbst, daß nicht Alle einzeln ihn vollbringen. Der Ein¬
zelne wäre sonst die wahre Sozietät und machte die Sozietät
5 überflüssig. Der Einzelne müßte alles auf einmal tun, während
die Sozietät wie ihn für die anderen so auch die anderen für ihn
tun läßt.
Die Frage, ob Alle einzeln an der „Beratung und Be-
schließung der allgemeinen Angelegenheiten des Staats teil-
10 nehmen sollen“, ist eine Frage, welche aus der Trennung des poli¬
tischen Staats und der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht.
Wir haben gesehen. Der Staat existiert nur als politischer
Staat. Die Totalität des politischen Staats ist die gesetz¬
gebende Gewalt. Teil an der gesetzgebenden Gewalt nehmen
is ist daher teil am politischen Staat nehmen, ist sein Dasein als
Glied des politischen Staats, als Staatsglied
beweisen und verwirklichen. Daß also Alle einzeln Anteil
an der gesetzgebenden Gewalt nehmen wollen, ist nichts als der
Wille Aller, wirkliche (aktive) Staatsglieder zu sein
2o oder sich ein politisches Dasein zu geben oder ihr Dasein
als ein politisches zu beweisen und zu effektuieren. Wir
haben ferner gesehen, das ständische Element ist die bürger¬
liche Gesellschaft als gesetzgebende Gewalt, ihr poli¬
tisches Dasein. Daß also die bürgerliche Gesellschaft
25 massenweise, womöglich ganz in die gesetzgebende
Gewalt eindringe, daß sich die wirkliche bürgerliche Gesellschaft
der fiktiven bürgerlichen Gesellschaft der gesetzgebenden
Gewalt substituieren will, das ist nichts als das Streben der bür¬
gerlichen Gesellschaft, sich politisches Dasein zu geben
30 oder das politische Dasein zu ihrem wirklichen Dasein zu
machen. Das Streben der bürgerlichen Gesellschaft,
sich in die politische Gesellschaft zu verwandeln oder die
politische Gesellschaft zur wirklichen Gesellschaft zu
machen, zeigt sich als das Streben der möglichst allgemeinen
35 Teilnahme an der gesetzgebenden Gewalt.
Die Z ahl ist hier nicht ohne Bedeutung. Wenn schon die Ver¬
mehrung des ständischen Elements eine physische und
intellektuelle Vermehrung einer der feindlichen Streitkräfte
ist (und wir haben gesehen, die verschiedenen Elemente der gesetz-
4o gebenden Gewalt stehen sich als feindliche Streitkräfte gegenüber),
so ist dagegen die Frage, ob Alle einzeln Glieder der gesetzgeben¬
den Gewalt sein oder ob sie durch Abgeordnete eintreten sollen,
die In-Frage-Stellung des repräsentativen Prinzips inner¬
halb des repräsentativen Prinzips, innerhalb der Grundvorstellung
45 des politischen Staats, der seine Existenz in der konstitutionellen
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 40
542 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313.
Monarchie findet. 1. Ist es eine Vorstellung der Abstraktion des
politischen Staats, daß die gesetzgebende Gewalt die
Totalität des politischen Staates ist. Weil dieser eine Akt
der einzige politische Akt der bürgerlichen Gesellschaft ist,
so sollen und wollen Alle auf einmal an ihm teilnehmen. 5
2. Alle als Einzelne. Im ständischen Element ist
die gesetzgebende Tätigkeit nicht als soziale, als eine Funk¬
tion der Sozialität betrachtet, sondern vielmehr als der Akt,
wo die Einzelnen erst in wirklich und bewußt soziale
Funktion, d. h. in eine politische Funktion treten. Die g es et z -10
gebende Gewalt ist hier kein Ausfluß, keine Funktion der
Sozietät, sondern erst ihre Bildung. Die Bildung zur gesetz¬
gebenden Gewalt erheischt, daß alle Mitglieder der bürgerlichen
Gesellschaft als einzelne sich betrachten, sie1) stehen wirk¬
lich als einzeln gegenüber. Die Bestimmung, „Mitglieder des 15
Staats zu sein“, ist ihre „abstrakte Bestimmung“, eine Bestim¬
mung, die in ihrer lebendigen Wirklichkeit nicht verwirklicht ist.
Entweder findet Trennung des politischen Staats und der bür¬
gerlichen Gesellschaft statt, dann können nicht Alle einzeln
an der gesetzgebenden Gewalt teilnehmen : der politische Staat ist 20
eine von der bürgerlichen Gesellschaft getrennte Existenz.
Die bürgerliche Gesellschaft würde einerseits sich selbst aufgeben,
wenn alle Gesetzgeber wären, andererseits kann der ihr gegen¬
überstehende politische Staat sie nur in einer Form ertragen, die
seinem Maßstabe angemessen ist. Oder eben die Teilnahme25
der bürgerlichen Gesellschaft durch Abgeordnete am poli¬
tischen Staate ist eben der Ausdruck ihrer Trennung und nur
dualistischen Einheit.
Oder umgekehrt. Die bürgerliche Gesellschaft ist wirk¬
liche politische Gesellschaft. Dann ist es Unsinn, eine Forde- 30
rung zu stellen, die nur aus der Vorstellung des politischen Staates
als der von der bürgerlichen Gesellschaft getrennten Existenz, die
nur aus der theologischen Vorstellung des politischen
Staates hervorgegangen ist. In diesem Zustand verschwindet die
Bedeutung der gesetzgebenden Gewalt als einer reprä- 35
sentativen Gewalt gänzlich. Die gesetzgebende Gewalt ist
hier Repräsentation in dem Sinne, wie jede Funktion reprä¬
sentativ ist, wie z. B. der Schuster, insofern er ein soziales Be¬
dürfnis verrichtet, mein Repräsentant ist, wie jede bestimmte
soziale Tätigkeit als Gattungstätigkeit nur die Gattung, d. h. eine
Bestimmung meines eigenen Wesens repräsentiert, wie jeder
Mensch der Repräsentant des anderen ist. Er ist hier Repräsentant
nicht durch ein anderes, was er vorstellt, sondern durch das, was
er i st und tut.
sie korr. aus und als Individuen
Die gesetzgebende Gewalt
543
Die „gesetzgebende“ Gewalt wird nicht wegen ihres Inhal¬
tes, sondern wegen ihrer formellen politischen Bedeutung
angestrebt. An und für sich mußte z. B. die Regierungs¬
gewalt viel mehr das Ziel der Volkswünsche sein als die ge-
ä setzgebende, die metaphysische Staatsfunktion. Die ge¬
setzgebende Funktion ist der Wille nicht in seiner prak¬
tischen, sondern in seiner theoretischen Energie. Der Wille
soll hier nicht statt des Gesetzes gelten: sondern es
gilt das wirkliche Gesetz zu entdecken und zu formu-
10 1 i e r e n.
Aus dieser zwiespältigen Natur der gesetzgebenden Gewalt, als
wirklicher, gesetzgebender Funktion und als repräsen¬
tativer, abstrakt-politischer Funktion, geht eine
Eigentümlichkeit hervor, die sich vorzugsweise in Frankreich,
is dem Land der politischen Bildung, geltend macht.
(Wir haben in der Regierungsgewalt immer zwei,
das wirkliche Tun und die Staatsräson dieses Tuns, als ein anderes
wirkliches Bewußtsein, das in seiner totalen Gliederung die
Bureaukratie ist.)
20 Der eigentliche Inhalt der gesetzgebenden Gewalt wird (soweit
nicht die herrschenden Sonder interessen in einen bedeuten¬
den Konflikt mit dem obiectum quaestionis geraten) sehr à part,
als Nebensache behandelt. Besondere Aufmerksamkeit erregt
eine Frage erst, sobald sie politisch wird, d. h. entweder so-
25 bald eine Ministerfrage, also die Macht der gesetzgebenden Ge¬
walt über die Regierungsgewalt, daran angeknüpft werden kann,
oder sobald es sich überhaupt um Rechte handelt, die mit dem
politischen Formalismus in Verbindung stehen. Woher diese Er¬
scheinung? Weil die gesetzgebende Gewalt zugleich die Reprä-
30 sentation des politischen Daseins der bürgerlichen Gesellschaft
ist; weil das politische Wesen einer Frage überhaupt in ihrem
Verhältnis zu den verschiedenen Gewalten des politischen Staats
besteht; weil die gesetzgebende Gewalt das politische Bewußtsein
repräsentiert und dies sich nur im Konflikt mit der Regierungs-
35 gewalt als politisch beweisen kann. Diese wesentliche For¬
derung, daß jedes soziale Bedürfnis, Gesetz etc. als politisch,
d. h. als bestimmt durch das Staatsganze, in seinem
sozialen Sinn eruiert werde, nimmt im Staat der politischen
Abstraktion die Wendung, daß ihr eine formelle Wendung
io gegen eine andere Macht (Inhalt) außer ihrem wirklichen Inhalt
gegeben werde. Das ist keine Abstraktion der Franzosen, sondern
das ist die notwendige Konsequenz, weil der wirkliche Staat nur
als der betrachtete politische Staatsformalismus
existiert. Die Opposition innerhalb der repräsentativen Ge-
15 walt ist das hoi' è^o^v politische Dasein der repräsentativen
40*
544 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
Gewalt. Innerhalb dieser repräsentativen Verfassung nimmt in¬
dessen die eruierte Frage eine andere Wendung, als in welcher
Hegel sie betrachtet hat. Es handelt sich hier nicht, ob die
bürgerliche Gesellschaft durch Abgeordnete oder Alle einzeln
die gesetzgebende Gewalt ausüben sollen, sondern es handelt sich s
um die Ausdehnung und möglichste Verallgemeine¬
rung der Wahl, sowohl des aktiven, als des passiven
Wahlrechts. Das ist der eigentliche Streitpunkt der politischen
Reform, sowohl in Frankreich als in England.
Man betrachtet die Wahl nicht philosophisch, d. h. nicht in io
ihrem eigentümlichen Wesen, wenn man sie sogleich in Beziehung
auf die fürstliche oder Regierungsgewalt faßt. Die
Wahl ist das wirkliche Verhältnis der wirklichen
bürgerlichen Gesellschaft zur bürgerlichen Ge¬
sellschaft der gesetzgebenden Gewalt, zu dem«
repräsentativen Element. Oder die Wahl ist das
unmittelbare, das direkte, das nicht bloß vorstel¬
lende, sondern seiende Verhältnis der bürgerlichen Ge¬
sellschaft zum politischen Staat. Es versteht sich daher von selbst,
daß die Wahl das hauptsächliche politische Interesse der wirk- 20
liehen bürgerlichen Gesellschaft bildet. In der unbeschränk¬
ten, sowohl aktiven als passiven Wahl hat die bürgerliche
Gesellschaft sich erst wirklich zu der Abstraktion von sich
selbst, zu dem politischen Daseinxalsihrem wahren allge¬
meinen wesentlichen Dasein erhoben. Aber die Vollendung dieser 25
Abstraktion ist zugleich die Aufhebung der Abstraktion. Indem
die bürgerliche Gesellschaft ihr politisches Dasein wirk¬
lich als ihr wahres gesetzt hat, hat sie zugleich ihr bürgerliches
Dasein, in seinem Unterschied von ihrem politischen, als un¬
wesentlich gesetzt; und mit dem einen Getrennten fällt sein 30
Anderes, sein Gegenteil. Die Wahlreform ist also innerhalb
des abstrakten politischen Staats die Forderung
seiner Auflösung als ebenso der Auflösung der bür¬
gerlichen Gesellschaft.
Wir werden der Frage der Wahlreform später unter einer 34
anderen Gestalt begegnen, nämlich von der Seite der Interes¬
sen. Ebenso werden wir später die anderen Konflikte erörtern,
die aus der doppelten Bestimmung der gesetzgebenden
Gewalt (einmal Abgeordneter, Mandatar der bürger¬
lichen Gesellschaft, das andere Mal vielmehr erst ihr p o 1 i - 40
tisches Dasein und ein eigentümliches Dasein inner¬
halb des politischen Staatsformalismus zu sein) hervorgehen.
Wir kehren einstweilen zu der Anmerkung zu unserem Para¬
graphen zurück.
Die gesetzgebende Gewalt
545
[§ 308.] „Die vernünftige Betrachtung, das Bewußt¬
sein der Idee, ist konkret und trifft insofern mit dem
wahrhaften praktischen Sinne, der selbst nichts
anderes als der vernünftige Sinn, der Sinn der Idee ist,
* zusammen.“ „Der konkrete1) Staat ist das in seine
besonderen Kreise gegliederte Ganze; das
Mitglied des Staates ist ein Mitglied eines solchen
Standes; nur in dieser seiner objektiven Bestimmung
kann es im Staate in Betracht kommen.“
10 Hierüber ist schon oben das Nötige gesagt.
„Seine (des Staatsmitgliedes)’) allgemeine Bestimmung
überhaupt enthält das gedoppelte Moment, Privat¬
person und als denkendes ebensosehr Bewußtsein
und Wollen des Allgemeinen zu sein; dieses Bewußt-
u sein und Wollen aber ist nur dann nicht leer, sondern er¬
füllt und wirklich lebendig, wenn es mit der Be¬
sonderheit — und diese ist der besondere Stand und Bestim¬
mung — erfüllt ist; oder das Individuum ist Gattung,
hat aber seine immanente allgemeine Wirklich-
«okeit als nächste Gattung.“
Alles das, was Hegel sagt, ist richtig, mit der Beschränkung:
1. daß er besonderen Stand und Bestimmung als
identisch setzt, 2. daß diese Bestimmung, die Art, die nächste
Gattung auch wirklich, nicht nur an sich, sondern für
s;sich, als Art der allgemeinen Gattung, als ihre
Besonderung gesetzt sein müßte. Hegel aber begnügt sich im
Staate, den er als das selbstbewußte Dasein des sittlichen Geistes
demonstriert, daß dieser sittliche Geist nur an sich, der all¬
gemeinen Idee nach, das Bestimmende ist. Zum wirklichen
3o Bestimmenden läßt er die Sozietät nicht kommen, weil dazu ein
wirkliches Subjekt nötig ist und er nur ein abstraktes, eine
Imagination hat.
§ 309. „Da die Abordnung zur Beratung und Beschlie¬
ßung über die allgemeinen Angelegenheiten geschieht,
« hat sie den Sinn, daß durch das Zutrauen solche Individuen
dazu bestimmt werden, die sich besser auf diese Angelegen¬
heiten verstehen als die Abordnenden, wie auch, daß sie
nicht das besondere Interesse einer Gemeinde, Korporation
x) Von M. unterstrichen.
a) Das Eingeklammerte von M.
546 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §5 261—313
gegen das allgemeine, sondern wesentlich dieses geltend
machen. Sie haben damit nicht das Verhältnis, kommittierte
oder Instruktionen überbringende Mandatarien zu sein, um
so weniger als die Zusammenkunft die Bestimmung hat,
eine lebendige, sich gegenseitig unterrichtende und über- 5
zeugende, gemeinsam beratende Versammlung zu sein.“
Die Abgeordneten sollen 1. keine ,kommittierte oder Instruk¬
tionen überbringende Mandatarien sein“, weil „sie nicht das be¬
sondere Interesse einer Gemeinde, Korporation gegen das allge¬
meine, sondern wesentlich dies geltend machen“ sollen. Hegel 10
hat die Repräsentanten erst als Repräsentanten der Korporationen
etc. konstruiert, um dann wieder die andere politische Bestimmung
hereinzubringen, daß sie nicht das besondere Interesse der
Korporation etc. geltend zu machen haben. Er hebt damit seine
eigene Bestimmung auf, denn er trennt sie in ihrer w e s e n t - is
liehen Bestimmung als Repräsentant [en] gänzlich von ihrem
Korporationsdasein. Er trennt damit auch die Korpora¬
tion von sich als ihrem wirklichen Inhalt, denn sie soll nicht aus
ihrem Gesichtspunkt, sondern aus dem Staats¬
gesichtspunkt wählen, d. h. sie soll in ihrem N i c h t - 20
Dasein als Korporation wählen. In der materiellen Be¬
stimmung erkennt er also an, was er in ihrer formellen ver¬
kehrte, die Abstraktion der bürgerlichen Gesellschaft von sich
selbst in ihrem politischen Akt, und ihr politisches Dasein
ist nichts als diese Abstraktion. Hegel gibt als Grund an, 2s
weil sie eben zur Betätigung der „allgemeinen Angelegenheiten“
gewählt werden ; aber die Korporationen sind keine Existenzen der
allgemeinen Angelegenheiten.
2. soll die „Abordnung den Sinn“ haben, „daß durch das Zu¬
trauen solche Individuen dazu bestimmt werden, die sich besser 30
auf diese Angelegenheiten verstehen als die Abordnenden“,
woraus abermals folgen soll, daß die Deputierten also nicht das
Verhältnis der „Mandatarien“ haben.
Daß sie dieses „besser“ verstehen und nicht „einfach“ ver¬
stehen, kann Hegel nur durch ein Sophisma herausbringen. Es 35
könnte dies nur dann geschlossen werden, wenn die Abordnenden
die Wahl hätten, die allgemeinen Angelegenheiten selbst zu
beraten und zu beschließen oder bestimmte Individuen zu ihrer
Vollziehung abzuordnen; d.h. eben wenn die Abordnung, die
Repräsentation, nicht wesentlich zum Charakter der ge- «
setzgebenden Gewalt der bürgerlichen Gesellschaft ge¬
hörte, was eben ihr eigentümliches Wesen, wie eben aus¬
geführt, in dem von Hegel konstruierten Staate ausmacht.
Die gesetzgebende Gewalt
547
Es ist dies Beispiel sehr bezeichnend dafür, wie Hegel die
Sache innerhalb ihrer Eigentümlichkeit halb absichtlich aufgibt
und ihr in ihrer bornierten Gestalt den entgegengesetzten Sinn
dieser Borniertheit unterschiebt.
5 Den eigentlichen Grund gibt Hegel zuletzt. Die Deputierten der
bürgerlichen Gesellschaft konstituieren sich zu einer „Versamm¬
lung“, und diese Versammlung ist erst das wirkliche poli¬
tische Dasein und Wollen der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Trennung des politischen Staats von der bürgerlichen Gesell-
10 schäft erscheint als die Trennung der Deputierten von ihren Man¬
dataren. Die Gesellschaft ordnet bloß die Elemente zu ihrem poli¬
tischen Dasein von sich ab.
Der Widerspruch erscheint doppelt: 1. formell. Die Ab¬
geordneten der bürgerlichen Gesellschaft sind eine Gesellschaft,
is die nicht durch die Form der „Instruktion“, des Auftrages mit
ihren Kommittenten in Verbindung stehen. Sie sind formell kom¬
mittiert, aber sobald sie wirklich sind, sind sie nicht mehr
Kommittierte. Sie sollen Abgeordnete sein und sind
es nicht.
eo 2. m a t e r i e 11. In bezug auf die Interessen. Darüber hernach.
Hier findet das Umgekehrte statt1). Sie sind als Repräsentanten
der allgemeinen Angelegenheiten kommittiert, aber sie reprä¬
sentieren wirklich besondere Angelegenheiten.
Bezeichnend ist, daß Hegel hier das Zutrauen als die Sub-
2s stanz der Abordnung bezeichnet, als das substantielle Ver¬
hältnis zwischen Abordnenden und Abgeordneten. Zutrauen
ist ein persönliches Verhältnis. Es heißt darüber weiter in dem
Zusatz :
„Repräsentation gründet sich auf Zutrauen, Zutrauen
30 aber ist etwas anderes, als ob ich als dieser meine Stimme
gebe. Die Majorität der Stimmen ist ebenso dem Grundsätze
zuwider, daß bei dem, was mich verpflichten muß, ich als
dieser zugegen sein soll. Man hat Zutrauen zu einem Men¬
schen, indem man seine Einsicht dafür ansieht, daß er meine
« Sache als seine Sache, nach seinem besten Wissen und Ge¬
wissen, behandeln wird.“
§ 310. Die Garantie’) der diesem Zweck ent¬
sprechenden Eigenschaften und der Gesinnung, — da das
unabhängige Vermögen schon in dem ersten Teile der
*o Stände sein Recht verlangt, — zeigt sich bei dem zweiten
x) Bei M. wohl versehentlich ab
2) Von M. unterstrichen.
548 Ans der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über 5§ 261—313
Teile, der aus dem beweglichen und veränderlichen Ele
mente der bürgerlichen Gesellschaft hervorgeht, vor
nehmlich in der durch wirkliche Geschäftsführung ii
obrigkeitlichen oder Staatsämtern erworbenei
und durch die Tat bewährten Gesinnung, Geschick 6
lichkeit und Kenntnis der Einrichtungen und Interessen de*
Staats und der bürgerlichen Gesellschaft und dem dadurcl
gebildeten und erprobten obrigkeitlichen Sinn um
Sinn des Staats.“
Erst wurde die erste Kammer, die Kammer des un a b«
hängigen Privateigentums für den Fürsten und die Re
gierungsgewalt als Garantie gegen die Gesinnung der zweiter
Kammer als dem politischen Dasein der empirischer
Allgemeinheit konstruiert, und jetzt verlangt Hegel wieder ein«
neue Garantie, welche die Gesinnung etc. der zweiter«
Kammer selbst garantieren soll.
Erst war das Zutrauen [,] die Garantie der Abordner [,] dir
Garantie der Abgeordneten. Jetzt bedarf dies Zutrauen selbsi
wieder der Garantie seiner Tüchtigkeit.
Hegel hätte nicht übel Lust, die zweite Kammer zur Kammei 20
der pensionierten Staatsbeamten zu machen. Er verlang
nicht nur „den Sinn des Staats“, sondern auch „obrigkeitlichen“
bureaukratischen Sinn.
Was er hier wirklich verlangt, ist, daß die gesetzgebende
Gewalt die wirkliche regierende Gewalt sein soll. Eiss
drückt dies so aus, daß er die Bureaukratie zweimal verlangt,
einmal als Repräsentation der Fürsten und das andere Mal als
Repräsentantin des Volkes.
Wenn in konstitutionellen Staaten auch Beamte zulässig sind
als Deputierte, so ist dies nur, weil überhaupt vom Stand, von«
der bürgerlichen Qualität abstrahiert und die Abstraktion
des Staatsbürgertums das Herrschende ist.
Hegel vergißt dabei, daß er die Repräsentation von den Kor¬
porationen ausgehen ließ und daß diesen direkt die Regie¬
rungsgewalt gegenübersteht1). Er geht in diesem Vergessen, was er«
gleich in dem folgenden Paragraphen wieder vergißt, soweit, daß
er einen wesentlichen Unterschied zwischen den Abgeord¬
neten der Korporation und den ständischen Abgeordneten kreierte.
In der Anmerkung zu diesem Paragraphen heißt es:
„Die subjektive Meinung von sich findet leicht die For«
derung solcher Garantien, wenn sie in Rücksicht auf das
x) Bei M, versehentlich gegenübergeht
Die gesetzgebende Gewalt
549
sogenannte Volk gemacht wird, überflüssig, ja selbst etwa
beleidigend. Der Staat hat aber das Objektive, nicht eine
subjektive Meinung und deren Selbstzutrauen1) zu
seiner Bestimmung; die Individuen können nur das für ihn
5 sein, was an ihnen objektiv erkennbar und erprobt ist, und
er hat hierauf bei diesem Teile des ständischen Elements um
so mehr zu sehen, als derselbe seine Wurzel in den auf das
Besondere gerichteten Interessen und Beschäftigungen hat,
wo die Zufälligkeit, Veränderlichkeit und Willkür ihr Recht
jo sich zu ergehen hat.“ —
Hier wird die gedankenlose Inkonsequenz und der „obrig¬
keitliche“ Sinn Hegels wirklich ekelhaft. Am Schluß des
Zusatzes zum früheren Paragraphen heißt es:
„Daß dieses (sc. ihre oben beschriebene Aufgabe)2) der
33 Abgeordnete vollbringe und befördere, dazu bedarf es f ü r
die Wählenden1) der Garantie“.
Diese Garantie für die Wählenden hat sich unter der
Hand in eine Garantie gegen die Wählenden, gegen ihr
„Selbstzutrauen“ entwickelt. In dem ständischen Element
oo sollte die „empirische Allgemeinheit zum Moment“ der „subjek¬
tiven formellen Freiheit“ kommen. „Das öffentliche Bewußtsein“
sollte in ihm als empirische Allgemeinheit der An¬
sichten und Gedanken der Vielen zur Existenz kommen.
(§ 301.)
25 Jetzt sollen diese „Ansichten und Gedanken“ zuvor der
Regierung eine Probe ablegen, daß sie „ihre“ Ansichten
und Gedanken sind. Hegel spricht hier nämlich dummer Weise
vom Staat als einer fertigen Existenz, obgleich er eben erst
daran ist, im ständischen Element den Staat fertig zu konstruieren.
30 Er spricht vom Staat als konkretem Subjekt, das „sich nicht an
die subjektive Meinung und deren Selbstzutrauen stößt“, für den
die Individuen erst sich „erkennbar“ gemacht und „erprobt“
haben. Es fehlt nur noch, daß Hegel ein Examen der
Stände abzulegen bei der Wohllöblichen Regierung verlangt.
35 Hegel geht hier fast bis zur Servilität. Man sieht ihn durch und
durch angesteckt von dem elenden Hochmut der preußischen
Beamtenwelt, die vornehm in ihrer Bureaubomiertheit auf das
x) Von M. unterstrichen.
2) Das Eingeklammerte von M.
550 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Uber §§ 261—313
„Selbstzutrauen“ der „subjektiven“ Meinung des Volks zu sich
herabsieht. Der „Staat“ ist hier überall für Hegel identisch mit
der „Regierung“.
Allerdings kann in einem wirklichen Staate das „bloße Zu¬
trauen“, die „subjektive Meinung“ nicht genügen. Aber in dem 5
von Hegel konstruierten Staate ist die politische Gesinnung
der bürgerlichen Gesellschaft eine bloße Meinung, eben weil
ihr politisches Dasein eine Abstraktion von ihrem wirklichen
Dasein ist; eben weil das Ganze des Staats nicht die Objekti¬
vierung der politischen Gesinnung ist. Wollte Hegel 10
konsequent sein, so müßte er vielmehr alles aufbieten, um das
ständische Element seiner wesentlichen Bestimmung
gemäß (§ 301) als das Fürsichsein der allgemeinen An¬
gelegenheit in den Gedanken etc. der Vielen, also eben ganz
unabhängig von den anderen Voraussetzungen des politischen 15
Staats zu konstruieren.
Ebenso wie Hegel es früher als die Ansicht des Pöbels be¬
zeichnete, den schlechten Willen bei der Regierung etc. voraus¬
zusetzen, ebensosehr und noch mehr ist es die Ansicht des Pöbels,
den schlechten Willen beim Volke vorauszusetzen. Hegel darf es 20
dann auch bei den von ihm verachteten Theoretikern weder „über¬
flüssig“ noch „beleidigend“ finden, wenn Garantien „in Rücksicht
auf den sogenannten“ Staat, den soi-disant Staat, die Re¬
gierung verlangt, Garantien verlangt werden, daß die Gesinnung
der Bureaukratie die Staatsgesinnung sei. 2S
§ 311. „Die Abordnung, als von der bürgerlichen Ge¬
sellschaft ausgehend, hat ferner1) den Sinn, daß die Ab¬
geordneten mit deren speziellen Bedürfnissen, Hinder¬
nissen, besonderen Interessen bekannt seien und ihnen
selbst angehören. Indem sie nach der Natur der bürger-a»
liehen Gesellschaft von ihren verschiedenen Korporationen
ausgeht (§ 308) und die einfache Weise dieses Ganges
nicht durch Abstraktionen und die atomistischen Vorstellun¬
gen gestört wird, so erfüllt sie damit unmittelbar jenen
Gesichtspunkt, und Wählen ist entweder überhaupt etwas »
Überflüssiges oder reduziert sich auf ein geringes Spiel der
Meinung und der Willkür.“
Zunächst knüpft Hégel die Abordnung in ihrer Bestimmung
als „gesetzgebende Gewalt“ (§ 309, 310) an die Abordnung „als
x) Von M. unterstrichen.
Eine Stelle aus der Kritik des Hegelschen Staatsrechts (Etwas verkleinert)
(s. S. 550)
Die gesetzgebende Gewalt
551
von der bürgerlichen Gesellschaft ausgehend“, d. h. an ihre
repräsentative Bestimmung, durch ein einfaches „ferner“ an. Die
ungeheuren Widersprüche, die in diesem „ferner“ liegen, spricht
er ebenso gedankenlos aus.
$ Nach § 309 sollen die Abordnenden „nicht das besondere In¬
teresse einer Gemeinde, Korporation gegen das allgemeine, son¬
dern wesentlich dieses geltend machen“.
Nach § 311 gehen sie von den Korporationen aus, repräsen¬
tieren diese besonderen Interessen und Bedürfnisse und
io lassen sich nicht durch „Abstraktionen“ stören, als wenn das „all¬
gemeine Interesse“ nicht auch eine solche Abstraktion wäre, eine
Abstraktion eben von ihren Korporations- etc. Interessen.
Nach § 310 wird verlangt, „daß sie durch wirkliche Geschäfts¬
führung etc. sich obrigkeitlichen Sinn und den Sinn des Staats“
is erworben und bewährt haben. Im § 311 wird Korporations- und
bürgerlicher Sinn verlangt.
In dem Zusatz zu § 309 heißt es: „Repräsentation gründet sich
auf Zutrauen“. Nach § 311 ist „Wählen“, diese Realisierung
des Zutrauens, diese Betätigung, Erscheinung desselben, „ent-
weder überhaupt etwas Überflüssiges oder reduziert sich auf ein
geringes Spiel der Meinung und der Willkür“.
Das, worauf sich die Repräsentation gründet, ihr Wesen ist
also der Repräsentation „entweder überhaupt etwas Überflüssiges“
etc. Hegel stellt also in einem Atem die absoluten Widersprüche
ss auf: Die Repräsentation gründet sich auf Zutrauen, auf das Ver¬
trauen des Menschen zum Menschen, und sie gründet sich nicht
auf das Zutrauen. Das ist vielmehr eine bloße formelle Spielerei.
Das besondere Interesse ist nicht das Objekt der Vertretung,
sondern der Mensch und sein Staatsbürgertum, das allgemeine
io Interesse. Andrerseits: Das besondere Interesse ist der Stoff der
Vertretung, der Geist dieses Interesses ist der Geist des Reprä¬
sentanten.
In der Anmerkung zu diesem Paragraphen, den wir nun be¬
trachten, werden diese Widersprüche noch greller durchgeführt.
35 Das eine Mal ist die Repräsentation die Vertretung des Menschen,
das andere Mal des besonderen Interesses des besonderen Stoffes.
„Es bietet sich von selbst das Interesse dar, daß unter
den Abgeordneten sich für jeden besonderen großen Zweig
der Gesellschaft, z. B. für den Handel, für die Fabriken
to u. s. f. Individuen befinden, die ihn gründlich kennen und
ihm selbst angehören ; — in der Vorstellung eines losen, un¬
bestimmten Wählens ist dieser wichtige Umstand nur der
Zufälligkeit preisgegeben. Jeder solcher Zweig hat aber
552 Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie — Über §§ 261—313
gegen den anderen gleiches Recht, repräsentiert zu werden.
Wenn die Abgeordneten als Repräsentanten betrachtet
werden, so hat dies einen organisch vernünftigen Sinn nur
dann, daß sie nicht Repräsentanten als von Einzel¬
nen, von einer Menge seien, sondern Repräsentanten s
einer der wesentlichen Sphären der Gesellschaft, Re¬
präsentanten ihrer großen Interessen. Das Repräsentieren
hat damit auch nicht mehr die Bedeutung, daß Einer an1)
der Stelle eines Anderen sei, sondern das Interesse
selbst ist in seinem Repräsentanten wirklich gegen -jo
wärtig, so wie der Repräsentant für sein eigenes objek¬
tives Element da ist. — Von dem Wählen durch die vielen
Einzelnen kann noch bemerkt werden, daß notwendig be¬
sonders in großen Staaten die Gleichgültigkeit
gegen das Geben seiner Stimme, als die in der Menge eine is
unbedeutende Wirkung hat, eintritt, und die Stimmberech¬
tigten, diese Berechtigung mag ihnen als etwas noch so
Hohes angeschlagen und vorgestellt werden, eben zum
Stimmgeben nicht erscheinen ; — so daß aus solcher Insti¬
tution vielmehr das Gegenteil ihrer Bestimmung erfolgt und so
die Wahl in die Gewalt Weniger, einer Partei, somit des be¬
sonderen, zufälligen Interesses fällt, das gerade neutralisiert
werden sollte.“ [§ 311.]
Die beiden §§ 312 und 313 sind im früheren erledigt und
keiner besonderen Besprechung wert. Wir setzen sie daher hierhin: ss
§ 312. „Von den zwei im ständischen Elemente ent¬
haltenen Seiten (§ 305, 308) bringt jede in die Beratung
eine besondere Modifikation; und weil überdem das eine
Moment die eigentümliche Funktion der Vermittlung inner¬
halb dieser Sphäre und zwar zwischen Existierenden hat, so
so ergibt sich für dasselbe gleichfalls eine abgesonderte
Existenz; die ständische Versammlung wird sich somit in
zwei Kammern teilen.“ 0 Jerum!
§ 313. „Durch diese Sonderung erhält nicht nur die
Reife der Entschließung vermittelst einer Mehrheit von ss
Instanzen ihre größere Sicherung, und wird die Zu-
*) Einer an von M. unterstrichen.
Die gesetzgebende Gewalt
553
fälligkeit einer Stimmung des Augenblicks, wie die Zu¬
fälligkeit, welche die Entscheidung durch die Mehrheit der
Stimmenanzahl annehmen kann, entfernt, sondern vor¬
nehmlich kommt das ständische Element weniger in den
Fall, der Regierung direkt gegenüber zu stehen, oder im
Falle das vermittelnde Moment sich gleichfalls auf der Seite
des zweiten Standes befindet, wird das Gewicht seiner An¬
sicht um so mehr verstärkt, als sie so unparteiischer und
sein Gegensatz neutralisiert erscheint.“‘)
x) Hier, auf der 4. Seite des von Marx mit XL numerierten Bogens, endet
das Manuskript. Auf der ersten Seite des folgenden sonst ganz leeren Bogens
steht noch oben:
Inhaltsverzeichnis.
Über Hegels Übergang und Explikation.
Aus:
DEUTSCH-FRANZÖSISCHE JAHRBÜCHER
Paris 1844
Erschienen in: Deutsch-Französischejihrbiicher her¬
ausgegeben von Arnold Ruge und Karl Marx. Iste und 2te Lieferung.
Paris. Im Bureau der Jahrbücher. Au Bureau des Innales. Rue Van¬
neau, 22. — 1844.
Ein Briefwechsel von 1843 (zwischen Marx, Ruge, Jakunin
und Feuerbach von März bis September) 557—575
Zur Judenfrage 576—606
Geschrieben etwa August—November 1843
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitmg . . 607—621
Geschrieben um die Jahreswende 1843/44
Erschienen Ende Februar 1844
Ein Briefwechsel von 1843
M. an R.
Auf der Treckschuit nach D. im März 1843.
Ich reise jetzt in Holland. Soviel ich aus den hiesigen und fran-
5 zösischen Zeitungen sehe, ist Deutschland tief in den Dreck hinein¬
geritten und wird es noch immer mehr. Ich versichere Sie, wenn
man auch nichts weniger als Nationalstolz fühlt, so fühlt man doch
Nationalscham, sogar in Holland. Der kleinste Holländer ist noch
ein Staatsbürger gegen den größten Deutschen. Und die Urteile
10 der Ausländer über die preußische Regierung! Es herrscht eine
erschreckende Übereinstimmung, niemand täuscht sich mehr über
dies System und seine einfache Natur. Etwas hat also doch die
neue Schule genützt. Der Prunkmantel des Liberalismus ist ge¬
fallen, und der widerwärtigste Despotismus steht in seiner ganzen
16 Nacktheit vor aller Welt Augen.
Das ist auch eine Offenbarung, wenngleich eine umgekehrte. Es
ist eine Wahrheit, die uns zum wenigsten die Hohlheit unseres
Patriotismus, die Unnatur unseres Staatswesens kennen und unser
Angesicht verhüllen lehrt. Sie sehen mich lächelnd an und fragen:
so was ist damit gewonnen? Aus Scham macht man keine Revolution.
Ich antworte: die Scham ist schon eine Revolution; sie ist wirk¬
lich der Sieg der französischen Revolution über den deutschen
Patriotismus, durch den sie 1813 besiegt wurde. Scham ist eine
Art Zorn, der in sich gekehrte. Und wenn eine ganze Nation sich
25 wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in
sich zurückzieht. Ich gebe zu, sogar die Scham ist in Deutschland
noch nicht vorhanden; im Gegenteil, diese Elenden sind noch
Patrioten. Welches System sollte ihnen aber den Patriotismus
austreiben, wenn nicht dieses lächerliche des neuen Ritters? Die
30 Komödie des Despotismus, die mit uns aufgeführt wird, ist für
ihn ebenso gefährlich, als es einst den Stuarts und Bourbonen die
Tragödie war. Und selbst, wenn man diese Komödie lange Zeit
nicht für das halten sollte, was sie ist, so wäre sie doch schon eine
Revolution. Der Staat ist ein zu ernstes Ding, um zu einer Har-
35 lekinade gemacht zu werden. Man könnte vielleicht ein Schiff voll
Narren eine gute Weile vor dem Winde treiben lassen; aber
seinem Schicksal trieb’ es entgegen eben darum, weil die Narren
dies nicht glaubten. Dieses Schicksal ist die Revolution, die uns
bevorsteht.
Marx*Engels*Geaamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 41
558
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
R. an M.
Berlin, im März 1843.
„Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist:
ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre wie die Deutschen.
Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, 5
Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen. —
Ist das nicht ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zer¬
stückelt unter einander liegen, indes das vergossene Lebensblut im Sande
zerrinnt?“ Hölderlin im Hyperion. — Dies das Motto meiner Stimmung,
und leider ist sie nicht neu; derselbe Gegenstand wirkt von Zeit zu Zeit 10
ähnlich auf die Menschen. Ihr Brief ist eine Illusion. Ihr Mut entmutigt
mich nur noch mehr.
Wir werden eine politische Revolution erleben? wir, die Zeitgenos¬
sen dieser Deutschen? Mein Freund, Sie glauben, was Sie wünschen.
0, ich kenne das! Es ist sehr süß, zu hoffen, und sehr bitter, alle Täu-15
schungen abzutun. Es gehört mehr Mut zur Verzweiflung als zur Hoff¬
nung. Aber es ist der Mut der Vernunft, und wir sind auf dem Punkte
angekommen, wo wir uns nicht mehr täuschen dürfen. Was erleben wir
in diesem Augenblick? Eine zweite Auflage der Karlsbader Beschlüsse,
eine durch das Weglassen der versprochenen Preßfreiheit vermehrte und 20
durch das Versprechen der Zensur verbesserte, — ein zweites Mißlingen
der politischen Freiheitsversuche, und diesmal ohne Leipzig und Belle¬
alliance, ohne Anstrengungen, von denen auszuruhen wir Ursache hätten.
Jetzt ruhen wir aus vom Ausruhen; und zur Ruhe bringt uns die einfache
Wiederholung der alten despotischen Maxime, das Abschreiben ihrer 25
Urkunden. Wir fallen 8Uß einer Schmach in die andere. Ich habe voll¬
kommen dasselbe Gefühl des Drucks und der Entwürdigung wie zur Zeit
der napoleonischen Eroberung, wenn Rußland der deutschen Presse eine
strengere Zensur verordnet; und wenn Sie darin einen Trost finden, daß
wir jetzt dieselbe Offenherzigkeit wie damals genießen, so tröstet mich 30
das durchaus nicht. Als Napoleon in Erfurt zu den deutschen Gratu¬
lanten, die ihn mit notre prince anredeten, sagte: je ne suis pas votre
prince, je suis votre maître, wurde er mit rauschendem Beifall aufgenom¬
men. Und hätte ihm der russische Schnee nicht darauf geantwortet, die
deutsche Entrüstung schliefe noch. Sagen Sie mir nicht, dieses unver- 35
schämte Wort sei blutig gerächt worden, reden Sie mir nicht ein, die
zufällige Rache wäre notwendig erfolgt, alle Völker seien abgefallen von
dem nackten und bloßen Despotismus, sobald er sich ganz enthüllt hätte.
Ich will ein Volk sehen, das ohne alle andere Völker seine Schmach
fühlt; ich nenne Revolution die Umkehr aller Herzen und die Erhebung 40
aller Hände für die Ehre des freien Menschen, für den freien Staat, der
keinem Herrn gehört, sondern das öffentliche Wesen selbst ist, das nur
sich angehört. So weit bringen es die Deutschen nie. Sie sind längst
historisch zugrunde gegangen. Daß sie überall mit zu Felde gelegen, be¬
weist nichts. Es wird den eroberten und beherrschten Völkern nicht 45
erspart, sich zu schlagen, aber sie sind nur Gladiatoren, die sich für einen
fremden Zweck schlagen und, wenn ihre Herren den Daumen nieder¬
drücken, sich erwürgen. „Seht, wie das Volk sich für uns schlägt!“ sagte
1813 der König von Preußen. Deutschland ist nicht der überlebende
Briefwechsel von 1843
559
Erbe, sondern die anzutretende Erbschaft. Die Deutschen zählen nie nach
kämpfenden Parteien, sondern nach der Seelenzahl, die dort zu ver¬
kaufen ist.
Sie sagen, die liberale Heuchelei ist entlarvt. Es ist wahr, es ist sogar
5 noch mehr geschehen. Die Menschen fühlen sich verstimmt und beleidigt,
man hört Freunde und Bekannte untereinander räsonnieren, überall redet
man hier von dem Schicksal der Stuarts, und wer sich fürchtet, unvor¬
sichtige Worte zu sagen, der schüttelt wenigstens den Kopf, um anzu¬
zeigen, daß eine gewisse Bewegung in ihm vorgeht. Aber alles redet und
io redet nur: ist auch nur Einer da, der seinem Unwillen zutraute, daß er
allgemein sei? Ist ein Einziger so töricht, unsere Spießbürger und ihre
unvergängliche Schafsgeduld zu verkennen? —- Fünfzig Jahre nach der
französischen Revolution und die Erneuerung aller Unverschämtheiten
des alten Despotismus, das haben wir erlebt. Sagen Sie nicht, das neun-
is zehnte Jahrhundert erträgt ihn nicht. Die Deutschen haben dies Problem
gelöst. Sie ertragen ihn nicht nur, sie ertragen ihn mit Patriotismus, und
wir, die wir darüber erröten, gerade wir wissen, daß sie ihn verdienen.
Wer hätte nicht gedacht, dieser schneidende Rückfall vom Reden ins
Schweigen, vom Hoffen in die Hoffnungslosigkeit, von einem menschen-
20 ähnlichen in einen völlig sklavischen Zustand würde alle Lebensgeister
auf regen, jedem das Blut zum Herzen treiben und einen allgemeinen
Schrei der Entrüstung hervorrufen! Der Deutsche hatte nichts als die
Geisterfreiheit, die der Mensch, der einem anderen leibeigen ist, immer
noch haben kann, und auch diese ist ihm nun entrissen; die deutschen
25 Philosophen waren schon früher Diener der Menschen, sie redeten und
schwiegen auf Befehl, Kant hat uns die Dokumente mitgeteilt; aber man
duldete die Kühnheit, daß sie in abstracto den Menschen für frei erklärten.
Jetzt ist auch diese Freiheit, die sogenannte wissenschaftliche oder die
prinzipielle, die sich bescheidet, nicht realisiert zu werden, auf gehoben,
30 und es haben sich natürlich Leute genug gefunden, die Tassos Glauben
predigen :
Glaubt nicht, daß mir
Der Freiheit wilder Trieb den Busen blähe.
Der Mensch ist nicht geboren frei zu sein.
35 Und für den Edlen ist kein schöner Glück,
Als einem Fürsten, den er ehrt, zu dienen.
Wollten wir ein wenden: und wenn er ihn nicht ehrt? so wiederholen
sie: frei zu sein, ist er nicht geboren. Es handelt sich um seinen Begriff,
nicht um sein Glück. Ja, Tasso hat recht, ein Mensch, der einem Menschen
io dient und den man einen Sklaven nennt, kann sich glücklich fühlen, er
kann sich sogar adelig fühlen, die Geschichte und die Türkei beweisen es.
Zugegeben also, daß nicht Mensch und freies Wesen, sondern Mensch
und Diener ein Begriff ist, so ist die alte Welt gerechtfertigt.
Gegen das Faktum, daß die Menschen zum Dienen geboren und ein
45 Besitztum ihrer angeborenen Herren seien, hatten die Deutschen 25 Jahre
nach der Revolution nichts einzuwenden. Im Deutschen Bunde sind die
deutschen Fürsten zusammengetreten, um ihren Privatbesitz von Land und
Leuten wieder herzustellen und die „Menschenrechte“ wieder abzuschaffen.
Das war antifranzösisch, man jauchzte ihnen zu. Nun kommt die Theorie
4P
560
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
dieses Faktums hinterher, und warum sollte Deutschland sie nicht ohne
Unwillen anhören! Warum sich nicht über sein Schicksal mit dem Ge¬
danken trösten : es muß so sein, der Mensch ist nicht ge¬
boren, frei zu sein?
Und so ist es, dies Geschlecht ist wirklich nicht geboren, frei zu sein. 5
Dreißig Jahre, politisch verödet und unter einem so entwürdigenden
Druck, daß selbst die Gedanken und die Gefühle der Menschen von der
geheimen Polizei der Zensur beaufsichtigt und geregelt wurden, haben
Deutschland politisch nichtiger hinterlassen, als es je gewesen. Sie sagen:
das Narrenschiff, welches ein Spiel von Wind und Wellen ist, wird seinem 10
Schicksal nicht entgehen, und dieses Schicksal ist die Revolution. Aber
Sie setzen nicht hinzu: diese Revolution ist die Genesung der Narren, im
Gegenteil, Ihr Bild führt nur auf den Gedanken des Unterganges. Aber
ich gebe Ihnen auch den Untergang nicht zu, der noch erst zu erwarten
wäre. Physisch geht dies brauchbare Volk nicht unter, und geistig oder is
mit seiner Existenz als freies Volk ist es längst am Ende.
Wenn ich Deutschland nach seiner bisherigen und nach seiner gegen¬
wärtigen Geschichte beurteile, so werden Sie mir nicht einwerfen, seine
ganze Geschichte sei verfälscht, und seine ganze jetzige Öffentlichkeit
stelle nicht den eigentlichen Zustand des Volkes dar. Lesen Sie die Zei- 20
tungen, welche Sie wollen, überzeugen Sie sich, daß man nicht aufhört —
und Sie werden zugeben, daß die Zensur niemanden hindert aufzuhören — ,
die Freiheit und das Nationalglück zu loben, welches wir besitzen; und
dann sagen Sie einem Engländer, einem Franzosen oder auch nur einem
Holländer, daß dies nicht unsere Sache und unser Charakter wäre. 25
Der deutsche Geist, soweit er zum Vorschein kommt, ist niederträchtig,
und ich trage kein Bedenken zu behaupten: wenn er nicht anders zum Vor¬
schein kommt, so ist dies lediglich die Schuld seiner niederträchtigen
Natur. Oder wollen Sie seine Privatexistenz, seine stillen Verdienste,
seine ungedruckten Tischgespräche, seine Faust in der Tasche so hoch 30
anschlagen, daß ihm die Schmach seiner gegenwärtigen Erscheinung
durch die Ehre seiner Zukunft noch einmal abgewaschen werden könnte?
O, diese deutsche Zukunft! Wo ist ihr Same gesät? Etwa in der schmach¬
vollen Geschichte, die wir bisher durchlebt? Oder in der Verzweiflung
derer, die von Freiheit und geschichtlichen Ehren einen Begriff haben? 35
Oder gar in dem Hohn, den fremde Völker über uns ausschütten und
gerade dann aufs empfindlichste uns zu fühlen geben, wenn sie es am
besten mit uns meinen? Denn den Grad politischer Fühllosigkeit und
Verkommenheit, zu dem wir wirklich herabgesunken sind, können jene
sich gar nicht vorstellen. Lesen Sie nur die Times über die Unter- 40
drückung der Presse in Preußen. Lesen Sie, wie freie Männer reden,
lesen Sie, wie viel Selbstgefühl sie uns noch zutrauen, uns, die wir gar
keins besitzen, und bedauern Sie Preußen, bedauern Sie Deutschland.
Ich weiß, daß ich dazu gehöre; glauben Sie nicht, daß ich mich der all¬
gemeinen Schmach entziehen will. Werfen Sie mir vor, daß ich es nicht 45
besser mache als die anderen, fordern Sie mich auf, mit dem neuen Prinzip
eine neue Zeit heraufzuführen und ein Schriftsteller zu sein, dem ein
freies Jahrhundert folgt, sagen Sie mir jede Bitterkeit, ich bin darauf
gefaßt. Unser Volk hat keine Zukunft, was liegt an unserem Ruf?
Briefwechsel von 1843
561
M. an R.
Köln, im Mai 1843.
Ihr Brief, mein teurer Freund, ist eine gute Elegie, ein atem¬
versetzender Grabgesang; aber politisch ist er ganz und gar nichts
5 Kein Volk verzweifelt, und sollt’ es auch lange Zeit nur aus Dumm¬
heit hoffen, so erfüllt es sich doch nach vielen Jahren einmal aus
plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche.
Doch, Sie haben mich angesteckt, Ihr Thema ist noch nicht er¬
schöpft, ich will das Finale hinzufügen, und wenn alles zu Ende
10 ist, dann reichen Sie mir die Hand, damit wir von vorne wieder
anfangen. Laßt die Toten ihre Toten begraben und beklagen. Da¬
gegen ist es beneidenswert, die ersten zu sein, die lebendig ins
neue Leben eingehen; dies soll unser Los sein.
Es ist wahr, die alte Welt gehört dem Philister. Aber wir
is dürfen ihn nicht wie einen Popanz behandeln, von dem man sich
ängstlich wegwendet. Wir müssen ihn vielmehr genau ins Auge
fassen. Es lohnt sich, diesen Herrn der Welt zu studieren.
Herr der Welt ist er freilich nur, indem er sie, wie die Würmer
einen Leichnam, mit seiner Gesellschaft ausfüllt. Die Gesellschaft
2o dieser Herren braucht darum nichts weiter als eine Anzahl
Sklaven, und die Eigentümer der Sklaven brauchen nicht frei zu
sein. Wenn sie wegen ihres Eigentums an Land und Leuten Herren
im eminenten Sinne genannt werden, sind sie darum nicht weniger
Philister als ihre Leute.
25 Menschen, das wären geistige Wesen, freie Männer Republi¬
kaner. Beides wollen die Spießbürger nicht sein. Was bleibt ihnen
übrig, zu sein und zu wollen?
Was sie wollen, leben und sich fortpflanzen (und weiter, sagt
Goethe, bringt es doch keiner), das will auch das Tier, höchstens
3o würde ein deutscher Politiker noch hinzuzusetzen haben, der
Mensch wisse aber, daß er es wolle, und der Deutsche sei so
besonnen, nichts weiter zu wollen.
Das Selbstgefühl des Menschen, die Freiheit, wäre in der Brust
dieser Menschen erst wieder zu erwecken. Nur dies Gefühl,
35 welches mit den Griechen aus der Welt und mit dem Christentum
in den blauen Dunst des Himmels verschwindet, kann aus der Ge¬
sellschaft wieder eine Gemeinschaft der Menschen für ihre höch¬
sten Zwecke, einen demokratischen Staat machen.
Die Menschen dagegen, welche sich nicht als Menschen fühlen,
io wachsen ihren Herren zu, wie eine Zucht von Sklaven oder Pfer¬
den. Die angestammten Herren sind der Zweck dieser ganzen Ge¬
sellschaft. Diese Welt gehört ihnen. Sie nehmen sie, wie sie ist
und sich fühlt. Sie nehmen sich selbst, wie sie sich vorfinden, und
562
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
stellen sich hin, wo ihre Füße gewachsen sind, auf die Nacken
dieser politischen Tiere, die keine andere Bestimmung kennen,
als ihnen „untertan, hold und gewärtig“ zu sein.
Die Philisterwelt ist die politische Tierwelt, und wenn
wir ihre Existenz anerkennen müssen, so bleibt uns nichts übrig, als 5
dem status quo einfacherweise recht zu geben. Barbarische Jahr¬
hunderte haben ihn erzeugt und ausgebildet, und nun steht er da
als ein konsequentes System, dessen Prinzip die entmenschte
Welt ist. Die vollkommenste Philisterwelt, unser Deutschland,
mußte also natürlich weit hinter der französischen Revolution, die 10
den Menschen wieder herstellte, Zurückbleiben; und der deutsche
Aristoteles, der seine Politik aus unseren Zuständen abnehmen
wollte, würde an ihre Spitze schreiben: „Der Mensch ist ein ge¬
selliges, jedoch völlig unpolitisches Tier“, den Staat aber könnte
er nicht richtiger erklären, als dies Herr Zöpfl, der Verfasser des 15
„Konstitutionellen Staatsrechts in Deutschland“, bereits getan
hat. Er ist nach ihm ein „Verein von Familien“, welcher, fahren
wir fort, einer allerhöchsten Familie, die man Dynastie nennt, erb-
und eigentümlich zugehört. Je fruchtbarer die Familien sich
zeigen, desto glücklicher die Leute, desto größer der Staat, desto 20
mächtiger die Dynastie, weswegen denn auch in dem normal¬
despotischen Preußen auf den siebenten Jungen eine Prämie von
fünfzig Reichstalem gesetzt ist.
Die Deutschen sind so besonnene Realisten, daß alle ihre
Wünsche und ihre hochfliegendsten Gedanken nicht über das kahle 25
Leben hin^usreichen. Und diese Wirklichkeit, nichts weiter,
akzeptieren die, welche sie beherrschen. Auch diese Leute sind
Realisten, sie sind sehr weit von allem Denken und von aller
menschlichen Größe entfernt, gewöhnliche Offiziere und Land¬
junker, aber sie irren sich nicht, sie haben recht, sie, so wie sie 30
sind, reichen vollkommen aus, dieses Tierreich zu benutzen und
zu beherrschen, denn Herrschaft und Benutzung ist Ein Begriff,
hier wie überall. Und wenn sie sich huldigen lassen und über die
wimmelnden Köpfe dieser hirnlosen Wesen hinsehen, was liegt
ihnen näher als der Gedanke Napoleons an der Beresina? Man 35
sagt ihm nach, er habe hinuntergewiesen auf das Gewimmel der
Ertrinkenden und seinem Begleiter zugerufen: Voyez ces cra¬
pauds! Diese Nachrede ist wahrscheinlich eine Lüge, aber wahr
ist sie nichtsdestoweniger. Der einzige Gedanke des Despotismus
ist die Menschenverachtung, der entmenschte Mensch, und dieser 40
Gedanke hat vor vielen anderen den Vorzug, zugleich Tatsache zu
sein. Der Despot sieht die Menschen immer entwürdigt. Sie er¬
saufen vor seinen Augen und für ihn im Schlamm des gemeinen
Lebens, aus dem sie auch, gleich den Fröschen, immer wieder
hervorgehen. Drängt sich nun selbst Menschen, die großer Zwecke 45
Briefwechsel von 1843
563
fähig waren, wie Napoleon vor seiner Dynastietollheit, diese An¬
sicht auf, wie sollte ein ganz gewöhnlicher König in einer solchen
Realität Idealist sein?
Das Prinzip der Monarchie überhaupt ist der verachtete, der
5 verächtliche, der entmenschte Mensch; und Montesquieu
hat sehr unrecht, die Ehre dafür auszugeben. Er hilft sich mit der
Unterscheidung von Monarchie, Despotie und Tyrannei. Aber das
sind Namen Eines Begriffs, höchstens eine Sittenverschiedenheit
bei demselben Prinzip. Wo das monarchische Prinzip in der
10 Majorität ist, da sind die Menschen in der Minorität, wo es nicht
bezweifelt wird, da gibt es keine Menschen. Warum soll nun ein
Mann wie der König von Preußen, der keine Proben davon hat,
daß er problematisch wäre, nicht lediglich seiner Laune folgen?
Und mm er es tut, was kommt dabei heraus? Widersprechende
is Absichten? Gut, so wird nichts daraus. Ohnmächtige Tendenzen?
Sie sind immer noch die einzige politische Wirklichkeit. Blamagen
und Verlegenheiten? Es gibt nur Eine Blamage und nur Eine Ver¬
legenheit, das Heruntersteigen vom Thron. Solange die Laune an
ihrem Platze bleibt, hat sie recht. Sie mag dort so unbeständig,
2o so kopflos, so verächtlich sein, wie sie will; sie ist immer noch
gut genug, ein Volk zu regieren, welches nie ein anderes Gesetz
gekannt hat als die Willkür seiner Könige. Ich sage nicht, ein
kopfloses System und der Verlust der Achtung im Inneren und nach
Außen werde ohne Folgen bleiben, ich nehme die Assekuranz des
25 Narrenschiffes nicht auf mich; aber ich behaupte: der König von
Preußen wird so lange ein Mann seiner Zeit sein, als die verkehrte
Welt die wirkliche ist.
Sie wissen, ich beschäftige mich viel mit diesem Manne. Schon
damals, als er nur noch das Berliner politische Wochenblatt zu
zo seinem Organe hatte, erkannte ich seinen Wert und seine Bestim¬
mung. Er rechtfertigte schon bei der Huldigung in Königsberg
meine Vermutung, daß nun die Frage rein persönlich werden
würde. Er erklärte sein Herz und sein Gemüt für das künftige
Staatsgrundgesetz der Domäne Preußen, seines Staates; und
3ö in der Tat, der König ist in Preußen das System. Er ist die einzige
politische Person. Seine Persönlichkeit bestimmt das System so
oder so. Was er tut oder was man ihn tim läßt, was er denkt oder
was man ihm in den Mund legt, das ist es, was in Preußen der
Staat denkt oder tut. Es ist also wirklich ein Verdienst, daß der
4o jetzige König dies so unumwunden erklärt hat.
Nur darin irrte man sich eine Zeitlang, daß man es für er¬
heblich hielt, welche Wünsche und Gedanken der König nun zum
Vorschein brächte. Dies konnte in der Sache nichts ändern, der
Philister ist das Material der Monarchie und der Monarch immer
45 nur der König der Philister; er kann weder sich noch seine Leute
564
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
zu freien, wirklichen Menschen machen, wenn beide Teile bleiben,
was sie sind.
Der König von Preußen hat es versucht, mit einer Theorie, die
wirklich sein Vater so nicht hatte, das System zu ändern. Das
Schicksal dieses Versuchs ist bekannt. Er ist vollkommen ge- «
scheitert. Ganz natürlich. Ist man einmal bei der politischen Tier¬
welt angelangt, so gibt es keine weitere Reaktion, als bis zu ihr,
und kein anderes Vordringen, als das Verlassen ihrer Basis und
den Übergang zur Menschenwelt der Demokratie.
Der alte König wollte nichts Extravagantes, er war ein Philister 10
und machte keinen Anspruch auf Geist. Er wußte, daß der Diener¬
staat und sein Besitz nur der prosaischen, ruhigen Existenz be¬
durfte. Der junge König war munterer und aufgeweckter, von der
Allmacht des Monarchen, der nur durch sein Herz und seinen Ver¬
stand beschränkt ist, dachte er viel größer. Der alte verknöcherte is
Diener- und Sklavenstaat widerte ihn an. Er wollte ihn lebendig
machen und ganz und gar mit seinen Wünschen, Gefühlen und
Gedanken durchdringen; und er konnte das verlangen, er in
seinem Staate, wenn es nur gelingen wollte. Daher seine
liberalen Reden und Herzensergießungen. Nicht das tote Gesetz,
das volle lebendige Herz des Königs sollte alle seine Untertanen
regieren. Er wollte alle Herzen und Geister für seine Herzens¬
wünsche und langgenährten Pläne in Bewegung setzen. Eine Be¬
wegung ist erfolgt; aber die übrigen Herzen schlugen nicht wie
das seinige, und die Beherrschten konnten den Mund nicht auftun, 25
ohne von der Aufhebung der alten Herrschaft zu reden. Die Idea¬
listen, welche die Unverschämtheit haben, den Menschen zum
Menschen machen zu wollen, ergriffen das Wort, und während der
König altdeutsch phantasierte, meinten sie, neudeutsch philoso¬
phieren zu dürfen. Allerdings war dies unerhört in Preußen. 30
Einen Augenblick schien die alte Ordnung der Dinge auf den
Kopf gestellt zu sein, ja, die Dinge fingen an, sich in Menschen
zu verwandeln, es gab sogar namhafte Menschen, obgleich die
Namensnennung auf den Landtagen nicht erlaubt ist; aber die
Diener desi alten Despotismus machten diesem undeutschen 33
Treiben bald ein Ende. Es war nicht schwer, die Wünsche des
Königs, der für eine große Vergangenheit voll Pfaffen, Ritter
und Hörige schwärmt, mit den Absichten der Idealisten, welche
lediglich die Folgen der französischen Revolution, also zuletzt
doch immer Republik und eine Ordnung der freien Menschheit 40
statt der Ordnung der toten Dinge wollen, in fühlbaren Konflikt
zu bringen. Als dieser Konflikt schneidend und unbequem genug
geworden und der jähzornige König hinlänglich aufgeregt war,
da traten die Diener zu ihm, die früher den Gang der Dinge so
leicht geleitet hatten, und erklärten: der König täte nicht wohl, 43
Briefwechsel von 1843
565
seine Untertanen zu unnützen Reden zu verleiten, sie würden das
Geschlecht der redenden Menschen nicht regieren können. Auch
der Herr aller Hinterrussen war über die Bewegung in den Köpfen
der Vordernissen unruhig geworden und verlangte Wiederherstel-
5 lung des alten ruhigen Zustandes. Und es erfolgte eine neue Auf¬
lage der alten Ächtung aller Wünsche und Gedanken der Men¬
schen über menschliche Rechte und Pflichten, das heißt die Rück¬
kehr zu dem alten verknöcherten Dienerstaat, in welchem der
Sklave schweigend dient und der Besitzer des Landes und der
10 Leute lediglich durch eine wohlgezogene, stillfolgsame Diener¬
schaft möglichst schweigsam herrscht. Beide können, was sie
wollen, nicht sagen, weder die einen, daß sie Menschen werden
wollen, noch der andere, daß er keine Menschen in seinem Lande
brauchen könne. Schweigen ist daher das einzige Auskunftsmittel.
is Muta pecora, prona et ventri oboedientia.
Dies ist der verunglückte Versuch, den Philisterstaat auf seiner
eigenen Basis aufzuheben: er ist dazu ausgeschlagen, daß er die
Notwendigkeit der Brutalität und die Unmöglichkeit der Huma¬
nität für den Despotismus aller Welt anschaulich gemacht hat.
2o Ein brutales Verhältnis kann nur mit Brutalität aufrecht erhalten
werden. Und hier bin ich nun mit unserer gemeinsamen Aufgabe,
den Philister und seinen Staat ins Auge zu fassen, fertig. Sie
werden nicht sagen, ich hielte die Gegenwart zu hoch, und wenn
ich dennoch nicht an ihr verzweifle, so ist es nur ihre eigene ver-
25 zweifelte Lage, die mich mit Hoffnung erfüllt. Ich rede gar nicht
von der Unfähigkeit der Herren und von der Indolenz der Diener
und Untertanen, die alles gehen lassen, wie es Gott gefällt; und doch
reichte beides zusammen schon hin, um eine Katastrophe herbeizu¬
führen. Ich mache Sie nur darauf aufmerksam, daß die Feinde des
3o Philistertums, mit einem Wort alle denkenden und alle leidenden
Menschen zu einer Verständigung gelangt sind, wozu ihnen früher
durchaus die Mittel fehlten, und daß selbst das passive Fort¬
pflanzungssystem der alten Untertanen jeden Tag Rekruten für
den Dienst der neuen Menschheit wirbt. Das System des Erwerbs
35 und Handels, des Besitzes und der Ausbeutung der Menschen
führt aber noch viel schneller als die Vermehrung der Bevölke¬
rung zu einem Bruch innerhalb der jetzigen Gesellschaft, den das
alte System nicht zu heilen vermag, weil es überhaupt nicht heilt
und schafft, sondern nur existiert und genießt. Die Existenz der
4o leidenden Menschheit, die denkt, und der denkenden Menschheit,
die unterdrückt wird, muß aber notwendig für die passive und
gedankenlos genießende Tierwelt der Philisterei ungenießbar und
unverdaulich werden.
Von unserer Seite muß die alte Welt vollkommen ans Tages-
45 licht gezogen und die neue positiv ausgebildet werden. Je länger
566
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
die Ereignisse der denkenden Menschheit Zeit lassen, sich zu be¬
sinnen, und der leidenden, sich zu sammeln, umso vollendeter
wird das Produkt in die Welt treten, welches die Gegenwart in
ihrem Schoße trägt.
B. an R.
Petersinsel im Bielersee, Mai 1843.
Ihren Brief aus Berlin hat mir unser Freund M. mitgeteilt. Sie
scheinen über Deutschland unmutig geworden zu sein. Sie sehen nur die
Familie und den Philister, der in ihre engen vier Pfähle mit all seinen
Gedanken und Wünschen eingepfercht ist, und wollen an den Frühling 10
nicht glauben, der ihn hervorlocken wird. Lieber Freund, verlieren Sie
nur den Glauben nicht, nur Sie nicht Bedenken Sie, ich, der Russe, der
Barbar, geb’ ihn nicht auf, ich gebe Deutschland nicht auf, und Sie, der
Sie mitten in seiner Bewegung stehen, Sie, der Sie die Anfänge derselben
erlebt haben und von ihrem Aufschwung überrascht wurden, Sie wollen 15
jetzt dieselben Gedanken zur Ohnmacht verurteilen, denen Sie früher,
als ihre Macht noch nicht erprobt war, alles zutrauten? Oh, ich geb’ es
zu, es ist noch weit hin, bis das deutsche 1789 tagt! wann wären die
Deutschen nicht um Jahrhunderte zurück gewesen? Aber es ist darum
jetzt nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen und feig zu ver- 20
zweifeln. Wenn Männer, wie Sie, nicht mehr an Deutschlands Zukunft
glauben, nicht mehr an ihr arbeiten wollen, wer wird denn glauben, wer
handeln? Ich schreibe diesen Brief auf der Rousseau-Insel im Bielersee.
Sie wissen, ich lebe nicht von Phantasien und Phrasen; aber es zuckt mir
durch Mark und Bein bei dem Gedanken, daß ich gerade heute, wo ich 25
Ihnen und über einen solchen Gegenstand schreibe, an diesen Ort geführt
bin. Oh, es ist gewiß, mein Glaube an den Sieg der Menschheit über
Pfaffen und Tyrannen ist derselbe Glaube, den der große Verbannte in so
viel Millionen Herzen goß, den er auch hieher mit sich genommen.
Rousseau.und Voltaire, diese Unsterblichen, werden wieder jung; in den 30
begabtesten Köpfen der deutschen Nation feiern sie ihre Auferstehung;
eine große Begeisterung für den Humanismus und für den Staat, dessen
Prinzip nun endlich wirklich der Mensch ist, ein glühender Haß gegen
die Priester und ihre freche Beschmutzung alles menschlich Großen und
Wahren durchdringt wieder die Welt. Die Philosophie wird 35
noch einmal die Rolle spielen, die sie in Frank¬
reich so glorreich durchgeführt; und es beweist nichts
gegen sie, daß ihre Macht und Furchtbarkeit den Gegnern früher klar
geworden als ihr selber. Sie ist naiv und erwartet zuerst keinen Kampf
und keine Verfolgung, denn sie nimmt alle Menschen als vernünftige 40
Wesen und wendet sich an ihre Vernunft, als wäre diese ihr unum¬
schränkter Gebieter. Es ist ganz in der Ordnung, daß unsere Gegner,
welche die Stirn haben zu erklären : wir sind unvernünftig und wollen es
bleiben, den praktischen Kampf, den Widerstand gegen die Vernunft
durch unvernünftige Maßregeln eröffnen. Dieser Zustand beweist nur 45
die Übermacht der Philosophie, dies Geschrei gegen sie ist schon der Sieg.
Briefwechsel von 1843
567
Voltaire sagt einmal: Vous, petits hommes, revêtus (Tun petit emploi,
qui vous donne une petite autorité dans un petit pays, vous criez contre
la philosophie? Wir leben für Deutschland in dem Zeitalter Rousseaus
und Voltaires, und „diejenigen unter uns, welche jung genug sind, um
5 die Früchte unserer Arbeit zu erleben, werden eine große Revolution
und eine Zeit sehen, in der es der Mühe lohnt, geboren zu sein“. Wir
dürfen auch diese Worte Voltaires wiederholen, ohne zu befürchten, daß
sie das zweite Mal weniger als das erste [Mal] durch die Geschichte
bestätigt würden.
io Jetzt sind die Franzosen noch unsere Lehrer. Sie haben in politischer
Hinsicht einen Vorsprung von Jahrhunderten. Und was folgt alles daraus!
Diese gewaltige Literatur, diese lebendige Poesie und bildende Kunst,
diese Durchbildung und Vergeistigung des ganzen Volkes, lauter Ver¬
hältnisse, die wir nur von ferne verstehen! Wir müssen nachholen, wir
15 müssen unserem metaphysischen Hochmute, der die Welt nicht warm
macht, die Rute geben, wir müssen lernen, wir müssen Tag und Nacht
arbeiten, um es dahin zu bringen, wie Menschen mit Menschen zu leben,
frei zu sein und frei zu machen, wir müssen — ich komme immer darauf
zurück —- unsere Zeit mit unseren Gedanken in Besitz nehmen. Dem
20 Denker und Dichter ist es vergönnt, die Zukunft vorweg zu nehmen und
eine neue Welt der Freiheit und Schönheit mitten .in den Wust des Unter¬
gangs und des Moders, der uns umgibt, hineinzubauen.
Und angesichts alles dessen, eingeweiht in das Geheimnis der ewigen
Mächte, welche die Zeit aus ihrem Schoße neu gebären, wollen Sie ver-
25 zweifeln? Verzweifeln Sie an Deutschland, so verzweifeln Sie nicht nur
an sich selbst, Sie geben die Macht der Wahrheit auf, der Sie sich gewid¬
met. Wenig Menschen sind edel genug, sich ganz und ohne Rückhalt dem
Weben und Wirken der befreienden Wahrheit hinzugeben, wenige ver¬
mögen diese Bewegung des Herzens und des Kopfes ihren Zeitgenossen
30 mitzuteilen; wem es aber einmal gelang, der Mund der Freiheit zu werden
und die Welt mit den Silbertönen ihrer Stimme zu fesseln, der hat eine
Bürgschaft für den Sieg seiner Sache, die ein anderer nur durch eine
gleiche Arbeit und ein gleiches Gelingen erreichen kann.
Nun geb’ ich es zu, wir müssen mit unserer eigenen Vergangenheit
35 brechen. Wir sind geschlagen worden, und wenn es auch nur die rohe
Gewalt war, die der Bewegung des Denkens und Dichtens ein Hindernis
in den Weg warf, so wäre diese Roheit selbst unmöglich gewesen, wenn
wir nicht ein abgesondertes Leben im Himmel der gelehrten Theorie
geführt, wenn wir das Volk auf unserer Seite gehabt hätten. Wir haben
40 seine Sache nicht vor ihm selbst geführt. Anders die Franzosen. Man
würde ja auch ihre Befreier unterdrückt haben, wenn man es vermocht
hätte. —
Ich weiß, Sie lieben die Franzosen, Sie fühlen ihre Überlegenheit.
Das ist genug für einen starken Willen in einer so großen Sache, um ihnen
45 nachzueifem und sie zu erreichen. Welch ein Gefühl ! Welch eine namen¬
lose Seligkeit, dieses Streben und diese Macht! Oh, wie beneid’ ich Sie
um Ihre Arbeit, ja selbst um Ihren Zorn, denn auch dieser ist das Gefühl
aller Edlen in Ihrem Volk. Vermocht’ ich es nur mitzuwirken! Mein
Blut und Leben für seine Befreiung! Glauben Sie mir, es wird sich er¬
568
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
heben und das Tageslicht der Menschengeschichte erreichen. Es wird
nicht immer die Schmach der Germanen, die besten Diener aller Tyrannei
zu sein, für seinen Stolz rechnen. Sie werfen ihm vor, es sei nicht frei,
es sei nur ein Privatvolk. Sie sagen nur, was es ist; wie wollen Sie damit
beweisen, was es sein wird? 5
War es in Frankreich nicht ganz derselbe Fall, und wie bald ist
ganz Frankreich ein öffentliches Wesen und seine Söhne politische
Menschen geworden. Wir dürfen die Sache des Volks, auch wenn es
selbst sie verließe, nicht auf geben. Sie fallen von uns ab, diese Philister,
sie verfolgen uns; desto treuer werden ihre Kinder unserer Sache sich 10
hingeben. Ihre Väter suchen die Freiheit zu morden, sie werden für die
Freiheit in den Tod gehen.
Und welch einen Vorzug haben wir vor den Männern des 18. Jahr¬
hunderts? Sie sprachen aus einer öden Zeit heraus. Wir haben die un¬
geheuren Resultate ihrer Ideen lebendig vor Augen, wir können praktisch 15
mit ihnen in Berührung kommen. Gehen wir nach Frankreich, setzen wir
den Fuß über den Rhein, und wir stehen mit Einem Schlage mitten in den
neuen Elementen, die in Deutschland noch gar nicht geboren sind. Die
Ausbreitung des politischen Denkens in alle Kreise der Gesellschaft, die
Energie des Denkens und Redens, die in den hervorstechenden Köpfen 20
nur darum zum Ausbruch kommt, weil die Wucht eines ganzen Volks in
jedem schlagenden Worte empfunden wird — alles das können wir jetzt
aus lebendiger Anschauung kennen lernen. Eine Reise nach Frankreich
und selbst ein längerer Aufenthalt in Paris würde uns von dem größten
Nutzen sein. 25
Die deutsche Theorie hat diesen Sturz aus allen ihren Himmeln, der
ihr jetzt widerfährt, indem rohe Theologen und dumme Landjunker sie
wie einen Jagdhund an den Ohren schütteln und ihrem Lauf die Wege
weisen, reichlich verdient. Gut für sie, wenn dieser Sturz sie von ihrem
Hochmute heilt Es wird ganz auf sie ankommen, ob sie sich nun aus 30
ihrem Schicksal die Lehre ziehen will, daß sie in einsamer dunkler Höhe
verlassen und nur im Herzen des Volks gesichert ist. Wer gewinnt das
Volk, wir oder ihr? das rufen diese obskuren Kastraten den Philosophen
zu. 0 Schande über diese Tatsache! Aber auch Heil und Ehre den
Männern, die nun die Sache der Menschheit siegreich hinausführen. 35
Hier, erst hier beginnt der Kampf, und so stark ist unsere Sache, daß
wir wenige zerstreute Männer mit gebundenen Händen durch unseren
bloßen Schlachtruf ihre Myriaden in Furcht und Schrecken setzen.
Wohlan, es gilt! und eure Banden will ich lösen, ihr Germanen, die ihr
Griechen werden wollt, ich der Scythe. Sendet mir eure Werke! Auf 40
Rousseaus Insel will ich sie drucken und mit feurigen Lettern noch ein¬
mal an den Himmel der Geschichte schreiben: Untergang den Persern!
R. an B.
Dresden, im Juni 1843.
Erst jetzt erhalt’ ich Ihren Brief; aber sein Inhalt veraltet nicht so 45
schnell. Sie haben recht. Wir Deutsche sind wirklich noch so weit
zurück, daß wir nur erst wieder eine menschliche Literatur hervorbringen
Briefwechsel von 1843
569
müssen, um die Welt theoretisch zu gewinnen, damit sie nachher Ge¬
danken hat, nach denen sie handelt. Vielleicht können wir in Frankreich,
vielleicht sogar mit den Franzosen eine gemeinsame Publikation unter¬
nehmen. Ich will mit unseren Freunden darüber korrespondieren.
5 Übrigens haben Sie sich’s mit Unrecht so sehr zu Herzen genommen, daß
ich in Berlin verstimmt war. Alle anderen sind desto selbstzufriedener;
und ein einziger Wunsch, den sich der erste Berliner, der König, erfüllt,
wiegt eine Welt voll Verstimmung auf. Glauben Sie nicht, daß ich diese
umfangreichen Wünsche verkenne. Das Christentum z. E. ist doch sozu-
10 sagen alles. Nun ist es wieder hergestellt, der Staat ist christlich, ein
wahres Kloster, der König ist sehr christlich, und die königlichen Be¬
amten sind am allerchristlichsten. Ich geb’ es zu, diese Leute sind nur
fromm, weil sie an Einer Knechtschaft nicht genug haben. Sie müssen
zu dem irdischen Hofdienst noch einen himmlischen hinzufügen; die
is Knechtschaft soll nicht nur ihr Amt, sie soll auch ihr Gewissen sein. Und
wenn die nordamerikanischen Wilden sich selbst ihre Sünden ausprügeln,
so hoff’ ich, werden auch wohl die Völker noch einmal dieselbe Prozedur
an diesen Hunden des Himmels exekutieren. Aber für den
Augenblick, wer sollte nicht finden, daß es gut steht im Reiche Gottes?
so Und ich hätte gewiß an der allgemeinen Herrlichkeit den heitersten Anteil
genommen, wenn ich nicht bedacht hätte, daß eine enttäuschte Verstim¬
mung allemal besser ist als eine enttäuschte Selbstzufriedenheit. Sie
werden sagen, ich hätte den Eulenspiegel, der schon über den kommenden
Berg verstimmt war, mit Nutzen gelesen; die Berliner haben ihn auch
26 gelesen, sie lesen ihn immer, wenn sie ihre Geschichte lesen, aber ohne
Nutzen: und so bleiben sie denn dabei, daß ihre Eulenspiegeleien gute
Witze wären. Selbst ihr Christentum interessiert sie nur als ein guter
Witz, als eine geniale Wendung. Es ist pikant, sich zu allen Verrückt¬
heiten des Aberglaubens zu bekennen und dabei einen heilen Rock zu
30 tragen; es ist pikant, jetzt sich reden zu hören im Stil des heiligen römi¬
schen Reichs mit „Gruß und Handschlag zuvor“ oder in dieser unheiligen
Zeit mit dem Datum von irgend einem heiligen Tage zu unterzeichnen,
und da es nicht möglich ist, auch aus den heiligen Örtern, etwa von
St. Johann im Lateran und vom Vatikan zu datieren, so ist es wenigstens
35 pikant, die Bulle zur Wiederherstellung der barmherzigen Schwestern
oder zur Stiftung der Kapelle des heiligen Adelbert aus dem Schloß des
unheiligen Friedrich zu erlassen.
Doch ich will nicht noch einmal die Gefahr laufen, unter Palmen
zu wohnen, auch in der Phantasie nicht. Lebewohl, Berlin. Ich lobe mir
4o Dresden. Hier ist alles erreicht, hier wird alles genossen, was Preußen
mit der ganzen Anstrengung seines offiziellen Witzes nicht wiedergewinnen
kann. Die Stände, die Innungen, die alten Gesetze, die Geistlichkeit neben
der Weltlichkeit, der katholische Prälat in der Kammer der Reichsräte,
die kurzen Hosen und schwarzen Strümpfe auch der lutherischen Geist-
45 liehen, die Ehescheidungen mit geistlichem Zuspruch und die Macht
des Konsistoriums bei solchen Gelegenheiten, die Sonntagsfeier und
16 Groschen bis 5 Reichstaler Strafe für jeden Sabbathschänder, der
grobe Arbeit verrichtet, ein Verein gegen die Tierquälerei, aber keiner
gegen die Schomsteinfegerei, keiner gegen die Verwahrlosung der
570
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Menschen — doch nein, um nicht ungerecht zu sein, so muß man sich
erinnern, daß ein ehrlicher Christ, der Ernst mit dem Humanismus machte
und die Kinderquälerei der Armen durch ein sehr ingeniöses Mittel teil¬
weise abschaffte, nicht an seiner Unfähigkeit, sondern an der Vortreff¬
lichkeit des bereits Bestehenden gescheitert ist. Sachsen trägt alle Herr- 5
lichkeit der Vorzeit verjüngt in seinem Schoße; man studiert es lange
nicht genug, dieses Eldorado der alten Juristerei und Theologie, dieses
heilige römische Reich en miniature, dessen verschiedene Kreisdirektionen
und Amtshauptmannschaften sich bald unabhängig voneinander erklären
werden und dessen Universität Leipzig längst unabhängig war von dem 10
eitlen Lauf der geistigen Bildung in dem wüsten, weiten Deutschland,
geschweige denn in Europa. Aber ich sage ja nicht, daß die sächsische
Nation keine Fortschritte macht Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen.
Die Juden sind schlechte Christen, sie nehmen daher keinen Teil an den
Freiheiten des übrigen sächsischen Volkes, sie haben keine Ehrenrechte is
und dürfen dies und das nicht tun, was getaufte Menschen dürfen. Nun
war vor diesem die Briihlsche Terrasse der Brühlsche Garten. Er hatte
bei der Brücke, wo jetzt die Treppe ist, eine schroffe Mauerwand und
war von der anderen Seite geschlossen. Eine Schildwache ließ an vielen
Tagen niemanden hinein, an allen aber keine Juden und keine Hunde. 20
Eines Tages kam eine Generalsfrau mit einem Hunde auf dem Arm und
wurde von der Schildwache wegen des Hundes zurückgewiesen. Ent¬
rüstet beschwerte sich die Frau bei ihrem Manne, dem General, und es
erschien ein Parolebefehl, welcher die Instruktion der Schildwachen gegen
die Hunde aufhob. Die Hunde gingen nun von Zeit zu Zeit in den Brühl- 25
sehen Garten; aber die Juden? — nein, die Juden noch nicht. Nun be¬
schwerten sich die Juden und verlangten, den Hunden gleichgestellt zu
sein. Der General war in der größten Verlegenheit. Sollte er seinen
Befehl zurückziehen, dessen revolutionäre Konsequenz er nicht geahndet
hatte? Seine Frau bestand auf dem Rechte ihres Hundes und auch der 30
Hunde ihrer Freundinnen. Die Sache war schon zur Sitte geworden, und
die Juden, das sah der General vor Augen, würden furchtbar schreien,
wenn man ihnen das Privilegium der Hunde, welches sie doch im ganzen
Mittelalter genossen, jetzt im 19. Jahrhundert nicht zugestände. Der
General entschloß sich also, auf seine Verantwortung auch die Juden in 35
den Brühlschen Garten zu lassen, wenn er nicht wegen Anwesenheit des
Hofes geschlossen war. Die Indignation war groß, aber der alte Krieger
bot ihr Trotz. Nun kamen die Russen. Der Generalgouverneur Repnin
fand 1813 gar keinen Hof vor. Er dachte auch wohl, es käme vielleicht
keiner wieder, und machte aus dem Brühlschen Garten die Brühlsche #0
Terrasse mit der großen Treppe und dem freien Zugang, den sie jetzt
hat. Dies empörte das Herz aller Normalsachsen; und wären die Russen
nicht so viel populärer gewesen als die Preußen, es wäre eine Empörung
ausgebrochen. So aber ließ das Volk sich hinreißen, ja es schoß sogar
die herrschaftlichen Fasanen im großen Garten tot und ließ sich’s ge-
fallen, daß die Russen auch diesen Spaziergang, der früher den Fasanen
reserviert war, den Menschen eröffneten. Einer aber, der normalste von
allen Sachsen, ein kurfürstlicher Geheimer Rat, der noch lebt, hat den
Russen ihre unpassende, alles zerstörende Neuerungssucht nie vergessen.
Briefwechsel von 1843
571
Er erkennt weder die Brühlsche Terrasse noch den großen Garten an. Er
geht nie „die russische Treppe“ hinauf oder hinab, er kommt immer
durch das legitime Pförtchen des ehemaligen „Brühlschen Gartens“,
bringt nie einen Hund oder einen Juden mit und geht in der „Fasanerie“
5 nie anders als auf dem Mittelwege, der auch in der alten guten Zeit dem
Publikum zu Fuß, außer der Brutzeit der Fasanen, offen stand.
Gewiß ist der konservative Christ vernünftig, und wären alle Deutsche
Normalsachsen oder gäb’ es keine Russen, die von Zeit zu Zeit kommen,
um ihnen ihre Spaziergänge zu eröffnen, oder gäb’ es keine Franzosen, die
io ihnen bei Jena die Zöpfe abschnitten, oder endlich gäb’ es keine Preußen
und keine Neuerungssucht in den Köpfen ihrer christlichen und heid¬
nischen Könige, — man lebte nirgends ruhiger als in Dresden. So aber
sind für unser sächsisches Vaterland bei aller Herrlichkeit von innen
immer noch große Erschütterungen von außen zu fürchten. —
15 Die Welt ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.
F. an R.
Bruckberg, im Juni 1843.
Die Briefe und literarischen Pläne, die Sie mir mitteilen, haben mir
20 viel zu denken gegeben. Meine Einsamkeit bedarf dergleichen, versäumen
Sie nicht, Ihre Sendungen zu wiederholen. Der Untergang der Deutschen
Jahrbücher erinnert mich an den Untergang Polens. Die Anstrengungen
weniger Menschen waren umsonst in dem allgemeinen Sumpf eines ver¬
faulten Volkslebens.
25 Wir kommen in Deutschland so bald auf keinen grünen Zweig. Es ist
alles in Grund und Boden hinein verdorben, das eine auf diese, das
andere auf jene Weise. Neue Menschen brauchten wir. Aber sie kommen
diesmal nicht, wie bei der Völkerwanderung, aus den Sümpfen und
Wäldern, aus unseren Lenden müssen wir sie erzeugen. Und dem neuen
30 Geschlecht muß die neue Welt zugeführt werden in Gedanken und in
Gedicht. Alles ist von Grund aus zu erschöpfen. Eine Riesenarbeit vieler
vereinten Kräfte. Kein Faden soll am alten Regimente ganz bleiben.
Neue Liebe, neues Leben, sagt Goethe; neue Lehre, neues Leben, heißt es
bei uns.
35 Der Kopf ist nicht immer voraus; er ist das mobilste und schwer¬
fälligste Ding zugleich. Im Kopfe entspringt das Neue, aber im Kopf
haftet auch am längsten das Alte. Dem Kopf ergeben sich mit Freuden
Hände und Füße. Also vor allen Dingen den Kopf gesäubert und purgiert.
Der Kopf ist Theoretiker, ist Philosoph. Er muß nur das herbe Joch der
*o Praxis, in das wir ihn herunterziehen, tragen und menschlich in dieser
Welt auf den Schultern tätiger Menschen hausen lernen. Dies ist nur ein
Unterschied der Lebensart. Was ist Theorie, was Praxis? Worin besteht
ihr Unterschied? Theoretisch ist, was nur noch in meinem Kopfe steckt,
praktisch, was in vielen Köpfen spukt. Was viele Köpfe eint, macht
*5 Masse, macht sich breit und damit Platz in der Welt. Läßt sich ein neues
Organ für das neue Prinzip schaffen, so ist das eine Praxis, die nicht
versäumt werden darf.
572
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
R. an M.
Paris, im August 1843.
Der neue Anacharsis und der neue Philosoph haben mich überzeugt.
Es ist wahr: Polen ist untergegangen, aber noch ist Polen nicht verloren,
so klingt es fortdauernd aus den Ruinen hervor, und wollte Polen sein 5
Schicksal sich zur Lehre dienen lassen und sich der Vernunft und der
Demokratie in die Arme werfen, das hieße freilich aufhören, Polen zu
sein, es wäre wohl zu retten. „Neue Lehre, neues Leben,“ ja! wie Polen
der katholische Glaube und die adelige Freiheit nicht rettet, so konnte
uns die theologische Philosophie und die vornehme Wissenschaft nicht 10
befreien. Wir können unsere Vergangenheit nicht anders fortführen als
durch den entschiedensten Bruch mit ihr. Die Jahrbücher sind unter¬
gegangen, die Hegelsche Philosophie hört der Vergangenheit an. Wir
wollen hier in Paris ein Organ gründen, in dem wir uns selbst und ganz
Deutschland völlig frei und mit unerbittlicher Aufrichtigkeit beurteilen. 15
Nur das ist eine wirkliche Verjüngung, es ist ein neues Prinzip, eine neue
Stellung, eine Befreiung von dem engherzigen Wesen des Nationalismus
und ein scharfer Gegenstoß gegen die brutale Reaktion der wüsten Volks-
ungetiime, welche mit dem Tyrannen Napoleon auch den Humanismus
der Revolution verschlangen. Philosophie und nationale Beschränktheit, 20
wie war es möglich, auch nur im Namen und im Titel eines Journals
beide zusammenzubringen? Noch einmal, der deutsche Bund hat die
Wiederherstellung der deutschen Jahrbücher mit Recht verboten, er
ruft uns zu: keine Restauration! Wie vernünftig! Wir müssen etwas
Neues unternehmen, wenn wir überhaupt etwas tun wollen. Ich bemühe 25
mich um das Merkantilische bei der Sache. Wir zählen auf Sie. Schreiben
Sie mir über den Plan der neuen Zeitschrift, den ich Ihnen beilege.
M. an R.
Kreuznach, im September 1843.
Es freut mich, daß Sie entschlossen sind und von den Rück- 30
blicken auf das Vergangene Ihre Gedanken zu einem neuen Unter¬
nehmen vorwärts wenden. Also in Paris, der alten Hochschule der
Philosophie, absü omen! und der neuen Hauptstadt der neuen
Welt. Was notwendig ist, das fügt sich. Ich zweifle daher nicht,
daß sich alle Hindernisse, deren Gewicht ich nicht verkenne, be-’as
seitigen lassen.
Das Unternehmen mag aber zustande kommen oder nicht;
jedenfalls werde ich Ende dieses Monats in Paris sein, da die
hiesige Luft leibeigen macht und ich in Deutschland durchaus
keinen Spielraum für eine freie Tätigkeit sehe. w
In Deutschland wird alles gewaltsam unterdrückt, eine wahre
Anarchie des Geistes, das Regiment der Dummheit selbst ist her¬
eingebrochen, und Zürich gehorcht den Befehlen aus Berlin; es
wird daher immer klarer, daß ein neuer Sammelpunkt für die
wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe gesucht werden
Briefwechsel von 1843
573
muß. Ich bin überzeugt, durch unseren Plan würde einem wirk¬
lichen Bedürfnisse entsprochen werden, und die wirklichen Be¬
dürfnisse müssen sich doch auch wirklich erfüllen lassen. Ich
zweifle also nicht an dem Unternehmen, sobald ernst damit ge-
5 macht wird.
Größer noch als die äußeren Hindernisse scheinen beinahe die
inneren Schwierigkeiten zu sein. Denn wenn auch kein Zweifel
über das „Woher“, so herrscht desto mehr Konfusion über das
„Wohin“. Nicht nur, daß eine allgemeine Anarchie unter den
10 Reformern ausgebrochen ist, so wird jeder sich selbst gestehen
müssen, daß er keine exakte Anschauung von dem hat, was werden
soll. Indessen ist das gerade wieder der Vorzug der neuen Rich¬
tung, daß wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern
erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen. Bisher
15 hatten die Philosophen die Auflösung aller Rätsel in ihrem Pulte
liegen, und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul auf¬
zusperren, damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissen¬
schaft in den Mund flogen. Die Philosophie hat sich verweltlicht,
und der schlagendste Beweis dafür ist, daß das philosophische
20 Bewußtsein selbst in die Qual des Kampfes nicht nur äußerlich,
sondern auch innerlich hineingezogen ist. Ist die Konstruktion
der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere
Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen
haben, ich meine die rücksichtslose Kritik alles Be-
25 stehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, daß die Kritik
sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebensowenig vor dem
Konflikte mit den vorhandenen Mächten.
Ich bin daher nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne
auf pflanzen, im Gegenteil. Wir müssen den Dogmatikern nachzu-
30 helfen suchen, daß sie ihre Sätze sich klar machen. So ist nament¬
lich der Kommunismus eine dogmatische Abstraktion, wobei
ich aber nicht irgendeinen eingebildeten und möglichen, sondern
den wirklich existierenden Kommunismus, wie ihn Cabet, Dezamy,
Weitling etc. lehren, im Sinn habe. Dieser Kommunismus ist
35 selbst nur eine aparte, von seinem Gegensatz, dem Privatwesen,
infizierte Erscheinung des humanistischen Prinzips. Aufhebung
des Privateigentums und Kommunismus sind daher keineswegs
identisch, und der Kommunismus hat andere sozialistische Lehren,
wie die von Fourier, Proudhon etc., nicht zufällig, sondern not-
4o wendig sich gegenüber entstehen sehen, weil er selbst nur eine be¬
sondere, einseitige Verwirklichung des sozialistischen Prinzips ist.
Und das ganze sozialistische Prinzip ist wieder nur die eine
Seite, welche die Realität des wahren menschlichen Wesens
betrifft. Wir haben uns ebensowohl um die andere Seite, um die
45 theoretische Existenz des Menschen zu kümmern, also Religion,
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 42
574
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Wissenschaft etc. zum Gegenstände unserer Kritik zu machen.
Außerdem wollen wir auf unsere Zeitgenossen wirken, und zwar
auf unsere deutschen Zeitgenossen. Es fragt sich, wie ist das an¬
zustellen? Zweierlei Fakta lassen sich nicht ableugnen. Einmal
die Religion, dann die Politik sind Gegenstände, welche das 0
Hauptinteresse des jetzigen Deutschlands bilden. An diese, wie
sie auch sind, ist anzuknüpfen, nicht irgendein System wie etwa
die Voyage en Icarie ihnen fertig entgegenzusetzen.
Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der ver¬
nünftigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theore-10
tischen und praktischen Bewußtseins anknüpfen und aus den
eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre
Wirklichkeit als ihr Sollen und ihren Endzweck entwickeln. Was
nun das wirkliche Leben betrifft, so enthält gerade der poli¬
tische Staat, auch wo er von den sozialistischen Forderungen is
noch nicht bewußterweise erfüllt ist, in allen seinen modernen
Formen die Forderungen der Vernunft. Und er bleibt dabei nicht
stehen. Er unterstellt überall die Vernunft als realisiert. Er ge¬
rät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Be¬
stimmung mit seinen realen Voraussetzungen. 20
Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst läßt
sich daher überall die soziale Wahrheit entwickeln. Wie die
Religion das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen Kämp¬
fen der Menschheit, so ist es der politische Staat von ihren
praktischen. Der politische Staat drückt also innerhalb seiner 25
Form sub specie rei publicae alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse,
Wahrheiten aus. Es ist also durchaus nicht unter der hauteur des
principes, die speziellste politische Frage — etwa den Unterschied
von ständischem und repräsentativem System — zum Gegenstände
der Kritik zu machen. Denn diese Frage drückt nur auf poli - 30
tische Weise den Unterschied von der Herrschaft des Menschen
und der Herrschaft des Privateigentums aus. Der Kritiker kann
also nicht nur, er muß in diese politischen Fragen (die nach der
Ansicht der krassen Sozialisten unter aller Würde sind) eingehen.
Indem er den Vorzug des repräsentativen Systems vor dem ständi- 35
sehen entwickelt, interessiert er praktisch eine große
Partei. Indem er das repräsentative System aus seiner politischen
Form zu der allgemeinen Form erhebt und die wahre Bedeutung,
die ihm zugrunde liegt, geltend macht, zwingt er zugleich diese
Partei, über sich selbst hinauszugehen, denn ihr Sieg ist zugleich 40
ihr Verlust.
Es hindert uns also nichts, unsere Kritik an die Kritik der
Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche
Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten
dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: 45
Briefwechsel von 1843
575
hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt
aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien. Wir sagen ihr nicht:
laß ab von deinen Kämpfen, sie sind dummes Zeug; wir wollen
dir die wahre Parole des Kampfes zuschreien. Wir zeigen ihr
5 nur, warum sie eigentlich kämpft, und das Bewußtsein ist eine
Sache, die sie sich aneignen muß, wenn sie auch nicht will.
Die Reform des Bewußtseins besteht nur darin, daß man die
Welt ihr Bewußtsein inne werden läßt, daß man sie aus dem
Traume über sich selbst aufweckt, daß man ihre eigenen Aktionen
io ihr erklärt. Unser ganzer Zweck kann in nichts anderem be¬
stehen, wie dies auch bei Feuerbachs Kritik der Religion der Fall
ist, als daß die religiösen und politischen Fragen in die selbst¬
bewußte menschliche Form gebracht werden.
Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins
is nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen,
sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder poli¬
tisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den
Traum von einer Sache besitzt, von der1) sie nur das Bewußtsein
besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen,
w daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Ver¬
gangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung
der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen,
daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Be¬
wußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.
25 Wir können also dieTendenz unseres Blattes inEin Wort fassen:
Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre
Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und für
uns. Sie kann nur das Werk vereinter Kräfte sein. Es handelt
sich um eine Beichte, um weiter nichts. Um sich ihre Sünden
30 vergeben zu lassen, braucht die Menschheit sie nur für das zu er¬
klären, was sie sind.
O Im Original dem
42*
Zur Judenfrage
1. Bruno Bauer: Die Judenf rage. Braunschweig 1843.
— 2. Bruno Bauer: Die Fähigkeit der heutigen
Juden und Christen, frei zu werden. Einundzwanzig
Bogen aus der Schweiz. Herausgegeben von Georg Herwegh.
Zürich und Winterthur. 1843. S. 56—71.
Von
Karl Marx
I.
Bruno Bauer: Die Judenfrage. Braunschweig 1843.
Die deutschen Juden begehren die Emanzipation. Welche
Emanzipation begehren sie? Die staatsbürgerliche, die
politische Emanzipation.
Bruno Bauer antwortet ihnen: Niemand in Deutschland ist
politisch emanzipiert. Wir selbst sind unfrei. Wie sollen wir u
euch befreien? Ihr Juden seid Egoisten, wenn ihr eine be¬
sondere Emanzipation für euch als Juden verlangt. Ihr müßtet
als Deutsche an der politischen Emanzipation Deutschlands, als
Menschen an der menschlichen Emanzipation arbeiten und die
besondere Art eures Druckes und eurer Schmach nicht als Aus- 20
nähme von der Regel, sondern vielmehr als Bestätigung der Regel
empfinden.
Oder verlangen die Juden Gleichstellung mit den christ-
lichen Untertanen? So erkennen sie den christlichen
Staat als berechtigt an, so erkennen sie das Regiment der all- 25
gemeinen Unterjochung an. Warum mißfällt ihnen ihr spezielles
Joch, wenn ihnen das allgemeine Joch gefällt! Warum soll der
Deutsche sich für die Befreiung des Juden interessieren, wenn
der Jude sich nicht für die Befreiung des Deutschen interessiert?
Der christliche Staat kennt nur Privilegien. Der30
Jude besitzt in ihm das Privilegium, Jude zu sein. Er hat als
Jude Rechte, welche die Christen nicht haben. Warum begehrt
er Rechte, welche er nicht hat und welche die Christen genießen!
Wenn der Jude vom christlichen Staat emanzipiert sein will,
so verlangt er, daß der christliche Staat sein religiöses Vor- 35
urteil aufgebe. Gibt er, der Jude, sein religiöses Vorurteil auf?
Zur Judenfrage
577
Hat er also das Recht, von einem anderen diese Abdankung der
Religion zu verlangen?
Der christliche Staat kann seinem Wesen nach den Juden
nicht emanzipieren; aber, setzt Bauer hinzu, der Jude kann seinem
5 Wesen nach nicht emanzipiert werden. Solange der Staat christ¬
lich und der Jude jüdisch ist, sind beide ebensowenig fähig, die
Emanzipation zu verleihen als zu empfangen.
Der christliche Staat kann sich nur in der Weise des christ¬
lichen Staats zu dem Juden verhalten, das heißt auf privilegie-
10 rende Weise, indem er die Absonderung des Juden von den übri¬
gen Untertanen gestattet, ihn aber den Druck der anderen abge¬
sonderten Sphären empfinden und um so nachdrücklicher emp¬
finden läßt, als der Jude im religiösen Gegensatz zu der herr¬
schenden Religion steht. Aber auch der Jude kann sich nur
15 jüdisch zum Staat verhalten, das heißt zu dem Staate als einem
Fremdling, indem er der wirklichen Nationalität seine chimärische
Nationalität, indem er dem wirklichen Gesetz sein illusorisches
Gesetz gegenüberstellt, indem er zur Absonderung von der Mensch¬
heit sich berechtigt wähnt, indem er prinzipiell keinen Anteil an
2o der geschichtlichen Bewegung nimmt, indem er einer Zukunft
harrt, welche mit der allgemeinen Zukunft des Menschen nichts
gemein hat, indem er sich für ein Glied des jüdischen Volkes und
das jüdische Volk für das auserwählte Volk hält.
Auf welchen Titel hin begehrt ihr Juden also die Emanzipation?
25 Eurer Religion wegen? Sie ist die Todfeindin der Staatsreligion.
Als Staatsbürger? Es gibt in Deutschland keine Staatsbürger. Als
Menschen? Ihr seid keine Menschen, so wenig als die, an welche
ihr appelliert.
Bauer hat die Frage der Juden-Emanzipation neu gestellt, nach-
30 dem er eine Kritik der bisherigen Stellungen und Lösungen der
Frage gegeben. Wie, fragt er, sind sie beschaffen, der Jude,
der emanzipiert werden, der christliche Staat, der emanzipieren
soll? Er antwortet durch eine Kritik der jüdischen Religion, er
analysiert den religiösen Gegensatz zwischen Judentum und
35 Christentum, er verständigt über das Wesen des christlichen Staa¬
tes, alles dies mit Kühnheit, Schärfe, Geist, Gründlichkeit in einer
ebenso präzisen als kernigen und energievollen Schreibweise.
Wie also löst Bauer die Judenfrage? Welches das Resultat?
Die Formulierung einer Frage ist ihre Lösung. Die Kritik der
4o Judenfrage ist die Antwort auf die Judenfrage. Das Résumé also
folgendes :
Wir müssen uns selbst emanzipieren, ehe wir andere eman¬
zipieren können.
Die starrste Form des Gegensatzes zwischen dem Juden und
45 dem Christen ist der religiöse Gegensatz. Wie löst man einen
578
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Gegensatz? Dadurch, daß man ihn unmöglich macht. Wie macht
man einen religiösen Gegensatz unmöglich? Dadurch, daß
man die Religion aufhebt. Sobald Jude und Christ ihre
gegenseitigen Religionen nur mehr als verschiedene Ent¬
wicklungsstufen des menschlichen Geistes, als
verschiedene von der Geschichte abgelegte Schlangenhäute
und den Menschen als die Schlange erkennen, die sich in ihnen
gehäutet, stehen sie nicht mehr in einem religiösen, sondern nur
noch in einem kritischen, wissenschaftlichen, in einem
menschlichen Verhältnisse. Die Wissenschaft ist dann ihre 10
Einheit. Gegensätze in der Wissenschaft lösen sich aber durch
die Wissenschaft selbst.
Dem deutschen Juden namentlich stellt sich der Mangel der
politischen Emanzipation überhaupt und die prononcierte Christ¬
lichkeit des Staats gegenüber. In Bauers Sinn hat jedoch die is
Judenfrage eine allgemeine, von den spezifisch deutschen Verhält¬
nissen unabhängige Bedeutung. Sie ist die Frage von dem Ver¬
hältnis der Religion zum Staat, von dem Widerspruch der
religiösen Befangenheit und der politischen
Emanzipation. Die Emanzipation von der Religion wird als 20
Bedingung gestellt, sowohl an den Juden, der politisch emanzipiert
sein will, als an den Staat, der emanzipieren und selbst emanzi¬
piert sein soll.
„Gut! sagt man, und der Jude sagt es selbst, der Jude soll auch
nicht als Jude, nicht weil er Jude ist, nicht weil er ein so treffliches 25
allgemein menschliches Prinzip der Sittlichkeit hat, emanzipiert
werden, der Jude wird vielmehr selbst hinter den Staats¬
bürger zurücktreten und Staatsbürger sein, trotzdem daß
er Jude ist und Jude bleiben soll; d. h. er ist und bleibt Jude,
trotzdem daß er Staatsbürger ist und in allgemein 30
menschlichen Verhältnissen lebt: sein jüdisches und beschränktes
Wesen trägt immer und zuletzt über seine menschlichen und poli¬
tischen Verpflichtungen den Sieg davon. Das Vorurteil bleibt,
trotzdem daß es von allgemeinen Grundsätzen überflügelt
ist. Wenn es aber bleibt, so überflügelt es vielmehr alles Andere.“ 35
„Nur sophistisch, dem Scheine nach, würde der Jude im Staats¬
leben Jude bleiben können; der bloße Schein würde also, wenn
er Jude bleiben wollte, das Wesentliche sein und den Sieg davon¬
tragen, d. h. sein Leben im Staat würde nur Schein oder
eine momentane Ausnahme gegen das Wesen und die Regel sein.“ 40
(Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden.
Einundzwanzig Bogen, p. 57.)
Hören wir andererseits, wie Bauer die Aufgabe des Staats stellt:
„Frankreich“, heißt es, „hat uns neuerlich (Verhandlungen
der Deputiertenkammer vom 26. Dezember 1840) in bezug auf 45
Zur Judenfrage
579
die Judenfrage — so wie in allen anderen politischen Fragen
[seit der Julirevolution] beständig — den Anblick eines Lebens ge¬
geben, welches frei ist, aber seine Freiheit im Gesetz revoziert,
also auch für einen Schein erklärt und auf der anderen Seite sein
5 freies Gesetz durch die Tat widerlegt.“ (Judenfrage, p. 64.)
„Die allgemeine Freiheit ist in Frankreich noch nicht Gesetz,
die Judenfrage auch noch nicht gelöst, weil die gesetz¬
liche Freiheit — daß alle Bürger gleich sind — im Leben, welches
von den religiösen Privilegien noch beherrscht und zerteilt ist,
io beschränkt wird und diese Unfreiheit des Lebens auf das Gesetz
zurückwirkt und dieses zwingt, die Unterscheidung der an sich
freien Bürger in Unterdrückte und Unterdrücker zu sanktio¬
nieren.“ (p. 65.)
Wann also wäre die Judenfrage für Frankreich gelöst?
io „Der Jude z. B. müßte aufgehört haben, Jude zu sein, wenn er
sich durch sein Gesetz nicht verhindern läßt, seine Pflichten gegen
den Staat und seine Mitbürger zu erfüllen, also z. B. am Sabbath in
die Deputierten-Kammer geht und an den öffentlichenVerhandlun-
gen teilnimmt. Jedes religiösePrivilegium überhaupt, also
20 auch das Monopol einer bevorrechteten Kirche, müßte auf gehoben,
und wenn einige oder mehrere oder auchdieüberwiegende
Mehrzahl noch religiöse Pflichten glaubten er¬
füllen zu müssen, so müßte diese Erfüllung als eine reine
Privatsache ihnen selbst überlassen sein.“ (p. 65.)
25 „Es gibt keine Religion mehr, wenn es keine privilegierte Religion
mehr gibt. Nehmt der Religion ihre ausschließende Kraft, und sie
existiert nicht mehr.“ (p. 66.) „So gut, wie Herr Martin du Nord
in dem Vorschlag, die Erwähnung des Sonntags im Gesetze zu
unterlassen, den Antrag auf die Erklärung sah, daß das Christen-
3o tum auf gehört habe, zu existieren, mit demselben Rechte (und dies
Recht ist vollkommen begründet) würde die Erklärung, daß das
Sabbathgesetz für den Juden keine Verbindlichkeit mehr habe, die
Proklamation der Auflösung des Judentums sein.“ (p. 71.)
Bauer verlangt also einerseits, daß der Jude das Judentum,
35 überhaupt der Mensch die Religion auf gebe, um staatsbür¬
gerlich emanzipiert zu werden. Andererseits gilt ihm konse¬
quenterweise die politische Aufhebung der Religion für die
Aufhebung der Religion schlechthin. Der Staat, welcher die Reli¬
gion voraussetzt, ist noch kein wahrer, kein wirklicher Staat.
4t> „Allerdings gibt die religiöse Vorstellung dem Staat Garantien.
Aber welchem Staat? WelcherArtdesStaates?“ (p. 97. )
An diesem Punkt tritt die einseitige Fassung der Juden¬
frage hervor.
Es genügte keineswegs zu untersuchen: Wer soll emanzipieren?
45 Wer soll emanzipiert werden? Die Kritik hatte ein Drittes zu tun.
580
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Sie mußte fragen: Von welcher Art der Emanzipation
handelt es sich? Welche Bedingungen sind im Wesen der ver¬
langten Emanzipation begründet? Die Kritik der politischen
Emanzipation selbst war erst die schließliche Kritik der
Judenfrage und ihre wahre Auflösung in die „allgemeine «
Frage der Ze it“.
Weil Bauer die Frage nicht auf diese Höhe erhebt, verfällt er
in Widersprüche. Er stellt Bedingungen, die nicht im Wesen der
politischen Emanzipation selbst begründet sind. Er wirft
Fragen auf, welche seine Aufgabe nicht enthält, und er löst Auf-10
gaben, welche seine Frage unerledigt lassen. Wenn Bauer von
den Gegnern der Judenemanzipation sagt: „Ihr Fehler war nur
der, daß sie den christlichen Staat als den einzig wahren voraus¬
setzten und nicht derselben Kritik unterwarfen, mit der sie das
Judentum betrachteten“ (p. 3), so finden wir Bauers Fehler darin, is
daß er n u r den „christlichen Staat“, nicht den „Staat schlecht¬
hin“ der Kritik unterwirft, daß er das Verhältnis der
politischen Emanzipation zur menschlichen
Emanzipation nicht untersucht und daher Bedingungen
stellt, welche nur aus einer unkritischen Verwechslung der poli- so
tischen Emanzipation mit der allgemein menschlichen erklärlich
sind. Wenn Bauer die Juden fragt: Habt ihr von eurem Stand¬
punkt aus das Recht, die politische Emanzipation zu
begehren? so fragen wir umgekehrt: Hat der Standpunkt der
politischen Emanzipation das Recht, vom Juden die Auf-25
hebung des Judentums, vom Menschen überhaupt die Aufhebung
der Religion zu verlangen?
Die Judenfrage erhält eine veränderte Fassung, je nach dem
Staate, in welchem der Jude sich befindet. In Deutschland, wo
kein politischer Staat, kein Staat als Staat existiert, ist die Juden- 30
frage eine rein theologische Frage. Der Jude befindet sich
im religiösen Gegensatz zum Staat, der das Christentum als
seine Grundlage bekennt. Dieser Staat ist Theologe ex professo.
Die Kritik ist hier Kritik der Theologie, zweischneidige Kritik,
Kritik der christlichen, Kritik der jüdischen Theologie. Aber so 3$
bewegen wir uns immer noch in der Theologie, so sehr wir uns
auch kritisch in ihr bewegen mögen.
In Frankreich, in dem konstitutionellen Staat, ist die
Judenfrage die Frage des Konstitutionalismus, die Frage von der
Halbheit der politischen Emanzipation. Dahier/®
der Schein einer Staatsreligion, wenn auch in einer nichts¬
sagenden und sich selbst widersprechenden Formel, in der Formel
einer Religion der Mehrheit beibehalten ist, so behält
das Verhältnis der Juden zum Staat den Schein eines reli¬
giösen, theologischen Gegensatzes. «
Zur Judenfrage
581
Erst in den nordamerikanischen Freistaaten — wenigstens in
einem Teil derselben — verliert die Judenfrage ihre theo¬
logische Bedeutung und wird zu einer wirklich weltlichen
Frage. Nur wo der politische Staat in seiner vollständigen Aus-
5 Bildung existiert, kann das Verhältnis des Juden, überhaupt des
religiösen Menschen, zum politischen Staat, also das Verhältnis
der Religion zum Staat, in seiner Eigentümlichkeit, in seiner Rein¬
heit heraustreten. Die Kritik dieses Verhältnisses hört auf, theo¬
logische Kritik zu sein, sobald der Staat aufhört, auf theo-
10 logische Weise sich zur Religion zu verhalten, sobald er sich
als Staat, d. h. politisch, zur Religion verhält. Die Kri¬
tik wird dann zur Kritik des politischen Staats. An
diesem Punkt, wo die Frage aufhört, theologisch zu sein,
hört Bauers Kritik auf, kritisch zu sein. ,,/Z n existe aux Etats-
15 Unis ni religion de l’Etat, ni religion déclarée celle de la majorité
ni prééminence d’un culte sur un autre. L’Etat est étranger à tous
les cultes“ (Marie ou F esclavage aux Etats-Unis etc., par. G. de
Beaumont. Paris 1835, p. 214.) Ja es gibt einige nordamerika¬
nische Staaten, wo „la constitution n’impose pas les croyances
20 religieuses et la pratique d’un culte comme condition des privi¬
lèges politiques“ (1. c. p. 225). Dennoch „on ne croit pas aux
Etats-Unis qu’un homme sans religion puisse être un honnête
homme“ (1. c. p. 224). Dennoch ist Nordamerika vorzugsweise
das Land der Religiosität, wie Beaumont, Tocqueville und der
25 Engländer Hamilton aus einem Munde versichern. Die nord¬
amerikanischen Staaten gelten uns indes nur als Beispiel. DieFrage
ist: Wie verhält sich die vollendete politische Emanzipation
zur Religion? Finden wir selbst im Lande der vollendeten poli¬
tischen Emanzipation nicht nur die Existenz, sondern die
50 lebensfrische, die lebenskräftige Existenz der Re¬
ligion, so ist der Beweis geführt, daß das Dasein der Religion der
Vollendung des Staats nicht widerspricht. Da aber das Dasein
der Religion das Dasein eines Mangels ist, so kann die Quelle
dieses Mangels nur noch im Wesen des Staates selbst gesucht
35 werden. Die Religion gilt uns nicht mehr als der Grund, son¬
dern nur noch als das Phänomen der weltlichen Beschränkt¬
heit. Wir erklären daher die religiöse Befangenheit der freien
Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit. Wir behaupten
nicht, daß sie ihre religiöse Beschränktheit aufheben müssen, um
*o ihre weltlichen Schranken aufzuheben. Wir behaupten, daß sie
ihre religiöse Beschränktheit aufheben, sobald sie ihre weltliche
Schranke aufheben. Wir verwandeln nicht die weltlichen Fragen
in theologische. Wir verwandeln die theologischen Fragen in
weltliche. Nachdem die Geschichte lange genug in Aberglauben
45 aufgelöst worden ist, lösen wir den Aberglauben in Geschichte
582
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
auf. Die Frage von dem Verhältnisse der politischen
Emanzipation zur Religion wird für uns die Frage von
dem Verhältnis der politischen Emanzipation
zur menschlichen Emanzipation. Wir kritisieren die
religiöse Schwäche des politischen Staats, indem wir den poli- 5
tischen Staat, abgesehen von den religiösen Schwächen, in
seiner weltlichen Konstruktion kritisieren. Den Widerspruch
des Staats mit einer bestimmten Religion, etwa dem
Judentum, vermenschlichen wir in den Widerspruch des
Staats mit bestimmten weltlichen Elementen, den 10
Widerspruch des Staats mit der Religion überhaupt, in
den Widerspruch des Staats mit seinen Voraussetzungen
überhaupt.
Die politische Emanzipation des Juden, des Christen,
überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipa• 15
tion des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt
von der Religion. In seiner Form, in der seinem Wesen eigen¬
tümlichen Weise, als Staat emanzipiert sich der Staat von der
Religion, indem er sich von der Staatsreligion emanzi¬
piert, d. h., indem der Staat als Staat keine Religion bekennt, 20
indem der Staat sich vielmehr als Staat bekennt. Die poli¬
tische Emanzipation von der Religion ist nicht die durch¬
geführte, die widerspruchslose Emanzipation von der Religion,
weil die politische Emanzipation nicht die durchgeführte, die
widerspruchslose Weise der menschlichen Emanzipation 25
ist.
Die Grenze der politischen Emanzipation erscheint sogleich
darin, daß der Staat sich von einer Schranke befreien kann,
ohne daß der Mensch wirklich von ihr frei wäre, daß der
Staat ein Freistaat sein kann, ohne daß der Mensch ein 30
freier Mensch wäre. Bauer selbst gibt dies stillschweigend
zu, wenn er folgende Bedingung der politischen Emanzipation
setzt: „Jedes religiöse Privilegium überhaupt, also auch das Mo¬
nopol einer bevorrechteten Kirche, müßte aufgehoben, und wenn
einige oder mehrere oder auch die überwiegende Mehr- 35
zahl noch religiöse Pflichten glaubten er¬
füllen zu müssen, so müßte diese Erfüllung als eine
reine Privatsache ihnen selbst überlassen sein/6 Der
Staat kann sich also von der Religion emanzipiert haben, sogar
wenn die überwiegende Mehrzahl noch religiös ist. Und 40
die überwiegende Mehrzahl hört dadurch nicht auf, religiös zu
sein, daß sie privatim religiös ist.
Aber das Verhalten des Staats zur Religion, namentlich des
Freistaats, ist doch nur das Verhalten der Menschen,
die den Staat bilden, zur Religion. Es folgt hieraus, daß der 43
Zur Judenfrage
583
Mensch durch das Medium des Staats, daß er poli¬
tisch von einer Schranke sich befreit, indem er sich im Wider¬
spruch mit sich selbst, indem er sich auf eine abstrakte und
beschränkte, auf partielle Weise über diese Schranke erhebt.
5 Es folgt ferner, daß der Mensch auf einem Umweg, durch ein
Medium, wenn auch durch ein notwendiges Medium
sich befreit, indem er sich politisch befreit. Es folgt endlich,
daß der Mensch, selbst wenn er durch die Vermittlung des Staats
sich als Atheisten proklamiert, d. h., wenn er den Staat zum
10 Atheisten proklamiert, immer noch religiös befangen bleibt, eben
weil er sich nur auf einem Umweg, weil er nur durch ein Medium
sich selbst anerkennt. Die Religion ist eben die Anerkennung des
Menschen auf einem Umweg. Durch einen Mittler. Der Staat
ist der Mittler zwischen dem Menschen und der Freiheit des Men-
15 sehen. Wie Christus der Mittler ist, dem der Mensch seine ganze
Göttlichkeit, seine ganze religiöse Befangenheit auf¬
bürdet, so ist der Staat der Mittler, in den er seine ganze Ungött¬
lichkeit, seine ganze menschliche Unbefangenheit
verlegt.
2o Die politische Erhebung des Menschen über die Religion
teilt alle Mängel und alle Vorzüge der politischen Erhebung über¬
haupt. Der Staat als Staat annulliert z. B. das Privat¬
eigentum, der Mensch erklärt auf politische Weise das
Privateigentum für aufgehoben, sobald er den Zensus
25 für aktive und passive Wählbarkeit aufhebt, wie dies in vielen
nordamerikanischen Staaten geschehen ist. Hamilton inter¬
pretiert dies Faktum von politischem Standpunkte ganz richtig
dahin: „Der große Haufen hat den Sieg über die
Eigentümer und den Geldreichtum davon-
30 getragen.“ Ist das Privateigentum nicht ideell aufgehoben,
wenn der Nichtbesitzende zum Gesetzgeber des Besitzenden ge¬
worden ist? Der Zensus ist die letzte politische Form,
das Privateigentum anzuerkennen.
Dennoch ist mit der politischen Annullation des Privateigen-
35 tums das Privateigentum nicht nur nicht auf gehoben, sondern so¬
gar vorausgesetzt. Der Staat hebt den Unterschied der Geburt,
des Standes, der Bildung, der Beschäftigung in
seiner Weise auf, wenn er Geburt, Stand, Bildung, Beschäf¬
tigung für unpolitische Unterschiede erklärt, wenn er ohne
4o Rücksicht auf diese Unterschiede jedes Glied des Volkes zum
gleichmäßigen Teilnehmer der Volkssouveränität ausruft,
wenn er alle Elemente des wirklichen Volkslebens von dem Staats-
gesichtspunkt aus behandelt. Nichtsdestoweniger läßt der Staat
das Privateigentum, die Bildung, die Beschäftigung auf ihre
45 Weise, d. h. als Privateigentum, als Bildung, als Beschäftigung
584
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
wirken und ihr besonderes Wesen geltend machen. Weit
entfernt, diese faktischen Unterschiede aufzuheben, existiert
er vielmehr nur unter ihrer Voraussetzung, empfindet er sich
als politischer Staat und macht er seine Allgemein¬
heit geltend nur im Gegensatz zu diesen seinen Elementen. 5
Hegel bestimmt das Verhältnis des politischen Staats
zur Religion daher ganz richtig, wenn er sagt: „Damit der Staat
als die sich wissende sittliche Wirklichkeit des
Geistes zum Dasein komme, ist seine Unterscheidung von
der Form der Autorität und des Glaubens notwendig; diese Unter-10
Scheidung tritt aber nur hervor, insofern die kirchliche Seite in
sich selbst zur Trennung kommt; nur so über den be¬
sonderen Kirchen hat der Staat die Allgemeinheit des
Gedankens, das Prinzip seiner Form gewonnen und bringt sie zur
Existenz“ (Hegels Rechtsphil., 1. Ausg., p. 346). Allerdings! 15
Nur so über den besonderen Elementen konstituiert sich
der Staat als Allgemeinheit.
Der vollendete politische Staat ist seinem Wesen nach das
Gattungsleben des Menschen im Gegensatz zu seinem
materiellen Leben. Alle Voraussetzungen dieses egoistischen 20
Lebens bleiben außerhalb der Staatssphäre in der bürger¬
lichen Gesellschaft bestehen, aber als Eigenschaften der
bürgerlichen Gesellschaft. Wo der politische Staat seine wahre
Ausbildung erreicht hat, führt der Mensch nicht nur im Gedanken,
im Bewußtsein, sondern in der Wirklichkeit, im Leben 25
ein doppeltes, ein himmlisches und ein irdisches Leben, das Leben
im politischen Gemeinwesen, worin er sich als Ge¬
meinwesen gilt, und das Leben in der bürgerlichen Ge¬
sellschaft, worin er als Privatmensch tätig ist, die
anderen Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel 30
herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird. Der po¬
litische Staat verhält sich ebenso spiritualistisch zur bürgerlichen
Gesellschaft wie der Himmel zur Erde. Er steht in demselben
Gegensatz zu ihr, er überwindet sie in derselben Weise wie die
Religion die Beschränktheit der profanen Welt, d. h., indem er 35
sie ebenfalls wieder anerkennen, herstellen, sich selbst von ihr
beherrschen lassen muß. Der Mensch in seiner nächsten Wirk¬
lichkeit, in der bürgerlichen Gesellschaft, ist ein profanes Wesen.
Hier, wo er als wirkliches Individuum sich selbst und anderen gilt,
ist er eine unwahre Erscheinung. In dem Staat dagegen, wo 40
der Mensch als Gattungswesen gilt, ist er das imaginäre Glied
einer eingebildeten Souveränität, ist er seines wirklichen indi¬
viduellen Lebens beraubt und mit einer unwirklichen Allgemein¬
heit erfüllt.
Der Konflikt, in welchem sich der Mensch als Bekenner einer 45
Zur Judenfrage
585
besonderen Religion mit seinem Staatsbürgertum, mit den
anderen Menschen als Gliedern des Gemeinwesens befindet, redu¬
ziert sich auf die weltliche Spaltung zwischen dem poli¬
tischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft.
5 Für den Menschen als bourgeois ist das „Leben im Staate nur
Schein oder eine momentane Ausnahme gegen das Wesen und die
Reger6. Allerdings bleibt der bourgeois, wie der Jude, nur
sophistisch im Staatsleben, wie der citoyen nur sophistisch Jude
oder bourgeois bleibt; aber diese Sophistik ist nicht persönlich.
10 Sie ist die Sophistik des politischen Staates selbst.
Die Differenz zwischen dem religiösen Menschen und dem Staats¬
bürger ist die Differenz zwischen dem Kaufmann und dem Staats¬
bürger, zwischen dem Taglöhner und dem Staatsbürger, zwi¬
schen dem Grundbesitzer und dem Staatsbürger, zwischen dem
25 lebendigen Individuum und dem Staatsbürger.
Der Widerspruch, in dem sich der religiöse Mensch mit dem
politischen Menschen befindet, ist derselbe Widerspruch, in wel¬
chem sich der bourgeois mit dem citoyen, in welchem sich das
Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft mit seiner politischen
20 Löwenhaut befindet.
Diesen weltlichen Widerstreit, auf welchen sich die Judenfrage
schließlich reduziert, das Verhältnis des politischen Staates zu
seinen Voraussetzungen, mögen dies nun materielle Elemente sein,
wie das Privateigentum etc., oder geistige, wie Bildung, Religion,
25 den Widerstreit zwischen dem allgemeinen Interesse und
dem Privatinteresse, die Spaltung zwischen dem poli¬
tischen Staate und der bürgerlichen Gesellschaft,
diese weltlichen Gegensätze läßt Bauer bestehen, während er
gegen ihren religiösen Ausdruck polemisiert. „Gerade ihre
so Grundlage, das Bedürfnis, welches der bürgerlichen Ge¬
sellschaft ihr Bestehen sichert und ihre Notwendig¬
keit garantiert, setzt ihr Bestehen beständigen Gefahren
aus, unterhält in ihr ein unsicheres Element und bringt jene in
beständigem Wechsel begriffene Mischung von Armut und
35 Reichtum, Not und Gedeihen, überhaupt den Wechsel hervor.66
(P- 8.)
Man vergleiche den ganzen Abschnitt: „Die bürgerliche Ge¬
sellschaft66 (p. 8—9), der nach den Grundzügen der Hegelschen
Rechtsphilosophie entworfen ist. Die bürgerliche Gesellschaft in
ihrem Gegensatz zum politischen Staate wird als notwendig an¬
erkannt, weil der politische Staat als notwendig anerkannt wird.
Die politische Emanzipation ist allerdings ein großer
Fortschritt, sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen
Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzte Form der mensch-
fß liehen Emanzipation innerhalb der bisherigen Weltordnung.
586
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Es versteht sich: wir sprechen hier von wirklicher, von praktischer
Emanzipation.
Der Mensch emanzipiert sich politisch von der Religion,
indem er sie aus dem öffentlichen Recht in das Privatrecht ver¬
bannt. Sie ist nicht mehr der Geist des Staates, wo der Mensch «
— wenn auch in beschränkter Weise, unter besonderer Form und
in einer besonderen Sphäre — sich als Gattungswesen verhält, in
Gemeinschaft mit anderen Menschen, sie ist zum Geist der bür¬
gerlichen Gesellschaft geworden, der Sphäre des Egois¬
mus, des bellum omnium contra omnes. Sie ist nicht mehr das 10
Wesender Gemeinschaft, sondern das Wesen des Unter¬
schieds. Sie ist zum Ausdruck der Trennung des Menschen
von seinem Gemeinwesen, von sich und den anderen Men¬
schen geworden — was sie ursprünglich war. Sie ist nur
noch das abstrakte Bekenntnis der besonderen Verkehrtheit, der u
Privatschrulle, der Willkür. Die unendliche Zersplitterung
der Religion in Nordamerika z. B. gibt ihr schon äußerlich
die Form einer rein individuellen Angelegenheit. Sie ist unter die
Zahl der Privatinteressen hinabgestoßen und aus dem Gemein¬
wesen als Gemeinwesen exiliert. Aber man täusche sich nicht 20
über die Grenze der politischen Emanzipation. Die Spaltung
des Menschen in den öffentlichen und in den Privat¬
menschen, die Dislokation der Religion aus dem Staate
in die bürgerliche Gesellschaft, sie ist nicht eine Stufe, sie
ist die Vollendung der politischen Emanzipation, die alsots
die wirkliche Religiosität des Menschen ebensowenig auf¬
hebt, als aufzuheben strebt.
Die Zersetzung des Menschen in den Juden und in den
Staatsbürger, in den Protestanten und in den Staatsbürger, in den
religiösen Menschen und in den Staatsbürger, diese Zersetzung 30
ist keine Lüge gegen das Staatsbürgertum, sie ist keine Um¬
gehung der politischen Emanzipation, sie ist die politische
Emanzipation selbst, sie ist die politische Weise,
sich von der Religion zu emanzipieren. Allerdings: in Zeiten, wo
der politische Staat als politischer Staat gewaltsam aus der bür- 35
gerlichen Gesellschaft heraus geboren wird, wo die menschliche
Selbstbefreiung unter der Form der politischen Selbstbefreiung
sich zu vollziehen strebt, kann und muß der Staat bis zur Auf¬
hebung der Religion, bis zur Vernichtung der Reli¬
gion fortgehen, aber nur so, wie er zur Aufhebung des Privat- «
eigentums, zum Maximum, zur Konfiskation, zur progressiven
Steuer, wie er zur Aufhebung des Lebens, zur Guillotine
fortgeht. In den Momenten seines besonderen Selbstgefühls sucht
das politische Leben seine Voraussetzung, die bürgerliche Gesell¬
schaft und ihre Elemente, zu erdrücken und sich als das wirk- u
Zur Judenfrage
587
liehe, widerspruchslose Gattungsleben des Menschen zu konsti¬
tuieren. Es vermag dies indes nur durch gewaltsamen Wider¬
spruch gegen seine eigenen Lebensbedingungen, nur indem es die
Revolution für permanent erklärt, und das politische Drama
5 endet daher ebenso notwendig mit der Wiederherstellung der
Religion, des Privateigentums, aller Elemente der bürgerlichen
Gesellschaft, wie der Krieg mit dem Frieden endet.
Ja, nicht der sogenannte christliche Staat, der das Chri¬
stentum als seine Grundlage, als Staatsreligion bekennt und sich
10 daher ausschließend zu anderen Religionen verhält, ist der voll¬
endete christliche Staat, sondern vielmehr der atheistische
Staat, der demokratische Staat, der Staat, der die Religion
unter die übrigen Elemente der bürgerlichen Gesellschaft ver¬
weist. Dem Staat, der noch Theologe ist, der noch das Glaubens-
15 bekenntnis des Christentums auf offizielle Weise ablegt, der sich
noch nicht alsStaatzu proklamieren wagt, ihm ist es noch nicht
gelungen, in weltlicher, menschlicher Form, in seiner
Wirklichkeit als Staat die menschliche Grundlage aus¬
zudrücken, deren überschwänglicher Ausdruck das Christentum
2o ist. Der sogenannte christliche Staat ist nur einfach der Nicht-
staat, weil nicht das Christentum als Religion, sondern nur der
menschliche Hintergrund der christlichen Religion in
wirklich menschlichen Schöpfungen sich ausführen kann.
Der sogenannte christliche Staat ist die christliche Verneinung
25 des Staats, aber keineswegs die staatliche Verwirklichung des
Christentums. Der Staat, der das Christentum noch in der Form
der Religion bekennt, bekennt es noch nicht in der Form des
Staats, denn er verhält sich noch religiös zu der Religion, d. h.
er ist nicht die wirkliche Ausführung des mensch-
30 liehen Grundes der Religion, weil er noch auf die Unwirk¬
lich k e i t, auf die imaginäre Gestalt dieses menschlichen
Kernes provoziert. Der sogenannte christliche Staat ist der un¬
vollkommene Staat, und die christliche Religion gilt ihm als
Ergänzung und als Heiligung seiner Unvollkommenheit.
35 Die Religion wird ihm daher notwendig zum Mittel, und er ist
der Staat der Heuchelei. Es ist ein großer Unterschied, ob
der vollendete Staat wegen des Mangels, der im allgemeinen
Wesen des Staats liegt, die Religion unter seine Voraus¬
setzungen zählt, oder ob der unvollendete Staat wegen
io des Mangels, der in seiner besonderen Existenz liegt, als
mangelhafter Staat, die Religion für seine Grundlage er¬
klärt. Im letzteren Falle wird die Religion zur unvollkom¬
menen Politik. Im ersten Falle zeigt sich die Unvollkommen¬
heit selbst der vollendeten Politik in der Religion. Der so-
45 genannte christliche Staat bedarf der christlichen Religion, um
588
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
sich als Staat zu vervollständigen. Der demokratische Staat,
der wirkliche Staat, bedarf nicht der Religion zu seiner politischen
Vervollständigung. Er kann vielmehr von der Religion ab¬
strahieren, weil in ihm die menschliche Grundlage der Religion
auf weltliche Weise ausgeführt ist. Der sogenannte christliche s
Staat verhält sich dagegen politisch zur Religion und religiös zur
Politik. Wenn er die Staatsformen zum Schein herabsetzt, so setzt
er ebensosehr die Religion zum Schein herab.
Um diesen Gegensatz zu verdeutlichen, betrachten wir Bauers
Konstruktion des christlichen Staats, eine Konstruktion, welche 10
aus der Anschauung des christlich-germanischen Staats hervor¬
gegangen ist.
„Man hat neuerlich,“ sagt Bauer, „um die Unmöglich¬
keit oder Nichtexistenz eines christlichen Staates zu be¬
weisen, öfter auf diejenigen Aussprüche in den Evangelien hin- io
gewiesen, die der [jetzige] Staat nicht nur nicht befolgt, son¬
dern auch nicht einmal befolgen kann, wenn er
sich nicht [als Staat] vollständig auflösen will.“
„So leicht aber ist die Sache nicht abgemacht. Was verlangen denn
jene evangelischen Sprüche? Die übernatürliche Selbstverleug- 20
nung, die Unterwerfung unter die Autorität der Offenbarung, die
Abwendung vom Staat, die Aufhebung der weltlichen Verhält¬
nisse. Nun, alles das verlangt und leistet der christliche Staat. Er
hat den Geist des Evangeliums sich angeeignet, und wenn
er ihn nicht mit denselben Buchstaben wiedergibt, mit denen ihn 25
das Evangelium ausdrückt, so kommt das nur daher, weil er diesen
Geist in Staatsformen, d. h. in Formen ausdrückt, die zwar dem
Staatswesen und dieser Welt entlehnt sind, aber in der religiösen
Wiedergeburt, die sie erfahren müssen, zum Schein herabgesetzt
werden. Er ist die Abwendung vom Staate, die sich zu ihrer Aus- so
führung der Staatsformen bedient.“ (p. 55.)
Bauer entwickelt mm weiter, wie das Volk des christlichen
Staats nur ein Nichtvolk ist, keinen eigenen Willen mehr hat, sein
wahres Dasein aber in dem Haupte besitzt, dem es untertan,
welches ihm jedoch ursprünglich und seiner Natur nach fremd, 35
d. h. von Gott gegeben und ohne sein eigenes Zutun zu ihm ge¬
kommen ist, wie die Gesetze dieses Volkes nicht sein Werk, son¬
dern positive Offenbarungen sind, wie sein Oberhaupt privile¬
gierter Vermittler mit dem eigentlichen Volke, mit der Masse be¬
darf, wie diese Masse selbst in eine Menge besonderer Kreise zer- so
fällt, welche der Zufall bildet und bestimmt, die sich durch ihre
Interessen, besonderen Leidenschaften und Vorurteile unter¬
scheiden und als Privilegium die Erlaubnis bekommen, sich
gegenseitig voneinander abzuschließen, etc. (p. 56.)
Allein Bauer sagt selbst: „Die Politik, wenn sie nichts als 45
Zur Judenfrage
589
Religion sein soll, darf nicht Politik sein, sowenig, wie das Rei¬
nigen der Kochtöpfe, wenn es als Religionsangelegenheit gelten
soll, als eine Wirtschaftssache betrachtet werden darf.“ (p. 108.)
Im christlich-germanischen Staat ist aber die Religion eine „Wirt-
5 schaftssache“, wie die „Wirtschaftssache“ Religion ist. Im christ¬
lich-germanischen Staat ist die Herrschaft der Religion die Reli¬
gion der Herrschaft.
Die Trennung des „Geistes des Evangeliums“ von den „Buch¬
staben des Evangeliums“ ist ein irreligiöser Akt. Der Staat,
io der das Evangelium in den Buchstaben der Politik sprechen läßt,
in anderen Buchstaben als den Buchstaben des heiligen Geistes,
begeht ein Sakrilegium, wenn nicht vor menschlichen Augen, so
doch vor seinen eigenen religiösen Augen. Dem Staate, der das
Christentum als seine höchste Norm, der die Bibel als seine
15 Charte bekennt, muß man die Worte der heiligen Schrift ent¬
gegenstellen, denn die Schrift ist heilig bis auf das Wort. Dieser
Staat sowohl als das Menschenkehricht, worauf er
basiert, gerät in einen schmerzlichen, vom Standpunkte des reli¬
giösen Bewußtseins aus unüberwindlichen Widerspruch, wenn
2o man ihn auf diejenigen Aussprüche des Evangeliums verweist, die
er „nicht nur nicht befolgt, sondern auch nicht einmal be¬
folgen kann, wenn er sich nicht als Staat voll¬
ständig auflösen wil 1“. Und warum will er sich nicht
vollständig auflösen? Er selbst kann darauf weder sich noch
25 andern antworten. Vor seinem eigenen Bewußtsein ist der
offizielle christliche Staat ein Sollen, dessen Verwirklichung
unerreichbar ist, der die Wirklichkeit seiner Existenz nur
durch Lügen vor sich selbst zu konstatieren weiß und sich selbst
daher stets ein Gegenstand des Zweifels, ein unzuverlässiger,
20 problematischer Gegenstand bleibt. Die Kritik befindet sich also
in vollem Rechte, wenn sie den Staat, der auf die Bibel provoziert,
zur Verrücktheit des Bewußtseins zwingt, wo er selbst nicht mehr
weiß, ob er eine Einbildung oder eine Realität ist, wo
die Infamie seiner weltlichen Zwecke, denen die Religion
35 zum Deckmantel dient, mit der Ehrlichkeit seines religiösen
Bewußtseins, dem die Religion als Zweck der Welt erscheint, in
unauflöslichen Konflikt gerät. Dieser Staat kann sich nur aus
seiner inneren Qual erlösen, wenn er zum Schergen der katho¬
lischen Kirche wird. Ihr gegenüber, welche die weltliche Macht
4o für ihren dienenden Körper erklärt, ist der Staat ohnmächtig, ohn¬
mächtig die weltliche Macht, welche die Herrschaft des reli¬
giösen Geistes zu sein behauptet.
In dem sogenannten christlichen Staate gilt zwar die Ent¬
fremdung, aber nicht der Mensch. Der einzige Mensch,
45 der gilt, der K ö n i g, ist ein von den anderen Menschen spezifisch
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 43
590
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
unterschiedenes, dabei selbst noch religiöses, mit dem Himmel,
mit Gott direkt zusammenhängendes Wesen. Die Beziehungen, die
hier herrschen, sind noch gläubige Beziehungen. Der religiöse
Geist ist also noch nicht wirklich verweltlicht.
Aber der religiöse Geist kann auch nicht wirklich verwelt- <5
licht werden, denn was ist er selbst, als die unweltliche Form
einer Entwicklungsstufe des menschlichen Geistes? Der religiöse
Geist kann nur verwirklicht werden, insofern die Entwicklungs
stufe des menschlichen Geistes, deren religiöser Ausdruck er ist.
in ihrer weltlichen Form heraustritt und sich konstituiert. 10
Dies geschieht im demokratischen Staat. Nicht das
Christentum, sondern der menschliche Grund des
Christentums ist der Grund dieses Staates. Die Religion bleibt das
ideale, unweltliche Bewußtsein seiner Glieder, weil sie die ideale
Form der menschlichen Entwicklungsstufe ist, die is
in ihm durchgeführt wird.
Religiös sind die Glieder des politischen Staats durch der
Dualismus zwischen dem individuellen und dem Gattungsleben,
zwischen dem Leben der bürgerlichen Gesellschaft und dem poli¬
tischen Leben, religiös, indem der Mensch sich zu dem seiner wirk- 20
liehen Individualität jenseitigen Staatsleben als seinem wahrer
Leben verhält, religiös, insofern die Religion hier der Geist de:
bürgerlichen Gesellschaft, der Ausdruck der Trennung und de:
Entfernung des Menschen vom Menschen ist. Christlich ist die
politische Demokratie, indem in ihr der Mensch, nicht nur eil 25
Mensch, sondern jeder Mensch, als souveränes, als höchstes
Wesen gilt, aber der Mensch in seiner unkultivierten, unsozialei
Erscheinung, der Mensch in seiner zufälligen Existenz, de:
Mensch, wie er geht und steht, der Mensch, wie er durch die ganze
Organisation unserer Gesellschaft verdorben, sich selbst verloren. 30
veräußert, unter die Herrschaft unmenschlicher Verhältnisse und
Elemente gegeben ist, mit einem Wort, der Mensch, der noch keil
wirkliches Gattungswesen ist. Das Phantasiegebild, de:
Traum, das Postulat des Christentums, die Souveränität des Men¬
schen, aber als eines fremden, von dem wirklichen Menschei 35
unterschiedenen Wesens, ist in der Demokratie sinnliche Wirk¬
lichkeit, Gegenwart, weltliche Maxime.
Das religiöse und theologische Bewußtsein selbst gilt sich ii
der vollendeten Demokratie um so religiöser, um so theologischer,
als es scheinbar ohne politische Bedeutung, ohne irdische Zwecke, 40
Angelegenheit des weltscheuen Gemütes, Ausdruck der Verstandes-
Borniertheit, Produkt der Willkür und der Phantasie, als es eil
wirklich jenseitiges Leben ist. Das Christentum erreicht hier den
praktischen Ausdruck seiner universalreligiösen Bedeutung,
indem die verschiedenartigste Weltanschauung in der Form des 45
Zur Judenfrage
591
Christentums sich nebeneinander gruppiert, noch mehr dadurch,
daß es an andere nicht einmal die Forderung des Christentums,
sondern nur noch der Religion überhaupt, irgendeiner Religion
stellt (vergl. die angeführte Schrift von Beaumont). Das religiöse
5 Bewußtsein schwelgt in dem Reichtum des religiösen Gegensatzes
und der religiösen Mannigfaltigkeit.
Wir haben also gezeigt: Die politische Emanzipation von der
Religion läßt die Religion bestehen, wenn auch keine privilegierte
Religion. Der Widerspruch, in welchem sich der Anhänger einer
10 besonderen Religion mit seinem Staatsbürgertum befindet, ist nur
ein Teil des allgemeinen weltlichen Widerspruchs
zwischen dem politischen Staat und der bür¬
gerlichen Gesellschaft. Die Vollendung des christlichen
Staats ist der Staat, der sich als Staat bekennt und von der Reli-
15 gion seiner Glieder abstrahiert. Die Emanzipation des Staats von
der Religion ist nicht die Emanzipation des wirklichen Menschen
von der Religion.
Wir sagen also nicht mit Bauer den Juden: Ihr könnt nicht po¬
litisch emanzipiert werden, ohne euch radikal vom Judentum zu
2o emanzipieren. Wir sagen ihnen vielmehr: Weil ihr politisch eman¬
zipiert werden könnt, ohne euch vollständig und widerspruchslos
vom Judentum loszusagen, darum ist die politische Eman¬
zipation selbst nicht die menschli ehe Emanzipation.
Wenn ihr Juden politisch emanzipiert werden wollt, ohne euch
25 selbst menschlich zu emanzipieren, so liegt die Halbheit und der
Widerspruch nicht nur in euch, sie liegt in dem Wesen und der
Kategorie der politischen Emanzipation. Wenn ihr in dieser
Kategorie befangen seid, so teilt ihr eine allgemeine Befangen¬
heit. Wie der Staat evangelisiert, wenn er, obschon Staat,
3o sich christlich zu dem Juden verhält, so politisiert der Jude,
wenn er, obschon Jude, Staatsbürgerrechte verlangt.
Aber wenn der Mensch, obgleich Jude, politisch emanzipiert
werden, Staatsbürgerrechte empfangen kann, kann er die soge¬
nannten Menschenrechte in Anspruch nehmen und emp-
35 fangen? Bauer leugnet es. „Die Frage ist, ob der Jude als
solcher, d. h. der Jude, der selber eingesteht, daß er durch sein
wahres Wesen gezwungen ist, in ewiger Absonderung von anderen
zu leben, fähig sei, die allgemeinen Menschenrechte
zu empfangen und anderen zuzugestehen/4
4o „Der Gedanke der Menschenrechte ist für die christliche Welt
erst im vorigen Jahrhundert entdeckt worden. Er ist dem Menschen
nicht angeboren, er wird vielmehr nur erobert im Kampfe gegen
die geschichtlichen Traditionen, in denen der Mensch bisher er¬
zogen wurde. So sind die Menschenrechte nicht ein Geschenk der
45 Natur, keine Mitgift der bisherigen Geschichte, sondern der Preis
43*
592
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
des Kampfes gegen den Zufall der Geburt und gegen die Privi¬
legien, welche die Geschichte von Generation auf Generation bis
jetzt vererbt hat. Sie sind das Resultat der Bildung, und derjenige
kann sie nur besitzen, der sie sich erworben und verdient hat.“
„Kann sie nun der Jude wirklich in Besitz nehmen? Solange «
er Jude ist, muß über das menschliche Wesen, welches ihn als
Menschen mit Menschen verbinden sollte, das beschränkte Wesen,
das ihn zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn von den
Nichtjuden absondern. Er erklärt durch diese Absonderung, daß
das besondere Wesen, das ihn zum Juden macht, sein wahres hoch-10
stes Wesen ist, vor welchem das Wesen des Menschen zurücktreten
muß.“
„In derselben Weise kann der Christ als Christ keine Menschen¬
rechte gewähren.“ (p. 19, 20.)
Der Mensch muß nach Bauer das „Privilegium d e s is
Glaubens“ auf opfern, um die allgemeinen Menschenrechte
empfangen zu können. Betrachten wir einen Augenblick die soge¬
nannten Menschenrechte, und zwar die Menschenrechte unter ihrer
authentischen Gestalt, unter der Gestalt, welche sie bei ihren Ent¬
deckern, den Nordamerikanern und Franzosen, besitzen ! Zum so
Teil sind diese Menschenrechte politische Rechte, Rechte, die
nur in der Gemeinschaft mit anderen ausgeübt werden. Die Teil¬
nahme am Gemeinwesen, und zwar am politischen
Gemeinwesen, am Staatswesen, bildet ihren Inhalt. Sie fallen
unter die Kategorie der politischen Freiheit, unter die««
Kategorie der Staatsbürgerrechte, welche keineswegs, wie
wir gesehen, die widerspruchslose und positive Aufhebung der
Religion, also etwa auch des Judentums, voraussetzen. Es bleibt
der andere Teil der Menschenrechte zu betrachten, die droits de
rhomme, insofern sie unterschieden sind von den droits du citoyen, so
In ihrer Reihe findet sich die Gewissensfreiheit, das Recht,
einen beliebigen Kultus auszuüben. Das Privilegium des
Glaubens wird ausdrücklich anerkannt, entweder als ein
Menschenrecht oder als Konsequenz eines Menschen¬
rechtes, der Freiheit. ss
Déclaration des droits de P homme et du citoyen, 1791, art. 10:
„Nul ne doit être inquiété pour ses opinions même religieuses.“
Im titre I der Const. von 1791 wird als Menschenrecht garantiert:
„La liberté à tout homme d’exercer le culte religieux auquel il
est attaché.“ «
Déclaration des droits de Phomme, etc., 1793, zählt unter die
Menschenrechte, art. 7 : „Le libre exercice des cultes.“ Ja, in bezug
auf das Recht, seine Gedanken und Meinungen zu veröffentlichen,
sich zu versammeln, seinen Kultus auszuüben, heißt es sogar: „La
nécessité d’énoncer ces droits suppose ou la présence ou le souvenir «
Zur Judenfrage
593
récent du despotisme.“ Man vergleiche die Const. von 1795, titre
XIV. art. 354.
Constitution de Pennsylvanie, art. 9. § 3: „Tous les hommes ont
reçu de la nature le droit imprescriptible d’adorer le Tout-
j Puissant selon les inspirations de leur conscience, et nul ne peut
légalement être contraint de suivre, instituer ou soutenir contre
son gré aucun culte ou ministère religieux. Nulle autorité humaine
ne peut, dans aucun cas, intervenir dans les questions de conscience
et contrôler les pouvoirs de l’âme.“
io Constitution de N ew-Hampshire, art. 5 et 6: „Au nombre des
droits naturels, quelques-uns sont inaliénables de leur nature,
parce que rien n’en peut être l’équivalent. De ce nombre sont les
droits de conscience.“ (Beaumont 1. c. p. 213, 214.)
Die Unvereinbarkeit der Religion mit den Menschenrechten
is liegt so wenig im Begriff* der Menschenrechte, daß das Recht,
religiös zu sein, auf beliebige Weise religiös zu sein, den
Kultus seiner besonderen Religion auszuüben, vielmehr ausdrück¬
lich unter die Menschenrechte gezählt wird. Das Privilegium
des Glaubens ist ein allgemeines Menschenrecht.
2o Die droits de Vhomme, die Menschenrechte werden als
solche unterschieden von den droits du citoyen, von den Staats¬
bürgerrechten. Wer ist der vom citoyen unterschiedene homme?
Niemand anders als das Mitglied der bürgerlichen
Gesellschaft. Warum wird das Mitglied der bürgerlichen
25 Gesellschaft „Mensch“, Mensch schlechthin, warum werden seine
Rechte Menschenrechte genannt? Woraus erklären wir
dies Faktum? Aus dem Verhältnis des politischen Staats zur
bürgerlichen Gesellschaft, aus dem Wesen der politischen Eman¬
zipation.
3o Vor allem konstatieren wir die Tatsache, daß die sogenannten
Menschenrechte, die droits de Vhomme im Unterschied
von den droits du citoyen, nichts anderes sind als die Rechte
des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft,
d. h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom
35 Gemeinwesen getrennten Menschen. Die radikalste Konstitution,
die Konstitution von 1793, mag sprechen:
Déclar. des droits de Vhomme et du citoyen.
Art. 2. Ces droits etc. (les droits naturels et imprescriptibles)
sont: Végalité, la liberté, la sûreté, la propriété.
4o Worin besteht die liberté?
Art. 6. „La liberté est le pouvoir qui appartient à l’homme
de faire tout ce qui ne nuit pas aux droits d’autrui“, oder nach
der Deklaration der Menschenrechte von 1791 : „La liberté consiste
à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui.“
45 Die Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was
594
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
keinem anderen schadet. Die Grenze, in welcher sich jeder dem
anderen unschädlich bewegen kann, ist durch das Gesetz be¬
stimmt, wie die Grenze zweier Felder durch den Zaunpfahl be¬
stimmt ist. Es handelt sich um die Freiheit des Menschen als iso¬
lierter auf sich zurückgezogener Monade. Warum ist der Jude 5
nach Bauer unfähig, die Menschenrechte zu empfangen? „Solange
er Jude ist, muß über das menschliche Wesen, welches ihn als
Menschen mit Menschen verbinden sollte, das beschränkte Wesen,
das ihn zum Juden macht, den Sieg davontragen und ihn von den
Nichtjuden absondem.“ Aber das Menschenrecht der Freiheit 10
basiert nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Men¬
schen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von
dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht
des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums.
Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechts der Frei- 15
heit ist das Menschenrecht des Privateigentums.
Worin besteht das Menschenrecht des Privateigentums?
Art. 16. (Const. de 1793) : „Le droit de propriété est celui qui
appartient à tout citoyen de jouir et de disposer à son gré de ses
biens, de ses revenus, du fruit de son travail et de son industrie/6 20
Das Menschenrecht des Privateigentums ist also das Recht, will¬
kürlich (à son gré), ohne Beziehung auf andere Menschen, unab¬
hängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über
dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. Jene indi¬
viduelle Freiheit, wie diese Nutzanwendung derselben, bilden die 25
Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Sie läßt jeden Menschen
im anderen Menschen nicht die Verwirklichung, sondern
vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden. Sie proklamiert
vor allem aber das Menschenrecht, „de jouir et de disposer à son
gré de ses biens, de ses revenus, du fruit de son travail et de son 30
industrie.“
Es bleiben noch die anderen Menschenrechte, die égalité und
die sûreté.
Die égalité, hier in ihrer nichtpolitischen Bedeutung, ist nichts
als die Gleichheit der oben beschriebenen libené, nämlich: daß 35
jeder Mensch gleichmäßig als solche auf sich ruhende Monade be¬
trachtet wird. Die Const. von 1795 bestimmt den Begriff dieser
Gleichheit, ihrer Bedeutung angemessen, dahin:
Art. 3. (Const. de 1795): „L’égalité consiste en ce que la loi
est la même pour tous, soit qu’elle protège, soit qu’elle punisse.66 40
Und die sûreté?
An. 8. (Const. de 1793) : „La sûreté consiste dans la protection
accordée par la société à chacun de ses membres pour la con¬
servation de sa personne, de ses droits et de ses propriétés.66
Die Sicherheit ist der höchste soziale Begriff der bürger- 45
Zar Judenfrage
595
lichen Gesellschaft, der Begriff der Polizei, daß die ganze
Gesellschaft nur da ist, um jedem ihrer Glieder die Erhaltung
seiner Person, seiner Rechte und seines Eigentums zu garantieren.
Hegel nennt in diesem Sinn die bürgerliche Gesellschaft „den Not-
5 und Verstandesstaat“.
Durch den Begriff der Sicherheit erhebt sich die bürgerliche
Gesellschaft nicht über ihren Egoismus. Die Sicherheit ist viel¬
mehr die Versicherung des Egoismus.
Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den
10 egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mit¬
glied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein
Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom
Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß
der Mensch in ihnen als Gattungswesen auf gefaßt wurde, erscheint
is vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den
Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ur¬
sprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zu¬
sammenhält, ist die Natur-Notwendigkeit, das Bedürfnis und das
Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer
2o egoistischen Person.
Es ist schon rätselhaft, daß ein Volk, welches eben beginnt,
sich zu befreien, alle Barrieren zwischen den verschiedenen Volks-
gliedem niederzureißen, ein politisches Gemeinwesen zu gründen,
daß ein solches Volk die Berechtigung des egoistischen, vom Mit-
25 menschen und vom Gemeinwesen abgesonderten Menschen feier¬
lich proklamiert (Décl. de 1791), ja diese Proklamation in einem
Augenblicke wiederholt, wo die heroischeste Hingebung allein die
Nation retten kann und daher gebieterisch verlangt wird, in einem
Augenblicke, wo die Aufopferung aller Interessen der bürger-
30 liehen Gesellschaft zur Tagesordnung erhoben und der Egoismus
als ein Verbrechen bestraft werden muß. (Deel, des droits de
l’homme etc. de 1793.) Noch rätselhafter wird diese Tatsache,
wenn wir sehen, daß das Staatsbürgertum, das politische Ge¬
meinwesen von den politischen Emanzipatoren sogar zum
35 bloßen Mittel für die Erhaltung dieser sogenannten Menschen¬
rechte herabgesetzt, daß also der citoyen zum Diener des egoisti¬
schen homme erklärt, die Sphäre, in welcher der Mensch sich als
Gemeinwesen verhält, unter die Sphäre, in welcher er sich als Teil¬
wesen verhält, degradiert, endlich nicht der Mensch als citoyen,
4o sondern der Mensch als bourgeois für den eigentlichen und
wahren Menschen genommen wird.
„Le but de toute association politique est la conservation des
droits naturels et imprescriptibles de l’homme.“ (Décl. des droits
etc. de 1791 art. 2.) „Le gouvernement est institué pour garantir
45 à l’homme la jouissance de ses droits naturels et imprescriptibles.“
596
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
(Deck etc. de 1793 art. 1.) Also selbst in den Momenten seines
noch jugendfrischen und durch den Drang der Umstände auf die
Spitze getriebenen Enthusiasmus, erklärt sich das politische Leben
für ein bloßes Mittel, dessen Zweck das Leben der bürger¬
lichen Gesellschaft ist. Zwar steht seine revolutionäre Praxis in &
flagrantem Widerspruch mit seiner Theorie. Während z. B. die
Sicherheit als ein Menschenrecht erklärt wird, wird die Ver¬
letzung des Briefgeheimnisses öffentlich auf die Tagesordnung
gesetzt. Während die „liberté indéfinie de la presse“ (Const. de
1793 art. 122) als Konsequenz des Menschenrechts, der indivi- io
duellen Freiheit, garantiert wird, wird die Preßfreiheit vollständig
vernichtet, denn „la liberté de la presse ne doit pas être permise
lorsqu’elle compromet la liberté publique“ (Robespierre jeune,
hist. parlem. de la rev. franç. par Bûchez et Roux, T. 28 p. 159),
d. h. also: das Menschenrecht der Freiheit hört auf, ein Redit is
zu sein, sobald es mit dem politischen Leben in Konflikt tritt,
während der Theorie nach das politische Leben nur die Garantie
der Menschenrechte, der Rechte des individuellen Menschen ist,
also aufgegeben werden muß, sobald es seinem Zwecke, diesen
Menschenrechten widerspricht. Aber die Praxis ist nur die Aus- 20
nähme, und die Theorie ist die Regel. Will man aber selbst die
revolutionäre Praxis als die richtige Stellung des Verhältnisses
betrachten, so bleibt immer noch das Rätsel zu lösen, warum im
Bewußtsein der politischen Emanzipatoren das Verhältnis auf den
Kopf gestellt ist und der Zweck als Mittel, das Mittel als Zweck 25
erscheint. Diese optische Täuschung ihres Bewußtseins wäre im¬
mer noch dasselbe Rätsel, obgleich dann ein psychologisches, ein
theoretisches Rätsel.
Das Rätsel löst sich einfach.
Die politische Emanzipation ist zugleich die Auflösung 30
der alten Gesellschaft, auf welcher das dem Volk entfremdete
Staatswesen, die Herrschermacht, ruht. Die politische Revolution
ist die Revolution der bürgerlichen Gesellschaft. Welches war
der Charakter der alten Gesellschaft? Ein Wort charakterisiert
sie. Die Feudalität. Die alte bürgerliche Gesellschaft hatte 35
unmittelbar einen politischen Charakter, d. h. die
Elemente des bürgerlichen Lebens, wie z. B. der Besitz oder die
Familie oder die Art und Weise der Arbeit, waren in der Form
der Grundherrlichkeit, des Standes und der Korporation zu
Elementen des Staatslebens erhoben. Sie bestimmten in dieser 40
Form das Verhältnis des einzelnen Individuums zum Staats¬
ganzen, d. h. sein politisches Verhältnis, d. h. sein Ver¬
hältnis der Trennung und Ausschließung von den anderen Be¬
standteilen der Gesellschaft. Denn jene Organisation des Volks¬
lebens erhob den Besitz oder die Arbeit nicht zu sozialen Elemen- 45
Zur Judenfrage
597
ten, sondern vollendete vielmehr ihre Trennung von dem
Staatsganzen und konstituierte sie zu besonderen Gesell¬
schaften in der Gesellschaft. So waren indes immer noch die
Lebensfunktionen und Lebensbedingungen der bürgerlichen Ge-
5 Seilschaft politisch, wenn auch politisch im Sinne der Feudalität,
d. h. sie schlossen das Individuum vom Staatsganzen ab, sie
verwandelten das besondere Verhältnis seiner Korporation
zum Staatsganzen in sein eigenes allgemeines Verhältnis zum
Volksleben, wie seine bestimmte bürgerliche Tätigkeit und
10 Situation in seine allgemeine Tätigkeit und Situation. Als Kon¬
sequenz dieser Organisation erscheint notwendig die Staatseinheit,
wie das Bewußtsein, der Wille und die Tätigkeit der Staatseinheit,
die allgemeine Staatsmacht, ebenfalls als besondere Ange¬
legenheit eines von dem Volke abgeschiedenen Herrschers und
is seiner Diener.
Die politische Revolution, welche diese Herrschermacht stürzte
und die Staatsangelegenheiten zu Volksangelegenheiten erhob,
welche den politischen Staat als allgemeine Angelegenheit,
d. h. als wirklichen Staat konstituierte, zerschlug notwendig
20 alle Stände, Korporationen, Innungen, Privilegien, die ebenso-
viele Ausdrücke der Trennung des Volkes von seinem Gemein¬
wesen waren. Die politische Revolution hob damit den poli¬
tischen Charakter der bürgerlichen Gesell¬
schaft auf. Sie zerschlug die bürgerliche Gesellschaft in ihre
25 einfachen Bestandteile, einerseits in die Individuen, anderer¬
seits in die materiellen und geistigen Elemente,
welche den Lebensinhalt, die bürgerliche Situation dieser Indi¬
viduen bilden. Sie entfesselte den politischen Geist, der gleichsam
in die verschiedenen Sackgassen der feudalen Gesellschaft zerteilt,
30 zerlegt, zerlaufen war ; sie sammelte ihn aus dieser Zerstreuung,
sie befreite ihn von seiner Vermischung mit dem bürgerlichen
Leben und konstituierte ihn als die Sphäre des Gemeinwesens, der
allgemeinen Volksangelegenheit in idealer Unabhängigkeit
von jenen besonderen Elementen des bürgerlichen Lebens. Die
36 bestimmte Lebenstätigkeit und die bestimmte Lebenssituation
sanken zu einer nur individuellen Bedeutung herab. Sie bildeten
nicht mehr das allgemeine Verhältnis des Individuums zum Staats¬
ganzen. Die öffentliche Angelegenheit als solche ward vielmehr
zur allgemeinen Angelegenheit jedes Individuums und die poli-
40 tische Funktion zu seiner allgemeinen Funktion.
Allein die Vollendung des Idealismus des Staats war zugleich
die Vollendung des Materialismus der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Abschüttlung des politischen Jochs war zugleich die Abschütt-
lung der Bande, welche den egoistischen Geist der bürgerlichen
45 Gesellschaft gefesselt hielten. Die politische Emanzipation war
598
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
zugleich die Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft von der
Politik, von dem Schein selbst eines allgemeinen Inhalts.
Die feudale Gesellschaft war aufgelöst in ihren Grund, in den
Menschen. Aber in den Menschen, wie er wirklich ihr Grund
war, in den egoistischen Menschen. 5
Dieser Mensch, das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft,
ist nun die Basis, die Voraussetzung des politischen Staats.
Er ist von ihm als solche anerkannt in den Menschenrechten.
Die Freiheit des egoistischen Menschen und die Anerkennung
dieser Freiheit ist aber vielmehr die Anerkennung der zügel-10
losen Bewegung der geistigen und materiellen Elemente, welche
seinen Lebensinhalt bilden.
Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er er¬
hielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigentum befreit.
Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde nicht von dem 15
Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit.
Die Konstitution des politischen Staats und die
Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft in die unabhängigen
Individuen — deren Verhältnis das Recht ist, wie das Ver¬
hältnis der Standes- und Innungsmenschen das Privilegium 20
war — vollzieht sich in einem und demselben Akte.
Der Mensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist,
der unpolitische Mensch, erscheint aber notwendig als der
natürliche Mensch. Die droits de Vhomme erscheinen als
droits naturels, denn die selbstbewußte Tätigkeit kon- 25
zentriert sich auf den politischen Akt. Der egoistische
Mensch ist das passive, nur vorgefundene Resultat der
aufgelösten Gesellschaft, Gegenstand der unmittelbaren
Gewißheit, also natürlicher Gegenstand. Die poli¬
tische Revolution löst das bürgerliche Leben in seine Be- 30
standteile auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutio¬
nieren und der Kritik zu unterwerfen. Sie verhält sich zur bür¬
gerlichen Gesellschaft, zur Welt der Bedürfnisse, der Arbeit, der
Privatinteressen, des Privatrechts, als zur Grundlage ihres
Bestehens, als zu einer nicht weiter begründeten V o r a u s - 35
Setzung, daher als zu ihrer Naturbasis. Endlich gilt der
Mensch, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft ist, für den
eigentlichen Menschen, für den homme im Unterschied von
dem citoyen, weil er der Mensch in seiner sinnlichen individuellen
nächsten Existenz ist, während der politische Mensch 40
nur der abstrahierte, künstliche Mensch ist, der Mensch als eine
allegorische, moralische Person. Der wirkliche Mensch
ist erst in der Gestalt des egoistischen Individuums, der
wahre Mensch erst in der Gestalt des abstrakten citoyen
anerkannt. 45
Zur Judenfrage
599
Die Abstraktion des politischen Menschen schildert Rousseau
richtig also:
„Celui qui ose entreprendre d’instituer un peuple doit se sentir
en état de changer pour ainsi dire la nature humaine, de trans-
5 former chaque individu, qui par lui-même est un tout parfait et
solitaire, en partie d’un plus grand tout dont cet individu reçoive
en quelque sorte sa vie et son être, de substituer une existence
partielle et morale à l’existence physique et indépendante. Il faut
qu’il ôte à Vhomme ses forces propres pour lui en donner qui lui
10 soient étrangères et dont il ne puisse faire usage sans le secours
d’autrui.“ (Cont. Soc. liv. II, Londr. 1782, p. 67.)
Alle Emanzipation ist Zurückführung der mensch¬
lichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst.
Die politische Emanzipation ist die Reduktion des Menschen,
is einerseits auf das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, auf das
egoistische unabhängige Individuum, andererseits auf
den Staatsbürger, auf die moralische Person.
Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten
Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch
2o in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in
seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen gewor¬
den ist, erst wenn der Mensch seine „forces propres“ als gesell¬
schaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher
die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der p o 1 i -
25 tischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche
Emanzipation vollbracht.
II.
DieFähigkeitderheutigenJudenundChristen,freizuwerden.
Von Bruno Bauer. (Einundzwanzig Bogen pag. 56—71.)
30 Unter dieser Form behandelt Bauer das Verhältnis der jüdi¬
schen und christlichen Religion, wie das Verhältnis
derselben zur Kritik. Ihr Verhältnis zur Kritik ist ihr Verhältnis
„zur Fähigkeit frei zu werden“.
Es ergibt sich: „Der Christ hat nur eine Stufe, nämlich seine
3s Religion zu übersteigen, um die Religion überhaupt aufzugeben“,
also frei zu werden, „der Jude dagegen hat nicht nur mit seinem
jüdischen Wesen, sondern auch mit der Entwicklung[,] der Voll¬
endung seiner Religion zu brechen, mit einer Entwicklung, die
ihm fremd geblieben ist“, (p. 71.)
600
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Bauer verwandelt also hier die Frage von der Judenemanzi¬
pation in eine rein religiöse Frage. Der theologische Skrupel, wer
eher Aussicht hat, selig zu werden, Jude oder Christ, wiederholt
sich in der aufgeklärten Form: wer von beiden ist emanzi¬
pationsfähiger? Es fragt sich zwar nicht mehr: macht 5
Judentum oder Christentum frei? sondern vielmehr umgekehrt:
was macht freier, die Negation des Judentums oder die Negation
des Christentums?
„Wenn sie frei werden wollen, so dürfen sich die Juden nicht
zum Christentum bekennen, sondern zum aufgelösten Christentum, 10
zur aufgelösten Religion überhaupt, d. h. zur Aufklärung, Kritik
und ihrem Resultate, der freien Menschlichkeit.“ (p. 70.)
Es handelt sich immer noch um ein Bekenntnis für den
Juden, aber nicht mehr um das Bekenntnis zum Christentum, son¬
dern zum aufgelösten Christentum. n
Bauer stellt an den Juden die Forderung, mit dem Wesen der
christlichen Religion zu brechen, eine Forderung, welche, wie er
selbst sagt, nicht aus der Entwicklung des jüdischen Wesens her¬
vorgeht.
Nachdem Bauer am Schluß der Judenfrage das Judentum nur 20
als die rohe religiöse Kritik des Christentums begriffen, ihm also
eine „nur“ religiöse Bedeutung abgewonnen hatte, war vorher¬
zusehen, daß auch die Emanzipation der Juden in einen philo¬
sophisch-theologischen Akt sich verwandeln werde.
Bauer faßt das ideale abstrakte Wesen des Juden, seine 25
Religion als sein ganzes Wesen. Er schließt daher mit Recht:
„Der Jude gibt der Menschheit nichts, wenn er sein beschränktes
Gesetz für sich mißachtet“, wenn er sein ganzes Judentum auf¬
hebt. (p. 65.)
Das Verhältnis der Juden und Christen wird demnach folgen- 30
des: das einzige Interesse des Christen an der Emanzipation des
Juden ist ein allgemein menschliches, ein theoretisches In¬
teresse. Das Judentum ist eine beleidigende Tatsache für das
religiöse Auge des Christen. Sobald sein Auge aufhört, religiös zu
sein, hört diese Tatsache auf, beleidigend zu sein. Die Eman- 35
zipation des Juden ist an und für sich keine Arbeit für den
Christen.
Der Jude dagegen, um sich zu befreien, hat nicht nur seine
eigene Arbeit, sondern zugleich die Arbeit des Christen, die Kritik
der Synoptiker und das Leben Jesu etc. durchzumachen. 40
„Sie mögen selber zusehen: sie werden sich selber ihr Geschick
bestimmen; die Geschichte aber läßt mit sich nicht spotten.“
(p-71)
Wir versuchen, die theologische Fassung der Frage zu brechen.
Die Frage nach der Emanzipationsfähigkeit des Juden verwandelt 45
Zur Judenfrage
601
sich uns in die Frage, welches besondere gesellschaftliche
Element zu überwinden sei, um das Judentum aufzuheben? Denn
die Emanzipationsfähigkeit des heutigen Juden ist das Verhältnis
des Judentums zur Emanzipation der heutigen Welt. Dies Ver-
5 hältnis ergibt sich notwendig aus der besonderen Stellung des
Judentums in der heutigen geknechteten Welt.
Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den
Sabbathjuden, wie Bauer es tut, sondern den Alltags¬
juden.
10 Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion,
sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen
Juden.
Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das prak¬
tische Bedürfnis, der Eigennutz.
is Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher.
Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.
Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom
Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbst¬
emanzipation unserer Zeit.
2o Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzun¬
gen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe,
hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein
würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Ge¬
sellschaft sich auf lösen. Andererseits: wenn der Jude dies sein
25 praktisches Wesen als nichtig erkennt und an seiner Auf¬
hebung arbeitet, arbeitet er aus seiner bisherigen Entwicklung
heraus, an der menschlichen Emanzipation schlecht¬
hin und kehrt sich gegen den höchsten praktischen Aus¬
druck der menschlichen Selbstentfremdung.
30 Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwär¬
tiges antisoziales Element, welches durch die geschicht¬
liche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Be¬
ziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben
wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen
35 muß.
Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist
die Emanzipation der Menschheit vom Judentum.
Der Jude hat sich bereits auf jüdische Weise emanzipiert. „Der
Jude, der in Wien z. B. nur toleriert ist, bestimmt durch seine Geld-
4o macht das Geschick des ganzen Reichs. Der Jude, der in dem
kleinsten deutschen Staate rechtlos sein kann, entscheidet über das
Schicksal Europas.
Während die Korporationen und Zünfte dem Juden sich ver¬
schließen oder ihm noch nicht geneigt sind, spottet die Kühnheit
602
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
der Industrie des Eigensinns der mittelalterlichen Institute.“
(B. Bauer, Judenfrage, p. 114.)
Es ist dies kein vereinzeltes Faktum. Der Jude hat sich auf
jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geld¬
macht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn d a s 5
Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum prak¬
tischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden
haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden ge¬
worden sind.
Der fromme und politisch freie Bewohner von Neuengland, 10
berichtet z. B. Oberst Hamilton, „ist eine Art von La oko on, der
auch nicht die geringste Anstrengung macht, um sich von den
Schlangen zu befreien, die ihn zusammenschnüren. M a m m o n ist
ihr Götze, sie beten ihn nicht nur allein mit ihren Lippen, sondern
mit allen Kräften ihres Körpers und ihres Gemüts an. Die Erde ist 15
in ihren Augen nichts anderes als eine Börse, und sie sind überzeugt,
daß sie hienieden keine andere Bestimmung haben, als reicher zu
werden denn ihre Nachbarn. Der Schacher hat sich aller ihrer Ge¬
danken bemächtigt, die Abwechslung in den Gegenständen bildet
ihre einzige Erholung. Wenn sie reisen, tragen sie, sozusagen, ihren 20
Kram oder ihr Komptoir auf dem Rücken mit sich herum und
sprechen von nichts als von Zinsen und Gewinn. Wenn sie einen
Augenblick ihre Geschäfte aus den Augen verlieren, so geschieht
dieses bloß, um jene von anderen zu beschnüffeln.“
Ja, die praktische Herrschaft des Judentums über die christ- 25
liehe Welt hat in Nordamerika den unzweideutigen, normalen
Ausdruck erreicht, daß die Verkündigung des Evange¬
liums selbst, daß das christliche Lehramt zu einem Handels¬
artikel geworden ist, und der bankerotte Kaufmann im Evangelium
macht wie der reichgewordene Evangelist in Geschäftchen. „Tel 30
que vous voyez à la tête d9une congrégation respectable a com¬
mencé par être marchand; son commerce étant tombé, il s9est fait
ministre; cet autre a débuté par le sacerdoce, mais dès qu il a eu
quelque somme d9argent à sa disposition, il a laissé la chaire pour
le négoce. Aux yeux d9un grand nombre, le ministère religieux est 35
une véritable carrière industrielle.66 (Beaumont, l.c. p. 185, 186.)
Nach Bauer ist es ein lügenhafter Zustand, wenn in der Theorie
dem Juden die politischen Rechte vorenthalten werden, während
er in der Praxis eine ungeheure Gewalt besitzt und seinen poli¬
tischen Einfluß, wenn er ihm im détail verkürzt wird, en gros aus- 40
übt. (Judenfrage, p. 114.)
Der Widerspruch, in welchem die praktische politische Macht
des Juden zu seinen politischen Rechten steht, ist der Widerspruch
der Politik und Geldmacht überhaupt. Während die erste ideal
Zur Judenfrage
603
über der zweiten steht, ist sie in der Tat zu ihrem Leibeigenen
geworden.
Das Judentum hat sich neben dem Christentum gehalten,
nicht nur als religiöse Kritik des Christentums, nicht nur als in-
5 korporierter Zweifel an der religiösen Abkunft des Christentums,
sondern ebensosehr, weil der praktisch-jüdische Geist, weil das
Judentum in der christlichen Gesellschaft selbst sich gehalten
und sogar seine höchste Ausbildung erhalten hat. Der Jude, der
als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht,
10 ist nur die besondere Erscheinung von dem Judentum der bürger¬
lichen Gesellschaft.
Das Judentum hat sich nicht trotz der Geschichte, sondern
durch die Geschichte erhalten.
Aus ihren eigenen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesell-
15 schäft fortwährend den Juden.
Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen
Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus.
Der Monotheismus des Juden ist daher in der Wirklichkeit der
Polytheismus der vielen Bedürfnisse, ein Polytheismus, der auch
2o den Abtritt zu einem Gegenstand des göttlichen Gesetzes macht.
Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der
bürgerlichen Gesellschaft und tritt rein als solches
hervor, sobald die bürgerliche Gesellschaft den politischen Staat
vollständig aus sich herausgeboren. Der Gott des praktischen
25 Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld.
Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer
Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Men¬
schen — und verwandelt sie in eine Ware. Das Geld ist der all¬
gemeine, für sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat
so daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres
eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen
entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies
fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.
Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott
35 geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein
Gott ist nur der illusorische Wechsel.
Die Anschauung, welche unter der Herrschaft des Privateigen¬
tums und des Geldes von der Natur gewonnen wird, ist die wirk¬
liche Verachtung, die praktische Herabwürdigung der Natur,
4o welche in der jüdischen Religion zwar existiert, aber nur in der
Einbildung existiert.
In diesem Sinn erklärt es Thomas Münzer für unerträglich,
„daß alle Kreatur zum Eigentum gemacht worden sei, die Fische
im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden —
45 auch die Kreatur müsse frei werden/6
604
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Was in der jüdischen Religion abstrakt liegt, die Verachtung
der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbst¬
zweck, das ist der wirkliche bewußte Standpunkt, die
Tugend des Geldmenschen. Das Gattungsverhältnis selbst, das
Verhältnis von Mann und Weib etc. wird zu einem Handelsgegen- 5
stand! Das Weib wird verschachert.
Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationali¬
tät des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen.
Das grund- und bodenlose Gesetz des Juden ist nur die reli¬
giöse Karikatur der grund- und bodenlosen Moralität und des 10
Rechts überhaupt, der nur formellen Riten, mit welchen sich
die Welt des Eigennutzes umgibt.
Auch hier ist das höchste Verhältnis des Menschen das ge¬
setzliche Verhältnis, das Verhältnis zu Gesetzen, die ihm nicht
gelten, weil sie die Gesetze seines eigenen Willens und Wesens 15
sind, sondern weil sie herrschen und weil der Abfall von
ihnen gerächt wird.
Der jüdische Jesuitismus, derselbe praktische Jesuitismus, den
Bauer im Talmud nach weist, ist das Verhältnis der Welt des
Eigennutzes zu den sie beherrschenden Gesetzen, deren schlaue 20
Umgehung die Hauptkunst dieser Welt bildet.
Ja die Bewegung dieser Welt innerhalb ihrer Gesetze ist not¬
wendig eine stete Aufhebung des Gesetzes.
Das Judentum konnte sich als Religion, es konnte sich
theoretisch nicht weiter entwickeln, weil die Weltanschauung des 25
praktischen Bedürfnisses ihrer Natur nach borniert und in weni¬
gen Zügen erschöpft ist.
Die Religion des praktischen Bedürfnisses konnte ihrem Wesen
nach die Vollendung nicht in der Theorie, sondern nur in der
Praxis finden, eben weil ihre Wahrheit die Praxis ist. 30
Das Judentum konnte keine neue Welt schaffen; es konnte nur
die neuen Weltschöpfungen und Weltverhältnisse in den Bereich
seiner Betriebsamkeit ziehen, weil das praktische Bedürfnis, dessen
Verstand der Eigennutz ist, sich passiv verhält und sich nicht be¬
liebig erweitert, sondern sich erweitert findet mit der Portent- 35
wicklung der gesellschaftlichen Zustände.
Das Judentum erreicht seinen Höhepunkt mit der Vollendung
der bürgerlichen Gesellschaft; aber die bürgerliche Gesellschaft
vollendet sich erst in der christlichen Welt. Nur unter der
Herrschaft des Christentums, welches alle nationalen, natür- 40
liehen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen
äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich
vollständig vom Staatsleben trennen, alle Gattungsbande des
Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfnis
an die Stelle dieser Gattungsbande setzen, die Menschenwelt in 45
Zur Judenfrage
605
eine Welt atomistischer, feindlich sich gegenüberstehender Indi¬
viduen auflösen.
Das Christentum ist aus dem Judentum entsprungen. Es hat
sich wieder in das Judentum aufgelöst.
5 Der Christ war von vornherein der theoretisierende Jude, der
Jude ist daher der praktische Christ, und der praktische Christ
ist wieder Jude geworden.
Das Christentum hatte das reale Judentum nur zum Schein
überwunden. Es war zu vornehm, zu spiritualistisch, um die
10 Roheit des praktischen Bedürfnisses anders als durch die Er¬
hebung in die blaue Luft zu beseitigen.
Das Christentum ist der sublime Gedanke des Judentums, das
Judentum ist die gemeine Nutzanwendung des Christentums, aber
diese Nutzanwendung konnte erst zu einer allgemeinen werden,
is nachdem das Christentum als die fertige Religion die Selbstent¬
fremdung des Menschen von sich und der Natur theoretisch
vollendet hatte.
Nun erst konnte das Judentum zur allgemeinen Herrschaft ge¬
langen und den entäußerten Menschen, die entäußerte Natur zu
2o veräußerlichen, verkäuflichen, der Knechtschaft des
egoistischen Bedürfnisses, dem Schacher anheimgefallenen
Gegenständen machen.
Die Veräußerung ist die Praxis der Entäußerung. Wie der
Mensch, solange er religiös befangen ist, sein Wesen nur zu ver-
25 gegenständlichen weiß, indem er es zu einem fremden phan¬
tastischen Wesen macht, so kann er sich unter der Herrschaft des
egoistischen Bedürfnisses nur praktisch betätigen, nur praktisch
Gegenstände erzeugen, indem er seine Produkte, wie seine
Tätigkeit, unter die Herrschaft eines fremden Wesens stellt und
so ihnen die Bedeutung eines fremden Wesens — des Geldes —
verleiht.
Der christliche Seligkeitsegoismus schlägt in seiner vollendeten
Praxis notwendig um in den Leibesegoismus des Juden, das himm¬
lische Bedürfnis in das irdische, der Subjektivismus in den Eigen-
35 nutz. Wir erklären die Zähigkeit des Juden nicht aus seiner Reli¬
gion, sondern vielmehr aus dem menschlichen Grunde seiner Reli¬
gion, dem praktischen Bedürfnis, dem Egoismus.
Weil das reale Wesen des Juden in der bürgerlichen Gesell¬
schaft sich allgemein verwirklicht, verweltlicht hat, darum konnte
4o die bürgerliche Gesellschaft den Juden nicht von der Unwirk-
lichkeit seines religiösen Wesens, welches eben nur die
ideale Anschauung des praktischen Bedürfnisses ist, überzeugen.
Also nicht nur im Pentateuch oder im Talmud, in der jetzigen Ge¬
sellschaft finden wir das Wesen des heutigen Juden, nicht als ein
45 abstraktes, sondern als ein höchst empirisches Wesen, nicht nur
Marx-Engels-Gesamtausgabe, I. Abt., Bd. 1, 1. Hbd. 44
506 Aus den Deutsch-Französschen Jahrbüchern
als Beschränktheit des Juden, sondern als die jüdische Beschränkt¬
heit der Gesellschaft.
Sobald es der Gesellschaft geliigt, das empirische Wesen
des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzu¬
heben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußt-3
sein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des
Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der
Konflikt der individuell-sinnlichei Existenz mit der Gattungs¬
existenz des Menschen auf gehoben ist.
Die gesellschaftliche Enanzipation des Juden ist diero
Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.
Zur Kritik der Hegelsdien Rechtsphilosophie
Von Karl Marx
Einleitung
Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesent-
5 liehen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung
aller Kritik.
Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nach¬
dem seine himmlische oratio pro aris et focis wider¬
legt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des
10 Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Wider¬
schein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein,
nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden,
wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muß.
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch
15 macht die Religion, die Religion macht nicht den Men¬
schen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das
Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht
erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch,
das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der
2o Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.
Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein ver¬
kehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte
Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt,
ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form,
25 ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre
moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner
Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische
Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das
menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der
so Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen
jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des
wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen
das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten
35 Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geist¬
loser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks
des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die
44*
608
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die
Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der
Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im
Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligen¬
schein die Religion ist. 5
Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt,
nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage,
sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume
breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit
er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, 10
zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst
und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur
die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange
er sich nicht um sich selbst bewegt.
Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das 15
Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit
des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe
der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nach¬
dem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfrem¬
dung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen 20
Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt
sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion
in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie
in die Kritik der Politik.
Die nachfolgende Ausführung — ein Beitrag zu dieser Arbeit 25
— schließt sich zunächst nicht an das Original, sondern an eine
Kopie, an die deutsche Staats- und Rechts - Philosophie an,
aus keinem anderen Grunde, als weil sie sich an Deutsch¬
land anschließt.
Wollte man an den deutschen status quo selbst anknüpfen, 30
wenn auch in einzig angemessener Weise, d. h. negativ, immer
bliebe das Resultat ein Anachronismus. Selbst die Ver¬
neinung unserer politischen Gegenwart findet sich schon als be¬
staubte Tatsache in der historischen Rumpelkammer der moder¬
nen Völker. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, habe ich 35
immer noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich die deutschen
Zustände von 1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeit¬
rechnung, kaum im Jahre 1789, noch weniger im Brennpunkt der
Gegenwart.
Ja, die deutsche Geschichte schmeichelt sich einer Bewegung, 40
welche ihr kein Volk am historischen Himmel weder vorgemacht
hat noch nachmachen wird. Wir haben nämlich die Restaurationen
der modernen Völker geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen.
Wir wurden restauriert, erstens, weil andere Völker eine Revolu¬
tion wagten, und zweitens, weil andere Völker eine Contrerevolu- 45
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
609
tion litten, das eine Mal, weil unsere Herren Furcht hatten, und
das andere Mal, weil unsere Herren keine Furcht hatten. Wir,
unsere Hirten an der Spitze, befanden uns immer nur einmal in
der Gesellschaft der Freiheit, am Tag ihrer Beerdigung.
5 Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch
die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die
jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch er¬
klärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine
historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott
10 Israels seinem Diener Moses, nur ihr a posteriori zeigt, die
historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche
Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen
Geschichte. Shylock, aber Shylock der Bediente, schwört sie für
jedes Pfund Fleisch, welches aus dem Volksherzen geschnitten
is wird, auf ihren Schein, auf ihren historischen Schein, auf ihren
christlich-germanischen Schein.
Gutmütige Enthusiasten dagegen, Deutschtümler von Blut und
Freisinnige von Reflexion, suchen unsere Geschichte der Freiheit
jenseits unserer Geschichte in den teutonischen Urwäldern. Wo-
2o durch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der
Freiheitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu
finden ist? Zudem ist es bekannt: Wie man hineinschreit in den
Wald, schallt es heraus aus dem Wald. Also Friede den teuto¬
nischen Urwäldern!
25 Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehen
unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter
allerKritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie
der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein
Gegenstand des Scharfrichters bleibt. Mit ihnen im Kampf
3o ist die Kritik keine Leidenschaft des Kopfs, sie ist der Kopf der
Leidenschaft. Sie ist kein anatomisches Messer, sie ist eine Waffe.
Ihr Gegenstand ist ihr F e i n d, den sie nicht widerlegen, sondern
vernichten will. Denn der Geist jener Zustände ist widerlegt.
An und für sich sind sie keine denkwürdigen Objekte, son-
35 dem ebenso verächtliche, als verachtete Existenzen. Die Kri¬
tik für sich bedarf nicht der Selbstverständigung mit diesem
Gegenstand, denn sie ist mit ihm im Reinen. Sie gibt sich nicht
mehr als Selbstzweck, sondern nur noch als Mittel. Ihr
wesentliches Pathos ist die Indignation, ihre wesentliche Ar-
4o beit die Denunziation.
Es gilt die Schilderung eines wechselseitigen dumpfen Drucks
aller sozialen Sphären aufeinander, einer allgemeinen, tatlosen
Verstimmung, einer sich ebensosehr anerkennenden als verkennen¬
den Beschränktheit, eingefaßt in den Rahmen eines Regierungs-
45 Systems, welches, von der Konservation aller Erbärmlichkeiten
610
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
lebend, selbst nichts ist als die Erbärmlichkeit an der
Regierung.
Welch ein Schauspiel! Die ins unendliche fortgehende Tei¬
lung der Gesellschaft in die mannigfaltigsten Rassen, welche mit
kleinen Antipathien, schlechten Gewissen und brutaler Mittel- 5
mäßigkeit sich gegenüberstehen, welche eben um ihrer wechsel¬
seitigen zweideutigen und argwöhnischen Stellung willen alle ohne
Unterschied, wenn auch mit verschiedenen Formalitäten, als kon¬
zessionierte Existenzen von ihren Herren behandelt
werden. Und selbst dies, daß sie beherrscht, regiert, be - 10
s e s s e n sind, müssen sie als eine Konzession des Him¬
mels anerkennen und bekennen! Andererseits jene Herrscher
selbst, deren Größe in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrer Zahl
steht!
Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im 15
Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht
darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interes¬
santer Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen.
Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der
Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muß den wirk- 20
liehen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Be¬
wußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller,
indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Ge¬
sellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft
schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum 25
Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt!
Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um
ihm Courage zu machen. Man erfüllt damit ein unabweis¬
bares Bedürfnis des deutschen Volkes, und die Bedürfnisse der
Völker sind in eigener Person die letzten Gründe ihrer Befriedi- 30
gung.
Und selbst für die modernen Völker kann dieser Kampf
gegen den bornierten Inhalt des deutschen status quo nicht
ohne Interesse sein, denn der deutsche status quo ist die
offenherzige Vollendung des ancien régime, und 35
das ancien régime ist der versteckte Mangel des
modernenStaates. Der Kampf gegen die deutsche politische
Gegenwart ist der Kampf gegen die Vergangenheit der modernen
Völker, und von den Reminiszenzen dieser Vergangenheit werden
sie noch immer belästigt. Es ist lehrreich für sie, das anciens
régime, das bei ihnen seine Tragödie erlebte, als deutschen
Revenant seine Komödie spielen zu sehen. Tragisch war
seine Geschichte, solange es die präexistierende Gewalt der Welt,
die Freiheit dagegen ein persönlicher Einfall war, mit einem Wort,
solange es selbst an seine Berechtigung glaubte und glauben mußte. u
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
611
Solange das ancien régime als vorhandene Weltordnung
mit einer erst werdenden Welt kämpfte, stand auf seiner Seite ein
weltgeschichtlicher Irrtum, aber kein persönlicher. Sein Unter¬
gang war daher tragisch.
5 Das jetzige deutsche Regime dagegen, ein Anachronismus, ein
flagranter Widerspruch gegen allgemein anerkannte Axiome, die
zur Weltschau ausgestellte Nichtigkeit des ancien régime,
bildet sich nur noch ein, an sich selbst zu glauben, und verlangt
von der Welt dieselbe Einbildung. Wenn es an sein eigenes
w Wesen glaubte, würde es dasselbe unter dem Schein eines
fremden Wesens zu verstecken und seine Rettung in der Heuchelei
und dem Sophisma suchen? Das moderne ancien régime
ist nur mehr der Komödiant einer Weltordnung, deren wirk¬
liche Helden gestorben sind. Die Geschichte ist gründlich
is und macht viele Phasen durch, wenn sie eine alte Gestalt zu Grabe
trägt. Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre
Komödie. Die Götter Griechenlands, die schon einmal tragisch
zu Tode verwundet waren im gefesselten Prometheus des Aeschy-
lus, mußten noch einmal komisch sterben in den Gesprächen Lu-
2o cians. Warum dieser Gang der Geschichte? Damit die Menschheit
heiter von ihrer Vergangenheit scheide. Diese heitere ge¬
schichtliche Bestimmung vindizieren wir den politischen Mäch¬
ten Deutschlands.
Sobald indes die moderne politisch-soziale Wirklichkeit
25 selbst der Kritik unterworfen wird, sobald also die Kritik zu wahr¬
haft menschlichen Problemen sich erhebt, befindet sie sich außer¬
halb des deutschen status quo, oder sie würde ihren Gegen¬
stand unter ihrem Gegenstand greifen. Ein Beispiel! Das Ver¬
hältnis der Industrie, überhaupt der Welt des Reichtums, zu der
30 politischen Welt ist ein Hauptproblem der modernen Zeit. Unter
welcher Form fängt dies Problem an, die Deutschen zu beschäf¬
tigen? Unter der Form der Schutzzölle, des Prohibitiv¬
systems, der Nationalökonomie. Die Deutschtümelei
ist aus dem Menschen in die Materie gefahren, und so sahen sich
35 eines Morgens unsere Baumwollritter und Eisenhelden in Patrio¬
ten verwandelt. Man beginnt also in Deutschland die Souveräni¬
tät des Monopols nach innen anzuerkennen, dadurch daß man ihm
die Souveränität nach außen verleiht. Man beginnt
also jetzt in Deutschland anzufangen, womit man in Frankreich
40 und England zu enden beginnt. Der alte faule Zustand, gegen den
diese Länder theoretisch im Aufruhr sind und den sie nur noch
ertragen, wie man die Ketten erträgt, wird in Deutschland als die
auf gehende Morgenröte einer schönen Zukunft begrüßt, die kaum
noch wagt, aus der listigen Theorie in die schonungsloseste
45 Praxis überzugehen. Während das Problem in Frankreich und
612
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
England lautet: PolitischeÖkonomie oder Herrschaft
der Sozietät über den Reichtum, lautet es in Deutsch¬
land: Nationalökonomie oder Herrschaft des Pri¬
vateigentums über die Nationalität. Es gilt also in
Frankreich und England, das Monopol, das bis zu seinen letzten 5
Konsequenzen fortgegangen ist, aufzuheben; es gilt in Deutsch¬
land, bis zu den letzten Konsequenzen des Monopols fortzugehen.
Dort handelt es sich um die Lösung, und hier handelt es sich erst
um die Kollision. Ein -zureichendes Beispiel von der deut¬
schen Form der modernen Probleme, ein Beispiel, wie unsere jo
Geschichte, gleich einem ungeschickten Rekruten, bisher nur die
Aufgabe hatte, abgedroschene Geschichten nachzuexerzieren.
Ginge also die gesamte deutsche Entwicklung nicht über
die politische deutsche Entwicklung hinaus, ein Deutscher
könnte sich höchstens an den Problemen der Gegenwart beteili- w
gen, wie sich ein Russe daran beteiligen kann. Allein wenn das
einzelne Individuum nicht gebunden ist durch die Schranken der
Nation, ist die gesamte Nation noch weniger befreit durch die
Befreiung eines Individuums. Die Scythen haben keinen Schritt
zur griechischen Kultur vorwärts getan, weil Griechenland einen 20
Scythen unter seine Philosophen zählt.
Zum Glück sind wir Deutsche keine Scythen.
Wie die alten Völker ihre Vorgeschichte in der Imagination er¬
lebten, in der Mythologie, so haben wir Deutsche unsere Nach¬
geschichte im Gedanken erlebt, in der Philosophie. Wir sind 25
philosophische Zeitgenossen der Gegenwart, ohne ihre
historischen Zeitgenossen zu sein. Die deutsche Philosophie
ist die ideale Verlängerung der deutschen Geschichte.
Wenn wir also statt die œuvres incomplètes unserer reellen
Geschichte die œuvres posthumes unserer ideellen Ge- 30
schichte, die Philosophie, kritisieren, so steht unsere Kritik
mitten unter den Fragen, von denen die Gegenwart sagt: t h a t i s
the question. Was bei den fortgeschrittenen Völkern prak¬
tischer Zerfall mit den modernen Staatszuständen ist, das ist
in Deutschland, wo diese Zustände selbst noch nicht einmal exi- 35
stieren, zunächst kritischer Zerfall mit der philosophischen
Spiegelung dieser Zustände.
Die deutsche Rechts- und Staatsphilosophie
ist die einzige mit der offiziellen modernen Gegenwart a 1
pari stehende deutsche Geschichte. Das deutsche Volk/o
muß daher diese seine Traumgeschichte mit zu seinen bestehen¬
den Zuständen schlagen und nicht nur diese bestehenden Zustände,
sondern zugleich ihre abstrakte Fortsetzung der Kritik unter¬
werfen. Seine Zukunft kann sich weder auf die unmittelbare Ver¬
neinung seiner reellen, noch auf die unmittelbare Vollziehung 45
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
613
seiner ideellen Staats- und Rechtszustände beschränken,
denn die unmittelbare Verneinung seiner reellen Zustände besitzt
es in seinen ideellen Zuständen, und die unmittelbare Vollziehung
seiner ideellen Zustände hat es in der Anschauung der Nachbar-
j Völker beinahe schon wieder überlebt. Mit Recht fordert da¬
her die praktische politische Partei in Deutschland die Ne-
gation der Philosophie. Ihr Unrecht besteht nicht in der
Forderung, sondern in dem Stehenbleiben bei der Forderung, die
sie ernstlich weder vollzieht noch vollziehen kann. Sie glaubt,
10 jene Negation dadurch zu vollbringen, daß sie der Philosophie
den Rücken kehrt und abgewandten Hauptes — einige ärgerliche
und banale Phrasen über sie hermurmelt. Die Beschränktheit
ihres Gesichtskreises zählt die Philosophie nicht ebenfalls in den
Bering der deutschen Wirklichkeit oder wähnt sie gar unter
is der deutschen Praxis und den ihr dienenden Theorien. Ihr ver¬
langt, daß man an wirkliche Lebenskeime anknüpfen
soll, aber ihr vergeßt, daß der wirkliche Lebenskeim des deutschen
Volkes bisher nur unter seinem Hirnschädel gewuchert hat.
Mit einem Worte: Ihr könnt die Philosophie nicht
2o aufheben, ohne sie zu verwirklichen.
Dasselbe Unrecht, nur mit umgekehrten Faktoren, beging
die theoretische, von der Philosophie her datierende poli¬
tische Partei.
Sie erblickte in dem jetzigen Kampf nur den kritischen
25 Kampf der Philosophie mit der deutschen Welt,
sie bedachte nicht, daß die seitherige Philosophie selbst
zu dieser Welt gehört und ihre, wenn auch ideelle, Ergänzung
ist. Kritisch gegen ihren Widerpart verhielt sie sich unkritisch zu
sich selbst, indem sie von den Voraussetzungen der Philo-
3o sophie ausging und bei ihren gegebenen Resultaten entweder
stehen blieb oder anderweitig hergeholte Forderungen und Resul¬
tate für unmittelbare Forderungen und Resultate der Philosophie
ausgab, obgleich dieselben — ihre Berechtigung vorausgesetzt
im Gegenteil nur durch die Negation der seitherigen
35 Philosophie, der Philosophie als Philosophie, zu erhalten
sind. Eine näher eingehende Schilderung dieser Partei behalten
wir uns vor. Ihr Grundmangel läßt sich dahin reduzieren: Sie
glaubte, die Philosophie verwirklichen zu kön¬
nen, ohne sie aufzuheben.
4o Die Kritik der deutschen Staats- und Rechtsphi¬
losophie, welche durch Hegel ihre konsequenteste, reichste
und letzte Fassung erhalten hat, ist beides, sowohl die kritische
Analyse des modernen Staats und der mit ihm zusammenhängen¬
den Wirklichkeit als auch die entschiedene Verneinung der gan-
45 zen bisherigen Weise des deutschen politischen und
614
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
rechtlichen Bewußtseins, dessen vornehmster, univer¬
sellster, zur Wissenschaft erhobener Ausdruck eben die
spekulative Rechtsphilosophie selbst ist. War nur
in Deutschland die spekulative Rechtsphilosophie möglich, dies
abstrakte überschwängliche Denken des modernen Staats, des- 5
sen Wirklichkeit ein Jenseits bleibt, mag dies Jenseits auch nur
jenseits des Rheins liegen: so war ebensosehr umgekehrt das
deutsche, vom wirklichen Menschen abstrahierende1)
Gedankenbild des modernen Staates nur möglich, weil und inso¬
fern der moderne Staat selbst vom wirklichen Menschen 10
abstrahiert oder den ganzen Menschen auf eine nur imaginäre
Weise befriedigt. Die Deutschen haben in der Politik gedacht,
was die anderen Völker getan haben. Deutschland war ihr
theoretisches Gewissen. Die Abstraktion und Über¬
hebung seines Denkens hielt immer gleichen Schritt mit der Ein-15
seitigkeit und Untersetztheit ihrer Wirklichkeit. Wenn also der
status quo des deutschen Staatswesens die Voll¬
endung des ancien régime ausdrückt, die Vollendung
des Pfahls im Fleische des modernen Staats, so drückt der status
quo des deutschen Staatswissens die Un voll- 20
endung des modernen Staats aus, die Schadhaftigkeit
seines Fleisches selbst.
Schon als entschiedener Widerpart der bisherigen Weise des
deutschen politischen Bewußtseins verläuft sich die Kritik
der spekulativen Rechtsphilosophie nicht in sich selbst, sondern 25
in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die
Praxis.
Es fragt sich: kann Deutschland zu einer Praxis à la hau¬
teur des principes gelangen, d. h. zu einer Revolution,
die es nicht nur auf das offizielle Niveau der modernen 30
Völker erhebt, sondern auf die menschliche Höhe, welche
die nächste Zukunft dieser Völker sein wird.
Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen
nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch
materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen 35
Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die
Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert,
und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird.
Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für
den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für <0
den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische
Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Auf¬
hebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre,
1) Im Original abstrahieren das
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
615
daß der Mensch das höchste Wesen für den Men¬
schen sei, also mit dem kategorischen Imperativ,
alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch
ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächt-
5 liches Wesen ist, Verhältnisse, die man nicht besser schildern
kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektier¬
ten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen
behandeln!
Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezi-
10 fisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands r e -
volutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die
Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der
Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.
Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion be-
15 siegt, wÄl er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre
Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen,
weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die
Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen ver¬
wandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität
2o befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht
hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz
in Ketten gelegt.
Aber, wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung, so
war er die wahre Stellung der Aufgabe. Es galt nun nicht mehr
25 den Kampf des Laien mit dem Pfaffen außer ihm, es galt
den Kampf mit seinem eigenen inneren Pfaffen, seiner
pfäffischen Natur. Und wenn die protestantische Ver¬
wandlung der deutschen Laien in Pfaffen die Laienpäpste, die
Fürsten samt ihrer Klerisei, den Privilegierten und den Phi-
3o listem, emanzipierte, so wird die philosophische Verwandlung der
pfäffischen Deutschen in Menschen das Volk emanzipieren. So
wenig aber die Emanzipation bei den Fürsten, so wenig wird die
Säkularisation der Güter bei dem Kirchenraub stehen
bleiben, den vor allen das heuchlerische Preußen ins Werk setzte.
35 Damals scheiterte der Bauernkrieg, die radikalste Tatsache der
deutschen Geschichte, an der Theologie. Heute, wo die Theologie
selbst gescheitert ist, wird die unfreieste Tatsache der deutschen
Geschichte, unser status quo, an der Philosophie zerschellen.
Den Tag vor der Reformation war das offizielle Deutschland der
4o unbedingteste Knecht von Rom. Den Tag vor seiner Revolution
ist es der unbedingte Knecht von weniger als Rom, von Preußen
und Österreich, von Krautjunkern und Philistern.
Einer radikalen deutschen Revolution scheint indessen
eine Hauptschwierigkeit entgegen zu stehen.
45 Die Revolutionen bedürfen nämlich eines passiven Elemen-
616
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
tes, einer materiellen Grundlage. Die Theorie wird in einem
Volke immer nur so weit verwirklicht, als sie die Verwirklichung
seiner Bedürfnisse ist. Wird nun dem ungeheuren Zwiespalt zwi¬
schen den Forderungen des deutschen Gedankens und den Ant¬
worten der deutschen Wirklichkeit derselbe Zwiespalt der bürger- 5
liehen Gesellschaft mit dem Staate und mit sich selbst entsprechen?
Werden die theoretischen Bedürfnisse unmittelbar praktische Be¬
dürfnisse sein? Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirk¬
lichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken
drängen. 10
Aber Deutschland hat die Mittelstufen der politischen Emanzi¬
pation nicht gleichzeitig mit den modernen Völkern erklettert.
Selbst die Stufen, die es theoretisch überwunden, hat es praktisch
noch nicht erreicht. Wie sollte es mit einem salto mortale
nicht nur über seine eigenen Schranken hinwegsetzen, sondern zu- u
gleich über die Schranken der modernen Völker, über Schranken,
die es in der Wirklichkeit als Befreiung von seinen wirklichen
Schranken empfinden und erstreben muß? Eine radikale Revo¬
lution kann nur die Revolution radikaler Bedürfnisse sein, deren
Voraussetzungen und Geburtsstätten eben zu fehlen scheinen. 20
Allein wenn Deutschland nur mit der abstrakten Tätigkeit des
Denkens die Entwicklung der modernen Völker begleitet hat, ohne
werktätige Partei an den wirklichen Kämpfen dieser Entwicklung
zu ergreifen, so hat es andererseits die Leiden dieser Entwick¬
lung geteilt, ohne ihre Genüsse, ohne ihre partielle Befriedigung 2s
zu teilen. Der abstrakten Tätigkeit einerseits entspricht das ab¬
strakte Leiden andererseits. Deutschland wird sich daher eines
Morgens auf dem Niveau des europäischen Verfalls befinden,
bevor es jemals auf dem Niveau der europäischen Emanzipation
gestanden hat. Man wird es einem Fetischdien er vergleichen 30
können, der an den Krankheiten des Christentums siecht.
Betrachtet man zunächst die deutschen Regierungen,
und man findet sie durch die Zeitverhältnisse, durch die Lage
Deutschlands, durch den Standpunkt der deutschen Bildung, end¬
lich durch eigenen glücklichen Instinkt getrieben, die z i v i 1 i - 35
siertenMängel der modernen Staatswelt, deren Vor¬
teile wir nicht besitzen, zu kombinieren mit den barbarischen
Mängeln des ancien régime, dessen wir uns in vollem
Maße erfreuen, so daß Deutschland, wenn nicht am Verstand,
wenigstens am Unverstand auch der über seinen status quo/o
hinausliegenden Staatsbildungen immer mehr partizipieren
muß. Gibt es z. B. ein Land in der Welt, welches so naiv alle
Illusionen des konstitutionellen Staatswesens teilt, ohne seine
Realitäten zu teilen, als das sogenannte konstitutionelle Deutsch¬
land? Oder war es nicht notwendig ein deutscher Regierungs- 45
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
617
einfall, die Qualen der Zensur mit den Qualen der französischen
Septembergesetze, welche die Preßfreiheit voraussetzen, zu ver¬
binden! Wie man im römischen Pantheon die Götter aller Na¬
tionen fand, so wird man im heiligen römischen deutschen Reich
5 die Sünden aller Staatsformen finden. Daß dieser Eklektizis¬
mus eine bisher nicht geahnte Höhe erreichen wird, dafür bürgt
namentlich die politisch-ästhetische Gourmande-
rie eines deutschen Königs, der alle Rollen des Königtums, des
feudalen wie des bureaukratischen, des absoluten wie des kon-
10 stitutionellen, des autokratischen wie des demokratischen, wenn
nicht durch die Person des Volkes, so doch in eigener Person,
wenn nicht für das Volk, so doch für sich selbst zu spielen
gedenkt. Deutschland als der zu einer eigenen
Welt konstituierte Mangel der politischen Gegen-
15 w a r t wird die spezifisch deutschen Schranken nicht niederwerfen
können, ohne die allgemeine Schranke der politischen Gegenwart
niederzuwerf en.
Nicht die radikale Revolution ist utopischer Traum für
Deutschland, nicht die allgemein menschliche Emanzi-
20 pation, sondern vielmehr die teilweise, die nur politische Revo¬
lution, die Revolution, welche die Pfeiler des Hauses stehen läßt.
Worauf beruht eine teilweise, eine nur politische Revolution?
Darauf, daß ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft
sich emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt,
25 darauf, daß eine bestimmte Klasse von ihrer besonderen
Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft
unternimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber
nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in
der Situation dieser Klasse befindet, also z. B. Geld und Bildung
so besitzt oder beliebig erwerben kann.
Keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle
spielen, ohne ein Moment des Enthusiasmus in sich und in der
Masse hervorzurufen, ein Moment, worin sie mit der Gesellschaft
im Allgemeinen fraternisiert und zusammenfließt, mit ihr ver-
35 wechselt und als deren allgemeiner Repräsentant emp¬
funden und anerkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche
und Rechte in Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesell¬
schaft selbst sind, worin sie wirklich der soziale Kopf und das
soziale Herz ist. Nur im Namen der allgemeinen Rechte der Ge-
4o Seilschaft kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herr¬
schaft vindizieren. Zur Erstürmung dieser emanzipatorischen Stel¬
lung und damit zur politischen Ausbeutung aller Sphären der
Gesellschaft im Interesse der eigenen Sphäre reichen revolutionäre
Energie und geistiges Selbstgefühl allein nicht aus. Damit die
^Revolution eines Volkes und die Emanzipation
618
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
einer besonderen Klasse der bürgerlichen Gesellschaft
zusammenfallen, damit ein Stand für den Stand der ganzen Ge¬
sellschaft gelte, dazu müssen umgekehrt alle Mängel der Gesell¬
schaft in einer anderen Klasse konzentriert, dazu muß ein be¬
stimmter Stand der Stand des allgemeinen Anstoßes, die Inkor- s
poration der allgemeinen Schranke sein, dazu muß eine besondere
soziale Sphäre für das notorischeVerbrechen der ganzen
Sozietät gelten, so daß die Befreiung von dieser Sphäre als die
allgemeine Selbstbefreiung erscheint. Damit ein Stand par
excellence der Stand der Befreiung, dazu muß umgekehrt m
ein anderer Stand der offenbare Stand der Unterjochung sein. Die
negativ-allgemeine Bedeutung des französischen Adels und der
französischen Klerisei bedingte die positiv-allgemeine Bedeutung
der zunächst angrenzenden und entgegengesetzten Klasse der
Bourgeoisie. u
Es fehlt aber jeder besonderen Klasse in Deutschland nicht nur
die Konsequenz, die Schärfe, der Mut, die Rücksichtslosigkeit,
die sie zum negativen Repräsentanten der Gesellschaft stempeln
könnte. Es fehlt ebensosehr jedem Stande jene Breite der Seele,
die sich mit der Volksseele, wenn auch nur momentan, identifiziert, 2®
jene Genialität, welche die materielle Macht zur politischen Ge¬
walt begeistert, jene revolutionäre Kühnheit, welche dem Gegner
die trotzige Parole zuschleudert: Ich bin nichts, und ich
müßteallessein. Den Hauptstock deutscher Moral und Ehr¬
lichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bil- 2®
det vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine
Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt.
Das Verhältnis der verschiedenen Sphären der deutschen Gesell¬
schaft ist daher nicht dramatisch, sondern episch. Jede derselben
beginnt sich zu empfinden und neben die anderen mit ihren beson- 30
deren Ansprüchen hinzulagem, nicht sobald sie gedrückt wird,
sondern sobald ohne ihr Zutun die Zeitverhältnisse eine gesellige
Unterlage schaffen, auf die sie ihrerseits den Druck ausüben kann.
Sogar das moralische Selbstgefühl der deutschen
Mittelklasse beruht nur auf dem Bewußtsein, die allgemeine2«
Repräsentantin von der philisterhaften Mittelmäßigkeit aller
übrigen Klassen zu sein. Es sind daher nicht nur die deutschen
Könige, die mal-à-propos auf den Thron gelangen, es ist
jede Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Niederlage
erlebt, bevor sie ihren Sieg gefeiert, ihre eigene Schranke ent- «
wickelt, bevor sie die ihr gegenüberstehende Schranke überwun¬
den, ihr engherziges Wesen geltend macht, bevor sie ihr gro߬
mütiges Wesen geltend machen konnte, so daß selbst die Gelegen¬
heit einer großen Rolle immer vorüber ist, bevor sie vorhanden
war, so daß jede Klasse, sobald sie den Kampf mit der über ihr «
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
619
stehenden Klasse beginnt, in den Kampf mit der unter ihr stehen¬
den verwickelt ist. Daher befindet sich das Fürstentum im Kampf
gegen das Königtum, der Bureaukrat im Kampf gegen den Adel,
der Bourgeois im Kampf gegen sie alle, während der Proletarier
5 schon beginnt, sich im Kampf gegen den Bourgeois zu befinden.
Die Mittelklasse wagt kaum von ihrem Standpunkt aus den Ge¬
danken der Emanzipation zu fassen, und schon erklärt die Ent¬
wicklung der sozialen Zustände wie der Fortschritt der politischen
Theorie diesen Standpunkt selbst für antiquiert oder wenigstens
10 für problematisch.
In Frankreich genügt es, daß einer etwas sei, damit er alles
sein wolle. In Deutschland darf einer nichts sein, wenn er nicht
auf alles verzichten soll. In Frankreich ist die partielle Emanzi¬
pation der Grund der universellen. In Deutschland ist die uni-
is verseile Emanzipation conditio sine qua non jeder par¬
tiellen. In Frankreich muß die Wirklichkeit, in Deutschland muß
die Unmöglichkeit der stufenweisen Befreiung die ganze Freiheit
gebären. In Frankreich ist jede Volksklasse politischer
Idealist und empfindet sich zunächst nicht als besondere
2o Klasse, sondern als Repräsentant der sozialen Bedürfnisse über¬
haupt. Die Rolle des Emanzipators geht also der Reihe nach
in dramatischer Bewegung an die verschiedenen Klassen des fran¬
zösischen Volkes über, bis sie endlich bei der Klasse anlangt,
welche die soziale Freiheit nicht mehr unter der Voraussetzung
25 gewisser, außerhalb des Menschen liegender und doch von der
menschlichen Gesellschaft geschaffener Bedingungen verwirk¬
licht, sondern vielmehr alle Bedingungen der menschlichen Exi¬
stenz unter der Voraussetzung der sozialen Freiheit organisiert.
In Deutschland dagegen, wo das praktische Leben ebenso geist-
30 los, als das geistige Leben unpraktisch ist, hat keine Klasse der
bürgerlichen Gesellschaft das Bedürfnis und die Fähigkeit der
allgemeinen Emanzipation, bis sie nicht durch ihre unmittel¬
bare Lage, durch die materielle Notwendigkeit, durch ihre
Ketten selbst dazu gezwungen wird.
35 Wo also die positive Möglichkeit der deutschen Emanzi¬
pation?
Antwort: In der Bildung einer Klasse mit radikalen
Ketten, einer Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche
keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, eines Standes, wei¬
ft’ eher die Auflösung aller Stände ist, einer Sphäre, welche einen
universellen Charakter durch ihre universellen Leiden besitzt und
kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein be¬
sonderes Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin
an ihr verübt wird, welche nicht mehr auf einen histori¬
és c h e n, sondern nur noch auf den menschlichen Titel pro¬
620
Aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern
vozieren kann, welche in keinem einseitigen Gegensatz zu dem
Konsequenzen, sondern in einem allseitigen Gegensatz zu den Vor¬
aussetzungen des deutschen Staatswesens steht, einer Sphäre
endlich, welche sich nicht emanzipieren kann, ohne sich von allem
übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphärem 5
der Gesellschaft zu emanzipieren, welche mit einem Wort der
völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völ¬
lige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst ge¬
winnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als ein beson¬
derer Stand ist das Proletariat. 10
Das Proletariat beginnt erst durch die hereinbrechende indu¬
strielle Bewegung für Deutschland zu werden, denn nicht die
naturwüchsig entstandene, sondern die künstlich
produzierte Armut, nicht die mechanisch durch die Schwere
der Gesellschaft niedergedrückte, sondern die aus ihrer akuten u
Auflösung, vorzugsweise aus der Auflösung des Mittelstandes
hervorgehende Menschenmasse bildet das Proletariat, obgleich
allmählich, wie sich von selbst versteht, auch die naturwüchsige
Armut und die christlich-germanische Leibeigenschaft in seine
Reihen treten. 20
Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen
Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheim¬
nis seines eigenen Daseins aus, denn es ist die fak¬
tische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat
die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt 25
es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesell¬
schaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in i h m als nega¬
tives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert
ist. Der Proletarier befindet sich dann in bezug auf die werdende
Welt in demselben Recht, in welchem der deutsche König in 30
bezug auf die gewordene Welt sich befindet, wenn er das Volk
sein Volk, wie das Pferd sein Pferd nennt. Der König, indem
er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus,
daß der Privateigentümer König ist.
Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so 35
findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen
Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen
naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation
der Deutschen zu Menschen vollziehen.
Resümieren wir das Resultat: 40
Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist
die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den
Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In
Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur
möglich als die Emanzipation zugleich von den teilweisen u
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
621
Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine
Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der
Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann
nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren.
ä Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipa¬
tion des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die
Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philo¬
sophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des
Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die
10 Verwirklichung der Philosophie.
Wenn alle inneren Bedingungen erfüllt sind, wird der deut¬
sche Auferstehungstag verkündet werden durch das
Schmettern des gallischen Hahns.
Inhalt
Seite
Vorwort zur Gesamtausgabe. Vom Herausgeber IX
Einleitung zum ersten Bande (Erster Halbband). Vom Herausgeber XXIX
Die Doktordissertation
Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilo¬
Sophie nebst einem Anhänge
Widmung 5
Zueignung 7
Vorrede 9
Inhalt 11
Erster Teil. Differenz der demokritischen und epikureischen
Naturphilosophie im Allgemeinen
I. Gegenstand der Abhandlung 13
II. Urteile über das Verhältnis der demokritischen und epikureischen Physik 15
III. Schwierigkeiten hinsichtlich der Identität demokritischer und epiku-
reischer Naturphilosophie 17
Zweiter Teil. Über die Differenz der demokritischen und epi¬
kureischen Physik im Einzelnen
Erstes Kapitel. Die Deklination des Atoms von der geraden Linie . . 25
Zweites Kapitel. Die Qualitäten des Atoms 32
Drittes Kapitel. "Ατομοι άρχαί und άτομα στοιχεία 37
Viertes Kapitel. Die Zeit 41
Fünftes Kapitel. Die Meteore 44
Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie (Frag¬
ment aus dem Anhang)
II. Die individuelle Unsterblichkeit
1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels .... 55
Anmerkungen
Erster Teil. Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilo¬
sophie im Allgemeinen 58
Zweiter Teil. Über die Differenz der demokritischen und epikureischen
Physik im Einzelnen 68
Anhang: Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikurs Theologie ... 79
Aus den Vorarbeiten zur Geschichte der epikureischen,
stoischen und skeptischen Philosophie
Aus dem I. Heft 84
Epikur über den Staat. 84 — Epikur als der Philosoph der Vorstellung. 84 —
Die Verlegung der Idealität in die Atome und die immanente Dialektik der epi¬
kureischen Philosophie. 85 — Zufall und Möglichkeit bei Epikur. 87 — Die
größere Konsequenz Epikurs im Vergleich mit den Skeptikern. 88. — Das Atom
als unmittelbare Form des Begriffs; die Deklination. 89
45*
624
Inhalt
Seite
Aus dem II. Heft 90
Die epikureische Philosophie der Meteore. 90 — Gassendi und Epikur. 93 —
Die epikureische Weltkonstruktion. 94 — Die epikureische Philosophie und der
Skeptizismus. 96 — Plutarchs Verständnislosigkeit gegenüber Epikur. 100 —
Der Begriff des Weisen in der griechischen Philosophie. 100 — Die wesent¬
lichen Bestimmungen der epikureischen Philosophie. 106
Aus dem III. Heft
Kritik der plutarchischen Polemik gegen Epikur
Die Ataraxie 107
Zufall und Notwendigkeit 109
I. Das Verhältnis des Menschen zu Gott
1. Die Furcht und das jenseitige Wesen 110
2. Der Kultus und das Individuum 112
3. Die Vorsehung und der degradierte Gott 113
II. Die individuelle Unsterblichkeit
1. Von dem religiösen Feudalismus. Die Hölle des Pöbels . . . . 114
2. Die Sehnsucht der Vielen 115
3. Der Hochmut der Auserwählten 116
Kritik der Plutarchischen Ansichten über andere Philosophen, namentlich über
Plato 118
Aus dem IV. Heft 121
Plutarch und Lukrez. 121. — Die lukrezische Kritik der früheren Naturphilo¬
sophie. 122 — Die Atome als Substanz. 123 — Der Krieg der Atome. 124 — Das
Klinamen. 124 — Die äußeren Qualitäten des Atoms. 126 — Parallele zwischen
den Epikureern und den Pietisten und Supranaturalisten. 127
Aus dem V. Heft 128
Seneca — Stobaeus — Clemens Alexandrinus
Aus dem VI. Heft 131
Knotenpunkte in der Entwicklung der Philosophie. 131 — Über die subjektive
Form der platonischen Philosophie und Kritik der Schrift Baur’s „Das Christ¬
liche im Platonismus“. 134 — Gegen Ritters Auffassung des Atomismus. 139 —
Das Urteil Hegels über die epikureische Naturphilosophie. 140
Aus dem VII. Heft 141
Das Verhältnis der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie zur
früheren griechischen Philosophie. 141 — Das Atom als die allgemeinste Form
des Begriffs in der epikureischen Naturphilosophie. 142 — Die Aufgaben der
philosophischen Geschichtsschreibung. 143 — Die Freiheit des Bewußtseins als
das Prinzip der epikureischen Philosophie. 144
Aus: Athenäum. Berlin 1841
Wilde Lieder
I. Der Spielmann 147
II. Nachtliebe 148
Aus: Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie
und Publicistik. 1843
Luther als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach 151
Bemerkungen über die neueste preußische Zensurinstruktion 153
Inhalt
625
Aus: Rheinische Zeitung für Politik, Handel
und Gewerbe. 1843—1843
Die Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags. Erster Ar¬
tikel. Debatten über Preßfreiheit und Publikation der
Landständischen Verhandlungen 179
Die Zentralisationsfrage in bezug auf sich selbst und in be¬
zug auf das Beiblatt der Rheinischen Zeitung zu Nr. 137,
17. Mai 1842. (Unvollendet) 230
Der leitende Artikel in Nr. 179 der Kölnischen Zeitung . . 232
Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule 251
Der Kommunismus und die Augsburger Allgemeine Zeitung 260
Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags. Dritter Artikel.
Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz 266
Die „liberale Opposition66 in Hannover 305
Kabinettsordre in bezug auf die Tagespresse 307
Über Schutzzölle 308
Herweghs und Ruges Verhältnis zu den Freien 309
Die Augsburger Allgemeine Zeitung
Die polemische Taktik der Augsburger Zeitung (mit einem Nach¬
wort zu einer Korrespondenz aus München) 310
Der Ehescheidungsgesetzentwurf
Kritik der Kritik 315
Der Ehescheidungsgesetzentwurf 317
Über die ständischen Ausschüsse in Preußen
Die Beilage zu Nr. 335 und 336 der A. A. Z. über die ständischen
Ausschüsse in Preußen 321
Das Verbot der Leipziger Allgemeinen Zeitung
Das Verbot der L. A. Z. für den preußischen Staat 336
Die „Kölnische Zeitung“ und das Verbot der L. A. Z 338
Die gute und die schlechte Presse 339
Replik auf den Angriff eines „gemäßigten“ Blattes 340
Replik auf die Denunziation eines „benachbarten“ Blattes . . 343
Die Denunziation der „Kölnischen“ und die Polemik der „Rhein-
und Mosel-Zeitung 346
Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ 353
Rechtfertigung des ff-Korrespondenten von der Mosel. . . 355
A. Die Frage in bezug auf die Holzverteilung 357
B. Das Verhältnis der Moselgegend zur Kabinettsordre vom
24. Dezember 1841 und der durch dieselbe bewirkten freieren
Bewegung der Presse 359
Zur Landtagsabgeordnetenwahl
Die hiesige Landtagsabgeordnetenwahl 384
Stilistische Übungen der „Rhein- und Mosel-Zeitung“ .... 388
Die „Rhein- und Mosel-Zeitung“ als Großinquisitor . . . 391
Erklärung 393
626
Inhalt
Aus: Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst
Noch ein Wort über: „Bruno Bauer und die akademische Se’te
Lehrfreiheit von Dr. O. F. Gruppe. Berlin 1842“. Von K. M. 397
Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie
Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261—313)
A. Das innere Staatsrecht
§§ 261-271 403
I. Innere Verfassung für sich
§§ 272-274 420
a) Die fürstliche Gewalt (§§ 275—286) 421
(Résumé pp. 445—448)
b) Die Regierungsgewalt (§§ 287—297) 448
c) Die gesetzgebende Gewalt (§§ 289—313) 464
Aus: Deutsch-Französische Jahrbücher. Paris 1844
Ein Briefwechsel von 1843 (zwischen Marx, Ruge, Bakunin
und Feuerbach von März bis September) 557
Zur Judenfrage 576
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung . 607
Beilagen
Tafel I. Der gefesselte Prometheus. Zeitgenössische Alle¬
gorie auf das Verbot der Rheinischen Zeitung .... vor S. I
Durch den Erlaß des Zensurministers vom 21. Januar 1842 betr. Unterdrückung
der RhZ vom 1. April ab wurde die Presse in Ketten geschlagen und die RhZ gefesselt.
Das Eichhörnchen (Kultusminister Eichhorn!) auf dem Throne, das mit seiner Flinte
nach einem Zuge freier Vögel zielt, sendet einen königlich-preußischen Adler aus,
der den gefesselten Helden täglich peinigt. Die Rheinstädte Aachen, Köln, Düsseldorf,
Elberfeld, Trier und Koblenz beklagen den Märtyrer und flehen um Gnade. (In der
zweiten Hälfte Februar 1843 bestürmte die Bürgerschaft dieser Städte den König mit
Petitionen um Aufhebung des Verbots.) Im Hintergründe die Stadt Köln; auf dem
Turme des Doms der große Kran. — Die Originallithographie dieses Bildes ist im
Besitze von Eduard Fuchs, Berlin-Zehlendorf.
Tafel II. Umschlagseite der ersten Sammelausgabe der
Schriften von Marx. Köln 1851 vor S. XVII
Tafel III. Aus den Vorarbeiten zur Dissertation. Spalte
einer Seite des VI. Heftes vor S. 125
Tafel IV. Aus den Vorarbeiten zur Dissertation. Spalte
einer Seite des VI. Heftes vor S. 133
Tafel V. Entwurf einer späteren Vorrede zur Dissertation vor S. 141
Tafel VI. Spottbild auf das Verbot der Rheinischen Zeitung vor S. 179
Dieses Spottbild auf das Verbot der RhZ befindet sich in den Akten des Geh.
Staatsarchivs, Berlin. Der Regierungspräsident zu Köln, v. Gerlach, übersandte es am
14. Februar 1843 an den Innenminister Grafen v. Arnim. Am 19. Februar beschloß
der Regierungsrat Bitter darüber: „Die Karikatur verdient ihrer nicht großen Ver¬
ständlichkeit wegen keine besondere Beachtung, — daher zu den Akten.4*
Ein launisches Kind (dessen Gesichtszüge unverkennbare Ähnlichkeit mit Fried¬
rich Wilhelm IV. auf weisen) sitzt in einem Römerglas (Anspielung auf des Königs
angebliche Vorliebe für Wein) und läßt Seifenblasen aufsteigen. Aus der Seifenblase
der „Preßfreiheit** (Zensurinstruktion vom 24. Dezember 1841) entschwebt frei die
RhZ vor den Augen eines durch eine große Brille spähenden Raben — des Zensors.
Die Köln. Ztg. dagegen liegt, an das Brandenburger Tor gekettet, flach am Boden,
während ihr Drucker (Dumont) dem zensierenden Gendarmen freundlich die Hände
schüttelt.
Dem Kinde im Pokal, das eine Kielfeder hinter das Ohr gesteckt hat und ein
ganzes Bündel von Federn an einem Stricke hält, bringt ein Bedienter, auf Weinranken
kletternd, ein Tintenfaß mit eingetauchter Feder.
Von unten hebt häßliches Zensorenpack eine Schachtel „Neueste Streichhölzchen“
(Jahreszahl 1843) empor und entnimmt ihr Hölzchen zum — Streichen.
Im Hintergründe die Stadt Köln.
Tafel VII. Eine Seite der Rheinischen Zeitung
vor S. 261
Tafel VIII. Eine Stelle aus der Kritik des Hegelschen Staats¬
rechts vor S. 551
Berichtigung der Druckfehler
S. 92, Zeile 5 v.o. aviupœvov
S. 361, Zeile 36 ▼. o. Kataster-Bureau
S. 461, Zeile 43 Bureaukraten
S. 524, Zeile 38 Gewerbes